Heinrich Laube
Das junge Europa
Roman in drei Büchern

Erster Band

1. Konstantin an Valerius
[1] 1. Konstantin an Valerius.
Den 20. März 1830.

Die Sehnsucht, wieder einmal mit Menschen umzugehen, läßt mich schreiben – mit Menschen, denn hier gibt es nur Oberpräsidenten, Unteroffiziere, Leutnants, Regierungsräte usw. So wenig Ihr – ich hoffe, Du wirst mein Sendschreiben unserem erlauchten Kreise mitteilen – nach diesem Eingange von meinem hiesigen Nichtleben erwarten möget, so fange ich doch damit an, und gehe erst später zu Angenehmerem.

Wenn zur Glückseligkeit weiter nichts erforderlich ist als gutes Essen und Trinken, Tabak, Whist, Pikett, Patentvisiten, Gesellschaften, reine Wäsche und ein gutes Bett, so bin ich jetzt überaus glücklich. Doch ist mir's, als fehlten mir noch einige Kleinigkeiten.

Man lebt hier ein thrakisches (böotisch ist durch uns nobilitiert) und selbst für mich, der ich doch kein Kostverächter bin, tragisches Leben. Ich lebe wie mit zugeschnürter Kehle und denke an die Poesie wie an eine verbotene Frucht. Neben der pupillarischen Substitution, der Intestat-Erbfolge und der querela inofficiosi testamenti geht mir der Bernhard von Weimar sporenklirrend im Kopf herum, nur seh' ich zuviel Schwierigkeiten, den Mann dramatisch zu besiegen. Gibt's im poetischen Vereine viel Neues? Ich habe sehr wenig gemacht und bin nur einmal aus diesem Sibirien nach Spanien gegangen.

Uhland scheint wieder zu erwachen; ich habe schon hin und wieder Kleinigkeiten von ihm gelesen – das wäre für mich von großer Wichtigkeit, denn er veredelt und erhebt mich immer sehr: mein demokratisches Treiben grinset mich zuweilen [1] ein wenig an, nur in ihm ist es ewig schön, ja ist es das Urschöne.

Dem Fähnrich Pistol, meinem liederlichen Hippolyt gib die Beilage, grüß den William und die böotischen Brüder und lebe wohl – hörst Du, lebe wohl! –

A propos, ich verweise Dich auf das Abenteuer, das Du am Schluß des beiliegenden Briefes findest; ich sehe Dein Stirnrunzeln und Deine drohende Unterlippe und höre des finsteren William grollende Worte: »Es ist und bleibt ein rohes Volk« – ich hoffe, Du sprichst als echter Tragöde jetzt nur in Jamben. »Auf Donnerstag, mein Graf? – Die Frist ist kurz!« Ade, Du dunkelfarbiger Romeo!

Konstantin an Hippolyt.
Ein Lied nüchtern zu singen.

1. Und es war ein Mann zu Bahri, der hieß Semajah, der blies die Posaune und sprach:

2. Was trotzest du also und freust dich deiner Schande?

3. Deine Zunge trachtet nach Schaden, und schneidet mit Lügen wie ein scharfes Schermesser.

4. Du redest lieber Böses denn Gutes, und falsch denn recht. Sela.

5. Du redest gern alles, was zum Verderben dient mit falscher Zunge. Sela.

6. Darum wird dich auch Gott ganz und gar zerstören und aus deiner Hütte reißen und aus dem Lande der Lebendigen dich ausrotten. Sela.

7. Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Hause Gottes usw.


Ich hoffe, mein Hippolyt, Du hast das sorgfältig gelesen, und bist jetzt in einem gesammelteren Zustande. Ach, Dein Brief duftete wieder so kräftig nach Sekt, daß ich auch ohne die Handschrift zu kennen, und ohne Unterschrift den [2] Autor sogleich würde erraten haben. Sage mir, lieber Junge, kommt es wohl noch vor, daß Du Dich in einer ganz nüchternen Stimmung befindest? O pfui! und Du hattest doch so schöne Vorbilder; ich sah Dich früher oft in Gesellschaft eines wohlbeleibten Mannes mit einem heiteren Blick und sittigen Betragen, hat der all seinen Einfluß auf Dich verloren? Ich will es nicht hoffen, mein Fähnrich! Der heitere Mann hat ein kleines Fläschlein zarten Ausbruchs vor sich stehen, er trinkt Dir ein mäßiges Gläschen zu, tu ihm Bescheid und befolg seine Lehren. In Deiner wilden Unbändigkeit rennst Du also jetzt nach einem Epos? Wunderlich, als stiege die epische Lust aus gleichem Stoff – ich suche eben auch. Ich sehe Dich des Vormittags bei verhangenen Fenstern wirtschaften, die Helden abschlachten, und Dein wildes Haupt stolz in den Nacken werfen. Ich hoffe wenigstens, daß Du aus Dankbarkeit deutsch schreibst; denn wahrlich, die geringe Zivilisation, welche Du besitzest, hast Du doch lediglich uns zu danken; nicht viel anders als der schwarze Falke vom Lorenzstrome kamst Du in unsere erlauchte Gesellschaft. Fähnrich, tu mir die Freundschaft an, schreib deutsch, es ist die schönste Sprache. Nur bei schwerem Sekt, Du kennst das edle Gewächs, das eben vor meinen Blicken goldglühend wächst – nur bei schwerem Sekt ließ sich Pistols und Sir Johns zungenschweres, lallendes Englisch verbrauchen. Schreib deutsch, Pistol! Es ist eine Universalsprache, selbst wenn Dir die duftigen Träume des Guadalquivir wiederkommen, wie sie Dich manchmal in sternenheller oder morgenfrüher Seligkeit des Julius an den Boden warfen, selbst wenn Deine spanische Jugend die weichen weißen Arme um Dich schlägt – hat die deutsche Sprache auch nicht Deine wollüstigen spanischen Liebestöne, so hat sie doch eine göttliche Zärtlichkeit, die mich selbst oft vor ihr erröten macht. Schreib deutsch, Hippolyt!

Ich habe noch neulich Tassos Jerusalem gelesen! Ja, [3] aus jener Zeit ist es schön usw., aus den dunkeln Lagunen, wo die romantische Verborgenheit und unergründliche Tiefe der Sehnsucht, wo das tiefblaue Dunkel des zurückgestrahlten Himmels die Sinne umstrickt, – aber ich würde es für keinen Gewinn halten, wenn wir heutzutage mit dergleichen beschenkt würden.

Ich bin sehr beschäftigt, und zwar mit den verschiedenartigsten Dingen. Es besucht mich fast niemand, und ich gehe nur wöchentlich zweimal zu einem Bekannten, mit dem ich Schach spiele, lese, und dessen Flügel ich benutze. Die Musik kommt mir seit langer Zeit vornehm, fremd vor, es ist mir, als ob sie mich über die Achseln ansähe – so war's doch früher nicht, und ich begreife durchaus nicht, was der Dame einfällt – ich glaube, sie liebt den Sekt nicht. Auch bringt sie mich stets ein wenig aus dem Gleise, es wird mir, als säß ich einer früheren Geliebten gegenüber, der ich untreu geworden, Jünglingserinnerungen klopfen mich unsanft wie Fächerschläge auf die Wangen – es ist wunderlich, aber ich kann das Klavierspiel nicht lassen, es ist eine schmerzliche Lust, mit alten Geliebten zu plaudern. Außerdem ist das Theater meine einzige Erholung. Ich bin wirklich, so sehr ich mir Mühe gebe, auch wenn ich ausgestreckt auf dem Sofa liege, nicht ganz ruhig. Ich schreibe dies und das, reiße mich aber mit Gewalt wieder los, denn ich will einige Zeit wieder etwas lernen. Ich weiß nicht, was das Volk in mir für eine Wirtschaft treibt, es gebärdet sich manchmal wie eine mit der Regierung unzufriedene Nation. Ich hoffe, das Studieren wird sie beschwichtigen. Ich gäbe viel darum, wenn ich jetzt unseres kleinen Kupido Chronik hier hätte. Wenn einmal jemand mit einem zu leichten Wagen hieher fährt, so pack' ihm doch das Ding auf. Was macht Kupido? Sitzt er noch in den Bergen bei seiner idyllischen Landschöne? Sein letzter Brief war wie die Sage eines wandernden Minstrels; der Junge lauft im Lande umher, schöne Mädchen zu suchen. Ich fürchte, er wird nächstens einmal der [4] Polizei in die Hände fallen und uns Schande machen, was man so Schande nennt.

Heute wäre so ein rechter Phantasietag, wenn wir beisammen wären; es regnet und stürmt, und dunkelglühende Grogschatten ziehen vorüber. Aber ich will dem Salamander abschwören, er stört mich jetzt, denn ich bin mitten in einer Liebesintrige. Höre, wie das kam!

Ich saß vorn im Sperrsitz des Theaters und sah der Gaukelei zu. Ein junges Soubrettchen machte mir Spaß, sie war so nett und fix und rund und drall: Du weißt, das lieb' ich. Bald darauf kam sie im Ballett wieder zum Vorschein. Hochgeschürzt entwickelte sie einen behenden, makellosen Wuchs, eine geregelte muntere Formenschönheit schoß aus Fuß- und Handspitzen blitzende Funken in mich. Mein Nachbar meinte, es sei ein unternehmendes Kind, und Dein Sir John verfügte sich alsbald hinter das Geheimnis der schützenden Kulissen. Glühend sprang sie eben aus der Szene herein in die dunkle Verborgenheit, als wollte sie heiß dem Korydon in die Arme fliegen. Der Korydon war da und stellte sich ihr sehr lebhaft vor, eine kurze Topographie seines inneren neuentdeckten Terrains entwerfend, die üppige Vegetation seiner Triften beschreibend. Das muntere Ding nahm es harmlos auf, und im raschen Flusse der Worte und Begebenheiten – denn die phantastische Welt des Balletts spielte im Köpfchen noch weiter – überließ sie sich nach geringem Sträuben der Woge meines Anerbietens, sie nach Hause zu geleiten. Ich schwor bei Pistols Sekt und Fallstaffs Schwert – sie hatte Heinrich IV. wahrscheinlich noch nicht gesehen – ich würde die Stadt anzünden, wenn sie nicht in diesem reizenden Kostüme bliebe, sie gewährte, warf den Mantel um und wir gingen.

Dabei, lieber Hippolyt, muß ich im Vorbeigehen dem Valerius recht geben, und ihm Dank sagen; er behauptete oft, wenn von dem Reiz der Schauspielerinnen die Rede war, daß man mit diesen Damen nur verkehren müßte, wenn sie noch in [5] selbigem Anzuge seien, der sie auf der Bühne geschmückt, mit dem Gewande schwinde die Illusion, und man bekäme ein Gedicht in schleppende Prosa übersetzt.

Wahrhaftig, die Welt der Täuschung ist ja das einzige, was am Leben erfreut, ein Narr, der einen Fetzen davon aufgibt. Das Gepränge der Täuschung macht die Schauspielerinnen gefährlich, – wer möchte in die Gefahr eingehen und den Glanz wegwerfen. Eine Bajadere in ein Kattunkleid gesteckt, das zwei Ellen lang, lieben wollen, heißt sich an einer Statue ergötzen, die gegen die Witterung in Leinwand gehüllt ist.

Kurz, ich führte meine Bajadere nach Hause und sprach geflügelte Worte mit ihr. Aber das Erzählen ist träg – ein andermal von Euern Taten, Sir John – Ade, mein Fähnrich!

2. Konstantin an Valerius
2. Konstantin an Valerius.

Ich lebe hier noch ebenso einförmig, wie ich Dir's geschildert habe: äußerst selten ein poetischer Augenblick – ein nüchternes Vegetieren. Es weiß der Himmel, woran das liegt. Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe, das zu ändern – Du wirst dies aus meinen philantropischen Bestrebungen im Briefe an Hippolyt erkennen. Ich suche tastend nach allen Spitzen meiner Gemütsnerven: es geht nicht; wenn ich neben Rosa sitzend einen an seinem Endpunkte erreicht habe, so schnellt er mir immer wieder davon. Es ist sehr ärgerlich. – Durch Goethe hab' ich sehr große Begier nach Italien bekommen, – ich will es indessen versuchen, hier seine Elegien nachzuleben. Aber ich glaube, es ist italische Sonne und italischer Himmel nötig, denn ich schaffe alle Ingredienzien seiner Poesie herbei, aber ich kann das Getränk nicht zustande bringen. Du glaubst nicht, Valerius, was ich mir für Mühe gebe, poetisch zu genießen. Es weiß der Kuckuck, warum es nicht gehen will.

[6] Da ich hier nichts vernünftiges Neues und Deutsches auftreiben kann, so hab' ich mich an ältere französische und englische Schriftsteller gemacht, wieLe Sage, Lorenz Sterne usw. Es ist merkwürdig, wie ihre Satire beinahe ganz noch auf unsere Zeit paßt.

Die Menschheit muß doch viel stehende Gebrechen haben.

Ihr schreibt so dürftig wie für einen Bettelmann. Gebt mir doch nicht so karge Tropfen, Ihr wißt ja, wie ich die vollen Gläser liebe. Vom Kupido gar nichts, und doch will und muß ich mit dem Kleinen in Verbindung bleiben.

Bessert Euch! – Ade.

Konstantin an Hippolyt.

Fähnrich, auf ein Wort! Ihr müßt bis tief in die Nacht bei der ehrsamen Witwe von Ephesus im Promenadengäßchen gesessen haben, daß Ihr nicht dazu gekommen seid, meine Epistel zu beantworten. Ich will nicht hoffen, Pistol, daß meine Intrige so wenig Interesse für Dich gehabt hat, ich sollte doch meinen, sie müßte Deinem abenteuerlichen Sinne zusagen. Wem soll ich sie denn erzählen, wenn Du nicht hören willst. Vor Valerius hab' ich in dieser Rücksicht eine unüberwindliche Scheu – wäre er prüde und fromm wie William, und sagte er mir wie dieser: Du bist ein unmoralischer Mensch, so würde ich lachen, und es würde mich nicht berühren: Du weißt, wie ich über objektive Moral denke. Aber ich sehe seine großen klaren Augen dabei zentnerschwer auf mich fallen und mit erdrückender Wehmut auf mir verweilen – das ertrag' ich nicht. Ich weiß, er gestattet eine rein subjektive Sittlichkeit, aber sein wenn auch wohlwollender Blick dringt so schonungslos in alle Ritze meines Wesens, daß ich immer zu fühlen glaube, es beginne ein murmelndes Bröckeln und Lösen meiner inneren Wände. Er richtete, als ich ihm einst ein ähnliches Abenteuer erzählte, nur drei [7] fragende Worte an mich: »Bist du froh?« und meine phantastische Welt war auseinandergejagt wie Kosakenschwärme durch einen Kanonenschuß. Ich mag es mir nicht gern gestehen, und doch ist es so: er ist mir unbequem bei derlei Dingen. Ich halte mich dabei lieber an Dich wilden Burschen und den leichtbesohlten Kupido.

Meine Schöne heißt Rosa und ist wirklich scharmant. Sie ist von der Größe, die nicht auffällt, wobei man nicht an die Größe denkt, aber in den schönsten Wellenlinien gewachsen. Die Taille schneidet sich so kühn ein, daß man daran zweifelt, und gedrängt wird, sie zu umfassen. Zu meinem großen Vergnügen ist sie frei von dem mir so verhaßten Wuchs der Weiber, welcher von der Hüfte an in einem plumpen, krummen Beine alle Leichtigkeit, Eleganz, Grazie des Ganges und der Erscheinung vernichtet. Solche Weiber sind wie die Chinesen nur zum Sitzen da, ihr Gang ist ein stetes Besiegen von Hindernissen, jeder Tritt muß erkämpft werden, – das ist mir entsetzlich lästig; während die wohlige Freiheit in Rosas Bewegungen mich hebt und entzückt. Man findet in Abbildungen aus alter Zeit niemals eine Annäherung an jenen Knieholzwuchs des weiblichen Unterkörpers; es scheint eine neuere schlechte Mode zu sein, die vielleicht von irgend einer übeln Angewohnheit oder Beschäftigung der Mütter herrührt. Dergleichen Dingen sollte die Medizin nachforschen, und die Polizei sollte ihr dann an die Hand, gehen – es ist eine der größten gesellschaftlichen Sünden, fehlerhaft häßlich zu sein (eine regelmäßige Häßlichkeit ist auszunehmen) – ich wäre überhaupt dafür, alles mangelhaft Geborene sogleich dem Chaos wiederzugeben, wie der Metallkünstler das Verunglückte wieder in die Masse wirft, und es zu ersäufen.

Ich hoffe, Du weißt, Fähnrich, was ein schönes Bein ist – es ist ein Hauptvorzug der Spanierinnen, und ich gebe außerordentlich viel darauf, es ist das Motiv der Erscheinung. [8] Rosa geht wie ein flüssiger Daktylenvers. Von der Hüfte an nämlich strebt in schönstem Schwunge die runde volle Form immer sanft nach außen, dem Schauenden sich entgegendrängend, man sieht in den sanften Linien das Weiche und Elastische ausgedrückt und ergötzt sich doch an der springenden Kühnheit des Grundzuges, welcher da, wo das Bein in die Nähe des Fußes kommt, durch den liebenswürdigsten kleinen Bogensprung die genialste Verbindung mit diesem bewerkstelligt. Zu oben gerügtem schlechten Wuchse des Unterkörpers gehört nämlich auch, daß das Bein perpendikulär auf einen horizontalen Fuß sich aufsetzt und beide zusammen das fatalste Dreieck bilden. Bein und Fuß sondern sich wie Staatsgewalten – das ist widerwärtig platt. Bei Rosa hüpft das Bein in gerundetem hohem Spann auf den Fuß, und dadurch erhält der ganze Körper jene schaukelnde über alles bestechende Grazie, welche der fliegende Poet vor dem schwerfälligen Philosophen voraus hat.

Nun hat Rosa nicht die unangenehme Manier sovieler leicht und rasch gewachsenen Mädchen, daß sie in ihrem Gange tänzelte und hüpfte, eine Manier, die so unschön ist wie das Zappeln mit den Fingern – nein, sie geht, aber schön und leicht wie ein anmutiger Gedanke. Wie wenige unserer eleganten Damen wissen zu gehen! Es muß eine Selbständigkeit, eine Unabhängigkeit im Gange sein, die ein wohltätiges Gefühl von sicherer Freiheit erweckt, der Gang muß das Zeichen des Sieges über die träge Erde sein – bei den meisten Weibern ist er das Zeichen desKampfes. Die Straffheit der Muskeln spielt mit dem schwerfälligen Boden, wenn die Dame schön geht, sie ringt mit ihm, wenn unschön. Daher ist es so greulich, wenn plump Gewachsene einen sogenannten Anlauf nehmen – es wird mir so unbehaglich dabei, als wenn ich schwere Gänse zum Fliegen ansetzen sehe. Es ist dann ein Rücken, Ziehen und Heben der Schultern und Hüften, ein Lenken und Renken mit den Armen – das [9] schönste Mädchen könnte durch solchen Gang meine Illusion zerstören. Rosas Leichtigkeit hält mein Wünschen in stetem Schweben, sie erzeugt eine ästhetische Behaglichkeit, wie ich sie über alles liebe. Auch ihr Kopf, Hals, Nacken, ihre Schultern – alles atmet in einer rasch gebogenen Wellenlinie soviel Leichtigkeit, daß mein Auge auf diesen geflügelten Formen mit einer Wonne herumhüpft, wie die heiterste Sehnsucht nach Lust in warmer Sommernacht auf den spielenden, lauen Lüftchen. Nichts an allen diesen Formen ist starrer Stillstand, wie plätschernde Wellen nickt und wiegt alles. Ein reiches, nußbraunes Haar trägt sie auf griechische Weise leicht hinter dem Scheitel zusammengenestelt; wie herausfordernde lose Schalke fliegen die kleinen zierlichen Löckchen vom Hinterkopf herunter, als wollten sie erinnern, man müßte die vorüberfliegende Schönheit der Nymphe fassen. Glatt liegt vorn das Haar an der weißen runden Stirn, und nichts von dem vielfachen Unrat des Kopfputzes unserer Modedamen stört das lachende Oval des ganzen Köpfchens. Zierlich schwingen sich die schmalen dunklen Augenbrauen über das weite lachende Auge hin, eine leicht gebogene Nase deutet auf fröhlichen Unternehmungsgeist, ein kleiner Mund mit schmalen Lippen auf verschwiegene Lust, das ganze zurückgeworfene Köpfchen, das sich auf einem länglichen schneeweißen Halse wiegt, auf Übermut. Die blendenden Schultern sind, harmonisch mit dem Bau der Hüfte, so überraschend schön nach dem Arme geschweift, daß der Blick in unbeschreiblicher Lust heruntergleitet zu dem vollen Händchen der rosenfingerigen Eos.

Dies ist Rosa. Ich hoffe, Clauren malt sie Dir nicht deutlicher.

Sie wohnt drei Treppen hoch, einfach aber niedlich. Eine alte Frau, die sie ihre Pflegemutter nennt, wohnt in einem kleinen Zimmer neben ihr – sie war nicht zu Hause, als wir aus dem Theater ankamen, und ist mir jetzt schon sehr im Wege; solche alte Weiber sind bei Liebeshändeln die fatalste Grammatik, das auswendig zu lernende Vokabelbuch, ohne [10] das man nicht zur ruhigen Lektüre des Poeten kommt, der in einer uns noch fremden Sprache geschrieben. Das ist ein Gucken und Schnüffeln und Fragen – der Mantel wird gestrichen, um aus der Qualität des Tuches Schlüsse auf die Qualität des Besitzers zu ziehen, nach der Uhr wird gelugt, ob sie von Gold oder Silber, das Taschentuch wird beäugelt, ob es von doppelter oder einfacher Seide ist – diese alten Weiber sind die Zollbeamten in den Liebesstaaten, und Zölle habe ich nie leiden mögen. Ich stehe mit dieser auch schon auf einem ärgerlichen Fuße.

Darin ist doch nur die Jugend liebenswürdig; sie kennt den Umfang ihrer Kräfte, also auch ihr Ende noch nicht, und fragt darum nie, wie weit oder kurz der Weg, es steht ihr noch alles offen, darum nimmt sie jeden Nahenden nur als einen kleinen Teil des Alls, und fragt und forscht nicht ängstlich nach ihm – sie rechnet nicht, weil sie ungekünstelt, und das Rechnen die größte Künstelei ist – sie schiebt die Summe der Teilnahme, welche man ihr schenkt, ungezählt in die Tasche, weil sie noch unzählige Summen erwartet. Ein alter Drache aber besieht jeden Pfennig, weil er berechnen kann, wieviel ihm noch abfallen werden. Das hat mich am meisten für Rosa gewonnen, daß sie sich um mein Aushängeschild gar nicht bekümmerte. Das ist die Poesie des Liebens, daß sie hundert Augen für den Liebenden und nicht einen Blick für den Bürger hat. Man redet sich's wenigstens vor, und weil man Täuschung sucht, findet man sie, es ist ja all dies Liebeswesen nur ein künstlich Gestell, ein ungeschickter Stoß und es kracht zusammen – die Leute, welche sich selbst und gegenseitig am geschicktesten zu täuschen verstehen, lieben am glücklichsten. Rosa konnte an Deinem wohlgebildeten und wie immer sehr elegant ausstaffierten Sir John leicht erkennen, daß er eine respektable Stelle in der bürgerlichen Gesellschaft einnehme – aber es freute mich doch, daß sie nicht fragte.

[11] Die kleine Bajadere bereitete auf das zierlichste Tee, und ich improvisierte ihr unterdes das Sujet eines phantastischen Balletts. Sie lachte und klatschte mitunter in die Hände dazu, machte rasch eine Pantomime meines Balletts, und setzte sich endlich behaglich zu mir aufs Sofa, sah mir lächelnd in die Augen, schlürfte Tee und versicherte mich, daß ich recht hübsch zu schwätzen wisse. Ich nahm ihre Hand und küßte sie, und behielt sie, und betrachtete mit Wonne den schönen weißen Arm, den sie im leichten Gewande bis dicht an die Schulter aufgeschürzt trug. Sie ließ mich einen Augenblick gewähren, dann zog sie die Hand zurück, ward still, sah mich sinnend an, lächelte endlich in sich hinein und nickte mit dem Köpfchen – ich fragte – –

Genug für heut; morgen mehr.

3. Konstantin an Hippolyt
3. Konstantin an Hippolyt.

Ich habe sehr schöne Gedanken und Reflexionen im Kopfe, aber ich weiß ja, was Du dazu sagst, wenn man sie zwischen Handeln und Tat spreut. »Handle, lebe,« pflegtest Du zu sagen – »von den sieben Weisen Griechenlands herunter haben die Leute philosophiert, systematisiert, schematisiert und doch nichts gelernt, sie haben alles in Formeln gebracht und darüber die schöne Zeit verloren, während welcher sie glücklich sein konnten. Lebe, sagtest Du mir beim Abschiede, und da Du ja auch ein Federheld bist, schreib mir's, wie und was Du lebst, aber ohne Beisatz, Beigeschmack und Brimborium; schick mir das nackte Leben, und ich werd' mir's schon selbst ankleiden.«

Nun denn! – Rosa gehört zu den wunderlichen Geschöpfen, welche die ersten Schritte der Bekanntschaft, wie Du gesehen, am auffallendsten erleichtern – das kommt von der Bühne. Die dramatischen Dichter machen sich das immer unglaublich leicht: die Personen sehen sich und merken alsobald [12] beide, daß sie viel miteinander zu tun haben müssen, sie bombardieren sich ohne weiteres mit Sentiments, und wenn man ihnen nach einer viertelstündigen Bekanntschaft im ersten Akte viel zu schaffen macht, so gehen sie ohne weiteres im zweiten Akte miteinander durch – Pässe brauchen sie nie, und Geld findet sich immer. Ich lasse mir das im höheren Schauspiele gefallen, wo die modernen bürgerlichen Verhältnisse in ihrer Kleinheit verschwinden vor der künstlerischen Höhe der Gedanken und Gefühle, aber im Lustspiele bleibt's doch immer sehr drollig. Darum bin ich noch immer der Meinung, nur ein Mann von Welt wisse ein feines modernes Lustspiel zu schreiben. Es müßte denn wie in Williams Lustspiele das bunte Zelt phantastischer Poesis zum Ort der Handlung aufgeschlagen werden.

Rosa fand unsere schnelle Bekanntschaft ganz in der Ordnung, alle die kleinen Nebenwege der gewöhnlichen Liebschaften sind ihr durch die Bühne abgeschlossen worden, sie fängt auf dem Punkte an, wo andere Mädchen nach mannigfachen telegraphischen Depeschen, verhüllten Andeutungen, Pfänderspielen, gegenseitigen Träumen, schüchternen Worten, geflügelten Sonetten, Notenaustausch usw. anlangen. Ich gestehe, das ist Mangel eines romantischen Reizes, das ist selbst mir zu modern, obwohl sehr bequem. Auf jenem Punkte bleibt sie nun aber stehen; das ist ein Mißverhältnis in den einzelnen Teilen, reizt mich zwar ein wenig, ist mir aber unbehaglich.

Man läuft gern lang nach einer goldenen Frucht, aber am Baume angekommen streckt man nicht gern die Hand tagelang aus.

Sie duldet meinen Kuß auf den Arm, auf die Schulter, aber wenn ich sie umfasse und auf den Mund küssen will, so hält sie mir den Mund zu und wehrt mich entschieden ab. Das würde mir bald langweilig werden, wäre sie nicht gar so hübsch.

Die alte Pflegemutter hatte zu Muhmen und Basen geschwatzt, ich wolle Rosa heiraten – meinen Namen hatte sie schon am andern Tage erfahren – das hat sich bald verbreitet, [13] und heute fragt mich meine Schwester danach. Das ist mir sehr fatal und verleidet mir die Sache. Das Ganze wird dadurch so platt bürgerlich. Was einem das dumme Volk das Leben erschwert! Das Märchen konnte so duftig einsam abgesungen werden, wie in einem dunkeln Kiosk im Morgenlande. Ich werde an Rosa schreiben und versuchen, der Sache einen andern Schwung, eine andere Wendung zu geben.

Ade!

4. Valerius an William
4. Valerius an William.

Breslau, am Himmelfahrtstage 1830.


Ich hätte früher an Dich geschrieben, Freund, wär' ich nicht gar zu sehr beschäftigt gewesen; ich würde Dir mehr schreiben, wäre ich's nicht noch. Womit aber? frägst Du barsch. Mit mir selbst. Später ein paar Worte darüber, jetzt zu der Besorgnis, die mich in diesem Augenblicke drängt. Ich habe eben von Konstantins Schwester einen Brief erhalten, worin sie mich beschwört, alles aufzubieten, um den Aufenthalt ihres Bruders zu entdecken, der seit mehreren Tagen verschwunden ist. Man hat seine Abwesenheit während der ersten Nacht und des nächsten Tages unbeachtet gelassen, da dergleichen – Du hast ja oft genug dagegen gescholten – zuweilen bei ihm vorkam, namentlich wenn er mit Hippolyt den Shakespeare paraphrasierte. Nach der zweiten Nacht hat man suchen lassen – umsonst. Man hat zu Rosa geschickt – dies ist eine junge schöne Dame, mit der er ein Liebesverhältnis entriert hat – sie hat schnippisch geantwortet, man solle verloren gegangene junge Suitiers nicht bei ihr suchen. Des Tags darauf hat das schnippische Dämchen auch gefehlt und das Repertoir in Unordnung gebracht. Ihre Pflegemutter, die, Gott weiß, ob unterrichtet oder nicht, zurückgeblieben, ist heulend und weinend zu Konstantins Schwester gekommen. Diese Frau Martha, denn so scheint sie mir [14] auszusehen, hat auf Berlin gedeutet – Du hast ja lebhafte Verbindungen dahin, tu doch rasch alles mögliche, um mir Klarheit für die arme Schwester zu verschaffen. Du begreifst, daß ich in meiner einsamen Wohnung, fern vom Getümmel des Stadtverkehrs, mürrisch mit den bleichen Worten der Theologen redend, und in tiefschattigen Schmerzen vergangener Herrlichkeit herumwandelnd weniger geeignet bin, einen Flüchtling zu entdecken. Doch möchte ich so gern die Schwester beruhigen. Es ist so hart vom schlimmen Konstantin, ein so weiches Herz mit rauhen Händen anzufassen. Er hat sie so oft verletzt durch seine abscheuliche Opposition gegen die Gesetze des Herkömmlichen, die seinem barocken Sinn nicht behagen. Dennoch liebt sie ihn mit einer Fürsorge, warm wie Maiensonne. O, das Herz des Weibes ist reicher denn alle Welt, welche hineingeht, denn es liebt mit dieser Welt noch eine andere – die besten von uns lieben kaum etwas von dieser.

Gehab Dich wohl und antworte!

Hippolyt tritt eben ein, hört stumm und lächelnd die Geschichte an, und läßt Konstantin ersuchen, wenn ihn Deine Kundschafter finden, ihm von Berlin ein Exemplar der Lusiade zu besorgen, weil er hier keins auffinde. Übrigens meinte er, sei es unnütz, den Konstantin zu beunruhigen – man solle die Schwester durch irgend eine Nachricht zufriedenstellen und jenen ungestört lassen, bis er sich selbst melde.

Tu aber nur, wie ich Dich gebeten!

William an Valerius.

Freund!


Ich habe der verdrießlichen Geschichte halber nach Berlin geschrieben, und denke Dir bald Bescheid geben zu können. Ich mische mich übrigens sehr ungern in derlei Skandal, und nur die alten Freundschaftsverhältnisse aus unserm poetischen Vereine bewogen mich, der Polizei ins Handwerk zu greifen.[15] Das sind die Folgen jener grauenhaften Lebensansichten, denen Du selbst nicht ganz fremd bist. Was ist Euer Bodensatz? Die empörendste Eigenliebe. Das Ich allein soll sich auf jede Weise wohl befinden, mag nun um Euch herum alles darüber zugrunde gehen. Es ist die unchristlichste Subjektivität, die nur ersonnen werden konnte, und dabei wollen sich einige von Euch noch in die Mitte der demokratischen Zeitbewegung stellen, wollen sie loben und führen. Heißt das nicht den Bock zum Gärtner setzen! Das Wesen dieser demokratischen Richtung ist Allgemeinheit, Zurückdrängen des individuellen Interesses, um das der Gesamtheit auf den Thron zu setzen. Gebärdet Ihr Euch nicht wie kleine Despoten, wenigstens Autokraten, die sich eben nur selbst Gesetz sind, die all ihren Launen den Zügel schießen lassen?

Und unsern Vereinigungspunkt, die Poesie anlangend, was hat uns da diese Richtung gebracht? Eine schamlose Enthüllung des eigenen Körpers, mit dem die Poeten feilen Dirnen gleich kokettieren. Sie haben keinen andern Mittelpunkt mehr, als das persönliche, meist materielle Vergnügen, und je nachdem das nun groß oder klein oder gar nicht da ist, wird das Gedicht frivol oder abgeschmackt oder gottlos. Sie haben sich selbst auf den Thron des Höchsten gesetzt, darum haben sie eine so arme Welt, eine so jämmerliche Regierung derselben, einen so sündhaften schwachen Gott. Mit wieviel Heineschen Gedichten könnte ich Dir das belegen, und wie klar liegt der Ursprung alles dessen vor Augen.

Unfähig sich durch großartige Zusammendrängung der neu entdeckten Gefühle und Gedankenkreise auszuzeichnen, etwas die allgemeine Aufmerksamkeit Überwältigendes zu liefern, aber doch gedrängt und gestachelt durch weibische Eitelkeit, enthüllten sie wie jener Mann in der Bibel die eigene Scham, brachten sie die ganze Rumpelkammer der früheren Poesie, die Hobelspäne der früheren Werke hervor, putzten sie mit modernen Kleidern auf, und gaben sie hin [16] für Gedichte. Die faule Welt, die soviel Soziales zu tun hatte, daß ihr keine Zeit blieb für die Räume des besten inneren Menschen, nahm die Wechselbälge wohlgefällig hin, weil sie in ihrer bunten Tracht nur eines flüchtigen Blicks bedurften, und kein sorgfältiges Beschauen, keine Zeit, keine Tätigkeit in Anspruch nahmen. Das einmal Gebilligte war Regel geworden, und nächstens erwarte ich das Unanständigste, weil die heutige Welt doch erst auf der Spitze des Berges umkehren wird. Es ist wie mit dem Verdauungsprozeß – das ist ein Bild aus Eurer Schule – der kranke Magen fördert die halbrohen Speisen weiter, der gesunde zerteilt, zerlegt sie bis in die kleinsten Atome; Eure Poeten packen die Situation, schleudern sie durch einige Verse, und das Gedicht ist fertig; der wahre Poet läutert sie bis in die geheimsten Motive, und das Geistige daraus gibt er wieder in Tönen. Der wahre Poet fühlt die Situation durch bis an die Spitzen der Wurzeln und sein Gefühl davon ist die Poesie – der Eure flattert mit seinen Blicken durch das Laub, und was er gesehen, ist sein Gedicht. Es ist eine traurige Oberfläche, und ich weiß nicht, wo das hinaus soll, wenn die Opposition nicht lebhafter wird.

Das Gedicht muß aus der Knospe des innersten Menschen brechen. Ihr pflückt es von den blinzenden Augenwimpern, dem zuckenden Munde. Was soll man zu diesen kleinen Darstellungen Heines sagen, die Du so verehrest, wo nichts beschrieben wird als ein Knabe, der im Kahne angelt und dazu pfeift, wo ein Mädchen im Lehnstuhl sitzt und schläft. Das ist ein Buhlen mit fremden Künsten, das gehört der Malerei und ins Gebiet der Fläche, die Poesie hat aber mehr Dimensionen, und die Höhe und Tiefe ist ihr Wesentliches.

Ich entferne mich immer mehr von Euch – ich weiß nicht, was Euch halten soll, wenn Eure physische Spannkraft Euch verläßt, Ihr besteht ja doch nur wie künstliche Maschinen; wenn Eure künstliche Tätigkeit aufhört, so fallt Ihr zusammen. [17] Ihr seid isoliert von der Verbindungsstange der höheren Elektrizität, Ihr seid ohne Bezug zur Gottheit – eine Krankheit, die Eure geringe geistige Kommunikation mit ihr aufhebt, weil sie Eure geistige Tätigkeit aufhebt, wirft Euch zu den Tieren. Meine Religion ist die unzertrennbare Einigung mit dem Höchsten, sie besteht wie die Atmosphäre, auch wenn ich selbst unfähig bin, die geistigen Anknüpfungspunkte festzuhalten. Was soll ich zu Deinem theologischen Treiben sagen, das unsere Urkunden und die Worte der alten Glaubenshelden nur mit dem zersetzenden kritischen Auge ansieht und fertig zu sein hofft, wenn alles in Wasser aufgelöst ist. Ich bedaure Euch und gäbe viel darum, wärt Ihr anders. Ade. –


Nachschrift.


Eben erhalte ich Briefe von Berlin. Konstantin ist dort angekommen, hat ein Logis von mehreren Gemächern gemietet, ist wieder abgereist und hat seine Rückkehr mit einer Dame angekündigt. Die Adresse findest Du beigelegt, erlasse mir die Erforschung des Details dieser skandalösen Geschichte. Leb wohl!

Valerius an William.

Daß Du nicht in der Nähe des Walter Scott gelebt, als er seine »Schwärmer« schrieb, bedaure ich lebhaft; Du hättest ihm ja das beste Bild eines hartnäckigen und hartmäuligen Presbyterianers gegeben. O, über Euch schlimmen Menschen! Weil Ihr nun einen Käfig zusammengesetzt, in dem Ihr Euch wohlbefindet, verlangt Ihr denn nun ungezogen tyrannisch, es solle alle Welt in diesen Käfig kriechen. Ihr habt Euerm innern und äußern Menschen ein Kleid zugeschnitten, und alle Welt soll nun hineinkriechen, es mag ihr zu eng oder zu weit sein. Erinnere Dich, Freund, daß ich Dich nie Deines Systems halber getadelt habe, wenn auch das System nicht das meine ist – ich bin ein Mann der [18] Freiheit, und sitze zur Seite ihres holden Töchterleins mit den lieben, klaren Augen, der Toleranz. Du sprichst aber despotische Worte, und klagst doch wunderlich genug uns Leute der leichteren Moral des Despotismus an.

Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Tendenz unserer Zeit, der wir huldigen, und verlangst Zurückdrängen des einzelnen, damit die Allgemeinheit gedeihe. Das hat seine vollkommene Richtigkeit, und es ist niemand so sehr dafür als ich – ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung einzelner. Aber Freund, Du siehst die Sache schielend an, und das Endziel aller Bestrebungen – die Freiheit – entgeht Dir. Die einzelnen sollen nicht bevorzugt, aber jeder einzelne soll frei werden. Damit dies nun aber auf eine der Allgemeinheit ersprießliche Weise geschehe, predigen wir als höchste Blüte der Bildung: Abstreifen jeder Art von Egoismus, Humanität. Das sind nicht Gegensätze, wie Du zeichnest, sondern Stufen.

Die Freiheit widerspricht aber jede Art von Formel, sie betreffe Moral oder sonst etwas – erreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl, so bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl, d.h. mit dem Wohle der einzelnen, die von außen her nur gezwungen lebten, und nur in trostloser Gleichgewichtstheorie den allgemeinen Fall vermieden. So werden die Menschen beklagenswerte Negationen, und die Haupttugend wird wie in manchem melancholischen Christentume die Unterlassung, die Demut. Es ist aber ein größeres Ziel unserer Richtung, die Menschen selbständig zu veredeln, und die Veredelten Selbstherrscher werden zu lassen. – Die Millionen Selbstherrscher sind das äußerste Ziel der Zivilisation. Dieses Ende verschließt Deine Autoritätstheorie für immer, Dein Schluß muß eine starre Monarchie sein, der meine ist die fröhlichste, ungebundenste Allherrschaft, wo jede Individualität gilt, weil jede in sich gesetzmäßig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr wandelnde Gesetz nicht [19] stört. Zu diesem Ziele ist das Zurückdrängen des Individuums Weg, – bei Dir aber leider Endpunkt. Darum tadle auch ich es, wenn Konstantin jetzt, wo die große Epoche, des Demokratismus erst beginnt, ihre Vollendung für sich antizipiert, und nur sein persönliches Wohlsein im Auge habend, Unheil anrichtet. Er betrügt seine Umgebungen, die noch auf einer tiefern Stufe der Entwicklung stehen und in anderer Münze Zahlung erwarten, als er gewähren will.

Unsere Ansichten verhalten sich zueinander wie zur Vereinigung zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien. Du willst die Menschheit zu einer willenlosen Masse, zu einem Punkte zusammendrängen, ich will sie aus dem engen Raume der Formel ausbreiten in das unendliche Gebiet des unermessenen inneren Menschen. Darum bist Du Monarchist, ich Republikaner und mehr denn dies.

Ich weiß, daß tausend solche Opfer, wie Konstantin eins vorbereitet, fallen müssen, eh' der Tag siegreich alles erhellt; in der unsichern Beleuchtung des dämmernden Morgens stolpern die meisten – aber ich weiß auch, daß dieser einleitende Nachteil Eurer großen Sklaverei vorzuziehen ist, welche den Menschen der Menschheit opfert. Mir ist der Staat des einzelnen wegen da, Dir der einzelne des Staates wegen. Darin ruht der große Unterschied. Ich opfere einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn, Du opferst alle für eine regelmäßige Maschine. Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit zurücktreten, um die Allgemeinheit zu fördern, aber dies soll das Ergebnis der Bildung, der überzeugten Resignation sein, ein Akt der Freiheit, und so rettet das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer. Das Opfer wird aber von Tage zu Tage geringer, da die Zahl der selbständigen Individuen größer wird und am Ende keines dem andern mehr in den Weg tritt – so wird endlich der einzelne und die Allgemeinheit frei: Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave.

[20] Darum tadle ich es nicht einmal, wenn sich das Individuum glänzend geltend macht, ich tadle es nur, wenn ein anderes darunter leidet.

Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten über die Poesie. Sie ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln. Wenn das Individuum selbständig werden soll, so muß es sich erst verschönern, geltend machen. Daß nun die neuere Poesie, an deren Spitze sich Heine gestellt, die einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt, und spielend an ihr herumgleitend, erst tändelnd an ihr hinabgleitend, mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem Gedanken sich begräbt – das alles ist Dir ein Greuel. Du willst keine Figur, willst nur die aus ihr abgezogene Formel, willst Sentenzen, Sätze usw. Darum verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nicht – es ist eine streng demokratische: er läßt nichts unbeachtet liegen, was einmal da ist; Ihr esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer Gegenstände. Es ist alles poetisch oder nichts – es kommt nur auf das Glas an, womit man's betrachtet. Euch ist es unerhört, daß ein Knabe im Gedicht »angeln und pfeifen« kann; Ihr habt eine prüde Poesie. Natürlich könnt Ihr auch die kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen, weil Ihr keine Bilder ohne Unterschrift wollt. Konsequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach. Ich tu natürlich das Gegenteil. Daß das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum den höchsten Wert haben könne, wenn es auf eine schöne Weise die Saiten des Lesers tönend angeschlagen habe, begreift Ihr nicht. Wie es bebt und rauscht und klingt, nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen und seinen Flügelschlägen nachlauscht – das ist Euch zu unbefriedigend, Ihr wollt die Flügel so lange sehen, bis sie am Boden liegen. Ihr seid Philister. Alles Ende ist prosaisch – ein Gedicht, dessen Schluß den Raum des Gedichts [21] offen läßt, entfaltet die meiste Poesie. Ihr platten Leute wollt eine tranchierende Sentenz am Ende, damit Euerm ängstlichen Gewissen geholfen werde, sonst werdet Ihr unruhig, unbehaglich, weil Ihr die peinliche Abgeschlossenheit liebt. Geht, geht, Ihr seid Rechenexempel.

Von Konstantin hab' ich Nachricht, will Dich aber nicht damit behelligen.

5. Leopold an Valerius
5. Leopold an Valerius.

Kupido schreibt seinem lieben Zuverlässigen. Ich sehe Dich lächeln, Du ernster Gesell, denn Du vermutest sogleich ein Anliegen, ein Geschäft, sonst – meinst Du – kommt der Schmetterling nicht zum Schreiben. Ich werde Dich nächstens hassen, weil Du mir gegenüber immer recht hast. Du bist wirklich ein fataler Mensch mit Deiner Ruhe: wärst Du wenigstens ein Pedant wie William, so könnte man doch über Dich lachen, aber so wie Du bist, bist Du doch eigentlich gar nicht amüsant.

Da ich einmal schreibe, so könnte es sich begeben, daß ich im Schusse die eigentliche Veranlassung vergäße – lächle nicht wieder, lieber Valerius, ich bitte Dich, es ist mir unbequem – ich will also gleich damit anfangen. Ich wohne hier auf einer reizenden Villa bei äußerst lieben Leuten; der Graf Topf ist zwar, wie Du's nennst, ein eingefleischter Aristokrat, indessen weißt Du, daß mich das wenig kümmert; er ist ein poetisches Gemüt. Wäre es nicht Dir gegenüber, so würde ich sagen, das sei mehr wert als alles andere. Still doch – ich hab' es ja nicht gesagt, hinweg mit der Stirnrunzel! Ein klein wenig Eitelkeit – mein Gott, wer ist nicht eitel – mag wohl auch teil dabei haben; er spielt gern den Mäcen und da ich ihm von unserm poetischen Vereine erzählte, so besteht er darauf, die Mitglieder alle hier auf seinem Schlosse zu sehen und zu bewirten. Ich [22] habe Dich kühlen Mann als einziges wahrscheinliches Hindernis genannt, deshalb tat er das Unerhörte und schrieb eine verbindliche Einladung an Dich. Du hältst sie als rosenfarbene Beilage meines Briefes in der Hand. Sei freundlich, teile die Aufforderung den andern mit, und kommt her in das Reich der Düfte und Töne, der süßeste Rausch wird über Euch kommen, ich lebe wie ein kleiner Liebesgott und habe Euren Beinamen nie besser verdient. Ich wiege mich von einer Seite der klingenden Tiekschen Gedichte auf die andere, ich schwebe auf Akkorden, ich bin wie entpuppt und säusle wie Psyche körperlos durch die Lüfte. Mein ganzes Wesen ist der liebenswürdigste Argus mit hundert Augen für eitel Schönheit, der alte kleine Leopold begegnet mir nur zuweilen und überrascht mich wie ein wiedergefundener Bekannter, ich bin durch und durch ein neuer Gedanke von Glück und Liebe.

– Wie Du sanft lächelst ob meiner Überschwenglichkeit, nicht wie ein Mephisto, aber wie ein Weiser der kühlen Stoa – sieh, das macht Dich mir so liebenswert, daß ich immer wieder meine heiße Brust an Dein kühles Haupt lege: Du gewährst ja der Persönlichkeit ihr Recht. Ich lasse mich nur von Dir gern schelten. William dagegen erbittert mich.

Nun horch, was mich hier so unsäglich beglückt. Der Graf hat eine Tochter, Alberta, schön wie Diana, spröde wie Diana, göttlich wie Diana – jeder Gedanke in mir liebt sie, und jeder Gedanke an sie ist Poesie. Ihr Kopf ist der einer Madonna, die ihre Verklärung ahnt, die noch nicht geliebt hat, aber auf den Lippen, auf den Augenwimpern die schalkhaften Liebesgötter hebt und wiegt, die ihr zuflüstern, daß sie unendlich lieben werde. Der Ausdruck ihrer Züge ist ein seliges, träumerisches Aufwachen, ihr wie ein Blumenkelch sich aufschließendes Ganze lispelt zauberisch: Ich fühl's, ich werde lieben. Wie über der Blume schimmert der Tau der Sehnsucht, der frische Morgen – ach es ist ein unbeschreiblich liebes Mädchenbild, und ich muß mir die [23] Augen zuhalten, um ungestört mit ihr kosen zu können. Sie ist fein, aber rund und voll gewachsen. Trotz ihrer sonstigen Sanftmut trägt sie den Kopf keck und stolz und geht in einer sehr vornehmen Haltung einher. Ihr Haar ist rabenschwarz, sie trägt es glatt und ungelockt, meist verhüllt durch eine Art leichten Turbans, den sie mit großer Geschicklichkeit zu drapieren weiß, so daß er wie ein keckes Bürschchen herunterschaut. Die Stirn ist schön wie ein Marmortempel, die Augen – ach wenn ich Dir sagen könnte, was es mit diesen Augen, mit diesen lispelnden Mundwinkeln für eine Beschaffenheit hätte! In den Augen und auf dem Munde ruht jene Sehnsucht des betauten Blumenkelchs. Das Auge ist groß und schwarz, aber nicht stechend schwarz, nein, weich wie Sammet und Seide, weich wie die Nachtluft im heißen Sommer, glänzend wie ein dunkler Wasserspiegel, der in ungestörter Ruhe zwischen den hohen Bergen Tirols lagert. In seinen Tiefen glaubt man bezauberndes Glockengeläut zu hören, Städte von fabelhafter Pracht und Herrlichkeit liegen zu sehen. Albertas Auge ist das Märchen von tausend und einer Nacht, und die langen dunkeln Wimpern beschatten es wie die träumerische Palme Arabiens zur Zeit der Dämmerung; fein und schlank, fast unmerklich gebogen ist die Nase, aber die zarten Flügel zittern mitunter wie Lotosblätter, die Brahmas Odem durchbebt, und dann hebt sich so herausfordernd der kleine Mund mit seinen vollen Lippen, und um seine spielenden Winkel hüpfen kleine üppige Tänzerinnen. Sie geht immer schneeweiß gekleidet – Himmel, da kommt sie mit ihrer Freundin Kamilla, ich schreibe im Pavillon, kann nicht entrinnen und Kamillens zügelloser Neugier könnt' es leicht einfallen, mir meinen Brief wegzunehmen, ich will – –


Später.


Wie ich befürchtete, geschah's. Eh' ich meine Schreiberei verbergen konnte, waren sie bei mir. »Was schreiben Sie?« [24] »Den Einladungsbrief an Valerius,« schütte ich in meiner dummen Bestürztheit heraus. – »Sonst nichts?« Und nun half kein Sträuben. Die leichtsinnige Kamilla bemächtigte sich des Briefes und las ihn in Albertas Gegenwart vor. Ich war einen Augenblick in großer Verlegenheit, indes Du kennst mich ja, und hast diese Art meiner Dreistigkeit oft besprochen; ich faßte mich schnell, die Schönheit, der Zauber des Gegenstandes entflammte mich; ich las den Brief selbst zu Ende. Mit dem Erfolge hab' ich indes sehr wenig Ursache zufrieden zu sein; die törichte Kamilla trieb nichts als Spott mit meinen sehr ernsthaften Dingen, und Alberta – ja Alberta sah so wunderlich drein, daß ich gar nicht aus ihr klug geworden bin. Ach, Valerius, wo ist das Tor, das zu diesem Paradiese führt? Ich flattere an dem Gitterwerk herum und nasche, wie Du's nennst, von den herüberhangenden Zweigen, und träume im bloßen Anblick taumelnd umher; – wär' ich ein anderer, so wär' ich unglücklich, da ich aber Ich bin, so bin ich trotzdem munter, und bis Ihr auf Grünschloß, des Grafen Gute, eingetroffen, hab' ich alle Belagerungskunst erschöpft und empfange Euch als Herr und Meister der Festung. Die prosaische Kamilla ist mir sehr im Wege, sie besprüht meine Raketen stets mit kaltem spöttischen Wasser, und scheint doch neben diesem fatal platten Wesen eine Innigkeit zu besitzen, mit der sie Alberten unauflöslich fesselt, und die ich durchaus nicht verstehe, für die mir der Zugang zu fehlen scheint. Sie ist nicht schön, aber hübsch und bewundernswert gewachsen. Ich glaube, sie wird Dir behagen.

Eben erhalte ich zwei Briefe von zwei früheren Geliebten, die in dem goldenen Wahne sind, ich hätte seit der Zeit meiner Abreise von ihnen nichts zu lieben gehabt als sie; ich hätte ins Tränentüchlein geseufzt. Ich bin nur ein Siegwart des Augenblicks, ich liebe das Leben und nicht den Tod, Ferne und Vergangenheit sind aber Tod. Ich werde zwei Briefe an Alberten schreiben und sie den beiden guten Kindern schicken, ich hoffe, sie werden zufrieden sein.

[25] Meine Poesie fließt lustig, ich singe Tag und Nacht wie der Vogel, und in der Musik bade ich mich wie ein sommerheißer Schwan. Komm zu uns, komm und hilf uns glücklich sein – der Himmel ist blau, die Welt ist schön, man kann so unendlich viel lieben!

6. Konstantin an Valerius
6. Konstantin an Valerius.
Berlin, den 2. Mai 1830.
Was hilft das Klagen?
Was soll das Zagen?
Nur keckes Wagen
Macht uns gesund.

Ich bin da, sie ist auch da – das weißt Du aus meinem letzten Billett – aber ich bin noch nicht da, wo ich sein möchte. Mit aller Kraft meiner Suada bewog ich Rosa, sich hieher entführen zu lassen. Ich weiß selbst nicht, warum sie's eigentlich tat, denn ihre Neigung zu mir scheint nicht eben groß zu sein; ich glaube, sie wollte die alte Martha los werden und die Welt sehen. Ich hatte uns hier eine angenehme Wohnung gemietet, warm und bequem wie römische Thermen, sie schlug es bestimmt aus, mit mir zu wohnen, sie affektiert noch viel von Ruf und dergleichen; schwache Weiber klammern sich an den Ruf wie Greise an den Stock – jedes Kind schlägt ihn weg. Ich mußte vorausreisen, und als ich ihr dann von hier aus entgegenfuhr, durft' ich sie nur einige Stationen begleiten, sie wollte allein hier ankommen, hat sich in einem ganz anderen Stadtviertel eingemietet und bewirbt sich um ein Engagement an der Bühne. Sie ist freundlich, liebenswürdig, gut, lieb gegen mich, aber ich komme nicht von der Stelle; es ist lächerlich, ich habe ihr erst einige Küsse gestohlen, aber noch nicht einen erhalten. Es ist eine großartige Koketterie, wenn es eine ist.

[26] Apoll senkt sein Gespann zum Schatten eines süßen Maiabends; ich habe mehrere Tage mit Rosa geschmollt; jetzt will ich zu ihr gehen, und küßt sie mich heut nicht, so küßt sie mich nie.


Lustig ist's im Monat Mai,

Weil sich die Erde kleidet neu;

Lustig ist's dann in Walladmors Haus,

Weil die bösen Geister weichen hinaus.


Den 3. Mai.


Der Teufel hole den Mai! Wer gut erzählen will, muß Hindernisse bringen – der Teufel hole die guten Erzählungen. Rosa war nicht zu Hause, oder was noch schlimmer wäre, ließ sich verleugnen. Ein Gardeoffizier ging in weiter Entfernung vor mir her und in das Haus hinein, ein Gardeoffizier machte seiner Lorgnette, meiner Rosa und mir neulich im Theater viel zu schaffen, ein Gardeoffizier folgte uns beim Nachhausegehen wie ein Schatten – der Teufel hole die Gardeoffiziere. Rosa, das kokette Mädchen, gestattet meine Begleitung stets nur bis an die Haustür, der Aff' meint, es schicke sich nicht, so spät noch Besuche anzunehmen, wenn man allein wohne – ach, ich bin so bös, die Geschichte ist so garstig verfahren, und das dumme Zeug bringt mich so aus dem Gleichgewicht und verdient doch so wenig Aufmerksamkeit. Ich werde ganz bös werden und morgen mich hinter die Bücher setzen und die Wirtschaft ganz liegen lassen. Wahrhaftig das werd' ich. – Ob sie wirklich so schnell hätte intrigieren können? Valer, was meinst Du, Du kennst ja die Weiber; ist ihr Teilnahmsgedächtnis wirklich solch Entengedärm? –

7. Valerius an Konstantin
7. Valerius an Konstantin.

Grünschloß, Anfang Juni.


Du wirst Dich wundern, wie ich aus meiner stillen Zelle plötzlich hieher gekommen bin, was mit mir vorgegangen ist. [27] Ich gestehe Dir, daß mich die letzten Tage etwas übereilt und verwirrt haben, ihre Bewegung hat an meinem ruhigen Gleichgewichte gerüttelt; es ist mir Erholung, Bedürfnis, mich ausführlich auszusprechen, mich selbst aufs Reine zu bringen. Wie einen ungeübten Novellenschreiber beunruhigt mich der Faktenstoff, der in der Hand herumspringt und Ort und Stelle und Ordnung erheischt. Wirst Du aber auch Zeit dazu haben, mein lieber Freund? Du hast einen leichten Roman angesponnen und hast Dir die Kraft zugetraut, Held und Dichter und Publikum zugleich zu sein, Du hast versucht, Dir einen kleinen Freudenplaneten zu schaffen, in ihm zu genießen und von außen her ihn zu bewegen, zu regieren. Nach Deinem letzten Briefe ist Dir der Zepter schon klirrend an den Boden gefallen, der falsche griechische Kaiser hat nur seinen Ornat noch behalten, aber das Ansehen und die Macht verloren; Dichter und Publikum sind lachend davongegangen, und der Held des Romans, der Passive, steht in den Mantel gehüllt tief in der Nacht vor des Mädchens Haus und schaut grollend und sehnsüchtig nach den Fenstern. Ja Freund, die Neigungen des Menschen sehen immer anfänglich wie kleine harmlose Mädchen aus, bei denen man einen Augenblick scherzend stehen bleibt, mit denen man spielt; und unter den Spielen wachsen sie wunderbar schnell in die Höhe, und sie werden wunderbar schön, und das kleine Händchen ist eine weiche warme Hand geworden, die uns mit wunderbarem Zauber festhält. Dies geisterartige Wachsen der Neigung hätte etwas Unheimliches, wären nicht eben Blut und Wärme ihre Waffen, die da aufreizen, statt abzuschrecken.

Schreibe mir, wie es Dir ergeht. Ratschläge sind lächerlich; es sind friedliche Landesgesetze für eine eben vom Feinde eroberte Stadt, die unter dem Martialgesetz seufzt, – ich gebe Dir keine, Du kannst keine brauchen.

Leopold schwärmte seit längerer Zeit hier auf Grünschloß, er hat den William und mich hieher gebracht. Ich [28] hielt es für nötig, die Vorhänge meiner Einsamkeit endlich aufzurollen und mich einmal nach der Sonne umzusehen. Wie ein bleicher Mann trat ich hervor aus langer Kerkernacht in die bewegte Erde – was Wunder, daß ich ein wenig bestürzt war. Beinahe ein halbes Jahr ist es her, daß ich einsam auf meinem Gartenhause lebte, nur Euch sah ich zuweilen bei mir, nur der Abend sah mich manchmal bei Euch, sonst hat mich niemand, sonst hab' ich niemand gesehen. Ihr hattet mich immer nur zurückgezogen gekannt; solange wir zusammen lebten, war ich völlig aus dem Getümmel der Welt getreten. Ein Unterschied nur mußte Euch auffallen. Früher suchtet Ihr mich oft vergebens in meiner Behausung; ich war oft nicht daheim. Ob Ihr es wißt, wo ich war, was mich beschäftigte, weiß ich nicht; ich bin Euern Fragen ausgewichen, ich habe nie geforscht, ob Ihr geforscht. Wahrscheinlich indes ist's Dir nicht neu. Ich liebte, Freund, und war bei ihr, die mich wieder liebte. Nenn es eine Schwäche oder wie Du willst: das grelle Licht der Öffentlichkeit blendet meine Augen, wenn ich sie hineinsenken kann in das Auge der Liebe. All mein Tun gehört der offenen Welt, aber meine Liebe trag' ich scheu in den dunkelsten Hain; mein Herz erschrickt, wenn es plötzlich vor aller Welt erscheinen soll mit seiner großen Sehnsucht nach einem Weibe. Dazu kam, daß es eine glückliche Unglücksliebe war; wir liebten uns über offenen Gräbern, wir wußten unseren Todestag, und da wollten wir keine Minute verlieren, und die Welt sollte uns mit ihrer Störung keinen Moment rauben. O meine süße Klara! wie redlich haben wir mit der Zeit gegeizt! Wie oft hab' ich Euch bis ans Tor begleitet, wo Ihr nach Euerm Sammelplatze, jenem klassisch gewordenen Kaffeegarten, steuertet, und wenn Ihr mich drängtet mitzukommen, und ich den Kopf schüttelte und traurig lächelnd von Euch ging, um in die Felder hinauszustreifen, da harrte sie meiner schon in jener dichtbewachsenen Laube, wo uns niemand störte, da ging ich [29] zu ihr und saß stundenlang zu ihren Füßen. Ach, die Welt ging da gemessen und harmonisch, es war alles so schön, denn ich liebte kindlich und kindisch wie ein fünfzehnjähriger Knabe. Mein demokratisches Glaubensbekenntnis sagt mir heut, daß man besser lieben könne, weiter, breiter, universeller – ich konnte in jener Laube einsam mit ihr sitzen, aber ich konnte die Welt mitbringen, die Welt der Ideen. Ich glaube es auch, ich würde heut reicher lieben. Aber damals war die Welt so arm, sie hatte noch keine Ideen, ich wußte wenigstens nichts davon, und meine modrige Wissenschaft paßte nicht dazu. Auf ihrem Schoße schrieb ich jene Lieder, die ich Euch im Vereine las, und weil wir im täglichen Abschiednehmen lebten, so waren sie im höchsten Glück so tragisch, ein schlagendes Herz, mitten durchschossen vom tödlichen Pfeil. Klaras Schicksal war unwiderruflich bestimmt und entschieden durch ihren Vater. Wie einen Gott liebte sie diesen Vater; sie wollte für mich sterben, aber nie mein Glück mit ihr in feindlicher Opposition gegen diesen Vater durchsetzen. Jeder Versuch, das Geschick zu wenden, scheiterte an ihrer eisernen Festigkeit. Es hat mich diese Festigkeit viel Schmerz gekostet. Ich sah sie vernichtet zusammenbrechen, als diese vorgeschriebene Bestimmung erfüllt werden mußte; ich sah sie zerbrochen und leblos vor mir; – aber nicht das leiseste Wort eines Änderungsversuchs ist je über ihre Lippen gekommen.

Der Zufall hatte mich mit ihr zusammengeführt; sie fürchtete sich anfänglich vor mir. Ich war bestürzt über ihre Anmut, es war eine rührende Schönheit, die meinen ganzen Menschen erweichte. Ich sah sie eine Woche lang täglich, und wir wußten beide nicht, was wir wollten. Ihre Furcht hatte bald dem Extreme, einem grenzenlosen Vertrauen, Platz gemacht, und – an einem melancholischen Abende hing sie mir plötzlich weinend am Halse, und auch ich weinte Tränen der Liebe. Wir haben überhaupt viel miteinander geweint, aber uns geliebt wie die Engel. Aber Weib war sie durch [30] und durch; zu einer Art von männlichem Kosmopolitismus in der Liebe habe ich sie nie bewegen können, sie wehrte mich hastig mit den Händen ab, sie hielt mir den Mund zu, sie schlug mich, wenn ich ihr sagte, die Liebe sei etwas Größeres als die Neigung zu dieser oder jener einzelnen Person, man könne der Liebe treu sein, während man der Geliebten untreu werde. Darin war sie einseitig und leidenschaftlich. Und damit hat sie mich gelähmt für mein ganzes Leben.

Es war eine warme, weiche, mondhelle Nacht, als Ihr einst von mir gingt, Balladen und Lieder küßten sich in mir, es war Ball in meinem Herzen, und zauberische Musik trieb Mir alles im Kreise herum. Aus dem Fenster sah ich Euch nach, mein ganzer Mensch war liebedurstig wie ein wohltuend ermüdeter Wanderer; ich ging Euch nach, bald fand ich mich vor dem Gartenzaun, der meiner Liebsten Haus umgab. Der Hofhund kam brüllend herbei; meine, eines alten Bekannten, leise Schmeichelworte beschwichtigten ihn bald, ich stieg über den Zaun. Klara hatte Besuch von ihrem Bruder. Von unserem Verhältnisse durfte er nichts ahnen; er war ein leidenschaftlicher Mensch, der in Italien geboren und erzogen war; entdeckte er mich bei meinem Vorhaben, er schoß mich wie einen Strauchdieb nieder. Ich aber war liebelustig und verachtete alle Rücksichten; in den hohen Affekten kennen wir keine künstlichen bürgerlichen Formen, man hütet mit König René Schafe, und reitet mit Hüon nach Bagdad. Jener Besuch hatte mich seit mehreren Tagen von Klara getrennt, ich lechzte nach ihrem Auge, wie nach Licht – er war noch da, das wußte ich, aber ich wußte auch, daß Klara wie ein Vogel schlief, der bei dem leisesten Geräusch die Schwingen hebt; ich wußte, daß ein hoher, breitästiger Kastanienbaum dicht unter ihrem Fenster stand. Ich schlüpfte entschlossen durch die dunkeln Gänge des Gartens dem Hause zu. Klaras Fenster waren offen, wahrscheinlich war sie noch wach – aber die Fenster des Bruders waren [31] hell, eines sogar war geöffnet, das kleinste Geräusch konnte mich verraten. Du weißt, daß ich im Sommer immer leichte Tanzstiefeln trage, dies kam mir zustatten; ohne Geräusch kam ich bis an den Stamm des Baumes, die alte Turngeschicklichkeit brachte mich bald hinauf, wie staunend sah mir unten der Hund nach. Der Mond schien geisterhaft, ich stand im Dunkel der Äste und übersah mein Terrain. Klara lag halb entkleidet auf dem Sofa, ihr dunkelbraunes Haar war zur Hälfte aufgelöst und schmiegte sich schmeichelnd wie ein sehnsüchtiger Trieb, dem man Gewährung gestattet, um Hals und Busen, ihre weiße Hand und der schöne, zur Hälfte entblößte Arm spielten damit. Sie sah träumend vor sich hin – ich habe nie etwas Reizenderes gesehen. Sie trug sonst immer ein weites faltiges schwarzseidenes oder sammtenes Kleid, es schmiegte sich dies zwar liebend an die schönen Formen, aber das warme Leben war immer verhüllt – zum erstenmal sah ich's entfesselt, und eine göttliche Sinnlichkeit, die sich mir selbst in ihrem Arm nie so klar angekündigt, kam über mich. Ich hätte zu ihr gemußt und hätte es mich tausend Leben gekostet. Wie Käthchen unter dem Hollunderbaum mit dem Mondschein buhlend lag sie da, der kleine Fuß, des Schuhes ledig, spielte tändelnd in der Luft, der auf den Busen vorgebeugte Kopf trug den Ausdruck einer glückseligen, heimlichen Erwartung. Eben wollte ich auf ihren Fensterbogen treten, da öffnete der Bruder, dessen Zimmer daneben war und den ich auf und nieder gehen gesehen hatte, den zweiten Fensterflügel und sah in den Mondschein heraus. Ich blieb regungslos stehen, der verzweifelte Hund fing an zu knurren, heraufsehend nach Baum und Fenster, ich konnte leichtlich dadurch verraten werden. – Klara träumte und tändelte ungestört fort. Eine peinliche Minute verging, der Bruder schien nach mir herzusehen, ich hielt den Atem an, plötzlich brach ein kleiner Ast, auf den ich im Rückzuge mit dem rechten Fuße getreten war; die Grabesstille der Nacht [32] machte ein auffallendes Geräusch daraus, der Bruder fuhr blitzschnell mit dem Kopf aus dem Fenster. Klara hob sich ein wenig in die Höhe und horchte, der Hund knurrte lauter, ich hielt mich mit dem Arm fest an einem Ast und wagte nicht, eine neue Stütze für meinen rechten Fuß zu suchen, aus Besorgnis neues Geräusch zu machen. Der Vetter aller Liebenden, Freund Mond, bemerkte zu rechter Zeit meine Not, er trat hinter eine Wolke; schwerlich wäre sonst des Bruders unablässigem Hinstarren nach dem Baume meine leuchtende weiße Hose entgangen. Tödliche fünf Minuten schwebte ich so auf der Folter, da gab er endlich die Sache auf, warf das Fenster zu und ging in die Tiefe des Zimmers. Ich trat jetzt keck auf den Fensterbogen und sprang behend ins Zimmer. Ein unterdrücktes »Ach!« Klaras bedeckte ich vollends mit Küssen. Die furchtsamsten Weiber, wenn sie lieben, werden nie durch eine Äußerung der Furcht etwas verraten, sie haben den Liebhaber und die Liebe zu immerwährenden Begleitern, bei sich, und wenn etwas vorfällt, so sehen sie sich immer erst nach diesen um und horchen, was diese dazu sagen. Der glühendste Mann liebt mit Geschäftspausen, er vergißt des Tags über wenigstens zehnmal die Geliebte und erinnert sich hundertmal ihrer. Das Weib erinnert sich des geliebten Mannes gar nicht, denn sie hat ihn immerwährend bei sich, er ist in ihr und verläßt sie nie; er ist nicht nur ihr Gedanke, denn der kann wechseln, er ist ihr Denken, ihre Phantasie, ja ihr Verstand. Klara hatte auch mit mir gedacht. Sie schalt meine Dreistigkeit und küßte mich und war so weich und warm und lieb wie ein Sonnenstrahl. Sie wollte ihr Negligé verbergen und schmiegte sich tiefer in meine Arme, damit ich sie nicht sehen sollte; sie war sanft wie ein spielend Kind, sie war wie eine seltene Blume, die in schweigsamer Mondnacht ihren vollen warmen Kelch aufschließt und Wärme und Sehnsucht haucht in die Nacht hinein, sie war unbeschreiblich liebenswürdig. Und [33] doch war sie neben jener Weichheit so entschlossen stark, kühn wie eine Göttin. Sie beherrschte mich in jener Nacht mit allen Waffen. Klara zog mich aufs Sofa, drängte mir den Kopf nieder in ihren Schoß und sprach mir dann leise ins Ohr: »Valer, ich will Dir angehören, wenn Du mir schwörst.« – Ich erhob den Kopf und erwiderte leise: »Ich schwöre« – »Narr, Bösewicht« – lachte sie – »Du weißt ja nicht, was.« Und nun gab's ein neues ausgelassenes Treiben übersprudelnder Wonne, wir lachten einander in die Augen, wir küßten den Stern und die Seele darin; ich suchte ihr Herz und drückte mein brennend Gesicht daran, wir jubelten wie losgelassene Gefangene. Plötzlich begann sie wieder die vorige Szene, ward ernst, weinte, beugte sich küssend zu mir, bat mich um Verzeihung, und beteuerte, sie könne nicht anders – »Schwöre mir, Valer, nie einer anderen zu gehören, schwöre mir's – still, Freund, ich bin Dein, Dein mit Seele und Leib auch ohne den Schwur – aber Du erfreust, Du erquickst meine Seele durch ihn; willst Du?«

Ermiß, ob ich wollte, ob ich's tat. Ich wußte es fast in dem Augenblick, daß ich falsch schwor, da ich ganz gewiß wußte, Klara werde mir entrissen – ach, Freund, die Erinnerung steigt mir in das Herz, in die Augen, ich drücke den Kopf in die Hand – ich kann nicht schreiben, ich will meine geschlossenen Augen in die Sofakissen pressen und Seele und Leib dem wirbelnden Gewitter der Erinnerung hingeben.


Später.


Es ist unterdes Abend geworden; ich weiß nicht, habe ich geschlummert, geschwelgt, geweint oder Schmerzen gelitten – ich fühle mich so hoch gehoben, die Welt schwingt sich so tief unter mir; es ist die Stimmung einen Thron auszuschlagen – die Phönixflamme ist uns genommen, aber die reinigende verjüngende Träne ist uns geblieben. Draußen [34] ist ein Gewitter drohend und sprühend vorübergegangen, ich habe es donnern gehört, ich sehe wie frisch die Erde ihre tausend Augen aufgeschlossen, außen und innen steigt eine Welt frisch aus dem Bade – die Welt ist schön, denn sie wechselt, sie ist eine Geliebte, die sich zu verjüngen weiß. Ich wohne sehr angenehm. Das Schloß lehnt sich an einen Hügel, der zu einer Terrasse abgeplattet ist; dahin führt meine offene Fenstertür. So hab' ich nicht das lähmende Parterre, das umsonst mit den Schwingen nach Aussicht flattert und nicht die abgesonderte Höhe, die umsonst Bewegung und Ausdehnung sucht. Die Terrasse stuft sich zu einem spiegelglatten Weiher ab, über welchen Brücken in Park und Garten führen. Ich sitze an der offenen Tür und sehe durch die offenen Partien in die fernen blauen Berge und in die durchsichtige, in der Abendsonne mit Tränenstäubchen spielende Luft. Das Geräusch der Bewohner kommt selten hieher, sie schwärmen vorn unter den Zitronen- und Mandelbäumen, die in den breiten Vorhallen des Schlosses stehen. Ich habe mich unwohl melden lassen; so denk' ich, wird mich niemand stören, wenn ich Dir weiter erzähle von meines Lebens größtem Glück und Leid. – –

Sie zog mich fort vom Sofa, weil sie befürchtete, ihr Bruder könne Geräusch hören, ging in ihr Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett; ich kniete vor ihr. Es war keine platte Sinnlichkeit, die Poesie beugte sich lauschend wie ein rosenrotes Kind zwischen uns, der Mond schien in Klaras Gesicht, sie sah wie eine Heilige aus, die zurückgekommen ist auf die Erde, um ihre törichte Verhöhnung der Natur lächelnd und küssend abzubüßen. Klara küßte einen heißen Kuß auf mein Auge, ihre runden weichen Arme schlossen sich wie elektrische Bande der Seligkeit um meinen Nacken, eine glühende Träne fiel auf mein Angesicht – »Valer, unaussprechlich geliebter Mann, willst Du mein sein für Zeit und Ewigkeit, mein und nur mein, daß nie ein Lichtstrahl zwischen unsere Herzen [35] sich dränge, daß ich fern von Dir« – sie drückte ihr tränenheißes Gesicht in wollüstigem Schmerz in das meine – »fern von Dir, gewiß bin, sterben kann auf die Gewißheit, Du seist mein unberührtes Eigentum?« Ach, ich war aufgelöst, die Seele des schönen Weibes schien wie Maisonne in die geheimsten Winkel meines Innern, alles was gut, was edel in mir ist, tat sich auf wie die kleinen Blümlein im Frühling, Schluchzen erstickte meine Stimme, der Drang nach Seligkeit, die Fülle von Seligkeit, das ganze innere beste Leben solch eines Weibes zu besitzen, wollte mir Brust und Hals zersprengen – der flammendste Liebesschwur, unbändig wie das Kreisen der neuen Welten in meiner Seele, unbändig, daß selbst Klara davor zusammenschrak, rang sich los aus meiner Brust – ich halte nichts von Schwüren, aber ich glaube, wir würden beide innerlich zusammenbrechen, wenn wir einander gegenüberständen mit treulosen Armen. Ich meinte, wir töteten, wir erwürgten uns damals in glückseliger Gewißheit gegenseitiger riesengroßer Liebe; es war ein Umarmen, ein Küssen und Lachen, als ob die Engel trunken um die Herrlichkeit der Sonne herumsprängen, und es war die Nacht unserer Liebe. Jene Nacht ist der schönste Gedanke meines Lebens, aber sie ward auch die schönste Fessel meiner äußeren Freiheit – ich weiß es, Klara verginge wie das grüne Blatt des spanischen Feigenbaumes, über welches der giftige Solano hinstreicht, wenn aus Licht des Tages und vor ihr erschrockenes Auge die Nachricht träte, »Valer liebt eine andere.«

– Nicht der Schwur, Freund, bindet mich, aber das Schwören.

O hättest Du sie gesehen, als sie mich von sich trieb! Einen dunkelgrünen Überrock von leichter Seide hatte sie übergeworfen, nur das Gesicht war verklärt wie Seligkeitstraum, das Haar schlang sich lüstern in den offenen Busen, das weiße Unterkleid lachte schelmisch triumphierend ob seines [36] Mitwissens; so beugte sie sich über mich, der ich selig träumend auf dem Lager ruhte, und mit offenen weiten Augen in den dämmernden Morgenhimmel sah. »Valer, mein, mein, mein, o und nur mein Valer, geh – geh mein Tag, eh' der Menschen Tag kommt und uns verrät.«

Noch heute fühle ich die keusche Träne, die da auf meine Wange fiel, weil sie ein Tropfen aus heißem Herzen kam, ein Tautropfen ihrer Seele, den die Liebe entzündet hatte! O wenn mein Mund jenen Scheidekuß vergessen könnte! So küßt die Sonne die Erde, wenn sie sich im Abendrot scheiden und der rote Liebesschein den Abschied einhüllt in Purpurwolken; es wird still auf der Erde, und der letzte Sonnenhauch bringt in leisen Abendlüften die stille Versicherung, daß neuer Tag und neue Liebe anbrechen werde. Könnt' ich jenen Abschied vergessen, es läge endlose Nacht vor mir, ich hätte keinen Morgen zu erwarten. Sie strich mir mit weichen Händen das Haar von Stirn und Schläfen und drückte sich wie eine aufgeschlossene Blume in mein Gesicht. Ich weinte Freudentränen und hob sie hoch in die Höhe.

»Und der Franzose hat recht« – sagte sie und legte das Haupt auf meine Schultern und sah herauf in meine Augen – »nicht wenn er zärtlich kommt, nein, wenn er zärtlich geht, ist der Geliebte edel.« – »Aber der Morgen kommt – Ade, – Ade.« – Ich kehrte auf dem alten Wege zurück, und ging hinein ins erwachende Land und sang mit den Lerchen die Schönheit der Welt. Das Gedächtnis und die Erinnerung, so oft die Gefängniswärter unserer Leiden, sind rosenrote Bänder, die um Schläfe und Augen flattern, wenn wir Freuden gesehen. – –


In der Nacht.


– Ich ward auf eine wunderliche Weise gestört; die Wogen der Vergangenheit bedeckten mein Gesicht und Auge, ich sah über die Terrasse hinaus in die Wolken hinein und [37] war weitsichtig; denn ich bemerkte es nicht, daß die beiden jungen Damen von hier, Alberta und Kamilla, schon lang an meiner Glastür standen und mich lächelnd ansahen. Einen Augenblick war ich in Verlegenheit, als sie mich scherzend aufschreckten, weil ich nicht wußte, ob ich meine Wolkenschrift laut gelesen hätte oder nicht.

Und doch tat es mir unendlich wohl, Weiber um mich zu haben – das Weib empfindet Liebesleid um soviel besser als der Mann, wie der Mann die Kriegsgeschichten besser liest als das Weib. Die Liebe ist der Frauen Brotwissenschaft, und sie haben den Vorteil vor den Studenten voraus, daß sie selbige immer mit Leidenschaft treiben. Liebe und Liebestrost ist das Amt der Frauen, in ihrer Nähe fühlt sich der unglücklichste Liebhaber in weicherer Luft. Der Begriff von Untreue existiert zudem bei mir nicht. Das ist der tragische Widerspruch mit meinem Versprechen an Klara, welcher den letzten Akt meiner Tragödie im Schoße trägt. Ich bin der Liebe treu, nicht aber der Geliebten. Weil ich eben die Liebe liebte, so liebte ich die schöne Alberta, die muntere, geistreiche Kamilla. Meine Wehmut schüttelte den düsteren Morgennebel von den Schwingen, flatterte wie ein erwachtes Vöglein mit den Mädchen hinaus in den Garten und Abend. Sie waren freundlicher, inniger denn je gegen mich, weil sie meinten, ich sei es; der warme Gewitterregen müßte mein Herz befruchtet haben, das sonst ohne Grün und Blätter nur kühle Worte zu sprechen pflege. Leopold hüpfte herum wie ein kleiner Flamingo, der seine Farbenpracht in wehenden Flügeln schillern läßt. Wenn mein Gefühl Feiertag hält, reich' ich ihm gern dieses kleine duftende Riechfläschchen, und wenn der Herbst einen sonnigen warmen Tag bringt, da werden die Menschen alle wärmer und poetischer als im stets heißen Juni, denn die Überraschung befängt sie in goldenen Netzen, und die Überraschung ertappt das Beste im Menschen. Wir ließen uns alle auf Empfindungswogen [38] schaukeln, und die übrigen meinten, ich sei schuld daran, weil ich endlich einmal meinen Rock aufgeknöpft hätte.

Kamilla, mit der ich sonst nur in blitzenden Gefechten spiele, war weniger widersprechend, mehr ergeben, liebenswürdig, Alberta, ein südlicher Liebesgedanke, zitterte wie ein arabisch Lied in weicher Nachtluft, William war still und sanft.

Wir setzten uns in eine Laube und sprachen von Sternen und Gott und Liebe. Der Graf ritt unweit von uns am Gartenzaune vorüber, er kam aus der Stadt; William ging, ihn zu begrüßen, Leopold ward bald darauf vom Reitknecht abberufen, der ihm Briefe mitgebracht. Ich war allein mit den in Empfindung schauernden Mädchen, das Herz drängte sich in meinen Kopf, ich sprach – das nächstemal, Freund, ich sprach zuviel für unbefangene Mädchen.

8. Konstantin an Valerius
8. Konstantin an Valerius.

Berlin, den 6. Juni.


Symb.

Der nur ist ein großer Mann,

Der vom Himmel nichts erbittet,

Außer was man essen kann.


Der inliegende Wisch – man hört aus allem nur das bittere Nein – ist von einem Vater an seinen Sohn, worin er ihm verkündet, daß er die väterliche Hand abziehe von dem Heidensohne. Ich lege Dir ihn bei, weil Du ihn vielleicht für eine bürgerliche Tragödie oder einen zivilisierten Roman brauchen kannst. Mein Vater schreibt einen lehrreichen, deutlichen Stil; das Aktenstück kann klassisch werden.

»Bardolph eine andere Farbe, aber halte sie nicht zu hoch an Deine glühende Nase.«

»Nyms. Das ist eben der Humor davon.«

Ich habe hier einige sehr gescheite Leute kennen gelernt und manche andere.

[39] Die Mäßigkeit ist eine schöne, aber seltene Tugend. – In meines Vaters Briefe ohne Datum befinden sich einige Grobheiten, die mit dieser Erwähnung abgefertigt sein sollen. Meine Schwester, das gute Ding, schickt mir unter der Hand einiges Papiergeld – wenn ich nur gutes Wasser habe, so lasse ich alles Bier stehen und trinke Wein. Ich werde ein Dutzend fade Lustspiele schreiben – wofür bin ich fade und lustig? und darüber setzen »aus dem Französischen desX.Y.Z.« – Nur eine ausländische Firma hat Kredit und wird auch den Vater vergessen lehren. Töpfer macht es freilich umgekehrt, er übersetzt ein Lustspiel von Planché aus dem Englischen und schreibt ausdrücklich »Originallustspiel von Töpfer.«

Es freut mich immer, wenn ich irgend einem Menschen begegne: Du schriebst mir neulich »man weiß noch zu wenig«, und dieses Bewußtsein des Nichtwissens erfüllt mich jetzt ganz und gar. Hast Du Börnes Schriften noch nicht gelesen, so rate ich Dir, sie schleunigst vorzunehmen: das ist ein kapitaler Kerl.

Gestern hab' ich drei Festspiele geschrieben, weil ich heute essen wollte. Morgen werde ich eine Novelle schreiben in biblischem Stile: »Wie der ungeratene Sohn nach Berlin reist und sich betrügen läßt.« Weil ich jetzt edieren will, lobe ich des alten Claudius Alphabet:

V. Vor Kritikastern hüte Dich,

W. Wer Pech angreift, besudelt sich.

W. Wer Pech angreift, besudelt sich,

V. Vor Kritikastern hüte Dich.

Vor allen Dingen aber empfehle ich Dir dringend: halte Deine Pflegebefohlenen fern von aller produzierenden Poesie! Du weißt selbst, daß sie zwar schöne Stunden schafft, weißt aber auch, daß Poeten (nach wiederholten Bescheiden des Kammergerichts) immer noch mit Seiltänzern, liederlichen Dirnen und sonstigem Gesindel von der »feinen Welt« auf eine Stufe gestellt werden. Ferner erzeugt die Poesie Mangel an Selbstdenken, raubt die höheren Gesichtspunkte usw. – [40] welches alles zur instruktionsmäßigen Verwaltung vieler Ämter so unumgänglich notwendig ist, kurz, sie macht uns zu rohen, unbrauchbaren Menschen. Wir sind nun einmal von diesem Gifte angesteckt und werden es wohl nie wieder ganz los werden. Das müssen wir ertragen; aber verhindern wollen wir doch, daß unsere heranwachsende Jugend mehr davon erschnappe, als zur Führung eines geistreichen Gesprächs in einer Teegesellschaft nötig ist. Dixi.

– Wir wollen doch die Rezensionen abwarten, die sich im Jahre 18– oder 19– in irgend einem Literaturblatte verbreiten werden über »pp. sämtliche Werke, zum ersten Male gesammelt und zum Besten der Familie des zu früh Verblichenen von ppp.« –

Ich verbleiche schon sehr. Was Rosa macht? O, sie ist sehr munter, ich sah sie gestern in der Oper. Die Heinefetter sang vortrefflich, und Rosa schien sehr erfreut davon, wenigstens gebärdete sie sich sehr heiter und lustig mit ihren Nachbarn – ich kann's nicht verbürgen, denn ich war weit davon im Parterre, und Röschen blühte in einer Loge, und mein Glas war nicht recht durchsichtig.

Übrigens lebe wohl, mein lieber Junge! Über der ganzen Welt scheint ein unendlicher Katzenjammer zu hangen, und selbst der Mutigste erfreut sich höchstens dessen, was Tieck in bezug auf Kleist »eine herbe Frische« nennt. Die Welt ist krank, und die Zeit der Schäferspiele, Idyllen und des kindlichen Frohsinnes ist aus der Poesie und dem Leben entschwunden. Könige und Deys werden ab- und aufgesetzt wie ein Hut, und ich studiere Kriminalrecht, gegenwärtig fleischliche Verbrechen.

– Schade, daß es keine Klöster mehr gibt in unserer nüchternen Protestanterei; ich möchte auf einige Zeit Mönch oder Nonne werden. Ade! –

9. Kamilla an Julia
[41] 9. Kamilla an Julia.

Grünschloß, im Juni.


Ich bin so glücklich, meine Liebe, Süße, Beste, daß ich Ihnen mitteilen muß von unserem Überflusse. Worin unser Glück besteht? – Ja, das kann ich Ihnen nicht auseinandersetzen, das Auseinandersetzen ist überhaupt meine Sache nicht. Die Welt ist schön, der Frühling grün, die Menschen sind gut. An den Menschen, ja, daran mag's wohl größtenteils liegen, wir haben meist neue um uns, lauter neue Weltteile mit neuen Pflanzen und Bäumen, und das unterhält. Wunderliche Leute sind's, aber lieb, gut meist, scharmant alle. Alberta hat Ihnen schon davon geschrieben, ich darf wohl nur ergänzen. Es behagt auch meiner Hastigkeit nicht, breit und tief zu schreiben. Kurz und spitz, das ist mir lieber. Eins ist dabei wunderlich – der Graf. Wie der zu dem Gedanken kommt, uns mit so junger, größtenteils bürgerlicher Gesellschaft zu umgeben, das weiß ich nicht. Ich glaube, er experimentiert. Die Leute sind artig, und was dem einen oder dem andern an gutem Ton, feinen Manieren abgeht, das ersetzt vielleicht für die Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemüts. Viel gelernt haben alle, zu reden wissen sie alle wie die Bücher, Poeten sind sie auch alle, und meine schnurrige Gouvernante pflegte zu sagen, die Poeten wären alle von Adel. Unsere Gespräche sind jetzt auch ganz anderer Art als früher, manchmal sind sie mir sogar zu hochtrabend: über Völker, Länder, Sitten, Religion, Staat, Stände, Poesie, Geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind. Gar nichts mehr über unsere Nachbarschaft, kein Räsonieren, Mokieren mehr, und wenn mich manchmal der Schalk treibt, ein wenig über diese oder jene zu lästern, so sieht mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lächeln an, spricht »immer frisch – 's ist noch zu wenig« u. dergl., daß ich still werde und mich [42] schäme. Das ist überhaupt der sonderbarste von allen, Herr Valerius, er kommt mir wie der gelehrte Napoleon vor, er herrscht über uns alle. Wenn ich Ihnen aber sagen soll, wie er das anfängt, so bin ich wieder in Verlegenheit. Ich weiß es nicht. Er ist einfach in Manier und Rede; er befiehlt nicht etwa, Gott bewahre, er spricht oft nur ein paar Worte, aber darin ruhen Napoleons Kanonen; er sieht dabei mit seinen klaren bis ins Mark dringenden Blicken hinein: darin, ja, ja, ich glaube, darin ruht die Herrschermacht, und man streckt die Waffen. Er scheint unglücklich zu sein, es dämmert solch eine melancholische Nacht um das große graue Auge, und wenn er etwas Wehmütiges spricht, so ist es unbeschreiblich rührend. Er ist gar nicht hübsch, und als er das erstemal in unsern Gesellschaftssaal trat mit seinen kurzen leichten Schritten, seinen kurzen Begrüßungsworten, seinen sparsamen Verbeugungen, die man kaum angedeutete nennen möchte, hatte er etwas Schreckhaftes für mich und Alberta. Erst allmählich wurden wir frei in seiner Gegenwart; aber dann war es auch, als sei es etwas besonders Edles, womit wir uns beschäftigten, als wir das von ihm eingeleitete Gespräch fortführen halfen. Und wenn er spricht, so fühlt man sich in einer so wohligen, sicheren Befriedigung, er hat ein sehr angenehmes, fest männliches Baritonorgan. Übrigens schweigt er sehr viel, aber es ist, als ob er im Zuhören redete. Er ist von mittler Größe, fest und sicher gewachsen und ebenso fest und sicher in seinen Bewegungen, ich möchte sagen ernst, aber doch keineswegs schwerfällig oder gar plump. An seinem Gesichte ist gar nichts Besonderes, es ist blaß, fast krank, doch hat der Mund etwas äußerst Wohlwollendes, wenn er in seiner sanften Stimmung ist, etwas tief Verächtliches, wenn er zürnt. Sein Anzug ist immer ganz schwarz und modern; er trägt meist einen schwarzen leichten Rock, der ihn sehr gut kleidet; im Frack gefällt er mir nicht, man sieht ihn auch selten darin. Seine Wäsche ist immer [43] blendend weiß, und das find' ich allerliebst am Manne. Ich glaube, er hat Theologie studiert, aber die Wissenschaft gefällt ihm nicht mehr. Er soll arm sein, das würde mir sehr leid tun. An ihm selbst bemerkt man aber nicht das mindeste der Art. Ich glaub's auch nicht, denn er ist in allen den freien Künsten, welche die höheren Stände auszeichnen, sehr wohl erfahren: er reitet, ficht, tanzt gut, ist musikalisch, spricht die fremden neuen Sprachen, und das Geld erscheint in seinen Reden nie. Er ist mir überhaupt zu vornehm für einen Armen. Mit dem Grafen spricht er am sichersten, wenn auch nicht soviel wie Herr William. Äußerst selten ist er gleicher Meinung mit jenem, aber er streitet, obwohl streng, doch nie zänkisch, leidenschaftlich ungezogen wie soviele. Aber mein Gott, ich schreibe Ihnen ja nur über den Mann, und doch wollt' ich Ihnen über uns alle referieren.

Doch jetzt habe ich das Federfechten satt, wir wollen Federball spielen – morgen weiter; ich habe einmal den Befehl vom Grafen und Alberten, Sie von unserem Leben im Detail zu unterrichten und Sie dann schönstens zu bitten, es recht bald selbst bei uns anzusehen. Adieu, meine Liebe, für heut'.


Später.


Ich bin soviel herumgesprungen, daß ich ganz müde bin. Nie hätte ich geglaubt, daß unsere ernsten jungen Herren so beweglich sein könnten, den kleinen Leopoldus ausgenommen, an dessen Quecksilbernatur ich nie gezweifelt. Aber auch der ernste William, der ruhige Valer – ich habe zu meinem Staunen erfahren, daß sie alle Turner gewesen sind; sie haben in der Stadt einen poetischen Verein gehabt, da ist immer zuerst eine Stunde gedichtet, gelesen und kritisiert, die nächste Stunde gefochten oder geturnt worden. Ich erinnere mich, als kleines Mädchen noch einige Nachzügler jener Turnzeit gesehen zu haben, und gestehe, daß mir diese leinwandnen Burschen wenig behagten. Unsere jungen Herren fassen dies [44] wie alles romantischer auf; Herr William sprach dabei von Deutschland, Einheit und Vaterland und geriet sehr in Ekstase, Valer lächelte ernsthaft und sagte mir, Deutschland sei einst von edlem Weine trunken gewesen und habe das edle Herz auf der Zunge, den Verstand in der Tasche getragen und dumme Streiche gemacht. Es habe eine lang verlorene schöne Geliebte gesucht und mit schwimmenden Augen ihren Schatten dafür angesehen und ihn brünstig umarmt. Verstehen Sie das? – »Herr, dunkel war der Rede Sinn.« – Ich muß ihn beim Tee bitten, mir's deutlicher zu machen; des Abends ist er immer am zugänglichsten, da tritt er mit mir in den Fensterbogen und spricht allerliebst über lauter kleine unbedeutende Dinge; aber er sieht alles so eigen, ich möchte sagen so groß an, daß man lauter Neuigkeiten hört. Fatal ist's mir, daß man uns nie lange allein läßt; denn allein schwatzt er viel zutraulicher. Namentlich ist Herr William immer gleich bei der Hand. Irre ich mich nicht ganz, so macht mir dieser lebhaft den Hof. – Was sagen Sie dazu, und was wird er sagen, den Sie kennen? Ich glaube kaum, daß William auch unter anderen Verhältnissen Glück bei mir machen kötmte. Sein Äußeres ist im Grunde gar nicht übel: er ist hoch und schlank gewachsen, indessen fehlt dem Wuchse die eigentliche Konsistenz, er ist gertenartig. Dunkelblonde, schief gescheitelte Haare legen sich schlicht an einen ziemlich kleinen Kopf, der durch ein schönes blaues Auge interessant wird. Sein Anzug ist von weitem angesehen modern; guckt man aber in der Nähe danach hin, so sieht man, daß er nach der vorletzten Mode, gewissermaßen schon altfränkisch ist. Das kann, ich an einem jungen Manne durchaus nicht leiden: Halstuch, Halskragen, Jabot, Weste, – das alles, obwohl vom feinsten Stoffe, sitzt so verwirrt und unordentlich durcheinander, daß man kaum eines aus dem andern herausfindet. Er ist sehr rigoristisch und von äußerst strenger Moral; das macht mir Todesangst; ich liebe den Leichtsinn und die leichteste [45] Beurteilung über alles. Übrigens besitzt er unleugbare und große Vorzüge; er spricht schön und geordnet, ist äußerst unterrichtet, selbst nach Valers Zeugnisse sehr verständig, dichtet reizend, spielt die meisten musikalischen Instrumente vortrefflich, er ist mitunter sogar äußerst liebenswürdig, besonders wenn er lacht. Seine Manieren sind hart wie seine Moral, aber bestimmt, fest, ohne Verlegenheit. Denken Sie sich ihn stets im blauen Frack. Der kleine Leopold ist sein Pol. Sie wissen, daß dieser schon früher hier war und uns wörtlich die Zeit vertrieb. Der Graf hatte ihn im Theater in einer Ecke der Loge gefunden, wo er zusammengekauert wie ein kleiner Gnom sitzend auf die Ouverture der Dame blanche gehorcht hatte. Plötzlich war er lebendig geworden, hatte wie ein Regenwurm gezappelt, wenn eine schöne Stelle darangekommen, und war bald darauf ohne weitere Einleitung mit dem Grafen in ein Gespräch über Oper und Musik geraten. Mit Alberta, die auch da war, machte er sich alsbald bekannt, ist beweglich, gefällig, redselig, liebenswürdig, daß ihn der Graf zum Souper bittet, und binnen achtundvierzig Stunden ist er mit hieher nach Grünschloß gefahren, hat tausend Geschichten erzählt, zehn Sonette gemacht, ist häuslich eingerichtet und wie ein Glied der Familie, wie ein gern gesehener bunter Papagei, dem man Zucker schenkt. Es ist ein pudelnärrisch Kerlchen, romantisch vom Scheitel bis zur Sohle, gewandt und beweglich wie ein Püppchen, verliebt und hübsch wie eine Amorette. Er ist klein und zierlich gewachsen, ein schwarzer Krauskopf, hat schwarze, muntere Augen, ein scharmantes ovales italienisches Gesichtchen, ein weiches angenehmes Organ und den schönsten deutschen Akzent, den nur Valers an Richtigkeit, nicht aber an Schönheit übertrifft. Es ist nicht das schneidend scharfe Norddeutsche, sondern die südliche Weiche hat sich sanft um die nordische Schärfe gelegt, so daß man sie nur zuweilen ahnt, aber nie unangenehm empfindet. In Valers Akzent tritt sie schon mehr hervor. [46] Dazu kommt, daß Leopoldus, der Provenzale, wie er meist genannt wird, fortwährend in poetischer Schwebelei zappelt und von Blumen und Düften redet; Valer aber nur selten eine lodernde Fackel aus seinem Gemüte holt. Sie sehen, es steckt an, ich schreibe auch sogleich emphatisch. Übrigens ist der Kleine nicht so unangenehm in dieser steten Verzückung, als man glauben sollte; er besitzt viel Geist und ist keineswegs ein gewöhnlicher Wortklimperer. Was mir an William so sehr mißfällt, ist, daß er ihn unglaublich wegwerfend behandelt, ungefähr wie ein Rechtgläubiger einen Ketzer. Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr geduldige, nachgiebige Moral haben – aber es bleibt doch immer garstig und ist so sehr hübsch und gut von Valer, daß er ihn wie einen flatternden, lieben Knaben hält, dem er lächelnd zusieht, den er oft streichelt, zuweilen aber auch mit ein paar ernsten Worten zurechtweist. Diese Art von Liebe fühlt auch Leopold sehr, er, unterwirft sich ihm leicht und sogleich und liebkost ihn oft, wie ein Mädchen ihrem Liebsten tun mag. Da ich zufällig wie ein Pfäfflein schon zweimal von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe, so muß ich auch der Moral Valers gedenken. Aber wie fang' ich das an? Ich habe das Wort nie von ihm gehört. Nach manchen leichten Äußerungen, die er immer wieder in andern für mich schwer verständlichen Worten verbarg, scheint er ein schlechter Christ zu sein. Als ich ihn neulich des Abends, da die Gesellschaft auseinanderging, fragte, ob er denn auch betete, da schüttelte der freche Mensch lächelnd den Kopf und sagte: »Nein – ich sehe viel in die Nacht, in Mond und Sterne hinein, und frage sie, wer sie so schön gemacht – aber was Sie beten nennen, meine Holde« – und dabei küßte er mir zum ersten Male schelmisch die Hand – »das hab' ich nur als kleiner Bub getan, weil es die Mutter so wollte.« – Ich war so verlegen und verwirrt von dem Handküssen; ich kam mir dem klugen Manne gegenüber, der alles in Entfernung von sich hält, dessen so unwürdig vor, daß ich nichts zu sagen wußte.


[47] Später.


– Ich stand vom Schreiben auf und eilte ans Fenster, weil ich Reiter und viel Geräusch hörte. Von der einen Seite kam Graf Fips, von der andern ein Fremder geritten, um den sich unsere jungen Gäste bald stürmisch drängten, den sie umarmten und jubelnd begrüßten. Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu unsern Poeten. Sollten Sie sich des Grafen Fips nicht erinnern? Es ist die sogenannte »elegante Figur«, die immer auf den Bällen zu sehen ist. Ziemlich groß, schmal und schmächtig gewachsen, mit einem jener traurig regelmäßigen Gesichter, die man sich nicht behalten kann. Diesen erkenn' ich nur immer an der unanständig gesunden Röte wieder, die sich bis an die Ohren zieht, unweit der Nase erschreckt aufhört und sich in mädchenhafter Weiße verliert. Außerdem hat er die unangenehme Manier, blonde Augenwimpern zu tragen und dadurch wie ein malitiöses Gewissen auszusehen, das fortwährend zu Lästerungen stachelt. Auch hoffe ich sehr, die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs, darum denke ich mir ihn immer kahlköpfig, und er erscheint mir nie anders als wie ein Mischling von Türke und englischem Lord, ein europäischer Kreole, der innerlich halb bestialisch und nur äußerlich modernisiert ist. Mein Gott, was ist das für Zeug! Er gilt allgemein für einen schönen Mann, und im vorigen Winter haben mich mehrere Damen sogar versichert, er sei witzig, wenigstens scharf. Ein Kunststück versteht er gewiß: er näselt schnarrend; ich verziehe mein ganzes Gesicht, wenn ich's ihm nachmachen will. Seit einem Jahre schon ist er käuflich, das heißt, er sucht eine Frau; ich fürchte, er hat sein schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen. Das wäre sehr schlimm, denn es will mich bedünken, der Graf, ihr Vater, suche eiligst einen Schwiegersohn. Gott weiß, was er für Pläne hat, Gott weiß, was für ungewöhnliche, denn gewöhnlich ist nichts an ihm. Arme [48] Alberta! Graf Fips ist übrigens ein gewandter Kavalier, der viel Glück bei den Damen hat. Ich erinnere mich keiner einzigen, die in mein Lästergeschwätz über ihn eingestimmt hätte. Kolossal – kolossal, würde er sagen, läs' er das.

Aber meine Liebe, Sie begreifen leicht, daß mich meine Neugierde nicht länger am Schreibtisch duldet – ich muß rekognoszieren. – Adieu und nochmals Adieu und herzliche Küsse auf Ihren lieben Mund von Ihrer

Kamilla.


P.S. Ich war schon aufgesprungen und komme noch einmal zurück, weil ich mich eines Auftrags von Herrn Valer zu entledigen habe. Ich erzählte ihm von Ihnen, daß Sie unsere Freundin seien und daß ich an Sie schriebe, daß Sie sehr schön und liebenswürdig usw. – er schien nur mit halbem Ohr hinzuhören. Vor einigen Tagen suchte er mich auf – ich glaube, der Postbote war eben bei ihm gewesen, und erkundigte sich nach Ihnen, und ob man Sie wohl um folgendes bitten dürfte. Ein Freund von ihm, Konstantin Müller, lebt in Berlin in einem äußerlich und innerlich sehr aufgelösten Zustande – die Adresse ist am Schluß meines Briefes angegeben; ich muß Valer noch ein mal danach fragen. Dieser fürchtet, Konstantin verschweige mehr als er sage von seinem Unglück; er weiß nicht, wie er ihm zu Hilfe kommen kann. Ob es nicht angeht, dem Herrn Müller in Ihrem Hause Zutritt zu verschaffen. Valer erlaube sich, dies einleitend, einige Zeilen an Konstantin meinem Briefe beizulegen, die Sie ihm zuschickten usw. – die Ihrigen machen ja ein großes Haus, das ist ja eine Kleinigkeit. Zur Courfähigkeit bei Ihrem Vater dient Valers malitiöse Notiz, daß der junge Mann von Adel sei, sich aber aus Oppositionsgeist nie so nenne. Die Sache interessiert uns nach dem wenigen, was wir über jenen Konstantin wissen, außerordentlich, und Sie verbinden uns alle, wenn Sie sich der Angelegenheit annehmen. Gott, Gott, soviel Worte! Adieu, Adieu – ich küsse Sie von Herzen – der Graf legt einen Brief bei, worin [49] er Sie gewiß sehr bittet, zu uns zu kommen. O, wir bitten alle recht, recht schön, kommen Sie bald zu Ihrer Kamilla.

10. Konstantin an Valerius
10. Konstantin an Valerius.

Es ist eine Schwäche, daß ich meine Rhapsodien, wieder an Dich beginne, aber ich will schwach sein. Laß mir die Freude oder das Leid. Ich bin sehr allein.

Geehrtes Volk der Myrmidonen, ich danke Euch für Eure gute Meinung, die mir William in ein paar albernen Zeilen kundgibt, daß ich ruiniert sei. Und wenn ich eben an den Galgen hinaufgezogen werden sollte, ich würde dem hyperboräischen, frommen Manne sagen, er sei ein Schwachkopf – der Mensch hat mich in Harnisch gesetzt mit seinen biblischen Auszügen – man soll sich aber nicht in Harnisch bringen lassen, vielmehr sich einer gewissen innern Ruhe befleißigen, nicht zu schwere Weine trinken, ins Kloster gehen. Wir sind alle mehr oder weniger Ophelien. O Hamlet, Welt, warum warst du so kühl gegen mich! Pfui doch! –

O lieber Valer, tu mir die Freundschaft und tritt recht derb in den Dreck der Dir verhaßten Welt – ja so, Dir ist sie ja nicht verhaßt – wenn Du dann die Füße nicht mehr regen kannst, so bildest Du Dir ein, festzustehen.

Brust heraus, Kopf in die Höhe! Und nun laß sausen und brausen – Mut, klare Augen! Indem ich dies schreibe, tun mir meine Augen sehr weh. Ich habe die Dinger in den romantischen Jahren der heimlichen Gymnasiastenlektüre gar zu sehr angestrengt, und büße jetzt für die Kleindrucksünden des Zwickauer Walter Scott.

Noch immer wate ich getrost in der trostlosen Pfütze unserer Jurisprudenz; warum ich das tu', ist leicht begreiflich: hungern ist immer besser als verhungern. Wenn ich mehr Mut hätte, tät' ich's vielleicht nicht. Mut, Mut! der fehlt uns und ganz Europa, sonst läg' es nicht so im argen. [50] Nicht der Mut, Gendarmen zum Einhauen zu kommandieren, wohl aber der, Lächerlichkeiten ruhig anzusehen oder Ernstes genau und unbefangen zu prüfen. Die Welt will jetzt nicht nach Gesetzen leben, die da sind, weil sie da sind, sondern nach Gesetzen, die aus der Zeit und dem Bedürfnisse hervorgehen, von denen sie weiß, warum sie da sind. Gebt gutwillig, was man Euch später nimmt, und Ihr könnt für willenlose Puppen Menschen einhandeln, meines Erachtens ein schöner Tausch. Ich bin kein Narr, der den Staat für ein Rechenexempel ansieht, das in einer Stunde zustande gebracht ist, aber ich bin auch kein Esel, der sich beruhigt, wenn er Disteln hat. O, ich sage mit Kaiser Max: »Wenn sich Gott nicht der Sache erbarmt, ich armer Kaiser und der versoffene Julius werden's nicht besser machen.«

Steht auf aus euren Gräbern, die ihr sie zugeschnitten habt jene rote Mütze, welche jetzt am Horne des Mondes hängt, vor allen du, Rousseau! Wirf noch einmal dein heiß- und vollblütiges Herz über den Erdkreis, daß ihnen der Blutregen die Augen füllt statt der vergossenen Tränen. Wenn ich oft knirschend am Boden meines Zimmers liege, da richtet mich der Gedanke an jene metallenen, mit Blut bespritzten Helden der Franzosenjugend auf, der Gedanke an den brüllenden Danton mit der Athletenfigur, dem von Pocken zerrissenen Gesichte, wie er einen Vulkan des zertretenen Menschenrechts nach dem andern aus der wogenden Brust herausschleudert; an den blitzenden Desmoulins mit dem garstigen schwarzen Antlitz, der schönen Frau im Arm und die tödliche Gerechtigkeit auf der sprudelnden Lippe; an den rigoristischen frommen heuchlerischen Narren Robespierre und die Helden des Ultraismus Sankt Justs, welche die neue schöne Lehre von der Freiheit mit dem stockigen Gifte enthaltsamer Tugend versetzten – wahrhaftig, Du hattest recht, als Du mir sagtest, alles andere Studium sei heut' toter Kram, die französische Revolutionsgeschichte enthalte alle [51] Fußstapfen unserer kommenden Jahre, man solle sie studieren, und den Deutschen endlich eine schreiben, denn sie haben noch keine und nur die Henkerlisten davon, und dann sollten sie die Schulbuben auswendig lernen. Valer, das war Dein größter Gedanke – o rote Freiheitsmütze, wann sieht dich Europas bleiche Sonne wieder! Mein krankes Auge dürstet nach deinem Anblick. –

Es ist gut, wenn man an jemand hängt, es ist eine Art Stütze. Wenn man auch im Wasser ist und sieht nur von fern Land, so hofft man auch wieder. – Warum bist Du nicht bei mir; wie ein verliebtes, schwindsüchtiges Mädchen schmacht' ich nach Dir – selbst Hippolyt wäre jetzt nicht für mich, in einiger Zeit ja, denn ich weiß es, in einiger Zeit werd' ich sehr munter leben, wenn ich wissen werde, wo ich die Million stehle, die ich in die Lüfte und Spelunken streuen will. Kronen und Millionen stiehlt man ungestraft, nur die kleinen Diebe hängt man, nur die kleinen Sünder beichten und büßen. Alles kommt auf die Quantität, die Masse an – mit Millionen von Goldstücken, oder von Liebe, oder von Ehre, oder Lust ist jedermann zu bestechen. Ich schwör' es, jedermann. O, will mich niemand bestechen!?

Um mich verrückt zu machen, fehlt weiter nichts als die Liebe – wenn ich nicht so sehr liebte, wär' ich längst verrückt. Es gibt keinen liebevolleren Menschen als mich. Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben, und das ist gut, ich halte sie nur für eine Übergangsstufe. Der Dichter soll und muß über der Empfindung stehen.

Ach, und doch wären mir einige lyrische Gedichte notwendig und erleichternd, wie Tränen. Ich habe beides nicht. Frag nicht nach dem Mädchen, denn ich hasse es. Deine nächsten Briefe schicke frankiert. – Ade!

11. Hippolyt an Konstantin
[52] 11. Hippolyt an Konstantin.

Grünschloß, den 20. Juni.


Mein gehaltreicher Sir John, was hör' ich für Dinge von Euch, Ihr gebt Euch einer wüsten inneren Unordnung hin – was soll das? Befolge eiligst Valers Rat und komm hieher, die Luft der Kuhställe wird Dich heilen. Ein Mann wie Du wird sich doch nicht den Grillen ergeben! Du siehst, ich habe mich auch hier eingefunden, um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben, und ihn vorzubereiten auf größere Wirren, denen ich in Europas Hauptstädten entgegengehen will. Das ist nämlich der Plan zu meinem neuen Epos: zur Physiognomie jeder Hauptstadt will ich einen entsprechenden Körper schaffen, dann will ich sie durcheinander werfen und Situationen erzeugen, und wer die Zivilisation und die Schönheit heiratet, der ist der Held. Komm und beschreib mir Berlin mit der langweiligen Regelmäßigkeit und der kurzweiligen Soldatenspielerei – romantisch darf ich jene dürre Stadt schwerlich anziehen, dazu ist sie zu gesetzt, zu altklug, zu hegelisch; komm, hilf mir den grauen Magisterrock zuschneiden. Und das Herkommen lohnt wirklich der Mühe: der Ort liegt schön, der Graf ist gastfrei, der Ton fessellos, die Damen sind schön, Stoff zur Gallenabsonderung, besonders für Valer ist auch da: ein junger adeliger Laffe, Graf Fips, kam nämlich mit mir an und krächzt den Liebhaber und Aristokraten – was willst Du mehr? Du hast Dich wahrscheinlich gewundert, warum ich die Stadt so schnell verlassen habe, der Du mich dort in schönen Fesseln wußtest. Hast Du Dich wirklich gewundert? Ei, Mylord, wie kennt Ihr mich mangelhaft! Ich dulde keine Fessel, auch nicht die schönste. Wie denken wir doch alle so verschieden über die Liebe. Willst Du wissen wie? Höre! Du liebst den Genuß der Liebe, Leopold liebt die Weiber; Valer, der immer was Besonderes haben muß, liebt [53] die Liebe; William, der Narr, liebt die Gottheit in ihr, und weil er ein christlicher Pedant ist, schwört er zum Monotheismus und verdammt alles andere – ich – ich liebe das Leben. Was mir nicht mehr am Leben ist, werfe ich weg, gleichgültig darüber, ob ich nach der Definition anderer morde. Ich kenne darum auch nicht Valers Pietät gegen das, was er geliebt, alles Tote ist für mich nicht da; ich kenne Leopolds Zärtlichkeit, Überschwenglichkeit nicht, weil ich nur Leben geben will für Leben. Ich schwöre keinem Mädchen Liebe, ich liebe nur. Insofern nähere ich mich Dir zumeist, nur mit dem Unterschiede, daß ich nie mitsterbe, wenn meine zeitige Liebe stirbt, mit platten Worten, wenn eine Liebschaft aus ist, wie es Dir Stümper begegnet. Dem William mit seinem armen Glauben gleiche ich in nichts, als daß ich meinen Monotheismus so sehr erweitert habe, daß die ganze Welt hineingeht, während er bei jenem nur zwei Schuh hoch ist, gerade so hoch nämlich, daß ein Mädchen hineingeht. Valer kann allerdings recht haben, wenn er mich den Kriegsgott der Liebe, wenn er mich den gefährlichsten nennt, der wie der Samum entzünde und töte. Wenn Du dies Glaubensbekenntnis betrachtest, so können Dich meine letzten Ereignisse nicht überraschen. Mein Akt mit der jungen Fürstin, von der ich Dir neulich schrieb, entspann sich folgendermaßen. Ich trat im Theater in die Loge, wo sie saß, ohne sie zu bemerken. Man gab Shakespeares Othello, die Desdemona war ein schönes, liebes Weib, die Tragödie saß mit verschränkten Armen in ihren Augenwinkeln, der Reiz des Unglücks lächelte weinend um ihren Mund. Sie sah mir wie ein schönes Opfer des Lebens aus, wie eine indische Witwe, die mit Wollust im Scheiterhaufen verkohlen will. Fast unverwandt sah sie nach unserer Loge und, wie es schien, auf mich. Plötzlich fiel mir ein, daß ich sie schon gesehen. Auf einem einsamen Wege kam ich neulich zur Stadt geritten, mein Pferd war scheu und unstet, es ging sehr unruhig, ich [54] lasse ihm die Zügel schießen, um seinen Drang nach Freiheit zu stillen. Wie ein rasselndes Gewitter brauste es die Straße einher, eine kleine Strecke vor mir seh' ich plötzlich ein Kind in den Weg hereinspringen, eine Dame mit durchdringendem Geschrei ihm nach, sie will es von der Straße reißen, das Kind sträubt sich, mein Pferd ist schon dicht vor ihnen. War das Kind allein, so setzte ich darüber hinweg, mein Rappe versteht das und beschädigt niemand. Aber die Dame richtet sich auf, ich pariere mit aller Kraft, die mir zu Gebote steht, das Pferd und setze es so fest in den Boden, daß mich der Stoß über den Kopf des Tieres schleudert. Ich stand neben der Dame, die mich mit unbeschreiblich schmerzhaftem Ausdrucke in ihrem schönen Gesichte ansah, sie war wieder halb zusammengekauert und drückte wie schützend das kleine Mädchen in ihren Schoß. Ich hob das liebe Kind, welches sorglos lächelte, in die Höhe, küßte es und gab es der schönen Mutter in die Arme. Sie war außer sich vor Bewegung, sah mich mit weiten Augen wie ein durstiger Himmel an, griff hastig nach meiner Hand und bedeckte sie mit Küssen. Ich erwehrte mich dessen kaum – das heiße Wasser stand in ihren Augen; erregt stieg ich wieder auf mein Roß, winkte ihr Lebewohl und flog davon. Dieselbe Dame – ich erkannte sie jetzt genau – war die Desdemona.

Ich sah unverwandt hin und bemerkte es nicht, daß mich die Fürstin fortwährend fixierte, daß ihr Bruder, den ich einige Male an der Pharaobank und in liederlichen Häusern gefunden, mich zu begrüßen versuchte. Als ich dessen inne ward, fertigte ich ihn kurz ab und verwies ihn auf das schöne Spiel der schönen Schauspielerin. Seine Schwester winkte ihm, und nach dem ersten Akte stellte er mich ihr vor. Ich war zerstreut und sprach wie eine Seite der Abendzeitung in langweiligen Aphorismen, die Blicke immer auf den Vorhang heftend. Sie fragte boshaft, ob ich so sehnsüchtig auf die Desdemona wartete. Ich sah sie lange freundlich an [55] und sagte lächelnd: »Ja.« Es zuckte etwas über ihr Gesicht, und sie wendete den Kopf hinweg. Jetzt erst fiel mir ein, daß ich doch wohl etwas unartig sei. – Das Profil der Fürstin betrachtend, versank ich aber doch wieder in ein behagliches Träumen. Sie ist blond und hat die schönste weißeste Haut, die ich je gesehen. Das Gesicht ist vornehm und edel, braune Augenbrauen und lange gleichfarbige Wimpern beschatten ein dunkles verlangendes blaues Auge, das in seiner heißzonigen Art wunderlich heißzonig absticht gegen das Nördliche, Unschuldsvolle des übrigen Gesichts, dessen feine, fast unmerklich aufgestutzte Nase keck und leichtsinnig aussieht. Der kleine Mund ist zum Küssen herausfordernd mit seinen quellenden Lippen, der Körper ist voll und üppig. Sie trug einen blausammtnen Reitrock, der am Busen geöffnet war, und unter weißer Chemisette, dessen erster Knopf sich gelöst hatte, zeigte sich eine schneeweiße, kühn und gesund gewölbte Brust zum Teil ohne Hülle dem fragenden Blicke. Ihre Gedanken schienen sich zu erhitzen, sie ward rot und die Brust ward rascher. Plötzlich wendete sie sich zu mir und fragte mich, warum ich sie unverwandten Blickes ansehe. Ich lachte und versicherte ihr, ich sei ein Physiognomiker, der Charaktere studiere und bei den interessantesten natürlich am längsten verweile.

Ich war zwischen ein doppeltes Leben eingedrängt. Desdemona kam wieder und sendete mir befruchtende Lichtstrahlen, die Fürstin erwärmte wie Maiensonne. Ich habe lange nicht so viel gelebt als an jenem Abende. Der Fürst kam dazu und wollte meine Familie und ihren Stammbaum in Spanien kennen, er schwatzte viel unnützes, genealogisches Zeug; ich versicherte ihm, daß ich ein Bastard, von einer armen Baskin geboren, und nur aus Mitleid angenommen und mit meinem jetzigen Namen beschenkt sei. Er lächelte, meinte, ich sei ein schnurriger Kauz, und ich solle ihm meine Aufwartung machen. Die Fürstin warf dazwischen, ich würde [56] wohl keine Zeit haben; der Fürst fragte, womit ich mich beschäftige. Ich dichte, antwortete ich. Sonst – fuhr er fort – sonst, nahm ich seine Rede auf, studier' ich die chinesische Geschichte, wegen der schwierigen Stammtafeln. Sie sind Historiker? – Nur mit dem interessantesten Teile der Geschichte, mit der Genealogie und Heraldik beschäftige ich mich. Jetzt schien er's zu glauben, nur die Fürstin schüttelte leicht das Köpfchen und lächelte. Ich weiß alle guten Familien von Nebukadnezar herunter – fuhr ich fort. »Hatten denn die Alten auch Wappen?« – O ja, sie trugen sie an den Schwertknöpfen und die Urvölker an den Häuptern, über welche sie Tierhäupter zogen. »Was halten Sie von Shakespeare und dem Othello?« warf die Fürstin dazwischen. Wenn ich eine Frau wäre, entgegnete ich, würde mir die Desdemona nicht gefallen, weil sie der ausgeprägteste Typus von weiblicher Ergebenheit ist, und ich hasse als Mann die Ergebenheit; sie ist wie ein rührendes Lied; man muß das Lied lieben, ich liebe aber auch gern den Dichter des Liedes. Vom Dichten ist aber nichts an ihr, sie ist nur gedichtet, sie ist durch und durch Passivum – sie ist nur Träne, darum ein reizendes Weib; der Mann liebt aber den Schmerz mehr als die Träne. Sie ist zum Sterben, zum Vergehen liebenswürdig, der Mann braucht aber weniger Todesmut als Lebensmut; Sterben ist leichter als Leben. Aber sie ist so verführerisch weiblich liebenswürdig, daß man mit ihr sterben möchte, und dies ist ihr einziges Unrecht. Ihr Vater, Shakespeare, aber ist ein braver Mann. – »Ein wenig roh,« setzte der Fürst hinzu. – Beefsteak, Durchlaucht, Beefsteak – und die Natur ist nicht für alle anständig, der Herrgott hat die Etikette nicht erfunden. Der Mann mit den Sternen auf der Brust schwatzte noch viel albernes Zeug, ich sagte ihm noch dreimal, daß er recht habe, dann schwieg ich, legte mich an den Pfeiler und litt mit des Mohren Weib. Zwei Striche für Jago, und er ist der stärkste Engel. Shakespeare [57] hätte den Raffael übertreffen können, der mit zwei Strichen Weinen in Lachen verwandelte. Es ist die fürchterlichste Potenz von menschlicher Kraft in diesem Jago – Shakespeare muß ein starker Mensch gewesen sein, sonst hätte er nie einen Jago zeichnen können. Es ist die verzeihlichste Schwäche, einen großen Menschen anzubeten, ich verzeihe darum gern der Welt die Tändeleien mit dem dogmatischen Christentume – wenn mich Shakespeare nicht umarmen wollte, so würde ich seine Füße küssen. O Gesundheit! du Seele der Welt, warum hast du die Poeten verlassen? Ich danke der Geschichte nur für zwei Bücher, die sie gerettet, für den gesunden Homer und den gesunden, strotzend gesunden Shakespeare.

Alles war tot; ich vergaß das Fortgehen. »Ich hoffe Sie mehr zu sprechen« – hörte ich neben mir und gewann kaum Zeit, der fortrauschenden Fürstin mich zu empfehlen. Die Nacht und den andern Tag hatte ich für niemand Zeit. Shakespeare war bei mir, ich hielt Tür und Fenster verschlossen. An Desdemona hatte ich viel geschrieben. Am zweiten Morgen hatte ich die schönsten Antworten. So hatte ich mir das reizende Weib gedacht, jede Zeile war Poesie, war Herzblut. Aber ein resignierendes Opfergeschöpf war sie und blieb sie wie Othellos Weib. Ihre Liebe versprach eine grausame Wollust zu sein. Die Keime des Todes streckten ihre Spitzen aus jedem Gedanken. Ich fühlte ein inniges Erbarmen mit ihr und konnte sie nicht sehen, sie verlangte es auch nicht, aber wir schrieben uns fleißig. Ihr Mädchen, das mir die Briefe brachte, hatte einmal auch das kleine liebe Kind mit sich, ich spielte einen ganzen Vormittag im Sonnenscheine meines Zimmers mit dem kleinen Dinge. »Du bist wohl ein großer Herr, meine Mutter erzählt mir, daß du mit der Prinzessin sprichst,« lallte das kleine harmlose Geschöpf und erinnerte mich zu ihrer Mutter Nachteil, daß ich noch nicht bei der Fürstin gewesen.

Ich fuhr hin, das schöne Weib tat anfänglich stolz, sie [58] war verletzt durch meine Nichtachtung, Ungezogenheit. Sie ist klug und sehr unterrichtet. Wir sprachen über unsere Literatur. Das Gespräch wurde warm, ja, es ward üppig, als wir auf Goethes Elegien kamen. Es überraschte mich äußerst angenehm, ein Weib so ganz ohne Prüderie zu finden; sie sprach keck wie eine Griechin von ihrem Entzücken über die Darstellung jener italischen Szenen. – –

Eben empfange ich Deinen Brief, erlaube, daß ich ihn erst lese, ehe ich weiter schreibe.

12. Konstantin an Hippolyt
12. Konstantin an Hippolyt.

Frag doch einmal den Valerius, welche Bewandtnis es mit seinem letzten Billett habe, das mir aus einem bedeutenden Gesandtschaftshotel zugeschickt worden ist und in dessen Begleitung ich eine zierliche Einladungskarte in jenes Hotel erhielt. Ich war eben mit einer Auktion meiner letzten reputierlichen Kleider beschäftigt, der gallonierte Bediente nahm sich schnurrig unter meinen Juden aus. Es war der letzte Tag meiner äußerlichen Anständigkeit, im himmelhohen Dachstübchen meiner jetzigen Höhe soll der geputzte Lakai mich schwerlich wiederfinden. Ich sehe hoch herab auf den steifen Berliner Jammer.

Tut mir nur den Gefallen, in Euren etwaigen Novellen keine miserablen Kerls mit prächtigen Ansichten auszustaffieren, sondern die Gestalten möglichst bedeutend zu machen – etwa von meiner Figur. Diese genialen Kerls, die bloß deshalb unglücklich sind, weil ihnen eine beträchtliche Dosis Menschenverstand fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spielen können, sind mir im höchsten Grade zuwider. – Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe, um glücklich zu sein, wenn ich früh mit der Morgensonne die tote Stadt betrachte und den lustigen Rauch aus den Schornsteinen steigen sehe, da will mich oft eine Träne beschleichen [59] und eine wimmernde Elegie zerbröckelt sich auf der Zunge, aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur Hand und lese ihn mit starker Stimme in die Morgenluft hinaus. Da kommt mir bald der Zorn gegen die jämmerliche Welt, die ihren Geburtstag vergessen hat, und wenn der Zorn erst kommt, da ist alles gut. Nach der Liebe ist er die edelste Leidenschaft. Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zürnend auf meiner kleinen Stube hin und her; denn der einzige Rest meiner Zivilisation, der mir geblieben, mein Mantel von Marengo, der mich Tag und Nacht schützt, erlaubt mir nicht, am Tage auszugehen. – Die Zukunft kümmert mich nicht; wären wir nicht alle zukunftskrank, so würden wir eine stärkere Gegenwart haben. Mache Dir alles Angenehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein notwendiges Übel – hätte ich nicht für mich selbst diese Registratur der notwendigen Übel errichtet, beschäftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen, bis es mir wenigstens interessant und für eine Novelle brauchbar erscheint, ich würde wahrlich nicht so guten Mutes sein. Ich lache doch alle Wochen wenigstens einmal. Auch les' ich jetzt fleißig in der Bibel; ich will doch mit Vernunft über den Unsinn räsonieren, nach achtzehnhundert Jahren noch immer ungestört von einem Buch sich gängeln zu lassen, das unwissende Schüler einem großen Meister nachlallten. Die »Menschenrechte« daneben geben die Glossen dazu.

Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissensfragen in Grünschloß amüsieret mich sehr. Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten Novellen, die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten abfragen. Macht Ihr noch keine Sonette? Diese Dichtungsart ist ja wie für Eure Lage erfunden. Man muß beim Sonett nur immer die Form in größter Vollkommenheit voraussetzen und so wie die Färbung beim Gemälde, der Stein bei der Bildsäule Bestandteile der Schönheit sein können, wenn auch derGedanke die Hauptsache [60] bleibt, so ist's auch beim Sonett. Das äußerlich Glänzende verteidigt niemand weniger als ich, aber beim Sonett darf's nicht bloß dieses sein: den äußeren Glanz muß eben die innere Harmonie geben. William sagt gut: »Es ist eine Säulenordnung, wo jede Säule zur andern und alle zum Ganzen in schöner Beziehung, klarem Verhältnis stehen müssen.« Man mache hie und da, wenn es eben recht aufgeräumt im Kopfe ist, ein Sonett und sende es der Liebsten. – Das Sonett ist ein Weib, dies wird sich dessen freuen, es ist ihr ein Spiegel eigener schöner Zusammenstimmung, wenn das Weib anders eben Musik in sich hat. Ein Dichter, der nur Sonette macht, ist ein weibischer Mann aus unserer Teetassenzeit. Sonette können schon wegen der Schwierigkeiten nichts als der Schaum unserer inneren Wogen sein, das Eigentliche liegt auf dem Grunde, und wenn es heraufkommt, so ist es das Einfache, der Urvers, der sich in der poetischen Prosa oder dem klaren Jambus ausspricht.

Daß ich nicht ins Theater gehen kann, tut mir leid. Bei dieser schalen mageren Welt seh' ich gern die phantastische Tätigkeit des Traums. Was mir Valerius einst über Nationalität als Hebel der – namentlich der dramatischen Poesie sagte, stimmte mit meinen Ansichten überein. Ich glaube aber, daß alle Nationalität nach und nach verschwinden wird und daß dies ganz notwendig im Gange der Weltgeschichte liegt. Ich glaube nämlich an eine dereinstige Universalrepublik so fest wie an meine Fähigkeit, ein Glas an den Mund zu führen. Es wird und muß sich eine neue Zeit bilden, wir leben freilich in keiner, sondern in dem Zwischenraume auf der Brücke zweier Zeiten. Individualitäten, plastische Figuren, mit einem Worte, Helden verschwinden, und an die Stelle der Helden tritt die Meinung. Wir bereiten den Stoff zu einer neuen Ära der Poesie, welcher der voreilende Jean Paul teilweise schon angehört. In dieser neuen Weise können wir noch nicht schreiten, weil sie erst die [61] Hälfte ihres Körpers aus dem Mutterleibe der kreisenden Weltgeschichte hervorstreckt; die alte Weise kann uns aber nicht mehr genügen, eben weil die Ahnung der neuen schon in uns vorhanden ist. Daher finden wir von allen Arten der Poesie die meiste Befriedigung in der Musik, weil sie der Ausdruck halbbewußter Gefühle ist. – Nenne dies »Fieberphantasie eines tauben Musikers.«


Dieser Schuft von Diener aus der Gesandtschaft hat eine Spürnase wie ein Jagdhund und mich wirklich ausgeschnüffelt – keuchend kam er eben auf meiner Höhe an, und brachte mir die verbindlichste und dringendste Einladung. Man habe mir vielerlei mitzuteilen. Mantel, schütze mich vor Blößen! »Menschenrecht«, wahre meine Freiheit – in dies dumme Zeug hat mich Valers besorgliche Gutmütigkeit wahrscheinlich gestürzt. Bitte ihn doch, daß er die Leute unterrichten läßt, ich sei ein Taugenichts. Dann lassen sie mich hoffentlich in Ruhe. Ich räusperte mich und hielt dem Diener eine jakobinische Standrede. Erstens bedeutete ich ihm, daß mein Name Müller, einfach Müller, Stadtmusikus Müller sei, mein Vater heißevon Müller, ich aber nicht – das von sei überhaupt nicht mehr Mode, und die Mode sei die Hauptsache. Zweitens paßte mein Äußeres und Inneres nicht in ein Gesandtschaftshotel, drittens gehörte ich zu den Sansculotten, viertens würde ich ihm den Hals brechen, wenn er sich noch einmal bei mir sehen lasse. –

Ich hoffe, er hat genug.

Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, daß meine gute Schwester gestorben ist, es war, als ob eine alte Saite in mir spränge, es schwirrte eine ganze Weile. Ach, Sterben ist keine Kunst; – nur weil die Leute das nicht wissen, erschrecken sie so unmäßig vor der französischen Schreckenszeit. –

Ade – freue Dich, denn dies ist der Punkt, um den sich alle Sonnen und Monde drehen – Epikureer ist auch [62] der Stoiker, denn was anderes als Freude in sich will er durch Stoizismus gewinnen? Um zum Vergnügen zu kommen, sei mäßig, nur nicht in der Liebe zu mir; ich denke Dir mit Wucher zu zahlen.

13. Hippolyt an Konstantin
13. Hippolyt an Konstantin.

Lieber Freund, Valerius, der eben zu mir kommt und mir den ähnlichen Brief von Dir mitteilt, ist mit mir gleicher Meinung: das muß anders mit Dir werden. Beiliegende Summe wirst Du zu Deiner Akklimatisierung anwenden, oder es trifft Dich das Anathem der Böotier. Sobald Du Dir einen Frack gekauft, folge jener Einladung; nach allem was ich gehört, findest Du ein reizendes Mädchen.

Jetzt höre zu, ich erzähle weiter. Die Fürstin bedauerte, daß Goethe nicht auch dergleichen Szenen aus reicheren, vornehmeren Umgebungen geschrieben, die Weiber seien zu sehr Landschaft, ich solle ihr Elegien schreiben, wo die Frauen mitsprächen. Jenes Behagliche, Reiche – entgegnete ich ihr – was sie vermisse, ersetze der Schauplatz Italien, aber es sei allerdings ärgerlich, daß unsere übrigen Poeten noch immer so wenig Courage hätten, dergleichen zu schreiben. Einmal, sagte ich, liegt es an unserer bürgerlichen Einrichtung, die in so vielfache kleine bürgerliche Fächer abgeteilt und durch Mauern und Hecken abgetrennt ist, die so sehr der Freiheit ermangelt, daß die meisten Menschen nach dem Rechenbuche leben müssen, in die nassen Felder hinausrennen, um sich Luft zu machen, da empfängt sie unser schlechtes Klima, und sie holen sich den Schnupfen. Zweitens werden den meisten jene Fächer ins Herz hinein erzogen, sie prallen vor jeder papiernen Wand zurück, weil ihnen das leidige Herkommen zum unerschütterlichen Naturgesetz geworden ist. Sie zweifeln eher an der Richtigkeit und Gesundheit ihrer Gefühle, als an der der Verhältnisse. Der ist schon ein [63] bürgerlicher Held, der als Kanzlist der Tochter oder Schwester des Regierungsrates seine Liebe anzubieten wagt. Drittens sind unsere allgemeinen politischen Verhältnisse noch immer die der Herren und Sklaven, und der großen Masse von Sklaven fehle es an Mut zu lieben, wenigstens an Mut, Gegenliebe zu verlangen.

»Das sind wunderliche Dinge« – entgegnete die Fürstin – »ich glaube aber nicht, daß Sie zu den Sklaven gehören.« – Dabei reichte sie mir die schönste Hand, welche ich je gesehen, zum Kusse. Ich küßte sie ihr lachend mit warmen Lippen, und da sie mit dem Zurückziehen nicht eilte, so eilte ich nicht mit dem Zurücklassen. Ich sprach noch viel mit erhöhter Wärme über Poesie und Weiber. Meine Dame ward auch bewegter, zog einmal ihre Hand weg, nannte meine Theorien männerfrech, ließ mich später die Fingerspitzen wieder ergreifen, schwieg lange, sah mich forschend, durchdringend an, stand dann plötzlich auf, strich mir wie Adelheid in Goethes Götz dem Franz über das Gesicht und erlaubte mir, den andern Tag wiederzukommen und ihr Gedichte mitzubringen.

Ich war in einer Art Sinnlichkeitsrausch. Wenn Du Dich darüber wunderst, so hab' ich Dir nicht genug von der Schönheit des Weibes, nicht genug von dem stolz einhergehenden und doch von Bewegung immer in die Knie sinkenden Trotze ihres Wesens gesagt, das unwiderstehlich reizte. Eine stolze Blume, die sich des feuchten Taus nicht erwehren kann, der ihre Blätter, die Augenlider, erweicht und das Haupt beugt. Rechne dazu die reizendste, reichste Umgebung, welche der trägsten Phantasie schwellende Polster unterschob. Glaube ja nicht, daß die äußeren Umstände ohne großen Einfluß seien. Wer unter den gewöhnlichen engen bürgerlichen Verhältnissen, wo das Philisterhafte der Frau Mutter oder Frau Muhme mit beobachtet sein will, frei, mild, stark lieben will, muß einen viel größeren Grad von Freiheit und Stärke entwickeln, als wer eine Fürstin in goldenen Zimmern[64] findet, wo auch die leiseste Störung scheu nicht in die Nähe zu treten wagt. Nur die sentimentale, eine Jugendliebe, die Raserei der Liebe wächst unter erschwerenden Umgebungen – die Romanschreiber, die den Satz überall gelten lassen, verstehen nichts davon. Wie käme jeder arme Novellist in seiner kleinen Bürgerstadt mit seinen paar Papiertalern Honorar in Kreise, wo die Spirallinien des Wunsches in weiten freien Bogen springen! Daß so wenige von den äußerlich Begünstigten Romane schreiben, daß diese freieste schönste Dichtungsart so fast lediglich den armen Teufeln überlassen ist, bringt soviel Jämmerlichkeit, zusammengeschnürte Herzen in unsere Poesie. – Es ist ein ander Ding, daß die Liebe durch Hindernisse wachse – wer möchte das leugnen, aber der Feind muß des Kampfes wert, der Feind muß gewaltig die höheren Tätigkeiten aufregend sein, – wer und was ist denn aber der gewöhnliche Feind Eurer Liebschaften? Ein kleines Kastenherz, das die lebendigsten Pulsschläge als zu kühn und illegitim fürchtet, jämmerliche Furcht vor einigen herkömmlichen Rücksichten, die nicht erlaubt glücklich zu sein, weil's tausend andere Hasen nicht gewesen sind, altes Weibergeschwätz, der sogenannte Ruf, d.h. das Klatschthema aller mittelmäßigen Menschen. Solch ein Feind stärkt nicht, aber er lähmt. Man kämpft gegen einen ausgestopften Wanst, in welchem das Schwert stecken bleibt, was den Arm ermüdet, das mutige Herz aber mit Ekel erfüllt.

Ich erinnere mich eines Universitätsbekannten, der den Umgang mit einem liebenswürdigen Mädchen aus lauter bürgerlicher Verzweiflung aufgab; sowie er bei ihr saß, kam die Frau Muhme und die Frau Base und die Frau Nachbarin, und wenn er die losgeworden war, der Herr Gevatter und der Herr Bruder Handschuhmacher und der Papa und die ältere unversorgte Schwester und sprachen von den Stunden der Andacht, von den schlechten Zeiten, von der Sittenverderbtheit und noch einmal von schlechten Zeiten, daß der [65] Mensch immer zum Tode abgemattet von seinem Liebchen kam und ein Ende machte, um nicht vor Ärger, Langerweile, unbefriedigtem Sehnen, verplatteter Empfindung aufgerieben zu werden.

Der Gegensatz von all den Dingen zeitigte allerdings wie klarer Sonnenschein meine Neigung zur Fürstin. Ihr sogenannter Gemahl zählte gar nicht; einmal gehorchte er seiner Frau unbedingt und war ein kläglicher Pantoffelritter, zweitens war er ein abgestumpfter Mensch, der ein ordinärliederliches Leben geführt hatte; ferner beschäftigte ihn eine kindische Eitelkeit mit soviel andern Gegenständen, daß er keine Zeit und keinen Zugang für den Gedanken hatte, seiner Frau könne ein anderer Mann gefallen, endlich war er meist verreist. Während ich bei seiner Frau saß, ließ er sein nobles Pharospiel bewundern, seine schönen Pferde preisen, sein vielwisserisches fades Gespräch geistreich schelten. Der Bruder der Fürstin war sein Genoß und störte uns ebensowenig. Aber des Fürsten Bruder war ein kräftiger Feind, denn er liebte seine Schwägerin mit Leidenschaft. Doch davon später. Ich wollte Dir nur dartun, wie das Behagliche aller Umgebungen mich hineinlockte in das Zauberschloß zur schönen Fee, wie ich so lange einen Engel gleich Desdemona ihr nachsetzen konnte.

Sie hatte mich das erstemal in einem großen Gesellschaftszimmer empfangen; als ich den andern Tag wiederkam, fand ich sie in einem kleinen lauschigen Gemache. Schwere grünseidene Gardinen mit glänzenden Goldtroddeln verhüllten zwei hohe Fenster, der Fußboden war ein bunter Blumenteppich, an der einen Wand hingen zwei große Ölgemälde, Joseph, eh' er zu dem einfältigen Entschlusse kommt, sich der Potiphara zu entreißen, und Leda, als sie brünstig ihren Schwan küßt; an der Wand gegenüber stand ein rotseidener Diwan, über welchem ein vortrefflicher Kupferstich hing, Jupiter darstellend, wie er in goldenen Regenstrahlen zur Danaë kommt. Das Zimmer war sonst fast leer, ein breiter Spiegel strahlte den Diwan zurück und umarmte strahlend den keuschen Israeliten [66] und die begehrliche Leda, ein reicher kleiner Tisch mit Erfrischungen bedeckt stand neben dem Sofa. Es war die leichte heitere griechische Freiheit, die über das ganze Zimmer gegossen war; ich hasse nichts so, als die mit Herrlichkeiten überladenen Gemächer, wo man bei jedem Schritt befürchten muß, etwas zu zertreten.

Die Fürstin stand vor dem Spiegel und rollte eine Locke an den Fingern auf. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als dies Weib in jenem Augenblicke an jenem Abende. Sie trug einen leicht seidenen weißen Rock, hoch geschürzt mit einem Florüberwurf, nach Art der sarmatischen Überkleider geschnitten. Beide waren natürlich vorn offen und schlugen sich, wenn sie ging, zurück, so daß man das weiße Unterkleid und die sich rund hervordrängenden Umrisse des Schenkels und Beines sah. Schultern, Hals und Arme waren frei, die kurzen herunterhängenden polnischen Florärmel fielen zurück wenn, sie den Arm hob. Titian hat nie ein schöneres Fleisch gemalt. Sie war ungeschnürt, und der volle Busen drängte die schwache Seide wie ein volles Herz die kleinen gesellschaftlichen Rücksichten. Ihr reiches blondes Haar fiel in reichen Locken um das Haupt. Der gewöhnliche scharfe Ernst ihrer Züge war gemildert, und sie ging anfänglich in launigen Gesprächen wohl eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Es mochte wohl Eitelkeit sein, ihre in Schönheitslinien sich schaukelnde Figur zu zeigen. Aber ich liebe diese Eitelkeit, und die stets sitzenden Frauen kommen mir wie fette Türkinnen vor, die mich nie reizen könnten. Das freieste Wort, die freieste Sprache des Körpers ist der Gang. Diese vornehme Keckheit, mit der sie ihre Reize offenen Auges, offener Stirn auftreten läßt, erfreut und stärkt meine Sinne. Es ist eine kühne Gesundheit darin. Jenes verdeckte, versteckte Kokettieren mit nackten Eckchen und Zipfelchen ist der bare Gegensatz davon und mir in der Seele zuwider. Parallel damit geht auch die krankhafte Beschreibung solcher hysterischen Schönheiten, [67] wie sie in den sogenannten schlüpferigen Romanen zu finden. Beides schwächt die Sinne. Die Natur in ihrer ungeschminkten Schönheit, in ihrer Nacktheit ist immer edel und schön, ihre Verkünstelung ist krankhaft. Weil der Novellist nicht den Mut hat, die unverhüllte Form zu zeigen, so hat er auch nicht den Mut, sie zu bewundern, und er gibt Dekokte für die bare Schönheit. Darin besteht ja die Fülle von Vollkommenheit in der Poesie, daß ihr alle Künste zu Gebote stehen, und wer die plastische verdirbt und einen löcherigen Mantel über die nackte Statue wirft, bestiehlt den Roman. Was gäbe ich darum, schrieben unsere Bildhauer Novellen, das könnte eine stärkende Kur werden; was gäbe ich darum, lebten noch zwei Heinse, die einfachen Homöopathen der Beschreibung. Das ist es, worin ich ganz mit Valer übereinstimme, nur, daß er mit größerer Vorliebe den weichen Formen des Praxiteles nachgeht, ich die dreisten Linien des Phidias vorziehe. William hat gar kein Verständnis dafür, und ich fürchte, der kleine Provenzale nimmt mehr das Lüsterne heraus, was ich ganz verwerfe, weil es entnervt.

Die Fürstin sprach von den Männern; ich mußte ihr von Weibern erzählen. Sie hatte viele von unseren einbalsamierten Herren kennen gelernt, deren Gestalt nur hier herumläuft und deren Geist in Erziehung, Liederlichkeit oder Furcht verflüchtigt ist. Wenn das Gegenteilige ihr begegnet war, so hatte es aus jener materiellen, rohen, ich möchte sagen, bestialischen Soldatenkraft bestanden, die schon seit vielen Jahrhunderten unsere höher gestellten Stände für ein Axiom der Bildung ansehen. Es ist diese Barbarei ein Kindlein des Mittelalters und eigentlich ein diplomatischer Streich des Adels. Als das Rittertum verschwand, pachteten sie die vornehme Soldaterei und Jagd; sie ahnten etwas vom Kriegerstande der Ägyptier und Inder und wollten die herrschende Partei, welche mit des Schwertes Kraft das Land erobert hat, fortspielen. Unterdes ist die Welt mit ihrer [68] Zivilisation weit über jene behelmten Häupter hinausgewachsen, darum sehen wir jetzt unter den sogenannten höheren Ständen eine solche Menge barbarischer Fratzen mit lächerlichen Schnurrbärten von einem Ohr bis zum andern, die noch immer der ernstlichen Meinung sind, sie hätten das Privilegium der Courage. Gemütern, die alle zivilisierten Anlagen zum Herrschen besitzen, also ein Wort aus Erfahrung darüber reden können, muß dieser Vandalismus greulich sein. Das klagte die Fürstin, und es beschlich sie, nachdem die Schärfe des Wortes lange genug gemäht hatte, eine leise Wehmut, die ihr sonst gar nicht eigen, darum aber doppelt verführerisch an ihr war. Männersehnsucht, Männertrauer, Tränen nach Männern sind die schärfsten Waffen eines stolzen Weibes. Sie erobert, indem sie um Gnade bittet. Ich fühlte die reiche Armut des einsamen, hochgestellten Weibes, ich fühlte meine Kraft sie zu halten und zu beglücken. »Arme reiche Frau« – sprach ich, blieb vor ihr stehen, faßte ihre beiden Hände, führte sie an meine Lippen und sah ihr drängend tief in die Augen hinein. Sie legte ihre Arme auf meine Schultern und gab mir die Blicke feucht und redlich zurück. Aber es war, als kämen sie aus einer weiten, fernen Dämmerung, als wären sie Träume von reizenden Sternbildern; sie schauten wie aus den Wogen tiefer Gedanken, sie sahen träumerisch, aber unendlich glücklich aus, diese Blicke. Es war, als bückte sich die Seele des hohen Weibes tief vor ihnen. Die starren Kräfte des kalten schönen Gesichts waren gebrochen, die Züge sanken in die Knie zu zauberhafter Milde, wehmütiger Freundlichkeit. Venus stieg aus dem Meeresschaum, und die schäumenden Wellen fielen plätschernd von ihr, und sie ward ganz das warme Weib. Lange sahen wir uns so in die Augen, näher und näher sie aneinander drängend. Keines sprach. Wenn sich die Seele unter Schmerz und Lust und Tränen nackt an den Tag drängt, da staucht und hemmt sie erst das vorlaute Wort, die dreiste Kehle, wie man ein [69] Wehr hemmt, wenn man die Tiefe des Wassers trocken und nackt sehen will. Endlich lispelte die Fürstin leise, so leise, daß es nur mit Mühe mein innerster Mensch erlauschte: »Du bist ein Mann«, und ich fühlte einen brennend heißen Kuß auf meinem Munde. Sie schlug die schönen Arme um mich, ich hob sie dicht zu mir und hielt sie, die halb schwebende, die ihre brennende Wange an mein Auge drückte und so eine Minute in meiner Umarmung verweilte. Dann hob sie den Kopf, drückte mein Gesicht in ihre Hände und küßte mich einige Male heftig, machte sich halb los von mir, warf Haupt und Locken in den Nacken zurück und mich mit halbgeschlossenen Augen betrachtend lächelte sie und nickte leise mit dem Kopfe. »Komm, Mann,« sprach sie, legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer auf und ab, hie und da blieben wir stehen und küßten uns inbrünstig, und meine passive, mir so ungewohnte Rolle von mir werfend, drückte ich die vollen straffen Glieder des schönen Weibes an mich und schleuderte die lodernden Funken der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum, umschlang sie wie ein Löwe sein Weib, überließ mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens, und küßte sie, bis sie weich und erschöpft in meinen Armen zusammenbrach, da hob ich sie, einen Arm um ihren Leib schlagend, die Hand an ihren Busen drängend, an meine Seite und ging, sie halb tragend, mit ihr durchs Zimmer. Vor dem Spiegel blieb ich stehen und zeigte ihr unser Bild. Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten, aber es gelang ihr nicht, sie ließ das Haupt nach vornhin gebeugt sinken und sah mit einem lächelnd naiven Ausdrucke, dessen ich sie gar nicht fähig gehalten hätte, auf unsere Gruppe im Spiegel. – –

Die Stunden waren geflogen, wir saßen auf dem Diwan und ich mußte ihr Liebesgeschichten erzählen. Sie meinte, eifersüchtig sei sie nicht auf die Vergangenheit. Dennoch konnte ich keine Geschichte zu Ende bringen, ohne daß sie mich da, wo sie anfing interessant zu werden, auf den Mund [70] schlug, stillschweigen hieß, aufstand, einen Gang durchs Zimmer machte, dann vor mir stehen blieb, zausend in meine Haare griff und halb zornig, halb lachend sagte: »Du hättest wohl auf mich warten können mit Deinem Lieben, dreister Mensch.« Ich lachte und zog sie an meine Brust, und drückte die Hand in ihren Busen, um den Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen, und als ich ihr sagte, sie hätte ja kein Herz, da schlug sie mich ins Gesicht und ging hinweg. Ich sprang ihr nach – »still,« sagte sie – »Du mußt jetzt fort, es wird zu spät, meine Dienerschaft kümmert mich zwar nicht; aber es reizt mich, nichts vor dem besorgten Bürgerweibe voraus zu haben – man soll Dich fortgehen sehen. Dieser Schlüssel – sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Diwan – schließt die westliche Gartenpforte, ich habe ihn selbst heut mittag für Dich abgezogen, Du Schuft; in einer Stunde kannst Du zurückkehren. Schwing Dich auf den niedrigen Balkon an der Ostseite des Hauses, die mittlere Flügeltüre findest Du offen, geh dann durch die nächsten drei Gemächer bis in das Bibliothekzimmer, dort erwarte mich. Adieu, Mann meiner Liebe!« – – –

Das Palais liegt, wie Du weißt, halb im Freien; ich wollte in frischer Luft und Nacht die Stunde verbringen und schlenderte auf die Promenade und auf die Wege, die zu den umliegenden Gärten führen. Aus einem etwas seitab liegenden Gartenhause hör' ich Musik, eine Singstimme zum Klavier, und zwar Juliens Arie aus der Vestalin, die ich liebe. Ich gehe hinan, und aus einem hohen Parterrezimmer klingt die schöne volle Frauenstimme. Ein Gartenschemel, der in der Nähe steht, soll mir die Aussicht ins Zimmer gewähren, er wird unters Fenster getragen, ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidenen Überrocke, mir den Rücken zukehrend, am Klavier sitzen. Die Arie ist zu Ende, sie läßt die Hände in den Schoß, den Kopf nach vorn niedersinken. Ich rege mich nicht. Sie hebt eine Hand und fährt [71] leise mit ihr auf den Tasten herum. Dabei bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite, ich sehe das Profil, es ist – Desdemona. »Guten Abend, Desdemona!« – Sie fährt auf, sieht, erkennt mich, springt ans Fenster, greift nach meiner Hand, bedeckt sie mit Küssen und spricht: »Mein liebster Hippolyt.« Sie fragt nach nichts, sie schilt nicht, sie gießt nur ihre Seele aus dem Auge in das meine; wir schwatzen kosend wie zwei Vögel, die auf zwei Ästen sitzen, da schlägt es elf. »Einen Kuß, Desdemona, ich gehe.« Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin. »Gut' Nacht, Hippolyt,« sagt sie – Gut' Nacht, Desdemona, und die Vöglein flattern voneinander.

In wenig Minuten war ich an der Gartentür, auf dem Balkon, im Bibliothekzimmer, ich suchte mir Heinses Ardinghello, streckte mich aufs Sofa, und las beim Schein der Astrallampen, die den weiten Raum erhellten.

Wie amüsieren mich Eure langen Gesichter, wenn Ihr von dieser Impietät hört, wie man in voller Glut von einem Weibe zum andern laufen, jetzt diese, eine Viertelstunde später jene umarmen könne. O Ihr armen Leute! Wie können die Bettler den reichen Mann begreifen, der links und rechts ohne Not Gold spendet? Ich habe Leben für eine Million, komme Million und liebe mich! Wie sollt' ich geizen? Euer gewöhnlicher Don Juan ist ein liederlicher sinnlicher Wicht. Aber weil Ihr einmal wißt, daß den der Teufel holt, so haltet Ihr jeden für des Teufels Beute, der nur zufällig ein ähnliches Wams trägt wie Euer Opernheld getragen. Ich wollt' es dem armen Teufel nicht raten, sich an mich zu wagen; der Teufel ist der Tod, ich erdrücke ihn in der Fülle meiner Lebenskraft. – Genug, ich will zu Ende.

Die schöne Fürstin war so leise eingetreten, daß ich sie nicht bemerkt hatte, ich phantasierte über die Formenschönheit mit Ardinghello – wie eine heiße Sonne trat sie plötzlich vor mein Lampenlicht. Eine Million lebte eben in mir, ich [72] riß sie in ihrem weichen Nachtkleide zu mir nieder, ich erwürgte sie fast. »Laß mich einen Augenblick los« – flehte sie. Als sie frei war, sprang sie durch die Tür, ich ihr nach. Sie war verschwunden. Mitten im nächsten Zimmer sah ich mich um, sie schloß eben sorglich die Tür, hinter deren Flügel sie sich einen Augenblick versteckt hatte. »Der Fürst könnte zurückkehren,« – sagte sie – »und es fällt ihm zuweilen, meinem Schwager aber oft ein, sich selbst ein Buch suchen zu wollen.« Wir gingen in ihr Schlafzimmer, es ist verführerisch wie ein anakreontisches Gedicht. Eine nur angelehnte Tür führte zu einem Badezimmer; ich küßte einen Augenblick Abschied auf Mund und Busen meiner Konstantie, warf die leichten Kleider von mir und tränkte meine durstigen Glieder mit der weichen Welle. Es ist dies etwas, was Ihr Deutschen durchaus nicht lernen wollt, daß das viele Baden etwas Reizendes sei. Ihr rauhen Bären Germaniens, die Ihr vom Urzustande doch übrigens nichts als das rauhe Fell behalten habt, wo drei Schläge auf einen Fleck fallen müssen, ehe Ihr einen fühlt, begreift's nicht. Das deutsche Weib, ja selbst der deutsche Jüngling weint sich windelweich, weint sich aus, wenn er einen neuen Menschen anziehen will, der südliche badet, und erfrischt, geschmeidig, geläutert tritt er an die Luft, für deren Balsam er tausend neue Organe geöffnet hat. Das Bad ist ein Hauptakt der körperlichen Zivilisation; schon in Frankreich findest Du in jedem einfach eingerichteten Hauswesen ein Badezimmer, in Deutschland keines in dem besteingerichteten. Ich verlange nicht den Reichtum des Südens darin, denn natürlich drängt dort das Klima mehr dazu; ich verlange nur das Aneignen des reinigenden Elements. Die üppigen Thermen der Griechen und Römer bekunden heut' noch in ihren Trümmern, welchen Wert man auf diese Sitte gelegt. Geist und Gemüt entfalten sich behaglicher in einem Leibe, der aus dem Bade steigt, eine reinere frischere Sinnlichkeit hüpft durch die erregten Adern [73] – aus dem Meere hoben die Griechen ihre Liebesgöttin, die strahlende Aphrodite. Das Wasser ist ein geistigeres Element als die Erde, man fühlt sich höher, edler, wenn man die Glieder aus den Fluten hebt. Darum lob' ich die mehr und mehr überhandnehmenden Schwimmanstalten in Deutschland. Die Polizei sollte an den Toren darauf sehen, daß die Einpassierenden erst in den Fluß gingen, ehe sie in die Stadt kämen; statt die im Zimmer verkümmernden deutschen Bürger allsonntäglich wie die Herde zum nutzlosen Geschwätz eines Pfaffen zu schicken, würd' ich sie ins Wasser jagen, damit sie die trägen Flügel schütteln lernten wie die Vögel, die sich auch baden, obwohl sie in reinerem Elemente verkehren als wir. Deutschland hat die gründlichste Ästhetik ediert, und die Ästhetiker holen die Regeln aus dem Bücherstaube und schreiben ungewaschen über Schönheit. Es hat mir den Anblick manches zärtlichen Liebespaares verleidet, wenn ich daran dachte, daß beide vom Baden nichts wüßten. Man soll den Körper pflegen wie die Frucht, deren Saft unsere physischen und geistigen Teile stärkt und nährt. Deutschland geh' ins Bad.


In der Mitte des Juli.


Das Papier ist gelb geworden; ich habe das Schreiben lang liegen lassen. Du weißt, daß ich immer das künstliche Leben dem natürlichen nachsetze. Es gibt aber hier viel zu leben. Davon will ich Dir später erzählen; erst rasch meine Geschichte bis zur Ankunft auf Grünschloß beendigen. Wenn ich auch an den Bildern mehrerer Jahre vorübergehe, Konstantie bleibt das schönste Weib, das ich gesehen. Linie, Muskel, Form, Auge, Wort, Geist, Gefühl – alles ist straff an ihr; sie ist der Gedanke eines Mannes, der weibliche Form gefunden. Es hat mich nie ein Weib mit solcher Energie umarmt und geliebt als Konstantie in jener Nacht. Ich liebe diese Kraft am Weibe über alles; das Weiche, [74] Vergehende, Ergebene gewährt mir zu wenig Widerstand. Ich gehe noch einen Schritt weiter als Valerius, der ebenfalls Kraft und Stärke des Weibes bevorzugt, ich liebe sogar die Strenge der Form, des Geistes und des Gemüts. Vielleicht sind solche Weiber der Übergang zur griechischen Knabenliebe. Als Konstantie des Morgens erwachte, war nichts von jener Scham, welche der Tag so oft über die Freuden solcher Nächte gießt, an ihr zu entdecken; sie umarmte mich beim Tageslichte so glühend, wie sie beim Lampenschein getan. Ich mußte den Tag über in jenen Gemächern bis zum Balkon bleiben, weil ich nicht leicht unbemerkt fortkommen konnte. Konstantie war für die Welt krank und speiste auf ihrem Zimmer. Wir lebten wie goldene Vöglein im Käfig. Als die zweite Nacht zu schwinden begann, verließ ich sie erst – ein großer Tränentropfen der Wollust und des Schmerzes, der einzige, den ich je in den stolzen südlichen Augen gesehen, erweichte ihren Blick, als sie an der letzten Tür von mir schied. Wir hatten verabredet, daß ich ihre Salons fleißig besuchen sollte. Wenn sie mich italienisch fragte: »Wie leben die Poeten?« so war dies ein Zeichen, daß mein Schlüssel gefahrlos zu ihr führte.

Daheim fand ich einen Brief Desdemonas, ein duftender Zweig aus einem indischen Walde. Ich schrieb ihr innig zurück und ritt dann in das duftende Land hinaus. Es hüpfte ein karger Frühling über die deutschen Felder, aber es war doch ein grüner Junge mit frischem Atem; ich vergaß die springende Jugend Spaniens und ritt immer weiter und weiter. Erst nach mehreren Tagen kam ich zurück. Wieder lag ein Stück Himmel Desdemonas auf meinem Tische, daneben eine trockene Einladung zur Soiree beim Fürsten. Ich ging hin, aller sogenannte Adel der Stadt und Umgegend hatte sich geputzt eingefunden, sie machten alle ernsthaft ihre Kapriolen und spielten ihre Puppenkomödie aufs beste, d.h. ohne allen Geist. Wie sie sich gefreut haben [75] mögen, als sie nach Haus gekommen sind, jeder auf seine Weise, der eine, daß er sich keines Schnitzers im Französisch-Plappern erinnerte, der andere, daß der Fürst ihn auf die Schulter geklopft und versichert habe, er sei noch ganz derselbe wie 1806, der dritte, daß er niemand auf die Füße getreten, auch nicht gefallen sei, die erste, daß sie das zweite Paar im Kotillon und was dies Geschmeiß der Zivilisation dergleichen schwatzt. Der Adel als Begriff und Masse ist wirklich in heutiger Zeit, wie Valerius sagt, ein Indianerstamm, dessen Farbe europäisch geworden, dessen Charakter aber wild geblieben ist. Die späteren Historiker werden unsern Adel als naturhistorische Merkwürdigkeit aufführen.

Die Fürstin war so umlagert, daß ich nicht zu ihr konnte. Aber wo wäre ein Mann so klug wie ein Weib. Beim Kontertanz stand sie plötzlich mit ihrem Tänzer neben mir, und ich hatte es kaum gesehen, als ich auch schon die Frage nach den Poeten beantworten mußte. Sie tanzte mit ihrem Schwager. Er sah sehr ernsthaft aus und maß mich mit stolzen Blicken. Meine lange Gestalt machte ihm viel zu schaffen, er schien nicht einig zu werden über das Maß und fing immer wieder von neuem an. Da ich dort nichts übelnehmen konnte, so lachte ich, das machte ihn noch ernsthafter. Konstantie ignorierte mich – alles flüsterte, sie sei nie so schön gewesen. Ein Weib kann noch so schön sein, die Liebe macht sie doch erst reizend.

Die Nacht kam und ging, ich mit ihr. Dieselben Szenen wiederholten sich; Konstantie, die früher nur auflodernd heiß gegen mich war, wurde von Tag zu Tage wärmer, der männliche Tau schien mehr und mehr von ihr abgestreift zu sein, das Weib war durch und durch erweicht, sie ward mit Blicken und sanften, lind schmeichelnden Worten freigebiger und unvorsichtiger gegen mich. Die Eifersucht aber ist das Bild des alten Argus, sie sieht das meiste. Ihr Schwager ging wie ein Tiger umher; das hätte dem hypochondrischen [76] deutschen Jünglinge die Freude verdorben, die meine erhöhte es. Die Poeten waren des Abends daran gewesen, ich stand gegen Mitternacht auf dem Balkon. Als ich eintrat, fand ich Konstantien nachdenklich, den Kopf auf den weißen Arm gestützt im Lehnstuhl sitzend. Sie trug noch das himmelblaue Sammetkleid, womit sie im Salon gewesen, hatte nur allen andern Kram von sich geworfen und die Fesseln des Kleides gelöst. Ich blieb in einiger Entfernung vor ihr stehen und betrachtete im Spiegel unser eingerahmtes Bild, Du weißt, wie ich das Schaffen von Bildern liebe. Wir schwiegen beide. Endlich hub sie an: – »Hast Du wohl verschlossen, Hippolyt?« »Ich habe.« – »Mein Schwager sinnt ohne Zweifel Arges, und ich will lieber sterben als dem Menschen die kleinste Rache gegen mich gelingen lassen.« Dabei stand sie auf, kam zu mir, legte die Arme und das Haupt an meine Brust und sprach nichts mehr. Plötzlich ging sie und schloß auch die Tür ihres Schlafgemachs, was sonst nicht geschah, da die Bibliothek von uns aus verschlossen war, und von dieser Seite keine andere Tür zu uns führte. Ich lachte und küßte sie. Nach Verlauf einer halben Stunde schrak sie in meinem Arm auf, hielt mir den Mund zu und lauschte. »Es ist Geräusch in der Bibliothek – man schlägt drüben an die Tür.« – Wir horchten beide – es war so. »Auf, Hippolyt!« Ich schickte mich eiligst zur Abreise an und fragte lachend: »Wo hinaus?« Sie führte mich hastig ins Badezimmer und deutete auf ein an der oberen Wand in tiefer Nische angebrachtes rundes Fenster mit bunten Gläsern. »Kannst Du?« – fragte sie. »Ich muß.« – Ein Stuhl ward herbeigebracht, ich sprang an ihm in die Höhe und klammerte mich in der Nische fest, wo ich zusammengekrümmt mit entsetzlicher Mühe das Fenster aus seinen Angeln brach, denn es war nicht zum Öffnen eingerichtet. Ich reichte es Konstantien hinunter, sonst hätte ich's beim Hinunterspringen in den Hof mit hinabgerissen, da der [77] Raum zu eng war. Was sie damit gemacht hat, weiß ich nicht, sie wollte nur mich entfernt haben, alles übrige aber ohne Mühe dann vertreten. »Es stürmt heftig,« gab ich ihr noch als Notiz in die Hand, sie warf mir den letzten Kuß zu, ich sprang hinunter. Der Sprung war ein mäßiges Stockwerk hoch und führte in einen Seitenhof, wo glücklicherweise statt der Steinplatten Rasen war. Es krachten alle Knochen in den Gelenken, jedoch die Elastizität meiner gesunden Glieder spottete der Erschütterung. Das Geräusch hatte aber den großen Hund des Palastwächters herbeigelockt, ich stand kaum auf den Beinen, so kam er brüllend auf mich eingesprungen, setzte an mir in die Höhe und schlug Schnauze und Rachen an meine Brust. Ich hatte Eile, spannte all meine Muskeln, würgte ihm den Hals zusammen, daß ihm der Atem benommen ward und stieß seine Schnauze so heftig, als ich konnte, an die Mauer. Das Ringen seiner Glieder hörte auf, schlaff streckten sich die Pfoten, er war halb erdrosselt, das Blut schoß aus dem Rachen. Da hört' ich das kommende Nahen des Wächters – ich mußte fort, den Hund drückte ich auf die Erde, ließ ihn einen Augenblick los und trat ihn, der fast regungslos war, den Fuß mit dem ganzen Gewicht des Körpers auf den Kopf. Das Terrain kannte ich, über eine kleine Mauer springend, gelangte ich in den Garten und jagte unter den Bäumen hin nach meinem Pförtchen. Doch konnte ich meine Neugier nicht bezwingen; ich mußte mich nach dem Balkon und dem Eingange, der zur Bibliothek führte, umsehen. Die Tür war offen, man irrte mit Lichtern in den Zimmern umher – es hatte das Ansehen, als suche man einen Spitzbuben. So war ich, mit dem Gesicht nach dem Palais zugekehrt, in die Nähe des Pförtchens gekommen, jetzt kehrte ich mich nach diesem um und ward nicht wenig überrascht, als ich eine Gestalt vor der Tür auf und ab gehen sah und hörte. Es war sehr dunkel, man konnte nichts genau erkennen – »Wer da?« [78] rief's – ich meinte Livreestreifen am Kragen des Wächters zu sehen und wagte es auf gut Glück, die Stimme des Schwagers vom Fürsten, rauhe tiefe Baßtöne, nachzuahmen, dem wachstehenden Manne zuzurufen: »Du kannst gehen – es ist vorbei,« und mich wieder einige Schritte nach rückwärts zu wenden, als kehrt' ich zum Palais zurück. Es glückte wirklich, der Mensch murmelte etwas Unterwürfiges in den Bart, und fragte, ob er das Pförtchen schließen solle. In diesem Augenblicke kamen Menschen vom Balkon her. – »Nein,« herrschte ich ihm zu. Der Narr zögerte noch immer, ich mußte fort und konnte nicht an ihm vorüber ohne erkannt zu werden, die Leute kamen direkt auf uns zu. »Pack Dich,« gurgelte ich endlich nach dem Lästigen hin; er ging, ich kam hinaus. Kaum drei Schritte entfernt, hörte ich den Ruf der richtigen Baßstimme: »Andreas« – aus der Ferne gibt der Diener Antwort und kommt zurückgeeilt. Ich aber springe nun auf den Zehen eiligst von dannen, bis ich die Promenade erreiche. Da schüttle ich die Ereignisse von mir und schlendre auf einem weiten Umwege nach meiner Wohnung. Es schlug eins. Eben wollte ich aus der Vorstadt in die Hauptstraße, wo ich wohnte, einbiegen, als ein Mann aus dem Schatten einer Haustür vorspringend mit blankem Degen mich anfällt. Ich springe rasch auf die Seite, der mit aller Wucht des Körpers geführte Stoß fährt vorbei, und eh' der Bewaffnete Zeit gewinnt, von neuem auszufallen, bin ich ihm am Leibe und dränge meinen Arm in die neu ausgeholte Degenbewegung. Der Degen schneidet zwar in meinen Arm, aber die Waffe ist doch zur Hälfte gelähmt, und mit aller Kraft seinen Arm in die Höhe drängend, gelingt es mir, ihm den Degen durch einen heftigen Stoß bis ins eigene Gesicht zurückzuschlagen, und da er mit dem Kopfe zurückfährt, ihm selbigen in diesem Augenblicke seiner Bestürzung und rückwärts gebeugten Haltung zu entringen. Bei diesem Ringen entfällt ihm der Mantel, ich erkenne Konstantiens Schwager. [79] Eine Berserkerwut kam über mich, einen Augenblick wollte ich ihm mit der eigenen Klinge den Wanst durchrennen. Er drängte sich aber schnell genug an mich, als ob er sich solch eines Aktes versehe, und verhinderte mich dadurch. Ich sprang einen Schritt zurück und hieb ihm die schmale Klinge durchs Gesicht. Vielleicht war der Hieb über ein Auge gegangen: er taumelte rückwärts. Ich stieß ihn mit der Faust vor die Brust, daß er klirrend und dröhnend rücklings auf das Pflaster schlug. Den Degen bog ich heftig gegen die Steine, daß die Klinge sprang, das Gefäß mit dem Stumpf warf ich weit in die Straße, und ging zurück hinaus in die Vorstadt, da ich die Nachtwächter kommen hörte. Es war kein Wort gesprochen worden, im Dunkeln, lautlos vergossen wir unser Blut. Ich war wieder jenseits der Promenade in die Gartenstraßen geraten, mein Arm erstarrte und schmerzte, ich hatte mir auswendig über den durchschnittenen Ärmel das Taschentuch festgebunden, um das Blut zu hemmen. Desdemonas Haus war in der Nähe; ich sprang über den niedrigen Gartenzaun und klopfte an das Fenster ihres Schlafzimmers. Ich hatte damals durch die offene Tür gesehen, daß sie neben jenem Zimmer schlief, wo sie Klavier spielte. Durch den Fensterladen hörte ich Geräusch. Um ihre Angst vor Dieben und dergleichen zu verscheuchen, sprach ich meinen Namen durch die Ritzen hinein. Ein leiser Schrei, und es ward geöffnet. Desdemona war im bunten türkischen Schlafrocke mit aufgelöstem Haar. Sie hatte diesen Abend die Lady Macbeth gespielt, noch erhitzt davon hatte sie keinen Schlaf gefunden, und im Shakespeare und meinen Briefen gelesen. Sie legte ihre Hände auf meine Arme und fragte mild: »Willst Du herein?« Entsetzt fuhr sie zurück, sie hatte in das kalte Blut gegriffen, das auf meinem Ärmel lag, und ich parodierte pathetisch die Lady: »All the parfums of Arabia shall not sweeten this little hand.« – Desdemona verging fast vor Schmerz über mein Blut; ich mußte eilen hineinzusteigen, [80] um sie zu beruhigen. Sie war aufgelöst und weinte unaufhörlich. Es war, als ob ein nächtlicher Sommerhimmel warm regne. »Unglücklicher, was ist dir geschehen?« Mein Lachen tröstete sie noch immer nicht. Ich riß mit einigem Schmerz den Rock herunter, wir wuschen das Blut ab, und es zeigte sich zu meiner Freude und ihrem Entsetzen eine tiefe lange Fleischwunde. Ich beruhigte sie mit Mühe, daß das gar nichts zu sagen habe und nichts als eine kleine Narbe bringe. Ihre Tränen fielen heiß darauf, und kaum hielt ich sie vom fortwährenden Küssen der Wunde ab. Sie riß alle Schübe auf, und brachte Linnen und allerlei Verbandzeug. Unter immerwährenden Fragen, »ach, es schmerzt dich wohl sehr?« »Ach, mein armer Hippolyt!« verband sie den Arm, und wollte gar nicht daran glauben, daß ich wohl und munter sei. Ein wenig erschöpft war ich doch und streckte mich aufs Sofa, Desdemona kniete vor mir, und strich mir die verwirrten Locken von der Stirn und den wirren Bart vom Munde, und küßte mich sanft wie ein warmer schmeichelnder Luftzug. Sie sah rührend aus. Der bunte Rock stach so wunderlich ab von der stillen Trauer, die über ihr ganzes Wesen gegossen war, von dem schneeweißen Halse und der Brust, die wie stets gleichmäßige Ruhe unter den Freuden der bunten Blumen des Rockes lag. Das glänzend schwarze, geringelte Haar schaukelte sich wie eine Nacht der Poesie auf den schimmernden Bäumen des Südens. Das blasse Gesicht mit den weichen Zügen, die schmerzlichste, rührendste, tragische Maske, die je ein Maler gebildet, worauf die bezauberndste Trauer ruhte, sah so durchweichend, teilgebend in mein Antlitz, daß alles sinnliche Leben zum ersten Male diesem Weibe gegenüber aus meinen Adern wich. Die kleine weiße Hand tändelte wie arabischer Wohlgeruch auf meinen Zügen herum. Desdemona war das Weib des reizendsten Sterbens, und da ich ein Mann des Lebens bin, so ward unsere Vereinigung darum vielleicht so wunderlich, so tödlich – ich weiß es, [81] Desdemona wird nie einen Mann nach mir lieben. Sie legte sich wie ein süß schmerzlicher Traum in meine Arme, der stehend bat, ihn nicht zu verscheuchen. Ich sollte ihr erzählen, was mir begegnet sei. Die kleinlichen Winkelzüge der platten Glücksritter hasse ich; dieser Seele gegenüber, die mit offenem blutenden Herzen immer wahr vor mir lag, hätte ich das Schrecklichste nicht verschwiegen: ich erzählte ihr lächelnd mit Weglassung der Namen – alles. Das Zuhören dieses Weibes bekundete eine Liebe, wie ich sie auf dieser Welt noch nicht gesehen. Nicht die flüchtigste Entrüstung flog über das schöne Gesicht, ja sie lächelte mit, wenn ich in meiner Erzählung mich freute, und als ich zu End' war, hielt sie mir die Augen zu und sagte: »Es kann mir doch niemand wehren, dich zu lieben.« – Das überwältigte meinen harten Menschen. Das Wasser trat mir in die Augen, zum ersten Male, seit ich vor zehn Zähren in Valencia von meiner Mutter schied; ich schlug meinen gesunden Arm in ihr offenes Kleid und preßte ihre Schulter zu mir und hob mit dem andern Arme ihr Gesicht an das meine, und küßte sie, daß wir beide zitterten. »Hippolyt« – stöhnte sie – »mein Engel, dein Arm, dein Arm!« Und als ich ihre Schulter leiser faßte, da sank sie mit dem Haupt an meine Brust und sah zu mir auf und lächelte wie ein sterbender Engel und sagte: »Das ist der Himmel, du meine Seele.« – –

Laß mich aufhören, Freund, dies ist die einzige Liebesgeschichte, die ich mit Schmerz, wenn auch mit süßem Schmerz, erzähle. Sie hat mein innerstes Herz erweicht.

Viele Tage und Nächte gingen vorüber, ich war auf jenem Gartenhause und saß vor ihr am Boden, und legte das Haupt in ihren Schoß, und sah in den herabschauenden Himmel ihrer Augen. Was der Koketterie, der Kraft, Größe, Schönheit nie gelungen war, das gelang der Seele dieses Weibes: ich liebte wie ein Knabe, wie ein hüpfender Jüngling. Erst eines Abends, wo sie spielen mußte, und einen Akt lang[82] nichts zu tun hatte, kam ich in meine Behausung. Mehrere Einladungen zum Fürsten lagen da. Ich ging zurück ins Theater, ich sah nichts als jenes schwarzblaue Auge, von schweren Wimpern beschattet, das seine Millionen von den Brettern her auf meinen Mund, in meine Arme legte. Und wenn ich sie heimbrachte nach der Vorstellung, und jede Fiber an ihr doppelt lebte und ich heut' für den und morgen für den geliebten Helden ihre verschwenderische Liebe erhielt, o Freund, da war ich glücklicher denn König Réné: mein Idyll kam mir vom Himmel, ich durfte mir nicht erst bunte Kleider dazu anziehen.

Eines Tages – in unserem Bürgerleben war es Mittag und unsere kleine Mahlzeit wurde schon aufgetragen – stand ich mit Desdemona am offenen Fenster, das auf die Straße sah, nur wenige Weinranken verhinderten von außen das Hereinsehen. Ich hatte meinen Arm um ihren Nacken geschlungen, und meine Hand ruhte auf ihren Schultern – wir sahen hinaus in die grünen Gärten. Da nahten sich Reiter, eine Dame zu Pferd sah nach uns herüber – es war die Fürstin. Sie schien ihren Augen nicht zu trauen und hielt einen Augenblick ihr Pferd an. Nur einen Augenblick, dann hieb sie's mit der Gerte über den Kopf, daß es wild davonbrauste. – Um diese Zeit traf mich die Einladung hierher nach Grünschloß; Du kannst denken, daß ich wenig Lust dazu hatte. Ich ging noch einmal in die Gesellschaft zum Fürsten; durch unbefangenes Fragen bracht' ich heraus, daß der Schwager des Fürsten mit dem Pferde gestürzt sei, und krank daniederliege, daß in einer stürmischen Nacht Diebe versucht hätten, in den Palast einzudringen usw. – Die Fürstin war nicht da, man meinte, sie sei schon seit einigen Tagen unwohl und werde wohl schwerlich in der Gesellschaft erscheinen. Doch kam sie noch später. Sie sah wirklich krank und angegriffen aus. Mich behandelte sie natürlich sehr vornehm, doch entging es mir nicht, daß ihr Auge oft schwermütig auf [83] mir ruhte, oft hastig blitzend mich suchte. Ich trat in ihre Nähe, sie war sehr zerstreut. Ich war sehr munter und aufgeräumt, und tändelte mit einem kleinen flinken Dämchen, das sich gar nicht zu gut geben konnte über das prätentiöse Wesen unserer jungen Gelehrten und Schriftsteller, die in die Gesellschaften kämen um auszuruhen, nicht um die Damen zu unterhalten. Als ich sie fragte, womit sie sich den Tag über beschäftigt habe, sah sie mich fragend an, wo ich hinaus wollte und erwiderte naiv: mit vielerlei, früh bin ich spazieren gegangen, nachmittags gefahren, und eh' ich hierher kam, hab' ich einen Akt in der Oper gesehen. – »Nun bedenken Sie, mein Fräulein, ob der Mann dort im Winkel mit dem jungen leidenden Gesicht recht hat: ich habe eben mit ihm gesprochen und weiß, daß er heute den ganzen Tag alle alten Rechtsgelehrten in allen Sprachen studiert hat, wie und unter welchen Verhältnissen Revolutionen erlaubt seien – daß er einen Artikel über Abschaffung der Todesstrafe geschrieben hat, aber freilich nicht spazieren gefahren und nicht in der Oper gewesen ist. Wollen Sie ihm nun nicht erlauben« – –

Sie meinte, er hätte was Besseres tun können, und – ward von der Fürstin abgerufen, und mit einem Geschäft entfernt. So ging mir's mit einer zweiten, einer dritten, bis ich mich selbst entfernte. –

Desdemona, deren tiefes Spiel, deren blutende Seele nur von den besseren Zuschauern im Theater erkannt wurde, und deren giebt's in den deutschen Theatern sehr wenige, ward meisthin wenig applaudiert, das hohle dreschende Volk neben ihr mit dem bestialischen Spektakel galt immer mehr; – das war sie ge wohnt und es kümmerte sie nicht. Plötzlich zeigte sich eine heftige Opposition gegen ihre Verehrer, man zischte und lärmte, wenn sie applaudiert wurde. Die Anzettelung war nicht zu verkennen, aber Desdemona litt unsäglich dabei: endlich erklärte sie, es sei ihr unmöglich, vor einem Publikum zu spielen, das sie nicht wolle, ihr Gefühl [84] erstarre zu Eis, sie sterbe darüber. Der Direktor des Theaters, ein Einfaltspinsel, der seine Kasse gefährdet glaubte, willigte in ihre Kündigung. Desdemona ward frei; aber mit Entsetzen sah ich, wie sie verging in der neuen Untätigkeit – sie gestand mir weinend, daß sie stürbe, wenn sie nicht spielen könne. Aber sie könne nicht von mir gehen, um ein anderes Engagement, das man ihr geboten, anzunehmen. Was blieb mir übrig? Sollt' ich das schöne innige Weib sich verzehren sehen, dessen Lebensodem die Kunst war? Ich küßte eines Abends den Abschied auf ihr weiches Antlitz, der Mond schien zitternd durch die Blätter der Bäume, unter denen wir standen, ihr Kopf lag wie ein verbleichender Stern an meiner Brust, sie schluchzte leise, obwohl ich ihr nichts gesagt, daß es ein langer Abschied sei. Ihre zartgesponnene Seele fühlte sein wie die Mimosa, sie ging mit mir bis an die Gartentür, ihr ganzer Körper schauerte, sie war heiß wie eine Fieberkranke. Ich wollte gehen und war schon einen Schritt fort, ihre kleinen Hände hielten mich noch, sie preßte sie krampfhaft in die meine und flehte innig – »Noch einmal, Hippolyt, noch einmal küsse mich!« Ich umschlang das liebe Wesen, sie brach in die Knie zusammen wie eine gebrochene Blume. Ich mußte sie ins Haus tragen und aufs Sofa legen. Dort lächelte sie sanft und winkte mir mit der Hand zum Gehen.

Am andern Morgen ritt ich hieher nach Grünschloß – erlaß mir heute das Weitere. Ich bin nicht der Mann der Sentimentalität, aber ich bin ein Mensch – schickt mir, was ein Mensch tragen kann, ich will's tragen, ich hab's getragen. Leb' wohl!

14. Kamilla an Julia
14. Kamilla an Julia.

Den 30. Juli.


Und Sie kommen nicht und kommen nicht, Sie Schlimme, und lassen uns immer vergebens warten. Wenn Sie noch [85] lange zögern, so werden Sie das Leben hier sehr verwirrt finden. Die Fäden gehen so zickzack ineinander hinein, daß ich wirklich nicht weiß, was für ein Muster aus dem Gespinst werden wird. Mit jenem Fremden, der mit Graf Fips ankam, ist ein gewaltiger Unruhstifter in unser Schloß gezogen. Er heißt Hippolyt und hat uns allen die Köpfe verrückt, und alles aus dem Gleise geworfen; unsere ruhig segelnde Flotte ist wie durch einen Sturm auseinandergeblasen, und hier irrt ein schwankendes Schiffchen, dort irrt eins. Sie sollten aber auch diesen Hippolyt sehen! Jeder Zoll ein Mann, ein moderner Herkules – ein strahlender Halbgott, sagt Alberta. Denken Sie sich einen hoch, kräftig und doch geschmeidig gewachsenen jungen Mann, der wie ein geborner König einhergeht. Ich äußerte unverhohlen gegen Valerius mein Erstaunen über die glänzende Erscheinung. Dieser stand mit verschränkten Armen im Fensterbogen, und sah lächelnd dem Aufruhr zu, den Hippolyt erregte. »Ich will Ihnen einen Brief mitteilen,« sagte er, »worin ich den Hippolyt einem Freunde schilderte, als ich ihn vor einiger Zeit in Straßburg zum ersten Male traf.« Er tat's, hier haben Sie einen Auszug davon.

»Ein Mädchen, wahrscheinlich eine leichte, über die Oberfläche hinflatternde Libelle beschäftigt aber meinen neuen Freund, der bisher saugend am tiefsten Borne der Menschheit lag, den des Wissens Trieb bis an die Mauern von Lahore gedrängt, der gebräunt von Luft und Sonne, erwärmt vom Feuer des Forschens wie ein Athlet erst vor kurzem nach Europa zurückkehrte. In Straßburg lernte ich ihn kennen, wo er in historische Studien versunken täglich auf der Plattform des Münsters zu finden war, eine Viertelstunde las, dann sinnend in die vor ihm wie eine Karte ausgebreitete Welt sah – die deutsche Dichtkunst, Goethe, Tieck, ging an ihm vorüber, er ahnte, bemerkte es kaum; die Kosmogonie, der Ursitz der Menschen, der Ursitz der Bildung beschäftigte [86] ihn. Du weißt, wie auch ich seit längerer Zeit nach den Fußtapfen der menschheitlichen Entwicklung jage, Heeren, Herder, Schlegel, Champollion studiere – wir sprachen über Indien, Ägypten, die Wiegen des Menschengeschlechts, wir wurden schnell miteinander bekannt. Er war dabei ein fröhliches, lustiges Gemüt; wir zogen zusammen nach Paris, er studierte und lebte, mit den schwerfälligen Sätzen der Professoren spielte er wie mit bekannten Bällen, mit der Gelehrsamkeit des alten Abbé Remusat sprang er wie mit einem leichtfüßigen Mädchen herum, mit den Mädchen tändelte er wie mit Buchstaben, wie mit längst gelösten Hieroglyphen; er fand den Schlüssel zur stolzesten Pyramidenschrift. Des Abends fanden wir uns im Theater, und von da durchstrichen wir die Salons, und rasteten in manchem stillen verführerischen Gemache. Wo er auftrat, der Sohn des Prometheus mit dem leuchtenden Siegel der Gottheit auf der stolzen Stirn, zog er die Blicke auf sich. Sein Körper ist ein Meisterstück der Natur, und Tausende, die ihn sehen, werden zu gerechten Anklagen der launischen Göttin bewogen. Als ich den Cornel las, dachte ich mir den Alcibiades so. Ein hoher Wuchs, leicht wie ein Gedanke, kräftig wie ein fester Gedanke, getragen durch die Wellen der Hüften und Schultern, dunkles, kühn um die Schläfe fallendes, an den Spitzen gelocktes reiches Haar, ein dunkelblaues Auge, am Tage tiefblau wie südlicher Himmel, in den man ohne Unterlaß sehen muß, als werde aus der zauberisch düsteren Ferne eine neue Welt heraustreten, des Abends schwarz wie eine glänzende Sternennacht. Die Form der Augen ist schön, eine voll ausgeschnittene längliche; der Glanz zur Zeit der Ruhe mild, angenehm, beruhigend, tröstlich, bestechend; im Affekt aber, und zwar im kleinsten drängt sich alles geistige Leben in ihnen zusammen, und nur der Mutige, der das gegenüberstehende Leben nicht fürchtet, steht sie dann gern. Weiber blicken sie dann nur seitwärts an, wie sie tapfere Taten, wo anders Lebendiges [87] mit im Spiel ist, nur seitwärts, nie geradhin ansehen. Aber das Weib ehrt und liebt am meisten, was es vorher gescheut, so wie der Mensch den Löwen, wenn er gezähmt ist, am höchsten hält, daher Hippolyts fabelhaftes Glück bei den Weibern. Die Nase ist streng griechisch, und um ihre seinen Flügel haucht ein tatendurstiger Sinn, schreckender Mut, aber auch eine fast frivole Sinnlichkeit, die im Affekt einer mit Mühe bezähmten Bestialität nicht unähnlich sieht. Kräftige Männer haben alle in der Leidenschaft ein Etwas, was zwischen dem griechischen Gotte und der Bestie steht; etwas Ähnliches bezeichnet das Wort ›Halbgott!‹ Daher geht jedes Weib den eigentlich kräftigen Männern langsam nahe, wenn sie je einen Ausbruch irgend eines Affekts, vielleicht nur den des Zornes an ihnen gesehen, und nur die Phryne, die das wild Materielle sucht, stürzt sich in ihre Umarmung.

Aber der Mund versöhnt durch unwiderstehliche Anmut.« – –

So weit der Brief; ich verstehe manches darin nicht, vielleicht wird's Ihnen klarer; aber ich fühle, daß das Bild richtig ist. Als er bei uns eintrat mit dieser hohen, imponierenden Freiheit, dieser leichten ungezwungenen Turnüre, war selbst der Graf überrascht, und Graf Fips wurde unruhig und unstet. Alberta wurde rot, ich selbst verlegen, nur das sarkastische Lächeln Valers, mit dem er ihn vorstellte, gab mir schnell meine Fassung wieder; es ärgerte mich. Aber es war wirklich, als ob der Herrscher ins Zimmer trete. Er war modern gekleidet, und doch lag etwas Ausländisches in der Erscheinung. Der leichte blaue Sammetrock, der kurz und mit Schnüren und Stickereien besäet war, mochte wohl schuld daran sein. Alles übrige an ihm war schwarz bis auf den ans Kinn quellenden vollen Backenbart und den übermütigen Schnurrbart und Henri quatre. Er war in den ersten Tagen sehr sanft und mild, von Tag zu Tage ist er aber ausgelassener und wilder geworden. Am meisten verkehrt [88] er mit Valerius; sie reiten auch täglich zusammen aus, und gehen so sicher männlich miteinander um, daß einem stark und wohlig zumut wird, wenn man sie zusammen sieht. Alberta ist seit Hippolyts Ankunft ganz verändert, unruhig, heftig, bewegt, ausgelassen, still, lauter Dinge, die zu ihrem früheren Gleichmaß gar nicht stimmen. Ich selbst erwehre mich einer gewissen Unruhe und Bangigkeit nicht, wenn ich bei ihm stehe und nur, wenn Valer hinzutritt, wird es beruhigter in mir. Weiß Gott, es ist, als ob ein Raubvogel ins Taubenhaus gekommen wäre, alles ist bestürzt – und doch ist der Raubvogel so zauberhaft schön. William hat sich auch ganz zurückgezogen, er lacht gar nicht mehr, und spricht fast nie mit Hippolyt; Leopold springt wohl an ihm herum, aber er scheint auch nicht die rechte Courage gegen ihn zu haben, und wird oft verlegen, wenn ihn jener zum besten hat. Graf Fips spricht von seiner Abreise, der Graf ist sehr aufmerksam gegen Hippolyt und Valerius, aber er scheint auch nicht ganz sicher zu sein.

Alberta grüßt Sie aus der Fülle des Herzens, und bittet Sie, doch ja recht bald hieher zu kommen. Adieu! Adieu!

Man ruft mich zu Tisch, und unsere Mahlzeiten sind jetzt immer diplomatische Mittagsessen; der Graf bringt lauter schwerfällige Gegenstände aufs Tapet, und es entsteht immer ein so klirrendes Gefecht, daß man das Essen ganz vergißt. Ich glaube, es würde oft Blut fließen, wenn nicht Valer immer die zürnenden Parteien vom Schlachtfelde wegführte. Meine Herren, pflegt er dann zu sagen, ich bitte, mir auf ein höher gelegenes Terrain zu folgen, und dann rückt er die Streitfrage der Parteien auf ein sogenanntes historisches Entwicklungsfeld; stellt zuerst den blutig um sich hauenden Hippolyt zur Ruhe; ihm folgt der Graf mit einigen leichten Einwendungen, die bald beseitigt sind, und Graf Fips ist dann immer sogleich still; ich glaube, er versteht nicht viel mehr davon als ich. Doch hab' ich mich schon sehr in des [89] Valerius Gelehrsamkeit eingerichtet; anfänglich kam sie mir stets wie ein Bergsturz vor, der mich verschüttete, jetzt hat er mich mit ein paar klaren einfachen Worten von dem Hauptgange seiner Ideen unterrichtet, und nun folg' ich ihm mit Leichtigkeit, und es tut mir unbeschreiblich wohl, wenn er die Rede an mich richtet über die wichtigsten Dinge. Wenn man ihn erst ein wenig kennt, sieht man, wie äußerst einfach er redet, wie alles so schwer golden ist, was er bringt, wie er es dem Zuhörer so gutmütig zuschneidet und anpaßt. Ich antworte gewiß oft sehr einfältig darauf, aber wenn er meine Antwort in seiner Sprache wiedergibt, wenn er mit leisen Fingern die Wurzeln der Gedanken aufdeckt, so erscheint alles so eng verzweigt mit großen allgemeinen Ansichten, daß ich mich oft kindisch freue über meine Gelehrsamkeit, in die Hände klatsche und – ja, denken Sie, neulich hab' ich den klugen lieben Mann wegen einer so schönen Auslegung meiner Worte beim Kopf genommen und ihm rasch einen Kuß gegeben. Ich schämte mich hinterdrein und alle lachten, aber Valer sah mich so freundlich lächelnd an, daß es mir nicht leid tat. Ach, nicht wahr, ich schwatz recht dummes Zeug – Adieu – Adieu!

15. Konstantin an Hippolyt und Valerius
15. Konstantin an Hippolyt und Valerius.

Ich danke Euch, meine Freunde, meine Freunde, ich danke Euch! Wir wollen unsern Zug nach Westminster antreten, besorgt ein Paar hübsche Jungen für meine Schleppe. Ihr edlen Pairs meines Königreichs habt mir Geld geschickt, das war brav von Euch – mit dem Gelde hab' ich gespielt, um rote Dukaten gespielt, und ich mußte mir einen neuen Rock machen lassen, weil ich nicht genug Taschen für den Gewinst hatte.

Spiel und Soff sind zwei Laster; aber beim heiligen Georg von England! schöne Laster.

Ich habe alle Tage einige Zeilen an Euch geschrieben; [90] hier folgen sie; wundert Euch nicht, daß sie aphoristisch sind, ich bin selbst ein abgerissener Fetzen der Welt, wer hält mich fest? Der nächste Sturmwind führt mich fort – die ganze Welt ist aphoristisch, es ist kein Zusammenhang darin als die Luft, will sagen, der Wind. »Die Welt ist lauter Wind, Juchhe!« –

Vaterland! Wieviel abgerundeter und einiger würde ich sein, wenn ich mit dem Worte das verbände, was viele Leute dabei zu fühlen scheinen. Ganz Deutschland danke ich die deutsche Sprache; für dies Geschenk bin ich um so dankbarer, als ich keiner andern mächtig bin. So bin ich sehr erklärlich – ein Deutscher, denn wenn man zu keiner andern Nation gehört, so muß man ein Deutscher sein. Übrigens bin ich es aus Gewohnheit, Temperament usw. – der Patriotismus ist einseitig, klein, aber er ist praktisch nützlich, beglückend, beruhigend; der Kosmopolitismus ist herrlich, groß, aber für einen Menschen fast zu groß, der Gedanke ist schön, aber das Resultat für dies Leben ist innere Zerrissenheit, Humor. Eine gute Tragödie muß jetzt mindestens zum fünften Teil humoristisch sein.

Donnerwetter, was ist das für patriotisch albernes Zeug, ich reise doch morgen nach Paris und werde Franzos. Ja so, das wißt Ihr noch nicht, daß dies mein letzter Brief aus Berlin ist. Holla, ins moderne Babel reis' ich morgen! Was soll ich mit dem vielen Gelde machen? Es gibt hier gar keine Gelegenheit, dafür munter zu sein unter dem steifen Volk, unter freien fröhlichen Parisern will ich leben, und gegen den dummen Polignak will ich schreiben – dort knirscht der Minister mit den Zähnen gegen die frechen Wahrheiten, aber dort brauchen die Pässe der Wahrheit keine Unterschrift, er kann knirschen, sonst kann er nichts – und morgen geh' ich nach Paris.

Raupachs hohenstaufischen Philipp, eine Silhouette des Herrn von Raumer, hab' ich gesehen – wär' ich Rezensent, wie wollt' ich Dich, o Philippus Raupach. – –

[91] Und unsere Kritik »ach glücklich sind Widersacher, die einander prügeln können.« Diesmal war ich in der Loge, und Rosa saß demütig im Parterre, und sah sehr blaß, ich aber sehr rot aus. Ja, mein Kind, das Leben ist aphoristisch. Ich ließ mein weiches Herz gewähren und ging zu ihr, und fragte sie, was ihr fehle. Sie wollte nicht mit der Sprache heraus, und war verlegen. Ich ging mit ihr nach Hause; heut' ließ sie's ruhig zu – es sah etwas windig und leer in ihrer Stube aus, und das Mädchen war auch etwas salopp gekleidet. Ich machte sie darauf aufmerksam – da weinte sie. Ich fragte, wie es um ihr Engagement stünde, sie meinte, erst mit dem ersten August könnte sie eintreten. Es ward mir unheimlich; ich fragte nicht nach ihrem Gardeoffizier, sondern nur, wieviel sie des Monats brauche. Sie wollte mir schluchzend vor Rührung um den Hals fallen, und mich einen edlen Menschen nennen – ich ließ sie aber nicht dazu kommen. Das Mädchen konnte nicht dafür, daß ihr ein anderer besser gefallen hatte; ich konnte aber auch nicht dafür, daß ich nicht mehr eine Fingerspitze von ihr hätte berühren mögen. Hübsch war sie noch, aber ich ging in innerer Unbehaglichkeit fort und trank eine Flasche Champagner, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Wie kam denn das alles?


»Warum wollt Ihr denn alles gleich ergründen?

Wenn der Schnee schmilzt, wird sich's finden.«


Was ist das für eine Figur? Mit Gott und der Welt ist sie zerfallen, vom Vater verstoßen, mit dem Theater unzufrieden, von der Geliebten betrogen, voll Durst nach Wein und Liebe, immer noch wohlgenährt aussehend, ohne einen einzigen Vers im Kopfe, gekleidet nach der letzten Mode, unschlüssig, ob er Theologe oder Theaterlampenputzer werden soll, voll Gärung und doch ruhig, oft im Begriff, sich nach klassischen Mustern den Hals abzuschneiden und doch wieder zu vernünftig dazu – kein Held, kein Held und doch manch [92] Handwerkszeug dazu – keine Geduld, kein genügender Leichtsinn, keine Festigkeit, ein genialischer Charakter, auf der Bühne kalt lassend, im Roman sündhaft – meine Freunde, das ist eine Novellenfigur. Die Novelle ist die moderne Brücke von der früheren Zeit zu den jetzigen Begriffen, sie ist der Übergang, die Form des Entstehens, Werdens, nicht des starren Seins. Jene Figur ist eine Novellenfigur, auf mein Wort. Niemand, ich sage niemand soll mir widersprechen. Auch dies gehört dazu, daß mich jetzt sogar die Orthographie peinigt ich weiß nicht, ob ich niemand, etwas usw. groß oder klein schreiben soll – am liebsten schreib ich alles klein. Nun denkt Euch einen geistreichen Schriftsteller, der mit der Orthographie noch nicht, im reinen ist! Und hab' ich nicht recht, daß die Novellenfigur der eklektische Skeptizismus ist – hab' ich nicht? O bleibt bei mir, geht nicht von mir, Freunde, auch wenn ich nach Paris gehe! Es kümmert sich ja keine Seele um mich, ich lebe und sterbe unbeweint. Wollt Ihr nicht, o ich bitt' Euch schön. – –


Später.


Gegen Abend geht ein Bekannter von mir als Kurier nach Paris, ich mit ihm. Übrigens bin ich beim Gesandten gewesen und habe die schöne Julia mehrmals gesehen und gesprochen. Im Vertrauen gesagt, Ihr Herren, wenn ich nichts Besseres tun könnte als lieben, ich bliebe hier. Diese Augen, dunkel wie die Nacht mit auf und ab wehenden weichen Lüften, diese seine Nase, empfindsam wie aus Blättern des Lotos; dieser kleine gewölbte Mund und das Ganze wie aus dem Tau gezogen, nicht üppig sömmerlich, aber duftend frühlingsartig, zart durchsichtig, nördlich und doch voll Reiz – ich schwör' es Euch, das Weib kann einen Poeten, dem noch etwas Herz geblieben, grenzenlos glücklich und sehr unglücklich machen.

Aber ich bin selbst so nördlich geworden, daß mein Wohlwollen, das ich an solcher Schönheit empfand, nichts [93] als ein paar Minuten sehen, ein paar Worte sprechen wollte, um den Gang des Ausdrucks zu beobachten, aber nicht einmal im leisesten affiziert wurde, als ich scheiden mußte.

Ich bin reif zum Künstler.

Aber wenn ich einmal wieder poetisch werde, so wird der schmeichelnde Effekt dieser reizenden Figur viel Einfluß gehabt haben. Ich werde sie noch lange sehen im kurzen weißseidenen Gewande, das Haar verführerisch natürlich und doch so kunstreich modern aufgelöst, ihre schwarzen Locken dem Anschein nach mühsam von einer einzigen blendenden Kamelie zusammengehalten, hinabfallend auf den stolzen weißen Nacken. Ich vergesse sie nimmer diese Figur, leicht sich wiegend und geschmeidig wie eine verführerische Melodie und doch stolz und hoch wie eine hohe Kunstidee – hinter den breiten Augenlidern, den langen schattigen Wimpern lag eine südliche Nacht mit allem Verlangen und allem Reiz, mit Schalkheit und Tönen – sie will nächstens nach Paris kommen. Auf Wiedersehen, mein schönes Kind!

Aber echt Deutsch schreib ich die letzte Stunde heran – wir sind Federvieh. Jetzt Ade, du Land der Hofräte und der langen Weile – ade ihr Freunde, schickt Eure nächsten Briefe poste restante nach Paris.

16. Julia an Kamilla
16. Julia an Kamilla.

Nur drei Zeilen, meine Liebste. Hoffentlich bin ich in nächster Woche bei Ihnen – mein Papa muß schleunigst nach Paris, dort soll es sehr unruhig hergehen; ich soll beim Grafen aufgehoben werden. Ich freue mich kindisch auf Grünschloß, auf meine liebenswürdige Kamilla, meine duftende Blume Alberta und Eure bunte Gesellschaft. Ich sehne mich ordentlich nach Poeten, Berlin ist sehr trocken, und der Herr Konstantin war eine auffallende, interessante Erscheinung in unserem Salon. Die Leute wußten nichts Rechtes über ihn, [94] das machte ihn mystisch, er sprach so abgebrochen, aber so bunt originell, das machte ihn pikant. Und dabei hat er ein vornehmes, sehr einnehmendes Äußere. Ich weiß nicht, ob das gestört oder erhöht wird durch einen wegwerfenden Zug von Frivolität, Leichtsinn, der oft wie Verachtung aussieht und über das ganze Gesicht streift. Er verzieht einen fein geschnittenen Mund zu einem nicht recht heimlichen Lächeln, und drückt die Mundwinkel nach unten. Die großen hellblauen Augen sind etwas unstet, das lichtbraune Haar ist aus Stirn und Schläfen gestrichen und fliegt ein wenig wild, das Gesicht ist voll, aber es scheint mehr das zu sein, was man mit den fatalen Ausdrücken aufgedunsen, schwammig, bezeichnet. Es ist von feiner Haut und schwach gerötet, meine Gouvernante nannte ihn einen unbärtigen Apollokopf. Ausdruck und Haltung des Kopfes und der vollen hohen Figur ist sehr vornehm, ich hab's wohl schon einmal gesagt; verlangen Sie nichts Geordnetes von mir. Sie wollten eine Beschreibung, ich gebe sie, wie ich in meiner Eile und Zerfahrenheit eben kann. Er war beide Male, wo ich ihn sah, braun gekleidet, trug um den vollen Hals ein leicht fliegendes Tuch, keine Krawatte und keinen steifen Vatermörder, sondern einen weichen nachgiebigen Hemdkragen. Sie sehen, wie ich Ihren Regeln nachzukommen trachte und ins Detail beschreibe, um Ihnen die Figur deutlich zu machen. Ich muß mich im Beschreiben von Personen üben, dies Zeichnen mit Worten macht mir Vergnügen. Bitte, lassen Sie mir wieder mein altes Zimmer einrichten, das auf die Terrasse sieht, es ist gar zu hübsch. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie ich mich auf Grünschloß freue; ich bin hier so sommertrocken und suche Kühle und Grün. Adieu, meine Liebe, tausendmal Adieu.

17. Konstantin an Hippolyt
[95] 17. Konstantin an Hippolyt.

Paris, den 29. Juli.


Ich hoffe nicht, daß mir die Zeitungen vorausfliegen; wenigstens werden sie Euch nicht sagen können, wie gut mir's in der hiesigen Schlacht geht. Sattle Dein Roß und fliege her, wir machen Freiheit hier. Vorgestern ist er losgegangen in den Straßen von Paris, der hochrote blutige Kampf eines Volkes um sein Recht, die dunkeln Schatten der Jakobiner schreiten vor der neuen Jugend einher, die alten Freiheitslieder flattern wie Sturmvögel über den Plätzen, mein Herz ist fast zersprungen vor Freude, so zur rechten Zeit gekommen zu sein, und meinen grimmigen Haß gegen alles weltgeschichtliche Unrecht ausbaden zu können in schlechtem Söldnerblute. Ich habe gefochten wie ein Rasender. Gestern stand ich am Fenster des Zimmers, wo die Deputierten zusammenkamen – der alte Student der Revolutionen, das bemooste Haupt auf dem Fechtboden der Völker, Lafayette, sagte uns, was wir taten. Die Deputierten sprachen verwirrt von Emeuten, Revolten usw. – Da stand der unsterbliche alte Knabe, dessen Herz noch im Sarge schlagen wird, auf, und sagte mit seinem gewöhnlichen welthistorischen Lächeln: Meine Herren, das ist keine Revolte, das ist eine Revolution. – Wie ein Kanonenschuß donnerte das Wort durch Paris; er, der alle Vorlesungen der revolutionären Professoren besucht hatte, er mußte es wissen, wie das Kollegium hieß. Nun ist der Name da und nun läßt sich Paris totschlagen, bis dieser Name von allen Türmen flaggt. Heiß brennt die Julisonne und saugt gierig das Blut auf, heiß schlagen die Herzen, wir haben eben das Stadthaus wieder gewonnen, das Haus, wo die ehernen Männer der neunziger Jahre saßen; in einem Winkel desselben schreib' ich Dir; an dem Fenster, wo ich sitze, stürzten sich einst die Männer des Thermidor hinunter. Hurra, Freund, von hier geh' ich, [96] um die letzten Schergen des dummen Herrschers aus dem Louvre vertreiben zu helfen, neben mir regiert Lafayette, und seine Arme, die Hunderttausende des Volks, geben dem alten morschen Thron der Bourbonen, dem Thron der herkömmlichen Bevorzugung, den letzten Stoß; morgen machen wir eine Regierung, eine lustige Republik. – O großer Gott, seit Jahren dank ich dir heut zum ersten Male für deine Welt, ja sie ist schön; der alte Unflat wird unter die Füße getreten, die Menschenrechte schreien durch die Gassen, und alle Welt hört sie; das Herrschen und Beherrschtwerden hört auf – frage den Valer, ob er Präsident werden will, ich werd' ihm meine Stimme geben. Du taugst nichts dazu, Du bist zu monarchisch gewachsen und geartet. Schreibt mir, schreibt mir, was das erschrockene Schlesien sagt – könnt' ich die zertretenen dummen Fratzen Eurer Aristokratie in diesem Augenblicke sehen, mein Glück reichte bis an den Himmel. Eine Schmarre in der Wange ausgenommen bin ich noch heiler Haut – hätt' ich tausend Leben, ich stürbe tausendmal für die Freiheit. Holla die Trommeln – die Trommeln, es geht zum Louvre gegen die Schweizer. Gott behüte Euch; fall' ich, so beneidet mich, ich bin im Rausche gefallen. –

18. Hippolyt an Konstantin
18. Hippolyt an Konstantin.

Den 7. August.


Mein Pferd – mein Pferd – a horse, a horse, a kingdom for a horse – ja so hab' ich geschrien, und bin hinuntergestürzt, um fortzujagen nach Paris – lache mich aus, schmähe mich, schlage mich, daß ich nur bis ans Portal des Schlosses kam: Julia stieg aus dem Reisewagen und sah mich neugierig an mit ihren großen Augen, und das große Auge der Weltgeschichte schlug seine Wimpern für mich zu, und ich blieb hier und glühe in Liebesfieber, wie es [97] meine Seele nie gekannt. Vergib mir, ich reiche dem Valer die Feder, er mag weiter schreiben. Ich kann es nicht.

Valerius an Konstantin.

Ich habe sie gelesen jene Worte, Freund, »Sie haben den König verjagt, weil er die Charte gebrochen,« ich habe sie gehört, und mein zitternder Mund hat sie mir hundertmal zum Hören vorgesagt, daß die Eisrinde an meinem Herzen springen und meine liebende Seele, die alles Hoffen verlernt, daran glauben möchte, es gebe noch Recht und Gerechtigkeit in der Welt, und der Freund der Menschen brauche nicht mit gebrochenem Herzen zu sterben. O Berg, der auf meiner Seele lastete, wie hoch flogst du auf, o du schlimmes Jahrhundert, wie hattest du dich verpuppt, daß selbst deine liebendsten Söhne dein Angesicht nicht mehr erkannten. Hätte ich doch einen Franzosen bei der Hand, daß ich ihn küssen, drücken und wieder küssen könnte. Also wieder dieses leichtblütige Volk mußte es sein, das zum zweiten Male die Riegel der Entwicklungsgeschichte hinwegstoßen mußte von der finsteren Zeit, auf daß Licht hereinbreche, strahlendes Licht. O mein Vaterland mit deinen Philistern, nur diesmal nicht wieder den abscheulichen Undank, jene Pförtner der Weltgeschichte, jene rosenroten Franken nicht anerkennen zu wollen. Ach Konstantin, Konstantin, ich habe mich gefreut wie ein Knabe, den man eingesperrt hatte, und nun hinausließ in den Sonnenschein; wie einen unnützen Wanderstab warf ich alle Rücksicht, alle Besonnenheit von mir, fiel dem Grafen um den Hals – wir saßen bei Tisch, als Dein Brief ankam – küßte seine Tochter zwei-, dreimal, küßte Kamilla fünf-, sechsmal, riß das Fenster auf und schrie in den Himmel: »Jetzt, blauer Bogen, behalte Deine Sonne, auf der Erde ist die Freiheit eingekehrt,« und den kleinen Leopold hob ich hoch in die Höhe und drückte ihn dann an meine Brust, und [98] zerquetschte ihm fast den kleinen Schädel und rief: »Nun Junge, sing' mir Freiheitslieder« – ach ich war ein Kind, es war die glücklichste Stunde meines Lebens. Und Dir, Konstantin, vergeb ich alle dummen Streiche und schlimmen Dinge für Deine Schmarre auf der Wange, und glücklich bist Du ja nun auch geworden, es mag kommen was da wolle, Du hast ja bluten, das Leben wagen dürfen für unsern Glauben.

Laß mich schweigen, laß mich schweigen, Freund, ich werde kindisch. Ich werde Dir von unserem kleinen Ameisentreiben hier erzählen, um mich zu sammeln. Wenn's nur gehen wird. Ich bin ganz aus dem Gleise und möchte hinaus in die Welt, um zu helfen am neuen Bau der großen Weltkirche. Die Verhältnisse begannen eben in ihrer Unordnung sich ein wenig zu ordnen, als – ach, ich kann jetzt nicht, die Völker tanzen Arm in Arm auf dem Papier herum, statt der Liebespaare, die es sollen. Morgen, morgen – morgen ist ja auch Freiheit, ich muß mich erst an das Glück, das wie ein Gewitter gekommen ist, gewöhnen. Morgen, übermorgen von unseren kleinen Liebesgeschichten; ich will Parodien von jener begonnenen großen daraus machen, dann wird's am ersten gehen. O Gott, ist denn diese rosenfarbene Welt dieselbe, die noch gestern aschgrau war, soweit ich die Blicke sandte, und Du kleiner Vogel, der sich auf mein Fenster setzt, kommst Du aus dem schönen Frankreich, flogst Du vielleicht über Paris in den letzten Julitagen, hast Du jenes bunte Stück der neuen Welt schon gesehen? Vöglein, willst Du Zucker, bleib' ruhig, ich taste Deine Freiheit nicht an, solch ein Frevler bin ich nicht – nicht wahr, die Freiheit ist das Höchste, da fliegt er fort und lacht mich aus. Bravo, mein Vöglein. Wärst Du doch ein Kutscher, Vogel! – Konstantin, Du siehst, ich werde kindisch, ich muß aufhören. In den Fluß will ich mich werfen, meine Glut zu kühlen, mit den Wellen zu ringen. Mein Körper zuckt nach Tätigkeit, ich muß ihn ermüden, sonst bringt er mich um. –


[99] Den 8. August.


Nichts davon heute. Wie meine heiligste Liebe will ich es einschließen in mein Herz. Von Grünschloß aber will ich erzählen, es wird wie ein grünes Idyll in Dein rotes Epos treten.

Du erinnerst Dich, daß mir der Graf Topf rätselhaft war. Ich glaube jetzt etwas mehr auf dem Reinen mit ihm zu sein. Vor einiger Zeit kam ein Graf Fips hier an, ein Ohrfeigengesicht, offenbar um des Grafen Tochter Alberta zu freien. Ich schrieb nach der Stadt einem jungen Manne aus den sogenannten vornehmen Ständen, der sich immer sehr freundschaftlich gegen mich bewiesen hatte, und bat um Auskunft über diesen Herrn Fips, und was man von unserem Grafen sage. Der junge Adelige schrieb sehr unbefangen und wie es schien, sehr genau unterrichtet. Fips suche eine reiche Frau; außer diesem Wünschen sei nichts an ihm: das war leicht glaublich. Das Urteil über den Grafen klingt bizarr, ist aber so mit richtigen Details unterstützt, und paßt im höheren Stile wirklich zu dieser originellen Figur.

»Graf Topf« – sagt der Briefsteller, – »ist von Jugend auf ein Mann der Mode gewesen, aber immer der neuesten, so daß er seinen Umgebungen immer voraus war, und darum stets wunderlich erschien. Als die Mode aufkam, nach Italien zu reisen, ging er auf mehrere Jahre hin und errichtete in Florenz ein glänzendes Haus für alle Künstler, die bei ihm wohnten und lebten; er war bald eine Behörde der dortigen Kunst. – Als die Franzosen vertrieben waren, und alles gegen sie schimpfte, war er der erste Napoleonspoet, und verteidigte ihn gegen alle Welt. Zur Zeit der europäischen Kongresse begann die Aristokratie ein neues übermütiges Leben, ihr Muster war Graf Topf, der schon ein halbes Jahr vorher in der Residenz den Grandseigneur spielte, von dem man damals glaubte, er ruiniere sich aus eitel Hochmut. Damals lebten ab und zu in seinem Hause die bedeutendsten Schriftsteller der Reaktion. Herr von Haller [100] war viel willkommen, Kotzebue sehr wohl aufgenommen, Herr von Stourdza hatte sein Absteigequartier beim Grafen Topf, und Frau von Krüdener trank alle Tage Tee bei ihm und segnete die Teegesellschaft. Nur die Turnzeit, das altdeutsch gebundene Gesangbuch der Reaktion, hat er beinahe verpaßt. Das allzu Demokratische daran mochte ihn eine Zeitlang abgehalten haben, sich damit einzulassen, und wahrscheinlich hoffte er, die Richtung werde bald vorübergehen. Dennoch erinnern sich noch sehr viele lebhaft, daß er einer durchziehenden Turnerbande ein großes altdeutsches Mahl gerüstet, und weil er nicht schnell genug einen deutschen Rock bei der Hand gehabt, mit bloßem Halse und halb entblößter Brust dem alten Jahn gegenüber im Schlafrock präsidiert habe. Man erinnert sich noch eines lebhaften Streites, den er mit jenem geführt, ob Kastanien eine echte deutsche Frucht seien. Jahn verneinte es zürnend, und warf eine große hölzerne Schüssel, – denn Topf tat nichts halb, und alles Geschirr war antik – voll Kastanien an die Erde, obwohl seine Turner sich ein wenig opponierten, weil ihnen die schmackhaften Maronen behagten. ›Eicheln, Topf, wuchsen im Teutoburger Walde, Eicheln, nicht aber diese welschen überalpigen Gewächse, mit denen wahrscheinlich Hannibal seine Truppen zu Capua verweichelte. Tu mir nicht ein Gleiches mit meinen jungen Söhnen Teuts, Topf, ich beschwöre Dich bei Hertas weißen Rossen.‹ Der Graf argumentierte eine Zeitlang mit dem Nibelungenliede, dann gab er gerührt nach, und umarmte Jahn mit den Worten: ›So retten wir Deutschland vor ausländischem Tand. – Jahn, keine Kastanien!‹

Als der spanische Corteskrieg ausbrach, hatte er sich wahrscheinlich mit dem englischen Unterhause in Rapport gesetzt, kurz mehrere Tage vorher, eh' Canning zu St. Stephan sich erhob und seinen liberalen Donner über Europa schleuderte, hielt der Graf Topf bei einem Gastmahl eine ähnliche Rede, und ward so lange für verrückt gehalten, bis die Zeitungen [101] aus England ankamen. Lang vor der Schlacht bei Navarin war er der renommierteste Philhellene im ganzen Lande und teilte oft englische Griechenlieder mit, welche ihm sein Spezialissimus Lord Byron geschickt haben sollte. Noch ehe der Kaiser Nikolaus daran dachte, den Verdienstadel gegen den Erbadel zu erheben, verteidigte er mit steigender Beredsamkeit diese Idee und focht gegen die Türken und gegen den Halbmond, eh' die russischen Truppen dazu kommandiert wurden. Seine unverkennbare Absicht ist immer dahin gegangen, den weitsehenden Politiker, den Mann der modernsten Bildung zu spielen; man weiß nicht, ob er je ein wichtiges Staatsamt gesucht, oder nur den Titel eines Gonfaloniere der Zeit erstrebt; aber trotz seiner extremen Handelsweise, die ihn oft vorübergehend lächerlich gemacht hat, steht er in dem Rufe großer Klugheit, und alle Welt ist der Meinung, daß er sich jetzt mit jungen Geistern Ihrer Art umgibt, damit er der Zeit vorausgehoben werde. Nach dem, was jetzt in Frankreich vorgefallen, scheint es ihm wirklich wie der gelungen zu sein, denn ich kenne ja Ihre liberale Richtung, die wahrscheinlich auch Ihre Freunde teilen. Man spricht neben der Julirevolution nur vom Grafen Topf und seinem historischen Treffer, und Sie werden wahrscheinlich bald mehrere der hiesigen Notabilitäten auf Grünschloß sehen, welche das Terrain rekognoszieren wollen. Das wird des Grafen größte Freude sein. Sein Vermögen ist zwar durch seine kühne Art zu leben ein wenig erschüttert, aber noch keineswegs zerrüttet, und er wird bei der Vermählung seiner Tochter keiner andern Rücksicht folgen, als sie dem historisch modernsten Manne zu geben. Stand, Vermögen wird gar nicht in Betracht kommen, schon weil es jetzt Mode wird, die sogenannten geistigen Vorzüge im Gegensatz zu den herkömmlichen allein zu beachten. Von dieser Seite also, werter Freund, steht Ihnen gar nichts im Wege, wenn Sie Absichten auf die schöne Alberta haben – davon ist man [102] jetzt nach den Julitagen allgemein überzeugt, daß Graf Fips nicht reüssiert.« –

Soviel aus jenem Briefe. Denke Dir nun den Grafen als einen Fünfziger, als einen Mann von den feinsten Sitten, dem gebildetsten, artigsten Betragen, der in allen Dingen Kenntnisse, und für alles große Empfänglichkeit besitzt. Es ist wahr, sein Wissen ist meist oberflächlich; er hat die Klassiker gelesen, aber nicht empfunden, er kokettiert mit den Griechen und ein abgeschmackter hohler Römer läuft ihm hie und da dazwischen; er hat Geschichte studiert, weil er sie aber oft an so verschiedenen Fäden aufgereiht hat, so sind seine Ansichten verworren geworden. Er hat von allen Religionsphilosophemen genippt, ist abwechselnd Atheist, Deist, Protestant. Quäker und Pantheist gewesen und wie alle extremen Geister, die in der eigenen Positivität keinen Haltpunkt finden, am Ende romanischer Katholik geworden, der aber noch immer mit Aufmerksamkeit Religionsgespräche anhört. Sein Äußeres ist imponierend. Von hohem starkem Wuchse hat sein Gang jene adelige Gemessenheit und Sicherheit, die wir noch in unserer frühen Jugend so oft an den damaligen Grafen und Baronen gesehen. Die Gebärden, Gestikulationen, Bewegungen sind weit, breit, aber sicher gerundet. Du siehst, wieviel auf den ersten Tanzmeister ankommt, denn ich bin überzeugt, daß sich der Graf viel Mühe gegeben hat, die modernen, kürzeren Bewegungen zu erlernen. Natürlich geht er ganz modisch gekleidet. Sein lockiges Haar ist noch voll und dicht wie das eines Jünglings, aber schneeweiß. Das gibt dem ganzen Gesichte, welches sich ebenfalls durch einen sehr weißen Teint auszeichnet, etwas Geisterartiges, und die unsteten schwarzen Augen irren wie heimatlos umher. Der Schnitt des Gesichts ist edel; eine Römernase erhöht diesen Eindruck. Nur der etwas breite eingekniffene Mund und der untere Teil des Kopfes deutet darauf hin, daß der Mann schon viel gelebt hat. Die Faltenlinien von [103] den Nasenflügeln aus drängen die untere Wange tief hinab nach dem Kinn. Dieser untere Kopf hängt nur, und hat die Spannkraft verloren; er ist das Bild seiner Charakterlosigkeit; Er redet fast alle Sprachen und dem Anschein nach alle gut, wenigstens versichert es Hippolyt vom Spanischen, William vom Englischen, Leopold vom Italienischen, und ich höre es am Französischen, das er keineswegs so altmodisch wie die meisten unserer Aristokraten redet, die wie der junge Anacharsis plappern. Eines ist überaus liebenswürdig an ihm: sein Sinn für jede Art von Poesie. Der Mann verdaut mehr Verse in einem Niedersitzen, als ich einen ganzen Monat lang imstande bin zu verbrauchen, und hört Räsonnements über Poeterei an, bis der Räsoneur heiser ist. Ich glaube, er hat viel geliebt; er kostet das kleinste Lied durch und durch und hat wirklich ein so ausgebildetes Gefühl dafür, daß ihm nicht die kleinste Andeutung oder Beziehung entgeht. Dies ist denn auch das schöne Band, welches ihm seine Tochter fest am Herzen erhält. Ich glaube wirklich nicht, daß er ihrer Neigung nur im entferntesten in den Weg treten würde, sie müßte denn auf einen ganz veralteten jungen Mann fallen. Aber ich habe nichts als Besorgnis mit der schönen Alberta. Seit einiger Zeit neigte sie sich offenbar mit großer Vorliebe zum altertümlichen William, diesem altenglischen Stockjobber, wie Ihr ihn zu nennen beliebt. Ich glaube, sein gläubiges Christentum fesselte die weiche furchtsame Seele. Da kam Hippolyt, das reizende böse Geschick der Weiber, und nun ist die Verwirrung vollständig. Es ist eine sehr schlimme Sache mit Hippolyt. Wie oft hab' ich es ihm vorgestellt, daß es gar kein Rechtsverhältnis sei, in das er sich Frauenzimmern gegenüber begebe. Er geht jede Verbindung ein, ohne von seiner Seite auch nur irgend etwas anderes zu gewähren, als daß er genießt, solange es seine Laune so will. Auf meinen ernsten Tadel und meine ebenso ernste Versicherung, daß ich ihn einsperren [104] lassen würde, hätte ich Gewalt über ihn, erwiderte er lachend, daß er nie von einem Frauenzimmer Liebe verlangt, noch irgendeiner mehr als augenblickliche Neigung versprochen habe. Es sei ein rechtliches Kontraktsverhältnis; daß man von der anderen Seite oft mehr präsumiere, wäre nicht seine Schuld. Was soll ich mit ihm anfangen? Soll ich ihn der Polizei anzeigen? Die betrachtet bloß die moralisch Buckligen, Lahmen usw.; sie ist nur für äußere Übel da, die jeder andere Mensch auch sieht; soll ich ihm unaufhörlich Steckbriefe schreiben und seine Umgebungen vor ihm warnen, wie ein Gendarm mit blanker Klinge neben ihm herreiten? Wenn ich ihn nur überzeugen könnte, daß er unter unseren bürgerlichen Konstellationen unrecht habe, daß man dem Verbande einer Gesellschaft vielerlei, so auch dieses zum Opfer bringen müßte. Solange das Verhältnis zwischen Mann und Weih noch nicht anders geordnet ist als wie jetzt in das traurige Einmaleins der Ehe, solange erfordert die Verpflichtung gegen die neben mir Stehenden meine Aufmerksamkeit, Schonung, Vorsicht, ja Entsagung; Hippolyt kennt aber nur Verpflichtungen gegen sich, darum ist er eigentlich für keinen zivilisierten Staat zu brauchen. Die persönliche Freiheit ist bei meiner Theorie durchaus nicht gefährdet, aber die Freiheit sieht, nur die Schrankenlosigkeit ist blind. Das Weib, das gleich mir die Ehe nur für eine Krücke der tausend Schwachen, nur für ein leider noch immer notwendiges Hilfsmittel der Gesellschaft ansieht, das Weib, das sich stark genug fühlt, die äußeren Nachteile der Gesellschaft zu ertragen, sobald diese den Betrug gegen sich entdeckt – dies Weib ergibt sich mir mit Freiheit, und sie freut sich oder leidet wie ein selbständig freies Wesen, je nachdem unsere Verbindung Freud oder Leid bringt; dies Weib such' ich zu gewinnen, sobald sie mein Interesse für sich erregt. Aber den Galeerensklaven von Freiheit und Genuß zu reden, ist grausam; ein Weib, das in den gewöhnlichen Banden der Gesellschaft[105] Notwendigkeit sieht, Befriedigung, Genüge findet, in Opposition gegen sie also zugrunde gehen müßte, ein solches Weib an sich reißen und doch ihre Ansichten vom bürgerlichen Leben nicht annehmen wollen – das ist Laster. Und in solchem Falle ist Hippolyt. Die Welt um ihn lebt im rechtlichen Friedenszustande, er aber zieht umher wie ein außerrechtlich erobernder Krieger, das ist eine unverschämte Bevorzugung des Individuums gleich dem Absolutismus, die ich verabscheue, und doch kann ich mich nicht zu dem philisterhaften Handwerk entschließen, Alberta, seine sichere Beute, vor dem Unglück, das ihrer harrt, zu warnen. Weiß ich denn auch, ob das Mädchen nicht glücklich ist, wenn sie nur eine heiße Stunde unter den Strahlen ihrer Liebessonne ruht? Wie ist sie glücklich, wenn sie ihn nur sieht, träumerisch geht sie mit uns umher, lächelt schmerzlich, spricht wenig und ist innig, weich wie ein Blumenblatt. Mit allen Waffengattungen ist die Liebe in ihr sanftes Herz gezogen und hat alles zum Kriegsstande ausgerüstet; wenn der Feind der Liebeshindernisse in unseren Gesprächen zum Vorschein kommt, da hebt sie das schöne Köpfchen plötzlich mutig, und ihr Türkenbund, den sie um den Kopf trägt, wirft sich in den Nacken, und sie fordert kühn alle Welt heraus. Alle Scheu ist von ihr gewichen in solchen Momenten. In einem ähnlichen Gespräche redete ich ihr in diesen Tagen – wir promenierten in einem entfernten Teile des Gartens – aus vollem Herzen und mit inniger Überzeugung von der Freiheit jeder Art. Sie horchte mir mit gesenktem Haupte zu, plötzlich blieb sie stehen, sah mich mit den rührenden Blicken eines Engels, dem das Gefühl die Brust sprengen will, lange und innig an, faßte auf einmal mein Gesicht in ihre beiden Hände, legte das Köpfchen auf meine Brust und sprach: »Sie sind ein guter Mann« – dann flog sie schüchtern wie ein Reh von dannen. Wenn Hippolyt mit ihr sprach, so schauerte sie in Liebeslust; ich hab' immer gefürchtet, sie werde ihm [106] einmal öffentlich um den Hals fallen. Graf Fips läßt immer neue Krawatten und Fracks aus der Stadt kommen, ich glaube aber, er fängt allmählich an zu verzweifeln, wenigstens spricht er schon sehr lange von der Abreise. Er ist in einer sehr üblen Stellung, und ich bewundere aufrichtig die Schafsgeduld dieses Menschen, dies Treiben mehrere Wochen mit anzusehen. Uns bürgerliches Pack verachtet er natürlich im Grunde seines Herzens, und in Verzweiflung richtet er hie und da das Gespräch an den legitimen William, das ist der einzige Knopf seines Rocks, auf den er sich verlassen kann. Der Graf sucht das Gespräch immer allgemein zu machen, und das liebt Graf Fips nicht; die Unterhaltungen, welche er mit den Damen anknüpft, schnappen auch stets in großer Geschwindigkeit ab; bei Hippolyt muß er befürchten, gar keine Antwort zu bekommen. Leopold, den er manchmal gern zum besten haben möchte, verwickelt ihn in poetische Gespräche, aus denen er keinen Ausweg findet; mich hat er nie recht leiden mögen, nach einem neulichen Gespräch über Adel, seine Manieren usw., was ich Dir später mitteilen werde, hat er über mich unzweifelhaft entschieden; er läuft wie ein verlorener Gedanke aus vergangener Zeit unter lauter fremden Büchern herum, rückt seine Brille, zupft den braunen Frack in die Taille, ist ein Lasse – das sind seine Vergnügen. Seit wir ein demokratisches Treiben bei Tisch vorgeschlagen haben, ist er ganz sprachlos. Man aß früher an langer Tafel, und in den Sitzen herrschte eine Art Rangordnung. Wir stellten dem Grafen vor, daß alles Schöne und Große rund sei, alle Ecken würden heutigentages abgeschliffen – den Tag darauf speisten wir an einem runden Tische und setzten uns, wie's eben kommt. Der Graf hat sich nur ausbedungen, daß ich immer neben ihm sitze, und da wir immer zusammen schwatzen, so sitzt Kamilla fast immer zu meiner andern Seite, sie müßte denn böse auf mich sein. Sie ist ein sehr liebenswürdiges Wesen, hat viel [107] Verstand, faßt sehr schnell und ist munter über und über. Du weißt, wie ich das liebe. Sie stellt sich zwar, als schnelle sie die Gefühle mit dem Finger fort, ich glaube aber aus einzelnen Gewitterschlägen ihres Wesens schließen zu können, daß sie der tiefsten Leidenschaft fähig ist, da sie zu den verschlossenen Gemütern gehört – verstehe mich recht: zu denen, welche alle Türen des Wesens offen halten, die innerste Herzenstür aber nur allein unter Tränen der schönsten Freude oder des tiefsten Leides öffnen, sonst aber so verstellen, daß man gar keine Tür ahnen, und alles an ihnen zu wissen glauben möchte. Da sie ein solch verstocktes Gemüt ist, so wird sie einst unendlich reicher als tausend andere beglücken können, aber auch unendlich glücklicher oder unglücklicher sein. Alle innersten Herzenskräfte harren nämlich noch ungeschwächt ihrer Befreiung. Sie ist hoch und sehr schön gewachsen und hat ein äußerst liebreiches Gesicht, lächelnde schalkhafte Augen, eine zierliche Stumpfnase, einen kleinen üppigen Mund, der viel schwatzt und lacht und blendend weiße Zähne zeigt. Ihr volles lichtbraunes Haar flattert in zurückgestrichenen Locken in einen vollen, feisten, schneeweißen Nacken, der wie zum Köpfen gemacht ist. Ich nenne sie darum oft Ludwigs Frau, und erkläre ihren öfteren Eigensinn und ihre Hartnäckigkeit daher. Das tu ich oft, weil sie mich dabei immer auf den Mund schlägt. Wie ein bunter Vogel geht sie gekleidet; ich habe sie mehrmals darüber verhöhnt und bin deshalb von ihr ausgelacht worden, weil ich so wenig Farbenschönheit und Farbenverhältnisse begriffe. Und sie hat den Sieg davongetragen, hat sich mehrmals einfarbig gekleidet, und ich habe zugestehen müssen, daß es nicht zu ihrem bunten Wesen passe.

Noch an jenem Abende, wo Alberta so erregt war, daß sie mich fast mit ihrem Geliebten verwechselte, fand sie sich mit Hippolyt zurecht. Ich sah zufällig der Szene zu, es war wirklich ein artiges Bild. Neben dem großen Saale, [108] wo wir oft sind, ist nur durch eine Glastür getrennt und mehrere Stufen tiefer das Gewächshaus, wo ein Teil der Orangerie steht, der nicht Raum genug vor dem Schlosse haben oder vielleicht die deutsche Luft gar nicht vertragen mag. Ich suchte Kamilla, die sich nirgends sehen ließ – der Saal war leer; ich gehe bis an die Glastür und sehe in der Tiefe der südlichen Bäume Alberta sinnend und träumend die Hände in den Schoß gelegt unter einem Feigenbaume sitzen. Sie sah wie Preziosa aus, die mit gebrochenem Herzen nachsinnt, ob ihr wohl Alonso aus Madrid nachfolgen werde. Da öffnet sich die Tür an der anderen Seite der Orangerie und einen Fandango singend kommt Hippolyt herangestürmt. Wie im Traum springt das Mädchen auf und hebt die Arme. – Hippolyt, den nichts überrascht, faßt ihre Hände, sie sinkt ihm an die Brust und umschlingt ihn; er hebt mit beiden Händen ihren Kopf in die Höhe und küßt sie. Die fremden Bäume und ich hinter der Glastür, wir sahen still zu; mal es aus das Bild.


Später.


Der Graf holte mich gestern vom Schreiben zum Spazierengehen ab. Ich bin sehr verdrießlich, Freund, über all die Dinge, die sich hier zusammenfädeln; es ist lächerlich, daß ich sie Dir erzähle, der Du auf dem Markte der Welt Dich herumbewegst. Aber ich denke, dieser Mikrokosmos soll Dich doch unterhalten, ich fürchte, er wird nur zu bald sehr interessant. Der Graf war so unsicher, er fühlte so hin und her nach diesem und jenem an mir und Hippolyt, daß ich nicht weiß, wie ich Dir's beschreiben soll. Mir ward ganz heiß dabei, – es wurde alles so heiratlich, so bürgerlich ernsthaft, daß mir bald kein Zweifel blieb, der Graf wolle unserem Weibertreiben ans Leben gehen. Ich konnte nicht klar heraustreten mit meinen Antworten, weil er es mit seinen Fragen nicht tat und ich solchergestalt leicht eine Betise begehen konnte; indes ließ ich ihn doch nicht undeutlich [109] merken, wie diese ganze Wendung der Fahrt nicht in meinen Kram passe, mir sogar sehr unangenehm sei. Die Welt ist doch wahrhaftig eine so große Heiratskanzlei, daß man nur in ein Haus treten darf, worin ein weibliches Wesen wohnt, um beim Herausgehen Heiratsfragezeichen auf dem Rücken zu haben. Wird nicht alle Geselligkeit dadurch zugrunde gerichtet! Sieh unser Schloß an, wie ist alles durch diese verzweifelte Einzäunung zerrissen, zerteilt! Graf Fips reist schon seit vierzehn Tagen ab und ärgert sich alle Tage dreimal, daß er noch da ist, und beschließt zehnmal, morgen werde er reisen und immer nur einmal, daß er noch einen Tag warten wolle. Wenn die Sonne aufgeht, da ist die Erde unschuldig und der unglückliche Liebhaber hofft das Beste – dieser Fips ist ein Maulaffe, aber er fühlt seinen traurigen Schmerz, einen Korb am Frackschoß zu tragen, so gut wie einer. Was ihm an Gefühl zur Empfängnis dieses Schmerzes fehlt, das ersetzt die Eitelkeit; ich glaube, er wartet bloß, weil er sich fürchtet, leer in der Stadt anzukommen. Leopolds leichter Sinn ist sogar gebrochen, er hinkt wie ein lahmes Füllen hinaus ins Feld; man ist ihm zu ernsthaft geworden, sein Scherz erschrickt vor den verkauften oder verschenkten Augen, die keinen Blick für ihn haben. Für ihn ist mir zwar am wenigsten bange; er ist wie der Flußreiher in der Fabel, er nascht am Besten herum, bis ihn der Liebeshunger drängt, mit einem Gründling vorlieb zu nehmen. Ich höre, er hat sich beim Pastor und Förster bekannt gemacht, und er tändelt wahrscheinlich bereits von der Waldmaid zum Gotteslämmchen. Aber William ist mir ein Greuel, seine eigene philisterhafte Absonderungswut rächt sich fürchterlich an ihm; weil er alles, die ganze reiche schöne Welt zu zwei und zwei abschachteln möchte wie in eine traurige dumpfe Arche Noäh, so ist er nun selbst ein verlassenes, trostloses Wesen. Seit sich Alberta so entschieden mit allen Kräften zu Hippolyt wendete, ist dieser William ein wahrer Cromwell, [110] der alles malträtieren möchte. Er ist ingrimmig, grob, ungezogen, ja boshaft wie ein verwöhnter Knabe. Er ärgert alle. Das ist nun jene christliche Liebe, welche der Mann auf der Lippe trug. Weil er keine Freiheit kannte im Glauben und Gefühl, so weiß er nun auch keine zu gestatten. Er ist auch in der Eifersucht Fanatiker und Schwärmer; er ist sehr unangenehm. Es ist kein Schmerz in ihm, sondern Grimm. Ich selbst bin aus meiner Ruhe aufgestört, weil ich die fröhliche Kamilla täglich mit verweinten Augen sehe, weil ich kein heiteres Wort mehr von ihren Lippen höre, weil mich das gute Mädchen innig dauert und ich durchaus nicht weiß, was ihr fehlt. Sollte das unglückliche Mädchen etwa auch den Mörder Hippolyt lieben?! Nun sieh, was sind das für Dinge, was ist das für unnütze Verwirrnis, die das Leben unklar, unerquicklich macht. Ach, ich bin ärgerlich! Als gäb' es auf der Welt keine andern Beziehungen mehr als zwischen Mann und Weib! Ich bin der traurigen Kamilla selbst so gut geworden, daß ich in mir selbst Verwirrung fürchte. Und nun führt das Geschick die Gräfin Julia hieher, und das Haus wird ein Tollhaus. Ich will die Sache erst noch etwas reifen lassen, eh' ich Dir breiter davon spreche. Wir geben uns alle mögliche Mühe, wichtige, spannende, ja verletzende Gespräche über allgemeine Gegenstände aufs Tapet zu bringen, sobald wir bei Tisch oder beim Tee alle versammelt sind, damit die große Spannung und Zerrissenheit der Gesellschaft zugedeckt werde. Höre eines derselben.

»Der Adel,« nahm Hippolyt das Wort, »hatte eine in der ganzen Konstruktion der Gesellschaft begründete Stellung, er war ein integrierender, lebendiger Teil des Staatslebens, mit einem Worte, er war Leben, als es nur Herren und Sklaven gab. Die herrschende Klasse, die aus den Anführern oder den Kriegern oder den Eroberern bestand – denn nur das Schwert war das Kriterium – wurde der Adel; er gestattete einem, Fürst zu sein, und hielte ihn nur so weit in Zaum, [111] daß er seiner Teilnahme am Herrenrechte nicht zu nahe trete. Allmählich machten sich aber die Sklaven durch ihre heranwachsende Masse, durch Erfindungen, durch Gelehrsamkeit geltend, das Schwert reichte nicht mehr ganz aus; da sprach der Adel die Vergangenheit um Hilfe an, er erfand die Stammbäume, die Ahnen; an die Stelle des Schwertrechts trat das historische. Der Vorzug des größeren Besitzes machte es ihm noch lange Zeit möglich, eine höhere Klasse zu repräsentieren. Der spekulative Geist des Bürgers riß nach und nach einen großen Teil dieses Besitzes an sich, die Gelehrsamkeit wurde immer flüssiger, man fing an, die Bestandteile der Gesellschaft zu prüfen, der Adel war genötigt zu glänzen, weil sein Kern verdorrt war. Alle höheren Tätigkeiten des Menschen drängten sich allmählich in einen Früchteknoten zusammen, es entstand die Bildung, und sie stürzte den Adel, weil sie das Kriterium des Schwertes und der Ahnen vernichtete. Die Allgemeinheit ward vernünftig, und es wurde ein lächerlicher Begriff, auf eine höhere Stellung in der Gesellschaft Ansprüche zu machen, weil es die Vorfahren getan.«

»Aber mein Gott,« begann Graf Fips, »es muß doch ein Unterschied existieren.« Er erhielt lange keine Antwort, weil jeder lachte. Das Gespräch schien abgebrochen, und der kleine Leopold knüpfte es spaßhaft mit einer Antwort für Fips wieder an. »Allerdings,« sagte er, »ein Unterschied zwischen Klugen und Dummen, und der existiert noch.« Der Graf Topf schwieg. William aber erhob seine Stentorstimme und verteidigte das Mittel der Erinnerungen, was Tausende aufreize, besser zu sein, als sie ohne selbiges sein würden. Er sei nicht eben für den Adel, aber wenn man solches Verhöhnen alles Herkommens und historischen Rechtes zugäbe, so bräche das jakobinische Vernunftrecht unheilvoll über alles herein und nichts stünde mehr sicher. Ich erwiderte ihm, daß nichts bestehen solle, was nicht vernünftig sei, daß darüber kein Zweifel mehr obwalte und man nur über die Art und [112] den Weg, alten Schutt wegzuräumen, uneins wäre. Die gemäßigten Reformer wollten kein Privatrecht verletzen, um allgemeines Recht zu erzeugen. Der Adel selbst aber sei nicht einmal ein Privatrecht, sondern nur ein usurpierter Titel einer alten Gewalt, die Gewalt sei aber gestürzt, und ein König ohne Land sei ein Narr, wenn er sich noch König nennen und von Hofzeremonien umräuchern lasse. Der Adel sei für wahnsinnig zu erklären – fuhr Hippolyt fort – wenn er noch in Generalsuniform einhergehen wolle, während er längst mit der großen Menge in Reih' und Glied marschieren müßte. »Wollen Sie nicht ›schwach‹ sagen?« schaltete Graf Topf ein.

Du siehst, wie gereizt das Gespräch wurde. Ich versuchte einzulenken, und setzte hinzu: »Es ist aber auf der andern Seite etwas, was der Adel aus seiner Herrscherzeit behalten hat, und was wir ihm immer noch nicht haben gleich tun können, das ist die leichte Art zu leben. Er lebt geflügelter, freier, weil er sich hoch gestellt glaubt, seine Geschäfte sind ihm Nebensache, der Genuß des Lebens aber Hauptsache. Er weiß mehr zu genießen, weil er mehr sucht. Die Mühen der Jahrhunderte, durch welche wir bis hieher gekommen sind, lasten noch lähmend auf unseren Schwingen. Der Adel hat keine Mühen gekannt, darum ist sein Wesen leichter, darum verfällt er nicht in den Irrtum, das Geschäft für den Zweck anzusehen, wie es z.B. unser Kaufmann tut. Der Adel lebt leichter, weil er von Jugend auf sorglos ist. Er kennt unsere Hypochondrie, die Krankheit der Mühe, nicht. Indes, der Sieg ist schon lang erkämpft, und die Not des Kampfes wird bald vergessen sein, dann erwerben wir auch diesen Vorzug, dann wird der Adel nicht nur getadelt, er wird verlacht werden, wie jeder bankerotte Kaufmann, der noch nach Goldstücken rechnet.«

»Aber der Menschen Sinn trachtet nach Bevorzugung –« Hub Graf Topf an – »nur das moralische Streben bändigt ihn; unter den Siegern über die historische Klasse bildet sich [113] wieder eine Aristokratie, die Phasen der Geschichte sind nur ein Wechsel der herrschenden Klassen, aber kein Aufhören derselben; der neue Feind ist die Geldaristokratie, und wahrlich, meine Herren, sie ist noch platter und prosaischer, sie hat nicht einen Funken von Poesie, und gerade das Extrem des Adels, das trostlose Geschäft, schwingt sich im Gewande der Industrie auf den Thron; mir schaudert vor dieser neuen, bloß rechnenden Herrschaft, wo die Herzen nichts mehr gelten.«

Ich gab ihm recht und gestand zu, daß wir sehr auf der Hut sein müßten, uns den Sieg nicht stehlen zu lassen, den Sieg der Bildung. »Immer aber,« fuhr ich fort, »ist das doch ein großer Schritt weiter, wenn der Erbaristokratismus gestürzt ist, und wir vielleicht leider beim Geldaristokratismus angekommen sind, so ekelhaft dieser auch sein mag. Die nächste Morgenröte kann mir das Geld, einige Jahre können mir die Gelehrsamkeit, das Wissen bringen – keine Ewigkeit, kein Gott kann mir eine Vergangenheit, lächerliche Ahnen geben, wie sie der Adel verlangt. Und darin liegt das Fundament zukünftiger Zeit, die vielleicht jetzt in Frankreich beginnt. Alle Wege müssen offen sein zu allem – nicht unbedingte Gleichheit, aber unbedingt gleiche Befugnis zu allem, das ist die Losung des neuen Jahrhunderts.«

»Erbt nicht der Sohn des Millionärs auch die Million?« warf abgehend von meinem Schlußsatze der Graf ein. Hippolyt antwortete für mich: »Er kann sie morgen ganz oder zum Teil verlieren, und sein Nachbar kann sie gewonnen haben. Sie können Ihre Ahnen nicht verlieren, kein Nachbar kann sie gewinnen, darin ruht der Widerspruch mit der neuen Theorie: alles muß für alle erreichbar sein.«

Graf Fips meinte, ich hätte der feinen Manieren nicht erwähnt, die würden nach diesen barbarischen Ansichten ganz zugrunde gehen. Ich erwiderte ihm, daß ich die feinen Manieren allerdings für ein Produkt der Zivilisation ansähe, daß ich aber keineswegs an ihren Untergang ohne den Adel [114] glaubte. »Manches von dem,« fuhr ich fort, »was Sie, Herr Graf von Fips, so nennen, dürfte allerdings verloren gehen; manches von dem, was der Adel darunter versteht, der aber nur eine Frucht mit schöner Schale will, die ihren Zweck durch ihr Aussehen erreicht habe, nimmer aber geöffnet zu werden brauche – die eigentlichen feinen Manieren sind ein Ergebnis der höchsten Kultur, und die meisten feinen Leute kennen sie nicht, weil sie eben nicht kultiviert genug sind. Es handelt sich dabei natürlich nicht um ein Kompliment oder diese und jene Floskel, das ist nichts als Turnüre, die durch einige Übung wie das Tanzen von jedem erlernt werden kann und erlernt werden soll, denn sie ist die Bedingung des Erscheinens, und das Erscheinen soll schön sein. Es handelt sich aber um das höchste geistige Verständnis und um die schönste und gewandteste und geeignetste Erscheinung des Geistigen. Es kommt dem sogenannten feinen Menschen nicht im geringsten darauf an, die geistigen Interessen einer Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen, wenn er das nur mit einem zierlichen Komplimente tut – man spreche das Wichtigste, erzähle, lese das Interessanteste: ein gesellschaftliches Unding, das sich eben ereignet, bricht es ab, stört, und kein Mensch mit feinen Manieren fragt, welcher Gedanke, welche Folgerung unterbrochen worden sei – darum weil diese Manieren ihnen nur der Form, nicht der Gedanken halber da sind; der Gedanke erzeugt bei ihnen nicht die Form, sondern die Form den Gedanken. Darum ist ihr Gipfel die Förmlichkeit, und nur die Auserwählten werden das, was die Römer formosi nannten, äußerlich schön, mehr aber nicht. Jedermann aber weiß, daß Roms größte Männer nicht die formosi gewesen sind.

Das ist z.B. gute seine Manier, um Ihnen durch ein Beispiel anzudeuten, was ich darunter verstehe, dem andern durch alle Schlangenwindungen des Gedankenprozesses zu folgen, wo er strauchelt, ihm die Hand zu reichen, wo er eilt und fliegt, nachzueilen, nachzufliegen, und wenn's wirklich [115] geflogen ist und man artig sein will, dies bemerken – alle geistigen oder sonstigen Interessen des anderen zu den eigenen machen und mit Teilnahme verfolgen, der geistigen oder moralischen Atmosphäre, die um ihn ist, ungeteilte Aufmerksamkeit schenken – da kann manches Äußere, eine herabgefallene Nadel, ein Zwirnknäuel übersehen werden; wenn man dem Besten des Menschen sich anschmiegt, so hat man die besten Manieren, alles andere ist angenehme Zugabe.« »Wird es aber zur Hauptsache gemacht –« setzte Hippolyt fort, – »so wird es Leerheit, Abgeschmacktheit, Unkultur, und die feinen Personen, die sich immer und nur darin wohlbefinden können, dürfen nicht zu unseren gebildeten Ständen gezählt werden, weil sie von Bildung nichts wissen und an hohlen Spielereien, an Firlefanz und Puppenkram genug haben. Und meinen Sie denn, daß jene feinen Manieren ein Prärogativ des Adels seien? Wir haben solcher bürgerlichen Affen genug. Es ist eine lächerliche Schwäche von uns, daß wir den arroganten Titel ›Adel‹ noch immer gestatten, daß wir ihn selbst in unserer Polemik noch immerge brauchen; man nenne es ›Junkerei‹ oder ähnlich.«

Man war still, wir hatten zu heftig gesprochen; ich fürchte, unsere hiesige Gesellschaft ist der Auflösung nahe.

Ich sehe durch meine Glastür Kamilla einsam wandeln – leb' wohl für heute, ich will ernstlich zu erfahren versuchen, welcher Kummer das liebe Mädchen drückt, ich habe sie sehr gern. Leb' wohl!

19. Kamilla an Ludoviko
19. Kamilla an Ludoviko.

Grünschloß.


Ich habe unrecht gegen Sie, Ihre gegen mich gerichteten Vorwürfe sind gerecht. Aber ehrlich und offen will ich gegen Sie bleiben; Sie haben mir Ihre Liebe und Hand angetragen, Sie haben mich damals überrascht, ich war ein unerfahren [116] Ding; ich wußte nicht, was ich versprach. Warum mußten Sie aber auch so lang von mir bleiben; warum kamen Sie nicht, wie Sie versprachen, dies Frühjahr! Wieviel Schmerz wäre mir erspart worden. Ich habe die Treue gegen Sie gebrochen. Ihr Verlobungsring liegt im Kasten. Fürchten Sie nicht die Nachricht eines Exzesses, es gilt nur die Treue meines Herzens. Valerius, ein Poet, kam zu uns, er warb um niemand, lebte ruhig, harmlos, dem Anschein nach ohne Wunsch, ohne Verlangen nach irgend etwas an unserer Seite und gewann sich somit das, was er nicht suchte, unsere Teilnahme. Ich hatte ihn gern, und nur zuweilen dämmerte die Vermutung in mir auf, daß er Ihnen gefährlich werden könnte. – Erlauben Sie mir dies Wort; Ihr letzter Brief berechtigt mich noch dazu. Aber ich schüttelte lächelnd den Gedanken von den leichten Schwingen meines Wesens; ich hoffte nichts als einen lieben, zuverlässigen Freund in ihm zu gewinnen. Sein unwandelbarer Gleichmut bestärkte mich darin. Wie ein Blitzstrahl traf mich das Wetter. Vor einiger Zeit such' ich ihn und Alberta, die im Garten promenierten. Ich biege um eine hohe Zypressenreihe und sehe in der Tiefe des Gartens zwischen Bäumen eine Gruppe, die mich erstarren machte, und mir eine traurige Gewißheit über mein Inneres brachte. Alberta ruht an der Brust des Valerius. Heiße Tränen stürzten aus meinen Augen, ich fühlte, daß ich Ihnen untreu geworden, daß ich jenen unglückseligen Mann liebte. Keine Macht der Erde würde dies Geständnis über meine Lippen gebracht haben; Ihnen bin ich's schuldig. Vergeben Sie mir, vergessen Sie mich. Denken Sie mit Teilnahme an unser grünes Schloß, wo außer meinem Leid ein breites Feld von Trauer sprießt.


»Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

Das hat einen andern erwählt;

Der andre liebt eine andre

Und hat sich mit dieser vermählt.«


[117] Der Stifter meines Unheils wird selbst unglücklich: Alberta liebt seinen Freund Hippolyt, ach und ich fürchte, dieser liebt die schöne Gräfin Julia, die vor kurzem hier angekommen ist. Das Unglück hat sich hier eingenistet. Grüßen Sie innigst Ihre Schwester; o daß ich mein Leid in ihren Busen weinen könnte.

Die Bitte, mir nicht zu antworten, darf ich wohl nicht erst aussprechen. Vergeben Sie mir!


Kamilla.

