Theodor Gottlieb von Hippel
Lebensläufe nach aufsteigender Linie
nebst Beilagen A, B, C.

Erster Theil

Erster Theil.

[1] Ich – Halt! – Ein Schlagbaum – Gut – wohl – recht wohl – Ein wachhabender Officier! – wieder einer mit einem Achselbande zu Pferde – zu Fuß – von der Leibgarde – von der Garde der gelehrten Republik – ich ehr' Ihre Uniform, meine Herren, und damit ich Sie der Mühe überhebe, mir die üblichen Fragstücke vorzulegen, mögen Sie wissen, daß ich, wie der Paß oder Taufschein es ausweiset, ein Schriftsteller inaufsteigender Linie bin. In den folgenden zwei Bändchen, welche ich, wenn Gott Leben und Gesundheit und Lust und Liebe zum Dinge verleihet, künftige Messe zu liefern willens bin, wird mein Lebenslauf, bis zu einer sächsischen Frist vor der Messe, fortgesetzt werden. Im vierten Bändchen werde ich den Lebenslauf meines Vaters, und im fünften den Lebenslauf meines Großvaters erzählen, auch alles nach Gestalt und Gelegenheit der Umstände mit unumstößlichen Urkunden belegen. Dieser Plan soll darum noch mehr Eigenes haben, weil ich den Lebenslauf meines Vaters und Großvaters Berg ab erzählen will, da wir jetzo nur Berg auf zu gehen gewohnt sind. Ich werde von der Zeit, da mein Vater Pastor in Curland war, anfangen und bei seiner Wiege aufhören, und so soll's auch mit meinem Großvater werden, der in meiner Geschichte eher sterben als geboren werden soll. Wurzeln, Zweige und Blätter haben einerlei Struktur. Begrabe die Zweige in die[1] Erde, und laß die Wurzel in die freie Luft gen Himmel sehen: es wird ein Baum.

Vorderhand sey es meinen Lesern genug in Beziehung auf mich von dem vierten und fünften Bändchen, wobei ich die Beilagen nicht ausschließen will, zu wissen


HVIC

MONVMENTO

VSTRINVM

APPLICARI

NON LICET


Ich rathe zu keiner Justinianischen Uebersetzung dieser Stelle 1. 2. §. 27. Cod. de vet. jur. enucl. κατὰ ποδὰ, und da Vorrede die Nachrede hindert, mögen sich meine Leser wohlbedächtig merken:


Ὁ δυνάμενος ϑέλειν, δύναται καὶ μὴ ϑέλειν


welche Stelle sie nach Herzenslust verdolmetschen können.

Es ist die höchste Zeit, daß ich wieder auf mich selbst und auf den Daumen, Zeige- und Mittelfinger dieses Werks zurückkehre. Gibt es nicht, wie es am Tage ist, sogar der heiligen Schrift Spötter? Wie sollt' ich also wohl nach Art jenes Pharisäers mit den Worten an den Altar treten:


Οὐδ᾽ ἄν ὁ Μῶμος (ἔφη) τόγε τοιοῦτον μέμψαιτο.


Uebrigens gestehe ich herzlich gern denen Erzählern ein vorzüglicheres Verdienst, sowohl in Absicht des Ellenmaßes als der Würde zu, welche bei jedem merkwürdigen Vorfall außerhalb ihren Grenzen einen Wegweiser aufrichten und ihre Leser zur Nutzanwendung auf Lehre und Trost bringen. Ich werde mich so nehmen, wie ich mich finde. Wer auf eine Schüssel mehr oder Salat, Sardellen, Caviar, Austern und andere Zusätze Leckerbissen und Noten lüstern ist, lasse sich anrichten, was ihm gefällig ist, und thue, was er nicht lassen kann. So lange meine Leser gehen können, will ich ihnen keine Krücke geben; wenn sie selbst eine Dose haben, warum [2] soll ich ihnen mit meinem St. Omer an die Hand gehen (es braucht vielleicht mancher Espagnol, Tonka, Havanna-Rapee), und wenn sie selbst wissen, daß sie Menschen sind, wie sollt' ich sie wohl all' Augenblick mit einemStehe Wanderer oder Leser pfänden, und ihnen wiederholen, daß sie sterben müssen, auf daß sie klug werden.

Mein Wahlspruch ist: I licet.

So wie aber die Grabmäler der Alten, wo man seit einiger Zeit (einige setzen hinzu »Gott sey gelobt,« andere »Gott sey's geklagt«) auch in Gott ruhet, nachdem man sich vor diesem scheute der selige L. Annaeus Florus, der wohlselige C. Plinius Caec. Sec., der hochselige M. Tullius Cicero und der höchstselige Marcus Aurelius Antoninus, Armenicus, Parthicus, Maximus zu sagen.

So wie die Grabstätten der Alten mit den allgemeinen Landstraßen verbunden waren, um den Reisenden anzuhalten, so ist es zwar Regel für mich, den geneigten Leser sich selbst zu überlassen,


coelo tegitur, qui non habet urnam.


Doch wo ist Regel ohne Aber? Was sich ein paar handelnde Personen auf dem Theater unter vier Augen sagen, gehört ohnehin mit zur Handlung, und mir stand es wohl am wenigsten zu, in einer wahren Geschichte Leuten das Wort aus dem Munde zu nehmen und ihnen ein Stillschweigen aufzulegen.

Gott mit Ihnen, meine Herren, und auch mit meinem kleinen Leopold, der mir eine Sündfluth mit dem Tintefaß gemacht hat.

Die Mutter will dich –

Laß mich hier, lieber Vater –

So laß das Tintefaß –

Ich will auf deine Schulter –

Nur nicht ins Buch –

[3] Der kleine Junge hätte vielleicht Ursach, es übel zu nehmen, daß ich die erste Stufe überschreite und nicht von ihm anhebe. Ich könnte freilich bemerken, daß er kein Sanguinolentus gewesen, sondern fast wieClodius Albinus ganz sauber und schön zur Welt gekommen, wenn er sich nicht eben jetzo mit Tinte besudelt hätte. Wenigstens bist du, lieber Junge –

(Fall nicht,

»ich werd' nicht«) beim Publikum nicht präscribirt, ich habe dich einschreiben lassen, und ein größeres Pflicht- oder Kindertheil gebührte dir in diesem Werke nicht. Der arme Junge! gestern war er zwei Jahr und heute zwei Jahr und einen Tag; bisher war er gesund wie ein Fisch und auch beinahe ein so großer Liebhaber von kaltem Wasser wie ein Fisch! heute! –

»Was schreibst du« –

daß du ungeduldig auf die Zähne bist, die sich melden lassen und nicht kommen wollen!

Daß ihr nur, wenn ihr kommt einem Pfirsichkern zu seiner Zeit zeigen könnet, wer ihr seyd; und daß eine Kraft von achtzehn bis neunzehnhundert Pfund in euren Grenzen wohne. Der Himmel helfe meinem Leopold und mir! und uns allen!

Ha! eine andere Art dienstbarer Geister, ungebetner Gäste, unlieblich anzusehen – zu dienen – damit es die Herren Besucher und Versucher, Thorschreiber, Acciseeinnehmer, Cassirer, Rendanten und überhaupt alle Zöllner und Sündergesellen nur auf einmal wissen, ich, und kein anderer hat dieses Buch geschrieben. Wer von den Herren sich aufs Würdigen versteht, wird es schwerlich auch selbst auf den ersten Blick für Contrebande und auswärtiges Gut, sondern für das, was es ist, deutsche Fabrik halten. Hiesige Wolle, ich bitte Hand aus Werk zu legen (den Puls dieses Buchs anzufühlen, kann ich nicht sagen, so sehr ich ihnen auch Quacksalberehre zu erzeigen Lust habe), hiesiger Stuhl, hiesige [4] Zeichnung, alles hiesig – die Herren selbst aber scheinen nicht von hier zu seyn, und sich auf Blick und Griff, Auge und Hand nicht verlassen zu können – Nun so verlassen Sie sich auf mich, und wenn's wider Ihre theure Amtspflicht ist, sich auf ehrliche Leute zu verlassen, schreiben Sie in Ihre Kladde, in Ihr Hauptbuch, Diarium und Exercitienbuch – was die Feder will. Diese Worte werden wohl, wie ich glaube, an Ort und Stelle seyn. VonAristarch hat keiner einen Zug, wohl aber vom bankerottirten Kaufmanne, Sprachmeister, Zeichendeuter, Altflicker u.s.w. Von ἀστερίσκοις und ὀβελίσκοις hab' ich also nicht reden können, womit derHomer plombirt wurde; denn, da wett' ich,Homer ist Ihnen eben so unbekannt, als es, meine insbesondere Hochzuehrende Herren, meine Wenigkeit bis heute wird seyn, der – – gewesen. Berge und Thäler kommen nicht zusammen! wir aber sind leider! so nahe bei einander, daß wir uns mit der Hand reichen und eins versetzen können. Ich weiß, Sie verschonen nicht Säuglinge, nicht Ungeborne, wie sollte also mein Leopold auf der Schulter ohne Kopf- ober Magensteuer (wie man's nennt) abkommen! Wenn's einmal Sitte in Deutschland ist, so sey's. Du sollst dem O-, der da drischet, nicht das Maul verbinden. Item, ein Arbeiter ist seines Lohnes werth, schreibt Dr. Martin Luther in seiner Haustafel etlicher Sprüche für allerlei heilige Orden und Stände, dadurch dieselben, als durch ihre eigene Lektion ihres Amts und Diensts zu ermahnen. Die Rechnungsableger lassen oft mit gutem Bedacht Fehler stehen, um den Abnehmern zu Noten Zeit und Raum zu lassen. »Sonst,« sagen die klugen Haushalter, »fangen diese Notenkünstler es bei der Person an, da sie doch nur bei den Zahlen bleiben sollten.« Das hatte ich noch auf dem Herzen, eh' ich mich empfehlen konnte.

Plus cautionis in re est quam in persona, heißt auf [5] deutsch: beschließen Sie, was Sie wollen über mein Buch, meine Herren, nur meine Person lassen Sie in Ruhe.

Sey mir tausendmal willkommen süßes, oder besser angenehmes Wort. (Man sagt angenehme Ruhe.) Schlafen Sie wohl, oder eigentlich gesund, meine Herren. Claudatur Parenthesis würde ich sagen, wenn ich nicht den wahren Antipoden von einer Parenthese gebraucht und eben hiedurch ein neues epochemachendes Interpunktionszeichen erfunden hätte.

Was meinet ihr Herren majorum gentium, soll ich mit einem großen I anfangen, oder mit einem kleinen?

Den Schlagbaum auf!

Ich bin in Curland auf dem Kirchdorfe *** geboren, wo mein Vater Prediger oder, nach der deutschen Landessprache, Pastor, nach der curischen Basinzas Kungs oder Basingkungs, wie die Letten der geliebten Kürze wegen sprechen, war. Zu seinem Zeichen, würde ich hinzusetzen, wenn dieser Ausdruck nicht so viel Devalvation gelitten, daß ich meinem Vater dadurch keine sonderliche Ehre einbringen würde. Es war seine Kirche eine Kirchspielskirche oder eine solche, wobei wegen des Compatronat-Rechts des Adels manche Pistole, wiewohl nur nach väterlicher Weise in die freie Luft, losgeschossen worden, bis solches endlich unter einigen Daumschrauben dem Kirchspielsadel (ich glaube von Herzog Friedrich Casimir) zugestanden worden. Ich kann nicht sagen, daß mein Vater eine vorzügliche Neigung gegen mein Vaterland hatte; und wenn ich einem Erdbeschreiber hiedurch irgend einen Gefallen zu erzeigen wüßte, was könnt' ich nicht für ein Breites und Langes über die drei Namen Curland, Lettland und Semgallen an ihn endossiren? welches aber alles zu keiner Lobrede auf Curland dienen würde. So viel ist gewiß, daß mein Vater niemals zugeben wollte, daß Curland vom Flusse Chronus herkäme, wodurch die Memel angedeutet würde; obgleich ihm solches sehr wahrscheinlich [6] vorbuchstabirt wurde. Die Curländer, sagte man, wohnten um den Chronus, sie wollten ihr Land von Preußen unterscheiden, und bearbeiteten und drechselten so lange die Buchstaben und Sylben, bis endlich, so wie in der heiligen Schrift, herauskam, was zu suchen war. Es ist viel von Gottes Wort zu sagen, sagte mein Vater. Ein guter Freund von Curland und von meinem Vater spielte eine andere Karte aus, »so stammt es von Cur oder Cursemme, welches so viel als ein Land, das an der See liegt, andeutet,« allein er gewann sein Spiel nicht. Nichts sagte mein Vater. Der gute Freund fuhr fort: »vom kleinen Könige Curo? von den Curaten oder von den Curiaten? oder« – »Nichts, alles nichts – Es würde nicht verlohnen, diese Fibel über den Namen von Curland weitläuftiger zu machen, und sie wegen Lettland und Semgallen, über welche Namen mein Vater eben so wenig nachgebend war, mit Anhang und Zugabe zu verstärken. Mein Vater hatte, nach dem Ausdrucke eines Weisen des Alterthums, zwei Vaterlande, eines, wo er geboren war, und eines, wo er lebte, eines der Natur und eines des Schicksals, und man traf bei ihm, was man gewöhnlich zu treffen pflegt, daß man das Vater land der Geburt dem andern, oder die Mutter dem Vater vorziehet. Wenn der gute Freund am Ende zum Unwillen überging, wurde mein Vater ein Philosoph. Zum Curländer konnten ihn weder gute noch böse Gerüchte bringen.

So wollen Sie denn, fing der Freund an, nachdem mein Vater mit vieler Gelehrsamkeit die Geburt und Abkunft der Namen Curland, Lettland und Semgallen bestritten hatte, so wollen Sie denn den Herzogthümern Curland und Semgallen die ehrlichen Namen absprechen?

Lieber curischer Freund, antwortete mein Vater, unbiegsam wie der curische Käse, doch auch so dicht und fest wie er. Niemand kommt aus seinem Vaterlande. Seitdem die neue Welt entdeckt [7] worden, ist sie ein Theil von unserm Geburtsorte. Bin ich im Gefängnisse, beim Gastmahl, am Hofe, in der Stadt, auf dem Lande, in Mitau, im – – Pastorat, ich bin beständig zu Hause. Ein Thor sagt, daß er vertrieben sey, ein Weiser hat nur eine Reise unternommen, wenn er im Exilium ist. Oft ist man in seinem Vaterlande ein Sklave und im Exilio in Freiheit. Kann man denn mehr als leben und sterben, man sey in Rom oder inTunis! Tristia und Briefe aus Ponto sind Räusche eines Dichters. Ein Weiser kann selbst Ach nur halb aussprechen, wenn er leidet; obschon das Wort nur dritthalb Buchstaben, und wenn man ganz ehrlich seyn will, kaum eine ordentliche Sylbe im Vermögen hat. Wer sich angewöhnt hat, bloß zu essen was sättiget, und bloß zu trinken was den Durst stillet, findet überall eine offene Tafel. Wo mir wohl ist, da ist mein Vaterland, und der Gerechte ist auch im Tode getrost. Wer aus Athen ist, weiß nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Der Weise ist aus der Welt –«

Auf die Frage: Was für ein Landsmann? antwortet Diogenes für mich: κοσμοπολίτης; die Sonne, Freund! ist die Fahne, der wir geschworen haben. Die Erde ist unser aller Mutter. Saure Grütze und Bierkäse, ein paar curische Original-Essen, sind, wie Pfirsichen und Melonen, eine Gabe Gottes. Wer's mit Danksagung empfähet, ist ein Weiser. Auch in Curland gibts Knochen, die Mark haben. Gott ist überall, er, der nicht Lust hat an Cavallerie oder Stärke des Rosses, noch Wohlgefallen an Infanterie und jemandes Beinen, sieht nur auf die, die seinen Namen fürchten und auf seine Güte hoffen. Heute ist ein Land frei und morgen liegt's einem Tyrannen zu Füßen, der seine Hand ins warme Blut des Erstgebornen, eines Vertheidigers seines freien Vaterlandes, eintaucht, um das schreckliche Jahr, da die Freiheit unterging, am aristokratischen Altar, am Rathstisch anzuzeichnen. Freund! was [8] meinen Sie, wenn wir je solche Blutzahlen sehen sollten? Lassen Sie alles ruhig im Vaterlands seyn; ein Prophet gilt doch nicht, wo er geboren ist. Wie ging's dem Aristides, dem Epaminondas? In der Fremde seyn, heißt in die Hand Gottes fallen; in seinem Vaterlande ist man, wenn's hoch kommt, in der Hand der Menschen, gemeinhin in der Hand seiner Feinde. Und wie soll man sich gegen sein undankbares Vaterland führen? Wie gegen einen Vater, der eine Mutter ohne Ursach verstößt, wie gegen eine Mutter, die zum zweitenmale heirathet? Diese bleibt Mutter, jener Vater. Bei diesen Sprüchen war's dem Freunde so, als wär' er selbst nicht mehr in Curland, als hätte er der Sonne geschworen. Es schien ihm, mein Vater hätte das Feld behalten; der kleine König Curo aber und die Curaten oder Curiaten wären in die Flucht geschlagen. Mein Vater befestigte, was er erobert hatte, mit ein paar griechischen Sprüchen, die seinen Feind um so mehr abhielten, weil er kein Wort griechisch verstand.


Ἀνδρὶ σοφῷ, fing mein Vater an, πᾶσα γῆ βατή,

ψυχῆς γὰρ ἀγαϑῆς πατρὶς ὁ ξύμπας κόσμος.


Und gleich darauf:


ἐπεὶ τὶ δεῖ βροτοῖσι, πλὴν δυοῖν μόνον,

Δήμητρος ἀκτῆς, πώματος δ᾽ ὑδρηχόου.

ἅπερ πάρεστι, καὶ πέφυχ᾽ἡμᾶς τρέφειν.


Es pflegte der gute ehrwürdige Mann von Curland zuweilen als von einer Herberge zu reden, wo man sich oft länger als man wünscht, weil der Reisewagen gebrochen ist, aufzuhalten gezwungen sieht. Bei mir zu Hause essen wir um diese Zeit Spargel, pflegte er zu sagen; bei mir zu Hause raucht man um diese Jahreszeit eine Pfeife Tabak in der freien Luft, bei mir zu Hause hat man Trauben und den Wein bei der Quelle. So ungern er also auch im Herzen in Curland zu seyn schien, und so oft er im Stillen durchs Fenster gesehen haben mag, ob der Reisewagen [9] noch nicht in Ordnung wäre, so hielt er dennoch mit seiner Abneigung zurück. Der Freund, mit dem sich mein Vater auf der vorigen Seite duellirte, und noch ein Secundant waren die Hauptsiegel-Bewahrer dieses Geheimnisses und auch die einzigen, mit denen er griechisch sprach, ohne daß die guten Leute es verstanden. Wer ihn aber nach seiner Heimath fragte (sein Weib und Kind und seine zwei griechischen Freunde nicht ausgenommen), setzte ihn und sich selbst einer großen Verlegenheit aus.

Bei mir zu Hause fing er, wie gewöhnlich, an – und ich war noch im zartesten Alter, als ich ihn fragte, lieber Vater, wo ist dein Haus! wir wollen hin, du, die Mutter und ich! Ist es wohl so schön als dieses hier? Ich zeigte ihm meines von Blättern. Nimm mich ja mit, wenn du nach Hause gehst, oder laß mich, wenn ich größer werde, allein – Wo? Wo? – rief er ganz ängstlich. Meine Mutter, welche eben seinen Kragen zurecht legte, ließ diesen heiligen Halsband fallen, sprang schnell auf und ging davon, als ob sie auf allen Antheil von meiner Frage und der künftigen Antwort Verzicht thäte. Sie war indessen, wie ich es offenbar merkte, nach der Weiberweise, nur bloß dem Auge meines Vaters entgangen. Ob's mein Vater gemerkt habe, zweifle ich, denn er hatte sich auf dem Wege nach seinem Hause so sehr verirrt, daß er nicht aus noch ein wußte. Vielleicht sagt er es dem unschuldigen Kinde, dachte meine Mutter ohne Zweifel, da sie sich in der besten Ordnung zurückzog, wovon er dir allemal ein Geheimniß gemacht hat. Lieber Sohn, fing mein Vater an, als ob er von einem Vorbeigehenden wegen seiner Reise eine Auskunft erhalten, oder in eine Reisekarte gesehen hätte – und meine Mutter machte die Kammerthüre, hinter welche sie sich weislich gestellt hatte, drei Zoll weiter auf – im Himmel ist unser wahres Vaterland, hier unten sind wir Fremdlinge und suchen das, was droben ist. Wir sind in Hinsicht unseres Körpers Gottes Pilger, [10] in Hinsicht unserer Seele Gottes Bürger. Als die Pilgrime! heißt es, darum führet einen guten Wandel

Zu Hause nimmt man sich vieles so übel nicht. Man vernachlässigt sich; thun Sie doch, als ob Sie zu Hause wären, sagt man. Auf der Reise sind wir auf uns aufmerksamer. Die Welt ist für einen klugen Reisenden höchstens eine Hauptstadt. Er läßt sich das Merkwürdige zeigen; für einen Gelehrten eine öffentliche Bibliothek, er sieht die Titel. Beide bestellen Postpferde. Plus ultra.

Hiebei sahe mein Vater so gerührt aus, daß, wenn ich nicht seinen Worten geglaubt hätte, ich jedennoch jedem ehrwürdigen Zuge seines Gesichts hätte beipflichten müssen, auch wenn ich noch einmal so alt gewesen wäre, als ich's nicht war. Wie böse meine Mutter über den Himmel geworden, weiß ich nicht, allein ich hörte, und mein Vater, der nun wieder an Ort und Stelle war, mußte es auch hören, daß sie die Thüre zuzog, als ob sie nicht die mindeste Lust zum Himmel hätte. Ohne Zweifel hat sie dieses unvermerkt thun wollen, um ihre Neugierde zu verbergen; indessen machte das plauderhafte Schloß ein unzeitiges Geräusch und wurde dafür den folgenden Tag, da mein Vater eine Beichtandacht besorgte, ausgebessert. So viel ist gewiß, daß der liebe Mann durch diese Antwort, die zwar mich, nicht aber meine Mutter befriedigen konnte, mich, wiewohl ohne daran Schuld zu seyn, auf den Gedanken brachte, daß man im Himmel früher als in Curland Spargel äße, gleich früher in der freien Luft eine Pfeife rauche, Trauben hätte, und den Wein aus der Quelle schöpfen könnte. Tausend andere Dinge, die er nachher meiner Mutter erzählte, wie es bei ihm zu Hause wäre, kamen alle bei mir auf die Rechnung des Himmels, und ich war zuletzt dort eben so bekannt als auf unserm lieben Dörflein, wo ich über jedes Huhn hätte urteln können, wenn über dessen Eigenthum ein Streit gewesen [11] wäre. Manches kam mir freilich sehr bedenklich vor, worunter zum Exempel war, daß man bei ihm zu Hause ohne Nacht- oder Unterhemde ginge und zu seiner Zeit lange Manschetten (die meine Mutter Handblätter nannte) getragen hätte. Eines Tages, da ein Literatus (welches in Curland eben keinen Gelehrten, sondern ein unselig Mittelding von Edelmann und Bauer bedeutet) mit ungewöhnlich langen Manschetten bei uns des Mittags aß, mußte ich glauben, daß er ein Himmelsbürger und Landsmann meines Vaters wäre, und wegen des ganz ungewöhnlichen Maßes seiner Handblätter schon etwas mehr als ein andrer im Himmel gelten müßte. Kaum hatte er nach meiner Meinung das Jammerthal unseres Pastorats mit den seligen Wohnungen der Gerechten verwechselt, kaum, sag' ich, war er fort, so fragt' ich meinen Vater, was ihm der gute Freund für Nachrichten aus dem Himmel gebracht hätte, und mein Vater nahm Gelegenheit, mir die wahren Begriffe von jener Welt beizubringen, denen mein Herz und Seele auf dem halben Weg entgegen kam oder beide Glaubenshände zureichte, so daß mithin dieser Literatus, der des Mittags bei uns einen vortrefflichen Kalekutschen Hahn verzehren geholfen, meinen falschen Himmel zu reiten mitnahm.


Mein Vatter war, wenn ich so sagen soll, geboren, von der andern Welt zu reden. Seine Seele, man fühlte es, war im Buche des Lebens eingeschrieben und einer Veredlung durch den Tod so gewiß, daß, wenn er davon sprach, man glauben mußte: er würde verklärt. Drei Viertheil war er dort und nur ein Viertheil hier. Gott schenke mir, wenn mein Stündlein vorhanden ist, die Empfindungen, die damals in meiner Seele hervorschossen, als er mir den Himmel zeigte. Mir fielen die Worte aufs Herz: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen – Mein Vater war ein Kind, um mit einem Kinde zu reden, und [12] ich fand an mir erfüllet, was von den Kindern geschrieben steht: ihrer ist das Reich Gottes.

Aber wo muß denn das Haus meines Vaters seyn, dachte ich; allein ich unterstund mir nicht, darnach zu fragen, denn, so jung ich war, so merkt' ich doch, daß er seine Ursachen haben müsse, es zu verschweigen.

Meine Mutter, wie ich sowohl diesesmal als bei andrer Gelegenheit sehen konnte, hatte mein Vater gleichfalls keinen Daumenbreit über fünfzig Meilen in die Länge, und zehn, zwanzig bis dreißig in die Breite, als so viel die Grenzen von Curland ausmachen, mitgenommen, daher sie eben so wenig als ich den Ort seiner Geburt wußte. Die neue Welt, pflegte sie zu sagen, ist entdeckt, deines Vaters Vaterland würde dem Columbus mehr Schwierigkeiten gemacht haben.

Was bei dieser väterlichen Verschwiegenheit einem jeden besonders vorkam, war die Gewohnheit meines Vaters, alle Augenblicke zu erwähnen, wie es bei ihm zu Hause sey. Er kam darüber bei Leuten in Verlegenheit, die er nicht wie mich mit dem Himmel abfertigen konnte; allein ehe man sich's versah, war er nicht mehr in Curland.

Ich bemerkte auch, nachdem ich größer war, daß die Leute über diesen Punkt mit dem guten Manne ein förmliches Mitleiden zu haben schienen, so daß sie dabei die Achseln in die Höhe zogen, als über einen Menschen, der so lange vernünftig wäre, bis er auf sein Vaterland käme, und alsdann scheu würde. Es war daher zum Sprichwort bei vielen geworden »das ist so unbekannt als des Pastors – Vaterland.«

Oft traf es sich, daß die ganze Tischgesellschaft still ward, so bald er nur die Anfangsworte: bei mir aussprach, und dieses ist die natürliche Folge, wenn jemand roth zu werden Ursach gefunden. Ein einziger hat nur die Elektrisirstange angefaßt, allein sie fühlen [13] alle den Schlag. Es herrscht eine feierliche. Stille, jedes spielt mit Messer und Gabel, oder dreht sich Pillen von Brod. Nach einer Weile putzt der, welcher zu den wenigsten Empfindungen aufgelegt ist, das Licht, wenn es Abend ist, oder hustet, wenn zu Mittage gegessen wird; ist's außer Tisch, so spricht er »besondere Witterung,« oder bittet um Tabak, »der meinige,« setzt er hinzu, »ist so dürr wie Sand;« dieses alles that gewöhnlich meine liebe Mutter, wenn mein Vater einen Kreuzzug über Land unternommen hatte, allein gewiß nicht, weil sie dabei unempfindlicher, sondern weil sie's gewohnter war wie alle übrige, und weil sie die beklommene Gesellschaft gern wieder ins Freie in die frische Luft bringen wollte. Oft stand ich mit dem Gedanken auf, und schlief mit dem Gedanken ein, warum sagt er denn nicht wenigstens seiner Familie, wo man um diese Jahrszeit Spargel ißt, wo man um diese Zeit eine Pfeife in der freien Luft raucht, wo man Trauben hat, den Wein bei seiner Quelle genießt und (welches mich am meisten interessirte) lange Manschetten trägt.

So geheim mein Vater mit seinem Vaterlande und seiner Familie war, so freigebig war meine Mutter, so oft sie von ihrer Familie etwas zu erzählen Gelegenheit hatte. Sie wußte sich sehr viel damit, daß sie, wie sie sagte, aus dem Stamme Levi wäre, und zählte fünf Priester- oder (damit die in Curland herrschende lutherische Kirche kein Aergerniß nehme) Prediger-Ahnen von Vater- und vier von mütterlicher Seite. Einer ihrer Ahnherren war Superintendent, und zwei waren Präpositi gewesen. Sie rechnete sich, wiewohl von der Seitenlinie, zu den Verwandten des Superintendenten Paul Einhorn, dessen Vater Alexander Einhorn, der zweite curländische Superintendent gewesen war, und wenn sie an den Eifer dachte, mit welchem der Ehren Paul Einhorn sich der Annehmung des gregorianischen Calenders widersetzte, so schien es, daß sie der nämliche Einhornsche Eifer beseelte. [14] Es hat dieser würdige Eiferer sich die Calendermärtyrerkrone errungen, indem er im Jahr nach Christi Geburt 1655 Dominica XI. post Trinitatis auf der Kanzel mitten in einer Calenderpredigt blieb und sein ruhmvolles Leben mit den Worten: »verflucht sey der Calend« – sanft und selig endigte. Mein Vater schien beständig besorgt zu seyn, es würde meine Mutter eine Märtyrerkrone in ihrem Bluträchereifer überraschen, weßhalb er sie bei der Hand zu nehmen und zu sagen pflegte: »fasse dich, mein Kind, die Sache ist beigelegt, wir schreiben heute den – VI –.« Meine Mutter hielt indessen bis an ihren Tod den gregorianischen Calender für ein ketzerisches Buch, und ließ sich nie Ader, wenn im Calender das Zeichen zum Gutaderlassen stand. Es mußte kein Haar im Pastorat verschnitten werden, wenn der Calender hiezu anrieth, und alles, was sie nur erreichen konnte, mahnte sie ab, Holz zu fällen, Kinder zu entwöhnen, oder sonst eine Medicin zu brauchen, wenn der Calender es gut fand. Es war ein Glück für sie, daß diese ungestempelten Tage die meiste Zeit für sie und die lieben Ihrigen gut ausfielen; es war aber ein Unglück für den gregorianischen Calender, denn sie nahm eben hiedurch einen Grund mehr, dawider zu reden und dem Herrn Superintendenten Einhorn zu parentiren.

Ich würde mich um alles in der Welt nicht unterstehen, in Absicht der Ahnen meiner Mutter einSchriftsteller in aufsteigender Linie zu werden, und meine Leser verlieren auch durch die Erzählung der rühmlichen Thaten, Schlachten und Siege nichts, wodurch sich meine Vorfahren mütterlicher Seits, von der geraden und Seitenlinie, um die Kirche verdient gemacht. Sie nannte sie oft Kirchensteine, um alles zusammen zu fassen. Dieser hatte lettische Lieder, wie sie sagte, aus freier Faust gesungen, jener einige übersetzt, ein anderer hatte sich dem Superintendenten Daniel Hofstein, welcher den Exorcismus bei der Taufe der fürstlichen Kinder weggelassen, mit Hand und Fuß (ich brauche ihre [15] eigenen Ausdrücke) widersetzt und ihn dem Teufel übergeben, der nach seiner wohlehrwürdigen Meinung die Complimente nicht erwiedern würde, die ihm der Herr Superintendent machte; ein anderer hatte die Ostereier in seiner Gemeine abgestellt, welches, wie meine Mutter behauptete, ein aus andern Ländern nach Curland gebrachter, nicht allgemein im Schwange gehender, unchristlicher Gebrauch wäre, und dieser gute Mann war in Kupfer gestochen. Ich weiß bis diesen Augenblick nicht, wie er zu dieser Ehre gekommen war. Meine Mutter hatte diesen Kupferstich lange verwahrt, ohne davon einen andern Gebrauch zu machen, als daß sie, wie sie sagte, dieses Bild alle heilige Abende vor Ostern eine Stunde angesehen. Sie behauptete, daß ich etwas ähnliches in der Gegend um die Augen von diesem so ehrwürdigen als beherzten Manne hätte, obgleich ich davon nicht die mindeste Spur zu entdecken im Stande war.

Es sey nun dieses oder etwas anderes die Ursache, genug, meiner Mutter wandelte auf einmal der Einfall an, diesen Kupferstich unter Glas zu setzen und unter den Spiegel zu hängen, der im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen hing.

Mein Vater widersprach diesem Gedanken, da ein Glaser unsere Straße zog, und ist also dieser gute Mann, obgleich er die Ostereier abgebracht, nicht der Ehre gewürdigt worden, im Prunkzimmer des Pastorats gegen Morgen unter dem Spiegel zur Schau gestellt zu werden. Sie war etwas ungehalten über meinen Vater, obgleich sie sich solches nicht weiter mer ken ließ; indessen war es nicht das erstemal, daß sie sein Conto mit einer Schuld belastete. Sie faßte dieses und beinahe alles, was sie sonst noch auf ihrem Herzen und Gewissen hatte, die Noth des ganzen Pastorats zusammen, und schrieb's flugs unter die Rubrik:nicht aus dem Stamme Levi. Ihrem Zorne brachte sie ein Opfer, das sie nachher sehr bereuete. Sie schickte eben so flugs den Rahmen abzusagen, den sie für den Kupferstich bestellt hatte, und war verbunden, obgleich [16] der Nahmen noch nicht zur Hälfte fertig war (und dieses gab zu neuem Aergerniß Gelegenheit), ihn ganz zu bezahlen. Nachdem sie ihre zu Paaren getriebene Ideen wieder zu Hauf gebracht hatte, entwarf sie einen neuen Operationsplan, der ihr auch glücklich einschlug, nämlich diesen verdienstvollen Mann in der Speisekammer aufzuhängen. Hier, sagte sie, kann er sich ohne Rahmen behelfen und niemand wird zu ihm sagen: Freund! wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?

Ich kann es nicht schicklicher anbringen, daß meine Mutter bei aller Gelegenheit feierlich war. Es ward im Pastorat mit nichts anderm als mit Weihrauch geräuchert; alles, was meine Mutter vornahm, ward besungen. Dieses ist der eigentliche Ausdruck. Die Natur hatte sie mit einer sehr melodischen Stimme ausgestattet. Das Bewußtseyn dieser Mitgabe der Natur war indessen nicht die Ursache ihres treufleißigen Gesangs. Meine Mutter wird die Ursache hievon gelegentlich selbst angeben. Sie fing, sobald ihr etwas zu Herzen ging, einen Vers eines geistlichen Liedes in bekannter Melodie aus freier Faust (um ihren Einhornschen Ausdruck nicht zu verfälschen) zu singen an, den alles, was zu ihrem Departement gehörte, mit anzustimmen verbunden war. Sie sang mit Kind und Rind. Es war daher natürlich, daß jedes, so bei ihr in Diensten war, Probe singen mußte, weil außer dem Hausdienst auch eine Art von Küsterstelle durch jedes Hausmädchen vergeben wurde. Vor diesem hatte meine Mutter, nach ihrer selbst eigenen Relation, die Gewohnheit gehabt, einen jeden herzlichen Vorfall mit einem ganzen Liede zu bezeichnen; mein Vater indessen, der anfänglich bemüht gewesen, diese Gewohnheit völlig abzuschaffen, hatte sie doch am Ende nachlassen müssen. Sie ward aber von ihm bis auf einen Vers eingeschränkt, den meine Mutter nicht um die Herzogthümer Curland und Semgallen gelassen hätte.

Ich hab' es oft erfahren, daß mein Vater zuweilen den zweiten [17] Diskant extemporirte und meiner Mutter zum Munde sang, so daß er mithin von seiner vorigen Meinung a posteriori abgegangen war. Meine Mutter rechnete ihm diese Bekehrung im Conto sehr hoch an, und je lauter er mitgesungen hatte, je mehr wurde ihm zu gut geschrieben. Sie wußte sogar den Zeitpunkt anzugeben, wenn mein Vater, der, wie die Folge zeigen wird, keine Anlage zum Geistlichen besaß, aufgehört hätte ein Liederstürmer zu seyn, und diesen Zeitpunkt werden wir übermorgen (ich rechne nach mir und bitte meine Leser deßfalls um Verzeihung) erreichen. Meine Mutter wußte den Rückfall meines Vaters, den sie des zweiten Diskantes unerachtet noch immer befürchtete, so sehr zu verhindern, daß sie seine Lieblingslieder den ihrigen vorzog, obgleich sie es auch mit ihren Lieblingen nicht verdarb, unter denen einige waren, bei denen mein Vater unmöglich den andern Diskant singen konnte.

