Peter Lauremberg
Neue und vermehrte ACERRA PHILOLOGICA
Das ist:
Sieben Hundert Außerlesene, Nützliche / lustige und denckwürdige
Historien und Discursen
Aus den berühmtesten Griechischen und Lateinischen Scribenten zusammen getragen
Darinnen zu finden
Die meisten Gedichte der Poeten / von Göttern und Göttinnen, die fürnehmsten Geschichte der alten Römer und Griechen, etliche gebräuchliche Sprichwörter / unterschiedliche natürliche Dinge
Allen Liebhabern der Historien zur Ergetzung /insonderheit der studierenden Jugend zu mercklicher Ubung und Wissenschafft beförderlich
Mit Sr. Königl. Maj. und Churf. Durchl. zu Sachsen allergnädigsten PRIVILEGIO

Vorsprach

Vorsprach.
An den großgünstigen Leser in gemein /
und an alle Buchhändler und Buchdrucker insonderheit.
Großgünstiger und wohlwollender Leser.

Man hat eine Welt bekandte Regul / die heisset also: Was du nicht wilt / daß dir geschehe / das solt du einem andern auch nicht thun: Und was du wilt / daß dir geschehe / das solt du einem andern auch thun. An statt Erklärung dieser Worte kan uns seyn / was Chrysostomus setzet Homilia 13. ad populum, wann er unter andern saget: Es bedarff nicht vieler Worte /noch weitläufftiger Gesetze / auch nicht unterschiedener Lehre. Dein Wille sey dein Gesetze. Wilt du Wohlthaten empfangen? Beweise dieselben einem andern. Wilt du Barmhertzigkeit erhalten? Erbarme dich deines Nechsten. Wilt du gerühmet seyn? Rühme andere / etc. und / was du hassest / das thue andern nicht; Wilt du nicht gelästert seyn / mißgönne einem andern nicht: Wilt du nicht betrogen seyn / betrüge andere nicht / etc. Es ist aber mit dieser Regul und derer Meynung also beschaffen / daß sie gegründet ist nicht allein in der Natur selbsten / sondern auch auff gesetzet sich findet in der Heiligen Schrifft Alt. und N. Testaments. Der alte Tobias in seiner an den jungen Sohn gerichteten väterlichen Vermahnung / Cap. 4. Tobiä / drucket ihm auch selbige ein / vers. 16. Was du wilt / daß man dir thue / das thue einem andern. Oder wie es der Lateinische gegeben: Was du hassest / das thue einem andern nicht. Der himmlische Lehrer Christus hat ihrer auch gedacht in seiner geistvollen Berg-Predigt, Matth. 7. v. 12. und setzet hinbey: Das ist das Gesetz und die Propheten. Der H. Kirchen-Lehrer Augustinus, nachdem diese gesetzte Schrifft-örter angezogen / lib. 3. de Doctrina Christi, cap. 14. saget: Diese Regul / wann sie wol in acht genommen würde / so würden auffhören alle Verbrechen / so wol gegen die erste / als die andere Tafel des Gesetzes. Und weiter sagt er: Niemand will / daß ihm seine Wohnung verdorben werde / derowegen soll er auch nicht verderben die Wohnung Gottes / das ist /sich selbst. Und niemand will / daß ihm von andern Schaden geschehe / darum soll er andern solchen auch nicht zufügen. Ob nun gleich ein jederman / ohne Unterscheid Stundes und Alters / mit einem gedoppelten Bande des natürl. und Göttlichen Gesetzes verbunden ist / dieser obgesetzten Regel nachzuleben; dennoch so belehret die tägliche Erfahrung / daß von vielen auff unterschiedene Weise selbige zerrissen und gebrochen werde / wie von andern / also auch von einigen Buchhändelern und Druckern / und zwar von denselbigen / welche, anderer ihre / ihnen von GOtt und rechtswegen / zugehörige Bücher Verlage / hinter der rechtmäßigen Verleger Rücken / aus lauterem Eigengesuch und durchtriebenen Geitz aufs neue auflegen /nachdrucken / und anderwerts verhandeln. Was thun dieselbigen anders, denn daß sie diese allgemeine Regul mit Füssen treten? Denn hätten sie die in gebührenden Ehren / so würden sie nimmermehr ein solches beginnen / und solche Nachdrücke befördern; sintemahl ihr eigen Gewissen es ihnen sagt, daß es ein solch Werck ist / das sie ungern sehen solten, wann es ihnen begegnete / darum solches andern abzuschneiden, die solche nachgedruckte Bücher suchen mit Privilegien und Freyheiten zu versehen / zum Beweiß /daß sie es übel würden nehmen / wann andere mit gleicher Müntze sie solten bezahlen / und ihnen gleich mit gleichem würden vergelten. Handeln also diese Art Leute wider das von GOtt und der Natur uns vorgelegte Gesetze: Sie handeln wider ihr eigenes Gewissen / beflecken ihren guten Fam und Nahmen / setzen sich selbst in die Zahl der Brodt und Nahrung- Diebe / laden auff sich und die Ihrigen den Fluch / und die gerechte Straffe GOttes / die ihnen auff dem Fuß folget, so nicht zeitlich / doch geistlich / mit Beunruhigung des Hertzens / welche in der Ubertretung Beharrligkeit die ewige nach sich zeucht. Diß Urtheil ist nicht meines sondern anderer gewissenhaffter und hochgelehrter vielerfahrner Männer einstimmige Meynung und Gutachten. Der so genannte / und die Welt in allen Ständen straffende Sittewald im 1. Theil der Satyrischen Gesichter im 6. von den Höllen-Kindern führet ein einen in der Höllen sitzenden Buchdrucker /so redende: Ich bin ein Buchdrucker / und im Drucken so vortheilhafftig gewesen / daß ich mir nicht genügen lassen mit denjenigen Schrifften und Büchern / die man mir in das Hauß gebracht: Sondern ich hab auch um Genieß und Vortheils willen andere Bücher zu Schaden und Nachtheil ihrer Verleger nachgedruckt /und so bald ich gesehen / daß irgend ein Werck oder Buch wohl abgangen / dasselbe entweder in ein anderFormat, oder mit anderer Schrifft auffgelegt / damit ich also den Gewinn zu mir ziehen mögen / und damit hab ich nicht gesehen / ob Gott oder der Christenheit damit gedienet werde / sondern einig und allein wie ich meinen Reichthum damit mehren möchte. O helfft mir, ich erwürge. Was Teuffels hast du im Hauß sprach ich: Einen Nachdruck-Teuffel / einen Buch Teuffel / ein feuriges Buch / das ich unlängst einem ehrlichen Mann zum Verdruß und zu Schaden nachgedruckt / deßwegen die Christliche Liebe aus der Acht gelassen / und um Gewinns willen des Teuffels worden. Daß dirs denn der Teufel gesegne / sprach ich / warum hast du dich nicht an dem genügen lassen / das dein ist / hast du nicht GOttes Gebot vor dir gehabt / du solt nicht stehlen? O weh! O weh! schrie er /nicht sagt mir vom stehlen / fast komm ich gar von Sinnen / ich weiß es zuvor wohl / etc. Da urtheilet dieser sinnreiche Mann / daß solches hinterrückige Nachdrucken zuwider lauffe der Liebe des Nechsten in gemein / absonderlich aber sey es zu halten für eine Ubertretung des siebenden Gebotes. Damit aber jemand nicht vermeyne / es sey diß allein dieses Mannes sein Gefühl / auf welchen nicht groß zu sehen /weil er alles wollen tadeln und durch die Hechel ziehen / als will ich auch kürtzlich beyfügen gleiche Urtheile gewissenhaffter Theologen. D. Mengering sel. gewesener Pastor und Superintendens zu Hall. in Sachsen / stellet in seinem Scrutino Conscientiæ Catechetico, Cap. II. p. 988. die 156. Gewissens-Frage an alle Buchhändler und Buchdrucker: Ob sie Bücher / Schrifft und Materien / so andere ihres gleichen mit grosser Unkost verleget / und von den Autorn wol an sich gebracht / mit dem schändlichen und diebssüchtigen Nachdruck / hinter der Autory und Verleger Wissen und Willen / an sich und ihren Willen ziehen und rauben wollen? Da hält ers ingleichen für einen Diebstahl und bewähret seine Meynung mit zweyen Zeugnissen: Einmal des Herrn D. Mart. Lutheti, der in seiner Warnung über den Wittenbergischen Bibeldruck also spricht: Der verfluchte Geitz hat unter andern Ubeln so er treibet / sich auch an unsere Arbeit gemacht / darinn seine Boßheit und Schaden zuüben. Dann nach dem uns allhie zu Wittenberg der barmhertzige GOtt seine unaussprechliche Gnade gegeben hat / daß wir sein heil. Wort / und die heil. Bibel hell und lauter in die Teutsche Sprache bracht haben / etc. So fähret der Geitz zu / und thut unserm Buchdrucker diese Schalckheit / daß es andre bald hernach drucken / und also der unseren Arbeit und Unkost berauben zu ihrem Gewinn. Welches eine rechte öffenliche grosse Rauberey ist / die GOtt wol straffen wird / und keinem Christlichen ehrlichen Menschen wol anstehet. Hernach führet er an die Worte des Hn. L. Joh. Gerhardi, der in der Vorrede Disput. Th. part. I. davon redet / das zu Teutsch so kan gegeben werden: Es ist mir vorgekommen / daß etzliche Buchhändler Vorhabens seyn meine Tomos in fol. aufs neue aufzulegen. Ob sie nun gleich die Beförderung des gemeinen Nutzens vorwenden / so ist es ihnen doch nur um die Privat-Genieß zu thun, etc. Vermahne demnach gantz ernstlich alle Buchhändler und Drucker / daß sie abstehen von diesem Vorhaben / als welches zumalen der Christl. Liebe zuwider läufft. Diesem geben Beyfall alle verständige und gewissenhafftige Leute / und dieweil dem also / so möchte man wohl wünschen /daß alle rechtschaffene Buchhändler und Buchdrucker dahin sich vereinbahreten / daß sie unter Ihnen keinen wolten dulten / der mit gleichem ungebührlichen Nachdrucken sich behülffe / damit im widriggen Falles nicht das Ansehen gewinne, als wären die Buchhändler und Buddrucker solche Leute, bey denen man auch ungescheut dürffte natur- und Göttliche Gesetze übertreten. Ich habe diß insonderheit zu reiffem Bedencken wollen vorlegen denen / die mir meine Acerram Philologicam wider mein Wissen und Willen nachgedrucket haben / ob sie vielleicht zu dem Erkäntniß ihres Verbrechens dadurch möchten gebracht werden. Ich bin gewiß / daß ihr eigen Gewissen es ihnen sagt / daß sie unrecht daran gehandelt haben /und zumal der erstgesetzten Regul entgegen gewandelt. Mein sel. Schwätzer-Vater hat solches Büchlein dem Autori selbsten abgehandelt, Ihm vor einen jeden Bogen gebührlichen Abtrag gethan. Nach dessen Absterben ist solches durch rechtmäßige Abtheilung an mich gefallen, habe auch von der Zeit an, allezeit dahin gesehen, daß an Exemplarien kein Mangel möchte erfunden werden / daß also niemand mit gutem Gewissen mir darein einigen Eintrag thun können. Der Seegen, welchen solche unrechtfertige Nachdrucker mit den Ihrigen davon haben werden, wird nicht groß seyn, noch Wurtzel setzen. Ich werde mir inzwischen mein von GOtt und Rechts-wegen mir zustehendes Büchlein nicht aus den Händen winden lassen, sondern vor wie nach besten Vermögen, auch mit dem Zusatz und Vermehrung der hinter mir nachgedruckten Historien, herausgegeben, wie bey dieser nunmerho auf 700. bereichten Edition zu ersehen ist.


Lebe der gäntzlichen Zuversicht, daß aller ehrliebende Hertzen mir darinn werden recht geben / und der heimtückischen Nachdrucker Beginnen ihnen mißfallen lassen. Der vielgünstige Leser gebrauche diß Wercklein zu seinem Nutzen und zur Gemüthsbehäglichen Erquickung. Lebe hie glücklich, dort ewig seelig. Geschrieben Alten Stettin, den 15. Sept. S.V. 1687.


Johann Adam Plener.

Weil P.L. diese Historien um der studierenden Jugend willen colligiret / als hat man zu deroselben guter Aufmunterung nach folgende Historien / als zur Einleitung / hieher setzen wollen.
Von einem gelehrten Knaben von 10. Jahren.

Mit sonderlicher Lust lieset man / daß zu Gröningen in Frießland ein Mann gewohnet Namens Johannes Canter, der einen Sohn gezeugt / welcher ein solch erwünschtes Ingenium gehabt, daß er leichtlich hat was fassen, verstehen und zu seinem Nutzen anwenden können. Wie nun der Vater ein solches Ingenium bey dem Sohne vermercket, hat er / wiewohl er nicht sonderliches Vermögens gewesen / ihn dennoch nach aller Möglichkeit zur Schulen gehalten / und fleißigen Præceptoren anbefohlen. Es hat aber gedachter Knabe sich dermassen fleißig verhalten, daß er noch vor dem zehenden Jahre seines Alters nicht allein die Heil. Schrifft öffentlich profitieret, sondern auch imJure wohl erfahren gewesen, daß er würdig geachtet /J.U.D. zu werden. Es hat auch solche Erudition demselben Knaben einen solchen berühmten Nahmen gemacht, daß das Gerücht von ihm vor Käyser Friedrichen den Dritten gelanget, welcher auch alsobald eine hertzliche Begierde bekommen denselben zu sehen. Derowegen er nicht allein seine Gesandten an ihn abgefertiget, sondern auch einen Brieff an ihn geschrieben / und auf das freundlichste zu ihm zu kommen ersuchet. Weil dann solcher Brieff wohl werth, daß er von allen Studenten gelesen werde, hat man vor gut angesehen, denselben hieher zu setzen, massen er dann auf Teutsch also lautet: Friedrich, der Dritte, Römischer Käyser, etc. wünschet Glück und Heil dem höchst zu verwunderendem und vortrefflichem Knaben, Andreä Cantern, Johannis Canters zu Gröningen lieben Sohne.

Es ist zu unserer Käyserlichen Majest. Ohren gelanget das herrliche und grosse Gerüchte von dir und der von Zeiten her unerhörte Ruhm deines herrlichen Lobes, wie nemlich Du / O fürtreffliches allerliebstes Kind, noch vor dem zartesten zehenden Jahre deines Alters fast aller und jeder liberalischen Künste Erfahrenheit erlanget und überkommen, ja auch zu der Wissenschafft unserer Käyserlichen Gesetze / und der heiligen Canonen gelangt, und (welches um so viel höher zu verwundern, als seltzamer und ungewöhnlicher es uns zu seyn scheinet) saget man noch über dieses von dir, daß du das gantze Alte und Neue Test. in gantz richtiger Ordnung, nicht ohne sonderbahre Hülff und Beystand der Göttlichen Gütigkeit und Gnaden, öffentlich vor jederman lesen / auslegen, erklären und in öffentlichen Disputationibus mit unerschrockenem, standhafftigem Gemüthe auf alle Fragen und scharffsinnige Schluß-Reden antworten sollest. Dieweil wir dann begierig seyn, die Warheit eines so grossen Wunderwercks selbst eigentlicher zu erfahren / haben wir dich durch diß Unser Schreiben zu ersuchen nicht unwürdig erachtet, mit gnädigstem Ansirinen, daß du dich nicht beschweren wollest in unserer Käyserlichen Majestät besonders geliebten Universität zu Wien, auff das schleunigste, als du kanst, anzulangen: Sintemahl wir mit unaussprechlicher Begierde dich allhier zu sehen, und die hohe Würde deines so herrlichen und vortrefflichen Ingenii der Käyserlichen Geschencke theilhafftig zu machen, ein Verlangen tragen. Demnach so wirst du, so bald du immer kanst, dich auff die Reise anhero nacher Wien begeben, und zu dem Königlichen Throne unserer Käyserlichen Hoheit verfügen / auf daß wir dich, nachdem Wir warhafftige Bewärniß der so hohen Wissenschafft deiner allerzartesten Jugend verspühret haben werden / mit den güldenen Kleinodien desDoctor-Standes krönen und zieren mögen. Dann wir wollen dir (und zwar nicht unbillig) die vornehmste Stelle an unserm Königlichen Hofe überlassen, und du wirst uns so viel angenehmer / werther und lieber seyn / als geringer du bist von Alter und Jahren. Hiemit gehab dich wol / liebster Sohn, und sey darauf beflissen / daß unsere bey so reiffem und hohen Alter baufällige Majestät dich bald sehen / und eines hohen, wunderbaren und ungläubigen Trostes und Freuden nicht länger benommen seyn möge. Gegeben in unserer geehrten Universität Wien, unter unserer Majestät Secret, Anno 1472. den 25. Januarji, unsers Reichs im 33. Jahr.

Admonitio

Admonitio.

Welchem frommen Vater und Mutter wolte doch nicht wohl das Hertze vor Freuden aus dem Leibe steigen, wenn ihrem Kinde, will nicht sagen von 10. sondern 20. oder 30. Jahren nicht von dem höchsten Monarchen, sondern nur von einem Fürsten oder Grafen ein solches Schreiben solte zukommen?


O lerne Kunst und Tugend /
Du liebe zarte Jugend /
Die dich bringen zu Ehren /
Und deinen Ruhm vermehren.

J.H.

Das erste Hundert nützlicher und lustiger Historien

1. Des Papyrii, eines Römischen Knabens - Spitzfündigkeit und Verschwiegenheit
1. Des Papyrii, eines Römischen Knabens /Spitzfündigkeit und Verschwiegenheit.

Aulus Gellius hatte eine lustige Historiam genommen aus des Marci Catonis Orationen einer / und dieselbe erzehlet auf folgende Art:

Bey den alten Römern ist eine Gewohnheit gewesen / daß die Rathsherrn / wann sie ins Rathhauß gegangen / ihre jungen Söhne mit sich hinein genommen: Und wann etwas sonderliches ist abgehandelt /hat man die Sache in geheim und verschwiegen gehalten. Wie nun auf einmal der Knabe Papyrius mit seinem Vater vom Rathhauß heimkommen / hat ihn seine Mutter gefraget / was allda fürgefallen und beschlossen wäre? Der Knabe hat sich entschuldiget /und gesaget / er müste es heimlich halten / und nicht offenbahren. Darauf die Mutter noch grössere Begierde bekommen solche Heimlichkeit zu wissen; Hält derhalben je mehr und mehr bey ihrem Söhnlein an /daß ers ihr offenbahre. Da hat der Papyrius eine höfliche Lügen erdacht / [1] und seiner Mutter beygebracht /daß im Rath gehandelt: Ob es nützlicher wäre dem gemeinen Besten / daß eine Frau zween Männer? Oder daß ein Mann zwo Frauen hätte? Die Mutter erschrickt hierüber / gehet alsbald zu andern Matronen; erzehlet ihnen / was sie gehöret. Des andern Tages kamen alle Frauen der Stadt Rom / mit Hauffen aufs Rathhauß gelauffen; Schreyen / bitten / weinen / man möge viel lieber ordnen / daß eine Frau zween Männer nehme / als daß ein Mann zwo Frauen hätte. Der Rath hat sich hierüber verwundert / und nicht gewust / was dieses Wesen und Aufruhr der Weiber bedeutete. Indeme ist der Papyrius aufgestanden / und den gantzen Handel, wie es ergangen / erzehlet. Darauf ist im Rathe beschlossen / daß hernach keine Knaben mehr solten ins Rathhauß kommen / ausgenommenPapyrius, dem solches Privilegium gegeben / wegen seiner Verschwiegenheit und seines subtilen Verstandes.


Hieraus hat die Jugend zu lernen / welch ein herrlich Ding es sey um die Verschwiegenheit: Und daß dieselbe geliebet / hochgehalten / und auch zu seiner Zeit belohnet werde / wie dann der Poet Horatius recht sagt:


Est & fideli tuta silentio Merces.

2. Eine von den alten weissen Sibyllen beut dem hoffärtigen Tarquinio etliche Bücher an zu kauffen
2. Eine von den alten weissen Sibyllen beut dem hoffärtigen Tarquinio etliche Bücher an zu kauffen.

In den alten Römischen Geschichten wird erzehlet /daß einmal ein altes fremdes unbekantes Weib / ohne Zweiffel eine von den weisen Sibyllen / sey zu dem Könige Tarquinio Superbo kommen / mit sich bringend 9. Bücher / darinnen sie sagte / daß Göttliche Geheimnisse geschrieben wären: Und wolte [2] dieselbigen verkauffen; Tarquinius hat gefraget den Preiß /oder wie theuer sie solche Bücher schätzete? Das Weib hat eine allzugrosse und mächtige Summa Geldes gefodert: Worzu der König sie ausgelacht / als eine / die nicht bey Sinnen wäre. Das Weib hat in des Königs Gegenwart ein Feuer gemacht / und drey von den neun Büchern darein geworffen und verbrannt /alsbald den König gefraget / ob er die übrigen sechs /für dieselbe angezeigte und gefoderte Summa noch begehrte zu haben? Tarquinius hat sie noch mehr verspottet und verlachet / und gesagt: Das Weib wäre ohne Zweifel unsinnig. Da hat das Weib noch drey andere Bücher verbrannt / und den König abermal gefraget / ob er die drey übrigen für dasselbe Geld haben wolte? Da bedencket sich Tarquinius recht /und hält es dafür / daß dieses Weibes Beständigkeit und Anbringen so gantz nicht wäre zu verwerffen. Kauffet derhalben die drey Bücher für den Preiß /dafür er sie hätte alle neune kauffen können. Das Weib aber / nach dem sie von Tarquinio weggegangen / ist von keinem Menschen hernach wieder gesehen worden. Dieselben drey Bücher seynd zu Rom als ein Heiligthum verwahret / und Libri Sibyllini geheissen worden / darein man gesehen und gelesen / wann man die Götter hat wollen um Rath fragen.


Vielen gehts wie Tarquinio, die aus Eigensinnigkeit ein Ding verachten / das ihnen hernach wol höchstnöthig wäre: Oder aus Kargheit etwas fahren lassen / welches sie folgends dreymal theuer kaufften / wann sie es überkommen könten.

3. Ein Gespräch des grossen Alexanders mit etlichen weisen Männern
3. Ein Gespräch des grossen Alexanders mit etlichen weisen Männern: Darinn unterschiedliche subtile Fragen.

[3] Wie Alexander Magnus in Indien kommen / ließ er etliche Gymnosophisten (welche waren kluge / spitzfündige Philosophi, gantz nackend gehend) zu sich fodern / und gab ihnen / sie zu versuchen und aufzutreiben / auf der Reihe etliche schwere Fragen für / die unauflößlich zu seyn scheineten.

Den ersten Gymnosophisten fragte er: Welcher von beyden der meiste Hauffe wäre / der Lebendigen oder der Todten? Derselbe antwortete: Der Lebendigen. Denn / sagte er / die Todten seynd nicht mehr.

Der andere ward gefraget: Welches die grössesten Thiere ernehrete / das Meer oder die Erde? Der antwortete: Die Erde. Denn / sprach er / das Meer ist nur ein Theil der Erden.

Der dritte ward gefraget: Welches das listigste Thier wäre? Der antwortete: Das / welches der Mensch noch nicht hätte erkennen lernen.

Der vierdte ward gefraget: Durch welch Mittel /oder auf was Art der Mensch von sich selber könte einen Gott machen? Der antwortete: Wann er etwas thut / das einem Menschen zu thun unmöglich ist.

Der fünffte ward gefraget: Welches das stärckeste und mächtigste wäre / das Leben oder der Tod? Der antwortete: Das Leben. Dann dasselbe fühlet / erträget und leidet so viel Unglück und Arbeit / davon der Tod nichts fühlet oder weiß.

Auf eine arglistige Frage gehöret eine arglistige Antwort. Mancher meynet einen andern aufzutreiben / läuffet aber mercklich an / und bekommet einen Bescheid /den er nicht erwartet hätte / wie dem Alexandro geschach.

4. Wunderliche Natur und Eigenschafften der Länder unter dem Nord-Pol gelegen
4. Wunderliche Natur und Eigenschafften der Länder unter dem Nord-Pol gelegen.

[4] In den Ländern / welche nach Mitternacht / oder dem Nord-Pol / gelegen seyn / findet man viel Wunderdinge / derer ich etliche erzehlen will. Erstlich ist allda nicht eine Abwechselung der Tage und Nächte / wie bey uns / da wir das Jahr über drey hundert und fünff und sechzig Tage / und so viel Nächte haben: Sondern allda / unter dem Nord-Pol / ist im gantzen Jahr nur ein eintziger Tag und eine Nacht; Der Tag wäret oder ist lang 6. Monat oder ein halbes Jahr: Da ihnen die Sonne immerdar scheinet und zugegen ist / und nimmer sich aus ihrem Gesichte verleuret / sie auch von keinen Dunckel oder Nacht wissen. Die Nacht wäret gleichfals sechs Monat / welche Zeit über sie immerdar im finstern sitzen und nicht einen Augenblick der Sonnen-Licht geniessen: Haben alsdann gute Zeit und Weile auszuschlaffen: Dieselben Leute werden genennet Cimmeri: Und hieher kömmt das Sprichwort /Cimmeriæ tenebræ, das ist / grosse dicke Finsterniß. Dabeneben ist es in diesen bemeldten Nordländern allezeit und immerdar Winter / vom Sommer wissen sie nichts. Das Meer ist allezeit hart gefroren und thauet nimmer auf: Daher es genennet wird Mare glaciale, alles ist bedecket mit Schnee / der so hoch oder dicke allda liegt / als Thürne hoch. Als die Holländer für etlichen Jahren dahin gereiset / nemlich in Nova Zembla, welche ist eine Landschafft der Nordländer /seynd sie nicht allein mit ihren Schiffen allda befroren / also / daß sie nicht haben können wieder wegsegeln: Sondern seynd auch eben zu der Zeit dahin kommen /wie die lange halbjährige Nacht angangen. Dahero sie gantzer sechs Monat haben müssen im Finstern wandeln; Doch zuvor ein kleines [5] Häußlein aufgebauet /welches alsbald vom Schnee ist überdecket worden /ausgenommen das Loch / dadurch der Rauch gegangen / wann sie Feuer gemachet. Endlich nach Verlauff der 6. Monat / wie die Sonne ihnen wieder begonnen zu scheinen / haben sie alles verlassen / und ihre Schiffe im Eiß stehen lassen: Seynd über die gefrorne See spatzieret biß nach Lapland: Und von dannen wieder in ihr Vaterland kommen. Allhie seynd meist alle Thiere weiß: Weisse Raben / weisse Bähren /weisse Wölffe / weisse Haasen und dergleichen. Das Erdreich in Nova Zembla ist so scharff und herbe /daß / wie die Holländer haben ihre Hunde ans Land gesetzet / und sie eine halbe Viertel-Stunde lauffen lassen / seynd sie wieder kommen mit gestümpelten Füssen: Denn die Schärffe des Erdreichs hatte ihnen die Füsse gantz abgeschabt.


Ein jedes Land hat seine sondere Natur von Wetter /Winden / Menschen und Viehe.

5. Wie die jungen Bursche sind zur Arbeit gewehnet und gehalten worden von den Alten
5. Wie die jungen Bursche sind zur Arbeit gewehnet und gehalten worden von den Alten.

Der Pythagoras hat seine Schüler pflegen zu vermahnen / daß sie alle Tage zu Abend / ehe sie sich schlaffen legten / fleißig behertzigen solten diese folgende Stücke:


Quo prætergressus? quid factum in tempore? quid non?


Aus welchem Grunde und Brunnen der Virgilius seine Vers genommen und geschöpffet / in welchen er einen vollkommenen und weisen Mann abmahlet /von dem er saget:


[6]
Non prius in dulcem declinat lumina somnum,
Omnia quàm longè reputaverit acta diei.

Eben auf dieselbe Art habens auch gemacht die Gymnosophistæ, welche (wie jetzt gesagt) seynd gewesenPhilosophi in Indien. Bey denselben / wann zu Mittage die Tische gedeckt waren / ehe man die Speise auftrug / haben sich die Schüler / die jungen Studenten alle müssen versammlen für den Tisch / und ein jeglicher erzehlen / was er den Tag guts verrichtet. Da hat der eine gesagt / wie er auf seiner Eltern Befehl etwas verfertiget: Der andere / wie er aus seinem Kopffe etwas neues erfunden: Der dritte / wie er etwas auswendig gelernet; Und dergleichen Dinge. Wann aber einer ist befunden worden / der nichts hat erzehlen können / derselbe hat müssen hungerig und ungessen weggehen.

Bey den Parthern ist ein alter Gebrauch gewesen /daß niemand den jungen Kindern das Morgenbrodt gegeben / ehe und bevor sie durch Lauffen und Pfeilschiessen sich also geübet / daß ihnen der Schweiß über die Nase geflossen. Gleicher massen schreibetAlexander ab Alex, daß in den Insulen Balearides die Mütter ihre Kinder von Jugend auf darzu gewöhnet /daß sie die Frühekost / oder sonst ander Essen, haben erstlich von fern mit einem Pfeil gerade treffen müssen / ehe sie es haben zu schmecken bekommen.

Der Mensch ist zur Arbeit gebohren / wie der Vogel zum fliegen. Der nicht arbeitet / soll auch nicht essen. Müßiggang ist des Teuffels Ruhe-Bette.

6. Wie unterschiedliche Köpffe und Hirschalen sind befunden worden
6. Wie unterschiedliche Köpffe und Hirschalen sind befunden worden / an den Egyptiern und Persianern

[7] Herodotus seinem Buch Thalia vermeldet / daß wie dermahleins die Egyptier und die Perser eine grosse Schlacht gehalten / da sey auf beyden Seiten eine grosse Menge Menschen geblieben und niedergehauen worden / auch auf dem Felde liegen blieben / und verfaulet / biß daß nichts mehr als die Knochen der Häupter oder Schedel / mit den andern Beinen seynd übrig blieben. Da habe sich ein seltzames Wunder zugetragen: Dann man hat befunden / daß der Egypter Häupter (welche besonders gelegen / und der Persianer Häupter auch besonders) seynd so hart und fest gewesen / daß man den Knochen mit einem grossen Steine nicht hat verletzen / oder entzwey schlagen können. Da hergegen der Persianer Haupt-Knochen oder Hirnschädel so mürbe / daß man sie mit Knipgen oder Finger-Schlägen hat können zerbrechen und zerknirschen. Dieses grossen Unterschieds Ursache / sagt Herodotus sey diese: Dieweil die Egyptier von Jugend auf immerfort ihre Häupter abscheren / und kahl halten / dadurch die Hirnschädel an der Sonnen getrocknet / und hart gemacht wird. Daher es auch kommt / daß die Egyptier nimmer kahl werden. Die Persianer aber gewöhnen sich von Jugend auf / ihre Köpffe mit Hüten zuzudecken / und gehen nimmer mit blossem Haupte / daher die Knochen mürbe und weich bleiben / und von der Lufft oder Sonnen nicht verharten.


Hieraus ist zu ersehen / daß ein Mensch viel stärcker und gesunder bleibe / wann er von Jugend auf seinen Leib mehr hart / in Frost und Kälte unverdrossen / als weich und zärtlich halte.

7. Die sieben Wunderwercke der alten Welt
7. Die sieben Wunderwercke der alten Welt.

[8] Es werden beschrieben und hochgerühmet von denHistoricis die sieben Wunderwercke der Welt als nehmlich: Erstlich die Mauer zu Babylon / gebauet von der Königin Semiramis, deren Umkreiß in sich begriffen 12. teutscher Meilen und ein Stadium: Die Höhe ist gewesen von 120. Ellen: Die Dicke 30. Ellen; Oben auf ist ein Weg gewesen / so breit / daß zwey grosse Wägen einander haben begegnen und vorbey fahren können / und doch noch so viel Rhums übrig / daß grosse Bäume und Weinstöcke / als in einem Walde darauf gewachsen.

Das ander Wunderwerck ist gewesen das grosse Bild / oder Colossus der Sonnen / in der Insul Rhodo, gelegen im Mittelländischen Meer. Ist ein Bild gewesen aus Stein gehauen (oder wie andere melden / von Ertz /) einem Manne gleich / so groß und hoch / daß es in die Wolcken gereichet / zwischen dessen beyden Füssen die grössesten Schiffe haben durchsegeln können mit ausgespanneten Segeln.

Das dritte Miraculum seynd gewesen die Pyramides, derer zwar unterschiedliche in Egypten gestanden / der fürnehmste aber von der Cleope aufgebauet /von welchem Herodotus Meldung thut / daß an demselben gebauet haben hundert tausend Menschen zwantzig Jahr lang / und seynd verzehret worden / nur an Rettig / Knoblauch und Zwiebeln / unter der Arbeit / ein tausend sechs hundert Talenta werth / das ist / neun hunderttausend / und sechtzig tausend Kronen: Seynd bey die vier und zwantzig Tonnen Goldes. Was ist dann über das noch gewandt an andere Kost? An Eisenzeug? An Kleidung der Arbeiter? Es sind aber die Pyramides gewesen hohe Thürne / viereckicht / unten [9] breit / oben spitzig / inwendig nicht hohl / sondern gantz von Steinen / Treppenweiß aufgebauet / unter welchen die Könige in Egypten ihre Begräbniß gehabt.

Das vierdte Wunderwerck ist gewesen / das grosse stattliche Gebäu Mausoleum genannt / welches die Königin Artemisia des Landes Cariæ ihrem Herrn und Ehegemahl Mausoleo, da er verstorben / zum Gedächtniß hat aufgerichtet: Dessen Mausolei Cörper zu Aschen verbrannt / die Artemisia aus grosser Liebe in ihr Getränck gethan / und davon täglich getruncken.

Das fünffte ist gewesen der Tempel der GöttinDianæ zu Epheso / aus eitel Schnee-weissen Marmor gebauet / so sehr berühmet / daß auch in der Apostel Geschicht seiner gedacht wird.

Das sechste ist gewesen das Bild des Jovis in der Stadt Olympia in Griechenland / genannt Jupiter Olympicus, zu welches Ehren die Spiele Olympia seyn gehalten worden.

Das letzte und siebende Wunderwerck ist gewesen das hohe und künstliche Gebäu / Pharos, in der kleinen Insul Pharos, in Egypten gelegen / welches ist gemacht aus reinen weissen Steinen / mit viel Bühnen / darauf man zu Nachzeiten hat brennende Fackeln gesetzet / zu dem Ende / daß die Schifffahrende möchten zu nächtlicher Weile ein Zeichen haben / darnach sie ihre Reise und Schiffart könten ohne Gefahr und glücklich vollführen. Es ist so hoch gewesen / daß man das Licht darauf hat sehen können über 40. Meilweges. Von diesem Pharo werden heutiges TagesPhari genennet die Leuchten / so man an der See aufgerichtet / und für diesem zu Waryemünde am Rostockischen Seehafen auch eine dergleichen gehabt.

[10] Solche und dergleichen mächtige Wercke zeigen an /was menschliche Kunst / Arbeit und Hoffart vermag.Horat. Nil mortalibus arduum est; Cœlum ipsum petimus stultitia. Aber wo seynd diese grosse Wunderwerck jetzund? Alle zu nichts zu Aschen und Staub sind sie worden / daß auch die Städte nicht zu finden / wo sie gestanden.

8. Ein Dilemma zwischen dem Præceptore und Schüler tractiret
8. Ein Dilemma zwischen dem Præceptore und Schüler tractiret / welches für unauflößlich ist gehalten worden
Proverb. Mali corvi, malum ovum.

Protagoras, der Philosophus und beredte Orator, hatte einen Discipel mit Nahmen Evathlus, mit welchem er solchen Vergleich machte: Daß / wannEvathlus so viel würde gelernet haben / daß er eine Sache für Gerichte könte gewinnen und erhalten / so solte er dem Protagoræ ein Talentum, oder 600. Cronen geben. Wie nun dem Protagoræ dauchte / dieser Schüler hätte genug gelernet / hat er von ihm das Geld gefodert. Der Schüler Evathlus hat sich geweigert ihm das Geld zu geben. Da hat Protagoras den Evathlum fürs Gericht gefodert / und gesprochen: O du thörichter Jüngling! Lerne jetz und / daß du mir den zugesagten Lohn geben müssest / es sprechen auch die Richter das Urtheil für dich oder wieder dich. Gewinnest du es / und daß sie für dich sprechen / so bist du mir schuldig / laut unsers Vertrags / der da war / daß du mir bezahletest / wann du die erste Sache würdest gewinnen für Gericht: Sprechen aber die Richter wider dich / und du verleurest die Sache / so bist du mir schuldig zu zahlen das Recht / weil es die Richter also urtheilen. Hierauf hat der Evathlus geantwortet? O weiser Meister! Lerne du jetzund auch / daß ich dir nichts zu geben schuldig bin / wie es auch lauffe; Es sprechen [11] auch die Richter für dich oder wieder dich: Dann verliere ich die Sache / so bin ich dir nichts schuldig / laut unsers Vertrages / denn ich noch nicht so viel gelernet / daß ich eine Sache gewinnen kan. Gewinne ich aber das Urtheil wider dich / warum solt ich dir denn geben? Dieweil es mir würde zuerkant von den Richtern / daß ich dir nichts geben solte? Die Richter / wie sie diese Disputation gehöret / haben sie gesagt: Κακοῦ κόρακος κακὸν ὠὸν. Mali corvi, malum ovum. Das ist: Der Meister taug eben so wenig / als der Schüler: Und haben diesen Streit für unauflößlich gehalten / und gantz kein Urtheil drüber gesprochen.


Es stehet sehr übel für GOtt und den Menschen / wenn ein Schüler seinem Meister die Belohnung vorenthält. Kein grösser Laster ist als die Undanckbarkeit: Und solche listige Ausflüchte / damit man seinen Præceptorem betreugt / bleiben nicht ungestraffet.

9. Aristomenis Messenii seltzames Leben und Ende
9. Aristomenis Messenii seltzames Leben und Ende / dessen Hertz rauch mit Haar bewachsen.

Pausanias beschreibet in seinen Messeniacis eine seltzame Historiam, von dem Aristomene, von Messena gebürtig / daß er an Tapfferkeit und Kühnheit alle Menschen derselben Zeit übertroffen / und allein gantze Kriegsheer verjaget und zertrennet. Nachdem er einsmals dreyhundert Lacedämonier hatte niedergemetzget mit seinen eigenen Händen / und wiederum selber von den Läcedämoniern erstlich gefangen / hernach biß auf den Tod verwundet ward / ist er auch von ihnen in ihre Stadt gebracht / mehr tod als lebendig / und benebens noch 50. andern seiner Mitgefehrten / in einen tieffen stinckenden Abgrund gestürtzet /daraus niemals ein einiger Mensch wieder heraus kommen [12] / weder lebendig noch tod. Die 50. hinabgestürtzte sturben alsbald: Aristomenes hinunter gefallen / erwartete nichts anders / als den Tod augenblicklich / wickelte sich in seinen Mantel / und lag also drey gantzer Tage noch lebendig bleibend: Am vierdten Tage hörete er ein Rauschen / und sahe durch das Schimmern des Tages einen Fuchs / welcher in diesen Abgrund kommen war / und von den Todten Cörpern fraß. Er wartete bis der Fuchs auch zu ihm kam; Da ergriff er ihn mit der einen Hand / und hielt ihn fest; Um seine andere Hand wickelte er seinen Mantel /und so offt der Fuchs um sich bis / hielt er ihm den Mantel für / ließ sich also von dem Fuchs fortschleppen bis an ein klein Loch / da sonsten kein Mensch kunte durch kommen / das machte er mit seinen Händen grösser und weiter / also / daß er dadurch kam /und zu den Seinigen gelangete. Wie den Lacedämoniern vermeldet ward / daß Aristomenes wäre wiederum lebendig herfür kommen / hat mans eben so wenig glauben wollen / als wann einer von den Todten wäre aufgestanden. Nicht lange darnach ist der Aristomenes von sieben Schützen aus Creta bey finsterer Nacht / wie er herum mausete / gefangen worden / und mit Stricken hart gebunden / in ein Wachthauß geführet /die / so ihn solten bewahren / haben sich voll gesoffen / und seynd entschlaffen: Da hat sich Aristomenes, wie er da lage aufm Rücken an Händen und Füssen gebunden / ans Feuer geweltzet. Die Stricke an Händen und Füssen / nicht ohne grosse Verletzung seines Leibes verbrannt / und die Wächter mit ihren eigenen Gewehren alle ermordet / und davon gegangen. Endlich ist er gleichwol von etlich hundert Lacedämoniern gefangen [13] genommen / ihme lebendig der Bauch aufgeschnitten und das Hertz heraus gerissen worden: Da hat man gesehen / daß sein Hertz von Haar so rauch und sehr bewachsen gewesen / als andere Leute Köpffe seyn.


Ist ein Exempel eines überaus kühnen / verschmitzten und Mannhafften Heldens.

10. Vom Palladio der uhralten Stadt Troja
10. Vom Palladio der uhralten Stadt Troja.

Der Stadt Trojæ in Phrygia / mit welcher die Griechen einen zehenjahrigen Krieg geführet / erster Stiffter und Erbauer ist gewesen der König Tros, und nach ihm Ilius, welcher darinnen ein Königliches Schloß hat aufrichten und verfertigen lassen / und von seinem Nahmen genennet Ilium. Wie nun die Stadt und Schloß fertig / hat Ilius darinnen der Göttin Palladi zu Ehren einen köstlichen Tempel zu bauen angefangen: Und ist auch der Tempel gantz fertig gemacht /biß auf das Dach oder die Decke: Da hat sich ein seltzames Ding zugetragen. Denn es ist vom Himmel plötzlich herunter gefallen in den Tempel ein wunderlich Bild / zwar von Holtz gemachet / aber diß Holtz hat kein Mensch erkennen / noch dessen eigentliche Figur / und wem das Bild gleich wäre / verstehen oder vernehmen können. Es hat sich aber dieses Bild bey dem grossen Altar niedergelassen / und an der Mauer sich fest angehängt / da es auch geblieben / und von keinem Menschen sich bewegen lassen / ohn allein vom Priester desselben Tempels / der hat es allein können tragen und beschauen: Von welchem es mit grossen Fleiß und Ehrerbietung bewahret. Dieses Wunderbild ist genennet worden Palladium, von der[14] Pallade. Nun war es also mit dem Palladio beschaffen / und von der Pallade, benebenst den andern Göttern / beschlossen / daß / so lange das Palladium in der Stadt Troja bleiben / und nicht von dannen wegkommen würde / so lange würde die Stadt unüberwindlich seyn / und durch keine Kriegs- oder Feindes-Macht überwältigen und verstöret werden. Darum dann das Palladium von den Priestern gar hoch bewahret / bewachet und geehret ward. Und ob wol die Griechen zehen gantzer Jahr die Stadt belägert und bestritten / so hätten sie dieselbe doch nicht einbekommen / wann nicht die zween Trojanische Fürsten /Æneas und Antenor, verrätherlich gehandelt / mit dem Feinde heimlich accordiret / das Palladium bey nächtlicher Zeit aus dem Tempel / durch den PriesterThoas (mit Gelde darzu gekauffet und überredet) wegtragen lassen / und also die Stadt ihres Patroni und Schutzherrn beraubet. Dermassen ist Troja, so bald das Palladium hinweg gebracht / von den Griechen erobert / alles darinnen ermordet / geplündert /und endlich in die Asche geleget und verbrannt worden.


Diesem Palladio können mit gutem Fuge verglichen werden die Academien / welche / so lange sie in Ehren gehalten und erhalten werden / floriren die Städte / und seynd in gutem Wolstande. Wann sie aber unterdrucket /verberget oder gantz abgeschaffet werden / so pfleget gewißlich darauf zu erfolgen der Städte Unglück und Unter gang.

11. Das wunderschöne Gespräch
11. Das wunderschöne Gespräch / zwischen dem jungen Gesellen Hercule, der Wollust und der Tugend.

Xenophon im 2. Buch seiner denckwürdigen Sachen /wie denn auch Cicero im 1. Buche de Officiis, gedencken einer wunderlichen Historien / welche in [15] alten Zeiten aufgeschrieben ist vom Prodico, und verhält sich folgender gestalt:

Als der Hercules aus seiner Kindheit war getreten /und nun anfieng ein junger Geselle zu werden / da ward er zweiffelhafftig in seinem Gemüthe / ob er solte der Tugend / oder der Wollust sich ergeben? Dieses Zweiffels halben in seinen Gemüthe verirret /ist er in einen Wald gegangen / daselbst sich niedergesetzet / und angefangen die Sache bey sich zu erwegen: Da seynd zu ihm kommen zwo Frauen unterschiedlicher Gebehrden und Zieraths. Die eine mit einer natürlichen Schönheit des Angesichts / mittelmäßiger Länge / einer freyen lustigen Gestalt / züchtig von Gebehrden / mit einem schnee-weissen Kleide; Die andere lang von Statur, etwas feister / gläntzende von angestrichenen Farben unter dem Angesicht / eines leichtfertigen Gesichtes / eines hochmüthigen Gangs / sich offt umher sehende / ob auch jemand nach ihr umschauete / angethan mit einem Kleide von vielen Farben. Diese beyde Weibes-Personen seynd recht hinzu nach dem Hercule gegangen: Und zwar die Erste / (welche war die Tugend /) ist mit einem ebenen / gleichmäßigen Gange herfür getreten. Die andere (war die Wollust) die ist schnell gelauffen / und den Herculem auf folgende Art und Weise angeredet: Ich sehe / lieber Hercules, daß du zweiffelhafftig bist / auf welchen Weg du dich begeben sollest in deinem Leben? Derhalben / so du mich zur Freundin und Führerin erwehlen wirst / will ich dich leiten durch einen Weg / der leicht und lieblich ist. Da du nicht allein schmecken solt alle Lieblichkeit der Welt / sondern auch niemals einige Schmertzen oder Beschwerung empfinden.

[16] Fürs erste solt du mit Krieg / oder Geschäfften /oder Arbeit nichts zu thun haben / sondern nur bedencken / was für wohlschmeckende Speise und Trank du geniessen wollest; Was dir lieblich sey anzuschauen /zu hören / zu erreichen; Und wie du dich wollest mit der Liebe belustigen / und mit jungen Mägdlein ergetzen; Wie du sanfft und süsse schlaffen mögest; Und zwar solt du dieses alles erlangen / ohne einige Arbeit und Mühe / und da entgegen / wo dir solches zu Zeiten mangeln möchte / solt du solches nicht erwerben /oder erlangen durch Mühe und Fleiß / sondern du solt geniessen anderer Leute Arbeit / und kein Ding unterlassen / daraus du einigen angenehmen Gewinst haben könnest.

Als solches der Hercules gehöret / hat er gefraget: O Frau / was bistu für eine? Und wie ist dein rechter Name? Sie antwortete / meine Freunde nennen mich Glückseligkeit / oder Wollust: Die aber / so mich hassen / heissen mich Faulheit. Unter diesem Gespräch ist das andere Frauen-Bild auch heran getreten / sagende: Lieber Hercules, ich komme auch zu dir /kenne deine Eltern gar wol / weiß auch / wie du in deiner Jugend unterwiesen bist: Derowegen ich der Hoffnung und Zuversicht bin / wo du den Weg gehen wirst / den ich dir gedencke zu zeigen / so werdestu nicht allein treffliche Thaten thun / sondern auch einen ewigen unsterblichen Nahmen erlangen. Im Antritt will ich dir nicht schmeicheln mit lieblicher Wollust / sondern nach der Wahrheit aus dem Grunde sagen / was meines Wesens ist. Alles / was fürtrefflich / löblich und gut ist / wird nicht ohne Arbeit /Fleiß und Mühe den Menschen von den Göttern gegeben. Wilt du / daß dir die Götter sollen gewogen [17] seyn / so mustu sie ehren / und ihnen dienen. Wiltu von deinen Freunden geliebet werden / so mustu ihnen Gutes thun. Wiltu von einer Stadt geehret werden /mustu erstlich dich wohl verdient machen um dieselbe. Wiltu Frucht und Einkommen schöpffen von der Erden / so mustu dieselbe bauen und pflügen. Wiltu durch Krieg Reichthum erlangen / so mustu die Krie ges-Künste erstlich von andern lernen / und dich darinn üben. Wiltu ein Redner / ein Artzt / ein Rechtsgelehrter werden / mustu zuvor diese Künste mit Fleiß und Arbeit erlernen. In Summa / ohne Arbeit / Mühe und Fleiß / wirstu keines löblichen Dinges theilhafftig. Kaum hatte dieses die Frau Tugend gesprochen /da fiel ihr die Wollust in die Rede / sagende: Siehestu nicht / O Hercules, welch einen langen und schweren Weg dir das Weib zeiget und fürhält? Ich aber will dich durch einen kurtzen lustigen Fußsteig führen zur Glückseligkeit. Da hub die Tugend an / und sprach: O du elendes Weib / was hastu doch Gutes an dir? du issest / ehe dich hungert: du trinckest / ehe dich dürstet: Allezeit bistu dick und voll: Unbequem etwas Gutes zu verrichten; Den meisten und besten Theil des Tages schläffestu. Ob du wol unsterblich bist / so bistu doch von den Göttern verstossen / von ehrlichen Leuten verachtet und verworffen. Du hast dein Lebenlang nicht eine ehrliche / löbliche That gethan / bist nie von Göttern und verständigen Menschen gelobet worden: Keiner / der noch seiner Vernunfft gebrauchen kan / folget deinem Hauffen nach. Deine Diener / wann sie jung seyn / seyn sie schwach vom Leibe: Wann sie alt werden / seynd sie aberwitzig und unklug. In der Jugend leben sie wohl: Im Alter müssen sie lernen arbeiten. Wann das [18] Ihrige unnützlich ist verzehret / müssen sie Hungers sterben.

Ich gehe mit den Göttern um: Gehe um mit weisen und ehrlichen Menschen. Keine herrliche That / noch Göttliche / noch Menschliche / wird ohne mich begangen. Ich werde in grossen Ehren gehalten von den Göttern und von Menschen. Ich bin eine liebe Gesellin den Handwerckern in ihrer Arbeit: Eine theure Bewahrerin den Haußhaltern in ihren Häusern: Eine Helfferin der Studenten in ihren Studieren: Den Bauern in ihrem Ackerbau: Den Kriegs-Helden in ihren Streiten. Das Essen und Trincken schmecket meinen Freunden wohl / bekommt ihnen wohl / denn sie warten / biß sie hungert: Der Schlaff ist ihnen süsser als Honig / den unterlassen sie gerne der Arbeit halber. Die Jungen erfreuen sich / wenn sie von den Alten gelobet werden. Die Alten erfreuen sich / wenn sie sehen / daß die Jungen Ehre erlangen. Endlich / wann ihres Lebens Ziel vorhanden / so sterben sie nicht ungeehret oder vergessen / sondern bleiben in ewigwährender Gedächtniß / und leben bey jedermänniglich / ob sie schon gestorben seyn. Solche Leute sind gewesen deine Eltern / O Hercules! So gebühret es sich / daß du / als ihr Sohn / ihnen nachfolgest / dahin ich Tugend dich führen will.

Durch diese Rede ist Hercules bewogen / von seiner Stätte aufgestanden / die Wollust mit Füssen getreten / der Tugend nachgefolget / und hat durch grosse Arbeit und Fleiß so viel zu wege bracht / daß er hernachmals den Göttern ist gleich gehalten worden.

Diesem Exempel des Herculis folget nach / O ihr jungen Knaben: Lasset euch von der Wollust nicht verführen. Die Tugend / das ist / Sprachen und Künste bringen euch zu hohen Ehren.

12. Exempla der Träume - die nicht zu verachten
[19] 12. Exempla der Träume / die nicht zu verachten.

Cicero und Valerius Maximus erzehlen einen wunderlichen Traum auf folgende Art: Zween gute Freunde aus Arcadia haben auf eine Zeit gewandert / und seynd nach Megaram kommen / unter welchen der eine nach seinem alten Wirth gangen / der ander ist in ein öffentliches Gasthauß zur Herberge eingekehret. Nun trug es sich zu / daß den / welcher bey seinem alten Wirth ware / däuchte im Schlaff / wie sein Gefährte ihn sehr bäte / daß er ihm zu Hülffe käme /denn er von dem Krüger mit Hinter-List würde überfallen. Er könte noch wol frey und errettet werden /wann er nur eilend werde kommen. Durch diß Gesichte ist er aufgewachet / aus dem Bette gesprungen / des Willens / er wolte sich nach dem Gast, Hause oder Kruge verfügen. Hat aber alsbald / wie er zu sich selber kommen / und sich erinnert / daß ihm nur geträumet / sich wiederum ins Bette verfüget / und schlaffen geleget. Aber siehe / alsbald kömmt ihm im Schlaffe wieder für sein Gefährte / sehr verwundert: Bittet ihn /weil er ihm im Leben nicht hätte wollen zu Hülffe kommen / so solte er sich doch nicht wegern / seinen Tod zu rächen / denn er wäre von dem Krüger ermordet / sein Leib auf einen Wagen mit Mist geleget /und nach dem Stadt-Thor geführet. Durch diese inständige Bitte seines Gefährten ist er bewogen / alsbald aufgewachet / nach dem Thor gelauffen / allda den Wagen angetroffen / eben wie ihm im Schlaffe war angedeutet worden: Seinen Gefährten tod darauf liegen gefunden / den Krüger [20] ergriffen und verklagt: Welcherauch alsbald zum Tode verurtheilet worden.

Einem andern träumete auf einmal in Italia, daß er von einem Marmorsteinern Löwen / welcher im Vorgang der Kirchen stunde / mit aufgethanen Munde tödtlich verwundet wäre / derselbe Träumer ist des Morgens in die Kirche gangen / und da er des Löwen Bilde angesehen / von welchen ihm geträumet hatte /hat er lachend seinem Mit-Gesellen den Traum erzehlet / und spottend / alsbald dem steinern Löwen seine Hand in dem Mund gestecket / sprechend: Nun beiß /du gewaltiger Feind / und so du kanst / erwürge mich. Als er diß kaum ausgeredt / siehe da wird er von einem Scorpion / welcher in des Löwen Munde verborgen lage / gestochen und tödtlich verwundet. Erfuhr also in der That / daß sein Traum nicht gelogen hatte.

Zwar die Träume betrügen gemeiniglich / doch treffen sie unterweilen ein.

13. Von dem grossen Glück des Polycratis
13. Von dem grossen Glück des Polycratis.

Zu Samo waren drey Brüder von fürnehmen Geschlechte / Polycrates, Pantagnotus und Syloson. Der Aelteste unter diesen / Polycrates, auf daß er allein herrschen möchte zu Samo, tödtete seinen jüngsten Bruder den Pantagnotum, den andern Sylosontem vertrieb er ins Elend. Es gelung aber dem Polycrati alles so wohl / daß er nicht allein ein Herr ward über Samo, sondern über alle umliegende Städte. Alles gieng ihm glücklich fort / was er thäte / und wo er Krieg hatte / da gewann er allezeit. Er hielt unterdessen grosse Freundschafft mit dem Könige in Egypten / Amasis geheissen: Derselbige / wie er hörete von dem grossen [21] Glück des Polycratis, schrieb er ihm einen Brieff / darinnen er vermeldete / es wäre ihm zwar lieb / daß es ihm / als seinem Freunde / wohl gienge: Hätte aber solch groß Glück sehr im Verdacht / und riethe ihm / er solte das / welches ihm am liebsten wäre / also von sich werffen / daß ers nimmer wieder kriegete / zu dem Ende / daß er das grosse Glück etwas temperirte mit einem Unglück. Polycrates nimmt seinem Pitschier-Ring / worinn ein köstlicher Stein / eines grossen Geldes werth / fähret damit aufs Meer / und wirfft den Ring darein. Was geschicht? Etliche wenige Tage hernach kommen Fischer / die fahen einen grossen Fisch / den verehren sie dem Polycrati: Wie der Fisch wird aufgeschnitten / da findet man den Ring in des Fisches Bauch / und kriegt also Polycrates seinen Ring wieder: Dieses ward dem Amasi verständiget: Der schrieb abermal an den Polycratem, und sagte ihm seine Freundschafft auf. Denn sagte er: Es wäre unmüglich / daß auf ein solch groß Glück nicht endlich würde ein viel grössers Unglück erfolgen / welches dann auch nicht lange hernach geschehen. Denn als Polycrates sich dermaleins fürnahm die Insuln des Jonischen Meers zu bekriegen / da ist er von seiner eigenen Tochter abgemahnet / er solte solches nicht thun / denn sie hätte einen Traum von ihm gehabt / wie daß er wäre in die Lufft gezücket / und von dem Gott Jove gebadet / von der Sonnen aber gesalbet. Polycrates hat seiner Tochter Rath nicht wollen folgen / sondern ist hingezogen. Wie er nach Magnesiam kommen / da haben ihm die Einwohner einen schändlichen Tod angethan / und hernach an ein Creutz gehencket: Also ist seiner Tochter Traum wahr worden / denn / wenn es geregnet / ist er vom Jove [22] gebadet / und wann die Sonne heiß geschienen / daß das Fett aus seinem Leibe Tropfenweise geflossen / so ist er von der Sonnen gesalbet worden.


An dem Polycrate haben wir ein Exempel der Unbeständigkeit des Glücks: Nemlich / daß auf grosses Glück gemeiniglich folget ein grosses Unglück.

14. Der Allemanns Tadler Momus
14. Der Allemanns Tadler Momus.

Der Momus ist ein solcher Mann gewesen / welcher zwar selber nichts gearbeitet und verfertiget / dennoch andere Götter- und Menschen-Wercke und Arbeit immer getadelt / und gemeistert. Insonderheit lieset man von ihm / daß er dreyerley habe getadelt.

Erstlich / daß GOtt und die Natur dem Menschen das Hertz im Leibe so tieff verschlossen / daß man nicht darein sehen könte / was für Gedancken der Mensch habe / und fürgegeben / es wäre viel besser gewesen / wann der Mensch wäre geschaffen worden mit einer gefensterten Brust / ein Fenster habend / dadurch man biß ins Hertze schauen könte.

Zum andern hat er getadelt am Ochsen / daß ihm die Hörner an den Kopff / und nicht forn an die Brust gesetzet wären: Dann wann er die Hörner an der Brust hätte / so könte er aus gantzer Macht des Leibs viel stärcker stossen mit den Hörnern / wie Aristoteles meldet / im dritten Buch von den Theilen der Thiere.

Zum dritten hat er getadelt / daß die Menschen ihre Häuser fest und unbeweglich an der Erden baueten /und nicht also / daß sie sie könten fortschieben / und an andere Oerter bringen / wann sie böse Nachbarn hätten. Nach diesem Momo werden alle dieselbenMomi genennet / welche andere Leute nur reformiren / und [23] selbst nichts guts machen können. Es kommen auch von dem Momo viel Sprichwörter her / als: Vel ipso Momo Judice, wann man ein Ding gar wohl gemacht / also / daß es auch der Momus selbst nicht straffen könte. Item: Momo satisfacere, das hat eben dieselbige Meynung. Die Griechen haben ein solches Wort: ῥᾶον μομεἶϑὴ μιμεῖϑ, Das ist: Es ist viel leichter zu tadeln auf Momi Art / als nachzumachen.

Wie viel Momus-Brüder findet man noch heute / die anderer Leute löbliche Thaten reformiren / und selbst nichts taugen.

15. Vom Lobe etlicher Städte
15. Vom Lobe etlicher Städte.

Plutarchus erzehlet folgende Geschicht: Der Ptolomæus, König in Antiochia / hat auf einmal zu Gaste gehabt sieben Abgesandte / von unterschiedlichen Königreichen / welche unter der Mahlzeit mit einander angefangen zu disputiren / welches Land die besten Gebräuche und Gesetze hätte? Ein jeglicher Gesandter hat sein Land hoch erhoben / und den andern fürgezogen. Daher Ptolomæus es für rathsam angesehen / eines jeglichen Rede und Ursach zu vernehmen /anzuhören / und dann nach Betrachtung der Sachen /seine Meynung zu sagen.

Der Abgesandte von Rom brachte für: Daß allda die Kirchen und der Gottesdienst in grössern Ehren wären / als an einem Orte der Welt.

Der Gesandte von Carthago sagte: Daß daselbst der Adel nicht müde würde vom streiten / der gemeine Pöbel von arbeiten / die Philosophi vom unterweisen.

Der Gesandte von Sicilien sagte: Daß man daselbst die Justitiam handhabete / die Warheit liebete / und daß einer dem andern gleich wäre.

[24] Der Gesandte von Rhodis sagte: Daß daselbst die alten Leute lebeten erbarlich / die Jungen züchtiglich /die Weiber verschwiegen.

Der Abgesandte von Athen sagte: Daß man da selbst nicht gestatte / daß die Reichen wären vortheilhafftig / der Pöbel müßig / die Regenten einfältig.

Der Gesandte von Lacedämone sagte: Daß bey ihnen kein Neid regierete / denn einer wäre dem andern gleich / daß kein Geitz verspüret würde / denn alles wäre gemein / daß keiner müßig gienge.

Der letzte Gesandte sagte / (war der Sicionier) daß man daselbst keine Frembdlinge gestattete / weil sie allezeit was neues brächten; daß man keine Medicos duldete / weil sie die Gesunden tödteten / und daß man keine Advocaten zuliesse / weil sie die bösen Sachen vertheidigten.

Ein jegliches Land hat seine Gewonheit / und einem jeglichen Narren gefället seine Weise am besten.

16. Welches unter den beyden das mächtigste - Feuer oder Wasser
16. Welches unter den beyden das mächtigste /Feuer oder Wasser?

Die Chaldäer haben das Feuer für einen Gott gehalten / und die Egyptier das Wasser. Nun hat sich einmal ein Streit zwischen ihnen erhoben / welcher unter diesen beyden Göttern der Mächtigste wäre? Das Feuer oder das Wasser? Die Chaldäer haben gesagt / ihr Gott / das Feuer / wäre über alle Ding und Götter /denn es verzehret alles / und überwinde alles / daß auch kein Ding für ihm bestehen könte / welches von ihm nicht würde zu nichte und zu Aschen gemachet. Die Egyptier hielten es mit dem Wasser / und sagten: Das Wasser hätte solche Macht / [25] daß es nicht allein gantze Städte mit seiner Fluth ersäuffen / sondern auch die gantze Welt zu nichte machen könte / wie solches aus der Sündfluth zu ersehen.

Dieser Streit konte anders nicht aufgehoben werden / als daß diese beyde Völcker / ein jegliches seinen Gott aufstellete / zu sehen / welcher den andern überwältigen würde. Die Chaldäer haben ein groß Feuer gemachet / und begehret / die Egyptier möchten ihren Gott heran bringen / sie wolten sehen / ob ihn nicht das Feuer zu nichte machen würde? Da haben die Egyptier vom Leim und Erde einen grossen Topff / in Form eines Gottes / gemachet / voller Löcher / welche mit Wachs zugekleibet / und den Topff mit Wasser gefüllet / diesen Topff haben sie als ihren Gott dargestellet / mit dem Feuer zu streiten. Aus welchem / wie er ins Feuer gesetzet / und das Wachs zerschmoltzen /das Wasser häuffig durch die Löcher gelauffen / daß das Feuer gantz ausgeloschen. Also ist der Chaldäer Gott / das Feuer / von der Egyptier Gott / dem Wasser / überwunden und erlöschet worden.

Es haben die alten Väter für der Sündfluth gehöret und vernommen / daß die Welt würde durch Wasser und durchs Feuer untergehen. Haben derohalben zwo Seulen verfertiget: Eine von Leim / die andere von Ertz / und darein gegraben die Wissenschafft und Heimlichkeit der Astronomiæ, darinn sie (die Egyptier) sehr erfahren waren / weil in Egypten es nimmer regnet noch schneyet / sondern der Himmel immerdar klar und hell ist ohne Wolcken / und derhalben der Sternen-Lauff sehr bequemlich kan aufgemercket werden. Sie haben aber diese Seulen gemachet zu dem Ende / daß wann die Welt vergehen würde mit Feuer /[26] so solte die erdne Seule überbleiben unverletzt / (denn im Feuer wird die Erde nur fester und härter /) wo aber die Welt würde durchs Wasser untergehen / so solte die Seule von Ertz unverletzet überbleiben /(denn dem Ertz schadet das Wasser nicht.) Es erzehlet Josephus, daß zu seiner Zeit die eherne Seule noch sey vorhanden gewesen / und von ihm selber gesehen in Egypten / nachdem durch die Sündfluth die andere Seule war im Wasser verschmoltzen und verdorben.

Merckt allhie 1. Die grosse Blindheit der Heyden / welche Feuer / Wasser / ja Knoblauch / Zwiebeln / Katzen und dergleichen Dinge / für Götter gehalten und geehret. 2. Aus den zweyen Seulen ist zu sehen die Fürsorge und der Fleiß / den die Uhralten gehabt / in Fortsetzung guter Künste und Wissenschafft / damit dieselbige nicht untergiengen / sondern an die Nachkömmlinge gebracht würden.

17. Alexandri des Grossen Leich-Bestätigung und bey derselben gehaltener Discurs
17. Alexandri des Grossen Leich-Bestätigung und bey derselben gehaltener Discurs.

Als Alexander Magnus mit Tode abgangen / ist sein Leichnam in einen gantz güldenen Kasten geleget /und nach Alexandriam mit grosser Ehre und Reverentz gebracht worden / begleitet von vielen Königen / Printzen / und andern grossen Herren / welche sein Testament in Verwahrung hatten / und solches ins Werck zu stellen gedachten: Damit aber der lange Weg und die grosse Reise ihnen nicht verdrießlich oder beschwerlich würde / sind sie untereinander eins worden / daß ein jeglicher von deme / dessen todten Cörper sie begleiteten / etwas hersagen solte.

Der Erste sprach: Alexander pflegte vormals das Gold und Silber zu besitzen und zu bewahren / jetzund bewahret das Gold (nemlich der güldene Sarck) den Alexandrum.

[27] Der Ander sprach: Alexander pflegte andere Menschen zu straffen und zu tödten / jetzund ist er selber gestraffet und getödtet.

Der Dritte sprach: Gestern fürchteten Alexandrum die allergrössesten Könige in der Welt / jetzund achtet oder fürchtet ihn nicht der geringste Bettler.

Der Vierdte sprach: Gestern war der gantze Erdboden dem Alexandro zu klein und enge / jetzund ist ihm ein kleiner Kasten groß genug.

Der Fünffte: Gestern kunte Alexander wohl hören /und durffte niemand in seiner Gegenwart etwas sagen: Jetzund redet ein jeglicher / da er gegenwärtig ist /und er höret nicht ein Wort.

Der Sechste: Die gestern Alexandrum sahen /fürchteten sich für ihm / jetzunder fürchtet ihn keiner /der der ihn anschauet.

Die Siebende: Gestern war Alexander derselbe / zu welchen sich seine Feinde nicht dorfften nahen / jetzund begehren ihn nicht einmal seine eigene Freunde zu sehen.

Ein anderer: Gestern folgeten Alexandro alle Lebendigen / heute folget Alexander allen Todten.

Ein anderer: Gestern regierte und führte er seine Soldaten / heute führen und regieren ihn seine Soldaten.

Ein anderer: Gestern bedeckte Alexander das Meer und das Erdreich / heute bedecket das Erdreich Alexandrum.

Ein Anderer: Gestern hatte er viel Freunde und Feinde / heute ist er allen gleich.

Ein Anderer: Gestern wolte Alexander die Menschen fressen / heute ihn die Würme.

[28] Ein Anderer: Gestern roch der Schweiß Alexandri lieblich wie Ambra, heute ist sein gantzer Leib nicht anders / als ein stinckendes Aaß.

Wie diese fürnehme Leute unter solcher Rede und Gespräch nach Alexandriam kommen / haben sie daselbst den Alexandrum aufs allerprächtigste zur Erden bestätiget.

Kein Mensch / wie hoch / mächtig / reich / prächtig /schön und stoltz er sey / kan dem Tode entlauffen. Offtmals wird ein solcher auch von seinen allerbesten und nächsten Freunden verspottet / wenn er gestorben.

18. Welch ein überaus heßlicher und ungestalter
18. Welch ein überaus heßlicher und ungestalter / dennoch weiser Mann der Socrates gewesen.

Socrates ist ein überaus heßlicher und übel formirter Mensch gewesen / dem Fabelmacher Æsopo an Gestalt nicht gar ungleich. Er hat gehabt einen grossen dicken Kopff / Haar wie Sau-Borsten / aufstehende schielende Augen / niederhangende grosse Backen /eine eingebogene Bracken-Nase / dicke aufgeschwollene Lippen / schwartze Zähne / einen stinckenden Odem / einen Höcker auf dem Rücken / kurtze / dicke / krumme Beine / an einer Seiten hinckend / mit kurtzen zu sagen / Socrates ist gewesen ein rechtes Monstrum, dem Leibe nach: Aber dem Verstand belangend / ist er dermassen begabet gewesen mit Weißheit und Tugend / daß zu seiner Zeit auf der Welt seines gleichen nicht ist gefunden worden. Nun hatte Socrates ein groß Auditorium, und unzehlich viel Schüler und Zuhörer / welche täglich bey und um ihn waren /und von ihn Weißheit und gute Künste lerneten. Da trug es sich zu / daß auf einmal zum Socrates und seinen Discipulen ins Collegium hinein kam ein Physiognomus, das ist / solch ein [29] Mann / welcher aus des Leibes Proportion, und äusserlichem Ansehen und Gestalt des Angesichts und andern Gliedmassen urtheilen kan / was einer für ein Ingenium, für Sitten und Natur an sich hat. Diesen Physiognomum fragten des Socratis Schüler, was ihn deuchte bey ihrem Præceptore dem Socrate? Was er für eine Natur an sich hatte? Wie er gesinnet wäre? Was er hielte von seinem Ingenio? Der Physiognomus, nachdem er Socratem beschauet hatte vom Haupt biß zum Füssen / und seines Angesichts / benebenst der andern Gliedmassen Gestalt wol behertziget / hat er geurtheilet / und den Schülern zur Antwort gegeben / ihr Præceptor, Socrates, wäre ein dummer / unverständiger Mensch /hätte kein Gedächtniß / wäre hartlernig / darzu eines schelmischen, verrätherischen Gemüthes / ein Hurenjäger / ungerechter / leichtfertiger Mann: In Summa /er wäre von Untugend zusammen geflicket / und nicht zwey Heller werth. Wie solches unverhoffentlichesJudicium die Schüler gehöret / und wohl wusten / was ihr Meister für ein fürtrefflicher Mann war / haben sie ihre Bücher und Bäncke aufgehoben / und den Physiognomum wollen zu tode schlagen / als einen Lügner / und falschen Verläumder: Aber Socrates ist aufgestanden / hat seine Schüler gestillet / und gesprochen: Lieben Kinder / dieser Mann hat recht und wohl geurtheilet / dann wann ich meiner Natur und angebohrnen Inclination hätte gefolget / so wäre ich eben ein solcher worden / als er mich beschrieben hat; Nun aber habe ich durch Hülffe der Philosophia meine Natur überwunden / bezwungen und geandert / die Philosophia hat mich gemacht von einem dummen zu einem verständigen und klugen / von einem [30] Lasterhafftigen zu einem Tugendsamen. Mit kurtzen / von einem unvernünfftigen Thier zu einem vernünfftigen Menschen. Diese Socratis Weißheit ist groß und berühmt gewesen / daß auch der Gott Apollo durch seinOraculum gesprochen: Σωκρἀτης ἀνδρῶν σοϕἁτατος. Das ist / Socrates ist der Weiseste unter allen Menschen. Es hat auch Socrates einen Geist gehabt /den er genennet seinen Gott / oder Dæmonium, welcher ihn von allen zukünfftigen Dingen verständiget. Von diesem Deo Socratis haben Plutarchus undApulejus eigene Bücher geschrieben. Sein Ehe-Gemahl hat geheissen Xantippe, ein Ausbund aller bösen Weiber / welche er mit grosser Gedult vertruge. Und hat man niemahls gesehen / daß Socrates seines Angesichts Gebährde / oder seinen standhafftigen Sinn solte verandert haben / was ihm auch für Unglück ist begegnet. Wie er nun alt worden / da ist er fälschlich für den Richtern zu Athen / von zweyen Buben Anito und Melito, welche fürgegeben / Socrates hätte spöttlich und lästerlich von den Göttern geredet / verklaget worden. Da hat man ihm ins Gefängniß einen Becher voll Schierlings-Safft gebracht / auf daß er denselben austrincke und stürbe. Denn solches war der Gebrauch zu Athen. Socrates, ob er wol unschuldig / hat dennoch gedultig und unverdrossen gethan / was man ihm hatte auferleget. Und wie er jetzt entschlaffen solte in den ewigen Schlaff / (denn die Atheniensische Cicuta verursachte in dem Menschen einen Todten-Schlaff.) Da hat er zu seinen Schülern gesprochen die ausbündige Oration von Verachtung des Todes / welche von dem Platone, (der des Socratis Discipel auch war /) und dem Xenophonte ist aufgeschrieben.


[31] Man muß einen Menschen nicht allezeit urtheilen nach der eusserlichen Gestalt des Leibes. Mancher ist schön wie Absolon / aber voller Unwissenheit / Laster und Schande. Hingegen sind viel heßlich vom Leibe / aber vom Gemüthe redlich / gelehrt / und tugendhafft.

19. Mutius Scævola ein behertzter und standhafftiger Held
19. Mutius Scævola ein behertzter und standhafftiger Held.

Zu Rom ist in den alten Zeiten ein Edelmann / mit Nahmen Cajus Mutius gewesen. Wie nun der KönigPorsenna die Stadt hart belagert / ist dieser Mutius allein hinaus gereiset ins Lager der Feinde / des kühnen Fürhabens / den Porsennam ums Leben zu bringen. Weil er aber den König nicht kennete / hat er an der Person gefehlet / und des Königes Schreiber für den König ermordet / darauf ist er gefangen worden /und wie man ihn hat wollen zwingen / daß er anmeldete die andern Verräther / da hat er seine Hand / mit welcher er den Stich gethan / ins Feuer gestecket und verbrennet / sprechende: Diese Hand hat unrecht gethan / und gefehlet / darum soll sie diese Straffe leiden: Und du / O König / solt hieraus sehen / daß ich durch keine Pein oder Straffe kan überwunden werden. Der König Porsenna hat sich verwundert über dieses Mannes Hertzhafftigkeit / ihm das Leben geschencket / und frey und loß von sich gelassen / sagende: Der mir das Leben nehmen wolte / dem habe ich sein Leben gegeben. Weil nun der Mutius seine rechte Hand verbrandt hatte / und sich der Lincken muste gebrauchen / ist er nachmahls genennet worden Scævus, ist eben so viel als Lævus.


Böses zu thun seynd die Menschen vermessen und keck genug / aber sehr träge zum Guten.

20. Marcus Curtius stürtzet sich selber in einen tieffen Schlund
[32] 20. Marcus Curtius stürtzet sich selber in einen tieffen Schlund.

Wie vor vielen Jahren zu Rom die verderbliche Pestilentz hefftig regierte / daß viel tausend Leute wegsturben / und mitten auf dem Marckte das Erdreich geborsten / und eine grosse Klufft darinnen worden war /aus welcher heraus rauchete ein böser stinckender Qualm. Da ist den Römern durch ein Oraculum angezeiget / daß wann ein junger Römischer Edelmann sich darein lebendig stürtzen würde / so würde sich die Höle zuthun / und die gifftige Pest-Seuche aufhören. Da hat sich gefunden ein verwegener junger Gesell / Marcus Curtius, welcher begehret / man solle ihm alles vergönnen / und nach Belieben schalten und walten lassen / so wäre er bereit in das Loch zu springen. Solches ist ihm verwilliget / und nachdem er nun mit Fressen / Sauffen / Spielen und Unzucht eine Zeitlang übel gehauset / ist er zu Pferde gesessen / und hat sich mit vollen Sprüngen in den Abgrund der Hölen hinein gestürtzet. Alsbald hat das Loch sich zugethan / da man ein jämmerliches Heulen vernommen / auch die Pestilentz so bald darauf nachgelassen.


Mancher laufft nach seinem eigenen Verderben / und stürtzt sich ins Unglück / ja gantz in die Hölle.

21. Ritterliche That Horatii Coclitis
21. Ritterliche That Horatii Coclitis.

Billich und hoch ist zu rühmen die Tapfferkeit des fürtrefflichen Heldens Horatii Coclitis, denn wie dieHetrusci die Stadt Rom stürmeten / und bereits an die Brücke / Sublicium genannt / kommen waren / da hat der Horatius den äussersten [33] Theil der Brücken vor eingenommen / seine Person allein den gantzen Hauffen der Feinde aufgehalten / und als ein Held gegen sie gestritten: Also daß unterdessen hinter seinem Rücken die Brücke von den Römern abgebrochen /und dem Feinde der Weg abgeschnitten / in die Stadt zu kommen. Wie er nun gesehen / daß sein Vaterland durch dieses Mittel von der Gefahr entfreyet / ist er gantz gewapnet / wie er war / mit seinem Pferde in den Fluß Tybrim, der durch die Stadt Rom fleusset /gesprungen. Uber welche Tapfferkeit nicht allein die Menschen sich haben verwundert / sondern GOtt hat ihm auch seine Treue vergolten / indem er gesund ohne einigen Schaden durch die Tyber geschwummen / und lebendig davon kommen ist. Das mag wohl heissen: Pugna pro Patria. Durch diese That hat derHoratius Cocles bey den Nachkömmlingen einen ewigen Nahmen und Lob erlanget / der auch nicht wird ausgelöschet werden / so lange die Welt stehet.


Rühmlich ists vor sein Vaterland streiten.

22. Viel Menschen seyn gestorben - nicht vor Leid - sondern vor Freuden
22. Viel Menschen seyn gestorben / nicht vor Leid / sondern vor Freuden.

Ich will euch jetzund zwey Exempel erzehlen derer Leute / die aus unversehener allzugrosser Freude des Todes verfahren seynd / welche Exempla bey demAulo Gellio zu lesen. In der Insul Rhodo wohnete ein gemeiner Bürger Diagoras, der hatte drey Söhne /unter welchen der eine war ein Fechter / der andere ein Ringer / der dritte ein Springer. Auf einen Tag wurden zu Athen angestellet die gebräuchlichen Streite / welche man nennete Olympios [34] ludos, in welchen alle drey Söhne des Diagoræ das beste thäten / und derhalben mit Kräntzen gekrönet wurden. Wie nun diese drey junge Gesellen zu ihrem Vater kamen /demselben um den Halß fielen / ihme auch ihre Kräntze auf sein Haupt setzten / darnebenst das Volck aus Frolocken viel schöne Blumen auf ihn zuwurffe / da ist der Vater mitten auf dem Platz / in Beyseyn und Gegenwart des gantzen Volcks / vor grossen Freuden schleunig gestorben.

Ferner / wie das Römische Volck und das Kriegs-Heer geschlagen ward bey Cannas, da war eine alte Frau zu Rom / der ward angesagt / daß ihr Sohn auch mit umkommen / dahero sie groß Leid getragen / dieses Geschrey aber war falsch / denn nicht lange her nach kam der junge Gesell nach Rom frisch und gesund aus der Schlacht. Die Mutter / wie sie ihres Sohnes also unversehens ansichtig worden / hat sie sich so hertzlich darüber erfreuet / daß sie alsbald todt zur Erden gefallen.

Noch Freude noch Traurigkeit soll man sich gar zu sehr zu Hertzen ziehen. Beydes zu viel ist ungesund.

23. Des grossen Alexandri Leib-Pferd - genannt Bucephalus
23. Des grossen Alexandri Leib-Pferd / genanntBucephalus.

Philonicus aus Thessalia bürtig / hat dem Philippo, König in Macedonien / des grossen Alexandri Vater /ein seltzames Pferd zu kauffe gebracht / dessen Haupt gewesen wie ein Ochse / (daher es Bucephalus genannt) gar böser unbändiger Natur / dafür hat Philonicus ungefehr acht tausend Kronen / oder zwantzig tausend Gülden gefodert. Wie man diß Pferd hat versuchen und bereiten wollen / hat es von keinem [35] Menschen können gehandthieret / vielweniger beritten werden. Dahero der Philippus bewogen / solch Pferd /als ein böses ungezähmtes Thier / abzuschaffen. Wie solches der Alexander gehöret und gesehen / hat er begehret / man möchte es ihm vergönnen / er wolte das Pferd wol zähmen und zwingen. Der Vater / Philippus, hat ihn hierüber hart angeredet / daß er als ein Kind ein so grosses Werck sich unterstünde / welches alte erfahrne Männer nicht hätten verrichten können. Doch wird Alexander endlich seiner Bitte gewähret /da gehet er zum Bucephalo, greifft es beym Zügel /ziehet es herum mit dem Kopffe nach der Sonnen /(denn er vielleicht gemercket / daß das Pferd seinen eignen Schatten nicht leiden könne / sondern sich gleichsam dafür entsetzte:) Redete es auch an mit freundlichen Worten / streichelt es mit der Hand / und lässet mählich seinen Mantel fallen / schwinget sich mit der rechten Hand schnell und gerade auf das Pferd / und hält es fest beym Zügel / ohne schlagen und stossen / biß endlich das Pferd seinen Zorn hat fallen lassen / und zu schnauben und schnarchen aufgehöret / da hat ihm Alexander den Zaum gelassen / und im vollem Lauff zu lauffen vergönnet; Philippus sahe seinem Sohne nach / mit grosser Angst / Furcht und Zittern / als er aber schauete / wie Alexander das Pferd so artig wendete und kehrete / und nun zu ihnen wieder gelauffen kam / auch die umstehenden Leute sich über die massen verwunderten / ist Philippus von grossen Freuden weinend worden / und hat seinen Sohn geküsset / sagende: O hertzlieber Sohn / du magst dir wol ein ander Königreich suchen / denn mein Macedonia ist dir gar zu klein und zu geringe. Auf diesem Pferde hat hernach Alexander allezeit [36] geritten / wie er die Welt unter sich gehabt / wie nunBucephalus endlich von den Indianern in einer Schlacht ist erstochen und gestorben / hat Alexander zu dessen Gedächtniß eine grosse Stadt erbauen lassen / und dieselbe Bucephalon genennet / auch nach des Alexandri Tode ist einer von seinen Fürsten aus Griechenland mit einem Schiffe über die See gefahren / (auf welches Schiff das Haupt Bucephali ist für ein Zeichen gemahlet gewesen) an den Balthischen Ländern angelanget / und hat allda eine Stadt gebauet. Von welchem Ursprung herkommen sind die Fürsten von Mecklenburg / die dahero noch heutiges Tages in ihrem Wappen führen das Haupt Bucephali, oder Büffelkopffes: Von welchem Bucephalo gleicher Gestalt die Stadt Bützow / Bucephalæa, ihren Nahmen hat.


Mit Gewalt will sichs allezeit nicht thun lassen. Man muß offt Glimpff brauchen / wie Alexander an seinemBucephalo.

24. Aus einem Holtz-Träger wird Protagoras ein Philosophus
24. Aus einem Holtz-Träger wird Protagoras ein Philosophus.

Der Protagoras ist in seiner Jugend ein Arbeits-Knecht gewesen / und hat um Lohn gedienet / daß er seine Kost erwürbe / meistentheils aber Holtz auf seinem Rücken getragen. Auf eine Zeit ist er nach der Stadt Abderam (darinnen er zu Hause gehöret) gegangen / auf dem Halse tragende ein groß Bund Holtzes /mit einem Stricke künstlich zusammen gebunden. Da ist ihm der Democritus, aus der Stadt kommende / begegnet / welcher / wie er gesehen / daß er mit einem so unbequemen und schweren Hauffen Holtzes so leicht und gemächlich einher trat / [37] ihn gebeten / er möchte stille stehen / auch gefraget / wer das Holtz auf solche Geometrische Art und Weise zusammen gebunden? Darauf Protagoras antwortet: Er hätte es selber gethan. Da hat Democritus ihn gebeten / er wolte es auflösen / und es wieder zusammen binden /daß er es selber sehe. Als nun Protagoras solches gethan / hat Democritus gesaget: Lieber junger Geselle /weil du einen guten Verstand hast etwas zu verrichten / so komme mit mir / du must zu höhern und grössern Sachen gebrauchet werden: Hat ihn hiemit in sein Hauß geführet / ihm alle Nothdurfft gegeben / und ihn in der Philosophia unterwiesen. Also ist Protagoras vom Holtz-Träger ein solcher berühmter Philosophus worden / daß auch Plato einem seiner Dialogen den Titul gegeben / Protagoras.


Hieraus ersehen wir / daß offtmals stattliche Ingenia gefunden werden / auch bey Leuten geringes Standes. Und hat Terentius recht geredet: Ut sæpe summa ingenia in oculto latent.

25. Vom Könige Mithridate
25. Vom Könige Mithridate.

Mithridates ist ein König in Ponto gewesen / so mächtig / daß er geherrschet über zwey und zwantzig Königreiche / darneben von so trefflichen Gedächtniß / daß er hat 22. Sprachen reden / und allen seinen Unterthanen das Recht / in ihrer eigenen Sprache / ohne Dolmetscher sprechen können. Er hat auch nicht allein selber viel herrliche Medicamenta erfunden / besondern durch täglichen Gebrauch derselbigen so viel zu wege gebracht an seinem Leibe / daß kein Gifft /wie starck auch solches mag gewesen seyn / ihm hat schaden können. Endlich ist er von dem Pompejo im Römischen Kriege überwunden / und von seinem eigenen Sohne Pharnace in einem Thurm / (darein er geflohen /) belagert [38] worden / und weil er seines Lebens satt gewesen / hat er einen Becher voll starckes Giffts getruncken / hoffend / er würde davon sterben /das Gifft aber hat ihm nichts thun wollen. Also hat er einem seiner Knechte befohlen / er solte ihn tödten. Der Knecht / wie er solches hat thun wollen / ist durch des Mithridatis Königl. Gestalt also erschrocken / daß er den Stich nicht hat vollbringen können. Darauff Mithridates selbst sein Schwerdt zur Hand genommen / und sich durchstochen.


Hier siehestu was Artzeney vermag. Siehest aber auch was Verzweiffelung thut.

26. Von Monima, des Königs Mithridatis Ehe-Gemahl
26. Von Monima, des Königs Mithridatis Ehe-Gemahl.

Nachdem nun der Mithridates von den Römern also überwunden worden / und die Königin Monima vergewissert / daß ihr Herr und Gemahl schon gestorben / hat sie den Königlichen Zierath von ihrem Haupte gerissen / denselben um ihren Hals gebunden / und sich daran erhenckt / wie aber dieses Band / wegen ihrer Leibes-Schwere / zerrissen / und sie auf die Erde gefallen / hat sie aus Unmuth und Zorn gesaget: O du verfluchtes Diadema, du wilt mir auch nicht einmal zu diesem traurigen Dienste behülfflich und nützlich seyn / das sprechende / hat sie das Band auf die Erde geworffen / darauf gespyhen und mit Füssen getreten /zuletzt ihrer Kammer-Diener einem den Hals hingereichet / der hat ihr das Schwerdt durch die Gurgel gestochen. Seynd also diese beyde / Mithridates undMonima, elendiglich gestorben.


Je höher Person / je grösser Unglück und Fall.

27. Des grausamen Tyrannen Neronis Leben und Tod
27. Des grausamen Tyrannen Neronis Leben und Tod.

[39] Nero ist gewesen einer von den grausamsten und erschrecklichsten Menschen / so jemahls auf der Welt gelebet. Wie er anfänglich ist Käyser worden zu Rom / hat er sich gar fromm und weise angestellet; Auch also / daß / als er einen Brieff / durch welchen ein Mensch solte zum Tod verurtheilet werden / unterschreiben sollen / er gesaget hat: O wolte GOtt / ich könte keinen Buchstaben lesen oder schreiben! Aber bald darnach hat er seine schreckliche Thaten und abscheuliches Leben angefangen. Denn er hat seine beyde Frauen / Octaviam und Poppæam, greulich ermorden lassen / wie dann auch seinen Bruder Britannicum, seine Mutter Lepidam, und unzehlich viel andere fürnehme Manns- und Weibs-Personen. Er hat St. Petrum creutzigen / und St. Paulum enthaupten lassen. Hieran war es nicht genug: Er ließ auch durch Gifft ermorden (1) seinen eigenen Stieff-Vater Claudium, der Käyser für ihm war: (2) Seine eigene Mutter Agrippinam, (3) und seinen Præceptorem Annæum Senecam.

(1) Seinem Vater gab er zu fressen etliche gifftige Schwämme / davon er starb.

(2) Seine Mutter Agrippinam jagte er elendiglich aus ihrem Pallast: Reitzte etliche böse Buben auf / die sie musten mit Worten und Wercken sehr ängsten; Dreymal brachte er ihr Gifft bey / sie zu tödten; welches doch nicht wircken wolte / weil sie ihren Leib mit Artzneyen kräfftiglich verwahret hatte. Als er sahe / daß ihm dieses nicht angienge / da hat er den Boden der Stuben / darinnen sie schlieff / also zurichten lassen / daß er ihr im Schlaffe auf den Halß fallen / und sie also zu tod schlagen solte. Solches ist ihr heimlich [40] offenbahret. Da hat er ferner ein Schifflein zurichten lassen / also / daß wanns mitten aufs Wasser käme /es sich von einander thäte / und die Mutter ins Wasser fiele und ersöffe. Die Mutter hat zwar müssen darein steigen / und aufs Meer fahren / ist aber / weil das Schiff gebrochen / davon geschwummen / und ans Land kommen. Wie Nero die Zeitung / daß seine Mutter wäre beym Leben erhalten / erfahren / da hat er mit seiner eigenen Hand und Dolch den Boten erstochen. Endlich hat er etliche verwegene Bursche hingesandt / die haben ihr das Hertze abstechen müssen / wie das geschehen / hat er sie lassen todt für sich bringen / ihren Leib entblössen / alle ihre Gliedmassen nach einander besehen / und unterdessen offt getruncken / und schrecklicher Läster-Worte sich verlauten lassen.

