Ida Gräfin Hahn-Hahn
Maria Regina
Eine Erzählung aus der Gegenwart

Erster Band

Vater und Töchter

Ein milder Sommerabend ruhte auf den heitern, lieblichen Ufern des Mains. Grüne Hügel, Rebgelände, Haine von Fruchtbäumen, Städtchen und Dörfer drängen sich an seine krausen Windungen heran. Auf einer Höhe am nördlichen Ufer liegt Kloster Engelberg, der berühmte Wallfahrtsort, mit seinem Hintergrund von dunkelm Nadelholz. Die ärmsten Söhne des armen heiligen Franziskus, die Kapuziner, dienen hier Tag und Nacht Gott und den Seelen. Drüben auf dem südlichen Ufer erhebt sich auf der Platte eines Hügels, den die Kunst in einen terrassierten Garten verwandelt hat, das Schloß des Grafen Windeck im Stil der Renaissance unter uralten Linden und Kastanien. Auf den Zinnen hing das Banner in den Windecker Wappenfarben schlaff an der Stange herab und auf den Terrassen tanzten die Springbrunnen wie Elfen und ihr schlanker Wasserstrahl trug spielende glänzende Kugeln, ohne sie fallen zu lassen: so still war die Luft. Die Blüten der Orangenbäume dufteten betäubend, und Granaten und Oleander mit ihren prächtigen Blumen glühten doppelt in der Abendsonne. Breite Steintreppen, deren Absätze mit großen Vasen voll Hortensien und anderen Prunkblumen geschmückt waren, führten von einer Terrasse auf die andere. Die oberste trug zu beiden Seiten Gruppen von schattigen [1] Linden und in der Mitte ein weites, von Wasserpflanzen und kleinen Basaltblöcken umgebenes Bassin, aus dem ein starker Wasserstrahl aufstieg und mit drei Kugeln zugleich spielte. Auf einem der Felsblöcke saß ein kleines Mädchen und schaute mit stillen großen Augen träumerisch die tanzenden Kugeln an. Über den Main schwamm ein Nachen und trug einen bejahrten Herrn mit schneeweißem Haar und ein junges Mädchen, die so eben die hohe steile Wallfahrtstreppe herabgestiegen waren, vom Kloster Engelberg nach Schloß Windeck hinüber. Friedlicher als der Abendhimmel und der stille Fluß und die ganze ruhende Natur war der Ausdruck, der auf dem Antlitze des Greises und des jungen Mädchens lag, denn es war der Friede, der nichts gemein mit der Erde hat.

In dem reichmöblierten Saal, dessen drei hohe Fenstertüren der Terrasse zu weitgeöffnet standen, ging Graf Windeck auf und nieder, sofern ihm das nämlich möglich war. Denn der Saal, obzwar sehr geräumig, war mit Sopha's, Ottomanen, Lehn- und anderen Stühlen, Tischen in allen Größen und Formen, Gestellen mit Blumen, mit Vasen, mit Lampen, mit Büchern, mit Porzellan, mit tausend und aber tausend modischen Überflüssigkeiten, die alle kreuz und quer standen, dermaßen überfüllt, daß er mehr dem Magazin eines Tapeziers als einem Familienzimmer glich. So liebte es aber der Graf, denn so war es eben Gebrauch in der Welt, obschon seine Liebhaberei für das Auf- und Abgehen, was für müßige Menschen eine Art von Beschäftigung ist, sehr dadurch beeinträchtigt wurde. Er schob auch ziemlich unmutig bald einen Sessel, bald einen Tisch, einmal sogar das Polster zurück, auf dem Amour ruhte, Amour, das köstliche [2] Bologneserhündchen, nicht viel größer als ein Schneeball, ein höchst seltenes Exemplar dieser fast ausgestorbenen Race. Amour kläffte empört über diese rauhe Behandlung seinen Herrn an und ein schöner Aras, aus seiner abendlichen Ruhe aufgeschreckt, kreischte laut auf und schüttelte voll Entsetzen sein Gefieder. Dann wurde Alles wieder still.

Nach einiger Zeit sah der Graf auf die Uhr, trat unter die Türe, die auf die Terrasse führte, und blickte verdrießlich nach Kloster Engelberg hinüber. Dann fiel sein Auge auf die Kleine, die zwischen einem hohen Strauß von blühenden Callas wie die Nymphe des Springbrunnens an dessen Rand saß – und er rief:

»Corona!«

Die Kleine sprang auf und eilte zu ihm. Er fragte:

»Wo bleibt Regina?«

»Sie wird wohl gleich kommen, lieber Vater.«

»Woher weißt Du, daß sie gleich kommen wird, wenn sie jetzt noch nicht zurück ist?« fragte ganz unmutig der Graf.

»Weil Du gesagt hast, daß sie um sieben Uhr zu Hause sein solle, lieber Vater,« entgegnete sie unbefangen.

Da schlug es sieben und Regina trat durch eine Seitentüre in den Saal, küßte dem Grafen die Hand und nickte freundlich der kleinen Schwester zu.

»Du kannst wieder in den Garten gehen, Korona,« sagte der Graf, setzte sich in einen Lehnstuhl, deutete seiner ältesten Tochter an, ihm gegenüber Platz zu nehmen und fuhr fort: »Ich hab' es reiflich erwogen, Regina, ich schicke Euch nicht zu den Damen vomSacré Coeur zurück. Die gute Tante [3] Isabella hat mir versprochen, uns nicht zu verlassen, und ich behalte Euch bei mir. Du bist jetzt siebzehn Jahre alt; da muß das Lernen aufhören. Denn entweder hast Du etwas gelernt – und dann bist Du hinreichend unterrichtet; oder Du hast nichts gelernt – und dann ist's überhaupt umsonst, dann wirst Du auch nichts lernen. Genug, Ihr sollt bei mir bleiben und mich unterhalten. Du sollst diesen Winter mit mir in die Welt gehen und für Korona will ich Gouvernante u. dgl. halten. Aber desSacré Coeur bin ich überdrüssig. Seit dem Tode Eurer guten Mutter, also fünf volle Jahre waret Ihr dort. Ein längerer Aufenthalt würde Dir entschieden schädlich sein, Dich der Welt entfremden, Dich wohl gar auf den Gedanken bringen, ganz und gar da zu bleiben – und das geht nicht..«

»Das würde ich auch nie wünschen, lieber Vater,« antwortete Regina, als der Graf schwieg, um zu hören, was sie erwidern würde.

»Nicht?« rief er erfreut; – »nun, das ist mir lieb! ich fürchtete schon, Du hättest Klostergedanken.«

»Du fürchtetest es, lieber Vater?« sagte Regina, und sah ihn mit ihrem tiefen klaren Auge ganz erstaunt an.

»Nun freilich!« fuhr der Graf auf; – »alle romantischen Grillen sind mir verhaßt.«

»Scheint es Dir eine romantische Grille, dem lieben Gott dienen zu wollen?« fragte Regina weiter.

»Was wär' es sonst?« rief er zornig.

»Ich dachte, es sei eine Pflicht,« sagte sie sanft.

»Ärgere mich nicht, Regina!« brach der Graf aus. – Da hub auf Kloster Engelberg das Ave-[4] Maria-Läuten an. Regina stand auf, trat zurück, blickte hinüber nach dem armen Kirchlein, das – wie einst der Stall von Bethlehem den menschgewordenen Gott aufnahm – so den verborgenen Gott im Tabernakel umschloß, und betete andächtig den englischen Gruß. Der Graf, unterbrochen in seinem Zornerguß, sah während der Zeit die Tochter an und sprach zu sich selbst: Wie schön sie ist! woher hat sie nur die Schönheit? von ihrer armen Mutter gewiß nicht! – Dieser Ideengang versöhnte ihn etwas, und als Regina nun sanft vor ihm niederkniete und um Vergebung bat, wenn sie gefehlt habe, antwortete er:

»Du mußt suchen aus den Widersprüchen zu kommen, mein Kind, und Dir selbst klar zu werden. Eben sagtest Du, Du wünschtest nicht im Sacré Coeur für immer zu bleiben und gleich darauf schienst Du dennoch mit Klostergedanken umzugehen.«

»Lieber Vater,« sagte Regina mutig, »mein Wunsch wäre, zu den Karmelitessen zu gehen.«

»Zu den Karmelitessen!« rief der Graf, »wer sind die? wo sind die? was weißt Du von ihnen?«

»Nichts – als daß ich bei ihnen lernen könnte, recht innig Gott zu lieben und recht ausschließlich ihm zu dienen.«

»Unsinn über Unsinn!« rief er. Da fingen die Glocken auf Kloster Engelberg an, den morgenden Sonntag einzuläuten und bald stimmten alle Glocken und Glöcklein der benachbarten Kirchen ein und mahnten wie Stimmen des Himmels die Menschen im Staube der Erde an das »Sursum Corda«, das so leicht vergessen. Graf Windeck überhörte den himmlischen Zuruf und sprach weiter:

[5] »Den Unsinn fetzen Dir die Patres da drüben in den Kopf. Ich will nicht mehr, daß Du bei ihnen beichtest. Du kannst bei Onkel Levin beichten – und überhaupt seltener. Ich begreife nicht, was Du jeden Samstag zu beichten haben kannst! mir fällt nie was ein.«

Mit einer ganz leichten Bewegung glitt Regina auf ihre Knie, beugte sich tief zu Boden, küßte die Füße des Grafen und sagte zärtlich:

»Desto schlimmer, mein geliebter Vater.«

Der Graf aber behandelte sie wie sein Bologneserhündchen, stieß sie fort und sagte rauh:

»Was erfrechst Du Dich?«

»O nur aus Liebe,« entgegnete sie und hob immer kniend die gefalteten Hände zu ihm auf und sah ihn mit demütiger Zärtlichkeit an, während ein rotes Mal auf ihrer Stirn Zeugnis seiner harten Behandlung ablegte. Er aber sprach mit steigendem Unmut:

»Karmelitessen! wer hat denn wieder die erfunden! gehören die auch zu den neumodischen Anstalten, um Bettelvolk zu verpflegen und Bettelvolk zu erziehen, als ob es unsereiner wäre! Oder sind sie selbst solch klösterliches Bettelvolk, wie ich jüngst, als ich Euch aus dem Sacré Coeur abholte, ein Paar von Haus zu Haus mit einer Büchse für Almosen herumlaufen sah? Man zeigte mir eine, von der es hieß, sie sei eine Gräfin und reich. Da dachte ich, sie müßte einen Narren zum Vater haben, der den Skandal erlaubt, daß seine Tochter eine allgemein bekannte Bettlerin wird.«

»Lieber Vater,« entgegnete Regina, als er schwieg, um Atem zu schöpfen, »Du selbst sagtest gestern, es würden jetzt Sängerinnen und Tänzerinnen Gräfinnen und Fürstinnen. Gilt also in [6] der Welt der Stand so wenig, daß Komödiantinnen ihn erlangen, warum soll es dann nicht Personen dieses Standes erlaubt sein, ihm freiwillig zu entsagen?«

Graf Windeck hätte am liebsten geantwortet: »Weil ich es nicht will.« Indessen sammelte er sich, nahm eine hohe Miene an und glaubte eine höchst weise Äußerung zu machen, indem er sagte:

»Weil nicht ein Skandal den andern gut machen kann. Ich habe gar nichts gegen die Theaterprinzessinnen, gar nichts! im Gegenteil! auf der Bühne sind sie charmant; aber sie müssen dort bleiben – gerade so, wie die Gräfinnen und Fürstinnen in ihren Verhältnissen bleiben – und nicht mit Bettelbüchsen straßauf straßnieder laufen müssen.«

»Das gehört auch nicht zur Ordensregel der Karmelitessen, lieber Vater.«

»Schweige von ihnen! schon diese Benennung ist mir unerträglich.«

»Ich hänge nicht eigensinnig an ihnen, lieber Vater. Wenn ich wüßte, daß Du mich lieber zu den Trappistinnen gehen ließest ...« – –

»Nun ist's genug!« donnerte der Graf. »Nun ist meine Geduld erschöpft und ich will von all' dem Unsinn keine Silbe mehr hören. Also merk' es Dir, Regina: Du gehst nicht mehr zur Beicht in's Kloster und Ihr geht beide nicht zurück in's Sacré Coeur. Ich werde mit Euch reisen, Euch die Welt zeigen. Das wird Deine Ueberspannung kurieren und Corona davor bewahren. Hast Du mich verstanden?«

»Ja, mein lieber Vater,« sagte Regina freundlich, küßte zärtlich des Grafen Hand und entfernte [7] sich so ruhig, so heiter, als ob all diese Anordnungen ihren Wünschen entsprochen hätten. Er sah ihr nach und murmelte für sich: Im Grunde ist sie ein prächtiges Mädchen! es tut ihr leid, ich weiß es, nicht in's Sacré Coeur zurückzukehren und nicht mehr dem alten, kreuzbraven, langweiligen Graubart da drüben beichten zu dürfen; aber keine Miene verzogen! aber kein Wort gesagt! aber keine Träne vergossen! keine einzige Träne! O wie hat ihre arme Mutter mich gelangweilt mit ihren Tränen; – denn was kann man tun einem weinenden Weibe gegenüber? Nachgeben? – das mag man nicht. Also nicht nachgeben und sie weinen lassen nach Belieben. Prächtiges Mädchen, die Regina! Soll auch prächtig bleiben! .... nur nicht fromm sein, nur nicht Betschwester werden, nur nicht in's Kloster gehen! – Wie mag denn wohl die Kleine gesinnt sein? – – Er ging die breiten Stufen hinab, die aus dem Saale auf die Terrasse führten. Der westliche Himmel schwamm in der Rosenglut des Sonnenunterganges, während im Osten die Nacht aufstieg und mit ihrem bläulichen, von blassen Sternen durchwebten Schleier mehr und mehr den Horizont umhüllte. Die Landschaft sank in unbestimmte Schatten hinein; nur Kloster Engelberg lag noch rosig angehaucht auf seiner einsamen Höhe und schimmernd wand sich der Main durch die dunkelnden Ufer. Korona lag, gestützt mit beiden Armen, auf der Brustwehr der oberen Terrasse. Als sie Schritte auf dem Kieswege hinter sich hörte, kehrte sie sich rasch um, lief dem Grafen entgegen und sagte mit der jubilierenden Stimme der Kinder, wenn sie so recht froh sind:

»O lieber Vater, hier ist es schön!«

[8] »Das freut mich zu hören, Korona! Du willst also nicht, wie Regina, in's Kloster?«

»Nein, nicht in's Kloster! ich will in der Welt bleiben! sie gefällt mir gar zu gut – die Welt!«

»Närrchen!« sagte der Graf lachend; »was denkst Du denn eigentlich in der Welt anzufangen?«

»O,« rief sie, »ich will in der Welt dem lieben Gott dienen.«

Graf Windecks Angesicht verfinsterte sich wieder. Er ging in den Saal zurück, in welchen soeben Lampen und Zeitungen gebracht wurden und murmelte für sich hin: »Was ist das nur für eine fixe Idee bei den Kindern, daß sie Gott dienen wollen? Gottesdienst – den gibt es, ja! Da wird die Messe gelesen, Hochamt celebriert und dergleichen. Dem wohnt man bei – wenn man Lust hat. Aber dann noch ganz extra Gott zu dienen, wie der Knecht dem Herrn, wie der Soldat dem König dient – das ist ein famoser Einfall der beiden Mädchen, von dem ich sonst nie das mindeste gehört habe. Was sie wohl darunter verstehen? immerfort beten? – ob das im Kloster möglich ist, weiß ich nicht. In der Welt ist es aber unmöglich – das weiß ich – immerfort zu beten.« Und so beruhigt durch diesen Ausspruch, als habe er sein halbes Leben mit Ergründung dieser Sachen zugebracht, griff er zu seinen Zeitungen.

Regina hatte sich nach dem östlichen Teil des Schlosses begeben. Da lag die Kapelle, die als ein länglich runder Ausbau in eine Gruppe uralter Linden hineintrat und die mit einem flachen Dach gedeckt war, welches einen geräumigen Altan vor Reginas Zimmer im oberen Stockwerk bildete. Eine kleine Wendeltreppe, in der Dicke der Mauer [9] angebracht, verband hier beide Stockwerke, sodaß Regina unbemerkt aus ihrem Zimmer in die Kapelle gelangen konnte. Diese war ihr Lieblingsplatz im väterlichen Schloß. Kein Blick auf die Schönheiten der Natur, auf die Werke der Kunst – um wie viel weniger auf Bilder und Schätze der Welt hatte für sie einen solchen Zauber, als der – auf den Tabernakel dieses einfachen Altars. In der Kapelle war keine Spur von dem Luxus, womit alle anderen Räume des Schlosses ausgestattet waren. – Die Lampe, in welcher das ewige Licht brannte, und die Altarleuchter waren von unedlem Metall; die Blumenvasen von geringem Glas; nirgends ein heiliges Gemälde oder ein frommes Standbild; aber Blumen in Fülle, gestickte Teppiche und anderes mehr, was aus weiblichen Händen hervorging. Für eine würdige Ausstattung der Schloßkapelle hatte der Graf immer eine leere Kasse, erschöpft durch die ewigen Betteleien von Müßiggängern und Faullenzern. Dies behauptete er wenigstens, und so nannte er die Notleidenden und Dürftigen. Regina bekümmerte sich aber nicht über die Armut der Kapelle; sie sah im Glauben die Stätte von allem Glanz des Himmels erfüllt und vermißte nicht die irdische Pracht. Jetzt trat sie ein, sorgsam zwei Kränze tragend, die sie, nachdem sie das Sanktissimum angebetet hatte, zu Füßen eines Kruzifixes aufhing, vor welchem sie niederkniete und in andächtiges Gebet versank – in die Betrachtung des Leidens Christi, des Leidens der göttlichen Liebe, deren mystisches Bild in der Sprache gottliebender Seelen jene Kränze waren – der eine von Granaten und von blauen Schwertlilien der andere. Der Granatapfel mit seiner tausendfachen, von harter [10] Schale umflossenen Fülle der Kerne, welche mit einem scharfen Riß in ihrer Reife die Schale sprengen, ist das Symbol der bitteren Todesnot des Erlösers und der Gnadenfrüchte, die in Ueberfülle sein durchwundetes Herz birgt; während die Granatblüte im hochroten Kelch das Opfer des heiligsten Blutes ohne Unterlaß darbringt. Die tiefblaue Schwertlilie aber ist das Symbol des Leidens um diesen Tod, des Leidens jener mystischen Lilie, die mit sieben Schwertern im Herzen einst unter dem Kreuze stand, klagend um den Tod des Einzigen und jede Menschenseele anrufend zur Teilnahme an ihrer Trauer und zur Buße für das unendliche Weh, das der Gottessohn für die Sünden litt. Regina verstand diese mystische Sprache, die nicht sowohl von den Lippen, als aus dem innersten Gemüt quillt, und daher nur jenen verständlich ist, welche sich nicht von äußeren Dingen einnehmen und betäuben lassen.

Regina war nicht allein in der Kapelle. Derselbe alte Mann, der mit ihr im Nachen von Kloster Engelberg gekommen war, kniete auf einem Betschemel und betete bei dem spärlichen Lichte eines Wachsstockes, der neben ihm auf der Armlehne stand, sein Brevier. Aber keiner beachtete den anderen, keiner ließ sich vom anderen stören. Beide waren hier so vollkommen zu Hause, daß jeder sich einsam fühlte mit seinem Gott. Dieser Mann trug eine schwarze Soutane, Schnallenschuhe und zwischen den Silberlocken seines Hauptes – die Tonsur. Graf Windeck hatte ihn im Gespräch mit Regina schon genannt; es war Onkel Levin, wie die Familie ihn nannte, während man ihn sonst so allgemein und so kurzweg »der hochwürdige Herr« hieß, als ob er dadurch richtiger bezeichnet werde, als durch irgend einen Namen.

[11]
Onkel Levin

Levin war, als der jüngere Sohn, von seinen Eltern dem geistlichen Stande geweiht worden zu einer Zeit, wo in die Kirche vielfache Verweltlichung gedrungen war, welche, trotz aller kanonischen Vorschriften, die Domherrenstellen mit ihren Präbenden fast zum Erbgut der nachgebornen Söhne des Adels machte. Und der deutsche Adel hat eine tiefe Scharte auszuwetzen, daß von dem Augenblick an, wo diese Sinecuren im Anfang des Jahrhunderts ihm entgehen, seine Söhne fast ganz aus dem geistlichen Stande verschwinden; denn dies Verschwinden beweist, wie nur die Begier nach irdischen Gütern in's Heiligtum führte, das allein dem himmlischen Sinne geöffnet werden soll. Bei Levin war es anders. Er trat mit seiner Seele in den geistlichen Stand und suchte mit heiligem Ernst und mit einer hohen, von allen Gnadenquellen genährten sittlichen Kraft sich desselben würdig zu machen. Die tiefe Innigkeit seines Gemütes riß schon eine natürliche Kluft zwischen ihm und der Flachheit der Welt, in deren Wüsten voll täuschender Luftspiegelungen sein Herz keine Befriedigung finden konnte. Als der Glaube mehr und mehr wie ein balsamisches Oel das feinste Geäder seines inneren Lebens durchdrang und all dessen Tätigkeit und Fähigkeit in Bewegung setzte, vertiefte sich auch jene natürliche Kluft noch mehr. [12] Er sah mit anderem Auge, hörte mit anderem Ohr, redete mit anderer Sprache, maß mit anderem Maßstab, wandelte nach anderer Richtschnur; denn er folgte seinem Heilande nach – und die Welt ihren Götzen. Wohl trat auch zu ihm der Versucher, wie zu jedem Staubeskinde, und bot ihm die Genüsse und die Freuden der Erde um den Preis der himmlischen Güter an; aber er betrachtete und wog sie im Lichte des Glaubens – und da fand er sie so häßlich und so gering, daß er sie von Herzen verachtete. Er war noch sehr jung, als jener Sturm über die Kirche hereinbrach, der einerseits manches Vermorschte, Unhaltbare aus ihrem unverwüstlichen Bau hinwegfegte und ihr ewiges Fundament von manchem Wust und Schutt säuberte, und andererseits die Wogen der weltlichen Macht so hoch wider sie aufbäumte, daß sie in der zweifachen Drangsal hätte untergehen müssen, wenn sie eine irdische Anstalt wäre. Dem revolutionierenden, vom Glauben abgefallenen und daher aller Sittlichkeit fremden Geiste des Jahrhunderts erlagen zuerst die geistlichen Churfürsten, welche zum Teil selbst diesen Geist gepflegt und begünstigt hatten, in ahnungsloser Kurzsichtigkeit über dessen Richtung sich täuschend. Als so die ersten Fürsten des deutschen Reiches gefallen waren, hielten es die weltlichen Herrscher für angemessen, den weltlichen Besitz aller Kirchenfürsten, der Bischöfe, der Kapitel, der Stifte und Klöster einzuziehen und Staatsschatz und Land durch das Kirchengut zu bereichern und zu vergrößern. Sie erfanden für diesen kolossalen Raubzug ein eigenes Wort: die Säkularisation. Als das Werk schauerlicher Ungerechtigkeit vollendet und der revolutionierende Geist in seiner gemeinsten Richtung, durch Antastung [13] fremden Eigentums, so unbefangen an's Tageslicht getreten war, kam die Vergeltung über die weltlichen Fürsten: das alte, ehrwürdige, römisch-deutsche Kaisertum ging unter nach tausendjährigem Bestande und alle Throne krachten und wankten in ihren Fugen vor der Gottesgeißel, welche der korsikanische Sprößling der Revolution über Europa schwang, um den Fürsten und den Völkern zu zeigen, was das sei: Macht ohne Gerechtigkeit.

Nachdem die Dom- und Stiftsherren wie ausgediente Beamte gleichsam in Ruhestand und auf Pensionen gesetzt worden waren, kam es vor, daß mancher sich selbst säkularisierte, nämlich zum Weltgeist sich hielt und nicht bloß in, sondern auch mit der Welt so gründlich sich einlebte, wie der niedere Sinn es vielleicht schon längst begehrt hatte. Daraus entsprang mannigfach Ärgernis und Betrübnis. Wenige mochten mit tieferer Trauer auf diese Mißstände, auf diese Verwüstung des Heiligtums und ihre Verwüster blicken, als Levin. Nach der Auflösung seines Stiftes hatte er sich zu seiner Mutter begeben, die an schweren, unheilbaren Leiden langsam dahinsiechte – auch sie eine Verwüsterin des köstlichsten Heiligtums: ihrer eigenen Seele. Die vielen Verirrungen ihres Lebens hatten sogar seinem frommen reinen Auge, das so gern mit liebender Verehrung an ihr gehangen hätte, nicht verborgen bleiben können. Ein Alltagsherz wäre dadurch erkältet, bei ihm aber ging die natürliche Liebe des Sohnes in die übernatürliche des Priesters auf, dessen Beruf es ist, alle Tage seines Lebens für die Sünden der Welt und des einzelnen nicht bloß als Opfernder, sondern auch als Opfer, unter dem Kreuze nach Kalvaria [14] zu gehen. Die bejahrte, kranke Frau hing noch immer an allem Tand der Eitelkeit, als ob sie zwanzig Jahre alt sei. Wenn die Wucht der Leiden ein wenig nachließ, schminkte sie ihre abgezehrten Wangen mit dem schönsten Karmin und versuchte vor dem Spiegel ein Häubchen nach dem andern, bis ihre Wahl sich für das jugendlichste und eleganteste entschied. Dann nahm sie gern solche Besuche an, die von neuen Moden und neuen Romanen zu erzählen wußten. Eine ihrer Kammerfrauen verstand gut vorzulesen und hatte dadurch einen schweren Dienst; denn sie mußte viele Stunden des Tages, zuweilen sogar der Nacht, solche Bücher vorlesen, in welchen die Kranke eine Erinnerung oder Wiederholung der nichtigen Freuden und törichten Leiden ihrer Vergangenheit fand. Sie hatte ihre Seele dermaßen an äußere Dinge gehängt, daß ihr Sinn wie tot für das Höhere war.

Levin hatte keine Vorstellung von dieser seelischen Abgestorbenheit seiner Mutter. Nicht er, sondern sein älterer Bruder, der Stammherr, war der Gegenstand ihrer Zärtlichkeit und Sorgfalt gewesen, und in diesem Punkt – dem einzigen in ihrer Ehe – stimmte sie mit ihrem Gemahl überein. Die engen Herzen faßten die Familie nur in ihrem Zusammenhang mit der Welt auf. Glanz und Ansehen, Reichtum und Grundbesitz, Vertretung des uralten Namens – alles knüpfte sich an den Erstgeborenen. Levin war überflüssig, wurde auch immer so behandelt und in den geistlichen Stand wie in ein Exil geschickt. Vielleicht war es diese irdische Enterbung, die ihm das himmlische Erbe zuwendete. Die Geringschätzung von Seiten der Eltern bewirkte, daß er sich selbst von Herzen geringschätzte und sich von Kindheit auf daran gewöhnte, [15] für nichts zu gelten und seine Wünsche wie seine Persönlichkeit nie in Anschlag zu bringen. Er hätte kleinmütig, feig und mißtrauisch werden können; aber er hatte die Geisterweihe der Frömmigkeit empfangen: er wurde demütig. Er traute sich selbst nichts Gutes zu; darum flüchtete er, wenn das Böse sich ihm nahte, zu der göttlichen Gnade – und sie erhielt ihn gut. Je mehr er diese Wirkung der Gnade in sich erkannte, desto entschiedener und inniger hing er sich ihr an, folgte ihr und suchte mehr und mehr aus seiner Seele zu räumen, was an Eigenliebe und Selbstsucht ihr entgegenstand. Der ersten, der natürlichsten Liebe, der Elternliebe beraubt, senkten seine Herzfasern sich überhaupt nicht mehr in eine Erdenliebe ein. Der Boden war zu kalt und zu arm für sie; sie richteten sich aufwärts; sie faßten Wurzel im Stamme des Kreuzes; und seine Liebe wurde der Gekreuzigte. Mit dieser Liebe kam er zu seiner Mutter, betrat er ihr Krankenzimmer und verließ es Jahr um Jahr nicht mehr. Sie lebte jetzt auf Schloß Windeck, dessen Stille ihren Leiden wohltat und wo sich immer einige Glieder der Familie aufhielten und ihr Gesellschaft leisteten, am seltensten ihr Gemahl und ihr ältester Sohn. Levins Vater hatte sich wenig um seine Frau bekümmert, ihr schon früh das Beispiel seiner Irrwege gegeben und oft jahrelang von ihr getrennt gelebt. Das ging auch jetzt so fort. Der älteste Sohn war verheiratet und in der Nähe seiner Schwiegereltern angesessen; überdies wenig geneigt, die Einsamkeit eines Krankenzimmers zu teilen. Levin war seiner Mutter kaum willkommen. Sie hatte nie ein Herz für ihn gehabt und traute ihm daher auch keines für sich zu.

[16] »Er will mich gewiß bekehren,« sagte sie zu Fräulein Leonore, ihre Cousine und Busenfreundin, die sich fast immer bei ihr aufhielt und noch oberflächlicher und weltlicher war, als sie.

»Bekehren? warum denn?« fragte Fräulein Leonore ganz verwundert. »Ich dachte, man bekehrte nur die Heiden, die Wilden und solche Völker.«

Zwischen Fräulein Leonore, einigen anderen Verwandten dieses Schlages und den Kammerfrauen mit Romanen und Modejournal wollte Levin Fuß fassen, um das Herz seiner armen Mutter der Welt abzuringen. Für diesen Kampf mußte er seine Festung haben. Die Schloßkapelle war ganz vernachlässigt oder – richtiger gesagt – vergessen. Man hatte die Erlaubnis, das Sanktissimum darin aufzubewahren; statt dessen bewahrte man altes Hausgerät darin auf, das man zum eigenen Gebrauch zu schlecht und für die Armen zu gut fand. Ein Hauskaplan, eine tägliche Messe – das waren Dinge, die nicht im Gedankenkreise von Levins Eltern gelegen hatten. In aller Stille und Ruhe machte Levin dem Haushofmeister begreiflich, daß es sich zieme, die Kapelle in Ordnung zu setzen, damit er nicht außerhalb des Schlosses die Messe zu lesen brauche. Der Haushofmeister meinte: wenn sich gräfliche Gnaden damit bemühen wollten, so sei es allerdings geziemend, es im Schloß zu tun; und die Kapelle wurde eingerichtet. Altargerätschaften, Paramente, Weißzeug waren teils verschwunden, teils unbrauchbar durch lange Vernachlässigung. Levin schaffte alles Notwendige aus seinen Mitteln an. Aber diese waren beschränkt durch seine unbeschränkten Almosen. Nur die Gefässe, welche bei der Feier der heiligsten [17] Geheimnisse dienten, ließ er prächtig und kunstreich anfertigen; alles andere konnte nur ganz schlicht sein. Aber welch ein Frohlocken durchströmte seine Seele, als nun alles geordnet und bereitet – und er selbst so glücklich war, den »verborgenen Gott«, wie der Prophet Isaias ihn nennt, »dessen Lust es ist, bei den Menschenkindern zu sein« – wieder zu dem verlassenen Altar zurückzuführen und wieder unter dem Dache der Väter zu haben. Er zweifelte nicht, daß diese göttlich wahrhafte, mystische Gegenwart ein Teich Bethesda, ein Born des Heils und der Genesung für seine arme Mutter sein werde. Sein Leben wurde nun ein fortgesetztes Gebet, damit sie den Gnadenquell erkennen möge, der in ihrer nächsten Nähe geöffnet sei; damit sie wenigstens in ihren letzten Stunden den Gott nicht verschmähe, der mit seinem Blut sie retten wollte; der zärtlich wartend »vor der Türe stand und anklopfte« – und wieder und immer wieder anklopfte; und dem das arme Herz sich nicht öffnen wollte. Es gab Zeiten, wo er Unsägliches litt. Seine in die ewige, göttliche Schönheit verliebte Seele erschauerte vor der Kälte eines Gemütes, das gar kein Verlangen trug nach Ewigschönem. Dann seufzte er: »O Herr und Heiland! es ist meine Schuld! wenn ich in Deine Liebe einzugehen verstünde, wenn ich in Dir lebte und webte, und mich Dir gleichförmig zu machen wüßte, so weit meine Armseligkeit es vermag: so würdest Du das Werk Deiner Gnade in mir – an meiner armen Mutter vollenden und sie könnte Dir nicht widerstehen. Aber ich Sünder stehe zwischen Dir und ihr, wie eine Mauer, welche der Blume den Sonnenstrahl raubt.« Er hatte anfangs versucht, zuweilen ein Wort von himmlischen Dingen fallen zu[18] lassen; es war aber für sie, als ob er arabisch rede. Er schwieg; doch je weniger er von Gott zu ihr sprach, desto mehr sprach er von ihr zu Gott. Er durchwachte und durchweinte halbe Nächte vor dem Altar, namentlich dann, wenn die Heftigkeit ihrer Leiden jeden Augenblick ihren Tod herbeiführen konnte; – und in der österlichen Zeit, wenn er umsonst vor ihr auf den Knien gelegen und sie beschworen hatte, ihrer Christenpflicht nachzukommen. Die Zeit war wirklich eine Oelbergsnacht für ihn. Dann überwog ein Blick auf das heiligste Leiden jedes Bedenken; dann flehte er die Mutter an, doch nicht denjenigen zu vergessen, der in bitterer Todesnot ihrer nicht vergessen habe; doch eingedenk zu sein, daß sie ja gleichsam mit den armen Schächern durch ihre Leiden am Kreuze hinge und sich das Paradies erschließen könne durch einen Akt demütiger Liebe. Dann empfing er immer dieselbe Antwort, die kühle Versicherung, daß sie großes Vertrauen zur Barmherzigkeit Gottes – aber gar keines zu kirchlichen Ceremonien habe. Ja, sie ließ sogar nicht undeutlich merken, der liebe Gott sei eigentlichihr Schuldner wegen der großen und langen Marter, die sie ertragen müsse; und Fräulein Leonore ermangelte nicht, in demselben Sinne zu Levin zu sprechen und ihn mit Vorwürfen zu überhäufen, daß er durch seinen unkindlichen Fanatismus die Ruhe der kranken Mutter störe.

»Gnädige Cousine,« sagte Levin einmal bei dieser Gelegenheit, »käme ein Arbeiter zu Ihnen und spräche: Gib mir meinen Lohn, denn ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet; so würden Sie ohne Zweifel, ehe sie ihn bezahlten, fragen: Hast du denn in meinem Auftrag und für mich gearbeitet? – Und wenn er antworten würde: Nein, [19] ich habe für andere oder auch nur so auf gut Glück gearbeitet; so würden Sie sagen: Mein Freund, dann kann ich dich auch nicht bezahlen. Nicht wahr?«

»Das versteht sich,« sagte Leonore; »aber was geht das Ihre arme Mutter an?«

»Nur insofern, gnädige Cousine, als der Dienst der Welt keinen Anspruch machen darf an himmlische, selige Vergeltung.«

»Aber doch gewiß an die Barmherzigkeit Gottes, dessen Liebe Sie ja so feurig preisen,« wandte sie ein.

»Ja, unter einer Bedingung.«

»Nein, unter keiner! Das lehrt uns ja ganz deutlich der arme Schächer, von dem Sie vorhin redeten. Christus verspricht ihm das Paradies.«

»Denn er bekennt seine Sünde, bekennt die Gerechtigkeit der Strafe, die er leidet, bekennt seinen Erlöser,« ergänzte Levin ihre Bemerkung.

»Wie Sie das alles deuten!« rief Leonore.

»Sie deuten es ja auch, gnädige Cousine.«

»Aber mit Liebe! und Sie – mit Härte und Strenge.«

»Wenn das Härte und Strenge ist, so haben Sie, gnädige Cousine, mehr Liebe als der göttliche Erlöser selbst, der nur dem einen Schächer das Paradies versprach.«

»Sie sind freilich ein Schriftgelehrter,« sagte Leonore mit einem Tone, der deutlich verriet, daß sie im Herzen den Zusatz mache: »und Pharisäer.«

Levin schwieg. Die Welt versteht die Liebe inihrem Sinn, nämlich als Schmeichelei. Sie löst die Wahrheit von der Liebe ab, weil die Wahrheit nicht schmeicheln kann und erklärt ohne Umstände [20] Denjenigen für lieblos, der Wahrheit und Liebe vereint in Gott sieht.

Eine Seele retten ist mehr als Wunder tun: das war Levins Wahlspruch. Wo er nur konnte, diente er den Seelen. Er hatte sich die Erlaubnis erbeten, in der Seelsorge aushelfen zu dürfen. Das war seine Wonne! Niemand war eifriger, das Bußsakrament zu spenden; Niemand bereitwilliger, der Jugend Christenlehre zu halten. Zu diesen Werken geistlicher Barmherzigkeit fügte er auch die leiblichen. Er ging stundenweit umher und suchte Kranke, Arme, Verlassene, Witwen und Waisen, Kinder und Greise auf, um ihnen in ihren vielfachen Nöten beizustehen, um zu helfen, zu trösten, zu retten, um zu sorgen für die Sorglosigkeit des Elendes, um die irdisch Verlassenen in den Himmel zu ziehen. Kein Wintertag, keine Regennacht, kein Herbststurm hielt ihn zurück von den Wegen, auf denen er als ein liebender Nachfolger seines göttlichen Meisters wandelte, unsäglich dankbar, daß ihm diese hohe süße Gunst zu Teil werde. Im Kreise seiner Familie fand man ihn sehr überspannt. Sein Vater fühlte sich geradezu dadurch beleidigt, als ob es die Würde der Grafen von Windeck verletze. Sein Bruder, ein höchst gemütlicher aber beschränkter Mann, staunte diese Liebhaberei für die armen Leute – wie er sich ausdrückte – als eine Kuriosität an. Seine Mutter krittelte und mäkelte krankhaft an all' seinem Tun und Lassen. Die Hausbedienten und Untergebenen, eines solchen Mitgliedes der gräflichen Familie gänzlich ungewohnt, wußten nicht genau, ob er nicht etwa für ein wenig närrisch zu halten sei. In dem Kreise seiner Pfleg- und Schützlinge fand er zahllose Undankbare, Zudringliche, Boshafte, Verkommene, [21] die ihm Verlegenheit, Kummer und Sorge, zuweilen tiefe Betrübnis verursachten. Wohin er sich wendete, fand er nichts als Kränkungen und Widerspruch; wohin er die Hand legte und den Fuß setzte, griff er in Dornen, trat er auf Dornen. Das war ihm gerade recht. Er dachte an die Nichtachtung, die der Heiland in Nazareth fand; an die zehn Aussätzigen, die der Heiland gesund machte und von denen nur Einer ihm dankte, und mit demütiger Freude sprach er zu sich selbst: Der Knecht ist nicht über den Herrn! und wer bin ich, o geliebter Herr, daß ich dein Knecht sein darf? – Wollte einmal Unlust, Ermüdung, Bitterkeit frostig sein Herz anhauchen: so gedachte er der Verschmähung, welche der aus Liebe gekreuzigte Gott tagtäglich erfährt – und wie der nächtliche Reif vor dem Strahl der aufgehenden Sonne von der Frühlingslandschaft verschwindet: wich jede Kälte aus seinem Herzen und tausend Blüten der Hingebung, der Opferfreude, der Geduld, der Barmherzigkeit drängten sich fröhlich und frisch empor.

So brachte er sieben Jahre hin, die schönsten der Jugend, entsagend und gottliebend wie der Mönch in der Zelle und der Ascet in der Wüste. Es nahete wieder die heiligschöne österliche Zeit, die so bedeutungsvoll in die letzten Winterstürme und den Vorfrühling fällt, gleichsam als Vorbote des übernatürlichen Frühlings, der mit dem Auferstehungsfest beginnt. Die Gräfin war so krank, daß die Ärzte ihr höchstens noch einige Wochen – vielleicht nur Tage, Lebensfrist gaben. Mehr Weh, als sie körperlich litt, fühlte Levin in der Seele. Die zwiefache Liebe des Sohnes und des Priesters wurde unter den obwaltenden Umständen zu einem zweischneidigen [22] Schwert, das ihm das Herz durchbohrte. O Herr! seufzte er auf den Knien vor einem Kruzifix, sieben Jahre diente im alten Bunde Jakob um Rahel, und als die Zeit um war, hatte er nur Lea gewonnen und er mußte abermals sieben Jahre dienen: also vierzehn Jahre um ein armseliges Staubesgebilde, an dem nichts schön war, als deine Gnade. Aber er diente mit Freuden, weil seine Liebe zu Rahel so groß war. Ach, wie ist diese Liebe zu einem sterblichen Weibe so beschämend für mich! kann ich denn nicht vierzehn Jahre Dir dienen aus Liebe zu einer Seele? sind mir schon diese sieben Jahre zu viel? Aber Du weißt es, geliebter Herr: nicht sieben Jahre und nicht siebzig Jahre – sondern mein Leben lang ist es eine wonnevolle Gnade, Dir dienen zu dürfen als ein armer Bettler, der ich bin. Vergiß nun aber auch nicht, um welche Seele ich bettele! – So goß er oft kindlich sein Herz vor Gott aus und bat um Erleuchtung, wie er es anzufangen habe, um mit seiner heißesten Bitte diesmal nicht von der Mutter abgewiesen zu werden. Am Mittwoch in der Charwoche beginnt die Kirche gegen Abend feierlich klagend die Tenebrä zu beten und die Lamentationen zu singen, die der Prophet Jeremias um Jerusalems Fall weint – Vorbild der Klagen des Erlösers um gefallene Seelen. Als Levin am Morgen zu seiner Mutter kam, lag sie geisterhaft bleich und zum Skelett abgezehrt auf ihrem Bett und die Schatten des Todes schlichen schon über ihre Züge. In ihrem eingesunkenen Auge glänzte aber ein ganz fremdes, mildes Licht auf, als sie ihn ansah und sagte:

»Mein Sohn, lies mir die Passion nach Johannes vor und laß den Pater Guardian von Engelberg [23] bitten, sich zu mir armen Sünderin zu bemühen.«

Stumm vor Uebermaß der Freude sank Levin neben dem Bett auf seine Knie. Die Gräfin fuhr fort:

»Vor vielen, vielen Jahren, ehe ich so unglücklich war, mich vom Glauben abzuwenden, hörte ich sie, am Charfreitag mein' ich, im Dom zu Würzburg lesen. Es war das letzte der Art, was ich gehört habe – und ich will sie noch einmal hören, ehe ich sterbe.«

Auf seinen Knien, das Buch auf den Rand des Bettes gelegt, las Levin, in Wehmut zerschmelzend, ihr die Passion nach Johannes vor. Dann kam der Pater Guardian und blieb bei ihr lange, lange Zeit, so daß Fräulein Leonore und die Kammerfrauen fürchteten, sie könne wohl schon abgeschieden sein und der Pater in seinem Gebetseifer es nicht bemerken. Als der Pater endlich das Krankenzimmer verließ, fand man die Gräfin aufgelöst in Tränen. Die ganze Dienerschaft, alle Hausgenossen mußten sich auf ihren Wunsch um ihr Sterbelager versammeln. Sie bat alle zusammen und jeden einzeln um Vergebung wegen des bösen Beispiels und des Ärgernisses, das sie durch Verachtung der Kirche und des Glaubens gegeben habe, und forderte Alle auf, nicht bis zur Todesstunde mit der Bekehrung und der Buße zu warten. Zu Levin sagte sie dann:

»Um Dir den Gram abzubitten, den ich Dir gemacht habe, mein Sohn – dazu fehlen mir die Worte .... und die Zeit. Bete für mich, bete für unser ganzes Haus! ein gottentfremdetes Leben ist ein elendes Leben .... und ach! meistens werden wir das erst dann gewahr, wenn es uns entschwindet. [24] Gott Dank, daß Du es früh begriffen hast! Also bete, Kind! Du bist so gut, daß der liebe Gott Dir gewiß nichts abschlägt. Er hat ja auch Dein Gebet für mich erhört! .... Gelange ich einst zu seiner seligen Anschauung, so dank' ich es Dir.«

Mit großer Sammlung empfing die Gräfin die Sakramente der Sterbenden. Ein Altar war in ihrem Zimmer hergerichtet; im Vorzimmer lagen die Hausbedienten auf den Knien; katholische Erinnerungen wurden in ihnen wach; sie hatten doch noch die Ahnung davon, was es sei, wenn sich der König der Ewigkeit herabläßt, auf den ersten Wink eines armseligen Geschöpfes, das ihn so lange verschmäht hat, beseligend einzugehen.

Als die ersten Glockenschläge in Kloster Engelberg den Beginn der Passionszeit mit den Tenebrän anzeigte, trat die Gräfin in die Agonie. Unsägliche Qualen wechselten mit Bewußtlosigkeit ab. Konnte sie aber einmal bei Besinnung aufatmen, so küßte sie zärtlich ein Kruzifix, das Levin an ihre Lippen legte, sah ihn an und breitete ihre Arme in Kreuzform aus. Er verstand sie: am Kreuz wollte sie sterben; am Kreuz sollte er leben. Er schrak nicht vor diesem Wunsch, vor dieser Erbschaft zurück. Er verließ seine Mutter keinen Augenblick, und in Tränen und Gebeten aufgelöst pries er die Barmherzigkeit Gottes, die ihr solche Gesinnungen schenkte. Am Charfreitag in der Frühe kam sein Vater, der ohnehin höchst gleichgiltig für die Gräfin – und zu lange daran gewöhnt war, sie sterbend zu wissen, um nicht ganz vorbereitet zu sein auf ihren Tod. Aber – auf diesen Tod war er freilich nicht vorbereitet! Diese entsetzliche Agonie, auf deren Qual das Licht des Glaubens so tröstlich fiel, hatte er nicht erwartet. Der Eindruck war so [25] erschütternd für Jemand, der lebenslang jeden Ernst gemieden hatte und der nun plötzlich an den furchtbaren Ernst eines jeden Lebens gemahnt wurde, welches unwiderruflich so endet, daß der alte Mann am Sterbebett zusammenbrach. Die Gräfin tat ihren letzten Atemzug am Charfreitag zur Stunde der Vesper. Der Graf wohnte ihren Exequien bei; dann erkrankte er und genas nicht wieder – dem Körper nach. Seine Seele aber fand Genesung durch das Brot des ewigen Lebens, welches der Glaube ihm verhieß und die Kirche ihm vermittelte. Nach wenigen Wochen stand auch sein Sarg in der Familiengruft zu Kloster Engelberg und der Friede des Grabes vereinigte dies Ehepaar, das durch den Unfrieden des Lebens so traurig getrennt gewesen war. Die Welt, in ihrer oberflächlichen Anschauungsweise, machte einige sentimentale Phrasen: wie rührend es sei, daß so oft alte Eheleute sich schnell im Tode nachfolgten – und wie so sehr rührend, daß sich dies auch bei zwei Menschen ereigne, von deren guter Eintracht man so wenig gewußt habe – und dann wurde dies höchst rührende Ereignis vergessen. Levin's Bruder, Graf Matthias, der Erb- und Stammherr, kam nun nach Schloß Windeck. Er war ein Mensch, dessen große natürliche Gutmütigkeit für seinen Mangel an geistigen Fähigkeiten hätte entschädigen können, wenn sie durch eine feste religiöse Grundlage zur Tugend gemacht worden wäre. Daran hatten aber seine Eltern nie gedacht; und so sank diese schöne Gabe Gottes zu Schwäche, Leichtsinn, verkehrter Nachgiebigkeit – zu einem Spielball eigener und fremder Laune herab. Er fühlte das und war nicht glücklich; am wenigsten in seiner Ehe mit Juliane, einer reichen und stolzen Erbtochter, [26] die ihm an Verstand weit überlegen war und es bei jeder Gelegenheit zur Schau trug. Niemand war weiter davon entfernt, als sie, sich zum Opfer zu bringen; und niemand suchte mehr als sie die Rolle eines Opfers der Konvenienz zu spielen, indem sie behauptete, nur zwei Häuser, aber nicht zwei Herzen hätten diese Ehe geschlossen. Mit einer Frau, die ihn nicht durch ihr Übergewicht erdrückt hätte, würde Mathias sich vielleicht gehoben haben. Julianens verkehrte Art bewirkte das Gegenteil: er ließ sich gehen in Leichtsinn und an Nichtigkeit, an armselige Beschäftigungen und freudenlosen Lebensgenuß. Die Richtung auf das Himmlische, die sich so früh und entschieden in Levin aussprach, lag in ihm, dem verwöhnten Liebling der Eltern, der den Sonnenschein irdischen Glückes genoß – abgestorben da. Diese Richtung blüht meistens nur in solchen Seelen auf, die, wie im Winter Hyazinthen – hinter gefrorenen Fensterscheiben des Lebens stehen. Matthias hatte seinen Bruder von Herzen gern, nur aber verstand er dessen in Gott ruhendes Gemüt gar nicht. Doch sagte er ihm:

»Levin, Du bist unser Beter! Du bleibst doch immer hier bei uns auf Windeck – nicht wahr? Du tust uns gar zu sehr not: den Eltern da drüben, und mir und den Buben hier.«

»Und Juliane?« fragte Levin bedenklich.

»Juliane!« sagte Graf Matthias verlegen. »Ja so! .... Juliane! .... ich vergaß sie! Levin, ich bitte Dich – sprich selbst mit ihr.«

Das tat Levin sehr gern. Er fragte seine stolze Schwägerin ganz einfach und freundlich, ob sie damit einverstanden sei, daß er als Hauskaplan auf Windeck bleibe. Er legte Nachdruck auf den Hauskaplan; [27] denn das war eben die Stellung, die er im Hause seiner Väter zu haben wünschte. Juliane kannte ihn kaum, hatte nie die mindeste Teilnahme für den bescheidenen, schweigsamen Schwager verspürt, der gegen jedermann so gleichmäßig freundlich war. Sie antwortete äußerst gleichgiltig:

»Ach ja, recht gern! Warum sollte ich nicht!«

Levin aber ging in seine geliebte Kapelle und dankte Gott aus der Fülle seines Herzens. Wenn er nicht auf Windeck geblieben wäre, so hätte vermutlich die Feier der heiligsten Geheimnisse dort aufgehört; denn in Matthias lag das religiöse Bedürfnis brach und Juliane war protestantisch. Er hatte den Gnadentau vergessen, den das heilige Meßopfer im Blute Jesu ausströmt – und sie hatte nie etwas davon gehört. Levin hoffte, daß dieser Urquell des Heiles den beiden Kindern seines Bruders zu gute kommen werde.

Es war die Zeit der französischen Kriege, als Deutschland sich entschloß, die fremde Zwingherrschaft abzuschütteln. Der Schlachtruf fiel belebend in die untätige, marklose Existenz des Grafen Matthias. Als die Männer und Jünglinge sich zum Kampfe scharten, sagte er:

»Ich gehe auch mit!« – und sagte es mit einer solchen Entschiedenheit, daß Juliane, die schon den Mund zum Widerspruch geöfnet hatte, zum erstenmale ihrem Manne gegenüber verstummte. Matthias ordnete seine Geschäfte und Angelegenheiten, bestimmte im Fall seines Todes Levin zum Mitvormund seiner beiden Söhne, nahm Abschied von den Seinen und rüstete sich zur Abreise. Da sagte Levin:

»Jetzt bitte ich Dich, lieber Matthias, mache noch einen Abschiedsbesuch mit mir.«

[28] »Sehr gern,« sagte Matthias; »aber bei wem denn? Ich glaube, bei sämtlicher Verwandtschaft und Freundschaft gewesen zu sein.«

Schweigend deutete Levin nach Kloster Engelberg hinüber.

»Ja!« rief Matthias, »komm' zur Gruft.«

Während sie über den Main fuhren, sagte Levin innig:

»Matthias! alles Zeitliche hast Du wohl besorgt für einen möglichen Fall. Wie steht es aber mit dem Ewigen?«

»Mit dem Ewigen?« wiederholte Matthias langsam. »Schlecht, Levin! ich fürchte, sehr schlecht.«

»Wer das fürchtet, mit dem steht es keinesweges schlecht,« entgegnete Levin liebevoll.

Matthias wurde ernst und nachdenkend und sagte nach einiger Zeit:

»Ich wäre ein großer Tor, wenn ich das irdische Haus, das ich vielleicht auf immer verlasse, bestellt, und nicht daran gedacht hätte, mir die Anwartschaft auf das himmlische zu eröffnen! Pater Seraphin soll mir helfen, die Rechnung in Ordnung zu dringen, die ich dem lieben Gott abzulegen habe. Ich danke Dir, Levin, daß Du mich daran erinnert hast. Ich behaupte ja immer, Du seiest unser Beter! Vater und Mutter hast Du in ein seliges Sterbestündlein hinein gebetet; ich hoffe, Du tust es auch für mich.«

Levin drückte ihm schweigend die Hand und blieb vor dem Gnadenbilde der Mutter Gottes in dem Kirchlein von Kloster Engelberg, betend für die Abgeschiedenen und für die Lebenden, während Matthias mit Pater Seraphin seine Rechnung machte – wie er es nannte. Als sich die Brüder später zur Heimkehr zusammenfanden, hatte Matthias rotgeweinte Augen und er sagte zu Levin:

[29] »Versprich mir Eines! versprich mir dafür zu sorgen, daß die Buben eine katholische Erziehung und katholische Frauen bekommen – für den Fall meines Todes. Als Vormund ist das ja ohnehin Deine Pflicht.«

»Ich fürchte, Juliane wird sie mir schwer, vielleicht unausführbar machen. Was in meinen Kräften liegt, werd' ich tun. Das brauche ich Dir nicht zu versprechen.«

»Hätte ich doch Juliane ganz von der Vormundschaft ausgeschlossen! aber .... das war nicht wohl möglich; sie ist und bleibt die Mutter! .... die reiche Mutter.«

Levin schwieg. Er kannte diese kleinen nachdruckslosen Emancipationsgelüste vom Weiberregiment bei Matthias. Als sie ins Schloß zurückkamen, empfing Juliane sie mißmutig und sagte:

»Wie kann man sich denn aber so lange in der feuchten Gruft aufhalten! Du wirst gewiß den Schnupfen bekommen, Matthias. Du hast ihn schon! .... ich sehe es Deinen Augen an.«

»Wer sich vor den Kugeln nicht fürchtet, darf sich auch nicht vor dem Schnupfen fürchten,« entgegnete Matthias mit großem Gleichmut. Er hatte geweint – die Tränen geweint, die aus den Tiefen des Gemütes aufquellen; und Juliane sprach von seinem Schnupfen; ein solches Verständnis herrschte in dieser Ehe!

Graf Matthias zog aus – und kam nicht wieder. Er blieb in der Schlacht von Waterloo. Juliane weinte anstandshalber ein paar Tränen und sorgte mit großer Aufmerksamkeit dafür, daß die verschiedenen Grade der Trauer in ihrer eigenen Kleidung und der ihrer Söhne und ihrer Dienerschaft während des Trauerjahres pünktlich beobachtet [30] wurden. Sie brachte dies ganze Jahr auf Windeck zu, weil es sich so schickte. Sie beschäftigte sich mit Lektüre und Handarbeit; hauptsächlich aber mit der Verwaltung des Vermögens. Das verstand sie aus dem Grunde; hatte auch nie ihrem verstorbenen Mann gestattet, sich darein zu mischen. Beide hatten die Übereinkunft getroffen, daß Damian, der älteste Sohn, das ganze Windeck'sche Vermögen, und Gratian, der nachgeborene, das mütterliche erhalte, welches sie als eine Stamberg'sche Erbtochter besaß. Diesen großen Reichtum zu ordnen, zu mehren, den größtmöglichsten Vorteil zu berechnen und zu benutzen, umsichtig wie ein Geschäftsmann und sorglich wie eine Haushälterin dabei zu Werke zu gehen, dies war Julianens liebste Unterhaltung und größte Freude. Sie war nicht geizig, sie hielt ihre Untergebenen gut, bezahlte Beamte und Dienerschaft hinreichend, hatte eine Liste von Almosenempfängern: sie war nur eben ein so trockenes und kaltes Gemüt, daß diejenigen Interessen, welche sich in Ziffern ausdrückten, ihr am meisten zusagten. Jeder idealen Richtung, die etwas anderes begehrt, als die Interessen des Lebens auf ein Rechenexempel zu beschränken, war sie abhold. Sinn für das Übernatürliche, Neigung zu himmlischen Dingen, höhere Auffassung der irdischen Verhältnisse nannte sie Schwärmerei, und sorgsam suchte sie ihre Söhne, die bei des Grafen Matthias Tod zwölf und dreizehn Jahre alt waren, in dieser frostigen Atmosphäre zu erhalten. Bei Damian wurde ihr das sehr leicht; bei Gratian schwerer, denn des Vaters Güte und ursprüngliche Gemütlichkeit war auf ihn übergegangen. Levin war und blieb für Juliane ein harmloser Schwärmer, der aber doch so nahe an [31] Narrheit streifte, daß sie ihre Söhne auf's Kräftigste gegen seinen Einfluß zu schützen suchte und zwar durch ein Mittel, welches bei Kindern und bei Alltagsmenschen selten die beabsichtigte Wirkung verfehlt: durch Geringschätzung Levin's. Es gehört Gemütstiefe, oder ein sehr gutes Herz, oder geistiger Scharfblick, oder eine sehr große Liebe dazu, um sich nicht der Geringschätzung anzuschließen, die eine Person, welche als Autorität gilt, oder die mehrere Personen, bei denen die Anzahl die Autorität ersetzt, anhaltend gegen jemand an den Tag legen. Es war eine ganz besondere Fügung, daß Levin wiederum in häuslichen Verkehr mit einer Frau kommen mußte, die Nichtachtung für ihn empfand. Bei seiner armen Mutter entsprang diese Nichtachtung aus einer Art von Rache, welche das befleckte Gewissen an der Tugend zu nehmen suchte; bei seiner Schwägerin aus Stumpfsinn gegen das, was Tugend überhaupt ist: Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott. Für Jene war Levin ein heimlicher Vorwurf; für Diese – eine Null. Jene fühlte unwillkürlich, daß sein Leben ganz absichtslos ihr Leben verurteile; Diese hielt sich für dermaßen vollkommen, daß eine Levinsseele neben solcher Vollkommenheit spurlos verschwand. Aber diese Seele ertrug mit derselben milden und gleichmäßigen Liebe jetzt die Schwägerin wie früher die Mutter. Seine ganze Sorgfalt richtete sich darauf, daß ihm die Kinder nicht entfremdet würden. Dabei leitete ihn keine egoistische Absicht, nur das Verlangen, dem letzten Wunsche seines Bruders nachzukommen und die jungen Seelen im Glauben zu schirmen. Juliane war ganz gleichgiltig gegen alle Konfessionen; da die Windecker nun einmal katholisch waren, so mußten auch ihre Söhne katholisch [32] sein. Lieber wäre es ihr gewesen, wenn sie protestantisch hätten sein können; keineswegs aus einem religiösen Beweggrund, nur weil sie selbst protestantisch und unaussprechlich zufrieden mit ihrer eigenen Entwickelung und Richtung war. Sie überließ es Levin, für Hofmeister und Lehrer zu sorgen, denn sie erwartete von seiner Gewissenhaftigkeit zweckmäßige und gediegene Wahlen, und sie wünschte, daß ihre Söhne eine vortreffliche Erziehung bekämen. Nur verschmähte sie eine religiöse Grundlage derselben und alle Äußerungen und Einflüsse, die aus der Fülle des Glaubens in das Leben und in andere Gemüter übergehen. Eine Mutter wirkt erwärmender oder erkältender auf das Gemüt ihrer Kinder, als alle übrigen Menschen zusammen genommen. Juliane hielt ihre Söhne in dem Kreise der Selbstsucht und der Eigenliebe fest, worin sie sich selbst bewegte, und machte dann häufig bittere Vorwürfe an Levin, daß der Hofmeister sie zu nichts anderem, als zu kleinen Egoisten erziehe.

»Ich mühe mich ab in Geschäften, Sorgen und Arbeiten; ich gebe ihnen das Beispiel eines opferwilligen Lebens; ich kenne kaum eine andere Freude, als die Erfüllung meiner Pflichten; ich strebe dahin, meinen Söhnen die beste Erziehung, alle Bildungsmittel, jeden Unterricht zukommen zu lassen, und sehe doch gar wenig guten Erfolg,« klagte sie mißmutig ihren Freunden. Es war aber niemand unter ihnen, der ihr geantwortet hätte: Ja, das alles tust du; aber hast du dabei die Ehre Gottes und das ewige Heil deiner Söhne vor Augen? Erflehest du dir von Gott das Licht der Gnade, um deine Söhne zu tüchtigen Männern zu erziehen? Schöpfest du deine Opferwilligkeit aus [33] dem Quell jedes wahren Opfers: aus der Liebe zur göttlichen Liebe? Entnimmst du das Beispiel, das du deinen Söhnen gibst, der Nachfolge deines Heilandes? – Beantwortest du all' diese Fragen, getreu der Wahrheit, mit Nein! so höre auf, dich zu beklagen und zu staunen: du streuest irdische Saat aus und sie trägt die irdische Ernte ein.

Wie oft hatte Levin versucht, ihr ganz leise solche Andeutungen zu machen! wie oft ihr vorgestellt, daß ein warmes, aufrichtiges, religiöses Leben der Boden sei, auf welchem Früchte der Gnade gediehen! Juliane faßte das mit der höchsten Oberflächlichkeit auf und pflegte zu antworten:

»Ja, ich weiß schon, welch Gewicht Sie auf das Gebet legen, auf den Gottesdienst, auf die gemeinschaftliche Andacht; ich sehe aber nicht, daß meine Söhne dadurch besser werden! Ich meinesteils begnüge mich ganz einfach, Gott so zu verehren, wie er es haben will: nämlich im Geist und in der Wahrheit.«

Die Ablösung vom kindlichen gläubigen Geist des Christentums, die Vereinzelung in nüchterner Verstandesöde nannte Juliane eine Anbetung im Geist und in der Wahrheit, ohne zu beachten, daß bei diesem gänzlichen Mangel an Geist und Wahrheit auch die Anbetung zu kurz kommen müsse. Zu jeder Andachtsübung, die Levin mit ihren Söhnen machte, zuckte sie die Achseln oder lächelte sie mitleidig oder schaute mit kalter Gleichgiltigkeit zu. Wie ein ertötender Reif fiel diese Frostigkeit des Gemütes auf jene Keime, die Levin so gern zu Blüten in den Seelen seiner Neffen entwickelt hätte. Aber er ließ sich nicht entmutigen. Er flüchtete sein einsames, tausendfach betrübtes Herz an das einsame leidenvolle Herz seines Heilandes und [34] opferte in der Vereinigung mit Ihm jeden Tag und jede Stunde seines Lebens für diejenigen auf, die so wenig sein Opfer verstanden. So legte er in anscheinend geringe und von der Welt verkannte Tat eine Fülle der reinsten, umfassendsten Liebe nieder. Die Knaben konnten sich einer gewissen Zuneigung für den Onkel Levin nicht erwehren; er war ihnen angenehmer als die herzlose Mutter, die auch sie immer in kühler Entfernung hielt. Sie hatten Vertrauen zum Onkel Levin bei ihren kleinen Freuden und Leiden, denn niemals hatten sie ihn teilnamslos gefunden. Nur ging die Zuneigung nicht so weit, um seinen Ermahnungen Gehör zu geben und seine Ratschläge anzunehmen, sobald dieselben Selbstverleugnung von ihnen forderten. Sie fanden es recht schön, daß er ein solches entsagendes Leben führe; aber sehr unnütz, seinem Beispiele zu folgen. Juliane erntete im reichen Maß den Egoismus ein, den sie in den Herzen ihrer Söhne hatte wuchern lassen. Beide machten ihr den Kummer, den sie am schmerzlichsten empfand: sie brachten ihr als Schwiegertöchter und ohne sie zu Rate zu ziehen ganz unbemittelte Mädchen. Von Damian hätte sie sich eine solche Wahl gefallen lassen, da er ja bereits Besitzer des großen Windeck'schen Majorates war; aber von Gratian fand sie es empörend, weil sie fürchtete, er wolle schon bei ihren Lebzeiten den Mitgenuß ihres Vermögens haben – das nach ihrem Tode ihm zufiel – und dadurch ihr Einkommen verringern und ihre Stellung in der Gesellschaft möglicherweise gefährden. Gratian hatte sich allerdings auf das Vermögen seiner Mutter verlassen und war nicht minder empört über ihre frostige Kargheit, als sie über seine Rücksichtslosigkeit. Damian wurde in die mütterliche [35] Ungnade verwickelt, weil beide junge Frauen Schwestern waren und weil Juliane behauptete, Damians schlechtes Beispiel, eine Frau zu wählen, die nichts habe, als ihr schönes Gesicht, sei ansteckend für Gratian gewesen. Genug, diese beiden Heiraten stifteten großen Unfrieden zwischen Mutter und Söhnen, und niemand litt mehr darunter, als die jungen Frauen, die immer von der Schwiegermutter und zuweilen von ihren Männern darüber viel Bitteres hören und leiden mußten. Es waren zwei sanfte, liebe Wesen, sehr gut erzogen, sehr fromm, jedoch dermaßen im Gefühl und in der Phantasie lebend, daß ihre Männer sie, wenigstens in den ersten Jahren, als unmündige Kinder betrachteten und ihnen wenig Einfluß einräumten.

[36]
Familienbilder

So blühte denn abermals ein neues Geschlecht um Levin auf; aber ein solches, worin er Kinder seiner Seele erkennen konnte. Damians Frau, Gräfin Kunigunde, schloß sich mit zärtlicher Ehrfurcht ihm an und sah in seinem Auftenhalt zu Windeck eine besondere Gnade Gottes. Ihre Schwiegermutter hatte sich nach ihrer Herrschaft Stamberg im Odenwald begeben, richtete das Schloß prächtig ein, machte große Gartenanlagen, neue vortreffliche Bauten und wurde noch kälter gegen ihre Söhne als früher, indem sie mit der größten Trockenheit behauptete: wären Söhne verehlicht, so würden sie gleichgiltig für die Mütter. Gratian, der als nachgeborner Sohn nur eine unbedeutende Apanage hatte und freilich sehr leichtsinnig in die Ehe getreten war, würde nicht im Stande gewesen sein, mit einer Familie zu existieren, da seine Mutter ihm nur das Jahrgeld gab, welches er schon auf der Universität von ihr empfing, wenn sich nicht Damian sehr brüderlich benommen und ihm eine seiner Besitzungen ganz in der Nähe von Windeck gegeben hätte, deren Herr Gratian so lange sein sollte, bis sich seine äußeren Verhältnisse besser gestalteten. Diese Großmut Damians rührte Gräfin Juliane nicht im mindesten; auch nicht die große Eintracht, in welcher beide Familien lebten. Sie äußerte gegen Freunde:

[37] »Nun ja, es sind ein paar harmlose Geschöpfe, meine Schwiegertöchter, und ich glaube gern, daß sie ihren Männern nichts in den Weg legen, sondern eher zu viel Nachsicht mit ihnen haben und ganz gewiß ohne Einfluß auf sie sein werden; allein mir ist dies zärtliche, empfindsame, weichliche Wesen antipathisch. Ich finde keinen Berührungspunkt mit ihnen; sie sind unbrauchbar für einen großen Wirkungskreis.«

Unter »großem Wirkungskreis« verstand Juliane immer den, welchen sie selbst ausfüllte, und ihr Talent für Verwaltung und Finanzen war freilich den jungen Frauen fremd. Beide überließen das ihren Männern. Gratian sagte einst zu seinem Bruder:

»Wenn nur die Mama nicht wieder heiratet.«

»Possen!« rief Damian, »was könnte die Mama dazu bewegen! ein zärtliches Herz gewiß nicht. Onkel Levin! haben Sie gehört, was Gratian befürchtet?«

»Eure Mutter war immer eine sehr verständige Frau, die sich in ihrem Witwenstande vortrefflich benommen hat,« entgegnete Levin mild. »Ich begreife nicht, weshalb Gratian diesen Scherz macht.«

»Weil die Mama jemand haben muß, den sie hofmeistern kann, Onkel Levin! Das ist nun einmal ihr Fach. Das hat sie an dem guten Vater gezeigt und dann an uns. Sie könnte jetzt freilich unumschränkt ganz Stamberg beherrschen und hofmeistern und sich damit begnügen; allein was soll sie im häuslichen Leben anfangen? Da ist eine Lücke und die erschreckt mich; zuerst für die Mama und dann für mich. Denn wenn sie wieder heiratet, heißt es für mich: Adieu Stamberg!«

[38] »Aber, lieber Gratian,« unterbrach ihn Levin begütigend, »es ist vor einem Vierteljahrhundert abgemacht, daß die Herrschaft Stamberg Dir dermaleinst zufallen soll. Traue doch Deiner guten, verständigen Mutter keinen Schritt zu, der dies alte Übereinkommen aufheben würde.«

»Man muß nie mit einer Frau das Wort alt in Verbindung bringen,« sagte Gratian scherzend mit dem Finger drohend; »das würde der Mama gar nicht gefallen, obgleich sie eine vernünftige Frau ist und bald Großmama sein wird. Ich habe aber gehört, es hätte sich ein entfernter Verwandter, ein Stamberg aus Schlesien, ein verabschiedeter Leutnant, bei ihr präsentiert.«

»Es ist doch ganz in der Ordnung, daß ein Neffe aus Schlesien, wenn er eine Reise an den Rhein oder nach Baden-Baden macht, seine Tante besuche.«

»Onkel Levin, ein verabschiedeter Leutnant!!! Sie können es nicht fassen, wie erpicht ein solcher Mensch auf ein gutes Etablissement ist! gerade so, wie ein zartes Jungfräulein von fünfunddreißig Jahren auf ein eheliches Gespons. Ein Leutnant im aktiven Dienst würde mich gar nicht erschrecken; der hat Hoffnung, Feldmarschall – oder totgeschossen zu werden. Aber ein verabschiedeter Leutnant! was bleibt dem übrig? Um seiner Verdienste willen hat noch nie einer den Abschied bekommen. Eine andere Laufbahn öffnet sich ihm nicht leicht. Was tut er? er macht eine reiche Heirat.«

»Gratian, ich bin es überdrüssig, Deine Possen zu hören!« rief Damian unmutig. »Ich begreife nicht, wie Dir Deine Spaßmacherei bei einer so ernsthaften Geschichte nicht vergeht. Übrigens [39] halte ich es mit Onkel Levin und glaube nicht, daß sich die vernünftige Mama betören läßt.«

»Ihr seid beide bewundernswert mit Eurem Vertrauen auf die Vernunft einer Frau,« entgegnete Gratian, in seinem munteren Tone bleibend. »So lange die Welt steht, hat man von der noch nichts Tüchtiges gehört.«

»Aber Gratian,« wendete seine Frau halb weinerlich ein, »wir sind doch auch vernunftbegabte Wesen.«

»Du, mein Kind, nur halb und halb – denn sonst hättest Du mich ausreden lassen und Dinge zu hören bekommen, die Dein Herzchen entzückt hätten – über das Vertrauen, das man zur Liebe einer Frau haben könne, zur Frömmigkeit einer Frau etc. etc. Allein zur Strafe dafür, daß Du als ein vernunftbegabtes Wesen mir Vertrauen einflößen willst, schweige ich.«

Gratian schwieg, als aber die Familie nach ein paar Tagen wieder beisammen war, hub er an:

»Wer hätte je gedacht, daß sich die Mama einer solchen Leidenschaft für das Faro hingeben würde.«

Alle starrten ihn an; nur Damian sagte:

»Du bist unerträglich mit Deinen Späßen.«

»Mit meinen Späßen – kann sein! Dies ist jedoch ein Ernst, den Du wirst ertragen müssen.«

»Daß die Mama Faro spielt?« rief Damian hell auflachend.

»Und uns ein Paroli biegt,« setzte Gratian hinzu. »Sie heiratet den Leutnant. Verlaßt Euch darauf, ich habe sichere Nachrichten, weil ich bisher immer zu Stamberg als der zukünftige Herr gegolten habe.«

So war es wirklich. Nach einigen Wochen zeigte Gratian seiner Mutter die Geburt seines [40] ältesten Sohnes an, und sie antwortet darauf mit der Anzeige, daß sie sich ganz in der Stille mit ihrem Vetter, dem Freiherrn von Stamberg, vermählt habe. Sie habe zu lange nur für andere gelebt, um es ertragen zu können, nur für sich zu leben. Indem sie einem zweiten Gatten das Opfer ihrer Freiheit bringe, wünsche sie nicht sowohl Glück zu finden, als vielmehr es zu bereiten; und mit diesen und ähnlichen Redensarten füllte sie vier Quartseiten an. Zum Schlusse bemerkte sie: ihre Söhne wüßten ja am besten, daß sich die Ehen am leichtesten schlössen, wenn man zuvor keine Ratschläge von den Nahestehenden begehre und alles unnütze Hin- und Herreden vermeide; das habe auch sie getan.

»Merkt Ihr das Paroli?« rief Gratian. »Nun, Onkel Levin! was sagen Sie jetzt über die vernünftige Frau?«

»Ich schweige,« war die Antwort; »und ich glaube, Ihr tätet samt und sonders gut, so wenig wie möglich über die Sache zu sprechen, die jetzt unabänderlich ist und die Euch nicht veranlassen darf, Euch von Eurer Mutter zurückzuziehen – umso weniger, als wir gar nicht wissen, ob dieser Baron Stamberg nicht ein sehr rechtschaffener und angenehmer Mann ist.«

»Ich habe gar nichts Böses von ihm gehört,« sagte Gratian in seiner spottenden Redeweise. »Den Abschied hat er bekommen wegen einer zarten Neigung für die Weinflasche. Mit der muß die Mama also rivalisieren.«

»Und die prächtige Herrschaft wird sich ein elender Abenteurer durch die Gurgel jagen!« rief Damian außer sich vor Zorn. »Welch' Glück, daß die Mama protestantisch ist! nun kann sie sich doch [41] von ihrem sauberen Herrn Gemahl zur rechten Zeit scheiden lassen.«

Walburg hielt sich schreckenvoll die Ohren zu. Kunigunde sagte sanft zu ihrem Manne:

»Lieber Damian, Du machst die Sache noch trauriger.«

»Das verstehst Du nicht!« fuhr er heftig auf; »für solche Verhältnisse ist die Scheidung vortrefflich.«

»Sage doch lieber: für solche Verhältnisse ist die Ehe nicht eingesetzt.«

»Das sag' ich von ganzem Herzen; allein ich will zugleich eine Abhilfe haben.«

»Die bringt der Tod,« sagte Levin. –

Gräfin Juliane war nunmehr Baronin Stamberg, aber immer dieselbe Juliane. Sie hatte nicht einen Funken von Neigung für ihren Mann. Er schmeichelte ihr über alle maßen; das war ihr immer angenehm, und da sie fünfzehn Jahre älter als er war, doppelt angenehm. Von seiner zarten Neigung«, wie Gratian sich ausdrückte, war Juliane unterrichtet. Sie hatte nicht versäumt, dem ehemaligen Regimentschef des Barons zu schreiben und sich zu erkundigen, weshalb derselbe entlassen sei. Sie legte aber keinen Wert auf die Antwort, sondern nahm sich vor, ihren Mann so vortrefflich zu erziehen, daß er diese Schwäche überwinden werde. Über das konnte sie ihre Liebhaberei fortsetzen und sich als eine opferfreudige Seele hinstellen, als ein Rettungsengel und Schutzgeist für den jungen Mann. Ihr verletztes Muttergefühl und ihr Mißfallen an den beiden armen Schwiegertöchtern legten nicht das kleinste Gewicht in die Wagschale für Baron Stamberg. Juliane wollte ihren Kindern zeigen, daß sie unbeschränkte [42] Herrin ihres Vermögens sei und daß dieselben sich mit dem Pflichtteil dermaleinst zu begnügen hätten, wenn es ihr gefiele, ihren Mann zum Haupterben einzusetzen. Wie sie es aber halten wolle, darüber schwieg sie. Einstweilen war ihr Mann Herr auf Stamberg, soweit sie es ihm gestattete, das heißt im Pferdestall, im Hundezwinger und auf der Jagd. Vielleicht hätte er sich auch noch den Weinkeller dazu gewünscht; allein er fühlte sich allzu behaglich in der Befriedigung seiner übrigen Liebhabereien, für welche Juliane glänzend sorgte, um noch andere Ansprüche zu machen.

Das Verhältnis zwischen den Söhnen und der Mutter war immer so frostig gewesen, daß es durch ihre zweite Ehe im Grunde gar nicht frostiger werden konnte, umso weniger, als Baron Stamberg ein gutmütiger Mensch war, schwach von Charakter, beschränkt von Verstand, der sich mehr und mehr mit wundersamer Gefügigkeit von Julianen tyrannisieren ließ und von ihren Söhnen weder Aufmerksamkeit noch Freundschaft begehrte, sondern froh war, wenn sie ihn ungestört pirschen gehen ließen. Es wurde also der äußere Anstand stets aufrecht gehalten. Zu Julianens Geburtstag, den sie als Protestantin feierte, machten ihre Söhne stets die Reise nach Stamberg und hielten sich einige Wochen bei ihr auf – nicht ungern, weil er mit der Jagdzeit zusammentraf. Für Walburg und Kunigunde war es aber immer eine schwere Zeit, teils wegen des herben Umganges mit Julianen, teils wegen der Entbehrung des katholischen Gottesdienstes. Nach der nächsten Kirche mußten sie eine Stunde fahren. Die meisten großen Grundbesitzer im Odenwald sind protestantisch; einige Städtchen katholisch, andere gemischt, andere [43] vorherrschend protestantisch, so daß sich die Schwestern in jeder Beziehung zu Stamberg auf einem fremden Boden fühlten.

»Gott!« seufzte Kunigunde, »wie ist es doch solche Totenstille hier zu Lande in der Morgenfrühe, weil nie eine Glocke zur heiligen Messe ruft.«

»Und tagein tagaus kein Ave Maria-Läuten,« sagte Walburg. »Ach, und die Glocken wollte man schon entbehren, wenn man nur irgendwo einen Kirchturm gewahr würde, der sich über dem hochwürdigsten Gut erhebt. Aber da ist keiner weit und breit. Nirgends kann sich das Auge mit seinen Tränen und das Herz mit seiner Trübsal auf einer Kirche ausruhen, welche das heiligste, teuerste Sakrament umschließt, und es ist doch eine wunderbare Erquickung, die man zuweilen aus einem einzigen solchen Blicke schöpft. Ach, die armen Beraubten! wie sind sie zu beklagen.«

»Und nie Nachlaß der Sünden,« sagte Kunigunde, und eine Träne engelhaften Mitleides gab ihrem schönen Auge einen himmlischen Glanz. »Nie die beseligende Gewißheit der Versöhnung mit Gott, die auf keiner Selbstgefälligkeit, keiner Täuschung beruht. Nie Empfang des wahren und wesenhaften Leibes des Herrn, also nie die Vereinigung mit dem liebevollen zärtlichen Gott, der hienieden in uns seine Wohnung nehmen will, um damit den Keim des ewigen Lebens für den Himmel in uns zu legen. O Walburg! wenn ich all' die Weltherrlichkeit hier in Stamberg sehe und nirgends ein Kruzifix, nirgends ein Bild der heiligen Gottesmutter, nirgends ein Weihwasserbrünnlein, so jammert mein Herz über diese von Gott abgelöste, leichenhafte Pracht, und ich möchte mich vor der armen Mama auf die Knie werfen [44] und sie anflehen, ein ganz klein wenig an den lieben gekreuzigten Heiland zu denken.«

»Dieselbe Empfindung habe ich auch schon gehabt!« rief Walburg lebhaft. »Sie dauert mich unaussprechlich, die arme Mama! sie ist so kalt – kalt für uns, kalt für ihren Mann, kalt für ihre Söhne, kalt sogar für meinen kleinen Uriel. Ein kaltes Herz, kann das glücklich sein? Ach nein, denn es liebt nicht! Liebe ist warm und innig, denn sie hängt mit dem Herzen Gottes zusammen.«

Es war ein gar liebliches Bild, wie sie traulich auf einem kleinen Divan neben einander saßen, die beiden schönen, jungen Frauen, und mit der gedämpften weichen Stimme sprachen, die eine hohe Seelenbildung verriet und wie ihre Augen gleichgiltig über den irdischen Reichtum hinwegschauten und Tränen vergossen über den Mangel an himmlischen Gütern.

»Was geht denn hier vor?« fragte plötzlich Damian, der durch die offene Türe des Vorzimmers unbemerkt eingetreten war. »Gundel in Tränen gebadet, Walburg in Tränen schwimmend. Gab es eine Szene mit der Mama? Habt Ihr kein Geld für Eure geliebten Bettler? Hat sich Uriel das Näschen gestoßen? Was ist geschehen?«

»Nichts von dem allen, lieber Damian,« sagte Kunigunde schüchtern und trocknete ihre Tränen.

»Ihr werdet doch unmöglich weinen vor Kührung über den prachtvollen Sonnenuntergang!« rief er ungeduldig.

»Ach nein – wir grämen uns nur so sehr über die armen Protestanten, deren Seelen so wenig Nahrung haben,« entgegnete Kunigunde zaghaft, weil sie wußte, daß dies Kapitel ihrem Manne nicht sehr zusagte.

[45] »Da spart Eure Tränen!« rief Damian unmutig. »Die befinden sich sehr wohl auf der Welt und haben es im Grunde besser, als wir, brauchen nicht eine Masse von Rücksichten zu nehmen, haben keine Fastenzeit, keine geschlossene Zeit, keine österliche Zeit – was alles unter Umständen recht unbequem sein kann.«

Hätte sich Kunigunde so weit überwinden können, um mit einem leichten Scherz diese »Unbequemlichkeiten« fallen zu lassen, so hätte sie ihren Mann vor der Verschanzung im Widerspruch bewahrt und den kleinen Antagonismus vermieden, der sich auf dem religiösen Gebiete so leicht zwischen der Hingebung des weiblichen Gemütes und dem Unabhängigkeitsbedürfnis des männlichen Charakters erhebt; Antagonismus, der jedoch nur auf den unteren Stufen der Seelenentwicklung stattfindet, nur da, wo man das religiöse Leben zur Sache des Gefühles macht. Wird es aber als die Sache des Willens erfaßt, so geht es in eine höhere Ordnung über, wo die natürlichen Anlagen zur Hingebung und zur Unabhängigkeit in der freiwilligen Unterwerfung aus energischer Liebe sich begegnen. Es ist sehr zu beklagen, daß das religiöse Leben des Weibes dem Manne gar oft als eine Schwäche des Herzens, als ein Mangel an Kraft entgegentritt, während es den Stempel des höchsten Adels, der klarsten Energie tragen sollte. Aber die Tränen, aber die Andachten, aber die Gebetbücher, aber die tausend damit verknüpften Kleinigkeiten lassen es dem Manne »weibisch« erscheinen und fliehen. Dies war auch bei Kunigunden zu beklagen. Sie hatte noch nicht die Menschenkenntnis, um ihren Mann richtig zu behandeln, und auch nicht die Erkenntnis, welche meistens erst aus einem längeren [46] Leben hervorgeht, daß von der Frau mehr Selbstverleugnung an einem einzigen Tage, als von dem Manne während seines ganzen Lebens gefordert wird. Genug – sobald Damian in irgend eine kleine heterodoxe Behauptung verfiel, verfiel Kunigunde in Tränen, ohne daran zu denken, daß er durch seine Mutter in der frostigen Atmosphäre religiöser Gleichgiltigkeit aufgewachsen und deshalb mit Nachsicht und Schonung zu behandeln sei.

»O Damian! wie kannst Du so sprechen!« rief sie klagend aus. »Alles, was Du aufzählst, zeigt ja eben, wie arm an Gnaden man außerhalb der Kirche ist; denn jene Zeiten sind Gnadenzeiten, und wer arm an Gnaden ist, der ist wahrhaft arm.«

Diese himmlische Wahrheit verstand er gar nicht. Er antwortete spöttisch:

»Ich werde alle Armen unter den Katholiken des Odenwaldes sammeln und zu Dir bringen. Vielleicht kannst Du ihnen besser als mir begreiflich machen, daß sie nicht arm sind.«

»Mancher von ihnen mag wirklich durch den Glauben viel reicher sein als Du, Damian.«

»Sieh, wie gut Gott das eingeteilt hat: die einen macht er reich durch den Glauben ohne Geld und Gut, und die anderen durch Geld und Gut ohne Glauben.«

»Aber Damian, sage doch nicht kaltblütig solche entsetzliche Dinge!« rief Kunigunde. »Gott gibt die Glaubenslehre und die Fähigkeit zu glauben den Armen wie den Reichen .....«

»Aber Kunigunde, sprich doch nicht so weitläufig über solche langweilige Dinge!« unterbrach sie Damian, drehte sich auf dem Absatze um und ging von dannen.

[47] Kunigunde schlang ihren Arm um den Nacken ihrer Schwester und fragte leise:

»Ist das nicht herzbrechend?«

Walburg nickte sanft mit dem Kopfe und sagte:

»Gratian hat zuweilen auch solche Launen. Sie sind eben die Söhne ihrer Mutter! wir müssen umso eifriger für sie beten.«

»Und umso mehr sie lieben,« setzte Kunigunde hinzu.

Sie war nicht glücklich, die arme Kunigunde; ihre Ehe war kinderlos und Damian zuweilen außerordentlich darüber verstimmt; denn er war nicht daran gewöhnt, unerfüllte Wünsche zu haben. Walburg hatte in den fünf Jahren ihrer Ehe ihrem Manne drei Söhne geschenkt, und je mehr sich Kunigundens neidloses Herz an dem Glück ihrer Schwester freute, desto inniger sehnte sie sich, es selbst zu genießen.

»Könnte ich nur einmal zur Mutter Gottes nach Altötting und dort eine neuntägige Andacht halten,« sagte Kunigunde zu ihrem Ratgeber und Tröster Levin. »Glauben Sie wohl, lieber Onkel, daß Damian mir die Wallfahrt erlaubt?«

»Halten Sie hier eine Novene zur heiligen Gottesmutter,« entgegnete Levin ausweichend.

»So unmöglich scheint es Ihnen also!« rief sie traurig.

»Ich meine, Sie sollten alles vermeiden, wodurch kleine Differenzen zwischen Ihnen und Damian auf dem religiösen Gebiete hervorgerufen werden. Ihr Opfer zieht vielleicht die Gnade sicherer herab, als Ihre Wallfahrt,« sagte Levin mild.

Es war um Mariä Himmelfahrt. Zahlreiche Prozessionen zogen nach Kloster Engelberg, wo [48] ein Gnadenbild der heiligen Gottesmutter sehr verehrt wird. Der Main war mit Nachen bedeckt, welche vom anderen Ufer Andächtige hinüber führten, die sich am Fuße der ungeheuren Treppe hinter ihrem Kreuz und ihren wehenden Fahnen in Reihe und Glied stellten und betend langsam bergan stiegen, um droben die heiligen Sakramente zu empfangen und ihre mit Gott versöhnten Herzen voll Bitten und Klagen und Nöten auszuschütten vor der Trösterin der Betrübten. Nach mehreren Stunden zogen sie auf der anderen Seite durch den Wald bergab. Von Windeck aus sah man diese bunten beweglichen Bilder in größter Deutlichkeit, war aber zu sehr an ihre Wiederholung gewöhnt, um sie zu beachten. Nur bei Kunigunde regten sich die Flügel der Sehnsucht, wie bei einem jungen Zugvogel, der sich dem Schwarm anschließen möchte, der nach Süden fliegt. Sie faßte ihren ganzen Mut zusammen und sagte zu ihrem Manne:

»Lieber Damian, gib mir Urlaub auf vierzehn Tage und schlage mir diese Bitte nicht ab, weil sie so sehr ungewöhnlich ist. Frage auch nicht, wohin ich gehe, sondern triff nur Anstalt, daß ich in der ersten Woche des Septembers reisen kann.«

»Die Welt kehrt sich um, Onkel Levin!« rief Damian. »Haben Sie es gehört? Gundel spricht befehlshaberisch; da muß man wohl gehorchen. Und weil ich mich in der Tat freue, dies Wunder erlebt zu haben, so will ich der Reise auch nichts in den Weg legen. Ich denke, sie geht zu Deiner Schwester Isabelle,« – setzte er fragend hinzu.

»Fragen darfst Du nicht,« sagte Kunigunde errötend.

[49] »Gut! da ich nun das Meinee getan und Dir Urlaub gegeben habe, so wirst Du mit demselben Vertrauen mich belohnen und mir das Ziel Deiner Reise nennen.«

»Es ist Altötting,« sagte Kunigunde unverzagt, und es brach ein solcher Glanz von Liebe und Zuversicht aus ihrem Auge, daß Damian beinahe gerührt sagte:

»Reise denn, Kunigunde; aber bitte zuvor Onkel Levin, Dich zu begleiten, damit er Dich vor allen Andachtsexzessen bewahre.«

Levin, der Kunigundens schüchterne Zaghaftigkeit kannte, staunte nicht minder als Damian über die Beherztheit, welche sie aus ihrem übernatürlichen Vertrauen schöpfte, als Kunigunde plötzlich sich ihrem Manne in die Arme warf und, nicht zufrieden mit dem, was sie erreicht hatte, noch mehr haben wollte und ihn bat:

»Ach, Damian, wenn Du doch auch die Wallfahrt mit uns machen wolltest.«

»Lieber Engel, wenns einmal dahin kommt, dem Türken mit dem Säbel in der Faust das gelobte Land zu entreißen, dann werd' ich mich bei der Wallfahrt einfinden; – aber nach Altötting – das überlasse ich Dir; das ist das Fach der Damen.«

»Nun, lieber Damian,« sagte Levin lächelnd, »Du bist sehr großmütig, das Vorrecht der frommen Andacht den Damen einzuräumen.«

»Der Priester hat es durch seinen Stand, bester Onkel. Allein, ich meine die Idee: auf dem und dem Punkt der Erde sei das Gebet wirksamer als anderswo, könne sich nur in einem Weiberkopfe festsetzen.«

»Und warum meinst Du das?«

[50] »Weil es eine kindische, beschränkte Auffassung von der Allmacht und Güte des Schöpfers ist, der seine Gnaden überall spenden kann.«

»Ganz richtig: allüberall! Seine Allmacht wird also nicht durch unsere Vorstellung begrenzt, sondern gleichsam erweitert, daß er, der über die ganze Welt die Fülle seiner Gnaden überschwenglich ausströmt, dennoch auf gewissen Stätten noch reicher, noch verschwenderischer sie spendet; und solche Stätten sind die Wallfahrtsorte.«

»Aber, bester Onkel, welche Verbindung kann denn zwischen einer Erdscholle und einer Gebetserhörung stattfinden?«

»Welches ist die Bedingung, muß ich zurückfragen, unter welcher der liebe Gott die Gebete erhören will, die dem Betenden zum Heil gereichen?«

»Ich denke – es wird frommes Vertrauen sein,« antwortete Damian, der mit seiner rationalistischen Richtung es vorzog, »frommes Vertrauen« zu sagen, anstatt »Glaube« und »der Schöpfer« oder »die Vorsehung« anstatt »Gott« oder gar »der liebe Gott«, und »die Madonna« anstatt »die heilige Mutter Gottes«.

»Also,« fuhr Levin fort, »an einen kindlichen Akt des Glaubens eine glänzende Gebetserhörung knüpfen: das ist ihre Verbindung mit der Erdscholle. Sie ist übernatürlicher Art. Fleisch und Blut verstehen sie nicht; die fünf Sinne fassen sie nicht; der menschliche Verstand begreift sie nicht. Aber, wie der Herr, als er auf Erden wandelte, so oft sagte, Dein Glaube hat Dir geholfen; oder: Dir geschehe, wie du geglaubt hast! und dann seine Gnaden spendete: so macht er es noch jetzt. Er verlangt einen kindlichen, demütigen, unbedingten, schwunghaften Glauben, der nicht fragt: Warum [51] da und weshalb dort? wie ihn der fromme Wallfahrer an den Tag legt – und den krönt er manchmal durch Gebetserhörung.«

»Bester Onkel, wenn demnach eine Wallfahrt ein ganz enormer Tugendakt ist, so muß man wohl annehmen, daß er immer gekrönt werde?« fragte Damian listig.

»Ja, lieber Damian, immer!« sagte Levin mit einem himmlischen Lächeln, »aber nicht immer hienieden. Dem Glauben sind auch ewige Kronen aufbewahrt. Übrigens ist aber unser Glaube immer noch so schwach, so unvollkommen, von so manchen irdischen Hoffnungen beflügelt, daß er, auch in dem frömmsten Wallfahrer, kein so enormer Tugendakt ist, wie Du annimmst.«

»Das muß wohl sein, denn die Wallfahrten sind ja hier zu Lande längere Zeit verboten gewesen wegen vielfachen, damit verknüpften Skandals.«

»Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich unter den vielen, vielen tausend Wallfahrern, die alljährlich ihre gemeinschaftlichen Bittgänge zu den Gnadenorten machten, auch einige befunden haben werden, welche kein erbauliches Beispiel, vielleicht sogar ein Ärgernis gaben; aber das ist die Schuld des Einzelnen und man hat sie nur hervorgehoben, um dadurch die Wallfahrten selbst zu verdächtigen und diese ächt katholische Lebensäußerung zu unterdrücken, weil sie mit dem öden Begriffswesen moderner Humanität nicht zusammenstimmen wollte. In dem Einerlei des mühseligen, sorgenschweren Alltaglebens braucht der Mensch aber zeitweise eine Erfrischung, eine Aufrichtung, ein Vergessen der irdischen Nöten und Arbeiten. Er will einmal [52] einige Tage der Freiheit und der Ruhe haben und ungestört seinen teuersten und höchsten Interessen sich hingeben. Das sind unstreitig die ewigen, denn sie umschließen den ganzen Menschen mit allen seinen Verhältnissen und Pflichten gegen den Nächsten und gegen Gott. Da verläßt er denn auf einige Tage sein Haus und begibt sich nach einem jener uralten Gnadenorte, wo seit einem halben oder ganzen Jahrtausend Millionen von Menschen gebetet und Trost gefunden haben. Auf dem Hinweg sammelt er sich in seiner Seele und bedenkt all' den Wust, der sie drückt: so viel Sünden, so viel Torheit und Verkehrtheit, so viel Leid und Gram und Kummer, so viele Wünsche, Hoffnungen, Bestrebungen, Das überlegt er alles und teilt es ein: die Sünden mit ihrem Gefolge von Reue und guten Vorsätzen für das Bußsakrament und die Bitten, die Klagen, das Flehen für das Altarssakrament; und dann wendet er sich an die Fürsprache der großen Freunde Gottes, der seligsten Jungfrau Maria, der heiligen vierzehn Nothelfer, oder stellt sich unter den Schutz und vertraut auf die Kraft des heiligen Blutes oder der Not Gottes, oder wie sonst das Geheimnis heißen möge, dessen Verehrung der Gnadenort geweiht ist: und in dieser Stimmung bringt er dort einen Tag zu oder zwei, manchmal auch nur einige Stunden, und geht dann heim, versöhnt mit Gott, erquickt in seiner Seele, voll guter Entschlüsse, getröstet und aufgerichtet – oft für sein ganzes Leben, und macht sich dann wieder an sein mühseliges Tagewerk. O mein lieber Damian, scheint Dir das wirklich ein großer Skandal zu sein? Ich meines Teils wünschte recht oft ihn zu machen und ihn zu erleben.«

[53] »Sie sind ein Idealist, Onkel Levin!« rief Damian. »Sie haben immer das Ideal im Herzen und vor Augen! Aber ich wette darauf, daß all' jene guten Wallfahrer, die sich da drüben schieben, drängen und stoßen, sehr weit davon entfernt sind.«

»Gott allein sieht in's Herz, lieber Damian, und so wollen wir ihm das Urteil über jene braven Leute anheimstellen, die bei ihrer Andacht auch noch das Unbehagen des Gedränges in den Kauf nehmen müssen. Übrigens hält die Kirche uns allen, für all' unser Tun und Lassen, in der christlichen Vollkommenheit das Ideal vor, das wir immer vor Augen haben sollen. Bemühen wir uns nicht, das Geringste mit möglichster Vollkommenheit zu tun, so werden wir es bald ganz schlecht machen.«

»Lieber Onkel!« rief Damian, »warum werden Sie nie ärgerlich, da ich Sie doch manchmal mit meinen Bemerkungen recht sekkiere.«

»Weil ich Dich lieb habe, mein Damian.«

»Ach nein, Onkel, das glaub' ich nicht; sondern weil Sie Gott lieben und in ihm auch mich.«

»Das versteht sich: Gott ist der Urgrund jeder wahren Liebe.«

»Zuweilen denk' ich, wären alle Priester wie Sie, Onkel Levin, so wäre die ganze Welt, auch die katholische, gut katholisch.«

»Wären wir Priester dem Ideal des kreuztragenden Heilandes näher, so stände es ohne Zweifel besser mit der Welt; darin hast Du ganz Recht,« sagte Levin demütig und freundlich. »Aber die ganze Last lasse ich mir nicht aufbürden. Um gut katholisch zu sein, muß man es auch sein wollen. Drei und dreißig Jahre hatten die Juden Christus vor Augen mit all' seinen Wundern und göttlichen [54] Beglaubigungen, und wie wenige schlossen sich ihm an! Ohne den Willen kein Glaube und keine Tugend, darauf verlaß Dich.«

Kunigunde reiste nach Altötting, das gewiß eine der merkwürdigsten Stätten der Erde ist – so irdisch reizlos und so unirdisch reizend. Eine halbe Stunde vom Inn entfernt, flach, baumlos, unmalerisch, liegt auf der weiten Ebene zwischen München und Passau der kleine Marktflecken Altötting, der aus ein paar Straßen und einem freien Platz besteht. An diesem Platz, der weit und unregelmäßig ist, liegen drei Kirchen und verschiedene größere und kleinere Häuser: die Pfarrkirche, die Kapuzinerkirche mit dem daranstoßenden Kloster, und Kirche und Haus der Patres Redemptoristen. Das übrige sind Privathäuser. Alles ist ohne Schönheit der Architektur, ohne Pracht, so ungemein einfach und schmucklos, daß man, wenn man an Loretto oder Einsiedeln in ihrer großartigen Majestät denkt, ganz vergebens nach der Wallfahrtskirche mit dem Heiligtum sich umsieht, während man dort nichts anderes sieht. Dann liegt mitten auf dem freien Platz eine kleine Kapelle, achteckig, mit spitzem Dach und vor dem Achteck, das man auch den Chor nennen kann, ein Langschiff; das Ganze umgeben von einem schwerfälligen, niederen Bogengang, der Schutz gegen Regen und Sonnenschein gewährt. Welch ein seltsames kleines Gebäude! Aber sieh! alles Gemäuer des Bogenganges ist mit Votivtafeln bedeckt und schwere Kreuze, welche büßende Pilger getragen haben, stehen an den Pfeilern; denn dies unscheinbare, ja dürftige Gebäude, so unansehnlich und gering wie die Grotte von Bethlehem, ist die Gnadenkapelle. Auch im Innern ist etwas von der Dunkelheit, der [55] Stille, dem Geheimnisvollen und Feierlichen jener Grotte. Das kleine Langschiff, 36 Fuß lang und 24 breit, hat zwei Altäre und einige Kniebänke; über der Eingangstür die Orgelbühne. In der inneren Kapelle, dem Achteck, steht über dem Altare in einem silbernen Schrein das kleine uralte Gnadenbild: Maria mit dem Jesukinde auf ihrem rechten Arme und in der Linken den Scepter, aus dem die Lilie hervorblüht. Maria, als Mutter und Königin; die Liebe in ihrer Zärtlichkeit und in ihrer Macht, in Allem, was sie Süßes und was sie Großartiges hat. In der Dicke der Mauer sind Nischen angebracht und vor ihnen Kniebänke aufgestellt, um den engen Raum möglichst wenig zu beschränken. Über den Nischen befinden sich auf schwarzem Grunde hinter Glasscheiben kostbare Votiv- oder auch Liebesgaben, Hals- und Armbänder, Ringe, Münzen, Kreuze, köstlich gefaßte Reliquien. Fünf herrliche Lampen hängen vor dem Altare und das ewige Licht in ihnen leuchtet mild durch das Dunkel und wirft hie und da einen Glanzblick auf den reichen Schmuck. Die Herzen bayerischer Landesfürsten, unter ihnen Kaiser Karl VII., † 1745, und König Maximilian I., † 1825, ruhen einbalsamiert in silbernen herzförmigen Gefäßen an der Wand, welche dem Gnadenbilde gegenüber sich befindet. Trotz Purpur und Krone betteten sie sich zur letzten Ruhe unter den Schutzmantel der Mutter Gottes von Altötting. Ein leises Säuseln verhallt nie in diesem geheiligten Raume, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet ist. Das Flüstern des Gebetes, die leisen Seufzer, die Atemzüge der Andächtigen, das Rauschen eines Kleides, der Fall einer Kugel des Rosenkranzes, das Umschlagen [56] der Blätter im Gebetbuch – diese Laute, welche man sonst kaum bemerkt, sind in dieser tiefen Stille hörbar, wie am Abend ein Säuseln durch den Wald geht, oder wie man in weiter Ferne die Wellen des See's an's Gestade rieseln hört. In eine wunderbar tiefe Ferne sinkt die Welt und das Leben und das Treiben der Leidenschaft und der Kampf in der eigenen Brust zurück. Wie man von einem hohen Berge ringsum den Horizont schaut so weit, so weit, daß Erd' und Himmel in einander schwimmen, aber Städte und Dörfer nicht mehr zu sehen sind: so geht es der Seele in diesem Raum, der seit mehr als einem Jahrtausend nichts gewesen ist, als eine Stätte des Gebetes. Es gibt andere berühmte Orte, wohin auch seit langer Zeit die Menschen reisen, um Kunstwerke, oder Naturschönheiten, oder prachtvolle Paläste, Kirchen, Gärten, oder merkwürdige und interessante Sammlungen und Anstalten zu bewundern, und sie suchen sich dabei zu unterhalten, zu bilden, zu belehren, oder die Zeit zu töten und das Geld zu verschwenden. Die Bewunderung bildet eine Art von Glorie um solche Punkte und eine gewisse geistige Atmosphäre, deren Einfluß sogar stumpfe und äußerst prosaische Menschen etwas empfinden. Welch eine geistige Atmosphäre muß um einen Punkt sich gebildet haben, den nie ein Mensch in anderer Absicht betrat, als um zu beten! seit mehr als tausend Jahren – nur um zu beten, nur um die Tiefen des Herzens vor Gott auszuschütten. Und dieser Zug des Gebetes vererbt sich von einer Generation auf die andere, zieht sich durch ein Menschenalter in das andere hinein, läßt sich nicht stören durch den Wechsel, den ein Jahrtausend in alle Verhältnisse der Menschheit[57] bringt; wird unterbrochen durch diese und jene Ungunst der Zeiten, und hebt jenseits derselben gerade so wieder an, wie er notgedrungen diesseits aufgehört hatte! Seitdem der heilige Rupert im siebenten Jahrhunderte das Christentum in Bayern gründete und das Mutter Gottesbild nach Altötting brachte, sind Reiche und Völker auf- und untergegangen, sind Throne und Kronen gesunken und aufgerichtet; aber die andächtige Wallfahrt zu der Stätte, wo die Mutter Gottes so gnädig ist, geht jetzt gerade so wie damals fort – ein Strom lebendiger Einheit in Glauben und Liebe, der aus Millionen von Herzen bricht und in der kleinen grottenhaften Kapelle sich sammelt, ewig wiederholend die Wallfahrt der Könige des Morgenlandes und der armen Hirten zum Kindlein von Bethlehem.

Kunigunde hielt mit großer Sammlung und Ruhe ihre neuntägige Andacht und erbaute sich ungemein an den feierlichen Prozessionen, die am Tage Mariä Geburt sich einfanden und so viel Menschen brachten, daß der ganze Platz belebt war und jeder nur nach und nach in die Kapelle dringen konnte. Auch an den übrigen Tagen fehlte es nicht an einzelnen Wallfahrern aus den verschiedensten Ständen. Das Landvolk war am zahlreichsten vertreten; sehr natürlich, weil es überhaupt die größte Zahl in der Bevölkerung ausmacht. Levin brachte das heilige Meßopfer in der Gnadenkapelle dar, und seine Seele wallfahrtete in den Himmel und pries Gott, der durch das Christentum Glauben und Liebe so tief in das Menschenherz versenkt hat, daß sie gleichsam als organische Lebensäußerungen daraus emporwachsen und in dieser zugleich so kindlichen und so großartigen [58] Form ein wunderbares Zeugnis der Jahrhunderte für die Glaubenseinheit in der Kirche ablegen. Am Vorabend der Abreise sagte er zu Kunigunde:

»Jetzt muß ich Ihnen eine Merkwürdigkeit zeigen, die freilich nicht unmittelbar zur Wallfahrt nach Altötting gehört, aber doch sehr lehrreich ist.«

Er führte sie nach der Pfarrkirche in eine Kapelle des Kreuzganges. Auf einer kleinen Treppe stiegen sie zur Gruft unter der Kapelle herab und standen vor einem Sarge, auf den Levin deutete und sagte:

»Hier ruht ein ausgezeichneter Mann, ein großer Feldherr, ein tüchtiger Diener seines Herrn, ein wahrhaft frommer Sohn der Kirche, ein tadellos reiner Mensch, ein so inbrünstiger Verehrer der Mutter Gottes, daß er sein Herz in silberner Kapsel in der Gnadenkapelle beisetzen ließ; ein so demütiger Christ, daß er nach seinen Schlachten und Siegen vor dem Bilde des Gekreuzigten hinkniete und Gott um Verzeihung bat für den Fall, daß durch seine Schuld zu viel Blut vergossen sei. Und welch Andenken, glauben Sie, bewahrt die Geschichte ihm auf? Als ein blutdürstiger Unmensch, mit dem man schon Kindern in der Schule Grauen erregt, wird er dargestellt, und wandelt er fluchbeladen seit zweihundert Jahren durch die sogenannte unparteiische Geschichte. Es ist der berühmte Feldherr des traurigen dreißigjährigen Krieges: Tilly.«

»Aber wie kann die Entstellung eines solchen Charakters eine Feder finden?« fragte Kunigunde.

Weil manche Feder im Dienste einer Partei, statt im Dienste der Wahrheit schreibt, und weil die Parteiwut das Auge so krank macht, daß es im Spiegel seiner eigenen Verzerrtheit des Gegners Tugenden als Laster sieht. Ist ein großer Gegner [59] ein gläubiger Christ, so können Sie sich leicht vorstellen, daß er bei den Glaubenslosen keine Gnade findet.«

»Ach, lieber Onkel, wie schmerzlich ist doch dieser Haß des Unglaubens und des Abfalles gegen den heiligen Glauben und gegen alles, was wir mit unsterblicher Liebe lieben.«

»Bestes Kind, das Kreuz ist ein Zeichen, dem widersprochen werden wird; dies sagt uns die heilige Schrift. Meinen Sie, es sei nur gesagt für die ersten Tage des Christentums? nur für jene Zeiten, als die Welt heidnisch war? O nein! jene ersten Tage werden dauern bis zum jüngsten Tage, denn in der Welt ist immer ein Stück Heidentum zu finden: die Selbstvergötterung – und auch in unser Herz ist sie immer bereit, sich einzuschleichen. Manche Zeiten sind ganz besonders von ihr überwuchert, Zeiten wilder Kämpfe, leidenschaftlicher Aufregung sowohl, als Zeiten voll materiellem Segen. Jene erhitzen und verwirren, diese erschlaffen die Gemüter, und solchen ist die Lehre vom Kreuze unwillkommen und der Götzendienst des Ich's äußerst bequem. Haben sie sich aber recht fest darin zurecht gesetzt, so kommen Stürme und Erschütterungen und all' die kleinen Götterchen krachen zusammen und mancher, der sich selbst als seinen Götzen verloren hat, sieht sich um nach einem Gott, der unverlierbar ist.«

»Bester Onkel,« sagte Kunigunde, »wenn ich künftig die scharfen, ja oft so barbarischen Urteile der Welt höre, will ich immer denken an Tillys Herz in der Gnadenkapelle zu Altötting.« – –

Im nächsten Jahr war große Freude im Schloß Windeck. Der Tag Mariä Geburt war der Geburtstag[60] eines Kindes, das Kunigunde in zärtlicher Dankbarkeit für die Gnade der Himmelskönigin Maria Regina nannte. Sie war glückselig! all' die Innigkeit, die Wärme, die Zartheit der Empfindung, für die sie bei ihrem Manne kein Verständnis fand, übertrug sie auf das Kind, das freilich jetzt im Morgenschlaf seines kleinen Lebens bewußtlos diese Liebe hinnahm, aber allmählig mit den erwachenden Kräften seines Herzens an das Mutterherz sich schlingen würde. Kunigunde freute sich unsäglich, daß es gerade eine Tochter war. Die behielt sie immer an ihrer Seite; die ging auf keine Universität, auf keine Reisen, auf keine Jagden, in keinen Krieg; die gehörte ihr, mit der richtete sie sich fürs Leben ein. Es gab keine Tugend, keinen Vorzug, kein Talent, womit sie nicht im Geiste ihre Tochter schmückte – vor allem aber mit jener fleckenlosen Reinheit, welche vor jeder Beleidigung Gottes zurückschaudert. Deshalb stellte sie das Kind unter den besonderen Schutz der seligsten Jungfrau Maria und nahm sich vor, es immer in Weiß zu kleiden, um auch äußerlich an die innere Lauterkeit zu mahnen. Zwischen Kunigunde und Walburg war jetzt ein beständiger fröhlicher Streit, wer von ihnen die glücklichste Mutter sei und die glänzendsten Hoffnungen habe. Wenn Walburg mit ihrem Knabenkleeblatt ein wenig prahlen wollte, so pflegte Kunigunde zu sagen:

»Warte nur ein paar Jahre! dann wirst Du gleichsam eine kinderlose Mutter sein. Dann sind die Bübchen in alle vier Winde verstreut, während ich mit meiner Regina äußerst behaglich hier sitze und Du zu uns kommst, um zu sehen, wie das ist, wenn man ein Kind hat. So geht's mit den Söhnen.«

[61] »Und dann,« sagte Walburg lachend, »kommt eines Tages statt meiner irgend ein charmanter Jüngling, wirbt um das Töchterchen und führt es nach Oft- oder Westindien; und das Töchterchen, das bisher nie einen Tag von der Mutter getrennt war, geht urplötzlich löwenkühn mit dem fremden Mann an's Ende der Welt. So geht's mit den Töchtern!«

»Das ist eine schauerliche Vorstellung,« seufzte Kunigunde.

»Nun, ich will Dir etwas sagen,« fuhr Walburg beruhigend fort, »Uriel muß Regina heiraten; dann behalten wir beide in unserer Nähe.«

»Uriel muß ein sehr ausgezeichneter Mensch werden, wenn er Regina haben will,« sagte Kunigunde höchst ernsthaft, obwohl Regina erst sechs Monat alt und Uriel im sechsten Jahre war.

»Du sagst wohl mit Schillers Wallenstein: ›Meinen Eidam will ich mir auf Europa's Thronen suchen,‹ wenn Du mit meinem Uriel nicht zufrieden bist,« sagte Walburg scherzend.

»Die Ehe ist ein herber Stand, liebe Schwester!«

»Freilich! Aber der ehelose ist noch herber, ist so einsam.«

Der Ordensstand war zu jener Zeit etwas so Fremdartiges unter den höheren Ständen, weil man nur solche klösterliche Institute duldete, welche sich dem Unterrichtswesen oder der Krankenpflege widmeten, daß Kunigunde seufzte:

»Und wenn sie Ursulinerin oder Salesianerin würde, müßte sie Tag für Tag Schule halten für fremde Kinder und ich verlöre sie doch! Es wird wohl am Besten sein, wenn sie Uriel heiratet.«

Auf diese frohe Zeit folgten Tage schwerer Heimsuchung. Gratian hatte sich auf der Jagd erkältet [62] und sein Übelbefinden nicht geachtet. Als er endlich den Arzt rufen ließ, war die Krankheit schon bedenklich, wurde bald gefährlich und steigerte sich zu einem furchtbaren Nervenfieber. Walburg schickte ihre Söhne nach Windeck, um sie vor der Ansteckung zu bewahren und pflegte Gratian Tag und Nacht. Damian kam sogleich und stand ihr hilfreich zur Seite, damit sie sich nicht über ihre Kräfte anstrenge. Levin ging hin und her zwischen den beiden zagenden, betrübten Frauen und sprach ihnen himmlische Hoffnung zu, je mehr die irdische schwand. Die Stärke des Fiebers versetzte Gratian gewöhnlich in einen bewußtlosen Zustand; aber Gott erhörte Walburg's und Levin's heißes Gebet: kurz vor seinem Ende kam Gratian zu sich und empfing die Sterbsakramente; dann sagte er fast unhörbar zu seinem Bruder:

»Nimm Dich meiner armen Buben als Vater an.«

»Verlaß Dich darauf,« erwiderte Damian traurig. »Uriel heiratet Regina und für die beiden anderen sorge ich auch.«

Sanft drückte Gratian des Bruders Hand, warf einen zärtlichen Blick auf Walburg, fiel in's Delirium zurück und verschied ruhig nach einigen Stunden. Die trostlose Walburg war gar nicht zu trennen von der geliebten Leiche. Als Damian sie endlich mit Gewalt wegführte, legte sie sich zu Bett – und stand nicht wieder auf. Binnen neun Tagen riß die Krankheit, die junge kräftige Menschen am heftigsten befällt, sie in ihr frühes Grab. Kunigunde war aufgelöst von Schmerz. Die Schwestern hatten ein Doppelleben zusammen geführt und jede die Freuden und Leiden der anderen so innig geteilt, daß Kunigundens halbes Herz in [63] Walburg's Sarg sank. Bei ihrer großen Schüchternheit kam ihr auch die Erziehung der drei Knaben als eine übermäßig schwere Aufgabe vor, und doch fand sie wieder ihren süßesten Trost darin, den kleinen Verwaisten die Mutter zu ersetzen. Damian hatte die Knaben so lieb und war so ganz von der Vorstellung erfüllt, in Uriel den künftigen Majoratsherrn und seinen Schwiegersohn zu sehen, daß er sich darüber tröstete, keinen Sohn zu haben und die Kinder ganz väterlich in sein Haus nahm. Ihre Erziehung machte ihm nicht viel Sorgen!