Das Lied: Ich bin ein Gast auf Erden, schien für meinen Vater gemacht zu seyn, und fast ward kein Glas gebrochen, ohne daß meine Mutter nicht anstimmte:


Die Herberg' ist zu böse,

Der Trübsal ist zu viel;

Ach, komm mein Gott und löse

Mein Herz, wenn dein Herz will;

Komm, mach ein sel'ges Ende

Mit meiner Wanderschaft,

Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft.


Ich wette, wenn meine Mutter mit diesem Liede meinen Vater gleich zu Anfang bestochen hätte, sie würde nicht auf einen Vers begrenzt worden seyn. Kaum hatte einer der zwei Streiter über die Namen von Curland, Lettland und Semgallen Abschied genommen, und gleich sang ihm meine Mutter nach:


[18]

Wo ich bisher gesessen,

Ist nicht mein rechtes Haus;

Wenn mein Ziel ausgemessen,

So tret' ich frei heraus.

Und was ich hier gebrauchet,

Das leg' ich alles ab;

Und wenn ich ausgehauchet,

So scharrt man mich ins Grab.


Gern, das weiß ich, hätte sie unter der Predigt: vom Vaterlande, wie an hohen Festen diesen Vers angestimmt, wenn sie geglaubt hätte, meinem Vater hiemit einen Liebesdienst zu erweisen. Seine Singzeit indessen war noch nicht gekommen, und außerdem hatte er den Grundsatz: die Andacht gehör' ins Kämmerlein. Der Gesang blieb also bloß unter den Hausgenossen.

Wer keine Einbildungskraft hat, sagte mein Vater, hat auch kein Gedächtniß. Ein großes Gedächtniß kann die Urtheilskraft schwächen, allein auch stärken. Wer sich durch hundert Meinungen, die er weiß, nicht stören läßt und noch eine für sich besitzt, hat viel Gedächtniß und viel Urtheilskraft. Die besten Köpfe klagen am meisten über Gedächtniß. Sie sehen ein, wie viel noch zurückbleibt, was sie nicht wissen, und wollen sich auf eine Art, die ihnen am wenigsten zu stehen kommt, bei Ehren erhalten. Ein Mann von starker Beurtheilungskraft macht sich nur Merkzeichen durch die Vernunft, die Imagination ist bei ihm bloß Köchin. Was sollte ihn also zurückhalten, ohne roth zu werden, über schwaches Gedächtniß zu klagen? Manche, um auch für tiefe Denker gehalten zu werden, machen es nach, obgleich die guten Leute weit eher über schlechten Verstand klagen könnten.

Zum recht guten Gedächtniß gehört, etwas ins Gedächtniß fassen, behalten und sich wieder erinnern. Sieh bei der Sache [19] auf Ursach und Wirkung, inoculire alles auf dein Lieblingsstudium, und es ist dir auch im spätesten Alter, als hättest du es vorm dreißigsten Jahre, bis zu welcher Zeit beim Menschen alles in der Blüthe steht, gelernt. Witzige Leute haben schreckliche Gedächtnisse. Ueberall finden sie eine Aehnlichkeit – weil diese aber oft zu schwach ist, oder weil sie mit einem Blick zehn Aehnlichkeiten finden, vergessen sie alles; das Bewußtseyn, fassen zu können was man will, thut bei einem Genie oft größere Dinge, als wenn's schon ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssiges Maß im Kopfe hätte. Ich habe noch keinen Dichter gekannt, der nicht schnell gefaßt hätte, was er gelesen. Beim mündlichen Vortrage gelingts nicht allen. Prosa behalten sie leichter als Verse. Bei andern Leuten ist es umgekehrt. Man würde behaupten können, ein Original müßte wenig Gedächtniß haben, wenn es nicht Leute gäbe, die im Vergessen eben so stark als im Fassen sind. Fassen und Behalten wird im gemeinen Leben für eins genommen, allein ganz unrichtig. Ein jeder Originalkopf muß schnell fassen und schnell vergessen. Etwas bleibt zurück, und nur eben so viel, als nöthig ist, um nicht bloß Abschreiber (Copist) zu seyn. Ein Großmaul hat ein behaltendes, ein Kopf ein fassendes Gedächtniß. Wer viel plaudert, kann auch viel behalten; ein guter Kopf kann nur viel erzählen, wenn er trunken oder verliebt ist; er darf sich indessen beides nur einbilden zu seyn. Wenn ein Poet nicht gut faßt, kommts oft daher, weil er sehen und hören kann und zwar mit Augen und Ohren des Genies, und auch dieser Umstand trägt sein Theil bei, daß er so leicht vergißt. Er kann nichts lesen und hören, was er nicht sogleich mit dem Seinigen bereichert. Er verzinset oft einen Gedanken mit fünfzig Procent, oft mit mehr. Er weiß beständig viel, nur nicht immer was andere wissen. Wer Jahreszahlen und Geschlechtsregister behalten kann, ist kein Dichter.

Lieber Vater, hier macht die liebe Mutter eine Ausnahme. [20] Anlage zur Hauspoesie ist ihr nicht abzusprechen, und wer ihr ein gutes, massives Gedächtniß zugestehen wollte, dem vergäße sie diese Beschuldigung selbst im Himmel nicht, und wenns auch nur bloß darum wäre, um ihr Gedächtniß zu beweisen. – Was sie behält, ist eisern. Meine Mutter wußte nicht nur alle mögliche Lieder aus- und inwendig, sondern besaß auch eine so genaue Lebensbeschreibung von vielen Liederdichtern, daß sie beinahe den Schöpfungstag von jeder Strophe wußte. Es war ihr von vielen Jahr und Tag bekannt, und was das allermeiste war, sie konnte sagen, was jede ihrer Herzensstrophen bei diesem oder jenem für eine Wunderkur gemacht hatte.

Mein Vater, der von dergleichen Dingen nicht das mindeste wußte, hörte ihr (ohne Zweifel von dem Zeitpunkte, da er den zweiten Diskant zu singen anfing) andächtig zu, und schien an ihrer Zufriedenheit über dieses geneigte Gehör theilzunehmen.

Die singende christliche Hausgemeine war noch an den Worten:


Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft,


und frisch fing meine Mutter an, als wenn sie festen Fuß fassen und occupiren wollte:


»von Paul Gerhard


War mein Vater nicht unter ihren Zuhörern, pflegte die Leichenpredigt länger und erbaulicher zu seyn, und beständig fand sie alsdann auf ihrem Wege Umstände, die mit Umständen, so Leuten aus ihrer Familie begegnet waren, eine Aehnlichkeit hatten. Reiste mein Vater mit, war der Weg wie auf der Diele, und nie sprach sie bei einem Anverwandten auf der Landstraße an, es wäre denn zuweilen bei ihrem sel'gen Herrn Vater oder Großvater, um ihnen aus Kindespflicht die Hände zu küssen.

[21] Paul Gerhard hatte Berlin wegen des Streits der Lutheraner mit den Reformirten verlassen, nachdem er aus Lüben (denkt an Liebau, sagte sie, wenn euch der Name zu schwer fällt) nach Berlin gekommen, und ihr seliger Herr Vetter war, um allen allerlei zu werden, vom Landpastorat nach Mitau als Stadtpastor gegangen und hat in Mitau ein Bein gebrochen. Doch warum nicht sie selbst? Damit meinen Lesern die Zeit nicht zu lang werde, soll mein Vater ab- und zugehen.

»Es ist ganz besonders, daß Herr Paul Gerhard – sein Sohn, Paul Friedrich Gerhard, war Magister; auch gut! allein, so viel ich weiß, kein Liederdichter. Schade!) Es ist ganz besonders, sag' ich, daß Herr Paul Gerhard, welcher als Ober- oder Primarpastor 1676 den siebenzehnten, und nicht den siebenundzwanzigsten Mai, im siebenzigsten Jahre seines reifen Alters unter die himmlischen Sänger aufgenommen ward, kein Lied gemacht hat, das mit C anfängt, obgleich wir sonst viele vortreffliche Lieder haben, die mit diesem Buchstaben anheben. Ich laß jeden Buchstaben in seiner Ehr' und Würde, allein unter den Consonanten ist C mein Liebling. Hat dein Vater je sich des Unterdrückten, des Nothleidenden (sie wandte sich zu mir) angenommen, so war's, indem er behauptete, der Buchstabe C sey so gut deutscher Bürger im ABC als irgend einer, und indem er den Candidaten – ohne C widerlegte. Da die Letten ohne C sind, so könnte man den Herrn Oberpastor Paul Gerhard einen curischen, einen lettischen Sänger nennen, wenn er anders damit zufrieden wäre, woran ich zweifle. Wer Gerhards Lebensgeschichte mit leichter Mühe und ohne Kopfschmerz zu behalten Lust hat, merke sich vier Sieben.«

»Im Jahre sechzehn hundert sechs und siebenzig, den siebenzehnten Mai, im siebenzigsten Jahre, und in Hinsicht des Zweifels wegen seines Sterbetages sieben und zwanzig. Dieser Zweifel hat, wie mich dünkt, einen Druckfehler, eine[22] Schwachheitssünde zum Grunde. Wer kann wissen, muß jeder, der ein Buch schreibt, bekennen, wie oft er fehle.«

Da hast du ganz recht, liebe Mutter; und ich, der ich zweihundert Meilen vom Druckorte entfernt bin, setze bei dieser Gelegenheit mit einer Verbeugung an alle Recensenten hinzu: Verzeihet die verborgenen Fehler. (Meine Mutter fährt fort:)

»Gott weiß, wie die Worte in der Ausgabe des Herrn Feistking lauten. Es ist diese Ausgabe für mich ein Licht unter einem Scheffel. Das Manuscript hat Herr Johann Heinrich Feistking vom Herrn Magister Paul Friedrich Gerhard erhalten.«

Meine Mutter bedauerte, daß sie nicht selbst der Herr Johann Heinrich Feistking bei dieser Gelegenheit gewesen, und wär's auch nur, setzte sie hinzu, der grünen, rothen und blauen Grenzzeichen und Fähnchen halber. Die Autorzeichen brachten sie auf die Tintarten, welche sie alle so wie eine Mehl- und Milchspeise oder Grütze anrichten zu können vorgab. Mein seliger Großvater, sagte sie, konnte ohne alle diese Tinten kein Concept zur Predigt vollenden. Mein seliger Vater brauchte nur die rothe, und jetzt bin ich bis auf die schwarze, und auch die (mein Vater war die ganze Zeit abwesend) wird wenig gebraucht, außer Uebung.

Der holdselige Mann, Paul Gerhard, hat das Feistking'sche Exemplar mit allem Fleiß revidirt. Sein letzter Federstrich war in dieses Buch, und eben schrieb ein Erzengel


seinen Namen auf's beste

in's Buch des Lebens ein.


Ich habe die Vorrede des Herrn Feistking nicht gelesen, sondern nur in ein anderes Buch eingebrockt gefunden; indessen gehört es eben nicht zum Stern und Kern dieser Vorrede, daß Paul Gerhard daselbst mit dem Dr. Martin Luther proclamirt und gepaart worden, und daß man sogar (unter uns gesagt) den Wunsch [23] äußert, daß Gerhard dem Dr. Martin Luther beim Reformationswerk geholfen hätte. Ich thue Einspruch, Herr Feistking, nicht des Buchstabens C, sondern des auserwählten Rüstzeugs Dr. Luthers wegen, der auch wußte, was Sang und Klang war. – – Hier eine Lobrede auf Luthern, der darum, wie meine Mutter sagte, zu Eisleben geboren, weil ihn Gott das Eis zu brechen erkoren. Wir! wir! (sie sang diese Worte in der Melodie: wir glauben all' an einen Gott) wir, – setzte sie ohne Sang fort, – die wir aus Bescheidenheit den Zunamen Lutheraner angenommen, sollten mit dem Vornamen Reformatoren heißen; gewisse andere Leute aber, die nicht paulisch oder kephisch seyn wollen, können beim Namen Reformirte bleiben. Nach dem Luther (mein Vater kommt) muß ich gestehen, keinen bessern Liederdichter als Gerharden zu kennen. Er und Rist und Dach sind einKleeblatt, das auserwählte Rüstzeug Luther aber die Wurzel. Gerhard dichtete während dem Kirchengeläute, könnte man sagen. Ein gewisser Druck, eine gewisse Beklommenheit, eine Engbrüstigkeit war ihm eigen. Er war ein Gast auf Erden, und überall in seinen hundert und zwanzig Liedern – ich wünschte wohl, es wären ein hundert und siebenzig wegen der sieben – ist Sonnenwende gesäet. Diese Blume drehet sich beständig nach der Sonne und Gerhard nach der seligen Ewigkeit. Schwermüthig –

Recht, sagte mein Vater; allein weißt du auch warum?

»Warum?« meine Mutter, »weil er nach dem vorgesteckten Kleinod blickte.«

Weil er ein böses Weib hatte. – Sobald ihn Gott von dieser bösen Sieben erlöste, war keine Sonnenwende mehr in seinem poetischen Gärtchen. Er sang; allein es sang kein Gerhard mehr. Was die Xantippe dem Sokrates war –

Dieser Blitz traf das Wort auf der Zunge meiner Mutter; [24] es bebte noch eine Minute auf der bläulichen Oberlippe, allein es war so matt, daß es in der Geburt seinen Geist aufgab. Meine Mutter, die sich ihres Geschlechts überhaupt anzunehmen gewohnt war, mußte von meinem unlevitischen, unpoetischen Vater, der zum zweiten Diskant nur par bricole gekommen war, erfahren, daß er die Asche einer Oberpastorin entheiligte und ein Sacrilegium beging. Das war mehr als sie tragen konnte! – Sie verstummte vor ihremScherer, und nach einer guten Viertelstunde allererst, nachdem das Herzgespann nachgelassen, sang sie, ohne zu sagen, von wem das Lied gedichtet war:


Wenn böse Zungen stechen,

Mir Glimpf und Namen brechen,

Will ich bezähmen mich;

Das Unrecht will ich dulden,

Dem Nächsten


(meine Mutter sang dieses Wort mit einem tiefen Seufzer)


seine Schulden

Verzeihen gern und williglich.


Dieses war für heute genug am Gemälde meiner Mutter. Daß sie Gedächtniß und, wo nicht ein poetische Puls-, so doch Blutader, wo nicht prasselndes Odenfeuer, so doch eine glühende Kohle vom Altar gehabt, werden meine Leser selbst gefunden haben. Noch einen Zug um die Nase herum, der sich eben bei mir meldet, und es übel nehmen könnte, wenn ich ihn nicht, so spät es auch ist, beherbergen sollte. Meine kreuzbare Mutter war eine so große Verehrerin der Reime, daß sie sogar ein Gelübde abgelegt hatte, gewisse Worte nie zu trennen. Kern und Stern,Rath und That, Kind und Rind. Hack undPack, Dach und Fach, Knall und Fall u.s.w. waren nach ihrer Meinung Zwillinge, Doppelbrüder. Außer diesem behauptete sie, daß gewisse Reime für einander geboren, im Himmel geschlossen wären und durchaus [25] ins Eheband treten müßten, als da sind Stank und Dank, Mund und Pfund,Glimpf und Schimpf, Noth und Tod,Kleider und Schneider, Student und Recensent, Schelm und Helm. – »Was Gott zusammenfügt,« pflegte sie zu sagen, »soll der Mensch nicht scheiden. Wer solche Reime trennt, scheidet eine Ehe; und wer einen andern Reim in diese Stelle aufnimmt, heirathet im verbotenen Grade.« Sie behauptete, die Reime wären gleichsam die Riemen, durch welche das Gedicht verbunden würde, und muß ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie bei ihrem poetischen Trichter, oder dem in sechs Stunden einzugießenden Unterricht zur deutschen Dicht- und Reimkunst 1 die Regel gab: trachtet am ersten nach dem Reime der zweiten Reihe, der erste wird euch zufallen, und es wird der Vers wie gegossen seyn. –

Jetzt in die Speisekammer auf ein Gericht Eier.

Der Himmel helfe uns ad mala. Es wird für meine Leser und für mich, glaub' ich, das Beste seyn. Sollte indessen meinen Lesern das Schälchen, das ich aus gutem Herzen nach nordischer Art zum Willkommen herumreichen lasse, Appetit machen und Promulsis (der erste Gang) nicht mißfallen, so hoff' ich, caput coenae (die Hauptschüssel) dieses Theils wird auf ein gleiches Glück Hoffnung machen können. Ein Thaliarchus, ein Credenzer, Disponent, ein Gläserzähler, ein Taktschläger ist mir bei der Mahlzeit eine unausstehliche Creatur.

Meine Mutter läßt zur Canonisation läuten, die einen ihrer Vorfahren treffen soll. Die Reliquien dieses Candidaten zur Standeserhöhung bestehen in einem Kupferstiche, und obgleich, wenn er nach den neuesten päpstlichen Grundsätzen behandelt werden sollte, ihm rechtlich entgegenstände, daß er noch nicht hundert Jahre gestorben, [26] so wird doch bei dieser protestantischen Ceremonie dieser Einwand keine Bedenklichkeit abgeben.

Es war ein Sonnabend – denn dieses war ein Tag, den meine Mutter unter den Tagen, so wie die C unter den Consonanten (alles Widerspruchs des Kandidaten ohne C unerachtet), schätzte. Die C, um aufrichtig zu seyn, weil die Letten diesen Buchstaben nicht haben; den Sonnabend, den heiligen Abend, weil sie selbst, im Fall ich mich so ausdrücken darf, ein heiliger Abend – wenn man nur hinzusetzt, welches einem Sohne nicht zusteht, so haben sie meine Leser in einem Zuge ganz – also nur ein heiliger Abend war. Meiner Mutter gebührte allerdings eine Glorie, allein nur vom Mondschein. – Wegen des Sonnabends muß ich noch bemerken, daß sie von meinem Vater alsdann wegen der Beichtvesper am wenigsten einen Einbruch zu befürchten hatte, und daß der Sonnabend bei allen Priesterweibern dies festus, ein hervorragender Tag ist.

Es war ein Sonnabend, da mich meine Mutter mit dem ersten Verse des Liedes:


Freu dich sehr, o meine Seele,

Und vergiß all' Angst und Qual –


aufsang und nach dessen Vollendung mich also anredete: »Ich weiß, daß dieses Lied einem armen Sünder zugeschrieben wird, der in Hamburg wegen begangener Nothzüchtigung eines neunjährigen Mädchens enthauptet worden. Allein außerdem, daß dieser arme Sünder Doctor in der Medicin gewesen, so glaub' ich auch die ganze Armensündergeschichte nicht. Es ist vielmehr dieses Lied eine Messerspitze von den geistlichen Liedern des Simon Graf, die er unter dem schönen Titel: Geistliches edles Herzpulver, in drei Theilen herausgegeben hat, 2 und dann [27] am Ende, liebes Kind, sind wir alle arme Sünder, – allein wir haben nicht alle ein neunjähriges Mädchen genothzüchtigt, sind aber alle in Sünden empfangen und geboren.«

»Was ist Nothzucht, liebe Mutter?«

»Nothzucht, mein Kind!« sagte meine Mutter, und ich war voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, – »ist Nothzucht. Leg dein Feierkleid an, streu Puder auf dein Haupt, und wenn keiner vorhanden ist, Weizenmehl, und sieh heute wie man dem thut, den deine Mutter ehren will aus dem Buche Esther, im sechsten Capitel und sechsten Verse.« Nach einer langen Deliberation, wie die feierliche Handlung vollzogen werden sollte, ging dieser Triumph, oder Oration, oder Leichenconduct an. Io Triumphe! derTriumphator, welchem diese Ehre in effigie erwiesen wurde, lag auf zwei Folianten, und auch dieses kam von ungefähr, sonst würde selbst diese Spur von Triumphwagen nicht gewesen seyn. Bei meiner Uebermessung, die mit einer curischen Elle geschah, fand es sich, daß kein Stuhl hoch genug für mich war, den Kupferstich dem Himmel nahe genug zu bringen, wie meine Mutter sich ausdrückte, welches Ziel aber durch Beihülfe dieser Folianten erreicht werden konnte. Da die Folianten inzwischen einmal im Spiele waren, legte sie selbige kreuzweise so, daß also nicht einer auf dem andern lag. Sie spreitete endlich ein weißes Tuch über sie. – Man kann, sagte sie, auch dabei seine erbaulichen Gedanken haben. Noch gehörten zu diesem Ehrenwerk vier flimmernde Nägelchen und vier Streifen schwarzes Papier. Eine Leichenrede wurde deßhalb entkleidet, die auf einen reformirten Geistlichen gefertigt war. Die Nägelchen und die vier Streifen legte meine Mutter wie Ehrenzeichen neben den Kupferstich. Auf dem Wege von dem Ort, wo ihm der Platz unterm Spiegel gegen Morgen war abgeschlagen worden, wurden Tannenreiser bis in die Speisekammer gestreut. Unterweges war meine Mutter, wie man [28] in der Affekthitze zu seyn pflegt, still. Der Fall war zu groß, um Sang und Klang zu verstatten. Stille Begräbnisse kommen überhaupt der Natur am nächsten, wenn anders der Verstorbene keine lachende Erben nachläßt. Meine Mutter trug die Füße, ich das Haupt, und so kamen wir ins Delubrum, ins Sacrum, ins Gewölbe. Es kam mir unterwegs besonders wegen des weißen Tuches, welches bei meinen Lesern noch im frischen Andenken flaggen wird, so vor, als ob ich eine Leiche trug, und meiner Mutter muß es eben so vorgekommen seyn, denn sie sagte (dies war alles, was geredet wurde): den Weg, mein Sohn, müssen wir alle, und konnte wohl unmöglich die Speisekammer darunter verstehen. Ich merkte aus allem, daß meine Mutter eine Rede an mich halten wollte, und kann vielleicht dieser Umstand mit das Seinige zur Stille beigetragen haben, wodurch diese Handlung geweihet wurde. »Er hat gelitten und hat gesiegt,« fing sie an, »er ist gestorben und sieh! er lebt.


Schau't, die Sonne geht zur Ruh',

Kommt doch morgen wieder;


aus dem Liede: einen guten Kampf hab' ich auf der Welt gekämpfet.« Diese Citation oder eine Wehmuth, die uns Beide anwandelte, lenkte sie vom rechten Wege.

»Dein Ebenbild,« sagte sie, »mein Sohn, wie ein Ei dem andern; – sey ihm an reiner Lehre und reinem Windel gleich, auch« (hier fehlt ohne Zweifel viel) »nimm dich vor harten Eiern in Acht, sie sind schwer zu verdauen.«

»Erinnere dich an die Leiter Jakobs,« sagte sie, nachdem sie sich vom Stickfluß erholet hatte, und die Folianten wurden abgedeckt und das Leichlaken sein säuberlich zusammengelegt. »Zu niedrig,« sagte sie, indem ich die Höhe erstiegen hatte und zu hämmern anfing. »Es stockt in der Speisekammer,« »zu hoch,« gleich darauf: »denn ich kann weiter nichts als vier Sterne sehen.«

[29] Sterne dacht' ich, liebe Mutter. – Sechs für einen Vierding.

Endlich traf ich die rechte Stelle, und nachdem das Monument fertig war, welches diesem Ehrenmanne um so angemessener schien, als es gerad' über einem Eierbehältniß stand, stieg ich herab und meine Mutter umfing und küßte mich. Es war dieses eine feierliche Umhalsung, eine Accolade und nun? – Meine Leser werden es mir verzeihen, daß ich sie so lange im Finstern gelassen, ohne zu bemerken, daß meine Mutter vier Lichter auf dem Tische angezündet hatte, auf welches Castrum Doloris der Wohlselige, nachdem wir ihn von den Folianten abgehoben, eine ganz kurze Zeit zur Ausruhe hingestellt wurde. Drei von diesen Lichtern löschte meine Mutter so aus, wie andere Leute ihre Lichter auslöschen. Das vierte, ein abgebrannter Stumpf, war während dieser Zeit dem Verlöschen nahe.


»Komm! sieh und lerne sterben!«


sagte sie zu mir. Ich sah ein ausgehendes Licht, und meine Mutter betete mit einer Inbrunst, die mir durch die Seele ging:


– Und wenn mir die Gedanken

Vergehen wie ein Licht,

Das hin und her thut wanken,

Bis ihm die Flamm' gebricht;

Alsdann fein sanft und stille

Laß mich, Herr! schlafen ein

Nach deinem Rath und Willen.

Wann kommt mein Stündelein.


Ich sah, was meine Mutter sagte, und oft! oft! hab' ich mein Licht so ausbrennen lassen, um dieses Fest zu wiederholen.

Meine Mutter legte die Hände, sobald alles aus war, auf mich, um mich priesterlich zu segnen. Wir weinten beide. – Nach einer Weile fing sie an (ich glaube, es sind alles dieses [30] Brosamen, die von ihrem reich besetzten Tische fielen, Stücke von der verunglückten Rede): »die lobwürdigste Fürstin Henriette Louise, Markgräfin zu Brandenburg, ließ sich dieß Lied vorsingen, und obgleich alles um sie herum weinte, starb sie doch ohne Ach und Weh sanft und selig zu Onolzbach im Jahre Christi 1650, ihres Alters sieben und zwanzig Jahr. Gott! laß es nur ein Stündlein und nicht eine ganze Stunde seyn, wenn wir heimfahren aus diesem Elend!« Wir brachten die Folianten zu Hause und meine Mutter sang, ohne zu bestimmen, ob's auf Folianten, oder auf Kupferstich, oder auf alle papierne Monumente und Denkzettel gezielt wäre:


Man trägt ein's nach dem andern hin,

Wohl aus den Augen und aus dem Sinn,

Die Welt vergisset unser bald,

Sey jung oder alt,

Auch unsrer Ehren mannigfalt.


Seyd getrost, verdienstvolle Männer (ich will meiner verstummten Mutter aushelfen). Habt ihr nicht das Glück, am Spiegel zu hängen, so ist noch die Speisekammer übrig. Stockt es hier gleich, es schadet nicht, das Bild kann hoch geschlagen werden. Beschert euch nur der Himmel Augen, die vier kleine Nägel für Sterne ansehen, habt ihr gewonnen Spiel.

Nach dieser vollbrachten Arbeit verlangte meine Mutter, daß ich diesen Tag in einem feinen, guten Herzen behalten, und ihn jeden heiligen Abend vor Ostern durch eine Wallfahrt in die Speisekammer (wie sie sich ausdrückte) feiern und erneuern sollte; dieses ist, sagte sie, die Aussaat; vor Ostern, den heiligen Abend, sollst du ernten. Der Geber aller guten und vollkommenen Gaben verleihe dir gutes Wetter oder ein Herz nach seinem Herzen zur Ernte.

Daß aber der ausgesäete Weizen nie zur Reife gekommen und [31] aus dieser Wallfahrt nie etwas geworden, ist einer von uns beiden Schuld, der frommeSchweppermann oder ich. Meine Mutter zog mich wegen eines Epitaphiums zu Rathe, und mir mußte zum Unglücke einfallen:


Dem Mann ein Ei,

Dem frommen Schweppermann zwei;


weil Schweppermann nicht Superintendent in Curland, sondern


Ein Ritter, keck und fest,

Der zu Gnadersdorf im Streit' that das Best',


gewesen, so bekam der Vorschlag meiner Mutter eine andere Wendung. Der bestimmte heilige Tag fiel aus, allein nicht zu meinem Nachtheil, denn wenn ich nach der Zelt ein Stück Geräuchertes zu ernten Lust hatte, wallfahrtete ich Hand in Hand mit meiner Mutter nach dem Mausoleum (oder nach einer ehrlichen deutschen Uebersetzung) in die Speisekammer. Es hing der Tag unseres Eierheiligen von der Angabe meines Magens ab, und war, so oft mich außer der Mahlzeit hungerte. Je nachdem ich Appetit hatte, ward auch die Feierlichkeit zur Ehre eines Mannes zugeschnitten, der nach der Bemerkung meiner Mutter, die sie mehr als einmal anbrachte, »so wie die Speckseiten und Würste, seine Nachbarn, gekommen wäre aus der Rauchkammer dieses Lebens.«

Zur Steuer der Wahrheit steh' es hier wie eine Ehrensäule, daß meine Mutter, wider die Gewohnheit aller Weiber, nicht geizig war. Sie wollte nicht die Eier abschaffen und Hühner dafür einführen, sondern die Rechtgläubigkeit, wie sie sagte, lag ihr hiebei bloß am Herzen.

Mein Vater (damit ich sobald als möglich die vacante Stelle besetze), den meine Mutter durch diesen an seinen Ort gestellten Kupferstich ohne Zweifel auf den Gedanken brachte, daß im Prunkzimmer, zur rechten Hand unter dem Spiegel, kein unrühmlicher Ort im Pastorat wäre, vocirte den Kupferstich des Eugen an [32] diesen ledigen Platz. Er ließ meine Mutter vorderhand bei ihrer voreilig gefaßten Meinung, daß dieser Kupferstich der Herzog Gotthard wäre, welchen sie für den größten Helden hielt, der je in der Welt gelebt hätte, und dem allein sie den Rang über den Superintendenten gestattete, obgleich sich die Herzoge von Curland wir von Gottes Gnaden schrieben und Landeshoheit haben. Es war mein Vater sich als ein Deutscher diese Huldigung schuldig, und nie hat er es verfehlt, dem Namen eines Deutschen Ehre zu machen. Das erste Wort, was er mich aussprechen lehrte, war, aller seiner Kenntniß in fremdem Sprachen unerachtet, ein schweres deutsches. Deutsch eben darum, warum Eugen im Pastorat zur rechten Hand unterm Spiegel des Prunkzimmers hing, schwer, weil mein Vater in allen Dingen die Gewohnheit hatte, mit dem Homer anzufangen.

Damit aber meine Leser ja nicht Realinjurien begehen und an den Gedanken grenzen, als ob mein Vater auch nur stillschweigend eine Unwahrheit verübt, so muß ich ihn bei dieser maßgebenden Gelegenheit rechtfertigen und ihn über jenen Heiden herausbringen, dem man zur Steuer der Wahrheit nachsagt, daß er auch nicht im Scherze unrichtig geworden, welches in unserer galanten Mundart ungefähr heißen würde, daß er keine einzige Equivoke gesagt habe. Wer weiß es nicht, daß eine stillschweigende Lüge eine himmelschreiende stumme Sünde sey, der feinste Meuchelmord, und eben darum der gewöhnlichste. Was meinet ihr, lieben Leser! mißt mein Vater nicht einen Zoll und einen Strich mehr?

Gotthard, sagte meine Mutter, der Held der Helden. Nicht also, fiel mein Vater ein. Eugen! ein Deutscher, der in seiner Jugend Theologie studirte und schon wirklich Candidatus theologiae war, ein rundes Perückchen trug und gepredigt hatte. Dieß brachte meine Mutter zur Andacht. Warum, sagte sie, ging er von der engen Straße, die zum Leben führt? Um der Religion [33] bessere Dienste zu thun, erwiederte mein Vater; um sein Schwert wider die zu ziehen, welche jetzo die Wache zum heiligen Grabe geben und das Schlafgemach unseres Herrn und Meisters usurpiren. Eugen hieß der kleine Abt in Frankreich, und ward ein großer Mann in Deutschland. Die mittelmäßige Statur ist die Gestalt der Helden. – Unser Sohn wird, Gottlob! groß werden, sagte meine Mutter. – Gottlob! er wird es nicht werden, erwiederte mein Vater. Die Titel des Eugen sind, fuhr er fort, Herzog von Savoyen und Piemont, Markgraf zu Saluzzo, Ritter des goldenen Vließes, der römisch kaiserlichen und königlich katholischen Majestät wirklicher Geheimer- und Conferenz-Rath, Hofkriegsraths-Präsident, General-Lieutenant, und des heiligen römischen Reichs Feldmarschall, General-Vicarius der sämmtlichen italienischen Erbkönigreiche und Lande.

Meine Mutter machte, da mein Vater sich bei jedem neuen Ehrenworte beugte, eine Gegenverbeugung, – ohne daß man eigentlich bestimmen konnte, ob's meinem Vater oder dem Eugen galt, und da die Heldengeschichte eben kein Studium für meine Mutter war, so kam manches vor, was sie zum erstenmale hörte. Bei meines Vaters Bemerkung, Eugens Mutter wäre des bekannten Cardinals Mazarini Nichte gewesen, konnte meine Mutter anfänglich nicht begreifen, wie ein Cardinal eine Nichte haben könnte? – Es fühlte Eugen (fuhr mein Vater fort und sah meine Mutter lieblich an) im Gemüthe und Geblüte väterliche Regungen, und dieses Gefühl war unfehlbar die Hauptursache, warum er das Brevier mit dem Degen vertauschte. Ob nun gleich meine Mutter, was den Punkt der heiligen Ehe betraf, sehr protestantisch dachte, so schüttelte sie dennoch wegen dieses Tausches das Haupt. Bei dem eingeweihten Degen, den Papst Clemens der XI. dem Eugen schickte, und beim Anfange seines Anschreibens: Unsern Gruß und apostolischen Segen zuvor, geliebter Sohn, edler Mann! – warf [34] sie die Frage auf: wie doch wohl der curische General-Superintendent an den Eugen geschrieben haben würde?

Mein Vater schloß die Standrede über Eugen, um sich meine Mutter, die nicht ohne Neid den Eugen unterm Spiegel sahe, zu verpflichten: daß dieser unüberwundene Held den ein und zwanzigsten April zumewigen Jubilate eingegangen.

So waren also die beiden Monumente für Eugen, der nie geschlagen worden, und meiner Mutter Ahnherrn, der durch Abschaffung der Ostereier sich unsterblich gemacht, errichtet! Der liebe Gott schenke beiden (dieß sagte meine Mutter, da mein Vater den Rücken gekehrt hatte) in der Erde eine sanfte Ruhe und am jüngsten Tage eine fröhliche Auferstehung, wo es sich ausweisen wird, ob Eugen oder der gute Pastor eher verdient, unter dem Spiegel gegen Morgen im Prunkzimmer zu hängen, wenn gleich auch unser Anverwandter sich über sein Plätzchen in der Speisekammer nicht beschweren darf.

Ich habe zwar von meinem Vater, da ich nicht capitelfest bin, nur wenig und das im Beilauf gesagt, meine Leser aber werden schon hieraus die verschiedenen Denkungsarten meines Vaters und meiner Mutter einsehen und ohne Note sich vorstellen, daß ihre Erziehungsart gleichmäßig nicht übereinstimmen konnte. Meine Mutter wollte mich zu einem Geistlichen machen, und wenn man kein Edelmann und doch ein Mensch in Curland ist, kann man keinen andern als diesen Stand wählen, einige weltliche Stellen ausgenommen, deren aber zu wenig sind, als daß viele darauf rechnen könnten, und die, bis auf die Advokatenstellen bei dem Land-Obergerichtshofe in Mitau, noch obenein adeliche Posten sind, und also als in Verfall gerathene Familien angesehen werden, welche ihren Adel mit leichter Mühe erneuern können. Mein Vater schien mich zu etwas anderm bestimmt zu haben. Meine Leser mögen rathen, wozu? denn, in Wahrheit, ich selbst muß mich bei diesem Umstande[35] mit Rathen behelfen, obgleich ich es nicht läugne, mehr Data als meine Leser zur Auflösung meines Räthsels in der Hand zu haben. Er sah es sehr gern, wenn ich Ball schlug, und erlegte selbst mit mir Kegel. Ich hatte zu Anfang Mühe, die Kugeln zu heben; indessen fand sich mit der Zeit eine Stärke in meine Arme, daß das Spiel zwischen meinem Vater und mir ungewiß und eine Wette wurde, und wir abwechselnd gewannen und verloren. Er hatte es gern, daß ich mich herumbalgte, und hierin that ich mich mit dem Benjamin, dem Sohne des altenHerrn, hervor. Sowohl von Vater als Sohn wird sogleich gehandelt werden! Meine Mutter ermahnte mich, so oft ich gerungen hatte, und fügte hinzu, daß jedes Haar auf meinem Haupte gezählt sey.