(3) Mit seinem Præceptore, dem Seneca, hat ers also gemacht. Er hat zu ihm geschicket etliche Diener / die ihn anmelden solten / daß er sterben müste. Seneca saß eben mit seiner Haußfrauen / und aß. Als seine Frau solches gehöret / hat sie ihren Mann nicht allein wollen sterben lassen / sondern so viel Bitte erhalten / daß sie möchte mit umgebracht werden. Da seyn alsbald Senecæ und seiner Frauen die Adern an beyden Armen aufgehauen worden; Und weil Seneca alt / mager und schwach war / hat das Blut nicht häuffig fliessen wollen / da hat man ihn auch zerschnitten die Adern an den Beinen und Füssen. Wie aber nichts destoweniger wenig Blut heraus lieffe / hat er seinen getreuen Freund / den Statium gebeten / er möchte ihm das schon vorlängst zugerichtete Gifft herlangen /auf daß er nicht länger gequälet würde. Das hat er ausgetruncken / so aber nicht würcken wollen: [41] Zuletzt ist Seneca in ein Bad gangen / durch dessen Qualm und Wärme das übrige Blut vollends heraus gelauffen / daß er also ohne einige Schmertzen gestorben; DesSenecæ Frau aber hat der Nero die Adern wiederum zubinden lassen / auf daß sie für dißmal noch lebendig bliebe / und hernach desto besser möchte geplaget werden. Es hat daneben Nero sein eigen Vaterland /die Stadt Rom / an unterschiedlichen Orten mit Feuer anstecken lassen / dadurch sie meistentheils verbrandt / und wie die Flamme am allergrössesten / hat er gefrolocket / und sich belustiget / sagende: Er sehe jetzund die andere Stadt Troja im Feuer stehen. Dieses Feuer ist sehr schrecklich gewesen / und hat gewähret sechs Tage lang / und sieben Nächte / dadurch die allerbesten Gebäude der Stadt weggenommen.

Ferner / also prächtig hat sich dieser Nero gehalten / daß er sein Lebenlang ein Kleid nicht mehr als zweymal angezogen. Seine Pferde und Maul-Esel haben alle silberne und güldene Huf-Eisen gehabt /und er ist niemahls mit weniger als tausend Kutschen gereiset. Er hat gefischet mit Netzen von Gold und Purpur gemacht. Er hat Comödien spielen lassen /darinnen auff das Theatrum gemacht und gebracht worden grosse See von Wasser / in denen Wallfische gangen / und Schlachten mit Schiffen gehalten worden. Mit diesem Wesen hat er alle seine und des Römischen Reichs Schätze ausgeschöpffet / daß er nachmals wenig übrig behalten. Wie er nun lange genug gewütet und getobet / hat ihn der Rath zu Rom wollen umbringen lassen / er aber hat sich mit seines eigenen Dieners Spieß selbst erstochen / in Jahr seines Alters 33. nach [42] Christi Geburt 68. Unter ihm ist gewesen die erste Verfolgung der Christen.

Wer übel thut / bekommet endlich seinen Lohn. Wenig Tyrannen sterben natürlichen Todes.

28. Des gelehrten Eulen-Spiegels Diogenis Leben und Thaten
28. Des gelehrten Eulen-Spiegels Diogenis Leben und Thaten.

Der Diogenes ist zwar gewesen ein berühmter Philosophus, aber daneben ein wunderlicher und lächerlicher Mann / von närrischen Anschlägen / wie aus folgenden Geschichten zu ersehen:

1. Der grosse Alexander / wie er zu Corintho war /und jederman ihm Glück wünschete / zum Theil / weil er den Krieg mit den Persern wolte angehen / vermeynet er / Diogenes würde auch zu ihm kommen / da er aber sahe / daß Diogenes ausbliebe / gieng Alexander selbst zu ihm / und fand ihm in der Vorstadt liegen lang ausgestrecket in der Sonnen. Diogenes, ob er wol den Alexandrum sahe und kannte / bekümmerte er sich doch weder um ihn / noch um seine bey sich habende Gesellschafft. Alexander grüssete ihn freundlich / und fragte / ob er nicht etwas bedürffte? Er solte es nur kühnlich fordern: Da antwortete Diogenes und sprach: Ja / das nemlich begehre ich / daß du mir aus der Sonnen weichest / und beyseit gehest / auf daß mich die Sonne recht möge anscheinen. Alexander lachte / und gieng davon / sprechende zu seinen Gefährten: wenn ich nicht wäre Alexander / so wolte ichDiogenes gerne seyn. 2. Auf eine Zeit gieng Diogenes auf dem Marckte zu Corintho spatzieren im Mittage /und hatte ein Stück Brods und Käse in der Hand /davon aß er öffentlich. Wie er nun gefraget ward /warum er [43] auf dem Marckte esse / und nicht zu Hause? Antwortete er: Darum esse ich auf dem Marckt / dieweil mich auf dem Marckte hungert. 3. Wie er zu Athen war / nahm er einsmals eine Leuchte mit brennendem Lichte / und gieng am hellen Mittag auf den Marckt / wie er aber gefraget ward / was er thäte /sprach er: Ich suche Menschen. 4. Er wohnete allezeit in einem Wein-Faß / das war sein Hauß: Und wie die Stadt hart belägert war / und alle Bürger sehr geschäfftig dem Feind abzuwehren / da nahm er sein Weinfaß / weltzete das die Gasse auf und nieder / sagende: Nun jeder man bemühet ist / muß Diogenes nicht allein müssig und stille seyn. 5. Wann Diogenes gesehen / daß man die verstorbene Menschen in die Erde vergraben / hat er zu seinen Schülern gesagt / sie solten ihn / wann er todt wäre / unbegraben liegen lassen; Denn / sprach er: Ich werde die herrliche Brgräbniß bekommen / welche mir die Zeit geben wird / und wird mein Leib von den zweyen edelsten Dingen verzehret werden / nemlich von der Sonnen und dem Regen. Seine Zuhörer aber warffen ihn für / daß er vielleicht von den Thieren würde aufgefressen werden / welches abscheulich / da hat er geantwortet / sie solten ihm einen Stecken in die Hand thun / damit wolte er die Thiere und Vögel wegtreiben; Hierauf antworteten seine Zuhörer / wenn er todt wäre / so würde er nichts mehr fühlen / noch sehen / wie er denn könte die Thiere von sich treiben? Da sprach Diogenes: Ihr Narren / weil ich nichts mehr fühle oder sehe / oder nichts vernehme / wann ich gestorben bin / was ist mir dann daran gelegen / wo ich liege / oder wer mich verzehret. Ferner fragten seine Zuhörer: Ja / wer wird dich denn todt aus dem [44] Hause tragen? Angesehen du keine Magd / noch sonst einen Menschen bey dir hast / sprach Diogenes: Derselbe wird mich aus dem Hause tragen / welcher meines Hauses bedürffen wird. 6. Wie er diesen Discurs mit seinen Discipeln gehalten hatte / lieff er gantz nackend in den Schnee /und weltzte sich darinn / seine Schüler fragten ihn /ob ihn nicht friere; Da fragte er sie wiederum: Ob die Stirn ans Menschen Angesicht auch friere? Wie sie antworteten / nein: Da hat er gesagt: Ey so verwundert euch nicht / daß mich nicht freuret: Denn ich bin über meinem gantzen Leibe nicht anders / als eine Stirn. 7. Aus dem Schnee gieng er alsbald ins Bad / und badete auf denselbigen Tag zweymal. Da fragten ihn seine Schüler / warum er das thäte / und zweymal badete? Antwortet er: Darum / daß es mir nicht gelegen ist /dreymal zu baden. 8. Wie er gefraget ward / welche Zeit man essen solte? sagte er: Ein Reicher esse /wann er will / ein Armer / wann er etwas hat. 9. WieDiogenes auf einmal von einem Bürger ward ins Hauß geführet / das überaus zierlich geschmücket und auch auf der Erden mit Tapecerey bedecket war / und man dem Diogeni verbot er solte nicht ausspeyen / da hat er einen Hauffen Speichel in den Mund gesammlet / und es dem Wirthe des Hauses ins Angesicht gespeyet / sagende: Er sehe keinen schlimmern Ort im gantzen Hause da er seinen Speichel hinwerffen könte. 10. Er hatte allezeit eine höltzerne Schale /daraus er tranck und aß / wie er nun einmal sahe einen armen Jungen mit der Hand Wasser schöpffen / und aus der Hand trincken / hat er seine höltzerne Schale weggeworffen / und gesaget: Bin ich nicht ein Narr /daß ich fremder Dinge gebrauche [45] / da mir doch die Natur gegeben hat / was mir nöthig ist. 11. Ein übel berüchteter Mann hat auf sein Haus schreiben lassen: In diß Hauß komme nichts Böses. Da hat Diogenes (wie er das gelesen) überlaut geruffen? Wo nichts Böses soll durch die Thür ins Haus gehen / wo soll denn der Wirth hinein kommen? 12. Wann andere Leute die wolriechende Salben auf ihre Häupter schmiereten / so schmierete sie Diogenes auf die Füsse / und sagte: Der Geruch der Salben steigt vom Haupt in die Höhe / und kömmt dem Menschen nicht zu Nutze / aber von den Füssen steiget er nach dem Haupt und der Nasen / daß man seiner geniessen kan. 13. Auf einmal saß er und aß Käse und Brodt in seinem Weinfasse / da kamen die Mäußlein zu ihm gelauffen / und assen die abgefallenen Brocken. Darüber ward Diogenes lachend / und sprach: siehe da! DerDiogenes ernehret auch seine Mund-Diener und Schmeichler. 14. Der Plato hatte in seiner Academia einen Menschen also beschrieben / daß er wäre ein zweyfüßiges Thier ohne Federn. Da nahm Diogenes einen lebendigen Hahn / pflückete demselben alle Federn aus / daß er gantz kahl ward / setzte ihn in desPlatonis Academien / und ließ ihn lauffen / schrie überlaut: Sehet da einen Platonischen Menschen. 15. Der König Perdiccas ließ ihm drohen / wo er nicht zu ihm käme / wolte er ihn tödten. Ey / sprach Diogenes, welch eine grosse That würdestu thun. Kan solches doch auch wol thun das kleineste Thierlein Phalangium, oder Scorpion. 16. Er sahe auf eines reichen Schlemmers Hause geschrieben stehen: Diß Hauß ist zu verkauffen. Da sprach Diogenes: Sagte ich es nicht / daß diß Haus würde seinen Herrn ausspeyen? 17. Er ward von den [46] Sinopensibus aus der Stadt verjagt: Da sprach einer zu Diogene, die Sinopæi haben dich verdammet zum weggehen. Antwortete Diogenes: Und ich habe die Sinopæos verdammet zu bleiben / oder daß sie in ihrer Stadt bleiben sollen. 18. Als er einen Durchbringer auf den Abend Oliven und Brod essen sahe / sprach er: Hättestu also allezeit zu Mittage gessen / so würdest du also nicht zu Abend essen. 19. Er sahe / daß sich zwey Weiber an einen Oelbaum erhencket hatten / da sprach er: O wolte GOtt / daß alle Bäume solche Früchte trügen! 20. Wie er gefragt ward von einem / was wiltu Diogenes, daß ich dir eine Ohrfeige gebe? Antwortet er: Einen eisern Helm / so fühle ich die Schläge destoweniger. 21. Auf eine Zeit sahe er / daß ein junger Gesell sich sehr schmückete / und die Haare kräusete / zu dem sagte er: Schmückest du dich für die Männer? Das ist nur vergebens: Für die Weiber? Das ist dir keine Ehre / sondern eine Schande. 22. Wie er gefraget ward /was er für Wein am liebsten trüncke? Antwortete er: Den / welcher mich nichts kostet. 23. Sein Knecht /der Manes, war ihn entlauffen; Da vermahneten ihn die Leute / er solte ihn wieder suchen / das ist seltzam / sprach er: Weil Manes leben kan ohne dem Diogene, und Diogenes nicht leben solte ohne dem Mane. 24. Als er in die Stadt Mindum kam / und sahe / daß das Thor gar groß / die Stadt aber nur klein war / rieff er: Ihr Leute aus Mindo, thut euer Thor zu / auf daß eure Stadt nicht hinaus lauffe. 23. Er sahe einmal ein Huren-Kind mit Steinen werffen unter einen Hauffen Volcks / da sprach Diogenes: Siehe zu / O Junge /daß du nicht deinen Vater treffest. 26. Er pflegete zu sagen / daß unter allen Narren die [47] grössesten wären diese folgende: Erstlich die Grammatici, denn die erforscheten / wie viel Unglück der Ulysses gelitten hätte / und ihr eigenes wüsten sie nicht. Darnach die Musici, denn sie stelleten die Seiten auf ihren Instrumenten / aber die Seiten ihres Gemüths liessen sie übel gestellet. Ferner die Astronomi, denn sie wolten wissen / was im Himmel geschehe / und wüsten nicht / was ihnen vor den Füssen läge. Item die Oratores, denn sie redeten viel von der Gerechtigkeit / lebeten aber sehr übel. 27. Als er nun gar alt war / und man ihm sagte: Er solte nunmehr aufhören zu arbeiten /sprach er: Ihr Narren / wenn ich mit einem in den Schrancken liefe / und wäre bald zum Ende kommen /solte ich denn aufhören zu lauffen?

Weise und kluge Leute thun auch offtmals närrische Thaten.

29. Alexander ist kranck - und wird von seinem Medico Philippo curiret
29. Alexander ist kranck / und wird von seinemMedico Philippo curiret.

Zu der Zeit / als der grosse Alexander mit dem mächtigen Könige Dario wolte eine Schlacht halten / trug es sich zu / daß Alexander gefährlich / ja tödtlich kranck ward. Nun hatte er einen getreuen / wohlerfahrnen Artz bey sich / den Philippum, dem Alexander viel zu trauen pflegte. Derselbe / wie er sahe die grosse Gefahr / darinnen sein Herr schwebete / ward Raths / das äusserste zu versuchen / damit er ihn nur möchte beym Leben erhalten. Verfertigte derhalben ein Medicament, und brachte solches in einem Becher dem Alexandro, ihn vermahnend / er wolte das getrost austrincken: Wie nun dieser Philippus mit seiner Artzney vor Alexandri Bette stehet / siehe / da kömmt dem Alexandro ein Schreiben von dem Parmenione, (einem [48] geheimen Rathe und ausbündigem Freunde des Alexandri,) dieses Inhalts: Alexander solte sich hüten für des Philippi Artzney / denn er wäre vomDario mit Gelde dazu gekaufft / daß er ihm mit Gifft vergeben solte. Diesen Brieff laß Alexander, und hielt ihn so lange bey sich unter dem Bette / biß daß es Zeit war die Artzney zu trincken. Da nahm er mit seiner einen Hand den Becher von dem Philippo, und mit der andern Hand gab er ihm des Parmenionis Schreiben / und satzte zur Stund den Becher an den Mund /und tranck die Artzney aus. Unterdessen laß Philippus den Brieff. Das war ein Wunder anzusehen / wie der eine (Alexander) im Trincken den Philippum anschauete / nicht mit zornigen Augen / oder als einer /der sich fürchtete / sondern mit frischen behertzten Geberden / sich verlassend und trauend auf seinenMedicum: Und aber wie der andere (Philippus) die Hände gen Himmel schlug / sich beklagend über die Falschheit des Parmenionis; Kürtzlich davon zu reden: Als das Medicament anfieng zu wircken / da fiel Alexander in eine Ohnmacht / daß die Umstehenden auch nicht anders meyneten / er würde sterben. Aber die Natur überwand / und ward Alexander durch Krafft und Tugend der Artzney / und durch seines treuen Medici Hülffe / innerhalb wenig Tagen wiederum gesund. Zog hierauf dem Dario entgegen / welcher bey sich hatte sechsmal hundert tausend Mann /und überwand denselben.


Ein getreuer und frommer Medicus ist Goldes werth. Wohl dem Patienten / der einen solchen überkömmet. Verläumder finden sich in allen Ständen / aber man muß nicht bald gläuben / wann dieser oder jener saget /vornemlich / wenn man eines Menschen Hertz und Gemüth selbst weiß und kennet.

30. Wie der Heliogabalus sich zu seinem Tode bereitet
[49] 30. Wie der Heliogabalus sich zu seinem Tode bereitet.

Dem grausamen Tyrannen Heliogabalo ward es propheceyet von einem Priester aus Syria, daß er solte eines gewaltsamen und unnatürlichen Todes sterben. Da hat er sich unternommen / auf solchen Fall / doch nicht anders als Königlich / zu sterben. Derowegen hat er ihm lassen verfertigen etliche Stricke von Seiden / Gold und Scharlacken gewircket / daß / wann er ja hencken solte / er zierlich und prächtig henckete. Hat auch starcken Gifft zugerichtet / und in güldene /Hyacinthine / Chrystalline Becher gegossen / und also verwahret / auf daß / wann es nöthig wäre / er aus Königlichen Geschirre den Tod trincken könte. Er hat ferner einen hohen Thurn stattlich erbauen lassen /und unten auf die Erde güldene und mit Edelgesteinen gestickte Tapeten hingestrecket und geleget / auf daß /wann er sich solte herunter stürtzen / und den Hals brechen / er zierlich und köstlich zu liegen käme. In Summa / er hat gesaget / sein Tod müste auch köstlich und theuer seyn. Aber was geschicht? Es kommen bey Nachtzeiten unversehens zu ihm etliche leichtfertige Lotterbuben / ermorden ihn jämmerlich / weltzen ihn in seinem eigenen Blut / binden ihm einen Strick um den Hals und schleppen ihn durch die Gassen /und allen Unflath: Ja endlich durch die Cloacken und heimliche Gemächer / und werffen ihn letzlich in die Tyber. Also gebühret zu sterben einem solchen schändlichen Tyrannen.


Daß man sterben muß / ist gewiß. Wie aber und auf was Art man werde sterben / weiß kein Mensch zuvor. Der auch im Tode gedencket seine Hoffart zu treiben / ist ein Narr. Denn es wiederfähret ihm selten / und ist ihm nichts damit gedienet.

31. Milo und Titormus, zween der stärckesten Männer
[50] 31. Milo und Titormus, zween der stärckesten Männer.

Milo Crotoniates ist ein starcker Mann gewesen / der seines gleichen zu seiner Zeit wenig gehabt. Wann er ist gestanden mit blossen Füssen auf einem Tische mit Oel bestrichen / hat ihn kein Mensch von der Stelle können abziehen. Er hat einen gantzen Ochsen /ohne Odemholen / über 125. Schritt tragen / und ihm hernach mit einer Faust zu todt schlagen können /auch denselben gantz in einem Tage aufgefressen. Er band um sein Haupt eine dicke Seene oder Strick /und hielt den Odem steiff ein / biß daß die Adern des Haupts voll Geblüts wurden / und aufschwollen / also zerriß er den Strick ohne Zuthun der Hände. Er streckete seine platte Hand aus / und hielte die Finger so fest zusammen / daß ihm kein Mensch den kleinesten Finger von den andern abbringen konte. Mit diesemMilone hat auf eine Zeit gestritten ein Küh-Hirt / Titormus genannt / also und dergestalt: Titormus hat einen grossen sehr schweren Stein mit seinen beyden Händen erstlich an sich gezogen / und hernach wieder hingeleget. Solches hat er zwey / dreymal gethan. Darnach hat er denselben aufgehoben biß zu den Knien. Endlich hat er ihn auf die Schulter genommen / und eine halbe Meile getragen: Welchen Stein der Milo nicht hat regen / noch von der Stätte bringen können. Darauf ist er / der Titormus zu seiner Heerde gegangen / und hat den grössesten und stärckesten Stier bey einem Fuß ergriffen / so fest / daß / ob er schon hat gerne lauffen wollen / er sich doch nicht hat regen können. Wie dieses Milo gesehen / hat er laut geruffen: [51] O Jupiter! Hastu uns irgend einen andernHerculem zugesandt? Milo aber / wie er alt worden /hat wollen einen grossen Eichen-Baum voneinander reissen; Ist aber / weil ihm die vorige Stärcke und Kräffte vergangen / mit den Händen in der Spalte stecken blieben / und von den Wölffen aufgefressen worden.


Es ist keiner so vollkommen / er findet seinen Meister. Die besten Schwimmer ersauffen am ersten. Die Stärcksten werden am meisten erschlagen.

32. Von der köstlichen Mahlzeit des Antonii und Cleopatræ
32. Von der köstlichen Mahlzeit des Antonii und Cleopatræ, darinnen Cleopatra eine theure Perle aufgegessen.

Cleopatra, Königin in Egypten / hat in ihrem Besitz gehabt / und an ihren Ohren getragen zwo Perlen / die grössesten / so jemals von Menschen gesehen worden / welche ihr hinterlassen von ihren Vorfahren / den Königen in Egypten. Nun hat der Antonius Cleopatræ Mann / alle Tage aus der massen köstlich gespeiset / und in der Uppigkeit gelebet / also / daß er auch auf einmal die Cleopatram gefraget / ob auch einiger König theuerbahrer und prächtiger Panquet jemals gehalten / oder noch halten könte? Cleopatra hat denAntonium ausgelachet und gesaget: Sie wolte auf ein Abend-Essen spendiren und verzehren / (sie alleine) fünffmal hundert tausend Gülden. Antonius begehrte solches zu sehen; Gläubete aber nicht / daß es geschehen könte. Sie haben zusammen gewettet / und das Urtheil einem / mit Nahmen Lucio Plancio, übergeben und anbefohlen. Des andern Tages ladet die Cleopatra den Antonium zu Gaste / setzet ihm erstlich etliche / aber nur geringe Essen für. Darüber der Antonius gespottet / und gefraget: Wie sie [52] wolte mit der Rechnung zurechte kommen? Cleopatra ist auf ihrer Rede beständig blieben / und ihn vergewissert / sie wolte in derselben Mahlzeit so viel Goldes werth /nemlich fünffmal hundert tausend Gülden verzehren. Hierauf hat sie den Dienern anbefohlen, ein kleines Fäßlein mit Eßig zu bringen; Da hat sie eine von den grossen theuerbaren Perlen aus dem Ohre gerissen /und in den Eßig geworffen / welche auch alsbald darinn verschmoltzen: Denselben Eßig mit der Perle hat sie ausgetruncken: Alsbald die Hand auch an die andere Perle geleget / und die gleicher massen wollen herunter reissen. Da ist der Lucius Plancius eilends hinzu getreten / und ihr die Hand begriffen / und ein Urtheil gefället / Cleopatra hätte gewonnen / und Antonius verlohren. Hat also die Cleopatra das eine Wunderwerck der Natur aufgeschlucket. Das andere der Plancius gerettet.


Was thut Ubermuth nicht: Und was jaget der Mensch nicht durch den Hals? Aber gemeiniglich mit seinem eigenen Schaden / wie der Cleopatræ und Antonio geschehen.

33. Von den Schlangen-Vertreibern Psyllis
33. Von den Schlangen-Vertreibern Psyllis, und dem Untergang Cleopatræ und Antonii.

Von den Völckern Psyllis thut Plinius Meldung / daß dieselbe in Africa gewohnet / und eine sonderliche Art und natürliche Eigenschafft gehabt / die Ottern oder Schlangen zu vertreiben mit ihrer Gegenwart / Speichel / Odem / Anrühren / dadurch sie denselben alle Krafft / Gifft und Schädlichkeit benommen. Dannenhero Plutarchus Meldung thut / daß der Cato allezeitPsyllos um und bey sich gehabt in seinen Kriegs-Zügen / welche ihn kunten für den gifftigen Schlangen versichern / und wann er vielleicht [53] gebissen würde /wiederum heilen. Hieher gehöret / was Suetonius schreibt vom Octavio Augusto. Nachdem die Cleopatra den Antonium mit freundlichen Worten überredet / daß er sein Ehe-Gemahl / des Augusti Schwester /von sich gestossen / und sie (die Cleopatram) wiederum zum Weibe genommen / hat der Augustus (hierdurch sehr erzürnet) mit einer Kriegs-Macht den Antonium überzogen / und in einer Schlacht bey Actio ihn mit seinem Kriegs-Heer erleget. Als dieses Cleopatra gesehen / hat sie ihr selbst an beyde Brüste zwo grosse Ottern geleget / damit sie durch derselben Gifft möchte getödtet werden. Augustus aber / weil er gern hätte die Cleopatram zum Spectacul lebendig mit sich nach Rom geführet / und sie biß zu seinem Triumph behalten / hat etlichen Psyllis befohlen / ihr die Brüste auszusaugen / ob sie vielleicht könten den Gifft heraus ziehen. Solches aber ist zu spätgewesen. Denn das Gifft ist schon zum Hertzen gestiegen / darauf sie alsbald Todes verblichen.


Viel Heimlichkeiten seynd in der Natur verborgen /derer Ursachen kein Mensch wissen noch erforschen kan / wie an den Psyllis zu sehen.

34. Was der Labyrinth für ein Gebäu gewesen
34. Was der Labyrinth für ein Gebäu gewesen /zugleich die Historia Thesei und Ariadnes.

Dædalus ist ein sehr künstlicher Meister und Arbeiter gewesen / welcher / wie er vom Könige Minoë gefangen gehalten ward in der Insul Creta, allda gebauet hat einen wunderbaren Irrgang / Labyrinthum geheissen / der mit so vielen krummen Gängen ist unterschieden gewesen / daß kein Mensch / der einmahl hinein gegangen / sich hat wiederum heraus [54] finden und kommen können. Mitten in dem Labyrintho war ein schreckliches Wunderthier / halb ein Ochse / halb ein Mensch / Minotaurus geheissen / welchen die Poeten nennen Semibovemque virum, semivirumque bovem. Dieser Minotaurus hat alle, so hinein gekommen / aufgefressen. Endlich ist auch Theseus ein hübscher junger Geselle zum Labyrintho geschicket: Denselben hat die Jungfrau Ariadne, des Königs inCreta Tochter lieb gewonnen / und ihm einen Rath gegeben / wie er soll sicher in den Labyrinth, und auch wieder heraus gehen. Ja auch das Monstrum gar tödten: Nemlich / er solte einen langen Faden nehmen / und davon ein Ende an die Thür oder Eingang desLabyrinthi fest anbinden: Mit den andern Faden solte er durch alle Gänge des Labyrinthi gehen / biß er zum Minotauro käme, dem solte er etliche Küchlein von Pech und andern Sachen gemacht / vorwerffen. Wann er die würde aufgefressen haben / so würde er alsbald sterben. Damit er nun könte wieder heraus kommen /so solte er seinen Faden folgen / der würde ihn wiederum geleiten biß an die Thür. Solches hat der Theseus gethan: Ist also der Gefahr entrunnen. Von diesem Labyrintho seynd hernachmals alle schwere /verworrene Sachen Labyrinthi genennet / und das Sprichwort / in Labyrinthum incidere, ist zu verstehen von dem / der in unrichtige und verworrene Sachen sich vertieffet / oder hinein stürtzet. Gleicher Gestalt wird das Sprichwort filum Ariadnæum gebraucht für ein Ding / welches uns nützlich ist zu helffen und zu entfreyen / aus schweren und verworrenen Händeln. Also ist die Logica ein filum Ariadnæum, dadurch [55] wir uns können auswickeln aus irrigen und verführenden Reden und Discursen / wie dieser Vers anzeiget:


Filo Adriadnæo nisi te Dialectica ducat;
Ex Labyrintheis non potes ire plagis.

Man kan auch den Labyrinth auf das Menschliche Leben / und dessen Zustand deuten und ziehen. Denn dasselbe ist ein rechter Sünden-Labyrinth / in welchem lieget der höllische Minotaurus des Teuffel: Von dessen Gewalt wir werden erlöset / wenn wir alsobald im Eingang unsers Lebens vermählet werden durch die H. Tauffe Christo JEsu / welcher uns giebet den Faden seines Heil. Worts und des wahren Glaubens /Krafft dessen wir können durch Tod und Leben in den Himmel hinein dringen.

35. Etliche wunderbare Arten von Menschen
35. Etliche wunderbare Arten von Menschen.

Aulus Gellius meldet aus den alten Scribenten / daß die Scythæ, Völcker nach dem Norden hin wohnende / eben also Menschen-Fleisch essen / als wir Ochsen-Fleisch: Ja wol offtmahls rohe / ohngesotten: Daher sie genennet werden ἀνϑρωπὁφαγοι: das ist / Menschen-Fresser. Solches thun auch heut zu Tage der Americaner etliche / welche kein bessers Wildpret haben / als Menschen-Fleisch. Ferner / schreibet er /sollen daselbst in Scythia Menschen seyn / die nur ein Auge haben fornen an der Stirne / gleichwie Homerus erinnert / daß die Cycoples solche gewesen. Diese einäugige Leute heissen Arimaspi. Noch andere / sagt man / seyn daselbst / welche nur einen grossen Plat-Fuß haben: Andere / welche zwar zwey Füsse haben /aber hinter sich nach dem Rücken gekehret / gleich als unsere Füsse voran stehen. Diese Leute sollen gewaltig [56] schnell und fertig lauffen können. Dabeneben sollen auch andere Menschen seyn ohne Köpffe / die in der Brust Augen und Nasen haben / aber keinen Mund / ἄςομοι genannt / welche nur vom Winde leben. Andere / welche nicht grösser als eine Spann hoch seyn / den jährigen Kindern gleich / Pignæi genannt: Die sollen einen ewigen Krieg führen mit den Kranichen. Andere / die so groß seyn / als halbe Thürne / zweymal höher als die Männer dieses Landes. Letzlich sollen auch Weiber seyn / die durch ihr bloß Anschauen / nur mit den Augen die Leute tödten / vergifften / und um die Gesundheit bringen. Diese sollen in jeglichen Auge zwey Sünen oder Aug-Aepffel haben. Dieses alles wird zwar von den Historicis erzehlet / ist aber eitel Fabelwerck: Denn solche Leute nirgend auf der Welt zu finden / noch zu sehen seynd /ob schon zu dieser Zeit der gantze Erdkreiß ist besuchet / und also durchwandert von den Schiffern / daß kein Ort / da sie nicht solten gewesen seyn: Ausgenommen die Riesen oder grossen Leute / die seynd häuffig zu finden in Chili, einer Provintz Americæ: Item ausgenommen die Zäuberinnen / welche mit ihrem Gesichte die jungen Kinder vergifften / welches geschicht durch einen bösen Qualm / und schädliche Lufft / so aus ihrem Munde / Nasen / Augen und gantzem Leibe gehet: Davon der Poet Virgilius schreibet:


Nescio quis teneros oculus mihi fascinet agnos.


Es ist nicht ohne / man findet wunderliche Art Menschen / als wilde und zahme / schwartze und weisse / gar lange und hingegen ganz kurtze: Zu geschweigen der grossen Mißgeburten, die öffters an diese Welt kommen. Aber man muß wohl zusehen / was und wem man hierinn glaubet und trauet.

36. Grosse Treue zwischen einem Löwen und Androclo
[57] 36. Grosse Treue zwischen einem Löwen undAndroclo.

Zu Rom ist vorzeiten ein Gebrauch gewesen / daß man in einem Circo hat beschlossen etliche Menschen / die den Tod verwircket: Und zu denselben als zu einen Spectacul und Schauspiel hinein gelassen grausame Thiere / als Löwen / Bären / Uhr-Ochsen /Hunde / und dergleichen / mit welchen die Menschen haben streiten und kämpffen müssen: Nun hat es sich zugetragen / daß einer mit Nahmen Androclus, zu den Thieren hinein gebracht worden. Denselben hat ein schrecklicher grosser Löwe angelauffen: Und wie er nahe zu ihm kommen / hat er Androclum scharff angesehen / ist stehen blieben / mit seinem Schwantze ihme geliebkoset / und mit der Zungen ihn gelecket.Androclus, der schon aus Furcht halb todt war / hat ein Hertze wieder gefasset, den Löwen betrachtet /und ihn endlich auch erkannt. Haben hierauf angefangen / der Androclus und der Löwe / sich gegen einander frölich und frolockend zu erzeigen. Hierüber hat sich sowol der Cæsar, als das andere Volck verwundert. Wird derhalben Androclus für den Käyser gebracht / und gefraget / wie dieses zugienge? Da hatAndroclus angefangen zu erzehlen / wie er vor etlichen Jahren einen Todtschlag begangen / und in eine Wildniß flüchtig worden / sich in eine Höle verborgen / den Todt erwartende: Da wäre zu ihm hinein getreten dieser Löwe / welcher ihm seinen rechten Forder-Fuß in den Schooß geleget / sehr geseufftzet und gegruntzet. Androclus habe den Fuß besehen / der voll Bluts gewesen / und vermercket / was des Löwens Begehren. Habe ihm derhalben einen grossen Splitter aus dem Fusse gezogen / sey auch [58] viel Jahr daselbst geblieben / und habe ihm der Löwe alle Tage Speise von andern Thieren zugebracht / die habe er an der Sonnen gekocht / und dergestalt sein Leben aufgehalten. Endlich aber sey er in Abwesen des Löwens wieder nach Rom kommen / daselbst ergriffen / und im Spectacul dem Löwen vorgestellet worden; Da habe sich zugetragen / was sie gesehen: Nemlich / daß der Löwe ihn als seinen alten Medicum gekennet / und ihm deßhalben nicht habe wollen Schaden zufügen. Hierauf hat der Käyser und das Volck / beydes denAndroclum und den Löwen frey und loß gegeben /mit Blumen auf sie geworffen / zum Zeichen der Freude / und geschrien: Hic est Leo hospes hominis: Hic est homo Medicus Leonis. Hernach hat der Löwe den Androclum nimmer verlassen wollen / sondern ist als ein Hündelein bey ihm hergelauffen / die Zeit seines Lebens.


Siehe / also treu seynd die unvernünfftigen Thiere dem Menschen / da offt ein Mensch des andern Teuffel ist. Lerne auch hieraus / daß viel Thiere danckbarer seyn für erzeigte Gutthaten / als mancher Mensch.

37. Solon und Croesus
37. Solon und Crœsus.

Solon, einer von den sieben Weisen aus Griechenland / ist auf einmal nach Sardos kommen zu dem sehr reichen und mächtigen Könige Crœso, von welchem er sehr freundlich empfangen. Und wie er etliche Tage allda verharret / hat ihm Crœsus durch seine Diener allen seinen Reichthum und Königlichen Schatz zeigen lassen. Wie solches geschehen / hat Crœsus denSolonem gefraget: Ob er auch je einen glückseligern Menschen gesehen? (Vermeynete nemlich / daß ers wäre;) Solon, der nicht gesinnet war einigem Menschen zu schmeicheln / antwortete: Er hielte [59] Tellum für den Glückseligsten. Crœsus verwunderte sich /fragte wer der Tellus wäre? Solon sprach: Tellus wäre ein Bürger zu Athen gewesen / der hatte viel wolerzogene Kinder nach sich gelassen: Und die hatten wiederum, andere Kinder: Und wäre Tellus eines herrlichen Todes gestorben / streitend für sein Vaterland.Crœsus ist fortgefahren und gefraget / welchem er die andere Stelle der Glückseligkeit gebe? Nicht zweiffelend / Solon würde ihn nun endlich nennen. Da sagteSolon: Nebst Tello wären die Glückseligsten Cleobis und Biton, zween Brüder / von welchen beyden er dem Crœso auch viel erzehlete. Da ist endlich Crœsus bestürtzt worden / sagende: Lieber Solon, deucht dich denn unser Wesen so gantz nichts seyn / daß du unsere Glückseligkeit auch nicht solchen Privat-Personen vorzeuchst? Hierauf antwortet Solon: O Crœse dieweil des Menschen Glück / so lang er erlebet / nicht allein alle Jahr / sondern alle Monat / ja alle Tage / ja alle Stunden sich vielfältig verändert /so achte ich nicht / daß ein einiger Mensch könne glückselig geschätzet werden / ehe und bevor er sein Leben geschlossen und geendet. Damit hat Solon vom Crœso Urlaub bekommen. Wie wahr aber dieses desSolonis Ausspruch gewesen / hat hernachmalsCrœsus wol empfunden davon wir auch etwas vermelden wollen:

Nachdem der reiche König Crœsus mit den Persianern lange Zeit gestritten / ist er endlich überwunden /und gefänglich zu dem Cyro, der Perser Könige / gebracht worden. Da hat Cyrus einen grossen Hauffen Holtzes zusammen tragen lassen / den Crœsum mitten darauf gesetzet / und ihn also verbrennen wollen.Crœsus, ob er wol in grosser Angst gewesen / [60] so ist er dennoch eingedenck worden dessen / was ihm fürlängst Solon gesagt hatte; Nemlich / daß kein Mensch glückselig zu schätzen / ehe er sein Leben zum Ende gebracht. Hat derhalben mitten im Feuer mit lauter Stimme geruffen: O Solon! Solon! Dieses Ruffen haben des Königes Cyri Diener gehöret / und es dem Könige angemeldet: Der hat Crœsum fragen lassen /was er damit meynete? Crœsus hat geantwortet: Er hätte denselben Mann genennet / den er wünschen möchte / daß er alle Tyrannen anredete. Dann was er ihm vorzeiten gesaget / das gienge alle Menschen an. Hat also Crœsus dem Cyro erzehlet / was er vormals für ein Gespräch mit dem Solone wegen der Glückseligkeit gehalten. Cyrus hat in sich geschlagen und gedacht / er wäre eben sowol ein Mensch als Crœsus: Und Crœsus wäre eben sowol ein reicher / mächtiger König gewesen / als er. Hat sich derohalben / daß er den Crœsum also zur Straffe verurtheilet / reuen lassen / so bald darauf befohlen / man solte das Feuer auslöschen / und Crœsum beym Leben erhalten. Das Feuer aber hatte schon dermassen überhand genommen / daß mans nicht löschen können; Da ist wunderbarlicher Weise und unversehens ein solcher schrecklicher Regen vom Himmel gefallen / daß die Glut des Feuers gantz und gar gedämpffet / und also Crœsus noch lebendig heraus und zu dem Könige Cyro bracht worden / der ihn hernach hoch und werth gehalten.

Dieses ist ein schön Exempel der Unbeständigkeit des menschlichen Glückes. Ein jeglicher hat sich zu spiegeln an seinen Nechsten. Was einem andern widerfähret / dem bist du ebenmäßig unterworffen. Man soll eines Klugen Rath nicht in den Wind schlagen. Auf Reichthum soll man nicht trotzen. GOtt kan wunderlich helffen / denn wann der Menschen Hülffe aus ist / so weiß GOtt noch Rath.

38. Des Intaphernis Haus-Frauen denckwürdige Thaten
[61] 38. Des Intaphernis Haus-Frauen denckwürdige Thaten.

Herodotus schreibet / daß an des Königs Darii Hofe sey gewesen einer von den fürnehmsten Räthen / mit Nahmen Intaphernes, welcher / als er um etlicher Ubelthaten willen vom Könige ins Gefängniß geleget / endlich auch zum Tode verurtheilet / und zwar nicht allein er / besondern alle seine Kinder / Verwandten /und gantzes Haus-Gesind. Da hat sich des Intaphernis Haus-Frau täglich finden lassen für des Königs Saal; weinend und schreyend den König dahin beweget / daß er ihr hat anmelden lassen / sie solte aus allen Gefangenen einen auslesen / den sie am liebsten behalten wolte / demselben wolte der König aus Gnaden das Leben schencken. Die Frau hat sich eine Weile bedacht / doch letzlich für den König tretende /gesaget: Weil mir der König unter allen eine Seele (oder Menschen) willfahren und schencken will; so erwehle ich unter allen / meinen Bruder. Hierüber hat sich der König verwundert / und zu wissen begehret die Ursache / warum sie nicht um eines von ihren Kindern bete / die ihr doch näher verwandt / oder um ihren Mann / von dem sie mehr Freundschafft haben könte als um ihren Bruder? Die Frau hat dem König zur Antwort gegeben: O König / wann ich schon mei nen Mann und Kinder verliere / so können mir die Götter einen Mann und andere Kinder wieder geben; Aber einen Bruder werden sie mir nicht geben / angesehen meine Eltern vorlängst gestorben. Diese Rede hat dem Könige dermassen gefallen / daß er ihr nicht allein den Bruder / besondern auch ihren ältesten[62] Sohn loßgegeben / die andern aber alle tödten lassen.


Dieses ist gewesen ein Urtheil eines Weibes / ein vernünfftiger Mann hätte viel anders erwehlet und geurtheilet.

39. Tyranney des Astyagis: Des Cyri Geburt und Auferziehung
39. Tyranney des Astyagis: Des Cyri Geburt und Auferziehung.

Es ist ein König in Media gewesen / mit Nahmen /Astyages: Der hat eine Tochter gehabt / Mandane geheissen / von welcher ihm einmal träumete / daß aus ihrem Bauche wüchse ein Weinstock / der sich ausbreitete über gantz Asiam. Daher er sich befürchtet /es würde dermaleins von seiner Tochter einer gebohren werden / der über Asiam würde herrschen und regieren; Hat derhalben seiner Tochter einen schlechten Mann zur Ehe gegeben. Und wie sie schwanger worden / und einen Sohn gebohren / hat er das Kind zu sich genommen / selbiges seinem getreuen Diener dem Harpago übergeben / und befohlen / solches zu tödten. Harpagus hat sich zwar gegen dem Astyagem nicht anders vernehmen und mercken lassen / als wolte er solches gehorsamlich ins Werck stellen: Hat aber selber das Kind nicht getödtet / sondern es seinem Küh-Hirten zugestellet / und demselben anbefohlen / solches umzubringen. Wie der Küh-Hirte mit dem Kinde zu Hause kommt / da hat eben desselben Küh-Hirten Frau ein junges Kind gebohren; Uberredet derhalben ihren Mann / er solte das ihrige Kind nehmen / und ihr das fremde wieder geben / das wolte sie für ihres auferziehen. Welches dann auch geschehen / und dieses Kind hernach Cyrus genannt worden. Cyrus wuchs auf / und meynet nicht anders / er wäre des Küh-Hirten Sohn. Nun trug es sich [63] zu / daßCyrus mit andern Bauers-Kindern im Dorffe eines spielte / und ward von demselben zum König erwehlet im Spielen. Da findet sich einer von den Knaben /der des Cyri, als des Königs Gebot nicht vollbringen wolte / den hat er durch die andern sehr schlagen lassen. Der geschlagene Knabe klaget solches seinem Vater: Der Vater thut so viel / daß er für den KönigAstyagem kommt / der lässet dem Küh-Hirten mit seinem Sohn Cyro zu sich fordern; Da giebet Astyages Achtung auf dem Knaben Cyri Geberden und Gestalt (denn er ihm und seiner Tochter sehr gleich sahe) und gewinnet alsbald einen Argwohn / fragte den Küh-Hirten scharff / wo er diesen Knaben bekommen? Derselbe leugnete es nicht / sondern bekennet / er sey ihm von Harpago überantwortet: Also erfähret Astyages, daß Cyrus sein Tochter-Kind sey: Und damit er seiner loß würde / sendet er ihn in Persien nach seinen Eltern. Allda ist Cyrus so lange geblieben / biß er erwachsen. Da hat er durch Hülffe des Harpagi ein grosses Krieges-Heer zusammen gebracht / und demAstyagem bekrieget / überwunden / und ihm sein Königreich genommen. Dieser ist der grosse KönigCyrus, der Persen und Meder Monarcha: Die Ursach aber / warum Harpagus dem Astyagi untreu worden /ist diese: Dieweil Astyages des Harpagi einigen Sohn einen Knaben / tödten / und in Stücken hauen lassen solchen gekochet / dem Harpago unwissend zu essen gegeben; Und nach geschehener Mahlzeit / ihm den Kopff / die Hände und Füsse in einem Korbe lassen fürsetzen / darum daß er den Cyrum nicht hatte getödtet / sondern ihn dem Küh-Hirten überantwortet: Solche greuliche That hat Harpagus gerochen / indem [64] er den Cyrum wider den Astyagem aufgeredet / und ihm auch des Astyagis Kriegs-Heer in die Hände gegeben.


Man soll nicht alle Träume verachten / es finden sich natürliche / es finden sich offt auch göttliche Träume. Man siehet alsbald in der Jugend / was aus einem werden will. Unrechtmäßigen Befehl der Obrigkeit soll man nicht vollbringen. Mordthaten soll man nicht ungerochen lassen. Wen GOtt erhalten und erheben will / den kan kein Mensch verderben / wie klug ers auch angreiffe.

40. Welche Sprache die älteste - hat Psammetichus erkunden wollen
40. Welche Sprache die älteste / hatPsammetichus erkunden wollen.

Zu Zeiten des Königs Psammetichi war ein Streit zwischen den Egyptiern und Phrygiern / welche Sprache unter den beyden die älteste wäre? Solchen Zwiespalt zu schlichten / hat der Psammetichus angeordnet / man solte zwey junge säugende Kinder nehmen /und die in eine Wüsten hinlegen unter das Vieh / auf daß sie keines Menschen Stimmen oder Rede höreten: Und wann die aufgewachsen wären / solte man hören / was sie vor eine Sprache reden würden von sich selbsten / dieselbe würde zweiffels ohn die älteste und natürlichste seyn. Solches ist geschehen und vollbracht worden. Wie die Kinder etliche Jahr unter dem Vieh gelebet / ausserhalb und ferne von aller Menschen Gesellschafft / da hat Psammetichus etliche Männer hingesandt / zu vernehmen / was die Kinder reden würden. So bald die Kinder der Menschen ansichtig worden / haben sie geschrien: Bec, Bec, das ist so viel auf Phrygisch / als Brod / Brod. Daher derPsammetichus gesaget / die Phrygische Sprache wäre die älteste. Ich aber halte es dafür / daß der Psammetichus sey in seiner Meynung betrogen gewesen. [65] Denn weil die Kinder mit dem Vieh / als mit Ziegen /Schaafen / Böcken und dergleichen umgiengen /haben sie das Be / Be / von denselben gehöret und gelernet: Und ist ihnen solches nicht angebohren als eine natürliche Sprache. Warlich / wir Menschen haben zwar von Natur eine Stimme / wie auch die andern Thiere / aber die unterschiedliche Sprache ist uns nicht angebohren / sondern wir müssen alle Sprachen / wie sie auch seyn / aus dem Gehör haben und durch Aufmerckung erlernen. Wann ein Mensch taub gebohren wird / also / daß er andere nicht kan reden hören /der wird auch nothwendig stumm / ob er an der Zungen oder am Munde schon keinen Mangel hat. Ursache / weil er andere nicht kan hören reden / so kan er auch nicht reden lernen. Dann kein Mensch bringet einige Wissenschafft von Künsten oder Sprachen mit sich auf die Welt / sondern wir müssen alles durch Arbeit und Fleiß / durch Hören und Aufmercken lernen und begreiffen Aristoteles hat wohl und weißlich gesaget: Unsere Seele sey gleichförmig einer Schreib-Tafel / darinnen nichts geschrieben ist / kan aber allerley hinein geschrieben werden. Wann wir auf die Welt gebohren werden / wissen wir nichts von Künsten und Sprachen besondern können hernachmals alle Künste und Sprachen mit unserm Gemüthe begreiffen und lernen.


Die Menschen streiten und zancken sich offt um unnütze Dinge. Ein Mensch ist von Natur ein elendes und jämmerliches Ding.

41. Vom Sesostri und dessen Sohn Pherone
41. Vom Sesostri und dessen Sohn Pherone.

Sesostris ist ein König in Egypten gewesen / derselbe wie er mit andern Völckern Kriege führete hat seinen Bruder in Egypten zu einem Stadthalter [66] gesetzet. Wie er nun nach verrichteten Sachen wiederum in Egypten kommen / und mit seiner Gemahlin und Söhnen in einen grossen Saal gesessen / da hat sein Bruder ein groß Feuer rund um den Saal gemachet / und den Sesostrem mit allen den Seinigen verbrennen wollen. Wie nun Sesostris sich in äusserster Leibes-Gefahr gesehen / da haben zween von seinen Söhnen gesagt: Sie wolten sich lang ausgestreckt ins Feuer legen / so solte der Vater / die Mutter und die andern Kinder über ihnen / als über einer Brücke / hingehen und ihr Leben retten: Solches ist auch geschehen / und alsoSesostris mit den Seinigen errettet worden. Dieser Sesostris hatte einen Sohn / Pheron genannt / der ward König nach ihme. Es betraff ihn aber das Unglück /daß er gantz blind ward / und eilff Jahr blind bliebe. Im eilfften Jahr ward ihm vom Oraculo angedeutet /er solte wieder sehend werden / wann er sich wüsche in dem Wasser einer Frauen / welche zu keinem andern als ihrem eigenen Manne kommen wäre. Pheron hat angefangen sich zu waschen mit seiner eigenen Gemahlin Wasser / aber er ist blind blieben nach wie vor. Darnach hat er auch anderer Frauen Wasser gebraucht in grosser Menge / biß endlich eine kommen /durch welcher Wasser er ist sehend worden. Darauf hat er seine Gemahlin samt den andern Frauen / die er nicht richtig befunden / bringen lassen in die StadtErytrobulum und die Stadt mit Feuer angestecket /und alle Frauen verbrennet. Die eine aber / durch welche ihm geholffen ward, hat er wiederum zur Gemahlin genommen.


Wercke 1. wie unter Brüdern auch grosse Untreu regiere / Fratum quoque gratia rara. 2. Lerne / daß Zucht und Ehre offt wenig gewinnen wird bey denen /die sich am allermeisten der Keuschheit rühmen.

42. Des Königs Cyri unglückseliger Untergang
[67] 42. Des Königs Cyri unglückseliger Untergang.

Jene merckliche Historia ist uns vom Herodoto beschrieben / von dem mächtigen Könige Cyro, der Perser und Meder ersten Monarchen / wie derselbe so jämmerlich sein Leben geendet. Dann als der Cyrus mit der Tomyride der Massageten Koniginne kriegete / gebrauchete er sich erstlich dieser List: Er hinterließ etliche Fässer mit Wein gefüllet in seinem Lager / und wiche mit seinem Volck etwas von dannen: Da kamen die Barbaren / welche niemals Wein getruncken / und soffen sich voll / und unter denselben auch der Tomyridis Sohn. Wie nun die Massageten gantz voll und truncken / und theils nicht stehen konten / zum Theil mit Schlaff überfallen waren / da hat sie Cyrus alle erleget / und der Tomyridis Sohn gefangen genommen / welcher / wie er den Rausch ausgeschlaffen / ihm selber das Gewehr in Leib gestossen und sich getödtet. Solches ist der Tomyridi zu Ohren kommen. Diese hat sich mit ihrem Volcke gestärcket und in einer grausamen Schlacht den Cyrum mit aller seiner Macht erleget und getödtet: Folgends auch unter den erschlagenen Cörpern den Cyrum herfür suchen /ihme den Kopff abhauen und einen ledern Sack mit Blut füllen lassen / in welchen sie des Cyri Haupt gestossen / darauf mit Füssen getreten / und gesagt Du / Cyre, hast meinen Sohn und mein Volck nicht mit Redlichkeit / sondern mit List überwunden und getödtet: Dich hat allezeit sehr gedürstet nach Blut. Siehe da / ich erfülle dich mit Blute: Sauff jetzum des Blutes so viel du kanst. Also hat Cyrus ein jämmerliches[68] Ende genommen / und ist nach ihm König worden sein Sohn Cambyses.


Siehe / so seynd die Weiber nicht weniger grausam und tyrannisch als Männer. Man soll redlich fechten und handeln / so wird einem redlich gelohnet. Tyrannen sterben selten eines guten Todes.

43. Des Herculis Leben und grosse Thaten
43. Des Herculis Leben und grosse Thaten.

Es hat niemals ein Mann gelebet / der so grosse Ehre und unsterbliches Lob durch seine Tapfferkeit und grosse Leibes-Stärcke erlanget / als der Hercules. Denn wie derselbe erstlich auf die Welt kommen /und kaum eines Tages alt gewesen / seynd zwo grosse Schlangen zu seiner Wiegen gekrochen / die ihn umbringen wollen: Diese hat er in beyde Hände genommen / und zu tode gedruckt. Wie er erwachsen / ist er noch eins so groß worden als andere Menschen: Hat drey Reihen Zähne im Munde gehabt. Wie er ein Knabe gewesen von 14. Jahren / ist er in den WaldMemeam gelauffen / hat einen grossen unüberwindlichen Löwen beym Kopffe genommen / und denselben in Stücke zerrissen. Dieses Löwen Haut hat er hernachmals allezeit um seinen Leib getragen als ein Kleid. Bald darnach ist er kommen zu dem Thespio, Könige in Bæotien, der hatte funfftzig Töchter / welche Hercules in einer Nacht alle schwanger gemacht /also / daß jegliche einen Sohn gebohren. Wie das geschehen / ist er hingangen zu der Hydra Lernæa, davon an andern Orte etwas gesaget / und hat dieselbe auch umgebracht. Darnach hat er das ungeheure Grimantische wilde Schwein (welches gantze Länder verwüstet / und trefflich viel Leute ermordet) aus dem Wege geräumet und gefället. Es war auch ein König[69] in Elide, Augias geheissen / der hatte in einem Stalle stehen drey tausend Ochsen / der befahl dem Herculi, er solte in einem Tage allen Mist aus dem Stalle bringen / (dessen denn ein sehr grosser Hauffe war /) welches Hercules auch gethan. Ferner war in Hispania ein König Geryon, der hatte drey Leiber / dabeneben einen Hund mit zween Köpffen / und einen Drachen /der Feuer speyete: Diese beyde hat Hercules auf einen Tag todt gemacht. Wie Hercules aus Spanien in Africam reisete / traff er unter Weges an den erschrecklichen Riesen Antæum, dessen Länge oder Höhe war 64. Ellen / und hätte solche Natur / wann er auf die Erden zu liegen kam / so ward er noch eins so starck /als er zuvor gewesen / den ergriff Hercules, warff ihn etlichemal zur Erden / er aber ward allezeit stärcker. Wie das Hercules merckte / nahm er ihn in beyde Hände / hielt ihn in die Höhe / und druckte ihn starck und steiff / daß er starb. Unzehlich viel andere Thaten hat Hercules verrichtet. Daher ist er genennet wordenMonstrorum domitor. Letzlichen ist er nach der Höllen gelauffen / und hat den dreyköpffigen Feuerspeyenden Höllen-Hund Cerberum getödtet. Als er aus der Höllen wieder kommen / hat er die Omphalem /eine Weibes Person / lieb gewonnen / also / daß er auf ihren Befehl Frauen-Kleider angezogen / und ihr zu Gefallen unter andern ihren Mägden gesessen und gesponnen. Vom Hercule seynd viel Sprichwörter genommen / als Herculeus labor, das ist: Schwere Arbeit: Ne Hercules adversus duos: Auch dieses:Augiæ stabulum. Wird verstanden von einer schweren unsaubern Arbeit. Item / Hercules servivit Omphalæ, wann einer [70] sich den Weibs-Personen allzusehr unterthänig machet.


Man findet zuweilen bey Menschen übernatürliche Stärcke. Niemand verlasse sich auf seine Stärcke / es kan gar leicht ein Stärckerer über ihn kommen und ihm seinen Muth brechen. Die Christen solten auch starck seyn in dem HErrn / und der Welt Meister spielen / siehe / so dienen sie einem schnöden Weibe / nemlich den Lüsten des Fleisches.

44. Wunderlicher Diebstahl zur Zeiten des Königs Rampsiniti
44. Wunderlicher Diebstahl zur Zeiten des Königs Rampsiniti.

Eine seltzame Historie erzehlet Herodotus von einem listigen Diebe auf folgende Art: Der König Rampsinitus in Egypten hat mehr Baarschafft an Gold und Silber gehabt / als jemals ein König für ihm. Aber daß er nun diesen Schatz desto sicherer und besser behalten möchte / hat er einen neuen tiefen Thurn bauen lassen / und das Gold und Silber hinein gelegt. Der Baumeister aber hat in der Mauer einen Stein / den er ausnehmen und einsetzen können / daß es niemand gemercket / loß gelassen: Durch das Stein-Loch ist er in den Thurn gestiegen / so offt er gewolt und hat heraus genommen an Golde / was ihn gelüstet. Wie der Meister sterben wollen / hat er solche Heimlichkeit seinen zween Söhnen offenbahret / die auch ebener massen /als ihr Vater / durch den verborgenen Gang in den Thurn gestiegen / und nach ihren Lüsten daraus genommen. Der König Rampsinirus hat gemercket /daß sein Schatz in Thurn sich verringerte / und weil er keinen Gang finden kunte / hat er heimliche Stricke geleget. Die zween Brüder steigen des Nachts wieder in den Thurn / und wird der eine in den Stricken gefangen: Damit aber nicht offenbar würde / wer er wäre / hat der andere Bruder [71] dem Gefangenen den Kopff und eine Hand abgeschnitten / mit sich weggenommen und das Loch wieder zugemachet. Folgendes Tages läst der König den Cörper auf eine Mauer an den Galgen hencken / hoffend / die / welchen er verwand / und die daran Schuld hätten / würden sich nicht bergen können: Der überbliebene Bruder hat indeß seinen Bruder gern vom Galgen erlösen wollen / und derhalben diese List erdacht: Er hat ein Fuder Wein den Galgen vorbey geführet / und sich gestellet als lieff ihm der Wein aus / die Hüter des Galgens und des Aufgehenckten sind zugelauffen / diese hat er lassen allen Wein austrincken / davon sie truncken und mit Schlaff überfallen worden: Er aber indeß seinen gehenckten Bruder vom Galgen genommen / nach Hause getragen und begraben. Der König hierüber aus der massen sich verwundernd / hat seiner Tochter anbefohlen / sie solte bey allen Männern schlaffen /nur darum / daß sie ausforschen möchte / wer solche That begangen. Der Thäter ist auch zu der Tochter kommen / hat bey ihr geschlaffen / und auf ihr hartes Begehren bekennet / daß er wäre in den Thurm gestiegen / seinem Bruder den Kopff abgehauen / und ihn auch vom Galgen weggenommen hätte: Es hatte aber dieser / ehe er zu des Königes Tochter gegangen / mit sich genommen seines todten Bruder Hand: Wie nun die Tochter nach bekandter Sachen ihn ergreiffen und bey der Hand fest halten wollen / hat er ihr die abgehauene todte Hand fürgeschoben die sie auch ergriffen / er aber ist davon gelauffen. Der König Rampsinitus sich noch mehr verwundernde / und denselben / der so spitzfindig gewesen / hochhaltende hat öffentlich ausruffen lassen / wer solches gethan [72] solte sich zu erkennen geben / er solte nicht gestrafft werden / sondern des Königs Tochter zum Weibe haben / und hernach König werden. Auf diese Zusage ist der Thäter hingegangen und hat sich angemeldet: Deme der König /was er versprochen und zugesaget / gehalten / und ihme die Tochter gegeben / wie nicht weniger nach seinem Tode das Königreich aufgetragen.


Einem gelinget zwar bißweilen seine List und Bubenstück; es ist übel darauf zu trauen.

45. Syloson verehrete Dario einen Purpur-Mantel
45. Syloson verehrete Dario einen Purpur-Mantel.

Für diesem ist gemeldet / daß der glückselige Polycrates einen Bruder gehabt / mit Nahmen Syloson, welchen er ins Elend verjagt / auf daß er allein könte herrschen zu Samus. Dieser Syloson ist einmal auf den Marckte zu Memphis spatzieren gangen / und hat an oder um gehabt einen rothen Purpur-Mantel. Da hat Darius, damals noch ein Trabant und Diener des Persischen Königs Cambyses, sich zum Sylosonti verfüget / grosse Lust zu dem rothen Mantel bekommen / und den Sylosontem gefraget / ob er den Mantel verkauffen wolte / und wie theuer? Syloson hat geantwortet: Lieber Gast / dieser Mantel ist mir zwar nicht feil / wo du ihn aber tragen und nimmer von dir kommen lassen wilst / so will ich ihn dir verehren: Darius hat frölich den Mantel genommen. Hernacher aber /als Darius König worden / und Syloson von seinem Bruder Polycrate ins Elend verjagt gewesen / ist Syloson hingereiset zum Dario, und hat auf die Schwelle des Königlichen Hauses sich nieder gesetzet / [73] und dem Könige ansagen lassen: Es wäre allda ein Mann aus Gräcia / der hätte sich wohl verdient gemacht um den König. Solches ward dem Könige angemeldet /der sprach mit Verwunderung: Wer ist der unter den Griechen / der den mächtigen Monarchen Dario solt haben Freundschafft und Wohlthaten bezeiget? Ließ darauf den Sylosontem zu sich führen: Der erinnerte und erzehlete ihm die geschehene Sache mit dem rothen Mantel. Da sprach Darius: O du redlicher Mann / hastu mir / da ich noch nicht König war / eine so liebe / ob wol schlechte Sache / verehret / was soltestu jetzt wol thun / nun ich König bin? Ich will dir wiederum Gold und Silber schencken / so viel du dessen begehrest. Syloson antwortete: O König / Gold oder Silber begehr ich nicht von dir / sondern gib mir nur wieder meine väterliche Stadt Samum, daraus ich von meinem Bruder Polycrate vertrieben bin. Alsobald hat Darius ein Kriegs-Heer hingesandt / und die Stadt Samum dem Sylosonti wieder erobert.


Wohlthaten an redlichen Leuten erwiesen / werden nicht vergessen: Danckbarkeit ist eine schöne Tugend /zieret das Alter und die Jugend.

46. Geschwinde listige Kriegs-Räncke etlicher Tyrannen
46. Geschwinde listige Kriegs-Räncke etlicher Tyrannen.

Tarquinius Superbus ist gewesen einer von den hoffärtigsten und grausamsten Königen zu Rom. Der hat einen Sohn gehabt / Tarquinius Collatinus geheissen / welcher die ehrliche Frau Lucretiam mit Gewalt zu seinem unehrlichen Willen gebracht; Darum denn Lucretia sich selber erstochen / und der König Tarquinius mit den Seinen aus Rom vertrieben / auch nach ihm kein König mehr erwehlet worden.

[74] Von diesen beyden Tarquiniis erzehlen die Historien-Schreiber / daß / als der Vater dem abwesenden Sohne verständigen und befehlen wollen / er solte die fürnehmsten Häupter der Gabiorum tödten lassen /und aber solches nicht durffte dem Schreiber vertrauen / vielweniger einen Boten mündlich und offenbar befehlen: Er einen seiner Diener zu sich genommen /und sey in den Garten gegangen / habe mit einem Stecken alle den hohen Mohn die Mohn-Häupter stillschweigend abgeschlagen / und hiemit den Diener zu seinem Sohn verreisen lassen. Derselbe / wie er zu dem jungen Tarquinio kommen / hat berichtet / was der Vater im Garten gethan. Der Sohn / so alsbald des Vaters Willen gemercket / hat die fürnehmsten Gabios köpffen lassen.

Auf dieselbige Art / doch durch andere Mittel / hat auch Histiæus die Miletenser zum Aufruhr und Abfall vom Könige Dario vermahnet und angereitzet: Histiæus hat einem seiner Diener den Kopff lassen gar kahl machen / und das Haar glat abscheren / auf den kahlen Kopff aber mit spitzigen Eisen gewisse Figuren geritzet / und folgends den Diener so lange bey sich behalten / biß die Haar ihm wieder gewachsen. Wie das geschehen / hat er ihn nach Miletum gesandt / an den Aristagoram Millesium und ihm sagen lassen / er solte diesem das Haar abscheren / und besehen / was darinnen verborgen. Das hat Aristagoras gethan / und ist durch solch Stratagema vergewissert der Miletenser halber / haben sich zusammen gerottet / und seynd gegen den Darium aufrürisch worden. Diese Historie ist vom Herodoto beschrieben / wie dann auch die folgende selbiges Inhalts:

[75] Periander war ein Tyrann zu Corintho, und Thrasybulus ein Tyrann zu Mileto. Einsmals sandte Periander einen Boten zum Thrasybulo, ihn zu fragen /wie er am besten könte seine Regierung bestätigen?Thrasybulus hat den Boten mit sich aufs Feld genommen / ins reiffe Korn geführet / und mit einem Stecken die längsten und obenaus stehenden Aehren niedergeschlagen / auch dem Boten keinen andern Bescheid gegeben / sondern ihn hiemit von sich gelassen. Der Bote / wie er wieder heimkommen / hat dem Periandro erzehlet / was Thrasybulus beym Korn gethan: Woraus der Periander des Thrasybuli Meynung verstanden / und die Fürnehmsten der Stadt Corintho aus dem Wege geräumet.

Das ist der Tyrannen Art / was sie nicht öffentlich thun dürften / das verrichten sie heimlicher Weise durch List.

47. Durch des Zopyri Treu und Kühnheit erobert Darius die Stadt Babylon
47. Durch des Zopyri Treu und Kühnheit erobert Darius die Stadt Babylon.

Die Stadt Babylon ward vom Könige Dario belägert darum / daß die Einwohner ihm waren abtrünnig worden. Dieselben hatten sich aber sehr wol fürgesehen mit Proviant / und damit ihnen der nicht mangeln möchte / hatten sie zuvor alle ihre Weibes-Personen mit Stricken erwürget / wenig ausgenommen / die ihnen Brodt backen könten. Als nun Darius 19. Monat dafür gelegen / haben die Babylonier aus der Stadt geruffen: O ihr Perser! was verharret ihr doch allhier? Ehe werdet ihr unsere Stadt nicht gewinnen /ehe dann ein Maul-Esel gebähren wird. (Die Maul-Esel sind alle in ihren Geschlechten unfruchtbar.) Was geschicht? Kurtz hernach gebiehret [76] des Zopyri Maul ein Füllen. Dieser Zopyrus war einer von den fürnehmsten Räthen und Freunden Darii. Welcher hierdurch in seinem Hertzen ist gewiß worden / daß nunmehr Babylon solte gewonnen werden. Er thät aber eine wunderliche unerhörte That: Seine beyde Ohren / Nase und Lefftzen schneidet er sich selber ab: Gehet zum Dario, sagt er wolle ihm die Stadt in die Hände lieffern / er solte nur nach 10. Tagen tausend Soldaten für die Stadt schicken / und dann über 10. Tage abermal zwey tausend: Er aber / Zopyrus laufft also verwundet nach der Stadt Babylon: Wird von denen Bürgern ergriffen. Diesen klagt er / wie Darius ihn also zerstümmelt / und so gar tyrannisch mit ihm umgegangen. Die Babylonier glaubten seinen Worten. Zehen Tage hernach kamen die tausend Soldaten desDarii vor die Stadt / Zopyrus begehret / man soll ihn auslassen / er wolte mit den Soldaten fechten / nimmet etliche aus der Stadt zu sich / und erschlägt die tausend Männer: Durch diese That hat der Zopyrus in der Stadt groß Lob und Macht bekommen. Nach zehen Tagen kommen auch die zwey tausend Personen / diese erschlägt Zopyrus gleicher massen. Als nun die Babylonier sehen / daß Zopyrus so für sie streitet / vermeynen sie / er thue es aus getreuen Hertzen / und übergeben ihm die Schlüssel der Stadt und alle Gewalt: Endlich aber bricht Darius mit seinem Kriegs-Heer selber auf / und kömmt persönlich vor Babylon. (Zopyrus hatte es also mit ihm abgeredet:) Da zeucht Zopyrus mit der Babylonier Heer ihm entgegen / und liefert ihm nicht allein das Volck in die Hände / welches vom Dario erschlagen ward / sondern führet ihn auch in die Stadt. Also [77] ward Babylon die grosse Stadt vom Dario, durch Hülffe des Zopyri erobert und gewonnen.


Ist ein Exempel eines treuen Dieners. Süssen Worten soll man nicht allezeit trauen.

48. Des Psammeniti Beständigkeit im Unglück
48. Des Psammeniti Beständigkeit im Unglück.

Als der Perser König / Cambyses, die grosse StadtMemphim belagert / und nachmals auch erobert hatte / da hat er den Psammenitum König in Egypten / mit seinen Kindern / und viel tausend andern Personen /jung und alt gefangen genommen Psammenitum und etliche andere Egyptier aber hat er in die Vorstadt gesandt / und auf folgende Art ihr Herz erfahren wollen:

Erstlich hat er des Psammeniti Tochter mit Königlichen Kleidern angethan / in der Hand einen Eymer tragend / hingesandt Wasser zu holen / und ebenermassen mit ihr viel Jungfrauen / der andern Egyptier Töchter: Wie diese alle für ihren Eltern seynd fürüber gangen / haben sowol die Töchter / als die Eltern überlaut geheulet und geweinet / ausgenommenPsammenitu ist mit niedergeschlagenen Augen still gestanden. Bald hernach hat Cambyses gleicher massen lassen herkommen des Psammeniti Sohn / deme die Hände mit Stricken gebunden / um den Hals einen Strick / und im Munde einen Zaum und Gebiß habende / und mit ihm 2000. der Egyptier Knaben gleiches Alters. Wie diese auch für ihren Eltern fürüber gangen / haben sie beyde die Alten und Kinder sehr zu weinen und schreyen angefangen: Aber Psammenitus hat still geschwiegen die Augen abermal nach der Erden kehrend; Wie das geschehen / ist auch fürüber geführet worden ein alter [78] greißgrauer Mann / desPsammeniti guter Freund und Zech-Bruder / als diesen der Psammenitus gesehen / hat er nicht wie zuvor still geschwiegen / sondern überlaut und jämmerlich zu weinen angefangen. Solches ist dem Könige Cambysi hinterbracht: Der hat hingeschickt / und um die Ursach solches Weinens den Psammenitum fragen lassen. Nemlich / warum er nicht vielmehr geweinet über seine junge Kinder / sondern nur allein um diesen alten Mann / der doch nicht lange mehr leben könte / und ihm nicht befreundet wäre? Da hat Psammenitus geantwortet: Saget dem Könige Cambysi; Domestica mala esse majora lachrymis: Eigen Unglück an den Kindern erleben / sey grösser / als daß es mit Thränen könte gnugsam beweinet werden. Solche Antwort hat dem Cambysi sehr wohl gefallen: Und derhalben befohlen / daß man des Psammeniti Sohn solte beym Leben lassen: Aber er war schon mit dem Schwerdte getödtet. Darauf hat Cambyses denPsammenitum zu sich bringen lassen / und ihn bey sich behalten in grossen Ehren / so lange er gelebet.

1. Im Creutz und Unglück soll man standhafftig seyn. 2. Die Liebe zwischen den Eltern und Kindern ist über die Massen groß. 3. Kein grösser Hertzeleid kan Eltern widerfahren / als wann sie sehen / daß es ihren Kindern schmertzlich und übel gehet.

49. Gygis Ring von wunderbarer Krafft
49. Gygis Ring von wunderbarer Krafft.

Der Philosophus Plato schreibet in seinen andern Buche de Republic eine solche Historiam vom Gyge.

Gyges war ein Schaaf-Hirte in Lydia. Wie derselbe auf dem Felde einsmals seiner Schaafe wartete / da erreget sich unverhofft ein groß Ungewitter mit Donner / [79] Blitz und Platz-Regen / also / daß durch ein Erdbeben die Erde sich aufthät und zerspaltete / und eine grosse Klufft oder Höle in derselben ward. Gyges hat sich erkühnet / und ist in die Höle gegangen / darinnen er sehr viel seltzame Wunder-Dinge gesehen /und unter andern ein grosses Pferd von Ertz gemachet / welches inwendig hohl war: In dieses Pferds Seiten war ein Fenster / dadurch Gyges ins Pferd hinein gesehen / und ist gewahr worden eines verstorbenen grossen darin verschlossenen männlichen todten Cörpers / gantz nackend ohne einige Zierath / ausgenommen einen Ring am Finger habend: Denselben Ring hatGyges dem todten Cörper abgezogen / und ist damit weggegangen. Indem aber Gyges diesen Ring an seinem Finger träget / wird er gewahr / daß er unsichtbar wird / und daß keiner von den Umstehenden vermercket / daß er gegenwärtig sey. Hat demnach des Ringes Krafft besser probiret und in acht genommen /auch befunden daß / so offt er den edlen Stein des Ringes gegen seinen Leib kehrete / er unsichtbar wurde / so offt er ihn aber von seinem Leibe kehrete /wieder sichtbar wurde. Hernach hat er sich an den Hof des Königs der Lydie verfüget / sich / so offt er gewolt / unsichtbar gemacht bey der Königin geschlaffen / den König endlich selber umgebracht / und die Königin hinwieder gefreyet / und ist also aus einem Schaaf-Hirten durch Hülffe dieses Ringes / ein König worden. Daher ist das Sprichwort kommen: Er hat Gygis Ring / welches von einem glückseligen Menschen / der alles / was er nur wünschet / erlangen kan / gesaget wird.

Unsichtbar machen ist weder in der Natur / noch in menschliche Kunst. Der Teuffel ists / welcher seine Kunst in seinen Diener practiciret. [80] Der Christen Ring ist die Gnade GOttes in Christo JEsu / die in ihrem Hertzen durch den Heiligen Geist versiegelt wird. Dann wann sie die haben / haben sie alles /was sie nur wünschen mögen / etc.

50. Unterschiedliche Zünffte der alten Philosophen
50. Unterschiedliche Zünffte der altenPhilosophen.

Unter allen Ständen und Secten der weisen Männer /die man Philosophos nennet / seynd die nachfolgenden fünffe die Fürnehmsten gewesen.

1. Die ersten und ältesten seynd die Pythagoræi, deren Haupt gewesen Pythagoras, ein Mann von solcher Weißheit und Ansehen / daß alles / was er gesagt / von seinen Schülern aufgenommen / als wanns GOtt selber geredet hätte. Man hat auch nicht gefraget warum? Sondern sie haben alles vertheidigt mit dem Worte ἀυτὸς ἔφα: Er hats gesagt. Es haben aber desPythagoræ Schüler fürs erste fünff gantzer Jahr stillschweigen / und nichts reden oder fragen / sondern allein zuhören müssen. Dieses haben sie geheissen έχεμυϑἰαν, oder silentium Pythagoræum quinquennale.

2. Hernach folgen die Academici, deren Haupt gewesen Plato, welcher zu Athen / an einem Ort Academia geheissen / gelehret: Daher sie / diese Philosophi, ihren Nahmen bekommen. Der Plato aber / wie er 81. Jahr alt gewesen / ist / indem er gegessen und geschrieben / gestorben.

3. Die Peripatetici haben ihren Anfang vom Aristotele. Es war aber Aristoteles ein Schüler des Platonis, und ward hernach Præceptor des grossen Alexandri, Aristoteles, wann er lase / oder seine Zuhörer [81] unterwiese / gieng allezeit spatzieren / und verrichtete also seine Profession im gehen: Daher er genennet ward πέιπατητικὸς, das ist Spatzierer und seine Discipuli, Peripatetici. Als dem Könige Philippo Allexander gebohren ward / hat Philippus gesagt: Er schätzte sich glückselig / nicht so sehr darum / daß ihm Alexander gebohren wäre / als daß er zur Zeit des Aristotelis gebohren wäre. Und wie Alexander vom Aristotele in aller Weißheit unterrichtet ward / hat Alexander gesagt: Er wisse dem Aristoteli viel grössern Danck / als seinem eigenen Vater: Dann von seinem Vater habe er nur bloß das Leben / aber vom Aristotele habe er / daß er ein vernünfftiger weiser König wäre.

4. Die Stoici haben zum Haupt gehabt Zenonem. Der hat gelehrt an einem Orte / genannt Stoa: Davon die Stoici ihren Nahmen haben. Unter allen Philosophen sind keine so nahe kommen dem wahren Christenthum / als diese. Dann sie haben gesagt: Der Leib wäre nichts: Vielweniger die leiblichen Güter: Sondern der Mensch und dessen Vollkommenheit bestehe in der Seelen / und deren Tugend; Die Stoici haben sich beflissen frey und ledig zu seyn von allenAffecten. Sie haben nicht gezürnet: Nichts gefürchtet; Sich nimmer betrübet um irrdische Dinge: Keine Schmertzen des Leibes geachtet: Das Gold und den Reichthum für gelben Dreck gehalten. Summa: Sie haben sich einig und allein beflissen / ihre Gemüther mit Tugend und Weißheit begabt zu machen.

5. Die letzten sind gewesen die Epicuræi. Ihr Nahmen und Ursprung haben sie vom Epicuro. Diese seynd den Stoicis gantz zuwider gewesen: Haben für ihr höchstes Gut gehalten die Wollüste des Leibes:[82] Nichts anders gethan / als gegessen / getruncken / geschlaffen: Das Gemüthe aber und die Seele nichts geachtet: Noch sich um einige Tugend oder Weißheit bekümmert. Daher sie auch genennet worden / Epicuri de grege porci.

So mancher Kopff / so mancher Sinn. Darum soll man wohl zusehen / wessen Meynung man bestimme / dann viele lehren / was ihnen im Sinn kömmet.

51. Vier Monarchien der Welt
51. Vier Monarchien der Welt.

Monarchia wird genennet ein solch Regiment / darinnen eine Person das oberste Haupt ist / dem alle andere unterthänig seyn / es sey ein Käyser oder König. Nun solcher Monarchien seynd auf der Welt in allem Viere gewesen.

Die erste ist der Assyrer und Chaldäer oder Babylonier / deren erster Anfänger gewesen der Ninus und seine Hauß-Frau Semiramis, welche die Stadt Babylon aufbauen lassen. Einer von den letzten Königen dieser ersten Monarchiæ war der weibische Sardanapalus, welcher von den Medern ist getödtet worden /und also der Assyrer Monarchia an die Meder kommen.

Die andere Monarchia ist gewesen der Meder und Perser / deren fürnehmster Herrscher Cyrus Major. Nachdem dieser auch jämmerlich umkommen / und seine Nachkömmlinge / nemlich erst Astyages, hernach Darius, eine Zeitlang geherrschet / seynd sie endlich auch alle ausgerottet / und ist der letztere König der Perser / Darius Codomannus, vom Alexandro Magno überwunden / und also der PerserMonarchia an die Griechen gebracht worden.

Die dritte Monarchia ist gewesen der Griechen. [83] Ihr Haupt war Alexander der Grosse / welcher nicht allein den Darium, und die Perser und Meder überwunden / sondern auch bey nahe gantze Welt unter seine Macht gebracht. Alexander aber ist sehr jung gestorben / und von ihm die Monarchia auf die Römer kommen.

Die vierdte und letzte Monarchia ist gewesen die Römer / und ist eben dasselbe Römische Reich / in welchem wir Teutschen leben. Für diesem hat das Griechenland auch darzu gehöret: Jetzt aber hat der Türckische Käyser solches eingenommen / und dem Römischen Reiche abgeschnitten: Darum dann noch heute diesen Tag der Römische Käyser und die teutsche Nation den Krieg wider den Türcken führet. Wie dann auch das die Ursach ist, warum das Römische Wapen / der Adler / zwar einen Leib / aber ein zertheilten und zweyfachen Kopff führet: Dienzwey Häupter das Reich inhaben / der Römische Käyser und der Türckische. Dieser vierdten Römischen Monarchien erster Anfänger ist gewesen Cajus Julius Cæsar; der jetzt regierende Käyser aber ist Carolus.

Es ist nichts beständigs auf dieser Welt. Das eine gehet weiter / das andere kommt wieder empor und hervor.

52. Exempel einer wahren getreuen Freundschafft zwischen Damon und Pythia
52. Exempel einer wahren getreuen Freundschafft zwischen Damon und Pythia.

Was und wie viel die wahre unverfälschte Freundschafft vermöge / ist zu ersehen aus folgender Historia von Cicerone im dritten Buche Officiis, und vomValerio Maximo erzehlet:

Damon und Pythias waren zween Jünglinge Pythagorischen Secten zugethan; Die hielten so grosse[84] Freundschafft mit einander / daß es schiene / nur eine Seele / ein Gemüthe / ein Wille zu seyn in zweyen Leibern. Zu den Zeiten lebte der grausame TyrannDionysius, der / ich weiß nicht aus was Ursachen /den Damonem zum Tode verurtheilete / und einen gewissen Tag ansetzete / an welchem er sterben solte.Damon, wie er merckte / daß er sterben müste / bat den Tyrannen / er möchte ihn hinreisen lassen nach seinen Eltern / da hätte er so nothwendige Sachen zu verrichten / die er keinen andern vertrauen oder anbefehlen könte. Und gelobete ihm / er wolte nicht allein gegen denselben Tag / darinn er sterben solte / gewißlich wieder kommen / und sich darstellen / sondern auch unterdessen seinen vertrauten Freund / Pythiam, an seine Stelle verlassen / und ihn zum Pfande setzen. Dionysius war hiemit zufrieden / ließ den Damonem ziehen: Pythias stellete sich willig für seinen Freund den Damonem ins Gefängniß / sich nicht weigernd auch für ihn zu sterben. O welch ein groß Vertrauen und getreue Brüderschafft! Der Tag des Urtheils kam herbey / darinn Damon sterben solte. Er blieb aber noch zur Zeit aus. Hierum bekümmerte sich Pythias gantz nicht / sondern wie der Tyrann Dionysius befahl / man solte Pythiam an statt des Damonis tödten / da ist er willig und gutes Muths zum Tode gegangen / nur daß er seinen Freund Damonem beym Leben erhielte. Aber siehe abermal ein Exempel der Brüderlichen Treue: Als Pythias solte niedersitzen / und sich das Haupt wegschlagen lassen / da kömmt Damon zugelauffen / schreyend er sey allda / man solte denPythiam leben lassen. Diese Sache ist für den Dionysium kommen / der hat sich über die massen verwundert über dieser Treu und [85] Freundschafft: Und dieses getreue paar Freunde nicht allein frey und ledig gelassen / sondern auch gebeten / sie möchten ihn zum dritten Mann und Freund zu ihrer Gesellschafft nehmen.

Wol dem / der einen solchen Freund hat. Freunde in der Noth / Freunde im Todt / seynd ein köstliches Kleinod.

53. Liebe und Treue zweyer Brüder gegen ihr Vaterland
53. Liebe und Treue zweyer Brüder gegen ihr Vaterland.

Folgende Historiam beschreibet Valerius Maximus im 5. Buche.

Carthago und Cyrene waren zwo Städte nicht ferne von einander gelegen; Dahero es sich zu trug /daß sie in Streit und Zwiespalt geriethen / wegen der Gräntze ihrer Aecker. Sie wurden aber den Sachen also eins / daß auf einen Tag / in einer angestimmten Morgen-Stunde / aus jeglicher Stadt zweene Jünglinge zugleich solten anfangen auszugehen. Und wo dieselben zusammen kommen / und einander begegnen würden / allda solten die gemeinen Gräntzen und Scheidungen beyder Städte seyn. Wie der Tag heran kommen / fiengen der Carthaginenser Jünglingen (welche 2. Brüder waren / Phileni genannt /) nicht redlicher / sondern betrüglicher Weise an / früher oder zeitiger auszugehen / als angeordnet war / auf daß sie ihre Stadt-Gräntze desto weiter möchten aussetzen. Die Cyrener Jünglinge aber handelten aufrichtig / und fiengen an zu gehen recht auf die bestimmte Zeit. Wie beyderseits Jünglinge nun zusammen kamen / da merckten alsbald die Cyrener / daß die Carthaginenser nicht hätten aufrichtig gehandelt / und nach vielem disputiren sprachen sie endlich aus Ungedult: Als dann [86] würden an dem Ort die Gräntzen seyn / wann die Phileni sich allda würden lebendig begraben lassen: Anzudeuten / daß solches unmüglich wäre / und nimmermehr geschehen würde. Die beyden Brüder aber dachten sich einen ewigen Nahmen zu machen /besonnen sich nicht lange / sondern liessen alsobald auf derselben Stätte sich lebendig begraben / und gönneten ihrem Vaterlande viel lieber / als ihrem eigenen Leben ein langes Ziel / nur einen unsterblichen Nahmen und ewiges Lob dadurch zu erlangen. Warlich /Carthago ist schon längst zu Staub und Asche worden: Aber dieser beyder Carthaginenser Brüder Ruhm bleibet und floriret noch heut zu Tage.

Wo findet man jetzo solche Treu? Man muß billich Gut und Blut vor sein Vaterland wagen: Aber wann es nur um eine Hand voll Erde ist / soll man sein Leben höher halten.

54. Wie die neue Welt durch Columbum erstlich entdecket worden
54. Wie die neue Welt durch Columbum erstlich entdecket worden.

Die gantze runde Kugel des Erd-Kreises von Wasser und Erde zusammen gesetzet / wird getheilet in die alte und neue Welt. Die alte Welt ist dieselbige / in welcher wir wohnen: Begreifft in sich Europam, liegend nach dem Norden oder Mitternacht: Asiam, nach dem Osten oder Aufgange: Africam, nach dem Mittage oder Süden; Die neue Welt / genannt America, lieget nach dem Westen oder Niedergang der Sonnen. Und ist zwar vom Anfang der Erschaffung eben so wol / als die alte Welt gewesen; Aber uns in der alten Welt wohnenden nicht ehe bekant worden / als ohngefehr vor hundert und vier und funfftzig Jahren. Mit der Erfindung ist es also zugegangen:

[87] Christophorus Columbus, bürtig aus Genua in Italien / ein erfahrner und gelehrter Naturkündiger / da er in Hispanien an der West-See offtmahls spatziren gieng / ward er gewahr / daß zu gewissen Zeiten des Jahrs aus dem Meer vom Westen oder Niedergang der Sonnen starcke und langwährende Winde weheten. Nun wuste er wol aus der Natur / daß alle Winde ihren ersten Ursprung aus der Erden hätten. Derhalben muthmassete er und vergewisserte sich in seinem Hertzen / daß nach dem Niedergange der Sonnen über die grosse See ferner hin ein Land seyn müste / daraus die Winde kämen. Hat sich auch fürgenommen / wenn er nur nothwendige Mittel haben möchte / solch unbekandtes Land zu suchen. Ist hierauf an unterschiedener Könige und Potentaten Höfe gereiset / seine Meynung / von Suchung einer neuen Welt / angegeben /Schiffe / Volck / und andere Nothdurfft darzu begehret; Ist aber von allen ausgelachet / und als ein närrischer Mensch verstossen worden: Biß endlich der König in Castilien sich überreden lassen: Derselbe hat dem Columbo Schiffe und andere Nothdurfft dargereichet. Ist also Columbus im Jahr 1492. von Spanien nach dem Untergang der Sonnen zu ausgefahren. Da er aber viel Tage gefahren / und doch kein Erdreich gefunden / und unterdessen aller Proviant von Essen und Trincken / ihme und seinen Mitgesellen nunmehr zu mangeln begunte; Da haben die Schiff-Bursche angefangen wider der Columbum zu murren und zu schelten / ihn für einen Verräther ausgeruffen: Auch befohlen / er solte alsbald wiederkehren / oder sie wolten ihn in die See werffen. Columbus, sich in solcher Gefahr sehend / hat sein [88] Gefehrten und Schiffer gebeten / sie möchten doch nur noch 3. Tage verharren: Wo sie unterdessen nicht würden Land finden / wolte er mit ihnen wieder zurücke fahren. Solches hat er endlich mit grossem Bitten von ihnen erlanget. Zwey Tage waren schon vorbey / und sie sahen noch kein Land. Da war Columbus etwas traurig: Ließ sichs doch nicht mercken / sondern sprach seinen Gefehrten ein Hertz zu / und versicherte sie / ehe der morgende Tag würde vorbey seyn / solten sie durch GOttes Hülffe Land sehen. Wie die Nacht nun heran kommen / und Columbus unten im Schiff saß / da steiget einer von den Schiffer-Jungen oben auf den Mastbaum / siehet um sich her / und fänget an zu schreyen: Feuer / Feuer: Ich sehe Feuer: Da kommen sie alle zugelauffen / fassen einen Muth / und thun so viel / daß sie kurtz hernach ans Land kommen / nemlich an die Insuln disseits America gelegen. Denn Columbus ist nicht an das feste Land America kommen /sondern Americus Vesputius, von welchem hernach diese Welt ihren Nahmen erhalten. Wie sie nun zu Lande angelanget / da fallen alle Leute / so im Schiffe gewesen / auf die Knie / bitten Columbum um Verzeihung / und beten ihn als einen Gott an. Columbus läst alsbald von Holtz ein Creutz machen / richtet dasselbe auf an dem Ort / da sie erst angelanget / zum Gedächtniß des gecreutzigten Christi. Also seynd An. 1492. die Insulen der neuen Welt / Hispaniola, Cuba, Jamaica durch Columbum erfunden / der das Jahr hernach mit unaussprechlichem Schatz von Gold /Silber und Edelgesteine wieder nach Spanien gefahren / und wie es ihnen ergangen / kund und offenbahr gemacht. Fünff Jahr hernach / nemlich Anno [89] 1497. ist auch dahin gereiset Americus Vesputius, der nicht allein die Insulen besehen / sondern auch das feste Land / die neue Welt entdecket; Daher dann auch von ihme diese gantze neue Welt ihren Nahmen bekommen /und jetzund America genannt wird. Hernacher ist auch dahin gesegelt Ferdinandus Magellanus, von welchem sie Magellanica genannt; Und ist man zeithero Jahr aus / Jahr ein dahin gereiset.

Die sich wol verdient machen um Land und Leute /derer Nahme / Ruhm und Lob bleibt unsterblich. Christen sollen diß zum Exempel nehmen / und damit sie dermaleins den Himmel erreichen / keine Gefahr ausschlagen / noch scheuen.

55. Etliche Gesetze der Römer Gastereyen belangend
55. Etliche Gesetze der Römer Gastereyen belangend.

Die Römer seynd billich zu loben in dem / daß sie in ihren Gastereyen so gute Ordnungen und Gesetze gemacht und gehalten haben: Dern ich die fürneymsten erzehlen will.

1. Erstlich halten sie ein Gesetze / genannt Lex Fabia vom Bürgermeister Fabio gemacht. Dasselbe statuirete / daß keiner mehr verzehren durffte auf einem Banquet / als dreyßig Sestertios, ist so viel /als zwölff Thaler ohngefehr.

2. Nach solchem kam Lex Messinia, vom Bürgermeister Messinio geordnet / welches geboth / daß man keinen fremden Wein zu trincken einlegen durffte.

3. Hierauf folgete Lex Æmilia, vom BürgermeisterÆmilio gemachet / durch welches den Römern befohlen ward / mehr nicht / als 5. Gerichte zu speisen.

4. Bald hernach kam Lex Antia, vom Bürgermeister Antio geordnet / darinn begriffen / daß ein jeder[90] möchte ein Handwerck lernen / darzu er Lust und Neigung hätte / ausgenommen das Kochen: Denn sie hielten es dafür / daß / wo viel Köche wären / die Leute nur arm / der Leib ungesund / die Seele aber und das Gemüthe beflecket würden.

5. Nach solchem kam Lex Julia, vom Julio Cæsare aufgebracht / darinn geordnet / daß niemand durffte essen mit zugeschlossener Thür / auf daß die Censores desto besser sehen und erfahren könten / ob auch jemand im Essen Uberfluß gebrauchte.

6. Letzlich kam Lex Aristimia, vom BürgermeisterAristimio vorgeschrieben / darinn gebothen / daß man zwar des Mittags jemand möchte zu Gaste haben /aber nicht länger biß gegen den Abend behalten.

Uberfluß im Essen und Trincken ist schädlich / ungesund / unnöthig. Die Natur ist mit wenigem zufrieden. Solche Gesetze wären zu dieser Zeit auch wol nöthig.

56. Welches das höchste Gut. Davon unterschiedliche Meynungen
56. Welches das höchste Gut? Davon unterschiedliche Meynungen.

Die Heydnischen Philosophi haben unterschiedliche Meynungen gehabt / worinn die Glückseligkeit des Menschen bestehe.