»Gundel, sei nicht so ängstlich!« sagte er einmal zu der Gräfin, als sie von den Gefahren sprach, denen junge Leute in der Welt ausgesetzt sind. »Die Welt erzieht den Mann.«

»Aber wie!« seufzte Kunigunde.

»Nun, wie? wie sie ihn braucht, mein Kind. Der junge Mann muß Erfahrungen machen und hat er die hinter sich, so wird er vernünftig; der eine früher, der andere später.«

»Aber er macht diese Erfahrungen gewöhnlich auf Kosten seines besseren Selbst und zahlt für Niedriges den höchsten Preis.«

»Das Paradies für einen Apfel – allerdings, das kann geschehen,« sagte Damian höchst gleichmütig. »Diesen Weg hat der Schöpfer von Adams Zeiten an dem Menschen zugewiesen.«

»Der Mensch hat freiwillig den Weg des Abfalls eingeschlagen,« rief Kunigunde lebhaft, »und für das Paradies, das er aufgab, hat der barmherzige Gott ihm die Anwartschaft auf den Himmel gegeben. Die Welt nun, die es ihm so leicht macht, das Paradies zu verlieren, was tut sie, um ihn an seine himmlischen Ansprüche zu erinnern?«

[64] »Nichts, mein Kind, gar nichts! ist auch nicht nötig! Man hat ja Grundsätze, die freilich zuweilen etwas wackeln, aber mit der Zeit sich befestigen. Die Karriere, in die man tritt, die vortreffliche Frau, die man heiratet, tun denn auch das Ihre; und so wimmelt die Welt von klugen, rechtschaffenen, gebildeten, tüchtigen Männern, zu denen unsere Buben ohne Zweifel gehören werden.«

Kunigunde lächelte traurig und suchte Trost bei Levin. Auch er sagte: »Seien Sie nicht so zaghaft, Kind!« aber aus anderen Gründen als Damian. »Statt vor der Zukunft der Knaben zu bangen, benutzen Sie die Gegenwart, um auf dem Wege der Tugend so fortzuschreiten, daß Sie Ihren Kindern ein liebliches, leuchtendes, unvergeßliches Vorbild der Gottesliebe und der christlichen Vollkommenheit werden. Daran scheitert manch Blendwerk der Welt.«

»Aber meine Mißgriffe, mein Mangel an Einsicht, meine Schwäche, wie viel Schaden können sie stiften trotz all' meinem guten Willen.«

»Dem menschlichen Tun wohnt Gebrechlichkeit inne, und wir alle lassen es an Mißgriffen, auch bei unseren teuersten Angelegenheiten, nicht fehlen. Fassen wir aber immer wieder und wieder die Richtung auf die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in's Auge, so wird Gott, für den wir das Beste zu tun suchen, ohne Zweifel viel Besseres für uns tun und den Folgen unserer Mißgriffe Schranken setzen.«

Damian, der einmal solchem Gespräch beigewohnt hatte, sagte später zu Kunigunde:

»Es ist recht seltsam, daß Onkel Levin immer so spricht, als ob die Vorsehung von unserem Tun und Treiben spezielle Notiz nähme.«

[65] »Lieber Damian,« antwortete Kunigunde lächelnd, »ob die Vorsehung das tut, weiß ich freilich nicht. Aber Gott tut es: darauf verlaß Dich. Warum sollte er sich die Mühe genommen haben, jedes Haar auf Deinem Haupte zu zählen, wie wir es lesen in heiliger Schrift, wenn er keine spezielle Notiz von Dir nehmen wollte?«

»Liest Du die heilige Schrift?« fragte Damian höchst verwundert. »Ich meine gehört zu haben, sie sei verboten, weil das ganze künstlich ersonnene und zusammengesetzte Gebäude der katholischen Kirche über den Haufen fallen würde, wenn man die Lesung gestattete.«

Kunigunde lachte herzlich und rief: »Das wäre ja eine ungemein tragische Begebenheit, wenn eines guten Tages die apostolische Kirche zusammenprasseln sollte vor dem Echo der heiligen Schriften, die ja in ihr abgefaßt, gesichtet und beglaubigt sind, und die nur ein Leben haben, insofern sie gehören zum lebendigen Organismus des heiligen Geistes, dessen Bau eben diese Kirche ist. Einem Denkgebäude, von menschlicher Weisheit ersonnen, könnte es hingegen wohl geschehen, daß es zusammenstürzte, wenn die mächtige Stimme des Evangeliums darin erschallte, weil seine Wahrheiten nicht Stand hielten vor der ewigen Wahrheit der Offenbarung.«

»Es ist der katholischen Kirche schon oft der Untergang prophezeit worden.«

»Ja wohl, zu ihrem großen Trost! denn dies ›oft‹ beweist, daß es immer falsche Propheten waren; daß sie nur verkündeten, was sie wünschten, und daß sie wünschten, was der Antichrist immer wünscht: Christus in seinem Erlösungswerk zu vernichten.«

[66] »Gundel, Du sprichst wie ein Professor mystischer Theologie! Hast Du Deine Freude daran, so sei sie Dir gegönnt. Aber ich bitte mir aus, daß Du sie nicht unseren Buben einpflanzest; die brauchen vom Antichrist nichts zu wissen und nicht in den heiligen Schriften zu studieren.«

Kunigunde war nach und nach erfahrener und vorsichtiger geworden. Sie ließ die Sache fallen und nahm sich um so fester vor, einen kindlichen frommen Glauben in den Knaben zu pflegen, als sie wohl wußte, daß Damian sie nicht darin unterstützen würde. Es war ein Donnerschlag für sie, als Juliane plötzlich mit überraschender Zärtlichkeit schrieb, sie wünsche den zweiten Sohn ihres geliebten Gratian zu sich zu nehmen, zu erziehen und ihm nach ihrem und ihres Mannes Tode Stamberg als Fideikommis zu übergeben. Leichenblaß saß Kunigunde da, während Damian den Brief vorlas; ihre Hände waren vom Stickrahmen in ihren Schoß gesunken und zitterten leise, und mit unaussprechlichem Schmerz sah sie Levin an, als wolle sie seines Beistandes sich versichern.

»Der arme Junge dauert mich,« sagte Damian, als der Brief zu Ende war. »So ganz allein bei der Großmama, das wird eine traurige Kindheit geben! Dafür bekommt er denn freilich später ein prächtiges Fideikommis, das somit den gierigen Klauen der schlesischen Stambergs entrissen wird und unserer Familie bleibt. Ich bin recht froh, endlich darüber Gewißheit zu haben. Nun, Gundel, was sagst Du? Du bist ja ganz starr vor Überraschung.«

»Ich sage, lieber Damian,« erwiderte Kunigunde mit bebender Stimme, »daß ich auf Deine Zustimmung zähle und das Kind nicht hergebe. [67] Dir hat Gratian seine Söhne anvertraut und ich habe sie von Walburg geerbt. Sie sind auch ein Fideikommis, ein viel kostbareres als alle Güter der Welt – und ich denke, wir vertauschen sie nicht gegen Stamberg – nicht alle und nicht einen.«

»Kind, es handelt sich um eine Rente von mindestens fünfzigtausend Gulden. Die wirft man nicht fort wie eine Einladungskarte, welcher man nicht Folge leisten will. Die erste Jugend des kleinen Orest wird nicht sehr munter sein; aber im späteren Leben kann er das ja leicht nachholen und ganz andere Freuden genießen, als die unbedeutenden der Kindheit. Weigern wir uns aber, nimmt die Mama unsere Weigerung übel, macht sie ein Fideikommis zu Gunsten der Stambergs, und Orest erfährt dermaleinst, daß er durch unsere verkehrte Zärtlichkeit es verloren hat, wird er uns dann keine Vorwürfe machen? und haben wir sie nicht verdient?«

»Lieber Damian,« erwiderte Kunigunde, »es ist eine von Deinen glänzenden Eigenschaften, daß Du als ein ächter Aristokrat sehr großmütig in Bezug auf Geld und Gut bist. Das hast Du bewiesen, als Du ein ganz unbemitteltes Mädchen zur Frau nahmst, und als Du die Existenz Deines Bruders und seiner Familie nicht einige Wochen oder Monate, sondern acht Jahre hindurch eben so behaglich machtest, wie die Deine es ist, und als Du ihm auf dem Sterbebette versprachst, seinen Söhnen Vater zu sein, und bei tausend anderen Gelegenheiten.«

»Das ist richtig! aus dem Mammon mache ich meinen Götzen nicht,« sagte Damian, mit heimlichem Wohlgefallen das Lob seiner Tugenden einschlürfend, was ihm hoffentlich nur diejenigen übel nehmen werden, welche über diese Schwäche [68] erhaben sind. »Aber, Kunigunde, es handelt sich hier nicht um mich und mein Vermögen, sondern um ein prächtiges Fideikommis für Orestes.«

»Würdest Du Regina zur Mama geben, wenn sie deren Erbin sein sollte?«

»Nicht um die Welt!« rief Damian; »nein, mein einziges Kind geb' ich nicht her.«

»Von dem Augenblick an, da Du Deinem Bruder versprachst, seinen Söhnen Vater zu sein, hattest Du vier Kinder,« sagte Kunigunde, »und ich sehe nicht ein, wie Du mit gutem Gewissen für einen der Knaben tun magst, was Du um keinen Preis für Deine Tochter tätest. Der arme kleine Orest ist unglücklich genug, Vater und Mutter verloren zu haben; o trenne ihn wenigstens nicht von uns und seinen Geschwistern.«

Damian hatte sich inzwischen von Kunigundens Schmeichelworten erholt und sagte: »Dir ist nicht zu trauen, denn Du hast bei der ganzen Sache im Grunde nur die eine Furcht, daß Orest nicht fromm genug erzogen wird.«

»Und wäre ich nicht dazu berechtigt?« fragte Kunigunde errötend, weil Damians Bemerkung ganz richtig war. »Ich will nicht von Deiner guten Mutter sprechen; ich will annehmen, daß sie Orest erzieht, wie sie Dich erzogen hat; aber Du hattest doch Onkel Levin und hörtest und sahest doch etwas vom katholischen Leben und Weben, während Orest in seiner Vereinzelung auf Stamberg demselben gänzlich entfremdet und gleichsam losgerissen von jeder katholischen Tradition sein würde. Welch ein unermeßlicher Schaden für die Seele des Kindes! wer ersetzt ihm den Verlust oder auch nur die Schwächung des Glaubens!«

[69] »Nun, so glaubt er etwas anderes, oder etwas weniger,« wendete Damian ein.

»Oder auch nichts,« sagte Levin mit seiner milden Ruhe in Ton und Blick.

»Sind Sie Kunigundens Bundesgenosse, bester Onkel?« rief Damian. »Das wundert mich! Sie pflegten doch sonst, trotz Ihrer transcendentalen Richtung, einen klaren Blick für alle Verhältnisse zu haben und auch die irdischen Dinge nach ihrem Werte zu schätzen.«

Levin lächelte leise zu der transcendentalen Richtung, die Damian ihm lieh, und antwortete:

»Dazu sind wir alle verpflichtet und eben deshalb dürfen wir sie nicht über ihren Wert schätzen. Das Vaterhaus, das Mutterherz, das Familienleben, beseelt und durchwärmt vom heiligen Glauben, ist ein so unermeßliches Gut, daß ein Kind, welches ohne dasselbe aufwächst, bettelarm ist – und hätte es Millionen! Denn die Millionen sind zu zählen und alles, was gezählt werden kann, ist armselig im Vergleiche zum Unermeßlichen.«

»Aber, bester Onkel, vom Unermeßlichen lebt man nicht, ißt und trinkt man nicht, wird man nicht Majoratsherr. Ein Vater muß für seinen Sohn ein Fideikommis bewahren; weshalb also nicht eines erwerben?«

»Bewahre zuerst für Orest das, was er hat; alles andere findet sich.«

»Bester Onkel, Sie wissen so gut wie ich, daß der arme kleine Orest, der nachgeborene Sohn eines Nachgeborenen, nichts hat.«

»Eben darum, lieber Damian, bewahre ihm sein übernatürliches Gut, damit der Knabe, den vielleicht schwere und drückende Verhältnisse erwarten, eine Stütze habe, welche sie tragen hilft. [70] Bewahre ihm das himmlische Fideikommis des Glaubens, welches Gott Selbst den Eltern anvertraut, damit es ungeschmälert auf die Kinder, und aus einer Generation in die andere übergehe. Das kann Orest dereinst von Dir verlangen; Stamberg nicht. Der vernünftige Mensch zieht das Ewige dem Vergänglichen vor, sowohl für sich selbst, als für seine Kinder.«

»Wenn man Sie hört, sollte man meinen, Orest müsse über Stamberg geradeweges in die Hölle laufen,« rief Damian unmutig, »und es ist doch ganz ungewiß, ob er über Windeck in den Himmel spaziert.«

Levin ließ diese Bemerkung fallen und sagte:

»Wäre ich ein reicher Mann und könnte ich nicht meine Kinder im Glauben der katholischen Kirche erziehen, so müßte ich verzweifeln, denn nur dort sehe ich Waffen, um den furchtbaren Kampf mit dem Leben, der den Reichen so besonders gefährlich ist, siegreich zu bestehen.«

»Wo sehen Sie denn die Tugendhelden, die aus dem Kampf als Sieger hervorgehen,« fragte Damian bitter, »da doch die Waffen allen zu Gebote stehen.«

»Nur leider braucht sie nicht Jeder,« entgegnete Levin. »Die Waffen fliegen nicht von selbst jedem in die Hand; sie müssen ausgewählt, ergriffen und geführt werden. Übrigens, lieber Damian, ist das Heldentum der Tugend etwas, das man nicht immer auf der Oberfläche und mit dem ersten Blick wahrnimmt.«

»Ich sehe schon, daß ich keinen Frieden im Hause haben würde, wenn ich nicht Orest behielte,« sagte Damian nachdenkend; »nur weiß ich nicht, wie ich den Antrag der Mama ablehnen soll.«

[71] Kunigunde bog sich tief über ihren Stickrahmen, um ihre hervorquellenden Freudentränen zu verbergen, da sie Damians Feindseligkeit gegen alle Arten von Tränen genügend kannte. Levin sagte.

»Will Deine Mutter sogleich das Kind haben?«

»Nein, im nächsten Frühling.«

»Dann würde ich in Deiner Stelle vor der Hand ihrem Wunsche nicht entgegen treten. Wer weiß, ob sie ihn im Frühling noch hegt.«

»Wenn der Bube aber ein Taugenichts wird und doch nicht Stamberg bekommt: wie dann, Onkel Levin?« fragte Damian sinnend.

»Hast Du Deine Schuldigkeit gegen Gott und Orest getan – und sollte er dann so unglücklich sein, die seine nicht zu tun: so ist es auch dann besser, wenn er ein armer als ein reicher Taugenichts ist. Es sehen weniger Augen auf ihn und folglich geht sein schlechtes Beispiel nicht über einen kleinen Kreis hinaus, während er, als der Mittelpunkt eines größeren, entsetzliches Unheil stiften kann.«

»Ich bitte Euch, schweigt von so traurigen Möglichkeiten!« sagte Kunigunde flehend. »Welche Mutter kann ohne Herzeleid solche Voraussetzungen anhören!« –

Bald darauf wäre der kleine Orest in ganz anderer Weise beinahe seiner Familie entrissen worden. Er spielte am Ufer des Mains, kletterte in einen Nachen, verlor das Gleichgewicht von dessen leisem Schaukeln und fiel ins Wasser. Da er vor Schreck nicht schrie, wurde die Wärterin, die in eine Handarbeit vertieft war, nicht aufmerksam gemacht und Orest wäre vermutlich ertrunken, wenn nicht sein Spielkamerad, Florentin der Fährmannssohn, beherzt ihm nachgesprungen wäre, ihn [72] gepackt hätte und dann, um Hilfe rufend, am Nachen sich anzuklammern suchte. Es war in der Mittagsstunde und niemand am Ufer. Als die Wärterin in höchster Bestürzung herbeieilte und beide Knaben aus dem Wasser gezogen hatte, bedrohte sie Orest heftig, nichts von seinem Unfall verlauten zu lassen, weil er hart gestraft werden würde, und deshalb müsse auch Florentin schweigen. So hoffte sie, werde die Gräfin nichts erfahren und ihr jeder Verweis, vielleicht sogar die Entlassung gespart werden. Sie brachte die Kinder auf Umwegen ins Schloß, kleidete sie um, und es war weiter nicht die Rede davon, da Orest wohl wußte, daß es schmerzlich ohne Strafe für seinen Ungehorsam abgehen würde. Levin hatte aber von der Terrasse aus den ganzen Vorfall gesehen und sich gefreut, wie herzhaft der kleine Florentin zu Werke ging. Er glaubte, die Wärterin würde Kunigunden ihre Unaufmerksamkeit gestehen; da aber gar nichts von der Sache verlautete, teilte er sie nach einigen Tagen der Gräfin mit, um sie vor der Sorglosigkeit der Wärterin zu warnen. Kunigunde war außer sich vor Schreck über Orest und vor Freude über Florentin. Er war das erste Kind, das sie in Windeck aus der Taufe gehoben hatte. Sie war eine treue Pflegerin seiner Mutter gewesen, die brustkrank langsam dahinsiechte. Sie hatte der armen Sterbenden versprochen, immer ein Auge auf Florentin zu behalten. Dessen Vater hatte wieder geheiratet, und die Stiefmutter war nicht gut gegen Florentin. Sie schlug ihn ohne Ursache, wenn sie eben übler Laune war, und ihre eigenen Kinder durften ihn ungestraft quälen. Er war in Uriels Alter und Kunigunde, die ihn immer gern gehabt hatte, ließ ihn jetzt häufig ins [73] Schloß kommen, seitdem die Knaben in Windeck waren. Kürzlich hatte Florentin auch seinen Vater verloren und führte nun bei seiner Stiefmutter und seinem alten Großvater, der dem bösen Weibe nicht gewachsen war, ein trauriges Leben. Kunigunde wußte ihrer Dankbarkeit keinen besseren Ausdruck zu geben, als den, daß sie beschloß, ihn mit ihren Kindern zu erziehen.

»Er hat uns das Leben eines Sohnes gerettet,« sagte sie zu Damian, »dafür wollen wir wiederum ihn retten! Bei der Stiefmutter kommt er um an Leib und Seele.«

Damian hätte den Knaben lieber in irgend eine Erziehungsanstalt gegeben. Er fand es bedenklich, ihn in Verhältnissen und Umgebungen aufwachsen zu lassen, die er später ungern vermissen würde; Fährmannssohn und Grafenkinder dürften nicht auf demselben Fuße erzogen werden. Dagegen sagte Kunigunde, gerade aus solcher Verschiedenheit der Verhältnisse könnten sich die schönsten Tugenden entwickeln: Dankbarkeit, Hingebung, treue Anhänglichkeit in Florentin und in ihren Söhnen eine richtige Würdigung des Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft, brüderliche Gesinnung für Arme und Niedriggeborene, vielleicht auch heilsamer Wetteifer, da Florentin ein sehr intelligentes Kind sei. Onkel Levin wurde zu Rate gezogen wie immer. Er sagte:

»Liebe Kunigunde, ich glaube kaum, daß ich Ihren Mut hätte. Es ist nicht leicht, ein fremdes Kind so zwischen den eigenen Kindern zu erziehen, daß es sich nicht fremd fühle.«

»Bester Onkel, Florentin fühlt sich schon jetzt heimischer und behaglicher bei uns, als bei seiner Stiefmutter, die ihn fast verhungern läßt.«

[74] »Das glaub' ich schon; aber ich weiß nicht, ob dies Behagen ein Glück für die Zukunft des Knaben ist.«

»Ist ganz meine Meinung!« rief Damian. »Was willst Du denn eigentlich mit ihm anfangen?«

»Ich denke, Du läßt ihn studieren, lieber Damian,« sagte Kunigunde. »Wie schön wäre es, wenn er Arzt würde! wie gut könntest Du einen Arzt brauchen, so recht in der Mitte Deiner Besitzungen ihm einen Wohnort anweisen und alle armen Leute ihm übergeben. Oder wie schön wär' es, wenn er geistlich würde – ein frommer Priester, ach, welche Gnade! Den Arzt der Seelen könnten wir eigentlich noch notwendiger brauchen, als den für die Körper. Oder will Florentin nicht studieren, so kann er Förster werden, Verwalter, Rentmeister. Du hast eine Menge Stellen, zu denen Du treue, tüchtige Menschen brauchst.«

Damian hatte mancherlei Nöten mit seinen Beamten. Der Gedanke, einen recht tüchtigen, zuverlässigen Beamten in Florentin heran zu bilden, war ihm eine erfreuliche Vorstellung, und er sagte:

»Wohlan, Kunigunde, wir wollen Florentin behalten! Es gefällt mir sehr gut von dem kleinen Patron, daß er so unverzagt und entschlossen ins Wasser sprang; aber noch viel mehr, daß er kein Wort von seiner Heldentat verlauten ließ, der kleine Schweigende!«

Mit großer Freude zog Florentin im Schlosse ein und der ganze Kindertrupp gedieh aufs beste. Im Frühling hatten alle das Scharlachfieber; Juliane konnte also Orest nicht zu sich nehmen. Im Sommer auch nicht, denn sie mußte wegen ihrer Gesundheit in die böhmischen Bäder gehen. [75] Im Herbst auch nicht, denn sie fürchtete die rauhe Luft des Odenwalder Spätjahres für den Kleinen. Und endlich erklärte sie, es sei wohl am zweckmäßigsten, wenn er nicht vereinzelt, sondern mit den übrigen Kindern erzogen werde. Über das beabsichtigte Fideikommis schwieg sie; aber Damian rechnete dennoch darauf für Orest, weil ja nicht er und Kunigunde den Erziehungsplan durchkreuzt, wohl aber die Mutter selbst ihn aufgegeben, also in keiner Weise Widerspruch zu strafen hatte. Uriel bekam Windeck samt Reginen und für Hyazinth war dann sehr leicht zu sorgen. So richtete Damian in Gedanken die Zukunft der Kinder so sicher im irdischen Glück und Glanz ein, wie Kunigunde darauf zu hoffen wagte, sie sämtlich zu halben Wundern der Vollkommenheit aufblühen zu sehen. – Nach einigen Jahren hatte sie ein zweites Töchterchen, das ihr Mann mit unaussprechlicher Freude empfing, denn er hatte halb und halb einen Sohn gefürchtet, dermaßen hing sein Herz an Uriel. Und wieder gingen Jahre vorüber mit den Sorgen und Freuden des Familienlebens, denen sich Kunigunde mit unbegrenzter Hingebung widmete. Da wurde sie von einem Brustfieber befallen und nach einem kurzen Krankenlager schied diese schöne, zärtliche, liebevolle Seele vom irdischen Leben. Ein Schrei des Jammers folgte ihr nach. Damian war fassungslos; Levin nahe daran; sämtliche Kinder in Verzweiflung. Von einer solchen Trauer hatte kein Mensch auf Windeck je eine Ahnung gehabt. Als ihr Sarg über den Main geführt wurde nach Kloster Engelberg in die Familiengruft, standen beide Ufer gedrängt voll Menschen, die ihr nachweinten und andächtig für sie beteten. In den achtzehn Jahren, die sie auf Windeck verlebt hatte, [76] war ihr Herz zuweilen recht kummervoll und gedrückt gewesen; aber nie hatte sie irgend jemand anders als freundlich empfangen und nie einen Unglücklichen oder Traurigen anders als getröstet entlassen. Dafür wurde ihr jetzt manche Träne nachgeweint und manches Gebet nachgeschickt. Im Schloß ging das Leben mechanisch fort, wie sie es geordnet hatte; aber es hatte einen leichenhaften Anflug. Jetzt erst merkte man, wie sie es in ihrer stillen, demütigen, freundlichen Weise beseelt hatte. Als Damian seine Töchter zum erstenmal nicht weiß gekleidet, sondern im Traueranzug sah und dazu ihre kleinen, blassen, verweinten Gesichter, schloß er sie angsthaft in seine Arme und sagte zu Levin:

»Was soll aus ihnen werden ohne Mutter?«

Da umschlang Regina ihn zärtlich und sagte: »Gräme Dich auch nicht zu sehr, lieber Vater, denn die heilige Mutter Gottes wird jetzt unsere Mutter sein. Eine andere können wir nicht brauchen.«

Er beneidete fast das Kind um diese tiefe Zuversicht und um dies Eingehen in die übernatürliche Welt. Er machte sich tausend Vorwürfe, daß er gerade auf diesem Punkt Kunigunde so oft betrübt, so häufig die zarteste Blüte ihres inneren Lebens mit dem kalten Frost seines Indifferentismus verletzt hatte. Er mußte sich eingestehen, daß er das Beste, was er in sich selbst fand, Kunigunden verdankte, deren milde Liebe immer gegen seine Selbstsucht kämpfte, ohne sich durch geringe Erfolge entmutigen zu lassen. Da er ihr nicht selbst mehr danken konnte, so nahm er sich vor, in den Töchtern ihr zu vergelten und sie im Sinne der Mutter erziehen zu lassen. In Wien bei den Salesianerinnen hatten Kunigunde und Walburg ihre [77] Erziehung empfangen, und Damian beschloß, seine Töchter ebenfalls einem klösterlichen Institute zu übergeben.

»Nach Wien bringe ich sie aber nicht,« sagte er zu Levin, als er mit ihm den Plan überlegte. »Sie müssen so gütig sein, bester Onkel, und ein Institut der Dames du Sacré Coeur auskundschaften, von dem Kunigunde zuweilen redete. Gegen Wien sprechen drei Gründe.«

»Und das sind?« fragte Levin voll Erwartung.

»Erstens die große Entfernung. Zweitens, daß die liebe Kunigunde im Französischen keinen Pariser Accent hatte. Drittens möchte ich gerne die Kinder von einer gewissen kleinen deutschen Sentimentalität fern halten, von einer gewissen Überschwänglichkeit des Gemütslebens, worin die besten und frömmsten Frauen leicht verfallen und welche sicherlich in einer deutschen klösterlichen Erziehungsanstalt ungemein floriert.«

Levin ließ diese letzte Annahme auf sich beruhen und erwiderte: »Alle klösterlichen Genossenschaften, die sich der Erziehung der Jugend widmen, tun es im Geiste des göttlichen Heilandes, der da gesagt hat: ›Lasset die Kindlein zu mir kommen,‹ und folglich mit der größten Liebe, Hingebung und Opferwilligkeit, denn sie haben aus der Nachfolge Jesu im Dienste der Seelen freiwillig ihren Stand gemacht. Daher erfüllen sie ihre Pflichten in möglichster Vollkommenheit und verdienen das größte Vertrauen. Aber, lieber Damian, wo Menschen wirken und handeln, da gibt es Schwächen, und in den Charakteren der Zöglinge gibt es Schattenseiten. Du darfst also Deine Erwartungen nicht übermäßig hoch spannen und später die etwaige Unvollkommenheit der Kinder nicht auf Rechnung [78] der klösterlichen Erziehung bringen. Versprichst Du mir das, so will ich gleich Erkundigungen einziehen, die ohne Zweifel höchst günstig lauten werden, indem ja die Dames du Sacré Coeur berühmt sind wegen ihrer brillanten Erziehung für die Welt.«

»Das ists gerade, was ich wünsche!« rief Damian. »Seien Sie unbesorgt, bester Onkel! Geraten die Kinder einigermaßen in dieser Richtung, so schwärme ich für das Sacré Coeur. Aber wie einsam, wie unerträglich einsam wird es hier werden.«

Das empfand Levin mit schneidendem Herzweh. Die Beschäftigung mit den Kindern war seine Wonne; aber er sagte tröstend zu Damian: »Es war ja schon festgesetzt, daß die ältesten Knaben fort sollten, und wir behalten doch vorderhand Hyazinth.«

»Ja, den einen, und alle anderen gehen! Mir graut vor der Stille, die hier eintreten wird.«

An einem und demselben Tage war allgemeiner Aufbruch in Windeck. Uriel, Orest und Florentin reisten in Begleitung eines Hofmeisters ab, um Gymnasialstudien zu machen; und Damian mit seinen Töchtern zuerst nach Stamberg, um sie noch einmal der Großmama vorzustellen, und dann zu den Dames du Sacré Coeur im Elsaß. Juliane mußte nach ihrer Gewohnheit Einwendungen gegen diesen Erziehungsplan machen, von dem sie ahnte, daß er mittelbar von Kunigunden herrühre. Weshalb nicht die Kinder nach Mannheim bringen, in das weltberühmte Institut, dessen glänzende Resultate man kenne. Oder noch lieber nach Norddeutschland, wo man überhaupt auf einem viel höheren Stand der Bildung stehe, nach Dresden[79] zum Beispiel; da könnten künstlerische Anlagen in ihnen entwickelt werden. Gab es aber irgend etwas, wodurch Damian in seinen Ansichten und Plänen bestärkt wurde: so war es gewiß der Widerspruch seiner Mutter. Ohnehin ging er nicht leicht von seinen Ideen ab und so hatte Julianens Mißbilligung nicht die geringste Wirkung auf ihn. Er war ganz gleichgiltig gegen ihre beständige Krittelei.

Der Abschied von seinen Töchtern, die Heimkehr nach Windeck, die Verödung seines Hauses stimmten den Grafen ungemein schwermütig. Er hatte an Kunigunden die treueste Freundin gehabt, deren Teilnahme zu jeder Stunde, für jede Kleinigkeit ihm gewiß war und die sorgsam alles zu entfernen oder selbst zu übernehmen wußte, was ihn belästigte oder verstimmte. Er hatte in Uriel und Orest schon Gesellschafter gehabt, die mit ihm jagten und ritten, und in den beiden fröhlichen, kleinen Mädchen eine beständige Quelle des Scherzes und der Heiterkeit. Er hatte an dem Personal, welches die Erziehung der Kinder bald für immer, bald zeitweise, ins Haus brachte, eine Unterhaltung gehabt. Hofmeister, Musiklehrer, Zeichenlehrer, Tanzlehrer, Engländerin, Französin und was sonst noch die moderne Erziehung erheischen mag, zog auch in Windeck ein und aus. Zwölf Personen am Familientisch, das war die geringste Zahl; und zwischen ihnen allen war er der Herr, war er der Mittelpunkt. Ihn wollten alle unterhalten; ihm – alle gefallen. Um ihn bemühte sich alles, drehte sich alles. Kunigunde gab allen die Richtung auf ihn, die sie selbst nie verlor. Jetzt hatte er niemand als den Onkel Levin, den dreizehnjährigen Hyazinth und dessen Erzieher, einen jungen Geistlichen.

[80] »Seitdem ich keine Frau mehr habe, komme ich mir gar nicht vor wie der Herr des Hauses,« sagte er oft.

Levin versuchte Saiten zu berühren, die in traurigen Herzen manchmal Anklang finden: Ergebung, Entsagung, Hinwendung zum höchsten Gut, das für den Verlust jedes anderen einen himmlischen Ersatz bietet. Allein dafür war der Graf taub. Er fühlte sich seiner glücklichen Existenz beraubt und faßte es nicht, wie man ohne eine solche zufrieden leben könne. Die Selbstsucht war noch immer übermächtig in ihm.

»O wie beneide ich den geistlichen Stand um seine ewige, unzerstörbare Ruhe!« äußerte er einmal in aufgeregter Traurigkeit gegen Levin. »Der Priester ist der glücklichste Mensch auf Erden. Er fühlt keinen Schmerz mehr.«

»Die stille Ruhe fliegt ihm nicht an,« entgegnete Levin sanft; »sie will erkämpft sein. Und der Schmerz flieht nicht von selbst vor ihm; er will bezwungen sein. Und nicht mit einem Kampf ist die Ruhe auf immer hergestellt und nicht mit einem Willensakt der Schmerz besiegt! Das dauert fort – durchs Leben. Aber wir sind freilich wie tüchtige Soldaten darauf eingeübt, uns nicht den Feind über den Kopf wachsen zu lassen, sondern uns bei Zeiten durchzuschlagen.«

»Was kann der Priester für Schmerzen haben?« fragte der Graf unbefangen. »Er hat nicht Weib noch Kind; er verliert sie nicht; er kennt keine Sorge um sie. Gegen irdische Leidenschaften – denn es versteht sich, daß ich von einem frommen Priester rede – schützen ihn Stand, Beruf und Gnade; woher soll also für ihn der Schmerz kommen?«

[81] »Aus der Sünde, der eigenen und der fremden,« entgegnete Levin und heftete sein seelenvolles Auge auf Damian. »Aus der Sünde, die den Gekreuzigten, welcher aus einem Wunder der Liebe für uns stirbt und aus einem anderen Wunder der Liebe für uns lebt, wieder und immer wieder kreuzigt und die Seelen, die er retten will, ihm entreißt und in den ewigen Tod stürzt. Der Schmerz um die verschmähte Liebe Gottes, um das Elend des Sünders, um die Leiden der Kirche, um den Abfall vom Glauben, um die Anfeindung der Religion bewegt sich in einer anderen Sphäre, als die der irdischen Verhältnisse, aber er hat auch seinen Stachel, auch seine Bitterkeit, mein lieber Damian, und wenn wir ihn nicht hinnehmen würden, als einen Dorn aus der Krone, die Christus trägt, und als einen Anteil an dem Kelch, den Christus trinkt: so würde kein Menschenherz stark genug sein, um ihn zu ertragen.«

»Das ist es ja eben, lieber Onkel: Sie haben immer das Kreuz bei der Hand, an das Sie sich lehnen.«

»Ergreife das Kreuz, dann hast Du es auch. Das Kreuz ist ein Gemeingut der Menschheit und hat für uns alle dieselbe Kraft. Es tut uns weh und heilt all' unser Weh.«

Aber das wollte der Graf nicht verstehen! – Um sich zu zerstreuen, reiste er viel, ging in die Bäder, machte bald in Wien, bald in Paris einen Winteraufenthalt und besuchte alle Jahre einmal seine Töchter, während seine Söhne – wie er sie nannte – in den Ferien nach Windeck kamen und munteres Leben mit sich brachten. Durch die oberflächliche und erkältende Berührung mit der Welt ließ sich der Graf mehr und mehr von jeder höheren [82] Ansicht und Lebensauffassung ablösen. Das Wenige, was ihm Kunigunde allmählig von ihrer Seelenwärme, von ihrem Seelenadel mitgeteilt hatte, ging wieder unter in der allgemeinen Welt-Epidemie der Selbstvergötterung – und das war der Moment, in dem er seine Töchter aus dem Institut des Sacrè Coeur abholte, um sie fortan bei sich zu behalten.

[83]
Präludien

»Wie gefällt Ihnen denn eigentlich Regina. bester Onkel,« sagte Damian, nachdem er jenes Gespräch mit seiner Tochter gehabt hatte. »Sie ist jetzt vierzehn Tage hier, da kann man schon ein Urteil über sie haben.«

»Ich denke, ihre gute Mutter würde eine innige Freude an ihr haben,« versetzte Levin.

»Und ihr guter Vater?« fragte Damian.

»Nun, ihr guter Vater hat diese Freude doppelt,« entgegnete Levin lächelnd, »für sich und für die Mutter.«

»Ich gestehe Ihnen, daß ich etwas ganz anderes von der Klostererziehung erwartet hatte! Regina macht mir durchaus nicht den Eindruck eines unterwürfigen Charakters, einer fügsamen Seele. Sie ist sehr schön, sie hat sehr viel Verstand, sie hat eine große Anmut des Benehmens; aber ihre innere Entschiedenheit mißfällt mir. Ich fürchte, sie hat wenig Neigung zum Gehorsam.«

»Sie sucht doch alle Deine Wünsche buchstäblich und mit großer, zuvorkommender Bereitwilligkeit zu erfüllen.«

»Das ist richtig – aber! aber! sie hat einen Willen!«

»Du wirst doch nicht wünschen, daß sie ein Automat sei?«

[84] »Unter Umständen könnte ich es wünschen! Hat sie noch nicht mit Ihnen über ihre Klosterideen gesprochen?«

»Nicht eine Silbe! und ich bitte Dich, darauf kein großes Gewicht zu legen. Solche Idee hat manches junge Mädchen, ohne daß ein wahrer Beruf ihr zu Grunde liegt.«

»Glaub' es gern! nur fürchte ich, daß äußere Einflüsse sie in ihrer verkehrten Idee bestärken könnten und deshalb hab' ich beschlossen, sie mit Uriel zu verloben, sobald er kommt, und das wird ja in den nächsten Tagen geschehen.«

»Bester Damian, das ist gefährlich! Uriel und Regina haben sich in fünf Jahren nicht gesehen, sind als Geschwister aufgewachsen und haben vielleicht nicht die mindeste Neigung für einander.«

»O die findet sich! Ich will auch nicht mit der Türe ins Haus fallen, sondern nur, wenn sie einige Wochen traulich miteinander gelebt haben, ihnen zu verstehen geben, was ich wünsche. Überdas ist Regina ein Mädchen, in das man sich leicht verlieben kann; bemerkt aber ein Mädchen, daß sie eine Neigung weckt, so erwidert sie dieselbe. Das liegt in der weiblichen Natur und darauf baue ich meine Hoffnung: Uriel muß sich verlieben und die Klosterideen bekämpfen; ich werde sie unberücksichtigt lassen.«

»Das ist die klügste Taktik,« sagt Levin einstimmend.

»Sie wünschen also nicht, daß Regina ins Kloster gehe?« fragte der Graf etwas verwundert. »Ich dachte, Ordensleute und Priester hätten dafür eine besondere Liebhaberei.«

»Hoffentlich,« entgegnete Levin lächelnd, »ist ihre größte Liebhaberei die, daß die Ehre Gottes [85] und das Heil der Seelen in größtmöglichster Vollkommenheit gefördert werde. Wo aber kein Beruf zum geistlichen Stande ist, geschieht von beidem das Gegenteil.«

»Ach, Onkel Levin! Sie sind ein prächtiger Mann!« sagte der Graf erheitert und klopfte ihm freundlich auf die Achsel; »bei Ihnen wird Regina nicht in ihren Träumereien Unterstützung finden, und wahren Beruf zum Ordensstande kann sie ja unmöglich haben. Das sind Schwärmereien junger Mädchen und es beruhigt mich sehr, daß sie gar nicht mit Ihnen darüber gesprochen hat. Gewiß scheut sie Ihren klaren Blick in dergleichen Angelegenheiten.«

Regina saß während dieses Gespräches in einer von dichten Schlingpflanzen umrankten Veranda am Strickrahmen und stickte zierlich auf einem schweren, weißen Seidenstoff mit Goldfäden eine Guirlande von Reben und Ähren, die sich um ein Dorngewinde schlang. Ihr Vater hatte wohl recht zu sagen, sie sei sehr schön. Ihre feinen edlen Züge waren beseelt durch einen Ausdruck von lieblicher Kindlichkeit und von hohem Ernst, wie man ihn bei den Heiligen und Engeln der alten florentinischen Maler findet. Unter ihrer zarten, durchsichtigen Stirn zogen sich ihre dunklen Augenbrauen fest und gerade mit großer Entschiedenheit hin, während ihr klares, glänzendes, graues Auge einen ungemein seelenvollen Blick hatte, wenn sie ihre langen, schwarzen Wimpern langsam aufhob. Es lag ein namenloser Friede, eine gänzliche Unberührtheit von der Welt auf ihrer ganzen Erscheinung. Sie stickte emsig und summte dabei, wie junge Mädchen zu tun pflegen, eine Melodie vor sich hin, die sehr fröhlich klang. Zuweilen stützte [86] sie aber den Arm auf den Stickrahmen und den Kopf auf die Hand, blickte hinüber nach Kloster Engelberg und ging aus dem leisen Summen in ein helles, wunderliebliches Singen der zwei Worte »Venite, adoremus!« über. Es lag in der Melodie ein Frohlocken, das kein Ende der Freude kennt und in welches Regina's ganze Seele einstimmte. Dann arbeitete sie weiter. Als sie Männerschritte auf dem Kieswege hörte, der zur Veranda führte, verstummte sie. Levin war nachdenkend über sein Gespräch mit dem Grafen in den Garten gegangen. Auch er hatte sich von jeher mit dem Gedanken vertraut gemacht, Uriel und Regina würden ein Paar werden. Die Äußerungen des Grafen über Regina beunruhigten ihn, obwohl er, Damian gegenüber, die Sache unwichtig genommen hatte, um ihn nicht aufzuregen. Hatte Regina wirklich einen Lebensplan entworfen, welcher mit dem ihres Vaters nicht übereinstimmte, welchen Stürmen ging sie dann entgegen. Und war es denn etwas Unmögliches, daß sie, die Tochter einer so frommen Mutter und ein Kind des Gebetes, andere Wege ginge, als den der Welt? Er trat in die Veranda und sagte liebreich:

»Du singst ja wie eine Lerche so fröhlich, Regina.«

Sie stand schnell auf, stellte einen Gartenstuhl für ihn neben ihren Stickrahmen und sagte aus vollem Herzen: »Ich bin auch froh, lieber Onkel! Wenn die Lerche schon so fröhlich singt, weil sie zum blauen Himmel auffliegen kann, wie müssen wir dann so viel tausendmal fröhlicher sein, weil uns ein Himmel erwartet, der tausendmal schöner ist, als der Äther um unseren Erdball.«

[87] »Denkst Du, junges Kind, schon an den Tod?« fragte er.

»O nein!« sagte sie unbefangen; »nur an das ewige Leben.«

Mit unsäglicher Liebe ruhte sein Blick auf ihr, während er ruhig sagte: »Ich wundere mich, Regina, daß Du Dich so leicht in die Trennung von den guten Damen vom Sacré Coeur findest, bei denen Du es so gut hattest.«

»Ich hab' es auch hier sehr gut, und so lieb ich die Damen habe und so innigen Dank ich ihnen schuldig bin, so weiß ich ja doch, daß es nicht meine Bestimmung ist, bei ihnen zu bleiben; das erleichtert mir die Trennung.«

»Du bist ja ungemein verständig,« sagte er scherzend.

»Hab' ich denn nicht meinen Vater hier?« fuhr sie fort, »und Dich hier, mein lieber Onkel? und da in Engelberg das Grab meiner Mutter, über dem die Mutter Gottes Wache hält? Tante Isabelle ist auch sehr gütig für mich und Corona ist mit ganzem Herzen hier. Wie könnte ich wohl unzufrieden sein!«

»Die Vettern kommen auch nächstens; dann wird es munter werden, und der Winter noch munterer, da Dein Vater ihn in Frankfurt zubringen will.«

Es flog ein Schatten von Traurigkeit über Regina's Antlitz, als sie erwiderte: »Ich freue mich sehr, meine Vettern wieder zu sehen; aber auf einen Winter, gleichviel in welcher Stadt, freue ich mich gar nicht.«

»Das kommt daher, weil Dir ein solches Leben ungewohnt ist. Bald wird es Dir gefallen.«

Sie schlug ihre Augen groß zu ihm auf und fragte:

[88] »Hat es Dir je gefallen, lieber Onkel Levin?«

»Mir, mein Kind!« rief er lächelnd. »Aber Du weißt ja, daß der Geistliche an den sogenannten Freuden der Welt nicht Teil zu nehmen pflegt und daß ich seit meinem achtzehnten Jahre geistlich bin. In Worms, wo ich ein paar Jahre Domherr war, hatte ich übergenug Beschäftigung mit theologischen Studien, und als ich nach Auflösung des Stiftes hierher zu meiner armen kranken Mutter zurückkehrte, fand ich ein Sterbebett – aber keine Weltfreuden. Später, zur Zeit meines Bruders Matthias, Deines Großvaters, ging es hier freilich außerordentlich lustig her. Allein ich war schon bei dreißig Jahren ein solcher Brummbär geworden, daß ich gar keine Neigung für diese Art von Lustigkeit und Weltfreuden hatte!«

Regina ergriff seine Hand, küßte sie zärtlich und sagte: »Was Du geworden bist, Onkel Levin, das wissen wir besser als Du.«

Die schmetternden Töne eines Posthorns hatten sich schon in der Ferne hören lassen; jetzt erklangen in der Nähe die gellenden Dissonanzen. Corona flog atemlos in die Veranda und rief froh in die Hände klatschend und gleich wieder davonspringend:

»Sie kommen! eben kommen die Vettern an! Papa läßt Dich rufen, Regina.«

Regina bedeckte sorgfältig ihren Stickrahmen, nahm Levin unter den Arm und sagte lächelnd:

»Ich werde die Buben gar nicht mehr kennen! sie sind in den fünf Jahren ja sämtlich junge Herren geworden.«

Als sie in den Saal traten, herrschte darin ein ungeheures Getümmel. Der Graf, vier junge Männer, Tante Isabelle und Corona sprachen alle [89] auf einmal. Fragen, Antworten, Begrüßungen durcheinander. Ein riesenhafter Neufundländer hatte die allgemeine Freude benutzt, um mit einzudringen in den Saal und durch leises Freudengeheul seine alten Kameraden zu begrüßen und bald an diesen, bald an jenen hinan zu springen. Hyacinth hatte seinen Mops mitgebracht, der ohne Umstände im Saal erschien und höchst ungnädig von Amour empfangen wurde, welcher sich allein für salonberechtigt hielt und es in ruhigen Zeiten auch war. Ihm mißfiel diese revolutionäre Bewegung, die ihn vielleicht seines Polsters beraubte und er kläffte zänkisch gegen den Mops, während der Arras mit seinem betäubenden Geräusch alle anderen Stimmen von Menschen und Tieren übertäubte.

»Ah, Onkel Levin!« rief plötzlich in dem Wirrwarr eine klingende Stimme und einer der Jünglinge brach sich Bahn und küßte zärtlich Levins Hand.

»Grüß Dich Gott, Uriel,« sagte Levin.

»Du bist also Uriel?« fragte Regina freundlich. »Ich muß Euch sämtlich der Reihe nach wieder kennen lernen.«

»Aber wir sämtlich kennen Dich, Regina,« sagte Uriel.

Sie gab ihm die Hand; auch an Orestes, auch an Florentin; als sie sich aber zu Hyacinth wendete, nahm sie seine Hand zwischen die ihren und drückte sie innig und sagte:

»O Hyazinth, mein lieber Hyazinth! Dich kenne ich am besten! wir waren ja immer zusammen bei der lieben seligen Mutter.«

Der Graf beobachtete Regina mit einer fast ängstlichen Spannung. Nichts wäre ihm erwünschter [90] gewesen, als in Reginen »den zündenden Funken der Liebe« zu Uriel wahrzunehmen, von dem zuweilen in Romanen gesprochen wird. Das war aber unmöglich! sie hielt sich entschieden am meisten zu Hyacinth, der nur ein Jahr älter als sie, und früher ihr unzertrennlicher Gefährte gewesen war. Allmählig legten sich die Wogen der Aufregung, welche mit einem Wiedersehen nach langer Trennung verbunden sind, und der Graf sagte:

»Nun, meine Buben, tut und treibt, was Ihr wollt und amüsiert Euch. Den Weg zum Pferdestall kennt Ihr und zur Gewehrkammer auch. Die Hühnerjagd floriert! Bei jedem Schritte durch die Felder knattert eine Kette Rebhühner wie eine lebendige Rakete in die Höhe.«

»Als ob ich's geahnt hätte!« rief Orest, ein wütender Jäger. »Vor acht Tagen erst kaufte ich einen famosen Hund, um schweres Geld freilich! aber er ist's wert, der Nimrod! dressiert wie ein preußischer Soldat! der soll uns gute Dienste tun.«

»Und in acht Tagen,« fuhr der Graf fort, »haben wir einen Ball. Dann ist Reginens Namens- und Geburtstag, und den wollen wir endlich einmal wieder feiern und uns freuen, daß wir beisammen sind.«

»Tanzest Du gern, Regina?« fragte Uriel.

»Nein!« sagte sie sanft und fest.

»Frage sie doch nicht, Uriel,« rief der Graf; »darauf kann sie Dir nicht antworten, denn sie hat ja noch nie einen Ball erlebt.«

»Und im Kloster zu tanzen, das mag nicht sehr amüsant sein,« bemerkte Florentin.

»Im Kloster wird überhaupt nicht getanzt, lieber Florentin,« entgegnete Regina. »Im Pensionat [91] bekommen die Zöglinge Tanzunterricht so gut wie jeden anderen.«

»Nun, daß der himmelweit verschieden von einem Ball ist, versteht sich von selbst und folglich hat Regina kein Urteil über den Tanz,« sagte der Graf entscheidend.

»Vielleicht lern' ich es noch, lieber Vater,« entgegnete Regina. »Mit meinen Fortschritten im Reiten bist Du ja nicht unzufrieden.«

»Bravissimo! Du reitest, Regina? – allen Respekt!« rief Orest. »Tanzen kann jede junge Dame. So gottverlassen ist keine, um nicht einigermaßen gut zu tanzen; aber reiten ....«

»Reiten ist für eine junge Dame ein übernatürliches Talent,« warf Florentin hin.

»Vielleicht weißt Du auch mit dem Gewehr umzugehen?« fragte Orest; »oder doch wenigstens mit Pistolen?«

»Warum nicht gar mit der Cigarre,« sagte Uriel unmutig.

»Ich sehe schon, daß meine Erziehung sehr vernachlässigt ist,« erwiderte Regina munter.

»Die Cigarre ist vor der Hand zu viel der Vollkommenheit,« fuhr Orest fort. »Wir müssen erst sehen, ob Du im Stande bist, die Allüren einer Lionne anzunehmen.«

»Einer Löwin!« rief Corona entsetzt und schlug ihre Hände zusammen. »Regina ... und eine Löwin!«

»Kinder, Ihr seid aber wirklich schlecht erzogen,« fuhr Orest fort; »nun wißt Ihr nicht einmal, daß eine Lionne keine Löwin ist ...«

»Sondern was denn?« fragte Corona gespannt.

»Orest! besinne Dich auf die Antwort!« rief [92] ihm Uriel zu, dem des Bruders burschikoser Ton mit den Cousinen höchst unangenehm war.

»Brauch mich gar nicht zu besinnen,« erwiderte Orest, »ist weltbekannt – ausgenommen im Sacré Coeur. Der modische Kunstausdruck für eine etwas exzentrische, brillante, hyperelegante, durch allerlei liebenswürdige Torheiten berühmte Frau – ist Lionne. Verstehst Du jetzt, Corona?«

»Nein!« sagte die Kleine treuherzig.

Der Graf belustigte sich über allemaßen an diesen Gesprächen. Levin legte die Hand auf Coronas lockiges Haar und sagte zu ihr:

»Wer viele Vettern hat, muß viele Neckereien aushalten, Corona. Du kannst Dich jetzt in der Geduld üben.«

»Ich werde suchen, mich zu wehren, Onkel Levin,« versetzte sie unverzagt.

»Brav, Corona!« rief Orest, »aus Dir kann vielleicht eine Lionne werden.«

»Dann hüte Dich vor mir!« rief sie.

Seit langer Zeit war es auf Windeck nicht so lustig hergegangen, wie eben jetzt. In dem allgemeinen Rausch von Vergnügen und Wohlbehagen blieben nur Onkel Levin und Regina im gewohnten Gleichmute. Regina tat und trieb, was die übrigen taten und trieben. Man wollte spazieren reiten – sie ritt mit; auf dem Wasser fahren – sie fuhr mit; Billard spielen – sie spielte mit. Sie war zu allen diesen Dingen freundlich bereit; aber sie ließ sich keinen Augenblick aus ihrem inneren Gleichgewichte bringen. In der stillen Morgenfrühe, ehe irgend einer von den Dienstboten sichtbar war, stand sie schon auf und eilte in die Kapelle, die einzige Stätte des Schlosses, die einsam blieb und wo nur der Unterschied gegen sonst stattsand, [93] daß Hyazinth sehr andächtig dem Onkel Levin bei der Feier des heiligen Meßopfers diente. Im Laufe des Tages wußte sie immer ein paar Stunden zu finden, um sich unbemerkt zurückzuziehen. Dann schlüpfte sie auf ihr Zimmer, las, musizierte oder nahm ihren Hut und besuchte kranke und arme Leute, wie sie das früher mit ihrer Mutter getan hatte. Ihr Vater beobachtete sie mit der höchsten Spannung; es war ihm unmöglich, etwas Tadelnswertes an ihr zu bemerken. Sie benimmt sich perfekt, murmelte er zuweilen bei sich selbst; nur scheint sie kein Herz zu haben, und das ist doch ein großer Fehler! Auch keine Augen hat sie! sonst müßte sie doch gewahr werden, daß Uriel nur für sie Augen hat. Welch ein Kreuz sind doch die Töchter! man wird nie aus ihnen klug! im Grunde freilich – aus keiner Frau.

»Ist Uriel nicht ganz geschaffen, um einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen?« fragte er einmal Levin.

»Je nachdem der Kopf ist!« antwortete dieser lachend.

Uriel war in der Tat ein herrlich begabter Mensch voll Adel der Gesinnung, Kraft des Charakters und hellem Verstande, noch nicht ganz abgeklärt in den innersten Tiefen seines Wesens, noch etwas übermannt von der chaotischen Bildung der Zeit; ganz verschieden von Orest, der um ein Jahr jünger, aber schon ganz weltfertig in seiner Richtung und sehr entschlossen war, sich das Leben nicht verkümmern zu lassen. Uriel war nichts weniger als befreundet mit Florentin, dessen skeptischer und negierender Verstand in der Schule moderner Aufklärungswissenschaft sein Element gefunden hatte. Orest hatte sich nicht sehr mit den Studien befaßt; [94] umso williger ging er auf die Ansichten ein, die sich bei Florentin entwickelt hatten und die er ungemein bequem für das Leben fand, ausgenommen einen Punkt. Florentin bezeichnete kurz und bündig seinen Standpunkt so: In der Religion – Protestantismus; in der Philosophie – Radikalismus; in den Rechts- und Naturwissenschaften – Empirismus; in den allgemeinen Weltverhältnissen – Sozialismus. Zu diesem letzten Punkte vermochte Orest sich nicht zu erheben. Die Herrschaft Stamberg war das Bleigewicht, welches seinen Schwung lähmte. Wenn es an den Sozialismus ging, sprang er ab. Florentin hatte ihm hundertmal bewiesen, das sei unlogisch; untergrabe man das Fundament eines Hauses, so stürzten Mauern und Dach ein, und es sei unmöglich, auch nur einen Dachziegel schwebend in der Luft zu erhalten. Man müsse nur den wahren Sachverhalt allen Gefühlsnebeln entrücken, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen nennen, und die Empfindsamkeitsverbrämungen bei Seite schieben. Die Verwerfung der Autorität der Kirche im sechzehnten Jahrhundert sei der erste Akt der Mündigkeit des Menschengeistes und eine Verwerfung derjenigen Lehre gewesen, welche unter dem Namen Christentum von herrschsüchtigen und heuchlerischen Pfaffen ersonnen und gehandhabt, während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit in krasser Stupidität erhalten habe. Damit sei selbstverständlich der Christengott über Bord geworfen, dessen Stellvertreterin und Lehrorgan die Kirche zu sein behauptet habe. Sie und ihr Oberhaupt, der Papst, wurden als Lügner gebrandmarkt. Da nun seit anderthalb Jahrtausenden von dieser alten Lügnerin jede Autorität auf jedes Gebiet des Lebens [95] im Namen Gottes übertragen worden sei, so habe ganz folgerichtig jede Autorität durch ihren Sturz einen tötlichen Schlag auf's Herz bekommen, ob zwar bornierte Köpfe gewähnt hatten, es sei nur auf den römischen Papst abgesehen gewesen und der König auf seinem Throne, der Prediger auf seiner Kanzel, der Magister auf seinem Katheder, der Familienvater hinter seinem Ofen, der Besitzer mit seinem Geldsack übten vor wie nach ihre alte Autorität. Kindischer Wahn! Der Individualismus habe sich nicht von seiner anderthalbtausendjährigen Knechtschaft erhoben, um nur auf religiösem Gebiet eine heilsame Revolution zu machen und dann wieder schlafen zu gehen. O mit nichten! er pflanze das revolutionäre Banner mit demselben Recht auf dem politischen und sozialen Boden auf und werde auch dort unfehlbar denselben siegreichen Erfolg haben, denn der Individualismus sei die echte Religion jedes Menschen, das Grundgesetz seiner Natur, das Ziel seiner Entwicklung, die Richtschnur seines Willens. Durch ihn gelange die Menschheit zu ihrer eigentlichen Bestimmung: zu einer erhabenen Freiheit, die keine äußerlich gegebene, sondern nur eine selbstgewählte Schranke anerkenne. So lange noch von außen aufgezwungene Schranken des alten Herkommens, der alten Gesetze, der alten Familien- und bürgerlichen Einrichtungen existierten, sei die Menschheit verkümmert in ihrem Recht und in ihrer Größe, denn innerhalb derselben reibe sich das Individuum wie ein Sklave an seiner Kette wund und werde verhindert, die selbsteigen gewählte Schranke sich zu setzen. Wer nur einen Funken von Liebe zur Menschheit habe, müsse den Sturz der alten Knechtschaft in den bestehenden Verhältnissen fördern helfen [96] und an der Zertrümmerung der Traditionen von Religion, von historischem Recht, von Familie, von Eigentum aus allen Kräften arbeiten.

Zu dieser Höhe nun, die für Florentins Denkweise ganz folgerichtig ist, vermochte Orest nicht sich zu erschwingen. Er blieb unerschütterlich bei seiner Behauptung: der Sozialismus streite wider den gesunden Menschenverstand; wogegen denn Florentin behauptete, der Menschenverstand von heutzutage sei so krankhaft borniert durch Vorurteile, daß er nicht wagen dürfe, sich Gesundheit zu vindizieren. »Findest Du aber in der Tat, daß der Sozialismus gegen den gesunden Menschenverstand streitet,« setzte Florentin hinzu, »so mußt Du auch dasselbe vom Protestantismus behaupten, denn, wie der Stamm, so der Ast. Dann verfällst Du der römischen Finsternis, aber Du bist doch wenigstens konsequent.« Orest hätte allerdings antworten können, daß der Protestantismus den gesunden Menschenverstand wider sich habe, sobald es sich darum handle, eine allgemeine Kirche zu stiften; denn der gesunde Menschenverstand ist positiv, verlangt Positives und läßt sich nicht abspeisen mit der Verneinung. Bevor er sich dazu versteht, muß er kränkeln durch Einfluß der Leidenschaften, die ihn blenden und verwirren, und durch Unwissenheit, die ihn angemessener Nahrung beraubt. Aber Orest wollte durchaus nicht mit Florentin disputieren, dessen Ansichten ihm soweit zusagten, als sie für seine persönliche Theorie des Individualismus paßten; die genügte ihm. Um Religionslehren kümmerte er sich nicht. Er legte sie so ziemlich bei Seite, indem er fand, daß der Vorrat, den er in seiner Kindheit eingesammelt habe, übergroß sei.

Uriel stimmte weder mit ihm noch mit Florentin[97] zusammen und hielt den Einfluß für schädlich, den Florentin auf Orest übte. Er war froh, daß ihre Wege fortan sich trennten; Orest wollte die militärische Laufbahn beginnen und Florentin seine medizinischen Studien fortsetzen, um dann praktischer Arzt zu werden und – womöglich! als Privatdozent an einer Universität den akademischen Lehrstuhl zu besteigen, um zur Bildung der Menschheit für den Sozialismus aufs kräftigste zu wirken. Es waren die gährenden Zeiten des Jahres 1847, voll der Schwüle, der Unruhe, der Beklommenheit in der geistigen Atmosphäre und der fieberhaften Spannung und Aufregung in den Gemütern, welche dem herannahenden moralischen Erdbeben vorangingen. Lehrstuhl und Journalismus beherrschten despotisch die freiheitsdurstige Welt, jener den werdenden, dieser den fertigen Staatsbürger, welche mit bewundernswerter Kindlichkeit und mit unverwüstlicher Zuversicht an der Unfehlbarkeit ihrer Stimmführer hingen, blind dem Anstoß folgend und die Richtung einschlagend, welche diese angaben. Es ging der großen Menge genau so, wie dem guten Orest: es war ihr gar nicht unlieb, etwas Revolution zu machen gegen Kirche und Könige, gegen Religion und Gesetze; in dem allen war ja so viel Mißbrauch, Verkehrtheit, Einseitigkeit, Tyrannei, daß das Kind in der Wiege es einsehen mußte, und daß nur der ein Ehrenmann sein konnte, der zur Opposition gehörte. Ein wenig antichristlich ging es wohl dabei zu. Das hatte aber gar nichts zu sagen. Die großen edlen Männer der Opposition beabsichtigten ja nur den Fortschritt, keineswegs einen radikalen Umsturz, und zum Fortschritt gehörte das positive Christentum durchaus nicht, sondern statt dessen eine größere [98] Dosis Aufklärung, die dann den Menschen ganz von selbst äußerst vortrefflich und glücklich machen würde. Wenn man gut wüßte, würde man gut sein: zu dem Punkte der Bildung hatte sich die Menschheit erhoben; das durfte niemand bezweifeln; das wäre ein Majestätsverbrechen an der Menschheit gewesen und vor einem solchen schauderte man. War es aber gegen einen Fürsten gerichtet, so blieb man gelassen. Daß aber hinter den großen, edlen Männern der Opposition andere standen, die noch größer und edler waren, weil sie eine noch umfassendere Opposition machten und ein noch erhabeneres Ziel erstrebten, nämlich radikalen Umsturz und darauf radikalen Neubau der menschlichen Vergesellschaftung: das wurde die große Menge nicht gewahr. Kamen ihr Schriften in diesem Sinne vor Augen, so belächelte sie die vereinzelte Uebertreibung oder beklagte die vereinzelte Begriffsverwirrung eines Fanatikers des Fortschrittes, gerade so, wie Orest bei der letzten Konsequenz von Florentins Theorie behauptete: diese und nur diese habe den gesunden Menschenverstand wider sich, weil ja doch unmöglich Revolution gegen den Fideikommisbesitzer von Stamberg gut zu heißen sei. Auf dieser Höhe stand die große Menge, daß jeder Einzelne dachte, wenn auch nicht sagte: revolutioniert gegen wen ihr wollt, nur nicht gegen mich.

Nicht ganz so tolerant war Graf Damian. Die Fahne der Freiheit wünschte er nur gegen die Übergriffe der Kirche, wie er sich ausdrückte, aufgepflanzt zu sehen und im übrigen möge es beim Alten bleiben. Preßfreiheit, Lehrfreiheit, allgemeine Volksvertretung schienen ihm überflüssig, da [99] ja das Volk unmöglich diese Massen von Freiheiten genießen könne.

»Aber die Freiheit muß es haben, am Sonntage zu arbeiten, statt in die Messe zu gehen,« setzte er hinzu, »denn davon hängt manchmal seine Existenz ab.«

Es war Abend. Die Familie war versammelt, man las Zeitungen und diskutierte. Regina mischte sich höchst selten ins Gespräch, welches sich meistens um Gegenstände bewegte, die ihr fremd waren. Nur Angriffe gegen die Kirche suchte sie zu beseitigen. So antwortete sie auch jetzt dem Grafen mit ihrer lieblichen Stimme:

»Der Mensch lebt nicht vom Brod allein.«

»Sehr wahr, Regina!« rief Orest; »er bedarf auch Beafsteak, Austern und Côte rotie

»Seit einer Stunde sitzest Du hier, als hättest Du die Sprache verloren,« sagte der Graf – »und plötzlich ein Orakelspruch? Woher hast Du ihn?«

»Aus dem Evangelium, lieber Vater. Christus weist damit den Versucher ab; und ist das nicht eine sehr passende Antwort für alle, welchen die Versuchung nahe tritt, den Sonntag durch knechtliche Arbeit zu entheiligen?«

»Das Evangelium hat keine Glaubwürdigkeit mehr vor der modernen Kritik,« wendete Florentin ein.

»Das heißt,« sagte Uriel erklärend – denn Regina sah erstaunt Florentin an – »ein gelehrter Herr hat die historische Tatsache, daß Christus gelebt und gelehrt hat, zu einer Mythe entgeistet, und diese hat bei einigen Leuten, zu denen auch Florentin gehört, Beifall gefunden. Das Evangelium gilt ihm für ein Menschenmachwerk, vielleicht in [100] böser und gewiß in beschränkter Absicht zusammengesetzt, und er verwirft es.«

»Wie seltsam das ist,« sagte Regina, »lieber an einen Gelehrten zu glauben, als an die vom Sohne Gottes offenbarte ewige Wahrheit.«

»Jener Gelehrte,« erwiderte Florentin, »ist nur deshalb glaubwürdig für mich, weil er das Bewußtsein einer Menschheit ausspricht, die nach achtzehn Jahrhunderten wohl das Recht hat, Windeln abzuschütteln, welche ihren Fortschritt immer gelähmt haben und jetzt im grellen Widerspruch mit ihren Bedürfnissen und Bestrebungen sind.«

»Wäre die Menschheit wirklich im Widerspruch mit dem Evangelium, was ich aber durchaus nicht annehme,« sagte Regina, »so wäre sie im Rückschritt und nicht im Fortschritt begriffen, und müßte geschwind umkehren.«

»Die Menschheit ist nicht im Widerspruch mit dem Evangelium,« sagte Uriel; »aber das Böse in jedem einzelnen Menschen sträubt sich, das Evangelium als eine göttliche Wahrheit anzuerkennen, um nicht von derselben gerichtet zu werden. Das Böse wähnt, es sei genug, die göttliche Wahrheit zu läugnen, damit sie auch in der Tat untergehe, und wenn die schlimmen Leidenschaften ein recht arges Getöse machen, so wähnt man triumphierend, die Wahrheit sei stumm und dumm geworden«.

»Wäre das Evangelium, wie man sonst sagte, das Wort Gottes,« entgegnete Florentin, »so müßte es sich notwendiger Weise ein Organ gebildet haben, das seiner Erhabenheit entspräche.«

»Nun, das ist die lehrende Kirche, der unter dem Beistande des heiligen Geistes die Unfehlbarkeit zugesichert ist,« erwiderte Regina.

[101] »Unfehlbar? der sündhafte Priester?« rief Florentin mit schneidender Bitterkeit.

»Sie sollten wissen,« entgegnete Regina kalt und hoch, »daß die Unfehlbarkeit der Lehre verheißen ist und dem Priester nur insofern, als er sie verkündet. Wissen Sie das aber nicht, so sollten Sie über die Kirche schweigen.«

»Mein Gott,« sagte der Graf halb gähnend zur Baronin Isabelle, »welch' eine Jugend umgibt uns! lauter Doktoren der Theologie und Professoren der Moral! Du aber, mein lieber Florentin, kannst aus dieser Diskussion auch eine Sorte von ewiger Wahrheit entnehmen, nämlich die: daß die Damen immer Recht behalten. Übrigens, meine Kinder, bitte ich recht sehr, solche Gespräche nicht in Onkel Levins Gegenwart auf's Tapet zu bringen. Zum Glück betet er jetzt sein Brevier in der Kapelle! er würde sich vielleicht etwas alterieren; er ist nicht à la hauteur der modernen Ansichten, die ja übrigens, wie ich hoffe, die Rechtschaffenheit des Charakters und die Geradheit der Gesinnung nicht im mindesten beeinträchtigen! Nicht wahr, Florentin?«

»Nicht im mindesten,« versicherte Florentin, »und deshalb müssen sich Alle in dem heißen Wunsch begegnen, den Georg Forster aussprach, indem er sagte: ›Wann wird es doch dahin kommen, daß Menschen einsehen lernen, die Quelle der edelsten, erhabensten Handlungen, deren wir fähig sein können, habe nichts mit den Begriffen zu tun, die wir uns vom lieben Herrgott und vom Leben nach dem Tode machen!‹ Denn wer daran festhält, gerät mit der ganzen Zeitrichtung in Widerspruch; sie will die Tugend üben um ihrer selbst willen, nicht aus sklavischer Furcht oder aus kaufmännischer [102] Spekulation, die sich im Jenseits ihren Wechsel zahlen läßt.«

»Wer war Georg Forster?« fragte Regina.

»Ein Weltumsegler, Naturforscher und Revolutionär,« sagte Uriel mit leichtem Spott; »also ein dreifach großer Mann.«

»Ein begeisterter Liebhaber der Freiheit,« sagte Florentin.

»Wie konnte er das sein, wenn er von Gott nichts wissen wollte!« rief Regina. »Christus hat gesagt: ›Die Wahrheit wird euch frei machen;‹ und: ›Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben.‹«

»Die Urwahrheit wird uns allerdings frei machen,« antwortete Florentin; »nur nicht die geoffenbarte Wahrheit, wie man sie zu nennen pflegt; sondern die Erkenntnis, daß die Freiheit das Erbgut jedes Menschen ist und in der Verwerfung fremder, aufgedrungener Autorität besteht. Mit dieser Freiheit kommt jeder Mensch auf die Welt, und sie wird ihm später geraubt, indem man ihm eine verkehrte Erziehung gibt.«

»Es ist ganz unnütz, daß Du mit Florentin streitest,« sagte Uriel zu Regina. »Du gehst aus von der göttlichen Offenbarung, welche die Würde und das Glück des Menschen in seine sittliche Freiheit, in seine freiwillige Anerkennung göttlicher Autorität setzt; und Florentin geht aus von einem natürlichen Gesetz in der ungezügelten Menschheit, welche ihren Launen, ihren Bedürfnissen, ihren Leidenschaften und Ansichten nachlebt und gehorcht, und einen Zustand der Barbarei, d.h. gänzlicher Ungebundenheit, zum Ideal menschlicher Würde und menschlichen Glückes macht.«

»Der langen Rede kurzer Sinn ist dieser,« rief[103] Orest: »Regina spricht mittelalterlichdeutsch und Florentin jungdeutsch; und dabei hat er den ungeheuern Vorteil, daß man ihn viel besser versteht. Deshalb sind die Sympathien der modernen Zeit für ihn.«

»Denn man weiß sehr gut,« setzte Florentin hinzu, »daß ein Rückschritt in Barbarei nicht von denen zu fürchten sei, welche den Fortschritt der Menschheit im Auge haben und deshalb den hemmenden Wust vermorschter Autoritäten bei Seite räumen.«

»Aber mit Maß, Florentin, mit Vorsicht und Maß,« rief der Graf. »Von vermorschten Autoritäten zu sprechen, beweist etwas zu wenig Um- und Rücksicht. Wir sprachen von den Übergriffen der Kirche – und basta! sonst werden wir demagogisch und räumen hinweg mit Dolch und Guillotine – was dann freilich etwas barbarisch ist – wie auch Du finden wirst, hoffe ich.«

»Sie sind allerdings höchst beklagenswerte Notwendigkeiten, welche der Widerstand gegen Freiheit und Wahrheit aber selbst hervorgerufen hat. Man muß hoffen, daß die nächste revolutionäre Bewegung in so begeistertem und großartigem Maßstab und so allgemein in ganz Europa stattfinden werde, daß Niemand an Widerstand denkt,« sagte Florentin pathetisch.

»Denn sonst müßte man leider! die Guillotine als Autorität einsetzen,« sagte Uriel.

»Lieber Schwager,« rief die Baronin Isabelle, »tun Sie doch diesen greulichen Gesprächen Einhalt, von denen man ganz nervenschwach wird.«

»Ei Tantchen,« sagte Orest, »man darf nicht mehr hypersentimental sein, seitdem der Hypersentimentalsten einer, der berühmte, bewunderte, gefeierte [104] lyrische Dichter Lamartine, bei dessen poetischen Meditationen Du gewiß vor zwanzig Jahren süße Tränen der Rührung geweint hast, seitdem er in höchst interessanter Weise die tragische Notwendigkeit der Guillotine in seinen ›Girondisten‹ dargestellt hat, und seitdem dies Buch einen so rasenden Beifall findet, daß es weniger gelesen, als verschlungen wird von Männern und Frauen, Jung und Alt, Vornehm und Gering, Aristokraten und Liberalen – und seitdem ich, sage ich! kein passionierter Leser, wahrhaftig! – es von Anfang bis zu Ende gelesen habe.«

»Da sieht man, wie unwiderstehlich die Wahrheit ist!« rief Florentin. »Sie ergreift sogar den Mann der Herzensempfindungen und Gefühlsschwärmereien, eröffnet ihm den grenzenlosen Horizont der neuen Ära – und er, berauscht und bezaubert, stimmt an das Lied von der Göttin Revolution und zieht Völker und Nationen unwiderstehlich zu ihrer Huldigung nach sich.«

»Da gleicht er ja dem famosen Rattenfänger von Hameln,« sagte Uriel, »dem ganz unwiderstehlich die Kinder nachzogen.«

»Wo blieben die Kinder?« fragte Corona.

»Sie gingen unter, man weiß nicht wie«, sagte Uriel.

»Die großen Wahrheiten in der Weltgeschichte bereiten hingegen den Aufgang, nicht den Untergang der Völker,« erläuterte Florentin.

Hyazinth hatte bisher ganz eifrig mit Corona Schach gespielt und sie so eben durch »Matt!« erschreckt. Nun sagte er: »Heute hab' ich im heiligen Augustinus die Frage gelesen: ›Warum wird die ewige Wahrheit der Offenbarung oft so gehaßt? und warum finden ihre Verkünder so viele [105] Feinde?‹ Darauf antwortet der Heilige: ›Weil der Mensch eine solche Neigung zur Wahrheit hat, daß er, was er auch lieben möge, immer behauptet, gerade das sei die Wahrheit. Weil niemand betrogen werden mag, so mag auch niemand eingestehen, daß er betrogen ward, und die Wahrheit wird gehaßt wegen des Gegenstandes, der statt ihrer geliebt wird.‹ So geht es Dir wohl auch, Florentin, mit Deinen Revolutionsliebhabereien? Du liebst die Wahrheit, aber Du läßt Dich täuschen.«

»Nun, Regina, freut sich wohl Dein Herzchen, da Du von den Heiligen sprechen hörst,« sagte der Graf. »Aber woran denkst Du denn? Du bist ja mäuschenstill geworden!«

»Ich denke an den gekreuzigten Heiland,« sagte sie sanft.

»Erzähle uns etwas von Deinen Reisen, lieber Uriel,« nahm die Baronin das Wort; »aber etwas Freundliches, was uns ein angenehmes Bild vorführt und nicht aufregt.«

»In England und Schottland,« sagte Uriel, »gibt es eine Menge schöner Ruinen von Kirchen und Klöstern, die, wie bekannt, im Namen des reinen Evangeliums bei dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplündert, zerstört und aufgehoben wurden. Tintern-Abbey, Melrose-Abbey sind allbekannt durch englische Stahlstiche, die freilich ihre romantische Schönheit durch einen gewissen modischen Anstrich abschwächen. In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine Ruine, die an Großartigkeit zwar jenen nachsteht, aber äußerst anmutig zwischen grünbelaubten Hügeln liegt. Sie heißt Roßlyn Chapel. Ihre reiche Architektur nimmt sich in der Zerfallenheit eigentümlich melancholisch aus und trägt so recht das Gepräge eines verwüsteten [106] Heiligtums. Auf einem Pfeiler dieser Kapelle stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben: ›Stark ist der Löwe; stärker der König; noch stärker das Weib; am stärksten die Wahrheit.‹ Sieh Regina, welch' ein Trost für Dich: bist Du im Bunde mit der Wahrheit, so trägst Du den Sieg davon.«

»Ach, an meinen Siegen liegt mir nichts!« entgegnete sie gleichgiltig. Alles, was wie eine Huldigung klang, die ihr dargebracht wurde, verstand sie gar nicht; davor trat sie zurück in die Region der Kindheit.

»Das ist gewiß!« rief Florentin, »die Frauen haben bei der Lösung der sozialen Fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse, und deshalb schließen sich auch die eminentesten unter ihnen, eine George Sand, eine Christina Belgiojoso, eine Fanny Wright, derselben als ihre Apostel an und verbreiten sie durch Schrift und Wort, durch Lehre und Leben. Unter welchem dreifachen Druck, dreifach gelähmt im Geist, im Herzen, in ihrer Stellung zur Welt, schmachten die Frauen, so lange die Religion der Vergangenheit, d.h. der kirchliche Glaube, und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des Privateigentums, aufrecht gehalten werden.«

»Florentin, ich glaube, Du bist berauscht!« rief der Graf verblüfft. »Wir wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen.«

»Ich spreche von Tatsachen,« entgegnete Florentin unverzagt, »indem ich sage, was die ganze Welt weiß und die halbe bewundert: daß Frauen von genialischem Kopf und großen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur frohlockend begrüßen, sondern in ihren schönen Händen weiter tragen. Ist [107] das nicht Glück und Ehre, Regina, die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lüge zu schwingen?«

»Ich habe nie etwas von diesen Frauen und ihrem Tun und Treiben gehört, denke aber, daß jener Ausspruch des heiligen Augustinus auf sie anzuwenden sei: sie lieben etwas ganz anderes als die Wahrheit und sind davon so eingenommen und verblendet, daß sie behaupten, gerade das, was sie lieben, sei die Wahrheit, denn« .... –

»O Regina!« rief Orest und klatschte ganz entzückt in die Hände; »wie hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen! O Regina! Du bist ja klug, wie .... wie« .... –

»Wie die Unschuld!« ergänzte Uriel.

»Denn,« fuhr Regina ungestört fort, haben diese Frauen wirklich Kopf und Herz, wie Sie behaupten, Florentin, so haben sie beides doch nicht auf dem rechten Fleck, und das ist immer die Folge der Betörung durch Leidenschaften.«

»George Sand nicht Kopf und Herz auf dem rechten Fleck!« rief Florentin achselzuckend.

»Um Namen kümmere ich mich nicht,« entgegnete Regina; »sie heiße A oder Z! Aber ich kann nicht glauben, daß eine Frau von Kopf und Herz, ohne Verblendung durch Leidenschaften, freiwillig die himmlische Sphäre der Offenbarung verlasse, um sich ich weiß nicht in welcher Niedrigkeit zu ergehen. Nein in Ewigkeit glaub' ich das nicht.«

»Die Sache der Menschheit nennen Sie niedrig!« brach Florentin aus.

»Niedrig nenne ich, was sich von Gott abgelöst hat, und das tut die Selbstvergötterung.«

»Aber Regina!« rief Orest mit grenzenloser Verwunderung in Blick und Ton; »woher weißt Du das alles? Wo hast Du das alles gelesen?«

[108] »Das kann ich Dir so genau nicht angeben, lieber Orest; aber in allen Büchern über das innere Leben wirst Du die Fülle finden von dem, was ich nur so ganz unvollkommen sage,« erwiderte sie bescheiden.

»Eines ist gewiß!« sagte die Baronin, »die religiöse Bildung wird hauptsächlich von den Frauen in ihrem Verhältnis als Gattinnen und Mütter getragen und gefördert. Gelänge es, aus ihnen Atheisten zu machen, so stände es schlimm um das Menschengeschlecht.«

»Du vergißt, liebe Tante,« wendete Uriel spöttisch ein, »daß Georg Forster uns belehrt hat, unsere religiösen Ansichten hätten durchaus nichts zu schaffen mit unserem Leben, und der Adel der Seele beginne erst da, wo der Glaube an Gott aufhöre.«

»Das ist aber falsch,« entgegnete sie. »Der Unglaube verwirft Gott und folglich auch die göttlichen Gebote, welche unserem Wesen und Leben die Richtung geben. Sind diese aufgehoben, so gibt es keine Schranken für die bösen Neigungen des Menschen, außer etwa die seines Willens. Aber in der Stunde der Versuchung und im Getöse der Leidenschaft wird es sich zeigen, daß sich der Wille, der sich von Gott abkehrte, auch vom Guten hinweg wendete.«

»Ist ganz klar!« rief Orest. »Wenn ich nicht glaube, daß die Antastung fremden Eigentums Diebstahl sei: so nehme ich ganz getrost Anderen das, was ich brauche oder wünsche, und nicht habe; mit anderen Worten – ich stehle.«

»Ich weiß wohl,« entgegnete Florentin, »daß die Menschheit der Gegenwart, noch befangen in allen Vorurteilen, sich teilweise durchaus nicht zu [109] jenem Standpunkte erschwingen kann, den sie in der Zukunft einnehmen wird. Dazu muß sie herangebildet werden; und zwar in der Weise, daß sie von der Wiege an eine vernunftmäßige Erziehung erhält, nämlich eine solche, aus welcher jede Spur des Aberglaubens, den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten einimpft, radikal verschwindet. Das wird nicht schwer sein, sobald man das Licht der wahren Wissenschaft aufleuchten läßt. Sie gibt ein rationelles Wissen von der Welt, das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fünf Sinne begründet ist. Das sind die fünf Tempeltore der ächten Weisheit, der Humanität. Kommt diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft, so erkennt er seine Bestimmung: die Förderung der allgemeinen Glückseligkeit – und sein Ziel: den Genuß dieser Glückseligkeit; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits, sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt. Dann wird es sehr leicht sein, die vorhin erwähnten neuen sozialen Institutionen einzuführen, die mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben, daß ich im Rausch spräche. Die vom Aberglauben erlöste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und führen, weil sie die höchst unsittlichen Schranken heben, welche um die edelsten Kräfte, um das Freiheitsbedürfnis in unserem Willen, in unserer Liebe, gezogen sind; Schranken, welche das, was man jetzt Sünde nennt, zur Sünde stempeln, folglich die Menschen geflissentlich zu Sündern machen, damit die Priester absolvieren können. Fallen die Schranken, so gibt es keine Sünde mehr, denn es kann dann nicht mehr gepredigt werden: rechts von der Schranke steht die Tugend und links das Laster, und wenn dennoch so gepredigt [110] würde, so lacht der wissende Mensch über solche Torheit oder knirscht die Zähne über solche Heuchelei. Bevor aber nicht die Erziehung der sämtlichen Jugend von der Geburt an, und die Verwaltung des sämtlichen Privateigentums in den Händen des auf neuer sozialer Basis ruhenden Staates ist, kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern aus einer elend gläubigen eine glückselig wissende werden. Die Reaktion behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz, in diesen Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht. Daher zittert der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution, die tabula rasa mache mit dem Christentume, mit der falschen Religion des Kreuzes, damit endlich, endlich! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf Erden anbreche.«

Als Florentin endlich in diesem Erguß seiner Begeisterung eine Pause machte und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte, stand Regina auf, ging zum Flügel, winkte Hyacinth herbei, machte ein brillantes Vorspiel, eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden, deren Dissonanzen spät sich lösten; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer der Töne, wie die See zuweilen ruhig wird, wenn der Mond aufgeht, und die zwei glockenreinen Stimmen huben an zu singen: »O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria! mater amata, intemerata, ora pro nobis.« Es war die Antwort, welche die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben. Während er dem Erdgeist in der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte, brachten sie ihre Huldigung der sündenlosen Fürbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes [111] dar. Es machte einen so lieblichen Eindruck, daß der Graf am Schlusse rief:

»Da capo! singt weiter und singt mehr! es ist, als ob der Hirtenknabe David vor dem irren König Saul sänge.«

Nichts tat Regina lieber! Von Melodie und Rhythmus getragen, fand der Schwung ihrer Seele ein klingendes Flügelpaar, mit dem sie aufstieg und sich wiegte in den Regionen, wo die ewige Harmonie zu Hause ist. Uriel setzte sich so, daß er sie im Profil sehen konnte – dies zarte und doch so bestimmte Profil, das, ganz charakteristisch für ihr Wesen, etwas von der Schönheit und dem Schmelz der Blume, etwas von der des Edelsteines hatte, Grazie ohne Weichlichkeit, Kraft ohne Härte, Adel ohne Stolz: ein holdseliges Menschenbild. Zuerst sah und horchte er auf sie; dann flossen Bild und Stimme in einander, wie am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfließt, und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele, das uralte Lied der erwachenden Liebe, das uralte Echo aus dem Paradiese, bevor die Schlange es vergiftete, der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glück, dessen Urbild ihn nach Oben, dessen Schatten ihn nach Unten zieht. Uriel kannte den Wunsch der Familie. Er wußte, daß er dereinst Herr auf Windeck sein werde. Er fand es ganz in der Ordnung, daß er der Schwiegersohn des Mannes werde, der ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und Nachfolger er war. Sein edles Herz hatte früher immer eine Pflicht der Dankbarkeit darin gefunden. Jetzt, da er Regina nach fünf Jahren wiedersah, jetzt freilich wünschte er, sie möge [112] ihm erlauben, dankbar sein zu dürfen, und er gestand sich ein, daß dazu wenig Hoffnung sei. Um sich etwas zu trösten, dachte er an ihre große Jugend, an ihre Erziehung im Kloster, und hoffte auf unbestimmte himmlische Fügungen, wie man eben hofft, wenn man auf einen Würfelfall die Erfüllung des Glückes gesetzt hat.

Nachdem man sich spät getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war, dachte sie nach über Florentins Reden und Ansichten. Bittere Tränen traten ihr in die Augen. Der Unglückliche! dachte sie. Es ist der Weg des Seelentodes, den er wandelt: er verachtet Gott, er verschmäht die gekreuzigte Liebe. Ach, und er ist der Pflegesohn meiner Mutter! Ob er wohl betet? .... Könnte er sich so weit von der Offenbarung verirrt haben, wenn er betete? Sie nahm ihren Rosenkranz und stieg die enge Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch eine Seitentür führte, um für Florentin den Rosenkranz zu beten. Als sie leise die Türe öffnete, sah sie vor dem Altare Hyacinth knien. Mit ausgespannten Armen und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da. Der Schimmer des ewigen Lichtes in der Ampel fiel auf seine blonden Locken und goß einen goldenen Glanz um sein Haupt. Überall sonst war es dunkel. Regina trat nicht in die Kapelle ein; sie fürchtete, diese Gebetsstille zu stören. Sie kniete auf der untersten Stufe der Treppe nieder und empfahl Florentin der Fürbitte der heiligen Gottesmutter; und als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen Blick in die Kapelle zurückwarf, kniete Hyazinth noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare.

[113]
Solo Dios basta

Der Balltag kam heran. Der Graf sagte, er habe eigens den Tag dazu gewählt, wo Regina ihr achtzehntes Jahr antrete, um mit einem Fest, wie es sich für die Jugend schicke, einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen.

»Und besorge Dir ein Ballkleid, Regina,« setzte er hinzu, »von Flor oder Krepp, oder wie der Stoff heißt! recht leicht, recht luftig. Es wird wohl am besten sein, wenn die Tante dafür sorgt.«

Damit war Regina ganz einverstanden. Sie ging zu Onkel Levin und sagte kleinlaut:

»Ach, lieber Onkel, der erste Ball!«

»Ja, mein Kind, der erste, aber gewiß nicht der letzte,« entgegnete er scherzend.

»Ich fürchte mich vor den vielen fremden Menschen.«

»Ganz unnütz, Kind! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und freundlich zurückhaltend gegen alle Männer, so bist Du, wie Du sein sollst, und hast nichts zu fürchten.«

»Lieber Onkel,« sagte sie errötend, »ich fürchte die Menschen nicht sowohl, weil ich mich ihnen gegenüber ungeschickt benehmen, sondern weil ich mich in ihrem Tumult und zwischen all' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren könnte. Man sagt ja, das geschehe sehr leicht und sehr häufig in solchen rauschenden Lustbarkeiten.«

[114] »Freilich ist es leichter, in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in der Gegenwart Gottes sich zu halten, als auf einem Ball! Aber ich hoffe, Du willst für Gott nicht bloß das tun, was Dir leicht wird. Also hebe in Gedanken Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden der Ewigkeit empor und wirf zuweilen einen Blick hinüber nach Engelberg oder nach unserer Kapelle. Dann wird Dir eitler Tand gewiß nicht lieblicher erscheinen, als das höchste Gut. Aber munter Kind, heiter, fröhlich! das bitte ich mir aus!« setzte er hinzu, freundlich mit dem Finger drohend. »Und damit Dir das alles ganz leicht werde, wollen wir am Morgen in aller Frühe zur ersten Messe nach Engelberg hinüber fahren und den himmlischen ›Morgenstern‹ anrufen, der an diesem Tage der Welt aufgegangen ist, und zu ihm flehen, daß er der Stern unseres Lebens und dereinst unser Abendstern sei.«

In der Morgendämmerung des Tages Maria Geburt glitt der Nachen von Windeck leise über den Main nach Engelberg, wo schon fromme Wallfahrer sich eingefunden hatten. Mit einer Wallfahrt begann Regina ihren Eintritt ins Leben – ins Leben, das ja selbst eine höhere Wallfahrt, ein Wandeln nach einer über natürlichen Gnadenstätte sein soll. Als sie an den Fuß der großen Treppe kamen, welche von vielen Pilgern auf den Knien erstiegen wird, legte Regina plötzlich die Hand auf Levins Arm und sagte:

»Lieber Onkel, sieh'! da ist ja Hyazinth!«

Er war unter jenen Pilgern das schönste Bild der Demut, die ein hohes Ziel erreicht. Unten in der Kapuzinergruft ruhte der Staub der Mütter dieser beiden Kinder; aber wie mögen sie von den [115] Höhen der Ewigkeit so zärtlich auf diese jungen Seelen herabgeschaut haben, die sich nicht gefangen gaben an die Gedanken und Bestrebungen der irdischen Welt.

Gegen Abend mußte Regina in ihrem Ballanzuge vor dem Grafen erscheinen. »Denn ich muß in ruhe beurteilen, ob Du auch einigermaßen präsentabel bist,« sagte er. Höchst gleichmütig sagte Regina, als sie sich vor dem Vater hinstellte:

»Es wird wohl so ganz gut sein.«

Sie trug ein äußerst einfaches weißes Linonkleid und einen Kranz von frischen Scabiosen, deren tiefes Violet einen eigentümlich reizenden Kontrast zu ihrem blonden Haar und ihrem blühenden Antlitz bildete. Der Graf, ganz überrascht von ihrer Schönheit, vergaß, daß er sich vorgenommen hatte, einige Bemerkungen über die Notwendigkeit der modischen Toilette zu machen und sagte:

»Es ist sehr gut so.«

Orest, der leidenschaftlich alles liebte, was Bewegung war – Reiten, Fechten, Schwimmen, Turnen, Tanzen – war bereits ballmäßig gekleidet in ungeduldiger Erwartung bei dem Grafen. Er sagte in seiner ungenierten Weise, die Uriel ihm als burschikos vorzuwerfen pflegte, indem er seine fünf Fingerspitzen an die Lippen legte und leicht küßte:

»Regina, Du bist zu schön für diese Welt.«

»Das hör' ich gern,« erwiderte sie munter.

»O Du Heuchlerin!« rief er. »Wir halten Dich sämtlich für eine Sainte N'y touche und nun kommt es zum Vorschein, daß das kolossalste Kompliment Dir das liebste ist.«

[116] Der Graf dachte bei sich selbst, es würde geradezu ein Verbrechen gegen die menschliche Gesellschaft sein, wenn eine so schöne und anmutige Person sich im Kloster vergraben wollte. Das könnten ja die Häßlichen tun, die Dummen und Krummen, die Lahmen und Kranken, die in der Welt weder Freude hätten noch Freude machten; für die sei das Klosterleben erfunden, denn einen irdischen Bräutigam fänden sie nimmermehr und dem himmlischen fielen sie nicht zur Last. Regina aber sei eine Person, die, sobald sie nur eine andere Wendung nehmen wolle, unfehlbar von der Welt vergöttert werden müsse; und es sei doch höchst angenehm, der Vater eines solchen Idols zu sein.

Wie Regina mit Orest gesprochen hatte, so blieb sie, und diese unbefangene gleichmäßige Munterkeit zeigte am besten, daß nichts von allem, was sie sah und hörte und tat, ihr Herz berührte. Hyazinth tanzte nicht; er sagte, er habe es nicht gelernt. Orest tanzte mit Leidenschaft, um zu tanzen, nicht wegen dieser oder jener Tänzerin. Uriel hätte am liebsten nur mit Regina getanzt; da das aber unmöglich war, so machte ihm der ganze Ball gar kein Vergnügen. Er fand es im Gegenteil höchst lästig, sich mit einem solchen Schwarm von Damen zu unterhalten. Florentin tanzte nur mit den elegantesten Tänzerinnen oder gar nicht. Die Theorie der allgemeinen Gleichberechtigung ging in der Praxis nicht weiter, als daß er sich für berechtigt hielt, nach Lust und Laune unter dem Ausgezeichneten zu wählen. Er verlor Regina nicht aus den Augen. Er hatte Anwandlungen von Haß gegen sie, weil sie mit solcher klaren Entschiedenheit seine Ansichten verwarf und vielleicht – weil er Neigung gehabt hätte, sie zu lieben. Es hatte ihn [117] tötlich verletzt, daß Regina ihn nicht mehr mit dem schwesterlichen »Du« begrüßt und ihm dadurch einen anderen Platz angewiesen hatte, als ihren Vettern, was doch niemand sonst in der Familie getan. Sie aber fand es passend, die kindliche Gewohnheit aufzugeben, um nicht in unnütze äußere Vertraulichkeit zu geraten und den Moment günstig dafür, als sie nach jahrelanger Entfremdung, beide aus der Kindheit in die Jugend übergetreten, sich wiedersahen. Florentin nannte in seinem Sinn Regina »aristokratisch und fanatisch«; was ja nach seiner Ansicht unsäglich verkehrt und schlecht war: und dennoch! dennoch! hatte er seine innerliche Freude daran, daß Regina gar nicht Uriels Neigung beachtete. Auch jetzt auf dem Ball, wo so leicht in der allgemeinen lärmenden Erregung die gewohnte Haltung nachläßt und wo Florentin immer sein Augenmerk auf beide richtete, fühlte er sich über diesen Punkt vollkommen beruhigt und in gänzlicher Vergessenheit, daß sein Glückseligkeitssystem den lieben Gott entthront habe, seufzte er aus tiefster Brust, als er einmal Regina mit Uriel sprechen sah: Gott Dank! sie liebt ihn nicht! –

Dem Grafen mochte sich auf dem Ball dieselbe Überzeugung aufgedrängt haben. Wenigstens ging diese Angelegenheit nicht so rasch vorwärts, als er es wünschte; daher nahm er sich vor, sie auf die bündigste Weise zu Ende zu bringen. Er ließ eines Morgens Uriel in sein Schreibkabinet rufen und sagte:

»Mein lieber Junge, ich sehe, daß Du Regina sehr gern hast. Das freut mich außerordentlich, denn ich habe immer Eure Verbindung gewünscht und gewollt. Ich finde zu meiner Freude Regina [118] so weit über ihre Jahre hinaus vernünftig und geistig entwickelt, daß mir nichts lieber wäre, als Euch bald verheiratet zu sehen. Bringe also die Sache in Ordnung. Meinen Segen hast Du.«

»Aber nicht Regina's Herz,« entgegnete Uriel, auf dessen Zügen Freude und Trauer kämpften.

»Larifari! soll sie Dir etwa ihr Herz anbieten?«

»Sie hat entschieden Hyazinth lieber als mich. Sie spricht mehr mit ihm, beschäftigt sich mehr mit ihm ....« –

»Lieber Junge, das verstehst Du nicht! das alles kann gerade ein Beweis sein, wie ungefährlich Hyazinth für sie ist, der ohnehin ein pures Kind ist. Ich begreife Dich gar nicht! Du hast Regina gern – ich freue mich darüber – und Du siehst aus, als wäre Dir ein Unglück widerfahren! Wie kann ein Verliebter so zaghaft sein? Solche Schüchternheit überlasse doch den jungen Mädchen. Allons! heute noch sprichst Du mit Regina, nicht wahr?«

»Nein, lieber Onkel, das ist unmöglich! sie wird vor Erstaunen aus den Wolken fallen ...«

»Und Du wirst sie auffangen in Deinen Armen! das macht sich ja ganz vortrefflich!«

»Es ist unmöglich, mit Regina von Liebe und von Ehe zu reden, denn sie denkt nicht entfernt daran, bester Onkel.«

»Uriel, mache mich nicht böse! Was soll ich von Dir halten, daß Du nicht im Stande bist, einem siebenzehnjährigen Mädchen ein paar Liebesgedanken beizubringen! Es gibt ja nichts Leichteres auf der Welt!«

»Je nachdem das Mädchen – und der Bewerber ist. Regina ist ein sehr seltenes Mädchen und ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch.«

[119] »Du hast wohl nicht Lust zu dieser Ehe?« fragte der Graf unmutig und mit gerunzelter Stirne.

»Nur zu dieser Ehe, lieber Onkel,« antwortete Uriel mit großer Bestimmtheit.

»Gut, mein Junge,« sagte der Graf erheitert. »Da Du aber ein so entsetzlich blöder Schäfer bist, was, unter uns gesagt, das schöne Geschlecht gar nicht besonders liebt: so werde ich Deine Bewerbung vorbringen. Glaube mir! unter fünfhundert Mädchen, die ganz kalt und spröde scheinen, befindet sich kaum eine einzige, welche einen jungen, charmanten Mann, der zugleich eine gute Partie ist, ausschlüge. Dafür hat die Natur gesorgt. Geh' jetzt! ich bringe Dir bald das Jawort der Herzenskönigin.«

Der gute Graf hatte sich selbst Mut und Zuversicht eingesprochen. Es war ein Etwas in seiner Tochter, das ihn heimlich ängstigte, sie könne unter jenen fünfhundert jungen Mädchen eine Ausnahme machen, oder wenigstens machen wollen. Aber wenn sie auch ihren eigenen Willen hat, wie ich fürchte: so ist sie doch gehorsam, murmelte er, in seinem Kabinett auf-und niedergehend, schellte, sagte zu dem eintretenden Bedienten: »Die Gräfin Regina!« und überlegte, in welcher Weise er am eindringlichsten zu ihr reden könne.

Regina hatte eben ihre schöne Stickerei vollendet und aus dem Rahmen genommen. Sie freute sich kindlich ihrer Arbeit, schlug sie in Seidenpapier ein und nahm sie mit, um sie dem Grafen zu zeigen, als sie zu diesem gerufen wurde.

»Was bringst Du da?« rief er ihr freundlich entgegen; denn er hatte sich vorgenommen, ungemein liebevoll zu sein.

[120] »Einen Umhang um das Ciborium, lieber Vater. Ich hab' ihn gestickt. Gefällt er Dir?« sagte Regina und breitete froh ihre prächtige Arbeit aus.

»Ja, ja, ganz gut!« rief der Graf schnell verdüstert, schob die Stickerei so hastig bei Seite, daß sie vom Tische fiel und setzte hinzu: »Laß jetzt die Kindereien, wir haben von ernsten Dingen zu reden.«

Regina nahm ihre Stickerei auf, schlug sie sorgsam wieder ein und sah dann ihren Vater in unbefangener Erwartung mit ihren strahlenden Augen an.

»Liebes Kind,« sagte der Graf entschlossen, »ich spreche jetzt nicht als Vater zu Dir, sondern im Auftrage eines anderen, der eine herzliche Liebe zu Dir hat und um Dich wirbt.«

»Bitte, lieber Vater, danke ihm für diese gütige Gesinnung und sage ihm, ich wünsche nicht, mich zu verheiraten!« rief Regina lebhaft.

»Weißt Du denn, von wem ich rede?« fragte der Graf.

»Nein! und ich brauche es auch nicht zu wissen, denn Name und Persönlichkeit sind mir ganz einerlei.«

»Aber mir nicht!« rief der Graf mit mühsam bekämpftem Zorn. »Wisse, es ist Uriel! und wisse, er hat nicht bloß meine Zustimmung, sondern meinen Wunsch, und den Wunsch Deiner seligen Mutter und seiner Eltern für sich; folglich macht sein Name einen ganz enormen Unterschied.«

Regina schwieg, senkte ihr Haupt mit einem Ausdruck von unsäglicher Demut und legte ihre Hände wie zum Gebet vor der Brust zusammen.

[121] »Nun, was antwortest Du jetzt?« fragte der Graf.

»Jetzt und immer dasselbe,« antwortete sie mit einer Stimme, die aus leisem Zittern allmählig in Festigkeit überging. »Es ist das, was Du schon weißt, lieber Vater: mein Verlangen geht nicht nach der Welt, sondern nach dem Kloster, und ich habe meinem Herrn und Heiland das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit abgelegt.«

Der Graf sprang auf und rief mit Donnerstimme:

»Bleib hier sitzen! nicht vom Fleck Dich gerührt! ich komme wieder!« Er verließ das Kabinett.

Regina seufzte leise: Liebe Mutter Gottes, stehe mir bei! und drückte innig einen Rosenkranz an ihre Lippen, den ihre Mutter immer bei sich getragen und täglich gebetet hatte. In das goldene Kruzifix dieses Rosenkranzes war ein Partikel vom wahren Kreuz gefaßt. Regina betrachtete es zärtlich und sagte zu sich selbst: Jetzt beginnt mein Kreuzweg, denn ich betrübe meinen Vater. Der Graf kam wieder. Er hatte sich zum Beistande Onkel Levin geholt. Als Regina ihn eintreten sah, brach ein Freudenstrahl aus ihren Augen. Sein mildes Antlitz schien ihr noch milder als gewöhnlich zu sein. Der Graf hatte sich inzwischen auch gefaßt und überlegte, daß es nicht länger geraten sei, Regina einzuschüchtern und im Stillschweigen über ihre innerste Seelenstimmung zu erhalten. Er setzte sich mit Levin ihr gegenüber und sagte gelassen:

»So! nun weiter, Regina! Du hast also das Gelübde der ewigen Jungfräulichkeit abgelegt. Wann ist das geschehen?«

»Am Tage meiner heiligen Erstkommunion.«

[122] »Wie alt warst Du da?«

»Dreizehn Jahre; und seitdem hab' ich es immer am Jahrestage erneuert.«

»Wen hast Du dabei zu Rate gezogen?«

»Niemand.«

»Ganz für Dich allein hast Du diese Verwegenheit gehabt?«

»Ich wußte nicht, daß es verwegen sei, der göttlichen Liebe eine ausschließliche Liebe zu geloben,« sagte sie so treuherzig, daß Levin unwillkürlich zum stillen Dankgebet für diese Lauterkeit der Seele die Hände faltete.

»War das ein Gebrauch bei den Damen von Sacré Coeur

»Ein Gebrauch ist es ja nie und nirgends, lieber Vater.«

»Ich meine, hat man Euch im Pensionat direkt oder indirekt zu einem solchen Gelübde veranlaßt?«

»Niemals.«

»Haben andere es abgelegt?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe nie darüber gesprochen.«

»Auch nicht in der Beicht?«

»O nein! da spricht man von seinen Sünden – und dies ist keine.«

»Es könnte doch eine schwere Sünde sein, so über sich zu verfügen ohne Wissen der Eltern! Kennst Du nicht das Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren?«

»Doch, mein lieber Vater! Aber Christus hat auch gesagt: Wer Vater und Mutter mehr liebt, als mich, ist meiner nicht wert.«

»Wie bist Du aber überhaupt auf diesen Gedanken gekommen?«

[123] »Durch die liebe selige Mutter zuerst!«

»Das ist nicht wahr,« rief der Graf. »Deine selige Mutter hat nie anders gedacht, als daß Du Uriel heiraten würdest.«

»Ich glaube, Dein Vater hat recht, Regina!« sagte Levin. »Besinne Dich, Kind.«

»Ich brauche mich nicht zu besinnen, lieber Onkel Levin, ich weiß es ganz genau! Erinnerst Du Dich nicht, daß die liebe Mutter gar viel ein paar spanische Verslein der heiligen Therese im Munde führte, die gar lieblich klangen und deren Schluß war: ›Solo Dios basta?‹« 1

»Gewiß!« sagte Levin und der Graf nickte einstimmend.

»Solo Dios basta! das klang mir so erhaben und lieblich und ich fragte sie einmal, wie das auf deutsch heiße. Da sagte sie: Es heißt ›Nichts genügt uns, als Gott;‹ denn in ihm haben wir Liebe, Glück, Freude, Frieden, wechsellos und unvergänglich, während das alles außer Ihm gar schwankend und unsicher ist. Und dann pflegte sie mir viel zu erzählen von den heiligen Klosterfrauen der alten Zeiten, wie sie gewirkt hätten für [124] das Reich Gottes auf Erden durch ihr Beispiel und ihr Gebet, und wie sie durch ihren himmlischen Wandel die Christusliebe geweckt und genährt hätten in tausend Seelen, und weit hinaus über ihr irdisches Leben, und wie sie, oftmals von Leid und Trübsal und mancherlei Nöten heimgesucht, doch immer froh wie die Seligen gewesen wären, weil es für sie wie für die heilige Therese stets geheißen habe: Solo Dios basta. Bald darauf schied die liebe Mutter von uns. Aber ich vergaß nie ihr ›Solo Dios basta‹ und was sie darüber gesagt hatte. Als nun die selige Zeit der heiligen Erstkommunion für mich kam, als ich mehr und mehr erfuhr von dem Wunder der Liebe Gottes, das er im eucharistischen Opfer für uns wirkt, um unsere Seelen auf dem Pfad der Gnade zum Thron der Glorie hinzuziehen, und von der unendlichen Verdemütigung der ewigen Liebe, die nichts so sehr begehrt, als die armselige Liebe des staubgeborenen Geschöpfes, und wie sie statt dessen Verschmähung, Beleidigung, Verlassenheit erfährt, und wie die Seelen, ach, so leicht! alles für Glück halten, was Gott nicht ist: da kam mir das Solo Dios basta gar nicht mehr aus dem Sinn. Ich dachte es nicht und wollte es auch gar nicht denken; aber wohin ich sah und hörte, überall sah und hörte ich Solo Dios basta! Am Tage der heiligen Feier konnte ich mich gar nicht fassen vor Übermaß der Freude, daß meine Seele mit dem König der Ewigkeit ein himmlisches Brautfest, eine Vereinigung für die Ewigkeit gefeiert habe und daß ich jetzt, wie die selige Mutter gesagt hatte, alles Glück, alle Liebe und alle Befriedigung wechsellos und unvergänglich mein nennen durfte. Als wir am Abend wieder in der herrlich erleuchteten Kapelle waren, wir [125] Erstkommunikanten in unseren weißen Kleidern, mit dem Kränzchen im Haar, wie Bräute, alle so froh und glücklich, und die übrigen so teilnehmend und gerührt, und alles ringsumher so festlich geschmückt: da fiel mir ein, ich weiß nicht wie! daß wohl manche aus dieser Schar dereinst ein Brautfest im Sinne der Welt feiern werde. Da schaute ich auf den Tabernakel und sagte innerlich: Aber ich, Herr, ich werde das nicht tun. Ich bleibe Deine Braut in Ewigkeit. Ich trage Deinen Brautkranz; keinen anderen! und diesen Kranz lege ich dereinst vor Deinem Throne nieder, so gewiß ich hoffe, mit Deiner Gnade meine Seele Dir zu bringen, die ich in diesem Kranz Dir anvermähle, geliebter Herr, Dir und keinem anderen. Das sagte ich innerlich ganz entschieden und wurde so froh, als ob ich schon unter den Seligen wäre. Während der Andacht bat ich unaufhörlich die heilige Mutter Gottes und meine liebe Mutter um ihre Fürbitte, daß ich der Gnade, eine Braut Christi zu sein, auch recht würdig werden möge, und als zum Schluß der Andacht der Segen mit dem Sanctissimum gegeben wurde und einige von uns, unter denen auch ich war, mit dem ›O salutaris hostia‹ es begrüßt hatten, da schaute ich auf die Monstranz und sagte: So wahr, wie Du da geheimnisvoll und wesenhaft in die Gestalt der Hostie Dich verschleiert hast, und so wahr, wie Du Dich heute geheimnisvoll und wesenhaft im teuersten heiligsten Sakrament mir geschenkt hast: so schenke ich mich Dir, ohne Rückhalt, ohne Teilung, für Zeit und Ewigkeit, und will als Klosterjungfrau für Dich leben und sterben. Und bei dem Entschluß ist es denn geblieben.«

Regina hatte mit einer so ruhigen Fassung gesprochen, [126] als erzähle sie die einfachste Begebenheit von der Welt, über die man gar nicht viel Worte zu verlieren brauche.

»Ist ein solches Gelübde gültig, lieber Onkel?« fragte der Graf.

»Gewiß!« entgegnete Levin.

»Aber der Bischof oder der Papst kann eine Dispense geben, nicht wahr?«

»Wenn sie verlangt wird, allerdings.«

»Verlange sie nicht für mich, lieber Vater,« sagte Regina bittend, »denn ich werde doch nie Gebrauch davon machen.«

»Dispense für's Gelübde und Dispense für die Ehe wegen der Verwandtschaft,« fuhr der Graf fort, ohne sich stören zu lassen. »Ich denke, wir betreiben das persönlich in Rom. Die Grillen eines dreizehnjährigen Kindes fallen nicht in's Gewicht neben dem Glück einer Familie.«

»Aber, lieber Vater, zu dieser Familie gehört doch auch dies Kind und sein Glück, und es ist nicht mehr dreizehn Jahre alt.«

»Allein es ist ganz unerfahren über sich selbst und Welt und Leben, und weiß daher nicht, wo sein Glück liegt.«

»Ich weiß, daß es nicht in der Welt und nicht in mir selbst liegt, sondern in Gott; und da ich das weiß, weshalb soll ich denn noch Erfahrungen machen, die mir zu keiner höheren Erkenntnis verhelfen? Solo Dios basta! Wer das weiß, der weiß genug und hat genug.«

»Aber begreifst Du denn gar nicht, daß es auch in weltlichen Verhältnissen Glück geben könne?«

»Ich begreife das sehr gut für diejenigen Menschen, welche von Gott in die weltlichen Verhältnisse hineingeführt werden; also für die große [127] Mehrzahl. Aber nicht für mich; denn Gott führt mich aus ihnen heraus.«

»Und begreifst Du denn gar nicht, daß dereinst bittere Reue, ja Verzweiflung Dein Los sein können?«

Regina sah den Grafen mit einem reizenden schelmischen Lächeln an und fragte zurück:

»Wirst Du je darüber in Verzweiflung geraten können, lieber Vater, daß Du in Deinem Leben keinen Mord begangen hast?«

»Alberne Frage!« brummte der Graf.

»Sieh, Du selbst hältst es also für unmöglich, Reue zu empfinden über die Befolgung eines göttlichen Gebotes. Da nun Christus uns über das höchste Gebot belehrt hat, indem er sagte: ›Liebe Gott über alles,‹ so begreife ich durchaus nicht, wie die Befolgung desselben mir je Reue und Verzweiflung zuwege bringen könnte. Die Nichtbefolgung würde sie hervorrufen, gerade so, wie der Mörder aus Gewissensangst verzweifelt, weil er ein göttliches Gebot verletzt hat.«

»Du hast nur die Hälfte jenes Ausspruches Christi gesagt. Der Nachsatz wird Dir zeigen, daß man nicht in egoistischer Vereinzelung sein Glück verfolgen darf. Wie heißt es weiter?«

»Der Ausspruch Christi lautet: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst. Ich habe also Uriel zu lieben, nicht wie ich Gott liebe, sondern wie ich mich selbst liebe; und das tue ich, indem ich aus ganzer Seele wünsche, daß er in den geistlichen Stand treten möge.«

»Regina!« donnerte der Graf; aber Levin legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter und sagte:

[128] »Regina, Du wirst wohl wissen, daß das Gebot, Gott über alles zu lieben, Weltleute wie Klosterleute angeht und durchaus nicht zum Ordensleben verpflichtet; und daß große Heilige, ja ich möchte sagen, die berühmtesten, die populärsten, Frauen gewesen sind, die im Ehestand lebten, wie die hl. Elisabeth von Thüringen, die heil. Franziska Romana, die heil. Brigitta von Schweden, die heil. Katharina von Genua, die heil. Johanna von Chantal und viele, viele Andere.«

»Ich weiß es, lieber Onkel,« erwiderte Regina, »und ich freue mich, daß es Seelen gibt, die groß und stark genug sind, um in den ermattenden, zerstreuenden weltlichen Verhältnissen ihr Herz in unzerstörbarer Vereinigung mit Gott zu halten. Aber ich weiß auch, daß im Evangelium der jungfräuliche Stand höher geschätzt wird, als der eheliche, weil er auf einem Rat des göttlichen Heilandes beruht, und weil es eine vollkommenere Liebe voraussetzt, den besonderen Rat anzunehmen, als dem allgemeinen Gebot zu gehorchen. Übrigens wirst Du wohl wissen, daß all' jene heiligen Frauen, teils nach dem Tode ihrer Ehemänner, teils bei deren Lebzeiten noch, aber mit ihrer Erlaubnis, aus den weltlichen Verhältnissen sich zurückzogen, um sich durch die Befolgung der evangelischen Räte desto vollkommener mit Christus zu vereinigen. Was sie also am Ende ihres Lebens ausführten, weil sie es für das höchste Glück hielten, sie, diese großen, herrlichen Frauen, denen es nicht an Erfahrung fehlte, um die Freuden und Vorteile weltlicher Verhältnisse richtig zu schätzen: das möchte ich im Anfang meines Lebens tun. Kann das bedenklich sein?«

»Es ist ein Riß im Familienleben, eine Lücke [129] im Hause, eine Kluft zwischen traulichem Verkehr, mein Kind.«

»O lieber Onkel, wenn ein russischer Fürst käme und Corona heiraten wollte und sie ihn, so würde der gute Vater sie getrost ziehen lassen bis nach Archangel, ohne die Lücke im Familienleben zu beachten und ohne zu fürchten, daß ihm seine Tochter im fremden Lande, unter fremden Leuten entfremdet werden könnte; denn ihr Glück und der Wille Gottes brächten das mit sich. Und mit welchen Sorgen müßte er doch auf sie schauen! Um mich hingegen braucht er gar keine Sorgen zu haben, sobald ich bei den Karmelitessen bin. Da kann ich nichts verlieren! Da tut mir Niemand weh! da gibt's keine Nöten und Ängste des Irdischen! Solo Dios basta! Wer sich Gott allein in die Arme wirft, der fährt wohl und wird sicherer getragen, als wenn noch der und der Mensch sich auch damit abgibt. Glaubst Du das nicht, lieber Onkel Levin?«

»Ich glaub' es, mein Kind,« sagte er zärtlich, »aber Dein Vater bezweifelt es.«

»O mein lieber Vater!« rief sie, und ihre Augen leuchteten in himmlischer Zuversicht auf; »auch Du wirst es glauben!«

Sie kniete vor ihm nieder und küßte seine Hand.