20. Hippolyt an Julia
20. Hippolyt an Julia.

Wir sind in einem Hause, und ich muß das tote geschriebene Wort an Sie richten, dem warmen lebendigen gestatten Sie keinen Zugang. Warum verschließen Sie sich in Ihrem Zimmer, warum nehmen Sie mir meinen Tag, das Licht Ihrer Augen? Ist es meine Schuld, daß ich Sie später gesehen als die gute Alberta? Ich habe ein heißes glühendes Herz, mein Fräulein, ich schwöre es Ihnen, ich will, ich werde Ihr kaltes Gemüt erwärmen; nur Ihre Hand reichen Sie mir, durch die Fingerspitzen will ich mein Leben bis zu Ihrem Herzen treiben. Nie habe ich einem Weibe meine Liebe erklärt, Ihnen, Julia, sage ich, daß ich vergehe in Liebessehnsucht nach Dir. Du bist meine Sonne, mein Mond, der ganze gestirnte Himmel meiner Wünsche, meine Erde, meine Welt, meine ganze Hoffnung auf Seligkeit. Antworten Sie mir, meine ganze Seele fleht, antworten Sie mir gütig, öffnen Sie Ihre Zimmer, ich muß Sie sehen, ich verschmachte in dieser Wüste. Ihr Anblick ist mir die erfrischende Quelle; ich renne mir den Kopf ein in dieser Nacht. Sie sind mein Licht, o leuchten Sie mit dem Meere des Lichts in Ihren Augen. Ich zünde das Schloß an, um Sie aus den Flammen zu tragen, Sie in Dampf und Glut zu küssen. – Weib, das mich unterjocht, ich liebe Dich Julia, Du weißt nicht, was das heißt. Antworte mir, erscheine! –

21. Valerius an Konstantin
[118] 21. Valerius an Konstantin.

Warum schreibst Du keine Zeile, Mensch? Lebst Du nicht mehr? Ich muß alle Stärke des Gemüts zusammennehmen, um in diesem Drange der Dinge fest zu stehen. Sollte Dir ein Unglück begegnet sein, laß es uns bald wissen; ich will zu Dir kommen, Du hast ja für die Freiheit gefochten, für das einzige Unwandelbare im Leben. Hier ist viel Unheil. Kamilla weicht mir aus, steht mir nicht Rede. Das tut mir unendlich weh. Alberta liegt krank, Hippolyt hat ihr das Herz gebrochen, der Südländer ist rasselnd in ihm aufgesprungen, er rast in Liebe für die schöne Julia. Diese flieht ihn wie ein Reh den Wolf, und hält sich mehrere Tage in ihren Zimmern verschlossen. Heut' kam sie zu Tisch; im Augenblick als wir uns setzten, fuhr die Fürstin Konstantie vor. Nun ist die Verwirrung vollständig. Hippolyt schäumt wie ein Eber, ich habe meine Not, ihn in zivilisierten Schranken zu halten. Wäre dieser Mensch ohne Bildung, man sähe die Taten eines blutigen Barbaren. Der Graf ist äußerst niedergeschlagen und sprach heute wehmütige, rührende Worte mit mir. »Ich bin alt geworden« – sagte er – »und kann der Zeit nicht mehr voraus, sie übereilt und mordet mich und mein armes Kind.« –


Später.


Eben erhalte ich eine Ausforderung von unbekannter Hand. Es werden da soviel Nichtswürdigkeiten auf mich gehäuft, daß ich ein entsetzlicher Verbrecher sein muß. Es ist doch unangenehm, auch nur für einen einzigen Menschen ein solcher Gegenstand des Abscheues zu sein. Ich sinne hin und her, weil mir der Gedanke aufsteigt, die Handschrift schon irgendwo gesehen zu haben. Ich kann's nicht aussinnen. Alle Anschuldigungen sind indes so unklar, unbestimmt ausgedrückt, daß ich durchaus nicht genau weiß, welcher Übeltat ich angeklagt werde. Weiber scheinen dabei [119] beteiligt zu sein; es ist also wohl ein eifersüchtiger oder Ritterdienst tuender Mann. Und somit ist die Sache vielleicht ein Mißverständnis, denn ich wüßte doch wahrlich nicht, wem ich der Weiber halber etwas getan haben sollte. Der gute Mann verlangt keine Antwort, sondern wird sich in kurzem selbst melden. Soll ich offenherzig sein? Die Sache ist mir unangenehm; ich habe es neuerdings immer gefürchtet, in eine Duellangelegenheit verwickelt zu werden, weil ich den fatalen Kampf meiner gesunden Ansicht mit meiner schwächlichen Empfindsamkeit voraussah. Das Duell ist mir verhaßt, und wenn ich an die sogenannten Skandäler auf der Universität zurückdenke, so kommen auch alle die Harlekinaden mit, aus deren bunten Lappen das ganze Studentenleben bestand, und jene Paukereien erscheinen mir wie ein ernsthaftes Spiel, bei dem leicht ein Unglück geschieht. Wenn man aber die Harlekinsjacke ausgezogen hat, soll man auch das Spielen lassen. Ich würde es von Staats wegen niemand verbieten, weil es eine Beschränkung der persönlichen Freiheit wäre, und weil es wirklich Verhältnisse gibt, von deren feinen Linien das bürgerliche Recht keine Kenntnis haben kann, da es seiner Natur nach al fresco gemalt sein muß. Ich kann es niemand wehren, an den Vorteilen der Zivilisation keinen Anteil nehmen zu wollen, sobald er einen andern, der das will, nicht stört. Wenn also ihrer zwei außer dem Gesetze begriffen sein und ihre Angelegenheit durch Degen oder Kugel schlichten wollen, so soll man sie gewähren lassen. Aber man betrachte jedes Duell mit also mißtrauischen Augen, als man es noch immer mit günstigen tut. Man gestatte jedem, es unbeschadet seiner äußeren Ehre zurückzuweisen; man blamiere, verlache diese mittelalterliche Courage, das Vorrecht von Studenten und Soldaten, die es in Ermangelung eines besseren Kerns zum Mittelpunkte ihres Lebens gemacht haben, bei denen man keiner andern Eigenschaft bedarf, um für vollkommen zu gelten. Die besten [120] Männer der Weltgeschichte dürften leichtlich nichts taugen, wenn man diesen Duellmaßstab bei ihnen anlegen wollte, und doch ist es Mode geworden, selbigen Maßstab an uns alle anzulegen. Sind wir nicht wie die Kinder? Wenn sich einer vor Dummheiten nicht fürchtet, so ist er ein tüchtiger Mann, vor Klugheiten aber Furcht zu haben, ein Dummkopf zu sein, das tut der Ehre nichts. Ich habe mich auf der Universität geschlagen, weil – nun ja, weil ich Student war; ich werde mich wahrscheinlich jetzt wieder schlagen, weil ich schwach bin, oder wenigstens nicht den Mut habe, allein stark zu sein. Aber ich will mich bessern, ich will mich an das Schreckbild gewöhnen, für feig zu gelten; es gehört ja doch wahrlich mehr Mut dazu, ihm ins Angesicht zu sehen als einer schmalen Kugelmündung. Wenn meine Besserung nicht so schnell vonstatten geht, daß ich schon meinen jetzigen Ausforderer heimschicke, so soll er doch der letzte sein, mit dem ich diese Narrheit treibe. Laß mich Dir's gestehen, daß meine Schwäche durch meine Umgebung gesteigert wird: der Adel sieht seinen Duellmut für eine Prärogative an, womit er seine andern Prärogativen verdiene; wenn ich ihm den Unsinn des Duells noch so klar beweise, so zuckt er doch die Achsel und schwappt sich auf den Bauch und spricht: »Man sieht's doch gleich« usw. – Unter den Indianern mußt Du erst an den Götzen, welchen sie verehren, geglaubt haben, eh' Du ihnen beweisen kannst, daß der Götze ein Götze sei. Ich will noch einmal mich gläubig stellen, und dann auf offenem Markte das Götzenbild zertrümmern. Es ist ja doch gar zu lächerlich, jedem Laffen preisgegeben zu sein, sei's auch nur den Zeitpunkt betreffend, in welchem ich ihm zu Dienst sein muß. Man beschäftigt sich mit den höchsten Interessen der Menschheit und ist den alten Resten der Blutrache, dem faustrechtlichen Larifari unterworfen; man predigt auf der Kanzel und sündigt hinter der Kirche. Der Krieg im allgemeinen bleibt immer noch ein Akt der Barbarei, [121] welcher wegen der Verschiedenartigkeit der Stufen, auf denen die Völker stehen, noch immer nicht abgeschafft werden kann; aber den Krieg im kleinen sollten wir doch wahrlich dämpfen können. Es ist eine ebenso große Dummheit, als wenn man den Kriegerstand den übrigen voranstellt. Ist es wohl schon jemand eingefallen, die Kanone mit Verehrung anzusehen, weil man damit eine Masse Menschen niederschießen kann? Aber es ist der alte Rest der Eroberung, des Lehenwesens, der Barbarei, wo nur das gelten konnte, was große physische Gewalt entwickelte, was Furcht einflößte. Die Kultur beginnt mit Zerstören: man haut Wälder nieder, tötet die wilden Tiere – wollen wir denn immer im Beginn der Kultur stehen bleiben? Man lehre die Jugend, den Tod nicht zu fürchten, aber man lehre es auf eine zivilisiertere Weise. –

Die Fürstin hat viel Gefolge mitgebracht. Es ist ein buntes festliches Treiben hier eingekehrt, es geht alles geputzt, und doch ist niemand vergnügt – wir leben auf einem Totenacker, den man mit bunten Blumen beworfen hat. Hippolyt steht knirschend wie ein Todesengel da und ist vernichtend in Wort, Blick und Gebärde. Ich habe ihn nie so beißend witzig, verständig, vornehm gesehen. Die kecke Fürstin richtet oft das Wort an ihn, er wirft Dolche statt Worte zurück. Gestern fragte sie ihn nach Desdemona. Mit einer fürchterlichen Kälte erwiderte er: Eine Schlange hat ihr Leben vergiftet und sie von dem Ort vertrieben, wo sie glücklich war – jetzt ist sie wahnsinnig. Konstantie erbleichte. Ich fragte ihn später, ob es gräßliche Erfindung seines Grimmes sei. Nichts weiter, erwiderte er, und reichte mir einen Brief. Er war aus Wien und von Desdemona angefangen; sie schrieb mit herzzerreißender Sehnsucht, ihre Liebe stand auf einer Höhe, vor der ich selbst schwindelte – die Fortsetzung war von einer uns unbekannten Dame, welche Hippolyt mitteilte, daß Desdemona in ein hitziges Fieber verfallen sei, und daß [122] die Ärzte für ihr Leben und für ihren Verstand alles besorgten. Möge es Dir besser ergehen als uns. Leb' wohl.

22. Julia an ihre Mutter
22. Julia an ihre Mutter.

Wie es mir geht, meine liebe, liebe Mutter? Gut – schlecht – die Worte passen nicht dafür; unglaublich wunderlich. Für Augenblicke fühl' ich mich beseligt, ich schwimme in Blütendüften, und dann kommt wieder ein langer Tag unaussprechlicher Angst, kindischer Verzweiflung. So leiten die Dichter gewöhnlich ein, wenn sie ein verliebtes Mädchen einführen wollen; ich weiß, wie oft Papa darüber lachte, aber hier ist es doch ein wenig anders. Ein junger Mann, von aller Welt kurz Hippolyt genannt – er soll der Sohn eines spanischen Grand sein – macht mir auf eine beispiellose Weise den Hof. Sein stürmisches Wesen, mit dem er mich übereilte, hat mich tödlich erschreckt; was ich von der Fürstin Konstantie, die seit einigen Tagen hier ist, vernehme, was ich an der unglücklichen Alberta sehe, die ihn glühend liebt, und plötzlich von ihm verlassen ist, flößt mir ein Grauen vor dem Menschen ein. Und dabei ist er zauberhaft schön, beredt, liebenswürdig – ach meine liebe Mutter! dafür ist der Ausdruck erfunden: er ist ein gefährlicher Mensch. Wenn alles wahr ist, was man vereinzelt von ihm hört, so ist er ein solcher Ausbund von Lasterhaftigkeit, eine solche Größe von Untugend, daß man versucht wird, ihn zu bewundern. Er weiß z.B. um Albertas heftige Neigung für ihn, er hat sie hingenommen wie ein angenehm Geschenk, und vom Tage meiner Ankunft an nicht die mindeste Notiz mehr davon gezeigt. Meinst Du nun aber, daß er in ihrer Gegenwart befangen, auch nur im mindesten befangen wäre? Gott bewahre; er unterhält sich harmlos, als ob gar nichts vorgefallen sei. Mich verfolgt er mit den feurigsten Versicherungen seiner Liebe; aber selbst in seinen Bitten liegt [123] etwas Wildes, Herausforderndes. Der Himmel weiß, was die Fürstin gegen ihn hatte, sie nahm in der ersten Zeit ihres Hierseins unglaublich leidenschaftlich Partei gegen ihn, sie war immer so erregt, wenn sie von ihm sprach, daß ich eine Zeitlang glaubte, sie habe eine glühende Neigung in die Livree des Hasses gekleidet – es war ein auffallender Anblick, diese stolze gewaltige Frau und den imponierenden Hippolyt einander gegenüber sitzen zu sehen: Konstantie sah ihm vornehm, fest, starr in die Augen, als erzähle sie ihm eine Geschichte von seiner eigenen Nichtswürdigkeit; er gab die Blicke sprühend zurück und warf einen ganzen blitzenden Wolkenhimmel mit lauter Zerstörung und Verachtung in ihre Augen, der verächtlich heruntergezogene Mund sprach die Erläuterung jener fürchterlichen Blicke. So oft er den Namen Desdemona aussprach, war der Stolz der Fürstin gebrochen, ihre Schlacht verloren – es ist unverkennbar, daß sich die beiden Leute gekannt, und vielfache Beziehungen zueinander haben. Konstantie ist heftig, leidenschaftlich, sogar rachsüchtig, weil sie nicht nur eitel, sondern stolz ist – sollte es ihr vielleicht mit Hippolyt wie der armen Alberta ergangen sein! Ich will doch genau achthaben, oder Hippolyt selbst einmal fragen – erinnerst Du Dich nicht, liebe Mutter, wie verwegen sie vorigen Winter in Berlin über dergleichen Dinge sprach, wenn sie des Donnerstags in unsere kleineren Gesellschaften kam? Ich habe mich immer vor ihrer Art zu lieben gefürchtet; ihre Neigungen sind ein glühender Sirokko, und sie paßt eigentlich ganz zu Hippolyt. Die gute Alberta hat einige Tage unaussprechlich gelitten, jedoch es scheint mir wie eine hitzige Krankheit mit Heftigkeit, aber schnell vorübergehen zu wollen. Ihr zum Glück und uns allen zur Freude ist ein Herr Valerius hier, der auf alle den wohltätigsten Einfluß ausübt. Er ist der einzige, mit dem Hippolyt in seiner jetzigen Leidenschaft, die aus allerlei Ingredienzien zusammengesetzt ist, redet. Ich glaube, Hippolyt haßt die [124] Fürstin ebenso, wie er mich zu lieben glaubt, und wenn ich dem Manne heute sagte, ich liebe ihn, so teilte ich wahrscheinlich in einigen Wochen das Schicksal seiner Verlassenen – ich will aber mein Schicksal mit niemand teilen, ich will mich durch nichts hinreißen, übereilen lassen, ich will nicht diesen Gefühlsaufwand, diese Stürme, diese Unebenheiten, dies unersprießliche Geräusch. Liebe Mutter, ich bin meines Vaters Tochter, schilt mir nicht dies mein Wesen. Es macht diese innere Ordnung nur mein Glück. Könntest Du Dich mit mir hier umsehen, wie die Neigungen, Leidenschaften, Verhältnisse bunt durcheinander liegen, wie in einem ungeordneten Zimmer, Du würdest mit mir davor zurückschrecken. Solche Unklarheit, Verworrenheit meiner inneren Dinge ist immer ein Unglück für mich, das mich zu Tode hetzte wie ein Gespenst. Darum lobte ich den Herrn Valer; fast alle lehnen sich an ihn, weil er allein fest zu stehen scheint. Es ist, als ob er mit Alberta in magnetischem Rapport stände, sowie er zu ihr tritt, schließt sich die Blume ihres Schmerzes mit ihren Tränen, und das liebe Mädchen ist mild, sanft, ja manchmal sogar heiter. Er spricht sehr schön, nicht so glänzend wie Hippolyt, aber eindringlicher, gediegener; alle seine Eigenschaften sind nicht so blendend wie bei diesem, aber alle sind sicherer, fester, abgemachter. Ich liebe das sehr. Auch Graf Topf ist ihm sehr zugetan, und die Fürstin, welche ihn anfänglich ignorierte, weil er etwas sparsam in den Annäherungs- und Höflichkeitsformen ist, geizt jetzt förmlich mit seinen Gesprächen. Er schafft uns die einzigen heimlichen Abendstunden; wir sitzen auf der Plattform des Schlosses unter dem Zelte, sehen auf der einen Seite nach den fernen Bergen, auf der andern nach der nahen Stadt und dem Flussesspiegel, der zu ihr hinzieht; Hippolyt rastet selten lange dabei, sondern stürmt meist zu Pferd durch die Ebene, und Valerius bringt uns in das liebenswürdigste Geschwätz. Er hat zwar eigentlich selbst abscheuliche Grundsätze über [125] Ehe, Staat und Menschen, aber er versteht es, das Wildeste geordnet vorzutragen, interessant, wünschenswert zu machen; die freien Dinge, welche Konstantie äußert, sind eigentlich bei weitem nicht so arg als die seinen, und doch klingen sie mir soviel greulicher. Es kommt vielleicht daher, weil sie mir unweiblich dünken. Die Fürstin verteidigt zum Beispiel den Genuß aller Vergnügungen, auch wenn sie nach unseren bürgerlichen Ansichten zu den verbotenen gehören. Sie hält z.B. die Ehe nur für eine Form, welche der äußeren Dinge wegen da sei, und namentlich den materiellen Besitz des Weibes sichere. Es wird mir unheimlich, wenn ich eine verheiratete Frau so sprechen höre – wenn dergleichen verwirklicht werden sollte, so müßte ja ein trostloses Durcheinander entstehen. Valer, welcher die Frauen selbständiger gestellt sehen will, und wunderlich genug von den neuen verwirrenden Zeitbewegungen viel für uns erwartet, opponierte der Fürstin in vielen Dingen. Er machte sie darauf aufmerksam, wie gerade jetzt das äußere Leben der Frauen in der Luft schwebe, wenn sie ihren einzigen Haltpunkt, die Ehe, aufgäben; wie nur die stärksten und edelsten Weiber einen Übergang zu besserem freierem Gesellschaftsleben dadurch bilden könnten, daß sie sich der Ehe nicht unterwürfen, die neuen Begriffe aber auf alle Weise unterstützten, weil nach der politischen Revolution die soziale vor den Toren läge, durch welche das Weib eine gesellschaftliche Stellung erlangen würde. Das Christentum habe das Weib nur zur Hälfte frei gemacht, es müsse es ganz werden; der jetzige Durchgangspunkt aber bringe wie jedes Ringen nach neuen Zuständen, wie alles Halbe sehr viel Unglück, und die Frauen müßten sehr auf ihrer Hut sein, da die öffentliche Meinung noch keineswegs soweit gebracht sei, Toleranz gegen sie zu üben. Die alten Verhältnisse seien wie die alte Kirche in Auflösung begriffen, die Rettung sei nahe, aber die Gefahr doppelt groß. Ich schreibe Dir diese Dinge aus meinem [126] treuen Gedächtnis; ich verstehe wenig oder gar nichts davon, und sie würden mich wie alles Ändern beunruhigen, sähen sie nicht in dem Vortrage Valers so abgemacht aus. Die Fürstin protestierte feurig dagegen. Sie gab die eigentliche Auflösung der Ehe und Kirche in den höheren Ständen zu, fand die Auflösung vernünftig, verlangte aber das Beibehalten der alten Formen, welche die Gebildeten schützten und doch nicht beengten, der großen Masse aber notwendig seien. Valer nannte das lächelnd Aristokratismus und gebrauchte den garstigen Ausdruck, daß auf diese Weise die Welt verfaule. Geschwüre müsse man aufschneiden, auch wenn es schmerze. Fi, – wie häßlich klingt das, und doch fällt es mir jetzt erst auf; im Munde des Mannes klang's nicht so. Herr William, einer der hiesigen Gäste, verteidigte hart und unduldsam das Bestehende, und tadelte beide Ansichten, sie seien unchristlich und darum unsittlich, lösten das Fundament der Zivilisation und untergrüben die Grundprinzipien der Gesellschaft; sie seien die Ausgeburt des menschlichen Dünkels, welcher die Gottheit spielen und die ewigen Gesetze umändern wolle. Die Menschen hätten zu hundert Malen versucht, das Christentum abzuschaffen, und seien immer zuschanden geworden; ihm verdankten wir alle Art von Bildung, und es heiße auf die Barbarei zurückdrängen, wenn man dergleichen Auflösung predige – menschlicher Verstand ordne keine Welt, der göttliche sei uns in Christo zu Hilfe gekommen, und es heiße Gott lästern, wenn man seine eigenen Institutionen verbessern wolle. Valer nahm das Gespräch gegen ihn auf; ich kann Dir's nicht wiederholen, weil es für mich zu gelehrt wurde. Die Fürstin lud beide ein, in einigen Wochen auf ihrem Lustschloß einzukehren, wo sich einen Monat hindurch viel Gesellschaft zusammenfände. Es sei ein Gesundbrunnen in der Nähe, welcher Valers nicht ganz fester Gesundheit sehr zuträglich sein werde. Alberta sah aufmerksam und fast ängstlich drein und horchte. William nahm [127] die Einladung sehr dankbar an, Valer schlug sie aus. Die Fürstin war verletzt. Alberta schien erfreut; wir trennten uns. – – Soeben ist der Graf aus der Stadt zurückgekommen und hat die wunderliche, aber wie er meint, zuverlässige Nachricht mitgebracht, daß sich unter den hiesigen Poeten ein verkappter Prinz aus einem sehr vornehmen Hause befinde. Du kannst denken, welche Neugier diese Nachricht erregte; die Meinungen waren alle dafür, es könne nur Hippolyt oder Valerius sein. Natürlich dauerte es auch nicht lange, daß beide aus dem Fragen, Zischeln, Ausholen erfuhren, um was es sich handle. Hippolyt schlug ein tolles Gelächter auf und verlangte unanständig, man solle seinen Vater nicht verunglimpfen, der ein Mauleseltreiber in Katalonien sei. Valerius lachte ebenfalls und erklärte mit liebenswürdiger Offenheit, daß sein Vater ein schlichter Landgeistlicher mit vierhundert Taler Gehalt wäre und noch sechs Prinzen außer ihm und zwei Prinzessinnen auferzogen habe. Die Gesellschaft war durch diese Erklärungen verstimmt, und die Fürstin fragte pikiert Valerius, ob es ihm so unangenehm sei, für einen Prinzen gehalten zu werden. Der abscheuliche Mensch antwortete sehr ernsthaft »ja.« Auf William riet wunderlich genug niemand, und obwohl man die Vermutung bei Hippolyt und Valerius noch keineswegs aufgab, so ging doch nun alles auf den sogenannten Provenzalen Herrn Leopold über. Dieser kleine hübsche Mann ist sehr wenig auf dem Schlosse zu sehen, er streift in der Umgegend umher und soll lauter demokratische Liebschaften anknüpfen. Seine Freunde wußten nichts über sein Herkommen, und dem einfältigen Valerius fiel es erst jetzt ein, daß er schon früher einmal von Leopold selbst etwas Ähnliches gehört, es aber vergessen habe. – –

– – Wir saßen eben nachmittags im Garten, als der Kleine von seinen Streifereien ankam. Er hat wirklich so etwas Apartes an sich, und ist so fein und niedlich, als [128] sei er in Purpurwindeln gewickelt gewesen. Man fragte ihn; er tat verlegen, leugnete nicht direkt, gab nicht eben zu – kurz bestätigte alle in dem vorgefaßten Glauben, und hat nun den immerwährenden Spott von Hippolyt, den Scherz von Valer zu erdulden. Jener nennt ihn nicht mehr anders als »Kleine Exzellenz!« Was mich anbetrifft, ich glaube, der Prinz steckt anderswo. O Mutter, rat' mir, hilf; Hippolyt überströmt mich mit feuriger Liebe; zuweilen komme ich mir wie die glückliche Omphale vor, zu deren Füßen Herkules ruht, und zuweilen wieder wie die unglückliche Proserpina, welche der Gott der Unterwelt bedroht und vom Lichte der Sonne hinwegreißen will.

O wie schmerzhaft ist mir diese Unsicherheit, diese Verwirrung, welche die Männer anrichten! Unsere fröhliche, muntere Kamilla ist – der Himmel weiß wodurch – vollständig umgewandelt. Sie ist still wie das Grab, und ist wenig unter uns.

Eben erhalte ich einen Brief vom Vater aus Paris – ich werde Dir ihn beilegen – Adieu, tausendmal Adieu, meine liebe zärtliche Mutter.

23. Valerius an Konstantin
23. Valerius an Konstantin.

Also wirklich krank bist Du, gemütskrank? Krank an Deinem neuen Frankreich – ich glaube, Du hast recht mit Deiner Krankheit; sie wollen Euer heißes Juliblut konfiszieren. Schreib' mir nur nicht so karg darüber – mehr, mehr, auch wenn es Wermut ist.

Heut abend ist plötzlich mein Gegner hier angekommen; er kennt den Grafen und hat ihn unterrichtet. Eben war dieser bei mir, sehr ernsthaft und feierlich gestimmt; von seiner sonstigen Wärme gegen mich keine Spur. Was muß der Mensch für Dinge ihm gesagt haben! Ich ging mein Leben durch und fand durchaus keinen Anhaltspunkt. Deshalb [129] versicherte ich dem Grafen, es müßte notwendig ein Irrtum sein. Mit wunderlicher Bestimmtheit versicherte mir dieser, es sei keiner, und der Fremde habe den triftigsten Grund mich zu fordern. Natürlich erklärte ich, daß vom Duell keine Rede sein könne, bevor ich von der Ursache unterrichtet und mit dem Narren, der Person, welche mich durchaus totschießen wolle, bekanntgemacht sei. – Auf des Grafen Bitte, nicht danach zu fragen, auf seine heilige Versicherung, daß alles in vollgültiger Richtigkeit sei, habe ich mich zu der wunderlichen Farce entschließen müssen, ein Duell mit jemand einzugehen, den ich nicht kenne, dessen Vorwürfe und Zornesgründe mir unbekannt sind. Morgen früh werden sich zwei Leute im Park schießen. Der eine tritt wie eine Sache, wie ein Pfahl ans Ziel hin, der andere aber wird, Gott weiß, wessen Ehre durch einen Schuß auf diesen Pfahl reinigen. O Welt, mit wieviel Fratzenbildern bist du eingezäunt!

Begegnet mir etwas Menschliches, so bedaure die Enkel, daß ihnen ein Kämpfer für ihre Freiheit gefallen ist, beneide die jetzt Herrschenden, daß sie einen unversöhnlichen Feind ihrer Herrschaft weniger haben. Ich habe nur ein großes Interesse auf dieser Welt, das ist die Freiheit, nur weil ich noch für sie sterben kann, würd' ich ungern im Fratzenkampfe untergehen. – –

Eben höre ich mit tiefem Schmerz, daß Kamilla bei Ankunft des Fremden außer sich geraten ist, sich eingeschlossen, gepackt und soeben den Reisewagen bestellt hat. Der Wagen rollt vor das Schloß – lautes Geräusch auf der Flur, der Treppe. – –

Ich ging an die Tür und hörte eine fremde Stimme neben Kamillas; ich durfte nicht hin; es war offenbar der Fremde, und dem Grafen hatte ich versprechen müssen, ihm auszuweichen. – Alberta sprach weinend dazwischen; sie waren im Hausflur, ich eilte an mein Fenster, Lichter und Laternen erhellten den Raum vor dem Schlosse, Kamilla [130] ging eilig auf den Wagen zu, wehrte mit der Hand alle zurück, sprang in den Wagen und flog davon.

Das Schloß ist einsam für mich, ich bin dem Mädchen sehr gut gewesen. Die Lösung der Rätsel muß ich erwarten.

24. Hippolyt an Konstantin
24. Hippolyt an Konstantin.

Der Teufel ist los, und es gilt den ernsthaften Versuch, ob wir ihn nicht besiegen können. Ein Weib, das ich nicht gewinnen kann, ein Freund, dessen Herzblut unnützerweise strömt. Valerius schoß sich heut morgen mit einem Fremden, der verlarvt auf der Mensur erschien, und dem Graf Topf sehr ernsthaft sekundierte. Sie schossen sich auf Barriere. Valer war vollkommen passiv dabei, blieb unverrückt auf seinem Platze stehen und machte keine Miene anzugreifen. Desto eiliger avancierte der Gegner. Als Valer die blutigste Absicht nicht mehr verkennen mochte, regte sich ihm die Galle auch, er trat einen Schritt vor und drückte ab, im nämlichen Augenblick tat's der Gegner auch – Blitz und Knall von beiden Seiten, beide stürzen zusammen. Kaum fing ich meinen armen Freund noch in den Armen auf. Das Blut stürzte aus der oberen rechten Brust. Eh' ich ihn noch ins Haus bringen konnte, hatte sich der Gegner aufgerafft, er war nur von einem Streifschuß am Schlaf betäubt gewesen und kam ohne Maske zu uns heran. Valer, der nicht einen Augenblick die Besinnung verlor, schien ihn sogleich zu erkennen und machte – sprechen konnte er nicht – eine unwillige Bewegung mit der Hand zum Zeichen, daß er ihm aus den Augen gehen möge. Der Narr konnte aber sein Komödienspiel nicht lassen und fing an zu deklamieren, er sei Klaras Bruder, und Valer habe seine Schwester unglücklich gemacht, ein Brief, den er bei seiner Schwester gefunden, habe es ihm verraten. – – Es wurde mir zuviel, und ich drängte ihn mit Schulter und Arm von meinem Freunde[131] weg, ihm bedeutend, daß Epiloge vor einem Schwerverwundeten überflüssig seien, und daß ich ihm mit meiner Sekundantenkugel den Weg zeigen würde, wenn er sich nicht schleunig davon mache. Dem Grafen sagte ich einige harte Worte wegen dieses unziemlichen Betragens, er zog den Mann mit dem gelben Italienergesicht fort. Ich trug Valer auf sein Zimmer; es war sehr früh am Tage. Niemand störte mich. Der Graf hatte schon den Abend vorher nach einem Arzte geschickt, der ward herbeigeholt und untersuchte die Wunde. Die Kugel war dicht unter der Schulter hineingegangen und saß noch drin. Der maliziöse Schuft hatte wenig Pulver genommen. Valer hatte noch kein Wort gesprochen; wir legten ihn so, daß er es bequemer hatte, und er forderte plötzlich den zögernden Arzt auf, rasch ans Werk zu gehen, die Kugel herauszuziehen und ihm rund und bar zu sagen, ob es das Leben koste, und wie lang es dauern könne. Der Arzt schien ein Tölpel zu sein, machte dem armen Valer unsägliche Schmerzen, eh' er die Kugel fassen und herausbringen konnte, und zuckte dann, nochmals befragt, unsicher die Achseln. Ich stieß den Narren weg, nahm die Untersuchungswerkzeuge, und forschte sorgfältig, wie weit die Kugel gedrungen. Ich habe ja doch nicht umsonst mit Cuvier am menschlichen Körper die Lebensströmungen aufgesucht. Mein Bescheid war etwas tröstlicher. »Es ist Gefahr da, Valer, sie kann aber abgewendet werden, wenn du mehrere Tage ohne äußerliche und innere Bewegung still ruhest.« – »Ich danke Dir, – sagte er – berichte dem Manne noch, daß er seine fanatische Wut aufgeben und versichert sein möge, er sei im Irrtum über mich und seine Schwester.« – »Ich will lieber dem Hanswurst den Hals brechen.« – Valer machte lächelnd eine mißbilligende Bewegung; ich ging zum Grafen. Das ganze Haus war aufgeweckt und voll Besorgnis; die arme Alberta, das gutmütige Kind, hatte verweinte Augen, auch Gräfin Julia war da, und das schlimme [132] Weib hat mich noch nie so angelegentlich um etwas gebeten als hier um Nachricht über Valer; selbst die Fürstin hatte sich eingefunden und stellte sich besorgt um unsern Freund. Der Graf begegnete mir und war auf dem Wege zu uns; der gute alte Mann haste geweint, und war in Todesangst um seinen Liebling, dem er bereits im Herzen alles Mißtrauen abgebeten, das etwa die Anklage des Fremden erregt haben mochte. Ich teilte ihm Valers Auftrag mit; der Fremde war schon fort, er ist Kamillas Verlobter, und ist seiner entflohenen Braut nachgeeilt. Gott weiß, was der flüchtigen Kamilla durch den Sinn gegangen ist. Es hat mich gerührt, wie alle Domestiken schluchzend herankamen, um zu fragen, ob der gute Herr Valerius auch am Leben bleiben werde. Es ist mir immer bewundernswert an Valers eigentlich so vornehmem Wesen geblieben, wie demokratisch er die unter ihm Stehenden zu behandeln und dadurch zu fesseln weiß. Es ist nicht die niedrige Volksschmeichelei, die ich ebenso hasse wie das Speichellecken eines Hofrats, es ist das vertrauliche Zugeständnis, der andere habe dieselben Ansprüche wie er, und nur die Mittel, selbige geltend zu machen, seien verschieden, was dem Valerius soviel Herzen unter der Volksmasse gewinnt. Es wäre entsetzlich, wenn der Tod seine Krallen in das schöne Herz schlüge. Ich habe Valer sehr lieb. Selbst ein allzu sanguinischer Mensch brauche ich wechselnde Wogen und Stürme, aber mein Auge ruht aus auf meines Freundes Spiegelfläche des inneren Meeres. Ich bin gewiß, daß es ihm unsäglich viel kosten mag, so ruhig und geordnet zu sein, die Gedanken, die oft so wild und toll sind gleich den blutdürstigen Tieren der Wüste, also gezähmt zu haben, daß sie wie stolze zivilisierte Löwen und Panther vor seinem Wagen einhergehen, ich bin überzeugt, daß es seine besten Kräfte verzehrt, die umfassendste Revolution im Busen zu tragen und doch der Humanität keinen Augenblick zu vergessen. – Seine Gefahr hat das Unglaubliche [133] vermocht: sie hat eine Pause in meiner Leidenschaft zu Julia hervorgebracht, ich darf und will jetzt nicht an das Weib denken, nach dem mein ganzes Wesen sich breitet, wie der Sturmwind über die Fläche, die er bedecken, durchdringen, mit sich fortreißen möchte. Es ist nicht die gewöhnliche Koketterie in mir, daß mich ihr Widerstand doppelt reize; ich habe immer despotisch geliebt und nie danach gefragt, wie der Gegenstand meiner jedesmaligen Neigung mein Ich in sich aufnahm, wenn ich mich ihm näherte, ich weiß, daß Valerius recht hat, wenn er mich den fürchterlichsten Egoisten der Liebe und darum unmoralisch nennt – aber ich weiß auch, daß ich diese schöne Julia mit den schwimmenden Herzensaugen, mit der ganzen im Morgentau der Jugend lüstern hin und her schwankenden Gestalt verfolgen werde durch alle Zonen, bis dies weiche Wesen meinen straffen Gliedern sich anschmiegt in Begegnung und Wollust. Ich werde – – nicht doch, ich werde nichts tun, bis Valers Gefahr abgewendet oder – oder beendet ist. Es würde mich ein Totenfieber schütteln, wenn mir der liebe Mann von meinem Feinde, dem Tode, entrissen würde. Ihr seid alle Trabanten, er ist ein Planet mit eigenem Lichte; ich bin sein Komet. Sein Anblick, ein Wort aus seinem Munde, eine Zeile von seiner Hand sind mein Polarstern auf meiner großen Seereise, ich würde mich den Wogen überlassen, ginge mir dieser Stern unter. – –

– Er liegt still wie ein griechischer Philosoph mit seinen Schmerzen da. William liest ihm des Äschylus Prometheus vor; sein Zustand ist sehr bedenklich; wenn ich der Furcht in meinem Herzen den Zugang gestatten wollte, lieber Konstantin, so würd' ich fürchten, das schöne Herz Valers werde heut nacht still stehen. – – Leopold weint an seinem Bett still in sich hinein, Valers Hand ruht auf des Kleinen Lockenkopf, er sieht nichts von den Tränen. Ich war eben unten im Gesellschaftssaale – es war alles versammelt; [134] außer der Fürstin sprach man nur leise, es war wie in der Kirche. Zum ersten Male seit Julias Ankunft, wo ich sie nicht mehr küssen konnte, kam heute Alberta zu mir, als ich eintrat; das arme Kind sah recht blaß aus; ich konnte ihr nicht helfen, ich konnte ihr auch nichts Tröstliches von Valer sagen. Auch Julia forschte ängstlich, und in der Hast des Fragens ergriff sie zum ersten Male meine Hand! Aber Valer rann durch alle meine Adern, ich fühlte nichts im ersten Augenblicke – der Augenblick war kurz, das Blut ward wieder mein; da floh die Hand feig aus dem Kampfe. Die Fürstin tut verständig teilnehmend, das ist mir sehr widerwärtig. Graf Fips, der wie ein Stück Holz dabei steht, ist mir angenehmer. Alberta hatte die Kühnheit, ihren Vater um die Erlaubnis zu bitten, mit ihm den Kranken besuchen zu dürfen. Er hat es ihr zum Abende zugesagt. Ich habe es nicht verweigert, weil ich nicht glaube, daß es den Valerius aufregen werde; seine Klara würd' ich nicht zu ihm lassen. »Des Abends sieht ein Sterbender besser aus als beim Sonnenschein – das helle Leben des Tages kontrastiert zu grauenhaft mit dem heranziehenden Tode; es ist natürlicher des Nachts zu sterben.« –

Diese Worte des Grafen fielen wie Grabgeläut in unsere Herzen – wir waren erstarrt. Ich hasse das Glockengeläut, ich hasse die Raben, ich hasse den Tod. Es wär' eine Dummheit der Natur, wenn sie den Valerius sterben ließe.

25. Konstantin an Valerius
25. Konstantin an Valerius.

Ich weiß es, Freund, Du wirst außer Dir sein über meinen Brief, Du wirst mich dumm, albern, verrückt nennen. Vergib mir meine Albernheit, ich will wenigstens wahr sein und Dir alles geben, was sich mir durch den Kopf bewegt. Ich fühl' es, daß ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein anderer Mensch werde; ich fühl' es, daß [135] Dir dieser neue Mensch weniger behagen wird als der alte mit seinen Fehlern. Aber gestatte mir, daß ich Euch allmählich alles, was sich in mir bewegt, darlege. Daß ich vielleicht mehrere Monate nur rhapsodisch zu schreiben imstande bin, kann Euch nicht wundern, wo soll ich die Ordnung hernehmen, da ich eben in eine Krisis trete, die nach Ordnung lechzt. Die Welt mit ihrer Unordnung ist mir plötzlich auf die Brust gefallen, ich will sie allmählich herunterwerfen, Gott weiß, was mir dann übrig bleibt. Ob ich reicher oder ärmer werde! Wenn auch ärmer, ich will aufräumen. Ich glaube Dir schon einmal etwas Ähnliches geschrieben zu haben, es ist nicht dasselbe gewesen, was ich jetzt denke, vielleicht ist das jetzige gerade der Antipode von dem früheren, vielleicht war jenes Abenddämmerung, vielleicht ist dies Reaktion und jenes war Revolution. Beide müssen Schutt wegschaffen, aber wahr bin ich immer, bei meiner armen Seele.

Über der Menschheit vergißt man jetzt gewöhnlich die Menschen, und in dieser Zeit der Brände, Kanonen und glühenden Reden ist es doch erbärmlich kalt. Die Idee ist eine ganz schöne Sache, für fast alle zu groß, und sie bleibt immer nur Idee. Vermählt sie sich nicht mit dem Individuum, mit der Gestalt, so ist sie so gut wie nicht dagewesen. Ach und das traurige erbärmliche Pathos. Da bestrafen nun die Franzosen den Meineid ihres Königs – gut, obgleich schlimm, sie betragen sich eine Weile vernünftig – sehr gut. Nun kommen die allgemeinen Redensarten liberté, gloire usw. heran. Wer für diese hundsföttischegloire Leben und Glück von Generationen opfert, jeder noch so ruhmgekrönte Eroberer ist als solcher (unbeschadet seiner übrigen Größe) gebrandmarkt und ehrlos. Ich will nicht hitzig werden, darum hör' ich auf, ich will nicht gemein und wütend werden, darum schweig' ich von der Journalistik. Gott, wenn sie doch erst so schlecht wäre, daß keiner mehr von ihr wissen wollte; aber nein, dazu müßte sie sehr gut werden.

[136] Ja, in den ersten Tagen des August war ich noch außer mir, als die Lafittesche Partei für den Herzog von Orleans warb, ich habe mit den Volksmassen das Stadthaus umlagert und mich heiser nach der Republik geschrien, ich habe neben Dubourg gestanden, als er dem neuen Könige drohte, es werde ihm ebenso gehen wie dem schlechten zehnten Karl, wenn er seinen Eid breche, ich habe die geballte Faust in dem Augenblicke gegen Ludwig Philipp erhoben, ich habe mit Dir durch die Straßen geschrien: »Man hat unsere Revolution konfisziert,« ich habe mich und die Welt ermorden, in die Luft sprengen wollen, hätt' ich nur Pulver genug gehabt. –

Darauf verfiel ich in ein hitziges Fieber, und nach mehreren Wochen fand ich meine Besinnung und mich im Hôtel Dieu wieder. Als ich wieder auf den Beinen war, fand ich Paris in Ordnung. Ich dachte viel über die Ordnung nach und bin lange Zeit sehr kleinlaut gewesen.

Es ist wirklich ein großes Ding um die Ordnung, mein Freund. Als kleiner Bube hatte ich einen Holzkasten, wo kleine Quadrate und Dreiecke geschickt ineinander gepaßt waren; mein größerer Bruder verstand das Zusammensetzen, aber er ging immer sehr vorsichtig zu Werke, wenn er die Teile auseinander nahm, ich wollte es ihm nachmachen und stürzte den Kasten um, aber ich kam nicht zustande und mußte ihn zu Hilfe rufen; allein da alles durcheinander geworfen war, kostete es ihn viel Zeit und Mühe, und er schalt mich sehr aus. Mit dem Umstürzen des Holzkastens ist man sehr eilig.

Ich befinde mich übrigens im ganzen hier recht wohl – in einem fremden Orte erträgt man seinen Jammer leichter als in dem, der die historische Entwicklung dieses Jammers mit angesehen hat. Man kann in einem neuen Rocke nicht so traurig sein wie in einem alten. Ich habe meinen alten, blutigen Kittel ausgezogen und fühle mich viel leichter und freier. Die Welt spricht von ihrer Universalrevolution, und daß die Lutherische Revolution ihren Wendepunkt erreicht habe, [137] und ich habe indes meine Spezialumwälzung vollendet; ich glaube, Ihr werdet nicht ermangeln, aus diesem äußeren Wechsel vielerlei zu schließen. Hört, seit Monaten bin ich in die Nähe keines Weibes mehr gekommen, die Haare werden nicht mehr à la Caracalla gestrichen, seit langer Zeit bin ich nicht mehr trunken gewesen. Jetzt habe ich sogar das Wassertrinken gelernt, seit kurzer Zeit rauche ich keinen Tabak mehr. Demnach ist die Titulatur Falstaff antiquiert und gänzlich unpassend geworden. Mit diesen alten Gewohnheiten ist auch das vollblütige Phlegma von mir gewichen, und mir ist viel leichter dabei. Es ist wirklich ein großer Unterschied, ob einem Bier und Wein oder Blut in den Adern fließt. Ich tummle mich jetzt mitunter in den wahnsinnigsten Reimereien und nicht bloß der Reimerei wegen; mein früheres Schimpfen auf die bloße Form kommt mir jetzt platt vor, auch die bloße Form ist ein Leben, und ihre Seelenfäden sind dem geübtesten Auge sichtbar. Man muß das Auge üben.

Ich höre jetzt viel Musik. Das Werdende, sich Bewegende ist das Musikalische in uns, weil man es in seinem Zusammenhange nicht überblicken kann; darum, Freund, sind Revolutionen etwas so sehr Gewagtes, dem man sich nur in äußerster Notwendigkeit hingeben darf; das Gewordene, Abgemachte, Plastische ist als ein außer uns Liegendes immer in der Vergangenheit. Man übersieht es und kann leichter der Sache Herr werden.

So bin ich auch mit meinen religiösen Ansichten jetzt unzufrieden. Man sieht es solchen Byron-rationalistischen Ansichten auf hundert Meilen an, in welcher Unbehaglichkeit sie empfangen worden sind. Ich habe mich nun lange genug mit solchem Zeuge gequält: aber was ist das Ende vom Liede? Man kann nun einmal alles Religiöse und dahin Gehörige nicht ins reine bringen, und was hätte man auch davon, wenn man es könnte? Eine Wissenschaft mehr und eine Welt von Gefühlen weniger. Ich habe den festen Entschluß [138] gefaßt, das Leben schön zu finden, und schon gibt es Stunden, wo ich es ganz erträglich finde.

– Manche Stunden gibt es indes noch, Freund, wo ich mir selbst mit meinen überaus vernünftigen Ansichten wie ein bei der Gewerbeschule angestellter Regierungsrat vorkomme. Ich habe an meinen Vater um Versöhnung und Vergebung geschrieben, und denke meine juristische Karriere wieder aufzunehmen. Meine Tollheiten in Paris kennt bei mir zulande niemand.

Was einem wohl das stete Ringen, Lesen, Denken, Rezensieren, Rezensiertwerden nützt? – Eben daß man ringt, denkt, liest usw. – daß man etwas zu tun hat, so wie das gemähte Gras wieder wächst, um wieder gemäht zu werden. Was verstehst Du unter einer zeitgemäßen Religion? Die Religion einer jeden Zeit ist die zeitgemäße. Du räsonierst über die Pfaffen, die sich so gemächlich in ihrem alten Dachsbau bewegen, und willst doch am Ende einen neuen detto anlegen. Sowie man über Religion spricht und schreibt, kommt gewiß etwas Verkehrtes heraus, was dem Sprechenden oder Schreibenden fremd ist; die Worte werden im Munde verdreht. Es ist, als sollte man dergleichen nicht besprechen wie die nächste Wollschur oder Weinlese. Lieber Katholik als in der Religion Rationalist.

Laß mir nur etwas Zeit, ich werd' mich schon finden; der alte und neue Mensch wirtschaften noch heftig in mir. Du achtest ja jede Individualität, achte auch vorderhand meine tastende. Und bildet sich am Ende auch eine Dir entgegengesetzte heraus, gewähr' mir nicht nur Gerechtigkeit, ich weiß, das wirst Du immer, sondern auch Teilnahme. Ich werde bald nach Deutschland kommen.

26. Kamilla an Alberta
26. Kamilla an Alberta.

Um Gottes willen ist es wahr, ist es wirklich, was ich eben im Hause der Fürstin vernommen – Ludoviko hat den [139] Valerius erschossen? O ich beschwöre Dich, fertige den Boten sogleich wieder ab, damit ich heut noch Nachricht habe. Ich stehe zwischen lauter Gräbern und will doch wissen, in welches ich springen soll. O Gott, meine Gute, ich kann nicht schreiben, weil ich nicht sehen kann vor dem Tränenstrome. Nein, nein, Gott wird seinen Liebling doch nicht von einem heißblütigen Tölpel ermorden lassen, dessen einzig Verdienst das heiße Blut ist. Armes Mädchen, was magst Du leiden. Ach es ist Unsinn! Der Mann, der noch soviel in der Welt zu tun hat, kann nicht erschossen sein von einem nutzlosen Menschen. Ist dieser Narr doch gar verrückt genug, mich hier auszukundschaften und meine Hand zu verlangen, während er mir auf die nächste Frage eingestehen muß, daß er Valerius niedergeschossen, und nicht wisse, ob er noch lebe. Und jenes Herz sollte still stehen – o wozu klappern die tausend unnützen dann noch weiter?! O Liebe, schreibe mir sogleich! Ludoviko ist schon auf dem Wege nach Berlin, um mich einzuholen – der Übeltäter soll in den Wind fahren, ich bleibe vorderhand hier – und meine gute Alberta, nicht wahr, Du schreibst sogleich – ach Gott, ich weiß nicht was ich sage, was ich will – ja, ja, Gewißheit nur, nichts weiter. –

27. Hippolyt an Konstantin
27. Hippolyt an Konstantin.

Warum hat die Natur den Menschen nicht größer und stärker geschaffen? Über Berge mag er stolpern können, aber es ist ein Jammer, daß er über jeden Maulwurfshaufen fällt. Solch ein Wicht kann doch eigentlich auch nicht schön sein! Man sollte keine Statuen mehr machen, keine menschlichen Figuren malen, keine Heldengedichte und Dramata schreiben. Die ganze Natur allein verdient so etwas, der einzelne Mensch aber nicht. Nicht das kleine Herz dieses Mädchens kann ich erobern – o, der Mensch ist ein Wicht und nichts weiter.

Valerius scheint die Hauptgefahr überstanden zu haben, [140] indessen ist er noch keineswegs gerettet. Ist so was in Arabien erhört worden? Wie barmherzige Samaritanerinnen sitzen die Weiber um sein Lager herum und sprechen und lesen ihm vor. Selbst die stolze Konstantie fehlt nicht. Der Graf hat dem armen Kranken einen weichen seidenen Patientenanzug geschenkt, in diesem nun liegt Valer wie ein verwundeter Emir, dem die verrückten Kreuzfahrer hart zugesetzt, auf seiner Ottomane und läßt die Houris um sich tändeln. Ihm zunächst sitzt immer die sensitive Alberta, die meine Untreu in seine schönen Augen versenken zu wollen scheint. Meinethalben, das weiche, weiße Kind kann mich nicht ansehen, und nur Valers Nähe scheint sie zu stärken. Die Fürstin übertrifft mich; so groß hab' ich die Geschicklichkeit noch nicht gesehen, kein Gedächtnis zu besitzen. Nach jenem kurzen Wortwechsel über Desdemona schien sie lange Zeit sehr bewegt zu sein. Sie hat lauter stolze Laster, aber auch ihre ebenbürtigen Gegner: stolze Tugenden. Sie schien durch jene Nachricht von Desdemona sehr zu leiden, und von William, dessen Unterwürfigkeit ihrem gesellschaftlichen Sinne am bereitwilligsten entgegenkam, erfuhr ich, daß sie durch ihn die lebhaftesten Anstalten in Wien treffe, Desdemonas Wohl zu befördern. Der junge Pfaff sagte mir das triumphierend und mit scharfen Andeutungen mich anklagend. Ich wehrte ihm diesmal nicht: war ich ein guter Mensch, so ließ ich jene heiße liebedurstige Seele nicht verschmachten und allein ziehen. Aber ich bin nur ein Mensch. Konstantie läßt sich oft stundenlang von William christliche Moral auseinandersetzen und scheint sehr aufmerksam zuzuhören; sie stellt eine Art Examinatorium mit ihm an, und legt ihm schwierige Fälle vor. William ist natürlich entzückt, seinen Kram so anzubringen und wird lächerlich hochmütig; solche Geduld ist ihm lange Zeit von verständigen Leuten nicht geworden. Die Fürstin schloß meist die Gespräche damit, daß sie plötzlich kopfschüttelnd und lächelnd aufstand, vor sich hin sprach: »Ja, [141] ja, das sind schlimme Dinge.« Nur das Lächeln sah William nie, und er fiel natürlich heut aus seines Himmels Wolken, als Konstantie die Sitzung mit den Worten aufhob: »Mein lieber Herr William, das ist lauter Büchermoral, die bestaubt aussieht in dem Sonnenschein, welcher in unseren modernen Zimmern lagert. Unsere Menschen sind nicht mehr die Vordersätze zu Ihren Schlüssen, die Dinge können also unmöglich zueinander passen. Es gibt eine Moral, die in die Poren des leichtsinnigen Burschen dringt; aber die holt man nicht aus dem Grunde eines alten abgestandenen Gewässers, man greift in die Fluten, in welchen jener leichtsinnige Bursch eben treibt; nicht in Syrien heilen kluge Leute den Pariser, sondern in Paris. Ihr Zeug ist langweilig wie alles Unzeitige.« – Beim Zeus, es ist ein verständig Weib, und der Blick, der mich in diesem Augenblicke aus ihren blitzenden Augen traf, erinnerte mich an jene Nächte neben der Bibliothek, an jene Herrscherblicke, mit denen sie mich regierte. Sie sah, was in mir vorging, und wie ein schneller Windstoß flog jene nächtliche Liebe über unsere Augen und Lippen. Wir hätten uns umarmt, wären wir allein gewesen. William stand so zerschmettert da, daß ich ihn das erstemal in meinem Leben bedauert habe. Die Fürstin hatte am Fenster gesessen, er vor ihr gestanden, Julia saß auf dem Sofa und hatte ein großes Gemälde vor sich, nach welchem sie einen Teppich stickte. Ich saß ihr gegenüber am Tisch und erzählte ihr von Spanien, von der Einsamkeit der öden Straßen, von dem romantischen Zauber dieses Alleinseins und dergleichen; sie war freundlicher als gewöhnlich und ließ zuweilen die Nadel ruhen, indem sie forschend auf mich hinsah. Dies träumerische Zuhören gab ihr einen so rührend unschuldigen, harmlosen Ausdruck, daß ich gar zu gern zu ihr gesprungen wäre. Ich wünschte Konstantien und William zum Henker. Bald darauf schloß sich das Gespräch, wie ich Dir erzählte. Die Fürstin ging und gleich darauf auch [142] William. Julia ward unruhig und machte Miene, ihre Arbeit zusammenzulegen und aufzubrechen; sie scheint wie etwas Unheimliches das Alleinsein mit mir zu fliehen. Ich sprang zu ihr, drückte ihre Hand an meine Lippen und bat, wirklich schmerzlich erregt, so sanft als ich konnte, sie möge nicht so hart gegen mich sein, sie möge mich nicht fliehen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig mit gesenktem Köpfchen, ließ mir aber ihre Hand, dann sah sie auf, das Wasser stand ihr in den Augen, der alte Hippolyt erwachte, ich wollte sie in meine Arme schließen; sie drückte mir aber die warme kleine Hand ins Gesicht, schüttelte weinend ihre Locken und ging nach der Tür. Wo hätte ich sonst das Abweisen eines Sturmes so ohne neuen Versuch hingehen lassen! Ich blieb starr und traurig stehen. Und dies schien sie zu ermutigen. Sie hatte schon die Tür in der Hand, als sie mit ihrer rührenden Stimme sagte: »Wollen wir einen Gang durch den Garten machen?«

Ich führte sie in eine dunkle Kastanienallee, die aus dem Garten in ein nahes Wäldchen führt. Sanft und mild war sie und sprach mehr als gewöhnlich. Ich faßte ihren Arm, um sie zu führen; sie bebte zusammen, als meine Hand sie berührte. Mein ungeduldiges Herz duldete den Zwang nicht länger, es drängte mich stürmisch, das blühende Mädchen zu umarmen. Ihre klare, durchsichtige Haut war durch die Bewegung auf den Wangen gerötet; es war ein warmer Tag, und sie trug ein leichtes weißes Kleid, ein dünnes rotes Flortüchlein um den Hals, mit dem die Lüfte spielten, und das nicht imstande war, das schöne weiße Fleisch der runden Schultern und des jungen Busens zu verhüllen. Unter einem großen Platanusbaume, der einsam unter den Kastanien stand und seine breiten Äste wie ein gefälliger Liebeshehler ausbreitete, hielt ich plötzlich im Gehen inne, schlang meinen Arm um das heiße strahlende Mädchen – sie wendete sich nicht zu mir und ich konnte nur ihre Seite an meinen glühenden [143] Körper drängen. »Nicht so, Hippolyt,« bat sie innig. Mein gerührtes Herz zerbrach die Sehnen meines Körpers, ich knickte zusammen und mein Kopf sank auf ihre Schulter. Ich fühlte ihre Hand in meinen Haaren und den Hauch eines Kusses auf meiner Stirn. »Leb' wohl, mein Freund,« sprach sie und flog davon. An die Platane gelehnt, sah ich ihr schmerzlich nach. Das mag wohl etwas von Eurer sentimentalen Liebe sein, was mir mit diesem Mädchen gekommen ist; ich wüßte nicht, daß es mir je so ergangen wäre; meine Augen standen in Tränen.

Wie lange ich an dem Baume gestanden, weiß ich nicht. – Prinz Leopold kam aus dem Wäldchen hergeschlendert und weckte mich durch seinen Gesang. Es war eines jener leichtsinnigen deutschen Liebesliedchen, deren die Deutschen so wenig, die Franzosen soviel, die Spanier gar keine haben, in denen Liebe und Liebchen gutmütig verspottet werden. Sie sind die Kritik eines leichten Herzens. Er erzählte mir lachend, daß ihm der Pfarrer und der Förster soeben die Tür gewiesen. Sie waren dahinter gekommen, daß er ein Liebesverhältnis mit den Töchtern von beiden zu gleicher Zeit unterhielte. Der Pfarrer hatte dem Förster und dieser dem Pfarrer vom zukünftigen Schwiegersohne erzählt, und am Ende hatte sich's ergeben, daß sie beide denselben meinten. Darauf hatte ihn der Förster unsanft unter mehrfachen Grobheiten und Flüchen, der Pfarrer mit himmlischem Schwefel drohend unter salbungsvoller Rede jeder aus seinem Hause gewiesen. Er war nämlich zuerst bei letzterem gewesen und hatte sich für solch' Finale rasch bei der Tochter des ersteren stärken wollen, war aber aus dem Regen in die Traufe gekommen. Dem groben Förster hatte er mit seiner Prinzlichkeit gedroht; das hatte aber den nur noch mehr ergrimmt. Hinter dem Hause indes hatte ihm das gutmütige Försterröschen zum Abend um neun noch ein Rendezvous im Walde versprochen, und als er auf dem Rückwege bei der Kirche [144] vorbeigekommen, hatte ihm Juditha, des Pfarrers Töchterlein, einen Abschied abends um elf unter dem Sturmdach der Sakristei zugesagt. Ich mußte über unsern kleinen Detailhändler in der Liebe herzlich lachen. Wenn übrigens der kleine Aff' nicht wirklich der Sohn eines Prinzen ist, so glaubt er doch gewiß bald selbst daran – aus lauter Poesie. Es ist alles an ihm so Duft, Lüge, Traum, daß er am wenigsten darüber Auskunft geben kann, was von seinen Verhältnissen richtig und wahr ist. Ich glaube ihm nicht einen Vorgang, den er mir erzählt; deshalb klag' ich seinen lügenhaften Willen nicht an, er weiß es nicht besser. Jeden Vorfall sieht er mit tausend dichterischen Augen an, er kann nicht dafür, daß er unendlich viel Dinge zuviel sieht. Er hat nicht eine Ader vom Historiker und ein Paar Eimer Blutes zuviel vom Poeten.

Es ist lächerlich, was sich die Leute für Mühe geben hinter das prinzliche Inkognito zu kommen, selbst der Graf verleugnet seinen antizipierenden historischen Charakter und interessiert sich sehr dafür. William ist offenbar in der peinlichsten Verlegenheit, ob er seine frühere fanatisch-sittenrichterliche Rolle dem Kleinen gegenüber mildern oder aufgeben soll, es freut mich aber an ihm, er scheint doch soviel Stolz zu besitzen, daß er sich nicht ganz dazu entschließen kann. Er knurrt und grollt wie ein Kettenhund, der aufgehört hat zu bellen. Fips ist sehr respektvoll gegen den Kleinen, und Konstantie betrachtet ihn so oft lächelnd, so ahnungsreich, sarkastisch und doch komisch gutmütig lächelnd, als sähe sie tief durch ein Gewebe – sie ist ein kluges Weib; Gott weiß, was sie hat, ich bin zu wenig neugierig, um mich darum zu kümmern. Wäre die Sache aber wichtiger, als sie's ist, so könnte sich das Tragische ereignen, daß die in Frage stehende Person über das eigene Ich keine zuverlässige Auskunft geben könnte; denn ich bin fest überzeugt, Dichtung und Wahrheit ist in Leopold über seinen Prinzen [145] bereits so ineinander geflossen, daß er am wenigsten entscheiden könnte, ob er ein Prinz sei oder nicht.

Die Fürstin hat irgend etwas vor, will irgend eine Komödie aufführen; sie lacht den William aus und protegiert ihn offenbar, und hat ihn ernsthaft auf ihr Schloß eingeladen; sie lächelt spitzbübisch über Leopold und will ihn ebenfalls mitnehmen; sie achtet und scheut Valerius, und möchte ihn offenbar auch von der Partie haben. Ich glaube, sie fürchtet am meisten darum für sein Leben. Es ist ein schwer zu ergründen des Weib. An William will sie sich wahrscheinlich einen gläubigen, verehrungslustigen Lamartine erziehen, der sie in Oden und Liedern preist; daß er ein bedeutendes poetisches Talent ist, hat ihr richtiger Takt längst herausgefunden. Und allerdings ist er der einzige, der sich etwa noch zum Hofsänger qualifizierte. Sie behandelt ihn wegwerfend, und doch umstrickt sie ihn mit Aufmerksamkeit, während sie Leopold wie ein Kind behandelt, das man verhätschelt. Ob alles dies, vor allem aber ihre innige Teilnahme, die sie dem Valer an den Tag legt, Oppositionsgeist gegen mich ist, ich weiß es nicht; die Frau weiß die Anfangsfäden so schlau zu verbergen, ist bizarr und affektiert Bizarrerien, so daß man schwer zur richtigen Anschauung kommt.

Du merkst es wohl, daß ich aus Verzweiflung schwatze – umsonst hab' ich Julia gesucht, sie entzieht sich mir geflissentlich. Ich werde Schicksalstragödien lesen, denn ich glaube fast, das Schicksal der Liebe und des Weibes will sich rächen an mir durch dieses schöne Mädchen. Sie ist die erste, der ich meine Liebe nachtrage wie ein Bettler dem hartherzigen Wanderer seine Bitte – und sie ist's gerade, die mich verschmäht. Ist mein Leben verdorrt, mein Blut vertrocknet, mein Geist versumpft? Wo liegt jenes Etwas, jener unerklärliche Hauch der Sympathie, der das verbindende Mittel ist zwischen den verschiedenartigsten Wesen, der sie zusammenzieht? Wo ist jene Elfenbrücke, wo sich des Mannes [146] und Weibes Gedanken im Mondschein finden und miteinander buhlen, eh' Mann und Weib die klare Vorstellung davon haben, und die dann zurückhüpfen in die Tiefen der Herzen, ihre nächtlichen Geschichten erzählen und die Liebe stiften wie ein Gedicht? O ihr Elfenpoeten Julias und Hippolyts, wo seid ihr!

Sieh, es ist so weit mit mir gekommen, daß ich klarer, sonnenheller Mensch dem Mondscheingeheimnis der sentimentalen Liebe nachspüre, daß ich ein blasser Romantiker werde; wo ich früher nichts als das offene Walten der besten Kräfte sah, die sich nach Naturgesetzen anziehen, da such' ich jetzt mysteriöse Sympathie. Es ist weit mit mir gekommen. Ich bin wie ein überschwenglicher Mediziner; wenn seine Therapie nicht mehr ausreicht, da flüchtet er zu den sympathetischen Beschwörungsformeln. Weißt Du keine für meine Julia? O daß wir keinen Teufel mehr haben, dem ich mich verschreiben könnte für das liebreizende Mädchen! – –

Und doch muß ich über die lächerliche Szene, die sich neben mir begibt, lachen. Valerius hat den Provenzalen an den Schreibtisch zitiert, um ihm einen Brief an Dich zu diktieren; Leopold zappelt wie ein Böcklein, und möchte gar zu gern fort, aber Valers Auge und Wort fesselt ihn, er ist wie eine am Magnet hin und her rückende Stecknadel, die gern entweichen möchte, er sieht pudelnärrisch aus.

28. Valerius an Konstantin
28. Valerius an Konstantin.

Meine Kräfte sind in diesem Augenblick zu geschwächt, als daß ich Deinen Brief sorgfältig einzeln und umfassend beantworten könnte. Es ist ein trüber Nebeltag, den Du mir geschickt, Freund. Jeder gewissenhafte Mensch zweifelt zuweilen an den Wahrheiten, die sein Leben leiten und zusammenhalten. Du bist in einer bedenklichen Krisis, und ich fürchte, die Jugend Deines Geistes und Herzens geht darin zugrunde; ich fürchte, Du wirst in kurzem ein alter Mann [147] sein, die Jugend irrt allerdings mehr als das Alter, aber sie ist Poesie und Leben; ein grüner Irrtum ist schöner als ein vertrocknetes richtiges Wort. Jeder große Mann bringt Tausenden Tod, um Millionen Leben zu bereiten; der Haufen Toter, den der Kampf einer neuen Zeit um Euch aufhäuft, verengt Euch die Aussicht, Ihr seht nur den blutigen Tag, nicht das goldene Jahrhundert. Wenn uns die Jugend verläßt, so meinen wir, die Zeit müsse ebenfalls vollendet sein; wir verlangen, daß die Zeit in ebenso kurzen Schritten gehe als ein Mensch, ebenso schnell mit ihrem Leben zu Ende sei als wir. Der ist der große Historiker, der nicht nach dem Schlage des eigenen Herzens urteilt, denn wie zeitig schlägt ein menschliches Herz matt, sondern nach dem Herzschlage der geschichtlichen Epoche. Das Jahrhundert kommt wie ein Wandersmann mit zerrissenen, abgetragenen, schmutzigen Kleidern an dem Orte an, wo es sich neu kleiden, reinigen, säubern, umgestalten soll – ein Kleidungsstück nach dem andern wird abgeworfen, der unkundige Mensch geht vorüber, er hat es lebhaft gewünscht, daß jener Wanderer sich neu gestalten soll; aber er sieht die halb entkleidete schmutzige Figur, er entsetzt sich davor, nennt seinen Wunsch Frevel, verhüllt sein Gesicht und läuft heulend von dannen.

Du hast plötzlich vergessen, daß wir inmitten einer kritischen, zerstörenden, umwandelnden Epoche sind, in drei Tagen hast Du die Metamorphose vollendet sehen wollen – da dieser Glaube Dich getäuscht, wie er Dich täuschen mußte, denn nicht in einer Nacht blüht die ganze Erde auf, läufst Du heulend und Dein Gesicht verhüllend von dannen. Dir spukt die Tages-und Wochengeschichte im Kopf, und die Weltgeschichte Deines Herzens hast Du vergessen, die in Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten schreitet, weil Dein Herz plötzlich zusammengeschrumpft ist.

Da das Handgemenge um die Freiheit begonnen hat, alle Triebe, Begriffe, Wissenschaften, Künste in dieses Handgemenge [148] verwickelt sind, schreist Du mit schwacher Stimme »Ordnung – Ordnung«, und weil es nichts hilft, wirfst Du Dich weinend an den Boden. Kämpfe – der Kampf ist zur Kriegszeit der nächste Weg zur Ordnung.

Ermannst Du Dich nicht, erreichst Du nicht die Höhe des historischen Überblicks, wo die kleinen Störungen verschwinden, Freund, so bist Du in kurzem von der neuen Zeit geschieden, so bist Du bald eine Mumie.

– Ade, Konstantin – Dein Valer.

Schreiber dieses, der Prinz Zerbino aus der Provence, schickt Dir ein ganzes Füllhorn Grüße und Entschuldigungen, daß er seine Hand hat leihen müssen zu so herben Dingen.

29. Hippolyt an Konstantin
29. Hippolyt an Konstantin.

Jag Deine Augen Karriere durch diese Zeilen. Sobald Du am Ende bist, eil an die Tore nach Deutschland zu, gib Aufträge, beschreibe, unterrichte, versprich Belohnungen – tu alles, um der Gräfin Julia, wenigstens ihrer Wohnung, wenigstens der Nachricht habhaft zu werden, ob sie in Paris ist oder nicht. Dieser Brief kommt auf dem kürzesten Wege zu Dir, er reist gewiß schneller als eine Dame. Vor einer Stunde ist Julia abgereist; ich trat nach jenem törichten Geschwätz Leopolds, wobei wir vielfach stehen geblieben waren, gelacht, kurz die Zeit vertrödelt hatten, in den Schloßhof, und hoffte Julien verschämt aber liebevoll im Gesellschaftssaale zu finden – da fliegt Juliens Reisewagen über die jenseitige Brücke, die vier Pferde wiehern wie hohnlachend und ziehen die Beute im gestreckten Trabe von dannen – alle Muskeln schwellen mir, ich starre wie ein zürnendes Steinbild hin, tausend Leidenschaften drohen mich zu zersprengen – da wendet sich ein Kopf aus dem Wagen; ich erkenne Julien, sie winkt Abschied mit dem Taschentuche. Da wird der Stein lebendig, ich fliege in den Stall, zum [149] Satteln ist keine Zeit, werfe meinem Pferde den Zaum über, springe auf und jage ventre à terre der davoneilenden Beute nach – am nächsten Dorfe erreiche ich glücklich den Wagen, ich ruf' den Kutschern Halt zu, sie erhalten aus dem Wagen Gegenbefehl, Julia, die mich erblickt hat, erteilt den Gegenbefehl, mein Pferd droht unter mir zusammenzustürzen. Ich wollte in den Wagen springen, mit gerungenen Händen bat sie mich abzulassen, zurückzukehren. Ihr Gesicht schwamm in Tränen, sie schien immerwährend geweint zu haben – Hippolyte, toute mon âme Vous prie de me laisser partir, Vous m'assassinez en m'empêchant – das geschah alles noch im Trabe, ich schrie dem ersten Kutscher zu, ich erwürgte ihn, wenn er nicht Schritt führe – er tat's. »Julie, mon ange, pourquoi ça?« Sie reichte mir die Hand aus dem Wagen, sie war glühend heiß und bebte. Ich drückte sie an meine Lippen. »Vous me tuez, si vous ne retournez pas!« – Ach, das sagte sie mit einem Blick, der mit seiner Rührung den Himmel gespalten hätte. Ich hielt mein Pferd still und blieb zurück. Da warfen die Kutscher ihre Pferde in Galopp – meine Wut erwachte, ich wollte die Schufte ermorden und jagte nach. Julia erhob sich händeringend im Wagen, neben ihr stürzte mein Pferd zusammen, ich hörte Juliens Schrei und Haltrufen, aber mein Stolz hob mich unter dem Leibe meines Pferdes in die Höhe; ich winkte ihr, fortzufahren – sie fuhr. Ich weiß nicht, wie ich zurückgekommen bin. Tu, wie ich Dich gebeten, bald siehst Du mich selbst.

30. Julia an ihre Mutter
30. Julia an ihre Mutter.

Du hattest recht, Mutter, als Du mir rietst, meinen Aufenthalt in Grünschloß abzukürzen, Hippolyt würde mein Unglück sein. Er ist der schönste, gewaltigste Mann, den ich gesehen, wäre ich länger geblieben, so hätte er mich überwältigt, ob ich ihn deshalb je geliebt hätte, weiß ich nicht.

[150] Gestern bin ich abgereist, weil es die höchste Zeit war, ich gehe zum Vater nach Paris und schreibe Dir dies Billett aus dem ersten Nachtlager. Morgen mehr, liebe Mutter, ich bin todmüde. Fast eine Stunde lang bin ich im Wagen ohnmächtig gewesen – Hippolyt kam wie ein zürnender Gott hinter dem Wagen her und wollte mich halten. Ach Mutter, was hab' ich gelitten dabei. Ich gab ihm meine Hand, unendliche Wollust jagte sein Kuß darauf durch meine Sinne, aber mir war's, als hielte mich ein wilder Geist. Mein Mädchen, die etwas von unseren Gesprächen verstanden hatte, gab den Kutschern ein Zeichen, der Wagen flog davon, Hippolyt schrie auf, daß es mir Mark und Bein erbeben machte, er jagte uns nach, das Pferd brach unter ihm zusammen und stürzte auf ihn – Mutter, ich war zertrümmert, schrie Halt, wollte aus dem Wagen – ach – meine Kräfte hatten mich verlassen, ich war bewußtlos zurückgefallen, das Mädchen hatte fortfahren lassen. Sie erzählte mir, Hippolyt habe unverletzt geschienen, habe selbst uns fortgewinkt, sei aufgestanden und habe uns lange mit untergeschlagenen Armen dastehend, nachgesehen.

Ach, es war sehr traurig, liebe Mutter, und ich werde wohl lange nicht froh werden.

31. Alberta an Kamilla
31. Alberta an Kamilla.

Ach, daß Du nicht mehr bei mir bist, meine arme geliebte Kamilla! O wie wollt' ich Dich küssen! Du wunderst Dich, daß ich nicht traurig bin, weil Du von der Fürstin gehört hast, Julia sei fort, und Hippolyt sei ihr spornstreichs nachgereist. Nein, meine Liebe, ich bin gar nicht traurig, ich bin recht still, aber recht ruhig, ja sogar glücklich. Der ganze Schwarm ist fortgeflogen; Du weißt, daß Konstantie William und Leopold mitgenommen hat, Graf Fips ist ein stummer Mann, wir haben nur den lieben kranken Valerius hier, und der ist mehr wert als alle.

[151] Man sagt mir, ich sei in Hippolyt verliebt gewesen, und er hätte mich sehr unglücklich gemacht; das erste mag wohl wahr sein, ich glaube, es ist auch das rechte Wort getroffen. Geliebt? Ach, nein, berauscht –, o bitte, erlaß mir das Zergliedern, Du weißt, ich kann das nicht, ich liebe das bewußtlose, ungeprüfte Hinträumen, ich frage nicht viel. Valerius nennt mich darum immer die romantische Dame, und hat mir versprochen, mit mir nach Paris zu reisen, und mich mit den dortigen Romantikern Viktor Hugo, Janin und wie sie heißen mögen, bekannt zu machen. Ja, ja, das hat er mir versprochen. Und sie würden mich sehr lieben, sagt er, der gute Mann. Gestern hat er mir Viktor Hugos Hernani vorgelesen – ach, wenn ich doch so lieben könnte wie Donna Sol, sterben könnt' ich gewiß so für meinen Hernani. Aber Hernani gleicht in vieler Wildheit zu sehr dem Hippolyt, es ist in beiden zu tolles spanisches Blut. Ich habe Valerius gebeten, mir einen sanfteren Hernani, einen deutschen zu schreiben. Er lachte, als ich's ihm sagte, daß die Deutschen am liebenswürdigsten wären. Der Vater hat uns versprochen, daß wir drei, er, Valerius und ich im Spätherbst nach Paris reisen würden. Papa ist viel weicher als sonst, aber nicht mehr recht lustig. Du fehlst ihm, meine liebe Kamilla, o komm und mach uns munter mit Deiner guten Laune. Wenn Du bald kommst, kannst Du auch mitreisen. Valerius hat heut' viel zu schön für Dich gebeten, und der Vater nickte still mit dem Kopfe und sah so unbeschreiblich gut dabei aus. Ach Gott ja, Du warst in der letzten Zeit gar nicht mehr vergnügt, das fällt mir erst ein. Gib doch Deinen garstigen Ludoviko auf. Dem Herrn Valerius darf man gar nicht davon sprechen, sonst wird er gleich betrübt.

Die Fürstin wollt' ihn gar zu gern mitnehmen; der Vater sagte uns, sie hätte sich einen Scherz ausgesonnen, die jungen Leute mit ihren neuen Ansichten in den großen Gesellschaften auftreten zu lassen, welche sich jetzt aus ihrem [152] Lustschlosse versammeln werden. Sie verspräche sich von diesem Turnier mit den alten Rittern sehr viel Spaß, aber William und Leopold hälfen ihr eigentlich nicht viel, jener, weil er zu fromm und legitim, dieser, weil er zu lustig, unsicher und nachgiebig sei. Beide würden ihr nur mit Poesie aushelfen können; nur wenn Valerius mitkäme, sei auf vorteilhaften Kampf zu rechnen. Da er es bestimmt ausschlug, so hat er wenigstens versprechen müssen, feindliche Briefe hinzuschreiben, welche die ganze Gesellschaft besprechen, und bekämpfend durch den Sekretär William beantworten würden. Es ist gar nicht hübsch von Konstantien, daß sie unserem kranken Freunde soviel zu schaffen machen will – er soll ruhen, und geht's nach mir, so schreibt er keine Zeile.

Aber das ein und alles meines Briefs ist: Komme – komme morgen, Herr Valerius bittet auch schön, und der Vater auch. Es ist jetzt ja hübsch still und heimlich auf Grünschloß, es wird Dir sehr behagen. Valerius darf noch nicht viel gehen, und da sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse unter den Akazien und schwatzen und lesen und treiben allerlei. Herr Valerius trägt den Arm im Tuch und sieht noch blasser aus als sonst, aber viel sanfter, freundlicher, milder. Komm nur, komm, er will uns Geschichten erzählen, wenn Du da bist – hörst Du? Komm! Jetzt küss' ich Dich ein- zwei- dreimal und bin Deine zärtliche

Alberta.

32. Kamilla an Alberta
32. Kamilla an Alberta.

Ich soll zu Euch kommen? Ach Du gutes, harmloses Kind weißt nicht, was Du bittest und doch, wenn ich wirklich ein starkes Mädchen bin, so siehst Du mich bald. Ach, ich weiß nicht, wohin ich soll, und Grünschloß ist so schön, so verführerisch schön. Hätt' ich nur einen so jungen, fügsamen Charakter wie Du, meine Liebe. Ich habe ein hartes garstiges Herz. Aber hier auf dem Schlosse der Fürstin halte ich's [153] nicht mehr aus vor Langerweile. William schmachtet für die Fürstin und bemerkt es nicht, wie ihn ihr Schwager schnöde, ja unwürdig, verächtlich und abgeschmackt behandelt – o wie würde Valers Zorn donnern, wenn er dies mit ansähe. Der Prinz gewordene Leopold spielt eine wunderliche Rolle hier. Man behandelt ihn mit aller Auszeichnung, die seinem neuen Stande zukommt, und doch weiß niemand, wie er eigentlich heißt, und doch hüpft ein so gefährlicher Spott auf den Lippen der Fürstin herum, wenn sie mit dem »verzauberten Prinzen« spricht, daß ich wirklich nicht weiß, was ich dazu sagen soll. So erregt mir das ernsthafte Liebesverhältnis, das sich zwischen Leopold und der Prinzessin Amelie gebildet hat, eine Art gespenstigen Grauens. Ich fürchte, Konstantie haßt die Prinzessin. Die klare, in Goethe poetische Frau ist der gerade Gegensatz alles Nebelhaften, unklar Romantischen. Unsere Freunde würden sagen: Sie ist griechisch, plastisch und Gott weiß was, die Prinzessin aber ossianisch, mittelalterlich, christlich. Es ist mehr, es ist ein wunderlich Wesen, diese Amelie. Wenn man noch keinen Begriff von einer Mondscheinprinzessin hat, so muß man sie ansehen, aber feineren, durchsichtigeren Teint habe ich nie erblickt, weicheres, schöneres Organ nie gehört – ich kann mich nur von dem Gedanken nicht losmachen, daß all solche toll romantische Personen schwachköpfig sind. Du weißt, daß das Haus, woher sie stammt, sehr vornehm, aber sehr arm ist. Bei all ihrer Schwärmerei hat Amelie doch gegen alle niedrigeren Stände einen Stolz, ja Hochmut, daß ich mich oft innerlich erbittert gefühlt habe, wenn ich es sah. Das ist alles so ganz anders bei der Fürstin. Nur der Schwager derselben paßt zu Amelie – es ist ein garstiger Mensch, hinter dessen Hofton eine grinsende Roheit zu lauern scheint Er gibt sich den Anschein, als zeichne er mich aus. Ach mir ist so unheimlich unter all den Larven, und daß sie mich zum Teil an Grünschloß erinnern, ist mir doppelt schmerzhaft [154] – ich will nichts von Euch Lieben hören, wenn ich nicht bei Euch sein kann. Ach, Ihr mögt in Eurem Frieden recht glücklich sein, Ihr guten Leute. Nach Paris soll ich mit Euch reisen? Ich möchte wohl, aber – liebe Alberta, es ist nicht alles gut in der Welt. Wenn ich recht stark oder recht schwach werde, so bin ich bald in Grünschloß. Gestern hab' ich einen sehr lieben Brief von Ludovikos Schwester erhalten. Sie muß ein sehr liebenswürdiges Wesen sein, und bittet mich um Nachricht über ihren Bruder, der sie plötzlich verlassen hat, ohne daß sie den Grund seiner Abreise weiß. Wie geht es mit Valers Gesundheit? Wie ist der Himmel doch so gut, daß er das Unglück abgewendet. – –

Ich werde wohl bald kommen, ich sehne mich sehr nach Euch und doch, liebe Alberta, ist es eine große Torheit, wenn ich zu Euch gehe. Glaub mir's, ich bin recht übel daran. Hätte mir nicht die Fürstin mit ihrem klaren Geiste so manches von den Verhältnissen auf Grünschloß in einem andern Lichte dargestellt, als es mir erschienen war, ich wäre noch übler daran und käme nicht zu Euch, verzehrte sich auch mein Herz in Sehnsucht. Frag mich nicht, was das für Rätsel sind, frag mich nicht, gutes Kind! Wenn einmal meine gute Laune wieder bei mir einkehren sollte, dann werde ich Dir davon erzählen, recht viel erzählen.

Tausend Grüße für Euch alle und nun Ade – Ade! –

33. Hippolyt an Valerius
33. Hippolyt an Valerius.

Wien, im September.


Verachtete ich nicht die Trostlosigkeit, Freund, ich wäre trostlos. Haßte ich nicht die Reue, diese Schuldenmacherin bei der Zukunft, die unnützerweise Geld für die Vergangenheit leiht, ich finge an manches zu bereuen.

Ich trete in den Speisesaal und setze mich. Ein leiser Schrei meiner Nachbarin läßt mich genau in das halbverhüllte [155] Gesicht sehen – es ist Julia, die aufstehen und davoneilen will. Ich fasse krampfhaft ihre Hand und halte sie fest, sie kann nicht fort, ohne großes Aufsehen vor der zahlreichen Gesellschaft zu verursachen. Der Himmel weiß, was ich ihr in Glut und Wut der Liebe alles zuflüsterte, sie bebte wie ein Espenblatt, ihre Brust schlug hoch, das Gesicht brannte in Scham und Feuer. Da fielen ihre weinenden Augen wie fußfällig in die meinen, sie bat, wie eine Sünderin ihren Beichtiger um Hoffnung für die Seligkeit bitten mag, ich möge sie lassen. Noch eh' ich zu etwas entschlossen war, erstarrte ihre Hand in der meinen, sie lehnte sich an die Rückseite des Stuhls und war ohnmächtig. Ihre Augen blieben offen, kein Mensch außer mir kannte ihren Zustand. Die Kellner präsentierten ihr die Speisen, ich dankte statt ihrer. Mein wilder Mensch hatte Lust, sich über das Ereignis zu freuen, und wollte eben die unwohl gewordene Dame auf ihr Zimmer bringen lassen, um die wieder lebendige in ihrer Schwäche zu erobern. Der alte stolze Hippolyt schämt sich dieses jämmerlichen Gedankens, aber die Liebe hat die alte Kraft zermalmt. In dem Augenblicke tritt ein Kellner zu mir und berichtet, daß eine Dame, welche im Hause wohne, meinen Namen erfahren und mich fragen lasse, ob ich derselbe sei, welcher die Schauspielerin Desdemona gekannt habe. Diese liege krank in selbigem Hotel danieder, und wünsche sehnlich mich zu sprechen. In eine verödete Gegend meines Herzens schlug dieser Blitz und entzündete sie von einem Ende zum andern. Julia hatte sich erholt, ich führte sie aus dem Saale, küßte sie auf das gebrochene Auge und flog davon, Desdemonas Zimmer suchend.

O was erlebte ich! Mein gestähltes Innere bog sich wie ein Baumzweig. Bleich, ein Bild des zerstörenden Todes, lag das einst so schöne Weib auf dem Lager. Die langen schwarzen Flechten hingen aufgelöst über Gesicht und Schultern und das weiße Nachtkleid herunter, die weichen Züge des [156] Antlitzes waren spitz und schmerzhaft geworden; der Mund, sonst lieblich wie ein Liebeslied, war verzogen, nur das Auge mit seiner ewigen Liebe war derselbe Stern geblieben, der nur bei heranbrechendem Tageslichte matter schien. Sie sprach nichts, als ich eintrat, es schien sie gar nicht zu überraschen; als ich an ihr Bett trat, nickte sie kaum merklich mit dem Haupte und lispelte: »Nicht wahr, Hippolyt, es kann mir doch niemand wehren, Dich zu lieben?« Die heißen Tränen – ja Freund, es waren heiße Tränen aus dem Kern meines Herzens – stürzten aus meinen Augen auf ihre abgemagerte Hand: »Bist ja heut' so lang' bei der Fürstin gewesen« – sagte sie weiter, ein zweischneidig Schwert wühlte in meinem Innern – »Du hast mich heut' nicht gesehen und ich habe die Desdemona gut gespielt, so wie Du mich's gelehrt.« Ich fühlte einen krampfhaften Druck in meiner Hand, sie holte tief Atem, der Mund war wieder Liebe und lächelte, das Auge strahlte alte Glückseligkeit, ich hörte noch leise, ganz leise die Worte: »Ach, wie lieb' ich Dich« – und Desdemona war tot. Lange stand ich unbeweglich, ich war auch tot. Des Kindes Stimme, das an der Erde spielte, und plötzlich über sein Spiel aufjauchzte, erweckte mich. Die erstarrte Hand Desdemonas hielt die meine fest umklammert, ich konnte nicht los und wollte der Toten durch das Aufbrechen keine Schmerzen machen. Ich blieb noch lange stehen und suchte mit der freien Hand in all meinen Taschen herum, um eine Waffe zu finden. Ich wollte bei meinem Weibe bleiben. Meine Taschen waren leer. Da mußte ich das Gräßlichste tun und meine Hand gewaltsam von der toten Liebe befreien. Langsam ging ich nach der Tür. Das kleine Mädchen sah mich lächelnd an und bat mich, mit ihr zu spielen. Lange stand ich noch an der Tür und sah nach der lieben Leiche; dann ging ich und schloß die Tür leise; ich wollte mein Weib nicht stören. Dieses zuschlagende Schloß trennte mich von meiner innigsten Vergangenheit. Ich ging langsam den Saal [157] entlang und sah nur in weiter Ferne, was dicht um mich her vorging. Damen in Reisekleidern schlüpften an mir vorüber – es mochte Julia und ihr Mädchen sein – ich beachtete sie nicht. Man erzählte mir später, daß ich mich an die Haustür gestellt und der fortfahrenden Julia starr zugesehen, auf ihre an mich gerichteten Worte nichts erwidert habe. Es war die erste Totenstunde meines Lebens, und ich denke mit Grausen daran – der Tod ist ein garstig Scheusal, er ist der bare häßliche Gegensatz des Schönen. Es war ein trüber Regentag gewesen. Als ich noch an der Haustür des Hotels stand, brach plötzlich die Nachmittagssonne die Wolken und leuchtete mir in das starre Auge. Da wich mein Feind, der Tod, aus allen meinen Gliedern, ich fühlte wieder lebendig Blut in mir, meine Sehnen spannten sich, ich war auferstanden. Es fiel mir alles Lebendige, was ich gesehen, wieder ein. Juliens Abreise und ihre Schönheit – ich rief nach Pferden. Was kümmert mich der Tod! Was sind die Menschen dumm, mit diesem abscheulichen Zustande noch Gepränge und Aufsehen vorzunehmen. Der gestorbene Mensch ist eine Sache, man bringe sie beiseit' so schnell als möglich. Wer sich mit einem Leichnam beschäftigen kann, die Seele mag ihm noch so lieb gewesen sein, ist ein verhärtetes unästhetisches Leichenweib, ein Handwerkstotengräber. Ich will lieber selbst sterben als sterben sehen. Ich schreibe dies in einem andern Gasthofe und warte auf Pferde. Die bunte Bastei mit ihrem Sonnenschein liegt vor meinem offenen Fenster; es ist aller Tod in mir überwunden, die Vergangenheit der vorigen Stunde liegt in tiefem, weit entferntem Nebel hinter mir. Mein Leben ist wieder lebendig – der Wagen fährt vor – Ade, mein Freund, ich fliege nach Paris, um Julien zu erobern. Ich werde sie erobern, müßt' ich ihr nachjagen durch alle Zonen. Soll ich auch noch die Sentimentalität lieben, diese Krücke der Schwäche, den Regenschirm beim Gewitterregen, der das furchtsame Gesicht vor [158] Donner und Blitz versteckt, dies Liebäugeln mit dem Tode! Bin ich hier um zu sterben oder um zu leben? Ist die Sonne, weil sie täglich einmal untergeht, zum Untergehen da? O ihr täglich sterbenden Menschen mit eurer Romantik und wie ihr die Fratze nennt, Blut und Wärme such' ich, ich suche Liebe und Julien – und damit Gott befohlen, Freund.

34. Valerius an Konstantin
34. Valerius an Konstantin.

Hippolyt ist auf der Reise nach Paris, ihm kann ich nicht schreiben, Du wirst wohl in Deiner begonnenen Metamorphose noch soviel Gedächtnis übrig behalten haben, daß Du ein wenig Interesse an mir und meinen Angelegenheiten nimmst; ich will nichts über Staat und Kirche schreiben, mein Herz drängt mich aber zur Mitteilung, ich muß sprechen, muß schwätzen, höre mir zu. Sie ist wiedergekommen, Kamilla nämlich. Errötend trat sie mir entgegen, ein ganzer Morgenhimmel von Schamhaftigkeit glänzte auf ihrem liebreichen Gesichte; damals wußte ich nicht warum, jetzt weiß ich's. Ich war spazieren geritten, als sie ankam; der Himmel war blau, die Sonne, das Auge Gottes auf dieser Erde, wärmend und freundlich in milder Liebe, die Lerchen sangen ihre jauchzendem Stoßtöne der Freude, die Bäume mit Früchten beladen sahen wie glückliche Mütter freundlich drein in die helle Welt, ich schaukelte mich auf dem Pferde in gesunder fröhlicher Empfängnis all dieser Freuden, die der Schöpfer allen, auch den Ärmsten freigebig schenkt, die Weltgeschichte ging rosenfarbig an mir vorüber, ich hoffte das beste für die strebenden Menschen. In dieser Stimmung ritt ich langsam in den Schloßhof. Auf den Stufen vor dem Schlosse sah ich zwei Damen stehen und die eine – ich erkannte Alberta am weißen leuchtenden Gewande – mir mit dem Tuche winken. Kamilla war die andere, sie war eben angekommen. In meine glückselige Seele fiel ihr verschämter Blick wie ein [159] tiefsinniger Liebesgedanke Byrons, die ruhige Freude in mir, die wie ein glücklicher Vogel in den Baumzweigen saß, erhob plötzlich die Schwingen und flatterte jubelnd in die Höhe, die ruhige Freude in meinem Innern erhob sich zu einem Jauchzen über namenloses Glück. Ich sah plötzlich, daß ich Kamilla liebte. Sie reichte mir ihre schöne, weiße Hand, ich drückte sie innig an meine zuckende Lippe, ich sah aus meinem Glück heraus ihr tief in die feuchten glänzenden Augen bis ins Herz hinein, unsere Hände vermählten sich, und die harmlose Alberta freute sich unserer Freude. Wir gingen in den Garten und spielten wie die glücklichen Kinder. Kamilla war weich, innig und warm wie ein Maiabend, und ihr Auge hing wie ein küssender Engel an meinen Blicken; sie war nicht wie sonst munter und ausgelassen, sie lachte nicht, aber sie sah wie ein Engel aus, der sich freut. Nur wenn mein Glück mitunter aufjauchzte, sprang ihr sonstiges hüpfendes Temperament aus ihr hervor, die Augen blitzten, alle Züge des Gesichts jubelten, alle Glieder hoben sich zum schwebenden Tanze, sie begann ein fröhliches Lied und tänzelte eine Strecke hin. Ich konnte ihr nicht sagen, was mir das Herz bewegte, denn Alberta ging nicht von unserer Seite. Wir schwärmten also in romantischer Ungewißheit den halben Tag in Garten und Wald umher, unsere Blicke sprachen von vollem Herzen, von süßem Glücke, unsere Lippen bargen die Schönheit der Welt. Hie und da schien mir ein Schatten über Kamillas Angesicht zu fliegen, wenn ich mit Alberta tändelte und mit dem lieben kindlichen Wesen kosende Worte wechselte.

Der Graf ist in der letzten Zeit unserer Einsamkeit wieder aufgelebt; an die Stelle des langweiligen Fips, der endlich seine diplomatischen Bestrebungen aufgegeben und seine Lenden gegürtet hat, ist sein bunter Marschall der Laune, Kamilla getreten. Wir leben wie die Engel, und wollen in einigen Monaten nach Paris kommen. Die romantische Ungewißheit [160] mit Kamilla hat sich in die reizendste Klarheit aufgelöst. Wir saßen in den ersten Tagen ihrer Ankunft auf der Plattform unter dem Zelt, dessen Seitenwände wir aufgeschlagen hatten. Es war gegen Abend, der Himmel rot, die Erde duftete in Wollust. Ich sah glücklich ins Land hinein und stand mit untergeschlagenen Armen neben Kamilla, welche die Gegend zeichnete. Alberta stand auf der andern Seite und sang, den Kopf an die Säule des Zeltes hinauslehnend, sang ein Wanderlied des lieben Wilhelm Müller. Kamilla sah von Zeit zu Zeit auf und hing ihre innigen Blicke an mein freudestrahlendes Auge. Es küßten sich unsere Seelen. Die Nachtigall schlug in Albertas Gesang. Auf einmal kehrte sich diese um, küßte Kamilla, reichte mir die Hand und sprang hinweg, um zu musizieren – der Gesang, sagte sie, sei ihr zu wenig, sie müsse die Töne, die in ihr herumwogten, ausströmen. Ich setzte mich neben Kamilla und sah bald auf ihre Zeichnung, bald in ihr Auge. Ich fühlte es, daß ich im Begriff stand, unsern Dämmernebel zu zerreißen. Der Mann ist darin immer plumper als das Weib, er trachtet in seiner Nüchternheit mehr nach bestimmten Formen, er ist griechischer, das Weib romantischer, christlicher. Das reine Weib liebt jahrelang ohne Worte, der Mann nicht soviel Monate. »Kamilla,« sprach ich leise – sie ahnte, was kommen würde und bebte zusammen. »Valerius,« fragte sie kaum hörbar zurück. Der Bleistift fiel ihr aus der Hand, sie neigte sich danach und die Fülle ihrer Haare fiel ihr über Wange, Schultern und Busen. Ich ergriff ihre Hand, führte sie an meinen Mund und sah ihr bewegt in die Augen. Sie erwiderte den Druck meiner Hand nicht, aber die Tränen standen ihr im Auge, und als ich meinen Kopf an ihre Schulter in die herunterwallenden Locken drückte, da zog sie die Hand aus der meinen, und ich fühlte den weichen runden Arm um meinen Nacken, und ihre Träne fiel auf meine Stirn. Ich sah in ihr seliges Gesicht und sagte leise: »Kamilla, ich [161] liebe Dich.« Ihr leises Weinen ging in Schluchzen über, und ihr Antlitz an meinem Haupte verbergend vernahm nur mein nahes Ohr die kaum hörbaren Worte: »Ich liebe dich unsäglich.« Da sprang ich auf, hob ihr Gesicht in die Höhe, küßte ihr die Tränen vom Auge und drückte die weiche nachgiebige Gestalt fest an mein Herz. Sie lächelte jetzt wie ein Engel, und wir küßten uns und freuten uns unserer Liebe. Aller frühere Übermut, dieser reizende vielfarbige Knabe, kam mit diesem Geständnisse wieder über sie. Blöde und bescheiden vorher, war sie nun toll und ausgelassen. Aber rührend klagte sie mir, was sie damals gelitten, als sie Alberta im Garten an meiner Brust gesehen habe; mit neuen Tränen gestand sie, daß sie deshalb hinweggereist, und sie sah mich unsicher, schwankend, halb ungläubig von der Seite an, als ich ihr die Versicherung gab, sie sei im größten Irrtume gewesen, und es habe zwischen mir und Alberta nie etwas anderes als ein freundschaftliches Verhältnis bestanden. Endlich hielt sie mir den Mund zu und sagte: »Ich glaube dir, aber sei kein roher Mann und laß Alberta nie etwas von unserem Übereinkommen in Liebe und Zärtlichkeit wissen – hörst du?« Ich versprach's mit Freuden. Durch die vielen Hindernisse unserer bürgerlichen Gesellschaft, durch die Polizei und die Strafgerichte, durch die Unsicherheit unseres ganzen Lebens, die Ungewißheit des nahen oder fernen Todes sind wir so furchtsame Wesen geworden, daß wir das Schönste, was wir besitzen, oft dann schon gefährdet glauben, sobald es nicht mehr unser Geheimnis ist. Die herzdurchdringende Liebe will keine andere Wohnung als das Herz, sie flieht und haßt die Märkte – so ist ihre Jugend. Sie gleicht dem jungen Bürger in der hoch-und dumpfgebauten Reichsstadt, er schleicht aus dem strahlendsten Sonnenschein, der vor den Toren üppig seine Arme um die Erde schlägt, aus der lebendigen Menschenmenge, die sich laut des Daseins freut, auf das düstere Stübchen seines Mädchens, und oben [162] in der dunklen Einsamkeit sind beide froh, daß nicht Sonnenschein noch Menschenwoge zu ihnen dringt. Dies äußerlich aristokratische Absonderungswesen ist aller jungen Liebe eigen. Ich freute mich noch aus vielen andern Gründen über Kamillas Vorschlag. Ist doch meine öffentliche Liebe Sünde gegen Klara. Fragst Du mich, warum ich mein Klärchen nicht suche, da ich doch erfahren, sie sei noch frei und harre wahrscheinlich ihres alten Geliebten, so kann ich Dir nicht viel Tröstliches für die meisten Leute erwidern. Der Liebesharm ist eine süße Krankheit, die mit dem schönsten Schmerz beglückt und mit reiferer Gesundheit endet. Der deutsche Liebesharm ist ein chronisches Übel, das Jüngling und Mann entnervt. Man muß gegen ihn kämpfen. Ich will nicht treu sein, weil ich die Treue zumeist für eine Sünde gegen unsern fort und fort rückenden Planeten und das, was darauf und daran ist, halte. Treue ist ein Schutzmittel für schwache, nicht ausreichende Kräfte; die Kräfte sollen aber am Ende stark werden. Solange man diese Krücken der Liebe nicht fortwirft, lernt man nicht selbständig lieben. Auch die Liebe verläßt sich in jener sogenannten Tugend auf das Herkommen und ruht aus auf einem hergebrachten Privilegium, statt auf eigener, unversiegbarer Kraft zu bestehen. Es ist ein Traditionsgut, wie jedes andere auch, die Länge der Zeit ist das Verdienst, nicht die Größe oder Schönheit der Sache. Alle die tausend gebrochenen Herzen, alle die langweiligen verdrossenen Ehen sind die Kinder der Treue. Jedes schwindsüchtige Mädchen, jeder jämmerliche Jüngling verläßt sich auf ihren Schutz, wenn es ihr oder ihm gelungen, in einer schwachen Stunde eine Eroberung zu machen. Die Treue ist das große Gängelband der menschlichen Faulheit und Schwäche, sie ist auch die Poesie der Kraftlosigkeit und ein »getreuer Eckard,« unserer Tage, wie Du ihn einst vorhattest, ist eine Sünde wider den Geist der Zeit, und der Geist der Zeit ist der Zeit heiliger Geist. Wenn der König von Gottes Gnaden [163] sich auf Herkommen und angestammte Treue beruft, und darin matt in der Vortrefflichkeit seiner Regierung die Notwendigkeit derselben finden läßt, so ist dies die steife Lehre von der Treue. Nur was Blut hat, soll leben, nicht was nach Leben aussieht; ist Deines Lebens Blut in Deiner alten Liebe zu finden, dann sei treu, dann ist Deine Liebe jung. Dies ist die schöne Lehre von der Beständigkeit, die dann eine Tugend ist, wenn die äußeren Verhältnisse mit den inneren harmonieren. So ist die Ehe nur ein Damm gegen den Strom der Geselligkeit; wißt Ihr auf freiere Weise den Strom zu leiten, so braucht Ihr keine Dämme. Wenn erst Tausende nichts mehr dem Herkommen zuliebe tun, so ist das Lebenselement des Herkommens, seine Unzweifelhaftigkeit, vernichtet, und eine neue Welt nähert sich im Sturmschritt. Es geht alles Hand in Hand, die Gesetze sind eine große Kette: trennt ein Glied, und die andern klirren ebenfalls auseinander. Die neuen Staaten machen nach eben diesen Grundsätzen die Ämter beweglich, nur die Kraft behält sie, dem Herkommen zahlt man keinen Deut – alles gilt nur durch das, was es ist, nicht was es war oder heißt. Soll es mit den Ämtern der Liebe nicht ebenso werden? Dasselbe Geschrei, das sich gegen Aushebung von Ehe und Treue jetzt erheben wird, erhob sich gegen den wechselnden Staatsdienst in den neukonstruierten Staaten. – Fülle vom Leben bringt allerdings auch oft schnellen Tod; man wird neue Gesetze für jenes gesellschaftliche Verhältnis erfinden, wie man sie für diese gefunden, denn auch die Freiheit hat ihre Gesetze. Aber sie müssen sich in allen Teilen erweitern, darin ruht das unbehagliche Drängen des jungen Geschlechts. Der Furchtsame mag davor erschrecken, den Mutigen gehört die Welt. Was man nicht erwerben kann, fürchtet man am meisten zu verlieren; wer die Kraft in sich fühlt, bangt vor keinem Verlust, und nur die Kraft soll herrschen, nicht das Herkommen.

Dies und manches andere sprach ich in stillen Stunden [164] zu Kamilla. Sie hörte aufmerksam zu, schmälte oft, es sei ihr zu hoch, nötigte mich deutlicher zu sprechen, nickte lächelnd, daß sie mich verstünde, weinte dann, daß sie mich verlieren werde und lachte wieder, daß sie mich jetzt habe. »Ich glaub' es gern, daß du recht hast, denn ich glaub' dir alles« – sagte sie. – »Du sollst mich nicht heiraten, wenn du nicht willst, das Heiraten ist auch wirklich nicht hübsch, es ist wirklich philisterhaft. Ich will bei dir bleiben, solange du mich magst, und magst du mich nicht mehr – nun – nun so will ich die Vergangenheit noch einmal allein leben und doch glücklich sterben.« Sie war einen Augenblick traurig, und wir küßten uns heiß und leidenschaftlich, dann trocknete sie sich die Augen, fuhr mit der Hand über die Stirn und durch die Luft, als wollte sie schlimme Gestalten hinwegjagen und sprach dann fröhlich weiter: »Wie es mich reizt, die große Revolution mitbeginnen, mitbezahlen zu helfen; wie ich mich freuen werde, wenn die Leute mich anklagen und doch beneiden werden, daß ich frei und fessellos ein schönes Liebesleben mit dir führe. Meine guten Eltern sind tot, ihnen mach' ich keine Sorge durch dies neue, ungewöhnliche, darum verdammte Leben; mein Vermögen reicht hin nach den Wünschen unseres Herzens zu verkehren, und nicht wahr, so schnell und sogleich wird dir nicht eine andere besser gefallen, mein lieber Valer – – in Paris bleiben wir zurück, wenn der Graf heimkehrt, und wir fragen um nichts, als daß wir einander gehören.« Das gute Kind ist ein Engel, und ich bin überaus glücklich; ihre unverfälschte Seele, welche der Frohsinn vor allen Flecken bewahrt hat, schleicht mit liebenswürdiger Zudringlichkeit in alle Ritze meines Herzens und nistet sich fest – o, es ist eine freie göttliche Liebe, von der die Heiratskandidaten keine Ahnung haben. – Bald erfährst Du mehr, schreib' bald, ob Hippolyt angekommen ist.

35. Kamilla an Valerius
[165] 35. Kamilla an Valerius.

Es ist sehr garstig, sehr garstig und ungezogen von Dir, daß Du Deine dummen Stadtgeschäfte nicht schneller abmachst und länger, als Dir erlaubt war, ausbleibst. Alberta ängstigt sich um Dich, das tu ich zwar nicht: Du bist ja ein starker Mann, der im gewöhnlichen Lebensgange den harten Nacken nicht brechen wird; aber komm Herz, Seele, Gedanke meines Lebens, ich lechze nach Deinem Auge, nach dem Druck Deiner Hand; hätte ich nur eine Wange von Dir da, um mein heiß Gesicht darauf zu drücken. Bis gestern abend war ich doch eigentlich sehr heiter, ich saß lange auf Deinem Zimmer, naschte in Deinen Papieren herum und sang Deine Lieder; ich fand es sogar schön, Dich einmal nicht zu haben, um zu sehen, wieviel mir fehle, um meiner Schwäche zu trotzen und allein zu leben. Die gute Alberta war viel trauriger und sprach immerwährend mit einiger Sehnsucht von Dir. Als der Abend kam, gingen wir Dir entgegen, die Weiber, nicht die Hexen erwarteten den Macbeth auf der Heide, – er kam nicht. Da brach alle Glut und Leidenschaft, über welche mich die Ruhe des Tages so sehr getäuscht hatte, wie ein Orkan aus mir heraus, ich mußte bitterlich weinen – o bitte, schilt mich nicht, ich dachte, Du wolltest nicht wiederkommen, – dumme schwarze Abendgedanken, fremd in meinem Blute. Heut' ist's viel besser, ich bin wieder munter und heiter und denke: »Kommt er nicht heute, so kommt er doch bald.« Aber höre, zu lang treib' mir's nicht, bin ich denn dazu auf der Welt, um getrennt von Dir zu leben?

Vergiß nicht, mir hochrotes Band zu kaufen, sonst mußt Du noch oft schelten über meine verblichenen Bänder, und Du hast recht, sie sind matt und häßlich wie blonde Augenbrauen auf einem brünetten Gesicht. Ich habe mir auch ausgesonnen, wie ich Dich viel hübscher küssen will – Du sollst nur sehen, aber laß Dir Dein Bärtchen nicht abschneiden, [166] bitte, bitte. Vergiß mir das Zeichenpapier nicht, ich muß Dein kühnes Byrongesicht malen. Deine Formen sind nicht so schön, aber es fliegt Dir dieselbe Freiheitsmelancholie um die Augenwinkel, es ist derselbe schöne Liebesmund, auf dem die großen Worte und die süßen Küsse ruhen, mit denen er die schönen Italienerinnen bestach.

Wenn Dir doch der Bote mit diesem Briefe schon unterwegs begegnete. Wärst Du nicht Du, der überaus zuverlässige Valer, Dein Wegbleiben, Deine Kameraden, von denen ich Dir gleich erzählen werde, machten mir große Angst. Wie wild, unbändig, schonungslos betrug sich in allen Verhältnissen Hippolyt und nun höre, was uns die Fürstin schreibt. Leopold hat die Prinzessin Amelie wirklich heiraten wollen; am Ende hat man doch natürlich sichere und bestimmte Dokumente über seine Herkunft und seine sonstigen Verhältnisse begehrt, er hat ein unlösbares Inkognito vorgeschützt, die Fürstin hat wunderlich genug seine Partie genommen, und es hat den folgenden Tag zur Hochzeit kommen sollen, da der schwache Fürst keine weiteren Einwendungen gemacht. Das ganze Schloß glänzt des Abends im Kerzenschein eines strahlenden Polterabends, Park und Büsche blitzen Liebeslichter, die geladene und frei herbeiströmende Menge erfüllt die Gänge, der glückliche Prinz Leopold, seine ätherische Braut am Arme, hüpft populär durch die Massen und lächelt äußerst glücklich. Er spricht im Vorübergehen mit den Bauern von Volksrechten und Freiheit und Gleichheit, der Volksjubel wird immer größer, ein wütendes Geschrei läßt den volksfreundlichen Erbprinzen leben, verlangt ihn zu sehen, trägt ihn auf den Schultern einher. Prinz Leopold hat seiner Prinzessin Braut gesagt, so hätten's die alten Minnefürsten zur Zeit der Romantik getrieben, und bestellt eine Tragbahre für die romantische Dame, damit sie teilnehme an dem Triumphzuge. Vom Balkon aus sieht der Hof zu, und die Fürstin lächelt sehr – so schreibt sie selbst. Da kommt ihr [167] Schwager an und zerstört dräuend die demokratische Herrlichkeit. Er ruft Leopold beiseite und spricht lange mit ihm. Dieser kommt zu seiner Braut zurück, spricht viel von den Tränen der Romantik, erbittet sich von William eine Summe Geldes, um die Bauern damit zu beglücken, und verschwindet. Dem zu Fuß Fortwandernden ist ein Bauer begegnet, der fahrende Prinz hat ihm erzählt, er ginge erst nach Belgien, um für die Volkssouveränität zu fechten; erst wenn diese errungen sei, dürfe man der Liebe Freuden pflegen. Prinzessin Amelie hat erklärt, Ohnmachten seien zu modern, sie werde sich nicht damit befassen; sie trägt das Haar aufgelöst und singt am offenen Fenster des Nachts Lieder von Tieck und Novalis; sie ißt nur ein Gericht und kleidet sich aschgrau, übrigens ist sie wohl. Die Fürstin setzt hinzu, viele würden die Sache einen Skandal nennen, auch Herr Valerius, und, das Ganze würde Wasser auf Deine Mühle sein. Übrigens mögest Du sie doch besuchen, sie wolle mit Dir darüber sprechen. Ich hoffe, das wirst Du bleiben lassen. Es ist ein stolzes, herrsch- und rachsüchtiges Weib, Du magst mir's glauben, und ich fürchte sehr, sie hat dies alles absichtlich angezettelt. – –

Eben kommt eine schreckliche Nachricht an. William hat des Abends auf dem Korridor den Schwager der Fürstin mit einem Dolchstich niedergeworfen, ist in die Zimmer der Fürstin wie wahnsinnig gedrungen und erst bei ihrem Hilferufen entflohen. Es wird auf das lebhafteste verfolgt; zu dem Ende kam die Nach richt mit einem Kurier hier an. Ach, wenn er nur Dir nicht begegnet! O eile, eile zu uns, mir bangt für Dich bei so grauenvollen Nachrichten.

36. William an Valerius
36. William an Valerius.

Ich baue auf Deine Redlichkeit und vertraue mich Dir an. Die Verfolgung ist mir auf der Ferse, ich habe große [168] Not, ihr zu entrinnen, tu alles Mögliche, sie auf falsche Spur zu leiten, verbreite, ich sei nach Österreich geflohen. In diesem Augenblicke darf ich mich nicht weiter wagen, sondern muß mich verborgen halten. Erst wenn die falschen Nachrichten zu wirken anfangen, hoffe ich über die belgische Grenze zu entkommen. Mein ganzes Innere ist aufgelöst, ich frage mich nach keiner Rechenschaft, denn ich kann mir keine geben. Mein Gewissen ist verloren, keine Autorität vermag mich freizusprechen; nun so rolle denn das Rad dem Abgrunde zu. Daß ich die Fürstin mit glühendem Verlangen liebte, wird Dir wohl schon klar geworden sein. Lange kämpften meine Grundsätze hartnäckig gegen mein Fleisch. Ich hätte gesiegt, wäre ich nicht durch die freundlichen Worte und Blicke des schönen Weibes verführt worden. Ich stand auf dem Punkte abzureisen und empfahl mich ihr; sie reichte mir die weiche Hand zum Kusse, strich mir das Haar von der Stirn und fragte, was mich drängte. Ich konnte nicht fort, die Sünde war ausgebildet in meinem Herzen, ich vermochte es nicht mehr, mich vor meinem Gewissen zu rechtfertigen. Ich schlug mein Gewissen tot und wollte genießen. Jener unheimliche Schwager stellte sich mir entgegen; er fiel als erstes Opfer eines Menschen, der die Bande der Ordnung in sich zerrissen hat. Schweig, schweig, ich erkenne es an, daß Du mir gegenüber jetzt im Rechte bist. Es ist Ordnung in Dir, wenn auch eine Ordnung, die ich verabscheue. Ich selbst geh' zugrunde, aber mein System bleibt unerschüttert; ich bin außer ihm. Alle jene Begierden, welche die Gesetze meiner Religion in starren Banden hielten, sind rasselnd aufgesprungen, haben sich meiner bemächtigt, seit ich jenen Fehltritt begangen. Ein Stein ist herausgerissen, es stürzt das ganze Gebäude über mir zusammen; ich muß rennen und rennen, um diesem Geschick zu entgehen. Die Hölle hohnlacht, aber sie soll wenigstens einen glänzenden Fang gemacht haben; ich habe mich verloren, aber die Lust will ich gewinnen. [169] Zurück führt kein Weg, der Himmel geht am Abgrunde hin, ein falscher Tritt ist hinreichend. Ich bin gefallen und will mich der neuen Gesellschaft würdig machen. Früher lohnte meine Tugend die äußersten Entbehrungen, Entbehrungen ohne diesen Gegendruck sind kindische Schwäche – die Tugend ist verloren, nun denn, so jag' ich nach dem Genuß. Ihr habt viel Schuld an meinem Unglück; wer die Verleugnung der Religion stets neben sich sieht, wird matt in seinen Dogmen. Ihr unseligen Volksverführer habt meinen besten Teil auf Eurem Gewissen.

37. Konstantin an Valerius
37. Konstantin an Valerius.

Du schreibst mir nicht, Freund, weil Du wahrscheinlich mir und meiner Sinnesänderung zürnst. Warum lässest Du Dir die Gelegenheit entgehen, auf eine Krisis einzuwirken, und in einer solchen befind' ich mich doch zuverlässig. Rette an mir, was zu retten ist, ich fühle, wie mir alles unter den Händen verschwindet; ich fange an, den Schicksalstragödien zu glauben, es denkt und löst ein fremder Geist in mir. Du gehörst ja doch sonst nicht zu der platt republikanischen Partei, Du warst ja, wahrhaftig so war's, oft genug mein Gegner; Du gestattest ja Entwicklungsgang, Modifikation usw. – Sollte denn an mir gar nichts mehr zu brauchen sein? Hippolyt ist da und trägt mir eigentlich auf, an Dich zu schreiben, er selbst schreibt keine Zeile: entweder tobt er herum oder liegt starr ausgestreckt da und schweigt. Meine politische Sinnesänderung, die ich ihm mitteilte, nahm er mit tödlichem Schweigen auf; es erkältete, ja entsetzte mich durch und durch, als er mit untergeschlagenen Armen vor mir stehend mit den schwarzen tiefbrennenden Augen bis in das Innerste meiner Seele hineinsah; – die Verachtung sprang lachend um seine Mundwinkel; er sprach kein Wort. »Willst Du mir nicht etwas darüber sagen? – Wofür habe [170] ich euch Freunde? Hippolyt sprich doch!« »Du bist ein schwacher Mensch, ein deutscher Wicht, der mit Träumen buhlt und vor dem Sonnenlicht bleich wird – wäre nicht Valer unter euch gewesen, mich reute der Zeit, die ich in euren Kreisen verbracht – sprich mir nicht wieder davon!« Damit ging er hinweg. Es ist ein beispielloser Übermut solchen Ausländers, ich war sehr zornig und machte mir durch viele Worte Luft. Als er am andern Morgen erst heimkam, wiederholte ich ihm allen Zorn, alle Vorwürfe. Lange schien er gar nicht zuzuhören, endlich warf er einen raschen unwilligen Blick auf mich, und warf die ganz fremde Frage dazwischen, ob ich ihm für den Abend ein Billett zum Gesandtenballe verschaffen könne. Sein Liebeselend, das auf dem blassen Gesicht umherirrt, ließ mich abstehen von meiner Polemik; ich fragte teilnehmend, wie seine Sachen mit Julien ständen. Mit vieler Mühe habe ich folgenden Tatbestand ermittelt, denn man muß ihm wie ein Kriminalist das Wichtigste abfragen, da er kaum mit drei Worten antwortet, nie aber erzählt. Er ist früher hier eingetroffen als Julia, und erfuhr es bald, daß sie erst erwartet werde. Wie eine Bildsäule stand er nun Tag und Nacht vor der Barriere, welche sie aller Wahrscheinlichkeit nach passieren mußte. Sie kam des Nachts, sein Falkenauge erkannte sie, er sprang hinten auf den Wagen und fuhr mit in das Hotel, öffnete den Schlag, hob sie heraus. Heftig drückte er sie an sich, da erkannte sie ihn und wollte rufen. Er verhinderte sie daran und bat, ihm Zutritt zu ihrem Hause zu gestatten. Sie verneint es entschieden. »Wohl,« sagte er, sie loslassend, »ich spreche Sie mindestens fünf Minuten allnächtlich um zwölf Uhr auf dem Korridor des ersten Stockes oder ich zünde das Haus an und ermorde Sie samt Ihrem Vater.«

Das alles war das Werk von zwei Minuten; als man nach ihr rief, war er verschwunden gewesen. Was ist diesem wilden unzivilisierten Menschen nicht alles zuzutrauen; könnte [171] er's, er würfe die Erde dem Monde an den Kopf um einer Liebesgrille halber. Das Mädchen konnte ihn arretieren lassen, wenn er kam; aber so antiromantisch sind unsere Mädchen nicht. Und ist es nicht süß, so toll geliebt zu werden? Er hat sie mehrmals gesprochen, sie hat geweint und ihn beschworen, sie ungestört zu lassen. Tränen fruchten sonst nichts bei ihm; aber er liebt Julien grenzenlos, er ist schon über eine Woche lang nicht mehr hingegangen. Ich will ihm zu Willen sein, meine Berliner Bekanntschaft erneuern und bei Juliens Vater meine Aufwartung machen. Hoffentlich bekomme ich auf diese Weise Karten zu dem großen Balle. Es macht auch mir Freude, das schöne Mädchen wieder zu sehen. –


Später.


Das wird eine bunte Wirtschaft. Ich wurde gemeldet und angenommen. Julia ist wirklich sehr schön und liebenswürdig. Sie saß noch in Haustoilette am Fenster und las. Ein leichtes weißes Morgenkleid mit fliegenden Ärmeln, die um den schönen vollen Arm spielten, umflog poetisch die schönen Glieder; die dunkeln Locken hüpften wie damals auf den Schultern. Sie war herzlich freundlich gegen mich und behandelte mich mit aufgeschlossener, liebevoller Seele wie einen alten Bekannten, mir vorwerfend, daß ich erst so spät nach ihr frage. Wie warm und heimatlich tut das meiner erstarrten Brust – was ist doch die Weltgeschichte trocken ohne den Odem der Weiber. Du hast recht, Freund, die Welt ohne Weiber ist ein Rechenexempel, oder eine langweilige Schulstube. Ich trat mit ihr ins offene Fenster und sah in die lebendige Rue St. Honoré! – Das war ein ganz ander Paris, wie es sich in ihren Augen widerspiegelte, von ihren Lippen wieder zu mir kam. Noch will ihr die tolle Stadt nicht behagen, es geht ihr alles so wüst und regellos durcheinander; »ich bin ein kleiner Pedant, sagte sie, wo ich die Regel nicht entdecken kann, da wird mir unruhig zumut; ich [172] habe mich zum deutschen Gott der schönen Ordnung und Harmonie, zu Goethe geflüchtet und seine Iphigenia, seinen Tasso gelesen, um mir Ruhe zu verschaffen vor dem Getümmel.«

Liebenswürdiges Mädchen, wie harmonisch klang das in das Streben meines jetzigen Wesens. Ich sprach freudeglühend davon, wie angenehm es mich überrasche, in den hüpfenden Jugendjahren solche Besonnenheit zu finden, sie lächelte und meinte, Du habest sie oft deshalb geneckt und eine junge Matrone genannt. »Aber« – fuhr sie fort – »hat das Weib bei seiner schönen unbeteiligten Stellung in der gesellschaftlichen Welt etwas Passenderes zu erwählen als das Prinzip der Ordnung, der Einfachheit und Ruhe? Einfachheit und Ruhe sind die Elemente der Schönheit, und diese soll ja unser Streben, unser Endziel sein. Der Mann schafft, zeugt, produziert, wir reproduzieren, wir ordnen das Geschaffene. Ich halte es für töricht, wenn eine Frau nicht wie Goethe allen unerquicklichen Lärm, alle Unruhe, ja allen Wechsel fern von sich hält, selbst mit Aufopferung des Reizes; die Empfänglichkeit wird durch große Gaben verwöhnt, die feinen Organe, welche sonst bei den kleinsten Luftströmungen beben, werden abgestumpft. Ich halte aber darum auch Goethe für eine neue Art Halbgott, d.h. ich glaube, das Beste des Weibes war in ihm aufgenommen und durch seine edle Männlichkeit verherrlicht, gehoben. Zum plumpen Handeln würde er nie getaugt haben.« – Dabei spielte die kleine fleischige Hand, die sich weich senkend an den schönen Arm schließt, mit den Blättern des Tasso, und das Auge ruhte auf mir wie das der schönen Prinzessin Leonore. Ich fühlte Tassos Vergehen in mir und hätte sie gern umarmt, wenigstens die schönste Hand und den verführerischen Arm geküßt. In ihre Ideen eingehend beschrieb ich ihr meine Entwicklung und die allmähliche Reaktion, wie Du es nennen magst – das freute sie sehr und sie erwähnte mehrmal, warum Du mit Deiner Mäßigung, sauberen Klarheit, Deinem geläuterten [173] Schönheitssinn nicht eben dahin kommen könnest. Sie bat mich, bald wiederzukommen und ihren Vater kennen zu lernen, der sich sehr freuen würde, einem solchen Gange der politischen Ausbildung zuzuhören. Ich nannte Hippolyts Namen; sie entfärbte sich und Tränen traten ihr in die Augen. Ich bat, ihn mitbringen zu dürfen. Sie schwankte, mein Mitwissen erriet sie mit weiblichem Takte sogleich – das gab ein heimliches Band zwischen uns, das uns schnell einander näher brachte. Sie war verlegen, zupfte an den Bändern, sah auf die Erde, faltete auf dem Schoß die kleinen Hände und sah starr in ihre Verschlingung. Endlich hob sie langsam den Kopf, sah mich wehmütig an und sagte bittend: »Lassen Sie ihn nie allein kommen, ich fürchte mich vor ihm.« Dies Vertrauen überwältigte mich, ich ergriff ihre Hand und küßte sie schnell; sie zog sie so schnell, als es die Artigkeit gestattet, hinweg, stand auf und empfahl sich mir. Ein Gang in die Pairskammer hielt mich ein wenig auf. – Zu Hause angekommen fand ich schon Billetts für uns zum Balle für den Abend. Hippolyt sah schmerzlich drein, als ich ihm alles erzählte.


Später.


Nun, wir sind dagewesen und werden wohl schwerlich wieder zusammen hingehen. Es war ein glänzender Ball. Alle Notabilitäten vom jungen Frankreich waren da. Er unterhielt sich viel mit Julia, und er ist allerdings ganz der Mann für sie. Ich ging in den Tanzsaal und betrachtete mir die Jugend Frankreichs. Mein Blick fiel bald auf Hippolyt und Julia, sie tanzten nachlässig, Hippolyt sprach eifrig, sah sehr erhitzt aus. Ich trat näher hinzu und sah, wie er ihre Hand krampfhaft festhielt. Der Tanz war zu Ende, er ließ sie nicht los und begleitete sie nach einem Nebenzimmer, oder vielmehr sie schien notgedrungen ihn zu begleiten. Ein unaussprechlich bittender Blick von ihr traf mich, ich folgte ihnen. Hippolyt eilte mit seiner Beute durch [174] die von Gästen angefüllten Zimmer nach den entlegeneren leeren. Mich bemerkte er nicht, mit dem Rücken gegen mich hielt er in einem leeren Gemach inne, umfaßte Julien und beschwor sie mit herzzerreißender Stimme, den innigsten Worten, seine Liebe nicht ferner zu verschmähen; er werde sanft und mild sein, er liebe sie bis zur Raserei. – – Julia weinte heftig, Hippolyt ließ sie los und küßte sie auf das feuchte Auge, sie schauerte zusammen, streckte die Arme nach mir aus, taumelte die wenigen Schritte bis zu mir und fiel ohnmächtig in meine Arme. –

Da näherte sich Geräusch aus dem angrenzenden Zimmer, Hippolyt sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an und griff nach Julien, um sie hinwegzutragen; ich bat ihn herzlich, es nicht zu tun, lieber eiligst die Tür zu verriegeln. – »Nein,« sagte er hart; da wollte ich selbst die Ohnmächtige ins nächste Gemach retten. In dem Augenblicke ging die Tür auf, Juliens Vater trat ein. – Heut' ist Julia nicht mehr in Paris; Hippolyt hat kein Wort mit mir gesprochen und ist verschwunden; seinen Hut und Mantel hat mein Diener aus der Seine gefischt. Juliens Vater schickt eben nach mir. Lebe wohl, ich komme in diesen Tagen nach Deutschland, um eine Anstellung zu suchen.

38. Kamilla an Valerius
38. Kamilla an Valerius.

Daß die dummen Polen auch gerade jetzt ihre Revolution anfangen mußten, während Du in der Stadt warst – von hier hätte ich Dich gewiß nicht fortgelassen, nach den neuesten Vorfällen zu fragen. Ich wünsche den lieben Leuten alles Gute, ich glaube Dir's gern, daß sie ein himmelschreiendes Recht haben, aber ich wünsche mir auch meinen Liebhaber.