1. Der Æschines vermeynete / daß des Menschen beste Freude und höchstes Gut bestünde im Schlaffen. Dann wann er schlieffe / sagte er / so bekümmerte er sich nirgends um: Er empfände keine Schmertzen des Leibes: Keine Anfechtung des Geistes. Aber wie dieser Æschines einmal saß und schlieff am See Meotis, da ließ ein Adler hoch aus der Lufft auf seinen kahlen Kopff eine grosse Schnecke fallen / daß Æschines also im Schlaffe starb.

[91] 2. Pindarus der berühmte Poet gab für / die höchste Glückseligkeit bestünde darinn / wann ein Mensch keine Schmertzen an seinem Leibe befünde.

3. Zeno saget / die menschliche Glückseligkeit bestünde darinn / wenn einer wohl ringen könte. Dann wie auf einmal die Egyptier ein Certamen Luctatorium hielten / da kam herfür ein fürnehmer Ringer /welcher alle andere zu Boden warff. Wie solches derZeno gesehen / hat er mit diesem Meister zu ringen angefangen / und ihn / so offt er gewolt / an den Erdboden geworffen! Darüber der Zeno so grosse Freude empfunden / daß er öffentlich disputirte und erhielte /des Menschen Glückseligkeit bestünde an der Stärcke zu ringen und einen andern nieder zu werffen.

4. Die Corinthier satzten ihr höchstes Gut in spielen / und hielten es für eine grosse Ehre / wann sie ein Spiel gewonnen / als die Römer / wann sie eine Schlacht erhielten. Auf einmal als die Corinthier ihr Jahr-Fest begiengen / kam Chilo der Philosophus nach Corintho gefahren in die Stadt / und sahe jederman spielen: Es spielten die Knaben im Felde mit Ballen; Es spielten die Alten auf dem Marckte mit Würffeln und Karten. Es spielten die Weiber mit einander in den Gärten / tantzten und lieffen. Die Priester spielten und schossen mit dem Armbruste. Die Fechter übten sich auf der Fecht-Schul. In Summa es spielte alles / was in der Stadt war; Das war nach ihrer Meynung / ihre gröste Glückseligkeit.

5. Epicurus hielt seinen Bauch für seinen Abgott und bildete sich ein / es wäre keine grössere Glückseligkeit / als wann ein Mensch immer in Wollust / in Essen / Trincken / Buhlen / und dergleichen lebete.

[92] 6. Andere seynd gewesen / die ihr höchstes Gut und Glückseligkeit in der Ehre gesetzet; Andere im Reichthum; Andere in Schönheit; Andere in Gesundheit /und dergleichen.

7. Aristoteles ist weiser als alle diese vorgemeldete gewesen: Derselbe hat recht und wohl gelehret / daß das summum bonum, und die höchste Felicität bestehe in der Tugend / nemlich wann ein Mensch nicht allein mit Weißheit und Tugend begabet / sondern auch das Leben und alle sein Thun nach der Tugend anstelle.

Am allerbesten aber lehren / wissen und glauben wir Christen / daß unser höchstes Gut und wahre Glückseligkeit bestehe in der Erkäntniß GOttes und JEsu Christi /und Vollbringung dessen Willens.

57. Wunderbahre Krafft des Hollunders oder Flieder-Baums
57. Wunderbahre Krafft des Hollunders oder Flieder-Baums.

Michaël Neander hat in seiner Physica aufgezeichnet eine Historiam, welche wol würdig / daß sie behalten und angemercket werde.

Eine Fürstliche Person war auf eine Zeit auf die Jagt geritten: Und wie sie sich verspätet / und von der andern Gesellschafft verlohren / und in die Irre geritten / ist sie endlich gelanget an ein kleines Bauer-Hauß / mitten im Walde gelegen. Für dieser Bauers-Hütten hat der Fürst einen alten greisen Mann sitzen sehen / sehr heulend und weinend; den hat er gefraget / warum er weine? Der Alte antwortete: Er weinete darum / weil er von seinem Vater sehr hart geschlagen / und übel tractiret worden. Der Fürst verwunderte sich / daß so ein alter Mann noch einen Vater lebend hätte / und er noch so starck / daß er Schläge könte austheilen. Fragete derhalben den alten Greisen [93] ferner / was dann die Ursach sey / und warum ihn sein Vater geschlagen? Da hat der Alte geantwortet: Das wäre die Ursache / dieweil er seines Vaters Vater oder seinen Groß-Vater hätte sollen vom Stuel aufheben / und auf eine andere Stelle setzen / so hätte er ihn unversehens auf die Erde fallen lassen. Hierüber ist der Fürst noch mehr bestürtzet worden; und hat begehret diese alte Leute in ihrem Häußlein selber zu sehen / und die Wahrheit dieses Handels in Augenschein zu nehmen: Ist auch deswegen ins Häußlein gegangen / und die Sache also befunden / mit den Alten geredet / und gefraget / was sie doch für Kost oder Speise essen / dadurch sie so lange bey Leben / Gesundheit und Kräfften geblieben und erhalten worden? Die Alten haben ihm geantwortet: Sie wären zwar keiner andern als gemeiner Speise gewohnet; ässen auch nicht anders als Käse / Milch / Brod und Saltz: Aber gebrauchen jährlich etliche mal / auf gewisse Zeiten das Muß von ausgedruckten Hollunder-Beeren / dasselbe habe sie bey frischer Gesundheit biß anhero erhalten / und zu so hohem Alter gebracht. Der Fürst hat solches alles wol in acht genommen. Mittlerweil aber seynd seine Diener wieder zu ihm kommen / mit dem er wiederum von diesen alten Leuten nach seinem Fürstlichen Hofe gereiset.

Mäßigkeit in Essen und Trincken erhält den Leib / und die Gesundheit. Mancher ist stärcker und lebet länger bey Käß und Brod als ein anderer / der noch so leckerhafftig isset.

58. Von den Kunstreichen Meistern Stasicrate und Archimede
58. Von den Kunstreichen Meistern Stasicrate und Archimede.

Hephæstio war einer von den besten Freunden und getreuesten Gefehrden des grossen Alexandri. [94] Wie derselbe nun starb / da verordnet Alexander 60. mal hundert tausend Ducaten zum Begrabniß / und zum Gedächtniß des Hephæstionis: Ließ auch unter andern zu sich fodern den trefflichen und kostbahren Meister Stasicratem, der das Monumentum verfertigen solte. Dieser Stasicrates gab dem Alexandro an die Hand / daß der Berg Athos so eine bequeme Figur und Gelegenheit hätte / daß man zum Monumento des Hephæstionis nichts bessers antreffen möchte. Dann er wolte den grossen Berg also formiren / und ihm zwo Hände anmachen / daß er einem Menschen gleich würde / ja daß er die Gestalt des Hephæstionis kriegte. In der Lincken solte er haben eine grosse Volckreiche Stadt: Aus der rechten Hand solte heraus fliessen ein grosser Schiffreicher Fluß / darauf man ins Meer fahren könte. Laß mir das einen Meister seyn! Diesen hat dennoch übertroffen der Archimedes, ein Fürst aller Mathematicorum. Als der König Hieron bey Syracusa ein grosses ungeheures Schiff hatte bauen lassen / und dasselbe nun in die See solte gebracht werden / da hat es mit keiner Macht wegen der Grösse und Schwere von der Stelle können bewegt werden. Archimedes ist zum Könige gegangen / und hat zu ihm gesagt: Er wolte es machen / daß der König allein mit einer Hand daß Schiff solte ins Meer bringen: hat alsobald seine Mathematische Instrumenta herfür gebracht / und so viel dadurch verursachet / daß der König alleine ohne einige Hülfe das Schiff vom Lande gestossen / welches etliche tausend Menschen zuvor nicht hätten verrichten können. Dieses war nicht genug; Besondern Archimedes traute seiner Kunst dermassen / daß er zum Könige [95] sagte: Er solte ihm einen Stand geben ausserhalb der Erden / so wolte er den gantzen Erdboden aus seiner natürlichen Stelle hinwegrücken.

Ein anderer Kunstmeister gab sich einmal bey dem grossen Alexandro an / verhoffende grosse Verehrung zu gewinnen. Er ließ ihm von ferne fürhalten etliche spitzige Nehe-Nadeln / und nahm die Hand voll Linsen oder Erbsen / warff eine Erbse nach der andern also daß sie auf der Spitze der Nadel bestecken blieben. Alexander / nachdem er solches gesehen / hat befohlen man solte diesem Meister zur Verehrung ein kleines Maaß voller Erbsen geben / und nichts mehr. Also geringschätzig hat er diese Kunst gehalten.

Menschliche Vernunfft vermag viel mit ihrer Kunst. Meiste von Brodlosen Künsten seynd dem gemeinen Besten nichts nütze.

59. Mancherley Art die Todten zu begraben
59. Mancherley Art die Todten zu begraben.

Auf vielerley Art haben die Lebendigen ihrer Verstorbenen Freunde Leichen bestattet. Erstlich ist an etlichen Orten der Gebrauch bey den Alten gewesen / und noch jetzund / daß man die Todten in einen Sarck leget / und in die Erde verscharret: Die sie denn verwesen / und wieder zur Erden werden.

Fürs 2. sind etliche gewesen / die ihre Todten in Feuer geworffen / und zu Pulver und Asche verbrenne. Bey den Römern hat diesen Gebrauch erstlich aufgebracht Cornelius Sylla, welcher / wie er seines Feindes des Caji Marii Gebeine aus der Erden wieder ausgraben lassen / und sich befürchtet / es möchte ihm eben dasselbe von andern auch widerfahren / angeordnet hat, man solte die Todten verbrennen: Nun ist es mit diesem [96] Brennen also zugegangen; Man trug viel Holtz auf einen Hauffen zusammen / (welchen Hauffen sie Rogum oder Pyram nenneten) und legten herum Stöcke von Cypressen-Holtz / den Stanck und garstigen Geruch zu vertreiben. Auf diesen Rogum legten sie den Todten aufn Rücken; Eröffneten ihm die Augen / daß er gen Himmel sahe / thaten ihm in den Mund einen Pfennig / zum Fahr-Geld dem Charonti, und zündeten alsdenn das Holtz an. Zur Stund wurffen sie auch in das Feuer des Verstorbenen liebste Sachen / als Kleider / Schwerdter / Schilde / und dergleichen: Dabeneben auch sehr viel Blumen / und wohlriechende Salben und Gewürtz. Acht Tage nach dem Verbrennen kamen des Todten nächste Freunde /Mutter / Schwester / Frau und andere / nahmen und sammelten fleißig zusammen alle Knochen des verbrannten Cörpers / giengen nach Hause / wuschen die Knochen mit Wein und Milch / und thäten sie in ein Gefäß / Urna genannt / setzten es hin / und verwahrtens mit grosser Devotion.

In Indien / wann ein Mann gestorben / und ins Feuer geworffen / versammleten sich bey dem Feuer des Verstorbenen Hauß-Frauen allzumal / (denn an dem Ort hat ein jeglicher Mann so viel Frauen / als er selber will / und ernehren kan.) Welche denn unter diesen Frauen dem Verstorbenen am liebsten gewesen / die stürtzte sich lebendig ins Feuer / und zog sich solches zu hohen Ehren. Die übergebliebenen aber wurden deshalben ihr Lebenlang verachtet.

Die dritte Art der Begräbniß ist bey den Egyptiern gebräuchlich gewesen. Dieselben salbeten die Cörper der Verstorbenen mit Balsam und andern köstlichen[97] Oelen und Gewürtzen / wickelten dieselbe in herrliche mit Balsam beschmierete Tücher / und legten sie so in die Sonne / daß der Balsam und das Gewürtz den gantzen Leib durcharbeitete / und durchzog. Also blieben die Cörper unversehret / ohne Verfaulung etliche viel hundert Jahr. Und solche balsamirte Cörper wurden genennet Mumia.

Zum letzten und vierdten haben die jetzigen Americaner eine sonderliche Art die Todten zu begraben. Nemlich / sie hauen sie zu Stücken / legen sie auf die Rosten / bratens / und essen einander selber auf / oder verkauffens andern Leuten / und machen sich also lustig dabey. Denn sie meynen / sie können ihre Eltern und guten Freunde an keinen bessern Ort verwahren und vergraben / als in ihrem eigenen Bauche.

Ein jedes Land hat seinen Gebrauch. Kein Volck ist nie so barbarisch / daß nicht seine Todten solte ehrlich begraben. Mercke aber hiebey den Mißbrauch und Aberglauben der Heyden und Un-Christen.

60. Von der Naphtha
60. Von der Naphtha.

Naphtha ist eine ölhafftige Fettigkeit / und so wunderlicher Natur / daß sie sich auch entzünde vom blossen Schein des Feuers oder des Lichtes / ob sie schon kein Feuer anrühret: Zündet auch beneben sich umher die Lufft an. Wie Alexander Magnus durch Babylonien gezogen / und das gantze Land überwunden hatte / da haben die Barbaren dessen Orte ihm die obbesagte wunderliche Natur der Naphtha zeigen wollen. Haben derhalben auf der Stadt Gassen / neben welcher Alexander sein Logiament gehabt / etliche wenige Tropffen der Naphtha gesprenget: Bald eine angezündete Fackel genommen / und [98] sich nach derselben Gassen begeben. Da hat sich zur Stund und im Augenblick die Lufft angezündet / dergestalt / daß es eitel Feuer und Flamme zu seyn geschienen / von dem einen Ende der Gassen biß zum andern. Nun hatte der Alexander bey sich einen jungen schönen Knaben /der ihm pflegte vorzusingen: An demselben wolten des Alexandri Hof-Leute dieser Naphthæ Krafft auch probieren / welches ihnen denn Alexander vergönnete / und der junge Knabe auch selber Lust dazu hatte. Also / wie sie alle nackend im Bade sassen / ward der Knabe mit der Naphtha bestrichen auf seinem blossen Leibe: So bald der Badstüber oder Bader mit der Fackel ins Bad kam / (denn es war zu Abend oder Nachtzeit) da ward die Lufft zur Stund entzündet; Der Knabe fieng an zu brennen / und gantz und gar mit Flammen umringet zu werden: Dahero auch Alexander selbsten in grossen Sorgen stund; Und wann die andern mit Wassergiessen und häuffigem Netzen dem Knaben nicht wären zu Hülffe kommen / wäre er zweiffels ohne gantz verbrennet. Er ist aber nach der Zeit niemals recht gesund worden. Hierdurch sind etliche bewogen worden zu glauben / daß das Gifft /damit Medea die Krone und Schleyer hatte gestrichen / (davon in des Jasonis Historia Meldung geschehen /) sey nichts anders gewesen als dieses Naphtha. Dann als des Jasonis junge Beyfrau diesen Schleyer angezogen / und die Krone aufs Haupt gesetzt / ist sie lebendig darinn verbrannt / dieweil man mit der Fackel zu ihr gelang / davon die Lufft so schleunig entzündet / daß es kein Mensch hat mercken können /woher es käme. Diese Ursach der schleunigen Anzündung ist / dieweil [99] aus der Naphtha herfür rauchen sehr truckene / subtile Spiritus, die nicht allein leichtlich anbrennen / sondern ziehen auch zu sich / aus Gleichheit der Natur / des Feuers Flammen. Daß aber diese Naphtha in Babylonien so häuffig herfür quillet / ist nicht zu verwundern / weil das Erdreich daselbst so trucken und heiß / daß auch die auf die Erde geworffene Gersten-Körner von sich selber tantzen / und regen / als lebten sie. Die Einwohner können auch sonsten sich nicht schlaffen legen / sondern seynd gezwungen / grosse lederne Säcke mit Wasser zu füllen / und unter ihre Häupter zu legen / darauf sie als auf Küssen schlaffen / wie solches beym Plutarcho, im Leben Alexandri Magni, zu lesen.


Viel grosse Wunder-Dinge seynd in der Natur. Glückselig ist der / so die Ursachen derselben verstehet.

61. Weissagung aus dem Vogelfliegen
61. Weissagung aus dem Vogelfliegen.

Die alten Lateiner und Griechen haben grosse Achtung gegeben auf das Fliegen und Geschrey der Vögel / und daraus zukünfftige Dinge / gute oder böse / dadurch die Vögel zur rechten oder lincken Hand geflogen oder gesessen seyn / verkündigen wollen. Virgilius in seinem Bauer-Gespräch sagte also:


Sæpe sinistra cavâ prædixit ab ilice cornix.


Solche Weissagungen haben sie genennet augurium oder auspicium, von dem Anschauen der Vögel, quasiavium aspectum. Daß aber solche Aufmerckung oder Aberglaube eine grosse Thorheit sey / ist aus folgender Historia zu sehen / welche erzehlet wird vomJosepho im Buche contra Appionem.

Als der grosse Alexander mit seinem Kriegs-Heer[100] ans rothe Meer gekommen war / ist unter andern Reutern / so ihm mit nachfolgeten / ein Jude gewesen /mit Nahmen Mosellanus, ein behertzter Mann / und der beste Schütze unter dem gantzen Hauffen. Nun trug es sich zu / wie das Kriegs-Heer fortzoge / daß ein Wahrsager Achtung gab auf der Vögel Fliegen und Geschrey: Rieff / man solte stille halten. Der Jude Mosellanus fragte / warum man solte stille halten? Der Wahrsager antwortete: Er sehe einen Vogel (zeigete hiemit denselben) und sagte: Wann der sitzen bliebe / so wäre es zu rathen / daß sie alle stille hielten: Wann er davon flöge / daß sie dann auch fortzögen: Wann er aber zurücke würde fliegen / daß auch sie zurücke ihren Zug wieder nehmen solten: Der Jude schwieg stille / zog seinen Bogen herfür / und schoß den Vogel tod. Als nun derohalben der Wahrsager und etliche andere unter den Hauffen zornig wurden /und ihn verfluchten / sprach er: Was schwärmet ihr? Was habt ihr mit den unglücklichen Vogel zu schaffen? Denn weil der sein eigen Unglück nicht zuvor gewust / wie wolt er uns von unserm Aufzuge Gutes oder Böses propheceyen? Wann er künfftige Dinge zuvor hätte sehen können / so wäre er nimmermehr an diesen Ort kommen / sondern hätte sich gefürchtet /Mosellanus der Jude möchte ihn mit seinem Pfeil erschiessen.

Die heydnischen Leute seynd recht abergläubisch gewesen / in welchen der Teuffel sein Narren- und Affen-Spiel gehalten. Denen sollen die Christen nicht nachahmen / dieweil sie aus der Schrifft wissen / daß Glück und Unglück / Leben und Tod / alles von GOtt komme.

62. Vom grossen Platonischen Jahr
62. Vom grossen Platonischen Jahr.

[101] Es haben die Sternseher unterschiedliche Art von Jahren bestellet. Etliche nennen sie Sonnen-Jahr / welche beschrieben und regieret werden von der Sonnen-Lauff / nemlich die Zeit von einem Vorjahr biß zum andern / oder von einem Sommer biß zum andern; Da unterdessen die Sonne den gantzen Thier-Kreiß durchläufft / und wiederkommet an dasselbige Punct /davon sie zu lauffen angefangen. Dieses Jahrs Länge ist 365. Tage und 6 Stunden. Ferner so haben sie noch eine andere Art von Jahren / die sie nicht nach der Sonnen regieret / sondern nach den Fix-Sternen am Firmament / denn dieselben haben auch ihren eignen Lauff. Wann nun alle die Fix-Sterne den Himmel so herum gelauffen / daß sie wiederum kommen an den Ort / da sie am allerersten gestanden / so ist verflossen ein Jahr / welches genennet wird Annus Siderius, oder das grosse Platonische Jahr: Und geschicht solches innerhalb 48. tausend gemeinen oder Sonnen-Jahren / nach der Meynung des Platonis. Von diesem grossen Welt-Jahr hat Plato geschrieben / wann solches verflossen / so soll alles wiederum kommen / wie es zuvor gewesen ist. Zum Exempel / über 48. tausend Jahr soll ich und du / und er / eben so leben / so stehen / gehen / so gekleidet seyn / so reden und schreiben / als wir jetzund in dieser Stunde thun. Summa: Alles was jetzund ist / soll damals auch seyn / nichts geändert. Dieses ist nur ein erdichtetes Ding und Fantasey. Denn die Welt nicht über 7000. Jahr /ich geschweige über 48. tausend Jahr stehen wird. Von diesem Anno magno mundano, Sidereo, Platonico, muß ich euch eine kurtzweilige Historiam erzehlen. Zweene Studenten reiseten auf [102] eine Zeit / und kamen zur Herberge bey einer Wirthin / die eine Wittwe war / unter Essens fiengen die beyden Studenten an zu reden und zu disputiren von dem grossen Platonischen Welt-Jahr; Wie nemlich / wenn solches zum Ende / alles würde eben so wiederum gestalt seyn / als es anietzo ist. Wie sie nun vermerckten / daß die Wirthin ihren Reden mit Verwunderung zuhörete / hat der eine unter demselben / dieselbe auf diese Art angeredet: Liebe Wirthin / wir zweene arme Studiosi haben wenig Geld bey uns: Denn unser Patrimonium ist im Studiren alles drauf gegangen: Wann ihr nun wollet mit uns Gedult haben / und so lange verharren mit der Bezahlung / biß das grosse Welt-Jahr zum Ende geflossen / so wollen wir euch alsdenn richtig und mit Danck geben / was wir schuldig seyn / weil wir doch eben alsdenn hie an diesem Orte / eben zu dieser Stunde / wir selbst in Person / und ihr / uns wiederum werden zusammen finden / und eben so reden / wie wir jetzund thun. Die Wirthin bedachte sich nicht lange / war spitzfindig und sprach: Ihr lieben Studenten / ich will mit euch zufrieden seyn / biß auf das zukünfftige grosse Welt-Jahr. Aber ihr müsset mir erst zahlen für das abgewichene grosse Welt-Jahr. Denn für 48. tausend Jahren waren wir drey auch allhier zusammen / eben wie jetzund / und ich verborgete euch damals / das bezahlet mir erstlich / alsdann will ich mit euch zufrieden seyn.


Also ward List mit List vergolten / und musten die Studenten ihre Zeche zahlen / ehe sie von dannen giengen.

63. Exempel rechtfertiger Leute
63. Exempel rechtfertiger Leute.

[103] Wie Alexander Magnus mit seiner Macht und Kriegs-Gewalt den Erdboden überzoge / und viel Städte und Länder unter sein Gebiet brachte / trug es sich zu / daß er auf einmal verborgener und unbekannter Weise in eine Stadt kam. Auf daß er aber vernehme / ob man auch die Gerechtigkeit allda handhabete / gieng er selbst (doch von niemand erkannt) auf das Rathhauß / und hörete allda zu / wie die Leute für dem Gerichte ihre Sachen vorbrachten. Da hörete er einen reden auf solche Art: Herr Richter / ich habe von diesem Manne / hie zugegen / ein Hauß gekaufft; und wie ich darinnen habe graben lassen / einen Keller zu machen / da habe ich gefunden einen grossen Schatz vom Gelde / welchen ich ihn alsbald wiedergeben wollen / sintemal er mir nicht zugehöret; Er aber hat ihn nicht anzunehmen begehret: Darum bringe ich denselben Schatz anhero / und bitte / ihr wollet diesen Mann zwingen und ihm gebieten / daß er annehme /was sein ist: Denn ich habe gantz kein Recht am Schatze. Der Richter befahl dem andern Theil / seine Verantwortung zu thun; Der sprach: Herr / seyd versichert / daß der Schatz / welchen dieser gefunden hat /ist niemals mein gewesen. Zwar das Hauß habe ich bauen lassen; Aber die Stätte war ein gemeiner Platz /darauf ein jeglicher bauen könte. Derhalben habe ich keine rechtmäßige Ursache den Schatz zu nehmen. Auf diese Art disputirten sie so lange / biß daß sie endlich beyde des Raths wurden / sie wolten den Schatz dem Richter in die Hände geben. Der Richter aber sprach: Ihr bekennet beyde mit eurem eigenem Munde / daß euch der Schatz nicht zugehöre / da er doch in euren Häusern gefunden: Unter was [104] Schein solt ich ihn denn zu mir nehmen / der ich allhier fremd bin / und niemals von solchem Handel reden gehöret? Davor behüten mich die Götter / daß ich mich nicht fremdes Gutes anmasse! Ihr schiebet die gantze Sache meinem Amte und meinem Gewissen heim. Wolan /ich muß einen Rath finden. Hierauf fragte er den einen von den streitenden Männern / ob er nicht einen Sohn hätte? Der antwortete: Ja. Den andern fragt er gleichfalls / ob er nicht eine Tochter hätte? Der sagt auch ja. Da sprach der Richter: Das schicket sich eben recht /ich urtheile / daß dein Sohn diese Tochter zur Ehe nehme / und ich gebe ihnen den gefundenen Schatz zum Braut-Schatze. Wie Alexander Magnus das alles angehöret / ward er von grosser Verwunderung gleichsam entzücket / und erstarret ob der reiffen und vernünfftigen-Deliberation: Konte sich ferner nicht enthalten / sondern brach heraus und sprach überlaut: Ich hätte nicht gegläubet / daß an einem Ort auf der Welt Leute wären / die die Gerechtigkeit so sehr handhabeten / als diese thun. Der Richter / welcher ihn nicht kannte / noch wuste / wer er war / antwortete ihm: Ist es auch möglich / daß Leute gefunden werden / die anders thun? Ja warlich / sprach Alexander, zum offtermal und an vielen Orten. Der Richter verwunderte sich und sprach: Ob an solchen Oertern die Götter auch Regen fallen liessen / und ob auch die Sonne allda ihre Strahlen gebe? Als wolt er sagen / daß GOtt noch Regen und Sonnenschein geben solte den Leuten / die die Gerechtigkeit nicht in acht nehmen / wie es sich gebühret.


Gerechtigkeit ist ein Grund und Ursprung aller Tugend / und aller Glückseligkeit / dahero der Teuffel selbst keinen bessern Vers im Buche gefunden / als diesen: Discite justitiam moniti, & non temnere divos.

64. Von der strengen Justitz des Seleuci und des Cambysis
[105] 64. Von der strengen Justitz des Seleuci und desCambysis.

Seleucus, ein König der Locrenser / hat unter andern herrlichen Gesetzen / die er zu Unterhaltung seiner Unterthanen gemacht / auch ein solch Edict ausgehen lassen / daß / welcher öffentlich betroffen würde im Ehebruch / man demselben solte beyde Augen ausstechen Kurtz nach Publicirung dieses Gesetzes begab sichs daß des Seleuci einiger Sohn in solcher Schande und Sünde ergriffen ward: Wie er nun gebrach ward für seinen Vater den König / und ihm der Ehebruch ward überwiesen / wurde er zugleich verurtheilet von seinem Vater / daß / nach laut des Edicts / er soll gestraffet / und ihm die Augen ausgestochen werden. Aber das gemeine Volck und der gantze Hauffe der Unterthanen / weil sie ein Mitleiden hatten mit diesem frommen Könige / angesehen seine löbliche Regierung und grosse Wohlthaten / welche er dem gemeinen Besten erzeiget / traten einhellig für den König /bat er möchte seinem Sohn diesen Fehl vergeben /und ohne Verletzung seiner Augen los lassen. Der gute König Seleucus, so viel er sich auch beflissen seine Unterthanen zu überreden / von ihrer Bitte abzulassen. Des gegebenen Gesetzes Gerechtigkeit könte nicht leiden einige Exception: So hat doch das Volck nicht ablassen wollen / sondern ferner bey ihm bittlich angehalten um Loßlassung seines Sohns. Seleucus sich sehend so hart gedrungen von seinen Unterthanen auf daß er zum Theil denselben zu Willen lebete / zu Theil sein Gesetz unverletzt erhielte / ist auf ein Theatrum gestiegen / und in Gegenwart des gantzen Volckes mit überaus grosser Hertzhafftigkeit / erstlich ihm selber [106] das eine Auge aus dem Kopffe gerissen: Alsbald seinem Sohn auch ein Auge mit gleicher Standhafftigkeit heraus gerissen / und damit anzeigen wollen / daß Fürsten und Herren / wann sie Gesetze machen / selbst die ersten seyn sollen / welche sich bemühen / die Gesetze unverletzt zu halten.

Vom Cambyse schreibet Herodotus, daß er sehr beflissen gewesen / zu straffen die ungerechten Richter. Auf einmal ward bey ihm angegeben einer mit Nahmen Sisana, welcher mit Gelde sich hatte bestechen lassen / und ein ungerechtes Urtheil abgefasset. Den hat Cambyses zur Stund nehmen / und ihm lebendig die Haut abziehen / dieselbe mit Nägeln an den Richter-Stuhl fest anschlagen / und denselben damit bedecken lassen / auch angeordnet / daß es zu ewigen Zeiten also verbleiben solte / auf daß durch dieses Spectacul die Richter von der Ungerechtigkeit abgeschrecket würden. Hat auch darneben befohlen und angeordnet / daß des Sisana Sohn solte an seines Vaters Stelle zum Richter erwehlet werden / und auf obgedachtem Stuhl / und seines Vaters Haut sitzen /auf daß er desto fleißiger und sorgfältiger die heiligeJustitiam handhabete.

Gar zu streng ist allezeit nicht lobens werth. Summa jus sæpe summam injuria Seneca spricht: Man müsse die Gerechtigkeit also behandhaben, daß dieselbige wegen gar zu grosser Hinläßigkeit nicht verachtet und vernichtet / oder auch wegen grosser Strenge verhäßig gemachet werde.

65. Die sieben weisen Meister aus Griechenland
65. Die sieben weisen Meister aus Griechenland.

In Griechenland sind vormals gewesen sieben Männer / welche mit ihre Weißheit / Tugend und trefflichen Lehren und Leben das Lob erlanget daß sie genennet worden die sieben Weisen. Derselben [107] Nahmen sind diese: 1. Thales. 2. Solon. 3. Chilon. 4. Pittacus. 5.Bias. 6. Cleobulus. 7. Periander.

1. Der Erste / genannt Thales Milesius (weil er aus der Insul Mileto bürtig /) ist ein erfahrner und berühmter Sternseher gewesen; Dahero wie er bey Nachtzeiten die Sterne auf einmal zu besehen ausgegangen / und unversehens in eine Grube gefallen / ist er von einem alten Weibe mit diesen Worten verspottet worden: Was bildest du dir ein / ô Thales, den Himmel / und was darinnen ist / zu erforschen / da du doch nicht einmal weist / was dir nahe bey und für den Füssen? Thales ist auch erfahren gewesen in der Wissenschafft natürlicher Dinge. Dann wie er er wolte dermaleins beweisen / daß es einem weisen und gelehrten Manne reich zu werden gar leicht wäre / da hat er aus der Natur gesehen / daß das folgende Jahr sehr unfruchtbar und das Oel gar teuer werden würde. Hat derohalben alles Oel / welches sehr wolfeil gewesen / zusammen gekaufft / und es biß aufs folgende Jahr liegen lassen / da er es dann gar theuer und hoch verkauffet. Seiner Weißheit halber ist er so sehr berühmet gewesen / daß auch dieses Lob das gantze Griechenland selber ihm gegeben. Dann als auf einmal seine Lands-Leute (die Miletischen Fischer) ihre Netze auswurffen in die See / Fische zu fahen / kamen zu denselben etliche junge Gesellen aus Jonia, undaccordirten ihnen / was sie ihnen geben solten für den ersten Wurff / den sie thun würden in ihrem Fischen? Und sind eins geworden um eine grosseSumma Geldes. Wie sie nun das Netze ausgeworffen /da haben sie nicht allein darinnen Fische bekommen /sondern auch einen güldenen Dreyfuß / oder (wie andere schreiben) einen güldenen [108] Tisch / andere einen Becher. Uber diesen güldenen Dreyfuß haben sie sich nicht vertragen können. Seynd derohalben gereiset nach der Stadt Delphos, und den Abgott und Wahrsager-Bild des Gottes Apollinis gefraget / weme man diesen Dreyfuß solte geben? Das Oraculum hat geantwortet: Man gebe ihn dem Allerweisesten. Da hat man denselben güldenen Dreyfuß dem Thaleti hingebracht. Der hat sich solcher Ehre nicht gewürdiget /sondern ihn geschicket dem Soloni; Solon ferner demChiloni, und so fortan: Biß daß endlich der Dreyfuß wiederum kommen ist an den Thaletem: Der hat angeordnet / man solte dem Dreyfuß dem Gott Apollini selbst opffern / als dem Allerweisesten. Welches dann auch geschehen. Und ist dahero genommen die Art zu reden / quasi ex Tripode dictum: Das ist / es ist eben so wahr / als wanns der Gott Apollo selber aus seinem güldenen Dreyfuß gesagt hatte. Von diesem Thalete wird auch ferner geschrieben / daß / wie er gefragt ward / warum er kein Weib nehme? Er geantwortet: Es wäre noch nicht Zeit. Und wie er abermal über etliche Jahre eben so gefraget worden / geantwortet: Es wäre nun zu späte: Die Zeit wäre jetzt alle fürbey. Um dreyerley Ursachen hat er pflegen den Göttern zu dancken: Erstlich / daß er wäre ein Mensch und kein unvernünfftig Thier: Zum andern /daß er wäre ein Mann / und keine Frau: Zum dritten /daß er wäre ein Grieche und nicht ein Barbarer. Denn die Griechen hielten sich höher / als alle Völcker auf Erden: Von ihm ist auch hergekommen das edle und güldene Wort / Nosce teipsum, welches man hernachmals mit güldenen Buchstaben auf die Thür des Delphischen Tempels geschrieben und gegraben hat.

[109] 2. Solon Salaminius, (welcher bürtig aus der StadtSalamine,) ist der ander gewesen unter den sieben Weisen aus Griechenland. Hat mit dem reichen König Crœso viel zu thun gehabt / davon wir anderswo etwas erzehlet. Der Crœsus hielt sich für dem glückseligsten Menschen auf der gantzen Welt wegen seiner grossen Macht / Reichthum und Herrlichkeit.Solon aber sagte ihm ins Angesicht: Er hielte die geringen Leute / und verstorbene Bürger zu Athen, Tellum, Cleobin und Bironem viel glückseliger alsCrœsum: Denn kein Mensch könte glückselig genennet werden / ehe denn er glückselig gestorben: Derselbe Crœsus hatte sich auf das allerköstlichste mit Königlicher Zierde angethan / und saß auf seinem Königlichen Stuel / fragte den Solonem, ob er auch sein Lebenlang ein schöners Spectaculum gesehen? Da hat Solon lachend gesaget: Warlich die Pfauen / Fasanen und Hauß-Hahnen seynd viel schöner / als du mit aller deiner Zierde. Denn derselben Thiere Schmuck ist natürlich / deiner aber nur von aussen angesetzet. Es pflag der Solon die Gesetze zu vergleichen den Spinnweben / in welchen / was leicht ist / behangen bleibet / das aber schwer ist / hindurch fället / und wird dadurch nicht aufgehalten.

3. Chilon Lacedæmonius, (in der Stadt Sparta /sonst Lacedämon genannt / gebohren:) ist der dritte Weise aus Græcia. Derselbe hat zwar viel weise Sprüche geredet und geschrieben / unter denen dieser nicht der geringste: Nemlich das Gold würde probiret durch den Strich-Stein / obs gut oder böse? Die Menschen aber würden erkennet durchs Gold / ob sie gut oder böse / treu oder untreu wären?

[110] 4. Pittacus Mitylenæus, von Mitylene bürtig / ist berühmt wegen folgender Sprüche: Er sagte / derselbe wäre weise und vernünfftig / welcher das Unglück zuvor sehen und verhüten könte / ehe es käme. Der selbe wäre behertzt und starck / der mit gedultigen Hertzen das Unglück ertrüge / wanns nun gekommen wäre. Einsmals ward Pittacus gefraget von einem jungen Gesellen / welcher freyen wolte und zwo Bräute hatte. Eine die ihm gleich war an Geschlecht und Gütern: die andere viel höher und reicher / als er / welche unter diesen beyden er zur Ehe nehmen solte? Da hatPittacus geantwortet: Mein Freund / geh nach den Knaben / die auf der Gassen spielen / von denselben wirst du erlernen was dir zu thun. Der Gesell gieng hin und fand die Knaben spielen ein Spiel / welches in Griechenland gebräuchlich war / und heisset τὴν κατὰ σαυτὸν ἒλα, das ist: Tu tibi sume parem: Daraus also der Jüngling verstanden / was ihm zu thun wäre. Und hat des Pittaci Rath und Lehre gefolget.

5. Bias Prienæus, dessen Vaterland Priene gewesen / eine Stadt den Thebanern zugehörig; wie dieselbe Stadt vom Könige Halyatta hart belägert / und durch grossen Hunger so geängstiget ward / daß sie sich bald muste ergeben / hat Bias zweene Maul-Esel aufs beste speisen und füttern lassen / biß sie schön und feist worden / dieselbe dem Halyatti ins Läger gesandt / welcher / wie er die Thiere so wohlgestalt gesehen / alsbald gedacht hat / die Menschen würden in der Stadt noch genug zu essen und keinen Mangel haben: Auch darum gedacht / die Stadt und die Belägerung zu verlassen / doch also / daß er zuvor einen Boten in die Stadt gesandt / der sehen solte wie es zustünde; da hat Bias einen [111] Hauffen Sandes überall bedecken lassen mit Weitzen / und solches dem Boten gezeiget. Derselbe hat gemeynet / es wäre eitel Weitzen: Derohalben diese Zeitung dem Könige Halyatti gebracht / der alsbald die Stadt verlassen hat. Doch für seinem Abzuge den Biantem bitten lassen, er wolte zu ihm kommen. Bias hat ihm zur Antwort gegeben: Ich befehle dem Halyatti, daß er Zwiebeln esse: Das ist / daß er sein Unglück beweine: Denn die Griechischen Zwiebeln seynd so scharff / daß deme /der sie isset / die Augen thränen. Bias fuhr einmal auf der See / da viel gottloser Buben mit im Schiff waren: Und wie ein grosses Ungewitter und Sturm entstund /also / daß das Schiff wolte untergehen; Fiengen die Buben an die Götter anzuruffen. Bias aber sprach: O schweiget stille / und ruffet nicht: Auf daß die Götter nicht hören / daß ihr allhier seyd / sonst würden sie euch eurer Boßheit halben verderben und untergehen lassen / und mich mit euch. Er saget auch / er wolte lieber Richter seyn / und eine Sache urtheilen zwischen seinen Feinden / als seinen Freunden. Dann (sprach er) urtheile ich unter zwey Freunden / so wird der eine unter denselben gewiß mein Feind / da er zuvor mein Freund war: Urtheile ich aber unter meinen Feinden / so wird der eine gewißlich mein Freund / der zuvor mein Feind war.

6. Cleobulus Lyndius ist derselbe / welcher dieses folgende Rätzel in Griechischen Versen geschrieben: Es ist ein Vater / der hat zwölff Kinder; Jegliches Kind hat dreyßig Töchter / derer halber Theil ist weiß / die ander Helfft ist schwartz / und ob sie wol alle sterben / so bleiben sie doch alle immer für und für. Bedeut das Jahr / welches hat zwölff Monat: Ein Monat dreyssig [112] Tage: Die bestehen im Licht und Finsterniß: Und ob sie schon vergehen / so kommen doch allezeit andere Tage wieder.

7. Periander Corinthius von Corintho / ist der siebende und letzte Weise aus Græcia: Er hat gewolt /daß kein Mensch wissen solte / ob er begraben wäre: Derhalben er ein solch Stratagema gebrauchet: Er hat zwey Knechte gemiethet / und denen befohlen / sie solten zu Nacht ausgehen / an einen gewissen Ort /ausserhalb der Stadt / da würde ihnen ein Mensch begegnen / den solten sie tödten / und beyseits in die Erde begraben: Darnach hat er vier andere Jünglinge bestellet / die solten dieselbe Nacht auch ausgehen an denselben Ort / und die zween vorigen Knechte umbringen: Ferner hat er zehen andere bestellet / die solten die jetztgedachte vier umbringen. Wie nun die bestimmte Zeit kommen / ist Periander hingegangen /und also von den zween Knechten erschlagen und begraben worden: Die zween Knechte seynd von den vier Jünglingen hinwieder umbracht / und diese viere von den zehen letztern gleichermassen erwürget / und also Periander getödtet und begraben worden / daß niemand gewust / an welchem Orte.

Durch Weisheit wird man berühmt / und erlanget unsterbliches Lob. Die Weisheit hat Alphonsus genannt eine Tochter GOttes / die uns allein könne zur Unsterblichkeit bringen / dieselbe sey auch unter allen Thieren allein dem Menschen gegeben.

66. Des wunderlichen Abentheuers Æsopi etliche Thaten
66. Des wunderlichen Abentheuers Æsopi etliche Thaten.

Der Phrygische Fabel-Schreiber Æsopus, welcher zur Zeit Königs Davids gelebet / und dafür gehalten wird / er sey der Assaph / des Davids [113] Chor- oder Sing-Meister gewesen / zwar sehr heßlich und abscheulich von Gestalt des Leibes / aber sehr weise und tieffsinnig von Verstande / war ein Knecht / und dienete einem Herrn. So begab sichs einmal / daß der Herr schöne grosse Feigen gekaufft. Da kamen des Æsopi Mitknechte / und frassen die Feigen auf. Wie nun der Herr nach den Feigen fragete / gaben die Knechte dem Æsopo die Schuld und sagten / Æsopus hätte sie gegessen. Æsopus ward hierüber zur Rede gestellet /und solte derohalben schwer und hart mit Ruthen gestrichen werden. Da hat er gedacht / wie er doch möchte seine Unschuld an den Tag bringen / und offenbar machen die / so die Feigen gefressen. Nahm derhalben laulicht warm Wasser / goß es in ein Becken / tranck davon einen guten Trunck. Bald darnach stieß er den Finger in den Halß / und brach alles Wasser rein wieder aus denn er den Tag noch nichts gegessen. Wie er solches gethan / hat er gebeten / der Herr möchte den andern Knechten befehlen / eben dasselbige auch zu thun / und von dem Wasser zu trincken; Solches haben sie thun müssen: Aber bald darauf sich nicht halten können sondern das Wasser mit den gegessenen Feigen wiederum aus dem Leibe gespiehen. Da hat der Herr gesehen / wer die rechten Thäter und Feigenfresser gewesen. Ist also Æsopus der Straffe entgangen: Seine Mitknechte aber sind jämmerlich mit Ruthen gestrichen worden. Auf eine andere Zeit ward Æsopus, beneben etlichen anderen leibeigenen Knechten von seinem Herrn auf einen Jahrmarckt gesandt / dahin sie auf ihrem Rücken tragen solten etliche grosse Bündel und Körbe voller Kauffmanns-Waaren. Nun vergönte der Herr demÆsopo, eine von den Bürden zu nehmen [114] / welcher er wolte / und was ihm gefiele: Da nahm er den allergrösten Korb / gefüllet mit Brod und Speise zur Reise nöthig / und ließ die kleinesten stehen. Seine Mitknechte lachten ihn deßhalben aus / und meyneten / er hätte närrisch gethan. Aber wie sie eine halbe Tage-Reise gegangen / und zu Mittage essen solten / da bracht Æsopus seinen grossen Korb mit Profiant herfür / und nachdem sie alle gegessen / ward der Korb halb leer / und nur halb so schwer wie vorhin. Da hat ihn Æsopus wiederum auf seine Schultern genommen / und weil er viel leichter zu tragen hatte, als alle andere / ist er weit vorhin gegangen. Zu Abend istÆsopi Korb gantz leer worden. Derohalben er des andern Tages nicht mehr zu tragen gehabt / als einen ledigen Korb / darüber die andern Knechte zum Theil auf Æsopum ungeduldig worden / zum Theil aberÆsopi Klugheit gemercket.


Ein jeglicher siehet auf seine Schantz. Es steckt offt in einem / was man in ihm nicht gesucht hätte.

67. Fabel vom Narcisso
67. Fabel vom Narcisso.

Ovidius erzehlet in seinem Wercke / welches er Metamorphosin getitulirt / daß ein Jüngling gewesen /Narcissus geheissen / der allerschönste zwar / der damals lebete / aber der sich wegen seiner schönen Gestalt dermassen erhub / und hoffärtig war / daß er alle andere Jünglinge und Jungfrauen neben sich verachtete. Diesen Narcissum gewann die schöne JungfrauEcho lieb / da sie ihn hatte gesehen spatzieren / und den wilden Thieren nachjagen. Gab auch dem Narcisso ihre Liebe zu verstehen / und wünschte nichts mehr / als daß sie wiederum von ihm möchte geliebet werden. Aber der hoffärtige Narcissus verachtete die Jungfrau Echo und [115] wolt ihr gantz und gar keine Zeichen der Liebe beweisen / sondern flohe allzeit von ihr. Dannenhero ward die Echo so traurig / grämete sich so viel / daß sie in kurtzer Zeit alle ihre schöne Gestalt und Kräffte des Lebens verlohr: Blieb auch nichts an ihr als Haut und Knochen. Ja verschwand endlich gantz und gar / und blieb von ihr nichts übrig / als nur die Stimme und ein Wiederschall den man noch in den Wäldern höret / wann man überlaut ruffet.

Aber der Narcissus entrann seiner Straffe auch nicht. Denn wie er einsmals im Walde spatzierte und zu einem Brunnen kam / sich niederbückte / und auf den Knien aus dem Brunnen trincken wolte / siehe /da erblickte er in dem hellen schönen Wasser seine eigene Gestalt / und ward alsbald mit Leibes-Flammen entzündet gegen dasselbe Bild / das er im Wasser gesehen / nicht wissend / daß es sein eigenes war / und nur ein Schatten ohne Leib und Seele. Er unterstund sich solch Bild im Wasser zu küssen / mit ihm zu reden auch selbiges zu umfahen; Fand aber nichts als einen lautern Schein. Hierüber stellete er grosse Klage an gieng Tag und Nacht weinend / verfluchte das Feuer welches ihm im Hertzen brennete. Biß endlich die Liebe gegen ihm selber (welche die Griechen nenneten Φιλαυτίαν) ihm dahin brachte / daß er für Hertzeleid todt darnieder fiel. Und ist aus seinem Leibe /nach Aussage des Ovidii, gewachsen die schöne Blume / welche heutges Tages von ihm den Nahmen hat / und Narcisse Rößlein genennet wird.

Siehe ein solch Ende nehmen alle die / welche allzuviel von ihm selber halten. Hoffart stürtzet machen in Lebens-Gefahr.

68. Das Glücks-Rad
68. Das Glücks-Rad.

[116] Die alten Heyden haben das Glück für eine Göttin gehalten / angebetet und derselben zugeeignet die Gewalt über alle menschliche Händel. Wann einem etwas guts oder glückliches wiederfahren / haben sie dem Glück dafür gedancket: Da ihnen etwas übles und unglückliches begegnet / haben sie sich über das Glück beschweret / beklaget / und es geheissen eine leichtfertige Hure / eine tolle / vermessene / blinde /unbarmhertzige Stieffmutter; Und weil sie gesehen /daß das Glück seine Gaben so wunderlich austheilete / indem es den Frommen und Weisen offtmals Armuth und Kranckheit zuwürffe; Die Bösen aber und Unwürdigen mit grossem Hauffen Goldes und Silbers /Ehr und Ansehen / mit Gesundheit und Schönheit begabte: Ja / daß die Fortuna im Augenblick einen hoch erhübe / alsbald wiederum in den Staub und Asche legte / und gantz erniedrigte: Endlich / daß in der Fortuna nichts beständigers wäre als die Unbeständigkeit / die ihr immerdar anhienge: Haben dieselbigen Alten aus diesen Ursachen das Glück gemahlet / als eine nackende / blinde Frau / oder auf einer Kugel / die sich nimmer umkehrete / und nimmer still stünde / habende in der einen Hand einen Beutel von Geldes /welchen sie unter die Leute ausschüttete: Mit der an dern Hand aber anderer Leute Beutel und Geld zu sich zöge und risse.

Von dem Sesostri, der Egyptier Könige / wird erzehlet / daß / nachdem er viel Völcker unter sich gebracht / er einen Wagen von lauterm Golde / Edelgesteinen / und Elffenbein haben machen / und darauff sitzende / sich von vier Königen als Pferden fortziehen lassen. Wie aber einer unter den ziehenden Königen [117] offtmals sich umgesehen / und die Räder des Wagens beschauet / ist er vom Sesostri gefraget worden /was es bedeutete / daß er so offt nach den Rädern schauete? Da hat derselbige geantwortet: Ich sehe und behertzige der Räder schnellen Umlauff / in welchem das höheste bald das niedrigste wird / und erinnere mich hiebey der Unbeständigkeit des Glücks / welches das Hohe so schleunig erniedriget / und das Niedrige wiederum erhöhet. Als Sesostris solches gehöret / hat er die Könige ausspannen / und sich nicht mehr von ihnen schleppen lassen: Gedenckend / daß er eben so wol dem Glück unterworffen / als diese Könige. Ovidius spricht klüglich an einem Ort:


Passibus ambiguis Fortuna volubilis erat,
Et manet in nullo certa tenaxqve loco.

Der berühmte Mahler Apelles, hat die Fortunam nicht stehend aufm Rade / sondern sitzend gemahlet. Und wieder gefraget / warum er solches gethan? Hat er geantwortet: Dieweil die Fortuna auf einer Stelle nicht könte oder möchte stille stehen bleiben.


Dem Glück wird viel beygemessen / daß die Menschen selbst verursachen. Virgil. Sua cuique exorsa laborem Fortunamque ferent. In der Welt ist nichts beständig /welches angedeutet wird durch die Fortun.

69. Des thörichten jungen Gesellen Phaëtontis Bitte - und der darauf erfolgter Fall
69. Des thörichten jungen Gesellen Phaëtontis Bitte / und der darauf erfolgter Fall.

Phaëton ist / nach der Poeten Gedichte / des Phœbus oder der Sonnen Sohn gewesen. Wie er sich deßhalben rühmte und überhub / ist ihm fürgeworffen worden / er redete solches mit Unwarheit. Auf daß er aber jederman beweisete / daß der Phœbus warhafftig [118] sein Vater wäre / ist er hingegangen zu dem Phœbo, denselben gebeten / und hoch vermahnet / wofern er sein rechter Vater wäre / so wolte er ihn einer Bitte / die er thun würde / gewähren. Phœbus hat ihn nicht allein in seiner Meynung bekräfftiget / sondern auch mit einem Eyde versprochen / alles / was er von ihm bitten würde / solte ihm gegeben werden. Da hat Phaëton gebeten / Phœbus möchte ihm auf einen Tag seinen Wagen und Pferde / damit er den Himmel durchfähret / und die Welt beleuchtet / vergönnen. Die Sonne ward hierüber bestürtzet / und bemühete sich mit vielen Reden und Ursachen ihren Sohn Phaëton abzumahnen von solchem grossen / schweren und gefährlichen Fürnehmen. Dennoch weil sie geschworen / undPhaëton nicht wolte ablassen / konte sie ihm die zugesagte Bitte nicht versagen / gab ihm / doch ungern /und mit grosser Beschwerniß / den Wagen und die Pferde: Vermahnet ihn aber erstlich sehr eyfferig und Väterlich / und gab ihm die Lehre / wie er sich im Fahren und Regierung der Pferde verhalten solte: Unter andern geboth Phœbus seinem Sohn Phaëtonti, er solte nicht zu hoch / noch zu niedrig fahren / sondern im Mittelwege bleiben / denn da wäre es am allersichersten: Ihm zusprechend diese güldene Wort:Medio tutissimus ibis. Also stieg Phaëton auf seines Vaters Wagen / und weil er den Weg nicht wuste /wohin er fahren solte / ihm auch die ungezähmten Pferde unmöglich zu regieren war / welche dann alsbald merckten / daß sie ihren rechten Meister nicht hatten / da haben sie angefangen zu lauffen / ausserhalb ihren gewöhnlichen Schrancken: Da ist die Deichsel zerbrochen: Die Räder sind von der Achsen abgefallen / und endlich der Phëton [119] mit samt Wagen und Pferden vom Himmel herrunter ins Meer gestürtzet. Der Phœbus aber hat letztlich seine Pferde wieder zusammen gebracht / den Wagen zurecht gemacht /und nachdem er um seinen Sohn genug getrauert /wiederum angefangen auf die alte Weise durch den Himmel zu gehen / und der Welt sein Licht mitzutheilen.


Junge unerfahrne Gesellen sollen ihnen nicht höhere Dinge anmassen / als sie verstehen oder verrichten können. Item / Eltern sollen den Kindern in allen Dingen ihren Willen nicht lassen: Denn sie offtmahls etwas bitten und begehren / daß ihnen selbst schädlich ist / und sie in grosse Gefahr stürtzet.

70. Von den Griechischen Kämpffen oder Streiten
70. Von den Griechischen Kämpffen oder Streiten.

Als Griechenland noch im Flor war / da hat man zu gewissen Zeiten / und an gewissen Orten / sonderliche Streite angestellet / sowol zu Ehren der Götter / als zu Ubung des Leibes. Dabey dann die meisten und fürnehmsten aus gantz Græcia erschienen: Theils im Streit sich brauchen zu lassen / in Hoffnung die Victorie davon zu bringen: Theils diesen Schau-Streiten zuzusehen.

1. Der erste Streit ist Certamen Olympicum genennet / und in der Stadt Elide gehalten worden. Erstlich vom Hercule angeordnet / welcher noch vier andere seiner Gesellen zu sich genommen / und mit einander gestritten auf fünfferley Art. Als nemlich 1. im Lauffen / 2. im Springen / 3. im Fechten / 4. im Stein oder Tisch zu werffen / 5. im Ringen mit Fäusten. Wer hierinnen das beste gethan / der ist mit einem Krantz von Oel-Blättern gekrönet worden. Nach geendetem Streit haben sie 5. Tage lang Gasterey angestellet.[120] Und seynd diese Certamina Olympica alle fünff Jahr gehalten worden. Diese Zeit von 5. Jahren ist Olympias genannt: Und haben die Griechen ihre Jahrzahl also von den Olympiade prima zu zehlen angefangen / gleichwie wir Christen von der Geburt Christi.

2. Die andern Streite hat man genannt Pythia: Erstlich von dem Apolline angeordnet / nachdem er den grossen Drachen Pythonem mit seinem Pfeile ermordet hatte. Und dieweil sie in der Stadt Pytho gehalten wurden. Allhie hat man fürnemlich gestritten / 1. in allerley Instrument-Schlagen / als Lauten / Harffen /Posaunen / Pfeiffen und dergleichen. 2. Im Reiten / da man nackt auff blosse Pferde gesessen / und also gerennet. 3. Im Wagen mit zwey Rossen / darauff einer gesessen / und von zween unbändigen Füllen in grosser Geschwindigkeit gezogen worden. Wer hierinnen überwunden / ist mit einem Krantz von Lorbeer-Blättern / zu des Apollinis Ehren / dem dieser Baum zugeeignet / gekrönet worden.

3. Certamina Nemea, sind die dritten gewesen /welche gehalten worden in einem dicken Walde / genannt Nemea, zum Gedächtniß des Archemori, welcher ein junger Knabe / und ein Sohn des fürtrefflichen Gesetzgebers Lycurgi gewesen; Diesen Archemorum hat bey dem Walde Nemea eine Schlange zu tode gebissen / wie er 3. Jahr alt gewesen. Dahero man die Nemea alle 3. Jahr einmal gehalten / und haben hierinne zusammen gestritten / die gewapneten Soldaten und ihre Kinder. Der Uberwinder ist mit einem Krantz von Eppich oder Petersilien (welches ist ein trauriges oder Todten-Kraut) zum Gedächtniß des getödteten Archemori gekrönet worden.

[121] 4. Die letzten Streite seynd gewesen Certamina Isthmia, also genannt von dem engen Lande Isthmo in Peloponeso: Erstlich angestellet zu Ehren Palæmonis, oder wie andere wollen / des Melicertæ. In diesen hat man gestritten auf dieselbe Art / wie in den vorhergehenden alle fünff Jahr einmal. Die Uberwinder seynd gekrönet worden mit einem Krantze von Fichten-Blättern oder Dannen-Baum.

In allen diesen vier Streiten haben sie den Brauch gehalten / und den Uberwinder nach erlangetem Siege / in die eine Hand einen Palmenzweig gegeben / ihme dabey grosse Ehre erzeiget und die Stadt / da er zu Hause gehöret / mit solcher Frölichkeit überschüttet /daß die Bürger seine Landsleute / ihn etliche Schritte auf ihre Hände gesetzet / und also getragen / daß er nicht hat an die Erde gerühret. Auch haben sie ihn nicht eingelassen durch die gewöhnliche Thore der Stadt / wie die andern Leute / sondern man hat sonderliche höltzerne Brücken biß über die Stadt-Mauren aufgebauet / über die er getragen worden. Wann er nun in die Stadt kommen / hat man aufm Marckte eine Marmor-Seule aufgerichtet / und darein seinen (des Uberwinders) Nahmen mit güldenen Buchstaben zum ewigen Gedächtniß gegraben. Sonsten aber hat er keine Verehrung bekommen / als nur den Krantz. Und nichts destoweniger sein Leben in Gefahr gesetzet. Dahero bey dem Herodoto eine solche Geschicht gelesen wird: Als der grosse König der Perser / Xerxes, die Griechen mit Kriegs-Macht überzogen hatte /eben zu der Zeit / wie die Olympia gehalten wurden /da hat er einen Griechen gefraget: Was der Gewinst wäre solcher Streite? Wie er aber antwortete: Ein Krantz von Oel Blättern: [122] Hat einer von des Xerxis Obristen / mit Nahmen Tygranes, überlaut geschriehen: O Xerxes, in was für ein Land / und zu was für Leuten hast du uns gebracht! Welche nicht streiten um Reichthum / sondern nur Ehr und Lobes wegen: Es ist auch dem Xerxi diese Kriegs-Expedition sehr übel bekommen.

Begierde des Lobes ist allen Menschen angebohren. Ehre und Ruhm zu erlangen setzet mancher sein Leben in die äusserste Gefahr.

71. Der edle Lorbeer-Baum
71. Der edle Lorbeer-Baum.

Der Lorbeer-Baum ist einer von denselben Bäumen /welche Winter und Sommer hier bleiben / und derer Blätter nicht abfallen. Er hat seinen Nahmen vom Lobe: Dieweil er unter allen Bäumen ewiges Lobes und Rühmens werth ist. Denn erstlich melden von ihm die Naturkündiger / daß er eine sonderliche geheime Krafft habe, dem Donner und Blitz zu wiederstehen / also / daß wo ein Lorbeerstrauch / oder desselben Blätter angeleget und beygestecket werden /solches für dem Donner frey sey / und von keinem Blitz beschädiget werden möge: Dieses hat wol gewust und gebraucht der Käyser Tiberius, welcher /weil er von Natur für dem Donner sehr erschrack / allezeit einen Krantz von Lorbeer-Blättern auf dem Haupte getragen. Hernacher haben die Alten auch die Lorbeersträuche zu ihrem Wahrsagen oder Propheceyungen gebracht: Dahero sie dieselbe genennetLaurum Vatidicam oder Fatidicam; Dieweil er zukünfftige Sachen / die von GOtt verhänget waren /zuvor verkündigte. Hiemit machten sie es also: Sie warffen den Lorbeer-Baum aufs Feuer / der alsbald zu knallen / und einen Laut von sich zu geben / anfienge: (Daher dis Sprichwort / Lauro [123] vocalior.) Wann er laut knallete / so verkündigte er groß Glück: Wann er aber heimlich verbrannte / so war es ein Zeichen eines Unglücks. Ja die Alten gebrauchten den Lorbeer-Baum auch zur Zauberey. Wann die Weiber die jungen Gesellen zu ihrer Liebe ziehen / und zwingen wolten / so verbrannten sie einen Lorbeer-Strauch /wie solches aus der Theocriti Pharmacevtria zu ersehen. Am allermeisten aber ward er gebrauchet zu Kräntzen / mit welchen die Käyser / die Uberwinder /und hernacher die Poeten auf ihren Häuptern gekrönet wurden / zur Anzeigung des ewigwährenden und unsterblichen Lobes / das sie erlanget hätten. Dahero zu Rom der Lorbeer-Baum nicht allein in grossen Ehren war / sondern ward auch heilig gehalten / und durffte ihn niemand zu gemeinen oder unheiligen Sachen gebrauchen. Ein jeglicher Käyser pflantzte mit seinen eigenen Händen einen Lorbeer-Strauch / und befand sichs (wie Plinius meldet) daß / wenn der Käyser starb / auch zugleich der von ihm gepflantzete Lorbeer-Strauch verdorrete und vergieng / so lange aber der Käyser lebete / so lange grünete auch der Lorbeer-Strauch.

Der Poet Ovidius meldet in seiner Metamorphosi, daß der Gott Apollo oder Phœbus eine schöne Jungfrau mit Nahmen Daphne, geliebet habe. Dieselbe aber / wie sie für ihm flohe / und ihm nicht zu Willen seyn wolte / sey von den Göttern in einen Lorbeer-Baum verwandelt. Worauf Apollo gleichwohl hernachmals nicht abgelassen / sondern denselben Lorbeer-Baum allezeit geliebet: Ihn für seinen Baum gehalten / und immerdar Lorbeer-Kräntze aufm Haupte getragen. Daher zweiffels ohne gekommen / daß die Wahrsager / die Medici und Poeten für allen andern sich den Lorbeer-Baum [124] zueignen. Denn Apollo ist gewesen ein Gott des Weissagens / der Artzney-Kunst /und der Poeterey.

Man muß aus der Natur keinen Aberglauben machen. Der Gerechte grünet wie ein Lorbeer-Baum.

72. Taback
72. Taback.

Als Kraut Taback hat seinen Nahmen von dem Ländlein Tabaco, welches gelegen in Neu-Spanien in der Neuen Welt / woselbst diß Kraut sehr häuffig wächset / und am meisten gebrauchet wird / auch von dannen erst heraus in diese Länder gebracht worden. Sonst wirds auch geheissen Nicotiana, von dem Frantzösischen Edelmann Johann Nicot, einem besondern Liebhaber dieses Krauts. In Holland heisset man es auch Perun: Welcher Nahme bey den Americanern inPeru gebräuchlich ist. Dieses Krauts Blätter / welche sehr groß / seynd offtmahls länger als eine Elle / und breiter als eine halbe Elle / werden auf eine sonderliche Art aufgetrucknet / und zusammen gewickelt /gleichwie ein dickes Seil / und hernacher klein zerschnitten / in erdene Pfeiffen gethan / ans Licht gehalten / davon man alsdann den Rauch in den Mund ziehet. Solches nennet man Taback-trincken; Welches nunmehr so gemein in Holland / Spanien und Engelland / daß der König in Engelland jährlich mehr als zweymahl hundert tausend Ducaten Zoll nur allein vom Taback / der allda verkaufft und jährlich vertruncken wird / zu heben hat. Diß Taback-trincken haben unsere Leute gelernet von den Americanern /welche immerdar / ja stündlich / den Rauch des Tabacks ins Haupt trincken / davon truncken werden /eben als vom Wein: Ja können ohne [125] dasselbe nicht leben. Nun fraget sichs / ob dieses Tabacktrincken /oder Rauchsauffen gesund sey oder nicht? Allhie befinden sich zwo Extremitäten: Etliche gebrauchen es allzuofft / und haben sich darzu so sehr gewehnet, daß / wo sie nicht täglich / ja stündlich trincken / so werden sie kranck. Etliche haben gantz einen Abscheu dafür / und können nicht einmal den Rauch davon vertragen / vielweniger den Rauch einziehen. Und gehet es ihnen hiemit eben so / als andern / die von Natur nicht können Käse oder Butter essen / nicht können Katzen leiden / nicht können den Wein schmecken. Welche nun aus einer sonderlichen Antipathia nicht können des Tabacks Geruch leiden / denselben wird solchen Rauch in den Leib zu nehmen vielweniger gesund seyn. Die ersten aber belangend /nemlich die rechten Taback-Schwelger / die thun den Dingen zu viel / überladen die Natur / und thun sich und ihrer Gesundheit grossen Schaden; Dann obwol der Taback an sich ein köstlich / gesund / und zu vielen Dingen nützliches Kraut ist / so ist doch der Mißbrauch nicht gut: Und es gehet hiemit eben / als mit dem Wein / welcher zu viel getruncken / schadet: Mäßig aber getruncken / den Leib erfrischet und erquicket. Also muß man mit dem Taback den Mittelweg gehen / und sich nicht uber die Masse damit beladen. Dann es ist gewiß und unläugbar / daß es eine sehr gewaltsame Purgierung ist / wann man den Rauch ins Gehirn ziehet; Dadurch wird das Gehirn mit Gewalt zusammen gezogen und gedrucket / als wann man einen Schwamm drucket / und die nasse Feuchtigkeit heraus presset. Wann aber das Haupt sehr überhäuffet ist mit kalter Phlegmatischer Feuchtigkeit / und man alsdann ein kleines Räuchlein Tabacks mit [126] Aniß und Majoran vermischet / zu sich zeucht / solches kan einem nicht groß schaden / sondern vielmehr Vortheil bringen / wanns nur nicht zu offt und zu viel auf einmahl geschicht. Ich weiß mich zu erinnern / daß für 24. Jahren auf der hohen Schul zu Leiden in Holland ein Ubelthäter solte gerichtet /und der Anatomie übergeben werden: derselbe bekannte für seinem Ende / daß er des Tabacks sein Lebenlang mehr getruncken / als 20. andere. Wie nun der Anatomicus desselben Cörpers Haupt eröffnet /befand sichs / (welches ich benebens vielen andern gesehen) daß nicht allein der innere Knoche über der Nase / (welcher wie ein Sieb durchlöchert) gantz kohlschwartz / verbrannt und mürbe / sondern auch das förderste Gehirn / nächst dem gemeldten Knochen / gleichfals schwartz und gar vertrocknet war vom Rauch des Tabacks. Dahero zu vermuthen / daß demselben Menschen aller Geruch vergangen.


Taback ist zwar gesund und Gut / aber man kan dessen auch wol zu viel gebrauchen. Darum muß man mäßig desselbigen geniessen. Maaß ist zu allen Dingen das beste.

73. Drey Charites oder Gratiæ
73. Drey Charites oder Gratiæ.

Die Göttinnen der Danckbarkeit / zu Latein Gratiæ, auf Griechisch genennet χἀριτες, seyn an der Zahl drey / mit Nahmen Aglaja, Thalia, Euphrosine. Solche werden auf folgende fünfferley Art gemahlet von den Mahlern / und von den Poeten beschrieben:

1. Erstlich seyn sie nackend / ohne einige Kleider oder Zierath: Damit anzudeuten / daß der / so etwas gut und denckwürdiges verrichten will / es aus reinem unverfälschtem Hertzen ohne eine Verblühmung /[127] nicht aber aus Schein / oder angezogener fremder Zierath thun solle.

2. Ferner sind sie auch Jungfrauen / in ihrer zarten blühenden Jugend: Dabey gelehret wird / daß / wer Gutthat empfangen hat / derselbe soll solches allezeit in frischem Gedächtniß behalten / und den Danck nicht lassen veralten. Die Dancksagung soll in unsern Hertzen / Worten und Wercken herfür blühen / alle Tage neu / wie die schönen jungen Mägdlein herfür gläntzen.

3. Dabeneben stehen die Gratiæ mit lachendem Gesichte: Dadurch wird angedeutet / daß wer Gutes thut / und einem andern Wolthat erzeiget / soll solches aus frölichen / freyen / willigen Hertzen thun: Nicht mit Zwang oder wider seinen Willen / sondern gerne und mit lachendem Munde: Daher ist das Sprichwort: Einen frölichen Geber hat GOtt lieb.

4. Uber das / seynd ihrer an der Zahl drey / dessen Bedeutniß ist / daß der Dank oder die Vergeltung solle dreymal grösser und mehr seyn / als die Gabe. Wann einer Wolthat beweiset / und der andere dieselbe empfähet / soll er alsbald zur Wiedervergeltung greiffen.

5. Letzlich haben sie sich einander bey der Hand gefasset / anzudeuten / daß Wolthat mit Wolthat solle zusammen gleichsam als an einer Kette gebunden seyn / und je eine die andere bey der Hand haben / das ist / alsbald eine auf die andere folgen.

Man bildet offt mit äusserlichen Gemählden grosse Kunst und Tugend vor. Darum soll man nicht so sehr auf das äusserliche / als auf die innerliche Bedeutung sehen.

74. Der Studenten dreymahl drey Führer
74. Der Studenten dreymahl drey Führer.

[128] Marsilius Ficinus hat in seinem Buche vom dreyfachen Leben eine schöne Invention gesetzet / darinn er angedeutet / daß wer sich auf gute Künste legen / und der Weißheit ergeben will / demselben seyn nöthig dreymal drey Dinge oder Führer / als nemlich / drey im Himmel / drey im Gemüthe / und drey auf Erden.

Die drey Führer oder Gehülffen im Himmel seynd,Mercurius, die Sonne / und Venus.

1. Mercurius, ein Erforscher und Erfinder geheimer Dinge / reitzet an und vermahnet zum Studiren / und zu suchen / was löblich und der Weißheit gemäß ist.

2. Die Sonne / oder Phœbus erleuchtet mit seinen Strahlen / sowol die Gemüther / welche dem Studiren obliegen / als auch die Dinge selbsten / welche man erforschet / und machet / daß uns alles hell und klar fürkomme.

3. Venus machet mit ihrer Frölichkeit und Bequemlichkeit / daß / was durch Hülffe des Mercurii erfunden / und durch Hülffe des Phœbi leicht und klar verstanden und begriffen / könne artig und deutlich ausgesprochen / oder in die Feder gefasset werden / auf daß es eine Art und Lieblichkeit gewinne.

Die andern drey Führer im Gemüthe seynd: Ein beständiger Wille / ein gutes Verständniß / ein starck Gedächtniß.

1. Der Wille und Begierde zu lernen muß fest /standhafftig und gewiß seyn / damit man nicht wancke / oder in seinem Fürnehmen unbeständig sey. Wer sich einmal fürgenommen dem Studiren obzuliegen /der muß beständig dabey verharren / und sich durch keine Mühe oder Arbeit abschrecken lassen.

[129] 2. Ein gutes Ingenium ist einem Studenten auch hoch nöthig / damit er alle / und insonderheit subtile Sachen / bald ergreiffen und verstehen könne. Die von Natur dumm / und von keinem guten Verstande seynd / die erreichen selten ein gewünschtes Ende ihres Studirens. Dann gleichwie man aus jeglichen Klotze nicht kan ein Bildniß machen / also sind alle Ingenia zum Studiren nicht bequem.

3. Das Gedächtniß muß auch gut und standhafftig seyn. Dann wann man noch so viel und lange studirete / und könte nichts auswendig behalten / so wäre das Studiren nichts nütze. Ich halte es dafür / daß einer nur so viel wisse / als er im Gedächtniß behalten kan. Der nichts weiß ausserhalb der Bücher / ist gleich der Lauß / so nichts vermag / ausserhalb dem Grinde.

Die drey letzten Führer seynd fromme Eltern / ein getreuer Præceptor, und ein erfahrner Artzt.

1. Wann die Eltern fromm und ehrlich seyn / so ist zu vermuthen / die Kinder seyn auch so. Von den Eltern haben die Kinder nicht allein die Gaben des Leibes und des Gemüthes / sondern müssen auch von ihnen gewärtig seyn aller Unkosten / welche auf das Studiren gewendet werden.

2. Ein fleißiger und getreuer Præceptor ist auch höchlich vonnöthen / der einen jungen Studenten unterrichte in Gottesfurcht / in guten Sitten / in Sprachen und Künsten: Und keinen Fleiß spare / seine Schüler zu bringen an den gewünschten Zweck der Erudition und Weißheit.

3. Ein Artzt ist auch vonnöthen. Dann die Gelehrten seynd gemeiniglich schwach von Natur und Leibe[130] Angesehen / weil durch viel Studieren die Kräffte des Leibes sehr geschwächet werden: So muß nun einMedicus den Studenten bey der Hand seyn / wenn sie irgendwo in Kranckheit fallen: Das seyn also die dreymal drey Führer der Studenten.

Siehe / so viel gehöret zu Erlangung der Wissenschafft. Dahero dann billich die Gelehrten für allen andern Menschen in Ehren zu halten.

75. Vom Heraclito und Democrito
75. Vom Heraclito und Democrito.

Diese zween seyn fürnehme / berühmte Philosophi gewesen / von gantz widerwärtiger Meynung und Natur. Denn Heraclitus hat allezeit geweinet / undDemocritus hat allezeit gelachet. Geweinet hat Heraclitus, so offt er ist aus seinem Hause unter die Leute gegangen: Denn er hat gesehen und in seinem Hertzen betrachtet / daß alles / was an dem Menschen / nur eitel Elend / Jammer / Noth und Unglück sey / von der Geburt des Menschen an / biß er ins Grab geleget wird. Diß menschliche Elend hat Heraclitus bitterlich und allezeit beweinet. Im Gegentheil hat der Democritus allezeit gelachet / wann er auf der Gassen gegangen: Dieweil er gesehen und behertziget die grosse Thorheit und Eitelkeit des Menschen. Er als einer / der nur allein die Weißheit suchete / und dieselbe hoch hielte / hat alles andere / was die Leute gemeiniglich thun / für Unwissenheit und Narrentheidung gehalten / das billich des Auslachens und Verachtens werth wäre. Daher ist das Sprichwort: Risus Democriti, und dieser Vers Juvenalis:


Perpetuo risupulmonem agitare solebat Democritus.


Die zwey Dinge / Lachen und Weinen / gehören zwar dem Menschen eigentlich zu / und keinem unvernünfftigen [131] Thiere. Aber man muß nicht allezeit weinen / und nicht allezeit lachen / als diese beyde Männer gethan: Sondern Weinen hat seine Zeit / und Lachen hat auch seine Zeit. Nun ist das Weinen dem Menschen gleichwol mehr angebohren / als das Lachen. Dann nicht allein alle Menschen / wenn sie auf die Welt kommen / weinen: (Man hat nur das einige Exempel des Königs Zoroastris, der / wie er gebohren alsbald gelachet:) Sondern es hat der HErr Christus unser Seligmacher etlichmal geweinet / als nemlich über Jerusalem / über den verstorbenen Lazarum. Aber daß er jemals gelachet / finden wir in der heiligen Schrifft nicht.


Man hat mehr Ursach zu weinen über die Boßheit / als zu lachen über die Thorheit der Menschen. Vornemlich Christen / weil dieselbigen wissen / daß auf die Sünde folgen wird ein ewiges Weinen.

76. Was Virgilius erdacht und geschrieben vom Ænea
76. Was Virgilius erdacht und geschrieben vomÆnea.

Gleichwie Homerus ein sonderlich Buch im Griechischen Versen geschrieben vom Ulysse, genannt Odyssea: Also hat Virgilius in Lateinischen Versen vomÆnea ein herrliches Werck / welches er Æneida nennet / verfertiget und hinterlassen. Der Inhalt der Historien vom Ænea ist dieser:

Nachdem die Stadt Troja gewonnen / und in vollen Flammen stund / ist der Trojanische Fürst Ænea dem Feuer und dem Tode entrunnen: Hat auch er der Eile aus Troja mit sich weggeführet seinen alten Vater den Anchisen, welchen er mitten durch das Feuer auf seinem Rücken getragen / bey der Hand hebend seinen kleinen Sohn Julum, oder Ascanium, und ist also mit etlichen Gefehrden nach der See zu den [132] Schiffen geeilet / allwo er seine Hauß-Frau / die Creusam, welche in der Flucht von ihm kommen war / und vielleicht im Feuer verbrannt / erst vermisset.

Hierauf ist er mit seiner Gesellschafft und etlichen Götzen-Bildern / die er aus Troja mit weggenommen / zu Schiffe gangen / und davon gesegelt. Endlich nach grosser Gefahr und erlittenen Verlust etlicher Schiffe in Phœnicia angelanget / woselbst dazumahl die Königin Dido, eine junge Wittwe / regierete / wel che eben zur selben Zeit anfieng die Stadt Carthago zu bauen.

Æneas giebt sich mit seinen Gefehrden bey ihr an /bittet um sicher Geleit und Herberge: Das ihm nicht allein von der Didone gerne gegeben ward / sondernDido gewinnet auch den Æneam (nachdem er in ihrer Gegenwart erzehlet hatte / wer er wäre / und wieTroja nunmehr erobert / und zerstöret sey) dermassen lieb, daß sie ihn zu ihrem Ehemann erwehlet / und gerne hätte annehmen und behalten wollen. AberÆneas zog aus Befehl der Götter heimlich von derDidone weg / darum sie sich so sehr bekümmerte /theils aus Liebe / theils aus Verdruß / daß sie sich selbst an einen Balcken erhenckete.

Also segelte Æneas mit seiner Gesellschafft ferner fort / und kam in Italiam, da zu der Zeit der Latinus Herr und König war (von welchem Italia ist Latium genannt.) Dieser Latinus hatte eine Tochter mit Nahmen Lavinia, um welche ein trefflicher Kriegs-Held /Turnus genannt / freyete. Nun war dem Ænea von den Göttern zugesaget / daß er und seine Erben solten Italiam besitzen / und ein eigenes Königreich daraus machen. Derohalben konte es nicht anders [133] seyn /Æneas müste den Turnum aus dem Wege räumen /und also des Königes Tochter Laviniam auf seine Seite bringen und gewinnen. Dahero erregte sich der Krieg zwischen diesen beyden Helden. Endlich grössere Blutvergiessung zu verhüten / ward aus Rath und Willen des Königs Latini und der Laviniæ, ein eintzler Kampff angesetzet / zwischen Turno undÆnea alleine: Wer darinn obsiegen würde / der solte die Braut haben / und nach des Latini Tode Herr des Landes seyn. In diesem Streit fügete das Glück demÆnea also / daß er Turnum zu tode schlug. Also ward die Lavinia des Ænea Ehe-Weib / und wie Latinus mit Tode abgieng / ward Æneas König über Latinum oder Italien / und nach ihm sein Sohn Julus; Von welchem Ænea als dem ersten und fürnehmsten Könige ihren Ursprung genommen die andern Könige inItalia.

An Æenea haben wir ein schönes Exempel der Liebe der Kinder gegen die Eltern. Fremde soll man gerne herbergen. Viele tödtet die blinde Liebe. GOttes Rath und Willen soll man folgen. Nach dem Ungewitter scheinet endlich die Sonne.

77. Vom Untergang der Stadt Troja - und dem Trojanischen höltzernen Pferde
77. Vom Untergang der Stadt Troja / und dem Trojanischen höltzernen Pferde.

Als die Stadt Troja von den Griechen schon zehen gantzer Jahr belägert gewesen / und nunmehr die Götter über dieselbe beschlossen / daß sie gewonnen /zerstöret / und in die Asche solte geleget werden; Da haben aus Rath und Angeben der Göttin Pallas, die Griechen von Holtz ein groß ungeheures Pferd inwendig hohl gebauet / und darein den Ausschuß ihrer besten und behertztesten Soldaten verstecket / welche durch eine heimliche im Bauche des Pferdes gemachte Thür / aus und ein kommen konten / wanns ihnen beliebete. Wie diß Pferd fertig / haben [134] sie diese List erdacht / das Pferd mit denen eingeschlossenen Soldaten / derer Anführer war Ulysses, haben sie in ihrem Lager nahe bey der Stadt Thor stehen lassen: Seynd etwas zurück gezogen / biß ans Gestade des Meers /und sich gestellet / als wären sie gantz abgewichen. Bey dem Pferde haben sie gelassen einen verzweiffelten Buben und Waghalß Sinon genannt / derselbe solte den Anschlag ferner fortsetzen. Die Trojaner in der Stadt seynd dieses Pferdes / einem hohen Berge gleich / ansichtig worden / auch gesehen / daß die Griechen ihr Läger verlassen / und niemand mehr vorhanden: Dadurch bewogen häuffig aus der Stadt zu gehen / und das Wunder-Pferd zu beschauen. Da ist ihnen der Verräther Sinon, der sich selbst verwundet /und sonsten mit Schlägen übel zugerichtet hatte / die Hände auf den Rücken gebunden / entgegen gekommen / alsobald für die Obristen der Stadt Troja geführet und gefraget worden / was das ungeheure Pferd bedeutete? Wo die Griechen hingewichen? Wer ihn (den Sinonem) so übel zugerichtet hätte? Sinon hat aus falschem Hertzen sich sehr kläglich / und als wäre dieses Ubel ihm von den Griechen angethan / gestellet / und ferner berichtet / daß es mit dem Pferde eine solche Beschaffenheit hätte / und von den Göttern also versehen wäre: Würden die Trojaner das Pferd / als der Göttin Palladis Werck / mit Reverentz in die Stadt nehmen / so würde Troja und das Trojanische Reich von allem Ubel befreyet / und zu ewigen Zeiten bleiben und floriren. Würde man aber dem Pferde Leid zufügen / so würde gewiß die Stadt zu Grunde gehen und zerstöret werden. Diese Rede ist den Trojanern zu Hertzen gangen. Und obwol etliche [135] Warsager / und andere verständige Leute widerriethen / daß man das Pferd nicht annehmen / sondern zuhauen und zu nichte machen solte / so seynd doch die meisten der Meynung worden / das Pferd in die Stadt zu bringen. Darauf hat man die Thore und Stadt-Mauren niedergerissen / und das grosse Pferd mit grossem Frolocken hinein gebracht. Und ist die gantze Stadt am selben Tage mit Frölichkeit / Fressen / Sauffen und Spielen schier ersoffen. Nachdem die Nacht herankommen / und alles Volck in der Stadt vom Schlaffe und Wein eingenommen / und nunmher der Feind einen freyen Eingang durch die abgebrochene Mauren in die Stadt bekommen / da seynd die Soldaten durch die heimliche Thür aus dem Bauche des Pferdes herfür getreten /den andern Griechen durch ein angezündetes Feuer die Losung und Zeichen gegeben: Welche auch alsobald in die Stadt gefallen / und allda nicht allein die schlaffenden und trunckenen Trojaner allesamt / wie nicht weniger den König / die Königinne / und deren Söhne und Töchter / als alle andere Alte und Junge /Manns und Weibspersonen niedergehauen / sondern auch den schönen Königlichen Pallast Ilium, und die gantze Stadt Trojam in Brand gestecket / und also zu Aschen gemacht / daß man auch die Stätte / da Troja gestanden / kaum mehr erkannt. Der massen ist die Stadt Troja nach einer zehenjährigen Belägerung erobert / und durch Einnehmung des grossen höltzernen Pferdes geschleiffet worden / welches dahero den Nahmen eines Trojanischen Pferdes jederzeit behalten.


Wann GOTT eine Stadt will lassen untergehen / so hilfft kein Witz noch Widerstand / und werden alsdann die Klugen zu Narren. Krieg ist eine grosse Plage / dadurch werden verwüstet und verzehret Länder / Leute und Städte.

78. Etliche von den alten hochberühmten Mahlern
[136] 78. Etliche von den alten hochberühmten Mahlern / Protogenes, Apelles, Zeuxis, Parrhasius.

Es seynd zu alten Zeiten der hochberühmte Mahler gewesen / Protogenes, Apelles, Zeuxis und Parrhasius, derer Lob bis in den Himmel erhoben / und noch heute unsterblich ist. Von denen will ich etliche Kunst-Stücklein erzehlen.

Der Protogenes wohnete in der Insul Rhodo: Dahin reisete auf einmal Apelles, Protogenem zu sehen / und mit ihm Kundschafft zu machen. Wie er dahin kam / gieng er in des Protogenis Hauß; Fand ihn aber selber nicht daheim / sondern nur ein altes Weib / welches das Hauß verwahrete. Da ward er gewahr eines Gemähldes auf einer Tafel / welches an der Wand hienge. Das Weib fragte ihn / wer er wäre /auf daß sie ihrem Herrn möchte Bericht geben / wenn er zu Hause käme. Apelles nimmt einen Pinsel / und ziehet mit Farben eine aus dermassen subtile Linie über die gemahlte Tafel / und gehet damit hinweg.Protogenes kommt zu Hause / und wird berichtet von der alten Frauen alles / was sich mit dem Apelle hätte zugetragen: Protogenes, nachdem er die Linie beschauet / spricht er: Warlich / Apelles ist in Rhodum gekommen. Dann niemand hat solchen kunstreichen Strich thun können. Alsbald nimmt Protogenes auch einen Pinsel / und ziehet mitten in des Apellis Strich eine andere Linie mit Farben / noch subtiler als die vorige: Befiehlet hiemit der Alten / wann der Mann wiederkäme / solte sie ihm dieselbe zeigen und sprechen / dieser ist es / welchen du suchest. Kurtz [137] hernach kommt Apelles wieder / dem ward vom Weibe der gemachte Strich gezeiget. Apelles schämete sich /daß er solte überwunden werden: Nahm derhalben wiederum den Pinsel / und zoge noch einen subtilern Strich mitten in des Protogenis Strich / also daß es nicht möglich war solchen zu verbessern / oder subtiler zu machen: Gehet damit von dannen. Protogenes wiederkommend / siehet das Kunst-Stücklein / und bekennet / er sey von dem Apelle überwunden: Läuffet hin nach dem Meer-Hafen / suchet den Apellem, und findet ihm endlich. Führet ihn in sein Hauß / und erzeiget ihm alle Freundschafft.

Ferner derselbe Apelles ward durch Ungewitter /wie er auf dem Meer segelte / getrieben auf Alexandriam, allda er sehr viel Mißgönner / auch den König selbst zum Feinde hatte. Wie es kund worden / daßApelles allda angelanget / ist einer von des Königes Hofleuten / aus Schimpff und Abgunst / zu dem Apelle gegangen / ihm angedeutet / der König ließ ihn bitten / er wolle kommen und zu Mittage mit ihm Mahlzeit halten. Apelles gehet zu bestimmter Zeit hin. Wie er in den Königlichen Saal kommen / ward er mit Spott und Gelächter gefraget: Wer ihn dahin gebeten oder beschieden: Er antwortet / es sey einer von den Hofleuten gewesen / so vom Könige an ihm abgesandt. Der König lässet alle seine Diener zusammen ruffen / und befiehlet dem Apelli, demselben kund und offenbahr zu machen / und zu zeigen / welcher ihn gebeten. Weil nun solcher nicht unter dem Hauffen war /sondern sich abgesondert hatte / so gehet Apelles hin zum Feuer / das in dem Fürstlichen Gemach war / ergreiffet eine Kohle / löschet die aus / gehet hin nach der Wand / und fänget [138] an abzumahlen die Gestalt desselben / der ihm den Königlichen Befehl anbracht hatte. Ehe Apelles das Conterfey noch vollendet / da erkennent / der König und alle seine Diener / wer derselbe gewesen wäre: Dadurch der König bewogen /den Apellem nicht allein zur Mahlzeit bey sich zu behalten / sondern auch denselben hernacher in grossen Ehren zu halten.

Bey demselben Plinio, (daraus wird diß gezogen) befindet sich auch folgende Geschicht: Die beyden Meister / Zeuxis und Parrhasius, stritten zusammen in ihrer Kunst / und wolte ein jeglicher der Kunstreichste seyn. Zeuxis hatte so artig und natürlich etliche Weintrauben gemahlet / daß auch die Vögel zugeflogen kamen / und meyneten / es wären warhafftige Trauben. Darüber ist Parrhasius kommen und hat für die Trauben und Gemählde einen gar subtilen Fürhang oder eine Decke gemahlet. Zeuxis bildete sich ein / er hätte gewonnen / weil auch die unvernünfftigen Vögel durch seine Kunst betrogen waren: Befahl derhalben / damit jederman seine Kunst sehen könte /man solte den Fürhang für dem Gemählde wegthun: Lieff auch selber hin / vermeynend es wäre ein warhafftiger Fürhang / und fieng an zu ziehen: Endlich ward er gewahr / daß es nur gemahlet. Da hat er überlaut geruffen / du hast mich überwunden / Parrhasi, dann ich habe die Vögel / du aber einen Menschen /ja den Meister selber betrogen.

Hernacher hat Parrhasius auch auf eine Tafel etliche Weintrauben gemahlet / welche ein Knabe im Korbe trug / da seynd gleichfalls die Vögel hinzu geflogen / die Trauben zu essen. Parrhasius aber ist auf sich selber zornig worden / sprechend: Die Trauben sind besser gemahlet als der Knabe: Dann wäre der[139] Knabe vollkommen gemacht / so hätten sich für ihm die Vögel gescheuet / und wären nicht hinzu geflogen.

Der eine Künstler übertrifft den andern. Niemand ist so vollkommen / er findet seinen Meister.

79. Vom Sprichwort: Ille habet equum Sejanum
79. Vom Sprichwort: Ille habet equum Sejanum.

Aulus Gellius vermeldet in seinem Buche / genanntNoctes Atticæ, daß ein fürnehmer Mann / mit Nahmen Cnejus Sejus, habe ein trefflich schön Pferd gehabt / davon man geglaubet / daß es wäre von den Pferden des Diomedis, welcher ehemals für Troja gestritten. Obwohl aber das Pferd an Adel und Schönheit seines gleichen nicht gehabt / so ist doch dessen Art gewesen / daß / wer es gehabt oder besessen / der ist mit seinem gantzen Hause und Geschlechte zu Grunde gegangen / und zu nichte worden. Dann dieses Pferdes erster Herr der Sejus, ist von dem Marco Antonio zum Tode verdammt worden / und hat ein jämmerliches Ende genommen. Nach dem Sejo hat der Bürgermeister Dolabella das Pferd bekommen: Derselbe ist auch alsbald in Syria in innerlichen Krieg ermordet worden. Hernach ist der Cajus Cassius, welcher den Dolabellam belägert und getödtet hatte /des Pferdes Herr worden; Aber dieser Cassius ist auch ebenmäßig / nachdem sein gantzes Kriegs-Heer geschlagen / eines elenden Todes gestorben. Endlich ist der Antonius, welcher den Cassium überwunden /und mit grossem Siege triumphiret / des Pferdes Besitzer worden: Aber so bald er es erlanget / ist er überwunden worden / und erschrecklicher Weise um kommen. Dieses Pferd hat zum alten Sprichwort Anlaß gegeben: Ille homo [140] habet equum Sejanum: Ist zu verstehen von einem unglückseligen Menschen /dem nichts gerathen noch gelingen will / er fahe es an / auf was Art er wolle.


Die Sünde ist das rechte Unglücks-Pferd / wer das reitet / muß zu Grunde gehen.

80. Das Wunder-Thier Sphinx, dessen Rätzel vom Oedipo aufgelöset
80. Das Wunder-Thier Sphinx, dessen Rätzel vom Oedipo aufgelöset.

Bey der Stadt Thebe im Griechenland / war ein ungeheures seltzames Wunder-Thier / Sphinx geheissen /welches allen / so fürüber giengen / folgendes Rätzel aufzulösen fürgab:


Des Morgens hats vier Füsse /
Des Mittags zwey Füsse /
Des Abends drey Füsse.

Wer nun auf diß Rätzel nicht konte antworten /oder demselben gnug thun / der ward vom Sphinge zerrissen und aufgefressen. Endlich ist der Oedipus, ein sehr verständiger Mann / hinzugetreten: Der hat des Rätzels Bedeutung erfunden / und es also aufgelöset: Der Morgen ist die Kindheit menschlichen Alters / alsdann so kriechet das Kind auf Händen und Füssen / und ist also vierfüßig.