»Es ist gut, Regina, Du kannst gehen; morgen wollen wir weiter sprechen,« sagte der Graf und versenkte sich stumm in seinen Lehnstuhl, nachdem sie das Kabinett verlassen hatte. Auch Levin versank in Schweigen und Nachdenken über den wundersamen mystischen und doch so wahrhaften Zusammenhang im übernatürlichen Leben; über die Blitze und Funken, die von der ewigen Liebe entsendet, [130] heimlich in die Menschenherzen fallen, hier in ihrer Finsternis untergehen, dort in ihrer Kälte erlöschen; aber auch zuweilen, wie auf einem Opferaltar, das Feuer zum Opfer entzünden. Und an den unberechenbaren Einfluß heiliger Gesinnung dachte er! Eines der gnadenreichsten Gottesgeschöpfe, das je auf Erden gelebt hat, die heilige Therese, spricht in drei schlichten Worten den Kern ihres Lebens, ihrer Vollkommenheit aus, und durch die Jahrhunderte klingen sie in einer frommen Seele wieder, in einem treuen Mutterherzen, das mit diesen Worten, ahnungslos wie tief sie greifen, dem geliebten Kinde eine himmlische Richtung gibt. Die heilige Therese wird Regina schon zum mystischen Karmel führen, dachte er, wenn sie den langen Atem des Herzens, die heilige Beharrlichkeit hat. Sein Opferleben, sein Gebet, seine übernatürliche Liebe und Geduld brachte Levin nicht in Anschlag, dachte gar nicht daran, obwohl gerade sie zu den wesentlichen heiligenden Einflüssen, zu den Kanälen des göttlichen Gnadenstromes gehörten, die Regina umgaben.

Es war so still im Kabinett, daß der Pendelschlag der altertümlichen Wanduhr ein großes Geräusch machte. Plötzlich fuhr der Graf aus seinen Träumen auf, strich mit der Hand über Stirn und Augen und sagte:

»Lieber Onkel, was hat sie gesagt? was haben wir gehört? was ist das nur?«

»Das ist die Christusliebe in einem reinen Herzen,« entgegnete Levin.

[131]
Die Sybilla persica

Ein Fluß, der könnte mancherlei erzählen von den Dingen, die er in seinem rastlosen Laufe durch die Zeit und den Raum an seinen beiden Ufern wahrgenommen hat, und seine murmelnden Wellen bewegen sich so geheimnisvoll wie Lippen, die ein Zauberbaum geschlossen hält. Welch ein Wechsel von Bildern aus dem Natur-, dem Völker- und dem Menschenleben spiegelt sich in seiner Flut. Die Weltgeschichte und die Jahrtausende rollen sich neben ihm auf und ab. Welch ein Kontrast, wie der Main aus den rauschenden Wäldern und den dunkeln Felsenschluchten des Fichtelgebirges in die grünen Wiesen des Frankenlandes und dann in dessen Rebenhügel sich hinein windet, an alten ehrwürdigen Städten mit feierlichen Domen, an herrlichen Ruinen gebrochener Abteien, an Dorf und Schloß, an Kloster und Kapelle vorüber, die alle, alle, ihre Geschichte haben, und oft eine recht traurige! bis er sich flach und matt, wie lebensüberdrüßig, dem ehemals »goldenen Mainz« gegenüber in den Rhein gehen läßt, der ihn in rascher Strömung dahinreißt. Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster Engelberg und Schloß Windeck längst nicht mehr in ihm spiegeln, fließt er an Frankfurt vorüber, der alten Stadt der Kaiserkrönung, und an einem schönen Garten im englischen[132] Styl, in dessen Mitte eine elegante Villa liegt. Die Stürme des Spätjahres hatten die Gesträuche bereits entblättert und die spärliche Belaubung der Bäume in kupferfarbene Schattierungen gefärbt. Die Rasenplätze waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfröste bräunlich geworden und von den Massen der Blumen, die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten, war nichts übrig geblieben, als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine. Im Hause selbst war es aber sehr freundlich. Die Blumen, die im Garten fehlten, standen in Fülle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer. An den Wänden hingen einige schöne Gemälde; auf den Tischen lagen Lithographien, englische Stahlstiche, Journale, die Tagesliteratur Deutschlands, Frankreichs und Englands. Totenstille herrschte im Hause. Die Besitzerin war in die Stadt gefahren, der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links. Endlich im letzten Gemach saß ein junges Mädchen, die Tochter des Hauses, die Tochter des spanischen Banquiers Miranes, der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt hier niedergelassen hatte. Das junge Mädchen saß gedankenvoll mit untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei, auf der ein herrliches Gemälde, ein Frauenbild in orientalischer Tracht, aufgestellt war. Sie betrachtete aufmerksam das Gemälde. Welch ein Auge! sprach sie zu sich selbst; und welch ein Blick! ein Blick, der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig. Wär' ich allwissend .... ich wollte nicht traurig sein! – Sie war allerdings das Bild der Melancholie. Ihre Züge waren von jener edlen regelmäßigen Schönheit, die man an den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch, welcher der Antike[133] ganz eigentümlich ist – von jener Sphynx an, im Sande der ägyptischen Wüste, zu Füßen der Pyramiden, bis zu jener Psyche, die in ihren Bruchstücken eine Perle des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist – lag auch auf ihren Zügen. Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schönheit, die oftmals herbe erscheinen könnte, einen großen Reiz: sie weckt Sympathie in jedem Menschenherzen, das, seiner Natur nach, durch stille Trauer gerührt wird. Die ganze antike Welt, mir ihren Heroen und ihren Göttern, steht unter der Signatur des Todes: sie ist unerlöst! Wie sollte sie nicht traurig sein? traurig durch jene Melancholie, die unbestimmt ein höchstes Gut ahnt und es nicht zu finden, ja nicht einmal zu suchen weiß. Und eine Unerlöste war auch diese schöne, schwermütige Judith Miranes: sie war Jüdin. Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich mit einer ungeduldigen Bewegung, sah nach der Uhr und murmelte unmutig: Schon halb eins! ob der Ernest heute nicht kommen wird? ich wüßte gar gern, was dies für ein Bild ist! – Sie stand auf, zog graue Vorärmel an, rückte eine zweite Staffelei herbei, auf der ein Rahmen mit Leinwand überspannt sich befand, nahm ihre Palette, Pinsel, Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut, bis endlich ein Diener die Türe öffnete und der Erwartete eintrat. Es war ein ältlicher Mann, in einem sehr abgetragenen Rock, mit einem äußerst wohlwollenden Gesicht, in welchem nichts Ungewöhnliches war, als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart ausgearbeitete Stirne. Judith sagte stolz und hart, und ihr Ausdruck war nicht mehr schwermütig, wohl aber hochfahrend:

[134] »Sie haben mich lange warten lassen, Herr Ernest.«

»Grüß Sie Gott, mein Fräulein! Verzeihung, wenn ich Sie warten ließ,« antwortete er höchst unbefangen. »Sie hätten sich beschäftigen sollen, dann würden Sie ein Stündchen früher oder später gar nicht bemerken. Nun, wie gefällt Ihnen mein Gemälde?«

Mit beiden Händen in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und betrachtete es vergnügt.

»Es ist wunderschön,« sagte Judith, »und auch wunderschön gemalt. Aber wen stellt es vor?«

»Es ist eine Kopie der berühmten Sybilla persica von Guercino, deren Original sich im Kapitol zu Rom befindet.«

»Wer war die Sybilla persica

»Die Sibyllen waren, wie man sagt, hehre Frauen des Altertums, die unter den Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und den zukünftigen Erlöser verkündeten. Die Geschichtsforschung verwirft sie. Poesie und Kunst lieben sie.«

»Überall die Spur der Lüge, Herr Ernest!«

»Überall die Spur der Sehnsucht nach Offenbarung, Fräulein Judith.«

»Wenn sie die Offenbarung wußte, warum trauert die Sybilla persica

»Sie trauert um die Sünden der Welt, die den Sohn Gottes vom Himmel herabziehen und an's Kreuz schlagen.«

»Das verstehe ich nicht, oder eigentlich: das verstehen wir nicht!«

»Glaub' es! das Kreuz ist Euch ein Ärgernis; uns ein Geheimnis himmlischer Liebe, voll unsäglich[135] süßer Schmerzen und namenlos herber Wonne, und so hat es auch die Sybilla persica verstanden, obgleich sie nicht Christin war.«

»Sind Sie denn ein Christ, Herr Ernest?«

»Wofür halten Sie mich denn?« fragte er höchst erstaunt.

»Für einen Papisten,« entgegnete sie unbefangen.

Ernest brach in ein schallendes Gelächter aus. Judith sah ihn verwundert an und setzte hinzu:

»Ich habe gehört, das sei eine Sekte, die ihr Oberhaupt, den Papst, anbete und mit dem Christentume, aus dem sie hervorgegangen ist, nichts mehr zu schaffen hätte; und Christen wären nur die, welche vom Papst, als dem Antichrist, nichts wissen wollten. Da ich nun mit den Christen nichts zu tun haben mag, so war es mir sehr angenehm, in Ihnen einen Papisten zu finden. Jetzt bin ich enttäuscht.«

Ernest lachte dermaßen, daß er die Hände in die Seiten stemmte und sich erschöpft niedersetzte.

»Werd' ich endlich erfahren, worüber Sie lachen?« fragte Judith halb lächelnd und halb unmutig.

»Es wäre zu weitläufig, Ihnen das zu erklären,« sagte endlich Ernest, »und trotz aller Mühe würden Sie mich doch nicht verstehen. Aber nicht wahr, jene Erklärung, was das sei, ein Papist, hat Ihnen jemand gegeben, der sich selbst Christ nannte?«

Judith wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war, und erwiderte: »Ich habe es von einer anderen Person in Paris gehört; denn ich meinesteils bekümmere mich durchaus nicht weiter um die Christen, als insofern es die gesellschaftlichen [136] Verhältnisse meiner Eltern erfordern – und ob sie an den Papst oder an sonst etwas glauben – das ist mir ganz einerlei, und ich spreche nie mit ihnen darüber.«

»In letzterem haben Sie vollkommen recht! Der Glaube will nicht im Salon zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden. Er will gelebt sein, Fräulein Judith, gelebt im Salon wie im Dachstübchen, gelebt in der Kirche wie auf dem Markte«

»Erzählen Sie mir lieber von den Sibyllen, Herr Ernest! das freut mich mehr,« sagte Judith und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemälde.

»Die Sage spricht, daß die Sibylle von Cumä zum Beherrscher der alten Roma, zum König Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften über Roms Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot. Der König wollte ihn nicht zahlen; da warf die Sibylle drei ihrer Bücher ins Feuer und ging von dannen. Nach einiger Zeit kam sie wieder und bot dem König ihre um drei Bücher verminderten Schriften, aber für denselben ungeheuren Preis an. Der König fand das unsinnig und wies sie ab; da warf die Sibylle abermals drei Bücher ins Feuer und ging von dannen. Und zum drittenmale erschien sie vor König Tarquinius und forderte für ihre drei letzten Bücher den ungeminderten, ungeheuren Preis. Da kaufte sie der König und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt; und Tag für Tag war darin verzeichnet, welche Begebenheiten das heidnische Rom treffen würden, bis es seinen Untergang fand.«

»In den verbrannten Büchern stand vielleicht, wie es sich hätte retten können.«

[137] »Kann sein. Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit. Und mehrere hundert Jahre später, gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn, sagt die Legende, ließ Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und fragte sie, ob es an der Zeit sei, daß er seinen Platz zwischen den Gottheiten Roms einnähme? das römische Volk wolle ihm göttliche Ehren erweisen. Da stand die Sibylle und schaute gen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne saß eine hehre Frauengestalt, die hielt auf ihrem Schoße ein zartes Kindlein. Die Sibylle deutete auf dasselbe und sprach zum Kaiser: ›Dies Kind ist größer als Du! bete es an.‹ Da entsetzte sich der gewaltige Kaiser und ließ zu Ehren dieses göttlichen Kindes auf dem kapitolinischen Hügel einen prächtigen Altar errichten. Später wurde die Kirche Ara Coeli – Altar des Himmels – dort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde auf dem Kapitol. Aber auf den reizenden Hügeln von Tivoli, über welche die berühmten Cascatellen dahin tanzen, steht der kleine, von jonischen Säulen getragene Tempel, den man den Tempel der Sibylle nennt; denn Tivoli ist das alte Tibur. Mehr weiß ich nicht von den Sibyllen.«

»Aber die Kunst, sagten Sie, habe sie verherrlicht.«

»Und unsterblich gemacht! ja, das ist wahr!« rief Ernest mit funkelndem Blick. »In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle, in welcher nur an den größten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden, haben Perugino und Michel Angelo, der eine mit seinem holdseligen und der andere mit seinem gewaltigen [138] Pinsel, das ganze Epos des Menschengeschlechtes, von der Schöpfung bis zum Weltgerichte, in großartigen Gemälden an den Wänden und der Decke geschrieben, und Michel Angelo's Sibyllen, als die Verkünder des Erlösers in der Heidenwelt, schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewölbe herab auf den Altar des Neuen Bundes, wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer geschlachtet wird; auf den mystischen Kalvarienberg, den sie am Horizont der Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen. Und da man in Rom keinen Schritt tun kann, ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der Gnadenordnung zu stoßen, Spuren, die sich bald als Genie, bald als Seelenadel, bald als Liebeskraft, bald als Geistesgröße aussprechen: so findet man denn auch eine zahllose Menge von Kirchen, welche fromme Andacht gebaut hat, und welche daher, mögen sie groß oder klein sein, ihren Schmuck, ihren Reichtum, ihre Kunstwerke, ja Meisterwerke haben. Ein solches ist in der Kirche Sta. Maria della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael. Das sind Fresken, Fräulein Judith! die müssen Sie sehen, um eine Idee zu bekommen, wie warm und lebendig die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann.«

»Schade, daß ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist,« bemerkte Judith.

»Nicht schade, mein Fräulein! Sehen Sie, die alten Ägypter, ein tiefsinniges Volk, aber wandelnd in den Schatten der Unerlösung, höhlten die Felsen ihres Landes zu Palästen aus, mit Hallen und Sälen, mit Treppen und Säulen; und alle Wände dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit tausend Göttergestalten, [139] mit Kriegsszenen, mit Bildern aus dem Volks- und dem häuslichen Leben; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen Sarkophag mit der Mumie eines Königs auf, und dann wälzten sie vor den Eingang dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblöcke, entzogen ihre Mühe, ihre Arbeit, ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es höchst geziemend und gar nicht schade, all' jene Herrlichkeit einer Königsmumie zu weihen. Wie könnten wir den Schmuck unserer Kirchen beklagen, in denen Gott selbst geheimnisvollerweise wohnt und weilt? Übrigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus, als fände man für sie alles gut genug, was der Rumpelkammer angehört, und Motten-, Mäuse- und Wurmfraß, den die Menschen nicht mehr haben mögen, ist beinahe noch zu schön für das Haus und den Dienst des lieben Gottes.«

»Ach, Herr Ernest,« sagte Judith ungeduldig, »Ihre Kirchen, mit oder ohne Mäusefraß, interessieren mich gar nicht.«

»Gut!« entgegnete er gleichmütig; »nun an die Staffelei!«

»Nein, auch das nicht!« rief sie. »Erzählen Sie mir noch etwas von den Sibyllen. Herr Ernest! ich höre gern von großen Frauen reden – und höre es nie!«

»Die Sibyllen sind aber nur dadurch groß, daß sie auf unsere Kirchen und auf den, der sie gestiftet hat, hinweisen, Fräulein Judith. Ihre Größe bestand eben darin, daß sie die Wucht der Offenbarung durch die sündenkranke Welt zu tragen vermochten, und sie waren begnadete Weiber, weil sie die Gebenedeite unter den Weibern, die jungfräuliche Mutter Gottes und den menschgewordenen [140] Gott prophezeiht haben. Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer weltberühmten Kirche Italiens, in Loretto, wundersam schön aufgefaßt und dargestellt. Der Kern dieser Kirche ist das Häuschen, in welchem die allerseligste Jungfrau Maria zu Nazareth lebte und welches in einer Weise, die nur Gott bekannt ist, auf die Höhe des Appenins versetzt wurde. Um dies Heiligtum läuft eine Kolonnade von prächtigen Marmorsäulen und zwischen ihnen stehen paarweise die Propheten und Sibyllen, welche die glor- und freudenreichen Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben. Sie bilden gleichsam eine Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Stätte, wo das Wort Fleisch ward und im feierlichen Reigen schließen sie sich huldigend dem Gruß des Engels an. Der unsterbliche Meißel von Cioli, Lombardo, della Porta, Sansovino und von anderen berühmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen.«

»Ich möchte nach Loretto, um das zu sehen!« rief Judith.

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie sich dabei zu benehmen haben, Fräulein Judith. Zuerst müssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben, in deren Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet, die mit Basreliefs aus der Geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist. Vier wunderbar schöne Statuetten, ebenfalls von Bronze, ruhen am Rande der Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen. Es sind vier Tugenden und sie heißen Glaube, Hoffnung, Liebe, Beharrlichkeit. Unter dem Glauben stehen die Worte: Nescio falli; er wird nicht getäuscht. Unter der Hoffnung: Nescio flecti; sie [141] wird nicht erschüttert. Unter der Liebe: Nescio scindi; sie wird nicht geteilt. Unter der Beharrlichkeit: Nescio frangi; sie wird nicht gebrochen. In dieser Schale ist Wasser, das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf. Und ein paar Tropfen dieses Wassers auf Ihrem Haupte bewirken, daß Ihre Seele fähig wird, jene Tugenden in sich aufzunehmen. Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schließen Sie sich den Sibyllen und Propheten an, und dann erst werden Sie verstehen, was Sie sehen. Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die, welche aus der Taufgnade hervorgehen und im großen Umriß angeben, wie das Leben des im Wasser und im Geist Wiedergeborenen sein soll. Gehen Sie aber nur als neugierige Touristin nach Loretto, so ist es in der Tat ganz einerlei, ob Sie dort waren oder nicht.«

»Keineswegs, Herr Ernest! ich bilde meinen Kunstsinn aus.«

»Ist nicht möglich, wenn der innere Sinn des Kunstwerkes selbst Ihnen nicht aufgegangen ist! Können Sie Ihren Geist an einem großen Schriftsteller bilden, wenn Sie nicht im Stande sind, dessen Ideengang zu verfolgen? gewiß nicht! Irgend einen schlagenden Ausdruck, irgend eine überraschende Wendung können Sie ihm entnehmen und dieselben in Ihre Brieflein oder Ihre Albums versetzen, wie exotische Blumen in ein Kartoffelfeld; aber Ihr Geist bleibt arm wie zuvor. Farbenmischung, Gruppierung, korrekte Zeichnung – ja, das können Sie lernen, wenn Sie Kunstwerke äußerlich, in ihrer Technik, studieren; doch Ihre Seele hat nichts davon, und in der Seele werden [142] die großen Kunstwerke, wie überhaupt alles Große, geboren, denn alles Große und alles Schöne ist eine Revelation der ewigen Schönheit, von der Gott eine Ahnung in die Menschenseele gesenkt hat. Weckt die Schönheit eines Bildes, eines Gedichtes, eines Buches, einer Statue nicht himmlische Gedanken im Menschen: so ist entweder der Mensch zu schwach, zu ungebildet, zu verkommen und roh, oder die Schönheit ist eine falsche, trügerische, die den Blendwerken der Sinnenwelt angehört. Die wahre Schönheit soll auf uns wirken, wie der Sonnenstrahl auf die Regenwolke: sie soll auf unsere trübe, graue, tränenvolle Seele ein Stück Regenbogen zaubern; Sie wissen ja, Fräulein Judith, daß er ein Symbol des Friedens ist, den Gott nach der schrecklichen Sündflut mit dem Menschen schloß. Ein Etwas von himmlischem Frieden, von tief innerster Versöhnung mit Gott, wenigstens der Sehnsucht nach, soll das Kunstwerk uns geben.«

»Haben Sie auch eine tränenvolle Seele?« fragte Judith; »man sieht es Ihnen nicht an, Herr Ernest! Ja, ich meine, der Regenbogen wäre sogar beständig in Ihnen.«

»Mensch – und tränenvolle Seele – das gehört zusammen, seitdem unsere Stammeltern das Paradies verloren haben, Fräulein Judith. Die Schwere des Staubes lastet auf ihr, die Dornen der Erde verwunden sie, die Ringel der Schlange bedrohen sie; welche Last, welche Schmerzen, welche Ängste muß sie mit sich herumschleppen. Siehe, da kommt einer und nimmt ihr all' den Ballast ab, und heilt all' ihre Wunden, und stellt sich zwischen sie und die Schlange, und tröstet sie unendlich liebevoll und zärtlich, und trocknet mit linder Hand all' ihre Tränen ab, und verläßt sie [143] nie und bleibt ihr treuer, ihr ewiger Freund. Nun, Fräulein Judith, das begreifen Sie gewiß: habe ich jemand, der so große und süße Dinge für mich tut und mit so unermüdlicher Zärtlichkeit mich liebt, so frag ich nicht viel nach Tränen und Wunden. Vielmehr freue ich mich ihrer, weil sie mir immer neue Liebesbeweise des geliebten Freundes bringen, und daraus mag denn wohl so etwas wie ein Regenbogen in meiner Seele entstehen, zu der sie das graue Gewölk, und der Freund den Sonnenstrahl der Liebe hergibt.«

»Aber, Herr Ernest, wen haben Sie denn zum Freunde?« fragte Judith gespannt.

»Den menschgewordenen und gekreuzigten Gott der Offenbarung, Fräulein Judith.«

Sie wendete gleichgiltig ihr schönes Haupt ab und sagte mit eisiger Kälte: »Graues Haar und eine solche Liebesschwärmerei: reimt sich das Herr Ernest?«

»Erst recht, Fräulein Judith,« entgegnete er gelassen. »Die irdische Liebe erstirbt, wenn die Rosenwangen verblühen und wenn auf Rabenlocken der Schnee des Lebenswinters fällt, und an etwas so Vergänglichem mit Schwärmerei zu hängen, ist allerdings der Erfahrung und dem Ernst des grauen Haares nicht anständig; denn wenn das Herz still steht, das von solcher Liebe erfüllt war, so ist es Staub und bleibt im Staube. Aber mit meiner Liebe ist es ganz anders! die zerreibt nicht das Herz, sondern lebt und webt darin fort und fort, und immer flammender und inniger, je weißer mein Haar wird. Und steht das Herz einst im Tode still, was geschieht? es fliegt ein Schmetterling daraus empor, die Psyche, die Liebe meiner Seele, die Seele meines Wesens; und der Schmetterling, [144] der noch mit schwerem Flügelschlag fliegt, weil Erdenstaub ihm die Schwingen beschwert, sinkt in eine Region von lodernden Flammen hinein, die nicht ihn, sondern nur das Irdische, das an seinen Flügeln klebt, verzehren und dann ihn frei lassen, daß er auffahre zu den immerblühenden Rosen der Ewigkeit, zu den verklärten Wundmalen des gekreuzigten Gottes.«

Judith schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Eine solche Liebe verstehe ich nicht! aber von der Staubesliebe will ich so wenig wissen, als Sie.«

»Das ist leichter gesagt als getan,« entgegnete er.

»Ich habe mir aber fest vorgenommen,« rief sie heftig, »keinen Menschen auf der Welt zu lieben.«

»Oho! Fräulein Judith! das ist ja ein formidabler Vorsatz!« sagte Ernest lachend. »Wie alt sind Sie?«

»Achtzehn Jahre.«

»Gut, gut! ein paar Jahre Geduld, und Ihr Vorsatz verschwindet.«

»Nein!« rief sie noch heftiger und ihr sammetschwarzes Auge sprühte Funken; »nie! Herr Ernest! niemals. Ich will nicht lieben, denn lieben tut weh – und ich will nicht, daß ein Mensch mir weh tue; ich will nicht leiden.«

»Ohne Leid und ohne Liebe lebt man hienieden nicht!«

»Nun, so mögen andere durch mich leiden, wenn ohne Leid nicht gelebt werden kann!«

»Immer bessere Vorsätze, Fräulein Judith! Wenn Sie das alles ausführen, werden Sie auf einer erstaunlichen Höhe – der Unmenschlichkeit anlangen.«

»Meine Eltern nehme ich aus,« sagte sie.

[145] »Das ist etwas Trost,« entgegnete er lächelnd. »Aber nun genug des Geplauders! Der Unterricht darf nicht versäumt werden.«

»Es kann Ihnen ja ganz einerlei sein, wofür Sie Ihre Bezahlung bekommen, wenn Ihr Gespräch mir besser gefällt, als Ihr Unterricht,« sagte Judith mit dem schneidenden Hochmut, der sie zuweilen abstoßend machte.

»Mit nichten, mein Fräulein,« erwiderte Ernest ruhig. »Ich habe mich gegen Ihre Eltern verpflichtet, Ihr Talent für die schöne Malerkunst auszubilden, und eine Verpflichtung ist heilig. Wollen Sie aber nicht länger bei mir Unterricht nehmen, so sagen Sie es nur. Dann komm' ich nicht wieder. Aber die Sibylla persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopieren – und wenn sie fertig und gelungen ist, schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana, Kopie nach Domenichino, welche von einigen der persica noch vorgezogen wird.«

»Sie sind ein prächtiger Mann, Herr Ernest! wir müssen gute Freunde bleiben!« sagte Judith und die Lehrstunde begann. –

Judith war ein sehr verwöhntes Kind, besonders seitdem sie das einzige und ihre ältere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war. Ihre Schönheit, ihre Talente waren so ungewöhnlich, daß ihre Eltern die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemühte, derselben eine solide Basis im Sinn der Welt zu geben, nämlich ein großes Vermögen. Darauf war sein ganzes Streben gerichtet. Das Streben seiner Frau ging dahin, sich und ihrer Tochter die Vorzüge der Genüsse einer glänzenden Existenz zu verschaffen, und blendend wie ein Meteor [146] in der Welt zu erscheinen. Sie selbst war noch schön und sie hing mit Leidenschaft an Luxus, Eleganz und allen Arten und Abarten modischer Verfeinerung. Dies zu bedenken, anzuschaffen, einzurichten füllte ihre Zeit dermaßen aus und nahm alle Stunden, die nicht den Pflichten und Freuden der Gesellschaft gewidmet waren, so ganz in Anspruch, daß sie sich nur noch mit der Leitung ihres Hauses, doch unmöglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter abgeben konnte. Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister, gab ihr in London eine Französin, in Paris eine Deutsche zur Gouvernante, und als Judith bei sechszehn Jahren fünf Sprachen redete und schrieb, eine ganz brillante Stimme hatte und ein ungewöhnliches Talent für Malerei entwickelte, frohlockte die Mutter über ihr Meisterwerk von Erziehung. Die Seele ihrer Tochter war ihr gänzlich fremd; oder besser gesagt: sie wähnte, daß die Summa des Erlernten, durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet, das geistige Sein ihrer Tochter ausmache; sie hielt Bildung für Seele. Übrigens liebte sie Judith zärtlich, kam allen Wünschen zuvor, erfüllte jedes Begehren und bedauerte nur immer, daß Judith nicht das enorme Vergnügen empfinde, welches sie selbst bei jeder Art von geselliger Unterhaltung, und bei allem, was Tand und Flitter war, mit vollen Zügen genoß. Judith war ernst und blieb ernst, im Salon ihrer Mutter, im Theater, auf dem Ball; sogar bei der Toilette, wenn die reizendsten Kleider, Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen; sogar bei den Huldigungen, welche die junge Männerwelt ihr darbrachte. Sie wußte, daß sie schön und daß ihr Vater reich sei; sie wußte, daß man damit in der Gesellschaft[147] herrscht; sie sah durchaus nicht ein, weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte, wenn andere das anerkannten. Ihr mit äußerem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie, ohne zufrieden zu stellen. Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der Leidenschaft jäh auffahren und da, wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt, furchtbare Verwüstung anrichten. Judith hatte das erlebt an ihrer Schwester, die in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen Herzen starb. Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht klar; allein es genügte, um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen, in denen so viel Verrat und Lüge zu Hause sein konnten. Judith hatte mit zärtlicher Liebe an ihrer Schwester gehangen; deren Verlust erbitterte sie, wie der Tod jeden erbittern muß, der glaubenslos an einem teuren Grabe steht. Kein Funke eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen. Ihre Eltern gehörten dem Rationalismus an, der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit macht, wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird. Man ist reich, man ist klug, man ist gebildet, man ist angesehen, man zählt in der Gesellschaft; das alles hat man erlangt ohne Gott; höheres als das gibt es nicht: also weshalb sich um Gott bekümmern? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht, daß nicht bloß der alte, außerweltliche, persönliche Gott längst von seinem Nimbus entkleidet und von seinem Thron verschwunden ist, sondern auch, daß er aufgehört hat, als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen, welches man ihm in dieser Form eine [148] Zeitlang gönnte, weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am göttlichen Sein gelangte, was für manche etwas Schmeichelhaftes hat. Aber auch die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben, als die Materie, seitdem die Erforschung der Natur, ihrer Kräfte und ihrer Gesetze eine sehr bewunderte Schule bildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Schöpfung von der Offenbarung abzulösen, die Geschichte der Menschheit, welche deren Zusammenhang beweist, beiseite legt, mit dem vereinsamten Ich an das Studium des Universums geht, insofern dieses nicht über die fünf Sinne und deren Erfahrungen und Schlüsse hinaus reicht, und dann, bewaffnet mit Lupen, mit Seziermesser, mit Fernröhren, mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die Bildungen der Natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Maß und Zahl und Kraft beruhend findet, daß sie in dieser abgerundeten und geschlossenen natürlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden wähnt, um mit dem Astronomen Lalande zu erklären: »Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur Gottes gefunden.« Dies ist nun gar nicht überraschend; mit Lupe und Fernrohr entdeckt man Gott nicht. Sehr überraschend ist aber der Schluß, den jene Schule daraus macht: Also gibt es keinen persönlichen, außerweltlichen Gott, Schöpfer und Gesetzgeber dieser Natur. Ebensogut könnte ein Kind sagen, nachdem es das Einmaleins durchgerechnet hat: Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist darin; also gibt es keinen Gott. Am allerüberraschendsten würde es sein, daß eine solche Schule gläubige Adepten findet, wüßte man nicht, daß der Erdgeist, der in jeder Menschenbrust sich regt, wenn er nicht von [149] geheiligter Willenskraft gebändigt wird, die Brücke schlägt, auf der die Lehren, die ihm zusagen, ins Menschenherz einziehen. Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch, daß er sich aus freiem Entschluß Gott unterwirft, und solche Unterwerfung bewirkt nur der Glaube an eine göttliche Offenbarung, weil in dieser eine göttliche Liebe sich offenbart. Doch von der wußte Judith nichts. Sie lebte unter dem Einflusse einer tiefen Glaubenslosigkeit, die ihr Innerstes zu einer Felsenöde, starr, kalt und einsam machte.

»Haben Sie viel Leid im Leben gehabt, Herr Ernest?« fragte Judith, nachdem sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schluß des Gespräches überdacht hatte.

»Nicht der Rede wert, Fräulein Judith! Das Leid, das vor uns liegt, erscheint uns hoch wie ein Berg; hinter uns – ist's ein Maulwurfshaufen.«

»Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung.«

»Gewiß! Wenn's kein Leid gäbe, woran sollte es sich bilden, das selbstsüchtige Menschenherz? Leid tut ihm weh und im Weh denkt's an Gott; und je mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken, desto heilsamer ist ihm das Leid gewesen. Sie meinen aber wohl, weil ich ein Maler bin, so ein Stückchen von einem Genie, müßt' ich ganz idealische Leiden gehabt haben. Fehlgeschossen! Ein bischen Hunger und Kummer, einige Ängste und Nöten – Punktum.«

»Auch Hunger, Herr Ernest?«

»Warum nicht, Fräulein Judith? Ich bin ein armer Bauernbube, der älteste von elf lebenden Kindern, aus Berchtesgaden, wo man gar geschickt ist im Holzschnitzen. Das trieb auch der Vater und [150] ich half ihm fleißig, suchte aber immer mein Schnitzwerk zu kolorieren, was mir verboten wurde. Allmählig entdeckte man Talent in mir; ich fand Gönner und Beschützer; ich kam nach München, lernte, arbeitete. Ich ging nach Italien, wie es alle Künstler zu machen pflegen, studierte dort in den verschiedenen Städten die verschiedenen Malerschulen; schlug mich durch, manchmal mühselig genug, mußte Geld verdienen und in die Heimat schicken, denn ein Schlagfluß lähmte den Vater, die Mutter konnte mit all' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden, und als sie starb, die brave, fromme Mutter, konnten's die armen Kinder noch weniger werden. Da hieß es denn arbeiten, Fräulein Judith, vom Morgen zum Abend, bei knapper Kost, bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren, und Gott danken, wenn ich nur immer Arbeit hatte. Deshalb verlegte ich mich auf's Porträtieren; die Arbeit geht so leicht nicht aus, denn die Leute sind so erpicht darauf, ihr Gesicht gemalt zu sehen, als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die Wahrheit von ihm erfahren hätten, daß es eigentlich nicht der Mühe wert sei, solch ein Alltagsgesicht zu verewigen. Nun, ich danke dem lieben Gott für diese allgemein grassierende Ophthalmie und malte, malte, malte ....«

»Aber das muß ja sehr Ihr schöpferisches Talent gehemmt haben,« unterbrach ihn Judith.

»Ganz recht, mein Fräulein, und das war vielleicht mein größtes Leid, mein schwerster Kampf; denn es war ein Etwas in mir, das sich zu höherem Schaffen erschwingen wollte und sich ducken mußte; mußte, weil Gott von mir verlangte, nicht daß ich ein großer Maler, sondern ein treuer Sohn und [151] Bruder sei. Und sehen Sie, Fräulein Judith, den Willen Gottes zu tun ist süßer, als des heiligen Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael. Kurz, ich sorgte für meine ganze Familie und half sieben Brüdern und drei Schwestern zu einem ehrlichen Fortkommen. Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hängen an mir wie an einem zweiten Vater. Einige sitzen auf einem grünen Zweig, andere auf einem dürren – wie das so geht in einer zahlreichen Familie! Mein Pinsel tut noch immer seine Schuldigkeit. Aber meine jüngste Schwester, die Klara, hat mich auch königlich belohnt.«

»Das glaub' ich nimmermehr!« rief Judith. »Dann würden Sie nicht in diesem kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen.«

»Was Rock! was Paletot! Nein, Fräulein Judith, einen Lohn, der durch Schneiderhände – unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk! – einen Umweg macht, hat die Klara zu gering für mich erachtet. O nein! die Klara ist ein Nönnchen geworden bei den ehrwürdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem Nonnberg zu Salzburg, und betet Tag und Nacht für mich armen Sünder.«

Judith sah ihn starr an, als erwarte sie einen Aufschluß, eine Erklärung dieser Worte. Aber Ernest, der immer so sprach, als gebe es auf der ganzen Welt nur gute katholische Christen – Ernest schwieg und es flog nur ein Blick voll seliger Freude aus seinem lichten Kinderauge dankbar zum Himmel auf.

»Sie sind sehr exzentrisch, wie man in der Welt sich auszudrücken pflegt, Herr Ernest,« sagte sie endlich.

[152] »Exzentrisch sein, bedeutet außerhalb des Zentrums oder ohne Mittelpunkt sein,« erwiderte er. »Es kommt also ganz darauf an, was man zum Mittelpunkt des Menschenlebens oder Wesens setzt. Die Welt nimmt an, ihre Gesetze, ihre Vorschriften wären das notwendige Zentrum, um welches man sich zu bewegen habe. Da ich nun das nicht tue, so mögen Sie mich meinethalben exzentrisch nennen, Fräulein Judith! ich weiß ja doch, daß ich mein Zentrum, und zwar ein ganz festes, unerschütterliches, in Gott habe.«

»Da Sie es so schön finden, daß Ihre Schwester Nonne ward, warum sind Sie denn nicht Mönch geworden?«

Ernest lachte hellauf und erwiderte: »Weil es zweierlei ist, etwas schön zu finden und schön zu sein. Ich mit meiner Wanderlust, mit meinem ungebundenen Sinn – ein Mönch, der unter dem Gehorsam und nach der Ordensregel lebt! nein, das ist mir nie eingefallen. In's Heiligtum muß man durch die Gnade berufen werden, nicht sich hineindrängen.«

»Und an wen ergeht ein solcher Ruf?«

»An die, welche Gott so lieben oder so lieben wollen, daß sie sich mit der Welt und ihren Gestalten nicht befreunden mögen.«

»Das wäre etwas für mich,« sagte Judith, »wenn ich einen Gott hätte, den ich lieben könnte. Aber auf solche phantastische Träumereien laß' ich mich nicht ein.«

Ein Wagen fuhr vor; Türen öffneten sich. In einen superben persischen Shawl gehüllt, mit Boa und Muff von Zobel, rauschte Madame Miranes durch die Gemächer und ins Zimmer ihrer Tochter. Die Lektion war zu Ende. Ernest verbeugte sich [153] tief vor der prächtigen Dame, die ihm in ihrer Art recht gut gefiel, denn sein Wohlwollen umschloß alle Geschöpfe Gottes. Sie entließ ihn huldreich und er dachte auf dem Heimweg bei sich selbst: In einem Gemälde, als die stolze Königin Vasthi, würde sie sich trefflich machen! recht eine Gestalt für den Pinsel des Veronese!

[154]
Der Beruf

Nachdem sich Graf Damian von der Verwunderung erholt, in welche Regina ihn versetzt hatte, überlegte er, was nun zu tun sei. Zwang, Befehl würden vergeblich sein gegen diesen festen Entschluß, das sah er ein. Auch würde Uriel darauf nicht eingehen. Widerspruch reizt zum Eigensinn, besonders so einen kapriziösen Mädchenkopf, der sich einbildet, die Welt müsse nach seiner Pfeife tanzen. Sie muß dahingebracht werden, von selbst ihre Klosterideen aufzugeben. Das dauert vielleicht ein Jahr oder zwei und dann läßt sie sich überwinden. Uriel muß Geduld haben und soll immer in unserer Nähe sein. Wäre der politische Horizont nicht so wetterdrohend, so ginge man nach Italien oder Paris und Uriel reiste mit. Es ist aber nicht geheuer in der Ferne und Fremde, man könnte in ein Wespennest hineingeraten! So mag sich denn Uriel der Gesandtschaft in Frankfurt attachieren lassen. Ein wohlerzogener Gesandtschaftsattache, aus gutem Hause, der sein eigenes Geld splendid ausgibt, ist überall willkommen. Wir gehen dann auch hin. Regina ist wie eine Festung, die man mit dem Glück, den Freuden, den Zerstreuungen und Unterhaltungen der Welt blockieren, und der man die Zufuhr religiöser Lebensmittel möglichst abschneiden muß. Mit diesem Plan zu einer Wetterkampagne gegen seine[155] Tochter war der Graf äußerst zufrieden. Er teilte ihn Levin mit, welcher erwiderte:

»Es ist gut, daß sie geprüft werde; Gott wird ihr beistehen. Nicht umsonst heißt es in der heiligen Schrift: Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die Gewaltigen werden es an sich reißen«

Als Uriel erfuhr, mit welchem Rival er um Reginas Herz zu kämpfen hatte, geriet er in heftige Aufregung. Er fand es geradezu empörend. Es gefiel ihm außerordentlich gut, daß Regina so fromm war und wie in einer Glorie von Glaubensglut stand; aber, daß Gott dies gleichsam benutzte, um ihr Herz an sich zu reißen – nein! das war unerträglich! das ging über die Rechte Gottes hinaus! ein solcher Eingriff in die heiligsten Verhältnisse und süßesten Empfindungen war nicht zu dulden! Hätte sie einen anderen geliebt, nun, so resignierte man sich zum Schmerz; oder niemand geliebt, so hatte man Hoffnung! Aber Gott zu lieben, Gott allein, Gott ausschließlich und dabei gar nicht das zerstörte Glück eines Menschenherzens zu berücksichtigen – –

»Nein, lieber Onkel!« rief er, »Regina träumt, Regina irrt sich! Erlaube mir, mit ihr zu sprechen; sie wird gewiß zur Besinnung kommen.«

»Nichts ist mir lieber!« entgegnete der Graf und rieb sich vergnügt die Hände. »Ich bin froh, daß Du endlich Feuer fängst und aus Deinem blöden Schäferstand heraustrittst. Ich erlaube Dir, stante pede zu ihr zu gehen. Du wirst ein besserer Anwalt Deiner Sache sein, als der Papa ist.«

Mutig wie ein Eroberer flog Uriel im Sturmschritt die Treppen hinauf. Als er an ihre Türe klopfte und das: »Herein!« ihrer weichen Stimme [156] hörte, sank ihm der Mut und beträchtlich herabgestimmt trat er ein und sagte:

»Verzeih', wenn ich Dich störe! der Vater schickt mich mit einer Frage.«

Regina ließ das Buch, worin sie las, auf ihre Knie sinken und sah ihn an, so unbefangen – so entsetzlich unbefangen diese Frage erwartend, daß es dem armen Uriel unmöglich war, eine andere über die Lippen zu bringen, als die:

»Welch' ein Buch liest Du?«

»Will der Vater wissen, was ich lese?« entgegnete sie. »Es ist die Philothea, vom heiligen Franz von Sales; – sieh'!«

Sie reichte ihm das Buch. Uriel nahm es und sagte, indem er in das Buch blickte:

»Ich möchte Dich um etwas bitten, Regina.«

»Was wünschest Du, lieber Uriel?« fragte sie sanft.

Er schloß das Buch, legte es auf den Tisch und sagte, indem er zum erstenmal Regina ins Auge schaute:

»Dein Herz und Deine Hand.«

Sie errötete, legte die Hand über ihre Augen und entgegnete mit gepreßter Stimme: »Nach allem, was ich dem Vater gesagt habe, hoffte ich, daß er Dir und mir diesen Augenblick ersparen und Dir meinen Entschluß mitteilen würde.«

»Er hat es getan, Regina.«

Sie ließ die Hand sinken und sagte mit ihrer gewohnten freundlichen Ruhe: »Warum fragst Du mich denn?«

»Weil ich Dich liebe, Regina!« erwiderte er aus voller Seele.

Sie schwieg; denn sie fühlte, daß das für Uriel ein giltiger Grund sei.

[157] »Und weil ich hoffe,« wollte er fortfahren.

»Nein!« unterbrach ihn Regina, »hoffe nicht!« Sprichst Du von Liebe, Uriel, so kann ich nur Gott bitten, daß er sie Dir aus Deinem Herzen nehme. Sprichst Du aber von Hoffnung – die kann ich Dir selbst nehmen!«

»So laß mich von Liebe sprechen,« entgegnete er; »vielleicht lernst Du sie verstehen.«

»Ich verstehe sie wohl – und gerade deshalb weiß ich, daß sie nicht für mich ist.«

»Weshalb willst Du Dich seitab von uns allen stellen und Dich zu jenen Ausnahmen halten, die mehr zu bewundern, als nachzuahmen sind? Denke an unsere Mütter! Gab es frömmere, liebevollere, edlere Seelen? hätten sie im Kloster vollkommener sein können, Regina?«

»Nein, sie nicht! denn Gott rief sie nicht dahin!«

»Oder glaubst Du, daß eine Frau, wie Deine Mutter – mit einem so großen Herzen, daß sie einer Schar verwaister Kinder Mutter wurde – und mit einem so demütigen Herzen, daß ihr Leben ein beständiges Opfer gewesen war – nicht sehr wohlgefällig vor Gott gewesen sei?«

»Möchte ich dereinst so wie sie vor Gott bestehen!« sagte Regina, und zwei große Tränen fielen von ihren Wimpern.

»Nun, was fürchtest Du denn, Regina? Fürchtest Du, ich könnte Deine religiösen Überzeugungen nicht teilen? aber Du weißt ja das Gegenteil! Oder ich könnte Dich in Lebensverhältnisse einführen wollen, die Dir nicht zusagen? aber ich kann sie ja so gestalten, wie sie Deiner Neigung entsprechen, und das würde zugleich immer die meine sein.«

»Ich fürchte das alles gar nicht, Uriel, aber ... ich liebe Dich nicht und werde Dich niemals lieben.«

[158] »Und ich liebe Dich so, daß ich Deinen Worten keinen Glauben schenke.«

»Ein seltsamer Beweis von Liebe!« rief sie lächelnd.

»Denn ich traue mir zu, in die Schranken zu treten und Dich Gott abzuringen, ohne das Heil Deiner Seele zu gefährden. Im Kloster kannst Du Dich allein heiligen; in der Ehe auch mich, und zwei Seelen sind mehr wert als eine. Das bring' in Anschlag bei Deinen egoistischen Projekten, die Du gewiß in aufrichtiger Frömmigkeit, aber im Mangel eines gründlichen Verständnisses gemacht hast. Du bist nicht vereinzelt auf der Welt und hast folglich auch kein Recht, Dich und Dein Glück in der Vereinzelung zu erfassen. Das tut nur die Blüte des Egoismus: blinde Leidenschaft.«

Regina hörte ihn ruhig an: »Es geht mir wie dem großen Freund Gottes, dem armen Job,« sagte sie endlich: »ich kann Dir auf Tausend nicht Eins antworten. Alles, was Du sagst, ist richtig; aber innerhalb gewisser Schranken irdischer Glücksbedürftigkeit, irdischer Lebensauffassung und der Annahme, daß man Gott nicht ausschließlich lieben könne, ja kaum dürfe und daß das Geschöpf ein höheres Recht an uns habe, als der Schöpfer. Diese Annahme ist aber nicht in göttlicher Wahrheit begründet, was uns das Evangelium durch den heiligen Apostel Paulus lehrt, der ausdrücklich den jungfräulichen Stand über den ehelichen stellt, und zwar deshalb, weil dieser seine Richtung auf das Wohlgefallen des Geschöpfes, jener auf das des Schöpfers nehme. Wer das Verlangen nach irdischem Glück spürt, wähle den Stand, der es ihm durch das Geschöpf und durch menschliche Verhältnisse darbietet; das tun viele Millionen, und wir [159] wollen ihnen von Herzen wünschen und hoffen, daß sie sich heiligen. Diese in's Ordensleben zu versetzen, wäre grausam und unsinnig. Wer aber sagt und mit dem Herzen sagt: Solo Dios basta, und die jungfräuliche Gottesmutter und den heiligen Apostel Paulus, und Tausende von Heiligen und von frommen Ordensleuten, und den ganzen Priesterstand der heiligen Kirche für sich hat und leben will wie sie: der faßt es nicht, lieber Uriel, wie man ihm ein solches Leben als Egoismus vorwerfen könne, weil, so lange die Welt steht, der egoistische Mensch sein Glück nicht in Gott gesucht hat, sondern in allem anderen, was Gott nicht ist.«

»Das geb' ich zu, Regina; aber das opferwillige Herz findet in allen Verhältnissen Veranlassung zu Entsagung.«

»Ja,« sagte sie, »es wird sich mannigfachen Entsagungen unterziehen; aber es macht nicht, wie das Ordensleben, seinen Stand und seine Pflicht aus der vollkommenen Weltentsagung.«

»Es ist schwerer zu entsagen inmitten großer Versuchungen, als hinter Klostermauern.«

»Das zu entscheiden ist nicht meine, sondern Gottes Sache, bester Uriel. Ich denke ja nicht daran, eine Heldin zu werden, nur eine demütige Braut Christi. Das hab' ich dem Vater gesagt und das wiederhole ich Dir.«

»Du beraubst den Vater seiner liebsten Hoffnung und zerreißt ein Band, welches zwei Familien in zärtlicher Übereinstimmung geknüpft haben.«

»Ich weiß es, Uriel!« rief sie schmerzlich, »und gäbe es nichts Höheres als den Wunsch der Eltern, o glaube mir, ich gehorchte. Nun aber geht es mir, wie dem heil. Pionius bei seinem Martertode, als [160] er sagte: Ich fühle wohl die Wunden und den Schmerz, aber mein Gott ruft mich zu sich.«

»Du bist eine himmlische Schwärmerin,« sagte er, in ihren Anblick verloren; »aber die Erde hat auch Rechte an Dich.«

»Ich entziehe mich ihnen nicht, Uriel; denn ich leide und werde noch viel mehr leiden. Das ist mein Anteil an den Rechten der Erde.«

»Leid ohne Liebe, das ist fürchterlich!« rief er in heftiger Bewegung.

»O Du Tor!« sagte sie lieblich und mit einem seligen Lächeln, »kannst Du wähnen, daß der göttliche Vielgeliebte keine Liebe zu seiner Braut hat?«

Uriel schüttelte leise den Kopf und erwiderte:

»Regina, Du machst mir den Eindruck einer Nachtwandlerin, die mit leichtem und sicherem Schritt am Rande eines Abgrundes geht, wohin kein menschlicher Fuß sich wagt. Sie geht sicher, so lange sie nicht sieht; schlägt sie aber ihre Augen auf und wird den Abgrund gewahr, so ergreift sie Schwindel und sie stürzt hinab. Deshalb ist es wohl recht wunderbar, sie wandeln zu sehen; aber man erschauert vor Angst.«

»Lieber Uriel, die Mondsucht ist eine körperliche Krankheit, durch die ich weiß nicht was für Kräfte im Menschen geweckt, hingegen seine Willensfreiheit gefesselt wird. Daher entsetzt sich der Mondsüchtige über seine Wege und Stege, wenn er plötzlich geweckt wird, denn er hat sie nicht mit Bewußtsein gewählt. Dein Vergleich paßt also nicht auf mich.«

»Doch!« sagte er traurig; »Du wandelst in Nacht; die Sonne der Liebe ist Dir nicht aufgegangen.«

[161] »Du hast so ganz nicht Unrecht mit der Nacht;« erwiderte sinnend Regina. »Ja, Uriel, ich wandele in Nacht, in der heiligen Sternennacht des Glaubens, und Du wirst wohl wissen, daß dessen Gestirne lichter und treuer sind, als die Sonne der Welt.«

Mit einer trostlosen Bewegung bedeckte Uriel sein Gesicht mit beiden Händen und seufzte beklommen:

»Ich fasse es nicht, daß ich Dich verlieren soll.«

»O nein!« rief sie lebhaft, »nicht verlieren, Uriel! ich bleibe mit Euch allen in süßer Verbindung.«

»Mit uns allen!« sagte er bitter. »Hättest Du doch wenigstens gesagt: mit dir, Uriel! Sag' es, Regina, sage wenigstens das!«

Regina schwieg. Er ließ seine Hände vom Gesicht sinken und sah sie an. Seine schönen Züge voll Adel und Empfindung wurden noch schöner und seelenvoller durch den Ausdruck von Trauer und Bitte in seinen Augen.

»Nun?« sagte er, »sind drei Worte zu viel für mich?«

»Auch mit Dir, Uriel,« sagte Regina leise.

»O schweige!« rief er heftig; und nach einer Pause setzte er hinzu: »Regina, Du bist allzu vollkommen! Lassen wir das; aber hör' mich an. Du glaubst mir keine Hoffnung, auch nicht die allergeringste, geben zu können; doch ich, ich lasse sie mir noch nicht nehmen. Du bist erst siebenzehn Jahre alt: ich warte. Bei siebenzehn Jahren kann jeder Tag sowohl eine Revolution in der inneren Welt machen, als auch eine allmälige Umgestaltung derselben bewirken. Und darauf wart' ich.«

»Uriel,« sagte Regina beängstigt, »wenn Du vergebens wirst gewartet haben, so gib dereinst [162] nicht mir die Schuld für die verlorenen Jahre. Ich weiß nicht, wann ich des Vaters Einwilligung bekomme. Hab' ich sie aber, so gehe ich in's Kloster. Ach Uriel, warte nicht.«

»Laß mich warten,« sagte er, »das ist schon eine Art von Glück.«

»Welche Qual bereiten sich die Menschen unter der Firma: Liebe!« seufzte Regina aus tiefster Brust.

»So jung und schon so weise!« rief er mit einem Anflug von Spott. Sie verteidigte sich nicht; als ob sie wisse, daß sie in seinem Herzen ihren sichersten Verteidiger habe. Er setzte auch gleich zärtlich hinzu: »Du bist bei den Engeln in die Schule gegangen und hast bei ihnen so viel Himmlisches gelernt, daß Du wohl die Dinge der Erde richtiger betrachten magst, als wir.«

»Sage das dem Vater, lieber Uriel!« sagte sie. Er wollte sie nicht verstehen. Er wollte da bleiben, in dem stillen Zimmer, wo er nichts sah, nichts hörte, nichts dachte, nichts wußte, als sie! gleichviel ob mit Schmerz, mit Leid, mit Freude, mit Wonne, nur sie! das war genug. Er liebte sie eben. Da stand Regina auf, legte ihre Hände bittend zusammen und winkte so leise mit ihrem Blick nach der Türe, daß man ihr recht tief in's Auge sehen mußte, um sie zu verstehen. Uriel gehorchte der leisen Bewegung ihrer Augenwimpern; er ging; aber er sagte:

»Weil Du meine Königin bist, Regina.«

Der Graf hörte Uriels Bericht gelassen an und sprach tief seufzend: »Wir müssen uns mit Geduld waffnen. Es ist eine gute Vorschule für Deinen Eintritt in den Ehestand. Welch ein Maß der Geduld man der Frau gegenüber haben muß, davon [163] weiß nur der Eheherr ein Lied zu singen! Heute Migräne, morgen Nervenweh, übermorgen ein Raptus für eine höchst gleichgiltige Sache und übermorgen gegen eine sehr wichtige! Bald Enthusiasmus ohne Ziel, bald Abneigung ohne Grund! Jetzt Tränenströme um ein Nichts, dann Skrupel um ein Garnichts! Zur Ehre der Wahrheit muß ich sagen, daß ich von dem allen bis jetzt keine Spur bei Regina gefunden habe; allein der Trotz, der Eigensinn, die bei ihr zum Vorschein kommen, zeigen deutlich, daß es Dir an einem Hauskreuz nicht fehlen wird, was freilich kein Verliebter glaubt! Nun wollen wir aber ihrem Trotzkopf einen so weiten Spielraum öffnen, daß er vor Ermüdung zusammenbrechen muß. Ich werde ihr erklären, daß ich ihre Klosteridee auf eine zehnjährige Prüfung setze. Das hält sie nicht aus! Nichts macht die gespannten Kräfte so gründlich morsch, als langes Warten in's Blaue hinein. Ein Jahr, auch zwei und sogar drei Jahre warten auf die Erfüllung des Lebensglückes, das hat etwas Reizendes, davor schreckt niemand zurück; allein zehn Jahre ....« –

»Lieber Onkel!« unterbrach ihn Uriel, »ich warte mit Freuden zehn Jahre auf Regina.«

»Die Freuden werden doch wohl mit einiger Ungeduld vermischt sein,« entgegnete der Graf. »Uebrigens findest Du denn doch am Ende von zehn Jahren in Regina eine Realität; aber was würde sie bei ihren Karmelitessen finden? eine Chimäre, vor der sie selbst sich entsetzen würde. Das wird sie auch schon einsehen und zu rechter Zeit Kehrt machen.«

Er kündigte ihr seinen Entschluß an. »Zehn Jahre sollst Du Dir die Welt und die Menschen ansehen [164] und Dich besinnen über Glück und Pflicht,« sagte er.

»Und dann darf ich mit Deiner Einwilligung zu den Karmelitessen?« fragte Regina gespannt.

»Ja,« sagte der Graf; »wenn Du uns allen während zehn Jahren das Leben verbittert hast, anstatt es, wie eine gute Tochter, zu verschönern: dann will ich Dir erlauben, Deine Verkehrheit in einem beliebigen Kloster zu beweinen.«

Regina sank vor dem Grafen auf die Knie und bedeckte seine Hände mit Küssen und Tränen, indem sie rief:

»O, mein lieber Vater! wie dank' ich Dir! so ist es recht; so muß es sein: über allerlei Dornen geht mein Weg; aber ich komme zum Ziel .... ich danke Dir.«

Was war mit einer Person anzufangen, die sich für jedes rauhe Wort bedankte und in jeder Strenge eine Gnade sah! Dieser Charakter ging über des Grafen Maßstab und Erfahrungen so weit hinaus, daß es ihm manchmal ganz unheimlich war, der Vater einer solchen Tochter zu sein. Er teilte inzwischen der ganzen Familie die Parole aus, um einen Chor der Klage über Regina's Entschluß zu bilden: die Baronin Isabelle, Corona, Orest, Florentin, sogar einige der alten treuen Dienstboten, deren Leben mit dem Leben der Familie zusammen gewachsen war, und die mit einem rühren den Gemisch von Stolz und Zärtlichkeit die Kinder des Hauses »unsere Kinder« nannten; alle sollten bei jeder passenden Veranlassung ein Klagelied anstimmen über die Kalamität, welche Regina über ihre ganze Familie verhänge, was natürlich ihrem Herzen sehr wehe tun mußte. Und mit seltener Übereinstimmung gingen alle auf die Absicht [165] des Grafen ein, jeder in seiner Weise. Niemand machte ihr Vorwürfe, aber niemand – Levin und Hyazinth ausgenommen – sympathisierte mit ihr. Wie mit einer Kranken, deren elenden Zustand man beweint und auf deren Genesung man sehnlichst hofft, ging man mit ihr um. Und keineswegs auf Befehl des Grafen, sondern aus eigenem Antrieb! Er hatte nur die allgemeine Gesinnung gleichsam organisiert und in eine und dieselbe Richtung gewiesen. Das vollkommene Opfer ist eben die Sache, von welcher der göttliche Heiland gesagt hat; »Wer es fassen kann, der fasse es.« Damit ist ausgesprochen, daß wenige es verstehen werden, und eine Sache, die kein Verständnis findet, leidet Widerspruch. Nur für Hyazinth wurde sie die Veranlassung, seinen Entschluß zur Reife zu bringen und auszusprechen. Er wollte in den geistlichen Stand treten und bat den Onkel Levin, dem Grafen diese Mitteilung zu machen. Es geschah.

»Mein Gott!« seufzte der Graf tief niedergeschlagen, »welch ein Geist übertriebener Frömmigkeit fährt denn gerade in meine armen Kinder und fanatisiert sie! .... Hyazinth geistlich! der blutjunge Mensch! Es ist ein wahrer Jammer.«

»Tröste Dich,« sagte Levin lächelnd; »ich glaube nicht, daß Du um Hayzinth großen Jammer wirst auszustehen haben!«

»Lieber Onkel, das verstehen Sie nicht! der gute Junge tut mir unaussprechlich leid. Zu Ihrer Zeit galt der geistliche Stand noch etwas. Da fing man mit dem Domherrn an und wurde Churfürst, Erzbischof, Bischof, wenigstens Weihbischof; aber jetzt! wie gering sind die Aussichten für eine Karriere! der arme Junge muß mit dem Kaplan anfangen und mit dem Pfarrer enden. Schrecklich, [166] lieber Onkel, schrecklich! Sagen Sie mir aufrichtig, aber nehmen Sie die Frage nur nicht übel: ist Hyacinth einfältig?«

»Ich glaube, daß er einen klaren, feinen Verstand hat,« entgegnete Levin.

»Oder hat er nichts gelernt? mag er nicht studieren?«

»Ich glaube, daß er mehr Neigung und Talent für ernste Studien hat, als seine Brüder.«

»Was in aller Welt bringt ihn denn zu dem desperaten Entschluß! Sollte er vielleicht eine unglückliche Liebe haben? eine Neigung für Regina z.B., und geistlich werden wollen, weil sie in's Kloster will? Er ist freilich sehr jung, um eine so formidable Leidenschaft zu empfinden; aber er muß doch einen Grund haben.«

»Lieber Damian, sein Grund ist der: Christus ruft ihm zwei Worte zu: ›Folge mir nach!‹ und: ›Weide meine Lämmer!‹ Orest will Soldat werden, Florentin Arzt; sie wählen ihren Beruf, wie er ihren Neigungen und Fähigkeiten zusagt. Hyacinth tut dasselbe; nur mit dem Unterschied, daß jene in ihrer Laufbahn sogenanntes irdisches Glück zu finden hoffen und daß er darauf verzichtet.«

»Das macht aber einen ungeheuren Unterschied aus!«

»Allerdings, die Kluft ist groß, ist so groß, wie sie eben besteht zwischen Seelen, die Gott lieben und Gott nicht lieben.«

»Man kann recht sehr Gott lieben,« sagte der Graf empfindlich, »ohne geistlich zu werden.«

»Gewiß!« entgegnete Levin. »In dem Maß aber, wie man Gott mehr liebt, widmet man sich ihm auch mehr; und wer ihn ausschließlich lieben will, widmet sich ihm ausschließlich. Das tut Hyazinth. [167] Er sagt auch: Solo Dios basta. In ihm, wie in Regina, ist das übernatürliche Leben, welches aus der Gnade fließt, so stark, daß die Bestrebungen und Wünsche absterben, welche auf dem natürlichen Leben und den irdischen Daseinsbedingungen beruhen. Bei Orest und Florentin ist es umgekehrt: das Gnadenleben tritt bei ihnen in den Hintergrund und das natürliche Leben in den Vordergrund. Sie fragen nicht, was gottgefällig sei: sondern leben nach Lust und Laune, und haben, um ungestört mit allen Segeln der Leidenschaften fahren zu können, Gott als unbequemen Ballast über Bord geworfen. Hyacinth und Regina fragen hingegen, was am allergottgefälligsten sei und am allervollkommensten das himmlische Ebenbild in ihnen herstelle; und da das die Nachfolge und Nachahmung des Gottessohnes, die opferfreudige Wahl der Entsagung aus Liebe, die Demut der Krippe und das Leiden von Golgatha ist: so verschmähen sie das, was ihnen von den Freuden und Genüssen der Welt erlaubt wäre, weil dadurch ihre Vereinigung mit Gott gewiß nicht gefördert, aber sehr leicht gemindert, wohl gar ganz aufgehoben wird.«

»Könnte der arme Junge sich in seinem kaplanischen Elend wenigstens damit trösten, daß er heiratete;« sagte der unverbesserliche Graf.

»Dann dürfte er eben nicht Priester werden,« erwiderte Levin. »Es ist die Glorie der Kirche, daß sie die unirdische geheimnisvolle Feier des unblutigen Opfers nur denen anvertraut, welche freiwillig den Stand der Virginität aus Liebe zu Gott gewählt haben, und es ist ein Zeichen ihrer göttlichen Weisheit, daß sie diese freiwillige Wahl, als einen Prüfstein, der nicht umgangen werden kann, [168] vor die Stufen des Altars legt. Der zweifelhafte Beruf, der irdische Sinn, der schwankende Charakter schrecken vor ihm zurück. Das reine Herz nicht. Die reinen Herzen aber, mein lieber Damian, sind, so lange die Welt steht, auch die starken Herzen, und starke Herzen braucht die Kirche in ihren Priestern, in den Stellvertretern des ewigen guten Hirten.«

»Es ist freilich nicht schwer einzusehen,« sagte der Graf, »daß das Entsagungsleben in Permanenz, wie der Priester es führt, ihn zu den größten Opfern fähig und tüchtig macht. Allein ich beklage unseren armen Hyazinth, daß er ein solches Leben führen soll.«

»Nun, Du würdest doch nie wünschen,« entgegnete Levin lächelnd, »ihn als einen mit Weib- und Kindersegen erfreuten Priester zu sehen. Das Leben der Kirche ist all' ihren Kindern, wenn dieselben auch nicht übermäßig eifrig sind, nicht wahr, lieber Damian? doch zu sehr in's eigene Leben übergegangen, um ihnen nicht Mißtrauen und Widerwillen gegen die Priesterehe einzuflößen, die nur ganz verkommenen Subjekten, gleichviel welchen Taufscheines, und den Radikalen in der Politik, so wie den Rationalisten in Glaubenssachen erwünscht wäre; den einen, damit der Weltsumpf, der ihr Behagen und ihr Ziel ist, sich um so mehr ausbreite, als die Tradition von Opfer, von Hingebung, von Lauterkeit, die durch den Cölibat in jedem Priester auf's neue in's Leben tritt, aus der Welt verschwände; den anderen, damit ein Eckstein aus dem Bau der heiligen Kirche gebrochen werde, die in ihren ehelosen Priestern freie Männer zu Dienern hat, welche nicht zu beugen und nicht zu knechten und nicht in armselige Abhängigkeit von irdischer [169] Macht hinein zu ängstigen sind. Den Männern des modernen freien Denkens sind solche Männer des freien Willens verhaßt und zwar deshalb, weil diese mit ihrer unverwüstlichen Selbstständigkeit in dem unverwüstlichen Fundament des Glaubens an eine geoffenbarte Religion wurzeln, ein Fundament, welches von jenen gerade bestritten, geleugnet, bekämpft wird, nicht gelten soll, nicht da sein soll, und dennoch sich nicht hinweg räsonnieren und revolutionieren läßt. Der ärmste und verlassenste Priester in dem ärmsten und entlegensten Dörfchen macht durch sein schlichtes Dasein alle Theorien falscher Wissenschaft zu Schanden. Er lebt ein übernatürliches Leben, dessen Quell und dessen Ziel der Gottmensch Christus ist, wie der Glaube ihn offenbart, und das ohne diesen ganzen, vollen, gewaltigen Glauben nicht gelebt werden kann. Wer nun dies himmlische Prinzip leugnen will, der wird ungemein in seinen Theorien gestört, wenn er dasselbe in voller Triebkraft wirksam sieht. Was bleibt ihm übrig? Von zwei Dingen eines; entweder die Verleugnung aufgeben, das himmlische Prinzip anerkennen und sich unterwerfen; oder es hassen, wie nun einmal die Finsternis das Licht und Belial – Christus hassen muß, muß – weil das Böse, die freiwillige Abwendung vom Guten, den Haß des Guten in sich schließt. So lange noch ein frommer Priester auf der Welt ist, der mit reiner Hand das ewige Opfer darbringt, fühlt sich der Unglaube als Lüge gebrandmarkt. Daher seine Neigung, den Priesterstand zu verdächtigen, zu unterdrücken, zu verfolgen, wo möglich zu ersticken und auszurotten. Dazu ist ihm jedes Mittel willkommen, wie eben die Umstände es gestatten! Bald wird er verleumdet, [170] bald lächerlich gemacht, bald guillotiniert. Dazwischen sucht man ihn durch heuchlerisches Mitleid zu gewinnen und ihm das Bild eines Familienvaters als höchstes Ziel alles Glückes hienieden vorzuhalten, damit er von selbst versinke in die Niedrigkeit der Leidenschaften und in die Gemeinheit des Alltagslebens.«

»Bester Onkel, es gibt in anderen Religionsgesellschaften äußerst achtbare Männer unter den Geistlichen und sie leben, mit wenigen Ausnahmen, sämtlich im Ehestande.«

»Lieber Damian, wir sprechen aber nicht von anderen Religionsgesellschaften, sondern von dem Priesterstand der heiligen katholischen Kirche, dem unser Hyacinth sich anschließen will. Außerhalb der Kirche wird, wie Du weißt, nirgends die Feier unserer heiligen Geheimnisse des Altars begangen, nirgends in heiliger Messe das unblutige Opfer, diese Fortsetzung jenes blutigen auf Golgatha, in lebendiger Wesenhaftigkeit dargebracht. Wo das Opfer fehlt, kann es keinen Priesterstand geben, denn der Priester ist eben der unmittelbare Darbringer des Opfers. Was also außerhalb der Kirche geschieht oder nicht geschieht, ist für uns nichts weniger als maßgebend, denn sonst könnte man Uriel mit dem Vorschlag der Vielweiberei beglücken wollen, welche die Sekte der Mormonen lehrt, was Dir nicht sehr wünschenswert im Hinblick auf Regina erscheinen würde. Also was draußen geschieht, lassen wir auf sich beruhen. Aber wir, wir haben das heilige Opfer und dies Opfer ist das Lamm Gottes und der Darbringer dieses Opfers ist der Priester, der glückselige, der begnadete Priester, der täglich in die unmittelbare Vereinigung mit dem Allerheiligsten eingeht, in seiner Hand den [171] heiligen Fronleichnam hält, mit seinen Lippen ihn berührt, in seinem Herzen ihn aufnimmt. Lieber Damian, für einen solchen Priester ziemt es sich wohl, sollte ich meinen, daß er im Heiligtum bleibe, die Kraft und Wärme seines Herzens dem Dienste seines göttlichen Meisters widme und die Behaglichkeit des häuslichen Herdes denen überlasse, die ihm den Altar überlassen haben.«

»Gott hat auch den häuslichen Herd durch das Sakrament der Ehe zu einer heiligen Stätte erhoben,« wendete der Graf ein.

»Das ist schon wieder eine Verteidigung, wo kein Angriff geschah,« erwiderte Levin lächelnd. »Du wirst mir nicht zutrauen, daß ich die heilige Berechtigung des häuslichen Herdes unterschätze. Aber ich muß abermals sagen: wir sprechen vom Priester. Die Kirche zwingt niemand geistlich zu werden und geht nicht voreilig bei der Aufnahme zu Werk. Sie sagt dem Adspiranten: Überlege und besinne dich. Sie erteilt ihm die niederen Weihen und sagt abermals: Prüfe dich, denn du kannst noch umkehren, und lockt dich die Welt, so wende dich ihr zu. Hat er sich aber entschieden und ist er in's Heiligtum eingetreten, so verlangt sie, daß er in demselben so diene, wie er gewußt hat, daß er dienen müsse: frei von jenen Leidenschaften, die das, was am Höchsten im Menschen ist – seine Liebe, zu Gunsten dessen, was am Niedrigsten in ihm ist, in Sklaverei bringen. Nun wirst Du mich gewiß verstehen, wenn ich wiederhole, was ich vorhin sagte: für den Priester wäre die hausväterliche Existenz ein Versinken in Erniedrigung, denn er würde himmlische Verpflichtungen aufgeben, um irdische einzugehen; ein göttliches Joch, das Christus mit ihm trägt, abwerfen, um ein menschliches [172] anzunehmen. Er steht nun einmal am Altar, d.h. um ein paar Stufen höher als die Weltlichen. Was bedeutet das? Glaubst Du etwa, das bedeute, daß er auf sie herab blicken und sich um so viel höher schätzen soll? O nein! es bedeutet das, was er täglich in der heiligen Messe betet: Sursum corda! Empor die Herzen! empor du mein glückseliges Herz und reiße alle die, welche auf dich als ihren Hirten sehen, mit dir aufwärts zu Gott, der dich in seine gnadenvolle Nähe gestellt hat, damit du, angeglüht von der Flamme seines Opfers, andere Seelen anfeuerst und dereinst auf dem Erntefeld der Ewigkeit mit vollen Garben erscheinest, mit einem Geleit liebentzündeter Herzen, die durch dich für die göttliche Liebe gewonnen sind. Und er sollte, von der Altarstufe herabsteigend, angeglüht von der Flamme des Opfers seines Gottes, sie ersticken lassen in der Schwüle erdentstammter Liebe? Nein! wer dem Priester so etwas wünschen kann, der hat es entweder schlimm mit ihm im Sinn, oder urteilt, ohne die Sache zu kennen, oder spricht, wie Du, lieber Damian, unter dem Einfluß übergroßer, natürlicher Zärtlichkeit, und deshalb verkehrt.«

»Sie sind nun einmal begeistert für Ihren Stand, weil Sie selbst eine Art von Ideal desselben sind ....«

»Da irrst Du sehr!« unterbrach ihn Levin lebhaft; »ich bin ja gar nichts: nicht Pfarrer, nicht Ordensmann, nicht Missionär! ich bin nur ein unnützer Knecht. Aber mit Hyazinth wird es anders sein; der wird brauchbar werden! und ist er das, so findet sich die Begeisterung für seinen Stand von selbst, denn man arbeitet alsdann für Gott und für das ewige Leben, ohne auf besonders große [173] Resultate hienieden zu rechnen und ohne besonders glückliche Erfolge zu erwarten, und das gibt Freiheit und Freude im Geiste.«

»Und wenn ihm sein Beruf mit der Zeit zu schwer fiele! Das Leben ist lang, die Welt ist bunt! Wenn Hyazinth ein schlechter Priester würde, bester Onkel, welch' ein Skandal! Ein schlechter Priester – auf den sind die Augen der ganzen Welt gerichtet, als ob es nur den einen einzigen auf Erden gäbe! und wenn das nun ein Windecker wäre!«

»Du fürchtest nicht, daß Orest von seiner Fahne desertiere, wenns zur Schlacht geht; so hoffe doch auch für Hyazinth den notwendigen Kampfesmut, um seinem Panier zu folgen. Hat er den, so ist er unüberwindlich, weil die Gnade noch nie den Beharrlichen verlassen hat. Nur der treulose Feigling verläßt die Gnade. Das ist richtig: auf einen solchen sieht die halbe Welt. Welch eine unabsichtliche Glorie für den geistlichen Stand! Tausende fallen in der Welt zur Rechten, tausende zur Linken, stehen auf, fallen wieder – niemand sieht hin, kaum die allernächsten, man zuckt die Achseln, man spricht ein paar Worte schwacher Mißbilligung, schwächlichen Mitleids, und man vergißt, eingedenk eigener Gebrechlichkeit. Aber für den Priester macht man eine Ausnahme. Er ist dermaßen im allgemeinen Bewußtsein anerkannt als der Repräsentant der Heiligkeit, daß ein sittlicher Makel an ihm mit endlosem schadenfrohen Triumph von allen Glaubensfeinden bejubelt, mit unsäglichem Schmerz von den Gläubigen beweint wird. Unsere Glaubenslehre ist etwas so Göttliches, daß die Welt sich gar nicht der Vorstellung erwehren kann, deren Organ, der Priesterstand, müsse Anteil [174] haben an deren Erhabenheit; und darin hat sie vollkommen recht! wer sich vorzugsweise mit Gott und göttlichen Dingen beschäftigt, ohne nach innerer Heiligung zu trachten, ist seines himmlischen Berufes nicht wert. Darin aber hat die Welt vollkommen unrecht, daß sie wähnt, der einzelne schlechte Priester sei ein Beweis für die Ungöttlichkeit seiner Glaubenslehre. Sie vergißt bei einem solchen Urteil den Verrat des Judas und die Verleugnung des Petrus, d.h. sie vergißt, daß der Mensch aus Schwäche fallen und aus Bosheit abfallen kann, weil er keine Maschine ist, die von äußerer Kraft in Bewegung gesetzt wird, sondern weil er seinen Willen zur Beharrlichkeit im Guten brauchen muß und zur Wahl des Bösen mißbrauchen kann. Sei getrost, lieber Damian, und bedenke eines: das Werk, welches Hyazinth beginnen will, beginnt in ihm die göttliche Gnade, und mit ihr, der er vertraut, auf die er sich stützt, wird er es zu Ende führen. Ein solcher Entschluß entspringt nicht aus Gedanken von dieser Welt, und darin liegt seine weltüberwindende Kraft.«

»Ja, ja!« seufzte der Graf kopfschüttelnd; »das ist alles sehr gut und klingt ganz schön. Aber! aber! .... der arme Junge!« –

Die übrigen Mitglieder der Familie nahmen Hyazinths Entschluß sehr verschieden auf, aber nicht mit der allgemeinen Mißbilligung, die auf Regina ruhte, weil Hyazinth nicht anderweitige Pläne durchkreuzte. Unter anderen Umständen würde sich Uriel herzlich gefreut und in dem Beruf seines Bruders eine große Gnade erkannt haben. Jetzt aber schien es ihm bedenklich, allzu große Zufriedenheit zu äußern – Reginas wegen, die durch Hyazinths Entschluß leicht in dem ihren bestärkt [175] werden konnte. Orest äußerte ein grenzenloses Erstaunen, Florentin Zorn, die Baronin Isabella zaghafte Freude; Corona beklagte, daß Hyazinth nicht auf der Stelle seine Primiz feiern und sie seine Kerzenträgerin sein dürfe. Regina lobte Gott.

»Was fängst Du denn an mit Deinen Hunden?« fragte Orest ganz verblüfft; und wo läßt Du denn Dein Gewehr? Dem Reiten und Jagen mußt Du wohl auf immer Valet sagen und Burschenlieder darfst Du wohl auch nicht mehr singen?«

»Du bist aber allzu kurzsichtig, Hyazinth!« eiferte Florentin. »Siehst Du denn nicht, daß es mit der katholischen Kirche zu Ende geht? Siehst Du denn nicht, daß sie zitternd zusammenbröckelt vor dem klirrenden Schritt und dem Weckruf der Freiheit? Siehst Du nicht, daß sich Deutschland nimmermehr den Ultramontanismus wird gefallen lassen, und daß der römische Papst, vom großen Geiste des Jahrhunderts ergriffen, in einen Liberalismus verfällt, der, unvereinbar mit katholischer Finsternis und Knechtschaft, ihn unfehlbar in die Arme des Protestantismus liefert? Dieser aber bildet die erste Stufe zum Sozialismus, in dem nicht Religionssysteme, sondern die Ausführung großer Ideen ihren Kultus haben werden, dessen Priester jeder Einzelne sein wird! Siehst Du das nicht?«

»Nein!« sagte Hyazinth gelassen, »das alles sehe ich gar nicht; denn es sind nur Phantasmagorien: künstliche Fratzenbilder, welche sich außerhalb der Finsternis des Unglaubens nicht wahrnehmen lassen. Ich sehe vielmehr, daß nichts auf Erden Bestand, nichts eine Zukunft hat, als einzig und [176] allein die katholische Kirche und alles, was aus ihrem Mutterschoß Lebenskraft schöpft.«

»Bei der Erhabenheit des priesterlichen Berufes würde mich das Bewußtsein meiner Schwäche ängstigen, ob ich ihm auch immer mit ganzer Treue anhinge,« sagte Uriel. »Stets das Ewige und Unvergängliche vor Augen haben, scheint mir übermäßig ernst und schwer.«

»Wenn Du heiratest,« entgegnete Hyazinth, »mußt Du Deiner Frau ewige Treue versprechen und bleibst unauflöslich mit ihr verbunden: das müßte Dich dann auch in Angst versetzen.«

»O nein!« rief Uriel; »da verbinde ich mich mit meinem zeitlichen und ewigen Glück, das der Sehnsucht des ganzen Menschen entspricht.«

»Und ich,« sagte Hyazinth, »lasse das unsichere zeitliche Glück ganz und gar beiseite und wähle das unvergängliche: Gott zu dienen aus Liebe, welches der ächten Sehnsucht des erlösten Menschen gewiß am allertiefsten entspricht.«

»Dann bin ich nicht erlöst,« rief Orest, »denn ich erschaudere vor Deiner Sorte von Glück! Nein, Hyazinth! lustig leben gehört auch zum Leben, und eine Existenz ohne Hühner- und Parforcejagd, ohne Steeple chase und sonstige Pferderennen, ohne Oper und Ballet, ohne Austern und Champagner – aber non-mousseux! – die ist zum Totschießen.«

»Das ist die Gesinnung der Welt,« entgegnete Hyacinth. »Sie behauptet, es gebe kein anderes Glück als das, welches die fünf Sinne genießen und der natürliche Verstand begreift. Das ist aber grundfalsch, denn das Unsterbliche im Menschen wird durch die Genüsse der Vergänglichkeit nicht befriedigt, sondern elend gemacht. Tausend Mal ist [177] das gesagt und bewiesen worden; allein Worte ohne Tat bedeuten nicht viel. Deshalb muß gegen den Ausdruck jener Gesinnung der Welt ein beständiger tatsächlicher Protest abgelegt werden, und das tun die, welche mit Gottes Gnade und um Gottes Willen ihr entsagen: Priester und Ordensleute.«

»Hyazinth!« rief Florentin feurig und schlang den Arm um seine Schultern, »lege ab Deine Gottesideen, mache die Menschheit zu Deiner Gottheit und ihre Berechtigung zu allgemeiner und allseitiger Beglückung zu Deinem Kultus, so kannst Du ein ausgezeichneter Mann der Zukunft werden.«

»Nein, armer Florentin,« entgegnete Hyazinth zärtlich, »das ist unmöglich! Wer Christus erkannt hat, dient in Seinem Namen mit tausend Freuden und so weit die Kräfte reichen in aller Demut einer Menschheit, die der Gottessohn geheiligt hat, indem er sich zu ihresgleichen machte und für sie lebte und starb; das gehört zur praktischen Nachfolge Jesu. Aber aus der Menschheit einen Moloch zu machen, der, ich weiß nicht was für unsinnige, sakrilegische Opfer verlangt, das ist unverträglich mit der ewigen Wahrheit. Christus hat die Selbstverleugnung als den Weg des Heiles gelehrt, als das einzige Mittel zur Beglückung der Menschheit für Zeit und Ewigkeit. Von einer Beglückungstheorie, welche allen zum allseitigen Genuß irdischen Wohlbehagens behilflich wäre, weiß die Lehre des Kreuzes nichts.«

»Deshalb eben nimmt sie auch nur einen ganz untergeordneten Rang und längst überwundenen Standpunkt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ein!« rief Florentin. »Sieh'! bereits vor mehr als dreihundert Jahren entwickelte sich in [178] der Menschheit jene gewaltige Bewegung, welche anzeigte, daß sie der Lehre vom Kreuz, der Selbstverleugnung, satt sei; es war die Reformation. Alle und jede Selbstverleugnung konzentriert sich im Gehorsam, und da die Kirche ihn von der ganzen Welt im Namen des gekreuzigten Gottes forderte, so sagte ihr die Reformation den Gehorsam auf, um anzuzeigen, daß sie mit der Lehre vom Kreuz breche. Und das bewies sie tatsächlich. Wer sich zu ihr bekannte, war der Selbstverleugnung überdrüssig und folgte dem Zug der Freiheit, für die der Mensch geschaffen ist. Die Fürsten sagten dem Kaiser den Gehorsam auf, die Bauern den Edelleuten, die Ritter ihren Lehensherren, die Städte ihren Bischöfen und Äbten, die Priester ihren Oberhirten, die Mönche und Nonnen ihren Gelübden. Durch den erhabenen Akt, dem römischen Papst den Gehorsam aufzusagen, fiel selbstverständlich das Joch knechtischer Selbstverleugnung von Millionen, die nun wieder frei aufatmen und sich ihrer Menschenrechte erfreuen konnten; denn vom römischen Papst ging ja eben der ganze christliche Lebensorganismus aus, der während anderthalb Jahrtausenden die Menschheit wie ein Spinngewebe umfing. Die Reformation blieb freilich nicht auf ihrer Höhe. Sie machte klägliche Versuche, den entfesselten Geist wieder einzufangen und in die Botmäßigkeit ihrer Bibel, die politischen Verhältnisse in die Abhängigkeit von den Fürsten, die sozialen Verhältnisse in die Fesseln verkehrter, weil auf papistischen Ansichten beruhender altmodischer Gesetze zu bringen; allein sie erwarb sich doch unsterblichen Ruhm und den Dank künftiger Jahrhunderte dadurch, daß sie zeigte, wie verhaßt die Lehre vom Kreuz der Menschheit sei, und daß [179] sie jenen Protest gegen heilige Rechte, von dem Du vorhin sprachst, aufhob, indem sie keine Priester, keine Ordensleute mehr duldete. Denn kein Mensch will seiner Natur gehorchen, keiner arm sein, keiner den irdischen Freuden entsagen, und was der vernünftige Mensch nicht will, das soll er auch nicht.«

»Wenn er nun aber dennoch will,« entgegnete Hyazinth gelassen.

»So darf er nicht!« rief Florentin.

»Das wollte ich eben hören!« sagte Hyazinth ruhig. »Euerer Beglückungstheorie hat man zu gehorchen: dann ist man glücklich, und Euerer Despotie in Durchführung Euerer Ideen sich zu fügen: dann ist man frei. Die Sprache kennt man, mein Florentin. Deine hochgepriesenen Reformatoren in Deutschland und England führten sie auf dem Gebiete des Glaubens und sagten: Glaubt an uns; das ist der wahre Glaube. Deren Nachfolger, die Revolutionsmänner in England zuerst und dann in Frankreich, sagten auf dem politischen Gebiet: Nehmet unsere Ideen an; das ist Freiheit. Und wehe denen, welche es wagten, der neuen Glaubenslehre und den neuen Freiheitsansichten nicht beizustimmen! ihr Ungehorsam wurde mit Verbannung, gewaltsamer Unterdrückung, Martertum und Tod von denjenigen gestraft, welche den Ungehorsam gegen die Anstalt Gottes, die heilige Kirche, hohe Tugend nannten. Das haben wir gelernt in den drei Jahrhunderten, auf welche Du pochst, und welche in unserem Jahrhunderte nach der Vervollständigung trachten, die eine Revolution in den sozialen Verhältnissen, den kirchlichen und politischen Revolutionen geben würde. Wehe denen, die Euerem Joch verfallen! Ihr macht aus Eueren Ideen [180] ein Bett des Procrustes, in welches Ihr die Menschheit hineinzwängen wollt und sie zu diesem Zweck verrenkt und verstümmelt, und dann nennt Ihr diese kläglichen und unvollständigen Gebilde Ideale von Schönheit und Würde, weil sie in Eure Schablonen passen. Aber eben deshalb fehlt ihnen in Wirklichkeit beides, denn Ihr gönnt ihnen keine Selbständigkeit, um zu lieben, und keine Freiheit, um zu gehorchen, da doch die ganze Schönheit der Menschenseele in ihrer Liebe, und ihre ganze Würde im Gehorsam liegt.«

»Was die Liebe betrifft,« entgegnete Florentin, »so geben die Prinzipien des Sozialismus ihr einen ganz ungeheuren Spielraum.«

»Keineswegs! sie verflachen und verflüchtigen die Liebe in die Weite und Breite und berauben sie ihres ewigen Quelles und ewigen Gegenstandes – Gottes. Ohne Kalvarienberg gibt es keine wahre Liebe.«

»Und was den Gehorsam betrifft, so ist der nach den Prinzipien des Sozialismus für das Individuum durchaus überflüssig, indem der Staat, d.h. die gesamte Vergesellschaftung, alle Verhältnisse so harmonisch ordnet, daß jeder einzelne in seiner Berechtigung geschützt ist, niemand beeinträchtigen kann und von niemand beeinträchtigt wird.«

»Das muß eine Art von idealischem Zuchthaus werden, und die gesamte Vergesellschaftung muß darin an Ketten liegen, jeder auf seinem Fleck, denn sonst sehe ich nicht ein, wie diese sämtlichen Gleichberechtigten mit einander Friede halten werden,« sagte Orest.«

»Das ist ganz in der Ordnung,« sagte Hyazinth; »ja, es muß ein Zuchthaus werden, aber ein höchst reelles. Wer die Selbstverleugnung verachtet, [181] den Gehorsam verwirft, in der Losgebundenheit von göttlichen Gesetzen einen Fortschritt sehen will, der muß durch äußeren Zwang in Zucht und Ordnung gehalten werden und der Tyrannei eines Despoten verfallen, wie der sozialistische Staat eben ist.«

»Ihr vergeßt, daß eine nach sozialistischen Prinzipien gebildete und in deren Schulen unterrichtete Menschheit allmählig eine ganz andere, edlere sein wird, als die von heutzutage in ihrer Verdummung und ihrer Unwissenheit,« entgegnete Florentin.

»Wissen und Wollen sind aber zwei sehr verschiedene Fähigkeiten,« rief Hyazinth. »Entwickelst Du in Deiner Menschheit zuerst und zuletzt das Wissen, so ist es sehr wahrscheinlich, daß Du sie eher zu Teufeln als zu Engeln bildest; denn das Wissen nährt den Hochmut und der ist die Schoßsünde des Menschen. Unser Stammvater im Paradiese wußte sehr gut, was verboten und was geboten war; allein da die Schlange sagte, durch ein noch höheres Wissen würde er wie Gott sein: so ließ er seinen Willen für's Gute durch diese Vorspiegelung lähmen – und fiel. Und so und noch viel schlimmer wird es der Menschheit gehen, wenn man sie in den Wahn einlullt, mit dem Wissen des Guten sei dessen Ausübung gleichsam von selbst verbunden. Ein kleines Kind kann diese Behauptung Lügen strafen: es weiß recht gut, daß es nicht naschen darf, und dennoch nascht es, als ein kleiner Sklave der bösen Begierlichkeit, die dem Menschen seit der Erbsünde innewohnt und die nur durch den Willen zum Guten, d.h. durch Gehorsam aus Liebe zu Gott, überwunden werden kann. Aber Ihr leugnet einen außerweltlichen Gott und einen menschgewordenen Gottes sohn und Erlöser, der Euch die [182] Gnade erworben hat, Euren Willen im Guten zu festigen und von der Knechtschaft der bösen Begierlichkeit zu befreien. Jedoch wünscht Ihr für sehr vortreffliche und edle Menschen zu gelten, und da Ihr keinen Erlöser habt, der von Sünde befreit, so leugnet Ihr frischweg die Sündhaftigkeit des Menschen und lehrt: nur aus Unwissenheit würden Fehltritte begangen; Aufklärung! Aufklärung! dann sei die Tugend schon vorhanden.«

»Deine Barbarei übersteigt alle Begriffe!« rief Florentin mit höchster Entrüstung. »Tausendfache Erfahrung hat bewiesen, daß die schwersten Verbrechen von Menschen begangen wurden, die in krasser Unwissenheit und ohne Erziehung aufwuchsen.«

»Das ist etwas ganz anderes,« erwiderte Hyazinth. »Wir hatten bei Deinen Bildungsplänen die ganze Menschheit, nicht einzelne Verbrecher im Auge, deren Missetaten allerdings oft aus trauriger Unwissenheit hervorgehen, indem sie nichts wissen von den göttlichen Lehren des Christentums und daher keiner Entwickelung sittlicher Kraft gegen ihre bösen Begierden fähig sind. Das Leben im Glauben aber und nicht das Wissen vom Glauben, gibt jene Kraft und sie äußert sich durch Gehorsam gegen die Glaubenslehre. Bildest Du Deine Menschheit außerhalb jenes Lebens, so wird sie mit all' ihrem Wissen vom Glauben und von sonstigen hohen und tiefen Dingen an sittlicher Kraft, d.h. an Widerstandskraft gegen die böse Begier, so arm sein, daß sie sich blind von ihren Leidenschaften beherrschen läßt und durch dieselben in Eueren Zuchthausstaat hineintaumelt, für den sie reif ist, weil sie verschmäht, folgsam in der Freiheit des Christentums zu leben.«

[183] »Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei,« sagte auf einmal mit ihrer sanften Stimme Regina, die in der Tiefe einer Fensternische mit ihrem Stickrahmen wie in einer kleinen Zelle saß.

»Was sagst Du da, Regina?« rief Uriel, sprang auf und setzte sich ihr gegenüber; »es klingt alles, was Du sagst, wie Musik, aber dies ganz besonders.«

»Es wird wohl die Ansicht irgend eines Heiligen oder eines mittelalterlichen Skribenten sein,« bemerkte Florentin wegwerfend.

»Ratet!« rief Regina lachend.

»Klingt es nicht so gewiß Schillerisch?« fragte Orest.

»Nein, nein, nein!« rief Florentin, »das ist von Unsereinem nicht zu erraten! in die Poesien der Heiligen vertiefen wir uns nicht.«

»Auch nicht in die des heiligen Göthe?« fragte Regina schalkhaft.

»Göthe?« riefen alle aus einem Munde.

»Ja, Göthe, meine Herren! Göthe in der Iphigenia, Akt. V Scene 3. Schlagt nach, wenn's Euch beliebt. Ja, Göthe, der sein Ideal einer reinen Seele in der Iphigenia aufstellt, die doch gewiß nicht vom Christentum befleckt ist, nicht wahr, Florentin? Göthe läßt sie jene Worte aussprechen: ›Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei.‹ Das gefiel mir so gut, weil es so wahr ist, daß ich es behalten habe.«

Uriel, der ein leidenschaftlicher Bewunderer Göthe's war, fragte doch etwas erstaunt:

»Regina, liest Du Göthe?«

»Onkel Levin hat mir Iphigenia und Tasso gegeben, um mir eine Idee beizubringen von der vollendeten Schönheit, deren unsere Sprache fähig ist.«

[184] »Die beiden Tragödien find' ich herzlich langweilig,« sagte Orest. »Aber der Faust, erster Teil, der gefällt mir.«

»Und mir Egmont und Götz von Berlichingen!« rief Florentin; »das sind meine Leute: Kämpfer für die Freiheit!«

»Nämlich für die Unabhängigkeit von Kaiser und Reich und von der gesetzmäßigen Regierung,« sagte Uriel.

»Gib doch den beständigen Streit mit Florentin auf«, sagte Regina leise zu Uriel. »Er setzt sich dadurch mehr und mehr im Widerspruch fest.«

»Er wirft immer zuerst den Fehdehandschuh hin,« erwiderte Uriel, »und noch dazu mit Behauptungen, die entweder ganz falsch oder verdrehte Wahrheiten sind. Er ist überfüllt von jener furchtbaren Intoleranz, die dem Geist der Lüge eigen ist, weil er weiß, daß er nur durch gewalttätige Unterdrückung der Wahrheit zur Herrschaft kommen kann. Das darf man sich nicht gefallen lassen.«

»Ach, Uriel! wie viel Intoleranz muß sich die Kirche gefallen lassen! und sie schweigt dazu, nach dem Beispiel des göttlichen Heilandes, der auch duldete durch den Lügengeist und dennoch schwieg. Was wird nur aus dem armen Florentin werden!«

»Ein Opfer des freien Denkens, womit er prahlt.«

[185]
Das Paradies und die Peri

Das Spätjahr löste den Familienkreis nach und nach auf. Hyazinth ging zuerst fort – in Seminar. Er mußte dem Grafen versprechen, daß keine falsche Scham ihn verhindern solle, den geistlichen Stand aufzugeben, wenn er denselben nicht als seinen wahren Beruf erkenne. Levin sagte in seiner schlichten Weise:

»Wandele vor Gott, bete fleißig, sei wachsam, kreuzige Dich und dann vertraue der Gnade. Denke an den 77. Psalm: ›Das Ersehnte gab ihnen der Herr. Er täuschte nicht ihr Verlangen.‹«

»Hyazinth,« sagte Uriel wehmütig, »Du magst wohl den besten Teil erwählt haben! aber folgen könnt' ich Dir nicht. Es ist gewiß eine besondere Gnade Gottes, daß nun schon so lange ein frommer Priester in unserer Familie ist, und daß, wenn dereinst Onkel Levin von uns scheidet, das heilige Opfer aus seiner Hand in die Deine übergeht.«

Orest und Florentin sprachen anders zu Hyazinth; allein die Farben, womit sie ihm die Welt ausmalten, taten seinem reinen Auge weh, und die Gründe, durch die sie ihn in der Welt zurückzuhalten suchten, waren eben die, weshalb er sie meiden wollte, und was sie ihm von Glück und Freude und Genüssen erzählten, bestärkte ihn nur in seiner [186] Überzeugung, daß darin für ihn nicht der leiseste Hauch von Befriedigung zu finden sei.

»O laßt mich gehen,« sagte er schmerzlich, »quält mich nicht. Ich weiß, daß ich den Weg zum ewigen Leben einschlage; aber ob Ihr nicht auf den Pfaden des Todes wandelt: ach, das weiß ich nicht.«

Er war wie der Heiland in der Wüste, dem die Engel dienten, nachdem der Versucher geflohen war. Regina sagte zu ihm:

»Hyazinth, Du wirst nun ein Nachfolger unseres gekreuzigten Gottes werden, und ich werde es in anderer Weise auch werden. Wir sind glücklich, wir wissen, Wen wir lieben. Aber stehe mir bei mit Deinem Gebet; denn Du bringst Dich nach Außen in Sicherheit, während ich gleichsam in eine Arena zum Kampf mit wilden Tieren hinabgestoßen werde. Mir graut vor einer Welt, an welcher Orest und Florentin hängen.«

»Der heilige Johannes Chrysostomus sagt,« antwortete Hyazinth, »eine Jungfrau, die sich Gott verlobt habe, müsse durch die Welt wie durch eine Wüste gehen, und während ihr Fuß auf Erden weile, mit ihrem Herzen im Himmel sein. Sieh', damals gab es viele gottgeweihte Jungfrauen, welche durch diese und jene Verhältnisse veranlaßt wurden, in ihren Familien zu bleiben. Auch später hast Du ähnliche Beispiele, und zwei der glänzendsten an den beiden Dominikanerinnen dritten Ordens, die heil. Katharina von Siena und die heil. Rosa von Lima, welche nie im Kloster lebten und doch die Welt mit dem Glanz ihrer Heiligkeit bestrahlten. Halte Dich zu ihnen. Dazu haben wir ja die lieben Heiligen.«

Er zog von dannen, wie ein Seliger, der den Ballast der Erde schon abgeworfen und seinen [187] Schwung zum Himmel genommen hat. Mit einer Art von Neid sah Florentin auf ihn; nicht daß er sich gesehnt hätte, wie Hyazinth zu sehen, zu denken, zu glauben, zu sein; aber er mißgönnte ihm diese klare Stille, diesen Frühlingsmorgen in der Seele, den der Glaube mit seinem Gefolge von Frieden und Liebe in ihr hervorruft. Nachdem Florentin, wie so manche junge Leute, an der Klippe schlechter Bücher und schlechter Gesellschaft einen traurigen Schiffbruch der Sittlichkeit gelitten hatte, ließ er sich leicht blenden durch philosophische Systeme und wissenschaftliche Studien, welche eine höhere Erkenntnis ewiger Grundwahrheiten zu geben versprachen, indem sie die göttliche Offenbarung als eine abgenutzte Antiquität beseitigten, die für den im Fortschritt begriffenen Menschengeist ohne Geltung sei: und warf sich mit dem Heißhunger und dem einseitigen Eifer einer zügellosen Jugend auf alle antireligiösen Schriften, an denen die Zeit so überreich war, daß sie auf jedem Gebiet des Denkens, in jedem Fach des Wissens wucherten. Sie entsprachen den bösen Instinkten, die sich in ihm, wie in jeder Menschenbrust regten, indem sie, die Abhängigkeit des Geschöpfes vom Schöpfer nicht anerkennend, dem Hochmut und der Ichsucht schmeichelten, der Genußgier keine Schranken setzten, das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen maßlos steigerten, und dem Menschengeist die volle Omnipotenz zusprachen, welche sie dem Schöpfer und Regierer des Alls absprachen, so daß jedes Individuum sich selbst, als seinen Gott, anbeten durfte. Weil dies Zugeständnis aber für manche, in denen auch edle Instinkte sich regten, abstoßend gewesen wäre, so wurde die Vergötterung des Ich's verschleiert durch die Vergötterung der Ideen. Die [188] Freiheit, der Fortschritt, die Gleichberechtigung aller Menschen, wozu natürlich auch die Emanzipation der Frauen gehörte, waren die Stichworte, bei denen man in Begeisterung verfiel, waren die Ideen, welche das Individuum, oder die Kotterie, oder die Partei, nicht im Zusammenhang mit der ewigen Wahrheit, sondern subjektiv erfaßt und gedeutet, vergötterte. Diese Ideen sollten in der Seele und in dem Leben und Streben des Menschen denjenigen Platz einnehmen, den bei dem Gläubigen Gott einnimmt; man sollte sich selbst und andere nach ihnen bilden und für sie hinopfern. So spann man sich in die Selbsttäuschung ein, außerordentlich unegoistisch zu sein, während man in der Tat das liebe Ich im Maskenkleid der subjektiven Idee anbetete, wohlweislich die Vorsicht gebrauchend, die subjektive Auffassung immer als die einzig richtige und allgemein anerkannte darzustellen. Daß in Folge einer solchen Verfälschung der inneren Entwickelung des Geistes, seines Strebens und seines Zieles, Unwahrheit, Verwirrung und Unruhe in ihm herrschen, kann nicht befremden. Gott hat den Menschengeist geschaffen für die Offenbarung und hat die Offenbarung gegeben für den Menschengeist. Es besteht zwischen beiden eine übernatürliche, geheimnisvolle und doch ganz wahrhafte Verbindung, wie sie in der Natur zwischen dem Sonnenstrahl und der Blume besteht, die, vom Licht entfernt, farblos bleibt. Außerhalb seines Sonnenstrahls, der aus der Offenbarung auf ihn fällt und den Glauben in ihm weckt, bleibt der Menschengeist verkrüppelt. Er fühlt es, aber er will es nicht eingestehen; er sucht vielmehr nach anderen Sonnen, nach anderem Licht, und irrt [189] dabei immer weiter und weiter von dem Quell alles Lichtes ab und versinkt immer tiefer und tiefer in jammervolle Finsternis und in unstillbaren Unfrieden. Ein Zeichen dieses inneren Unfriedens ist es, daß der Glaubenslose den Gläubigen nicht neben sich, nicht einmal auf der Welt dulden will. Er hat das gemein mit dem Laster, welches auch gern die Tugend vertilgen möchte, die ihm ein Dorn im Auge ist. Daher der Grimm des Unglaubens gegen das positive Christentum, das sich am Bestimmtesten in der katholischen Kirche ausdrückt; daher sein Haß gegen ihre Institutionen; daher die Verachtung, mit welcher er sie in ruhigen Zeiten zu ignorieren – daher die Wut, womit er sie in gährenden und aufgeregten zu vernichten sucht. Das alles wogte durch Florentins Seele. Er hatte mit dem Glauben auch die Liebe verloren. Er wußte nichts von Dankbarkeit gegen den Grafen, der ihn, den armen, gequälten, vernachlässigten Fischerbuben, zum Kind seines Hauses gemacht hatte; nichts von Anhänglichkeit an die jungen Leute, mit denen er als ein Bruder aufgewachsen war. Wie ein erstarrender Nachtfrost hatte sich der Unglaube über alle Blütenknospen seines Gemütslebens gelegt. Der Glaube verbindet tausend Herzen in der Liebe zu Gott; der Unglaube trennt sich von Gott und vereinzelt somit Tausende, die wie vermauert in ihrem Ich stecken bleiben. Ich bin ja doch kein Windecker, sagte Florentin bisweilen zu sich selbst; gehöre ja doch nicht ihrer Kaste an; bin nicht gleichberechtigt, weder in ihren Augen, noch in denen der Welt; habe nicht ihre Traditionen: deshalb muß ich meinen eigenen Weg gehen. Im Herzen beneidete er sie alle: Uriel um die Hoffnung auf Regina's Hand; Orest um die Aussicht auf Stamberg; [190] Hyazinth um seinen stillen Frieden. Oftmals dachte er heimlich, diese drei Dinge müßten eigentlich ihm gehören, und wenn er nur Regina und Stamberg besäße, würde sich der Friede wohl von selbst finden. So unersättlich ist der Egoismus! und so wenig berücksichtigte Florentin, daß Hyazinth's Frieden auf Entsagung beruhe und nicht auf Besitz. Von all' den Hoffnungen, welche die gute Gräfin Kunigunde an Florentin geknüpft hatte, war noch keine in Erfüllung gegangen.

Der Graf glaubte nicht, daß es Florentin ernst sei mit seinen sozialistischen Tendenzen. Überhaupt hielten ja damals sehr viele diese Richtung für eine solche, welche rein theoretischer Art sei und nur den Anspruch mache, geschrieben, allenfalls gelesen, höchstens besprochen, doch nimmermehr gelebt zu werden; er hielt sie eben für unmöglich, was sie freilich hinsichtlich der Durchführung, doch gewiß nicht hinsichtlich eines Versuches sein mag. So hielten im vorigen Jahrhundert auch sehr viele, welche sich ungemein an den Vorspielen der Revolution in Schriften und Reden erfreuten und belustigten, deren Richtung auf die Guillotine für unmöglich. Der Graf glaubte, Florentins irreligiöse und sonstige etwas blasphematorische Ansichten wären nur eine Art von Reaktion gegen die gar zu fromme Erziehung, die Kunigunde ihm, wie allen Kindern gegeben habe, und jene mache sich Luft, indem sie in den Gegensatz umschlage. Er sagte ihm zum Abschied, als Florentin zur Vollendung seiner Studien nach Würzburg ging:

»Klammere Dich nur nicht allzu fest an Deinen Kommunismus und Republikanismus. Mit den Studentenjahren müssen alle Überschwänglichkeiten aufhören; denn da hört die Nachsicht auf, die man [191] mit der erfahrungslosen, hitzköpfigen Jugend hat. Ich verlange wahrhaftig keine Bigotterie von Dir; allein Du mußt Dich hüten, in ein entgegengesetztes und wahrhaft indezentes Extrem zu verfallen.«

Florentin versicherte dagegen, er sei äußerst gemäßigt, wie sich das ja von selbst verstehe für eine Richtung, die kein anderes Ziel noch Streben habe, als wahre Humanität. Der Graf erwiderte:

»Schon recht! Aber die Mittel, durch welche Du Deine wahre Humanität zu verbreiten suchst, scheinen mir nicht eben gemäßigt, sondern etwas inhuman zu sein. Revolutionäre Querköpfe machen nirgends Glück, als in Revolutionen, und die können wir nicht brauchen.«

Regina gab an Florentin ein ganz kleines Büchlein in violettem Ledereinband und sagte:

»Lieber Florentin, wenn Sie einmal mit all' Ihren Weltverbesserungsprojekten gründlichen Schiffbruch gemacht haben: dann wird dies kleine Buch Ihnen zeigen, wohin und wie Sie sich retten können.«

»Sie nehmen also meinen Schiffbruch für eine ausgemachte Sache an?« fragte er beleidigt.

»Ich hoffe darauf,« entgegnete sie liebreich. »Ich hoffe, daß das lecke Schiff ohne Steuerruder und ohne Kompaß, mit dem Sie sich in's Lebensmeer hinauswagen wollen, sich recht bald in seiner Untauglichkeit ausweisen möge. Dann werden Sie sich flüchten in die rettende Arche, und besseres kann ich Ihnen nicht wünschen.«

»Ah, die Nachfolge Christi!« sagte Florentin, das Büchlein aufschlagend; »ich nehme es zum Andenken an ihren Fanatismus, Regina.«

»Nehmen Sie es nur, Florentin,« entgegnete [192] sie mild; »es war das Lieblingsbuch der lieben Mutter.«

Da führte er es hastig an seine Lippen und drückte einen Kuß darauf. Dann reiste er ab. So lange er auf Windeck gewesen war, hatte er nicht ein einziges Mal seine Stiefmutter und Stiefgeschwister besucht. Er vergaß nie die schlechte Behandlung, die er in seiner Kindheit von ihr erfahren hatte; und vergaß gänzlich, daß gerade dies ein Hauptgrund war, der ihn zum Pflegesohn der Gräfin Kunigunde machte.

Orest wollte nun auch fort. »Aber,« sagte er, »Soldat im Kriege, oder Soldat in der Garnison zu sein, ist ein famoser Unterschied. Der Krieg versüßt alles, auch die Subordination, die strenge Disziplin, das stramme Kommandieren und Exerzieren, was in unseren philiströsen Zeiten äußerst lästig sein mag. Schade, daß der Sonderbundkrieg zu Ende ist. Ich hätte ihn als Volontär mit machen und zum General Salis gehen sollen! Es war hier aber ein recht lustiges Leben, und darüber hab' ich's versäumt.«

»Läßt Du Dich denn von gar nichts anderem bestimmen, als von einem lustigen Leben!« rief Uriel ungeduldig.

»Weshalb sollte ich das?« fragte Orest so unbefangen, als habe er nie von einer anderen Richtschnur gehört.

»Ich bitte doch recht sehr,« sagte der Graf, »daß Du einen bestimmten Beruf wählst und ergreifst, damit Du nicht mit Deinem Hange zum lustigen Leben ein charmanter Vagabunde wirst.«

»Ich – ein Vagabunde! Aber Papachen, woran denkst Du! ich bin ja der unermüdlich tätigste[193] Mensch unter der Sonne!« rief Orest. »Sieh', jetzt denk' ich nach Westfalen und nach Mecklenburg zu Parforcejagden zu gehen, zu denen ich schon im vorigen Jahre eingeladen war. Nein! ein tüchtiger Reiter und Jäger gehört zu den respektabelsten Menschen auf Erden, ist mutig, ausdauernd, rührig, abgehärtet. Sind das nicht herrliche männliche Tugenden? Besitzt sie ein Vagabunde? In England würde ich vielleicht einen Sitz im Parlament erreiten und erjagen. Ich – ein Parlaments-Mitglied! Ich – ein Lord vom Wollsack! Was verlangst Du mehr? Ist es meine Schuld, daß Deutschland nicht so vernünftig wie Old-England ist? Wärest Du meinesgleichen, so müßten wir uns schießen, Papachen, über dem Taschentuch schießen; jetzt bleibt mir nichts übrig, als Dir zu verzeihen.«

»Du bist ganz wie Dein Vater!« sagte der Graf lachend; »der machte auch immer Spaß, und wollte man darüber ärgerlich werden, so spaßte er so lange, bis man über ihn und mit ihm lachen mußte. Also amüsiere Dich auf Deinen Fuchsjagden, Du hochherziger Nimrod, und brich Dir nicht den Hals dabei.«

So war denn nur Uriel noch auf Windeck, und der Graf wollte, daß er bliebe, bis die ganze Familie nach Frankfurt ginge. Regina sollte sich durchaus an den Gedanken gewöhnen, mit Uriel verbunden zu sein und zu bleiben. Sie änderte ihr Benehmen in keiner Weise; sie war, was sie sein wollte: eine Braut Christi. Sie legte diese unüberwindliche Entschiedenheit gegen Uriel immer an den Tag, um keine falsche Hoffnung in ihm zu wecken; gegen ihren Vater aber nie, weil es ihn erbittert hätte und weil sie ja seine Zusage hatte, nach zehn Jahren sie ziehen zu lassen. Widerstand [194] und Ungewißheit löschen zuweilen eine Neigung aus und zuweilen entzünden sie dieselbe zur Leidenschaft; das Letztere geschah bei Uriel. Regina war für ihn der Inbegriff menschlicher Vollkommenheit; dieser Adel der Seele, diese Lauterkeit des Herzens, verbunden mit so viel Schönheit, Anmut und Geist, mit solcher Grazie und Güte, forderten ja recht zur Liebe auf. Wer würde ein so herrliches Geschöpf Gottes nicht lieben? fragte er oft heimlich sich selbst. Und daß sie diesen hohen Schwung des Gefühls und dabei diesen großartigen, opferfreudigen Willen hatte, um über alles Irdische hinweg zu sehen und zu gehen – ach! wie gefiel ihm das! wie begeisterte ihn das für sie! wie trieb das auch ihn an, den Dingen der Erde nicht den ungemessenen Wert beizulegen, den die Welt ihnen leiht. Aber daß Regina's Besitz zu den Dingen der Erde gehörte, das wollte ihm nicht einleuchten. Majorat, Vermögen, Karriere erschienen ihm nichtig, keines Wunsches und keiner Anstrengung würdig, ohne Einfluß auf sein Glück; doch Regina's Herz zu gewinnen war ein Streben, welches die edelsten Kräfte seines Wesens anregte; Regina – Sein zu nennen, war eine unerhörte Befriedigung dieses Strebens, denn er hätte sie ja Gott abgerungen; mehr noch, er hätte ja den Sieg über Gott in ihrem Herzen davon getragen. So sang ihm die Leidenschaft ihre bezaubernden Sirenenlieder vor. Der Gedanke an einen irdischen Nebenbuhler hätte ihn gründlich durchkältet und auch den leisesten Wunsch unterdrückt, ein Herz zu besitzen, das sich zu einem Anderen neigte; denn Liebe – ist exklusiv. Aber der Gedanke an den göttlichen Rival gab ihm Glut und Mut, und geadelt fühlte sich seine Liebe, weil sie gegen Himmlisches in die Schranken trat. Der [195] Graf freute sich über diese Gesinnung Uriels; Levin warnte ihn sanft.