Ich arbeitete beständig, allein ich wußte es nicht, ich hätte eben so gut glauben können, daß ich beständig spielte. Mein Vater konnte sich über nichts so sehr ärgern, als daß über der Seele der Leib vergessen würde, und daß man das eine bei Hochwohlgebornen Kindern lernen, und das andere spielen hieße. Es ist alles Spiel oder alles Arbeit, pflegte er zu sagen. Die Unvermögenheiten des Leibes hielt er alle für ansteckend in Absicht der Seele. Es ist ein schlechter Wirth, sagt' er, der sein Zimmer mit Seide ausschlägt und von oben einregnen läßt. Vom Kleide auf den Mann, setzte er hinzu, vom Hause auf den Herrn, vom Leibe auf die Seele schließen, ist kein unrichtiger Schluß. Wenn man seinen Körper, den man sieht, vernachlässigt, wie will man an seine Seele denken, die man nicht sieht. Mark macht's aus, setzte er, um sich zu erklären, hinzu, nicht Lange und Breite, Dicke und Höhe. Ein jeder Erfinder ist wenigstens an dem Tage, da er erfand, ein Mann gewesen, und hätte eben so gut ein gesundes Kind in die Welt setzen als erfinden können, und alles, was in der gelehrten Welt Methusalems Alter erreichen und noch älter werden soll, alles, was eigentlich auf die Nachwelt bleibt, hat ein Gesunder gedacht und [36] geschrieben. Die Helden-und Staatsaktionen des Herkules leisteten meinem Vater auf diesem Wege gute Dienste, und er konnte sich sehr freuen, wenn ich Unwillen zeigte, daß ich nicht auch Gelegenheit gehabt, zweien Schlangen in der Wiege das Lebenslicht auszudrücken. Die Geschichte vom Antäus, dem Riesen, war mir ein Brand im Busen; mein Vater goß Oel dazu, und maß mir seine Länge vor. Ich stieg auf den Tisch, um sie recht zu sehen, und so wie ich mich über die Art des Antäus freuete, sich einen Löwen zum Braten zu fangen, so gratulirte ich dem Herkules, daß er diesen Löwenjäger todt zu drücken die Ehre gehabt. Meine Mutter war so wenig mit der Geschichte vom Riesen Antäus, als mit der von der Schlange zufrieden. Bei der Schlange fiel ihr beständig die im Paradiese ein, wobei sie es dem Noa etwas übel nahm, daß er für sie eine recht holländische Toleranz in seinem Kasten gehabt. Sie äußerte bei dieser Gelegenheit die Meinung, daß das Auszischen sich aus dem Paradiese herschriebe, wo der Teufel unsern ersten Eltern auf diese Art übel begegnet hätte, nachdem die armen Betrogenen den letzten Bissen Apfel genossen. Was den todtgedrückten Riesen betraf, fand sie's anstößig, daß er nicht Goliath hieße. Ich war sehr fürs Todtdrücken des Riesen, aber mein Vater zeigte mir das Erhabene, das Göttliche bei der Geschichte des David, und ich lernte nebenher, wie unrecht es sey, mehr Mittel, und wär's auch nur ein Gränlein, anzuwenden, als man Zweck hat.

Wenn meine liebe Mutter den Eifer bemerkte, der mir bei Erzählung vom Herkules unter die Arme griff, so daß ich vor ihren sichtlichen Augen am Tisch und Stühlen ein Exempel statuiren wollte, pflegte sie mich zu ermahnen, meine Arme zum Kanzelschlage zu schonen und sie nicht an unschuldigen Stühlen und Tischen zu entweihen.

Erziehen, sagte mein Vater, heißt aufwecken vom Schlafe, mit Schnee reiben, wo's erfroren ist, abkühlen, wo's brennt. Wer nie [37] ein Kind unterrichtet hat, wird nie über das Mittelmäßige hervorragen. Docendo discimus ist ein großes und wahres Wort! In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern, als die Kinder von uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie der Blick umfassen. Wer kann in sie sehen, wenn's Hochmittag ist? –

Wenn ich auf etwas durchaus und durchall bestand, überließ mich mein Vater meinem Eigensinn, und ich sah aus den natürlichen Folgen, wie thöricht ich gehandelt, daß ich seinen Fingerzeig aus der Obacht gelassen. Er behauptete, daß keine natürliche Strafe gleich einer Todesstrafe wäre, und so ließ er nach dieser großen Vorschrift auch mich nur durch Buße bekehren und leben. Ich verbrannte mich am Licht, ich verdarb mir den Magen unterm Pflaumenbaum. Wie der himmlische Vater es mit uns macht, pflegte er zu sagen, so sollten es auch leibliche Väter machen. Welch einen Einfluß diese Lehrart auf mich gehabt, ist unaussprechlich. – Ich lernte Natur, die wir leider bei dem allgemeinen Fall oder Verfall der Menschenlernen müssen. Ich lernte sie im Kleinen und im Großen. Wenn ein Genie allein auf dem Lande geht, pflegte mein Vater zu sagen, bleibt es nicht lange allein, die Natur geht ihm an die Hand. Sie faßt es an, und es versteht die Blume, wenn sie sich neigt, und den liebevollen Hopfen, der sich hinaufranket. Es bewundert den Regenbogen, das Ordensband, das Gott der Erde als ein Gnadenzeichen umhing. Da sehen dann Genies einen gewissen Zusammenhang zwischen Gott und dem Menschen, und sind Seher, von Gott Angehauchte. Dieß ist unendlich mehr, als ein Autodidaktos, ein Selbstgelehrter. Dieser lernt aus Büchern, ein Seher lernt von Gott und aus seiner für ihn aufgeschlagenen Welt.

Mein Vater ließ es nie zu Thätlichkeiten bei seinen Strafgerichten kommen, denn ich verurtheilte mich selbst, und er bewirkte [38] eben hierdurch eine große Absicht. Er erzog nicht einen Sohn, sondern einen Menschen.

Meine Mutter hielt einen Gnadenstoß für nothwendig, und wenn sie mir mit ihrer theuern Rechten einen Ritterschlag versetzte, pflegte sie zu sagen: Besser so als anders! – eine freie Uebersetzung von: besser Ritter als Knecht – und dann sagte sie wieder: Wer seinen Eltern nicht folgt, folgt dem Kalbfelle. – In der Hauptsache stimmte sie mit meinem Vater, sie zog nur durch einen andern Weg in eben dasselbe Land. – Regen, der ihr kam, wenn sie die große Wäsche vorhatte, die mein Vater scherzweise Fegefeuer nannte, das war ihr Gottesschlag, und immer wußte sie, mit welcher Sünde sie diesen Regen beim lieben Gott verschuldet hatte.

Ich entsinne mich, als wär's heute, daß sie meinetwegen einen Stock ergriff, – feierlich wie einen an einer Kreuzfahne, allein sie besann sich, wie Diogenes, der einen armen Jungen mit der Hand Wasser schöpfen sah, – sie murmelte: »wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen,« und ich habe also nie unterm Gefreitenstock gestanden, sondern nach Prinzenart, da doch niemand ohne Schläge groß wird, bloß Weiberhänden diesen Tribut bezahlt. Meine Mutter nannte diese Zucht Licht undRecht, und hatte eine sehr feine Distinktion zwischen dem Stabe Sanft und dem Stabe Wehe, womit meinen Lesern aber wenig gedient seyn kann.

Die Sprachen rechnete mein Vater zum Departement des Leibes und der Seele. Man muß, pflegte er zu sagen, nur Eine vollkommen besitzen, das ist reden, schreiben und in ihr denken können. Ein Gott, Eine Taufe, Eine Sonne, Ein Weib, Ein Geist, Ein Leib, Ein Freund, Eine Sprache.

Es gibt, sagte er, keine nackte Wahrheit. Worte finden, heißt denken. Worte sind was Körperliches, was Sinnliches, sie sind die [39] Kleider der Gedanken – Beiwörter der Besatz, Worte der eigentliche Anzug. Wer deutsch gedacht und lateinisch geschrieben hat, ist, wenn er gleich der beste Lateiner wäre, doch ein Deutscher. Cicero würde ihn für keinen Landsmann halten. Um französisch zu schreiben, muß man Franzose seyn, um englisch, Engländer. Wer fremde Sprachen zu etwas mehr braucht, als sich andern Leuten, die nicht unsere Mutter kennen, verständlich zu machen, ist allemal ein schwacher Kopf. Es fehlt ihm wo, es sitze das Uebel, wo es wolle.

Mein Vater war bei alle dem so wenig wider viele Sprachen, daß er sie vielmehr nach dem Thurm zu Babel so nothwendig, als vielerlei Essen nach dem höchstbetrübten Sündenfalle hielt. Viele Sprachen, bemerkte er, sind viele Creditbriefe. Zeige sie vor, du bist überall willkommen. Kein Türke schlägt einen Christen todt, wenn der Christ türkisch kann, und wenn es noch so viel Religionsverdienst wäre. Die Sprache ist eine Herzensschlinge. Man ist bestrickt, man weiß nicht wie. Doch, warum soll ich alles wiedersagen, was mein Vater sagte? Seine Behauptungen waren außer der Weise. Er glaubte, es müßte zu kennen seyn, was bei Licht oder am Tage, was des Morgens und was des Abends gedacht wäre, wenn's nämlich aufgeschrieben worden. Morgengedanken waren bei ihm wie die Erstgeburt heilig. Da ich mehr mit Credit, als mit eignem Vermögen in der Welt handeln sollte, führte mich mein Vater fleißig zu fremden Sprachen an, und ich mußte beinahe alle diese Sprachen zu gleicher Zeit lernen. Alles ohne Donat und Grammatik. Zum Schulmäßigen gewöhnte er mich allererst im vierzehnten Jahre, und konnte ich's folglich als Proben ansehen, die man in der Rechenkunst erfunden, um zu sehen, ob richtig gerechnet sey. Mein Vater hielt viel auf wörtliche Uebersetzungen in Sprachen, die noch leben. Hieraus, pflegte er zu sagen, lernt man eine Nation auf ein Haar kennen, und die feinste Politik und Weltkenntniß ist hier verborgen. Dieß ist der Chiffer zu den Geheimnissen [40] der Völker. Auch sieht man aus der Sprache, ob's im Lande kalt oder warm, neblicht oder klar sey. – Er ging hier noch weiter, ich befürchte aber, meine Leser werden nicht weiter gehen wollen. Bei abgeschiedenen Sprachen, fuhr er fort, tödtet der Buchstabe, der Geist aber macht lebendig. Die Griechen nannte er Kirchenväter der Natur und ihre Sprache den Grundtext des Geschmacks. Wenn man uns zugehört hätte, würde man uns für ein paar Maurergesellen vom Thurm zu Babel gehalten haben. Alles durch einander und doch alles in einander. Mein Vater nahm, wenn er fremde Sprachen mit mir redete, auch fremde Arten an, und das war mir mehr als ein Lexikon! Ich hatte für jede Sprache ein ander Gesicht, eine andere Zunge, eine andere Hand, einen andern Fuß, und besonders eine andere Nase. Worte mußte ich lernen, und er war nicht mit der Lehrart zufrieden, bei Worten das Gedächtniß zu stützen und sich Merkzeichen zu machen. Man hat, sagte er, alsdann Bild und Wort zu behalten. Ein Stammvater von Worten aber diente mir zum Leitfaden bei tausend, zum Nagel im Kleiderschrank, wo man zehnerlei aufhängt. Ich lernte den Stammvater, und wußte Sohn, Enkel, Urenkel, und Ururenkel und Ur Ur, so viel man will.

Die lettische, curische oder undeutsche Sprache lernte ich von meiner Mutter und dem Herrn Jachnis (Johann), dem Aufseher über die Pastoratsbauern oder den Gottes-Berat. Das Pastoratshaus nannte ihn Herr Jachnis und sein Weib Frau Masche (Margarethe), er aber meinen Vater, wenn er gleich deutsch mit ihm sprach, Zeenigs machzitajs (wohlgelahrter und hochzuehrender Lehrer), und aus diesen Namen, die er gab und die ihm gegeben wurden, werden meine Leser ersehen, daß man diesen Menschen halb lettisch, halb deutsch nahm. Es hatte Herr Jachnis den semgallischen Dialekt, der um Mitau herum residirt, und außer diesem semgallischen Dialekte, nach welchem die Bibel ins Lettische gedolmetscht worden, [41] hatte er noch ein Flick von einem Brusttuch, welches einer seiner Vorfahren aus der eigenen Hand des Herzogs Gotthard erhalten, da er ihm das Evangelium am Sonntage Palmarum in undeutscher Sprache aufsagen können.

Mein Vater unterstützte die hohe Idee, die Herr Jachnis, der sich auch wohl von den Pastoratsbauern Amtmann nennen ließ, von dieser Reliquie hatte. Er ließ es sich zuweilen zeigen und ermahnte ihn, sein geistliches Ordensband wohl zu bewahren. Hiezu brauchte Herr Amtmann Jachnis keine Aufmunterung, denn er machte kein Geheimniß draus, daß diesesRitterflick bis an den lieben jüngsten Tag beim Aeltesten in der Familie bleiben sollte.

Meine Mutter ärgerte sich, so oft davon geredet wurde, und versicherte auf Ehre, Pflicht und Gewissen, daß dieses Stück Gewand fünf und mehrere Male verwechselt wäre, und hierin schien sie auch um so mehr Recht zu haben, als es noch ziemlich ungebraucht war. Sie legte es ihm zur Last, daß seine Vorfahren nicht lieber ein Stück von dem Psalmbuche zurückgelassen, welches der gottselige Herzog Gotthard zum Druck befördert, allein gewiß bloß darum, weil einer ihrer poetischen Vorfahren sich darin ein Gedächtniß gestiftet hatte. Mein Vater widerlegte meine Mutter nicht, allein er klopfte dem Herrn Jachnis auf die Schulter und sagte: gut ist gut, besser ist besser. Dieses legten beide, meine Mutter und Herr Jachnis, für sich zum Vortheil aus, so daß sich beide durch ein freundliches Lächeln bei meinem Vater bedankten.

Es lebte meine Mutter überhaupt mit dem Herrn Amtmann in beständigem Streite, obschon sie im Grunde gute Freunde waren. Sie gab ihm an Stärke in der undeutschen Sprache nicht einen kleinen Finger breit nach, allein sie sah diese Sprache aus dem nämlichen Standpunkte, wie ein Deutscher einen Letten. Weil Herr Jachnis auch ein Deutscher war, sprach er zuweilen von ABC, und gleich brachte ihn meine Mutter in eine solche Enge, [42] daß er nicht aus noch ein wußte. Erzen Er pflegte sie ihm nachzuspotten (denn, das H fehlet der lettischen Sprache, so wie das C) sagt ABD, sonst würde man euch wegen Dieberei in Anspruch nehmen.

Die Letten haben einen unüberwindlichen Hang zur Poesie, und ob ich gleich gewiß glaube, dieser Umstand habe den poetischen Samen in meiner Mutter ausgestreut, welche schon in ihren Vorfahren mit diesem Volke zusammen Früchte eines Feldes gegessen und Wasser eines Flusses getrunken, war sie doch in diesem Stücke unerkenntlich. Sie bestritt indessen nicht, daß die lettische Sprache schon halb Poesie wäre. Sie klingt, sagte sie, wie ein Tischglöckchen, die deutsche aber wie eine Kirchenglocke. Sie konnte nicht läugnen, daß die gemeinsten Letten, wenn sie froh sind, weissagen oder in Versen reden, und wenn sie das Gegentheil hätte behaupten wollen, würde Herr Jachnis mit den lieben Pastorats-Angehörigen den Gegenbeweis geführet haben. Herr Jachnis und seine Untergebenen ließen keine Ernte, keine Hochzeit, keine Leichenwache vorüber, wo nicht geweissagt wurde. Bei allen Talcken oder Tagesarbeiten, wo die Leute im Schweiße ihres Angesichts herrlich nach lettischer Art bewirthet wurden, bewiesen sie, daß sie poetischen Geistes Kinder wären. Meine Mutter fand, dem Herrn Jachnis zum Hauskreuz, an dieser poetischen Blumenlese, die ihr zugeeignet wurde, beständig etwas zu rügen, und wenn's auch nur das I und U gewesen wäre, welches die Nothhelfer der Letten sind, so oft es an einer Sylbe gebricht.

Es sind viele, welche behaupten, die Letten hätten noch Spuren von Heldenliedern, allein diesen vielen widerspricht mein Vater: »Das Genie der Sprache, das Genie der Nation ist ein Schäfergenie. Wenn sie gekrönt werden sollen, ist's ein Heu- oder höchstens ein Kornkranz, der ihnen zustehet. Ich glaube, Helden [43] gehören in Norden zu Hause, wo man härter ist und fast täglich wider das Klima kämpfen muß: die Letten könnten also hierzu Anlage haben, wo ist aber ein Zug davon? – Würden sie wohl seyn und bleiben, was sie sind, wenn nur wenigstens Boden zur Freiheit und zum Ruhme in ihnen wäre? In Curland ist Freiheit und Sklaverei zu Hause.«

Mein Vater war eben kein großer lettischer Sprachkünstler; wer aber eine Sprache in ihrer ganzen Länge und Breite versteht, kann über alle Recht sprechen. Er versicherte, nie Fußstapfen von Heldenliedern aufgefunden zu haben, wohl aber Beweise, daß schon ihre weitesten Vorfahren gesungen hätten: und wo ist ein Volk, fragte er, das nicht gesungen hat? Er hatte (wie er's nannte) eine Garbe zärtlicher Liedlein gesammelt, wovon ich seine Uebersetzung besitze, die ich vielleicht mittheilen kann, und wodurch dem undeutschen Opitz des Herrn Pastors Johann Wischmann kein Abbruch geschehen soll. Wenn ich nicht diese Garbe in Händen hätte, würde ich doch vom Urtheil meines Vaters, der kein Curländer war, die Appellation einzulegen anrathen. In diesen Liederchen herrscht bäuerisch-zärtliche Natur und etwas dem Volke eigenes. Die Uebersetzung ist noch meines Vaters Manier.

Weil wir bei den Sprachen sind, muß ich noch bemerken, daß mein Vater nur blutwenig hebräisch, arabisch und chaldäisch u.s.w. aber gar nicht wußte. Er hatte sich wegen des Hebräischen im Anfange vielen Nachreden ausgesetzt, da er so ehrlich gewesen, die Grenzen seiner Kenntnisse nicht zu verbergen. Nach der zehnten Hauptverfolgung, die mein Vater dieserhalb in Curland erlitten, zog ein sehr geschickter Conversus (jüdischer Christ oder getaufter Jude) unsere Straße, und dieser brachte meinem Vater das Jüdisch-deutsche in wenigen Stunden bei. Er hatte den Einfall, auf diese Art an einen seiner Herren Amtsbrüder, der über ihn den größten Stock gebrochen hatte, zu schreiben, und da es dem guten [44] Manne unmöglich fiel, diese Schrift aufzulösen, kam mein Vater in einen so großen Ruf wegen der Grundsprache, daß dieser böse Herr Amtsbruder mit dem großen Stocke meinen Vater für einen getauften Rabbiner gehalten haben würde, wenn meinem Vater damit gedient gewesen wäre. Ob nun gleich dieser Conversus meinen Vater wie einen Brand aus dem Feuer zog, und meine Mutter die Aufmerksamkeit bemerken konnte, die mein Vater für diesen seinen Retter faßte, war sie doch anfänglich sehr wenig mit diesem Hieronymo a sancta fide zufrieden. Sie probirte seinen Glauben täglich mit Schweinefleisch, und da mein Vater ihr diese Mode verwies, andere Gerichte anordnete und den ehrlichen Sprachmeister von dieser Tortur und christlichen Daumenstöcken befreiete, war sie der Gesinnung jenes Königs von Spanien, welcher gesagt hat: drei Wasser verdürben; das süße Wasser im salzigen Meer, das Wasser im Weine, das Taufwasser auf dem jüdischen Kopfe. – »Das Wasser im Weine,« sagte mein Vater, »mit Erlaubniß Sr. katholischen Majestät: der Wein im Wasser.« – Meine Mutter gab nicht sogleich die Allianz mit dem Könige von Spanien auf; indessen wurde am Ende alles beigelegt, und die liebe Frau ging einen für ihren Gast sehr vortheilhaften Frieden ein. Sie fand sogar ein rührendes Vorbild in dieser Einigkeit von der Bekehrung der Juden vor dem jüngsten Tage, welche der Conversus steif und fest nach seiner Versicherung glaubte, und worüber mancherlei und manches geredet wurde. Meine Mutter war sehr für schriftliche Aufsätze, mein Vater, wie alle Leute seiner Art, fürs Mündliche. Die gute Frau war entschlossen, dem Converso eine schriftlich abgefaßte Instruction mitzugeben, da er fröhlich seine Straße zog; indessen blieb es doch bei einer mündlichen.

»Wanken Sie weder zur Rechten noch zur Linken. Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig. Die Beständigkeit sey um Sie wie ein Kleid, das Sie anhaben, und wie ein Gürtel, womit [45] Sie sich gürten. Wie ein frisches Hemde am schwülen Tage sey Ihnen der Trost des christlichen Gewissens. Vater und Mutter haben Sie verlassen, aber der Herr hat Sie angenommen. – Sie werden nicht bloß ein Grasbürger, ein Einwohner der Vorstädte in der Stadt Gottes seyn, sondern mit Ehren und Schmuck werden Sie in die Hauptstadt eingehen: Ihr Kern und Stern bleibe das Lied:


Keinen hat Gott verlassen,«


setzte sie hinzu, »Sie sind ihm diese Dankbarkeit schuldig.«

Der Conversus hatte ihr erzählt, daß für ihn dieß Lied der Wecker zur christlichen Religion gewesen, und ohne Zweifel war diese Erzählung der Eckstein zur Aufsage des guten Vernehmens mit Sr. katholischen Majestät. Sie gab ihrem Freunde den Hauptschlüssel zu allen Versen dieses Leibliedes, aus welchen, wie sie sagte, summa summarum Catharina herauskäme. Das Wort Akrostichon mußte ihr mein Vater vorschießen, sie hatte es nicht im Vermögen, und da sie selbst Catharina hieß, so wird man desto leichter einsehen, warum Se. katholische Majestät nunmehr keine Bundesgenossin mehr an meiner Mutter hatte.

Mein Vater wünschte schlechthin eine glückliche Reise und gab seinem Sprachmeister, statt des Schatzkästleins von Stoßsprüchen, einen Zehrpfennig. Eigentlich war's, in Hinsicht des mit ihm getroffenen Contrakts, ein Gottespfennig, denn er bat, nicht zu vergessen, was er mit einer Handlobung versprochen hätte. Unfehlbar hat dieser Contrakt darin bestanden, gewissen Geistlichen in Curland keine Lection zu geben, oder wenigstens die ihm gegebene zu verschweigen.

Das Einträglichste bei dieser Sache war, daß die benachbarte Clerisei ihre Verfolgungen einstellte, und da zuvor das dritte Wort beständig eins aus der Grundsprache war, verstummten, von Stund des jüdischdeutschen Briefes an, die Orakel. Mein Vater hatte andere Ursachen, seinen Herren Amtsbrüdern kein Rappier [46] anzubieten oder sie kämpflich zu grüßen, und wußte sich so vortrefflich, ohne die geringste Unrichtigkeit sich zu Schulden kommen zu lassen, bei Ehren zu erhalten, daß, so oft er irgend einen Confrater zum Zuhörer hatte, er den Grundtext tapfer citirte und oft zwei bis drei Verse aushob. Wenn es gleich auf Treue und Glauben eines Andern, wo nicht Dritten, geschah, und sein Grundzeugniß beständig von Hörensagen war, so hatte er doch seine Leute viel zu gut kennen gelernt, und war bei dieser Proclamation kein Einspruch zu fürchten, so daß er sich zuletzt ganz dreist ein Beholzungsrecht, oder die Befugniß, in des andern Walde Holz zu fällen, zueignete. Die griechische Sprache, wovon die Herren Amtsbrüder nicht vielmehr als die beiden griechischen Freunde wußten, war nicht hinreichend, meinem Vater Ruhe zu schaffen. Sie hielten es mit dem alten Testament bis zur Ankunft des Conversus, und nun war jeder furchtsam, in meines Vaters Gegenwart an die heilige Schrift zu denken, und jeder wunderte sich, warum er mit seiner hebräischen Sprachkenntniß so lange hinter dem Berge geblieben.


Personen:

Mein Vater;

Meine Mutter;

Der Ritter Jachnis;

Conversus putzt Licht;

Der alte Herr;

Minchen, seine Tochter;

Benjamin, sein Sohn.


Ich habe gestern Abend meinen Lesern den Auftrittdes alten Herrn und seines Benjamins versprochen. Den alten Herrn habe ich in meinem Leben nie unter einem andern Namen, als dem des alten Herrn, kennen gelernt. Wer mich also nach seinem Vor- und Zunamen fragt, erhält eine abschlägige Antwort. [47] Seine Lebensgeschichte kann von keinem besondern Belang seyn, indem sein ganzes Wesen allem, was man Belang heißen kann, geradezu entgegen war. Er selbst behauptete von sich, so oft man's ihm so nahe legte, daß es ihm an den Fingern brannte: er sey ein Literatus. Meine Mutter, die sich nicht stark genug dünkte, ihm diese Ehre abwendig zu machen, ließ ihn zwar Literatus seyn, indessen pflegte sie ihn in Rücksicht dieser Würde eine geschwächte, eine zu Fall gekommene Person zu heißen. Es ging die Rede, daß er das Schneiderhandwerk gelernt hätte; wenigstens übte er dieses Handwerk aus, und alle meine Schlafröcke und täglichen Kleider sind durch seine gelehrte Hand gegangen. Was die Feierkleider betraf, konnten sie freilich keinem Literato anvertraut werden; der Umstand indessen, daß er Schneiderarbeit verrichtete, schien nicht hinreichend, das Gerede, daß er ein Schneider wäre, außer allen Zweifel zu setzen, denn er war im Grunde genommen ein Tausendkünstler.

Er hatte sich bei einigen hochwohlgeborenen Herren zum Hofnarren, zum Kammerherrn, zum Forst-und Jägermeister brauchen lassen, und nachdem er am Ende einsah, daß es besser sey, ein Schneider als ein Hofnarr zu seyn, zog er sich in bester Ordnung zurück, nahm seine letzten Kräfte der Hofkunst zusammen und war so glücklich, seine Herren Principale dahin zu überschwatzen, daß ihm zeitlebens einstandesmäßiger, das heißt ein höchst nothdürftiger Unterhalt angewiesen wurde. Die Alten starben und die Jüngeren ließen ihn im Besitz, ohne den Canon von Witz einzufordern, den sich ihre Antecessoren jährlich hatten bezahlen lassen. Es legte sich der alte Herr auf den Unterricht der Kinder, stand mit den Pastoren der Gegend in gutem Vernehmen, und verrichtete, sogar einige heilige Handlungen, wobei die Herren Geistlichen substituiren können, zuweilen rührte er das Positiv, welches in einer unserer benachbarten Kirchen stand. Dieses aber [48] mußte wenigstens vierzehn Tage zuvor bestellt werden, und dann war es doch nur ein Gastpräludium.

Er behauptete, daß man sich auf ein Präludium eben so sehr, als auf eine Predigt vorbereiten müsse, und wie der Klang der Worte – wenn er mit der auszudrückenden Sache wie ungefähr der erste und zweite Diskant harmonire – die Originalsubstanz der Sprache bewiese, so verriethe es einen großen Musikus, wenn man das Evangelium so zu sagen ins Präludium setzen und es so deutlich in Noten ausdrücken könnte, daß wer das Präludium hört, auch zugleich das Evangelium wissen müßte.

Hierüber wurden dem alten Herrn von meiner Mutter verschiedene Einwendungen gemacht; allein er behauptete, er hätte nur neulich das Vater Abraham erbarme dich mein so natürlich auszudrücken gewußt, daß der ganzen Gemeinde darüber Furcht und Schrecken angekommen wäre; und da ihm meine Mutter das Evangelium von der Beschneidung, von den viertausend Mann und vom steinichten Acker entgegen setzte, und ihn befragte, wie er Weizen und Kornland, fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein in der Musik ausdrücken könnte, wollte er zwar im Anfange behaupten, daß alles dieß in die Musik zu übersetzen wäre, nachher aber schämte er sich über sich selbst. Sie warf ihm sehr oft den steinichten Acker, die viertausend Mann, die fünf Gerstenbrode und ein wenig Fischlein vor, obgleich sie an die Beschneidung, ich weiß nicht warum, weiter nicht dachte. Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, zu bemerken, daß meine Mutter sich vor der satyrischen Ader des alten Herrn gar nicht fürchtete, so furchtbar ihn auch in der ganzen Gegend seine Einfälle gemacht hatten.

»Eine Schneidernadel,« pflegte sie zu sagen, wenn er einen Einfall wider sie hatte, und wenn sie ihn recht ärgern wollte, nannte sie ihn Tonkünstler, welchen Ausdruck er weniger als [49] alles leiden konnte, indem er sich hierdurch zu einem Töpfer erniedrigt zu seyn dünkte, und sich hierbei um so mehr getroffen fand, als er dieses Handwerk in den langen Abenden, wie er versicherte, bloß seine Augen zu schonen, die freilich durch Noten und Fäden gelitten haben können, trieb. Er verstand auch etwas vom Schuhmachen, allein nicht das mindeste von der Poesie. Meine Mutter pflegte daher von ihm zu sagen: er hätte den kalten Brand. Es war ihm zur Gewohnheit geworden, wenn er etwas suchte, auf den Tisch zu klopfen, welche Mode die Schneider haben, wenn sie die Scheere suchen; auch wackelte er beständig mit dem Fuße, welches den Töpfern eigen seyn soll. Vom Schuster hatte er das weite Ausholen mit den Händen, vom Spielmann aber einen taktmäßigen Schritt. Da er für die poetische Gelehrsamkeit meiner Mutter Respekt hatte, unterstand er sich nicht, aus seinem alten Kramladen ihr zum Nachtheil eine witzige Antwort herauszusuchen. Er saß vielmehr, wenn sie ihn böse gemacht, ganz still, und wie meine Mutter sagte, so gerade, als wenn er sich barbiren ließ. Obgleich er als Organist, welches in Curland ein seltener Vogel ist, oder als Schullehrer ankommen können, so hatte er jedennoch alles verbeten, indem er glaubte, daß er sich hierbei aus den Augen setzen und zugleich allen Universitäten einen Brandmark geben würde.


Die Kinder, so er erzog, nahm er nicht anders als bittweise an. Zwar that er sehr unzufrieden, wenn er seine Zahl nicht vollständig und seinen Lehrsaal nicht ganz besetzt hatte, inzwischen schien er nicht darum böse, weil ihm keine Kinder in die Schule gebracht wurden, sondern weil er nicht gebeten war, sein täglich Brod zu verdienen.


Er brachte freilich seinen ihm vertrauten Kindern nicht viel bei; da er indessen mit für körperliche Uebungen war, konnte ihn [50] mein Vater leiden, obgleich er mich seinem Unterrichte so wenig, als meine Feierkleider seiner Nadel anvertraute.

Da der alte Herr übrigens podagraische Zufälle hatte, welche nach meiner Mutter Meinung nur ein Edelmann und Literatus haben könnte; da ferner der ehrliche Nicolaus Herrmann vom Zipperlein geplaget gewesen, welches aus dem letzten Verse des Liedes: »Wenn mein Stündlein vorhanden ist,« erhellet.


Wer ist, der uns das Liedlein sang?

Ist alt und wohl betaget;

Dießmal kommt er nicht aus der Statt,

Das Zipperlein ihn plaget.

Oft seufzt er und hat Gott im Sinn;

Herr, hol' den kranken Herrmann hin,

Wo jetzt Elias lebet.


Da auch noch ferner der alte kranke Herrmann viele gute Chorale gemacht und ein bewährter Tonkünstler und Cantor gewesen, so beehrte meine Mutter zuweilen den alten Herrn mit dem Namen Nicolaus Herrmann, obgleich ihm die Haupteigenschaft des Nicolaus Herrmann fehlte und der alte Herr den kalten Brand hatte. Oft sang sie ihm:


Wer ist, der uns das Liedlein sang


vor, und so wie sie es dem wirklichen Nicolaus Herrmann übel nahm, daß ihm nicht für


»Dießmal kommt er nicht aus der Statt«


die Schulbank eingefallen und er gesungen:


Dießmal kommt er nicht von der Bank,


als wodurch ohnehin der Reim »sang« sein bescheiden Theil erhalten hätte, so empfahl sie dem alten Herrn auch anstatt der letzten Reihe


»Herr, hol' den alten Herrmann hin,

Dort wo es ewig taget


[51] Die Verbesserungsfreiheit nahm sie sich indessen sehr selten heraus, denn sie war keine Liebhaberin von Liederänderungen, und mochte nicht, wie sie sagte, den Saft und Kraft des Alten wässern undentkräften.

Die Zuschrift, so der ehrliche Herrmann seinen Liedern vorgesetzt, parodirte meine Mutter auf den alten Herrn. Ich muß sie hersetzen. Sie verdient's. Die Herrmannsche Dedication ist nur in zwei Reihen geändert:


»Ihr allerliebste Kinderlein,

Seht, das Choralbüchlein

Soll eu'r und keines andern seyn.

Es ist fein albern und fein schlecht,

Drum ist es für euch Kinder recht;

Alt' und g'lehrt' Leut' bedürfen's nicht,

Und die zuvor sind wohl bericht't.

Gott will durch der Säuglinge Mund

Gepreiset werden alle Stund';

Drum o ihr Christenkinderlein!

Durch euch will Gott gelobet seyn:

So g'wöhnt euch nun mit allem Fleiß,

Daß ihr Gott singt Lob, Ehr' und Preis,

Und hebt bald in der Jugend an;

Was ich euch dazu dienen kann,

Das will ich thun bis an mein Grab,

Und weil ich geh'n kann an ein'm Stab;

Ob ich gleich wenig bring' davon,

Und Kinderarbeit gibt Kinderlohn,

So wird's doch alles machen gleich

Der liebe Gott im Himmelreich,

Dem sagt allzeit Lob, Ehr' und Preis

Niclas Herrmann, der alte Greis.«


[52] Der alte Herr war indessen nicht der Herr C.F., wie er in den lettischen Gesangbüchern bezeichnet ist, welches Christoph Fürecker heißt, denn dieser der Gottesgelahrtheit Beflissener war ein unbezweifelter Literatus und Poet, der aus Liebe zu den lettischen Declinationen und Conjugationen, wie ich unlängst gelesen, ein Märtyrer ward, und eine wiewohl bemittelte undfreie lettische Bauerwittwe (hübsch wird sie ohne Zweifel auch gewesen seyn) heirathete, um recht unter das Lettische zu kommen. Ihm hat die lettische Grammatik den Eckstein, die Kirche aber sehr schöne Gesänge zu danken. Ehre, dem Ehre gebühret! sagte der alte Herr; und so wenig ich es zugeben würde, daß dem alten Herrn was abginge, eben so wenig will ich auch meine Leser bei einem Irrthum lassen, der sich sehr leicht bei ihnen hätte zur Miethe anbieten können.

Ehe ich vom alten Herrn zum jungen übergehe, noch ein Wort an den herzlich geliebten Leser, den wider mein Verschulden der Gedanke befallen, daß die Charaktere in dieser Geschichte so ziemlich übereinstimmend wären:

Da mein Vater sein Vaterland und der alte Herr seinen Namen verschwiegen;

Da meine Mutter sich eben sowohl über den Ritter Jachnis, als den Cantor und respective Schneider, Töpfer und Schuster, Nicolaus Herrmann genannt, aufhielt; da – – –

Allein hierauf dienet dem geneigten Leser zur dienstlichen Antwort, daß ich die Sache erzähle, wie sie war, und nicht, wie man sie wünschen könnte. Wenn ich einen Roman schriebe, wäre es was anders. – Haben nicht sogar Völkerschaften gewisse ähnliche Züge? und jede Stadt und jedes Dorf durch die ganze Welt halten unter einander wieder ihr Abzeichen. Würde es mir zuzuschreiben seyn, wenn die Unergründlichkeit wirklich der Hauptcharakter unseres Kirchspiels gewesen wäre? und wäre dieses nicht um so [53] begreiflicher, da mein Vater hierzu den Ton angeben können? wo hab' ichs indessen je gesagt, daß der alte Herr seines Namens wegen in Anfechtung gewesen? oder daß er ihn verschwiegen? Ist dennalter Herr zu heißen nicht eben so gut, als Caspar und Melchior? und ist's einerlei, lettische Verse machen, welches in Curland was allgemeines ist, und ein Positiv schlagen, welches selten vorkommt? – Wenn ich ganz aufrichtig seyn soll, hast du dich gewaltig geirrt, lieber Leser, denn du kennest den alten Herrmann nicht weiter, als wo er von meiner Mutter überflügelt war. Dieser Uebergriff entscheidet nichts – und was ist's am Ende für Kunst, Physiognomien zu beurtheilen, wo der eine eine Habichts- und der andere eine Mopsnase hat, – wo der eine ein Verschwender und der andere ein Harpagon ist. Sieh aber leibliche Brüder, sieh Natur- und Staatsbrüder – find'st du noch Bedenklichkeiten; bist du ein Recensent, und da verlohnt's nicht, zu streiten, daß du nur nicht hingegeben im verkehrten Sinn, zu schreiben, was nicht taugt, mir, um dein vorgeschriebenes Recensionsmaß voll zu machen, ein gegebenes Aergerniß andichtest. – Ich verfluche jedes Wort, das der Religion und ihrer Mutter, der Tugend, nachtheilig seyn könnte; allein ich glaube, die Religion in der Kirche verschließen und sie nicht ins gemeine Leben bringen, heißt alle Wärme, alle Empfindung des Herzens aus der Welt verbannen, und Tugend an einen Ort verlegen, wo denen, die nicht Geistliche sind, weiter keine Handlung übrig bleibt, als öffentlich in den Seckel zu legen, und kein anderes Verdienst, als still zu sitzen. Ich wette, die mich auf diese Art zeihen, vergessen, daß wir nur aus der Kirche eine glühende Kohle vom Altare heimholen sollen, um im gemeinen Leben Gott Opfer der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit zu bringen, die allein ein süßer Geruch vor dem Herrn sind und werth geachtet in seinen Augen. Auch seine Heiligen sind nicht rein vor ihm, und warum soll ich [54] also meine Mutter anders darstellen, als? – Ich bin zu bewegt, als daß ich heute mehr könnte als die Sonne untergehen, und wenn ich ins Bett' mich lege, nach meiner Mutter Weise ein Licht ausbrennen – sehen.