Hast Du noch nicht genug Nachrichten, wirst Du nicht bald kommen? Ach ich bin wirklich schon recht böse auf Dich: das Wetter wird immer rauher, man kann beinah' nicht mehr [175] aus dem Hause, die Langeweile und Sehnsucht wird immer größer und noch dazu die Angst – jawohl die Angst. Höre nur! Gestern kam ein Reisewagen und brachte mir eine liebe alte Freundin, das wäre ja doch nur etwas, worüber ich mich freuen könnte; ja doch, ich freute mich sehr, aber nicht lange. Denke nur, als wir zum ersten ruhigen Gespräche kamen, da sah aus jedem Auge, jedem Zuge des Gesichts, Dein Blick, Dein Geist, die Worte waren Dein, so müßtest Du sprechen, wärst Du ein Weib; der Rede- und Tonfall ganz wie bei Dir, das ganze Wesen, der ganze Luftkreis der des Valerius – Mann ich entsetzte mich, wärst Du verheiratet, es müßte dies Deine Frau sein. Ich teilte dies alles mei ner Freundin mit, sie lächelte. Wie bin ich erschrocken, als sie mir sagte, daß sie Dich kenne. O bleib jetzt, komm nicht, ich fürchte mich vor Unglück, wenn Du jetzt kommst. Ach nein, wenn sie Dich beglücken könnte, komm, komm, ich würde so gern für Dein Glück sterben. Als Du mir von Deiner ersten Liebe erzähltest, da war ich so schmerzhaft erregt und doch so überaus selig in dem Gedanken, wenn ich sie Dir wieder in den Arm legen und mein seligweinend Gesicht zwischen eure aneinander gedrückten Schultern schmiegen könnte. Du hast recht, die Liebe ist mehr als der Besitz einer einzigen Person, sie ist eine ganze Atmosphäre von Wohlwollen, und viel hat darin Raum. Wenn ich Dich nur nicht soviel geküßt hätte, das ist so schlimm, jetzt wird es mir doch viel schwerer werden, Dich am Herzen einer andern zu sehen. Du glaubst aber nicht, um wieviel lieber ich Dich habe wegen Deiner offenen Ehrlichkeit, daß Du mir gleich beim ersten Kusse sagtest, Dein Herz sei nicht mehr jungfräulich, Du hättest Liebe gewährt und genossen und liebtest noch und würdest noch geliebt. Ich kann klagen und weinen, wenn man Dich mir heute entführte, aber nicht über Dich, und das ist sehr lieb und schön. Du bleibst ewig mein unwandelbarer Stern, Du bist der ehrliche Palmerio. Komm, komm, Du [176] Licht meiner Augen, ich will nur Deine Gestalt sehen, das gleichgültigste Wort Deiner lieben, lieben Stimme hören und glücklich, sehr glücklich sein. Komm! – Ich lege Dir einen Brief von Konstantin und einen von der Fürstin bei – was will denn die gefährliche Frau von Dir? Ach, Du machst mir recht viel Sorge. Die gute Alberta ist so still und traurig, daß Du nicht da bist, sie sitzt fortwährend am Fenster, und wenn ein Reiter kommt, jubelt sie, und wenn Du's nicht bist, kommt ihr das Wasser in die Augen. Ach, Du bist ein Bösewicht. Auch der Graf ist so still und noch sanfter als sonst; auch er scheint Kummer zu haben. Eile, uns froh zu machen!

39. Valerius an Konstantin
39. Valerius an Konstantin.

Ich lege Dir Williams Brief bei; sieh', wohin der einseitige Fanatismus führt. Wo jeder Gedanke von Freiheit fehlt, da gibt es nur Höhen und Tiefen, schmale Wege, jähe Abgründe; nur die Freiheit ebnet die Welt so wunderbar, daß alles gefahrlos gehen und springen kann. Man kann irren mit der Freiheit, aber an jedem neuen Morgen kann man sich zurechtfinden. Der absolutistische religiöse oder politische Glaube kennt keinen Irrtum, er kennt nur Sünde und die Sünde gebiert den Tod, sagt er selbst. William ist das Opfer des Absolutismus, Leopold wird der Spielball der Gesetzlosigkeit – er ist im belgischen Heere Kompagnie-Chirurgus, wie ich eben erfahren und spielt eine abgerissene, kümmerliche Rolle, und nur die ungeheuren, titanenartigen Kräfte erhalten oben auf der Lebenswoge den zügellosen Hippolyt; nur sein riesenhafter Geist läßt ihn bestehen mit seiner unbändigen, die Zivilisation überspringenden Freiheit. Du scheinst ihn für tot zu halten, das ist er gewiß nicht; ein solcher Romancharakter lebt noch lange in der Wildheit und wird einst, wenn seine bestialische Kraft an den Schranken [177] der Bildung gebrochen ist, der Anführer eines freiheitsbedürftigen Volkes. Seine Subjektivität muß erst zertrümmert werden, eh' er nützen kann. Jetzt ist er im Stadium des Danton, und nur die gefährliche Zeit fehlt, daß er sich wie jener auszeichne. Aber dieser subjektive Danton wird guillotiniert werden, und seine geläuterte Objektivität wird einst, mit der neuen Gironde unserer Tage lehren. Er wird einst der hinreißende neue Vergniaud werden. Es ist ein merkwürdiger Wendepunkt in unserem Leben eingetreten. Ich gehe morgen nach Warschau, um für das heilige Recht eines Volkes gegen die Tyrannen zu fechten. Ich liebe das polnische Volk nicht eben sehr, aber für seine Sache will ich bluten und sterben. Dies asiatische Element einer Herrscher- und einer Sklavenkaste, das sie noch immer nicht ernstlich bekämpft haben, ist mir sehr zuwider. Es ist allerdings nicht der gewöhnliche Begriff der Aristokratie, die man ihnen meisthin zum Vorwurf macht, es ist eine demokratische Aristokratie, welche die Stufen unter sich wenig beachtet und eine große Gleichheit unter sich eingeführt hat; aber ich würde lieber eine aristokratische Demokratie sehen. Ihre ernstlichen Annäherungen an eine allgemeine demokratische Zivilisation sind sehr träge, wenn man selbst die Absicht der Besten, welche die Charte vom 3. Mai entworfen, wenn man die Selbständigkeit ihrer bisherigen Unterjochungsperiode abrechnet. Es ist noch viel roh Asiatisches an ihnen, aber ihre überwältigende Poesie der Vaterlandsliebe, dieses Käthchen von Heilbronn in einem ganzen Volke, ist zauberhaft, ihr Kampf ist der reinste und edelste, der gefochten werden kann. Darum will ich hin, morgen schon, aus folgendem.

Ich kehre aus der Stadt zurück, finde weiblichen Besuch auf dem Schlosse, trete ins Zimmer; an der Hand Kamillas tritt mir Klara entgegen. Freude, Überraschung, Schrecken, Besorgnis pressen mir den Namen Klara aus – ich sehe den Blitzstrahl in die schlanke Palme Kamilla zündend einschlagen. [178] Das liebe Kind ward bleich, das Wasser schoß ihr in die Augen, aber sie lächelte wie ein Engel. Klara war sanft und lieb. Mein Entschluß war schnell gefaßt; ich kündigte ihnen meine morgende Abreise an. Die guten Wesen haben mich alle so lieb, daß jedes nun zu sehr mit sich beschäftigt war, als daß es auf die andern hätte achthaben können. Einen Augenblick war ich durch einen Zufall, der die andern auseinandersprengte, mit Klara allein. – »Willst Du mir nicht Morgen schenken, lieber Valer, ich will sonst weiter nichts von Dir.« Die Rührung überwältigte mich, weinend fiel ich ihr um den Hals, sie bedeckte mein Gesicht mit ihren warmen Händen, küßte mich nur auf das Auge und sprach: »Du guter Junge – ich will nichts von Dir, als Dich einmal sehen.« –

Ich wäre untröstlich, erführe dieser Engel meiner Poesie, daß ich noch andere liebte und küßte. – Als Alberta zurückkam, eilte ich fort, um Kamilla zu suchen. Sie kam mir wie ein Kind sanft lächelnd, entgegen, gab mir ihre Hand und fragte nur: »Sie ist es?« – »Sie ist's,« antwortete ich und erregt in allen Fibern meiner Seele wollt' ich das liebenswürdigste Mädchen an mein Herz drücken. Sie hielt mir die Hand vor den Mund und sagte: – »Bitte, bitte, nein – Du armer reicher Mann.« – »Willst du mir meinen Reichtum lassen.?« – »Ob ich will?« – »Laß Klara nichts von unserer Liebe ahnen.« »Wie kannst du bitten, was sich von selbst versteht; ich bin doch glücklich.« Nun war ich ausgelassen lustig. – Liebe, was bist du reich, und die ungeschickten Menschen machen dich so dürftig, weil sie egoistisch, jämmerlich egoistisch sind. Ich sagte Kamilla, daß ich den andern Tag noch dableiben würde. »Es ist recht schlimm, daß du gehst, wir werden alle vor Sehnsucht sterben.«

Es war ein seliger Tag, den ich von allen Seiten in Liebe gehüllt verlebte. Meine neuen Ideen, die Kamilla zur Sprache brachte, weil sie unser Lebensodem geworden [179] sind, waren für Klara neu; meine alten, deren Klara erwähnte, waren's für Kamilla, Alberta flog wie ein Schmetterling zwischen uns. Ich habe einen Tag in Indien gelebt, wir haben unser Herzblut ausgetauscht. Allein konnt' ich, durft' ich mit keiner sein, allen Abschied verbat ich mir sogleich; wir saßen bis tief in die Nacht beisammen, nur den guten Grafen küßte ich im Vorsaale herzlich ab, nahm Reisegeld von ihm an, versprach zu schreiben und, wenn mich keine Kugel träfe, bald wieder zu kommen. Der liebe Mann weinte und segnete mich wie ein Vater. – Ich hatte mir mein Pferd satteln lassen, brachte meine lieben Zuhörerinnen in ein erhebendes Gespräch über ein weites reiches Leben nach dem Tode, über seinen Vorgeschmack, die Freiheit, und die Opfer, die wir ihr bringen müßten. – Der erhobene Mensch trägt alles Leid noch einmal so leicht; das Herz besitzt unglaubliche Kräfte, man muß sie nur wecken. Wir glühten alle von Begeisterung für das Edle und Große, und die Mädchen wären alle mit gestorben, wenn es des Todes bedurft hätte. Da ging ich hinaus, setzte mich aufs Pferd, ritt unter das Fenster und rief. Sie öffneten hastig, in vollem Lichte standen sie beide, meines Herzens Arme. Alberta mußte zufällig eben das Zimmer verlassen haben, Der Mond schien auf mein tränenweiches Gesicht. Ade, meine Liebe, sprach ich, in einer freieren Welt wieder. Fort ritt ich, und sah nur noch, wie sich die lieben Mädchen in die Arme fielen. Taugt mein Dichten und Trachten nicht für diese gesellschaftliche Welt, so wird mich wohl eine russische Kugel treffen. Ade Deutschland, vielleicht seh ich dich nie wieder. Kommst Du her, wie Du schreibst, so suche die Bekanntschaft der Fürstin, und sage ihr, wenn ich am Leben bliebe, würde ich ihr einst antworten. Sie hat mir einen wunderbar klugen Brief über William, Hippolyt, Leopold und alle diese betreffenden Verhältnisse geschrieben. Man darf sie nicht nach dem gewöhnlichen Maßstabe messen, sie ist ein [180] merkwürdig Weib, die vielleicht durch allzu spitze Klugheit sich und andere verderbt. Ich schreibe Dir dies in Breslau – lebe wohl, ich reise. Halte Dein Herz munter, Freund, laß es nicht vertrocknen.

40. Der Oberst Kicki an den Grafen von Topf
40. Der Oberst Kicki an den Grafen von Topf.

Im März 1831.


Ihrem Verlangen gemäß, sehr geehrter Herr, hab' ich mich nach Herrn Valerius überall erkundigen lassen, kann Ihnen aber leider nur einen unvollständigen, traurig klingenden Bericht mitteilen. Die ihn umgebenden Reiter haben ihn bis nachmittags ungefähr zwei Uhr tapfer bei Grochow kämpfen sehen, nach dem großen Kavallerieangriff der Russen ist er vermißt worden. Noch weiß niemand was ihm widerfahren, freilich ist es das Wahrscheinlichste, daß er gefallen, es waren der Toten soviele, der Feind drang bis auf unsere Stellungen, es ist fast unmöglich, das Schicksal eines einzelnen zu ermitteln.

Gestatten Sie mir, Herr Graf, die Versicherung vorzüglicher Hochachtung, mit der ich die Ehre habe zu sein usw. usw.

[181]

Zweiter Band

1
[5] 1.

Es war spät am Abende, ja die Nacht brach schon herein, als ein kleiner polnischer Wagen vor einem Gehölz hielt. Die kleinen Pferde prusteten angegriffen, denn es war kein eigentlicher Weg, auf welchem sie dahergekommen waren, und der Boden war halb feucht und halb gefroren. Dazu herrschte eine undurchdringliche Finsternis, die Tiere schienen selbst voll Angst zu sein; wie denn bekanntlich das Pferd eines der sensibelsten Geschöpfe ist und fast überall nur Eindrücken der Furcht nachgibt. Dazu knallte bald hier, bald da noch Ein Schuß, plötzlich und unerwartet jagte ein Reiter oder ein Fuhrwerk vorüber – es war nicht zu verwundern, daß man dicht neben ihnen den warmen Dampf spürte, welchen sie ausströmten. – Aus dem kleinen Wagen kroch eine Figur und schritt in das Gehölz. Dort schlug sie Feuer, zündete in einer alten Laterne ein Lichtstümpchen an und schloß die kleine blecherne Tür sogleich wieder. Die Wände der Laterne waren trübes, schmutziges Horn, das Licht gab also nur einen sehr matten, unsicheren Schein, bei welchem kaum die äußeren Umrisse des Mannes zu erkennen waren.

Er trug einen langen Mantel, sein Gesicht war durch eine tiefe Mütze halb verhüllt – nur wie er mit der Laterne am Gesträuche herumsuchte, kam er einmal mit dem Lichte bis in die Nähe der Brust, und man sah einen dichten grauen Bart aus dem Mantel herausgucken.

Sein Bestreben ging dahin, einen Zugang ins Gehölz [5] zu finden, und bald fuhr er auch seinen Wagen mitten in eine kleine Birkenschonung hinein, deren junge Stämme und Zweige Pferden und Rädern nachgeben.

Darauf barg er die Laterne unter dem Mantel und schritt eiligen Fußes auf der entgegengesetzten Seite aus dem Hölzchen. Man kann eigentlich nicht sagen, er schritt, es war mehr ein geräuschloses Hinschlüpfen. Im Freien angekommen, kauerte er sich zusammen und horchte mit angehaltenem Atem. Aber der Wind fuhr eben rauh über die Fläche und warf harten, eisigen Regen durcheinander. Es war kalt und schauerlich. Als jedoch der heftige Windstoß vorüber war, drang es wirklich wie ein leises Geräusch von allen Seiten her, aber das Geräusch war wunderbar und ungewöhnlich, bald war es einem Wimmern, bald dem Hufschlag von Pferden, bald dem Gestöhn eines Tieres ähnlich – ein neuer Windstoß, und es war nichts zu vernehmen.

Der graubärtige Mann schien befriedigt und huschte weiter fort auf der nassen Erde, ohne die Laterne hervorzubringen. Plötzlich strauchelte er und fiel auf die Seite. Lautlos raffte er sich wieder zusammen, öffnete den Mantel ein wenig und suchte mit dem trüben Lichte seiner Hornleuchte, was im Wege liege.

Es war ein Mensch, der auf dem Angesichte lag. Ringsum floß eine schwarze Masse, in welcher die einzelnen fallenden Schneeflocken schmolzen, und die man selbst bei der düsteren Beleuchtung für Blut erkannte. Der Graubart rückte näher und beleuchtete den Körper von unten bis oben. Darauf schüttelte er den Kopf, setzte die Leuchte beiseit und versuchte es, den Menschen umzuwenden. Mit Mühe gelang es ihm; denn der Körper wog schwer, es war ein Leichnam. Der Alte nahm die Leuchte wieder zur Hand, das Gesicht war von Blut besudelt, aber des Alten Forschen ging auf einen Orden, den der Tote auf der Brust trug. Er untersuchte ihn beim Schein der Laterne. Davon abstehend hielt er eine [6] Weile inne und seufzte tief. Dann riß er des Toten Rock auf, leerte ihm die Taschen und schlüpfte weiter.

In einiger Entfernung gab's ein heftig Stöhnen – der Alte näherte sich vorsichtig, prallte aber wie von einem heftigen Stoße zurück, daß der Mantel aufschlug und die Leuchte schimmerte. Es war ein sterbendes Pferd, das mit dem Tode ringend die Vorderfüße in die Erde hieb und dann röchelnd zusammenbrach. Der Alte nahm ein Pistol aus dem Sattel, untersuchte vorsichtig, ob es geladen sei, und versuchte so dann, auch das andere hervorzuziehen; er war aber zu schwach, die daraufliegende Wucht des Tieres zu lösen.

Jetzt schlug er den Mantel zurück, erhob sich und ging offen mit seiner Leuchte weiter. Links und rechts fand er Leichname und Kadaver von Pferden. Er untersuchte überall, nahm, was er fand, schob's in die Taschen eines weiten schwarzen Gewandes, das er unter dem Mantel trug, und ging weiter.

Erschöpft setzte er sich endlich auf die Kruppe eines toten Pferdes, stellte die Leuchte an die Erde und seufzte tief und schwer. »Russen, Russen, nichts als Russen – o Joel!«

Bei diesen leise gemurmelten Worten stemmte er die Hände auf die Knie, der lange Oberkörper hob sich geisterartig aus dem Mantel, und bückte sich nach vorn. Das schmutzig-gelbe Licht der Laterne fiel zum ersten Male völlig auf ihn. Es war ein alter, von Haaren fast unkenntlicher Judenkopf. Der weißgraue Bart bedeckte die untere Hälfte des Gesichts und ging bis dicht an die Backenknochen. Auch von den Wangen selbst und von der scharfen großen Habichtsnase hingen einzelne lange Haare, und die Augenbrauen buschten sich mit ihrem noch dunkel gebliebenen Kolorit bis an die Augenlider. Die Figur war lang und schmal und gebückt, in einen anliegenden schwarzen Rock gehüllt, der bis auf die Füße reichte und von seidenem Stoff zu sein schien,. wie ihn die polnischen Juden heute noch tragen. Seine [7] mageren langen Hände, mit schwarzen Haaren bedeckt, stachen grell von dem dunkeln Kaftan ab.

»O Joel, mein Joel!« stöhnte er aufs neue und erhob sich wieder und schritt weiter zwischen Leichen und Kadavern, die jetzt mitunter zu großen Haufen im Wege lagen. Es war kein Zweifel mehr, daß er auf einem Schlachtfelde wandelte. – Aus einem Haufen drang plötzlich das deutliche Wimmern eines Menschen. Der Alte steckte hastig seinen Kopf vorwärts und horchte, und als sich das Gestöhn wiederholte, schritt er schnell darauf zu. Es drang mitten aus einem Hügel von Leichen. Mit riesenmäßiger Anstrengung, die niemand dem alten Manne hätte zutrauen sollen, warf er die oben liegenden Körper auf die Seite und drang zu dem noch Lebenden. Er richtete ihn halb auf und griff in die Tasche, brachte eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken. Dem Unglücklichen waren die Beine zerschossen. Der Alte streichelte ihm heftig das Gesicht und fragte mit fliegenden Worten, wo die Kickischen Ulanen zuletzt gefochten hätten. »Sage mir's, Freund, sage mir's gleich, ich komme wieder und nehme dich mit.«

Der Verwundete streckte den Arm aus und wies nach Westen. »Ist es weit?« Verneinend schüttelte jener den Kopf.

Da nahm der Alte heftig die Leuchte und wollte von dannen, aber der zerschossene Soldat griff krampfhaft in den langen Mantel, und sein Wimmern und seine Mienen beschworen den Juden, ihm zu helfen. Mit einem Ruck machte sich indessen dieser los, sprach: »Ich komme zurück!« und schritt hinein in die Finsternis.

Schneidend drang das Gestöhn des Verlassenen durch die Nacht.

Der alte Jude war nicht lange gegangen, da stolperte er über Kürasse und Helme. – »Gott meiner Väter, ich bin auf dem rechten, traurigen Wege,« murmelte er vor sich hin, »mit diesen eisernen Männern haben sie gefochten.« Und [8] überwältigt von Angst und Sorge brach er in lautes Wehklagen aus: »Joel, Joel, Sohn meiner Esther, wo bist du?!«

Hastig unter den Riesenleichnamen der Kürassiere herumsuchend, die auf und unter den ungeheuren Pferden lagen, wiederholte er diesen Schmerzensruf unaufhörlich.

Auf einmal vernahm er in einiger Entfernung eine Stimme, aber der Wind warf den rasselnden Eisregen dazwischen, er konnte nichts Deutliches vernehmen.

»Manasse, mein Vater!« klang es von neuem. »Joel, ich komme, Joel –«

Aber statt hinzueilen, duckte er sich zusammen zwischen die Füße eines toten Pferdes und regte sich nicht. Seine aufmerksamen Sinne hatten ihn auch nicht getäuscht, ein Trupp Soldaten kam über das Schlachtfeld dahergeritten gerade auf den Ort zu, wo Manasse lag, die Leuchte fest in den Mantel hüllend. Ob sie versprengt, ob Freund oder Feind waren, wer konnte es wissen.

Ein Mann mit einer hell brennenden Laterne schritt voraus, die Pferde gingen schlurfend und unruhig zwischen den Leichen, sie kamen dicht zu Manasse; kaum wagte er es, hinzusehen nach den in Mäntel gehüllten Reitern.

Dicht in seiner Nähe hielten sie, und einige stiegen von den Pferden. Manasse hörte ihre Sprache; es waren Russen. Zitternd vor Frost drückte er sich tiefer in die Weichen des toten Pferdes.

2
2.

Es schien, als ob sie den Körper eines bedeutenden Offiziers suchten. Alle Leichen wurden betrachtet, und sie kamen dabei Manasse so nahe, daß ein Reiter mit seinen Sporen in des Juden Mantel hängen blieb. Manasse regte sich nicht, das morsche Tuch gab nach, der Reiter sah sich um, aber da die Laterne auf einer andern Seite leuchtete, so entdecktes er den zitternden Juden nicht.

[9] Als sich die suchende Gruppe ein wenig entfernt hatte, machte sich Manasse auf und schlüpfte nach der Gegend, wo er Joels Ruf vernommen hatte. »Joel – Joel!« flüsterte er ununterbrochen mit gedämpfter Stimme. Die Laterne durfte er nicht zum Vorschein bringen, und so kam's, daß er in einen tiefen Graben stürzte, dessen Oberfläche mit einer dünnen Eisrinde bedeckt war. Die Laterne zertrümmerte und verlosch. Er raffte sich mühsam auf – »Manasse – Manasse!« klang's in seiner Nähe. Das gab ihm Kraft, sich vollends aus dem Graben herauszuarbeiten. »Mein Sohn, mein Joel, mein Joel!« – und so eilte der Durchnäßte dem Rufe zu.

Er fand seinen Sohn halb ausgerichtet, und nun brach aus dem Alten ein wirbelndes Gewitter von Empfindungen los. »Mein Sohn, mein Joel, Esthers Sohn – lebst du, wo haben dich die Ismaeliter verwundet, o mein Joel!« Und dabei fuhren zitternd, liebkosend, schnell, aber behutsam die Hände des Alten über den ganzen Körper des Sohnes.

Joel beruhigte ihn mit der Versicherung, die Wunde sei unbedeutend und hindere ihn nur am Gehen.

»Auf, mein Sohn, hänge dich auf meine Schultern, der Wagen harrt unserer im Hölzchen.«

Joel aber bedeutete seinem Vater, erst müsse sein Nachbar dahin gebracht werden, dieser habe ihn durch den letzten Schluck aus seiner Flasche wieder ins Leben zurückgerufen.

Manasse war eine Zeitlang sprachlos, der Ideengang seines Sohnes mocht' ihm augenblicks ganz unfaßlich erscheinen. – »Törichter Joel, mach, hänge dich auf meine Schultern, ich werde Mühe haben, dich über den Graben zu bringen – ach Sohn meiner Esther,« und Schluchzen hemmte seine Worte, er fühlte von neuem besorgt an Joels Körper herum. »Joel, wo ist die Wunde, welche dir die Gottlosen geschlagen?«

Joel bestand darauf, daß erst sein Nachbar in Sicherheit gebracht werde. »Er war der bravste Soldat, und da liegt [10] er erstarrt, kaum fühl' ich noch einen Rest Leben in ihm, Vater Manasse, eilt, schafft ihn zum Wagen, und holt dann mich.«

Jetzt brach des Alten Leidenschaft in stürmende Worte aus, er schalt seinen Sohn einen halbchristlichen Narren, und man wußte nicht mehr, ob das unterbrechende Schluchzen mehr Mitleid oder Zorn gegen seinen Joel sei – »was kümmert dich der tote Idumäer, komm, halte dich fest!« – Und damit schickte er sich an, seinen Sohn aufzuladen.

Joel weigerte sich entschieden; des Alten Zorn stieg auf das höchste – da kamen die suchenden Russen auf sie zu, wahrscheinlich aufmerksam gemacht durch die lauten Worte des Zwiegesprächs. Manasse drückte schnell seinen Kopf in den Schoß, seines Sohnes, und bedeutete diesem leise, sich still zu verhalten. Aber obwohl die. Russen schon dicht am Graben waren, so konnte er es doch nicht unterlassen, seine heftige Entrüstung fortzumurmeln über die Torheit Joels; wie ein gereizter Hund leise fortknurrt, wenn er nicht mehr bellen darf.

Die Russen standen am Graben und horchten – Manasse regte sich nicht mehr; sie wendeten sich nach einer andern Seite.

Bald erhob sich der vorige Streit zwischen Vater und Sohn aufs neue – Manasse raufte sich den Bart und schlug bald nach Joel, bald streichelte er ihn. Er fand in seinem Kopfe nicht die kleinste Beschönigung für solchen Wahnsinn, und dies brachte ihn immer von neuem außer sich.

Joel aber blieb unerschüttert, und so mußte der Alte endlich weichen, wenn er den eigenen Sohn nicht seinem traurigen Schicksal überlassen wollte. Der Nachbar Joels lag auf zwei toten Kürassieren, also zum Teil im Trocknen, Joel hatte auch ein Stück Mantel über ihn gebreitet.

Unter heftigen Verwünschungen lud ihn Manasse auf sich und schleppte ihn ziemlich unsanft durch den Graben. Dann kam er zurück und brachte auch Joel hinüber. »Laß uns forteilen,« rief er, am andern Ufer ankommend, »der Mensch ist tot.«

[11] »Und hörst du nicht sein Stöhnen, Vater Manasse,« damit machte er sich heftig vom Vater los, fiel an die Erde und stieß einen Schmerzensschrei aus, da der Fall seine Wunde berührt hatte.

»Joel, mein Blut –«

»Bei unserer Mutter Esther beschwör' ich dich, Vater Manasse, bringe den Mann fort!«

Seufzend tat es Manasse. Keuchend kam er zurück, trocknete sich den Schweiß und lud seinen Sohn auf den Rücken. »Meine Glieder zittern vor Frost, und doch rinnt der Schweiß über meine Stirne, kaum hab' ich den Wagen wieder gefunden – o Gott meiner Väter, wie züchtigst du mich, weil mein eigen Blut, dieser Joel, mit den Ismaelitern unsere Sitten vermengt, o, törichter, törichter Joel.«

Während er abgebrochen diese Worte sprach, waren sie in die Nähe jenes Verwundeten gekommen, welcher dem Alten kurz zuvor den Weg zu seinem Sohne gezeigt hatte. Er bat in herzzerschneidenden Tönen, ihm zu helfen, und erinnerte den Alten an sein Versprechen, da dieser dicht an ihm vorüberging und trotz der Finsternis an der Stimme zu erkennen war.

»Vater Manasse, was hast du versprochen?«

»Schweig, Joel – nichts hab' ich versprochen!« – und rascher ging er vorwärts.

Immer kläglicher ward das Winseln des Zurückbleibenden. Sie kamen zum Wagen. Sorgfältig legte der Alte seinen Sohn in das Heu, womit der kleine verdeckte Wagen angefüllt war, nahm die Pferde am Zügel und brachte mit vieler Vorsicht den Wagen aus dem Gehölz.

»Vater Manasse, hole den Unglücklichen!«

»Schweig, kindischer Joel, kann ich das ganze Schlachtfeld meinen kleinen Krabben aufladen, kindischer Joel!«

Damit setzte er sich vornhin und fuhr in die Nacht hinein, die ein wenig heller geworden war durch den dichten Schnee, welcher seit einigen Minuten dicht herabfiel.

3
[12] 3.

Es war das Schlachtfeld von Grochow, aus dessen Nähe die kleinen Pferde den Wagen zogen. Am Tage vor dieser unfreundlichen Nacht hatten die Polen und Russen zum dritten Male auf das erbittertste miteinander gekämpft. Die Ebene von Warschau, welche sich ostwärts an die nahen Wälder erstreckt, war drei Tage lang der Schauplatz mörderischen Kampfes gewesen.

Bekanntlich fließt der breite Weichselstrom rechts an der polnischen Hauptstadt Warschau vorüber. Die eigentliche Stadt liegt also an seinem linken Ufer nach unseren Ländern zu, und wenn man so sagen darf, auf der europäischen Seite. Am Ufer des Flusses hin prangen große Paläste, und das stolze Warschau gewährt von der großen Brücke, welche hinüber führt zur östlichen Vorstadt Praga, einen königlichen Anblick. Man irrt sehr, wenn man bei dem Worte »polnische Hauptstadt« seine Vorstellung nur ein wenig von dem Anblick und Begriffe polnischer Ortschaften steigert: Warschau gehört zu den imponierendsten Hauptstädten Europas.

Die Vorstadt Praga nun, ein befestigter Brückenkopf, war der erste Stützpunkt der polnischen Armee, welche sich auf den Feldern angesichts der großen Waldungen ausgebreitet hatte. Die Russen rückten von Osten her in den letzten Tagen des Februar aus jenen Wäldern heraus. Diebitsch war ihr Heerführer, und angesichts Pragas entspannen sich die zwei Tage lang dauernden stürmischen Gefechte, welche man die Schlacht bei Praga nennt. Sie führten äußerlich zu keinem besonderen Resultate, und die Schlacht wird von der Geschichte eine unentschiedene genannt, war aber von großem moralischen Einflusse. Überall hatte man erwartet, Diebitsch werde mit der großen russischen Armee die nach Zahlenverhältnis unbedeutenden Truppen der Polen werfen, über die Pragaer Brücke nach Warschau hineindringen [13] und so den Aufstand endigen. Das war indessen nicht gelungen. Die historisch bekannte leidenschaftliche Vaterlandsliebe der Polen, welche man bei dem sonstigen Wesen dieser Nation hier und da bereits für Prahlerei hielt, hatte auf eine überraschende Weise Wort gehalten. Und zwar unter den ungünstigsten Verhältnissen. Denn es gebrach ihnen vor allen Dingen an einem Mittelpunkte ihrer militärischen Kraft, an einem verlässigen Heerführer. Chlopicki, in der Zeit des Aufstandes am letzten Tage des November zum Oberbefehlshaber ernannt, hatte nie an die Möglichkeit geglaubt, dem mächtigen Rußland militärisch die Spitze bieten zu können, hatte sich auf Unterhandlungen eingelassen, die Rüstungen vernachlässigt, und am Ende störrisch seine Diktatur niedergelegt, als die zum Äußersten entschlossene Nation ihm in den Weg trat. Chlopicki. war aber der einzige populäre Mittelpunkt des Heeres, unzweifelhaft tapfer und ein tüchtiger Führer aus der Napoleonischen Schule. Die Wahl eines neuen Führers war unsäglich schwer. Einen zweiten so hervorragenden General gab es nicht, jede Wahl mußte also die nicht Gewählten kränken. Besonders bei einer so ehrgeizigen und eifersüchtigen Nation. Man entschloß sich zu dem traurigen Auswege, einen Nichtmilitär, den Fürsten Radzivil, einen alten, höchst wackeren Patrioten zum Generalissimus zu erwählen. In der Hoffnung, er werde nur für Chlopicki den Namen hergeben.

So geschah es nun wohl auch, denn der graue Chlopicki setzte sich zu Pferde und ritt hinaus ins Lager. Er hat ein starres, gerötetes Soldatenantlitz, weißgrauen Bart, hellblaue scharfe Augen. Prüfend sah er nach den Wäldern hinüber, aus welchen die Russen sich entwickelten, und ordnete die Treffen. Aber es war ein halbes Wesen mit dem Kommando ohne Titel. Nicht alle Führer gehorchten unbedingt und schnell, und es war mehr die erstaunenswerte ritterliche Tapferkeit der auf eigene Hand fechtenden Korps, welche die Schlacht in den Tagen bei Praga aufrecht erhielt.

[14] Beide Heere waren übrigens in diesen Tagen noch nicht in voller Kraft. Abteilungen der polnischen Armee waren nordöstlich ein wenig vorgeschoben, um die Vereinigung eines großen russischen Korps mit Diebitsch zu hindern. Die überlegene Zahl der Russen hatte dies aber vereitelt, am Tage von Grochow war alles konzentriert.

Grochow ist ein kleines Dörfchen auf der Ebene von Praga. Nach diesem drängte sich an diesem Tage die Hauptschlacht. Ein Erlengebüsch war der Preis des Sieges, dasselbe Gebüsch, in welchem Manasse die Nacht darauf sein Fuhrwerk verbarg.

Diebitsch hatte am Ende bei so hartnäckigem Widerstande die Entscheidung des Tages auf einen großen Reiterangriff gesetzt, und Chlopicki war bei neuer Eroberung des Gebüsches von einer Granate niedergeworfen worden. Schon vorher hatte sein scharfes Auge die Entwicklung der Reitermassen am fernen Waldessaume entdeckt, und ununterbrochen hatte er nach Kavallerie gerufen. Aber er war nicht Generalissimus und Fürst Radzivil nicht bei der Hand. Noch als man ihn forttrug, wies er fortwährend mit seinem Pfeifenstummel zurück und flehte um Kavallerie.

Von Praga aus läuft mitten durch die Ebene die breite große Heerstraße in die Wälder hinein über Siedlce bis an die altpolnischen Provinzen. Sie war der Mittelpunkt des auf diese Tage folgenden Krieges, der rote Faden aller Treffen und Schlachten vor der bei Ostrolenka. Auf und neben dieser Straße war der kolossale Angriff von Reitern einhergedonnert, welchen Diebitsch angeordnet hatte. Auf der Straße selbst kamen die gewaltigen Kürassierregimenter, unter welchen das Riesenregiment Prinz Albrecht, an der Seite der Chaussee die leichtere Reiterei.

Dieser Angriff nun war durch den kalten Mut der polnischen Infanterie, welche sich in Karrees formierte, und erst in der dichtesten Nähe des Feindes ein mörderisches Rottenfeuer eröffnete, er war durch die gewandte Tapferkeit [15] der Kickischen Ulanen zersprengt worden. Die besudelten, zersprengten, abgematteten Reste, welche nach dem Saume des Waldes zurückkamen, nötigten Diebitsch, den Tag aufzugeben und in die Wälder zurückzugehen.

Bei diesem blutigen Reitergefechte waren Joel und sein Nachbar gefallen.

Durch Chlopickis Fall war aber auch unter den Polen eine solche Ungewißheit entstanden, daß niemand recht wußte, wie die Schlacht stand. Wer eben am Kampfe war, kämpfte aufs beste, ein großer Teil des Trains zog aber bereits schon im Rückzuge über die Brücke von Praga, und der Generalissimus Radzivil selbst hielt unsicher mit seinem Pferde am Brückenköpfe.

So lagen die Sachen an jenem rauhen Spätabende, und weder Manasse, der jenseits aus der Waldung ge kommen war, noch Joel, der bald polnische, bald russische Partien vorübereilen gesehen hatte, wußte, wie das Schicksal des Tages entschieden worden sei. Im allgemeinen kamen indessen beide dahin überein, das Resultat für die Polen günstig anzusehen, da Manasse auf seiner Herfahrt durch den Wald nur mit Mühe den rückwärts marschierenden Russen ausgewichen war. Dies regte nun aber auch wieder die größte Bedenklichkeit auf, ob man sich auf den Weg nach der Heimat machen dürfe, da dieser eben durch jene Wälder führte, oder ob es geratener sei, nach Warschau zu fahren. Der Wagen kam eben an der großen Chaussee an, und man mußte sich entscheiden.

Manasse hatte viel gegen Warschau einzuwenden: es sei ein teurer Ort, man werde abgesperrt von allem Verkehr, das Haus in der Heimat bliebe allen Zufällen preisgegeben, an Pflege für den Verwundeten dürfe man auch nicht denken, da soviele Tausende darauf Anspruch machten. Im Hintergrunde lag ihm auch der lebhafte Wunsch, dem Sohne die Soldatenjacke wieder auszuziehen, worauf in Warschau durchaus nicht zu rechnen war. Zur Sicherheit kannte Manasse alle kleinen Wege durch die Wälder und meinte zuversichtlicher, [16] als sonst seine Art war, man würde gewiß glücklich durchkommen, wenn man sich weit genug rechts von der großen Straße halte nach dem Schlosse des gnädigen Herrn zu.

Anfänglich hatte sich Joel lebhaft widersetzt, der letzte Zusatz schien ihn aber anders zu stimmen. Der Alte mochte ihn nicht ohne Absicht beigebracht haben, Joel schwieg – Manasse fuhr quer über die Chaussee nach dem Walde zu.

4
4.

Die Finsternis zwischen den Bäumen war natürlich noch dichter und das Fahren sehr beschwerlich. Manasse zitterte und klapperte vor Frost in den nassen Kleidern, sprach aber kein Wort. Er mochte indes noch so oft absteigen, und rechts abführende Wege suchen, indem er mit den Händen herumtastete, immer hörte man von Zeit zu Zeit auf der linken Seite den verworrenen Lärm russischer Kriegsvölker. Nicht selten mußte er stillhalten, weil er bald eine marschierende, bald eine reitende Truppe vor sich hörte. Es blieb auch nicht aus, daß sich einzelne Nachzügler am Wege fanden, welche vor Wunden oder Erschöpfung nicht weiter konnten und den Wagen in Anspruch nahmen. Glücklicherweise war aber Manasse der russischen Sprache völlig mächtig, und er wies alle Zudringlichen mit dem barschen Bedeuten ab, er führe einen verwundeten russischen General.

Bei alle dem war die Lage äußerst gefährlich; wenn die Russen die polnischen Uniformen gut dem Wagen erkannten, so war das Äußerste zu befürchten. So nötig ihnen also auch das Tageslicht war zum Auffinden des Weges, so besorgt sahen sie doch das verdrießliche Grau des Morgens heraufdämmern.

Und das Unglück stand auch schon am Wege. Nicht weit von ihnen teilte sich die Straße; am Scheidepunkte hielt [17] ein russischer Offizier zu Pferde. Als er das Fuhrwerk erblickte, kam er ihm einige Schritte entgegen und forderte mit rauhen Worten die Abtretung des Wagens. Manasse brachte die gewöhnliche Entschuldigung vor. Der Offizier ließ sich aber nicht hindern, zog den Degen, gebot Halt und steckte den Kopf nach dem Wagen hinein. Glücklicherweise war jener Mantel, womit Joel auf dem Schlachtfelde seinen Nachbar zugedeckt hatte, von einem russischen Kürassier. Joel suchte deshalb in Eile sich selbst damit zu bedecken, und da er ebenfalls Russisch verstand, so rief der drohend, der Kamerad möge einen russischen General nicht aufhalten. Der Offizier an die unterwürfigste Subordination gegen Höhere gewöhnt, wollte sich eiligst zurückziehen, als Valerius – so hieß der Nachbar Joels – zum ersten Male die Besinnung wieder erhielt und sich ein wenig aufrichtete. Der plötzliche Stillstand des Wagens, das heftige Gespräch mochten dazu beigetragen haben. Durch diese Bewegung ward der Mantel zurückgeschlagen, und der Offizier sah noch mit dem letzten Blicke polnische Uniformen. Da erhob er ein lautes Fluchen, hieb mit dem Säbel nach Manasse und griff nach der Pistolenhalfter. Manasse war aber dem Hiebe glücklich ausgewichen, Joel schob sich, so schnell und so weit es seine Wunde gestattete, vorn nach der Öffnung des Wagens und drückte ein Pistol nach ihm ab. Der Schuß traf, der Reiter wankte, Manasse hieb in die Pferde, und der Wagen flog rechts in den Weg hinein.

Es war dasselbe Pistol, welches Manasse auf dem Schlachtfelde mitgenommen und unterwegs seinem Sohne gegeben hatte. Dies rettete sie für den Augenblick; der Schuß hatte aber ihre Lage doppelt bedenklich gemacht. Er mußte alles aufregen, was von Feinden in der Nähe war, und wirklich hörten die Flüchtigen bald mehrere Schüsse hinter sich fallen und Lärm von vielen Seiten. Manasse trieb die bereits erschöpften kleinen Pferde auf das äußerste an und [18] fuhr in jeden noch so schwach angedeuteten Weg hinein, welcher sich nach rechts hin öffnete.

Nach einer Viertelstunde hörte aller Weg auf, und sie waren mitten im unwirtlichen Forste. Die beschneiten Kiefern sahen sie trostlos an, der Schnee fiel dichter, sie waren ratlos. Manasse stieg wimmernd und betend ab, um einen Ausweg zu suchen. Valerius war unterdessen völlig zu sich gekommen, Joel sah jetzt hastig nach des Nachbars breiter Kopfwunde. Es war der tüchtige Hieb eines handfesten Kürassiers. So gut er konnte, verband er wenigstens die klaffende Stelle mit seinem Halstuche und setzte Valerius von dem in Kenntnis, was mit ihnen vorgegangen war.

»Und warum fahren wir zu den Feinden statt nach Warschau?« fragte dieser verwundert.

»Still, still!« erwiderte Joel, »wo ich Sie unterbringen werde, gibt's keine Feinde, es ist eine überaus patriotische Familie, Sie werden mit Bequemlichkeit geheilt, die alte Gräfin –«

Ein durchdringender Schrei Manasses unterbrach ihn. Sie fuhren hastig an die Öffnung des Wagens, Manasse kam an den Wagen gestürzt, die Pferde gerieten in Bewegung, ein Wolf sprang durch die Bäume, graurot, mager, den Kopf mit den tödlichen düsteren Augen nach dem Fuhrwerke gerichtet. Valerius und Joel schrien ebenfalls jach auf, die Pferde jagten mit dem Wagen in die Bäume hinein, die Achsen und Rippen des Fuhrwerks krachten, mit Mühe erhaschte Joel die Zügel und sprang, seine Wunde vergessend, aus dem Wagen. Ebenso tat Valerius, dessen Füße ihn nicht hinderten, rückwärts nach dem verlassenen Schauplatze zu laufen. Joel konnte nicht wieder von der Erde in die Höhe und schrie auf das kläglichste: »Manasse, Vater Manasse!«

Der Alte war bei dem plötzlichen Anrücken des Wagens auf die Seite geworfen worden und zurückgeblieben. Alles das lag im Zeitraume von wenig Augenblicken.

[19] Valerius fand noch vom Schlachtfelde den Säbel an seiner Seite, und obwohl ihm Schmerz und Betäubnis durch die Wunde bei der plötzlichen Bewegung alle Gegenstände in eine Art von Nebel hüllte, so tappte er doch mit gezogener Klinge vorwärts.

Manasse kauerte an einem Baume, zitterte und bebte, und wies mit den Händen nach der Seite: »Er ist vorüber, ist vorüber.«

Kaum vermochte es der schwache Valerius, den in diesem Augenblicke noch schwächeren Alten aufzurichten. Diesem hatte die Todesangst alle Sehnen zerschnitten. Straff und geschmeidig war er bis hierher durch soviel Gefahren gegangen, und vor dem wilden Tiere brach er zusammen. Er gestand es später, daß ihm ein ganzer Trupp Feinde nicht so fürchterlich seien als ein gefährliches Tier. »Es sind doch Menschen,« sagte er mit schwacher Stimme, als er bis zum Wagen gekommen war und sich ein wenig erholt hatte, »es sind Menschen, für tausend Dinge zugänglich, mit Organen wie ich, mit Schwächen wie ich. Sie können auf mich schießen, und meine Furcht ist nicht so groß, sie können vorbeischießen – aber die Bestie hat keine Schwäche mit mir gemein, ihre Zähne treffen immer – ach Joel!«

Trotz seiner Schwäche sah er, daß der Sohn hilflos an der Erde lag, und mit zitternden Händen griff er nach ihm. »Joel, warum tust du dir solchen Schaden! Das wilde Tier sprang vorbei, weil wir alle geschrien haben, wozu steigst du mit dem kranken Beine vom Wagen! – –«

Joel verbarg seinen Schmerz und ließ sich von Valerius und dem Alten wieder hinaufheben. Darauf untersuchte Manasse voll Angst und Sorge, ob und wie der Wagen zerbrochen wäre, sah sich indessen immer noch vorsichtig um, ob noch eine Bestie in der Nähe sei.

Der Wagen war zwar beschädigt, aber nicht so arg, daß die Weiterfahrt nicht hätte gewagt werden können. Er war [20] durch den plötzlichen Ruck der Pferde auf einen schmalen freien Platz gebracht worden, und es öffnete sich wieder ein enger Weg rechts in den Wald hinein. So fuhren sie denn in Gottes Namen weiter. Manasse war noch totenbleich, und die großen schwarzen Augen lagen erloschen tief in den Höhlen, die langen erstarrten Finger hielten unsicher die Lenkstricke der Pferde.

So ging's einige Stunden fort. Es zeigte sich kein Wechsel: immer dieselben unwirtlichen Kiefern, derselbe halb verschneite Weg. Valerius sagte, ob man nicht den Pferden etwas Heu vorlegen wolle. Manasse schüttelte schweigend den Kopf. Man könne indessen ein Feuer anmachen, um sich ein wenig zu wärmen. Manasse selbst vor Frost klappernd, schüttelte schweigend den Kopf. – Der Alte war zwar von Wilna bis Lemberg und von Brody bis Kalisch mit allen Wegen und Stegen des alten Königreichs bekannt, aber wer einmal auf Irrwege gerät in diesen polnischen Wäldern, namentlich wenn der Schnee die Gegenden alle gleich macht, der braucht auch bei genauer Kenntnis des Landes oft Tag und Nacht, eh' er sich wieder zurecht findet. Manasse sah immer aufmerksam vor sich hin und trieb die müden Pferde ununterbrochen an. Joel klagte über Hunger: der Alte zog ein Stück Brot aus der Tasche und reichte es seinem Sohne, ohne selbst einen Bissen zu begehren. Wohl aber wandte er sich verdrießlich um, als Joel einen Teil davon an seinen Nachbar gab.

Es mochte gegen Mittag sein, als er still hielt und den Pferden etwas von dem Heu vorwarf, was auf dem Wagen lag. Er zupfte es von der Seite heraus, auf welcher Valerius saß, und beobachtete übrigens noch immer dasselbe Schweigen. Vorsichtig griff er nun an seines Sohnes Bein und sah fragend mit schmerzlichem Gesichte zu ihm in die Höhe. Auf Joels zufriedenes Kopfnicken ging er hinweg und stellte sich an die Seite des Wagens. Das Schneien hörte [21] auf, und es fuhr solch ein hellgrauer Dämmer über den Himmel, wie er in jenen Gegenden zuweilen daran erinnert, es sei noch eine Sonne hinter den Wolken. Alles rings war still.

»Ich höre Tritte – wahrhaftig, ich höre Tritte,« sagte Manasse murmelnd vor sich hin. Joel und Valerius indessen entdeckten nichts. Wirklich aber trat nach einer Weile ein Mann aus den Kiefern und kam in den Weg unserer Reisenden. Er nahm keine Notiz von ihnen und wäre wahrscheinlich ohne zu grüßen vorübergeschritten, wenn ihn nicht Manasse angeredet hätte. Der polnische Bauer, und einem solchen sah er gleich in dem kurzen Schafpelze, der die Knie kaum bedeckte, ist auf der Landstraße nickt gesellig, am wenigsten spricht er einen Juden an. Das unterläßt er nicht sowohl aus Haß oder Abneigung, sondern aus gewöhnlicher Gleichgültigkeit. Der Reisende hat kein Interesse für ihn, und die deutsche Redseligkeit, die sich freut, wenn sie nur Gelegenheit findet, etwas zu reden, die kennt er nicht. Er geht tagelang durch Wald und Feld, ohne ein Wort zu sprechen. Er unterscheidet sich von der höheren Klasse in sehr vielen Dingen, welche nicht bloß Reichtum und äußere Verhältnisse betreffen. Das Melancholische des slawischen Volkscharakters ist noch vielfach am Bauer zu erkennen. Mag er auch heftig, schnell, verschlagen erscheinen, der trübe Slawe ist doch der Grund seines Wesens, und Schweigsamkeit bringt er aus seiner Hütte mit. Das chevalereske lebendige Wesen der Polen, das uns als polnisches bekannt wird, ist, wie gesagt, mehr dem Vornehmen eigen, und widerspricht auch dem eben Gesagten nicht – der lebhafteste Pole ist nicht so geschwätzig wie der Franzose und Deutsche.

Manasse erkundigte sich in schneller Frage nach Weg und Richtung, und ob kein Dorf in der Nähe sei. Der Bauer antwortete »Ja!« und schritt weiter. Manasse zäumte die Pferde wieder und fuhr hinter ihm her. Bald hatte er ihn eingeholt und begann seine Fragen von neuem: ob Russen [22] in dieser Gegend seien? Der Bauer schüttelte den Kopf – ob da drüben, von wo er herkäme, schon welche wären?

»Ja.«

Nun peitschte der Alte die Pferde, und in kurzem sah er auch die Hütten eines Heidedörfchens vor sich. Gleich aus dem ersten Hause guckte ein alter Judenkopf nach den Ankömmlingen. Manasse hielt still, denn das war ihm ein Zeichen, daß er vor dem Wirtshause sei. Die meisten der polnischen Schenken sind im Besitz von Israeliten.

Die Verwundeten wurden ins Haus gebracht. Das Zimmer begann sogleich an der Haustür, der Fußboden war ohne Dielen, ein großer Ofen stand in einer Ecke des weiten Raumes, und Feuer und Rauch drangen aus seinen vielen Ritzen. Dort legte Manasse seinen Sohn nieder, versorgte die Pferde, verschaffte sich warmes Wasser, zog ein chirurgisches Besteck unter dem seidenen Rocke hervor und kniete nun hin vor seinen Sohn, um die Wunde zu untersuchen. Aus den festen und sicheren Handgriffen konnte man schnell ersehen, daß er in dieser Beschäftigung vollkommen erfahren war. Als er die Wunde abgewaschen hatte, stöhnte er vor Schmerz, als säße die Kugel, welche er entdeckte, in seinem Fleische.

Unterdes trat auch der Bauer ein, forderte ein Glas Schnaps und sah der Operation zu. Aufmerksam betrachtete er die Uniformen der Reisenden; sie waren das erste, was seinen Indifferentismus zu stören schien.

Zur Stärkung für die Verschmachtenden war nichts zu finden, als ein Glas Schnaps, ein Stück Brot und ein Töpfchen alter Kartoffeln, das Manasse ans Feuer setzte.

5
5.

Die Operation war glücklich vollendet. Joel lag am Ofen und. war vom Schmerz erschöpft eingeschlafen. Manasse saß neben ihm an der Erde und bewachte aufmerksam seinen [23] Schlummer. Er hatte noch immer keine Nahrung genossen und verlangte noch immer keine. Seine Augen ruhten nur auf den Zügen seines Sohnes. Es ward allmählich dunkel in dem Raume, und der schwarze, magere Alte mit der Habichtsnase, dem schwarzen Käppchen auf dem Haupte, glich in seiner zusammengekrümmten Stellung einem alten Raubvogel, welcher sein Junges hütet. Das unsicher flimmernde Licht aus den Ofenritzen erhöhte das Phantastische des Anblicks.

Der Hauswirt, welcher öfter als nötig war an der Gruppe vorüberging, fragte endlich leise Valerius, ob der Schlafende ein Verwandter Manasses sei. Bei der Antwort schwieg er. Nach einer Weile trat er an den Alten hin und sagte leise: »Ist des Rabbi Manasse Fleisch ein Krieger unter den Nazarenern?«

»Sprich nichts Unnützes!« erwiderte hastig ebenso leise der Alte, »bis dazu kommt die gelegene Zeit.«

Der polnische Bauer hatte sich unterdessen an Valerius gemacht und ihm mitgeteilt, er wolle Soldat werden, ob ihm dieser nicht sagen könne, wo er polnische Truppen fände. Valerius erkundigte sich nach seinen näheren Umständen, und der Bauer gab ihm in wenig Worten Auskunft. Er heiße Thaddäus Magiak und sei drüben aus Wawre, wo die Russen stünden. Eigentlich habe er nicht viel Lust zum Kriege gehabt, als er aber die Russen gesehen habe, da sei ihm den Groll gekommen, und er sei zur Hintertür hinausgesprungen, um die Soldaten seiner Landsleute zu suchen. »Was soll ich auch daheim,« setzte er hinzu, »Arbeit gibt es während des Krieges nicht, der Herr ist fort, den Feinden mag ich keinen Handgriff tun, und die Russen hassen wir alle. Es sind mir viel Kameraden begegnet hier herüber, die auch davongegangen sind; allein kommt aber jeder am besten durch – die Weichsel ist breit, und unsere Lanzen sind lang. Als die Moskowiter gestern zurückkamen, haben wir's wieder erfahren, – helft mir zu einer Lanze, Herr.«

[24] In diesem Augenblick stürzte der jüdische Wirt mit dem Geschrei in die Stube: »Die Russen! die Russen! Ich höre ihr Geschrei im Walde.« Im Nu hatte Manasse seinen Sohn auf den Armen und stürzte hinaus zum Wagen. Thaddäus war auch wie ein Blitz bei der Hand und zäumte den einen Gaul, der Alte schrie: »Genug, genug,« sprang auf den Wagen und wollte fort, eh' Valerius noch eingestiegen war. Der flinke Bauer riß ihm aber die Zügel aus der Hand, stieß ihn rücklings in den Wagen sprang selbst hinauf, hob Valerius zu sich, entriß dem Alten die Peitsche und jagte in den Wald hinein.

Hier hielt er still, zäumte rasch auch das andere Pferd, gab Valerius die Zügel, horchte einen Augenblick und sagte dann: »Der Jude hat nicht gelogen, das ist Kosakengeschrei. – Wohin willst du?« fragte er den Alten kurz.

Manasse nannte den Namen eines Städtchens, wo er zu Hause sei.

»Wenn die Kosaken hier sind,« erwiderte Thaddäus, »so sind sie auch längst in Eurem Orte.«

Manasse seufzte tief. Joel, der aufgewacht war, nannte das Schloß eines Grafen.

»Ich weiß,« rief Thaddäus, und fort ging's im Galopp. Es war finster geworden, der neue Kutscher schien aber des Weges vollkommen sicher zu sein; Valerius kroch aus Frost mit in den Wagen und sank in Schlaf.

Als er wachte, war es schon heller Tag, und das Fuhrwerk stand still. Manasse und Joel waren schon abgestiegen, die Pferde waren ausgespannt und Thaddäus wartete seiner, am Kutschersitze stehend. Die vernachlässigte Wunde hatte sich gerächt und machte ihm große Schmerzen, ja, als er sich aufrichten wollte, verlor er das Bewußtsein.

Da er wieder zu sich kam, fand er sich auf einem harten Bett in einem großen Gemache; die Sonne schien hell durch schmutzige Fenster, von Möbel fiel ein glänzender Sekretär [25] von Mahagoniholz in die Augen, daneben stand aber ein fichtener Schemel, und ein grober, gewöhnlicher Tisch war an das Bett geschoben. Die Decke, welche auf ihm lag, war von dunkelroter Seide und auf das sauberste gearbeitet. Man sah an allen Winkeln des Zimmers, daß es lange nicht bewohnt worden sei.

Thaddäus stand neben dem Tische und sah mit fröhlichen Augen auf den sich bewegenden und ermunternden Kranken. Valerius blickte ihn lange an, der frische Polack mit dem roten, frischen Luftgesicht war ihm eine tüchtige Verheißung der Gesundheit. Thaddäus war auch wirklich ein Repräsentant jenes schlanken und doch fleischig und saftigen polnischen Nationalkörpers, an dessen Bewegungen man überall Kraft und Geschmeidigkeit erblickt. Er mochte sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein, das lichtbraune Haar hing ihm glatt geschnitten um den Kopf, die blaugrauen Augen sahen verschlagen unter langen Wimpern hervor, ein weicher Bart, der nie geschoren sein mochte, lag auf Lippen und Kinn, und der nackte Hals sah wetterhart aus dem schmutzigen Pelze. Er sprach nicht eher, als bis Valerius ihn fragte. Dann unterrichtete er ihn, soweit er es vermochte. Sie seien auf dem Schlosse eines reichen Grafen, welchem die ganze Umgegend zugehöre. Als man gehört, daß Valerius ein Freiwilliger aus Deutschland und bei Grochow verwundet sei, habe man ihn auf das bereitwilligste empfangen. Manasse habe ihn verbunden und sei alsdann nach seinem Städtchen gewandert, um seine Habseligkeiten zu schützen. Joel sei noch da, und könne schon am Stock umhergehen; das ganze Haus lebe übrigens in großer Fröhlichkeit, weil nach allen Nachrichten und den Bewegungen der Russen kein Zweifel obwalte, daß die Schlacht bei Grochow von den Polen gewonnen worden. Er selbst – Thaddäus – sei zu Valerius' Pflege dageblieben, weil die meisten männlichen Domestiken Soldaten geworden, und weil die Wunde des Herrn aus Deutschland [26] nach Manasses Versicherung ihm bald gestatten würde, den Thaddäus mit nach Warschau zu nehmen.

Valerius konnte bald das Bett verlassen, der Graf ließ sich entschuldigen, daß er dem Gast nicht aufwarte – das Podagra fessele ihn an sein Zimmer. Er eilte ans Fenster, um sich zu orientieren. Das Schloß schien ein großes Gebäude zu sein, es war aber offenbar schlecht erhalten, der Putz war an vielen Stellen abgefallen, die Stufen, welche zum Portal führten, waren schadhaft oder fehlten ganz, die Rinnen hingen zerstört von der Traufe, auch das Dach mußte schadhaft sein, denn im Zimmer des Valerius, das sich im zweiten Stock befand, war ein Teil der Decke so mit Feuchtigkeit angefüllt, daß er jeden Augenblick herunterzustürzen drohte. Die Aussicht vom Fenster führte auf den nahen Wald. Wirtschaftsgebäude und Scheuern lagen zerstreut umher und gewährten einen unerfreulichen Anblick. Sie waren nachlässig aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt. Hie und da bemerkte man große Lücken in Dach und Mauern. Die dünne Schneelage, welche alles bedeckte, schmolz eben unter der hervortretenden Sonne, und das Ganze bekam ein schwarzes, unwirtliches Ansehen.

Valerius stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster, und ein tiefer Seufzer drang aus seinem Herzen. Er war aus Deutschland gekommen, um diesem tapferen Volke zur Erkämpfung der Freiheit seinen Arm zu leihen. Mut und Patriotismus ohnegleichen hatte er allerdings gefunden, sonst aber alles in traurigem Zustande. Hohe gesellige Kultur neben aller Vernachlässigung des häuslichen Lebensmaterials, Ehrgeiz ohne Maß und ohne Berücksichtigung der Allgemeinheit, keine Spur von deutscher Häbigkeit und Wohlfahrt. »Es ist ein ander Volk, ein ander Land,« sprach er oft zu sich, »du mußt dich einleben, es nicht nach andern Formen bemessen.« Aber froh wurde er doch nicht.

Wir glauben es nicht, wieviel äußere Freiheit wir entbehren [27] können für den zierlichen und behaglichen Herd, für die anregende und befriedigende Gesellschaft. So daß die gesellige Kultur oft mächtiger er scheint als der Drang nach Freiheit. Dies macht es auch allein erklärlich, wie ganze Völker ohne Klage in den erniedrigendsten Regierungsformen fortleben, ja sich befriedigt fühlen können.

Die Behaglichkeit eines heimlichen, hergebrachten Zustandes ist die größte Macht des Bestehenden, da immer nur der kleinste Teil des Volkes von Ideen angeregt wird und aus dem warmen Bett in die kalte Luft hinausspringt.

Joel kam herbeigehinkt und unterrichtete den Kranken über Personen, Eigentümlichkeit und Zusammenhang des Hauses.

6
6.

Einige Tage darauf war Valerius so weit hergestellt, um der Familie des Hauses seine Aufwartung machen zu können. Er fand den Grafen in einem weiten, leeren Saale. Dort saß er auf einem Räderstuhle, große Jagdhunde lagen daneben, die Füße waren in weite Pelzstiefeln gehüllt, ein reicher Zobelpelz schützte ihn gegen die ziemlich unbehagliche Temperatur des öden Raums.

Der Graf empfing ihn mit der Höflichkeit eines gewandten Weltmannes, Valerius mußte sich einen der schlechten Stühle nehmen, welche in geringer Anzahl und unordentlich im Saale herumstanden, und das Gespräch war sogleich mitten im Kriege.

Der Graf hatte eines jener verwüsteten Gesichter, die auch mitten in der Verwüstung noch Spuren von großem Reiz entwickeln. Die Formen sind ursprünglich scharf und schön gewesen, das Leben hat sie hie und da abgestumpft, die Mienen sind durch tausend Affekte ein wenig verzerrt worden. Die Mienen sind aber die Sprache der Formen, und so machte der Anblick des Grafen keinen wohltuenden [28] Eindruck. Das graue Haar lockte sich nur spärlich noch um die Schläfe, das Haupt war schon kahl; auf der hohen Stirne liefen allerlei Leidenschaften wild durcheinander, und die Augen lauerten dreist, oder kamen frech angesprungen. Um den Mund, welchen ein schwarzer Knebelbart zur Hälfte verbarg, flogen jene schnell wechselnden, ungewöhnlichen Falten und Eindrücke, die wie ein unbekanntes Alphabet aussahen, dessen Buchstaben man nicht zusammenreimen kann.

Das war der Mann, welcher vor Valerius saß, heftig schilderte, verbindlich dazwischen sprach, einen der Hunde über den Kopf schlug, die Peitsche nach dem alten Diener warf, der den Tisch zu decken kam, und mit dem Fuße an einen der Hunde stieß, schnell wieder verbindlich gegen den Fremden lächelte, und mit vielerlei Redensarten das Gespräch fortzuspinnen wußte.

Aber in dem einen Punkte war er wie die Besten: alles ward hingegeben für Polen, alles aufs Spiel gesetzt – der Graf brauchte nur seltener das Wort »Vaterland«, er sprach vom Königreich Polen.

Selbst diese Eigenschaft hatte für Valerius etwas Unheimliches. Dies Gefühl ward noch gesteigert durch die Mutter des Grafen, welche bald darauf eintrat. Es war eine Matrone von achtzig Jahren, aber sie trug ihre hohe Figur noch kerzengerade, und ihr starres, mageres Gesicht war noch voll angefangener Erzählungen von früherer außerordentlicher Schönheit. Sie machte den Eindruck eines Gespenstes auf Valerius, denn sie war schwarz gekleidet vom Scheitel bis zur Zehe, und ihre Manieren waren steif und förmlich, wie man sie an alten spanischen und französischen Hofdamen beschreibt. Eine kurze Rede, welche sie an ihn richtete, und worin sie im Namen der Nation dankte, daß er aus fremdem Lande zum polnischen Kriege gekommen sei, machte einen peinlichen Eindruck auf den Deutschen. Die Worte kamen wie aus dem Grabe und waren kühl wie die [29] Luft der Grüfte. Und doch war diese Frau eigentlich das Ehrwürdigste, was man sehen konnte. Als achtzehnjähriges Mädchen hatte sie die erste Teilung erlebt und jene erste Wut des Adels gesehen, die noch nicht wußte, wie sie sich gestalten sollte über die grinsende Neuheit der Dinge. Sie war am Hofe des gelehrten Stanislaus, des letzten Königs gewesen, sie hatte Kosciusko durch ihre Schönheit und ihre Rede begeistert, ihr Gatte war mit ihm bei Maciejovice gefallen, fünf ihrer Söhne waren in den Napoleonischen Kriegen untergegangen, im Jahre zwölf hatte sie zu Napoleon gesprochen vom Königreiche Polen, vor wenig Tagen war ihr letzter Enkel bei Grochow in der Schlacht gewesen, und sie wußt' es noch nicht, ob er noch lebte, und fragte auch nicht danach. Seit Kosciuskos Falle hatte niemand sie mehr lächeln sehen, und sie trug nun sechsunddreißig Jahre die schwarzen Kleider.

»Wenn man von Wilna bis an die Karpathen kein russisch Wort mehr hören wird,« pflegte sie zu sagen, »dann sollt ihr mich mit einem weißen Kleide in den Sarg legen, und ich will im Tode wieder lächeln. Ich will auch nicht eher sterben, als bis dies geschieht, oder bis man noch einmal schreibt: Es gibt kein Polen mehr. Und ließe Gott, unser Gott, das letztere geschehen, dann sollt ihr meinen Leichnam auf das freie Feld werfen für die Vögel des Himmels, damit die Kunde von unserem Unglück durch alle Lüfte getragen werde, und Gott sie hören muß.«

Es ist ein tiefes Geheimnis um die Heimat, und es ist ein wahres Wort: Was uns wohl tun soll, muß uns heimatlich werden. Valerius staunte die lange Grabesfrau an, er sah in das untraulich lächelnde Gesicht des Grafen, aber es war ihm kalt im Herzen. Er fühlte es mit tiefem Weh, daß ihn nur ein Begriff mit diesen Leuten vereine, kein Tropfen warmen Blutes; daß die Nationalitäten, die ihm stets unwichtig erschienen waren, von gewaltiger Bedeutung und Trennung seien.

[30] Nur die Tochter des Hauses, die schöne Hedwig, erinnerte ihn an das frische polnische Element, an die ewige, tragische Jugend dieses Volkes, die nimmer klagt und wimmert, und unter Tränen lacht. Sie und der liebenswürdige Joel hielten seinen Mut aufrecht in dieser unnahbaren Fremde. Die Liebenswürdigkeit ist überall daheim.

7
7.

Die beiden Jugendgestalten waren es allein, die seinen Geist ein wenig aufheiterten. War es Folge der Krankheit, oder rührte es von andern Einflüssen her: Valerius befand sich fortwährend in einer Stimmung, die ihm das Leben ohne alle Farben, ohne alle Reize darstellte. Er war durchgehends unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden, daß er sich früher jedem Anregen zur Begeisterung hingegeben hatte, unzufrieden, daß ihm jetzt alles grau, unerquicklich, uninteressant erschien.

Es war ein rauher Abend, als ihm diese Gedanken quälender als je auf Herz und Lippe traten. Er saß in dem großen Saale, wo die Familie zu Abend gegessen hatte. Die alte Gräfin und der Graf waren nach ihren Zimmern gebracht, Cölestin, der betagte Diener, räumte den Tisch ab und brachte die leeren Flaschen beiseit. Das war ein Geschäft, das der regierende Herr Graf alle Tage einigemal nötig machte. Der weite wüste Saal lag in unheimlicher Dämmerung, ein Licht, das für Valerius bestimmt war, brannte flackernd an einem Fenster, und der Luftzug, der durch die schlecht verwahrten Rahmen drang, drohte es zu verlöschen. Der alte Domestik ging leisen Schrittes schweigend ab und zu; in dem fernsten Winkel des Saales stand Valerius und blickte in die unfreundliche Nacht hinaus. Hie und da sah er eine Schneeflocke vorübergleiten.

Er war in einer traurigen Stimmung, wie sie im [31] jungen Mannesalter bei einem prüfenden, strebenden Geiste leider nicht so selten erscheint, als man zu glauben geneigt ist. Sein Charakter war nicht von jenem leidenschaftlichen Schwunge gehoben, der ohne weiteres auf den Dingen und Erscheinungen hinfliegt, welche sich ihm bieten. Obwohl der begeisterndsten Gefühle fähig, war doch ein gewisses, rationelles Wesen in seinem Innern mächtig. Er hatte selten rasch und leidenschaftlich eine Richtung eingeschlagen; blieb er nun zwar im Verfolgen derselben um so standhafter und hartnäckiger, je tiefer allmählich seine Überzeugung Wurzel geschlagen hatte, so fehlte ihm doch in kritischen Momenten jener schwärmerische Fanatismus, der alle Zweifel überflügelt und mit bunten Farben die blasse Wirklichkeit übertüncht. Jenes begeisternde Element Alexanders des Großen ging ihm ab, das dieser von seiner exaltierten Mutter Olympia geerbt hatten.

Man erzählt von dieser, daß sie die wildeste unter den Frauen gewesen sei, welche mit aufgelöstem Haar und brennenden Fackeln und Augen in dunkler Nacht zum Opfer der Götter schritten. In der Nacht, bevor sie Alexander empfing, hatte sie geträumt, Jupiters Blitze schlüge in ihren Schoß.

Dieser Blitz des Jupiter, der die zweifellosen Helden und Verbrecher schafft, der Blitz des Fanatismus, fehlte dem Valerius. Sein Wesen war fern von der schwanken Unentschlossenheit, von dem charakterlosen Umhertappen. Es war eben im Gegenteil zuviel Charakter in ihm, als daß er hätte gerade fortschreiten können, ohne wiederholt zu prüfen; es war zuviel Humanität in ihm, als daß eine entschiedene, unerschütterliche Feindschaft in seinem Herzen hätte entstehen können. Die Humanität verträgt sich nicht mit dem romantischen Heldentume.

Valerius hatte sich Polen anders gedacht, und er schalt sich, daß er sich wie ein Kind romantischen Vorstellungen hingegeben hatte. »Ist es nicht töricht, andere Zustände von einem Lande verlangen zu wollen, dessen Entwicklung so [32] gewaltsam gestört worden ist! Bedarf's denn äußerer bunter Illusionen, um die Begeisterung für einen schönen Begriff lebendig zu erhalten? – – Leider ist es so; unsere Augen sind die schnellsten Boten, wir tun immer nur halb so viel für ein garstiges Mädchen, als für ein schönes, wenn wir auch glauben, es mit jener so gut zu meinen, als mit dieser.«

So sprach er leise vor sich hin. Er kam nicht einmal zu dem Geständnisse, daß das Unbehagliche um ihn her, der wüste Saal, das Unordentliche des Hauses das meiste beitrügen zu seinem Übelbefinden. Er vergaß es völlig, daß er die Ansprüche eines Deutschen an eine fremde Nation mache, daß es jene Gemütlichkeit, jenes Beisammensitzen, jenes Schwätzen sei, was er vermisse. Über die Nationalunterschiede glaubte er so weit hinweg zu sein, und wußte nicht, daß sie bis in die geheimsten Winkel unseres Wesens eingepreßt sind, und am lautesten sprechen, wenn man wer weiß welch hohe Motive zu hören glaubt. Wir erfreuen uns anders, wir erholen uns anders, wir hassen und lieben anders – das wirkliche Nationalleben Italiens und Spaniens würde uns lange Zeit ebenso unbequem erscheinen; und vorzüglich zu Zeiten allgemeiner Erregtheit, wo das angewöhnte Wesen ohne Hülle hervortritt. Die Völker sind in gegenseitiger Beurteilung noch lange nicht vorsichtig genug.

Valerius gestand sich's, daß er in einem wohnlichen Zimmer, im breiten Gespräch mit deutschen Freunden Welt und Dinge plötzlich anders ansehen würde.

Cölestin war unterdes schon lange mit seinen Geschäften zu Ende gekommen, hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt, und schien den Aufbruch des Gastes vom Hause erwarten zu wollen. Zur deutschen Nationalität des Valerius mochte es auch gehören, daß er keinen Diener warten lassen, hinter dem Stuhle bei Tisch sehen konnte; es quälte ihn, es benahm ihm alle Ruhe, wenn er wußte, daß ein Mensch eine Zeitlang lediglich von ihm und seinen Launen bestimmt[33] werde. Rasch ging er nach dem alten Cölestin hin. Zu seinem Erstaunen sah Valerius in einer andern Ecke des Saales Joel auf einem Stuhle sitzen; er hatte das Gesicht in die Hand gedrückt und schien zu schlafen. Valerius zog ihm die Hand weg und fand das blasse Gesicht seines jungen Freundes in Tränen gebadet.

Wenn man solche Tränen nicht errät, muß man nicht danach fragen. Das war Valers erster Gedanke, indes glaubte er ihre Quelle zum Teil zu kennen, und er wollte den jungen Mann zu trösten versuchen. Gleich als ob er selbst dazu einer behaglicheren Stimmung bedurft hätte, fragte er Cölestin, ob es möglich sei, in dem Kamin Feuer anzumachen. Dem Alten schien die Frage so völlig überraschend zu sein, daß er sich lange besinnen mußte, ehe ein gedehntes »O ja!« zum Vorschein kam.

Es befand sich nämlich wirklich ein geschmackvoller Kamin im Saale. Er war nach Art der Pariser eingerichtet und wie jene mit einer messingnen Einfassung umgeben. Alles war indessen mit Staub bedeckt, und Cölestin antwortete, daß seit fünfzehn Jahren kein Feuer darin gewesen sei. Damals wäre der regierende Herr Graf von Paris gekommen und habe den Kamin anlegen lassen; die selige, gnädige Gräfin wäre ein paarmal dagesessen, wenn sich Besuch auf dem Schlosse eingefunden hätte; die neue Gewohnheit sei aber bald wieder vergessen worden.

Magyac ward gerufen, um den Kamin zu reinigen, Valerius nahm Joel unter den Arm und ging schweigend mit ihm auf und ab. In kurzem brannte eine lustige Flamme und erleuchtete den wüsten Saal, ja das Licht lief bis in den nahen Wald hinüber. Die jungen Männer setzten sich an den Kamin. Cölestin und Magyac hatten sich in einen Winkel zurückgezogen und sahen mit einer Art von Neugierde auf das Feuer. Magyacs luftrotes Gesicht stach wunderlich ab von dem schneeweißen Haare des alten Domestiken. Cölestin [34] war groß, das Alter hatte seine Schultern schon etwas nach vorn gebogen, aber sein Schnurrbart war noch pechschwarz, und die eingefallenen Züge traten noch mit großer Strenge hervor. Er hatte ein Auge verlogen und das andere war immer zur Hälfte bedeckt vom Augenlide, so daß man selten das frische Schwarz des Augapfels erblickte. Die ferne Flamme spielte wunderliche Lichter auf die beiden Sarmatengestalten, und Valerius, ein lebhafter Freund von solchen Bildern, machte eben seinen Nachbar auf die ganze lichte und dunkle Umgebung aufmerksam, als die Szene noch lebendiger wurde durch den Eintritt Hedwigs. Sie klatschte in die Hände und kam zum Kamin gesprungen; ihre französische Zofe rief entzückt, sie sehe Paris wieder; sogar Joel wurde munter, und man schwatzte ein Weilchen heiter und lustig. Das frische sechzehnjährige Mädchen glänzte wie ein zweites Feuer vor den Flammen mit ihren blitzenden, mutwilligen Augen, den weißen Schultern und den braunen Flechten, die ihr halb aufgelöst um den Nacken flogen. Es schien, als habe sie eben zu Bett gehen wollen, da sie die unerwartete Gesellschaft im Saal gefunden hatte. Das Halstuch trug sie in der Hand, und den Kamm, welcher schon aus dem Mittelpunkt der Flechten gezogen war, steckte sie scherzend in den Scheitel des offenen Haares. An sich harmlos, von Jugend auf unter Männern, war sie dreist und am fernsten von aller Prüderie. Ihre Großmutter war ja auch ein Mann und kümmerte sich nur um die Befreiung des Vaterlandes, nicht aber um das Busentuch ihrer Enkelin, die jetzt über Nacht zur Jungfrau emporgewachsen war. Ihre Mutter hatte sie kaum gekannt. So war sie denn wie ein lustiges, freies Füllen gediehen, war natürlich dreist und doch voll echten Schamgefühls. Als sie ihre Freude am Feuer gesättigt hatte, sagte sie »Bonne nuit, Messieurs«, und sprang davon. Es trat eine augenblickliche Stille ein, Valerius warf neues Holz aufs Feuer, Joel sah gedankenvoll in die Flammen [35] hinein, als wollte er sein Leben bis in die fernste Zukunft darin entdecken. Da hörte man plötzlich außerhalb des Hauses einen gellenden Pfiff durch die Luft schwirren. Joel schrak sichtbar zusammen, Valerius wendete sich schnell um und fragte die noch im Winkel stehenden Bedienten, was dies zu bedeuten habe. Sie erklärten mit halben Worten ihre Unwissenheit; es war aber dem Valerius nicht entgangen, daß Cölestin seine Hand nach dem Rockzipfel Magyacs ausgestreckt hatte, wahrscheinlich, um diesen vor einer Unvorsichtigkeit zu warnen. Magyac war offenbar am meisten beunruhigt, und da er noch weniger an die unterwürfige Domestikenform Cölestins gewöhnt war, dessen Körper wie eine Bildsäule unbeweglich stand, während die Befehle seiner Herrschaft ruhten, so wagte er's, sich ans Fenster zu schleichen und hinauszublicken. Er ging sogar auf die entgegengesetzte Seite des Gemachs zu einer halb zerschlagenen Glastür, die auf einen verfallenen Balkon führte. Dabei schlich er aber auf den Zehen, als sollte Valerius, den er wie seinen Herrn betrachtete, die Dreistigkeit seines Herumstreichens im Saale nicht bemerken.

Verdrießlich über das Verleugnen einer Erscheinung, die seinen Umgebungen weniger unbekannt zu sein schien, hieß er die beiden Leute zu Bett gehen.

Cölestin war wie ein Blitz verschwunden, und Magyac verbarg seine Eile wenig. Die freundliche Behandlung, welche er bisher von Valerius erfahren hatte, war nicht ohne tiefen Eindruck auf den jungen Polen geblieben. Er war an rauhere Hände gewöhnt, und bewies dem deutschen Herrn eine lebhafte Hingebung. Valerius hatte oft große Mühe, sich den Versuchen Magyacs zu entziehen, wenn er ihm den Arm oder den Rockzipfel küssen wollte. An jenem Abende machte ihm diese orientalische Manier Magyacs keine Sorge. Wie ein Fuchs klemmte er sich mit seinem Pelze durch die halboffene Saaltür und verschwand.

[36] »Gegen die besten Freunde ist diese Nation mißtrauisch und stolz,« brummte Valerius mürrisch vor sich hin, und setzte sich wieder ans Feuer; er sah Joel fast unmerklich mit dem Kopfe nicken, tonlos die Lippen bewegen und in die Flamme starren. Es war totenstill; nach einer Weile glaubte Valerius gegen den Wald zu wiederum jenes Pfeifen zu vernehmen, wenn auch ganz leise – er horchte aufmerksam: alles blieb still, nur die Saaltür knarrte im Luftzuge.

8
8.

Die beiden jungen Männer brachten noch eine lange Zeit schweigend zu. Jeder war offenbar in trübe, düstere Gedanken versunken. Joels Traurigkeit schien indes weicher und von höherer Reizbarkeit zu sein: zuweilen rollten dicke Tränen über seine Wangen.

»Der Freiheitskrieg eines Volkes,« sagte endlich Valerius leise vor sich hin, »ist wie ein Liebeskrieg, man nimmt die Unterstützung eines Fremden an, aber betrachtet ihn gleichgültig wie ein Werkzeug, in den Herzensrat kann er nimmer aufgenommen werden.«

Da sah er zwei große Tränen des armen Joel; er schalt sich, daß er so drängendes, nahes Leid über seinen Grillen habe vergessen können, und suchte nach einem Eingange, dem Kranken nahe zu treten, ohne ihn durch Beileidsgeschrei noch schlimmer an seine Krankheit zu erinnern. Alle Leiden sind voneiner Familie, die meisten Trostgedanken passen auf alle, und die edelsten Leiden sind wie die edelsten Familien: sie hören sich nicht gern selbst nennen, wenn man über ihre Schmerzen spricht. Das Unglück hat die zarteste Schamhaftigkeit. Deshalb suchte Valerius einen fernen und doch verwandten Gedankengang, um nur in die Tonart seines weinenden Nachbars einzufallen, nicht aber seine Trauermelodie selbst anzustimmen.

[37] »Die Natur,« hub er leise an, als setze er sein Selbstgespräch fort, »ist doch von tiefer Gerechtigkeit, sie gleicht das äußere Leben durchs innere aus. Je schwärzer es außen um den Menschen wird, desto mehr wird er nach innen gedrängt, desto lebendiger entzündet er das Licht seiner inwendigsten Seele; Leute, denen es immer nach Wunsch geht, sehen niemals die verborgenen Reize des unergründlichen Menschen. Der Flüchtling entdeckt alle versteckten Täler seiner Heimat. Nur das wäre ein zweifelloses Unglück, wenn großes Leid keine Poesie in dem Menschen zu wecken vermöchte, aber das geschieht nicht: die unglücklichsten Menschen sind immer die begabtesten. Ein jeder von ihnen trägt seine Tragödie im Herzen, die hebt und erquickt ihn. Der Schmerz ist der edelste Reiz. – –«

Joel drückte ihm die Hand. Sein Schmerz löste sich in einzelne Worte, endlich in eine zusammenhängende Erzählung auf. Und es ist mit dem Schmerze ebenfalls wie mit schmollenden Liebesleuten: wenn sie erst zu sprechen anfangen, und sich ihr Leiden vorhalten, dann folgt auch die Versöhnung.

Sein Vater Manasse spielte die Hauptrolle in der Erzählung. »Dieser lange, magere Mann,« sagte Joel, »war einst kräftig und schön, und in seiner gefurchten Stirn liegen lange, abenteuerliche Geschichten, unglückliche Geschichten. Er hat allen Wissenschaften obgelegen, die den menschlichen Geist anziehen, und nichts ist ihm geblieben, was sein Alter reizt und mit Anteil erfüllt, als sein Geld und sein Sohn. Nach jenem strecken tausend Diebe die Hände, über Nacht kann es verschwunden sein; der Sohn, sein Stab und seine Stütze, verläßt ihn mit Undank. Der Glaube, an den sich der Vater krampfhaft klammert, obwohl er seinem Herzen fremd ist, dieser Glaube ist seinem Sohne ein Greuel. Und schiene die Sonne zwölf Monden lang ununterbrochen Tag und Nacht, sie fände in dieser kleinen Familie keinen glücklichen Winkel.«

[38] Joel seufzte tief und hielt einen Augenblick inne.

»Nur aus Szenen der Verzweiflung, welche meinen armen Vater zuweilen überfällt, weiß ich einiges aus seinem Leben. Er ist verschlossen wie das Grab. Die Medizin scheint er in seinen jungen Jahren am eifrigsten betrieben zu haben; in allen bedeutenden Städten Europas hat er sie ausgeübt. Aber auch die Ärzte haßt er wie die Pest. Einst war ich schwer krank und lag im Fieberschlummer auf dem Lager. Manasse saß weinend an meinem Bett und glaubte meinen Geist vom Fieber oder vom Schlafe befangen. Dem war aber nicht so, ich hörte alles, was er vor sich hinlispelte. Er verwünschte die Natur, wenn sie mich tötete, das Auge seines Lebens. ›Kein Mensch kann einen Pulsschlag schaffen, nur die Frechheit behauptet's‹, murrte er vor sich hin, ›rette ihn Zufall oder Jehova, rette ihn, wer am mächtigsten ist.‹ Dann brach sich seine Stimme zu großer Milde, er rief mehrmals den Namen Maria, und erzählte vor sich hin, wie er des Abends in den Mantel gehüllt unter Kirchenpfeilern gestanden, wie sie gekommen sei und ihn geküßt habe, heiß und brünstig. ›Aber Jude – Jude – ein Jude!‹ stöhnte er ingrimmig, ›ich verlor die ganze Welt, und mein eigen Kind mußt' ich mir stehlen.‹ – –

Jene Maria war vielleicht meine Mutter. Einmal nur hab' ich's zu Manasse gesagt, da starrte er mich an und verfiel in eine schwere Krankheit. Kurz, mein Herr, ich bin als Jude aufgewachsen, und in dem einen Worte liegt das Unglück eines ganzen Menschenlebens.

Die Juden Jerusalems kreuzigten Christum, und seine Bekenner kreuzigen dafür seit achtzehnhundert Jahren alles, was Jude heißt auf dem weiten Erdboden. Und was noch schlimmer ist, sie haben bereits einen großen Teil dieses Volkes so weit gebracht, daß er der Geißelung, der Verachtung würdig ist. Sie haben ihnen Messer und Schere genommen, und prügeln sie, wenn sie mit ungeschornem Barte umhergehen. – –

[39] Was soll ich Ihnen mehr erzählen? Mit jenem Worte ist alles gesagt. Ich bin blind von Kindesbeinen auf – nicht genug: ich bin taub geboren – nicht genug: meine Zunge ist lahm und lernt nicht sprechen. – Solche Menschen nennt man elend, aber viel größeres Elend liegt in den drei Worten: Ich bin ein Jude. Jene sehen und hören nichts von der Schönheit der Welt, sie wissen nicht, was sie entbehren. Wir sehen und hören und dürfen nicht genießen. Es gibt kein größeres Unglück, als verachtet zu sein, nicht wahr? – Doch, doch – das Unglück, einem verachteten Volke anzugehören, ist noch ein größeres. Verbirg dich jenseits der Meere, fliehe auf den Flügeln der Abendröte in die Nacht hinein, wo du einen Menschen findest, hörst du die drei fürchterlichen Worte: Er ist ein Jude! – –

Mein Vater ließ mich alles lernen, was ich erlernen wollte. Die Wissenschaft tröstet nicht, aber sie hilft. Damals war er noch sanfter, aber mit dem Alter stieg sein Unglück, weil seine Schwäche stieg. Seit einiger Zeit gehört er zu der überspannten Sekte, welche sie Chassidim nennen, und ist grundlos elend. Sonst kümmerte er sich nicht um seinen Glauben, nur aus Stolz verließ er ihn nicht; er ließ mich gewähren, wenn ich mich um die Bräuche nicht kümmerte, er fragte nie danach – jetzt ist er bigott, ohne an seine neuen Dinge zu glauben. Er will einen Glauben haben, und zwar den strengsten, um die Öde seines Wesens zu bevölkern. Jetzt mag ihm mein Heidentum viel Herzeleid machen, obwohl er mir nimmer ein Wort darüber sagt.

Als ich von der Universität heimkam, fand ich meinen Vater bei dem Herrn dieses Hauses, bei dem er Geschäfte hatte. Als dieser hörte, daß ich musikalische Kenntnisse besäße, fragte er, ob ich seiner Tochter Musikunterricht geben wolle, ihr Verlobter, der Graf Stanislaus liebe Musik. Fräulein Hedwig war damals ein Jahr jünger als jetzt; man hatte die beiden jungen Leute schon als Kinder verlobt – [40] ich blieb. Da kam die Revolution und der Krieg. Ich bat um eine Soldatenjacke, ich wollte ein Vaterland haben – man gewährte sie mir. Mit Ihnen, mein Herr, kam ich zum erstenmal seit dem Dezember wieder hierher, und ich törichter Mensch wundere mich, daß man mir unter dem Kaskett noch immer den Juden ansieht. – –

Ich weiß selbst nicht, was mir fehlt, und ich will auch nicht mehr weinen – lassen Sie uns zu Bett gehen.«

Der Vorschlag war dem Valerius nur zu angenehm, er hatte keinen Trost für ihn. Die Lücke in seiner Erzählung, wo er von der Universität heimkehrte, war ihm nicht entgangen.

Man hatte das Feuer vergessen, es war dunkel geworden, nur die glühende Asche warf einen unsicheren roten Schimmer auf das schmerzenreiche Antlitz des schönen Joel. Valerius nahm ihn bei der Hand, und sie suchten schweigend ihre Zimmer.

9
9.

Den andern Morgen schien die Sonne; das trübe Wetter hatte sie bisher immer verborgen. Sie brachte Mut in das schwer gedruckte Herz des deutschen Freiwilligen. Die Sonne hat wirklich ein wunderbares Belebungselement für die sinnenden Menschen, die in lauter Gedanken das Leben hindurchklettern und jener körperlichen Anregung zur Freude entbehren, welche die stumpfe Masse und die eigentlich glücklichen Menschen zu Lust und Jauchzen stachelt. Valerius gehörte nicht zu diesen letzteren, und er verehrte darum die Sonne wie ein Peruaner; sie war ihm das wirkliche Auge des Himmels, und Gott und der Himmel waren für ihn der Begriff von eitel Schönheit, Freude und Glück.

Es war ihm aber auch dieser Trost nötiger als je, es tat ihm mehr als je not, ins Auge, in die Seele der Welt hineinzublicken. Er befand sich auf jenem traurigen Standpunkte menschlicher Entwickelung, wo der graue Zweifel, die [41] aschfarbene Ungewißheit Herz und Geist anfüllt, wo bei leidenschaftlichen Menschen die Verzweiflung ausbricht, bei ruhigeren aber jene tötliche Gleichgültigkeit des Unbehagens. Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet: sein eigenes sicheres, abgemachtes Wesen, das ihn früher ausgezeichnet hatte, war jetzt seiner Erinnerung ein Greuel. Abgeschmackt, eitel, töricht erschien ihm diese knabenhafte Sicherheit, dies ganze gesetzte Wesen, das ihm stets ein so großes Übergewicht unter seiner Umgebung eingeräumt hatte.

Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich, die er jetzt bezweifelte; es waren die Verhältnisse im großen, die allgemeinen historischen Entwickelungen, die ihm den Geist mit Dämmerung bedeckten. Er ahnte das Tausendfältige der menschlichen Zustände, die tausendfältigen Nuancen der Weltgeschichte, die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts und in der Gestalt seiner Wünsche und Bedürfnisse. Er sah die Armut des menschlichen Geistes, der reformieren will, neben dem unabsehbaren Reichtume, der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen Gedankens. Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige Gott der Welt mit seinen Farben. Und dies Gefühl der Schwäche, daß er nicht eine einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte, das Gefühl der Ohnmacht, sie nicht im Geiste alle vereinigt halten zu können, dies Gefühl der menschlichen Beschränktheit drückte ihn zu Boden.

Es gibt Menschen, welche zu stolz sind, einen Schritt weiter zu gehen, bevor sie das Ziel genau kennen, auf welches sie losschreiten. Zu diesen gehörte Valerius. Er glaubte noch an all seine früheren Gedanken, aber sie erschienen ihm jetzt unvollkommen, Anfänge der Bildung.

Das sind die trostlosesten Momente im Leben, wo wir den Fuß erhoben haben von einer früheren Entwicklungsstufe, und noch keinen neuen festen Boden unter uns fühlen. Wir sehen [42] mit Schrecken, wie tief jene Stufe noch gelegen, wir erinnern uns mit Scham, wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten, als wir auf. jener Stufe standen, und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz, daß wir beim nächsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen, und uns für fertig, für vollendet halten werden. Wir sehen ängstlich fragend zum Himmel: Wo ist das Ende, wo ist der Gipfelpunkt des Menschen? Aber der blaue Himmel ist endlos für das menschliche Auge, und wenn wir noch so hoch gestiegen sind, wir wissen's nicht, ob es höher Stehende gibt, die uns verlachen. Da bricht das Herz, und wir greifen nach jener Milde und Toleranz für andere, damit wir Versöhnung in das Leben bringen.

Valerius seufzte tief auf nach solchen Gedanken und sah schmerzlich lächelnd in die Sonne: »Nun denn, du mildes Licht, ich will eben weiter gehen, und jeder deiner Strahlen soll mir Mut verleihen.« Es war ihm sanft zu Sinne, als habe er sich recht ausgeweint, und er ging leichten Schrittes in den Hof hinunter, um einen Ritt ins Freie zu machen. Er wollte mit der Sonne schwelgen. Magyac war nicht zu sehen; als wieder rüstig gewordener Soldat ging er nach dem Pferdestall, den litauischen Gaul selbst zu satteln, den ihm der Graf geschenkt hatte.

Zu seinem Erstaunen fand er das Pferd schon gesattelt, sogar schon aufgezäumt. Beim Umherblicken bemerkte er, daß alle übrigen Gäule ebenfalls angeschirrt und zum Ausreiten bereit waren.

In geringer Entfernung von ihm legte Magyac eben dem letzten noch übrigen Tiere einen alten Kosakensattel auf; Cölestin stand neben ihm an die Pfoste gelehnt, und Valerius hörte bald, daß sie in einem lebhaften Zwiegespräch begriffen waren. Beide kehrten ihm den Rücken zu, und hatten ihn nicht gesehen.

»Und was wird's euch helfen, ihr Tellerlecker, wenn's glücklich ausgeht,« sagte Magyac, »was? Für 'nen dummen Herrn bekommt ihr einen klugen?«

[43] »Besser einen, als zwei!« erwiderte Cölestin.

»Besser gar keinen!«

»Das geht nicht, dummer Bauer, Herrschaft muß sein.«

Magyac lachte, hielt einen Augenblick inne im Schnallen des Sattelgurtes und sah vor sich hin, als besänne er sich auf etwas, dann sprach er schnell: »Dem Graf ist einer der schlimmsten – er schlägt die Woche siebenmal nach dir, und schenkt dir's ganze Jahr nicht einen Schluck.«

»Dafür nehm' ich mir alle Stunden einen.«

Cölestin zog bei diesen Worten eine kleine Flasche aus seiner kurzen abgetragenen Kutka, stemmte sie fest unter seinen Schnurrbart, legte den Kopf tief in den Nacken und tat einen langen Schluck. Darauf schüttelte und räusperte er sich, gleich als ob ihm der Trunk entsetzlich vorkäme, und reichte dem Magyac die Flasche. Valerius belächelte diese Säufermanier und stellte sich hinter einen hohen Futterkasten, um dem Gespräche weiter zuzuhören, wenn sich Magyac etwa beim Zurückgeben der Flasche umkehren sollte.

»Wie lange dienst du dem Grafen schon?«

»Länger als du Grünschnabel pfeifen kannst – im sechsunddreißigsten Jahre.«

»Da hast du Kosciusco noch gesehen?«

»Alle Tage.« Und dabei nahm er seine Mütze andächtig vom Kopfe und murmelte etwas vor sich hin.

Magyac hatte sich bei der Frage umgewendet und sah ihn mit blitzenden Augen an.

»Kosciusco hat nie einen Polen geschlagen – weißt du das?« Und dabei fing er das alte Volkslied an »Noch ist Polen nicht verloren«, und wenn er an den Refrain kam, »Kosciusco führt uns an«, da zwickte und kitzelte er das Pferd, daß es wieherte und hinten und vorn ausschlug, und je mehr es lärmte, desto stärker sang er.

»Hatt' es der Schmied gestern eilig?« fragte Cölestin nach einer Weile.

[44] »Jawohl, die Hunde zotteln wie die Wölfe überall herum, sie hungern!«

»Nun, zu packen habe ich nicht viel, das silberne Tischzeug ist schon lange in Warschau, meinetwegen können sie jede Stunde kommen, 's ist mir nur um die gnädige Gräfin –«

»Ist's denn wahr, Cölestin, daß König Stanislaus in sie verliebt gewesen ist?«

»Es ist die beste Polin von der Warthe bis an den Dniepr, du naseweiser Lümmel.«

»Ich weiß, ich weiß, Alter. Laß uns noch eins trinken. Solange der Schmied ein Paar Augen im Kopfe hat und seine großen Fäuste auf die Flinte legen kann, sind ihre weißen Haare in Sicherheit. 's wird ein lustiges Jahr, du krummer Schimmel, und 's werden viele Franzosen traurig werden, die unsere Kutka nicht mehr tragen mögen. Gib her, du langer Saufaus, ich will eins auf den alten Krukowiecki trinken.«

In diesem Augenblicke hörte man Cölestin rufen. Er steckte eiligst die Flasche ein, wischte sich den Schnurrbart ab, hauchte schnell einigemal in die Luft, und machte sich eiligst davon.

»Vergiß nicht, Alter, heut' abend wegen des Feuers,« rief ihm Magyac nach.

Valerius ging jetzt nach dem Stande seines Pferdes und machte Geräusch, als ob er eben erst in den Stall trete. Magyac kam eiligst herbeigesprungen und bat ihn, heute noch nicht auszureiten. Valerius fragte ihn nach der Ursache dieser Bitte. Der junge Pole meinte, des Herrn Kopfwunde sei noch nicht so weit.

»Possen,« sagte dieser, und griff nach dem Zaum.

»Die Gegend ist unsicher, es reiten Russen durch die Wälder, Herr.«

Valerius zog das Pferd hinter sich fort, der Stalltüre zu.

Magyac kratzte sich verdrießlich in den Haaren, endlich als jener den Fuß in den Steigbügel setzte, kam er eiligst [45] hinzugesprungen: »Herr, reitet nicht, der Schmied von Wavre ist dagewesen.«

»Wer ist der Schmied von Wavre?«

»Ein Pole, Herr.«

In diesem Augenblicke ward ein Fenster im Schlosse geöffnet, und Joel rief hastig herunter, der Herr Graf ließe Valerius bitten, eiligst zu ihm zu kommen. Hedwig öffnete den anderen Fensterflügel und winkte ihm heftig. Es blieb ihm keine Zeit, nähere Aufklärung von Magyac zu erfahren, und dieser hatte nichts eiliger zu tun, als das Pferd wieder in den Stall zu ziehen.

Valerius fand ein lautes Leben im großen Saale. Kutscher und Pferdeknechte trugen allerlei Waffen herbei und stellten und legten sie neben den Stuhl des Grafen und auf den Tisch, der vor ihm stand; Cölestin öffnete Weinflaschen, der Kutscher lud die Doppelflinte mit Kugeln, Hedwig tanzte singend herum, der Graf herrschte den Leuten allerlei Befehle zu. Selbst Joel lud Pistolen; nur die alte Gräfin saß wie immer in ihren schwarzen Gewändern unbeweglich auf der Stelle, wo sie alle Tage saß; ihre Augen sahen gläsern und unbeweglich auf all die Dinge und schienen nichts zu bemerken.

»Sie müssen zu Hause bleiben, Herr von Valerius,« rief der Graf, »der Teufel ist los. Wir müssen einen Überfall gewärtigen, es sind russische Streifkorps in der Nähe; Graf Stanislaus, den ich schon seit mehreren Tagen erwarte, kommt nicht. Er wollte uns mit einem Trupp Ulanen nach Warschau eskortieren, da er für unsere Sicherheit fürchtete. Vielleicht ist sein Trupp zu klein gewesen, und er ist abgeschnitten von uns, vielleicht hält er auch die Gefahr nicht für so dringend, kurz, wir sind unserem Mute überlassen.«

»Wer sagt denn aber, daß die Gefahr so nahe sei? Es ist durchaus nicht wahrscheinlich, daß – «

»Ei, den Teufel auch, der Schmied von Wavre ist heute nacht dagewesen.«

[46] »Aber wer ist denn dieser –«

In dem Augenblicke hörte man das schnelle Wechseln mehrerer Flintenschüsse im nahen Walde.

»Auf eure Posten, ihr Schurken,« schrie der Graf, und die Bedienten flogen zur Tür hinaus. Valerius trat ans Fenster und sah alles, was von Knechten und Bedienten im Hause war, mit Waffen, meist Jagdflinten, an allerlei Verstecke eilen und sich postieren. Thaddäus Magyac stand an die Pfoste der Pferdestalltür gelehnt und sah unverwandten Blickes nach dem Walde. Des Grafen Stuhl und Tisch wurden nach dem Fenster hingerückt, damit er die ersten Kugeln in die Weite senden könne. Joel war zu demselben Zwecke ans zweite Fenster getreten; Valerius ans dritte postiert. Cölestin stand zum Laden am Tische und hatte einen großen Haufen Patronen vor sich ausgebreitet. Der Graf bat seine Mutter, nach ihrem Zimmer zu gehen, sie schüttelte aber den Kopf und blieb unverrückt in der alten Stellung. Hedwig, der ein gleiches anbefohlen wurde, erklärte, daß sie die Großmutter nicht verlassen wolle, und es träfen nicht alle Kugeln. Der Graf stieß einen Fluch aus und lachte hinterdrein; Joel machte eine bittende Bewegung nach Hedwig hin, sie trotzte ihm aber mit einem halb bösen Gesicht und sprach halblaut, wie die kleinen Kinder gewöhnlich sagen: »Ich will aber nicht!« – Da schien es, als flöge ein Schatten ungewöhnlichen Lebens über das Gesicht der alten Gräfin, und als zucke ein schneller Strahl aus ihren sonst sprachlosen Augen über Joel hin. Sie griff hastig nach der Hand Hedwigs und zog sie zu sich nieder.

Es trat eine erwartungsvolle Stille ein, die wohl eine Viertelstunde lang anhielt – nun hatte aber die Spannung dem leichtsinnigen Volkscharakter zu lange gedauert, der Graf schlug ein lautes Gelächter auf, griff nach einer Weinflasche, rief dem Thaddäus zu, in den Wald auf Kundschaft zu gehen, und bat Valerius, mit ihm zu frühstücken. Man schloß die Fenster, und das Leben des Tages ging weiter, als wäre [47] man in der größten Sicherheit. Der Graf trank mehr als gewöhnlich und schickte beim Abendessen Cölestin in den Keller, um Champagner zu holen. »Die kleine Hedwig,« sagte er, »hat sich heute so tapfer bewiesen, sie trinkt gern ein Glas Champagner, sie muß ihr Siegesfest feiern.« Hedwig klatschte in die Hände, sprang zum Vater hin und küßte ihn – eine seltene Erscheinung in ihrem Wesen. »Papa,« sagte sie mit mutwilliger Stimme, und drehte mit den weißen Händen seinen dunkeln Schnurrbart, »laß mich Soldat werden.« – Der Graf lachte, antwortete aber dem Valerius, welcher unterdes seinen gestrigen Versuch mit dem Kamin erzählt hatte und ihn wiederholen wollte. Hedwig sprang fröhlich zu dem Vorschlage über, ein Bedienter ward sogleich beordert, und in wenig Minuten loderte ein lustiges Feuer auf. Eben kam Cölestin mit den Flaschen, sah mit großer Bestürzung nach der lodernden Flamme und flüsterte eiligst dem Grafen etwas ins Ohr. – »Halt's Maul, alter Narr, und mach den Draht von der Flasche.« – Cölestin zog sein Augenlid einmal ganz in die Höhe und schoß einen stechenden Blick auf Valerius. Dieser freute sich indes mit Hedwig und Joel des Feuers; der Champagner spritzte, man trank auf die Befreiung des Vaterlandes, und es war ein wunderlicher Anblick, wie die Flamme über die Mordgewehre und lustigen Gesichter hinlief und von der alten düsteren Gräfin abzuprallen schien, welche dem Feuer den Rücken kehrte und nach den Fenstern hinstarrte, hinter welchen die Nacht lag. Joel, den der Wein aufgeregt hatte, sang mit Begeisterung ein altes polnisches Schlachtlied, und selbst der halbtrunkene Graf schien der sonoren Stimme und der alten herzergreifenden Melodie mit großem Anteil zuzuhören, das vaterländische Interesse war unverletzt, ja sogar poetisch in ihm erhalten. »Schade, Joel,« sagte er am Schluß des Liedes, und stürzte ein volles Glas hinunter, »schade, Joel, daß du ein Jude bist.«

Wie ein Schwertschlag traf dies Wort drei Herzen: Joel [48] zitterte am ganzen Leibe, Valerius fühlte sich von Scham- und Zornesröte übergossen, und aus Hedwigs Augen tropften große Tränen. Da flog Thaddäus wie ein Pfeil in den Saal: »Sie sind da, Herr – das unnütze Feuer hat sie gelockt,« und damit riß er dem Cölestin ein feuchtes Tuch aus der Hand, womit dieser den überfließenden Wein aufgetrocknet hatte, und warf es auf das Kaminfeuer, daß es zur Hälfte erlosch. »Dreister Schurke,« rief der Graf und hob die Hand nach ihm aus, Magyac wich auf die Seite und stieß dabei Cölestin in die Rippen: »Schafskopf,« vor sich hin murrend, »nicht mal soviel nütze.« Er riß das Fenster auf, warf die nächsten Lichter um, und nahm die Büchse, die er fortwährend in der Hand gehalten hatte, an den Backen. Das war alles ein Augenblick, und wirklich krachten zwei, drei Schüsse ganz in der Nähe, die Fenster klirrten, die Kugeln schlugen in die Decke des Saales, ein wildes Hurra drang herauf. – Valerius löschte schnell das Kaminfeuer vollends, es ward einen Augenblick finster im Saale, nur auf die den Fenstern gegenüberliegende Wand fiel ein lichter Streifen von einem brennenden Licht, das Cölestin hinter den Ofen postiert hatte. Schüsse und Geschrei von unten wuchsen. Die Leute des Grafen begannen aus Ställen und von Böden herunter ein sicher treffendes Gegenfeuer; der Mond kam herauf und beleuchtete den Raum vor dem Schlosse und den Saal. Überrascht durch den unerwarteten Widerstand sammelte sich das russische Streifkorps – denn ein solches machte den Überfall – und hielt einen Augenblick an. Sie mochten etwa noch hundertfünfzig Schritte entfernt vom Schlosse sein, und man konnte sie beim Schimmer des Mondes von dort genau übersehen. Die baufälligen, schlechten Ställe und Wirtschaftsgebäude befanden sich zur linken und rechten Hand des Schlosses und ließen die Aussicht nach dem Walde frei. Man erkannte leicht, daß es eine gemischte Truppe war, nicht eben zahlreich, aber doch der [49] Mannschaft des Schlosses um das Doppelte überlegen. Sie war nur zur Hälfte beritten, einige Kürasse und Lanzenspitzen flimmerten in der Luft, hie und da sah man ein Bajonett. Während des kurzen Stillstandes schienen sie auf jemand zu warten; wirklich sprengte auch ein schwerer Reiter herzu, man hörte einige kurze, herrische Worte, und die Truppe setzte sich eben in Bewegung. Da begann Thaddäus jenes durchdringende Pfeifen, das ganz den scharfen Tönen einer Drossel glich, wenn sie einsam im Walde ihre Stimme erhebt – auf allen Böden, in allen Stalltüren ward es wiederholt. Wie vom Blitz getroffen hielt der Feind inne. – »Der Schmied, der Schmied,« ging's von Munde zu Munde – jetzt knallte der Schuß des Thaddäus, und jener schwere Reiter, welcher der Anführer zu sein schien, knickte vorn über den Hals des Pferdes herab. Dadurch wurde jener zweifelhafte Zustand aufgelöst; die Russen, welche vor einer verborgenen Macht besorgt zu sein schienen, stürzten jetzt in wildem Sprunge auf das Schloß zu; die Polen, welche jenen geheimen Schrecken benutzt hatten, um ihrer Lage irgend eine andere Wendung zu geben, brannten nun auch all ihre Schüsse ab, und die meisten schlugen sicher in die heranstürmende Masse. Die schlecht verwahrte Haustür gab den Belagerten nur soviel Zeit, frisch zu laden, die Tür des Saales mit Stühlen und Tischen zu verrammeln, und die außen versteckten Polen konnten noch einige gut gezielte Schüsse teils unter die Belagerer schicken, teils nach den unvorsichtigen Russen richten, welche sich einzeln nach den Ställen wagten, um ein Pferd zu erbeuten.

Natürlich ging das alles rascher, als es erzählt werden kann; die Schritte, die Schüsse und Tod und Wunden flogen. Und in all dem Lärmen saß die alte Gräfin regungslos an ihrer alten Stelle, der bleiche Mondesschimmer zitterte über ihr steinernes Gesicht hin; nur wenn ihr Sohn seinen wilden Jubel ob eines frisch getroffenen Russen aufschlug, da schien [50] es, als schlüge ein Funke aus ihren starren Augen. Hedwig lief hin und her, um Patronen zuzutragen. Joel flüsterte ihr leise etwas zu, und deutete auf die alte Balkontür, es schien aber nicht, als ob sie etwas erwidere.

Die Haustür war gebrochen, der Schwarm stürzte die Treppe herauf, ein Schuß fuhr durch die Tür, und man hörte ihn noch durch die gegenüberstehende Tür des Saales dringen. Die gewaltige Wucht von mehreren Kolben flog an das Schloß, und stöhnend sprang es auf. Der Graf hatte sich in die Schußlinie rücken lassen, die drei übrigen Schützen standen neben und hinter ihm, nur zwei Schritt seitwärts saß die alte Gräfin; umsonst schrie ihr Sohn, umsonst zerrte Hedwig, sie saß noch unbeweglich, als man die gierigen Augen der Feinde erblickte. Vier Schüsse drängten sich von innen mit tödlicher Hast durch die enge Pforte, die Vordersten stürzten, und Cölestin harrte mit gespannter Pistole an der Mauer neben der Tür, um den ersten Eintretenden niederzustrecken. Eine augenblickliche Pause trat ein; Valerius glaubte während der letzten Salve ein Geräusch hinter sich gehört zu haben, er warf einen schnellen Blick herum, eine breite Gestalt stand hinter ihm, die Balkontür lag an der Erde, von allen Seiten hörte man jenes schrillende Pfeifen, »der Schmied von Wavre«, schrie alles durcheinander.

10
10.

So gewaltig ist selbst bei stumpfen Barbaren die moralische Kraft eines Begriffes: vor diesem gefürchteten Namen schraken die Angreifer bis zur Untätigkeit zusammen. Cölestin war der erste, welcher ihn ausrief; das verhängnisvolle Pfeifen in ihrem Rücken, der Anblick jener Gestalt, die nur drohend eine lange Flinte in die Höhe hielt, preßte den Russen das gleiche Geschrei dieses Namens aus, und sie standen gelähmt wie die Wölfe, welche eine Feuerflamme vor sich aufschlagen sehen.

[51] Die Genossen des Schmiedes, welche von der Haustür herauf gedrungen waren und sich mit der Besatzung aus den Ställen verbunden hatten, überwältigten mit leichter Mühe den Rest des Streifkorps, der sich nur matt widersetzte. In diesem Augenblicke hörte man vor dem Schlosse die Fanfare einer Trompete. Cölestin hob wirklich mit frohlockender Miene sein Licht hinter dem Ofen hervor, der Schmied – denn dies war wirklich der so plötzlich erschienene Mann – sprang mit einem Satze zum Fenster. Valerius, im Anschauen desselben verloren, sah ihn das blitzende graue Auge wie einen Pfeil hinabschießen – »es wird Graf Stanislaus endlich sein!« schrie der Graf; ein flüchtiges Licht der Befriedigung flog über das Antlitz des Schmiedes und er nickte leicht mit dem Kopfe. Darauf ging er raschen Schrittes zum Stuhle der alten Gräfin, nahm seine dunkelrote Pelzmütze ab, bückte sich, tief und küßte den Saum ihres schwarzen Gewandes. Sein dichter Busch brauner Haare, hie und da schon mit grauen vermischt, fiel ihm dabei ins Gesicht, und er murmelte einige unverständliche Worte.

Der Graf rief indes nach Cölestin, er solle eine Flasche Champagner und einen der Gefangenen herbeibringen. Die Bedienten schleppten einen der Kürassiere in den Saal. Er fiel um Gnade flehend vor dem Grafen auf die Knie, und aus einem mit Haaren verwachsenen schwarzen Gesichte sahen seine trüben, ausdruckslosen Augen starr auf die Hand seines neuen Herrn. Cölestin schenkte den Wein ins große Bierglas, dessen sich der Graf zu bedienen pflegte; dieser aber spannte den Hahn eines Pistols und schoß die Ladung dem Gefangenen ins Gesicht. Das arme Schlachtopfer duckte in Todesangst den Kopf nieder, und die Kugel riß ihm das Hinterhaupt entzwei, daß das Hirn weit umherspritzte.

Schreiend stürzte Hedwig herbei, um dem Vater in den Arm zu fallen, es war aber zu spät. Der Graf stieß einen Fluch aus und wollte den Körper des Unglücklichen mit dem [52] Fuße fortstoßen, ein heftiger Schmerz erinnerte ihn aber an seine Krankheit; er griff zur Entschädigung nach dem vollen Glase und trank es in einem Zuge leer.

Als die Bedienten den Zerschossenen hinausschleiften, erschien Graf Stanislaus an der Tür. Kopfschüttelnd und mit trübem Ausdrucke im Gesicht übersah er noch schnell, was sich eben ereignet hatte. Lärmend hieß ihn der Graf willkommen, erzählte ihm, was vorgefallen, und mit den Worten: »Zu rechter Zeit kam der Schmied«, wollte er sich eben zu diesem herumwenden, als er erst bemerkte, daß dieser Mann schon verschwunden sei, ohne einen Dank abzuwarten.

Stanislaus, ein hoch gewachsener junger und blühender Mann, erklärte, die Abreise nach Warschau müßte sogleich vor sich gehen, die Streifkorps drängten immer häufiger hinüber, jede Stunde Aufschub sei Verlust, man würde ohnedies nur bei großem Glücke ungefährdet passieren können.

Cölestin brachte die Nachricht, der Schmied mit seinen Leuten sei aufgebrochen, um die Straße für die gnädige Frau Gräfin rein zu halten, die Reise müsse aber sogleich angetreten werden, Magyac kenne die Tour genau, welche zu nehmen sei, an ihn solle man sich halten. Der Graf runzelte die Stirn und gab Befehl aufzubrechen.

Binnen einer halben Stunde saß er im ersten Wagen, wohl verpackt und rings mit Waffen umgeben, im zweiten fuhren die Damen, Stanislaus ritt auf der einen Seite, Valerius und Joel trabten auf der andern, dieser mit dem traurigsten Gesichte von der Welt. Magyac eröffnete den Zug mit der Hälfte von den mit Stanislaus angekommenen Ulanen, die andere Hälfte mit den berittenen Bedienten des Grafen schloß ihn. Das wüste Herrnhaus mit den toten Russen blieb einsam zurück, die übrigen Gefangenen waren mit dem Schmiede und seinen Leuten verschwunden. Es ging im raschen Trabe durch den Wald hin, an keinem Wagen war ein Licht zu sehen, hie und da nur fielen glänzende [53] Mondesstrahlen auf den schwarzen Trupp, und von Zeit zu Zeit hörte man jenes Drosselpfeifen tief aus dem Walde, das Magyac an der Spitze des Zuges beantwortete.

Von den Reitern konnte niemand sprechen, weil sie mit größter Sorgfalt auf Weg und Pferde achten mußten, alle Minuten stolperte ein Tier über die Baumwurzeln. Nur Hedwig tat einige leichte Fragen an Stanislaus, und fragte Valerius und Joel, ob niemand verwundet worden sei. »Ich seh' ja durch den Mondschein, lieber Joel, daß Sie ein klägliches Gesicht machen? Pfui doch, solch ein rascher Schütze, solch ein frischer Reiter.«

Joel seufzte tief auf, und Valerius sah bei einem Blicke des Mondes ein schmerzliches Lächeln über sein Gesicht gleiten. Valerius selbst war aber zu voll von dem, was vorgefallen. Das Bild des Schmiedes von Wavre wich nicht von den Augen seines Gedächtnisses. Er erschien ihm wie die verkörperte schmiegsame Kraft dieser ganzen Nation. All jenes verschlossene, verschlagene Element dieses Volkes mit den blitzraschen Bewegungen, jene vornehme Armut, jener ganze Anstrich von heldenmütigen Brigants, den eine insurgierende Nation von dieser fliegenden Tapferkeit leicht erhält, all dies ursprüngliche Sarmatentum erblickte er in diesem Manne.

Wie er dastand – sprach die Erinnerung eifrig in ihm fort – als sein bloßer Anblick den Sieg entschieden hatte, in dem kurzen weißgrauen Kittel, den der breite Ledergurt straff zusammenzog! Die Muskeln seiner Hand spielten wie heiße Sonnenstrahlen an der Büchse – und unter dem Pulverdampfe von des Grafen Mordpistole verschwand er wie ein Geist, er war der Urgeist einer Nation.

Er ertappte sich lächelnd auf diesen Übertreibungen, konnte und wollte sich aber nicht davon losmachen. Das Leben wird erst unser, wenn es sich wieder erzeugt in unserm Innern, darum sind die Dichter die reichsten Menschen, darum sind sie kleine Götter, die alle Tage eine Welt schaffen und [54] sich mit dem Troste zu Bette legen: Siehe, es war alles sehr gut. Im Sturm der Dinge selbst sind wir die Beute der Dinge; ist es doch ein Hauptglück des gegenwärtigsten Reizes; der Liebe, sich ihrer zu erinnern. Ein jahrelang ersehnter Kuß, im Fluge geraubt und erwidert, macht ein ganzes darauffolgendes Leben voll Gewöhnlichkeit erträglich, während jener eigentliche Lebensaugenblick an sich kaum empfunden ward und nur durch die lange Erwartung vorher und die lange Erinnerung nachher ein beglückendes Ereignis wurde.

So liegt in uns von Hause aus jener viel gesuchte Sieg über das Äußere.

Aber auch diese nachschaffende Fähigkeit war getrübt in Valerius, er reizte sich mehr zum Genuß, als daß dieser Genuß ihn aufgesucht hätte. Der Mittelpunkt seines Lebens war verschoben, und alles übrige dadurch in Unordnung geraten. So machte er sich Vorwürfe über diese ärmliche Manier, wie er's nannte, nur das zu erkennen und zu ergreifen, was vorüber sei, nicht der gegenwärtige Anblick dieses spärlich erleuchteten nächtlichen Zuges wecke ein romantisches Gefühl in ihm, schalt er weiter, nein, es sei der Augenblick, als vor fünf Minuten die Mondesstrahlen glänzend durch die Baumgipfel gebrochen seien, jener Augenblick übe den Reiz auf sein Inneres, obwohl das Auge noch fortwährend dasselbe sehen könne, jener vergangene Augenblick liege bereits als geschichtliches Bild dieser Fahrt in seinem Gedächtnisse. – »Ich will keine Vergangenheit, ich will Gegenwart,« sprach er wie ein ungezogenes Kind vor sich hin – »ich will ein Mensch sein, nicht aber ein Künstler, den Träume beglücken.«

So wütet der Mensch gegen sein Fleisch, und der Starke schmäht seine doppelten Kräfte, weil er in den Stunden des Unmuts einen Schwachen lächeln sieht, und diesen um seine Schwäche beneiden zu müssen glaubt.

Aber wir mögen uns noch soviel Mühe geben, unserem Wesen ungetreu zu werden, unser eigentliches Wesen ist unsere [55] Gesundheit, und die Natur strebt immer von selbst wieder dahin zurück.

Ehe er sich seines Unmuts recht bewußt wurde, war Valerius mit den Gedanken in Deutschland, und ein Ort nach dem andern mußte sich ihm darstellen im Mondschein dieser Nacht. Das sind Bilder, die den Menschen am meisten befangen mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit. Eine Gruppe nach der andern breitet sich vor ihm aus, jede hat ihre tausend Beziehungen und Gewichte, die sich fortwährend im Gleise erhalten, jede führt zu einer neuen, und der Geist irrt von einem Lande zum andern, über den Ozean, wo jener Mondschein nicht zu sehen ist, und die Leute im Sonnenstrahl umherwandeln – »beim Schein des Mondes, beim Strahl der Sonne denken wohl manche von jenen Leuten an den Kampf in Polen, und so weckt und wirkt alles durcheinander in dieser Welt, und der Gedanke an den Allmächtigen füllt das Herz –

Camilla, Camilla, die Welt ist zu groß, das Interesse zu mannigfaltig, Gottes Gedanke zu tief, und ich will alles suchen – dein Auge kommt mir immer seltener, ich tauge nichts für die Liebe, ich bin krank an Überfluß, und arm an Liebe für das einzelne, vergib mir!« –

Da stolperte sein Pferd über eine Wurzel, sein Schenkel ward an einem Baime gequetscht, und so erinnerte ihn die Gegenwart nur zu deutlich, daß er wiederum außer ihr gewesen sei. Der Zug hielt still, und jetzt erst bemerkte Valerius, daß fernher aus dem Walde einzelne Feuer leuchteten. Er ritt vorsichtig bis an die Spitze des Zuges – Magyac sah unentschlossen nach der Seite in den dichten Wald, als solle ihm von dort her Rat und Hilfe werden. Ein Umweg durch den Wald war nicht möglich für die Wagen, die Bäume standen zu dicht.

Träumerisch sah Valerius nach den Feuern, er bemerkte es nicht, daß sein Pferd langsamen Schrittes ihnen sich [56] näherte; Magyac war zwischen die Bäume geritten, wahrscheinlich um zu rekognoszieren, und hatte keine Acht auf den melancholischen Deutschen; die vordersten Ulanen mochten glauben, er wolle ebenfalls die Ortsgelegenheit näher erkunden – kurz er kam ungehindert den Feuern immer näher, und ohne nachzudenken betrachtete er das neue Schauspiel. Etwa wie man ein Wouvermannsches Schlachtgemälde ansieht, ohne einen Augenblick daran zu denken, das ausgehobene Schwert des Mannes auf dem friesischen Schimmel könne uns treffen.

Auf einer Lichtung war ein Trupp Kosaken gelagert, Roß und Reiter ruhten an der Erde, gewärmt durch hohe Feuer. Die Lanzen steckten ihnen zur Seite im Boden, und der größte Teil dieser rastlosen Steppenbewohner schien zu schlafen; hie und da erhob sich einer mechanisch mit dem halben Körper und warf ein frisches Stück Holz in die Glut, dann sank er wieder in die vorige Stellung zurück, oder suchte sich ein bequemeres Kopfkissen auf dem Bauche seines Pferdes. Die bärtigen, augenlosen Gesichter, zur Hälfte gewöhnlich im Schatten, zur Hälfte vom Feuer beleuchtet, erhöhten durch ihre Regungslosigkeit die Täuschung, ein Gemälde zu sehen.

So kam der junge Träumer bis zu den letzten Bäumen, welche an seinem schmalen Wege die Lichtung begrenzten. Einige Schritte nur von ihm hielt der aufgestellte Wachtposten. Der Kosak war ebenfalls eingeschlafen und saß mit untergeschlagenen Armen wie eine Bildsäule da. Mit dem rechten Arme hatte er die Lanze eingeklemmt, die linke Hand hielt den Zügel. Ein langer schneeweißer Bart fiel auf die Brust herab, ein kleines schwarzes Kreuz drängte sich darunter hervor; wahrscheinlich hatte er noch kurz vorher seine Andacht verrichtet, nicht ahnend, wie not es ihm sein dürfte, um seinem Glauben nach glücklicher zu sterben. Der Schlaf hatte ihn übereilt und ihm nicht gestattet, das Kreuzchen wieder auf die behaarte Brust zurückzuschieben.

[57] Es war nur noch ein Schritt zwischen beiden Reitern, das Kosakenpferd zog langsam die trägen Augenlider in die Höhe und rückte den Kopf ein wenig aufwärts. Der Kosak, der die nachlassende Straffheit des Zügels empfinden, wohl auch das Nahen eines Gegenstandes bemerken mochte, machte eine Bewegung mit der Hand, öffnete die Augen, verstorbene, lebensmüde Augen, öffnete den Mund –

Da fühlte Valerius den Zügel seines Pferdes von einer raschen Hand gehalten, der Kosak verschwand plötzlich von seinem Gaule, es erschien ein anderer Reiter darauf, und ehe er sich ermuntern konnte, sah er sich auf dem Rückwege zu seinem Zuge. Der Schmied von Wavre ging neben ihm, ein junger polnischer Bauer ritt zu seiner andern Seite auf dem Kosakenpferde. Mit Grauen sah er bei den nachleuchtenden Feuern, wie der alte Kosak mit einer Schlinge um den Hals von dem Bauer nachgeschleift wurde. Das Pferd des plötzlich Erwürgten trug ebenso geduldig den neuen Reiter, der es so schnell von seinem vorigen befreit hatte. –

11
11.

Valerius war in jener Nacht nur auf kurze Zeiträume aus seiner Träumerei zu wecken gewesen. Er machte sich die lebhaftesten Vorwürfe über diese gefährliche Schwäche, als ihm Magyac am andern Morgen die Begebenheiten der Nacht erzählte.

Das ist jenes törichte Leben in die Weite, in die Ferne, das den Baum vor Augen nicht merkt, bis er sich kund gibt durch einen heftigen Stoß. Das ist jenes Räsonieren ins Ungemessene hinaus, jenes deutsche Komponieren der nächsten weltgeschichtlichen Epochen, worüber die Gegenwart und das zeitig Notwendige unbenützt vorüberstreicht, das ist jenes unpraktische Wesen, das sich so gern und so leicht mit höheren weiteren Zwecken entschuldigt, das gepriesen sein möchte als [58] weitsichtiges, höheres Element, und das doch übertroffen wird von jenem kleinen Buben, der das Pferd tränkt, da es eben dürstet. Auf den nächsten Schritt soll man achten und dem Augenblick leben, der eben da ist, den Gegenstand ergründen, der just neben uns steht.

So schalt er sich, während Magyac erzählte. Der Schmied hatte das Biwak umstellt, und während die Schläfer mit wildem Geschrei überfallen worden, waren die Wagen in größter Schnelligkeit ungehindert die Lichtung passiert. Nur das gnädige Fräulein, die bis zum Augenblick des Überfalls fest geschlafen, sei, erweckt von dem plötzlichen Lärmen, aus dem Wagen gesprungen und in den Wald hinein gelaufen; Joel, der ihr nachgeeilt, habe sie zwar eingeholt, aber die Wagen seien längst auf und davon gewesen, und so habe man das Fräulein hierher ins Haus gebracht, wo sie jetzt noch ruhig schlafe.