»Wenn ich Dich um etwas bitten dürfte, lieber Uriel, so wär' es dies: lasse Dich zur Gesandtschaft nach Wien, nach Rom, nach Paris oder wohin sonst Du Lust hast, schicken; nur nicht nach Frankfurt. Du verbitterst Dir das Leben, und die Wellen werden Dir so hoch an's Herz gehen, daß Du bald Deine Lage unaushaltbar finden wirst. Du rechnest unbedingt auf einen günstigen Ausgang Deiner Wünsche; ist er nun aber ungünstig, was dann?«

»Was dann?« sagte Uriel befremdet. »Bester Onkel, was nach meinem Tode geschehen wird, das weiß ich nicht. Ich behaupte nicht, daß ich ohne Regina leiblicherweise sterbe, aber mein Herz stirbt, das ist gewiß.«

»Möge es in Gott aufleben,« sagte der milde Greis, der wohl einsah, daß mit der Leidenschaft nicht ruhig zu überlegen ist.

Regina trennte sich mit schwerem Herzen von Windeck und von Onkel Levin, der, wie der Schutzgeist des Hauses, unzertrennlich vom Schloß und der Kapelle war.

»Ich bin eine Art von Schnecke geworden, die mit ihrem Hause verwachsen ist,« sagte er freundlich ablehnend, als alle, vom Grafen an bis auf Corona, in ihn drangen, nicht so ganz allein auf Windeck zu bleiben. »Hier ist mein Standquartier, mein Wachposten, gleichviel ob es hier einsam oder gesellig hergehe. Überdas würde ich in der Stadt gar nichts von Euch allen haben: Uriel soll diplomatisieren, Regina sich amüsieren, Corona studieren; der Papa und die Tante müssen ein Haus machen und alle Sorgen des Lebens in der Gesellschaft [196] auf sich nehmen; was sollte Onkel Levin, der alte Nichtstuer, mitten in Eurer großartigen Geschäftigkeit anfangen? Nein! er bleibt hier, in seinem Geleise, wie es sich für alte Leute schickt.«

»Und tut alles Gute, wofür wir keine Zeit haben,« ergänzte die Baronin Isabelle.

Dabei blieb es. – –

– – – – – – – – – – – – –

Der November mit seinen Stürmen und seinem ersten Schnee hatten auch Judith und ihre Mutter aus dem Gartenhause in die Stadt getrieben. Ernest kam eines Morgens strahlenden Angesichts zu ihr und sagte:

»Fräulein Judith, ich male jetzt ein Bild, wodurch man versöhnt wird mit der Porträtmalerei! Ich male zwei Schwestern, Töchter des Grafen Windeck, Mädchen von zwölf und von siebenzehn Jahren, die anziehendsten Physiognomien, die ich seit langer Zeit sah. Stellen Sie sich vor die Gestalt einer Hebe und den Kopf einer Heiligen, das ist die Älteste. Die Kleine aber sieht so romantisch interessant aus, als ob etwas von einer Mignon, von einer Ophelia in ihr stecke. Ich hatte beide seit ein paar Tagen in der Siebenuhrmesse im Dom bemerkt. Ganz einfach gekleidet, in große Schäferplaids verhüllt und mit schwarzen Samthüten, kamen sie zu Fuß, auch bei dem schlechtesten Wetter, mit einer Begleiterin, Gouvernante, Kammerfrau, was weiß ich! und einem Livrediener. Ich traute meinen Augen nicht, als ich zum erstenmal sah, daß sich diese großmächtige Figur im mauerfarbenen langen Rock hinter ihnen aufpflanzte; denn Sie müssen wissen, Fräulein Judith, Damen mit Livreedienern sind quasi Phönixe in der Siebenuhrmesse! Und diese beteten mit einer Andacht, [197] mit einer Sammlung, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich zu regen und zu bewegen, immer auf den Knien, immer so tief geneigt, wie anbetende Engel, daß ich vom bloßen Anblick teilweise ganz andächtig, teilweise ganz zerstreut wurde. Wüßten die Frauen, wie schön ihnen die Andacht steht, sie würden alle fromm werden wollen! Einstweilen vertrauen sie mehr der Schönheit, welche das Modejournal, als der, welche das Gebetbuch gibt. Vorgestern nun kommt ein Graf Windeck zu mir und bittet mich, seine Töchter zu malen. Ahnungslos sag' ich ja; sie möchten nur kommen. Und wer tritt gestern in mein Atelier? meine Beterinnen. Sie wissen, Fräulein Judith, wie es in meinem Atelier aussieht: konfus genug! Kann nicht anders sein. Dazu war gestern ein extraordinär trüber Tag. Nun, ich sage Ihnen, als sie eintraten, glitt gleichsam ein Sonnenstrahl mit hinein und machte alles ganz licht und klar. Die Kleine war rosenfarben gekleidet; die Älteste weiß, und sie trug in der Hand einen Kranz von Scabiosen. Plötzlich setzt sie sich diesen Kranz auf und sagt, so wünsche es der Vater. Können Sie sich eine Vorstellung von meinem grenzenlosen Erstaunen machen?«

»Nein, ganz und gar nicht,« sagte Judith. »Die Scabiose ist freilich keine schöne Blume.«

»Fräulein Judith! unter tausend Frauen, die eines Spiegels mächtig sind, setzen sich neunhundert neunundneunzig ihre Schlafhaube mit mehr Feierlichkeit auf, wie dies schöne Mädchen den Blumenkranz, mit welchem ihre Schönheit verewigt werden soll! O Gott! das ist ein ganz großartiger Seelenzug!«

»Alle Welt spricht von dieser Komtesse Windeck,« [198] sagte Judith mit ihrem Anflug von kaltem Hochmut. »Sehr schön und sehr reich, das ist ja Grund genug, um die Welt zu elektrisieren. Gestern auf dem Diner bei der Mama war viel von ihr die Rede und ein paar Herren schienen sehr zu bedauern, daß sie mit ihrem Vetter verlobt sei. Ich meinesteils kann mir eine deutsche Komtesse gar nicht anders denken, als langweilig und sentimental, so gewiß veilchenblau, halb duftig, halb fade.«

»Ich bin leider zu wenig bewandert unter den deutschen Komtessen,« sagte Ernest lachend, »um über die Richtigkeit dieses Charakterkolorits urteilen zu können. Indessen glaub' ich doch, daß Regina von Windeck sich Ihres Beifalls erfreuen wird. Nach Weihnachten beginnt ja das Leben in der Gesellschaft; dann werden Sie meinen Phönix kennen lernen.«

»Leider muß ich in die Welt gehen, da meine Eltern es durchaus verlangen,« sagte Judith. »Es sollte mich recht freuen, wenn ich jemand in dem tumultuarischen Wirrwarr fände, der mir gefiele.«

»Nun, nun! es gibt ja doch gar manche angenehme, gute und kluge Leute in der Welt! man muß nicht gar zu übergewaltige Ideale haben,« sagte Ernest gutmütig und munter.

»Sie sind freilich mit allen Menschen zufrieden; das hab' ich schon bemerkt,« erwiderte Judith.

»Bis auf einen gewissen Punkt – ja! sie sind alle geschaffen, wie ich, nach dem Ebenbilde Gottes, und die Nächstenliebe lehrt mich, bei allen anzunehmen, daß sie, wie ich, sich bestreben, dies göttliche Ebenbild, welches jeder von uns durch seine Sünden so sehr verwischt hat, nach Kräften wieder [199] in sich herzustellen. Eine fix und fertige Vollkommenheit suche ich aber nicht hienieden.«

»Es gibt aber böse Menschen, bei denen Sie jenes Bestreben unmöglich annehmen können. Was halten Sie von denen?«

»Das lehrt mich der heilige Augustinus, welcher sagt: Glaubet nicht, daß die Bösen so umsonst auf der Welt seien, und daß Gott nichts Gutes durch sie wirke! Jeder Böse lebt, entweder damit er gebessert, oder damit der Fromme durch ihn geprüft werde.« Sehen Sie! ich muß also für ihn hoffen und für ihn beten, damit sich die Hoffnung erfülle; und daraus wird denn in meinem Herzen ein Etwas, das im verkleinerten Maßstab der Liebe nicht unähnlich ist, welche Gott für uns arme Sünder hat. Die Bösen werden mir also ganz unabsichtlich zum Mittel, das göttliche Ebenbild in mir herzustellen.«

»Ich hasse sie, besonders wenn sie mich kränken,« sagte Judith.

»Das begreift sich,« sagte Ernest kalt.

»Warum sehen wir denn aber die Menschen so ungeheuer verschieden an? das kann ich ganz und gar nicht begreifen,« sagte Judith sinnend.

»Weil ich an den menschgewordenen und gekreuzigten Gottessohn glaube,« erwiderte Ernest; »Sie aber nicht.«

»Und da halten Sie sich denn für unendlich viel edler und besser als mich?« fragte sie schneidend.

»Fräulein Judith!« entgegnete Ernest liebreich, »wofür ich mich selbst halte, das sag' ich unter vier Augen dem lieben Gott, der zu dem Zweck der Selbsterkenntnis eine heilsame und gnadenvolle Anstalt in seiner Kirche angeordnet hat, welche das Sakrament der Buße heißt; aber ob ich berechtigt [200] bin, meinen Glauben für edler und besser zu halten, als Ihren Glauben – oder Unglauben: das werden Sie sich allein beantworten können.«

Judith konnte es gar nicht lassen, ernste Gespräche mit Ernest anzuknüpfen, denn trotz ihrer Jugend hatte sie eine Kraft in ihrem Charakter, die es ihr unmöglich machte, auf der Oberfläche des Lebens ihr Genügen zu finden; diese Richtung war eine Reaktion gegen die unsägliche Oberflächlichkeit, welche sie umgab. Aber ebenso wenig konnte sie es unterlassen, sich zuweilen so scharf und herb gegen Ernest auszusprechen, als ob sie ihn geflissentlich verletzen wolle; denn Kraft des Charakters ist noch lange nicht Adel der Seele. Die tiefe Kluft, die zwischen einer natürlichen guten Anlage und einer Tugend liegt, trennt sie, und Judith, die mit Stolz auf ihrer selbstbewußten Kraft ruhte, fühlte instinktmäßig, daß ihr in Ernest etwas Edleres und Höheres entgegentrete, was sie nicht anerkennen wollte und deshalb gering zu schätzen suchte. Sie ertappte ihn aber nie auf der leisesten Bitterkeit oder Verstimmung, wenn sie ihm herbe widersprach, und das mußte sie denn wieder sehr bewundern. Denn, sprach sie oft heimlich zu sich selbst, ich bin auch entschieden, aber hart und schneidend, und er ist mild bei der größten Entschiedenheit. – –

– – – – – – – – – – – – – –

Auf einem Ball bei dem österreichischen Gesandten sollte Regina zum erstenmal in der großen Welt erscheinen. Sie hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß es für die nächste Zeit ihre Bestimmung sei, in der Gesellschaft zu leben und sie unterzog sich dieser Pflicht, wie jeder anderen, mit lieblicher Bereitwilligkeit. Aber ihr inneres Leben [201] ließ sie sich nicht antasten und ihre frommen Gewohnheiten behielt sie bei. Sie hatte den Grafen gebeten, sie jeden Morgen zur Messe nach dem Dom fahren zu lassen.

»Warum nicht gar!« erwiderte er; »Sonntag genügt.«

Sie ließ sich auf keine Bitten und Erörterungen ein; aber sie sagte der Baronin Isabelle, daß sie täglich in den Dom gehen werde, und zwar früh genug, um hernach vollkommen angekleidet beim Frühstück zu erscheinen, wie der Graf es liebte. Die Baronin war eine ängstliche Seele, die es weder mit dem lieben Gott noch mit den Menschen verderben wollte, wobei denn freilich jener häufiger zu kurz kam, als diese. Sie warnte denn auch jetzt Regina vor dem Zorne des Grafen.

»Ach,« sagte Regina, »der gute Vater ist ja gar nicht so leicht erzürnt. Er hat mir auch nichts verboten; nur will er seine Pferde schonen, wie das nun einmal die Art der Herren ist. Ich gehe auch viel lieber.«

»Aber Du wirst Dich erkälten,« sagte die Baronin.

»Abhärten werd' ich mich, liebe Tante, und das ist mir recht notwendig, denn die Karmelitessen stehen nachts zum Chorgebete auf.«

»Das wäre ein Grund mehr, Dich zurückzuhalten,« seufzte die Baronin und Corona rief, die Schwester zärtlich umschlingend:

»O, das fatale Kloster! dahin gehe ich gewiß nicht mit Dir! aber außerdem .... bis an's Ende der Welt und folglich auch alle Tage in den Dom.«

Der Graf erfuhr keine Silbe von dem Morgengang seiner Töchter. Er fragte nicht weiter, und [202] obwohl alle im Hause darum wußten, hatte doch niemand das Herz, Regina zu verraten.

Am Ballabend klopfte Uriel an die Türe der jungen Mädchen. Corona steckte den Kopf heraus, und er sagte:

»Der Papa schickt mich zu Regina.«

»Du kannst sie nicht sprechen,« antwortete sie leise.

»Nun, so sage ihr, daß sie sich mit der Toilette nicht zu übereilen brauche; der Papa macht noch erst ein paar Besuche.«

»O, sie ist angekleidet, und wunderschön!« flüsterte Corona.

»Dann darf ich ihr selbst meinen Auftrag ausrichten,« sagte Uriel und wollte in's Zimmer treten.

»Nein, nein, Uriel! sie will nicht gestört sein!« rief Corona, immer mit halber Stimme und stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Türe, um den Eingang zu verteidigen. »Sie fürchtet nach der Rückkehr vom Ball zu müde zu sein, um den Rosenkranz aufmerksam beten zu können und deshalb tut sie es jetzt.«

»Im vollen Ballanzug?« fragte er.

»Und in einem allerliebsten!« sagte sie triumphierend.

Mit einer raschen Bewegung drehte Uriel ganz sanft Corona zur Seite und trat ins Zimmer; es war leer. Als sich Corona besiegt sah, legte sie einen Finger auf die Lippen und deutete mit der anderen Hand auf eine Seitentür, die nur durch Vorhänge geschlossen war. Der Fußteppich machte jeden Schritt unhörbar. Aber Uriel schlug den Vorhang nicht zurück. Er blieb diesseits desselben stehen, denn er wollte nichts, als Regina sehen, [203] und da die Vorhänge nicht fest schlossen, so sah er sie durch deren Spalte gerade vor sich im Profil. Eine Muttergottesstatuette stand unter einem Bogen von Lilien auf einer Konsole an der Wand. Regina kniete vor ihr auf einem Betstuhl, die Arme auf dessen Lehne gestützt, in den zusammengelegten Händen die zierliche Perlenschnur eines Rosenkranzes von Onyx haltend, den Kopf und das Auge. aufwärts gehoben. Ihr rosenfarbenes Florkleid wellte sich wie ein Frühlingsmorgengewölk um ihre schlanke Gestalt. Einige blaßrote Teerosen hingen leicht in ihrem Haar, das ganz einfach mit zwei großen goldenen Nadeln aufgesteckt war, deren Knopf ächte Perlen verzierten. Übrigens trug sie keinen Schmuck, nicht einmal ein Armband. Ein Strauß von frischduftenden Teerosen und ihre Handschuhe lagen neben ihr; sie war also ganz bereit zum Ball, aber ihre Gedanken wendeten sich nicht ihm zu! die gingen auf anderen Wegen, als auf dem Parkett eines Tanzsaales, und hörten andere Melodien, als die eines Galopps, und sahen andere Gestalten, als ballmäßig geschmückte Elegants. Ebenso regungslos wie Regina auf den Knien lag, stand Uriel hinter dem Vorhang, der sich, wie die Schranke der Irdischkeit über eine himmlische Vision, herabsenkte und ihm nur gerade einen Durchblick gönnte, um sie wahrzunehmen. Und als er so dastand und auf dies holdselige Wesen schaute, das ihm verlobt von der Wiege an und jetzt auf's neue zugesagt und durch alle Wünsche und alle Verhältnisse mit ihm verkettet war: da wurde ihm das Herz und schwer immer schwerer, und der namenlose Schmerz stieg in ihm auf, der sich im Innersten seiner Seele entwickelt, wenn sie durch die Macht der Leidenschaft gleichsam [204] als Hellseherin in die Zukunft ihrer Liebe schaut und dort, trotz aller Gunst der Verhältnisse, ihre Hoffnungen unerfüllt sieht. Solche Ahnungen oder Warnungen fliegen an das Menschenherz, wie Möven an die Küste: der Himmel lächelt, die Sonne strahlt, das blaue Meer wogt goldbeflittert vom Sonnenschein in weichen, verrieselnden Wellen; aber der Schiffer weiß, es gibt Sturm, denn von der hohen See kommen die Möven. Traurig mit seinem ahnungsvollen Herzen stand Uriel da. Er konnte sich der Stimme nicht erwehren, die in seiner Brust ihm zuflüsterte, diese Blume im Garten Gottes blühe nicht für einen Sterblichen. Auch er vergaß den Ball und die Welt und die Zeit, und seufzte still mit einem Anflug von zärtlicher Resignation: ›Du mystische Rose – bitte für mich.‹ Da veränderte Regina ihre Stellung, machte das Kreuzzeichen und begann halblaut die herrliche Antiphone ›Salve Regina‹, dies Sehnsuchtslied der Verbannten nach der himmlischen Heimat. Leise trat Uriel zurück und entwich aus dem Zimmer.

Nach einiger Zeit kam sie in den Salon, wo die Baronin, Uriel und der Graf, der seine Besuche abgemacht hatte, beisammen saßen. In des Grafen Gegenwart fühlte sich Uriel beschützt in seinem Recht und seiner Neigung, Regina nicht bloß stillschweigend anzubeten. Er sprang freudig auf, ihr entgegen, beugte ein Knie vor ihr und rief:

»Salve Regina

»Wo wäre mein Szepter?« fragte sie und drohte scherzend mit dem Finger.

»Dein Finger ist's!« sagte er und küßte schnell die Spitze dieses zierlichen Fingers.

Sie antwortete nichts; sie zog nur ihre Handschuhe an.

[205] »Regina,« sagte der Graf, »Du bist aber über allemaßen hochfahrend! Da liegt ein liebenswürdiger Sterblicher vor Dir auf den Knien und Du reichst ihm nicht einmal Deine Hand, damit er aufstehe.«

»Warum sollte ich das, lieber Vater?« entgegnete sie lachend; »Uriel hat sich ja zu seinem Vergnügen in diese höchst malerische Stellung geworfen; ich würde es für ein Verbrechen halten, ihn darin zu stören.«

»Wärest Du nicht ein Engel, Regina,« sagte Uriel, »so hättest Du, glaub' ich, große Anlagen zur Bosheit.«

»Frauenart!« sagte der Graf; »hinter dergleichen Bosheit steckt immer etwas Koketterie.«

»Das heißt?« fragte Regina.

»Das heißt: die Neigung in aller Gemütlichkeit möglichst vielen Männern den Kopf zu verdrehen.«

»Aber, lieber Vater, das ist ja abscheulich!« rief Regina. »Das wirst Du mir doch nicht zutrauen! – Ich bin froh, wenn mir mein eigener Kopf nicht verdreht wird.«

»Es ist auch nicht so arg, wie der Vater scherzweise sagt, Regina,« wendete die Baronin ein. »Zwei oder drei charakterisieren nicht das ganze Geschlecht.«

»Liebe Schwägerin,« erwiderte der Graf, »man sollte es wohl eigentlich nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens sagen, weil es auf den Einfall kommen könnte, die Sache auch einmal zu versuchen; aber ich habe die Überzeugung, daß jene Neigung den Frauen angeboren ist – wie die Eitelkeit.«

»Darüber will ich nicht streiten,« entgegnete sie;[206] »es mag wohl mit der Eitelkeit zusammenhängen. Allein gute und vernünftige Frauen suchen ihre natürliche Neigung zu Eitelkeiten aller Art zu beherrschen. Malen Sie die Welt nicht schwärzer, als sie ist.«

»Im Grunde kann man sie gar nicht schwarz genug malen,« sagte der Graf. »Trüge sie nicht ihr buntes Maskenkleid, das mitunter anmutig ist, man liefe davon! Überall jetzt in der Gesellschaft diese Juden! das ist unerhört. Und warum sind sie aufgenommen? Bei dem einen heißt's: er ist enorm reich; bei dem anderen: er ist ein großes Genie, ein musikalisches, ein poetisches – was weiß ich! Aber Geld und Genie haben mit dem Salonleben gar nichts zu schaffen; denn das beruht auf der Tradition von gutem Ton, und den kann man nicht kaufen und auch nicht durch Genie erwerben. Daher kommen ganz falsche Elemente in dasselbe, und es wird in die Höhe geschraubt zu wahnwitzigem Luxus und zu einer lächerlichen Vergötterung des Geistreichen, des Genialen. Warum? – um mit Juden zu rivalisieren. Die Welt ist höchst einfältig! sind solche Leute salonfähig, so werden sie auch nächstens politische Gleichberechtigung begehren und Allianzen mit unseren Familien für möglich halten, was denn freilich mit Florentins Glückseligkeitstheorien übereinstimmt, vor denen uns Gott behüte.«

»Die Juden unserer Tage kommen mir wie die Freigelassenen im alten Rom vor,« sagte Uriel. »Eben aus der Sklaverei entronnen, häufig voll Talent und Verstand, ohne Heimat, fremd im Staatsbürgertum trotz ihrer Freilassung, rächten sie sich, zum Teil unbewußt und unabsichtlich, für die Tyrannei, die auf ihren früheren Verhältnissen [207] drückte, und für die halbe Gunst, die ihnen in den neuen zu teil wurde und die ihrem erwachten Ehrgeiz nicht genügte, indem sie Zustände zu zersetzen und zu zerstören suchten, welche auf einem ihnen feindlichen Prinzip beruhten. Ihr ränkevoller Verstand, ihre Schlauheit, um tausend Mittel und Wege zum Ziel ausfindig zu machen, ihre ungezügelte Gier nach Einfluß und Genuß, ihre Talente, die sich leicht da entwickeln, wo auf die Entwicklung gediegener Vorzüge und sittlicher Tugend nicht viel Zeit und Mühe verwendet wird, warfen ein furchtbares Gewicht der Demoralisation in die sinkende Schale des alten Roms und halfen es reif machen zum Untergang vor den Barbaren. Und so kommen mir in unseren Tagen die Juden vor, diese Freigelassenen einer Civilisation, welche ihnen Rechte einräumt, ohne sie als gleichberechtigt zu betrachten und ihnen eine unvollständige Ebenbürtigkeit zuweist, die ihnen nicht zukommt, weil sie, als Nichtchristen, auch nicht verwachsen sind mit den Traditionen der christlichen Vergangenheit. Ihre Traditionen sind so, daß sie uns hassen müssen; nicht individuell, aber in unserem Prinzip. Denn wir sind die Anhänger und Nachfolger des Gottes, den sie gekreuzigt haben. Diese Kreuzigung setzen sie fort, so viel an ihnen ist, indem sie die Lehre vom Kreuze zu vernichten suchen. In der Literatur und Journalistik, in den schönen Künsten und Wissenschaften wimmelt es von Juden, die zum Teil mit Genie und Talent, zum Teil mit frecher Unwissenheit, jeder in anderer Weise, das Christentum zersetzen, verfälschen, benagen, ignorieren, verleumden, verhöhnen, mit einem Wort: das Ihre tun, um es zu beseitigen.«

»Aber wer glaubt ihnen?« fragte Regina.

[208] »Nicht als Glaubenslehrer treten sie auf,« entgegnete Uriel. »Das tief Antichristliche ihrer Weltanschauung, das sie auf ihrem Standpunkt haben müssen, kleiden sie in das blendende Gewand, welches ihr Talent webt und die große Menge, der überhaupt nichts ferner liegt, als einen christlichen Maßstab an die Erscheinungen auf dem großen Markt des Lebens zu legen, bewundert alles, was amüsant, pikant, frappant und brillant ist, kümmert sich nicht darum, ob eine objektive Wahrheit die Flamme ist, an der sich diese Lichter entzünden, sondern betrachtet sie selbst als Wahrheit, bloß deshalb, weil sie glänzen, und bildet sich allmählig zu den Ansichten und Urteilen um, die sie, hauptsächlich wegen der Darstellungsart, so sehr bewundert. Wie einst Voltaire die gröbsten Lügen und frechsten Verleumdungen mit gewandtem Wort und leichtem Witz vorbrachte, wütenden Beifall fand und den verderblichsten Einfluß übte, weil die große Menge es für eine Art von Schmach gehalten hätte, ein solches Genie nicht zu bewundern, und für eine Unmöglichkeit, daß ein solches Genie nicht Wahrheit und Recht auf seiner Seite habe: so ist es auch jetzt bei einer Menge von Voltaire's im kleinen Stil, die keineswegs lauter Juden sind, aber mit ihnen das Antichristliche gemein haben. Darauf beruht die Größe vieler Sommitäten der Gegenwart: sie sind das, was man so unmäßig überschätzt, sie sind geistreich in jener oberflächlichen Weise, welche dem Durchschnittsmaß der Menge entspricht – und weil sie es sind, läßt man sich die geistige Falschmünzerei gefallen, die sie treiben, indem sie Falsches oder Verkehrtes und Halbwahres mit dem Gepräge ihres Geistes als Wahrheit stempeln und in der Welt in Kurs setzen.«

[209] »Also überwiegt wohl gar das Antichristliche das Christliche in der Welt?« fragte Regina.

»In dem, was man im engeren Sinne die Welt nennt, ganz entschieden!« sagte Uriel; »und zwar so sehr, daß sie meint, es sei ihr Recht und das Christentum habe draußen zu sitzen in beliebigen Kirchen und Bethäusern, wo es frequentiert werden könne von unwissenden, ungebildeten, geistlosen Leuten, von Scheinheiligen und Betschwestern männlichen und weiblichen Geschlechtes. Wer seinen Fuß in einen Salon setze, müsse auf dessen Schwelle in das Antichristentum, d.h. in die Vergötterung des Irdischen verfallen und dessen Kodex zur Richtschnur wählen: also die Gesetze der Selbstsucht und der Leidenschaften befolgen, welche dem Individuum zur Entfaltung seiner Ansprüche und zum Ziel seiner Bestrebungen verhelfen.«

Regina legte ihren Rosenstrauß auf den Tisch, zog ihre Handschuhe aus und sagte ernst:

»Lieber Vater, Du kannst mir unmöglich zumuten, meinen Fuß in einen Salon zu setzen. Ich bin Christin und will es immer und überall sein – in der Gesellschaft wie zu Hause. Auf die Weltvergötterung lasse ich mich nicht ein.«

Der Graf, der mit seiner prinzipienlosen Oberflächlichkeit immer nach der Laune des Augenblickes oder nach persönlichem Wohlgefallen oder Mißfallen urteilte, war höchst verdrießlich, eine Erörterung hervorgerufen zu haben, die ihn langweilte und die Regina ernsthaft nehmen wollte.

»Welche Torheit, Regina! welcher Professorenton, Uriel!« rief er unmutig. »Ich spreche von dem Bankier Miranes, den sein kolossaler Reichtum und seine schöne Tochter salonfähig macht, und davon nimmt Uriel Veranlassung, sich auf den Katheder [210] zu schwingen und gegen das Weltverderbnis Moralpredigten zu halten, und Regina glaubt ihm plötzlich, wie einem Evangelisten.«

»Ich habe Uriels Wahrhaftigkeit nie bezweifelt,« sagte Regina, »und da ich weiß, daß der Mensch ein gefallener Geist ist, so leuchtet es mir sehr ein, was Uriel eben sagte, daß nämlich in einer Welt, die von Christus nichts wissen will, Götzen herrschen müssen, die man nicht anbeten darf.«

»Kind, nimm die Dinge nicht so langweilig gründlich!« sagte der Graf immer verdrießlicher. »Du wirst die Gesellschaft doch nicht reformieren. Der Salon ist keine Kirche und soll keine sein; und wie die Menschen im Salon beschaffen sind – das geht Dich ebenso wenig an, als wie sie auf der Straße beschaffen sind. Du sollst mit ihnen sprechen und tanzen: – basta.«

»Ich glaube gar nicht, daß Du viel von meiner Wahrhaftigkeit hältst, Regina,« unterbrach Uriel die Strafrede; »denn wenn ich sage: nimm Deinen Rosenstrauß wieder in die Hand, dann siehst Du aus wie die Aurora von Guido Reni – wirst Du mir glauben?«

»Ich werde glauben,« antwortete sie lächelnd, »daß Du wahrhaft in das Antichristentum, wie Du es charakterisiert hast, verfallen bist.«

»Sieh, Regina,« sagte der Graf freundlich, »so ist es recht. So mußt Du sprechen, so mußt Du antworten. Glatt wie ein Aal, munter wie eine Lerche, das ist charmant und ist eine gute Ballstimmung.«

Die Schule, welche Regina bei ihrem Vater durchmachen mußte, war ihr eine Vorübung für das Leben in der Gesellschaft: dort wie hier eine [211] beständige Selbstverleugnung ihrer tiefsten Neigungen. –

Man war gespannt, Regina auf einem Ball zu sehen. Nicht bloß die junge Männerwelt; das versteht sich von selbst! auch die Frauen waren wenigstens neugierig. Der Ruf ihrer Schönheit brachte das mit sich. Aber sie war von einer so seelenvollen Schönheit und dabei so einfach und unbefangen, so ganz ohne Ansprüche, daß ihre Liebenswürdigkeit gleichsam ihre Schönheit in Schatten stellte.

»Sie sieht gar nicht interessant aus,« sagte ein junger Mann, dem die Überzeugung aus den Augen schaute, daß er selbst mit seinen dunkeln Locken und seinem marmorfarbenen Antlitz interessant aussehe wie Lord Byrons »Corsar«.

»Sie sieht aus wie ein harmloses Kind,« sagte ein anderer, ein großer Herzenseroberer; und erwog bei sich selbst, ob es der Mühe wert sei, diese Eroberung zu versuchen.

»Sie sieht aus wie die persische Anahid,« sagte ein Dritter, ein ungemein belesener Jüngling. Da natürlich kein Mensch wußte, wer die persische Anahid sei, so setzte er zur Erklärung hinzu: Ihre Schönheit zog zwei Engel vom Himmel herab, die ihr von Liebe sprachen. Aber Anahid hörte nicht darauf, sondern ließ sich von den Engeln das geheimnisvolle Wort nennen, das in den Himmel zurückführte. Und als die Engel es genannt hatten, sprach Anahid es aus, schwebte vor ihren Augen in den Himmel hinein und wurde in den Morgenstern versetzt, während die Engel mit goldenen Ketten an den Füßen in einem Brunnen zu Bagdad aufgehängt wurden bis zum jüngsten Tage.«

[212] »Was die alten Chinesen sich doch für Unsinn ausdachten,« sagte ein Vierter, der einzige, welcher die Anahids-Sage zu Ende gehört hatte, dessen Kenntnis vom Orient sich aber auf China beschränkte, wegen des Opiumkrieges und des chinesischen Tees.

Der belesene Jüngling war so betreten über diese Bemerkung seines einzigen Zuhörers, daß er sich mit kalter Verachtung von ihm wegwendete. Wie würde er triumphiert haben, wenn er gewußt hätte, daß wirklich etwas von Anahids Himmelssehnsucht in Regina sei! – Ein Fünfter hatte inzwischen bedachtsam geäußert:

»Wenn sie auf der Goldwage der Schönheit nicht besteht, so ist es mit dem Vermögen auch nicht anders. Es soll alles zum Majorat gehören.«

»Ist nicht wahrscheinlich! Graf Windeck ist ein sehr guter Wirt, und hat gewiß gesorgt für seine Töchter.«

»Ja, in der Weise, daß er sie beide mit seinen Neffen verheiratet.«

»Und dann ist ja auch noch eine steinreiche Großmama in irgend einem alten Schlosse des Odenwaldes vorhanden, die freilich in zweiter Ehe vermählt, aber kinderlos ist.«

»Welch eine gründliche Kenntnis der Windecker Vermögensverhältnisse!«

»Tritt man die Winterkampagne eines Karnevals an,« lautete die Antwort, »so muß man sich gehörig orientieren, um nicht falscher Fährte zu folgen. Zuweilen sind die Aushängeschilder ungeheuer prahlend und doch steckt nichts Solides und Reelles dahinter. Wo es Majorate gibt, steht's nie brillant mit den Töchtern; es sei denn, daß die [213] Mutter eine Erbtochter oder sonst sehr reich sei, was aber hier nicht der Fall war.«

»Nun und die schöne spanische Donna, die eben jetzt neben der Gräfin Windeck steht, wie die Sternennacht neben dem Frühlingstag, um mich poetisch auszudrücken, bauen ihre spanischen Dublonen eine goldene Brücke über die Kluft der Alliance mit einer Jüdin?«

»Es ist etwas mysteriös mit dieser Familie,« erwiderte der Bedachtsame. »Der Papa soll ein rasender Spekulant sein, und Mutter und Tochter sollen in London das Mosaische Gesetz verlassen und sich einer der dort wimmelnden Sekten angeschlossen haben. Vielleicht ist dies aber nur ein Gerücht, wie tausend andere! und vielleicht breiteten sie selbst es aus, um mit weniger Schwierigkeit in der haute volée eine Partie für die Tochter zu finden, die wegen ihrer Schönheit freilich dahin gehört.«

»Das ist richtig: sie macht alle übrigen Damen tot, diese Judith; aber sie hat ein Etwas, als ob sie auch allenfalls einem Holofernes den Kopf abschneiden könnte.«

»Mais, mon cher! wie können Sie solche gewagte Urteile in die Welt hineinschleudern. Den Kopf abschneiden! ich bitte Sie, wie wäre das möglich in der hypereleganten Gesellschaft unserer Tage.«

»Daß diese hyperelegante Gesellschaft auch eine schauderhafte Kehrseite hat, ist uns allen im vorigen Sommer bei den gräßlichen Scenen im Hotel de Praslin 2 in Paris wohl recht klar vor Augen getreten. Übrigens haben Sie ganz recht: man [214] muß dergleichen zu vergessen suchen und möglichst wenig davon reden.«

Ungeteilten Beifall fand Regina nur in der Damenwelt; ja, diese bemühte sich, sie recht hervor zu heben, um dadurch indirekt Judith herab zu drücken, die von den meisten Männern unmäßig bewundert wurde. Sie ließ sich bewundern, äußerlich ganz gleichgiltig, innerlich mit stolzer Selbstgefälligkeit, als etwas, das ihr zukam. Nur dann, wenn sie sehr lebhaft sich unterhielt, was äußerst selten geschah, verschwand ihr schwermütiger Ausdruck; ihr Ernst nie. Nie stieg ihr Lächeln bis in ihre Augen hinauf! es blieb auf den Lippen ruhen, während aus Regina's seelenvollem Auge ein freundliches Lächeln, gleichsam ein inneres Licht, nie verschwand. Graf Windeck hörte außerordentlich viel Schönes über seine liebliche Tochter, was er in Judiths Stil aufnahm. Uriel fühlte sich mehr und mehr von dem Zauberbann gefangen, den sie so ganz absichtslos durch ihr Sein und Wesen um ihn wob. Spräche sie nur anders, oder blickte sie nur anders, oder ginge und stände sie anders – ach! oder wäre sie nur etwas anders – seufzte er heimlich: so könnte man durch eines dieser Tore ihr entrinnen; aber jetzt, da alles in ihr und an ihr harmonische Vollkommenheit ist, jetzt ist es eine Unmöglichkeit. Er konnte nicht nur Judith nicht bewundern, sondern nicht einmal begreifen, daß andere sie bewunderten: so aufrichtig war er durch Regina bezaubert.

Wie alle hienieden, ging denn auch dieser Ball vorüber. Um zwei Uhr Nachts schöpfte Regina Atem in ihrem stillen Zimmer und versenkte sich zur Erholung ihrer Seele in die andächtige Betrachtung des Gnadenhimmels, der diese Schein- [215] und Flitterwelt überwölbt und dessen Gestirne die heiligen fünf Wunden des gekreuzigten Gottes sind. Und Dich über dem Tand vergessen, sagte sie halblaut und schaute auf ihr Kruzifix, das nennt die Welt Freuden; und an Dir vorüber gehen und nach buntem Staube greifen, das nennt sie Glück; und Dich und Dein Kreuz und Deine Nachfolge verschmähen, das nennt sie Vernunft; und alles lieben, was Du nicht bist, das nennt sie Liebe. O welch eine schauerliche Abwendung von ihrem Ziel! Und das soll auch ich verfolgen lernen?! Dein bin ich! hilf mir! rief sie und Ströme von Tränen stürzten aus ihren Augen, die wie friedliche Sterne über die Unruhe der Welt hinwegschauten, und zu Füßen des Kruzifixes schmiegte sie sich nieder und gelobte wieder und wieder ihre ungeteilte Liebe demjenigen, der mit dieser Liebe ihr armes Herz begnadet hatte. Am Morgen war sie pünktlich in der Siebenuhrmesse, als hätte sie die ganze Nacht, wie Corona, den Schlaf der Gerechten geschlafen.

– – – – – – – – – – – – – –

»Nun wie gefällt Ihnen mein quasi Phönix?« sagte Ernest nach einiger Zeit zu Judith. »Gehört die Gräfin Regina zu Ihren sentimentalen Komtessen? ist sie veilchenblau?«

»Nein! sie ist lilienweiß,« antwortete Judith.

»Sie sind merkwürdig gescheit!« rief er.

»Weil ich Ihren quasi Phönix richtig taxiere?« fragte sie spöttisch.

»O,« sagte Ernest gelassen, »dazu sind Sie trotz all Ihrer Gescheitheit nicht im Stande. Ich bewundere nur, daß Sie so bereitwillig Ausnahmen machen und so bezeichnende Ausdrücke wählen.«

»Kann man durch Klugheit glücklich werden?« fragte sie.

[216] »Mittelbar, ja! wenn wir die Klugheit anwenden, um zur Selbsterkenntnis zu kommen, d.h. zur Einsicht unserer Unvollkommenheit und unseres Mangels an Tugend, woraus dann Demut entspringt, und Demut ist die Wurzel aller Vortrefflichkeit, also auch des wahren Glückes. Aber unmittelbar und allein durch Klugheit ist noch nie ein Mensch glücklich geworden und die Welt, die doch mancherlei Kuriosa erlebt, wird doch das nimmermehr erleben.«

»Wozu dienen uns denn Geistesgaben, wenn sie uns nicht glücklich machen?«

»Fräulein Judith, Sie tun Fragen, die mehr als wunderlich sind! Wenden Sie Ihre Geistes- und sonstigen Gaben so an, wie es der Absicht des lieben Gottes entspricht, der sie Ihnen verlieh, nämlich zu seiner Ehre und zum Heil Ihrer Seele, dann werden Sie schon erkennen, wozu Verstand und Talente dienen. Wenn Sie sich aber einbilden, daß Sie durch ein paar kluge Urteile, oder durch Ihren Nixengesang, oder durch Ihre Kopie der Sibylla persica mit beiden Füßen in die Glückseligkeit nur so hinein springen können, so irren Sie sich heftig. Unsere Glückseligkeit hienieden hält gleichen Schritt mit unserer Opferseligkeit und beruht nicht darauf, was wir in irdischer Weise besitzen, sondern darauf, was wir uns mit allem, was unser ist, zu einem lebendigen Brandopfer machen, dessen Altar unser Herz ist und dessen Flamme unsere Liebe zu Gott ist. Der Liebe wird man nie überdrüßig. Warum nicht? Weil eine übernatürliche Kraft, die Gnade, sie nährt; und hat der Mensch sein Genügen in seiner Liebe, so ist er glückselig.«

Es war nun einmal seine Art, zu allen Menschen [217] zu sprechen, als wären sie eben so gläubige Christen als er. Er betrachtete sie immer als das, was sie ursprünglich sind: berufen zur Erkenntnis der Wahrheit, und behandelte sie als solche, denen nur momentan die Wahrheit verschleiert ist. Dadurch sind sie schon konfus genug, pflegte er mitleidig zu sagen; ich meinesteils will wenigstens nicht ihre Konfusion vermehren, indem ich auf ihre Anschauungsweise eingehe, sondern will ihnen reinen Wein einschenken.

»Kann der Mensch einen anderen Menschen so lieben, daß er sein Genügen in dieser Liebe finde?« fragte Judith.

»Nein, das ist ganz unmöglich, denn das wäre gegen seine Bestimmung. Gott hat ihn geschaffen zur ewigen Beseligung durch das höchste Gut, das Gott Selbst ist, also kann das Verlangen seiner Seele auch durch nichts Geringeres befriedigt werden. Hätte ich eine liebe Frau und ein halbes oder ganzes Dutzend liebe Kinder, meine Seele würde dennoch nach dem höchsten Gut schmachten, nur würde ich, in tausendfache Sorgen und Nöten verstrickt und durch tausend irdische Geschäfte in Anspruch genommen, vielleicht weniger dieser Sehnsucht Raum geben können und wollen; was denn wahrlich weder ein Vorteil noch ein Trost für die arme Seele ist. Weil aber das Menschenherz die Beschaffenheit hat, daß es sich neigt zu seinesgleichen und die süße Lebensgemeinschaft, den innigen Zusammenhalt, die trauliche Tätigkeit für einen kleinen, besonderen, selbstgeschaffenen Kreis gar schwer entbehrt: so hat Gottes weise und zärtliche Vorsorge ihm eine Sphäre geöffnet, wo diese Neigung ihren Ruhepunkt findet, indem die freiwillig übernommenen Pflichten ihr zugleich Schranken [218] und Würde geben und die Weihe des Sakramentes ihr den Gnadenbeistand zu Kraft, Beharrlichkeit und Selbstverläugnung bringt, deren sie so sehr bedarf.«

»Wovon sprechen Sie denn eigentlich, Herr Ernest?« fragte Judith gespannt.

»Von der christlichen Ehe, Fräulein Judith.«

»Von der Ehe? – so ernsthaft feierlich? – Sie haben doch immer Ihre ganz eigentümliche Art sich auszudrücken!«

»Von der christlichen Ehe, deren Bürde ohne die Gnade des Sakramentes für menschliche Schultern zu schwer ist – ja, von der spreche ich! Die Welt spricht von ihr, wie sie's versteht! Bald oberflächlich, bald schief. Für die jungen Damen ist die Ehe die Tür, durch welche sie ihren ersehnten Eintritt in die Gesellschaft machen, oder der Triumphbogen, durch den sie in das Königreich einer Liebe einziehen, welche der vielbesungenen Schönheit des Monats Mai darin ähnlich ist, daß sie nur in der Poesie existiert. Für die Mama's ist es eine Versorgungsanstalt der lieben Töchter. Für die jungen Herren ist sie ein Mittel, um Schulden zu bezahlen, um eine Karriere zu machen, um ein bequemes Leben zu führen, um sich anbeten zu lassen, und was dergleichen wichtige Gründe mehr sind, in welche denn allerdings auch etwas Neigung und die eigentümliche Entzündbarkeit des jugendlichen Herzens hineinspielen.«

»Was Sie da sagen, ist ganz richtig und gar nicht übertrieben,« unterbrach ihn Judith. »Das habe ich schon mehrmals bei Anderen erlebt.«

»Aber die Stellvertreterin Gottes hienieden, die heilige Kirche, betrachtet die Ehe anders«, fuhr Ernest fort, »nicht als eine Idylle, nicht als ein [219] Fest der Herzen, sondern als eine heilige, unauflösliche Verbindung, bei der im Vorgrund die Übernahme strenger Verpflichtungen und schwerer Last, im Hintergrund das ernste und unter Tränen lächelnde Glück steht, welches durch herbe Kämpfe und vielfache Selbstverläugnung gegangen ist. Darum gibt sie der Ehe den Gnadenbeistand des Sakramentes, und unter diesem Schutz, mit dieser Weihe und dieser Hilfe ist es denn möglich, daß zwei Menschen sich mit dem Willen fortlieben, auch nachdem die Leidenschaft verrauscht und die Neigung verblüht ist. Ihr Genügen werden sie freilich nicht in dieser Liebe finden, aber sie werden lernen, sich zu begnügen, und da hiezu viel Resignation und Selbstüberwindung gehört, viel Opfermut und Hingebung an den göttlichen Willen: so können diese zwei Menschen in der Ehe ganz außerordentlich glücklich werden, weil sie, wie ich vorhin sagte, opferfreudig sind. Haben Sie mich verstanden, Fräulein Judith?«

»Ich habe verstanden, daß kein Mensch einen Menschen ganz glücklich machen kann. Aber ob Sie Recht haben, das weiß ich nicht.«

»Wenn Sie mir nicht glauben wollen, Fräulein Judith, hätten Sie mich ja überhaupt nicht zu fragen brauchen;« antwortete Ernest. »Ich sage das nicht meinetwegen, denn meine Überzeugungen werden dadurch nicht bestärkt oder geschwächt, daß Sie sie annehmen oder verwerfen. Allein Ihretwegen tut es mir leid, daß Sie kreuz und quer mit Fragen umherfahren, deren richtige Beantwortung Ihnen am Herzen liegt und überhaupt wichtig ist, und die Sie doch nicht einfach und kindlich annehmen.«

»Haben Sie nie versucht, durch ein Menschenherz[220] glücklich werden zu wollen?« fragte Judith gleichmütig.

»O ja!« rief Ernest erheitert; »aber mein Versuch scheiterte an einem schiefen Näschen.«

»Woran?« sagte Judith lächelnd.

»Hören Sie nur! es ist eine sehr lehrreiche Geschichte! Als ich zum ersten Mal in Venedig und vierundzwanzig Jahr alt war, begegnete sie mir. Das ist so recht das Alter, in welchem das Menschenherz die Neigung hat, sich einem anderen Herzen anzuschmiegen und zu erschließen, und die Gegenwart mit allerlei darauf bezüglichen Hoffnungen zu schmücken, welche dann die Zukunft erfüllen soll.«

»Herr Ernest!« rief Judith zürnend, »welcher Barbar führt denn das Regiment über die menschlichen Geschicke, daß Sie in einen solchen Widerspruch geschleudert werden! Das Herz ist nicht geschaffen, um sein Genügen in der Kreatur zu finden, und dennoch neigt es sich ihr zu!«

»Sie müssen hübsch aufpassen, Fräulein Judith, und nicht gleich wieder vergessen, was man Ihnen eben weitläufig expliziert hat: der Mensch hat nicht die Bestimmung, hienieden sein volles Genügen zu finden, wohl aber die: sich begnügen zu lernen in freiwilliger Beschränkung. Durst nach Glück ist das Prinzip seines Lebens; dadurch und dafür entwickeln sich seine Kräfte. Die schönste und vollkommenste Form, in welcher ihm das Glück erscheint, ist die Liebe, weil sie das Leben bereichert, vervollständigt, verdoppelt, abrundet, also eine Fülle guter und süßer Gaben ihm bringt, die der zärtliche Vater im Himmel gern seinen Kindern auf Erden gönnt, ja dies Glück erhöht, indem er es heiligt. [221] Ist das ein barbarisches Regiment? Aber weiter! Der Mensch lebt nicht für die kurze Spanne Zeit voll Wechsel trüber und froher Tage, sondern für ein ewiges Leben voll unendlicher, ungetrübter, wechselloser Seligkeit; es muß also ein Etwas in ihm sein, das nach Unendlichem und Wechsellosem begehrt, und das sich unmöglich mit Vergänglichkeit und Schwankendem begnügen kann. Ist es barbarisch, der Seele eine Größe gegeben zu haben, welche durch die ganze Welt der Sinne und der Sichtbarkeit, der Gedanken und der Gefühle nicht ausgefüllt werden kann und zu der Gott durch den erhabenen Propheten Ihres Volkes spricht: Ich Selbst will dein übergroßer Lohn sein!«

»Sie werden doch zugeben, Herr Ernest, daß daraus ein beständiger Zwiespalt, ein quälender Kampf entspringt. Der Durst nach dem Ewigen und die Neigung zum Vergänglichen in ein und dasselbe Herz gepflanzt und beide mit berechtigten Ansprüchen, wie Sie selbst sagen, das muß den Menschen in ein Meer von Schmerzen, von Irrtum, von Täuschungen, ja von Verzweiflung stürzen. Denn er wird etwas ergreifen und als ungenügend fallen lassen; und anderes ergreifen, aber als unvollkommen wegwerfen; und abermals anderes ergreifen, und es wird ihm entschwinden wie Rauch und Schatten. Das kann kein Mensch aushalten! Dabei geht er zu Grunde.«

»Ganz richtig, Fräulein Judith, sobald dieser Mensch außerhalb des Christentums steht; und da stehen leider! gar manche, denen das heilige Sakrament der Taufe nicht gefehlt hat und die nun kläglich zu Grunde gehen im Strudel ihrer Leidenschaften, im Taumel ihrer Selbstsucht. Aber die christliche Offenbarung belehrt den Menschen über [222] den Ursprung dieses tiefen Zwiespaltes, den jeder in seiner eigenen Brust empfindet und beweint: es ist der Sündenfall, die Abkehr von Gott, die geheimnisvolle Lust zum Bösen in der gefallenen menschlichen Natur. Lehrte die Offenbarung nur das, so dürfte man erst recht desperat werden! Allein sie lehrt auch Mittel und Wege, um jenen Zwiespalt nicht sowohl zu tilgen, als vielmehr heilsam für uns zu machen. Mittel ist – das Blut Jesu, das für uns und über uns und in uns mit Gnadenströmen rinnt, und uns Licht gegen alle Verfinsterung, Waffen gegen alle Versuchungen bringt. Der Weg ist für jeden sein eigener Kampf. Jeder muß lernen, durch Selbstverläugnung die Eigenliebe, durch Selbstbeherrschung den unbändigen Willen, ich sage nicht: zu besiegen; denn so weit bringt es unsereins nicht! aber doch besiegen zu wollen. Wer diesen Kampf redlich beginnt, Fräulein Judith, der findet den Zwiespalt nicht so trostlos, als er Ihnen erscheint. Im Gegenteil! er hat eine Art von heiliger Freude daran, wie der brave Soldat sich freut, in der Schlacht für seinen König sein Blut zu vergießen, wenn nur die gute Sache siege. Es ist herrlich, einen Menschen zu beobachten, der wider sich selbst für Gott kämpft. Das sind keine welterschütternde Schlachten, das Auge der Mit- und Nachwelt ruht nicht auf ihnen, kaum ahnt sie der eine oder der andere; aber die ganze triumphierende Kirche schaut verklärten Angesichts diesen stillen Helden zu, die doch weiter nichts sind, als ein unbedeutender Mann, ein schwaches Weib, ein armer Jüngling, eine ringende Seele in irgend einer Hütte oder irgend einem Palast, wo sie sich wehren bis zu Tränen, bis auf's Blut, aber ohne Verzweiflung, gegen das Andringen ihrer übermächtigen [223] Selbstliebe und ihres unbändigen verkehrten Willens.«

»Mir graut vor solchem Kampfe!« rief Judith.

»Kann sein!« erwiderte Ernest; »aber Ihr Grauen würde sich steigern, wenn Sie sehen könnten, in welche Abgründe der Mensch versinkt, der ihn nicht führt, der hingegen nach seinen Gelüsten und Leidenschaften lebt, und ihnen keine andere Grenze und Schranke setzt, als die Stimmung des Augenblickes und irgend einen persönlichen Vorteil. Nein, nein, Fräulein Judith: die Unvollkommenheit aller Verhältnisse und aller Zustände als den Staubesanhang unseres Bischen Erdenglücks mit ruhigem Auge betrachten und mit gefriedetem Herzen annehmen, und die Vollkommenheit, nach der wir solch Verlangen haben, in uns selbst durch Opferwilligkeit zu erringen trachten, davor darf Ihnen nicht grauen, denn das ist die Bedingung jedes guten reinen Lebens.«

»Erzählen Sie mir Ihre venetianische Geschichte,« sagte Judith; »dabei bekommt man wieder festen Boden unter den Füßen, den man bei Ihren idealistischen Tendenzen Gefahr läuft zu verlieren.«

»Lieber Gott!« seufzte Ernest mitleidig, »wie verkehrt reden doch deine Menschen! die einfache Wahrheit nennen sie nebulose Träumerei, und die platte Alltäglichkeit nennen sie das Element der Wahrhaftigkeit, in dem sie sich wohl befinden. Nichts für ungut. Fräulein Judith, aber so ist's! – Also in Venedig sah ich bisweilen Sonntags bei meiner Hauswirtin ein liebes, hübsches, munteres, frommes Kind, das mir ungemein gefiel. Es hieß Gianetta, im weichen venetianischen Dialekt ausgesprochen Zanetta. Wenn sie in diesem allerliebsten [224] Dialekt ihre Barcarolen sang und ein wenig auf der Guitarre klimperte, oder die großen Ereignisse ihres Lebens, z.B. eine Gondelfahrt nach dem Lido, mit ausführlichster Wichtigkeit, als handle es sich um eine Nordpol-Expedition, beschrieb: so war sie wirklich wunderlieb und ihr kindliches spielendes Auge überrieselte mit süßem Glanz mein Herz, wie der Tau aus weichem Frühlingsgewölk den Blütenbaum.«

»Welch eine Idylle von Dragant und Rosenwasser!« rief Judith lachend.

»Ja, ich war damals ungemein idyllisch und hätte für mein Leben gern an den Ufern der Brenta – denn in Venedig selbst war kein Platz dafür – eine schäferliche Hütte erbaut und die holde Zanetta als Schäferkönigin und Hausfrau darin eingeführt. An dergleichen konnte aber so ein armer Tropf von angehendem Maler nicht denken; er mußte sich begnügen, seine Wünsche in den Schoß der Zukunft zu legen und sich zu sonnen in den hellen Augenstrahlen der allerliebsten Zanetta – aber nur Sonntags; am Werktag hatte er weder Zeit noch Gelegenheit dazu.«

»Herr Ernest,« sagte Judith höchst belustigt, »Ihre Liebesgeschichte flößt mir unwiderstehliche Lachlust ein.«

»Warten Sie nur, es kommt gleich tragisch, oder wenigstens elegisch. Zwei Jahre war ich ein schweigender Anbeter der kleinen Zanetta gewesen. Was hätte ich ihr sagen können? Die Liebe gibt sich kund, und wenn tausendmal der Mund stumm ist. Hat man das Rosenöl auch noch so fest im Flacon versiegelt, doch durchduftet es das Glas; und so geht's dem Herzen mit der Liebe. Die Zanetta wußte wohl, woran sie mit mir war, und ich [225] glaube, daß sie mich auch recht gern hatte. Aber, Fräulein Judith, es ist Ihrem liebenswürdigen Geschlecht nun einmal eigen, in Permanenz kleine Zwiegespräche mit dem Engel Luzifer zu haben. Erzürnen Sie sich nicht, hören Sie mich weiter. Wir Männer halten leider Gottes auch diese Zwiegespräche, und zuweilen länger und gründlicher, aber nicht so permanent. Allen Töchtern Eva's klebt die Neigung ihrer Stammmutter an, die sogar im Paradiese mit der Schlange Konversation machen mußte! Ein Wörtchen, oder mindestens ein Silbchen muß jede bei jeder Vorkommenheit ihres Lebens mit besagtem Engel wechseln. So auch Zanetta! Sie wurde ungeduldig, die kleine Donna, über mein unverbrüchliches Schweigen; sie wurde neugierig, wie es denn wohl klingen möge das bezaubernde Wort von der Liebe; sie wollte mich heraustreiben aus meiner Verschanzung durch Stillschweigen, indem sie mir Feuer ans Herz legte – das Feuer der Eifersucht. Der Sohn meiner Hauswirtin, der in Padua sein Geschäft trieb, besuchte seine Mutter, und Zanetta, die jeden Sonntag zu seinen Schwestern kam, bewies sich ungemein freundlich gegen ihn, was mir natürlich höchst mißfiel und mich nur noch stummer, vielleicht sogar etwas bärbeißig machte. Wie sich nun einmal das Gespräch auf Deutschland wendete, und wer die Frage an Zanetta stellte: ob sie wohl Deutschland sehen möchte? das weiß ich nicht mehr, weil ihre Antwort meine ganze Aufmerksamkeit verschlang. Sie sagte nämlich: ›Ach nein! das muß ein schreckliches Land sein; ganz bevölkert mit den schläfrigen deutschen Murmeltieren!‹ Wie sie das sagt, und zwar mit einer ganz allerliebsten kleinen spöttischen Miene, sehe ich sie höchst gelassen [226] an, und was entdecke ich! die Spitze ihres Näschens ist etwas links gewendet. Welche Difformität! welche Beleidigung für das schönheitsdurstige Auge eines Malers! wie hatte ich das nicht früher bemerkt! Ich schaue hin, ich schaue her – die Nase ist schief! ich reibe mir die Augen, halte die Hand schirmend vor, um schärfer zu sehen – die Nase bleibt schief! Bestürzt ziehe ich mich zurück. In meinem Stübchen suche ich mir Zanettas freundliches Auge, die dunkeln Locken um ihre heitere Stirn, ihr Lächeln, ihr kindliches Gemüt, ihren Frohsinn, ihre Lieder und ihre Guitarre vorzustellen – alles, was mich vor wenig Stunden entzückt hatte; aber umsonst! die schiefe Spitze des zierlichen Stumpfnäschens warf einen so dunklen Schatten, daß die ganze Zanetta darin verschwand. Ich gehe schlafen und träume von der schiefen Nase. Ich erwache und denke zuerst an die schiefe Nase. Wie ein Alp legt sie sich auf meine Brust und nimmt so riesenhafte Proportionen an, daß sie mir bald ungeheuer lächerlich, bald ungeheuer garstig, in jedem Falle aber durchaus unerträglich erscheint. Da fasse ich mir ein Herz und spreche zu mir selbst: Bist Du nicht im Stande, eine so geringe äußere Unvollkommenheit an Zanetta zu übersehen, wie wirst Du es denn anfangen, um ihre tausend Unvollkommenheiten des Herzens, des Charakters, des Geistes, die sie mit allen Sterblichen gemein hat, zu ertragen und mit freundlicher Nachsicht hinzunehmen? und wie darfst Du von Zanetta das erwarten, was du selbst nicht zu leisten vermagst? Gib alle Gedanken an sie für Gegenwart und Zukunft auf, und danke dem lieben Gott, daß er dich zur rechten Zeit durch die Erkenntnis ihres schiefen Näschens von großer Torheit und Elend [227] abgehalten hat. Dabei blieb es. Während drei Sonntagen benutzte ich meine Muße, um an's Festland zu fahren und die Ufer der Brenta zu betrachten, die mir ganz sumpfig und unidyllisch vorkamen. Und als ich am vierten Sonntag wieder bei meiner guten Hauswirtin erschien, stellte sie mir ihren Sohn und Zanetta als glückliches Brautpaar vor, und ich stattete mit aufrichtiger Herzlichkeit meine Gratulation ab. Später, wenn je so etwas wie der Wunsch, durch ein Menschenherz glücklich zu werden, sich in mir regen wollte, warnte mich meine Erfahrung mit Zanetta. Ich gedachte der hunderttausend Unvollkommenheiten jedes Geschöpfes, und sah somit dessen Unvermögen ein, mir ein wechselloses Glück zu gewähren. Ein vorübergehendes schien mir aber nicht der Mühe wert, deshalb mit den schweren Sorgen und Pflichten des Ehestandes mich zu belasten. So wendete ich mehr und mehr mein Herz von jeder ausschließlichen Liebe zum Geschöpf ab; denn wenn diese nicht mit einem hohen Grad von Resignation gepaart ist – und das ist sie selten – so wird sie zur Qual. Hingegen bemühte ich mich, alle Geschöpfe, alle ohne Unterschied, in Gott zu lieben, und dabei wurde mir das Herz leicht und frei, unbeschwert durch irdischen Ballast. Genügte die Liebe zu einem Menschen mir nicht für die Ewigkeit, weshalb sollte ich mir von der Leidenschaft die Täuschung vormalen lassen, als könne sie mir für eine Spanne Zeit genügen?«

»So besonnen oder so kalt ist aber nicht jeder,« wendete Judith ein. Sie hätte auch sagen können: »So gottliebend.«

»Drum übe sich jeder beizeiten in der Entsagung, schlage es nicht allzu hoch an, wenn er es [228] im irdischen Glück nicht sehr weit bringt, und hüte sich ganz besonders, auf Kosten anderer glücklich sein zu wollen, wie der rücksichtslose Egoismus es zu treiben pflegt.«

»Sie geben mir sehr gute Lebensregeln, Herr Ernest und ich könnte, abgesehen von der Malerkunst, vieles von Ihnen lernen; aber ....« –

»Aber Sie werden nichts lernen, Fräulein Judith, gar nichts, auch nicht malen, so lange Sie immer ›aber‹ sagen. Denn nur der kindliche Sinn lernt etwas, nimmt willig an und auf; drum macht der Glaube – der Kindersinn in höchster Sphäre des Lernens – so ungemein, so überraschend klug. Darum verknöchert nichts so sehr das Auffassungsvermögen, als der Geist des Widerspruchs, die Negation. Es ist die Krankheit der Zeit, mit einem ›aber‹ alles in Frage zu stellen. Darum begreift und versteht sie denn auch nichts – als Rechenexempel.«

»Aber,« fuhr Judith fort und sah ihn mit ihren tieftraurigen Augen ruhig an, »ich habe nicht Ihre inneren Beweggründe, und deshalb kann ich nicht einsehen, urteilen und handeln wie Sie. Alles, was Sie sagen, kommt mir sehr schön, sehr edel, auch sehr anziehend vor; gerade wie die Sibylla persica. Doch wie diese nur ein Bild, nur eine bemalte Leinwand ist, die mich in ich weiß nichtwas für angenehme Träumereien versetzt, aber nicht mein Leben lenkt und regiert; so geht es mir auch mit Ihren Worten.«

Ein feuchter Schimmer, wie von einer zerdrückten Träne, glitt über Ernest's Auge, als er entgegnete:

»Ich bin ein Schwachkopf, der das immer wieder vergißt! also verzeihen Sie mir, Fräulein [229] Judith. Ach, wenn man überall das Wirken und Walten der Erlösung wahrnimmt, wie es in tausend unsichtbaren Kanälen die Staubeswelt durchrinnt und beseelt: so will einem gar nicht einleuchten, daß bei so vielen, vielen Menschen der Blick des Geistes noch nicht aufgegangen ist für dies Wunderwerk, während doch ihre lechzende Seele dahin getrieben werden müßte, um einen Trunk zu tun aus jenen Wassern, welche nicht von den dumpfen Zisternen der Menschenweisheit ummauert sind.«

»Die Quellen der Tiefe, hab' ich mir sagen lassen, entdeckte die Wünschelrute,« erwiderte Judith. »Können Sie mir eine solche verschaffen für Ihre unter- und überirdischen Bronnen?«

»Sehr leicht! Berühren Sie Ihr Herz und die Welt mit dem Kreuz, so brechen vor Ihren Augen die gefesselten Bronnen der Tiefe auf und aus dem Abgrund des liebedurchwundeten Gottesherzens rauscht Ihnen die Flut der Gnaden entgegen, die jeden Durst stillt, und von jedem Fleck reinigt, und jeden Blick klar wäscht, und jedes Schifflein an die immerblühende Küste des ewigen Lebens trägt.«

»Des ewigen Lebens!« wiederholte Judith sinnend. »Welch eine unbegreifliche Vollkommenheit setzt das voraus, daß unser armseliges Leben übergehen könne zum ewigen Leben.«

Madame Miranes unterbrach das ernste Gespräch zum großen Leidwesen ihrer Tochter. Sie hatte allerlei Pläne an Ernest mitzuteilen für ein Fest, das sie geben wollte. Ein gewöhnlicher Ball genügte ihr nicht, auch nicht einmal ein Ball en costume; der konnte nebenher gehen. Es sollte so recht ein Fest aus Tausend und eine Nacht sein und alle übrigen Karnevalsfeste weit überstrahlen; [230] höchst glänzend, aber auch künstlerisch und poetisch sollte es sein.

»Und dabei soll ich helfen?« fragte Ernest verblüfft.

»Gerade Sie! Wenn kein Maler die lebenden Bilder stellt, so geraten sie nicht.«

»Gott!« seufzte Ernest, »aus Salonfiguren soll ich ein Kunstwerk zusammenstellen! Das geht über menschliche Kräfte.«

»Nicht doch!« sagte Madame Miranes; »wir haben in der Gesellschaft einige sehr schöne Personen, die sich vortrefflich zu einer heil. Cäcilia, heil. Isabelle« .... –

»Halt! halt!« rief Ernest; »so hoch wollen wir uns nicht versteigen! Rafael und Murillo wollen wir aus dem Spiel lassen, wenn's Ihnen gefällig ist; denn da genügt nicht eine oder die andere schöne Person, da müssen alle Einzelheiten, ja jede Fingerspitze perfekt sein, sonst wird das Ganze eine Karrikatur. Wir wollen uns an Genregemälde halten, rokoko Schäferinnen, verzauberte Prinzessinnen, italienische Bäuerinnen, ›Goldschmidts Töchterlein‹, ›Ezzelin im Kerker‹ und dergleichen mehr.«

»O herrlich!« rief Madame Miranes. »Ja! ›Ezzelin im Kerker‹ mit den beiden Mönchen, dem alten und dem jungen; das wird ein süperbes Bild geben, sobald die Beleuchtung desselben richtig getroffen wird. Meinen Sie nicht, daß wir auch in englischen Keepsakes nachschlagen sollten, Herr Ernest? ich glaube, da würden wir manch ansprechendes Bild finden.«

»Ja,« sagte er humoristisch ernsthaft, »auf der Höhe des Keepsake-Styls werden wir uns wohl befinden.«

[231] Judith nahm ein Buch zur Hand und sagte, indem sie es durchblätterte: Dies sind illustrierte Gedichte des Thomas Moore, und da würde mir »das Paradies und die Peri« recht gut gefallen.

Sie reichte ihm das Buch, und während er die Bilder betrachtete, erklärte Judith ihm das englische Gedicht und sagte:

»Die Peri ist nach der indischen Mythologie oder Poesie ein Lustgeist, dem eines Tages sein Element nicht genügt. Er möchte gern in's Paradies. Aber davor hält der Engel des Lichtes Wache und weist die Peri ab. Als sie um Einlaß bittet und fleht, sagt er ihr endlich, es gäbe eine Gabe, die köstlichste der Erde, vor welcher sich die Pforte des Paradieses erschließe: die möge sie suchen und bringen. Die Peri fliegt froh zur Erde herab und schaut sich um nach der köstlichen Gabe. Sie schwebt über einem Schlachtfeld. Ein junger Held hat die Schlacht gewonnen und durch sie sein Vaterland befreit; aber er liegt da und stirbt an seinen Wunden. Die Peri fängt den letzten Blutstropfen aus seinem Heldenherzen auf und kehrt damit triumphierend zur Pforte des Paradieses zurück. Doch der Engel weist sie ab und heißt sie eine höhere Gabe bringen. Die Peri findet nun auf der Erde die Heimsuchung durch die Pest, und sieht ein junges Mädchen, das dem geliebten Jüngling ihr Leben zum Opfer bringt, indem sie ihn pflegt in der gräßlichen Krankheit. Er findet Genesung und sie den Tod. Den letzten Atemzug dieses treuen Herzens fängt die Peri auf und bietet ihn dar dem Engel des Lichtes. Allein er öffnet ihr nicht das himmlische Tor, sondern begehrt eine höhere Gabe. Und zum dritten Mal schwebt die Peri zur Erde herab und schaut sinnend umher nach einem himmlischen [232] Kleinod. Siehe, da gewahrt sie in einem Blumengarten ein fröhliches Kind, das plötzlich, als die Abendglocken läuten, seine Spiele unterbricht, auf die Knie fällt und andächtig betet. Unfern steht ein Mann, in Sünden ergraut, von Leidenschaften zerrissen. Sein finsterer Blick fällt auf das betende Kind. Alle Erinnerungen an seine eigene unschuldige Kindheit erwachen in ihm und bestürmen ihn mit einem so heftigen Schmerz um seinen verlorenen Seelenfrieden, daß eine bittere Träne sein sonst so kaltes und hartes Auge füllt. Die Peri aber nimmt die Träne des reuigen Sünders von seiner Wimper und bringt sie dem Engel des Lichtes. Da öffnen sich die strahlenden Tore des Paradieses der Peri! eine Reueträne ist die köstlichste Gabe der Erde, welcher der Himmel nicht widerstehen kann. – Ist das nicht ein liebliches Gedicht, Herr Ernest?«

Er hatte inzwischen mit Wohlgefallen die Bilder betrachtet und antwortete nun auf Judiths Frage:

»Eigentlich hätte die Peri diese Träne nicht bloß bringen, wohl aber auch selbst weinen müssen, um in den Himmel zu gelangen! Indessen, bei so einer Elfe oder Fee wollen wir's nicht allzu genau nehmen und die Bilder können sehr schön werden. Sie, Fräulein Judith, werden die Peri darzustellen haben, und Gräfin Regina Windeck – den Engel des Lichtes. Alles übrige findet sich.«

Madame Miranes frohlockte über seine Willfährigkeit und über die Aussicht auf so ganz ausgesucht schöne Tableaux.

»Wir wollen auf der Stelle unsere Einladungen an die mitwirkenden Damen machen,« sagte sie zu ihrer Tochter. »Die Herren kann man zu einem [233] Diner einladen und ihnen dabei den Antrag stellen; dann nehmen sie ihn um so leichter an.«

»Müssen die armen Teufel mit indianischen Vogelnestern gekirrt werden?« fragte Ernest lachend. »Ich verdenk' es ihnen nicht! All' diese Mummereien sind eigentlich nur die Sache der Damen, deren Wonne es nun einmal ist, sich in Flitterwerk zu begraben und sich angaffen zu lassen.«

Madame Miranes drohte ihm mit huldvollem Scherz, und er setzte hinzu:

»Sorgen Sie nur dafür, daß die Gräfin Regina willfährig sei! Sie – und nur sie – ist wie geschaffen für den Engel des Lichtes, und ohne ihre Mitwirkung müßten gerade diese Bilder wegfallen.«

»Diese originellen, poetischen Bilder wegfallen? das wäre entsetzlich, Herr Ernest, das darf nicht sein!« rief Madame Miranes in einem Tone, als handele es sich um die Wohlfahrt ihres Hauses. »Judith, nimm Hut und Mantel, wir wollen sogleich zu ihr fahren.«

»Wenden Sie sich an den Vater, wenn ich raten darf,« sagte Ernest; »dann ist die Sache gleich abgemacht.«

»Gut, gut! der Engel des Lichtes soll uns nicht fehlen.« –

Regina war nicht angenehm überrascht, als der Graf ihr beim Mittagessen sagte, er habe die Aufforderung der Madame Miranes, zu ihrem Zauberfest als Engel des Lichtes in einigen Tableaux mitzuwirken, in Regina's Namen angenommen. Was die Toilette dieses Himmelsbürgers beträfe, so würde Ernest ihr die nötigen Anweisungen geben, der überhaupt das Ganze dirigiere.

»Regina – ein Engel des Lichtes! das ist aber[234] schön!« rief Corona mit leuchtenden Augen; »das freut mich!«

»Mich auch!« sagte Uriel.

»O, an Dich kommt auch die Reihe, Uriel!« sagte der Graf. »Du bist auserkoren, um einen Mönch darzustellen, der den Tyrannen Ezzelin da Romano in der Gefangenschaft zur Buße bekehren soll, was ich aber nur unter der Hand Dir sage. Madame Miranes wird es offiziell bei einem demnächst stattfindenden Diner tun.«

»Uriel ein Mönch! das gefällt mir!« rief Regina.

»Mir gar nicht,« sagte Corona. »Uriel in einer dunkeln Kutte, hu! abschreckend! mich brächte kein Mensch in solchen Habit, auch nur zum Spaß hinein.«

»Das ist ein sehr guter Geschmack für die Wirklichkeit,« sagte der Graf, »aber als Karnevalsspiel kann man auch einmal die Kutte anlegen.« –

Es war nicht zu ändern, Regina mußte ihre Rolle in den lebenden Bildern übernehmen, die Proben mitmachen, ihren Engelsanzug nach Ernests Anweisung anfertigen lassen. »Ich wundere mich nicht so sehr,« schrieb sie einmal ihrem geliebten Onkel Levin, dem sie zuweilen ihr Herz eröffnete, »daß man sich einen Abend bei dem oder dem Fest unterhält. Aber daß man sich zu einem solchen wochenlang vorbereitet, sich besinnt, überlegt, bespricht, beratschlagt, in eine Wichtigkeitskrämerei ohne gleichen versinkt und einen Eifer an den Tag legt, als gelte es ein Menschenleben zu retten: darüber kann ich gar nicht aufhören mich zu wundern, denn nach drei Tagen fällt irgend etwas anderes vor, und kein Mensch spricht[235] mehr eine Sylbe von einem Fest, das mit solcher Verschwendung von Zeit, Mühe und Geld vorbereitet worden ist.« – Ein anderes Mal hatte sie ihm geschrieben:

»Lieber Onkel, gestern hatte ich einen frohen Abend! und wo? mitten in einer glänzenden Soiree! wirst Du es glauben? Ja, es wurde musiziert und zum Teil sehr gut. Dann verstummt all' das oberflächliche Geschwätz, was mich immer sehr beängstigt, weil man ja dereinst Rechenschaft vor Gott über jedes unnütze Wort wird ablegen müssen, und die Salongespräche sind wirklich sehr überflüssig. Tante Isabelle sagt, die Höflichkeit sei auch eine Tugend, sei eine Art von Nächstenliebe, und man spräche ja aus Höflichkeit. Aber es drängt sich mir leider die Bemerkung auf, daß in den Salongesprächen nichts so wenig zum Vorschein kommt, als die Nächstenliebe. Darum bin ich immer sehr froh, wenn Musik gemacht wird. Auch macht sie mir die Seele so gewiß einsam frei, und meine Gedanken gehen ihre Wege, gehen fort aus dieser bunten unruhigen Gesellschaft – zum stillen Karmel. Das ist nun einmal der Naturzug meines Herzens, wie das Schwälbchen im Herbst nach Süden fliegt. Gestern Abend nun sang ein junges Mädchen mit einer wunderbar schönen, großartigen Stimme und entzückte die ganze Gesellschaft. Ich hörte sagen, es sei eine ganz seltene Stimme, den berühmtesten Sängerinnen der Gegenwart überlegen, und das junge Mädchen sei eine zweite Pasta, deren Namen, Judith, sie auch trage. Sie sang nur Opernarien, etwas anderes kennt die Welt ja nicht! aber durch den Klang, die Fülle und den Ausdruck ihrer Stimme trat etwas eigentümlich Ergreifendes in [236] die profane Musik hinein, etwas tief Tragisches; wenigstens kam es mir so vor, weil ich dies junge, schöne Mädchen so sehr bedauere: sie ist nämlich Jüdin. Ich mußte immer denken, wie das klingen würde, wen sie ›Ave verum‹ sänge oder ›O salutaris‹ und ihre unvergleichliche Stimme zu Lobliedern der ewigen Liebe anwendete, von der sie nichts weiß. Ich war schon früher mehrmals aufgefordert worden zu singen, hatte es aber immer abgelehnt und mir schon Vorwürfe von dem guten Vater deshalb zugezogen. Es ist mir unheimlich, vor den vielen Leuten mich hinzustellen und ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Überdas ist mein Singsang wirklich zu unbedeutend für eine elegante Soiree. Als man mich gestern wieder bat, doch auch einmal mich hören zu lassen, dacht' ich, nun sei gerade der günstige Moment gekommen, um den Leuten zu zeigen, daß ich nichts kann, denn mein Gesang verhält sich zu dem der schönen Judith, wie das Trillern des Finken zum Schlag der Nachtigall. Und was ich zu singen hätte, das wußt' ich auch gleich und das war auch nicht auf den Salonton gestimmt. Die Welt singt von ihrer Liebe, ihren Freuden, ihrem Glück; – nun wohlan! Ich werde von dem meinen singen! Und weißt Du, lieber Onkel, was ich sang? – Das Wiegenlied der Mutter Gottes von Lope de Vega. Ich frohlockte es ordentlich aus der Brust heraus, dermaßen erfrischte sich mein Herz an dem Gedanken, daß so ein wenig Himmelsluft in die schwülen irdischen Dünste hineinwehe:


›Heilige Engel,
Die ihr dort flieget
Ueber den Palmen,
[237]
Sänftigt den Wind!
Kommet und wieget
Das göttliche Kind.‹

Ich sang aber spanisch, lieber Onkel. Das verstand kein Mensch, und dadurch fühlte ich mich recht geschützt in meinem Liebesgespräch. Man wollte wissen, was ich gesungen habe. Ich sagte, es sei ein Lied von Lope de Vega, und ich vermute, daß man sich verpflichtet fühlte, um dieses berühmten Dichters willen meinen Gesang zu loben. Ach, lieber Onkel! Alles wird gelobt, nur nicht derjenige, der allein alles Lobes würdig ist. Gott wird verschmäht, ist Null, und was Null ist, wird verherrlicht. O ewige Liebe, man liebt dich nicht.« – –

In der Gesellschaft fing man an, Regina ganz ungemein zu bewundern. Mit ihrer Herzensfrische, ihrem lebhaften Verstande, ihrer anspruchslosen Einfachheit, ihrer Seelengrazie machte sie zwischen den bis zur Dressur wohlerzogenen jungen Damen den Eindruck, als trete sie aus irgend einem paradiesischen Urwald in die Welt hinein. Die kleinen niedrigen Triebfedern, welche diese beherrschen: Eitelkeit, Gefallsucht, Selbstbespiegelung, berührten sie gar nicht, denn sie wollte keinem Menschen gefallen. Aber sie hielt sich deshalb nicht für besser, sondern nur für glücklicher. Sie hatte ihr Herz in Sicherheit gebracht bei der ewigen Liebe: gab es ein größeres Glück? Der heitere Friede, der aus diesem reinen, stillen, sicheren Glücksbewußtsein hervorging, und der sich durch die liebenswürdigste Freundlichkeit gegen alle Menschen aussprach, machte sie zu einer äußerst wohltuenden Erscheinung in einer Sphäre, wo so viel Zerrissenheit und Verwirrung durch traurige Leidenschaften zu Hause [238] ist. Obwohl niemand weniger als sie mit den Ansichten, Beweggründen und Urteilen der Welt sympathisierte: so wußte sie diesen Mangel an Sympathie doch so lieblich zu umschleiern, daß man sich fast zur Übereinstimmung mit ihr gedrängt fühlte. In jener musikalischen Soiree hatte Judith durch ihren prachtvollen Gesang, namentlich der berühmten »Gnadenarie« aus Robert dem Teufel, die Gesellschaft in eine Art von gewitterhafter Aufregung versetzt. Niemand wollte nach ihr einen Akkord anschlagen, einen Ton singen. Jeder fühlte, daß er Fiasko machen müsse, und zog sich deshalb zurück. Für Regina war das ein Grund zu singen. Ihre Herzenslust und ihre innerste Meinung verschleierte sie hinter der spanischen Sprache und sang so süß und liebreizend, daß es nicht anders war, als ob die blitzdurchzuckten Wetterwolken, die Judith heraufbeschworen hatte, von leuchtenden Sternen überraschend durchbrochen würden. Nicht Lope de Vega wurde am Schluß bewundert, sondern Regina. Das glaubte sie aber nicht. Der Graf sonnte sich in den Huldigungen, die seiner Tochter dargebracht wurden, und freute sich seiner luminösen Idee, sie so früh in die Welt eingeführt zu haben. Die Reize des wirklichen Lebens würden ganz allmälig ihre Träume aus dem Sattel heben, hoffte er zuversichtlich. Uriel hoffte auch, aber auf seine Liebe, nicht auf die Welt.

Die lange und viel besprochenen, probierten und studierten lebenden Bilder kamen endlich zu Stande. Ernest beklagte aber hundert Mal, seine Hand in dies Wespennest gesteckt zu haben, wie er sich ausdrückte. Gegen die Aufgabe, aus so rebellischen Elementen von hölzernen Männer- und gezierten Frauengestalten ein Bild zusammenzustellen, [239] sei es ein Kinderspiel, ein wandgroßes Gemälde zu skizzieren. Überdas wollten sich die Damen nach dem Modejournal kleiden, nicht nach seiner Angabe; und jede war überzeugt, daß er ihr gerade die Stellung und den Ausdruck angewiesen habe, welche ihr am wenigsten vorteilhaft wären. Die eine konnte nicht ihren schönen Fuß präsentieren; bei der anderen wurde gerade ihr schöner Arm beschattet, und bei der dritten keine Rücksicht auf ihr schönes Haar genommen, womit sie doch ganz gewiß die heil. Genoveva von Brabant hätte darstellen können! Ferner wollte eine jede, daß gerade ihr Tableau das letzte sei, den letzten Eindruck mache, durch kein nachfolgendes verdunkelt werde. Endlich sagte Ernest:

»Meine gnädigen Damen, wie kunstvoll Sie sich sämtlich in Ihren respektiven Tableaux gruppieren, und ob Sie auf einen Fuß oder auf keinen sich stellen werden, das, sehe ich ein, muß ich Ihrer bessern Einsicht überlassen. Da es mir aber mit dem besten Willen unmöglich ist, jedes Tableau zum letzten zu machen: so beanspruche ich die Reihenfolge derselbenso fest zu halten, wie ich sie von Anfang an bestimmt habe: das Paradies und die Peri werden den Schluß machen, weil jenseits des Paradieses Irdisches keinen Effekt mehr machen kann.«

Keinen Effekt mehr machen kann! – Dieser Ausspruch wirkte Wunder bei den Damen. Nunmehr wollte keine mit ihrem Tableau auf das Paradies und die Peri folgen. Judith und Regina waren die einzigen, die sich durchaus fügsam gegen Ernest bewiesen, und sich genau so kleideten, so stellten, so blickten, wie er es ihnen angab. Judith dachte, es sei ja genug der Herablassung, daß sie [240] sich bewundern lasse, und das könne ihr ja gar nicht fehlen, möge sie nun so oder anders stehen. Regina – gehorchte. Aber die Sache hatte einen geheimnisvollen Reiz für sie. Ernest hatte ihr gesagt:

»Gnädige Gräfin, wenn Sie da stehen werden als Engel des Lichtes, vorgreifend jenem seligen Augenblick, der Sie einst in's himmlische Jerusalem und unter die Reihen der Auserwählten, durch Gottes Gnade, ruft, so ziehen Sie ihre Seele ein wenig zurück von der buntgefärbten Aschenwelt, die Sie umgibt, und beten Sie für die arme Peri Judith, daß diese Tochter der Nacht und der Finsternis, wie der Apostel Paulus so schön sagt, in ein Kind des Lichtes und des Tages umgewandelt werde. So kann der himmlische Sinn den ganzen Plunder von Welt heiligen und nebenbei wird das Ihnen den wahrsten und richtigsten Ausdruck geben. Diese innere Sammlung würde ich freilich keiner anderen Dame hier zumuten; da Sie aber derselben fähig sind, so haben Sie die Güte, sie in Anwendung zu bringen.«

Regina war so vertraut mit dem Bestreben, sich stets innerlich gesammelt zu haben, daß ihr Ernests Zumutung gar nicht seltsam oder übertrieben erschien. Auch wußte sie, daß ein wahrhaft apostolischer Eifer, um Seelen für die Erkenntnis der ewigen Wahrheit zu gewinnen, ein Grundzug bei den geistlichen Töchtern der heiligen Therese, und die Gebetsinbrunst für diesen Zweck unter allen Umständen und in allen Verhältnissen eine Hauptaufgabe der Karmelitesse sei. Daß dieser Auftrag eine wundersame Huldigung für sie enthalte, bemerkte sie gar nicht. Demütig und dankbar antwortet sie:

»Wie sind Sie gütig, Herr Ernest, mich an [241] etwas zu erinnern, was man so leicht in dem betäubenden Getümmel aus den Augen verliert. Nun kommt doch ein vernünftiger Sinn in den charmanten Unsinn!«

Die Tableaux kamen zur Darstellung unter ungeheurem Beifall. Einige waren sehr malerisch, andere sehr elegant, alle im schönsten Lichteffekt und umwogt von passender Musik- und Gesangsbegleitung. Aber alle erbleichten vor den beiden letzten, in denen niemand figurierte, als Judith und Regina, die jede in ihrer Art und für ihre Rolle von idealischer Schönheit waren. Die Peri trug ein lichtblaues, silberdurchwirktes Florgewand, Schmetterlingsflügel von Silberflor mit Pfauenfederaugen, und über der Stirn, wo die dunkeln Wellen ihres Haares sich scheitelten, einen Stern von Saphieren, deren bläuliches Licht mit dem Schimmer von Schwermut harmonierte, der immer auf ihrem schönen Antlitz lag und der so passend für ein Wesen war, dem das Paradies verschlossen blieb. Der Engel des Lichtes trug ein weißes Gewand, mit Saum und Gürtel von Goldstickerei, große, blendend weiße Flügel, in der Rechten einen Palmzweig und um die Fülle der blonden Locken einen feinen Goldreif, den über der Stirn ein kleines Kreuz von strahlenden Brillanten zusammenhielt. So stand eine jede unter ihrer eigenen Signatur, unter dem Schönsten, was die natürliche und übernatürliche Welt aufzuweisen hat: unter dem Stern und unter dem Kreuz. Im ersten Bilde lag die Peri flehend vor dem Engel auf den Knien, der verneinend ihr entgegentritt. Im zweiten nahte sie sich hoffnungsfreudig, und der Engel reicht ihr den Palmzweig dar. Judith, die für alle Künste Talent hatte, besaß ein großes [242] für die Mimik und verstand es meisterhaft, sowohl ihren Zügen, als ihrer ganzen Gestalt und Haltung zuerst den Ausdruck von flehender Bitte und dann von triumphierender Freude zu geben. Regina mochte wohl keine Spur von mimischem Talent haben; allein sie nahm sich Ernest's Auftrag so zu Herzen, daß sich ganz natürlich eine milde Trauer um die arme Judith und eine süße Wonne bei dem Gedanken an deren Rettung in den klaren Frieden ihres schönen Angesichts mischte.

»Ganz wie ein Engel,« flüsterte halblaut Ernest vor sich hin, der sich unter die Zuschauer begeben hatte. »Wie ein Engel, der die Schwingen zum Fluge in die himmlische Heimat ausbreiten wird!«

Es war finster im Saal, wie es eben sein muß, damit die richtige Beleuchtung der Bilder nicht gestört werde. Ernest wußte nicht, wer ihm ins Ohr sagte:

»O schweigen Sie von Prophezeiungen des Todes.«

Ernest sah sich um, erkannte in dem Sprechenden Uriel, der sein Mönchsgewand wie eine Raupenhülle abgestreift hatte, und antwortete ihm:

»Sie wissen ja gar nicht, von wem ich spreche.«

»Nicht?« fragte Uriel; »könnte man wirklich in Zweifel darüber sein, wen Sie meinen?«

»Nun, Herr Graf, wenn Sie auch die eine Meinung richtig getroffen haben, so irren Sie doch in der anderen. Ich dachte nicht an Todesprophezeiungen, sondern drückte mich nur figürlich aus, um das Schwunghafte in diesem Engel des Lichtes zu bezeichnen. Ist denn die Gräfin Regina kränklich? fürchtet man für ihre Gesundheit?«

»Nein, gar nicht! Aber ich weiß nicht, wie es[243] kommt, diese Bilder machen mich traurig, und es ist mir, als ob ich meine Cousine im Himmel sähe.«

»Anticipando – ist das ganz richtig, Herr Graf und ich wünschte sehr, daß Sie diese Second sight auch von der Peri hätten.«

»Die Peri,« sagte der vielbelesene junge Mann, der auf der anderen Seite neben Ernest stand, »die Peri ist und bleibt eine Oreade.«

Ernest tat ihm den Gefallen, gutmütig zu fragen:

»Warum denn gerade eine Oreade? könnt' es nicht auch eine Dryade sein, oder eine Najade? die ich freilich lieber Nixe nenne.«

»Keineswegs!« sagte der Belesene. »Die Oreade muß es eben sein; denn die Oreade ist ein Geist, der in Felsen wohnt, und der dadurch so gewiß versteinert und unnahbar ist, wie diese Peri, d.h. wie ihre Darstellerin.«

Ernest dachte in seinem Sinn, es sei der Peri kaum zu verargen, wenn sie diesem Belesenen gegenüber ihren Oreadencharakter recht entschieden hervorgekehrt habe. Er fragte weiter:

»Nun, und der Engel des Lichtes? was haben Sie von dem zu bemerken?«

»Wie es in dem indischen Gedicht Nal und Damajanti heißt: ›Sie ist an Schönheit und Huldgeberden – Wie eine Wundersage auf Erden‹« – war die Antwort.

»Ei!« rief Ernest, »was Sie nicht alles wissen! Von der griechischen Mythologie bring' ich wohl allenfalls ein Stückchen zusammen wegen der allegorischen Manier der bildenden Künste, welche im Zeitalter der Renaissance und ihres Auswuchses, des Rokoko, in ganz Europa florierte, und von der unsereiner Notiz zu nehmen hat. Aber indische [244] Poesie – nein! so hoch hab' ich mich nie verstiegen! und was Sie für ein ausgezeichnetes Gedächtnis haben! das ist auch beneidenswert.«

»Mein Gott,« flüsterte Uriel Ernest zu, »er bringt uns ja alle vor Langeweile um mit seinen Zitaten, und Sie bestärken ihn darin!«

»Ach,« sagte Ernest, »solch harmlose Leute sind gar nicht übel und etwas sanftmütige Langeweile bei indischen und sonstigen Zitaten ist meiner Seele viel heilsamer, als die Unterhaltung durch pikante Bosheiten.« –

Der Vorhang rauschte zum letztenmale nieder, die Kronleuchter wurden wieder angezündet, die Darstellungen waren zu Ende, der Ball begann. Die meisten Damen, die in den Bildern figuriert hatten, blieben in ihrem Kostüme. Regina hatte es aber für sich höchst unpassend gefunden und ihr Kammermädchen mit einem Ballanzug nach Judiths Zimmer beordert. Als sie dies Zimmer betrat, fiel ihr Blick auf die Uhr; es war Mitternacht.

»Genug der Mummerei!« sagte sie zu dem Mädchen, das erwartungsvoll zwischen Flor, Blumen und Bändern dastand. »Ich kann unmöglich in tiefer Nacht ein Maskenkleid ablegen, um ein anderes anzuziehen. Packen Sie den Kram zusammen, Brigitte, während ich meinem Vater in zwei Zeilen schreibe, daß ich nach Hause fahre.«

Als ein Diener dem Grafen dies Zettelchen überreichte, stieg Regina mit Brigitte in einen Fiaker und fuhr von dannen. Der Graf war gar nicht darüber erzürnt, suchte die Baronin Isabella auf und folgte mit ihr seiner Tochter. Im Wagen sagte er zu seiner Schwägerin:

»Es war ein recht unheimlicher Abend! Haben Sie nichts gehört?«

[245] »Doch! schlimme Gerüchte von einer Revolution in Paris.«

»Wobei das allerschlimmste, daß die Gerüchte wahr sind! Die Revolution ist ausgebrochen, Louis Philipp hat seinen Bündel schnüren müssen, und wir wollen dasselbe tun und unverzüglich nach Windeck zurückkehren. Die Herren von der Diplomatie und von der Bank hatten die größte Mühe, ihre bedenklich verlängerten Gesichter in den stereotypen, nichtssagenden Falten zu erhalten. Besonders der Festgeber selbst, von dem man behauptet, auch er werde sein Bündelchen schnüren müssen.«

»Welche Kalamitäten verhängt doch dies beständig revolutionierende Frankreich über die Welt, und wähnt sich im Fortschritt begriffen, während es dem Abgrunde zutaumelt und andere mit hinabreißt!« seufzte die Baronin.

[246]
Revolution

Die Nachrichten waren ganz richtig, und die revolutionäre Mine, welche am 24. Februar 1848 in Paris Explosion machte, setzte nach und nach alle Minen voll lange angesammeltem Zündstoff in ganz Europa in Feuer. Wie weit die Flamme um sich greifen werde, wußte niemand, und noch viel weniger, wie sie zu löschen sei. Die gesunde Vernunft ließ sich in einer Weise teils überrumpeln, teils hinter das Licht führen, teils terrorisieren, die vielleicht ohne Beispiel in der Weltgeschichte ist. Der Geist, der die Geschicke der Menschheit regiert, ließ das zu, um warnend zu zeigen, wohin die Worte Fortschritt und Freiheit führen, wenn man sie ihres wahren Sinnes, ihres Zusammenhanges mit dem Christentum beraubt und die edelsten und heiligsten Aspirationen des Menschenherzens, zu denen die Sehnsucht nach Freiheit und das Streben nach Fortschritt gehören, durch materialistische Auffassung und egoistische Deutung verfälscht und mißbraucht. Die wahre Freiheit und der wahre Fortschritt des Menschen führen ihn zu seiner Heiligung, und da es seine Bestimmung ist, hienieden an seiner Heiligung zu arbeiten, und da zwischen seiner Bestimmung und seiner Sehnsucht ein geheimer Zusammenhang besteht, so gibt es wohl wenig Herzen, die bei den Worten: Fortschritt, Freiheit kalt und gleichgiltig blieben. Aber, wenn nur auf [247] irdischem Gebiet und mit irdischen Kräften und Mitteln jener sich schrankenlos fortbewegen, diese sich unbegrenzt entfalten soll; wenn der Begriff der Freiheit zur willkürlichen Ungebundenheit herabsinkt und der des Fortschrittes ausartet in ein tolles Rennen für materielle Zwecke ohne übernatürliches Ziel; wenn diese beiden Triebe des Menschen, die dazu bestimmt sind, ihn zu adeln, indem er sie der Leitung der ewigen Wahrheit und dem Dienste eines höheren Willens unterwirft, statt dessen von blinder Leidenschaft irregeführt, in das Netz der Lüge ihn verwickeln: dann gibt es wenig Waffen, welche dem Geist der Finsternis willkommener wäre, um mit ihnen seinen uralten Krieg gegen das Licht fortzusetzen, als die falsche Freiheit und der falsche Fortschritt, d.h. Willkür und Zügellosigkeit auf religiösem, sittlichem und politischem Gebiet. Dadurch wird die Welt in Barbarei gestürzt, in Nichtachtung fremden Rechtes und eigener Pflicht, in einen Individualismus, der das Gegenteil von aller Civilisation ist, weil er jeden einzelnen in einen Ismaël verwandelt, »dessen Hand gegen alle und aller Hand gegen ihn« sich erhebt.

Civilisation ist die Bildung der Menschheit nach christlichen Prinzipien. Das Christentum allein ist bildend, weil sein Lebenskern das Opfer ist, weil allein es opferwillig macht und die Achtung fremden Rechtes, die Erfüllung eigener Pflicht und die heilige Notwendigkeit lehrt, den Individualismus zu beschränken, um die Einheit herbeizuführen, die einst wilde Horden samt ihren Häuptlingen, und Sklavenvölker samt ihren Neronen in christliche Staaten umgestaltete. Das Christentum allein erfaßt die Freiheit als eine freiwillige Unterwerfung von gottentstammter Autorität, und den Fortschritt [248] als eine freiwillige Bewegung in die Richtung auf christlich-sittliche Vollkommenheit. Dieser übernatürliche Gehorsam, verbunden mit dieser übernatürlichen Strebsamkeit, entwickelt eine solche Kraft des Geistes und einen solchen Adel der Seele, daß eine Menschheit, die von diesen beiden Begriffen durchdrungen und belebt wäre, in die höchsten Bahnen der Civilisation, der harmonischen Entfaltung und Anwendung aller guten, sittlichen und geistigen Kräfte einlenken, und ihre politischen, bürgerlichen und sozialen Institutionen zu einem ihnen entsprechenden Ausdruck machen würde. Da nun ein solches Ideal wohl angestrebt, aber, vermöge der Unvollkommenheit, die allem, was Mensch ist, durch die Sünde anklebt – in allen Einzelheiten nicht verwirklicht werden kann: so sucht der gefallene unruhige Menschengeist den Grund dieser Unvollkommenheit nicht in der eigenen Schwäche und der eigenen Neigung zum Bösen, nicht in seinem Hochmute und in seiner Sinnlichkeit, welche die edelsten Institutionen entkräftigen und unwirksam machen, sondern in den bestehenden Institutionen selbst; und da diese in ihren Grundzügen aus dem Christentum hervorgegangen sind und der gefallene Menschengeist wesentlich antichristlich ist: so ist es ihm bei Abschaffung verhaßter Institutionen im letzten Grund um Abschaffung des verhaßten Christentums zu tun, was ohne Revolution, d.h. ohne völligen Umsturz aller bestehenden Verhältnisse unmöglich ist. Die Worte, die das Christentum so erhaben deutet und durch sie auf die Bahn des Heiles hinweist und hinzieht, behält er bei, der gefallene Menschengeist, ja er macht sie recht zu seinen Losungsworten, weil die Herzen gewöhnt sind, für sie zu entbrennen; [249] nur aber verfälscht er ihren Begriff dergestalt, daß sie förmlich in ihren Gegensatz umschlagen, daß Fortschritt genannt wird, was eine unmäßige Steigerung der niederen Fähigkeiten und Tätigkeiten auf Kosten des höheren ist; und Freiheit, was der Rausch eines Sklaven, der gekettet an subjektive Ansichten und selbstsüchtige Leidenschaften ist, und Civilisation, was Versumpfung der Seelen in die Materie ist.

Dies alles, sophistisch dargestellt, mit halben Wahrheiten vermischt, mit verwegener Berufung auf große Namen geharnischt, deren Träger sich freilich gegen diesen Mißbrauch ihres gewichtigen Zeugnisses empören würden, wenn sie noch unter den Sterblichen wandelten; dies alles wird durch Trugschlüsse einleuchtend gemacht, durch Schlagworte scheinbar zu unantastbarer Wahrheit erhoben, und der Menschengeist, der gleich verdunkelt ist, so wie er aus dem Licht des Glaubens heraustritt, geht auf die Täuschung ein, die ihm blendend und schmeichelnd entgegenkommt. Es lebt kein Mensch auf Erden, der nicht irgendwo Last und Druck, irgendwie Entbehrung und Mangel spürte und in dem sich nicht ein Etwas regte, um sich davon zu befreien. Aber dies Etwas wird wachgerufen – entweder durch die Lockung der alten Schlange, die ihm ihr altes Lied vorzischt: Wie Götter werdet ihr sein, wenn ihr euch aufbäumt gegen Gott; oder durch den Mund der ewigen Wahrheit, die unablässig zu ihm spricht: Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach. Je nachdem der Mensch so viel Selbsterkenntnis hat oder nicht hat, um den Grund dieser Regungen in sich wahrzunehmen, und so viel Selbstverleugnung, um seine Last als einen Splitter vom Kreuz zu betrachten [250] oder nicht – wird er den Weg der Empörung einschlagen, das Kreuz verwerfen und durch den Umsturz des Gesetzes zur Barbarei und übertünchten Sklaverei gelangen – oder den Weg der göttlichen Gebote wandeln und die Freiheit finden und geben, von welcher der Apostel Paulus sagt: »Wo der Geist des Herrn, da ist Freiheit.« Der Geist des Herrn aber ist Liebe zum Kreuz in solchem Maße, daß dadurch das Kreuz zum Symbol der höchsten Liebe geworden ist.

Freilich richtet sich die Revolution öffentlich nicht zuerst gegen das Kreuz, welches eins und dasselbe mit Christentum ist; denn das würde vielen Wohlmeinenden, deren Zustimmung, wenigstens der passiven, die Revolution in ihrem Beginn sehr nötig hat, die Augen öffnen; sondern sie erhebt ihr Feldgeschrei gegen Absolutismus und Obskurantismus für Menschenrechte, oder Aufklärung, oder Volksvertretung, oder Preßfreiheit, oder Grundrechte, oder wie immer die Parole heißt, die aus einem wahren oder eingebildeten Bedürfnis der Zeit enspringt, dem die Wohlmeinenden gern beistimmen; die aber allmählig gesteigert und übertrieben durch die Reibung der Massen, die Erhitzung der Leidenschaften und die sündige Verblendung der Anführer zu etwas Ungeheuerlichem aufschwillt, das kein Recht und Gesetz über oder auch nur neben sich dulden will, so daß sich dann, etwas zu spät, die Wohlmeinenden ernüchtert und verstört die Augen reiben und sagen: Das haben wir nicht gedacht und dahin nicht gewollt! Lange bevor die Revolution öffentlich, gleichviel mit welchem Schlachtruf und gegen welche Institutionen auflebt, hat sie aber ihre Empörung gegen das Kreuz betrieben, und auch da wieder große, gangbare [251] Worte gebraucht, deren Begriff sie fälschte. Geist, Wissenschaft, Forschung, Humanität – alles dies, so gewichtig für die wahre Bildung der Menschheit, so berechtigt in einer richtigen Anwendung – mußte jener Empörung zur Maske dienen und zur Waffe werden. Der Kalvarienberg ist der Mittelpunkt und der Schlußstein der Weltgeschichte. Welch ein Hindernis für diejenigen, welche die Weltgeschichte mit sich beginnen und die Weltordnung nach ihrem Kopf konstruieren möchten! Um die Freiheit und den Fortschritt auf ihre Irrbahn zu reißen, müssen diese das Kreuz aus den Augen verlieren, muß der Kalvarienberg so gut wie jeder andere Berg, der im Wege liegt, mit einem Tunnel durchsprengt werden, damit die Menschheit durch diesen dunkeln Schacht hindurch irdischen Seligkeiten entgegen rase, deren Horizont nichts abschließt, als die krankhaft und leidenschaftlich gesteigerte Entwicklung des Individuums, und deren Schranke nichts ist als der Tod, dem Glaube und Hoffnung fehlen auf das ewige Leben, weil diese Tradition, die vom Kalvarienberg herabklingt, mit ihm vom Fortschritt überflügelt ist. Der Abfall der Geister von der ewigen Wahrheit geht dem Ausbruch einer politischen Revolution, die er herbeiführt, lange vorher, und äußert sich jedesmal durch die neue Phase eines Lichtes der Aufklärung, das nicht vom »Vater des Lichtes« stammt.

So ging der große Abfall von der Kirche im sechszehnten Jahrhundert der englischen Revolution vor her, die König Karl I. auf das Schaffot brachte. So war die materialistische Philosophie der Engländer und die atheistische Literatur der Franzosen im vorigen Jahrhundert Vorläuferin der Revolution von 1789. So bereitete Deutschlands [252] pantheistische Philosophie, verbunden mit seiner eigenen und mit Frankreichs Literatur des Kommunismus und Sozialismus, den neuesten Revolutionen die Wege. Wissenschaftliche und belletristische Werke, Journale, Gedichte, Flugschriften, Zeitungen, Lehrvorträge, Theater, öffentliche Vorlesungen: Alles atmete, bewußt oder unbewußt, den Geist der Empörung gegen politische, oder soziale, oder kirchliche Zustände aus. In der Theorie war längst die Revolution da. Die geheimen Gesellschaften, gleichviel welchen Namen sie führen, sind die Laboratorien, wo das Gift dieser Theorien am gründlichsten destiliert und am begierigsten eingesogen wird. Alles Geheime hat seinen Reiz, besonders für die Unerfahrenen und für Menschen, deren Leidenschaften in der gesetzlichen Ordnung nicht den begehrten Spielraum finden. Unerfahren und in Gährung der Leidenschaften ist hauptsächlich die Jugend. Die Verpflichtungen, welche die christliche Religion ihr auferlegt, finden diejenigen drückend, die nicht guten Willens sind, die Leidenschaften zu beherrschen. In den geheimen Gesellschaften werden sie belehrt, daß die christliche Religion ein schmählicher Aberglaube und nur erfunden sei, um die große Mehrzahl zum Besten einer geringen Minderzahl zu knechten, und es werden die Mittel ersonnen, um die Sache umzukehren und um ohne Religion die bisher Geknechteten zu befreien und die bisher Bevorzugten in Sklaverei zu bringen oder zu vertilgen. Das Hauptmittel besteht immer darin, Thron und Kirche zu stürzen und Fürsten und Priester aus der Welt zu schaffen. Das ist das letzte Wort aller geheimen Gesellschaften und aller Revolutionen.

Der in tausend Sekten zerfallene Protestantismus[253] mit seinen letzten erbärmlichen Ausläufern, den sogenannten Lichtfreunden, zu denen sich Freunde desselben Lichtes, abgesetzte und abgefallene Priester der heiligen katholischen Kirche voll Sympathie neigen, führen ihre Anhänger, die keine Befriedigung in der dürren Öde und den ängstlichen Schwankungen der Sektiererei finden, und die nicht um Rettung vor der Pforte der Gnade flehen, schnurstracks in die finsteren Abgründe der geheimen Gesellschaften, bei denen sie das finden, was der Mensch so sehr bedarf: Gemeinsamkeit, Vereinigung der Kräfte; aber zum Faktionsgeist, diesem blinden und wilden Zerstörer aller Ordnung, aller Gesetzlichkeit, alles Friedens, aller Freiheit, aller Kultur, der mehr als jeder Mißstand die gedeihliche Entwickelung der Staaten hemmt, indem er eine permanente Widersetzlichkeit hervorruft und da durch die Herrschaft gesetzlicher Ordnung unmöglich macht. Die übernatürliche Einheit der Menschheit in Christus, welche die katholische Kirche vermittelt und darstellt, wird von dem Faktionsgeist mit blindem Grimm angefallen, wirklich verzerrt und dann wird diese Verzerrung mit unerhörter Frechheit für eine wahre Gestalt ausgegeben, die kein vernünftiger Mensch bezweifeln könne. Dann wird alles begeifert! Der großartige Associationsgeist, der dem triebkräftigen Boden des Christentums entwächst, durch die Kirche geheiligt wird und während anderthalb Jahrtausenden Wunder der Sittigung, der Bildung, der harmonischen Entfaltung aller Kräfte, der selbstständigen Bewegung auf allen Gebieten des Lebens geleistet hat und immer und überall leistet, wo man ihm Spielraum gönnt – wird entweder als böser Mißbrauch gehässig gemacht, oder mit verächtlichem[254] Achselzucken kurzweg abgefertigt als: finsteres Mittelalter! oder man drückt seinen Formen irgend ein beliebiges Brandmal auf. Das Ordenswesen befördert den Müßiggang, so wird behauptet; die Bruderschaften verbindet der Aberglaube; das Zunftwesen raubt die persönliche Freiheit: folglich sind es hassenswerte Institutionen, was zur Genüge dadurch bezeugt wird, daß sie in der christlichen Kirche wurzeln, welche die Anstifterin alles Unheils auf Erden ist.

Bewiesen werden solche Behauptungen gar nicht: sie werden nur so lange und so laut wiederholt, daß sie in jedes Ohr dröhnen. Laster und Mißbräuche gab es freilich zu allen Zeiten; Missetaten wurden in allen Epochen begangen; aber zwischen den Frevlern in Tagen des Gaubens und des Unglaubens besteht sogar noch ein ungeheuerer Unterschied zum Vorteil der Ersteren: sie haben nicht selten die Kraft, ihre Missetaten durch Reue und Buße zu sühnen. Auf ihrer Seite stehen die großen Bekehrungen, während sich auf der Seite des Unglaubens das Zeichen der äußersten sittlichen Verkommenheit, der Selbstmord, gräßlich häuft. Da es nun nichts Christlicheres gibt für den gefallenen Menschen, als die Buße, und nichts Unchristlicheres, als die Judastat des Selbstmordes: so wird jene aufs äußerste verhöhnt vom Antichristentum, damit sich nur niemand einfallen lasse, auf dieser Notbrücke sich zu retten, wenn ihm die steigende Flut des bösen Gewissens an's Herz geht. Dem Selbstmord hingegen, als dem Höhepunkt des Abfalles von Gott, hat die Apotheose nicht gefehlt. Bis zur letzten Masche wird das Netz ausgewebt, worin die alte Schlange alle diejenigen zu fangen sucht, denen es lockender klingt »wie [255] Götter« – als »Kinder Gottes und Mitbürger der Heiligen« zu sein.

Bei diesem Werk hat sie alle bösen Neigungen und verderblichen Leidenschaften der ganzen Menschheit zu Bundesgenossen. Darum darf sich Keiner von der Mitschuld freisprechen, wenn ein solcher Krater zum Ausbruche kommt. Es gibt Stufen in der Mitschuld; es gibt Sandkörner und Felsblöcke im Reiche des Bösen; aber jeder klopfe an seine Brust und spreche sein »mea culpa«; denn in ihrem innersten Wesen sind Revolutionen nie etwas anderes, als sittliche Erkrankungen der Menschheit in Folge der Sünde – und dazu hat jeder in seiner Weise beigetragen, sei es ein Atom, sei es auch nur negativ, oder durch Gleichgiltigkeit gegen Wahrheit und Recht, oder durch unbedachtsamen Beifall für das blendendgeschmückte Böse, oder durch passives Gewährenlassen desselben, das man Toleranz nennt und das doch nur ein Mangel an Entschiedenheit für das Gute ist.

Im heimlichen Bewußtsein dieser allgemeinen Mitschuld erbebte die Welt, vom Thron bis zur Hütte, und alle Fundamente, die man schon so lange aus ihren Fugen zu sprengen suchte, schienen wirklich auseinander zu fallen und einen Schutt- und Trümmerhaufen nach sich zu ziehen, als die Revolution im Jahre 1848 Europa in Brand steckte. Der Augenblick der Emanzipation aller von allem schien gekommen zu sein, denn diejenigen, welche nicht in den Schwindel einstimmten, wurden als Minorität betrachtet und für die, welche ihm entgegentraten, wurde das Wort »Reaktionär« erfunden, wodurch sie als Verbrecher gegen das erhabene Werk der Revolution gestempelt und den Folgen einer blindrasenden Aufregung in den unteren [256] Volksschichten preisgegeben wurden. Die Revolte ging bis in die Kinderstuben herab: Schulknaben empörten sich gegen mißliebige Lehrer. Die Fürsten aber ließen sich einschüchtern durch Studenten, Literaten, Advokaten, Journalisten und deren Anhang, flohen oder unterwarfen sich – und die Revolution regierte.

Niemand sog ihren Rausch mit volleren Zügen ein, als Florentin! Endlich war die Ära angebrochen, nach welcher sein vom Stachel des Ehrgeizes in ein beständiges Wundfieber versetztes Herz so brennend verlangte! Endlich sollte eine großartige Demokratie die Ketten Europa's brechen und die befreite Menschheit aus den widernatürlichen Zuständen erlösen, unter denen sie schmachtete! Endlich sollte das Individuum zu seiner wahren Geltung kommen und die ungeheuere Geistes- und Charaktergröße offenbaren, welche die revolutionäre Gesinnung in ihren Anhängern entwickelt! Er schwelgte in diesen Voraussetzungen. Zu welcher Höhe er selbst sich erschwingen werde – ob zu einem Cajus Gracchus, ob zu einem Brutus, oder Cromwell, oder Washington, oder Danton – das war ihm freilich nicht klar; das hing ab von Umständen und Verhältnissen. Es galt nur, sie zu ergreifen und zu benutzen: dann war ihm die Größe gewiß. Vor der Hand galt es, mit den großen Schlagworten Emeute zu machen und zum Schutz derselben Barrikaden zu bauen. Florentin hätte sich verhundertfachen mögen, um überall dies hochherzige Werk des Barrikadenbaues zu fördern. woran »die vertierte Soldateska,« welche so niedrig dachte, ihren Fahneneid zu halten, scheitern sollte.