Geschrieben an einem schönen

Abend den – 17 –


Benjamin gefiel mir unter allen Jungen unseres Kirchspiels am besten, und da ich vollkommen entschlossen war, aus ihm den Darius (den kleinen oder letzten) zu machen, so muß ich gestehen, daß ich viel Mühe befürchtete, durchzukommen. Zum Glück fiel mir die Thronerhöhung eines seiner Vorfahren ein. Wie kann Benjamin Darius werden? sagte das Heer. Hier sind acht Jungen, die gerade Beine haben, und außerdem, daß dem Herrn Benjamin (so nannten sie ihn schon, weil er Candidat des Throns war) das Bein nicht an der rechten Stelle sitzt, hat er den Fehler, daß er link ist. Nehmt sieben, sagt' ich, nach Anzahl der sieben Fürsten, welche den König Smerdis mit seinem Anhange ausrotteten, und der, dessen Pferd, wenn ihr beim Spital angeritten kommt, am ersten beim Aufgange der Sonne wiehern wird, sey Darius. Gut, sagten die sieben Candidaten zur königlichen Würde; allein sie wußten nicht, daß der königliche Candidat es so einrichten ließ, wie es Darius, des Hystaspis Sohn, oder vielmehr dessen Stallmeister einrichtete, und wie man es noch bis auf den heutigen Tag bei allen Wahlen, man wähle einen König, einen Landesdeputirten, einen Priester, einen Küster einrichtet. Es wird überall gewiehert. Kurz Benjamins Pferd wieherte zuerst, und die Krone war sein, damit ich sie ihm durchs Recht der Waffen, welches das besonderste Recht von allen ist, nehmen könnte. Er nahm die Glückwünsche an, und da ich bei dergleichen Dingen erschrecklich gelehrt war, brachte ich noch so viel Umstände aus der Geschichte bei, daß ich nunmehr, wiewohl zu spät, aus der Bewunderung[55] des Volks einsah, wie ich um eines Darius wegen eben kein Pferd hätte wiehern lassen, sondern bloß meine Zunge tapfer brauchen dürfen. Einen Alexander durften wir nicht suchen, denn die heilige Taufe hatte mir dazu ein Recht gegeben. – (Das Glück ist nicht viel auseinander, einen Freund oder einen Feind zu haben, der uns Ehre macht, und wenn ich also den Benjamin zu meinem Feinde anzunehmen kein Bedenken trage, was wollten denn die Jungen?) – Fast schäme ich mich, da ich meinen Lesern so spät eröffne, daß ich Alexander heiße. Um indessen diese Verspätung gut zu machen, will ich dabei bemerken, daß meine Mutter mit diesem Namen den Alexander Einhorn, zweiten Superintendenten in Curland, mein Vater aber den wirklichen Alexander, oder den Alexander Magnus, den Alexander, gegen den alle andere Alexander es nicht sind, zu verstehen schienen. Meine Mutter hielt sogar das Wort Einhorn für eine freie Uebersetzung des Namens Alexander, und rief mich daher sehr oft Einhörnchen, obgleich mein Vater nicht sonderlich damit zufrieden war. Sie hätte um alles in der Welt willen nicht Olympias seyn wollen. Es war ihr sehr unangenehm, daß wir heidnische Historien aufführten, daher sie, sobald sie Kriegsgeschrei im Dorfe hörte, uns die Historie vomJoseph in Vorschlag brachte, wozu sie unter andern den Grund hernahm, weil ich einen bunten Rock hatte. Indessen bestärkte mein Vater meinen Entschluß, Alexander zu werden, und war dabei so zufrieden, daß ich den guten Mann als Feldpropst hätte mitnehmen können, wenn Alexander einenFeldpropst gehabt hätte.

Zum Aristander war mein Vater nicht als ein christlicher Geistlicher zu brauchen, eine so wichtige geistliche Rolle auch Aristander zu seiner Zeit in der Geschichte Alexanders spielte. Gelegenheiten machen Diebe, Gelegenheiten machen Helden, und es ist nicht zu läugnen, daß auch Alexander Gelegenheit gefunden. [56] Aristander indessen, das wett' ich, hat eben so viel gethan als Alexander, obgleich der erste eigentlich nur ein Gelegenheitsmacher war. Von der Auslegung des Traums des Philippus an, welchem vorkam, daß er den Leib seiner königlichen Gemahlin Olympias mit einem Wappen, worauf ein Löwe gegraben war, versiegelt, als welchen Traum Aristander auf einen Sohn, der ein Löwe seyn würde, auspunktirte, bahnte er durch alle seine Auslegungen unerhörte Wege. Es ging wie beim Religionskriege zu Aristander gab dem Alexander, seinem Generalfeldmarschall Bucephalus und der ganzen Armee den Sporn. Die Auslegung, als man ihm meldete, daß eine Bildsäule des Orpheus geschwitzt hätte, gefiel seinem christlichen Herrn Collegen, meinem Vater sehr übel. Es sollte dieses nach des Aristanders Deutung anzeigen, wie die Poeten bei der Alexandriade schwitzen würden. »Daß dich,« – sagt mein Vater, »Aristander hat bei dieser Auslegung selbst geschwitzt.« Ich kann es jetzt zwar meinen Lesern nicht ohne Lachen erzählen, durch den Umstand sehr aufgefordert zu seyn:


Daß in der Nacht, da ich geboren, ein Backhaus durch einen Brand zerstört worden.


Indessen brauchte mein Vater diesen Vorfall sehr zu meinem Vortheil. Es war das Gerüste, auf das ich stieg, um gut dazu zu kommen, die Leiter, mich, so jung und klein ich war, doch künstlich groß zu machen. Der Vorfall diente ihm meine Lebenskarte zu illuminiren, und es half mir diese Fiction bei Sprachen und bei Schlachten. Wenn gleich ich mir nicht einbilden konnte, daß die Diana nicht Zeit gehabt, das Backhaus in Protection zu nehmen, da sie bei meiner Mutter Hebammendienste verrichtete, schien's mir doch was Denkwürdiges. Das Feuer vom Backofen war mir eine Leuchte auf manchem sauern Vocabelnwege, und nimmermehr würd' ich dieses alles so herzlich erzählt haben, wenn nicht bei tausend [57] Merkwürdigkeiten, die in der Welt geschehen, ein abgebranntes Backhaus der Entstehungsgrund wäre. Eine Art Bucephalusgeschichte veranstaltete mein Vater, da er einem Pferde diesen Namen verehrte, das wie alle andere Pferde war, das seines Schattens wegen nicht in Unordnung kam, und das eben nicht werth war, im besondern Verstande von der Sonne beschienen zu werden. Meinem Tempel der Diana indessen war der Gaul sehr angemessen. Ich sah verschiedenes, was man beim Bucephalus sah, allein ich konnte es nicht ändern, daß ich nicht auch verschiedentlich etwas anders sah. Mein lieber Vater sah alles mit.

Was der Herr von Voltaire in seiner Geschichte »Alexander Magnus« vom Bucephalus unter andern im sechsten Buch und fünften Kapitel sagt, daß nämlich Alexander denselben non eodem quo caeteras pecudes animo aestimabat, das traf bei mir auf das genaueste ein; wenn ich ihn abrichten wollte, daß, wenn ich aufstieg, er die Knie beugen und empfinden sollte, wer ihn zu besteigen ihm die Ehre erwiese, war er doch zum Kniebeugen nicht gelehrig, und wenn ich die aufrichtige Wahrheit sagen soll, viel zu steif; wie ich denn auch blind seyn müssen, falls ich behaupten sollen, daß ers empfunden, wenn ich oben war, wen er trüge, wie Herr von Voltaire in dem angezogenen Roman vom Bucephalus des Alexanders berichtet, et regem, quum vellet ascendere, sponte sua genua submittens excipiebat, credebaturque sentire, quem veheret.

Ueberhaupt war es ein sehr alltägliches Pastoratspferd, und darf ich's also nicht bemerken, daß mit der Reiterei bei meinen Feldzügen es nur sehr schlecht bestellt gewesen. Dies ist ein unverlöschlicher Beweis, daß ich zu keinem Roman, wo beständig ein merkwürdiges Pferd nöthig ist, wohl aber zur Geschichte, wo man mehr zu Fuße ist, (wie's am Tage und an mir erfüllt wird) Stoff abgeben könne. FürTalente war mein Bucephalus nicht [58] gekauft; mein Vater konnte auch nicht sagen, da ich ihn zum ersten male unter meine Füße gebracht, daß sein Pastoratzu klein für mich wäre; indessen hatte ich das Unglück, dieses Pferd, wiewohl Alters wegen, während dem Kriege zu verlieren. Es starb nicht den rühmlichen, den schönen Tod fürs Vaterland; indessen heißt der Ort, wo es mit andern seines gleichen, welche aber nicht den großen Namen Bucephalus geführt, begraben ist, Bucephalia bis auf den heutigen Tag. Das ist alles, was ich mich unterstehe, in einer wahren Geschichte von einem Pferde zu erzählen.

Der gordianische Knoten war für mich ein wahrer Knoten, denn außerdem, daß ich zuweilen meiner Mutter, wegen meiner kleinen Hände, beim Stricken, wenn etwas verknüpft war, kindliche Dienste geleistet, war mir kein gordianischer Knoten vorgekommen, obgleich ich mich schon in dieser Erwartung im Knotenlösen so geübt hatte, daß mir so leicht nichts zu sehr verknüpft war. Ich hatte den Stolz, den Knoten nicht symbolisch, nicht witzig, sondern künstlich lösen zu wollen. Da ich indessen eine geraume Zeit vergebens auf einen gordianischen Knoten gewartet hatte, führte mich die Knotensucht auf das Geistige. Ich legte diesen Umstand in der Geschichte des Alexander so aus, wie man vieles auszulegen gewohnt ist. Ich deutete es auf schwere Stellen in den Autoren, die man durchaus witzig lösen muß. Mein Kopf war hiebei so fertig, als meine Hand beim Strickzeug; und wie Alexander, nach dem Berichte des oberwähnten Romanenstellers, sagt: nihil interest quomodo solvatur: so konnte man auch, was loco citato hinzugefügt wird, von meinen meisten kritischen Erzählungen sagen: oraculi sortem vel elusit vel implevit.

Es würde ferner eine Unwahrheit seyn, wenn ich meinen Lesern erzählen sollte, daß ich meinen Vater beneidet und mit Thränen bedauert, daß er mir keine Sünder zu bekehren übrig ließe.

[59] Mein Vater legt' es auch nicht an, einen Alexanderden Großen aus mir zu ziehen, ich sollte nur Alexander werden.

Unter dem Orden Groß, sagte er, liegt etwas Seelenverderbendes, es trage diesen Orden ein Monarch unterm oder überm Kleide, oder ein Privatmann am Knopfloche. Hüte dich vor dem, den Gott gezeichnet hat.

Regenten, die sich so peinlich, wie Alexander der Große, bemühen, Groß zu heißen, leben nicht der lieben Unsterblichkeit wegen. Sie tragen Fesseln, die ihnen die Dichter und Redner anlegen. Wenn es gleich das Ansehen hat, als ob die Dichtkunst und Geschichtskunde auch den Huldigungseid abgeleistet hätte, wissen sie doch, daß einer von diesen Zünften sie bei einer Lampe in einer Stunde um eines ganzen Lebens Ruhm bringen könne. Sie zittern vor einem jeden, der Reime kommandiren, oder: es war einmal ein Mann etc. schreiben kann.

Wie Alexander des Homers Schriften verehret, weiß jeder, welcher weiß, daß Homer und Alexander in der Welt gewesen. Homers Schriften waren sein Gesangbuch, das er auf Reisen mitnahm, und da er ein güldenes Kästchen erbeutet, antwortete er denen, die ihn fragten: »wozu?« den Homer hinein zu legen. Das waren mehr als silberne Clausuren.

Den Nachkommen des Pindars ließ er Salvegarden anschlagen, und beehrte auf diese Art das Haus dieses Dichters, und damit der Maler Apelles selbst das Aeußere eines Alexanders nicht verunstalten möchte, schenkte Alexander, wie man erzählet, ihm eine seiner vorzüglichsten Inclinationen. Des Malers wegen that er's nicht. Der gute Apelles sollte diese Schönheit nackt in forma probante vidimiren, und konnte nicht der Liebe widerstehen. Alexander merkte diese Neigung und befriedigte sie.

Die Gewalt, die sich die Großen des Nachruhms wegen anthun, die sie zu Knechten ihres ganzen Lebens macht, [60] ist von der Hofmanier ungefähr wie ein Tänzer vom Fechter unterschieden. Alles ist solch eines Großen wegen da, bis auf den lieben Gott, den er aber auch nur der Curialien halber in Ehren hält. Thut er was Gutes, plaudert es nicht nur seine Rechte der Linken aus, sondern es wird ausgetrommelt, als wenn man in einer Glücksbude oder Lotterie was gewonnen hat. Bei ihrem Gutsthun sieht's so wie beim stolzen Geiz aus, der aus Noth gedrungen ist ein Mahl auszurichten. Es soll was seyn! sagen die Leute. Ein großer Privatmann ist noch unerträglicher. Riegelt die Thüren eurer Herzen zu, wenn er sich melden läßt, und laßt ihn höchstens ein Visitenblatt einreichen. Ich wollte mit ihm nicht unter einem Dache wohnen, wenn gleich er mir den rechten Flügel seines Schlosses aufräumen würde. Lieber will ich beim Lot auf dem Boden schlafen. Jonathan Wild ist noch der leidlichste unter Großen dieser Art.

Warum war ich denn Alexander?Respondetur eben darum, weil Eugen unterm Spiegel hing, und weil man bei meinem Vater zu Hause eher als in Curland Spargel ißt, in der freien Luft eine Pfeife raucht, Wein braut und lange Manschetten trägt. Ich sollte zwar nicht groß werden, allein ich sollte auch nicht klein bleiben. Hier hatte er eine feine Distinktion, die ich mir nicht getraue wiederholen zu können. Sie würde mir untern Händen bleiben.

Mein Vater war – wie ich schon meinen Lesern bei einer andern Gelegenheit reinen Wein aus seinem Geburtsorte, wo man ihn bei der Quelle trinkt, eingeschenkt – sehr für mannhafte tapfere Leute, mithin lag ihm der Soldatenstand nicht aus dem Wege. Alles war bei ihm nach Soldatenart. Er hatte zum Exempel die Gewohnheit, alle Jahre seinen Büchervorrath, den erArmee oder seine Macht nannte, auszustäuben. Dieß hieß, in seiner Sprache, sie mustern und Revue halten. Alle acht Tage [61] (nach russischer Art) zogen zehn Bücher auf die Wache. Es war ein besonderer Ort, wo sie aufgestellt wurden. Seine Absicht war, diese zehn zu durchlaufen. Meine Mutter fand hiebei viel Anstößiges, weil auch geistliche Bücher sich diesen Kriegsdienst gefallen lassen mußten. Vielleicht liegt der Umstand, den ich noch anführen will, nicht sehr aus dem Wege.

Mein Vater mochte gern wilde Thiere zähmen. Er sagte zwar: »wir sind auf die Art Menschen geworden; Gott weiß, was aus ihnen wird.« Indessen warf er hierbei einen Seitenblick auf den monarchischen Staat und den Soldatenstand, wofür er im Grunde des Herzens war.

Das sind die Data, die ich meinen Lesern, in Hinsicht seines Entwurfs zu meiner künftigen Bestimmung, bis hierher mit dem Mantel der Liebe und mit dem Pelz der Verschwiegenheit bedeckt habe.

Warum aber, wenn ich zu mir selbst komme, diese Hüllen? Meine Leser werden, das weiß ich, von meiner Ehrlichkeit keinen bösen Gebrauch machen, da sie nunmehr wissen, was ich weiß.

Für einen Mann aber wie du, lieber Vater! ein unerwarteter Plan, daß ich aus dem Stahl und Stein deines Feuerzeuges keinen einzigen Funken mehr herausschlagen kann.

Zwar weiß ich, daß die Bürger zu viel Zeit brauchen, Zeitungen zu lesen, um selbst zu Zeitungen Gelegenheit zu geben, daß sie zu weichlich sind, um sich das Auge und den Rücken frei zu halten. Indessen, lieber Vater, sieh an die Thiere, von denen wir durch die Kunst verdorbene Menschen leider die Natur absehen müssen, haben sie einen Obersten? einen Hauptmann? einen Lieutenant, einen Fähndrich? und außer dem Zank unter sich und mit andern Thieren ist der Mensch ohnehin ihr Türke, ihr Erbfeind. Ein jedes Thier wehrt sich seiner Haut; und wenn wir uns zusammenarmen, wir! die wir durch Boden und Sonne vereinigt [62] sind, um das nämliche zu thun, würden wir dann nicht vernünftige Thiere seyn? Ein jeder wäre Soldat und Bürger, jeder hätte Leib und Seele. Der Gelehrte würde abgehärteter, der Soldat vernünftiger seyn, und allen wäre geholfen.

Meine Leser werden, das sehe ich im Geiste, die Köpfe schütteln, wenn sie den dritten Theil meiner Geschichte mit dieser Stelle in einem Gliede marschiren sehen werden. Sie können mir indessen nicht verargen, daß ich ihnen den Schlüssel vom fünften Akt verhalte, denn warum sollten sie einem Feuerwerk des Mittags um zwölf Uhr zusehen, das erst um zwölf Uhr in der Nacht abgebrannt werden soll?

Die Kriege wurden griechisch geführt, die Reden respective lateinisch, und wegen des Ekels des Benjamin gegen diese Sprache, lettisch gehalten.Recht wurde nach Leonhart Fronspergers kaiserlichen Kriegsrechten gepfleget. Rechne, lieber Leser! alles dieses zusammen, schwerlich ist Summa Summarum: Soldat, wenigstens bleibt der Zweifel, was für ein miles? (Soldat) togatus oder sagatus, ein Soldat mit dem Haarzopfe oder mit der Alongenperücke. Die Behauptung meines Vaters, daß man aus den römischen Gesetzen, und was ihnen anhängt, lateinisch, und aus den alten deutschen Gesetzen und ihren Verwandten deutsch lernen könnte, stützt den gegebenen Zweifel; allein meines Vaters Bibel wird den Ausschlag geben.

Mein Vater hatte alle Schriftstellen, wo von Soldaten geredet wird, gezeichnet. Im zweiten Buche der Maccabäer, im dreizehnten Kapitel und fünfzehnten Verse, sagt' er, wird die Parole ausgegeben. »Und er lagerte sich bei Modin und gab diese Worte ihnenzur Losung«: »Gott gibt Sieg!« Jetzt, sagt' er, hat sich die Parole, recht als ob sie ihm selbst war gegeben worden, von dieser Art sehr gändert, indessen könnte diese Manier im Kriege mit Nutzen gebraucht werden, um das sinkende Rohr aufzurichten[63] und den flimmenden Docht aufzufrischen. – Von Feldgeschrei wird im Buche der Richter im siebenten Kapitel vom achtzehnten bis zwanzigsten Verse geredet: hier lag ein großes Zeichen: »Wenn ich die Posaune blase, und alle, die mit mir sind, so sollt ihr auch die Posaunen blasen um's ganze Heer, und sprechen: hie Herr und Gideon! Also kam Gideon und hundert Mann mit ihm an den Ort des Heeres, an die ersten Wächter, die da verordnet waren, und weckten sie auf, und bliesen mit den Posaunen und zerschlugen die Krüge in ihren Händen. Also bliesen alle drei Haufen mit Posaunen und zerbrachen die Krüge. Sie hielten aber die Fackeln in ihrer linken Hand, und die Posaunen in ihrer rechten Hand, daß sie bliesen und riefen: hie Schwert des Herrn und Gideon!«

Es fand mein Vater im zweiten Buch der Chronik im dreizehnten Kapitel im vierzehnten Verse ein Bataillon quarré:


»Da sich Juda umwandte, siehe, da war vorn und hinten Streit. Da schrien sie zum Herrn und die Priester trommeteten mit Tromme ten«,


wie er denn auch mit dieser Spruchstelle bewies, daß die Priester ehemals Hautboistendienste verrichtet; diesen Spruch führte er beständig an, wenn er vom geistlichen Priesterthume redete, und legte ihn von dem Muthe aus, den ein Christ dem andern bei den Feldzügen und Scharmützeln dieses Lebens zuzublasen verbunden wäre, um ihn wenigstens zu betäuben. Ueber die Werbung, Handgeld undMusterung hatte er im zweiten Buche der Chronik im fünfundzwanzigsten Kapitel den fünften und sechsten Vers gezeichnet:

»Und Amazia brachte zuhauf Juda, und stellete sie nach der Väter Häusern, nach den Obersten über tausend und über hundert unter ganz Juda und Benjamin, und zählete sie von zwanzig Jahren und drüber, und fand ihrer dreihunderttausend auserlesen, [64] die ins Heer ziehen mochten, und Spieße und Schilde führen konnten. Dazu nahm er aus Israel hunderttausend starke Kriegsleute um hundert Centner Silbers.«

Jethro, sagte er, hat die ersten Patente alsOberster und Kapitän gegeben, und von ihm schreiben sich die Herren Stabs- und andere Officiere her, im zweiten Buche Mosis im achtzehnten Kapitel vom neunzehnten bis zum siebenundzwanzigsten Verse heißt es also:

»Aber gehorche meiner Stimme, ich will dir rathen und Gott wird mit dir seyn. Pflege du des Volks vor Gott, und bringe die Geschäfte vor Gott, und stelle ihnen Rechte und Gesetze, daß du sie lehrest den Weg, darin sie wandeln, und die Werke, die sie thun sollen. Siehe dich aber um unter allem Volke nach redlichen Leuten, die Gott fürchten wahrhaftig, und dem Geiz feind sind, die setze über sie, etlicheüber tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, daß sie das Volk allezeit richten. Wo aber eine große Sache ist, daß sie dieselbe an dich bringen, und sie alle geringe Sachen richten. So wird dir's leichter werden, und sie mit dir tragen. Wirst du das thun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebeut, und alle dieß Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen. Mose gehorchte seines Schwähers Worten und that alles, was er sagte. Und er wählete redliche Leute aus ganz Israel und machte sie zu Häuptern über das Volk, etliche über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn. Daß sie das Volk allezeit richteten, was aber schwere Sachen wären, zu Moses brächten, und die kleinen Sachen sie richteten. Also ließ Mose seinen Schwäher in sein Land ziehen.«

Das Exerciren bewies er aus dem andern Buche der Könige im fünf und zwanzigsten Kapitel im neunzehnten Verse:

»Und einen Kämmerer aus der Stadt, der gesetzet war über die Kriegsmänner, und fünf Männer, die stets vor dem Könige [65] waren, die in der Stadt funden wurden, und Sopher, den Feldhauptmann, der das Volk im Lande kriegen lehrte, und sechzig Mann vom Volk auf dem Lande, die in der Stadt funden wurden – –«


Gern hätte ihm meine Mutter diese Zeichen insgesammt wie Spreu in die Luft zerstreuet; allein sie schien diese Schriftstellen selbst als bewaffnet anzusehen,


und nun sollen sie so lange wie Fahnen in der Kirche hängen. Da liegt sie vor mir, diese vä terliche Bibel, wo Stunde, Tag und Jahr meiner Geburt von meinem Vater eingeschrieben ist. Sey mir gesegnet, göttliches Buch!


Bei meinem Namen steht: eine schwere Geburt! der Name des Herrn sey gelobt! Feierlich bete ich Amen dazu! Theure Bibel, jedes Zeichen in dir, ob's gleich eine Menschensatzung ist, bleibt mir doch unschätzbar. Es enthält für mich einen Zug vom Bilde meines Vaters, der überwunden hat. Laßt mich einen Augenblick, damit ich meine Hände zu den Bergen hebe, von welchen uns Hülfe kommt. Unsere Hülfe kommt im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat! – –

Ich finde Oerter mit einer solchen papiernen Schildwache versehen, wo


vom Schwerte,

von Pfeilen,

Bogen,

Lanzen,

Panier,

Trompeten, geredet wird;

wo ein Fähnlein wehet,

ein Gezelt im Lager stehet,

Gold ausgetheilt wird,


[66] und wo das Wort ausziehen, welches nach seiner Erinnerung marschiren und nicht laufen bedeutet, gebraucht ist.

Ferner liegen Zeichen bei den Worten: Kriege,Kriegsknechte, Streiter, Streitgenossen oder Kriegskameraden;

bei List, Hinterhalt, Schlagen, Fechten, Streiten, Wagenburg, Sturm und Beute;

beim Hauptmann von Capernaum und bei drei Obersten.

Ihr sollt unversehrt bleiben, ihr! nur lieben Zeichen, und so oft ich dich, theure Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, die erschrecklich begriffen ist, im Haupt-Exemplare sehe, und sonst lese und höre, seh' ich und les' und hör' ich meinen Vater.

Hierauf wollen meine christlichen Leser mit theilnehmender Herzensandacht verlesen hören: die Epistel am einundzwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wie sie beschrieben stehet in der Epistel an die Epheser im sechsten Kapitel und zehnten Verse, und wie sie in unserer deutschen Uebersetzung lautet:

»Zuletzt, meine Brüder, seyd stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnet gegen die listigen Anläufe des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsterniß dieser Welt herrschen mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Um deßwillen so ergreifet den Harnisch Gottes, auf daß ihr, wenn das böse Stündlein kommt, Widerstand thun und alles wohl ausrichten und das Feld behalten möget. So stehet nun, umgürtet eure Lenden mit Wahrheit, und angezogen mit dem Krebs der Gerechtigkeit, und an Beinen gestiefelt, als fertig zu treiben das Evangelium des Friedens, damit ihr bereitet seyd. Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem [67] ihr auslöschen könnet alle feurige Pfeile des Bösewichts, und nehmet den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.«

Wenn ich mir die Seelenfreude vorstelle, mit welcher mein Vater über diese Epistel predigte, empfind' ich ein groß Stück dieser Seelenfreude. Meine Mutter sagte zwar: »Heute geht er gestiefelt und gespornt, wie ein geistlicher Ritter, auf die Kanzel.« Laß ihn, liebe Mutter! den hochwürdigen und gestrengen Herrn. Es ist ein Mann, mein Vater! Wenn es gleich aus der heiligen Schrift ziemlich deutlich hervorgeht, daß er für den Soldatenstand sey, bin ich denn darum schon in Reih' und Gliedern? – Warte, wenn ich bitten darf, den dritten Theil meiner Geschichte ab – und am Ende, liebe Mutter! heißt es: Gebet dem Kaiser was des Kaisers, und Gott was Gottes ist! Sind wir nicht geistliche Soldaten, die sich zum Himmel durchschlagen müssen? Die klugen Israeliten mußten mit dem Könige vorn Willen nehmen, da die Pluralität einen begehrte. Gott gab allen einen König. Sapienti sat.

Clitus, damit es meine Leser nur ja wissen, ist auch nicht in unserm Kirchdorfe erstochen, vielmehr ist er noch jetzt am Leben und sitzt auf dem väterlichen Acker. Er hat mir nicht das Leben gerettet, auch ist seine Schwester nicht meine Amme gewesen. Dieß Trauerspiel ward also als ein Lustspiel vorgestellt, wie man es mit den meisten Trauerspielen machen kann. I nunc ad Philippum et Parmenionem et Attalum, wurde nüchtern gesagt, und blieben daher die Bußtage aus, vielmehr wurde ein allgemeines Gelächter, weil Clitus so frisch und gesund seiner Wege ging, wie unsere Schauspieler, wenn sie erstochen, er schossen und mit Gift vergeben sind. Seneca, das fällt mir eben ein, hätte sich die Todesart wählen sollen, im Trauerspiele am fünften Akt zu sterben. Es wäre seinem Leben und seinen Schriften angemessener [68] gewesen, und leichter muß es auch seyn, als wenn man sich alle Adern öffnen läßt.

Die schönen Redeübungen, doch nur von Alexanders Seite, womit der beredte Curtius seine Leute ausstaffirt, konnte ich auf ein Haar. Benjamin hielt alles, was er hielt, aus oben angezeigten wichtigen Gründen in curischer Sprache; ich habe dem Q. Curtius Rufus eben den christlichen Namen Voltaire beigelegt, um diesem letzten mit Ehren grau gewordenen Dichter und Geschichtschreiber, Comödien- und Tragödiensteller, den ich von Person kenne, vorzüglich wegen seiner Geschichte bei dieser Gelegenheit ein Compliment zu machen.

Dieser große Mann trägt's auch am Knopfloche, und wenn er als Geschichtschreiber auftischen läßt, fehlt's an gesundem, unverfäschtem Weine. Gebackenes die Menge. Da heut eben sein Geburtstag ist, hoffe ich von ihm, wegen dieses kleinen Andenkens, Toleranz, und von meinen Lesern Verzeihung!

Es ist schon gesagt, daß die Nüchternheit bei unserm Alexanderspiel beobachtet wurde; indessen tranken wir Wasser aus dem Hute, wenn's in der Rolle vorkam, daß getrunken werden sollte; und der Hut stellte des Herkules Becher sehr gut vor. Ich konnte also nicht durch das Gift des Weins ums Leben kommen, sondern lebte den Curtius einigemale durch und durch.

Ich zog mit wenigen Jungen oder Pfefferkörnern dem Benjamin Darius und seinem Mohnsamen auf den Hals.

Wir lieferten alle Schlachten, die Alexander geliefert hat.

Bei Issus in Cilicien, welches über Feld lag, verlor Benjamin Darius eine Menge Volks, und ich bekam seine Frau Mutter Majestät, seine Frau Gemahlin Majestät und seine Kinder königliche Hoheiten zu Kriegsgefangenen. Die königliche Frau Mutter stellte, auf Befehl meines Vaters, unsere alte Köchin vor, und meine Mutter sagte: »kann sie nicht lieber die Potiphar machen?« [69] Benjamins Schwester war die älteste Prinzessin Tochter, und des Ritter Jachnis Frau und Tochter stellten die königliche Frau Gemahlin und Tochter vor. Wegen des Prinzen waren wir nicht verlegen, denn hierzu hatten wir viele Jungen im Dorfe. Mit der Schlacht bei Arbela hatte die persische Monarchie ein Ende.

Der Tod des Darius ward nicht vorgestellt, weil Benjamin über den Tod nicht spaßen wollte, und aus Todesangst sehr leicht untern Händen bleiben können. Es fehlte uns auch eine Kleinigkeit, die goldnen Ketten. Wenn alle Schlachten zu Ende waren, fingen wir sie von Anfang an, obgleich, wenn wir an die Gefangennehmung der königlichen Familie kamen, wegen der königlichen Frau Mutter der Verdruß unvermeidlich war. Meine Mutter beklagte sich über die Köchin, daß sie wenigstens drei Tage bei dieser königlichen Gelegenheit den Gehorsam aufsagte und vorzüglich alles versalze. Desto besser, sagte ich, sie macht ihrer Stelle Ehre. Die Frau Potiphar würde sie besser machen, antwortete sie, und ich brachte ihr das Salzfaß, ging mit ihr in die Speisekammer, aß unterm Eier-Monument ein Stück Schinken, und die Köchin blieb die königliche Frau Mutter.

Die Jungen im Dorfe nannten diese feierlichen Tage Talken, allein ich brachte diesen unheiligen Namen ab und pflanzte so viel Griechisch im ganzen Dorfe, daß derjenige, welcher der lettischen Sprache die Ehre that, sie aus meiner Welt zu beurtheilen, die griechische Sprache für Mutter, Schwester, Tochter oder was weiß ich für was für eine nahe Blutsverwandtin von der lettischen halten mußte.

Die königlichen Gefangenen waren bei mir so gut als beim Alexander aufbewahrt. Ich war eben so wie Er justus hostis und misericors victor. Die königliche Frau Gemahlin würde auch schwerlich jemanden, wenn gleich er sie nicht so gut als [70] Alexander und ich besessen, in Versuchung geführt haben, da sie bei den Blattern um ein königliches Auge gekommen war.

Nach dieser Anzeige darf ich auch nicht bemerken, daß die dreihundert sechzig Pellices (Kebsweiber) nicht angebracht werden konnten; wie denn auch deßhalb nicht zu behaupten war, Pellices CCC et LV totidem quod Darii fuerant, regiam implebant. Denn Benjamin wußte in diesem Stücke eben so wenig wie ich, was gut oder böse sey. Ich vermied mithin den Vorwurf des Lagers: daß ich mehr verloren als gewonnen hätte, und daß, obgleich ich den Darius überwunden, ich doch von ihm in diesem Stücke wäre überwunden worden (ex Macedoniae Imperatore Darii satrapem factum).

Bei dieser Gelegenheit indessen, und vorzüglich weil Darius seine Gemahlin so sehr, wie Hans seine Grete geliebt, sah ich seine und des Alexander und des Königs Salomo Kebsweiber für Lexika an, die man, um ein Wort nachzuschlagen, nöthig hat.

Außer den Soldat- und Sprachabsichten hatte mein Vater auch eine moralische, woran ihn sein Priesterkleid auch bei einer heidnischen Geschichte erinnerte. Es ward oft mitten in der Schlacht ein Porisma ober ein Komma gemacht, womit ich aber meine Leser nicht belästigen, mir selbst aber nicht in die Rede fallen will.

Die Geschwindigkeit, z.E. in der Ausführung, ist für jeden Alexander eine Haupteigenschaft. Ist's möglich, nimm Postpferde, sagte er, wenn du thust – allein denk erst! Kannst du Courierpferde haben, desto besser! Was geschwind geschieht, vergeht geschwind, kann nur von Planen verstanden werden, oder über die ganze Regel, wie über viele, ein Schwamm! Wer bald gibt, gibt doppelt, und wer schnell thut, ahmt Gott nach, der sprach und es ward.

Unter anderem behauptete er auch, daß Aristoteles durch den Alexander und Alexander durch den Aristoteles so groß geworden, als sie's wirklich waren. Mali corvi malum ovum! Einer [71] war stolz auf den andern; wie er denn auch der Meinung war, daß solche außerordentliche Leute, wie Alexander, an dem nichts mittelmäßig als seine Gestalt war, und der unter den Großen der Flügelmann ist, nicht vierzig Jahre alt würden, und daß große Eigenschaften auch große Laster, oder wenigstens große Fehler zu ihren Waffenträgern hätten.

Alexander, sagte er, thäte alles der atheniensischen Avisen wegen, allein er nehme mir nicht übel, daß ich ihm nicht beitreten kann. Er, welcher die ganze Welt für eine Festung ansah, wo ihm nur verstattet worden, auf den Wällen herumzugehen, sollte des Wandsbecker Boten wegen in Athen? – – – Nein, die späteste Nachwelt war sein Ziel; unser Dorf, wo Er gespielt wurde, war seine Aussicht, und wahrlich, wir sind nicht die ersten Kinder, und werden auch nicht die letzten seyn, die den Alexander spielen. Diese Geschichte hat viel Unheil in der Welt angerichtet, vom Brudermörder Caracalla an bis auf den heutigen Tag wird sie ins Große und ins Kleine gespielt, allein es geht, leider! dabei nicht so ruhig zu, wie in – und in unserm Dorfe, wo Gottlob! kein Blut vergossen wird.

Und ich? warum vergieß' ich Tinte, warum ergreif' ich die Feder? warum bin ich Alexander und Q. Curtius Rufus in einer Person? Das ist ein gordianischer Knoten im ganz besondern Sinne! Einer wird sagen, um in der – gelobt oder (wie ich vorlaut bin!) recensirt zu werden, ein anderer, um über tausend Jahre den Jungen im Dorfe zum Marionettenspiele zu dienen, ein anderer – die Zeit wird's lehren.