»Aber wie bin ich denn hierher gekommen, Thaddäus?«

»Ja, was weiß ich, Herr, du sagtest ja zum Schmiede, daß du seine Bekanntschaft machen wolltest.«

»So?«

Valerius befand sich auf einer ähnlichen Waldlichtung, wie er heut' nacht gesehen, in seinen Mantel gehüllt lag er an einem verglimmenden Feuer, hinter ihm ein langer starker Baumstamm. Dieser hatte ihm zum Kissen gedient, wie er vermutete, denn der Nacken schmerzte ihm gewaltig von dem kurzen Schlafe. Magyac saß vor ihm an der Erde und scharrte einige Kartoffeln aus der Asche, die er zum Frühstück geröstet hatte. Dann zog er ein Stück Schwarzbrot aus der einen Tasche seines Pelzes und eine Schnapsflasche aus der andern, und legte alles vor Valerius hin, indem er ihn mit einem halb verschmitzten, halb schmerzlichen Lächeln aufforderte, sich des Frühstücks zu bedienen.

Valerius nahm lächelnd einige Bissen Brot. »Trink getrost, Herr,« sagte Thaddäus, »es ist Wein vom Grafen, im [59] Lärm der Abreise hab' ich meine Flasche leer und wieder voll gemacht – der alte Schurke, wenn nicht seine Mutter wäre, die der heilige Adalbert erhalten möge.«

»Wo ist Joel? Und wo sind wir eigentlich?« Thaddäus deutete auf einen Winkel des Gebäudes, unter dessen Dache sie sich befanden – da lag der arme Junge zusammengekrümmt unter seinem Mantel und schlief. Mit der Hand und einem bunten Tüchlein hielt er sich einen Teil des Gesichts verdeckt – Valerius kannte das Tuch von jenem Abende, es war Hedwigs.

Thaddäus hatte die zweite Frage nicht beantwortet; eh' sie Valerius wiederholte, sah er sich um, ob er sie vielleicht selbst beantworten könnte. Er erkannte nicht ohne Anstrengung, daß er sich mit seinen Gefährten unter einer sogenannten Wildraufe befände, wie man sie für strenge Winter zur Atzung des Wildes anlegt. Einige alte zerfallene Krippen und Raufen, die umherlagen, erinnerten in ihren Trümmern daran. Solche Wildraufen bestehen eigentlich nur aus einem schiefen Dache, das sich auf eine Bretterwand und einige Pfosten stützt. Die drei übrigen Zugänge sind offen, und da die offene Seite nach Morgen lag, so schien die Sonne freundlich auf die Gruppe und erheiterte wie immer den deutschen Wallfahrer, wie er sich manchmal nannte. Der Fichten- und Kieferwald glänzte mit den Funken des gerinnenden leichten Schnees, der den Abend vorher gefallen und jetzt größtenteils schon wieder verschwunden war. Es begann einer jener Wintertage, in deren Mundwinkeln schon ein Frühlingslächeln schwebt, ein lauer Tauwind zog langsam über die Fläche. Solch ein Wind ist wie der Hauch eines jungen Mädchens, wenn er uns zum ersten Male berührt, und wir empfinden, welch eine Lust es sein müsse, von den Lippen geküßt zu werden, über welche dieser Atem flog. Frühlingsahnung, Ahnung einer schöneren Zeit zieht damit in unsere Brust.

[60] Auch Valerius sagte lächelnd: »Es wird noch alles gut werden – weiter, weiter.«

Einer der Seitenausgänge dieser Wildraufe war aber verschlossen durch ein Bretterhäuschen, das sich daran lehnte, und mit der Hinterwand der Raufe eben jenen Winkel bildete, in welchem Joel lag.

»Wer wohnt hier, Thaddäus?« fragte Valerius von neuem. Thaddäus umging aber die Frage noch einmal. »In der guten alten Zeit,« sagte er, »wo die Polen noch Polen waren, hat es hier in der Gegend einen freundlichen Herrn gegeben, welcher das Wild besser behandelte, als mancher die Menschen; der ließ in strengen Wintern zuweilen hier Futter ausschütten für die hungrigen Tiere – 's ist aber lange her, und die alten Bretter sind schon verfault, wenn der Wind hineinfährt, da stöhnen sie wie die Wölfe, die sich öfters hierher flüchten.«

»Ich bin dein Freund, Thaddäus, wer wohnt in jenem Hause?«

»Gott lohn's Euch, Herr,« erwiderte dieser und griff nach Valerius' Mantelzipfel, »wir haben nicht viel Freunde, wir Polen in Schafspelzen, aber einen mächtigen und einen stolzen Feind: den Russen und den Edelmann, dort in der Hütte, Herr, aber« – und dabei sank seine Stimme zum Geflüster herab – »wohnt der Schmied – seit vielen, vielen Jahren schon – wer seine Wohnung verrät, begegnet keinem Polen mehr,« setzte er mit blitzenden Augen hinzu, »es führt kein Weg durch den Wald hierher, und eine Stunde im Umkreise haben seine Freunde einen Graben im Walde ringsum gezogen, über den kein Reiter setzt, es haben viel Leute daran gegraben.«

»Warum,« fragte Valerius weiter, »wohnt er denn schon so lange im verborgenen?«

Ein zuckendes, böses Lächeln preßte sich über Magyacs Gesicht, und er schien etwas Schlimmes auf der Zunge zu [61] haben, aber er schluckte es hinunter, und nach einer Pause fuhr er fort mit wehmütigem Tone: »Es ist schon lange her, daß sie ihm alles genommen haben, ich war ein kleiner Bube, als er noch in Wavre wohnte mit Weib und Kind, und 's war ein trüber, nebliger Herbstabend, als ich wieder einmal bei der Schmiede stand und mit großer Freude die glühenden Funken betrachtete, die durch den Nebel hinstoben von des Schmiedes gewaltigen Schlägen. Ja, Herr, die alten Leute sagen, sie hätten Zeit ihres Lebens keinen tüchtigeren Polen gesehen als den Schmied Florian, und der selige Herr Kosciusco – Gott segne seine Asche! – hat ihn immer den jungen Piasten genannt. Ja, Herr, so war der Schmied, und als er an jenem Abende auf den Ambos schlug, da sang er ein altes Lied von unserer Freiheit, und die Gesellen sangen mit, und das halbe Dorf versammelte sich um die Schmiede, 's war just der Abend vorm heiligen Martinstage, die Leute in Wavre gedenken alle Jahre dieses Abends. Denn als sie noch nicht fertig waren mit der Axt, die der Schmied hämmerte, und dem Liede, das sie alle sangen, da kamen die Russen aus Warschau und wollten den Florian gefangen nehmen, weil er ein aufrührerischer Kopf sei. Der Schmied aber schlug dem ersten, der ihm nahe kam, den Hammer vor den Kopf, daß er hinschlug wie ein umgehauener Baum. Nun ging das Schießen los, denn es wagte sich keiner mehr an den Polen. Es dauerte auch nicht lange, da lag Florians Weib und sein rüstiger Junge im Blute, und der Schmied stürzte heraus wie ein angeschossener Eber mitten unter die Soldaten, sie fuhren entsetzt nach allen Seiten auseinander, und ehe sie sich wieder sammelten, war Florian in den Wäldern. Jeder Russe, der ihn wieder gesehen, hat's mit dem Leben bezahlt.

Florian ist übrigens der beste Mann im Lande und tut keinem Kinde was zuleide; viele Leute halten ihn auch für einen Heiligen; aber unglücklich ist er sehr, und wenn [62] er am Tage um unser Vaterland geweint hat, so weint er des Nachts um sein Weib und seinen frischen Buben. Herr, seit ich den Schmied zum ersten Male in seinem Jammer belauscht habe, seit der Zeit hat mich nichts mehr gerührt; es war am verwichenen Martinsabende, ich hatte einen Wolf erschlagen, und wollte dem Florian die Haut bringen für den Winter, da sah ich ihn durch die Türspalte vor seinem Heiligen auf den Knien liegen, das Wasser lief ihm in den Bart, und er fragte schluchzend den lieben Gott, ob er wohl wisse, wie schlecht es uns erginge im Lande Polen.«

Thaddäus sprach nicht weiter, es trat eine lange Pause ein, und Valerius reichte ihm die Hand, die jener heftig küßte. Der Mund des jungen Polen brannte heiß und fieberisch.

Die Tür des kleinen Häuschens öffnete sich, und Hedwig erschien auf der Schwelle, frisch wie ein junger Waldbaum, den der Tau des Morgens erquickt hat. Sie sah mit Lächeln auf den Schläfer im Winkel. Es lag soviel Schalkheit und soviel Wehmut in diesem Lächeln, daß man nicht wußte, ob jene größer als diese sei. Joel schlug die Augen auf und streckte noch halb schlaftrunken die Arme nach ihr aus. Sie reichte ihm die Hand, und als er sie an die Lippen führte, strich sie ihm leise damit über das Gesicht; ihre Hand berührte auch jenes Tüchlein, aber sie ergriff es nicht.

12
12.

Die linden Lüfte sind erwacht,

Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

Sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang,

Nun muß sich alles, alles wenden!


Sie hatten den größten Teil des Tages über im Sonnenscheine gesessen, und die Herzen hatten gesprochen mit jenen [63] unmittelbaren Worten, die man nicht nacherzählen kann, und Valerius hatte zum ersten Male wieder seit langer, langer Zeit deutsche Lieder gesungen. Jene Verse stahlen sich aber immer von neuem zwischen alle seine Lieder, die warme Luft ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Joel war schweigsam, aber sanft und freundlich, und Hedwig hatte ihr inniges Ergötzen an all den neuen Weisen, denn die Jugend liebt die Poesie wie die frische Luft. Joel hatte sie die deutsche Sprache gelehrt, und wenn sie sich auch verwunderte, daß die Weisen alle so langsam gingen, so hörte sie doch nicht auf zu rufen: »Immer mehr, immer mehr!«

Über diesem Treiben kam der Abend; Magyac, der jenseits des Grabens nach den im Dickicht untergebrachten Pferden gesehen hatte, kehrte zurück, machte in der Hütte ein Feuer an, und legte sich auf ein Strohlager in einen Winkel. Kamin oder Ofen war nicht vorhanden, und der Rauch suchte sich durch die vielen Öffnungen des Daches seinen Weg. Kummervoll betrachtete Valerius diesen unwirtlichen Raum, des armen Schmiedes steten Aufenthalt. Hedwig hatte sich am Feuer niedergekauert und wärmte sich die Hände; Joel war nicht zu sehen, bald aber hörte man von draußen her seine Stimme. Auch ihm war das traurige Herz aufgegangen in diesen stillen Stunden, und was er nie zu sprechen wagte, das sang er jetzt in die Nacht hinaus, in den schweigsamen Wald hinein. Aber als ob es das polnische Land nicht verstehen sollte, sang auch er die Worte deutscher Dichter. Er schien umherzuirren auf der Waldflur, manchmal verklangen die Worte in großer Ferne, manchmal hörte man sie dicht an der Hütte. Hedwig horchte aufmerksam, die Stimme kam eben näher, und man verstand die Worte:


»Ach nein, erwerben kann ich's nicht,

Es steht mir gar zu fern.

Es weilt so hoch, es blinkt so schön,

Wie droben jener Stern.


[64]

Die Sterne, die begehrt man nicht,

Man freut sich ihrer Pracht,

Und mit Entzücken blickt man auf

In jeder heitern Nacht.


Und mit Entzücken blick' ich auf,

So manchen lieben Tag;

Verweinen laßt die Nächte mich,

Solang' ich weinen mag.«


Hedwig sah mit wehmütigen Blicken in das Feuer; Valerius, an die Wand sich lehnend, sah forschend in ihr Angesicht, es war alles still ringsum, man hörte durch die dünne Bretterwand, wie der Sänger leise seufzte und sich langsam entfernte. Klagend sang er weiter:


»Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb!

Muß noch heute scheiden.

Einen Kuß, einen Kuß mir gib!

Muß dich ewig meiden.


Eine Blüt', eine Blüt' mir brich

Von dem Baum im Garten!

Keine Frucht, keine Frucht für mich!

Darf sie nicht erwarten.«


Die Stimme schwieg; es schien Valerius, als stünden dem schönen Mädchen die Augen voll Wasser, aber sie regte sich nicht; der seidene Mantel glitt ihr langsam von der weißen Schulter – sie ließ ihn gleiten; ihre langen Augenwimper senkten sich kaum merklich ein wenig tiefer – man konnte das schöne Mädchen für ein Marmorbild halten.

13
13.

Nach einiger Zeit nahten sich Schritte von mehreren Seiten, und man hörte draußen eine Menge Stimmen. Magyac sprang auf und ging nach der Tür, bat aber Valerius, so lange in der Hütte zu bleiben, bis der Schmied zurückkäme. Durch die Spalten der Wand sahen die Zurückbleibenden [65] draußen unter der Wildraufe ein Feuer auflodern, und rings um dasselbe eine Schar bewaffneter Bauern. Die Zahl derselben wurde immer größer, ihr Gespräch immer lebhafter und stürmischer.

»Warum liegen sie fortwährend in Warschau still,« schrie eine rauhe Stimme, »warum geht's nicht von der Stell'? Sie sind Verräter und schreiben nach Petersburg.«

»Das verstehst du nicht, Slodczek, du bist ein Unband, der an einem Tage säen und ernten will,« sprach ein alter Bauer, der sich am Feuer niedergesetzt hatte.

»Der Slodczek hat recht,« schrie eine Stimme aus dem dichtesten Haufen, – »er hat nicht recht,« schrie eine andere, und bald brauste das Stimmengewirr unverständlich durcheinander.

»Es muß was geschehen,« übertönte Slodczek das Durcheinander mit seiner rauhen Kehle, »sonst verkaufen sie uns wieder das Fell vom Leibe, und wenn's Glück hoch kommt, sind sie selbst die Käufer – wir müssen nach Warschau.«

Dieses Wort erregte einen noch viel größeren Lärm, und es schien auf Augenblicke, als ob sich die verschieden gesinnten Meinungen durch die Waffen selbst geltend machen wollten. Slodczek wenigstens schlug sein Gewehr auf einen Bauer an, der sich ihm am eifrigsten entgegenzusetzen schien. Aber jener Alte, der ihm zu Anfang widersprochen hatte, schlug ihm das Gewehr in die Höhe, der Schuß ging indessen los und die Kugel fuhr prasselnd durch das alte Schindeldach.

Es folgte eine augenblickliche Stille; Slodczek selbst schien bestürzt zu sein.

»Wie lange wird der Ring des Schmiedes sicher sein, wenn wir alle unsere Büchsen abschießen?« sagte mit langsamer Betonung Thaddäus Magyac.

Der alte Bauer warf einen jener fliegenden polnischen Blicke auf Slodczek und auf die übrigen, dann sah er gedankenvoll in den Lauf seines Gewehrs, und jener nationale Zug einer gesunden Melancholie lagerte sich auf seinem [66] schmalen Gesichte. »Wir werden zu zeitig auf die Fläche hinauslaufen, damit sie uns alle mit einem Male treffen können,« sprach er mit traurigem Tone.

Man konnte nicht einen Augenblick verkennen, daß selbst die Stürmischen dieser Insurgenten keineswegs zu etwas Durchgreifendem entschlossen waren. Die Gelegenheit schien ihnen zwar bequem, ihre schlechten Dienstverhältnisse zu den eingebornen Herren des Landes besser zu gestalten, und viele waren der Meinung, daß Polen bestehen könne, ohne daß sie selbst in so tiefer Abhängigkeit von den Edelleuten lebten, aber es war doch selbst in diesen mehr ein romantisches Tappen nach größerer persönlicher Freiheit, als ein klares Bewußtsein. Und sobald die allgemeine Gefahr des gemeinschaftlichen Vaterlandes einen Augenblick dringend wurde, verschwanden alle jene Halbgedanken wie die kleinen Wünsche eines Gefangenen vor dem großen Begriffe der Befreiung.

Während es in der Versammlung eine Zeitlang völlig still war, und die Bauern gedankenvoll vor sich hinsahen, wendeten auch Hedwig und Valerius ihre Blicke von den Spalten, und sahen sich gegenseitig an, um einander die Verwunderung über solch eine Szene auszudrücken. Sie waren beide in einer großen Spannung, und es war natürlich, daß sie heftig zusammenschraken, als plötzlich der Laden aufgerissen wurde, der sich auf der andern Seite der Hütte befand, ein langer Bart zum Vorschein kam, und eine unheimliche Stimme mit eulenartigem, weitschallendem Tone rief: »Joel, wo bist du?«

Wie der Sturmwind stürzten die Bauern herbei, und in einem Nu lag der Mann, dem jene Stimme gehörte, niedergeworfen am Feuer unter der Wildraufe, und fünf, sechs Büchsen waren auf ihn angeschlagen.

»Ein Spion, ein Spion!« schrie alles durcheinander. »Ein Jude, ein jüdischer Spion!« brüllte die Menge gleich darauf, als der Schein des Feuers auf ihn gefallen war.

[67] Es war Manasse, Manasse in seinem langen schwarzseidenen Kaftan. Das totenbleiche Gesicht sah ängstlich auf die drohenden Feuerröhre, und mit hastiger Stimme rief er: »Ich bin kein Spion, ich bin der ehrliche Jude Manasse – wo ist mein Sohn Joel?« schrie er hinterdrein mit kreischender Stimme.

»Drückt ab,« stürmte Slodczek, »er hat uns behorcht; er verrät uns an die Edelleute.«

»Im Ringe des Schmiedes wird nicht geschossen,« sagte Magyac, und warf gleichmütig frisches Holz ins Feuer.

Die Gewehre senkten sich. Manasse benützte diesen Augenblick zu seiner Verteidigung: »Ich habe nichts gehört, nichts, nicht ein Wort hab' ich gehört; von jener Seite bin ich gekommen, um zu suchen meinen armen Sohn Joel. Mein Sohn Joel vergießt für euch sein Blut, er ist Soldat, mein Joel, sie haben ihn vom Pferde geschossen bei Grochow, vom Pferde, das ich ihm selber gekauft; totgeschossen lag es neben ihm, das schöne Tier, das teure Tier.«

»Schlagt ihm den Schädel ein,« unterbrach ihn Slodczek, und ging mit umgekehrter Büchse auf ihn los, »wenn er Geld verdienen kann, verrät er uns doch.«

Da riß sich der alte Jude mit der Kraft eines Jünglings aus den Fäusten der beiden Bauern, die ihn festhielten, und die lange, magere Figur streckte sich kerzengerade in die Höhe; mit der einen Hand riß er sich die schwarze Mütze vom Schädel, die andere streckte er dem andringenden Slodczek entgegen – die dürren Finger zitterten, die dünnen grauen Haare flogen im Winde, er war anzuschauen wie einer jener Propheten, die den Untergang Judas weissagten: »Der Cherem des allmächtigen Adonai falle über euch, so ihr einem unglücklichen alten Manne ein Haar krümmt, euer Stamm sei verflucht bis ins tausendfachste Glied, euer Land soll wüste liegen, wie das Land zwischen Ägypten und Kanaan, euer Name soll vergessen werden auf ewig, und der Würgengel [68] halte Wache an euren Grenzen bis zum Jüngsten Gericht, so ihr euch vergreift mit frechen Händen an einem Manne des strengsten Gesetzes, an einem der Chassidim, an Manasse, dem Auserwählten des hochgelobten Herrn der Heerscharen.«

Dieser Bannstrahl machte einen unerwarteten Eindruck auf die Bauern. Es lag ein religiöses Element darin, das die frommen Katholiken berührte, jener schreckliche Bezug auf ihr Vaterland und dessen Zerstörung, der entsetzlichste Gedanke für den wildesten polnischen Bauer, der Anblick und die erschreckende Zuversicht des Greises, womit er die Worte sprach – alles das erzeugte eine Totenstille.

Manasse blieb in derselben Stellung, seine Muskeln schienen ehern geworden zu sein, und die düsteren schwarzen Augen leuchteten wie schauerliche Totenfackeln.

»Ich soll euch verraten an eure Herren! O Adonai, wie lange schon liegt dein Zorn auf uns – bin ich nicht ein tiefer gebeugter Sklave als ihr – wenn der Herr euch schlägt mit der Hand, so tritt er mich mit dem Fuße, wenn er den einen von euch mißhandelt, so beklagen ihn die andern, wenn er mich mißhandelt, so lachen sie, wenn ihr unter die Kugeln lauft, und sie euch treffen, so fallt ihr für euer Land, so fallt ihr als Helden, welche die Nachwelt besingt – wenn wir fallen für euer Land, so ist ein Jude weniger, und das ist gut, sprecht ihr dann – weil ich suche meinen Sohn Joel, der vielleicht schon gefallen ist für euch unter den Kugeln der Russen, schlagt ihr auch den Vater tot – das ist auch gut. Und ich soll euch verraten! Was hab' ich zu verraten als größeres Elend denn eures« –

Dabei sank er zusammen. Hedwig, die ihn plötzlich verschwinden sah unter der Menge, glaubte, man sei im Begriff, ihn umzubringen, und stürzte hinaus, Valerius, der schon längst auf dem Sprunge gestanden hatte, folgte ihr augenblicklich. Nur die Überzeugung, daß er in diesem Augenblicke eine ebenso verhaßte Erscheinung sein müsse, als [69] der Jude, daß er den Verdacht der Bauern, behorcht zu sein, zur Gewißheit steigern würde, hatte ihn bisher abgehalten. Aber der Moment schien ihm der äußerste, als Manasse vor seinen Blicken verschwand, und er bemerkte es kaum, daß auch Hedwig hinauseilte.

Ihr Erscheinen machte die Verwirrung vollständig. – »Ein Edelmann – des Grafen Tochter,« schrie alles durcheinander, und im ersten Angenblicke drängten sich die Bauern alle auf eine Seite zusammen, gleich als ob sie sich fürchteten, oder nur in Masse von nun an handeln müßten.

Da erschien auch plötzlich Joel, der mit dem größten Erstaunen die Gruppe betrachtete, die so wenig zu den Liebesträumen passen mochte, aus denen er eben erwachte. Er stürzte zu Manasse und richtete ihn auf; in den Augen des zerbrochenen Greises leuchtete eine unbeschreibliche Glückseligkeit, als er sah, daß es sein Sohn, sein Joel wäre, der ihn unterstützte.

Das Feuer war zwischen den Parteien, nur Magyac saß wie ein unbeteiligter Grenzpflock vor demselben, und somit zwischen den beiden in diesem Augenblick so feindlich gegeneinander gestimmten Heeren.

Ein rasches Gemurmel flog durch die Gruppe der Bauern – es sind Kiekis Uniformen – ein braves Regiment – wir sind verloren, wenn sie lebendig den Ort verlassen – warum nicht gar – sie müssen daran. –

Die letzte Äußerung kam von Slodezek, der Lärm ward stürmisch, die Masse bewegte sich gegen das Feuer zu, Slodezek voran; Valerius und Joel zogen ihre Säbel, Hedwig stand unbeweglich, nur ihre Augen glitten bald von Joels Gesicht auf das Antlitz des alten Manasse, bald von diesem auf jenes.

Magyac nahm ruhig einen Feuerbrand und hielt ihn dem andringenden Slodezek unter die Nase, daß dieser einen Schritt zurückfuhr. »Diese Leute sind die Gäste des Schmiedes von Wavre,« sprach er und sprang in die Höhe.

[70] Slodezek aber, ergrimmt durch den steten Widerspruch, riß ihm den Feuerbrand aus der Faust, schleuderte ihn in die Finsternis hinein und fiel dann mit der größten Heftigkeit über Magyac her. Das Signal war gegeben, der Kampf selbst erzeugt dann bei solchen Gelegenheiten den Kampf, wenn die Parteien kurz vorher noch so unschlüssig gewesen wären. Alles drang auf die beiden Soldaten ein, welche ihre wehrlosen Verbündeten zurückschoben, und sich so gut als möglich zu verteidigen gedachten. Das Handgemenge begann.

»Holla, ho!« rief plötzlich eine donnernde Stimme, und von unwiderstehlicher Kraft fühlten sich die ersten Kämpfer auseinandergerissen. – »Der Schmied, der Schmied,« schrie alles, und er stand wirklich zwischen ihnen. Die Flinte hing ihm auf dem Rücken, seine Hand war ohne Waffe, aber sein Blick genügte, dem Kampfe ein Ende zu machen. Er nahm seine dunkelrote Mütze ab, ein unendlicher Schmerz breitete sich über das gefurchte hartkantige Antlitz – die Hände faltend, sah er mit stierem Auge vor sich hin, und leise sprach er: »Vater Kosciusco, das sind deine Polen.«

Diese Worte waren bis zum entferntesten Bauer gedrungen – die erst noch so unbändigen Insurgenten standen mit niedergeschlagenen Augen da. Erst nach einer langen Weile sagte Slodezek halblaut: »Vater Florian, sie haben uns behorcht.«

»Was habt ihr für Geheimnisse vor ihnen?« fuhr der Schmied hastig auf, »sie hassen die Tyrannei so gut wie ihr, sie wollen unseres Landes Freiheit so gut wie ihr, sie beten zu Gott, was ihr bittet.«

Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: »Wir gehen alle nach Warschau, übermorgen abends um sechs finden wir uns vorm Hause des alten Krukowiecki, der heilige Adalbert nehm' uns in seinen Schutz.«

»Magyac voraus, zäume die Pferde und führe sie an den Kreuzweg, dort harrt der Wagen für das Fräulein.«

[71] Thaddäus, der den Schmied kannte, wußte, daß Eile nötig sei, und flog wie ein Roß über die Lichtung nach dem Walde zu. Die Bauern grüßten den Schmied mit einer Mischung von Ehrfurcht und Vertraulichkeit, und wohl auch mit einem Rest von Scham, daß sie sich vom heißen, zänkischen Blute zu einer Torheit hatten fortreißen lassen, und zerstreuten sich, hastig über die Lichtung schreitend.

Jener gemäßigte Alte sagte mürrisch zu seinem Begleiter, als sie in das Dunkel des Waldes traten: »Der Slodczek macht immer tolles Zeug – 's ärgert mich aber doch, daß mir die hübschen Pferde entgangen sind, ich witterte sie heut' abend, als ich durch den Wald nach dem Ringe strich, und ich dachte, einmal heimzureiten – 's war kein Glückstag heute.«

Auch der Schmied brach mit den übrigen auf. Valerius wollte ihn gesprächig machen, er gab aber nur kurze, wenn auch höfliche Antworten. Manasse liebkoste seinen Joel und erzählte ihm, wie er in jener Nacht des Aufbruchs aus dem Schlosse dort angekommen sei, um ihn zu warnen vor den sich immer mehr nach jener Seite ausbreitenden Russen. »Ihr wart fort, ich rannt' euch nach. Auf dem Walplatz im Walde fand ich einen schwerverwundeten Kosaken. Ich verband ihn, damit er mir den Weg zeige, den ihr eingeschlagen. Er wies hierherzu. – Die letzten, sagte er, seien hierherzu geritten, ein junger Soldat mit schwarzem Haar und Bart sei dabei gewesen. Das war der junge Deutsche. – Gleichgültig, Joel, ich bin gelaufen, ohne zu ruhen, und hab' dich gefunden.« – Dabei liebkoste er ihn heftig.

Sie traten in den Wald, aber eine große Helle in ihrem Rücken veranlaßte sie, noch einmal rückwärts zu schauen. Die Wildraufe und die Hütte standen in lichten Flammen. »Das ist der Feuerbrand,« sagte Hedwig, »welchen Slodczek ins Dunkel warf.« Der Schmied sah traurig nach den lustigen Flammen und sprach leise vor sich hin: »Nun habe ich nicht mehr, wo ich mein Haupt hinlegen könnte, wenn ich gehetzt [72] werde wie der Hirsch.« Er fuhr sich mit der flachen Hand über das harte Gesicht. – »Nun, wie die Heiligen wollen! Ist's doch unserem Herrn Christus nicht besser gegangen.« Er nahm die Mütze zwischen die Hände, und seine breiten, festen Lippen bewegten sich, als spräche er ein stilles Gebet.

Das Feuer leuchtete unheimlich über die Heide, sein Strahl hatte in der Einsamkeit nur ein paar Krähen aus dem Schlafe gescheucht, die mit ihrem Grabgesange über die Lichtung flogen. Der Schmied wandte sich mit rascher Wendung in den Wald, die andern folgten dem schweigsamen Führer.

14
14.

Es war einige Tage darauf, als Valerius in seinen Mantel gehüllt durch die Straßen von Warschau strich. Der Mondschein lag mit seinen weichen Blicken über der Stadt, wie eine süße Trauer oder wie eine wehmütige Freude. Die äußeren Dinge fügen sich ja nachgiebig unseres Herzens Wünschen, wir lesen unser Herz in ihren Blicken, und demselben Lichte jauchzt der eine wie einer Hochzeitsleuchte entgegen, während der andere eine Begräbnisfackel darin zu sehen glaubt. Darum sagen manche Leute, es sei nichts wirklich als unser Gedanke.

Auch Valerius dachte so. »Wozu quält man sich mit den Äußerlichkeiten,« sprach er in seinem trüben Sinne, »unser eigensinniges Herz macht ja doch daraus, was es will. Wozu trachten wir unablässig, Geschichte zu machen, da wir doch nur kleinen Kindern gleichen, die mit lächerlicher Mühe und Sorgfalt ihr Kartenhäuschen aufbauen – ein leichter Windzug wirft es um. Und wir wissen es nicht, von wannen der Wind kam, noch wohin er geht.

Ist es denn wirklich größer, ein Held zu sein, Nationen zu bewegen, Völkerschicksale gestalten zu helfen, als daheim zu bleiben bei den Seinen und ihrem kleinen Glücke, ihren [73] unscheinbaren Freuden Kraft und Tätigkeit zu widmen? Haben die sogenannten Philister nicht am Ende recht, daß wir uns um keine anderen Dinge kümmern sollen, als um jene, die uns zunächst betreffen? Während ich kämpfe und ringe für eines Volkes Freiheit, weil ich den Begriff der Freiheit für etwas Großes halte, verschmachten vielleicht die Meinen in Angst und Mangel und Kummer – ist denn nun auch wirklich dieser Begriff der Freiheit größer als alle anderen? Ist es tugendhaft, alles andere darüber zu vernachlässigen?

Großer Gott! im nächsten Jahrzehnt ist die Entwicklung der Menschen vielleicht in ganz anderen Kreisen, und mein Treiben ist in den Augen der Erleuchtetsten ein törichtes geworden, und das sogenannte Heldentum ist eine moralische Karikatur!

Und wenn das alles, was ich da denke und zweifle, Ausgeburten meines kranken Leibes sind, warum ist die Welt so schwankend, daß sie immer nur aussieht, wie ich sie haben will?«

Dabei war er immer lebhafter hingeschritten durch die Straßen, und war ohne seinen Willen auf die Weichselbrücke gekommen. Eine große Wasserfläche übt stets einen tiefen Eindruck auf das menschliche Herz: das Wasser erscheint uns wie ein unparteiisches Element neben den anderen irdischen Stoffen, teilnahmslos sieht es wie ein großes ewiges Auge auf den Vorübergehenden, und das Schiff und der Schwimmer und der Sturm berühren nur seine Masse, sein Leben ist nicht zu treffen: es mag darüber hingezogen sein, was da will, dasselbe ewige Auge mit seiner Unerforschlichkeit kehrt immer wieder. Wie schweigende Gottheiten gehen die Wasserflächen an unserem Treiben vorüber, und es bedünkt uns manchmal, als wohnte die tiefste Weisheit in ihnen, und als würden wir sie wiederfinden in einem andern Leben, wo sie unbefangen alles erzählen, was auf dieser Erde vorgegangen [74] ist, die einzigen unbeteiligten Historiker neben den Sternen. Die Sterne können nämlich nur von den heiteren Tagen erzählen; wenn Nebel und Wolken über der Erde liegen, da sehen sie nichts, und sie steigen dann in der nächsten klaren Nacht herab in die Wasserfluten, um sich erzählen zu lassen, was unterdes passiert sei.

In solchen Träumereien schaukelte sich Valerius' Geist, während er am Brückengeländer lehnte und in die murmelnden Wellen hinabsah, mit denen der Mond und die Sterne hin und her fahrend verkehrten. Die schweigende Natur mit ihrer Ewigkeit in den Zügen übte, wie immer, ihre volle Kraft der Beruhigung auf sein Herz, man glaubt dann unmittelbar vor dem Auge Gottes zu stehen, und die Welt schweigt im Menschen.

Es war auch ein schöner Platz damals auf der Brücke, die nach Praga hinüberführt: auf der einen Seite die Festung, welche vor dem Feinde sichert, unter sich den breiten glänzenden Strom, auf der andern Seite die stolzen Paläste, deren lichte Fenster der Weichsel erzählten, wie die Polen alle wieder daheim seien, wie die Freude wieder angesiedelt werde in jenen so lange schweigenden, glanzlosen Häusern. Aus der Stadt her schallte Musik und Gesang, und das Herz des traurigen Valerius mußte endlich aufgehen in milderen Gedanken und Empfindungen.

Es fiel ihm ein, daß er auf dem Wege zum Grafen Kicki gewesen sei, der ihn zum Ball geladen, er hoffte fröhliche Menschen zu sehen, und ging eiligst zurück nach der Stadt.

In einer engen Gasse sah er eine lichte Hausflur, und fröhliche junge Männergestalten, bald in schmutzige Schafpelze, bald in glänzende Uniformen gekleidet, gingen ein und aus; die ganze Straße hallte wider von patriotischen Gesängen der Ab- und Zugehenden. Er blieb einen Augenblick stehen, und es schien ihm, als sähe er Magyac eintreten. Neugierig ging er ihm nach und erblickte sich bald in einem großen [75] Saale, in welchem sich zahlreiche Gruppen von Männern befanden. Der Raum war spärlich beleuchtet, und das bunte Durcheinander von lauter männlichen Gestalten, die mit etwas gedämpfter Stimme, aber größtenteils rasch und heftig sprachen, machte einen wunderlichen Eindruck.

Valerius drückte sich in eine dunkle Ecke. Er wollte versuchen, ob er sich in diesem ihm ganz neuen Elemente zu orientieren vermöchte. Dicht neben ihm stand eine Gruppe Bauern, sie sprachen leise und unverständlich. In seine Nähe drängte sich ein Mann, bis an die Nase in den Mantel gehüllt, die Mütze hatte er tief in die Augen gezogen – es entstand eine Bewegung im Saale, und auf einer Art Tribüne im Hintergrunde desselben erschien eine Figur. Ein stürmisches Beifallsrufen drang aus mehreren Gruppen, die meistenteils aus Offizieren und jungen Männern bestanden, welche, in feinen Zivilkleidern, den gebildeten Ständen anzugehören schienen. Die Bauern neben Valerius sahen neugierig nach der Tribüne, als wäre ihnen die Erscheinung völlig neu und unbekannt. Der Redner – denn als solchen gab er sich bald kund – war eine schmale, hohe Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet; auf dem Kopfe trug er ein Käppchen von eben dieser Farbe, und sein ganzes Ansehen gewann dadurch etwas Klerikalisches. Die Haltung des Körpers schien von Sorgen oder Studien gebeugt zu sein – da die Gegend, in welcher sich der Redner befand, heller beleuchtet war, als die Tiefe des Saales, so konnte Valerius die Gesichtszüge genau unterscheiden. Es lagen tiefe geheimnisvolle Furchen in dem magern blassen Antlitze, die Nase war spitz und scharf geformt, und die tiefliegenden Augen waren still und fast ohne Bewegung, bevor der Redner zu sprechen begann. Dann aber flogen sie zuweilen hervor mit einem wie unterirdischen Feuer, zuweilen glänzten sie sanft und mild wie die Seele der wohlwollendsten Weisheit. Derselbe Wechsel spielte um den feinen Mund und dessen schmale Lippen: bald schienen [76] Pfeile des tiefsten Hasses aus den Winkeln zu fliegen, bald saß ein Lächeln darauf, das aus dem schönsten Herzen zu kommen schien und von unendlicher Liebe zeugte.

Die Stimme war sanft und äußerst wohlklingend, und der Akzent der schönste, welchen Valerius noch in Polen gehört: die schwierigsten Konsonanten zerflossen auf jenen feinen Lippen, und alles schmiegte sich in Wohlklang und Reiz. Der Redner begann mit jener anspruchslosen Einfachheit mächtiger Künstler die Geschichte Polens zu erzählen, die Stimme schien leise und schwach, und da die Erzählung mit den fernsten Jahrhunderten aushob, so fürchtete man, es werde ihr für den eigentlichen Zweck, für die Verhältnisse des Augenblicks keine Kraft übrig bleiben. Aber dieser Glaube war sehr irrtümlich. Die Stimme wurde stärker, wie ein Baum, der immer höher wächst, und so wie dieser immer breiter um sich greift mit seinen Zweigen, so schien auch diese Stimme immer tiefer in die Herzen der fernsten Zuhörer zu greifen. Es war eine Stille im Saale, daß man den Fall einer Nadel gehört hätte; auf allen Gesichtern war die höchste Spannung zu lesen. Die Bauern neben Valerius schienen kaum zu atmen, und so erreichte die Rede ihren Höhepunkt bis zum Ausbruch der neuesten Revolution, die noch mit den lebendigsten, blutvollsten Worten dargestellt wurde. Da hörte sie plötzlich auf, der Redner machte eine Pause. Der Eindruck war über jenen hinaus, wo der Beifall der Zuhörer losbrechen kann, diese waren selbst über den Raum hinausgehoben, und nicht ein Laut unterbrach die feierliche Stille.

Der Redner schien auch diese Art der Anerkennung zu verschmähen, denn mit viel schwächerem, aber noch völlig festem und gewandtem Tone sprach er nun über die neuesten Tage. Im Anfange der Rede waren dem aufmerksamen Zuhörer manche kleine unbedeutende Sätze begegnet, die mit dem folgenden in geringem oder gar keinem Zusammenhange zu stehen schienen. Sie betrafen meist die Verhältnisse der [77] niedrigsten Stände und schienen mehr nebenbei vom Redner hingeworfen zu sein, um einen Teil seiner Zuhörer, die in Schafpelzen und ohne Halstuch gekommen waren, nicht ganz leer ausgehen zu lassen. Aber all die kleinen Sätze wurden in diesem letzten Teil der Rede sorgfältig aufgehoben, zusammengerückt, über-und unterbaut, daß man plötzlich ein massives Gebäude der Volksfreiheit vor sich sah, und im ersten Augenblicke stutzig war, wie es so plötzlich fest in allen Teilen aus der Erde habe wachsen können. Es war aber in diesem Abschnitte der Rede alles so fein schattiert, so schnell und gewandt ausgedrückt, daß das Ganze wie ein Luftschloß vorübergaukelte, und der eifrige Aristokrat hätte es anhören können, ohne zum klaren Bewußtsein zu kommen, wie seine innersten Meinungen hastig mit Erde verschüttet würden. Die Argumente, die historischen Data flogen wie das Weberschifflein und die Einschlagfäden vor den Augen durcheinander, und das Gewebe war fertig, dicht und dauerhaft, ohne daß der Zuhörer Absicht und Weise hatte beachten können. Man konnte in der Stunde darauf den Redner vor Gericht ziehen, und niemand wäre imstande gewesen, anzugeben, auf diese oder diese Weise hat er die Demokratie gepredigt. Und zwischen diesem Schaffen und Bauen der Sätze und Gedanken blitzten die mächtigsten Kugeln auf gegen die Unbilden der Aristokratie; aber auf Blitz und Knall folgte eine ganz unerwartete Wendung der Rede, die scharfen Augen und Mundwinkel waren wieder sanft und glatt, man glaubte sich getäuscht zu haben, man wurde von neuen Interessen erschüttert, und ein neuer Blitz ward von noch größeren Dingen verdrängt, und die Rede schloß mit einem erschütternden Aufrufe zum Kampfe auf Leben und Tod, so daß man selbst nicht wußte, war die Stimme wieder gewachsen oder nicht, hat der Redner zuviel oder zuwenig gesagt, soll man jubeln oder trauern, hassen oder lieben. Aber durchgeschüttelt und gerüttelt, ja erschüttert war alles bis in das [78] innerste Mark, und der lang verschlossene Atem rang sich bei den meisten stöhnend an die Luft.

Der Redner war verschwunden, und Valerius fragte in der Betäubung hastig seinen verhüllten Nachbar, wer da gesprochen, obwohl es schien, als ob der Mann unter seinem Mantel nicht gestört sein wolle.

»Joachim Lelevel,« war die Antwort.

Lelevel, wiederholte Valerius vor sich hin, gleich als fände er einen alten Bekannten. In der Gruppe der Bauern ward der Name wiederholt, und sie schienen nicht weniger ergriffen zu sein von jener Rede als die Gebildeteren. Man glaubt es nicht, wie fein die geistigen Empfängnisorgane dieses Volkes sind. Die Zeit der Knechtschaft hat sie noch geschärft; wo das ganze Wort nicht erlaubt ist, da lernt man schnell das halbe verstehen – die breite prunkende Art der Rede, das rhetorische Wesen konnte nur bei den Römern entstehen, der weite Länderübermut liegt darin, und darum hat sich jene Gattung in der neueren Zeit auch vorzüglich auf die Franzosen vererbt.

Ein unterdrücktes Volk macht wenig Worte. So erklärte sich auch in diesem Augenblicke Valerius jene auffallende Erscheinung unter der Wildraufe, wo die Bauern soviel wie nichts gesagt hatten, und doch für unberufene Ohren zuviel gesagt zu haben fürchteten. Sie glaubten, auch ihre Auslassungen seien behorcht worden. Das ist ein Hauptunglück der Knechtschaft eines Volkes, daß sie die Unbefangenheit verlieren, daß sie Begriffe, welche ihnen zu sprechen verboten sind, am Ende selbst nicht auszudenken wagen, daß sie mißtrauisch werden.

Die Gedanken jener Insurgenten waren nicht einmal reif in ihnen geworden, noch weniger hatten sie etwas Vollständiges ausgesprochen, und dennoch glaubten sie zuviel gesagt, die schmerzensreiche Brust viel zu weit geöffnet zu haben. Mit dieser kranken Sagazität und Kombinationsgabe [79] des Verdachtes hatten sie aber Lelevel vollkommen verstanden.

Und es mochten wirklich größtenteils dieselben Bauern sein. Bei der Bewegung, welche nach jener Rede unter ihnen entstanden war, erblickte Valerius deutlich das wilde Gesicht des stürmischen Slodczek.

Ein anderer Redner war indessen aufgetreten: er war in der Uniform des vierten Regiments, und der Ausdruck seines Gesichts war barsch, unschön, voll Leidenschaft und schlecht verhehlten Grimmes. Er sprach mit wenig Rückhalt herben Tadel aus über die unzureichende Tätigkeit der zeitigen Regierung in Sachen des Krieges und der gesellschaftlichen Umgestaltung, verlangte durchgreifende Reformen gegen die Aristokratie des Landes auf der einen Seite und schonungslose Allgemeinheit der Bewaffnung durch alles Volk, das polnisch spräche.

Valerius ward an den Jakobinerklub in Paris erinnert, und als er den Redner verlangen hörte, daß man aufräumen müsse unter all den Leuten, an welchen der leiseste Verdacht des Russentums hafte, da stieg das blasse Angesicht des steinernen Saint-Just vor seinen Blicken auf, und jenes entsetzliche Wort suspect, suspect, das Losungswort der Schreckenszeit, schwirrte um seine Ohren.

Diese Erscheinung unumwundener Sprache bei einem allgemeinen Charakter, wie er sich eben an jenem ersten Redner und jenen insurgierenden Bauern herausgestellt hat, darf nicht verwundern. Der Mut ist keinen Gesetzen unterworfen, und jener tollkühne Mut belebte einen großen Teil der damals tätigen polnischen Jugend, die sich im vierten Regimente konzentrierte. Jener Mut übersprang selbst die national gewordenen Eigentümlichkeiten.

Diese Rede erregte einen tosenden Lärm, und sie ward eigentlich nicht zu Ende gebracht, sondern der immer höher steigende Sturm übertäubte sie – es lebe Driwiecki – der [80] Name des Redners – es lebe Polen! brauste der Lärm durcheinander, und besänftigte sich nur zur Regelmäßigkeit, indem er in den donnernden Gesang des bekannten Volksliedes: »Noch ist Polen nicht verloren« überging.

Valerius sah die Bauern außer sich vor Bewegung, Tränen liefen ihnen in die Bärte, und sie umarmten und küßten sich stürmisch.

Er wollte den Saal verlassen. Unweit der Tür sah er im Dunkeln einen Mann stehen, der abgesondert von allen übrigen dem Sturme der Begeisterung nicht nachzugeben schien. Valerius ging dicht an ihm vorüber. Es war der Schmied. »Gut Nacht, Florian, freust du dich nicht bei solchen Dingen?« – »Es kommen ernste Zeiten – gute Nacht, Herr!«

Dem Valerius schien es, als folge ihm sein Nachbar, der Mann im weiten Mantel. Als er sich aber vor dem Hause umblickte, gewahrte er nichts. Hastig eilte er nach dem Hause des Grafen Kicki.

15
15.

Auf Flur und Treppen rannten gallonierte Bediente hin und her. Alles war licht und hell, die Musik tönte aus dem Saale – es war ein ganz anderes Element, in welchem sich Valerius wieder fand. Sein empfängliches Wesen nahm auch willig die neuen Eindrücke auf. Seit er das feste Steuer seiner Lebensrichtung verloren hatte, hielt er es fürs Beste, sich dem Leben anzufügen, wie es sich eben darbiete, sein Schifflein schwimmen zu lassen, wie es der Strom treibe. Aber seine Natur widersprach diesem Vorsatze faktisch alle Tage, sie fügte sich nicht so schnell als seine Einsicht. Von jeher gewohnt, zwischen festen Grundsätzen einherzuschreiten, lehnte sie sich jetzt täglich auf, und verlangte die alte Prüfung, den alten Kritizismus. So erziehen sich die besonnenen [81] Menschen die aufmerksamsten und zuzeiten störendsten Schulmeister in ihrem Busen, und es mag oft ein leichtsinniger Mensch eher gesetzt und besonnen werden, als ein gesetzter leichtsinnig. Jener leichte Sinn war es wenigstens, nach welchem Valerius so sehnlich verlangte, bisher immer umsonst verlangte.

Diesmal trat er aber wirklich heiterer als gewöhnlich in den Saal. Der Anblick eines Balles war ihm von jeher angenehm. Die zur Freude versammelten Menschen, die zur Freude geputzten Damen, die zur Freude herausfordernde Musik gewährten ihm immer den besten Eindruck. Es stimmte auch völlig zu seinen Ansichten, die Fröhlichkeit, den heitern Genuß zu erzeugen nach allen Kräften. Durch diesen Kanal der sogenannten Lebensphilosophie hatte nun einmal alles zu ihm dringen müssen, und wenn er auch jetzt anfing, dieses gemachte Wesen mit Unzufriedenheit anzusehen, wenn er sich auch lebhaft nach jener Unbefangenheit sehnte, die allen Reiz der Unmittelbarkeit über uns schüttet, so konnte er sich doch, wie gesagt, nicht so schnell seiner Vergangenheit entäußern; er mußte es geschehen lassen, daß der eben auf ihn anbringende gefällige Eindruck zum Teil in früheren Lehrsätzen seinen Ursprung hatte.

Es war aber auch wirklich ein erheiternder Anblick, der sich ihm darbot. Die polnischen Damen, berühmt durch die frische, lebendige Schönheit, jubelten in ihren stürmischen Nationaltänzen umher, der elastische Takt des Masurek hob sie wie beflügelt über den glatten Boden hin, die blitzenden Augen leuchteten siegestrunken, alle Bewegungen der weißen Arme waren kühn und schön – es war der Triumph des Vaterlandes, den sie tanzten. Man sah es, daß alle Kräfte und Fähigkeiten höher gespannt waren als im Alltagsleben, und wenn sich zuweilen jene einzelnen melancholischen Klänge ankündigten, die fast in keiner polnischen Nationalmusik fehlen, so dienten sie nur dazu, das Übermütige der Lust, wie es [82] an vielen Orten emporschlug, in milde Poesie zu wandeln. Man sah es, daß ein wirkliches Fest gefeiert wurde, daß eine gemeinschaftliche Seele durch alle wogte, und solch eine Freude teilt sich mit und dringt auf alles ein wie die erquickende Frühlingsluft, die an einem sonnigen Tage über ein Land daher zieht. Valerius fühlte sich plötzlich von einer so überschwellenden Bewegung ergriffen, daß er hätte aufjauchzen mögen vor Freude. Er glich damals in allem einem Bergstrome, der heute bis auf den Grund vertrocknet, morgen brausend über die Ufer schlägt, wenn ein warmer Regen in seine Schneeberge gefallen ist.

Die Polen gewährten in ihrer kurzen Periode der Unabhängigkeit eine merkwürdige Erscheinung. Mit ihrem liebenswürdigen Leichtsinne genossen sie die plötzlich erschienene Freiheit – oft stand der Feind nur einen Kanonenschuß von ihnen entfernt, und sie jubelten und jauchzten, als ob sie in alle Ewigkeit gesichert wären. In allem Glanze erschien damals jene nationale Poesie sanguinischer Völker, jeden Augenblick des Daseins auszukaufen, und auch den äußersten noch für eine Freude zu erbeuten. Dieses Element imponierte Valerius, dem Sklaven der Zukunft, über die Maßen. Er glaubte darin den Sieg eines starken Herzens über alle Äußerlichkeit zu sehen, und erregt von glücklicher Teilnahme stand er an die Wand gelehnt, dem fröhlichen Treiben zuschauend.

Der Masurek ging zu Ende, die Tänzer drängten sich durcheinander, Valerius fühlte sich bei der Hand ergriffen; es war Graf Stanislaus, der vor ihm stand und ihn auf das herzlichste begrüßte. Alle schönen Elemente, die man an den Polen bemerkt, wenn sie im bewegten Kriege oder auf der raschen Reise an uns vorüberfliegen, alle diese einnehmenden ritterlichen Vorzüge besaß der junge Graf. Er war hoch, schlank und schön, sein Haar glänzte in jener polnischen Mittelfarbe zwischen blond und braun, und ein solcher[83] Flaum flog kraus über seine Wangen und Lippen hinweg. Mehr als gewöhnlich drückte sich der Nationalzug einer leichten Melancholie in seinem Antlitz aus, und Valerius fühlte ihm gegenüber zum ersten Male das gesellige Vertrauen, welches zu offener, rückhaltsloser Mitteilung ermutigt. Diesen wesentlichen Reiz im Umgange mit Deutschen hatte er bis jetzt in diesem Lande völlig entbehren müssen: alle Menschen, denen er begegnet war, hatten ihm entweder eine leichtsinnige Oberflächlichkeit, oder eine versteckte, mißtrauische Art des Wesens bekundet, und wenn er sich darin geirrt hatte, so war er doch von niemand vertraulich, mitteilend angeregt worden. Joel war viel zu sehr mit eigenem Leid bedeckt, als daß man ihn noch hätte zur Teilnahme an solchen feineren Dingen auffordern können, wie es nationale Unterschiede, historische Richtungen für einen jungen Menschen sein mußten, der mit den ersten Lebensbedingungen des Herzens und der Gesellschaft zu kämpfen hatte.

Man darf sich also nicht verwundern, wenn Valerius tief aufatmete, als er solch ein Zutrauen weckendes Leben bald nach den ersten Worten der Begrüßung in seinem neuen Bekannten entdeckte. Er fühlte sich nun plötzlich nicht mehr allein in dem fremden Lande, und nun schien es ihm auch schnell, als ob dies der einzige Grund seiner bisherigen Mißstimmung gewesen sei.

Starke Menschen sind nur zu geneigt, tiefe, chronische Krankheiten ihres Geistes und Herzens wegzuleugnen, sobald sie irgend eine äußere Veranlassung entdecken, welcher sie das innere Unbehagen ihres Wesens zur Last legen können. Es ist gewiß wahr, daß Nationalitäten, die so wenig Berührungspunkte haben, als die deutsche und polnische, die unbequemsten Zustände erzeugen können, wenn der Vertreter der einen Landesart plötzlich mitten in das andere Land geworfen wird. Aber die Krankheit des Valerius lag tiefer. Dem sei nun wie ihm wolle, er glaubte einen vermittelnden [84] Genius zwischen den verschiedenen Volkssitten in Stanislaus gefunden zu haben; er gab sich ihm mit aller Schwärmerei einer so unerwarteten Freude hin, und so wie Gleiches immer Gleiches erzeugt, ward auch des jungen Grafen Herz durch solche Wärme immer offener und liebender; sie strichen Arm in Arm im Saale auf und nieder, und redeten sich bald so tief in Interessen und Freundschaft hinein, daß sie, Tanz und Gesellschaft vergessend, in die Seitenzimmer traten, um ungestört über Herzen und Völker sprechen zu können.

Graf Stanislaus gehörte zu der jungen Generation Polens, die in vielem wesentlichen abweicht von dem überlieferten Begriffe, den wir von diesem Volke haben. Schon von der ersten Teilung Polens datiert ein neues Moment der Bildung in Polen. Der einheimische Jammer trieb sie auf Reisen. Mancher neue Bildungsstoff kam mit den Heimkehrenden zurück. Aber die Umgestaltung des innersten Wesens eines Volkes macht sich nicht durch einige Reisende, jener slawische Grundstoff einer gewissen Wildheit war nicht im Handumwenden zu beseitigen, und die äußeren Einwirkungen ließen einer tieferen Läuterung des Volkscharakters keine Zeit. Die Teilungen des Landes nahmen alle Kräfte gegen außen in Anspruch. Indes offenbarte sich schon damals in der Konstitution vom 3. Mai 1793 jenes neue Zivilisationsmoment, von welchem hier die Rede ist, und der Hauptvertreter dieser neuen polnischen Richtung erschien in dem sanften und milden Thaddäus Kosciusco. Schon damals bildete sich eine preiswürdige Mehrheit, welche alle Forderungen der Humanität zu berücksichtigen, die barbarischen Überreste der polnischen Gewohnheiten zu vernichten und das Volk aus der Knechtschaft zu ziehen trachtete. Dieser Keim ist nicht untergegangen; die fortwährenden Stürme, welche das Land heimsuchten, haben seine besten Männer in allen Ländern Europas umhergeführt, und als die Revolution von 1830 ausbrach, fand sie eine Schar im Unglück gebildeter [85] Polen, welche aller neuen Erfindungen der Zivilisation mächtig, und über die alten Nationalvorurteile hinausgehoben waren; ja sie fand eine Jugend, welche nicht nur für die Freiheit, sondern auch für alle Forderungen einer modernen Humanität schwärmte.

Zu dieser Jugend gehörte Graf Stanislaus. Und dieser junge Mann gestand dem Valerius, daß er nur in den Stunden des Siegesrausches an ein glückliches Ende dieses Kampfes glaube. Und dabei trat jener polnische Schmerzenszug wie das tränenweiche Gesicht eines Mädchens auf seine Züge, in seine Augen. »Die Revolution,« sprach er, »hat uns übereilt, noch liegen alle Bestandteile eines neuen Volkslebens chaotisch in uns durcheinander, noch ist die persönliche Eitelkeit, unser Erbübel, zuwenig gebrochen von der uneigennützigen Bildung, die ungeordneten Massen unserer bedeutendsten Kräfte werden sich in den Weg treten, und vereinzelt überwunden werden.«

Bei diesen Worten, welche Valerius mit tiefer Trauer anhörte, waren sie wieder an die Tür gekommen, die in den Saal führte. Vom Orchester herab rauschte eine Polonäse. Das ist der polnische Nationaltanz, welcher den ganzen Stolz des Volkscharakters ausdrückt, eine üppige Erinnerung an die früheren patriarchalischen Zustände. Es liegt eine siegreiche Unabhängigkeit in ihren Rhythmen, und sie scheint aus den frühesten Zeiten zu stammen, wo das Volk noch ohne Störung in aller Breite sich ausdehnen konnte, durch keinerlei Feindschaft zu Hast und Ungestüm aufgeregt wurde, wo es seiner sonnenlichten und prächtigen Heimat in Asien noch eingedenk war.

Ein eisgrauer alter Pole führte sie an, und zum lebhaften Erstaunen Valerius' war Hedwig seine Dame. Das schöne Mädchen strahlte in seiner Frische und in der lebhaften, phantastischen Nationaltracht wie die ewig junge Schutzgöttin des Landes selbst, die nur eben in ihrer Flüchtigkeit [86] oft andere Dinge neugierig betrachtet als das ihr anvertraute Land. Auf dem schönen Haare trug Hedwig ein zierliches, blitzendes Kaskett, und rot und weiß war ihre übrige blendende Tracht, bis auf die kleinen karmoisinfarbenen Halbstiefel, welche das hochgeschürzte Kleidchen mit aller Zierlichkeit des schöngeformten Beines sehen ließ. Kurze Handschuhe bedeckten nur den Unterarm, der übrige Arm, Nacken, Schulter bis an die mutig schwellende jungfräuliche Brust war lustig entblößt, und das fröhliche Fleisch lachte harmlos mit den strahlenden Augen. Valerius hatte sein inniges Vergnügen an diesem Anblick. Sein krankhafter Zustand war in der letzten Zeit so groß geworden, daß auch die weibliche Schönheit keinen Reiz für ihn hatte, nur die vollendetsten Formen konnten seinem künstlerischen Sinne ein flüchtiges Behagen erwecken, alle Sinnlichkeit – und es gibt eine solche von schöner Art – hatte völlig in ihm geschwiegen, alles Blut schien aus ihm gewichen zu sein. Indes, die Jugendlichkeit Hedwigs war nicht ohne eine Art von Erfrischung für ihn gewesen; jetzt sah er zum ersten Male das schöne herausfordernde Mädchen in ihr, und der freundliche Gruß, den sie ihm nickte, belebte seit langer Zeit zum erstenmal sein Auge mit dem muntern Wohlgefallen, das der Anblick eines schönen Mädchens erweckt.

War es ihm doch, als ob er die hohe Frauengestalt, die hinter Hedwig an der Hand des Grafen Kicki einherschritt, schon irgendwo gesehen! Sein Blick hatte zu fest auf jener geruht, und die andere war ihm dunkel wie eine Nebenerscheinung vorübergeglitten; der Glanz und das Klirren des Tanzes zog seinen jetzt erweckten Sinn vom Nachdenken ab, er schwelgte in diesem halbkriegerischen Triumphzuge. Fast alles war im Kriegskostüm, die meisten polnischen Tänze wurden von den Männern mit Sporen getanzt, und in der Polonäse fehlte auch der klirrende Säbel nicht. Die schlanken Gestalten, das pulsierende Leben in den kleinsten Bewegungen, [87] der Glanz der Augen, das Blendende in der freien Schönheit der lebhaften Frauen, die rauschende Musik, – alles das versetzte den sonst so trüben Deutschen in eine Art von Rausch. »Es wäre entsetzlich,« wendete er sich zu Stanislaus, »wenn diese Nation wieder unterläge.«

»Sie tanzen bis zum Grabe,« erwiderte dieser mit trauriger Stimme.

Valerius' Augen folgten dem leichten Schritte der schönen Hedwig, und wie von einem Schrecken getroffen, dachte sein Herz plötzlich an Joel: »In welcher dunklen Judenstube mag der Arme jetzt sitzen mit dem alten Manasse! Welch ein düsterer Gegensatz zu diesen in Licht und Glanz schimmernden Sälen! – O, können sie denn nie aufhören, diese grellen Kontraste der bürgerlichen Gesellschaft!«

Der Tanz war beendigt – wahrlich, jene Tänzerin des Grafen Kicki, jene hohe Gestalt, sie war es, die Fürstin Konstantie! Wie kam sie aus Deutschland mitten in diese ferne Stadt des Krieges? Valerius wußte nicht, ob er sich freuen sollte oder sich betrüben, es war wie ein Schreck, was ihn durchbebte, und er redete sich vor, die stolze, aristokratische Frau werde mit Hohnlächeln das verworrene Treiben einer jungen Freiheit betrachten, und dies sei es, was ihn befangen habe bei ihrem Anblick.

Während ihm diese Gedanken durch Kopf und Herz flogen, war die Fürstin neben dem Grafen Kicki ganz in seine Nähe gekommen und betrachtete Valerius mit festem, beinahe herausforderndem Blicke. Dieser, der eine unerklärliche Scheu empfand, die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern, blieb einen Augenblick unschlüssig und ohne Bewegung, es mochte auch der natürliche Trotz sein gegen jene befehlenden Augen. Aber er glaubte plötzlich einen weichen, schmerzlichen Zug um den sonst so stolzen Mund zu sehen, das Verlangen, eine Landsmännin zu begrüßen, übermannte ihn, wie er glaubte, und er ging langsamen Schrittes ihr entgegen, um sich ihr vorzustellen.

[88] Eine schnelle Freude flog über ihr edles Gesicht, und sie empfing ihn auf das Verbindlichste.

»Sie sind so blaß, Herr Valerius? Sind Sie krank?« fragte sie mit weicher Stimme, »und auf der Stirn haben Sie eine große Schmarre?«

Sie hatte Französisch gesprochen, und Graf Kicki übernahm die Antwort: »Herr von Valerius übernimmt sich in Anstrengungen für unser Vaterland, bei Grochow ist er auf dem Walplatz liegen geblieben, und wir haben ihn lange für tot gehalten, unterdes hat er sich in den Wäldern mit marodierenden Russen herumgeschlagen – wahrhaftig, Herr von Valerius, Sie müssen eine Zeitlang den Dienst aussetzen und sich erholen – wenn wieder eine schöne Aussicht für uns Reiter kommt, eine schöne Fläche und jenseits himmelhohe Kürassiere, dann ruf' ich Sie, zuverlässig, Herr von Valerius, dann ruf' ich Sie.« – Damit beurlaubte er sich bei der Fürstin, indem er artig versicherte, der junge tapfere Landsmann würde sie am interessantesten zu unterhalten verstehen, und dem Hause des Wirtes soviel Ehre machen, als er seinem deutschen Vaterlande Ruhm bereite durch seine Tapferkeit für eine unterdrückte Nation.

Graf Kicki war der polnische Alcibiades: schön wie ein Gott, tapfer bis zur Verwegenheit, heiter, galant, liebenswürdig, ritterlich, war er der Abgott der polnischen Damen, der fabelhafte Paladin des Krieges. Alles schrie seinen Namen, wenn er durch die Straßen sprengte, die Damen eilten aus Fenster, und warfen Blumen auf ihn hinab, und kein Geliebter, kein Gatte verargte dies: der schöne Kicki war der Repräsentant ihrer nationalen Liebenswürdigkeit. Lächelnd und unbefangen, als wäre er aus einem Ritterroman heraus in die Straßen gesprengt, nahm er das alles auf, und grüßte rechts und grüßte links, und verschwand auf dem brausenden Rosse.

Die Fürstin sah ihm nach und sagte mit jenem vornehmen [89] Abandon, den Valerius schon an ihr kannte, gleich als ob sie sich bereits den ganzen Abend mit dem wiedergefundenen Bekannten unterhalten hätte: »Wahrhaftig, ein schöner Mann, und ein glücklicher Mann,« setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, »schön und glücklich sind die meisten dieser phantastischen Nation, sie leben in einem kindlichen Leichtsinne, einer liebenswürdigen Oberflächlichkeit dahin, als wäre das Leben ein Karneval, selbst die Idee ihres Vaterlandes ist ihnen eine stehende Maske geworden, für die man schwärmen und sich totschlagen lassen muß – still, still, ich spreche frivol in meiner Ballstimmung; Sie sind ein tiefsinniger, ernster Mann, ich weiß es. Machen Sie mir nicht das alte Professorgesicht, ich nehm' es ja zurück, das bunte Zeug, man muß die heiligen Dinge einer Nation nicht bespötteln, wo nähmen wir am Ende die Götter oder Götzen her, welche die Gesellschaft halten und das Höhere von dem Niederen scheiden – wie geht's Ihnen, Herr von Valerius? So heißen Sie ja wohl hier? Wo ist Ihr Haß gegen den Adel geblieben, daß Sie sich auf einmal solch ein adeliges ›von‹ gefallen lassen?«

Valerius konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, was zum Teil von dem gefälligen Eindruck herrührte, welchen die überwältigende Schönheit der Fürstin auf ihn machte. Sie hatte, während sie unter dem Sprechen einige Schritte im Saale hin ging, den Handschuh vom Arm gestreift, um eine neugierige Locke festzustecken, welche ihr auf den Busen herabgefallen war. Ihr voller Arm lockte in seiner Krümmung das Auge des Begleiters, der warme Handschuh, den er hielt, strömte das Frauenleben verführerisch in seine Nerven, und es war nicht zu verwundern, wenn Valerius diesmal die neckenden Herausforderungen der Fürstin unbeantwortet ließ, und kaum mit halben Worten etwas auf die letzte erwiderte.

»Es ist nicht wie in Deutschland, Durchlaucht, mit den [90] Titulaturen, die Leute fragen nicht nach meiner Geburt, ich gehöre zur höheren Klasse, und da werde ich Valeriuski, von Valerius genannt, ich mag wollen oder nicht.«

»Ganz recht,« nahm die Fürstin die Rede auf, und ließ sich ihren Handschuh wiedergeben, »dies Land der Aristokratie ist darin liebenswürdig, die kleine adelige Gewürzkrämerei Deutschlands ist ihnen unbekannt – ein freier unabhängiger Mann ist ein Edelmann – aber antworten Sie doch, Herr von Valerius, wie geht's Ihnen – lassen Sie mir diesen Namen: Herr von Valerius; ich muß Ihnen die Schwäche gestehen, daß es mir leichter ist, als das harte Herr Valerius. Dies ›von‹ ist mir durch die Gewohnheit so notwendig geworden, man ist in Deutschland nur mit solchen Leuten umgeben, die es führen, Sie sind mir fremder, wenn ich es weglasse, und ich möchte nicht gern, Herr von Valerius, daß Sie mir fremder seien, als Sie sich ohnedies machen. Antworten Sie mir recht offen: Wie geht's Ihnen? Sind Sie glücklich, sind Sie zufrieden?«

Valerius schüttelte wehmütig den Kopf.

»Das freut mich, Sie werden mich nicht mißverstehen, Sie sind ein Poet und erraten meinen Ideengang, oder doch irgend einen. Es soll Ihnen nicht gut gehen bei diesem törichten Leben – die Menschen sind der Opfer nicht wert, und warum vernachlässigen Sie diejenigen, die Ihnen nahe stehen, um ins Blaue hinaus für die Menschheit zu wirken! Was ist die Menschheit? Der Mensch, der neben Ihnen steht. Sprechen Sie nichts darüber, ich bitte; ein andermal, nicht hier. Kennen Sie dort das schöne Mädchen, bei dessen Anblick sich vorhin Ihr trauriges Gesicht belebte? – Ja, ja, ich habe Sie beobachtet, wären Sie ein anderer Mann, o würde ich glauben, jene unerfahrenen jungen Augen hätten eben in aller Unschuld Ihr Herz getroffen, aber Sie haben keine Zeit zu solchen Dingen, Ihre historischen Gedanken lassen Sie nicht zu Privatneigungen kommen. Nicht wahr, [91] ich kenne Sie? – Indessen, gerade die große Jugend dieses schönen Mädchens könnte Ihnen gefährlich werden, ich weiß, Sie suchen jene Unbefangenheit, weil Sie eine dunkle Ahnung haben mögen, daß sie Ihnen selbst fehlt. – Ihr Gesicht voll Verwunderung, Herr von Valerius, ist für mich sehr unterhaltend, es steht Ihnen völlig neu und originell, da sie sonst immer alles wissen und durch nichts überrascht werden, oder wenigstens durch nichts sich überraschen lassen. Es ist da nichts zum Verwundern, wir Frauen bemerken es nebenbei, ohne daß wir handwerksmäßig auf das Beobachten ausgehen, und unsere Bemerkungen sind oft tiefer, weil es die schnellen Gefühle sind, von denen sie uns zugetragen werden. Fast jede Frau betrachtet eine neue Männerbekanntschaft mit den Beziehungen der Liebe, der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein, die Frau forscht überall an ihm, ob nichts Liebenswürdiges aufzufinden sei, und solange sie nicht vom Gegenteil überzeugt ist, wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig. Das Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Element – natürlich ist es dabei nicht immer auf Liebesverhältnisse abgesehen, was man so zu nennen beliebt, sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit. Ich bin aufrichtig und sage, was die meisten Frauen verschweigen. Sie können nun aber auch meinen Beobachtungen Glauben schenken und sie der Berücksichtigung wert achten – lieben Sie jenes Mädchen, oder sind Sie auf dem Wege sie zu lieben? Geschwind, ohne Ausflucht.«

Valerius lächelte und gestand, daß ihm Hedwig heut zum erstenmal als ein schönes Mädchen aufgefallen sei, übrigens drückte er nicht ohne eine leichte Ironie der Fürstin seine Verwunderung aus über solch ein plötzliches und ungewöhnliches Verhör.

»Ich glaub' es,« fiel sie ihm schnell in die Rede, und eine leichte Röte flog über ihr Angesicht, »ich glaub' es; [92] Historiker wie Sie, begreifen das nicht. Das sind die Staatsangelegenheiten der Weiber, in diesem Fache müssen wir von allem genau unterrichtet sein; wir haben auch unsere historischen Interessen. Wer wird auch so ungezogen sein und eine Dame gleich bei der ersten Begrüßung fragen, was sie plötzlich aus Deutschland nach Polen geführt habe. Sie müssen sich diplomatisch ausbilden; nach dem Zweck und Ende fragt man wie billig eben am Ende, wenn man sich die Hand zum Abschiede drückt. Ich langweilte mich in Deutschland, mein lieber Landsmann, ich sehe die Menschen am liebsten in ihren Leidenschaften, da tritt alle Schönheit, aller Rest von Göttlichkeit hervor, da ist das Leben aus dem Sumpfe der Gewöhnlichkeit erhoben, ich habe nicht Lust, meine Jugend reizlos hinzubringen; die Zeit kommt früh genug, wo man nicht mehr reizt, nicht mehr gereizt wird, und nichts Besseres tun kann als lesen und denken und philosophieren und Befriedigung und Ruhe nach innen und außen suchen. Was mir Interesse verspricht, das such' ich auf; wenn Sie durchaus Tugend haben wollen, nun wohl, ich halte das für Tugend, Gottes Welt so schön zu finden, als es unsere Kräfte nur immer erlauben.

Also Sie kennen dies Mädchen schon länger? Erzählen Sie mir doch, was Sie hier für ein Leben getrieben haben; armer Mann, der schwere Hieb über den Kopf konnte Sie töten. So viel ist doch die Geschichtskenntnis nicht wert. Freilich, was ist der Mann, der nicht mit dem Leben zu spielen vermag; Sie haben ganz recht, und die Schmarre und der Schnurrbart stehen Ihnen gut. Bei solchen denkenden Leuten haben die Beweise des männlichen Mutes etwas Rührendes, bei den leeren Köpfen sieht es leicht so aus, als gehörte das zum Handwerk. Aber Sie müssen noch leiden, die Wunde hat noch ein frisches Ansehen, ein ganz frisches, Sie Armer. Nicht wahr, Sie werden dem Kicki folgen, und sich eine Zeitlang schonen, nicht wahr? Es ist mir ganz neu [93] an Ihnen, daß Sie so freundlich lächeln und eine schwatzhafte Frau so liebenswürdig anhören können.

Indessen, mein junger Landsmann, Sie müssen ein anderes Leben hier beginnen, wenn Sie nicht in vage, gefährliche Verwirrnisse geraten wollen. Wo waren Sie heut abend, ehe Sie so spät in diesem Saale erschienen?«

Valerius sah sie verwundert an.

»Im ›patriotischen Klub‹ waren Sie, mitten unter den wildesten, exaltiertesten Demokraten, mit denen in kurzem der offene Kampf losbrechen wird; lassen Sie diese ultrademokratischen Dinge, die Ihnen gar nicht einmal so natürlich sind, als Sie glauben. Sie haben sich vielmehr diese Grundsätze als eine Art von Tugend angeeignet, weil Sie aus Trieb nach Charakterstärke eine Art Schwärmer sind, ein Systematiker.«

Hier unterbrach der Graf Kicki die Fürstin und führte sie zur Tafel. Valerius stand überrascht von all den plötzlichen Erscheinungen, die wie ein lustiges Gewitter über ihn hereingebrochen waren, und bemerkte es kaum, daß Hedwig und Stanislaus zu ihm traten, und daß das fröhliche Mädchen über seine Geistesabwesenheit lachte. Aber er fühlte es mit innigem Behagen, als sie ihren Arm in den seinen legte. Den andern reichte sie Stanislaus und unter ihren Scherzen und liebenswürdigen Vorwürfen, daß der Herr von Valerius sie auf eine abscheuliche Weise ignoriert und kaum von weitem gegrüßt habe, kamen sie in den Speisesaal. Die Fürstin saß nicht weit von ihnen, und ihre Augen sahen mit einem seltenen Gemisch von Wehmut und Lebhaftigkeit auf den jungen Deutschen, wenn er angelegentlich mit Hedwig plauderte, und wenn seine Augen mit unverhehltem Wohlgefallen auf den Zügen des glänzenden Mädchens ruhten. Sie saß dicht neben ihm, und wenn sie eilig eine Bemerkung mitzuteilen hatte, da war ihre rote Wange, ihr fröhlicher, kleiner Mund so dicht an dem bleichen Gesichte des Nachbars, daß selbst [94] ein unbefangener Zuschauer hätte glauben können, statt der Worte würden einmal plötzlich Küsse gewechselt werden.

Stanislaus saß ohne Aufmerksamkeit für die beiden schwatzenden Leute neben ihnen. »Ich bin nur neugierig,« sagte Hedwig, »was aus uns beiden Verlobten werden soll, wenn wir immer so wenig Zeit füreinander haben, sehen Sie nur, wie Stanislaus unverwandten Auges da hinüber guckt nach jenem alten Schnurrbart, ich wollte, Sie wären mein Verlobter, Valerius, Sie erzählen mir doch hübsche Geschichten, aber sind Sie auch so gut, so gut und lieb wie Stanislaus? Sie glauben es nicht, wie sehr er's ist, wie sehr!«

»Und denken Sie gar nicht an den armen Joel?« sprach leise Valerius.

Hedwig errötete, schlug die Augen nieder und sagte nach einer Weile mit noch leiserer Stimme: »Ach der arme Joel! – Aber – ach, was weiß ich.«

Als die Tafel aufgehoben wurde, geleiteten die beiden jungen Männer Hedwig an den Wagen, sie war müde und schläfrig, und sagte ihnen kaum »Gute Nacht.« Beide stiegen die Treppen wieder hinauf, da begegnete ihnen jener alte Schnurrbart, den Stanislaus während des Essens unablässig betrachtet hatte. Es war ein bejahrter stattlicher Mann, sein hartes und stolzes Gesicht war von einem starken grauen Knebelbarte beschattet, einem feineren Beobachter entgingen aber jene Winkel seiner Züge nicht, in welchen eine lauernde Verstellung, oder List oder Geschmeidigkeit kauerte; es war nicht leicht, das richtige Wort dafür zu finden. Seine Kleidung war sehr einfach und unscheinbar, aber national, der Bediente reichte ihm einen alten Militärmantel, und Stanislaus, der sich schnell bei seinem Freunde verabschiedete und mit jenem Alten die Treppe wieder hinabstieg, nannte ihn »Herr General.«

Es kamen indes mehr Gäste, die sich entfernten; Valerius fürchtete, seine schöne Landsmännin nicht mehr zu finden, er [95] ließ sich keine Zeit, nach dem Namen dieser Erscheinung zu fragen, die ihm interessant war.

Die Fürstin ging im Saale auf und nieder, umringt von einer Menge polnischer Herren. Ihre Schönheit hatte die lebhaften Männer angezogen, und ihr gewandter Geist spielte mit den feurigen Huldigungen, welche diese Nation mit dem ihr eigenen ritterlichen Ungestüm darbrachte, und immer eifriger darbrachte, je spröder, leichter und vornehmer die Fürstin dergleichen aufnahm. Keiner sah sich sonderlich beachtet, jeder war zuversichtlich, und ihr Eifer, die Aufmerksamkeit der reizenden Frau zu fesseln, wurde immer lebhafter, je weniger Konstantie davon Notiz nahm. So bildete sich jene stürmische Unterhaltung um sie her, wo im Grunde niemand Anteil an dem Gegenstande des Gesprächs nimmt, obwohl alle dafür zu glühen scheinen, jene Unterhaltung des Egoismus, wo nur jeder hervorzutreten trachtet.

Valerius hörte eine Zeitlang hin und folgte mechanisch der Gruppe; die Fürstin sah ihn nicht, und es schien ihm, als läge ein ungewöhnlicher Ernst auf ihrem Gesichte, ein Ausdruck von Kummer, den er niemals auf diesen ungetrübten Formen erblickt hatte. In der Mitte des Saales wartete er, bis die Gruppe vom andern Ende wieder zurückkam, dann ging er ihr entgegen. Denn die Flanken dieser Schlachtordnung waren so stark besetzt, daß man zu der belagerten Festung nicht durchzudringen vermochte. Konstantie lächelte, als sie ihn kommen sah, es lag Freude, Wehmut und auch etwas Stolz auf den schönen Lippen. »Apropos,« rief sie ihm entgegen, »ich habe Briefe von Ihren Freunden aus Deutschland für Sie mitgebracht,« und nach diesen Worten sagte sie den Herren »Gute Nacht,« ergriff den Arm des Grafen Kicki, und verließ den Saal. Valerius ging ebenfalls nach seinem Mantel; der Gedanke an die deutschen Briefe erfüllte seinen Geist, und träumerisch stieg er die Treppe hinab. »Gute Nacht, lieber Träumer,« flüsterte [96] kaum hörbar eine deutsche Stimme neben ihm. Als er sich ermunterte, sah er den Grafen und die Fürstin vor sich hineilen, und ein Schwarm von jener Gruppe aus dem Saale stürmte an ihm vorüber nach der Tür. Dort schwangen sie sich rasch auf ihre Pferde und begleiteten den Wagen Konstantiens. Diese ungewöhnliche Courtoisie machte einen angenehmen Eindruck auf Valerius. Man sieht gern das Heimische geehrt in der Fremde. Er glaubte wenigstens, dies sei der Grund seines Wohlgefallens an dieser Szene.

16
16.

Es war spät in der Nacht, aber der Mond schien noch in lichten Strahlen. Valerius war so erfüllt von Gedanken, Träumen, unklaren Wünschen, daß er seine Wohnung noch nicht suchen mochte. Er wanderte durch die stillen Straßen und war bald wieder auf der Weichselbrücke. Wie so ganz anders sahen ihn jetzt die Wellen des Flusses, die Sterne, die Mondesstrahlen, die dunkel gewordenen Fenster der Paläste an; denn die äußeren Dinge erhalten erst ihre Augen und ihre Sprache von unserem Herzen. Selbst die trüben weltgeschichtlichen Gedanken, die ihn vor wenig Stunden hier zu Boden drückten, sie waren verschwunden, und wenn er sie herbeirief, so lächelten sie, als hätten sie ihren Scherz mit ihm getrieben.

»Es ist wirklich eine Maskerade,« sprach er vor sich hin, »dies wunderliche Leben bis in das geheimste Treiben unserer Gedanken hinein, und es kommt nur auf die Beleuchtung an, ob sie ein schauerliches oder ein lustiges Ansehen haben soll. Solch eine gewöhnliche Redensart: Das Leben ist eine Maskerade, und doch so tief und so richtig! Im Grunde sind in den vulgärsten Sprichwörtern und Phrasen alle Wahrheiten längst aufgefunden, und es ist töricht, sich darum zu quälen. Man verliert sein Leben, und die Weltge winnt nichts Neues.«

[97] Aber sein grübelnder Charakter verließ ihn auch in diesem Augenblicke nicht, auch von seinen glücklichen Momenten verlangte er Rechenschaft. Er erinnerte sich einer Zeit, wo diese Fürstin Konstantie einen durchaus ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte: ihr männlicher Stolz, ihre Keckheit, des Lebens Freuden wie eine Titanin an sich zu reißen, hatte ihm mißfallen, entschieden mißfallen. Und er konnte sich doch nicht leugnen, daß ihre plötzliche Erscheinung ihn jetzt mit einer Art Zauber überwältigt hatte. Aber er leugnete sich's. Stanislaus und der tiefe Blick, den er in ein so edles, so vortreffliches Herz getan hatte, die Überzeugung, welche er dadurch gewonnen, jenes romantische Polen, für das er ausgezogen von seiner Heimat, existiere wirklich, Hedwig mit dem Schimmer ihrer lieblichen Jugend, die ganze kräftige Freude des Festes – das alles, glaubte er, habe seinen Trübsinn verscheucht. »Und die Fürstin hat wohl auch dazu beigetragen,« setzte er leise hinzu. »Sie erinnert mich an die schönen Tage in meiner Heimat, an das poetische Grünschloß, an meine innige Kamilla! Ich habe dir versprochen, Kamilla, dein zu gedenken und dich zu küssen, wenn ich mich freue, vergib, daß es seit so langer Zeit zum ersten Male geschieht.«

Während er wieder nach der Stadt zurückkehrte, erkämpfte er von seiner Eitelkeit noch einen neuen Grund, und da es eben eine verstockte Eitelkeit war, die er sich in seinem früheren so abgemachten und sicheren Wesen zum Vorwurf machte, so verfolgte er mit der Strenge eines Büßers jeden Sieg, den er über diese Schwäche zu erringen glaubte. »Sie ist die Schwester des Eigennutzes, und dieser der Erbfeind aller Bildung,« sagte er, um sich in eine erhöhte Stimmung zu bringen und dadurch seinen Fehler desto lebhafter zu empfinden. »Sie hat von jeher die besten Menschen, und somit die besten Prinzipien unterjocht, die Führer und Träger neuer großer Ideen haben sich von der alten verderbten Welt betören lassen durch eitlen Prunk und Glanz, so [98] ist Cäsar, so Napoleon erlegen, so sind tausend weniger Bekannte immer wieder zurückgezogen worden unter den Troß der Gewöhnlichkeit.«

Er glaubte nämlich, ein geheimes Etwas in ihm sei geschmeichelt oder bestochen vom Range der Fürstin, und die mehr als gewöhnliche Auszeichnung, mit der sie ihm begegne, mache darum einen so günstigen Eindruck auf ihn, weil sie von einer Fürstin ausgehe.

Sein ganzer demokratischer Stolz empörte sich dagegen, aber was helfen Grundsätze gegen anerzogene Schwächen! In unserem Zeitalter der großen Standesunterschiede wächst mit einem großen Teile der niedriger Geborenen ein verborgener irdischer Himmel auf, in welchem die höheren Stände sich bewegen, nach welchem der Geist strebt, ohne es zu wissen. Denn dieser wunderliche Himmel liegt wie eine unklare, ungestaltete Ahnung in diesen Menschen, und wenn sie mit vornehmen Leuten in genaue Lebensverhältnisse kommen, so fühlen sie sich in einer erhabeneren Sphäre, und doppelt glücklich, ohne daß ihr Stolz die richtige Deutung dieser Illusion auffinden läßt. Das schreitet vom Bauer zum Bürger, vom Adeligen zum Fürsten, und durch alle Mittelglieder dieser Stände. Es hilft nichts dagegen als ein trostloser Indifferentismus, der keine Reize kennt, und die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion. Denn der Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zuständen. Diese Illusion völlig verwischen, hieße die platte Prosa ins Leben einführen, und die edleren Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben, sondern sie mildern, sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale gründen und die Aussicht auf eine einstige völlige Ausgleichung eröffnen. Denn sie glauben an ein zukünftiges Äußerstes der menschlichen Zivilisation.

Aber all diese Dinge, welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner Wohnung vorsprach, halfen ihm nicht von [99] dem unbehaglichen Gefühle, das in ihm erregt war. Jenes geheime Etwas – jenes geheime Etwas, das glaubte er wie ein Wild verfolgen zu müssen, das war der unbestimmte Makel, auf den er alle seine Aufmerksamkeit richten wollte.

Darüber hatte er sich in den Straßen verirrt und war in eine enge Sackgasse geraten. Das Quergebäude, das die Gasse schloß, hatte ein großes Tor, er glaubte eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flügeln zu sehen. Der Mondschein fiel eben auf das Tor, Valerius sah, daß der Mensch eingeschlafen war, er wußte indessen keinen Ausweg aus diesem Straßengewinde und sah sich genötigt, den Schläfer zu wecken, um Bescheid zu erhalten. Als er ihn rüttelte und nach dem Wege fragte, fuhr dieser bestürzt in die Höhe »ja, ja, Herr!« nahm Valerius bei der Hand und führte ihn durch einen schmalen, dunklen Hof, nach einem alten Stallgebäude. Dabei bat er fortwährend mit leiser Stimme, der Herr möge ihn nur nicht verraten, daß er geschlafen, er müsse den ganzen Tag Holz hauen, um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernähren, und es sei jetzt schon die dritte Nacht, daß er am Tore stehen, und den Fremden den Weg weisen müsse, da sei es ihm wohl zu vergeben. Dies und dergleichen sprach der Mann, und ehe noch Valerius über die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort gesprochen hatte, sah er sich von dem Führer in das Stallgebäude geschoben.

In dem weiten Raume brannten nur einige Handlaternen, welche durch die Hände, in denen sie schwankten, ihr flüchtiges Licht bald hier, bald dort hin verbreiteten. Bei diesen Streiflichtern erkannte Valerius, daß er unter eine Versammlung geraten sei, die sich eben aufzulösen schien. Niemand hatte sein Eintreten bemerkt, wenigstens nahm niemand Notiz davon. Er hörte noch die Worte: »Also nichts von Skrzynecki, alles für den Alten, und den Tod den Hunden« und ein beifälliges Gemurmel. Die Versammlung zerstreute sich; [100] und Valerius hüllte sich tief in den Mantel und ging mit von dannen, als ob er zu ihnen gehörte. Die Laternen waren verlöscht, er konnte niemand erkennen. Drinnen glaubte er einige bärtige Bauerngesichter erblickt zu haben, ein flüchtiger Mondblick zeigte ihm einige Militärmäntel, die vor ihm aus dem Tore traten, an welchem der schläfrige Pförtner mit abgezogener Mütze stand. Es war ein altes, zerhacktes Gesicht, ein roter Säbelhieb lief wie ein Blutstrich über dasselbe. Er lächelte vertraulich, als Valerius vorbeischritt, und flüsterte ihm ins Ohr: »Herr, das lohnte ja nicht der Mühe.«

Ein Teil der Versammlung, die nicht eben zahlreich zu sein schien, blieb noch im Hofe zurück, wahrscheinlich, um kein Aufsehen durch ihre Menge zu erregen. Der erste Teil, mit welchem Valerius fortschritt, zerteilte sich ebenfalls am Ende der Sackgasse, und dieser schlug auf gut Glück den ersten besten Weg ein, denn er hielt es nicht für ratsam, hier zu fragen. Es ist immer gefährlicher, zuviel zu wissen, als zuwenig. Ein Bauer war ihm gefolgt, und es schien ihm, als ob er schon am Tore aufmerksam von demselben Gesellen betrachtet worden sei. Der Mond trat eben in eine Lücke der Häuser, und das Gesicht des Bauers beugte sich plötzlich vor das seine. Es war Slodczek, der ihn forschend ansah, und gleich darauf wie ein Pfeil einem Trupp der übrigen nachstürzte, deren Schritte man noch in der Ferne hörte. Valerius erkannte das Drängende der Gefahr und ging raschen Schrittes nach der entgegengesetzten Seite. Im Gehen zog er leise seinen Säbel aus der Scheide und drückte ihn unter den Arm. Schritte kamen hinter ihm drein; sie konnten aber auch dem zweiten Trupp angehören, schnelles Laufen konnte ihn am leichtesten verdächtigen. Es bot sich eben eine Querstraße, er bog hastig hinein und rannte an eine Gestalt, der Mantel flog ihm zurück, sein nackter Säbel flimmerte in der Dunkelheit.

»Pardon,« sprach eine höfliche Stimme. Die Tritte[101] näherten sich schnell. Valerius fragte den Unbekannten, der ebenso in seinen Mantel vergraben zu sein schien, nach welcher Richtung zu der sächsische Platz läge. Die Stimme gab Bescheid, und er ging rasch die Quergasse entlang und bog in eine breitere Straße. Eine reitende Patrouille begegnete ihm, und er hatte nichts mehr von jenen Schritten zu besorgen. Jene Stimme beschäftigte ihn aber, er glaubte sie schon gehört zu haben, es schien ihm, als hätte sie die Worte: »Joachim Lelevel« gesprochen.

Jetzt sah er sich auf bekanntem Wege, es war die Straße, in welcher Hedwig wohnte. Als er an dem Hause vorbeiging, welches ihrer Wohnung gegenüberlag, glaubte er eine Bewegung unter der dunklen Haustüre zu bemerken. Genauer hinsehend erkannte er eine Mannsfigur, die in den Mantel gehüllt am Boden lag – ein schwerer Seufzer drang zu ihm auf. Valerius dachte, es sei ein Verunglückter, welcher der Unterstützung bedürfe; er neigte sich zu ihm, und fragte nach seinem Schmerze und ob er helfen könne. Eine kalte Hand legte sich in die seine, und eine Stimme wie aus den tiefsten Gräbern sprach: »Valerius, mir kann niemand helfen, ich bin ein Jude.«

Dabei richtete sich die Figur langsam auf und trat aus der Vertiefung des Portals – die bleichen Mondesstrahlen fielen auf Joels bleiches Gesicht. Er drückte dem Valerius die Hand, warf noch einen Blick auf das gegenüberstehende Haus und schritt in die Nacht hinein.

Das Schicksal schien in dieser Nacht keine gleichmäßige Stimmung in Valerius dulden zu wollen. Wie betäubt von den mannigfachen Wechseln kam er nach Hause und warf sich aufs Lager. Er wollte nichts mehr denken, nichts mehr überlegen, nichts fürchten, nichts hoffen, da er sich solchergestalt in der Hand von allerlei Zufällen sah, welche ihr höhnendes Spiel mit ihm trieben.

Aber unsere Gedanken sind eben der Himmel oder die [102] Hölle, welchen wir nicht entfliehen können, selbst im Schlaf nicht entfliehen können. Denn auch die Träume stehen in ihrem Dienste. Und es will uns sogar manchmal bedünken, als streckten gerade in die Träume fremde Mächte dreister als sonst wohin ihre Hände: im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen, deren Anfänge wir kaum in unserem Herzen empfunden haben. Unsere Bildung wird in den Träumen sogar verarbeitet und oft neu gewendet und gerichtet, unsere Selbständigkeit ist zu Ende, aber unsere Kräfte sind gewachsen, wir empfinden uns freudig oder schmerzlich als unmittelbare Werkzeuge höherer Gewalten. Darum ließen schon die ältesten Völker im Traume die Götter kommen und mit Menschen sprechen.

Darum nennen wir noch oft die begabtesten Menschen, die Poeten, Träumer, weil wir sie erfüllt sehen von übergewöhnlichen Kräften, von göttlichen Worten und Gedanken, die ihnen nur direkt von der Gottheit gekommen sein können im Schlaf und Traume. Wenn es ein Mittel gibt, die Zukunft zu erraten, so liegt es gewiß in den Träumen.

Diese Kenntnis der Zukunft war aber eben jene Frucht vom Baume der Erkenntnis, welche die neugierige Eva naschte, und die ihr den Tod bereitete. Die Erfüllung ist der Tod des Wunsches, und wer nicht mehr wünschen und hoffen kann, der ist des Todes.

Solch ein Erkenntnistraum sinkt oft in den Morgennächten auf die Menschen herab, aber der Himmel ist freundlich wie immer, und hüllt ihn in seine romantischen Nebel; nur wenn man in der späteren Zeit wieder einen Teil jenes Traumes erfüllt glaubt, da dichtet man eine nächste Folge, aber man weiß sie nicht, und kann in Furcht und Hoffnung weiter leben.

Warum soll man diese Offenbarung nicht glauben? Webt sie doch nur aus den Anlagen und Kräften, aus den verborgenen Gedanken des Schläfers seine Zukunft!

[103] Das waren die träumerischen Dinge, welche den halbschlafenden Valerius in jenen Morgenstunden umflatterten; welch eine Geschichte aber mitten in diesen Gedanken durch seine Seele hinzog, davon wußte er am andern Morgen nur noch einzelne Stücke. Im Verlauf des Lebens dichtete er sich einen Zusammenhang.

17
17.

Die Vormittagssonne weckte Valerius aus seinen Träumen und brachte ihm, wie sie es stets tat, die Hoffnung auf einen lebendigen, heiteren Tag, auf eine lichte Zukunft. Er schrieb's auch diesen Sonnenstrahlen zu, daß er sein Herz so ahnungsreich und fröhlich bewegt fühlte, als stünden ihm große Freuden bevor. Er hatte es zwar nicht vergessen, daß er sich Briefe bei der Fürstin holen sollte, aber er meinte, diese schöne verführerische Frau habe keinen Anteil an seiner angenehmen Stimmung, und er werde auch heute noch nicht zu ihr gehen.

Mit diesen herumspielenden Gedanken legte er sich ins Fenster, mitten ins Gold der Sonne hinein, und atmete heiter die milde Winterluft. Das Fenster führte nach der südöstlichen Fläche vor Warschau, und die Waffen der manövrierenden Truppen, welche dort herumschwärmten, blitzten weithin wie ein Funkenregen. Noch war auf dieser deutschen Seite der Stadt kein Feind zu erwarten, und selbst Valerius ließ sich die Möglichkeit nicht träumen, daß noch in demselben Jahre von jener besonnten Ebene der neue Untergang des polnischen Volks in die Tore ziehen werde. Seine traurigen Gedanken waren überhaupt in den Hintergrund gedrängt, und er ertappte sich bald nur auf der Frage: »Gehst du heut zur Fürstin, oder nicht?« Er mußte über sich selbst lachen und sich eingestehen, daß es wieder ein Stückchen jenes geheimen Etwas, jener Eitelkeit, daß es Koketterie sei, wenn er nicht hingehe. »Du willst dich rar machen, den Uninteressierten spielen,« sagte er sich spottend. Aber es kam [104] heute nichts Ernsthaftes in ihm auf, die Zeit der Vorwürfe gegen sich selbst schien vorüber zu sein; es ist auch langweilig und abgeschmackt, sich fortwährend zu hofmeistern – dachte er – wir wollen einmal meine Erziehung und die Erziehung des Menschengeschlechts eine Zeitlang auf sich beruhen lassen. Magyac mußte das Pferd satteln, und er ritt spazieren, hinaus in die Sonne, und wenn das Pferd gelaufen wäre bis ins heiße Afrika. O, es entwickelt sich ein so schönes, gesundes Leben unseres Geistes und Herzens, wenn wir zu Wagen oder zu Pferde dahingerissen werden in die reine Gottesluft, Kopf und Herz werden durch keine Mühseligkeit des Körpers gestört und der Mut wächst hoch in die Wolken. Der Mut ist aber der eigentliche Lebensstoff, welcher überall das Größte erzeugt in Taten und Gedanken.

Es flog sein Gaul an einem Phaeton vorüber, aus welchem er seinen Namen zu hören glaubte. Aber es tat ihm weh, dem lustigen Pferde das eiserne Gebiß einzudrücken und seinen Lauf zu hemmen. Wie oft seufzen wir gegen die Macht, wenn sie uns durch Schmerzen zügelt, wo wir mit vollen Segeln dahinstreichen möchten! Und ein feines Gefühl setzt unsere Verhältnisse leicht fort im Umgange mit lieben Tieren. Liegt doch namentlich im Pferde soviel Schönheit und Adel, daß es den Menschen nur zu leicht an ein verwandeltes, unglückliches Geschlecht gemahnt, und seine Freundlichkeit und sanfte Hand in Anspruch nimmt. Valerius kehrte also erst um, als das Pferd seine Lust gebüßt hatte, und suchte nun den Wagen wieder zu erreichen, um zu sehen, ob er sich geirrt habe oder nicht. Dieser schien seine Richtung nach den Truppen hin zu nehmen, welche sich auf der Fläche herumschwenkten. Jetzt hielt er still, Valerius sah einen Reiter mit einem Handpferde ansprengen, ein Soldat sprang aus dem Wagen, bestieg das Pferd, und ritt zu den Truppen. Federn von Damenhüten wehten über das zurückgeschlagene Verdeck der Kutsche, Valerius näherte sich langsam.

[105] »Da kommt der Unartige ganz langsam angeschlichen!«

Das war Hedwig, und die Fürstin saß neben ihr. Sie war Gast im Hause von Stanislaus' Eltern. Dieser war der Reiter gewesen, dessen Regiment hier manövrierte, Konstantie wollte die Truppenbewegungen ansehen.

Sie begrüßte ihren Landsmann auf das freundlichste, ja es lag ein Schmelz von Innigkeit in ihren Fragen, wie es ihm gehe, was er denke, ob ihn der schöne Morgen nicht erquicke? daß auch seine Antworten und Reden zutraulicher und herzlicher wurden als gewöhnlich.

»Ich habe Sie ja noch nie so munter gesehen, Herr von Valerius,« rief Hedwig in ihrer jugendlichen Heiterkeit, »Sie haben sogar einmal rote Wangen – und jetzt noch rötere.«

»Das tut die Sonne, liebes Fräulein, die Sonne.«

»Ja, die Sonne – es hat ein jeder seine Sonne.«

Da brauste das Ulanenregiment vorüber, Graf Kicki in der schimmernden Uniform an der Spitze; er neigte den Degen, als er in die Linie des Wagens kam, und die schlanken Reiter, die flatternden Fähnlein, die blitzenden Waffen, das Gewieher und der Trott der Pferde gewährten den lustigsten kriegerischen Eindruck von der Welt.

»Wie können Sie denn in der Irre herumreiten, schwarz angetan wie ein Trauernder, während Ihr Regiment im bunten Glanze die Revue passiert? Sind Sie denn Ihres Dienstes entlassen?«

»Ja, mein Fräulein Wunderhold, ich habe mich aus dem Waffendienst in den Augendienst begeben, und ich harre der Befehle – man hält mich für unbrauchbar zum Soldaten, und spricht von mir wie Don Juan von seiner verabschiedeten Geliebten: ›Ihr Kopf hat sehr gelitten.‹«

Valerius erkundigte sich nach der alten Gräfin, und hörte, daß sie sich noch ebenso befände, wie sie sich seit einigen dreißig Jahren befunden habe – »aber dieser Krieg,« setzte Hedwig traurig hinzu, »wird wohl das Ende ihres Lebens [106] sein. Siegen wir, so stirbt sie vor Freude, und werden wir von neuem unterjocht, so stirbt sie vor Kummer.«

Es flogen Wolken über den Himmel, die Sonne ward bedeckt, und bald fiel ein trüber Regen. Sie eilten nach der Stadt zurück, Valerius versprach, um die Teezeit seinen Besuch zu machen, und so trennten sie sich.

Dieser plötzliche Wechsel vom schimmernden Sonnenscheine zum grauen trübseligen Regenwetter verdüsterte seinen Sinn, der nur gar zu geneigt war, sich dunklen Ahnungen hinzugeben, wenn der Himmel seine Anzeichen zu senden schien. Sein Geist kämpfte gegen den Aberglauben, aber sein Herz dafür. Von demselben Fenster seiner Wohnung, aus dem er noch vor kurzem die freudestrahlenden Waffen der polnischen Soldaten gesehen hatte, erblickte er jetzt mit Mühe durch die düstere Luft dunkle heimkehrende Scharen; es war ihm einen Augenblick, als weine das ganze Volk, vom Himmel und Glück verlassen.

Er rief Magyac, und fragte ihn hastig, ob er gestern das erstemal im patriotischen Klub gewesen sei. In dem Augenblicke kam ihm erst jene befremdliche Äußerung der Fürstin wieder ins Gedächtnis, die eine Stunde nach seiner Anwesenheit in der demokratischen Versammlung bereits davon gewußt habe. Nichts verstimmt offene, redliche Menschen mehr, als die Überzeugung, umschlichen und behorcht zu werden; es belastet sie wie ein böses Gewissen, und das ist das ärgste, was sie fürchten.

»Nein, Herr,« antwortete Magyac, »zum zweiten Male.« Er versicherte, Valerius gar nicht gesehen, noch weniger gegen jemand seinen Namen genannt zu haben. Dieser hatte Magyac im Verdachte, auch in jenem Stallgebäude gewesen zu sein, und er war im Begriffe, ihn auch danach zu fragen. Aber es hielt ihn eine Art Stolz zurück, nach Geheimnissen zu forschen, die man verbergen wollte. Dies ganze Wesen von heimlichen Umtrieben, das sich um ihn her spann, verstimmte [107] ihn indes immer mehr. Er war gekommen, für dieses Volk zu kämpfen, und nun sah er sich fortwährend wie ein störender Fremder übergangen und doch beobachtet. Bei größerer Unbefangenheit hatte er allerdings keinen eigentlichen Grund zur Klage; es war Torheit zu verlangen, daß die Polen jeden Fremden in ihre geheimsten Absichten einweihen sollten. Aber das Unbehagen war bei einem Charakter wie der seine ebenfalls natürlich.

So verbrachte er in trüber Stimmung den Rest des Tages auf seinem Zimmer. Alle Zweifel über Leben, Völker, Freiheit rüttelten wieder an ihm, und er schalt sich selbst, daß der Gedanke an die glänzende Fürstin zum öftern in ihm aufstieg, und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte beleuchtete.

Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind, so hält kein Glaube mehr fest, und die stärksten Menschen, welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens gewagt haben, erschrecken vor ihrer Kühnheit. Sie beneiden dann einen Augenblick die große Masse der Alltagsmenschen, die im hergebrachten Schlendrian einherziehen, dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen, und in Trübsal immer links und rechts Stützen finden, weil sie nie von der allgemein betretenen Heerstraße gewichen sind. Die Männer neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit werden auch immer die Märtyrer derselben, selbst wenn ihnen die alte störrige Außenwelt keine Kerker öffnet, keine Schafotte errichtet. Ihr Gewissen, das unter den alten Gedanken aufgewachsen ist, hält sie unter einer immerwährenden Tortur, und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen, weil es die Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet. Die immerwährende Prüfung hat es spitzer und feiner gemacht. Und der stärkste Mensch mißtraut seinen Kräften, der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden: Bringst du nicht auch Unglück mit deinen neuen Ge danken? Beruht das Herkommen nicht auf der Weisheit vieler Generationen? [108] Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht vielleicht unreif, unvollkommen, grün und dreist neben den alten viel geprüften Formen?

Ertappt er sich nun auf einen Irrtum, auf einer Schwäche, sie mögen noch so fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken, dann ist die allgemeine Unsicherheit da. So ging es auch Valerius. In all seinen Überzeugungen war er schwankend geworden. Nichts war ihm früher klarer und abgemachter erschienen, als das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern, seine Ansicht über Ehe und Treue. Der Gedanke an die Fürstin weckte dies alles wieder auf, und der quälende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen über diese Gegenstände bleich und mit verzerrten Zügen vor seine Augen.

Die Dämmerung lag bereits in seinem Zimmer, und noch ging er brütend, prüfend, anklagend, verteidigend, verwerfend in demselben auf und ab. Einem fremden Zuschauer hätte er unheimlich erscheinen müssen, wie er halblaut sprechend mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien. Alle die verschiedenen Meinungen, mit denen er rang, schienen in den Winkeln des Gemachs zu stehen, bald rastete er vor diesem, bald vor jenem, und sprach mit ihnen, und antwortete statt ihrer:

»Wenn ich die gewöhnliche Treue tadle, rede ich nicht der jämmerlichen Liederlichkeit das Wort, die in grauenvollem Egoismus nur ihren Lüsten nachjagt, mag aus den Opfern derselben werden, was da will! Löse ich nicht den Bestand aller Dinge auf, wenn ich den zuverlässigen Glauben auf ihre unwandelbare Stetigkeit hinwegreiße? Sind denn so viele Jahrhunderte im Irrtume gewesen, welche die Treue zu einer Tugend erhoben haben?«

»Aber war nicht die rohe Tapferkeit, der grausame blutdürstige Fanatismus einst auch eine Tugend? Kann die Welt von der Stelle rücken, wenn sich die Gesellschaft fortwährend [109] in denselben Gedanken herumbewegt? Ist es nicht eine förmliche Mordanstalt, jene schwindsüchtige Treue, welche über ihren eigenen Tod hinaus zu bestehen trachtet? Das Interesse, der Reiz, die leiseste Hoffnung von Glück ist oft verschwunden, wenn die Leute ein altes Versprechen einlösen; beide Teile fühlen es, beide wagen es nicht zu äußern, um den Popanz der Treue nicht zu verletzen, beide stürzen sich mit offenen Augen ins Verderben. Das täglich wechselnde Leben, der Reiz, welcher fröhlich vor ihre Augen tritt, predigt stürmend das Gegenteil, aber sie verstocken sich, um ihr Gespenst nicht zu verletzen, sie sündigen gegen die Herrlichkeit der Natur, die sich ihnen in den Schoß wirft, um ein Wort zu halten, das ihnen vielleicht ein Augenblick des Rausches entlockt hat.«

»Sind denn nicht aber wirklich die schönsten Gefühle von tieferer Dauer, von stetem Bestande? Heißt es nicht das Herz verflachen, wenn man die Treue von dannen weist? Verurteilen wir uns nicht selbst dadurch zu jener vorüberfliegenden Unbedeutendheit, die alle Verbindung mit ewigen Zuständen aufgibt?«

»O, erfindet, ihr widersprechenden Geister, ein neues Wort, verdrängt eure tödlichen Bezeichnungen für unwandelbare, unverrückte Zustände, sie sind unserem Blute und unserem Streben fremd, sie sind unnatürlich und erzeugen das Unglück – keine Untreue, nein, sie ist des Herzens unwürdig, aber auch nicht jene Treue, jenes tote, stehende Gewässer.«

»Ich sehe dich, Kamilla, du zürnst mir nicht, wenn ich ein anderes Weib küsse – deine Seele lebt im Grunde meines Herzens, solange ein Tropfen Blutes darin rollt. Und soll ich nicht mehr atmen, wenn es nicht deine Luft ist? – Ohne Weiber ist das Leben arm, arm, sehr arm.«

»Du zürnst mir nicht, aber unglücklich wirst du doch, wenn du's erfährst. Und würdest du einen andern küssen? [110] Hab' ich mehr Recht? – Wahrhaftig, ich habe mehr Recht, und das ist kein törichter Männerstolz, ich werde dir's erklären, aber ein andermal. Jetzt hab' ich genug regiert, genug gearbeitet an der Einrichtung der Welt, ich muß Weiber sehen!«

So hatte er sich endlich in eine humoristische Laune hineingesprochen. Es war selten, daß sie ihn von seinen Gedanken erlöste, aber er nahm sie immer fröhlich auf, wenn sie kam, und tröstete sich dann, wenn die Fragen ungelöst blieben mit Hamlet oder richtiger gegen Hamlet: Die Welt ist zwar aus den Fugen, und ich soll sie einrenken, aber 's muß ja nicht heute sein, Rom ward nicht an einem Tage erbaut, und der Herrgott müsse auch das Seine tun.

Der Teetisch, an dem er Hedwig und Konstantie zu finden hoffte, mochte wohl die Hauptursache dieses seltenen Wechsels in seinem ernsten Wesen sein. Das gesunde Leben behielt sein Recht über das künstliche, und er besaß soviel Instinkt, sich darüber zu freuen und seinen Mantel zu nehmen.

Wie ein Schüler, der aus dem Examen kommt, und nicht eben unter den Besten und Ausgezeichnetsten, aber auch nicht gerade unter den Faullenzern genannt worden ist, schritt er durch die Straßen. Er glaubte, seinen Forschungen und Studien einige Wochen Ferien gewähren zu dürfen, und er freute sich eben auch wie der Schüler auf eine bequeme Zeit, die vor ihm läge.

18
18.

Graf Stanislaus besaß nur noch einen Vater. Das war ein hochbejahrter, liebenswürdiger Greis von den feinsten französischen Manieren, der in großer Achtung stand und allgemein gepriesen wurde wegen seiner anspruchslosen bürgerlichen Tugenden, seiner in Polen nicht eben gewöhnlichen [111] Sanftmut und Freundlichkeit gegen alle Stände, und endlich auch wegen seiner ebenso ungewöhnlichen Bildung in Literatur, Kunst und Staatsinteressen. Der Besuch der Fürstin Konstantie, mit welcher er verwandt war, erfreute ihn auch wegen der geselligen Formen: sie repräsentierte die Dame des Hauses, und der alte reiche Graf ging in großer Glückseligkeit trippelnd umher, daß sein Salon jetzt wieder glänzend geworden sei wie Anno 94. Als Valerius eintrat, fand er schon eine zahlreiche Gesellschaft; Konstantie war umringt von Herren und Damen und gewahrte ihn nicht. Der alte Graf, eine schlanke, vertrocknete Figur mit schneeweißem, lockigem Haar, stand neben einer hohen Militärperson und war im eifrigen Gespräche. Stanislaus eilte herbei, um ihm seinen neuen Freund vorzustellen; sie warteten indes beide ein wenig, um das dem Anschein nach wichtige Gespräch nicht zu stören, und während der Sohn dem Freunde mit sanfter herzlicher Stimme alle die Liebenswürdigkeiten des Vaters leise schilderte, hatte dieser Zeit, den Alten zu betrachten.

Er war ganz schwarz gekleidet bis auf das Halstuch, welches, wie die Leibwäsche, von blendender Weiße war, und einen heitern Schein auf das schmale, gefurchte, aber noch immer von einer leichten Röte überflogene Gesicht warf. In den großen, tiefliegenden Augen ruhte eine freundliche Sanftmut, und nur hie und da sah man aus einem schnellen Blicke, daß sie nicht auf Schwäche, sondern auf eine große, geistige Überlegenheit gegründet sei. Im Knopfloche trug er das Band der Ehrenlegion.

Stanislaus hatte seinen Freund schon angekündigt, und der alte Graf nahm ihn mit der zuvorkommendsten Liebenswürdigkeit auf.

Es war eine lange Reihe von Zimmern geöffnet und erleuchtet. Der Militär hatte sich zu einem andern Teile der Gesellschaft gewendet, die drei Männer traten in das [112] zweite Zimmer, und während der alte Graf seinen Gast mit einigen Gemälden bekannt machte, entfernten sie sich weiter von der Gesellschaft.

»Sie müssen sich nicht abschrecken lassen,« sagte der alte Herr mit seinem liebenswürdigen Lächeln, »wenn Ihnen nicht alles bei uns die romantische Probe gehalten hat, wenn Sie sogar durch manches arg verletzt werden; wir sind zu oft im Wachstum gestört. Von Hause aus waren wir verzogene Kinder, unsere Freiheit erstickte im eigenen überflüssigen Blute, weil wir alles im Herzen haben wollten, und es nicht recht zu verteilen wußten. Verzogene Kinder bleiben auch im Unglück eigensinnig und werden übermütig bei jedem Schimmer von Glück. Aber Sie sind ja aus dem Lande, das alles Fremde so gern gewähren läßt, überwinden Sie nationale Antipathien, welche bei so verschiedenen Völkern nie ausbleiben und stürmender und trennender sind als große Gegensätze, weil sie uns bei jedem Schritte hindernd zwischen die Beine geraten. Ertragen Sie uns eine Zeitlang, und Sie werden am Ende doch manches zu lieben finden. Jedes Volk hat seine Liebenswürdigkeiten. Und Sie sind ja auch auf der Höhe von Humanität, welche das Edle tut ohne Ansehen der Person – versprechen Sie mir, mich zu besuchen, wenn Sie mürrisch werden, ich bin ein alter Apotheker und habe Rezepte aus manchem Jahrzehnt, versprechen sie mir's.«

Valerius schlug freudig in die dargebotene Hand. »Nehmen Sie sich in acht,« fuhr der Greis fort, »vor den Verbindungen mit unsern jungen Demokraten – verkennen Sie mich in diesen Worten nicht: ich liebe diese brausende Jugend mit ihrem menschenrechtlichen Fanatismus, o, ich liebe sie so sehr gerade wegen dieser Poesie der Tugend, sie sind das ursprüngliche Fundament der Gesellschaft, diese Jünglinge mit dem heißen Herzen. Aber sie kennen die Welt nicht mit den tausend Beschränkungen, ohne welche sich [113] kein Staat konstituieren läßt, solange wir uns nicht isolieren können von Gewohnheit, Herkommen, geschichtlicher Erinnerung, und besonders solange wir Nachbarn haben, denen wir uns akkommodieren müssen. Ein Staat in Europa kann nicht nach Begriffen, nach bloßen Begriffen errichtet werden, welche der abgesondert spekulierende Geist ersinnt, so wenig als das Individuum nach eigenen geselligen Regeln sich bewegen darf, solange es in der übrigen Gesellschaft seinen Raum einnehmen will. Eben weil es nichts Einzelnes gibt, weil nichts ohne Verhältnisse existiert, können Wechsel und Änderungen nur mit der größten Umsicht vorgenommen werden. Und Umsicht ist nicht Sache des poetischen Herzens, sondern der Erfahrung; darum dürfen wir unsern Jünglingen den Staat nicht überlassen.

Machen Sie mir nicht so klägliche Gesichter. Freilich ist es für das feurige Blut niederschlagend, daß die Weltgeschichte in so kleinen Schritten geht, daß sie nicht eher weiterrückt, als bis ein großer Staatenraum auf gleicher Höhe angekommen ist; aber auf diesem lückenhaften Planeten, wo uns lauter unerklärte Anfänge umgeben, müssen wir uns drein fügen.

Verzeihen Sie meine Breite, ich komme zum Thema zurück. Ich hoffe, haß mein Sohn einen ganzen Freund in Ihnen gewinnt, Ihre Nation ist die Nation der Freundschaft, weil sie am wenigsten ausschließlich in Sitte, Formen und Gedanken ist, weil sie am meisten annimmt und verzeiht, ja, erlauben Sie mir den Ausdruck, weil sie am wenigsten Nation ist. Dieses Kapitel der Demokratie betrifft aber meinen Sohn und seine Neigungen ebenso dringend als Sie, Herr von Valerius. Es drängt mich, offen, ganz offen zu sprechen, und ich verspreche mir sogar in Ihnen eine Hilfe, einen Sekundanten gegen Stanislaus zu erwerben. Ich habe meines Sohnes Bildung selbst zu lebhafter Teilnahme an demokratischen Formen geleitet, ich bin ihm vor allen Rechenschaft [114] schuldig, wenn ich ihn jetzt vom patriotischen Klub und dem, was dazu gehört, abziehen will.

Meine Herren, es ist das Wahrscheinlichste, daß diese Interessen in kurzem die eigentliche Lebensfrage Polens werden, ich halte sogar den mächtigen Feind für unwichtiger. Wenn wir vereinigt blieben, besiegt er uns nicht, aber die Trennung wird nur zu bald klaffen wie eine breite Wunde. Die Jugend ist unternehmend, sie ist der Kern des Heeres, sie wirbt den gemeinen Mann, oder hat ihn schon geworben, sie will keine Vermittlung, sie haßt das Halbe, das Vorbereitende; denn ihre Kraft ist eben die gewaltige Einseitigkeit, bald wird man uns mit dem Geschrei aus dem Schlafe wecken: Demokratie oder Tod!

Du schüttelst den Kopf, Stanislaus, du hoffst wohl gar auf Krukowiecki – Unglücklicher, dieser Mann ist die schrecklichste Garantie, er ist voll unlauteren Ehrgeizes, der das Land in die Luft sprengt für seinen Ruhm – gut, es mag sein, ich will übertrieben haben. Ein Kampf dieser Parteien bleibt gewiß nicht aus, und er verdirbt uns, er lähmt und verwirrt die Kräfte. Ein voreiliger Sieg der Demokratie tötet uns. Was ist Polen ohne seine Aristokratie? Ein rauschender Baum, der über Nacht mit all seinem Blätterreichtum verdorrt ist. Die Aristokratie ist noch in diesem Augenblicke das Mark des Landes, das Land gehört ihr noch, sie erzeugt die Mittel des Krieges, im ihrem Stolze wurzelt noch die Kraft dieser fortreißenden Vaterlandsliebe. Dabei gedenk' ich unserer Nachbarn gar nicht; die fremden Heere würden bald erscheinen, wenn ein Konvent in Warschau geböte.

Indes wollen wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, wie sie in Deutschland sagen; ich sehe mit Entzücken diesen Sporn zur Energie, der unseren Edelleuten keine Zeit läßt für ihren persönlichen Ehrgeiz; aber der Strom soll nicht aus dem Bett treten – und nun zum Schluß: man wird genötigt sein, in kurzem strenge Maßregeln gegen den [115] Klub zu unternehmen, halten Sie sich fern davon, meine Herren, sprechen Sie, wo Sie können, zur Mäßigung.«

Der alte Herr wurde zur Gesellschaft gerufen, und Stanislaus sagte beruhigend zu seinem Freunde: »Lassen Sie sich nicht einschüchtern, das Alter und tausend Hoffnungen, die fehlgeschlagen sind, haben ihn mißtrauisch gemacht. General Krukowiecki ist der wackerste Pole. Niemand kann es wagen, strenge Maßregeln gegen die demokratische Jugend zu nehmen; wir haben die Revolution begonnen, wir halten sie aufrecht, Volk und Armee sind für uns.«

Valerius war nicht recht bei der Sache, der alte Graf und manches andere beschäftigte ihn. Der junge entzündete Pole bemerkte es indessen nicht, er disputierte noch eifrig weiter, und sie schritten in der langen Zimmerreihe auf und ab. Es fiel Valerius auf, in den vom Gesellschaftssalon entferntesten Zimmern größere Pracht, behaglichere Einrichtung zu finden. Im letztens Gemache, das ohne eigenes Licht und nur von dem daranstoßenden beleuchtet war, stand ein prächtiges Bett, geheimnisvoll versteckt von rotseidenen Vorhängen. Es stieg eine flüsternde, behagliche Ahnung auf in ihm, er lüftete die Gardine im Vorübergehen ein wenig und erblickte an der Wand ein kleines Gemälde. Die Dämmerung ließ es nicht genau sehen, aber Valerius glaubte es zu erkennen. Auf Grünschloß hatte er einst ein kleines Bild gemalt; es stellte eine Gebirgslandschaft dar, an dem Bach im Vordergrunde sitzt ein Bauernmädchen und sieht mit sehnsüchtigem Blicke in die Bergschluchten hinein, wo sie sich öffnen und das Bild sich in eine dämmernde Ferne verliert. Er wußte nicht mehr, wo das Bild hingekommen war, in diesem Augenblicke glaubte er, es gesehen zu haben. Aber er konnte nicht rasten, da sein Begleiter umkehrte und nach dem vorletzten Zimmer zurückschritt. Eine schmeichelnde Unruhe bemächtigte sich seiner, es hielt ihn fest in diesen Zimmern, und er zog Stanislaus auf ein Sofa. Auf einem [116] Tische vor demselben lag eine große Mappe, und während der junge Pole allmählich in seine sinnende Schweigsamkeit versank, blätterte Valerius unter den Gemälden und Kupferstichen, welche er in der Mappe fand. Eine versteckte Seitentasche fiel ihm auf, und er zog ein kleines Blatt Papier heraus, das mit Versen beschrieben war. – Er hatte sie selbst geschrieben, diese Goetheschen Verse:


Geh den Weibern zart entgegen,

Du gewinnst sie auf mein Wort;

Und wer rasch ist und verwegen,

Kommt vielleicht noch besser fort;

Doch wem wenig dran gelegen

Scheinet, ob er reizt und rührt,

Der beleidigt, der verführt.


Die beiden letzten Verse waren unterstrichen. Aber diese Striche rührten nicht von ihm her. Es ward jetzt ganz klar in seiner Erinnerung: er hatte diese Worte eines Nachmittags im Grünschloß gesprochen, als die Rede auf Liebe und Liebesbewerbungen gekommen war, und die Fürstin hatte ihn gebeten, sie aufzuschreiben.

Nachdenkend hielt er das Blatt in der Hand; damals hegte er sogar einen Widerwillen gegen das kecke Wesen der Fürstin, sein Herz war damals erfüllt mit Kamillas Reiz, alles übrige berührte ihn nicht.

Da rauschte ein Gewand, Konstantie trat ins Zimmer. Es hatte sich im Salon ein Streit erhoben über ein französisches Buch; ihn zu enden, war sie nach ihren Gemächern geeilt, um das Buch zu holen.

Valerius sah sie mit großen Augen an, ein träumerisches Nachsinnen lag in ihnen, das Blatt hielt er noch in der Hand. Eine flüchtige Röte stieg in Konstantiens Gesicht, sie griff nach dem Blatte und berührte dabei seine Hand. Ein süßes Gefühl weckte ihn aus dem Nachdenken.

[117] »Pfui doch, wie unartig, meine Mappe durchzustöbern! Wie kommen Sie denn überhaupt in meine Zimmer? Und wer hat denn jene Türen geöffnet?«

Sie warf hastig die Flügeltüre ihres Schlafzimmers herum. Unterdes kam auch Hedwig herbeigesprungen, schalt Stanislaus, daß er sich von ihr und der Gesellschaft entferne, und zog ihn fort. Die beiden Deutschen waren allein. Koustantie ging nach einem Winkel des Zimmers. »Unartiger Mensch, helfen sie mir ein Buch finden.«

Er sprang hinzu – sie nannte aber keinen Titel und sah zerstreut unter die Bücher. Der leichte Schatten von Verlegenheit, welcher sich über ihr Wesen verbreitete, gab diesem glänzenden Wesen einen um so höheren Reiz, je seltener er an ihr wahrzunehmen war, je mehr er gegen das Herrschende und Imponierende ihrer Erscheinung zu kontrastieren schien. Ihre rechte Hand tastete wie suchend auf den Büchern umher, die linke strich leise an den Falten des Gewandes entlang. Diese weiße Hand schien alle ihre außergewöhnliche Unsicherheit auszudrücken. Valerius ergriff sie leise, die weichen, warmen Finger setzten noch einen Augenblick die Bewegung fort und schienen ebenfalls unschlüssig zu sein, ob sie sich dem Fremden ergeben sollten. Aber sie wurden still, und kaum merklich wuchs ihre leichte Schwere von Sekunde zu Sekunde. Nur als sie der Mann zu seinen Lippen aufhob, glaubte er ein leises Beben in ihnen zu verspüren.

Valerius führte die Hand von den Lippen auf seine Wange, die warme Hand an die heiße Wange – er schwieg, sie schwieg, ihr Kopf wendete sich nicht zu ihm, aber er sah ihr Herz stürmisch klopfen.

Aus den vorderen Zimmern her kam Geräusch; da wendete sie sich plötzlich zu ihm; ein unbeschreiblicher Ausdruck von Wehmut, Glück und Innigkeit lag darauf, feucht glänzten ihre Augen, jene vermittelnde Hand legte sich eng und fest in Hand und Wange des Mannes, er fühlte ihr [118] heißes Antlitz an dem seinen, ihren Mund auf seinem Auge, und fort war sie, dahin flog sie durch die Zimmer.

»Hat sie nicht ›Liebster‹ gesagt, leise, ganz leise, als sollte ich es selbst nicht hören?« sprach er ebenso leise.

Er konnte sich lange von der Stelle, von dem Zimmer nicht trennen, und »Liebster«,»Liebster« flüsterte er vor sich hin.

Als er in den Salon kam, lachte und scherzte man noch darüber, daß die Fürstin ein falsches Buch gebracht und dann eiligst ein Recht aufgegeben habe, was sie kurz vorher so hartnäckig verteidigt.

Sie saß in einer holden Verwirrung da, und die Nachbarn des Deutschen flüsterten einander zu: »Sie wird alle Stunden schöner.«

Valerius war so munter und ausgelassen, wie man ihn noch nicht gesehen hatte; er scherzte und tändelte ohne Aufhören mit Hedwig, die mehr als einmal zur Fürstin sagte: »So liebenswürdig ist Ihr Landsmann noch niemals, niemals gewesen.« Konstantie lächelte wie das verborgene Glück und sah einen Augenblick auf Valerius. Es hing dann vor ihren Augen ein dünner Flor, durch welchen eine unendliche Seligkeit drängen zu wollen schien. – Als der Salon leer geworden, fiel es ihr ein, daß sie ihm Briefe aus Deutschland mitgebracht habe; sie ging fort, und als sie wie der kam, trat ihr Valerius einige Schritte entgegen. Sie gab ihm die Briefe und sagte mit jener leisen, die Seele bewegenden Stimme: »Ich liebe dich unsäglich.«

19
19.

Der Wind trieb die Wolken wie ein scheltender Herr sein Gesinde am Himmel umher. Sie flogen scheu unter dem Monde und den Sternen hinweg. Valerius glaubte aber auch ohne dies, Sterne und Himmel bewegten sich im Tanze, als [119] er aus dem Palaste trat. Die Bewegung des Herzens macht alles beweglich, und es gibt keinen schöneren Sturm im Menschen, als wenn eine Liebschaft ihre Knospe schwellt, und wenn diese das Geheimnis ihrer Blume zu heben beginnt. Das sind die Momente der Himmelsahnung, welche uns die Gottheit gelassen hat für dürre unerquickliche Steppen von freudlosen Jahren, es sind die Zisternen unserer Lebenswüste, die immer einige Tropfen frisches Wasser bewahren, mag es noch so heiß um uns drängen. Solche Momente sind's gewesen, welche den Menschen zum ersten Male den stolzen Glauben erzeugt haben, sie seien gottähnliche Wesen.

Valerius flüchtete wieder zu seinem geliebten Strome hinaus, heute mit seiner Lust. Heim konnte er nicht, das Zimmer war zu enge für sein Herz, denn es ist eine mehr als figürliche Redensart, daß das Herz sich ausdehnt von großen Gefühlen – man braucht wirklich mehr Raum, und in einer kleinen Stube kann man nicht soviel Glück ausströmen als in freier Luft.