Der Mittag ist das Mittel-Alter / darinn der Mensch gehet auf zwey Füssen / wie sichs gebühret.

Der Abend ist das hohe Alter / alsdann pfleget man am Stabe zu gehen / und also gleichsam drey Füsse zu haben.

Von dieser Fabel hat seinen Ursprung genommen das gemeine Sprichwort / Davus sum, non Oedipus. Dann Davus ist ein Knecht und unverständiger Diener beym Terentio.

[141] Klugheit ist besser denn aller Welt Gut / und errettet manchem sein Leben.

81. Des Bauersmanns - Furii Cresini, Fleiß und Verantwortung
81. Des Bauersmanns / Furii Cresini, Fleiß und Verantwortung.

Es hat der Poet Virgilius weißlich und wohl geredet:Labor improbus omnia vincit. Dann nichts ist so schwer / das nicht durch grossen Fleiß und Arbeit kan zuwege gebracht werden / wie zu ersehen in nachfolgender Historia / welche vom Plinio erzehlet wird: Nicht weit von Rom in einem Dorffe wohnete ein Bauer / mit Nahmen Furius Cresinus, der hatte zwar einen geringen Acker / aber er bauete mehr Früchte und Korn darauf / als seine Nachbarn auf ihren grossen Feldern. Ward derhalben von den Nachbarn für dem Rath zu Rom verklaget / als brächte er durch Zauberey und ungebührliche Mittel anderer Leute Früchte an sich. Er aber scheuete sich nicht für Gerichte zu erscheinen / und kam also dahin: Brachte mit sich seine Tochter / welche sehr starck vom Leibe war. Item alle seinen Werckzeug / gosse schwere Spaden / grosse feiste und starcke Ochsen; Und sprach endlich zu den Richtern: Ihr Quirites, man beklaget mich der Zauberey halber: Sehet / da ist mein Zauberwerck: (Zeigete hiemit sein Geräthe das er dargebracht.) Wann ich euch auch könte für Augen stellen mein fleißiges Arbeiten / meinen Schweiß / mein Wachen und Sorgen / so würdet ihr ein mehrers sehen. Hiemit ist er alsbald ledig und loß gelassen worden.


Es verdreust dem einen / wann sein Nachbar besser in seinen Nahrung fortkommen kan / denn er selbsten. Wer gerne arbeitet / der bleibet wol / und kommet am besten fort.

82. Von den Sirenen - und derer lieblichen Gesang
[142] 82. Von den Sirenen / und derer lieblichen Gesang: Wie sich Ulysses dafür verwahret.

Es haben die spitzfindigen Poeten durch mancherley Gedichte die Jugend abmahnen wollen von den Lastern / und insonderheit von der ungebührlichen Wollust / unter andern aber ist wol von den fürnehmsten eines dieses / welches sie von den Sirenibus geschrieben / und verhält sich folgender massen:

Im Mittelländischen Meer / zwischen Italien und der Insul Sicilia / haben ihre Wohnung gehabt etliche wunderseltzame Weibes-Personen / Sirenes genannt /welche am Obertheil ihres Leibes trefflich schön gewesen / gleich jungen Mägdlein / unten aber haben sie sich geendet / und sind gestalt gewesen wie Schlangen und Wasser-Hunde. Die Sirenes haben aus der massen schön gesungen / und auf allerley Instrumenten gespielet; wodurch sie die fürübersegelnden Leute alle zu sich gelocket: (denn es unmöglich gewesen / sich von ihnen abzuhalten.) Aber so bald sie derselben mächtig worden / haben sie dieselben zerrissen und aufgefressen. Solches wuste der kluge Ulysses wol: Derhalben wie er auch da fürüber muste / hat er seinen Mitgesellen allen mit Wachs die Ohren zugestopffet / auf daß sie der Sirenen Stimme nicht hören könten. Er aber hat sich an den Mastbaum des Schiffes fest binden lassen / und ist also sicher und unverletzet fürüber gefahren / und diesen Meer-Wundern entkommen.

Was seynd die Sirenes anders als Wollüste / welche die Menschen in das äusserste Verderben stürtzen / ob sie anfänglich wohl sehr süsse zu seyn scheinen? Die Tugend aber / und die guten [143] Künste seynd das Wachs /damit wir versichert und wohl verwahret werden / auf daß uns die Wollust nicht schaden kan.

83. Wie Scilurus seine 80. Söhne zur Einigkeit vermahnet
83. Wie Scilurus seine 80. Söhne zur Einigkeit vermahnet.

Die Eintracht ist der vornehmsten Tugenden eine / dadurch Regimenter / Fürstenthüme / und der Hauß-Stand bestätiget und erhalten werden. Durch Eintracht (wie das alte Sprichwort lautet) wird ein geringes vergrössert: Durch Zwietracht wird auch das grosse vernichtet und verringert.

Hiervon höret folgende Historiam:

Scilurus, ein weiser Mann hatte achtzig Kinder männliches Geschlechts. Derselbe / wie er in seinem hohen Alter vermerckte / daß er jetzt sterben müste /forderte er alle seine Söhne für sich / und überreichete ihnen ein Bündlein zusammen gebundener Stecken oder Stäbe / befahl einem jeglichen unter ihnen / daß er das also entzwey breche. Wie sie nun sahen / daß solches einem jeglichen unter ihnen unmöglich war /hat er das Bündlein aufgelöset / die Stäbe alle besonders nach einander heraus genommen / einem jeglichen gar leicht zerbrochen. Darauf seine Söhne mit folgenden Worten vermahnet: So ihr / meine lieben Söhne / bey einander stehet / fest zusammen haltet /und die Einigkeit liebet / werdet ihr starck und unüberwindlich seyn. So ihr euch aber durch Zwietracht und Uneinigkeit von einander trennet / werdet ihr leichtlich von einem geringen und schwachen Menschen überwunden werden.

Die Eltern sollen ihren Kindern gute Vermahnungen und reichen Segen hinterlassen.

84. Raben - welche auf Lateinisch den Käyser Augustum gegrüsset
[144] 84. Raben / welche auf Lateinisch den Käyser Augustum gegrüsset.

Das Sprichwort / Oleum & operam perdere, das ist /vergebliche Arbeit und Mühe anwenden / ist erstlich entsprungen aus folgender Geschicht: Als der Käyser Augustus in dem Kriege bey Actio den Sieg erlanget /und wiederum mit grossem Triumph in die Stadt Rom kam / gieng ihm entgegen ein Bürger / in der Hand habend einen Raben / welcher Rabe ohn Unterlaß schrie: Sey gegrüsset / Cæsar, du Uberwinder / du Käyser. Hierüber hat sich Augustus sehr verwundert /und befohlen / man solte den Raben kauffen / und dem Mann dafür geben 20. tausend Pfennige. Gleicher massen ist er auch mit denselben Worten begrüsset worden von einer Aglaster: Die er auch sehr theuer hat kauffen heissen: Wie dann auch von einem Papageyen / den er ebenmäßig gekauffet. Solches hat ein armer Schuster vernommen / daß der Käyser für die grüssende Vögel so viel Geldes gegeben / hat derowegen auch einen Raben zu unterweisen angefangen /und ihn dieselbigen Worte lehren wollen / Ave Cæsar, Victor, Imperator. Als aber der Rabe nicht bald fertig ward mit seiner Rede / und den Schuster die Arbeit und die Kost begunte zu verdriessen / hat er aus Ungedult zum öfftern gesprochen; Ich habe Arbeit und Unkosten verlohren. Welches der Rabe auch gelernet und behalten. Auf einmal träget es sich zu /daß Augustus für des Schusters Thür fürüber gehet: Da fänget der Rabe an zu schreyen / Ave Cæsar, Victor. Augustus aber antwortete: Ich habe zu Hause genug solcher Grüsser: Da erinnert sich der Rabe[145] schleunig der andern Wort / und spricht / daß es Augustus höret / operam & oleum perdidi. Hierzu hat Augustus sehr gelachet / und befohlen den Raben theurer zu kauffen / als er einigen Vogel zuvor gekaufft hatte.


Seine Wiederholung eines Dinges hafftet endlich auch bey unvernünfftigen Thieren. Mancher wendet viel auf schlechte Sachen / nur um der Neuigkeit willen. Da mancher am wenigsten hoffet / da kommet ihm am meisten Glück zu.

85. Register und Erklärung der Poetischen Götter
85. Register und Erklärung der Poetischen Götter.

Die alten Heyden / insonderheit die Poeten / haben in grosser Blindheit gelebet / und an statt des ewigen /wahren / Allmächtigen GOttes / unzählich viel Götter erfunden und angebetet: Von welchen ich etliche / und zwar die fürnehmsten / erzehlen will / zu dem Ende /daß man der Poeten Schrifften desto besser möge verstehen:

1. Der fürnehmste unter ihren Göttern ist gewesen der Jupiter, welchen sie geheissen einen Vater der Menschen und Götter. Ihm haben sie in die Hände gemahlet Blitz- und Donner-Pfeile / sitzend auf einem Adler / darauf er vom Himmel herunter / und wieder in die Höhe fahre / er hat geherrschet über die Lufft und das Gewitter. Daher ist die Art zu reden bey den Poeten: Sub Jove frigido, das ist / in der kalten Lufft.

2. Saturnus ist des Jovis Vater / und von seinem eigenen Sohn ins Elend verjaget. Und weil man glaubete / daß dieser Saturnus erstlich erfunden den Ackerbau / und die Pflantzung der Bäume / so hat man ihn gemahlet mit einer krummen Sichel in der Hand /welche [146] man genennet hat den krummen Zahn Saturni. Ferner ist Saturnus ein trauriger Melancholischer Gott gewesen: Daher alte störrige Leute genennet werden Saturnini. Von ihm kommen auch Saturnalia, Fastnacht.

3. Vulcanus ist der hinckende Gott und Schmidt aller Götter / ihm ist das Feuer zugeeignet. Daher kömmt die Phrasis: Vulcanum in cornu geris, das ist / du trägest ein brennend Liecht in der Leuchte. Item: Vinculum Vulcaneum, das ist / ein starckes Band; Dann Vulcanus hat eine kleine Kette geschmiedet /mit welcher er Martem und Venerem zusammen buhlend / so fest gebunden / daß sie sich nicht haben regen können.

4. Mars ein Gott des Kriegs / der Soldaten / der Wehr und Waffen. Von diesem kommen die Sprüche:Vario Marte pugnatum est, das ist / zu Zeiten hat das eine Theil / bißweilen das andere gewonnen: Item: Proprio Marte, von sich selber / aus eigenen Kräfften. Aperto Marte congredi, aufrichtig streiten / ohne Betrug.

5. Neptunus, ein Gott des Meers und der Schiff-Leute. Von ihm kömmt: Sich dem Neptuno vertrauen / das ist / auf die See fahren. Item, mit Unrecht beschuldiget er den Neptunum, welcher bereits einmal Schiffbruch erlitten / und sich hernach zum andernmal wiederum auf die See begeben darff.

6. Apollo oder Phœbus, ein Gott vieler Dinge: Erstlich der Artzney: Daher die Medicina genannt wird Ars Apollinea. Zum andern der Poeterey: Denn die Poeten seynd alle unter dem Gebiethe Apollinis, und ist Phœbus ihr Patron. Weil auch der Apollo die[147] Jungfrau Daphnem geliebet / die hernachmals in einen Lorbeer-Baum verwandelt worden / als kommt daher / daß die Poeten mit einem Lorbeer-Baum geehret und gekrönet werden: Heissen alsbald Poëtæ Laureati. Zum dritten ist Apollo auch gewesen ein Gott des Weissagens / und hat gehabt in der Stadt Delphis einen Tempel und ein Bild / welches von zukünfftigen Dingen geweissaget / und daher genennet wordenOraculum Delphicum. Von diesem seynd genommen die Arten zu reden / Apolline dextro aliquid facere, glücklich etwas verrichten: Apolline sinistro, unglücklich. Dieser Phœbus ist auch gewesen / zum vierdten ein gewaltiger Schütze / mit Bogen und Pfeilen / die er als Strahlen von sich geschossen. Daher die Poeten die Sonne und den Phœbum einen Führer der neun Musen nennen / davon auf eine andere Zeit.

7. Bacchus, sonsten genannt Lyæus oder Liber, oder Bromius, gebohren von der Semele, ein Gott des Weins und der Säuffer. Von ihm seynd herkommen die Bacchanalia oder Fastnacht-Spiele. Er hat allezeit aufm Esel geritten / und seinen getreuen Compan Silenum bey sich gehabt.

8. Mercurius ist ein Bothe aller Götter / mit geflügelten Füssen und Kopffe / in der Hand habend eine Ruthe / damit er die Seelen in die Hölle führet; Ist ein Patron der Kauffleute / welche daher genennet werden / Genus Mercurialium Virorum. Ihm wird auch zugeeignet die Beredsamkeit.

9. Æolus ist ein Gott der Winde / welche er in einem ledern Sack verschlossen hält / und auslässet /wann sie wehen sollen.

10. Pan und Satyri, seynd Götter der Hirten / und[148] des Sackpfeiffens / wunderlich gestalt / mit Ziegen-Füssen / gantz rauch von Haaren / Hörner aufm Haupt habend, lange Ohren / und ein heßlich Gesicht. Satyra ist ein Gedichte / darinn man der Leute spottet. Satyricus ist ein Spötter.

11. Lar oder Lares, item Penates, seynd Götter /die allezeit in einem Hause ihre bleibende Stätte behalten / und nimmer von dannen weichen. Daher dann auch eines jeglichen Menschen eigene Wohnung oder Hauß Lares oder Penates genennet wird.

12. Genius ist ein Gott / der mit dem Menschen gebohren wird / oder der da machet / daß man gebohren werde. Ein jeglicher Mensch hat seinen eigenen Genium, der auf ihn wartet: Ja auch eine jegliche Stadt und Land. Diesen Genium haben die Alten / ein jeglicher seinen / sehr wohl gepfleget / und ihm viel zu gut gethan / daher auch noch heut gebräuchlich seyn diePhrases: Curare Genium: Indulgere Genio, sich etwas zu gute thun / und sich wohl tractiren: Defraudare Genium, das ist / klärlich und sparsam leben.

13. Ganymedes ist ein kleiner Knabe gewesen /und vom Jove aufm Adler in dem Himmel geführet: Allda er dieses Amt bekommen / daß er den Göttern hat müssen fürm Tische aufwarten / und ihnen einschencken ihren Nectar / das ist der Götter Tranck /und auftragen Ambrosiam / das ist / Götter Speise.

14. Priapus, der höltzerne Gott / mit seinen abscheulichen grossen Gliedmassen / ist ein Bewahrer der Gärten / dahin er gesetzt ward / daß er dieselbige /und derer Früchte bewahren solte für den Dieben.

15. Sylvanus und Fauni seynd Wald- Geister oder Götter / Patronen der Bauren und Ackerleute / eben [149] so gestalt / mit gehörneten Köpffen und Ziegen-Füssen /als die Satyri.

16. Prometheus ist ein Erfinder gewesen vieler Künste. Dieser hat den ersten Menschen gemacht /sagen die Poeten.

Poeten seynd rechte Lügner. Die Nahmen der Götter und all ihr Wesen ist lauter erdichtetes Ding.

86. Die fürnehmsten Göttinnen der Heyden
86. Die fürnehmsten Göttinnen der Heyden.

Nachdem wir erzehlet etliche von den Göttern: Als wollen wir auch besehen die fürnehmsten unter den Göttinnen.

1. Juno ist des Jovis Schwester und Ehe-Frau zugleich. Eine Vorsteherin des Ehestandes. Daher Junonia Sacra eben so viel ist / als Hochzeit / oder Ehestand; und wird Juno Pronuba genannt / weil sie die Ehe gemacht.

2. Minerva oder Pallas ist die Göttin der Weißheit / des Verstandes und des Studirens / quasi minuens nervos, oder nimis enervans. Dann nichts ist / das einem die Kräffte so viel wegnimmet / als das unzeitige Studiren. Daher gebräuchlich seyn die Phrases: Pingui vel rudi Minerva, das ist / nur schlecht gemacht ohne Subtilheit. Item; Invita Minerva, wann einer wieder seine Natur etwas thun will mit Gewalt /da er keine Zuneigung zu hat. Minerva ist aus desJovis Haupt oder Hirn gebohren / und hat nicht können heraus kommen / ehe Vulcanus mit seinem Beile dem Jovi den Kopff aufgespalten: Sie ist aber gantz gewapnet auf die Welt kommen / und hat einen Schild allezeit in der Hand getragen / Ægis genannt. Wann sie denselben hat gereget / so hat alles gezittert / was sie nur hat angesehen.

[150] 3. Musæ, seynd neun Göttinnen / mit folgenden Nahmen: Urania, Polyhimnia, Terpsichore, Clio, Melpomene, Erato, Euterpe, Thalia, Calliope. Sie haben gewohnet auf dem Berge Parnasso oder Helicon, und nichts anders gethan / als daß sie die Music und freyen Künste getrieben. Daher sie Patroninnen seynd aller Philosophen und Gelehrten. Sie seynd allezeit Jungfrauen geblieben / und haben für ihren Beschützer gehalten den Apollinem.

4. Venus und ihr Sohn Cupido herrschen über die Liebe / und zwar Venus ist für die schönste Göttin gehalten worden; Daher noch alle schöne Weibs-Personen Veneres genennet werden. Die Buhler oder Liebhaber ruffen niemand öffter an / als Venerem und Cupidinem. Cupido ist ein kleiner Knabe / gantz nackend und blind / aufm Rücken einen Köcher voll Pfeile führend / in der Hand habende einen Bogen / damit er der Menschen Hertzen verwundet / und zur Liebe beweget.

5. Charites, zu Latein Gratiæ, seynd an der Zahl 3. gewesen / Euphrosine, Aglaja, Thalia: Haben einander immerdar bey der Hand gehalten / und seynd allezeit frölich gewesen / davon in der 73. Satzung etwas gesaget.

6. Ceres eine Göttin des Getreides / (daher kömmtCerevisia, als sagte man Cereris vis: dann das Bier wird vom Korn gebrauet:) des Brods und allerley Kost. Von dannen rühret her das Sprichwort: Sine Cerere & Libero friget Venus, das ist / ohne leckere Speisen / ohne Bier oder Wein / kan man der Liebe nicht pflegen. Liber oder Bacchus ist / wie gesagt /ein Gott des Weins. Der Cereris Heil. Fest ist geheissen Sacra Eleusinia, welches so geheim gehalten /daß [151] kein Mensch ein einiges Wort hat davon nachsagen dürffen.

7. Thetis, eine Göttin des Wassers / wird offt genennet an statt des Wassers / wie aus diesem Vers zu sehen:


In cratere meo Thetis est conjunct a Lyæa,
(Id est vino.)
Est Dea junct a Deo, sed Dea major eo.

Auf der Thetidis und Pelei Hochzeit hat die Eris den güldenen Apffel durchs Fenster geworffen / davon wir anderswo geredet.

8. Nymphæ werden genennet allerley Göttinnen /deren etliche wohnen und herrschen in den Wäldern und Bergen / genannt Oreades, Hamadryates; Etliche in Flüssen / geheissen Najades.

9. Pandora ist gewesen die allerlistigste Göttin /also genannt / weil sie von den Göttern mit allen Künsten begabet war; Derselben Pandoræ gab der Gott Jupiter eine Büchse / darinnen verschlossen war alles Unglück / daß je einem Menschen betreffen konte / und schickte sie hiemit nach dem Epimetheo. Wie Epimetheus die Büchse aufmachte / da flohe heraus alles Unglück / und breitete sich über die gantze Welt. Wie solches Epimetheus sahe / machte er aufs letzte den Deckel der Büchsen wieder zu / und blieb nichts mehr darinnen / als nur allein die Hoffnung.

10. Flora, eine Göttin der Blumen.

Die alten weisen Heyden haben unter diesem Nahmen grosse Klugheit verborgen. Durch den Vorwitz unserer ersten Eltern ist der Tod und alles Unglück auf uns kommen.

87. Die Unter-erdischen Götter und Göttinnen
87. Die Unter-erdischen Götter und Göttinnen.

[152] Die Poeten haben erdichtet / daß die Göttinnen /Parcæ geheissen / Macht habe über eines jeglichen Menschen Leben / welches sie an einem Faden spinnen / und hernach abschneiden; Auch solches längern und verkürtzen nach ihrem Gefallen. Die erste unter den Parcis, Clotho, drehet das Rad um: Die andere /Lachesis, ziehet mit der Hand die Wolle aus / undAtropos schneidet den Faden ab mit einer Scheer /lang oder kurtz / nachdem der Mensch lang oder kurtz leben soll. Hievon ist dieser Vers:


Clotha colum bajulat. Lachesis net & Atropos occat.


Ferner fügen die Poeten auch dieses hinzu; Wann ein Mensch sterbe / so gehe die Seele in einen besondern Ort / und komme erstlich an die Flüsse Acheron, Styx und Lethe, das ist / (Vergessenheit.) Niemand aber könne hierüber kommen / es müsse ihn dannCharon, der untererdische Schiffer / in einem kleinen Kahn herüber setzen. Diesem Charonti geben die Seelen einen Pfennig fürs Fuhr-Lohn: Dahero die alten Römer ihren verstorbenen Freunden einen Pfennig ins Maul geleget / dein Charonti zu geben / wann die Seelen würden hinunterwerts fahren. Hieher kom men die Sprichwörter: Alterum pedem habere in cymba Charontis, gilt eben so viel / als dem Tode nahe seyn: Charonti naulum persolvere, das ist / todt oder gestorben seyn. Wann nun die Seelen von demCharonte übergeführet wären / (sagten sie) so kämen sie an das Hauß des Höllischen Gottes Plutonis, welches Thier der dreyköpffigte und Feuerspeyende Hund Cerberus bewahrete. Daher Plutonis Hauß-Frau istProserpina: Dahero bey den Scribenten ædes Plutoniæ, [153] nichts anders ist / als die Hölle. Von dannen waren zween Wege / einer nach den Elisischen Feldern / der andere nach dem Tartaro. Die Seelen / welche sich wohl und löblich gehalten / wurden durch den Gott Mercurium geführet auf das Elisische Feld /das ist / ins Paradieß. Hingegen die übel gehandelt hatten / wurden gebracht in den Tartarum, das ist / in die Hölle / und allda erstlich von den Richtern der verstorbenen Rhadamonto und Minoen, verurtheilet: Hernacher gemartert und geplaget von den Furien oder Eupimenidibus, welche auch Erinnes genennet werden. Diese waren drey erschreckliche Weiber / an statt der Haare einen Hauffen Schlangen auf dem Haupt habend / mit Nahmen Thisiphone, Alecto, Megæra. Daher man noch heut zu Tage ein böses Weib eine Furie, oder Megæra, oder Erinnys nennet: Also seynd in der Höllen gewesen / und haben ihre Straffe ausgestanden / der Ixion, welcher ein eisern Rad immerdar umdrehen muste; Der Sisyphus, welcher immer einen grossen Mühlstein auf einen hohen Berg weltzete / der doch alsbald wieder herunter lieff. Daher das Sprichwort: Saxum Sisyphium volvere, das ist / eine schwere Arbeit / die nimmer zum Ende kömmt / verrichten. Der Tantalus, welcher biß zum Munde im Wasser stunde / und über seinem Kopffe hangen hatte allerley schöne Aepffel / aber davon nicht essen / noch von dem Wasser trincken konte /sondern immerdar Hunger und Durst leiden muste. Diesem Tantalo werden verglichen die Geitz-Hälse; die zwar grosse Güter haben / aber ihrer nicht geniessen. Der Titius, dem die Geyer die Leber aus dem Leibe frassen / und so viel darvon gegessen ward / so viel wuchs immerdar wieder dazu.

[154] Es ist der alte Bund / Mensch du must sterben. Die Seelen der Abgestorbenen werden entweder von den Engeln in das Paradieß getragen: Oder sie kommen auch in den höllischen Pfuel / da sie ewig werden gequälet.

88. Von der Ertz-Zauberin Circe
88. Von der Ertz-Zauberin Circe.

Circe ist gewesen eine sehr erfahrne / und weitberühmte Zauberin / welche nicht allein durch ihre Schönheit und Wohlredenheit / sondern auch durch Kräuter und Zauberey alle / die zu ihr kamen / zu ihrer Liebe zwingen konte; Ja / wanns ihr nur geliebte / die Menschen in unvernünfftige Thiere verwandelte. Als der verschmitzte Ulysses mit seinen Gefehrden zu Schiffe angelanget bey der Insul / da Circe ihre Wohnung hatte / und etliche seiner Mitgesellen aufs Land schickte Speise zu holen / und zu erforschen / was für Leute da wohneten / da hat die Circe denselben abgesandten Leuten Essen und Trincken fürgesetzet: Sie gar freundlich empfangen. Aber so bald sie mit ihrer Ruthen ihnen auf den Kopff gerühret / da seynd sie zu wilden Thieren worden. Der eine eine Sau / der ander ein Hund / der dritte ein Vogel. Einer von ihnen / derCirces Kost oder Tranck nicht hatte geschmecket / ist unverletzt davon gelauffen / und dem Ulyssi solches verkündiget. Ulysses, ob er wol sehr abgemahnet ward von seinen Gefehrden / er solte sich nicht in die Gefahr geben / so ist er nichts destoweniger nach derCirce gegangen / da ihm unterwegens im Walde der Gott Mercurius begegnet / welcher ihm ein Kraut mit einer weissen Blumen und schwartzen Wurtzel / Moly genannt / gezeiget / und befohlen / er solte es ausgraben / und bey sich behalten: dadurch würde er für der Zauberey der Circe versichert seyn. Als nun [155] Ulysses zur Circe kommen / und gleicher massen freundlich mit Essen und Trincken von ihr empfangen / hat ihn die Circe auch mit ihrem Stecken auf den Kopff gerühret / und gemeynet / er würde wie die andern / in Thieres-Gestalt verwandelt werden. Aber Ulysses ist durch des Krauts Krafft erhalten worden: Hat sein Schwerdt ausgezogen / und der Circe gedräuet sie zu tödten / wofern sie ihm nicht würde seine Gesellen wieder zu Menschen machen. Circe hat dem Ulyssi gehorsamet / und mit einer Flöthe alle Thiere zusammen geruffen / und dieselben mit ihrem Stecken wieder angerühret / da seynd sie alsbald zu Menschen worden. Also hat Ulysses seine Gefehrten nach Wunsch und Begehren erlustiget. Da ihm dann nichts Böses mehr geschehen: Biß daß er endlich wiederum zu Schiffe gegangen.


Circe ist nichts anders als die schändliche Wollust /dadurch die Menschen den unvernünfftigen Thieren gleich / und gleichsam in Säue / in Bären und Hunde verwandelt werden.

89. Vom Jasone und Medea
89. Vom Jasone und Medea.

Jason ist gewesen ein Edler junger Gesell / vorzeiten in Griechenland / der so wol aus Rath seiner Freunde / als aus eigenem Gemüthe Lust hatte / etwas Lobwürdiges zu verrichten. Nun ist zur selben Zeit in der Gegend Colchide ein König mit Nahmen Æetes gewesen / welcher eine Tochter gehabt / Medea genannt / eine überaus schöne Jungfrau / und zugleich eine Zauberin. Es hat aber der Æetes in seiner Verwahrung gehabt ein güldenes Fell / oder eine Haut von einem Hammel oder Schaafs-Bock / welches kein Mensch von dannen wegnehmen / oder anders wohin bringen können; Weil es vom Feuerspeyenden Drachen und viel [156] Wunder-Thieren bewahret ward. Dessen güldenen Felles Lob / und gutes Gerüchte / war auch Jasoni zu Ohren kommen. Der nimmt zu sich etliche andere Jünglinge / und lässet ein Schiff bauen / welches erArgo nennete: Setzet sich mit seinen Gesellen darauf /und fähret nach Colchos, das güldene Fell oder Fließ zu erobern. Die Medea, wie sie den Jasonem ansichtig worden / wird gegen ihm in Liebe entzündet / und offenbahret ihm alsobald alle Gelegenheit: Giebt ihm dabeneben Rüstung und Waffen / und etliche Küchlein / die er dem Drachen fürwerffen solte. Mit kurtzen / sie bringet durch Zauberey so viel zuwege / daß Jason das güldene Fell erobert. Also fähret Medea heimlich ohn Wissen des Vaters / mit dem Jason davon / und wird seine Hauß-Frau: Wie aber derJason das güldene Fell erlanget / da fraget er nicht sonderlich mehr nach der Medea, sondern gewinnet eine andere lieb / mit Nahmen Glaucam. Diß verdroß zwar Medeam gewaltig / jedoch verbarg sie ihren Haß und Unwillen / biß Jason mit der Glauca Hochzeit hielte / da sandte Medea der neuen Braut einen staatlichen Königlichen Rock / den sie anziehen solte. Der Rock aber war durch Kunst also zugerichtet / daß / so bald die Glauca denselben anzoge / sie des Todes sterben muste / angesehen er von ihm selber sich entzündet und die Brautschleunig verbrannt / und zu Aschen machet.


Das güldene Fließ bedeutet Ehre / Lob und Ruhm. Wer das erlangen will / muß ihm keine Arbeit und Mühe verdrießlich seyn lassen. Lerne auch hieraus / daß Untreu seinen eigenen Herrn schlage.

90. Eine Fabel aus dem Ovidio von der Nachtigall
90. Eine Fabel aus dem Ovidio von der Nachtigall.

[157] Pandion König zu Athen / hatte zwo Töchter / die eine Prognem, die andere Philomelam. Es war aber auch ein König in Thracien / mit Nahmen Thereus, der freyete die älteste Prognem, und führete sie mit heim in sein Königreich. Nicht lange hernach nahm er sich für / seinen Schwäher-Vater zu Athen zu besuchen. Reisete derhalben dahin / seine Frau Prognem zu Hause lassend. Als er nun allda ankommen / ward er mit ungebührlicher Liebe gegen seiner Frauen Schwester / die Philomelam, entzündet. Und damit er ihrer möchte habhafft werden / gab er für / seine FrauProgne die begehrte ihre Schwester zu sehen. Überredet auch also den Vater / daß er die Jungfrau Philomelam mit fahren ließ. Sie waren aber kaum in Thraciam kommen / da führete der Thereus die Philomelam mit sich in einen Wald / zwang dieselbe mit Gewalt zu seinem Willen: und / auf daß sie diese böse That niemand klagen könte / schnitte er ihr die Zunge aus dem Halß / und verschloß sie an einen Ort / da sonst keine Menschen hinzukommen gewohnet waren. Philomela, weil sie nicht reden konte / erdachte hierauff diesen Fund: Sie webete von Seiden / welche sie mit sich genommen / ein Tuch / und machte Buchstaben darein. Beschrieb also den Handel / wie Thereus mit ihr umgegangen / und schickte ihre Schwester dieses Werck zu. Progne säumete sich nicht lange / sondern stellete sich / als wolte sie auf das Fest Bacchi verreisen / macht sich aber zu ihrer Schwester in den Wald / nahm sie zu sich / und führete sie in ihr Hauß. Nachdem sie sich nun beyderseits / wie sie sich an ihrem ungetreuen Mann Thereo rächen möchten /lange bedacht / da wurden sie der Sachen eins; Nemlich / Progne nahm ihren eigenen [158] Sohn Itym, den sie von Thereo hatte / schlachtete denselben / kochte seinen Leib / ausserhalb den Kopff: Setzte diese Speise dem unwissenden Könige für. Welcher / nachdem er wol davon gegessen / fragte / wo sein Sohn Itys wäre? Da kam Progne, und ihre Schwester Philomela, und warffen dem Thereo das überbliebene Haupt ins Angesicht / und sagten / wie er ihn selber gefressen hätte. Thereus erschreckend / ward unsinnig: Zog sein Schwerdt aus / und wolte beyde Schwestern ermorden. Da gaben die Götter / daß Thereus verwandelt ward in einen Wiedehopffen; Progne aber ward eine Schwalbe / welche noch heut zu Tage den Blut-Flecken an ihrer Brust träget / darum daß sie ihres eigenen Sohnes Blut vergossen hatte. Philomela aber ward verwandelt in eine Nachtigal: Klaget noch Tag und Nacht ohne Unterlaß ihr Unglück / und ist nirgend lieber als in finstern Wäldern.


Der Ubels thut / entlaufft seiner Straffe nicht. Die Sünder verwandeln sich selbsten mit ihren Sünden in unvernünfftige Thiere / und beflecken mit einem Blutmahle ihre Seelen / daß sie hernach ewig in der finstern Höllen müssen klagen.

91. Dreyerley Täntze bey den Spartanern
91. Dreyerley Täntze bey den Spartanern.

In der Stadt Sparta / (welche auch Lacedåmon genannt wird /) war der Gebrauch / daß auf gewisse Zeiten Täntze mit grosser Solennitär gehalten wurden. Voran tantzeten die Alten / und sungen zugleich mit diese Worte: Wir seynd gewesen / was ihr jetzt seyd. Darnach folgten die jungen starcken Männer / mit dieser Stimme: Wir seynd / was wir seyn sollen / wer daran zweifelt / der versuche es. Zuletzt tantzten die jungen Knaben / und sungen; Was ihr andern seyd /das [159] wollen wir werden. Hiemit haben diese weise Leute anzeigen wollen / daß alte Leute den besten Theil ihres Lebens verlohren haben / und wol sagen können aus dem Virgilio mit Ænea: Fuimus Troës, sie dienen nirgend zu / als zu beten und guten Rath zu geben. Den Männern aber / die zu ihren besten Jahren kommen / gebühret zu arbeiten / und sich ritterlich zu halten. Endlich der jungen Jugend gantzes Wesen bestehet darinn / daß sie sich befleißigen / damit sie dermaleins treffliche Männer / und weise Alten werden mögen.


Du zarte edle Jugend / erlerne Kunst und Tugend.

92. Wie glückselig die Tyrannen seyn
92. Wie glückselig die Tyrannen seyn.

Daß die Könige und grosse Potentanten nicht allerdings so glückselig und ohne Widerwärtigkeit seynd /bezeuget die schöne Historia vom Cicerone in derTuseulana quæstione ultima beschrieben / und verhält sich also: Zu Syracusa war ein Tyrann / mit Nahmen Dionysius, in dessen Hof war einer Damocles geheissen / welcher des Dionysii Glückseligkeit über alle Menschen preisete. Auf eine Zeit fragte der Dionysius Damoclem, ob er nicht einmal versuchen und erfahren wolte die grosse Glückseligkeit / die er so sehr rühmete? Damocles antwortete: Ja / er hätte Lust dazu. Da ließ der Dionysius den Damoclem auf seinen Königlichen Stul setzen / ihm einen Tisch stattlich zurichten mit Gold / Silber / und köstlichem Essen: Stellete auch daneben viel schöner Knaben /die ihm dienen und aufwarten musten. Inmittelst aber ließ er dem Damocli ein blosses Schwerdt an einem Pferd-Haar über den Kopff hängen. Wie dieses [160] derDamocles ansichtig ward / erschrack er sehr / und bathe Dionysium, daß er ihm vergönnete wegzugehen: Er begehrete nicht länger glückselig zu seyn. Hiemit hat Dionysius anzeigen wollen / daß die Könige mitten in ihrer Glückseligkeit gar grosser Gefahr unterworffen seyn.


Man solte keinem um äusserlicher Pracht und Ehre willen eine Glückseligkeit beymessen. Ein geringer Mensch hat offt bessere Stille / Ruh und Sicherheit / dann gewaltige Herren in der Welt.

92. Von Magneten und Diamanten
92. Von Magneten und Diamanten.

In der Natur seynd Wunderwercke / die man zwar täglich mit den Augen schauet / aber derer Ursachen seynd schwer zu erforschen. Aus vielen wil ich nur etliche wenige anzeigen. Der Magnet zeucht nicht allein das Eisen an sich / sondern wendet sich auch allezeit recht nach dem Nord-Pol / er sey an welchem Ort der Erden er wolle. Die erste Tugend Eisen an sich zu ziehen / haben die Alten auch erkannt / und wol gewust: Aber die andere Krafft nach dem Norden sich zu lencken / ist erstlich für 300. Jahren der Welt bekannt worden. Gleichwie der Magnet das Eisen an sich ziehet / also ziehet die Naphtha (ist ein Geschlecht von fetten Feuchtigkeiten / davon anderswo /) die Flamme an sich / und der Bernstein / wann er gerieben wird /das Stroh. Unter den Edelgesteinen ist der Diamant der fürnehmste / von dessen Härtigkeit schreibet und saget man / daß er durch keinen Hammer oder Amboß kan entzwey geschlagen werden; sondern wann er in Bocks-Blut geleget werden / so erweiche er. Solches aber ist falsch. Denn die Goldschmiede können den Diamant mit einem geringen Hammerschlag zu Stücken bringen / und wann er auch 2000. Jahr [161] in Bocks-Blut läge / wird er doch nicht weich. Nichts destoweniger ist er so hart / daß er mit keiner Grabstichel oder Feil kan verletzt werden. Und wann er schon in ein Feuer geleget würde / so groß als eine Stadt / und läge darin 1000. Jahr / so verbrenne er doch nicht / sondern bleibe so gut als er zuvor war.


Viel Dinge in der Natur seynd uns noch verborgen. Dann sie ist eine unerforschliche Quelle. Je weiter wie graben / je tieffer wir kommen.

93. Historia vom Harffen Schläger Arion
93. Historia vom Harffen Schläger Arion.

Arion ist ein berühmter und ausbündiger Harffen-Schläger gewesen / ein grosser Freund des Periandri, Königs zu Corintho / an dessen Hofe er meistentheils sich aufgehalten. Dieser Arion ist auf einmal nach Italien und nach der Insul Siciliam geschiffet: Allda er durch seine Kunst und Music einen mächtigen grossen Schatz an Gold und Silber verdienet und gesammlet. Wie er nun vermeynete reich genug zu seyn / hat er sich mit allem seinem Schatz wiederum auf ein Corinthisch Schiff verfüget / des Fürhabens wiederum nach seinem Könige Periandro zu reisen. So bald das Schiff aufs weite Meer kommen / haben sich die Schiff-Leute unternommen / den Arionem zu tödten / und ins Meer zu werffen / auf daß sie seines Geldes konten theilhafftig werden. Arion hat solches gemercket / und gebeten / sie möchten seines Lebens schonen / er wolte ihnen gutwillig alles geben. Die Schiffer haben hierinn so fern bewilliget / daß sieArionem nicht mit ihren Händen getödtet / sondern ihm befohlen / er solte sich selber ins Meer stürtzen. Worauf Arion seine beste Kleider angezogen / seine Harffe in die Hand genommen / auf das förderste Theil des [162] Schiffs getreten / auf der Harffen zu schlagen / und sehr künstlich zu musiciren angefangen /und hiemit sich die Harffe in der Hand habend / ins Meer gestürtzet. Die Schiffer seynd davon gesegelt /nicht zweiffelnde / Arion würde schon ersoffen seyn. Siehe / da trägt sich eine wunderliche Geschicht zu: Es kommt ein Meer-Schwein heran geschwommen /nimmt den Arionem auf seinen Rücken / und führet ihn unverletzt / lebendig und gesund / mit solchem seinem Zierath und Habit nicht ferne von Corintho ans Land. Bald verfügt sich Arion nach dem KönigePeriander, erzehlet ihm alle Sachen: Unterdessen kommen die Schiffer auch nach Corinthum. Der König lässet den Arionem heimlich verwahren: Die Schiffer aber zu sich fordern / welche er fragt: Ob sie nichts vom Arione gehöret? Da antworten sie: Ja / er sey in Italia in grossen Ansehen und Reichthum. Indem ist Arion mit seinen schönen Kleidern / und Harffen-Spiel herfür getreten / und hat sich von den Schiffern sehen lassen. Über welches Spectacul die Schiffer also bestürtzet worden / daß sie die That nicht leugnen können / darum der König sie billig gestraffet.


Der etwas redliches gelernet hat / bleibet wol. Artem quævis terra alit. Unterdessen haben die Gelehrten auch ihre Feinde und Verfolger / die doch endlich zu schanden werden.

94. Vom hundert-äugigen Argo
94. Vom hundert-äugigen Argo.

Wie der Gott Jupiter sich nicht begnügen lassend mit seiner Ehefrauen der Junone, unterschiedlich andere Frauen und Jungfrauen liebte / ist unter denselben auch eine gewesen mit Nahmen Io, eines Königs Tochter. Diese hatte Jupiter auch zu seinem Willen bracht; Und damit es die Juno nicht inne [163] würde / hat er die Io in eine schöne weisse Kuh verwandelt / welchen Betrug die Juno alsobald gemercket / und derhalben den Jovem, ihren Ehemann gebeten / er möchte ihr die Kuhe verehren. Jupiter hat ihr / den Argwohn zu vermeiden / solche Bitte nicht abschlagen können. Da hat Juno die Kuh Tag und Nacht fleißig bewahren lassen / durch einen Mann Argus geheissen: Welcher in seinem Haupte für der Stirne hundert Augen hatte / davon nur zwey schlieffen / die andern alle wacheten. Der Argus hat die Kuh wol verwahret. Aber Jupiter wolte die Kuh / oder vielmehr die Io, bißweilen besehen / hat derhalben gedacht / wie er den Argum möchte aus dem Wege raumen: Ist Raths worden / den Mercurium zu solchem seinen Fürhaben zu gebrauchen / weil Mercurius sehr lieblich reden /und beweglich auf der Flöten spielen könte. Mercurius ist zu dem Argo in Gestalt eines Hirten kommen / hat zu pfeiffen angefangen / biß endlich durch den lieblichen und anmuthigen Gesang dem Argo die hundert Augen / eines nach dem andern zugefallen / und also der Argus entschlaffen. Da nimmt Mercurius ein Schwerdt / und hauet dem Argo das Haupt ab. DieJuno aber zum ewigwährenden Gedächtniß hat desArgi hundert Augen genommen / und dem Pfauen in den Schwantz gesetzet. Von diesem hundert-äugigenArgo ist genommen das Sprichwort: Argo oculatior, welches gesaget wird von einem vorsichtigen und weitsehenden Menschen.


Wann einer auch noch so klug und scharffsehend ist /kan er doch wol betrogen werden.

95. Der König Midas mit Esels-Ohren
95. Der König Midas mit Esels-Ohren.

[164] Midas ist gewesen ein König / der reichste zu seiner Zeit: Dabeneben aber der Geitzigste. Denn wie ihm von den Göttern vergönnet war / was er wünschen würde / das solte er erlangen. Da hat Midas gewünschet / daß alles / was er anrührete / solte zu Gold werden. Solches haben die Götter ihm zugelassen und gegeben. Wie er nun hat essen wollen / und das Brod / Fleisch / Wein und andere Speise angerühret / da ist alles zu Gold worden / und hat Midas nichts davon geniessen können. Hat derhalben gesehen / daß er ohne Zweiffel würde Hungers sterben / wo die Götter seinen thorhafftigen Wunsch nicht würden ändern und abschaffen. Nun haben ihm auch die Götter hierinn gewillfahrt. Und ist Midas also wieder auf sein voriges Wesen kommen. Es träget sich aber zu / nicht lange hernach / das Phœbus, ein Gott der Music / mit dem Pfeiffer und Wald-Gespenste Pan, in Seitenspielen und Singen stritt / darinn sie den Midam erwehlten zu einem Richter und Scheidemann. Midas, nachdem er eine Weile diesen beyden und ihrem Gesange zugehöret / hat als ein unvernünfftiger grober Tölpel das Urtheil gesprochen / und den elenden Pfeiffer Pan dem Phœbo vorgezogen. Derowegen der Gott Phœbus ihm zur Straffe alsobald aus dem Kopffe grosse lange Esels-Ohren wachsen lassen / die er dennoch meisterlich hat wissen für Fremden zu verbergen und zu verhüllen / ausgenommen für seinem Balbierer /der es gemercket und ferners unter die Leute gebracht. Von diesem Mida kömmt das Sprichwort / er hatMidas. Ohren / das ist / der Mensch ist eben so ein grober Esel als Midas.


Allen Geitzhälsen gehets wie Midas / die bey ihrem grossen Gelde und Gut auch Hunger leiden. Noch heute zu Tage haben [165] viele Menschen Midas Ohren und Sinn: Halten einen groben Pfeffer-Sack höher als einen hochgelehrten Mann.

96. Vom güldenen Apffel Eridis
96. Vom güldenen Apffel Eridis.

In den alten Zeiten ward einsmals Hochzeit gehalten von Thetide und Pello, zwey jungen Eheleuten / zu welcher Frölichkeit alle Götter und Göttinnen geladen waren / ausgenommen die Göttinne Eris, das ist /Zwietracht: Solches verdroß die Eris sehr. Demnach /da die andern lustig waren auf der Hochzeit / hat dieEris einen Apffel genommen / von klarem Golde gemacht / darauf geschrieben: Detur pulcherrimæ, und solchen Apffel durch ein Fenster unter die Göttinnen und Hochzeit-Gäste geworffen. Alsbald hat sich ein Streit erreget / indem eine für der andern als die Schönste angesehen seyn / und den Apffel hinwegtragen wolte. Für andern aber haben sich die drey Göttinnen / nemlich / Juno, die Göttin des Reichthums /Minerva, die Göttin der Weißheit / und Venus, die Göttin der Liebe / nicht über diesen Apffel vertragen können / da hat der Gott Jupiter einen Rath fürgeschlagen / sie solten alle drey sammt den Apffel hinreisen / nach dem Berge Ida, zu einem jungen Schaaf-Hirten (welcher eines Königs von Troja Sohn war) Nahmens Paris, derselbe würde das Urtheil fällen /welcher von den dreyen Göttinnen der Apffel gebührete. Juno, Minerva und Venus seynd zum Paride kommen / ihm den Apffel gezeiget und überreichet /da hat ihm Juno verheissen / wofern er ihr würde den Apffel geben / und sie für die Schönste schätzen /wolte sie ihn reicher machen / als alle Könige auf Erden: Minerva hat ihm versprochen alle Weißheit und Künste mitzutheilen / die je ein Mensch gewußt.Venus hat ihm gesagt / sie [166] wolte ihm zuwege bringen die schönste Frau von gantz Griechenland. Hat ihm auch alsbald sein Hertze mit Liebes-Flammen entzündet. Paris liebende / und nicht wissend was / hat Veneri den Apffel überreichet / und also dieser drey Göttinnen Streit geschlichtet. Darauf ist Paris aus Rath der Veneris hingereiset nach der schönen Helena, eine Frau des Königes Meneali: Hat dieselbe mit allem ihrem Schatz / von Gold und Silber zu seinem Vater und Freunden in die Stadt Trojam weggeführt. Hierauf hat Menelaus das gantze Griechenland aufgebracht / und ist mit einem grossen Kriegs-Heer für Trojam gerücket; Daß demnach daraus entstanden der Trojanische Krieg / welcher zehen gantzer Jahr lang gewähret. Also ist der Apffel Eridis eine Ursache gewesen grosser Zwiespalt / und eines hefftigen Krieges. Daher kömmt das Sprichwort: Pomum Eridos, von einem Dinge / woraus groß Unheil und Streit enstehet.


Zäncker soll man von den Gastgeboten und Hochzeiten weglassen. Der Teuffel ist ein rechter Zanck-Geist. Man soll um schnöder Liebe Willen kein unrechtes Ur theil fällen.

97. Vom wandelbaren Polypo und Proteo
97. Vom wandelbaren Polypo und Proteo.

Unter den Fischen wird einer gefunden / Polypus genannt / das ist Vielfuß: Derselbe kan sich verwandeln in allerley Farben / insonderheit wann ihm die Fischer nachstellen / so hänget er sich fest an die Steinklippen / und was die Steinklippen für eine Farbe haben / dieselbe Farbe nimmt der Polypus auch an / damit er von den Fischern nicht erkennet noch von den Klippen unterschieden werde. Von diesem Fisch hat seinen Ursprung bekommen das Sprichwort: Polypuses, oderPolypo mutabilior, welches man gebraucht von einem [167] Menschen / der sich in aller Leute Weise schicken /und den Mantel nach dem Winde drehen kan. Uber das ist zu den Zeiten des Tojanischen Krieges ein König gewesen / mit Nahmen Proteus, derselbe /wann er nicht hat wollen von den Leuten erkannt werden / hat er durch Zauberey sich selbst verwandelt /bißweilen in einen Löwen / bißweilen in einen Hund in Wasser / Feuer / Bäume und dergleichen. Wer nun diß nicht gewust / der hat ihn nicht können unterscheiden von diesen natürlichen Dingen. Von demProteo ist herkommen das Sprichwort: Proteo mutabilior, wird verstanden von einem verschmitzten Menschen / den man nirgends fassen kan.


Polypos und Proteos giebt es noch in allen Ständen.

98. Vom Sprichwort: Omnem lapidem movere
98. Vom Sprichwort: Omnem lapidem movere.

Als der König Xerxes die Griechen mit Krieges-Macht überzogen / ist er bey dem Fluß Salamine überwunden worden / und also von dannen weggezogen: Hat aber den Krieg zu vollführen den Mardonium hinter sich gelassen. Dieser Mardonius hat auch unglücklich gestritten / also / daß er davon ziehen /und seine Gezelte verlassen müssen. Da ist ein Geschrey erschollen / Mardonius hätte in seinen Gezelten eine mächtige Summa Goldes und Silbers vergraben. Diesen Schatz nun hätte der Polycrates Thebanus gerne gehabt / hat derowegen den gantzen Acker /darauf die Zelten waren / gekaufft. Als er aber nach dem Schatze zu graben begunte / fand er nichts. Da ist er nach Delphos zum Oraculo gereiset / und hat den Gott Apollinem um Rath gefraget / wie er den Schatz überkommen [168] möchte? Das Oraculum hat geantwortet: πάντα λἰϑον κίνει, omnem move lapidem. Solches hat Polycrates gethan / nicht allein gegraben / sondern auch einen jeglichen Stein umgekehret / und endlich auf diese Weise den Schatz gefunden. Von der Zeit an hat man behalten das Sprichwort: Omnem lapidem movere, allen Fleiß anwenden / und nichts unterwegen lassen.


Im guten muß man fleißig seyn / und keine Mühe sparen.

99. Vom Vogel Greiff - und dem Vogel Ruck
99. Vom Vogel Greiff / und dem Vogel Ruck.

Der Stadt Rostock Wappen ist der Vogel Greiff. Vom Greiffen schreiben die Historici, daß er grösser sey /als acht Löwen: Vorn wie ein Adler / hinten wie ein Löw gestalt. Soll in Scythia, ist eine Landschafft in Asia / in dem Gold-Bergwerck wohnen: Und alle / die dahin kommen / Gold zu holen / zerreissen / oder Mann und Pferd mit einander wegführen / denn er den Pferden sonderlich sehr gehäßig: Daher Virgil. Eclog. 8. Jungantur jam Gryphes equis: ist gesagt von einem unmüglichen Dinge. Dieses Vogels Greiffen Schmaltz pflegen die Quacksalber für eine nutzbare Salbe zu verkauffen: Auch die Füsse für Wunder-Sachen in ihrem Krame dem Volcke zu zeigen. Ja man macht auch aus seinen Klauen Trinck-Geschirr. Und der Medicus Rhasis schreibt / man solle ein Quintlein von des Greiffen Gallen in die Nase thun / davon niesen / so vergehe die fallende Sucht. Daß Rostocker Wappen laß ich in seinen Würden. Daß aber der Vogel Greiff nur ein Gedicht und Mährlein sey / hat schon vorlängst Plinius, [169] und der grosse Historien-Vater Herodotus erkannt. Zu diesen unsern Zeiten ist der gantze Erdboden umsegelt / und alles bekannt /was darauf ist / es hat aber noch kein Mensch einen Vogel Greiff gesehen / oder etwas von ihm erfahren können. In Scythia seyn auch gantz und gar keine Gold-Berge / darin die Greiffen wohnen könten. Glaublich ist es / daß die in Scythia wohnende Völcker behertze Kriegs-Männer gewesen seyn / welche die / so ihnen etwas haben nehmen oder rauben wollen / mit grosser Geschwindigkeit verfolget / und geruffen: Greiff / greiff den Kerl. Daher haben die Griechen die Scythischen Reuter Gryphes geheissen / und ihnen von wegen ihrer Geschwindigkeit Adlers-Flügel / und wegen ihrer Stärcke Löwen Füsse angedichtet: Sintemal den Poeten und Mahlern alles / was ihnen nur beliebet / zu dichten vergönnet ist. Und seynd diese Greiffen den Harpyis nicht ungleich / (welchenVirgilius die See Räuber verglichen /) die Angesichter haben wie die Jungfrauen / Bäuche wie Backöfen /Hände wie die Bären-Klauen / und gantz unersättlich seyn / ja alles zureissen und verderben. Die Trinck-Geschirr / die man für Greiffen-Klauen ausgiebet /seynd gemacht von Indianischen Ochsen-Hörnern. Und der Quacksalber Greiffen-Schmaltz und Füsse seynd vom Vogel Straussen. Paulus Venetus schreibet / es soll in India über der Insul Madagascar ein Vogel seyn / Ruck genannt / der einen lebendigen Elephanten rücken / und in die Lufft wegführen könte /pfleget auch in den Land-Tafeln also abgemahlet zu werden. Vielleicht seynd unsere Schiff-Leute dieser Vogel Ruck / welche an der Indianer Land / hinan rücken / und was sie ertappen / in einem Ruck davon führen: Ja [170] die nicht allein Gold / Silber / Gewürtz /Edelgesteine / Papageyen / Meer-Katzen / und dergleichen / sondern auch gantze Bären / Löwen und Elephanten davon schleppen / hinrücken / und mit ihren geflügelten Schiffen als Vögel davon führen.


Es ist nicht alles wahr / was die Leute reden oder schreiben.

100. Wie Furius Camillus einen untreuen Præceptorem tractiret
100. Wie Furius Camillus einen untreuenPræceptorem tractiret.

Der vortreffliche Held Furius Camillus, von Geburt ein Römer / hatte einmal aus Befehl des Raths und der Bürgerschafft zu Rom die Stadt Faliscum belägert. Da trug sichs in der Belägerung zu / das ein berühmter Schulmeister / welcher in seiner Disciplin der fürnehmsten Bürger Knaben hatte / mit seinen Discipeln hinaus für die Stadt spatzieren gieng / vorgebend / er wolte sie nicht weit führen / sondern nur Lust und Bewegniß halber vors Thor bringen; Er aber hatte ein falsch Hertze / und gedachte die Kinder und die Stadt zu verrathen. Wie er vors Thor kommen / nöthigte und zwang er die Knaben mit ihm ins Feindes Lager hin und nach dem Furio Camillo zu gehen. Allda anlangend / gieng er für den Camillum, und meldet ihm an / wie daß er der fürnehmsten Bürger zu Falisco Kinder bey sich hätte / die wolt er seiner Macht übergeben / durch das Mittel könte er die Stadt leichtlich und ohne Blutvergiessen gewinnen. Dann wann er die Knaben behalten würde / so würden die Väter / ehe sie die Kinder verliessen / ihm die Stadt gutwillig aufgeben: und meynete hierdurch der Præceptor grossen Danck und reichliche Belohnung vom Camillo zu erlangen: Aber der redliche und ehrenhaffte Camillus hatte keinen [171] Gefallen an solcher Verrätherey: Ließ den Schulmeister nackend ausziehen / die Hände auf den Rücken binden / überlieffert ihn den jungen Knaben / seinen eigenen Discipeln / und gab einem jeglichen eine Ruthe in die Hand / ihnen befehlend / daß sie ihren Præceptorem streichen / und also mit Ruthen nach der Stadt treiben / und ihren Vätern allen verlauffenen Handel offenbaren solten / mit dem angehengten Bericht / des Camilli Meynung wäre nicht /die Stadt mit Verrätherey zu erobern / sondern mit ritterlichen Thaten. Durch diß fromme und redliche Gemüthe des Camilli wurden die Bürger zur Verwunderung und zum Schrecken bewegt: Ubergaben dem Camillo ihre Stadt / verhoffend / ein solcher treuer Mann könte ihnen bey den Römern viel gutes ausrichten /und ihrer verderbter Sachen halben Gnade und Vergebung erlangen.


Verrätherey und Falschheit bekömmt gewiß ihren Lohn.


Finis I. Centuriæ.

Das andere Hundert nützlicher und lustiger Satzungen

1. Der Artzt Democedes curiret den König Darium
1. Der Artzt Democedes curiret den KönigDarium.

Der König Darius, als er einsmals auf der Jagt gewesen / und / indem er von dem Pferde gesprungen / seinen Fuß verrencket / daß er zu Bette liegen / und grossen Schmertzen leiden müssen: Da hat er alle Aertzte aus Egypten zu sich fordern / und ihres Raths begehren lassen; Von denen allen aber keiner ihm helffen können. Zur selbigen Zeit ist unter des Darii Gefangenen auch ein Grieche gewesen / mit Nahmen Democedes, von Crotone bürtig / ein sehr kunstreicher /und bey den Griechen berühmter Artzt / welchen Darius, so bald er von ihm gehöret / gleicher Gestalt zu sich holen lassen / und als er in zerissenen Kleidern mit eisernen Fesseln und Banden an den Füssen erschiene / ihn gefraget: Ob er die Kunst könte / verruckte Glieder wieder zu recht zu bringen? Democedes sich fürchtend / wo er seine Kunst würde zu erkennen geben / daß er nimmer wieder in sein Väterliches Griechenland kommen möchte / hat geleugnet und verneinet / daß er solches könte. Darius hat befohlen / man solte die Pein-Banck und Ruthen und Peitschen herbringen. Da hat sich Democedes gefürchtet / und bekannt / daß er die Kunst wüste. Hat auch den Darium [173] in kurtzem wieder zu recht gebracht: Der ihm dann für die Cur die eiserne Fessel abnehmen / und an statt derselben zwey güldene Fessel verehren lassen. Democedes hat Darium gefraget /ob er ihme wolte ein zwey faches Ubel anthun (auf die Fuß-Helden sehend) dafür daß er ihn gesund gemacht hatte? Darius hat sich dieser Antwort belustiget / und weil er viel Frauen hatte / hat er den Democedem zu ihnen gesandt / daß sie auch sehen solten den Mann /der dem Könige das Leben erhalten hätte. Die Frauen aber des Darii haben Democedi so viel güldene Geschirr geschencket / daß Democedis Knecht / wie er die Geschirr im Sacke nach Hause getragen / einen grossen Klumpen Goldes gesammlet / welches von den Geschirren im Sacke war abgeschabet worden. Durch diese Cur ist Democedes so hoch gestiegen /daß er beym Dario zu Tische gesessen / und einen grossen Pallast / auch viel Goldes und Silbers die Fülle verehret bekommen. Die Egyptischen Aertzte aber / die dem Dario nicht hatten helffen können / hat er alle aufhencken lassen. Durch so grossen Reichthum und Ehre ist dennoch Democedes beym Dario zu bleiben nicht zu bewegen gewesen / sondern er hat sich heimlich davon / und wieder in sein Vaterland gemacht / und alle sein Gut bey Dario verlassen / und nachmahls des Milonis Crotoniatæ Tochter gefreyet.


An Ehre / Reichthum und Freunden mangelts einem Artzt / der seiner Kunst erfahren und mächtig ist / niemahlen.

2. Die schöne - keusche und vernünfftige Penelope
2. Die schöne / keusche und vernünfftigePenelope.

Penelope ist des verschmitzten Ulyssis Haus-Frau gewesen / und wird von den Poeten nicht allein wegen[174] ihrer Schönheit / sondern vielmehr wegen ihrer Keuschheit geruhmet. Dann als ihr Ehe Mann derUlysses, zwantzig gantzer Jahr von ihr abwesend war: Als zehen Jahr im Kriege für Troja / und zehen Jahr in der Irre herum reisend / haben sich unterdessen bey der Penelope viel Freyer / die sie zur Ehre begehret /angegeben. Seynd auch so häuffig zu ihr kommen /daß ihr gantzes Hauß von jungen Männern / die von Jahr zu Jahr allda gefressen / gesoffen / und ihr Gut verzehret / voll worden. Sie aber die Penelope, hoffend noch allezeit / ihr Herr und Mann der Ulysses, würde wiederkommen / hat die Freyer mit guten Worten lange aufgehalten. Biß endlich die Freyer ungedultig worden / und mit Ernst begehret / sie solte einen aus ihrem Mittel nehmen / den sie zum Ehe-Mann haben wolte. Da nun Penelope gesehen / daß sie also gezwungen worden / hat sie diese List erdacht. Sie hat ihre Freyer alle für sich gefodert / ihnen gezeiget ein Gewebe / und ihnen verheissen / so bald sie das würde zum Ende gebracht / und gewürcket haben /wolte sie sie nicht länger aufhalten / sondern einen unter ihnen zum Ehe-Mann nehmen. Das haben ihnen die Freyer gefallen lassen. Was thut aber die Penelope? Des Tages ist sie zwar fleißig in Verfertigung des Gewebs: aber bey Nacht entwebet und löset sie alles wieder auf / was sie den Tag über gemacht hatte. Durch welchen Betrug sie ihre Freyer so lange aufgehalten / biß endlich Ulysses selbst wieder zu Hause (doch unbekannter Weise) kommen / und allen Freyern den Tod angethan: Etliche mit Pfeilen erschossen: Etliche zerhauen: Etliche aufgehencket. Aus dieser Historien ist genommen das bekannte Sprichwort:Telam Penelopes [175] texere, das ist / vergeblich arbeiten / und was man einmal guts gemacht / solches bald wieder verderben / und zu nichte machen.


Zucht und Ehre behält dennoch den Ruhm: Ob sie schon zu Zeiten angefochten wird / wird sie doch nicht unterdrücket / sondern machet ihre Feinde zu schanden. Mercke auch ein schön Exempel einer beständigen / getreuen ehrlichen Liebe.

3. Apelles wird von einem Schuster getadelt
3. Apelles wird von einem Schuster getadelt.

Von dem kunstreichen Mahler Apelle erzehlet Plinius folgende Historiam.

Wann der Apelles etwas kunstreiches gemahlet und verfertiget hatte / so hat er solches öffentlich an seine Thür auf die Gassen gehänget / sich hinter eine Decke gestellet / und zugehöret / was die fürüber gehenden Leute von dem Gemählde redten und urtheileten. Wann er nun in einem und dem andern Stücke von jemand getadelt worden / hat er solches hernacher geandert. Es trägt sich aber einsmal zu / daß ein Schuster fürüber gehet / still stehet / das Bild anschauet / und endlich seine Meynung von der gemahlten Tafel saget / nemlich / daß die Schuh-Solen nicht recht gemacht wären. Apelles hat solches gehöret / und die Solen verbessert. Des folgenden Tages ist der Schuster wiederkommen / und hat gemercket / daß Apelles das Bild wegen seiner Aussage geändert. Als ist er fortgefahren / und hat auch die Beine an dem Bilde gestraffet / daß sie nemlich zu dicke wären / aber Apelles hat hinter der Decke herfür geruffen: Ne futor ultra crepidas, das ist / keiner unterstehe sich zu urtheilen und zu meistern / oder andere Leute etwas zu lehren / was entweder ihme zu hoch / und er nicht verstehet / oder was nicht seines Amts ist.

Können wir nicht alle dichten / so wollen wir doch alle richten.

4. Vom Actæon
[176] 4. Vom Actæon.

Auf einmal im Sommer gieng die Diana mit ihren Jungfrauen im Walde jagen. Und nachdem sie sich ergetzet / haben sie sich nackend in einem schönen kühlen / holen Brunnen gebadet und erquicket. Was geschicht / da kömmt unversehens zu dem Brunnen gegangen mit seinen Hunden der Jäger Actæon, ein junger Gesell / und siehet die Dianam mit ihren Jungfrauen nackend im Wasser stehen. Als die Nymphen (dann so wurden die Wald-Göttinnen geheissen) denActæonem gesehen / haben sie die Hände an ihre Brust geschlagen / sehr geheulet / und sind um dieDianam gelauffen / daß dieselbige sie verbergen möchte / damit sie von keinem Manne nackend gesehen würden. Die Diana aber / weil sie ihren Bogen und Pfeile nicht bey der Hand hatte / sondern dieselbe von sich geleget / hat an statt der Pfeile Wasser in die Hände genommen / und den Actæonem damit besprützet / welcher alsbald ist zu einem Hirsch worden / auf daß kein Mensch lebete / der sagen könte / er hätte die Dianam nackend gesehen. Actæon nunmehr in einen Hirsch verwandelt / lieff durch den Wald hin und her / und ward ohngefehr von seinen eigenen Hunden / die er sich mit auf die Jagt genommen / gesehen / welche vermeynten / daß es ein rechter Hirsch wäre / und dem Actæoni an den Leib fielen. Derselbe / weil er nicht reden / auch sich nicht vertheidigen konte / ist also von seinen eigenen Hunden zerrissen und aufgefressen worden.


Fürwitz stürtzet viele in Leib- und Lebens-Gefahr.

5. Der kunstreiche Dædalus, und dessen Sohn Icarus
[177] 5. Der kunstreiche Dædalus, und dessen SohnIcarus.

Dieser Dædalus, dessen wir anderswo gedacht / hat einen Sohn gehabt / Icarus geheissen: welche alle beyde bey dem Minoë in Creta gefangen lagen. DerDædalus aber seiner Kunst vertrauend / hat einen Rath erdacht / wie er aus dem Gefängniß entfliehen möchte. Hat derhalben ihm selbsten und seinem Sohne Flügel von Wachs angesetzet / so künstlich /daß sie damit eben als eine Vogel in der Lufft fliegen konten. Wie nun alle Sachen zum wegfliegen fertig /da hat der Vater seinen Sohn ernstlich vermahnet / er solte ja nicht zu hoch in die Lufft fliegen / auf daß die wächserne Flügel von der Sonnen-Hitze nicht zerschmeltzen möchten / sondern er solte sein mitten in der Lufft bleiben / und ihm nur nachfolgen: Denn er wolte vorn an fliegen. Also hebet sich der Vater Dædalus mit seinen gemachten Flügeln in die Höhe / der Sohn Icarus folget nach: und fliegen die beyde wie Vögel in der Lufft über Berg und Thal / biß sie endlich übers Mittelländische Meer kommen. Da wirdIcarus stoltz / erhebet sich in seinem Sinne / und nimmet sich für / er wil gar in den Himmel fliegen: Verläst also seines Vaters treue Lehre und Vermahnung /trauet allzuviel auf seine angesetzte wächserne Flügel / und indem er der Sonnen zu nahe fleucht / da schmeltzet das Wachs / und fällt Icarus von oben herunter in das Meer / das hernach deßwegen Mare Icarum ist genennet worden.


Diesem Icaro seynd zu vergleichen alle diejenigen /welche gar zu hoch hinaus wollen / sich allzuviel einbilden / und fliegen wollten / ehe sie Fittige haben. Insonderheit die jungen Studenten / welche vermeynen / sie haben bereit alle Weißheit gefressen / und wissen doch nichts. Die pflegen gemeiniglich herunter zu [178] fallen ins Verderben / und endlich gar zu nichte und zu Schanden zu werden. Von dem kunstreichen Meister Dædalo ist das Sprichwort genommen: Opera Dædalea, oderOpus Dædali, das ist / ein sehr künstlich und trefflich Werck.

6. Erliche Sprichwörter
1. Ranæ Seriphiæ
1. Ranæ Seriphiæ.

Plinius vermeldet / daß in der Insul Seripho alle Frösche gantz stumm seyn / und kein Gelaut von sich geben / wie die Frösche in diesen Ländern; Von diesen Fröschen haben die Alten ein Sprichwort genommen / wann sie einen Menschen gesehen / der gantz still und ohne Rede; denselben haben sie genanntRanam Seriphiara. Hieher gehöret das Apophthegma, welches dem Socrati zugeschrieben wird / nemlich: Als Socrates einen jungen Gesellen sahe stillschweigen / und nichts antworten / ob er schon gefraget ward / hat er gesagt: Hörst du / rede doch etwas /daß ich höre und vernehme / daß du ein Mensch seyst. Dann ein Mensch wird durch zwey Dinge von einem unvernünfftigen Thieren unterschieden / durch die Rede / und durch die Vernunfft: Welches beydes die Griechen mit einem Wort nennen λὁγον und heissen den Menschen Ζῶον λογικὀν.

2. Inter Sacrum & Saxum
2. Inter Sacrum & Saxum.

Bey den Römern / welche nicht weniger in Erudition, als im Kriege / andern Völckern fürgangen / ist im Gebrauch gewesen / daß / wann sie mit ihren Nachbarn haben ein Verbündniß aufrichten wollen / so hat ein Priester müssen eine Sau an die Gräntzen führen /einen Stein in die Hand nehmen / und damit das Schwein tödten / diese Wort sprechend: Wer diese H. Verbündniß bricht / den schlage der Gott Jupiter [179] eben also / gleich als ich diese Sau tödtete. Daher ist diß Sprichwort: Inter Sacrum & Saxum stare. Welches gebraucht wird / wann man in grosser ja Todes-Gefahr stehet.

3. Sardi Venales
3. Sardi Venales.

Sardinia ist eine Insul / gelegen im Mittelländischen Meer. Diesselbe ist von den Römern unter dem Hauptmann Sempronio Graccho überwunden worden / damahl hat man von dannen so viel gefangene Menschen nach Rom geführet / daß man noch etliche Tage nach einander sie Hauffenweise verkaufft. Wie nun dieses Verkauffen ziemlich lange gewähret / und die gefangenen Sarder für ein geringes Geld verkaufft wurden / hat man ein Sprichwort daraus gemacht /und gesagt: Sadri Venales, welches verstanden wird von einem verächtlichen Dinge / das nicht viel werth ist. Oder auch wol von einem Dinge / das lange verzögert und aufgeschoben wird.

4. Corycæi
4. Corycæi.

In den Schulen pfleget man dieselbigen / welche andere Knaben heimlich anmercken / wann sie übels thun /Corycæos zu nennen / das ist / Aufmercker: Solches hat seinen Ursprung aus folgender Historia:

In Griechenland liegt ein hoher Berg / Corycus genannt / der sich ferne ins Meer ausstrecket / und einen guten sichern Hafen hat. Allda haben fürs Alter ihre Wohnung gehabt viel Mörder und See-Räuber / welche eine neue Art und Weise erfunden / den fremden Kauffleuten heimlich nachzustellen: Dann sie mengten sich unbekannter Weise unter die Kauffleute / hörten zu / wohin sie wollten? Was sie für Wahren eingeladen? [180] Wie starck sie wären? Hernach wann die Kauffleute abgefahren / und in die See kommen / fielen sie dieselbige an / nahmen ihnen ihre Güter / und tractirten sie übel; Daher alle / die darauf mercken /was andere heimlich reden / Corycæi genennet werden.

5. Hydra Lernæa
5. Hydra Lernæa.

In Griechenland ist eine See oder Teich / Lerna geheissen / darinn (wie die Poeten schreiben) vormals gewesen das Wunder-Thier Hydra, mit hundert Köpffen: Welchem / wie viel man auch deren abgehauen /dennoch allezeit mehr und mehr wiederum aufs neue herfür gewachsen seynd. Dieses Monstrum hat die gantze Gegend / und alle Oerter jämmerlich verwüstet / biß endlich der starcke Held Hercules kommen / der dasselbe erstlich mit seiner Keule / hernach mit seinen Pfeilen und Bogen / endlich / wie es sich in die Höle verkrochen / mit angezündetem Holtze und grossem Feuer getödtet / und aus dem Wege geräumet. Daher ist entsprungen das alte Sprichwort: Lerna malorum, oder Hydra Lernæa, welches gebraucht wird von sehr grossem Ubel / und allen bösen Dingen / die nicht leichtlich können abgeschaffet werden.

6. Ad Colophonem per ducere
6. Ad Colophonem per ducere.

Colophon ist eine Sadt in Jonia: Deren Einwohner vormals zu Wasser und Lande mächtig und so wol im Streit erfahren / auch also wol mit Kriegs-Volck versehen gewesen / daß / wo sonsten ein Krieg nicht hat können gestillet und beygeleget werden / da hat man der Colophonier Reuterey / zu helffen / und alles zum Ende zu bringen / hingesand. Hieraus ist erstlich entsprungen das Sprichwort / Colophonem [181] addere, das ist / die letzte Hand anlegen / und ein Ding zum Ende bringen.


Man muß nicht gar zu still / auch nicht gar zu waschhafftig seyn / die Mittel-Strasse ist die sicherste Verbündniß soll man heilig und feste halten. Der eine Mensch lauret auf des andern Verderben wie ein Löw in der Höle /verkaufft und tödtet ihn um ein liederliches / etc. Die Erb-Sünde ist eine rechte Hydra Lernæa, ein groß Ubel /eine auslebende Seuche. Zu Ende und zuletzt muß man am sichersten spielen: Ende gut / alles gut.

7. Der höckrige Philosophus Crates
7. Der höckrige Philosophus Crates.

Die unbesonnen offtmahl die Weibs-Personen ihre Liebe werffen auf die Männer / und sich nicht lassen von ihrer einmal geschöpfften Meynung abbringen /bezeuget die tägliche Erfahrung. Für dißmal wil ich nur ein altes Exempel anführen:

Hipparchia, eine Schwester des Metroclis, gewann den fürtrefflichen Philosophum Craterem lieb / nicht zwar wegen seiner Schönheit: dann er vom Leibe gantz ungestalt war; Auch nicht wegen seines Reichthums; dann er gar arm war / sondern aus ungearteter Liebe / also / daß sie ihren Eltern und Freunden dräuete / sie wolte ihr selber den Tod anthun / wofern man ihr wehren würde den Craterem zu freyen. Von diesem ihren bösen Fürnehmen und der thörichten Liebe haben sie nicht können abbringen / weder ihre Eltern / noch der Crates selber / weder mit gutem noch mit bösem. Endlich ist Crates aufgestanden /und herfür getreten öffentlich / hat seinen Mantel abgeleget / und seinen Rücken / darauf er einen grossen Höcker hatte / entblösset / sagende: Daß niemand betrogen werde / so sehet alle her / diß ist der Bräutigam. Dabeneben hat er seinen Stecken / und seine Tasche (dann mehr hat er nicht gehabt) hinweggeworffen / und gesagt: [182] Und diß ist mein Braut-Schatz. Hierüber möcht ihr euch bedencken: dann ich kein Weib nehmen kan / deren dieses nicht gefalle. Durch diese That ist Hipparchia von der Liebe wieder abgeschrecket worden.

Die Liebe ist blind / sie fällt so bald auf das Ungestalte als auf das Wolgestalte. Mancher ist vor Liebe gleichsam blind / roll und unsinnig: er freyet in das Gelach hinein /und weiß selbsten nicht was / bis ihm zuletzt die Augen wieder eröffnet werden / daß er sein thörichtes Beginnen handgreifflich spüret.

8. Vom Demosthene und Laide
8. Vom Demosthene und Laide.

Zu Corintho war ein sehr berühmt leichtfertig Weib /mit Nahmen Lais, welche wegen ihrer Schönheit und lieblichen Geberden viel Geld verdienete / massen dann die Reichsten und Fürnehmsten in gantz Græcia zu ihr reiseten. Sie aber ließ niemand zu sich / der nicht gab / was sie forderte. Sie forderte aber eine überaus grosse Summa Geldes. Dannenhero das Sprichwort kommen: Non cuivis licet ire Corinthum; Nemlich / der da nicht geben könte der Laidi, so viel sie forderte / der dürffte nur ihrenthalben nach Corintho nicht ziehen. Nun trug es sich zu / daß auch Demosthenes, der weitberühmte Redner / einmal heimlich zu der Laide gieng / und sie bat / daß sie ihm wolte zu Willen seyn. Da forderte Lais von ihm einTalentum, das ist / sechshundert Cronen oder tausend und vierhundert Gülden. Hierüber hat sich der Demosthenes entsetzet / so wol des grossen Geldes halber /als wegen der Unverschamheit des Weibes: Ist davon gangen / hat die Laidem sitzen lassen und gesaget:Tanti pœnitere non emo, so viel gebe ich nicht für ein Ding / dessen mich doch alsbald gereuen würde /wann ichs gethan hätte.


[183] Huren bringen manchen um sein Gut und Geld. Um schnöder Sünde willen muß man nicht den Himmel ver schertzen / und um schnöder Lust auf sich bürden die ewige Unlust.

9. Wie Darius zum Königreich kommen
9. Wie Darius zum Königreich kommen.

Darius, Histaspis Sohn / ist gewesen ein Trabant und Diener des Königs Cambysis, und auf folgende Weise nach dem Cambyse, König über die Perser und Meder worden.

Wie Cambyses verstorben / da hat sich ein Magus mit Nahmen Smerdis, aufgeworffen für einen König /denselben hat Darius mit noch andern sechs fürnehmen Männern in seiner Kammer erstochen. Wie diese sieben nun sich nicht vertragen konten / welcher unter ihnen dem Cambysi succediren und König seyn solte / da haben sie sich also verglichen / daß sie des andern Morgens alle zu Pferde sitzend auf einem Platz zusammen kommen wolten / und wessen Pferd zum ersten würde wiehren oder schreyen / derselbe solte an Cambysis statt König werden. Darius hat seinem Pferde-Meister solchen Anschlag offenbahret / der denn folgende List erdacht. Auf den bestimmten Platz hat er des Abends des Darii Leib-Hengst geführet /auf dem er des folgenden Morgens reiten wollen / und ein Mutter-Pferd darzu gelassen; Wie nun des Morgens Darius sammt den andern auf den Platz geritten kommt / und des Darii Hengst solchen Ort kennete /auch verhoffte / er würde das Mutter-Pferd wiederum allda antreffen / da hat der Hengst laut geschrien. Als solches die andern gehöret / seynd sie von ihren Pferden abgestiegen / dem Dario zu Fusse gefallen / und haben ihn für einen König auf und angenommen. Also ist Darius aus einem schlechten Trabanten / durch List seines [184] Pferd-Bereiters / und durch ein Pferd-Geschrey Monarcha worden der Meder und Perser.

Eines erfahrnen Mannes Rath soll man sich gebrauchen. Mancher kömmt mit List und verborgener Kunst zu Ehren. Wem das Glück die Ehre gönnet / dem soll man die nicht mißgönnen.

10. Kampff der zweymahl drey Gebrüder Horatiorum und Curatiorum
10. Kampff der zweymahl drey GebrüderHoratiorum und Curatiorum.

Nicht weit von Rom / da damahls regierete der dritte König Tullus Hostilius, war für Zeiten eine Stadt gelegen / Alba genannt (daher die Albaner kommen.) Ob nun wol die Römer den Albanern / so wol mit Blutfreundschafft / als Schwägerschafft verwandt waren / nichts desto weniger / weil die Stadt Rom sehr florirte / und täglich zunahm / so hasseten und verfolgten die Albaner die Römer: Biß endlich dieser Zwiespalt / Neid und Wiederwill so groß ward / daß daraus ein öffentlicher Krieg erwuchs. Damit aber dem Unglück ferner fürgebauet werden möchte / so wurden unter sich eins aus der Stadt Rom der Tullus, und von der Albaner Seiten Metius Suffetius: Nehmlich / daß drey Brüder vom Geschlecht der Horatiorum, und gleichfals aus der Stadt Alba andere drey Brüder / vom Geschlecht der Curatiorum, (welche sechs eben damahl im Läger unter den Soldaten gefunden wurden /) solten ausgeordnet werden / und mit einander streiten. Und welche Stadt alsdann unterläge / die solte der andern unterthänig und gehorsam seyn: Diese sechs junge Gesellen / ob sie wol einander am Geblüte verwandt / so fiengen sie dennoch den Streit an. Wurden also zu bestimmter Zeit die Schrancken zwischen beyden Städten auf einen grünen Platz aufgeschlagen / und die sechs Kämpffer dahin geführet:[185] Woselbst auch von Rom und Alba viel Zuseher kamen. Es begab sich aber nicht ohne Schrecken der Römer / daß aus ihren dreyen 2. erschlagen wurden /doch gleichwol der dritte im geringsten nicht verwundet / frisch und gesund verbliebe. Die drey Albaner aber / allesammt hart verwundet / trieben den einen frischen Römer tapffer herum / und verfolgten ihn. Derselbe immittelst gebrauchte diese List: Er gedachte / grieff er seine Feinde alle drey zugleich an / so würden sie ihm überlegen seyn: Stritte er aber mit einem jeglichen absonderlich / so könte er sie wol überwinden. Nahm derhalben den einen erst für: Derselbe / weil er hart verwundet war / und sich sehr verblutet hatte / ward von ihm bald nieder gemacht: Gleicher gestalt nahm er absonderlich den andern für /tödtet den auch: Und zuletzt den dritten ebener massen. Also überwand der eine Römer / Horatianer Geschlechts / die Curiatier alle drey / und erlangeten die Römer den Sieg / wurden der Albaner Ober-Herrn /und brachten den Horatium mit grossem Triumph und Ehren in die Stadt Rom. Diese Freude aber ward bald hernach in Traurigkeit verkehret. Dann wie derHoratius jetzt in die Stadt treten wolte / siehe / da kömmt ihm entgegen seine Schwester / eine Jungfrau /welche einem der Curiatier, so vom Horatio über wunden und getödtet / zur Ehe versprochen war. Diese / da sie ihres Vertrauten Wapen-Rock / den sie selbst gemacht hatte / auf des Bruders Achseln ersahe / risse sie ihre Haare voneinander / und rieff gantz kläglich mit Nahmen ihren entleibten Bräutigam. Solch der Schwester Leidklagen bewegte den jungenHoratium dermassen / daß er sein Schwerdt zuckete /und sie auf der Stätte erstach / also sagende: [186] Fahre hin mit dieser unzeitigen Liebe zu deinem Bräutigam / die du deiner zween Brüder / und des noch lebenden / ja auch des Vaterlandes vergessen hast. Also soll einer jeden Römerin geschehen / die einen Feind ihres Vaterlandes betrauren wird. Diese That wurde bey dem Könige Tullo, und allen Vätern / für gar grausam gehalten / und derohalben über den Horatium Recht gesprochen: Er / auch ungeachtet seiner trefflichen That / dergestalt zum Tode verurtheilet / daß er solte mit Ruthen zur Stadt hinaus gestrichen / und mit einem Strick an einen Baum gehencket werden: Des Jünglings alter Vater aber / Publius Horatius, legte sich hierzwischen / appellirte dagegen / wie dann auch der Jüngling selbst auf ferners Erkäntniß der Sache sich berieff. Der Vater sprach / seine Tochter wäre aus rechtmäßigen Ursachen entleibet / sonst wolt er sie in Krafft väterlicher Gewalt selbst gestraffet haben. Folgends bate er / daß sie dennoch ihn / als welchen sie unlängst zuvor mit fürtrefflichen Kindern begabt gesehen / auf diesen Tag nicht gantz und gar Kinderloß machen wolten. Mit dieser Bitte hat also der Vater den Sohn vom Tode erlöset.


In Krieg und Streit ist das Glück seltsam und wanckelbar. Item / nach erobertem Sieg kan auch ferner Unglück entstehen. Darum sey niemand vermessen.

11. Kuckuck
11. Kuckuck.

Der Kuckuck und die Nachtigal seynd die ersten Sommer-Boten. Es hat aber der Kuckuck einen überaus bösen Nahmen für seine Unschuld und fröliche Zeitung. Dann man schreibet und saget / er sey von Art und Natur ein Sperber: Bespeye Kräuter und Blumen / daß Raupen daraus wachsen: Er fresse den Ringel-Tauben oder Graß-Mücken die Eyer [187] oder Jungen auf: Lege sein eigenes Ey ins Nest / und wanns ausgebrütet ist / und der junge Kuckuck ausfleucht / so ergreifft er seine Mutter selbst / würge und fresse sie. Daher muß der Kuckuck ein Fürbild seyn der Undanckbarkeit gegen die Eltern / Præceptores und Wohlthäter: und ist in der Lateinischen Sprache nichts gemeineres / als daß man sagt von einem Undanckbaren / er sey ingratus cuculus.

Wann mans aber recht wil beym Licht besehen / so geschicht dem guten Kuckuck unrecht / und kan er gar leicht entschuldiget werden. Dann alles / was von ihm erzehlet wird / eitel falsch / und ferne von der Warheit abe ist. Fürs erste / ist er nicht Sperbers Art / sondern vom Geschlechte der wilden Tauben: Das Weiblein ist blaulicht / wie eine Holtz-Taube. Das Männlein bräunlich / und wird der rothe Kuckuck genennet. Sie haben aber beyde schöne gelbe Füsse wie ein Sperber: Dahero vielleicht dieser Irrthum kommen. Sonsten seynd ihnen die Sperber und Habichte so sehr aufsetzig / daß sie sie fressen wie eine Turtel-Taube. Ein Sperber aber frißt den andern nicht: Auch nicht ein Rabe den andern. Daher kommt / daß der Kuckuck sich nicht sehen oder hören lässet / ehe er sich auf den Bäumen mit Laube bedecken kan. Und so bald er einen Sperber oder eine Krähe fliegen siehet /macht er sich davon. Uber das isset er durchaus kein Fleisch / wie die Sperber thun; sondern allein Maden /Würme und Raupen. Darum lässet er sich sehen und hören / so bald die Früh-Raupen aus ihren Nestern ausgekrochen. Wann aber dieselbe vergangen und hinweg seyn / so verleuret er sich auch / und suchet ein ander Land. Wann man ihn im Hause aus dem Nest aufzeucht / so isset er den [188] Winter über gerieben Monsaat / Brey und Gersten-Mehl und Kleyen: Nimmt durchaus kein Fleisch an / welches doch die Nachtigaln / Lerchen und andere Mücken-Fänger thun. Wie solte er dann seine Brüder / die jungen Ringel-Tauben / Graß-Mücken / und endlich seine Mutter die Ringel-Taube / die zweymal grösser ist / als er /fressen? Oder die Graß-Mücke / die ihm im Fliegen viel zu geschwinde ist? Daß aber die Graß-Mücke ihn mit Frieden und Freuden länger dann vier Wochen speiset / wann er aus ihrem Nest ausgeflogen / giebt auch die tägliche Erfahrung: Und zwar fürchtet sie sich gar nicht / daß er sie fresse. Darum wird der unschuldige Kuckuck mit solcher falschen Auflage und Lästerung unbillich hintergangen.

Es leget aber der Kuckuck sein eigenes Ey in ein fremd Nest / das vielleicht in der Natur darum also geordnet / damit er die Kürtze von Tiburtii biß auf Johannis des Tauffers Tag sich frölich mache / und bey den Eulen und andern Raub-Vögeln nicht an der Stimme verrathen und auf dem Nest ergriffen werde.

Wann im Meyen ein Frost einfällt / so ruffet er heischer: Alsdenn sprechen die Bauren / die Stimme sey ihm erfroren. Wenn er nach St. Johannis ruffet / achten sie es für ein Zeichen der theuren Zeit. Dann es ist eine Anzeigung / daß der Anfang des Meyens kalt gewesen / und der Kuckuck seinen Gesang spat angefangen: Und die Raupen hernach desto länger bleiben: Welches warlich den Blumen und andern Feld-Früchten grossen Schaden bringet.

Daß er aber speyen solte / ist wider seine / ja aller Vögel Natur. Kein Vogel speyet / was er eins gesehen hat. Er hat aber ein sonderlich Geruffe / damit er seinen [189] Ehegatten ruffet / das nennen etliche Lachen; und ist er demnach nicht ein Vater / sondern ein Mörder der Raupen / dessen man ihn billich solte geniessen lassen.


Man muß nicht alles glauben / was die Gelehrten schreiben. Die Bauer-Regeln seynd nicht zu verachten / gleichwol so seynd es keine Glaubens-Artickul.

12. Coriolanus, ein ritterlicher Held
12. Coriolanus, ein ritterlicher Held.

Coriolanus (schreibet Cnejus Martius) war ein Edelmann zu Rom vom hohen Verstand und weisen Rathe / und hatte sich um die Stadt Rom sehr wol verdient gemacht. Nichts desto weniger ward er durch Mißgunst aus Rom ins Elend verwiesen. Da ist er gezogen zu den Völckern Volscis, welche ihn in so grossen Ehren gehalten / daß sie ihn zum obersten Kriegs-Herrn erwehlet. Derhalben er kurtz hernacher mit Kriegs-Macht wider sein undanckbahres Vaterland Rom angezogen kam / des Vorhabens / seinen Freunden / von welchen er war auf- und angenommen / zu helffen und Beförderung zu thun. Hat auch in diesem Kriege die Römer so geängstiget / daß sie gezwungen worden / etliche Personen aus dem Rath und der Bürgerschafft an ihn abzusenden / seinen gefaßten Widerwillen zu lindern / und ihn zu erweichen / daß er von der schweren Belägerung möchte abstehen. Wiewol sie aber damit nichts bey ihm ausgerichtet /so haben sie doch nicht nachgelassen / sondern ihre Priester und heiligen Leute zum andernmal an ihn geschicket / Fürbitte zu thun fürs Vaterland; Die er gleichfalls mit harten Worten wieder von sich gewiesen. Hierauf seynd alle ehrliche Matronen in Rom aufgestanden / und zu des Coriolani Mutter / wie auch zu seiner Haus-Frauen Volumnia gangen / bey denen sie bittlich so [190] viel erhalten / daß die alte Mutter (welche kaum mehr gehen können /) und die Volumnia mit zween des Coriolani Söhnen / sich aus Rom nach des Coriolani Läger begeben / zu sehen / ob sie etwas könten ausrichten. Wie nun die Mutter in ihres Sohnes Gezelt eingehet / und er sie ansichtig wird / da entsetzet er sich / fällt aus Ohnmacht und kindlicherAffection auf die Erde: Stehet doch bald wieder auf /läufft nach seiner Mutter / sie zu umfahen: Die ihn aber von sich gestossen und mit grosser Hertzhafftigkeit seine That ihm zu Gemüthe geführet: Unterdessen kömmt auch seine Frau Volumnia, mit den beyden Söhnen: Da wird Coriolanus noch mehr in seinem Hertzen bewegt / fähet an zu weinen / und wie er ihre Meynung und Bitte vernommen / rufft er überlaut: Expugnasti & vicisti iram meam, ô Patria! Worauf er alsbald das Krieges-Volck wiederum abgeführet / und sein Vaterland von der äussersten Gefahr erldediget.


Also viel vermag die ςοργὴ, das ist / die Liebe zwischen Eltern und Kinder. Lernet hieraus ihr Kinder /euren Eltern zu willfahren in allem / was zu thun Christlich und möglich ist.