Als ein eifriges Mitglied geheimer Bünde wußte er, daß die Revolution in ganz Europa organisiert [257] sei. Er wollte daher seine Kräfte der Befreiung Deutschlands widmen – so sehr ihn auch das Verlangen zog, nach Paris, dem großen Babylon der Revolution, zu eilen – oder nach Rom, um diese wichtigste Citadelle der Völkerknechtschaft und der Geistesverfinsterung stürmen zu helfen. Im deutschen Vaterlande gab es ja aber eine ganze Kette solcher Citadellen zu sprengen! Florentin verließ Würzburg und seine Studien. Dort war nicht mehr die Stätte und das Feld seiner Tätigkeit. Nicht der leiseste Gedanke an Windeck erschwerte seinen Entschluß. Wie hätte das sein können? Hatte nicht Brutus den Cäsar umgebracht? Gab es Größeres als die Taten der alten Römer? War die aristokratische Usurpation minder fluchwürdig, als imperatorische Kronengelüste? Nicht Dank war er dem Windecker Grafen schuldig für seine Erziehung, Bildung und Erhaltung; denn das alles war ihm ja nur infolge einer Laune der bigotten Gräfin Kunigunde zu Teil geworden, die nichts Höheres kannte, als den Ultramontanismus zu verbreiten. Wie leicht hätte er demselben verfallen können gleich dem armseligen Hyacinth! Nein! sein Dank gebührte den großen Männern, deren wissenschaftliche Forschungen auf dem Gebiete der Natur- und Geschichtskunde herausgestellt hatten, daß die Natur die ewig aus sich selbst gebärende Allmutter und Schöpferin – der Geist des Menschen ein Produkt seines Gehirns – Religion die Erfindung und Politik schlauer Priester – göttliche Offenbarung ein widersinniges Märchen – ein außerweltlicher persönlicher Gott etwas Undenkbares – das Leben ein Tummelplatz für alle Gelüste – der Tod der Eintritt in das Nichts sei. Sein Dank gebührte den freien Denkern, die [258] nicht nur gänzlich absahen vom Katholizismus, der ja, seit dreihundert Jahren schon tot, nur noch als Gespenst mit den Nachteulen und Wehrwölfen zu mitternächtiger Stunde umherschleiche, und nur von kleinen Kindern und alten Weibern wahrgenommen werde; sondern auch vom Protestantismus; der ja nichts weiter sei, als eine Kritik des Katholizismus, viel weniger innere Triebkraft und schöpferische Befähigung habe, als dieser, um einen Fortschritt der Menschheit zur Verbrüderung zu erzielen, und allenfalls nur zu dulden sei, weil seine tausend Sekten ebenso viel Tore öffneten, durch die man dem Christentum entfliehen könne. 3 – Nein, dem Windecker Grafen gebührte kein Dank! Aber mit unaussprechlichem Wohlbehagen stellte sich Florentin die Möglichkeit vor, daß er in irgend einem, für die Windecker recht gefährlichen und recht demütigenden Augenblick als ihr Beschützer vor ihnen auftreten und ihnen beweisen könne, welch' edles Herz in einer demokratischen Brust schlage.

So, ohne einen Funken von religiöser Denk- und Willensrichtung, die gänzlich erloschen war in dem eisigen Egoismus seines Hochmutes und Ehrgeizes, machte sich Florentin an die Neugestaltung der menschlichen Verhältnisse. In erfahrungsloser Kurzsichtigkeit und ohne richtige Kenntnis des Menschen und der Geschichte der Völker brachte er den Mangel an jener Richtung gar nicht in Anschlag. Er dachte: nur niedergerissen! nur tabula rasa gemacht! dann findet sich der Aufbau von selbst! Aber nur die religiöse Denk- und Willensrichtung hat Trieb- und Bildkraft, denn nur sie hat einen Lebensgrund in der Liebe zu Gott und zum Nächsten, die verbindend wirkt und aus der sie [259] schöpft. Diese übernatürliche Liebe ist in der Menschheit, was im einzelnen Menschen seine Seele: sie hält den ganzen Organismus zusammen. Ohne sie – tritt der Tod ein, die Auflösung, und Totengebein wird zu Staub, wenn nicht, wie in jener Vision des Propheten Ezechiel, der Geist Gottes es neu belebt. Florentin wähnte mit sozialistischen Ideen das Nämliche leisten zu können. –

Auf Windeck war freilich mit der Rückkehr der Familie auch etwas von der schwülen Stimmung und Spannung der Zeit eingekehrt; aber sie hatte auch ihr Gegengewicht. Der Graf hegte große Besorgnis vor der Gefährdung des Besitzes, der infolge der Gefährdung des historischen Rechtes allerdings sehr bedroht war, und mit unaussprechlicher Geringschätzung betrachtete er die Leute, die plötzlich durch die Wogen der Revolution von unten nach oben gebracht, in ihrer Weise zu herrschen und ihre Ordnung einzuführen suchten. Die Baronin Isabelle stand Todesangst aus vor den Forderungen des Landvolkes und den Zusammenrottungen allerhand Gesindels. Sie hätte sich selbst und ganz Windeck unsichtbar machen mögen, um nur ja keine scheelen Blicke auf dies Aristokratennest zu lenken. So wie der Graf aus Frankfurt zurückkam, ließ er, wie immer, wenn er anwesend war, über dem Schloß seine Fahne aufziehen. Nicht genug, daß dies stolze Banner äußerst aristokratisch da wehte und den Schloßherrn verkündete, so waren die Windecker Wappenfarben auch noch zum Unglück die Farben Oesterreichs: schwarz und gelb. Wenn es ein mildes Weiß und Blau, oder ein freundliches Rot und Weiß gewesen wäre, das hätte doch nicht so finster, so drohend, so unheilverkündend ausgesehen! Mit Tränen flehte sie ihren Schwager an, [260] diese entsetzliche Trauerfahne mit österreichischen Färbungen bei den gegenwärtigen Verhältnissen einzuziehen; sie walle ganz zwecklos über den Zinnen, denn willkommene Gäste dürfe man in den betrübten Zeitläuften doch nicht erwarten, und der Heimsuchung durch unwillkommene wünsche man ja sehnlichst zu entgehen. Aber stolz wies der Graf dies Gesuch ab mit dem Bescheid, sein alter Brauch habe nichts zu lernen von revolutionärer Insolenz.

Uriel und Orest waren beide in österreichische Kriegsdienste gegangen. Die ganze Jugend war kampfesdurstig und bereit, an der allgemeinen Aufregung tätigen Anteil zu nehmen: die einen im revolutionären Sinn, die anderen im konservativen. Obgleich Oesterreich für den Augenblick vielleicht mehr gefährdet war, als irgend ein anderer Staat, da innere und äußere Feinde zugleich ihn anfielen: so stand dennoch das alte traditionelle Vertrauen zu seiner Lebenskraft, die sich in den vielfachen Stürmen von mehr als einem halben Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte, in allen denjenigen fest, welche nicht gesonnen waren, mit der Revolution zu gehen und sich ohne Schwertstreich vor ihr zu beugen. Als man sah, welche Wendung die Dinge in Deutschland nahmen, erklärte Uriel gleich:

»Ich gehe nach Oesterreich in den italienischen Krieg! Welche Wonne, gegen einen äußeren Feind die Kräfte zu brauchen, die sich in der Untätigkeit fieberhaft steigern, und die zu edel sind, um sie gegen deutsche Freischaren anzuwenden.«

Orest verließ sogleich seine Jagden und seine Berliner Oper- und Balletfreuden, deren Zauber vor den Barrikaden schwand, und eilte nach Windeck, um mit Uriel nach der Lombardei zu gehen. [261] Er hatte an Florentin geschrieben und ihn nach Windeck beschieden, um zu hören, was Florentin jetzt beginnen werde. Allein von diesem kam weder eine Antwort noch er selbst. Orest ging nach Würzburg, um ihn zu suchen und bei Hyazinth, der dort im geistlichen Seminar studierte, Erkundigungen über ihn einzuziehen. Aber er war fort und niemand wußte, ob nach Wien, ob nach Frankfurt, ob nach Paris oder wohin sonst. Während des ganzen Winters hatte Hyazinth ihn ein einzigesmal gesprochen und ihn aufgeregter, bitterer denn je gefunden.

»Also einen Revolutionär habe ich unter meinem Dache großgezogen und mit aller Liebe und Sorgfalt einen Basilisken ausgebrütet,« sagte der Graf, als Orest mit diesen Nachrichten zurückkam.

»Wir wollen Gott danken, daß es von vieren – nur einer ist,« sagte Levin.

»Und kein Windecker!« setzte der Graf hinzu.

Levin ruhte mehr denn je am Herzen Gottes. Sein Friede konnte durch den Unfrieden in der Welt nicht getrübt werden. Seine lange Erfahrung zeigte ihm in dem immer wiederkehrenden Ausbruch solcher Ungewitter die tiefe Störung im geistigen Leben der Menschheit, die aus ihrem Gleichgewicht gekommen war, weil sie in sich dem Niederen die Macht über das Höhere gegeben hatte, und die nun, taumelnd und berauscht, in Orgien verfiel, welche den einen Untergang, den anderen aber Ernüchterung bringen mußten. Lange Friedenszeiten, die der Entwicklung des materiellen Wohlstandes günstig sind, führen die Menschheit leicht zur Überschätzung ihrer Kräfte, ja, zu einer Vergötterung derselben. Brechen dann große geschichtliche Katastrophen wie Orkane ein, so knicken[262] alle die überschätzten und angebeteten Kräfte zusammen, zeigen sich in ihrem Nichts, ja, werden zum Rohr, das zersplitternd die Hand verwundet, die sich darauf stützt und bringen durch das Bewußtsein tiefer Hilflosigkeit die Menschheit zur Besinnung über die lange verschmähte Liebe Gottes, die während des Idolendienstes nicht zur Geltung kam. Dies ist nun freilich nie die Absicht derjenigen, welche die Katastrophen zum Ausbruch bringen; denn Liebhaber des Kreuzes machen keine Revolution; aber so ist der Gang der Weltgeschichte! Dem freien Willen des Menschen ist aller Spielraum gelassen, bis zu einem gewissen Punkt, den niemand kennt, als Gott allein. Ist die Sündflut bis zu dem Ararat gestiegen, so sinken die Wasser der Trübsal und mancher Noe richtet den Altar auf, um Gott ein Dankopfer darzubringen. Je größer und allgemeiner die Ueberschätzung des Niederen und die Mißachtung des Höchsten in der Welt ist, umso größer müssen die Katastrophen sein, die aus einer solchen Verletzung der göttlichen Ordnung hervorgehen; umso lauter muß der Warnungsruf erklingen, der die Berauschten aus ihren Orgien wecken soll. Das alles hatte Levin schon in den gesamten Weltereignissen, und häufiger noch in den Schicksalen einzelner erlebt. Er war daher ganz ruhig und suchte auch andere zu beruhigen, namentlich das Landvolk, das durch glänzende Vorspiegelungen geblendet wurde und auf die Revolution eingehen sollte. Eine so lange, lange Reihe von Jahren hatte Levin hier gelebt, seine zärtlichste Sorgfalt gerade dem gemeinen Manne zugewendet, zwischen denen er, wie sein göttlicher Meister, »wohltuend umherging«, kannte auf den Windecker Besitzungen alle Leute, die Alten – als [263] seine Zeitgenossen und so abwärts bis zu den Kindern herab, deren Eltern er schon als Kinder gekannt. Da war kaum einer, dem er nicht irgendwie einen Dienst geleistet, einen Gefallen getan, einen Rat erteilt – und da waren sehr viele, denen er hilfreich die Hand gereicht hatte in mannigfachen Nöten und Drangsalen.

In ruhigen Tagen waren auch alle fest überzeugt, daß niemand es besser mit ihnen meine und bereitwilliger sei, ihnen mit Rat und Tat zu dienen, als der hochwürdige Herr; aber durch die feindlichen Aufstachelungen und bösartigen Verdächtigungen, welche die Umsturzpartei überall ausstreute, um Mißtrauen an die Stelle des Vertrauens zu bringen, kam es denn doch dahin, daß dies Vertrauen sehr geschwächt und dadurch Levins Einfluß sehr geschmälert wurde. Es wurde den guten Leuten vorgestellt, er sei zu alt, um auf die neuen Zeiten eingehen zu können; er hänge deshalb zu fest an den Vorurteilen, welche die Welt beherrschten, halte zu viel auf die Vorrechte einiger und zu wenig auf die Rechte aller – und könne daher für die Gegenwart kein guter Ratgeber sein. Die Gegenwart habe nichts im Auge, als den Vorteil des Volkes. Es sei schwer, ja kaum möglich, daß einer vom Adel, der noch dazu Priester, als zwiefach beteiligt sei, das Volk in Unmündigkeit und Abhängigkeit zu erhalten, um es materiell und geistig zu beherrschen, seine und seines Standes Vorrechte fallen lasse, und sich aufrichtig mit dem Volk verbrüdere. Es möge sich also nicht blind leiten lassen von irgend einem Herrn; denn ein solcher werde es immer und immer wieder zur Ruhe, Ordnung, Gesetzlichkeit auffordern und somit um die Vorteile bringen, die es eben jetzt durch [264] entschiedene Forderungen sich erringen müsse. – Wer ist taub gegen die Lockungen persönlicher Vorteile? und wem muß man leichter verzeihen, wenn er es nicht ist, als dem gemeinen Mann, dessen mühseliges Leben so arbeits- und sorgenvoll ist! Das Licht des Glaubens muß mit voller Klarheit auf ein solches Leben fallen, und dessen Verdienste in der Vereinigung mit dem verborgenen Leben recht hervorheben, welches der Sohn Gottes in der armen Hütte des geringen Zimmermanns führte, um in solchen Verhältnissen gegen die Vorspiegelungen von großen rechtmäßigen Vorteilen taub und blind zu machen. Levin empfing sein volles Maß von Bitterkeit durch die Kälte und das Mißtrauen, die vielfach seiner warmen Treue begegneten; aber er ließ sich nicht erbittern! Lebenslang hatte ja sein göttlicher Meister nichts so reichlich mit ihm geteilt, als die Myrrhen. Je heftiger der Zorn des Grafen aufbrauste, wenn die neu erfundenen »Grundrechte« eine Bresche nach der anderen in der Mauer des historischen Rechtes und einen Raubzug nach dem anderen auf fremden Gebiet machten, desto milder wurde Levin, so daß der Graf zuweilen auch ihm zürnte und ihm vorwarf, im Bunde mit der Revolution zu sein. Aber er blieb ruhig bei seiner Behauptung:

»Das Volk ist betört, berauscht und irregeleitet durch das Geschrei der falschen Freiheitspropheten, die ihm goldene Berge der Zukunft vorschwindeln.«

»Aber diese Schwindelei bringt uns in Wirklichkeit um Hab und Gut,« rief der Graf aufgeregt; »und was viel mehr ist, bringt uns um unser uraltes Recht, ja sogar um unsere Ehre, indem wir gezwungen werden, die Erfindungen der revolutionären Schreier als Gesetze gelten zu lassen – [265] gezwungen durch offenbare Feindseligkeit und Aufhetzerei des Volkes gegen uns, so daß man eines Tages, man weiß nicht wie! den roten Hahn auf dem Dach hat. Ebenso gut könnte man einer Räuberbande gehorchen.«

»Dahin kommt es mit einer Menschheit, die aus dem Geleise des wohlgeordneten Gehorsams gewichen ist,« sagte Levin ernst. Der Menschengeist hat sich in jedem Einzelnen von Gott emanzipieren und der ewigen Weisheit den Gehorsam verweigern wollen: dafür wird er jetzt ein durch Furcht vor Gewalttaten verschüchterter Sklave menschlicher Verkehrtheit. Der himmlischen Liebe hat er nicht dienen wollen in edler Freiheit seines Willens, so gehorche er jetzt, furchtgeknechtet, sündiger Torheit und Bosheit.«

»Welch ein Trost!« murrte der Graf.

»Ein großer, lieber Damian, denn damit schlägt man den Weg der Buße ein. Nimm hin die Trübsal als heilsame Arznei und bringe die geforderten Opfer nicht der Revolution, nicht den sogenannten Rechten des Volkes, die sich nicht urplötzlich dekretieren lassen, sondern bringe sie Gott dar, dessen Hand unsichtbarer Weise in dieser Revolution die Menschen prüft und wägt, und denjenigen fallen läßt, den er zu leicht befindet.« –

Der Graf hatte Frankfurt viel früher verlassen, als er es ursprünglich beabsichtigte. Daher war das Gemälde, welches Ernest von seinen Töchtern malte, noch lange nicht vollendet. Der Graf lud Ernest ein, es auf Windeck fertig zu machen, da auch ihm der Aufenthalt in Frankfurt und überhaupt in jeder Stadt gegenwärtig nicht angenehm sein könne. Freudig nahm Ernest die Einladung an. Ihm gefielen die Windecker sehr gut, für Regina [266] hatte er eine andächtige Zärtlichkeit, und da sein Aufbruch von einem Ort keine große Anstalten erheischte, so vollendete er noch einige Porträts und begab sich dann nach Windeck, wo ihm die Baronin ein kleines passendes Atelier eingerichtet hatte. Er war allen willkommen. Der Graf, gastfrei wie ein ächter grand seigneur, hatte gern viele Menschen unter seinem Dach, und freute sich, wenn sie sich behaglich fühlten und ungeniert bewegten. Belästigen und stören durfte man ihn nicht; dafür ließ er aber auch jeden gewähren. An Ernests heiterem Sinn fand er großes Gefallen in der trüben Zeit. Die Baronin sah in jedem männlichen Wesen einen Beschützer gegen etwaige Attentate. Sie hätte das große Schloß voll Gäste haben mögen, um aus ihnen gleichsam eine Leibwache sich zu bilden. Regina und Corona fühlten sich mit der Sorglosigkeit der Jugend und dem kindlichen Gottvertrauen der frommen Seelen persönlich nicht beängstigt durch die Zeitverhältnisse. Ja, Regina hätte sich freuen mögen, weil sie Uriels Entfernung veranlaßten. Aber was in den öffentlichen Ereignissen sie betrübte, das waren die vielfachen Gottesbeleidigungen, die sich bei dieser Auflösung von Zucht und Ordnung kund gaben, und der bittere Haß gegen die Kirche, welcher der Revolution gleichsam aus allen Poren drang. Das sah sie ein: eine so furchtbare Mißstimmung unter den Menschen, eine so klägliche Verwirrung aller Begriffe über Recht und Pflicht mußte ihren eigentlichen Grund und Ursprung in der Zerfallenheit der Menschen mit Gott haben, woraus denn die Zerfallenheit des Menschen mit sich selbst und mit dem Nächsten hervorgeht, und verwirrend und verfinsternd auf alle Verhältnisse wirkt.

[267] »Lieber Onkel,« sagte sie einmal traurig und beklommen zu Levin, »sieh', wie die einen so wild fordern und so blind niederreißen und mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen suchen – und wie die andern so ungern geben und nachgeben, und dennoch so schwach sich verteidigen, als zweifelten sie an ihrem Recht, der Willkür entgegentreten zu dürfen! Ach, wo ist da der heilige Geist geblieben, der jener Erstlingsgemeinde der Christen zu Jerusalem ›ein Herz und eine Seele‹ gab und einen himmlischen Kommunismus hervorrief!«

»Der heilige Geist ist da, wo er immer ist,« sagte Levin, »im Herzen derer, die ihn auf sich wirken lassen, und die man nicht im Tumult der Faktionen und im Zank und Streit der Parteisucht suchen darf. Er wirkt in der Stille und bereitet sich in der Verborgenheit seine Werkzeuge und scheidet die guten Elemente in dem großen Schmelztiegel der Gegenwart von den bösen ab, und wie die Saaten gut gedeihen bei Ungewittern, so werden auch die Blitze und Donnerwolken der Zeit den Keimen und Pflanzungen nicht schaden, die der heilige Geist gerade jetzt und ohne daß wir wahrnehmen können, wie – ausstreut und pflegt. Du aber, Kind, fürchte nicht, daß er, wie ein entthronter König, vor Barrikaden und Freischaren aus seinem Reich fliehe, und nimmst Du wahr, daß die Weltkinder ihm ihre Herzen verschließen, so lichte und reinige Du mehr und mehr das Deine, damit er gern bei Dir seine Einkehr nehme. Dann lebst Du ja in dem himmlischen Kommunismus des mystischen Leibes Christi, den die heilige Kirche darstellt, und hast mit allen ihren lebendigen Gliedern, ihren gläubigen Kindern, die seelenernährende Gemeinschaft [268] der heiligen Sakramente und die herzstärkende Gemeinschaft des Gebetes.«

»Und dennoch, lieber Onkel,« sagte Regina lächelnd, »hab' ich eine große Neigung für den äußeren Kommunismus der ersten Christen, der gewissermaßen ein natürlicher Ausdruck für ihre übernatürliche Gemeinschaft war und ein warmes Zeugnis von ihrer Christusliebe ablegte. Die Arme und Geringen, die Verlassenen und Elenden nahmen um Christi willen teil an Hab und Gut der Reichen und Großen, und die schreckliche Kluft wurde ausgefüllt, welche zwischen Not und Wohlbehagen besteht und welche mir wie eine tiefe blutige Wunde am Leibe der Menschheit vorkommt. Ach, war das nicht schön?«

»Wohl war es schön!« entgegnete Levin, »wohl war es ein glänzendes Zeugnis für die Christusliebe, die in den Bekehrten der ersten Jahrhunderte flammte, wenn sie den Sieg, den das Christentum in ihren Herzen über heidnische Wertschätzung des Irdischen und über heidnische Genußsucht davongetragen hatte, dadurch feierten, daß sie freiwillig den Mitteln entsagten, durch die das irdische Dasein behaglich gepflegt wird und zu einer verkehrten Geltung kommt – und in die freiwillige Armut eingingen, die um Christi willen die Genüsse der Sinnlichkeit, die Triumphe des Hochmutes verschmäht. Wunderschön war es, wenn diese stolzen Patrizier, diese königlich reichen Senatoren, diese mächtigen Statthalter, die über weite Provinzen geboten, plötzlich ergriffen von dem wunderbaren Glauben an einen freiwillig leidenden Gott, sich ihrer Glücksgüter, ihrer Weltherrlichkeit schämten, weil dieselben einen schneidenden Gegensatz zu Golgatha bildeten, und ihre Schätze mit ihren armen [269] und bis dahin verachteten Brüdern teilten. Aber das Schöne in diesem Opfer ist eben dessen Freiwilligkeit. Niemand wurde bei den ersten Christen gezwungen, es zu bringen. Weder die Apostel noch die Armen in der Gemeinde forderten so etwas. Christus hatte nur einfach gesagt: ›Willst du vollkommen sein, so verkaufe, was du hast, und gib es den Armen‹ – und hatte es nur als Rat gesagt, nicht als Gebot. Es war also ein himmlischer Antrieb, aus dem jene Gemeinschaft hervorging: die Liebe Gottes entzündete edle Herzen zur innigsten Nächstenliebe. Der Kommunismus kam von oben herab und ist der schlagendste Gegensatz zu dem modernen, unchristlichen, der durch Zwang und von kommunistischen Gesetzgebern eingeführt werden soll. Übrigens gab es schon im zweiten Jahrhundert Häretiker, 4 welche neben ihrer Irrlehre auch irrige soziale Verhältnisse und namentlich die allgemeine Gütergemeinschaft predigten, und bei einigen häretischen Sekten des Mittelalters tauchte sie ebenfalls auf. Es ist also an dieser Erscheinung in unserer Zeit nichts neu, als der Name: Kommunismus. Er gibt ihr einen gewissen pedantischen Anstrich, als sei die Sache im System versteinert, bevor sie sich im Leben als praktisch bewährt hat, und sie gehört auch zu denjenigen Theorien, welche der Unglaube ausbrütet, um das Christentum, wie er wähnt, zu überflügeln.«

»Ja,« sagte Ernest, »der brutale Bursche Kommunismus rächt die Verbannung der himmlischen Charitas! Wie manche Staaten wähnten sich in der selbstgefälligen Vorstellung von ihrer Omnipotenz [270] beeinträchtigt, weil die Charitas reiche, frische, kräftige Blüten auf dem Boden der Kirche trieb. Die katholische Liebe mit ihren unzähligen Anstalten der Barmherzigkeit nicht unter Verwaltung des Staates zu sehen, war dieser krankhaften Sucht nach Regiererei unerträglich. Diese Anstalten wurden eingezogen, zusammengeschmolzen, umgestaltet, unter ein Heer von Beamten gestellt, die über jeden Kreuzer eine weitläufige Rechnung, über jedes Stück Brot eine genaue Kontrolle führen mußten und deren Besoldung einen beträchtlichen Teil der Habe der Armen verschlang. Nun war man doch sicher, daß nichts verschleudert wurde! Nun hatte man doch der Kirche diese großen Geldmittel entrissen, vermöge welcher es ihr so leicht wurde, das geringe Volk für sich zu gewinnen und ungescheut Übergriffe in die Rechte des Staates zu machen und ihren Obskurantismus zu verbreiten – während nun hinter den Bollwerken der Bureaukratie der Staat geschirmt und gesichert für ewige Zeiten war und die Aufklärung ihre Siege feierte! – Alle engen Herzen und beschränkten Köpfe stießen in die Jubelposaune über solche Maßregeln von Seiten der Regierungen. Aber siehe da! die Zuflüsse stockten! vor dem Rauschen der Schreibfedern in ungeheueren Registern floh die verschüchterte Charitas, die an den Verkehr mit armen Ordensbrüdern, stillen Nönnchen und einfachen Priestern gewöhnt war, auf vertrautem Fuß mit ihnen lebte, sie als Verwalter und Ausspender der Gaben Gottes kannte und deshalb keine ängstlich genaue Rechnungsablage von ihnen begehrte. An die Stelle jener ungeheueren freiwilligen Liebesgaben, welches das christliche Europa mit Anstalten der Barmherzigkeit erfüllten, die im bedürftigen Nächsten [271] Christus den Herrn sieht und ihn demgemäß behandelt wissen will – trat der Staat mit seiner Verwaltung, seinen Besoldungen, seiner Armentaxe, seiner Armensteuer, seinem Geschäftsgang, und machte die leidenden Glieder Christi zu Objekten, für die man fast ebenso gut zu sorgen habe, als dafür, daß keine Motten in die Montierungskammern kommen. Dies fühlen die Armen sehr gut; es mißfällt ihnen ungemein – was ihnen auch nicht zu verdenken ist – und Dankbarkeit kann durch diese Sorte von Wohltätigkeit nicht geweckt werden. Im Gegenteil! vom Staat erwartet jeder vor allem Gerechtigkeit. Nimmt der Staat also die Sorge für die Armen in die Hand, so möge er doch – folgern die Armen – etwas mehr für sie tun und sie nicht so kläglich unterstützen, da es ihm ja doch nie, in ihren Augen, an Mitteln fehlt. In ruhigen Zeiten läßt sich ihr Murren überhören als bedeutungslos; aber in unruhigen kann sehr leicht ihr Mißvergnügen benutzt und dem Staat gefährlich werden. Er hat die Charitas unter Vormundschaft seiner Bureaukratie stellen wollen – wie es hieß, zum Vorteil der Armen; jetzt tritt der grobe Kommunismus auf und sucht zu beweisen, deren wahrer Vorteil beginne mit ihm, und da man jetzt dem Fortschritt vor allem und in allem huldige und auf des Volkes Wohl zuerst und zuletzt bedacht sei: so müsse man nunmehr dem Kommunismus huldigen. Der Staat hat das uralte, heilige Recht der Kirche überflügelt zu Gunsten seiner Omnipotenz: der Kommunismus überflügelt diese zu Gunsten der seinigen, die durch einen furchtbaren Mechanismus im Gesamtgang des Lebens jede frische Blüte und jede edle Kraft in demselben unterdrückt.«

»Wie trostreich,« sagte Levin, »nimmt sich neben[272] diesen, so ganz aus dem Erdgeist hervorgegangenen Bestrebungen das Walten des heiligen Geistes in der Kirche aus, der nichts untergehen läßt, was zum Leben in ewiger Wahrheit berechtigt ist. Ein ächter Ableger christlicher Gütergemeinschaft wächst fort und fort durch die Jahrhunderte und beweist, daß es, wie in den ersten Tagen des Christentums, so auch in der Gegenwart, Seelen gibt, welchen es ein heiliges und durch die Christusliebe gerechtfertigtes Bedürfnis ist, in jener zu leben. Der Ordensstand bringt die Gütergemeinschaft mit sich.«

»Eigentlich die Armutsgemeinschaft,« sagte Ernest.

»Allerdings – und das ist denn freilich etwas so Schönes, daß sich der natürliche Mensch nicht zu dieser Höhe zu erheben vermag. Der natürliche Kommunismus schreit von unten nach oben: Ihr Reichen, wir sind eure Brüder, wir wollen mit euch von dem Euren genießen und schwelgen! – Der übernatürliche spricht von oben herab: Ihr Armen, meine Brüder in Christus, ich will mit euch arm sein.«

»O Gott!« rief Ernest, »wenn das nur von oben herab gesagt würde! Das ist das Elend in unserer Zeit, daß die Glaubenskälte, wie ein Gletscher, von den Höhen in die Täler hinabwächst! Damit stand es sonst anders! Da hatte das Volk wirklich strahlende, erwärmende Bilder heiliger Liebe und frommen Glaubens vor Augen. Da sah es einen König Ludwig von Frankreich täglich in seinem Palast eine Anzahl Armer nicht bloß speisen, sondern bei der Mahlzeit bedienen; einen König Stephan von Ungarn, nicht zufrieden mit diesem Akt der Demut, die Armen in ihren Hütten aufsuchen – oft zur Nachtzeit, weil sein Tag übervoll [273] an Geschäften war – und ihnen milde Gaben bringen; eine Isabelle von Portugal die Aussätzigen waschen und kleiden; eine Elisabeth von Thüringen im Spital die Kranken pflegen. Da sah es Kaiserstöchter und Königswitwen herabsteigen von ihren goldenen Stühlen und in die strengen Orden der heil. Klara, der heil. Theresia eintreten, deren Mitglieder armseliger leben, als die Allerärmsten, elend gekleidet, dürftig genährt, Leib und Leben in frommer Buße und heiliger Andacht verzehren. Das Volk liebt alle armen Orden. Es ist ihm ein Trost, daß andere freiwillig jene Entbehrungen übernehmen, die es oft nur widerwillig selbst erträgt. Es wird unwillkürlich zu dem Gedanken hingedrängt, ohne Glücksgüter und ohne Lebensgenüsse auf Erden zu wandeln, müsse doch nicht so ganz unerträglich sein, da ja diese alle darauf verzichteten. Es lernt ahnen, daß es eine Liebe gebe, welche mächtiger und süßer sei, als alle Lieben der Welt; die Liebe zum Leiden, in der Nachfolge des dornengekrönten, geißelzerrissenen, nägeldurchwundeten, gekreuzigten Gottes. Gewahrt es nun, daß diese Liebe in den Großen der Erde mächtig genug ist, um sie in ein freudiges Schlacht- und Brandopfer der vollkommenen Entsagung zu verwandeln: so faßt es umsomehr Vertrauen zu solchen starken, zärtlichen, kreuztragenden Seelen, als die irdische Höhe, von der sie herabgestiegen, blendender ist. Ein Fürstenkind bei den Karmelitessen oder Klarissen versöhnt tausend Arme mit den Nöten ihres Daseins, denn sie sehen, daß die irdische Größe sich gläubig und liebend in ein Dasein voll tausend Nöten versenkt. Es ist eine wundersame und gar nicht genug geschätzte Gnade, welch ein Segen auf dem [274] guten Beispiel eines frommen Glaubens von oben herab liegt; es wirkt heilsam in die weitesten Kreise! O wenn doch recht bald nach alter Sitte aus jedem katholischen Fürstenhause zwei oder drei Töchter in ein Kloster strengen Ordens treten wollten! An diese zwei bis drei Prinzessinnen – fuhr Ernest zu Regina gewendet fort – würden sich dann zwei bis drei Dutzend hochadelige Fräulein anschließen und diese wiederum zwei- bis dreihundert Jungfrauen bürgerlichen Standes« ... –

»Halt, Halt! Herr Ernest, Sie entvölkern die Welt!« rief die Baronin ängstlich.

»Ja, von Proletariern, gnädige Frau,« entgegnete er gelassen; »und das wäre in der Tat äußerst wünschenswert, denn es gibt auch ein fürstliches und adeliges Proletariat, seitdem man sich in diesen Regionen nicht mehr dem geistlichen und dem Ordensstande widmet.«

»Man nennt das aber nicht so!« bemerkte sie mit leisem Vorwurfe im Tone.

»Ach, gnädige Baronin,« rief Ernest, und sah sie freundlich mit seinem treuherzigen klugen Auge an; mir steckt der unverbesserliche Bauernbube im Blut, so alt ich auch bin, und Sie werden immer große Verdienste sich zu sammeln haben durch Ihre Nachsicht mit mir. Aber hier darf ich doch wahrlich ohne Scheu von jenem Proletariat sprechen, das – man möge es so nennen oder nicht – leider in der Welt ist; denn die Windecker sind davon unberührt. Hier haben wir den hochwürdigen Herrn, und Graf Hyacinth tritt in dessen Fußtapfen ein.«

»Ja, die Liebe zum Leiden!« sagte Levin sinnend. »Diese himmlische Blüte entsproßt dem Baum des Glaubens nur, wenn er in voller Kraft [275] steht! Nur da, wo er ganz tiefe Wurzeln in das Erdreich des Menschenherzens hineintreibt, wachsen seine Äste so stark und so hoch hinauf, daß sie sich von den irdischen Stürmen nicht mehr erschüttern lassen; und nur in dieser stillen Höhe entfaltet sich des Christentums mystische Passionsblume, die zeitweise in früheren Jahrhunderten zu so prachtvoller Entwicklung kam: die Liebe zum Leiden.«

»Die ist allerdings heutzutage nicht Mode,« sagte Ernest; »im Gegenteil! Jedermann hat eine entschiedene Liebe zum Nichtleiden in einem solchen Grade, daß man sich gar keine Mühe mehr gibt, diese Übermacht des Erdgeistes in der eigenen Brust zu bekämpfen. Und das ist sehr erklärlich! Man muß anbetend vor dem Kreuze knien, um es liebend mit all seiner Herbe umfassen zu können. Aber wovor kniet die Welt? Ein Teil, der pantheistische, vor dem Gott, der sich im All offenbart und dessen Offenbarung nirgends herrlicher zu Tage kommt, als in dem Individuum A. oder Z. Da beten denn Z. oder A sich selbst an und beanspruchen für diese Gottheit in ihrer Brust die Glückseligkeitsfülle, die der Allmacht eigen ist. Ja, ja, Gräfin Regina, sehen Sie mich nur an mit Ihren Augen voll seraphischem Erstaunen! ich fable nicht! solcher Wahnwitz existiert nicht bloß in den wilden Phantasien hindostanischer Religionssysteme, die ihn erfanden, sondern auch in Köpfen, die von christlichem Taufwasser berührt sind – und er heißt Pantheismus. Es werden freilich viele schöne Phrasen und Floskeln drum und dran gehängt, um zu blenden und zu betäuben; aber die lasse ich bei Seite und gebe Ihnen ›des Pudels Kern‹ – um mit Doktor Faust zu sprechen.«

»Also das sind die Pantheisten,« sagte Regina.[276] »Nun und was betet die übrige Welt an, die nicht pantheistisch gesinnt ist, aber auch vom Kreuze nichts wissen mag?«

»Fetische, Gräfin Regina! – Der Fetisch ist, wie bekannt, jedes beliebige Ding oder Unding. Die alten Egypter beteten unter Anderen, nebst Krokodill und Katze, auch die Zwiebel an, weil sie gern dieselbe speisten. Wenden Sie das auf die Welt an! Der größte Fetischdienst wird aber unstreitig mit Papierschnitzeln getrieben.«

»Da muß ich auch zuhören!« rief Corona, und legte ihren Bleistift nieder, mit dem sie bis dahin fleißig gezeichnet hatte. »Das ist ja über allemaßen merkwürdig! – Also, Herr Ernest, Papierschnitzel!«

»Ja, Komteßchen, mit Zahlen bedruckte. Steht eine Eins darauf, so ist die Anbetung gering! Zehn – zehnmal höher! Hundert – hundertmal höher! Tausend – nun dann ist sie enorm! Ein Päckchen solcher mit der Zahl Tausend bedruckter Papierschnitzel – ja, wenn das da drüben zu Engelberg auf der Stelle läge, wo die heilige Mutter Gottes steht – und es hieße: Derjenige bekommt es, der zuerst auf Händen und Füßen den Berg erklimmt – o mein liebes Komteßchen, welch' eine Jagd würden wir erleben! Kein Glatteis, kein Regen, kein Schnee, keine dreißig Grad Hitze – nichts hielte diese Adoranten zurück, sich auf allen Vieren an die Eroberung ihres gebenedeiten Fetisches zu machen. Knieend die Wallfahrtstreppe zu ersteigen, andächtig dabei den Rosenkranz zu beten und sich in dieser kindlichen Weise vor dem göttlichen Kindlein Jesu zu demütigen: das ist in den Augen dieser Fetischdiener der höchste Grad des Lächerlichen und Törichten. Aber eine Promenade auf allen Vieren[277] wäre höchst weise, respektabel und durchaus notwendig, wenn es sich um jene Papierschnitzel handelte; denn das sind Bankzettel, die Geldeswert haben – oder haben sollen.«

»Bankzettel!« sagte Corona im Tone getäuschter Erwartung. »Ich dachte Wunder, was das sein würde!«

»Sie sind gar nicht auf der Höhe des Jahrhunderts, wenn das Wort Sie nicht elektrisiert zu brennendem Verlangen. Ja, Bankzettel sind die Idole der Welt, denn sie verhelfen zum Genuß ihrer Herrlichkeit und darin besteht, nach vorherrschender Meinung, das Glück und die Würde des Menschengeschlechtes.«

»O,« rief Regina, »wie notwendig ist es, daß gegen diesen niedrigen Zug, der durch die Menschheit geht und sie entadelt, ein energischer Protest eingelegt werde und ein Zug nach dem himmlischen mit Entschiedenheit sich kund gebe! Je mehr die einen nach den Freuden der Erde schreien und rennen, desto mehr müsse die anderen ihre Verachtung dieser Nichtigkeiten an den Tag legen und nach übernatürlichen Gütern seufzen und streben.«

»Diesen himmlischen und ganz unausrottbaren Zug in der Menschheit, der durch ihre dunkelsten Epochen wie Sternenlicht schimmert, vertritt eben der Ordensstand,« sagte Levin. »Sein Dasein ist der energische Protest einer Menschheit, die nach dem Bilde Gottes sich geschaffen und für ein ewiges Leben bestimmt weiß; die sich als verbannt aus dem Paradiese führt und sich dahin zurücksehnt; die, von geheiligter Willenskraft bewogen, eben so entschieden erlaubtem Erdenglück entsagt, wodurch sie, – wie Atalante durch die goldenen Äpfel – in ihrem Lauf gehemmt werden könnte, als man [278] sich auf der anderen Seite, von brutalen Leidenschaften blind getrieben, gierig im Unerlaubten ergeht. Der Ordensstand ist der entschieden und in bestimmtester, gleichsam handgreiflicher Form ausgeprägte Protest der Kinder Gottes gegen das Gebahren der Kinder Belials. Daher der unaussprechliche Grimm dieser gegen jene! sie fühlen sich gleichsam bei Leibesleben schon verdammt durch die lichte Richtung, welche ihre finstere doppelt dunkel erscheinen läßt. Haben sie die Oberhand in den Angelegenheiten der Welt, so ist es regelmäßig ihre erste Großtat, daß Klöster aufgehoben und Ordensleute verjagt werden. Dies sage nicht ich, dies sagt seit mehr als dreihundert Jahren die Geschichte. Jede Verbindung in der menschlichen Gesellschaft, welche irgend einem Zweige des Baalsdienstes huldigt, darf bestehen. Verbinden sich aber einige Männer oder Frauen, um gemeinsam dem göttlichen Heiland durch Gebet und Liebeswerke zu dienen, so wird irgend ein beliebiges Zetergeschrei so hartnäckig und so betäubend von ihren Widersachern angestimmt, als führten sie den Untergang der Welt herbei. Fahndet man aber auf die Singvögel wie auf Habicht und Geier, so wird der Wald stumm und öde und der liebliche Gesang verhallt, der dem Wandersmann das Herz frisch und fröhlich machte und ihn zuweilen veranlaßte einzustimmen in die friedlichen Hymnen. So sind denn auch wir gar arm jetzt an Klöstern und daher auch bitterarm an Gebet. Das Kloster ist so recht dessen Heimat. In der Welt bereiten ihm wohl auch fromme Seelen eine Stätte, allein es ist dort eine Ausnahme; im Kloster ist es die Regel. Dem Gebetsleben sich widmen: das war in den ersten christlichen Jahrhunderten der bezeichnende Ausdruck für das klösterliche[279] Leben; er zeigte an, daß jede Arbeit, jede Beschäftigung, jedes Werk, jede Handlung durch das Gebet in der Vereinigung mit der Anbetung der Engel geschehen sollte. Das gemeinschaftliche Chorgebet, das durch Tage und Nächte zu festgesetzter Stunde anhub – die andächtige stille Betrachtung der heiligen Geheimnisse des Glaubens – die Anbetung des Sanktissimums, worin sich ununterbrochen, Stunde um Stunde, in gewissen Klöstern die Ordensleute abwechselten – das höhere, beschauliche Gebet, das sich versenkt in das Leben, Leiden und Sterben des Gottessohnes – das alles ist mit den Klöstern verschwunden. Dazu hat in der Welt niemand Zeit, niemand Lust, auch niemand Anleitung. Die Weltgeistlichkeit ist in viel zu geringer Zahl, um sogar den notwendigsten Anforderungen der Seelsorge zu genügen; wie sollte sie höhere Bedürfnisse des Seelenlebens pflegen können! Je mehr sie sich notgedrungen vielfachem Verkehr mit der Welt und deren Gesinnungen und Verhältnissen hingeben muß – desto heilsamer wär' es auch ihr, wenn sie die weltfremde Richtung des Ordenslebens vor Augen hätte und zu heiligem Wetteifer angespornt würde.«

»Es gab auch viele Mißbräuche in den Klöstern, viel Trägheit, Schwelgerei und Müssiggang,« bemerkte die Baronin, um Regina herabzustimmen, deren leuchtende Augen immer heller leuchteten, je länger der Onkel sprach. »Die Zahl der Klöster war zu groß, als daß der Beruf sie hätte bevölkern können; sie wurden ein Exil, wohin Eltern unliebsame Kinder schickten, oder ein Zufluchtsort für Taugenichtse, die dort ihr Behagen fanden.«

»Das mag alles stattgefunden und der liebe Gott den Klostersturm deshalb zugelassen haben,« [280] entgegnete Levin. »Wir wissen ja sämtlich, daß der Mensch alles Gute mißbrauchen und jede Gnade in ihr Gegenteil verwandeln kann. Läßt er sich von Selbstsucht und Eigenliebe bestimmen und leiten, so ist er inner-wie außerhalb der Klostermauern ein Kind Belials. Überdies hat das Kloster, als solches, kein Privilegium, wodurch es hermetisch gegen die allgemein menschliche Schwäche verschlossen wäre. Jeder Bewohner desselben bringt sein Stückchen Schwachheit mit und der Reichtum einiger Klöster ist ihnen zum Verderben geworden.«

»Nun,« sagte Ernest, »diesen Stein des Anstoßes hat man ja mit zarter väterlicher Sorgfalt fast überall hinweg geräumt.«

»Wir wollen auch nicht darüber klagen,« entgegnete Levin. »Arm sein ist für alle Menschen ohne Ausnahme besser, als reich sein, weil die Armut auf Sinnlichkeit und Hochmut drückt, Reichtum sie nährt. Wer sich der Nachfolge Christi widmet, freut sich der Armut und nennt sie, wie St. Franziskus Seraphicus, seine geliebte Braut. Daß wir keine gefürsteten Äbte und Äbtissinnen haben, wollen wir verschmerzen – ohne doch das Recht anzuerkennen, welches sie von ihren Stühlen warf. Aber daß man die Engherzigkeit und Kurzsicht so weit treibt, um dem lieben Gott zu mißgönnen, daß ihm einige stille Seelen in demütiger Zurückgezogenheit, durch geistliche und leibliche Werke der Barmherzigkeit dienen – das ist wohl sehr schmerzlich. Nie gab es mehr Leid hienieden, als in unserer Zeit, weil seit achtzehnhundert Jahren noch nie die Begier nach Genüssen und Freuden und Wohlleben so allgemein verbreitet, so rasend gesteigert war, und weil sie noch nie einen solchen Schein von Zugänglichkeit für alle und jeden [281] hatten, als eben jetzt vermöge der vielfach gesteigerten Mittel der Bildung, der Spekulation, der Tätigkeit, der Verbindung für kommerzielle Zwecke. Da wähnen denn alle und jeder, sie müßten ihren Sitz haben bei dem Festgelage des Lebens und sind mißvergnügt, wenn sie ihn nicht einnehmen. Diese massenweise getäuschten Erwartungen der Eitelkeit, des Dünkels, der Hoffart, der Lüsternheit machen die Menschen unsäglich elend, und sie wird nicht eher zu ihrem Frieden kommen, als bis sie das gefunden hat, was keine Revolution, wohl aber die Religion ihr geben kann: Liebe zum Leiden. Daß eine solche Liebe existiere, würde sie gewahr werden durch die armen Klöster, und wenn durch deren Beispiel, Anregung und Gebet auch nur hundert Herzen vom Dienste des Baal abgelöst würden – oder fünfzig, oder nur zehn – welch ein Gewinn für die Ewigkeit!«

»Wie würden die aber als Reaktionäre verschrien werden!« rief Ernest lächelnd.

»Gerade so wie in der französischen Revolution des vorigen Jahrhunderts diejenigen als Aristokraten verschrieen wurden, die sich nicht wollten guillotinieren lassen. Sie waren Reaktionäre gegen die Guillotine, die das letzte Mittel aller Vergewaltigung durch Revolution ist.«

»Es ist in der Tat kein übles Monopol, welches sich die revolutionäre Partei vindiziert, daß nur ihr Tun und Treiben als berechtigte Bewegung und Handlung gelten soll,« sagte Ernest. »Jede andere Bewegung empfängt das Stigma ›Reaktion‹! was die Bedeutung von Hochverrat gegen die Majestät dieser Partei haben soll, und was die gedankenlose und verschüchterte Menge ihr nachlallt. Übrigens gefällt es mir, daß die Demokraten sich somit als [282] Aktionäre der Revolution bezeichnen; nämlich als solche, die auf dieselbe zum Vorteil ihrer Aufgeblasenheit spekulieren.«

»Mir ist das Wort ›ultramontan‹ noch widerwärtiger!« seufzte die Baronin.

»Es ist auch – wo möglich – noch hämischer,« sagte Levin. »Jeder Katholik, der schlecht und recht seinen Katechismus glaubt und demgemäß spricht und handelt, soll ein ›Ultramontaner‹ sein. Dies Wort, das nur einen geographischen Sinn hat, wird von der Revolutionspartei angewendet, um jemand zu bezeichnen, der Verrat am Vaterlande durch sein Glaubensbekenntnis begehen, während der ›Reaktionär‹ diesen Verrat durch politische Institutionen treiben soll. Der Ultramontane ist selbstverständlich immer reaktionär; aber der Reaktionär – und wenn er der strengste Calviner oder Altlutheraner wäre – muß es sich auch gefallen lassen, ›ultramontaner Tendenzen‹ beschuldigt zu werden, sei sein Abscheu vor der römisch-katholischen Kirche auch noch so heftig.«

»Wir Windecker,« sagte Korona, »sind Alle ultramontan und reaktionär; bei Onkel Levin angefangen und bei mir geendet.«

»Das wolle Gott!« sagte Levin.

»Ist das schwer, lieber Onkel?« fragte sie.

»Die Revolution zu hassen und zu bekämpfen ist für jemand, der Herz und Ehrgefühl hat, nicht schwer; allein der äußere Krieg gegen das Reich der alten Schlange genügt nicht; er muß auch innerlich gegen die Revolten der Selbstsucht geführt werden – und das ist schwer; das ist die ächte, wahre, heilige Reaktion gegen das Böse, die das Fundament jeder anderen sein müßte. Und ultramontan bist Du noch nicht, weil Du Deinen Katechismus auswendig [283] weißt. O nein! Nur wer ein in Glauben und Werken lebendiges Glied ist des mystischen Leibes Christi, der sein sichtbares Haupt zu Rom im Stellvertreter Gottes, dem heiligen Vater, hat – und wer sich bestrebt zu leben, wie es sich ziemt für ein Kind des Reiches Gottes: der nur darf sich die Benennung ultramontan als einen Ehrennamen ausbitten. Dazu aber brauchen wir recht sehr den Gnadenbeistand Gottes.«

Corona küßte errötend des Onkels Hand und gestand sich heimlich, daß ein solcher Ultramontanismus seine Schwierigkeiten habe. Levin schlug einen Spaziergang vor. Der Graf war nach der Besitzung gefahren, wo früher Gratian gelebt hatte; man wollte ihm entgegen gehen. Die Sonne stand schon zum Untergang, aber die Hitze war den Tag über so drückend gewesen, daß man sich nicht im Freien hatte aufhalten können und daß man sich gegen die Einwendung der Baronin, welche nicht für Spaziergänge auf der Landstraße in der Dämmerung war, einstimmig aussprach. Sie ging nicht mit; Levin, Ernest, Regina und Corona machten sich auf den Weg und freuten sich des lieblichen Abends, der sich recht wie eine Gabe Gottes, mit seinem heiteren Frieden und stillen Segen über die Welt legte und all' deren Aufregungen und Leidenschaften für ein paar Stunden zur nächtlichen Ruhe brachte. Dann schlafen sie alle, die armen Menschen! dann sind sie alle hilflos, gebunden, still, auf gleicher Stufe, in gleicher Unfähigkeit, ohnmächtig hingesunken in die Hand Gottes, die ihnen die Erquickung des Schlafes spendet und sie dann erweckt für einen neuen Tag, der ihnen neue Gnaden bringt und in den sie ihren Unfrieden, ihren Haß, ihre Unruhe, ihren Hader bringen.

[284] Aber diese friedvollen Seelen dachten an keinen Hader! Ernest mußte erzählen von seinen Reisen, von seinem Aufenthalt in fremden Ländern, von der wilden Schönheit des Hochgebirges und den zauberischen Reizen der südlichen Natur. Regina wollte wissen, ob wohl ein Punkt auf der Erde so schön sei, daß man darüber die Sehnsucht nach dem Himmel vergessen könne. Corona versicherte, sie fasse nicht, daß es irgendwo schöner sein könne als gerade hier um das liebe Windeck herum, hier – wo man Wasser und Berge, Fluren und Wälder beisammen habe.

»Wasser und Berge schön und gar freundlich gemischt,« entgegnete Ernest. »Indessen muß ich doch bekennen, Komteßchen, daß mir die mit Kaktus, Aloe und Myrthen umsäumten Felsenküsten der leuchten den Meere des Südens – und die Granit- und Gletscherpyramiden des Hochgebirges mit ihren pyrenäischen Tälern und ihren Schweizerseen – großartiger, mannigfaltiger und malerischer erscheinen, als der kleine Main und als die Ausläufer des Odenwaldes hüben und des Spessarts drüben. Im Ganzen genommen haben Sie aber gar nicht unrecht! die Elemente der Naturschönheit sind überall dieselben, und das, was sie erst recht schön macht, die wundervolle Weisheit und Allmacht des Schöpfers, strahlt auch überall aus ihnen hervor.«

»So bin ich denn ganz gerechtfertigt in meiner Vorliebe für mein Windeck!« sagte Corona. »Ich weiß nun, daß es gewissermaßen alle Schönheit in sich faßt.« –

Sie ging vor den übrigen her und zwar rückwärts nach Kinderart, um alle ansehen zu können, mit denen sie sprach. Plötzlich stieß sie einen kurzen [285] Schrei aus, denn sie sah einen Stein von der Seite durch die Luft fliegen, und in demselben Augenblick sank Levin mit dem dumpfen Seufzer Jesus Maria! zu Boden. Sie hielten ihn für tot und knieten mit grenzenlosem Schmerz und Entsetzen neben ihm nieder. Der Stein hatte ihn dicht über der Schläfe verletzt und hätte leicht die gefährliche Stelle treffen können, da er, nach seiner Gewohnheit, den Hut abgenommen hatte und in der Hand trug. Das Blut strömte aus der Wunde. Regina suchte es mit Taschentüchern zu stillen, Corona unterstützte das Haupt des lieben Onkels Levin; beide zerschmolzen in Tränen. Ernest hatte auch Tränen in den Augen. Er hätte gern nach dem Frevler umhergespürt, aber er konnte die jungen Mädchen nicht verlassen und es dämmerte stark.

»Was fangen wir an?« wehklagte Corona.

»Wir warten auf den Vater, der ja bald kommen muß,« sagte Regina, »da er nie die Teestunde versäumt und es nicht weit von neun Uhr sein kann.«

Da schlug Levin die Augen auf und sagte:

»Ach, es ist nichts, liebe Kinder! Wir wollen Tücher um den Kopf binden und heimgehen.«

Er stand auf. Indem ließ sich das dumpfe Rollen hören, das auf einer Chaussee die Ankunft eines Wagens schon in großer Entfernung anzeigt.

»Gott Dank! da kommt der Graf!« rief Ernest. »Nun werd' ich ausschauen, wer diese Untat verübt hat.«

»Nicht doch, Herr Ernest,« sagte Levin, »das war ein Zufall! seien Sie ganz ruhig!«

»Ja, ein Zufall – der nur ›Ultramontane‹ trifft!« rief Ernest empört.

[286] »Genug, es bleibt bei dem Zufall!« entgegnete Levin.

Der Wagen kam näher. Ernest eilte ihm entgegen und erkannte bald mit unbeschreiblicher Freude die offene Kalesche des Grafen. Er winkte dem Kutscher Halt zu und des Grafen Erstaunen über Ernests unerwartete Erscheinung ging in zornige Bestürzung über, als er die ruchlose Tat erfuhr. Die Kalesche mußte die ganze Gesellschaft aufnehmen und langsam, jede Erschütterung vermeidend, fuhr der Kutscher heim.

Im Schloßhof empfing sie neue Bestürzung. Es war eben eine Staffette aus Stamberg mit einem Brief an den Grafen angelangt, schwerlich eine gute Nachricht bringend. Die Spannung der Baronin und der Dienerschaft löste sich in Jammern auf, als man den verwundeten Onkel Levin und Regina und Corona in blutbefleckten Kleidern sah. Die arme Baronin war ganz fassungslos. Ernest mußte ihr zwei- dreimal das Attentat erzählen, bis sie es verstand. Es wurden inzwischen Eisumschläge über die Wunde gemacht und Arzt und Wundarzt herbeigeholt. Regina besorgte alles mit Ruhe und Pünktlichkeit und ließ es sich nicht nehmen, die Nacht bei dem lieben Kranken zu wachen, der fortwährend versicherte, die Wunde sei unbedeutend, obschon der starke Blutverlust und der brennende Schmerz ihn sehr abmatteten. Die Staffette hatte einige Zeilen von Baron Stamberg gebracht: ein Schaganfall bedrohte das Leben der Baronin, doch war sie bei Besinnung und ihr Zustand noch nicht ganz hoffnungslos. Die vielfachen Gemütsbewegungen der letzten Zeit erschütterten ihr Nervensystem aufs heftigste. Als eine Erkältung dazu kam, trat der Anfall ein. Der Graf [287] machte sich reisefertig. Er wollte nur abwarten, wie der Kranke die Nacht hinbringe und den Ausspruch des Arztes – und dann in der Morgenfrühe aufbrechen. Er sagte zu Ernest, der bei dem Verwundeten ab und zu ging und die Eisumschläge bereiten half:

»Welch eine Beruhigung für mich, daß Sie in diesem Augenblick hier sind, wo ich meine Töchter auf zwei bis drei Tage verlassen muß! Ich würde sie am liebsten mitnehmen, aber Regina trennt sich nicht von dem Krankenbett des guten Onkels.«

»Darf ich fragen, Herr Graf, weshalb Sie plötzlich so besorgt sind?«

»Man sagte mir in Jochhausen, es hätten sich dort gesindelhafte Figuren mit großen Bärten und Schlapphüten gezeigt. Das Attentat auf den Onkel beglaubigt ihre Nähe. Daß ich ein Reaktionär bin, versteht sich von selbst – und was ein solcher zu erwarten hat, auch wenn er sich fern von jeder politischen Demonstration hält, haben wir gesehen bei der Brandstiftung des Schlosses Waldenburg in Sachsen. Auf dergleichen muß unsereiner jetzt gefaßt sein.«

»Gott verhüt' es! kommen Sie nur recht bald wieder!«

»Mir brennt der Boden unter den Füßen, um fortzuziehen und heimzukehren, das glauben Sie mir! Aber ich muß meine arme Mutter noch einmal sehen. Als ich sie im Winter von Frankfurt aus besuchte, merkte man ihr nicht im Entferntesten ihre siebenundsechzig Jahre an – und jetzt! ja, solche Zeiten machen die kräftigsten Menschen kaput, weil man so tatlos dasitzen und von dieser Legion von Schwätzern sich tyrannisieren lassen muß. Hätte ich nicht die beiden Kinder, so ginge ich zu [288] meinen Buben nach der Lombardei, wo man doch im Kampfe mit Ehren leben kann!«

Der Arzt traf in Begleitung eines Wundarztes ein und beide erklärten die Verwundung für schwer, aber nicht für gefährlich, vorausgesetzt, daß sich das Wundfieber nicht steigere; deshalb müsse die äußerste Ruhe und Stille den Kranken umgeben. Sie legten ihm einen regelrechten Verband an, lobten die Eisumschläge und empfahlen sich. Levin sagte lächelnd:

»Nun habt Ihr es von den Sachkundigen gehört: es hat gar nichts zu bedeuten. Eine Dornenwunde ist es vom Dornenkranz unseres Heilandes.«

»Das glaub' ich auch,« entgegnete Ernest gerührt.

Der Graf teilte nun die Erkrankung seiner Mutter dem Onkel mit, nahm Abschied von allen, versprach möglichst schnelle Heimkehr und reiste ab. Kaum war er fort, so ließ die Baronin Isabelle in aller Stille das Banner einziehen. Als es von den Zinnen sank, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Der Tag verstrich wie jeder andere und mit Levins Befinden ging es gut. Regina saß mit ihrer Arbeit in seinem Vorzimmer, während er still im Schlafzimmer ruhte. Zu bestimmten Stunden gab sie ihm Arznei oder einen kühlenden Trank und in der Zwischenzeit stand sie zuweilen auf, ging auf den Fußspitzen zur Türe des Schlafzimmers, schaute hinein und nickte zärtlich dem lieben Onkel Levin zu. Die Baronin, Corona und Ernest kamen und gingen; zuweilen auch Brigitte, Regina's Kammermädchen.

Es war gegen Abend, als diese geisterbleich und bebend eintrat und mit gebrochener Stimme flüsterte:

[289] »Unsere Leute, die von draußen kommen, sagen, es sei eine Rotte im Anmarsch, welche den Herrn Grafen um seine Gewehre bitten wolle. O liebster Heiland, was wird das für eine Bitte sein!«

Leise öffnete Ernest die Türe des Vorzimmers und winkte Regina zu kommen. Sie sagte zu Brigitte:

»Bleiben Sie ruhig hier und fürchten Sie sich nicht. Wir sind ja alle sicher in Gottes Hand. Ich will selbst mit unseren Leuten reden.«

Brigitte sank zitternd in einen Sessel und sah im Geiste schon eine Mordbrennerbande vor das Schloß rücken. Regina ging hinaus und fragte Ernest:

»Was ist denn Wahres an dieser Geschichte?«

»Ein Reitknecht, der Pferde frisch beschlagen ließ, begegnete auf dem Heimritt von der Schmiede zwei Männern, die ihn fragten, wie viel Gewehre der Windecker Graf wohl in seiner Gewehrkammer habe. Der Reitknecht gab zur Antwort, das wisse er nicht, und ritt von dannen. Er und die übrigen Leute sagen aber, es munkele schon seit ein paar Tagen von einem ungebetenen Besuch auf Windeck und Ihr Herr Vater schien gestern in Jochhausen Ähnliches gehört zu haben – nach seiner eigenen Äußerung zu schließen und nach denen des Kutschers und des Bedienten, die ihn begleiteten.«

Während er so sprach, gingen sie die Treppe hinab.

Unten in der Halle standen der Portier, der Koch, zwei Bedienten und ein paar Stubenmädchen und unterhielten sich eifrigst von den Dingen, die da kommen sollten.

»Was geht hier vor?« fragte Regina ernst. Aber ehe jemand antwortete, flog die Türe des [290] Salons auf und die Baronin Isabelle stürzte, von ihrem Kammermädchen und von Corona begleitet, in die Halle und umfing mit krampfhaftem Weinen Regina. Nun sprach die ganze Dienerschaft auf einmal, was man alles tun müsse: das Hoftor und die Fensterladen schließen; die äußeren Türen verrammeln; Geld, Silberzeug und sonstige Kostbarkeiten zusammenpacken und dann übersetzen nach Engelberg; die Gewehre aber sämtlich vor dem Hof niederlegen, damit jeder Vorwand zum Einbruch in das Schloß entfernt sei.

»Welche Feigheit!« rief Regina.

»Ach Gott, ja! nach Engelberg!« seufzte die Baronin.

»Und Onkel Levin?« sagte Regina. »Nein! ich bleibe – und ich denke, wir bleiben alle, ruhig jeder bei seinem Geschäft und mit geöffneten Fenstern und Türen – ganz wie gewöhnlich. Kommt irgend jemand mit irgend einer Anfrage, so rufe man mich.«

»Regina!« rief die Baronin, »Du wolltest Dich weiß der Himmel welchen Beleidigungen aussetzen? O nimmermehr leid' ich das!«

»Liebe Tante, ich bin die älteste Tochter des Hauses und muß in meines Vaters Abwesenheit dessen Stelle vertreten. Ich tue meine Pflicht, Gott ist mit mir, und es wird keinem Menschen einfallen mich zu beleidigen,« sagte Regina sanft und fest.

»Kind,« sagte die Baronin in grenzenloser Aufregung, »Kaiser und Könige sind vor diesen Mannern der Volkssouveränetät gewichen und haben ihnen ihre Rechte abgetreten – und Du willst ihnen ein paar Gewehre verweigern: das ist unerhört kühn.«

[291] »Wollen Kaiser und Könige ihre Arsenale von dem souveränen Volk erstürmen lassen: so ist das ihre Sache; allein in dem unseren hat es nichts zu tun. Überdies find' ich, daß wir gerade so gut zum souveränen Volk gehören, wie irgend ein Blousenmann.«

Regina sagte dies alles so einfach und heiter, daß sich die allgemeine Aufregung etwas legte – nur nicht bei der Baronin. Sie rang die Hände und rief klagend:

»Was fangen wir an, wenn sie mit dem einbrechenden Dunkel kommen?«

»Halten Sie Windlichter bereit,« sagte Regina zu den Dienern. »Die werden ganz festlich die Audienz beleuchten, welche wir den Herren von der Blouse auf dem Perron geben werden, wenn sie heute kommen; was ja ganz ungewiß ist.«

»Gewiß kommen sie heute,« jammerte die Baronin; »gewiß benutzen sie des Vaters Abwesenheit.«

»Sollten sie davon unterrichtet sein?« fragte Regina.

»Versteht sich! ich ließ sogleich die Fahne einziehen.«

Regina lächelte und sagte zu den Dienern:

»Also wenn jemand in den Hof kommt, so rufe man mich; aber bei Zeiten, denn draußen will ich mit dem souveränen Volk sprechen – nicht hier in der Halle. Und Niemand zeige den ungebetenen Gästen Unruhe oder Mißtrauen.«

»Liebste Regina, ich fasse gar nicht Deine übermenschliche Verwegenheit,« sagte die Baronin. »Die Leute kommen vielleicht, um das Schloß an allen vier Ecken anzuzünden und Du willst mit ihnen Gespräche führen!«

[292] Regina nahm die Baronin unter den Arm, führte sie in den Salon zurück und sagte:

»Wer soll denn sonst mit ihnen sprechen, liebe Tante? man muß ihnen doch Bescheid geben und unsere Leute könnten sich verwirren lassen.«

»Daß der Rentmeister auch gerade jetzt auf vierzehn Tage Urlaub nahm! der ist redefertig und dreist!« seufzte die Baronin.

Regina erwiderte nichts, sondern ging in das Zimmer ihres Vaters, das zur Rechten neben dem Salon lag. Es war sein Schreibzimmer; sie ging hindurch; auch durch sein Schlafzimmer. Die dritte Türe, welche sie öffnete, war die der sogenannten Gewehrkammer, ein sehr geschmackvoll eingerichtetes kleines Arsenal, die Wände mit Eichenholz getäfelt und die verschiedensten Arten von Waffen trophäenmäßig darin aufgehängt. Eine Sammlung von Pistolen und eine andere von Dolchen enthielt alte, seltene und manche sehr kostbare Exemplare, welche sich der Graf mit vieler Mühe und großen Kosten verschafft hatte. Seine Gewehrkammer war seine Liebhaberei und noch weit mehr die seiner Söhne, die, wie alle junge Männer, eine wahre Leidenschaft für Waffen hatten. Und dies sollt' ich plündern lassen? Nimmermehr! sprach Regina bei sich selbst. Sie verschloß die Türe, nahm den Schlüssel, ging in den Salon zurück und sagte:

»Jetzt bekommen die Goldfische im Basin einen eisernen Kameraden.«

Die Baronin starrte sie an ohne sie zu sehen und fragte ganz stumpf, als Regina auf die Terrasse ging, zu Ernest gewendet:

»Was sagt sie?« was will sie?«

»Sie wirft den Schlüssel der Gewehrkammer [293] in das Bassin,« entgegnete Ernest, der mit größter Freude Regina beobachtete.

»Ist Ihnen je ein junges Mädchen von solcher Löwenkühnheit vorgekommen, mit einem Trupp Blousenmänner es aufnehmen zu wollen!« flüsterte die Baronin mit versagender Stimme:

»Gräfin Regina hört alle Tage in heiliger Messe beten: Adjutorium nostrum in nomine Domini,« erwiderte Ernest. »Da sie glaubt, was sie hört und was sie mitbetet, so ist sie mutig. Die gnädige Baronin sollten sich darüber freuen und auch etwas Mut fassen.«

Regina kam aus dem Garten zurück und sagte:

»Ich gehe jetzt wieder zu Onkel Levin. Werd' ich aber abgerufen, so bitte ich Sie, Herr Ernest, mich bei ihm zu ersetzen und dafür zu sorgen, daß er sich weder erschrecke noch ängstige. Welch Glück, daß er gartenwärts wohnt.«

»Nein!« rief die Baronin sich ermannend; »dann gehe ich zu ihm und Herr Ernest bleibt an Deiner Seite.«

»Wenn Du mir versprichst, Onkel Levin nicht zu beunruhigen, liebe Tante,« wendete Regina ein und verließ den Salon. Sie ging zuerst in die Kapelle, um sich daran zu erinnern, wer unter dem Dach ihres Vaterhauses weile. Du bist es, o göttlicher Heiland, flüsterte sie vor dem Tabernakel niederknieend; und Du hast gesagt: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.« Aber verwilderte, abtrünnige, ungläubige Menschen nehmen die Rechte, die den Fürsten gehören, und daß Du, gnadenreicher Herr, noch ganz andere Rechte habest – und daß sie diese mit Füßen treten: darauf sind sie stolz. Und solchen Menschen soll man aus Furcht nachgeben? Nimmermehr! [294] Ich fürchte mich nicht »vor Denen, die nur den Leib töten können,« wenn ich »im Schatten Deiner Flügel wandele.«

Als Regina die Kapelle verließ, war es fast ganz dunkel, umsomehr, als sich ein schweres Gewitter über den westlichen Himmel und den Sonnenuntergang gelagert hatte. Sie wollte die Treppe hinauf steigen – da trat ein Diener rasch von Außen in die Halle und meldete, unten im Hof sei eine Truppe von Männern, die den Grafen oder sonst jemand im Schloß zu sprechen begehrten.

»Gut,« sagte Regina, »lassen Sie sie nur kommen; ich werde ihnen auf dem Perron entgegen gehen.«

Sie eilte in den Salon und rief: »Nun, liebe Tante, auf Deinen Platz! zu Onkel Levin.«

Die Baronin und Corona flogen beide auf sie zu und umschlangen sie, um sie festzuhalten.

»Zu Onkel Levin!« sagte Regina dringend und suchte sich los zu machen.

»Nein, nein, nein!« stammelte die Baronin wie besinnungslos vor Angst.

»So wollen wir in die Kapelle gehen,« sagte Regina, und zog beide rasch dahin. Als sie aber eingetreten waren, floh Regina mit einer schnellen Wendung hinaus und schloß die Türen von außen zu. Das alles ging blitzgeschwind vor sich. In der Halle stand Brigitte und warf eine Mantille um Regina's Schultern.

»Wer ist bei Onkel Levin?« fragte Regina.

»Herr Ernest.«

»Ah, das ist gut!« sagte sie und ging durch die Halle auf den Perron, wo sie stehen blieb, während eine Truppe von zwölf bis fünfzehn Männern durch[295] den Hof auf den Perron zuschritt. Sie trugen das beliebte Kostüm des Tages, Blousen, wilde Bärte, Schlapphüte und hatten rohe, gemeine Gesichter. Vor dem Perron machten sie Halt, denn Regina trat ihnen entgegen und sagte:

»Sie haben meinen Vater sprechen wollen; er ist verreist. Was wünschen Sie von ihm?«

»Wir wollen nach Holstein ziehen,« sagte der eine.

»Und nach Baden!« rief der andere.

»Nein, nach Holstein!«

»Ich bitte allen Lärm zu vermeiden,« sagte Regina, »und möglichst kurz zu sagen, was Sie von meinem Vater wünschen. Wir haben einen Schwerverwundeten im Hause, der nicht beunruhigt werden darf und den ich nicht gern verlasse.«

»Wir wollen also für die Einheit und Freiheit des deutschen Volkes überall kämpfen, wo sie bedroht wird. Dazu brauchen wir Waffen, Flinten, Säbel, Pistolen – und da sich hier ein förmliches Waffendepot befindet, so kann es zu gar keinem besseren Zweck verwendet werden, als zur Volksverteidigung.«

»Sie sind im Irrtum über ein Waffendepot. Mein Vater besitzt nur Jagdgewehre, und eine Sammlung von altertümlichen, seltenen, für den Krieg ganz unbrauchbaren Waffen.«

»Mit denen aber doch auf das Volk eingehauen und geschossen werden kann!«

»Mein Vater schießt auf Wild, nicht auf Menschen.«

»Da jetzt die Grundrechte dem Volk die Jagd frei gegeben haben: so wird er seine Gewehre nicht mehr nötig haben und andere können sie besser [296] brauchen – vorzüglich in den edlen Freiheitskämpfen.«

»Ich bedauere, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können, indem mir nicht das Recht zusteht, über den Besitz meines Vaters zu verfügen – was Sie ganz in der Ordnung finden werden. Ich darf nichts fortgeben, was mir nicht gehört.«

»Sie brauchen es auch gar nicht zu geben,« rief derjenige, welcher den Freischarenzug nach Baden statt nach Holstein führen wollte, und schlug mit der Faust seinen Hut tiefer auf die Stirn. Wir borgen es!«

»Auch dazu hab' ich kein Recht.«

»So nehmen wir es!« schrie der Mensch.

»Dazu haben Sie kein Recht,« sagte Regina mit unverändert gelassenem Tone, wendete sich dann wieder zu dem Wortführer und setzte hinzu: »Sie sehen also, daß ich nicht im Stande bin, Ihren Wunsch zu erfüllen. Da nun die Nacht einbricht, das Gewitter heraufzieht und unser Kranker mich vermißt ....« –

»Der alte Pfaff!« rief der badische Freischärler.

»Woher wissen Sie, daß mein Onkel der Kranke ist?« fragte Regina lebhaft.

»Wir werden wiederkommen!« rief der Wortführer hastig. »In den nächsten Tagen kommen wir und zählen darauf, daß die Verteidiger der deutschen Einheit und Freiheit die notwendige Unterstützung finden werden.«

»Behüt' Sie Gott!« sagte Regina.

Statt ihren Gruß zu erwidern, stimmte er mit rauher Kehle an: »Schleswig-Holstein meerumschlungen« und seine Gefährten fielen ein.

Schade, daß Ernest nicht da war! er hätte ein recht malerisches »lebendes Bild« zu sehen bekommen,[297] einen Gherardo della notte mit seinen Lichteffekten in der Finsternis. Die Halle und einzelne Fenster des Schlosses waren, wie gewöhnlich, beleuchtet und warfen ihren Schein in einzelnen Lichtstreifen auf den Hof und auf die Männergruppe, deren Figuren, je nachdem die Beleuchtung sie traf, bald aus dem Dunkel auftauchten, bald darin verschwanden, und im Ganzen eine finstere, gestaltlose, unheimliche Masse bildeten. Ihnen gegenüber und durch die Höhe des Perrons, zu dem sechs breite Stufen hinanführten, über sie erhoben und von ihnen getrennt, stand Regina. Die Windlichter, ihr zur Seite von den Dienern gehalten, ließen sie ganz hell erscheinen und ihr weißes Kleid, ihre hellblaue Taftmantille umflossen sie mit sanftem Glanz. Wie Psyche in der Unterwelt stand sie da, ein himmlischer seliger Fremdling, zwischen den dunkeln, verzerrten, traurigen Gebilden des Orkus.

»Schleswig-Holstein stammverwandt!« brüllte die Bande, machte kehrt und zog ab. Regina blieb auf dem Perron, bis sie vom Hof herunter waren, das Gittertor im Rücken hatten und durch die Lindenallee der Chaussee zugingen. Nur einer von ihnen, der ein besonderer Liebhaber des Steinwerfens war, kehrte sich um und schleuderte mit kräftiger Faust einen Stein gegen einen der Löwen, die in Sandstein gehauen auf den beiden Pfeilern des Gittertores lagen, das den Hof schloß. Der ruhende Löwe, schwarz im goldenen Felde, war das Wappen der Windecker.

Als die wüsten Stimmen sich mehr und mehr entfernten, trat Regina in die Halle zurück und sagte zu dem einen Bedienten:

[298] »Der Portier soll das Gitter nicht früher schliessen als gewöhnlich.«

Dann eilte sie zur Kapelle, schloß auf, kniete einen Augenblick vor dem Tabernakel nieder, nickte freundlich der Baronin Isabelle zu, die halbohnmächtig auf einem Betstuhl kniete – und ging schnell die kleine Treppe hinauf durch ihr Zimmer zum Onkel Levin, bei dem sie Ernest und Corona fand.

»Lieber Onkel,« sagte sie zärtlich, »wie befindest Du Dich? Hast Du mich auch nicht vermißt? – ich mußte ein kleines Geschäft besorgen.«

Sie kniete neben seinem Bett nieder und küßte seine Hand. Er sah sie mit unbeschreiblicher Liebe an, legte die Hand auf ihr schönes Haupt und sagte:

»Sieh', wie die heilige Mutter Gottes Dich lieb hat!«

»Die Herren Volkssouveränler,« nahm Ernest das Wort, »haben nicht Ihren schwebenden Schritt, Gräfin Regina, sondern treten auf mit dem vollen Gewicht selbstbewußter Majestät. Durch die abendliche Stille drang das dumpfe Geräusch auch in dies Zimmer, und da es den hochwürdigen Herrn beunruhigte, so sagte ich ihm einfach, um was es sich handle, damit er Sie durch ein Salve Regina der heiligen Mutter Gottes empfehle; und das hat denn auch seine Wirkung getan.«

»Es war aber schauerlich!« sagte Corona und schlang den Arm um Reginas Nacken, als wolle sie die geliebte Schwester noch nachträglich festhalten.

»Wo warst Du denn?« fragte Regina. »Ich schloß Dich ja in der Kapelle ein.«

»Aber ich lief über die kleine Treppe durch Dein[299] Zimmer zu Brigitte. Da löschten wir das Licht aus und übersahen den ganzen Hof!« rief sie eifrig.

»Ja,« sagte Ernest trocken, »das Komteßchen war neugierig! sonst hätte es wohl zum würdigen Herrn kommen und mich ablösen können! und dann wär' ich zu Gräfin Regina gegangen.«

»Ich dachte, Tante Isabelle wolle Sie ablösen, Herr Ernest,« erwiderte Corona kleinlaut.

»Ach, die arme Tante!« rief Regina mitleidig. »Ich muß sie holen, damit sie uns alle beisammen sieht und zur Ruhe kommt.«

Sie eilte hinab. Ernest sagte zu Corona:

»Komteßchen! Ihre Schwester ist ein goldenes Herz.«

»Und will in's Kloster!« platzte Corona heraus.

»Ah! will sie das!« rief Ernest freudestrahlend. »Das sieht ihr ähnlich! da hat sie recht.«

»Aber Papa will es nicht und wir alle wünschen es auch nicht,« entgegnete Corona; »und so wird wohl nichts daraus werden.«

»Es wird das geschehen, was Gott will!« erwiderte Ernest, und Levin setzte hinzu:

»Amen.«

Die Baronin erschien, ganz erschöpft auf Reginas Arm gelehnt, und ließ sich von ihr Zuckerwasser à la fleur d'orange bereiten.

»Willst Du nicht auch etwas nehmen, Kind?« fragte sie. »Bist Du nicht ungeheuer alteriert?«

»Gar nicht, liebe Tante!« entgegnete Regina munter. »Ich habe starke Nerven! – Aber zum Tee wollen wir gehen.«

»O Himmel!« rief die Baronin, »kommt jetzt erst die Teestunde? Ich dachte, es sei Mitternacht. Nun so geht nur. Ich kann nichts genießen und bleibe hier.« –

[300] So endigte dieser Tag ruhig am Teetisch, wie jeder andere. Mit dem wilden Besuch war auch das Gewitter abgezogen. Bis Mitternacht wachte Regina dann noch in der trauten Kapelle im Frieden ihres Gottes und ihres Herzens. –


Ihr Vater war inzwischen wohlbehalten auf Stamberg angelangt. Er fand seine Mutter nicht nur nicht in Lebensgefahr, sondern die Aerzte, die aus Darmstadt und Heidelberg gerufen waren, versicherten sogar, daß sie sich erholen könne, wenn sie recht gepflegt und geschont werde. Ob ihr Mann sich darauf verstehe, war dem Grafen zweifelhaft; denn Baron Stamberg, übrigens der harmloseste Mensch auf Erden, war jetzt in einer permanenten Wut, weil der Gegenstand seines lebhaftesten Interesses hienieden ihm durch die Erfindung der Grundrechte beeinträchtigt wurde: die Jagd, die geliebte Jagd! Statt also seine Frau zu beruhigen, regte er sie doppelt auf – zuerst durch seine zornig gereizte Stimmung welche die Zukunft für ewige Zeiten rabenschwarz und hoffnungslos sah; dann durch den Ärger, den sie empfand, weil er so ganz außer Rand und Band war. Der Graf konnte nicht umhin, Vergleiche anzustellen zwischen Stamberg und Windeck, die ganz zu Gunsten Windecks ausfielen; denn, sprach er zu sich selbst, wenn ich auch – und zwar mit vollem Rechte – über die gegenwärtigen öffentlichen Zustände wüte und Isabelle ein weniges zu viel lamentiert: so haben die übrigen doch frische Hoffnung und guten Mut – was allerdings heroisch ist! – und Hoffnung ist ansteckend. Ohne Hoffnung aber ist das Leben eine Hölle. Ich meinesteils möchte nicht hier bleiben! – –

[301] Brigitte sagte am andern Morgen, während sie Regina's schönes Haar flocht, ganz schüchtern:

»Haben die Gräfin wohl den Herrn Hauptmann bemerkt?«

»Warum titulieren Sie den Rädelsführer so feierlich als einen Herrn Hauptmann?« fragte Regina lächelnd.

»Den meine ich nicht,« entgegnete Brigitte, »sondern Herrn Florentin, dessen Zuname ja Hauptmann ist.«

»Florentin! unser Florentin? Wie käme der unter eine solche Bande!« rief Regina überrascht.

»Ich möchte wetten, daß er es war!« sagte Brigitte.

»Meine Schwester war ja bei Ihnen; hat auch sie ihn erkannt?«

»Ich glaube nicht! Sie hat wenigstens nichts geäußert.«

»Und ich glaube, daß Sie träumen, Brigitte! Hüten Sie sich vor solchen Äußerungen, die ein verkehrtes Geschwätz unter die Leute bringen, dem armen Florentin viel schaden und meinem Vater sehr wehe tun könnten. In der unbestimmten Beleuchtung und bei Ihrer Ängstlichkeit haben Sie gewiß nicht erkannt, welche Gesichter denn eigentlich zwischen Hut und Bart steckten. Es wird jetzt so viel Falsches und Lügenhaftes in die Welt gesprengt, daß man sich mehr denn je vorsichtig in Worten zeigen und auch nicht alles glauben muß, was die Leute erzählen.«

»Wie hätte die Bande wohl wissen können von der Gewehrkammer des Herrn Garfen!«

»Gutes Kind,« versetzte Regina, »ich bin fest überzeugt, daß man auf zehn Stunden in der Runde ganz genau weiß, wie es hier aussieht und [302] was hier vorfällt. Das spricht sich herum – auch ohne den armen Florentin.« –

Regina nahm ein Buch zur Hand und Brigitte sah sich genötigt, ihr Geschäft schweigend zu vollenden. Dennoch blieb sie dabei, sie habe Florentin erkannt. Und sie hatte auch ganz recht. Er hielt sich in Frankfurt auf. Je näher dem babylonischen Feuerofen der Leidenschaften – desto besser! da konnte er an jedem Ereignis teilnehmen, zu jeder Bewegung mitwirken. Warum nicht auch in Windeck um Waffen bitten für die Freiheiltskämpfer der Einheit Deutschlands? Er fand das sehr erhaben; der Graf selbst mußte, trotz reaktionärer Gesinnung und ultramontaner Umgebung, für Schleswig-Holstein Sympathien haben und die Freischärler mit offenen Armen empfangen, das war ja gar nicht anders möglich. Heroisch wollte er den Zug nach Windeck führen. Der Steinwurf, den ein roher Gesell aus dieser Schar abends zuvor, als er von Ferne einen Priester erblickte, auf Levin warf, verstimmte Florentin auf's äußerste, denn im unglücklichen Falle wäre das ein Meuchelmord gewesen – und damit wollte er nichts zu tun haben. Als er nun gar die Abwesenheit des Grafen erfuhr, wäre er am liebsten wieder umgekehrt; denn vor wem sollte er seine gracchische Rede halten? Doch Umkehr ließen seine Kameraden nicht zu; sie wollten nicht unverrichteter Sache abziehen und Florentin blieb, um den Ausgang derselben zu überwachen. Als aber Regina erschien, versenkte er sich in die tiefste Dunkelheit und überließ einem anderen das Wort. Der Moment war doch nicht großartig genug, um vor ihr in der vollen Würde eines Volkstribuns auftreten zu können. Vor dem Grafen schon eher! aber vor ihrem klaren, unbestechlichen [303] Auge – nimmermehr! Wie er sie da sah auf dem Perron, so unaussprechlich edel in ihrer Ruhe, so umflossen von einer Sphäre von Licht fielen ihm als schneidender Gegensatz Frauen ein, die er an Barrikaden gesehen hatte, in karikierter Begeisterung und verzerrter Leidenschaft. Unwillkürlich mußte er sich eingestehen, daß jene Freiheitsheldinnen einen widerwärtigen Eindruck neben dieser Vertreterin der Reaktion machten. Er war froh, als der Rädelsführer den Abmarsch antrat und fest entschlossen, einen zweiten Zug gen Windeck nicht mitzumachen. Die brutalen Bemerkungen seiner Kameraden über Regina und ihre Schönheit machten alles Blut in seinen Adern vor Zorn kochen; aber was war da zu tun? – nichts, als in der Liebe für die Volksfreiheit alles Mißbehagen zu ersticken. In der dunkeln Lindenallee kehrte sich Florentin nach dem Schloß um, das mit seinen abendlichen Lichtern so friedlich und heimlich da lag, als ob weder Revolution noch Freischaren in der Welt wären; und der schöne Löwe am Tor, gegen den so eben der grimmige Steinwurf geschah, ließ sich auch gar nicht stören auf seinem Pfeiler und hielt seine Wache fort. Da dies sich nun alles so entsetzlich aristokratisch ausnahm und Regina, das versöhnende Element, aus dem Bilde verschwunden war, so fühlte sich Florentin wieder in seinem Gleichgewichte, d.h. in seinem Haß gegen traditionelle Vorurteile, Kastengeist etc. und grimmig hob er einen Stein auf, um ihn seinerseits gegen einen der stolzen Löwen zu schleudern. Aber er ließ ihn fallen und murmelte für sich: Großtaten der Gassenbuben? – pfui, Florentin! –

Am dritten Tage kam der Graf zur größten Freude der Seinen wieder aus dem Odenwalde [304] zurück, beruhigt über das Befinden seiner Mutter – und ebenso über den Zustand der Besserung, worin er den Onkel Levin antraf. Natürlich wurde ihm gleich von allen Seiten der Freischarenbesuch mitgeteilt.

»Wer weiß, ob ich mich so ruhig benommen hätte wie Regina,« sagte der Graf liebreich.

»Drum hat es der liebe Gott gerade so gefügt!« rief sie munter und küßte seine Hand.

»Hattest Du denn gar keine Furcht dem wüsten Gesindel gegenüber, das Dich durch Wort oder Tat hätte beleidigen können?«

»Nein, gar nicht,« sagt sie.

»Und hattest niemand, um Dich zu beschützen?«

»O doch!« rief sie, zog ihren Rosenkranz hervor, küßte das kleine Kruzifix mit dem Partikel vom wahren Kreuz und setzte hinzu: »Im Schutz des Kreuzes bin ich gefeit.«

»Das ist ein Glaube, der Berge versetzt,« sagte der Graf.

»Und der die Welt überwindet,« bemerkte Ernest. –

Das Befinden der Baronin Stamberg wurde besprochen, und als der Graf beklagte, daß sie keine andere Pflege als von Dienerinnen habe, erbot sich Regina sogleich, zur Großmama zu gehen.

»Kind, Du bist allzu vollkommen, das ist auch eine Art von Unvollkommenheit!« sagte der Graf unmutig, der durchaus nicht gewillt war, sich der Gesellschaft seiner Tochter zu berauben.

»Um's Himmelswillen nicht!« flehte die Baronin Isabelle. »Im Badischen hausen die Freischaren und könnten einmal Stamberg überfallen.«

[305] »Nun, wegen der bekannten Freischarenbravour könnten sie dort wohl bald ausgehaust haben,« bemerkte Ernest.

»Vor der Hand ist nicht daran zu denken,« sagte der Graf. »Ich kann doch unmöglich ganz allein bleiben? Die Buben sind fort – nun soll ich auch meine Regina fortschicken? Nein, daraus wird nichts.«

Die Buben, wie er sie nannte, machten freudig den Feldzug in der Lombardei mit. Uriel schrieb fleißig, und die Siegesnachrichten von jenseits der Alpen lichteten die trüben Zustände diesseits derselben.

»Mailand hätten wir wieder!« rief der Graf froh. »Jetzt nur auch bald Wien.«

»Wird schon kommen!« entgegnete Ernest zuversichtlich.

»Ach, aber der heilige Vater!« sagte Regina beklommen. »Das undankbare Rom mißhandelt sein mildestes Herz – und wer weiß, ob ihn die Revolution nicht verjagt oder Schlimmeres noch begeht.«

»Daran sind die Stellvertreter Christi gewöhnt,« bemerkte Levin. »Vom ersten Apostelfürsten an, der auf dem Janikulus kopfabwärts gekreuzigt wurde und dessen dreizehn erste Nachfolger sämtlich den Martertod für den katholischen Glauben fanden – bis zur heutigen Stunde haben dem sichtbaren Oberhaupt der heiligen Kirche Schmach und Geißelung, Dornenkranz, Kreuzigung und Herzenswunde so wenig gefehlt, als einst dem Gottessohn selbst. Hörte die eine Art von Martertum auf, so brach die andere an: heidnische Verfolgung, Heimsuchung durch Barbaren, deutschrömische Kaiser, französische Könige, die furchtbarsten wildesten inneren Faktionen voll republikanischer [306] Gelüste und Adelstyrannei, Schisma und Häresie haben sich seit achtzehn Jahrhunderten über und gegen Rom gewälzt und dem Stellvertreter Christi seinen reichlichen Anteil am bitteren Leiden des Herrn gebracht; denn in der Siebenhügelstadt liegt mystischer Weise auch der Hügel Golgatha; ja, er ist recht eigentlich das Fundament des Vatikans – und das haben die Stellvertreter Christi in so vollem Umfang begriffen, daß es dem bittersten Haß und der feindlichsten Scheelsucht nicht möglich ist, mehr als fünf oder sechs Päpste ausfindig zu machen, welche die Nachfolge Christi nicht angetreten hätten – also einer etwa in dreihundert Jahren, bei dem der natürliche Mensch den übernatürlichen besiegte! Welche lange, lange, wunderbare Reihe von Heiligen, und wie selten wird sie unterbrochen durch einen armen Sünder!«

»Man bekommt eine Art von Grauen vor der Heiligkeit,« nahm der Graf das Wort, »wenn man sie immer und immerfort in einer Sündflut von Leiden und Bitterkeiten gewahr wird.«

»O lieber Vater, sind das aber die Bedingungen zur Heiligkeit, wie gern müssen wir sie annehmen!« rief Regina – und Levin sagte:

»Das Auge des Glaubens nimmt die Dinge anders wahr, als das sinnliche und vom Irdischen befangene Auge. Leiden machen gottähnlich – sagt der fromme Heinrich Suso. Gottähnlich zu werden, das Ebenbild Gottes in der Seele herzustellen, ist die Aufgabe jedes Christen und ist das ersehnte und angestrebte Ziel jedes Gläubigen. Was ihm dazu behilflich ist, heißt er willkommen. Nichts adelt die Seele mehr, als ein mit frommer Ergebung und edler Geduld getragenes Leiden. Das gibt ihr die Stigmata der Kreuzigung und auf [307] ihnen ruht das Auge Gottes mit ewiger Liebe. Wer sie trägt, ist Gott wohlgefällig, denn er ist Christus ähnlich – und in dieser Liebesverbindung mit Gott führt der gläubigleidende Mensch schon hienieden mitten in seiner Trübsal ein seliges Leben, weil der Friede der Seligen in ihm ist.«

Ernest sah ihn an, während er so sprach, und dachte, daß auf diesem zarten durchschmerzten Antlitz die Stigmata des Kreuzes nicht fehlten – aber auch nicht die balsamischen Tröstungen der Kreuzesliebe. Er sagte:

»Kein Thron der Welt ist von so verschiedenen Seiten und so zu allen Zeiten von Stürmen umbraust worden, als der Stuhl des heiligen Petrus. Der liebe Gott läßt das zu, um zu zeigen, daß Er ihn halte. Päpste in der Verbannung durch – und auf der Flucht vor Faktionen, Päpste in der Gefangenschaft – sind ganz häufige Erscheinungen in der Geschichte, und nicht selten traf die ausgezeichnetsten das Loos. Leo III. floh vor häretischen Aufrührern nach Paderborn zu Karl dem Großen. Gregor VII. starb in der Fremde zu Salerno, von einem Gegenpapst, den ein deutscher Kaiser wählte und stützte, aus Rom verdrängt. Bonifatius VIII. starb an den Mißhandlungen, welche König Philipp der Schöne von Frankreich, in Verbindung mit einer Partei des römischen Adels, ihm zufügte. Dann gerieten die Päpste während siebenzig Jahren unter die königlichen französischen Kerkermeister, welche die Faktionen in Rom auszubeuten verstanden – und lebten im babylonischen Exil zu Avignon. Später ließ Kaiser Karl V. Papst Klemens VII. in Rom belagern. Unsere Tage haben Pius VI. von französischen Republikanern, die Rom als Republik proklamierten[308] – gefangen nach Frankreich schleppen und in der Gefangenschaft zu Valence umkommen sehen. Und wie das vorige Jahrhundert schloß, so begann das jetzige! Napoleon Bonaparte vereinigte den Kirchenstaat mit Frankreich und hielt während der letzten fünf Jahre seiner Zwingherrschaft Papst Pius VII. in der Gefangenschaft zu Savona und zu Fontainebleau. Dann wanderte er nach St. Helena und starb auf der Felseninsel im tropischen Meere – und Pius VII., der gottselige unüberwindliche Greis, kehrte nach Rom zurück und beschloß auf dem Stuhle Petri sein heiliges, vielgeprüftes Leben. Die Signatur, unter welcher, nach jener uralten Prophezeiung, sein Leben stand, hat sich bewährt; sie hieß Aquila rapax ›der raubgierige Adler‹. Aber die Taube hat den Adler besiegt.«

»Ja, in Wahrheit besiegt!« rief Levin. »Und viel mehr, als man geneigt ist, ihm zuzugestehen, zwischen den politischen und kriegerischen Ereignissen, die den korsikanischen Diktator stürzten. Ich erinnere mich lebhaft des ungeheuren Enthusiasmus, der in den katholischen Herzen aufflammte, als Pius VII. auf das berüchtigte napoleonische Dekret, das im Jahre 1809 den Kirchenstaat mit dem französischen Reich vereinigte und den Papst mit einer Rente von zwei Millionen Francs pensionierte – durch die Exkommunikationsbulle antwortete. Alle Monarchen Europas litten Vergewaltigung durch jene Gottesgeißel; die einen zitterten vor ihm und die anderen schlossen Freundschaft mit ihm, und die zertretenen Völker zähneknirrschten in Blut und in Tränen gebadet. Europa erseufzte und erlahmte unter dem Alp, ohne ihn abzuschütteln. Da schleudert der machtlose, von [309] französischen Soldaten in seiner eigenen Residenz umgebene und der Tat nach gefangene Greis die Exkommunikation über alle, welche Gewalttat im Kirchenstaat ausüben, und läßt die Bulle am hellen Tage, angesichts der französischen Truppen, an den drei Hauptkirchen Roms anheften. Der Blitz vom Vatikan hatte zu gut getroffen, als daß Napoleon ihn, ohne Rache zu nehmen, verschmerzt hätte. In der Nacht zum 6. Juli drang der General Radet mit Gewalt in den päpstlichen Palast und entführte den heiligen Vater samt dem Kardinal Pacca, dessen Simon von Cyrene, aus Rom und Italien. An diesem nämlichen 6. Juli besiegte Napoleon in der Schlacht von Wagram Österreich. Mehr denn je war Europa geknechtet, und hohnlachend des Bannes schrieb Napoleon spöttelnd an den Vizekönig von Italien, seinen Stiefsohn: ›Croitil que ses excommunications feront tomber les armes des mains de mes soldats?‹ 5 Nun, der Tag ließ nicht lange auf sich warten, wo der ewige Gott die Bulle seines irdischen Stellvertreters ratificierte! Zwei Jahre darauf, im russischen Feldzug, geschah buchstäblich das, was Napoleon im blinden Wahn seiner Omnipotenz für unmöglich hielt: die Waffen fielen aus den erfrorenen Händen der französischen Soldaten und der Rückzug aus Rußland war eine der furchtbarsten Niederlagen einer Armee, welche die Weltgeschichte aufzuweisen hat. Mit ihr begann die Sonnenwende des Napoleonischen Glückes und sie war eine Tat Gottes – nicht menschlicher Weisheit und Kraft. Könnte der Felsen Petri pulverisiert werden, wie der Haß [310] der Hölle es seit achtzehn Jahrhunderten begehrt und versucht: so wäre es längst geschehen. Statt dessen werden ihre Sendlinge pulverisiert. Die Dynastie des armen Fischers ist unsterblich! Unser heiliger Vater gehört ihr an. Man kann ihn zu Tode quälen, abersie lebt fort.«

»Ist auch über ihn eine Prophezeihung gesprochen?« fragte Corona.

»Ja wohl!« entgegnete Ernest. »Das Wort der Weissagung über ihn heißt: Crux de Cruce. Gewiß eine großartige, gewichtige Verheißung ›Kreuz vom Kreuze,‹ die ein Übermaß der Leiden andeutet.«

»Wer hat denn das alles prophezeit?« fragte sie.

»Ein Bischof Malachias zu Armagh in Irland,« erwiderte er.

»Welche Rätsel gehen durch die Welt,« sagte Regina, »gleichsam Dissonanzen, welche erst spät ihre Auflösung finden, und doch so groß und mächtig in der Harmonie mitwirken.«

»Ich würde wünschen, daß sich die Dissonanzen der Gegenwart möglichst bald lösten,« sagte der Graf. »Dies ohrzerreißende Freiheitsgeheul kann nimmermehr zur Weltharmonie mitwirken.«

»Doch!« sagte Ernest; »nur nicht für die Gegenwart! Es ist aber geringe Hoffnung vorhanden, daß sich Ihr Wunsch, Herr Graf, erfülle.«

»Sie sind ja ein wahrer Unglücksprophet, Herr Ernest!« rief die Baronin Isabelle. »Ist denn auch über unsere Zeit, wie über die Päpste, eine traurige Weissagung gesprochen?«

»Nicht daß ich wüßte,« entgegnete Ernest gleichmütig. »Allein es geht ein gräßlicher Zug durch die Zeit, den jeder wahrnehmen kann, der Augen hat: sie neigt sich massenhaft der Tiefe zu und [311] diese Massen haben ihre dämonische Freude daran, daß dem so ist. Es gab Epochen in der Weltgeschichte, die wilder und ungeordneter waren, als die Jetztzeit, in denen sich mehr Gewalttat, Roheit, brutale Sinnlichkeit, und auch massenhaft, zeigten.«

»Nun, das ist beruhigend,« unterbrach ihn die Baronin, »denn Sie geben damit zu, daß es schlimmere Zeiten gab.«

»Der Nachsatz folgt!« erwiderte Ernest. »Aber in jenen Epochen sittenloser Verwilderung, die zu mannigfachen Gräueln führte, fehlte die charakteristische Signatur der Jetztzeit: heuchlerische Schöntuerei mit Bildung, Fortschritt, Geist, welche den furchtbaren Abfall von Gott und vom Christentum als einen Riesenschritt aufwärts anpreist und hinter jenen drei Worten den Kultus des Materialismus verschleiert. Viel lesen und viel schreiben – ist Geist; viel Eisenbahnen und Börsenspekulationen haben – ist Fortschritt; viele Opern und Ballets angaffen und im raffiniertesten Luxus den Nerv der Seele abstumpfen und das Gehirn schwächen – ist Bildung; und diese drei Zauberworte sollen weiter nichts bezwecken, als dem Menschen einen möglichst hohen Lebensgenuß zu verschaffen, der durch die alte fixe Idee der christlichen Menschheit von Gott – bis jetzt beeinträchtigt wird. In anderen schlimmen Zeiten vergaß man nicht sowohl Gott, als vielmehr seine Gebote und im Sturm tobender Leidenschaften kümmerte man sich nicht um ihn. Die Sinne sündigten im Taumel; nicht der Geist mit Überlegung. Roher waren die Frevel – vielleicht! gewiß nicht so niederträchtig. Das hämische Bemühen, den ewigen Gott vom Thron der heiligen Dreifaltigkeit herabzureißen, die Weltordnung [312] von seiner Allmacht abzulösen, die Menschheit von seiner Gnade und Liebe hinweg zu drängen, an die Stelle des menschgewordenen Gottes den Wechselbalg eines Gottes zu bringen, der in jedem einzelnen Menschen zum Bewußtsein kommt, in der Gattung Mensch – den Zwillingsbruder der Gattung Affe zu sehen, der sich von dieser nur durch sein größeres Gehirn unterscheidet: und dies Bemühen auszuführen, kaltblütig, hohnlächelnd, Brill' auf der Nase, Bein' unter dem Schreibtisch, in zahllosen Werken, Schriften, Vorträgen, Vorlesungen, die sündflutartig aus allen Weltgegenden, in allen Sprachen, in gebundener und ungebundener Rede, gedruckt und gesprochen, eindringen und einbrechen und – auf die die Sympathien der niederen Instinkte in der Menschheit pochend – frech behaupten, dies und nur dies sei ächte und rechte Wahrheit: diese massenhafte Lüge ist die Signatur unserer Zeit. Im alten, heidnischen, absterbenden Römerreiche gab sich ein ähnliches Bemühen kund, den Gott der Christen aus den Seelen der Gläubigen zu reißen, und schon damals hieß es, das Christentum verdumme die Leute und mache sie gleichgiltig gegen Philosophie, Wissenschaft, heiteren Genuß des Daseins und andere hohe Dinge mehr – und um sie aus ihrer Gleichgiltigkeit aufzuwecken, ließ man wilde Bestien gegen sie los und folterte sie mit Feuer und Eisen. Allein dies Bemühen ging von Heiden aus und die Antwort, welche die Christen darauf gaben, war der Martertod von Millionen und die Bekehrung von Millionen aus dem Heidentum zum Christentum. Jetzt aber findet den Bemühungen getaufter Heiden gegenüber, die so gefährlich sind, weil sie nicht direkt den Abfall vom Glauben, sondern nur [313] von höherer Erkenntnis, wissenschaftlicher Forschung, Licht der Aufklärung etc. predigen – keine massenhafte Bekehrung zum wahren Glauben statt: folglich ist es unmöglich, daß die kreischenden Dissonanzen schnell gelöst werden. Sie behalten im Gegenteil die Oberhand und werden vermutlich noch lauter aufheulen.« –

Ein Jahr vorher hätte der Graf gewiß geantwortet: politische Revolutionen hätten nicht das mindeste mit dem religiösen Glauben oder Unglauben zu tun; aber jetzt war ihm doch ein gewisser Zusammenhang derselben nicht unwahrscheinlich und er begnügte sich mit der Äußerung:

»Die Soldaten müßten nur mit gehöriger Energie auf sämtliche Demokraten-, Republikaner-, Carbonari-, Sozialisten-, Freimaurer- und sonstige Nester losgehen: dann würde es schon besser werden.«

»Äußerlich vielleicht,« sagte Levin, »aber jene armen Menschen würden schwerlich dadurch gebessert!«

»Nun bedauern Sie die noch gar, bester Onkel!« rief der Graf empört.

»Ich auch!« sagten Ernest und Regina aus einem Munde.

»Das ist unerhört!« rief der Graf. »Nein! ich hasse sie gründlich.«

»O lieber Vater!« rief Regina, »auch sie sind als Ebenbild Gottes geschaffen und machen sich zu seinen Feinden! Kann es etwas Erbarmenswerteres geben? und wer weiß denn, ob ihr Irrtum nicht größer ist, als ihre Bosheit.«

»Das muß man hoffen!« sagte Levin. »Der Irrtum, dem nie das wahre Licht geleuchtet hat, dem nie die katholische Wahrheit aufgegangen ist – [314] ist unaussprechlich zu beklagen. Von ihm heißt es in der Tat: er weiß nicht, was er tut. Der freiwillige, absichtliche Irrtum hingegen, der ›das Licht haßt, weil seine Werke böse sind‹ – wie es in heiliger Schrift heißt – der steht in engster Wechselwirkung mit der Sünde und beide bedingen und verstärken einander. Sünde befleckt das Herz, und die Nebel, welche aus einem solchen Herzen aufsteigen, beflecken die Intelligenz und berauben sie tiefer Einsicht und reiner Erkenntnis. Nicht umsonst hat der göttliche Heiland gesagt: ›Die reinen Herzen werden Gott schauen.‹ Je mehr das Menschenherz in Sünden vergraben ist, desto weniger Erkenntnis hat es von göttlichen Dingen, desto weniger Liebe spürt es für Göttliches. Dadurch gerät es allmälig in eine, seiner Bestimmung genau widersprechende Richtung: in die Feindschaft Gottes. Der Verlust der heiligmachenden Gnade beraubt es des übernatürlichen Lebens. Gibt es ein größeres Elend als dieses: der Seele nach eine galvanisierte Leiche zu sein, die sich regt und bewegt, von äußerem Impuls getrieben, aber ohne den Lebenshauch, den sie von Gott empfing? Wem würde nicht ein solcher Zustand zu Herzen gehen? Und ihn nimmt das Auge des Glaubens in denjenigen wahr, welche ihre Lust an der absichtlichen Empörung gegen Gott finden.«

»Ich betrachte sie aber schlecht und recht mit meinem Sinnenauge,« entgegnete der Graf, »und nehme wahr, daß die Lust an Empörung gegen Recht und Gesetz nicht die revolutionären Herren, wohl aber uns in's Elend stürzt, in's wirkliche, materielle und reelle Elend; also bitte ich, nicht zu verschwenderisch mit dem Bedauern für unsere Widersacher zu sein, die sich ohnehin ungeheuer [315] lustig über Euch alle machen würden, wenn sie Euer zartes Mitleid ahnten. Wir können sämtlich durch sie an den Bettelstab gebracht werden, so gut wie der Herr Miranes, von dem es im vorigen Winter hieß, er habe so und so viele Millionen.«

»Die schöne Judith an den Bettelstab? ... das kann ich mir gar nicht vorstellen!« rief Regina.

»Seit jenem Abend, da sie die Peri darstellte,« sagte Ernest, »hab' ich sie nur noch einmal gesehen, zur gewöhnlichen Unterrichtsstunde. Da war sie ganz unverändert und sprach von den Zuständen in Paris so gleichgiltig, wie vom Wetter. Zwei Tage darauf schickte sie mir ein Gemälde und andere Sachen, die sie von mir hatte; auch mein rückständiges Honorar und schrieb mir dazu in zwei Zeilen, sie verreise mit ihrer Mutter auf längere Zeit. Als ich zu ihr eilte, um von ihr Abschied zu nehmen, war sie fort, verschwunden, Einige sagten nach Brasilien. Bald darauf brach denn auch für Herrn Miranes eine gründliche Katastrophe ein; aber die allgemeinen Weltverhältnisse verschlangen alle Teilnahme. Man sprach kaum von ihm! Einmal hörte ich, er sei tiefsinnig geworden.«

»Wie traurig!« sagte die immer mitleidige Regina.

»Kind!« rief der Graf unmutig, »bedenke das Schicksal, welches das Haus Habsburg traf, und wimmere nicht um das Haus Miranes!«

»Revolution!« sagte Ernest gelassen.

[316]
Im Kristallpalast

Im Sommer des Jahres 1851 machte Europa eine Wallfahrt zum Tempel der Göttin, die sich mit einer bis dahin unerhörten Geschmeidigkeit, Tätigkeit und Umsicht des ganzen Räderwerkes der revolutionsmüden Welt bemächtigte: der Göttin Industrie. Eine Ausstellung ihrer Erzeugnisse, auf dem ganzen civilisierten Erdball eingesammelt, fand in London statt, in dem eigens dazu erbauten Lokal, das sich unter den herrlichen Eichen und auf der grünen Wiesenflur von Hyde-Park wie ein Feenschloß im Märchen – aus Glas erhob. Die französische Republik lag in den letzten Zügen, ganz bereit, wie fünfzig Jahre zuvor, von einem zweiten Diktator sich in eine Knechtschaft bringen zu lassen, gegen welche die beiden letzten, durch Emeuten gestürzten Regierungen Frankreichs im hellsten Lichte der Freiheit aufleuchteten; ein Schicksal, das übrigens, wie die Weltgeschichte lehrt, nicht die französischen Republiksversuche allein, sondern alle diejenigen haben, die sich auf den Ruinen einer anderen durch Gewalt und Willkür zerstörten Regierungsform erheben. Der demokratische Geist, auf dem die moderne Republik beruhen soll, hat in sich etwas Zersetzendes und Zersplitterndes, weil jedes Individuum zum Mitherrscher in der äußeren Welt berufen wird. Er muß also mit hoher Tugend gepaart sein, um der Masse von Individuen die [317] Charakterstärke und die sittliche Reinheit zu geben, welche jeden einzelnen über die Klippe des Wahnes und des Wunsches hinwegheben, Alleinherrscher zu sein oder zu werden. In unseren alten monarchischen – jetzt leider! vielfach bureaukratischen Staaten, in denen sich der demokratische Geist aber nur als Gegensatz zu denselben, ja eigentlich nur als Gegensatz zu ihren Schattenseiten entwickelt, mangelt ihm jede hohe, einfache Tugend, welche notwendig wäre, um seinen Deklamationen gegen Mißbräuche, Übergriffe und Untaten der Monarchien einige Würde zu verleihen und um seine beliebten Worte von Volksbeglückung und Volksbildung in Taten zu verwandeln. In Europa hat er sich als unfähig zu dieser Aufgabe erwiesen, hat überall, wo er revolutionierend die Oberhand gewann, in England, in Frankreich, in Deutschland, die Völker in Verwirrung, Entsittlichung und Elend gestürzt; und hat sie zuletzt, stumpf und morsch, der Diktatur eines Cromwell, zweier Bonaparte's überliefert. Daß es in Deutschland nicht zu etwas Ähnlichem kam, hat man wahrlich dem demokratischen Geist nicht zu danken. Da nun dessen glänzendstes Produkt, die französische Republik, im Absterben begriffen war, so verschwand die Hydra Revolution mit ihren tausend Köpfen – aber nur aus der Öffentlichkeit, und nur auf dem Kontinent. In England und in Amerika züngelten und zischten die Schlangenzungen dieser tausend Köpfe nach wie vor in giftiger Frechheit; da man aber keine Barrikaden und keine beblousten Freiheitshelden unmittelbar vor Augen hatte, und einen in Revolutionsschwindel und Atheismus verkommenen Teil der Schweiz als zu gering für Ausbreitung giftiger geistiger Miasmen betrachtet, so frohlockte [318] man in Europa, und mit einer Art von gieriger Wut warf man sich darauf, »die Segnungen des Friedens« auszubeuten und herauszustreichen. Diese Segnungen bestanden vorzugsweise in einem ungeheueren Aufschwung der Industrie, welcher durch die Ausstellung im Kristallpalast zu London eine Art von europäischer Bürgerkrone aufgesetzt wurde. So etwas hatte die Welt noch nicht erlebt: aus allen Himmelsgegenden über Land und Meer zu reisen, um allerhand Fabrikat in geschmackvoller Aufstellung anzusehen. Eine Art von Völkerwanderung begab sich auf den Zug nach London. Was jeder heimbrachte, war die Erinnerung an einen fabelhaft bunten Wust, aus dem, wie ein Wrack aus dem Weltmeer, irgend ein Lieblingsgegenstand auftauchte.

Wer sich eifrig an dieser Völkerwanderung beteiligte, war Graf Windeck. Im Grunde war ihm alles Fabrik-, Industrie- und Spekulationswesen äußerst gleichgiltig, ja zuwider. Er hatte eine entschiedene Abneigung gegen alle Emporkömmlinge durch Reichtum, weil er in ihrer Stellung und ihren Verhältnissen keine Garantie des konservativen Elementes fand. Wer so plötzlich reich wurde, nur durch geschickte Benutzung günstiger Zeitumstände, könne durch deren Ungunst auch einmal ebenso plötzlich arm werden, und befände sich in einem beständigen Schaukelzustand, nie in einem zuverlässigen und stabilen, und zu einem solchen könne er kein Vertrauen haben – pflegte er zu sagen. Zu jeder anderen Zeit hätte er sich ungemein gewundert, daß man sich mit einer Industrie-Ausstellung so enorme Mühe gebe und so viel Geld und Teilnahme an sie verschwende; allein gegenwärtig erschien sie auch ihm als eine Blüte der Segnungen [319] des Friedens, ja als deren Besiegelung; denn wie mußte sich eine Industrie, die es dahin gebracht hatte, im märchenhaften Kristallpalast überköniglich zu thronen – gegen die Emeute zur Wehr setzen, deren brutale Erdstöße ihre Feenbehausung samt ihrer Tätigkeit in Grund und Boden krachen würden.

»Das Ungeheuer Industrie,« hatte er im Frühling zu den Seinen gesagt, »hält das Ungeheuer rote Republick im Zaum. Ein Monstrum besiegt das andere! Wir wollen uns das siegende betrachten und nach England gehen.« –

Die Verhältnisse in der Familie waren unverändert geblieben; auch die Gesinnungen. Regina war schöner denn je, denn es legte sich über ihre liebliche und edle Erscheinung ein Schmelz der Wehmut, wie sie aus einer tiefen ungestillten Sehnsucht, die nie in Klage ausbricht und nie von schmerzlicher Unruhe sich bewegen läßt – unwillkürlich entspringt; ein Nachtviolenduft der Seele, der dem Glanz der Schönheit einen unvergleichlichen Zauber gab. Neben ihr war Corona zu einem reizenden jungen Mädchen aufgeblüht, mit ein paar Augen so tief und so dunkel, wie das nächtliche Meer, das über ungeahnten Geheimnissen geheimnisvoll aufleuchtet. Corona war nicht mehr das spielende, allem Ernst abholde Kind, das einst ein Ordensgewand sogar als Maskenkleid mit Furcht und Abneigung betrachtete. Sie verstand jedes ernste Streben und jeden höheren Aufschwung, aber sie war nicht, wie Regina, durch und durch von einer weltentfremdeten Sehnsucht ergriffen, sondern sie wünschte ein Stückchen Welt in ihrem Herzen himmelwärts zu heben, oder ein Stückchen Himmel in die Welt zu verpflanzen; sie [320] wußte selbst nicht recht wie! sie war eben sechszehn Jahre alt! und war als die Jüngste – auch der verzogene Liebling der ganzen Familie. Der Graf adorierte sie, als sie sich so schön und anmutig entwickelte. In Regina war ein Etwas, das ihm unwillkürlich einen gewissen Respekt einflößte, über den er sich im Stillen ärgerte. Überdies gab es Punkte, von denen sie, trotz aller Unterwürfigkeit, nicht abging; sie hatte nicht Coronas unbedingte Fügsamkeit.