Schon vor vierzehn Tagen sagte ich übermorgen! und legte also eine schriftliche Zusage ab, an diesem Uebermorgen meinen Lesern den Zeitpunkt zu bestimmen, wenn mein Vater den zweiten Diskant rühmlichst mitzusingen angefangen, um sie in diesem Sinne nicht länger absque die et consule zu lassen. Ich hätte [72] keine Stundung ober Tagung vonnöthen gehabt, wenn nicht ein guter Freund, der nach Gastrecht zu behandeln war, diesen Aufschub veranlasset. Heute will ich meine Schuld abtragen, wenn ich zuvor meinem guten Freunde eine glückliche Reise gewünscht habe.

Damit ich alles siguire, war's in meinem vierzehnten Jahre, da ich ohne Hoffnung krank darnieder lag. Mein Vater konnte nicht begreifen wie's zuging. Bei einer solchen Bewegung an Leib und Seele, sagte er, wo kommt das Uebel her?

Vom betrübten Sündenfalle, half ihm meine Mutter aus, denn alles Böse war bei ihr ahnenreich und vielschildig.

Vom betrübten Sündenfalle, seufzte mein Vater, und meine Mutter sang aus vollen Seelen- und Leibeskräften:


Heut' sind wir frisch, gesund und stark,

Sieh, morgen liegen wir im Sarg;

Heut' blüh'n wir wie die Rosen roth,

Bald krank und todt,

Ist allenthalben Müh und Noth.


Mein Vater, der diesen Vers mit vieler Andacht gehört, doch aber noch nicht mitgesungen hatte, verfolgte seine Zweifel. Seine Meinung, um sie zu filtriren, war, daß ein Mensch, der der Natur getreu wäre, und ihrem Fingerzeige folge – denn es ist Gottes Finger, setzte er hinzu – daß ein solcher Mensch, der seiner Seele und seinem Körper nicht zu viel, nicht zu wenig thäte, nicht krank werden, und ehe er achtzig erreicht hätte und das Gewicht abgelaufen wäre, auch nicht sterben könne.

Allein die Thiere, sagte meine Mutter, sind krank, ehe ihre Stunde schlägt.

Thut alles nichts zur Sache; Hausthiere sind wie Menschen am Hofe. Sie sind verwöhnt. Wilde Thiere, das wäre ein Einwand, allein nur ein scheinbarer, denn der Mensch hat Verstand.

[73] »Nur nicht in seiner Kindheit; selbst wenn er älter wird, verdirbt er sich den Magen.«

Dafür hat ein Kind Vater und Mutter. Der Eltern Verstand ist der seinige. Ist er erwachsen und übertritt sein bescheiden Theil, trifft's meine Regel nicht.

»Aber wenn Vater und Mutter schon krank sind, ehe sie ein Kind in diese Hütten Kedars setzen; ich sag's nicht von uns beiden.«

Du hast Recht. Gottlob! aber wir sind frisch, gesund und stark, wie du gesungen hast.

»Indessen etwas fehlt einem jeden, und wenn er ein Gesicht wie ein Stettiner-Apfel hätte. Wir haben alle einen Schaden und der kommt von Adam her, du magst sagen was du willst. Siehst du, wie ich durch die offene Thüre beim betrübten Sündenfalle bin. Hast du nicht selbst gesagt, Thoren! sie wollen das Fleischessen auf einmal abbringen! das Kind kommt schon mit Fleischhunger und Bischofsdurst auf die Welt. Allmählig und durch fünf Generationen (wars nicht so?) muß es erst zur Natur reducirt werden. Da siehst du, wie ich deine Prose behalte. Ich habe noch in meinem Leben nicht so geistlich mit dir gesprochen, wie jetzt. Gott Lob für diesen Tag!«

Wenn du so den Fall Adams nimmst, hast du Recht; kann aber der liebe Junge nicht aufstehen? Arbeit ist die beste Arznei wider den Tod. Auch ein Kranker sollte arbeiten, wenn's nur so viel ist, als er zu seiner Beköstigung braucht. Das ist wenig! Die Natur hat ihm nicht mehr auferlegt, als er ertragen kann. So allmählig, als ein Kranker Appetit bekommt, fängt er auch an besser zu werden.

Ich. Vater, ich kann nicht mehr auf, kann auch nicht mehr essen.

[74] Mein Vater. Armer Junge! (Geht ab. Ich wollte versuchen aufzustehen.)

Meine Mutter. Bleib, bleib! Es ist immer besser, die Krankheit trifft uns auf dem Bette, als auf dem Felde. Davon weiß ich auch ein Lied zu singen! Gewisse Krankheiten wollen wie vornehme Leute behandelt werden; man muß ihnen entgegen – ein Flußfieber nimmt's so genau nicht.

Mein Vater kam wieder, faßte mich an die Stirn und Hände, und ich konnte an seinen Augen in Frakturschrift lesen, was er, sobald er merkte, daß ich hereinsah, vor mir verbarg.

So sehr mein lieber Vater wider die Aerzte war, die er wie die Beichtväter und Gewissensräthe für etwas hielt was uns und unsern Gott und die Natur, sein Werk, von einander schiede, so gab er doch dem Verlangen meiner Mutter nach, die sich ihr Votum nicht nehmen ließ.

Oft habe ich ihn sagen gehört, ohne Arzt stirbt man leicht und schnell. Mit einem Arzte stirbt man täglich. Wer bis in seinen letzten Augenblick lebt, wer beharrt bis aus Ende, stirbt nicht – er wird lebendig gen Himmel geholt, und dieß alles kann man nur ohne Arzt. Dieß und noch mehr sagte er sehr oft, allein jetzt blieben diese schönen Sprüche weg, er schrieb an denDoctor Saft, der sechs Meilen von meinem Puls entfernt war, und machte ein Gesicht als ein Referent, der von seiner Meinung durch die Mehrheit abgestimmt ist.

Die Antwort des Doctor Saft traf ihm das Herz. Er war nicht mehr. Er bestätigte mit seinem Beispiele, daß uns die Aerzte feig machen, indem sie Gefahren aufdecken, die vor uns verborgen sind.

Meine Mutter hingegen war so sanft wie ein Lied. Er nahm sie an der Hand, zeigte ihr den saftischen Brief, und sie, ohne Schrei ohne Ach, stimmte an, ihre Augen gen Himmel:


[75]

Da wird uns der Tod nicht scheiden,

Der uns jetzt geschieden hat;

Gott der Herr wird selbst uns weiden

Und erfreu'n in seiner Stadt.

Ewig, ewig für und für,

Ewig, ewig werden wir

Mit einander jubiliren

Und ein englisch Leben führen.


Noch sang mein Vater nicht mit. Seine Seele war versunken in Schmerz. Meine Hoffnung, sagte er, die der Herr bei meinem stummen Gram mir in einem fremden Lande aufgehen ließ: ein Nachtfrost, und siehe da –

Er hat große Hitze, sagte meine Mutter.

Gütiger Gott! laß ihn mir, laß ihn einem Unglücklichen, der für sich lange die Wünsche aufgegeben, zu dem Staube seiner Väter versammelt zu werden.

Herr Superintendent Alexander Einhorn, fiel meine Mutter ein, liegt in Curland begraben, –

O mein Sohn! sagte mein Vater;

und meine Mutter: er hat die Kirchenordnung im Jahre ein tausend fünf hundert und siebenzig verfertigt; –

O mein Sohn! sagte mein Vater;

und nach ihm blieb die Superintendenten-Stelle vierzehn Jahre unbesetzt.

O mein Sohn! beschloß mein Vater, der sich in seinem Gebete nicht hätte stören lassen, wenn's eingeschlagen hätte. O mein Sohn, mein Sohn! wollte Gott, ich könnte für dich sterben!

Hierauf sagte meine Mutter kein Wort.

Ich sah bei dieser Gelegenheit, was ich oft gesehen, daß das schlecht und rechte Christenthum eine edle Gleichgültigkeit, einen gewissen Liederton im Leben wirkt, der uns bei allem in der Welt, [76] wär's auch ein Alexander-Verlust, Ruhe ins Herz weht. Mein Vater schlug wie Petrus mit dem Schwerte drein. Seine Religion war ein höheres Halleluja, welches aber für die Vollendeten gehört, und das für die Zeitlichkeit nicht zu seyn scheint. Bald sind wir zwar, wenn wir uns in diesem höhern Chor befinden, entzückt bis in den dritten Himmel, bald aber schreien wir: Herr hilf uns, wir verderben!

Lange stand mein Vater mit gelähmter Seele, allein meine Mutter brach diesen Seelenschlaf durch einen freundlichen guten Morgen.

Eins, sagte sie, lieber Mann, bedaur' ich.

Ich mehr als Eins, sagte mein Vater; und was ist dieses Eine? mein Kind! fuhr er mit einer bedeutenden Miene fort.

Meine Mutter nahm ihn (ohne ihm zu antworten) bei der Hand, und drückte ihm ein wiederholtes liebliches: Was denn? heraus.

»Daß ich ihn predigen gehört.«

Mein Vater seufzte laut, ohne ein Wort zu sagen.

Nach ihrer Meinung hätte mir eine Predigt einen gewissen Rang im Himmel zutheilen müssen. Ob ich nun gleich nicht die Kanzel bestiegen, so versicherte mich jedennoch meine Mutter, da mein Vater mit gekreuzten Händen hinausgegangen war, daß sie mir ebenfalls ein Monument in der Speisekammer errichten würde. Der alte Herr, sagte sie, soll deinenNamen in Mitau zum Druck befördern, und da du von deinem lieben Vetter eine schreckliche Aehnlichkeit hast, ist euch beiden geholfen.

Von den sechs Nägeln für einen Vierding sind noch zwei übrig. Verlaß dich auf deine Mutter!

Dieser an sich unbeträchtliche Umstand von den zwei übriggebliebenen Nägeln fiel mir so auf, daß ich von dieser Minute an den letzten Rest meiner Hoffnungen einbüßte, und meinen ungezweifelten [77] Tod in den zwei Nägeln sah. Wären wohl zwei Nägel übrig geblieben, wenn es nicht darum gewesen wäre, deine Grabschrift zu befestigen, dacht' ich, und warum würden wohl sechs Nägel für einen Vierding zu haben seyn, wenn ich nicht dießmal sterben sollte? Ich war kein Alexander mehr, und ich fühlte es, daß die Medicin mit der Einbildungskraft stritte und dieses letztere überwand. Es schlug nichts an.

Wenn er nur ein einzigesmal gepredigt hätte, wiederholte meine Mutter; und mein Vater, der bei dergleichen Irrthümern sonst ein sehr heftiger Widerleger war, that nichts weiter als seufzen. Eine totale Sonnenfinsterniß lag auf seiner Seele, sein Herz konnte nicht ins Geleise gebracht werden. So vergingen drei bis vier Tage. Werde ich sterben? fragt' ich. Gott kann dir helfen! sagte er; und meine Mutter, wie Gott will! und beide, Amen!

Nach einer Weile zog ich meine Mutter fest an mich: »Ei, die zwei Nägel?« Sie glänzten mir so schrecklich, als die Kometen dem gemeinen Manne. Wie verstellt die Verzagtheit, die Mutter der Hypochondrie, die Geberden eines jeden Dinges?

Meine Mutter, ohne die Frage in ihrem Umfange zu denken, antwortete: Sie sollen dein!

Ach! war meine Antwort;

Und hilft dir Gott, fuhr sie fort, hänge ich deine Lieblingswürste dran.

Die, sagte ich, Liebe, die – ich konnte sie vor Freuden nicht bestimmen.

Eben die, erwiederte sie.

Das war Medicin. Ich sammelte mich. Die Kometen verloren ihren Schein. Ich sah, anstatt meines Namens im Druck, zwei kleine Würste. Ich bekam Appetit und hätte gewiß alle beide aus freier Faust aufgegessen, wenn nicht alsdann die beiden Nägel wieder vacant geworden wären. Ich schlief die Nacht, und wenn [78] mein Vater nicht noch ganz verfinstert gewesen wäre, würd' er aus meinen Augen eben so viel gelesen haben, als ich zuvor aus den seinigen las.

Ehe noch das Fatale interponendae und introducendae abgelaufen und mein Leben ober Tod res judicata (eine rechtskräftige Sache) war, bekam mein Vater einen Brief, für den er viel Postgeld bezahlen mußte, und dieser Brief brachte ihm den zweiten Diskant mit, den meine Leser ihn sogleich singen hören werden.

Er las diesen Brief, las ihn wieder, und da er ihn zum drittenmale anfing, rief er mit wehmüthiger Stimme: Licht! Es ist aus! – Gott! – schrie ich – aus! und meine Mutter: aus!

Wenn er lieber auf die Würmer curirt hätte? fragte meine Mutter meinen Vater; nicht wahr? lieber auf die Würmer?

»Es ist aus!« sagte mein Vater. Der Stärkste in seiner Kunst ist Saft nicht, fuhr meine Mutter fort. Ich wette, er ist da Doctor geworden, wo der alte Herr Literatus gewesen ist. »Gottes Wege sind nicht unsere Wege!« sagte mein Vater. »Im fünf und vierzigsten Jahre seines Alters im Herrn entschlafen!« Wer? fiel meine Mutter ein, Doctor Saft? ist er todt, der geschickte Mann? Curland verliert viel an ihm!

Mein Vater. Die letzte Stütze des Hauses!

Meine Mutter. Er hat noch einen Bruder!

Mein Vater. Licht! Licht! Licht! Licht!

Meine Mutter. Wie! todt? am Schlagfluß?

Mein Vater. Alles todt! alles todt!

Meine Mutter. Mit Weib und Kind?

Mein Vater. Licht! Licht!

Man brachte ein Licht.

Noch eins! sagte er, und nachdem er beide Lichter (es war heller Tag) hingestellt hatte, nahm er eine Handvoll Papiere, die [79] sich mit dem neuen Briefe, für den er eben so viel Postgeld bezahlt hatte, begrüßten, und nachdem er diese Papiere allzusammen gen Himmel gehalten, sagte er: »wie du willst, unbegreiflicher Gott!«

Er steckte an, und noch hör' ich die wehmüthige Stimme! Wir sind Staub, und unsere Hoffnungen Staub und alles Staub! Hier verbrannte er sich die Finger, indem er das eine Papier nicht zeitig genug fallen lassen. Heilige Asche, diese Thräne sey Weihwasser für dich. Mit dir, geweihter Staub! will ich den Sarg meines Sohnes begrüßen. Du bist Erde und sollst zur Erde werden.

Cleopatra, die eine Perle austrank, sagt' er nach einer Weile, hat nicht mehr verzehrt, als ich heute, und kein Lucius Plaucius hat die andere Perle gerettet.

Die Nägel fingen wieder an zu blinken, ich sah meinen Tod vor Augen, und empfand, wie es einem jungen Menschen von vierzehn Jahren zu Muthe ist, wenn er sterben soll.

Freilich hätte mir einfallen können, daß ein Brief vom Doctor Saft und so viel Postgeld nicht im Verhältniß wären; doch fiel es meiner Mutter so wenig wie mir ein.

Mein Vater zog mit dem Doctor Saft über mein Leben schriftlich Schach. Mein Vater schrieb ihm seinen Zug, der Doctor den seinen, und die Verwirrung, die mein Vater durch das Wort aus, welches ein schreckliches Wort ist, und durch die zwei Lichter am hellen Tage, welche zum Worte aus eben so schrecklich abstechen, erregt hatte, brachten meine Mutter und mich auf den Gedanken, Doctor Saft hätte Schachmatt gesagt. Das Feuer ist ein vernichtendes Element! Noch schaudert mir die Haut, da ich diese Papiere brennen und in Asche, ohne Leben und Bestand und Saft, verwandeln sehe; solch einen Eindruck machte dieses Feuer auf mich. Ich würde meinen Leib um alles nicht verbrennen lassen, und viele[80] meiner Leser, welche bedenken, daß die Verwesung zugleich eine Geburt sey, werden mir beitreten.

Die Art, wie mein Vater anfänglich die Sache betrieb, ließ mich vermuthen, Doctor Saft hätte unbedachtsam gezogen, und was mich noch freut, ist dieß, daß ich dem Doctor Saft nicht fluchte.

Gott verzeihe ihm, sagte ich, und meine Mutter setzte hinzu: aus Barmherzigkeit!

Nachdem wir beide, meine Mutter und ich, aus den abgebrochenen Reden einen andern Schluß zogen, Doctor Saft wäre nämlich vorausgegangen, wünschten wir ihm beide aus gutem Herzen eine glückliche Reise; ich will ihm abbitten, sagte ich, wenn ich ihn im Himmel sehe, daß ich ihn unrecht verdacht habe. Nach vollbrachtem Opfer sah ich eine Thräne nach der andern die Wangen meines Vaters herabfließen und die Papierasche, die sonst verflogen wäre, anleimen.

Es sey nun das weinende Auge meines Vaters, oder das unrichtig vermuthete Schachmatt des Doctors, oder sein selbsteigener tödtlicher Hintritt die Ursache, die meine Mutter zum Singen brachte, sie fing an:


Gott eilet mit den Seinen –


und bei der zweiten Strophe fiel mein Vater im zweiten Diskant ein (zum erstenmale hören ihn also meine Leser mitsingen):


Läßt sie nicht lange weinen

In diesem Jammerthal.


Wenn ich jetzt die Sache überlege, finde ich, daß ich eigentlich damals nur einen Sterbenden vorstellte; ich starb schön, ich starb poetisch, denn mein Körper hatte sich von den zwei kleinen Würsten erholt. Mein Herz war aber aller der Vorgänge wegen im fünften Akte des Trauerspiels. Ich war bewegt – ich sah alles mit mir [81] sterben; bis auf die Lichtputzerin zu weinte alles (ich weiß nicht, ob es die königliche Frau Mutter oder ein anderes Geschöpf war).

Eine Bitte habe ich an Vater und Mutter, fing ich nach einer langen Stille an.

Meine Mutter, die unfehlbar sich vorstellte, daß es wegen des Monumentes in der Speisekammer wäre, fragte leise: »an beide?« Ja, liebe Mutter, und gleich, lieber Vater, sagte ich laut. Sprich, sagten sie beide. Verlasset – hier weinte ich zärtlich – Minchen, des alten Herrn Tochter, nicht. Gut, sagte mein Vater; warum? fiel meine Mutter ein. Weil ich sterbe und mich ihrer in dieser Welt nicht annehmen kann, liebe Mutter. Schade, daß ich es nicht kann! Wie ich Alexander und sie die Tochter des Darius war – denke nicht mehr daran, sagte meine Mutter; wollte Gott, du wärest Joseph und die alte Babbe (Barbara) Potiphars Weib gewesen – hab' ich gefunden, daß sie verdiente, Königin zu seyn. Ich habe ihr nie gesagt, daß ich ihretwegen des Amtmanns – – Christoph zwei Finger gelähmt – Gott stärke sie, wenn es dem Christoph nützlich und selig ist. Ich meine seine beiden Finger. Christoph behauptete, Minchen sey verwachsen; das ist sie nicht, sagt selbst, liebe Eltern! Das ist sie nicht! versicherten beide, und ich fügte noch einmal hinzu: das ist sie nicht. Nach meinem Tode, fuhr ich fort, entdecke ihr, liebe Mutter, meinen Streit mit Christoph und daß ich ihr gut gewesen bis in den Tod; denn ich möchte gern, daß sie mich nicht vergäße und mir auch gut wäre bis in den Tod. Meinen Benjamin grüßt von mir, auch den Christoph. Die Sonne ging nicht unter während unserm Zorn. Grüßt das ganze Heer! – Nicht wahr, mein Vater, jetzt kann kein anderer als Benjamin im Dorfe Alexander werden? (Joseph, willst du sagen, sagte meine Mutter, und drückte mir die Hand.)

Alexander, erwiederte ich, will ich sagen. Meine Mutter sah meinen Vater an, mein Vater sah auf die Erde. Benjamin, fuhr [82] ich fort, hat zwar die rechte Hand nicht in seiner Gewalt, allein sonst ist's ein guter Junge. Ehrlich und treu wie der Wiederhall. Das Bein verwächst sich vortrefflich; und fallen gleich die lateinischen Reden weg, im Lettischen ist er Alexander. Minchen, Benjamin und ich waren Castor, Pollux und Helena. Ein Drittel dieses Dreiblatts welkt, Gott segne die Zurückgebliebenen mit dem Thau seiner Gnade. Wenn Minchen heirathet, ich möcht' es nicht gern, wenn aber – sehet zu, liebe Eltern, daß sie einem ehrlichen Kerl ihre Hand gibt, und nun – und nun – hier stockt' ich – lebt wohl, meine theuern, lieben, gütigen Eltern, lebt wohl! lebt wohl! Hier nahm ich alle ihre Hände zusammen und küßte sie und sagte: Gott vergelte euch alles Gute. Dir, liebe Mutter, das Geräucherte unterm Kupferstich. Seyd Minchen und Benjamin gut, liebe Eltern, und wenn es seyn kann, laßt mich hinter der Kirche an dem großen schwarzen Kreuze begraben, wo mein liebstes Lager war. Lieber Vater, du weißt den Platz so gut wie ich.Minchen wird, das weiß ich, sich gern auch da begraben lassen – wenn anders ihr Mann es zugibt; und auch ihr, meine lieben Eltern, wenn ihr so gütig seyn wollet, ruhet zusammen mit mir bis an den Morgen des jüngsten Tages. – Dann gehe ich mit Minchen, wie ein Bräutigam mit seiner Braut, aus der Schlafkammer. Eine lange Brautnacht. – Mein Herz bebt vor dem Worte lange zurück! Gott schenke uns allen eine angenehme Ruhe! – Wir weinten alle. Die Thränen meiner Mutter flossen sanft, so sanft als ein warmer Mairegen. Mein Vater war heftig. Stirb, sagte er, im Namen Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat! und meine Mutter: Amen! und ich: Gott mit euch in alle Ewigkeit! und wir alle drei zusammen: Amen! Amen!

Nach einer kleinen Weile fragte mich mein Vater, ob ich noch Minchen, oder Benjamin, oder beide zusammen sehen wollte? – Minchen? sagt' ich heiter, Minchen? Nein – Minchen nicht, [83] lieber Vater, sie würde sich zu sehr grämen, wenn sie ihren Gemahl Alexander sterben sehen sollte. Sie hat mich bloß als Ueberwinder gesehen. Benjamin? auch nicht, er würd's ihr vorwimmern, was er gesehen, gehört und empfunden hat; Benjamin ist ein guter Junge, nicht wahr, lieber Vater? Er muß Alexander werden! Lange genug ist er Darius gewesen – und, in Wahrheit, es ist nicht viel, Darius zu seyn. Er und ich waren guteFeinde zusammen, eine Seele in zwei Leibern.

Dieses alles brachte mich auf ein Codicill. Ich änderte mein Testament und bat meine Eltern, Minchen nichts, auch nichts vom Christoph, auch nichts vom großen Kreuze zu eröffnen, wenigstens die Publication des Testaments noch viele Jahre auszusetzen. Meine Mutter, die mit der Anfrage meines Vaters, die zwei Lieblinge meines Herzens noch in dieser Welt zu grüßen, unzufrieden geworden, freute sich, daß alles so vortrefflich beigelegt und der vorige Druckfehler verbessert war. Er ist schon ein Engel, sagte sie, und es war völlig klar in ihrem Gesichte. Werden wird er's, sagte mein Vater. Bei ihm sah es noch sehr finster aus. Der Platzregen hatte aufgehört, allein eine Gewitterwolke hielt ihn zurück, und man hörte von ferne ein Donnerwetter murmeln. Ich bin ruhig, sagte er, und das ist immer der größte Beweis, daß man's nicht ist. Nichts ist so leicht anzusehen, als Ruhe. Ein Hofmann selbst könnte sie nicht verbergen, wenn er die Ruhe je zu kennen die Gnade gehabt. Im Grunde war er so ruhig als ein Mann, dem Haus und Scheuern abgebrannt sind, und dem ein gutgesinnter Nachbar ein Kämmerlein mit einer Klinke eingeräumt hat.

Mein Feierabend bricht heran, willst du nicht, sagt' ich, Licht bringen, liebe Mutter! das hin und her thut wanken, bis ihm die Flamm' gebricht, alsdann fein sanft und stillelaß, Herr, mich schlafen ein!

[84] Meine Mutter setzte hinzu: Nach seinem Rath und Willen, wann kömmt dein Stündelein!

Mein Vater wurde von dieser letzten Oelung unterrichtet, ohne daß man dabei des Eierheiligen dachte, und seine Seele war gerührt. Es fielen große Tropfen.

Noch nicht, sagte meine Mutter zu mir, dein Auge ist noch zu hell. Dies soll das Letzte seyn, damit du die letzten Worte noch im Himmel singen kannst.

Mein Vater ermannte sich nach einer Weile, um mich mit der Stadt Gottes bekannt zu machen. Er hatte einen andern Himmel für ein Kind, einen andern für meine Jahre. Wir sprachen viel. Ich fragte ihn so, als ob er schon dagewesen, und er antwortete mir so. Ich will nur etwas anführen:

Seine Meinung war, daß die Verwandlung eben so groß nicht seyn würde. Wir können, sagte er, nichts mehr durch ein Seherohr sehen, was wir nicht schon durch's Auge gesehen haben.

In dieser Welt sehen wir in der Ferne eine Menge Menschen wie Dünste aus der Erde steigen, wie Gesträuch – im Himmel kommen wir diesem Menschenklumpen näher, wir kennen sie, wir geben ihnen die Hand; indessen blieb uns wohl auch in der Welt ein Haar auf ihrem Haupte verborgen? In der Welt ist alles gezeichnet, dort ist's ausgemalt. Was wir hier im Kleinen sahen, geht uns dort im Großen auf. Was ist in der Welt für eine Wissenschaft, die nicht schon in unserer Seele läge? Nur Licht hereingebracht und alles ist aufgedeckt – der gemeinste Mensch begreift alles, noch mehr, er weiß alles, was du ihm sagest. Gib ihm den ersten Buchstaben, er gibt dir den zweiten. Wir lernen nichts, was eigentliche Wissenschaft, bleibende Kenntniß, himmlische Wahrheit ist. Die Seele ist ein gestimmtes Instrument, das nur gespielt werden darf; und wenn du die Kunstwörter von der Sache abnimmst, diese Rüstung, die einem kleinen Körper das Ansehen [85] eines Riesen gibt, find'st du nichts Unerwartetes. Wenn du die Tressen vom Kleide absonderst, ist's dem gemeinsten Mann, als hätte er sein eigen Kleid an. Quantum est in rebus inane! Die Gelehrten bemühen sich weislich, dieses ihr Kunststück nicht zu verrathen, weil sie damit auf die Märkte ziehen, und große bunte Zettel drucken lassen, um sich für Geld zu zeigen.

Ist's denn Wunder, wenn der Gelehrte dem Ungelehrten in der andern Welt nichts nachgeben wird! O ihr Thoren, die ihr glauben konntet, ein Gelehrter würde dort schon eine höhere Klasse der himmlischen Glückseligkeit betreten, als ein Bauer. Der letzte wird in Wahrheit nur ein kleines nöthig haben, um dem Gelehrtesten gleich zu seyn. Der einzige Unterschied zwischen einem Gelehrten und Ungelehrten in der andern Welt wird seyn, daß der erstere mehr vergessen muß als der letztere, um himmlisch zu wissen, was er weiß; und was ist schwerer? vergessen, was man nicht halb, nicht ganz wußte, oder gleich die Sache beim rechten Ende fassen? Der Literatus (welches in Curland gemeinhin ein gekaufter Titel ist), wenn ihm auch dieses Diplom seiner Geschicklichkeit wegen ohne Geld und gute Worte zugestanden werden kann, hat nicht Ursache stolz zu seyn, denn der Unwissende unterscheidet sich von dem Wissenden bloß dann, daß dieser sagen, aussprechen kann, was beide wissen, und das erste Capitel von dem, was sie beide nicht wissen. Ein schönes Buch, das wirklich schön ist, das vom Herzen kommt und zu Herzen geht, was meinst du? Hast du das nicht alles gedacht, was drin steht? Du hast nur – eine Kleinigkeit – nicht das Buch selbst geschrieben. Du hast nichts gelernt, sondern nur mit diesem Buch Feuer in deiner Seele angefacht.

Mein Vater nahm Gelegenheit diese Sätze auf Vernunft und Religion anzuwenden.

Aber die Sprachen, sagte ich, lieber Vater?

[86] Nur eine ist da, und keinem wird ein Wort fehlen. Sieh! wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtlich bei einander wohnen, wird's von Gedanken und von Worten heißen. Es werden Zwillinge seyn, wie Nachbarskinder werden sie zusammenhalten.

Hier, fuhr er fort, lernen wir Sprachen, um mit der Natur umgehen zu können. Wir wollen uns ihr gern bequemen, und da ihre Hofsprache unbekannt ist, halten wir viele Sprachen in Bereitschaft, und kommen, da kein Mensch mehr als Eine Sprache recht wissen kann, mit einem Frachtwagen voll Grammatiken und Wörterbüchern, um bei der Königin Natur, mit Beihülfe dieser Dolmetscher, Audienz zu haben!

Die Natur versteht, wie Gott der Herr, eben so gut deutsch, als griechisch und lateinisch; auch sie will nicht mit Worten, sondern im Geiste und in der Wahrheit verehrt seyn. Eine Sprache ist der Hauptstuhl, das eigentliche Capital, die andern sind die Zinsen.

In dieser Welt sprachst du mit Gott deutsch. Jachnis spricht lettisch mit ihm. Wenn ein Deutscher französisch betet, läßt er sich vom lieben Gott französische Vocabeln überhören. Die letzten Worte sind alle in der Muttersprache, auch die letzten Seufzer so. Da kommt gemeinhin alles an Stell' und Ort. Man sagt sogar, daß sich das ganze Gesicht im Sterben verändere und der Hofmann wie ein anderer Mensch aussehe, und der Cain ohne Zeichen da läge, alles in Gottes Gewalt.

Zu jeder Sprache, das weißt du, lieber Junge, denn du hast außer der commandirenden deutschen mehr als eine, gehört eine andere Zunge und ein anderer Mensch. Von der in der andern Welt läßt sich, glaube ich, kein einzig Wort, auch nicht einmal lieber Gott, mit einer Menschenzunge aussprechen. Da fehlt's [87] am R, am H, am L, und an jedem Buchstaben. Eine Engelzunge ist uns vonnöthen.

Meine Mutter sang mitten unter dieser Predigt, da mein Vater Athem holte:


Wie herrlich ist die neue Welt,

Die Gott den Frommen vorbehält!

Kein Mensch kann sie erwerben.

Doch ist zu jener Herrlichkeit

Auch ihm die Stätte zubereit,

Herr! hilf sie ihm ererben.

Einen

Kleinen

Schall von jenen

Freudentönen

Schenk dem Schwachen,

Ihm den Abschied leicht zu machen.


Mein Vater lehrte mich nachdrücklich das Irdische, das Hinfällige, das Hektische in dem größten Theile der menschlichen Kenntniß, und da er nur ein wenig anhielt, fing meine Mutter wieder an:


Herr! wir wallen sämmtlich hier,

Da der Leib uns hält verschlossen,

Brüder! Menschen! was sind wir?

Fremd' und Reichsgenossen.

Unsers kurzen Wandels Lauf

Geht hinauf,

Da wir her entsprossen.


Historie, fuhr mein Vater fort, ist darum gut, damit sich nicht die Kaufleute freuen, wenn Kinder und Narren zu Markte kommen; und Erdbeschreibungen und Reisen zu Wasser und zu [88] Lande und Weltentdeckungen, damit wir uns selbst entdecken und kennen lernen.

Ich lese, das weißt du, sehr gern Reisen, um in mich selbst zu kehren; ich freue mich über jede neue Völkerentdeckung, weil ich hierdurch den Schlüssel zu mir selbst und zu meinem Nachbarn finde. Vom Anbeginn ist's so nicht gewesen, wie es jetzt in der Welt ist.

Meine Mutter hatte vieles in dieser Predigt gefunden, was ihr zu prosaisch war. Ihr Himmel bestand aus einer Schaar heiliger Sänger und Sängerinnen. Da, pflegte sie sonst zu mir zu sagen, werden wir nicht reden, sondern alles wird Musik seyn. Lauter Duettos und Terzetten, Recitative und – sie wandte indessen jetzt nur bloß mit dem Kopfe ein, den sie zuweilen von der Linken zur Rechten, wie die meisten Menschen ihre Köpfe zu schütteln gewohnt sind, schüttelte.

Wenn mein Vater nur etwas still hielt, wollte sie anstimmen, indessen konnte sie keinen Takt zu Ende kommen, mein Vater griff beständig plötzlich an.

Es ist ein Gott! deine Seele ist sein Hauch, er ist! er war! er wird seyn! Sein Bevollmächtigter ist das Gewissen. Du fühlst diesen Machthaber, wenn du ihn gleich nicht siehest, als einen gegenwärtigen Zeugen, wenn du im Stillen Gutes oder Böses thust. Er ist mit dir, er geleitet dich, um dich dort als Bürger in der Stadt Gottes einschreiben zu lassen mit einem neuen Namen, der über alle Namen in der Welt ist.

Gottes Güte, seine Gerechtigkeit ist's, daß wir im Tode nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat kein Ende! Neu ist sie am Morgen der Ewigkeit! Welch eine Sonne, die dann aufgeht! Welch ein Wort, Ewigkeit! Etwas ohne Ufer und ohne Grund.

Dort haben wir nicht nöthig, uns um einander zu bekümmern. [89] Die Eltern brauchen keine Pflege, die Kinder keine Stütze: Ganze wird unser Gegenstand seyn.

Gott, der in uns angefangen hat das gute Werk, wird's vollenden in Ewigkeit. Wir werden ihn sehen von Angesicht zu Angesicht, jetzt sehen wir ihn im Spiegel, der seine Welt ist, den er uns vorhalten ließ, und da unser Standort dunkel war, sahen wir nur wenig, nur daß er war! Dort werden wir sehen, was er ist!

Selig sind die Todten, die im Herrn sterben! Sie stärken sich durch einen sanften Schlaf zu himmlischen Beschäftigungen, um zu erwachen nach Gottes Bilde. Muß der Mensch nicht hier immer im Streite leben? Seine Tage sind wie eines Tagelöhners. Man legt ihn in die Erde, und wenn man ihn morgen sucht, beschämt ihn der Stuhl, wo er saß, das Buch, das er eben gelesen hat, denn er ist dahin; den Sucher ergreift ein Schauder. Heil dem, der in der Jugend vollendet wird! Er kommt froh zum Grabe, wie Garben mit Jauchzen eingeführt werden zu ihrer Zeit – du wirst liegen und schlafen ganz mit Frieden, denn allein der Herr hilft dir, daß du sicher wohnest – –

Zu allem diesem sprach meine Mutter den Segen. Empfange, sagte sie mit gerührtem Herzen, hierauf den Segen des Herrn:

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über euch und sey euch gnädig! – und da kein Chor antwortet, setze ich, sagte sie, selbst hinzu: Der Herr erhebe sein Antlitz auf uns und gebe uns seinen Frieden, Amen!

Sie sprach diese Worte mit einer so zuversichtlichen Segensstimme, daß meine Seele das Licht sah, das mir leuchten sollte bei dem schrecklichen Todesgange, und die Hülfe empfand, die mir helfen würde bei dem allerletzten letzten Todesstoß.

Kaum hatte sie ihn aber mit Herzen, Augen, Mund und Händen ausgesprochen, ihr Auge war gen Himmel gerichtet, ihre [90] Hände hatte sie auf mich gelegt – kaum hatte sie Amen gesagt, so ward sie des Segens wegen verfolgt, weil der Candidat mit den langen Manschetten, der vor vieler Zeit, wie meine Leser sich erinnern werden, einen kalekutischen Hahn verzehren geholfen, während des Segensspruchs ins Zimmer getreten war. Es war dieser gute Mann in der Bauskeschen Präpositur, welche, so wie die Seelburgsche, den dreigliedrigen Segen angenommen hatte.

Der Herr Superintendent Alexander Gräven, unter dessen Regierung, wie meine Mutter zu sagen pflegte, ich leider! das Licht der Welt erblickt, hatte im Jahr eintausend siebenhundert und achtzehn den dreigliedrigen Segen eingeführt; indessen blieb meine Mutter, so wie beim alten Kalender, so auch beim alten Segen, wenn er gleich ein Glied weniger hatte.

Meine Mutter, die, wie Brutus, nicht mehr auf den Sohn ihres Leibes, sondern auf's Unsichtbare und Allgemeine, und was noch mehr war, die Ehre der Kirche und ihre Ordnung sah, gerieth in Paul Einhornschen Eifer, sprach wider die Regierung, nicht des Herzogs Ferdinand, sondern des Gräven, ärgerte sich, daß ich und er Alexander hießen.