»Kühles, unparteiisches Wasser, heut' beneide ich dich nicht!« rief er aus. Aber er gestand sich's eigentlich selbst nicht genau, was ihn beglücke, er hüllte es in das große himmelblaue Wort »Liebe«. Und der Liebe, jeder Liebe, meinte er, dürfe man sich immer freuen, sie sei der Herzensodem des Lebens. Der kleine vorlaute Gesell in seinem Busen, mit dem kritischen, verdrießlichen Angesichte kam heute nicht zur Audienz mit seinem Geflüster. Umsonst sprach er von der schönen Konstantie auf Grünschloß, wo dem Herrn Valerius die bloße freundliche Zuneigung derselben Dame störend, lästig gewesen sei. Er ward überhört. Liebe überwältigt wie die Sonne, ohne zu fragen und zu beachten, ob man sie gewollt.

Es war schon spät am andern Vormittage, als Thaddäus seinem Herrn einige Briefe aufs Bett legte. »Sie steckten in der Brusttasche des Rockes, Herr, und waren schon so zerknittert.«

[120] Valerius erkannte in der Aufschrift des einen Kamillas Hand, und sein Rausch verflog wie die Glätte des Wasserspiegels von einem Luftstoße. Langsam entsiegelte er den Brief und las und setzte ab, und las wieder, und die heißen Tränen liefen ihm über das Gesicht.

»Warum schreibst Du uns nicht, Lieber? Bist Du krank? Hast Du ein schlecht Gewissen? Nicht doch, es ist eine törichte Frage, diese zweite. Wir sind ja einig darüber geworden, daß die Treue etwas Bessres ist, als was man so nennt. Ihr Männer fahrt durch die Welt dahin wie der Sturmwind, und der muß mehr Dingen begegnen als wir mit unserer stillen häuslichen Atmosphäre. Aber der Offenheit, der Mitteilung mußt Du mich würdigen, wie Du's versprachst; meine Liebe ist Dir sicher wie der morgende Tag, nur der Tod endigt für mich beide auf dieser Erde.

Ich lebe still und gedankenreich mit Dir hin. Des Morgens bin ich früh auf und lese Deine englischen Bücher; sie sind mir sehr lieb mit ihrem schweren trüben Sinne, denn es kommt mir manchmal unrecht vor, daß ich noch soviel lachen kann, seit Du fort bist. Ich kann mir aber nicht helfen, daß die Welt soviel komische Dummheiten hat. Zuweilen bin ich mitten im Weinen, daß ich Dich verloren habe, da passiert irgend etwas Lächerliches, und ich lache samt meinen Tränen. Du mußt mich schon gewähren lassen, ich trage auch jetzt die Haare so, wie Du es gern mochtest. Du würdest Dich gewiß freuen, wenn Du einmal plötzlich einträtest; viel, viel artiger bin ich als sonst.

Der Graf hat einmal Deinetwegen an den Obersten Kicki geschrieben und entweder gar keine Nachricht erhalten oder eine traurige. Ich glaube, er und Alberta halten Dich für tot; es ist wunderlich, daß mich das gar nicht beunruhigt. Damals, nach Deinem Duell, hab' ich so sehr für Dich gezittert, jetzt fürcht' ich der gleichen nicht im mindesten. Ich könnte einen Eid darauf ablegen, daß Du noch lange, lange [121] leben wirst – es ist noch zuviel Zukunft in Dir. Sieh, wie besonders ich mich ausdrücke; es ist noch aus der alten Schule. Und dann – gewiß kündigte sich mir's irgendwie an, wenn Dir so etwas Schlimmes begegnete. Daran glaube ich nun einmal fest, ganz fest. Ich bin fast den ganzen Tag bei Dir, es müßte ein Ruck eintreten – nein, nein, laß mir den Aberglauben meiner Mutter, daß die herzlichsten Gedanken der Menschen durch die ganze Welt zusammenhängen, daß ein aparter Engel dazu angestellt ist vom lieben Gott, der das Gewebe ordnet und hält und wie der Himmelspostmeister die gegenseitigen Nachrichten besorgt. Ach, was mach' ich dem armen Engel zu tun!

Aber, aber, der Fürstin Konstantie, die meinen Brief besorgen will, trau' ich nicht über den Weg, was Dich schlimmen Gesellen anbetrifft. Du bist zwar fein ernsthaft und ehrbar, aber stille Wasser sind tief, und ich fürchte am meisten, daß Dein Herz Beschäftigung braucht. Wir Frauenzimmer sehen in solchen Dingen schärfer – ich denke mit Schrecken an die schönen Augen Konstantiens, wenn sie auf Dich fielen. Es war nicht jene Leidenschaft in ihnen, die wir an ihr scheuten, sie waren sanft und milde, aber es lagen Wünsche – bin ich nicht recht einfältig, Dich selbst aufmerksam zu machen. Ach, liebe, küsse, sei glücklich, mein Herz, mein Blut, o, mein Valerius, den ich liehe, liebe so ganz und gar. Aber ich bin ja Dein ›starkes Mädchen‹ nicht mehr, Du wirst mir alles erzählen, und mich immer mitlieben. Ja?«

Nach diesem Briefe war es um die Entzückungen vom vorigen Abende geschehen. Er glaubte, erröten zu müssen vor sich selbst, solch einer Liebe nicht allein, ungeteilt anzugehören. Mochten auch all seine Gedanken und Philosopheme über Liebessachen lächelnd ihre Stimme erheben, mochten sie ihn schelten, daß er einer alten eingelebten Gewohnheit seine Überzeugung opfere, daß es töricht sei, zu darben, um romantischen Grillen zu genügen – er ließ sich nicht besiegen und ging nicht mehr zur Fürstin.

[122] »Das Herz allein ist der Richter in solchen Dingen,« sprach er, »und mein Herz duldet es nicht.«

Aber es waren schmerzhafte Tage, welche trüb und langsam vorüberschlichen. Stanislaus besuchte öfters seinen Freund und machte ihm die lebhaftesten Vorwürfe, weil er das Haus seines Vaters nicht mehr besuche, der so herzliches Interesse an ihm nehme. »Hedwig fragte zehnmal des Tages nach Ihnen, und Konstantie hat sich zweimal ängstlich erkundigt, ob Sie krank seien. Es ist ein rechter Jammer mit euch empfindsamen Deutschen, und mein guter Vater leidet arg darunter: Konstantie kommt nun auch seit mehreren Tagen nicht mehr aus ihrem Zimmer, und der Salon ist ohne Mittelpunkt. Sie schützt Unwohlsein vor und Trauer um den Tod ihres Gemahls.« –

»Ist der Fürst gestorben?«

»Allerdings, aber das wußte sie schon an jenem Abende, als Sie das letztemal bei uns waren, und da hat man ihr kein Herzeleid angesehen. Der schwachköpfige Mann ist ihr immer sehr gleichgültig gewesen, und sie ist viel zu stolz, eine erheuchelte Trauer zu zeigen. Meine kleine harmlose Hedwig ist auch übel davon betroffen. Bei dem rauhen, wenig geliebten Vater und der schweigenden Großmutter den ganzen Tag zu sitzen wird ihr jetzt schwer, da sie die letzten Tage reger Geselligkeit verwöhnt haben. Neben Konstantie konnte sie den größten Teil des Tages bei uns sein, und jetzt hat die launische Frau plötzlich keine Zeit für sie. Kommen Sie, Freund, trösten Sie uns.«

Valerius entschuldigte sich auf das herzlichste. Er habe traurige Briefe bekommen, er tauge jetzt nichts für Gesellschaft. Aber der Freund kam alle Tage wieder, die Einsamkeit wurde auch dem deutschen Träumer lästig und langweilig, und da die Fürstin noch immer nicht aus ihrem Zimmer ging, er also ihre Begegnung nicht zu fürchten hatte, so gab er eines Abends dem Drängen des Freundes nach.

[123] Die schönen Säle und Zimmer kamen ihm öde vor, da die beiden Frauen fehlten, und wenn er im Gespräch bis an die Türen Konstantiens kam, so hielt er seinen Begleiter oft unwillkürlich einen Augenblick fest und lauschte mitten im eifrigen gedankenlosen Sprechen, ob er kein Lebenszeichen aus den Gemächern vernehme. Das Bild der schönen Frau, die in Trauer versunken Tag für Tag einsam in jenen hohen schweigsamen Zimmern saß, trat oft verstohlen vor seine Seele. Er glaubte sie in schwarzseidenem Gewande mit aufgelöstem Haare auf dem Fußteppich sitzen zu sehen, das blendende Weiß der Arme und des Busens sah verwundert auf die traurige Farbe des Kleides, und das Gesicht hatte den erschütternden Ausdruck einer verlassnen Königin, die über Nacht von allen denen verraten worden ist, welche noch am Abende ihren Winken gehorchten.

Er ging spät nach Hause, denn der Ort, wo er ihr näher war, dünkte ihm doch noch besser als sein fernes einsames Zimmer; eine finstere, schweigende Nacht hing wie ein schwarzer Mantel in den Straßen. Die Fensterreihe der Fürstin, nach welcher er ausblickte, war ohne Licht, nur in den letzten Zimmern dämmerte eine schwache Helle. Lange blieb er stehen, vielleicht hoffte er, die Gardinen würden sich bewegen, und jene hohe Gestalt würde sich zeigen, aber er wußte es selbst nicht, was er hoffte und ob er hoffte.

Es kamen mehr solche Abende, und sein Wesen wurde immer unruhiger und ungeduldiger. Nur zu deutlich erkannte er, daß es nicht an Umgebung und Gesellschaft liege, wenn er die Zeit nicht hinzubringen wisse, denn lesen und denken und denken und lesen kann man nur bei ruhigem Gemüte. Er gestand sich's langsam, es fehle ihm Liebe, und zwar Konstantie.

»Wohl denn,« rief er aus, als er eines Abends wieder mißvergnügt und unruhvoll aus dem Palais des Grafen schritt, »wohl denn: das Herz hat mich gehindert, das Herz treibt mich jetzt, ich werd' ihm ewig folgen.« – Gleich als [124] ob er einen großen Sieg errungen habe, als ob er von einer schweren Krankheit durch einen plötzlichen Himmelsstrahl genesen sei, schritt er über die Straße, um von der andern Seite nach jenen letzten Fenstern zu schauen, wie er alle Abende getan. Heut aber sah er mit leuchtenden Augen hinauf, und das Bild der trauernden Königin hatte sich verwandelt, und er glaubte das schöne Weib schon in den Armen zu halten. Alles drängte ihn, ihr zu sagen, was in seinem Herzen vorginge, sogleich, im Augenblicke, keine lange Nacht des Zweifels und Harrens sollte sich dazwischen legen. Und während er noch sann und dachte, wie das zu bewerkstelligen sei, da erhob sich seine Stimme, und er sang ein altes Lied. Sie mußte es kennen: in jener warmen Liebeszeit auf Grünschloß, wo alles mit Küssen in den Augen und auf den Lippen durcheinander lief, da hatte man es oft in stillen Abendstunden aus den Gebüschen des Gartens dringen hören.

Es regte sich nichts in der Straße, und sie mußte in ihrer Abgeschiedenheit seine Stimme klar und deutlich vernehmen.


Herz, mein Herz, was soll das geben?

Was bedränget dich so sehr?

Welch ein fremdes, neues Leben!

Ich erkenne dich nicht mehr.

Weg ist alles, was du liebtest,

Weg, warum du dich betrübtest,

Weg dein Fleiß und deine Ruh' –

Ach, wie kamst du nur dazu!


Fesselt dich die Jugendblüte,

Diese liebliche Gestalt,

Dieser Blick voll Treu' und Güte,

Mit unendlicher Gewalt?

Will ich rasch ihr mich entziehen,

Mich ermannen, ihr entfliehen,

Führet mich im Augenblick,

Ach! mein Weg zu ihr zurück.


Und an diesem Zauberfädchen,

Das sich nicht zerreißen läßt,

[125]

Hält das liebe, lose Mädchen

Mich so wider Willen fest;

Muh in ihrem Zauberkreise

Leben nun auf ihre Weise –

Die Verändrung, ach, wie groß!

Liebe, Liebe, laß mich los.


Das Licht in Konstantiens letzten Zimmern verlosch bis auf einen matten, kaum sichtbaren Schein. Der Sänger glaubte die Gardine sich bewegen zu sehen, aber die Dunkelheit war zu groß, um etwas genau unterscheiden zu können. Darüber konnte er sich aber nicht füglich täuschen, daß in den noch erleuchteten Sälen ein Fenster geöffnet und der Vorhang in die Höhe gezogen wurde. Ein Lichtschimmer fiel auf die Straße, oben am Fenster sah Valerius den alten Grafen mit seinen weißen Locken erscheinen, und es war ihm, als mache der alte Mann eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Der Sänger war aber im Übermute seiner erwachenden Leidenschaft und seines Liedes – es ist auch schwerer, als viele glauben, vom Singen zum plötzlichen Verstummen überzugehen – und er wiederholte, die Straße hinabschreitend, die Schlußverse:


Die Verändrung, ach, wie groß! Liebe, Liebe, laß mich los.

20
20.

Am andern Tage ritt er durch dieselbe Straße. Niemand war an den Fenstern zu sehen, die Gardinen in Konstantiens Zimmern hingen wie Tagsgespenster hinter den Scheiben, obwohl es beinahe Mittag war. Valerius wurde verdrießlich und dachte einen Augenblick daran, als er vom Spazierritt nach Hause gekommen war, Konstantien zu schreiben. Aber er verwarf den Gedanken schnell. Konnte nicht das ganze Verhältnis, das er sich mit ihr gebildet hatte, eine Täuschung [126] sein, wenigstens zur Täuschung gemacht werden? Er kannte die Fürstin als ein überaus stolzes Weib, sie war ihm mit einem überschwellenden Herzen entgegengekommen, er hatte sich zurückgezogen; nein, er konnte nicht schreiben, die Furcht seines Stolzes ließ es nicht zu. Und doch gestand er sich's, daß es keinen Stolz geben könne der wirklichen Liebe gegenüber.

Sein Herz hoffte aber zuversichtlich, sie werde diesen Abend in der Gesellschaft erscheinen, er werde sie sehen und sprechen.

Da trat Manasse in sein Zimmer, eine unerwartete Erscheinung. Valerius hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er in Warschau war, und es kam ihm vor, als sei der alte Mann in dieser kurzen Zeit auffallend gealtert, seine Züge erschienen ihm noch spitzer, die Augen noch tiefer, dem Grabe immer näher sich zukehrend. »Herr,« sprach der Alte, »mein Sohn Joel ist krank, und sein Herz sehnt sich nach Ihnen, lassen Sie sich hernieder, unter das Dach eines armen Juden zu treten, vielleicht können Sie helfen meinem armen Joel, ich kann es nicht.« Seine Arme, die er während des Redens erhoben hatte, sanken schlaff zurück, der Kopf neigte sich auf die Brust, der lange Bart zitterte, und das blaßgelbe Gesicht ward von jenem zerbrochenen Ausdruck des Schmerzes überzogen, der einer völligen Gefühllosigkeit ähnlich sieht.

Valerius war sogleich bereit, und auf dem Wege fragte er den Alten, was Joel fehle. Er fragte um zu fragen, obwohl er die Krankheit mit all ihrer Schwere zu kennen glaubte. Manasses vergrabene Augen stiegen bei dieser Frage herauf aus ihren Höhlen, und sahen mit einem entsetzlichen Ausdruck nach dem Himmel – mit der Hand wies er auf eine schwarze Wolke, welche die Sonne bedeckte. »Adonai weiß es,« sagte er mit leiser, aber entsetzlicher Stimme, und nach einer Weile setzte er wie in Geistesabwesenheit hinzu: »Was wollen wir klagen? Adonai leidet gleich uns, und alle Nächte weint er auf den Trümmern Zions voll Reue und Gram, brüllend wie ein Tiger, und in Verzweiflung, [127] sich auf immer mit seinem Volke überworfen zu haben – was wollen wir klagen, die ganze Welt ist ein Wehe – – ach, mein Sohn Joel!«

Mit einem leisen Schauer hörte Valerius diese talmudistischen Dinge und schritt hastig vorwärts, in eine Straße hinein, welche größtenteils von Israeliten bewohnt schien. Juden, die ihnen begegneten, sahen mit einem Gemisch von Scheu und Ehrfurcht auf den alten Manasse – er trat in ein kleines Haus, durchschritt den Hof hinter demselben, wand sich durch mehrere Gänge des Hintergebäudes und öffnete endlich die Türe eines kleinen abgelegenen Zimmers. Obwohl es noch heller Tag draußen war, brannte doch hier eine Lampe; man sah nirgends ein Fenster, Joel lag auf einem alten Sofa, das mit einem schwarzen, jetzt abgeriebenen Seidenstoffe überzogen war. Sein Gesicht war in die Kissen gedrückt, und er gab kein Lebenszeichen von sich.

»Mein Sohn Joel,« sprach Manasse mit jener leisen geisterhaften Stimme, »er ist da, jener Mann aus Deutschland, den du hältst für deinen Freund.«

Joel wendete sich herum und streckte die Hand nach Valerius aus – sein Gesicht, halb bedeckt von den langen, lockigen Haaren, sah zerstört aus wie eine verwüstete Kirche, wie ein schönes Gemälde, von dessen Antlitz man das Leben ausgetilgt hat durch eine darüber gestrichene weiße Farbe.

Valerius erschrak im Innersten, und die feuchte kalte Hand pressend fragte er bekümmert, was ihm fehle, was er für ihn tun könne. Joel warf einen bittenden Blick auf seinen Vater.

»Warum soll ich es nicht hören, Joel,« sprach dieser, »was dich danieder wirft, ich bin auch jung gewesen und habe gelitten wie du – aber ich will gehen, wenn der Herr mir gut steht, daß dir kein Unglück begegnet, während ich fern bin – Joel, mein Kind, verlasse nicht frühzeitig deinen alten Vater.«

[128] Langsam ging der Alte hinaus, und man hörte es, wie er sich unweit der Türe auf den Boden setzte.

»Sie sind der einzige Mensch,« begann Joel mit schwacher Stimme, »der mein Elend ermessen, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich glaubte nur die Wahl vor mir zu sehen zwischen einem schnellen Tode oder dem Ausschütten meines Herzens. Die Gedanken und Gefühle töten mich, ich muß zum ersten Male in meinem Leben zu jemand darüber reden, vielleicht hält das auf einige Zeit meinen Tod auf, den ich meines Vaters wegen fürchten muß, meines armen Vaters wegen. – Sie werden keine absonderlichen Geheimnisse erwarten, Sie werden voraus wissen, daß es sich nur um ein kleines unbedeutendes Ding handelt, um einen ausgestoßenen Juden, wie mich. Aber ich weiß, Sie fühlen das abscheuliche Unrecht der gesellschaftlichen Einrichtung, ich weiß, Sie sind ein klarer, unbefangener Mann, ein gebrochenes Menschenherz ist Ihnen soviel als ein gebrochenes Land, für das Sie das Leben einsetzen – können Sie mich nicht trösten, so gibt es keinen Trost für mich, und ich kann meinem armen Vater nicht helfen.«

Nach dieser Einleitung erzählte er ihm die Geschichte seiner Neigung zu Hedwig. Sie hatte nichts Außerordentliches als die orientalische Glut, welche sich in dem kleinsten Worte Joels abspiegelte, das er in dieser Beziehung sprach, die aus dem tiefsten Leben dringende Leidenschaft, womit er das Mädchen in alle Fasern seines Lebens verflochten hatte. Niemals war es zu einer Erklärung gekommen von seiner Seite. Solange er Hedwig täglich sehen konnte, wollte er nicht sein Glück auf das Spiel setzen – das Leben in der Stadt hatte sie ihm völlig aus den Augen gerückt. Einmal hatte er es versucht, das Haus ihres Vaters zu betreten – Hedwig war nicht daheim gewesen, der alte Graf hatte ihn mit der ihm eigenen schnöden Roheit behandelt.

»Es war ein schwerer Abend, als ich aus Hedwigs[129] Hause trat, ohne sie gesehen zu haben, und mein Gedächtnis die häßlichen Worte des Vaters nicht vergessen konnte. Sie trafen mich damals in der Nacht – ich hatte die Heimkehr meines Mädchens erwartet, ich wollte nur ihren Schatten sehen. Und ach, mein Freund, das waren noch glückliche Zeiten!

Sehen Sie, es quälte mich zu Tode, ihre Augen nicht mehr sehen zu können, und heute ging ich wieder hin in jenes Haus. Ich fand sie, ich sprach sie, ach, und das Herz, das tiefgequälte, trat mir auf die Lippen, ich erzählte ihr all meine Freude, all mein Leid an ihr – Herr, ich lag vor ihr auf den Knien, und bat um Leben oder Tod. Hedwig fuhr mir mit der Hand über die Locken und bat mich, nicht so heftig zu sein, und aufzustehen, Vater und Großmutter seien im Nebenzimmer. Aber die Welt war für mich verschwunden, ich ließ ihre Hand nicht mehr los und beschwor sie, zu mir zu reden, wie es das Herz ihr eingebe. Das Mädchen war erschrocken, war geängstigt, ich fühlte es, wie ihre Hand in der meinen zitterte; ich aber ließ nicht ab von meinem Drängen, und da sprach sie denn endlich zögernd und stotternd jene Worte« –

Joel hielt den Atem an, als müsse alles Leben still stehen in seinem Körper, er schloß die Augen, und drückte krampfhaft die Hand seines Freundes. Aber nach einer kurzen Pause fuhr er mit gefaßter, aber noch leiserer Stimme fort:

»Hedwig sagte, sie habe mich gern, sie habe mich lieb, aber ich ängstigte sie mit solcher Leidenschaft. Kurz – sie hat es nicht ausgesprochen, sie weiß es vielleicht selbst nicht, aber ich verstand es – das arme Mädchen würde mich lieben, wenn ich ein Pole wäre – verstehen Sie, Freund, sie kann sich eines leichten Schauers nicht erwehren, wenn sie daran denkt, ach, wenn sie daran denkt, daß ich ein Jude bin – –

Gott im Himmel, du weißt es, welch ein entsetzlicher Fluch gegen die ganze Welt aus meinem Herzen stieg, aber [130] der namenlose Jammer, der über mich herfiel, erstickte ihn. Noch hielt ich Hedwigs Hand fest, so fest, wie ich jetzt die Ihrige halte, ich wollte sie dem tückischen Schicksale nicht frei geben, noch lag ich vor ihr auf den Knien – da hört' ich ein wunderbares Gekreisch hinter mir, und die Henkersstimme des alten Grafen bringt mich zur Besinnung. Die Flügeltüre ist offen, wie der Höllenrichter sitzt er auf seinem Stuhle mitten im andern Zimmer, die alte schwarze Gräfin steht nicht weit von uns, ihre trockenen Hände sind wie zum Fluch erhoben – vorüber, vorüber, er hat nach den Bedienten gerufen – ich habe den einen zu Boden geschlagen, Gott weiß, ob er wieder aufgestanden ist, und bin hierher geflohen in Manasses verborgene Zelle.«

Valerius fühlte die Unmöglichkeit, hier zu trösten wie damals auf dem Schlosse. Es handelte sich um ein tödliches Erbübel der Gesellschaft, und er konnte wie ein freundlicher Arzt nur alles aufbieten, die Schmerzen zu lindern. Joel mußte sich aussprechen, ausklagen, austoben – die Zeit der Tränen war vorüber, aber jeder Schmerz ist wie alles Irdische, er erschöpft sich durch sich selbst. Und als Joels Kräfte bis Flügel senkten, da erzählte ihm Valerius alle die verschiedenen Peinigungen, denen dieser und dieser und jeder Stand ausgesetzt ist im Verhältnis zu dem andern, und wie es schwach und unwürdig sei, solchen menschlichen Zufälligkeiten sein ganzes Wesen zu unterwerfen.

Der Stolz war es aber just, welcher Joel ein wenig aufrichten konnte, denn er hatte mehr als die Liebe sein Herz gebrochen. Auch ist ein edler Stolz in vornehmen und unterdrückten Menschen noch stärker als die Liebe. Sie können weiter leben mit einem Herzen, das mit Liebesweh überfüllt ist, aber sie gehen unter, wenn man ihre Ehre und Würde zerschlägt.

Valerius suchte also seinen Freund auf einen Standpunkt zu erheben, von welchem diese gesellschaftlichen Mißverhältnisse [131] klein, unbedeutend, lächerlich erscheinen, er suchte ihm das ganze Gefühl eines denkenden Menschen wiederzugeben, der leicht über die Zänkereien seines Tages, seines Jahrzehnts hinweggeht. Joel besaß eine große, schöne Seele, die den höchsten Gedanken zugänglich war. Leiden erzeugen immer die Spekulation unserer inneren Tätigkeiten, und sie erweitern den Geist. Joel hatte alles durchgedacht, und jedes Wort des Freundes fand eine befreundete Stätte. Es kehrte wieder Wärme in den Unglücklichen zurück, und als Manasse eintrat, war sein Sohn so weit beruhigt, daß er dem alten Vater die Hand reichen konnte zum stillen Versprechen, er werde nichts Gewaltsames gegen sich unternehmen. Manasse herzte und küßte ihn und war ausschweifend in seiner Freude.

»Es war auch von Ihnen die Rede,« wendete sich plötzlich Joel an Valerius – »der Alte schrie im Zorne, Sie munterten mich auf zu so frevelhafter Dreistigkeit, Sie seien ein Jakobiner, trieben sich in nächtlichen Verschwörungen herum, und man würde dem fremden Landläufer das Handwerk legen.«

Das machte den widerwärtigsten Eindruck auf den Deutschen. – Indessen hielt er es immer für eine Hauptaufgabe der Bildung, die eigenen Interessen zurückzudrängen, solange andere unsere Tätigkeit oder Teilnahme in Anspruch nehmen. Er empfahl also Joel, sich zunächst in dem Versteck Manasses aufzuhalten, bis er sichere Nachricht erhielte, ob die Szene bei Hedwig insoweit glücklich abgelaufen sei, daß der getroffene Bediente lebe oder nicht. Er, Valerius, wolle sogleich zu dem Chef ihres Regimentes, dem Grafen Kicki, eilen, um die militärischen Dienstverhältnisse so weit zu ordnen, daß Joel in den nächsten Tagen von dieser Seite her ohne Störung bleiben könne. So schied er.

Zu seinem Erstaunen war es schon später Abend, als er in die Straßen herauskam; es fiel ihm schwer aufs Herz, daß er nicht füglich noch in das Haus von Stanislaus' Vater [132] gehen könne, daß Konstantie, wenn sie gestern seinen Gesang gehört habe und heute wieder im Salon erschienen sei, völlig irre an ihm werden müsse, ja, daß sie wohl gar glauben könne, er treibe seinen Scherz mit ihr. Eben ging er an ihrer Wohnung vorüber, es war finster in ihren Zimmern. Unschlüssig stand er einen Augenblick; aber Joels Angelegenheit war dringend – er eilte weiter, seinen Oberst aufzusuchen.

Graf Kicki empfing ihn ernst und kalt – ganz gegen seine Gewohnheit. Er war schon unterrichtet durch Hedwigs Vater. Der Bediente lebe noch, setzte er hinzu, aber der Vorfall sei von sehr trauriger Bedeutung. »Sie können doch,« sprach er mit großer Schnelligkeit, »Sie können doch, Herr von Valerius, unmöglich soviel moderne Bildung von uns verlangen, daß wir unsere edlen Familien mit Juden vermischen. Es steht mir kein Recht über den jungen Mann zu, oder der Augenblick ist wenigstens nicht geeignet, die Soldaten wegen ihrer Privatangelegenheiten vor Gericht zu stellen, aber« und das letzte sprach er mit unverkennbarer Bezüglichkeit, »ich wünschte, nicht mehr solche aufklärende Individuen unter meinem Regimente zu haben.«

Valerius war von dem heftigsten Zorne bewegt und kündigte dem Grafen mit schnellen Worten an, daß er für die Ehre danke, mit Truppen zu fechten, welche ihr Verdienst von der höheren oder niederen Geburt erhielten.

Der Graf war überrascht und wollte sprechen, Valerius aber fühlte sich im Innersten verletzt, er glaubte, all seine Grundsätze am Herzen angegriffen zu sehen, und überließ sich rücksichtslos einer Wallung, wie sie auch dem besonnensten Menschen dieser Art aufsteigt, wenn ihn ein Wort aus allen Täuschungen rüttelt. Und dergleichen hatte er am wenigsten bei einer Revolutionsarmee wie die polnische erwartet.

»Sie haben mich, Herr Graf, einstweilig des Dienstes entlassen, ich scheide nun für immer aus Ihrem Regimente. [133] Nimmermehr hätte ich diese Art, über Soldaten zu urteilen, bei einem Heere erwartet, dessen alter Kern noch unter Napoleon gefochten. Bonaparte, Herr Graf, war ein armer korsikanischer Junker, Bonaparte hat nie danach gefragt, was Junot, Bernadotte, Ney gewesen, bevor sie Soldaten wurden; die Säbel, Herr Graf, und die Fähigkeit haben seine Marschälle geschaffen, in Ägypten war er Muselmann, und hätte er Juden zu unterwerfen gehabt, er wäre in die Synagoge gegangen, er hat nie danach gefragt, auf welche Weise seine Soldaten zu ihrem Gott beteten. Ich wünsche es von Herzen, aber ich glaube es kaum, daß Sie mit diesen aristokratischen Bedenklichkeiten eine glückliche Revolution machen.«

Damit wendete er sich zum Abgehen. Der Graf trat ihm aber in den Weg und nahm ihn bei der Hand.

»Sie irren sich, Herr von Valerius, wenn Sie mich für einen Aristokraten halten, ich bin nichts weiter als ein Pole und ein Soldat. Haben Sie recht mit Ihrem Argwohn, so bin ich unschuldig, denn ich weiß nichts von solchen Dingen und frage nicht danach. Aber ich glaube nicht, daß es gut ist, alle Unterschiede niederzuwerfen – Sie sollten sich nicht das Leben verbittern, Herr von Valerius, mit solchem Zeuge, Sie sind ein rascher, frischer Krieger, ein gebildeter Mann, was kümmern Sie sich um andere Dinge! Ich war hitzig, die Geschichte mit Fräulein Hedwig hatte mich aufgebracht, man nennt Sie einen Jakobiner; aber lassen Sie uns beisammen bleiben und weiter zusammenfechten. – Apropos! ein Graf von Topf aus Deutschland hat einmal an mich geschrieben Ihretwegen, ich gab ihm unbefriedigende Nachrichten, die ungefähr so ausgesehen haben mögen, als seien Sie bei Grochow geblieben – bringen Sie den Mann aufs reine, ich habe im Drang der Dinge fortwährend vergessen, Ihnen davon zu sagen. – Und nicht wahr, wir fechten noch zusammen?«

Valerius gab ihm keine bejahende Antwort, er war[134] noch zu heftig in Aufregung. So schieden sie rasch, und beide Teile waren unbefriedigt.

21
21.

Valerius unterrichtete des andern Tages Joel beizeiten, daß äußerlich nichts zu besorgen sei. Dieser war in der erzürnten, halb grimmigen Stimmung, welche jener den Tag vorher mit Eifer entzündet hatte. Sie ist der beste Schutz kräftiger Menschen gegen die unleidlichen konventionellen Übel, und sie ermunterte Joel auch sogleich, wie sein Freund das Regiment zu verlassen. »Wir finden einen freundlichen Tod,« sagte er, »beim alten Dwernicki – dorthin lassen Sie uns gehen, dort gibt's keine Aristokraten für Sie – und für mich – ach, für mich ist's überall gleich, aber die Jugend, die unter Dwernicki fechten will, ist doch besser, ihr Blut ist noch natürlicher, und die Natur kennt keinen Haß.«

Valerius eilte nun zu Stanislaus – er war nicht zu sprechen – der alte Graf ebenfalls nicht – die Fürstin war den Abend vorher zum ersten Male wieder im Salon erschienen. O, in welch einer verworrenen Stimmung eilte er hinweg! Was mußte Konstantie von ihm denken, wie tief mußte sie sich gekränkt glauben. Sollte er schreiben? Nein, das war ihm nicht möglich – das Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering sprang so wild in seinem Kopfe herum, daß ihm das Schreiben an die Fürstin wie ein Hinterhalt vor kam, in welchen er mit all seinem Bürgerstolze fallen könnte wie der arme Joel. Sind wir einmal aus dem Regelmäßigen aufgeschreckt, dann sehen wir in allen Ecken Feinde. Und Stanislaus und sein Vater – sie hatten sich sicherlich verleugnen lassen – »wie konnte ich einen Augenblick vergessen, daß sie keine Deutschen sind mit all ihrer Sanftmut!«

Das Leben in diesem Zustande ward ihm unerträglich; wenn sich das Verhältnis zu Stanislaus und seinem Vater [135] so feindlich ausbildete, wie er glaubte, daß es jetzt angefangen habe, so war ihm der Weg zu Konstantien versperrt. Von der Armee hatte er sich geschieden, was hatte er nun in Polen noch zu schaffen? Aber der Gedanke war ihm ebenso unerträglich, jetzt zu entscheiden. Alle Interessen seines Geistes und Herzens hätte er in unvollkommener Halbheit nach Deutschland gebracht.

In dem unbehaglichsten Aufruhr seiner Gedanken und Wünsche kam er in seine Wohnung. Magyac trat ihm mit traurigem Gesicht entgegen: »Herr, Sie wollen nicht mehr mit uns fechten?«

»Woher weißt du das?«

Nach einigem Zögern erzählte er, daß es ihm der Bediente des Grafen Stanislaus gesagt habe. »Er hat den jungen und den alten Herrn Grafen sehr heftig darüber sprechen hören, auch von Joel ist die Rede gewesen, und der alte Herr hat dem jungen heftige Vorwürfe gemacht, daß er unbesonnen sein Vertrauen und seine Freundschaft wegwerfe. Herr, es ist einer wie der andere von unseren Edelleuten, wenn auch in manchen Stunden einer besser aussieht als der andere, und ich würde nicht von Ihnen gehen, Herr, wenn Sie noch mit uns fechten wollten.«

»Du willst mich also verlassen?«

»Ja, Herr, ich bin ein Pole.«

Valerius fühlte eine Art Kitzel der Trauer darin, daß ihm plötzlich alles untreu würde. Er reichte dem Thaddäus die Hand und schenkte ihm seine Börse, ohne zu bedenken, daß es der letzte Rest seiner Barschaft sei.

»Leb' wohl, Magyac, du bist noch der Ehrlichste von allen.«

Thaddäus küßte ihm heftig die Hand, eine ungewöhnliche Rührung trat auf sein Gesicht: »Herr, Sie sind gut, lassen Sie mich so lange hier bleiben, bis Sie aus Warschau gehen, jetzt gibt es doch noch nichts zu tun.«

[136] Diese stillschweigende Voraussetzung des einfachen Bauers, daß sein Herr Warschau verlassen müsse, wenn er nicht mehr fechten wollte, ergriff diesen heftig. Er fühlte sich unglücklich, verlassen, beleidigt, und da er nicht wußte, wen er direkt anklagen sollte, so hätte er am liebsten weinen mögen wie ein ungezogenes Kind.

So schnell wechseln die Dinge, daß er es heut war, welcher Joel aufsuchte, um einen Freund zu sehen. Einer wollte den andern zerstreuen, und sie strichen planlos Arm in Arm durch die Straßen. Stanislaus und sein Vater fuhren rasselnd an ihnen vorüber, Valerius bemerkte sie zu spät, um zu grüßen, sie selbst hatten keine Anstalt dazu gemacht.

»Hoffen Sie wirklich,« sprach Joel, »mit diesen Leuten noch in Verbindung zu bleiben, nachdem Sie sich meiner angenommen, nachdem Sie Ihr Regiment verlassen haben? O wie wenig kennen Sie meine Landsleute, im Patriotismus liegt all ihre Tugend, und wenn sie andere edle Gefühle zeigen, so entspringen diese nur aus einem nahen oder fernen Zusammenhange mit diesem Patriotismus. Alle Nationalität ist eine Gattung Egoismus, und die unsere vollends. Und haben Sie denn vergessen, daß Hedwig des jungen Grafen Verlobte ist? Gewiß, Sie haben es vergessen, weil er keine Zeit hat für das arme Mädchen, weil Sie nie etwas von Lieb' und Teilnahme an ihm bemerkt haben – aber Freund, sie ist seine Verlobte, und Sie haben einen zudringlichen, niedrigen Liebhaber derselben in Schutz genommen, Sie gehen eben mit ihm Arm in Arm über die Straße. Sie haben in seinen Augen ein Sakrileg begangen, Sie haben seinen Stand und die kurze flüchtige Freundschaft verletzt – er kennt Sie nicht mehr, wenn er Ihnen begegnet.«

Joel war stärker geworden, seit er seinen Freund unter Mißverhältnissen leiden sah, in denen er Ähnlichkeit mit den seinen zu finden glaubte. Es war ihm eine Tröstung, nicht [137] allein von der Gesellschaft mißhandelt zu werden, und sein Liebesjammer verstummte vor den Kämpfen um Ehre und Existenz, die ihm Geist und Herz bewegten.

Sie traten in ein Kaffeehaus, überall hörte man Entrüstung über die Untätigkeit der Regierung, alles politisierte, las Zeitungen, sprach vom Kriege. Valerius kam sich vor wie ein abgeschiedener Geist, der nichts mehr mitzusprechen habe über irdische Dinge. In seinem Schrecken ward er jetzt auch inne, daß er von allem Gelde entblößt sei, er mußte Joel in Anspruch nehmen und vorgeben, seine Börse vergessen zu haben. Es fiel ihm plötzlich schwer aufs Herz, was daraus werden solle; Joel hätte gewiß leicht Rat geschafft, aber er konnte ihm nichts sagen. Gerade dessen üble Stellung zur Gesellschaft hielt ihn ab, etwas zu tun, worin er sonst einem Freunde gegenüber nicht das mindeste Bedenken gefunden hätte. Er hat keinen einzigen Freund als mich, dachte er, und der Arme könnte einen Augenblick glauben, ich stünde neben ihm, weil ich sein Geld brauchte.

Es war ein fataler, übertriebener Gedanke, den aber wohl die Situation entschuldigte.

Valerius hatte nirgends Ruhe, und Joels Vorschlag, ins Theater zu gehen, kam ihm gelegen. Er war aus dem Hause getreten und wartete auf Joel. Da ritten zwei Damen an ihm vorüber; es waren Hedwig und Konstantie, an der Seite jener der Graf Kicki. Hedwig nickte freundlich mit dem Kopfe, noch ehe er Zeit gewann, nach seinem Hute zu greifen, Konstantie dankte leichthin seinem Gruße, und es eilte ein stolzer Schmerz schnell wie ein Windstoß über das schöne Gesicht.

»Ach, er ist auch wieder so blaß,« hörte er Hedwig zu ihr sagen, und sie wendete sich noch einmal freundlich nach ihm zurück. Konstantie aber sah nicht mehr rückwärts. Regungslos blieb er stehen. Jenes schöne Antlitz Konstantiens war ihm wohl bekannt, nie hatte er diese verführerische Blässe, [138] nie diesen hohen, tragischen Ausdruck darauf erblickt. Das schwarze, lange Reitkleid, der schwarze Hut mit dem wehenden schwarzen Schleier, erhöhten das Bild einer stolzen Trauer. Einzelne Locken flogen wie sehnsüchtige Gedanken über die Schultern zurück und sprachen stumm von der Achtlosigkeit ihrer Herrin.

»O schöne, schöne Konstantie, warum kann ich nicht zu dir, um dich zu küssen und die törichte Welt in deinen Armen zu vergessen!« seufzte er leise. »Fort – fort,« flüsterte Joel, der gekommen war, »das sind vornehme Leute.«

Valerius sah ihnen aber noch länger nach, und er hatte eine ironische Freude an dem Gedanken, daß er in der fremden, für ihn unwirtlichen Stadt eben keinen polnischen Groschen besitze, während das Weib, das er liebte, und das ihn vielleicht wieder liebte, stolz vorüber ritte, und dem ersten Bettler zuwärfe, was dem Geliebten auf einen Tag das Leben fristen könnte.

»Nicht doch, nicht doch,« rief er aber schnell, »wozu solche Kontraste und Übertreibungen, kommen Sie, Freund, ins Theater.«

Aber auch dort litt es ihn nicht lange. »Überall Enthusiasmus, Patriotismus, Freund Joel, das fängt an mich zu langweilen.«

Joel lächelte und erwiderte gutmütig: »Sie sind schlechter Laune, und Sie sind ein Deutscher: dies Volksleben, dieser Volkslärm war Ihnen willkommen, als er Ihnen neu war, er entsprach Ihren Freiheitsbegriffen; jetzt sind Sie Ihren Launen verfallen, die künstlichen, die erdachten Wünsche an Volksleben schweigen, und die deutsche Gewohnheit macht Ihnen den Lärm lästig.«

»Sie haben recht, man muß über nichts reden, wenn man unfreien Gemütes ist; ich habe den Leuten unrecht getan.«

Joel führte ihn in den patriotischen Klub, aber er hatte [139] nirgends Ruhe. Weiter, immer weiter trieb er, und als er endlich heimgekehrt war, stärkte ihn selbst der Schlaf nicht. Ermattet wachte er am nächsten Morgen auf. Die Sorgen fielen über ihn her, und der völlige Geldmangel war nicht die geringste. Und zwei so verschiedene Dinge sind es gerade, Liebe und Geld, wo keine Philosophie hilft. Er warf sich in die Kleider, um einen Bankier aufzusuchen, von welchem er bei seiner Ankunft in Warschau einen Wechsel bezogen hatte; vielleicht wüßte der Mann Rat zu schaffen. Das Kontor war noch geschlossen, und Valerius hatte Zeit, spazieren zu gehen. Es regnete emsig; die Leute eilten flüchtig durch die Straßen. Vielleicht nimmst du heut Abschied von diesen Orten, dachte er, und der Himmel sorgt dafür, einen letzten trüben Eindruck deinem Gedächtnis einzuprägen. Ob er gehen, ob er nicht gehen würde, das wußte er nämlich selbst noch nicht, die schöne Reiterin von gestern ritt unaufhörlich in Kopf und Herzen auf und ab, und er dachte eigentlich nicht eine Stunde vorwärts, und wenn jetzt eine Stimme in ihm rief: »Heute noch mußt du diese Stadt verlassen,« so sagte er: »Jawohl, jawohl!« und ein leises Geflüster, das von Konstantie erzählte, ward nur von seinem Herzen vernommen. Das Herz aber schwieg still, als kümmerte es sich gar nicht um die Entschlüsse seines Herrn, als hätte es gar keinen Einfluß darauf. So läßt die gebietende Hausfrau den zärtlichen Gatten, wenn er im Zorn oder Sturm einhergeht, alles mögliche beschließen, und wenn das Beschlossene geschehen soll, so sagt sie bloß: »Nicht doch!« und es bleibt beim alten.

Valerius kam wieder zum Hause des Bankiers. Das Kontor war jetzt offen; er traf aber schon einen jungen Mann im eifrigen Gespräch mit dem Herrn. Die Stimme des Mannes, der ihm den Rücken kehrte, klang ihm bekannt, er hatte aber keine Zeit nachzusinnen; der Bankier trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr. Valerius stellte ihm seine Verlegenheit vor und fragte, ob er einen Wechsel [140] ausstellen könne für jenes deutsche Handelshaus, dessen Anweisung ihm der Bankier vor einigen Monaten honoriert habe; der Graf Topf habe ihn an jenes Haus empfohlen, und für das garantiert, was er entnehme, die augenblickliche Verlegenheit ließe ihm aber jetzt keine Zeit, nach Deutschland zu schreiben und einen rückkehrenden Brief abzuwarten. Der Bankier zuckte natürlich die Achseln und erklärte, sich auf dies Geschäft nicht einlassen zu können.

Auf dem Wege nach Hause fiel es Valerius zum ersten Male ein, daß es auch eine Pflicht sei, Geld zu erwerben. Die Wichtigkeit des Geldes erschien ihm auf einmal nur zu deutlich. Er mußte sich gestehen, daß es unmöglich in der Ordnung sein könne, vom Vermögen seiner Freunde zu leben. Dazu sei die bürgerliche Gesellschaft nicht konstruiert.

Eh' er nach Grünschloß gekommen war, hatte er in kleinen, wohlfeilen Verhältnissen gelebt, einzelne Geistesarbeiten und der jeweilige Zuschuß seines Freundes Hippolyt hatten für seine Bedürfnisse zugereicht. Später hatte ihn die liebenswürdigste Zuvorkommenheit des Grafen Topf nicht mehr an Geld und Gelderwerbung denken lassen, er hatte sich unterdes an die Bedürfnisse der höheren Klassen gewöhnt, und der Gedanke überraschte ihn bei der argen augenblicklichen Verlegenheit nicht eben angenehm, daß er auf diese Weise durchaus nicht fortleben dürfe. »Der Staat ist einmal auf Erwerb gegründet,« sagte er sich, »und du bist ein unnützes, unproduktives Mitglied.«

Es hatte zwar eine Zeit gegeben, wo er in poetischer Ansicht des Lebens solche triviale Staatsforderungen entrüstet abgewiesen hätte, aber ein Augenblick, wo man den Hunger und Mangel vor der Türe sieht, ist der poetischen Ansicht des Staates nicht günstig. Und sein Verlangen nach Selbständigkeit lehnte sich nicht minder auf gegen dies stets abhängige Verhältnis von seinen Freunden.

Bei alledem blieb aber doch seine stolzere und höhere [141] Art, das Leben zu betrachten, mächtig, er verschob diese ökonomischen Untersuchungen auf eine andere Zeit, und schritt stolz die Straße entlang, in welcher die Fürstin wohnte – wohin er gehen wollte, wußte er selbst noch nicht.

Stanislaus trat eben aus der Tür; Valerius ging auf ihn zu. Jener konnte nicht füglich mehr ausweichen, und mußte es anhören, wie ihn Valerius mit freundlichen Worten fragte, ob er böse sei, und warum er sich durch den Bedienten habe verleugnen lassen. Aber die Heftigkeit, welche in dem Polen aufloderte, ließ diesen nicht zu Ende kommen, er überschüttete Valerius mit einer Flut beleidigender Worte, wie er sich des dreisten Juden angenommen, sogar, um seine Familie zu frondieren, Arm in Arm mit jenem frechen Burschen an ihm und seinem Vater vorübergegangen sei, wie er den heiligen Kampf des Landes leichtsinnig verlassen, weil Graf Kicki es nicht in der Ordnung gefunden habe, daß dieser Joel eine edle Familie mit seinen Zudringlichkeiten beschimpfe –

»Schweigen Sie, Herr,« unterbrach ihn Valerius, »der Sie allerlei schöne humane Redensarten im Munde führen, und wenn's zur Sache kommt, die veraltetsten adeligen Unflätereien an den Tag legen. Es ist mir nicht eingefallen, an Sie zu denken und für Sie eine Beleidigung darin zu sehen, wenn ich den unglücklichen Joel gegen Ungebührlichkeiten in Schutz nahm. Er hatte meine Freundschaft in Anspruch genommen, und es war meine Schuldigkeit ihn zu vertreten. Ja, ich würde ihn auch ohne dies vertreten haben, den man wie einen Paria behandelt; gegen tyrannische Unterdrückung zu kämpfen, war ich nach Warschau gekommen, und es ist nicht mein geringster Schmerz, daß ich sie da finde – genug, Herr, Sie Wortheld der Humanität haben sich eben der beleidigendsten Ausdrücke gegen mich bedient und werden mir Satisfaktion geben.«

Diese letzten Worte rissen Stanislaus aus einem Zustande [142] von Beschämung, welche der erste Teil von Valerius' Rede erzeugt zu haben schien. Die Herausforderung schürte seinen Zorn wieder auf. – »Kommen Sie, Herr,« rief er glühend, und trat ins Haus, rief einen Bedienten, sagte ihm einige Worte ins Ohr, und schritt Valerius voraus durch den Hof in den großen Garten, welcher zu dem Palais gehörte. Ehe sie noch den hinteren Teil erreicht hatten, flog der Bediente schon wieder hinter ihnen her, und brachte seinem Herrn einen Säbel. Ein Wink von diesem, der Bediente entfernte sich, Stanislaus reichte seinem Gegner den Säbel, und zog den seinen, sie warfen die Mäntel ab, und hie Hiebe flogen.

Von dem Palais zog sich ein gedeckter Gang an der einen Seite des Gartens hin bis zum Ende desselben. Er glich von außen völlig einem einstöckigen Gebäude, hatte Fenster mit Jalousien und stieß hinten an ein Gartenhaus, das quer den Garten schloß und dessen Front hinten nach einer Straße ging. In dem Winkel, welchen die beiden Gebäude bildeten, war jetzt der Kampfplatz. Die Jalousien des Ganges, die Fenster des Gartenhauses waren verschlossen, von dort aus konnten sie nicht beobachtet werden, eine dichte Gruppe Bäume, wenn auch damals unbelaubt, deckte sie so ziemlich nach vorn zu gegen unberufene Blicke aus dem Palais.

Sie waren beide geübte Fechter, beide noch in der ersten Aufwallung, es regnete von beiden Seiten Hiebe – da flog die letzte Jalousie des Durchganges auf, in deren Nähe sie fochten, und die Fürstin erschien in der Fensteröffnung. Sie hatte vorn am Fenster den Wortwechsel an der Haustüre angehört, hatte sie in den Hof schreiten, den Bedienten mit einem Säbel nacheilen sehen und sich leicht das übrige ergänzt. Der Durchgang führte just in die Zimmer, welche sie bewohnte; in früheren Zeiten hatte sich der Herr vom Hause gewöhnlich darin aufgehalten, und die bedeckte Verbindung mit dem Gartenhause war vielleicht zum Behufe verborgener Zusammenkünfte erbaut worden, wie sie in einem Lande der [143] Unterdrückung nicht selten sind. Die Fürstin war also eilig durch ihre Zimmer die Treppe hinabgeeilt, und das Waffengeklirr verkündigte ihr am letzten Fenster, daß sie hier in der Nähe der Kämpfer sei. Einen Augenblick sah sie mit leuchtenden Augen dem Kampfe zu, als sei sie bloß deshalb herbeigeeilt. Die weibliche Sorge überwog aber doch bald jedes andere Wohlgefallen, und sie rief hastig den Namen ihres Cousins.

Das Öffnen der Jalousie war diesen entgangen, aber die Stimme konnten sie nicht leicht überhören. Beide hielten inne, erhitzt, heftig atmend.

»Schämen Sie sich nicht, meine Herren, ohne Sekundanten und Zeugen wie ein paar Stegreifritter aufeinander loszuschlagen? – So was kann nur in Polen geschehen! Cousin Stanislaus, ist das Zivilisation, Herr von Valerius, sind das Ihre humanen Grundsätze, mit denen Sie sonst das regelmäßige Duell sogar wegräsonnieren mit Stumpf und Stiel?«

Den einen wie den andern trafen diese Vorwürfe: jeder hatte sich von der Hitze fortreißen lassen, und die beiden jungen Männer, rot von der Bewegung und einer leichten Scham, sahen unschlüssig nach dem Fenster, aus dessen Dunkel das blasse schöne Antlitz Konstantiens blickte.

»Ich habe vom Fenster des Salons aus Ihren Streit angehört; Cousin, Cousin, was sind das für fanatische Manieren gegen einen Mann, für dessen Freundschaft Sie noch vorgestern schwärmten. Erlauben Sie, meine Herren, daß ich Sie beide beim Onkel melde, und ihm den Stand der Sachen auseinandersetze – aber haben Sie die Güte, Ihre Säbel einzustecken.«

Sie verschwand nach den letzten Worten. Valerius sah seinen Gegner an und bot ihm die Hand, dieser schlug erst nach einer Weile die Augen auf, um mit einem jener rapiden polnischen Blicke die Stimmung des Deutschen zu erforschen. [144] Als er aber die dargebotene Hand sah, schlug er schnell ein: »Nous sommes d'accord?«

Wenn das Gewissen noch nicht rein ist, und das Herz nicht selbst und mutig spricht, dann reden die Leute in solchen Fällen französisch.

Valerius nickte mit dem Kopfe, und sie gingen langsam dem Palais zu. Jener dachte nur an Konstantie: sie hatte sich vorzüglich an Stanislaus gewendet, und er fühlte wohl, wieviel Vorwurf darin lag, daß sie ihm weniger Vorwürfe machte als diesem, daß sie kein Recht mehr haben wollte, ihn zu schelten. – Aber er hoffte, sie noch beim alten Herrn zu finden, und ihr durch zwei, drei leise Worte sagen zu können, was er empfände. Er wollte deshalb schneller gehen, aber Stanislaus machte keine Anstalt, ihm zu folgen, und so war er genötigt, langsam fortzuschleichen, während sein Herz sprang.

Konstantie war nicht mehr beim alten Grafen. Dieser empfing Valerius mit einer süßen Höflichkeit, welcher man leicht anmerkte, daß sie nur die eines Weltmannes und von der Beredsamkeit Konstantiens erzeugt war. Er bat Valerius, zum Essen dazubleiben, und begann ein Gespräch, über deutsche Literatur; es war nicht zu verkennen, daß er alle früheren Beziehungen geflissentlich umgehen wollte. Valerius fühlte sich gedrückt und ertrug den fatalen Zustand nur, um wieder in die Nähe der Fürstin zu kommen.

»Ich hörte neulich,« hub der Graf an, »hier unten auf der Straße ein Lied von Goethe singen, das ich oft in Deutschland gehört habe. Es sind wohl mehrere Ihrer Landsleute hier?« und die alten tiefen Augen schickten bei diesen Worten einen spitzigen Blick auf den Gefragten – »was machen die Leute in einer solchen Kriegszeit bei uns?«

Valerius war verlegen und beleidigt, aber er mochte nicht reden und zuckte bloß mit den Achseln.

Das Gespräch fügte sich nicht, die Reden und Gedanken gingen nicht ineinander über, und der Vorschlag des alten [145] Grafen, bis zum Essen eine Partie Schach zu spielen, war ebenso natürlich, um das Peinliche des Zustandes aufzuheben, als er dem jungen Fremden angenehm war. Es gibt nichts Drückenderes, als wenn zwei Personen von äußeren Gründen getrieben werden, sich einander zu nähern, und doch keine inneren gegenseitigen Verbindungen auffinden können. Der Wunsch des Alten war nicht zu verkennen: Valerius möchte wieder unter die Waffen treten. Jeder »brave Pole« – so nennen sie vorzugsweise ihre Patrioten – betrachtet sein Vaterland wie eine Familienangelegenheit, und einen Krieger dafür zu gewinnen, war in jenen Tagen Gewissenssache. Zumal hier, wo sich Vater und Sohn vorzuwerfen hatten, daß sie schuld trügen, wenn ihre Sache einen Streiter verlöre an dem Deutschen.

Der Bediente meldete, daß angerichtet sei. »Wir müssen den Schluß unserer Partie aufschieben, Herr von Valerius. Sie machen das Spiel dem Gegner schwierig durch den häufigen Gebrauch der Springer – solch ein Springer macht seine Bewegungen mit einer regelmäßigen Unregelmäßigkeit, die schnell einen ganzen Plan umwirft.«

Der Spott war also schon artiger geworden, aber ohne Hedwigs Gegenwart wäre das Mittagsmahl doch wieder peinlich gewesen. Die Fürstin war völlig schweigsam; Stanislaus machte mehrere Versuche, in den früheren herzlichen Ton mit seinem jungen Freunde einzustimmen, aber trotz dessen Entgegenkommen gelang es nicht. Hedwig nur war unverändert in ihrer alten Heiterkeit. Einmal betrachtete sie ihren Bräutigam und Valerius aufmerksam und mit halb lachendem Gesichte und brach endlich in ein volles Gelächter und in die Worte aus: »Meine Herren, das nenn' ich Sympathie, Sie haben ja beide zerrissene Röcke an! Hier ist ein langer Ritz in der Uniform, und dort – ach, wie schade ist's um ihren blanken schwarzen Rock, Herr von Valerius!«

Diese Erinnerung an den Vorfall im Garten war eher [146] geeignet, die üble Stimmung noch zu erhöhen; der alte Graf nahm aber Gelegenheit davon, sein Glas dem Fremden hinzureichen und auf »frische Tapferkeit« anzustoßen. Dieser begriff zwar leicht, daß es auf seine zu hoffende Tapferkeit gegen die Russen gemünzt sei, aber er stieß an, um womöglich ein fröhlicheres Verhältnis zu erzeugen.

Einem aufmerksamen Beobachter der Fürstin konnte es nicht entgehen, daß sie nicht so ruhig war, als sie schien, daß zuweilen eine schnelle Röte in ihrem Gesichte aufstieg, daß sie mit ungewöhnlicher Teilnahme und Besorgnis auf den Säbelhieb blickte, den Hedwig auf des Gastes Rocke entdeckt hatte. Aber sie sprach nicht, und wenn Valerius sie anredete, und mit weicher, einschmeichelnder Stimme auf diese oder jene Weise in ein Gespräch zu nötigen suchte, so wich sie immer aus, wenn auch gewandt und höflich, aber immer kalt. Ihre schwer ruhenden Blicke, die auf dem jungen Manne weilten, so oft seine Augen nicht direkt auf sie gerichtet waren, bemerkte er leider nicht, von dem mörderischen Kampf zwischen Stolz und Liebe, der in solchen Augenblicken über ihre schönen Züge hinwegbrauste, gewahrte er nichts. Als man vom Tische aufstand, entfernte sie sich sogleich. Auch Valerius ging. »Die liebt mich nicht, ich habe früher recht gehabt, es ist ein gewöhnliches liebelustiges Weib, das eine scheinbare Vernachlässigung nicht vergibt. Still, Neigung, ungestümes Verlangen – hier ist kein Heil für mich, und morgen verlass' ich diese Stadt.« Sein Geldmangel fiel ihm ein, und unruhig und ungeduldig kam er nach Hause. Magyac übergab ihm einen Brief und eine Rolle mit Goldstücken, die angekommen waren. Der Brief war von seinem Freunde Hippolyt, vom Gelde erwähnte er zwar nichts, Valerius kannte aber seine Gleichgültigkeit und sein Mißbehagen, über Geld nur ein Wort zu verlieren, und trug dem Magyac auf, zum nächsten Morgen Postpferde zu bestellen und alles für die Abreise bereit zu halten.

[147] »O Herr, verlaß uns nicht!« bat Thaddäus.

»Ich muß, Magyac, ich muß.«

Und traurig ging Thaddäus ans Packen.

22
22.

Es war dem Valerius, als ginge seine Jugend zu Ende mit der Abreise von Warschau. Alle seine früheren Wünsche, Hoffnungen und Gedanken glaubte er in Irrtümer verwandelt zu sehen, da er ein freiheitslustiges Volk aufgeben müsse.

Tief und schwer seufzte er auf: »Und auch die Liebe geht zu Ende, auch sie ist nicht mehr zu gewinnen. O, Jugend, du Inbegriff alles Reizes, warum scheidest du so früh von mir! Was ist das Leben ohne Hoffnung, und wo gibt's eine Hoffnung ohne Jugend? Nur die Jugend hat Farbe und Begeisterung, was werd' ich anfangen mit den grauen Tagen ohne Rot und Grün, die keine Kraft mehr in mir wecken. Die Jugend allein ist Poesie – wie soll ich mich fortschleppen ohne dich, du erhebende Schwärmerei!

Es gibt nur zwei Arten, glücklich zu sein: entweder man bewegt und bevölkert sich und die Welt mit Idealen, Aussichten, neuer Zukunft, man schaukelt sich auf der wogenden Bewegung des ungezügelten Strebens, – oder man betrachtet die Welt aus einem ruhigen Herzen, freut sich des Kleinsten, hilft und fördert im Kleinsten, pflanzt mit Genügsamkeit, wartet geduldig auf das Gedeihen, gestaltet das Unbedeutende zur gefälligen Form, verlangt nichts vom Tage, als was er eben bietet, und hält den Nachbar und sein Interesse höher als das Wohl oder Wehe von Nationen.

Nur der letzte Weg ist mir übrig, und es fehlt mir alles, was er in Anspruch nimmt. Sogar die wohlige Behaglichkeit des Körpers, diese Vergnügen erzeugende Harmonie des Leibes geht mir ab. Die Revolutionsmilch hat mich [148] aufgesäugt, unter Bewegung ist mir Geist und Körper groß gewachsen – wird es mir gelingen, einen neuen Menschen zu erziehen! Und doch muß es sein: ich habe zuwenig Fanatismus, zuwenig Leidenschaft, um als rücksichtsloser Bewegungsmann irgend ein Ziel zu finden. Ich werde ein jämmerliches Leben führen ohne Begeisterung und ohne Ruhe, zum Helden verdorben, zum Bürger untauglich – aber zum Leiden und Tragen geschickt; lebe wohl, Jugend!«

Damit nahm er seinen Mantel; er wollte von Joel Abschied nehmen und noch einmal seine Brücke besuchen, aber der Straße, wo Konstantie wohnte, ausweichen, soweit er konnte.

Es war ein sanfter, stiller Abend, den er auf der Straße fand, Frühlingsgedanken irrten schon vereinzelt hie und da in der Luft herum, und flüsterten unverständliche aber fröhlich klingende Worte den unbefangenen Leuten ins Ohr.

Überrascht von dem milden Eindruck der Luft blieb er einen Augenblick vor dem Hause stehen. Da kam eine verschleierte Dame an den Häusern entlang, sie war nicht mehr weit von ihm, als sie den Kopf aufrichtete und nach den Fenstern des zweiten Stockes zu sehen schien, ein Bedienter folgte ihr in der Entfernung von einigen Schritten. Jetzt war sie dicht bei Valerius, der Kopf wieder gesenkt.

»Konstantie!« sprach dieser leise. – »Valerius!«

Dieser Gegenruf schien aus dem Herzen der Dame zu springen, ehe sie Zeit gewonnen hatte, das überraschte Gemüt zu verschließen. Und nun folgte eine Szene, zu welcher nur tiefe und stolze Gemüter den Stoff liefern können, oder doch nur solche, welche imstande sind, die mächtigsten Gefühle lange und fest in ihren Busen verschlossen zu halten.

»Sind Sie es wirklich,« hub dieser weiter an, indem er neben der Forteilenden herschritt.

»Ich bin es; der Abend ist schön, das Haus war mir [149] eng: mögen es die Leute unschicklich finden, was kümmern mich die Leute« –

»O, wie dank' ich's dem milden Abende, der Sie herausgeführt, daß ich Sie noch einmal sehe; es soll mir ein Zeichen des Himmels sein, daß noch nicht alle Freude für mich verloren sei« –

»Sie wollen doch nicht« –

»Ja, Gnädige, es ist meine letzte Nacht in Warschau,« erwiderte er seufzend; »es will mich nichts mehr halten« –

»Valerius!«

»O dieser Ton! Warum öffnen Sie mir den Himmel, um ihn des andern Tages mit kaltem Blicke zu verschließen« –

»Das sagen Sie mir? Großer Gott! Bin ich so schwach, mich verspotten zu lassen, oder bin ich so töricht gewesen, nicht zu erkennen, was ich wünschte« –

»Sie sind so hart, Liebe zu entzünden, und dann stolz zurückzutreten, wenn Sie ein Zufall irre führt« –

»O, Himmel, nein, nicht hart und stolz, unglücklich bin ich, Valerius – Sie dürfen morgen nicht reisen« –

»Ein ganzes Heer in Waffen vermag's jetzt nicht, mich fortzutreiben, Konstantie, reich' mir einen Augenblick deine Hand, daß ich fühle, mein Glück sei wirklich« –

»O du Lieber, o du Liebster – verlaß mich jetzt, wir sind an meiner Wohnung, aber sei nicht lange von mir, mein Herz zerspringt vor Freude und Verlangen – drüben in der andern Straße, an der Türe des Gartenhauses, warte einen Augenblick – tritt einen Schritt zurück, dort unter die Laterne, daß ich dein Auge sehe, dein liebes Auge – nun geh schnell, ich fliege.«

Trunken vor Seligkeit schwankte Valerius hinweg und suchte jene Straße. »Himmel, warum hast du an einem solchen Abende keine Sterne!« rief er mit freudebebender Stimme. Aber es war eine schwere Aufgabe für ihn, die Front des Gartenhauses zu finden; er hatte sie nie gesehen [150] von dieser Seite, die Straße war dunkel und lang, sein Wesen war in taumelnder Bewegung und nicht eben geeignet, viel lokale Kombination zu entwickeln, um aus der Lage des Palais auf die des Hintergebäudes schließen zu können. Unsicher schlich er an vier bis fünf Häusern auf und nieder, unter denen er seine Glückspforte verborgen glaubte, eine beklemmende Angst kam über ihn, daß ihm das Glück wieder entschlüpfen könne. Alles war still, keine Tür bewegte sich.

»Ich Unglückskind,« rief er, »ich bin gewiß am falschen Orte!« Und dabei ging er einige Schritte weiter. Aber hinter sich glaubte er jetzt Geräusch zu hören – wirklich, eine Tür war offen, er trat hinein, eine weiche warme Hand ergriff ihn. Die Tür ward zugeschlagen, und im Dunkeln gingen sie leise durch den Salon des Gartenhauses, durch den bedeckten Gang, eine schmale Treppe hinauf, seine Begleiterin öffnete eine Tür, und er sah Konstantien neben sich in einem hohen, schönen Gemach, das eine von der Decke herabschwebende Lampe erhellte.

Mit dem Ausrufe »Valerius, mein Valerius!« schlang sie stürmisch die Arme um ihn und drückte den Kopf tief in seine Schulter.

Er küßte ihr den Hals und bedeckte sich das Gesicht mit ihren aufgelösten Haaren. Sie sprachen lange kein Wort.

Endlich begann er leise, ganz leise: »Wie konntest du uns so peinigen und meine Liebe nicht sehen!«

Konstantie richtete sich auf, und einen Schritt zurücktretend legte sie ihm die bebende Hand auf den Mund: »Nichts, nichts davon, mein Lieber; o ich bin unaussprechlich glücklich!«

Auge in Auge blieben sie wiederum lange schweigend. Konstantie glich der Gestalt einer stolzen Göttin, die alles vergißt und nur in ihrer Leidenschaft schwelgt. Überwältigendes Glück strahlte aus ihren glänzenden Augen, unter [151] dem leichten schwarzseidenen Gewande glaubte man das Herz schlagen, Blut und Muskeln in Freude hüpfen zu sehen, so drängten sich die strebenden Glieder der hohen Figur hinüber zu dem Geliebten. Es glich der schöne, sich neigende Körper einer zauberhaften sinnlichen Ahnung, daß sich zwei Menschen im nächsten Augenblicke umarmen, bis zur Todeslust umarmen, bis zur Auflösung alles Sinnlichen ineinander fesseln und drängen würden.

Und so erfaßte denn auch Valerius den schönen, in Freude und Liebe zitternden Leib, wie er seiner zu harren schien, er hob ihn mit schwellenden Armen an sein Herz, und sie zerstörten sich beide fast in leidenschaftlichem Pressen und Drängen.

Nach diesem ersten Sturme so lange zurückgehaltener Gefühle brachen die Tränen heiß mit strömend aus Konstantiens Augen – die Tränen fehlen nimmer, wenn die Gottheit in uns rege wird, und hier brachen sie die immer noch schmerzliche Sehnsucht des Weibes; ihr Antlitz, ihre gespannten Arme, ihr ganzer straffer Körper wurde weich und nachgiebig, und die Rede, sanft und innig wie der tiefste verborgenste Ton der Seele, trat wieder auf die Lippen. Und diese Lippen küßten jetzt mild und schmeichelnd.

»Du hast meine ganze Seele, Valerius, und ich weine, daß ich nicht mehr für dich habe, und ich weine, daß ich glücklich bin wie ein Kind, das in den Himmel kommt.«

Valerius trug die zusammensinkende Geliebte auf ein kleines Taburett, das neben dem Sofa stand, kniete vor ihr nieder, legte den Kopf in ihren Schoß und bedeckte sich bald die Augen mit ihren willenlosen, nachgiebigen Händen, bald führte er sie an seine Lippen.

Sie waren so selig und ruhig nach jenem Sturme, daß sie sich einmal über das andere zuflüsterten: »Hörst du, Konstantie, siehst du, Valerius, wie die kleinen rosenroten Engel [152] um uns herflattern und sich küssen und Geschichten erzählen von der Liebe Gottes und seiner Menschen.«

Das sind Augenblicke, wo die Menschen unmittelbar mit schönen Welten verkehren, wo sie jene Ahnungen von Gottes unergründlicher Liebe, von unendlichen Freuden außerhalb dieses Lebens tief einsaugen in das offene, empfängliche Gemüt. Wenn der Mensch den Menschen am erschöpfendsten liebt, da gehen alle Geheimnisse der Welt vor ihm auf. Denn in der Liebe ruht das Geheimnis der Schöpfung, sie »spricht mit Engelszungen«.

Valerius richtete sich allmählich wieder in die Höhe, und seine Blicke legten sich wie die Liebe selbst in die Augen und das süße Antlitz des Weibes. Er dachte nichts, er wußte nicht, was er fühlte, aber die Schönheit dieses Angesichts flocht und weckte sich durch Leib und Geist mit ihrer klaren wohltuenden Gewalt. Er hatte keinen Wunsch, als sie anzublicken, alle Schönheitsfreude durchrieselte ihn dabei wie ein frischer Bach. Konstantiens schwarzes Kleid war zugeknöpft bis an den Hals, langsam öffnete er's und streifte es herab über die blendende Achsel, welche hervorleuchtete, über die hochgewölbte Brust.

Sie ließ alles ruhig geschehen und wendete ihr Auge nicht ab von seinem Blick: »Du bist so rein, Valerius, so frei von jener groben männlichen Sinnlichkeit, die auch das heißeste Weib erschreckt – o, ich war nie so glücklich.«

Er küßte sie auf das Herz, und seine Wange daran lehnend und mit der Hand ihr Gesicht herabziehend, sprach er wie in einer trunkenen Schwärmerei: »Sieh, Konstantie, ich bin ein Träumer – du hast mich oft so gescholten, und du hast mich recht gescholten, sieh und höre, wie ich träume: ich habe einen herrlichen schönen Gott, er ist mir überall, wo sich mir eine Schönheit, eine Tätigkeit, eine Bewegung offenbart, er rauscht in den Bäumen, in den Wellen, er sieht aus der feuchten Pflanze, wenn sie sich öffnet, er spricht aus [153] dem Munde eines Volkes, aus dem Munde eines unbedeutenden Menschen, aus jedem Moment der Tagesgeschichte, aber so lieb, und so klar und bezaubernd hat er noch nimmer zu mir gesprochen, als heute aus deiner Schönheit. Aus deinem Busen klopft er in meine Wange, aus der weißen Haut und der vollkommenen Form deiner Schulter lacht er mir in die Augen wie der unverhüllte alte und ewig junge Reiz der Griechen. Hier, wo das Kleid, das widerspenstige, mich hindert, mehr als ein Stück deines stolzen Oberarmes zu sehen, hier beginnt die verschleiernde Romantik – nicht doch, sieh, die schwache Seide weicht der Gottheit, o Weib, was bist du schön!«

Konstantie verschloß ihm den Mund mit Küssen: »Mann meines innersten Herzens, ich hasse, ich fürchte den Tod, aber jetzt könnt' ich sterben, in deinem schönen Gotte vergehen.«

»Horch, wie dein Herz klopft, Weib, dies Leben hebt über alle Schönheit hinaus; das ist wieder mein Gott, Weib meines süßen Glücks, horch, wie dein Herz klopft, warum jauchzt es so, weißt du's?«


»Mein Herz klopft wild beweglich,

Es klopft beweglich wild,

Weil ich dich lieb' unsäglich,

Du liebes Menschenbild!«


erwiderte sie stürmisch mit den Worten des Dichters, und die Liebkosungen schlugen wieder zusammen über dem zärtlichen Paare mit ihren hohen strahlenden Wogen.

Es scheint ein Widerspruch zu sein mit der raschen, forteilenden Empfindung, daß Liebende in der höchsten Bewegung ihrer Leidenschaft die schwierigsten Gedanken des menschlichen Geistes berühren, über die wichtigsten Interessen des Menschen mit wenig Worten entscheiden. Aber es ist keiner, und die Erscheinung ist wahr und alltäglich. Alle höheren Kräfte sind aber auch in solchen Momenten entwickelt, wirksam, tätig, das Herz liegt weit geöffnet und gibt [154] sie frei, all seine besten Gedanken, und es ist ein altes Wort: die besten Gedanken kommen aus dem Herzen.

Zwischen die Zärtlichkeit unserer Liebenden drängten sich Gespräche, Ausrufungen, einzelne Sätze der mannigfaltigsten Art. Sie entwickelten sich auch gegenseitig ihren Charakter, und Konstantie konnte nicht müde werden, ihrem Geliebten vorzuwerfen, daß er sich zu trübe, zu nachteilig beurteile. »Was du so anklagst,« sagte sie, »dies ewig nachdenkliche, prüfende, befangene Wesen, das hat mich zu dir gezogen, gleich als ich dich das erstemal gesehen hatte. Wir Frauen sind alle unbefangen; wenn wir eine Zukunft von drei Tagen bedenken, so ist das schon ungewöhnlich, die Zukunft ist der Männer, darum ist der Mann am gefährlichsten für uns, der sie zu beherrschen, sich zu sichern, zu unterwerfen trachtet. Wir sehen, daß er für etwas sorgt, wofür wir kein Auffassungsvermögen haben, und das gewährt ihm eine große Überlegenheit, wir fühlen uns gesicherter, gehoben in seiner Nähe; die unbekannten Mächte, die er bewältigen will, weben ein Geheimnis um sein Wesen, das uns reizt und anzieht, und so kommt das gar bald, was du Poesie nennst, was uns Interesse, Liebe heißt. O, ihr Männer mögt diesen Zauber gar nicht empfinden: wenn du in die Gesellschaft tratst und das Gespräch ergriffst, und es mit wenig Worten bedeutsamer machtest, da wachten die süßesten Ahnungen in mir auf von höheren, schöneren Dingen. Ich kann sie dir nicht schildern, ich hatte keine Namen dafür, aber sie waren da, sie kommen täglich wieder mit deinem dunklen, sinnenden Auge, mit deinen wunderlichen, schweren Worten, die immer so anders sind als die der gewöhnlichen Leute. All mein Stolz war neben dir entwaffnet, mein Verstand mochte noch so schnell operieren, er mißtraute seinen Worten, wenn ich sie vor dir aussprach, alles war leer neben den deinen, es fehlte eben jene Anknüpfung an andere Welten, die wie ein hervorhebender Schatten auf deinen kleinsten Gedanken lag. [155] Was hab' ich mich gescholten, wenn mein Herz dir so offen entgegensprang, was hab' ich gelitten bei deinem Zurückhalten; wie arm, wie unbedeutend kam ich mir vor, wie bitter hab' ich geweint, daß ich nicht geistigen Zauber genug besäße, dich zu fesseln, und weinend hab' ich den Spiegel geschlagen, daß er lüge, daß ich nicht schön sei, oder doch eine leere, uninteressante Schönheit – lache immer, küsse immer, du Schelm, wir wissen's so gut, daß wir schön sind, wie ihr, wenn ihr geistreich seid.

Glaubst du, daß es mich innig freut, so alten Stolz, sogar den nötigen Stolz gegen dich vergessen zu haben – sieh, diesen, gerade diesen Kuß hab' ich immer dafür erwartet, o, du bist gut und lieb; und noch viel zu stolz bin ich gewesen.

Wie kannst du fragen, was mich nach Warschau geführt hat – die Liebe, und die Liebe führte mich heut abend in deine Straße, ich wollte wenigstens dein Licht brennen sehen. Wenn ich dich still zu Hause wußte, da ward ich ruhiger, du warst mir näher dann – o, ich wußte alles, was du machtest; weißt du, wer hier ist? William –«

»William!«

»Der Narr verfolgt mich überall mit seiner Neigung; er ist einige Male während deiner Abwesenheit in unserem Salon gewesen, sonst seh' ich ihn nicht, ich mag diesen harten fanatischen Menschen nicht, aber er schreibt mir alle Tage, und da er immer von dir erzählt, so lass' ich mir's gefallen. Er hat dich nicht aufgesucht, weil er dein revolutionäres Treiben haßt, aber es sind noch mehr junge Deutsche hier, welche dich oft sehen – ich glaub's wohl, daß du dich verwunderst; es ist nicht nötig, daß du sie kennst, ihre Geschäfte hier mögen nicht die lautersten sein. Was denkst du eben, geschwind, sprich, eh' du dich auf eine Lüge besinnen kannst!«

Valerius wickelte ihre herabhängenden Haare um seine Hand und erwiderte lächelnd: »Ich dachte dich und mich, zwei [156] so verschiedene Wesen, und es ist mir jetzt klarer als je, daß die verschiedensten Wesen gegeneinander die feurigste, lebendigste Liebe entwickeln. Die Leute sagen immer: Es sind zwei gleiche Wesen, ihre Gedanken begegnen sich überall, sie passen vortrefflich zusammen. Aber so ist's nicht; das gibt eine eintönige, langweilige Liebe, eine Liebe der Eitelkeit, wo sich eins in dem andern bespiegelt. Die Gegensätze bilden das tüchtigste Leben, sie entwickeln die Kraft und die Stärke. Sind wir nicht die verschiedensten Wesen von der Welt, Konstantie? Du voll stürmender Leidenschaft, ich langsam prüfender, überlegender Mann; aber vereinigt sind wir eine Welt, eine Welt voll Kraft und Glück! Wo die Fähigkeit des einen aufhört, da beginnt die des anderen, wir ergänzen uns, und so erzeugen wir ein drittes, neues Leben, das uns beiden überlegen ist, uns beide beherrscht und glücklich macht – Konstantie, wie heißt dies Wesen?«

»Liebe heißt es, Liebe, Liebe, o du süßes, göttliches Wort! Komm, du besonnener Mann, mein Atem, meine Küsse, mein Blut sollen deine Seele aufjagen, daß sie springt wie ein besonnener Hirsch – Mann, du erstickst mich.«

Unter diesem Tändeln und Kosen verstrich die Zeit, und Konstantie mußte den Geliebten endlich selbst an den Aufbruch mahnen. Sie erhob sich von ihrem Sitze, und ein flüchtiges Rot der Scham flog über ihr Gesicht, als sie den zerrissenen Ärmel des Kleides um den bloßen Arm flattern sah. Schnell warf sie die langen Haare um die Achsel und hielt dem Valerius die Augen zu. »Geh jetzt, mein Lieber, nimm den Schlüssel zur Tür des Gartenhauses, und wenn du im letzten Fenster meines Schlafzimmers die Gardine ein wenig in die Höhe gezogen siehst, dann können wir uns sehen, und ich erwarte dich hier. Aber warte, dies eine Zeichen ist zuwenig, der Zufall und meine Kammerfrau könnten uns einen Streich spielen. Wenn du am Tage jenen weißen seidenen Schal an mir erblickst, so sei dir das ein Zeichen, daß helle [157] seidene Stunden unser warten. Ja? Und komme hübsch täglich ins Haus, spiele den Bekehrten gegen den alten Herrn, ob du dich bekehren sollst, besprechen wir noch; aber verrate dich mit keinem Blicke, er sieht scharf wie ein Luchs, und traut dir auch in diesem Punkte nicht. Dein schönes Lied an jenem Abende, das mich ins Leben zurückrief, kann er nicht vergessen. Was es ihn kümmert? Du wunderlicher Narr, siehst du nicht, daß er bei aller seiner Bildung ein stolzes, altes Weib ist, das mich gern verkuppeln möchte. Was helfen alle die schönen Theorien von Freiheit und Gleichgültigkeit, die eingelebten Dinge bleiben herrschend, wenn's zum Handeln kommt – nur die Liebe, mein Kind, überwindet alles und die Zeit; die Vernunft ist ein schwaches Ding – fort mit deinem Philosophengesicht, o pfui, das war ein kalter, ein zerstreuter Kuß, laß dir die Haare von deiner Stirnwunde streichen, so, so, Himmel, wenn der Säbel tiefer gegangen wäre in diesen lieben Verstand hinein – o wie schön, wie schön ist solch ein zärtlicher, keuscher Kuß von dir, wenn die Seele dabei aus deinem Auge winkt, noch einen! Ach, daß wir scheiden müssen, daß das Leben soviel Lücken, hat – o, guter, lieber Mann, wir dürfen nicht länger weilen, der Morgen übereilt uns. – Und doch, ja bleibe – nein, laß uns vernünftig handeln, diesen noch, und bloß noch diesen Kuß, und nun Ade – Ade! Da, hüll' dich fest in den Mantel, 's ist kalt draußen, – öffne leise die Tür – Ade! o eil' nicht so – Valerius, komm noch einmal zurück, das war ja kein ordentlicher Abschiedskuß, so, so – o, mein ganzes, bestes Leben – Gott behüte dich sorgsam! – – Ade – Ade« –

23
23.

An demselben Abende, wo in einem stillen Zimmer von des alten Grafen Palais die Liebe zweier Leute so lebhaft [158] sich aussprach, war ganz Warschau in einer ungewöhnlichen Bewegung. Auf allen Straßen sah man Gruppen von eifrig sprechenden Leuten, die Wagen rasselten schneller und häufiger, als man es sonst gewohnt war, Soldaten von allen Gattungen, Bauern, junge Leute in Zivilkleidern strömten hin und her, einer fragte den andern – kurz, der unaufmerksamste Beobachter mußte inne werden, die ganze Bevölkerung werde von einem neuen großen Interesse bewegt.

Zwei junge Männer in weite Karbonarimäntel gehüllt drängten sich durch die Menge und gingen auf eine Konditorei zu, deren bunt erhellte Fenster weit herum leuchteten in der Dunkelheit. Der eine von ihnen schien sich wenig um die Aufregung des Volkes zu kümmern; er war etwas größer als sein Begleiter, die Züge seines Antlitzes, das man jetzt dicht an der erleuchteten Ladentüre sehen konnte, waren streng und ernst, ja sie hätten hart genannt werden können, wenn sie nicht durch einen schwärmerischen Zug von Melancholie gemildert worden wären. Er behauptete eine gewisse Superiorität über den anderen und schritt ohne weiteres zuerst in den Laden. Dieser zweite hatte auf der Straße mit vieler Aufmerksamkeit hierhin und dorthin nach den Äußerungen der Menge gehorcht, und dabei fortwährend leise, schnell und angelegentlich zu seinem Begleiter gesprochen, obgleich der letztere gar keine Notiz davon zu nehmen schien.

Alle Zimmer der Konditorei waren angefüllt, und die beiden Männer fanden mit Mühe in dem Winkel eines entfernten Gemachs zwei unbesetzte Plätze.

Der Besitzer des Ladens hieß Lessel und fuhr geschäftig unter der Menge hin und her, dem Anschein nach eifrig beschäftigt, das Verlangen seiner Gäste zufrieden zu stellen. Indessen konnte es einem schärferen Beobachter nicht entgehen, daß der vertrocknete kleine Mann mit den beweglichen Augen hie und da länger stehen blieb, als nötig war, und mit großer Aufmerksamkeit auf die Äußerungen der Anwesenden horchte.

[159] Der kleinere von den beiden im Winkel Sitzenden machte eben mit einem verschmitzten Lächeln seinen schweigsamen Begleiter darauf aufmerksam, als Herr Lessel an ihren Tisch trat. – »Glühwein, meine Herren?« sprach er mit lauter Stimme, – leise aber setzte er hinzu, »der Alte fällt durch, alles geht nach Wunsch,« und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er wieder unter die Menge, und man hörte nur seine durchdringende Stimme: »Glühwein, zweimal!«

Das verschmitzte Lächeln des zweiten Mannes im Karbonari blieb ungestört auf dem lebenslustigen Gesichte, und während nur der Ausdruck einer unschönen Schlauheit etwas stärker auf seinen Zügen hervortrat, sagte er zu seinem Nachbar: »Habe ich recht gehabt, Sir William?«

Dieser erwiderte indessen nichts und erhob nur das tiefliegende blaue Auge auf die Masse der Gäste, unter welcher eben die lebhafteste Bewegung entstanden war. »Skrzynecki – Skrzynecki – also doch Skrzynecki,« dieser Ausruf flog von Mund zu Mund, alles drängte sich nach den anderen Zimmern, sind die beiden Männer sahen sich plötzlich allein.

Es war nämlich an jenem Abende die Wahl des neuen Generalissimus der Armee entschieden worden. In der Schlacht bei Grochow hatte man erkannt, wie nötig es sei, ein militärisches Talent an die Spitze zu stellen. Der wackere Fürst Radzivil, welcher damals auf allgemeines Drängen den Oberbefehl angenommen hatte, um den Eifersüchteleien der übrigen Befehlshaber keine Veranlassung zum Ausbruch zu geben, konnte und wollte dies Amt nicht länger behalten. Als Nichtmilitär und allgemein verehrter Patriot konnte seine Wahl keinen der übrigen Kandidaten beleidigen, Chlopicki konnte unter seinem Namen die Armee leiten, deshalb hatte er damals auf allgemeines Drängen einen Posten angenommen, dem er nicht gewachsen war. Chlopicki war aber gefallen und lag jetzt an seinen Wunden in Krakau danieder, man [160] hatte auf dem Schlachtfelde von Praga und Grochow gesehen, wie mißlich es sei, wenn das Schicksal des Tages in den Händen eines Mannes ruhe, der, wie Chlopicki, nicht offiziell an der Spitze stand; die Generale und Obersten hatten sich geweigert, seinen Anordnungen zu gehorchen, und dies Mißverhältnis hatte das Schicksal der Nation aufs Spiel gesetzt. Die Notwendigkeit lag vor Augen, einen tüchtigen Militär an die Spitze zu stellen, und die neue Entscheidung hatte bisher alle Parteien in Bewegung gesetzt. Skrzynecki und Krukowiecki waren die beiden wichtigsten Kandidaten, zwischen denen man schwankte. Jener hatte vom Anfange des Krieges her unzweifelhafte Proben einer tüchtigen militärischen Geschicklichkeit gegeben, er war bekannt und geschätzt als ein milder, gemäßigter Mann, an seinem Patriotismus haftete kein Zweifel. Aber jene militärischen Proben eines untergeordneten Generals waren nicht hinreichend zum Beweise, ob er als Generalissimus an seinem Platze stünde, jene gemäßigten Gesinnungen hatten ihm kein Interesse bei der Volkspartei erweckt. Krukowiecki dagegen genoß bei dieser die ausgebreitetste Popularität, er galt für einen echten, unverfälschten Polen, er war einer von denen, welche in der schlichten Kutka einhergingen, er besuchte den patriotischen Klub, er verlangte durchgreifende, ganze Maßregeln, sein soldatisches Talent, seine Energie waren bekannt, er war ein alter General, während Skrzynecki erst im Revolutionskriege dazu avanciert wurde.

Es war aber auch gerade Krukowiecki, dessen Eifersucht man durch die Wahl Radzivils hatte beschwichtigen wollen, sein Ehrgeiz wurde über alles von der Adelspartei gefürchtet, und diese Furcht wurde selbst durch seine bekannte damalige Äußerung nicht entfernt. »Stellt uns einen Tambour an die Spitze, er wird uns zum Siege führen, denn wir werden ihm folgen.«

So standen die Sachen, als an jenem Abende Skrzynecki zum Generalissimus erwählt ward.

[161] Herr Lessel fand sich bald wieder ein bei seinen beiden vereinsamten Gästen, rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu Williams Begleiter: »Nun, hab' ich recht gehabt, Herr von Wankenberg, hab' ich recht gehabt, die Diplomatie der hohen Herrschaften ist durchgedrungen, der alte Bärenbeißer ist wieder drum gekommen, und der sanfte, unschuldige, unbekannte Skrzynecki ist Generalissimus. O, ich kenne meine Herren vom Reichstage! Sie wollen die Armee nicht aus der Hand geben, Skrzynecki kann sich auf keine Partei stützen, er beruht auf ihnen allein – der patriotische Klub wird außer sich geraten, sie kommen aneinander, sie kommen aneinander, geben Sie acht, unsere Sache geht gut, geht schneller als wir dachten. – Sie täten am besten, gleich in den Klub zu gehen, und alles mögliche Holz ins Feuer zu werfen.«

Herr von Wankenberg hatte noch immer dasselbe Lächeln auf den Lippen und erwiderte dem lebhaften Konditor mit der ungestörten Ruhe eines besser Unterrichteten und eines Vornehmeren, der sich am Eifer eines Gleichgesinnten freut, ihn aber gern in die untergeordnete Stellung zurückgedrängt sieht: »Sie sind zu voreilig, zu sanguinisch, Herr Lessel, Sie könnten unsere Sache kompromittieren, ehe sie reif ist, Sie sind den jungen Leuten ohnedies schon verdächtig und sollten mehr als jeder andere auf der Hut sein.«

Lessel zog die Augenbrauen zusammen und kniff die schmalen Lippen ein, aber Herr von Wankenberg ließ sich nicht stören und fuhr fort: »Der Klub ist klüger, als viele denken, seine Hauptführer haben beschlossen, das sogenannte Wohl ihres Vaterlandes auf keine Weise bloßzustellen, solange der Feind zwei Meilen vor Warschau steht, alle Kraft vorderhand auf den Kampf zu verwenden, und erst später einen direkten Einfluß auf die Regierung, oder die Regierung selbst zu erzwingen.«

»Später, später,« fiel Lessel ein, »wenn's nur ein Später für sie geben wird.«

[162] »Gut, gut, oder möglich, wahrscheinlich,« fiel Wankenberg ein, »Skrzynecki ist ein unentschlossener Mann, er wird die Hitze verrauchen lassen, aber jetzt ist nichts, gar nichts zu machen, kompromittieren Sie uns nicht, Lessel, mit Ihrer Voreiligkeit; rüsten Sie zu morgen früh, oder besser noch für heute nacht den alten Levi, ich werde ihm Briefe geben über den Stand der Dinge; lassen Sie nicht wieder den alten Franzosen sein Geschwätz beilegen, er übertreibt alles, um seine Wichtigkeit beim Feldmarschall zu erhöhen – seien Sie unbesorgt, Lessel, ich will Ihrer Tätigkeit schon erwähnen, mein Mißvergnügen über Ihre Voreiligkeiten hat nichts mit meinen Mitteilungen zu schaffen – drüben im Winkel, hinter Ihnen hat sich ein Gast eingefunden, verlassen Sie uns, und schicken Sie uns bessern Glühwein.«

Lessel nahm die Gläser und schrie wieder wie vorher im Abgehen: »Glühwein, zweimal!«

Während dieses Gesprächs hatte William still dagesessen, und wenn er nicht zuweilen einen verächtlichen Blick auf die beiden Sprecher geworfen hätte, so würde man geglaubt haben, er höre gar nichts von ihrem Gespräche. Der schroffe Ausdruck seines Gesichts war immer härter geworden, er strich sich die langen, schlichten Haare, welche ungeordnet um seinen Kopf hingen, aus den Schläfen, und eine abschreckende Verachtung drückte sich auf seinen Lippen aus, als er dem Kellner das frisch gefüllte Glas abnahm und zu seinem Begleiter sprach:

»Sie müssen gestehen, Herr von Wankenberg, arme Adelige unseres Vaterlandes, und die alten vertriebenen Franzosen arbeiten der Revolution aufs beste in die Hände – sie haben sich fast das Privilegium des Spionierens erworben.«

Wankenberg lachte hell auf: »Sie sind ein Spaßvogel, aber ich bitte Sie, nicht so laut zu sprechen, der Mann da drüben liest vielleicht nicht so eifrig im ›Warschauer Kurier‹, [163] als es aussieht – die Diplomatie, lieber Sir William, hat mancherlei Branchen, und ich weiß ja, wie tief Sie selbst das revolutionäre Gesindel hassen.«

»Ich hasse sie, weil ich ihre Grundsätze hasse, aber ich bin kein Spion für Geld.«

»Um Gottes willen, sprechen Sie leiser, wenn Sie Ihre Tugend auskramen wollen, der Mensch da drüben sieht schon über das Journal hinweg. Apropos, Ihr alter Freund Valerius, der noch heute morgen kein Geld zu seiner Abreise hatte –«

»Ich weiß, ich weiß, Sie haben mir das heut morgen schon gesagt, und ich glaube, er ist jetzt damit versehen.«

»Lassen Sie mich doch ausreden, ich bin ihm vor einer Stunde mit der Fürstin Konstantie auf der Straße begegnet. Sie war zu Fuß und im eifrigsten Gespräch mit ihm, es kostete mich Mühe, den weit hinter ihr gehenden Bedienten zu entdecken – mit Ihren schönen Grundsätzen machen Sie alles ungeschickt, und bringen nicht einmal diesen Schwärmer aus der Stadt – mir ist er sicher, mir kommt er auch später zurecht; aber Ihnen ist er ja völlig im Wege. Ich habe mehr für Sie getan, als Sie wissen; ich habe ihn in den demokratischen Gesellschaften erblickt, und damit habe ich ihn aus den Zirkeln gedrängt, die er wohl aufgeben mußte, weil man ihm scheele Gesichter schnitt, ich habe« –

William, auf dessen Antlitz sich die heftigsten Empfindungen ausgeprägt hatten während dieser Erzählung, sprang in diesem Augenblicke auf und verließ schnell das Zimmer.

Dies schien aber seinen Begleiter wenig zu rühren; er nahm ein Taschenbuch aus dem Rocke und notierte sich etwas. Dieser Herr von Wankenberg hatte eins von jenen verwischten Gesichtern, denen man das Alter nicht recht ansieht. Er konnte ebensogut fünfundzwanzig wie fünfunddreißig Jahre zählen. Seine Harare waren dünn und eng am Kopfe liegend, ein fein zugeschnittenes Bärtchen hob das glatte Gesicht,[164] das für den ersten Anblick gesund und von lebhafter Farbe erschien. Wenn man genauer hinsah, so gab man ihm vielleicht das unangenehme Beiwort »schwammig.« Seine Hände waren sehr weiß und fein.

24
24.

Das Glück einer brausenden Liebe hatte Valerius in allen Organen verändert. Er sah jetzt alles versöhnlich an, freundlich, liebevoll. Das ist ja eben das wunderbare Geheimnis dieses Gefühls, daß es der ganzen Welt eine andere, eine glänzende Farbe gibt, und zwar nicht bloß der Gedankenwelt, sondern auch den scheinbar unbedeutendsten äußerlichen Dingen. Ein Liebender fühlt sich an den Quellen aller Triebe, er sieht mit Staunen ihre unendliche Kraft, und darum vergibt er am leichtesten alle Leidenschaften.

Die wilden, verzehrenden Sympathien und Antipathien, welche den jungen Deutschen noch eben entsetzt hatten beim Anblick der polnischen Zustände, erschienen ihm jetzt in einem viel besseren Lichte. Große Kräfte, meinte er, verlangen auch große, mannigfache und heftige Äußerungen.

Dieser neue Sinn drückte sich bis ins kleinste in seinem Wesen aus, denn die ganzen Erscheinungen unseres Innern, mögen sie Liebe oder Haß zu nennen sein, bemächtigen sich auch des ganzen Menschen. So kam es denn, daß sich bald wieder ein leidliches Verhältnis, namentlich mit Stanislaus, herstellte. Die Wahl Skrzyneckis hatte im Hause seines Vaters die beste Stimmung erzeugt; die aristokratische Partei fürchtet so gut wie die demokratische einen überragenden Krieger, denn sie ist in sich eben auch eine Demokratie. Skrzynecki war ein unbedeutender Edelmann, sein Ruhm war mäßig, und man hatte nicht zu fürchten, daß er sich den Meinungen und der Anordnung der Korporation überheben würde. Diese Beruhigung verlangt aber jede Partei, [165] auch wenn sie noch gar nicht weiß, was sie will. Sie fürchtet vor allem, ein bloßes Instrument zu werden. Der alte Graf nun besonders war nach dieser Wahl ganz in seinem Element: er gehörte zu denen, die alles Edle und Hohe vorzubereiten trachten, die sich vorreden, die Erreichung dieses Zweckes sei ihr ganzes Streben, die Ausführung ihrer philantropischen Pläne aber soweit wie möglich hinausschieben. Ihre angebornen Neigungen sind im Grunde wenig stärker als ihre Kultur, und sie sind nie glücklicher, als wenn sie die Aussicht vor Augen haben, daß sie auf dem eingeschlagenen Wege zu Reformen gelangen können, ohne heute oder morgen diese Reformen beginnen zu müssen. Ihre Bildung ist dann geschmeichelt, und ihre Gewohnheiten schweigen, weil sie noch nicht bedrängt werden.

So war's mit dem alten Grafen, als Skrzyneckis Erwählung stattgefunden hatte; es konnte alles geschehen, und man ward zu nichts getrieben. Keine Übereilung, keine Übereilung! ist das Losungswort dieser Leute, die sich in allen gesellschaftlichen Kreisen vorfinden.

Valerius, der es nicht ertragen konnte, daß er nach seinem Austritte von der Armee nicht mehr für vollgültig im Salon angesehen wurde, daß ihn alles mißtrauisch, kaum mit notwendiger Höflichkeit behandelte, trug sich ernstlich mit dem Entschlusse herum, das wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So selbständig er auch zu sein glaubte, so sehr hing er hoch von seiner Umgebung ab und von der Meinung derselben. Achtung, ja fast mehr als Achtung war ihm Bedürfnis, und das konnte ihn sogar vermögen, gegen seinen eigenen Glauben zu handeln, bessere Einsicht zu nehmen, und sich einer Gewöhnlichkeit unterzuordnen, welcher er sich weit überlegen fühlte. Hippolyt hatte ihn zwar einmal mit der Behauptung eingeschüchtert, der Einfluß von dem, was uns umgibt, ist stärker als alle Philosophie, er macht uns zum völligen Sklaven, sobald, wir allen Trotz aufgeben. Valerius [166] bebte vor dieser Sklaverei, namentlich bei seinen jetzigen Umgebungen, aber er hielt es ebenso auf der andern Seite für das Wesentlichste einer geselligen Kultur, dem verletzenden Widerspruche, der beleidigenden Absonderung, dem Rechtbehalten soviel als möglich aus dem Wege zu gehen. »Nur der hat recht,« pflegte er oft zu sagen, »der nicht recht haben will.«

Diese Nachgiebigkeit ward nun auch sehr gefördert durch die überschwellende Stimmung einer neuen Liebe. »Was ist wahr, was ist notwendig,« rief er lachend, »in den verworrenen geschichtlichen Zuständen dieser Welt? Ich weiß es nicht, denn es wechselt wie die Witterung. Nur die Liebe ist ewig, und die Versöhnlichkeit ist darum immer die sicherste Tugend.«

So ward es Stanislaus nicht schwer, den desertierenden Deutschen wieder zu gewinnen. Er versprach, wieder einzutreten, sobald es ans Fechten ginge. Und so war alles im trefflichsten Gleise, und ein wunderlicher Humor ergoß sich über Gedanken und Worte Valerius'. Keine einzige seiner wichtigen Gesellschaftsfragen war gelöst, aber die Harmonie nach außen war hergestellt, sein Herz auf das Süßeste beschäftigt. Und bei solcher Gelegenheit, wo wir eigentlich im tiefsten Innern hören: es ist keineswegs alles in Ordnung, wo wir aber halb und halb die Hoffnung aufgegeben haben, die widerstrebenden Massen zu bewältigen, und wo uns dieser oder jener Reiz für den Mangel einer völligen Harmonie entschädigt, da kommt uns der Humor, ein beschwichtigender Tröster. Tief in den Winkeln seines Lächelns ruht zwar ein ewiger Schmerz, aber dieser hebt nur das Lächeln um so mehr, wir fühlen die Notwendigkeit, uns selbst zu erhalten, und jenen Schmerz unberührt zu lassen. In dem Lächeln liegt auch ein so heimatlicher Zug, ein Erinnern an die Kindheit, an die Tage, wo wir noch völlig unschuldig waren, eine Stimme sagt uns: Dies Lächeln ist echt, stammt aus dem Ursprünglichen deiner Natur, aber der Schmerz [167] ist erst gekommen mit der erworbenen Bildung, folge deiner Natur und lächle.

Daher kann es auch nur Humor geben, wenn die Bildungszustände in Gärung und Wechsel geraten sind und sich neu gestalten wollen. In sogenannten klassischen Perioden, wo die eben kursierende Aufgabe der Zeit gelöst, wo alles fertig und bestimmt ist, was man Tugend, Gesetz, Schönheit nennt, da gibt es keinen Humor. Die Juden, Griechen und Römer mit ihrer fertigen Welt kannten ihn nicht.

Der alte Graf versäumte in seiner guten Stimmung nicht, die humoristische Laune des Deutschen durch artige, geistreiche Bemerkungen zu unterstützen, Stanislaus lächelte dazu, obwohl man leicht bemerken konnte, daß ihm das eigentliche Verständnis dieser Stimmung abging. Alle einseitigen Völker wie die Polen, besitzen keinen Humor, dessen Existenz die größte innere Mannigfaltigkeit bedingt. Dieser Mangel erschwert dem Deutschen das behagliche Zusammenleben mit solchen Nationen, zu denen auch die Franzosen gehören. Schnelle, kurze Handlungen, welche diese Völker bezeichnen, haben nichts zu schaffen mit der breiten Basis des Humors und seiner alles umfassenden Natur. Auch Konstantie gehörte eigentlich nicht in diesen Bereich, ihr entschlossener Geist war nicht daran gewöhnt, nach allen möglichen Richtungen zu blicken, aber die Liebe lehrt alles. Wenn sie Valerius in dieser heitern, beweglichen Laune sah, da fühlte sie sich überaus glücklich und gehoben, sie erkannte darin die frische Einwirkung ihres Liebesverhältnisses, das deutsche Naturell und die feinen Auffassungsorgane der Neigung erleichterten ihr das Verständnis dieser ungewöhnlichen Sprünge des Geistes und Herzens, und so bildete sich bald ein Zirkel der ergötzlichsten Unterhaltung. Hedwig schwamm in ihrer jugendlichen Heiterkeit mit darin herum und schickte sich auf das Beste zu dieser in Polen so fremdartigen Konversation, denn die Frauen verstehen alles schnell, wo [168] das Herz seine Töne beisteuert, und so hatte sich bald ein bestimmter Kreis gebildet im Salon, welcher scherzhaft »der deutsche Klub« genannt wurde.

Valerius war auch am Tage öfters im Hause des alten Grafen, und unter dem steten Wünschen, den weißen Schal bald zu erblicken, unter Scherzen und Lachen verstrich ihm die Zeit. Sehnsüchtig blickte er wohl täglich nach der Tür, durch welche die Fürstin erscheinen sollte, sie kam, aber das weiße Freudenzeichen fehlte immer. Einige Male flüsterte sie ihm zu, der alte Herr sei nicht ohne Argwohn, so freundlich er aussehe, sie glaubte sich streng beobachtet.

So standen die Sachen, als Valerius am Abende des 30. März in den Salon trat. Es waren viele Militärs zugegen, und es schien eine ungewöhnliche Bewegung zu herrschen. Sie äußerte sich indessen nicht laut und stürmisch wie zumeist, sondern dadurch, daß sich die Gesellschaft in mehrere Gruppen gespalten hatte, in welchen einzelne Redner mit halber Stimme lebhaft, und wie es schien, auf Überzeugung ausgehend, das Wort führten. Namentlich zeichnete sich ein junger Offizier von höherem Range aus, er fand die meisten Zuhörer und schien am wenigsten durch Zwischenreden gestört zu werden. Er hatte ein blühendes, lebhaftes Gesicht, große forschende Augen und eine befremdende Wehmut oder Schwärmerei schien manchmal aus den Zügen aufzublicken. Das ganze sprechende Antlitz war aber trotzdem bedeckt mit Spitzen und Funken des nationalen Scharfsinns, die bei einem Krieger auf schlaue Pläne und Berechnungen deuten. Valerius erinnerte sich, daß ihn Stanislaus mehrmals auf die strategischen Talente dieses Mannes aufmerksam gemacht hatte, und obwohl er die Worte nicht hörte, so glaubte er doch aus alledem schließen zu können, der junge Offizier entwickle irgend einen Feldzugsplan. Sein Name war ihm entfallen, und er wollte eben näher hinzu gehen, um sich zu unterrichten, als Konstantie eintrat. Auf ihren [169] Schultern lag der weiße Schal – sie war schön wie eine Göttin, und alles andere verschwand für Valerius.

Die Gruppen zerstreuten sich, das Treiben löste sich in den gewöhnlichen Salonverkehr auf. Valerius bemerkte es kaum, daß sich Stanislaus mit dem jungen interessanten Offizier entfernte, Konstantiens sehnsüchtige Augen beschäftigten ihn allein; sie sprach wenig mit ihm, aber es lag in den wenig Worten, eine so süße Schwere, eine so weiche Beklommenheit, das schöne Rot ihres Gesichts strahlte so glückverheißend, daß er es kaum inne ward, wie die Stunden verschwanden. Ein leichter Schlag auf die Achsel weckte ihn. Stanislaus stand hinter seinem Stuhle und winkte ihm nach den stilleren Zimmern. Als sie weit genug entfernt waren, daß niemand sie hören konnte, stand er still, drückte ihm heftig die Hand und sprach: »Der Augenblick ist da, wir können fechten.«

Valerius erschrak. – »Wann?«

»Noch heute nacht.«

»O!«

»Das klingt ja wie Betrübnis, irr' ich mich wieder in Ihnen?«

»Nein, nein,« erwiderte Valerius, der sich schnell gefaßt hatte, »um welche Zeit steigen wir zu Pferde?«

»Zwölf ist die späteste Stunde; Sie haben Zeit, bis dahin Ihre Vorkehrungen zu treffen. Hören Sie, wie es zusammenhängt. Sie haben vorhin Prondzinski gesehen.«

»Wen? Ah, ja, das war also Prondzinski!«

»Ich habe Sie ja schon öfters aufmerksam lauf ihn gemacht; er ist die rechte Hand Skrzyneckis, ein unerschöpfliches Kriegstalent, wie ich glaube. Er sagte mir heute abend, es sei etwas im Werke, wenn ich Lust hätte, möchte ich ihn begleiten. Wir gingen. Er hat eine unerschöpfliche Kriegsphantasie und entwickelte mir soviel Möglichkeiten, die Russen zu schlagen, daß ich, ganz bedeckt und verwirrt, kaum bemerkte, [170] wohin wir gegangen seien. Es war ein glänzender Speisesaal, in dem wir uns befanden. Ich blieb ein wenig zurück, Prondzinski trat hinter Skrzyneckis Stuhl, und sie sprachen leise, aber eifrig und lebhaft miteinander. Fröhlich kam er zurück und führte mich wieder von dannen. ›Endlich ist er entschlossen, um zwölf Uhr kündigt er der Gesellschaft an, daß es gegen den Feind geht, eine Minute darauf ist er im Sattel.‹ – Nun flogen wir, den Befehl zum Abmarsch zu verbreiten, die Truppen waren schon konsigniert, die Weichselbrücke ward mit Stroh beschüttet, wenn Sie hinausgehen wollen, so können Sie den gespenstischen Zug der ganzen Armee betrachten.«

»Wohin?«

»Um zwölf Uhr spricht Skrzynecki das Wort aus, eher erfährt's niemand, und die Vorsicht ist gut, in der Stadt ist's unsicherer als im Lager.«

»Wo find' ich Sie um zwölf?«

»Zu Pferde an der Weichselbrücke.«

Sie gingen zurück in den Salon. Valerius hätte um alles in der Welt gern ein Wort zu Konstantien gesprochen, aber sie war umlagert von allen Seiten; er stand wie auf Kohlen. Er winkte ihr mit den Augen, sie schien ihn zu verstehen, aber der alte Graf schien es ebensogut bemerkt zu haben. Die Situation war peinlich.

Es schlug zehn. Da brachen alle Militärs auf, in der Verwirrung konnte er sich der Fürstin nähern und ihr zuflüstern: »In einer halben Stunde bin ich da.« »Das ist zu zeitig,« erwiderte sie schnell, »nicht wahr, lieber Onkel, der Graf Kicki ist den ganzen Abend nicht hier gewesen, Herr von Valerius will es besser wissen.«

Der alte Herr war nämlich sachte an das Pärchen herangetreten, und hatte vielleicht schon gehorcht; Konstantie suchte ihn zu täuschen und sprach weiter in ihn hinein; Valerius konnte nicht länger warten.

[171] Magyac kam ihm zu Hause schon gerüstet entgegen, er hatte schmerzlich auf den Herrn gewartet, da er von einem Aufbruche der Truppen unterrichtet war. Jetzt jubelte er laut, als ihm dieser entgegenrief: »Thaddäus, die Pferde satteln, meine Uniform!«

»Ich hab's gewußt,« schrie er lustig, »daß Sie so sprechen würden, ich hab' meinen Herrn gekannt, Sie mochten sagen, was Sie wollten. Alles fertig, die Pferde schon gezäumt, hier, hier Uniform, Degen, Kaskett, Pistolen sind geladen, fest geladen, Herr, Patrontasche voll, Herr, draußen auf der Weichselbrücke, das ist ein Leben, seit zwei Stunden dauert der Zug schon, unsere Truppen, Herr, unsere Truppen, ein Heer, ein echtes Heer – wohin geht's, Herr?« setzte er leiser hinzu.

»Auf der Brücke werd' ich dir's sagen, um dreiviertel zwölf, Schlag dreiviertel zwölf reiten wir.« – Er bezeichnete ihm einen Platz wo er ihn mit den Pferden erwarten sollte. – »Halt da, den Schlüssel aus meinem Rock.«

»Herr, daß Sie die Uhr nicht verhören.« Valerius flog davon, lachend über Magyacs Äußerung, der mit der Schlauheit seiner Nation den Zusammenhang zwischen dem Schlüssel und der Eile erraten zu haben schien.

Es war halb elf, als Valerius an der Tür des Gartenhauses stand. Sie hatte gesagt, es sei zu zeitig, er konnte auf einen ihrer Domestiken stoßen, die sie vielleicht noch nicht hatte entfernen können – aber es blieb ihm nur eine starke Stunde, entschlossen öffnete er die Tür, und tappte durch den Gang, die Treppe hinauf. Hier horchte er, wirklich wurde drinnen eben eine Tür zugeschlagen, dann ward es still – er öffnete. Konstantie stand mitten im Zimmer und lauschte nach den vordern Gemächern. Sie winkte ihm mit der Hand, stehen zu bleiben, und schalt mit leiser Stimme: »Unbesonnener! Ich habe mich nicht können umkleiden lassen, meine Kammerfrau hat noch die nächste Tür in der Hand – endlich, jetzt ist sie fort.«

[172] Valerius flog auf sie zu und drückte sie herzend und küssend mit einem Arme an sich, mit dem andern hielt er den Säbel, um kein Geräusch zu machen. Der weiße Schal glitt unter seiner Hand von den Schultern, und während Konstantie seine Liebkosungen erwiderte, schob er ihn unter den Mantel.

»Was machst du da?« Wit den Worten schlug sie ihm den Mantel auseinander. »In Uniform? Himmel, was soll das bedeuten? Sprich schnell.«

Valerius legte seinen Säbel ab und lachte. Er hatte ihr nichts sagen wollen, aber sie bat so gut, so dringend: »Sei nicht falsch, Valerius, erzähle!«

Er erzählte. Konstantie regte sich nicht, ihre Augen aber verließen die seinen nicht. »Also nur eine Stunde noch!« sagte sie endlich mit schwacher Stimme, »und ich sehe dich vielleicht nie wieder.« Ein Schauer überflog den ganzen Körper, und sie setzte noch leiser hinzu: »Es wäre entsetzlich! Ich liebe das Leben über alles; aber ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll – bleib; was gehen dich die Leute an, bleib', Geliebter!« Dabei rollten große Tränen über ihre Wangen.

»Konstantie!« erwiderte Valerius, »wie bist du reizend in dieser Schwäche, laß mich die Tränen hinwegküssen von diesem Gesichte, das nicht für Tränen geschaffen ist, aber wenn sie getrocknet sind, wirst du nicht mehr verlangen, daß ich bleiben soll. Was wolltest du mit einem Manne ohne Mut, der sein Versprechen bräche, den die Umgebungen verachten?«

»Ach, Mann, es ist ein größerer Mut, seine Umgebungen und ihr Geschwätz zu ignorieren, es ist eine Schwäche, den hergebrachten Formen nachzulaufen und das Glück zu verlassen, es ist eine eingebildete Phantasterei, eine veraltete Ritterkoketterie mit eurem Mut und eurer sogenannten Ehre, und ich hätte dich stärker geglaubt. Rinald [173] war der gewaltigste Ritter vor Jerusalem, und der schwärmerisch-romantische Tasso läßt gerade ihn mit Armida Jerusalem und Schlacht vergessen.«

»Aber Rinald war verzaubert.«

»Und du bist es leider nicht – ja, ja, das ist der Unterschied.« Mit diesen Worten nahm sie ein Umschlagetuch vom Stuhle, hüllte sich darein und setzte sich in einen Winkel des Zimmers.

»Du tust mir unrecht, Konstantie, hu wirst dich besinnen; tu' es schnell, die Minuten sind uns gezählt. Die Ehre mag ein zufälliges Übereinkommen sein, aber unsere ganze Gesellschaft ist ein solches; wenn wir in ihr bestehen wollen, müssen wir uns in die wesentlichsten Pflichten gegen dieselbe fügen. Du weißt, ich bin nicht der Mann ängstlicher Formen, ich hätte wohl auch die Kraft, diesem gemachten Phantom der Ehre entgegenzutreten; aber was bliebe in einer Zeit übrig, wo nur dies lose Band noch die Verhältnisse zusammenhält, wo alle sonstigen höheren Elemente der Gesellschaft längst entwichen sind, und Konstantie, weißt du auch, wer mich zuerst anklagen würde, weißt du's? Du schweigst; ich will dir's sagen: die Fürstin Konstantie, die stolze Konstantie. Besinne dich, ach die schönen Augenblicke, in denen wir uns lieben könnten, verstreichen unter spitzfindigen Worten.«

Es entstand eine Pause. Valerius ging einigemal im Zimmer auf und ab und blieb endlich vor ihr stehen. Ihr Kopf war auf die Brust gesunken, das Auge niedergeschlagen, sie regte sich nicht. Valerius legte seine Hand auf ihr Haupt und betrachtete sie schweigend. Bei der Berührung bebte sie zusammen, schlug die Augen auf, streckte ihm die Hand entgegen und sprach schnell: »Es ist vorüber, du hast recht wie immer, komm', vergib!«

Und dabei sprang sie auf und zog ihn ans Herz. Das alte Spiel der Liebkosungen begann, das einzige Spiel, im welchem beide Parteien gewinnen. Sie glaubten sich einer [174] um so größeren Heftigkeit hingeben zu müssen, je unsicherer die Aussicht war, daß ähnliche Freuden bald wiederkehren dürften. Die süßesten Worte und Schmeichelreden schmiegten sich in das feste Umarmen, das brennende Küssen; der Mantel fiel von seinen Schultern, das Tuch von den ihren, und sie standen ineinander verschlungen wie zwei Kämpfer, welche die Kräfte ihrer Liebe messen wollen.

Hastig sprang er auf einmal zurück und riß die Uhr aus der Tasche. »Noch zehn Minuten, Konstantie, sind unser, und dann« – hier überwältigte ihn das Ursprüngliche seines Charakters, das Träumen der Zukunft, das Verzagen am Glück – »ach Konstantie,« sagte er mutlos, »wird unsere Freude wiederkehren?«

Konstantie, welche die Hände auf die Augen gedrückt hielt, gleich als wollte sie die schöne Welt des Augenblicks, welche in ihrem bewegten Herzen rollte, keinen Moment entfliehen lassen, sagte mit weicher Stimme: »Komm, komm zu mir, was kümmert uns die Zukunft, da der Augenblick so schön ist, komm, laß mich dein Auge küssen.« – »So, mein Herz, bist du nicht auch so glücklich, kannst du jetzt an etwas anderes denken?«

Das ist der Vorteil leidenschaftlicher Wesen: der Genuß der Gegenwart wird ihnen nicht durch den leisesten Gedanken an das, was kommen könnte, getrübt, keine Zukunft kümmert sie, auch wenn sie schon an die Tür klopft.

Aber Valerius, den jetzt schon der Trennungsgedanke und das, was hinter dieser Nacht lag, quälte, entbehrte dieses Vorteils, und er hörte denn auch zuerst Stimmen und Geräusch im Garten. Konstantie wollte nicht daran glauben, aber er nötigte sie, aufzuhorchen.

Das Geräusch war unter den Fenstern ihres Zimmers, die, an der Rückseite des Hauses, nach dem Garten führten. Konstantie löschte die Lampe aus und öffnete leise das Fenster. »Seht, nach dem Gartenhause« – es war die Stimme des [175] alten Grafen – »ob er vielleicht dort entkommen kann,« eben schlug's vom nächsten Turme dreiviertel auf zwölf.

»Ich muß fort, Konstantie!« – »Um Gottes willen nicht in diesem Augenblicke.«

Beide schwiegen eine Zeitlang und horchten. Man hörte nichts mehr in der Nähe, aber hinten am Gartenhause rief hie und da ein Bedienter dem andern zu. Konstantie glaubte wahrzunehmen, daß sie zurückkämen, und die Jalousien des bedeckten Ganges untersuchten. Valerius gürtete sich den Degen um, suchte seinen Mantel im Dunkeln, und stand nun reisefertig wie auf Kohlen.

»Öffne mir das andere Zimmer,« flüsterte er endlich, »das Stockwerk ist niedrig, ich werde auf die Straße hinunterspringen.«

Konstantie schwieg noch eine Weile; dann ermannte sie sich plötzlich und ging mit raschen Schritten nach ihrem Umschlagetuche. »Laß das dumme Volk,« sagte sie dann und trat zu Valerius, »sie mögen sehen und erfahren, was sie wollen, es ist kein bloßes Liebesabenteuer zwischen uns; einen Abschiedskuß, und noch einen, und den letzten; nun komm, ich bring' dich selbst hinunter, mag uns begegnen, wer da will.«

»Nicht doch, Konstantie.«

»Doch, widersprich mir nicht, es ist umsonst, mein Entschluß ist fest; es schlägt den Augenblick zwölf.«

Sie gingen. »Leise – leise, drück die Säbelscheide an dich,« flüsterte Konstantie, als sie im bedeckten Gange wirklich die Bedienten an den Jalousien rütteln und sprechen hörten.

»Alles ist fest,« sagte der eine, »die Tür dort ist auch verschlossen, er muß in irgend einem Winkel stecken – übrigens, Johann, wenn ich meine Meinung sagen soll, ein Spitzbube war's gewiß nicht, 's war nur ein Augenblick, daß ich ihn sehen konnte, aber so sieht ein Spitzbube nicht aus, 's war ganz gewiß ein Edelmann.«

»Aber was sollte denn der –« sprach der Angeredete.

[176] »Pst, Johann,« unterbrach ihn der erste. Die Stimmen entfernten sich. Valerius und Konstantie kamen unangefochten ins Gartenhaus, und fanden auch da nichts Verdächtiges. Er öffnete die Tür nach der Straße, sie umarmte ihn noch einmal mit aller Leidenschaft, welche die ängstliche Situation um nichts vermindert zu haben schien. »Leb wohl, wohl, mein Herz, mein alles, leb wohl.«

Er flog durch die Straßen, und schrie schon von weitem »Magyac – Magyac!«

Dieser kam mit den Pferden herbei. »Herr, da schlägt es zwölf, wir werden zu spät kommen.«

Beide waren mit einem Sprunge im Sattel, und in gestrecktem Galopp ging es nach der Weichselbrücke hinab durch die finstern, schweigsamen Gassen.

25
25.

Ungeduldig erwartete ihn Stanislaus an der Brücke. Skrzynecki mit dem Generalstabe war schon fort, die beiden jungen Offiziere sprengten in größter Eile durch Praga, die beiden Gemeinen – Magyac war in das Regiment getreten – in gleicher Eile hinterher. So ging es über die Fläche hin, welche auf der Ostseite Warschaus bis an die Wälder läuft. Die Nacht war still und dunkel, aber die breite Chaussee erlaubte den Reitern die schnellste Bewegung. Diese Chaussee führt von Warschau durch die Wälder über Wavre, Dembe, Minsk, Siedlce nach den tieferen polnischen Provinzen, nach dem eigentlichen Rußland hinein, und sie ward bis in die Mitte des Sommers 1831 der Mittelpunkt aller Heerbewegungen.

Kaum eine Stunde von Warschau beginnen die Wälder. Hier holten die vier Reiter den Generalstab ein. Stanislaus schloß sich an einen der vorderen Offiziere, und Valerius, der sich fortwährend zu ihm hielt, hörte einen Teil der Orders [177] mit an, welche eine sanfte Stimme austeilte. Sie gehörte einem hohen Manne, der auf einem großen Pferde ritt. Er war in einen Mantel gehüllt, und die Dunkelheit ließ von seinem Gesicht nichts erkennen. »Vertrauen Sie auf Gott, meine Herren, er verläßt die Seinen nicht – und nun an Ihre Posten.« Alles flog auseinander, und Valerius konnte erst, als er bei seinem Regimente angekommen war, nach dem Namen jenes frommen Kriegers fragen.

»Das war Skrzynecki,« erwiderte Stanislaus; ein weiteres Gespräch ließ sich nicht anknüpfen. Das Vorrücken der Reiterei war nicht ohne Beschwerlichkeit, da sie einen Teil der Chaussee dem Fußvolk und der Artillerie überlassen mußte; der Weg selbst nahm also bei der Finsternis alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Valerius erfuhr nur noch von Stanislaus, daß ein bedeutender Teil der russischen Streitmacht in dem Flecken Wavre und der Umgegend liege, und daß die nächtliche Expedition dahin gerichtet sei.

Die Kolonnen hielten plötzlich; die vorderen Spitzen mochten in der Nähe des Ortes angekommen sein. Es war eine wunderliche Stille, die einen Augenblick eintrat, alle, selbst die Tiere, schienen zu empfinden, daß es der Moment vor einer Schlacht sei. Der Generalstab ritt rasch auf einem Waldwege vorüber nach dem Angriffspunkte hin; die dunkeln Gestalten glitten vorbei wie Gespenster durch den dichten Nebel, der auf Wäldern und Morästen lag. Aber bald trat jenes wogende Murmeln ein, das nie ausbleibt, wenn eine so große Masse an ein Werk geht. Man hörte die Ladestöcke fallen, weil hie und da einer untersuchte, ob seine Patrone noch fest säße; die Kavalleristen machten die Säbel in den Scheiden locker; Befehle der Offiziere liefen leise von Mund zu Mund. Plötzlich knatterte eine Lage Musketenfeuer tief aus dem Walde, und noch eine, und noch eine, dumpfe Kanonenschläge mischten sich bald darein, die Infanteriekolonnen auf der Chaussee erhielten Raum, vorwärtszurücken;[178] das Regiment des Valerius nahm seinen Platz auf der Heerstraße ein.

Dieser nächtliche Kampf machte einen wunderlichen Eindruck auf ihn. Er fühlte noch die warme Hand Konstantiens auf seiner Wange, und jetzt strich die kalte Nachtluft darüber, welche ihm die Töne eines mörderischen Kampfes brachte, im nächsten Augenblicke konnte er selbst mitten im Getümmel sein. Die Schlacht selbst befängt viel weniger, man ist beschäftigt, Geist und Phantasie haben nicht Raum und Zeit, sich des Gegenstandes zu bemächtigen, aber die Nähe der Schlacht erschüttert am tiefsten. Man weiß nur, daß unweit von uns gemordet wird, massenweise gemordet wird; die Phantasie bemächtigt sich der Gegenstände, und ihre Möglichkeiten erschüttern den Stärksten. Hier ward sie obenein durch die Nacht unterstützt, nur das Ohr benachrichtigte die Seele von den tödlichen Dingen.

Das Feuern ward indessen immer lebhafter und schneller, man mußte einen heftigen Widerstand vermuten, da die Kavallerie noch immer keinen Befehl erhielt, vorzurücken. Hie und da stieg aus der stillen Reitermasse ein Fluch auf gegen die Feinde. Plötzlich verbreitete sich eine große Helle über den Wald; Häuser von Wavre waren in Brand geraten, Kriegsgeschrei scholl aus der Ferne, des Grafen Kicki Kommandostimme »Vorwärts« flog über die Lanzen hin, und in donnerndem Trabe flog das Regiment durch den Wald, in das brennende Dorf hinein. Der Einzelnkampf würgte noch in den Häusern, pulverschwarze Krieger fochten in kleinen Haufen mit dem Bajonett gegeneinander; wo man hinsah, flogen die glühendroten Strahlen aus den Feuergewehren, Kugeln pfiffen von allen Seiten, mancher Reiter sank auf den Hals des Pferdes.

»Seht, Herr, der Schmied erobert sein altes Haus,« rief Magyac, der im Zuge des Valerius ritt, »dort rechts.«

Die schnelle Bewegung riß alles vorüber, aber mit[179] einem flüchtigen Blicke glaubte Valerius doch den alten Florian an der roten Mütze zu erkennen, wie er auf der Schwelle eines brennenden Hauses stand und einen Russen hineinwarf in die Flamme.