Orest war im Kriegsdienst geblieben. Uriel hatte denselben nach Beendigung des lombardischen Krieges verlassen und war wieder in die diplomatische Laufbahn getreten, aber nicht nach Frankfurt zurückgekehrt. Die furchtbaren Ereignisse der Zeit, die bitteren Erfahrungen, an denen sie so überreich war, die Kriegs- und Schlachtenbilder, angeschaut in nächster Nähe und in voller Herbe – die auch den glorreichsten Siegen nicht fehlt; die Ungewißheit des eigenen Daseins und der eigenen Zukunft: alles stimmte ihn ernst, und er nahm sich vor, seine Tage nicht in träumerischer Anhänglichkeit an Liebesgedanken zu verschwenden, durch welche Regina nun einmal nicht zu gewinnen sei. Er war eine Zeit lang in London, dann in Wien, dann in Florenz. Dazwischen kam er aber immer wieder nach dem lieben heimatlichen Windeck, und wie bunt, bewegt und regsam sich auch die Welt mit ihren blendenden Farben, bestechenden Erscheinungen, interessanten Fragen und gewichtigen Tatsachen vor ihm entfalten und ihn zur Teilnahme auffordern mochte: Eines war gewiß – sein Herz blieb an Regina gefesselt, seine ganze Zukunft hatte nur insofern Reiz für ihn, als er hoffte, sie mit Regina zu teilen, und so oft er sie wiedersah, umso fester [321] stand es in ihm, daß er ihresgleichen nicht in der Welt gefunden habe. Aber er schwieg und bat auch den Grafen zu schweigen, der jedesmal, wenn Uriel kam, Regina mit Vorstellungen zu bestürmen dachte, um sie zu einer günstigen Entscheidung hinzudrängen. Regina wußte ihm innigen Dank für diese Schonung, allein ihr Herz lag auf der Folter durch die Peinlichkeit dieses Verhältnisses. Sie wechselten in drei Jahren kein Wort, welches darauf Bezug hatte. Da – kurz vor Uriels Abreise von Windeck, als er zufällig allein mit ihr auf der Terrasse auf- und niederging – da blieb sie stehen, sah ihn sanft und ernst an und sagte mit ihrem innigen Sprachton:

»Uriel, Du kennst mich! Du kannst Dich verlassen auf mein Wort und Du weißt es. Nun wohlan, lieber Uriel: Warte nicht!«

»O Regina,« entgegnete Uriel ebenso sanft und ebenso bestimmt als sie, »von den festgesetzten zehn Jahren ist noch nicht die Hälfte verflossen und Du wirst schon ungeduldig, während ich geduldig warte! Wir sind noch lange nicht bei der letzten Entscheidung!«

Mit einem Ausdruck von unaussprechlichem Schmerz schloß Regina eine kleine Weile ihre Augen, als wolle sie vor Uriel verschleiern, wie weh er ihr tue; dann sagte sie gefaßt:

»Gottes Wille geschehe.«

»Ist er Dir noch immer nicht klar?« fragte er.

»Mir – vollommen; aber leider nicht Dir,« sagte sie und setzte rasch hinzu mit einem schmerzlichen Lächeln: »Wie traurig, daß wir beide solche eigensinnige Köpfe haben, und wie gut Gott ist, sie gründlich zu brechen.«

[322] Uriel war nicht so lebhaft von dieser Güte Gottes durchdrungen. Die Hauptabsicht Gottes in der Lenkung der Schicksale: die Erziehung des Menschen für das ewige Leben, entschwand sehr oft seinem inneren Auge. Für Regina war sie immer ganz klar, wie die Feuersäule, welche dem nächtlichen Zuge der Kinder Israels durch die Wüste vorleuchtete. –

Baron Stamberg war früher aus diesem Leben abgerufen, als seine Frau. Während sie sich von ihrem Schlaganfall erholte, begann er zu kränkeln, und vermochte sich nicht aufzureißen aus seinem Kummer über die verlorenen Jagdrechte. Die Tiefe der Ungerechtigkeit, welche einer solchen Maßregel zum Grunde lag, war es nicht, die ihn so heftig erschütterte, nur sein persönlicher Verlust. Er hatte sich während seines Lebens nie über die niedrigste Stufe der Selbstsucht erhoben und so starb er auch auf ihr. Die Baronin, immer kalten Herzens – und noch kälter durch das höhere Alter das nur dem himmelwärts gewendeten Sinn himmlische Innigkeit verleiht, aber die irdische absterben läßt – war höchst gefaßt bei diesem Ereignis und blieb nur ihrer alten Gewohnheit treu, sich als eine Verfolgte des Schicksals zu betrachten und zu beklagen. Indessen kam doch auch an sie die Mahnung, daß jedes Leben zu Ende gehe. Sie erkrankte an einem abzehrenden Leiden. Nun war Regina nicht länger zu halten. Sie bat ihren Vater so flehentlich und so wiederholt, die Pflege der Großmama übernehmen zu dürfen und stellte es ihm als eine so heilige Pflicht vor, daß er endlich einwilligen und sie nach Stamberg bringen mußte. Zum Glück konnte Corona jetzt vollkommen ihren Platz in Windeck ausfüllen, am Piano, am Billard, [323] am Teetisch, bei dem Spazierritt; sonst hätte der Graf schwerlich dies Opfer gebracht. Was es Regina koste, sich von der lieben Kapelle zu trennen und am einsamen Krankenbett auf alle Tröstungen zu verzichten, die für die gläubige Seele aus der Nähe des Sanktissimums strömen – das ahnte der gute Graf freilich nicht. Er sagte zu Levin:

»Es ist merkwürdig, was das Mädchen für eine Passion hat, sich zu opfern! Was ihr schwer wird – gerade das sucht sie sich aus! Ich bezweifle sehr, daß die gute Mama ihr diesen Liebesbeweis danken wird.«

»Ich auch,« entgegnete Levin, »aber desto besser ist's für Regina. Es gibt noch immer Seelen hienieden, die das tun, was einst die heilige Katharina von Siena tat: als der göttliche Heiland ihr zur Auswahl einen Blumenkranz und eine Dornenkrone darbot, nahm sie die letztere, weil sie sicher war, unter den Dornen ihren gekreuzigten Gott zu finden – unter den Blumen nicht. Zu diesen Seelen gehört durch Gottes Gnade auch Regina.«

»Ja, es muß wohl Gottes Gnade und Ihr Beispiel sein, lieber Onkel! Ich muß mir das Zeugnis geben, nichts getan zu haben, wodurch Regina in die Nachfolge der Heiligen hätte geraten können,« sagte der Graf ehrlich.

»Es beweist zugleich, wie ernst und fest sie an ihrem Klosterberuf und Gelübde hält,« sagte Levin.

»Glauben Sie wirklich?« rief der Graf beängstigt. »Sie macht nie die leiseste Andeutung, und so hab' ich gehofft, die Sache werde allmählig einschlafen.«

»Regina – und einschlafen!« rief Levin. »Lieber Damian, kennst Du so wenig das kräftige Herz Deiner Tochter? Glaubst Du so wenig an die [324] Gnadenwirkung in einer Seele, die nach Gott verlangt? Das ist richtig: sie schweigt. Aber was sollte sie auch noch weiter sagen? sie hat uns ja alles gesagt – und dabei bleibt sie. Ich habe die Überzeugung, daß Regina nicht ›abfällt von ihrer ersten Liebe‹ – und daß diese Liebe die erste und die letzte und die einzige bleiben wird.«

»Entsetzliche Vorstellung!« seufzte der Graf; »und aufrichtig gestanden – es ist auch die meine! ich suche sie nur immer zu unterdrücken. Bemerkten Sie wohl, wie ihre Augen aufleuchteten, als kürzlich von Kloster Himmelspforten bei Würzburg gesprochen wurde, das früher aufgehoben und in eine gemeine Schenkwirtschaft verwandelt – nunmehr aber von einer Ordensgenossenschaft angekauft und ein Kloster von Karmelitessen sei? Wenn diese Illumination in ihre Augen tritt, dann hat sie eine grenzenlose innere Freude – das kenne ich an ihr! Gewiß hofft sie als Karmelitesse durch Himmelspforten in den Himmel einzuziehen.«

»Es ist mir sehr lieb, daß Du anfängst, Dich mit diesem Gedanken vertraut zu machen,« entgegnete Levin.

»Ja, wenn Uriel sich nur statt in Regina – in Corona verlieben wollte,« versetzte der Graf, »so würde ich mich allenfalls darin ergeben! Aber er ist leider! gar kein Mensch mit einem beweglichen Herzen.«

»Welch Unglück Du mit Deinen Kindern hast!« sagte Levin mit gutmütigem Spott. –

Regina richtete sich einstweilen auf Stamberg ein und wurde von der Baronin, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen konnte, freundlicher behandelt, als man es zu Windeck erwartete. Nicht als ob der Liebesbeweis sie rühre; sondern weil sie sehr bald [325] in Regina eine Eigenschaft erkannte, die sie höher als jede andere schätzte: Regina war im Stande, die Führung der Geschäfte unter ihrer Leitung zu übernehmen, Geschäftsbriefe zu schreiben, Rechnungen durchzusehen, Kostenüberschläge nachzurechnen und die Ordnung des Hauses geradeso aufrecht zu halten, wie die Baronin es seit fünfzig Jahren zu Windeck erst und dann zu Stamberg getan hatte. Da Regina immer ganz bei ihrer Pflichterfüllung war, in welcher sie den Willen Gottes freudig erkannte und vollzog, so war sie aufmerksam bei den Anweisungen, welche die Großmama ihr gab und äußerst pünktlich in deren Vollziehung, so daß die Baronin ihr jedesmal glänzendes Lob spendete, wenn der Graf bald allein, bald mit Corona und der Baronin Isabelle nach Stamberg kam. Hatte Regina aber gehofft, durch ihre Liebe und Ergebenheit die Großmutter zum Urquell aller Liebe – zu Gott hinzuweisen, so irrte sie sich gründlich. Das religiöse Leben hatte bei derselben während siebenzig Jahren unter dem Gefrierpunkt gestanden; sie hatte zu keiner Zeit, nicht in der Kindheit, nicht in der Jugend, nicht in guten und nicht in schlimmen Tagen die beseligenden Lehren des Christentums, die Wonne der Erlösung, die Gnaden der Sakramente in sich aufgenommen, sondern stets auf ein fremdes kühles Wissen vom Christentum sich beschränkt und mit großer Selbstgefälligkeit darin ein Genügen gefunden. Überdies war sie immer höchst tugendhaft gewesen, nämlich so, wie die Welt es versteht. Der heilige Gregor von Nyssa, welcher sagt: »Tugend ist die praktische Liebe zu Gott« – würde vermutlich Julianens Tugend minder hoch geschätzt haben, als sie selbst es tat. Aber von den Heiligen, deren Leben und Lehren die Ausübung [326] des Evangeliums sind, wußte Juliane nichts; sie begnügte sich mit ihren Ideen von Gott und Unsterblichkeit und erwähnte zuweilen mit einer bei ihr höchst seltenen Anwandlung von Ehrfurcht zweier Schriftsteller, aus denen sie hauptsächlich jene Ideen geschöpft habe: das waren Herder und Jean Paul. Sie vertraute sogar Reginen an, daß sie, obzwar eine abgesagte Feindin aller Schwärmerei, dennoch ein wenig für Jean Pauls Romane geschwärmt habe und bis zur Stunde nichts Rührenderes und Ergreifenderes kenne, als in dessen »Hesperus« Lord Horions Grabschrift. Regina fragte ganz erwartungsvoll, wie diese laute? Juliane erwiderte:

»Eine weiße Marmortafel mit einem blutroten Herzen in der Mitte bildete den Grabstein, und unter dem Herzen standen nur die zwei Worte ›Es ruht‹.«

»Ich würde es noch schöner finden, liebe Großmama,« sagte Regina, »wenn zwei Worte hinzukämen und wenn es hieße: ›Es ruht in Gott‹.«

»Nein,« entgegnete die Baronin, »gerade dieser Ausdruck der vollkommenen Einsamkeit in stiller Grabesruhe ist erhaben. Aber freilich! das verstehen nur wenige! Ich erzählte dies einmal meinem seligen Mann, Deinem Großvater, und er gab mir lachend zur Antwort: ›Ich wünsche nicht ein solches Coer-Aß als Grabstein zu haben.‹«

Regina schwieg; aber heimlich stimmte sie dem Großvater bei. Fünf Monate brachte sie auf Stamberg und im Krankenzimmer zu, ohne andere Erholung als die, jeden Sonntag Morgen zum Gottesdienst nach der nächsten katholischen Kirche zu fahren und sich dort durch den Empfang der heiligen Sakramente der Buße und des Altars zu [327] stärken. Dann schied die Baronin vom Leben und verhauchte still ihre letzten Atemzüge in Reginas Armen. Hätte Regina nicht ihrem brechenden Auge das Kruzifix vorgehalten und nicht die Gebete der Sterbenden neben ihr gebetet: so würde niemand geahnt haben, daß dies das Sterbelager einer Christin sei.

Der Graf war in höchster Spannung wegen des Testamentes seiner Mutter und in grenzenloser Überraschung, als es geöffnet wurde. Es war in den letzten Monaten und zwar zu Gunsten Uriels gemacht. Warum Orest nicht Universalerbe – wie das früher ihre Absicht war; ob sie ein anderes Testament vernichtet hatte; ob sie ihr Vermögen Reginen zuwenden wollte und in der Voraussetzung, daß diese Uriel heiraten werde, es ihm vermachte; ob sie nur bis zuletzt zeigen wollte, sie sei unumschränkte Herrin ihres Vermögens: das alles blieben Fragen ohne Antwort, und nur die Tatsache bestand: Uriel war Herr auf Stamberg.

Dies trug sich im Frühling zu, und im Sommer ging Graf Windeck mit seinen Töchtern nach England. Er fand Zerstreuung und veränderte Luft ganz notwendig für Regina. Der Anhauch von zarter Schwermut, der sich wie ein leichter Schleier über ihre Schönheit legte, erschien ihm als Kränklichkeit, als Nervenschwäche. Aber Regina sagte zu Levin:

»Lieber Onkel, ich bin nicht krank und fünf Wintermonate an einem teuren Kranken- und Sterbebett erschüttern meine Nerven nicht. Allein dies Leben und dies Scheiden vom Leben in tiefer Gottentfremdung, wie ich es bei meiner armen Großmutter vor Augen hatte – sieh! das hat mir Herzweh gemacht.«

[328] Levin war immer bemüht, Regina in der Tugend der Heiligen, in der Demut, zu üben und lächelnd fragte er:

»Ah, Du hofftest wohl, Deine arme Großmutter im Laufe einiger Monate für die katholische Wahrheit zu gewinnen? O mein liebes Kind, soll Dir so etwas gelingen, so lerne zuvor leiden. Wer Seelen retten will, vereinige sich mit Christus in seinem Martertum für die Seelen und teile mit ihm – wenn nicht die blutige Passion auf dem Kalvarienberge, so doch die stille Passion des Herzens am Oelberg. Du mußt mystischerweise in Dein Herzblut Deine Gebete für Seelen eintauchen, wenn Gott sie erhören soll. Wie unaussprechlich haben die Heiligen, die große und zahlreiche Bekehrungen bewirkten, unausgesetzt gelitten! Ihre Liebe und ihre Vollkommenheit haben wir nicht; umso mehr wollen wir uns bemühen, ihnen im Leiden ähnlich zu werden. Du hast Herzweh um Deine arme Großmutter? O Kind, das glaub' ich Dir! aber das Leiden darf kein Zustand – es muß eine Tugend sein, indem Liebe zum Leiden es zum Opfer macht und die Seele in ein tägliches Holocaust verwandelt.«

Mit einem Ausbruch der tiefsten Sehnsucht rief Regina:

»Ist es nicht auch vermessen, lieber Onkel, wenn ich beteure: das – gerade das, nur das begehre ich!«

»Nun, wenn Du das wirklich begehrst – das kannst Du haben, unter allen Verhältnissen und zu jeder Stunde,« entgegnete Levin.

»Aber so recht doch erst unter dem strikten Gehorsam des Ordenslebens, das zu jeder Stunde [329] den eigenen Willen, die eigenen Absichten, die eigenen Wünsche abtötet.«

»Ich sage nicht Nein; aber ich sage: zur vollkommenen Hingebung an den Willen Gottes brauchst Du das Ordensleben nicht. Dieses übt die Hingebung auf einer höheren Stufe des inneren Lebens, weil es nach den evangelischen Räten geordnet ist. Übe Du Dich einstweilen in der Hingebung Deines Willens, die auf den Geboten Gottes ruht; dann machst Du Dich vielleicht der Gnade würdig, jene höhere Stufe betreten zu dürfen.« –

Auch ihn hatte Julianens Tod sehr ergriffen. Sie war seine Zeitgenossin, wenig älter als er; viele Jahre – und vielleicht die schmerzlichsten seines Lebens, hatte er neben ihr auf Windeck verlebt und tief die Lähmung empfunden, die von ihr ausging und auf der höheren Entwicklung ihres Mannes und ihrer Söhne lastete. Aber immer hatte er es als seine Schuld, als ein Zeichen seiner Unvollkommenheit betrachtet, daß das wundervolle Licht des katholischen Glaubens, mit dem Juliane in so häufige Berührung kam, ihr dennoch verschleiert blieb. Er wendete auf sich selbst an, was der heilige Karl Borromäus einst zu seinen Provinzialbischöfen auf einer Synode sagte: »Möchte das göttliche Licht, das in dem Herzen der Bischöfe leuchtet, nie verdunkelt werden von der Finsternis ihrer sündigen Natur.« Das gilt für uns alle, dachte er bei sich selbst; das göttliche Licht und die göttliche Liebe sind ja immer bereit, unser Herz zu entzünden; doch jenes stirbt in der Finsternis – und diese in der Kälte unserer sündigen Natur – und da Juliane sie nicht in mir, dem Priester, aufstrahlen sieht, so müssen sie ihr freilich verborgen bleiben. Alles wurde ihm ein willkommener Anlaß, um sich zu [330] verdemütigen. Nun war sie tot, die arme Juliane! nun war sie eingetreten in die Welt, die von der ewigen Wahrheit schleierlos durchleuchtet wird! War diese ihr aufgegangen als ein sengender Blitzstrahl oder als eine überirdische Sonne? – –

Niemand war im ersten Augenblick so betroffen und im zweiten so gefaßt über Julianens Testament, als der, den es am meisten anging: Orest. Er hatte sich von Kindheit auf daran gewöhnt, sich als den künftigen Herrn auf Stamberg zu betrachten; plötzlich war das vorbei! eine sehr unangenehme Überraschung allerdings; doch nicht heftig genug, um ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen. Mit der größten Gemütsruhe beschloß er auf der Stelle, seinen Etat, den er im Hinblick auf die glänzende Erbschaft gemacht hatte, nicht im geringsten zu beschränken und Uriel dafür sorgen zu lassen, daß er denselben durchführen könne. Orest war ganz der Alte: der Ausdruck des genußsüchtigen Egoismus. Da aber kein Mensch unverrückbar auf einer und derselben Stelle in seiner Richtung stehen bleibt, sondern entweder mit starker Willensfreiheit aufwärts geht, oder sich von den Windstößen der Neigungen, der Leidenschaften, der Triebe beherrschen läßt und unter ihrem Einfluß mehr und mehr abwärts sinkt: so hatten sich denn auch in Orest die Grundzüge seines Charakters und seiner Richtung beträchtlich entfaltet und ihn nicht aufwärts geführt. Sein Losungswort hieß: Lebensgenuß, der ununterbrochen angeregt und ebenfalls ununterbrochen befriedigt werden mußte. Wie er sich das Herz verwüstete und den Kopf verödete, wie alle höheren Fähigkeiten seiner Seele nach und nach aus Mangel an Nahrung absterben, aus Mangel an Übung [331] verkommen mußten, das wurde er nicht gewahr, weil sein Leben sich eben auf der sinnlichen Oberfläche, nicht in der sittlichen Tiefe bewegte. In den lombardischen und ungarischen Feldzügen war er der bravste, unermüdlichste Soldat gewesen, immer munter, immer herzhaft, pünktlich im Dienst, tapfer in der Schlacht, kühn in der Gefahr. Er wurde auch sehr bald Rittmeister; seine Chefs hatten ihn gern, seine Mannschaft liebte ihn. Dies war Orests glänzende Seite. Das kriegerische Leben mit seiner Gefahr, seiner Mühseligkeit, seiner Anstrengung, seiner Beweglichkeit – war das Element, in welchem sich Orest mit Wonne bewegte; da fühlte er sich immer angeregt und immer beschäftigt; da konnte er entbehren und sogar großmütig sein, für andere sorgen, denken, wachen, denn dies war eben die Richtung und die Gabe seiner Natur. Aber über seine natürlichen Anlagen reichte seine gute Seite nicht hinaus. Da, wo jene aufhörten, hörten seine Vorzüge auf. Unter blutigen Wunden gegen den Feind kämpfen – mit Freuden! Kanonendonner, Waffengeklirr, Pulverdampf, wehende Fahnen, Hörnersignale, Trommelgerassel, das unnennbare betäubende Getöse der Schlacht versetzte ihn in eine Art von Jubelrausch. Aber die geringste Selbstüberwindung auf sittlichem Gebiete, der leiseste Kampf gegen die Laune und die Stimmung des Augenblickes – nein! das war zu viel! das durfte man ihm nicht zumuten!

Nach beendigten Feldzügen kam sein Regiment nach Mailand. Er war außerordentlich mit dieser Garnison zufrieden: herrliche Oper, zahlreiches corps de ballet, die ganze lombardische Ebene, um ein paar Dutzend Pferde darauf tot zu jagen, und die Tiroler Alpen nahe genug, um im Sommer den [332] Urlaub für die Gemsjagd zu benutzen. Was brauchte er mehr? – Geld vollauf – das verstand sich von selbst! daran hatte es Graf Damian bis jetzt nicht fehlen lassen – nur reichte es immer noch nicht für Orests allernotwendigste Bedürfnisse, wie er behauptete, aus. Machte Uriel jetzt die Zuschüsse, woran er keinen Augenblick zweifelte, so lag ihm nichts an dem Besitz des einsamen Schlosses im Odenwald; denn ein solcher Besitz zieht gewisse Verpflichtungen nach sich und Verpflichtungen setzen Schranken. Orest aber wollte keine anderen gelten lassen, als Barrieren – und diese nur, um beim Wettrennen oder auf der Steeple chase über sie hinwegzusetzen.

Er kam nach Windeck, um sich mit der neuen Ordnung der Dinge bekannt zu machen und um seine Verhältnisse durch Uriel regulieren zu lassen; nebenbei auch, um all' die Seinen einmal wiederzusehen, denn Uriel war auch dort eingetroffen, bevor er seinen Wohnsitz auf Stamberg nahm. Hätte Uriel die Aussicht gehabt, Regina als Herrin dort einzuführen, so wäre er sehr glücklich gewesen. Ihm sagte das Landleben mit seinen ruhigen Beschäftigungen und mit dem abgeschlossenen Kreise seiner Wirksamkeit zu. Der Reiz der Neuheit, den die große Welt für die Jugend hat, war ihm schnell entflohen, weil er mehr begehrte, als sie geben kann – vielleicht auch deshalb, weil seine Liebe für Regina ihn zu ausschließlich einnahm, um ihn von anderer Seite dauernd befriedigende Eindrücke zukommen zu lassen. So lange es Krieg gab, war er gern Soldat gewesen; aber nicht, wie Orest, um Soldat zu sein, sondern um unter Oesterreichs Fahnen für Recht und Ehre gegen die Revolution zu kämpfen. In die diplomatische Laufbahn trat[333] er, wie überhaupt seine Standesgenossen, um durch sie in die Gesellschaft eingeführt zu werden und in dem jugendlichen Wahn, Einblick und Einfluß in die Geschicke der Völker und Staaten zu erhalten; ein Wahn, der allerdings nur durch die Unerfahrenheit der Jugend erzeugt und entschuldigt werden kann, da in unseren Tagen, die freilich überall einen traurigen Mangel an Genie kund geben, kaum eines seltener ist, als das diplomatische Genie – und da die Depeschenschreiberei in's bureaukratische Fach gehört, von welchem die Gestaltung der großen Weltverhältnisse nun einmal nicht ausgeht. Uriel war hierüber auch bereits so vollkommen im Klaren, daß er ganz gern seine diplomatische Karriere aufgab, als das Testament seiner Großmutter ihm Erbe und Herrschaft zuwendete. Orest's Wünschen entsprach er bereitwillig und großmütig; nur bat er ihn, bei dem Festgesetzten zu bleiben, und Orest, dem ein Versprechen gar nichts kostete, weil er sich immer fest vornahm, es zu halten – so lange es eben möglich sei, versprach es froh. Es herrschte die größte Eintracht unter den Brüdern, denn Hyazinth war mit seinem Pflichtteil vollkommen zufrieden.

»Und er kann es auch sein!« sagte der Graf, »seine persönlichen Bedürfnisse sind unglaublich gering, und hat er sich ein paar Bücher angeschafft, so wandert sein Geld zu den Armen.«

»Das meine auch, nur im größeren Maßstab,« versicherte Orest.

»Das hätte ich Dir nicht zugetraut,« sagte der Graf.

»Wie!« rief Orest, »sind Schuster, Schneider und Handschuhmacher, sind Traiteur, Cigarrenfabrikant und Pferdehändler, sind Theaterunternehmer [334] und Kaffeewirt nicht auch arme Leute, die leben wollen? und muß man denn durchaus mit der Unterstützung warten, bis sie sämtlich zu Bettlern werden und dem Almosen verfallen? Treib' ich's nicht viel grandioser, indem ich sie vor der tiefsten Stufe bewahre?«

»Es ist merkwürdig,« bemerkte Levin lächelnd, »welch blendende Scheingründe dem Weltsinn zu Gebote stehen.«

»Onkelchen, Du tust mir himmelschreiendes Unrecht mit Deinen Scheingründen!« behauptete Orest. »Es ist ja sonnenklar, daß ich drei Fliegen mit einer Kappe schlage: ich unterstütze die Industrie, ich befördere die Civilisation, ich wehre dem Proletariat– und bewirke das alles, indem ich in der arbeitenden Klasse, welche zugleich die arme ist, Geld in Umlauf bringe. Bin ich da nicht ganz in der vernünftigen Idee des Jahrhunderts – von der natürlich der Kommunismus auszunehmen ist?«

»Ja freilich, Du ächter Sohn Deines Jahrhunderts, Du bist in dessen Idee!« sagte Levin und klopfte ihn freundlich auf die Achsel; »Viel der Bedürfnisse haben, soll – besonders wenn man sie prompt bezahlt, für Tugend gelten! Aber so wenig wie das eine Tugend ist, ebensowenig wird das allgemeine Wohl durch sie gefördert. Dein Cigarrenfabrikant mag ein Millionär werden, aber seine Arbeiter verkümmern in Armut und Elend an Leib und Seele, während er und Du, Ihr beide, Euch etwas darauf zu gut tut, in Euren Genüssen. Eurem Überfluß, Eurem Luxus zu schwelgen – weil Ihr Geld unter die Leute bringt. Glaubst Du wirklich, daß hierin Ähnlichkeit mit der christlichen Barmherzigkeit ist, die Hyazinth übt, indem [335] er seine Bedürfnisse auf das knappste Maß einschränkt – nicht um Deinen Cigarrenfabrikanten reicher zu machen, sondern um dessen dürftige Arbeiter zu unterstützen, die bei ihrem kargen Tagelohn halb verhungern und, wenn sie krank werden, ganz hilflos sind!«

»Nein, lieber Onkel, das glaub' ich keineswegs; aber es war anfangs auch gar nicht die Rede von christlicher Barmherzigkeit,« antwortete Orest, der immer gleich nachgab, wenn ihm eine Sache zu ernst wurde. –

Der Graf schlug ihm vor, die Reise nach England mitzumachen und um Verlängerung seines Urlaubs zu bitten. Orest besann sich etwas. Er wußte nicht genau, ob die Reise auch gehörig unterhaltend ausfallen werde. Endlich sagte er zum Grafen:

»Ich will's nur gestehen, Papachen – ich fürchte, unser Reisegeschmack geht weit auseinander! was willst Du denn eigentlich in England sehen?«

»Alle Merk- und Sehenswürdigkeiten der drei Königreiche: Natur und Kunst, Fabriken und Parks, Kathedralen und Kottages, Kriegsschiffe, Kristallpalast und alle anderen Kuriositäten – ausgenommen die Gesellschaft in London, weil wir noch in Trauer sind und auch keine Neugier spüren, einen Schwarm von langlockigen Ladies und weißkravattierten Gentlemen beisammen zu sehen.«

»Nun, das alles ist mir recht! aber ich muß einige Zusätze zu Deinem Register machen und mir meine freien Allküren für dieselben ausbedingen, und zwar zuerst Epsom, Askot, Tattersal.«

»Nicht mehr wie billig! dabei bin ich auch.«

»Dann – die Oper, überhaupt Theater.«

»Ganz richtig! Etwas davon werd' auch ich in [336] Augenschein nehmen. Aber die Mädchen sind nicht dazu zu bewegen, d.h. Regina nicht. Corona allein hätte vielleicht Lust dazu; aber ohne Regina tut sie es nicht und die geht nun einmal nicht in's Theater.«

»Originell das! Die ganze elegante und gebildete Welt strömt ja in's Theater, kann ohne Loge so wenig existieren wie ohne Dach und Fach, hat nichts zu sprechen und nichts zu denken, wenn sie kein Schauspiel zu sehen hat! Ich spreche nicht von uns – denn das versteht sich von selbst; sondern auch von den Damen. Was sagt sie denn eigentlich dagegen – diese sonderbare Regina?«

»Sie sagt, alle Geistesmänner und Lehrer des innern Lebens erklärten einstimmig den Theaterbesuch für gefährlich und verderblich, weil das Schauspiel gefährliche Leidenschaften mit allem Zauber der Kunst und allem Blendwerk der Phantasie ausstatte und darstelle.«

»Da hat sie wahrhaftig ganz Recht! aber eben darin besteht der ungeheure Reiz der Bühne: sie idealisiert dermaßen das Verbotene, daß es unwiderstehlich er scheint.«

»Solche Behauptung würde Regina Sünde nennen, und umsomehr bei ihrer Weigerung beharren. Sie ist nun einmal aus ganz besonderem Stoff! Weil ein alter Erzbischof, der Johannes Chrysostomus hieß und vor fünfzehnhundert Jahren in Konstantinopel lebte, gesagt hat: das Schauspiel sei ein Überrest des entsittlichten Heidentums und wütende Schaulust verrate heidnische Gesinnung; so nimmt sie das auf, wie das Evangelium. Im Grunde hat sie Recht! Das Theater ist nichts für junge Mädchen – nicht einmal die sogenannten klassischen Stücke, wie z.B. Emilia Galotti. Regina [337] würde es empörend für Vernunft und Herz finden, daß sich die Heldin von ihrem Vater erdolchen läßt, um nicht in Liebesschlingen zu geraten; und, beim Licht besehen, muß ich wieder sagen: sie hat Recht.«

»Ja,« sagte Orest, »das ist mir nicht auffallend, denn Regina ist klug und so kann sie wohl das Richtige leicht erkennen; daß sie aber nun auch felsenfest danach handelt, während sie rings umher sieht, daß die ganze Welt es anders macht – darüber muß ich staunen. In mir ist nun einmal die heidnische Gesinnung stark entwickelt, nach der Ansicht des alten Johannes – wie hieß er weiter? und ich bin ein rasender Liebhaber der Bühnenwelt, verspreche mir auch Brillantes von ihr während einer Season in London.«

»Sei versichert,« sagte der Graf, »daß ich Dich durchaus nicht in Deinem Vergnügen stören werde.« –

Und so war die Sache abgemacht; man ging im hohen heißen Sommer nach London, wo der Graf in demjenigen Teil des Westendes, der Belgravia genannt wird, und der fast ganz für Fremde eingerichtet ist, ein komfortables Haus nach englischer Sitte einnahm und allein bewohnte – eine Sitte, die allerdings etwas kostspielig, aber ungemein bequem ist. Man ist zu Hause, lebt ruhig und ungestört ohne Gasthofstumult, ohne lästige Zimmernachbarn, ohne das wilde Heer halbtotgehetzter Kellner, und richtet sich ein, wie man es gewohnt ist. Orest hatte sich nicht umsonst seine »freien Allüren« ausgebeten. Er fand in London einen ganzen Schwarm von Bekannten und guten Freunden, mit denen er sich vortrefflich unterhielt, ohne an »der [338] Besichtigungskampagne aller Merkwürdigkeiten« – wie er sich ausdrückte, Anteil zu nehmen.

»Solchen Strapazen für nichts und wieder nichts bin ich nicht gewachsen!« versicherte er. »Ich kann viel aushalten – aber dies ewige Stehen und Stehen und zwei Schritte gehen und wieder Halt machen, nein! das macht mich kaput. Und wenn ich nun im Tower die Kronjuwelen, wie wilde Tiere hinter Eisengitter – und in der Münze die Prägung eines Sovereigns, der nicht mir gehört, gesehen habe – was hab' ich davon? mein Herz bleibt leer.«

Corona lachte und sagte in dem scherzenden Ton, den Orest mit seinen Cousinen beibehielt:

»Da erfährt man ja plötzlich, daß Du ein Herz hast.«

»Und was für eins!« rief er. »Schau', Krönchen, könnte ich die englischen Kronjuwelen auf Deiner schönen Stirn sehen, so würden sie mir außerordentlich gefallen: solch ein Herz hab' ich!«

»Dies ist nur ein Beweis gegen Deinen Anspruch,« entgegnete Corona; »das Herz sagt keine Fadaisen.«

»Was weißt denn Du von der Sprache des Herzens!« rief Orest mit komischem Erstaunen. »Erst sechszehn Jahr und schon darin bewandert!«

»Ja gerade deshalb!« nahm Regina das Wort. »Sie betrachtet das Herz als den Ausdruck des unverfälschten Gefühls. Je jünger man ist, desto leichter kann man wohl dies Zutrauen haben.«

»Königin und Krone, beide gegen mich,« sagte Orest mit Anspielung auf ihre Namen; »dann muß ich freilich die Segel streichen! aber dem Krönchen vergeß' ich nicht den Zweifel an meinem Herzen.« –

[339] Es fiel Orest nicht im Traume ein, sich anders mit seinen Cousinen zu beschäftigen, als in dieser munteren Weise. Die Orests bringen ihre Huldigungen entweder den verheirateten Frauen dar, oder sie begeben sich in eine Sphäre hinab, wohin man ihnen nicht folgen mag. Seiner erklärten Liebhaberei für die Bühnenwelt getreu, hatte er sich auch nicht damit begnügt, dem Syrenengesang der Prima Donna der italienischen Oper von der Loge aus sein Entzücken kund zu geben, sondern sich mit einem halben Dutzend seiner guten Freunde durch ein anderes halbes Dutzend ihr vorstellen lassen.

Einst begleitete er, wider seine Gewohnheit, den Grafen und dessen Damen in den Kristallpalast, um in einer für London frühen Stunde dessen Schätze mit einiger Muße betrachten zu können. Als sie sich nach langer Wanderung dem Platz der Spitzen näherten, welche für alle Damen eine gewisse magnetische Anziehungskraft hatten, standen zwei sehr elegante Damen bewundernd vor diesen köstlichen Geweben, und obgleich sie den Ankommenden den Rücken zugewendet hatten, erkannte Orest sie dennoch und ging auf sie zu. Regina würde dies nicht weiter beachtet haben, wenn ihr nicht die Stimme bekannt in's Ohr gefallen wäre, womit die eine Dame Orest's Verwunderungsausruf beantwortete:

»Wir sind hier noch zu große Neulinge, um Geschmack zu finden an dem Gedränge, welches die obligate Freudenerhöhung des Londoner Vergnügens ist.«

Indem sie das sagte, wendete sie sich und ging weiter. Orest blieb ihr zur Seite und Regina flüsterte dem Grafen zu:

[340] »Das ist die schöne Judith Miranes mit ihrer Mutter.«

»Wie kommt denn die aus Brasilien her? und wie kommt Orest zu ihr?« sagte der Graf, der sie nicht bemerkt hatte.

»Sie war es und schöner denn je,« setzte die Baronin Isabelle hinzu.

»Orest soll uns Auskunft geben,« sagte der Graf.

Aber Orest kam nicht wieder. Man war daran gewöhnt und kehrte ohne ihn zurück. Als er sich gegen Abend zu einem verabredeten Spazierritt einstellte, rief ihm der Graf entgegen:

»Woher stammt denn Deine Bekanntschaft mit der schönen Dame im Kristallpalast?«

»Wo denn anders her, als von der italienischen Oper, wo Du sie fast täglich sehen könntest,« sagte Orest.

»Da bewundere ich ihre Nerven beinahe noch mehr als ihre Schönheit!« rief der Graf. »Tag für Tag gegen Mitternacht italienische Oper – das prästiere ich nicht!«

»Du bist auch keine Primadonna mit einem horrenden Gehalt für die Dauer der Season.«

»Ist sie die Primadonna der italienischen Oper?« rief Regina. »Sie – Judith Miranes!«

»Ob sie Judith Miranes heißt, weiß ich nicht,« erwiderte Orest; »aber hier ist sie schwarz auf weiß zu lesen.«

Er suchte das Tagesblatt, in welchem die verschiedenen Schauspiele angezeigt waren, und las:

»Also heute Othello, der Mohr von Venedig. Da ist sie! Desdemona – gesperrt gedruckt: Signora Giuditta. Eine göttlichere Desdemona gab es wohl nie. Die und die Norma sind ihre Hauptrollen. Nun, Regina, warum siehst denn Du so [341] betrübt aus? war sie etwa Deine Pensionatsfreundin im Sacré Coeur

Regina schwieg mit beklommenem Herzen, und der Graf erzählte, was er von Judith und ihren Eltern wußte.

»Menschenschicksal!« versetzte Orest äußerst gleichgiltig.

»Jetzt gehe ich aber gewiß in die italienische Oper!« rief der Graf. »Wollt Ihr nicht alle mitgehen?«

»Ich gewiß nicht,« sagte Regina traurig.

»Ach geht doch alle mit,« bat Orest, »Ihr werdet entzückt sein.«

»Ist denn diese Oper so besonders schön?« fragte Corona mit leiser Neugier.

»Versteht sich! das Libretto ist nach der Tragödie von Shakespeare bearbeitet.«

»Ach erzähle doch etwas, lieber Orest, bitte!«

»Die Sache ist in Kürze so: Die Republik Venedig hat einen heroischen Feldherrn, der Othello heißt und ein Mohr ist. Die Dogentochter Desdemona faßt eine so heftige Leidenschaft für ihn, daß sie über den Fluch ihres Vaters, der keinen schwarzen Schwiegersohn haben will, sich hinwegsetzt und Othello heiratet. Der Mohr liebt nun seine schöne Desdemona auf gut afrikanisch, d.h. mit einer tüchtigen Dosis Eifersucht gemischt; und als er den falschen Verdacht auf sie wirft, daß sie einen andern liebe, läßt er sich vom Satan blenden und ermordet die unschuldige Desdemona. Es ist furchtbar ergreifend, wie sie zuerst den Fluch des Vaters und dann den Dolch des Gemahls von sich abzuwehren sucht!«

»Nein!« rief Corona, »solche Entsetzlichkeiten mag ich nicht sehen. Ich würde mich halbtot ängstigen [342] und halbtot weinen und die schauderhaften Szenen gar nicht aus dem Gedächtnis bringen. Wie kann man an solchen Vorstellungen Vergnügen finden.«

»Wohlan, Papa, so gehen wir allein und bewundern allein die Vereinigung der dreifachen Kunst Shakespeare's, Rossini's und Giuditta's – eine Vereinigung, welche meine sublimen Cousinen doch zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit gelten lassen sollten.«

»Lieber Orest,« entgegnete Regina mit ihrem schönen Lächeln, »Du bist zu gut erzogen, um nicht zu wissen, daß sich solche Späße in unserem Kreise nicht schicken. Mäßige also den Ausdruck Deiner extatischen Bewunderung.«

»Liebenswürdigste Königin,« rief Orest entzückt und glitt graziös auf ein Knie vor ihr; »Du bist immer perfekt! Wenn alle Damen einen dummen Spaß so beantworteten, wie Du, bei Gott! wir würden keinen zweiten machen. Gewöhnen wir uns dergleichen an, so ist das wahrhaftig Eure Schuld, denn Ihr könnt es uns abgewöhnen. Wie beneidenswert ist Uriel, unter ein solches Pantöffelchen von Sammt und Perlen zu kommen.«

»O,« sagte Regina unbefangen, »Uriel ist selbst so perfekt, daß er das gar nicht nötig hat.«

»Aber nun hört auch meine Neuigkeit!« sagte Orest. »Ihr habt im Kristallpalast eine Salonbekannte als Opernsängerin wiedergefunden; aber wem bin ich begegnet? ratet.«

»Nein,« sagte die Baronin Isabelle, »da könnte man die halbe Welt der Bekannten durchraten! Sag' es uns.«

»Ich begleitete also die Giuditta und ihre Mama auf ihrer Wanderung und machte dabei die [343] schmeichelhafte Bemerkung, daß das Töchterlein etwas weniger wortkarg als gewöhnlich war.«

»Ist sie das noch immer?« fragte teilnehmend Regina.

»In einer Weise, die noch nicht da gewesen ist!« versicherte Orest. »Deinem charmanten Cousin gelang es aber, ihr einige zusammenhängende Worte zu entlocken.«

»Mein charmanter Cousin,« erwiderte Regina lachend, »ist wirklich recht bescheiden – für einenfat!« –

»Nun, wem bist Du begegnet?« fragte ungeduldig der Graf.

»So geleitete ich sie zum Wagen. Als eben der Schlag geschlossen wird und ich mit vieler Grazie meinen letzten Kratzfuß mache, schlüpft eine Gestalt an mir vorüber, die ich sogleich erkenne und die auch mich erkennt – denn sie wendet ihr Gesicht ab und drängt sich in einen Menschenknäuel hinein, der sich dem Eingang zuwälzt. Ich springe vom Wagen zurück und mitten unter die Menschen und schreie aus Leibeskräften: Halt! halt! Alles stäubt entsetzt auseinander, man denkt, ich setze einem Taschendiebe nach. Eine Miß mit ellenlangen blonden Locken machte Miene, sich in Ohnmacht vor Schreck legen zu wollen. Mir einerlei! Wie ein Tiger auf seine Beute springe ich auf die Gestalt zu, die sich trotz des Tumults rund umher gar nicht umschaut und nur vorwärts eilt. Aber ich nach, und halte sie beim Kragen! – und wen halte ich – Florentin!«

Alle waren überrascht und riefen durcheinander Fragen aller Art. Der Graf sagte:

»Warum hast Du ihn nicht mitgebracht? hat er seine Revolutionsgrillen noch immer nicht satt? ich[344] dächte, er könnte nun endlich zur Vernunft gekommen sein und in guter Ruhe mit uns heimkehren. Ich würde ihm alles verzeihen, Barrikaden, Freischaaren – alles! denn im Jahr 1848 haben ganz andere Köpfe, als der seine, sich verdrehen lassen. Es waren revolutionäre Miasmen in der Welt, die das Gehirn in ein Delirium versetzten. Wie spricht er denn jetzt?«

»Gerade wie vor vier Jahren, als er zum letzten Mal in Windeck war.«

»Wie? er hat sich gar nicht gebessert?«

»Im Gegenteil! grimmig ist er geworden und hat sich, wie man zu sagen pflegt, in seine Idee verbissen. Ich nahm ihn ohne Umstände unter den Arm, führte ihn aus dem Kristallpalast hinaus und in Hyde-Park umher. Da mußte er denn erzählen. Wär's nicht alles im Satansdienste der Revolution bis zur roten Republik gewesen, so könnte man ihn beneiden um sein bewegtes Leben. Er sagte, als Wien für die Revolution verloren gegangen und wieder kaiserlich geworden sei, da habe er geahnt, daß alles in Deutschland schief gehen werde. So lange man nicht Österreich, dies Bollwerk der Stabilität, diese Grundfeste der konservativen Ideen und des historischen Rechts« ... –

»Also das erkennt er alles an?« fragte der Graf.

»Freilich! und darum haßt er es und nennt es weiter: eine Bastille der Freiheit, die man entweder aus Deutschland herausbeißen, oder es so lange revolutionär bearbeiten und unterminieren müsse, bis es in sich selbst zusammen und in so viel Brocken auseinander falle, als es Völker verschiedener Zunge in seinen Ketten schmachten lasse. Kurz, die erhabenen Ideen der Demokratie sind. [345] nach Florentin's Meinung, nicht durchzuführen im deutschen Vaterlande, so lange es mit Oesterreich behaftet ist, und da die Stunde der Vernichtung noch nicht für dasselbe geschlagen habe, so machte Florentin sich nach Italien auf. In Rom ging es ja herrlich her! Der Papst war landflüchtig, Mazzini's Republik oben auf. Er war bei den Opfern zugegen, die Mazzini nach altrömischer, d.h. heidnischer Weise, im Kapitol den alten Göttern darbrachte und somit die katholische Kirche absetzte, wie denn auch des Papstes weltliches Regiment abgesetzt war. Aber, o Jammer! auch im Kirchenstaat war man noch nicht reif für die rote Republik, und sogar verschiedene, wohl applizierte Dolchstöße, vulgo Meuchelmorde, wollten nicht die gehörige Überredungskunst üben. Rom war eingeschüchtert – was sich begreifen läßt! – gewonnen nicht. Die Banditenwirtschaft, wie wir auf gut deutsch sagen, ging zu Ende, die Banditenhäuptlinge Mazzini und Garibaldi suchten das Weite; der Papst kam wieder, die Kardinäle kamen wieder, die katholische Kirche brauchte nicht wieder zu kommen, denn es zeigte sich, daß sie, trotz der gräßlichsten Mißhandlung der Geistlichen, immer dagewesen war – und mein Florentin ging nach Amerika.«

»Möge er da bleiben!« rief die Baronin Isabelle aufgeregt. »Ich hoffe, lieber Schwager, Sie nehmen diesen verwilderten Menschen nicht zu Gnaden an.«

»Hat er Dir das alles wirklich eingestanden?« fragte der Graf.

»Eingestanden?« rief Orest; »o keinegswegs! Geprahlt hat er mit den Großtaten der heroischen Republikaner! geprahlt mit der Hingebung an die [346] Befreiung der Völker in politischer und religiöser Beziehung! geprahlt mit dem Haß gegen Kirche und Priestertum!«

»Auch geprahlt mit dem Meuchelmord?« fragte Regina.

»Mit jener Kälte davon gesprochen, wie andere Deutsche seiner Farbe im Jahre 1848 von dem Morde Lichnowsky's, Auerswald's, Lamberg's, Zichy's etc. etc. sprachen. Solche kleine Zufälle haben ja nicht das mindeste bei dem erhabenen Gange der Revolution zu bedeuten! Was tut's, wenn ein paar armselige Reaktionäre, die, als solche, Verräter an der Sache des Volkes und der Freiheit sind, mit einem Stilett bei Seite geschafft werden! Was tut's, daß die halbe Welt untergeht, wenn nur die andere Hälfte als rote Republik floriert! so redet Florentin und die Florentine – das kennt man zur Genüge!«

»Was machte er denn in Amerika?« fragte der Graf.

»Da gefiel es ihm durchaus nicht,« erwiderte Orest. »Ich fragte ihn, ob er sich dort nicht recht gut als Arzt habe durchbringen können? Er behauptet Nein! – Ein Arzt, der zu Fuß seine Patienten besuche – bekäme keine Praxis. Wer Vermögen habe, oder wer sich auf Handels- und Spekulationsgeschäfte gut verstände, der könne in Amerika Seide spinnen. Auch der Urwäldler. Aber Geld und Arbeitskräfte müsse man tüchtig mitbringen. Übrigens habe er gar nicht den Beruf, im freien Amerika zu leben.«

»Das glaub' ich!« sagte der Graf; »auf Windeck lebt sich's anders! Nun, was ist denn sein Beruf?«

»Europa zur Freiheit zu verhelfen! Jetzt sitzt [347] er hier und wartet auf seine Zeit – schwört aber darauf, daß sie kommen müsse.«

»Wovon lebt er denn?«

»Darüber rückte er nicht mit der Sprache heraus! Ob sie eine Bundeskasse haben, welche von den Reichen der Partei genährt wird, ob sie kommunistisch leben, ob er Mitarbeiter an einem Journal ist, ob er Unterricht in der deutschen Sprache gibt, ob das alles zusammen? ich kann's nicht behaupten! Auch England schien ihm nicht sehr zu behagen. Er machte wütende Ausfälle gegen die Wucht, womit die Klasse der Besitzenden, sowohl in der Aristokratie, als in der Industrie und der Bank, auf der Klasse der Nichtbesitzenden drücke.«

»Er muß sich in eine Geßner'sche Schäferwelt begeben,« sagte die Baronin, »wo die ganze Gesellschaft mit weißen Kleidern mit rosenfarbenen Schleifen zarte Lämmer an himmelblauen Bändern spazieren führt! denn die ganze wirkliche Welt ist ja zu schlecht für seine erhabene Persönlichkeit.«

»Einstweilen wünschte er nach Geßner's Heimat zu gehen, nach der Schweiz. In Ermanglung jener Idylle findet er dort Gesinnungsgenossen. Auch ist er dort näher an Deutschland, und darauf hat er nun einmal zärtlichst sein Augenmerk geworfen.«

»Nun, und wie kamt Ihr auseinander?« fragte der Graf.

»Hat er sich gar nicht nach Papa und Onkel Levin erkundigt?« fragte Corona.

»Doch! nach der ganzen Familie.«

»Gott sei Dank! das ist doch wenigstens menschliches Gefühl!« seufzte die Baronin aus tiefer Brust.

»Als ich ihm sagte, Onkel Levin sei heiligmäßig[348] wie sonst, der Papa aristokratisch wie sonst, Hyazinth ultramontan wie sonst, Uriel Gentleman wie sonst, die Damen fromm und andächtig wie sonst, und ich Bruder Lustig wie sonst: da gab er mir zur Antwort: Ja, ihr seid und bleibt Windecker! – Versteht sich! rief ich; ächte Windecker! Keine untergeschobenen Wechselbälge! – Nein, sagte er darauf, kein einziger ist von dem Stoff, dem die Zukunft gehört. Ich wollte ihn herbringen; aber durchaus nicht! Unsere Wege sind geschieden – wiederholte er.«

»Wenn es so mit ihm steht, hat er recht!« sagte der Graf. »Das ist der Dank, den Florentin Hauptmann für die Windecker hat!«

»Und wie trenntet Ihr Euch?« fragte die Baronin.

»Er schrieb mir seine Adresse in mein Notizenbuch,« sagte Orest, »und ich gab ihm eine Hundertpfundnote.«

»Was! bist Du rasend!« rief der Graf.

»Lieber Onkel, ich sagte ja, daß er gern nach Geßners Heimat wollte, entgegnete Orest gelassen.«

»Was Geßner! was Heimat! er ist ein Revolutionär und geht nach der Schweiz, um von dort aus das Gift seiner Prinzipien bequemer zu uns herüberzuspritzen – und das erleichterst Du ihm! Er würde uns allen ganz getrost das Fell über die Ohren ziehen – und Du fütterst ihn dazu auf!«

»Ja, Onkelchen! so unterscheidet sich Orest Windeck von Florentin Hauptmann! er hat mir als Kind das Leben gerettet: dafür bleib' ich ihm dankbar, so lange ich lebe. Windecker Art knausert nicht um ein paar Gulden!«

»Paar Gulden!« brummte der Graf; »eine Hundertpfundnote sind zwölfhundert Gulden!«

[349]

»Corpo di Bacco! zwölfhundert Gulden!« rief Orest höchst verwundert. »Das ist stark! – hätte ich das gewußt! – Aber bei dem unendlichen Ideenreichtum meines Kopfes kann ich unmöglich das Verhältnis der fremden Geldsorten zu den unseren immer gegenwärtig haben. Nun, hin ist hin! – Morgen will ich aber den Florentin besuchen. Vielleicht treffe ich eine ganze rote Bande beisammen.«

»Nimm Dich in acht!« rief Corona ängstlich; »sie könnten Dich auch erdolchen!«

»Ich bin für diese Ehre zu gering,« erwiderte Orest lachend. »Aber wo wohnt er denn – der Florentin? im Westende schwerlich!«

Orest zog sein kleines Notizenbuch hervor und durchblätterte es vorwärts und rückwärts. Plötzlich rief er:

»Schau! der Florentin! statt seine Adresse einzuschreiben, hat er ganz leise ein Blatt herausgerissen. Mein Besuch war ihm also nicht angenehm. Servus! die Sache ist abgemacht. – Jetzt, Königin und Krone, verwandelt Euch in Amazonen! es wird einen herrlichen Ritt geben in der Abendkühle unter den Eichen von Hyde-Park.« –

»Welch eine konfuse Welt!« sprach Regina heimlich zu sich selbst, als sie später mit Hunderten von Reitern und Reiterinnen auf dem smaragdgrünen Rasen und unter den kräftigen Eichen von Hyde-Park ihr Pferd tummelte, während in unabsehbarer Reihe die elegantesten Wagen hinter einander fuhren, lauter ächtes Equipagen-Vollblut, nirgends unterbrochen durch den gemeinen Eindringling Fiakre, dessen Räder noch nie Hyde-Parks aristokratischen Boden entweiht haben. Über diese hochfahrende Herrlichkeit glitt Regina's gedankenvolles [350] Auge hinweg und sah im Geiste die rote Republik, die dahinter lauert, und den Abgrund, der daneben gähnt, und in den dieser ganze Weltprunk hineinprasselt, wenn ein Ruck die künstlich empor geschraubte Maschinerie der modernen Civilisation in ihrer schwindelnden Steigerung aufhält. Sie dachte an Florentin und an Judith. Was war aus dem Pflegesohn ihrer Eltern, aus dem brüderlichen Gefährten ihrer Kindheit geworden – und was konnte noch aus ihm werden? Was war aus dem jungen Mädchen geworden, das mit ihr gleichberechtigt in der Gesellschaft aufgetreten war und jetzt, außerhalb derselben auf der Bühne stand? Florentin lebte und webte in Haß und Groll gegen diese goldübertünchte Civilisation; Judith lebte und webte durch sie und von ihr. Er – ein Revolutionär; sie – eine Opernsängerin; beide – durch Zufall zusammengeführt mit den Windeckern im Tempel dieser Civilisation: im Kristallpalast! – O heiliger Karmel! eröffne mir deine Einsamkeit, deine Armut, deine Stille, seufzte Regina aus tiefster Brust. Öffne mir deine ascetischen Zellen! ich verlange nach ihnen, nicht als nach Zaubergrotten voll überirdischer Freudenfeste, sondern als nach den Katakomben, in denen die ersten Christen die Welt besiegten.

[351]
Die Nachtigall von Cintra

Auch Judith war an dem Abend in Hyde-Park und stärkte sich in der erfrischenden Abendluft gegen die qualmende, drückende Schwüle, die ihrer in der Oper harrte, wenn sie zum hundertsten Male als Desdemona das Publikum in einen Rausch des Entzückens versetzte. Sie fuhr in einer leichten, offenen, dunkelblauen Kalesche, die mit weißem Damast ausgeschlagen und mit zwei brausenden Apfelschimmeln bespannt war. Sie saß in ruhender Stellung ganz allein im Wagen. Neben ihr auf dem Sitz stand ein zierliches Körbchen, mit kirschrotem Atlas weich und warm gefüttert, und darin lag ein brasilianisches Äffchen, nicht länger als ihre Hand, das sie zuweilen mit großem Interesse betrachtete. Sie trug ein ganz einfaches weißes Kleid und statt des Hutes die spanische Mantille, von schwarzem Tafft mit breiter schwarzer Spitze, die über den Hinterkopf geworfen und auf der Brust zusammengeschlagen wird. Über dem linken Ohr war, ächt andalusisch, eine prächtige dunkelrote Nelke angesteckt. Ein großer spanischer Fächer, auf dem eine ganze Hirtenwelt aus Arkadien im zierlichsten Rokoko paradierte, diente ihr zugleich als Spielwerk und als Schirm gegen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Judith war unbeschreiblich schön. Ihr marmorfarbenes Antlitz ruhte in dem schwarzen Rahmen [352] der Mantille, wie eine zarte antike Gemme in weißen und dunkeln Onyx geschnitten. Daß ihr Mund schon nicht mehr die vollkommene Reinheit der Linien hatte, welche ihren Zügen einen so edlen Charakter gab, daß er schon einen Anflug von dem komödiantenhaften Etwas hatte, das aus der Gewohnheit hervorgeht, Leidenschaften, heftigen Empfindungen, fremdartigen Seelenzuständen den entsprechenden mimischen Ausdruck zu geben, würde höchstens ein Ernest bemerkt haben.

Wie bei der italienischen Korsofahrt bewegten sich auch hier die Wagen langsam hintereinander her, hielten auch zuweilen ganz still. Man will nicht bloß Luft schöpfen, man will auch sehen, auch gesehen werden, auch sich unterhalten mit den Reitern, die den Inhaberinnen der Wagen – denn selten sind es Inhaber, oder sie sind doch nicht allein! – ihre Huldigung bezeigen. Zur Konversation aber hatte Judith nicht die mindeste Lust. Jeden Gruß, den sie beachtete – und sie beachtete nicht jeden – erwiderte sie mit einer ganz leichten Neigung ihres schönen Kopfes, ohne eigentlich den Grüßenden anzusehen. So schnitt sie die Möglichkeit eines Gespräches ab. Man mußte die grenzenlose Unverzagtheit eines Orest besitzen, um sich durch ein so frostiges Benehmen nicht zurückschrecken zu lassen. Orest war an der Wagenreihe hinabgeritten, um sich die Damen und die Pferde in der Nähe zu betrachten. Als er sich Judiths Wagen nahte, fiel es ihm ein, sie in italienischer Sprache zu begrüßen, und es schien ihr angenehm zu sein, denn sie erwiderte ihm zwei Worte. Das war ihm gerade genug, um zu sagen:

»Welchen Zauber hat denn dieser Fächer, Signora? Sie würdigen Ihres Blickes nur seine Bilder[353] – aber nicht das großartige Bild der schönen Welt von Europa.«

»Großartig und schöne Welt – sind zwei Worte, die nicht zusammen gehören,« sagte Judith. »Das Großartige liegt außerhalb der schönen Welt.«

»Nicht immer!« entgegnete Orest.

»Wenn Sie das ernsthaft behaupten wollen, so bin ich wirklich neugierig auf ein einziges Beispiel.«

»Die großartige Schönheit befindet sich mitten in der schönen Welt.«

»Selten!« sagte sie ablehnend.

»O Signora!« rief Orest, »Sie haben ein einziges Beispiel haben wollen und so rede ich auch nur von einer einzigen Schönheit.«

»Dies paßt vortrefflich auf meine Nanko,« entgegnete Judith. »Schade, daß sie es nicht versteht.«

»Wer ist Ihre Nanko, Signora?«

»Hier mein Äffchen,« sagte Judith, nahm es aus dem Körbchen, steckte den Ring an ihren Finger, der an einem Ende des goldenen Kettchens hing, das um Nankos Hals geschlungen war, und setzte das kleine graziöse Tier auf ihre Hand.

»Bei Gott, ein allerliebstes Tierchen!« rief Orest mit so aufrichtiger Bewunderung, als habe er wirklich Nanko's Schönheit im Sinne gehabt.

»Sehen Sie, Graf!« sagte Judith, »Nanko schweigt und meine Fächerbilder schweigen; darin besteht der Zauber, nach dem Sie fragten.«

Ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, entgegnete er:

»Sie haben am allerwenigsten das Recht, dem Schweigen eine Lobrede zu halten! Ihre Kunst und Ihr Genie sind nicht stumm.«

Judith schwieg und bettete ihren Affen wieder in den roten Atlas. Orest fuhr fort:

[354] »Wenn wir nun aber einmal der Norma und Desdemona gegenüber so stumm wären, wie Signora Giuditta es uns gegenüber ist – was würden Sie dann sagen?«

»Dann würde ich sagen, daß man sich in London nicht auf die Kunst versteht,« antwortete Judith – und da man eben auf einem Punkt angelangt war, wo die Wagen wendeten, sagte sie zu dem Bedienten: »Nach Hause!« nickte Orest einen kühlen Gruß zu – und dahin flogen die Apfelschimmel.

Schau! eine perfekte Komödiantin .... aber im großen Stil! sagte Orest vergnügt zu sich selbst; der kleine genre ist auch nachgerade langweilig. Und munter sprengte er zu seiner Gesellschaft zurück. –

Einige Stunden später war er mit dem Grafen in der italienischen Oper, wo die ganze haute volée beisammen war, um Desdemona's tragisches Schicksal zu bewundern und zu beweinen. Denn auf der Bühne war Judith hinreißend, voll Leben, voll Feuer, voll Bewegung, voll tiefer Empfindung und auch im Ausdruck heftiger Leidenschaft immer edel. Ihre mächtige Stimme durchdrang mit einem goldenen Glockenton den ungeheuren Raum, herzerschütternd im tiefen, gehaltenen Ausdruck großer Schmerzen, sinnbezaubernd in den perlenden Fiorituren der Fröhlichkeit, des Glückes, der Zärtlichkeit. Die Damen zerflossen in Tränen, die Herren erschöpften sich in Beifallssturm. Seit der Pasta und der Malibran hatte man keine solche Stimme von solchem Metall und solcher Ausbildung, verbunden mit einem so hinreißenden theatralischen Genie, in der italienischen Oper gehabt. Mit Giuditta's goldener Stimme verglichen, hatten die Sontag und die Lind nur Silberstimmen, [355] und deren anmutiges Darstellungstalent verschwand vor den Kunstschöpfungen dieser tragischen Muse.

Man erzählte, sie habe geäußert, die Desdemona mache ihr den Eindruck von Orangenblütenduft in einer italienischen Sommernacht – so viel Glut und Zartheit liege in dem Charakter. Das war genug, um einen Regen von Orangenblüten hervorzurufen, mit dem die Bühne überschüttet wurde, als Desdemona auftrat. Die krankhafte Exaltation der Zeit für Erscheinungen in der Theaterwelt hatte sich auch der kühlen, baumwollspinnenden Söhne Albions bemeistert – wenn auch nicht bis zu dem Grad von Wahnwitz gesteigert, der sich auf dem Kontinent an manchen Orten kund gab. Der Gegenstand dieser Bewunderungsexplosion blieb auch auf der Bühne stets in ruhiger Haltung – und das gefiel nur umso mehr. Die Schicksalswendung, welche Judith getroffen hatte, war nicht geeignet, um ihr Welt und Menschen in einem lieblichen Lichte darzustellen. Der gänzliche Umsturz seiner glänzenden Verhältnisse hatte Judiths Vater geistig entkräftet. Er fühlte sich außer Stande, noch einmal – und zwar bei sechzig Jahren – das Riesenwerk des Reichwerdenwollens von vorn wieder anzufangen. Madame Miranes, die ihr Leben lang nichts anderes getan, als Geld ausgegeben hatte, war eine Ausnahme unter den Töchtern ihres Volkes, verstand nichts von Geschäften, von Einschränkung ihres Luxus, von einem Leben nach ganz niedrigem Maßstab der Finanzen, und anstatt ihrem Mann seine traurige Lage tragen zu helfen, erschwerte sie ihm die Last. Judith stand zwischen dem kraftlosen Vater und der verzweiflungsvollen Mutter, ganz bereit, ihn zu unterstützen [356] und sie zu trösten, denn der Verlust des Vermögens und der damit verknüpften gesellschaftlichen Stellung berührte sie nicht tief. Sie war noch jung genug, um zu wähnen, daß man auch ohne das zur Geltung gelangen könne, und es war ihr ungemein schmerzlich, daß sich die Klagen ihrer Eltern hauptsächlich um das Unglück drehten, welches die Aussichten der Tochter betroffen habe. Die Familie ging nach Bordeaux, Vaterstadt der Madame Miranes, wo ihre Brüder, zwei wohlhabende Männer, lebten. Mit der Bereitwilligkeit, Verwandten fortzuhelfen und zu dienen, welche sich nicht immer in christlichen Familien findet, boten beide Schwäger dem Herrn Miranes die Mittel, um einem befreundeten Hause in Lissabon sich anzuschließen. Dies war nun freilich eine ganz beschränkte und untergeordnete Lage im Vergleich zu der früheren; allein Madame Miranes war herzlich froh, der Heimat zu entrinnen, wo sie unaufhörlich an den entschwundenen Glanz ihrer Vergangenheit erinnert wurde; und Herr Miranes fühlte nur zu gut, daß ihm nicht mehr die energische Tätigkeit früherer Jahre zu Gebote stehe, um nicht mit dem beschränkten Spielraume zufrieden zu sein. Allein das Glück war ihm nicht mehr hold. Die Geschäfte dieses Hauses nahmen keine günstige Wendung, Herr Miranes kränkelte mehr und mehr, Madame Miranes langweilte sich mehr und mehr; Judith litt für ihre Eltern. Für sich selbst wäre sie recht glücklich gewesen! Sie bewohnten ein kleines Landhaus in den Citronenhainen von Cintra, das in seiner poetisch bezaubernden Wildheit vier Stunden landeinwärts von Lissabon an die schroffen Felsenausläufe der Gebirge von Estremadura sich lehnt. Judith erkletterte diese Felsen, durchstreifte [357] diese Bergabhänge voll Kastanienwälder, diese Ebene voll Citronenhaine, wo sich so wenig Spuren von Kultur und Civilisation finden, und die Natur noch so ungestört einen ursprünglichen Stempel von wilder Schönheit und melancholischer Poesie trägt. Aber gerade das, was ihr gefiel, verabscheute ihre Mutter. Madame Miranes begehrte von der schönen Natur nichts weiter, als einen macadamisierten Weg. um spazieren zu fahren – und den gab es nicht zwischen Cintra und Lissabon, vielleicht nicht in ganz Portugal. Was lag ihr an malerischen Bergpartien, die man zu Fuß oder zu Esel mühselig aufsuchen muß! Auch ihr Landhaus war weit entfernt von der Eleganz ihrer Frankfurter Villa, war fast ärmlich eingerichtet. Die pyrenäische Halbinsel hat das Glück, mit dem erdrückenden Komfort des Lebens noch nicht behaftet zu sein, der wie ein Alp auf Mitteleuropa lastet und es entnervt. Wo die materielle Bedürftigkeit eine so ungeheure Bagage mit sich schleppt, da müssen höhere Bedürfnisse vorkommen. Das soll nicht heißen, als würde diese auf der pyrenäischen Halbinsel besonders gepflegt; daß es nicht geschieht, hängt mit anderen Gründen zusammen, namentlich mit dem einen, daß die halbe und oberflächliche Bildung gewisser Klassen verkehrten Fortschrittsideen die Oberhand gibt, und dadurch eine Revolutionsphase nach der anderen herbeiführt. Unter manchem Druck, der von England ausgeht, schmachtet die pyrenäische Halbinsel; allein die Bürde des englischen Komfortes belastet sie noch nicht – und ach! wie sehr seufzte Madame Miranes gerade danach! – Judith wurde angesteckt von der Niedergeschlagenheit ihrer Eltern. Sie hing an ihnen mit zärtlicher Ehrfurcht, und der Wunsch, ihrem [358] späteren Alter den Glanz der äußeren Verhältnisse zurückzugeben, wurde immer lebendiger in ihr. Sie wußte nur durchaus nicht, was sie dazu tun könne.

Ein Verwandter des Herrn Miranes berührte Lissabon auf seiner Reise von Cadix nach Mexiko. Er sah Judith und bewarb sich auf der Stelle um sie. Er besaß ein kolossales Vermögen und die Eltern zweifelten keinen Augenblick an Judiths bereitwilliger Zustimmung. Aber Judith sagte nein! sie habe keine Neigung, sich zu verheiraten und wünsche bei ihnen zu bleiben. Umsonst wurden ihr alle Vorzüge dieser brillanten Heirat vorgestellt, umsonst der Luxus ausgemalt, der in Mexiko sie erwarte, umsonst die Pflicht ihr eindringlich gemacht, auf ihre Eltern Rücksicht zu nehmen, die plötzlich aus der Armut befreit, an ihrem Reichtum teilnehmen und mit ihr nach Mexiko gehen würden: Judith blieb bei ihrer Weigerung. Der Vater kam allein und flehte sie an, aus Rücksichten für ihre Mutter diese Verbindung einzugehen; und die Mutter kam allein und beschwor sie um dieselbe Rücksicht für den Vater. Judith weinte – aber sie sagte nein. Eine Flut von Vorwürfen des Undankes, der Kälte, des Eigensinnes, des Mangels an kindlicher Liebe bestürmte sie. Judith fiel ihren Eltern zu Füßen und bat um Verzeihung – aber ihr nein nahm sie nicht zurück. Der Bewerber reiste höchst beleidigt ab und die Eltern waren geradezu in Verzweiflung, daß ihre Tochter nichts für sie tun wolle, nachdem sie alles für die Tochter getan hatten. Judith verfiel in tiefe Traurigkeit. Welche Zukunft stand ihr bevor? Die Eltern unglücklich und mißvergnügt über sie; und sie – um dieser drückenden Lage zu entrinnen – vielleicht veranlaßt, den nächsten Bewerber zu erhören, dessen [359] Vortrefflichkeit in Reichtum bestehe. Sie hatte nie eine Neigung für einen Mann gehabt; darum begriff sie nicht, weshalb sie heiraten solle – und sie war fest entschlossen, es nicht zu tun, bis – ja bis – sie wußte selbst nicht, ob dieses: bis sie einen Mann liebe, je eintreten werde; denn sie wollte lieben, um glücklich zu werden, aber Ernest hatte ja einmal gesagt, daß kein Mensch einen anderen je ganz glücklich machen könne, und ihre Schwester war durch die Liebe un glücklich geworden; das vergaß sie nicht.

Madame Miranes fand einen Trost darin, Leidensgefährten zu haben. Eines Tages erzählte sie ihrer Tochter, daß die berühmte Sängerin Sontag, welche seit einer Reihe von Jahren von der Bühne abgetreten war und mit ihrem Manne in der elegantesten Sphäre der Hauptstädte Europa's lebte, wieder dem Theater sich zuwende und eine Kunstreise nach England und Amerika beabsichtige, um das zusammengeschmolzene Vermögen ihrer Kinder zu vergrößern. Madame Miranes fügte hinzu:

»Hätte ich ein solches Talent, würd' ich es auch so machen.«

Wie ein Blitz flog es durch Judith's Sinn: Vielleicht hab' ich es! – aber sie äußerte nichts, weil sie ihres Talentes nicht gewiß war und keine vergebliche Hoffnung in ihrer Mutter wecken wollte. In Lissabon war ein vortreffliches Konservatorium der Musik, wie man solche Anstalten nennt, in denen musikalische Talente sowohl für Opern- als Kirchen- und Kammermusik ausgebildet werden. Die große Sängerin aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts, die Catalani, welche zugleich Primadonna und Direktrice der italienischen Oper zu Lissabon gewesen war, hatte auch auf das [360] Konservatorium einen großen bildenden Einfluß gehabt, so daß es nach ihrer Tradition die musikalische Pflanzschule fortsetzte. Judith wendete sich an den Direktor der Anstalt, anfangs nur, um sich seinen Unterricht zu erbitten. Er war, als ein guter Kenner, dermaßen entzückt von Judith's Stimme und Schule, daß er ihr erklärte, sie brauche die Ausbildung im Konservatorium und seinen Unterricht eigentlich nicht mehr; wolle sie sich aber der Bühne widmen, auf der sie ohne Zweifel das glänzendste Phänomen der Zeit werden würde, so müsse sie sich für diesen Beruf unter seiner Leitung eine gewisse Übung und Gewandtheit aneignen, die ihr nicht schwer fallen könne. Dies war gerade alles, was Judith wünschte! Da sie zu Ende des Sommers das Landhaus in Cintra mit dem Aufenthalte in Lissabon vertauschte, so wurde es ihr ganz leicht, ihre Studien im Konservatorium zu machen, ohne daß ihre Eltern eine Ahnung von ihrer eigentlichen Absicht hatten; sie glaubten nur, daß Judith in der Kunst und in ihrem Talent Zerstreuung suche für ihr einförmiges häusliches Leben. Der Direktor nahm mit Freude und Stolz wahr, daß Judith's theatralisches Talent hinter ihrem musikalischen nicht zurückstehe, ja daß beide recht eigentlich zusammen gehörten, wie der Duft und die Rose, daß ihr Spiel durch ihre Stimme getragen werde und zugleich ihre genialische Kunstfertigkeit plastisch mache. Er nannte sie die goldene Nachtigal von Cintra; ihren Namen und ihre Verhältnisse kannte er nicht. Gegen den Winter fragte er sie, ob sie geneigt sei, für diese Saison ein Engagement an der italienischen Oper zu Lissabon anzunehmen. Judith entgegnete mit ihrer gewohnten Ruhe, wenn es glänzend sei, wolle sie [361] es tun; sie betrete diese Laufbahn, um ihren Eltern ein sorgenfreies Alter zu bereiten, und da sie ihres Erfolges gewiß sei, müsse ihr pekuniärer Gewinn demselben entsprechen. Das fand der Direktor ganz in der Ordnung. Er übernahm die Unterhandlungen mit dem Impressario der Oper, d.h. mit demjenigen, der nach italienischem Gebrauch Unternehmer der Oper ist und Sänger und Sängerinnen für eine Winterzett engagiert. Judith wurde die Primadonna. Als das Geschäft vollkommen abgetan war – und das war nicht ganz leicht, weil der Impressario die Forderungen dieser unbekannten Nachtigal von Cintra übermäßig hoch fand – teilte Judith den Eltern ihren Entschluß und ihre Aussichten mit und fügte hinzu, sie hoffe dadurch zu beweisen, daß es ihr nicht an kindlicher Liebe und Dankbarkeit fehle, denn für sich selbst begehre sie weder Reichtum noch künstlerische Berühmtheit. Herr Miranes war gerührt und Madame Miranes entzückt, doppelt entzückt, als Judith sagte, sie sei durch eine Äußerung ihrer Mutter zur Klarheit gekommen über das, was sie zu tun habe, und danke derselben im voraus ihre Erfolge.

Da der Impressario sich nun einmal zu dem ungeheueren Wagstück entschlossen hatte, eine gänzlich unbekannte Primadonna dem Publikum vorzuführen: so tat er sein Möglichstes, um ihr einen fabelhaften Ruf von Schönheit und Genie voraus zu schicken. Den Effekt, den sie machen würde, konnte er selbst nicht ermessen, denn Judith sang in der Probe nur mit halber Stimme und spielte mit kaum halber Aktion; allein daß sie nicht Fiasko machen werde – und folglich auch nicht seine Kasse! – das stellte sich denn doch beruhigend für den geübten Beurteiler heraus. Als Desdemona [362] trat Judith zum ersten Mal auf und so, daß der Impressario sich eingestand, sie habe ganz Recht, ihre Forderungen hoch zu spannen, und dieser Winter werde wohl der erste und letzte für Lissabon sein, da eine solche Sängerin unstreitig bald einen europäischen Ruf genießen und auf den großen Bühnen von Neapel, Mailand, Paris und London glänzen werde.

Judith lebte nun das Leben, welches die gefeierten Heldinnen der Bühne zu leben pflegen, bewundert, vergöttert, angestaunt, beneidet, von Kabalen und Intriguen, von Huldigung und Anbetung umringt – das glänzendste und flüchtigste inhaltlose Schein- und Schaumdasein, welches ein menschliches Wesen leben kann; zugleich auch das gefährlichste, weil es alle bösen Neigungen des Menschenherzens weckt und aufstachelt. Der Glanzpunkt einer solchen Existenz besteht darin – zu gefallen! Es heißt zwar nicht so! es heißt: durch genialische Darstellung bezaubern, durch künstlerische Vollendung entzücken. Aber darauf kann man mit Hamlet erwidern: »Worte! Worte!« Die Tatsache ist: man muß gefallen – und zwar den Augen und den Ohren der Menschen – und zwar in solcher Weise, daß sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphäre der menschlichen Vernunft entrückt werden. Die vier- bis fünftausend Personen, welche ein Opernsaal faßt, müssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in einen enthusiastischen Rausch auffahren, die in allerhand Extravaganzen übergehen: das ist der höchste Triumph, den man in dieser Existenz feiern kann. Auch Judith errang ihn und mußte ihn erringen wollen. Ohne ihn – hätte sie ja ihre Laufbahn verfehlt. Sie mußte es [363] zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums machen, durch einen Blick, einen Ton, eine Stellung die elektrische Kette des Beifalls in Bewegung zu bringen. Sie mußte die Falte ihres Gewandes, die Haltung ihres Kopfes, den Aufschlag ihrer Augen, ihr Lächeln, ihren Gang, alles und jedes, Großes und Kleines, auf den Effekt berechnen, den sie hervorzurufen hatte, und mußte es dahin zu bringen suchen, daß der Eindruck von Berechnung hinter dem der einfachsten Natürlichkeit verschwinde, wozu allerdings ein großes Talent gehört. Aber weil sie es hatte, so fand sie auch Vergnügen daran es zu üben. Höchst lästig war ihr hingegen die Huldigung, die man ihr außerhalb der Bühne darbrachte. Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst in's Licht stellen. Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus: wie der Bildhauer seinen Marmorblock, muß der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten, und da Judith diesen Teil ihrer Kunst auch außerhalb der Bühne beibehielt, so mußte sie es sich gefallen lassen, auch außerhalb derselben Huldigungen entgegen zu nehmen, die oftmals ihr stolzes Herz tief verletzten. Niemand glaubte an die kalte Gleichgültigkeit ihrer Erscheinung im gewöhnlichen Leben; einige hielten es für Koketterie, andere für Maske, noch andere fanden den Schlüssel – in einer unglücklichen Leidenschaft, die ja durchaus bei jeder Erscheinung, welche der Alltagswelt nicht klar ist, eine Hauptrolle spielen muß. Von den Verhältnissen, welche sie auf die Bühne geführt hatten, sprach sie nie. Nur gelegentlich äußerte sie einst, daß sie eine spanische Jüdin sei. Sie lebte bei ihren Eltern, erschien nie öffentlich [364] ohne ihre Mutter, und ihr Vater trieb sein Geschäft nur nach Lust und Laune, um nicht in die Langeweile der Untätigkeit zu versinken.

Als der Winter und mit ihm Judith's Engagement in Lissabon zu Ende war, ging sie nach Amerika. Europa hatte noch nicht wieder das gehörige Gleichgewicht gewonnen, um sich für die Nachtigal von Cintra zu fanatisieren; es lag noch in den letzten Krämpfen der momentan gebändigten Revolution. Nach England hätte Judith freilich gehen können; aber sie wußte, daß sie dort als eine Berühmtheit auftreten mußte, wenn sie gefeiert werden wollte. Diese Berühmtheit gab ihr das an der äußersten Grenze von Europa gelegene Lissabon nicht und deshalb wählte sie Amerika, das geld- und städtereiche, als den entsprechenden Schauplatz für ihre künstlerischen Großtaten. Sie gelangen ihr über alle Erwartung. Judith trat als Opern-und Konzertsängerin auf; wo keine Bühne war – oder keine, die ihr zusagte – war doch gewiß ein Saal zu finden, und das Konzert bildete sie allein. Manche hörten sie sogar am liebsten im Konzert, weil man sie dort in ihrer eigenen Persönlichkeit, anstatt in einer Rolle sah; und dies Sehen gehörte wesentlich zum Hören! Wenn sie so da stand, immer weiß und einfach gekleidet; immer in ruhiger edler Haltung, immer mit ihrem melancholischen Ausdruck auf dem unvergleichlich schönen Antlitz, sah sie aus wie die tragische Muse selbst, während die Norma, Desdemona, Lucia etc. nur Schöpfungen dieser Muse waren. Sie konnte auch singen was sie wollte: ihre Stimme, ihr Vortrag machten aus dem Singen der Skala bald eine Bravourarie und bald ein zauberhaftes Liebeslied. Eine alte Arie aus einer [365] vergessenen Oper von Zingarelli, die Romeo und Julia heißt und die heutzutage kein Mensch kennt, war in Judith's Hand gekommen, gefiel ihr ungemein wegen der seelenvollen, melodischen Musik des einst berühmten und jetzt verschollenen alten Meisters, und wurde von ihr in jedem Konzert vorgetragen. Wenn sie Romeo's Nachruf an die geliebte Julia anhub: »Ombra adorata, aspetta« – so war es nicht anders, als ob eine in tausend und tausend Herzen versteckte, verschlossene, schlummernde Sehnsucht nach dem Schatten der Liebe in Judith's Klage ihren Ausdruck gefunden habe; und Amerika, das Land der Praxis und der Realität, seufzte: »Ombra adorata!« Solche Macht hat nun einmal das Genie in dieser Richtung. Ihr Vater starb in Amerika. Sie hatte kaum Zeit ihn zu beweinen. Die Bühne ist auch ein Despot. Aber Judith's Trauer erhöhte den Zauber ihrer Stimme und ihres Spiels.

Als nach zwei Jahren ihrer Kunstreise in Amerika der Kristallpalast die halbe Welt nach London zog, flog denn auch die Nachtigal von Cintra über den atlantischen Ocean nach Europa zurück und nach England, wo sie den Enthusiasmus wiederfand, dessen sie in Amerika herzlich überdrüssig war. Aber sie mußte ihn hinnehmen; das gehörte zur Handwerksseite ihrer Kunst, und obwohl er ihr nicht eigentlich Freude machte, begehrte sie ihn doch, wenn und wo sie auftrat: er verhalf ihr zu einer Art von Betäubung gegen die innere Leere, die sie immer peinlicher, immer quälender in sich empfand. Wohl waren unter den Millionen Worten, die sie umschwirrten, auch Worte von Liebe gewesen. Ob sie ihnen geglaubt hatte? ob sie gewähnt hatte, die Welt des Scheins, [366] die sie umgab, könne eine Blüte des Herzens erzeugen und hervorlocken? ob sie, um der Langenweile zu entrinnen, einem Traum von Liebe sich hingab? Es ist nicht immer möglich, allen labyrinthischen Fäden zu folgen, die sich in einem und demselben Herzen durchkreuzen. Aber gewiß war Eines: hatte Judith einen solchen Versuch gemacht, so war er nicht schwer in die Schale ihres Glücks gefallen. Hätte sie Zeit gehabt, über sich selbst nachzudenken: so würde sie sich noch tausend Mal elender gefühlt haben, als es jetzt der Fall war. Doch sie kam nicht dazu! sie trieb mit vollen Segeln auf dem hohen Meer der Welt und mußte immer Menschen sehen, sprechen, hören, die sich einerseits zu der gefeierten Künstlerin drängten, und die andererseits ihr nötig waren und ihr künstlerische Verbindungen in allen Weltgegenden anknüpfen halfen. Dazu ihre Darstellungen, ihre Studien, ihre Reisen, um in den großen Städten Englands Konzerte zu geben – dies ganze angreifende und aufregende Treiben ließ keinen klaren und entschiedenen Gedanken über ihren inneren Zustand in ihr aufkommen. Sie verfiel nur zuweilen in einen gründlichen Gegensatz zu ihrem Leben, in ein gewisses träumerisches Hinbrüten, das aus dem Schlaf der höheren Seelenkräfte hervorging – wie damals, als sie in Hyde-Park lieber mit dem Affen spielte, als mit Orest sprach. Warum fuhr sie aber überhaupt nach Hyde-Park und auf dem großen Wege, wo jedermann sie bemerken mußte und wo von Erholung und Erfrischung keine Rede sein konnte? – Weil alle Welt da fuhr und weil sie zur Welt gehörte und gehören wollte! – In ähnlichen Widersprüchen bewegen sich tausend und aber tausend Leben in der Welt. Man fühlt die Schwere [367] ihres Jochs und weiß nichts mit sich selbst anzufangen, wenn man es nicht trägt. –

Einige Damen aus der großen Gesellschaft bewerkstelligten ein Konzert für eine Wohltätigkeits-Anstalt, welche sie patronisierten und brachten es dahin, daß sich Judith darin hören ließ; nun waren sie einer guten Einnahme gewiß! man riß sich um die Eintrittskarten, und der ohnehin nicht große Saal von Hanovre house, wo solche Konzerte stattzufinden pflegen, war überfüllt. Hier hörten auch Regina und Corona das berühmte »Ombra adorata.« Corona mit ihrem jungen, frischen, unabgestumpften Gefühl war so hingerissen, daß sie in Tränen zerschmolz und später zu Orest sagte, sie beneide ihn um das Glück, ein so herrliches Wesen persönlich zu kennen.«

»Ja, sie ist außerordentlich interessant,« entgegnete Orest.

»Und welch ein Gemüt muß sie haben, um so himmlisch zu singen!« rief Corona.

»O Du Kind!« erwiderte er; »das ist bei ihr Sache der Kunst – und Du verstehst das nicht zu trennen, weil Du nie in's Theater kommst. Du würdest vermutlich jeden guten Schauspieler, der einen edlen Helden darstellt, ohne Weiteres für einen höchst edlen Menschen halten, während er vielleicht ein erbärmlicher Wicht ist.«

»Das würd' ich schwer glauben,« sagte sie.

»O beneidenswerte Unschuld!« rief Orest in seiner spaßhaften Weise. »Über dies kindliche Vertrauen sind wir hinaus!« –

Er machte öfter seinen Besuch bei Judith. Immer war sie so umringt, daß der einzelne es nie zu einem Gespräch mit ihr brachte. Es herrschte immer das allgemeine Wortgeklingel, das man [368] Konversation nennt. Umsomehr freute sich Orest, daß er sie endlich einmal allein mit ihrer Mutter – und überdas in ungewöhnlich heiterer Stimmung fand.

»Wünschen Sie mir Glück, Graf Orest, ich freue mich!« rief sie ihm entgegen. Ich gehe endlich in die Heimat der Musik und darf die Nebelatmosphäre verlassen, die der Stimme so nachteilig ist. Ich gehe nach Mailand, zur Skala.«

»Da wünsche ich zuerst mir Glück,« entgegnete Orest fröhlich, »denn ich lebe in Mailand. Ist denn aber die Freude bei Ihnen etwas so Seltenes, daß Sie sich dazu beglückwünschen lassen?«

»Ich dächte nicht, daß die Freude für irgend einen Menschen, Kinder vielleicht ausgenommen, etwas Alltägliches sein könnte,« erwiderte sie. »Ach! Freude! Ist das nicht ein Stückchen Frühling in der Seele? so etwas wie Morgenrot und Maientau und Rosenduft und Finkenschlag? so etwas, wovon sie ganz hell, frisch und leicht wird? – Das begegnet meiner Seele höchst selten, und wenn ich über die Freude nachdenke: so wird es mir mehr und mehr klar, daß mein Engagement an der Skala zu Mailand mir im Grunde so wenig Freude macht, wie irgend etwas anderes in der Welt.«

»Aber wer grübelt denn auch über die Freude nach!« rief Orest. »Man muß sie genießen – basta!«

»Aber um sie genießen zu können,« sagte Judith, »muß man sie doch erst empfinden.«

»Nicht wahr, meine Tochter ist eine große Törin?« sagte Madame Miranes zu Orest. »Sie besitzt doch gewiß alles, was glücklich macht, und ist dennoch immer ganz schwermütig.«

[369] »Besitzen!« rief Judith lebhaft; »was hab' ich denn, wenn ich alles besitze? Ballast, der das Schiff flott erhält! Nein, mein Lieblingslied ist Ombra adorata

»Ob dieser Schatten einer untergegangenen Sonne nachsinkt – oder ob er der Schatten ist, den der Sonnenaufgang zerstreut: das wüßt' ich gern,« sagte Orest.

»Das glaub' ich!« antwortete Judith; »aber man muß nicht so neugierig sein, Graf Orest.«

»Man muß auch nicht mit der Adoration der Schatten kokettieren, Signora Giuditta.«

»Wenn es überhaupt etwas Wahres in meinem Leben gibt, so ist es dies!« rief Judith.

»Was?« fragte Orest.

»Gerade das, was Sie Koketterie zu nennen belieben: etwas Wesenloses, etwas Ungekanntes dem Sichtbaren und Handgreiflichen vorzuziehen.«

»Da haben Sie sehr Unrecht, Signora!« sagte Orest; »als eine kleine Koketterie könnte man es sich eher gefallen lassen; aber daß das wirklich Ihr Ernst ist – das ist unverzeihlich.«

»Wie häufig mache ich meiner Tochter diesen Vorwurf!« rief Madame Miranes.

»Wozu wäre sie denn da, diese ganze reiche herrliche Welt der Sichtbarkeit, mit ihren mannigfaltigen Erscheinungen, wenn man sich nicht ihrer freuen, nicht sie bewundern und lieben, nicht sich behaglich in ihr fühlen wollte!« rief Orest. »Das müssen Sie noch lernen; sonst haben Sie ganz vergeblich gelebt, denn wenn Sie immerfort von Schatten singen und sagen, führen Sie ein Schattendasein – und das ist grauenhaft. Das haben Sie sich gewiß in Amerika angewöhnt, in dem Lande der Rechenexempel – nicht wahr? Die Art [370] von Realität war zu trocken, um Sie nicht in den Gegensatz hinein zu treiben. Ja, ja, das begreift sich! – aber in Mailand wird das ganz anders werden, und wenn Sie auch etwas für Ihre schwärmerische Neigung tun wollen, so beziehen Sie im Frühling eine Villa am Komersee.«

»Das klingt ja, als ob Sie sagten: Und wenn Sie etwas für ihre Gesundheit tun wollen, so brauchen Sie im Sommer eine Brunnenkur,« sagte Judith belustigt. »Ich werde mir Ihr Rezept überlegen.«

»Nur nicht zu lange und nicht zu viel,« bat Orest.

»Was sind Sie für ein oberflächlicher Mensch, Graf Orest!« entgegnete Judith. »Für den Augenblick und von Schaum leben – das ist die Philosophie Ihrer Existenz.«

»Und ist die nicht charmant?«

»Für einen Schmetterling – ja! für einen Menschen – nein!«

»Nun möcht' ich doch aber auch nach der Philosophie Ihres Daseins zu fragen mir erlauben.« »O ich habe keine.«

»Wohlan, Signora, so werden Sie erst meine Schülerin und dann wollen wir sehen, ob Ihnen meine Schmetterlingsphilosophie, die Sie jetzt so sehr verachten, nicht ungemein zusagt.«

»Es wäre möglich, daß ich sie mir aneignete; aber es wäre unmöglich, daß sie mir genügte.«

»Versuchen Sie nur erst, sie sich anzueignen und das Weitere findet sich.«

»Wenn es sich aber nun nicht findet? wenn das Dasein leer bleibt, hohl, öde? wenn all' die Versuche erst recht deutlich herausstellen, daß man mit ihnen nicht zum Glück gelangt? wenn man von [371] der vergeblichen Anstrengung doppelt müde und traurig wird – was dann, Graf Orest?«

»Nun, dann ist der Moment gekommen, um wieder zu singen: Ombra adorata!« rief Orest mit lustigem Zorn. »Nein, Signora, vor Ihren Wenn und Aber streich' ich die Segel und streck' ich die Waffen. Ich bekenne mich überwunden und bin Ihr Gefangener.«

»Ich dachte, das wären Sie längst, Graf Orest,« entgegnete Judith mit stillem Lächeln.

»O schöne Circe!« rief er entzückt.

»Mäßigen Sie Ihr Entzücken,« entgegnete sie kühl, »und vergessen Sie nicht, daß Schauspielerei mein Handwerk ist.«

»Circe erst recht!« erwiderte Orest. – Es kamen Besuche und er ging hinweg, heimlich frohlockend über die Aussicht, Judith in Mailand zu sehen und nicht einen Augenblick bezweifelnd, daß es ihm gelingen werde, ihr Herz zu erobern. Etwas lange wird's dauern und etwas schwer wird's halten – das sehe ich schon, sprach er zu sich selbst; aber das schadet nichts, sie ist der Ausdauer wert. All' die leichten Eroberungen verlieren auch eben so leicht ihren Reiz und ihren Beistand, und lösen sich auf in nichts, man weiß kaum wie. Aber diese Judith mit all' ihrer abwehrenden Kälte versteht zu fesseln! – – Vier Wochen hatte er sie gesehen und bewundert; das nannte der gute Orest gefesselt sein! Für jetzt hatte er nicht mehr das Glück, sich ungestört mit ihr zu unterhalten; er traf immer Leute bei ihr, die ihn zuweilen so unmutig machten, daß er sie gern zum Fenster hinausgeworfen hätte; und bald darauf ging Judith nach Liverpool, um dort eines jener ungeheuern Musikfeste verherrlichen zu helfen, das die Engländer so sehr lieben [372] und wobei Hunderte von Musikern und von Sängern während vier bis fünf Tagen täglich ungefähr zehn Stunden singen und musizieren. Vormittags werden Oratorien und Symphonien ausgeführt, Abends kleinere Musikstücke. Alle musikalischen Kräfte, die in Großbritannien einheimisch sind, und alle großen Künstler aus der Fremde, welche sich zur Season in London aufhalten, müssen in der Regel dabei mitwirken. Der Zuhörer – wenigstens der, welcher nicht die gewisse kühle Unempfindlichkeit eines englischen Ohres für Musik hat – wird dermaßen betäubt von diesem Tonmeer ohne Zusammenhang und ohne Einheitspunkt, daß er zuletzt ein gewisses harmonisches Ohrenbrausen bekommt und nicht mehr im Stande ist, eine Melodie klar aufzunehmen. Dem Engländer aber tut das nichts: er harrt doch vier bis fünf Tage auf dem Posten aus und labt sich an einem Kunstgenuß, der eine Abstumpfung der Gehörwerkzeuge bewirkt. –

Während Judith's Abwesenheit verließ auch Graf Damian London und ging mit seinen Damen nach Schottland; Orest's Urlaub war aber zu Ende und er mußte sich, statt gen Norden zu den Seen des Hochlandes – gen Süden zu den lombardischen Seen begeben, welche letztere übrigens unvergleichlich schöner sind, da sich an ihren Ufern die großen Kontraste des Hochgebirges und der südlichen Vegetation begegnen, tiefer Ernst und graziöse Anmut sich verbinden und eine Fülle wilder und weicher Formen von dem Schmelz eines überreichen Farbenspiels umflossen werden. Diese großen Gegensätze in Formen und Farben fehlen dem schottischen Hochlande, überhaupt der Naturschönheit des Nordens; es hat nur eine Farbe: grün[373] – und dadurch bekommt es einen ganz eigentümlichen Charakter von Schwermut, der aus dieser stillen, kühlen, einförmigen, wechsellosen Färbung hervorgeht. Es gibt kaum etwas Melancholischeres, als ein Sommerabend im schottischen Hochland, an einem dieser stillen Seen, mit grünbewaldeten hügeligen Ufern, wenn der Abendwind durch die Wälder rauscht und die unbelebte Fläche des See's ein wenig kräuselt und die eintönige Melodie eines Liedes herüberweht, das ein »Bagpiper« auf seinem Dudelsack bläst und das einst das Schlachtlied von Clan M'Donald oder von Clan M'Kenzie war. Graf Windeck behauptete, einen der größten Liebesbeweise für seine Töchter habe er ihnen durch diese romantische Reise zu den Seen des schottischen Hochlandes gegeben; denn man laufe Gefahr, auf derselben einen Anfall von Spleen zu bekommen. Wenn kein Walter Scott gekommen wäre, würde sich nie ein Mensch um diese triste Naturschönheit bekümmert haben, die ihm den Eindruck eines grünen Leichentuches mache. Regina empfand in diesem nebelreichen und sonnenarmen Lande doppelt schmerzlich, daß auch die warme Liebessonne der katholischen Kirche hier hatte untergehen müssen. Als sie statt des Kruzifixes, das die Katholiken gewöhnt sind inmitten ihrer Gottesäcker zu sehen, um zwischen der Grabestrauer und den Todesschmerzen auf die selige Auferstehungshoffnung in und mit Christus hingewiesen zu werden – als sie auf dem Gottesacker zu Glasgow dafür die kolossale Statue, hoch thronend und weit sichtbar, des Apostels des reinen Evangeliums für Schottland erblickte, sagte sie zu Corona:

»Sieh, wie die Irrlehre sich unabsichtlich als solche stempelt! John Knox hat Christus verdrängt! [374] Über unsere Gräber schwingt sich der gekreuzigte Gottessohn aus seinem Grabe mit der Siegesfahne der Auferstehung empor und im Glauben an Ihn finden wir das ewige Leben. Diese Armen aber müssen zuerst an John Knox und dann an das glauben, was er ihnen von Christus übrig gelassen hat, müssen mit einer verstümmelten Lehre und mit verkümmerten Gnaden sich zufrieden geben – und müssen sich endlich im Grabe zu seinen Füßen betten. O, auf dem Karmel! wie will ich da beten für die armen irrenden Brüder. Die heilige Therese stiftete ihre betenden und büßenden Klöster der unbeschuhten Karmeliten für Männer und Frauen, gerade zu der Zeit, als hier ein John Knox und in anderen Ländern Brüder seines Geistes gegen die heilige Kirche wüteten und die weltliche Macht auf ihre Seite rissen, so daß die guten Katholiken verfolgt, unterdrückt, martyrisiert und ausgerottet – die lauen aber angesteckt, wankelmütig und eingeschüchtert wurden, und die Irrlehre in der Welt die Oberhand zu gewinnen schien – wie denn hier im Lande eine Maria Stuart unterlag und eine Elisabeth triumphierte. Und sieh! plötzlich trat ein ungeheurer Umschwung ein: der Strom der verderblichen Lehre wurde nicht bloß eingedämmt, sondern zurückgedrängt und der wiedergewonnene Boden aufs neue und kräftiger als zuvor von der heiligen Kirche angebaut und bestellt. Diese Gnadenkräfte hat nur das Gebet vom Himmel herabgezogen, und wo konnte mehr gebetet werden, als in den Klöstern, deren Ordensgenossenschaften damals entweder neu sich bildeten oder neue Zweige trieben, indem sie in ursprünglicher Strenge hergestellt wurden. O Corona, wenn dereinst die schwere Erdenbinde von unseren Augen [375] fallen wird, welche wundervolle Dinge werden wir schauen! .... und eine Schönheit erster Ordnung wird es sein, das fromme beharrliche Gebet um Rettung der Seelen wahrzunehmen – dies Gebet, das gleichsam ein Perlennetz und eine goldene Angel nach den armen Fischlein auswirft, welche in den bitteren Wassern der Glaubenstrübung schwimmen; dies Gebet, das die heilige Therese mit ihren Söhnen und Töchtern vom Karmel so gut verstand.«

»Wenn ich Dich so sprechen höre, Regina, möcht' ich auch gern in's Kloster,« sagte Corona; »aber ich habe nicht den Mut dazu.«

»Bitte Gott darum,« entgegnete Regina, »und er wird Dir Mut geben.«

»Aber ich habe auch nicht einmal den Mut, den lieben Gott recht aufrichtig um einen solchen Heldensinn zu bitten,« erwiderte Corona zaghaft.

»Nun, dann wird das Kloster wohl nicht Deine Bestimmung sein!« sagte Regina lachend.

»Hoffst Du es denn wirklich bei dem Papa durchzusetzen, daß er Dich gehen läßt?« fragte Corona.

»Wenn ich nicht zuvor sterbe – gewiß! Gott wird es schon so fügen! Er gibt den Dingen plötzlich eine Wendung, die kein Mensch ihnen geben – ja, nicht einmal ahnen konnte, und das Ziel, das wir tausend Meilen fern von uns wähnten – liegt nahe vor uns.«

Und wenn es vor uns liegt und uns unerreichbar ist, trifft es sich zuweilen, daß wir inzwischen anders geworden sind und – statt vorwärts zu gehen, umkehren möchten! von so wandelbarer Gebrechlichkeit ist der Mensch.

[376]
Auf Stamberg

Es war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne schien so golden vom blauen Himmel herab, als wolle sie durch ihren Glanz ihren Mangel an Wärme ersetzen. Die Laubholzwaldungen leuchteten in ihren bronzefarbenen Schattierungen, je nach Art der Bäume, vom hellen Citronengelb bis zum tiefen Blutrot. Einzelne Tannen sprangen schwarz und finster aus diesem goldenen Meer auf, das mit ungeheuren Wellen von Laub über die Abhänge des Odenwaldes bis zu den Wiesen an ihrem Fuß hinabstieg. Einzelne kahle Felsen erhoben sich hier und da über diese Waldungen, und auf anderen Punkten war der Kamm der Berge mit Nadelholz wie mit einer schwarzen Linie eingefaßt, die eine scharfe Grenze zwischen dem Blau des Himmels und der schillernden Bronzefarbe des Laubholzes zog. Auf den Wiesen blühte in Menge die Herbstzeitlose und auch hier, wie bei den Bäumen, zeigte der Mangel an frischem Grün, daß das Spätjahr und nicht der Frühling die Herrschaft führe, denn statt mit üppigem Graswuchs war der ganze Boden mit diesen kleinen lilafarbenen Blumen, wie mit Urnen von Amethysten übersäet.

Auf einem Felsenvorsprung des Berges, umrauscht von wogenden Wäldern, lag Schloß Stamberg mittelalterlich hoch und herrisch, wie ein [377] Leuchtturm auf einer Klippe im Meere. Juliane hatte es vortrefflich in Stand gehalten, hatte es nicht mit sich alt werden lassen nach Art der meisten alten Leute. Was sie auf Erden vielleicht am herzlichsten liebte, war eben Stamberg, denn es gehörte ganz und ungeteilt ihr, sie konnte damit schalten und walten und fand nie einen Widerspruch. Dafür war es denn auch gepflegt wie ein Schmuckkästchen, prächtig und doch nicht überladen eingerichtet, großartig und doch bequem. Das Ganze hatte einen anziehenden Charakter von romantischer Einsamkeit; die bewaldeten Hügel und Kuppen des Odenwaldes, von Wiesentälern durchbrochen, stiegen herab bis an die Bergstraße, und jenseits derselben breitete sich die weite Ebene, das Stromgebiet des Rheins aus, am westlichen Horizont begrenzt von dem bläulichen gewellten Streif der Vogesen.

Hyazinth brachte einen Teil der Vakanzen in Stamberg zu. Während der ersten Wochen war er bei Onkel Levin gewesen. Uriel hatte gewünscht, der verehrte Onkel möge dann mit Hyazinth nach Stamberg kommen; aber Levin entgegnete:

»Die Nahrung der sinkenden Flamme meines Lebens ist das heilige Meßopfer. Seitdem ich geistlich bin, war ich so glücklich, keinen Tag zu verleben, ohne es darzubringen. Es ist mir notwendiger geworden, als das tägliche Brot. Wenn Du auf Stamberg eine Kapelle haben wirst und wenn Gott es so fügt – dann komme ich und lese dort die heilige Messe. Aber bis dahin weiche ich nicht von hier.«

»Du bist hier aber so einsam, lieber Onkel,« sagte Uriel zärtlich, »daß ich mir fast eine Gewissenssache[378] daraus mache, Dir den Hyazinth zu entführen.«

»O lieber Sohn,« sagte Levin lebhaft, »wähne das nicht! ich bin unter einem Dach mit dem lieben Gott im hochheiligen Sakrament – wie könnte ich mich einsam fühlen! – Bedenke doch die lange Gewohnheit von fast fünfzig Jahren!« setzte er hinzu, um nach seiner Weise vor jedem menschlichen Auge die Glut und Innigkeit seiner Andacht zu verschleiern.

So waren denn die Brüder auf Stamberg und beide froh eines Beisammenseins, das sie seit Jahren nicht genossen, weil Uriels Urlaubszeiten nie mit den Vakanzen des Seminars zusammengestimmt hatten. Uriel freute sich, in Hyazinth gleichsam eine neue Auflage von Onkel Levin zu sehen, dieselbe Reinheit, dieselbe Einfachheit, dieselbe Geistesstille bei intensivstem inneren Leben, dieselbe Bereitwilligkeit zu jedem Opfer, zu jeder Hingebung, dieselbe frohe Verzichtung auf alles, wodurch das Reich Gottes, weder in eigener Seele noch in fremden, gefördert wurde. Hyazinth freute sich wohl auch über Uriel – aber mit gemischter Freude. So lange Uriel eisenfest an dem Glücksprogramm hielt, welches er sich verfaßt hatte, war er da auf dem Wege zu Gott? Und wenn es im Plane Gottes lag, dies Programm nicht zur Ausführung kommen zu lassen, wie würde Uriel die Vereitelung seiner Wünsche und Hoffnungen aufnehmen? Es war beängstigend für Hyazinth, zu sehen, in wie hohem Grade Regina den Schlußstein in Uriels Glücksgebäude bildete. Das sollte nicht sein! sprach er oft mit heimlicher Trauer zu sich selbst. Dabei kommt die Hingebung in den Willen Gottes und der heilige Gleichmut offenbar [379] zu kurz! – Der gute Hyazinth bedachte nicht, daß die Leidenschaft in ihrem eigensüchtigen Durst nach Glück eine Art von Verachtung gegen jenen geheiligten Gleichmut empfindet, welcher nur in solchen Seelen wohnen kann, deren selbstloses Glück darin besteht, den Willen Gottes zu tun. Der gute Hyazinth dachte ganz einfach, was vermutlich manche Leserin höchst prosaisch finden wird: wenn es Uriels Bestimmung sei, in den Ehestand zu treten und die Last des Familienlebens für die Windecker auf seine Schultern zu nehmen: so sei es nicht durchaus notwendig, daß gerade Regina, und nur sie, dies Leben mit ihm teile; es gebe ja noch andere liebe, fromme Mädchen in der Welt, mit denen er glücklich werden könne. Hyazinth hatte einmal bei passender Gelegenheit eine derartige Andeutung gemacht, die aber mit einer so souveränen Verachtung von Uriel aufgenommen worden war, daß Hyazinths Bekümmernis stieg. Er war jetzt im Begriff, in den nächsten Tagen nach Würzburg zurückzugehen; und zwar zum letztenmal in's Seminar, da er im nächsten Frühling die Priesterweihe empfangen sollte. An jenem schönen Tage saßen die Brüder in einem Erker von Uriels Zimmer, der die schönste Aussicht gewährte und mit kühnem Vorsprung aus der Mauer über dem still rauschenden Walde schwebte, der in der Umgebung des Schlosses zu einem herrlichen Park umgeschaffen war. Sie betrachteten Zeichnungen zu einer Kapelle, welche Uriel bauen und dazu einen alten Turm benützen wollte, der vielleicht in katholischer Zeit dazu gedient hatte, jetzt aber zu den Stallgebäuden gehörte. Uriel hatte schon andere Pläne und Zeichnungen anfertigen lassen, und Hyazinth sagte mit einiger Verwunderung:

[380] »Aber warum zögerst Du mit Deiner Wahl? Die Kapelle könnte beinahe fertig sein, wenn Du gleich den ersten Plan ausgeführt hättest.«

»Das doch wohl nicht!« sagte Uriel etwas verlegen, und setzte nach einer Pause hinzu: »Ich werde den Plan ausführen, den Regina wählen wird. Sie müssen nun doch endlich wieder nach Windeck zurückkehren; sie sind fast vier Monate abwesend! – Regina hat einen so feinen Geschmack und sieht jetzt manche schöne Bauwerke, da kann sie mir einen guten Rat geben .... umsomehr, als ich ja doch nur für sie baue.«

Hyazinth legte das Blatt sanft auf den Tisch, nahm zärtlich Uriels Hand und sagte:

»Baue Schlösser, wenn Du willst, für Regina, aber die Stätte, wo der Altar stehen wird, auf dem das Lamm Gottes sich schlachten läßt, baue für Gott.«

»Du hast recht!« entgegnete Uriel und fuhr mit der Hand über die Stirne; »aber mir scheint ja auch, daß ich alles für Gott tue, was ich für Regina tue: so verbunden mit Gott ist sie in meinem Herzen.«

»Eigentlich steht es so mit Deinem Herzen: es vergißt Gott, es vergöttert Regina, und dann sucht es sich selbst zu täuschen, als ob diese Anbetung eines vergötterten Geschöpfes eins und dasselbe mit der Anbetung Gottes sei; nicht wahr, so ist's?«

»O Hyazinth!« rief Uriel, »dem Verstande nach wirst Du immer in diesen Sachen Recht haben. Aber ich muß mit dem heiligen Augustinus ausrufen: Gebt mir einen Liebenden und er wird mich verstehen!«

»Wie Du schlau bist!« entgegnete Hyazinth mit sanftem Lächeln; »jetzt berufst Du Dich sogar auf [381] den großen heiligen Augustinus, der allerdings jenen Ausruf gemacht hat. Aber ebensowenig wie ein anderer bekannter Ausruf: ›Liebe! und dann tue, was Du willst!‹ sich auf die Liebe zum Geschöpf bezieht, sondern auf die Liebe zu Gott – ebensowenig wird er mit Dir über die Anwendung einverstanden sein, die Du von seinen Worten machen willst. Nein, lieber Uriel, alle Heiligen kämpfen mit aller Kraft, welche sie aus der Gnade schöpften, gegen die parasytische Pflanze leidenschaftlicher Zuneigung, die allmählig das Herz dermaßen überwuchert, daß für die heilige Liebe kein Platz darin bleibt.«

»Sobald ich meines Glückes sicher sein werde,« entgegnete Uriel, »sollst Du mit mir zufrieden sein, Hyazinth! dann werde ich anfangen, Gott zu lieben! Freude und Dankbarkeit werden das mit sich bringen. Aber jetzt, in dieser jahrelangen Spannung, Erwartung, Ungewißheit und Sehnsucht – jetzt bin ich wie ein Jäger auf dem Anstand, der für die ganze übrige Welt taub und blind ist.«

Hyazinth legte mit einer tiefschmerzlichen Bewegung die Hände zusammen und rief: »O ewige Liebe, so wirst du behandelt von deinen Geschöpfen! Wenn du ihren Willen tust, sind sie geneigt, dir zu danken; bis du ihn erfüllt hast, denken sie nicht an dich, und wenn du ihn nicht erfüllst – – ja, was dann, Uriel?«

»Das weiß ich nicht,« erwiderte Uriel. »Zürne mir nicht, es ist nun einmal so! Alle Hoffnungen meiner Zukunft sind mit Regina verwebt, und mir muß durch sie unsägliches Glück oder unsägliches Leid zuteil werden. Sie ist kein Wesen, das man lieben – und dann vergessen könnte! Von Kindheit auf habe ich mich daran gewöhnt, unser Leben [382] als ein gemeinsames – unsere Existenz als eine unauflöslich verbundene zu betrachten. Mit dieser stillen ungestörten Gewohnheit ist später die Liebe mir ins Herz gedrungen und ist umso heftiger geworden, als zugleich auch heftige Störungen eintraten. Kein Mensch auf Erden läßt sich gleichgültig sein teuerstes Kleinod entreißen. Je höher er dessen Wert schätzt, desto lebhafter wird er sich gegen den Verlust sträuben und sein Anrecht behaupten.«

»Hier ist aber nicht die Rede von einem Schatz, den Räuber und Diebe zu stehlen trachten,« sagte Hyazinth, »sondern von einem willensfreien Wesen, das mit demselben Rechte wie Du Anspruch macht an Glück, – und zwar an ein solches, welches dem Deinen entgegen steht. Das weißt Du! seit vollen vier Jahren siehst Du, daß Regina bei ihrem heiligen Entschlusse bleibt, und dennoch kannst Du es nicht über Dich gewinnen, zu dem Deinen zu kommen. Ist das nicht feig?«

»Ich bin nicht feig!« rief Uriel aufgeregt; »aber ich liebe sie und so lange es liebefähige Herzen auf Erden gibt, werden sie Dir sagen, daß es möglich sei, keine Furcht vor Not und Tod, vor Armut und Elend zu haben und zu gleicher Zeit den Verlust eines geliebten Herzens bitterer als alle Todesschmerzen zu fürchten. Einem solchen Todesschmerz aber – das begreifst Du doch? – wirft man sich nicht freiwillig in die Arme. Man wartet, bis er kommt.«

»Und läßt sich das Herz zerbröckeln, anstatt es mit kräftigem Schnitt von seinen Fesseln zu befreien und die Wunde zu heilen!« sagte Hyazinth. »Willst Du denn wirklich noch sechs Jahre hier auf Stamberg einsam sitzen und warten, bis die zehn [383] Jahre um sind und Regina ihre Freiheit errungen hat und in's Kloster geht? Ach, Uriel, verschwende doch nicht Dein Leben, Deine Kräfte, Deine Gaben, Deine Jugend an einen Traum von Glück. Gib Deine Ansprüche an Regina auf! ... umso leichter läßt der Vater sie ziehen und ihre schöne Seele kommt dann in Ruhe.«

»Liebst Du Regina so sehr, daß Du sie keinem andern gönnst?« fragte Uriel scharf.

»So sehr, daß ich sie nur Gott gönne – ja!« antwortete Hyazinth; »aber daß mich dazu keine persönlichen oder irdischen Wünsche bestimmen, brauche ich Dir nicht zu versichern. Ich denke nur an Euer beiderseitiges wahres Glück.«

»Ich glaub' es! ich danke Dir!« rief Uriel herzlich; »aber, Hyazinth .... ich liebe sie! Für sie und mit ihr will ich dies Stamberg zu einem Paradiese umschaffen, wo alles zu finden sein soll, was hienieden gut ist und glücklich macht; ohne sie ..«

»Nun? ohne sie?« fragte Hyazinth gespannt, da Uriel stockte. »Du hast also doch bereits an diese Möglichkeit gedacht?«

»Ohne sie ... fällt der Vorhang!« versetzte Uriel. –

Er ahnte nicht, wie nahe die geliebte Regina ihm sei!! Als Graf Windeck auf dem Heimwege in Frankfurt ankam, erklärte er plötzlich zu Regina's größtem Schrecken:

»Jetzt überraschen wir Uriel! darauf hab' ich mich schon lange heimlich gefreut. Wir müssen doch sehen, wie der gute Junge auf seinem Bergschloß einsam wie ein verzauberter Prinz sitzt.«

»O herrlich!« rief jubelnd Corona.