Er, weil ein würdiger Einhorn so geheißen.

Ich, weil man außer vielen andern Bedenklichkeiten, die sie hatte, auf den, wie sie sagte, unseligen Gedanken kommen könnte, daß ich von diesem dreigliedrigen Alexander Gräven den Namen empfangen haben könnte.

Dem Herrn M. Adolph Grot, Pastor in Windau, der sich des alten Gebrauchs angenommen, setzte sie eine Märtyrerkrone auf, und dem Herrn Pastor Christoph Sennert, der des dreigliedrigen Segens wegen Kreuzzüge thun mußte, und in gewisser Art Fähnchenführer war, hatte sie keinen Segen auf den Weg gewünscht, wenigstens sollten seine Gebeine nicht im Vaterlande verwesen, welches auch nur, wie sie sagte, zweigliedrig wäre: Curland und Semgallen.

[91] Ich will nicht hoffen, daß eben wegen dieses Unsegens (Fluch war es nicht) dieser Grävensche Adjutant unstät und flüchtig geworden, und auch wirklich in der preußischen Grenzstadt Memel sein unruhiges Leben, wiewohl schlüßlich, wie Paul Einhorn, sanft und ruhig geendigt hat.

Es würde kein Segen für meine Leser seyn, wenn ich ihnen den Streit meiner Mutter und des Herrn Candidaten auseinander setzen sollte.

So viel zur Nachricht, daß dieser Segensstreit in Curland durch den landtäglichen Schluß vom einunddreißigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreißig, und durch die Verordnung vom neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreißig, in der Art beigelegt worden, daß meine Mutter zwar nach der Zeit einsah, es sollte in Curland nicht mehr zweigliedrig gesegnet werden, indessen was sind Edikte und landtägliche Schlüsse dem Gewissen? Sie lebte und starb nach dem alten Kalender und nach dem alten Segen, und wenn sie gleich oft und viel nicht wider den Strom schwimmen konnte, hoffte sie doch, es werde alles ein Ende gewinnen, daß wir's könnten ertragen.

Den Ungläubigen, die vielleicht auf den Gedanken kommen könnten, daß ich ein Mährlein erzählet, zur Beschämung, will ich wörtlich die segensreiche Verordnung unter die Augen setzen, welche den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreißig in der Residenz Mitau gegeben worden:

»Von Gottes Gnaden Wir Ferdinand, in Liefland, zu Curland und Semgallen Herzog, geben allen Einsassen dieser Herzogthümer zu vernehmen, daß in diesem letzten landtäglichen Schluß vom einunddreißigsten Julius jetztlaufenden Jahres wohlbedächtig, und alle bisherige Discrepance und angewachsene Streitschriften unter den Geistlichen in diesen Herzogthümern einmal zu heben, den dreifachen Segen beizubehalten und durch Publicationes festzusetzen,[92] beschlossen worden. Dahero Wir denn, kraft dieses unsers Patents, sowohl dem wohlehrwürdigen und hochgelahrten Herrn Alexander Gräven, Superintendenti und pastori primario zu Mitau, als allen ehrwürdigen und hochgelahrten Präpositis dieser Herzogthümer, auch sämmtlichen übrigen würdigen und wohlgelahrten Pastoribus in Gnaden befehlen, daß sie solchen dreifachen Segen, der in verschiedenen Kirchen allhier bereits angenommen, sofort, wo es noch nöthig, gleichfalls einführen und den zweifachen künftighin nachlassen mögen. Gewärtigen auch ein Gleiches von den Priestern der adeligen Kirchen, und wollen gnädigst, daß zu aller Wissenschaft dieses Patent drei Sonntage nach einander in deutscher und undeutscher Sprache von den Kanzeln verlesen, auch nachgehends ad valvas templi affigiret werden soll. Urkundlich unter dem fürstlichen Insiegel und unserer Unterschrift. Gegeben in der Residenz Mitau den neunzehnten August eintausend siebenhundert und dreiunddreißig.«

Mein Vater, der es beständig mit dem weltlichen und nicht mit dem geistlichen Arme hielt, mischte sich gar nicht in diesen Segensstreit des Herrn Candidaten und meiner Mutter, obschon ich aus anderweitigen Aeußerungen weiß, daß er's dem Herrn Superintendenten nicht verzeihen konnte, daß derselbe eigenmächtige Veränderungen zu machen sich unterfangen hätte. Er war so gleichstimmig mit der wohlgebornen Ritter- und Landschaft, daß man glauben sollen, er selbst hätte den landtäglichen Schluß vom einunddreißigsten Julius eintausend siebenhundert und dreiunddreißig entworfen, den ich meinen Lesern aber nicht vor die Augen stellen will.

Jetzt war mein Vater während dem Segensrauch ganz still und blickte zuweilen auf mich, seinen zweigliedrig eingesegneten Sohn. Da es sich zum Waffenstillstande anließ, der dem Herrn Candidaten um so rathsamer war, als er während dem Streite [93] fallen lassen, daß er heißhungrig sey, indem invita Minerva wohl schwerlich ein kalekutischer Hahn wieder sein Theil geworden wäre.

Da, sag' ich, der Herr Candidat ins Winterquartier zog, nahm mein Vater das Präsidium bei diesem Disputationsactu und sagte etwas, was weder den Opponenten noch Respondenten traf.

Von Gott, fing er an, kommt aller Segen. Meine Mutter nahm dies Wort; wollte Gott, sagte sie, Sie hätten Segen für meinen Sohn mitgebracht!

»Hier ist ein Brief von Doktor Saft und er selbst wird auch noch heute hier seyn.«

Er lebt? sagte meine Mutter.

Und ich zu gleicher Zeit: er lebt! indessen setzte ich noch das Wort also hinzu. Wir hätten auch fragweise: lebt er? die Sache nehmen können, und ich hätte das also alsdann vielleicht gespart; indessen, wollten wir ohne Zweifel den Accent auf Er legen, und es war ein Frag- und Verwunderungszeichen bei den Worten: er lebt! an Ort und Stelle.

Der Candidat, der nicht zu wissen schien, ob vom geistlichen oder leiblichen Leben die Rede wäre, zog seine Handblätter weiter heraus, denn diese Frage war ihm in alle Wege so besonders, daß er die Antwort hervorziehen mußte.

Meine Mutter kam ihm entgegen und setzte die Frage durch eine andere ins Licht.

Ist er nicht todt? und nun waren die Manschetten heraus und die Antwort:

»Ich habe ihn frisch und gesund gelassen –«

Und woher todt? fragte mein Vater.

Diese Frage befremdete meine Mutter noch mehr, als ihre und meine Frage den Herrn Candidaten. Sie wollte indessen meinen Vater keiner Lüge beschuldigen und ihn öffentlich beschämen.

Mein Vater las den Brief und sagte mit einer Stimme: [94] außer Gefahr, daß es mir auffiel, mein Leben sey ihm nach den verbrannten Papieren gleichgültiger geworden. Es war ihm so, als wenn ein Sterbender eine Pension bekäme, auf die er zwanzig Jahre gehungert, oder wenn jemand, dem alle sein jetziges und künftiges Habe und Gut heut confiscirt ist, morgen hundert tausend Dukaten durch einen Rechtsspruch gewinnt.

Ich habe es oft erlebt, daß der beste Freund, wenn er seinen sterbenden Jonathan beweint hat, im Anfange gleichgültig ist, wenn er hört, dein Freund Jonathan lebt. Er schließt nach seinem erlittenen, nach seinem überwundenen Schmerze auf den, der ihm noch bevorsteht. Bei meinem Vater wie oben.

Welch eine Veränderung bei ihm! welch eine bei mir! Meine Mutter blieb, wie sie war; ich fühlte mich die Minute besser, da diese Worte ausgesprochen wurden. Es war Schlag auf Schlag. Die Krankheit hatte mich schon vorher verlassen, nur ich nicht die Krankheit. Ich getraute es mir nicht zu glauben, daß ich gesund wäre. Lieber Herr Candidat, Sie hätten, unter uns gesagt, den Segen zuletzt lassen sollen, wie es Sitte in der Christenheit ist.

Warum soll ich's läugnen, daß mir jetzt mein letzter Wille zusammt dem Codicill, in Absicht Minchens, herzlich leid zu thun anfing; ich möchte wissen, was die Ursache war? Ich wurde Mal auf Mal im Bette blutroth, als wenn mir das Gewissen ins Gesicht sähe. Um alles in der Welt willen hätte ich das Testamentum nuncupativum zurück gehabt.

So gern meine Mutter es wissen mochte, wie das ganze Briefmißverständniß entstanden wäre, unterfing sie's doch nicht, die Auflösung in des Candidaten Gegenwart abzufragen. Die verfluchten Briefe! überall, wo sie sind, sind Falten und Verwicklungen! Spitzet nicht eure Federn, Kunstrichter, wenn sie in Romanen und auf dem Theater große Rollen spielen. Es ist wahr, sie sind der faule Knecht für unsere Theaterdichter, denn wo [95] würden sie ohne Briefe einen gordischen Knoten hernehmen? Und wie würden sie die Knoten so alexandrisch, als durch eine Antwort auf diesen Brief entzweihauen? Allein, siehe da! wie die Natur spielt, auch in einer wahren Geschichte ein Brief! und gewiß nicht der letzte.

Die blanken Nägel waren mir nicht mehr im Wege, ich bekam Appetit, eine von den Würsten zu essen, die meine Stelle vertreten sollten.

Aus dem Bette, sagte mein Vater, wenn du essen willst! Kein Mensch muß im Bette essen und trinken. Es ist schon zuviel, daß man darin schläft oder stirbt. Wer auf der Erbe stirbt, stirbt auf dem Bette der Ehren. Er nimmt's mit der Krankheit auf.

Da stand ich, wie mich Gott geschaffen hat, bis auf's Hemde –

Obgleich meine Mutter es gern gesehen, wenn ich der Krankheit standeshalber das Geleite gegeben, übersah sie dennoch diese Sünde wider die Etikette, um vielleicht meinen Vater zur Erkenntlichkeit in Beschlag zu nehmen, welche darin bestehen sollte, daß er ihr zu seiner Zeit das Geheimniß des Briefes und der Feuersbrunst entdecken möchte. Ich glaub's schwerlich, liebe Mutter, wenn du nicht durch die Künste der Palingenesie – –

Der Doktor fand mich beim Geräucherten, und das war meinem Vater gewonnen Spiel. So, sagte er, sollte der Doktor jeden treffen; gelt! wir würden weniger Patienten und – mit Erlaubnis Herr Doktor – weniger Doktores haben. Der ehrliche Saft schämte sich, dem Puls die Hand zu geben. Nach einem Bedenken nahm er sein ganzes Doktoransehen zu Hülfe, fühlte wirklich Schande halber nach dem Pulse, indessen that er's verstohlen und so ungefähr, als ein hochwohlgeborner Herr, wenn er eines ehrlichen Bürgers Tochter geheirathet, seinem Herrn Schwiegervater die Hand gibt. – Ich riß mir die Hand los, um das abgeschnittene [96] Stück an seinen Ort zu stellen. – Der Herr Schwiegervater sollt's auch so machen.

Warum aber Geräuchertes? fragte der Doktor. »Weil er's gewollt« (mein Vater und meine Mutter). Hierin war meine Mutter mit meinem Vater gleichlautend, denn sie hatte Beispiele, daß viele Leute mit Sauerkraut von hitzigen Fiebern, und kalten Fiebern, und faulen Fiebern, und Flußfiebern, und Seitenstechen, und Entzündung der Lunge, und Entzündung der Leber, und Entzündung des Gekröses, und Frieseln und Schlagflüssen, und Herzgespann und vielen Suchten und Gichten kurirt wären. Die Stimme des Magens war ihr eine heilige Stimme.

Der Doktor Saft und sein Freund, der Herr Candidat, fanden für gut, drei Tage bei uns zu bleiben. Ich will nicht hoffen, Herr Candidat, um auch hierin dreigliederig zu seyn! Meiner sonst gastfreien Mutter waren sie unausstehlich, denn sie ward wegen des Briefstaubes durch die Gegenwart entsetzlich gemartert. Es zog der Doktor Saft während dieser drei Tage mit andern Leuten in der Nachbarschaft Schach, und war fröhlich und guter Dinge, als ob er immer gewönne.

Schon ehe der Doktor angekommen war, hatte mein Vater den Staub, der mich am allerersten als seines Gleichen bewillkommen sollte, in weißes Papier eingesargt; ich glaube, es war ein großer Bogen Postpapier, weil, wenn gleich die Thränen nicht alles zurückhalten können, und vieles in die Luft gesprengt war, doch immer von einer Handvoll Papier ziemlich viel geweihete Asche zurückbleiben mußte.

Es schien mir indessen, da ich zusahe, daß mein Vater diese Asche nur vorderhand in sein Nußbaumschränkchen beisetzte, weil der Paradesarg noch nicht fertig war.

Kaum hatte der Doktor, der unvermuthet nach drei Tagen zum Uhrwerk eines andern Pulses zu reisen nothwendig fand (sonst [97] wär' er länger geblieben), mit seiner Hand meinem Vater und Mutter zum letztenmale einen Kuß zugeworfen und sich tief herausgebogen, kaum war er ihrem Auge entfahren (der Candidat, sein Freund, war eine Stunde früher ohne eine solche feierliche Begleitung und ohne einen Kußwurf abgereiset), fing meine Mutter an:

Der Brief – – – Um Verzeihung, liebe Mutter! warum? Schach dem Könige! warum gleich mit dem Hauptworte? Eine Hauptschlacht ist bei einer solchen Gelegenheit nicht immer das rathsamste. Warum so geradezu und nicht durch ein Strategem? Für Helden, die in einem Jahre die Geographie so unbrauchbar machen können, wie den vorjährigen Kalender, ist freilich kein Strategem; eine liebe Frau Pastorin aber, die keinen Beruf zur Amazonin hat, kann den Vogel im Neste greifen.

Was für ein Brief? erwiederte mein Vater. Mich dünkt eine schlechte Deckung auf Schach dem Könige. Meine Mutter war auf diese Frage unvorbereitet, indessen verlor sie noch nicht den Muth; sie hatte Hülfsvölker in Bereitschaft.

Den du eingeäschert hast, sagte sie, und setzte in einem Tone: mein Kind, dazu, daß man wohl einsah, wie sie, wenn es nicht anders wäre, auch zum edeln Frieden bereit sey. Noch streckte sie indessen nicht das Gewehr. Ich hielt ihn, sagte sie, für einen Brief vom Herrn Doktor Saft (sie nannte ihn Herr, welches sie mit Anwesenden selten that, es wäre denn, daß sie vom Herrn Superintendenten gesprochen hätte; auch die Herren Praepositi hatten schon diesen Vorzug, nur der Bauske'sche und Seelburg'sche ausgenommen, die Dichter hatten alle Herr).

Dieser Brief hat uns alle in Unordnung und Verwirrung gebracht. Ich dachte, Saft sey todt.

Du hast unrecht gedacht, mein Kind.

Aber der Brief, sagte meine Mutter. Sie war einmal in Unordnung, und wie eine Uhr, die unrichtig ist, so lang von eins bis [98] zwölf immerfort schlägt, bis das Gewicht abgelaufen ist, war auch sie mit ihrem: der Brief.

Glaube mir, mein Kind, erwiederte mein Vater, es gibt nicht Aerzte, Wundärzte gibt's hier und da einen. Hier folgte ein langes Kapitel für und wider die Aerzte, wodurch meine Mutter in eine solche Enge gebracht wurde, daß sie nicht aus noch ein wußte.Ehre den Arzt, sagte sie in der Verwirrung; allein welch eine allgemeine Ursache? erwiederte mein Vater; denn der Herr hat ihn gemacht. Wenn dem Arzte keine andere Ehre zukommt, so sind sie eben nicht hochgeehrt! Was thun sie auch? Sie sind unsere Peiniger. Sie suchen eine Ehre darin, daß wir durch ihre und nicht durch die Hand der Natur sterben. Sie sind privilegirte Giftmischer und subtile Todtschläger, die ein Recht promovirt haben, tödten zu können; und wenn's ihnen glückt, wenn sie einen Menschen auf ein halb Jahr befristen, ist's ein Mensch? eine Mißgeburt ist's, ein im Reich der Todten Angeworbener. Wer einen Arzt annimmt, hat vom Tode Handgeld genommen. Aerzte sind seine Werber! Mein Vater sprach den Recepten Ehre und Redlichkeit ab. Hätte die Natur nicht gemischt, wenn die Mischung nöthig gewesen? Er wollte, daß man den Aerzten den Proviant abschneiden und die Apotheken zerstören sollte. Den Arzeneien aus dem Pflanzenreiche ließ er Gerechtigkeit widerfahren. Wenn ein Arzt, fuhr er fort, krank wird, kurirt er sich nicht selbst, sondern ersucht seine Herren Kollegen, Standrecht über ihn zu halten. Er selbst weiß wohl, daß er nichts weiß; indessen mit der Kunst geht's ihm wie einem Lügner mit der Lüge, die er oft und viel für Wahrheit ausgegeben – wie einem Schwarzkünstler. – Der Arzt hält die Kunst am Ende selbst für Wahrheit, und denkt, die Unwissenheit hab' an ihm gelegen. Ein kranker Arzt schickt also zu andern Aerzten, und diese, wenn gleich sie den Kranken wegen seiner zeither geleisteten vielen Wunderkuren, wodurch er sie bei [99] weitem übertroffen, von Herzen beneiden, denken doch, heute mir, morgen dir! und würden dem Herrn Kollegen gern helfen – wenn sie nur könnten. Wenn die Natur sich selbst nicht mehr helfen kann, ich möchte den Arzt sehen, der Naturstelle vertreten könnte? – Wie kann er den Weg wissen, den die Natur will? Geht sie zur Rechten, so will er zur Linken. Geht sie zur Linken, will er zur Rechten, und am Ende – da sie sieht, man traue ihr nicht, man haue sich Brunnen, wo kein Wasser ist, wird sie der Neckerei überdrüssig, und dieß ist das Gericht der Verstockung im leiblichen Sinn. – Am Ende weiß er, was nicht alle wissen wollen, die Signa mortis, obgleich auch selbst hiebei viele Ungewißheiten vorfallen.

Wie meiner Mutter bei allem diesem zu Muthe gewesen, kann ich mir sehr klärlich vorstellen.

Sie wollte indessen noch einmal eine Schwenkung mit der Fahne versuchen; wer weiß, dachte sie, ob sich die zerstreuten Leute nicht sammeln. Sie sagte, was sie schon oft gesagt hatte, und was ich meinen Lesern nicht mehr sagen mag; weiter nichts, als –der Brief – und mein Vater machte ihr ein Gesicht, das ich einem jeden Ehemann als ein probates Hausmittel empfehlen würde, wenn seine Frau zu oftder Brief sagt, und wie eine verdorbene Uhr in einem Zuge von eins bis zwölf schlägt, wär's auch das beste Weib in der Welt und eine liebe – – Ein Gesicht dieser Art hat seinen guten Nutzen. Eigentlich sollte ich nur sagen das linke Auge, denn über das ganze Gesicht darf es sich nicht verbreiten, auch das rechte Auge kann frei bleiben, oder darf diese feindliche Einquartierung nicht einnehmen. Dieß ist das einzigste, was ich einem Manne von seiner Herrschaft zugestehen kann. Es ist dieß Gesicht so sehr von Zorn entfernt, daß der Ehemann hiebei seiner Frau die eine Wange küssen kann.

So oft mein Vater dieses Gesicht machte, blieb meine Mutter plötzlich still, und das geschah oft mitten im Wort, so daß sie zuweilen [100] a – anfing, das ber indessen hatte das linke Auge meines Vaters getroffen. Arme Mutter! wenn du nur besser angefangen hättest. Warum eben »der Brief!«

Kurz, meine Mutter erfuhr nicht, wo der Brief herkäme, und wie's mir vorkam, konnte sie auch nicht einmal auf Spuren kommen; so total war sie aufs Haupt geschlagen. Sie zog ohne Ehrenzeichen aus ihrer Festung, ohne Unter- und Obergewehr, ohne klingendes Spiel, ohne fliegende Fahne, brennende Lunten, Kugel im Munde, und ohne zwölf Schüsse für ihr Gewehr, großes und kleines –

Ich aber war völlig bei mir überzeugt, daß dieser Brief daher käme, wo man die Spargel früher als in Curland ißt, gleich früher in der freien Luft eine Pfeife raucht, den Wein mit der Hand aus der Quelle trinkt, und lange Manschetten trägt.

Wenn man die Augen zuhält, kann man genauer und richtiger überlegen. Zum Erfinden muß man sehen, zum Anordnen kann man blind seyn. Ein großer Kopf, der sehen und blind seyn könnte, wenn's die Umstände erfordern, müßte größer als Homer werden.

Die Umstände, die mein Vater mit dem feierlich verbrannten Briefe machte, und andere während meiner Krankheit von ihm verstreuten Worte, brachten mich auf den Gedanken, daß er von seiner Familie schlechte, unerwartete Nachrichten erfahren haben müßte. Mehr unbekannte Zahlen konnt' ich aus den gegebenen nicht heraus bringen, und gewiß, ich war weiter als meine arme Mutter, die noch nicht einen Finger breit näher vorrücken konnte, als sie ausgezogen. Meine Besserung indessen vergnügte sie so sehr, als sie meinem Vater gleichgültig schien.

Kaum war ich gesund geworden, so ermahnte mich mein Vater, daß ich mich auf die Theologie legen und mehr Fleiß als zeither darauf verwenden möchte. Ein Geistlicher, fing er an, ist der glücklichste Mensch in der Welt. In seiner Seele ist beständig Frühling, wo es weder zu kalt noch zu warm ist. Die Leidenschaften kommen [101] nie bei ihm in gewaltige Bewegung. Dinge der Zukunft sind seine Beschäftigung, und ein Mensch, der nicht von Stande ist, kann keine bessere Lebensart als diese ergreifen, wobei er hoffen lernt. Er beklagte, daß er keine Gelegenheit gehabt, die Grundsprache ex professo, wie er sagte, zu erlernen, segnete das Andenken des Conversus, der ihn jüdischdeutsch gelehrt hatte. Wenn's auch nur wäre, weil der Herr und Meister unserer Religion die hebräische Sprache geredet hätte, sollten wirs thun (nämlich hebräisch lernen) zu seinem Gedächtniß.

Wie vergnügt meine Mutter über diese theologischen Anstalten war, kann man sich sehr leicht vorstellen. Sie dachte nicht weiter an meines Vaters Vaterland, noch an den eingeäscherten Brief.


Lobt Gott mit Herz und Munde


sang sie, und mein Vater sang den andern Diskant:


Für das er euch geschenkt;

Das ist ein' sel'ge Stunde,

Darin man sein gedenkt,

Sonst verdirbt alle Zeit,

Die wir zubring'n auf Erden,

Wir sollen selig werden

Und bleib'n in Ewigkeit.


Wie sehr sich alles im Pastorat nach diesem änderte, kann ich nicht beschreiben. Gegen die vorige Zeit war kein Stein auf dem andern. Alexander und Darius ward nicht mehr gespielt.

Mein Vater, der sehr für die Quellen war, lehrte mich die christliche Religion aus der Bibel, die wenigsten lernen sie draus, pflegte er zu sagen. Das, was dir abgeht, fuhr er fort, werden dir die Schriftgelehrten beibringen. Er schien selbst nichts mehr zu wissen, als was die Fülle seines Herzens und eine andächtige Lesung der heiligen Schrift in ihm gewirkt hatte.

Von seinen vorigen Heldenthaten blieb ihm noch ein gewisser [102] Ausdruck; er nannte ihn adelich – er war feierlich dem Gedanken treu und nicht jedermanns Ding. Dem Adel und dem weltlichen Arm blieb mein Vater getreu bis in den Tod. Ich nahm täglich in Kenntnissen der Schrift zu, wenigstens war mein Herz ein Schriftbefolger. Meiner Mutter zu gefallen, mußte ich meines Vaters Kragen anlegen, und ein andermal seinen Mantel, und dann wieder ein anderes geistliches Kleidungsstück anpassen, damit sie sähe, wie es mir ließe. Eines Tages, da mein Vater viel Beichtkinder hatte, und ich meiner Mutter zu Ehren bis auf die neue Perücke meines Vaters zum Geistlichen investirt war, fing der Gedanke, der schon oft wie die Sonne auf- und untergegangen war, hell zu scheinen an. Ist es denn nicht möglich, sagte sie, daß ich dich, ehe du auf Universitäten ziehest, predigen hören kann?

Die Brodstudien haben mit den Handwerkern alles nur mögliche gemein, und meine Mutter hatte nicht ganz Unrecht, daß sie auf ein Gesellenstück bestand, ehe ich losgesprochen werden sollte. Es war ausgemacht, daß ich über einige Zeit als Geselle auf meine Künste und Wissenschaften reisen, oder, wie man es in Curland nennt, ausreisen und das Haus meines Vaters verlassen sollte. Mein Vater war einen Sonntag gegen Abend recht vergnügt, und überhaupt pflegte er nach abgelegter Sonntagsarbeit, wie ein Taglöhner alle Abend ist, zu seyn. »Das,« sagt' er selbst, »hat ein Taglöhner vor mir voraus, daß er so alle Abend ist; allein meine Freude ist eine Sabbathsfreude.«

Dieser Sonntagsfreude bediente sich meine Mutter, die ihm um diese Zeit die Gesichtsbewegungen seiner Zuhörer zu erzählen pflegte, die sie bei dieser oder jener Stelle seiner Predigt bemerkt hatte.

Was denkst du, mein Lieber! fing sie an, wär' es nicht gut, daß unser Sohn Alexander Einhorn (Alexander sagte mein Vater), ehe er uns verläßt, eine Predigt hielte? Eine Predigt? sagte mein [103] Vater, und schwieg stille, nicht aber, als ob er abbrechen wollte, sondern weil er sich nicht so geschwinde auf eine Antwort besinnen konnte. Da nun meine Mutter sein Stillschweigen eben so verstand, klopfte sie zum andernmal an, und balgte sich mit allen Zweifeln meines Vaters, die ohnedem alle sehr leicht nachgaben, weil er selbst keine Lust zu zweifeln hatte. Der alte Herr beging hiebei einen tückischen Streich, denn da ihn meine Mutter über diese Sache ebenfalls zum Vertrauten gemacht hatte, schlug er ihr den fünften Vers aus dem zehnten Kapitel des zweiten Buchs Samuelis zum Text vor. »Ich will's vortragen, Herr Cantor Herrmann,« sagte sie. Sie hielt Wort, und da man nachschlug, fanden sich die Worte: »bleibet zu Jericho bis euch der Bart gewachsen ist, so kommet dann wieder;« das war gewiß mehr als eine Schneidernadel! Dominica III. post Epiphanias ward beschlossen, daß ich Dominica Judica meine erste Predigt in unserer Dorfkirche ablegen, oder, wie es meine Mutter in der Sprache ihrer Ahnherren nannte, mich hören lassen sollte. Ich entwarf die Predigt selbst, mein Vater gab das Imprimatur, nachdem er sie befeilt hatte. Meine Mutter sonderte mir die Lieder aus. Dieses macht' ihr viele Mühe. Ein Lied war um einen Vers zu lang, ein anderes war wieder um einen zu kurz; bei manchem war die Melodie nicht der ersten Predigt angemessen, bei noch einem war noch was anderes zu bedenken: endlich getroffen. Ich habe den sehr bescheidenen Autorausdruck: befeilen, gebraucht, die Wahrheit aber zu gestehen, that mein Vater mehr. Ich hatte den Styl so sehr von den Feldreden beibehalten, daß alles Trommel und Trompete war, und zum Kammerton herabgestimmt werden mußte.

Bei der Nutzanwendung z.E. gab ich Kanonenfeuer auf die Sünder, ich versicherte sie, daß sie im Pfuhl, der mit Pech und Schwefel brennt, o Solon! Solon! rufen würden. Den Pech und [104] Schwefel strich mein Vater, und setzte: in den Flammen des Gewissens. Den Solon, Solon ließ er stehen.

Die ersten vierzehn Tage erzählte meine Mutter mir vielerlei Begebenheiten, die ihren verstorbenen Hochwohlehrwürdigen Ahnherren begegnet, und durch die Tradition bis auf den heutigen Tag unverloschen bei der Familie geblieben wären. Ein Literatus hätte nämlich sehr pathetisch seine heilige Rede angefangen, allein er wäre gleich beim ersten Theile in die Irre gerathen. Mein seliger Aelter- oder Großvater hätte ihm lateinisch zugerufen: ab initio (von vorn) und der Literatus wäre wieder nur bis auf diese unglückliche Stelle, wo er schon einmal den Faden verloren, gekommen. Noch einmal hörte der nun Trostbange die Stimme ab initio, und da er wieder diese unglückliche Stelle berührte, fiel (meine Mutter sagte dieß mit vieler Theilnehmung) ihm das Amen zu rechter Zeit ein. Das Dorf, welches das ab initio für bravo! gehalten, hatte dem Herrn Candidaten, der aus Angst gewaltig geschwitzt, das Zeugniß beigelegt, lange keine so gute Predigt gehört zu haben.

Ein andrer Candidat hätte aus Angst die Kanzel verfehlt, und anstatt beim letzten Wir glauben all' auf die Kanzel zu steigen, wär' er geradezu aus der Kirche gegangen. Mein lieber Herr Großvater hätte also ex tempore seine Gemeine bewirthen müssen. Ein dritter hätte die vierte Bitte zweimal gebetet, woraus man geschlossen, daß er zwei Magen hätte. Noch ein dritter hätte, und dieß schien ihr die traurigste Begebenheit zu seyn, das Vater Unser nach der Predigt zu beten vergessen. Der arme Mann! Er hat keine Kanzel weiter bestiegen. Dein lieber seliger Großvater rieth ihm zu einer andern ehrlichen Handthierung, indem derjenige, der vergäße das Vater Unser auf der Kanzel zu beten, mit Zuverlässigkeit es als ein Omen ansehen müßte, daß er nie mit Ruhm in den Priesterorden aufgenommen werden könnte.

Endlich wär' es einem in der Predigt vorgekommen, der Herr [105] Pastor, der mit ihm in die Kirche gekommen, sey in ein Bildniß, wie Loths Weib in eine Salzsäule, verwandelt. Die Geschichte verdient gelesen zu werden, obgleich sie nicht in der Familie meiner Mutter sich begeben hat. Der Herr Pastor hatte sich bei lebendigem Leibe in Lebensgröße malen lassen, und dieses Bild war so getroffen als die Trauben desZeuxis, welche die Vögel lüstern machten. Der Herr Pastor war da mit Leib und Seel.

Damit ich meinen Lesern die Bemerkung meiner Mutter nicht verhalte, so kam die Ehre der Aehnlichkeit nicht dem Künstler, sondern dem Herrn Pastor zu. Er hatte etwas im Gesicht von Karl XII. und Martin Luther, die jeder Töpfer trifft, wenn er sie auf den Teller hinwirft, und die der liebe Gott mit einem besondern Gesicht ausgerüstet hat. Ich, sagte sie, möchte sie treffen, obgleich ich nicht weiß, was ein i-strich in der Malerei ist.

Beim zweiten Theil fällt dieses Bild dem armen Candidaten ins Auge. Wer eine Predigt im Kopfe hat, und zum erstenmal pro candidatura sich hören läßt, kann nicht alle Ideen in ihre rechte Fächer bringen. Ein Duodezbändchen kommt dann wohl zum Folianten zu stehen. Dem armen Mann kommt's vor, er sähe ein Gesicht, er wird bleich, und mit den Worten: Herr Pastor, Herr Pastor, Herr Pastor, die immer schwächer nach dem Grade der Ohnmacht werden, fällt er rückwärts von der Kanzel. Doch Gottlob! setzte sie hinzu, ohne sich weiter am Leibe Schaden zu thun.

Die Woche vor der letzten ließ meine Mutter nach, ihre Gespensterhistörchen zu erzählen.

Ich wußte die Predigt ganz fertig und war gezwungen, aus kindlicher Liebe, wiewohl gegen ein schönes Stück geräucherten rohen Schinken pro honorario, gerad' unter dem schon genug gepriesenen Bildniß, das ich mit Ehren dem Himmel zugebracht, Probe zu halten.

[106] Dieser Ort war Kebla für meine Mutter. Nach meiner Meinung war dieses eine Goldprobe. Bin ich hier bewährt und komm' ich in der Speisekammer nicht aus dem Concept, wo mich der Geruch auf allerlei Dinge führt, wird es in der Kirche noch besser zum Amen kommen. Es ging in der Speisekammer alles bis in den dritten Theil gut. Da warf der Wagen um. Meine Mutter fiel nicht mit ab initio ein; allein nach glücklich erreichtem Ende sagte sie mir im Vertrauen, daß mein Vater weit besser gethan haben würde, es bei drei Theilen bewenden zu lassen. Er hat ja selbst, setzte sie hinzu, im vorigen ganzen Kirchenjahre nur ein einzigesmal vier Schüsseln oder Theile aufgetragen. Indessen war der vierte Theil so wenig Schuld daran, als ich mein Schnupftuch zu Hülfe nehmen und husten mußte, daß mich vielmehr der angenehme Rauchgeruch aus der Fassung brachte. Ich besann mich bald wieder, und meine Predigt kam in der Speisekammer mit vielem Beifall zum Ende. Meine Mutter hatte herzlich geweint. Wie ich die Sünder anredete, mußte ich das Gesicht gegen die weißen Erbsen wenden (sie waren dieses Jahr sehr wurmstichig). Sobald ich aber von diesen auf die Frommen kam, die ich in meiner Predigt meine Brüder nannte, mußt' ich das Gesicht meiner Mutter zukehren, welche anfänglich durchaus verlangte, ich sollte auchmeine Schwestern dazu setzen, bis ich sie durch die heilige Schrift selbst auf andere Gedanken brachte. Sie umarmte und segnete mich, wiewohl wieder zweigliedrig mit beiden Händen, so daß jede Hand ein Segensstück sich zueignete. Die Zeit der Ernte ist vorhanden! sagte sie, weißt du noch, was ich dir hier an dieser heiligen Stätte gewünscht habe? Meine Ermahnungen sind auf ein gut Land gefallen. – –

Ueber diese Zurückerinnerungen bei diesem Erntefest vergaß ich das Stück rohen Schinken, welches mir meine Mutter für diese Cabinetspredigt versprochen hatte. Sie selbst hatte bei der in der [107] Speisekammer genossenen Seelenspeise den Leib ganz und gar vergessen. Ich habe indessen diese Schuldpost mit Zinsen usque ad ultimum solutionis momentum zurückerhalten. Die ganze letzte Woche vor der Predigt wurde von meiner lieben Mutter so wie der heilige Abend vor einem der drei hohen Feste angesehen. Sie feierte Weihnachten, Ostern, Pfingsten meinetwegen auf einmal, und alles ging auf Zehen. Am Freitage führte mich mein Vater zwischen zehn und eilf des Abends in die Kirche, und setzte mich mit meiner Mutter, die eine kleine Laterne in der Hand hielt, in seinen Beichtstuhl. Ich wurde durch diesen Schein der Lampe in ein so heiliges Feuer gesetzt, daß ich meine Predigt mit einer solchen Rührung ablegte, als ich bei der ordentlichen Ablegung nicht empfand, bei welcher ich nur auf die Gesichtszüge dieses oder jenes merkte, und insbesondere nicht vergaß auf Nr. 5 zu sehen, wo mein liebes Minchen saß.

Im Vorbeigehen will ich bemerken, daß wenn gleich Minchen aufgehört hatte die königliche Prinzessin und ich Alexander zu seyn diese alte Liebe, wiewohl unter anderm Namen, fortgelodert habe.

Mein Vater war außerordentlich mit dieser Predigtprobe zufrieden. Predige, so lange du lebst, mit einer solchen Rührung, mit einem solchen Gott ergebenen Herzen, sagte er, so wirst du dir und denen nützlich werden, die dich hören.

Diese Probe in der Kirche war inzwischen, so spät sie auch anfing, einem Paar Leuten aus unserm Dorfe nicht entgangen. Die Laterne in der Hand meiner Mutter hatte einen solchen Wiederschein geworfen, daß in der ganzen Gemeine das Gerede ging, es würde sich ein bedeutender Todesfall ereignen, welches auch nach einer geraumen Zeit durch das Ableben eines Cavaliers unsers Kirchspiels und der Frau des alten Herrn in Erfüllung ging.