13. Von der Lerche und deren Jungen - des Ennii Beyspiel
13. Von der Lerche und deren Jungen / des Ennii Beyspiel.

Wann ein Mensch durch seinen Fleiß und Arbeit etwas selbst verrichten kan / so soll er nicht auf fremde Leute / sie seyn Nachbarn oder Verwandte / warten noch sich verlassen / davon höret eine Fabel in des alten Poeten Ennii Satyris beschrieben / die lautet also:

Die Lerche ist ein kleiner Vogel / wohnet und nistet im Korn / zu der Zeit / wann die Erndte schier verhanden. Auf einmal als das Korn schon reiff war / und die alte [191] Lerche ausfliegen wolte / ihren Jungen Speise zu holen / vermahnete sie sie fleißig / sie solten wol aufmercken / was etwa in ihrem Abwesen allda sich zutrüge oder geredet würde. Da kömmt der Herr des Korns mit seinem Sohn / und spricht: Siehest du / daß dieses Korn schon reiff ist? Gehe hin zu unsern Nachbarn / und bitte / daß sie Morgen frühe hieher kommen / und uns das Korn helffen abmeyen: Gehet damit nach Hause. Wie die Mutter der Lerchen wiederkommt zu ihren Jungen / da erzehlen sie ihr mit Zittern / was der Herr zu thun beschlossen hätte. Die Mutter antwortete / sie solten zu frieden seyn / und sich nicht bekümmern: Dann (sagte sie) hat er seine Erndte den Nachbarn anvertrauet / so wird morgen das Korn nicht abgemeyet. Des andern Tages fleucht die Lerche wiederum aus / befielet abermal aufzumercken / was geredet würde. Da kömmt der Herr wieder mit seinem Sohne / sprechend: Unsere Nachbarn sind grosse Verzöger: Laß uns gehen / und unsere Blut-Freunde bitten / daß sie Morgen verhanden seyn / uns uns meyen helffen. Die alte Lerche kömmt wieder /und vernimmt von den traurigen und zitternden Jungen / was geredet und geschehen ist. Die Mutter ermahnet ihre Jungen abermahl / sie solten gutes Muths seyn: Dann kein Bluts-Verwandter sey so fertig / daß er alsbald gehorsam sey. Des dritten Morgens fleucht die Mutter wieder aus: Die Bluts-Verwandten werden zwar erwartet / kommen aber nicht. Da spricht endlich der Herr zu seinem Sohne: Laß fahren Nachbarn und Verwandten; Morgen frühe solt du eine Sense nehmen / und ich auch eine / damit wollen wir unser Korn selbst abmeyen. Wie das die alte Lerche von ihren [192] Jungen vernimmt / daß der Herr so gesinnet / da spricht sie: Nun ist es Zeit zu weichen / weil der / den die Sache angehet / selber die Hand anlegen will. Lasset uns derhalben unsere Stätte verändern / und ein ander Nest suchen. Hat sich also mit ihren Jungen davon gemacht / und der Herr des andern Tages seine Erndte selber verrichtet.

Diese Fabel beschleust der alte Vater Ennius mit folgenden herrlichen Versen:


Hoc erit tibi argumentum semper in promptu situm:
Ne quid exspectes amicos, quod tuto agere posses.

Diß laß dir allezeit zu einer Warnung dienen / Wann du dich einer Sach alleine darffst erkühnen / So warte (sicher) nicht auf deiner Freunde Rath / Denn solche Säumigkeit offtmahls betrogen hat.

14. Der Palm-Baum
14. Der Palm-Baum.

Ein seltzam Ding ist es / daß Aristoteles in seinenProblematibus, und Plutarchus in den Symposiis schreiben / nemlich / daß der Palm-Baum eine solche Natur an sich habe / wo man auf ihn leget eine grosse schwere Last / ja ihn so viel beschweret / daß er auch die Bürde nicht ertragen kan / so beuget er sich nicht niederwärts / sondern richtet sich in die Höhe / und widerstehet der Last / daß er auch über sich krumm wird: Aus diesen Ursachen / sagt Plutarchus, haben die Römer angeordnet / daß die Uberwinder gekrönet würden mit Blättern vom Palm-Baum: Dieweil dieses Baumes Art ist / daß er keinem Dinge / welches ihn drucket und presset / weichet / sondern / allezeit sich herfür dringet. Daher sind kommen die Sprichwörter:Palmam præripere, das ist / andern es zuvor thun;Palmam ferre, Lob davon tragen; Palmam tribuere, [193] einem den Preiß geben. Diese Erzehlung von den Palmbaums wunderliche Natur stelle ich an seinen Ort. Es bezeuget aber immittelst die tägliche Erfahrung / daß der Palmbaum eben so wol von einer schweren Last sich unterdrücken und beugen lasse /alß andere Bäume. Dieses bezeugen nicht allein die in Italia wachsende Palmbäume / sondern auch die in India / und andern Orten: dessen augenscheinliche Zeugen seynd die / so an ermeldete Oerter verreisen /und solches täglich in Augenschein nehmen.

Man soll nicht glauben / was der Augenscheinlichen Erfahrung zuwieder läufft.

15. Von den Rhodisern - und dem Könige
15. Von den Rhodisern / und dem Könige.

Wie der ächtige König Demetrius die Insul Rhodus bekriegte / und daselbst die Hauptstadt belägert hatte / war er Willens und Raths worden / etliche Häuser ausserhalb der Stadt / in der Vorstadt gelegen / anzuzünden und in Brand zu stecken / in welchen Häusern verwahret und auffgehencket war ein Bildniß oder Conterfey des Jalyfi, vom fürtreflichen Mahler Protogene gemacht und verfertiget. Welches Kunststücklein der Demetrius den Rhodiis mißgönnete. Dieses haben die Rhodii gemercket / und deßhalben ihre Legaten an den Demetrium abgesandt mit folgender Rede: was zwinget dich dazu / O König / daß du dieses köstliche Bild gedenckest mit Feuer zu verbrennen? Wo du uns überwindest / und unsere Stadt in deine Gewalt bekömmst / so kanst du ja das Bild ganz unverletzt selber besitzen und gebrauchen: Wo du uns aber nicht überwindest / sondern [194] must unverrichteter Sachen davon ziehen / so wolltest du doch gedencken / wie lästerlich und schimpfflich es dir sein würde / einen Krieg zu führen mit dem verstorbenenProtogene oder Jalyfo, und gegen ein todtes Bildnis Tyranney zu üben / weil du die Rhodios nicht überwinden können. Alß der Demetrius diese Rede von den Legaten gehöret / hat er die Belägerung auffgehoben / und beydes der Stadt und des Bildes verschonet.

Man muß nichts tun noch anfaßen / da man nur Schimpff von hat. Kluge und vernünfftige Reden heben offt großen Zwiespalt auff.

16. Der Gordianische Knopff oder Knote
16. Der Gordianische Knopff oder Knote.

Die Stadt Gordium ist gelegen in Phrygia, daselbst der geistige König Midas seine Hoffstadt für Alters gehabt. Dahin war der große Alexander mit seinem Kriegsheer auch kommen / und hatte die Stadt überwunden; in derselbigen Stadt war verwahret ein wunderlicher Wagen / gebunden mit einem Strick / welcher gemacht war (wie Plutarchus meldet) von der Rinde eines Tarlingbaums / und zusammen verwickelt mit einem unaufflößlichen Knoten. Die Inwohner der Stadt und des gantzen Landes hielten es für eine gewisse und unfehlbare Prophezeyung / daß / wer denselben Knopff oder Knoten würde auflösen / derselbe sollte ein König und Herr werden des gantzen Erdstreifes. Dieses ward dem Alexandro erzehlet: derhalben suchte er den Knoten aufzubinden: konnte aber solches nicht ins Werk richten; angesehen er so sehr ineinander geschlungen / daß man weder Anfang noch Ende davon finden konte. Alexander sehend / daß er mit Kunst nichts könte außrichten / [195] hat sein Rappier ausgezogen / und den Knoten mitten entzwey gehauen. Wie das geschehen / hat man unterschiedliche Enden daran gefunden / und den Knoten leichtlich gantz aufgelöset. Daher ist das Sprichwort kommen:Nodus Gordius, von einem schweren / verwickelten und unauflößlichen Dinge: Sonsten ist ein König in Franckreich gewesen / welcher in seinem Emblemate geführet einen solchen Knoten / und darbey eine Hand mit einem Schwerdt / mit dieser Uberschrifft: Nodos virtute resolvo.


Was man nicht kan mit Fug verrichten / da soll man nicht mit Ungestümmigkeit hinein fahren. Die Ketzer werffen uns auch manchen verwirrten Knoten falscher Lehre vor: Aber mit dem geistlichen Schwerdt des Geistes können wir solchen auflösen und zertrennen.

17. Von den Schwalben
17. Von den Schwalben.

Ein altes Sprichwort wird gebraucht von den Schwalben / welches also lautet: Hirundinem sub eodem tecto ne habeas. Von diesem Sprichwort hält man bey uns das Widerspiel: Dann man wenig Häuser findet / in welchen man nicht siehet die Schwalben nisten: Daraus sie nicht allein nicht vertrieben / sondern auch gerne darinnen beherberget werden. Dann man vermeynet die Schwalben bringen Glück mit / und wann man die Schwalben ausjage / so lade man sich gewiß ein Unglück auf den Halß. Ja wann Schwalben von sich selber aus dem Hause ziehen / und solches verlassen / so vermeynet man / es werde selbiges Jahr einer in dem Hause sterben. Nichts destoweniger / so hat das alte Sprichwort seine Ursachen und gewisse Gründe: Etliche meynen / man solle die Schwalben aus den Häusern abschaffen / darum / weil sie so viel Geplerr und Zitschens [196] machen. Welches zwar der Wahrheit nicht unähnlich: Aber dieses kan auch hinzu gethan werden / weil der Wirth gantz und gar keinen Nutzen von den Schwalben hat. Dann wenn sie wegziehen / was lassen sie anders hinter sich / als einen Hauffen Koths und Unflaths (damit sie die Bünen und Böden besudeln. Wann gute Zeit ist / bey Sommer-Tagen / so bleiben sie eine Zeitlang: Wann aber der betrübte Winter heran kommt / so verlassen sie ihren Wirth / als untreue Gäste. Es seynd zwey Thiere /welche immerdar bey und um den Menschen sind / die gleichwol nicht zahm werden / noch sich angreiffen lassen: Die Fliege und die Schwalbe. Daher Pythagoras mit dem obgesetzten Sprichwort andeuten wollen / daß wir uns für einem undanckbaren und untreuen Haußgenossen hüten sollen.


Auf abergläubischen Weiber Tand soll man nicht fussen. Wo man mehr Unlust als Lust man hat / das soll man abschaffen.

18. Des Homeri Schrifften
18. Des Homeri Schrifften.

Der alte Griechische Poet Homerus, von welchem man saget / er sey blind gebohren / hat zwey grosse Bücher geschrieben / genennet Ilias und Odyssea, welche so fürtrefflich seynd / daß / so lange die Welt gestanden / ihres gleichen nicht gesehen worden. Das Buch Odysseam belangend / darinnen hat Homerus erzehlet / wie der listige und beredte Ulysses zehen gantzer Jahr lang herum gereiset / nachdem die StadtTroja geschleiffet / und er (Ulysses) den Krieg mit zum Ende bringen helffen. Das Buch Ilias hält in sich die Beschreibung des Trojanischen Krieges / und ist wol kein Unglück oder Übel / welches der Krieg kan mit sich bringen / so in diesem Iliade nicht beschrieben. [197] Daher das Sprichwort kommen: Ilias malorum, das ist ein Hauffen Unglücks / ja alles Böses auf einen Hauffen versammlet: Weil darneben auch in dem Iliade herrliche schöne Ehren und Berathschlagungen / von Kriegen zu führen / beschrieben werden / als hat deßhalben der grosse Alexander den Iliadem Homeri so lieb und werth gehalten / daß er nicht allein das Buch allezeit bey sich gehabt / und wie er die Welt mit Krieg überzogen / darinnen gelesen / sondern auch alle Abend / wann er schlaffen gangen / den Iliadem beneben seinen Schwerdt unter sein Haupt- Küssen gelegt / und darauf geschlaffen: Ja was noch mehr ist: Als er (Alexander) den König Darium überwunden hatte / und man ein überaus köstlich Kästlein zu ihm brachte / darüber seine Kriegs-Räthe berathschlagten / was man darein legen solte? Da hat Alexander gesagt / er wüste nichts köstlichers / das man in so einem theuerbaren Kästlein verwahren könte /als Iliada Homeri. Viel Scribenten seynd der Meynung / daß erstlichen die Tragœdien aus dem Iliade, und die Comœdien aus dem Odyssea genommen worden. Die Tragœdien seynd von eitel traurigen Sachen / und haben allezeit ein trauriges Ende: Die Comœdien aber seynd von lustigen und glücklichen Sachen / und haben einen fröhlichen Ausgang.


Christen haben ein schönes Buch / welches man nennet die heilige Schrifft / welches sie sollen höher halten /denn die theuersten Perlen / und sie stets in den Kästlein ihres Hertzens tragen.

19. Unnützer Zanck und Streit
19. Unnützer Zanck und Streit.

Als einsmals der fürtreffliche Redner Demosthenes zu Athen fürm Gerichte einen beschuldigten / und zum Tode verutheilten Menschen mit seiner Rede vertheidigen wolte / und aber niemand von den [198] Richtern und Bürgern ihm wolte gut Gehör geben / sondern verhinderten ihn mit ihrem Plaudern und Schreyen / da hatDemosthenes ihnen mit der Hand gewincket und gebeten / sie möchten nur eine kleine Weile stillschweigen / er wolte ihnen etwas neues / wunderbares und lustiges erzehlen. Hat darauf angefangen auf folgende Art:

Allhier zu Athen war ein Jüngling / der wolte verreisen nach Megaram, und miethete von einem Esel-Führer einen Esel / darauf er hinreiten könte. Wie sie nun unterweges waren / und im Mittage die Sonne sehr heiß schiene / ist der Jüngling mit dem Esel still gestanden / davon abgestiegen / und hat sich unter den Esel in Schatten gesetzet / der Hitze zu entfliehen. Der Esel-Führer hat ihm solches wehren wollen und gesagt: Er hätte ihm nur den Esel vermiethet / nicht aber des Esels Schatten. Der Jüngling wendet für / er habe ihm den Esel abgemiethet gantz und gar / mit allem was er an sich hätte. Hierüber haben sie sich nicht vertragen können / sondern so lange über des Esels Schatten gezancket / biß sie endlich nach dem Richter gangen / der sie solte von einander scheiden.

Wie Demosthenes dieses erzehlet / hat er still geschwiegen. Der Richter und das Volck zu Athen haben gebethen / er möchte fortfahren; Dann sie wolten gerne das Ende anhören. Da hat Demosthenes gesagt; Wollet ihr dann lieber zuhören dem Streite von des Esels Schatten / die ihr euch beschweret mir Gehör zu geben / daß ich eines Menschen / der in Lebens-Gefahr stehet / Sache fürbringe und vertheidige? Hievon ist kommen das Sprichwort: Do umbra asini rixari vel disputare, wird verstanden von einem Dinger das nicht viel zu bedeuten hat.

[199] Diesem Sprichwort ist gleich ein anders: De lana caprina, welches daher rühret / daß einmal zween Schaaf-Hirten mit einander gestritten / und sich nicht vertragen können wegen dieser Frage: Ob die Ziegen oder Böcke Wolle haben? oder ob sie Haare haben?

Viel zancken sich offt um eine Sache / und wann man sie beym Licht besiehet / ist es nicht werth / daß man das Maul darum aufthut. Mit Halß-Sachen soll man behutsam umgehen / und nicht ehe einem das Leben absprechen / man sey dann gewiß berichtet / daß er den Tod wohl verdienet habe.

20. Das Horn des Uberflusses
20. Das Horn des Uberflusses.

Wie der Gott Jupiter erstlich von der Rhea auf die Welt gebohren / ist er nicht von ihr gesäuget und erzogen / sondern in die Insul Creta bracht / und allda in eine Wildniß niedergeleget worden. Es sind aber alsbald zwo Waldgöttinnen kommen / die das Kindlein gefunden / und sich seiner angenommen / welches auch / damit es beym Leben erhalten würde / einer Ziegen / Amalthea genannt / beygeleget: Diese hat es mit ihrer Milch und Zitzen aufgesäuget. Als der Jupiter nun erwachsen / und zu seinen Jahren kommen /hat er zur Danckbarkeit die Ziege Amaltheam in den Himmel gezogen / und sie zu einem Gestirne gemacht. Er hat aber auch eines von der Ziegen Hörner genommen / und ihm diese Krafft und Tugend gegeben / daß alles was man wünschete / in diß Horn käme / und alsobald heraus genommen werden könte. Solches Horn hat er den Nymphis zum Gedächtniß verehret. Dahero entsprungen das Sprichwort: Cornu Copiæ, oder auf Griechisch / ἀμαλϑείας κέρας: Nemlich / wann wir wollen zu verstehen geben / daß ein Uberfluß von allen Dingen / die man begehret / [200] vorhanden / so sagen wir / allda ist ein Horn des Uberflusses. Mit solchem Horn pflegen die Mahler die Göttin Cererem abzubilden / habend in der Hand ein Horn / darinnen allerley Früchte der Erden.


Man soll sich gegen dieselben / von welchen man Wohlthaten empfange / danckbar erweisen. GOtt hat uns gegeben ein Horn des Heyls / Christum JEsum / von dessen Fülle wir empfangen Gnade um Gnade.

21. Der Bischoff Hatto
21. Der Bischoff Hatto.

Zu Mäyntz ist vor diesem ein Bischoff gewesen / ein gottloser und unbarmhertziger Mann / Hatto geheissen: Welcher nachdem er bey wolfeiler Zeit eine grosse Menge Korn für geringes Geld zusammen kauffen lassen / und aber hernach / als eine grosse Theurung ward / von dem armen Volck / so grossen Mangel an Brodt hatte / um GOttes Willen gebeten wurde / er möchte ihnen für einen billigen Preiß Korn überlassen / auf daß sie nicht Hungers stürben / hat er die armen Leute etlichmal unbarmhertzig abgewiesen / wie sie aber immer fleißiger anhielten / hat er ihrer einen grossen Hauffen von Männern / Weibern und Kindern in eine Scheure gehen lassen / und als sie hoffeten / man würde Korn unter sie austheilen / hat er die Scheure fest verschliessen / Feuer umher legen / und also anstecken lassen. Indem nun die armen Menschen in der Flamme stehen / und jetzt brennen solten / haben sie ein jämmerlich Heulen und Schreyen geführet / daß es auch der Hatto auf seinem Schlosse hören können. Worzu dieser teufflische Mensch gesaget: Höret wie die Mäuse und Brod-Katzen pfeiffen. Diese schreckliche That ist alsbald von GOTT gestraffet worden: Dann so bald die armen Leute verbrannt / da sind dem [201] Hattoni von allen Seiten unzehlich viel Katzen und Mäuse zugelauffen / ihm auf den Leib gesprungen: Ihm die Kost fürm Maul weggerissen / auch ihn nicht schlaffen lassen / sondern ihn immer gebissen und genaget. Endlich hat er diesen Mäusen zu entfliehen /einen starcken Thurn mitten in Rhein bauen lassen /vermeynend er würde allda sicher seyn: Aber die Mäuse seynd häuffig nach dem Rhein gelauffen / und ins Wasser gesprungen / zum Thurn geschwummen /den Hattonem angefallen / und ihn endlich jämmerlich zu todte gebissen / und lebendig aufgefressen /also ist ihm widerfahren billiche Straffe seiner Ubelthat.


Alle Geitzige seynd unbarmhertzig. Sie bekommen aber zuletzt ihren Lohn.

22. Von des Schwanen Gesang - und des Storchs Pietät
22. Von des Schwanen Gesang / und des Storchs Pietät.

Von den Schwanen wird gesagt und geschrieben / daß / wann sie nun sterben sollen / sie alsdann so lieblich anfangen zu singen / als sonsten kein Gesang seyn mag. Ovidius schreibet:


Cantator Cygnus funer is ipse sui.


Daher kommt die Phrasis: Cantio Cygnea, das ist / die letzte Wort / die ein Mensch redet oder schreibet kurtz vor seinem Abschiede. Also nennet man einen Schwanen-Gesang / Jacobs des Patriarchen / und Mosis Testament. Item die letzten Wort Davids. Wie dann auch den Gesang Simeonis; Die letzten Wort Christi am Creutz und dergleichen.

Was den Schwanen-Gesang betrifft / ist gantz falsch / erdicht und nur ein Fabelwerck. Es seynd in Teutschland / Franckreich und anderswo / ja bey uns[202] allhier zu Rostock etliche hundert Schwanen gewesen / der er viel natürliches Todes gestorben. Es hat aber niemahls jemand gehöret dieselben singen für ihrem Ende. Wann sie sterben / strecken sie sich auf den Bauch hin / legen den Halß für sich nieder / heben sich offt wieder auf / biß sie gar liegen bleiben: Ihr Gesang aber ist als das Gruntzen eines fliegenden Kranichs / oder einer Ganß / die beym Halse zur Küchen getragen wird. Warlich es haben die Schwanen nicht einen Nachtigals-Halß / sondern einen Ganß-Halß / Schnabel / Zunge und Stimme. An diesem Schwanen-Gesang hat schon vor Alters gezweiffelt der Plinius, welcher also spricht: Man erzehlet einen traurigen Gesang der Schwanen im Tode. Ich halte es aber für Lügen / aus unterschiedlichen vielen Erfahrungen. Wahr ist es / das Rantzau in seinem Calender setzet / er habe einen Schwanen singen hören / verstehe sich auf solche Art / wie gesagt ist / und alle die Gänse pflegen zu singen. Daß man aber des HErrn Christi letzte Wort am Creutz / oder des Simeonis Gesang / nunc dimitis, etc. einem abscheulichen Gänse- oder Schwanen-Gesang vergleichen will / ist sehr unchristlich.

Von den Störchen erzehlet man gleiche Lügen /daß sie nemlich ihre alte / unvermögende Eltern wiederum ernehren und schützen / dieselben auf dem Rücken tragen; und also Trinckens halber zum Wasser führen. Daher / sagt man / komme von der ςοργὴ (das ist / die angebohrne natürliche Liebe zwischen Eltern und Kindern) der Nahme Storch. Und diese Weißheit gebrauchen so wohl Gelehrte als Ungelehrte / zur Bestätigung des vierdten Gebots. Die Wahrheit hievon zu sagen / so ist diese Rede von den Störchen ein [203] offener Tand und hadgreiffliche Lügen. Wer hat jemahls gesehen / daß der alte Storch vom Jungen auf dem Rücken getragen worden? Alle Jahr gegen den Herbst fliegen die Alten hinweg / führen die Jungen mit sich nach der Insul Java, (wie Hugo Linscot meynet:) Sie kommen aber um Gertruden-Tag wieder / ein jeder zu seinem Neste / und brüten wieder Junge aus /die von den Alten ernehret werden / biß die mit ihnen davon fliegen. Und zwar / weil der Storch keine bleibende Stätte hat / sondern nur wenig Monat bey uns /und nicht etliche Jahr nacheinander in unsern Häusern und Höfen verharret / wie Hüner / Gänse und dergleichen / so ist ja unmöglich / daß man solches an ihnen hat können observiren. Dann nachlauffen kan man ihnen auch nicht / wo sie hinfliegen: Das ist wahr /daß die Störche grosse Treue und Fleiß anwenden in der Kinder-Zucht / (gleichfalls wie andere Thiere:) Daher das Sprichwort ςοργὴ auf den Storch könte gezogen werden: Aber was die jungen Störche den Alten thun / oder daß sie sie solten auf dem Rücken zum Wasser tragen / das ist niemahls von keinem Menschen / weder in dieser alten / noch in der neuen Welt gesehen worden.

Die Alten haben viel Dinge erdichtet / aber doch alles zu dem Ende / damit die Menschen sich daraus möchten bessern / und an dem unvernünfftigen Vieh ein Beyspiel nehmen.

23. Ulyssis Reise nach dem Trojanischen Kriege
23. Ulyssis Reise nach dem Trojanischen Kriege.

Jetzund will ich euch erzehlen ein Exempel eines verschmitzten und viel erfahrnen Mannes / Ulysses geheissen: Der gewesen ein Herrscher und König über die Insul Ithaca, im Griechischen [204] Meer gelegen. Von welchem Ulysse der Poet Homerus grosses Werck erdichtet / und in 24. Bücher verfasset / so er Odysseam oder Ulysseam genannt; Daraus ich kürtzlich folgende Geschicht ziehen will: Ulyssis Haus-Frau war die schöne / züchtige und weise Penelope, davon wir vormahls etwas erzehlet. Als nun der Trojanische Krieg solte angehen / der sich wegen der Helena aus Griechenland / so von dem Paride weggeraubet / und in die Stadt Troja gebracht ward / entsponnen / da haben sich alle treffliche Helden in gantz Græcia aufgemachet / Trojam zu belägern: Ulysses war gezwungen auch mit zu ziehen: Aber weil er ueber bey seinerPenelope zu Hause bleiben wolte / hat er sich gestellet / als wäre er gantz toll / und seiner Vernunfft beraubet. Man hat ihm aber diesen Betrug abgemercket /dergestalt: Wie er einen besäeten Acker / darauf das Korn schon herfür gewachsen war / mit zwey unterschiedener Natur Thieren umpflügete / hat man für den Pflug geleget seinen einigen kleinen Sohn Telemachum, und zusehen wollen / ob er auch über denselben würde hinfahren. Da ist Ulysses still gestanden mit seinem Pfluge / und hat seines Sohns verschonet: Daraus man gemercket / daß er nicht toll / sondern wol klug wäre: Also hat er müssen mit den andern Königen und Fürsten aus Griechenland hinziehen nach Troja, sonst Ilium geheissen. In währendem Kriege hat er nicht alleine seine Arglistigkeit und Beredsamkeit zum öfftern erwiesen / indem er mit verwechselten Kleidern und unbekannter Gestalt in der Feinde-Lager gangen / und derer Heimlichkeit ausgesuchet / sondern hat sich auch beneben seinen Gefehrten in das grosse höltzerne Pferd einschliessen / und also [205] verborgen in die Stadt schleppen lassen: des Nachts die Thür in des Pferdes Seiten inwendig aufgemacht / mit seinen Gefehrten heraus gestiegen / die Stadt Troja in Brand gestecket / mit Morden und Niederhauen greulich gewütet / und also das fürnehmste Haupt gewesen des Untergangs der Stadt Troja, und des Königlichen Schlosses Ilii, in der Stadt Troja.


Niemand verläst gern sein Vaterland / und begiebt sich aus der Ruh in viel Unruh. Das Vater-Hertz giebt nicht zu / daß seinem Kinde Leid widerfahre. Vor des Landes Beste soll man treulich machen und sorgen.

24. Ulyssis zehenjährige Wallfarth nach geendigtem Kriege
24. Ulyssis zehenjährige Wallfarth nach geendigtem Kriege.

Nach geendigtem Kriege / welcher zehen gantzer Jahr gewähret / ist Ulysses mit seinen Ithacis oder Gefehrten und Lands-Leuten zu Schiff gangen / aus Troja mit sich wegführend einen sehr grossen Schatz. Nachdem er aber lange Zeit auf dem Meer von den Winden herum getrieben / und bald an diß / bald an jenes Land verschlagen worden / ist er zu den Lothopagis kommen. Woselbst seine Gefehrten ans Land gestiegen / und von den Früchten des Landes Lotus gegessen haben: Da sie alsbald aller vorigen Dinge vergessen / und nicht mehr an ihr Vaterland / noch Freunde /noch Gefehrten gedencken können / sondern allda verblieben / und Ulyssem mit den andern fahren lassen: Welcher hernacher an der Gegend der Cyclopen angelanget. Die Cyclopes waren grausame Riesen / hatten nur ein Auge vor der Stirn / und assen nichts liebers denn Menschen-Fleisch. Der fürnehmste unter ihnen war Polyphemus in einer Höle wohnend. Ulysses stieg ans Land / zu erforschen was für Leute da wohneten / gieng auch mit etlichen seiner Gesellen in die Höle Polyphemi, und nahm mit sich eine [206] Flasche Weins: Wie nun Polyphemus dieser Gäste ansichtig /und woher sie kommen / von ihnen berichtet wird /(Ulysses aber sagte / er hiesse Niemand) da nimmt er zween Gesellen Ulyssis bey den Füssen / schlägt sie mit dem Kopff auf die Erde / daß das Gehirn heraus sprang / schneidet sie in Stücken / und frisset sie beyde auf: Vertröstet unterdessen den Ulyssem, er solte der letzte seyn / und wann er die andern alle gefressen hätte / so wolte er mit ihm die Mahlzeit schliessen. Ulysses, dem hierbey nicht wol zu Muthe war / dachte an seine Listigkeit: Zog derohalben seine Flaschen mit Wein herfür / sprach zum Polyphemo: Auf so einen guten Bissen gehöret ein guter Trunck /und gab ihm des Weins / so viel und so offt er wolte /zu trincken / daß also Polyphemus truncken ward /und beym Feuer einschlieff. Wie aber der Wein begunte zu wircken / da spiehe Polyphemus grosse Stücke der gefressenen Menschen von sich. Ulysses gedachte / wie er mit seinen übrigen Gesellen aus derPolyphemi Händen kommen möchte: Gieng hin /nahm einen grossen spitzigen Stock / legte mit Hülffe seiner Gesellen ans Feuer / daß die Spitze glüend und brennend würde: Da stachen sie dieselbe dem Polyphemo, als er auf den Rücken lag und schlieff / in sein einziges grosses Auge / und verbrannten ihn dermassen / daß er blind ward. Hiervon erwacht Polyphemus, lieff bald hin / und machte alle Gänge der Hölen zu / und vermeynte seine Gäste und ihren Führer / den Niemand aufzutreffen. Aber Ulysses gebrauchte abermahl seine List. Er band seine Gesellen mit Händen und Füssen den Schaafen (derer Polyphemus in der Höle viel hatte) unter den Bauch / und er selbst erwehlte ihm einen grossen Widder / griff den fest an die Wolle unterm Bauch und [207] ließ sich so von ihm tragen. Wie nun Polyphemus seine Schaafe wolte aus und zu Felde gehen lassen / da machte er eine kleine Pforte auf / ließ die Schaafe nach einander ausgehen. Er fühlete aber mit den Händen ein jegliches Schaaf / auf daß sonst niemand mit hinaus gienge. Also ward Ulysses mit seinen ungefressenen Gesellen unter den Bäuchen der Schaafe aus der Höle des Poyphemi getragen / die also ihrem augenscheinlichen Tode entkamen / zu Schiffe sassen / und davon fuhren. Und ob wohl Polyphemus grosse Stücke Steine von dem Felsen abbrach / dieselbe auf des Ulyssis Schiff zuwarff / in Meynung / solches zu vertilgen / so traff er doch nicht zu / weil er blind war. Er schrie aber und heulete schrecklich / und wie er von seinen andern Nachbarn / den Cyclopen / gefraget ward / wer ihm das gethan hätte / rieff er allezeit überlaut: Niemand / Niemand hat mich betrogen. Dann also hatte sich Ulysses genennet.

Von den Cyclopen segelte Ulysses ferner in die Insul Æolus, darinnen Æolus der Gott der Winde seinen Sitz hatte. Dieser Æolus gab dem Ulyssi einen ledernen Sack / darinnen er alle Winde verschlossen hatte / ausgenommen den Westwind / den Ulysses zur Reise in Ithacam bedurffte. Also reisete Ulysses auch von dannen mit gutem Winde. Aber eines Tages / daUlysses im Schiffe lag und schlieff / kamen seine Gesellen an den ledernen Sack / vermeynten / es wäre ein Schatz von Gold und Silber darinnen: Löseten ihn auf / und siehe / da flogen alle Winde mit Gewalt heraus /und trieben Ulyssem wieder in Æoliam, allda er aber vom Æolo wegen seiner Nachläßigkeit und Verlust der Winde übel empfangen worden. Ulysses [208] fuhr fort in ferner Reise / wiewol mit grosser Gefahr / und kam da zu den Völckern Læstrigones, derer Königin eine Frau war so groß als ein Berg / schrecklich anzusehen: Dieselbe Frau fraß etliche Gefehrten des Ulyssis, und hätte sie alle vertilget / wann sie sich nicht mit der Flucht errettet / und bey Zeiten davon gemachet. Nun bracht ihn folgend der Wind in die Insul Ænea, darinnen die Circe eine Meisterin aller Zauberinnen: Welche Ulyssis Gefehrten durch Kunst in wilde Thiere / daß sie ihre menschliche Gestalt gantz verlohren /verwandelt. Was allhie Ulysses ausgestanden / und wie es ihm ergangen / ist zuvor in der Historie von der Circe erwehnet. Ferner wie Ulysses bey der Circe eine Zeitlang bliebe / ward er von ihr verständiget und unterrichtet / daß er in sein Land Ithacam nicht kommen könte / ehe und bevor er eine Reise nach der Höllen gethan hätte. Also schicket sich Ulysses zu der Reise / gehet zu Schiffe / und fähret so lange über das breite weite Meer / biß er endlich an die Völcker Cimmerios kömmt / bey welchen es allezeit Nacht und niemahls Tag ist (daher eine grosse Finsterniß /Blindheit / Unwissenheit / genannt wird Cimmeriæ tenebræ,) von dannen ist er ferner kommen an den Ort / da die Hölle war. Sein fürnehmstes Fürhaben war / des blinden verstorbenen Weissagers Tiresiæ Seele zu fragen / was er noch ins künfftige für Glück und Unglück haben würde? (von diesem blinden Tiresia ist kommen das Sprichwort: Cœcior Tiresiâ) fürs erste hat Ulysses beym Eingang der Höllen eine Grube gemacht / und etliche schwartze Böcke / die er mit sich genommen geschlachtet / das Blut in die Grube lauffen lassen / und mit einem blossen Rapier über der Grube gestanden. Da seynd alsbald der verstorbenen [209] Menschen Seelen häuffig zugelauffen / von dem Blute zu trincken; Welche er alle nacheinander trincken lassen / und sie gefraget / wer sie wären? Wie und auf was Art sie gestorben? Hieselbst hat er auch zugesprochen seiner Mutter Seele / und aller fürnehmen Helden / die für Troja im Kriege waren umkommen. Er hat auch gesehen den Tantalum biß an die Leffzen im Wasser stehend / den Sisyphum mit dem Stein waltzend / den Ixion das Rad umtreibend /und anderer verstorbener Leute Plagen und Straffen in der Hölle. Letzlich kam auch des blinden Tiresiæ Seele / von welcher Ulysses alles / was er begehrte /zu wissen kriegte: Hierauf reisete er wieder nach derCirce, die ihn mit aller Nothdurfft versorgete / und ferner seinen Weg fahren ließ.

Von der Circe abschiffend ist Ulysses erstlich kommen an die Meer-Wunder Sirenes. Was ihm allda begegnet / ist von uns in der Historia Sirenum vermeldet worden. Folgends kam er an die zwo gefährliche See-Klippen / oder See-Hunde / Scyllam und Charybdim: (von welchen der Vers gemacht ist:


Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdim.


Das ist / er kömmt aus einem kleinem Unglück in ein grössers:) Diese Monstra haben sechs seiner Gesellen aus dem Schiffe weggerafft und aufgefressen. Von dannen gelangte er in die Insul Thrinacria, da seine Gefehrten aus Hungersnoth schlachteten und auffrassen die Ochsen der Sonnen / und deßhalben mit Donner und Blitz vom Himmel geschlagen wurden: Endlich (auf daß ichs nicht zu lang mache) wie er auf dem Meer einhersegelte / ist seiner ansichtig worden der See-Gott Neptunus, dessen Sohn der Riese Polyphemus war / dem Ulysses das Auge hatte ausgestochen. Auf daß nun Neptunus an dem Ulysse sich rächen möchte / hat [210] er mit Hülffe des Wind-Gottes Æoli das Meer dermassen mit Wellen und Wogen und schrecklichem ungetsümmen Wetter beweget /daß alles über und übergangen / und also des Ulyssis Schiffe / so viel ihrer waren / alle zerschmettert / zerstreuet und versencket wurden / und demnach die Menschen im Meer hin und her trieben / und endlich alle ertruncken / ausgenommen Ulysses, welcher ein Schiff-Bret ergriffen / und sich daran festgehalten /zween Tage und zwo Nächte auf dem Meer schwimmende: Des dritten Tages wurffen ihn die Wellen nackend / und halb todt ans Ufer: Da verbarg er sich im Laube der Bäume / die im nechsten Walde stunden /und entschlieff daselbst aus Mattigkeit und Ohnmacht. Es kam aber ohngefehr des Königes Alcinoi (der an demselben Ort herrschete) Tochter / Nausica, eben auch dahin / da Ulysses lag / spielen fahren. Von dieser erlangte Ulysses bittlich ein Hembde und ein Kleid: ward auch von ihr in ihres Vaters Pallast geführet: Da nun Ulysses mit Essen und Trincken woltractiret / und dem Könige Alcinoo sich kund gethan / ward er von ihm und allen seinen Hof-Leuten stattlich begabet / in ein Schiff gesetzet / und über die See biß in Ithacam hingeführet. Da ihn dann die Schiffer ans Land gesetzet / und ihres Wegs wieder davon gefahren.


Wir Menschen essen die Früchte der Welt / verlieben uns in die Wollust / vergessen des Himmels und GOttes. Christen schweben in dieser Welt in grosser Gefahr / aber wann sie sich nur halten an das Lämmlein Christum JEsum / und fassen die weisse Wolle eines unschuldigen Lebens / kan ihnen nichts schaden. Durch unsern eigenen Vorwitz bringen wir uns die Winde der Trübseligkeiten auf den Halß. Der HErr erlöset uns aus allen Nöthen.

25. Ulyssis Wiederkunfft nach seinem Vaterland Ithaca
25. Ulyssis Wiederkunfft nach seinem Vaterland Ithaca.

[211] Also ist Ulysses, nachdem er zwanzig Jahr von Hause gewesen / (nemlich zehn im Kriege für Troja, und zehn in der Irre herum reisend) wieder in sein Vaterland Ithacam kommen / wiewohl unbekannt und fremde bey jedermänniglich. Erstlich ist er zu seinem alten Küh-Hirten Eumæo gangen / und dessen Hertz /wie er gegen seinem alten Herrn dem Ulysse gesinnet / ausgeforschet. Als er ihn aufrichtig und redlich befunden / hat er sich ihm offenbahret / und zu erkennen gegeben / daß er der Ulysses wäre: Worüber sich der Küh-Hirte sehr erfreuet. Unterdessen ist des Ulyssis Sohn der Telemachus, (den er sehr jung und klein hatte zu Hause gelassen) auch zu dem Eumæo kommen / deme sich Ulysses gleichfalls zu erkennen gegeben. Worauf diese drey Raths und Willens worden /der Penelopen Freyer oder Werber (deren ohne Diener an der Zahl 108. waren / die des Ulyssis Haab und Gut mit Fressen und Sauffen / Tag und Nacht schändlich verschwendeten) mit List aus dem Wege zu räumen. Damit aber solches desto füglicher geschehen könte / gieng Ulysses in Gestalt eines Bettlers an seinen Königlichen Hof / setzte sich für die Thür / und bath die Freyer um Allmosen. Allda war auch ein ander Bettler / Nahmens Itus, mit welchem /wie er Ulyssi Schimpff bewiese / Ulysses sich tapffer herum schluge / und ihn endlich so tractiret / daß er des Bettelns fortan sich wol enthielte. Allhier hatUlysses von den Freyern viel leiden müssen / so wol mit Schmäh-Worten / als daß sie nach ihm geworffen / etliche mit Knochen / die andern mit Fußschemmeln. Er verbarg aber allezeit seinen Zorn und Unmuth /und vertrug es mit Gedult; Endlich beredet er sich mit seinem Sohne Telemacho, [212] er solte der Mutter Penelopen den Anschlag geben / daß sie ein grosses starckes Armbrust (welches vormals des Ulyssis gewesen) benebenst den darzu gehörigen Pfeilen herfürbrächte / es den Freyern darreichte / mit Vermeldung / welcher unter ihnen den Bogen spannen und die Pfeile Recht ins Ringlein schiessen könte / der solte ihr Mann seyn / und sie wolte alsdann des Ulyssis vergessen / weil er so lange ausbliebe / auch vielleicht schon vorlängst gestorben seyn möchte. Solches ward also ins Werck gerichtet / das Armbrust auf den langen Saal / darinnen alle Freyers beysammen waren / gebracht: Und die Köcher mit den Pfeilen darbey ausgeschüttet: Da alsbald ein jeglicher unter den Freyern den Bogen zu spannen sich unterstund: Keiner aber / weil sie zu schwach waren / und so viel Kräffte als Ulysses nicht hatten / es vollbringen konte. Wie solches der Telemachus, des Ulyssis Sohn / gesehen / hat er das Armbrust genommen / ungeachtet der Freyer Murren und Dräuen / und es dem Ulyssi überreichet / sagende: Er solte versuchen / was seine Arme vermöchten: Ulysses hat den Bogen genommen / die Sehne gezogen und versuchet / obs auch noch gut und richtig / als ers aber vollkommen befunden / hat er seinem Sohn demTelemacho und dem Küh-Hirten Eumæo ein Zeichen gegeben: Welche alsbald durch eine heimliche Thür /nach einer Kammer gelauffen / Spiesse / Helm /Schilde und dergleichen Waffen geholet und sich zugerüstet; unterdessen hat Ulysses zum Schiessen sich fertig gemachet: Die Pfeile auf einen Hauffen zu seinen Füssen geschüttet / den Bogen gespannet / Pfeile aufgeleget / und recht auf den Obersten der Freyer /welcher eben stehend aus einem güldenen Becher tranck / loßgeschossen / den er [213] alsbald durchs Hertz troffen / daß er todt zur Erden gefallen: Den Bogen wieder gespannet / noch einen so getödtet / und es so lange getrieben / als er Pfeile gehabt / von welchen allen er keinen Schuß vergebens gethan. Im Anfang meyneten die Freyer / es wäre ohngefehr geschehen. Wie sie aber gesehen / daß es Ernst war / und sich unterdeß Ulysses zu erkennen gegeben / er wäre es / der sich an ihnen zu rächen gedachte / da haben sie erstlich angefangen zu bitten. Welches aber nicht halff. Dahero sie / gezwungen wurden sich zur Wehr zu setzen: Mittlerweil kam Telemachus und der Küh-Hirte auch bewehrt herfür / und hielten sich so wol / daß die Freyer bald einer nach dem andern / dieweil sie mit Waffen nicht versehen / und nur Gasterey zu halten kommen waren / hinfielen. Es wäre aber gleichwol mit dem Ulysse und seinen beyden Gehülffen bald übel abgelauffen. Dann der Küh-Hirte hatte ungefehr die Thür der Kammer / darinnen das Gewehr verschlossen / offen gelassen / welches der Freyer Diener einer gemercket / der stracks hingelauffen / und den Freyern Spiesse und Schilde zuzutragen angefangen. Aber Telemachus kam diesem bald für: Dann er lief hin / betraff den Diener darinnen / verwahrete ihn fest / schloß die Kammer zu / und halff seinem Vater frisch streiten. Mit kurtzem zu reden / die drey Männer Ulysses, Telemachus und Eumæus, thäten so viel / daß alle 108. Freyer / von ihren Pfeilen und Spiessen / mit Hülffe der Göttin Minervæ, erwürget wurden /also daß Ulysses wie ein Löwe biß zum Knien im Blute stund / und seine Arme / Hände und Angesicht mit Blut gantz benetzet waren. Also befreyete Ulysses sein Hauß und seine Haußfrau von den losen Buben. Wie diß geschehen / da ließ er die Todten begraben /die Gemächer wiederum reinigen / [214] sich wiederum sauber machen / und seine Hauß-Frau die Penelopen zu sich fordern / der Meynung / er würde alsbald von ihr auf- und angenommen werden. Sie aber trauete noch nicht / sondern furchte sich / sie möchte betrogen wer den. Biß sie endlich durch heimliche Zeichen / die keinem Menschen als ihr und dem Ulyssi bekannt /vermerckte / daß er Ulysses ihr rech- Ehmann wäre.


Ulysses ist ein Exempel eines ausbündigen Politici, der seines gleichen / so lange die Welt gestanden / an Verschlagenheit / Beredsamkeit / Tapfferkeit / Weißheit /und dergleichen Tugenden nicht gehabt. Wann die Katze nicht zu Hause ist / so springen die Mäuse in den Stuben herum. Penelope ist ein Ausbund aller Frauen. Wir seynd auch vertrauet einem Manne Christo JEsu / darum sollen wir demselben unsere Treu fest halten / und keine andere Welt-Freude annehmen.

26. Von des Adlers verjüngtem Alter
26. Von des Adlers verjüngtem Alter.

Man pfleget vom Adler zu sagen / daß er sehr lange und zum wenigsten hundert Jahr lebe: Und wann ihm alsdann der oberste Schnabel so krumm wird / daß er den untersten nicht kan aufthun / und Fleisch fressen /so sauge er nur das Blut aus den Vögeln / biß er an den Steinen wiederum seinen Schnabel wetze und abschleiffe. Darnach fahre er hoch in die Lufft / nahend zur Sonnen / zünde seine Federn an / und falle mit der Brust ins Meer: Lesche sich also ab / und steige darnach in eine Höle / oder wiederum in sein Nest / allda ihm neue Federn wieder auswachsen: Also werde er gantz und gar wieder jung / und fliege davon. Mit diesem Gedichte erkläret man den fünfften Vers. in 103. Ps. V. GOtt mache deinen Mund frölich / daß du wieder jung werdest wie ein Adler. Ebenermassen ist hievon genommen das Sprichwort bey dem Terentio:[215] Aquilæ senectus. Daß alles ist lauter Fabelwerck und Kindermährlein. Dann erstlich ist bewust aus demAristotele, und aus der täglichen Erfahrung / daß alle Fleischfressende und krummschnäbliche Vögel nimmer trincken / oder etwas nasses einsaugen / ausgenommen der Indianische Papagoy / der allein trincket: Dabeneben sähet der Adler die andern Thier mit dem Schnabel / sonst kan er sie nicht sahen. Wann ihm nun der Schnabel zugewachsen / wie will er Thiere fangen oder verwunden? Ferner ist bey allen Gelehrten gewiß und ohne Zweiffel / daß die hohe Lufft von der Sonnen nicht heiß ist / sondern gar kalt (wie der stets währende Schnee auf den hohen Bergen augenscheinlich bezeuget.) Nur ist es heiß allhier unten an der Erden / da sich der Sonnen Strahlen im Zurückschlagen zusammen häuffen. Darum ist das Anstecken des Adlers eben so wahr / als das Zerschmeißen der Flügel Icari, davon wir vor diesem geredet. Dieses Verneuern der Federn aber wiederfähret dem Adler natürlich alle Jahr / eben wie andern Vögeln / und darff man ihm derohalben die Federn mit Lügen nicht ausschwitzen. Belangend den Psalm Davids / stehet da nicht / daß du also und auf die Art wieder jung werdest / wie ein Adler. Warlich kein Thier in der Welt wird nach dem Alter jung: Und ob wohl der Krebs seine Scheeren / die Schlange ihre Haut / die Vögel ihre Federn / das Viehe seine Wolle abwerffen / so werden sie doch damit nicht jünger: Sondern das ist die Meynung des Propheten Davids: GOtt tröstet und erfreuet dein Hertz und Mund / stärcket und bestätiget deine Gesundheit / daß du zu allem / was dein Beruff erfordert / auch im Alter frisch / hurtig und unverzagt daher fährest wie [216] ein starcker Adler / zu seinen Weidwerck. Also erkläret des Davids Worte der Prophet Esaias am 40. Cap. Die auf den HErrn harren / kriegen neue Krafft / daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler / daß sie wandeln und nicht müde werden.


Man muß die Schrifft nicht nach den Fabeln der Heyden auslegen / sondern nach der Wahrheit.

27. Von Basilisken
27. Von Basilisken.

Basiliscus wird genannt ein gifftiger Wurm / unter allen gifftigen Schlangen der fürnehmste / und als ein König. Dann bey den Griechen heist Βασίλισκος - ein kleiner König. Nun von dem Basilisk saget man und schreibet; Wann ein Hauß-Hahn neun Jahr alt worden / so lege er in den Mist oder finstern Keller ein Ey /daraus komme am neundten Tage ein Thier allerdings gestalt wie ein Hahn / aber ohne Federn / mit einem Schlangenschwantz / welches so gifftig / daß es auch mit dem blossen Ansehen alles tödte / was ihm fürkömmet: Könne auch nicht getilget werden / ohne daß man an den Ort / da es wohnet / viel Spiegel hinsetze / biß daß es in einem sein Bildniß und Gestalt ersehe. Dann wann er das will todt blasen / so berste er vom Zorn. Darum stehet im 91. Ps. Super aspidem & Basiliscum ambulabis. Dieses alles ist erdichtet / und in der Natur ein unmöglich Ding. Dann die gantze Welt ist voll Hahnen / und in keiner glaubwürdigen Historia zu finden / daß jemals ein solcher Basilisk gefunden. Die Hennen legen Eyer / und nicht die Hähne. Und wann ja ein Hahn solte ein Ey legen / so wäre er darzu bequemer in der Jugend / als im Alter. Zwar bißweilen findet sich in des Hahnen Leibe ein Gewächse mit einer weissen Haut / ohne Schaale [217] überzogen / dasselbe aber gebieret er nicht / wie die Hüner ihre Eyer / kan auch nichts lebendiges draus werden. Es ist kein Exempel in der gantzen Welt / daß aus dem allerbesten und gesundesten Thiere / als die Hähne seyn / natürlicher Weise das allergifftigste als ein Basilisk / solte gebohren werden. Ich mache mir die Gedancken / daß diese Fabel von den Basilisken nirgend anders herrühre / als aus dem Plinio, der vermeldet / daß in Egypten und Africa gefunden werde eine Art kleiner schwartzen Schlangen / auf Lateinisch Aspis, auf Teutsch Otter genannt / nur eines Fusses lang / die hat aufm Haupt einen silbern weissen Flecken / wie eine Krone / kreucht auf den Schwantz / träget die Brust und den Kopff in die Höhe / und verjaget mit ihrem Zischen alle Schlangen / tödtet alles was sie ansicht und anbläset: Diese Otter heisset Plinius, Basiliscum. Und wird das Wort Basiliscus zwar im Griechischen und Lateinischen Psalter im 91. Psalm gefunden / aber im Teutschen hats D. Luther gegeben / auf den Löwen und Ottern wirstu gehen.


Die Gottlosen brüten Basilisken Eyer / und wircken Spinnweben / darum müssen Schlangen und Basislisken /das ist / die Teuffel sie ewig stechen. Jes. 59. v. 5. Jer. 8. v. 17.

28. Der sieben weisen Meister Rätzel
28. Der sieben weisen Meister Rätzel.

Der reiche König Crœsus, hatte eine grosse Königliche Gasterey angestellet / und unter andern mächtigen Potentaten darzu geladen die sieben Weisen aus Griechenland: Unterm Essen und Trincken haben sie /nach Gewohnheit der Alten / Gespräch gehalten /nicht von leichtfertigen Possen / wie jetz und leider zu geschehen pfleget / sondern von hohen Sachen / die Weißheit betreffend. Also hat der König Crœsus [218] etliche Fragen oder Rätzel den sieben Weisen auftragen lassen / und begehret / sie möchten ihm da eine richtige und wahre Antwort darauf geben / nemlich er hat gefraget:

1. Was das allerälteste wäre? Da haben sie darauf geantwortet: Es wäre GOtt: Denn der hätte keinen Anfang / dieweil er ewig wäre / und von niemand gemacht.

2. Was das allerschönste? Anwort: Die Welt: Dann was schön ist / ist in der Welt.

3. Was das allergröste? Der Ort: Dann darinn ist die gantze Welt.

4. Was das allerschnelleste? Des Menschen Gemüth: Denn im Augenblick sind die Gedancken im Himmel / und alsbald wieder auf Erden.

5. Was das weiseste? Die Zeit: Dann die bringet alles / erfindet alles / lehret alles.

6. Was das allerschwehrste zu thun? Sich selber erkennen.

7. Welches das leichteste zu thun? Andere Leute straffen und tadeln.

8. Was das dunckelste und ungewisseste? Der Anfang zufünfftiger Dinge.

9. Was das böseste? Die Zunge: Dann daraus kommet alles Unglück.

10. Was das beste und edelste? Die Zunge: Dann daraus kommet alle Tugend und Weißheit.

Uber Tisch / auch in Gesellschafften / soll man allezeit liebliche / nützliche / die Gemüther erbauende und gottselige Reden führen. Narrentheidung oder Schertz / welcher Christen nicht geziemet / soll nicht gehöret werden.

29. Ob ein Mensch das gantze Meer könne austrincken
29. Ob ein Mensch das gantze Meer könne austrincken?

[219] Der Philosophus Xantus, (wie in des Æsopi Lebens-Beschreibung vermeldet wird) saß einmal bey seinen Schülern und zechte. Da aber einer unter denselben merckete / daß der Meister Xantus vom Wein beschweret war / sprach er zu ihm: Sage mir / Meister /wäre es möglich / daß ein Mensch das gantze Meer möchte austrincken? Xantus sprach / warum nicht? Ich wolte es wol selber austrincken. Der Schüler sprach: Was soll es gelten? was wilt du verlohren haben / wofern du es nicht thust? Mein Hauß / sprachXantus. Also wetteten sie / und setzte Xantus zu Pfande seinen Ring / den er vom Finger zoge. Des Morgens frühe als Xantus aufgestanden / und sein Angesicht waschen wolte / sahe er / daß sein Ring weg war / fragte derowegen den Æsopum, wo sein Ring hin kommen? Æsopus antwortete: Herr / du hast gestern gewettet / du wollest das gantze Meer austrincken / du hast den Ring gesetzet zum Zeugniß der Wettung. Da Xantus solches höret / erschrack er: Bath den Æsopum, wo er sinnreich wäre / solte er ihm helffen / daß er entweder gewinne / oder daß die Wettung wieder zurück gienge? Æsopus sprach: Gewinnen kanst du nicht / aber das Wetten will ich dir abschaffen. Sage an / sprach Xantus, wie kan ich das vollbringen? Æsopus antwortete: Du hast versprochen das gantze Meer auszutrincken. Nun weist du wol / daß in das Meer von allen Orten und Enden viel Flüsse und Brunnen lauffen: Derhalben sage deinem Widerpart / du wollest zwar das Meer austrincken / er solle aber erstlich von dem Meer ableiten alle Brunnen und Flüsse / so ins Meer lauffen / so wollest du vollbringen / was du versprochen. Ob dieser Rede ward Xantus sehr erfreuet: Unterdessen kam [220] der /welcher mit Xanto gewettet / und begehrte von ihm in Gegenwart der Fürnehmsten in der Stadt / die Dinge zu vollbringen / die er versprochen hatte. Xantus gieng ans Gestade des Meers / hieß dahin einen Tisch / Stuel und andere Sachen setzen. Da nun das Volck dahin kommen war / zuzusehen / saß Xantus auf seinem Stuel. Hieß einen grossen güldenen Becher mit See-Wasser ausspühlen / und voll desselben Wassers einschencken: Nahm den Becher in die Hand / und sprach: Ihr Männer von Samo, daß ich versprochen habe das gantze Meer auszutrincken / leugne ich nicht. Euch allen aber ist wissend / daß viel fliessende Wasser / und viel Bäche ins Meer fallen. Wann nun mein Widerpart dieselbe anders wohin führen wird /und verhindern / daß sie sich nicht ins Meer ergiessen / so bin ich bereit das Meer auszutrincken / dann ich nur vom Meer allein / und nicht von den Flüssen geredet. So bald er das gesagt / freuete sich jederman mitXanto, und schrien ihm zu. Der Schüler aber fiel ihm zu Fusse / sprechend: O grosser Meister / ich erkenne / daß ich von dir überwunden bin / darum bitte ich /daß unsere Wette möge cassirt und zurück gethan werden / solches bewilliget ihn Xantus.


Man vermisset sich offtmals beym Trunck / dasselbe was man unmöglich kan verrichten / und hernach Angst hat / wie man ohne Schimpff und Spott dem Dinge möge abkommen. Eines klugen Dieners guten Rath soll man nicht ausschlagen.

30. Ucalegon, das ist Hans ohne Sorgen
30. Ucalegon, das ist Hans ohne Sorgen.

Æsopus gerieth einmahl in Zwiespalt mit seinem Herrn Xanto, von wegen der häßlichen und unschönen Menschen. Xantus sprach: Ich hatte wohl Lust zu sehen einen Menschen / der ohne Nachdencken und recht unverschämt wäre. Æsopus gieng aus zu suchen / [221] ob er einen solchen finden möchte: Und als er sich wohl umgesehen / siehet er zuletzt einen groben Bauren sitzen / zu dem spricht er: Mein Herr lässet dich an seinen Tisch zur Mahlzeit beruffen. Der Bauer fragte wenig darnach / warum ihn der Herr zu Gaste lude / gieng von stund an mit Æsopo, in unsaubern kothigten Stieffeln / und setzte sich stillschweigend zu Tische. Xantus fragte den Æsopum, was das für ein Mensch wäre? Æsopus sprach: Es ist ein sorgloser und hinläßiger Mensch. Da wincket Xantus seinem Weibe und spricht: Du solt nicht übel aufnehmen /was ich mit dir reden werde. Dann ich will Ursache suchen mich an Æsopo zu rächen / auf daß er und die andern Knechte lernen gehorsamer und unterthäniger seyn. Hierauf sprach Xantus überlaut: Frau / thue Wasser in ein Becken / und wasche diesem Gast die Füsse: Und ziehe du selber ihm die Stieffeln u. Strümpffe aus. Es vermeynete Xantus, der Bauer würde das nicht zulassen / so möchte er Æsopum glimpfflich schlagen. Der Bauer mercket wol / daß sie die Frau im Hause war / gedachte in sich selber / der Mann will dich ehrlich halten / darum hat ers weder Knechten noch Mägden befohlen / sondern seinem eigenen Weibe. Er streckte seine Füsse hübsch der Frauen zu: Ließ sich die besudelte Stieffeln und Strümpffe abziehen / wie auch die Füsse waschen von der Frauen. Als das geschehen / saß er still und ruhete. Da sprach Xantus zu seinem Weibe: Gib ihm zu trincken. Der Bauer gedachte: Ob es sich wol geziemete / daß die Frau zu erst trincke / doch weil es der Herr also haben will / so thue ich nach seinem Gebote: Nahm den Becher / und tranck weidlich; Als sie aber assen / setzt ihm Xantus Fische für / und sprach: Iß. Der Bauer aß frisch ohne Sorge. Da ließ Xantus den Koch ruffen / [222] und beschuldiget ihn / die Fische wären übel gekocht / hieß ihn derhalben ausziehen /und übel schlagen: Da gedachte der Bauer bey sich selber / der Fisch ist wol bereit / man schlägt den Koch unschuldig / aber es gehet mich nicht an / daß man Schläge austheilet / ich will meinen Bauch füllen. Bald hernach als ein Kuche auf den Tisch gesetzet ward / schnitte ihm der Bauer ein Stück / aß das /deß sich Xantus nicht versehen hatte. Und als Xantus ersahe / daß der Bauer so geitzig aß / ließ er den Becker beruffen / und sprach: Du loser Bube / dieser Kuche hat weder Safft noch Geschmack / weder Butter noch Honig. Der Becker antwortet: Herr / ich habe ihn nicht gemacht / sondern deine eigene Frau. Xantus sprach: Ist die Schuld an meinem Weibe / so will ich sie gleich jetzt lebendig verbrennen. Er ließ die Frau beruffen / gab ihr zu verstehen / daß sie nichts solte antworten / auf daß er Æsopum schlagen möchte; sprach zum Knechte: Nun bringe Holtz und Feuer her / und du / Æsope, wirff das Weib darein. Xantus thät solches darum / daß er meynete / der Bauer solte aufstehen / und für die Frau reden und bitten / er aber schwieg eine Weile stille / sagte doch letzlich: Herr /ich bitte dich / wilt du je dein Weib verbrennen / so warte eine kleine Weile / bis ich hinlauffe / und mein Weib auch herhole / daß wir sie beyde miteinander verbrennen. Als Xantus das hörete / verwunderte er sich über des Bauren Standhafftigkeit / und bekannte /daß er vom Æsopo überwunden wäre.


Ein Bauer ist ein grobes Holtz. Doch ist es der Bauer nicht allein / Unverschamheit findet man auch bey vielen / die in hohen Aemtern sitzen. Wer heute zu Tage sich nur tumm und grob anstellet /der träget das meiste davon. An ungehobelten Leuten ist nichts zu gewinnen / man lasse sie zu frieden / so bleibet man ungeschimpffet.

31. Vom Gespenst
[223] 31. Vom Gespenst.

Vom Plinio secundo in seinem Send-Brieffe ist beschrieben folgende Historia:

Zu Athen in Griechenland war ein schön / groß und wohlgelegen Hauß / welches aber diesen Mangel hatte / daß die Gepenster und Poltergeister greulich darinnen regiereten. Daher es auch von niemand konte bewohnet werden / sondern ledig und ohne Inwohner verbliebe. Das Gespenste / das sich allda sehen ließ /war so gestalt; Zu Mitternacht ward im Hause gehöret ein Gepolter von Eisenzeug / als wann eiserne Ketten geschleppet würden: Erstlich von ferne / hernach etwas näher. Darauf ließ sich sehen ein alter / magerer / heßlicher Mann / mit einem langen grauen Barte und Haaren / schrecklich anzusehen. Hatte um die Füsse eiserne Fessel: Um die Arme grosse schwere Ketten gebunden / welche er mit grossem Geläut schüttelte. Wer dieses Gespenste von den Inwohnern des Hauseß sahe / derselbe ward schleunig kranck / und büssete das Leben darüber ein. Aus dieser Ursachen wolte niemand das Haus miethen / noch darinnen wohnen. Nichts destoweniger ward es durch eine angehefftete Schrifft zu vermiethen ausgebothen / ob es vielleicht jemand unwissend kauffen oder miethen möchte. Unterdessen kömmt der Philosophus Athenodorus zu Athen: Lieset die Schrifft an dem Hause / und ob man ihn schon berichtet des Hauses Gelegenheit / hat er doch solches nicht geachtet / sondern darum vielmehr das Hauß für ein gewisses Geld gemiethet: Und ist mit seinem Haußgesinde darein gezogen. Gegen die Nacht hat er seinem Gesinde befohlen / sie solten sich im innern Theile des [224] Hauses schlaffen legen. Er selbst ließ sich mitten in dem Hause einen Tisch setzen: Nahm seine Schreib-Tafel / seine Kertze und seine Stücken: Setzte sich an den Tisch / fieng an zu schreiben / und zu meditiren / auf daß seine Gedancken nicht müßig wären. Erstlich war es gantz still im Hause / wie es zu Nachtzeiten pfleget zu seyn: Nicht lange darauf fähet es an mit der eisernen Ketten zu tumultuiren. Athenodorus kehrete sich an nichts / sitzet und fähret in seiner Arbeit fort. Das Gespenst aber machet es immer ärger / läufft jetzt aus dem Hause /jetzt wieder darein: Kömmt auch endlich nahe zumAthenodoro, und stehet ihm zur Seiten: Athenodorus hebet die Augen auf / siehet es an / und befindet es eben also / wie man ihm gesaget hatte. Das Gespenst stund und wincket dem Athenodoro mit der Hand /als wann er solte zu ihm kommen / Athenodorus wincket ihm wieder mit dem Kopffe / es solte warten: Und fähet hiemit wieder an zu schreiben / und zucomponiren. Das Gespenst schüttelte dem Athenodoro die Ketten über den Kopff. Athenodorus siehet sich wieder um / und vermercket / daß ihm das Gespenst abermahl wincket / da stehet er auf: Das Gespenst gehet für ihm her. Er löschet das Licht aus /folget dem Gespenste nach biß in den Garten. Da verschwindet das Gespenste alsobald. Athenodorus nimmet im finstern eine Hand voll Krauts / wirfft solches auf den Ort / da das Gespenste sich verlohren. Des Morgens gehet er nach den Richtern der Stadt / erzehlet was ihm widerfahren: Die Richter befehlen auf derselben Stätte zu graben / und zu vernehmen / was da verbergen: Da hat man gefunden etliche todte Menschen-Knochen / mit Ketten und Fesseln gebunden. [225] Dieselben hat der Rath in einen Sarg legen lassen / und mit gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestättiget. Hernacher ist das Hauß von den Gespensten frey blieben / und hat man niemals etwas darinn vernommen.

Die Todten bleiben wol todt / und liegen wol: Der Teuffel aber gauckelt den Leuten für / den Aberglauben zu vermehren.

32. Die Morgenröthe
32. Die Morgenröthe.

Die Morgenröthe / nach der Poeten Meynung / ist vom Hyperione und Theja gebohren / welche auch einen Sohn / mit Nahmen Memnon, gezeuget: Und ist allezeit auf einem güldenen Wagen gefahren / hat Hände gehabt von Rosen. Die Bedeutung dieses Gedichts ist diese: Nemlich die Morgenröthe ist die Göttliche / köstliche und güldene Zeit / (dann ϑεῖον heisset so viel als Göttlich:) durch welche die Jünglinge / so dieselbe wol gebrauchen und in acht nehmen / zu grossen Ehren können gebracht werden /(ὑπερίον ist in die Höhe erhaben.) Der Sohn dieser Morgenröthe ist Memnon, das ist Gedächtniß / μνἡμη heist Gedächtniß / wodurch sie haben anzeigen wollen / daß man in den Morgen-Stunden sein etwas lernen und behalten könne. Auf diese Art haben die Poeten die jungen Knaben wollen vermahnen / daß / so sie wolten so wohl an weltlicher / als Göttlicher Weißheit zunehmen / solten sie die Früh-Stunden in acht haben / wie das teutsche Sprichwort lautet: Die Morgen-Stunde hat Brodt im Munde; Und das Lateinische: Aurora Musis grata. Es ist nie geleugnet worden / und kan nicht geleugnet werden / daß man zu einer Stunde des Morgens mehr ausrichten kan / als sonst in dreyen zu Mittage: Ursache / dann des Morgens ist das Gemüthe und Geblüte des Menschen frischer / hübscher [226] und genelgter etwas zu verrichten /nach dem alle Speise zu Nacht verdauet / und der Mensch gleichsam durch den Schlaff erfrischet worden. Die aber biß an den hellen Tag schlaffen / sind faul / nachläßig / und zu allen Dingen ungeschickt. Bey den Römern ist dieser Gebrauch gewesen / daß ein Freund den andern nicht hat besucht / oder ein freundlich Gespräche mit ihm angestellet / als des Morgens frühe: Und seynd deßhalben solche Besuchungen heilig gehalten worden. Vom Demosthenes schreibet Cicero, daß der darnach getrachtet / damit er des Morgens von niemand schlaffend angetroffen würde / daß er seine Arbeit frühe angefangen / und sich zu seinem Studiis für Tage gewandt / dann sagt er / wir solten der Sonnen nachfolgen; Solten zu Bette gehen / wann sie untergehet / und aufstehen wann sie aufgehet. Warlich es ist einem Jüngling grosse Schande / wann ihm die Sonne des Morgens noch auf dem Bette liegend findet / und faullentzend bescheinet: Alle Thiere / bevorab die Nachtigal / die Schwalbe /und andre Vögel / heben ihre Arbeit früh Morgens an / fangen für der Sonnen Aufgang an zu singen: Wie vielmehr solten das junge Gesellen thun? Die Blumen mehrentheils / die des Nachts sich zugethan / und gleichsam geschlaffen haben / breiten des Morgens früh / so bald die Sonne aufgehet / sich wieder aus: So sollen wir auch / wann die Sonne aufgehet / herfür kommen / und Horatii Lehre wol in acht nehmen / der also spricht: Poscesante diem librum cum lumine.

Wie dann auch des Plauti, da er sagt:


Vigilare decet hominem, qui sua tempore vult conficere negotia.

Wer da zu rechter Zeit das Seine will verrichten / Der muß der Frühzeit Schlaff mit steiffen Ernst vernichten.

33. Cambysis Trunckenheit
[227] 33. Cambysis Trunckenheit.

Der Monarcha Cyrus hatte einen Sohn / genant Cambyses, der seinem Vater zwar in der Regierung / mit nichten aber in den Tugenden nachfolgte / unter andern Lastern war er auch dem Trunck sehr zugethan /deßhalben ihn einer von seinen Räthen Prexaspes, höflich straffete. Das verdroß den Cambysen, wolte darum auch hören / was seine andere Räthe von ihm sagten / und hielten; Ließ sie derohalben zusammen fodern / und fragte sie / ob sie etwas an ihm zu tadeln wüsten? Die meisten unter ihnen wolten den Fuchs nicht beissen / sondern schmeichelten dem Könige und sagten: Sie hielten ihn höher als seinen VaterCyrum; Warum? Dieweil er zu seines Vaters Königreich noch hinzu gebracht und gewonnen das Egytenland / welches sein Vater nicht hätte überkommen können; Aber der König Crœsus, welchem der Cyrus befohlen hatte / Achtung auf seinen Sohn Cambysen zu haben / und ihn in Tugenden zu unterrichten /sprach: Ich halte Cyrum höher als seinen Sohn Cambysen; Ursache / Cambyses hat noch nicht so einen trefflichen Sohn hinterlassen / als Cyrus. Solches alles gefiel dem Cambysi aus der massen wohl. Forderte derhalben den Prexaspem zu sich / und sprach: Du allein / Prexaspes, straffest mich der Trunckenheit halber / auf daß du aber erfahrest / daß ich / ob ich schon gesoffen / nichts destoweniger bey mir selbsten bin und verrichten kan / was sich geziemet / so will ich deinen jungen Sohn allhier für mich stellen lassen: Und wann ich truncken worden / nach ihm zielen und schiessen. Treffe ich sein (des Jungen) Hertze nicht /so soll man mich für [228] einen Säuffer halten / der seine Vernunfft nicht weiß zu gebrauchen; Treffe ich aber dem Jungen recht ins Hertz / so soltu daraus spüren und abnehmen / daß mir an meiner Vernunfft nichts mangelt / ob ich schon gezechet habe. Hierauf ließCambyses ein grosses Mahl anrichten / soff sich gantz voll mit seinen Räthen / und wie er truncken war / stellete er für ihm von ferne des Prexaspis jungen Sohn: Spannete seinen Bogen / zielete / und schoß nach dem Knaben: Befahl alsbald / daß man besichtigen solt / ob das Hertz getroffen wäre? Der Knabe ward aufgeschnitten / da befand sichs / daß der Pfeil mitten im Hertzen stack. Da zeigte Cambyses solches dem Prexaspi und sagte: Daraus magst du nun mercken / daß ich kein Säuffer bin: Und ob ich schon getruncken / dennoch bey guter Vernunfft bleibe. Hütte dich / daß du mich mit Unwahrheit ferner nicht beschuldigest.


Diß war ein unbillicher tyrannischer Lohn für die getreue Warnung Prexaspis. Hieher gehöret das:


Obsequium amicos, veritas odium parit.

Wer stets will die Wahrheit sagen / Muß zur Beut die Feindschafft tragen.

34. Von Bären und Elephanten
34. Von Bären und Elephanten.

Plinius schreibet von den Bären / daß sie an statt ihrer Jungen / fünff blosse unförmliche Stücke Fleisch gebähren / in der Grösse wie eine Mauß. Dieselben lecken sie Tag und Nacht / so offt und lang / biß Haupt /Nasen / Ohren etc. daran werden. Darum als Virgilius gefraget ward: Wie er so gute Verse machte? Hate er geantwortet: Weil ich sie mache wie der Bär seine Jungen. Dann was ich am Morgen gefasset / arbeite und poliere ich den gantzen Tag aus / biß es vollkommen [229] werde. Also vermahnet der Schulmeister seine Schüler / daß sie auch also thun sollen.

Daß dieses aber falsch sey / giebet erstlich die Natur / zum andern die Erfahrung. Die Natur / dann die Eltern können ihren Kindern die Gliedmassen nicht machen / oder ihrem Gefallen nach formiren: Sondern GOtt und die Natur muß es thun. Die Erfahrung bezeugets: So offt trächtige Bären geschlagen und ausgeweidet werden / finden sich die Jungen in ihrem Leibe / mit allen Gliedern / Haut und Haaren vollkömmlich. Vielleicht ist dieses Gedichte erstlich daher kommen / weil die jungen Bären / wann sie zur Welt kommen / mit einer Haut umgeben seyn / und gleich als in einem Bündel eingemacht. Dieselbe Haut lecket die Mutter so lange / biß sie entzwey gehet /und also der junge Bär vollkömmlich herfür kömmt. Aber solches ist nicht allein den Bären / sondern den Kühen / auch andern grossen Viehe gemein.

Vom Elephanten sind auch mancherley Lügen erdichtet / weil sie in unsere Länder nicht kommen. Insonderheit schreibet man / daß sie in einem jeden Schenckel einen gantzen Knochen haben / ohne Gelenck oder Beugung / darum könne sich kein Elephant niederlegen und schlaffen / sondern bleibe allezeit stehen: Lehne sich aber für Mattigkeit an einen Baum /und schlaffe also. Diesen Baum lernen dann die Jäger kennen / und sägen ihn biß auf ein wenig entzwey. Wann nun der Elephant kömmt und nach Gewohnheit sich daran lehnen will / so bricht der Baum / und er fällt darnieder / und kan sich nicht wiederum erheben / biß die Jäger zuspringen / ihm Ketten und Stricke anwerffen / und also gefangen nehmen. Diesem zuwider haben die [230] Spanier und Hollander in ihren Indianischen Schiff-Fahrten erfahren / daß die Elephanten zwar dicke / starcke Schenckel und Füsse haben /deren Beine aber dennoch mit unterschiedlichen Gelencken verwahret / welche sie eben wie ein Ochs oder Pferd wohl beugen können: Legen sich auch also auf die Erde und ruhen / und erheben sich wiederum wie ander groß Vieh / wie solches zu lesen beym Hugo Linschot / in seiner Schiff-Fahrt. Seneca schreibet auch in seinen Episteln / es habe ein Gauckler aus Mohrenland dem Elephanten / (welchen er mit sich gebracht) befohlen / daß er auf seine Knie niederknien / und einen Strich hinan kriechen müssen. Beym Martiale stehen diese Verse:


Quod pius & supplex Elephas te Cæsar adorat.
Crede mihi, numen sentit & ille tuum.

Hat dieser Elephant für dem Käyser die Knie gebogen /so muß er ja Gelenck gehabt haben.

35. Ob die Sonne am Oster-Tage tantze
35. Ob die Sonne am Oster-Tage tantze?

Es gläubet nicht allein der gemeine Mann allhier bey uns / sondern man findet es auch in etlichen Postillen geschrieben / daß am heiligen Oster-Feste die liebe Sonne am Himmel zu Abendzeiten / wann sie untergehe / tantze / und dreymal Freudensprünge thue /nach den Worten des 19. Psalms: Exultavit ut Gigas ad currendum viam suam. Deßhalben pflegen Alte und Junge des Abends / wann die Sonne will untergehen / mit grossen Hauffen fürs Thor zu spatziren / und zu sehen wie die Sonne tantzet. Wann sie nun dieselbe so lange angeschauet / biß ihnen braun / blau und finster für den Augen wird / so meynne sie gewiß / sie haben die Sonne tantzen sehen: Dieses ist eine grosse Thorheit und [231] Aberglaube. Dann es beweisen so wol die alten als neuen Sternseher / daß weder Sonn noch Mond / noch einiger Stern ein Haar breit aus seinem Stand und ordentlicher Bewegung abweiche / springe oder tantze. Ja wann die Sonne einen Finger breit sich erhübe oder niedersetzete / nach unserm Gesichte / so würde die gantze Welt zugleich sich mit erheben /und krachen müssen. Warlich / wann sichs also verhielte / daß am heiligen Oster-Tage die Sonne sichtbarlicher Weise tantzete / so bedürffte man ja nicht des vielen disputirens / wann die rechten Ostern wären / im Martio oder April / im neuen oder im alten Calender / dann GOtt hätte ein sichtbar Zeichen am Himmel gesetzet / dabey man den rechten Oster-Tag erkennen könte / nemlich an der Sonnen Abend-Tantz.


Der gemeine Mann urtheilet von einem Dinge / wie ers ihm in seinen tummen Kopff hat eingebildet / darum muß man dessen Rede nicht glauben.

36. Käyser Cajus Julius
36. Käyser Cajus Julius.

Der vierdten und letzten Monarchie der Welt fürnehmstes Haupt ist gewesen Julius Cæsar. Derselbe ist Cæsar genennet worden / nicht darum / weil er aus seiner Mutter Leib ist geschnitten / und so zur Welt kommen / wie unsere Grammatici dichten / angesehen er seine Mutter die Aurelam, mit und bey sich im Frantzösischen Kriege gehabt / sondern entweder von den schönen langen Haaren / auf Lateinisch Cæsaries, oder aber vom Carthaginensischen WorteCæsar, das ist / ein Elephant / dieweil er einen Elephanten umgebracht / und dessen Bild auf seiner Müntz geführet hat. Von diesem Julio Cæsare sind hernach alle [232] Römische Monarchen Cæsares genannt /und gebrauchen die Evangelisten auch das Wort καίσαρ.

Nun dieser Julius Cæsar ist eines so trefflichen Verstandes gewesen / daß er zugleich auf eine Zeit hat können lesen / schreiben / dictiren / und zuhören. Er hat pflegen zugleich 4. unterschiedliche Brieffe seinem Schreiber zu dictiren: Ja auch wol sieben / wann er dabey nichts anders zu thun hatte. Er ist so geschwind gewesen / daß er hat wissen zu reden von allem / was unter dem Himmel ist. Viel unterschiedliche Bücher hat er geschrieben / die verlohren seyn /ausgenommen das treffliche Opus oder Commentaria de bello Gallico, oder Civili, darinnen er beschreibet die Kriege / die er selber geführet. Er ist fünffzigmal selbst in der Schlacht gewesen; Und hats also demMarco Marcello zuvor gethan / der 29. Schlachten gehalten. Von ihm seynd in den Schlachten und Kriegen / die er gehalten / getödtet worden / 1192000. Menschen / ohne die Victorien / welche er in Bürgerlichen Kriegen erlanget. Uber dieses hat er auch das Jahr / welches zuvor unrichtig geordnet war / nach der Sonnen Lauff accommodiret / und zurecht gebracht /und getheilet in 365. Tage / (dahero es noch jetzund genennet wird Annus Julianus.) Auch geordnet / daß des Jahrs Anfang wäre der Januarius, da zuvorn das Jahr anfieng vom Martio. Nach seinem Namen hat er auch genennet Julium den Monat / der zuvor Quintilis genennet ward. Im Anfang seiner Regierung ist dieserJulius Cæsar ein Gottesfürchtiger / gnädiger und löblicher Herr gewesen: Der aber nach so vielen Victorien hoffärtig worden. Dahero über 60. fürnehme Römer sich wider ihn verbunden / unter welchen auch gewesen Brutus und der [233] Cassius. Und ob er wohl durch ein Schreiben eines guten Freundes gewarnet ward / daß er sich hüten solte / hat er doch den Brieff nicht lesen können / sondern ist auf dem Rath-Hause von seinen Verfolgern mit 23. Wunden erstochen /und niedergemacht worden / im Jahr seines Alters 56. Die Mörder aber seynd GOttes Straffe nicht entlauffen: Dann ihrer keiner über drey Jahr lebendig blieben / sondern seynd allzumal umkommen / und entweder ersoffen / oder erschlagen worden / oder haben sich selbst getödtet. Ein Rath aber der Stadt Rom hat hernach das Rath-Hauß / darauf er erstochen / allezeit verschlossen gehalten / und ist am Tage dieses Monats nicht mehr Rath gehalten worden.

Weißheit stehet hohen Häuptern wohl an. An seine Obrigkeit soll man die Hand nicht legen / und sie tödten. Wer es aber thut der glaube gewiß / daß er GOttes Straffe nicht entgehen werde.

37. Der Vogel Phoenix
37. Der Vogel Phœnix.

Phœnix soll ein einger Vogel seyn seines Geschlechts / in der gantzen Welt / fürnemlich aber in Arabia sich aufhalten: So groß als ein Adler / wie ein Papagoy gestalt / mit einem goldfarbenen gläntzenden Kopff /und einer Feuer-Krone / mit grünem / rothem und gelblichtem Leibe / blauen Bauch / und einem von vielerley Farben vermengten Schwantz. Dieser Vogel lebet sehr lange / und zwar wie Solinus meldet /zwölff tausend und etliche hundert Jahr. Wann aber seine Zeit vorbey ist / so bauet er ein Nest auf von Kannäl / oder Zimmetrinde / Weyrauch / und allerley köstlichem Gewürtz. Zündet sich darnach bey der Sonnen an / leget sich auf das Nest / und verbrennet sich selber. Aus der Aschen wird erstlich eine Made /aus der Made ein Vogel und neuer Phœnix, der wiederum so lange [234] gelebet. Mit diesem Phœnix pfleget man gar herrlich zu schmücken des HErrn Christi und unsere Auferstehung / und ist die allerzierlichste Oster-Lügen. Warlich / wo ein Mensch nicht gantz und gar aberwitzig ist / kan er ja Rechnung machen /was für ein Vogel sey / der so viel tausend Jahr / ehe die Welt geschaffen / sich bereits verbrannt hat. Dann die Welt nicht viel länger / als fünff tausend / fünff hundert und etliche achtzig Jahr gestanden: Nun lebet der Phœnix, wie sie sagen / über zwölff tausend Jahr /ehe er sich verbrenne. Ich lasse mich bedüncken / es sey niemals ein rechter Vogel gewesen / sey auch noch nicht des Namens / Gestalt und Werck / sondern es seyn literæ hieroglyphicæ, das ist / eine heimliche verborgene Bedeutung unter dieser Fabel. Nemlich /dieser Vogel Phœnix ist ein Bildniß der gantzen Welt; Der güldene Kopff bedeutet den Himmel mit seinen Sternen. Der bunte Leib den Erdboden. Die blaue Brust und Schwantz / das Wasser und Lufft. DieserPhœnix aber / oder die Welt bestehe so lange / biß der Himmel und die Sternen wieder zu stehen kommen an den Ort / da sie zur Zeit der Erschaffung der Welt gestanden. Wann das geschicht / so sey der Phœnix todt / und habe die alte Welt ihren Lauff vollbracht / und gehe alles wiederum von neuen an.

38. Zween Brüder - Romulus und Remus
38. Zween Brüder / Romulus und Remus.

Romulus und Remus, waren zween Brüder / deren Vater war Mars, ein Gott des Kriegs. Ihre Mutter war genannt Rhea Sylvia und Ilia, eine Kloster-Jungfrau; Weil sie noch klein und erstlich auf die Welt kommen waren / seynd sie von ihrer Mutter weggeworffen worden an die Tyber (ist ein Fluß / der durch die Stadt Rom läufft) und allda mit den Brüsten und [235] Milch einer Wölffin ernehret worden. Dieses deuten etliche also aus / ein Soldat habe eine Kloster-Jungfrau beschlaffen / darvon Romulus und Remus geboren / und also heimlich von dieser Hure ihrer Mutter / auferzogen seyn. Dann bey den Lateinern ist Lupa eben so viel als eine Hure. Wie nun diese beyde Brüder erwachsen / haben sie beschlossen eine Stadt zu bauen /welches sie auch ins Werck gerichtet / und dieselbe genennet Romam, von Romulo. Wie aber erstlich die Mauren um diese neue Stadt waren aufgerichtet / da hat Romulus ein Gesetz lassen ausruffen / daß niemand über die Stadt-Mauren springen dürffte / wer aber solches thäte / solte alsbald getödtet werden. Dieses Gebot des Romuli verachtete sein BruderRemus, und gedachte / es gienge ihn nicht an / sprang derhalben über die Mauren / wie er ausserhalb der Stadt etwas zu thun hatte: Da ließ ihn alsbald der Romulus beym Halse nehmen und todt schlagen. Also ist die Stadt Rom mit Blute / und einem Bruder-Mord erstlich eigeweihet worden. Und hat man den Tag der ersten Fundation der Stadt genennet Palilia. Ferner wie nun die Stadt Rom gebauet / da waren nicht Menschen genug bey der Hand / dieselbe zu bewohnen: Daher Romulus in alle Länder ausschreiben ließ / daß wer nach Rom kommen / und allda wohnen wolte /der solte frey Geleit und Sicherheit haben / wann er auch schon noch so viel Ubel- und Mord-Thaten begangen hätte. Also lieffen alle Schelmen und Diebe /und was sonst wegen begangener Ubelthat nirgend bleiben konte / nach Rom. Siehe / also hat Rom ihren Anfang gehabt / und seynd die Einwohner gewesen ein Hauffen boßhaffter Missethäter / Mörder / Räuber / [236] Ehebrecher und dergleichen. Nun war zwar eine grosse Anzahl solcher Gesellen und Bürger zu Rom; Aber es mangelte ihnen an Weibs-Personen. Solchem Mangel auch fürzukommen / hat Romulus einen gewissen Tag angeordnet / an welchem die gantze Bürgerschafft Schauspiele und lustige Comœdien anrichten solte: Zu welchen Spielen er auch eingeladen alle Sabinos (die der Römer nechste Nachbarn waren /) mit ihren Weibern und Töchtern. Er hat aber seinem Volck diese List an die Hand gegeben / daß / wann die Schauspiele recht wären angangen / so solten sie einen Auftauff machen / und ein jeglicher von ihnen eine Weibs-Person erhaschen / damit nach Hause lauffen / und dieselbe für seine Ehe-Frau behalten: Welches dann auch wohl ins Werck gerichtet / und artig von statten gangen. Also ist zum dritten Rom vermehret durch Weiber-Raub / Ehebruch / und dergleichen Sünden.


Was GOtt will erhalten / dem kan niemand schaden. Ohne Gesetze kan keine Stadt bestehen. Gesetze muß man nicht überschreiten. Mit Rauben / Stehlen und andern Sünden muß man keine Stadt erweitern.

39. Warum das Unkraut mehr wachse als das Gepflantzte
39. Warum das Unkraut mehr wachse als das Gepflantzte?

Es war ein berühmter Philosophus zu Samo, mit Nahmen Xantus, bey den dienete Æsopus für einen Knecht. Auf eine Zeit gieng Xantus mit dem Æsopo in einen Garten / ausserhalb der Stadt / Küchen-Kräuter zu kauffen. Als nun Æsopus seinen Korb mit Kohl gefüllet hatte / und mit seinem Herrn nach der Stadt wiederkehren wolte / hat der Gärtner den Philosophum Xantum wieder zurück geruffen / ihn gebeten /er möchte es nicht übel aufnehmen / er hätte [237] einen grossen Zweiffel / davon wolte er gerne entfreyet seyn / und hoffte / er als ein fürnehmer weiser Mann würde ihn hierinn unterrichten. Xantus sagte / er solte fragen / was er wolte / da sprach der Grärtner: Herr / ich erfahre täglich / daß die Kräuter / welche von sich selbst aus der Erden wachsen / und nicht von mir gepflantzet werden / viel schöner grünen / und eher wachsen / als diejenigen / welche ich mit grosser Mühe und Fleiß pflantze. Ich möchte gerne wissen /wie doch solches käme? Xantus antwortet: Lieber Mann / daß solches geschicht / ist also von Gott geordnet / Gottes Vorsehung die machet eines besser wachsen / denn das ander. Als Æsopus diese Rede hörte / lachete er überlaut. Da ward Xantus zornig /und fragte / ob er ihn auslache? Æsopus sprach: Nein Herr / nicht dich / sondern den / der dich so übel in der Philosophie unterwiesen hat. Dann eine solche Antwort auf diese Frage könte auch wohl ein Hunds-Bube geben / und das weiß der Gärtner selber wohl /daß alles aus Gottes Anordnung geschicht. Aber so du wilt / so will ich ihm diese Frage recht weißlich auflösen. Xantus kehret sich zum Gärtner / sprechend: Lieber Mann / es will sich nicht gebühren / daß so ein grosser weiser Philosophus, als ich bin / mit einem jeglichen disputire / und auf eines jeden Fragen antworte. Aber allhier habe ich einen Knecht / der soll deinem Begehren gnug thun. Der Gärtner den Æsopum beschauend / sprach bey sich selber: O welch ein Ungeheuer von Menschen! Hat dieser Weißheit gelernet? Warum bin ich denn nicht auch ein Gelehrter worden? Æsopus fieng an und sprach zum Gärtner: Du fragest warum die Erde aus ihr selber Kräuter herfür bringe / und solche viel schöner / leichter und eher / ohne deine Arbeit / [238] als wann du sie mit grosser Mühe pflantzest. Gab ihm darauf zur Antwort: Die Erde ist eine Mutter so wol der Kräuter als aller Dinge: Was sie nun selber gebieret / und aus ihrem Schooß herfür wachsen lässet / dessen natürliche rechte Mutter ist sie: Darum nicht zu verwundern /daß sie solche Kräuter reichlich ernähre / erhalte / und schön herfür wachsen lasse. Aber was du in die Erde pflantzest / dessen Stieff-Mutter ist sie nur / und das seynd nicht ihre rechte Kinder / sondern von andern ihr zugebracht. Derhalben sie dieselben nicht so sehr liebet / pfleget und ernähret / eben als unter den Menschen / die Mütter haben die Kinder / aus ihrem Leibe gebohren / viel lieber / als fremde zugebrachte Stieff-Kinder. Diese Antwort und Auflösung der Frage / gefiel dem Gärtner so wohl / daß er zum Æsopo sagte: Er solte nur so offt als er wolte wieder kommen / und umsonst ohne Geld von ihm Kräuter holen.


Man thut wohl / daß man in zweiffelhafftigen Dingen kluge Leute um Rath fraget / und um Anweisung ersuchet. Ein Einfältiger triffts offt besser als ein Kluger.

40. Von des Menschen erhabenem Angesicht
40. Von des Menschen erhabenem Angesicht.

Bey den Griechen heisset ein Mensch ἄνϑρωπος, ist so viel gesagt / als der sein Haupt in die Höhe hebet (ἄνω, sursum, τρέπων vertens, ἄπα faciem.) DaheroPlato, wie er gefraget ward / warum er die Augen hätte / und das Haupt nach dem Himmel gekehret? Antwortete: Daß ich den Himmel anschauen will. Ob nun wol das zum Theil wahr ist / wann man den Menschen gegen die vierfüßigen Thiere hält / so ist doch das auch wahr / wo ein Mensch nicht will [239] mit der Nasen im Dreck liegen / so muß er in seinem Gehen eben so wol / als ein Hund / Katze oder ander Thier die Augen nach der Erden kehren. Als der weise Mann Thales nach den Sternen sahe / und unterdessen im Fortgehen in einen Brunnen fiel / da ward er von einer alten Vettel ausgelachet / mit diesen Worten: Du wilst wissen / was im Himmel ist / und siehest doch nicht / was dir allernechst für den Füssen lieget.