»Er ist nicht einsam,« wendete Regina schüchtern[384] ein; »nach den letzten Briefen ist Hyazinth noch bei ihm.«

»Desto besser! dann sehen wir sie beide!« sagte der Graf entschieden. –

So ging es denn am andern Morgen gen Stamberg. Nach einigen Stunden verließen sie die Eisenbahn und fuhren bergwärts in's Tal hinein und langsam steigend, in weiten bequemen Windungen zum Schloß hinauf. Die Brüder hatten ihr Gespräch abgebrochen und saßen schweigend im Erker. Jeder hing seinen Gedanken nach. Beider Blick ruhte auf der schönen Landschaft – und keiner nahm sie wahr! Uriels schwärmerisches dunkles Auge glitt über Wälder und Hügel, über Täler und Ströme in eine Zukunft hinein, aus der Regina's edle und holde Gestalt beseelend und beherrschend aufstrahlte; und Hyazinth's klares, stilles Auge flog über alle Gebilde und Erscheinungen der Erde zu demjenigen auf, der das Wesen dieser Schattengestalten ist und ihnen ihre vergängliche Schönheit, den matten Abglanz seiner unvergänglichen und wechsellosen gibt. Das große Erkerfenster war weit geöffnet und rahmte ein Stück des leuchtenden blauen Himmels ein, aus dem der Sonnenstrahl, wie ein goldener Strom, in's Gemach quoll. Ein Nachzügler des Sommers, ein verspäteter Schmetterling, gaukelte durch die warme Luft und suchte umsonst nach den entblätterten Rosen. Eine Schwarzdrossel, verspätet auf ihrem Wanderzug, schlug zuweilen ein paar süße Töne an, Erinnerungsklänge an ihren vergessenen Liebesfrühling. Ein rötliches Blatt, müde von Regen, Wind und Sonnenglut, löste sich leise vom Zweig und rieselte zur Ruhe herab auf das weiche Moos, das die mächtigen Wurzeln der Eiche bedeckte, [385] in deren Wipfel es im Frühling gesäuselt hatte. Eine bezaubernde Stille herrschte in der ganzen Natur, eine Stille, welche das unruhige Menschenherz bald als etwas Ersehntes beschwichtigt, bald als etwas Fremdartiges bedrückt.

»Ohne sie .... fällt der Vorhang über alles, was erdenschön ist: das steht fest!« sagte Uriel halblaut zu sich selbst, als das Ergebnis seines Nachsinnens.

»Und gerade dann geht die übernatürliche Schönheit auf,« erwiderte Hyazinth und blickte mild in das schwärmerische Auge seines Bruders. »Du führtest vorhin Worte des heiligen Augustinus an; vergiß nicht, daß er auch gesagt hat: ›Keine irdische Schönheit und keine irdische Freude konnte mich je glücklich machen. Müde machte sie mich, aber nie ruhig. Ein glückseliges Leben ist die Freude an der Wahrheit – ist die Freude an dir, o mein Gott, und in dir, denn du bist die ewige Wahrheit.‹«

»Augustinus hat auch keine Regina geliebt,« erwiderte Uriel.

»Er hat, wie Du, ein Geschöpf geliebt,« sagte Hyazinth, »und Adeodat's Mutter hatte das in ihrer Seele, was aus großen Sündern große Heilige macht: sie begriff das Opfer. Als sie sah, daß sie ein Hindernis für Augustins vorteilhafte Verehelichung sei, trennte sie sich von ihm, ging nach Afrika zurück und verzehrte ihr Leben in Buße und Tränen. Gewiß hat er sie sehr geliebt; aber er gesteht, daß sein Herz erst dann Ruhe fand, als es in Gott ruhte.«

Uriel schwieg und sank in seine Träumerei zurück. Da trat rasch ein Diener in's Zimmer und meldete, daß ein bepackter Wagen den Schloßberg [386] hinauf fahre; und er glaube den Kammerdiener des Windecker Grafen zu erkennen. Der Ausdruck einer so unaussprechlichen Freude ergoß sich über Uriels schönes Antlitz, daß Hyazinth mit einem Seufzer erkannte, des heiligen Augustinus Anathema gegen irdische Freude und Schönheit habe wenig Eindruck auf Uriel gemacht. Er folgte dem Bruder, der mit zwei Sätzen die Treppe hinabflog und im Hof dem Wagen entgegensah, der möglicherweise die Königin seiner Seele unter sein Dach führte. Als der Wagen durch das Schloßtor in den Hof fuhr, und Uriel in dem Kammerdiener erkannte, daß wirklich Regina komme, schloß er einen Moment die Augen, um sich zu sammeln und nicht ganz fassungslos seine Gäste zu bewillkommnen. Da hörte er auch schon die Stimme des Grafen, der ihm fröhlich zurief:

»Schau, da sind wir, mein Junge! wir müssen sehen, wie's dem Grafen von Stamberg geht! das ist uns viel wichtiger als der Kristallpalast und alle sonstigen Herrlichkeiten Großbritanniens. Sind wir Dir auch willkommen?«

Uriel sah so strahlend glücklich aus, daß er keine Antwort zu geben brauchte – und es auch wirklich nicht tat.

»Du hast wohl die Sprache verloren in Deiner Einsamkeit – armer verzauberter Prinz Uriel!« sagte Corona schalkhaft.

»Die kleine Fee Corona wird mir die Sprache schon wiedergeben,« antwortete Uriel, dem es am leichtesten wurde, scherzend zu sprechen, weil das Überwallen des Herzens dadurch in Schranken gehalten wurde.

»Grüß Dich Gott, lieber Uriel,« sagte Regina [387] mit der ihr eigentümlichen Innigkeit in Blick und Ton, indem sie ihm die Hand bot.

Wie war sie so schön! wie stand ihr die Halbtrauer so gut und der einfache Reiseanzug von hellgrauer Seide! und der kleine weiße Taffthut mit dem Halbschleier von schwarzer Spitze! – Corona und die Baronin Isabelle waren genau ebenso gekleidet. Davon bemerkte Uriel so wenig, daß er es gar nicht geglaubt haben würde! Er war verloren in Regina's Anblick. Ihm war zu Sinn, als nehme sie Besitz von Stamberg, als könne er sie nimmermehr wieder ziehen lassen, als habe sie sich jetzt in die Gefangenschaft seiner Liebe begeben, als sei nun alle Ungewißheit vorüber und selige Erfüllung nahe, als müsse er in diesen Tagen die Siegesfahne auf den höchsten Zinnen seiner Wünsche aufpflanzen. Wie bei Gewitter Feuerflämmchen aus den Kelchen gewisser elektrischer Blumen aufsteigen, brach in Uriels Herzen die tiefe Glut der Leidenschaft zu lichter Flamme aus. Der Graf, dem Glut der Leidenschaft lebenslang ein unentdecktes Land geblieben war, ahnte nicht, welchen Sturm er über Uriel herauf beschwor und hoffte nur Regina etwas mit der Vorstellung vertraut zu machen, bald als Herrin und Hausfrau auf Stamberg einzuziehen. Sie benahm sich ja so vernünftig und so weltvertraut, als sei sie ganz bereit, auf ihre kindlich schwärmerischen Grillen zu verzichten. Man mußte ihr nur den Übergang zu den Realitäten des Lebens erleichtern, und das konnte möglicherweise durch diesen Besuch geschehen. Regina fühlte die Absicht ihres Vaters und den Eindruck auf Uriel und beschloß, sich eben hier und eben jetzt mit solcher Entschiedenheit auszusprechen, daß beide über ihre unveränderte Gesinnung klar würden. Uriel's [388] Wunsch kam ihr entgegen; die spannende Ungewißheit wurde ihm unaushaltbar. –

Hyazinth ging jeden Morgen in grauer Dämmerung des Oktobers eine starke Stunde, um dem heiligen Meßopfer beizuwohnen, und Regina bat ihn, sie mitzunehmen.

»Wenn Du fort bist und wir noch länger hier bleiben, bin ich wieder auf den Sonntag beschränkt – wie ich es auf der ganzen langen Reise war,« setzte sie hinzu.

»Fürchtest Du nicht die kühle Frühe?« fragte er.

»O Hyazinth!« rief sie, »unser Gott und Heiland senkt sich vom Himmel auf den Altar – und mir sollte der Weg zu weit sein von Stamberg zum Altar?«

»Ich fragte auch nur! ich glaubte es nicht,« entgegnete Hyazinth einfach.

Am anderen Morgen, als das ganze Schloß noch in Morgenträumen lag, gingen sie still von dannen.

»So!« sagte Regina froh, »jetzt wollen wir denken, wir zögen mit den heiligen drei Königen nach Bethlehem zum Jesukindchen! Gold und Weihrauch haben wir Armen nicht darzubringen; aber desto mehr Myrrhen, die schönen heiligen Myrrhen der Abtötung.«

»Oder wir gehen mit den Jüngern und den heiligen Frauen zum Grabe des Herrn, trauernd um die Sünde, die ihn dort in seinem Blut gebettet hat,« sagte Hyacinth.

»Und mit den zwei Jüngern können wir gen Emaus wandern,« nahm Regina das Wort; »o möchten wir dem Herrn begegnen und möchten wir mit liebentbranntem Herzen zu ihm sagen: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden! – – [389] der Abend, Hyazinth, der eine gottentfremdete Finsternis ist, die jeden bedroht, der nicht mit Gott und seiner Gnade wandelt.«

»Und all' dieser süßen und göttlichen Mysterien, von der Menschwerdung, vom bittern Leiden und Sterben, von der Auferstehung, vom geheimnisvollen und wesenhaften Verbleiben bei den Seinen – feiern wir in heiliger Messe!« rief Hyazinth, »und ich Glückseliger werde nun bald, trotz all' meiner Unwürdigkeit, die himmlische Vollmacht erhalten, diese überirdische Feier zu begehen und mich ausschließlich dem Dienste des göttlichen Heilandes zu widmen. O Regina, welch' ein Beruf für den staubgeborenen Menschen! kein Engel hat einen höheren! Dem Wort des Geschöpfes gehorcht der Schöpfer und zum mystischen Kalvarienberg des Altars kommt das Lamm Gottes. Ecce! venit! ruft staunend der Prophet Malachias. ›Siehe, Er kommt.‹«

»Wie freue ich mich zu Deiner Primiz im nächsten Frühling, Hyazinth! zuerst für Dich und dann für mich; denn da muß mir Deine Bitte die Zelle des Karmels öffnen.«

»Und wenn Du dann heimisch bist auf dem stillen Karmel, als die Taube in Felsenklüften des Hohen Liedes, dann zähle wiederum ich auf Dein Gebet, Regina; denn alsdann bist Du geborgen vor dem Nebelanhauch der Welt und ich muß in ihr leben, ohne mich von ihr berühren zu lassen.« –

In solchen Gedanken waren ihre Seelen zu Hause und in traulichem Gespräch oder in sinnender Stille wanderten sie unbedrückt durch die Schwere eines erdwärts gesenkten Sinnes, wie selige Geister zu ihrem Ziel. Regina empfing die heiligen Sakramente und so wurde es so spät, daß [390] die Stunde des gemeinschaftlichen Frühstücks vorüber war, als sie mit Hyazinth zurückkehrte. Uriel kam ihnen schon am äußern Schloßtore entgegen und sagte bittend:

»O Regina, ich hätte Dich ja so gern zur Messe fahren lassen! Jetzt ist der Papa ungehalten über Deine Promenade in Nacht und Nebel – wie er sagt.«

»Sei ruhig, lieber Uriel, er wäre es auch über die frühe Fahrt gewesen; Du kennst ihn ja!« versetzte Regina lächelnd. »Ich aber wollte es mir heute nicht nehmen lassen, den Tag der heiligen Therese zu feiern und vor dem heiligsten Sakrament mein Gelübde zu erneuern – Solo Dios basta

Uriel wurde leichenblaß. Regina sagte:

»Komm' ein wenig in den Park« – und schlug aus dem Hof den Weg dahin ein, während sie Hyazinth zuwinkte, ins Schloß zu gehen, was dieser sehr gern tat und heimlich seinem Gotte dankte, daß er kein solches Gespräch zu führen und zu hören habe, wie jetzt Regina. Sie ging schweigend durch eine Kastanienallee zu einem freien, sonnigen Platz auf einem Hügelvorsprung, wo unter einer herrlichen alten Eiche Gartenstühle um einen Tisch standen; ein allgemeiner Lieblingsplatz wegen seiner schönen Aussicht. Da setzte sie sich nieder und Uriel setzte sich schweigend zu ihr.

»Lieber Uriel,« hub sie mit fast zitternder Stimme an, »es tut mir unaussprechlich leid, daß ich hier bin; aber Du weißt, daß der Vater seinen Gang geht.«

»Ich weiß, daß Du mir keinerlei Freude gönnst,« entgegnete er finster.

»Du irrst, lieber Uriel! Stände es in meiner [391] Macht, Dir Glück und Freude zu bereiten, es sollte Dir nicht fehlen.«

»Wozu die leeren Versicherungen, da Du ja sehr gut weißt, daß es in Deiner Macht steht, und nur in ihr, mich glücklich zu machen.«

»Du vergißt, daß ich gebunden bin.«

»Das Band ist zu lösen!«

»Daß mein Herz gebunden ist und bleibt, Uriel, wenn mein Gelübde auch tausend Mal gelöst würde.«

Er machte eine ungeduldige Bewegung und rief:

»Genug und übergenug! ich warte!«

»Und was ist Deine Absicht dabei?«

»Du sollst nicht glücklich sein ohne mich, so lange ich es hindern kann!« rief er heftig.

»Ist das edel gedacht, Uriel? O verleumde Dich nicht! Nein, Deine Absicht ist nur, Deine Hoffnung auf eine unmögliche Erfüllung zu nähren. Du hoffst mich treulos zu sehen, damit ich Dir Treue versprechen könne. Schlechte Bürgschaft für Dein Glück! Möchtest Du eine Frau, die zehn Jahre geschwankt hätte in ihrer Wahl zwischen Dir und einem anderen Mann? – schwerlich! Um wieviel weniger, wenn sie schwankte zwischen Gott und einem Menschen! Welch' eine armselige Charakter- und Herzensschwäche würde das verraten! Laß mich also ganz sein, was ich sein kann und sei auch Du es ganz. Dadurch, daß Du und nicht Orest, wie wir alle glaubten, Stamberg geerbt hast, sind Deine Verhältnisse ja ganz verändert. Du wirst hier leben, findest hier den Kreis Deiner Wirksamkeit Dir zugewiesen und Haus und Herd bereit. Nun, so nimm sie in Besitz, aber ganz und vollständig! Mache Dir den häuslichen Herd lieblich[392] und traut, schmücke Dein Haus mit Deinen eigenen Tugenden und denen einer lieben frommen Frau, erfülle Deine schöne, segensreiche Bestimmung und laß mich die meine erfüllen – dann wirst Du mehr und mehr Deinen Frieden finden, weil Du Dein Leben ordnest nach dem Willen Gottes, anstatt es zu verschwenden an leere Leidenschaft. Einsam darfst Du nicht bleiben! Du würdest Dein Herz hängen an Hunde und Pferde, an Bauten und Parkanlagen, vielleicht an den Mammon – was weiß ich! die Einsamkeit mitten in weltlichen Verhältnissen ist Vereinzelung und tut weh, weil das Herz durch sie abstirbt oder verknöchert. Ach, Uriel, Du kannst ja ein so schönes Leben haben! wolle nur!«

Während sie sprach, schwand der finstere Ausdruck von Uriel's Zügen, und er sagte in ihren Anblick verloren:

»Ja, Regina, es ist alles ganz richtig, was Du sagst, und ich könnte ein schönes Leben haben, aber nur durch Dich und nur mit Dir! und ich begreife nicht, wie Du so fest auf dem Wege Deiner Liebe wandeln – aber zugleich mir raten kannst, den meinen zu verlassen.«

»Weil das ein Unterschied ist wie Himmel und Erde – den Schöpfer zu lieben .... oder ein Geschöpf! Die Welt wimmelt von Reginen, aber der Geliebte meiner Seele ist nur einer. Du kannst ohne mich eine tausend Mal bessere Wahl treffen; ich würde durch jede andere Wahl ein elendes Loos ziehen.«

»Meine Liebe läßt sich nicht beliebig auf irgend ein Individuum – gleichviel welches! – des weiblichen Geschlechtes übertragen, Regina. Bei einer so ernsten, so heiligen, so verantwortungsschweren [393] Verbindung wie die Ehe, die unwiderruflich über das Lebensglück von zwei Menschen entscheidet, genügt das allgemeine Wohlwollen und die christliche Nächstenliebe nicht. Da muß zugleich tiefe Übereinstimmung über die höchsten Angelegenheiten – und ausgleichender Gegensatz in den Charakteren herrschen. Da muß das Etwas sein – die Sympathie, die Neigung, der unerklärliche und unleugbare Zug des Herzens, den man Liebe nennt, der ein Wesen ausscheidet aus tausenden, ja aus allen übrigen – und der durch dies eine Wesen alle Hoffnungen, alle Wünsche, alle Träume, alle Sehnsucht zugleich geweckt und erfüllt sieht. Sage mir nicht, daß man sich irren kann, daß man getäuscht wird, daß man statt Glück – Elend findet; oder sage es, denn ich leugne es nicht, und das Alles beruht auf unserer Schwäche, unserer Unvollkommenheit, unserem Mangel an Selbstbeherrschung. Aber dennoch, so lange Menschenherzen hienieden schlagen, wird die Liebe, die ausschließliche Neigung zu einem Wesen, heimatberechtigt in ihnen sein – und mögen sie dieselbe kennen durch Schmerzen und Opfer oder durch Wonnen und Trost – sie finden eine unausfüllbare Kluft zwischen dem einen geliebten Geschöpf und den Millionen nicht geliebten. Ich weiß, man schließt Ehen ohne eine solche exklusive Neigung, und diese Ehen fallen ganz gut aus. Ach, warum nicht? Die Menschennatur ist schmiegsam in jeder Beziehung, siedelt sich auch in einem Kamtschatka an und hat Freude an ihrer Ansiedelung, weil es eben die ihre ist. So kann sich auch das Herz in einem Kamtschatka zurechtfinden, wenn es nie im blauen duftenden Süden selig war, oder wenn Pflicht oder was weiß ich für Rücksichten es an den Nordpol in's [394] Exil schicken. Aber, Regina, dann ist man eben glücklich durch mancherlei, was nicht Liebe ist und wodurch nicht jeder glücklich werden mag und kann. Das liebende Herz empört sich gegen die Zumutung, seine Neigung auf einen anderen Gegenstand übertragen zu sollen. Das meine ist Dir anvermählt und bleibt es für Zeit und Ewigkeit.«

»Nein, Uriel!« rief Regina erbleichend, »das darf nicht sein! das wäre Torheit, Sünde vielleicht.«

»Hast Du allein das Recht, Gelübde abzulegen, die anderen als Torheit erscheinen?« fragte er.

»Ja!« sagte sie fest; »denn meine Torheit ist die des Kreuzes und mein Wille ist kein Eigensinn, sondern ist eingesenkt in die zärtlichste und schönste Absicht Gottes mit seinen Menschen – während der Deine dem göttlichen Willen widerspricht.«

»Wenn ich es nur fassen könnte, daß es wirklich unmöglich ist, Gott und einen Menschen zu lieben!« brach Uriel aus. »O glaube mir, Du würdest hier einen viel größeren Wirkungskreis für Deine Liebe zu Gott finden, als im Kloster! Wünschest Du ein Krankenhaus, eine Schule, irgend ein Asyl für menschliches Elend – Du sollst es haben! ja, unter Deinem Dach haben. Sieh', wie groß das Schloß ist! Sieh', die Stallgebäude werden verlegt und deren Flügel, der an die Kapelle stößt, wird ausgebaut nach Deinem Wunsche und Deiner Angabe für Christus in den Armen. Sage nur ein Wort! sage nur – Ja! und es geschieht.«

»Ich glaub' es, Uriel,« entgegnete Regina und sah ihn mit unaussprechlicher Freundlichkeit an. »Aber wenn Du es unmöglich findest, mit Deiner [395] Liebe im Herzen eine Frau zu heiraten, welche Du nicht liebst, wie soll ich es denn möglich machen, einem ungeliebten Mann mein Jawort zu geben, während mein Herz in den stillen Flammen einer Liebe steht, die, wie Naphthaquellen, unsichtbar und unauslöschlich brennt. Gewiß, es stünde schlimm um die Welt, wenn man nicht Gott und einen Menschen zugleich lieben könnte! allein ich bin in meiner Meinung gerade so exklusiv, wie Du in der Deinen. Ich überlasse es anderen, jene schwierige Aufgabe zu lösen, ohne daß Gott dabei zu kurz komme – und halte mich einfach an der meinen: Solo Dios basta. Wir stehen, wie mir scheint, auf einem Wendepunkt Deines Lebens, wohin die Hand Gottes Dich geführt hat, damit Du klarer als bisher den Weg überschauen könnest, welchen Du zu wandeln hast. Deshalb hab' ich es für meine Pflicht gehalten, Dich mit aller Entschiedenheit daran zu erinnern, daß mein Entschluß jetzt so fest ist, wie er vor vier Jahren war und wie er, mit Gottes Gnade, in sechs Jahren sein wird. Auf diese Weise nehmen ich keinen Teil an der Peinlichkeit, welche unser Zusammenleben vielleicht für Dich hat.«

Sie wollte aufstehen. Heftig ergriff Uriel ihre Hand und rief:

»Bleibe noch! ist hier ein Wendepunkt in meinem Leben, so kann ich unmöglich zugeben, daß er schon jetzt erreicht – daß ich schon jetzt verdammt sei, auf der Nachtseite des Erdenglückes zu gehen. Du mußt mich hören.«

»Und was hast Du noch zu sagen?« fragte sie.

Uriel sah sie an und sagte langsam:

»Ich liebe Dich.«

Sanft und traurig wendete Regina ihre Augen [396] von ihm ab und ließ sie auf der lieblich beleuchteten Landschaft ruhen. Auch Uriel schwieg und blickte auf das zarte Profil ihres Angesichtes, das sich von dem blauen Himmel abschnitt und auf das Ganze ihrer edlen Erscheinung, die im Goldglanz der Morgensonne schwamm, wie ein Heiligenbild in der Glorie.

»Ich liebe Dich!« fuhr er fort; »und nach Deinem Beispiel richte ich mein Leben für meine Liebe ein. Alle Äußerlichkeiten haben nur insofern Wert für mich, als ich sie in Zusammenhang mit Dir bringen kann. Kann ich das nicht, so fallen sie von mir ab, wie Dinge, die mich nichts angehen, denn mein Herz kennt sie nicht. Ich liebe Dich! nun wohlan, Regina, gehe Deinen Weg – ich gehe den meinen.«

»Zu Gott, Uriel?« fragte sie mit gepreßter Stimme.

»Was Du so nennst – schwerlich!«

Um ihre eigene Bangigkeit zu unterdrücken, sagte sie im scherzenden Tone:

»Denke an Göthe's Prometheus: Ich sollte das Leben hassen, in Wüsten fliehen, weil nicht alle Blütenträume reiften?«

»Mit der Göthemanie ist's aus, Regina! die taugt nur für junge und für alte Kinder, die aus dem Leben nichts zu machen verstehen, als eine Schaubühne, auf der sie Komödie spielen sehen, oder selbst Komödie spielen. Für eine solche Manie ist mein Herz nicht mehr kindisch genug und noch nicht altersschwach genug.«

»Desto besser, Uriel! Dadurch bist Du der ewigen Wahrheit um einen Schritt näher. Jeder zertrümmerte Götze ist eine Huldigung für Gott. Wie Du jetzt Deine Göthemanie mitleidig belächelst, [397] so wirst Du auch einst Deine Reginamanie belächeln.«

»Kann sein! Doch zu meinem Heil wäre das nicht, denn in Dir liebe ich die Offenbarung von etwas Himmlischem. In Göthe sah ich nur das leuchtende Genie, die vollendete Intelligenz, und ich bewunderte seine Schöpfungen und Gebilde, aber nicht ihn als Gottesgeschöpf. Aber was geht er mich an? was geht die ganze Welt mit ihren Genie's mich an? .... Ich liebe Dich, Regina!«

Regina stand lebhaft auf und sagte entschieden:

»Genug, Uriel! Du kennst mich nun bis in's Herz hinein. Was Du tun willst oder zu tun hast, muß ich Dir überlassen. Aber eines verspreche ich Dir feierlich: nach Stamberg komm' ich nicht wieder! – nie wieder! und sollte ich noch zwanzig Jahre warten, ehe die Klosterzelle mich aufnimmt – Uriel, ich komme nicht wieder.«

Auch Uriel war aufgestanden. Er blickte über die sonnig glänzende Flur und sagte:

»Der Vorhang sinkt! – laß uns gehen.«

Sie sah ihn an; ein Silberlicht schimmerte in seinem Auge, aber er deckte es mit seinen dunkeln Wimpern zu und die Träne zerschmolz. Wie schön er ist! dachte unwillkürlich Regina. Schweigend gingen sie in's Schloß.

Der Graf saß auf dem großen Balkon, rauchte Zigarren und las Zeitungen. Er hatte mit Zufriedenheit das Gespräch unter der Eiche aus der Ferne bemerkt und schmeichelte sich mit der kühnen Hoffnung, Regina werde sich ihm als Braut vorstellen. Aber nicht sie erschien auf dem Balkon, sondern Uriel allein und zwar so ernst, daß der Graf erschreckt fragte:

»Bringst Du eine Trauerbotschaft?«

[398] »Wenigstens keine neue, lieber Onkel! Regina ist unüberwindlich in ihrem alten Entschluß!«

»Ist's möglich!« rief der Graf; »hat sie eine solche Selbstbeherrschung, nie eine Silbe zu äußern, in der Welt zu leben wie unsereiner – oder doch ungefähr so! und dabei die Klostergrillen festzuhalten?«

Der Graf tat ein paar tiefe Züge aus der Zigarre und sah gedankenvoll die kleinen bläulichen Rauchwolken an, die geschlängelt seinen Lippen entquollen und in der Luft zerflossen.

»Hör', mein Junge,« sagte er nach einiger Zeit, »nimm Du Vernunft und guten Rat an, gib Du Deine Grille auf, laß Regina fahren und heirate Corona; dann ist uns allen geholfen. Dann wird Corona die Erbtochter, Du wirst mein Schwiegersohn, und wenn Regina es denn durchaus nicht anders will, so gehe sie in's Kloster. Seitdem die Kleine herangewachsen und – wie alle Welt sagt! – bildhübsch geworden ist, flog mir schon öfter dies glückliche Auskunftsmittel durch den Kopf; allein ich hoffte immer noch, daß sich Regina besinnen werde – namentlich hier, wo es ihr so recht anschaulich werden müßte, welch' ein glückliches Leben mit Dir ihrer harrt. Ist sie aber eigensinnig, so sei Du es nicht! Du ziehst vielleicht mit Corona ein glücklicheres Los. Was sagst Du zu meinem Vorschlag?«

»Daß ich die Königin liebe und nicht die Krone!«

»Ach, mein Junge, sei nicht romanesk! Tausend Männer würden sich glücklich schätzen, wenn ihnen ein solcher Antrag gemacht würde!«

»Und auch ich könnte es sein, wenn ich nicht Regina liebte.«

[399] »Nun, so vergiß Regina, denke nicht an sie, beschäftige Dich nicht mit ihr: dann dauert es nicht lange und schau! Du liebst sie nicht mehr. Und dann dauert es wieder nicht lange und schau! Du liebst Corona. Diese kleinen wunderniedlichen Persönchen haben einen eigenen Reiz, womit sie sich in die Herzen stehlen – wenn man nur nicht wie ein Bramarbas das Herz gegen sie panzert. Leg' ab Deine Rüstung, laß es getroffen werden von dem Liebespfeil des kleinen Gottes Amor ...«

»Lieber Onkel, es ist ja bereits durch und durch getroffen!« unterbrach Uriel traurig lächelnd.

»Überlaß doch den Eigensinn dem schönen Geschlecht!« rief der Graf. »Gott weiß, wie gern ich Regina als Deine Frau gesehen hätte! aber wir werden doch beide wahrhaftig nicht so töricht sein, uns durch sie unsere Zukunftspläne stören zu lassen? Bisher hoffte ich sicher auf Regina's Bekehrung zum Ehestande, und ich habe in diesen vier Jahren alles getan, wodurch ich hoffen konnte, sie für die Welt zu gewinnen. Umsonst! Nun wohlan, so müssen wir die Sache anders anfangen. Ich bin jetzt runde fünfzig Jahre alt. Niemand sieht mir's an, nicht wahr? .... aber Anno Eins geboren, macht fünfzig Jahre wohlgezählt. Es verlangt mich, junge Sprossen an meinem Stamm zu sehen, Windecker Nachkommenschaft. Habe drei Söhne und zwei Töchter, und noch immer keine Aussicht dazu! Das ist verdrießlich und muß aufhören. Nicht umsonst hat es sich so fügen müssen, daß Du Herr auf Stamberg wurdest und so früh eine glänzende selbständige Stellung bekamst. Es ist augenscheinlich der Wille Gottes – um mit Regina zu sprechen! – daß Du Dich als der Stammhalter der Windecker gerierst, und da das törichte [400] Mädchen davon nichts wissen will, so wollen denn auch wir sie nicht weiter bitten und uns Corona erwählen. Was sagst Du dazu?«

Uriel war so tief in seine eigenen Gedanken versunken, daß er des Grafen Betrachtungen gar nicht gehört hatte. Jetzt weckte ihn dessen Frage und er rief:

»Ja! Corona!«

»Also Du willigst ein?« fragte der Graf erfreut. »Bravissimo! – Bei der Kleinen machen wir die Sache kürzer und vernünftniger. Sie wird weiter nicht gefragt, sondern ich kündige ihr an, sie sei Uriels glück liche Braut und in vier Wochen seine Frau; – nicht wahr?«

Uriel rief lebhaft: »Meine Frau? Corona? .... lieber Onkel, ich muß Zeit haben und mich besinnen. Vorderhand kann von dem allen gar keine Rede sein; aber sei fest überzeugt, daß ich alles tun werde, was Deinen Wünschen entspricht. – Bist Du mit den Zigarren zufrieden?«

»Mehr als mit Euch allen zusammen!« murrte der Graf kopfschüttelnd. »Welche Nöten steht man doch mit seinen Kindern aus! Wahrhaftig, ich sehe nicht ein, weshalb ich mit meinen miserablen Erfahrungen sie noch durch Enkel zu vervollständigen wünsche! aber das ist die Verpflichtung, welche der alte Name und das Ansehen der Familie aufbürdet. Wäre man von gestern, ohne Ahnen und ohne Erbgut, so würde man kein besonderes Verlangen nach Enkeln haben.« –

Es vergingen noch einige Tage recht angenehm, denn Regina war wieder ganz in ihrer unbefangenen Haltung und Uriel beherrschte sich meisterhaft. Nur als der Graf von der nahen Abreise sprach, zuckte ein gräßlicher Schmerz, wie ein Todesstich [401] durch Uriels Herz, weil er wußte – Regina kommt nicht wieder her. Jetzt ist sie noch hier, noch einen Tag, noch ein paar Stunden, noch einige Augenblicke; dann ist's aus und vorbei! sie kommt nicht wieder.

Am letzten Morgen, als sich alle zur Abreise rüsteten, ging Regina schon reisefertig auf den großen Balkon und blickte auf das wogende Nebelmeer, welches die Landschaft bedeckte, Himmel und Erde mit farblosem Grau verhüllte und einzelne kalte Tropfen, wie schwere Tränen, fallen ließ. Es war so recht ein trüber Herbstmorgen, dem zuweilen ein schöner Tag folgt. Ein Bild des Lebens! dachte Regina; wir wandeln in Wolken, so lange wir hienieden wandeln; der ungetrübte Sonnenschein bricht erst mit der Ewigkeit an. – Uriel folgte ihr auf den Balkon.

»Regina!« sagte er und seine sonst so klingende Stimme sank durch die Übermacht der Herzensbewegung zu einem Flüstern herab; – »wirst Du wiederkommen?«

Sie verneinte schweigend und ohne ihn anzusehen.

»Besinne Dich wohl!« fuhr er fort; »dieser Augenblick entscheidet über Deine und meine Zukunft – und wer weiß über welches Schicksal! Es liegt in Deiner Macht, das schönste, edelste Glück hier einzuführen, hier auf dieser Stätte heimisch zu machen – ein Glück, worauf Gottes Wohlgefallen und Segen ruht, ein Glück, das die Seelen adelt und die Herzen verklärt, ein Glück, woran sich eine Kette von Gnaden knüpft und das in weite und ferne Lebenskreise wohltätig hineinwirkt. Sieh Dich um, sieh Dir diese Stätte genau an, sieh mich an, sieh mir in's Herz hinein – – dann [402] sprich! und bedenk' es wohl: was Du jetzt sagst, mußt Du verantworten in der Ewigkeit.«

Regina blickte geradeaus und leise bewegten sich ihre Lippen, dann sah sie Uriel an und eine übernatürliche Zärtlichkeit verschmolz mit tiefer Trauer in ihrem unergründlich schönen Auge und sie sagte:

»Solo Dios basta

Es glitt ein solcher Schmerz über Uriels Züge, daß sie ihre gefalteten Hände lebhaft an die Brust drückte und ausrief:

»O mein Gott! wandle du diesen Schmerz in Gnade um, und diesen Dorn der Erde in himmlische Rosen.«

Der Graf, die Baronin Isabelle, Corona und Hyazinth traten soeben alle reisefertig in den Salon und gingen auch auf den Balkon, und der Graf fragte Regina:

»Du nimmst wohl Abschied von Stamberg?«

»Nein, lieber Vater, von Uriel,« sagte sie ruhig.

Hyazinth ging rasch auf den todesbleichen Uriel zu, legte zärtlich den Arm auf dessen Schulter und sagte:

»Auf Wiedersehen zu meiner Primiz, Uriel.«

»Ja, auf Wiedersehen!« entgegnete Uriel gedankenlos.

Der Wagen fuhr vor – und fuhr dahin! Uriel sah ihm nach, horchte ihm nach – und als er nichts mehr von ihm sah und hörte, war ihm zu Mut, als habe er die ganze Welt besessen – und verloren.

[403]
Die Versuchung

Der Winter mit seinen Freuden der Geselligkeit hatte den Grafen wieder nach Frankfurt geführt. Diesmal sollte auch Corona in der Welt erscheinen. Die schauerliche Katastrophe, durch die vor vier Jahren der Fasching unterbrochen wurde, war so ziemlich seinem Gedächtnis entschwunden: ein übergrastes Grab, wie es deren so zahllose und mannigfache hienieden gibt. Die Welt mit ihrem unverbesserlichen Leichtsinn und Heißhunger nach berauschenden und blendenden Genüssen und materiellem Wohlbehagen machte es genau, wie Graf Windeck, ließ sich durch keine warnende Vergangenheit und durch keine schwankende Zukunft aus ihrem Opiumtraum von allgemeinem Frieden und Fortschritt aufwecken und versenkte sich immer tiefer in die öden Freuden eines krankhaft gesteigerten Luxus und in die schwindelnden Reigen einer Civilisation, die auf Dampfmaschinen beruht. Damit der allmächtige Faktor der Zeit, Dampf – in seiner Tätigkeit und Wirksamkeit nur beileibe nicht gestört werde, schrie die Welt nach Frieden und überredete sich, daß das Brodeln der Dampfkessel und das Schwirren der Maschinen Grundlage und Unterpfand eines Friedens wären, dessen Dauer die hohe und allgemeine Bildung der Menschheit verbürge. Und so hatte denn die Welt ihre Art von Frieden, d.h. es gab keinen Krieg.

[404] Mit großer Selbstgefälligkeit führte der Graf seine beiden schönen Töchter in die Gesellschaft ein. Regina's erstes flüchtiges Auftreten war im Laufe der Jahre und der Ereignisse vergessen. Sie war eine ebenso neue Erscheinung als Corona, ja neuer, insofern ihre Eigentümlichkeit entschiedener und nicht salonmäßig war. Sie ging und stand und sprach und tanzte zwarmit allen übrigen, aber sie tat es nicht wie sie. Sie trug zwar die Farbe der Welt, aber in einer besonderen Nüance. Man hielt sie allgemein für Uriels Braut und man zerbrach sich den Kopf, weshalb wohl noch immer nicht die Dispense aus Rom gekommen sei, welche die Verehelichung gestatte. Corona aber wurde die gefeierte Schönheit des Tages. Sie war auch schön wie der Tag, mit ihren bezaubernden goldbraunen Augen, die schwärmerisch und schalkhaft zugleich, halbverschleiert hinter schwarzen Wimpern lagen – und mit ihrer feinen nymphenhaften Gestalt, die sich so edel bewegte und so graziös das liebliche, braungelockte Haupt trug. Sie unterhielt sich vortrefflich; alles machte ihr Verngügen: der Tanz, die Musik, die verbindlichen Menschen, die geschmackvollen Kleider, die glänzenden Feste; auch die Huldigungen, deren Gegenstand sie war; auch die dadurch erhöhte Zärtlichkeit ihres Vaters, bei dem die Wertschätzung seiner Töchter in dem Maße stieg, als die Welt ihnen huldigte. Wie ein Blumengarten lag das Leben vor Corona und sie wähnte, sie brauche nur die Hand auszustrecken, um sich tausend duftende Blüten zum Strauß zusammenzubinden. Zu anderer Zeit würde Regina sorgenvoll Corona's Richtung beobachtet haben; allein Regina's innerstes Wesen stand selbst in den Flammen eines Scheiterhaufens, und sie wußte [405] nicht, ob ihr Herz darin zu Asche verbrennen oder zu jenem Gold von vierundzwanzig Karat ausglühen werde, über welches keine Flamme mehr Gewalt hat. Sie litt und schwieg – und kämpfte ihren Kampf nach ihrer Art, still vor Gott, ohne zu klagen und zu fragen. Aber sie litt so sehr, daß die frische Blüte ihrer Gesundheit davon angehaucht wurde. Sie suchte es zu verbergen; je bleicher sie wurde, um desto freundlicher lächelte sie, und daß sie sichtlich abmagere, schob sie den durchtanzten Nächten zu. Aber Corona hörte sie zuweilen in stillen Nächten beten und weinen und sagte es der Tante Isabelle mit dem Zusatz:

»Sie vergeht vor Sehnsucht nach dem Kloster.«

Und die Tante sagte es dem Grafen und bat ihn, einen Arzt zu Rat zu ziehen, ob der Gram nicht wirklich Regina's Gesundheit zernage. Der Graf hatte seinerseits nicht ohne Sorgen Regina's Zustand wahrgenommen, aber sich, nach Art der Egoisten, darüber zu täuschen versucht, indem er alles für bare Münze nehmen wollte, was sie von den Anstrengungen des Faschings vorschob. Nun aber brach er gegen die Baronin aus:

»Beste Isabelle! bin ich nicht ein beklagenswerter Vater! Alles tue ich für meine Kinder – alles! In die schottische Romantik begebe ich mich mit ihnen und in die Faschingslustbarkeiten – und was ist mein Lohn? Regina vergrämt sich in wahrhaft stupider Sehnsucht nach dumpfen Klostermauern, und Uriel – statt herzukommen und frischweg Corona zu heiraten, sitzt auf Stamberg und bebrütet Gott weiß was für Pläne. Ehe er sich aber nicht entschieden hat, kann ich doch unmöglich Regina ziehen lassen. Das wäre zu früh, da ich ihr eine zehnjährige Frist gestellt habe. Das [406] hieße meinem Ansehen als Vater etwas vergeben. Ließe ich mir meine Einwilligung von ihr abtrotzen – wer weiß, was der Kleinen einfiele.«

»Davon reden wir ja nicht,« entgegnete die Baronin, ängstlich wie immer. »Lassen Sie nur einen Arzt für Regina rufen. Es wäre doch besser, sie ihrem Klosterberuf folgen – als sie sterben zu sehen.«

»Sterben! meine prächtige Regina sterben!« rief der Graf aufgeregt; »das darf nicht sein. Es soll auf der Stelle ein Arzt gerufen werden.«

Er ging in das Zimmer seiner Töchter. Beide saßen am Flügel und spielten vierhändig Beethovens Symphonie aus C moll. Sie wollten ihr Spiel unterbrechen, als er eintrat; aber er hieß sie fortfahren und setzte sich ihnen gegenüber, um sie zu beobachten und zu vergleichen. Corona's Gesichtchen glühte von Eifer und Aufmerksamkeit; sie spielte die erste Partie, und ihre hellrosigen Wangen, ihre leicht geöffneten Lippen, der feste Blick, womit sie auf ihre Noten sah, verrieten, wie vertieft sie in ihrer Aufgabe war. Regina spielte mit viel größerer Leichtigkeit, gab gewandt hie und da der Schwester nach, schlug die Notenblätter um, verriet gar keine Anstrengung; warum brannte denn aber ein so scharfes abgezirkeltes Rot auf ihren Wangen? und warum hatten ihre Augen solchen auffallenden Glanz? Sie wird doch nicht hektisch sein! murmelte der Graf beängstigt. Nach dem Schlußakkord rief er:

»Bravo, Kinder! Corona muß sich noch tüchtig üben, Du aber, Regina, solltest Dich nicht anstrengen; Du siehst leidend aus – und zwar so sehr und so lange schon, daß wir denn doch einen Doktor konsultieren wollen.«

[407] »Du bist so gut, lieber Vater; aber weshalb der Doktor?« sagte Regina und küßte zärtlich des Vaters Hand.

»Weshalb? wunderliche Frage! weil ich nicht will, daß Du dahinsiechen und sterben sollst.«

»O mein lieber Vater, sei ganz ruhig! ich glaube nicht, daß mich jetzt schon der liebe Gott in die Ewigkeit ruft,« sagte Regina mit sanfter Wehmut.

»Du wärst im Stande, das zu bedauern!« rief der Graf fast zornig, weil er sich von ihrer Sanftmut gerührt fühlte. »Aber daraus wird nichts – das sage ich Dir! lieber lasse ich Dich in's Kloster gehen. Gestehe mir aufrichtig: bist Du krank vor Sehnsucht nach Deinen Karmelitessen?«

Regina legte die Hand flüchtig über ihre Augen; dann sah sie ihren Vater mit zärtlichster Dankbarkeit an und sagte fest:

»Nein, mein lieber Vater.«

»Nein? – Du sagst Nein, Regina! Hättest Du Ja gesagt, so würde ich Dir antworten: Geh in's Kloster.«

»Ich kann keine Unwahrheit sagen, lieber Vater.«

»Aber Du bist doch leidend, Regina?«

»Ich leide wohl etwas; nur kann kein Arzt mir helfen.«

»Das wollen wir erst erleben!« sagte der Graf.

Der Arzt kam, fragte, fühlte den Puls, tat, was seines Amtes ist, sprach von Aufregung der Nerven und erklärte endlich, er müsse die Gräfin mindestens acht Tage beobachten, bevor er sich aussprechen könne. Man fand das ganz in der Ordnung. Er kam täglich, bald zu der einen Stunde, bald zu der anderen. Er beobachtete Regina und unterhielt [408] sich mit ihr. Er ließ sich von der Baronin und von Corona deren Bemerkungen unter vier Augen mitteilen. Endlich erschien er bei dem Grafen und sagte nicht ohne Verlegenheit, er sei etwas betroffen über seine Entdeckung und der Graf möge es nicht übel nehmen, wenn eine unangenehme Sache zur Sprache komme; aber nach Pflicht und Gewissen könne er nicht anders. Der Graf starrte verblüfft den Doktor an und rief endlich ungeduldig:

»Nur heraus mit der Sprache! ist sie hektisch?«

»Nicht im geringsten!« erwiderte mitleidig lächelnd der Doktor. »Es ist allerdings eine gewisse Spannung des Nerven- und Erregung des Blutsystems bei Ihrer Gräfin Tochter wahrzunehmen, allein dies ist nicht mit anderen Krankheitssymptomen verbunden, sondern steht vereinzelt da. Deshalb muß ich schließen, daß es Folgen von Gemütsleiden sind, und ich glaube mit allem Recht behaupten zu dürfen, daß die Gräfin eine unglückliche Liebe im Herzen trägt – vielleicht für jemand, der unter ihrem Stande ist. Ich bin noch nicht ganz darüber im Klaren. Auch Sie scheinen es nicht zu sein – fuhr er fort, als ihn der Graf sprachlos vor Erstaunen ansah – und es tut mir wahrhaftig herzlich leid, eine wunde Stelle zu berühren. Aber ich habe allen Grund, bei der Diagnose stehen zu bleiben und die heißt – unglückliche Liebe.«

»Welchen Grund haben Sie denn aber eigentlich dafür?« fragte der Graf, der sich von diesem Ausgang nichts hatte träumen lassen.

»Einen solchen, der Ihnen einleuchten wird, Herr Graf! denn er ist schwarz auf weiß,« erwiderte der Arzt und zog triumphierend ein Billet hervor. Sehen Sie hier .... einen poetischen Liebesbrief.«

[409] »Einen Liebesbrief von Regina! Herr Doktor, Sie faseln!« rief der Graf lachend, indem er das Blatt ergriff. Überdas ist das nicht Reginas, sondern Coronas Handschrift. Was? Verse!«

»Nun, das versteht sich, Herr Graf! eine so zarte und noble Dame, wie Gräfin Regina, drückt ihre Herzensempfindung auch zart aus.«

Kopfschüttelnd las der Graf:

Mein Erbteil.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
Die schwarz um den Pfad sich geballt,
Wenn Irrwisch und trügende Mächte
Verlocken in Gauckelgestalt;
Wenn immer ein Stern zu erspähen,
Wenn strauchelt der Fuß – ach, wie oft!
Doch Du wachst auf seligen Höhen:
Ich weiß, in Wen ich gehofft.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
So Innen die Seele umziehen,
So schwarz, daß das Wahre, das Rechte,
Nicht kräftig und frisch kann erblüh'n.
Doch sind auch die spärlichen Saaten
Der segnenden Sonne beraubt,
Du wachst und sie können geraten:
Ich weiß, an Wem ich geglaubt.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
Worinnen das Herz versinkt,
Wenn dürstend nach Liebe, die ächte,
Ach fern, ach verloren ihm dünkt,
Wenn zitternd im schmachtenden Bangen
Nicht Labsal noch Tröstung ihm gibt;
Doch Du wachst und stillst sein Verlangen:
Ich weiß, Wer mich ewig geliebt.
O wohl sind sie dunkel die Nächte,
Die Erde, durch Leid und durch Lust!
Das Leben, ein Dornengeflechte,
Zerreißt und verödet die Brust,
Es birgt auch in Rosen nur Herbe,
Weil Dauer überall fehlt,
Doch Du bist mein ewiges Erbe:
Ich weiß, Wen ich mir mir erwählt.

[410] Der Graf hatte laut gelesen und der Doktor, ganz versunken in seine vorgefaßte Meinung, hatte aufmerksam zugehört.

»Was sagen Sie nun, Herr Graf?« rief er selbstzufrieden; »ist das nicht klar genug? Dies ewig wache, angebetete Wesen, das in einer anderen Sphäre weilt, ist eben der Geliebte, der unerreichbare – nur etwas mystisch ausgedrückt.«

»Sehr mystisch,« antwortete der Graf lakonisch.

»Lesen Sie nur gefälligst weiter; es wird deutlicher im zweiten Gedicht.«

»O Gott!« seufzte der Graf, »jetzt lese ich sogar Gedichte, meine Horreur! .... Alles für meine Kinder! Ich bin wirklich ein halber Martyrer.« Er las:

Seliges Genügen.
Der Abend sinkt, zur Ruhe geht die Erde,
Es bricht die Nacht mit kaltem Schauer an,
In Asche stirbt die Flamme auf dem Herde,
Zur Heimatshütte eilt der Wandersmann.
Unheimlich starrt das Reich der Finsternisse,
Wo weilt die Sonne? wo das gold'ne Licht? – –
»O frag' nicht mich, ob ich das Licht vermisse,
Ich habe Ihn – ich brauch' die Sonne nicht!«
Das Leben sinkt! es fliehen Tag' und Jahre
Die Wolkenzüge über Himmels Blau.
Wo Jugend blühte – steht die Totenbahre,
Wo Rosenflor – ein fahles kahles Grau.
Ist das noch Leben, wenn der Tod es endet?
Ist's Tag noch, wenn er stirbt im Abendrot?
»O frag' nicht mich! mir hat sie nichts gewendet,
Ich habe Ihn – ich weiß von keinem Tod!«
Das Herze sinkt! – es hat sich matt gerungen,
Im blut'gen Kampf nach dem geträumten Glück.
War's je zum heißersehnten Ziel gedrungen –
O weh! es fiel in Sehnsucht heiß zurück.
Ist Liebe nicht ein Schattenspiel für Toren?
Ein kläglich Blendwerk mit des Glückes Schein? –
»O frag' nicht mich! ich habe nichts verloren!
Ich habe Ihn – die ew'ge Lieb ist mein.«

[411] »Ist das nicht sehr rührend, Herr Graf?« fragte der Doktor. »Ich an Ihrer Stelle würde dieser tiefen innigen Liebe alle Standesvorurteile zum Opfer bringen.«

»Auch dann, Herr Doktor,« fragte der Graf mit leichtem Spott, »wenn der Geliebte niemand anders wäre – als der liebe Gott?«

»Wieso?« entgegnete der Doktor höchst verblüfft.

»Ja, meine Tochter will ins Kloster und deshalb verschmäht sie jede irdische Liebe.«

»Ah,« sagte der Doktor gedehnt, »mit dieser Sorte von Sentimentalität bin ich freilich weder bekannt noch einverstanden, da ich gottlob! Protestant bin. Indessen versteht es sich wohl von selbst, daß ein guter Vater einer solchen Grille seine Zustimmung versagt.«

»Die Mesalliance mit dem lieben Gott wäre allzu schreiend, nicht wahr?« fragte der Graf spitz.

»Solche Zustände liegen außerhalb des Horizonts meiner Wissenschaft und meiner Erfahrung,« antwortete der Doktor und empfahl sich. –

Der Graf ging zu seinen Töchtern. Corona knüpfte rosenfarbene Bandschleifen, die sie am Abend tragen wollte; Regina saß am Schreibtisch, als er eintrat.

»Schreibst Du Verse, Regina?« fragte er.

»Ich bringe nur ein paar Reime zusammen,« entgegnete sie leicht errötend

»O Papa! sie ist eine Minnesängerin – aber der himmlischen Liebe!« rief Corona über ihre rosenfarbenen Bänder hinweg.

»Darf ich lesen?« fragte der Graf und blickte über Regina's Schulter.

[412] Sie reichte ihm willig, aber verlegen, das Blatt und sagte entschuldigend:

»Verzeih, lieber Vater! es wird Dir wohl nicht gefallen und ist ja auch nur ganz armselig. Aber Du weißt: Solo Dios basta! darauf bezieht sich alles bei mir.«

Der Graf las:

Die Lampe im Heiligtum.
Das ewige Licht
Ist die Flamme, die aus dem Herzen bricht.
Das ewige Licht
Ist die Stimme, die still zum Geliebten spricht.
Das ewige Licht
Ist die Rose, die ihn bräutlich umflicht,
Das ewige Licht
Ist ein bezauberndes Liebesgedicht.
Das ewige Licht
Macht alle Lichter der Welt zunicht
Das ewige Licht
Ist die Seele betend vor Gottes Angesicht.
O ewiges Licht
Mir leuchte Dein Glanz, wenn mein Auge bricht.

»Wie monoton!« rief der Graf.

»Nicht wahr?« sagte sie freundlich.

»Regina,« fuhr er fort, »hier sind ein paar Deiner Reimereien, die Corona, weil sie Dich für eine Minnesängerin hält, abgeschrieben und dem Doktor gegeben hat. Dieser stellte sie mir so eben zurück und bemerkte dabei, er könne Dich nicht eigentlich krank finden! nur müßtest Du Dich schonen.«

»Das fühle ich auch, lieber Vater,« entgegnete sie, »und deshalb erlaube mir, nach Windeck zu Onkel Levin zu gehen. Wenn Du dann in einigen Wochen kommst, werd' ich mich gewiß ganz erholt haben und Dir keine Sorge mehr machen.«

Was war zu tun? der Graf ließ sie reisen.

»Wir müssen uns darauf vorbereiten, sie in's [413] Kloster gehen zu lassen,« sagte er zur Baronin und zu Corona. »Diese Trennung ist eine kleine Vorübung.«

»Willst Du es wirklich erlauben, Papa!« rief Corona.

»Sie zwingt mich ja,« sagte er unmutig. »Der Doktor, obzwar er auf ganz falscher Fährte war, riet mir doch, den Widerstand nicht auf's Äußerste zu treiben. Von Dir, Corona, hoffe ich auf Ersatz für alle Sorgen, die ich um Deine Schwester habe.«

»Und sie ist doch tausend Mal besser als ich!« rief Corona, zärtlich an ihren Vater sich schmiegend.

Mit froher Überraschung, doch nicht ganz ohne Besorgnis, empfing Onkel Levin die Tochter seiner Seele, seine geliebte Regina. Seit ihrer Rückkehr aus England hatte er eine leise Verstörung in dem Gleichmut ihres inneren Lebens wahrgenommen. Er kannte aber ihre schweigende Art und mochte nicht fragen, bevor sie nicht Veranlassung dazu gab. Wie der Pflanzenleim seine Zeit braucht, ehe er das Erdreich durchbricht, so will auch das Wort seine Zeit haben, bis es sich vertrauend ausspricht. Als Regina den lieben Onkel Levin wiedersah, und wieder in der trauten Kapelle vor dem Allerheiligsten auf den Knien lag, und wieder ihr stilles Zimmer betrat, das in schlichter Einfachheit einer Zelle glich und eher einem Kloster als einem gräflichen Schloß zu gehören schien – da drängte sich all' ihr Weh über ihr Herz hinaus, und sie ging raschen Schrittes zum Onkel, nachdem sie am ersten Morgen seiner Messe beigewohnt hatte.

»Ich erwartete Dich,« sagte er liebreich zuvorkommend, »denn Du sahst verweint aus. Was betrübt Dich, Kind? Sprich'! der liebe Gott wandelt auch unsere bittersten Tränen in Gnadentau um.«

[414] Er blickte sie an mit seinen seelenvollen verklärten Augen, die über seinem edeln, blassen, vielfach durchschmerzten und tief gefriedetem Antlitz strahlten, wie stille Sterne über einer Winterlandschaft. In einem Strahl der Morgensonne ruhte sein Haupt mit den Silberlocken. Er sah aus wie jemand, der heimisch ist in einer besseren Welt. Regina sank zu seinen Füßen nieder und bedeckte seine Hände mit Tränen und Küssen. Er ließ sie gewähren und betete still für sie. Endlich erhob sie sich und sagte mühsam gefaßt:

»Ich bin abgefallen von meiner ersten Liebe.«

»Das glaub' ich nicht!« erwiderte Levin freundlich.

»Ich bin es! mein Herz geht nicht mehr geradesweges zu Gott; meine Gedanken wenden sich nicht mehr ungeteilt dem höchsten Gut zu; meine Liebe strebt nicht mehr einzig und allein zur ewigen Liebe. Ein Mensch ist mir in den Weg getreten und sucht mein Herz an sich zu reißen; und dies törichte Herz neigt sich ihm zu – und nur mit meinem Willen hefte ich es an das Kreuz meines Gottes. So sieht es mit mir.«

»Nun, bestes Kind, dann steht es ja sehr gut mit Dir. Deine Liebe ist aus der Region des Gefühls in die des Willens übergegangen. Die bloße Neigung hört auf und die Tugend beginnt. Aus der natürlichen Ordnung wandert Deine Liebe aus und strebt heimisch zu werden in der Ordnung der Gnade. Und Du weinst? und Du zitterst? O falle auf Deine Knie und danke Gott, daß endlich die Stunde des Kampfes für Dich geschlagen hat.«

»Er reibt mich auf, dieser Kampf! ich kann nicht leben unter der Last meiner Treulosigkeit!«

»Ja Kind, wenn Du stolz bist, dann kann es [415] leicht von Dir heißen: Wie bist Du vom Himmel gefallen, schöner Morgenstern! – Nimm in Demut Dein Kreuz auf Dich – das schwerste Kreuz: Deine Armseligkeit – und wandele damit weiter; dann findest Du Gott, denn der kreuztragende Heiland und Millionen von heiligen Liebhabern des Kreuzes geleiten Dich. Bist Du aber stolz, so sagst Du Dich von ihnen los.«

»Lieber Onkel! Du weißt, welch' ein Entschluß mir aus der Kindheit in die Jugend gefolgt ist und wie ich deshalb die Wünsche meines Vaters nicht erfüllen konnte. Von meiner Familie, von Uriel, von der ganzen Welt mich zu trennen, war mir kein Opfer; denn ich lebte in einer überirdischen Freudenwelt, und es wäre mir wie ein Gottesraub erschienen, hätte ich mich mit vergänglichem Glück beschäftigen wollen. Seit dem vorigen Herbst ist es anders geworden – anders, seitdem ich in Stamberg auf immer von Uriel Abschied nahm. Warum? das weiß ich nicht! – aber seitdem erscheint mir Uriel sehr liebenswürdig und das Leben mit ihm auf Stamberg sehr glücklich; und eine Stimme sagt mir, es wäre Gott sehr wohlgefällig, wenn ich meinem Vater gehorchte und meine liebe selige Mutter würde im Himmel meine Verbindung mit Uriel segnen. Und das alles spricht so mächtig zu meinem Herzen und lähmt dermaßen meine Verteidigungswaffen, nämlich mein Gebet und die Hingebung meines Willens an Gott, an Gott allein – daß ich nicht weiß, auf welche Seite der Sieg sich neigen wird und nicht weiß, ob ich nicht tausend Tränen weinen werde, wenn er sich auf die Seite Gottes neigt.«

»Wohlan, Regina, Dein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit kann gelöst werden. Es ist gültig. [416] aber nicht unauflöslich. Hast Du alles wohl erwogen, viel gebetet, viel um die Erleuchtung des heiligen Geistes gefleht« ... – –

»Das habe ich getan, lieber Onkel; doch in der Absicht nie, o nie! ich will nicht die Lösung meines teuern Gelübdes! ich will nicht mit Gott angefangen haben, um kläglich mit einem Menschen zu enden! ich will nicht mein Herz in zwei Lieben und zwei Treuen zerspalten und verkleinern! sondern ich will dies: mein Herz unberührt von jeglichem Anhauch aus den Niederungen des Lebens zu Füßen des Gekreuzigten hinlegen. Das möchte ich erbitten und erflehen. Deshalb durchwache ich halbe Nächte in Tränen und Klagen. Aber Gott erhört mich nicht – denn wieder und immer wieder werden betörende Stimmen laut, nach denen ein Etwas in meinem Herzen hinhorcht, weil sie süß und schmeichelnd klingen, obschon sie wehe tun.«

»Ah, nun verstehe ich!« nahm Levin mit unaussprechlicher Milde das Wort; »Du möchtest dem lieben Gott vorschreiben, auf welche Weise er Dich in's Himmelreich führen soll. Durch ein Triumphtor möchtest Du einziehen, nicht wahr? das frohe Selbstbewußtsein Deiner Stärke sollte Dir eine goldene Rüstung anlegen, von der jeder friedliche Pfeil abprallte, nicht wahr? in stolzer Zuversicht unverwundbar, möchtest Du über Schlangen und Nattern schreiten und lächelnd den Drachen besiegen, nicht wahr? O weh, meine arme Regina! das ist die Art des Erzengels, aber nicht des Menschenkindes! Als der heilige Apostel Paulus sich zu Gott bekehrte, sprach eine Stimme: ›Ich will ihm zeigen, wie viel er um Meines Namens willen leiden soll.‹ Sieh', das ist Menschenart! Gekreuzigt dem Leibe und der Seele nach – mit[417] Wundmalen am Körper und am Herzen – zermalmt von innerem Leid über seine Schwachheit – gequält von allen Versuchungen, denen der Sohn des Staubes durch seinen Zusammenhang mit der Irdischkeit ausgesetzt ist – wandelte dieser gewaltige Kreuzträger, zum tröstlichen Vorbild für uns alle, immer gedemütigt und immer tapfer, durch die furchtbare Schlacht des Lebens. Und wie er sich hindurch gekämpft hatte, so kämpften ihm nach die großen Heiligen aller Jahrhunderte, ein Basilius, ein Augustinus, ein Bernardus, ein Franziskus, ein Alphonsus – diese Wundermenschen an Glauben, an Liebe, an Genie und an Demut. Sie alle bauten sich keine Triumphbogen und schwangen nicht zuversichtlich ihre Siegesbanner. Sie alle sprachen mit Paulus: ›Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark‹ – um anzudeuten, daß sie im Gefühl ihrer Schwäche sich zu Gott wendeten und von ihm Stärke empfingen. Sie alle gingen vorsichtig, gebeugt und wachsam auf ›dem schmalen Wege und durch die enge Pforte,‹ die zum Himmel führen. Nicht auf ihren herrlichen natürlichen Gaben, und nicht auf ihrer frischen, ungebrochenen, menschlichen Kraft ruhte das Gebäude ihrer Vollkommenheit, sondern auf ihrer unüberwindlichen Demut. Sie suchten auch nicht den selbstgefälligen Genuß ihrer eigenen Vollkommenheit in ihrer Hingebung an Gott. Sie baten ihn nicht, ihr Herz auf einem Höhepunkt zu erhalten, der über dem Niveau alles Menschlichen ist; sie baten ihn nur, ihr armes, elendes Herz nicht zu verschmähen; es zu verbinden, wenn es wund; es zu reinigen, wenn es befleckt wurde; es in Gnaden anzunehmen mit seinen Krankheiten und seinen Narben. Und wie die großen Heiligen, so [418] machen es Millionen von guten schlichten Kindern Gottes. Willst Du es anders haben und anders machen, Regina? o, dann liefest Du Gefahr, eine Tochter Lucifers zu werden.«

Regina's Tränen waren versiegt und ihre schmerzliche Aufregung hatte sich gestillt. Mit geschlossenen Augen saß sie ruhig da; sie blickte nach Innen. Levin schaute mitleidig auf ihr schönes bleiches Antlitz, das noch von einem Anhauch von Schmerz überschattet war und fragte liebreich:

»Tue ich Dir weh, bestes Kind? soll ich schweigen?«

»O sprich, lieber Onkel, sprich noch mehr zu mir!« sagte sie sanft und ohne ihre Stellung zu verändern. »Deine Stimme klingt mir wie die, welche einst sagte: Ich will ihm zeigen, was er um Meines Namens willen leiden soll.«

»So heißt es auch in der Tat für jeden, der sich aus ganzem Herzen zu Gott bekehrt; denn Welt und Fleisch und Blut, die ihm wahrlich seine Bekehrung nicht eingegeben haben, fühlen, daß sie durch dieselbe zu kurz kommen, setzen sich zur Wehr, verbinden sich mit der überall geschäftigen alten Schlange und rücken mit einem Heer von Versuchungen in's Feld. In dem Maße, als diese bekämpft und überwunden werden, vermehren sich die Siege, und je größer der Sieger, desto glänzender seine Kronen. Willst Du keine Versuchungen haben, so verzichtest Du aus Feigheit auf den Siegespreis. – Sieh'! als Du auf Stamberg von Uriel Abschied nahmst und Dich vielleicht recht stark wähntest mit Deiner Entsagung, und recht sicher gegen jeden Angriff von Seiten der menschlichen Schwäche, da trat der Versucher zu Dir, wie [419] einst zu dem Herrn – und zeigte Dir von der Höhe herab die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. Und Du blicktest auf sie, wie jemand, der sich gewaffnet wähnt gegen einen feindlichen Überfall, aber die Schlange vergißt, die ihn in die Ferse sticht. Die böse Natur hast Du stets zu überwinden gesucht – dies Zeugnis geb' ich Dir gern. Aber Regina, das genügt nicht dem Menschen, der sich ausschließlich der Liebe und dem Dienste des Herrn widmen will. Der muß auch seine edle und gute Natur abtöten, um ganz in der Gnade, durch sie und für sie, zu leben; denn die Natur ist nun einmal betrügerisch! Mit tausend Faden hängt sie zusammen mit der Welt, mit dem Nächsten, mit unseren guten und schlimmen Eigenschaften, mit unseren Vorzügen und Talenten – und beständig sucht sie diesen Zusammenhang zu ihren Gunsten auszubeuten und der schönsten Seelenblüte, der reinen Absicht auf Gott, die Spitze umzubiegen und sie in die Richtung der Selbstsucht zu bringen. Die groben und dicken Faden lösen wir wohl allenfalls ab; aber es bleiben Millionen feine Fädchen übrig, die zuweilen weich wie Seide und schimmernd wie Gold sind und die, wenn wir sie nicht recht vorsichtig ablösen, abstäuben und, in Gnade getaucht, an ihren Platz zurückbringen – ein Netz von feiner Selbstgefälligkeit knüpfen, welches den Fortschritt der Seele kläglich hemmt. Wohlan, Regina, betrübe Dich nicht, daß Deine Natur um kein Haar anders ist, als die von uns anderen armen Sündern; aber liebe und lobe Gott, der Dir den Willen und die Gnade gibt, sie in ihren letzten Verschanzungen abzutöten und der für die durchwundetsten Herzen auch wundervolle Tröstungen hat.«

»Welch' ein wunderbarer Tausch das ist: Gottes[420] Trost für vergängliches Leid,« sagte Regina mit einem seligen Lächeln.

»O Kind, irre nicht wieder ab vom geraden Wege,« sagte Levin sanft und schwermütig und durch seine Stimme, seinen Blick, sein Lächeln schimmerte eine Welt voll namenloser heiliger Schmerzen. »Gottes Trost findet der, der mit dem heiligen Apostel Paulus gestorben ist, um in Gott zu leben.« Was war denn Gottes Trost für den hinsterbenden Gottessohn? Essig, Myrrhen, Verhöhnung, Desolation. Der Wille Gottes muß Dir so süß und lieblich werden, daß er allein Dein Trost ist, und wenn dieser Wille auch darin bestände, daß Du die mystische Todesnot am Ölberg und die innere und äußere Verlassenheit am Kreuze Zeit Deines Lebens zu erdulden hättest. Willst Du Meisterin werden in der vollkommenen Liebe, so fange damit an, Schülerin zu werden im vollkommenen Leiden – im unausgesetzten mühseligen Kampf gegen die Welt in und außer Dir, gegen Deine sündhafte Natur, gegen Hölle und Teufel. Diese alle werden wider Dich streiten, werden ganze Heere von Versuchungen – immer andere, immer neue, immer überraschende – wider Dich in die geistige Schlacht führen. Und Du wirst sie nicht bloß zu jeder Stunde und unter allen Umständen schlag- und ringfertig bekämpfen müssen, sondern auch die beklemmende Angst zu ertragen haben, nicht zu wissen, ob Du deinen Kampf in gottgefälliger Weise führst – nicht zu wissen, ob Du, wie die heilige Schrift es nennt, »des Hasses oder der Liebe würdig« bist. Sieh'! einen Tropfen aus diesem Kelch mystischer Prüfung ist Dir jetzt zu Teil geworden – und schon warst Du dem Verzagen nahe, und schon schmachtest Du nach Gottes [421] Trost, wie ihn die weichliche Natur versteht! O Kind, besinne Dich! das Leben nach den evangelischen Räten ist ein beständiges und allseitiges Opferleben, das nur die reinste Christusliebe antreten und durchführen kann. Wo bleibt aber die Liebe zum gekreuzigten Christus, wenn Du Lohn für sie, in Trost ausgezahlt, erwartest? Mit einer Hand bist Du an's Kreuz genagelt und begehrst schon sie abzulösen? O reiche auch die andere hin und laß sie annageln, und hänge nackt und bloß und schmerzzerrissen geduldig an den drei Nägeln; denn das und nichts anderes sind die drei Gelübde – und vermagst Du jenes nicht, wenigstens dem Willen nach, auszuhalten: so darfst Du diese nicht ablegen.«

»Welch' eine Welt eröffnest Du mir, teurer Onkel,« sagte Regina sinnend und trocknete ihre Tränen.

»Die Welt des mystischen Leidens, des Leidens aus Liebe zu Gott,« entgegnete er, »die sich früher oder später allen erschließt, welche sich wahrhaft, aus innerstem Herzen und aus ganzem Gemüt zu Gott bekehren. Es versteht sich, daß es tausend Stufen in ihr gibt. Zu der niedrigsten sind wir alle berufen; zu der höchsten sind es die größten und heiligsten Seelen, die in Wahrheit mit dem Apostel ausrufen: mortuus sum, ut Deo vivam

»Also die Lieblinge Gottes müssen am meisten leiden und ihr Trost wird erst in der Ewigkeit beginnen?« fragte Regina.

»Nichts anders, Kind! der Herr selbst preist selig in Ewigkeit die Armen, die Leidtragenden, die Verfolgten, die Weinenden. Leiden um Jesu willen macht den Menschen liebenswürdig vor Gott, denn der leidende Mensch ist Jesu ähnlich. Im vierzehnten [422] Jahrhundert lebte in Schwaben ein ganz wundersamer Liebling Gottes, der in der Welt Heinrich Suso – im Kloster Bruder Amandus hieß. Er war ein Sprößling jenes übernatürlichen Baumes, den St. Dominicus in der heiligen Kirche gepflanzt hat – ein Baum, durch dessen Gezweig das süßeste Gebet säuselt, welches Menschenlippen je gesprochen haben und welches St. Dominicus zusammengestellt hat: der Rosenkranz. Als lebendige Blüten dieses Rosenkranzes glänzen, duften und schimmern Seelen von unübertrefflicher Schönheit im Dominikanerorden: ein Thomas von Aquin, genannt der Engel der Schule, der die Theologie bezaubernd macht. Eine Katharina von Siena, die mit himmlischer Beredsamkeit das Schisma von Avignon zu Ende – und Papst Gregor XI. nach Rom zurückführt. Eine Rosa von Lima, die sich zärtlich in die Leiden des göttlichen Vielgeliebten mitleidend versenkt und extatisch aus ihnen hervorgeht. Ein Angelico von Fiesole, der stille Maler, den sogar die stumpfe Welt ›Beato‹, den Seligen nannte, weil seine Bilder, die er auf den Knieen malte, ein Abglanz himmlischer Herrlichkeit, geschöpft aus seliger Anschauung Gottes, zu sein schienen. Ein Seelenbruder dieser Auserwählten war diesseits der Alpen Heinrich Suso, ein in die Wunden Jesu ganz verliebter und ganz versunkener Ordensmann, der mit so lieblichen, herzzerschmelzenden Worten, als ob sie vom Kreuz herab tönten, von den Leiden heiliger Liebe in seelendurchwundeter Erfahrung schreibt. Dieser sagt einmal – und ich sage es Dir als Antwort auf Deine Frage: ›Es gibt nichts Peinlicheres, als Leiden; aber nichts Erfreulicheres, als aus Liebe zu Gott gelitten zu haben. Leiden tut dem Menschen [423] hier wehe, droben wohl. Wären aller Menschen Herzen nur ein Herz, so könnte es auf Erden doch nicht den kleinsten Lohn ertragen, den der Herr in der Ewigkeit für das geringste Leiden geben wird, das aus Liebe zu ihm gelitten ist. Leiden – ist der sicherste und kürzeste Weg zum Himmel; ist die Rute der Liebe für Gottes Auserwählte; mindert die Freuden, aber vermehrt die Gnaden. Alle Heiligen im Himmel sind Freunde und Beschützer eines leidenden Menschen, denn sie haben es selbst empfunden, wie bitter und doch wie heilsam der Trank der Leiden ist. Geduld in Leiden ist größer, als Tote erwecken oder andere Zeichen tun; es ist ein lebendiges Opfer, ein edler Balsamduft, der mächtig zu Gottes Angesicht dringt. Es macht zu Genossen der Martyrer und führt mit sich den Sieg wider alle Feinde. Wer nicht gelitten hat, was weiß der! Im Himmel singt die leidende Seele ein neues Lied, das alle Engelscharen nie singen konnten, weil sie nie gelitten haben.‹ – Sieh', Regina, etwas so Königliches im Reiche Gottes ist das Leiden. Es ist ein Purpurmantel, den unser Herzblut webt.«

»Lieber Onkel,« sagte sie, und ihr gewohnter heiterer Friede lächelte wieder aus ihrem schönen Antlitz; »ich hatte dennoch Recht zu sagen: O wunderbarer Tausch! Gottes Trost für vergängliches Leid! – nur darf ich diesen Trost nicht in dem vergänglichen Leben hienieden erwarten. Nun wohlan! um desto sicherer ist er mir in der Ewigkeit aufbewahrt! Meine Glücksbegriffe sind ja noch sehr eng und niedrig, denn ich bin ungeübt und unerfahren. Gehört aber die ganze Summe von menschlichen Elendserfahrungen dazu, um standhaft in der vollkommenen Hingebung an Gott zu [424] werden: so will ich sie in gelassener Unterwerfung annehmen und mit dem heil. Augustinus beten: Gib mir Kraft, o Herr, zu tun, was du gebietest, und dann gebiete, was du willst.«

»Ja, Kind! halte Dich möglichst in heiliger Gelassenheit. Kommen Dir Ruhezeiten und Tröstungen, so preise die Barmherzigkeit Gottes; bleiben sie aus, so preise seine Gerechtigkeit. Begehre nie, einen Genuß in Deinem geistlichen Leben zu finden, denn ein solcher ist leicht mit Selbstgefälligkeit gemischt; sondern sprich mit dem heil. Bonaventura: Gibst du mir Freuden, so verwunde mein Herz; und gibst du mir Leiden, so verwunde mein Herz – damit es deinem Herzen, mein Heiland, ähnlich werde!« – Und nun genug, geliebtes Kind! tritt ein in die Schule des Kreuzes mit vieler Demut und vieler Großmut, sieh gänzlich ab von Dir und schaue einzig und allein auf den Gekreuzigten, dem Du nachfolgen willst. Nur das ist der Weg, auf dem Du die Welt überwinden kannst. – Ich habe jetzt einen Krankenbesuch zu machen,« fuhr er in verändertem Tone fort. »Wendel ist vor ein paar Tagen aus Amerika zurückgekommen, schwer krank, ohne Frau und Töchter, mit seinen drei Buben. Ich ließ ihm sagen, ich würde ihn besuchen.«

»Der Wendel ist wieder da?« rief Regina erstaunt; »ist er vom Republikanismus geheilt?«

Nimm Hut und Shawl und begleite mich. Unterwegs erzähle ich Dir, was ich weiß. Er wohnt jetzt bei seiner braven Schwester.«

[425]
Gottes Mühlen mahlen langsam

Sie gingen einem Bauernhof zu, der etwa eine halbe Stunde vom Schloß am Fuße eines bewaldeten Hügels lag. Die freundliche Märzsonne milderte mit ihrem warmen Strahle schon etwas die scharfe Luft. Die Äcker wurden bestellt und lagen mit ihren umgebrochenen Furchen in langen schwarzen Streifen neben den lichtgrünen der jungen Wintersaat, die unter der eben geschmolzenen Schneedecke kräftig gediehen war. Die Lerchen fuhren von den Feldern auf und in den blauen Himmel hinein und frohlockten ihr ewig junges Lied vom Lob Gottes und vom erwachenden Frühling. Scharen von Tauben rauschten auf und nieder mit ihrem klingenden Flügelschlag und schimmerten wie Silberflocken im lichten Blau. Der Fink saß am Waldessaum in unbelaubten Bäumen und schlug sorglos seinen süßen Schlag; und aus der Waldestiefe tönte dumpf und taktmäßig die Axt des Holzschlägers. Die Hähne krähten schallend von einem Gehöft zum andern. Hie und da bellte ein Hund, der eine einsame Hütte zu bewachen hatte, in welcher kleine Kinder ihrem Schutzengel und seiner Obhut von den auf Arbeit ausgehenden Eltern anvertraut waren. Aus den Schornsteinen stiegen kerzengerade feine geschlängelte Rauchsäulen auf und zerflossen in der Höhe. Wohltuender Friede war der Grundzug dieses [426] schlichten Stilllebens in der Natur- und der Menschenwelt

Als Regina mit Levin in den frischen Tag hinaus trat, sog sie diese Bilder und diese Klänge durstig ein und sagte dann mit einem langen Atemzuge sehr fröhlich:

»Ach, lieber Onkel! hörst Du wohl, daß die Lerche singt: Dir! Dir! Dir! Dir, Herr, sei Ehr'! – und daß der Fink schlägt: Wie lieb', wie lieb', wie lieb' ich Dich!«

»Ja, Kind,« erwiderte er gerührt, »wer gern an Gott denkt, der findet ihn überall – und wer aus ganzem Herzen nach ihm verlangt, dem begegnet er überall.«

»Aber wo ist denn die Wendelrose geblieben?« fragte sie teilnehmend.

»Das weiß ich nicht! wir werden es ja bald von dem Vater erfahren.«

»Und wie ist er denn zum Kreuz gekrochen, der böse Wendel?«

»Wie der verlorene Sohn. bestes Kind! Er schrieb mir im vorigen Herbst einen verzweiflungsvollen Brief aus New-York und bat um Reisegeld zur Heimkehr für sich und seine Söhne.«

»Wie frech! Du hast ja früher so viel für ihn getan!«

»Und doch nicht genug – nicht genug für ihn gebetet! Ueberdies gestand er ein, daß er sich der Unterstützung von meiner Seite umso unwürdiger fühle, als er einst in seinem blinden Haß gegen die Priester mit einem Steinwurf mich schwer verletzt habe. Dies freiwillige Bekenntnis rührte mich sehr. Ich sorgte für Reisegeld – und jetzt ist er da.«

[427] Sie hatten das Gehöft erreicht. Bei ihrem Eintritt in den Hof balgten sich drei Buben in armseligen Kleidern mit dem großen Hofhund herum, der von ihnen abließ, um durch heftiges Bellen Fremde anzukündigen. Die Bäuerin eilte aus der Küche herbei, begrüßte mit ehrfurchtsvollem Handkuß den hochwürdigen Herrn und Regina mit bescheidener Vertraulichkeit und seufzte, in Tränen ausbrechend:

»Ach, mein armer Bruder! Nichts als das nackte Leben, Gram und Krankheit und die Buben da – hat er heimgebracht!«

»Aber vielleicht ein bekehrtes Herz: und das ist die Hauptsache,« sagte Levin tröstend.

Die Bäuerin führte den Besuch in die Stube, die mit vielen Heiligenbildern – den Schutzpatronen der ganzen Familie – mit Kruzifix und Muttergottesbild von Engelberg, mit Weihwasserbrünnlein und geweihtem Palmzweig – der freilich nur Buxbaum war – sauber und freundlich sich ausnahm. Tische und Bänke waren so rein und glatt abgewischt, daß sie wie poliert aussahen. Die buntbemalte Schwarzwälderuhr ging mit ihrem schweren Pendelschlag. Daneben hing der Kalender; – in ungesuchter und richtiger Zusammenstellung an den Wert und die Flüchtigkeit der Zeit erinnernd. In einer Ecke stand ein Nußbaumschrank, hinter dessen Glasfenstern allerlei Kostbarkeiten vor Kindern und Fliegen bewahrt wurden. Da standen uralte Gläser mit goldenem Rande; bunte Tassen; ein Jesukindchen von Wachs; ein Osterlämmlein von schneeweißem Zucker, mit einer Siegesfahne von rosenfarbenem Tafft; zwei verblichene Blumensträuße, welche einst Gräfin Kunigunde vom Altar der Schloßkapelle entfernt[428] – und welche sich die Bäuerin zum Andenken ausgebeten hatte; zwei hellgrüne Pappkästchen, worin sich die Goldkrönchen verbargen, die bei der heiligen Erstkommunion die Kinder getragen hatten; einige Rosenkränze und bemalte geweihte Kerzen, Andenken an Wallfahrten zum heiligen Blut nach Walldürn in schweren Zeiten und großen Nöten. Kurz, die Freuden und Leiden von ein paar Generationen waren in verständlicher Zeichensprache hier eingeschrieben. Nichts war unbehaglich in der Stube als die furchtbare Hitze, die aber der Bauer liebt, um sich eben so gründlich zu erwärmen, als er bei seinen Feldarbeiten gründlich durchkältet wird. Trotz dieser Hitze war der Großvaterstuhl am Ofen nicht leer. Da saß ein Mann von stämmigem Wuchs, aber abgezehrt bis auf die Haut, die welk und gebräunt an seinen derben Händen hing, während sein Gesicht, ganz zerrissen von Blatternnarben, und seine roten geschwollenen Augenlider, seinen erbärmlichen Anblick erhöhten.

»Wendel! der hochwürdige Herr besucht Dich, und Gräfin Regina!« sagte die Bäuerin freundlich.

»Gott vergelt's, hochwürdiger Herr, Gott vergelt's tausendfach, was Sie an mir armen Sünder tun! und bin ich auch nicht Ihrer Güte würdig, so kommt sie doch meinen armen Buben zu gut, die es Ihnen, will's Gott! besser danken werden, als ich!« rief Wendel mit zitternder Stimme und am ganzen Körper so heftig zitternd, daß er, der aufgestanden war, um Levin und Regina zu begrüßen, sich gleich wieder setzen mußte. Aber er ergriff deren Hände und küßte, drückte und schüttelte sie, und seine groben vernarbten Züge nahmen den Ausdruck innigster Dankbarkeit an. Und die Bäuerin stand daneben und klopfte zum Ausdruck[429] ihrer Liebe immerfort ganz sanft mit der rechten Hand auf Reginas Schulter, während sie in der Linken den Saum ihrer Schürze hielt und sich zuweilen die Augen damit abtrocknete.

»Armer Wendel! bist Du krank gewesen?« fragte Levin und setzte sich teilnehmend zu ihm an den glühenden Ofen. Hast Du kein Gold gegraben in Kalifornien – oder wo Du sonst warst?«

»Zwei Gräber hab' ich gegraben – für eine Tote und für eine Lebende, sonst nichts!« sagte Wendel mit dumpfer Stimme und fuhr mit der Faust über seine geschwollenen Augenlider.

»Wir wollen Gott danken, daß Du wieder bei uns bist,« sagte Levin mild ablenkend, »und die Toten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen. Dann wollen wir sorgen, daß Du wieder gesund wirst und arbeiten kannst. Ich besorge Dir den Arzt, Medikamente und Wein zur Stärkung; Regina schafft einige Kleidungsstücke für Dich und die Buben an; Deine brave Schwester gibt Euch Obdach und Nahrung; und mit der Sommerszeit bist Du ein neuer Mensch geworden – gelt?«

»Und wie hat er mir zugesetzt, der Wendel, auch nach Amerika zu gehen!« rief die Bäuerin. »Da wären Ländereien, groß wie eine Grafschaft, um nichts zu haben und keinen Heller Steuern dürfte gefordert werden – und Prinzen heirateten Bauernmädel und Bauernbuben Prinzessinnen – und alle wären ein Herz und eine Seele.«

»Hat mir alles der Florentin erzählt, der Florentin Hauptmann, hochwürdiger Herr!« sagte Wendel. »Aus dem hat sich der Herr Graf eine Natter auferzogen! ja, eine Natter für viele von uns! In den bösen Jahren schlich er hier umher, und tat so schön und sprach so klug, daß es in der [430] ganzen Welt jetzt vorwärts! hieße, so daß die geringen Leute obenauf kämen. Denn die, welche den Erdboden bebauten, die müßten ihn auch von Rechts wegen besitzen. So wär's in Amerika; leider aber in Deutschland nicht, denn die Fürsten und Edelleute verhinderten das, und die Pfaffen unterstützten sie in ihrer Bosheit, indem sie dem gemeinen Mann Gehorsam vorpredigten. Darum müßten sie sich alle zusammentun, die das Herz auf dem rechten Fleck, Liebe für die Befreiung des deutschen Vaterlandes und Sinn für den Fortschritt hätten; und sie müßten es durchaus dahin bringen, daß Deutschland nicht hinter Amerika zurück und nicht in der Knechtschaft sitzen bliebe. Das wär' eine Schande, sagte er. Und in diesem Ton ging das fort. So sprach er, so las er aus allerhand Schriften vor. Wer ihm glaubte – das war ich! besonders dann, hochwürdiger Herr, wenn er den Schoppen dazu setzte. Ich hatte ja immer einen unruhigen Kopf, wie Sie ja wissen, und meinte, ich wäre zu was Besserem geboren; ich wußte nur nicht zu was. Aber der Florentin steckte mir ein Licht auf – nur leider ein Irrlicht! Ich wollte in Deutschland ein freier Amerikaner werden, und haßte deshalb Fürsten und Herren und Priester, und half Barrikaden gegen sie bauen. Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weißes Haupt, hochwürdiger Herr, als ich durch die Flur strich, um meine Kameraden aufzusuchen, mit denen ich, unter Florentins Anführung, den Marsch auf Windeck und die Plünderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte. Es kam aber nicht dazu! Florentins Stirn war nicht eisern genug, um vor dem Schloß Stich zu halten, und Gräfin Regina ließ uns durchaus nicht herein. [431] Aber, hochwürdiger Herr, da der Florentin, der doch auf dem gräflichen Schloß in Sammt und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden, und dennoch statt mit seinem Schicksal zufrieden – mit der ganzen Welt mißvergnügt war: mußte ich da nicht leicht irre geführt werden und glauben, es gehe verkehrt auf der Welt zu?«

»Es war eine Versuchung, armer Wendel, und Du hättest ihr wohl widerstehen können.«

»Freilich, hochwürdiger Herr! aber ich war wie ein Mensch, der im Rausch umherrast, um etwas zu ergreifen, was in seinem verkehrten Hirn sitzt, aber sonst nirgends.«

»Ach, Wendel!« jammerte die Bäuerin, »hättest Du auf mich gehört und auf Dein armes Weib, so wärst Du nimmer in dies Elend geraten.«

»Ich weiß! ich weiß, Bärbel! Ihr war't beide brav und gottesfürchtig und habt mir tausendmal gesagt: Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht; und habt mich bitterlich weinend gebeten, mich mit dem lieben Herrgott durch würdige Beicht und Kommunion zu versöhnen. Dafür hab' ich Euch verlacht und verspottet, und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit, und mein armes Weib' in's Elend geschleppt, wo sie vor Hunger und Kummer umgekommen ist ohne Priester und Sakrament – und die Rosel verloren für Zeit und Ewigkeit – und den siechen Leib, den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein Haus zurückgebracht, weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht weiß wohin. Ja, Bärbel: Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein; was durch Langmut er versäumet, holet er durch Schärfe ein. Das war ein [432] Kernspruch von der Mutter selig; weißt Du's noch, Bärbel? ich vergaß ihn Zeit meines Lebens. Als ich drüben blind und krank an den Pocken lag – ein armer Lazarus vor des reichen Mannes Tür – da fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn. Ja, ja, Bärbel! Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein!«

»Wenn Du das einsiehst, armer Wendel,« sagte Levin mit zärtlichem Mitleid, so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen.«

»Und ich wollt' es schon aushalten, hochwürdiger Herr, wenn nur nicht der Gram um mein Weib und die Rosel wäre! mir hat der Florentin den Kopf verdreht – der Rosel das Herz.«

Regina hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt stand sie auf und sagte mild wie der Engel der Barmherzigkeit: »Wendel, ich kann's nicht aushalten, eine so traurige Geschichte von der armen Rose zu hören. Ich will hinausgehen und die Buben ein wenig im Katechismus examinieren.«

»Im Katechismus?« sagte die Bäuerin, indem sie Regina begleitete; »daß Gott erbarm! Die Buben sind wie die Wilden, gnädige Gräfin, und wissen vom Katechismus so wenig, wie die Krähe vom Sonntag.«

»Wo ist denn die Rose? kann man ihr nicht helfen?« fragte Levin, als er mit Wendel allein war. »Sie kann ja nicht im Bösen verhärtet sein; sie ist ja so jung.«

»Auf Georgi neunzehn Jahre, hochwürdiger Herr. Sie war von Kindesbeinen an ein sauberes Mädel, aufgeweckt und klug – aber hoffärtig! den Sparren im Kopf hat sie richtig von mir geerbt: sie wollte hoch hinaus. Das grämte ihre arme Mutter; mich freute es. Als der Florentin [433] hier herum scharwenzelte, war sie blutjung; aber sie suchte immer dabei zu sein, wenn er mit mir sprach, und begriff alles so gut, daß sie mir manches erklärte, was ich nicht begriff, so z.B. das Selbstregiment, welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit führen würde; und die edle freie Liebe, die jede glücklich machen würde, wenn sie der Neigung ihres Herzens freien Lauf ließe. Ich meine, sie war damals schon in ihn vernarrt. Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch sah, daß der Florentin, trotz seiner glatten Reden, viel zu hochnasig war, um nicht lieber mit einer amerikanischen Prinzessin, als mit einem deutschen Bauernmädel zu charmieren: so kümmerte ich mich nicht weiter darum und arbeitete für die deutsche Freiheit, die mich und Rosel zu hohen Ehren bringen sollte. Statt dessen ging das Ding schief. Die Fürsten brauchten ihr Recht, wie ichjetzt sage; damals sagte ich: Gewalt! und ließen tüchtig auf die Revolutionäre schießen, was sie von Anfang an häten tun müssen, um die Rädelsführer zu ducken und die Betörten zu belehren, daß man sich beim Barrikadenbau ganz umsonst die Fäuste blutig arbeite. Bei dem Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 war ich noch; denn ich zog umher, bald hier und bald da, und ließ mein Weib auf unserem Hofe wirtschaften, und ließ mir jeden Kreuzer schicken, den sie, Gott weiß wie sauer! erarbeitete. Aber in Dresden bekam ich's satt. Da hieß es freilich, nun müßten alle tüchtigen Männer nach Holstein ziehen und den Dänenkönig aufs Haupt schlagen. Aber ich ging nicht mit; sondern heim, verkaufte in der Stille meinen Bauernhof und erklärte dann meiner Frau, wir wären jetzt Auswanderer, die sich in Amerika ein Stück Paradies [434] aussuchen würden. Ihr Jammergeschrei klingt mir noch in den Ohren! – Der Hof war verschuldet, daß von der Verkaufsumme nicht einmal unser Reisegeld übrig blieb. Der Herr Graf und Sie, hochwürdiger Herr, mußten eine Beisteuer geben, die ich durch mein armes Weib erbitten ließ, wobei Sie noch sagten: es tue Ihnen recht leid wegen der guten Frau. Endlich mußte auch noch die Bärbel mit ihrem Sparpfennig herausrücken, damit wir nur fortkämen. Das war eine erbärmliche Reise, ein Stück vom Fegfeuer, hochwürdiger Herr! mein jüngstes Kind starb auf der Überfahrt; ein herziges Kind, die Theres, sechs Jahre alt, der Mutter Augentrost. Es konnte die Stürme und die Seekrankheit und das Elend der Zwischendeckspassagiere nicht aushalten; es bekam ein Fieber, das immer stärker und stärker wurde und am neunten Tage war es tot. Unter den Passagieren der ersten Kajüte befand sich der Florentin, der inzwischen in Italien Revolution gemacht hatte – aber auch nicht auf die Dauer. Er war ja ein studierter Arzt und er besuchte auch die kleine Theres; allein er sagte, gegen einen so heftigen Typhus sei nichts zu machen. Das Kind war kaum verschieden und noch nicht kalt, da schrie das ganze Schiff, man müsse es gleich über Bord werfen, damit es aus dem Wege komme und nicht Ansteckung verbreite. Sie hätten es schon gerne bei lebendigem Leibe über Bord geworfen, glaub' ich! Meine Frau wollte schier verzweifeln. Ach, erbarmt euch, ihr Leute, erbarmt euch! schrie sie, und schafft mir einen Priester, daß er den letzten Segen über mein Kind spreche. Es war aber kein Priester auf dem Schiff, und die Leute, die umherstanden und hörten, wie sie nach einem Priester jammerte, brummten [435] in den Bart oder grinsten höhnisch und einer sagte, man müsse nicht so viel Umstände machen mit dem Stückchen Fischfraß. Als nun meine Frau fortwimmerte: erbarmt euch meiner, ihr Leute! es ist ja ein christliches Kind! ein im heiligen Blut Jesu getauftes, unschuldiges Kind! das kann man ja nicht dahinwerfen ohne priesterlichen Segen! da trat die Rose auf sie zu, schüttelte sie am Arm und sagte ganz rot und verlegen: Mutter, schreit doch nicht so! die Leute sehen Euch an und wundern sich, was ihr mit dem Priester wollt! man muß sich ja schämen für Euch! – Starr blickte die arme Frau die Rose an und sagte kein Wort mehr; aber sie schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Und nun nahm sie das Beste, was sie ihrem Kinde zu geben hatte, ihren Rosenkranz nahm sie vor, der am heiligen Blut zu Waldürn geweiht war, den sie manches Jahr in der Tasche bei sich getragen und hundert- und tausendmal gebetet hatte. Den zog sie hervor und küßte ihn andächtig, und küßte einzeln den lieben Herrgott und die Muttergottesmedaille, die daran hingen. Dann schug sie ihn um den Hals des Kindes und steckte das Kreuzchen mitten auf der Brust des Kindes mit einer Nadel ganz fest am Hemdchen an. Dann schlug sie die kleine Leiche von Kopf bis zu Fuß in eine ihrer Schürzen sauber und sorgsam ein und trug sie vorsichtig auf ihren Armen zu den Matrosen, welche sie in ein altes Stück Segeltuch wickelten, mit Stricken auf ein schmales Brett festschnürten, an dessen Fußende eine eiserne Kugel hing. Das sah sie alles mit an, die arme Mutter, und die drei Buben und ich sahen es auch mit an; und darauf sagte sie: ›Nun kommt, ihr Kinder! nun wollen wir fünf Vaterunser und fünf Gegrüßt seist du, [436] Maria für unsere liebe kleine Theres beten, damit sie bald zur seligen Anschauung Gottes gelange;‹ kniete nieder mit ihren Buben und betete laut. Und ich betete mit, hochwürdiger Herr, aber leider nur ganz leise. Und ich kniete auch nicht; mir waren die Knie steif von Trotz gegen Gott und von Menschenfurcht. Die Rose aber war gar nicht mitgegangen, hatte sich in ein Eckchen gedrückt und weinte da still vor sich; denn nicht aus Bosheit hatte sie so hart zur Mutter geredet, sondern aus Menschenfurcht, besonders wegen dem Florentin; und Sie sehen, hochwürdiger Herr, daß sie von mir auch den Sparren im Kopf geerbt hatte. Endlich hoben die Matrosen das traurige Brett auf. Da stieß mein armes Weib einen dumpfen Schrei aus und fiel wie tot zu Boden. Ich aber schaute starr aufs Meer und sah Etwas in die Wellen hineinschießen, die sich spalteten und wieder zusammenrauschten; und es wurde mir schwarz vor den Augen.« – –

Wendel schwieg erschöpft, drückte seine Hände krampfhaft an die Stirn und sagte nach einer Weile:

»Ich will es kurz machen, hochwürdiger Herr, und Sie nicht ermüden mit der Erzählung von allem, was wir drüben gelitten haben. Es waren nur zwei Jahre, aber man könnte dicke Bücher davon schreiben. Das Schiff war ein Stück Fegfeuer; ja! aber da hoffte ich! Drüben kam die Hölle, wo man nicht mehr hofft. Geht man hinüber, ledige Leute, kräftig, zu jeder Arbeit willig; oder Vater und Mutter noch rüstig und mit erwachsenen rüstigen Kindern – nun ja, dann schlägt man sich durch unsägliche Mühsale durch, und muß auch die eine Hälfte darüber ins Gras beißen, so kommt [437] die andere doch wohl auf einen grünen Zweig. Aber wir! – wir waren unserer sechs, von denen die drei Buben nicht arbeiten konnten, weil der älteste erst zwölf Jahre alt war. Ich ging nicht nach Amerika, um zu arbeiten; hätte ich das gewollt, so hätte ich daheim bleiben und Weib und Kinder ernähren können. Die Rose war ebenso arbeitsscheu wie ich, alle Untugenden hat sie von mir geerbt. Da war also niemand, der sich auf die Arbeit verlegte, als meine Frau. Essen und Obdach haben – wollten wir aber alle sechs. Es gibt auch gar keine Arbeit in den großen Seestädten für die armen Auswanderer. Die müssen gleich in die Landstrecken des Westens ziehen und ein kleines Betriebskapital mitbringen, um sich das Notwendigste an Lebensbedarf, Gerätschaften und was eine Niederlassung und Ackerwirtschaft in der Wildnis erfordert, zu kaufen. So machtens ein paar Schwaben, Vater und Sohn, brave Leute, mit denen wir zufällig den er sten Tag zusammentrafen. Der Sohn freite auf der Stelle um die Rose. Weibsbilder sind rar in Amerika; da bleibt keine ledig. Aber Rose rümpfte gewaltig die Nase und meinte, es verlohne sich nicht der Mühe, nach Amerika zu gehen, um dort einen schwäbischen Bauern zu heiraten; den könne man auch in Europa haben. Sie war wie behext von dem Florentin. Auf der Reise hatte das angefangen und es nahm zu, je mehr Florentin erkannte, daß in New-York die amerikanischen Prinzessinnen nicht herumliefen, die sich ihm in die Arme werfen würden. Da stieg denn das Bauernmädel ganz gewaltig in seinen Augen, und da er sich auch recht verlassen fühlen mochte, so tat's ihm wohl, daß sie ein Herz für ihn hatte. Es ging ihm schlecht, ich sah es an seinem abgetragenen [438] Rock; und er fing auch bald an, auf Amerika zu schimpfen, obgleich mehr und mehr von seinen Leuten, den Revolutionsmännern, herüber kamen. Es hatte aber jeder vollauf zu tun, um sich nur durchzubringen; denn alles, was zum Lebensbedarf gehört, ist furchtbar teuer da drüben. Was man anschaut, kostet einen Dollar. Da kann nicht so leicht einer dem andern beistehen, wenn er auch wollte, und wenn er Zeit hätte, an einen andern zu denken, als an sich selbst. Jeder muß zugreifen und das Stück Arbeit, das er eben findet, geschwind verrichten; sonst schnappts ihm ein anderer vor der Nase weg. Mit seinem Pulsfühler wird er sich den Geldbeutel wohl nicht sehr gespickt haben, der Florentin! Kurz, er fing an von Kalifornien, dem Goldlande, zu sprechen; denn er kam immer fleißig zu uns – versteht sich wegen der Rose. Mir aber fielen vor dem amerikanischen Paradiese die Schuppen von den Augen. Wir schmachteten im gräßlichsten Elend und ich glaubte auch an sein Goldland nicht. Ein Wort gab das andere; und endlich verbot ich ihm, den Fuß je wieder über meine Schwelle zu setzen. Er ging – und am anderen Morgen war die Rose verschwunden. Wir haben sie nicht wieder gesehen!«

»Stelltet Ihr denn gar keine Nachforschungen an, Wendel?«

»Ach, lieber hochwürdiger Herr! ein blutarmer Mann kann in Amerika keine anderen Nachforschungen anstellen als die, daß er Tag und Nacht Straß' auf Straß' nieder rennt und sein Kind sucht. Nachforschungen von den Behörden kosten viel Geld! Der wackere Geistliche, bei dem mein Weib in die Messe und zur Beicht ging und an den sie sich in ihrem Herzeleid wendete, tat, was er [439] konnte, um die Verlorene aufzuspüren; er selbst und andere barmherzige Leute. Aber nirgends die geringste Spur! sie wird sich eben mit dem Florentin auf ein Dampfschiff oder die Eisenbahn gesetzt haben und in die weite Welt – oder zur Hölle gefahren sein! Mein Weib wurde ein Jammerbild. Hunger, Sorge, schwere Arbeit hatten ihr nicht so zugesetzt, wie der Gram um Rosel. Schau', Wendel! sagte sie und sah mich an mit ihren hohlen eingesunkenen Augen; schau', wohin der Mensch kommt, der den Glauben verliert. Für unsere kleine Theres' hat die Rosel damals den priesterlichen Segen verachtet; jetzt verachtet sie ihn für sich selbst und geht in blinder heidnischer Weis' zu einem Mann, der sie in Schande und Unglück stürzen wird. – Es ging mir durch Mark und Bein, denn ich hatte ja auch den Glauben verloren und das hatte mein armselig Mädchen ebenfalls von mir geerbt!! – Der brave Geistliche hatte großes Erbarmen mit uns, das ich wahrhaftig nicht verdiente, denn trotz meines Elendes hatte ich mich nie im Gottesdienste, nie bei den heiligen Sakramenten eingefunden. Ein Farmer, der alle Jahr zur österlichen Zeit nach New-York kam und dreihundert englische Meilen nicht scheute, um seine Christenpflicht zu erfüllen, hatte den Pfarrer gebeten, ihm einen tüchtigen Knecht zu verschaffen. Der Pfarrer empfahl mich und stellte dem braven Farmer, der sein Weib verloren hatte und sich nicht zur zweiten Ehe entschließen konnte, so dringend vor, wie nötig ihm eine Magd sei, daß er ganz gern auch mein Weib als Haushälterin nahm; und als er so weit war, da erklärte ihm der Pfarrer, die drei Buben müsse er obendrein nehmen – und so lange sprach er ihm zu und so innig verhieß er ihm [440] die Seligkeit, welche die Barmherzigkeit erwartet, daß sich der gute Farmer endlich willig fand uns alle aufzunehmen. Wir zogen mit ihm in die Wildnis. Wäre meine Arbeitsscheu nicht mürbe geworden vom Hunger, hochwürdiger Herr, so hätte ich mich billig entsetzen dürfen vor der rauhen, schweren, mühseligen Arbeit, die mich erwartete. Hier war ich zu faul gewesen, um als Bauer meine Ackerwirtschaft zu bestellen, daß ich meine, ich hätte zuweilen Blut geschwitzt. Doch gleichviel! der Herr war gut und teilte alles mit uns, das rohe Obdach und die grobe Kost; wir konnten leben. Ein Stück Wald sollte in urbares Land verwandelt werden; da mußte man alle Bäume und Sträuche nicht bloß fällen, sondern auch Wurzeln aus der Erde graben. Das war mein Geschäft; die Frau besorgte die Küche, die Milchwirtschaft und was es im Hause zu tun gab. Die Buben gingen ihr und mir zur Hand, hüteten Pferde, Kühe und Hühner und halfen dem Herrn, der mit der Feldwirtschaft, der Jagd, dem in Stand halten seiner Gerätschaften vollauf zu tun hatte. Ein neues und größeres Blockhaus wurde gebaut. Das alte war zu eng und ganz vermorscht; der Farmer hatte es bereits halb zerfallen vorgefunden. Als das neue fertig war, kam es uns vor wie ein Schloß so stattlich – und bestand doch nur aus Wänden von Baumstämmen mit Moos verstopft und aus dem natürlichen Estrich der Erde, nur festgestampft. Es war recht feucht, dies Schloß und wir ließen, als wir es bezogen, am ersten Tage das Feuer gar nicht in unserer Kammer ausgehen. Es brannte in einer Art von Kamin auf einem niedrigen Herd von Lehm. Zu beiden Seiten des Kamins waren Schlafstätten bereitet: rohe Bretter lagen auf dem[441] nackten Boden, ungegerbte Tierfelle bedeckten sie und darauf war eine dicke Streu von dürrem Laub gehäuft. Hier bei uns hat kein Taglöhner ein so elendes Lager. Nun, ich war froh, daß wir wenigstens dies hatten und ich streckte meine totmüden Glieder recht bequem zur Ruhe aus. In der Nacht fuhr ich halb und halb aus meinem bleiernen Schlafe auf. Mir war, als hätte ich dumpfes Geräusch vernommen und tiefes Seufzen. Was gibt's! rief ich schlaftrunken. Sei ruhig! ich bin bei den glimmenden Kohlen; antwortet mein Weib und ich schlafe wieder fest ein. Mit dem Tage erwache ich und was muß ich sehen, hochwürdiger Herr! schwarz im Gesicht, steif gestreckt, liegt mein Weib tot am Boden – und in der Asche des Herdes eine zusammengeringelte Schlange! Neben mir stand ein Holzklotz, auf dem wir das Brennholz spalteten. Ich hob ihn auf und warf ihn mit aller Macht auf die Schlange, die er zermalmte, und dann hieb ich ihr mit der Axt den Kopf ab. So waren die Buben gerettet – aber mein liebes, frommes Weib war dahin, kläglich umgekommen, ohne Priester und Sakrament. Wir huben ein Geheul an, daß es die Steine hätte erbarmen mögen. Der Farmer kam und weinte mit uns. Er war kreuzbrav und sehr fromm, wie die meisten Irländer sind. Er sprach viele Gebete bei ihrer Leiche und, nachdem wir sie armselig verscharrt hatten, an ihrem Grabe; und er zimmerte ein Kreuz und steckte es darauf. Die Schlange hatte vermutlich halb erstarrt in ihrer Höhle unter der Erde und in der Nähe des Kamins gelegen, war durch das Feuer erwärmt und geweckt worden und hatte sich einen Ausweg gesucht, um in dessen Nähe zu kommen. Das geschieht nicht selten. Vermutlich hatte mein armes [442] Weib bei den glimmenden Kohlen das Untier gesehen. Hätte sie es ruhig liegen lassen, so wäre es vielleicht nach einigen Stunden ohne Schaden zu tun fortgekrochen; denn diese Art pflegt nur dann zu stechen, wenn man ihr irgendwie in den Weg kommt. Sie ist aber so giftig, daß der Mensch augenblicklich von ihrem Stich aufschwillt, stirbt und schnell in Verwesung übergeht. Wir glauben, daß mein armes Weib aus Angst um die Buben, die auf der anderen Seite des Kamins schliefen, den Kopf verlor und die Schlange zu erschlagen versuchte mit einem dicken Knüttel, den wir neben dem Herde fanden, und daß sie dadurch das Tier zum Stich aufreizte. So erkläre ich mir das dumpfe Geräusch, das mich weckte. Aber noch in ihrem Todesstöhnen dachte sie an mich und die Buben! Sei ruhig! sagte sie. Hätte sie mich geweckt, wie leicht hätten die Buben erwachen und Lärm machen und die gereizte Schlange uns alle in der Dunkelheit um's Leben bringen können. Sie war nun dahin, die gute Seele, und der liebe Gott schenke ihr die ewige Ruhe. Auf Erden hat sie nicht viel gute Tage gehabt – durch meine Schuld! Mein Farmer vermißte sie sehr und sagte mir eines Tages, es ging nicht gut im Hause ohne Frau; er müsse sich entschließen, ein Weib zu nehmen. Mir wurde das Herz ganz schwer bei dieser Rede! ich weiß nicht warum! aber ich konnte ihm nur denselben Rat geben. Er vertraute mir die Farm an, ritt von dannen und kam erst nach zwei Monaten wieder mit einer schönen jungen Frau und zwei Schwägern, stämmigen Burschen, die mich scheel ansahen und meine Buben noch mehr. Nach drei Tagen erkrankte die junge Frau und die Pocken brachen so furchtbar bei ihr aus, als sei sie nie geimpft [443] worden. Wer in der Wildnis krank wird, muß von selbst gesund werden oder sterben! Ärzte sind unerreichbar. Die Frau starb. Der Farmer hatte sie treu gepflegt und dabei das Pockengift eingesogen. Er wurde ebenfalls krank und starb in großen Qualen, der brave Mann; die Schwäger aber sagten, nun hätten sie die Farm geerbt und sie brauchten keinen Knecht mit drei Kindern. Sie gaben mir das Notwendigste, um nach New-York zurückzukehren und so stand ich denn im vorigen Spätjahr wiederum bettelarm vor der Türe des braven Pfarrers. Da konnt' ich aber die Last meiner Leiden und meiner Sünden nicht mehr ertragen. Der liebe Gott mußte sie mir tragen helfen. Ich erleichterte mein Herz durch eine reumütige Lebensbeicht und dann schrieb ich Ihnen, hochwürdiger Herr, und bat Sie um Reisegeld zur Heimkehr, und der brave Pfarrer schrieb Ihnen auch. Ehe das Geld aber ankam, ergriffen mich die Pocken und ich war so geschwächt von all' meinem Elend, daß die heftige Krankheit mich fast um all' meine Sinne brachte. Ich lag drei Monate im Spital, fast blind, halb taub, zitternd an allen Gliedern, und so bin ich denn, wie Sie mich jetzt sehen, aus dem amerikanischen Paradiese heimgekehrt.« –

Es wurden Stimmen im Hofe laut und Männerschritte ließen sich vernehmen. Wendel blickte mit seinen kranken Augen scheu nach dem Fenster und Levin stand auf, um zu sehen, was vorfalle. Da flog die Türe auf und die Bäuerin stürzte mit den Geberden höchster Verzweiflung in die Stube und schrie:

»Wendel! sie sagen, die Rose sei eben gefunden,[444] erstickt im Kohlendampf. O Jesus Maria! ist sie denn nicht in Amerika geblieben, Wendel!« –

Zwei Gerichtsdiener folgten der Bäuerin; die Buben drängten sich ängstlich herein und in eine Ecke; Regina eilte schreckenvoll zu Levin und umfaßte seinen Arm; Wendel rührte sich nicht; alle sahen gespannt die Gerichtsdiener an. Diese grüßten höflich Levin und der eine sagte zur Bäuerin:

»Heule Sie nicht, Frau, und komm' Sie mit uns. Ist Ihre Nichte wirklich in Amerika, so kann sie freilich nicht bei uns erstickt im Kohlendampf liegen. Da aber die Leute sagten, es sei die Wendelrose, die vor dritthalb Jahren mit ihren Eltern ausgewandert sei und wir möchten uns bei Ihr, Frau, Auskunft holen: so sind wir gekommen, um Sie mitzunehmen.«

»Wendel, hörst Du nicht!« schrie die Bäuerin ganz außer sich. »Die Leute sprechen ja, Deine Tochter sei da – aber tot.«

»Seine Tochter!« rief der Gerichtsdiener erstaunt. »Ist denn der Wendel auch aus Amerika zurückgekommen? Hätt' ihn nimmer erkannt! er sieht ja aus wie sein eigener Großvater. Nun Wendel, sprecht: kann das eure Tochter sein?«

»Gottes Mühlen mahlen langsam,« sagte Wendel stumpf, tat seine kranken Augen weit auf und blickte mit blödsinnigem Lächeln umher.

»Auch das noch! er ist irr!« ächzte die Bäuerin und fiel auf die Bank. –

Regina unterstützte sie und rief nach Essig und kaltem Wasser. Der Gerichtsdiener sagte ehrerbietig zu Levin, der den unglücklichen Wendel in seinen Armen hielt:

»Hochwürdiger Herr, reden Sie der Frau zu, daß sie mit uns gehe. Der arme Mann ist ja seiner [445] nicht mächtig. Vielleicht ist's auch nicht die Wendelrose. Die Bräuerin aus dem roten Ochsen kann sich ja irren. Man muß nur Gewißheit haben, ob Ja, ob Nein.«

»Hat die Bräuerin aus dem roten Ochsen gesagt, daß es die Wendelrose sei: so ist sie es;« nahm die Bäuerin mit schwacher Stimme das Wort; »denn die ist aus der Verwandtschaft meiner Schwägerin selig. Wer von uns zur Stadt geht, kehrt bei ihr ein. Die kennt die Rose wie ihr eigen Kind.« –

Man kam endlich dahin überein, daß die beiden ältesten Buben mit den Gerichtsdienern in das benachbarte Städtchen gingen. In einer Oberstube des Posthalterhauses lag auf dem Bette, völlig angekleidet und in einen schottischen Shawl gehüllt, eine weibliche Gestalt. Die Fenster des Zimmers waren geöffnet und die Türe verschlossen. Ein Gerichtsdiener hielt vor derselben Wache. Unten in der Wirtsstube drängten sich die Leute und besprachen das grausige Ereignis. Als die beiden Buben anlangten und die Treppe hinauf geführt wurden, wälzte sich ein Menschenstrom ihnen nach, und kaum öffnete sich ihnen die Zimmertür, so stürzten Beide mit dem Jammergeschrei: »Rosel! ach Rosel!« dem Bette zu. Nun wußte man, daß es die Wendelrose sei!

Das Gericht nahm ihren armseligen Reisesack in Verwahrung. Es fand sich darin kaum das Notdürftigste an Wäsche, ihr Paß, der vor einigen Tagen in London ausgestellt war, und ein kleines Buch von der Nachfolge Christi, in welchem der Name Kunigunde Windeck stand. In diese Hände war Regina's fromme Gabe an Florentin geraten!