Die Hauptmacht der Feinde war aus dem Dorfe hinausgeworfen, die hinter demselben aufgefahrene Batterie wurde eben genommen, und die Kavalleriechargen warfen den Feind völlig in die Flucht, immer tiefer in die Wälder hinein. Der Feind, das Geismarsche Korps, war zersprengt, die Reste zogen sich auf das Rosensche zurück, das drei Meilen davon stand. Den nächsten Tag, des Nachmitags, wiederholte sich bei Dembe die Schlacht bei Wavre. Hier wurden indessen die Russen auf keine Weise überrascht, sie wußten, daß der Feind ihnen dicht an der Ferse sei, und versuchten mit größter Anstrengung das Vordringen desselben aufzuhalten. Sie waren in einer festen Position, zahlreich, und, wie alle russischen Truppen, standhaft und hartnäckig. Die angreifenden Polen stürmten zu wiederholten Malen vergeblich; der Tag begann sich bereits zu neigen, und die meisten Kombattanten mochten der Meinung sein, er werde mit einem unentschiedenen Treffen enden, als Skrzynecki unter den vordersten Truppen erschien. Langsam und schweigend durchritt er ihre Reihen, hie und da nur erhielten seine Adjutanten Befehle, die Massen enger und dichter ineinanderzuschieben, Regimenter heranzubeordern, die weiter rückwärts geblieben waren, hie und da nur sprach er im Vorüberreiten zu den Soldaten: »Kinder, mit Gottes Hilfe muß der Tag gewonnen werden!« Auch die Artillerie war verstärkt worden. Skrzynecki erhob die Hand, und wie ein Echo schallte der Ruf zum Angriffe links und rechts; es begann das Geschütz ein neues lebendiges Feuer, alle Massen setzten sich im Sturmschritt in Bewegung, die Russen wurden überwältigt, die untergehende Sonne fand sie auf der Flucht immer tiefer nach der russischen Grenze hin gen Iganie und Siedlce. Dembe Wielkie war der zweite [180] Siegesort Skrzyneckis. Er bewies da zum ersten Male die unerschütterliche, unbiegsame Hartnäckigkeit in dem einmal Begonnenen, die sich später so oft wieder an ihm herausstellt. Langsam, vorsichtig, oft allzu bedenklich ging er an die Unternehmungen, aber das einmal Begonnene führte er mit der tödlichen Ruhe eines Fanatikers zu Ende, der sich dem einmal gefaßten Entschlusse verfallen glaubt. Es ist dies vielleicht ein religiöses Element, das bei Skrzynecki überhaupt mehr hervortritt als das nationale. Von der polnischen Volkstümlichkeit bemerkt man außer der schwärmerischen Vaterlandsliebe fast nur das elegische Wesen an ihm, welches sich so leicht über ein unterdrücktes Land verbreitet, und sich zu einer schwärmerischen Religiosität ausdehnt.

Hier sah Valerius den neuen Generalissimus zum ersten Male deutlich. Von einigen Offizieren begleitet ritt er bei den letzten Strahlen der noch kraftlosen Frühlingssonne in das Dorf ein. Das Antlitz strahlte, als ob ein Gebet darauf ausgebreitet wäre, und das matte aber große Auge richtete sich einen Moment lang nach der Himmelsdecke. Dann nahm der Held des Tages ein Glas hervor, betrachtete noch einmal in größerer Nähe die eroberte Stellung, und gab einige Befehle. Er ritt, wie es schien, noch dasselbe hohe Pferd, das ihn bei Wavre getragen hatte; nachlässig saß die große, edle Figur darauf, aber ein Reitverständiger konnte schnell erkennen, daß es nicht die Ungeschicklichkeit Friedrichs II. oder die Napoleons in der edlen Reitkunst war, welche aus seiner nachlässigen Stellung hervorguckte, sondern vielmehr die erworbene Sicherheit, welche natürliche Anlage und eine stete Übung erzeugt. Die langen Beine des Reiters lagen fast wie eingewachsen am Sattel, und der schön proportionierte volle Oberkörper wiegte sich leicht und gerade in unbekümmerter Sicherheit. Der sanfte, nachdenkliche Ausdruck seines Gesichts, welchen die Siegesfreude nur flüchtig verdrängt hatte, das sinnende poetische Auge erinnerten eher an einen Denker, und [181] nur zuweilen schärfte der Ernst seiner Züge die weichen Formen bis zum befehlshaberischen, kriegerischen Ansehen.

Die Order für die Kickischen Ulanen, den tätigsten Anteil an der Verfolgung des Feindes zu nehmen, unterbrach die Betrachtung des Deutschen. Er konnte nur noch einen flüchtigen Blick auf den neben Skrzynecki reitenden Prondzinski werfen, und fort riß ihn die rasche Bewegung seines Regiments.

Jetzt begann nun das eigentliche Lager- und Biwakleben des polnischen Heeres, der Feind wurde zwar immer wieder auf der Chaussee zurückgedrängt, bei und in Iganie selbst, das Prondzinski mit dem Bajonett in der Hand nehmen ließ, in einem mörderischen Gefechte geschlagen, und bis hinter Siedlce, den Hauptort seiner Magazine und Kranken, zurückgeworfen. Aber der vorsichtige, bedenkliche Skrzynecki wagte nicht weiterzudringen, in Siedlce war ein Lazarett mit Cholerakranken, er betrat diese Stadt nicht, und der blutige Sieg bei Iganie wurde nicht weiter verfolgt. Allmählich zog der Gegner Diebitsch seine Truppen enger zusammen und rückte mit überlegenen Kräften wieder vor, und so trat denn die lange Periode des Krieges ein, wo sich die Heere bald vor-bald rückwärts auf der Chaussee hin und her bewegten. Zuweilen ließ es sich an, als würden sie sich in eine Schlacht verwickeln, wie zum Beispiele in dem Treffen bei Minsk, aber es kam nicht dazu. Diebitsch war wohl auch durch die Tage bei Praga und Grochow zu der Überzeugung gelangt, daß er nur mit erdrückender Überlegenheit auf einen Erfolg rechnen dürfe, und wartete deshalb ungeduldig auf die Garden, welche von Petersburg her eintreffen sollten.

So beobachteten sich die Heere, neckten sich, schützten sich durch Positionen, und der warme Frühling war indessen rings um sie eingekehrt, das Moos der öden Wälder, die jetzt überall von Kriegern wimmelten, glänzte mit jungem Grün, das unter der Schneedecke gediehen war, die Nadeln [182] der sonst so eintönigen Kieferwälder schimmerten in junger Frische, dunkle Fichten und Tannen hoben das monotone Kolorit. Wenn er mit den ewig muntern Reitern dahinzog beim warmen Morgensonnenscheine, welcher spielend hin und her prallte an den Waffen, da fühlte Valerius in seinem Herzen oft wieder die lang' vermißten Regungen der Jugend, hinauszuschweifen über die Felder ohne Absicht und Plan, singend und träumend auf den schaukelnden Sonnenstrahlen. Die stete Bewegung in der freien Luft, der lebhafte Wechsel des Krieges, die tägliche Gefährdung und tägliche Rettung des Lebens – alles das hatte ihn nicht zu seinen Gedanken zurückkommen lassen, er war ein Krieger geworden wie die andern, von einer Stunde zur andern lebend, nichts vor Augen habend als den nächsten Zweck. Nur wenn ein müßiger Tag eintrat, da nahten leise aus der Ferne die alten quälenden Fragen: »Kannst du nichts Besseres tun, als Menschen erwürgen? Willst du so fortleben, ohne Zweck und Absicht?« Aber sie wurden nicht laut und traten nicht nahe genug. Das Leben um ihn her ließ keine Zeit dazu übrig, und Konstantiens heiße Küsse beherrschten die Träumereien.

Diese Art Krieg zu führen begünstigte aber mehr als jede andere das eigentliche Biwakleben. Es gab keine Schlachten, die alle Kräfte in Anspruch genommen hätten, und doch war man fortwährend in solcher Spannung und Aufmerksamkeit, daß alle Fähigkeiten geweckt blieben. In der nächsten Stunde stand den Leuten Gefahr und Tod an der Seite, was Wunder, wenn sie alle gesellige Rücksicht und Ängstlichkeit beiseite setzten, solange sie nebeneinander am Feuer lagen, und ihre Lebensgeschichten oder dies und jenes erzählten! Hätte Valerius noch einen Zweifel gehabt über den Leichtsinn, die Liebenswürdigkeit, das Unglück und alle die Fehler dieses Volkes, die Biwakszenen hätten ihn gelöst.

Es waren namentlich zwei Offiziere aus den älteren polnischen Provinzen, mit denen er am öftesten verkehrte, für [183] die er sich am meisten interessierte. Der älteste von ihnen war aus Litauen, der jüngere aus Volhynien. In der Vaterlandsliebe und Tapferkeit glichen sie vollkommen all den Polen, welche er bis jetzt gesehen hatte, aber auch diese beiden Eigenschaften hatten bei ihnen eine neue Schattierung: sie waren weicher, weniger lebendig, man könnte sagen schwärmerischer. Unmittelbar dem Feinde einverleibt haben diese alten Provinzen die rauschende Frische verloren, aber Liebe und Haß sind desto tiefer eingewurzelt in ihren Herzen. Die chevalereske Eitelkeit, die oft in Warschau an den Tag sprang, war weniger an ihnen zu sehen, sie schienen aber sorgfältiger und aufmerksamer den Grundfehlern ihrer Nationalität nachgedacht zu haben, sie schlossen sich deshalb dem Fremden enger an, und es schien dem Valerius zuweilen, als fänden sich in ihnen tiefere Quellen zu einem langen beschwerlichen Kampfe. Das größere Unglück mochte alle Innerlichkeit und Tiefe mehr ausgebildet haben.

Diese beiden Offiziere, Stanislaus und Valerius saßen eines Abends in einer einsam gelegenen Hütte im Walde. Eine Seitenwand des Gebäudes, daß längst von seinen eigentlichen Bewohnern verlassen war, lag in Trümmern, ein Feuer brannte auf dem Lehmboden, und der Rauch fand einen bequemen Ausweg durch die Bresche. Die vier Krieger waren lange schweigsam, sahen ins Feuer oder nach einer andern Gruppe, die sich im Winkel der Hütte um eine Trommel postiert hatte, und ein Spiel arrangierte. Ein Offizier setzte sich auf ein Tornister an die Trommel und zog lachend einen Satz Würfel und eine Börse hervor, und lud die übrigen ein, wacker zu setzen. Er war zwar dicht in den Mantel gehüllt, aber man durfte aus dem Betragen seiner Umgebung schließen, daß er ein hoher Offizier sei. Die Statur schien die Mittelgröße zu haben, das Gesicht war rot und trug den Ausdruck lebendiger Behaglichkeit und die Spuren eines in Fröhlichkeit genossenen Lebens.

[184] »Wir haben eben nichts Besseres zu tun, meine Herren,« sagte er, »lassen Sie uns ein kleines Jeu entrieren, wenn bei den Vorposten Schüsse fallen, so finden sie uns munter, der Feind ist ganz nahe, unser Generalissimus will aber nicht, daß wir angreifen, bon, wir wollen unsere Börsen angreifen – qu'en dites-vous, Monsieur le comte?«

Stanislaus, dem die letzten Worte gegolten hatten, lehnte seine Teilnahme mit den Worten ab: »Sie wissen, Herr General, ich habe kein Glück.«

»Desto besser,« erwiderte dieser, »aber ich weiß schon, Sie gehören zur Tugend unserer neuen Generation, meinethalben, jeder nach seinem Geschmack, aber rücken Sie ein klein wenig auf die Seite, ich bitte, damit wir von Feuer, Licht und Wärme profitieren.«

Sie begannen ihr Spiel, das bald lebhaft und hitzig wurde; die vier Krieger am Feuer rückten näher zusammen, und Valerius fragte leise seinen Freund nach dem Namen des Generals.

»Kennen Sie Uminski nicht?« antwortete der Litauer, welcher die Frage gehört hatte, und ein mildes Lächeln spielte um seine Lippen. »Er ist in Deutschland sonst nicht unbekannt. Als die Revolution ausbrach, saß er auf einer preußischen Festung, ich glaube in Glogau. Einer der eifrigsten Patrioten, hatte er fortwährend Verbindungen angeknüpft, um einen Aufstand vorzubereiten, sie wurden entdeckt, und da er aus dem Posenschen ist, bemächtigte sich die preußische Regierung seiner Person. Von der Festung entsprang er und kam nach Warschau. Als er aus dem Wagen stieg, hörte er die Kanonen der Schlacht von Praga, warf sich sogleich aufs Pferd und kam verhängten Zügels auf dem Schlachtfelde an, übernahm auf der Stelle ein Kommando und stürzte sich in den Feind. Denken Sie sich ihn dort, und betrachten Sie ihn hier, so haben Sie sein Bild. Er ist einer der besten Patrioten, ein vortrefflicher Soldat und – ein Lebemann.«

[185] Diese Worte wurden so leise gesprochen, daß der Gegenstand derselben sie nicht vernommen hätte, auch wenn er weniger eifrig mit dem Spiele gewesen wäre.

»Kasimir,« sagte hierauf Stanislaus, sich zu dem Volhynier wendend, »Sie haben uns Ihre Lebensgeschichte versprochen.«

»Wenn Ihnen ein einfaches kurzes Leben in den volhynischen Wäldern genügt,« erwiderte der Angeredete, »wohl, wir haben nichts Besseres zu tun, und am Ende hat der unbedeutendste Mensch ein Interesse.«

Magyac hatte unterdessen in einem großen Topfe von Blech eine Art Glühwein zustande gebracht. Diesen goß er in die leergewordene Weinflasche; da es an Gläsern fehlte, und nachdem diese einmal die Runde gemacht hatte und wieder unweit des Feuers niedergesetzt war, begann der Volhynier seine Erzählung, indem er sich fast ausschließlich dabei an Valerius wandte. Vielleicht glaubte er bei dem Fremden die meiste Teilnahme zu finden, da diesem Lokalität und Verhältnisse am wenigsten bekannt sein mußten. Und er irrte sich darin nicht.

26
26.

»Ich habe aus Ihren früheren Reden geschlossen,« begann er, »daß Sie sich unser Vaterland nur als eine traurige Abwechselung von dürrer Kieferheide und reizloser Fläche denken. – Sie haben indessen nur einen kleinen Teil Polens gesehen. Wenn man aufwärts geht an der Weichsel, dahin, wo sie aus dem Krakauischen herunterströmt, da kommt man über saftig grüne Wiesen, durch kühle hohe Eichenwälder. Und wenn man sich wieder halb nach Osten wendet, da erheben sich die sanften Hügel der Ukraine, welche hinabführen in die ungeheuren Grasebenen, durch welche die flüchtigen Pferde in großen Herden jagen. Diese Grasebenen sind das [186] Meer unseres Vaterlandes, und aus ihrer schönen, großartigen Einsamkeit kommen unsere schönsten Lieder. O, ich ritt einst in der Nacht über jenes grüne Meer, mein Herz war traurig und lag zusammengepreßt von scharfem Weh in meiner Brust, der Mond schien hell und klar, und ich sah mit tränenlosem, ödem Auge in die unbegrenzte Fläche hinein. Da hörte ich plötzlich eines jener ukrainischen Lieder, es klang wie eine Geisterklage durch die stille Nacht. Von der tiefen Einsamkeit sprach es, und daß kein Baum in der Nähe sei, mit dessen Flüstern der Hirte schwatzen könne. O, wie schön war diese Einsamkeit, hieß es weiter, als die Pferde noch frei waren und keine andern Sättel zu fürchten hatten als die polnischen. Da jagten sie fröhlich an meiner Hütte vorüber und wieherten mir ihre Freude zu, daß sie täglich größer und stärker würden und bald einen polnischen Reiter tragen könnten.


Und jetzt kommt der Tatar

Mit dem dicken Schädel,

Wirft das stumpfe Auge,

Wirft die starke Schlinge

Auf das freie Tier,

Schlägt die plumpen Beine

Um den freien Leib,

Ach, du Meer von Polen,

Grüne Ukraine,

Du bist jetzt verlassen;

Einsam, einsam, einsam,

Seit der Tatar kommt –

Ach, ihr freien Pferde,

Und ihr freien Polen!


Ich hatte vorher nicht weinen können, obwohl ich mein Liebstes verloren hatte, jetzt rannten mir die Tränen stromweis über das Gesicht, ich wendete den Kopf meines Pferdes wieder herum nach Volhynien zu, von wo! ich gekommen war, um mein Mädchen zu suchen. Das Tier eilte rastlos nach der Heimat, und als beim Anbruch des Morgens eines jener [187] schlanken Steppenrosse wiehernd und wild an mir vorüberflog, da sah ich schon von weitem die ewigen hohen Wälder, in welchen meine Heimat liegt.

Dort zwischen den alten Bäumen, auf den feuchten, mit hohem Gras bewachsenen Wiesen war ich groß geworden, hatte den Wolf gejagt und das muntere Pferd getummelt. Mein Vater war ein reicher Gutsbesitzer, und ich war das einzige auf der Welt, an dem er noch Freude hatte, seit er Steuern zahlen mußte an den russischen Herrn. Er war immer ein alter strenger Mann, solange ich mich seiner erinnere, der die Freiheit noch gesehen hatte, und die Leute erzählten von ihm, daß er nicht mehr gelacht habe, seit der russische Statthalter in Zitomierz erschienen wäre. Seine Untertanen behandelte er hart, aber sie waren ihm damals zugetan, weil er für den bravsten Polen der Provinz galt. Mir ließ er aus der Schweiz einen Lehrer kommen, der mich in allem unterrichten mußte. ›Kasimir,‹ pflegte er zu sagen ›lerne fleißig, dein Vaterland wird kluge Leute brauchen, wenn es die Fesseln der Arglist abschütteln will.‹ Er selbst lehrte mich unsere vaterländische Geschichte, und wie Hamilkar seinen Sohn zog er mich auf in tödlichem Hasse gegen die Moskowiter.

Eines Tages hatte mich die Fährte des Wildes weiter als gewöhnlich in die Wälder gelockt, ich verirrte mich zwischen den Sümpfen des dunklen Buchenwaldes und entkam mit Mühe und Not auf eine Lichtung festen Bodens. Es war wohlgepflegtes Ackerland, und nach sorgfältigem Umherblicken entdeckte ich in der Dämmerung das Häuschen dessen, dem wahrscheinlich diese Besitzung gehören mußte.

Der Herr des Häuschens war nicht daheim, seine Tochter empfing mich, wies mich zurecht, und ich kam bei einbrechender Nacht, mit gesundem Leibe nach Hause. Aber schon den andern Tag verirrte ich mich wieder nach jener Gegend, Ludmilla hatte mir den Weg so vortrefflich gezeigt, daß ich [188] keinen andern mehr finden konnte, als den zu ihres Vaters Häuschen. Dieser Vater war ein sogenannter Slachtcziz, das heißt, er gehörte zu dem niedrigen, herabgekommenen Adel, der oft nichts weiter besitzt als ein Paar tüchtige Arme und ein Paar muskulöse Schenkel, um ein Pferd zu bändigen, das noch keinen Reiter getragen. Ludmillas Vater hatte noch ein Paar Stück Ackerland gerettet, die auf den offenen Plätzen des Forstes in der Nähe seines Häuschens lagen. Er sagte lange Zeit nichts zu meinen Besuchen, als er aber gewahrte, daß meine Neigung zu Ludmillen immer heftiger und leidenschaftlicher wurde, da trat er mir eines Tages in den Weg, als ich eben wieder auf seine Wohnung zuritt, und sprach: ›Du liebst mein Kind, du bist jung und reich, mein Mädchen sieht hier wenig solche Bursche, auch wenn ich sie einmal zur Kirche fahre, sie wird deiner Neigung schwerlich entgegen sein. Wenn du sie heiraten willst, so wird dir dein Vater die Türe weisen, willst du bloß deinen Scherz mit ihr treiben, so trifft dich am hellen Mittage die Kugel meiner Büchse – was willst du in meinem Hause?‹

Ich hatte Ludmillas Liebe gewonnen, unter der hohen, breitästigen Rüster neben ihrem Hause hatte ich sie zum ersten Male den Tag vor dieser Anrede geküßt, die Sonnenstrahlen waren durch die dunkeln Blätter geschlüpft bis auf unsere Häupter, und wir hatten uns im stillen Walde miteinander verlobt, ich liebte, daß mich das Herz schmerzte vor glücklicher Regung. Deshalb antwortete ich dem Vater, daß ich seine Tochter heiraten würde, mein Vater möge sagen, was er wolle.

Als wir zu seiner Wohnung kamen, stürzte uns Ludmilla entgegen, das schöne braune Haar flatterte aufgelöst um ihre Schultern, die roten Wangen waren bleich, die größte Bestürzung sprach aus allen Zügen und Bewegungen. Wir erfuhren, daß der russische Steuerbeamte aus Berdiczow dagewesen sei und sich aufs unanständigste und zudringlichste gegen sie betragen habe. In der nächsten Woche wolle er [189] wiederkommen, und wenn die rückständige Steuer nicht bezahlt würde, so könnt's was Neues geben.

Ich teilte dem Alten an Barschaft mit, was ich besaß, tröstete das Mädchen, das sich ängstlich an mich schmiegte, und ritt unter dem festen Vorsatz nach Hause, meinen Vater zu unterrichten und seine Einwilligung zu erbitten. Er war denselben Abend bei guter Laune, der Ungarwein schmeckte ihm, und er hörte mit unverhehltem Vergnügen meine Schilderung Ludmillens und ihrer Liebenswürdigkeit. ›Gib sie mir zum Weibe‹, sagte ich, ermutigt durch seine Heiterkeit, ›ich liebe sie über alles.‹

›Du bist nicht gescheit, Kasimir,‹ sagte er laut lachend, ›amüsier dich, soviel du willst, aber mit dem Heiraten bleib mir vom Leibe.‹

Meine Erwiderung ward durch einen ankommenden Boten unterbrochen, der uns die erste Nachricht von den Unruhen brachte, die in Warschau ausgebrochen waren. Ich mußte sogleich zu Pferde steigen und die Nachricht den nächsten Gutsbesitzern mitteilen, sie auffordern, alles bereit zu halten, wenn Volhynien vielleicht ebenfalls losbrechen könnte. Darüber vergingen zwei Tage, erst am dritten konnt' ich mein Mädchen wieder aufsuchen.

Es war gegen Abend, als ich in die Nähe ihres Häuschens kam, laut schallte meine Stimme wieder im winterlichen Forste, denn ich kündigte mich immer durch ein altes Liebeslied an, das sie vor allen gern hören mochte. Aber sie erschien nicht an der Tür, wie sie zu tun pflegte. Hastig und besorgt sprang ich vom Pferde und warf den Zaum über einen Pflock unweit der Haustür. Diese stand offen, die Tür des Zimmers ebenfalls, alles war leer, die ärmlichen Hausgeräte lagen zerbrochen durcheinander, mir ahnte das Entsetzliche. In Todesangst rief ich, durchsuchte ich alle Winkel, nirgends eine Antwort, nirgends ein Lebenszeichen. Auch der kleine Pferdestall war leer, trostlos stand ich vor [190] dem Hause, und obwohl ich alle Hoffnung aufgegeben hatte, schrie ich Ludmillens Namen voll Verzweiflung in den Wald hinein. Schauerlich klang er von den Bäumen nach allen Seiten wieder, der Abend war hereingebrochen, ich bemerkte, daß sich mein Pferd losgerissen hatte, aber ich weiß heut noch nicht, wie diese Bemerkung nur in mir entstehen konnte, denn meine Augen und meine Seele waren nur von der Leere erfüllt, von der trostlosen Öde, die mich umgab.

Ein Geräusch weckte mich, es war ein junger, etwas blödsinniger Bauer aus dem nächsten Dorfe, der eine große Zuneigung für Ludmillen hatte und in jeder Woche einige Male abends nach beendigtem Tagewerke herüberkam, um irgend eine Botschaft für das Mädchen zu übernehmen, oder die gröbsten Wirtschaftsarbeiten für sie zu verrichten. Er gab mir Auskunft.

›Ich hab' auf dich gewartet, Herr‹, sagte er, als ich ihn stürmisch um Nachrichten anging, ›gestern schon und heute wieder – du kannst vielleicht Ludmillen helfen, wenn's auch mir nichts hilft – vorgestern kam der Russe wieder, der neulich hier war und das Mädchen angefaßt hatte. Er hatte diesmal einen Wagen mit und mehrere Soldaten. Drin im Hause machte er einen großen Spektakel; am Ende schleppten sie Ludmillen heraus auf den Wagen und den Alten auch. Dem Alten waren aber Hände und Füße mit Stricken festgebunden, und der Russe hatte des Alten Büchse in der Hand – es waren fünf Männer, Herr, mit Waffen, ich konnt' nichts tun, als die Zähne zusammenbeißen und mich hinter die Sträucher verstecken. Sie waren noch nicht lange fort, da hörte ich einen Schuß – ich dachte: Der ist dem Alten in die Brust gefahren, nahm den Stein, der immer dort neben dem Pferdestalle lag, und lief schnell auf dem Fußsteige über den Sumpf – du weißt, Herr, der Fußweg ist noch einmal so kurz als der andere, und so kam ich dem Wagen zuvor und wartete hinter einem Erlenbusche. [191] Der Wagen kam, aber der Alte fehlte, ich griff fest in meinen Stein, der Russe wollte das Mädchen um den Hals nehmen, aber sie schlug ihn ins Gesicht, und da warf ich meinen Stein, aber ich hab' den Rechten nicht getroffen, Herr, bloß den Kutscher. Er fiel 'runter, und ein anderer nahm den Lenkstrick und sie fuhren weiter, daß die Achsen krachten, immer auf die Stadt zu. Herr, reite nach der Stadt, du bist reich, hilf der Ludmilla von den schwarzen Kerlen.‹

Mit der höchsten Ungeduld hatte ich diese Erzählung angehört, jetzt rannt' ich nach meinem Pferde. Auf mein Pfeifen kam es herbei, aber um meine Ungeduld noch mehr zu foltern, sprang es scheu umher und wollte sich nicht fangen lassen. Die kleinen Hindernisse vollenden, was oft das größte Unglück nicht vermag, sie bringen die Verzweiflung zum Ausbruch. Ich schrie, weinte, tobte, bis ich den Zügel des Pferdes in Händen hatte. Dann ward ich still, als ob das Tier mir alles Verlorne wiederbringen könnte. Durch die Nacht hin jagte ich nach der Stadt. Jeder Pole ist gegen den fremden Herrn verschworen, er beachtet die kleinste Bewegung gegen den Verhaßten. Überall erhielt ich Nachricht, wohin das schöne polnische Mädchen geschleppt worden sei. Aber der Vorsprung des Entführers war zu groß, ich holte ihn nicht ein, und am Ende unserer Wälder verlor ich auch seine Spur. So ritt ich aufs unsichere in die Steppe der Ukraine hinein; bis dahin hatte ich alle die kriegerischen Anstalten meiner Landsleute, die ich überall angetroffen hatte, unbeachtet gelassen, das Mädchen beschäftigte meine ganze Seele. Jetzt hörte ich in stiller Mondnacht den Pferdehirten mit seiner einsamen, patriotischen Klage, er preist seine öde Verlassenheit, wenn die Steppe, wenn die Pferde dem Vaterlande angehören. Ich schämte mich tief, alles Unglück meines Landes trat vor meine Seele, unaufhaltsam ritt ich nach der Heimat, und wo mein Pferd vorüberflog, da rief ich den Polen zu, sie sollten sich bereithalten.

[192] Es war ein finsterer Abend, als ich zu Hause ankam und in den Hof hinein ritt. Aus dem Zimmer meines Vaters schallte bacchantischer Lärm, mein Pferd stand plötzlich still, es wurde am Zügel gehalten. Zu gutem Glück war es mein Reitknecht, der mit Lebensgefahr Tag um Tag auf meine Rückkehr gelauert hatte. ›Fort, Herr!‹ rief er ›fort, um aller Heiligen willen! Das sind die Russen, die da oben saufen und singen, das ganze Schloß liegt voll.‹

Er hatte sich ein gesattelt Pferd beiseit gebracht, und wie ein Dieb floh ich von meiner Väter Hause. Von heißem Haß getrieben hatte mein Vater voreilig seine Leute und die Umgegend bewaffnet, war überfallen, überwältigt und – erschlagen worden. Im Augenblicke war nichts zu tun; unter mannigfachen Fährlichkeiten kam ich bis Warschau.«

»Aber warum,« sprach Stanislaus, »haben Sie sich nicht der Expedition Chrzanowskis angeschlossen, die in diesen Tagen südlich hinauf nach Zamosc zu abgegangen ist, vielleicht eine Verbindung mit Dwernicki bewerkstelligt und sicherlich eher als jedes andere Korps bis in Ihre Heimat dringt? Sie können dort am meisten wirken durch Ihre Bekanntschaft und zuerst Nachricht von Ihrer Ludmilla erhalten.«

Die beiden übrigen Zuhörer vereinigten sich zu die ser natürlichen Frage.

Kasimir entgegnete, daß er diese schwachen Expeditionen für äußerst nachteilig hielte. »Entweder«, sagte er, »sie erreichen unsere Provinzen gar nicht, oder sie bringen ihnen, wenn sie bis hin gelangen, nur Verderben, beschleunigen den Aufstand, können ihn nicht genügend unterstützen und vernichten so alle Aussicht auf ein Gelingen im ganzen und großen. Ich mag zu diesem heillosen Verfahren meine Hand nicht bieten. – Ludmilla? – ach, geben Sie mir doch noch einmal die Flasche her, der Wind kommt kalt von der Seite – sie hat mir lange das Herz schwer gemacht; der Vorfall ist in der ganzen Provinz bekannt: ist sie noch in Wolhynien, [193] so retten sie meine Landsleute mit eben dem Eifer, womit ich's täte, wäre ich da – 's war ein schönes, süßes Mädchen – was hilft's – ich höre auch, daß ein Unternehmen der ganzen Armee nach den östlichen Provinzen im Werke ist–«

»Das gebe Gott!« schaltete der Litauer ein. »Und auf dieses«, fuhr Kasimir fort, »warte ich. Das entscheidet den Krieg; Litauen, Podolien, Wolhynien, die Ukraine, dieses Altpolen ist wichtiger als alles.«

Stanislaus konnte sich eines leichten Spottes über diesen Provinzialstolz nicht enthalten, aber Kasimir nahm ihn gutmütig auf, und die schwermütige Darstellung, welche der Litauer von dem Insurgentenkampfe in seiner Heimat entwarf, nahm alle Teilnahme und Aufmerksamkeit in Anspruch.

Er wurde aber in der Schilderung seiner blonden, blauäugigen Landsleute stürmisch unterbrochen, die Wachtposten riefen an, man hörte einen Trupp Reiter heransprengen, die Spieler fuhren auseinander – es ward nach dem General Uminski gefragt; über die eingefallene Mauer der Hütte traten in weiten Reitmänteln die hohen Gestalten Skrzyneckis und Prondzinskis ein. Zwei Adjutanten folgten ihnen und ersuchten alle in der Hütte Anwesenden, General Uminski ausgenommen, den Ort zu verlassen.

Es geschah sogleich, die Adjutanten zogen sich ebenfalls zurück, und die drei berühmten Offiziere blieben allein. Prondzinski wandte sich sogleich mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit an Uminski und setzte ihm den neuen Feldzugsplan auseinander, der entworfen wäre und für dessen Gelingen man seine eifrigste Tätigkeit in Anspruch nehme. Es handelte sich nämlich darum, mit der Hauptarmee schleunigst eine große Diversion nach Nordost hinab bis nach Litauen hinein vorzunehmen, auf diesem Wege die bereits heranziehenden Garden aufzuheben und der litauischen Insurrektion [194] Hilfe zu bringen. Die schwierigste Aufgabe war es nun, Diebitsch mit der russischen Hauptarmee, die ihnen jetzt gegenüberstand, zu täuschen und in dem Wahne zu erhalten, er habe noch immer das polnische Hauptheer vor sich. Zu diesem letzten Unternehmen sei er, nämlich General Uminski, bestimmt.

Während dieser Auseinandersetzung stand Skrzynecki unbeweglich am Feuer und sah nachdenklich in die Flamme hinein. Als indessen Prondzinski eine augenblickliche Pause machte, wendete sich jener rasch zu den Sprechenden, bestätigte mit wenig Worten das Gesagte und fügte hinzu, General Uminski solle sogleich einen Angriff auf die nächsten feindlichen Posten machen, damit der Abzug der Hauptarmee verdeckt würde. »Halten Sie Diebitsch fortwährend in Atem; wird er die Täuschung zu früh gewahr, so steht alles auf dem Spiele, drängt er nach Warschau hin, so weichen Sie nur Schritt für Schritt.«

»Nimmermehr ist er so töricht,« fiel Prondzinski ein, »seine Kommunikationslinie aufzugeben, er geht rückwärts über den Bug.«

»Nun, wie Gott will. General Uminski, ich mache Sie auf die größte Wichtigkeit Ihres Postens aufmerksam, möge der Himmel Sie beschützen – jetzt zu Pferde, meine Herren.«

Sie verließen die Hütte, die Hufschläge der Rosse verloren sich nach allen Seiten, es ward einen Augenblick still, das Feuer des kleinen Raumes fiel in Kohlen zusammen, ein leichter Wind flog über die eingeschlossene Fläche und jagte noch ein paar kleine Flämmchen auf. Ein ununterrichteter Zuschauer hätte nicht geahnt, daß eben ein so wichtiger Moment in dem Befreiungskriege der Nation eingetreten sei, ein Moment, dessen Folgen sich jahrelang über Europa verbreiten sollten.

Von allen Seiten wurde bald darauf die Stille durch [195] Flintenschüsse, den Lärm der Trommeln, das Schmettern der Trompeten unterbrochen. Uminski griff die Russen an.

27
27.

Die Hauptarmee war in schnellen Märschen vor Ostrolenka angekommen, hatte dort die Narew überschritten, war auf der großen Straße, die nach Litauen und Petersburg führt, gegen Lomza vorgedrungen und stieß hier auf die Garden. Sie verließen Hals über Kopf ihr Lager, und die Polen nahmen es in Beschlag. Der Augenblick war da, diese Elite des russischen Heeres zu vernichten. Aus einem Bauernhause sah man einen hohen polnischen Offizier stürzen, er trug den Hut in der Hand, das aufgeregte Gesicht glänzte vor Freude, und er rief hastig nach einem Ulanen, der zu Pferde in der Nähe hielt und ein schönes englisches Roß am Zügel hatte, das dem Offizier anzugehören schien. Dieser setzte schon den Fuß in den Bügel, als das kleine Fenster des Hauses schnell aufgerissen wurde, und ein blasses, von der Sonne leicht gebräuntes Antlitz zum Vorschein kam.

»Prondzinski, Prondzinski!« rief der herausblickende Mann, ein schwarzer Schatten von Besorgnis legte sich auf das Gesicht des reisefertigen Offiziers, zögernd gab er dem Ulanen den Zügel wieder und ging unsicher nach dem Bauernhause.

Skrzynecki – dies war der Herausblickende – schlug das Fenster zu, und als sein Generalquartiermeister eintrat, fand er ihn heftig im Zimmer auf und ab gehend.

»Es ist ein unnützes Blutvergießen, Prondzinski, der Angriff auf die Garden; wir müssen erst Nachrichten über die russische Hauptarmee haben, warten Sie noch mit den Befehlen« –

»Um Gottes willen, General, solch eine günstige Stunde kommt nicht wieder, die Garden sind verloren, wenn wir sie [196] angreifen; sie sind gerettet, sobald wir ihnen Zeit lassen, die Brücken und Dämme bei Tycoczin zu passieren, sie vereinigen sich dann gefahrlos mit Diebitsch, sobald dieser über den Bug geht, ich beschwöre Sie, General, lassen Sie uns angreifen.«

Skrzynecki, stand vor einem großen, plumpen Tische aus Fichtenholz; Karten, Pläne, Journale waren darauf ausgebreitet, und er sah scheinbar nachdenkend, oder wie man am Ende bei solchen Augenblicken gewöhnlich ist, gedankenlos auf die Papiere.

Er hatte die Arme übereinandergeschlagen, und als Prondzinski immer heftiger drängte, machte er eine leichte, abwehrende Bewegung mit der Hand und schritt im Zimmer auf und ab. Seine breitschulterige und doch schlanke, hohe Gestalt schien kaum Platz zu finden in der niedrigen Stube, sein Gang hatte jenes Wiegende, das nachdenklichen Menschen oft eigen zu sein pflegt; die Schwere des Körpers senkte sich bei den langen Schritten sichtbar von einer Hüfte auf die andere, und doch war eine gewisse vornehme Leichtigkeit, ein imponierendes Etwas nicht zu verkennen, der Oberkörper nahm wenig oder gar keinen Anteil an der Bewegung. – Prondzinski schien einen Augenblick selbst von der geheimnisvollen Würde dieser Erscheinung betroffen zu sein, und den eigenen klaren Ansichten vom Verhältnis der Dinge zu mißtrauen. Wenigstens schwieg er.

Der Erfolg hat gelehrt, daß in jener Bauernstube wirklich alles auf dem Spiele stand. Man hat Prondzinski oft den Vorwurf gemacht, daß er bei seinem erstaunlichen Reichtume an Kriegsplänen arm gewesen sei an dem Mute einer konsequenten, rücksichtslosen Ausführung. Der Vorwurf ist wahrscheinlich nicht ungerecht, wenigstens darf man auf sein Betragen in der Schlacht bei Iganie, welches allerdings dieser Ansicht widerspricht, kein zu großes Gewicht legen. Es ist wahr, daß er selbst die Soldaten in diese überaus künstlich angelegte Schlacht hineinführte, obwohl nicht alle [197] berechneten Hilfsmittel zur bestimmten Stunde eintrafen, es ist wahr, daß er die größte Kaltblütigkeit mitten in dem mörderischen Kampfe behielt und seinen Leuten während des Sturmschrittes unter dem feindlichen Kugelregen die Vorteile des Bajonettkampfes auseinandersetzte. Aber es ist nicht der persönliche Mut, der ihm mit jenem Tadel abgesprochen werden soll, es ist der moralische Mut eines kräftigen Befehlshabers, welcher große, gewagte Unternehmungen auf seine Schultern nimmt, durch den Gedanken an die Verantwortlichkeit nicht erschreckt wird, und nicht rück-, nicht seitwärts sehend, seinem einmal nach bester Überzeugung gefaßten Entschlusse schnurstracks folgt. Nicht die Geschicklichkeit, sondern die Kraft des Heerführers darf man ihm absprechen. Aus dieser Eigentümlichkeit erklärt sich auch sein späteres Betragen, als das Unglück seiner Nation die Höhe der Krisis erreicht hatte und vielleicht niemand die strategische Fähigkeit in dem Maße besaß wie er – da hatte er nicht die moralische Kraft, das Oberkommando zu übernehmen. Er besaß die größten Kriegskenntnisse, aber sie besaßen ihn nicht, das heißt: sie vermochten es nicht über ihn, ein zweifelloses Vertrauen gegen sie zu hegen, sie konnten ihm nicht die Kraft geben, welche seinem Temperamente abging. Prondzinski ist ein deutliches Beispiel, wieviel mehr ein beschränkter Kopf vermag, der sein geringes Wissen fest zusammengedrückt in der kräftigen Hand hält, als ein reiches Talent ohne energischen Charakter. Eine gewisse Einseitigkeit ist zu den größten Handlungen nötig; es gibt nichts in der Welt, was nicht in mancher Rücksicht bedenklich erschiene, und wer alle Rücksichten bedenken will, wird nie ein Schöpfer.

In dieser Situation war aber Prondzinski außer allem Zweifel. Seine Stellung überhob ihn der Verantwortlichkeit im großen, seine Einsicht lehrte ihn das Notwendige des unverzüglichen, kräftigen Angriffs und verhieß ihm die [198] glänzendsten Früchte, stellte ihm aufs deutlichste die schlimmen Folgen der Unterlassung dar. Es war also nicht zu verwundern, daß er mit solchem Eifer in den Oberfeldherrn drang, ja, daß er diesen bald bis zur Leidenschaftlichkeit steigerte. Ebenso lag es aber auch in seinem oft zweifelnden und mitten im Laufe still haltenden Wesen, daß ihn die imponierende Verweigerung des Angriffs von seiten Skrzyneckis eine Weile befangen machen konnte. Was der Oberfeldherr einmal unternommen hatte, das war stark und tüchtig von ihm durchgeführt worden – gerade was uns fehlt, macht den gebietendsten Eindruck auf uns, sobald wir es anderen entdecken: diese stille nachhaltige Kraft wirkte einschüchternd auf Prondzinski.

So kam's, daß er den Begegnungen des Generalissimus lange schweigend zusah und zu erwarten schien, es werde bald ein einziges Wort von dessen Lippen kommen, das alle seine Gründe mit einem Male niederschlagen könne. Leute von Prondzinskis Beschaffenheit, die leicht und gewandt produzieren und wenig Kraft besitzen, sind am ersten der Meinung, daß andere mit langsamen Geistesoperationen Gedanken zum Vorschein bringen, welche reifer und vollkommener sind als die Kinder ihrer eigenen schnellen Geistesbewegungen.

Skrzynecki schwieg aber noch immer und ging im Gemache auf und ab. Endlich blieb er am Tische stehen und neigte sich über die Karten hin. Es war aber nicht schwer zu erkennen, daß sein Auge nichts von dem sah, worauf es gerichtet war. Seine Hand, die besser von den Sympathien ihres Herrn unterrichtet sein mußte, griff nach einem französischen Journale, indem sie ein polnisches heftig beiseite stieß. –

»Es ist ein frevelhaftes Geschwätz, das diese Warschauer Journalisten sich erlauben, nichts ist ihnen heilig.«

Diese Worte sprach er mit halber Stimme, und sie schienen ihm so zu entgleiten, daß er selbst kaum etwas [199] davon wissen mochte, denn er vertiefte sich gleich darauf in das französische Journal, und sein Gesicht heiterte sich merklich auf bei der Lektüre. Es war der Avenir von Lamennais, welcher damals mit vieler Salbung von dem religiösen Element des polnischen Oberfeldherrn zu sprechen pflegte, viele Nutzanwendungen daraus auf die nächste Gestaltung Polens, auf Sinn und Geist der Armee und auf die Kriegsführung überhaupt herleitete, und Skrzynecki selbst immer auf eine äußerst schmeichelhafte Weise mit Lobeserhebungen bedachte.

Als Prondzinski diese Wendung der Dinge inne wurde, da verschwand ihm natürlich die Hoffnung auf ein alles erschöpfendes weises Wort Skrzyneckis, das er bisher erwartet hatte, und er begann mit verdoppelter Lebhaftigkeit sein Drängen. Skrzynecki, der nun einmal fest ins Verweigern hineingeraten war, wies ihn ab; jener aber, überwältigt von dem Gedanken eines leichten, überaus erfolgreichen Sieges, von der Vorstellung gequält, daß die entkommenden Garden dem ganzen Feldzuge von außerordentlichem Nachteile werden könnten, warf sich ihm endlich zu Füßen.

»Lassen Sie uns keine Komödie spielen,« rief Skrzynecki entrüstet, »die Verantwortung ist mein, ich werd's vertreten; Sie haben nichts zu tun, General, als meinen Befehlen zu gehorchen.«

Erzürnt sprang dieser auf und sprach heftig: »Nun wohl denn! Vernichten Sie durch dieses unzeitige Zögern die ganze Expedition, setzen Sie unsere Armee aufs Spiel, wenn Diebitsch mit den Garden sich vereint und uns den Rückzug über die Narew vertritt, aber ich will nichts zu schaffen haben mit dieser Art des Krieges, ich verlange meinen Abschied –«

»Den haben Sie – Adieu!«

Prondzinski stürzte hinaus, warf sich aufs Pferd und jagte davon. Die Tränen liefen ihm über das Gesicht.

[200] Während dieser Zeit hatten die Truppen marschfertig gestanden und den Befehl zum Angriff erwartet; ein Trupp Offiziere hielt zu Pferde auf einer kleinen Anhöhe und hatte das Bauernhaus im Auge, wo der Feldherr wohnte. Sie sahen Prondzinski in voller Karriere sich nähern, hielten dies für ein Zeichen, daß der Angriff schleunigst bewerkstelligt werden sollte, und wollten sich eilig auf ihre Posten begeben. Er machte aber im Vorbeifliegen eine verneinende Bewegung mit der Hand, hielt plötzlich sein Pferd an und blickte mit dem schmerzlichsten Ausdrucke nach der Gegend hin, in welcher die Garden ihre Flucht bewerkstelligten, die ihnen nur durch einzelne polnische Truppenabteilungen schwierig gemacht wurde. Sein sonst blühendes Antlitz war verstört, sein Auge starr, die Gesichtsmuskeln zuckten zuweilen wie vom Krampf ergriffen.

Stanislaus und Valerius befanden sich in der Offiziergruppe, und jener wendete sich fragend an Prondzinski.

»Ich habe keine offizielle Antwort mehr für Sie, ich bin verabschiedet,« sprach er mit metalloser Stimme, »der Generalissimus greift die Garden nicht an.«

Darauf ritt er langsam nach dem polnischen Lager. – Nur ein junger heftiger Oberst stieß einen lauten Fluch aus, die übrigen Offiziere sahen sich erstaunt an, schwiegen aber. Das Vertrauen auf Skrzynecki war damals noch so groß, daß niemand an der Weisheit seiner Maßregeln zu zweifeln wagte.

Es war ein schimmernder Maimorgen, die strahlende Sonne spiegelte sich in den Wellen des Flusses, der Tau blitzte auf der weiten Fläche bis auf die Waldspitzen, die hier und da ins Land hereinliefen, die Vögel sangen, nur aus der Ferne hörte man Schüsse, und Valerius vergaß des Kriegs und seiner Sorgen. Er hatte sich bereits an das wechselnde, gedankenlose Leben gewöhnt, ließ die alten Fragen seines Geistes und Herzens nicht mehr aufkommen, [201] da er weniger als je eine Lösung der Lebensrätsel in Bereitschaft hatte, und sah mit offenem Blicke in die frische Natur hinein.

Da kam eine glänzende Equipage von der Richtung hergefahren, in welcher die Garden entflohen. Man hatte eine so große Menge Luxusartikel in ihrem Lager vorgefunden, daß man auch jenen schimmernden Wagen für eine Beute der nachsetzenden Reiter ansah und sich nicht eben über seine Erscheinung verwunderte. Als er indessen näher kam, fiel es doch auf, daß eine Dame darin saß; in ihrem Begleiter erkannten Valerius und Stanislaus den Wolhynier Kasimir, und wie aus einem Munde riefen sie: »Ludmilla?« Der Wagen hielt einen Augenblick und Kasimir erzählte den beiden teilnehmenden Bekannten, wie er zu diesem Funde gekommen sei. Die eilige Flucht der Garden hatte die Straße verstopft, so den Wagen aufgehalten und ihn den nachsetzenden Polen in die Hände geliefert. Kasimir war dazugekommen. – »Und der Russe?« unterbrach ihn Stanislaus. – »Die Canaille hat seine Beute im Stich gelassen und war schon aus dem Bereich meiner Kugel. Er ist übrigens nicht der eigentliche Räuber gewesen, jene Steuerbestie hat Ludmillen nicht mal für sich gestohlen, sondern für den Anführer eines russischen Korps, das damals aus dem Süden heraufzog, um sich mit den Garden zu vereinigen, so ist das Mädchen hierher gebracht worden.«

Valerius hörte wenig von diesen Worten, er konnte seine Augen nicht abwenden von dem Gesicht Ludmillens. Es entging ihm nicht, daß die Schönheit und das Glück dieses Antlitzes zerbrochen sei, das große Auge, voll von schwerer Leidensgeschichte, wagte es nur selten, schüchtern aufzublicken, die langen Wimpern deckten es schirmend zu, und wenn sie sich hoben, da stieg eine brennende Röte in das bleiche, schöne Gesicht; Zorn und Scham, Stolz und Haß schienen ihm in dieser schnell erscheinenden, schnell verschwindenden [202] Röte aufzuflackern. Das Mädchen war noch zur Hälfte in ihrer früheren ländlichen Tracht, zur Hälfte mit modischen Kleidungsstücken behängt; der Wagen flog davon, und es blieb ein wunderlicher Eindruck dieses Bildes in Valerius zurück. Wie quälen wir uns, dachte er, im engen, kleinen bürgerlichen Leben um die unscheinbarsten Konvenienzen, machen Glück und Unglück davon abhängig und gebärden uns entsetzlich, wenn ein Mädchen allein spazieren geht. Und ein Windstoß der Geschichte wirft alle die kleinen Dinge kopfüber durcheinander, und man hat keine Zeit, danach zu fragen – du armes, blasses Mädchen!

Nachdenklich ritt er zu seinem Biwak zurück, Magyac brachte ihm einen Brief entgegen, der von Warschau angekommen war. Konstantie schrieb:

»Komm, Geliebter; sobald Du diese Zeilen siehst, komm zu mir. Ich vergehe. William kommt täglich ins Haus, wird täglich lästiger. Ein hiesiger Vornehmer verfolgt mich mit Liebesanträgen, und mein Onkel, der alte Kuppler, begünstigt ihn und seine Anträge; ich bin von Ennui umgeben und schmachte nach Dir. Laß mich nicht länger harren. Du mußt mein Wesen soweit kennen, daß die Leidenschaften in mir stets auf Tod und Leben fechten, vernachlässigst Du meine Liebe, so kann sie plötzlich über Nacht ermordet sein. Mein Herz erträgt diesen halben, schmachtenden, unbefriedigten Zustand nicht. Komm sogleich, wenn Du mich noch küssen willst. Was kümmert Dich der Krieg dieses Volkes? Für Deine Wünsche fechten die Leute nicht; wenn sie den russischen Herrn gestürzt haben, dann kommen die polnischen Herren dran; was interessiert Dich das? Du weißt am besten, wie kurz die Jugend, die Kraft zu genießen dauert, warum willst Du sie unnötig selbst noch abkürzen? Es soll mir das einzige, untrügliche Zeichen Deiner Liebe sein, wenn Du kommst. Folgst Du meinem Rufe nicht, so haben wir uns ineinander geirrt.«

[203] Kaum hatte er diese Zeilen zu Ende gelesen, so schmetterte die Trompete, sein Regiment sollte aufsitzen und den Feind verfolgen. Was war zu tun? Der General Kicki – er war im Laufe des Krieges avanciert worden – sprengte eben vorüber und rief mit freundlicher Stimme: »Zu Pferd, zu Pferd, Sie deutscher Freiheitsheld!« Die Trompeten schmetterten aufs neue. Es dünkte ihm unmöglich, es dünkte ihm ehrlos, jetzt das Heer zu verlassen, obwohl er den Ernst von Konstantiens Leidenschaftlichkeit tief erkannte, obwohl er dem natürlichen, richtigen Gefühl zu folgen glaubte, wenn er nach Warschau ritte. Aber die künstlichen Gesellschaftsbegriffe waren zu tief in ihn hineingewachsen; während er sich schalt, daß er die Konvenienz höher achte als das ursprüngliche Gefühl, eilte er zu seinem Regimente und instinktartig mit diesem über die Fläche fort nach Litauen hin. Das Herz blutete in seiner Brust, aber er war dennoch ruhig und ergeben, als müßte es so sein.

Die gesellige Bildung ist selbst in skeptischen Gemütern bereits mächtiger geworden als die natürliche Regung. Der Gedanke, daß der einzelne seine gerechtesten Wünsche der allgemeinen Form unterordnen müsse, damit die Allgemeinheit ungestört fortbestehe, dieser Gedanke wird ihnen nicht gerade in dieser Gestalt klar und anschaulich, aber er ist ihnen so tief eingebildet, daß er sie unumschränkt beherrscht.

Der günstige Moment, die Garden zu vernichten, war vorüber. Die einzelnen Angriffe fügten ihnen zwar vielfachen Schaden zu, hinderten sie aber nicht, den Übergang über den Bug zu gewinnen, und als nun Skrzynecki am folgenden Tage bei den Brücken und Dämmen vor Tycoczin ankam, waren sie bereits bei den andern Ufern in Sicherheit, und er mußte nun seine eigene Passage erzwingen.

Hier betrat die Armee zum ersten Male litauischen Boden, und diese Idee weckte einen großen Jubel im Heere. Es war dies der Höhepunkt der Polnischen Waffen, das angegriffene [204] Volk war in ein angreifendes verwandelt, die Straße nach Petersburg lag offen vor ihm. Es war ein warmer Morgen, als das Heer eine weite Heidefläche vor sich sah, aus welcher eine hohe Säule wie eine Pyramide in der ägyptischen Wüste ragte. Sie führt den Namen Czarneckisäule, weil sie diesem alten Helden zu Ehren auf der Grenze von Litauen und Polen errichtet worden ist. Als der Generalstab bei ihr angekommen war, fesselte ein vielfaches Halt die ganze Armee. Skrzynecki stieg vom Pferde, und alle Reiter folgten seinem Beispiele. Er ließ sich auf die Knie nieder, und alle die wilden Truppen, die man noch kurz vorher nur im blutigen Hasse einherschreitend gesehen hatte, beugten sich betend zur Erde. Es war ein erschütternder Anblick.

Valerius, dem das Gebet nur immer als Wirkung auf den Betenden selbst wichtig erschienen war, sah mit einem andächtigen Erbeben, wie es durch die Gegenseitigkeit, durch den plötzlich laut werdenden allgemeinen Gedanken erschütternd wirkte auf ein zahlreiches, aus sovielen rohen Elementen bestehendes Heer. Er sah auf den harten, sonnenbraunen, zum Teil zerfetzten Gesichtern, über welche jetzt hie und da eine stille, einsame Träne rollte, er sah auf diesen starren bärtigen Gesichtern überall den Ausdruck: »Gott da droben über dem blauen Himmel, du weißt alles, was wir gelitten haben, hilf uns, hilf uns!« Er fühlte in der eigenen Brust ein heißes Gebet aufsteigen: »Du großer und guter Gott, hilf ihnen, hilf allen Menschen, wie toll und töricht wir uns auch mitunter gebärden.«

Die weite Fläche, mit einer unabsehbaren Kriegermasse bedeckt, war still wie ein nur leise murmelndes Meer, die warme Sommersonne zersprengte die leichte Wolkenschicht, welche sich zwischen ihr und der Erde gelagert hatte, der Waffenglanz blitzte in tausend Funken auf. Valerius ward an die sonnigen Feiertagsmorgen seiner Jugend erinnert, wo [205] er im Pfarrhause seines Vaters am Fenster stand und die geputzten Bauersleute in die Kirche wandeln sah. Er hatte immer geglaubt, zum Sonntage und zum Gottesdienste müsse auch die Sonne scheinen; ihr lichter Strahl war ihm Bedürfnis gewesen zur klaren Sabbatstille, die er in seinem Heimatdörfchen immer so erquicklich genossen hatte. Die jetzt durchbrechende Sonne hob seine Andacht zur Begeisterung, er glaubte ein unmittelbares Zeichen des erhörten Gebetes darin zu erblicken. Und nun brauste plötzlich wie das Getümmel einer neuen Weltschöpfung ein altpolnischer andächtiger Gesang aus soviel tausend Männerkehlen über die stille Heide. Was gleicht dem gewaltigen Eindrucke eines tausendstimmigen Männerchors! Das verstockteste Herz wird erschüttert, das mutloseste gehoben. In der menschlichen Stimme liegt vielleicht das meiste von der göttlichen Unmittelbarkeit, ihr tausendfacher Ausdruck erzeugt darum die wunderbarste Wirkung. Das polnische Heer hätte in diesem Augenblicke eine Welt in Waffen angegriffen mit dem zweifellosen Glauben an unendlichen Sieg.

Die feierliche Handlung war beendigt; noch wogte die erhabene Stimmung durch das schweigende Heer, da flogen dicht hintereinander zwei Kuriere im vollen Rosseslaufe durch die offenen Gassen der Truppen nach der Czarneckisäule hin. Sie brachten die Nachricht, daß Diebitsch, seinen Irrtum einsehend, mit seiner Armee schleunigst aufgebrochen und in ungeheuren Märschen über Granna und den Bug gezogen sei. In dem Augenblicke, wo das Heer gebetet hatte, war also seine Hoffnung schon vernichtet gewesen. Das Kriegsgeräusch verbreitete sich bald wieder stürmisch durch die Massen, der Rückzug nach Lomza und Ostrolenka hin mußte schleunigst angetreten werden, wenn sich der Feind nicht zwischen das polnische Heer und Warschau schieben sollte. Unter Gielgud und Chlapowski wurde ein Armeekorps nach Litauen hinein beordert, um die dortige Insurrektion zu unterstützen. Jener [206] Litauer, welcher damals in der Waldhütte neben Valerius am Feuer gesessen hatte, ritt jetzt an dem Deutschen vorüber, welcher eben im Begriff war, mit seiner Truppenabteilung abzuziehen.

»Sie schließen sich der Expedition in Ihre Heimat an?« rief ihm dieser zu, »möge Sie das Glück begleiten!«

Der Litauer richtete einen seiner sanften schwermütigen Blicke zum Himmel und reichte Valerius die Hand. »Ich fürchte, wenn Sie einst wieder im Schoße Ihres Vaterlandes an das ferne Litauen denken, da werden die sanften stillen Bewohner dieses Landes erschossen hinter den Bäumen liegen, welche jetzt noch ihr einziger Schutz sind. Ach, ich habe keine Hoffnung auf Glück; Gott gebe nur, daß ich mit den Waffen in der Hand fallen mag, daß ich nicht den Barbaren in die Hände gerate, nicht die abermalige Ermordung meines Vaterlandes zu sehen habe.«

Valerius wollte ihm die traurigen Gedanken aus dem Sinne treiben, der Litauer schüttelte aber schmerzlich lächelnd sein Haupt, drückte ihm fest die Hand und schied.

Als die Garden den Rückzug der polnischen Armee inne wurden, rückten sie auch wieder vor, beunruhigten jene, und schickten sich an zur Vereinigung mit Diebitsch, der vom Süden herausrückte. Die Vereinigung war nicht mehr zu hindern, Skrzynecki ging rastlos bis Ostrolenka, und der größte Teil des Heeres hatte dort bereits die Narew passiert. Es war ein warmer Nachmittag, eine Menge Soldaten badeten im Flusse, die Kavallerie fütterte, die Infanterie kochte, alles war in sorgloser Ruhe, da hörte man jenseits des Flusses plötzlich ein heftiges Schießen. Das vierte Regiment war noch drüben in der Stadt, bald sah man einzelne Trupps desselben, rückwärts feuernd, aus der Stadt kommen, die Brücke war bald erfüllt von ihnen, immer lebhafter wurde das Gewehrfeuer in den Straßen der Stadt, man sah Batterien am jenseitigen Ufer auffahren, die Kugeln flogen auf die [207] Brücke, welche das tapfere Regiment Schritt für Schritt verteidigend, langsam passierte.

Es war kein Zweifel: Diebitsch mit der großen Armee stand den Polen gegenüber. Wirklich war er in unerhörten Märschen herbeigeeilt. Ein kleines polnisches Korps unter Lubienski, das sich ihm bei Nur entgegengestellt hatte, war natürlich nicht imstande gewesen, ihn aufzuhalten. Es gab nur ein Vorspiel zu der jetzt beginnenden Schlacht von Ostrolenka. Die Polen kämpften bei Nur mit übermenschlicher Tapferkeit und erzwangen sich mit blutigen Opfern einen Rückzug. Das Treffen selbst war im Grunde ebensowenig nötig als das bei Ostrolenka, in welches sich Skrzynecki am Nachmittage des 26. Mai einließ.

Ein tosender Lärm brach unter den Polen aus, die sich in der nachlässigsten Situation überfallen sahen und sich nun rüsteten mit aller Schnelle und Unerschrockenheit, welche ihre Heere charakterisiert. Skrzynecki flog auf seinem hohen Pferde hin und her und befahl und ordnete mit fester, starker Stimme. Die Kugeln vom andern Ufer schlugen links und rechts neben ihm ein, aber sie störten ihn nicht; ein wunderliches Feuer brannte in seinen Augen, die blassen Wangen waren leicht gerötet, und auf den Lippen lag der tapfere Trotz, welcher zu sagen schien: Ich verlasse den Platz nicht, oder ihr begrabt mich hier. Valerius, der ihn in diesen Augenblicken sah, erschrak vor dem Anblick. Er wußte nicht, war es etwas Schwärmerisches, war es etwas Dämonisches oder gar ein Heiliges, das aus dem erregten, gespannten Antlitz schaute. Die Puritanergestalten Balfour und Cromwell mit den ehernen Fanatismuszügen kamen ihm in den Sinn; nimmer hätte er die sanften Züge Skrzyneckis dieses Ausdrucks fähig geglaubt.

Wirklich weiß man das ganze hartnäckige, todesverachtende Benehmen des Feldherrn an jenem Tage nur aus einer solchen überspannten Stimmung zu erklären. Er verteidigte die Narewbrücke mit einer solchen Berserkerwut, als ob das [208] Schicksal des Landes vom Besitz derselben abgehangen hätte. Im Rücken des polnischen Heeres erhoben sich Sandhügel, welche ihm die beste Position gewährt hätten, um den Übergang des Feindes, wenn nicht zu hindern, doch auf das blutigste und nachteiligste für diesen zu stören. Er sah aber nichts als die Brücke und den Feind auf der Brücke. Die unterlassene Schlacht gegen die Garden schien wie ein Dämon in ihm zu wüten; noch in keinem Zeitraume war die polnische Armee so zahlreich, so gewaltig gewesen als jetzt, er wollte nicht nach Warschau zurückkommen, ohne geschlagen zu haben, das Gewissen drängte ihn zu Taten, die bis jetzt verabsäumt worden waren.

Kuriere flogen nach den Truppen, welche schon nach Warschau hin abmarschiert waren; die Bataillone schritten mit gefälltem Bajonett nach der Brücke, auf welcher sich die dichten schwarzen Massen der Russen herüberwälzten. Ein Morden und Schlachten ohnegleichen begann. Die Kartätschen und Kanonenkugeln schlugen mörderisch dazwischen in den Menschenknäuel, Feind und Freund treffend. Niemand wich dem menschlichen Gegner, was in dem Defilee vor der Brücke und auf der Brücke selbst erschien, das erlag nur dem Tode. Hügel von Leichnamen versperrten den Weg; wo der Boden einen Augenblick leer wurde, da sah man ihn gepflastert mit Kugeln groß und klein. Und immer neue Scharen drängten sich zu dem Opferplatze; schauerlich einsam ragten die Generale zu Pferde aus den dunklen Massen. Sie hatten die Säbel gezogen und halfen schlachten wie die gemeinen Soldaten. Vorn, dicht an der Brücke, erblickte man den General Kaminski, den Säbel hielt er hoch in der Hand, und rückwärts sich wendend, schrie er Befehl auf Befehl; Valerius sah in geringer Entfernung nur seinen geöffneten Mund, das brüllende Getose der Schlacht ließ die donnerndste Stimme eines einzelnen nicht vernehmen. Plötzlich sank er vom Pferde und verschwand in der dunkeln [209] Masse. Wie ein Kriegsgott hoch zu Roß flog der schöne Kicki herbei und verschwand ebenfalls wie ein schimmerndes Meteor, rasende Kugeln hatten die ritterlichen Helden daniedergerissen. »Kicki ist gefallen, Kicki ist gefallen!« flog es in dem Toben von Mund zu Munde. Aber man hatte keine Zeit zur Trauer, der Tod dieses Helden erfüllte die Soldaten nur mit größerer Wut, und die Wut sieht keine Gefahren, sie ist blind. Wie rasend stürzten die nächsten Scharen auf den Feind; das Defilee vor der Brücke, in welches die Russen vorgedrungen waren, wurde wieder genommen, aber dicht wie Wolken quollen immer neue russische Massen aus der Stadt heraus, über die Toten hinwegschreitend. Das alte Reiterregiment, das Kicki früher geführt hatte, stand ohnmächtig in der Nähe des Schlachtfeldes, der enge Raum gestattete der Reiterei wenig oder gar keine Mitwirkung. Valerius sah und hörte, wie die Ulanen in Tränen und Heulen ausbrachen um ihren vergötterten Helden, um das rings mähende Unglück, und über die peinigende Qual, gefesselt stehen zu müssen, ihren alten Führer nicht rächen zu können.

Eine Pause der Erschöpfung trat vor der Brücke ein, die Russen warfen Tote und Verwundete in den Fluß, um Raum zu erhalten, von der polnischen Seite rasselte eine weitere Batterie an das Ufer herbei. General Bem führte sie, und im Nu flog ein hagelndes Feuer gegen die Brücke. Jeder Schuß traf bei der großen Nähe, und die Kartätschen wühlten sich in die Menge hinein, viele Getroffene wälzten sich unter dem Geländer in die Narew hinab.

Aber auch die russischen Batterien vom andern Ufer verdoppelten ihr gefährliches Feuer – Skrzynecki, der mit düsterem Gesicht vorn im dichtesten Kugelregen gehalten hatte, stieg vom Pferde, stellte sich an die Spitze einer Kolonne und marschierte mit ihr im Sturmschritt hinein in den Feind. Die Flintenkugeln zischten wie tausend Schlangen um ihn, [210] schlugen in seine Mütze, zerrissen ihm die Uniform, vorwärts, immer vorwärts ging es. Er nahm die durchlöcherte Mütze vom Kopfe und wies seinen Grenadieren den Punkt, wo sie angreifen sollten; ein leichter Wind hob seine dünnen dunklen Haare in die Höhe, deren Spitzen schon ergraut waren unter den Kriegssorgen. Er glich einem rüstigen Vater, der in der Verzweiflung seines Herzens die letzte Anstrengung macht, seine bedrohten Kinder zu retten. –

Die Sonne ging glühend rot unter, wenige Minuten lang glänzten zitternd ihre Strahlen über den blutgetränkten Fluß, und eine schnell hereinbrechende Dämmerung hüllte die Gegenstände ins Ungewisse. Die Anstrengungen der Russen ließen nach, das Schlachten hatte ein Ende. Die Nacht brach herein, und man hörte anfänglich das Abziehen des polnischen Heeres, das sich die traurige Ehre nicht hatte nehmen lassen, das Schlachtfeld zu behaupten. Als es immer stiller wurde, vernahm man nur das Gestöhn und Wimmern der Todeswunden. Oft drang eine herzzerschneidende Stimme aus der Tiefe eines hohen Menschenhaufens. Die Sterne schienen klar, die Luft war mild als sei nichts vorgefallen.

28
28.

Valerius lag in Warschau in seiner Wohnung danieder. In den letzten Stadien der Schlacht hatte ihm eine Kugel den Arm zerschmettert; Stanislaus' Sorgfalt hatte so viel bewirkt, daß er nicht in ein Hospital gebracht, sondern in seiner alten Wohnung aufgenommen wurde.

Es waren Wochen vergangen, die Wunde heilte langsam und schmerzhaft. Von Stanislaus hatte er erfahren, daß Konstantie auf des Onkels Landgut wohne, zwei Meilen von der Stadt; sie befinde sich sehr wohl. Das Landgut sei belebt durch zahlreiche Besuche; manche sollten der schönen Witwe auf das dringendste den Hof machen.

[211] Valerius bat seinen Freund, Konstantien zu grüßen. – »Ich werde es schwerlich ausrichten können, Wertester,« erwiderte Stanislaus, »in einer Viertelstunde muß ich Warschau verlassen in Dienstgeschäften; eh' ich wiederkehre, denk' ich, sind Sie gesund.«

Schreiben konnt' er nicht, dazu fehlte der Arm, fremde Leute gewährten ihm die nötigen Handreichungen, er wußte kein Mittel, Konstantien Nachricht zu geben, da der direkte Weg eines plumpen Boten durch die Form versperrt war. Der alte Graf schickte ihm Bücher, seine Krankenspeisen und dergleichen – aber er glaubte, versichert sein zu können, daß dieser alte Fuchs seiner Nichte kein Wort erzähle, das den jungen Deutschen beträfe.

So mußte er in der Einsamkeit harren und das Schicksal seinen Gang gehen lassen. Wir mögen noch soviel über die Worte Schicksal, Fügung, Zufall reden, immer sind wir innerlichst der Meinung, daß sie durch unser Zutun, wenn nicht geändert, so doch gelenkt werden, und unser Mißbehagen erreicht den höchsten Grad, wenn wir uns von aller Tätigkeit und Einwirkung ausgeschlossen sehen. Dann glauben wir uns dem Ärgsten preisgegeben.

So Valerius. Alles schwarzen Gedanken seiner letzten Entwicklungsjahre sammelten sich um sein Krankenlager, und als er zum ersten Male wieder ausgehen konnte, brachte er eine ganze Welt von quälenden Gedanken mit sich an die warme Sommerluft. Und die Gedanken flogen nicht mehr in Gestalt von Zweifeln um seine Seele, es waren feste, unumstößliche Vorstellungen. »Du bist eins der unglücklichsten Wesen auf der Welt,« sagte er sich, »in die Reform des Menschengeschlechts hast du dich hineingestürzt mit einem Herzen, das jeden Augenblick selbst des Trostes, der Unterstützung bedarf, das an Liebhabereien, Gewohnheiten hängt, wie das Kind an der Amme, das bei jedem neuen Schritte tausend Fragen der Rücksicht und Bedenklichkeiten aufwirft. [212] Unglücklicher Tor, wozu taugst du auf dieser Welt? Im beschränkten hergebrachten Kreise fortzuleben genügt dir nicht, um das Kleine, Unscheinbare kennen zu lernen, und dich am Ende daran zu erfreuen, fehlt es dir an Geduld und Ausdauer, und für das Große an Mut und Kraft. Deine Hoffnungen gingen zugrunde, da du dieses Volk anders fandest, als du daheim hinter dem Ofen geträumt, mit einem einseitigen Maßstabe der Bildung kamst du her, und entsetztest dich, als er nicht paßte für neue Verhältnisse. Sie haben recht, die Verfolger dieser neuerungslustigen Jugend, wenn sie uns Oberflächlichkeit vorwerfen, wenn sie sagen: Es sind junge, unreife Leute, voll Drang nach neuen Dingen, weil sie zu ungeschickt, zu träg, zu stolz sind, sich mit allen Kräften der alten zu bemeistern. Es ist ihnen zu langweilig, die bisherigen Zustände bis in ihr tiefes historisches Leben zu ergründen; die beliebten historischen Rezits, einige blendende wissenschaftliche Redensarten, die sie sich angeeignet, geben ihnen die Überzeugung tiefer geschichtlicher Einsicht. Die eigene innere Unlust, Dinge gründlich erschöpfend zu studieren, stachelt sie, alles, was da ist, abgelebt, veraltet, unvollkommen zu nennen. Einige Unvollkommenheiten, Vernachlässigungen, Mängel, die bei keinem irdischen Institute ausbleiben, dienen ihnen als Vorwand, alles für schlecht, jede Veränderung für notwendig zu erklären. In dem hohlen Revolutionslärm übertäuben sie das eigene Gewissen, das ihnen zuflüstert, wie sie die Zukunft im Grunde dem Zufall überlieferten, die Zivilisation auf eine unsichere Karte setzten, wie sie nicht die Fähigkeit besäßen, eine neue Gesellschaft zu erfinden, eine Gesellschaft mit den tausend kleinen Rädern und Walzen, deren Kenntnis das erschöpfendste, gründlichste, sorgfältigste Studium nötig macht. Solche Leute, trösten sie sich, werden sich finden, das gehört für die Maschinenmenschen, wir erfinden, wir ändern im großen, das Genie kümmert sich nicht um Hilfswissenschaften. Und diese Klasse der Revolutionärs [213] ist noch die beste, sie sucht nur dem eigenen Geständnisse der Unzulänglichkeit zu entfliehen, sie will sich selbst darüber täuschen, daß sie den schwierigen, mühseligen Weg der Kultur überspringt, sie hat noch Stunden des Zweifels, der Unsicherheit, und sie wird noch von der anderen, schlimmeren Hälfte vorgeschoben, die nichts will als rauben und stehlen im großen und kleinen. Diese letztere lebt in unbehaglichen Zuständen, sie ist zu träge oder zu ungeschickt, sie in bessere umzugestalten – jede allgemeine Änderung ist ihr willkommen. Je gewaltsamer, je größer, desto besser. Da öffnen sich Chancen, die außer dem Laufe des Herkömmlichen liegen, da gibt es allerlei Beute, die nicht mühsam lange vorbereitet zu werden braucht. Diese Stegreifritter des Wissens, des Herzens und schneller Hände, diese bilden die sogenannte revolutionäre Jugend.«

Wenn die Leute dennoch recht hätten! Er stand an einer Straßenecke still. »Es ist freilich ein Räsonnement des Theaters,« sprach er weiter, »ebenso oberflächlich, wie das, was sie oberflächlich nennen, ebenso einseitig, eine schnelle Antwort für den schnellen Frager, der die Bühne verlassen muß, weil man zur Verwandlung geklingelt hat. Aber wie sieht es aus in mir? Muß nicht ein jedes Individuum seine ganze Partei vertreten, muß es nicht all seine Verhältnisse, Stimmungen und Wünsche fortwährend den Forderungen der Welt, der Bildung gegenüberstellen, um zu prüfen, ob die neue Generation auf richtigem Wege sei? Ist es bloß persönliches Ungeschick, daß nichts in mir und um mich passen will, bin ich ein falscher Ausdruck unserer Jugend? Gehetzt lauf' ich durch die Tage hin, alles entwickelt sich mir zu langsam, überall finde ich Hindernisse, nur der Rausch, wie meine Liebe für Konstantien zu sein scheint, hält mich eine Zeitlang aufrecht, einsames Krankenlager wirft mich wieder in das Chaos zurück – kann das der rechte Weg sein?«

»Vorgesehen!« riefen plötzlich zwei Stimmen neben ihm. [214] Eine Tragbahre streifte an dem Träumer hin; sein Auge fiel auf einen Kranken, der ausgestreckt auf derselben lag. Entsetzt wendete er den Blick hinweg. Es war ein aufgeschwollenes, todblasses Frauengesicht, dessen vortretende Augen ihn mit einem gespenstischen Todesblicke anstarrten.

Jetzt fiel ihm ein, daß seine Krankenpfleger erzählt hatten, seit der Schlacht bei Iganie sei die Cholera unter den Polen zum Vorschein gekommen, das Pahlensche Korps habe sie aus Beßarabien mitgebracht, und jetzt wüte sie in Warschau. Die Träger hatten jenes kranke Weib niedergesetzt und reichten einander die Schnapsflasche, um sich für den weiteren Weg zu stärken. Dabei lachten sie, und auf die Kranke deutend, meinte der eine: »Sie geht aufs letzte Stadium los, wie der Doktor zu sagen pflegt, frisch Kamerad, daß wir sie noch lebendig ins Hospital bringen.«

Valerius schauderte, aber er konnte sich nicht enthalten, noch einen Blick auf das Weib zu werfen. Mit Entsetzen glaubte er zu bemerken, wie sich die schwarzen Todesschatten der Pest immer dichter um Augen und Schläfe legten, mit Entsetzen erkannte er in den verzerrten Zügen das Antlitz Ludmillas.

Auch sie schien sich eines Bekannten in ihm zu erinnern – bekanntlich bleiben die von dieser Pest Befallenen ihrer vollen Verstandeskräfte mächtig. Vielleicht wußte sie auch weiter nichts, als daß sie das Gesicht des jungen Mannes schon einmal gesehen hatte, und in dieser Todesverlassenheit, in den Händen stockfremder, roher Gesellen mochte ihr das schon Aufmunterung sein, irgend eine Hilfe anzusprechen. Kurz, sie arbeitete sichtbar mit den Händen unter der wollenen Decke und streckte endlich einen kreideweißen Arm heraus nach Valerius hin. Der hintere Träger, welcher mit seinem Gefährten eben die Last wieder aufheben wollte, sprang fluchend herbei und drückte den Arm wieder zurück. Valerius aber, vom krampfhaften Mitleide durchdrungen, [215] versprach den stier auf ihn blickenden Augen, er werde mitgehen.

Je näher sie dem Hospital kamen, um so größer wurde die Anzahl der Tragbahren, welche herbeigeschafft wurden. Aus allen Gäßchen kamen welche, und im Hofe des Krankenhauses stockte der Zug, weil die Vorderen nicht so schnell ihrer Last entledigt werden konnten, als die Hinteren nachdrängten. Da stand denn der ohnedies schon geistes- und körperkranke Deutsche, entsetzt von dem schrecklichen Anblicke der Verpesteten, welche sich zum Teil in der Todesangst aus den Bahren herauszuarbeiten trachteten, betäubt von dem wüsten Lärm der Träger, die sich schreiend zutranken, rohe Scherze zuriefen, ihre unruhigen Schützlinge unter die Decken drückten und das Ganze mit nicht mehr und nicht weniger Teilnahme behandelten, als trügen sie Kulissen und Garderobe für ein Schauspiel zusammen. Zu einer Seitentür des Gebäudes sah er einen Leichnam nach dem andern heraustragen und kopfüber in eine ungeheure Grube stürzen – wenn ein unglücklicher Kranker sich einen Augenblick aufrichten konnte, so sah er, was seiner wahrscheinlich in wenig Stunden harrte. Man machte für ihn Platz, und bald gab er denen Raum, die nach ihm kamen. Der Anblick eines Schlachtfeldes dünkte Valerius Erholung neben dieser Szene. Man könnte sagen, dort sieht der Tod und das Leiden gesund aus, und in dem Schmerzensgeschrei der Verwundeten bekundet sich noch eine Lebenskraft. Hier sah man nichts als faulen Tod, die betroffenen Opfer schwiegen größtenteils, nur aus den verzerrten, zu Schmerz versteinerten Gesichtern sprach die unendliche Qual. Und wenn man ein Wimmern hörte, so klang es so übermenschlich schmerzhaft, so unnatürlich jammervoll, als käme es aus einer fremden, in lauter Elend wogenden Welt, aus einer qualvollen Hölle.

Valerius schauderte im Innersten. So entsetzlich war ihm das Menschenleben noch nie erschienen, und gefoltert von [216] den Fragen der Gesellschaft, umgeben von dem Elende des Körpers, war er wohl zu entschuldigen, wenn er einen Augenblick dem Gedanken Raum gab: wozu das ganze Dasein dieser Art? So sehr ihm sonst die Verzweiflungshelden zuwider waren, die überall Zorn und Klagen gegen die Weltordnung ausstoßen, in diesen Augenblicken wußte er keinen Tadel gegen sie.

Beim Drängen am Eingange wurde eine Bahre umgestürzt; der Kranke fiel auf das Pflaster mit dem Gesicht nach unten. Ohne nachzusehen, was ihm begegnet sein könne, warfen ihn die Träger wieder auf sein Lager, und fort ging es, die Treppe hinauf. Der Begriff eines Menschen hört in solchen Zeiten auf, es gibt nur Gegenstände, deren man sich so schnell und so gut entledigt, als es eben gehen will.

Er kam endlich mit seiner armen Leidenden in den großen Saal des Krankenhauses. Es war kein Platz, und er mußte sich durch Geld die Aufmerksamkeit und Teilnahme eines Wärters erkaufen, um Ludmillen unterzubringen.

»Ich glaube, der Alte wird fertig sein,« sagte dieser murmelnd vor sich hin, und schritt nach einem Winkel des weiten Gemachs. Valerius sah, wie er einen greisen Kopf in die Höhe richtete, die verworrenen grauen Haare hingen struppig bis über die weit offenen, gläsern herausstarrenden Augen. Das magere, knochige Gesicht war mit einer bräunlichen, grauenhaften Pestfarbe überzogen, der Schaum lag in einzelnen Tropfen auf den zusammengekniffenen, blauschwarzen Lippen.

»Ja,« sagte der Wärter, indem er sein Ohr einen Augenblick an die Nase des entstellten Kopfes geneigt hatte, »der ist reif. – Heda, ihr faulen Schlingel, ihr werdet die Pest nicht versaufen mit eurem Branntwein; gebt einmal die Flasche her, na, der alte Krukowiecki und die Cholera sollen leben, macht hier Platz mit dem Alten, 's hat ihn lang genug gewürgt, andere ehrliche Leute wollen auch dran, sputet euch, bis ihr 'nunter kommt, ist er kalt.«

[217] Diese Anrede galt ein Paar rotbackigen Burschen, welche das Geschäft der Totengräber versahen. Sie warfen den Alten auf ein paar zusammengenagelte Bretter und traten die letzte Reise mit ihm an. Ludmilla kam an seine Stelle. Ängstlich blickte Valerius über den weiten Saal, sein Auge suchte einen Arzt. Bett an Bett stand auf beiden Seiten, hier und da hob sich ein dem Tode verfallener Schmerzenskopf. –

»Ich will Ihnen den kleinen deutschen Doktor bringen,« sagte der Wärter, »der versteht's am besten; wenigstens dauert's immer nicht lange: entweder 's hilft so, oder 's hilft so, aber wirken tut's immer. Man weiß doch immer bald, wie man dran ist – da kommt er just den Gang herauf, sehen Sie nur wie er hopst, munter ist er immer, als wenn er 'n Franzose wäre.«

Valerius eilte ihm entgegen. Zu seinem größten Erstaunen erkannte er Leopold. Dieser umarmte ihn stürmisch und hatte so viel tausend Fragen, und war so heiter und glücklich, als wenn er seinen alten Freund auf einem Balle wiedergefunden hätte. Soviel man sehen konnte, ganz der alte Leopold, wie er auf Grünschloß gewesen war.

Sein ernsterer Landsmann führte ihn aber ohne Verweilen an Ludmillens Lager und sprach: »Hilf, wenn du kannst.«

Leopold griff nach dem Pulse und entblößte dabei wieder den Arm der Kranken. – »Schöne Formen, schöne Formen!« sagte er lächelnd zu Valerius. Die Kranke richtete die starren Augen auf den Arzt, als er die Hand auf ihre heiße, trockene Stirn legte; man glaubte, Schwerter darin zu sehen, die um das Leben fechten wollten. – »Hilfe!« dies einzige, erste Wort rang sich von den blassen Lippen.

Valerius fühlte sich aufs schmerzlichste gepeinigt.

Der junge Arzt öffnete der Leidenden eine Ader und wendete alle die unsicheren Mittel an, welche damals gegen [218] diese unergründete Pest gebräuchlich waren. Dabei verfuhr er mit so großer Zuversicht und Sicherheit, das gespannte, krampfhafte Wesen der Krankheit schien wirklich in etwas nachzulassen, so daß Valerius einige Beruhigung schöpfte. Er fragte Ludmillen, ob er noch irgend etwas für sie tun könne, ob er Kasimir suchen solle – sie schüttelte heftig den Kopf und machte eine sanfte Bewegung mit der Hand, als wolle sie ihn nicht länger zurückhalten. Er versprach, mit dem Arzte bald wiederzukommen, und verließ am Arme Leopolds den Saal. Nachdem er ihm über seine bisherigen Schicksale, den verwundeten Arm und die schöne Kranke den nötigen Aufschluß gegeben hatte, überschüttete ihn dieser mit Erzählung der eigenen Schicksale. Denn nur die Neugier war einen Augenblick größer gewesen als seine Geschwätzigkeit. Valerius unterbrach ihn jedoch noch einmal mit der dringenden und ernsten Frage, ob er sich auf die gegen Ludmillens Krankheit getroffenen Maßregeln verlassen könne, ob Leopold sichere Einsicht in diese Krankheitsverhältnisse besitze, ob man nicht vielleicht noch einen älteren Arzt zu Rate ziehen möchte? Aber der Kleine unterbrach ihn lächelnd. Es war noch jenes alte artige Gelächter, worin so viel Kindlichkeit, gutmütiges Wesen und Bonhomie lag, daß es niemand übelnehmen konnte.

»Du bist noch derselbe gewissenhafte Kauz,« sprach er unter diesem Lachen, »der die Medizin in Ordnung und Notwendigkeit eingesperrt wissen will wie die Logik. Die Welt mag ein Exempel sein, aber wir haben keinen Rechnenknecht dazu und können's nicht lösen, drum ist es wohl besser, sie für eine große Poesie zu halten, deren Prinzipien uns unbekannt sind, und die wir ohne Prüfung genießen sollen, so gut wir eben können. Sieh, das ist am Ende in wenig Worten die Ausbeute meines Lebens, seit ich dich nicht gesehen habe. Oder richtiger: ich bilde mir's diesen Augenblick ein, solch eine Ausbeute gewonnen zu haben, denn ich muß [219] dir ehrlich gestehen, ich hab' eigentlich nichts gelernt in der sogenannten Lebensphilosophie, was man so lernen nennt. Das heißt, ich bin noch immer zu keinen Prinzipien gekommen, und als ich neulich William begegnete, da sagte er nach der ersten Viertelstunde, ich wäre noch immer der alte Taugenichts, der zwecklos und somit tugendlos in die Welt hineinlebte. Gott weiß, ob er recht hat, aber ich kann nicht anders, wenn ich nicht alle Freude aufgeben soll, und das wäre am Ende doch auch sündlich, da die ganze Welt voll Freude ist, und es sie mißbrauchen hieße, wollte man ihre Hauptsache von der Hand weisen. Du bist immer gut gegen mich gewesen, du wirst mich deshalb nicht so hart angehen, und deinen Belehrungen will ich immer Folge leisten, o, ich freue mich über alles, dich alten, lieben Valerius wiedergefunden zu haben; es war mir oft ängstlich, so ohne meinen guten Schulmeister leben zu müssen. Du weißt zwar, daß ich leicht und bequem mit den Menschen verkehre, daß ich mir alle Tage einen guten Freund erwerben kann, aber es ist doch keiner wie du, nein, wirklich, wenn du auch lachst, keiner wie du. Dein Ernst ist sanft, und wenn du lachst, dann weiß ich gewiß, es ist alles in Ordnung, und ich darf tüchtig mitlachen, ich fühle mich so sicher in deiner Nähe! Und wenn die Leute sagen, ich sei leichtsinnig, du aber weißt, was ich treibe, und nicht eben darüber schiltst, dann kümmert mich das Gerede der Leute nicht. Nun höre, was ich getrieben habe. Aber laß uns hier bei Lessel eintreten, du mußt etwas genießen, damit dir der Choleraschreck nicht schadet – ja, apropos, ich bin davon abgekommen, dir von der Cholera und unserer Heilung derselben zu sprechen. Du weißt, ich bin in allen Dingen für die Poesie dieser Dinge, und weniger für ihre strenge, ausgerechnete Wissenschaft. Du glaubst nicht, wieviel bloße Poesie in unserer Heilkunst steckt. Darum lieb' ich sie. Wie jeder Mensch seine individuelle Dichtung in sich trägt, so jeder Arzt seine eigene Medizin. Der menschliche [220] Leib ist uns der Kosmos, das verkleinerte All, ihm gelten unsere Sonette und Kanzonen: das sind die künstlichen aus Tausenderlei zusammengesetzten Rezepte, in welchen unsere Gelehrsamkeit brilliert; die vielfältigen, meist unschuldigen Stoffe paralysieren sich gegenseitig, das Resultat des Sonettenrezepts ist bloß unser Ruhm. Ihm gelten ferner unsere Epen und Romane; sie sind das Fundament des ärztlichen Lebens, sie bringen die stehende Beschäftigung, das stehende Einkommen: das sind die sogenannten großen und langen Kuren. Die Krankheit nämlich ist unser Dichtungsmotiv, das bilden wir aus nach allen Seiten, wir betrachten, wir dehnen es rechts, wir dehnen es links, und je mehr Jahre darüber hingehen, desto reifer wird das Kunstprodukt – ein schlechter Arzt, der nicht einige Scottsche Romane unter seinen Kuren aufzuweisen hat. Er bereitet sich den Roman in der Vorrede aus unscheinbaren Materialien, das heißt: er begegnet dem Patienten in spe auf einem Spaziergange und unterhält sich mit ihm über Krankheitsmöglichkeiten, später beruht seine Kunst darin, die Parteien des Stoffs in feindliche Berührung miteinander zu bringen, das gibt die Spannung, und nun kommen die epischen Rezepte. Epische Rezepte stammen gewöhnlich aus den Kolonien, aus den Äquatorgegenden, wo die Sonne brünstig auf der Erde ruht und die fabelhaften Gewächse gedeihen, die den besten nordischen Magen in zehn Minuten außer Vernunft setzen können. Zwei, drei solche Rezepte, in denen etwa der spanische Pfeffer die Rolle der pikanten Figur des Romans spielt, zwei, drei solche Rezepte, Freundchen, bringen den Roman auf die Höhe des Interesses. Nun ist die Gefahr da. Held, Verwandte, Freunde, Zuschauer sind jetzt hinlänglich beschäftigt, nun läßt der Arzt dem Stoffe seinen Lauf, er ist bereits unentbehrlich geworden, wie der Romanschreiber in der Mitte des zweiten Teils, es kommen einige Ausfüllrezepte, sanft lyrische Akkorde, welche den allzu schnellen, wilden Verlauf ein wenig mäßigen, [221] und man nähert sich langsam dem Schlusse. Hier kommt es nun wie beim Romantiker darauf an, ob sich die zu Anfang und bei der Hauptschürzung gebrauchten Stoffe und Motive nicht gegeneinandergestellt haben, ob eine Versöhnung möglich ist. In diesem Falle schließt das Ganze mit gelinden Stärkungen, kleinen nützlichen Sprüchen, die man in der Ästhetik Gnomen nennt, und die sich am Ende in medizinische Diätsregeln auflösen. Der Kranke geht zum ersten Male wieder aus, wenn er auch etwas bleich ist und den Stock braucht. Hierbei öffnet man nur noch die Perspektive, der Roman ist zu Ende, und die Mitspieler rufen wie in den alten Komödien des Plautus und Terenz: Plaudite omnes, das heißt: Bezahlt und preist den Arzt, den Künstler aufs beste. Sind jene Stoffe und Motive aber unversöhnlich, nun, dann schließt die Sache mit dem tragischen Chor der Griechen, und das poetische Interesse ist um so größer, der Held ist dem Fatum erlegen. Honorar und Beifall sind ebenso groß. Was nun aber die Cholera betrifft, um wieder auf besagten Hammel zu kommen, denn ich sehe, du wirst ungeduldig, so behandeln wir selbige epigrammatisch. Ein glücklicher Augenblick, ein glückliches Wort, ein ungewöhnlicher, plötzlicher genialer Versuch des Arztes – das gibt dem Dichter das Epigramm, dem Arzte das Mittel gegen die Cholera. Das Epigramm heilt selten, wie du weißt, aber es trifft den empfindlichen Punkt; Leben und Tod steht in Gottes Hand, sagen wir; das schnelle Ende ist ebenfalls ein Zeichen, daß wir auf rechtem Wege waren, es ist Schickung, daß die Natur gerade den negativen Pol und nicht den positiven Pol berührt hat. Diese epigrammatische Behandlung ist ebenfalls sehr künstlerisch, schon Goethe sagt im Faust:


Wir sind gewohnt,

Daß die Menschen verhöhnen,

Was sie nicht verstehen. –


Der Mediziner ist der Faust der Materie. Er verschreibt [222] sich dem Teufel, um das Wesen der Natur zu ergründen. Der Teufel besteht nämlich in den verborgenen Kräften derselben.

Uff, setz dich hierher, altes Brüderchen, laß mich ausreden, es gibt sonst ein Unglück, ich fühle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge. Wenn ich dir den jetzigen Zustand unserer Medizin schildern sollte, – denn das müßte ich, um dir unsere Behandlung der Cholera darzutun – so wäre eine Darstellung der ganzen Kulturgeschichte notwendig. Erschrick nicht, ich begnüge mich mit einigen Strichen, die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen. Die Medizin ist immer abhängig von dem Zustande der laufenden Bildung, so wie es denn nach deinen eigenen Worten keine vereinzelte Erkenntnis gibt. Alles hängt an dünnen, oft kaum sichtbaren Fäden zusammen. Die Philosophie lernt von der Naturkunde, die Naturkunde von der Philosophie, und die Medizin ist ein Dekokt aus beiden. Die Geschichte der Medizin läßt sich am tiefsten aus einer Geschichte der Philosophie studieren, – aber die Cholera ist gekommen, alle entdeckten Gesetze sind an ihr gescheitert, Hegel persönlich ist von ihr weggerafft worden, die Wissenschaft steht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange. Diese Cholera ist eine vollkommen neue Manifestation der Welt, es muß erst wieder eine neue Poesie kommen, um sich ihrer zu bemächtigen, damit einer neuen Wissenschaft die Augen geöffnet werden. Die Sprache dieser Pest ist unserer Gelehrsamkeit unverständlich, sie paßt in keines unserer Wörterbücher, das Glück und das Genie schnappt hier und da ein Wort auf und rettet einen Menschen, aber an Gesetze dieses neuen Idioms ist nicht zu denken, wir warten wie die Juden auf den Cholera-Messias.«

»Du bist ein systematischer Narr,« erwiderte Valerius auf die lange Provokation, »aber der Schluß ist mir zu ernsthaft, um über deinen Gallimathias zu lachen, ich muß einen andern Arzt für Ludmillen suchen.«

[223] »Ich schwöre dir's, Freund, der Klügste wie der Dümmste ist vor dieser Krankheit gleich klug; sie ist das neue Welträtsel, und das wird nicht in acht Tagen gelöst; das Mädchen ließ sich gut an, du mußt es dem Zufall überlassen – die Cholera ist ein Spott der Gottheit über das absolute Wissen der Menschen, sie wird den Pietismus befördern und die Unverschämtheit zügeln, trink, lieber Valerius, trink, du bist noch ganz blaß.«

Valerius trieb den kleinen Schwätzer nach dem Lazarett, das Schicksal Ludmillens beängstigte ihn um so mehr, da er die Unzulänglichkeit der Medizin gegen die Krankheit schildern hörte. Er selbst wollte unterdes bei Stanislaus' Vater eine Visite machen, und um jeden Preis Konstantien Nachricht zu geben suchen. In Lessels Konditorei, die sie eben verließen, wollten sich die Freunde nach ungefährem Verlauf einer Stunde wiederfinden.

Valerius war sehr gespannt, wie er den alten Grafen treffen würde. Das Schicksal des Landes hatte sich gewaltig umgestaltet, halbe Maßregeln schienen mehr als je verderblich. Nach der Schlacht von Ostrolenka war Skrzynecki ohne Aufenthalt nach Warschau gefahren, um der erste Bote zu sein, den Reichstag auf das günstigste vom Zustande der Dinge zu unterrichten, die Nachteile der Schlacht soviel als möglich zu verdecken. Es war ihm auch gelungen; der Tag von Ostrolenka konnte ihn den Oberbefehl kosten, aber der Reichstag und die Regierung bezeigten ihm ein ungeändertes Vertrauen und ließen das Schicksal des Krieges mit den ermunterndsten Ausdrücken in seinen Händen.

Der alte General Malachowski sammelte die Trümmer der auseinandergerissenen Armee, die versprengten Truppen fanden sich aus eigenem Antriebe wieder zusammen, Diebitsch verfolgte seine etwaigen Vorteile nicht weiter, da sein Truppenverlust noch größer gewesen war als der des polnischen Heeres. Er rückte nach der Weichsel hin und schien die [224] Verhältnisse abwarten zu wollen, ob sich ein Übergang bewerkstelligen ließe. Bei Beurteilung dieses Mannes, soweit diese die militärische Seite des polnischen Krieges betrifft, muß der Historiker sehr vorsichtig verfahren, und die geringen Erfolge des Feldzugs nicht ohne weiteres dem Ungeschick des Anführers zuschreiben. Bei einem genauen Blicke ins russische Lager stellen sich vielerlei verwickelte, lähmende Zustände dar: das russische Nationalinteresse ist keineswegs so indifferent, daß es ihm vollkommen gleichgültig wäre, unter einem Ausländer zu fechten. Eifersüchteleien der Art, nachlässig ausgeführte Befehle von seiten der russischen Generale kommen in Fülle vor. Zu Petersburg hatte man keinen Maßstab für die moralische Kraft eines auf den Tod kämpfenden Volkes, man schrieb es dem mangelhaften Eifer oder der unzulänglichen Geschicklichkeit des Heerführers zu, daß die Insurrektion nicht gedämpft werden könne, man schickte Paskiewitsch, um Diebitsch zu unterstützen. Dieser konnte in solcher Maßregel nicht wohl etwas anderes als seine halbe Absetzung erblicken, der Übergang über die Weichsel war äußerst bedenklich, weil man dadurch die Kommunikation mit Rußland völlig verlieren konnte, die Cholera wütete im Heere, und so sah man Diebitsch von allen Seiten gelähmt, niedergeschlagen in seinem Lager sitzen. Da ergriff ihn die Cholera selbst und raffte ihn hinweg. Paskiewitsch, der bald darauf eingetroffen war, hatte mit plumper Zuversicht das Heer ohne weiteres über den Fluß geführt, Skrzynecki hatte nicht das mindeste dagegen getan, sogar all die kleinen Vorteile verschmäht, die bei solch einem Kriegsereignisse zu erringen sind, auch wenn der Übergang selbst nicht gewehrt werden kann. Die Russen rückten nun auf dem linken Weichselufer gegen Warschau heran, und die polnische Armee wich von Position auf Position zurück.

So standen die Sachen, als Valerius seit langer Zeit zum ersten Male wieder das Palais des Grafen betrat. Der [225] Herr des Hauses war schon am frühen Morgen aufs Landgut hinausgefahren. Das war dem Deutschen eigentlich erwünscht, denn es gewährte ihm die beste Gelegenheit, auf dem Landgute selbst zu erscheinen. So hoffte er, auf das bequemste wieder in Konstantiens Nähe zu gelangen. Als er eilig aus der Tür des Palastes trat, rannte ein hastig Vorübereilender gegen ihn und stieß ihn schmerzlich an den wunden Arm, welchen er in der Binde trug. Der heftige Schmerz preßte ihm einige harte Worte aus, der Vorüberstürmende blickte sich heftig um – es war das wilde Gesicht Slodczeks, das dem Verletzten trotzig in das Auge blickte.

Leopold war noch nicht in der Konditorei, als Valerius dort ankam. Er las Journale, um sich über die Stimmung des Volks zu unterrichten, da in seine Krankenstube nur Einzelnes, Unvollständiges gedrungen war. Überall fand er die heftigste Entrüstung gegen Skrzynecki und die Untätigkeit des Heeres, überall fanatisches Lob des alten Krukowiecki, der als Gouverneur von Warschau eine rastlose, energische Tätigkeit entwickelte.

Ein Geräusch auf der Straße zog ihn vom Lesen ans Fenster. Ein hoher Offizier ritt langsam daher, die Leute, welche sich eben auf dem Wege befanden, waren überall stehen geblieben, schwenkten die Hüte und Mützen und riefen laut. Valerius öffnete das Fenster, um die Worte zu verstehen – »in die Schlacht, in die Schlacht, Vater,« waren die ersten Worte, welche er vernahm. Mit Staunen erkannte er in dem vorüberreitenden Offizier jenen alten graubärtigen Mann wieder, welchen er auf dem Balle beim Grafen Kicki gesehen, den Stanislaus mit soviel Aufmerksamkeit und Teilnahme die Treppe hinab begleitet hatte. Seine harten, finstern Züge waren in diesem Augenblicke durch eine gleißende Freundlichkeit geglättet, das schnelle, graue Auge flog wie ein spielender Raubvogel links und rechts unter die [226] immer größer werdende Menge. »Hilf, Krukowiecki, Vater Krukowiecki hilf uns!« rief man von allen Seiten. Zu seinem Erstaunen sah Valerius seinen kleinen Mediziner mitten unter den Schreiern, er schwenkte sein weißes Hütchen, und mit dem ihm eigentümlichen Lächeln, das halb gutmütig halb ironisch, immer aber einnehmend aussah, schrie er tapfer mit: »Hilf, Krukowiecki, Vater Krukowiecki, hilf uns!«

Der Angerufene sprach etwas zum Volke, er war aber schon zu weit entfernt, als daß man es am Fenster der Konditorei hätte verstehen können. Jubel und Vivatrufen des Volkes kam hinterdrein.

»Das also ist Krukowiecki!« sagte der Deutsche vor sich hin, »ein unheimlicher Mann des Volkes für mich, ich weiß selbst nicht warum – was fällt denn dir ein, du unverbesserlicher Narr,« rief er dem eintretenden Leopold zu, »mit dem Volke zu schreien, was hast du denn für ein Interesse an Krukowiecki?«

»Ich lache und rufe,« erwiderte dieser, »mit allen aufgeweckten Leuten, 's ist immer etwas Munteres und Belebendes für mich darin, wenn die Menge jemand zujauchzt, etwas verlangt; die Äußerung ist so natürlich, man vergißt einen Augenblick unser künstliches Staatsleben – und dieser Krukowiecki hat ein so interessantes Gesicht, ich sage dir, Freundchen, in diesem Gesicht liegt ein ganzes Stück Weltgeschichte.« –

»Wenn's nur ein gutes ist.« –

»Ja, das ist die Frage. Du weißt, ich habe solch einen gewissen physiognomischen Instinkt: dies eckige, starre Gesicht, dieser brutal heroische Kopf, der sich in den Nacken zurückwirft, bedeutet etwas Wichtiges.« –

»Was macht die Kranke?«

»Nichts, mein Lieber, gar nichts.« –

»Sie ist doch nicht –«

»Nein, sie ist nicht mehr, das heißt, sie ist dem Geheimnis [227] der modernsten Philosophie, der ostindischen Pest verfallen, in populärer Sprache: sie ist tot – keine Vorwürfe, Lieber, die besten Ärzte haben sich mit ihr beschäftigt nach unserem Weggange, sie haben alle Systeme probiert und der Cholera tapfer beigestanden – wir wandeln hier in einem dunkeln Tale, das neue große Geheimnis, das aus Kalkutta gekommen ist, lehrt uns wieder, daß wir nicht wissen, in welchen Atomen das Leben besteht. Wenn wir erst etwas Lebendiges erschaffen lernen, etwas, das Puls und Odem von uns empfängt, dann wollen wir der Medizin die Anmaßungen vergeben.« –

»Kasimir!« rief Valerius, aus einem traurigen Nachsinnen auffahrend – der junge Wolhynier trat nämlich eben ins Zimmer – »wissen Sie, wo Ludmilla ist?«

Kasimir zog die Stirn zusammen.

»Im Grabe ist sie.«

»Was?«

Und nun folgte rasch die Erzählung. Der Wolhynier schwieg noch eine Weile, als sie beendigt war. Dann ergriff er rasch Valerius' Hand: »Sie werden mich verdammen, Herr, und Sie haben vielleicht nicht unrecht. Ludmilla kam aus den dreisten Händen des Russen in die meinen, sie hatte keine Schuld – aber – mit meiner Liebe war es aus, ich verließ sie – zu was anderem, Wichtigerem, aber hier ist nicht der Ort, vermeiden Sie überhaupt in diesen Tagen dies Haus.« –

Valerius überhörte die letzten Worte, sagte Leopold Adieu, unterrichtete ihn, wo er zu finden sei, und ging mit Kasimir.

»Wir sind bei einer bedenklichen Krise angekommen,« hub dieser mit leiser Stimme an, als sie auf der Straße waren, »haben Sie vorhin Krukowiecki durch die Straßen reiten sehen? Ich fürchte, ich fürchte, mit diesem Streicheln der Menge pflegt er nicht nur seine Eitelkeit, sondern bereitet [228] seinen stolzesten Plänen ein Fest. Ich glaube, es muß etwas von unserer Seite geschehen, ich spreche offen und rückhaltslos zu Ihnen. Alles ist bei der Armee, was dem Treiben Krukowieckis entgegenarbeiten könnte, mich führt ein zufälliger Auftrag nach Warschau, ich habe in diesem Augenblicke niemand, dem ich meine lebhafte Besorgnis mitteilen könnte, ich glaube, Ihr Herz und Ihre Ansichten zu kennen, bieten Sie mir die Hand, vielleicht können wir mancherlei abwenden.«

Valerius gestand, daß er jetzt völlig außer genauer Kenntnis der Verhältnisse sei, er wisse nicht, worauf dieser Eingang hinausgehen solle.

»Sie sind ein Demokrat,« fuhr Kasimir fort, »ich bin es auch – glauben Sie nicht, daß ich Mißbrauch mit diesem Worte treibe. Ich habe es Ihnen angemerkt, daß Sie viele Täuschungen der Art in unserem Lande erfahren haben, geben Sie uns deshalb nicht auf, Sie finden Repräsentanten für alles unter uns. Eine allgemeine, gleichartige Ausbildung wurde durch die Herrschaft der Fremden unmöglich gemacht; es ist nicht zu verwundern, wenn sich die verschiedensten Richtungen unter uns finden. Mein schweizerischer Lehrer hat mich die größte Unbefangenheit in Rücksicht auf Parteien und Zustände gelehrt, vergeben Sie's, wenn Sie hier und da einen Rest nationalen Leichtsinns an mir entdecken, ich bin jung, und es ist gar schwer, das Temperament, die Atmosphäre jedes Landes nach den Forderungen, selbst nach den eigenen Forderungen der Bildung zu fügen. Man kann im Grunde nicht mehr verlangen, als daß ein jeder den lebendigen Willen dazu habe, und, glauben Sie mir, den habe ich. Vielleicht gestehen Sie mir später zu, daß ich unbefangener bin als Stanislaus; denn ich habe es wohl bemerkt, wie Sie mißtrauisch auf ihn blicken, obwohl er zu unsern kultiviertesten jungen Edelleuten gehört. Sie werden nicht leicht ein Land finden, wo die Bildung so eifrig anerkannt [229] und geschätzt wird, als Polen, vergeben Sie uns bei der Beurteilung auf einen Augenblick die nationalen Leidenschaften, welche dem Fortschritte so vielfach hindernd in den Weg treten.

Und nun näher zur Sache! Wir mögen noch so eifrige Volksfreunde sein, nimmer können wir es für wünschenswert halten, das Regiment unmittelbar in den tausend Händen der Menge zu sehen. Und ich fürchte, darauf geht es hinaus. Ich setze nicht den entferntesten Zweifel in den unbegrenzten Patriotismus Krukowieckis, aber ich bin dennoch überzeugt, er bietet in diesem Augenblicke nur alles auf, um Skrzynecki zu stürzen, selbst mächtiger, gewaltiger zu werden. Solange ich in Warschau bin, beobachte ich diesen Mann, er ist von glühenden Leidenschaften getrieben, man sollte also meinen, er könne sich nicht verbergen, und dennoch darf ich nicht sagen: Ich kenne ihn. Die jedesmal hervortretende Leidenschaft scheint im Augenblicke ihrer Tätigkeit die allein herrschende seines Wesens zu sein, die Größe der Affekte verbirgt den eigentlichen Charakter des Mannes mehr, als sie ihn enthüllt. Nie aber habe ich diese Sättigung in seinen Zügen gesehen wie heute. Irgend ein drohender Streich muß bereits ausgehoben sein. Warschau ist in der bedenklichsten Aufregung; das konnte nur einem entgehen, der wie Sie zum ersten Male seit vielen Wochen aus der Krankenstube tritt. Die Entrüstung ist allgemein, daß Skrzynecki fortwährend ohne Widerstand dem Feinde weicht; die Entrüstung ist gerecht, ich teile sie vollkommen; aber ein Aufstand, wie er in diesen Straßen droht, ist nicht das Mittel. Unordnung erzeugt keine Vorteile. Wie es nun immer zu gehen pflegt bei Völkern, die lange unter grausamem Drucke schmachten, alles Unerwünschte bildet sich in Gemütern zunächst in Mißtrauen, in Verdacht aus. Wo der Fortgang zögert, da fürchtet man russischen Einfluß. Das ist das Entsetzlichste unserer Sklaverei, daß sie alles gesunde Vertrauen in die [230] bewährtesten Patrioten tötet. Ein Teil dieses Unglücks kommt mit jeder Sklaverei, aber das förmliche System der russischen Bestechung, wie es von der Katharina angefangen hat, ist schlimmer als alles, was anderswo derartiges ein Volk gelähmt hat. Nun hat sich mancherlei zusammengefunden, den Verdacht des Volkes zu steigern; das Benehmen der Generale Jankowski und Bukowski, welche damals Turno im Stiche ließen, als ein russisches Armeekorps mit Leichtigkeit vernichtet werden konnte, war höchst auffallend und beunruhigend. Diese und andere sitzen noch in Warschau, es erfolgt kein Urteilsspruch, das Volk glaubt Leute protegiert, in denen es die abscheulichsten Verräter des Vaterlandes sieht. Der Feind rückt täglich der Hauptstadt näher, eine kräftige, glühende Armee tut keinen Schwertstreich, Warschau ist in den Händen dessen, welcher ein leidenschaftlicher Gegner des Generalissimus ist – zweifeln Sie noch, daß wir bei diesen bedrohlichen Elementen täglich einen gefährlichen Ausbruch des Volksunwillens zu fürchten haben?

Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe, ich bin ein eifriger Besucher der patriotischen Klubs und kenne die Stimmung. Wenn ich auch das wilde, ungeordnete Drängen unserer Demagogen gar nicht billige, so muß ich doch den Ursprüngen ihrer Meinung recht geben. Lassen wir die Frage ungelöst, ob es ratsam war oder nicht, den Bauer plötzlich und ganz von aller Hörigkeit zu befreien; die Sache, einmal in Anregung gebracht, von der allgemeinen Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, mußte ein genügenderes Resultat geben, als sie gab. Die demokratische Jugend hat die Revolution geschaffen, sie ist groß, groß an Anzahl, der Kern des Heeres, ihre Meinung ist weit und tief verzweigt in die Nation, sie konnte mit Recht einen Anteil an der neuen Regierung verlangen. Sie hat sich ihn ertrotzen müssen von der aristokratischen Partei, und die späte Aufnahme Lelevels in die Regierung hat sie belehrt, daß von [231] dem guten Willen der alten Aristokraten nicht das mindeste zu erwarten sei. So stehen wir in diesem Augenblicke bedrohter als je zwischen den Extremen, und alle vermittelnden Schattierungen treten jetzt völlig in den Hintergrund. Was ist zu tun? Sie kennen Stanislaus' Vater genau, wollen Sie mit mir zu ihm eilen? Wir finden bei ihm eine große Anzahl bedeutender Männer, die stolze, eigentliche Aristokratenpartei, und die Humanitätsaristokraten, wie ich sie nennen möchte, unsere Doktrinärs und alles, was nicht direkt zu den Männern des Klubs gehört, erscheint fast täglich in seinem Hause.«

»Er ist nicht in der Stadt, sondern auf seinem Landgute.«

»Ich weiß das; eben dort versammelt sich die wichtigste Gesellschaft. Lassen Sie uns einen Wagen nehmen und hinausfahren.«

Dieser Vorschlag war Valerius sehr angenehm. Nach einer Viertelstunde rollten sie schon aus dem westlichen Tore der Stadt über die Ebene hinweg. Das Landgut lag eine halbe Meile seitwärts von der Straße, die nach Lowicz führt, in einer freundlichen Birkenwaldung. Es war später Nachmittag, als sie ankamen, die heiße Sonne des August lag drückend auf der Gegend und die schattigen Gärten, welche den Landsitz umgaben, winkten ihnen einladend. Sie fanden die Gesellschaft in den dunkleren Partien des Gartens; bei der ersten Gruppe, welche sie trafen, befand sich der Graf. Es war leicht zu erkennen, wie ihn der Anblick des Deutschen nicht eben angenehm überraschte, sein feiner Weltton bedeckte jedoch schnell den flüchtig erscheinenden Ausdruck des Mißbehagens mit den höflichen Zügen des zeremoniösen Wirts. Das Vorstellen Kasimirs, dessen unumwundene Erklärung, was ihn herführe, verdrängten schnell alle übrigen Interessen, eine stürmische Diskussion begann, bald dieser, bald jener der Anwesenden trug den ab- und zugehenden Bedienten auf, das Anspannen und Vorfahren zu bestellen.

[232] Es waren wirklich bedeutende Repräsentanten der damaligen höheren Gesellschaft Polens zugegen, und fast alle Schattierungen waren vertreten. Ein ernster, sinnender Mann ergriff zuerst das Wort und erklärte mit sehr gewandter Motivierung und nachdrücklicher Rede, daß die Unzufriedenheit des Volkes keineswegs grundlos sei, daß man ernsthaft und schnell mancherlei ändern müsse. Es war dies Bonaventura Niemozewski, welcher den nächsten Übergang zur Volkspartei bildete. Sein Bruder Vinzenz, von kleinerer Statur, mit einem blassen, von Nachdenken und Studien gefurchten Gesichte, schloß sich ihm an. Er tat dies aber seiner Natur gemäß mit sehr viel Schonung, vielfachem Vorbehalt und in mehr künstlichen als energischen Worten. Diese beiden Brüder waren Häupter einer Richtung im Reichstage, welche man im Vergleiche mit ähnlichen Erscheinungen des französischen Parlaments die doktrinäre nennen dürfte. Ihr Verlangen, geschichtliche Einrichtungen nicht ohne weiteres dem rationellen Ermessen unterzuordnen, ihre Berufungen auf die englische Verfassung und ihre große Vorliebe für dieselbe charakterisierten sie. Eine hervorstechende historische Gelehrsamkeit jeder Art und ein wohl durchgearbeitetes Element humaner Kultur zeichnete sie aus.

Dem Verlangen Bonaventuras opponierte sogleich mit großer Lebhaftigkeit ein schlanker, glänzender Mann mit jenen Maintiens und kurzen, stolzen Bewegungen des Kopfes, die den Vornehmen par exellence eigen zu sein pflegen. Es war Gustav Potocki, und er repräsentierte die Spitze der ultra-aristokratischen Koterie. Ein sehr edel und einnehmend aussehender Greis von feinen, sanften Manieren, die mehr das Edle als das Vornehme ausdrückten, milderte Ansicht und Ausdrücke des stolzen Potocki, obwohl er selbst zur Partei desselben gerechnet wurde. Dieser Greis war der Fürst Adam Czartoryski. Ein dritter Mann, welcher seit einiger Zeit mehr zu dieser aristokratischen Richtung hinneigte, als [233] man von ihm erwartet hatte, ja mehr, als ihm eigentlich selbst natürlich war, schloß sich in diesem Augenblicke lebhaft und mit vielem Feuer den Worten Bonaventuras an. Es lag so viel Imponierendes in seinem Benehmen, seinen Mienen, seinen Ausdrücken, daß man leicht davon auf sein Amt schließen konnte, in welchem er diese Art von Repräsentationen vielfach geübt hatte. Er saß nämlich auf dem Marschallstuhle des Reichstags, und ihm gebührte das wichtige Verdienst, die Verhandlungen dieses Staatskörpers in einer so stürmischen, revolutionären Zeit mit einer bewundernswürdigen Humanität, Unparteilichkeit und Kraft, ja mit einer Größe geleitet zu haben, wie sie selten in der Geschichte angetroffen wird. In Ladislaus Ostrowski spiegeln sich alle Vorzüge eines modernen Polen ab, und von den Fehlern desselben finden sich nur die unbedeutenden an ihm. Kein übermäßiger persönlicher Ehrgeiz, kein Standesvorurteil, kein Fanatismus irgend einer Art darf ihm vorgeworfen werden, und nur kurze Zeit hat er sich vielleicht zu weich und nachgebend gegen Standesgenossen wie Gustav Potocki und ähnliche bewiesen. Er ist einer der glänzendsten Charaktere jener Revolutionszeit, und nur der neben ihm stehende Bruder Anton Ostrowski übertraf ihn an unerschütterlich gleichmäßigen Grundsätzen patriotischer Tugend und an einer Popularität von patriarchalischem Gepräge. Diese beiden Brüder umfassen in ihren Persönlichkeiten die schönsten Ausdrücke von polnischem Patriotismus. Während Ladislaus den ganzen adeligen, chevaleresken, liebenswürdigen, glänzenden Teil der Nation darstellte und alles, was zu diesem gehörte, fesselte und hob, nahm Anton, als Kommandant der Nationalgarde, beinahe völlig die Stellung Lafayettes in Frankreich ein, repräsentierte die edelsten demokratischen Ansichten, war Abgott der Bürger im engen Sinne des Wortes.

Es war natürlich, daß er ohne Umschweife die Partei Niemojewskis ergriff, ja noch darüber hinausging. Seine [234] ernsten, traurigen Worte über den Zustand des Vaterlandes machten auf alle, selbst auf Potocki und den Herrn des Hauses einen tiefen Eindruck, und es herrschte noch ein langes Schweigen, als er schon weggegangen war, um eiligst nach Warschau zurückzukehren.

Valerius hatte in Betrachtung dieser Gruppe alles übrige vergessen, und erst, als die Leute sich trennten, und alle nach der Stadt aufbrachen, dachte er daran, sich nach Konstantien umzusehen. Wie es zu gehen pflegt, hatte das Gerücht von drohenden Vorfällen sich dahin verwandelt, daß alle glaubten, es sei schon Trauriges vorgefallen. Der Herr des Hauses, die Staatsmänner fuhren eiligst nach Warschau, und was an unwichtigen Besuchen da war, lief erschrocken und fragend durcheinander. Kasimir war mit dem Grafen Heinrich Ostrowski nach der Stadt gefahren und hatte Valerius dringend gebeten, sogleich nachzukommen. Dieser eilte in das Schloß und fragte nach der Fürstin. Ein vorübereilender Bedienter deutete auf die offene Saaltür.

29
29.

Der Saal war leer. Durch die dem Eintretenden gegenüberliegende Tür eilten eben noch ein paar Gestalten, wie es schien, von den beunruhigenden Gerüchten davongejagt. Valerius hörte aber dennoch deutlich die muntere, lachende Stimme Konstantiens. Er trat tiefer ins Gemach und erblickte nun einen Balkon, der auf den Garten hinaus ging, ein leichtes, flatterndes Dach von gestreiftem Stoffe beschattete ihn. Dort saß die Fürstin halb nach der Gegend, halb nach dem Saale zugekehrt, wenn sie die Augen wendete, so mußte sie gerade auf Valerius blicken, der schweigend, in ihrem Anschauen verloren, stehen geblieben war. Der weißseidene leichte Schal flatterte wieder um ihre Schultern, aber heute war er keine Freudenflagge. Vor ihr saßen zwei Männer [235] mit dem Rücken nach dem Innern des Saales. Das Gespräch zwischen den drei Personen bewegte sich in jenen kleinen französischen Kreisen um ein holdes Nichts, das die Konversation dieser Art mit zierlichen, antithetischen oder sonst kokettierenden Phrasen behängt. Es war das Spielen mit den Schalen und Hülsen der Sprache, wie sich's die sogenannte gute Gesellschaft angeeignet hatte. Da man diesen höheren Geselligkeitston zumeist aus Frankreich entlehnt hat, und er dort unter einem Regenten seine höchste Ausbildung erhielt, welcher alle Tätigkeit und Macht des Staates in sich vereinigte und jedes Mitdenken und Mitwirken der übrigen, selbst der höheren Mitglieder des Staates, ausschloß, so hat er vielleicht schon von daher diesen Charakter der Unbedeutendheit mitgebracht. Es war eine Unterordnung oder gar eine Schmeichelei gegen die Despotie, eine Konversation zu erfinden, die sich mit nichts beschäftigte und doch geistreich schimmerte. Die Bemühungen der Fronde lösten sich in Epigramme auf, und diese Epigramme zerflossen endlich in den charakterlosen Esprit. Dieser Esprit hat in Frankreich selbst mit der wiedererrungenen Selbständigkeit der Individuen schon lange den verlorenen Charakter reklamiert, die großen Beziehungen der Sprache sind dort längst wieder bis in die kleinsten Spielereien derselben zurückgekommen, aber die französierenden Ausländer treiben noch immer das alte leere Spiel mit den Glasperlen des großen Ludwig.

Valerius hörte mit Verwunderung zu, wie die geistreiche und energische Fürstin sich in solcher Unterhaltung gefallen konnte. Aber Erziehung und Gewohnheit sind bekanntlich die zweiten Schöpfer, und die schöne Frau war ganz à son aise – da fiel ihr Blick zufällig in den Saal, und sie sah den Geliebten stehen. Ein hohes Rot bedeckte ihr Gesicht, und sie erhob sich wie unwillkürlich von ihrem Sitze. Die beiden Herren sprangen erschrocken auf und fragten, – Valerius sah zum ersten Male William wieder.[236] Er war einer von den beiden. Konstantie trat rasch in den Saal. – »Wie kommen Sie hierher?« und ohne Antwort zu erwarten, setzte sie mit leiserer Stimme hinzu: »Wann bekamen Sie meinen Brief?«

»Im Angesichte des Feindes, den wir eben angreifen wollten.«

»Und der Angriff war Ihnen wichtiger?«

Die beiden Männer waren unterdes ebenfalls herangetreten, das leise Gespräch mußte aufhören, Valerius und William begrüßten sich mit einem wunderlichen Gemisch von Frostigkeit, alter Freundschaft und landsmannschaftlichem Interesse. Die Fürstin stellte Valerius dem andern Herrn vor, er überhörte den Namen des polnischen Fürsten.

Man ging im Saale auf und ab. Das Gespräch hatte ein gespanntes, zerrissenes Wesen. Valerius fühlte sich verletzt von dem stolzen, kalten Benehmen Konstantiens und setzte ihm alle schroffe Entschlossenheit entgegen, welche ihm eigen war. Nur einen Moment kam eine gewisse Wärme in Konstantiens Ton, als sie auf den Arm im schwarzen Tuche deutete und nach seiner Verwundung fragte. Um seine Anwesenheit zu rechtfertigen – denn er hätte in diesem Augenblicke selbst Konstantien nicht zugestehen mögen, daß er zum Teil ihretwegen da war – erzählte er kurz, was man in Warschau befürchte.

»Man ist nicht streng genug gegen den Pöbel gewesen,« sagte der Fürst.

»Die dreist gelösten Verhältnisse,« setzte William hinzu, »deren innere Heiligkeit der freche Geist des Jahrhunderts überspringt, rächen sich früher oder später überall.«

Valerius verging vor Pein, er schützte Befehle vor, die ihn nach Warschau riefen, und empfahl sich. Einen Augenblick schien die Fürstin bestürzt zu sein, aber der alte Stolz trat schnell wieder auf ihre Lippen, sie entließ ihn stumm und zeremoniös.

[237] Er warf sich in den Wagen, und von allerlei Qualen gemartert kam er nach Warschau. Ob es Eifersucht allein, oder auch gekränkter Stolz war, was ihn peinigte, das wußte er selbst nicht zu sagen. Die Straßen waren von Menschen erfüllt, die in der Dunkelheit des Abends drohenden Gespenstern gleich hin und her zogen. Er eilte zum alten Grafen, um vielleicht dort etwas Näheres über die getroffenen oder zu treffenden Maßregeln zu erfahren, denn daß Kasimirs Vermutungen nur zu richtig gewesen, zeigte ihm jeder Schritt. Die durch die Straße wogende Menge befand sich zwar größtenteils in einem dumpfen Schweigen, aber hier und da hörte man doch den drohenden Ruf: »Nieder mit den Aristokraten, nieder mit den Russenfreunden!« »Nieder mit den Russenfreunden!« rollte dann gewöhnlich wie eine Lawine durch die ganze Straße hin.

Er fand den alten Grafen in einer Aufregung, wie er sie nie an ihm gesehen. »Da haben Sie den patriotischen Klub,« rief er ihm entgegen, »da haben Sie die gepredigte Zügellosigkeit, das kommt von dem demokratischen Unsinn. – Kanonen, Kanonen, Kavalleriechargen gegen die Canaille: Grand Dieu, und nun ist kein Militär da, und was da ist, wird von diesem gleißnerischen Schurken, dem Krukowiecki, kommandiert! In solchem Augenblicke solch ein Gouverneur der Stadt!«

Der Graf, welcher einen Angriff auf sein Haus selbst zu fürchten schien, bat den Deutschen, dazubleiben, die Bedienten bewaffnen, postieren zu helfen, und was der Sicherheitsmaßregeln mehr waren. Valerius aber, in seiner ohnehin gereizten Stimmung durch die Ausdrücke des Grafen noch mehr verletzt, lehnte es ab. Er glaubte die vom Affekte überraschte echte Gesinnung des Grafen in dieser aristokratischen Berserkerwut und Besorgnis zu erblicken; alle die schönen Worte, welche er früher von ihm vernommen, schienen ihm jetzt angelernte Floskeln, von denen das Herz [238] des unverbesserlichen alten Adelshelden nichts gewußt habe. Ein altes schreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn: Diese Erben des alten Systems sind durch und durch infiziert und durch nichts zu heilen, sie müssen aussterben. Niemand kann sie ändern.

So ging er entrüstet von dannen, und es war ihm, als höre er einen entsetzlichen Fluch des alten Edelmannes hinter sich her. Aber er mochte es nicht glauben, daß sich ein so ausgebildeter Mann zu solcher Roheit fortreißen lasse, und schob's auf einen Irrtum, auf seine eigene erhitzte Phantasie. Die Menschenmenge auf den Straßen war zwar nicht geringer geworden, aber ihre heftige Gärung und Bewegung schien nachgelassen zu haben. Man sah sie mehr in Haufen zusammengedrängt und einzelnen Rednern zuhören, welche ihnen mit der nationalen Lebhaftigkeit die Verhältnisse auseinandersetzten. »Unsere Sache ist eine heilige,« schloß ein solcher Redner seinen Vortrag, zu dessen Gruppe der junge Deutsche eben trat, »unsere Sache ist eine heilige,« wiederholte er mit größtem Nachdruck, »und wir brauchen sie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichte – am hellen Tage, im Angesichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten über die Verräter. Wie? haben wir nicht alles in die Schanze geschlagen, um die Freiheit für unser Vaterland zu erwecken? Was wüßten denn diese vornehmen Herren von der glorreichen polnischen Revolution ohne uns? Als wir unsere Köpfe gewagt hatten, als die Russen aus Warschau hinausgeworfen waren, da kamen die vornehmen Herren erst zum Vorschein. Was? Ist unser Blut nicht so rot wie das ihre, ist es nicht ebenso polnisch wie das ihre? Und wohin haben sie uns geführt? Ist der Bauer frei geworden? Ist der Russe geschlagen? Nicht doch. In wenig Tagen wird der Russe vor Warschau stehen, und seine Spione, von denen wir umgeben sind, werden ihm die Stadt verraten. Warum hängt man die Spione nicht? [239] Weil die vornehmen Herren es nicht zum Äußersten kommen lassen wollen, weil sie immer noch ein Brückchen zur Rückkehr haben möchten. – Wollen wir eine Rückkehr?«

»Keine, keine,« schrie der Haufe.