Daß der Mensch allein solte diesen Vorzug haben /und das Haupt empor nach dem Himmel erheben /solches widerlegen mit ihren Exempeln viel Vögel /welche nicht allein aufrecht mit den Köpffen / wie die Menschen / gehen / sondern auch vielmehr in die Höhe und in die Lufft schauen / daß sie sich für ihren Feinden destobesser fürsehen und hüten. Wer hieran zweiffelt / der schaue seinen Hauß-Hahn an / wie derselbe mit ausgestrecktem Halse / und aufgerichtetem Haupte einher tritt. Gleichermassen ists auch falsch /daß der Adler allein mit klaren Augen in die Sonne siehet. Solches thun eben so wol die Stieglitzen / die Kraniche / die Papagoyen / und dergleichen Vögel mehr / wann sie ruhen und sich in der Sonnen Strahlen ausstrecken.

Hebet eure Häupter auf / und gedencket / daß sich eure Erlösung nahet. Trachtet nach dem das droben ist / etc.

41. Etliche Sprichwörter
1. Permutatio Glauci & Diomedis
1. Permutatio Glauci & Diomedis.

Homerus schreibet in seinem Iliade, daß die zween Helden Glaucus und Diomedes, nachdem sie miteinander gefochten / wiederum gute Freunde worden /und einer den andern zu Gaste geladen. Auf daß nun ihre Freundschafft desto fester wäre / haben sie mit[240] ihren Wehr und Waffen einen Tausch gehalten. Diomedes hat vom Glauco bekommen gantz güldene Waffen / die über 1000. Ochsen werth geschätzt worden: Glaucus hat vom Diomede wiederum verehret kriegt bleyerne Waffen / kaum 2. Ochsen werth: Daher das Sprichwort / der Tausch Glauci und Diomedis. Ist gesagt von einer ungleichen Verwechselung.

2. Tute lepus es, & pulpamentum quæris
2. Tute lepus es, & pulpamentum quæris.

Ob wol der Hase ein schwaches furchtsames und schlechtes Thier ist / dennoch so hat er an seinem Leibe gute Leckerbißlein / die wol zu essen und nicht zu verwerffen seynd. Wann nun jemand etwas an ihm selber hat / oder mit einem Dinge versehen und begabet ist / und dennoch solches von einem andern begehret / derselbe thut eben / als wann der Hase andere Thiere um ein gutes wohlschmeckendes Bißlein anspräche und bäte / dessen er doch an seinem Leibe selber genug hat. Das ists / so beym Terentio stehet:Ture lepus es, & pulpamentum quæris: Ist so viel gesagt / als / lieber Gesell / du bist selber so leicht und weibisch / daß man dich für eine Metze gebrauchen könte / und du bulest dennoch um andere Metzen.

Sonsten halten die Aertzte dafür / daß das Hasenfleisch melancholisch Geblüt mache. Aber die alten weisen Poeten seynd viel einer andern Meynung /nemlich wann man Hasenfleisch esse / so werde man schöne / und bleibe sieben gantzer Tage schön. Daher Martialis der Gelliæ fürwirfft / sie habe ihr Lebenlang kein Hasen-Fleisch gessen / weil sie so sehr heßlich und ungestalt.


Cum leporem mittis, semper mihi Gellia mandas,
Septem formosus Marce diebus eris.
Siverum dicis, & c. Edistinunquam Gellia leporem.
[241]
3. Æs Dodonæum
3. Æs Dodonæum.

Zu Dodona seynd gewesen zwo hohe Seulen / auf deren einer ein meßinges / hellklingendes Becken oder Gefäß gestanden: Auf der andern ein Bildniß eines nackenden Knabens / der sich vom Wind hin und her bewegte / in der Hand habend einen eisern Stecken. Wann nun der Wind auch gar gelinde wehete / hat der Knabe mit seinem Stecken an das Becken geschlagen / und also ein scharffes Geläut gemacht / welches lange gewähret. Diesem Dodonischen Becken werden verglichen alle Plauderer und Schwätzer / die viel Geplärr machen / da doch wenig hinter ist.

4. Mandrabuli more res succedit
4. Mandrabuli more res succedit.

Mandrabulus hatte einen Schatz gefunden / darfür er zur Danckbarkeit der Göttin Junoni erstlich opfferte ein güldenes Schaaf: Hernach ein silbernes Lämmlein: Zum dritten ein eisernes / biß daß endlich nichts daraus ward: Daher / wann sich ein Ding verringert /und immer schlimmer wird / sagt man: Mandrabuli more res succedit.


Wann man um eine Hand voll Ehre oder Gold den Himmel verkaufft / das mag wol heissen: Permutatio Glauci & Diomedis, etc. Was man selbsten hat / soll man nicht bey andern suchen und borgen. Demosthenes sagte auf eine Zeit zu einem / der über Tisch viel plauderte: Wärest du weise / so würdest du nicht so viel schwatzen. Man muß nicht ein Ding verringern / sondern vielmehr verbessern. Nicht allein was zusagen / sondern auch halten.

42. Vom Ibico und Besso
42. Vom Ibico und Besso.

Der Poet Ibicus ward aufm Felde von etlichen Räubern angefallen. Wie dieselbe ihm ihre Schwerdter an die Gurgel und Hertz gesetzet / und ihm jetzt ermorden wolten / Ibicus aber keinen Menschen sahe / der ihn hätte retten können / seynd [242] ohngefehr etliche Kraniche fürüber geflogen / die hat Ibicus angeruffen und gebeten / sie möchten seinen Tod rächen. Kurtz hernach kamen die Mörder in die Stadt und giengen auf dem Marckt spatzieren / da viel Leute vorhanden: Da flogen ohngefehr etliche Kraniche übern Marckt hin. So bald die Mörder die ansichtig worden / hat einer den andern angeredet / und gesagt: Siehe da des Ibici Rächer. Wie solches die Leute gehöret / haben sie gefraget / was sie von dem erschlagenen Ibico redeten. Die Mörder erschracken / werden alsbald ergriffen /und bekennen ihre Ubelthat / worauf sie folgends auch ihren verdienten Lohn empfangen.

Ein anderer / mit Nahmen Bessus, war mit seinem Vater ins Bad gangen / daselbst er nach entstandenem Hader und Streit seinen Vater ermordet / und sich heimlich davon gemacht. Etliche Tage hernach kömmt er in ein Wirths-Haus / siehet und höret allda unterm Dache die Schwalben im Neste zwitschern und singen: Nimmt alsbald einen Spieß / stösset das Nest herunter / und tödtet die Schwalben. Die anwesenden Gäste fragten ihn / warum er solches thäte? Da antwortete er: Höret ihr nicht / wie die losen Vögel singen / Bessus hat seinen Vater erwürget? Hierauf ist er eingezogen / und nachdem er seine Schuld bekennet / zum billichen Tode verurtheilet worden.

Ein zartes Ding ists um das Gewissen / wann einem das aufwachet / der hat Henckers genug / bedarff auch keines andern Uberzeugens. Conscientia mille testes.

43. Ein undanckbarer Gast
43. Ein undanckbarer Gast.

Philippus, König in Macedonien / des grossen Alexanders Vater / hat auf einmahl einen seiner Hof-Diener über See abgefertiget / etliche Gewerbe [243] zu verrichten. Wie dieser nach geendeter Reise und verrichteten Sachen sich nach Hause zu verfügen gedachte /ist durch Ungestümm des Meers das Schiff zerschmettert / und der Höfeling ins Wasser gestürtzet / darinnen er mit Lebens-Gefahr von den Wellen hin und wieder getrieben worden. Es wohnete aber am Gestade des Meers ein Bauersmann / welcher / da er diesen Schiffbrüchigen Höfeling ansichtig worden / mit seinem Schifflein auf die See gefahren / den halb-todten Menschen eingenommen / mit sich ans Land / und in sein Häußlein geführet / ihm truckne Kleider angethan / beym Feuer erwärmet / und mit Essen und Trincken dermassen erquicket / daß er bald wieder zu seinem vorigen Stande kommen. Der Höfeling reiset fort nach dem Könige: Erzehlet ihm die grosse Leibes-Gefahr /darinnen er gestecket. Philippus hieß ihn bitten um eine Gabe / die solte ihm zur Wiedervergeltung gefolget werden / da hat der undanckbahre Mensch den König gebeten / er möchte ihm des Bauers (seines gewesenen Wirths) Hauß und Acker / am See gelegen /verehren. Philippus giebt dieser Bitte Statt und Raum. Der Bauer wird ausgetrieben / und dem Höfeling das Gütlein eingeräumet. Da säumet sich der Bauer nicht lange / sondern verfüget sich zum Könige / erzehlet demselben allen verlauffenen Handel. Wie er den Höfeling vom Tode errettet: Wie er ihm viel Gutes erzeiget / beklaget sich sehr und bitterlich über die grosse Undanckbarkeit. Philippus die Sache recht behertzend / lässet den Höfeling zu sich fodern / und ihm vorn an der Stirn mit einem glüenden Eisen brennen diese Buchstaben: Ingratus Hospes: Den Bauern aber setzt er wieder in seinen vorigen Stand.


[244] So solte man billich allen undanckbaren Menschen thun / die Gutes mit Bösem vergelten. Des würde mancher mit verbrannter und gezeichneter Stirn einher gehen.

44. Historia des Gisippi und Titi
44. Historia des Gisippi und Titi.

Die Academia zu Athen war für Alters die allerberühmteste der gantze Welt / dahin aus allen Ecken und Enden sich versammleten alle / so Weißheit und Künste zu lernen gesinnet waren. Der Ursachen halber zog auch von Rom dahin ein sehr edler und fürnehmer Jüngling / Titus Quintus Fulvius, welcher /als er nicht lang zu Athen gewesen / bald mit einem andern Jüngling hohes Geblüts und Reichthums / Gisippus geheissen / grosse vertrauliche Freundschafft machte. Diese beyde studierten miteinander / hielten sich allezeit zusammen / und war nur ein Hertz in zweyen Leibern. Es begab sich aber / daß Gisippus sich in die edle Jungfrau / Sophronia genannt / verliebete / und endlich sich auch mit derselben verlobete. Wie die Hochzeit bald solte angesetzet werden / führet Gisippus seinen Freund und Bruder den Titum mit sich zu der Braut. Da wird Titus zur Stund mit hefftiger Liebe gegen Sophroniam entzündet: Gehet nach Hause / wird mit einer gefährlichen Kranckheit befallen / und darff unterdessen keinem Menschen die Ursach seines Leidens klagen. Gisippus sich hertzlich bekümmernde um seinen treuen Titum, hielt mit Bitten so viel bey ihm an / daß er endlich allen Handel erzehlt. Gisippus, ob er wol seine Braut von Hertzen lieb hatte / so war ihm doch sein Freund viel lieber /vermahnet Titum, er solte getrost und gutes Muths seyn / er wolte ihm seine Braut gerne überlassen. Hierauf werden sie Raths / und beschlossen / daß wann die Hochzeit mit Gisippo [245] und Sophronia vollendet / so solte Titus an statt Gisippi zu der Sophronia auf den Abend hinein gehen / und ihr Ehe-Mann werden / und solte Titus solches alle Abend thun: Des Tages aber wolte sich Gisippus stellen / als wäre er der Ehe-Mann. Solches wird ins Werck gerichtet /bleibet auch dieser Betrug etliche Zeit verhelet / und meynet Sophronia anders nicht / als daß sie des Gisippi Frau sey. Endlich wird Titus nach Rom beruffen / da muste sich der Handel offenbahren. Also ließTitus den Rath von Athen und seiner Sophronien Freunde zusammen fordern / erzehlet ihnen / welcher massen er der Sophroniæ Ehegatte worden. Sophronia verändert die Liebe gegen Gisippo in einen tödtlichen Haß: Die Athenienser aber verjagten Gisippum nackend und bloß ins Elend. Titus zog mit seiner Sophronia gen Rom / allda er bald Bürgermeister ward.Gisippus aus seinem Vaterland verwiesen / kömmt gen Rom / nach seinem ausgestandenen Elend / zeigete sich von ferne dem Tito, der ihn doch nicht kannte. Daher er aus Zweiffelmuth sich in eine Höle verstecket / verhoffend allda sein Leben zu enden. Indem er allda verborgen sitzet / kommen zu Nacht zween Räuber / welche einen Diebstahl begangen. Und wie sie sich nicht über das gestohlene Gut vertragen können /ersticht der eine / mit Nahmen Publius Ambustus, den andern. Des Morgens ward der Todte für der Höle gefunden / und nicht fern von dannen der Gisippus. Alsbald ward Gisippus als ein Thäter ergriffen / der es nicht leugnete / sondern bekennete / er hätte den Mord gethan / damit er desto ehe vom Leben abkäme. Gisippus ward fürn Bürgermeister Marcum Varronem guten Rath-Hauß geführet / und nach allen Umständen [246] dieser That halber befraget. Unterdessen erkennetTitus unter den Raths-Herren sitzend / seinen getreuen Freund Gisippum: Springet auf von der Stelle /schreyet überlaut: Der arme Frembdling sey unschuldig / er habe den Todschlag begangen. Gisippus hingegen bath den Rath / sie solten solches nicht glauben / er wäre der rechte Thäter. Hierüber bestürtzete sich der Rath / wuste nicht / was diesen Wunderdingen zu thun wäre. Unterdessen war auch allda zugegen der rechte Mörder Publius Ambustus, welcher von seinem eigenen Gewissen überzeuget / gutwillig für den Richter Varronem trat / und seine That mit allen Umständen glaubwürdig berichtete. Darauf nicht alleinTitus und Gisippus ledig erkannt / sondern auch der beyden getreuen Freunde halber dem Ambusto das Leben geschencket worden. Hierauf hat Titus dem Gisippo sein halbes Patimonium mitgetheilet und verehret / und ihm seine eigene Schwester Fulviam verheyrathet.


Ein getreuer Freund gehet über alles / und mit diesem ist kein Gold / Silber / Ehre oder einig Ding zu vergleichen.

45. Treue des Königs Codri
45. Treue des Königs Codri.

Codrus ist gewesen der letzte König zu Athen; Zu dessen Zeiten die Peloponenser einen hefftigen Krieg wider die Athenienser geführet. Nun war denen ausPeloponeso vom Oraculo Apollinis zu Delphis eine Antwort worden / daß / wofern sie sich hüten würden / und der Athenienser König nicht tödten / ob sie schon könten / so solten sie den Sieg erhalten. Im widrigen Fall / wofern sie ihn erschlagen würden /würde sie ebener massen das Unglück treffen. Wie diesen des Oraculi Ausspruch der Codrus vernommen / hat er seines Vaterlandes Freyheit seinem [247] eigenen Leben fürgezogen / und alle Mittel gesucht / wie er möchte von den Peloponesern getödtet werden. Hierauf zeucht er arme Bettlers-Kleider an / läst ihm Haar und Bart wegscheeren / auf daß er von niemand erkannt würde: Gehet also aus der Stadt / und verfüget sich ins Feindes Läger. Da wird er zwar von niemand erkannt / ist aber auch niemand / der ihm Böses thut. Codrus suchet Ursache / und fähet mit etlichen Soldaten an zu hadern / machet es auch ihnen so viel und grob / daß sie über ihn herkommen / und ihm das Leben nehmen. Alsbald hat sich das Kriegs-Glück geändert / und seynd die Peloponeser von den Atheniensern / nach Laut des Oraculi, verjagt und geschlagen worden. Aus dieser Geschicht hat das Sprichwort seinen Ursprung: Jurgia Codri, wird gesagt vom liederlichen / leichtfertigen und übelgegründeten Hader /und nichtigen Zanck / daraus doch endlich Mord und Todschlag herrühret.


Christus ist der rechte Codrus: Denn wie das gantze Höllen-Heer uns umgeben hatte / da verließ er seinen Königlichen Sitz / nahm Knechts Gestalt an sich / ließ sich selbsten tödten / und nahm also durch den Tod die Gewalt / dem / der des Todes Gewalt hatte / das ist / dem Teuffel / und errettet uns von unsern Feinden.

46. Etliche Irrthümer - belangend unterschiedliche Pflantzen
46. Etliche Irrthümer / belangend unterschiedliche Pflantzen.

Es ist eine gemeine Rede / aus dem Plinio und andern Scribenten genommen / daß / gleichwie die Sonne amS. Viti Tage / wann sie am höhesten kommen / sich wendet / also wenden und kehren sich auch um etlicher Bäume Blätter / als der Linden / Pappel / Oelbaum und Bachweiden / dermassen / daß das oberste Theil das unterste werde / daher das [248] Sprichwort: Nach S. Veit / verändert sich die Zeit / und die Blätter kehren sich auf die andere Seit. Dasselbe aber ist in diesen Ländern der Wahrheit nicht gemäß sondern falsch. Dann ein jegliches Blat behält seine gewöhnliche Stelle / ohne daß die neuen Blätter sein in die Höhe gerichtet / die andern aber um dieselbe Zeit hernieder hangend stehen. Deßgleichen gedencken auch etliche vornehme Scribenten / daß so man in einen Becher von Epheu oder Iloss gemacht / Wein und Wasser giesse / und vermische / so komme und schwitze der Wein durch den Becher / und das Wasser bleibe allein darinnen. Welches auch der Wahrheit zuwider. Dann wir haben offt Becher von solchem Holtze machen lassen / und darein Wein und Wasser gossen / ist aber dannoch kein Tröpflein durch den Becher heraus kommen. So es einer will versuchen /der wirds befinden / wie gesagt. Es ist bey den Medicis gar gemein / daß zwischen dem Kohl und Wein eine Widerwertigkeit sey / welches der täglichen Erfahrung gleichfalls zugegen. Dann was für Art Kohl die Alten gehabt / dieselbe Art haben wir auch. Nun befindet sichs nicht allein in Franckreich / in Teutschland / und anderswo / sondern auch allhier bey uns in unsern Gärten / daß wann bey den Wein / der rothe Kohl sowohl als der grüne / gepflantzet wird / nichts destoweniger beydes Kohl und der Wein frisch und lustig wachsen: Ja es pfleget der Wein den Kohl auch mit seinen Beysprößlein zu umsahen. Letztlich sagen sie auch / es seyn etliche Blumen welche gegen die Sonne sich wenden / und dieselbe ansehen: Und wo die Sonne hinläufft / da sollen sie sich auch hinwenden. Als da seynd die Ringel-Blumen oder Göldiche /Cichorien / und die grossen Sonnen-Blumen. [249] Daß solches wahr sey / habe ich noch niemahls befinden oder mercken können. Das ist aber gewiß / daß die Göldliche und Cichorien ihre Blumen ausbreiten /wann die Sonne scheinet / und des Nachts wegen der Kälte wieder zusammen ziehen. Sie folgen aber der Sonnen in ihrem Lauff nicht nach / daß sie sich dahin solten kehren: Sondern da sie einmahl die Spitze hingewand / an derselben Seiten bleiben sie gemeiniglich behangen / gleichwie auch die Spitze anderer Kräuter / welches ich nicht allein für diesem observiret / sondern es jetzunder in vielen noch also befinde.


Man führet offt Wunder-Ding auf die Bahn / die der Warheit nicht ähnlich. Wir sollen stets unsere Augen und Hertzen kehren zu der Sonnen der Gerechtigkeit Christo JEsu.

47. Numa Pompilius
47. Numa Pompilius.

Als Romulus der erste König der Römer von seinen Mit-Bürgern getödtet / und wegen der trerfflichen heroischen Thaten vom Volcke unter die Götter gerechnet war / und die Stadt Rom 30. Jahr gestanden / istNuma Pompilius zum König erwehlet worden / der sich so sehr beflissen geistliche Aemter anzustifften /als der Romulus weltliche. Daher Plutarchus geschrieben / daß Rom von zweyen gestifftet / und aufgerichtet worden / nemlich vom Romulo, und Numa Pompilio. Der eine habe die Stadt erbauet / der ander habe sie versehen mit guten Gesetzen. Vom Numa seynd eingeführet die Priester Flamines. Item desMartis Priester Salii genannt / welche / wann sie opfferten / stattliche und köstliche Gasterey hielten /(daher Cœna Saliaris, ein herrliches Mahl: Saliarem in modum vivere, lecker und köstlich leben.) DerNuma hat auch gestifftet eine Nonnen- oder [250] Jungfrauen-Gesellschafft / welche Nonnen- oder Jungfrauen-Gesellschafft er genennet Vestales, derselben Amt war / daß sie ein immerwährendes Feuer hielten und bewahrten. Und wanns geschahe / daß diß ewige Feuer erlöschte oder ausgieng / so dorffte mans nicht wieder anstecken als am Blitz / oder an den Strahlen der Sonnen. Wo eine Vestalische Nonne ihre Jungfrauschafft verschertzte / ward sie lebendig begraben.

Er bauete auch einen Tempel dem zweyköpffigenJano zu Ehren / und ordnete an / daß dieser Tempel /so offt die Römer Friede hätten / und keine Kriege führeten / solte zugeschlossen seyn: In Kriegs-Zeiten aber offen stehen. Es ist aber dieser Janus-Tempel nur zweymal nach des Numæ Zeiten zugemacht worden: Einmal nach geendetem Carthaginensichen Kriege / als die Stadt Rom ohngefehr gestanden 512. Jahr. Zum andern / bey Käysers Augusti Zeiten / da auch im gantzen Römischen Reiche Friede gewesen / und der Friede-Fürst / Christus JEsus / auf die Welt gebohren.

Unterm Schein der Gottseligkeit liegt offt schrecklicher Unglaube / und Abgötterey verborgen. Alle die geistliche Satzungen des Numæ seynd nur eitel Teuffels-Betrug. Daher zu verwundern / wie die Schwärmer haben mögen fürgeben / Numa wäre / wegen seiner Gottseligkeit und Justitz / eben so selig worden / als andere Christen. Warlich Plinius schreibet ausdrücklich / Numa sey ein Ertz-Zauberer gewesen / dessen Bücher man hernach öffentlich zu Rom verbrannt.

48. Wie der Käyser pfleget erwehlet zu werden
48. Wie der Käyser pfleget erwehlet zu werden.

Wann der Römische Käyser mit Tode abgangen / oder sein Amt aufgesaget / so muß nothwendig ein anderer erwehlet werden. Die ihn aber erwehlen / [251] derer sind sieben / daher genannt Septem Viri, oder Churfürsten / heute seyn derselben acht. Und seynd die Fürnehmsten im Reich / nemlich drey Geistliche / als der Churfürst von Mäyntz / der zu Trier und der zu Cölln: Der König aus Böhmen ist der mittelste unter allen: Welchen folgen vier Weltliche: Der Pfaltzgraff am Rhein / der Churfürst von Sachsen / der Churfürst von Bäyern / und der Churfürst von Brandenburg. Das Haupt in dieser Versammlung ist der Churfürst von Mäyntz / der die andern zusammen beruffet / und von ihnen ihre Meynung einfordert / hat auch die erste Stimme in der Wahl. Diese acht kommen zusammen zu Franckfurt am Mäyn / und nach gehaltenem Gebet bekräfftigen sie mit einem Eyde / daß sie wollen einen Käyser erwehlen / der geschickt und würdig sey zu diesem hohen Amt / ohne Gunst oder Geschencke. Zum andern erwehlen sie einen / der von Geburt ein Teutscher ist / und fürnemlich einer unter ihnen selbst: Ja wann drey in der Zusammenkunfft die Stimmen einem ihres Mittels gegeben / der kan alsdann Käyser werden. Nachdem nun ein neuer Käyser von ihnen erwehlet / werden ihme fürgehalten etliche Puncten / also lautende: Ob er wolle das Römische Reich regieren nach den alten Gebräuchen / und nach den gewöhnlichen Gesetzen? Das muß er eydlich bekräfftigen. Darnach wird er erst erwehlet. Zum dritten folget dann die Krönung / als ein Zeichen und eine Bestätigung des erwehlten Käysers. Erstlich wird er angezogen mit einem Purpur-Mantel: Darnach wird ihm ein Scepter in die Hand gegeben. Ferner wird er mit der Käyserlichen Krone gezieret / darauf oben ein Apffel ist / in Gestalt der Welt. Diese [252] Krone ist eine Anzeigung der höchsten Herrlichkeit / womit ihm wird die Macht gegeben zu regieren die gantze Welt. Es gebrauchen zwar die andern Könige auch köstliche Kronen einer gleichen Bedeutung; Der Pabst aber zu Rom trägt aufm Haupt eine dreyfache Krone; und ist solches erst gestifftet vom Käyser Constantino Magno, (wie die Papisten fürgeben /) anzuzeigen /der Pabst sey ein Haupt der gantzen Christlichen Kirchen / und aller Gemeine durch die drey Theile der Welt.

Vorzeiten (welche Weise nun abkommen /) wurden dem Käyser drey Kronen aufgesetzet / eine eiserne /silberne und güldene; Der eiserne hat angezeiget die Stärcke und Gewalt / damit der Käyser seine Feinde solte verfolgen. Die silberne war ein Zeichen der Durchlauchtigkeit / der Aufrichtigkeit und Eintracht in Worten und Wercken / damit ein Käyser solte bagabet seyn. Durch die güldene ward angezeiget die Käyserliche Majestät / Hoheit und Herrlichkeit.

In Erwehlung hoher Obrigkeit muß man ordentlich verfahren. Den löblich alten Gebräuchen soll sich niemand widersetzen. Ceremonien haben allemal ihre sonderliche Deutung.

49. Erzehlung der fürnehmsten Stände des Römischen Reichs
49. Erzehlung der fürnehmsten Stände des Römischen Reichs.

Die Stände des Römischen Reichs werden in drey Theile getheilet. Der erste und fürnehmste begreifft die acht Churfürsten / derer zuvor gedacht / nemlich drey geistliche / Mayntz / Cölln und Trier / vier weltliche / Pfaltz am Rhein / Sachsen / Bäyern und Brandenburg / und den König aus Böhmen / der der Mittelste unter ihnen. Der ander Stand [253] ist der Fürsten /welche zweyerley seyn / nemlich geistliche und weltliche / gleichwie der Churfürsten. Der geistlichen Fürstlichen seynd drey Stände oder Grad: Die Fürnehmsten werden genannt Ertzbischöffe / als da seyn der Erzbischoff zu Magdeburg / und der zu Bremen: Ferner die etwas geringer seyn / werden genannt Bischöffe / wie der Bischoff zu Schwerin / Butzow /Halberstadt / Paderborn. Die letzten seyn die Aebte /als zu Fulda. Weltliche Fürsten sind getheilet in folgende Stände / vom höhesten biß zum niedrigsten. Erstlich seynd die Ertzhertzoge zu Oesterreich / vom Käyserlichen Stamm / daher auch ihren Ursprung haben die Könige von Hispanien. Es sind aber zwo Linien der Ertzhertzoge von Oesterreich / eine vom Käyser Ferdinando herkommend / die heute noch in Teutschland floriret: Die andere von Carolo Quinto, welche ist das Hauß zu Burgundien. Zum andern / so folgen diesem Stande die Groß-Fürsten / derer kein einiger in Teutschland gefunden wird. In Welschland aber seynd die Großfürsten von Florentz / derer Haupt oder erster Anfänger gewesen Cosmus Medices. Ein solcher ist auch der Groß-Fürst aus der Moscau /Litau / der grosse Cham. Drittens folgen nach diesen die Fürsten / als zu Mecklenburg / Pommern / Holstein / Lüneburg / Braunschweig. Zum vierdten / folgen diesen nach die Marggraffen / wie zu Brandenburg und Baden. Zum fünfften die Landgraffen / als der Landgraff von Hessen. Zum sechsten / die Graffen / als der von Manßfeld / Schauenburg / Nassau / Oldenburg. Zum siebenden / die Freyherren / als Piemont / der Fuger von Augspurg. Letzlich können auch hinzu gethan werden die gemachten Pfaltzgraffen / die vom Käyser [254] nicht allein diesen Titul und Nahmen bekommen / sondern über das auch Macht haben / Doctores, Magistros, und gekrönte Poeten zu erwehlen /unehrliche Hurenkinder ehrlich zu machen / Wapen auszutheilen / etc. Welches zwar ein grosses / wann man diese Privilegien nicht mißbrauchte. Alle diese erzehlte Stände erkennen kein höher Haupt als den Käyser: Und seynd also diß die zween erste Stände des Römischen Reichs.

Der dritte und letzte Stand begreifft Edelleute und Städte. Erstlich / die Edelleute herrschen über ihre Bauern: Zu den Edelleuten können gezogen werden alle Doctores, Licentiati, Magistri. Zum andern / die Städte begreiffen in sich den Rath und die Unterthanen: Dieser letzte Stand ist dem Käyser nicht immediate unterworffen / sondern so wol die Edelleute / als die Städte / sind unter ihren Fürsten: Die Fürsten aber unter dem Käyser. Dennoch seynd etliche Städte / so keinen Fürsten haben / die dem Käyser stracks unterworffen seynd / daher sie auch den Nahmen führen /daß sie Käyserliche Frey-Städte genannt werden / als da ist Lübeck / Nürnberg / Straßburg / Cölln /Franckfurt am Mäyn.

Ein Stand ist höher / dann der ander. Darum soll sich der niedrige dem höhern nicht fürziehen / sondern es soll heissen: Ehre dem Ehre gebühret / Zoll dem Zoll gebühret. Und: Gebet dem Käyser / was des Käysers ist. Aber auch dabey: Und GOtt / was GOttes ist.

50. Solonis Trost im Unglück
50. Solonis Trost im Unglück.

Solon, einer von den sieben Weisen aus Græcia, wie er auf einmal seiner guten Freunde einen sehr traurig sahe / hat er denselben mit sich geführet auf einen hohen Thurn und vermahnet / er solte allenthalben die umliegenden Häuser beschauen. Wie solches [255] der betrübte Freund gethan / hat Solon gesprochen; Nun bedencke bey dir / wie viel Traurigkeit unter diesen Dächern wohl vormals gewesen? Wie viel auch jetzund und noch da ist? Und wie viel hernachmals sich darinnen begeben und zutragen wird? Womit er anzeigen wollen / daß kein Häußlein so klein / es sey ein Unglück darinnen. Derselbe Solon hat auch weißlich pflegen zu sagen: Wann alle Einwohner der Stadt all ihr Unglück zusammen trügen auf einen Ort / und hernach befohlen würde einem jeglichen etwas hievon wegzutragen / so würde ein jeder viel lieber sein eigenes wieder nehmen / als aus dem gemeinen Hauffen etwas ergreiffen.


Im Unglück soll man getrost seyn / und gedencken /man ists nicht allein. Ein jeder befindet sein Creutz am besten. Man muß mit dem / was einem GOtt auferleget /zufrieden seyn.

51. Von der keuschen Lucretia
51. Von der keuschen Lucretia.

In Welschland haben Völcker gewohnet / von uhraltem Geschlecht / Rutuli genannt / welche vor Zeiten mit dem Turno wider den Æneam Krieg geführet. Die Rutuli haben eine Stadt innen gehabt mit Nahmen Ardeam, sehr reich von Gütern und köstlichen Gebäuden. Als nun damahls der hofärtige Tarquinius zu Rom regierete / und fast alle Güter der Bürger unnützlich durchgebracht / hat er einen Anschlag erdacht / und beschlossen man solte die Stadt Ardeam ausplündern / damit die Römischen Bürger und Unterthanen sich wieder bereichern möchten. Dieser Rath und Anschlag ist zwar angefangen / und ins Werck gerichtet worden / aber gantz nicht nach Wunsch ausgeschlagen. Darum hat man ferner beschlossen / die Stadt Ardeam zu belägern. Es trug sich aber [256] zu / daß in der Belagerung ein Bürger ausCollatia (ist eine Stadt nahe bey Rom) mit NahmenTarquinius Collatinus, mit des Königs Tarquinii Söhnen / und andern jungen Männern eine Gasterey hielt. Da seynd sie unter Essens von Weibern zu reden kommen / und hat ein jeder die seine hoch gerühmet / endlich auch darüber / welcher die beste hätte / gewettet. Collatinus hat gesagt / man dürffte nicht viel davon reden / sondern er wolte in drey oder vier Stunden darthun / und beweisen / wie viel seineLucretia den andern allen fürgienge. Seynd auch eins worden / und diesen Zwiespalt zu schlichten / auf ihre Pferde gesessen / und nach Rom geritten: Da dann die meisten ihre Weiber ausserhalb Hauses in Gastereyen gefunden. Worauf sie auch alsbald gen Collatiam verreiset / und daselbst des Collatini Frau in ihrem eigenen Hause neben ihren Mägden bey Nacht-Zeiten am Spinnrocken / und in fleißiger Arbeit angetroffen. Also ist der Lucretiæ das Lob und der Preis geblieben. Collatinus hat Tarquinium und seine beyhabende Gesellschafft gebeten / das Nachtmahl mit ihm zu essen. Unterdessen ist der Sextus Tarquinius in ungebührliche Liebe gegen die Lucretiam gerathen / theils wegen ihrer Schönheit / theils wegen ihrer Aufrichtigkeit und Keuschheit. Letzlich haben sie sich sämtlich wieder ins Lager verfüget. Nach etlichen Tagen aber ist der Sextus Tarquinius in geheim nach Collatiam gereiset / daselbst von der Lucretia (die um sein böses Fürhaben nichts wuste) herrlich und ehrlich empfangen / und zu Abendzeiten von der Lucretiæ Diener an den Ort / da er schlaffen solte / gewiesen worden. Da sie nun alle schlieffen / ist Tarquinius zur Lucretia ans Bette gegangen / hat ihr / wer er wäre /kund gethan / [257] und gebeten / sie möchte ihm zu Willen seyn. Lucretia hat sich dessen / so viel ihr möglich /geweigert / und wie sie endlich um Hülffe ruffen wollen / hat Tarquinius ihr das blosse Rappier auf die Brust gesetzet / ihr gedrohet / würde sie nicht thun nach seinem Begehren / so wolte er sie ermorden /und zu ihr legen seinen Knecht / den er gleichfalls tödten wolte / auf daß alsdann die Leute meyneten /sie wären im Ehebruch umkommen. Mit diesen Worten hat er sie überredet / und nach verrichteter Sachen sich wieder fortgemachet. Die hochbetrübte Lucretia schicket alsbald Boten nach Rom zu ihrem Vater /und gen Ardeam nach ihrem Manne / bittend / sie möchten bald zu ihr kommen / denn es wäre ihr etwas grosses und merckliches widerfahren. Da der Vater samt dem Ehemann kommen / hat sie ihnen den gantzen Handel heulend und weinend erzehlet. Und nachdem sie ausgeredet / ein Messer / welches sie unter der Schürtze verborgen / herfür gezogen / und ihr also selbst das Hertz abgestochen / sagende: Ich bekenne /daß mein Gemüthe dieser That halber unschuldig ist /der Leib aber / weil er die Unehre und Schande gelitten / und einen Ehebruch begangen / soll auch diese Straffe leiden / auf daß keine Römische Frau sich mit meinem Exempel hernachmals entschuldigen könne. Als diese That unter dem Volcke ausgekommen / ist so wol der Vater Tarquinius Superbus, als auch der Sohn Sextus mit Weib und Kindern ins Elend vertrieben / und hernach zu Rom kein König mehr erwehlet worden / sondern die Bürgermeister haben eine lange Zeit regieret.


O wie findet man heute zu Tage so wenig Lucretias.

52. Der Poeten Freyheit im Lügen
52. Der Poeten Freyheit im Lügen.

[258] Welche Freyheit die Poeten / und sonderlich die Griechischen in Dichten und Lügen gehabt / will ich euch für Augen stellen in Exempeln etlicher magerer Leute / derer in den Griechischen Epigrammatibus gedacht wird.

1. Der erste wird allda genannt Hermon: Ist so leicht und dabeneben so künstlich gewesen / daß er mit seinem gantzen Leibe hat springen können durch ein Nähennadel-Oehr / dadurch man den Faden zu ziehen pfleget.

2. Der ander Demas, gieng zum Spinn-Gewebe /das in der Lufft hieng / sprang nicht allein behende hinauf / sondern tantzete auch darauf gar künstlich /so lange biß die Spinne kam / und ihm einen Faden an den Halß spann / dadurch sie ihn in die Lufft zog / die Kehle zuschnürete / und also den guten Kerl Demas erhenckete und tödtete.

3. Der dritte Solipater, war so gar subtil / daß er weil er anders nichts / als Geist und Athem / war /von keinem Menschen gesehen werden konnte.

4. Nun folget einer / genannt Marculus, der so klein gewesen / daß er mit seinem Kopffe ein Sonnenstäublein durchlöchern und durchbohren / ja mit dem gantzen Leibe dadurch gehen können.

5. Cajus ist so leicht gewesen / daß er ihm bleyerne Sohlen unter die Schuhe machen zu lassen gezwungen worden. Dann er sonst vom Winde weggenommen /und wie Stoppeln zerstreuet ward.

6. Ferner der Archestratus war so leicht / daß / da er von den Feinden gefangen weggeführet / und auf eine Waage geleget ward / seine Schwere und Gewicht / ohngefehr als ein halb Gerstenkorn befunden worden.

[259] 7. Menestratus pflegte auf einer Ameisen zu reiten / wie auf einem Pferde; Es trug sich aber zu / daß er von der Ameise abgeworffen / und von ihr mit einem Fuß zu todte geschlagen ward.

8. Proculus wolte einmal Feuer aufblasen / und flohe zugleich mit dem Rauch zum Schornstein oder zur Feuer-Mauer hinaus.

9. Artemidorus lag einmal bey dem Demetrio, welcher schlieff / und da Demetrius im Schlaff etwas starck Athem holete / warff er den Artemidorum mit dem Athem zum Fenster hinaus.

10. Cheræmon war so klein und leicht / daß er den Leuten nicht durffte zu nahe gehen / damit er nicht /wann sie Athem holeten / von ihnen mit der Lufft in die Nase gezogen würde.

Wer lügen will / der lüge also / daß man es mercken /fühlen und greiffen kan / daß es Lügen seyn / dann sonst betreugt man nur die Leute.

53. Treue der Hunde
53. Treue der Hunde.

Plutarchus erzehlet / daß sein Vater / da er zu Athen studieret / folgende That mit Augen gesehen und erfahren habe.

Es war ein Dieb in des Æsculapii Tempel gebrochen / der hatte daraus den meisten Theil der silbernen und güldenen Gefässe / die sie zum Opffer brauchten / gestohlen / und sich damit fortgemachet. Nun ist zur selben Zeit in dem Tempel ein Hund gewesen / der den Tempel bewahret: Wiewol aber derselbe sehr gebellet / seynd dennoch keine Leute vorhanden gewesen / die es gehöret; Deßwegen der Hund dem Diebe gefolget / der ihn offt mit Steinen geworffen / wordurch dennoch der Hund sich nichts zurück und abtreiben lassen / [260] sondern als es nun Tag worden / dem Diebe allezeit gefolget / und ihn mit den Augen immer starck angesehen / und verwahret: Hat auch die gantze Zeit über nichts gegessen: Die Leute aber / so ihm entgegen kommen / hat er freundlich angelauffen / ihnen mit dem Schwantze geliebkoset / und den Dieb nicht aus den Augen gelassen. Wie dieses das Volck gesehen / und es nunmehro offenbahr und kund worden / daß der Tempel bestohlen /ist man auf einen Argwohn gerathen / der Mensch sey es / welcher den Diebstahl begangen. Der auch hier auf gefänglich eingezogen / und die That endlich bekannt.

Da der König Pyrrhus einsmahls auf das Feld gangen / ist er eines Hundes / der einen todten Leichnam bewahret / gewahr worden: Da er aber lange darnach gefraget / was das wäre? Hat man gesagt / daß der Hund in dreyen Tagen nichts gegessen. Der Pyrrhus, nachdem er den todten Cörper begraben lassen / hat den Hund zu sich genommen. Nach etlichen Tagen wurden die Soldaten gemustert / und gieng ein jeglicher den Pyrrhum vorbey / unterdessen lag der Hund zu Pyrrhi Füssen gantz friedsam und stille. Da aber der Mörder vorbey gangen / ist der Hund schleunig aufgesprungen / und den Mörder bellend angefallen /auch zugleich den Pyrrhum offt angesehen / darausPyrrhus auf diesen Soldaten einen Argwohn geschöpffet hat / und wie er den Sachen nachgefraget /befunden / daß dieser Soldat denselben Todschlag begangen / deßwegen er dann auch gestraffet worden.

Hieraus können wir erkennen die Treue der Hunde /die offt für ihre Herren besser und tapfferer streiten / als ein Mensch für den andern.

54. Wie offt sich Jupiter der Buhlerey halben verstellet
[261] 54. Wie offt sich Jupiter der Buhlerey halben verstellet.

Wir haben an unterschiedlichen Orten des Jupiters, als des Monarchen aller Götter gedacht / und es ist Wunder / daß die Menschen einen / der den Lastern also zugethan / für einen Gott angebetet. Daß ich aber der andern Laster geschweige / so ist der Jupiter ein schrecklicher Hurer und Ehebrecher gewesen. Auf daß er aber die Weiber möchte zu seinem Willen bringen /hat er unterschiedliche List und Betrügerey erdacht und gebrauchet / der einen hat er Gold geschencket /die andere durch seine schöne Gestalt / eine andere durch liebliches Reden / zu seinem Willen bracht. Daher die Poeten bewogen zu dichten in ihren Versen / daß Jupiter sich bißweilen in einen Stier / bißweilen in Gold / bißweilen in andere Gestalt verändert. Ich befinde / er habe sich in siebenerley Gestalt verwandelt / zu dem Ende / daß er desto besser seine Laster üben und ins Werck stellen möchte.

Erstlich hat er seine eigene Schwester / die Junonem, zum Weibe genommen / und theils mit Worten /theils mit Gewalt sie dahin gebracht / daß sie seinem Willen ein Genügen gethan. Die Poeten schreiben / er sey damahls in einen Kuckuck verwandelt gewesen (zweifels ohne darum / weil der Kuckuck seine eigene Jungen auffrisset /) und nachdem er selber ein Ungewitter erreget / deßwegen sich die Juno in eine Höle verkrochen sey er in Gestalt eines Kuckucks zu ihr geflogen / und sich in ihren Schooß gesetzet / als wann er vom Regen naß wäre. Die Juno aber aus Barmherzigkeit bewogen / hat den Kuckuck unter ihre Kleider verborgen. [262] Und ist also von ihm geschwängert worden. Zum andern hat er die Tochter des Königs Tyndari geliebet / und / so wohl mit Worten als Geberden sie bewogen / weggeführet / und endlich zu seinem Willen gebracht. Dahero die Poeten dichten / der Jupiter habe sich in einen Schwan verwandelt / dann die Schwanen seynd schön wegen ihrer weissen Farbe /und wegen des lieblichen Gesangs / welchen (wie man sagt) sie thun / wann sie sterben sollen. Also hatJupiter Schwanen-Gestalt an sich genommen / und sich gestellet / als würde er vom Adler verfolget: Deßwegen auch in der Ledæ Schooß geflogen / die er also nach seinen Lüsten gebraucht / und bey ihr in Gestalt eines Vogels geschlaffen / und hernach zwey Eyer ihr in den Schooß geleget / die sie auch ausgebrütet. Aus dem einen Ey seynd hernachmahls gebohren der Pollux und die schöne Helena, eine Ursacherin des Trojanischen Krieges / aus dem andern Ey der Castor und Clitemnestra: Ob wohl Horatius in seinen Versen gesungen / daß Castor und Pollux aus einem Ey gebohren / Castor gaudet equis, ovo prognatus eodem Pollux.

Zum dritten ist Jupiter auch in Liebe enzündet gewesen gegen die Europam, des Königs Agenoris Tochter / zu der hat er sich / als sie im Wasser spatzieren gieng / und ihres Vaters des Königs Vieh besahe / gemacht / mit ihr gebulet / und sich als ein muthiger Stier erzeiget: Dahero die Poeten gedichtet / der Jupiter habe sich dazumal in einen weissen Stier verwandelt / welcher der Europæ so wohl gefallen / daß sie sich auf dessen Rücken gesetzet: Da er alsbald mit der Europæ ins Meer gelauffen / davon geschwummen / und sie nach der Insul Creta getragen.

[263] Zum vierdten hat er lieb gewonnen die JungfrauAntiopen, bey welcher er sich erzeiget als ein geiler Bock / dahero die Poeten gedencken / der Jupiter habe die Gestalt eines Waldgottes Satyri angenommen. Was das aber für ein Gespenste sey / ist für diesem von uns erzehlet.

Zum fünfften hat ihn auch gelüstet die Danaen nach seinem Willen zu gebrauchen / die von ihrem Vater / damit kein Mann zu ihr käme / in einen eisernen Thurn verschlossen war. Jupiter hat den Hüter des Thurns mit Golde bestochen / und ihn dahin bewogen / daß er ihn eingelassen. Ist also zu der Danae gangen / hat ihr einen Hauffen Goldes in den Schooß geworffen und bey ihr geschlaffen. Dahero die Poeten schreiben / daß er sich damahls habe in einen güldenen Regen verwandelt / und sey also durchs Dach zu der Danae hinein gefallen.

Zum sechsten hat er gehuret mit der Alcumena, des Amphitruonis Weib / da er diese List gebraucht /nemlich er ist zu Mitternacht / wie der Amphitruo nicht zu Hause war / zu ihr gangen / fürgebende / er wäre der Amphitruo. Daher Plautus und andere Poeten gedichtet / der Jupiter habe Amphitruonis Gestalt an sich genommen / wie zu sehen aus der ersten Comœdia Plauti.

Zum siebenden und letzten ist er mit Frauen und Jungfrauen nicht zufrieden gewesen / sondern hat sich auch mit dem Knaben Ganymede belustiget / denselben gleichwie die Adler die kleinen Vögel mit sich weggeführet / und ihn hernacher zum Schencken bey den Göttern gemacht. Dahero die Poeten zu fingiren bewogen / Jupiter sey in einen Adler verwandelt [264] und habe den Ganymedem auf dem Rücken gen Himmel geführet.

Uber das hat er noch / ausgenommen diese Verwandlungen / unzählich viel Frauen und Jungfrauen zu Schanden gebracht / um welcher willen er sich selbst zwar nicht verwandelt / aber im Gegentheil dieselben in Gestalt anderer Thiere verwandelt / nemlichen die Jo ist von ihm zur Kuh / und die Calisto zu einer Bärin gemacht; Semele aber vom Donner und Hagel berühret worden / daß ich stillschweigend vor bey gehe die andern / die auch vom Jove geschwächt /als Niobe, Laodicea, Eleutra und unzählich viel andere.

Das seynd die Heyden-Götter / ja aller Götter Großväter. Daraus wir die schreckliche Blindheit derselben / darinnen sie gelebet / zu ersehen haben. Wie die Heyden / so ist auch ihr Gott gewesen / gleich sucht sich / gleich findet sich / das mag wohl der rechte Teuffel / und kein Gott gewesen seyn.

55. Vom Aristippo
55. Vom Aristippo.

Aristippus, ein sehr kluger Philosophus, hat Geld und Gut nicht groß geachtet / sondern als ein unnöthiges und beschwerliches Ding weggeworffen / welches zu sehen ist aus des Horatii folgenden Versen:


Græcus Aristippus, qui servos projicere aurum
In Media jussit Libya, qua tardius irent,
Propter onus segnes.

Dieser Aristippus hat öffentlich gesagt / keinem rechten Philosopho mangele es jemahls / an Gelde. Es hat sich aber zugetragen / daß auf einmahl / da er nicht viel Geld mehr übrig hatte / er sich zu dem König Dionysio verfügte / und bey demselben sich seiner Armuth halber beklagte / bittend / Dionysius möchte ihm [265] etliche Cronen vorstrecken. Der KönigDionysius hat den Aristippum ausgelachet und gesagt: Wie kömmt das / Aristippe, mit deinen vorigen Reden überein / nemlichen / daß es keinem Philosopho an Geld mangele? wie kömmts dann / daß du Geld von mir bittest? Aristippus hat geantwortet / der König solte ihm nur erstlich etwas an Gelde herreichen / so wolte er alsdann / warum er gefraget würde /gute Antwort geben. Der König hat befohlen / ihm tausend Cronen zu zahlen / dieselbe hat Aristippus bald in seine Taschen gestecket / sagende: Ich bleibe noch bey meiner vorigen Meynung / daß den Philosophis niemahls Geld mangele / und daß solches wahr sey / must du / O König / selber bekennen. Ist hiemit aufgestanden / und mit den tausend Cronen davon gegangen / angesehen es ihm am Gelde nicht mangele.

Was Aristippus von den Welt-Weisen gesagt / solches mögen wir billich sagen von den Gottesfürchtigen /die haben keinen Mangel an irgend einem Gut.

56. Grausamkeit etlicher Tyrannen
56. Grausamkeit etlicher Tyrannen.

Jetzt will ich von Grausamkeit der Tyrannen etliche Exempel erzehlen:

Phalaris, König der Agrigentiner / ein tyrannischer / unbarmhertziger Mensch / hat nicht allein seine Unterthanen trefflich geplaget / sondern auch diejenigen / welche ihm neue Art und Wege an die Hand gegeben / die Leute zu martern / mit grossen Geschencken begabet. Unter etlichen Künstlern hat sich auch bey ihm angegeben Perillus, welcher von Ertz einen hohlen Ochsen verfertiget / darinnen ein Mensch sitzen können. Der Ochse aber war so künstlich gemacht / daß wann Menschen darein gesetzet wurden / und man [266] das Feuer darunter ansteckete / und dann die Menschen schrien / es ein Gelaut gabe / als wann ein Ochse brüllete. Dieses Instrument hat demPhalaridi sehr wohl gefallen. Auf daß ers aber versuchte / hat er zum ersten mal den Perillum selbst drein legen heissen / der dann / ehe er verbrannt / als ein Ochse geschrien. Es kan auch zu der Tyrannen-Zahl gethan werden der Dionysius, König zu Syracusa / der hat bald im Anfange seiner Regierung / sowohl seine besten Freunde / als die Fürnehmsten des Reichs aus dem Wege räumen lassen. Er hat auch Trabanten bestellet / die ihn bewahren müssen / weil er wegen seiner Tyranney keinem Menschen trauete: Dabeneben hat er auch keinen Barbierer gebraucht /sondern seine eigene Töchter haben ihn müssen den Bart abnehmen / und nicht zwar mit einigem Messer /sondern mit glüenden welschen Nuß-Schalen haben sie ihm die Haar abgesenget. Das Bette / darinnen er schlieff / hat er auf diese Art verwahret: Nemlich / er hat eine tieffe weite Grube bey dasselbe gegraben /darüber eine Brücke gemacht / und wann er nun zu Bette gehen wollen / ist er über dieselbe gegangen /und hat solche hinter sich wieder aufziehen lassen: Diß alles ist vom bösen Gewissen der begangenen schrecklichen Thaten herkommen. Diesen allen ist an Grausamkeit fern überlegen der Tyrann und Blut-Hund Nero, dessen wir zuvor an andern Orten gedacht. Auch hat der König Ptolomæus seinem einigen Sohn / von seiner eigenen Schwester gebohren / Kopff / Hände und Füsse abhauen lassen / solche Stücke wohl verwahret / in ein Tuch gewickelt / und seiner Frauen und Schwester zum denckwürdigen Geschenck auf ihren Geburts-Tag geschicket und verehret. DieEtrusci haben [267] lebendige Menschen an todte Cörper und zwar die Rücken / Hände und Füsse zusammen gebunden / auf daß / wann das todte Aaß begunte zu faulen / auch die Lebendigen mählich sturben und verfauleten. Die Barbaren / wann sie Vieh geschlachtet / und das Eingeweide ausgenommen / haben sie an dessen statt lebendige Menschen in den Bauch genehet / also / daß der Kopff nur heraus gegucket / und dieselben also weggeworffen / da sie dann so lange von den Würmern gequälet und gefressen worden /biß sie endlich elendiglich gestorben.

Es seynd keine Menschen / sondern wilde und grausame Thiere / die Lust tragen / andere Leute zu martern. Wer eine Grube gräbet / der fällt offt selber hinein. Ein wütiger Tyrann ist ein furchtsames Thier.

57. Grosse Schlacht zwischen den Römern und Sabinern
57. Grosse Schlacht zwischen den Römern und Sabinern / durch Weiber aufgehoben.

Nicht lange darnach / als die Stadt Rom meistentheils erbauet / und mit Mannschafft und Einwohnern besetzet / und aber es ihnen an Weibs-Personen mangelte /hat Romulus ein Schau-Spiel angestellet / und darzu die Crustuminer und Sabiner mit ihren Weibern und Töchtern verschreiben und einladen lassen / zu dem Ende / daß ein jeglicher Römer eine Frau oder Jungfrau in währendem Schauspiel mit Gewalt ergreiffen /mit sich nach Hause nehmen / und für seine eigene behalten solte. Solches ist auch geschehen und ungehindert vollbracht; Uber diese That seynd nicht allein die Sabiner sehr entrüstet worden / sondern es ist auch bald darauf ein grosser Krieg zwischen den Römern und Sabinern entstanden. Der König der Sabiner war Titus Tatius, der Römer aber der Romulus. DerTatius hat mit [268] seinen Sabinern die Stadt Rom belägert. Nun war aufm Haupt-Schloß zu Rom ein Oberster / mit Nahmen Spurius Tarpejus, der hatte eine Tochter / dieselbe gieng in der währenden Belägerung aus der Stadt / ihrem Gebrauch nach / Wasser zu holen. Da hat der Titus Tatius seine Dirne mit guten Worten dahin beredet / daß sie angelobet / bey Nachtzeiten die Sabinische Soldaten aufs Schloß zu lassen /dafür sie zur Wiedervergeltung und Belohnung begehret und gefordert alle güldene Armbänder / die die Sabiner um ihre Arme trugen. Wie dieser Accord gemacht / ist folgende Nacht der Hauptmann Metius Curtius mit etlichen Soldaten in die Burg und Schloß kommen / dieselbe durch Verrätherey eingenommen. Der Tatius hat hierauf nicht allein der Verrätherin /des Tarpeji Tochter / die güldenen Armbänder / sondern auch die Schilde und Waffen der Soldaten zu geben befohlen / welche ihr in solcher Menge zugeworffen worden / daß die Jungfrau darvon zu todte gedrucket / und unter der Bürde gestorben. Romulus immittelst hat sich geschicket / den Sabinern entgegen zu ziehen / auch alsbald mit seinem Kriegs-Heer beflissen / selbige wiederum vom Schloß abzutreiben: Woraus an beyden Seiten ein groß Treffen entstanden / daß so wol Sabinische als Römische Hauffenweise aufm Platze blieben. Wie solches die zuvor gewesenen Sabinischen / und jetzo Römischen Weiber / die nunmehr viel Kinder gezeuget / und ihrer Männer gewohnet waren / gesehen / daß nemlich nicht allein ihre Männer und Kinder / sondern auch ihre Väter und Brüder in mächtiger Gefahr stunden / haben sie ihren Schmuck und weiblichen Zierrath abgeleget /seynd mit blossen Füssen [269] und Armen / mitten unter das streitende Kriegs-Heer / unter die Waffen / Pfeile und Spiesse hauffenweise gelauffen / und an einer Seiten die Brüder und Söhne / an der andern Seiten die Väter und Brüder / mit Heulen und Weinen gebeten / sie möchten aufhören zu streiten / und sich selbst nicht so hinmetzen. Durch diese unverhoffte und merckliche That hat man zu beyden Seiten mit Streiten innen gehalten / und nach Betrachtung der Sachen die Waffen weggeworffen / daß also aus Feinden dergestalt wieder Freunde worden / inmassen auch die Sabiner von den Römern zu Bürgern und Stadtgenossen auf- und angenommen / und daher nachmals alle Bürger zu Rom Quirites, von der Stadt Curete, den Sabinern zugehörig genennet worden.


Es schmertzet gar sehr / wann einem das Seinige genommen wird / und pfleget offt grossen Krieg zu verursachen. Verrätherey ist ein schändlich Laster / und stürtzet doch viele selbst ins Verderben. Weiber Bitte soll man in rechtmäßigen Sachen annehmen.

58. Was die Amazones für Weiber gewesen
58. Was die Amazones für Weiber gewesen.

In Asia, gegen der Sonnen Aufgang / ist gelegen ein Land / mit Nahmen Amazonia, oder der Amazonen Landschafft / welche Gegend allein Weibs-Personen /und keine Männer bewohnet und innen gehabt. Dieser Amazonen fürnehmste Ubung und Wesen ist gewesen / sich in Kriegs-Sachen zu üben / Wehr und Waffen recht zu gebrauchen. Auf daß sie aber die Schilde und Waffen desto bequemlicher tragen / und desto fleißiger kämpffen und streiten könten / haben sie alle in der Jugend sich lassen die eine Brust abschneiden /daher sie den Nahmen bekommen. Amazones, das ist / ohne Brust. Nun war auch nicht [270] ferne von der Landschafft Amazonia eine Insul / sehr fruchtbar / darinnen keine Weiber / sondern nur eitel Männer wohneten. Die Amazones aber hatten den Gebrauch / daß sie alle Jahr gegen den Sommer hinüber schiffeten nach der Insul / darinnen die Männer waren / welchen sie eine Zeitlang beywohneten / und nach verrichteter ehelicher Gemeinschafft wiederum nach ihrem Lande verreiseten / welche nun schwanger worden / und hernach Kinder zeugeten / dieselben erzogen ihre Kinder biß ins dritte Jahr / darnach / wanns Knäblein waren /schickten sie dieselben in erwehnte Insul zu ihren Vätern und Männern: Die Mägdlein aber behielten sie alle bey sich / biß sie zu ihren Jahren kamen / da sie dann / wie gesagt / ihnen die eine Brust abschnitten /sie in Kriegs-Sachen unterwiesen / und endlich zum Kriege gebrauchten. Durch diese tägliche Ubung seynd die Amazones solche tapffere Kriegerinnen worden / daß auch ihr Lob in der gantzen Welt bekannt ist. Da Troja belägert / hatten die Amazones eine Königin gehabt / mit Nahmen Pentesilea, (dann sie immer aus ihrem Mittel eine Herrscherin oder Königin erwehlet / die die andern regierete.) Diese Pentesilea hat den Trojanern zu geführet tausend Jungfrauen / alle wohlerfahrne und geübete Soldaten / und ist mit diesem ihrem Heer den Trojanern zu Hülffe kommen / hat auch den Griechen / die die Stadt belägert / dermassen Schaden gethan / daß sie derselben etliche tausend nieder gemacht / und aus dem Wege geräumet. Doch ist endlich Pentesilea auch in solchem Trojanischen Kriege umkommen / und alsbald nach ihrem Tode die Stadt Troja erobert und geschleifft worden.


Frauens-Bilder / wann sie zur Tapfferkeit und Tugend angewiesen werden / thun es offt den Männern zuvor: Darum muß man sie nicht gar verachten.

59. Exempel glaubwürdiger - wie dann auch falscher Leute
[271] 59. Exempel glaubwürdiger / wie dann auch falscher Leute.

Als Käyser Augustus wegen des Antonii und seiner Liebhaberin Cleopatræ triumphirte / ist ein Egyptischer Priester gefangen in die Stadt Rom bracht worden / von dem man gesagt / er hätte nicht mehr / dann nur einmal sein Lebenlang falsch oder unwahr geredet. Das gute Gerüchte hat den Rath bewogen / daß er beschlossen / denselben nicht allein loß zu lassen /sondern auch zu höhern Pristerlichen Würden zu erheben / ja ihm endlich auch zu Ehren eine Seule aufrichten zu lassen; Im Gegentheil schreibet Spartiatus, daß zur Zeit des Käysers Claudii ein Römer mit Nahmen Pamphilius gestorben / von welchem man starck gesaget / daß er sein Lebetag kein wahr Wort geredet / derhalben der Käyser befohlen / man solte desselben Pamphilii Leichnam nicht begraben / sein Gut aber in den gemeinen Kasten legen / sein Hauß herunter reissen / sein Weib und Kind aus der Stadt vertreiben /daß also dieses bösen Menschen nicht mehr gedacht würde. Hieraus ist zu ersehen / daß ob wohl zu der Zeit die Römer und Egyptier nicht wohl stunden / sie dennoch die Warheit gelobet / geliebet und begabet /die Lügen gescholten / gehasset und gestraffet. Was mehr ist / haben sie ihren Feinde zum Gedächtniß eine Seule lassen aufrichten / hingegen nicht vergönnen wollen / daß ihr eigener Mitbürger zur Erden bestätiget wurde. Diesen jetzt erzehlten können wir denHannibalem vergleichen / und den Cnejum Pompejum. Obwohl der Hannibal ein tapfferer und trefflicher Held gewesen / so ist er doch dabeneben lügenhafftig und [272] untreu gewesen. Dann es bezeuget Levinus von ihm / daß er niemals gehalten habe / was er zugesaget; Im Gegntheil ist der Cnejus Pompejus ein Spiegel der Wahrheit und Treue gewesen / der hat auf eine Zeit seine zween grossen Feinde / den Octavium und Marcum Antonium auf sein Schiff in der See zu Gaste geladen / da ist der Menodorus, des Pompeji Oberster / zu dem Pompejo gegangen / und hat ihn gefraget / ob er zu frieden / so wolte er die beyden Schiffe / darinnen die Feinde wären / ins Wasser sincken lassen. Aber der redliche Pompejus hat Menodoro geantwortet / wann ich wäre / der du bist / so hätte ich solches fürlängst gethan / wann du aber Pompejus wärest / und so / wie er / Treu und Warheit liebtest /so wäre dir diß auch nicht einmal in den Sinn kommen.


Warlich diß sind herrliche Wort und Thaten / die einem solchen Könige / ja allen Fürsten und Potentaten wohl anstehen und gebühren.

60. Ubung der Gedult
60. Ubung der Gedult.

Die Bürger der Stadt Lacedæmon haben ihre Knaben von Kindheit auf mit Stecken und Ruthen pflegen zu schlagen / ob sie schon nichts verwircket / auf daß sie bey Zeiten lerneten starck / behertzt und gedultig zu seyn in Widerwärtigkeit. Der weise Socrates hat pflegen von einer Morgenröthe biß zu der andern Tag und Nacht gantz unbeweglich still zu stehen / die Füsse ungereget / mit unwandelbarem Gesichte / zu dem Ende / daß er durch Gedult lernete des Glückes Wanckelmüthigkeit tragen.

Die Gymnosophisten bey den Indianern haben nicht allein im Brauch gehabt / wie Socrates, von einem Anfang der Sonnen biß zum andern still zu stehen / [273] sondern auch auf einem Fusse in dem heissesten Sande zur Sommers-Zeit / und mit offenen Augen recht in die helle Sonne zu sehen / damit sie ihre Leiber zur Arbeit gewöhneten / und zugleich ihr Gemüthe in Betrachtung hoher Dinge übeten.

Die Gewohnheit ist die andere Natur: Darum muß man wol zusehen / was einer für eine Gewohnheit annimmt /dann das hänget ihm fest an.

61. Ulyssis Gespräch mit der Auster
61. Ulyssis Gespräch mit der Auster.

Nachdem des Ulyssis Gesellen (davon in vorigen Satzungen Meldung geschehen) von der Circe in unvernünfftige Thiere verwandelt / und der Ulysses mit derCirce gute Freundschafft gemacht / sind sie auf einmal sich zu erquicken / spatzieren gegangen / in den grünen Wiesen / Höltzungen / an der Seekanten und andern lustigen Orten. Wie sie nun mancherley Discurse gehalten / hat Ulysess die Circe gebeten / sie möchte ihm ehe er von ihr scheide / die Gnade erzeigen / und ihm behülfflich seyn / damit er von den unvernünfftigen Thieren / die seine Gesellen und Gefehrten vormahls gewesen / eine mündliche Antwort erlangen könte / ob sie auch wiederum in ihr Vaterland zu reisen begehrten. Solches hat Circe dem Ulyssi zu thun und zu vergönnen verheissen / daß nemlich ein jegliches Thier / das zuvor Mensch gewesen / so lange wiederum seine Sprache und Vernunfft erlangen und gebrauchen solte / biß sie auf Ulyssis Fragen geantwortet. Auf diese Zusage und der Circe Wort istUlysses fortgangen / und hat sich auf einen grünen luftigen Hügel / nicht ferne vom Meer nidergesetzt /umhersehende ist er alsbald ansichtig worden eine Auster / mit ihren Schaalen an der Klippen hangend /welche er zu sich geruffen / sie angeredet und gefraget / ob sie nicht [274] wolte wieder ein Mensch werden / und mit in Griechenland ziehen / dann er könte ihr solche Gabe wohl mittheilen / weil es ihm von der Circe vergönnet. Die Auster hat Ulyssis Anbringen angehöret /und alsbald darauf geantwortet.

O mein lieber Ulysses, deine Beredsamkeit und Weißheit gebrauchest du anjetzo gegen mir nur vergebens und umsonst / meinen glückseligen Stand / darinne ich jetzt lebe / gedencke ich mit nichten zu verändern.

U. Ey Lieber / was bist du zuvor für ein Mensch gewesen / sage mirs doch? Die Auster antwortete: Sie wäre aus Griechenland bürtig / und für diesem ein Fischer gewesen.

U.

Hältest du dann diesen deinen Stand höher / als das menschliche Wesen?

Aust. Ja freylich halte ich ihn höher. Da ich ein Mensch war / und mich von Fischen ernehren muste /habe ich weder Tag noch Nacht geschlaffen / im Schnee und Regen / Kälte und Frost / muste ich mein Leben zubringen / und zwar nicht auf dem Lande /wie der Menschen Gewohnheit ist / sondern auf dem kalten Wasser / in grosser Gefahr des Lebens. O wie habe ich mich so offt matt und müde gearbeitet / und dennoch kaum ein Stücklein Brods erworben. Wie offt habe ich mit ledigen Netzen müssen zu Hause gehen / mit hungerigem Magen und knurrenden Bauch / auch kaum so viel Zeit und Raum gehabt /daß ich mich hätte können schlaffen legen. Nun aber hab ich von Natur überflüßig alles / dessen ich benöthiget / darf nicht arbeiten; dann meine Speise /davon ich lebe / fällt vom Himmel: Und ich bin auch mit zwo Schalen umgeben / das ist mein Hauß und festes Schloß / darum ich keine Wohnung für Geld miethen darff / diß [275] schließ ich auf und zu / wann mirs beliebet. Ja diß ist auch mein natürlich Kleid und Harnisch / mit welchem ich von Natur versehen bin: Dagegen werdet ihr Menschen nacket und bloß auf diese Welt gebohren / könnet weder gehen noch stehen /verstehet auch nicht / was gut oder böse ist. Von diesen allen hat mich die Natur befreyet / und mich mit einem glückseligern Stande begabet. Darum / lieberUlysses, du magst hinziehen / wo du wilt / ich will hier bleiben / und mich wieder nach meiner Klippen verfügen. Damit hat die Auster den Ulyssem allein gelassen / welcher zum theil sich verwundert über diesen Discurs / zum theil auch zornig worden / daß er mit Schimpff bestanden war.

Ein gottloser / unruhiger / und um das Zeitliche und Vergängliche Tag und Nacht sich bekümmerender Mensch ist ärger / denn ein unvernünfftiges Thier.

62. Ulyssis Gespräch mit dem Maulwurff
62. Ulyssis Gespräch mit dem Maulwurff.

Als Ulysses ein wenig fortgangen / hat er gesehen /ein kleines Hügelein aufgeworffener Erde vom Maulwurff / darinnen er auch gedachte / es würde einer von seinen Gesellen verborgen seyn / hat derwegen mit lauter Stimm dem Maulwurff geruffen und mit ihm zu reden angefangen.

Ulyss. Mein liebes Thier / mich deucht / du bist auch einer meiner Gefehrten und zuvor ein Mensch gewesen. Nun weil es in meiner Gewalt stehet / dich mit menschlicher Natur wieder zu begaben / so frage ich dich / ob du gesinnet / wieder nach deinem Vaterlande mit mir zu verreisen?

Maulwurff. Mein lieber Ulysses, davon habe ich mein Tage keinen Gedancken gehabt / dann so thäte ich ja thöricht.

[276] U. Ist dann das Thorheit / einen glückseligen Stand annehmen?

M. Gar nicht / sondern mich deucht / das sey Thorheit / wann man das Böse dem Guten fürziehet / ich halte es dafür / daß mein Stand viel glückseliger und ruhiger sey / als der Menschen.

U. Was sind die Ursachen / darum du deinen Stand glückseliger schätzest / als den menschlichen?

M. Das will ich dir kürtzlich sagen: Da ich ein Mensch war / da war ich ein Ackermann.

U. Ich mag sagen / ich bin wohl gesprungen / und habe einen guten Wechsel gethan / vom Fischer zum Ackermann.

M. Ulysses, rede nicht schimpfflich / höre vielmehr zu / was ich dir fürhalten werde / vielleicht wird dich auch gereuen / daß du nicht von der Circe in ein unvernünfftiges Thier seyst verwandelt.

U. Nun sage her / mich verlanget solches zu hören.

M. Du bekennest selber / Ulysses, daß die Erde mir / wie auch den andern Thieren die Speise gebe / und für uns zusähe / ob gleich der Acker für uns nicht gesäet wird. Dann wann ich essen will / so finde ich meinen Tisch bereit / in meinem verborgenen Pallast der Erden / da mich niemand verstöret / da die Würme mir besser schmecken / als euch die gebratenen Kapaunen. Ihr Menschen / wann ihr euch wolt von der Erde ernähren / so müst ihr durchs gantze Jahr das Erdreich bauen / und pflügen mit grossem Fleiß und Arbeit / welches ich erfahren habe / da ich ein Mensch gewesen.

U. O mein lieber Maulwurff / Acker pflügen /Bäume pflantzen / Wein schneiden / das ist nur eine Lust.

[277] M. Ja eitel Mühe und Arbeit / voller Beschwerlichkeit. O wie offt habe ich mich gefürchtet für dem Regen und Ungewitter! Wie offt habe ich nur Stroh für Korn bekommen? Jetzt bedarff ich solches nicht mehr / habe weder Pflug noch Ochsen / noch was mehr darzu gehörig / vonnöthen. Darff auch dem Gesinde kein Essen noch Trincken geben / oder selbiges um groß Geld zur Arbeit miethen. Jetzund kan ich mit meinen blossen Händen die Erde umpflügen ohne einige Arbeit / und lustige Schlösser darein bauen.

U. Aber / lieber Maulwurff / weist du nicht / daß du des allerherrlichsten Zierraths beraubet bist / nemlich des Gesichts / bist derohalben nicht vollkommen; Dann du wandelst im finstern / kanst auch der Welt Schönheit nicht sehen.

M. O deßhalben bin ich nicht unvollkommen / ich achte das Gesichte nicht: Dann ausgenommen das hab ich alles / was mir von Natur nützlich / was bedarff ich der Augen in der dicken finstern Erde / darinnen ich wohne? die Würme / die ich esse / kommen von sich selber zu mir / ich kan sie auch im finstern finden.

U. Aber sage mir / Maulwurff / woltest du dannoch nicht gerne sehen?

M. Warum das? Solches ist meiner Natur nicht gemäß / es ist genug / daß ich in den andern allen vollkommen bin / ausgenommen das Gesichte. Sage mir wieder Ulysses, woltest du wol begehren der Sonnen-Klarheit / oder die Flügel der Vögel?

U. Dessen bedarff ich nicht: Dann die Menschen haben von Natur keine Flügel / wann sie aber Flügel hätten / so begehrte ich solche auch.

M. Du redest recht: Wann andere Maulwürffe[278] sehen könten / so wolte ich es auch wünschen. Nun aber seynd wir vollkommen ohne das Gesichte / ebener massen als ihr Menschen vollkommen seyd ohne Flügel / ob ihr schon nicht fliegen könnet wie der Adler / habt auch nicht des Pfauen Federn. Auf diese Art seynd wir Maulwürffe vollkommen / ohne das Gesicht / das uns so viel nützet / als euch der Pfauen-Schwantz / begehrens auch nicht. Darum / lieberUlysses, bemühe dich nur nicht / daß du mich wieder zum menschlichen Stande bringest / dann ich bin vollkommen. Und weil ich keine vernünfftige Gedancken habe / so bekümmere ich mich auch nicht auf der Welt zu leben / darum gehe nur hin und thue / was du zu thun hast / ich will wieder in die Erde kriechen.

Wie es die Natur schicket und richtet / also soll man auch zufrieden seyn: Was derselben zuwider läufft / soll man nicht wünschen.

63. Ulysses Gepräch mit der Hindin
63. Ulysses Gepräch mit der Hindin.

Als Ulysses sahe / daß er von dem blinden Maulwurff verachtet ward / hat er sich nach dem Walde begeben / der nicht ferne von dannen war / sein Gemüthe zu ergetzen / und die Melancholey zu vertreiben. Hoffend unterdessen seine Beredsamkeit und Weißheit besser anzulegen: Er war kaum in selbigen Wald kommen /siehe da läufft ihm entgegen eine Hindin / welche er alsbald zu sich geruffen / die Hindin hat auf sein Begehren ihren Lauff unterlassen / ist zu ihm gangen /und hat ihn mit aufgereckten Haupt angeschauet /welche Ulysses auf folgende Art angeredet:

U. O du liebes Thier / ich vernehme / du seyst auch eins aus der Zahl derer / so mit mir hieher kommen /und von der Circe in unvernünfftige Thiere verwandelt [279] worden / angesehen du verstehen kanst / was ich sage. So bin ich nun allhier / daß ich dich mit deiner vorigen Vernunfft wieder begabe / wofern du es nur selber wilst und begehrest. Darum sage mir mit einem Wort / ob du wieder ein Mensch zu werden begehrest oder nicht.

H. Keinerley Weise.

U. Ich vermercke wohl / du bist von der Circe nicht allein deiner äusserlichen Gestalt / sondern auch deiner Vernunfft und Sinne beraubet. O du thörichtes Thier / was hastu für Ursachen / solche grosse Wohlthaten / die dir angeboten werden / zu verachten?

H. Ich hab / O Ulysses, viel Ursachen / welche ich dir wol könte erzehlen / wann ich als eine Weibs-Person mich unterstehen dürffte / mit dir / als einem so verschmitzten Mann / in Wortwechselung mich einzulassen.

Ulyss. Die Weiber sind doch alle beredsam / darum sage mir frey heraus / was du wilt / ich will gerne zuhören.

H. Lieber Ulysses, wann ich gantz keine andere Ursache hätte menschliche Gestalt zu fliehen / so wäre diß ja genug / daß ich solte eine Weibs-Person werden. Wann ich ein Weib nenne / so nenne ich und begreiffe / gleich in einem Auszuge / tausenderley Unglück / Jammer und Elend / dem die Frauen unterworffen seynd / die Zeit würde mir entbrechen / alles zu erzehlen / derowegen will ich nur kürtzlich sagen /und mit wenigem berühren: Ist es nicht Unglücks genug / daß die Weiber von den Männern so verachtet seyn / daß sie auch genennet werden Mißgeburten /und unvollkommene Menschen / die nicht geboren werden / als nur wann die Natur von ihrem vorgesetzten Ziel abgewichen / und [280] dasselbe nicht erreichen mag? Ist das nicht Elends genug / daß die Weiber vor Dienst-Mägde von den Männern gehalten werden? Ja sie müssen diese ihre Dienste noch mit Geld kauffen. Dann wann sie kein Geld oder Braut-Schatz haben /so werden sie entweder nicht gefreyet von den Männern / oder doch gar verachtet und gering gehalten. Suche nun / Ulysses, ob du unter allen Geschlechten der Thiere eins findest / darinnen der Mann sein Weiblein so übel / schlecht und verächtlich halte. Daß ich anderer geschweige und nur von mir allein rede: Ich werde vom Hirsch nicht für eine Mißgeburt / sondern für ein vollkommen Thier gehalten / nicht für eine Magd / sondern für eine liebe Frau / ich habe keinen andern Braut-Schatz / als die Liebe. Gehet der Hirsch wohin / so folge ich ihm nach / kommt er wieder / so komm ich auch: Zanck / Zwietracht / Armuth / damit ihr Menschen geplaget werdet / empfinden wir nimmermehr. Ich weiß auch von keiner Hauß-Sorge /meine Speiß-Kammer finde ich allenthalben / wann die Wälder mit grünen Zweigen / Blättern / Graß /und wohlriechenden Blumen erfüllet und bedeckt seyn. Mit kurtzem / ich habe Speise die Fülle ohne Geld / und meinen Tisch allezeit gedecket. Laß uns ferner gehen; Wann ich daran gedencke / wie die Frauen ihre Kinder zeugen in eurem menschlichen Geschlecht / so zittere und bebe ich / O welch eine Arbeit / welche Schmertzen / Schwachheit des Leibes / Bangigkeit des Hertzens / ja offt Todes-Gefahr fällt den Weibs-Personen für! Ihr Männer müsts selber bekennen / wann ihr wünschet lieber zehenmal vorn an der Spitze einer Schlacht zu stehen / als einmal gebären. Ich zeuge meine Jungen ohne Schmertzen / [281] ohne Mühe / ohne Kranckheit / mit Lust und Ergetzlichkeit / ja mit Spielen. Nach der Geburt springe ich / und gehe wo ich will. Wie viel Mühe haben eure Weiber in Auferziehung der Kinder / ehe sie zu ihren Jahren kommen. Sie haben manche schlaflose Nacht / und müssen viel Tage und Stunden in grosser Mühe und Arbeit zubringen. Ich dancke den Göttern / und will auch mein Lebenlang dancken der edlen Circe, die mich von diesem allen befreyet / und in einen so glückseligen Stand gesetzt / den ich auch zu verändern gantz und gar nicht willens bin.

Ein Weib ist ein mühsam / elend / waschhafftiges und verachtetes Ding.

64. Ulyssis Gespräch mit der Nachtigal
64. Ulyssis Gespräch mit der Nachtigal.

Also bekam Ulysses eine unverhoffte Antwort von der Hindin. Ist darauf tieffer in den Wald spatzieret / und hat allda der Vögel anmuthiges und liebliches Singen mit Lust angehöret. Unter allen Vögeln aber ist von ihr selber zu ihm geflogen kommen eine Nachtigal: Daher Ulysses gemercket / daß sie auch von seinen Gesellen wäre / hat darum eben also mit ihr geredet /wie er zuvor mit der Hindin und andern Thieren gethan: Die Nachtigal war bereit und fertig zu antworten / wünschte ihm Glück zu seiner Reise / sagende: Ihr gelüste nicht menschliche Gestalt wieder anzunehmen / viel weniger mit ihm zu reisen / ob sie wol zuvor sein Diener und Musicant gewesen.

U. Meine liebe Nachtigal / was ist dir doch für Ubels begegnet und widerfahren / daß du mich verlässest / und lieber begehrest ein krafftloß unvernünfftiges [282] Vögelein zu seyn / als ein Mensch der ein Herr ist aller Thiere?

N. Ich habe zwar der Sänger- und Musicanten-Orden noch nicht verlassen / sondern bin jetzt eben so wohl ein Musicant / als da ich ein Mensch war / aber mein jetziger Stand ist so glückselig / daß ich durchaus nicht begehre oder wünsche ein Mensch zu seyn. So du die Ursache wissen wilt / will ich dir die nicht verhelen. Wann du und deine Mitgesellen euch wohltractirt / und vollgesoffen / muste ich hinter dem Tische stehen / aufwarten / und vom Morgen biß zum Abend / und vom Abend biß wieder zum Morgen singen / und ihr achtet mich gantz geringe. Eure Thaten rühmet ihr hoch / redet von Huren und Vollsauffen /von Rauben / Plündern und Morden. Kam irgendwo ein grober Tölpel oder Schäfer-Knecht mit seiner Sack-Pfeiffen / der ward vorangezogen / in Ehren gehalten / mit Verehrungen und gutem Trinckgeld begabet /ich aber muste alsdann innen halten / und hintenanstehen; O wie bin ich so offt hungerig und durstig / mit leerem Beutel nach Hause gangen! Jetzund habe ich besser Glück. Nun singe ich nicht gezwungen / sondern aus freyem Willen / nach meinem Wohlgefallen /ohne einige Sorge / vom Abend biß an den Morgen /den gantzen Tag durch / Menschen und Vieh hören mir gern und fleißig zu / und haben meinen Gesang lieb / werth und wohl in acht. Niemand mißgönnet mir diese Ruhe / jederman giebt mir den Ruhm und Preiß für allen Vögeln. Warlich die Berge und Hügel / die Höltzungen und Bäume / ja auch die Echo selber / wissen mir Danck und loben mich / Spinnen / Fliegen / und andere Würme kommen ungeheissen zu mir geflogen / und kriechen mir für den [283] Mund / zu Unterhaltung meines Lebens / seynd mir auch gesünder /als euch viel Gesottens und Gebratenes.

U. Liebe Nachtigal / rühme nicht zu sehr / gedenckest du nicht / daß die Raub-Vögel dir alle Stunden nachstellen / und offt dich bey dem Halse zu sich in die Höhe ziehen von der Erden / und einen guten Bissen aus dir machen.

N. Ho! für denselben kan ich mich wol hüten /dann ich singe nicht / wann die Bäume noch dürre /und die Zweige mit keinen Blättern bekleidet seyn (dann alsdann könte mich der Habicht bald hinrücken /) sondern mein Aufenthalt ist den Höltzungen / die blühen und grünen / da alles mit Blättern bedecket ist / darinnen verberge ich mich. Des Winters fliege ich an andere Oerter: Aber lieber Ulysses, für deiner und deiner Mitgesellen Hände könte ich nimmer sicher seyn. Wie offt hast du mich abgeprügelt? und mich /so zu sagen / mit Schlägen und Backenstreichen gesättiget / wann ich gnug mit meiner Stimme und Music aufgewartet? GOtt wende es ja ab / daß ich nicht gezwungen werde / mich mehr unter solche Gesellschafft zu begeben / ich wolte lieber sterben / als ein solches Leben führen. Diß gesagt / ist die Nachtigal davon geflogen / und hat ihren lieblichen Gesang angefangen / daß der gantze Wald erklungen.

Zu Hofe giebt es zwar harte und schwere Dienste /aber wenig Lohn. Die Nachtigal ist ein Ausbund aller Vögel.

65. Ulyssis Gespräch mit der Schlangen
65. Ulyssis Gespräch mit der Schlangen.

Dieser der Nachtigal Discurs hat dem Ulyssi nicht wohlgefallen / dann er dadurch ziemlich [284] hart und scharff angegriffen war: Derhalben er sich nicht lange bedacht / sondern fortgegangen; Wie er etwa zwey oder drey Schritt gethan / ist ihm vor den Füssen eine Schlange gekrochen / die ihn schier mit ihrem Stachel verwundet. Er hat aber alsbald gedacht / die Schlange würde auch eine seiner Mitgesellen seyn. Darum also mit ihr angefangen zu reden: O du unglückseligstes Thier / mich jammert deiner / weil ich sehe / daß du unter allen Thieren das verachteste bist wegen deines Vergiffts / und weil du auf dem Bauche kriechen must. So es dir nun beliebet / will ich dir behülfflich seyn / und aus dir das alleredelste Thier machen / das unter der Sonnen lebet / darum bitte ich dich / du wollest sagen: Ob du nicht lieber wollest ein Mensch seyn / als ein so greulicher Wurm?

S. Nein / warlich Ulysses, und so veracht ich auch von dir mag angesehen seyn / so viel weniger gedencke ich doch mit dir zu tauschen / ob ich wol zuvor dein Artzt gewesen / dir deine Wunden verbunden /und dir in allen Kranckheiten aufgewartet. O zu solchen Dingen habe ich jetzt gantz keine Lust.

U. Ey welche eine thörichte Rede! Ists nicht eine grosse Wollust / die Eigenschafften der natürlichen Dinge zu erkennen? der alten Weisen Bücher zu lesen? Das Gemüth mit Wissenschafft zu zieren und belustigen? Aller Kräuter / Metallen und Thieren Eigenschafft und Kräffte zu erkennen und zu wissen /und wohl gebrauchen können? Des Himmels und der Sternen Lauff verstehen? (mit welchen allen die Medici begabet:) Daher die Menschen dich gleich einen Gott halten und ehren / weil sie deiner nicht entbehren können. Ja man giebt dir / was du nur begehrest. Man [285] offenbahret dir alle Geheimnisse. Ist das nicht eine grosse Glückseligkeit?

S. Ja Ulysses, / wann dem allen so wäre / wie du redest: Wann ichs aber recht behertzige / so sinds nur blosse Worte. Ich will dir nichts verhelen / sondern frey heraus bekennen / wenn ich schon alle Bücher auswendig lernete / und die gantze Welt durchreisete /so könte ich dennoch so viel nicht lernen oder verstehen aus dem rechten Grunde / wie ein Wurm aus der Erden würde? wie die Läuse und Flöhe an den Menschen und unvernünfftigen Thieren wachsen oder gezeuget werden? Wie dieselbe leben / und dannoch keine Lebens-Gliedmassen haben? Ich weiß zwar die äusserliche Gestalt der natürlichen Dinge / und habe mich auch darinnen geübet / aber das inwendige habe ich nicht gewust. Es gieng mir wie dem Fuchs / der das Glaß von aussen zwar lecket / aber den Brey / so darinnen / nicht anrührte. Nun was sagest du von Büchern und Schrifften? Seynd nicht die allerbesten Medicamenta der Alten mehrentheils untüchtig: Ist auch ein einiges Kraut / daß das thun könte / was man von ihm schreibet und saget? Haben auch die Kräuter und Blumen die Macht / die ihnen wird zugeeignet? Schaden thun sie wol / aber wenig Vortheil. Wo wird ein Artzt gefunden / der mit seiner Weißheit es dahin bringen könte / wann auch dem gantzen Römischen Reich daran gelegen / daß er nur könte ein neues Härlein machen / da zuvor keines gewesen? Worte seynds nur / was man fürgiebt: In der That ists eitel falsch und nichtig. O wie viel sind Aertzte / die selber kranck seyn! Ja derer Weiber / Kinder / Söhne und Töchter / Schwester und Brüder zugleich sterben. Wie viel Könige sind von [286] den Läusen gefressen worden /und niemand hat ihnen helffen können? Wo ist doch wohl ein Artzt / der dem Hunde die Flöhe könte benehmen / also / daß sie ihm nicht wieder wüchsen? Wie wolten sie dann dem Leben und dem menschlichen Leibe helffen? oder gegen die unsichtbaren Feinde / als da sind Wassersucht / viertägliche Fieber /Schlag / etc. Ob schon der Artzt gantze Säcke voll Kräuter gebrauchet / sie seynd warm oder kalt / trocken oder feucht / wanns die Natur selbst nicht thäte /so würde er warlich mit Schimpff bestehen. Es ist nur eitel Tand und blosses Einbilden / welches der Men schen Hertze hat eingenommen. Der Artzt hält alle seine Sachen hoch / dann er hats nicht besser gelernet; Der Krancke und dessen Freunde glauben demselben /und haltens mit ihm / dann ers wohl kan mit Worten ausstreichen. Wann ohngefehr das Glück dem Patienten hilfft / das wird dem Artzt zugeschrieben / der wird unterdessen gelobet / da er doch nichts weniger gethan / als dem Krancken geholffen. Æsculapius und Podalirius seynd so erfahrne Medici gewesen / daß sie kaum ihres gleichen gehabt / dannoch haben sie nicht können so viel zu wege bringen / daß sie das sechzigste Jahr erreichet. Und ob sie schon tausend Jahr wären alt worden / hätten sie dannoch keine Kunst erfahren / durch welche sie ihr Leben hätten können dermassen stärcken / daß sie alle Kräffte /sehen / hören / vernehmen / gehen / ungeschwächt behalten / daß ihnen der Rücken nicht krumm worden /und der Tod sich nicht zu ihnen genahet. So offt ich auf solche Gedancken kam / mein Ulysses, ward mein Hertz und Gemüthe traurig. Jetzo bin ich von dem allen befreyet. Jetzo ist mir die gröste Ergetzlichkeit /daß ich auf Blumen und Kräutern gehe / und daraus den süssen Safft [287] ziehe / welcher in Blut und Gifft verwandelt / mir dienet wider meine Feinde. Zu Winterszeiten wohne ich in der Erden / und schlaffe sicher /biß an den gewünschten und frölichen Sommer / darnach werde ich wieder wacker / und wiederum gleich sam gantz neu gebohren / (wie der Pelias durch Hülffe der Medeæ,) nachdem ich meine alte Haut abgeworffen / und neue Krafft und Leben bekommen. Darum sage ich billich den Göttern Danck / und derCirce, daß sie mir hierzu behülfflich gewesen. Und so du klug bist / Ulysses, so siehe zu / daß du von derCirce eben dasselbe erlangest.

Eine Schlange ist ein verfluchtes Thier. Es ist ein edles Ding / aus dem Grunde etwas verstehen lernen. Das meiste in der Natur ist dem Menschen noch verborgen. Der Aertzte Thun und Wesen hat alles nur einen blossen Schein / in der Warheit hat es nicht Bestand.


Es wächst kein Kraut im Garten / Das widern Tod mag arten.

66. Ulyssis Gespräch mit der Sau
66. Ulyssis Gespräch mit der Sau.

Als Ulysses sahe / daß ihm die wilden Thiere nicht wolten gehorchen / und er bey denselben wenig schaffte / ist er wieder nach der Circe Pallast gegangen / da er dann fort in dem Vorhofe eine grosse fette schwartze Sau im Miste liegend gesehen / die er also angeredet: Dir traue ichs am allerwenigsten zu / daß du dich soltest wegern / und nicht grosse Begierde haben / aus deinem unflätigen Stande versetzet / und des menschlichen Standes wiederum theilhafftig zu werden / inmassen du verhoffentlich auch einer bist meiner Gefehrten. Die Sau schwieg etwas stille / fieng bey sich an zu gruntzen / als wann sie über diese Rede zürnete / und solches ihr übel gefiele. Doch nach langem Bedencken / antwortete sie auf diese Art:

S. Ulysses warum läst du mich nicht zu frieden?[288] Ich bin zwar vor diesem einer von deinen Dienern gewesen / nemlich ein Koch: Nun aber habe ich nichts mit dir zu schaffen. Bey dir war ich verachtet / und jedermans Leibeigen / konte nichts schaffen / das dir oder einigem gefiel. Jetzt liege ich allhie im Kothe sanfft und stille / habe gute Ruhe / diene niemand /und werde überflüßig mit Speiß und Tranck versehen. Ich esse / was mir geliebet / wie die Säue pflegen. Warlich ich könte in den Elisäischen Feldern nicht besser leben. Dieses hat die Sau geredet mit solchem Unmuth und Bewegung des Gemüths / daß Ulysses darüber lachend worden. Dennoch ist er fortgefahren in seiner Rede.

Ulysses. O du unflätige Sau / was hast du dann für Glückseligkeit? womit bist du dann so begabet? Du bleibest eine Sau vor wie nach: Hast keine Vernunfft noch Verstand: Liegst im Koth biß an die Ohren: Nicht lange darnach belustiget sich ein ander mit deinem Fleische / und frisset deinen Speck.