Am Sonnabende vor der ersten Predigt war im Pastorat alles so feierlich still, als es noch nie gewesen; meine Mutter sagte [108] selbst, »wie vor der Erschaffung der Welt.« Meine Mutter hatte die Lieblingsschüsseln auf den andern Tag für mich bestellt, und entdeckte mir wohlbedächtig schon Sonnabends am Hühner-oder Polterabend, womit sie mich Sonntags erfreuen würde. Auch der liebe Gott, setzte sie hinzu, erfreut seine Kinder in dieser Welt mit leiblichen Gaben. Wer am ersten nach seinem Reiche trachtet, erhält diese Zugaben und empfähet sie mit Danksagung und Wohlgefallen.

Bald hätte ich einen Zug vergessen, der mir sehr rührend und eben so lächerlich vorkam. Ungefähr um eilf Uhr in der Nacht auf den Sonntag, da meine Mutter in der festen Meinung war, ich sey schon eingeschlafen, kam sie in meine Kammer, und nachdem sie das Concept zu meiner Predigt sehr andächtig aus der Bibel genommen, legte sie's mir unters Kopfkissen, murmelte einige mir unverständliche Worte und ging davon. Schon war ich im Griff nach der Hand dieser lieben Mutter, um sie zu drücken und zu küssen. Ich konnte diese – ich will sie Brautnacht nennen, nicht schlafen, und war also ein Augenzeuge von diesem Vorgange, wenn ich gleich meine Augen bis auf ein kleines Ritzchen verriegelt hatte.

Des Morgens erfuhr ich den Aufschluß dieser Ceremonie, die sich von der Schwester der Mutter meiner Mutter herschrieb, welche behauptet hatte, daß das Concept unterm Kissen sehr das Gedächtniß stärke. Ich glaub's nicht, fügte meine Mutter hinzu, indessen ist's in der Familie beibehalten bis auf die vorige Nacht.

Ich hielt meine Predigt mit erwünschtem Glücke, allein ohne Rührung, indem, wie ich schon bemerkt habe, mein Auge herum wankte und bei Nr. 5 sich lagerte.

Ich sah ein, was mein Vater oft zu behaupten pflegte. Ein Geistlicher muß wie ein Vater zu seinen Kindern reden. Wenn er sich's aufschreibt, muß er's nicht der Gemeine, sondern seines [109] Gedächtnisses wegen thun. Auch ein Vater macht sich wohl ein Promemoria, wenn er viel mit seinem Sohne zu sprechen hat.

Meine Predigt nannte er eine Kirchenchrie, ein Exercitium, und sehr richtig.

Wer, pflegte er zu sagen, sich ein Gebet auswendig lernt, spottet Gott des Herrn. Entweder muß man gar nicht auf der Kanzel beten, oder man bete nach der göttlichen Vorschrift: »ihr sollt nicht viel plappern.« Sonst war mein Vater der Meinung, daß junge Leute nicht eher die mindeste Ausarbeitung machen sollten, als bis sich ihre Seele entfalten könne. In jedem Menschen, sagte er, liegen Zurüstungen und Triebfedern zu allen Charakteren. Die erste Schrift die ein junger Mensch entwirft, muß der Kupferstich seiner Seele seyn. Notabene der Kupferstich. – Wer die Tropen und Figuren erfand, erfand Masken für Diebe, Verräther, Mörder und Ehebrecher. Man schreibt sich jetzt nicht aus, wenn man schreibt, sondern man hat eine Vorschrift. – Auf die erste Predigt ist wenig von dem, was ich gesagt habe, zu deuten. Schwerlich, wenn sie auch ohne Lineal gemacht wird, kann daraus mehr erhellen, als ob der junge Mensch zum Gesetz-oder zum Evangelienprediger gedeihen werde.

Meine Mutter hätte gern gesehen, wenn ich ein Paar Verse nach mütterlicher Weise eingewirkt hätte, allein es ging ihre Meinung nicht durch. Warum predigt man denn nicht mitten im Liede? fragte mein Vater. Meine Mutter konnte nichts dagegen singen.

Alles, was man wünschen konnte, wünschte mir Glück, nur Minchen nicht, diese ging aus Nr. 5, als ob sie nichts gehört hätte. Ihr Scherflein, ein verstohlener Blick, galt aber mehr, als alle übrige klingende Münze. Sie hatte mich nach dieser Predigt noch lieber als ehemals, ohne daß ich einsehen konnte, was eine Predigt auf die Liebe für einen Einfluß haben könne.

Nach der Zeit erklärte ich mir dieses Räthsel. Das Frauenzimmer [110] liebt Leute, die öffentlich reden und Geschäfte treiben; vielleicht weil es Herzhaftigkeit verräth, vielleicht weil die Ehre, die auf den Verehrten fällt, auf sie zurückprallt. Kurz ich gewann beiMinchen. Ich hatte sie in der Predigt angesehen, ich hatte Gott in der Kirche (so kam es ihr vielleicht vor) hierdurch zum Zeugen unsrer Liebe angerufen. Wir waren nur eine Seele vor der Predigt, nach der Predigt war ich der Mann ihrer Seele und sie das Weib der meinigen. Im Küssen kamen wir uns nach dieser Predigt oft auf dem halben Wege entgegen, an mehr dachten wir beide nicht.

Der alte Herr wollte wieder mit einem Spruch bei meiner Mutter gut machen, was er mit einem Spruch verdorben hatte. Man kann vom jungen Herrn, versicherte er, nicht sagen, was man vom Herrn Pastor in – sagte, der die Gemeinde von seinem Herrn Vater erbte, und mit ihr des Vaters Concepte. »Alles, was der Vater hat, ist sein, und von dem Seinen wird er's nehmen, und euch verkündigen.«

Meine Mutter sprach gleich nach eingenommenem Mittagsmahl von Universitäten, allein mir schienen Universitäten ein sehr unnöthig Ding zu seyn. Ich wiederholte ihr das, was mein Vater darüber verkündigt hatte.

Müssen denn alle Bäume, die ihr Haupt emporheben sollen, ehe sie an Stelle und Ort kommen, in einer Baumschule ihre Jahre stehen? Wo Gott und die Natur ist, da ist eine hohe Schule. Gott wohnet nicht in Tempeln, mit Menschenhänden gemacht, nicht in Jerusalem, sondern in ihm leben, weben und sind wir.

Wer läugnet, daß auf Universitäten geschickte Männer sind; allein ich glaube, daß ein geschickter Mann sein Licht nicht bloß auf der Universität leuchten lassen, sondern schreiben werde. Professor Sokrates schrieb nicht; allein, es schrieben andere für ihn,[111] und sobald ein Professor schreibt, warum sollen wir hin, ihn zu sehen? – Warum soll ich einen Geistlichen bitten, die Predigt zu halten, die gedruckt ist? Ist's wo, damit ich reden höre, kann ich denn nicht laut lesen?

Da griff mich meine Mutter. Dein Vater und sein Wort in Ehren, nur in diesem Stücke hat er Grundsätze, daß man beinahe glauben sollte, er wäre auf keiner Universität gewesen.

»Wollte Gott, er wär's nicht, denn in Wahrheit, er verdient so sehr Pastor zu seyn, als die auf zehn gewesen sind.«

Alles gut, allein beim Hebräischen stehen die Ochsen am Berge.

»Ein Conversus.«

Sag mir nichts vom Conversus, Gott leite den unsrigen auf meinen Instruktionswegen! Besser wär's für ihn gewesen, wenn ich ihn schriftlich instruirt hätte. Was kann (um auf deinen Vater zurück zu kommen), was kann, im Grund genommen und aus der Tiefe geschöpft, was kann ein Conversus? Muß man nicht in die Kirche, obgleich Predigtbücher feil sind?

»Doch nicht jeder?«

Nicht jeder?

»Nein.«

Nicht?

»Der Prediger.« –

Hätt' ich meiner Mutter einen Augenblick Zeit bei dieser Antwort gelassen, wär' ich verloren gewesen, allein ich erklärte mich, daß ein Prediger nicht hörte, sondern redete, und mithin eigentlich nicht in der Kirche wäre.

Diese Erklärung öffnete ihr viele Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß er erst sich und dann andere zu bekehren zur Pflicht hätte, wie er denn sich auch selbst hörte, im Fall er nämlich nicht taub wäre. Ich oder eigentlich mein Vater fuhr fort:

[112] »Es ist unmöglich in drei Jahren alles zu lernen, was fünfzehn Professores wissen.«

Wer sagt's, antwortete sie, du sollst nur erfahren, wo du weiter nachschlagen kannst.

»Das sagt mir aber jedes Register.«

Das liest du in jedem Register, willst du sagen.

»Und liebe Mutter! unsere jungen Herren, die von Universitäten kommen? – –«

Alles recht, allein du sollst ein Vorbild werden der Heerde – du hast Talente, die müssen auf einer privilegirten Wage gewogen und das Gewicht durch ein beglaubtes Testimonium bezeichnet werden. Es wird in schönem Latein gegeben.

Die Talente brachten mich auf ein weites Feld, ich sagte zwar nichts, was nicht mein Vater schon öfters gesagt hatte; ich sagte aber, wovon ich überzeugt war. Man klagt überall über Unterdrückung der Talente, und daß so viele Lichte unterm Scheffel bleiben. – »Glaubt's nicht,« pflegte der gute Mann zu sagen. »Wer ein recht Talent hat, brennt sich durch den Scheffel durch, dessen Flamme so weit nicht reicht, bleib' unterm Scheffel, oder bleib im Lande und nähre sich redlich.« Muß denn, wer ein Talent hat, gleich ein Buch schreiben? Kann man nicht ein Talent haben und den Pflug führen? Ein Talent ist Hefen. – Er macht, daß sich der Teig hebt, wenn er herein gelegt wird.

Protagoras, der Taglöhner, legte und band sein Holz so künstlich, daß er dem Demokritus ins Auge fiel, der ihn die Wissenschaften so legen und binden lehrte, und so findet jeder Protagoras seinen Demokritus, obgleich noch die Frage bleibt, hat Demokritus dem Protagoras eine Last abgenommen oder aufgelegt?

Niemand als Minchen machte mich so beredt, und da endlich meine Mutter mir entgegensetzte, daß, wenn ich nicht auf Universitäten gewesen, ich nicht Pastor werden könnte, kam ich auf andere [113] Gedanken, und das (wie zuvor) auch Minchens wegen. Ich sah, wie ein Erleuchteter, auf einmal alle Gründe meiner Mutter ein, und hatte keinen Zweifel mehr als den: Muß denn jeder in der Fremde als Gesell arbeiten und wandern, eh' er Pastor wird? Diesen Zweifel löste mein Vater.

Was er wider die Universitäten gesagt hatte, war vorm Brande geschehen. Jetzt war er zwar eben kein Apologist der hohen Schulen, denn so sehr konnt' er nicht seinen Grundsätzen untreu werden; allein er war der Meinung meiner Mutter, die ihn sehr bat, mir andere Gedanken einzuäugen, die aber schon wirklich, ohne daß es meine Mutter gemerkt hatte, bei mir in Blüthe standen.

Kinder, sagte mein Vater, sollte man keinem Menschen anvertrauen, der nicht auch Kinder hat oder gehabt hat, so wie man keine Hebamme anzunehmen pflegt, die nicht weiß, wie es einer Gesegneten zu Muthe sey. Wenn ich ja einem Arzt ein Ohr zuneigen sollte, ich sage mit Fleiß ein Ohr – obgleich ich Gott lob beide brauchen kann – müßte er selbst die Krankheit haben, die er curiren will. In diesem Fall wird mir ein Hufschmied und eine entzahnte Matrone eben so willkommen, als ein rother Mantel seyn.

Seht da! warum ich dem alten Herrn, der Schuster, Schneider und Töpfer ist, alle diese Handwerke auf Herz und Seele der ihm anvertrauten Jugend anzuwenden gestatte. Sein Sohn Benjamin und seine Tochter Wilhelmine haben ihn examinirt und tüchtig befunden. Es sind gut gezogene Kinder.

Bei dem Worte Wilhelmine zog ich mein Schnupftuch aus der Tasche, ohne sonst zu wissen warum, als des Namens Wilhelmine wegen.

Man muß alles von sich anfangen. Selbst wenn die Schulgelehrten die Existenz Gottes beweisen wollen – Schande ist's zu sagen, daß sie's wollen – fangen sie von sich an: ich bin, sagen sie, [114] also ist auch Gott der Herr. Es sind gewisse Geheimnisse, welche die Natur, obschon der Kunst viel verrathen worden, doch für sich behält, und dahin gehört die Kinderzucht. Man wird in dieses Geheimniß allein durch die Vaterschaft initiiret. Ich glaub' es steif und fest, daß jeder Vater, wär's gleich ein Bürstenbinder, und jede Mutter, wär's gleich eine Bürstenbinderin, ihre Kinder erziehen können, und es also nicht nöthig haben, andern Unterricht für die kleinen Bürstenbinderchen in einem öffentlichen Laden zu kaufen. Wie sollte wohl die Natur so ungerecht seyn, das Größere zu geben und das Kleinere zu versagen? Du weißt, Alexander, was dein Vetter, der große Summus Alexander (an diese Vetterschaft hatte er lange nicht gedacht) seinem Lehrer, dem Summus Aristoteles für ein Compliment machte, im rechten Sinne ein Compliment: er hätte ihm mehr als seinem Vater Philipp zu danken. Sobald Alexander bleiben wollte, was sein Vater war, hatte er Unrecht. Wollte er aber die Grenzen seines Reichs erweitern, und nicht Bürstenbinder bleiben, setzte meine Mutter hinzu, hatte er Recht. Da liegt der Grund von dem Leben der Erziehung. Der Vater, der aus seinem Sohne mehr machen will, als er selbst ist, muß freilich einen andern Weg einschlagen. Indessen sollte dieser andere Weg keinem Vater verstattet seyn, der nicht Alexanders zu Kindern und Aristoteles zu Lehrern aufweisen könnte. In diesem Falle müßte, aller Beispiele vom Gegentheile ungeachtet, die Jugend, die Gnadenzeit, der Morgen nicht versäumt werden.

Der Staat braucht viel Hände, aber wenig Köpfe. Ein politischer Kannengießer ist ein schlechter Kannengießer und ein schlechter Bürgermeister; die Kenntnisse des gemeinen Mannes müssen bei der Hand bleiben und nicht bis zum Kopfe kommen. Wer dem Menschen das Denken nehmen will, setzt ihn herab. Denken kannst du, du kannst denken, das Grübeln, das Weiterhinausdenken als vier und zwanzig Stunden, zwölf in die Länge und zwölf in die [115] Breite, ist dem Menschen schädlich, und Tinte und Feder, Papier und Presse sind eben solche Verheerer des menschlichen Geschlechts, als Bomben, Kartätschen und Pulver und Schrot und Büchsen und Säbel.

Mein lieber Vater war über diesen Gegenstand ein Verschwender, er gab ungezählt – ich will bedachtsamer zu Werke schreiten und mit geiziger Kürze nur etwas von seinen Grundsätzen ausgeben. Der Himmel gebe, daß es lauter seltene Schaustücke wären, ich würde sie meinen Lesern herzlich gönnen.

Daß jeder Kinderlehrer verheirathet seyn müsse, wissen wir schon. Man hat, sagt' er, lange auf Verbesserung der niedern Schulen gedacht, und freilich müssen diese eher verbessert werden, als hohe, wo du, mein Sohn, dein Heil versuchen sollst; allein man sollte noch eine Stufe heruntertreten und mit der Verbesserung der Mütter dieses gute Werk anheben. Man sollte Töchter ziehen, ehe man noch an Söhne kommt. Jetzt ist die Erziehung, wenn man an die Männer appellirt, gemeinhin schon in der ersten Instanz von unwissenden und ungeschickten Sachwaltern verdorben, und die Kur einer von der Mutter verfälschten Seele. – Was in so vielen Generationen verdorben ist, muß wieder allmählig verbessert und zu seinem anfänglichen Wesen gebracht werden. Desperate Mittel sind eben so viel gewisse Morde. Bliebe der Mensch bloß Mensch, er müßte sehr alt werden und beinahe unsterblich seyn. Jetzt aber, da ihn die Vernunft verleitet, von der Landstraße bald zur Rechten, bald zur Linken abzuweichen, und theils seinem Leibe, theils seiner Seele zu viel zu thun, fällt er eher wie ein wurmstichiger Apfel ab. Er hat einen Wurm, der ihn zehrt.

Den rechten Weg abzustecken und auf dessen Erhaltung zu sehen, wäre die Pflicht der Gelehrten. Sie sollten Wegcommissärs für das menschliche Geschlecht seyn. Wer einmal den rechten Weg verschlägt, kommt immer weiter vom Ziele.

[116] Ein Vater kann mehr als ein Kind haben und ein Lehrer mehr als einen Schüler; allein seht euch nur um. Der von zehn Jahren ist eben so weit als der von fünfen.

Man kann den Privatunterricht nicht verachten. Schulen haben ihr Gutes; der Privatunterricht, der der Natur näher verwandt zu seyn scheint, auch.

Elementarbücher sind sehr gut, allein ein Elementarlehrer ist noch besser. Für wen sollen Elementarbücher geschrieben werden? für Genies, oder für Mittelmäßige, oder für Marode? Will man sie für Mittelmäßige schreiben, um die Mittelstraße nicht zu verfehlen, auf der viele wandeln, leiden andere, die den schmalen Weg anzutreten Herz haben und die enge Pforte nicht scheuen weil sie zum Leben führt. Die Bibel ist das einzige Buch, das für alle Menschen paßt, ein göttliches Elementarbuch.

Ein poetischer Kopf darf nur vieles durchblättern, von allem nimmt er Zoll. In der ganzen Natur schreibt er Schatzung aus. Er befindet sich in den Wissenschaften auf Reisen, wo ihn oft etwas aufhält, worauf der Eingeborene, das Landeskind, der Philosoph nicht kommt. Ein denkender Kopf weiß weniger, allein seine Aecker kennt er auf ein Haar. Er thut, wenn ich so sagen darf, was der Dichter weiß. Ein großer Kopf ist eine Mischung von beiden. Selig sind, die wissen! Seliger die thun! Und am seligsten die wissen und thun! So viel Köpfe, so viel Sinne; so viel Alexander, so viel Welten; so viel Planeten, so viel Bahnen; so viel Genies, so viel Methoden.

Es ist unerhört, daß unsere Schulhalter lauter Geistliche sind. Sehr klug für die Geistlichen, besonders in der monarchischen Kirche. – Unsere Knaben werden alle erzogen, als ob sie Schulmänner werden sollten, unsere Töchter, wenn's köstlich gewesen, als Mamsells (als französische Hofmeisterinnen).

Jedes Mitglied des Staats muß sein Votum haben, wenn [117] eine allgemeine Schulanstalt im Staate erbaut werden soll. Bei Töchtern dürfen nur drei ganz gewöhnliche Weiber votiren. Diese Weiber müssen gesund seyn, jede einen Sohn und eine Tochter haben, auch NB. jede nur einen Mann. Jünglinge haben viele Zwecke; Mädchen nur den, Weiber und Mütter zu werden. Ein gutes Weib ist auch immer eine gute Mutter.

Schule und Welt ist jetzt zweierlei. Schulbegriffe sind mit einem Worte solche, denen die Erfahrung widerspricht. In der Schule sind Worte. Sachen, Nadel und Zwirn sind ein Kleid, Mittel ist der Endzweck.

Schullehrer! bleibt nicht auf der Bank mit euren Schülern, sondern zieht mit ihnen in die freie Luft der Natur, werdet Peripatetiker. Lehrt sie im Angesicht Gottes – oder laßt sie nur herumgehen; die Natur selbst wird sie besser unterweisen als ihr, wenn ihr Gottes Wetter nicht ertragen könnt.

Die Gabe zu unterrichten (donum docendi) hat jeder Mensch. Wer durch die rechte Thür gekommen ist, wird auch wieder durch die rechte Thür herausfinden. Wer eine Treppe in die Höhe steigen kann, wird sie auch herabsteigen. Bergab ist immer leichter. Wer eine Sache halb weiß, kann nur ein Viertheil beibringen. Wer nur ein Viertheil weiß, ist ein Miethling. – Je länger ich studire, je kürzer ist die Predigt. Bedenkt den Haufen Holz, und Stein, und Ziegel, und Dachpfannen, und Glas, und Kalk und tausenderlei, eh' es ein Haus wird. Steht das Haus; alles hat sechzig Fuß in die Länge und dreißig Fuß in die Breite Raum.

Je schöner aber die Rede, desto weniger behältst du. Das Gedächtniß hat keine Zeit, anzuhalten, keine Ruhe. So was Schönes kann nur die Kunst machen, wo kein Punkt, kein Komma, kein Semikolon ist. In der Natur hat die Sonne selbst Flecken. Ein Dichter hat das kleinste Donum docendi, setze ihn auf einen[118] Lehrstuhl, auf welchen du willst. Er wirst Strahlen, allein die meiste Zeit ist er umwölkt. Aratus hat ein berühmtes Gedicht über die Astronomie geschrieben, ohne daß er sie verstand. Er würde kein Gedicht, wenigstens kein berühmtes darüber geschrieben haben, wenn er sie verstanden hätte. So nachlässig der Anzug eines Dichters ist, so sieht's auch mit seinem Wissen aus. Da fehlt ein Hemdknöpfchen, da hat das Kleid einen Kaffeeflecken und an den Beinkleidern fehlt vorzüglich bei jedem Dichter was. Bitt' ihn, sein Stubenfenster zuzumachen, er riegelt nichts zu, er zieht nur an. Es ist kein gemeines, sondern ein heiliges Dunkel, so den Dichter umgibt. Eine schöne Dämmerung, und nach Bewandtniß der Umstände Morgen oder Abend.

Wer vielerlei weiß, ist biegsam, wer einerlei weiß, ist stolz. Jener steht ein, wie viel ihm fehlt, dieser ist ein Hahn auf dem Miste.

Haben wir mehr Wege zur Seele als Empfindung und Reflexion? Wer dieß die hohe und jenes die untere Schule nennt, hat sich übel erklärt.

Das Wohlfeile, das Schlechte dieser Erziehungsanstalten meines Vaters ist, mich dünkt, sehr auffallend; es sind alles Hausmittel (simplicia).

Allein bei alledem, lieber Vater, ist dieß nichts mehr als eine gute Unterlage. Noch bist du nicht immatriculirt, und meine Leser haben von Mutterleibe ausgehen müssen, um endlich auf die Börse der Gelehrsamkeit zu kommen, wo der Cours

vls. bestimmt und Dukaten und harte Thaler nach der Zahl der Liebhaber gewürdigt werden. Die Herren Geistlichen machen sich in jeder Predigt eine kleine Bewegung vom Paradiese aus, und keuchen daher gemeinhin, wenn sie an die Herzen ihrer lieben Gemeinde anklopfen. Wenn mein Vater nur nicht keucht, anstatt daß er von der Leber wegreden sollte. Den Stand der Unschuld, den Stand [119] der Sünden, den Stand der Gnaden und den Stand der Herrlichkeit wollen wir ihm verzeihen.

Die Akademien, mein Sohn (Gottlob, Land!), sind gut und nicht gut, so wie alles in der Welt. Niemand ist gut als der alleinige Gott.

Die Akademie ist das, was bei den Zünften und Handwerkern die Fremde ist.

Ich habe nie, das weißt du, der Akademie gejubelt und Lobopfer gebracht, allein auch nie habe ich mich wider sie durch eine niedergelegte Akte verwahrt. Die Wahrheit zu gestehen, wollt' ich mit dir anfänglich zum andern Thore hinaus. Es hat große Leute auf Akademien gegeben, obgleich Newton ein Münzmeister, Copernikus ein Domherr und Leibnitz ein Hofmann war.

Mein Vater warf die Frage auf, wer auf der Universität den Kürzern zieht, der Lehrling oder der Lehrer? Allein wenn er gleich über den Lehrer länger als über den Schüler den Kopf schüttelte, so sah er doch auf den Schüler in Seelen- und in Leibesgefahr. Professores sind, damit ihn meine Leser wieder selbst hören, Sklaven, die an Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre gebunden sind. Es sind Körper in der gelehrten Welt, die nicht ihr eigenes Licht haben, sondern die vielmehr ihr Licht gemeinhin von dem Vivat junger, roher Leute erhalten; Körper, die ihren Lauf alle halbe Jahre unselig vollenden, Uhren, die zu Ostern und Michael ausgestäubt werden. Professores sind stehende Wasser, die faul werden. Ich will es, wie ich schon oft gethan, kürzen, wenn auch der Zusammenhang dabei ein paar Grane einbüßt. Ein akademischer Lehrer muß, wenn er seine Kenntnisse gut verzinsen will, marktschreien und durch eine Universalpille die Leute an seine Bude locken. Die meisten haben ein Arcanum, ein Mysterium, das sie empfiehlt, wovon sie zwei Drittheile alle halbe Jahre für sechs bis acht Thaler schwer Geld verhandeln, ein Drittheil behalten sie[120] noch zurück. Man erfährt also das Ganze nicht eher, als bis es im Druck erscheint, und siehe da! kein Mensch findet das, was der Professor fand. Es ist ein gewöhnliches Compendium.

Weiß ein Professor nur einerlei, ist er ein Pedant. Seine Wissenschaft ist der Despot, der über ihn herrscht. Weiß er (und dies ist gemeinhin der Fall, weil er mit seinen Herren Amtsbrüdern oft eine Lanze brechen muß) mehr, ist's bloß so so. Das wenigste ist Wissenschaft, was wir haben, das meiste ist Muthmaßung, Weg, den man gehen muß, um zur Wissenschaft zu gelangen. Es geht mit den Wissenschaften wie mit der Liebe: die verstohlne ist die angenehmste. Das Handwerk wird einem jeden so geläufig, daß er auf keine Erfindung kommen kann? Per aspera ad astra. Würden die Professores bloß von regierenden Herren bezahlt werden, so dürften die Wissenschaften zwar gewinnen, allein die Lehrlinge würden alles verlieren. Wie die Nonne den Psalter singt, würde gelesen werden. Die Lehrer würden nur auf das denken, was gedruckt werden soll. Jetzt aber die Metaphysik für wenige Thaler kaufen, ist unschicklich. Ein Professor, der ein Autor ist, – und wer ist nicht beides? – hält es nicht der Mühe werth, junge Leute zu unterrichten. Die Welt ist sein Auditorium, und da sitzen Kaiser, Könige, Fürsten u.s.w. auf den Bänken. Ein Autor ist ein so stolzes Ding, daß er mit dem ganzen menschlichen Geschlechte spricht.

Ein Professor spickt (lardirt) seinen Vortrag. Er ist oft gezwungen, über gesunde Speisen ungesunde und unschmackhafte Brühen zu gießen.

Und dem akademischen Jüngling! was legt sich nicht in den Weg, ihn zu stören! Da ist ein Ständchen zu bringen; da kommt ein Landsmann; da hat er sich zu schlagen; da dem Professor, der die Privilegien schmälern will, die Fenster einzuschlagen. – Die Freiheit ist ihm der Weg zur Ungezogenheit. Seine Mitbrüder [121] ersticken bei ihm den Trieb, sich empor zu arbeiten. Will er ein ehrlicher Landsmann seyn, muß er, wie der Haufen, nichts lernen. Es sind kleine Höfe auf den deutschen hohen Schulen errichtet; der Prinz, der Reichsgraf halten sich Kammerherren, Stallmeister, Hofmarschälle u.s.w.

Auf Universitäten sagt dir jeder Lehrer, nicht was du zu wissen nöthig hast, sondern was er weiß. Da lernst du den Werth der Wissenschaft nicht von dem, der sie vorträgt, sondern von seinem Nachbar, einem andern Professor, der sie verachtet.

Erinnerst du dich, was der Herr Candidat von einem benachbarten Könige erzählte, der seinen Professor der Moral selbst prüfte. Herr, sagte er, moralisir' er mir was vor, damit ich seh', ob er was weiß. Ich fand hier viel richtiges gesagt, und noch eins auf den Weg von einem Professor der Moral, der durch seinen Wandel seine Lehren mit Gift hinrichtete. Was hör' ich von ihm? sagte der dirigirende Minister dieser hohen Schule. »Verzeihen Ew. Excellenz, ich bin nur Extraordinarius.«

Diese Rede widerrief nun zwar, mein Vater nicht, indessen lenkte er jetzt alles zum Besten, da er, wie er sich ausdrückte, durch ein anderes Thor mit mir hinaus wollte. Es muß, sagte er, eine Zeit seyn, wo man einsehen lernt, was man nicht weiß, und kein besserer Ort dazu ist, als eine hohe Schule. Ein Professor kann, wenn er seine Wissenschaft nicht bis zum Handwerk treibt und sie zuweilen ein Jahr ruhen läßt, unendlich weit kommen. Diese Wissenschaft ist eine liebe Frau, die man nach einem Jahre Entfernung wieder in seine Arme schließt; da ist's, als würde man auf's neue kopulirt. Ein Professor sieht, ob seine Saat gut sey, vor sich, er lernt eine Bewirthschaftung guter Köpfe, und wird ein Financier in der Gelehrsamkeit. Wer hat mehr Gelegenheit, Proben zu machen, als er? und seine Begriffe bis zum Anschauen deutlich, wer seine Wissenschaften mehr unüberwindlich [122] zu machen, als er? Durch alle fünf Species der Rechenkunst rechnet er seine Wissenschaft durch. Der Glaube kommt durch die Predigt. Steht der Professor hoch im Cours, so bringt er auch seine Wissenschaft in den nämlichen Werth. Er erleuchtet eine ganze Provinz, und macht, daß man seinen Namen annimmt, z.E.Wolfianer. Ein würdiger Professor hört sich in wohlgerathenen Schülern von der Kanzel, liest sich im Urtheil, sindet sich am Krankenbette.

Er ist in einer beständigen Wärme, wenn andere Gelehrte durch ihren Beruf sich erkälten und Mühe haben, wieder in gelehrte Transspiration zu kommen.

Auch die Alten hatten ihre Schulen, und so wie Kirchen gut sind, obgleich Gott überall ist, so sind Akademien nicht zu verwerfen. Wo habt ihr's denn her, daß ihr so gelehrt auf Akademien schelten könnt, wie ihr's thut. Beinahe könnte man sagen: die Deutschen wären Universitäts- oder akademische Köpfe. Warum wollt ihr eure Mutter verachten, weil sie nicht so gut gekleidet geht, als eure junge Frau?

Ist denn der Wetteifer nichts, wozu man auf Akademien Gelegenheit hat?

In der Schule locirt der Herr Präceptor, auf der Akademie locirt ihr euch selbst.

Es gibt auf Universitäten Gelegenheit, ohne ein beschwerliches Lexikon in die Hand zu nehmen und den Buchstaben und Zahlen nachzuschlagen, gleich zu lernen, was man nicht weiß. Ein Wort, das oft ein Lehrer im heiligen Enthusiasm verlor, das heißt, das er sagte, ohne es beinahe zu wissen – gewiß aber ohne es zu behalten; ein solches Wort fällt nicht auf die Erde. Der Jüngling faßt es; aus dem Meeresschaum wird eine Venus.

Eine Universität ist ein gewisses Ganzes der Gelehrsamkeit, eine Messe, wo man nicht an den Stadtkrämer gebunden ist, wiewohl [123] es auch hier oft heißt: Wenn die Narren zu Markte kommen, freuen sich die Kaufleute.

Freilich kann man Meister werden, ohne gereist zu seyn; allein wer achtet einen Meister, der nicht Certificate von fremden Ländern aufweisen kann? Die bekannte Authentica habita Cod. ne filius pro patre, welche sich vom römischen Kaiser Friedrich herschreibt, sagt ausdrücklich: Omnibus, qui causa studiorum peregrinantur, scholaribus et maxime divinarum atque sacrarum legum professoribus, hoc nostrae pietatis beneficium indulgemus. Was ist das? fragte meine Mutter auf Luthers Art, und mein Vater antwortete: Dieß Privilegium kommt nur gelehrten Wandersburschen zu. Gott geleite sie, sagte meine Mutter, und bringe sie gesund zu den lieben Ihrigen.

Man hat daher auch den gelehrten Zweifel aufgeworfen, fuhr mein Vater fort, ob diejenigen, welche auf einer Universität geboren werden, sich dieses Privilegiums zu erfreuen hätten? und ob auch Lehrer hierunter zu begreifen, die nicht divinarum atque sacrarum legum professores wären? Allein man ist der gelehrten Meinung ad eins gewesen, daß alsdann die Reise aus Mutterleibe unter den Worten: qui causa studiorum peregrinantur, zu verstehen sey, wenn man auf einer hohen Schule geboren würde, wie denn ein Professor aller Fakultäten, wenn gleich er haussäßig ist, jedennoch schon darum unter dem Privilegio Raum hat, weil er mit seinen Gedanken in die Kreuz und in die Quer verreist, und immer, er sey auch Doktor aller Fakultäten, ein scholaris bleibt. Das Wort maxime entscheidet ad zwei die gegebene akademische Frage so deutlich als möglich.

Alles dieses, mein Kind, sind akademische Gedanken, und kann ich dir einen Commentarius Auctore Helfrico Ulrico HUNNIO, doctore et in inclyta Academia Giessena Juris [124] Professore publico et ordinario, in die Hand spielen, woraus du dir eine Reisekarte zu zeichnen im Stande seyn wirst.

Hier ist eine große Lücke. Meine Leser werden die andere von selbst bemerkt haben. So viel noch hinzu. Meine Mutter traute dem Panegyrikus meines Vaters auf den Universitäten in usum Delphini nicht ganz. Sie merkte es ihm ab, daß er seine Zweifel nicht völlig los werden konnte.

Plato hat, wie erzählt wird, die Schriften des Comödienschreibers Aristophanes geliebt, und da er gestorben war, fand man noch im Bette die Schriften dieses gekrönten Comödienschreibers, der sich mit Sokrates wie ein paar Professores und ein paar bekannte Hausthiere vertrug. Dieß ist genug zur Vertheidigung meines Vaters bei seinen Seitenblicken.

Akademie (mein Vater läßt sich vernehmen) hieß der Ort, wo Plato seine Philosophie lehrte, die so schön war als der arkadische Garten dieses Unsterblichen. Wär's auch nur seinet- und des alten Herkommens halber, müßte man Universitäten besuchen.

Sollte nicht, sagte meine Mutter, die mit dem alten Herkommen und dem Plato noch bei weitem nicht zufrieden war, sollte nicht, da Adam und Eva doch wirklich relegirt wurden, schon das Paradies die erste Akademie –?

Und die Schlange und der Seraph mit dem bloßen Schwerte: fragte ich, liebe Mutter?

Wenigstens versetzte sie, war doch Eli Samuels Professor und Gamaliel des Paulus und die Prophetenkinder Studenten. – Und Stephanus, fiel mein Vater ein, voll Glaubens und Kräfte, that Wunder und große Zeichen unter dem Volk. Da stunden etliche auf von der Schule, die da heißt der Libertiner und der Cyrener und der Alexandrier und derer, die aus Cilicia und Asia waren, und befragten sich mit Stephano, und sie vermochten [125] nicht bei dieser Inauguraldisputation zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste des, der es redete.

Meine Mutter war außer sich über diesen Text, nur die Alexandrier hätten sie gerne relegirt. Die gute Mutter! Sey ein Stephanier, sagte sie, lieber Sohn, ein Stephanier.

Mein Vater kettete seine Stammtafel der hohen Schule, von den Griechen und Römern an bis auf die gegenwärtige Zeit, zusammen, und ward diese akademische Stunde von Seiten meiner Mutter mit der Bemerkung beschlossen, daß ihres Wissens kein Doctor theologiae kurisches Brod gegessen, es müßte denn einer von den Herren Einhorns diese Würde incognito gehabt und aus heiliger Demuth sie verschwiegen gehalten haben. Mein Vater erklärte beiläufig nach seiner Weise die adelichen Rechte, welche denDoctoribus zustünden –

So wie den Literatis (meine Mutter verstand ihrenCasum), sagte meine Mutter, in Curland. Sie behauptete, es sey gleichviel, adelich behandelt werden und adelich seyn. Allein ich sagte: königlich essen, liebe Mutter, und König seyn, ist zweierlei. Und mein Vater war, zum Bedruck meiner Mutter, unerschöpflich über die Ehre des Adels. Er erklärte, was vierschildig sey, und ließ so viel auf der Ritterbank und an der Ehrentafel sitzen und in den deutschen, Marianischen, Johannis- und Maltherserorden, und in hoch-und andere adeliche Stifte aufnehmen, und die Grandes vor dem Könige von Spanien den Hut aufsetzen, bis meine Mutter zu Curlands Ehren behauptete, daß der Herzog beim Lehen sich auch einige Augenblicke bedecken könnte, wenn er wollte.

Laß den Braunen satteln, sagte mein Vater, um nach – zu reiten. Es sind zehn Jahre, daß ich den Herrn v. G. – nicht gesprochen habe. Meine Schuld ist es nicht, und die seinige, das hoff' ich, auch nicht. Die Zeit wird an's Licht bringen, was noch im Finstern verborgen ist. Herr von G – – will, daß du[126] mit seinem Sohne, der auch reisefertig und universitätsreif ist, diese Reise unternehmen sollst. Der alte Herr ist der Mäkler in dieser Sache gewesen.

