[22] Wetternacht

Der Sturm erwacht, es dunkelt allerenden,
Jetzt eben, hinter jenen Wolkenwänden,
Dort muß die Sonne untergehn;
Dort ist es abendklar und goldenhelle
Und sind nun Lilie, Rosenhag und Quelle
Im einen seligroten Glanz zu sehn.
Hier aber ist ein kaltes Wehn und Brausen,
In dunkler Luft die hohen Wälder sausen,
Die Bäche toben durchs Gestein;
Des Windes Peitsche fühlt die Heide streichen,
Asketisch beugen sich die ernsten Eichen,
Die Nacht wankt finster in das Land herein.
Ich spähe kaum den Grund zu meinen Füßen,
Doch hör ich rings die Regenströme gießen,
Es weint das schwarz verhüllte Land;
In meinem Herzen hallt die Klage wider,
Und es ergreift mich, wirft mich jach darnieder,
Und meine Stirne preßt sich in den Sand.
O reiner Schmerz, der von den Höhn gewittert,
Du heil'ges Weh, das durch die Tiefen zittert,
Ihr schließt auch mir die Augen auf!
Ihr habt zu mir das Zauberwort gesprochen
Und meinen Hochmut wie ein Rohr gebrochen,
Und ungehemmt fließt meiner Tränen Lauf!
Du süßes Leid, hast ganz mich überwunden!
Welch dunkle Lust, die ich noch nie empfunden,
Ist mit der Demut angefacht!
Wie reich bist, Mutter Erde! du zu nennen:
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Ich glaubte deine Herrlichkeit zu kennen,
Nun schau ich erst in deiner Tiefe Schacht!
Und leise schallen hör ich ferne Tritte,
Es naht sich mir mit leicht beschwingtem Schritte
Durch die geheim erhellte Nacht;
Weiß, wie entstiegen einem Marmorgrabe,
So wandelt her ein schöner schlanker Knabe,
Einsamer Bergmann in dem lichten Schacht.
Willkommen, Tod! dir will ich mich vertrauen,
Laß mich in deine treuen Augen schauen
Zum ersten Male fest und klar!
Wie wenn man einen neuen Freund gefunden,
Kaum noch von der Verlassenheit umwunden,
So wird mein Herz der Qual und Sorge bar.
Tief schau ich dir ins Aug, das sternenklare.
Wie stehn dir gut die schwarzgelockten Haare,
Wie sanft ist deine kühle Hand!
O lege sie in meine warmen Hände,
Dein heil'ges Antlitz zu mir nieder wende!
Wohl mir, daß ich dies traute Wissen fand!
Ob mir auch noch beglückte Stunden schlagen,
Ich will dich heimlich tief im Herzen tragen,
Und wo mich einst dein Ruf ereilt:
Im Blütenfeld, im festlich bunten Saale,
Auf dürft'gem Bett, im schlachterfüllten Tale,
Ich folge dir getrost und unverweilt. –
Die Nacht vergeht, die grauen Wolken fliegen,
Der Tag erwacht und seine Strahlen siegen,
Im Osten steigt der Sonnenschild empor,
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Es blitzt sein Schein auf meinen alten Wegen;
Ein andrer aber tret ich ihm entgegen,
Der ich die Furcht des Todes still verlor.

Notes
Aus der Sammlung »Gedichte« (1846), dort unter dem Titel »Nacht IV«.
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Citation Suggestion for this Edition
TextGrid Repository (2012). Keller, Gottfried. Wetternacht. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-9D2E-D