S. Was frag ich nach der Wissenschafft oder Weißheit? Welcher viel weiß / und mit grossem Verstand begabet ist / muß sich immer plagen / hat eitel Mühe und Arbeit / und wird in seinem Amt so wol von Freunden als Fremden immer geplaget. Ja ob schon andere ihn mit Frieden lassen / martert und quälet er sich mit Gedancken / indem er den Dingen weiter nachsinnet: Thut also seinem Gemüthe Schaden / dem Leibe weh / und verkürtzet ihm selber das Leben. Ich will mehr sagen / etliche meynen / sie haben schon alle Weißheit gefressen / verstehen doch das geringste nicht / was ihnen für den Füssen liegt. Der aller dieser Dinge unwissend ist / führet ein still und müßig Leben: Achtet [289] nicht / was dieser oder jener thue: Lebet für sich selbst / läst andere / da sie stehen /stecken / und gedencket bey sich / daß der Tod alles vergleiche / den Ungelehrten dem Gelehrten / den Weisen dem Narren / den Reichen dem Armen / den Grossen dem Kleinen: Du sagest auch viel / Ulysses, vom Gestanck. Warlich der ist mir gantz nicht beschwerlich / sondern was dir deucht wohlriechend /das stincket mich an. Es ist nur eitel Einbliden. Einer mag den stinckenden Käß / der ander nicht. Der Muscus und Ambra ergetzen diesen / jenen bringen sie darzu / daß er in Ohnmacht falle: Ey lieber / was hatte ich doch in deiner Küchen für Lieblichkeit? da ich biß an die Armen im Blut / in der Suppe / bey dem geschlachteten Viehe / unterm kothigten Eingeweide stund: Da ich kaum für Rauch konte leben; Da ich mehr tranck als ich vertragen / und mehr aß / als ich verdauen konte: Ja was ich gespeyet / fraß ich offt wieder / und wann ich voll und truncken war / lag ich offtmahls in meinem eigenen Koth und Unflath / wie mit Leim besudelt. Jetzund liege ich in der kalten Schwemme bey Sommers-Tagen / und ergetze mich /wann mir heiß ist / mit dem Geruch / welchen viel Weiber begehren und suchen / und gern vorlieb nehmen. Endlich / daß mein Speck verzehret werde /davon weiß ich nichts / wann ich todt bin. Besser ist es ja / und lieber höre ichs / daß mein Herr meiner geneust / als daß ihr Menschen von Schlangen und bösen Würmern gefressen und verzehret werdet. Die weisen Indianer wusten ihren Eltern kein besser Begräbniß zu thun / als daß sie sie auffrassen / und verhüteten / daß sie nicht verfauleten / noch die Würme in ihrem Blut wühleten. Damit ichs kurtz mache / ihr Menschen seyd mehrern [290] Unglück unterworffen als wir / derwegen laß mich zufrieden / dann ich habe deines Erinnerns nicht nöthig.

Eine Sau ist ein unflätiges Thier. Viel wissen und lernen macht nur viele Sorge / und gemeiniglich aufgeblasen: Säuffer und Fresser seynd ärger denn die Schweine.

67. Ulyssis Gespräch mit dem Hauß-Hahn
67. Ulyssis Gespräch mit dem Hauß-Hahn.

Nach diesem Gespräche / als Ulysses ins Hauß getreten / ist ihm begegnet ein grosser schöner Hauß-Hahn / den er also angeredet:

U. Wie stehet es um dich? Bistu auch einer meiner Gefehrten? Und wiltu wieder ein Mensch werden?

H. Der Hahn antwortet / Nein. Sprach ferner / er sey für diesem Ulyssis Schiffwächter gewesen / jetzund wolle er bleiben ein Hahn / Ulysses möchte fahren wohin er wolte: Hierauf fuhr der Ulysses fort.

U. Ich höre / sprach er / dieser ist auch so gesinnet /wie die andern Bestien / mit denen ich geredet. Sage deßwegen / was mangelte dir / da du mein Schiffmann warest?

H. Da muste ich Wache halten im Schiffe /wann ihr alle schlieffet / die gantze Nacht durch /wann Donner / Blitz / Regen / Hagel / Wind und alles Ungewitter auf mich zuschluge. Ließ ich die Hände loßgehen / so purtzelt ich hinunter in das ungestumme Meer / und hatte keinen andern Lohn für meinen Fleiß und Mühe / als einen nassen Leib / ja den gewissen Tod / den ich stündlich für Augen sahe: An Durst /Hunger und Kummer / an Unwillen und Schlägen mangelte es mir auch nicht. Nun lebe ich in Wollüsten / sitze im trocknen unterm Dach bey meinen Frauen / meine Speise wird mir immer zugeworffen /ja ich esse auch offt aus der Hand und Schooß der Jungfrauen / und werde [291] noch wohl der kluge Hahn geheissen / dann ich weiß / wann Sonnenschein / oder Regen und Wind kommen soll / und verstehe mich auf die Veränderung der Lufft und des Gewitters / und zeige es dem Haußgesinde durch mein Geschrey an.

U. Für diesen Dienst wird dir nichts anders zu Lohn / als daß man dich aus dem Wege räumet / dir den Halß absticht / ins warme Wasser tauchet / die Federn ausrauffet / zum Feuer verdammet und brütet /und letztich gar auffrisset.

H. Derhalben / lieber Ulysses, führe ich kein ärger Leben / als da ich bey dir war. Geschichts nicht offtmal / daß unter euch viel durch Schiffbruch ins Wasser gestürtzet und wohl genetzet werden / ja auch wol gar im Meer ersauffen? Gedenckest du nicht an deine eigene Worte / da du sprachest: Wann wir im Meer entruncken / ans Land ausgeworffen würden / so woltestu unsern Leib ehrlich verbrennen und zu Asche machen / wie du dem Ajaci gethan / der dannoch kein Hahn war. Ich möchte gerne wissen / ob es besser wäre / im kalten oder im warmen Wasser sterben? Obs besser wäre aufn Rost geleget / oder von Würmen gefressen? Nach diesen Worten hat der Hahn laut angefangen zu krähen / und den Ulyssem verlassen.


Das Schiff-Leben ist ein mühsam und schlafloses Leben. Es ist zwar nicht groß daran gelegen / wie man nach dem Tode begraben wird / doch stehet ein gutes Bergräbniß ehrlich.

68. Ulyssis Gespräch mit der Mauß
68. Ulyssis Gespräch mit der Mauß.

Ulysses ist mit traurigem Gemüthe weggegangen / hat den Hahn verlassen / und sich in seine Kammer zu Bette verfüget / da er dann ein kleines Mäußlein auf dem Tische spatzirend gefunden / das ihm auch entgegen [292] gelauffen / daraus Ulysses gemercket / daß es auch eines seiner Gefehrten wäre / hat derwegen die Mauß gefraget: Ob sie wieder wolte menschliche Gestalt annehmen? Die Mauß antwortete:

M. Ulysses, ich bin vor Zeiten dein Bote gewesen /und habe dir neue Zeitungen zugebracht / nun aber habe ich bey mir beschlossen / lieber eine Mauß zu bleiben / und die Brosamen / welche die Circe wol entbehren kan / vorlieb zu nehmen / als so viel Jahr auf dem Wasser mit dir herum zu wallen.

U. Liebes Mäußlein / ich bin deinethalben sehr betrübet / daß du so thöricht bist / bitte dich dennoch /du wollest anders Sinnes werden / und gedencken / in was vor Gefahr du jetzt schwebest. Dann nicht allein die Katzen deine Feinde seynd / die dir nachstellen Tag und Nacht / sondern es wird auch Gifft geleget /und die Falle aufgestellet / daß sie dich fangen und tödten / ja du wirst offtmals lebendig ins Wasser geworffen / und bist deines Lebens keinen Augenblick sicher.

M. O mein lieber Ulysses, einem jeden gefällt seine Weise / und mir gefällt jetzt die meine auch wohl / ich lebe nun viel besser / als da ich ein Mensch war; da ich Tag und Nacht zu lauffen pflag / unter Freunde und Feinde / ihre Anschläge und was sie fürhatten /zu erforschen / da ich dann immerdar den Tod für Augen gehabt; Spiese / Degen / Pfeile und Bogen laureten auf mich. Die Hunde / Bären und Löwen wolten mich zerreissen; Nun fürchte ich nur die einige Katze / der ich doch wol entlauffen und in ein Loch entkommen kan / und so eins nicht genug / hab ich derer mehr. Du sagest auch von der Mäußfall / O meinUlysses, eure Schiffe seynd viel ärger und gefährlicher als einige Fallen. Da wird [293] einem ein wenig Geld zugesagt / und wegen der Ehre / und nichts mehr / setzet man sich auf ein Schiff / das kaum vier Finger dick ist / und unterwirfft sich den gefährlichen Wellen und Winden / denen niemand entlauffen kan / wenn er schon so viel Hände und Füsse hätte / als der Briareus, oder so viel Augen als Argus. Was daneben das Gifft anlanget / dessen lebet kein Mensch auf der Erden sicher / ja den Menschen wird öffters mehr mit Giffte nachgestellet / als uns Thieren? Warlich / wenn ich zuvor kein Mensch gewesen / so hätte mir derCirce Gifft nimmermehr geschadet.

Boten müssen viel Ungewitter und Gefahr ausstehen. Auf dem Meer kan man übel entlauffen.

69. Vom Fürwitz
69. Vom Fürwitz.

Es meldet Plutarchus, daß ein Athenienser einem Egyptier auf der Gassen begegnet / der etwas unter dem Mantel verborgen getragen. Da aber der Athenienser den Egyptier gefraget / was er trüge? hat er geantwortet: Deßhalben trage ichs unter dem Mantel verborgen / daß weder du / noch jemand anders erfahre / was es sey. Bey den Cretensern war dieser Gebrauch / daß niemand einen Fremden fragen dorffte /von wannen er käme? wer er wäre? was er wolte? So aber einer darum fragete / ward derselbe mit Ruthen gestrichen / im Gegentheil / so der Gefragte ihm geantwortet / ward ihm Feuer und Wasser verboten. Die Ursache aber / warum die Alten diese Gesetze gegeben / ist / daß die Leute den Fürwitz mit allem Ernst möchten verhüten / und nicht fragten / wie andere Leute lebten / und unterdessen ihr eigen Leben [294] nicht in acht hätten. Plutarchus und der Plinius können den Marcum Portium nicht genug loben / darum / daß er niemals jemand gefraget / was zu Rom neues fürlieffe / oder was dieser oder jener zu Hause machte?


Was dich nicht angehet / da laß deinen Fürwitz / dann solchen Dünckel hat viele betrogen.

70. Etliche merckliche Dinge aus der Bibel
70. Etliche merckliche Dinge aus der Bibel.

In der heiligen Schrifft lesen wir / daß den Namen JEsus geführet und gehabt sechs Männer: Der Josua /ein Sohn Nun; Der Jesus ein Bethsemiter / 1. Sam. 6. Der JEsus ein Hoherpriester zu Jerusalem / Esra. 3. Hagg. 2. Zachar. 3. Der Jesus Sirach. Der JEsus oderJustus zu Rom / Coloss. 4. JEsus Christus der Sohn GOttes / und der Welt Heyland.

Was GOTT gethan habe vor Erschaffung der Welt / ist auch zu finden in der Bibel: Nemlich / erstlich hat er seinen Sohn gezeuget von Ewigkeit her / Psalm. 2. Mich. 5. Zum andern / hat er uns in Christo erwehlet für der Welt Anfang / Ephes. 1.

Christus hat sein theures Blut vergossen zu sieben unterschiedlichen malen. In der Beschneidung. Im Todes-Kampff im Garten. Wie er gegeisselt ward fürm Richter. Wie ihme die dorne Krone ward aufgesetzet. Wie ihme die Hände durchstochen wurden mit Nägeln / wie dann auch die Füsse. Und letztlich / wie ihm die Seite eröffnet mit einem Speer.

Nur einmal / so lange die Welt gestanden / hat die Sonne beschienen den Grund des rothen Meeres /nemlich / als die Kinder Israel trucknes Fusses dadurch giengen. [295] Item / den Grund des Jordans hat die Sonne nur dreymal beschienen / 1. zu Zeiten Josuä /2. zu Zeiten Eliä / 3. zu Zeiten Elisäi.

Ihre Nahmen haben bekommen / ehe und bevor sie seynd gebohren worden / folgende fünff Menschen. I. Ismael, Genes. 16. II. Isaac / Gen. 17. III. Cores oder Cyrus / Esai 44. IV. Johannes der Täuffer / Luc. 1. V. JEsus Christus / Matth. 1.

Diese folgende Menschen hat GOtt selber gelobet: I. Noah / Gen. 7. II. Den Abraham / Gen. 22. III. Den Mosen / Num. 12. IV. Den Jacob / am II. Cap. V. Den David / 2. Reg. 16. VI. Johannem den Täuffer /Matth. 11. VII. Den Simon Petrum / Matth. 16. VIII. Das Cananäische Weib / Matth. 15. IX. Den Hauptman / Matth. 8. X. Den Apostel Paulum / Act. 9.

In der Geburts-Linie des HErrn Christi werden nur vier Weibs-Pesonen gedacht / I. Die Thamar / die doch einen Ehebruch begangen mit dem Juda / Gen. 38. II. Die Rahab / die auch eine Hure gewesen / Jos. 2. III. Die Ruth / die eine Heydin gewesen / Ruth. 1. IV. Die Bathseba / die mit dem David einen Ehebruch begangen / 2. Sam. 11.

Des Jonä Reise / da er vom Wallfisch geführet ward / ist wol anzumercken / und zu verwundern. Er ward verschlucket bey Joppe / und wieder ausgespeyet am Ufer der Euxinischen See / wie Josephus meldet: So ist derhalben der Wallfisch mit dem Jona umgelauffen gantz klein Asiam, Constantinopel vorbey / durchs Ægeische Meer / und ist angelanget an die enge Strasse bey Constantinopel. Seynd bey 250. Teutsche Meilen / die er innerhalb 3. Tagen gelauffen / machet alle Stunde 4. Meil.

[296] Die Breite des rothen Meers / da die Kinder Israel durchgangen / ist ungefehr 15. Teutsche Meilwegs /nach Ptolomæi Rechnung: So haben sie derowegen diesen Weg in einem Tage nicht können abgehen und vollbringen.

Die Bibel ist ein Buch über alle Bücher / denn die lehret wie wir recht leben und selig sterben sollen.

71. Was man zu unserer Zeit für Dinge im Himmel erfunden
71. Was man zu unserer Zeit für Dinge im Himmel erfunden.

Der grosse Spottvogel / doch sehr gelehrte Mann /Lucianus, hat zwey Büchlein geschrieben von wahrhafftigen Lügen / darinnen er vermeldet / wie er durch die Lufft gesegelt / und endlich an den Mond und andere Sternen mit Schiffen angelanget / allda er viel Ebentheuers und Wunderdings gesehen / und zwar /daß die Sonne / Mond und andere Sternen / ebenmäßig von Menschen und Thieren bewohnet wären als die Erde; Insonderheit aber habe er im Monden gefunden Vögel / welche an statt der Federn Kohl-Blätter hätten; Flöhe grösser als 12. Elephanten / Spinnen /deren eine dicker / als die Cycladischen Insuln / welche ein Geweb gesponnen / zwischen dem Mond und dem Morgenstern / darauf ein Kriegsheer von viel hundert 1000. gemustert und Schlacht gehalten. Berichtet auch / daß die Einwohner des Mondes nicht von Frauen / sondern von Männern / hinten aus den Beinen gebohren würden. Daß die Leute allda haben offene Bäuche / inwendig mit Haar bewachsen / die sie auf- und zuschnüren / wie die Beutel / hinein legen und heraus ziehen / was ihnen gelüstet: Haben Augen / die sie können ausnehmen / in die Tasche stecken /[297] und wiederum einsetzen: Ohren aus Holtz gemacht. Daß allda sey ein tieffer Brunn / über welchem stehe ein Spiegel / darinnen man alles sehen (ja auch hören) kan / was hierunten auf der Erden geschiehet. Daß man allda keine andere Kleider gebrauche / als von Glaß gemacht. Solche und dergleichen Wunderdinge hat Lucianus erdichtet / Kurzweil halber / und im Eingang der Historien frey heraus gesagt: Er wolte nichts anders schreiben / als warhafftige Lügen /denen niemand solte Glauben geben. Diß Mährlein stelle sich an seinen Ort. Heute zu Tage / und vor wenig Jahren / hat man durch Mittel des neuerdachten Instruments / im Himmel erfunden und observiret solche neue und seltzame Wunderdinge / davon die Alten nichts gewust / welche / so sie Lucianus solte erzehlen hören / Zweiffels ohne seinen warhafftigen Lügen gleich halten würde. Dennoch sinds keine erdichtete Fratzen / sondern warhafftige und unfehlbare Dinge. Es seynd noch nicht viel Jahre / daß die Italiäner erdacht und erfunden ein kunstreiches Instrument /Tubus Opticus genannt / dadurch zwar die Gestalt /Farben und dergleichen natürliche Qualitäten eines Dinges / wie sie an sich selber seyn / gesehen werden / aber die Grösse und die Nähe / etliche zwantzig ja hundertmal vermehret und vergrössert wird: Also daß ein Ding scheinet nahe bey den Füssen zu seyn / daß viel Meilweges abgelegen / und welches so groß wie ein Apffel / einem grösser fürkömmt als ein Backofen. Durch dergleichen Instrument hat man zu unserer Zeit erfahren / und klärlich gesehen: Erstlich / daß die Ungleichheit des Lichts im Mond / oder die Flecken (davon die Alten viel Disputirens gemacht / was es doch wäre) nichts [298] anders seynd als Berge und Thale / erhobene Spitzen und tieffe Abgründe / oder /wie Kepler schreibet / Wasser und Land. Was erhoben ausstehet / scheinet hell und licht: Was niedrig und gleichsam im Thale lieget / scheinet etwas dunckeler: Gleichermassen wie allhie auf der Erden / die Spitzen der Berge hell und klar herfür leuchten / die Thäler aber finster seynd. Mit kurtzen / der Mond ist zwar rund / aber mit Bergen und Thälern / mit Wasser und Land nicht weniger unterschieden / als der Erdenkreiß.

Ferner hat man befunden / daß die Venus, welche ist der Morgen- und Abend-Stern / in ihrem Schein eben so ab- und zunimmet / wie der Mond / bißweilen voll / bißweilen halb / so höckericht / so hörnicht / so gantz unsichtbar ist.

Darbeneben hat man auch observiret unterschiedliche neue Planeten / welche um den Jovis-Stern / als Trabanten / herlauffen / hat man sie genennet Sidera Medicea, zu Ehren der Italiänischen Fürsten dieses Geschlechts und Rahmens. Summa / es seyn nun nicht mehr sieben Planeten / sondern eilff an der Zahl /diese vier neue mitgerechnet.

An der Sonnen seynd gemercket und gespüret / (ob wol durch andere Mittel und Wege) zwey Wunder-Dinge. Erstlich / daß sie nicht Kugelrund / wie sie scheinet / sondern länglicht / gestalt wie ein Ey / welche Figur genennet wird Ellipsis, und von den Mahlern Oval. Zum andern / daß die Sonne nicht rein und klar / sondern mit vielen unterschiedlichen Flecken hin und wieder besprenget.

Endlich ist auch augenscheinlich befunden / daß die Jacobs- oder Milchstrassen am Himmel / (ist ein[299] weisser breiter Streich / quer über den Himmel sich erstreckend / nicht sey irgendwo eine Wolcke im höchsten Theile der Lufft / wie die Alten geträumet /sondern eine unzehliche Menge kleiner Fixsternen /welche einen solchen dunckeln und vermischten Milchschein von sich geben. Zweiffels ohne wie GOtt der HErr dem Abraham befahl / er solte gen Himmel sehen / und schauen ob er die Sternen zehlen könte /hat er ihm die Augen geöffnet / daß er die unaussprechliche Anzahl Sternen eigentlich sehen können. Sonsten ist den Astronomis nicht neu / die andern gewöhnlichen Sternen nicht allein zu zehlen / sonder sie lehren auch / daß ihrer nicht mehr gefunden werden /als etwa 1022. ohne diejenigen / welche man neulich um den Südpol gespüret und observiret.


Man siehet grosse Wunderdinge an dem Himmel / ein Tag sagts den andern / und eine Nacht thut es kund der andern.

72. Des grossen Alexanders - und Käysers Heraclii Thaten
72. Des grossen Alexanders / und Käysers Heraclii Thaten.

Als des Griechischen Reichs fürnehmster PotentatAlexander Magnus, die herrliche Stadt Tyrus inPhœnicia belagert / hat ihm einstmals / als er des Tages geschlaffen / geträumet / wie ein Wald-TeuffelSatyrus für ihm herspringe / welchen er lange nicht /doch endlich hat ergreiffen mögen. Diesen Traum haben die Wahrsager / die diesen Sachen gründlich nachgedacht / also erkläret und ausgeleget / daß man das Wörtlein Satyrus theilen müste / so würde darausΣὰ Τὐρσ die Stadt Tyrus ist dein / du wirst sie bald erobern / welches dann auch also geschehen. Dann eben desselben Tages (war der letzte Tag des Monats) opferte der weise Aristander den Göttern / [300] und befand aus dem Eigenweide / daß ehe und bevor der Monat sich endete / solte Alexander Tyrum eingenommen und erobert haben. Aristander zwar ward von jederman verlachet / weil es schon der letzte Tag des Monats war; Aber Alexander ließ ausruffen im gantzen Lager / daß niemand denselben Tag solte für den letzten des Monats / sondern für den 27. halten und zehlen: Fiel die Stadt Tyrum an / und eroberte sie auch desselben Tages / machte also wahr / beyde der Traumdeuter Auslegung / und auch des Aristandri Weissagung.

Der Käyser Heraclius Constans, da er wolte den Persern Schlacht lieffern / hat ihm in der fürgehenden Nacht auch ein Traum gedeucht / als wäre er in der Stadt Thessalonica. Diesen Traum hat ein gelehrter Mann fleißig erwogen / und in Betrachtung des Wörtleins Thessalonica, dem Käyser eine solche Deutung angemeldet ϑες ὰλλω νικην, gib einem andern den Sieg. Diese Erklärung hat auch wohl eingetroffen /sintemal der Käyser in vorstehender Schlacht dermassen überwunden / daß er kaum mit dem Leben entrinnen mögen.

Die Worte seynd nur Zeichen der Dinge / und vermögen nichts / dennoch sind sie wol in acht zu nehmen.

73. Sechs Theile des Erdkreises
73. Sechs Theile des Erdkreises.

Der Erdenkreiß / welcher gleich ist einer Kugel / vom Wasser und Land zusammen gesetzet / kan gemächlich abgetheilet werden in sechs Theile / davon ich kürtzlich etwas erzehlen will:

1. Das erste Theil begreifft in sich die kalten Länder / nach Norden oder Mitternacht zu / als da seynd Grönland / Neu-Zembla / Yßland und dergleichen /von welcher [301] wunderlichen Art und Eigenschafft wir für diesem gehandelt haben.

2. Das andere Theil der Erden ist Europa / unter den folgenden zwar das kleineste / aber allen andern weit bevorgehend. 1. Wegen der Menge und Trefflichkeit der Städte / so darinnen gelegen. 2. Wegen Ubung der Künste / Erudition und Weißheit der Einwohner. 3. Wegen der Christlichen Religion / so darinnen floriret. In Europa liegen folgende Länder: Spanien / Franckreich / Welschland / Griechenland /Teutschland / Pohlen / Dännemarck / Schweden / Engeland / Schottland / und andere mehr.

3. Das dritte Theil ist Asia / liegt von Europa ab /gegen dem Morgen oder Osten. Ist fast so groß als Europa und Africa zusammen. Diß ist das Land / darinnen im Anfange das Paradieß gewesen / und Adam erschaffen worden. Darinnen das gelobte Land Canaan / darinnen die Altväter gelebt / Noah / Abraham / Isaac / etc. Allhier ist auch Arabien / darinnen der Berg Sinai / auf welchem GOtt der HErr die zehen Gebot gegeben. Item das Jüdische Land / Galiläa /und die grossen Städte / Babylon / Ninive / und andere / derer in der Bibel gedacht wird. In Asia gehöret auch Ost-Indien / Tartarien / und das berühmte Land China / das äusserste nach Osten / welches von den Benachbarten abgesondert ist / theils mit vielen hohen Bergen / theils mit einer steinern Mauer / bey die 400. Meilen lang.

4. Das vierdte Theil der Welt heist Africa / von uns oder von Europa gegen Mittage sich erstreckend /wird von Europa abgeschieden durch das Mittelländische Meer / und von Asia durch das rothe Meer /[302] durch welche zwey Meere ein enges Land ist nahe bey Egypten / welches Isthmus genennet wird / ausserhalb welchem Stücklein Landes Africa umher mit Wasser beflossen. Africa ist ein sehr heisses Land / meistentheils unfruchtbar und unbewohnet / voll Sandes und böser gifftiger Thiere. Allhier ist Barbarien: Allhie ist Egypten / darinnen die Kinder Israel mit Dienstbarkeit gedrucket worden. Item Priester Johannis Land /und dergleichen.

5. Folget das fünffte Theil / genannt America / oder die neue Welt / Anno 1492. erstlich entdecket vonChristophoro Columbo, davon wir absonderlich vor diesem geredet. Ist gelegen von uns Europäern nach dem Untergang oder Westen / und ist das grösseste Theil der Erdkugel / ja fast so groß als die gantze alte Welt / oder Europa / Asia und Africa zusammen. Wird getheilet in zwey Stücke / die mit einem engen Lande / gleich einem Halse zusammen gefüget werden: Das ist das Land / darinnen Gold / Silber / Edelgestein / Zucker / Gewürtz / und solche köstliche Sachen überflüßig zu finden. Die fürnehmsten LänderAmericæ seynd / Florida, Virginia, Neu-Spanien /Neu-Franckreich / Item / Brasilien, Peru, das güldene Castilia. Die fürnehmsten Inseln hieher gehörig /seynd Spaniola, Cuba, Jamaica, in welchen die Spanier / wie sie erstlich diese neue Welt einbekommen /jämmerlich ermordet haben 48. mal hundert tausend Menschen / dadurch das Meer auf viel Meilweges mit Blut gefärbet.

6. Das letzte Theil des Erdkreises / ist das grosse unbekannte Südland / sonst genannt Magellanica, ferne über den Mittag hinweg nach dem Südpol gelegen. Wie diß Land beschaffen / weiß man noch nicht eigentlich / [303] dann niemand hat können oder dörffen sich tieff hinein begeben. Des Nachts scheinet es / als wann die gantze Gegend im Feuer steckte / und mit Flammen überzogen wäre. Des Tages siehet mans nicht / daher es auch genennet wird von den SpaniernTierra del Fuogo, das ist / das Feuerland.

Es ist nur eine Welt / in unterschiedliche Theile abgetheilet / welcher Auskündigung hat grosse Mühe / Unkosten / Gefahr und Todes-Noth verursachet.

74. Vom Triumph oder Ovation der alten Römer
74. Vom Triumph oder Ovation der alten Römer.

Es haben die Römer so wol mit ihren Nachbarn / als fremden abgelegenen Völckern / viel und grosse Kriege geführet / und dahero Anlaß und Ursache genommen / den obersten Siegs-Herrn nach geendetem Kriege und erlangter Uberwindung mit grossen Ehren zu empfangen / und in die Stadt zu begleiten. Diese Sieges-Ehre ist zweyerley gewesen. Eine aus dermassen hoch und grosse / Triumphus geheissen / und eine geringere / genennet Ovatio. Der Triumph ist auf folgende Art angestellet und gehalten worden. Wann eine blutige Schlacht mit dem Feinde gehalten / und der Kriegs-Herr den Sieg erlanget / so haben erstlich die Soldaten / darnach der Rath zu Rom / zum dritten der gemeine Mann beschlossen und angeordnet / daß der Siegs-Herr solte mit der höchsten Ehre und Solennität begabet werden / welche daher Triumphus genennet / weil es durch dreyerley Stimmen und Urtheil beschlossen / nemlich der Soldaten / des Raths / und des gemeinen Pöbels. Als ist der Triumphator auf einen vergüldeten Wagen gesessen / dafür vier schneeweisse Pferde gegangen / an [304] dem Haupt tragend einen Lorbeer-Krantz mit Golde durchflochten /um den Leib angethan mit einen Purpur-Mantel voller güldener Sternen: In der einen Hand habend einen Lorbeer-Zweig / in der andern einen Elffenbeinern Scepter. Für ihm seynd hergegangen / erstlich Trompeter und Posauner / mit Kräntzen gezieret / darnach schöne aufgeputzte Wagen beladen mit Raub / so den Feinden abgenommen. Bald darauf seynd gefolget gantz von Holtz künstlich gemachte Städte und Thürme / an Gestalt den Uberwundenen gleich / auf Rädern fortgezogen. Dabey gelegen grosse Stücke ungemüntztes Goldes und Silbers. Item, Kräntze und Kronen / so den Siegs-Fürsten von den Uberwundenen verehret. Hernach seynd geführet viel paar-weisse Ochsen und Elephanten. Nach diesem folgeten die überwundene Feinde / so wol Könige / als andere Fürsten und Kriegs-Helden mit Ketten angebunden. Darauf seynd die Stadt-Knechte (Lictores) mit Purpur-Mänteln angethan / gegangen / und nicht weit von denselben ist einer herein getreten mit einem langen Mantel / besetzet mit güldenen Posamenten und Edelgesteinen / welcher seltzame Possen und Geberden getrieben / damit der Uberwundenen und Gefangenen gespottet / und also ein Gelächter unter dem Volck erreget. Nechst für dem Triumphator ist der gantze Rath von Rom gegangen. Hinter ihm her seynd gefolget die Menge der Soldaten / mit vollem Harnisch angethan / Lorbeer-Kräntze auf dem Haupt habend / und sind also in- und durch die Stadt Rom gezogen: Allda der Triumphator in das oberste Schloß Capitolium in des Jupiters Tempel geführet worden: Dem man zu Ehren einen weissen Ochsen geopfert / [305] darauf alsbald ein herrlich Mahl angerichtet / und der gantze Rath /und die andern Freunde vom Triumphatore köstlich tractiret / auch ein jeglicher mit einem Stück gemüntztes Golds zum Gedächtniß begabet worden. Diß ist die grösseste Ehre / die jemals der Rath zu Rom ausgetheilet / oder den ihrigen erzeiget hat.

Mit der Ovation hats solche Gelegenheit gehabt: Wann zwar ein Krieg geendet / und der Sieg erhalten /aber nicht mit Blutvergiessen oder einer grossen Haupt-Schlacht / sondern entweder durch Accord oder freundliche Vergleichung / oder daß man nicht zu thun gehabt mit mächtigen fremden Feinden / sondern nur mit leibeigenen aufrührischen Knechten / mit See-Räubern und dergleichen / da hat man solchen Siegs-Herrn mit dem Triumph nicht begabet / sondern ihm eine ehrliche / aber dennoch geringere Ehre vergönnet; Als nemlich / er ist nicht auf einem Wagen gesessen sondern zu Fusse gangen (nach Plutarchi Aussage) mit Pantoffeln angethan. Für ihm seynd hergegangen nicht Trompeter / sondern Pfeiffer und Schalmey-Blaser / aufm Haupt hat er gehabt einen Krantz vom Myrten-Baum / wann man ins Capitolium kommen / hat man keinen Ochsen / sondern nur ein Schaaf geopffert / daher dieser Eintritt Ovatio genennet / vom Schaafe. Also ist alles angeordnet / nicht auf grausame Kriegs-Art / wie im Triumph / sondern fein friedsam / gleich einem Spiel und Freuden-Feste. Dann die Flöten der Lustigkeit / der Myrten-Baum aber der Veneri zugeeignet.

Löbliche Thaten seynd billig lobens und ehrens werth.

75. Vom grossen Reichthum Königs Darii - Davids und Salomonis
[306] 75. Vom grossen Reichthum Königs Darii /Davids und Salomonis.

Von des mächtigen Königs Darii, des letzten in der Persischen Monarchie / überschwenglichen Reichthum / welchen der grosse Alexander überkommen /nachdem er den Darium geschlagen und ihm sein Königreich genommen / wissen die Griechischen Scribenten viel Rühmens und Pralens zu machen. Wahr ist es / daß Alexander in der einigen Stadt Susa gefunden / und von dannen hinweg aus des Darii Schatz-Kammer genommen / mehr dann 140. Tonnen geschlagenen oder gemüntzten Goldes / ohne die güldene Geschirr / silberne Gefässe / Purpur und Edelgesteine / derer eine grosser Menge. Solches aber ist kein Wunder: Dann Darius aus Asia allein am Zoll jährlich zu heben gehabt 574000. Talenta, jegliches Talent zu 600. Kronen gerechnet / seynd bey 3444. grosse Tonnen Goldes. Daher die Persianer diesenDarium einen Kauffmann genennet / ihren ersten Monarchen den Cyrum einen Vater / und dessen Sohn Cambysem einen Herrn.


Aber dieses des Darii Reichthum ist nicht zu rechnen gegen des Königs Davids und Salomonis grosse Schätze / davon im 1. Buch der Chronicken Meldung zuschicht. Wie König David seinem Sohn Salomoni anmeldet / er solte GOtt dem HErrn einen Tempel bauen / sprach er: Siehe / ich habe in meiner Armuth verschaffet zum Hause des HErrn hundert tausend Centner Goldes / und tausendmahl tausend Centner Silbers / etc. Ein Centner ist eben so viel / als bey den Alten [307] ein Talentum, oder 600. gute güldene Kronen /das macht am Golde sechzig tausendmal tausend Kronen / an Silber sechs hundert tausendmal tausend Kronen / ist zusammen 6600. Tonnen Goldes / die Tonne gerechnet zu hundert tausend Kronen Goldes. Und diß war die Summa an Gold und Silber / nur allein zum Gebäu des Tempels bestellet. Was war dann über das noch der Reichthum Davids?

Salomon übertraff seinen Vater weit am Vermögen. Dann daß ich geschweige den Zoll und die Schatzung / so ihm von den Kauffleuten jährlich gegeben ward /welche Summa so groß / daß man sie schwerlich beschreiben mag. Geschweige auch der 666. Talenta, oder Centner / das ist / 399600. Kronen jährliche Hebung. Item / die 10000. Talenta, oder 6000000. Kronen / die er im Vorrath hatte / wie dann auch die 120.Talenta, oder 27000. Kronen / die ihm die Königin aus Arabien verehret. Diß alles nicht gerechnet / hatte Salomon des Goldes und Silbers so eine grosse Menge / als Steine auf der Gassen / 1. Chron. 2. v. 15. Wer kan diesen Reichthum aussprechen? Oder was für ein Potentat hat jemahls auf der Welt gelebet /der hierinn mit Salomon könte verglichen werden? Salomon wird billich für den reichsten / weisesten /geehrtesten König gehalten / der von Anfang geleben und forthin leben wird / nach Aussage GOttes des HErrn selber / 2. Chron. 1. v. 12.

Reichthum ist zwar eine Gabe GOttes / wie an David und Salomon zu ersehen / dennoch besitzen ihn auch gottlose Leute als Darius, Crœsus, Crassus, und vergleichen: Aber ganz unbeständig / vergänglich und nichtig. Wo ist nun der Vorrath Davids Salomonis und anderer: Vanitas Vanitatum.

76. Von der Natur des Rabens
[308] 76. Von der Natur des Rabens.

Nicht allein der gemeine Mann / sondern auch ihrer viel unter den Gelehrten pflegen von dem Raben zu erzehlen / daß / wenn die Alten ihre Eyer ausgebrütet / sie alsbald die Jungen verlassen / und davon fliegen. Dann / weil dieselbe weiß und nicht schwartz / so erkennen sie sie nicht für ihre eigene / sondern meynen /es seyen frembde. Alsdann ernähre GOtt die jungen Raben wunderbahrlicher Weise / und auf sonderbahre Art / indem er ihnen entweder den Thau in den Mund fallen / oder im Neste kleine Würmlein wachsen läst /welche sie sammlen / und sich also ernähren. Dannenhero macht man viel Klagens über der Raben Unbarmhertzigkeit / nimmt auch hieraus die Erklärung des 147. Psalms. Der dem Vieh sein Futter giebt / den jungen Raben / die ihn anruffen. Das aber ist alles falsch / und der Natur und täglicher Erfahrung zuwider. Wunder ists / daß man solchen Fabeln Glauben giebt / da doch die Raben bey uns / und sonsten hin und wieder häuffig gnug zu finden / also / daß ein jeglicher dieses wohl in Augenschein nehmen könte. Erstlich ist allen Ackersleuten / ja jedermänniglich /der auf Raben Achtung gibt / bekannt / daß Raben eben so fleißig auf ihren Eyern sitzen / ihre Jungen ausbrüten / ernähren und auferziehen / als Hüner und andere Vögel: Wann nach dreyen Wochen die Jungen aus den Eyern herfür kommen / seynd dieselbe nicht weiß / sondern kohlschwartz / mit schwartzen zarten Duhnfederlein bewachsen / eben wie die jungen Tauben / und weil die alten Raben gemeiniglich unterm Dach nisten / wie will der Thau den Jungen ins Maul kommen? [309] Item / weil weder Raben noch andere Vögel (die Küchlein ausgenommen) für dem neundten Tage können sehen / und ihre Augen gebrauchen / sondern /wann sie ihre Alten rauschen hören / das Maul aufthun / und von ihnen ihre Speise empfahen / was wolten sie dann in der Blindheit die Würmelein sammlen / und sich damit speisen? Freylich ists wahr / GOtt speiset die jungen Raben / aber nicht übernatürlicher Weise / sondern auf gewöhnliche Art und Weise durch die Eltern / ebener massen wie er den Jacob ernähret / der da spricht / Gen. 48. GOtt / der mich ernähret hat von Jugend auf biß hieher / verstehe / durch die Eltern. Der obberührte Psalm Davids wird nicht recht angezogen / da stehet zwar im Ebräischen / den Kindern der Raben / aber das ist zu verstehen nicht von den jungen Raben allein / sondern von allen Raben alt und jung. Dann das Wörtlein Ben oder Kind / heist so viel als alte und junge / wie der Joseph / da er hundert Jahre alt war und starb / ein Ben oder Kind genennet wird. Also füttert zwar GOtt die Raben / aber nicht anders / als er Menschen-Kinder /das Viehe und die Vögel füttert / ordentlicher Weise durch Eltern / oder die / so an Eltern statt seyn.


Ein jeder zeuget seines gleichen: Also will GOtt auch lauter Fromme zu seinen Kindern haben.

77. Agathoclis güldenes Bild
77. Agathoclis güldenes Bild.

Agathocles ist von geringen und schlechten Eltern gebohren / in der Insul Sicilia, sein Vater war ein Töpffer / ein armer verachteter Mann. Anfänglich hat er für einen gemeinen Soldaten gedienet / und weil er sich mannhafft und ritterlich erzeiget / ist er hernach [310] zum Obersten erwehlet / in welchem Amt er sich auch so wohl gehalten / daß er an das Königs Stelle kommen /und also König in Sicilien worden. Weil er nun von so schlechter geringer Herkunfft / ward er von seinen Unterthanen derhalben verachtet / da hat er dieselbe auf folgende Art zum Gehorsam und Observanz gebracht: Er gebrauchte in seiner Kammer güldene Becken und Nacht-Töpffe / oder Bruntz-Kacheln / die ließ er schmeltzen / umgiessen / und daraus ein herrlich schön Bild machen / in Gestalt des Gottes Jupiters / welches er am heiligsten Ort des Tempels hinsetzte. Wie nun die Leute häuffig zulieffen / niederfielen / und das güldene Bild anbeteten / da ist der König herfür getreten / sagende: Ihr Männer von Sicilien thut diesem Bilde göttliche Ehre an / da es doch nur von einer unflätigen Bruntz-Kachel gemacht ist: Warum wegert ihr euch mich zu ehren und zu respectiren / ob ich schon von geringem Herkommen bin? Hierdurch hat er seine Unterthanen zum gebührlichen Gehorsam gebracht. Ferner hat sich Agathocles nicht allein nicht geschämet zu bekennen / daß er eines Töpffers Sohn war / sondern hat auch durch sein Exempel die Seinigen angereitzet zur Tugend und Tapfferkeit. Und damit er sich allezeit seines Ursprunges erinnerte / hat er beneben den güldenen Geschirren /auch erdene Gefässe gebraucht / anzuzeigen / daß auch ein geringer Mensch könne zu hohen Dingen kommen / und daß man in grossem Glück sich nicht zu sehr erheben soll. Davon diese schöne Verse:


Fama est, fictilibus cœnasse Agathoclea Regem, Atque Abacum Samio sæpe ornasse luto. [311] Quæsitus causam, respondit: Rex ego qui sum Siciliæ, figulo sum genitore satus. Fortunam reverenter habe, quincunque repente Dives ab exili progrediere loco.

78. Königs Ptolemei Bibliothec, und die 70. Verdolmetscher der Bibel
78. Königs Ptolemei Bibliothec, und die 70. Verdolmetscher der Bibel.

In Egypten hat vormahls geherrschet ein berühmter König Ptolomæus Philadelphus, ein grosser Liebhaber und Beförderer der guten Künste und Erudition. Dieser hatte eine Bibliothec aufgerichtet und zusammen gebracht von 200000. Büchern unterschiedlicher Scribenten / dessen gleichen auf der Welt nicht gewesen. Die Verwaltung und Aufsicht dieses heiligen Wercks hat Ptolomæus dem Demetrio Phalereo anbefohlen / welcher die herrlichsten Bücher aus allen Königreichen und Ländern zusammen gekaufft. Es hatte aber der König auch gehöret von einem fürtrefflichen Buche / welches nur allein bey den Juden zu Jerusalem gefunden und besessen ward. Um solches Buch schrieb Ptolomæus nach Jerusalem. Also ward ihm vom Hohenpriester Eleasar die Hebräische Bibel zugeschicket / ohngefehr 350. Jahr für Christi Geburt: Wurden auch dabeneben hingesand aus jeglichem Stamme Israels / 6. Männer / welche dieses Buch / die Bibel / solten verdolmetschen / und aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzen: (ob wol 72. der Dolmetscher gewesen / nemlich aus jeglichem der 12. Stämme 6. so werden doch nur gemeiniglich genennet 70.) Solches ist auch geschehen und ins Werck gerichtet worden: Und hat der löbliche König Ptolomæus für diesen geleisteten [312] Dienst hundert tausend gefangener Jüden loß gegeben / und in den Tempel zu Jerusalem verehret einen güldenen Tisch mit Edelgesteinen köstlich versetzet und gezieret: Zween grosse güldene Becher / und 30. Schalen / auch einen jeglichen Dolmetscher reichlich und Königlich begabet. Diese Griechische Version der Bibel / gemacht von LXXII. Dolmetschern besitzen wir noch heutiges Tages / und haben sie die Evangelisten und Apostel auch gebrauchet / wie aus dem neuen Testament zu ersehen. Wiewol viel darinnen / das mit dem Hebräischen Brunnen und Original nicht sonderlich überein kömmt.


Wolte GOtt / die hohen Häupter zu dieser Zeit / wären auch so gesinnet / wie Ptolomæus, Die GOttes Wort /Wissenschafften und gute Künste lieben und befördern /deren Nahme und Lob ist unsterblich.

79. Annibal
79. Annibal.

Die Stadt Carthago ist im Punischen Lande gelegen /da die Pœni gewohnet / ein falsch und betrüglich Volck / wie solches das Sprichwort bezeuget: Fides Punica, das ist / leichtfertig / betrüglich / untreu. Allda / sag ich / in Carthago seynd gewesen unterschiedliche Fürsten und Hertzoge / unter welchen der berühmte Amilcar einen Sohn gehabt / Annibal geheissen: Denselben Annibal, wie er noch ein kleiner Knabe gewesen / hat der Vater Amilcar, aus Haß und Neid gegen die Römer / gezwungen / den Göttern einen schrecklichen Eyd fürm Altar zu thun / nemlich daß er wolte der Römer Feind leben und sterben / so bald er Alters halben sie mit Kriegs-Macht überfallen und ängstigen könte. Diesen Eyd hat nachmals Annibal warlich gehalten: Dann erstlich ist er in Hispanien gezogen (welches damal die Römer innen gehabt /)[313] und hat allda ein gut Theil der Einwohner bezwungen. Hernach ist er durch Franckreich nach Italien gerücket / und damit er desto füglicher über das hohe GebürgeAlpes gelangte / hat er solches mit Eßig und Feuer erweichet und gesprenget / und seinem Kriegs-Heer also einen bequemen Weg gemacht / und so fort im Anzuge die Römer zweymal geschlagen / eines beyTrebia, und dann beym See Trasinenus, in welchem Treffen über 15000. Römer geblieben. Nachmals ist er vom Fabio Maximo durch langes Verzögern und Aufhalten ziemlich geschwächet worden. Doch hat er endlich wiederum seine Macht zusammen gebracht /sich gestärcket / und den Römern eine grosse Schlacht geliefert bey Cannas, einem Flecken / den Römern zugehörig / nicht weit von Collatia (davon in der Historien der keuschen Lucretia Meldung geschehen) in welcher Annibal 40000. Römer zu Fuß / und 2700. Reuter geschlagen und niedergemacht / daß er allein vierdtehalb Scheffel güldene Ringe den Erschlagenen abgenommen / und nach Carthago gesandt. Damahls hätte Annibal leichtlich ohne alle Mühe und Widerstand die Stadt Rom einnehmen und erobern können: Aber er wuste seine Victorie nicht recht zu gebrauchen / sondern verließ Rom / zog nach Capua / da er und die Seinen in Essen / Trincken / Spielen / Müßiggehen / und allerley Wollust / sich dermassen vertiefften und versoffen / daß sie alle Mannhafftigkeit und Ritterliche Tugend vergassen. Daher es dann endlich kommen / daß nach der Zeit Annibal nicht mehr glücklich und tapffer gestritten / sondern meistentheils von den Römern geschlagen und verjagt worden. Endlich hat er seine Zuflucht genommen zumAntiocho, den die Römer [314] gleicher massen überwunden. Und wie die Römer vom Antiocho, den Annibal ihnen zu lieffern und zu übergeben / begehrten / hat Annibal aus Verzweifelung das Gifft / welches er in seinem Ringe verwahret / allezeit in der Hand getragen / zu sich genommen / und sich also selber getödtet.


So lang einer der Tugend beflissen / gehets wol und fein von statten: Durch Wollust / Nachläßigkeit / und andere Laster aber verdirbet man gantz und gar / wie trefflich man auch zuvor gewesen.

80. Des Belisarii unbeständiges Glück
80. Des Belisarii unbeständiges Glück.

Der Käyser Justinianus, welcher das Recht und die Gesetzen in Ordnung gebracht / hatte einen fürnehmen Kriegs-Obersten / mit Nahmen Belisarius, dessen Hülff und Dienste er sich wol gebrauchte. DieserBelisarius hatte immerdar trefflich Glück / und giengen ihm alle Sachen / die er im Kriege fürnahm / gar wohl und nach Wunsch vor statten / er besiegete und überwand die Perser in Asien: die Gothen in Italien: die Wenden in Africa, und nahm der Wenden König Gilismer gefangen: Schmiedet ihn an Ketten / und führet ihn mit sich herum. Aber wie ein grosser Uberwinder der Belisarius auch im Kriege war / so konte er doch die Abgunst nicht überwinden / noch deroselben entfliehen. Dann nach dem er durch so viel Victorien grosse Macht / Gewalt und Ansehen bekommen /ward er beym Käyser Justiniano angegeben / als stünde er ihm nach dem Reich und Leben. Durch diesen Argwohn ist der Käyser bewogen / daß er dem trefflichen Held Belisario (der vielleicht niemahls an solche Verrätherey gedacht) beyde Augen ausstechen lassen; Das war die Belohnung für seine treu-geleistete Dienste. Belisarius konte sich an dem Käyser nicht rächen / ließ sich derohalben ausserhalb der Stadt [315] Rom ein kleines Häußlein machen / darinnen wohnete er / und hat Allmosen von den fürübergehenden Leuten / zu Aufenthaltung seines armseligen Lebens / sagende /und zum öfftern wiederholende diese Worte: Date Belisario obulum, etc. Gebet dem Belisario einen Heller / der nicht um Mißhandlung / sondern aus Abgunst seine Augen verlohren.


Abgunst regieret zwar allenthalben: Fürnehmlich aber zu Hofe / da gehet sie in vollem Schwange: Der heute gar hoch am Brete / der liege morgen an der Kette. Niemand traue seinem Glück zu viel / Herren Gunst ist nicht erblich.

81. Wie die Semiramis zum Regiment kommen - und von deroselben Thaten
81. Wie die Semiramis zum Regiment kommen /und von deroselben Thaten.

Der ersten Monarchie (in Assyrien) erster Herrscher und Haupt ist gewesen Ninus, (dessen Groß-Vater war Nimrod, davon in der Bibel) von welchem die Stadt Ninive / die des Propheten Jonas Predigt gehöret / ihren Namen geführet. Nini Hauß-Frau war Semiramis, eine Heldin von grossen Thaten. Auf was Art dieselbe nach ihres Mannes Nini Tode zum Regiment kommen / erzehlet Justinus also / daß / weil kein Weibs-Bild bey den Assyrern herrschen konte /sie sich gestellet / als wäre sie männliches Geschlechts / welchen Betrug sie viel Jahr heimlich gehalten. Biß endlich nach vielen trefflichen und schier einem Mann zu thun unmüglichen Thaten sie sich kund gegeben / daß sie ein Weib wäre / und kein Mann. Welches zwar ihr nicht allein an ihrer Gewalt und Regierung nichts geschadet / sondern sie vielmehr zu höhern Respect und grösserer Macht erhoben. Andere Historien-Schreiber erzehlen diese Sache auf eine besondere erschreckliche Art / nemlich also:Semiramis [316] war anfänglich eines Leibeigenen Knechts Kebsweib / und wie ohngefehr König Ninus an sie gerieth / gewann er sie alsbald lieb / und gebrauchte sie zu seinem Willen: Da hat diß Weib den König mit ihrer süssen Rede und gar lieblichen Geberden dermassen eingenommen / daß nichts so groß gewesen /was sie auch vom Könige begehren mögen / welches der König ihr nicht gerne vergönnet und gewähret hätte. Auf eine Zeit nun / wie sie mit dem König Kurtzweil trieb / meldet sie ihm an / sie hätte sehr grosse Lust und Begierde zu einem Dinge / bäte / der König möchte ihr darinnen willfahren. Ninus sprach alsbald / alles / was sie begehren würde / wie hoch es auch wäre / solte ihr widerfahren. Ich bitte / sprach sie / du wollest mir vergönnen / daß ich nur einen Tag lang auf deinem Königlichen Stuhl sitze / und man mir in allem / was ich befehlen und heissen werde /gehorsame. Ninus lachet dessen / und williget in ihr Begehren: Ward auch alsbald ein Tag bestimmet und ausgeruffen / daß an demselben alle Menschen der Semiramidis Befehl ausrichten / und in allen ihr gehorchen solten. Wie der angesetzte Tag kommen / hat sich Semiramis mit Königlichen Kleidern und Zierrath angethan / an statt des Königs dargestellet / und anfänglich zum Versuchen / etwas geringes den Dienern anbefohlen / auf welches / wie es verrichtet / und diß verschmitzte Weib nun merckte / daß ein jeder ihrem Geheiß und Willen gnug thäte / sie den Trabanten befohlen / sie solten den König Ninum greiffen: Die ihn auch alsbald gegriffen. Man solte ihn binden /welches auch unverzüglich geschehen: Endlich man solte ihn tödten: Die Diener / vermöge öffentlichen Befehls / haben auch hierinnen der Semiramidis [317] Willen vollbracht / und den Ninuin erstochen. Auf diese Weise soll Semiramis zum Regiment kommen seyn.


Huren Liebe bringet manchen um Ehr und Wolfahrt /um Leib und Leben. Item mancher bekömmt ein Regiment oder Amt / nicht durch Recht / sondern durch Practicken / es geräth aber selten wol.

82. Vom Begräbniß Beli und Semiramidis
82. Vom Begräbniß Beli und Semiramidis.

Des Nini Groß-Vater / wie gesagt / war Nimrod, sein Vater war Belus, seine Haus-Frau Semiramis. Von diesen zwey letzten / Beli und Semiramidis Begräbniß ist etwas denckwürdiges von den Scribenten aufgezeichnet / welches ich auch jetzt fürzutragen gesinnet.

Wie der mächtigste Potentat der Perser / Xerxes /an die Oerter kam / da Belus sein Begräbniß hatte /ohngefehr anderthalb tausend Jahr nach des Beli Tode / da hat er die Grabstätt lassen aufgraben / und darinnen gefunden ein gläsern Gefäß voll klares wolriechendes Oels / darinnen des Beli todter Cörper schwumme: Nechst dabey an einer Marmel-Seulen waren dieses Worte geschrieben: Welcher Mensch dieses Grab eröffnen / und das Gefäß nicht wiederum mit Oele füllen wird / der wisse / daß er ein unglückselig und jämmerlich Ende nehmen werde. Xerxes ward hierüber bestürtzet / ließ alsbald Oel mit Hauffen herbringen / und in das eröffnete Geschirr auf desBeli Cörper giessen: Aber alles vergeblich. Zuletzt wie er gesehen / daß unmöglich war / das Gefäß mit Oel wieder zu füllen / ist er davon gezogen. Was ihm darüber für Unheil wiederfahren / und wie unglückselig er um sein Leben kommen / ist am andern Ort gedacht.

Mit der Semiramidis Begräbniß hat es eine solche[318] Beschaffenheit gehabt. Sie hatte auf ihre Grab-Stätte schreiben lassen folgende Worte: Welcher König Geld oder Gold begehret / der nehme heraus / so viel er will. Zu diesem Begräbniß kam der König Darius viel hundert Jahr hernach / lase die Schrifft / und eröffnete das Grab. An Gold aber fand er gantz nichts darinnen / sondern in einem Täffelein ein Gedächtniß / also lautend: Wann du nicht ein böser Mann / und mit Gelde unersättlich wärest / so würdest du der Verstorbenen Begräbniß nicht gewaltsamlich angegriffen und verletzet haben.

Der Verstorbenen Ruhe soll man nicht stören / sondern ihr Gebein in Frieden lassen. Dann die Begräbniß sind heilig.

83. Accius Navius, ein Wahrsager
83. Accius Navius, ein Wahrsager.

Die Augures, vom Numa Pompilio erstlich bestellet /seynd gewesen Priester zu Rom / welche aus dem Vogel-Fliegen oder Geschrey zukünfftige Dinge geweissaget / und der Götter Willen und Verhängniß den Leuten offenbahret. Unter solchen Auguribus ist nicht der geringsten / sondern der berühmtesten einer gewesen Accius Navius. Wie König Tarquinius Superbus etliche Gebräuche von seinen Vorfahren wol eingeführet / verändern / und andere an statt derselben anstellen wollen / hat sich ihm widersetzet der Accius Navius, und aus seiner Wahrsager-Kunst gesaget: Solche Veränderung gefalle den Göttern nicht / welches er aus dem Vogel-Geschrey erlernet; Tarquinius der Hoffärtige ist hierüber ungeduldig worden / und hat des Accii Kunst zu verspotten und zu verwerffen /zu ihm gesagt: Hörest du lieber Mann / weist du etwas / so frage deine Vögel / und wahrsage mir / ob das / was ich bey mir jetzt gedencket [319] geschehen könne oder nicht? Accius, nachdem er aufs Augurium acht gegeben / hat geantwortet: Ja / es könne gar wol geschehen. Da ist Tarquinius fortgefahren / sagende: Ich habe bey mir bedacht / daß du soltest mit einem Scheer-Messer einen Schleiff-Stein entzwey schneiden; Thue jetzund solches / und richte ins Werck /was dir deine Vögel verkündigen. Navius nicht faul /sondern seiner Kunst trauend / ist ins Mittel getreten /und hat in Gegenwart des Tarquinii und der Römischen Bürgerschaft ein Scheer-Messer / wie dann auch einen harten Schleiff-Stein ihm langen lassen /und alsbald mit dem Messer den Schleiff-Stein entzwey geschnitten. Wegen dieser That ist dem Accio, zum ewigen Gedächtniß beym Rath-Hause ein Bildniß aufgerichtet / und der Augurum Ansehen und Glaube sehr groß worden.


Also spielet der Teuffel mit dem Aberglauben in den Kindern der Finsterniß.

84. Claudiæ Quintæ, einer Nonnen - Wunder-That
84. Claudiæ Quintæ, einer Nonnen /Wunder-That.

Nachdem die Römer in den Sibyllischen Büchern und Versen gelesen / daß / wofern ihre Stadt floriren solte / sie die Mutter aller Götter suchen / und dahin bringen müsten: Als seynd sie nach Rath des Weissager-Gottes zu Delphos in Asiam gezogen / und haben endlich das geschnitzte Bild der grossen Götter-Mutter beym König Attalo gefunden und erlanget / solches in ein grosses Schiff gebracht / und nach Rom geführet: So bald das Schiff auf den Fluß der Tyber kommen / welcher in die Stadt fleuss ist es still gestanden / und hat von keinem Menschen durch einige Macht von der Stelle fortgebracht werden [320] können. Eben zur selbigen Zeit war eine Vestalische Jungfrau oder Nonne / mit Nahmen Claudia Quintia, ein überaus schönes und freundliches Weibs-Bild / berüchtiget / als hätte sie Unzucht getrieben / und wider ihres Ordens Gesetze ihre Jungfrauschafft verlohren. Auf daß sie nun ihre Unschuld ans Licht brachte / und offenbahr machte / ist sie getreten ans Schiff / und hat das Götzen-Bild / die Götter-Mutter / mit diesen Worten angeredet: Man beschuldiget mich / O Göttin! der Unzucht: Dich bitte ich / du wollest urtheilen / ob solches wahr sey oder nicht. Wirstu mich schuldig er kennen / so sterbe ich billich und gerne; findestu aber / daß ich diß Laster nicht begangen / sondern rein und unbefleckt bin / so wollestu / O reine Mutter Gottes! mir deine Hülffe erzeigen. Wie sie diß Gebet gesprochen / ergriff sie mit einer Hand den Strick / daran das Schiff fest gemacht / gehet fort / da folget ihr das Schiff gutwillig nach biß mitten in die Stadt: Allda der Scipio Nasica allein würdig gehalten / diß Götzenbild in die Hände zu nehmen / und an seinen Ort zu bringen.


Daß diese Vestalis eben so wol als der vorige Augur, der Zauberey sey zugethan und wohlerfahren gewesen /daran ist kein Zweiffel.

85. Natur der Hirschen
85. Natur der Hirschen.

Von des Hirschen Eigenschafft erzehlet man folgende Historie: Wann der Hirsch alt worden / und ihm das Geweihe oder die Hörner / wie dann auch die Haare gar zu lang gewachsen / da gehe er zu einer Höle /und ziehe aus derselben / durch seinen starcken Athem / eine Schlange herfür in die Nase; Wodurch er so sehr erhitzet und angestecket werde / daß er alsbald mit grosser Begierde seinen Durst [321] zu löschen / frisch Wasser suche. Wann er das gefunden / lauffe er hinein biß an den Kopff / stehe also im Wasser und trincke doch nicht / (weil ihn das die Natur lehret) biß ihm die Thränen häuffig aus den Augen lauffen / (aus welchen / wann sie verhärten / werde der köstliche Stein Bezoar /) wann solches geschehen / so trincke er überflüßig / und fallen ihm alsdann die Hörner ab /wie nicht weniger die Haar aus. Mit diesem Gedichte erkläret man den 42. Psalm / darinnen geschrieben: Wie der Hirsch schreyet nach frischem Wasser / also schreyet meine Seele / GOtt / zu dir. Aber diß ist nur ein altes Weiber-Gedichte und eitel Fabel-Werck /welches sich in der Natur und Erfahrung also nicht verhält / wie der grosse Fratzenschreiber Albertus Magnus und Plinius selbst bezeugen. Warlich / allhier zu Lande und in der Nachbarschafft sind Hirsche genug zu finden / derer Natur ist Graß zu fressen / wie die Kühe und Ochsen pflegen / und kein Fleisch / es sey von Schlangen oder andern Thieren: Es seyn Fürstliche Personen / die todte und lebendige Schlangen alten Hirschen fürgeworffen haben / welche aber von denenselben eben so wenig / als ein Stück Holtz von einer Katze gefressen worden. Ich sehe auch nicht / wie ein Thier nur mit dem Athem aus einem tieffen Loch eine Schlange an sich ziehen könne. Und wie wolte ein solches Thier als die Schlange / im Kopff /Gehirn / oder des Hirsches Nase / Raum oder Statt haben? Zudem die Zähren / wann sie aus den Augen überflüßig lauffen / wie könten sie gehalten werden /daß sie nicht niederfallen ins Wasser? Daß der Stein Bezoar nicht von den Thränen der Hirsche herkomme, sondern in dem Magen der Indianischen Gemser[322] wachse / ist nunmehr so bekannt / daß es keines weitläufftigen Bekräfftigung bedarff. Der Vers aus dem 42. Ps. bedarff auch keiner Lügen: Genug ist es / daß ein Hirsch von Wölffen / Hunden und Jägern verfolget und warm gemacht / Appetit habe frisch Wasser zu trincken / angesehen er durstig / matt und müde.

Noch eines von den Schlangen. Man sagt / daß aus dem verstorbenen und verweseten Menschen-Rückgrad / oder auch wol gantzem Cörper Schlangen brüten: Daß diß wahr sey / hat man noch zur Zeit nirgends anders / als in Büchern gefunden. Bey uns und überall in der Welt sterben viel tausend Menschen /die werden begraben / und verwesen: Wer hat aber jemahls auf dem Kirch-Hofe in den Gräbern der Todten / unter den Galgen / oder sonsten / Schlangen gefunden?

Man muß nicht alles glauben / was man höret und lieset / sondern erforschen / ob es sich auch also verhalte.

86. Etlicher anderer Thiere Eigenschafft und Erklärung
86. Etlicher anderer Thiere Eigenschafft und Erklärung.

Der Hirsch bringet uns auf diese Materie / und gibt Anlaß / unsere Meynung zu sagen auch von etlichen andern Thieren / davon viel gesagt und gegläubet wird / das dennoch nicht allerdings glaubwürdig.

Der Biber (schreiben die Medici und Historici) wann er vermercke / daß der Jäger ihn verfolget / und nun in die äusserste Todes-Gefahr gebracht / da beisse er ihm selber seine Scham und Gemächtsküglein aus / und werffe sie von sich / weil er weiß / daß wegen derselben man ihm nur allein nachstellet: Dieselben werden dann von den Jägern genommen / und dem weiblichen Geschlecht / die des Bibergeils offt und sehr gebrauchen / [323] zu Nutz verkaufft. Die solch Mährlein beschrieben / die haben ihr Lebenlang keinen Biber gesehen. Dann kein Biber hat seine Manns-Kügelein auswendig unter dem Leibe hangend / daß er mit dem Munde oder Zähnen darzu kommen könte / sondern inwendig im Bauch verborgen / eben wie der Haase / und hat nur ein Löchlein / dadurch er seinen Uberfluß und Eyter abwirfft / gleich wie die Ziebet-Katze.

Nichts ist gemeiners / als daß man dafür hält / die Bienen haben das Gehör / und wann sie schwärmen /so folgen sie dem Klange eines Beckens / und ziehen dem nach / der sie locket. Solches ist nicht also. Sie machen zwar ein Geläut / wie dann auch die Fliegen /aber am Gehör mangelt es gäntzlich so wol den Bienen als den Fliegen. Man gebrauche der Trompeten /der Trommel / oder anderer starcken Stimme / wofern dadurch nicht die Lufft erreget wird / die nächst um sie ist / (dann mit dem Geflug und Geruch seynd sie freylich begabet /) so wissen sie nichts davon / bleiben sitzen vor wie nach. Das Beckenschlagen / wann man einen Hauffen schwärmender Bienen für sich hat / ist zu dem Ende erstlich aufgebracht / nicht als höreten die Bienen solch Geläut / und folgten demselben /sondern der Nachbarn halber. Dann der Schwarm gehöret von Rechtswegen dem zu / der ihn verfolget mit einem Geläut / wann so einer nicht vorhanden / so mag ihn annehmen / wer ihn fahen kan.


Von der Turtel-Taube singet und saget man / daß sie nach Absterben ihres Ehegatten allezeit verbleibe in dem Wittwen-Stande / und sitze auf einem dürren Ast im Walde. Durch welch Exempel man die Wittwen herrlich tröstet. Solches befindet sich aber eben so [324] wenig in der Natur und Erfahrung als das vorige. Unsere Turtel-Tauben / die man zu Hause oder auf den Tauben-Schlägen aufzeucht / wann ihnen ihre Gatten abgestorben / fliegen alsbald mit andern wie der zusammen / ja nicht allein mit Turtel-Tauben /sondern auch mit andern zahmen Tauben. Ein jeglicher / der Achtung darauf giebt / wirds also befinden. Es sitzen aber die Turtel-Tauben auf einem verdorreten Zweige / nicht Traurenshalber / sondern wie andere unzehlige Vögel mehr / auf daß sie fein um sich hersehen / und sich für ihren Feinden hüten können.

Die Natur hält viel in sich verborgen / man dichtet ihr aber auch offt was bey.

87. Pythagoræ Philosophia
87. Pythagoræ Philosophia.

Pythagoras aus der Insul Samo gebürtig / ist gewesen ein Stiffter und Anfänger der Italiänischen Philosophie / hat niemahls weniger als 600. Zuhörer oder Schüler gehabt / die ihn meistentheils zu Nacht-Zeiten besuchet. Mit diesen hielt er den Brauch / daß sie anfänglich 5. gantzer Jahr stillschweigen / kein Wort reden oder fragen / sondern nur allezeit fleißig zuhören musten. Welche fünffjährige Still-Zeit genennet wird έχεμὐϑεια. Daher das Sprichwort kommen: Silentium Pythagoricum, eine standhafftige Verschwiegenheit. Pythagoras ist der erste gewesen / welcher gelehrt / daß die Seelen der Menschen nach dem tödtlichen Abgang umher wanderten / und aus einem Cörper in den andern treten. Wann sie wohl und der Tugend gemäß gelebet / so kämen sie in fürtrefflicher Könige oder ander Leute Leiber / wären sie aber den Lastern zugethan / so verringerten sie sich / und würden [325] unvernünfftige Thiere / als Ochsen / Schaafe /Schweine / etc. Aus welchen Ursachen Pythagoras seine Schüler und alle Menschen sehr abmahnete und warnete / sie solten kein Fleisch vom geschlachtetem Viehe essen / dann sie möchten vielleicht ihre eigene Eltern / Schwestern / Brüder oder Kinder verschlingen. Er hat auch öffentlich fürgegeben / er wäre der selbe Euphorbus, der im Trojanischen Kriege gewesen / dessen Seel in ihn gefahren / davon weitläufftig beym Ovidio, im letzten Buch der Veränderung. Bey seinen Zuhörern hat er ein solch Ansehen gehabt / daß alles / was er geredet / man alsbald geglaubt / als wanns GOtt selber gesprochen / und daran hat niemand zweiffeln müssen. Wann die Schüler gefraget worden / warum? haben sie nichts geantwortet / alsἀυτὸς ἔφα, Er / Pythagoras, hats selber gesaget.


Man muß erst ein Ding verstehen lernen / ehe man davon redet. Laster verwandeln die Menschen in wilde Thiere. Man muß seine Lehrmeister lieben: Aber nicht zu Engeln und Göttern machen.

88. König Xerxes
88. König Xerxes.

Der mächtigste unter allen Persischen Monarchen ist gewesen der grosse Potentat Xerxes / welcher in der Bibel genennet wird Ahasverus / dessen ersten Gemahl Vasthi / wegen ihres Hochmuths verworffen /und das Mäißlein Esther / (sonsten Arossa genannt) an ihre Statt dem Xerxi beygelegt / und Königin worden. Es hatte aber Xerxes zween höflich und Königliche Räthe / den Mardonium und Artabanum. Mardonius reitzete Xerxem an / einen Krieg wider die Griechen anzufahen / Artabanus aber widerrieth solches alles immer nach Vermögen. Doch Xerxes / sich verlassend auf seine schreckliche und unerhörte [326] Macht /macht sich fertig zum Kriege / versammlete sein Volck von streitbaren Männern / daß ihrer wurden sechszehenmal hundert tausend Mann / nach AussageHerodoti. Damit überzog und überschüttete er gantz Griechenland dermassen / daß das Kriegsheer gantze Flüsse austranck / leer und trucken machte. Xerxes ließ auch grosse ungeheure Berge aus dem Wege räumen / seinem Volck einen Durchgang zu machen. Und wie ihm der Wind und das Meer nicht fügen wolte / ließ er das Meer gleichsam zur Straffe mit Ruthen und Peitschen schlagen. Aber alle diese Persische Macht ward innerhalb zweyen Jahren / in vier unterschiedlichen Schlachten / gantz zu nicht und zu Schanden gemacht von den Griechen / also / daß Xerxes mit Spott auf einem kleinen Fischer-Kahn entfliehen / und sein Leben retten muste. Die vier Schlachten sind geschehen: 1. zu Lande bey Thermopylas, da auf der Griechen Seite gewesen der Oberste Leonides. 2. zu Wasser bey Artemisia, unter dem Griechischen Helden Temistocle. 3. Bey Salamine vom selbigenThemistocle, daß Xerxes im Schiff davon geflogen. 4. Bey Plateus, da Pausanias der Griechen Haupt gewesen / in welcher mächtigen Schlacht auch umkommen der Mardonius, Anfaher und Stiffter dieses Krieges. Xerxes nach Verlust einer so grossen Menge Volcks /ist wieder nach Persien gereiset / hat allda sein Leben in Wollust und aller Uppigkeit vollbracht / und ist endlich vom Artabano, der ihn von diesem Kriege abgemahnet / erschlagen worden.


Friedrathenden Räthen soll man folgen. Auf seine grosse Macht muß man sich nicht verlassen / und darauf wider GOtt pochen.

89. Des grossen Alexandri Leben und fürnehmste Thaten
[327] 89. Des grossen Alexandri Leben und fürnehmste Thaten.

Wir haben zwar an unterschiedenen Orten des grossen gewaltigen Monarchen Alexandri gedacht. Allhier will ich kürzlich berühren / was er sonderlich in seinem Leben verrichtet. Alexander der grosse ist gebohren vom Philippo Könige in Macedonien und Griechenland / und von der Königin Olimpiade, eben an dem Tage / da der wunderschöne und köstliche Tempel der Dianæ zu Epheso in Brand gesteckt / und zu Asche gemacht worden. In seiner Jugend hat man ihn dem Aristoteli zu unterweisen vertrauet / der ihn dann auch in allen Künsten unterrichtet. Wie er noch ein Knabe war / und man ihm sagte / sein Vater Philippus eroberte viel Städte / hat er zu seinen Spiegelgesellen gesagt: O Kinder / mein Vater nimmt alles /und lässet uns nichts übrig / das wir durch Mannheit erwerben könten. Nach seines Vaters Tode hat er selber das Regiment angenommen / und ist König über Griechenland worden im 20. Jahr seines Alters. Alsbald darauf hat er ihm fürgenommen / die Perser mit Krieges-Macht zu überziehen / ihnen ihre Monarchie zu zerstören / und dieselbe an sich zu bringen / welches dann auch geschehen. In Phrygiam kommend /hat er allda in der Stadt Gordo, den seltzamen und verwirreten Knoten aufgelöset / davon anderswo gedacht / beym Sprichwort: Nodus Gordius. Damahls herrschete über die Perser und Meder Darius der letzte / mit welchem Alexander wolte zu thun haben / und ihm die Krone und das Reich nehmen. Darius zog dem Alexandro entgegen mit sechsmal [328] hundert tausend Mann / und allzuviel trauend auf seine Macht /schickete er Alexandro einen Sack voll Mon-Saat /mit Vermeldung / er solte die Körnlein zehlen / wo es ihm möglich / eben so viel Soldaten hätte er (Darius) bey sich. Alexander hat ein Körnlein aufgebissen /und wie ers geschmecket / gesagt: Hier ist zwar ein grosser Hauffe / aber wenig Krafft. Hat darauf demDario wieder zugeschicket ein Säcklein voll Pfeffer-Körner / sprechende: Siehe da eine geringe Menge /aber die Grösse und Krafft derselben ist viel besser /und so du sie schmeckest / wirst du befinden / daß ein Körnlein besser ist als deiner tausend. Also seynd die Soldaten / so ich mit mir führe. Bald darnach haben sie einander eine Schlacht gelieffert / darinnen Darius überwunden / und dessen Frau und Tochter zwar gefänglich vom Alexandro weggeführet / aber bey ihm sehr ehrlich / züchtig / und wol gehalten worden. Ferner hat er die Stadt Tyrum belägert / und darzu Hülffe begehret von den Juden zu Jerusalem / welche ihm selbige abgeschlagen und gewegert / daher Alexander erzürnet / nach Jerusalem gezogen / und die erobert. Wie er aber in die Stadt kommen / ist ihm der Hohepriester Taddæus mit der gantzen Clerisey oder Priesterschafft entgegen gegangen / dadurch Alexander bewogen / sie freundlich angenommen / und der Stadt verschonet.

Nun rückte er immerfort / und kam in Syriam an die Stadt Gaza / die er auch eingenommen / und allda eine überaus grosse Menge gefunden von Weyrauch /Myrrhen / und dergleichen kostbaren Räuchwerck /davon hat er einen grossen Hauffen an seinen alten Hofmeister Leonidem geschickt / ihm darbey geschrieben / er [329] solte hinfort nicht mehr so karg und genau seyn gegen die Götter. Die Ursache solches Schreibens war diese: Als Alexander in seiner Kindheit den Göttern opffern solte / hat er das Räuchwerck mit vollen Händen häuffig ins Feuer geworffen / darüber ihn Leonides gestraffet mit diesen Worten: Sohn / wann du nun kommen wirst in die Länder / da solch Räuchwerck wächset / alsdann sey liberal gegen die Götter / jetzt must du sparsam seyn: Dieses erinnerte sich Alexander. Unterdessen hat sich Darius wieder gestärcket / und dem Alexandro abermal eine Schlacht gelieffert / welche er gleichfalls verlohren /und auf der Wahlstatt blieben / indem er von einem Soldaten erstochen worden. Ist also Alexander Monarcha über Persien worden / und hat des Darii Cörper Königlich begraben lassen. Den Soldaten aber (welcher Bessus geheissen) hat er an zween gekrümmete Bäume binden / und in Stücken reissen lassen. Damals hat Alexander in der einigen Stadt Susa bekomen an gemüntztem Golde 140. Tonnen voll / an güldenen und silbernen Geschirren / an Purpur und Kleinodien / und andern köstlichen Dingen / einen unaussprechlichen Schatz. Allda hat er auch 30000. der schönsten jungen Knaben zu sich bringen lassen / und dieselben etlichen gelehrten Meistern anbefohlen /von welchen sie in Kriegs-Sachen unterwiesen worden. Nach der Zeit ist er von seiner vorigen Freundlichkeit abgewichen / und sehr tyrrannisch worden. Seinen allerbesten und vertraulichsten Rathgebern und Freunden / Parmenioni, Clyto, Philoti, hat er erstlich Nasen und Ohren abschneiden lassen / und sie hernach theils mit eigener Hand / theils durch andere erwürget. Nachdem auch König Pyrhus von ihm überwunden worden / ist er ferner biß in Indien gerücket / [330] da ihm mächtiger Widerstand geschehen / also daß er niemalen in grösserer Gefahr gewesen: Dannoch endlich / nach Verlust vieler tausend / wiederum in Persien angelanget / allda er in der Stadt Susa mit des Darii Töchter einer Hochzeit gehalten: Auf der Hochzeit seynd 9000. Persianer gewesen / derer jeglichen er einen güldenen Pocal verehret: Seinen Griechen aber über 60. Tonnen Gold / ihre Schulden damit zu bezahlen / geschencket. Letztlich in der Hinreise nach Babylon haben ihn die Wahrsager gewarnet / er solte nicht in die Stadt Babylon gehen / sonsten würde er sterben. Alexander aber hat solches nicht geachtet / ist gleichwol in die Stadt kommen / da sind ihm unterschiedliche Gespenste erschienen / die ihn also erschrecket / daß er gleichsam unsinnig worden / keinem Menschen mehr getrauet / und letztlich auf einer Gasterey sich mit einem starcken Wein dermassen überladen / daß er kurtz hernach Todes verfahren / im 32. Jahr seines Alters. Also ist der Uberwinder so vieler Völcker / Länder und Könige vom Wein / Zorn und Verzweiffelung / überwunden worden: Und dem die gantze Welt zu klein / ist endlich ein geringes Kästlein groß genug gewesen.

Des Menschen Hertz ist unersättlich / hätte es auch die gantze Welt / so ists doch nicht zufrieden. Vanitas vanitatum & omnia vanitas.

90. Der köstliche Tempel Dianæ in der Stadt Epheso
90. Der köstliche Tempel Dianæ in der Stadt Epheso.

Ephesus ist gewesen eine Stadt / gelegen in Asia / in der Gegend Ionia, sehr berühmt / daß auch von derselben im Neuen Testament / in der Apostel-Geschicht und denen Send-Brieffen des Apostels Pauli, gar offt Meldung geschicht.

[331] Ist erstlich aufgebauet von den Amazonen / von welchen anderswo. In dieser Stadt Epheso ist eine überaus herrliche / reiche / köstliche Kirche gewesen /der Göttin Dianæ geheiliget und zugeeignet / darüber in die 220. Jahr gantz Asia gearbeitet / aus Anordnung und Befehl 120. Könige / derer jeglicher eine Seule von reinem Marmorstein 60. grosser Schuhe hoch darein verehret / darunter 30. wunderkünstlich mit Bildern ausgeetzet und ausgegraben. Der Baumeister ist gewesen einer mit Namen Gersiphon, und ist dieser Tempel gestanden / auf einem sumpffigen Ort /auf daß er vom Erdbeben nicht könte gereget oder zerschüttert werden. Im selben Tempel ist gestanden das Bildniß der Göttin Dianæ, gantz nackend mit ihren Pfeilen und Bogen / aus sehr weissem Marmor /welches nicht allein von den Ephesern / sondern von gantz Asia ward angebetet / und mit vielen Geschencken verehret. Daher der Tempel über die massen reich / und eine grosse Menge Arbeitsleute / Priester und andere / ihren Verdienst und Auffenthalt davon hatten. Unter denenselben war auch ein Goldschmidt /mit Namen Demetrius (wie zu lesen in der Apostel-Geschicht am 19. Cap.) welcher / als Paulus und seine Gefehrten dahin kamen / das Wort GOttes zu predigen / und die von Händen gemachte Göttin abzuthun / ihnen sich hefftig widersetzte / fürchtend /daß dadurch aller Verdienst bey dem Tempel fallen und abgeschaffet würde. Aber diesen schönen reichen Tempel hat ein Epheser / Herostratus geheissen / angestecket / und auf den Grund verbrannt. Der ihm durch solche That gedacht einen ewigen Namen zu machen / weil er gar ein loser Kerl war / und Lob zu erwerben / sonst kein Mittel hatte: Damit aber dieser[332] Bube Herostratus diesen verhofften Preiß und Namen nicht erlangte / haben die Epheser beschlossen und ausruffen lassen / daß wer den Herostratum nennen würde / der solte des Todes schuldig seyn. Es ist aber der Tempel angesteckt und verbrannt worden / eben am selben Tage / an welchem Alexander der Grosse gebohren. Da zugleich die Priester in der Stadt Epheso gleichwie tolle Menschen herum gelauffen / und geschrien: Es wäre an dem Tage ein grosses Ubel gebohren für gantz Asia, welches dann auch am Alexander wahr worden. Plutarchus meldet / es seyn etliche gewesen / so geschrieben / der Tempel sey darum verbrannt / weil Diana (eine Göttin der gebährenden Frauen /) der Olympiadi in ihren Kindes-Nöthen beystund / und nicht zu Hause im Tempel war / ihm auch nicht konte in der Brunst zu Hülffe kommen.

Wer durch Schelmenstücke oder ungebührliche Mittel herfür zu kommen / und Lob zu erlangen gedencket / der wird betrogen.

91. Auf was Art und Weise die Alten ihre Schiffahrt angestellet
91. Auf was Art und Weise die Alten ihre Schiffahrt angestellet.

Viel Sachen und Künste / die wir heut zu Tage besitzen / seynd bey den Alten wol bekannt / und in Brauch gewesen / aber nicht so vollkommen als jetzund. Dann von Tage zu Tage wird den Sachen mehr nachgedacht / und ist nichts im Anfange so vollkommen / als es hernacher durch fleißige Ubung und Verbesserung wird. Ein Exempel haben wir an der Schiff-Fahrt: Warlich die Griechen / Römer und andere Nationen für tausend Jahren seynd so hoch nicht gestiegen / in der Schiff-Fahrt / als unsere Leute heut zu Tage. Erstlich haben sie fast keine Schiffe gebrauchet / als mit Rudern / und seynd allezeit nicht weit von dem [333] Gestade des Meeres gefahren / und niemahlen weit vom Lande auf die hohe See gegangen. Wann sie aber durch Ungewitter seynd hinauf getrieben / und das Land aus dem Gesicht verlohren / haben sie kein ander Mittel gehabt / als nach dem Gestirn zu sehen /und auf derer Lauff Achtung zu geben / als da seynd der Nordstern / der kleine und grosse Bär / Cynofura und Helice genannt / (dahero die Phrasis, ad Cynofuram dirigere) der Abendstern / Zwilling / der Mond /etc. Beym Horatio in den Gesängen seynd hievon gute Gezeugnisse zu finden: Sic te Diva potens Cypri, (ist der Abendstern) Sic fratres Helenæ lucida sydera, (sind die Zwillinge.) Ventorumque regat Pater. Und am andern Ort: Simulatra nubes condidit Lunam: Neque certa fulgent sydera nautis. Offtmal geschah es / daß der Himmel mit Wolcken überzogen / den Schiff-Leuten keine Sterne zeigete / da segelten sie in der Irre nach ihrem Gutdüncken nicht ohne Leibs-Gefahr: Wol ist zu mercken / was Plinius schreibet von den Inwohnern der Insul Taprobana und Sumatra, gerade unter der Mittel-Linie gelegen /gleich fern vom Norden oder Süden / daß weil dieselbe nimmer sehen können den Nordstern / darnach sie ihres Schiffes Lauff richten / so nehmen sie etlich Vögel mit sich ins Schiff / von welchen sie bißweilen einen fliegen lassen / dem folgen sie immer nach /weil der Vogel aus innerlicher Regierung der Natur immerdar nach dem Lande fleuget / so am nähesten lieget. Diese Art zu segeln ist so lange im Gebrauch geblieben / biß ungefehr für 300. Jahren der See-Compaß endlich bekannt worden / und dessen Gebrauch ans Licht gebracht / davon die Alten nichts gewust: mit dem See-Compaß ist es also beschaffen daß [334] die stählerne Nadel / so darinn mit dem Magnet-Stein bestrichen / allezeit sich nach dem Norden wendet /und wo derselbe ist / anzeiget / es sey bey Tag oder bey Nacht / bey klarem oder duncklem Wetter. Ja nicht allein den Norden / sondern alle 32. Winde oder Ecken der Erden. Durch diß Mittel kan ein Schiffer sich kühnlich auf die grosse See begeben / und in seiner Kabuse sitzend wissen / auf was Tüttel der See sein Schiff stehe oder segele. Zwar die Alten haben wol gewust / daß der Magnet das Eisen an sich ziehe /aber daß er sich nach dem Norden und Süden wende /das ist ihnen gantz unbekannt gewesen / und ist davon kein Wort bey einigen alten Scribenten zufinden / allhie mag man wol gebrauchen den Vers des Ovidii:


– – Non omnia grandior ætas
Nos quæ scimus habet, seris venit usus ab annis.

Heute siehet und lernet man / was man gestern nicht gewust hat.

92. Welches von den beyden besser und gesünder - mager oder feiste seyn
92. Welches von den beyden besser und gesünder / mager oder feiste seyn:

Wann man von den beyden eines erwehlen solte und könte / von Feiste und Magerheit / so wär es viel gesünder und besser mager seyn / als feist. Ich will hier nicht von solcher erdichteten Magerheit / davon anderswo / reden: Sondern die den Menschen natürlicher Weise anhanget. Daß nun magere Leute gesünder seyn / länger leben / und viel bequemer zu allen Geschäfften des Leibes und Gemüths / als die feisten /ist aus folgenden Reden zu wissen und zu ersehen: Erstlich wird von der übermäßigen Feiste und Uberfluß des Geblüts die natürliche Hitze unterdrücket /und gleichsam verleschet / wie eine Lampe von allzuhäuffigem Oel. Hernacher seynd auch / wegen Uberfluß der Feuchtigkeit [335] feiste Menschen viel mehr und schweren Kranckheiten unterworffen als magere. Und zwar / was ist ein feister Wanst anders / als eine Bürde und unnützer Ballast / womit die Seele beladen ist? Gleich wie die Vögel / welchen an die Füsse Steine gebunden seynd / nicht können in die Höhe fliegen / also kan das Gemüthe und die Vernunft nicht erhoben werden zur Betrachtung und Erfindung subtiler Sachen / wann sie vom dicken feisten Balck unterdrücket wird: Vom Platone schreibet Basilius, daß er sey sehr dick und feist gewesen / und habe gerne wollen von dieser Bürde entlediget werden / da habe er ihm erwehlet den Ort zu Athen / Academia genannt /von ungesunder Lufft / garstiger Gestalt und unbequemer Gelegenheit: nemlich / er wolte lieber unbequem leben als feist seyn. Crates von Thebis, da er einen Gesellen sahe / der von vielen Essen und Trincken feist worden / hat geruffen: O du elender Mensch /halt auf / dir selber ein Gefängniß zu bauen! Hat wollen anzeigen / das beste Theil des Menschen sey die Seele / die im Leibe als in einem Gefängniß stecke; Je grösser und feister der Leib sey / je mehr die Seele beschweret werde.

Ich kan nicht unterlassen / ein merckliches Exempel anhero zu setzen eines feisten Bauches. Athenæus schreibet vom Dionysio, des Clearchi Sohn / daß er durch tägliches Wolleben dermassen am Leibe und Festigkeit zugenommen / daß er kaum habe mehr können Athem holen / daher er sich augenblicklich befürchtet eines geschwinden Todes. Dieser Beschwerung und Gefahr fürzukommen / haben die Aertzte viel lange / dünne spitzige Nadeln machen lassen /mit denselben ihm den Bauch allenthalben fort und fort gestochen / wann er [336] in einen tieffen Schlaff gefallen: So lange nun die Nadeln in die Feuchtigkeit oder das Schmeer des Bauches gegangen / so lange fühleteDionysius nichts: Wann sie aber an und ins Fleisch kamen / erwachete er alsbald. Wann er faß / hatte er einen grossen Kasten fürm Leibe / mit welchem der gantze Leib bedecket war / ausgenommen das Haupt /welches allein herfür guckete. Ist endlich elendiglich gestorben.

Ein dicker schwerer Wanst ist eine grosse Bürde.

93. Vielfrässe
93. Vielfrässe.

Unter viel-fräßigen Leuten mag billich vor den ersten gehalten / und an die Spitze gesetzet werden der starcke Milo von Crotona, von welchem gemeldet wird /daß er in einem mal aufgefressen 20. Pfund Brodt /und 20. Pfund Fleisch. Einmal wie die Griechischen Spiele Olympia gehalten wurden / hat der Milo einen vieljährigen Stier oder Ochsen auf seine Achsel genommen / solchen ohne Athemholen getragen 125. Schritt / hernacher mit seiner Faust denselben zu todte geschlagen / und ihn gantz aufgefressen. Diesem war nicht ungleich einer von des Käysers Aureolani Hof-Leuten / der auf einmal aufgefressen ein gantzes grosses wildes Schwein / 100. haußbackene Brod / einen Hammel und ein Ferckel. Dabeneben sich mit einem Trichter in den Mund füllen lassen ohngefehr zwey Eymer Weins. Der Aristodamus fraß gewöhnlich allein so viel / als 9. starcke hungerige Bauern. Diese alle hat übertroffen / wo nicht im Essen / dannoch im Trincken / ein berühmter Zech-Bruder / von dem folgendes beym Plinio gelesen wird: In Egypten werden die Eyer nicht von Hünern ausgebrütet / [337] sondern man hat sonderlich darzu bereitete Ofen / darein leget man etliche tausend Eyer / und lässet sie durch mittelmäßige Wärme von sich selber auskommen. So ist nun gewesen ein tapfferer Säuffer / welcher ihm ein Rohr lassen in den Halß stecken / und immerdar ohne Aufhören so lange Wein gesoffen / biß ein Satz Eyer ausgebrütet / und Küchlein daraus kommen seyn.


Mancher hält seinen Bauch für einen GOtt. Solche Leute sind ärger als das Vieh / das mit wenigem zu frieden ist / und sich nicht überladet.

94. Jüdisches Historien-Register
94. Jüdisches Historien-Register.

Vom Anfang der Welt / biß zur Sünd-Fluth / oder für den Sünd-Fluth seynd gewesen 5. Patriarchen / Adam, Seth, Henoch, Mathusalem, Noah. Adam der erste Mensch (προτοπλαςης) ist gebohren nicht von Vater und Mutter / sondern von GOtt gemacht aus einem Erdenkloß. Seth, Adams Sohn / ist der Mann / davon alle Menschen auf Erden kommen seynd: Dann Adams andere Kinder und ihre Nachkommen / sind alle in der Sünd-Fluth ersaufft worden. Henoch ist zwar gebohren / aber nicht gestorben / sondern weil er ein gottsfürchtiger Mann / von GOtt lebendig hinweg genommen / da er so viel Jahr alt gewesen / als das Jahr Tage hat / nemlich 365. Mathusalem ist der älteste gewesen / so jemahls gelebt hat erreichet 969. Jahr. Noah ist mitten in der Sünd-Fluth erhalten in einem Kasten / hat 3. Söhne gehabt. Vom ältesten /Japhet, seynd wir in Europa herkommen. Vom mittelsten / Sem, haben ihren Ursprung die Kinder Israel /alle Juden / und Christus selber. Vom [338] jüngsten /Cham, seynd kommen die Africaner und Fürsten der ersten Monarchie.

Nach der Sünd-Fluth haben gelebet 3. Patriarchen /Abraham ein Vater aller Gläubigen / der erstlich von GOtt empfangen den Bund der Beschneidung / Isaac, Abrahams Sohn / und Jacob oder Israel / Isaacs Sohn / der 12. Kinder gehabt / von welchen hernach herkommen die 12. Geschlechte Israel. Unter den Söhnen Jacobs ist auch gewesen Joseph / so in Egypten verkaufft / und allda beym Könige Pharao in grosser Würde gehalten / und seinen Vater und Brüder in der Theurung mit Nothdurfft versorget.