In acht Tagen bist du vielleicht nicht mehr in dieser Hütte –

Pastorat, sagte meine Mutter. Deine Wäsche ist bereitet, setzte sie hinzu. Sechs Dutzend Oberhemden, sechs Dutzend Unterhemden, zwei Dutzend für den Sonntag, ein halbes Dutzend für hohe Feste. Meine Mutter registrirte noch mancherlei, was für mich bereitet wäre, allein mein Vater blieb bei den Hemden stehen, auf die meine Mutter gleichfalls einen besondern Accent legte. Sie dachte sich die weißen Kleider unter dieser Hieroglyphe, womit wir im Himmel angethan seyn würden. Was meinen Vater zum Stillstand vermochte, war etwas Irdisches. So viel Hemden, sagte er, haben zwölf Prinzen vom Hause nicht. Je vornehmer der Mann, je schlechter die Hemden, fuhr er fort, im monarchischen Staate, wo man nur auf das, was vor Augen ist, siehet. In der Schweiz, in Holland, in England feine Wäsche, und je vornehmer der Mann, je feiner. Wo ein Tyrann, ein Despot herrscht, will ich das Hemde nicht sehen. Die Menschen achten ihren Leib nicht, der ihnen nicht zugehört. Je näher auf den Leib in monarchischen Staaten, je schlechter der Anzug. Für einen Despoten ist ein grobes Isabellenhemde gut genug.

Also Sonntags- und Montagshemden, liebe Mutter, und wie Gott will! Sterbehemden und Prophetenkinderhemden; nur eins (das wett' ich) nicht – ein Brauthemde.

Da bin ich eben, wo ich seyn muß, um meinen Lesern den Schlüssel zur akademischen Ehrenpforte und zum Stall des Braunen getreulich einzuhändigen. Ein Schlüssel öffnet alles – die Eltern eilen gemeinhin mit ihren Söhnen aus dem Hause, sobald die Natur die Fabel vom Storch widerlegt. Ich will es nicht ausmitteln, in wie weit es gut sey, Kinder der Natur in diesem Stücke [127] an Heim zu geben, um die Frage unbeantwortet zur rechten Hand liegen zu lassen, ob es Kinder ins Treibeis bringen hieße, wenn man ihnen im zartesten Alter dieß Storchgeheimniß erklärt, und sie so altklug macht, daß sie selbst die Natur, wenn sie sich zum Belehren meldet, belehren und mit ihr disputiren können? Vom Blatterninoculiren haben wir guten Erfolg. Hier müßte auch Erfahrung entscheiden.

So viel dient nur hier zur Sache, daß Eltern, sobald sie den Sohn vaterfähig halten, ihm eine glückliche Reise anwünschen, recht als ob sie eine Befugniß zur besondern Oekonomie in optima juris forma bewilligten. Sie besorgen, die Söhne wollen sich an ihrem Hause einen Flügel anbauen lassen, und sehen es gern, wenn der Sohn reich heirathet, dieses letzte eben darum, warum viele Leute kein Testament machen. Hier ist der Beleg zu diesem Eingange.

Meine Mutter war nach meiner Krankheit zuweilen die dritte Person, wenn ich mit Minchen allein zu seyn Lust hatte. Die Liebenden, wenn sie lieben, glauben insgemein, es wüßte niemand, daß geliebt würde, und oft sieht's alle Welt. Sie bilden sich ein, ihre Liebe sey die einzige in ihrer Art, da aber jeder die nämliche Methode hat, und Adam selbst mit den Augen die erste Anwerbung gethan hat, so schläft der Verräther nicht. – Meine Mutter merkte, mein Vater merkte. – Beide sagten mir aber kein Wort. Meine Mutter, weil sie es für unmöglich hielt, daß die Liebe des Sohnes eines Literatus, des Anverwandten Paul Einhorns und Alexander Einhorns, des zweiten curischen Superintendenten, Wurzel fassen könne, wenn er die Tochter eines Töpfers, der zugleich Schuster und Schneider ist, liebt. Mein Vater, weil er wegzusehen sich verpflichtet hielt. Er verlangte von mir ein gänzliches kindliches Vertrauen; Minchen nahm er aus. Wie richtig ist Regel und Ausnahme? Kann man nicht das Recht lernen, ehe [128] man Recht spricht? Lehrt, Eltern, eure Kinder wählen, ehe die Natur sie lieben lehrt. Es ist eine unüberdachte Behauptung, daß Söhne kein Geheimniß (die Liebe nicht ausgenommen) vor ihren Eltern haben sollten; Irrthum – wer Liebe nicht ausnimmt, gibt seinen Söhnen im Lügen Unterricht. Der Sohn, der fühlt er könne Vater werden, ist von der Natur emancipirt, er hat in diesem Stücke keinen Vater mehr. Töchter behalten Vater und Mutter, bis sie einem zu Theil werden, dem sie als ein heiliges Depot überliefert werden müssen.

Ich hatte die Gewohnheit, zuweilen mit Minchen in ein benachbartes Wäldchen spazieren zu gehen, und nichts war mir angenehmer, als wenn ihre natürlich schöne Stimme die Nachtigallen zum Concert aufforderte und wenn sie von den Vögeln des Himmels accompagnirt wurde. Hätte sie bei einem Italiener Stunden genommen, keine Nachtigall hätte sich mit ihr eingelassen. Jetzt sang die ganze Natur mit, weil sich gleich und gleich gesellte, und ihr Gesang Natur war. Ich hatte Minchen umgefaßt, sie war mein. Mein Auge sagte laut: Ewig mein! und das ihrige antwortete: Ewig dein! – In dieser Stellung und während diesem Augengespräch und dem Concert, das die Natur dirigirte, traf uns mein Vater wie ein Blitz. Ich hatt' ihm sonst nie in diesem Wäldchen begegnet. Mich zu belauschen hatt' ers nicht angelegt, daß weiß ich. Da standen wir und sahen uns an. Lange hielt ich meinen Arm wie um ihren Hals geschlungen. Sie zog sich aus der Schlinge; allein ich hielt meinen Arm noch immer in der Höhe, als ob er ihren Hals hätte, und sie – die der liebe Gott so himmelan gebildet hatte, stand, wie mich dünkt, noch immer so von der Seite, so übergebogen, so angeschmiegt, als ob sie noch nicht auf freiem Fuße wäre, oder als ob sie sich nach mir geformt hätte. – Wie ich endlich meinen Arm fallen ließ, war's mir, als wenn die Welt fiel, so angst war mir. Wie ihr gewesen, da sie wieder ins gerade [129] Geleise kam, konnte sie nie angeben. Wir armen Kinder der Natur! Ich sehe ein, wie es dem Adam zu Muthe gewesen, da er zum erstenmale inne geworden, er sey nackt. Wer nicht empfinden kann, was Minchen und ich empfunden, thue mir den Gefallen und lese nicht weiter. – Ich glaube, ich werde den Eindruck nie verlieren, und hab' ich ihn gleich nach der Zeit nicht so stark empfunden, war es mir doch, so oft ich daran dachte, als ständ' ich mit Minchen im Wäldchen. – Ich empfand's, die Nachtigallen schwiegen und alles, was eben wachsen wollte, machte Stillstand und sah uns an. – Mein Vater war in der nämlichen Verlegenheit und hielt mit uns völlig das Gleichgewicht. Entweder wollte er sich heraushelfen, oder er wußte nicht, was er sagte. »Ist der Herr Vater nicht hier?« wendete er sich zu Minchen, und sie: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen.« Kann wohl was Unschuldigeres auf die Frage: Ist der Herr Vater nicht hier? geantwortet werden, als: nein, er ist auch nicht hier gewesen. Das war kein Feigenblatt zur Schürze! O Minchen! Minchen! welch eine Süßigkeit ist's, dich zu lieben! Für dein: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen,« verdientest du schon den Lohn der Unschuld, und könnte ich den Ton hinschreiben, in dem du dieses sagtest – du verdientest bis ans Ende der Welt gemalt und gezeichnet zu werden, mit der Umschrift: »Nein, er ist auch nicht hier gewesen.«

Wenn ich diese Naturscene, sowie sie ringsherum empfunden worden, getroffen hätte – (Was kann aber der Vater dafür, wenn ihm sein Kind nicht ähnlich ist?) Chodowiecki! es wäre dir mit Minchen gegangen, wie Adam mit Eva, Adam sah sie – Bein von seinem Bein, Fleisch von seinem Fleisch – sah sie wieder, küßte sie und – Du hättest diese Seite durch und durch gehüpft, sie gelesen und ihr Handgeld zur doppelten Unsterblichkeit gegeben.

Minchen, wie sie allmählig gen Himmel wächst – nicht [130] weil sie Gewitterwolken sah, weil sie aus Furcht dem Himmel auswich, weil sie Trost bei der Erde suchte, die, wenn der Vater im Himmel schilt, wie eine wahre Unser aller Mutter keinen Blick verschmäht, womit Schuld und Unschuld sich zu ihr wenden, nicht darum, sondern

Chodowiecki! Schwestersohn der Natur, deutscher Mann! Du weißt dieß sondern so gut als ich. Zeichne diese Scene eben um des sondern willen, das dir dein Herz in Aug' und Hand dictiren wird – und dann liest man nicht Minchen bloß, man sieht – Da steht sie! und ich, froh darüber, fliege über Jahrhunderte zu Jahrtausenden, und juble und sage zu meinem Buche: fürchte dich nicht vor denen, die den Leib tödten und die Seele nicht tödten mögen. – Auch wenn der Leib Jahrhunderte lang zerstreut, und, wenn's hoch kommt, in Anleitungen zur Dicht- und Redekunst in wahre Gebeinhäuser gesammelt wird, wo man nicht kennt den Gerechten und Ungerechten. Ich bin's gewiß, es kommt die Stunde, in welcher eine Posaune des Geschmacks die Barbarei wegscheucht und dieß Buch zur Auferstehung und Leben aufhaucht, dann sey dieß Blatt, um Minchens wegen, das erste, das wieder lebendig wird!

Wir gingen alle zusammen nach Hause, und unterwegs erzählte uns der gute Mann wider seine Weise, was er künftigen Sonntag, geliebt's Gott! seiner lieben Gemeine vorsetzen würde. Das Ende dieser Geschichte war den folgenden Tag die Predigt von den Universitäten und die Nutzanwendung:


»Laß den Braunen satteln.«


Ich ging zu Minchen, der ich einen großen Theil von dem Werthe der Universitäten vorsagte, um sie zu meiner Abreise vorzubereiten. Ich erklärte ihr die Authentica habita Cod. ne filius pro patre. Omnibus, sagt ich, qui causa studiorum peregrinantur. Sie sah ein, was sie schon zuvor eingesehen hatte, daß [131] es gut sey, daß ich hingehe. Um Pastor zu seyn, ziehst du von hinnen, sagte sie. Zieh hin in Frieden.

Ich weiß, daß sich mancher den Kopf hart an dem Latein stoßen wird, das ich Minchen vorsagte, allein um Verzeihung! dieser Mancher versteht nicht, was Liebe ist, und ich hätte nicht ein Wort Latein von derAuthentica habita Cod. ne filius pro patre auf dem Herzen behalten können – die Liebe erträgt keinen Rückhalt, sie will alles, was man hat, alles, was man kann, es sey lateinisch oder deutsch. Daß ich indessen mit einer Uebersetzung, so treu als unsere Liebe, Minchen unterm Arm gefaßt, muß ich um des Schwächern willen anführen. Keine Manche, die geliebt hat, wird sich am Latein den Kopf stoßen oder das Aermchen streifen.

Der alte Herr, der mir ein tiefunterthänigstes Kompliment an Se. Hochwohlgeboren mitgab, that, was Mäkler thun, wenn sie den Käufer und Verkäufer angeführt: er wünschte mir Glück und Segen, wobei er aber nicht bloß meine Reise nach –, sondern auch die auf Universitäten verstand. Die Frau des alten Herrn, ein gutes Weib, zwar nicht aus dem Stamme Levi, doch aus dem Stamme der christlichen Einfalt und Ehrlichkeit, gab mir die Hand, da ich wegging. Gott geleite Sie, sagte sie, und segne Sie, und geleite Sie und segne sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!

Da ich noch auf eine längere Zeit nach – reisen werde, will ich mich, in Rücksicht meiner Leser, nicht lange in – aufhalten, obgleich ich drei Tage zu bleiben gezwungen war. Ich lernte den jungen Herrn mit Flinte, Jagdtasche und Hirschfänger kennen, sein Vater – ein rechter echter heller klarer Mann. Wie hat der Mann zehn Jahre meinem Vater den Rücken kehren können? Seine Gemahlin, eine gnädige Frau –

Ich will nicht vorfassen –

Die Frau v. G. – – brachte mich auf den Wunsch, wenn [132] Minchen so ein gewisses Etwas hätte, das man in der großen Welt in zwei Stunden lernt, wenn man in Purpur und köstlicher Leinwand geht, einen Gönner am Hofe und Geld auf Zinsen hat, und wozu man längere Zeit braucht, wenn eins von diesen Stücken gebricht. – Eine Viertelmeile von der gnädigen Frau war ich von diesem Etwas und meinem voreiligen Wunsche zurückgebracht. Ich überrechnete die Eigenschaften, die bei Minchen hierdurch leiden könnten, und was dacht' ich, da ich das Schöne der Natur rings um mich sah. Was ist diese künstliche Dreistigkeit – gegen die der Natur! Was ein Garten gegen Wald und Feld! Ein Junge, der ehemals unterm Phalanx gedient hatte und in Gnaden verabschiedet war, ließ mich wegen der Nachricht, daß Minchens Mutter gestorben, nicht ausdenken. Plötzlich sagte er, niemand konnte sich's vorstellen. Eben ist sie kalt geworden. Die Worte: »Gott geleite Sie und segne Sie, und geleite Sie und segne Sie immerdar, jetzt und in alle Ewigkeit!« fingen mir so lebhaft an zu werden, daß ich diese alte gute Mutter sah – und Minchen, sagt' ich? Ihro Königliche Hoheit, antwortete er, befindet sich wohl, außer daß sie halb todt wegen des Todes der Alten ist.

Mein ehrlicher Helm (er hieß eigentlich Wilhelm, seiner Tapferkeit wegen war ihm indessen die erste Sylbe allergnädigst erlassen) sagte dieß mit so viel Subordination (diese und nicht Ehrfurcht verlangte ich von den Meinen), daß er in jedem Wort Takt hielt. Er bemerkte unmaßgeblich, daß dieser Todesfall vor einiger Zeit durch ein Licht in der Kirche zwischen eilf und zwölf sehr richtig vorher verkündiget wäre, allein ich belehrte ihn, daß dieses Licht meiner Mutter Handlaternchen gewesen; ich, fuhr er fort, habe diesem An- und Vorzeichen nicht geglaubt. Desto besser, erwiederte ich. Unterthänigsten Dank, beschloß Helm, für die Parole »Handlaternchen«, ich werde sie weiter geben. – Gut! sagt' ich. [133] Soll ich mit, fragte Helm, und zeigte Briefe, die er wegschnellen sollte; ich winkte ihm ab, und mein Pferd, als ob es den Helm verstanden hätte, hielt am Trauerhaus. Ich fand Minchen die Hände ringen und laut, laut wimmern; meine Mutter! meine Mutter! Meine liebe Mutter!

Sobald ich ins Zimmer trat, artete ihr Schmerz in Kunst aus. Sie veredelte ihre ersten natürlichen Aufwallungen; sie schrie nicht aus, sie seufzte nur ein sanftes Ach! Sie weinte zwar, allein sie schluchzte nicht. Sie goß nicht Thränen, sie thaute sie nur; sie rang nicht mehr die Hände, sie faltete sie. Sie bedauerte ihre Mutter, allein sie war bemüht, dabei auch ihrem Vielgetreuen zu gefallen. Im allerersten Affekt hätte ich dieses vielleicht nicht über sie erreicht, jetzt aber opferte sie mir ihren Schmerz auf. Sie verließ ihre Mutter, um an mir zu hangen. Alle poetischen Uebel geben der Liebe Zuwachs. Ein Mädchen, das einen Bräutigam hat, kann unmöglich über den Tod ihrer Mutter anders als dichterisch betrübt seyn. Ihr Schmerz ist ein schöner Schmerz. Sie übersetzt den Schmerz, wenn ich so sagen soll, in wohlklingende Verse: Alles was sie that, gehörte der Seligen und mir zur Hälfte.

Hätten Sie sie sterben gesehen! Einen Gruß über den andern an sie. Sie ging so schön wie die Sonne unter; ich hätte was drum gegeben, wenn sie diese untergehende Sonne noch beschienen hätte. Gewiß sind Sie ihrem Geist begegnet.

Ich bin ihm begegnet, ich hab' sie gesehen, ich hab' sie gehört. Gott geleite sie und segne sie, und geleite sie und segne sie jetzt und in Ewigkeit! Ich hör's noch.

Da sah und hörte mich mein Vater. Alexander! rief er, und ich war kein Sonntagskind mehr, ich kam von meiner Mondsucht zurück. Mein Vater! antwortete ich –. Er hatte der Seele dieser frommen Alten mit einem andächtigen Zuspruch das Geleite gegeben, und selbst so etwas von Vollendung, von Himmel im Gesicht. [134] – Er sah selbst selig aus. Seine Erzählung war mir neu, ob er gleich erzählte, was ich wußte, was ich sah. Nach dieser Entzückung in den dritten Himmel kamen wir aufs Irdische, und ich erzählte ihm, daß ich erst in fünf Monaten abreisen würde. Willst du, sagte er noch zu guter Letzt, eine Leichenrede – darf ich bitten, sagte der alte Herr. – Minchen bat mich nicht, ich entschuldigte mich, und gewiß hätt' ich beim Sommergetreide eingebüßt, was ich beim Wintergetreide, bei der Predigt, eingenommen und eingeerntet, wenn ich bei dem Grabe Minchens und meiner Mutter eine Leichenrede übernommen. Dieß war wohl der größte Beweis, daß mein Vater nicht wußte, wie es mit Minchen und mir stünde. Er hielt's ohne Zweifel für Alexander- und Dariusspiel. Mein Vater ging zu Hause, ich blieb noch einen Augenblick zurück und ging mit Minchen ans Bett ihrer Mutter. Nie sah' ich die Aehnlichkeit, die diese Verklärte mit Minchen hatte, so klar als jetzt. Zwar ein Schattenriß, doch Minchen! und mir sollte grauen? – Ich nahm die mütterliche kalte Hand und rief sie zum Zeugen über mich, daß ich Minchen liebe und lieben würde. – Sie fahre über mich, sagte Minchen, so kalt sie da ist, wenn ich einen andern liebe, und tödte mich, wenn ich nicht Minchen liebe, jetzt und bis vor Gottes Thron, setzte ich hinzu.

Wir schieden dießmal von einander, als wenn wir Probe stürben! So gerührt! so –

Mein Vater, der gute Mann, der mich bei meiner Mutter angemeldet hatte, war so gütig gewesen, ihr zu verschweigen, wo er mich und den Braunen getroffen. Sonst war sie von den fünf Monaten und daß ich die Redeübung ausgeschlagen, unterrichtet und über beides erbaut. Die fünf Monate gaben ihr noch zu einer Rubrik unter den mitzugebenden Hemden Gelegenheit, und meine abschlägige Antwort? – ich erzähl' es ungern, daß meine Muttter hieraus meine Gleichgültigkeit gegen Minchen, wie aus [135] einmal eins eins heraus brachte. Liebe Mutter! die Liebe hält keine Reden!

Die fromme Alte wurde in aller Stille beerdigt, und ihr Grabmal war das heilige Kabinet, wo Minchen und ich in Liebesangelegenheiten zusammenkamen. Ein Engel mehr, sagten wir, der uns hört, ein uns so verwandter Engel.

Um meine Leser wegen der Rede schadlos zu halten, bin ich bereit, einem jeden, der hören will, eine von anderer Art vorzufechten. Liebe und Tod grenzen überall zusammen, im Roman und in der Geschichte.

Ich bin der festen Meinung, daß jedes, was schreiben kann, wenn's liebt, auch Liebesbriefe schreibe, geschrieben habe, auch schreiben werde. Die Liebe ist eine völlige Opferung, eine Universalsocietät. Man gibt alles, was man hat, man thut alles, was man kann. Man sagt alles, was man weiß, die Authentica habita Cod. ne filius pro patre nicht ausgenommen. Ein Bauer kritzelt den Namen seiner Grete in den Sand. Die Harke ist seine beste Feder. Schrammt er ihn in Kürbiß, schmeckt ihm dieser am süßesten. Schnitzelt er ihn in eine Linde, schmatzt er den Saft aus, der aus den Buchstaben quillt. Grete steht überall, wenn er's bis zu fünf Buchstaben gebracht hat; wenn nicht, ist der erste Buchstabe des Vornamens sein. Er pflügt ein G, er springt ein G, er geht ein G – und Grete? nennt ihn zwar Hans, allein sie näht den ersten Buchstaben seines Zunamens ins Tuch, das sie ihm schenkt. Hans Ficht heißt ihr Adonis, und sie streut ihre Tannen ins F, und kommt sie an die Blumen der Venus, von der sie aber Gottlob! nichts weiß, an Rosen und Myrthen, legt sie sie ins F. Selten weiß sie mehr als den ersten Buchstaben, allein den näht und streut sie – wie gedruckt. Sie sticht ihn mit Nadeln ins Eichenblatt, in alle Blätter. Die Rinde kommt dem Hansen zu; im Kürbißkabinet aber leben sie [136] in Gemeinschaft der Güter. Hier steht F und dort G. Das kleine gnädige Junkerchen macht Greten für die erste Handvoll Kuhblumen oder ein Eichhörnchen zum F die Vorschrift, oder Sr. Wohlehrwürden kleiner Benjamin, und dieser letzte gegen einen Maikäfer oder jungen Häufling.

Wenn nur eins schreiben, beide aber lesen können, ist das, was bloß liest, weit verliebter, wenn's zum Klappen kommt, als das, was lesen und auch schreiben kann. Das Schreiben zeigt von Bedachtsamkeit und Beständigkeit. Ein Philosoph will immer schreiben, allein selten kommt er dazu. Ein Dichter kann sich zur Noth, wo Gott für sey! auch ohne Schreiben behelfen. Dahero kommt's, daß oft große Dichter unrichtig buchstabiren. Der größte Philosoph schämt sich nicht und hat's auch wahrlich nicht Ursache, buchstabiren zu können. Er setzt die Worte, der Dichter wirft sie hin.

Man kann nur füglich im Stehen oder Sitzen schreiben, und es setzt eine gewisse Bedachtsamkeit zum voraus, welche die Liebe sehr bei der geliebten Person vergrößert, die nur geglaubt hatte, es wäre ein Ueberfall. Die Natur schlägt in der Liebe eine beliebte Kürze und Einfalt vor. Sie faßt die Frucht an, reif ißt sie sie vom Baum. – Die Kunst hat diesen Weg erweitert, und bald hätt' ich gesagt, verschö nert; es kommt auf den Geschmack an. Die schönsten Früchte von der Spitze des Baumes (welche die Hand nicht ohne Verlängerungsstange reichen konnte; der Mund kann gar nicht heran), die schönsten Früchte werden ausgewählt, auf porcellanene Teller gelegt, mit Blumen und Blättern, die, wenn man lang am Tische sitzt, vor unsern Augen den Geist aufgeben und welken, geschmückt, und so auf eine mit Spiegelglas und Puppen gezierte Tafel gesetzt. – Hier tanzt man, dort ging man. Die gnädige Frau, die das Obst aus der Hand des lieben Gottes nicht vertragen kann, der's Blähungen macht, läßt's verzuckern und [137] candisiren, und Mumien im ägyptischen Sinn daraus sieden. Pfefferkuchen ist ihr besser als Honig. Da man indessen sich heut zu Tage leider! fein sauber wäscht, anstatt daß man sich baden sollte, und wir unmöglich bis auf die erste Natur zurückgestimmt werden können, wo wir tausend und abermal tausend Dinge vergessen müßten, die wir jetzt wissen, dient das Schreiben zur Verfeinerung. Fühlt ihr also einen Ekel, die Früchte unterm Baum im Garten zu essen; schreibt Liebesbriefe, nur schreibt sie nicht aus dem Talander, und wenn er auch nur seit vierzehn Tagen in Paris gedruckt wäre, sondern aus dem Herzen. – Hier haben Sie den Schlüssel zu den folgenden vier oder sechs Seiten – ich weiß nicht, wie viel es, wenn's gedruckt wird, betragen werde – wenn Ihnen, Durchlauchtigste Prinzessin! gnädigste Gräfin! – diese Hausmannskost Blähungen macht, es sind, glaub' ich, auch eingemachte Sächelchen da. Finden Sie nichts – ich rathe zum Talander, es thut nichts zur Sache, ob's französisch oder deutsch ist, ob's 1697 oder 1776 gedruckt ist, was Ihnen das Herz verdirbt – ihr aber, meine Lieben! die ihr schmecket und sehet, wie freundlich Mutter Natur ist, denkt von meinem Vorbericht, was ihr am Ende von allen Liebesbriefen denkt, die man nicht selbst geschrieben hat. Und hiermit fünf Briefe von meinem Minchen, nach der Anzahl der Feierhemden, die mir meine Mutter bereitet hat, wenn sie mir nicht jetzt, wegen der Fünfmonatfrist, wider Vermuthen noch eins dazu legen sollte.


* * *


Sie an Ihn.


O du lieber, lieber Junge! – Was hast du für eine gute Art zu schelten! Es ist so was Herzliches drin, daß ich es mit [138] Fleiß auf ein Scheltwort von dir anlegen werde. Du bist ein ganzer Junge! ein Gott und sein Weib liebender Junge. Mein All, All, All, Alles bist du. Ich lese deinen Brief und schreib' an dich beinahe alles zusammen. – Was kann aber die Liebe nicht! du schiltst, daß ich durch Nähen und Stricken mir den Finger wund gemacht. Soll ich denn die Hände in den Schooß legen? da würd' eine Närrin aus mir werden, obgleich ich jetzt dein Weib bin. – Was Klügeres kann kein Mädchen in der ganzen weit und breiten Welt seyn, als dein Weib. Der Finger ist auch wohl behalten und heil, und sieht aus wie – neu hätt' ich bald geschrieben – wie zuvor. Er hat keinenschwarzen Band mehr. Die Trauer ist schon gestern abgelegt. Was willst du mehr? – Fast wünscht' ich, du möchtest noch mehr wollen, damit du schelten könntest. Schilt doch, lieber herzlieber Junge, schilt doch was rechts auf. – Die Musik war bei der Fingertrauer nicht verboten. Soll ich meine Doris missen, kann ich dir so herzbrechend singen und spielen: du sollst's hören. Mein Vater wunderte sich über den schnellen Gang in der Musik. Der gute Mann weiß nicht, daß ich eigentlich in der Schule der Liebe bin, und von ihr Klavierspielen lerne. – Gott im Himmel und dich in der Welt! Wie kann ich Gott lieben, den ich nicht sehe, wenn ich dich nicht lieben sollte, den ich sehe. Ich liebe Gott in dir. Es ist unaussprechlich, wie ich dich liebe. Du bist Gottesbote an mich. Gott gab mir dich. Meine Seele ist dein, und unsere beide Seelen sind Gottes. Heut sehen wir uns; allein nicht ganz, wir sprechen uns allein schwerlich drei Viertheil. Du müßt' es denn machen wie neulich. Deine Mutter braucht aber nicht alle Tage Pfefferkraut. Was ist doch die Liebe für eine Lehrerin? Wir sonderten uns vor aller Leute Augen ab, die mit uns gingen, und kein Mensch dachte Arges in seinem Herzen. Es fehlte nicht viel, deine Mutter selbst hätte darum gebeten, und das Beste war, wir fanden gleich so viel Kraut, [139] daß wir Zeit genug hatten, uns viel, viel zu sagen. Findst du aber, daß es weniger wird, was noch rückständig ist, und was wir uns noch zu sagen haben? ich nicht. – Wir zahlen nicht einmal alle Zinsen ab; diese werden noch Capital. Wann wird uns Gott in Stand setzen, Capital und Zinsen richtig zu machen. Wenn du Pastor bist und ich Pastorin. Dein Weib bin ich lang. Gott und alle seine heiligen Engel waren auf unserer Hochzeit, und die sind ständig beinahe sichtbar um uns, wenn wir allein sind. Es kann nur wenig, sehr wenig daran fehlen, um sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen. – Da kann man wohl mit Recht über den betrübten Sündenfall klagen. Ist's denn Sünde, so zu lieben, als wir? und liebt nicht Gott unsere Liebe? Seine heiligen Engel sind ja unsere guten Männer gewesen, und wir sind nicht so verbunden – (ich wollte nicht verheirathet schreiben, allein ich ärgere mich über den Anstand, den ich drüber genommen, und schreib's zweimal hin) so verheirathet, wie die verkehrte Welt, sondern wieAdam und Eva. Gott selbst hat uns getraut, und sag': hat je ein böser Gedanke dein Herz verfälscht? mir ist keiner vorgekommen. Je frömmer ich bin, je inbrünstiger denk' ich an dich. In der Kirche höre ich deine Stimme unter hundert, und ich singe schnell mit, damit wir beide zusammen zu Gott kommen. Aus der ganzen Fülle meines Herzens bin ich dir gut. Bin ich nicht dein Weib, dein treues Weib, du Einziger, du Eva's Adam! Sag es mir tausendmal und wieder tausendmal, daß du mein Mann und ich dein Weib sey. Das lernt man immer schöner aussprechen, je öfter man es ausspricht. Wenn du es sagst, ist's mir himmlische Musik, Kirchengesang. – Jetzt sind wir nur beim lieben Gott bekannt. Ueber ein Kleines oder über ein Großes – mir ist's gleich, wird Gott uns auch unter die Leute helfen. Ich liebe deine Seele, und du die meinige. Du bist der Mann meiner Seele, und ich das Weib deiner Seele, sonst könnten die Engel mit uns [140] nichts mehr zu schaffen haben. Leb wohl! – Zu Mann und Weib hat uns der liebe Gott gemacht, zum Herrn Pastor und Frau Pastorin müssen es die Menschen thun. Da ist das ganze Räthsel.

N.S. Zur rechten Hand. Das Pfefferkraut würd' ich zum Kraut der Liebe machen, so gut bin ich ihm.

N.S. Zur linken Hand. Warum hast du deinen letzten Brief so weitläufig geschrieben? Wenn du mir so gut nicht wärst, als ich weiß, daß du es bist, würd' ich mir Gedanken machen. Hab' ich es nicht von dir: »je kälter, je weitläufiger, wenn man Briefe schreibt.« »Wer liebt, läuft immer über. Er kennt nicht Maß und Gewicht.« Aber so bist du! auf deine Finger siehst du nicht, allein die meinigen sollen nicht trauern. Könnt' ich dann nicht dich und du mich lieben, wenn auch alle unsere zwanzig Finger in tiefer Trauer wären. Ich komme wieder aufs Vorige. Wer war es denn, der sagte, die Natur liebt eben die Finger nicht weiß. Rothe Wangen, starke Hände, wo gesundes Blut durchscheint, ist Naturuniform: wer war es? Ich muß noch ein Stück Papier mit der Nadel anheften. – Lieber Mann, ein Naturmensch, wie du, sollte nicht auf weiße Finger sehen. Das nenn' ich! ich! ich! nenn' das schelten! Grüße alle deine Finger von mir – sie sind meine Finger. Du bist ganz mein, ich ganz dein. Wir sind eins, ich habe deine Briefe unter meine Bibel gelegt. Erst Gott, und dann mein Mann. So gehört und gebührt es sich. – Ihr Männer, dünkt mich, seyd zum Reden und zum Schreiben. Wir Weibchen zum Thun, und wenn's hoch kommt, zum Lesen. Das wirft du wohl finden, ohne das ich's nöthig gehabt habe zu schreiben.


Sie an Ihn.


Wie du vom Alexander zum lieben Jungen erniedrigt, oder besser, erhöht bist! Unsere Liebe hat sehr gewonnen, jetzt da dein [141] Vater den zweiten Diskant singt. Ich wette, er hat mit dir zuvor etwas Großes im Schilde geführt. Gottlob! daß du jetzt Pastor wirst. So sind wir doch so sehr nicht auseinander. Lieber, lieber, lieber Junge! was meinst du? Die Regenten müssen sich doch auch zuweilen so nennen, wie wir, oder sie wissen nicht, was Liebe heißt, und dann sind sie ärmer, als wir, und ärmer, als alle Bettler in unserm Dorfe. Ich weiß doch auch, wie es einer Prinzessin zu Muthe ist; allein ich tausche nicht mit der Königin Elisabeth, da ich dich habe – und du nicht mit Alexander, da du mich hast. Wir würden jetzt schlecht Alexanderchen spielen! die alte Babbe würde die königliche Frau Mutter besser machen, als wir Alexander und Frau Alexander. Außer der Liebe, das fühl' ich, ist alles Possen und Unwesen in der Welt. Du hast recht, ganz recht, »die Liebe macht gleichgültig gegen Ruhm und Glanz, allein gegen die Menschlichkeit nicht. Sie schränkt das Herz ein, allein sie erweitert es auch. Eins liebt nur eins, wie Mann und Weib, alle Menschen aber, wie Schwester und Bruder. Einen Verliebten, glaub' ich, kann jeder Mann betrügen, er hält alles für ehrlich, was ihm begegnet, die Liebe ist stark Getränk für die Seele. Sie betrinkt sich in ihr, und Verliebten geht's kein Haar besser, als Leuten die ein Gläschen über'n Durst getrunken haben. Es ist ihnen alles besser, wie zuvor. Sie sehen alles in den besten Jahreszeiten, alles im Junius.« So weit du. Eine schöne Antwort auf deinen Brief. Ich schreibe ab, was du geschrieben hast. Mich dünkt aber – das ist die rechte Art für ein Weib. Sie ist eine Kopistin des Mannes, wenn sie schreibt. Denn dieß ist ihr Fach nicht. Das war wieder eine Abschrift von dir, und überhaupt bin ich ganz nur eine Abschrift von dir. Du hast mir gestern geschrieben, daß ich deine Buchstaben nachmache, und daß sie mit der Zeit wie deine seyn würden. Lieber Junge! ich leg' es nicht dazu an, ich mache sie nicht nach. Es kommt von selbst, ungebeten. – [142] Ich lese deine Briefe mir ins Herz und in die Hand. Wenn du morgen zu mir kommen willst, komm um vier; von vier bis sieben sind nur drei Stunden. Ich habe dir viel von der Liebe zu sagen, worauf mich dein Brief gebracht hat. So was muß man sich sagen; schreibt man, ist's so, als wenn man Schlagwasser aufs Schnupftuch gießt. Ich denke, die Liebe ist noch das Einzige, was in der Welt von ihrem Stande der Unschuld, und von der Zeit, da sie aus der lieben Gottes Hand kam, übrig ist. Und du lieber Gott! bei dem allen glaub' ich, daß nicht drei Paar in ganz Curland sich lieben, wie man recht liebt, sich lieben wie wir. – Du wirst über vieles lachen, was ich mir im Kopf gezeichnet, über vieles wirst du mich aber küssen. – Im Lande, schreibst du, wo man sich in der Landessprache nicht auf gute Weise dutzen kann, liebt man nur so so – – recht! ganz recht, lieber Junge, und wann hättest du nicht bei mir Recht? Das Dutzen ist so was zum Herzen, daß ich's nicht sagen kann. Was das hübsch ist, daß du deinen Vater und deine Mutter du zu nennen das Herz hast. Meinem Vater dürft' ich so nicht kommen, der Muttter wohl – darum liebst du auch deinen Vater mehr, als ich den meinigen. Unsere Mütter lieben wir, glaub' ich, gleich. – Den kleinen Finger von der Liebe, womit wir uns lieben, auch der nicht! – Ich habe schon gedacht, ihr Männer könnt nimmer so zärtlich seyn, als wir. Hörst du? als wir. Wo ich alles vernehme, was ich schreibe, mußt du besser wissen, als ich – denn in Wahrheit, wenn ich mich an das Papier setze, weiß ich kein Wort. Morgen von vier bis sieben! Ich würde nicht eine Sylbe an dich schreiben, wenn du es nicht so wolltest, aber du müßtest ohne Ende und ohne Ziel an mich schreiben, sonst wüßte ich nicht, was ich anfinge. Ich finde in keinem Buche das, was ich in deinen Briefen finde. – Was du aber in meinen findest, kann nicht viel seyn.

[143] N.S.