»Keine Rückkehr, ihr echten Polen,« fuhr der Redner fort, »Freiheit oder Tod! Da drüben sitzen die Verräter Jankowski und Bukowski, welche unsere Armee verraten haben. – Bleibt, meine Freunde, unsere Sache ist eine heilige, sie scheut den Tag nicht, sie sucht ihn vielmehr. – Die helle Sonne des Freiheitssommers soll unsere Rache bescheinen, morgen sollen die Verräter am hohen Mittage sterben, damit die Aristokraten erkennen, es gibt ein Volk, wenn sie sich zur Tafel setzen. Freiheit oder Tod!«

Donnernd wiederholte die Masse den Ruf, und nachdem der Redner einigen der Zuhörer noch leiser etwas mitgeteilt hatte, zerstreute sich der Haufe. Valerius sah beim Schein einer Laterne das Gesicht dessen, der eben gesprochen hatte, es war ein blasses, entschlossenes Gesicht, ein junger Mann von hoher, schlanker Gestalt. – Eine Patrouille kam die Straße entlang, und im Nu war der Redner samt allen Zuhörern verschwunden.

Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen des 15. August anbrach, glaubten viele, das Ungewitter sei vorübergezogen. Valerius war nach dem, was er den Abend vorher gehört hatte, nicht der Meinung. Er ging zeitig aus, um dem Grafen Anton Ostrowski mitzuteilen, was er gehört. Er fand ihn nicht, alles war schon in Bewegung, es war ein Festtag, Mariä Himmelfahrt, alle Straßen waren angefüllt, ein unheilvolles Murmeln lief durch die Straßen. Valerius sah mit Entsetzen, was es heiße um einen Volksaufstand. Gerechte Klagen, törichtes, ausschweifendes Verlangen, blutdürstige Drohungen drangen in buntem Gemisch zu seinem Ohr. Wo ist die Möglichkeit, dachte er, hier aufzuklären, zu belehren, das Übertriebene vom Richtigen zu [240] sondern! Welch ein entsetzliches Mittel, gesellschaftliche Verhältnisse umzugestalten, bleibt der Aufruhr! Alle Zivilisation ist wieder dem Chaos anheimgegeben.

Graf Anton Ostrowski kam mit einer Abteilung der Nationalgarde daher. Man machte ihm Platz, ja man rief: »Es lebe Ostrowski!« Aber wenn er die Leute ermahnte, nach Hause zu gehen, den Ruf der gerechtesten Revolution nicht zu beflecken, da scholl es von allen Seiten: »Die Köpfe der Verräter! Die Köpfe der Verräter!« und sowie er mit den Truppen vorüber war, schloß sich die geöffnete Gasse wieder brausend. Die Nationalgardisten selber schüttelten den Aufrührern im Vorüberziehen die Hände; es war leicht einzusehen, daß mit dieser Macht der Aufstand nicht unterdrückt werden könne. Hoch über den Köpfen der Menge sah man hier und da Hände sich emporstrecken, welche einen Strick in der Luft schwenkten, und »Hurra! Halsbänder für Verräter! Halsbänder für Aristokraten!« schrien rauhe Kehlen von allen Seiten. Valerius bemerkte, daß der letztere Ruf seltener war, und bald erblickte er auch in seiner Nähe den gestrigen Redner, von welchem besonders die tödliche Drohung gegen die Aristokraten auszugehen schien. Der Volksaufruhr galt wirklich nur den Russenfreunden.

Ein wilder Bursche, der neben Valerius stand, fragte diesen plötzlich, warum er nicht mitrufe. »Du gehörst wohl auch zu den lauen Brüdern, die sich allenfalls mit den Russen vertragen!« Dadurch wurde die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf den Deutschen gerichtet, und dieser befand sich wirklich wegen einer Antwort in der größten Verlegenheit. Daß hier nicht der Ort sei, persönliche publizistische Ansichten zu entwickeln, sah er wohl ein, und doch vermochte er es nicht, in den blutdürstigen Ton einzustimmen. Ein wohlgekleideter Bürger kam ihm mit der Bemerkung zu Hilfe: »Siehst du nicht, Thomas, daß der Herr verwundet ist, die Türken werden ihm den Arm nicht zerschossen oder zerhauen haben, nicht wahr, Herr?«

[241] »Nein, mein lieber Freund,« erwiderte Valerius schnell, der sich durch diese Wendung des Gesprächs aus der peinlichen Situation zu befreien hoffte, »es hat's eine russische Kugel bei Ostrolenka getan.«

»Siehst du, Thomas, du bist immer unbändig.«

»Sachte, sachte, Meister Warçow, es haben manche verdächtige Leute unter Madame Skrzynecki gefochten, und solch eine dumme Kugel weiß den Teufel, ob sie an den Rechten kommt. Der junge Herr spricht mir auch so ein fremdes Polnisch, und ich seh's ihm an, daß ihm meine Frage garstig in die Quere kommt. Heut denken die Vögel, sie seien im Haufen am sichersten. Wer weiß auch, ob unter dem schwarzen Tuche eine Wunde steckt, und warum trägt denn der junge Herr keine Uniform, schämt er sich unserer Uniform, he?«

In dem Augenblicke brüllte wieder der ganze Haufe: »Tod den Verrätern!« und ein naher Strick flog Valerius um den Kopf. Valerius, der in einem gewissen Starrsinn nicht mitschreien mochte, obwohl er einsah, daß es am besten sei, mit den Wölfen zu heulen, und daß er durch sein Schweigen eine wirkliche Gefahr für sich herbeiziehe, sah, wie der wilde Thomas die Hand nach ihm ausstreckte, hörte, wie er mit dröhnender Stimme schrie: »Hoho, ein Verräter!«

In diesem Augenblicke aber rückte die Volksmasse mit einem mächtigen Stoße vorwärts, ein entsetzliches Gebrüll erscholl, sie machte den Angriff auf das Gefängnis der verdächtigen Generale Jankowski und Bukowski. Dadurch ward Valerius von dem wilden Aufrührer getrennt, und er hielt es nach seiner Erfahrung für rätlicher, sich aus der Menge zurückzuziehen. Da der Hauptdruck sich entfernt hatte, so war es dünner und lichter um ihn geworden, er gewann eine Querstraße und entschlüpfte. Die nächste Hauptstraße war indessen wieder mit Menschen angefüllt, und die Lesselsche Konditorei, zu welcher ihn die Woge trug, war ihm ein erwünschter [242] Posten, auf den er sich zurückziehen wollte. Der gestoßene Arm schmerzte ihn sehr, und er bemerkte es in solchem Zustande gar nicht, daß gerade vor diesem Hause das Volk in dichtester Reihe aufgepflanzt war und nur auf einen Impuls zu warten schien, um in die Tür zu dringen. Im Innern fand er alles gefüllt und drängte sich mit Mühe bis in die hinteren Zimmer, weil er dort mehr Raum und Ruhe zu finden hoffte. Hier begegnete ihm Leopold, der sich in großer Heiterkeit über diesen Volkssturm hin und her bewegte. »Man sieht doch, daß sie Blut in den Adern haben, das sind natürliche Urzustände, die Polizei hört auf, die Poesie beginnt.«

Valerius setzte sich auf den einzig leeren Platz im dunkelsten Winkel des Gemachs. Ein modisch gekleideter Mann saß neben ihm. Es war dem Deutschen, als ob er dies blasse, gedunsene Gesicht schon gesehen habe, und zwar in der Heimat. Leopold, der ab und zu ging und rapportierte, klärte ihn bald darüber auf, indem er den Nachbar anredete: »Herr von Wankenberg, Sie sind wohl krank? Ich habe Sie ja in meinem Leben nicht so blaß gesehen.«

Der Angeredete machte eine verneinende Bewegung und bat Leopold mit leiser Stimme, seinen Namen nicht so laut zu nennen. Jeder Name, der nicht polnisch klinge, setzte er hinzu, sei in diesem Augenblicke verdächtig.

»Ich glaube, Sie haben mit dem Ihrigen besonders recht,« sagte der kleine Mediziner mit der gewöhnlichen Schalkhaftigkeit, »es sind da draußen ganz fatale Sprachforscher, und wenn ich mich nicht irre, war Ew. Hochwohlgeboren werter Name auch der Gegenstand ihrer Studien.«

»Nicht doch!« stammelte Herr von Wankenberg und versuchte zu lächeln, aber die zitternden Zahnreihen ließen es nicht dazu kommen.

»Die deutschen Namen,« fuhr jener fort, »scheinen den Herren da draußen besonders unangenehm zu sein, das Wort [243] Lessel werfen sie mit allerlei mörderischen Zungenkünsten umher; wie ich aber bemerke, hat sich der ehrenwerte Besitzer dieses anstößigen Wortes den Blicken entzogen. Das ist die angeborene Höflichkeit eines Kaffeewirts, er will durch seine Gegenwart keine Veranlassung zu Mißfälligkeiten geben. Ich fürchte nur, Herr von Wankenberg, dort unter dem Ladentische, oder oben auf dem Boden ist er vor diesen gründlichen Forschern durchaus nicht sicher, sobald sie einmal ernstlich an die Entscheidung ihrer grammatischen Streitigkeiten gehen, aber sagen mir doch Ew. Hochwohlgeboren, wodurch Sie sich das Mißfallen dieser Generation zugezogen haben; es ist zwar nur Pöbel, Volk, und daher kommt es wohl.«

»Ich verehre das polnische Volk über alles,« erwiderte dieser hastig, gleich als ob ihn diese Versicherung retten könnte, »ich liebe jede Volksherrschaft, wahrhaftig, auf Ehre, ich liebe das Volk,« und dabei perlte der Angstschweiß in großen Tropfen auf seiner Stirn.

Valerius erinnerte sich jetzt deutlich dieser Person; es war in Deutschland eine renommierte Figur. Auf der einen Seite galt er für einen Spieler und für einen charakterlosen, käuflichen Menschen, der für Geld zu allem brauchbar sei; auf der andern Seite war er in der höchsten adeligen Gesellschaft aufgenommen, galt für einen Esprit, und ward als ein unterrichteter Verteidiger des russischen Systems gerühmt. Ein unparteiischer Beobachter hatte Mühe, mit diesem Menschen aufs reine zu kommen, denn bei näherem Umgange fand er ein weiches, poetisches Gemüt in ihm, das zarter, höherer Empfindungen fähig war, sich selbst in schwachen Stunden ein verlorenes Geschöpf nannte und in Tränen ausbrach. Valerius vergegenwärtigte sich jetzt alles, was er auf Grünschloß von ihm gehört hatte, wo man diesen Herrn von Wankenberg kannte; und nach dem, was er sah und hörte, schien es ihm nicht zweifelhaft, daß sich dieser Überrest aus [244] der französischen Royalistenzeit für russisches Gold auch zu Machinationen gegen Polen bereitwillig gefunden habe.

Es war ein auffallender Zug in dem Gemüte Valerius', daß er ebensowenig einem dauernden Hasse sich hingeben, als einen wirklich verächtlichen Menschen völlig verachten und wegwerfen konnte. Er klagte es oft als eine Schwäche seines Charakters an, und doch widerstrebte ein Etwas seines innersten Wesens, wenn er sich zu diesen sogenannten Kraftäußerungen der Seele anspornen wollte. Es gibt ein bekanntes Wort: »Wer nicht recht hassen kann, vermag auch nicht recht zu lieben«; aber er kam nie recht zum Glauben an diesen gebieterisch klingenden Satz. In der Forderung dieser Kraftextreme lag ihm stets eine kultivierte Roheit, und so unangenehm ihn auch die Schwächlichkeit berühren mochte, sie durfte sich nun in Taten oder Maximen äußern, so wenig konnte er sich doch den rücksichtslosen Kraftprinzipien anschließen. Alle Systeme mit starrer mathematischer Konsequenz schienen ihm der unerschöpflich mannigfaltigen, immer neu und unerwartet sich entwickelnden Menschennatur zuwider, feindlich, verderblich zu sein. Namentlich führten ihn geschichtliche Studien von allem Unbedingten zurück, und seine eigenen, früheren Ansichten flößten ihm oft ein Grauen ein vor jeder starren Einseitigkeit.

So mißfällig ihm also das erschien, was er von seinem jetzigen Nachbar wußte, so fühlte er doch eine Art Mitleid mit dem gefährlichen Zustande, in welchem sich dieser wirklich befand. Die Todesstrafe jeder Art, wie sie von Menschen über Menschen verhängt wird, hatte immer etwas Entsetzliches für Valerius; er war sich zu tief dessen bewußt, wie Moral und Gesetze und Zustände aller Art dem lebhaftesten Wechsel unterworfen seien, er hielt es immer für eine martialische Aushilfe der Gesellschaft, sich über das Leben eines Menschen das Recht anzumaßen.

Während solchergestalt die Gewitterwolke über Lessels [245] Konditorei hing und jeden Augenblick sich zu entladen drohte, schlug sie bereits mit mächtigen Streichen in die Gefängnisse der beiden verdächtigen Generale. Die Regierung war machtlos, solche Exzesse zu hindern ohne den Gouverneur, und der Gouverneur war Krukowiecki. Es ist nicht zu leugnen, daß er eine außerordentliche Tätigkeit an diesem verhängnisvollen Tage entwickelte, er war überall, und überall war er tätig. Glührot vor Zorn und Eifer stürzte er in das Zimmer, wo sich die fünf Mitglieder der Regierung versammelt hatten, und berichtete, wie der Aufstand von Minute zu Minute wachse und ein immer drohenderes Ansehen gewinne, wie die Gefängnisse der Generale bereits erbrochen seien, und er nichts hindern könne, wenn man ihm nicht größere Vollmacht erteile. Die vier Regierungsmänner machten dem fünften unverhohlen die lebhaftesten Vorwürfe über die Szenen. »Das sind die Taten des Klub,« rief Vinzenz Niemojewski, »den Sie protegieren, das ist die Manifestation Ihrer gepriesenen Demokratie.« Der lange blasse Mann, an welchen diese Worte gerichtet waren, zuckte mit einiger Schüchternheit die Achseln, und, seinen schmalen Kopf auf die Brust herabneigend, sagte er mit halber, aber wohl verständlicher Stimme: »Das ist nicht das Werk der Demokratie, meine Herren, sondern des halben, zögernden Systems, das die Regierung befolgt hat. Ich habe bisher umsonst meine schwache Stimme dagegen erhoben, jetzt sehen Sie in den Straßen der Hauptstadt selbst die Folgen davon. Übrigens glaube ich nicht« – und bei diesen Worten zog er einen Moment die Wimpern in die Höhe und fuhr mit einem seiner blitzenden Blicke an der breiten, hohen Gestalt Krukowieckis in die Höhe, bis seine tiefliegenden, stechenden Augen den verschmitzten, lebhaften Blick des Generals getroffen hatten und ihn festzuhalten schienen; man hätte hinter der Schärfe dieser vier blitzenden Pupillen bei leidenschaftsloser Betrachtung ein Lächeln entdecken können – »übrigens glaube ich nicht, daß [246] die wackere Nation jemand anders ein Leid zufügen wird, als Personen, die mit der Schmach von Vaterlandsverräterei gebrandmarkt sind.«

»Es ist Anarchie, gleichviel, wohin sie sich richte,« entgegnete zornig Niemojewski.

Lelevel, denn das war der schwarzgekleidete, blasse Mann, gegen den sich die Vorwürfe gerichtet hatten, zuckte abermals die Achseln und spielte mit den weißen, mageren Händen an der Kette seiner Uhr, die er vor sich auf dem Tische liegen hatte.

Krukowiecki erhielt die Vollmachten, eilte fort, schwang sich aufs Pferd und sprengte in die Straßen hinein. Ein wilder Tumult wälzte sich über den Platz, auf welchem der General eben ankam. Die Aufrührer waren in das Gefängnishaus eingedrungen, und jetzt schleppten sie die Schlachtopfer daher. Die Generale waren nur halb bekleidet, der Tod lag bereits auf ihren blassen Gesichtern, der Strick um die Nacken; ein mörderischer Lärm brauste durch die Luft, halb im Sprunge stürzte die zum Blutdurst erhitzte Menge nach den Laternenpfählen, die an der Häuserreihe standen, und die dem Tode Geweihten mußten die schnelle Bewegung mitmachen, wenn sie nicht sogleich von den angezogenen Schlingen erwürgt werden wollten.

General Krukowiecki, der von seinem Pferde aus die Szene übersehen konnte, strich sich wohlgefällig den grauen Knebelbart und redete leise zu einigen verwegenen Gesichtern, die sich neben ihm eingefunden hatten. Als der erste Unglückliche am Laternenpfahle zappelte, wendete er sein Roß und ritt zurück nach dem Regierungshause, den Vorfall zu berichten und neue Vollmachten zu verlangen.

Die Nachricht von der vollzogenen Exekution rannte wie ein Tier der Wüste blitzschnell durch alle Straßen, und die vor Lessels Hause noch zögernden Demagogen erhoben ein wildes Geschrei und stürzten sich nun unaufhaltsam in [247] die Türen. Wie bei allen Dingen, so vornehmlich bei einem Aufstande ist der Anfang, die erste Tat das Schwierigste, was den Entschlossensten erheischt. Die rohesten Leute sind so bis ins Innerste von der Ordnung, dem bestehenden Gesetz umschlossen, daß sie mit der größten Wut alles vorbereiten können, die Schranken zu durchbrechen, und dennoch an der äußersten Grenze unentschlossen stehen bleiben. Ist nun aber angefangen mit der wirklichen Tat, dann schwinden alle Bedenklichkeiten, der erste hat gleichsam die Verantwortung für alle übernommen, und die Wut, welche sich bei ungesetzlichen Handlungen oft so grell herausstellt, ist nur ein Kind des Rausches. Die Übertreter sind einmal über das Gewöhnliche hinausgegangen, der ungewöhnliche, gesteigerte Zustand befängt sie; was einmal mit Gefahr begonnen ist, soll nun auch erschöpft werden, damit man der etwa folgenden Strafe, auch allen Genuß vorweg abgekauft habe, alle prüfenden Gedanken werden als unbequem in den Hintergrund geschoben.

Die eindringenden Männer des Aufstandes schrien einstimmig nach Lessel, dem Spione, dem Russenhunde, wie sie ihn nannten. Er war nicht zu sehen, und nach allen Treppen hinauf und hinunter verbreiteten sich die Rachedurstigen. Daß er in ein anderes Haus entflohen sein könne, befürchteten sie nicht; am Morgen war er noch dagewesen, und kein Warschauer, sagten sie, hätte an diesem heiligen Tage der Rache einen Flüchtling verborgen.

Es war ein erschütterndes Geschrei, das in dem Hause hin und wieder flog, und Valerius, den die ganze Szene entsetzte, verwünschte den Gedanken, hier eingetreten zu sein. Ans Hinausdringen war aber nicht zu denken, die Zimmer waren so gefüllt, daß er regungslos neben dem von Todesschauern geworfenen deutschen Edelmann sitzen bleiben mußte. Leopold war durch das Gedränge von ihnen getrennt worden.

Valerius konnte übrigens schnell erkennen, daß der Aufstand keineswegs eine bloße Sache des Pöbels war. Anständig [248] gekleidete Männer, jung und alt, füllten das Gemach, nur hie und da streckten sich die braunen, nackten Arme eines rohen gemeinen Burschen oder eines alten bärtigen Tagarbeiters in die Höhe, um einem wilden Fluche gegen die Russen und ihre Freunde die nötige Gebärdenbegleitung zu geben. Die flüchtig gewechselten Worte der drohenden Gesellschaft überzeugten ihn ebenso schnell, daß man nichts wolle, als die zögernde Gesetzeshandhabung gegen die Feinde und Verräter des Vaterlandes beschleunigen. Es lag eine tödliche Ruhe des Revolutionsrechts in den wenigen Worten, die er vernahm.

»Der deutsche Spion ist im Hause,« schrie plötzlich eine durchdringende Stimme aus dem andern Zimmer, und Valerius schrak nicht viel weniger zusammen als der Edelmann neben ihm, denn er hatte diese Stimme schon gehört, obwohl er im Augenblick nicht wußte, wo. Die Stimme kam immer näher, der Rufer brach sich eine Gasse durch die Menge, und plötzlich stand der blasse Volksredner, dessen Peroration Valerius den Abend vorher auf der Straße gehört hatte, vor den beiden Deutschen. Eine sekundenlange Totenstille trat ein. Alles wartete auf die Bezeichnung des Schlachtopfers. Valerius fühlte sich von dem entsetzlichen Gefühle durchdrungen, wie das Individuum in Zeiten der Anarchie jeder Willkür des einzelnen ebenso preisgegeben sei, wie in den Zeiten eines unbeschränkten Despotismus. Wirklich richtete auch der Demagoge seine tödlichen Blicke bald auf Wankenberg, bald auf Valerius, und auf diesem sie ruhen lassend, sprach er plötzlich: »Sie standen gestern abend bei einer Gruppe Patrioten, die einem Volksredner zuhörten und zujauchzten, Ihr Mund aber blieb stumm und Ihr Gesicht drückte eine Mißbilligung dessen aus, was Sie sahen und hörten.«

Bei diesen Worten griffen jene braunen, nervigen Arme nach Valerius, und die weiter Zurückstehenden, welche die beiden sitzenden Deutschen nicht sehen konnten, erhoben einen [249] wilden Lärm: »An die Laterne, an die Laterne mit dem Verräter!« Der Volksredner drängte aber den Angreifenden zurück, und auf Wankenberg zeigend, rief er den auf der andern Seite Stehenden zu: »Greift den Spion!« Darauf wandte er sich um und verlor sich unter der Menge, gleich als habe er noch viel dergleichen Geschäfte zu verrichten und könne sich nicht mit dem Detail abgeben. Zwei junge, fein gekleidete Männer, die zunächst an dem deutschen Edelmanne standen, ergriffen ihn mit Wut, spuckten ihm ins Angesicht und warfen ihn mit den Worten: »Da habt ihr einen niederträchtigen, ausländischen Verräter für die Laterne!« den Vorderen zu. In diesem Augenblicke drang ein wütendes Hallo von der Treppe herunter, man hatte Lessel ergriffen. Eine offen stehende Tür des hinteren Zimmers, in welchem das Bisherige vorgefallen war, ließ von da aus die Treppe und den Hausflur erblicken, man sah den kleinen, magern Konditor von Faust zu Faust herunterfliegen. Dies Ereignis setzte alles in eine neue Bewegung, dadurch wurden die Personen ineinander geschoben, und in einem Handumdrehen, war keiner der Männer mehr in der Nähe, welche Wankenberg arretiert hatten. Obwohl sich alle Augen nach der bekannten und allgemein verhaßten Person Lessels hinkehrten, so wurde der deutsche Edelmann doch noch immer festgehalten, er war traditionell von einer Hand in die andere übergegangen. Er machte sich aber mit großer Geschicklichkeit den wütenden Tumult zunutze, der auf dem Hausflur ausgebrochen war, suchte ein Lächeln auf sein Todesgesicht zu heften und erklärte den Inhabern der Fäuste, welche ihn eben schüttelten, sie seien an den Unrechten gekommen. »Seid ihr des Teufels,« sagte er hastig, »einem der eifrigsten Patrioten die Kehle zusammenzudrücken! Auf diese Weise entwischen eurer Blindheit die ärgsten Verräter – dort, dort, seht hin, dort ist er wieder still auf seinen Stuhl geschlüpft und wartet die Sache ab in aller Sicherheit!«

[250] Bei diesen Worten deutete er auf Valerius.

»Strafen mich alle Heiligen,« schrie eine rauhe Stimme, »nach dem Burschen hab' ich heute morgen schon einmal die Hand ausgestreckt, ich erkenne solch einen Vogel auf den ersten Blick.« Es war der wilde Thomas, der mit blutdürstigen Augen und Händen nach Valerius griff. Dieser schlug ihn jetzt ohne weiteres ins Gesicht, daß er zurücktaumelte. Der Zorn über diese schauderhafte Wirtschaft hatte sich seiner völlig bemächtigt und alle Besorgnis vertrieben. »Schämt ihr euch nicht, Polen, eure edle Sache durch solche plumpe Tölpel zu beflecken, die Handhabung der Strafen dem Zufall preiszugeben? Ich bin Offizier im Kickischen Regimente, mein Arm ist noch wund von Ostrolenka.«

»Holla ho! das ist ein Vogel für uns, Thomas, du hast einen richtigen Treffer,« rief plötzlich eine neue Stimme, und Valerius sah den ungestümen Slodczek auf sich eindringen. Vor dem großen Lärmen waren die Verteidigungsworte des Deutschen nur den nächsten Umstehenden verständlich geworden; diese sahen ihn unschlüssig an. »Überall ist dieser aristokratische Spion herumgeschnüffelt,« fuhr Slodczek zu einigen Bauern fort, die hinter ihm standen, und zu Thomas, der sich das Blut aus dem Gesicht wischte, »in Warçows Scheuer hat er unseren Klub behorcht, erst gestern kam er wieder aus dem großen Hause eines alten, gefährlichen Edelmanns, dem er unser heutiges Fest verraten hatte, heut rettet dich der alte Florian nimmermehr,« und damit fiel er mit seinen Genossen über Valerius her, welcher sich fruchtlos gegen die Menge verteidigte und fortgeschleppt wurde.

Vor der Haustür kam er mit Herrn Lessel zusammen. Die Volksmasse drängte sich so ungestüm herbei, daß die Urteilsvollstrecker und die Gefangenen stillstehen mußten. Valerius versuchte es hier noch einmal, den Leuten in betreff seiner Person ihren Irrtum verständlich zu machen, aber das erschütternde Geschrei von Schimpfreden und Verwünschungen[251] ließ ihn nicht zu Worte kommen. »So geht es denn,« dachte er, »mit deinem Zivilisationslaufe unerwartet schnell zu Ende. Du hast die Revolution verteidigen helfen, um in ihren zweischneidigen Armen ermordet zu werden.«

Sein Blick fiel auf Lessel. Es ist wunderbar, wie dem Menschen in den entsetzlichsten Momenten, wo man die ganze Seele gefesselt und untätig denken sollte, Gedanken und Bilder entstehen, die man nur den ruhigen Lagen des Lebens natürlich glaubt. Valerius sah ein altes Bild vor Augen, das ihn oft in seiner Kindheit erschreckt hatte. Der Teufel war darauf konterfeit, wie er einen Bösewicht zur Hölle abholt. Diesen Kandidaten Urians glaubte er jetzt in Lessel zu erblicken; das Gesicht des Konditors war weiß wie die Kalkwand, die kleinen Augen waren fast ganz zurück getreten hinter die Augenknochen, ein leerer weißer Strich starrte nur gespensterhaft hervor. Der Unglückliche sank einmal über das andere in die Knie und bat in den jämmerlichsten Ausdrücken um sein Leben.

»Vorwärts! Vorwärts!« schrie man von allen Seiten. »Platz für den Henkersgang der Verräter!« Es ward ein schmaler Raum offen, man setzte sich in Bewegung, und jetzt, da es direkt zu dem schimpflichsten Ende ging, überfiel Valerius eine unnennbare Angst, deren sich sein Mut und Verstand umsonst zu bemeistern suchte.

»Platz für die alte Gräfin! Platz für die beste Polin!« rief man auf einmal von vielen Seiten, und die meisten Anwesenden entblößten ihre Häupter. Ein Wagen rollte langsam durch die Menge, Valerius erkannte die alte Großmutter Hedwigs in ihren schwarzen Gewändern – Hedwig selbst saß neben ihr. Sie erblickte ihn, schrie laut auf, sprang aus dem Wagen, eilte zu ihm, griff nach seiner Hand. Aber seine Arme waren von Slodczek und Thomas fest nach hinten gedrückt. – »Polen, seid ihr rasend,« rief sie, an die Menge sich wendend, »dieser Mann ist einer eurer tapfersten Soldaten, [252] von untadelhaftem Patriotismus!« Ein drohendes Murren erhob sich, eine Stimme nach der andern stieg auf: »Er ist ein Verräter, ein russischer Spion!«

»Großmutter, sprich ein einziges Wort, aus deinem Munde wird es genügen, sage diesen betörten Patrioten, daß du den Herrn kennst, daß er uns, unser Vaterland verteidigt hat, daß er kein Verräter ist!«

Ein langgewachsener Bauersmann mit kurzem rotleinenem Kittel trat mit entblößtem Kopfe an den Wagen, machte eine tiefe Verbeugung und sagte: »Wenn die gnädigste Frau Gräfin ja sagen will zu den Worten der schönen Dame, so wollen wir den Verräter laufen lassen.«

Hedwig, Valerius, alle richteten ihre Blicke auf die alte Frau. Unbeweglich, steinern blieb ihr blasses Antlitz, die Augen sahen starr und teilnahmslos in die Luft, man konnte glauben, sie bemerke gar nichts von dem, was vorgehe. Ringsum war alles still.

»Großmutter!« unterbrach endlich Hedwig die Ruhe mit flehendem Tone. Da machte die Alte eine Bewegung der Unzufriedenheit mit der flachen Hand; das Volk nahm dies für ein Zeichen der Verneinung, tosend brach der unterbrochene Lärm wieder aus: »An die Laterne mit den Verrätern! An die Laterne!« und fort ging's mit den Gefangenen nach der Seite hin, von wo der Wagen gekommen war. Alles Volk stürzte nach. Der lange Bauer hatte Hedwig schnell in den Wagen gehoben, und auf der leer gewordenen Seite der Straße rollte dieser rasch von dannen.

Valerius, erbittert durch diese Szene, hatte seine Kraft im Zorne wieder gefunden. »Nichtswürdiges, undankbares Volk,« murmelte er vor sich hin und warf mit einem plötzlichen Rucke die beiden Begleiter von seiner Seite. – »Ich will frei zum Tode gehen. Ihr Schurken, soviel Recht hab' ich mir erworben durch die Schlachten, die ich für euch gefochten habe – zurück, oder ich schlag' dir den Schädel ein!«

[253] Der verwundete Arm war aus dem Tuche gerissen, das Blut lief strömend über die Hand; dieser Anblick und der stolze Ausdruck seines Gesichts, das Kriegsehrenzeichen, das beim Verschieben des Armtuches zum Vorschein gekommen war, wirkten auf seine Häscher, die vielleicht einen Augenblick selbst irre wurden. Sie ließen ihn frei einhergehen.

Er glaubte in diesen Augenblicken, der Tod selbst sei ihm nicht so furchtbar als die Schande; so sehr er auch Ruhm und Ehre oft verspottet hatte als von Menschen gemachte Puppen, so waren doch im Grunde die innersten Fäden seiner Seele daran geknüpft. Und alle Fenster waren geöffnet, Damen jung und alt sahen herab auf die Exekution, schwenkten die weißen Taschentücher, klatschten dem Volke Beifall zu, daß es die Nation von dem Auswurfe befreie und riefen: »Pfui und Schande über die Verräter!«

Das Herz im Leibe wurde dem unglücklichen Deutschen zusammengeschnürt. Das Ziel war erreicht. Wo in die große Straße eine Quergasse mündet, standen zwei tüchtige Laternenpfähle am Eingange der kleinen Gasse, so daß des Abends ihre Leuchten einen Teil der großen und die ganze Länge der kleinen Straße erhellen konnten. Diese Ökonomie wollte man sich zunutze machen, mit reißender Schnelligkeit ward Lessel aufgeknüpft, Leiter und Strick waren längst bereit gewesen. Der Scherge eines erbitterten Volkes stieg langsam die Sprossen herab und starrte wohlgefällig in das vom zurückgepreßten Blute dunkel werdende Gesicht des Konditors; die Reihe kam jetzt an Valerius, Slodczek schickte sich an dazu. Es schien, als ob das stolze Wesen ihn völlig eingeschüchtert habe, die Bewegungen des wilden Burschen hatten all ihre sonstige Entschiedenheit verloren, – da sprangen plötzlich diejenigen Zuschauer und Teilnehmer der Strafhandhabung, welche sich in den Eingang der kleinen Gasse gedrängt hatten, in die Hauptstraße zurück. »Platz für die Cholera!« hörte man rufen, und zwei jener schauerlichen [254] Tragbahren erschienen unter dem verscheidenden Lessel. Obwohl diese Pest nirgends so gering geachtet wurde als in Warschau, weil dort alles um Tod und Leben spielte, so trieb doch der Instinkt die Leute, einem solchen Ungeheuer auszuweichen, wenn es ihnen gerade in den Weg trat. Die Exekutionsordnung verschob sich, alles drängte sich beiseite, und Valerius, von der glühendsten Sehnsucht nach dem Leben erfüllt, glaubte diesen Moment zu einem Entweichungsversuche benutzen zu können. Es war wenig Hoffnung da, in der um und um aufgeregten Stadt den vielen tausend bereitwilligen Händen zu entschlüpfen, aber der Schiffbrüchige greift zu dem letzten morschen Brette. In seiner Jugend hatten noch die letzten Reste des Turnwesens in Deutschland geblüht, Laufen und Springen konnte er noch aufs beste aus jener Schule, die Todesangst verdoppelte seine Kräfte, und mit einem mächtigen Satze flog er über das im Wege stehende Cholerabett hinweg, flog in die enge Quergasse hinein.

Ein donnerndes Geschrei und die nächsten seiner Henker stürzten hinter ihm drein. Ihr Nachsetzen schien nicht so gefährlich als ihr Geschrei: »Haltet auf, haltet auf! ein Spion! ein Verräter!« Die nächste Straße war indessen still und einsam, es hatte sich alles Volk nach den Orten gedrängt, wo unmittelbar gehandelt wurde. Aber diese Einsamkeit war bald durchrannt, er mußte in eine andere Straße einbiegen, in welche soeben von mehreren Seiten ein Teil der Volksmenge eindrang, die von der Hinrichtung der Generale zurückkam. Er hörte das Geschrei hinter sich, sah, wie die neue Volksmasse stutzte und sich anschickte, ihn aufzufangen – er gab sich verloren und rannte wie wahnsinnig die ersten über den Haufen, welche sich ihm entgegenstellten.

Da donnerten die Hufschläge einer Kavallerieabteilung herbei und sprengten das Volk auseinander. Es war Kasimir [255] mit einer Abteilung Ulanen, der eben ankam, als Valerius erschöpft in die Knie gesunken war.

Jener, der mit einem Blicke und durch das Geschrei der Menge vom Stande der Dinge unterrichtet war, wendete sich rasch zu einigen Männern, deren Äußeres und Wesen andeutete, daß sie keineswegs zum Pöbel gehörten. Sie schienen dem Offizier bekannt zu sein und ihn ebenfalls zu kennen. Er rechtfertigte nicht ohne Heftigkeit Valerius und schloß mit den Worten: »Wohin soll es führen, wenn wir auf diese Weise unsere gerechte Entrüstung auch auf unsere wackersten Krieger ausdehnen – da habt ihr ein Beispiel dessen, was ich euch vorher verkündigte, als ihr auf rohem anarchischem Wege Besserung der Verhältnisse suchen wolltet. Ich habe leider recht gehabt, entfesselt sind alle Leidenschaften, und das Gute wird mit dem Bösen zertrümmert.«

Die angeredeten Männer schwiegen still, und auf ihre Handbewegungen zerstreute sich der Schwarm allmählich. Nur Slodczek, der unterdes vom Verfolgen wieder zu Atem gekommen war, wollte seine Beute nicht so leicht fahren lassen. Es hätte ihm jetzt noch klarer sein müssen, daß der Verfolgte nicht zu denen gehörte, deren Bestrafung das Volk mit Recht verlangen konnte, aber bei wilden fanatischen Gemütern ist es leider nicht selten, daß sie um so hartnäckiger auf einem Verlangen bestehen, je unstatthafter es ihnen dargestellt wird. Er rief die leinenen Kittel um sich zusammen, winkte Thomas an seine Seite und forderte mit polternder Stimme, hinter welche sich gewöhnlich ein unsicheres Gewissen versteckt, die Auslieferung des Verräters von Kasimir.

Dieser war nicht so geneigt, diese Abteilung des Aufstandes mit Worten zu beruhigen und befahl trocken einigen Ulanen, den Burschen festzunehmen. Slodczek fand es nicht geraten, den Verlauf dieser Sache abzuwarten, und sprang davon. Die leinenen Kittel folgten seinem Beispiele, aber [256] die kommandierten Ulanen begnügten sich mit diesem Erfolge nicht, sondern sprengten hinterdrein, den Wortführer im Auge behaltend.

Kasimir begleitete den erschöpften Valerius bis in die Nähe der Straße, wo dieser wohnte, erzählte ihm, daß er zur Armee abgeschickt gewesen sei, um Truppen gegen den Aufstand herbeizuholen. »Glücklicherweise,« setzte er hinzu, »kam ich mit meinen schnellen, vorauseilenden Ulanen noch zu rechter Zeit, Sie zu befreien. Schreiben Sie Ihre abscheuliche Gefahr nicht den Patrioten zu, von denen ich einige in Ihrer Nähe fand; die Absicht des Aufstandes selbst war die gerechteste von der Welt, aber wir sehen aufs neue und deutlichste, welch ein entsetzliches Mittel die Empörung ist. – Ich besuche Sie bald!«

Damit sprengte er fort. Valerius schleppte sich mühsam bis in sein Haus und rastete eine Weile auf der Treppe, wo ihn die Kräfte zu verlassen drohten. Da stürzte ein Mensch ins Haus, schoß an ihm vorüber und flüsterte: »Verbergen Sie mich, ich werde verfolgt.« Die Hufschläge von flüchtigen Pferden näherten sich. Treppe und Saal, die zu Valerius' Zimmer führten, waren dunkel, und erst als dieser dem Flüchtenden seine Tür öffnete, erkannte er – Slodcek. Dieser stürzte auf die Knie, als er des Deutschen ansichtig wurde, Sporen und Säbelscheiden klangen auf der Treppe. Valerius schob den Verfolgten in das Schlafzimmer und zog die Schlüssel ab.

30
30.

Schon einige Tage vor diesen Ereignissen war der Reichstag zur Überzeugung gekommen, es müsse bei der Armee eine durchgreifende Veränderung stattfinden; die Armee war bis nach Bolimow zurückgegangen, Skrzynecki ließ jede Gelegenheit zu einer Schlacht vorüber. Es ward [257] also eine Deputation erwählt, welche ins Lager hinausfahren und nötigenfalls Skrzynecki absetzen sollte.

Dergleichen blieb aber der Masse natürlich unbekannt und hatte keinen Einfluß auf Ansicht und Verhalten derselben.

Es sind vierzehn Stunden Weges bis nach Bolimow; am 10. August des Vormittags kam die Deputation mit ihrem schweren Geschäfte dort an; es war ein bedeckter warmer Tag, und sie fanden den Generalissimus zu ihrem Erstaunen und mit nicht geringer Besorgnis zu Pferde und alle Truppen musternd. Seine Freunde hatten ihn bereits genau unterrichtet von allem was bevorstünde; er nahm nicht die mindeste Notiz von der ankommenden Deputation, hielt Reden an die Soldaten, schalt auf die Landboten, ermahnte, fest an ihm zu halten, ihm zu vertrauen, und »Es lebe Skrzynecki!« schrien die kampffertigen Truppen weit über die Ebene hin.

Diesen Feldherrn jetzt abzusetzen, schien also in einer so gestörten, mit dem Äußersten bedrohten Zeit eine sehr gefahrvolle Tat. Die Mitglieder der Deputation traten beiseite und warteten unentschlossen, ob Skrzynecki von ihrer Ankunft keine Kenntnis nehmen werde. Er tat es nicht. Endlich ward auf Czartoryskis Veranlassung, der sich unter den Deputierten befand, ein Adjutant zum Generalissimus abgeschickt, um ihn offiziell zu benachrichtigen.

Auch dies machte keinen Eindruck, er setzte die Musterung fort, und immer lauter schrien die Soldaten: »Es lebe Skrzynecki!« Die Deputation sah sich in der bedenklichsten Lage.

Indessen, Skrzynecki war weder der dreiste noch der schöpferische Mann, sich außer den vorgezeichneten Kreisen weiter zu bewegen; nach einer kurzen Weile brach er die Musterung ab und begrüßte die Deputierten, seinen Ärger in die begrüßenden Worte schiebend: »Ich hoffe, die Herren sind da, um den Feind schlagen zu helfen.«

[258] Man verlangte einen Ort, um dem Generalissimus die Mitteilungen vom Reichstage vorzutragen und eine Beratung zu eröffnen. Es ward eine Scheune des Hofes eingerichtet, wo das Hauptquartier war. Er ging, die Deputation ließ sich dort nieder und beschied ihn kurze Zeit darauf vor ihr Forum.

Die große stattliche Figur erschien nach diesem kleinen Zwischenraume bescheiden und sanft und mit der Erklärung, sich dem Reichstage in allem zu unterwerfen.

Er ward befragt, warum er keine Schlacht liefere. – Seine Antwort brachte mehr Beteuerungen, daß er ein guter Patriot sei, als Gründe. In der jetzigen Stellung, fügte er indessen hinzu, setze eine Schlacht alles aufs Spiel; wolle man einen andern Führer an die Spitze stellen, so werde er ihm folgen, selbst als gemeiner Soldat unter ihm dienen.

Die Deputation, wohl einsehend, daß hier der Edelmut nicht ausreiche, sondern die Tat erfordert werde, ließ einen Kriegsrat von allen bedeutenden Offizieren für den Abend zusammenberufen, und der fand sich denn auch ein, zum eigenen Schrecken der Gesandtschaft. Gegen dreihundert Offiziere, die natürlich sehr verschiedener Meinung waren, erfüllten klirrend und lärmend, streitend und rufend den Hof vor der Scheune, die einen lobten Skrzynecki, die andern verwünschten ihn, noch andere schworen, nun sei endlich der höchste Moment da, alles Aristokratische niederzumachen, was den Aufstand und Krieg so lange gelähmt habe. Dazu schickte Ramorino von den Vorposten die Kunde, der Feind greife an; ein kleines Flüßchen nämlich trennte nur die russische Armee von der also aufgelösten polnischen. Und über alledem lag ein weicher, schmeichelnder Augustabend, und einzelne Sterne lächelten herunter in das wilde Menschengetreibe.

Skrzynecki ließ sagen, man solle die Offiziere abfertigen, damit sie auf ihre Posten kämen. Die Gesandtschaft war in [259] der größten Verlegenheit, weil jeder einzelne befragt werden sollte; da kam endlich Ramorino selbst mit der Nachricht, der Angriff sei wieder eingestellt.

So begann denn nun dennoch das aller Kriegsform unerhörte Verfahren: jedem einzelnen ward Geheimhaltung seiner Aussage zugesichert, und jeder einzelne Offizier gab seine Meinung über den Krieg ab und über den Feldherrn.

Das Resultat war: eine Schlacht bei Bolimow ist nicht ratsam, Skrzynecki aber hat das Vertrauen der Armee verloren, ein neuer Generalissimus ist nötig.

Es begann die schwierige Wahl, und daß sie nicht genügend erledigt werden konnte, war zunächst der neue Untergang Polens. Nämlich ein überwiegendes Talent war nicht da, das zu gleicher Zeit eine überwiegende Persönlichkeit mitgebracht hätte, wie dies in so aufgelösten Zuständen unerläßlich war. Prondzynski wurde das Talent zugetraut, aber er selbst traute sich die Persönlichkeit nicht zu, hatte sie also nicht. Eine neue Figur war übrig, von der viele noch Außerordentliches erwarteten, das war der ReitergeneralDembinski. Er hatte unter den gefährlichsten Schwierigkeiten und Hindernissen einen Teil des litauischen Expeditionsheeres durch die Feinde hindurch zurückgeführt, und während die oberen Führer Gielgud und Chlapowski mit ihren Heeresabteilungen nach Preußen übergetreten waren und die Waffen gestreckt hatten, brachte er sein Kommando beutebeladen durch alle Feindesscharen und erschien plötzlich, verwildert, mit langem Knebelbarte, asiatischen Anstrichs, an der Spitze seiner Reiter, am Tore von Warschau. Dies hatte ein großes, lebhaftes Interesse aufgeweckt, fabelhaft ritterlich, märchenhaft glücklich und tapfer erschien er zu jener Zeit, wo der Krieg nur Rückzüge und Rückzüge darbot, der halb tatarisch einreitende Dembinski. Große Erwartungen knüpften sich an diesen Eindruck; aus den übrigen Kandidaten, welche Stimmen erhielten, aus Uminski, Lubienski, Bem, Malachowski ward [260] Dembinski zum Generalissimus gewählt, man schickte nach Warschau, wo er als Gouverneur wirkte, um ihn zur Armee zu holen.

Aber auch Dembinski war nicht der Mann, welchen man brauchte; sein Wesen angefüllt mit Tapferkeit, rascher, gewandter Kühnheit eines Reiterführers, mit schnell erregter Heftigkeit, besaß noch nicht jene durchgeschüttelte, in sich ruhende, mit den täglichen Leidenschaften fertige Solidität, welche man Charakter und Aplomb nennt, und welche vor allem andern in jetziger Lage erforderlich war.

Noch ehe er ankam, murrte es in der Armee umher, als ob ein Sturm losbrechen sollte. Infanterieregimenter schüttelten die Waffen, sie wollten keinen Reitergeneral, Anhänger Skrzyneckis erhoben ihre Stimmen, Deputationen der Offiziere drängten sich an die Reichstagsdeputation, die Russen griffen die Vorposten an, es war ein verworrenes, böses Wesen.

Am elften erschien Dembinski, schalt die Deputierten, daß sie sich als Zivilgewalt so ausführlich in den Krieg mischten, wollte nur interimistisch auf sechzig Stunden annehmen, ergab sich dem Patronate Skrzyneckis, der ihn der Armee vorstellte. Dieser Antritt in all seinen Teilen mißfiel der Regierung, Dembinski ward nicht bestätigt, die Armee zog sich gegen die Verschanzungen von Warschau zurück in die Position von Utrata. Dieser neue Rückzug flog wie ein Klageschrei durch Warschau und gab den äußeren Stoß für die Aufruhrszene, welche nun mit dem 15. August ausbrach.

An der Spitze stand Krukowiecki, welcher sich der Volkspartei und der Klubs bemächtigte, um die aristokratische Partei zu stürzen und selbst an die Spitze zu kommen. Während des Aufstandes erklärte er sich zum Gouverneur der Stadt und war an allen Orten und Enden, der Regierung immer neue Gefahren meldend, den Aufruhr selbst in aller Weise bis zu einem gewissen Höhepunkte fördernd.

[261] So waren die Zustände am Abend des 15. August, wo Valerius nahe daran war, aufgehängt zu werden; in der Stadt war leise, aber sicher alle Gewalt in die langen Finger Krukowieckis geschlüpft; die ohnmächtige Regierung, in welcher nur Lelevel zur Aufruhrpartei gehörte, hielt er durch immer neue Schreckbilder im Schach, die Volkspartei ermahnte er, nach einer gewissen Ordnung zu henken.

Zu gleicher Zeit war die Armee ohne Führer, Dembinskis Termin war in wenig Stunden abgelaufen, neue Deputierte kamen denselben Abend in das neue Lager, um für jeden Preis einen Generalissimus zu wählen. Skrzynecki, welcher durchaus Dembinski wollte, weil sich ihm dieser so ergeben bewies, trat ihnen mit der spöttischen Frage entgegen: »Wen wollt Ihr denn jetzt in Warschau? des Sultans Bart oder Barbara Radzivillowna?«

Keiner von den übrigen Generalen wollte annehmen, der allgemein verehrte Fürst Czatoryski kam verhängten Zügels ins Lager gesprengt, um Schutz zu suchen, die Aufrührer waren an der Barriere seinem Pferde in die Zügel gefallen, er hatte sich durch einen Pistolenschuß befreien müssen, die Lage war entsetzlich, wenn Paskiewitsch Kunde erhielt und mit aller Gewalt angriff.

Die Deputierten zwingen jetzt Prondzynski, den Oberbefehl anzunehmen, man schildert ihm den Zustand der Hauptstadt, wo die Regierung im Begriff ist, den allmächtig gewordenen Krukowiecki auch formell das Feld zu räumen und niederzulegen. Er nimmt ebenfalls nur interimistisch an und erklärt, Krukowiecki sprechen zu müssen und reitet nach Warschau. Jetzt erheben sich wieder Skrzynecki und Dembinski: Warschau, heißt es, müsse gebändigt werden, ein militärischer Diktator sei nötig. Die Armee wird von Utrata noch weiter zurück bis in die Verschanzungen der Hauptstadt geführt und den Truppen in einem Tagesbefehle angezeigt, die Russen hätten einen Aufruhr in Warschau angerichtet. [262] Unter diesen sich überstürzenden Aufregungen errichtet man sogar in Eile Batterien gegen Warschau.

So steht's am 17. August. An der Spitze seiner Reiter und seines Generalstabs reitet Dembinski in die Stadt, vor den Palast der Regierung, um eine Diktatur in Beschlag zu nehmen. Prondzynski hat bereits wieder niedergelegt, die Regierung tut desgleichen, Dembinski noch zum Generalissimus ernennend.

Dieser, nur halb entschlossen zu einem Äußersten, eilt in den Sälen des Palastes hin und her, bald diesen anfahrend, bald jenen fragend. Krukowiecki tritt ein, auf ihn stürzt er los: »Ich bin gekommen, die Verbrecher vom 15. August zu verhaften, Sie selbst sind mir von Lelevel als Teilnehmer genannt –«

Krukowiecki erbleicht, sein ganzes Werk steht auf dem Spiele, die Armee ist da, und seine Macht kann in einem Nu entrückt sein. Er gibt sein Ehrenwort, mit dem patriotischen Klub nichts gemein zu haben, Dembinski läßt sogleich die Häupter desselben und Anführer des Aufstandes verhaften.

Unterdessen versammeln sich die Landboten, der Moment kommt, wenn sich Dembinski zum Diktator machen will; er schwankt hin und her; sein Vorsatz kommt zur Kenntnis des Marschalls Ostrowski, und dieser ruft laut: »Wenn Dembinski erscheint, so verweigere ich ihm das Wort.«

Man überbringt Dembinski eiligst diese Äußerung, er erschrickt, gibt sein Unternehmen auf, und da er doch Generalissimus ist, rückt er hinaus ins Lager.

So war das Feld wieder frei für Krukowiecki: immer längere Listen von solchen, welche das Volk ermorden wolle, überbrachte er dem Reichstage, ließ das Schloß mit Truppen und Kanonen umringen, als sei die größte Gefahr vorhanden, und ward dann auch wirklich unter diesen Schreckensumständen, die er allein zu bändigen schien, zum Präsidenten der neuen Regierung ernannt.

[263] Jede Partei glaubte, sich Glück wünschen zu können; die ausschweifendsten Demagogen wurden bestraft, die tüchtigsten aus der Volkspartei, wie Xaver Bronikowski, wurden angestellt, den Doktrinärs ward dadurch genügt, daß Bonaventura Niomojewski Vizepräsident wurde, die Aristokraten fanden ihre Stellen im diplomatischen Kreise, ein paar Soldaten und gemeine Leute, welche man bei den Mordszenen ergriffen hatte, wurden erschossen; der neue Regent war von unermeßlicher Tätigkeit, man fühlte sich konsequent und durchgreifend regiert, alles pries den Retter aus so großer Unruhe und Unordnung, den alten Krukowiecki.

Valerius, der an jenem Abende den Slodczek wirklich gerettet hatte, ging jetzt lebhaft mit dem Entschlusse um, wieder in die fechtenden Reihen einzutreten, obwohl sein Anteil an allen diesen Dingen völlig erstorben war. Es graute ihm vor diesen revolutionären Zuständen, die ihm mit aller Gräßlichkeit, mit ihrem entsetzlichen Zufalle so nahe getreten waren, ein ganzes historisches Verhältnis war ihm unheimlich, wo in keiner Weise ein gesichert Allgemeines festgestellt werden konnte, aber er hielt es für schicklich, jetzt nicht abzustehen, wo die Gefahr aufs höchste gestiegen war.

Eine Rückkehr nach Deutschland war in diesem Augenblicke auch nicht möglich, die Russen hatten eine Meile von Warschau den ganzen Kreis des linken Weichselufers besetzt; sogar das Rüdigersche Korps hatte sich von Süden herauf mit der großen Armee vereinigt, vor Deutschland lag die Mauer einer Armee.

Im Begriff, nach Wola hinauszugehen, schritt er trübe und düster über den sächsischen Platz, das ganze Leben sah ihm zugemauert und verloren aus, da kam Kasimir geritten, der eine Botschaft von der Armee an den Präsidenten gebracht hatte. Er war sehr niedergeschlagen und riet Valerius durchaus ab, noch einmal die Waffen zu ergreifen für eine völlig verlorene Sache.

[264] In diesem Augenblicke fuhr der Präsident Krukowiecki mit Stanislaus und dessen Vater vorüber.

»Sehen Sie,« sprach Kasimir, »die unnatürlichen Verhältnisse: der alte Graf haßt Krukowiecki wie die Pest, da fährt er freundschaftlich mit ihm hin. Nein, nein, glauben Sie das nicht, hoffen Sie nichts von dieser blendenden Energie, diese Warschauer Polen sind bis ich die innerste Seele eitel und egoistisch, dieser Krukowiecki ist der Egoismus selber, ich fürchte das Schlimmste. Kommen Sie mit, ich will mein Pferd einstellen und einen Schlupfwinkel suchen. Helfen Sie mir; ich vertraue Ihnen rücksichtslos. Heut' abend kommt Dembinski, der jetzige Generalissimus, mit Skrzynecki in die Stadt herein, Skrzynecki ist seines Lebens nicht mehr sicher vor seinem Todfeinde, dem alten Grauen. Krukowiecki verlangt heute seine augenblickliche Entfernung von der Armee, morgen, übermorgen wird er auch Dembinski absetzen.«

Sie suchten eine Wohnung für Skrzynecki. Des Abends kam wirklich ein Wagen vor den Regierungspalast gefahren, in welchem zwei Offiziere saßen. Der eine stieg aus, um den Präsidenten der polnischen Regierung zu sprechen, heftiger Groll lag auf dem Antlitze, und raschen Schrittes eilte er über den Hof – es war Dembinski. Der andere Offizier, in einen Mantel gehüllt, fuhr weiter; in einer dunkeln Straße stieg er aus, Kasimir und Valerius traten zu ihm, gingen schweigend noch durch einige kleine Straßen und traten in ein Haus.

Der Mann, welcher sich jetzt in Warschau verbergen mußte, war derselbe, welcher noch vor wenig Tagen an der Spitze des polnischen Heeres gestanden hatte, war Skrzynecki. Seufzend warf er sich im Zimmer auf einen Sessel; der lange, blasse, interessante Mann nahm seine Brille ab und bedeckte die Augen mit der Hand.

Die Situation schnitt Valerius durch das Herz, wie zermalmender [265] Sturm erschien ihm eine Zeit, die aus dem Gleise gerückt ist.

»Wenn Dembinski heftig ist gegen den glücklichen Intriganten, so wird er morgen des Generalissimates entsetzt sein, dieser Krukowiecki ist unser Saturn, ein heidnischer Dämon, der seine Kinder frißt.« –

Der nächste Tag sah die Erfüllung dieses Wortes, Dembinski ward abgesetzt, Valerius und Kasimir brachten dem zerbrochenen Krieger die Nachricht, und man beratschlagte eifrig über Mittel und Möglichkeit, daß Skrzynecki nach Krakau gelange; Krukowiecki hatte überall seine Spione, es war die größte Gefahr zu besorgen. Darüber brach der Abend ein, man hatte sich über die Abreise zum nächsten Abend vereinigt, die drei Männer saßen schweigend im Dunkeln.

Da polterte ein schwerer, bespornter Fuß die Treppe herauf, die Tür ward ohne weiteres aufgerissen, ein großer breiter Mann trat auf die Schwelle und blieb dort schweigend stehen; die Tür blieb offen. Hinter ihm kam ein Soldat mit einer Laterne, er trat neben jenen, das Licht beleuchtete die Gruppe.

»Krukowiecki!« riefen gleichzeitig die drei Männer und sprangen von den Stühlen auf.

»Jawohl, Krukowiecki,« sprach jener. »General Skrzynecki schlägt wohl die Russen hier ganz in der Stille?«

Skrzynecki hatte seine volle vornehme Fassung und verhielt sich mit untergeschlagenen Armen völlig schweigend. Die beiden großen Figuren in solcher Stimmung und Situation einander gegenüber, der leuchtende Soldat daneben, in welchem Valerius Slodczek erkannte, die beiden erschreckten Männer Kasimir und Valerius, bildeten eine merkwürdige Gruppe.

»Sie, junger Mann aus Deutschland,« sprach Krukowiecki zu Valerius, »sind auch eine der verdächtigsten Personen, [266] die ihren Lohn finden wird – General Skrzynecki, Befreier Polens, ich befehle Ihnen, Sie das letztemal gesehen zu haben, Sie gehören weder zur Armee, noch nach Warschau.«

»General Krukowiecki,« erwiderte der abgesetzte Generalissimus, »der Sie unsere Revolution entwürdigen, gebe Gott zum Heil meines Vaterlandes, daß Sie nicht der sind, für den ich Sie halte!«

»Sie haben ausgespielt, Skrzynecki,« erwiderte dieser heftig, »und Ihr Geschwätz soll auch ein Ende nehmen.«

Damit verschwand er. Die drei Männer waren wieder im Dunkeln und gingen augenblicklich daran, andere Maßregeln für ihre Sicherheit zu treffen.

31
31.

Skrzynecki war auf dem Wege nach Krakau; Kasimir und Valerius ritten durch die Barriere nach Wola, um sich in die Armee zu retten. Es war eine mondhelle Nacht, und sie konnten nur langsam vorwärts, weil ein ganzes Armeekorps vom Lager aus durch Warschau marschierte, um über die Brücke von Praga aufs jenseitige Weichselufer zu rücken und einen Streifzug zu unternehmen. Es war eine Heeresabteilung von mehreren zwanzigtausend Mann, welche unter Ramorino und Lubienski den Zugang von Praga säubern und der diesseitigen Armee, welche auf eine Quadratmeile eingeengt war, Lebensmittel verschaffen sollte.

Valerius war starr und öde und sah mit Verzweiflung auf die Stadt zurück, welche unter Nacht und Mondschein hinter ihm lag. Für all seine uneigennützige, enthusiastische Teilnahme an Befreiung der Nation, welche in dieser Stadt verkörpert war, mußte er jetzt wie ein Dieb in der Nacht entweichen und unter den Kugeln der Russen eine Freistatt suchen. Alle seine Anknüpfungen hinter jenen Mauern sahen [267] ihm trübselig nach: er wußte nicht einmal, ob Konstantie noch dort wohne, das Weib, das in einem so stürmischen Rausche an seiner Brust gelegen hatte; auch Joels Schicksal war ihm unbekannt; die liebliche Hedwig hatte er nur in jenem entsetzlichen Momente wiedergesehen, das ganze Leben grinste ihn an wie ein possenhaftes Trauerspiel. Dazu dieser erschreckende Leichtsinn des vorüberziehenden Heeres, Lärm und Jubel desselben in der warmen Sommernacht, »und sie ziehen vielleicht dahin,« sagte Kasimir, »und sehen dies vergötterte Warschau nicht wieder; Paskiewitsch weiß vortrefflich, wie es unter uns hergeht, er hat seine ganze Macht beisammen und ist ein entschlossener, tapferer Feldherr, der mit Energie das Äußerste daran setzt. – Gott schütze das arme Polen!«

»Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« riefen die Kriegskameraden, welche vorüberzogen und im Mondscheine Kasimir oder Valerius erkannten. Auch Stanislaus war unter den Marschierenden, aber er ritt ohne Gruß dicht an dem Deutschen vorbei.

Jener Expedition Ramorinos schloß sich überhaupt der Kern der aristokratischen Partei an, die sich in einem unsichern Verhältnisse zu Krukowiecki fühlte.

Dieser merkwürdige Mann war nun jetzt im ganzen Umfange des Wortes Diktator, obwohl er den Titel nicht hatte: das Generalissimat war dem 75jährigen Malachowski aufgenötigt worden, damit die Armee für alle Pläne verfügbar blieb; die Gouverneurschaft von Warschau hatte General Chrzanowski, ein Offizier, welcher den Patrioten höchst verdächtig war und schon lange von Unterhandlungen mit den Russen gesprochen hatte; vom Oberbefehl über die Nationalgarde war der hochgeachtete Anton Ostrowski entfernt; Krukowiecki ließ seine eigene Wohnung von einem Chasseurregimente bewachen. Die Demokraten nämlich gerieten jetzt in die Furcht, von ihm betrogen zu sein und organisierten eine [268] Verschwörung. Sie ward entdeckt – in diesen aufgelösten Zustand kamen nun die Parlamentärs von Paskiewitsch, welche Unterhandlungen eröffneten.

So stand es, als Valerius am Vormittage des 5. Septembers den General Prondzynski an sich vorübersprengen und über die polnischen Vorposten hinauseilen sah; vor ihm ritt ein Parlamentär, neben ihm Peter Wysocki, jetzt Oberstleutnant, welcher ein Hauptführer der Fähndriche beim Ausbruch der Revolution gewesen war. Als sie nach mehreren Stunden erst zurückkehrten, erzählte Wysocki zu großer Bestürzung, daß Prondzynski eine Stunde lang geheim mit dem russischen Generale Dannenberg in Unterredung geblieben und ganz verwandelt, höchst bestürzt zurückgenommen sei. So war man denn auch über diesen wichtigsten Heerführer in Unruhe versetzt, wenn auch nicht an einen Verrat von seiner Seite geglaubt wurde; vielleicht waren ihm im Eifer Andeutungen entschlüpft über die ferne Abwesenheit des Ramorinoschen Korps, über die Regierung, kurz, den Morgen darauf, als Valerius sich eben gegen fünf Uhr von seiner harten Lagerstatt am Erdboden erhob, donnerte ein Kanonenschuß vom russischen Heere herüber, es folgte ein zweiter, und als ob Luft und Erde in Donner aufgelöst würden, ein Schlag von hundert Kanonen, die wie ein Hagelwetter links und rechts neben ihm in die polnischen Verschanzungen einschlugen, schwarze Kolonnen, die Blitz auf Blitz vor sich hertrugen, kamen über die Ebene daher auf die Position von Wola los, welche die stärkste der Warschauer Verschanzungen war.

Paskiewitsch begann den Sturm; in dem Augenblicke war der Oberbefehlshaber Malachowski gar nicht zugegen, General Bem, welcher sämtliche Artillerie befehligte, stand ruhig auf dem Observatorium in Warschau und hielt den Angriff auf das feste Wola für einen Scheinangriff, viele Werke waren von den Soldaten entblößt, weil die 20000 [269] Mann von Ramorino fehlten, die zum Teil just nach Wola gehörten, nur Uminski, unter welchem auch Valerius jetzt focht, war auf seinem Posten und des Äußersten gewärtig. Der größte Teil von der Armee, ganz Warschau dachte nicht daran, daß in den nächsten achtundvierzig Stunden eine Totalentscheidung des ganzen Krieges vor sich gehe, just dies Verhüllte, Unerkannte des Äußersten war ein so überaus tragisches Moment.

Zwei Stunden Zeit kostet's die Russen, zwei kleine, vereinzelte Vorwerke zu nehmen, aber sie bieten, von der kräftigsten Energie ihres Feldherrn Paskiewitsch gedrängt, einen unablässigen massenhaften Angriff der verzweiflungsvollen Wehr von seiten der Polen; nach sieben Uhr stürzen sie zum Sturm auf Wola, nach einem entsetzlichen Gemetzel ist es gegen neun Uhr genommen; Wysocki, der es mit verteidigt, in den Händen der Russen – es tritt eine Totenstille auf dem Felde ein, kein Schuß fällt mehr; Krukowiecki erscheint, um zu sehen, was vorgefallen sei.

Als nun die Russen zu weiterem und breiterem Angriffe vorrückten, fanden sie geordneten Widerstand von Bem und Uminski; nachmittags um drei Uhr beginnen die Polen selbst den Angriff, um Wola wieder zu erobern. Hier gab es nun eine Stunde lang das mörderischste Gefecht des ganzen Krieges; Paskiewitsch drängte mit konzentriertester Tapferkeit und Kraft alles auf Wola zusammen. Um vier Uhr mußten die Polen auf das nächste Hauptwerk Czysti zurückweichen und Wola aufgeben; um fünf Uhr schwieg erschöpft alles; die Russen befestigten Wola.

Dies war der erste Tag des Sturms. Warschau hatte in dem Halbkreise, welchen es diesseits der Weichsel nach der westlichen Ebene ausdehnt, drei Verteidigungslinien; dieser Tag hatte den festesten Teil der ersten Linie gekostet, der übrige Kreis derselben war noch von Polen besetzt, die zweite und dritte Linie unberührt; man hoffte jede Stunde auf Ramorinos Ankunft, man dachte nicht an ein Ende.

[270] Aber Krukowiecki dachte daran, Chrzanowski, der Gouverneur von Warschau, der alles zu verhaften befahl, was in der Stadt die Waffen erhebe, Prondzynski, der mutlos war.

Krukowiecki ließ in die Stadt hineinsagen, alles sei verloren, man möge ihn zu Unterhandlungen bevollmächtigen. Er erhält vorläufige Erlaubnis, man denkt, er wolle Zeit gewinnen; aber die Armee erhält keine Befehle für den nächsten Tag, noch beordert er Wagen, welche man vorschlägt, um dem Ramorinoschen Korps die Ankunft zu beschleunigen; gegen Mitternacht beruft er Prondzynski. Er soll neue Unterhandlungen anknüpfen und erhält von Krukowiecki die geheime Weisung, Rückkehr unter russische Herrschaft sei die Grundlage. Um drei Uhr des Morgens reitet Prondzynski nach Wola; Feldmarschall Paskiewitsch empfängt ihn barsch in Gegenwart des Großfürsten Michael und des General Toll, der Großfürst aber vermittelt, es soll bis neun Uhr Waffenstillstand sein, Präsident Krukowiecki solle selbst zur Unterhandlung nach Wola kommen.

Nach acht Uhr des Morgens am 7. September ritten also Krukowiecki und Prondzynski mit dem russischen Parlamentär, General Dannenberg, nach Wola; Paskiewitsch empfing sie, von einem glänzenden Generalstabe umgeben, und man ging ins kleine Wirtshaus von Wola, um zu unterhandeln.

Das wichtige Verhältnis wurde dadurch eingeleitet, daß der russische Feldmarschall den polnischen Präsidenten hart und rauh anging, wie den Vertreter einer bereits ganz verlornen Sache, und daß Krukowiecki sich nun ebenfalls zornig in die Brust warf, und aufzählte, was alles für Hilfsmittel den Polen noch zu Dienst wären. Der Großfürst Michael vermittelte hierbei ebenfalls; Paskiewitsch verlangte unbedingte Unterwerfung und Räumung von Warschau, Krukowiecki erklärte seinen Beitritt, fügte aber hinzu, daß die Zustimmung des Reichstags nötig sei, daß diese indessen erfolgen werde. [271] Bis sie verschafft sei, bis Nachmittag zwei Uhr, solle der Waffenstillstand ausgedehnt werden.

Zwischen den russischen Zurüstungen zu einem neuen Sturme ritten die beiden Polen zurück, und zwar einen andern Weg als sie gekommen waren. Dies rettete Krukowiecki das Leben: an dem Wege, den er des Morgens genommen hatte, harrte seiner der Tod, die Demokraten, welchen er jetzt ein Entsetzen geworden, lauerten ihm auf.

Warschau war unterdessen in der wunderlichsten Unruhe und Ungewißheit: niemand dachte an eine so nahe Endkatastrophe, und doch fühlte man sich unter dem peinigenden Drucke einer Gefahr drohenden Luft, man fragte sich: »Was ist?« »Was geschieht?« »Warum schweigen die Kanonen?« »Siegen wir?« »Warum ist der Präsident bei den Russen?«

Nur die höher Gestellten sahen den Abgrund, an welchen sie geführt waren, ohne doch auch genau zu wissen, wie tief er sei, ob ein Sprung retten könne; der Vizepräsident, welchem vor den unheimlichen Schritten Krukowieckis graute, legte seine Stelle nieder, ihm folgten die meisten Minister, dennoch fürchtete noch niemand das Entsetzlichste, was bereits neben ihnen stand.

Es ist vormittags zehn Uhr, der Reichstag versammelt sich, Krukowiecki und Prondzynski kommen an; wie soll die Forderung des russischen Feldmarschalls, welche die ganze jetzige Existenz vernichtet, den Deputierten vorgetragen werden? Prondzynski wird hineingeschickt, er soll als betrauter Offizier den rettungslosen Waffenzustand schildern.

Erhitzt, fieberisch bewegt von den Eindrücken, die ihn schleudern, tritt er ein und bittet um eine geheime Sitzung. Man schließt die Türen, räumt die Galerien, Prondzynski gibt eine hinreißende Schilderung, daß Warschau kaum noch eine Stunde zu halten sei, daß der Feldmarschall den Wiener Traktat, vollständige Amnestie, Preßfreiheit, Freiheit von russischer Besatzung biete – ein Teil des Reichstags ist [272] erschüttert, da erhebt sich der Landbote Worcell und ruft, man solle sich vertagen und niemals einen solchen Vertrag bestätigen, es erhebt sich der Landbote Jelowicki und erklärte, jene Darstellung sei lügnerisch übertrieben, General Bem habe versichert, die Stadt könne sich noch vierundzwanzig Stunden halten, unterdes sei Ramorino da, Paskiewitsch habe bereits soviel Munition verschossen, als Napoleon zu seinem ganzen Zuge bis Moskau mitgenommen, er müsse in kurzem erschöpft sein.

»Herren Landboten!« beginnt Prondzynski aufs neue – Bonaventura Niemojewski verbietet ihm das Wort und ermahnt die Versammlung, standhaft zu sein, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Es ist ein Uhr. Prondzynski zieht einmal um das andere seine Uhr heraus und ruft: »Meine Herrn, entscheiden Sie sich, es sind nur noch wenig Minuten übrig, der Sturm beginnt von neuem, die Russen dringen in die Tore.«

»Lasset die Sturmglocken läuten,« ruft Anton Ostrowski, »alles mit Waffen hinaustreiben gegen den Feind!«

»Auf der Stelle,« stimmt Nakwaski bei, »und der Bischof mit dem heiligen Kreuz soll vorangehn.«

»Wählt Niemojewski zum Präsidenten!«

»Nein, fragt Krukowiecki!«

»Keine Volksbewaffnung, sie erwürgt auch uns.«

Da dröhnten die Fenster von dem Schlage, welchen zweihundert Kanonen donnerten, Paskiewitsch begann den neuen Sturm.

»Erwählt den Kaiser von Rußland zum König von Polen, wenn Polen ganz Polen bleibt,« rufen fünf bis sechs Stimmen, darunter Lelewels, Ostrowskis.

»Erwartet das Ärgste auf diesen Stühlen wie römische Senatoren,« ruft Szaniecki; »zwingt den entmutigten Prondzynski, der unser fähigster General ist, an die Spitze der Truppen zu eilen!«

[273] »Ja, ja! so sei's!« ruft alles. Prondzynski entweicht.

»Öffnet die Türen,« ruft der Reichstagsmarschall, »verhandelt das Eigentumsrecht der Bauern! So soll uns der Feind finden.«

Aus dieser Zerfahrenheit, wo stolze Phrasen, einzelne Kühnheit, aber nirgends eine gefaßte, durchdringende Energie, nirgends überwältigende, herrschende Persönlichkeiten und Entschlüsse zu finden waren, aus dieser Versammlung, welche von den Ereignissen überflügelt war, ließ sich keine Rettung erwarten. Und diese Versammlung war das einzig noch geachtete mächtige Institut der ganzen Revolution. Prondzynski mochte übertreiben, aber er tat es sicher nicht so lügnerisch, als man ihm vorwirft, Paskiewitsch hatte wirklich große Wahrscheinlichkeit des Gelingens für sich, da die Dinge einmal so weit getrieben waren, und er eine unumschränkte Entschlossenheit für sich hatte.

Der Hauptsturm war diesen Tag auf den Mittelpunkt der polnischen Position, auf Czysti gerichtet, das mit zweihundert Kanonen verheerend angegriffen wurde. Auf der Uminskischen Linie, wo ebenfalls stürmisch vorgedrungen ward, gelang der russische Angriff nicht, sondern ward zurückgeworfen, aber Czysti wurde bald so weit demontiert, daß es sturmreif war; Paskiewitsch, der mitten im Feuer hielt und seine Truppen unablässig vordrängte, mußte zwar persönlich zurück, da eine Kugel seinen Kopf gestreift und verwundet, General Toll indessen übernahm das Kommando, und war eben im Begriff, den Sturm zu beginnen. Da kam Prondzynski mitten durch das beiderseitige Feuer gesprengt, und brachte die Nachricht, Krukowiecki sei vom Reichstage autorisiert, zu unterhandeln.

General Berg wurde mit ihm zurückgesendet; dieser verlangt schriftliche Autorisation vom Reichstage, Krukowiecki hat eine solche nicht und schickt dem Reichstage seine Entlassung. Sie wird angenommen; der Sturm auf Czysti [274] beginnt, Prondzynski läßt sich noch einmal von Krukowiecki in den Reichstag schicken, Niemojewski und der Marschall erheben sich gegen ihn, der Lärm beginnt von neuem, er erhält aber doch die schriftliche Erlaubnis, mit Rücksicht auf den Geist der früheren Gesetze in Unterhandlung zu treten. Rasch läßt nun Krukowiecki seine Abdankung wieder vom Tische nehmen, und sendet abends um sechs den immer reitenden Prondzynski nochmals ins russische Lager mit jener Bevollmächtigung und mit einem eignen Unterwerfungsbriefe an den Kaiser von Rußland.

Unterdessen ist Czysti genommen, und die Russen dringen durch diese eine Lücke in die Vorstädte, die Uminskischen Linien, welche noch unversehrt sind, in der Flanke und im Rücken lassend. Von hier aus greifen nun die Polen an, und es entsteht ein neues entsetzliches Gemetzel, die Nacht bricht ein, der Tod mäht wüst, da fehlen plötzlich überall die polnischen Truppen, wie sie von Malachowski und Uminski beordert waren; auf Krukowieckis Befehl sind sie in die Stadt und bis nach Praga hinübergezogen worden; Chrzanowski läßt niemand über die Brücke von Praga flüchten, es ist offenbar darauf abgesehen, Krukowieckis Unterwerfung an die Russen zu bestätigen.

Es herrscht die trostloseste Verwirrung, man rennt, man klagt, man schimpft, Truppen ziehen dazwischen; aus den Vorstädten herein knattert das Gewehrfeuer, braust das Kampfgetümmel – da bringt der Marschall Ostrowski noch einen kleinen Teil der Landboten im Palaste zusammen, Krukowiecki wird von ihnen abgesetzt. Die beiden Ostrowski unterzeichnen es und tragen es selbst zu ihm hin, viele Landboten folgen.

»Was wollen Sie?« schreit er und gerät in schäumende Wut, als ihm die Absetzung mitgeteilt wird – »sagt dem Großfürsten, daß er jetzt die Stadt beschieße, ich nehme die Entlassung nicht an, holla, Ordonnanz, die Gitter vom [275] Reichstagspalaste sollen geschlossen werden, ich will sehen, ob der Reichstag meinen Vertrag ratifizieren wird.«

Aber dies war die letzte Wut, er wartete selbst die Rückkehr Prondzynskis nicht ab, ließ alles im Stich und entwich über die Weichselbrücke. Die Verwirrung war nun noch größer, als der russische Parlamentär ankam und nur mit Krukowiecki unterhandeln wollte; es war mitten in der Nacht, und man mußte Reiter abschicken, um Krukowiecki zurückzuholen.

Am 8. September endlich, vormittags gegen 12 Uhr, ward eine militärische Kapitulation abgeschlossen, nach welcher Warschau und Praga übergeben wurden und die polnische Armee mit ihren Effekten nach Plock abmarschieren sollte.

Um diese Zeit ritt Valerius zum letzten Male durch die Straßen, am Hause des alten Grafen vorüber, wo er mit Konstantien glücklich gewesen war; sie stand neben dem alten Herrn am Fenster und sah in das vorübertosende militärische Getümmel, der Graf hatte seine sonstige stille Miene, und man konnte darauf lesen, daß er nicht flüchten, sondern sich mit den Russen abfinden werde. Sie mochten Valerius in dem Wirrwarr nicht erkennen, aber es war diesem ein schneidender Eindruck, der Fürstin Augen lächelnd auf diesem Untergange ruhen zu sehn. »Bist du ein unbedeutender Geist,« sprach sein Gewissen, »ist sie ein so überlegener? Oder gibt Geburt und Stellung auch in den wichtigsten Fragen soviel richtigere Einsicht? Sie hat es dir voraus gesagt, daß es so kommen würde, du hast es jetzt zum Schrecken gesehen, was eine Macht, die in strenges Verhältnis, in strenge Einheit gefügt ist, Überlegenes leistet! Wie gewaltig und ganz ist dir in den letzten Tagen der russische Feldherr entgegengetreten neben diesen aufgelösten Revolutionszuständen! Hätte er nicht auch siegen müssen, wenn nicht gerade von den Krukowiecki und Chrzanowski hantiert worden wäre? Täuscht man sich nicht eben weiter, [276] wenn dieser Untergang auf einzelne Persönlichkeiten und Zufälligkeiten geschoben wird? Was ist alle Frage und Untersuchung und Redensart im Staatsleben, was bleibt der ewige Mittelpunkt? Kraft und Macht – wo wohnt sie in dieser Verworrenheit?«

Der Zug war just vor des Grafen Hotel ins Stocken geraten, und Valerius mußte dort harren wie im Feuer einer Batterie. Auch Williams sonst so düstres Angesicht sah er am Fenster, und er glaubte die Schadenfreude darauf zu erkennen.

Als er endlich bis an die Brücke gekommen war, fand er ein Drängen und ein Gewirr, daß er sein Pferd auf die Seite schieben und sich ruhig im Warten bescheiden mußte. In den Heereszug drängte sich alles, was bisher in Warschau regiert oder mitgesprochen hatte, dieser und jener, der bis daher ein vornehmer Mann gewesen war, trug sein Bündel, sein Kästchen, was er eben zunächst retten wollte; die ganze letzte Zeit gewann hier das Ansehn eines Mummenschanzes, der plötzlich verboten wird, auf die enge Passage dieser Brücke war mit einem Male alles angewiesen, was bisher agiert hatte.

Sieh da, auf einem kleinen Vorsprunge stand Leopold und sah neugierig dem allen zu; Valerius rief ihn an; der Kleine bewies sich auch hier wie immer redselig und heiter. »Es ist ein historischer Moment, den muß ich mir betrachten, lieber Alter, sieh, sieh, wie das höchst interessant sich gestaltet hat, ich hab' mir's gedacht, Lieber, es mußte so kommen, eine gestorbene alte Geschichte bleibt eine Leiche, man mag tun, was man will.«

Es war ein wunderlich ironischer Eindruck auf Valerius, daß selbst dieser kleine, leichtsinnige Fant sich überlegen fühle, ihn gewissermaßen beschäme oder herausfordere. Er fragte ihn, ob er sich denn nicht retten wolle, daß er hier im dünnen Leibrock mit dem Zuschauen begnügt sei?

»Wovor mich retten? Ich bin ja kein Revolutionär,[277] bin ein neutrales Element; die zerstörende Leidenschaft der Menschen, du weißt es ja, ist nie meine Sache gewesen, nur die gefällige – schau, schau, kennst du ihn noch von neulich, da sah er anders aus.«

»Krukowiecki, Krukowiecki!« sprach hie und da ein Vorüberziehender, aber man hatte in der allgemeinen Notwendigkeit keinen Raum zu absonderlicher Beachtung, auch nicht zu zorniger. Er hatte seinen Mantel umgeschlagen und ritt unter dem polnischen Zuge, als wäre nichts Störendes zwischen ihm und seinen Patriotischen Landsleuten vorgefallen.

Valerius reichte Leopold die Hand, er wollte nun ebenfalls durchzukommen versuchen. »Leb wohl, Gott weiß, wo wir uns wiedersehen!«

»In Petersburg oder in Paris, Lieber.«

»In Petersburg! Hansnarr!«

»Höre, Valerius, bist du vielleicht stark bei Kasse?«

Das Gewühl drängte den Befragten weiter, ein Wagen, der rasch vorwärts strebte, nötigte ihn zu großer Aufmerksamkeit auf sein Pferd – »ach, Herr von Valerius!« hörte er eine sanfte Stimme rufen, sie kam aus dem Wagen, und war Hedwigs, welche mit der steinalten Großmutter und dem Vater darin saß. Die arme Kleine hatte ein verschwollen geweintes Antlitz und streckte ihm die Hand entgegen. »Bitte, begleiten Sie uns!« bat sie inständig. »Wie freue ich mich in allem Elend, daß ich Sie gerettet sehe.«

Ihr Vater lag mehr als er saß totenbleich im Wagen, nur die alte Gräfin saß kerzengerade, wie sie immer gesessen hatte, und starr und geisterhaft sah ihr toter Blick vor sich hin.

Jenseits der Brücke hatte General Bem vierzig Kanonen auffahren lassen, und sie kamen eben dazu, als Krukowiecki die Weisung erhielt, man werde auf ihn schießen, wenn er das rechte Weichselufer betrete. Zusammenfallend suchte der alte Intrigant mühsam einen Weg nach Warschau zurück, er war vernichtet. Valerius war übrigens nicht mit vielen [278] andern der Meinung, daß er offener Verräterei anzuklagen sei, er sah jenes unglücklichste Moment des polnischen Nationalcharakters zum äußersten in ihm wirksam, welches den einzelnen persönlichen Einfluß, den einzelnen persönlichen Ehrgeiz ohne aufopfernde Rücksicht für das Ganze und Große um jeden Preis geltend macht. Wo diese Fähigkeit der Entäußerung und Entsagung fehlt, glaubte Valerius jetzt mehr als je, da sei auch keine Kultur, und, als Ergebnis derselben, kein gedeihender Staat möglich. So stellte sich ihm das polnische Unglück als ein regelmäßiger Verlauf der ganzen polnischen Geschichte dar, in welcher niemals die einzelne Person dem allgemeinen Bewußtsein einer allgemeinen Notwendigkeit untergeordnet worden, in welcher das Opfer im feinsten Sinne des Wortes unbekannt geblieben sei. In dieser Weise habe auch Krukowiecki blindlings hineingewirtschaftet und nur dafür gearbeitet, bis zum letzten Augenblicke, selbst als Überlieferer an den Feind, die Hauptperson zu bleiben; nebenher sei er der gepriesene Patriot gewesen, mehr aber Krukowiecki als Patriot.

Sie waren im Freien, links nach der Straße von Plock zog das Heer, geradeaus vor ihnen lag der Weg nach Siedlce, die früher so wichtige große Chaussee. Auf dieser wollte die Familie weiter, um dann rechts durch die Wälder nach ihrem Gut zu gelangen und dort ergeben die weitere Entwicklung des Dramas abzuwarten. Hedwig bat unter immerwährenden Tränen, Valerius möge sie begleiten; das kindliche Anschmiegen rührte ihm die Seele; Florian, düster und niedergeschlagen, fand sich mit einigen Bauern ein, um, wie er sagte, die alte Gräfin in Sicherheit zu bringen; er antwortete dem fragenden Valerius, das Ramorinosche Korps rücke durch die Wälder herauf, dem könne er sich anschließen; der Graf sprach nicht ein Wort, der Wagen rollte weiter; Valerius trabte halb unschlüssig hinterher, von der sich zum öftern umschauenden Hedwig wie gezogen. Er wußte es, [279] wie gefährlich der Weg für ihn sei mitten in das von Russen überschwemmte Land hinein.

Florian mit den Bauern war beritten, es ging rasch nach den Wäldern zu, in einiger Entfernung folgte ein einzelner Reiter.

Auch Florian sprach kein Wort, nur seine Handbewegung drückte aus: »Alles ist verloren,« ein einziges Mal, als Valerius sagte, es sei ja nur Warschau hin, erwiderte er: »Warschau ist alles, die großen Herren haben ihr Spiel verloren, und wir kommen hinterdrein.«

Bei einbrechender Nacht vernahm man aus der Ferne jenes ruckweis murmelnde Geräusch, welches den Anzug von Truppen bezeichnet; der Wagen hielt still; Florian und die Bauern ritten auf Rekognoszierung aus; es war eine windige unfreundliche Nacht, der Hufschlag des Reiters, welcher dem Zuge gefolgt war, näherte sich rasch, hielt aber plötzlich still, als er etwa auf zehn Schritt dem Wagen nahe gekommen war.

Valerius ritt langsam und vorsichtig nach ihm hin, und erkannte – Joel.

Florian brachte die Nachricht, es sei ein Teil des Ramorinoschen Korps, wahrscheinlich dessen Avantgarde, man könne die Reise ruhig fortsetzen. – Dies Korps war dadurch so verspätet worden, daß es sich mit Gefechten gegen den Feind zu tief eingelassen, und daß es mehrmals widersprechende, mitunter ganz sorglos klingende Nachrichten von Warschau erhalten hatte.

Es konnte wünschenswert sein, Stanislaus darunter ausfindig zu machen, damit sich dieser seiner Braut annehme, es sprach aber niemand davon, es war Nacht, und, wie immer bei solchem Begegnen, von großer Schwierigkeit, aus einem marschierenden Heere den einzelnen auszufinden. Um einen ungenierten Fahrweg zu gewinnen, bog man auf Nebenwege ab, die Nacht war bald wieder still und tot um die Reisenden, und Valerius, den eine schwere Bangigkeit überfiel, tiefer [280] in das verlorne Land hineinzureiten, fand es nun doch geratener, einen Rückweg zu suchen, welcher ihn mit der Ramorinoschen Kolonne vereinigte.

Joel, der sich dem Wagen nicht zu nähern wagte, beschwor ihn umsonst; er ritt hin, um von Hedwig Abschied zu nehmen. Was sollte er hier? Was konnte er helfen?

Aber es war bereits zu spät. Die Heeresabteilung, welcher sie eben begegnet waren, bildete nur eine Nebensäule des Ramorinoschen Korps, die leichte Reiterei der Russen umschwärmte es bereits, in diesem Augenblicke erschien dicht neben ihnen ein Kosak; man sah ihn beim Scheine der Wagenlaternen, er mochte die polnischen Uniformen von Valerius und Joel erkennen, war schnell wie ein Blitz wieder verschwunden, und gleich darauf vernahmen die Reisenden aus allen Seiten des Waldes ein schreckenerregendes Hurra. Die Kosaken stürzten zwischen den Bäumen hervor; Florian mit den Bauern gaben Feuer; Valerius und Joel zogen die Säbel und verteidigten sich gegen die eindringenden Lanzen; aber aller Widerstand war nutzlos, der feindliche Trupp ward immer stärker, und mochte wohl ein Pulk von hundert Mann sein, das Kämpfen war bald zu Ende, der alte Graf lag im Blute sterbend ausgestreckt im Wagen, Valerius und Joel waren entwaffnet und gebunden, Florian, als Schmied von Wavre erkannt, schwer verwundet, war an ein Kosakenpferd gebunden, seine Bauern hatten entweder unter den Lanzenstichen und Kugeln der Kosaken ihr Leben verloren, oder hatten sich in das Waldesdickicht gerettet; Hedwig saß vorn auf dem Sattel des bärtigen Führers dieser Kosakenabteilung, der sie mit den rauhen schmutzigen Händen liebkosen wollte; man ritt und fuhr nach einer Waldblöße, um dort den nahen Morgen zu erwarten und den Wagen zu plündern.

Da wurde ein Feuer angezündet, der alte Graf, welcher indessen verschieden war, aus dem Wagen geworfen, und man [281] ging eben daran, die Gräfin, welche fortwährend unbeweglich geblieben war, anzufassen, als Florian in übermenschlicher Anstrengung Reiter und Pferd, an welche er mit einem starken, langen Riemen gebunden war, mehrere Schritte mit sich fort riß, auf den Wagentritt sprang, den im Wagen stehenden Kosaken mit einem Schlage ins Genick niederwarf, um den Gürtel faßte und brüllend in die Lanzen der übrigen warf.

Auffallenderweise trat eine große Stille ein, die Kosaken schienen das heilige Gefühl des Schmiedes zu erkennen und zu ehren, sie machten keine Anstalt, den also getroffenen Kameraden zu rächen, wie ihnen überhaupt eine solche kameradschaftliche Verpflichtung nicht eigen zu sein scheint; Florian stand eine Weile unangefochten neben der unbeweglich sitzenden Gräfin, das Feuer beleuchtete sein verwildert fliegendes, dickes Haar und seine Züge, welche die entsetzlichste Wut ausdrückten – nur Joel entfuhr der Ausruf: »Florian!«

»Schweig, Jude!« erwiderte dieser, und in demselben Momente verschwand er unter den Pferden. Der Kosak, an dessen Tier er gefesselt war, hatte es fortgedrängt, Florian war hinuntergezerrt, und da die Kosaken nach der Erschütterung des Schweigens eine lebhafte Bewegung machten, so war er unter den Hufschlägen ihrer Rosse zermalmt worden.

Der erste Morgenschein flog grau über den Himmel, man erkannte, daß die alte Gräfin leblos war und nur noch mumienartig dasaß; schonend hoben sie die Kosaken aus dem Wagen und setzten sie an einen Baum.

Dort saß sie, drohend noch im Tode, als man aufbrach, eine schreckliche Leiche einsam im Walde; einige Schritte vor ihr lag der verstümmelte Leichnam Florians, einige Schritte neben ihr der erschlagene Graf, ihr Sohn.

Hedwig, Valerius und Joel sahen noch tiefer aus dem Walde auf die Lichtung zurück, über welche ein grauer Morgen aufging.

Hedwig war totenbleich, aber ohne Träne.

32
[282] 32.

Der Kosakentrupp, welcher die drei Gefangenen transportierte, war folgenden Tages nicht weit gekommen; die Nachricht vom Falle der Hauptstadt mochte beim Ramorinoschen Korps eingetroffen sein, wenigstens hielt es inne in seinem Marsche, und die leichte Verfolgung der Kosaken ward dadurch ebenfalls gehemmt. Sie rasteten des Abends in einem kleinen Heidedörfchen, und der Teil, welchem zunächst die Bewachung der Gefangenen anheimfiel, nahm eine Scheune und deren Umgebung zum Nachtquartier. Hedwig war noch immer sehr begünstigt und durfte ohne Fessel bleiben; man sah es nicht gern, wenn sie sich den beiden Schicksalsgefährten zugesellte, hinderte es aber doch nur leichthin und ohne Nachdruck.

Es wurde Nacht, die Kosaken lagen unordentlich auf der Tenne umher und schliefen, durch die zerschlagenen Torflügel der Scheune schimmerten die in Kohlen zusammenfallenden Feuer herein, um welche her die Piken aufgesteckt waren und die kleinen Pferde standen und lagen.

Valerius und Joel, denen die Hände fest auf den Rücken gebunden waren, blieben wach und dachten auf Flucht. Hedwig lag in einiger Entfernung von ihnen und sprach leise zu Valerius herüber. Der Kosak neben ihr hatte dies zwar mehrmals verboten, wenigstens war durch Pantomime und Betonung dies unverkennbar gewesen, obwohl sie des Kosaken Mundart nicht verstand, sie hatte aber keine Notiz davon genommen, und der Kosak war endlich eingeschlafen.

»Nach einer Viertelstunde,« sagte sie leise, »werde ich meinem Wächter das Messer aus dem Gürtel ziehn und den Strick durchschneiden, an welchem er mich festhält, dann komme ich zu Ihnen, um Ihre Bande zu lösen – geben Sie doch dem Kerl, welcher von hier aus vor Ihnen liegt, einen Stoß, damit er sich ein wenig anders legt, über seine breite Figur kann ich nicht geräuschlos wegsteigen.«

[283] Es geschah, der Gestoßene knurrte und erwachte halb, warf sich aber in eine andere Lage. Hedwig vollführte an ihrem Nachbar das Vorhergesagte glücklich und schlüpfte leise zwischen den schlafenden Gestalten hin, hier über ein Bein, dort über einen Arm hinwegschreitend – plötzlich entstand ein Geräusch vor der Scheune, und mehrere Kosaken fuhren in die Höhe; Hedwig, die just neben Valerius angekommen war, kauerte sich zusammen; die Kosaken riefen hinaus, und man antwortete von draußen; Hedwigs Lage war peinlich, und wenn ihr eigentlicher Wächter erwachte, so wurde sie mehr als dies. Dennoch schnitt sie in Eile die Stricke um Valerius Hände durch und gab ihm das Messer, damit er Joel ein Gleiches tue.

Mit Entsetzen gewahrte sie, daß auch ihr Wächter jählings sich aufrichtete und seine Stimme zu einigen unverständlichen Lauten erhob – aber wie bewußtlos und vom Schlaf überwältigt fiel er sogleich wieder zurück; es ward still.

Schweigend verharrten die drei zur Flucht Fertigen; Joel ergriff im Drange seines Gefühls Hedwigs Hand, um sie zu küssen, sie zog dieselbe aber rasch zurück, und Valerius bei der seinigen ergreifend eilte sie vorsichtig über die Schläfer hinweg nach dem Tore. Dort schlüpften alle drei durch die Öffnung, welche durch losgerissene Planken geboten war. Sie standen im Freien, der Wald lag nur etwa zwanzig Schritt entfernt, die Nacht war schwarz und finster, wenige Kohlen glühten noch in den Haufen. Es mußte aber darauf gerechnet werden, daß an mehreren Punkten eine reitende Schildwacht aufgestellt sei, die man umgehen müsse; die schwere Aufgabe blieb auch noch übrig, sich durch den Knäuel von Pferden und Lanzen und auswärts Schlafenden ohne Geräusch hindurch zu schleichen; Hedwig riß eine Pike aus der Erde, die beiden Folgenden taten ein Gleiches, sie waren glücklich den gefüllten Kreis passiert, da hörten sie dicht neben sich den langsamen Tritt eines Pferdes. Dies war der patrouillierende Kosak; sie bückten sich rasch zur [284] Erde, sein Auge aber, schon mehr an die Nacht und Dunkelheit gewöhnt, schien doch etwas gesehen zu haben, er hielt sein Pferd an und streckte wie prüfend und untersuchend die Lanze nach der Gegend, wo sie kauerten. Hedwig, welche zunächst damit in Berührung kam, schlug sie fort, sprang auf und stieß ihre Pike mit aller Anstrengung nach dem Reiter. Ein Schrei, eine lebhafte Bewegung des Pferdes war die nächste Folge. Die Fliehenden eilten jetzt rücksichtslos schnell nach dem Walde, hinter sich hörten sie den schnellen Pferdetritt und ein paar hin und her fliegende Kosakenworte, zuverlässig war es der zweite Wachtposten, welcher zu dem ersten, getroffenen heransprengte, das Nötige hörte, das Pferd nach ihnen wendete und schreiend hinter ihnen dreinsetzte. Sie waren eben bis zwischen die Bäume gekommen, ein Ruck verriet, daß der Lanzenstich des Kosaken gegen einen Stamm geprallt war, wenige Momente darauf knallte ihnen aber ein Schuß nach, und sie hörten den Lärm der aufgeschreckten Schläfer.

Hedwig, welche wieder die Hand von Valerius ergriffen hatte, zuckte heftig zusammen, sie war getroffen. Nur eine kleine Strecke konnte sie noch vorwärts, dann brach sie zusammen; der Wald war ein dichtes Gestrüpp; Valerius trug sie noch einige Schritte mit Hilfe Joels, der bei Erkennung des Unglücks in Jammer ausbrechen wollte und nur mühsam von Valerius zur Ruhe gebracht wurde. Mitten in dem dichten Gestrüpp kamen sie auf einen kleinen lichten Fleck, etwa von der Größe eines Zimmerchens; dort ertasteten sie einen mit der Wurzel herausgerissenen Baum; durch die ausgehobenen Wurzeln hatte sich unten eine Art Höhlung gebildet, da hinein brachten sie das arme Mädchen.

Unterdessen entstand rings im Walde ein brausendes Getümmel der nacheilenden Kosaken, die in den eng stehenden Bäumen nicht wohl fortkamen; bald sahen die Flüchtlinge über das Gestrüpp herüber auch Kienspäne leuchten; aber [285] man glaubte die Fliehenden schon weiter, es hielt sich kein Verfolger damit auf, durch das dichte Gesträuch einen beschwerlichen Weg zu suchen.

Der Lärm und die Gefahr hörten aber keinen Augenblick auf, und man mußte des Schlimmsten gewärtig sein.

Der Schuß war in den Rücken des Mädchens gedrungen, die Sprache wurde immer schwächer, der Tod näherte sich schnell. Und noch in diesem Zustande wies sie die beflissenen Dienstleistungen Joels zurück. Als der weiter spähende Teil der Kosaken wieder am Versteck vorüber zurückzukehren schien, starb die arme Hedwig in Valerius' Armen.

Die Freunde saßen erstarrt und schweigend bei der Leiche bis zum Morgen; der Gedanke an den nahen Feind schien ganz vergessen zu sein; wenigstens ging Joel ohne weitere Vorsicht, sobald es Tag geworden, hinüber nach dem Heidedorfe, um ein Grabscheit zu leihen.

Die Kosaken waren glücklicherweise fort, er fand den Spaten, grub auf der kleinen Lichtung seiner Geliebten, die bis in den Tod seine Liebe abgewiesen hatte, ein tiefes Grab und bestattete sie mit dem ebenfalls schweigenden Freunde in schauerlicher Waldesstille.

– Sie waren später auf dem Wege nach Joels Vaterstädtchen, wo der alte Manasse schwerkrank daniederliegen sollte. Valerius konnte den Versuch nicht mehr wagen, durch die verfolgenden Russen hindurch bis zu Ramorinos Korps zu dringen, er mußte Joels Vorschlag annehmen. Dieser war Tag und Nacht mit ihm durch die Wälder gewandert, zehnmal hatten sie seitab sich bergen müssen, um den russischen Truppen zu entgehen; Joel hatte nur das Allernotwendigste gesprochen; am nächsten Morgen war ihm der starre Schmerz in strömende Tränengüsse aufgegangen, und damit war ihm denn auch die Sprache wiedergekommen, und er konnte in einem gewissen Zusammenhange folgendes vorschlagen: Valerius solle mit zu Manasse kommen, von dort wollte ihn Joel nach Krakau bringen.

[286] »Dort,« sagte er, »werden wir diese unglücklichen Soldatenjacken los, ich werde wieder das, was ich bin und bleiben muß, um eine Existenz zu haben, ein Judenjunge, ich gehe auf den Schacher, da läßt mich die Welt gewähren. Sie stößt mich, sie behandelt mich verächtlich, sie weist mich in den Winkel; aber das wird meinem Herzen wohltun, es wird Ruhe haben. Ich habe ein Mensch sein wollen mit Menschen, man hat dazu gelächelt, und ich habe leider nicht sterben können an diesem Lächeln; andrer Unglück ist der Tod, unser Unglück ist das Leben. Namenlos, namenlos Unglück! Ist's ein nationaler Zug, den wir vom Jordan mitgebracht haben, diese feige Liebe zum Leben, oder ist er uns eingewachsen durch die über tausendjährige Gefangenschaft? Wer weiß es? Oder hängen wir in aller Erniedrigung stolz und gläubig an der alten Tradition, das vornehmste Volk, das auserwählte Volk Gottes zu sein? – Wir können den Tod nicht suchen und wünschen, so notwendig er uns sei. Ich werde ein Schacherjunge, um weiter zu leben.

Und was hab' ich erlebt! Ein gemeiner Bauer verschmäht den Ausdruck meiner Teilnahme; ein Mädchen, das mich geliebt hätte, ich weiß es, wäre ich ihrer Abstammung gewesen, diesem Mädchen blieb ich zuwider bis in den Augenblick des Todes, weil mein Leib eine nationale Atmosphäre hat, die ihr fremd und unheimlich ist, weil ich an den Jordan gehöre und an der Weichsel ein verachteter Fremdling bin. Fremd, fremd, fremd! in dem Worte liegen alle Abgründe der Existenz! Euch stinkt die Zwiebel, die anderen duftet. Nur das verwegene Glückskind trete aus seinem Kreise, ich werde ein Schacherjude und vergesse meine Philosophie und Kenntnis, die ich in falschen Kreisen erlernt habe; Gott gebe, daß ich zurück kann! Der Christ verstößt mich, und ich habe schon lange den Juden in mir verstoßen! Weh! Dies wird der Zwitterzustand, den diejenigen durchmachen[287] müssen wie eine lebenslange, schmerzliche Geburt, die sich einlassen auf Emanzipation. Ihr haltet diese Gewährnis der Emanzipation für eine besondere Gunst, für ein wohlschmeckendes Recht, das ihr uns gewährt – weh, der emanzipierte Jude zieht ein stechend Hemd auf seinen Leib, das er Zeit seines Lebens mit Schmerzen tragen muß, um außen Frack und Weste darüber zu tragen, wie ihr tragt. Wer hilft, wer hilft gegen historisch Unglück?

Und diesem Volke, das in grobe Kinderei entzweit ist, diesem polnischen, das in ungebildeter Persönlichkeit auseinanderklafft und deshalb wieder verloren hat sein Spiel, es wird ihm nicht viel besser gehen als den Juden, und wenn es nicht wandert, so wird es doch beherrscht sein von Fremden, freilich immer noch ein Glück gegen ein Geknechtetwerden in der Fremde! Hatten meine Väter vor ihrem Untergange Streitigkeiten unter sich, so waren's doch große Fragen der Ewigkeit. Der Sadduzäer sprach: Es lebt kein Fleisch fort in anderer Welt, der Pharisäer wollte Gesetz und Prophezeiung und Glaube wörtlich und ganz. Habt ihr die Fragen geschlichtet, an denen wir untergegangen sind? – Was war hier neben uns, hier in Polen zu fragen? Über ein bißchen Verwaltung, ob das Ding so heißt, oder so – pah! Aber was höhn' ich, so spricht kein Schacherjude, und mein Unglück ist unwandelbar.«

Er setzte sich erschöpft nieder; Valerius rastete schweigend neben ihm. Dann sprang er hastig wieder auf und rief: »Ach, ich sollte fliegen, Manasse hat mir nach Warschau sagen lassen, er sei schwer krank, und ›wo bleibt mein Sohn Joel?‹ und ich bin meinem Vergnügen mit der kleinen Hedwig nachgelaufen, 's war wohl ein schlimmes Vergnügen, und nun ist's aus für immer, aber es war doch mein Gelüst, und ich habe versäumt, was allein hält in diesem Leben, das Band zwischen Eltern und Kindern. Vater Manasse, lebe noch, ich komme; du bist vom besten Stamme, vom[288] Stamme Levi, und jeder Jude hat ein zäheres Leben als ein Mensch von anderem Volk; wir sind in allen Dingen die Aristokratie der Welt, von reinem, uraltem Blut – aber was hilft alle Wahrheit, und was ist wahr? Das, was geglaubt wird, sonst nichts. Wir ältesten Aristokraten, wir handeln mit Band und heißen Juden – o Hedwig, wenn du mich einen Augenblick geliebt hättest, dann wäre alles gut – weiter, weiter!«

Die Wanderer kamen des Abends vor dem Städtchen an, in welchem Manasse wohnte; sie traten in das erste Häuschen, um sich zu orientieren und umzukleiden. Das tat wirklich not, denn es war ein Trupp Russen im Orte; in dem Hause wohnte ein jüdischer Trödler, welcher Joel mit lebhafter Freudenäußerung empfing und mit wahrem Jubel den Anzug eines wandernden Bandkrämers zusammenschleppte, einmal über das andere rufend: »Nun haben wir Euch wieder, Herr Joel, nun seid Ihr wieder von unsere Leut! Gottes Wunder, wie wird sich der heilige Rabbiner, Euer Vater Manasse, freuen!«

Joel strich sich die Haare anders, und der elegante Reiter glich wirklich im Handumkehren einem Bandjuden aufs Haar, so daß Valerius erschrak. Die Klagen des schönen jungen Mannes, welche er so lebhaft mitfühlte, waren ihm viel würdiger erschienen, solange der Klagende in besserer Kleidung neben ihm hergegangen war. Er schalt sich über solche Schwäche, fuhr in den Bauernanzug, der ihm auf Joels Veranlassung geboten wurde, und begleitete diesen zu Manasse.

Es war ein kleines dürftiges Haus, sie traten in die Stube und fanden sie dunkel.

»Wer stört einen sterbenden Juden?« stöhnte eine leise, hohle Stimme aus dem Winkel.

Joel, mit der Örtlichkeit vertraut, ging ein paar Schritte seitwärts und machte Licht.

[289] »Weh mir, wer dringt in mein Haus mit Gewalt?« sprach stärker die traurige Stimme. Valerius sah zwischen dem Ofen und einem alten Schranke in schmutzigem Pelzrocke eine Gestalt hocken, zusammengekrümmt, mit langem, schneeweißem Barte und kahlem Haupte: er hätte von selbst Manasse nicht wieder erkannt.

»Vater Manasse!« sprach Joel leise.

»Gott meiner Väter! meine Ohren sind stumpf, meine Augen sind stumpf, aber das ist ein Paradiesesodem, der mich umweht!«

Und lang auf richtete sich die magere todesartige Gestalt und streckte die zitternden, dürren Hände vor.

»Vater Manasse, es ist Joel, Euer Kind!«

Die Erkennung und Begrüßung hatte etwas schauerlich Heftiges, Konvulsivisches. Der Alte fiel darauf erschöpft zusammen, und mit den Worten: »Nun, Gott Abrahams, laß deinen alten Manasse in Frieden fahren, du hast meine Gebete erhöret,« ward er bewußtlos.

33
33.

Manasse lag auf dem Tode; die letzten Monate, wo er sich von seinem Sohne verlassen glaubte, wo sein Besitz in fortwährender Gefahr schwebte, hatten ihn reißend schnell ans Grab geführt; der Freudenmoment des Wiederfindens hatte seine Kraft erschöpft.

»Behalte, mein Sohn Joel, behalte den Rock, den du zur Freude deines Vaters wieder angezogen hast; bleibe ein Jude, und du behältst dein Volk zum Troste, deine Väter und das Unglück deiner Väter, du behältst reine Tränen und ein stilles Herz; laß mich gelitten haben für dich, mein Sohn! Ich habe gelebt unter den Christen, mit ihnen, für sie, ich habe eine ihrer vornehmsten Töchter geliebt, sie hat mich wiedergeliebt, solange sie mich hielt für ihresgleichen, du [290] bist ihr Sohn, Gott meiner Väter, verzeihe mir diesen Abfall von meinem Volke, verzeihe mir dies Geständnis, es ist mein einziges Kind, dem ich's sage, die Wege der Menschen sind wunderbar, es kann ihm nützen; die schöne Dame, Joel, die du gesehen hast bei des Herrn Grafen Stanislaus stolzem Vater, die schöne Dame aus Deutschland ist die Tochter deiner Mutter. Gottes Wunder! ich habe sie angeschaut, als sie bei mir vorbeigeritten ist, in Warschau, wie ein kindischer Knabe, sie sieht ähnlich ihrer Mutter, wie du mir siehst ähnlich, Joel, da ich jung und töricht war; das Herz ist mir im Leibe gesprungen, ich habe eine sündliche Erinnerung gehabt an die Zeit, wo ich meinem Volke untreu ward mit einer Tochter der Abgefallenen, ich habe es gebüßt mit einer strengen Strafe, die ich mir auferlegt. Frage nichts, mein Sohn, es wird mir sauer, davon zu sprechen, im schwarzen Kästchen findest du Briefe und Zeichen, es wird mir schwach, mein Sohn, rücke mir das Kopfkissen.« –

In dem Augenblicke drang wilder Lärm ins Haus; die Russen hatten Kunde erhalten von den Fremdlingen, die Manasse beherbergte, von Manasses Reichtume, den er vergraben halte; Valerius flüchtete auf Joels Geheiß hinten aus dem Hause, Manasse, im Sterben gestört, riß sich mit letzter Kraft aus dem Bette und stellte seine Entsetzen erregende Todesfigur dem Feinde entgegen.

»Ich habe nichts als mein Kind Joel, weicht von der Schwelle eines sterbenden Mannes, oder der Fluch Adonais zerschmettre euer Gebein und eure Seelen.«

Man stieß ihn beiseite und durchsuchte das Haus; er war auf die Erde gefallen, und der starke Wille rang mit dem stark eindringenden Tode.

Unter polterndem Geräusch, mit diesem oder jenem beladen, fluchend zogen die Soldaten wieder ab – »steig in den Keller – Joel, grabe links im Winkel – schnell – bring mir das schwarze Kästchen – schnell.« –

[291] Joel wollte den sterbenden Vater nicht verlassen, aber krampfhaft schleuderte ihn dieser von sich – »das Gold allein – erhält uns – in der Menschenwüste – fort, Joel!« –

Joel eilte in den Keller, fand das Kästchen und brachte es Manasse, der mit brechenden Augen und schwer arbeitender Brust am Boden lag. Beim Anblick desselben öffneten sich noch einmal die Augen weit, er griff danach und stieß noch folgende Worte schnell heraus: »Ich habe edel sein wollen, sie haben mich verachtet – ich habe mich um nichts mehr gekümmert als um das Geld, es ist das beste, was wir haben, mehr' es, ach, Joel, mein Sohn!« –

Das Kästchen entfiel ihm, er griff mit den magern Händen heftig nach dem Gesichte seines Kindes und verschied.


Tief im Hintergrunde des Gemütes lagen bereits diese Verwüstungstage, als Joel, ein wandernder Bandjude, und Valerius, ein Bauer im südlichen Polen, über die Fläche hinstrichen – es war über einen Monat seit dem Falle Warschaus vergangen, so langsam hatten sie laviert, um durch den herrschend gewordenen Feind hindurchzukommen bis in die Nähe des Krakauschen Gebietes. Unterdessen war die polnische Armee nach mancherlei stürmischen Versuchen in der Wahl eines neuen Generalissimus, in der Wahl eines neuen Feldzugsplanes an die Preußische Grenze gedrängt worden, war dort übergetreten, hatte die Waffen niedergelegt, war aufgelöst; unterdessen war auch der rauhe Herbstwind tätig gewesen, das Laub fing zeitig an von den Bäumen zu fliegen, der Himmel ward grau und grauer. Die beiden verwüsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nächsten Dingen, nur zuweilen, wenn sie ruhten und das kümmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie gestärkt hatte, sprachen sie, und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen, und es klang wie verlorenes Wort in eine Wüste hinaus.

[292] In diesem südlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung, und an einem bleichen Nachmittage, als sie, eine solche verlassend, wieder ins Freie traten, sahen sie am Horizonte Krakau, die alte ehrwürdige Polenstadt, die Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen, vor sich mit den plumpen Türmen.

Sie setzten sich unter einen Eichenbaum, der spärlich gegen den rauhen Wind schützte, und verzehrten ihr hartes Brot, zu dessen Würze Joel einige Zwiebeln hatte. Als das kümmerliche Mahl beendigt war, sahen sie noch lange schweigend in die traurige Welt hinein; in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde zerstreut umher – das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt; ein Mensch war nirgends zu sehen.

»Das Studium der Weltgeschichte,« hub Valerius an, »ist unser trauriger Trost; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr, eine neue Erklärung derselben, und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost, weil wir uns immer erst beschwichtigt glauben, wenn die Dinge auf ein Gesetz geführt sind. Menschen! auch unser Stolz ist ein mitleidig gewährter Sonnenblick, damit wir unsere Schwäche vergessen. Vor kurzem war es unsere natürlichste geschichtliche Forderung, daß Polen bestehen müsse, das Schicksal entscheidet anders, wir erfinden ein anderes geordnetes Räsonnement, damit wir unter einem neuen welthistorischen Gesetze doch den Anschein bewahren, als beherrschte unser Geist die Welt. Menschen! Und wir sind einer wie der andere.

Ich habe nun die Polen gesehen; sie sind wieder besiegt, und ich glaube jetzt, sie werden nie siegen, sie werden zermalmt unter einer großen historischen Kombination. Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjüngt durch frische, von aller Kultur unberührte Völker. So kamen einst die Römer gegen die Griechen auf, die Germanen gegen die Römer. Die asiatischen[293] Slawen haben ihre Zeit noch nicht gefunden, vielleicht finden sie selbige nie, sie scheinen unschöpferisch, in der Einzelheit unbegabt; vielleicht bilden sie doch einst ein neues großes Element der Weltgeschichte. Aber ihre Vorposten sind sicher verloren, wie es einst den Vandalen, den Alanen, selbst den Hauptstämmen der Goten ergangen ist: der Wende, der Obotrite, Wilze, Leche ist früh zertreten worden, der Böhme und Mähre ist langsam aufgezehrt in germanischem Wesen, der Pole ist tief angesteckt von alt- und neueuropäischen Verlangnissen, Ideenrichtungen, er will sogar nichts Eigenes mehr als einen Namen, er verlangt halb französischen halb sonstigen Zuschnitt; deshalb hat der Pole keine Zukunft, er unterliegt dem eigentümlicheren Rußland. Findet dieser Repräsentant des mächtigsten Slawentums, findet er Regenten, die ohne Rücksicht auf das alte Europa Rußland in ganz eigener Nationalität zu einer Gewalt aufbilden, so kann ein neues welthistorisches Element entstehen, das bisheriges freilich zermalmen müßte.

Selbst ohne so große Ausdehnung und Bedeutung kann Polen auf Jahrhunderte als Polen verloren sein, und was jahrhundertelang sich verliert, das wird ein anderes. Lasset singen: ›Jetzt ist Polen doch verloren!‹

Wer sich töricht unterfängt, in Schnelligkeit die Weltgeschichte meistern und ändern zu wollen, wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit versuchten, der beklage sich nicht, wenn er zugrunde geht. Handle, wer sich berufen fühlt, aber keiner wage ins einzelne vorauszubestimmen, was werden soll; wir kennen die Welt nur einen Schritt weit. Ich will in meine Heimat gehen, mir eine Hütte bauen, das Weite auch ferner betrachten, aber nur fürs Nächste wirken.

Hofft ihr Juden nicht seit achtzehnhundert Jahren umsonst auf ein wieder erwachend jüdisch Reich, ist das nicht euer Hauptunglück? Warnet die Polen, damit sie nicht mit ihrem starr erhaltenen Schmerze europäische Juden werden? [294] Ihr wollt es heut noch nicht glauben, daß ihr in einem neuen Umschwunge der Welt verloren gegangen seid, und so seid ihr der ewige Jude geworden, der nicht sterben kann und überall leidet. Gott bewahre dies Land vor einem ewigen Polen! Wer nicht sterben kann, lebt auch nicht. Diese Welt kreist einmal nur zwischen Leben und Sterben. Wie glücklich sind die Schotten in Engländer aufgegangen, wie schwer wird den Irländern der Tod, die schon lange Engländer sind, wie bedroht jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien, wie ringt Spanien in tausend Schmerzen, weil die einzelnen Reiche nie sterben wollten!«

»Wie sollen wir sterben, wir armen Juden! weiser Christ?« sagte Joel.

»Wenn ihr den Buchstaben der Tradition aufgebt, aufgeklärte Juden werdet, euch emanzipieren laßt, so sterbt ihr, freilich langsam und schmerzhaft. Von jetzt an, wo dieser Gedanke aufkommt, werden noch drei Generationen zuckend leiden, wenn's in Stille fortgeht und nicht nach dem gläubigen Unglauben schlechter Christen eine ganz neue Offenbarung über die Welt kommt. Gesteht's nur, daß ihr just darum so hartnäckig seid, weil das Christentum aus euch erwachsen ist, weil ihr die altklugen Väter bleiben, den überflügelnden Kindern nicht weichen wollt; es gäb' lang' keine Juden mehr, wäre das Christentum unabhängig vom Mosaismus entstanden.«

»Vorderhand will ich schachern!«

Mit diesen Worten erhob sich Joel, und die beiden Wanderer schritten im Winde, der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte, auf Krakau zu.

[295]

Dritter Band

1. Hippolyt an Valerius
[5] 1. Hippolyt an Valerius.

Zu Pferde, Kind, zu Pferde, Kind,

Laßt uns die Welt durchreiten,

Die Erde rennt so blitzgeschwind,

Sie wird uns noch entgleiten.


Weißt Du noch, mein Lieber, wie ich diesen Vers in die Luft hineinsang? Ich wußte selbst nicht, wo er herkam. Wenn man ein wenig poetisches Geschick hat, da treten oft die verborgensten Gedanken des Innern plötzlich als kleine sangbare Verse auf unsere Lippen. Das ist das Geheimnis der Poesie und der Welt, am Ende weiß kein Mensch, wie er zur sogenannten Wahrheit kommt, auch die Gedanken sind Zufälle oder göttliche Ordnung. Es war damals ein schöner, frischer Sonnenmorgen, und wir ritten über die taublitzende Fläche hin, die Augen nach den fernen, dampfenden Bergen richtend. In der Kraft unseren Jugend, in der Frische des Morgens fühlten wir allen Reiz des Daseins, und schworen lustig hinauf zum Himmel, daß diese Welt zur Freude geschaffen sei, zum Tummelplatze des kecken, mutigen Menschen, und daß wir das beweisen wollten durch unser fröhliches Wanderleben bis zum lachenden, munteren Tode selbst. Das alte Europa, das damals seine morsche Hülle kaum geschüttelt hatte, wollten wir verjüngen helfen, wir jungen, romantischen Narren! Nun, Freund, wir leben doch für etwas, wenn wir auch den Schmetterling nicht mit drei schönen Worten aus der Puppe locken; alles, was geschieht, ist interessant für uns, wir sehen überall neue Jugend [5] sprossen. Wenn wir uns auch tausendfach irren, so leben' wir doch, das heißt, wir empfinden nach allen Richtungen unsre Existenz, wir haben Interessen, und der Tod findet doch etwas an uns zu töten, der nächste Planet etwas fortzusetzen. Unsre übermütigen Jugendpläne, die Welt umzugestalten, haben wir wohl zum Teil aufgegeben, wir sind erschrocken vor der Mannigfaltigkeit der Welt, vor der Unerschöpflichkeit ihrer Verhältnisse und Zustände. Aber so kleinmütig und verzagt wie Du, mein Freund, bin ich noch lange nicht. Pfui! was war das für ein mutloser Brief, den Du mir aus Warschau geschrieben! Kopf in die Höhe! Vielleicht finden wir schon nach den nächsten Schritten das Absolute, worin alle Schönheit und Herrlichkeit zusammengedrängt ist, das Zauberwort, das alle Geheimnisse löst. Immer weiter im einmal begonnenen Laufe, »Laß brausen, Freund, laß brausen,« wir sind einmal auf dem Wege, und Kinder und Weiber kehren um, wenn die Wetter losbrechen und alles stürzt und fällt.

Ja, es ist wahr, anders ist's gekommen mit der revolutionären Zeit, als wir erwarteten, es hat manchmal das Ansehen, als trieben Kobolde ihr Spiel mit uns, als sei das Neue schlechter als das Alte, der üppige Kaufmann mit dem Geldbeutel in der Hand widerwärtiger als der alte Adelige mit dem Stammbaum; aber nur weiter, Freund, weiter! Wenn der Gedanke, wenn die Theorie nicht mehr recht behalten soll, dann müßte ja die Vernünftigkeit der Erde und mit ihr die Erde selbst zugrunde gehen. Der Gedanke ist ja der Geist Gottes.

Ich habe Dir seit dem Sommer 30, seit Paris, nichts mehr über mein Leben geschrieben. Offen gestanden, Freund, jenes deutsche Mädchen, jene zauberische Julia hat soviel von meiner ursprünglichen Kraft zerbrochen, daß ich seit jener Zeit nicht mehr gern von mir erzähle. Wir sind wie die Weiber: wir gestehen es uns nicht gern, daß wir älter und [6] somit unmächtiger werden. Julia hat mir das fabelhafte Vertrauen auf meine Kraft und Macht geraubt, und dadurch den Zauber meiner Jugend erschüttert. Sie war das erste Mädchen, das mir widerstand. In jener Nacht, wo ich alles vergeblich aufgeboten hatte, um sie zu erweichen, rannte ich wie toll durch die Straßen von Paris, ich stürzte mich in die Seine, um meine Glut zu kühlen, meine Eitelkeit und Zuversicht waren ins Herz getroffen. Ich kenne den sentimentalen Liebesjammer nicht, den die Deutschen so ausführlich beschreiben, und woraus sie eine Art von Poesie gemacht haben, Wehmut und Tränen kamen mir also nicht zu Hilfe, um die wilde, unbefriedigte Kraft in mir zu brechen, sie mußte daher in sich selbst vertoben. O es war eine grausame Wirtschaft!

Als die Ruhe wiederkam und ich mich umsah, da graute mir vor diesem neuen Wesen in Frankreich. Die Lüge hatte den Kampfplatz behauptet, in lauter Täuschungen ließ sich das leichtsinnige, törichte Volk herumschaukeln, und es schnitt mir durchs Herz, wenn ich den Jubel ansah, welchen sie beim Anblicke ihres neuen Königs erhoben. Dieser Bürgerkönig Ludwig Philipp ist der größte Repräsentant unserer jetzigen Tage, Gott geb' es, nicht der neuen Zeit. Er ist wirklich der Held einer Durchgangsepoche, welche die Winde beflügeln mögen, und man darf ihm den Ruhm einer gewissen Größe nicht versagen. Er hat nicht nur das alte Bourbonentum und alles, was um und dran war, bezwungen, nicht nur die Jakobiner unterworfen, sondern allen Liberalismus bewältiget. Man kann ihn Ludwig XIV. des neuen Jahrhunderts nennen: jener hat die Aristokratie gestürzt und ward der Abgott des Adels, dieser hat die Demokratie unterdrückt und heißt der Bürgerkönig. Er besitzt alle Eigenschaften, die zu einem Helden dieser neuesten Art nötig sind, er ist klug, sehr klug, und zwar beinahe so klug als Talleyrand, denn er hat's lange nicht merken lassen, daß er klug ist. [7] Er vermeidet ferner die Extreme, setzt Krieg oder Frieden nie auf eine Karte, und wenn er's einmal öffentlich tun muß, so spielt er privatim eine ganz andere, sichere Partie. Das Repräsentativsystem, das sonst den Königen hinderlich war, ist durch seine Klugheit für ihn die bequemste Regierungsart geworden: ist die öffentliche Partei im Nachteile, so tragen die Minister Schande und Verlust, der Thron desavouiert sie und zeigt bescheiden, wie er bereits privatim viel vorteilhaftere Dinge vorbereitet habe; siegt das Ministerium, so schließt er sich emphatisch diesem Siege an, zuckt die Achseln zur Privatpartei und bedauert gegen die fremden Gesandten, daß ihm die Hände gebunden seien. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts regierten die Abenteurer aller Art mit kecken Lügen und Intrigen einen großen Teil von Europa; an die Stelle jener berechnenden Personen sind jetzt berechnete Begriffe getreten; man herrscht jetzt mit einer gewissen Staatsalgebra, und in kurzer Zeit ist aller Fortschritt, den wir erwarteten, auf ein paar Formeln gezogen, diese werden studiert, die neue Wissenschaft ist fertig, ihr Ursprung und Beikram werden auf die Seite geworfen.

Als der Adel gestürzt ward, kam der Despotismus an die Reihe, diesen stürzten die Jakobiner, die Jakobiner unterlagen den Soldaten, die Soldaten überwältigte das Geld. Und das Geld herrscht heute noch, denn die Bildung, deren Herrschaft wir zu befestigen glauben, steht im Solde des Geldes. Ludwig Philipp ist auch der König des Geldes, und die Börse bedeutet jetzt Frankreichs Generalstaaten. Was ist nun geblieben von der alten Poesie der Herrschaft? Etwa die Tapferkeit? Allerdings ist eine gewisse Tapferkeit noch zu finden. Aber diese Tapferkeit hat nichts von jener poetischen Eigenschaft, die wir so nennen, sie ist die Tapferkeit des Kaufmannes, der sich für seine besseren Warenballen schlägt, der aber den Kampf aufgibt, wenn er bedenklich wird, [8] um wenigstens einen Teil jenes Vermögens zu retten. Es ist nichts mehr von dem ritterlichen Elemente des Streites zu entdecken, nichts mehr von romantischen Fratzen jenes Schlachtrufes: »Sieg oder Tod, König oder nichts!« nein, »Alles oder doch etwas« heißt die neue Parole.

Diese Prosa beugt mich zu Boden. Die Poesie des Rittertums haben wir gestürzt, und um die Poesie des Liberalismus sind wir vorläufig gebracht. Wird die Zeit kommen und wann wird sie kommen, wo die Geldinteressen wieder die zweite, unterstützende, nicht aber herrschende Stelle einnehmen werden? Frankreich, als Flügelmann Europas, ist auch das Horoskop Europas. Über kurz oder lang sinkt auch die englische Aristokratie unter den Zahlen der britischen Kaufleute, und so geht's weiter. Oder ist nicht eigentlich jetzt schon das Geld ein wesentliches Moment der englischen Lords? Besitz ist die Losung unserer Tage, und die Kultur, wenn sie was gelten soll, muß sich ebenfalls danach richten. Erfinde eine Poesie des Besitzes, oder wir gehen unter in dieser breiten Prosa.

Du hast recht, wenn Du mir Vorwürfe machst über mein völliges Stillschweigen seit so langer Zeit, ich hatte aber auch recht. Ich fing an, einherzutappen, statt einherzuschreiten durch die Welt. Soll ich meinen Freund mit herumzerren in der trunkenen Bewegung?! Schon bin ich wieder fester, und da bin ich auch wieder bei Dir. Wo Dich meine Briefe treffen werden – denn jetzt werd' ich Dir öfter schreiben – weiß ich nicht; ich will sie alle nach Grünschloß schicken, früher oder später kommen sie Dir von dort sicher in die Hände. Warum nicht nach Warschau? Weil ich jeden Tag dachte, Warschau ist wieder russisch, und nun ist's soweit, und Leopold sagt mir, Du seiest über die Brücke, wer weiß wohin; es ist zuviel brutale Eitelkeit der Personen unter jenen Starosten, als daß ihnen etwas gelingen könnte, was sie gemeinschaftlich unternehmen.

[9] Warum ich nicht zu euch gekommen bin? Ich weiß es selbst nicht. Ich habe die Polen früher nicht leiden mögen, ich sah sie nur in der Fremde mit ihrem Stolze, ihren Bedienten, ihrer abstoßenden Nationalität – diesen Krieg erwartete ich nicht von ihnen. Und Du weißt, ich handelte immer weniger nach allgemeinen Begriffen, mehr nach besonderer Vorliebe,