Diesen dreyen Patriarchen seynd gefolget zween Führer oder Hertzogen / Moses und Josua. Moses hat die Kinder Israel durchs rothe Meer geführet nach dem gelobten Lande Canaan / aus der Hand des Tyrannen Pharao. In der Wüsten auf dem Berge Sinai hat ihm GOtt das Gesetz oder die zehen Gebot gegeben. Moses ist nicht kommen ins verheissene Land /sondern in den Wüsten gestorben. Josua hat das Volck recht hinein geführet in Canaan / durch den Jordan.

Hierauf seynd gefolget 14. Richter / die lange Israel regieret / unter denselben ist auch gewesen Gideon, welcher mit 300. Mann / bey 120000. Feinde geschlagen. Auch der Jephta, der seine eigene Tochter geopffert. Auch der Simson, der stärckeste unter allen Menschen.

Nach den 14. Richtern seynd kommen / 3. Könige /Saul, David, Salomon. Saul erstlich fromm / darnach gottloß / hat durch eine Teuffels-Beschwererin des todten Samuelis Leib aus dem Grabe herfür gebracht. David ist erstlich ein Schaaf-Hirte und Harffenschläger [339] gewesen / hernach ein Prophet GOttes und König worden: Dessen Sohn gewesen Absalon / der schönste unter allen Männer. Salomon, Davids Sohn / der allerweiseste und reicheste / so jemahls gelebt / hat GOtt dem HErr einen köstlichen Tempel gebauet auf den Berg Moriah / da Abraham vormals seinen Sohn Isaac hat opffern wollen. Nach Salomonis Tode haben sich die 12. Stämme Israel von einander getrennet und getheilet in zwey Hauffen / ein jeglicher Hauffe hat einen besondern König erwehlet. Also seynd zweyerley Könige zugleich gewesen / die Könige Juda / und die Könige Israel. Der Könige Juda seynd gewesen nach einander 20. der Könige Israel 29. welche das Volck viel Jahre regieret / zu welcher Zeiten die meisten Propheten gelebet / deren Bücher in der Bibel zu finden. Die Könige haben geherrschet biß auf den Monarchen Nebucadnezar, dem der Prophet Daniel einen Traum vom grossen Bild ausgedeutet. Hernach ist der Tempel zu Jerusalem verstöret / und die Jüden gefänglich nach Babel geführet / auch in dem Gefängniß geblieben 70. Jahr. Nach welcher Verlauff zwar unterschiedliche Könige und Hohepriester unter ihnen gelebet / biß ins Neue Testament / aber ihre Policey ist gar schlecht bestellt gewesen / welche auch / nachdem Christus gebohren / gantz zerstöret worden.

Höret die Nahmen und Geschicht der Alten und mercket sie.

95. Römisches Historien-Register
95. Römisches Historien-Register.

Nach Verstörung der Stadt Troja ist Æneas ein Trojanischer Fürst / flüchtig mit seinen Gefehrten ins LandLatium (jetzund Italia) kommen / [340] damal regierte der König Latinus, dessen Tochter Laviniam Æneas gefreyet / und nach Latino König worden. Diese zween haben hinterlassen einen Sohn / genannt Sylvius. Dem hernach 12. andere Könige Sylvii, in Latio gefolget seynd / unter welchen der letzte Amulius Sylvius, und dessen Bruder Numitor. Von des Numitoris TochterRhea Sylvia, seynd gebohren Romulus und Remus, der die Stadt Rom erbauet / und ist Romulus der erste König zu Rom gewesen / dessen Leben und Thaten wir für diesem erzehlet. Romulo seynd gefolget 6. andere Römische Könige / als nemlich: Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Martius, Tarquinius Priscus, Servius Tullius, Tarquinius der Hoffärtige. Von welchen in unterschiedlichen Satzungen schon vorhin geredet.

Diesen 7. Königen seynd gefolget erstlich die Bürgermeister / unter welchen der erste Lucius Brutus, der andere Valerius Publicola. Bald nach diesen ist erwehlet ein Dictator, welchem zwey Beile oder Aexte seynd zugegeben zum Schrecken / und darüber noch ein Magister Equitum. Darauf seynd vom Pöbel aufgeworffen und bestellet die Tribuni Plebis, welche dem Rath und Dictatoren entgegen gesetzet. Aus sich diese nicht wol haben vertragen können wegen der Gesetze und Ordnungen / hat man nach Athen gesandt / und von des Solonis und anderer Griechen Gesetzen etliche nach Rom geholet. Seynd also erwehlet die 10. Männer / und die Leges 12. Tabularum aufkommen /die doch nur zwey Jahr gewähret. Diese Regierung hat gewähret / biß vom Rath zu Rom zum einigen obersten Haupt erwehlet worden der Käyser Cajus Julius, dem Octavius Augustus gefolget / unter welchem Christus gebohren.

[341] Also hat ein Käyser nach dem andern regieret / biß auf 400. Jahr nach Christi Geburt / da das Römische Reicht getheilet / und etliche Käyser im Orient in Griechenland / etliche im Occident zu Rom und in Italia regieret. Unter diesen und den vorigen Käysern /seynd die Päbste herfür getreten / und des geistlichen Regiments / ja auch des weltlichen sich angemassen. Hernacher haben die Griechischen Käyser auch den Orient verlohren / und ist der Türcke Herrscher darüber worden.

Zuletzt hat man den Sitz des Römischen Käysers /aus Italien nach Teutschland gebracht Anno 800. und ist Italien den Päbsten geblieben; Teutschland aber dem Römischen Käyser biß auf den heutigen Tag.

Es finden sich allezeit neue Regenten und Veränderungen der Regimenter.

96. Die berühmtesten Berge in der Welt
96. Die berühmtesten Berge in der Welt.

Das Gebürge ist eben so wol im Anfange von GOtt erschaffen / als das ebene Feld / wie solches zu ersehen aus der Historie der Sünd-Fluth / in welcher vermeldet wird / daß das Wasser sey gestanden über die Spitzen der höhesten Berge 15. Ellen hoch. Nun seynd auf dem Erdkreise unterschiedliche Berge hin und wieder / derer etliche / und zwar die fürnehmsten hernach folgen.

Das Gebürge / welches man auf Teutsch nennet den Ronzeval / zu Latein Pyrene oder Pyrenæi montes, seynd unterschiedliche hohe Berge / nahe an einander gelegen zwischen Spanien und Franckreich / und scheiden diese zwey Königreiche von einander.

[342] Das Alp-Gebürge oder Schneeberg / weil eben die Spitzen allezeit mit Schnee bedecket seyn / Lateinisch hæc Alpis, oder hæ Alpes, lieget zwischen Italien /Schweitzerland und Franckreich / in die Länge bey 100000. Schritt / oder 25. Teutsche Meilen. Uber diese Alpes ist Hannibal mit seinem Kriegs-Heer gezogen / und müssen noch heute hinüber / die so aus Teutschland oder Franckreich nach Italien wollen.

Apenninus ist auch ein Gebürge / so sich mitten durch Italien erstrecket.

Atlas ist gelegen in Numidia, einer Landschafft Africæ, so hoch / daß die Wolcken schon mitten am Berge anfahen / und der Berg auch im heissen Sommer nimmer vom Schnee befreyet wird. Die Bewohner nennen ihn Columnam Cœli, zweiffels ohne hat daher ihren Ursprung die Fabel vom Mann Atlante, der den Himmel auf seinen Schultern trug.

Caucasus vom Aristotele gerühmt / ist gelegen in Indien nach dem Norden hin / und sondert Indien von Seythenland ab. Er strecket sich so weit in die Lufft hinauf / daß die Spitze den dritten Theil der Nacht /Morgens und Abends von der Sonnen beschienen wird.

Athos ist auch einer von den höhesten / in Macedonien gelegen / davon der Schatten so ferne gehet / daß er auch reicht biß in die Insul Lemnus über 86. Meilweges. Diesen Berg Athos hat König Xerxes durchstechen lassen / auf daß das Meer auf beyden Seiten zusammen flösse. Daher die Poeten ihn genennet den besegelten Berg. (Velificatus Athos.)

Es sind etliche Berge / welche nicht allein viel Meilen in die Lufft erhaben / sondern daneben auch allezeit brennen: Der fürnehmste unter solchen istÆtna, in [343] der Insul Sicilia, im Mittel-Meer / der immerdar Flammen auswirfft. Die Ursache dieses Feuers ist / dieweil der Berg inwendig voll Schwefels / Pech und feister / zum anzünden bequemer Materie / welche vom Winde durch enge Löcher und Gänge wird aufgeblasen / und in stets währender Glut erhalten.

Solcher Berge seynd drey auch in Yßland / derer Spitze allezeit mit Schnee bedecket / derer unterster Fuß von Flammen und Feuer glüet: Nemlich der Creutz-Berg / der Hecla und Helga, bey welchen Schwefel ausgegraben wird / und in dieser Oerter gebracht / offtmals wirfft dieser Schwefel-Berg grosse Steine und Stücke Schwefel von sich mit schrecklichem Knalle / daß auf viel Meilen kein Mensch hinzu gehen kan oder darff / und das Krachen über 80. Meilen gehöret wird.

GOtt hat allenthalben seine Wunder. Berge seynd von GOtt erschaffen.

97. Die obersten Helden - so sich im Trojanischen Kriege gebrauchen lassen
97. Die obersten Helden / so sich im Trojanischen Kriege gebrauchen lassen.

Des Trojanischen Krieges ist offtmals gedacht / da haben sich an beyden Seiten / so wohl der Phryger oder Trojaner / als der Griechen / treffliche Helden gebrauchen lassen / derer billich rühmlich soll gedacht werden:

Auf der Trojaner Seiten seynd gewesen / 1. Priamus, König zu Troja / dessen Hauß-Frau Hecuba /und die folgende Söhne.

2. Hector, der älteste und mannhaffteste unter allen Trojanern / gleich wie Achilles unter den Griechen /ist vom Achille ermordet worden.

[344] 3. Paris der ander / welcher die Helenam / KönigsMenelai Ehe-Gemahl / weggeführet / und sie zur Frauen genommen / ein Ursacher und Anfänger dieses Krieges.

4. Deiphobus. 5. Troilus, davon die Götter beschlossen / daß so lange er würde lebendig bleiben /Troja nicht solte überwunden werden. 6. Helenus. 7.Æneas, welcher nachmals die Stadt verrathen / von welchem Virgilius sein Buch Æneida geschrieben. 8.Mnestus. 9. Memnon. 10. Antenor, eben ein Verräther wie Æneas. 11. Polydamus. 12. Die Königin der Amazonen, Penthesilea.

Mit den Griechen habens gehalten diese folgende: 1. Agamemnon, ein Sohn Atrei, genannt Atrides der grösseste / ist gewesen das Haupt der gantzen Armade / seine Hauß-Frau Clitemnestra, hat in seinem Abwesen mit dem Ehebrecher Ægistho zugehalten / und wie Agamemnon wieder nach geendigtem Kriege zu Hause kommen / ist er von seiner Hauß-Frauen / und von dem Ægistho jämmerlich ermordet worden.

2. Menelaus, ein Bruder Agamemnonis, genanntAtrides der junge oder kleine / dessen Hauß-Frau die Helena / so von dem Paride weggeführet / ist vom Kriege lebendig wieder zu Hause angelanget / und hat seine Helenam wieder bekommen.

3. Achilles, der stärckeste unter allen Griechen /(daher alles / was starck ist / Achilleum genennet wird/) hat den Trojanern den meisten Schaden gethan: Ist doch endlich vom Paride schelmischer Weise im Kriege beym Altar in Troja erstochen worden / da er heimlich war hinkommen / in Meynung / des Paridis Schwester die Polyrenam zu freyen.

[345] 4. Patroclus, ein vertrauter Freund des Achillis, ist von dem Hectore erstochen.

5. Ulysses, König aus der Insul Ithaca, dessen Weib die keusche Penelope / wird gerühmet nicht allein wegen seiner Mannheit / sondern auch wegen der Beredsamkeit / Verschlagenheit und List. Nachdem er 10. Jahr in der Irre herum gewallet / ist er wieder zu Hause gelanget / wie anderswo bereits erzehlet.

6. Diomedes, nechst dem Achille der mannhafftigste / hat den Martem selbst / und die Venerem in die Hand verwundet.

7. Zween Ajaces, einer Telamonius, der ander Oileus.

8. Nestor, der alte Greiß / der keinen gleichen gehabt in Lieblichkeit der Reden / noch im starcken Trincken / wird genennet Triseclisenex, weil er dreyer Menschen Alter abgeleget: Ist auch wieder zu den Seinen kommen.

9. Palamedes 10. Neoptolemus.u. Teucer. Uber und beneben diesen Hertzogen / seynd bey den Griechen gewesen zween Aertzte: Podalirius und Machaon, (von welchem die Artzney-Kunst auch Machaonia genennet wird) wie dann auch zween Priester / der Chryses und Calchas.

Wer vor das Vaterland streitet / wird billich unter die Helden gezehlet.

98. Straffe der Vater-Mörder bey den alten Römern
98. Straffe der Vater-Mörder bey den alten Römern.

Wann jemand bey den alten Römern seine eigene Eltern umgebracht / der ward nicht auf gemeine Art gestraffet / sondern schrecklicher Weise [346] vom Leben zum Tode gebracht. Nemlich man nehete ihn lebendig in einen Sack / und gab ihm zur Gesellschaft gleich mit hinein einen Hauß-Hahn/ einen Affen / einen Hund /und eine Schlange / und warff ihn also ins Wasser. Der Hahn wird ihm beygeleget / weil der Hahn seinen eigenen Vater nicht bey sich leiden kan / sondern ihn stets beisset / ja offt wol gar tödtet. Also auch der Vater-Mörder. Der Affe / weil dieser zwar den Menschen scheinet äusserlich gleich und ähnlich zu seyn /inwendig aber ein grausames böses Thier ist. Also auch der Vater Mörder. Der Hund / weil dieser seines eigenen Geschlechts und Gattung nicht schonet / sondern beisset andere Hunde von sich / also auch der Vater-Mörder. Die Schlange / weil sie ein abgesagter Feind des Menschen ist / und selbigen tödtet / wann und wo sie kan / also auch der Vater-Mörder. Diese Thiere aber wurden zusammen hinein gesteckt in den Sack / damit wann sie bedränget wurden / und den Tod für Augen sahen / sie dem Vater-Mörder desto hefftiger zusetzen / und ihn angsteten. Der Sack ward darzu genommen / weil der Thäter nicht würdig / daß ihm die Sonne anscheinen solte. Endlich ward er ins Wasser geworffen / in Betrachtung / daß ein solcher Bube die Erde nicht betreten / und in ihrem Schooß /als unser aller Mutter / seine Ruhe und Schlaf-Stätte haben solte.


Grosse Sünde erfordert grosse Straffe.

99. Etliche berühmte Lust-Gärten
99. Etliche berühmte Lust-Gärten.

Es werden so wol in H. Schrifft / als bey Profan-Scribenten gerühmet unterschiedene Gärten. Als da seynd in der Bibel: Erstlich das Paradieß / oder der Garten Eden / darinnen die ersten Menschen [347] / Adam und dessen Weib Heva erschaffen und für dem Fall gewohnet / doch endlich nach ihrer Mißhandlung wieder hinaus getrieben. Im Paradieß seynd dreyerley Art Bäume gestanden / 1. allerley fruchtbare Bäume / zur Lust und Speise gegeben. 2. Der Baum des Lebens / durch dessen Krafft und Früchte der Mensch seine Gesundheit und vollkommene Jugend hätte erhalten können. Diesen Baum des Lebens haben drey Menschen gesehen (ohne Eva) I. Adam / II. Ezechiel / am 47. Cap. III. Johannes der Evangelist / Offenbahr. 22. Cap. 3. Der Baum der Wissenschafft Gutes und Böses / davon wider GOttes Willen Adam und Eva gessen. In diesem Garten ist der grösseste Schade geschehen / so jemals auf der Welt begangen.

2. Hernach wird auch gedacht in der H. Schrifft des Gartens in Gethsemane / in welchem Christus sein Leiden angefangen.

3. Josephs Garten / Matt 27. In diesen zween letzten Gärten ist das gröste Glück geschehen auf der Welt / dann darinnen das Werck unserer Erlösung sich angefangen und vollendet.

Belangend die Gärten von den Poeten und andern Heydnischen Authoren beschrieben / seynd unter denselben diese nicht die geringsten.

1. Der Hesperidum Garten in Africa / ist ehemals gelegen bey der Stadt Lyron. Es seynd aber drey Hesperides Schwestern gewesen mit Nahmen Ægla, Arerusa, Hesperitusa, welche in diesem ihrem Garten Bäume gehabt / so gantz güldene Aepffel getragen: Und dankt niemand dieselbe wegnehme / haben sie einen stetswachenden Drachen zum Wächter und Hüter [348] des Gartens gesetzet / doch dessen ungeachtet /ist Hercules an die Aepffel gerathen / und hat derer einen guten Hauffen abgepflücket / und mit sich weggetragen. Von diesen güldenen Aepffeln ist das Sprichwort kommen: Hesperidum mala largiri, wird verstanden von einer köstlichen Gabe.

2. Der Königin Semiramidis in der Lufft erhobene Gärten seynd gestanden auf Marmel-Seulen / und unter die grössesten Wunderwerck der Welt gerechnet worden.

3. Alcinoi, Königs der Phæacum, Gärten seynd beym Homero sehr berühmet wegen ihrer Grösse /Fruchtbarkeit / Menge der Bäume / mancherley Art der Früchte / und bequemer Gelegenheit des Orts.

4. Des Königs Cyri Gärten haben grosses Lob beym Xenophonte.

5. Des Tantali Garten wird auch bey den Poeten gedacht / wie dann auch des Adonidis Garten / die nur allein zur Lust gemacht / dahero das Sprichwort: Adonidis horti, ist gesagt von den lustigen / aber doch leichtfertigen und unnöthigen Dingen.

6. Bey den Römern seynd auch herrliche schöne Gärten gewesen / als Pompejani, Salustiani, Lucilliani, und andere mehr.

Alle diese Herrlichkeit / wo ist sie heut? Nicht einmal kan man die Stätte zeigen / da sie gestanden. Also ist alles vergänglich / und nichts währet ewig.

100. Beschreibung der Stadt Rostock
100. Beschreibung der Stadt Rostock.

Die Stadt Rostock hat ihren Nahmen von den Rosen /darum sie auch genennet wird / Urbs Rosarum, Rodante, Rhodopolis, (eine Rose heist Griechisch ῥόδοη,) ist zu erst gewesen ein kleines [349] Dörfflein /darinnen niemand als Fischer gewohnet. Hernacher aber ist diß Dorff zu einer Stadt gemacht für 487. Jahren: Nemlich im Jahr 1160. vom Könige Prisbislao, welcher der letzte unter den Wendischen und Mecklenburgischen Königen gewesen. Dann nach ihm seynd keine Könige / sondern Fürsten kommen / und ist Mecklenburg aus einem Königreich zum Fürstenthum gemacht. Es ist aber Rostock gelegen in Mecklenburg an der Warnau / daher die gebräuchlichePhrasis, Varniades Musæ, das ist / die Rostocker Academia. Der Warnau Ursprung aber ist im Dorff Hertzberg / 4. Meil von Parchim / und läufft erstlich auf Kribitz und Sternberg / hernach auf Butzow und Schwerin / daß man also von diesen Städten nach Rostock mit Boten fahren kan; Endlich fleußt die Warnau zu Warnemünde in den Belt / oder das Baltische Meer. Daher diese Phrasis: Musæ Balthicæ, Vicinæ ad Littora Balthes, das ist gleichfalls die Universität zu Rostock. Die Grösse der Stadt belangend / hat sie in ihrem Umkreiß 2200. Geometrische Schritt / jeden Schritt gerechnet auf dritthalb unserer Ellen / derer Schritt 4000. eine teutsche Meile thun. Die Breite vom Stein-Thor oder Mühlen-Thor biß an die Warnau hatt ohngefehr 330. solcher Schritte / die Länge vom Boamauischen / oder Kröplenischen Thor / biß an die S. Peters Thor / ist von 867. Schritt. Die Academia ist erstlich gestifftet und aufgerichtet für 211. Jahren /nemlich Anno 1419. auf Martini Tag / von Johanne und Alberto Fürsten zu Mecklenburg / und vom Pabst Martino Quinto bekräfftiget.

Die Häuser zu Rostock seynd zweyerley. Etliche geniessen der Academien Freyheit / das ist / seynd frey von [350] aller Unpflicht und Zulage / nemlichen die folgende sechse: 1. Das grosse Collegium Philosophicum mit seinen pertinentien / daran das schwartze Bret geschlagen: 2. Der Juristen Collegium aufm alten Marckte: 3. Der halbe Mond: 4. Die Arensborch. 5. Der rothe Löw: 6. Das Einhorn. Die andern alle / es wohnen Professores darinnen oder nicht / liegen zu Bürgerrecht / und sind aller Unpflicht unterworffen. Unter denenselben Bürgerlichen Häusern seynd nicht mehr als 250. Brau Hauser.

Die Einwohner der Stadt Rostock / das ist / unsere Vorfahren sind Papisten gewesen / biß auf das Jahr Christi 1526. in welchem erstmahls allhier Lutherisch geprediget hat / (acht Jahr hernach / als D. Luther erstlich aufgetreten) M. Joachimus Schlüter / aufm S. Peters Kirch-Hofe unter einer Linden. Darauf dann bald die gantze Stadt reformiret und Lutherisch worden.

Es hat aber Rostock einen grossen Krieg geführet Anno 1573. mit Hertzog Johann Albrecht / Fürsten zu Mecklenburg; Welcher Streit dessen Jahrs noch endlich beygeleget am Tage Matthäi. Daher Mathäus-Tag noch jährlich bey uns allhier gefeyret wird.

Es seynd zweyerley Regiment in Rostock. Ein anders hat die Stadt / ein anders die Academia. Im Rath-Stande seynd 24. Personen / unter welchen 4. Bürgermeister / 2. Kammerherren / 2. Weddeherren / 2. Richtherren. Aus denen übrigen werden erwehlet Weinherren / Apotheckerherren / Zoll- und Mühlherren. Die 2. Kammerherren sind bey Empfahung des Geldes / versehen alle gemeine Gebäu / und was sonsten ausserhalb [351] der Stadt zu bestellen. Die Wedde-Herren haben Aufsicht auf das Tieffe zu Warnemünde / auf die Nacht-Wache / auf alle Aemter in der Stadt. Die 2. Richter urtheilen alle Schuld- Halß- und Gerichts-Sachen. Diese Raths-Aemter blieben nicht allezeit / sondern werden mehrentheils von Jahren zu Jahren verändert. Wann aus dem Rath 3. oder 4. Personen gestorben / so erwehlet man auf Matthäi-Tag wiederum neue an der verstorbenen Stelle. Auch werden der Stadt-Satzungen alle Jahre vom Rath-Hause abgelesen / eins auf Matthäi / und eines auf Simonis Juda Tag.

Die Academia bereffend / seynd auch darinnen 24. Glieder / eben so wol als im Rathe / aus welchen man alle Jahr einen neuen Rectorem erwehlet.

Es hat aber die Academia zweyerley Patronos, nemlich den Fürsten von Mecklenburg / und den Rath der Stadt / daher auch zweyerley Professores seyn /als Fürstliche und Räthliche.

Derer Fürstlichen seynd in den drey obersten Facultäten / (nemlich in Theolog. Jurisprudent. und Medicina) noch eines so viel als Räthliche; Philos. aber seynd gleich viel von beyden Theilen / ausgenommen den Fürstl. Historicum, der übrig ist. Die FürstlichenProfessoren verwalten den Rectoratum, auch mehrentheils den Decanatum des Sommers / die Räthlichen den Winter über. Wann etwas nothwendiges zu berathschlagen / so fordert der Magnificus Rector dasConcilium zusammen / darinnen sitzen 18. Personen /9. Fürstliche / und 9. Räthliche Professores, und kan kein Rector erwehlet werden / der nicht mit im Concilio sitzet. Decani werden auch die / so ausserhalb[352] dem Concilio. Ferner gleichwie die Stadt ihre Secretarios und Syndicos hat / also die Academia auch einen Secretarium und Syndicum, und einen Buchdrucker / auch zween Pedellen oder Depositoren.

Alle / die dem Rath unterworffen / nemlich die Bürger in der Stadt und ihr Gesinde / müssen ihr Bier und Korn veraccisen. Aber die membra Academiæ das ist / nicht allein die Professores, sondern allegraduirte Personen / Kirchen- und Schul-Diener seynd Accisen frey.

Es ist zu Rostock eine gesunde Lufft / dann nach dem Mittage ist die Stadt hoch / mit erhobenen Wällen und Mauren umgeben / daß also die schädliche Pestilentzialische Lufft und ungesunde Südwinde mehrentheils überhin wehen / und nicht tieff in die Stadt kommen. Nach Mitternacht aber / oder gegen Norden am Strande / ist die Stadt niedrig / daß also die gesunden Nord-Winde die Gassen durch und durch wehen.

Aus diesen Ursachen wird bey uns gar selten die Luft vergifftet.


FINIS II. CENTURIÆ.

Das dritte Hundert nützlicher und lustiger Historien

1. Von dem trefflichen Gedächtniß etlicher Leute
1. Von dem trefflichen Gedächtniß etlicher Leute.

Seneca, ein berühmter Philosophus und Redner, schreibet von seiner eigenen Memoria, daß er zwey tausend Wörter eben in der Ordnung / wie sie vorgebracht und ausgesprochen / habe behalten und hersagen können / daß ihm auch zum öfftern von einem jeglichen seiner Mitschüler / derer über 2000. gewesen / ein Vers fürgesagt / welche Verse er alle nicht allein behalten / sondern auch nach empfangener Ordnung vom letzten biß zum ersten wieder herzusagen gewust.

M. Anton. Muretus vermeldet / er habe zu Padua einen Studenten gekannt / aus der Insul Corsica bürtig / welcher nicht nur 2000. wie Seneca, sondern 36000. Wörter / ebener massen / wie sie ihm vorgesagt / ordentlich nachgesprochen / ohne einiges Nachsinnen / von vorn / von hinten / von mitten / wie man begehrt.

Bemeldter Seneca zeuget vom Cynea gleicher Gestalt / daß / nachdem derselbige vom Könige Pyrrho an die Römer Gesandsweise abgefertiget / er des an dern Tages nach seiner Ankunfft nicht allein den gantzen Rath / sondern alle / in gantzer Menge umstehende Bürgerschafft / [354] habe mit ihren eigenen Nahmen gegrüsset / da er doch niemahlen zuvor weder die Stadt /noch dero Einwohner mit Augen gesehen.

Von einem andern wird daselbst erzehlet / als einmal ein Poet ein stattliches langes neues Carmen verfertiget / und solches öffentlich hergelesen / daß der ander aufgestanden / und gesagt: Dieses Carmen wäre sein / und nicht des Poeten: Habe es auch alsbald (da ers nur einmal gehöret) fertig aus dem Kopffe hingesagt / welches der Poet / dessen Carmen es war / nicht hat thun können.

Charmides war mit so herrlichem Gedächtniß begabet / daß / was man auch von ihm für ein Buch begehrte aus den Bibliothecken / er solches fertig vom Anfang biß zum Ende auswendig hersagte.

Diese alle hat übertroffen meines Erachtens der erste Römische Käyser / Julius Dictator, (wofern es nur nicht erdichtet ist / was man von ihm schreibet) von welchem Plinius meldet / daß er vier Dinge zugleich und auf einmal verrichten können / 1. Brieffe schreiben. 2. Bücher lesen. 3. Andern zuhören / und ihr Vorbringen vernehmen. 4. Seinen Dienern etwas in die Feder dictiret. Er habe 7. unterschiedliche Brieffe an seine Schreiber zu einer Zeit / aus einem Munde von wichtigen Sachen / ordentlich und verständlich zu schreiben in die Feder dictiret.

Warlich das Gedächtniß ist eine hohe Gabe GOttes welches dem Menschen gegeben wird / zum Theil von der Natur / zum Theil durch Kunst und Ubung. Ich halte es dafür / ein jeglicher wisse nur so viel und nichts mehr /als er in seinem Gedächtniß hat.

2. Etliche Kunst-Stücklein der alten Werckmeister
2. Etliche Kunst-Stücklein der alten Werckmeister.

[355] Der sehr weise Heyde Plato in seinem GesprächeMemnone, und dessen Schüler Aristoteles in seinenPoliticis, schreiben Wunderdinge von des Dœdali, eines kunstreichen Werckmeisters Arbeit / daß derselbe unterschiedliche Bildnisse geschnitzet und verfertiget / welche nicht allein von sich selber hingegangen /und was man ihnen zu arbeiten und zu verrichten anbefohlen / alsbald gethan und vollführet; Sondern nach geschehener Arbeit / wann man sie nicht alsbald fest angebunden / seynd sie von sich selber davon gelauffen / und nicht wieder kommen.

Plutarchus zeuget von dem Callicratide und Myrmecide, daß sie haben aus freyer Faust Wagen gemacht mit vier Rädern / Deichseln / und allem Zugehör / nur so groß / daß eine gemeine Fliege den gantzen Wagen hat bedecken können mit ihren Flügeln /und ist auf des Wagen Deichsel geschrieben gewest ein gantzer Vers Homeri. Eben dieselben Meister haben auch können auf ein Senff-Körnlein vollkömmlich schreiben etliche Griechische Vers desselben Homeri. Beym Æliano finden wir auch / daß einer gewesen / welcher das gantze Buch Homeri, Ilias genannt /so klein hat abgeschrieben / daß mans hat in eine Nuß-Schaale beschliessen und verbergen können.

Der Philosophus Architas von Tarento bürtig / hat von Holtze eine Taube geschnitzet / welche sich selber ohne Zuthun einiger Hülffe in die Lufft erhaben /und eine lange Zeit herum geflogen / wie solches zu lesen beym A. Gellio.

Archimedes hat auch von Glaß eine runde Welt-Kugel gemacht, innerhalb welcher man hat augenscheinlich sehen können des Himmels und der Sternen [356] Gestalt und Bewegung. Es ist darein verschlossen gewesen / die Sonne / der Mond und andere Sternen /die allda ihren Lauff gehalten und vollendet / als des Tages / des Monats / des Jahrs / eben solcher massen / wie am Himmel geschicht: Der Mond hat seinen Schein gleicher Gestalt verändert / wie er zu thun pfleget. Solches alles hat man durch das Glaß sehen können / und ist nicht irgendwo getrieben durch Räder / wie in den Uhrwercken geschicht / sondern durch einen natürlichen subtilen Geist / der alles obbesagter massen beweget / wie hievon Claudianus in seinen Versen rühmet.

Hieraus sehen wir / was menschliche Vernunfft und kunstreiche Hände vermögen. Es erlanget auch ein trefflicher Meister durch seiner Hände Arbeit groß Lob / und offt einen unsterblichen Nahmen.

3. Ob man den Sand am Meer zehlen könne
3. Ob man den Sand am Meer zehlen könne?

Der jetzund gedachte und billich gerühmte Archimedes von Syracusa ist in ein Gespräch gerathen mit dem Könige Geleone, da unter andern fürgefallen / ob man auch eine Zahl erfinden könte / welche höher und grösser wäre, als aller Sand am Meer? Archimedes hat sich erboten / dem König eine Zahl zu nennen und darzuthun / die nicht allein allen Sand übertreffe /sondern auch grösser wäre als alle Sand-Körnlein /wann auch der gantze Erdboden / das Meer / die Lufft / ja der Himmel biß zum höchsten Firmament damit erfüllet seyn solte. Solches hat er aus festem und gutem Grunde bewiesen / daß niemand daran zweiffeln / vielweniger solches umstossen können. Erstlich hat er geforschet und gesetzet / wie viel Sandkörnchen bey einander geleget / der Breite eines Gersten-Korns / [357] (welches ist die kleineste Maaß) gleich seyn? Ferner weil 4. solcher Gersten-Körnlein einen Fingerbreit machen: 4. Finger eine Hand: 4. Hände einen Fuß: 5. Füsse einen Schritt: 4000. Schritte eine gerechte Meile; so hat er leichtlich aussagen können / wie viel Sand-Körnlein bey einander geleget / eine Meile machen würden. Nun weiß man gar genau / wie viel Meilen des gantzen Erdkreises / (Erd und Wasser zusammen) Dicke / Breite / Länge in sich hält. Hat der halben Archimedes auch können wissen / wie viel Sand-Körnlein die gantze Erd-Kugel machte. Hernacher weil auch mehrentheils bekannt / wie viel Meilen seyn zwischen dem Mittel-Punct der Erden / und äusserstem Firmament, (man nennets der Welt halber Diameter) und aus solchem bewusten Diametro / man alsbald wissen kan den Erdkreiß des gantzen Firmaments; Und dann endlich aus beyden / so wol dem Diametro / als dem Umkreiß / die Dicke oder Capacität der gantzen Welt leicht zu erforschen stehet. Es hat Archimedes künstlich erfinden und aussagen können die Zahl / welche übertreffe alle Sand-Körnlein /wann auch mit denselben die gantze weite breite Welt solte ausgefüllet seyn. Solche Zahl (wie beym Archimedes selbst zu lesen / in seinem Büchlein de numero arenæ) ist dieselbe / wann man eins vorn an, und hernach ein und fünfftzig Ziffern schreibet.


Durch Kunst kan man viel zuwege bringen / welches die Unwissenden vor unmöglich halten.

4. Ob das Ey ehe gewesen oder die Henne
4. Ob das Ey ehe gewesen oder die Henne?

Plutarchus in seinen Tisch-Reden giebt eine Frage auf / nemlich: Ob das Ey älter sey / und für der Hennen gewesen / oder ob die Henne älter und für dem Ey? Als wolt er sprechen: Ist ein Ey / das muß von einer [358] Hennen gelegt seyn / derhalben gehet die Henne vor: Hingegen eine Henne / die muß aus dem Ey gebrütet seyn / darum gehet das Ey vor. Diese Frage scheinet lächerlich und unnöthig zu seyn / wann man sie bloß hin ansiehet: Aber sie hat viel in sich / nemlich den schweren Streit von der Welt-Ewigkeit und Unendlichkeit. Aristoteles und die meisten Heyden seynd der Meynung gewesen / als wäre die Welt von Ewigkeit gewesen / ohne Anfang / würde auch kein Ende oder Untergang gewinnen. Solches lässet sich mit obgegebener Frage vom Ey und der Hennen scheinbarlich behaupten. Dann man setze was man will / entweder das Ey sey älter oder die Henne / so hat ein jegliches eines vorhergehen / daraus es entsprossen und gebohren ist / und solches immer fort und fort / unendlich ohne Aufhören / in alle Ewigkeit. Dann nach Aristotelis Philosophie kan nichts aus nichts gebohren werden / sondern muß alles seinen Ursprung aus einem andern wesendlichen Dinge haben. Gehet derhalben die Fortbringung des Eyes und der Hennen biß in alle Ewigkeit hinaus.

Wir aber seynd aus GOttes Wort / oder der Heil. Schrifft besser unterrichtet / daraus wir lernen / daß am Anfange / so wol die Henne / als andere Vögel /Thiere und Creaturen von GOtt aus nichts geschaffen seynd / übernatürlich / und mit nichten aus Eyern oder andern Saamen / daraus sie natürlicher Weise wie jetzund nach der Erschaffung / fortgebracht werden. Ist derhalben die Henne erste gewesen / die hernacher Eyer und Jungen ausgebrütet / nach GOttes Ordnung die Natur gepflantzet. So wissen wir auch / daß die Welt nicht von Ewigkeit her [359] gewesen / sondern in der Zeit von GOtt geschaffen: Werde auch nicht in Ewigkeit bleiben / sondern zu seiner Zeit / wanns GOtt gefällt / untergehen.

Der natürliche Mensch vernimmt nicht / was des Geistes GOttes ist. Durch den Glauben mercken wir / daß alles / was man siehet / aus nichts worden ist.

5. Vom Pyramo und Thisbe
5. Vom Pyramo und Thisbe.

Ovidius in seinem Verwandlungs-Buche erzehlet eine schöne / doch klägliche Historie / von zweyen liebhabenden Personen / nemlich einem Jüngling / Pyramus genennet- und einer Jungfrau Thisbe: Derer Eltern in der Stadt Babylon gewohnet / und Nachbarn gewesen. Die Liebe unter diesen beyden ist anfänglich entsprossen aus der nachbarlichen Gesellschafft / und hernachmals also gewachsen / daß es ihrer beyder Leben gekostet. Die Eltern hielten diese ihrer Kinder beyderseits streng und hart / daher sie selten konten zusammen kommen / noch eines dem andern sein Hertz offenbahren. Die Liebhabenden aber mercketen in der Scheidewand zwischen ihrer beyder Losament einen Ritz oder Löchlein / durch welches sie endlich mit einander Sprache hielten / und unter sich beschlossen / die nechstfolgende Nacht heimlich / unwissend ihrer Eltern / auszugehen / sich zusammen zu finden / und ausserhalb der Stadt / an den Ort / da des mächtigen Königs Nini Begräbniß war / unter einem Maulbeer-Baum zu besprechen. Verrichteten auch solchen ihren Anschlag mit Fleiß. Die Thisbe kömmet erstlich dahin / aber unterwegens wird sie ohngefehr einer grausamen Löwin gewahr / welche von ihrem Raub kam mit blutigem Maule. / Zweiffels ohne aus dem nechsten Brunnen zu trincken: So bald Thisbe die Löwin kommen [360] siehet / fleucht sie / und verbirget sich / lässet aber im Lauffen ihren weissen Schleyer fallen / und hinter sich liegen. Die Löwin fasset den Schleyer ins Maul / besudelt ihn wol mit Blut / verlasset ihn doch endlich / und gehet ihres Weges. Bald hierauf kommt auch der Pyramus an denselben Ort /und nachdem er bey hellem Mondschein (dann dieses bey nächtlicher Weile geschehen /) der Löwin Fußstapffen im Sande gespühret / erschrickt er über die Massen / gehet doch fort / da findet er seiner Liebsten Thisben Schleyer mit Blut bespritzet / vermeynet derhalben nicht anders / dann daß sie von den wilden Thieren gefressen: Fähet ein jämmerlich Geschrey und Klagen an / und nach vielen vergossenen Thränen zeucht er sein Schwerdt aus / setzt das Gefäß an die Erde / die Spitze an die Brust / und stürtzet sich selber darein; Fällt also darnieder. Wie das geschehen /und der Thisbe die Furcht nunmehr vergangen /kommt sie wieder herfür / verfüget sich nach bestimmten Maulbeerbaum: Aber leyder! da findet sie ihren lieben Pyramum in seinem eigenen Blut wältzen / und nun fast Tods verblichen. Was ihr allda für Hertzeleid entstanden / ist leichtlich zu ermessen: Sie muthmassete aber wol daß ihr blutige Schleyer / und ihre Flucht dieses Unglücks Ursache gewesen. Derohalben nachdem sie schmertzlich geweinet / ihr Unglück mit tausend Seufftzen und Thränen beklaget /und nunmehr denselben für sich todt sahe / den sie mehr liebete als ihr eigenes Leben / hat sie auch nicht länger zu leben begehret / sondern zeucht dem Pyramo das Schwerdt aus dem Leibe / verflucht den Maulbeerbaum / beweinet ihrer beyder elende Eltern / und wünschet / daß der Baum nimmermehr weisse [361] Früchte trage / (wie er denn pflegete zu thun,) sondern allezeit schwartze / zum Zeichen dieses Leydes und der Traurigkeit. Bittet auch ferner / und wünschet von ihren Eltern / daß nach ihrer beyder Ableben / die Cörper in ein Grab zusammen geleget / und ob wol nicht im Leben / dannoch im Tode vereiniget werden möchten. Darauf sie dann alsbald auch ins Schwerdt gefallen /und Todes verblichen. Die Götter haben ihre Bitte erhöret / dann der Maulbeer-Baum nach der Zeit immer schwartze Beeren getragen: Und haben die Eltern dieser beyder Liebhabenden Cörper nach Gewohnheit verbrannt / und die Asche in ein Fäßlein zu Hauffe geschüttet / und also beygesetzet.


Also gehets / und ein solch Ende gewinnet die thörichte / unbedachte und unziemliche Liebe / wann Kinder wider ihrer Eltern Wissen und Willen / wider Zucht und Erbarkeit heimlich sich zusammen thun. Darauf folget nichts gewissers / als Schande und Unehre / Unglück und endlich auch ein schmählicher Tod.

6. Vom Hahnen-Geschrey
6. Vom Hahnen-Geschrey.

Die Philosophi (welche im Pantagruel verächtlich genennet werden: Gerne-Klugen) wann sie der natürlichen Dinge Eigenschafften / und derer Ursachen erforschen / bemühen sich auch unter andern zu wissen / woher es komme / oder was die Ursache sey / daß die Hähne zu Nachtzeiten / insonderheit gegen die Morgenstunde schreyen / oder wie wirs nennen / krehen? Da finden sich nun unterschiedliche Discursen; einer bringet diese Ursache / ein anderer jene. Der Türcken Mahomet in seinem Alcoran giebt für / es stehe oben im Himmel ferne über Sonn und Mond und allen Sternen ein grosser himmlischer Hahn /welcher / so bald er anfähet seine Stimme zu erheben /und zu [362] krehen / alsbald hören es alle Hähne hierunten auf Erden / und fahen an / ihme nachzuschreyen: Und so offt / auch zu welcher Stunde der grosse Urhahn sich rege / die Flügel schlage / folgen ihm die irrdischen Hähne ebener massen alle nach. Was von diesen Träumen zu halten / findet ein jeglicher Verständiger bey sich selbst. Daß die Hähne zu Nacht-Zeiten / und gemeiniglich kurtz vor der Sonnen Aufgang mit ihrer Stimme sich hören lassen / geschicht zweiffels ohne daher / weil alsdann durch der Sonnen Bewegung und Lauff unter dem Erdkreiß eine Veränderung der Lufft bey uns verursachet wird. Dann die Lufft anders beschaffen ist Abends / wann die Sonne untergehet / anders zu Mitternacht / anders gegen dem Morgen / so wol Wärme und Kälte belangend / als Feuchte und Trockenheit: Solche Lufft-Veränderungen empfinden die Hähne / und fast alle Gevögel / besser und ehe / als wir Menschen. Dadurch dann deroselben Geblüt und Feuchtigkeit des Leibes also bewogen wird /daß sie verursachet werden / sich zu regen und zu bewegen.

Daß man aber vorgiebt / als solten die Hähne zu gewisser beständiger Stunde schreyen / und also die Nacht-Stunden offenbahren / darum dann auch die Soldaten etliche Hähne mit sich zu Felde führen / welche sie an statt eines Uhrwercks gebrauchen / und von ihnen erlernen was die Glocke sey / solches ist der Warheit nicht gemäß / und hat keinen Grund in der Natur / noch in der täglichen Erfahrung.

Siehe / wie groß ist die Weißheit GOttes / auch in so geringen Dingen / daß die Gelehrten die Köpffe darüber müssen zubrechen.

7. Gewohnheit
7. Gewohnheit.

[363] Was die Auferziehung und das Gewehnen von Jugend auf vermag und wie viel daran gelegen / hat Plutarchus sehr schön angezeiget und bewiesen in seinem Büchlein von der Kinderzucht / da er unter andern auch diese Geschicht erzehlet: Lycurgus, der berühmte Gesetz-Geber unter den Spartanern / hat einsmals zwey junge Hunde / von einerley Hunden in einer Zucht gebohren / auf unterschiedliche und besondere Art gewehnet / erzogen und aufgebracht: Den einen hat er gewehnet zum Jagen / Hetzen / und aller fleißigen Aufwartung: Den andern in der Faullentzerey lassen hingehen / und mit köstlicher Speise und Leckerbißlein immer gefüllet: Nun auf eine Zeit wie die Lacedæmonier gar häuffig versammlet waren: hat er zu ihnen gesprochen: Ihr lieben Bürger von Sparta / daß die Lehre / die Ubung und das Gewehnen einen grossen Vorschub und Beförderung zur Tugend thue /will ich euch alsbald beweisen: Hat darauf ins Mittel und herfürgebracht ein Faß mit Gebratens / und einen lebendigen Haasen / und seine beyde Hunde loß und ledig darbey gestellet: Da ist der eine schleunig nach dem Haasen gelauffen: Der ander aber hat sich an das Gebratens gemacht. Wie die Bürger noch nicht verstehen und begreiffen können / was Lycurgus damit meynete / ist er in seine Rede fortgefahren / sagende: Höret ihr Lacedæmonier / diese zween Hund sind von einerley Eltern gebohren / auf eine Zeit / und an einen Ort / aber auf unterschiedliche Art habe ich sie auferzogen / daher ist der eine ein Jagt-Hund worden / und der ander taugt nirgends zu / als nur seinen Bauch zu füllen. Ebener massen verhält es sich mit euren Kindern. Ziehet ihr dieselbe auf zur Tugend / [364] haltet ihr die zur fleißigen Arbeit / so werden redliche geschickte Leute daraus / die dem gemeinen Besten nütz und dienstlich seyn können. Lasset ihr sie aber aufwachsen in Lastern / in Wollust / in Müßiggang / so werden sie eben so viel nutzen, als ein fauler untüchtiger Hund.


Hieher gehöret des Horatii Spruch: Ein neuer erdener Topff behält gar lange den Geruch / den er einmal an sich gezogen.

8. Wie es die alten Römer mit der Braut oder neuen Hochzeiterin gehalten
8. Wie es die alten Römer mit der Braut oder neuen Hochzeiterin gehalten.

Bey den Römern war der Gebrauch / wann Braut und Bäutigam Hochzeit machten / so ward der Braut für allen Dingen fürgestellet und præsentiret (1.) Wasser und Feuer / das muste sie mit ihren Händen berühren. (2.) Es wurden ihr die Haar mit der Spitze einer Helleparte oder Spiesses unterschieden / und also eine Scheidel gemacht. (3.) Fünff angezündete oder brennende wächserne Fackeln wurden ihr fürgetragen. (4.) Um den Leib ward sie gebunden mit einem breiten Gürtel oder Riemen. (5.) Und gleich wie bey den Griechen auf der Hochzeit gesungen ward Hymen, Hymenæus, also sungen die Römer das Braut-Liedlein / Talasius, Talasius. (6.) Wann man nach geendetem Hochzeit-Mahl die Braut ihrem jenen Ehemann ward zu Hause geführet / gieng sie selber nicht gutwillig über die Schwelle des Hauses / sondern ward von den beywesenden Freunden aufgehoben / und also gleichsam mit Gewalt hinein getragen. (7.) Muste aber mit sich ins Haus bringen eine Spindel und einen Spinnrocken / und des Bräutigams Thüre mit Wolle krönen und zieren. (8.) Wenn dieses [365] geschehen / fieng sie an ihrem jungen Ehegatten zuzuruffen / und zu sagen: Da du bist Cajus, da bin ich Caja. (9.) Ehe aber und bevor sie mit ihme zu Bette gieng / ward ihr der Braut-Gürtel öffentlich abgelöset / (10.) und musten sie beyde (Braut und Bräutigam) einen Quittenapffel aufessen / welchen Gebrauch der Solon vormals im Griechenlande angeodnet. (11.) Bald hierauf warff der junge Ehemann welsche Nüsse Hauffenweise unter das anwesende junge Volck. (12.) Es wurden aber nimmer Hochzeit gehalten im Monat Majo. (13.) Wie dann auch keine Jungfrau zu heyrathen pflegte an öffentlichen Feyer-Tagen / sondern den Wittwen war solches vergönnet. Diese und andere mehr Ceremonien seynd hin und wieder vom Plutarcho aufgezeichnet / und bey andern Authoren mehr zu finden.

Was hiemit die alten Römer gemeynet und vorgebildet / wird aus folgenden Bericht kürtzlich zu vernehmen seyn.

(1.) Feuer und Wasser ward der Braut angeboten /daß sie bey ihrem Manne getreu halten solte / ihn in keinem Unglück / noch in Feuer / noch in Wassers-Noth verlassen / oder von ihm weichen. (2.) Das Haar ward ihr mit einer spitzen eisern Hellepart von einander geschieden / zum Zeichen / daß der kalte und eiserne Tod allein sie von einander trennen solte. (3.) Fünff Kertzen wurden ihr fürgetragen / weil diese unebene Zahl sich nicht lässet gleich theilen: Also solten die beyden Ehegatten auch bey einander in Einigkeit leben / und sich nicht verunreinigen: Oder aber darum / weil zur beständigen Ehe fünff Götter die hülffliche Hand leisten (nach ihrem Aberglauben) Jupiter, als der höchste Vater; Juno, eine Freymacherin: Venus, als Mutter der Liebe: [366] Suada, als Göttin der freundlichen Beredung: Lucina, als Beförderin der Geburt oder des Kinder-Zeugens. (4.) Der Gürtel bedeutet die Jungfrauschafft und Keuschheit. (5.) Das BrautliedTalasius hat seinen Ursprung daher; Als Romulus mit Erbauung der Stadt Rom fertig war / und es seinem Mannsvolcke an Weibern mangelte / hat er ein Schauspiel angestellet / und darzu geladen der benachbarten Sabiner Töchter und Weiber / mitten im Spiel ist aus Angeben des Romuli ein jeglicher Mann zugelauffen /hat eine von den Sabinischen Weibs-Personen ergriffen / und mit sich nach Hause geführet. Damals eben ist nicht darbey gewesen ein edler / mannhaffter Jüngling / hoch von männiglich gehalten / mit Namen Talasius, für diesen haben die andern auch eine Sabinerin geraubet / und wie sie ihme dieselbe zubringen wolten / sind sie unterwegs von andern / die ihnen die Jungfrau wieder entwenden wollen / angesprenget worden. Weil nun Talasius überall wol bekannt / und viel gute Gönner hatte / haben die Jungfrauen-Führer geschrien: Talasius, Talasius soll diese haben. Also seynd sie unangefochten zum Talasio kommen / und haben ihm die Jungfrau überantwortet. Dannenhero weil diese beyde Menschen / Talasius, und seine zugebrachte Braut / nicht allein schön von Leibe / sondern auch in glücklicher / friedsamer und fruchtbarer Ehe ihr Leben biß ins hohe Alter zugebracht: Als hat man hernach auf allen Hochzeiten gesungen den Namen Talasius, damit gewünschet / daß es den jungen Hochzeitern eben so glücklich als Talasio mit seiner Ehegattin ergehen möchte. (6.) Die Braut muste nicht selber über die Schwelle treten / sondern ward ins Haus getragen, damit anzuzeigen, daß sie[367] auch nicht solte von sich selber wieder hinaus lauffen / noch dasselbe ihrem eigen unbesonnenen Willen nach ohne Ursach verlassen. (7.) Spindel und Rocken seynd der Frauen bestes Geräth. Solches haben sie der Hochzeiterin hiemit fleißig anbefohlen / und sie vermahnet / durch täglichen Fleiß ihres Mannes Hauß mit Wollen und Leinen zu versorgen und zu krönen. (8.) Das Liedlein du Cajus, ich Caja, bedeutet nichts anders / als daß die Frau theilhafftig werde alles dessen / das der Mann besitzet. Ist der Mann Cajus oder Herr / so ist die Frau billich Caja oder Mitherrscherrin. (9.) Die Ablösung des Gürtels zeiget an / daß eine Braut ihre Ehre und Jungfrauschafft ihrem Bräutigam solle auftragen und überlieffern / der allein Macht hat / solches zu geniessen. (10.) Solon hat angeordnet / daß Braut und Bräutigam mit einander einen Quitten-Apffel aufessen / damit anzudeuten /daß die eheliche Zusammenkunfft und Vereinigung soll lieblich / freundlich / anmuthig und wohlschmeckend seyn. (11.) Daß der junge Ehemann, Welsche Nüsse ausgeworffen / bedeutet / daß er nunmehr die Kinderschuh ablegen / den Jungen ihre Spiele lassen und sich des männlichen Standes annehmen müste. (12.) Warum im Majo keine Heyrathen geschehen /gibt Plutarchus diese Ursache / daß man im selben Monat vor Zeiten die alten Menschen zu Rom hat von der Brücken ab in die Tybet gestürtzet / daher diese Zeit unglücklich / verworffen und zu aller Frölichkeit unbequem gehalten worden. (13.) Den Wittwen war es vergönnet / Jungfrauen aber nicht / auf Fest-Tagen Hochzeit zu machen / weil alsdann die Leute meistentheils der öffentlichen Feyer beywohneten / und dahero sich bey der Hochzeit wenig [368] könten finden lassen. Es müssen aber Jungfrauen Ehren-Tage mit vieler ehrlichen Personen Gegenwart gezieret werden. Wittwen aber sollen sich in ihrem Heyraths-Tage der Stille befleissen / da sie billich wegen ihrer verstorbenen Männer noch etwas Traurigkeit im Hertzen behalten.

1. Lands-Sitten / Lands-Ehre. Anders lebet man bey uns / anders zu Rom. 2. Braut und Bräutigams Anverwandten sollen Ursache und Anlaß geben / daß die jungen Eheleute beyderseits ihrer Pflicht erinnert werden.

9. Die Höhe der Berge - und wie hoch die Wolcken - von der Erden
9. Die Höhe der Berge / und wie hoch die Wolcken / von der Erden.

Von der Berge Höhe wird viel geschrieben und ausgegeben / und offtmahls mehr / als es sich in der Wahrheit und in der That verhält oder befindet. Solinus meldet vom Berg Olympo in Thessalia, daß auf dessen Spitze ein Altar stehe / dem Gott Jupiter geheiliget: Wann darauf das Opffer verbrennet ist / und zu Aschen worden / und man in der Aschen mit dem Stecken oder Finger etwas geschrieben / so solle solches ebener Gestalt übers Jahr wieder gefunden werden / und von keinem Regen / Winde oder andrem Ungewitter verändert seyn: Weil die Höhe dieses Berges sich weit über die Mittel-Lufft biß an den Himmel erstrecke. Daher die Poeten auch den Himmel selbstOlympum nennen. Eben dasselbe erzehlet Mela auch vom Berge Athos in Macedonien, dessen Fluß oder unterster Theil in sich begreiffet / 238. teutsche Meilen.

Der Berge einer in Teneriffa (ist eine von den Canarischen Insulen) ist / nach Aussage des Scaligeri in die 15. teutsche Meilen in die Lufft erhoben.

[369] In der Insul S. Helenæ ist ein Berg / der sich über 20. teutsche Meilen in die See sehen läßt.

Atlas der Berg in Barbarien wird so hoch gehalten /daß er biß an den Himmel reicht / daher die Fabel vom Atlante ihren Ursprung genommen. Soll ein Mann gewesen seyn / nach der Poeten Aussage / der mit seinen Schultern den Himmel habe getragen und aufgehalten.

Ist diesem nun so / wie vorgegeben wird / so müssen die obbenannten Berge sich erstrecken über die Lufft / darinnen Wolcken / Regen / Schnee / Donner und Wind ihren Ursprung und fürnehmsten Sitz haben.

Meines Erachtens aber ist dieses viel anders / und nicht allerding der Wahrheit gemäß. Erstlich die Wolcken / Regen / Donner etc. belangende / so haben dieGeometræ, Posidonius, Plinius, Nannus und viele andere aus unfehlbaren Gründen bewiesen und dargethan / daß keine Wolcken über dreyzehendehalb teutsche Meilen von der Erden in die Lufft erhoben stehet / und weder Regen / Schnee noch Wind höher herunter falle. Fürs andere die Berge betreffend / haben gleichfalls die Mathematici, Theon, Cleomedes, Strabo, Albazen, Plinius, befunden mit ihren Instrumenten / und sonsten / daß kein Berg höher in die Lufft erhoben sey / als zum allermeisten drittehalb teutsche Meile: Verstehe nach dem Perpendicul / oder geraden Linie von der Spitze bis zum Fuß des Berges hinunter gelassen. Fehlet derhalben noch sehr viel daran ehe die Berge mit ihren Spitzen reichen biß an die Wolcken / und seynd nur Poetische Gedichte / was von der Asche aufm Olympischen Altar fürgegeben wird.

Zwar ich gebe es wol nach / daß der Berg S. Helena [370] in Teneriffa, und andere können gesehen werden auf dem Meer über 25. 28. Meilweges: Derohalben aber haben sie die erdichtete Höhe nicht. Dann es wird nur die Spitze darvon gesehen und nichts mehr. /Kan doch wohl ein Thurn in der Stadt so kaum 200. Schuh hoch / über etliche Meilen ins Gesicht kommen. (Wie dann unsere Rostocker Thürne in Dännemarck / bey Nieköpping am klaren Wetter / ohngefehr 10. Meilweges gesehen werden:) Wie solte dann nicht ein Berg höher als 6000. Schuh (seyn dritthalb Meilen) auf dem Meer empfunden / und von ferne gesehen werden.

Menschen Vernunfft steiget über alle Berge / über die Wolcken biß in Himmel.

10. Die Tieffe des Meers
10. Die Tieffe des Meers.

Vom Abgrund des Meers ist nicht einerley Meynung.Priscianus gedencket / daß Käyser Julius habe hin und wieder verständige Meister ausgeschicket / die Tieffe des Meers zu erforschen: Welche von ihnen befunden sey / an etlichen Orten 15. Stadia / das ist etwas weniger als eine halbe teutsche Meile. Dieses bekräfftiget Plinius im andern Buche Oppianus, ein Griechischer Scribent / in der See-Kunst wol erfahren / kömmt etwas tieffer / und setzet 300. Orgias, das ist / drey und dreyßig halbe Stadia, oder ein wenig mehr als eine gantze teutsche Meile. Diese ist der alten Meynung gewesen von der Tieffe des Meers / welche warlich viel näher kommen seynd / als Scaliger, der gantz lächerlich schreibet / das Meer sey selten tieffer / als 80. Schritte / (175. Schritt geben ein Stadien.)

Heute zu Tage hat man etwas gewissers hievon erfahren / [371] durch Hülffe des Loths / das ist / eines langen Fadens / daran die Bleykugel fest gemacht / welche man hinunter auf den Grund der See fallen läst / wieder aufzeucht / und hernach die Länge des genetzten Fadens misset. Es befindet sich aber das Meer an allen Orten nicht gleich tieff / welches den Schiffern insonderheit zu wissen nöthig ist. Noch zur Zeit / so viel man mit dem Loth erforschen können / ist die gröste Tieffe befunden bey dritthalb oder ja 3. Teutsche Meilen.

Nichts destoweniger seynd auch Oerter in dem Meer / da kein Loth gründen kan / sondern ein unermeßlicher Abgrund gefunden wird / welches auch dem Solino und Plinio nicht unbewust gewesen. Solche Abgründe haben die Holländer gefunden im West-Meer nach der neuen Welt. Ein solcher ist auch im Mitternächtigen Nord-Meer / über Norwegen / daselbst ein wunderbahrer / unerforschlicher Schlund dessen gleichen nirgends in der Welt zu finden. Es erstrecket sich auf 13. Meilen in der Runde: In dessen Mittel ist ein Felß / von den Bewohnern Moußke geheissen. Dieser Schlund verschlinget und zeucht an sich alle sechs Stunden alles was vorhanden / Wasser / Wallfische / Lastschiffe / etc. mit solcher Gewaltsamkeit und Umdrehen / und Brausen / daß es unaussprechlich: Die andern sechs Stunden speyet er alles wieder aus / was er zuvor verschlungen hat / mit solcher Ungestümmigkeit / also daß keine Last / kein Schiff / kein Wallfisch so schwer / welches nicht wieder heraus muß / oder welches hätte können zu Grund gelangen. Diese wiederholete Fluth nennet Mela einen Athem der Welt: Solinus, die Naßlöcher der See: Andere den Nabel des Meers. Ich dörffte schier sagen[372] daß diß sey die Scylla und Charybdis der Alten: DerAcheruns des Suidæ und Orphei: Des Platonis und Arist. Tartarus: Der unergründliche Sod oder Sumpff des Democriti: Und möchte jemand muthmassen /daß diß wäre der Ursprung und Ursache der Ebbe und Fluth in der See.

Der Vernunfft seynd noch nicht alle Heimlichkeiten der Natur bekannt.

11. Kurze Antwort etlicher Griechen
11. Kurze Antwort etlicher Griechen.

Die Lacones oder Spartaner / Einwohner der StadtLacedæmon, seynd von Jugend auf durch Antrieb desLycurgi gehalten worden / nicht allein zur Tugend und allerley guten Ubungen / sondern auch zum kurtzreden / daß sie mit wenigen Worten haben ihre Meynung zu verstehen geben / und vielmehr den Kern /das ist / die Sache an ihr selber / als die Schale / das ist / die Wort in acht nehmen müssen. Dessen will ich etliche wenige Exempel anhero setzen. Dionysius der Tyrann / hat sich gegen die Spartaner erboten / sie zu vertheidigen gegen dem König Philippo aus Macedonien. Da schickten sie einen Gesandten zu ihm / worauf Dionysius, wie er ihn sahe / ungeduldig ward / zu schelten und zu ruffen anfieng: Haben die Lacedämonier nur einen an mich gesandt / deme der Gesandte nicht mehr geantwortet als: Einen zu dir einem. Darauf sich Dionysius zu den Spartanern verfügete. Unterdessen schrieb der König Philippus an die Spartaner / und erbot sich hoch gegen ihnen / er wolte zu ihnen kommen / und ihnen allen guten Willen erzeigen. Diese antworteten mit kurtzem: Dionysius zu Corintho. Philippus entrüstet und ungeduldig hat wiederum ein langes Schreiben an sie abgehen [373] lassen: Wo er zu ihnen kommen / und sein Kriegs-Heer über sie führen würde / wolte er alle ihre Städte und Gräntzen verstören und zunichte machen. Darauf sie nur schlecht geantwortet: Wo? Abermahl hat Philippus geschrieben: Ob sie ihn dann nicht wolten einnehmen? Haben sie ihm ein grosses Papier / darauf mit grossen Buchstaben das einige Wörtlein NEIN geschrieben / wieder zugeschickt. Letztlich hat Philippus noch eins versuchen wollen und sie fragen lassen: Ob sie sich lieber ihm ergeben / und unterthänig werden: Oder / ob sie lieber alle des Todes sterben wolten? Welches ihnen von diesen beyden gefiele? IstPhilippo von ihnen zur Antwort worden: KEINES.


Das Mittel ists beste: Nicht zu viel Wesens / nicht zu kurz verschnittene und karge Worte.

12. Sein eigen Unheil nicht verschweigen können
12. Sein eigen Unheil nicht verschweigen können.

Daß mancher / was er gedenckt / oder schon begangen hat / nicht verschweigen kan / sondern andern unbedachtsam offenbahret / bringet ihn offtmahls in Leib-und Lebens-Gefahr / da er / wann er hätte heimlich halten können / in gutem Wohlstande blieben wäre. Diese folgend Geschicht vom Plutarcho im Büchlein von der Plauderey aufgezeichnet werden solches bekräfftigen und wahr machen:

1. Die Stadt Rom war durch des Neronis Tyranney ins äusserste Elend gesetzet. So war es beschlossen /daß man diesen Unholden solte aus dem Wege räumen. Darzu auch einer bestellt / der die Hand anlegen / und ihm den Rest geben solte: Eine Nacht war nur dazwischen / daß es geschehen solte / da kömmt der[374] zum Todschlag bestellete des Tages zuvor auf den Marckt / siehet einen aus Befehl des Neronis gebunden zum Tode führen: Kan nicht schweigen: Bläset dem Gefangenen heimlich ins Ohr / er solte zusehen /daß dieser Tag nur fürüber paßirte: Morgen solls wohl anders mit ihm werden. Der Gebundene dachte sein Leben zu retten / offenbahret dem Neroni des andern heimliche Wort: Nero lässet denselben greiffen /fragt nach / und verschaffet / daß der Schwätzer gepeiniget ward / der bekannte endlich / was er wäre zu thun gesinnet gewesen. Darum er dann auch greulich gemartert / und elendiglich hingerichtet worden. Hätte dieser geschwiegen / er wäre wohl geblieben.

2. Käyser Augustus hatte einen guten Freund / Fulvium genannt: Dem klagte er sein Elend / daß er nemlich in seinem Alter ohne Erben abgehen müste / und nicht mehr übrig hatte als seinen Posthum, der doch der Stadt verwiesen war. Doch offenbahret er demFulvio, wäre er gesinnet und entschlossen / den Posthum wieder nach Rom zu fordern / und ihm das Regiment zu übergeben. Fulvius kommt nach Hauß: Offenbahret seiner Frauen des Käysers Meynung: Diese nicht faul / gehet bald hin zur Livia Augusti Weib /(welche ihren eigenen Sohn hatte / des Augusti Stieff-Sohn / dem sie gern das Regiment gönnete /) und erzehlet ihr / was sie gehöret: Livia fähet mit ihren Herrn dem Augusto an zu keiffen und zu schelten /und gebährdet sich gar übel. Des andern Morgens kommt Fulvius zum Augusto, spricht nach seiner Gewohnheit / GOtt grüsse dich Käyser! Augustus antwortet: Gute Weile / gehab dich wohl / Fulvi. Wie er solches gehöret / ist er schleunig nach Hause gangen /[375] hat sein Weib zu sich gefordert / und ihr gesagt: Dar Käyser weiß und hat erfahren / daß ich seine Heimlichkeit nicht habe verschwiegen: Darum bald ein Messer her / daß ich mich ersteche und sterbe. Das Weib antwortet: Billich und recht / mein Mann / hast du so viel Jahr mit mir gelebet / und noch nicht gelernet / dich für meiner ungehaltenen Zunge zu hüten? Laß mich aber ehe sterben dann du. Damit sie ein Schwerdt gezücket und sich erstochen / und der Mann bald ingleichen nach ihr. Also sind diese beyde Eheleute durch ihre eigene Wäscherey ums Leben kommen.

3. Zu Lacedæmon ward von zween Dieben derPalladis Tempel bestohlen: Wie nun die Bürger häuffig dahin gelauffen kamen / fand man eine ledige Flasche daselbst liegen. Bald hub sich ein Getümmel an /und wollte ein jeder gern wissen / was die leere Flasche bedeute: Da trat unter dem Hauffen einer herfür /und sagte: Ihr guten Brüder / wann ihr vernehmen wollet / was mir ohngefehr einfällt von dieser Flaschen / will ichs euch sagen: Mich deucht / daß die Kirchenräuber / ehe sie diese gefährliche That angegangen / haben Schirlings-Safft getruncken / und in dieser Flaschen Wein gehabt / zu dem Ende / daß /dafern sie betroffen würden auf frischer That / sie alsbald von dem Gifft stürben. Wo sie aber ledig und unangefochten davon kämen / sie alsdann den Wein austrincken / und ihnen also der Gifft keinen Schaden thäte: (Dann der Wein dem Schirling seine Krafft benimmt.) Diese Rede ist den Umstehenden verdächtig vorkommen: Haben derowegen dem Menschen schärffer zugesetzet / und ihn dermassen ausgefraget / daß er endlich selber bekennet / er wäre der Dieb / der das also begangen hätte.

[376] Das mag wohl heissen: Schweigen bringet niemand Schad; Reden manchen getödtet hat.

13. Riesen
13. Riesen.

Daß Riesen zu jederzeit gewesen / ist ausser allem Zweiffel. In der H. Schrifft wird ihrer gedacht und insonderheit der Kinder Enacks / welche alle gewaltige Riesen / das Land Canaan bewohnet / so ungeheuer und groß / daß die Israelitische Abgesandte für ihnen wie Heuschrecken anzusehen und zu halten gewesen /Num. 13. am Ende. Ein Riese war auch Goliath / 6. Ellen und einer Handbreit hoch / so mächtig starck und groß / daß sein Pantzer gewogen 5000. Seckel Ertz: Das Eisen seines Spiesses 600. Seckel: Der Schafft seines Spiesses war wie ein Weberbaum / 1.Sam. 17. Für der Sündfluth seynd noch die größten Riesen gewesen / unter welchen auch Noah einer / wie von ihm schreibet und bezeuget Berosus, und die erfahrnesten Talmudisten mit bekennen. Die Heidnischen Scribenten thun gleicher gestalt sehr offt Meldung von den Riesen / mischen aber doch viel Fabelwercks mit unter. Beym Homero seynd berühmet dieCyclopes, und derer Fürst Polyphemus, davon wir in der vorhergehenden Centuria gesagt. Natalis Comes, ein Ausleger der Poetischen Gedichte / schreibet / daß in Thessalia gefunden / und aus der Erden gegraben sey ein Knoche von eines Menschen Schenckel / so groß und schwer / daß / wann es auf einen Wagen geleget / dreyßig Paar starcker Ochsen solches kaum haben aus der Stelle schleppen können. Ein anderer gelehrter Mann / Baptista Pius, welcher über den Lucretium geschrieben / bezeuget / daß er mit seinen Augen habe [377] liegen sehen am Ufer des Meers zu Utica einen Menschen-Zahn / so groß / daß ihm unserer gemeiner Zähne kaum hundert gleich. Heut zu Tage ist ein grosses Land / sich etliche viel hundert Meilen erstreckend / in der neuen Welt / genannt Chili undChica, dessen Einwohner allzumahl schreckliche grosse Riesen seynd / gegen welche die Holländer / so dahin kommen / als Krähen oder kleine Hündlein geschienen. Diese / auf daß sie ihre Mannheit und Stärcke den Holländern erzeigten / haben ihre lange Spiesse mit eisernen scharffen spitzigen Widerzacken oben versehen und beschlagen / durch den Mund und den Halß / bis unten auf den Grund des Magens hinab gestossen / und bald hernach wieder ohne Schaden heraus gezogen. Da dann zu verwundern / daß die scharffe eisernen Spitzen nicht irgendwo im Halse stecken blieben.


Man findet offtmahls grosse ungeheure Leute / die doch gar kleinen und geringen Verstand haben? Im Gegentheil kleine Leute / die mit grosser fürtrefflicher Weißheit begabet.

14. Clæliæ einer Römischen Jungfrauen behertzte und Männliche That
14. Clæliæ einer Römischen Jungfrauen behertzte und Männliche That.

Wie der berühmte Kriegs-Fürst aus Etruria der Porsenna, die Stadt Rom belagert hielt / und man auf beyden Seiten etlicher Sachen halber tractirte / seynd dem Porsennæ von den Römern zu Geisseln gegeben und überantwortet worden 10. Knaben / und 10. Jungfrauen / welche in des Porsennæ Läger alle wohl und ehrlich gehalten worden. Den Jungfrauen ward frey gegeben / auf gewisse Zeit ans Wasser zu gehen und sich zu baden. Eines Tages spatzierten diese 10. Jungfrauen etwas ferne vom Läger an einen Fluß /und eine unter ihnen / Clælia geheissen / [378] überredet die andern / daß eine jegliche ihr Hembde ums Haupt wickelte / und sich bemühete den Fluß hinüber zu schwimmen / wieder nach Rom zu. Es war aber der Fluß trefflich breit / und hatte überaus tieffe Schlünde: Das Wasser schoß schnell wie ein Pfeil / und war wegen vieler Wirbel überaus gefährlich zu schiffen. Diß alles ungeachtet / habens gleichwol die Jungfrauen gewagt. Clælia ist voran geschwummen / also /daß sie endlich alle mit grosser Arbeit und Gefahr hinüber kommen / und wieder in Rom zu den Ihrigen gelanget. Die Römer / wie sie solches gesehen / haben sich zwar über die grosse Mannheit und Hertzhafftigkeit dieser Jungfrauen zum höchsten verwundert: Seynd aber mit der That selber nicht zufrieden gewesen / weil sie nicht gesinnet noch gewohnet / ihren Glauben zu brechen / und nicht zu halten. Wurden derohalben die Jungfrauen alsbald wieder aus der Stadt geführet / und dem Porsennæ zum zweytenmal ins Läger überantwortet. Porsenna erstarret über die Tugend und Keckheit dieser Weibsbilder / fraget / welche unter ihnen die Angeberin und Ursache gewesen wäre dieser Flucht? Clælia unerschrocken antwortet alsbald: Sie hätte es den andern gerathen / und wäre voran geschwummen. Da hat Porsenna ein schönes köstliches Pferd herbringen lassen / und solches derClæliæ verehret / anzuzeigen / daß ihr Hertz mehr Männlicher Tugend hätte / als Weibischer Art wäre. Solches hat auch die Römer bewogen / daß sie in der Stadt Rom ein ehrnes Bild in Lebens-Grösse der Clæliæ ähnlich auf einen ehrnen Pferde sitzend aufgerichtet / zum ewigwährendem Gedächtniß der geschehenen That.


[379] Das Weibliche Geschlecht ist eben so wohl als die Männer / mit Tugend / Weißheit und löblichen Thaten begabet und gezieret / und was solte jenen mehr mangeln als diesen.

15. Warum man zu dieser Zeit das Jahr vom Januario anfähet
15. Warum man zu dieser Zeit das Jahr vom Januario anfähet?

Wie vormahls Romulus die Stadt / nach seinem Namen Roma genennet / gebauet / und fast alles in Richtigkeit gebracht hatte / hat er auch die jährliche Zeit in Ordnung zu setzen vorgenommen: Derohalben das gantze Jahr ausgetheilet in zehen gewisse Monaten / unter welchen den ersten er Martium geheissen /dem Gott Marti zu Ehren / von welchem er meynete gebohren zu seyn / und den er für seinen Vatter hielte: Auch weil er eines Martialischen Geistes war / und dem Kriege inbrünstig zugethan. Darbeneben ist darum auch Martius zum ersten Monat des Jahrs gemacht und erkohren / weil in demselbigen die Sonne (des Jahrs einige Mutter und Ursache /) ihren Lauff durch den Himmlischen Thierkreiß aufs neue wieder anfähet / und in das erste Zeichen nemlich den Widder eintritt. Also hielt es Romulus für billich und recht /daß so wohl die Sonne als das Jahr einerley Antritt /oder auf eine Zeit ihren Anfang nehme. Nach demMartio folgen die andern Monaten ordentlich / Aprilis oder Venus Monat (Aphrodite ist die Venus) Majus, der Aelter-Monat (von den Majoribus.) Junius der Jünger-Monat (von den Junioribus.) Quintilis der fünffte vom Martio, welchen Käyser Julius erst umgetaufft / und ihm seinen eigenen Nahmen gegeben /und Julius geheissen. Sextilis, der sechste / vom Käyser Augusto geheissen Augustus. September der siebende. October der achte. November [380] der neundte /December der zehende. Diese seyn die Monaten alle gewesen / vom Romulo eingesetzet: Des Romuli Nachfolger / König Numa, hat noch zween andere hinzu gethan: Nemlich Januarium, vom zweyköpffigen alten Lateinischen König / Jano, genennet. UndFebruarium, vom alten Wörtlein Februare, reinigen /oder von Februis, das ist Seelmessen / welche in diesem Monat die Römer vor alter Zeit für ihre verstorbene Freunde jährlich zu begehen pflegten. Es hat aber dem Numæ gefallen / daß das Jahr seinen Anfang nehme vom Januario, dem der Februarius und diesem hernacher die andern Monaten in ihrer Ordnung folgen solten. Die Ursache / so ihn bewogen /diese Veränderung zu machen / ist zweiffels ohne diese gewesen: Weil um diese Zeit kurtz vor demJanuario die liebe Sonne / nach dem sie am allerweitesten von uns gegangen / sich wiederum zu uns kehret / und näher zu uns herauf zu steigen beginnet: Alsdann fahen die Tage an sich zu längern: Alsdann tritt der Safft wieder in die Bäume: Alsdann fähet die gantze Natur dieser Oerter eine heimliche Bewegung an. Wir Christen aber haben viel grössere Ursache das Jahr vom Januario anzuheben / angesehen zu die ser Zeit die Sonne der Gerechtigkeit / Christus JEsus /uns ist aufgegangen aus der Höhe / und hat Menschliche Natur durch seine freudenreiche Geburt an sich genommen / uns dadurch zu Kindern GOttes gemacht / deß wir ihm billich Danck sagen in Ewigkeit.


GOtt hat Lichter am Himmel gesetzet / daß sie theilen das Jahr.

16. Warum die Weiber mit weissen Schleyern
16. Warum die Weiber mit weissen Schleyern /die Männer aber gantz schwartz trauern.

[381] Den ersten Punct dieser Frage hat Plutarchus in seinen Römischen Fragstücken in etwas berühret. Er vermeynet aber / daß es fürnemlich darum geschehe /entweder weil der todte Leichnam mit weissen Leinwand bekleidet wird / (welche Arbeit gemeiniglich die Weiber verrichten /) daß darum die nechsten Verwandten sich befleißigen / eben dergleichen Zierrath an ihrem Leibe zu tragen: Darum aber wird der verstorbene Cörper in weisse reine Tücher gewickelt /weil man verhoffet / die Seele des Verstorbenen (welche man nicht bekleiden kan) sey nunmehr rein / weiß und frey von aller Arbeit und Befleckung: Oder entweder darum / weil bey Leichen die allereinfältigste /schlechteste und am wenigsten kostbare Farbe wohlstehet / und billich gebrauchet wird: Weisse Farbe ist die reineste / die einfältigste nicht durch Kunst / oder mancherley Materien zuwegen gebracht / sondern von Natur herrührend: Und die Todten seynd von gleicher Art / schlecht ohne Vermischung. Warum aber die Männer schwartz trauren / ist leichtlich zu ermessen: Nemlich / weil diese Farbe der Finsterniß ähnlich /oder der tunckeln Erden / darunter der Leichnam soll geleget werden: Oder weil schwartz Geblüt / und sonsten alles schwartz nicht allein die Traurigkeit stärcket / sondern dieselbe auch anzeiget / und deren ein merckliches Zeichen ist / auch davon herrühret.


Daß man seine Todten betraure und beweine / ist Menschlich / ist billich / ist Christlich. Mercke aber / daß auch hierinnen die Frauen / wie in andern unterschiedlichen Dingen / den Männern das Gegentheil halten.

17. Wunderliche Wirckung der Music an dem Dänischen König Erico
17. Wunderliche Wirckung der Music an dem Dänischen König Erico.

[382] Ich weiß mich zu erinnern / daß ich bey einem Geschichtschreiber der Nordländischen Historien gelesen habe / daß beym Könige Erico in Dännemarck vor etlichen Jahren am Hofe ein Lautenist oder Instrument-Schläger gewesen / welcher sich berühmet / daß er mit seiner Kunst die Zuhörer dergestalt bewegen könte / daß sie auch unsinnig oder rasend würden. Solches hat König Erich zu sehen / und zu erfahren begehret: Derhalben dem Lautenschläger befohlen / er solte solches darthun und beweisen. Dieser hats angenommen / und ins Werck zu richten versprochen: Damit aber alles ohne Schaden möchte abgehen / hat gedachter Musicant befohlen / alle Wehr und Waffen hinweg zu tragen / und in der Nähe Wächter und Trabanten bestellet / welche wann sie ein Getümmel hören würden / herein dringen / und allem Unheil fürkämen. Auch damit sie selber gleich mit den andern nicht rasend würden / solten sie ihm / dem Musico /die Laute schleunig aus der Hand reissen / und auf dem Kopff oder an der Wand zerschmettern. Was geschicht? Anfänglich hat dieser Meister eine Melodey ungewöhnlicher Ernsthafftigkeit auf seiner Lauten geschlagen / dadurch die Zuhörer alsbald zur Traurigkeit gebracht / und gleichsam verstarret. Bald darauf hat er ein so liebliches lustiges und anmuthiges Liedlein gemacht / daß die Gemüther gantz verändert / mit äusserlichen Geberden ihre Frölichkeit zu verstehen gegeben / und sich kaum vom Tantzen enthalten können: Aber zuletzt hat dieser Meister angefangen / auf eine sonderliche strenge und durchdringende Art also zu spielen / daß alle Gegenwärtige von Sinnen kommen / und unter einander sich zu schlagen und zu tumultuiren [383] angefangen. Zu diesem Geschrey sind die Wächter oder Trabanten ins Losament gebrochen /und haben den wütenden / und nunmehr tollen KönigEricum nicht so viel halten können / daß er nicht ihrer Rappier eines ergriffen / und vier von den Seinigen damit durchstochen / doch endlich (nachdem dem Lautenisten die Laute genommen und zerschlagen) ist er mit vielen Stuhlküssen zur Erden geschlagen / und also gefället: Als er zur vorigen Vernunfft wiederum gelanget / ist er / seine begangene Sünde und Todschlag zu versöhnen / nach Jerusalem gereiset mit seinem Gemahl / und seyn in der Insul Cypro alle beyde Todes verfahren.


Ich muß zwar bekennen / daß die Music ein grosses vermag ist der Menschen Hertz und Sinn. Aber daß dieser Effect durch die Kunst allein verrichtet / glaube ich nicht. Der Teuffel gebrauchet offtmals solche Mittel / die Menschen zu betrügen und in Unfall zu bringen.

18. Orpheus mit seiner Leyer
18. Orpheus mit seiner Leyer.

Orpheus ist aus Tracia bürtig gewesen / der vor seinem Vatter Apollo nicht allein die Leyer empfangen /sondern auch so künstlich darauf spielen gelernet /daß er mit seinem Gesange die Bäume bewegen: Die wilden unvernünfftigen grausamen Thiere an sich ziehen und zahm machen: Die rauschende und starckfliessende Wasserströme zum Stillstehen bewegen: Ja den Mond in seinem Lauff aufhalten / und vom Himmel herunter ziehen können. Seine Haußfrau ist gewesen Euridice, welche / wie sie Aristæus zur unzüchtigen Liebe bereden wollen / sie aber demselben entflohen / von einer gifftigen Schlangen gestochen worden / daß sie balde Todes verfahret. Diese seine Euridicen hat Orpheus so inbrünstig geliebet / daß er auch ihrenthalben sich unterstanden nach der Hölle des Plutonis Hauß zu spatzieren / da dann aller [384] verstorbenen Seelen Platz und Wohnstatt gewesen / der Meynung /seine liebe Euridicen wieder ans Licht / und in diese Welt zu bringen. Also hat er seine Leyer zur Hand genommen / ist damit hinab zu den Verstorbenen gestiegen / allda er dann dem Plutoni, und dessen Frau Proserpinæ, auch denen andern höllischen Geistern aufgespielet / und ein so kläglich und beweglich Liedlein hergemacht / daß er sie zur Erbarmung beweget: Dar auf dann die Proserpina ihm seine liebste Euridicen wieder gegeben / und mit sich nach Hause zu führen vergönnet / aber doch mit diesem Bedinge / daß sie ihm hinten nach im Rücken folgen / und er der Orpheus durchaus nicht zurücke sehen solte / ehe er ans Licht der Ober-Welt käme. Orpheus spatzieret voran / stimmet seine Leyer an / und stillet mit deren süssem Klange den höllischen Hund Cerberum, und andere /so ihm können zu wider fallen: Euridice folget ihm auf dem Fusse nach / er aber / aus grosser Liebe hertzlich begehrend seine Liebste anzuschauen / hat der Proserpinæ Befehl in Vergessenheit gestellet /und sich nach Euridicen umgesehen / die dann zur Stund wieder verschwunden / und zu dem Unterirrdischen gekehret. Orpheus mit unüberwindlichen Schmertzen und höchster Traurigkeit erfüllet / ist (mit seiner Leyer) durch alle Wäld- und Thäler gelauffen /hat sein Elend beklaget / und immerfort um seine liebste Euridice geruffen und geschrien / und nicht allein nach der Zeit kein Weibsbild mehr ansehen wollen /sondern auch alle Männer von der Frauen-Liebe abgemahnet. Dieses hat die Weiber / und insonderheit die Priesterinnen des Abgotts Bachi dermassen verdrossen / daß sie Orpheum gegriffen / todt geschlagen /seine Gebeine hin- und [385] wieder zerstreuet / und das Haupt / wie nicht weniger die Leyer in den Fluß Hebrum geworffen. Die Musæ aber (Göttinnen des Gesangs) haben die zerstreueten Gebeine ihres getreuen Dieners Orphei wieder zusammen gelesen / selbige samt dem Haupte begraben / und die Leyer zu seinem Lob und Gedächtniß an das Firmament des Himmels gesetzet: Allda noch heute zu Tage ein Gestirn leuchtet / welches Lyra Orphei genennet wird.

Durch diß Gedichte haben die Poeten wollen andeuten die Krafft und Nutz der Beredsamkeit / mit welcher /als mit einem süssen Klange Orpheus ein Weltweiser verständiger Mann die unvernünfftigen Menschen /welche vor Zeiten als die wilden Thiere gelebet / zur Tugend und Erbarkeit gebracht.

19. Des Apollinis viereckicht Altar in Delo wird verdoppelt
19. Des Apollinis viereckicht Altar in Delo wird verdoppelt.

Bey den Historicis hin und wieder wird gedacht / daß in Griechenland auf eine Zeit eine schreckliche Pestilentz sich erreget / dadurch viel tausend Menschen hinweg gestorben. Da haben die in der Insul Delo ihren Abgott dem Apollinem gefraget / (der allda ein viereckicht Altar / einem grossen Würffel gleich / gehabt / und geweissaget /) was sie thun solten damit sie des Unglücks entfreyet würden? Woran ihnen Apollo zur Antwort geben: Sie solten sein viereckicht Altar in Delo verdoppeln oder noch ein so groß machen / so würde die Pest aufhören. Hierauf haben die Delii eben einen solchen Altar / als des Apollinis war / verfertiget / von gleicher Grösse und Gestalt und denselben oben auf den andern gesetzet / in Meynung / sie hättens gar wol getroffen / und den Altar nun doppelt gemacht / oder aber / wie Plutarchus es dafür hält / [386] im Büchlein vom Abgott Socratis, haben die Delii jegliche Seite des Altars doppelt genommen / und so ein neues viereckichtes Werck daraus verfertiget. Nichts desto weniger hielt die Pest eben starck an / und war keine Enderung zu spüren. Der Apollo ist deßwegen abermal um Rath gefraget worden / welcher geantwortet: Sie hätten seinem Befehl noch kein Genügen gethan / dann auf diese erste Art hätten sie keinen viereckichten Altar / sondern ein länglicht Werck einem Pfeiler gleich gemacht / oder (auf die andere Art) hätten sie es nicht verdoppelt / sondern achtmal vergrössert / sie soltens nur messen / so würden sie befinden / daß der neue Altar achtmal grösser als der vorige wäre. Nun wusten diese Leute ihnen selber nicht zu rathen / massen sie der Geometrey gantz unerfahren / verfügten sich derowegen zum Platone, damals berühmten weisen Manne zu Athen / fragten den / wie des Abgotts Meynung zu verstehen sey? Plato antwortet: Es sey eben des Apollinis Meynung nicht /oder / Apollo frage so groß nicht nach dem doppelten Altar / als daß er den Deliis, und allen Griechen befehle / daß sie von dem stetigen Kriegen und Streiten abstehen / und an derer statt die Wissenschafft und guten Künste lernen / und sich deren befleißigen solten / dann es sey unmüglich / ein viereckiges Werck zu einen Cubum oder Würffel) doppelt zu machen /wo man nicht, der allersubtilesten Mathematischen Künste Wissenschafft und Erfahrenheit habe.


Was den Deliis gemangelt hat / das mangelt heut dem meisten Theil der Menschen / man begiebt sich auf unnöthige / ja schädliche Wege / und die herrlichen Künste der Weißheit und Erudition lässet man fahren: Daher kommen dann auch Plagen und Straffen über Land und Leute.

20. Der Erdkugel Umkreiß und Grösse
[387] 20. Der Erdkugel Umkreiß und Grösse.

Wann man die gantze runde Kugel / vom Erdreich und Meer oder Wasser zusammen gesetzet / darauf wir Menschen und alle Thiere ihren Aufenthalt haben / gegen das Firmament der Sternen hält / und vergleichet / so ist sie nicht grösser als ein Sandkörnlein. Dann eines von den allerkleinesten Sternlein des Himmels / welches zur Nacht kaum kan gesehen werden /ist vielmahl grösser / als der gantze Erdenkreiß / und scheinet doch so klein / wie viel kleiner würde die Erdkugel scheinen / wann einer am Firmament stehen und herunter schauen könte. Obwohl aber in Ansehen des Himmels / die Erde so gar nichts oder gering / so ist doch gegen uns Menschen zu rechnen / weit / breit und groß genug. Was erstlich anbetrifft die Länge vom Niedergang biß zum Aufgang der Sonnen / von einem Punct anzufahen / und rund um die Erdkugel zu gehen / biß wieder an denselben Punct: Oder (welches gleich) vom äussersten Mittage biß nach dem Norden und Mitternacht / gleichfalls um und um / so haben die Erfahrnesten und Weisesten unter den Geographis befunden / daß solcher Umlauff in einem Circul der Erden halte 5400. teutsche Meilen. Dann weil ein grosser Circul rund um die Erdkugel gezogen / von den Meistern der Stern-Kunst getheilet wird in 360. Theile oder Grad / als hat man aus ohnfehlbarer Erfahrung befunden / daß ein jeder Grad sich erstrecke in die 15. Meilen / derohalben thun 360. Grad 5400. Meilen. Ferner / wann eine teutsche Meile hält 4000. Schritt / kömmt der gantze Umkreiß der Erdkugel /21600000. Schritt / ein Schritt aber hält fünf Schuh /[388] wird der Umkreiß der Erden 208000000. Schuh lang /und so fort an.

Fürs ander / von der Tieffe der Erden zu reden / wie weit es sey von unsern Füssen / oder von dem Ort /darauf wir stehen / biß zum Mittel-Punct / das ist zur innerlichster Tieffe / am allerweitesten vom runden Umkreiß / ist solches auch leichtlich zu wissen / wann der Umkreiß bekannt. Aus unserm befundenen Umkreiß / 5400. Meilen / befindet sich die Tieffe der Erdkugel biß zum Mittelpunct 859. und ein eilfften Theil teutscher Meilweges. Es wird von vielen dafür gehalten / daß im gedachten finstern Mittel-Punct der Erden / die Hölle / das ist der Verdammten Seelen Herberge sey / die dann nicht nöthig haben / eine so grosse Reise zu Fuß oder Pferde zu thun / sondern fahren hinab in Augenblick / von dannen keiner ans Licht dieses Lebens wieder kommet. Es ist nur eine erdichtete und Griechische Lügen / was Plinius l. 2. c. ult. von Dionysiodoro schreibet / daß nach dessen Tode man in dem Grabe / darein ihn seine Verwandten bestattet / einen Brieff gefunden / welchen er Dionysiodorus aus der Höllen an die Lebendigen auf Erden geschrieben / und darinnen angezeiget / daß von dannen biß zu uns wären 24000. Sradia, das ist /2312. und eine halbe Meile: Hat also der gute Dionysiodorus gar zu einen weiten Umtritt gekommen /denn er viel näher zur Herberge hätte gelangen können.

Aus Menschen düncket alles Irrdische in unsern Augen groß und prächtig / da es doch gegen den Himmel / und das Ewige kaum zu Stäubichen ist: Nach diesem solten wir uns sehnen / und jenes fahren lassen.