[446] Tags zuvor in aller Frühe war aus dem Post-Omnibus, der zwischen Aschaffenburg und Miltenberg fährt, in diesem Städtchen ein junger Mann und eine junge Frau ausgestiegen, die man für Engländer hielt, denn sie sprachen englisch und trugen blaue Brillen. Er forderte ein Zimmer und Frühstück. Man hörte sie lebhaft, ja heftig sprechen – wohl eine Stunde lang. Dann ging der Mann fort und sagte zu der Magd in der Küche: wenn die Frau zu Mittag noch da sei, was er aber nicht glaube, so möge man ihr eine Suppe bringen. Sie war noch zur Mittagszeit da und die Magd brachte ihr etwas Essen. Sie lag auf dem Bette, hatte ihre blaue Brille abgelegt und die Magd bemerkte, daß sie furchtbar geweint habe. Gegen Abend ging sie aus und blieb ein paar Stunden fort. Als sie wiederkam, war es ganz finster und sehr kalt. Sie zitterte am ganzen Körper und begehrte Feuer im Ofen und einen Kasten voll Kohlen. Als die Magd das Feuer angezündet hatte und das Mittagbrot unberührt auf dem Tische sah, fragte sie, ob sie vielleicht warmes Abendessen bringen solle. Nein, war die Antwort, aber Bier; ich verschmachte vor Durst, denn ich habe ein Fieber. Als die Magd das Bier brachte, dankte sie ihr und schloß die Türe hinter ihr zu. Am anderen Morgen um neun Uhr war es noch immer ganz still bei der Fremden. Die mitleidige Magd horchte, klopfte leise an und versuchte die Türe zu öffnen. Alles blieb still. Sie wurde ängstlich, lief zur Wirtin und bat diese, die Fremde zu wecken. Aber umsonst. Die Stille war so unheimlich, daß die Posthalterin den Schlosser rufen und die Türe sprengen ließ. Kohlendunst erfüllte das Zimmer, denn die Klappe des Ofens war zugedreht – und die Fremde lag tot auf dem[447] Bette. Neben dem leeren Bierkrug lagen zwei Zwanziger auf dem Tische. Dies war das Ende der Wendelrose: Hoffart, die in Gemeinheit unterging; zuerst der Rausch der Sinnlichkeit, zuletzt der Rausch des Biers; – Schmach im Leben, Schmach im Tode. Abseits an der Kirchhofsmauer wurde sie in aller Stille beerdigt, und kein Priester sprach den Segen über ihrem Grabe. Als die Begebenheit bekannt wurde, erzählte ein Reitknecht: es sei an jenem Abend ein Frauenzimmer im Windecker Schloßhof erschienen und habe sich scheu umgesehen. Er habe sie für eine Art von Bettlerin gehalten und sie gefragt, ob sie den hochwürdigen Herrn zu sprechen wünsche. Nein! habe sie gerufen, den Priester will ich nicht! aber die Gräfin Regina! Auf seine Antwort, daß diese abwesend sei, habe sie sich gleich entfernt. Eine Stunde später sei Gräfin Regina angekommen; so daß er bei sich selbst gedacht habe: Schade, daß die arme Person nicht gewartet hat! – Noch da, gleichsam in ihrer letzten Stunde, bot ihr die göttliche Barmherzigkeit Versöhnung und Gnade durch seinen Priester an. Der hätte sie grettet an Leib und Seele. Sie schlug ihn aus; sie begehrte menschliche Hilfe; als sie diese nicht fand – ging sie unter an Leib und Seele. –

Florentin war verschwunden. Leichten Herzens ging er nach der Schweiz. Hatte er nicht das Äußerste für Rose getan und sie zurückgebracht auf die Schwelle ihrer Heimat, nachdem er sie dem Elend in New-York entrissen und seine Armut in London mit ihr geteilt? Um welchen Preis, das brachte er nicht in Anschlag. Es war ja ihr Wille, ihre Leidenschaft für ihn, welche sie zu seiner Sklavin machten. Sie war ja glücklich durch ihn, so lange er sie liebte – und daß er sie nicht ewig lieben [448] werde, hätte sie sich doch wohl vorstellen können. Er hatte ihr ja tausend Mal gesagt, das wahre Glück beruhe nur auf freiwilligen Verhältnissen und Neigungen und ersterbe in jeder Art von Zwang. Zwang des Herzens sei ein Verbrechen, ein Selbstmord, den der Mensch an seiner Liebe begehe; und weil die Ehe diesen Zwang auf zwei Leute für immer werfe, die vielleicht nach sechs Monaten gründlich gleichgültig für einander wären: so müsse man die Ehe verabscheuen. Mit dem allen war sie einverstanden gewesen, so lange er sie liebte – und dann plötzlich nicht mehr! Schwäche des weiblichen Kopfes, der jeder Logik unzugänglich ist, weil er von den falschen Schlüssen des Gefühls übermeistert und konfus wird, sprach Florentin zu sich selbst. Alle Frauen scheitern an ihrem Subjektivismus! Zur hohen objektiven Anschauung und Beurteilung großer allgemeiner Verhältnisse, denen man sich mit voller Kraft und Begeisterung hingeben muß, erschwingt sich keine! – nämlich keine Rosel. Die bleibt im Gefühl stecken .... und Punktum! – Aber das Gewissen ließ sich nicht ganz übertäuben. Wer steckte denn tiefer im praktischen Subjektivismus, nämlich im Egoismus, als er? In stiller Nacht, in den Augenblicken, welche dem Schlaf vorhergehen, wenn die geheimnisvolle Macht, die einen Riesen an geistigen und leiblichen Kräften in unsichtbare unwiderstehliche Fesseln schlägt, seine richtige oder falsche Logik durch das Einschlafen unterbrach: dann stiegen andere Bilder in Florentin's halbträumenden Gedanken auf. Ja! ihre Leidenschaft hatte sie zu seiner Sklavin gemacht; aber auf dem Bauernhof ihrer Eltern, auf dem Auswandererschiff, in dem Elend von New-York hatte er diese Leidenschaft [449] geweckt und genährt durch seine giftigen Lehren, seine verderblichen Ansichten. Warum hörte sie hin? warum nahm sie dieselben an? Ja, das war freilich ihre Schuld: sie gab Gehör dem Zischen der alten Schlange! Aber warum schmeichelte er ihr mit seiner Bewunderung, daß ein schlichtes Bauernmädchen eine so feine Fassungsgabe besitze, und warum ging diese Bewunderung mehr und mehr auf ihre Persönlichkeit über, und warum fand er einen solchen Reiz in der Wahrnehmung, daß ihr Herz, welches er so geflissentlich vom Glauben an Gott und an göttliche Gebote ablöste, ihn zu einem Gott machte, an den es glaubte? Ich bin kein Gott! rief Florentin aus seinen Bilderträumen sich aufreißend und wach schüttelnd. Ich bin kein Gesetzgeber für andere! warum glaubte sie an mich? warum folgte sie mir? – – Ein Grauen überfiel ihn, daß er die Verantwortung seiner Grundsätze und ihrer Folgen für sich selbst und für andere übernehmen solle; und doch wollte er behaupten, diese Grundsätze wären die einzig wahren, und an ihrer Verbreitung und Durchführung hänge der Fortschritt der Menschheit. Und immer, wenn er einschlafen wollte, kamen diese quälenden Vorstellungen. Sein eitler Triumph, als sie, alle weibliche Zurückhaltung verlierend, ihre Eltern floh und zu ihm kam – und für ihn arbeitete und sich abmühte, was ihr sonst ein Gräuel war – und für ihre Person mit dem Armseligsten sich begnügte, während sie sonst an eitlem Tand übergroßes Wohlgefallen hatte – und ihm nach London folgte und auch dort mit übermenschlicher Anstrengung zu jeder Arbeit, zu jedem Dienst bereit war, um ihr Leben zu fristen, damit sie ihm nur nicht zur Last falle und um wohl gar seinen Bedürfnissen[450] abzuhelfen! Und wie sein eitler Triumph bald verrauschte und überging in Widerwillen, ja, in grimmigen Haß, weil sie ihm fürchterlich zur Last fiel mit ihrer Person, mit ihrer Opferwilligkeit, mit ihrer Liebe, die er verachtete, weil sie sich mißhandeln ließ. Die Unglückselige, was sollte sie beginnen? Lieben muß das Menschenherz; dazu ist es geschaffen, dazu wird es von der Natur gedrängt, dazu geheiligt von der Gnade; das ist sein höchstes, irdisches und göttliches Gesetz. Aber die Unglückselige! sie hatte die Liebe zu Gott verlassen, den einzig ächten Quell jeder Liebe hienieden, welche Anspruch machen darf auf diesen himmlischen Namen; sie klammerte sich an die Kreatur, und umso fester, als sie keinen anderen Halt hatte – und das nannte sie Liebe. Mit einer Ausdauer, welche unter anderen Verhältnissen und um Gottes Willen geübt, die schönste Tugend und die lichteste Glorie des weiblichen Herzens ist, ertrug sie Florentins schneidende Behandlung, die Ausbrüche seines Zorns, seines Widerwillens, seine Vorwürfe über ihre lästige Gegenwart. Sie suchte sich unsichtbar zu machen, um ihm nur nicht in den Weg zu kommen. Sie wünschte gar nicht von ihm beachtet zu werden; und all' diese unsäglichen Ängste und Erniedrigungen nahm sie hin, damit er sie nur in seiner Nähe dulde und sie nicht ganz verstoße. Wenn er damit drohte, ja, dann geriet sie außer sich und in einen solchen Wahnwitz von Verzweiflung, daß er sich fürchtete. Hättest Du einen Hund, sagte sie, den Du nicht zu füttern brauchtest, würdest Du ihm nicht den Platz im Winkel Deines Zimmers gönnen? verlange ich mehr als ein Hund? In welchem Roman hast Du das gelesen? fragte er höhnisch. Sie hatte es allerdings in[451] einem Roman gelesen, den er ihr mit großen Lobsprüchen gegeben hatte. Aber sie schwieg, denn das hatte er vergessen. In seinen Träumen fiel es ihm wieder ein. Als Orest ihm in London die Hundertpfundnote gab, warf er ihr ein paar Goldstücke hin und sagte kalt: Iß Dich einmal satt! Sie tat es buchstäblich einmal. Das übrige Geld hob sie auf, um es ihm zu geben, wenn er später nichts mehr haben würde, wenn die Redaktionen der Journale seine Artikel unbenutzt zurückschickten und wenn es ihn langweilte, ungelehrigen Kindern Unterricht in der deutschen Sprache zu geben. Mit Frohlocken fand er zu Ende des Winters die kleine Summe auf seinem Tisch. Er fragte nicht, er dankte nicht; er rief nur: Jetzt reisen wir! Sie wagte nicht zu fragen, wohin? Er reiste mit ihr ab und fort bis zu jenem Städtchen, wo er ihr erklärte: hier könne sie sich zu ihren wohlhabenden Verwandten begeben oder sich anderweitig leicht ihr Brot verdienen, und hier trennten sich ihre Wege für immer; sie sei der Fluch seines Lebens und den möge er nicht länger mit sich herumschleppen. Sie bat und flehte; er drohte und zürnte. Da sagte sie, sie werde sich das Leben nehmen; er lachte – und ging von dannen. Aber in seinen halbwachen Träumen fiel ihm ein, daß sie das sagte, und er fuhr zähneknirschend auf: Bah! wollten sich alle Weiber aus Liebesgram ein Leid antun, so wäre die halbe Welt entvölkert. Und endlich schlief er denn doch ein. –

Der arme Wendel aber murmelte ununterbrochen.

»Gottes Mühlen mahlen langsam.« Das war der Gedanke, der sich am tiefsten seines Gemütes bemächtigt hatte und der ihm Stich hielt, als sein [452] von Leiden aller Art geschwächter Organismus unter dem letzten furchtbaren Schlag seine geistigen Fähigkeiten, sein klares Bewußtsein verlor. Seine brave Schwester gönnte ihm gern den Platz im Großvaterstuhl hinter dem Ofen im Winter – und im Sommer auf der Bank unter dem alten Birnbaum im Garten, wo die Bienen so munter summten. Im Hause tappte er still herum, tat nichts, sprach mit niemand. Seine Buben zog die Bäuerin ebenso rechtschaffen und fromm auf, wie sie ihren eigenen Sohn erzogen hatte, der ihr im Spätjahr eine liebe willkommene Schwiegertochter ins Haus brachte. Regina und Levin besuchten öfters den Bauernhof und seine guten Menschen. So wie Wendel Levin erblickte, pflegte er lebhaft auszurufen: »Gottes Mühlen mahlen langsam« und die Bäuerin pflegte betrübt beizusetzen:

»Ach, hochwürdiger Herr! hätte die arme Rosel das bedacht, so hätte sie Buße tun und vielleicht noch eine Heilige werden können.«

»Ja,« sagte Levin, »Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.«

[453]
Brautkränze

Hyazinth hatte das wunderbare Erbe angetreten, das niemand durch irdische Begabung beanspruchen und durch irdische Berechtigung in Besitz nehmen kann; das wunderbare Erbe, welches dem Auserwählten himmlische Begünstigung zuwendet, an die zugleich irdische Entsagung geknüpft ist, damit er eingedenk bleibe, daß diese höchste Gunst von oben komme und keine Naturgabe sei; Hyazinth hatte die Priesterweihe empfangen. In seiner zärtlichen Andacht zur Mutter Gottes wählte er den Tag Maria-Hilf, um seine Primiz, seine Erstlingsfeier des heiligen Meßopfers, zu begehen. Ganz Windeck war in einem Freudenrausch; sogar der Graf – obgleich er behauptete, er werde nur durch die übrigen mit fortgerissen, ihm blute eigentlich das Herz, da ja nun der gute Hyazinth in sein kaplanisches Elend hineingehen müsse. Dennoch tat er alles, um in seiner Weise das Fest zu verherrlichen. Das Schloß wurde von oben bis unten bekränzt, bewimpelt und beflaggt, die Böller aufgestellt, die ganze Verwandtschaft und Freundschaft eingeladen, die Kapelle glänzend geschmückt. Ein wunderschöner Kelch sollte sein Angebinde für Hyazinth sein. Die Baronin Isabelle, Regina und Corona hatten jede ein Meßgewand für ihn gestickt und Regina ihm den Kranz gewunden.

[454] »Denk' an mich, wenn Du ihn trägst und bitte Gott, daß ich bald einen ähnlichen Brautkranz tragen dürfe,« sagte sie, als sie ihm den Kranz reichte.

»Die heilige Gottesmutter vergißt Dich nicht,« entgegnete Hyazinth.

Es kamen viele Verwandte. Uriel fehlte nicht. Sogar Orest traf aus Mailand ein; Uriel hatte darauf gedrungen.

Am Tage Maria-Hilf trug die ganze Natur den bräutlichen Frühlingsschmuck; die Erde lachte im Blütenkranze des Mai und der blaue Himmel unter seiner Sonnenkrone. Die Schloßkapelle glich einer Blumenlaube mit Kerzenlicht durchwebt; der Altar war strahlend. Hyazinth im weißen, goldgestickten Meßgewande, den mystischen Brautkranz auf der reinen Stirn, ging zum Altar; neben ihm die mystische Braut, die ihm die brennende Kerze trug, ein kleines sechsjähriges Mädchen, die jüngste unter allen Verwandten. Levin und Pater Athanasius von Kloster Engelberg, Hyazinth's Beichtvater von Kindheit auf, assistierten. Ein wunderbares Fest! auf Erden wird es gefeiert, aber es gehört dem Himmel an. Die Weihe, das Opfer, der Gegenstand, die Bestimmung – alles ist himmlisch, alles ist Gnade, alles betrifft den übernatürlichen Menschen. Da wandelt ein Jüngling zum Altar, verliebt in die göttliche Liebe und dem geheimnisvollen Opfer, das seine gebenedeite Hand als reines und demütiges Werkzeug vollzieht, schließt er das Opfer seiner vollkommenen Hingebung an und da, wo der süße Wohlgeruch des heiligsten Blutes zum Throne Gottes emporwallt, da steigt auch aus der zartesten Blüte des Menschenwesens ein Arom von unirdischer [455] Lieblichkeit und Schönheit auf. Der Jüngling, der da zum Altare wandelt, der meint es ernst mit Gott – und Gott mit ihm. Gott hat ihn aus der Welt auserkoren und geheiligt; dafür soll er die Welt geheiligt an Gott zurückgeben. Er hat den Zuruf des Apostels im vollen Umfange verstanden: »Was droben ist, habet im Sinn; nicht was hienieden;« und deshalb wandelt er zum Altar, er selbst ein geschmücktes Opferlamm, um sich für jetzt und für immer mit seinem Opfer in das Opfer seines Gottes zu verabgründen, um – das Droben mit dem Hienieden zahlend – in die Gnadenwelt einzugehen, die der Priester der Menschheit vermittelt und durch die er der Fortsetzer des Erlösungswerkes, der Stellvertreter und Mitarbeiter Gottes ist. Eine Feier, die holdseliger und erhabener, rührender und großartiger wäre als eine Primiz, gibt es auf Erden nicht, denn nirgends sonst erscheint der Mensch in so idealischer Verklärtheit, nirgends sonst steht er auf so lichter Höhe des Tabor und nirgends sonst ist ihm ein Gethsemane so gewiß. Die Seelen lieben, die Christus geliebt hat, den Seelen dienen, denen er gedient hat, – das bringt Leiden mit, die er gelitten hat, und die leiden nur Seelen, die sich ihm verähnlichen.

Wie ein Engel, in demütige Anbetung Gottes versunken, ganz weltvergessend, ganz aufgelöst in die Gnadenfülle, die sich um ihn, in ihn, über ihn ausgoß, vollzog Hyazinth die Feier der heiligsten Geheimnisse, ohne sich auch nur einen Augenblick aus der Gegenwart Gottes zu verlieren. Mit heiliger Andacht und tiefer Rührung dienten ihm seine Assistenten, beide – Meister und Vorbilder seines inneren Lebens, beide – treue Glieder der [456] lehrenden und streitenden Kirche, beide – wohlgeübt in der Schule des Kreuzes, beide – betend, daß er gewürdigt werde sie zu durchwandeln. Levin sah so strahlend von seliger Freude aus, daß Regina den Greis Simeon zu sehen glaubte, nachdem er »das Heil Israels« geschaut hat und in Frieden heimzugehen wünscht. Stille Wonne durchschauerte sie bei dem Gedanken, daß diese beiden Erwählten, der Greis und der Jüngling, ihr die Hand reichten, um sie in die Chöre der Bräute Christi einzuführen. Ihrer Ängste und Versuchungen achtete sie seit jenem Gespräch mit Levin nicht mehr, als der Wandersmann, der einen hohen Berg ersteigen will, der Nebel achtet, die sich zuweilen um ihn zusammenziehen; er schreitet rüstig weiter. Wer »dem Lamme folgen will, wohin immer es geht,« muß die Siegespalme tragen, sprach sie bei sich selbst; und sie hatte Uriel mit der klaren Stille empfangen, die ihm deutlicher als tausend Worte sagte: Solo Dios basta.

Das heilige Opfer war dargebracht und der fromme Gebrauch vorüber, nach welchem sich die Andächtigen den Segen des Priesters, der seine Primiz gefeiert hat, geben lassen. Sie knien vor ihm nieder und er spricht, indem er ihnen die Hände auf das Haupt legt: »Durch die Auflegung meiner Hände segne dich der Vater und der Sohn und der heilige Geist;« und macht das Kreuzzeichen über sie. Frommer und lieblicher, aus tiefer Andacht zum heiligsten Fronleichnam entspringender Gebrauch! wie sollen die Hände nicht segensreich sein, die zum erstenmal so glücklich waren, daß sich unter ihrer Segnung die gnadenvolle Wandlung vollzog! Graf Damian, der sich noch nie um eine Primiz bekümmert hatte, weit weniger je dabei anwesend [457] war, kannte den Gebrauch nicht und wußte nicht, was geschehen solle, als seine Töchter, die Baronin und die übrigen Damen zum Altare vorgingen und dort niederknieten. Als er es aber gewahr wurde und die schlichten Worte hörte – und Hyazinth so demütig in seiner priesterlichen Würde – und die knienden Frauen so würdig in ihrer demütigen Unterwerfung sah: so ging ihm der Anblick dermaßen zu Herzen, daß er ebenfalls aufstand und vor Hyazinth niederkniete, vor dem Jüngling, den er sonst gar nicht an ders, als mit einem gewissen Gefühl von Mitleid und Protektion zu betrachten pflegte. Orest tat dasselbe – keineswegs aus Andacht oder Ehrfurcht, sondern weil er glaubte, das gehöre mit zu einer Primiz. Uriel verließ nicht seinen Platz; er war zu einem starren Abschluß mit Herz und Leben, nicht zu frommer Ergebung in den Willen Gottes gelangt; deshalb ging er auf keine Äußerung froher und gerührter Andacht ein. Er hielt sich knapp auf der Grenze des Schicklichen. Allein Hyazinth schien zu ahnen, was in seinem geliebten Bruder vorgehe, und er ging zu Uriel, legte ihm die Hände auf und sprach den Segen über ihn.

Am Abend ließ der Graf den Garten illuminieren und auf der unteren Terrasse ein prächtiges Feuerwerk abbrennen, welches Raketten und Leuchtkugeln wie fliegende Sterne zum Himmel hinaufschickte und in dem stillen Main das Rosen- und Silberlicht des bengalischen Feuers abspiegelte. Tausende von Menschen waren zusammengeströmt, um in Nachen oder von den Ufern aus an dem prächtigen Schauspiel sich zu ergötzen. Die Meisten dachten gar nichts dabei; sie gafften nur. Einige freuten sich aufrichtig, daß einer der Windecker [458] Grafen geistlich geworden sei und daß all' der Jubel zu Ehren seiner Primiz stattfinde; und andere fanden es unbegreiflich, daß man für eine Primiz solche Freudenbezeugungen verschwende, da sie ja den jungen Mann zu einem beklagenswerten Leben und zu einer beständigen Heuchelei verdamme. Ja, wenn's eine Hochzeitsfeier gewesen wäre – daran könnte man teilnehmen! aber eine Primiz!! – Regina sagte zu Hyazinth:

»Da Deinetwegen heute auf Erden schon solch Frohlocken ist, wie mag dann erst der Himmel jubilieren!«

»O Regina!« rief Hyazinth sehr bewegt, »nach ein paar Tagen oder Jahren kommt ein Stündlein, da ist alles ganz still auf Erden, denn ich liege auf dem Sterbebett und alle Freudenfeuer sind erloschen und es brennt nur meine Sterbekerze, die Brautfackel für's ewige Leben. Bitte für mich, daß alsdann im Himmel ein Jubilieren sei.«

Corona sagte, als man auseinander ging:

»Ach, wie schade, daß solche Tage ein Ende haben und daß man zuletzt äußerst prosaisch schlafen geht.«

»Ich meinesteils,« rief Orest, »fühle mich von der vierundzwanzigstündigen Rührung dermaßen erschöpft, daß mir jene Prosa höchst willkommen ist.«

Als nach einigen Tagen die gewohnte Ruhe und Ordnung wieder eingetreten war, begab sich Uriel zum Grafen und bat ihn, den Onkel Levin rufen zu lassen, da er ihnen beiden etwas mitzuteilen habe. Uriel war in dieser Zeit so ernst und abgeschlossen gewesen, daß der Graf ganz betroffen sagte:

»Onkel Levin? ja, sehr gern! aber Du wirst [459] doch kein wunderlicher Kauz sein und uns ankündigen, Du wollest geistlich oder Ordensmann oder dergleichen werden.«

»Sei ruhig, lieber Onkel, so hochfliegende Ideen hab' ich nicht,« entgegnete Uriel mit Bitterkeit.

»Ich müßte sie mir auch recht sehr verbitten und Onkel Levin würde gleichfalls keine Freude daran haben. Nun komm' zu ihm!« sagte der Graf und nahm vergnügt Uriel unter den Arm, denn er zweifelte nicht, daß es jetzt ein Brautpaar geben werde.

»Uriel will uns eine gute Nachricht bringen, lieber Onkel!« rief er, bei Levin eintretend.

Levin warf einen fragenden Blick auf Uriel und sagte liebreich: »Möge sie zur Ehre Gottes gereichen.«

Uriel nahm das Wort und sagte zum Grafen:

»Im vorigen Spätjahr machtest Du mir auf Stamberg einen Vorschlag, den ich in Erwägung zu ziehen versprach. Er betraf meine Verehelichung mit Corona, welche zur Erbtochter eingesetzt werden, während Regina die Freiheit erhalten sollte, ins Kloster zu gehen. Ich habe ihn während dieser langen sieben Monate überlegt und bin zu einem festen Entschluß gekommen, der Dir hoffentlich genehm sein wird, bester Onkel, und dessen Ausführung ich schon begonnen habe.«

»Und der wäre?« fragte der Graf gespannt.

»Ich trete Stamberg an Orest ab und er heiratet Corona.«

»O nimmermehr!« rief Levin schmerzlich.

»Und Du? was wird mit Dir?« fragte der Graf.

»Ich gehe nach Kopenhagen, wo man soeben ein Schiff ausrüstet, das eine Reise um den Erdball [460] machen soll. Es ist nicht auf Handel und Wandel dabei abgesehen, wenn er auch nicht ausgeschlossen wird. Man will der Reiseliebhaberei unserer Tage eine Weltumsegelung, und den Gelehrten, den Naturforschern, den Künstlern die Möglichkeit anbieten, den Horizont ihrer Wissenschaft und ihres Studiums durch eigene Beobachtungen und Anschauungen, und durch praktische Erfahrungen in Länder-, Völker- und Sprachenkunde zu bereichern. Ich bin nun freilich kein Gelehrter, kein Künstler und kein Tourist; aber ich werde die ganze Welt in lebendigen Bildern an mir vorüber ziehen sehen und werde vielleicht etwas entdecken, wofür es sich der Mühe lohnt zu leben, nachdem ich nicht für Regina leben kann. Im nächsten Monat reise ich ab und in zwei Jahren komme ich zurück: so lange dauert die Reise.«

»Uriel, ich glaube Du hast in Deinem Bergschloß den Verstand verloren!« rief der Graf und setzte sich zurecht, um eine lange Rede zu halten. Doch Uriel unterbrach ihn:

»Ich habe mich, mein Wollen und mein Können nach allen Seiten betrachtet und gründlich erwogen. Um freiwillig die schweren Verpflichtungen des Welt-und Familienlebens zu übernehmen, und sie mit einiger Geschicklichkeit und Ausdauer zu erfüllen, dazu könnte mich nur mein Herz bestimmen, meine Neigung, meine Liebe. Ich müßte ein Wesen an meiner Seite haben, bei dem ich sicher wäre, daß das Alltagsleben mit seinem Einerlei, seinen Forderungen, seinen Bedürfnissen, seinen Gewohnheiten, kurz mit seiner ganzen Wucht von Irdischkeit ein Gegengewicht fände in der Richtung auf Himmlisches, und in dem Streben, das Irdische mit diesem Himmlischen zu durchgeisten. [461] Mein Glück ruht nicht auf Geld und Gut; ruht nicht darauf, eine blinde Leidenschaft zu empfinden und einzuflößen. Lieben will ich – und geliebt sein, edel, rein, geheiligt: das ist mein Ideal von Glück, und hätte Regina mich lieben können, so hätte ich es mit ihr verwirklicht und dann keine Pflicht zu streng und keine Aufgabe zu schwer gefunden. Ohne Regina – ist aber die Last zu groß für meine Schultern, und da ich es weiß – lege ich sie nieder. Ich darf es. Stamberg kommt mir nicht eigentlich zu; es sollte ursprünglich eine Sekundogenitur sein und hat während eines halben Jahrhunderts dafür gegolten. Eine Laune der guten Großmutter wendete es zu unserer aller höchster Überraschung mir zu; mir, weil sie glaubte, Regina würde dann Herrin auf Stamberg. Aber Regina wird es nicht. Sie kommt nicht wieder dahin. Folglich hab' ich nicht das mindeste Anrecht an Stamberg, und freudig trete ich es an Orest ab, dem es nach Billigkeit gehört. Die gerichtlich notwendigen Schritte habe ich bereits getan. So kommt alles in's richtige Geleis – Orest in sein Erbe, Regina in's Kloster und Corona wird Erbtochter – oder Orest tritt auch für Windeck in die Rechte der Primogenitur ein.«

»Halt! mit nichten!« rief der Graf ganz außer sich. – »Das hängt von mir ab! ich nehme diese Veränderungen nicht vor. Willst Du Stamberg an Orest abtreten – gut! Willst Du die Welt umsegeln – gut! beides ist Unsinn, aber ich kann's nicht hindern. Willst Du Regina aufgeben – das ist verständig, denn sie läßt sich nicht überwinden und Zeit, Geduld und Mühe sind bei ihr verschwendet. Aber was Corona betrifft – hab' ich ein Wörtchen mitzureden. Sie heiratet binnen zwei [462] Jahren nicht, und kehrst Du heim von Deiner Weltumsegelung, so reden wir abermals von der Sache. Weißt Du, wie sie diesen Winter genannt wurde? ›Die Krone des Bundes‹ nannte man sie, symbolisch, als die schönste Person in Deutschland. Warum bist Du nicht nach Frankfurt gekommen? was kalmäuserst Du auf Deinem Odenwäldischen Bergschloß mutterseelenallein sieben lange Monate? Da muß man ja mit Gewalt melancholisch werden und das Leben verabscheuen, nämlich solch ein Leben zwischen Eulen und Raben! Sei kein Tor! führe Corona nach Stamberg und Du wirst bald aus einem anderen Ton sprechen. Bist so untröstlich um Regina, daß Du zwei Jahre der Weltumsegelung brauchst, um Dich zu fassen, so segle ab und komm' vernünftig wieder. Ich bin sehr froh, wenn ich Corona noch zwei Jahre behalte.«

»Lieber Onkel,« sagte Uriel entschieden und eine helle Glut flog über seine Stirn, »so wahr ich ein Windecker bin, ich heirate Corona nicht! sie ist Regina's Schwester und würde mich an die geliebte Regina erinnern. Das darf nicht sein!«

Der Graf setzte sich im Lehnstuhl zurück, ließ die Hände ermattet auf die Knie sinken und sagte tief niedergeschlagen zu Levin:

»Bester Onkel, haben Sie es gehört? Uriel fällt auch in einen Raptus von sublimen Gefühlen und will Corona nicht heiraten.«

»Ja, es gibt noch immer zarte Herzen auf der Welt,« entgegnete Levin.

»Was zarte Herzen!« fuhr der Graf auf. »Überspannte Gehirne gibt's – und die wuchern in meiner Familie! aber nun hab' ich's satt, nun schieb' ich einen Riegel vor. Diese Influenza soll [463] nicht weiter grassieren! Corona heiratet Orest, lieber heute als morgen – so wahr ich ein Windecker bin! Basta.«

Als Uriel erfreut seine Hand küßte, wendeten sich seine Gedanken aber wieder diesem, seinem Lieblingsneffen zu, den er seit so langen Jahren als seinen Erben und Schwiegersohn geliebt hatte, und er sagte kopfschüttelnd:

»Wenn Du aber nach zwei Jahren wiederkehrst – was willst Du beginnen? Aus der diplomatischen Karriere bist Du ausgetreten, Stamberg hast Du abgegeben. Also was bist Du, was hast Du dann? Sollte ich bis dahin sterben, so bekommst Du freilich Windeck mit allem, was dazu gehört, und damit kannst Du schon in der Welt bestehen. Aber ich sollte meinen, daß ich noch so zwanzig, dreißig Jahre leben und Kinder meiner Enkel sehen könnte.«

»Ich habe mir eine kleine Apanage vorbehalten, die der Besitzer von Stamberg mir alljährlich zahlen wird und die mir genügen soll.«

»Du hast aber immer wie der Sohn eines reichen Mannes gelebt!«

»Ja, bester Onkel, Dank Deiner Güte. Aber – so gewiegt zu werden im Wohlleben, so aufzuwachsen in allem Behagen, so zu genießen die Vorzüge des weltlichen Glücks – darin liegt ein Etwas, das die Entwickelung des inneren Menschen hemmt, seine sinnlichen Bedürfnisse ins Unglaubliche steigert und seine geistigen nicht befriedigt. Nie war die Welt in einem so rasenden Rennen nach eben diesem Zustande begriffen: Glücksgüter erringen und genießen ist ihr Ideal. Ein sehr brutales – man muß es gestehen! Darum ist sie denn auch selbst ungemein brutal unter [464] ihrem glatten, blanken Bildungsfirniß; oberflächlich der Verstand, schwach der Charakter, trüb das moralische Bewußtsein, lahm der Sinn für Höheres, Null – das Verlangen danach. Im kläglichsten Subjektivismus zerfällt die große Einheit der Menschheit, wie ein toter Körper in widerliche Atome sich zersetzt. Ich habe nicht wie ein Blinder und Tauber diese letzten verhängnisvollen Jahre durchlebt. Ich hab' mich umgeschaut, ich habe aufgehorcht; ich bin da gestanden, wo es genug zu sehen und zu hören gab. Eines ist mir klar: in ihrem tiefsten Grunde ist die Welt ratlos. Sie hat die Wahrheit nicht. Hinter all' der pomphaften Prahlerei mit Civilisation und Aufklärung, mir Wissensdurst und Freiheitsdrang, mit Völkerglück und Bildungsfortschritt liegt eine ungeheuere Leere. Bildungsfortschritt? – und die Gefängnisse, die Zuchthäuser, die Strafanstalten vergrößern sich mehr und mehr, und die statistischen Tabellen weisen nach, daß diese Vergrößerung nicht Schritt hält mit der wachsenden Zahl derer, für welche diese Anstalten bestimmt sind. Völkerglück? und das Proletariat und das Elend des Fabrikwesens wächst in monströser Progression. Freiheitsbedürfnis? und Niemand will das edle Joch der Selbstbeherrschung tragen, und jeder spricht sich das Recht zu, Selbstherrscher – über andere zu sein. Wissensdurst? – ja: freche Neugier und Forschungen auf der Oberfläche der Dinge und Erscheinungen. Aufklärung? – ja: Bankrott an gesundem Menschenverstand, an Sinn für Recht und Unrecht, an klarer Einsicht und Beurteilung der Verhältnisse und entschiedene Sympatie für jede Art von Marktschreierei und Charlatanismus. Civilisation? – ja: Eisenbahnen, Telegraph, [465] Schreibfedern, Papiergeld, Zeitungen, stehende Heere, Büreaukratie, Branntweinschenken, allgemeine Begier nach materiellen Freuden und Genüssen, allgemeines Mißvergnügen, weil sich Keiner auf dem Punkt befriedigt fühlt. So sieht es aus in der Welt! Weil sie die Wahrheit nicht hat, wird sie wehrlos sein, wenn der Umsturz kommt. Und er wird kommen, denn es ist unmöglich, daß die Fiktion oder, deutsch gesprochen, die gleißende Lüge dauernd die Menschheit beherrsche. Frei muß sie werden von der Lüge; dann kann die Wahrheit sie retten. Ich will suchen nach dieser rettenden Wahrheit und deshalb brechen, so weit ich vermag, mit der großen Lüge der Zeit, mit der Überschätzung von Geld und Gut.«

»Uriel!« rief der Graf, »Du wirst ja ein leibhafter Don Quixote: ziehst aus für Deine Dulzinea – Wahrheit!«

»Uriel!« sagte Levin, »wenn Du alles, was Du tun willst, aus übernatürlichen Beweggründen tätest und die Wahrheit mit dem Auge des Glaubens suchtest: so würde sich Dir ein seliges Leben erschließen, und – wenn nicht die Welt, so doch gewiß Deine Seele fände sicher ihren Rettungshafen.«

»Ich suche die Wahrheit, weil ich die Liebe verloren habe und weil ich ohne etwas Göttliches nicht leben kann,« sagte Uriel kalt.

»O sage doch: nicht ohne Gott leben kann!« rief Levin. »In ihm hast Du die ewige Wahrheit vereint mit der ewigen Liebe – und folglich das, was Deine Seele, was jede Seele begehrt.«

»Nicht doch!« sagte Uriel und blieb bei seiner abwehrenden Kälte; »wer nur mit dem Auge des [466] Glaubens sucht, verliert gar leicht die Liebe aus dem Gesicht und gerät auf Irrwege.«

Levin schwieg. Er hatte Mitleid mit diesem wunden Herzen. Der Graf sagte gelangweilt:

»Um auf die praktische Wahrheit, nämlich auf das wirkliche Leben zu kommen, Uriel: willst Du denn gar nicht heiraten? Auch ohne Stamberg bist Du als Windecker Erbgraf eine brillante Partie.«

»Hu! schrecklicher Gedanke, eine brillante Partie zu sein!« rief Uriel scherzend. »Da sehe ich im Vordertreffen die heiratslustigen Augen von hundert Komtessen – und im Hintertreffen die nicht minder heiratslustigen, aber im zweiten Grade, von hundert Mama's. Nein! da schlag' ich Chamade über den Ocean.«

»Wenn Du schon auf dem Punkt des Scherzes angelangt bist,« sagte der Graf, »so bleibt mir freilich nichts übrig, als die neuen Verhältnisse in Gang zu bringen, damit sie endlich einmal zum Abschluß kommen und damit jeder wisse, woran er ist. Ich bin von der langen Ungewißheit schon ganz morsch geworden.«

Orest wurde zuerst vorgerufen.

»Was geht hier vor?« rief er in seiner lustigen Weise. Warum seht Ihr so feierlich aus? Wollt Ihr mich in den Freimaurerorden aufnehmen! Papachen bist Du Meister vom Stuhl?«

Aber zum ersten Mal in seinem Leben wies der Graf entschieden Orest's Scherze zurück, eröffnete ihm die neue Lage der Dinge, durch welche nunmehr Orest der Stammhalter der Windecker werde und setzte hinzu, er hoffe alle Freude, die er durch Uriel und Regina nicht gefunden habe, jetzt doppelt durch Orest und Corona zu finden. Orest war mehr überrascht als erfreut. Der Gedanke, in die [467] Ehe zu treten, hatte ihm stets ganz fern gelegen und erschien ihm nur als eine Bürde und Schranke – besonders jetzt, da er in Judiths Zauberfesseln gefangen war. Indessen schmeichelte es doch seiner Eitelkeit, plötzlich zu solcher Geltung in der Familie zu kommen, eine viel eminentere Stellung in der Gesellschaft einzunehmen und ein so liebliches Mädchen wie Corona als Gattin heimzuführen. Er nahm sich vor, sich auf der Stelle in sie zu verlieben – was in der Tat recht leicht war – und erklärte sich dankbar einverstanden mit dieser Wendung seines Schicksals. Der Graf ließ die Brüder beisammen, die Hyazinth aufsuchten, während er mit Onkel Levin zu seinen Töchtern ging und während des Gehens sagte:

»Corona wird sich doch nicht weigern? was meinen Sie?«

»Armes Kind!« sagte Levin; »ich glaube, der frühere Besitzer von Stamberg wäre ihr lieber als der gegenwärtige.«

»O Gott!« rief der Graf, »nur nicht abermals eine unglückliche Liebe.«

»Das behaupte ich nicht,« entgegnete Levin, »dazu ist sie noch zu jung. Aber der Keim ist da.«

»Den wollen wir geschwind ausrotten! Die exaltierten Gefühle meiner Kinder machen mich ganz nervenschwach.«

Er trat bei seinen Töchtern ein und rief ihnen fröhlich zu:

»Nun, Kinder, kommt her und wünscht mir Glück! ich habe zwei Bräute unter meinem Dach! eine für den Himmel – das ist Regina, und eine für Orest – das ist Corona. Nun sind wir alle auf unserem Platz.«

Beide Schwestern erbleichten – Regina vom [468] Affekt der höchsten Freude, Corona von einem leisen Schmerz, der durch ihr Herz glitt. Sie hatte es sich wohl nie eingestanden und es war auch nie ein bestimmter Wunsch gewesen; aber unwillkürlich waren ihr liebliche Bilder vor die Seele getreten, als ob sie, an Reginen's Stelle, sehr glücklich auf Stamberg sein könnte; doch in diesen Bildern hatte Orest nie einen Platz eingenommen. Regina sank ihrem Vater zu Füßen, bedeckte seine und Levin's Hände mit Küssen und Tränen und sprach ihm Dank, Liebe und Freude in abgebrochenen einzelnen Worten aus.

»Also endlich hat es der Papa denn doch recht gemacht!« sagte der Graf mit dem Ausdruck inniger Zufriedenheit. »Es ging nicht anders! ich mußte erst die Standhaftigkeit Deines Entschlusses prüfen. Da Uriel und ich uns nunmehr überzeugt haben, daß Du eine uneinnehmbare Festung bist, so siedle Dich an auf Deinem Karmel! Ich hätte Dich vielleicht noch länger zappeln lassen, aber Uriel's Entschluß brachte alles in's Reine und macht jetzt meine Corona zum Trost meines Alters.«

Schweigend und mit niedergeschlagenen Augen hatte Corona sich in die Fensternische zurückgezogen. Als der Graf das Wort an sie richtete, schlug sie die Augen zärtlich zu ihm auf und zwei schwere Tränen fielen von ihren Wimpern.

»Kind, weine nicht!« sagte der Graf liebevoll; »Du gehst einer schönen Zukunft entgegen, Du machst uns alle glücklich und Orest wird Dich auf den Händen tragen.«

»Ach, ich möchte lieber noch etwas warten,« sagte sie schüchtern.

[469] »Larifari! das sagen alle jungen Mädchen. Spürst Du etwa auch den Klosterberuf?«

»Nein, lieber Vater, dazu bin ich nicht fromm genug,« erwiderte sie aufrichtig und unbefangen.

»Möchtest Du etwa in der Welt eine alte Jungfer werden?«

»Das wäre just nicht meine Liebhaberei,« sagte sie mit der Munterkeit ihrer siebzehn Jahre.

»Weshalb wolltest Du also warten? Ein Sprichwort sagt: Jung gefreit, hat niemand gereut. Deine selige Mutter war ein Jahr älter – und Orest's Mutter ein Jahr jünger wie Du, als sie heirateten. Also habe nur guten Mut. Du bleibst in der Familie, Du kommst in alte wohlbekannte Umgebungen – das erleichtert den Schritt.«

Nach ihrer Neigung fragte der Graf durchaus nicht. Er würde auch nichts anderes von ihr gehört haben, als daß sie für Orest schwesterlich gesinnt und immer bereit sei, die Wünsche ihres Vaters zu erfüllen.

Regina eilte in die Kapelle, zum Tabernakel ihres himmlischen Bräutigams – und ihrem äußerst irdischen wurde Corona vom Grafen zugeführt. Die Baronin Isabelle, die ihren Gatten kaum ein Jahr nach ihrer Verheiratung verloren und ihn schwärmerisch geliebt hatte, beurteilte den Ehestand nach den Erfahrungen ihrer eigenen Rosenmonde und fühlte grenzenloses Bedauern, daß Regina eines solchen Glückes verlustig gehe. Es tat ihr aber auch sehr leid, in Corona nicht die leiseste Spur der schwärmerischen Gefühle wahrzunehmen, in denen sie einst geschwelgt hatte, und sie sagte beängstigt, wie sie leicht war, zum Grafen:

»Bester Schwager, wenn nur Corona's Herz [470] mit Ihrer Wahl übereinstimmt! sie sieht so gewiß melancholisch aus, wie sonst nie.«

»Beste Isabelle,« unterbrach sie der Graf, »verschonen Sie mich mit melancholischen Beobachtungen, denn ich bin endlich einmal in Jubilo und mein Haus ist es mit mir. Solch' ein Bräutchen weiß nicht recht, was es für ein Gesicht machen soll, halb freundlich, halb verlegen; das nennen Sie melancholisch. Bedenken Sie doch, daß Corona, die von Kindesbeinen an den guten Orest gekannt hat, unmöglichstante pede in heftige Liebe zu ihm verfallen kann.«

»Das bedaure ich eben, weil ich nicht einsehe, wie sie ohne Liebe die schweren Pflichten, die ihrer harren, erfüllen soll.«

»Und ich justement nicht! Bei solcher gewaltigen Liebe sind gewaltige Enttäuschungen unvermeidlich und diese machen viel unglücklicher, als das bischen Liebe glücklich gemacht hat. Aber je weniger man erwartet, desto mehr findet man. Also trösten Sie Sich!« –

Corona ging inzwischen zu dem, an den sich alle wendeten, die Rat oder Trost suchten; – zu Levin, und fragte ihn mit großer Entschiedenheit:

»Nicht wahr, lieber Onkel, Orest ist doch ein guter katholischer Christ?«

»Gott sieht in's Herz, mein Kind! wir aber hoffen es.«

»In London ging er nie Sonntags mit uns zur Messe.«

»Vielleicht ging er zu anderer Stunde! Nicht selten ist es den Männern unangenehm, gerade von den nächsten Verwandten bei ihren Andachtsübungen beobachtet zu werden. Hier in Windeck fehlt Orest nie.«

[471] »Lieber Onkel,« sagte sie beklommen, »ach bitte, frage ihn doch, wie es mit seinem Glauben steht.«

»Es ist viel besser, wenn du selbst, liebes Kind, Dich darüber mit ihm aussprichst. Habt Ihr Euch erst in den höchsten Interessen zusammen gefunden, so ordnen und gestalten sich alle übrigen befriedigend.«

»Ich fürchte einen Ton anzuschlagen, der keinen Wiederhall findet!« rief sie schmerzlich.

»Welch' Mißtrauen, Corona!« sagte Levin und drohte freundlich mit dem Finger. »Es findet sich gewiß recht bald eine Veranlassung, um Dich darüber mit Orest auszusprechen, und ich hoffe, Du wirst dann beruhigt sein.«

Da trat Orest ein, um im Namen des Grafen zu fragen, ob Levin schon wegen der Dispense von der Verwandtschaft nach Rom geschrieben habe.

»Ich war damit beschäftigt, als Corona mich unterbrach,« entgegnete Levin. »Sage mir, Orest,« fuhr er fort, um ein Gespräch anzuknüpfen, welches Corona dann in ihrem Sinne fortsetzen konnte – »ist die Kapelle im Stamberger Schloß fertig? und hat Uriel vielleicht eine Messe daselbst gestiftet?«

»Ich weiß von nichts, lieber Onkel, von gar nichts – als daß ich unerhört glücklich bin! glücklicher noch wie Saul, der Sohn Cis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen und eine Krone fand; denn ich suchte nichts und fand doch eine Krone.«

»Du bist ja sehr belesen in der heiligen Schrift,« sagte Corona lächelnd.

»Laßt mich jetzt schreiben, meine Kinder!« unterbrach sie Levin und Corona sagte scherzhaft:

[472] »Komm' ein wenig auf die Terrasse mit mir, Orest! der Abend ist herrlich.«

Levin nickte ihnen freundlich zu und sie gingen hinab; Orest seelenfroh, endlich einmal mit seiner Braut allein zu sein, der er doch unmöglich vor allen Leuten sagen konnte, wie lieblich, wie reizend, wie bezaubernd er sie finde; und sehr geschmeichelt, daß auch sie mit ihm unter vier Augen zu sein wünschte, weil sie ihm vermutlich etwas Ähnliches zu sagen hatte. Sein Erstaunen war daher grenzenlos, als Corona sich auf einen Basaltblock an dem plätschernden Springbrunnen setzte, ihm mit ihrem lieblichsten Lächeln tief in's Auge sah und mit ihrer süßesten Stimme eindringlich fragte:

»Orest, wie steht es mit dem Glauben?«

Er prallte förmlich zurück vor Überraschung; doch schnell gefaßt rief er scherzend:

»Aber Krönchen, Du irrst im Wort! Du willst wohl sagen: Wie steht's mit der Liebe!«

»O nein! danach brauch' ich nicht zu fragen!« antwortete sie mit einem Anflug von Selbstbewußtsein, der sie so anmutig machte, daß Orest meinte, er habe nie ein holdseligeres Wesen erblickt, und am Rande des Bassins neben ihr niederkniete.

»Ah!« rief sie, »das ist gerade die Stellung, in der ich Dich haben will. Nun beichte! also: wie steht's mit dem Glauben?«

»Ich glaube, daß Corona ganz dazu geschaffen ist, angebetet zu werden, und ich bekenne, daß ich auf gutem Wege dazu bin,« entgegnete Orest.

»Laß uns nicht mehr scherzen, lieber Orest,« sagte sie sanft und ein milder Ernst trat in ihr Auge; »laß uns von dem Höchsten und Heiligsten reden, wie es sich geziemt. Sieh, ich habe öfter sagen hören, die junge Männerwelt unserer Tage [473] sei recht ungläubig, verachte die Lehren der heiligen Kirche, welche doch nichts anderes sind, als Gottes Gebote – und verschmähe die Sakramente, deren Ausspenderin die Kirche ist. Nun ist es Gottes Wille und der Wunsch unseres Vaters, daß wir in die Ehe treten. Nun mußt Du mir sagen, daß Du nicht zu der ungläubigen Männerwelt gehörst, sondern gläubig für wahr hältst, was die Kirche lehrt und gläubig hinzutrittst zu den heiligen Sakramenten. Verachtetest Du sie: so würdest Du ja auch die Ehe als Sakrament verachten und sie ohne die Mitteilung der Gnade Gottes schließen. Woher sollten wir dann aber die Zuversicht nehmen, daß unsere Ehe gottgefällig wäre, daß die göttliche Gnade uns beistehen werde? und wie könnte ich mich auf Dich verlassen, wenn Du Dich nicht auf Gott und seine Gnade verläßt?«

Diese tief wahren, einfachen Worte trafen Orest in seinem Gewissen. Er dachte an die bunte Kette von gottentfremdeten Freuden, welche sich durch sein Leben schlang, an die tausend Fäden, welche seine Seele umspannen und von denen auch nicht einer den inneren Menschen an Höheres knüpfte – an Judith, die eine unerklärliche Macht über ihn ausübte, eine Macht, die ihm so zauberisch lockend erschien, daß er, auf welchen Punkt der Zukunft er sein Auge heftete, überall in sie hineinschaute, wie in eine blendende Sonne. Wenn er an Judith dachte, so kam er sich in seinen gegenwärtigen Verhältnissen wie das Opferlamm seiner Familie vor, obzwar er eingestehen mußte, daß sein Opfer mehr ein Empfangen als ein Geben sei. Er empfing die schöne Braut, die große Herrschaft, das bedeutende Vermögen; aber er opferte doch sein ungebundenes, zwangloses Dasein. Freilich war mit Judith an [474] keine Ehe zu denken und er konnte doch unmöglich ihr zu Gefallen unter den gegenwärtigen Umständen ehelos bleiben und das alte edle Geschlecht der Windecker aussterben lassen. Und gab es nicht tausend Ehen, neben denen eine Judith stand? Ich muß mir das alles aus dem Sinne schlagen, Judith gar nicht wieder sehen und jetzt mein Bestes tun; dachte er bei sich selbst, während Corona sprach. Als sie schwieg und ihn fragend ansah, antwortete er:

»Ich wußte gar nicht, daß Du so enorm fromm wärest, Corona! aber das tut nichts. Fromme Frauen – allen Respekt! Ich werde Dich nie in Deiner Frömmigkeit irgendwie beeinträchtigen; Du aber mußt auch nie verlangen, daß ich in diesem Punkte genau mit Dir sympathisiere.«

»Ich verlange es nicht – ich hoffte es nur,« antwortete Corona traurig und sah dabei so lieblich aus, daß Orest ganz hingerissen ausrief:

»Du bist ja wahrhaftig ein kleines himmlisches Geschöpf, Dich zu grämen, weil ich nicht die Sakramente zu empfangen pflege.«

»Ah, Du empfängst nicht die Sakramente?« fragte sie.

»Nein,« sagte er unbefangen, »diese Gewohnheit habe ich nicht; aber in die Messe geh' ich – zuweilen.«

Corona stand von ihrem Basaltblock auf, warf einen Blick voll unaussprechlichem Ausdruck auf Orest und ging ernst und schweigend von dannen. Seine erste Bewegung war, ihr nachzueilen. Aber nein! sprach er zu sich selbst, ich rede lieber mit Onkel Levin und schütte ihm mein Herz aus. Ganz aufgeregt eilte er zu dem frommen Vertrauten aller verstörten Gemüter und rief:

[475] »Bester Onkel, ich bin im höchsten Grade betroffen! ich scheine Corona sehr betrübt und verletzt zu haben. Als es sich in unserem Gespräch herausstellte, daß wir nicht vollkommen harmonierten, sah sie mich an – mit einem Blick .... einem unbeschreiblichen, sagte kein Wort – und verließ mich.«

»Und wie entstand Eure Disharmonie?«

»Bester Onkel, es war ein unerhörtes Gespräch. Es steht gewiß einzig im Jahrhundert da, daß Verlobte, zum ersten Mal unter vier Augen, ein solches Gespräch führen!«

»Um welchen Gegenstand drehte sich denn dies merkwürdige Gespräch?«

»Um die Lehre von den Sakramenten.«

»Ah so! um die Lehre! – nicht wahr, um die praktische Ausübung dieser Lehre?«

»Richtig getroffen, lieber Onkel. Es ist doch wahrhaftig unmöglich, daß unsereiner in dem Punkt Schritt halten soll mit einem Geschlecht, das nicht nur das schöne, sondern noch ganz extra das fromme heißt! Der Soldat dient Gott in anderer Weise, mit Blut und Leben, in Gefahr und Ungemach, in Schlacht und Krieg. Da bekommt er denn ganz natürlich aus gewissen Gewohnheiten heraus.«

»Wenn ich nicht irre,« unterbrach ihn Levin, so werden die Soldaten pünktlich dazu angehalten, sich jeden Sonntag beim Gottesdienste und alljährlich zur österlichen Zeit zum Empfang der heiligen Sakramente einzusinden.

»Versteht sich, bester Onkel, das gehört zum Reglement!« rief Orest eifrig. »Ordnung muß sein und der Offizier muß sorgen, daß sie von den Mannschaften beobachtet werde.«

»Ich kann nicht glauben, daß sich das militärische[476] Reglement nur auf die Mannschaften beziehe; aber das weiß ich gewiß: das kirchliche Reglement macht keine Ausnahme für Offiziere, bei dem Leutnant angefangen, und bei Kaiser und Königen aufgehört, welche die obersten Anführer ihrer Heere sind. Und da Du so besorgt bist, das erstere aufrecht zu halten, mein' ich, Du könntest doch auch für das zweite etwas Eifer bewahren.«

»Wenn Du wüßtest, lieber Onkel, wie ungeheuer beschäftigt ich gerade immer in der österlichen Zeit war, wie ungeheuer viel Gedanken mir im Laufe eines einzigen Tages durch den Kopf wirbeln, so daß man gar nicht zur Besinnung kommt und das Aufgeschobene nicht mehr nachholen kann ....«

»So würd' ich Dir raten,« unterbrach ihn Levin, »all' diesen Ungeheuerlichkeiten auf eine Zeit Valet zu sagen und Dich als ein guter Soldat, der nicht bloß treu seinem Kaiser, sondern treu dem Herrn aller Kaiser dient – um das kirchliche Reglement zu kümmern.«

»Werde ich dadurch mit Corona meinen Frieden stiften?«

»Mit Corona auch; aber zuerst mit Gott, und das ist es eben, was Corona von Dir mit Recht verlangt. Liebe, Achtung und Vertrauen kann eine Frau nur zu dem Manne fassen, mit dem sie eine und dieselbe aus dem gemeinsamen Glauben entspringende Lebensrichtung hat. Ist diese Richtung bei dem einen Teile der Ehegatten unchristlich, so führt sie beide ins Unglück.«

»Unchristlich! ach, lieber Onkel, ich bin ein sehr guter Christ – nur nicht immer strikt kirchlich. Aber das mag wohl nur eine schlechte Gewohnheit sein; und kurz, um mit Corona – ich wollte sagen [477] mit Gott, meinen Frieden zu machen, will ich mein pater peccavi beten. Es ist wahrhaftig kurios, was man alles lernt als Bräutigam.« –

Corona aber nahm die Sache nicht so leicht, wie Orest, und tröstete sich nicht so schnell über seinen Mangel an strikter Kirchlichkeit, wie er es nannte. Sie erkannte, daß sein Glaubensleben unter dem Gefrierpunkt stehe und sie fühlte mit dem richtigen Instinkt des reinen Herzens, daß diese Kälte nicht die Folge von Orest's Tugenden sei. Nun, so muß ich Gott doppelt lieben! sprach sie zu sich selbst und trocknete ihre schönen Augen, die noch nie so bittere Tränen geweint hatten und die ihrem Vater gegenüber heiter sein sollten. Sie wäre gern glücklich gewesen, ihr junges Herz hatte unbestimmte Träume von Glück gehabt und Bräute pflegen ja glücklich zu sein; aber sie war es nicht! Regina war es. –

»Jetzt hast Du, was Du verlangst,« sagte Hyazinth freudestrahlend zu ihr.

»Und was Du schon besitzest,« erwiderte sie. »Ja, Hyazinth, jetzt beginnt das Leben schön für uns zu werden: jetzt beginnt das Leiden aus Liebe, das vollkommene Opfer ohne irdischen Trost.«

»Bist Du so leidensdurstig?« fragte er.

»O nein!« sagte sie; »mich will zuweilen große Furcht übermannen, daß ich von Euch allen auf immer getrennt sein soll, und das enge Menschenherz zittert und bebt vor dem nahen Opfer – und dennoch geht mir ein unsägliches Frohlocken durch die Seele; denn ich denke, Hyazinth, daß die Nahrung der Liebe hienieden im Leiden für Gott und mit Gott besteht – und liebe ich nur immer vollkommener – was frag' ich dann nach Leid!«

»Droben wird's anders sein, Regina! droben [478] nährt sich die Liebe von ihrer Seligkeit und die steigert sich in dem Maß, als wir im irdischen Leben gelitten haben.«

»Ich hörte einmal,« sagte sie, »die vollkommene Liebe dächte nie an die vergeltenden Wonnen der Ewigkeit und es sei ein jüdischer Handel, etwas zu geben und zu tun, um viel zu erlangen.«

»Das klingt ja ungemein erhaben und ist doch nur halb wahr,« entgegnete Hyazinth; »denn wenn die vollkommene Liebe gewiß niemals an eine Vergeltung denkt, die ihr in der Form dieser oder jener himmlischen Freudengenüsse ausgezahlt werden müßte: so ist es doch eben so gewiß, daß sie mit all' ihrem Denken und Empfinden, Wollen und Handeln, mit jeder Fähigkeit und Tätigkeit ihres Wesens zu jeder Zeit den Gegenstand ihrer Liebe umschlingt und die Kluft, welche das Gnadenleben vom Leben in der Glorie trennt, auch als Trennungsschmerz von dem göttlichen Geliebten empfindet. Der Uebergang in die Ewigkeit schließt diese Kluft, das weiß sie. Da gibt es keine Trennung, keine Schleier mehr. Da besitzt sie auf ewig, ungeteilt und unzertrennlich, nicht diese oder jene ewigen Güter, sondern das eine Gut, das Urgut, ihren Gott, den einziggeliebten, und in ihm – die Fülle der Seligkeit. Das ist kein niedriger Handel; denn um Gott zu besitzen, müssen wir das Ich fallen lassen. Wucher treiben können wir ebenso wenig mit der vollkommenen Liebe, als diese bestehen könnte ohne die beständige Sehnsucht nach Vereinigung mit Gott.« –

Zu Uriel, der mit kalter Abgeschlossenheit auf all' die bewegten Herzen sah, sagte Regina:

»Gott vergelt's, Uriel! ich weiß, daß ich des [479] Vaters Nachgiebigkeit Deinem großmütigen Entschluß zu danken habe.«

»Ich hoffe,« sagte Uriel finster, »daß Gott Dir vergelten werde, wie Du es verdienst: mit dem Kreuz – weil Du mein Herz gekreuzigt hast.«

»Sein Wille geschehe!« entgegnete sie sanft.

Immer zerschmolz ihm das Herz in unsäglicher Liebe, wenn er in ihres Auges klare Stille sah.

»Sieh'!« sagte er in verändertem Tone, »Du wirst gekreuzigt werden innerlich; denn das fehlt Dir zu Deiner Vollkommenheit. Also, Regina, wenn Du es wirst, so werde es für mich.«

»Wenn Gottes Wille mir Kreuz schickt, Uriel, so werd' ich es vereinigen mit dem Kreuz auf Golgatha. Christus litt nicht für Dich allein, nicht für mich allein! Er litt für alle, ohne Ausnahme, ohne Bevorzugung. In Seine Hände geb' ich mich ohne Rückhalt.«

»Deine Herzenskälte ist schauerlich!« rief er.

Sie lächelte und schwieg. »Ah, Du lächelst, als ob Du es besser wüßtest!« fuhr er fort. »Nun, wohlan, Regina, Du bist aufrichtig, also sage mir: hast Du eine Ahnung davon, wie sehr ich Dich liebe?«

»Ja!« sagte sie einfach.

»O dann,« rief er freudig, »werd' ich immer einen besonderen Platz in Deiner Erinnerung haben.«

»So lange es Gott gefällt!« erwiderte sie ruhig. »Ich habe zu viel in der Welt leben müssen, um nicht einige weltliche Eindrücke im Gedächtnis zu haben ....«

»Weltliche Eindrücke!« rief Uriel zürnend. »Du nimmst eine Liebe wahr, die so tief, so stark. so umfassend ist, daß sie mein ganzes Schicksal über [480] den Haufen – und mich selbst, Gott weiß in welche Bahn wirft – und das macht Dir einen weltlichen Eindruck!«

»Lieber Uriel,« antwortete Regina, »wir beide dürfen uns auf keine Erörterungen einlassen. Wir sprechen jeder eine Sprache, von welcher der andere nur einzelne Worte versteht; da sind denn Mißverständnisse ganz unvermeidlich – und die tun weh. Ich wiederhole Dir: Gott vergelt's! – und dabei wollen wir es lassen.«

»Wann wirst Du eingekleidet?« fragte er finster.

»Ich hoffe am Tage der heiligen Maria vom Karmel,« sagte sie mit strahlendem Blick.

»Deinen Kalender kenn' ich nicht!« entgegnete er hart. »Den Datum will ich wissen – um vorher abzureisen.«

»Ende dieser Woche gehe ich nach Himmelspforten, um, wie es üblich ist, einige Wochen in weltlichen Kleidern im Kloster zu leben. Finden die Oberen, daß ich mich ins Klosterleben schicke – und finde ich mich darin heimisch: so darf ich mein Noviziat und mit ihm die ernste und gründliche Prüfung meines Berufes beginnen. Die Einkleidung bezeichnet den Eintritt ins Noviziat; ich vertausche dann die weltlichen Gewänder mit dem geweihten Ordenshabit und empfange den weißen Schleier der Novizen. Hoffentlich findet diese heilige Handlung am 16. Juli statt. Erst nach einem Jahre werde ich zur Ablegung der heiligen Gelübde zugelassen und dann erhalte ich den schwarzen Schleier, der da bedeutet, daß die Ordensfrau tot und begraben für die Welt ist.«

»Und wenn sie es nicht ist, Regina?«

[481] »So betet sie, daß sie es mehr und mehr werde, Uriel.«

»Und wie lange betet sie so?«

»Lebenslang! denn das Stück Welt in uns muß täglich von neuem sterben.«

Jedes ihrer Worte tat ihm weh und doch wollte er immer sie hören und sehen, und sehen und hören, weil sie jenseits dieser paar Tage fürs Leben ihm verloren war. Die ganze Familie wollte Regina nach dem Karmelitessenkloster Himmelspforten bei Würzburg begleiten; nur Uriel nicht! er hätte das Kloster in Brand stecken mögen: so haßte er es. Corona war fast ebenso traurig, wie er. Häufig umschlang sie die geliebte Regina, legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte bitterlich.

»O,« sagte Regina zärtlich, »weine nicht um mich. Die Bräute Christi haben es besser, als die weltlichen Bräute.«

»Das fühl' ich nur zu gut!« seufzte Corona, »und doch kann ich Dir nicht nachfolgen.«

»Nein, Gott will es nicht! Deine Aufgabe ist, Dich in der Ehe zu heiligen – und Orest mit Dir.«

»Ich werde der Aufgabe erliegen!« jammerte Corona; »sie ist allzuschwer.«

»Sie wäre es, wenn Du mit Deinen menschlichen Kräften sie lösen solltest. Aber die Gnade des Sakramentes steht Dir bei und Deine Last trägt Gott ebenso gut mit Dir, wie er die meine mit mir teilt.« –

Der Graf war dermaßen erfreut über die Verheiratung der einen Tochter, daß er den Klosterberuf der anderen darüber verschmerzte. Was Uriel betraf, so hegte er die Hoffnung, die Weltumsegelung werde ihn von seinem Liebesleid herstellen [482] und dann sei es ja noch immer Zeit, sich nach einer passenden Partie für ihn umzuschauen.

Drei Wagen standen im Hof. Der eine sollte gen Westen fahren und die beiden anderen nach Osten. Um die Wagen, auf dem Perron in der Vorhalle des Schlosses war die ganze Dienerschaft versammelt und viele Leute aus den Besitzungen des Grafen, um von Regina Abschied zu nehmen. Man hatte zwar schon längst gesagt, sie sei so fromm, daß ihr Sinn nach dem Kloster stehe; der Graf wolle es jedoch nicht erlauben. Nun ging sie wirklich in das arme, strenge Kloster – die junge, schöne, reiche, liebenswürdige und geliebte Regina! nun verließ sie wirklich das Vaterhaus und die Familie und den jungen Mann, der sie anbetete! in welcher übernatürlichen Liebe zu Gott mußte das Herz entbrannt sein. Sie hatte in der Frühe zu Kloster Engelberg die heiligen Sakramente empfangen, Abschied genommen von der Gruft ihrer Mutter, von dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, von den frommen Patres, die ihre Seele gepflegt hatten; dann Abschied genommen von dem lieben Windeck, von jedem Zimmer im Schloß, von jedem Plätzchen im Garten, ach! und von der trauten Kapelle. Jetzt trat sie in Onkel Levin's Zimmer, bleich, verklärt, wie ein Geist, der – wie einst Ernest von ihr gesagt hatte – die Schwingen entfaltet zum Aufflug in die Heimat der Geister.

»Mein Herz stirbt, geliebter Onkel!« sagte sie leise und sank zu seinen Füßen nieder.

»Wohl Dir, teures Kind! in dem durchwundeten Herzen unseres Gottes findet es sein Leben wieder! Nimm nur getrost alle Kronen von Deinem Herzen ab, auch die der Kraft, auch die der [483] freudigen und stolzen Zuversicht; setze keine Grenzen Deiner inneren Verdemütigung und Selbstentäußerung – verlange auch die Dornenkrone nicht, denn das könnte Dich stolz machen; aber nimm sie selig an, wenn Dein Herr und Heiland sie mit Dir teilen will – und nun komm'! die Stunde ist da.«

Er segnete sie, hob sie von der Erde auf und sagte mit unaussprechlicher Zärtlichkeit:

»Nicht hier nehme ich Abschied von Dir. Ich gehe auch mit nach Würzburg. Ich will selbst das Kleinod meines Herzens im Schrein Gottes niederlegen.«

Sie verließen Levin's Zimmer. Da stand Uriel an eine Säule gelehnt.

»Regina!« rief er und trat ihr entgegen; »ist's denn wirklich ein Lebewohl für immer?«

»O nein, Uriel!« sagte sie gefaßt, »nur für die Erde – ein kurzes Lebewohl. Und dann: auf Wieder sehen, lieber Uriel!«

Sie ging vorüber mit Onkel Levin. Uriel folgte ihr gedankenlos. Wie durch einen Schleier sah und hörte er, was um ihn her vorging. Er hörte sprechen, er hörte weinen; er sah sich umringt von der ganzen Familie, die ihm tausend Liebes und Herzliches sagte und ihm glückliche Reise und glückliche Heimkehr wünschte. Onkel Levin sagte:

»Der Engel Raphael geleite Dich zu uns zurück.«

Das verstand Uriel, sonst nichts. Er antwortete auf alles ganz gedankenlos: »Ja, ja!«

Der Graf, Onkel Levin, Regina und Hyazinth stiegen in den ersten Wagen; die Baronin Isabelle mit Corona und Orest in den zweiten. Kinder [484] und junge Mädchen warfen den beiden Schwestern Blumen zu. Die Wagen rollten vom Hof.

»Dahin ist mein Glück!« seufzte Uriel. Er sprang in seinen Wagen, schloß die Augen und sein Kammerdiener sagte zum Postillon:

»Fort nach Frankfurt! von da geht's weiter nach Hamburg und rund um die Welt.«

[485][486][5]

Zweiter Band

Die Villa Diodati

Es war ein herrlicher Oktober. Dieser Monat ist der schönste am Genfersee, ist so sommermäßig, daß die Abende sogar noch warm sind, und verbindet damit die Vorzüge des Herbstes: gleichmäßige Witterung, klare Luft und einen unvergleichlichen Schmelz der Farben auf dem Gebirg und dem See. Die Villa Diodati, berühmt durch den Aufenthalt, den einst Lord Byron dort machte, liegt auf dem Ufer von Savoyen, eine Stunde von Genf, in einem terrassierten Garten, unmittelbar am See, der seinen strahlenden Spiegel wie eine lichtblaue, mit Goldfunken durchblitzte Emaille vor ihr ausbreitet. Auf dem entgegengesetzten Ufer steigen die Rebgelände des Waadtlandes auf, unterbrochen von Schluchten und Hügeln mit reicher Bebaumung und übersäet mit Städten, Dörfern, einzelnen Schlössern und Campagnen. Im Osten schließt das Hochgebirge des Walliserlandes den See ab, schickt ihm aber aus den gewaltigen Gletschern am Fuße der Grimsel und Furka die reißende Rhone zu, die im Westen, bei Genf, an dem Becken des See's im ungeduldigen Jugendmut herausbricht und sich ihre eigenen Wege sucht, hinab zur Küste des mittelländi [5] schen Meeres. Die Krone des See's und der ganzen Landschaft ist der gewaltige Montblanc; er liegt da wie ein weißer Marmorblock in einem Blumengarten.

[5] Es war gegen Abend; die Sonne sank und zog einen rosenfarbenen Schleier über alle Berge, während der ewige Schnee des Montblanc im feurigsten Rosenlicht aufflammte. Mitten auf dem See, da, wo man die volle Ansicht des Montblanc hat, schwamm eine Barke, leise gewiegt von den rieselnden Wellen, denn die Schiffer hatten die Ruder eingezogen. In der Barke saßen einige Männer und eine Frau. Sie hatte sich in einen weißen Burnus eingewickelt, der ihre hohe schlanke Gestalt hervorhob, nicht verhüllte, und dessen Kapuze über den Kopf gezogen. Sie blickte mit ihrem ernsten schwarzen Auge unverwandt auf den Montblanc und kümmerte sich nicht im mindesten um die Herren und ihre Gespräche. Zwei dieser Herren waren übrigens ebenso schweigsam wie die Dame, obschon sie nicht, gleich ihr, in den Anblick des zauberhaften Naturgemäldes versunken waren. Endlich sagte der eine zu ihr:

»Signora Giuditta!« – aber er mußte es wiederholen, bevor sie die Kapuze ein wenig zurückschob und, ohne nach ihm umzublicken, sagte:

»Was wünschen Sie, Graf Orestes?«

»Sie zu hören, da Sie uns das Glück nicht gönnen, Ihr Antlitz zu schauen.«

Als ob diese Aufforderung ihrer Stimmung einen Ausdruck gegeben hätte, begann Judith sogleich jenes Lied vom Wanderer zu singen, das durch Schuberts Komposition so berühmt geworden ist: »Ich komme vom Gebirge her – Es ruht das Tal, es rauscht das Meer.« Sie sang alle Strophen durch. Kein Atemzug war in der Barke zu hören; auch die Schiffer lauschten. Als sie zu Ende war, blieb alles still.

»Hat Ihnen das Lied nicht gefallen, Graf [6] Orestes, oder klingt meine Stimme tonlos über der Tiefe?« fragte Judith.

»Das Lied ist so fürchterlich melancholisch, daß man davon angesteckt wird,« entgegnete er.

»Ein deutsches Lied!« antwortete sie mit leichtem Achselzucken.

»Ganz recht, Signora!« rief der zweite der schweigsamen Männer; »ein deutsches Lied – das muß melancholisch sein! Deutschland hat nicht genug Stimmen, um zu weinen und zu klagen über seinen tiefen Verfall.«

»Warum ziehen Sie es nicht empor – Sie und Ihre Gleichgesinnten?« fragte Judith kalt. »Sie klagen über die mark- und tatenlose Zeit; aber was haben Sie denn aufzuweisen an Kraft im Willen und im Handeln?«

»Barrikaden, Signora!« erwiderte nicht der Gefragte, sondern statt seiner Orest mit scharfem Hohne. »Es gehört sehr viel Kraft an Leib und Geist dazu, um den Pferden eines Omnibus in den Zügel zu fallen – die bekanntlich so wild sind, als ob sie eben auf den Steppen der Ukraine eingefangen wären – um den Omnibuskutscher von seinem Sitz herabzureißen, der bekanntlich erhabener als ein Thron ist, um den Omnibus quer über die Straße zu werfen, mit der Intention, also sämtliche Throne Europa's in den Gassenkot zu schleudern, und um dann einen Fetzen, welcher Fahne der Freiheit tituliert wird, nicht eigentlich auf den zerschmetterten Thronen, wohl aber auf dem zerschmetterten Omnibus, dem Bollwerk der modernen Freiheit, aufzupflanzen.«

»Die Freiheit ist das Gut des Volkes!« rief der Verhöhnte schneidend zurück. »Schlimm genug, wenn Ihr sie im Gassenkot unberücksichtigt laßt, [7] anstatt sie aufzunehmen in Euren goldenen Sälen.«

»Müssen Sie denn immer wieder Streit anfangen mit Fiorino, Graf Orestes?« rief Judith.

»Aber, Signora, er ist ein ehrlicher Deutscher und heißt Florentin!« rief Orest. Tausendmal schon sagt' ich es Ihnen! Florentin Hauptmann heißt er.«

»Ach, ich weiß es ja sehr gut,« erwiderte sie gleichgültig. »Er ist ja seit drei Jahren mein treuer Sekretär und Geschäftsführer; allein der Name Fiorino gefällt mir besser und ist leichter auszusprechen. Setzen Sie nur Ihre Jeremiaden über Deutschland fort, Fiorino! ich finde sie ganz richtig. Ein englischer Schriftsteller hat die Deutschen ›ein Volk von Denkern‹ genannt. Ob er ihnen ein Kompliment damit machen wollte, weiß ich nicht. Mir aber fällt bei diesem ewigen deutschen Grübeln, Philosophieren und abstrakten Spekulieren der Prinz Hamlet ein mit seinem berühmten Monolog. Aller Tatkraft der Deutschen wird ›des Gedankens Blässe angekränkelt‹ – um mit besagtem Hamlet zu sprechen – und dadurch die Energie des Willens und die Originalität des Charakters gebrochen, welche beide die Basis der Tatkraft sind.«

»Welche Studien machen Sie über die Deutschen infolge von Florentins Jeremiaden!« rief Orest.

»O nein!« entgegnete Judith lächelnd, »die haben mit meinen Beobachtungen wenig gemein! Sie wissen ja, Graf Orestes, daß ich von jeher Studien der Menschen und Charaktere machte. Je älter ich werde, desto lieber und umfassender mache ich sie. Überdies gehören sie zur Bühnenkunst.«

[8] »Mir scheint aber,« sagte Orestes, »daß Ihnen durch diese Studien von Jahr zu Jahr mehr ›des Gedankens Blässe angekränkelt‹ wird.«

»Darin können Sie recht haben,« sagte sie abbrechend, – und dann zu Florentin: »Wie heißt sie weiter, Ihre Lamentation um Deutschland?«

»Einst war es groß, kräftig, mächtig!« rief Florentin. »Einst stand es an der Spitze der Weltbewegung, der Civilisation, des Fortschrittes. Einst lag es in seiner Hand, die Gesetze einer neuen Bildung unserem Weltteile vorzuschreiben. Es war bei seinen Gaben und Kräften das erste Volk der Erde. Aber von dem Augenblick an, wo es sich nur teilweise, nicht gemeinsam in die Bahn eines bis dahin unerhörten Fortschrittes schwang, da ging es in Splitter und seitdem verkommt es.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Judith. »Wenn ein Teil von Deutschland einen großartigen Fortschritt machte, so hätte er ja den anderen Teil mit fortreißen müssen, oder wenigstens, wenn das über seine Kräfte ging, allein zu einem glänzenden Resultate gelangen müssen.«

»Und gerade derjenige Teil von Deutschland,« rief Orest, »der nach Florentin's Ausdruck einen großartigen Fortschritt machte – oder, wie ich mich ausdrücke, Deutschlands religiöse und politische Einheit zerriß, durch welche es fast ein Jahrtausend an der Spitze der Civilisation gewesen war: gerade der Teil verband sich mit allen Völkern, welche gegen das alte großartige, macht- und kraftvolle Deutschland feindlich gesinnt waren – und mit allen Tendenzen, welche das Streben und Verlangen nach Einheit hintertreiben. Gerade der Teil hat mit seinem freien Forschen und freien Denken, mit seinen philosophischen und metaphysischen [9] Systemen und mit den tausend Scharteken, welche zum Apparat hoher Bildung und Wissenschaft gehören, dermaßen die Tatkraft des deutschen Volkes gelähmt und dermaßen seinem gesunden Sinne ›des Gedankens Blässe angekränkelt,‹ daß es wirklich teilweise in den gebildeten und halbgebildeten Schichten marklos geworden ist. Ob übrigens ein markloses Geschlecht ›ein Volk von Denkern‹ und im Stande sein könne, einen klaren Gedankenprozeß durchzumachen, bezweifle ich. Mir scheint, die Verwirrung der Begriffe stehe in üppigster Blüte, besonders auf dem Gebiete der sozial-politischen Theorien. Aber die Söhne Albions möchten nicht bloß Deutschland, sondern Europa – ja den ganzen Erdball in das Gebiet des Gedankens hinein schmeicheln, damit sich möglichst wenig Hände außerhalb Englands an die allerdings furchtbar gedankenlose Praxis der Baumwoll-Spinnerei und Weberei begeben.«

»Ich staune, Graf Orestes!« rief Judith. »Sie stehen ja ganz auf der Höhe des Jahrhunderts und halten Reden wie ein Kammermitglied, so daß alle Hoffnung vorhanden ist, auch Ihnen könne noch ›des Gedankens Blässe angekränkelt‹ werden! Aber jetzt beruhigen Sie Sich durch einen Blick auf den Montblanc.«

Die Sonne war nicht nur schon unter den Horizont hinabgesunken, sondern der westliche Himmel hatte bereits die glühenden Färbungen verloren, die aus lichtem Goldglanz in feuriges Rosenrot, dann in zarten Purpur und Violet allmälig verschwimmen, bis sie endlich zu einem bläulichen Duft verbleichen, der den ganzen Himmel umflort und der nur im Westen mit einem leichten, grünlich gelben Anhauch gemischt ist. Das Gebirg, das [10] allen Schattierungen des Sonnenunterganges und des Abendhimmels folgt und, wie ein Geschmeide von Topasen, Rubinen und Amethysten für den König der Erdgeister, prächtig und anmutig in glänzenden Farben aufstrahlt, wird ebenfalls in die bläuliche Umflorung gehüllt, welche vom Himmel zur Erde herabsinkt, nimmt jedoch durch seine Masse und Schwere ein stumpfes, hartes Grau an, das selbst die schwerste Wolke nicht hat, und sieht ganz tot und leichenfahl aus. In solchem Moment tritt zuweilen – und am häufigsten im Herbst – das wunderliebliche Alpglühen ein. An die totesstarren Spitzen des Hochgebirges mit ewigem Schnee fliegt plötzlich ein rosiges Licht und eine zauberhafte Illumination flammt auf zwischen Himmel und Erde. Die höchsten Spitzen der Schneeberge bilden über der grauen Tiefe und unter dem Grau in der Höhe eine Kette von rosigen Flammen oder von glühenden Rosen, die im Äther zu schweben und ohne Zusammenhang mit der Erde zu sein scheinen.

Dies wunderschöne Naturschauspiel fand so eben am Montblanc statt: seine drei eisgrauen Häupter strahlten im Rosenfeuer des Alpglühens. Das dauerte ein paar Minuten; dann sank das Feuer, verglomm mehr und mehr, die Schatten krochen aufwärts, nur eine Kohle glimmte noch auf der äußersten Spitze – nur ein Funke noch – nun erlosch auch der und das Gebirg trat in seine tote Starrheit zurück und die Schatten der Nacht machten es doppelt finster und kalt. Judith wickelte sich ströstelnd in ihren Burnus, wendete sich plötzlich zu den Männern hin und sagte:

»Meine Herren, warum ist die häßliche Erde zuweilen so wunderschön?«

[11] Einer der Herren, ein russischer Fürst, entgegnete verbindlich:

»Die Rätsel der Sphynx löst nicht jeder Sterbliche.«

Zwei Engländer, Vater und Sohn, wütende Touristen und geschworene Bewunderer aller Merkwürdigkeiten und aller Berühmtheiten, sagten aus einem Munde:

»Oh! Ah! No! very well

Ein junger Franzose rief lebhaft:

»Weil Sie, Signora, über die Erde wandeln.«

Florentin sagte: »Weil in den Stoffen der Natur auch diejenigen Kräfte liegen, welche im harmonischen Zusammenwirken die Schönheit bilden.«

»Was sagt Graf Orestes?« fragte Judith ihn; denn er schwieg.

»Er sagt nichts!« rief Orest ungeduldig. »Ich bitte, verschonen Sie mich mit solchem hohlem Gerede! Sie selbst sind ein solches Rätsel, daß Sie mir wahrhaftig keine neuen aufzugeben brauchen.«

»Nun aber müssen Sie uns auch die Lösung geben,« sagte der Fürst.

»Es war kein Rätsel, es war nur eine Frage,« erwiderte Judith; »und ich fragte ganz ehrlich, weil ich durchaus nicht begreifen kann, weshalb diese Erde, die ja weiter nichts als ein immenser Klumpen von Moder ist, in welchem alles Leben sich auflöst, weshalb und woher diese garstige Masse zuweilen eine Schönheit erhält, welche das Herz rührt und die Seele erschüttert.«

»Die ganze Schöpfung ist von Gott – die Natur, wie das Menschenherz,« sagte der junge Franzose; »und um dieses auch durch die Sinnenwelt [12] an Gott zu erinnern, nehmen die Werke der Allmacht zuweilen den Schmuck der Schönheit an.«

»Ah, Sie sind gläubig!« sagte Judith. »Es überrascht mich immer von Neuem, daß es für den Glauben eigentlich gar keine Rätsel gibt.«

»Man muß sehr genügsam sein,« rief Florentin, »um sich mit den Auflösungen zufrieden zu geben, die der Glaube gewährt.«

»Ich sage nicht, daß er die Rätsel löse; das ist Sache der Intelligenz, die sich bei diesem Bemühen tausendmal für inkompetent erklären muß, wenn sie aufrichtig ist – und das ist sie selten. Ich sage aber: es gibt kaum Rätsel für den Glauben. Er legt das, was für unsereins unverständlich und unbegreiflich ist, gleichsam in einen Lichtstrahl, der von der Hand Gottes ausgeht und im Wiederscheine dieses Lichtes sieht er klar.«

»Dann stände ja der Glaube höher als die Intelligenz,« sagte der Fürst, »und das kann doch nicht sein, denn er muß durch sie geprüft und gesichtet werden.«

»Vielleicht um ihn in seinen Äußerungen und Tätigkeiten zu regeln,« sagte Judith. »Mir scheint aber, als stehe wirklich die Fähigkeit des Menschengeistes am höchsten, die das Rätsel der Welt auf eine übernatürliche Einheit zurückführt.«

»Ah! Oh! No!« hub der jüngste Engländer an; »die Fähigkeit ist die höchste, welche Signora besitzen: der Zaubergesang.«

»Sie denken wohl, der Villa Diodati gegenüber, an Lord Byrons Zauberlied: ›When the moon is on the wave,‹« sagte Judith und rezitierte zum höchsten Entzücken der Engländer, worin der Russe und der Franzose pflichtschuldigst einstimmten, das Gedicht. Es war inzwischen ganz finster geworden [13] und aus den tausend Wohnungen rings an den Ufern flammten Lichter auf, diese stummen Zeugen und Zungen von Menschentreiben, Menschenunruhe, Menschenleid, Menschenglück.

Judith ließ die Barke der Villa Diodati zuwenden. Sie hatte sich dort für einige Wochen niedergelassen, um sich von der furchtbaren Anstrengung zu erholen, in den großen Opernhäusern Europa's als Primadonna das Publikum zu entzücken. Obschon sie auch in diesem idyllischen Aufenthalt nie allein war und Tag für Tag Besuche empfing, so führte sie doch vergleichsweise ein sehr ruhiges Leben, da sie von keiner Verpflichtung abhängig und Herrin ihrer Zeit und ihrer Beschäftigungen war. Letztere bestanden darin, daß sie stundenlang auf dem See fuhr, viel las, etwas sang und etwas auch mit ihren Hausgenossen – und mit den Fremden, den Bekannten und den Verehrern, die sie umlagerten, sich unterhielt. Ihre Hausgenossenschaft bestand aus ihrer Mutter, aus einem italienischen Musiker Namens Lelio, den sie bei ihren musikalischen Studien zum Akkompagnieren, zum Transponieren, dann zur Durchsicht von musikalischen Manuskripten, die man ihr widmen wollte, und von Opernpartituren, die sie auf die Bühne bringen und berühmt machen sollte – ganz notwendig brauchte; und aus Florentin, der ihre pekuniären Geschäfte und ihre offizielle Korrespondenz führte – zwei Dinge, die ihr ein Gräuel waren. Lelio und Florentin hatten sich zuerst bei der Revolution in Rom als feurige Gesinnungsgenossen kennen gelernt. Als aber die Beschäftigung in diesem Fache durch die momentane Rückkehr zur bürgerlichen Ordnung unterbrochen wurde, widmete sich Lelio wieder der Musik, bekam eine[14] Stelle im Orchester der Skala zu Mailand und lernte dort Judith kennen, die auf seine Brauchbarkeit schnell aufmerksam wurde, als sie zum ersten Mal nach Mailand kam, und ihn leicht bewog, eine Stellung in ihrer Umgebung einzunehmen. Sie fühlte damals, daß sie Jemand nötig habe, der firm in der italienischen Musik und Schule sei und den italienischen Geschmack gründlich kenne. Sie wußte, daß kein Beifall in Amerika und in England genüge, um ihr den gültigen Stempel einer großen Sängerin aufzuprägen, und daß die Sängerinnen erster Ordnung sich in Italien entweder ihre Bildung holen oder ihre Probe durchmachen müssen. Sie war fest entschlossen, eine Sängerin erster Ordnung zu werden, und versäumte nichts, was ihr dazu behilflich sein konnte.

Florentin war durch seinen verkehrten Freiheitstrieb eine Art von Vagabunde geworden. Er schweifte umher, er ging nach Amerika, er ging nach Europa zurück und nach England; er fand nirgends eine Stätte, nirgends einen Wirkungskreis, nirgends Ruhe. Seine innere Haltungslosigkeit machte ihn unfähig zu jeder beharrlichen und anstrengenden Tätigkeit. Die höchste Blüte menschlichen Hochmutes, der Subjektivismus, verschlang all' seine guten Kräfte oder vertrocknete dasjenige Erdreich seines Wesens, auf welchem sie sich gedeihlich hätten entfalten können. Für einen Menschen, der nichts kennt, nichts begreift, nichts will, als eine schrankenlose Entwickelung und Durchlebung seines Ichs, ohne andere Richtschnur als die, welche aus dem falschen System einer absoluten Freiheit entspringt, für einen solchen gibt es keinen Platz auf der Welt, so groß sie auch ist. Es flossen ihm freilich überall einige Unterstützungen aus den[15] Mitteln seiner Partei zu, die in Verbindung mit allen geheimen Gesellschaften und eigentlich nichts anderes ist, als deren in der Öffentlichkeit tätige rechte Hand. Diese Gesellschaften und Verbrüderungen, welchen Namen und welche Zeichen sie führen mögen, haben alle einen und denselben Hauptzweck: die Ausrottung aller positiven Religion – oder mit einem anderen und deutlicheren Wort: die Vertilgung der katholischen Kirche von der Erde. Aber nicht alle Mitglieder dieser Verbrüderungen legen öffentlich Hand an das Werk des Umsturzes und der Zerstörung. Das verbieten Verhältnisse und Rücksichten, Stellung und Charakter. Umsomehr sind sie bereit zu derjenigen Unterstützung, welche für alles, was einen Fortgang auf dieser irdischen Welt haben soll, mehr oder minder notwendig ist: sie spenden Geldmittel. Die Männer der öffentlichen Revolution sind gleichsam die Kriegstruppen der geheimen Revolution und werden als solche von dieser auf jede Weise unterstützt. Die einen werden zu Stellen und Ämtern befördert; die anderen er halten Jahrgelder, um Reisen oder Studien im Sinne der Aufklärung und des Unglaubens zu machen; noch andere werden besoldet als Journalisten und Verfasser von Tendenzschriften; wieder anderen macht man einen erstaunlich großen Ruf hinsichtlich ihres Wissens, ihrer Talente, um auf diese Art ihr Fortkommen zu begünstigen; und so wird diese Armee der Revolution in stillen Zeiten durchgebracht, um in unruhigen alsbald auf ihrem Platz und dienstbereit zu sein.

Florentin empfing also wohl einige Unterstützung, allein sie entsprach nicht seinen Bedürfnissen, noch konnte sie seinen Ehrgeiz befriedigen! daher [16] fühlte er sich mehr erbittert als verpflichtet, was von seinem kommunistischen Standpunkt aus nicht anders sein konnte. Nachdem er die unglückliche Wendelrose in ihre Heimat zurückgebracht und verschiedene Wanderungen durch Deutschland gemacht hatte, um den Stand seiner Partei nach so langer Abwesenheit zu rekognoszieren, ging er nach der Schweiz, deren Gletscher in einen Krater der Revolution verwandelt zu sein schienen, und stieß in Chamouny auf Lelio, der Judith's Kreuz- und Querzüge mitmachen und sie auf ihren Kunst- und Erholungsreisen begleiten mußte. Lelio freute sich sehr, seinen alten Genossen am Fuße des Montblanc wiederzufinden, nachdem er ihn am Fuße des Kapitols verlassen hatte – und da Judith einen gewandten und gebildeten Sekretär in ihrer Umgebung zu haben wünschte, der die neueren Sprachen geläufig schreibe, und da Florentin von Kindheit auf die praktische Übung dieser Sprachen hatte: so schlug Lelio ihn in der zwiefachen Eigenschaft seines Freundes und eines höchst brauchbaren Geheimschreibers ihr vor. Er ließ auch die Bemerkung fallen, Florentin sei ein Italianissimo, habe als solcher viele politische Verfolgungen ausstehen müssen und sei eines Ruhehafens recht bedürftig. Judith erwiderte mit ihrem kühlen Indifferentismus, Lelio wisse ja, daß sie sich für den politischen Fanatismus ebensowenig wie für den religiösen interessiere; daß sie aber gern einem Hilflosen, der brauchbar für ihre Absicht sei, einen Platz in ihrer Umgebung anweisen wolle, vorausgesetzt, daß er es verstehe, sich auf diesem Platz zu halten. Am anderen Tage bestieg sie den Montanvert und besuchte das große Eisfeld, das unter dem Namen mer de glace ebenso berühmt als sehenswürdig [17] ist. Florentin hatte sich seinerseits zur mer de glace begeben; und auf diesem Punkt, einem der interessantesten in Europa, ließ er sich durch Lelio einer der berühmtesten Frauen von Europa vorstellen, deren Schönheit und Genialität ihn versöhnte mit der untergeordneten Stellung, die er bei ihr einnehmen sollte. Hätte Graf Windeck ihm den Vorschlag gemacht, sein Privatsekretär zu werden: so hätte Florentin ihn mit der äußersten Verachtung zurückgewiesen; aber Privatsekretär bei einer italienischen Primadonna, das war etwas ganz anderes! sie gehörte zu den Celebritäten des Jahrhunderts, sie war ein großes Genie, und Florentin betrachtete jedes Genie als einen gekrönten Sprößling der Freiheit – einesteils, weil es die breitgetretene Bahn der Alltäglichkeit verlasse und eigene Wege einschlage; andernteils, weil es mannigfache Kämpfe gegen eingerostete Vorurteile und mit dem Stumpfsinn der unempfänglichen Masse zu bestehen habe. Da Florentin sich selbst als einen Freiheitssprößling ansah, der durch die Ungunst der Verhältnisse noch nicht gekrönt sei, so fand er eine gewisse Verwandtschaft seines Geistes mit allen großen Genies, wenn auch nicht in der Begabung, so doch in der Richtung. Judith war indessen mit seinem Benehmen und seinen Leistungen zufrieden und behielt ihn.

»Wie lebt man denn mit der Signora Judith?« fragte er seinen Freund.

»O sehr gut!« entgegnete Lelio. »Sie ist sehr ungeniert und gönnt Jedem seine Freiheit; sie behandelt alle Leute, die mit Huldigung, Verehrung etc. etc. zu ihr kommen, über einen Leisten – und Gott weiß, wernicht zu ihr kommt! Prinzen und Journalisten, Banquiers und Künstler, Neugierige und Touristen, Bettler und Krösusse! – [18] Sie nimmt, wie eine marmorne Göttin, jeden Ausdruck der Bewunderung an, möge er zu Tage kommen durch einen Blumenstrauß oder ein fades Gedicht, durch eine Liebeserklärung oder einen Diamantenschmuck. Zuweilen aber ist sie launenhaft, und dann nicht selten insolent.«

»Wer ist der primo amoroso?« fragte Florentin.

Lelio zuckte die Achseln bis zu den Ohren hinauf und stieß das unnachahmliche »Eh!« der Italiener aus.

»Du wirst doch nicht mit mir den Verschwiegenen spielen wollen?« rief Florentin. »Ich frage ja nur, um mich auf meinem Platz zu orientieren und um nicht in Verlegenheit zu kommen und zu bringen.«

»Niemand kann das verraten, was er selbst nicht weiß,« erwiderte Lelio kaltblütig. Als Florentin ihm aber mit spöttisch fragendem Blick in die Augen sah, gab er lächelnd zur Antwort:

»O nein! – Ich kann Dir nur sagen, daß ich mich um ihre intimen Verhältnisse gar nicht bekümmere und kann Dir nur raten, in dieser Beziehung meinem Beispiel zu folgen. Ein gemeines Weib ist sie nicht! aber ....« –

»Nun – aber?« rief Florentin gespannt.

»Aber vielleicht ein böses!«

»Bah! sie wird doch nicht mit Gift und Dolch umgehen?«

»Nein; doch mit eiskalter Koketterie. Sie verlangt große Triumphe. Leute wie Dich und mich beachtet sie gar nicht.«

Lelio's Aufrichtigkeit verdroß Florentin ungemein und er gab seine Fragen hinsichtlich Judith's aus Empfindlichkeit auf. Wie nun auch seine [19] eigenen Beobachtungen ausfallen mochten, er blieb ihr Privatsekretär und war bereits drei Jahre in dieser Stellung, als sie ihren Aufenthalt in der Villa Diodati nahm.

Judith's Schönheit hatte in dieser Zeit verloren und gewonnen; verloren – alle Frische und Weichheit der Jugend, allen Schmelz der ersten, unwiederbringlichen Blüte; gewonnen – eine gewisse tragische Ruhe in Ausdruck und Haltung. Sie schien beständig zu denken: Es ist nichts anzufangen mit dem Leben! ich weiß es aus Erfahrung! – –

Sie trat jetzt mit dem ganzen Schwarm ihrer Begleiter in den eleganten, hell erleuchteten Salon der Villa Diodati, wo Madame Miranes sie erwartete, und ihr entgegen rief:

»Lelio ist endlich zurückgekehrt!«

»O glückliche Nachricht!« rief der russische Fürst.

»Jetzt wird mir vielleicht die Wonne zu Teil ›Casta Dia‹ zu hören.«

»Bester Fürst,« sagte Judith, »ich begreife gar nicht diese Marotte. Sie haben ja unzählige Male die Norma gehört.«

»O welch ein Unterschied, sie zu hören auf der Bühne, als Oper und mit dem ganzen Publikum – oder im Salon, und gerade diese eine Arie! das ist ein Genuß, der nur wenigen Lieblingen des Glückes zu Teil wird.«

»Diese Sucht nach dem Besonderen ist eben das, was ich Ihre Marotte nenne,« erwiderte Judith.

Aber der Fürst fuhr fort: »Ich flehe Sie an, Signora, lassen Sie den Herrn Lelio rufen, daß er seinen Platz am Pianino einnehme und die ›Casta Dia‹ akkompagniere. Legen Sie Ihren Burnus nicht ab! er drappiert Sie unvergleichlich und bildet ganz ungesucht das Gewand der Druidin.«

[20] Da alle Herren die Bitte des Fürsten unterstützten, sagte Judith endlich zu Florentin:

»Hätten Sie wohl die Güte, uns den Lelio zu holen?«

Ein Sturm des Entzückens brach aus und der junge Engländer wurde gesprächig vor froher Erwartung und sagte:

»Von den Druidinnen, die in meiner Heimat Wales recht eigentlich zu Hause waren, erzählt die Sage: sie hätten Lieder von so wundersamer Schönheit gesungen, daß sie die Meeresstürme damit bezaubert und zur Ruhe gebracht hätten. Das fällt mir immer ein, wenn ich Signora Judith die Norma singen höre.«

»Nur mit dem enormen Unterschied,« fiel der Fürst ein, »daß die Signora Stürme erregt, nicht beschwichtigt.« –

Florentin trat so eben mit einem ganz verstörten Gesicht wieder ein und berichtete dem erwartungsvollen Kreise, Lelio lasse sich entschuldigen, er liege bereits im Bett.

»Desto besser!« sagte Judith und warf ihren Burnus ab. »Sie brauchen über dies Mißgeschick nicht fassungslos zu sein, Fiorino.«

»Aber ich desto mehr!« rief der Fürst. »Seit vierzehn Tagen bin ich hier festgehalten durch ...«

»Ihre Marotte!« warf Judith lächelnd ein.

»Gut also! durch meine Marotte; werde von einem Tag auf den anderen vertröstet: Wenn Lelio kommt! – Er kommt, der Unglückliche, und legt sich mitten im Tage – denn es ist ja wohl kaum sieben Uhr – legt sich zu Bett!«

»Morgen ist auch noch ein Tag,« sagte Judith.

»Nicht mehr für mich!« rief der Fürst klagend [21] aus. »Meine Paßerlaubnis ist bis zur äußersten Grenze abgelaufen; ich muß fort.«

»Welche Sklaverei!« rief Florentin.

»Nun ja,« entgegnete der Russe kalt, »ohne einige Sklaverei lebt sich's nicht auf dieser sublunarischen Welt. Ketten von Oben und Unten, von Innen und Außen sind unser aller Los. Der eine gehorcht dem Czar, der andere dem Volk, der dritte einem geheimnisvollen Alten vom Berge, der vierte einem schönen Augenpaar: Ketten allüberall! Nur ein Mensch ohne alle Beziehungen könnte sich ihrer entledigen; damit würde er jedoch aufhören, Mensch zu sein.«

»Dennoch ist es sehr hart,« rief unbesonnen der Marquis d'Avallon, »von solchen Beziehungen umsponnen zu sein, die für eine geringe Überschreitung polizeilicher Ordnung nach Sibirien führen.«

»Oder nach Cayenne,« entgegnete der Fürst mit seinem verbindlichsten Lächeln.

Madame Miranes machte es sich zur besonderen Aufgabe, allen Gesprächen, die eine scharfe Wendung zu nehmen drohten, die Spitze abzubrechen. Bei den vielen und verschiedenartigen Menschen, die zu ihrer Tochter kamen, wachte sie darüber, daß sich alles in Ruhe und Harmlosigkeit bewege und unterhalte, und daß vor allen Dingen nie eine politische Diskussion geführt werde, von der nichts zu erwarten sei, als Erbitterung für die Redner und Langeweile für die Zuhörer. Jetzt rief sie lebhaft:

»Was Sibirien und Cayenne! ich sage etwas ganz anderes! ich sage Clarens! wir wollen morgen mit dem Dampfboot eine Exkursion an das [22] Waadtländische Ufer machen und in Clarens die ›bosquets d'Héloise‹ durchwandeln.«

Alle gerieten wieder in gute Laune. Marquis d'Avallon sagte triumphierend, der Genfersee trage eine wahre Krone von berühmten Namen; aber die glänzendsten unter diesen gehörten doch der »großen Nation« an: Voltaire, Rousseau, Madame de Staël. Dagegen behaupteten die Engländer, Lord Byron mit seiner schwunghaften Poesie überwiege bei Weitem die beiden Letzteren, und Gibbon's skeptische Intelligenz dürfe sich mit Voltaire messen.

»Das Schloß von Chillon hat durch Lord Byron gleichsam eine unsterbliche Seele bekommen,« sagte der junge Engländer.

»Rousseau hat dasselbe für Clarens getan,« versetzte der Franzose.

»Welches Land schickt denn jetzt seinen kostbarsten Edelstein für die Krone des Leman?« wendete sich der Fürst an Judith.

»Mein Vater war ein Spanier,« antwortete sie, »und meine Kindheit verlebte ich in Cadix.«

»O herrlich!« rief Florentin. »Diese großen Genies, die sämtlich für das höchste Gut der Menschheit, für die Freiheit, schrieben und wirkten, haben nicht bloß ihren Schatten und ihren Namen an diesen Ufern zurückgelassen. Der Genius der Freiheit, der jetzt über der Schweiz sein Banner schwingt, ist hervorgegangen aus ihren Mühen, ihren Anstrengungen, ihren Studien, ihren Nachtwachen. Wahrlich, sie verdienen die Pilgerfahrt zu den Stätten, die sie unsterblich gemacht haben. Aber wenn der Erinnerung Rousseaus in Clarens gehuldigt wird, und Voltaire's in Ferney, der Frau von Staël in Coppet, Gibbon's in Lausanne und Lord Byron's auf dem ganzen See: so ist doch auch[23] Vevay nicht zu vergessen. Dort ist das Grab eines Mannes der Tat, eines politisch großen Mannes.....« – –

»Oh! No!« unterbrachen ihn die Engländer, Vater und Sohn, die ihr Reisehandbuch auswendig wußten.

»Wer war der Mann?« fragte Judith gespannt.

»Es war Ludlow – einer jener Männer, die Carl von England auf's Schaffot schickten.«

»Wir sind Whigs,« sagte der alte Engländer, »aber wir lieben nicht das Schaffot für die Könige.«

»Ein sehr guter Geschmack, Mylord!« versicherte Madame Miranes. »Der Signor Fiorino hat Sympathien, vor denen man schaudert.«

»Ich meinesteils,« sagte Judith, »schaudere vor all diesen prunkhaften Sympathien mit Leuten, die doch weiter nichts getan, als eine Masse Bücher in die Welt geschleudert haben, welche von Millionen, ohne den mindesten Nachteil für Leib und Geist – nicht gelesen – hingegen von Tausenden zu ihrem größten Schaden gelesen werden. In die Bewunderung des Genies legt man eine lächerliche Übertreibung.«

»Aber was soll man bewundern, wenn nicht das Genie – diese göttliche Flamme des menschlichen Geistes!« rief der Fürst verwundert.

»Das ist es eben,« entgegnete Judith, »man weiß nicht, was man bewundern soll, und deshalb verfällt man auf diesen Kultus, bei welchem unausbleiblich ein paar Weihrauchkörner für den Adoranten selbst abfallen, indem sich jeder – versteht sich in tiefster Stille des Herzkämmerleins – eine gewisse Ähnlichkeit oder Beziehung, oder Verwandtschaft mit dem Genie zuspricht.«

Der junge Franzose, der bei der Wasserfahrt gesagt [24] hatte, die Schöpfung sei das Werk Gottes, besann sich, ob er nicht einen Mann nennen solle, der gleichfalls an dem Ufer dieses Sees, in dem kleinen Städtchen Thonon, in großer Mühsal und Demut seine glorreiche Laufbahn begann und von dessen Schriften das Gegenteil von Judiths Behauptung galt: denn es ist ein Schaden für die Seelen, die Werke des heiligen Franz von Sales nicht zu kennen. Aber wenn sich auch der französische Mut bis zu der Verwegenheit erhob, Gott als den Schöpfer der Natur zu bekennen, so ging er doch nicht so weit, um auf Gottes übernatürliche Schöpfung, die Gnadenwelt – und auf deren übernatürliche Genie's, die Heiligen – Judith mit ihrem ungestillten Bewunderungsverlangen hinzuweisen. In der Gesellschaft von zwei Jüdinnen, zwei Hochkirchlern, einem Russen und einem Kommunisten den heiligen Bischof von Genf als überebenbürtig von Voltaire und Gibbon zu nennen – nein! zu dieser Großtat des Glaubens erschwang der Marquis d'Avallon sich nicht und er, der einzige, der von dem großen und liebenswürdigen Heiligen hätte sprechen können, er nannte ihn nicht.

Endlich empfahlen sich die Herren und begaben sich nach Genf zurück. Als Judith mit ihrer Mutter allein war, sagte sie zu Florentin:

»Was ist denn dem Lelio widerfahren? Sie kamen ja in einem entsetzlichen Zustand von ihm zurück.«

»Das wird er Ihnen selbst sagen!« brach Florentin aus. »Mir fehlen die Worte, um eine solche Schmach zu bezeichnen.«

»Hat er gestohlen?« rief Madame Miranes beängstigt.

[25] »Oder ein anderes Verbrechen begangen?« fragte Judith, ihrerseits beunruhigt.

»Er hat gebeichtet!« sagte Florentin dumpf.

»Nun, was denn?« fragte Madame Miranes neugierig. »Hat er Ihre oder seine Geheimnisse ausgeplaudert?«

»O Gott! Sie verstehen das nicht!« rief Florentin ungeduldig. »Er ist ein Apostat der Gewissensfreiheit geworden! er ist zum Kreuz zurückgekrochen! er hat das Joch der Pfaffenherrschaft auf seine Schultern genommen! Ha! so sind diese Italiener: unzuverlässig bis in's Mark hinein!«

»Aber, bester Fiorino, weshalb wüten Sie so?« sagte Judith gelassen. »Sie predigen ja Gewissensfreiheit für jedermann. Nun, so lassen Sie doch auch dem armen Lelio das Recht, die Freiheit seines Gewissens zu wahren und zu üben, wie es ihm zusagt.«

»Wenn es ihn von der Sache der allgemeinen Geistesbefreiung abtrünnig macht – nein! und abermals nein!«

»Das ist leeres Gerede! warum soll er seine Idee von Freiheit der Ihren – oder der Idee von Millionen opfern? Wo ist das Richtige? wo ist die Wahrheit? wer bürgt dafür? auf diesem Gebiet beweisen große Zahlen gar nichts! Millionen können irren und einer kann ihnen gegenüber das Rechte und Richtige verteidigen und die Wahrheit behaupten. Also nicht über Lelio hergefallen, mein Bester!«

»Sie sind ein großes musikalisches Genie, Signora,« rief Florentin empört, »und haben überhaupt manche eminente Fähigkeit. Geht Ihnen aber nicht das wahre Licht der Erkenntnis auf und bemühen Sie sich nicht, für dasselbe zu wirken – [26] was einer geistreichen Frau in einer bewunderten Stellung so leicht ist – so werden Sie nie mitzählen unter den Größen des Jahrhunderts.«

Er stürmte hinaus und Madame Miranes sagte:

»Das fehlte noch! eine Barrikadengöttin für den Signor Fiorino! Liebes Kind, ich habe andere Wünsche für Dich. Du hast jetzt ein großes Vermögen und eine große Berühmtheit erworben; es wird nun Zeit, an eine glänzende Heirat zu denken. Wie gefällt Dir der russische Fürst?«

»Gar nicht,« sagte Judith trocken.

»Es wäre doch nicht übel, Fürstin – – wie heißt er denn eigentlich? – zu werden. Nach so vielen Theaterkronen würde sich eine solide Fürstenkrone gar passend auf Deiner Stirn ausnehmen und Dein Streben wahrhaft krönen.«

Madame Miranes küßte die Stirn ihrer Tochter und verließ den Salon. Judith legte sich matt in einen Sessel zurück und sagte halblaut:

»Welch' eine Menagerie – von Menschen umgibt mich!«

Da öffnete sich die Balkontüre, die Vorhänge rauschten und Orest trat in den Salon. Judith sah ihn befremdet an und sagte:

»Was fällt Ihnen ein, Graf Orestes! wir sind beide zu alt, um Versteckens zu spielen.«

»Ich spiele nicht, Signora,« erwiderte Orest und setzte sich ihr gegenüber; »und ich wünschte sehnlichst, daß auch endlich einmal das Spiel von Ihrer Seite aufhören möge.«

»Zu dieser, wie es scheint, höchst ernsten Unterhaltung – denn Sie sehen finster wie die Nacht aus – wollen wir doch eine gelegenere Stunde [27] wählen,« sagte Judith und wollte aufstehen. Aber Orest ergriff ihre Hände, hielt sie fest und sagte:

»Mit nichten, Judith! glauben Sie, ich hätte drei Stunden auf dem Balkon gewartet, um mich jetzt fortschicken zu lassen? um Sie morgen wieder nicht allein, sondern in Ihrer Menagerie zu finden? um von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, in der immer gesteigerten Qual der Ungewißheit zu verharren? Nein, Judith! das geht nicht mehr! Sie müssen mir Rede stehen.«

»Gut!« sagte sie, schob ihren Lehnstuhl zwei Schritte zurück, legte die Arme über einander und sah ihn an mit ihren wunderschönen, wie schwarze Diamanten glänzenden Augen, über welche lange Wimpern einen zarten, dunkeln Schleier warfen. Sie sah bezaubernd aus.

Orest betrachtete sie eine Weile, drückte dann heftig beide Hände vor's Gesicht und sagte halbleise:

»Judith! .... ich liebe Dich!«

»Darauf hab' ich nichts zu antworten!« sagte sie.

»Ha!« rief er, sprang auf und stampfte wild mit dem Fuß auf den Boden; »wenn Sie nicht darauf antworten können, so dürfen Sie es auch nicht anhören.«

»Wer hört es nicht gern, das süße Wort von der Liebe?« entgegnete Judith mit so weichem Ausdruck in Ton und Blick, daß Orest wieder gefangen und entwaffnet wurde und zärtlich bat:

»Aber das Wort werde erwidert, Judith!«

»Ich bin von wenig Worten, Graf Orestes, das wissen Sie ja längst.«

»Wie Sie mich foltern!« rief er.

»O armer Martyrer der Liebe,« entgegnete sie lächelnd.

[28]

»Und wenn ich des Martertums überdrüssig werde?«

»So verleugnen Sie mich!« sagte Judith in einem Tone, der mit tausend Schlingen sein Herz umspann; »aber erwarten Sie nie von mir, daß ich je zu Ihnen von Liebe sprechen könnte! Dadurch wird das Weib des Mannes Sklavin; er weiß sich geliebt – und triumphiert. Das Weib hingegen findet keinen Triumph in der Gewißheit, geliebt zu werden – sondern ein Glück. Er kann sprechen; schweigen muß sie.«

»Bis auf einen gewissen Punkt können Sie recht haben. Allein das Schweigen darf nicht lange genug währen, um Zweifel zu wecken.«

»Graf Orestes! ich habe Ihnen einmal vor Jahren ein Wort gesagt. Wissen Sie es noch?«

»Ob ich es weiß! ob es mir nicht Tag und Nacht das Herz durchklingt! Judith! Alles für alles – so lautete das Wort.«

»Das ist doch gewiß klar und verständlich; und Sie haben es dennoch mißverstanden. Als Sie zuerst in Mailand um meine Liebe warben, da sprach ich: Alles für alles! – und Sie? was taten Sie, Graf Orestes? – Sie gingen hin und vermählten sich mit Ihrer schönen Cousine. Kaum waren die Flitterwochen vorüber, so lagen Sie wiederum zu meinen Füßen. Konnte ich anders, als diese – Liebe kann ich unmöglich sagen! – als diese Sorte von Liebe tief zu verachten? Wer auf die Zusage: Alles für alles – so antwortet, der versteht sich nicht auf die Liebe des Weibes, überhaupt nicht auf die Liebe des Herzens – und eine andere mag ich nicht! – Damals sprach ich Ihnen unumwunden meine Verachtung aus und stieg bei Ihnen im Preise, als Sie erkannten, daß ich so leichten Kaufes [29] nicht zu gewinnen sei. Sie wurden erzürnt, gekränkt, Sie gaben Ihre Liebesversicherungen nicht auf und sprachen viel vom Drang der Umstände und von schuldiger Berücksichtigung der Familienverhältnisse – was mich natürlich nicht im mindesten von Ihrer Liebe zu mir überzeugen konnte. All' die heftigen Szenen, all' die bitteren Vorwürfe, welche ich Ihnen hätte machen können, machten Sie mir unter dem Vorwand Ihrer glühenden Leidenschaft – was mich natürlich, als eine armselige Komödie, sehr langweilte. Und so trennten wir uns, wie ich glaubte – auf immer! Aber Sie kamen wieder, Sie suchten mich von neuem auf, Sie drängten sich an mich; meine Kälte, meine Gleichgültigkeit stieß Sie nicht zurück; Sie behaupteten, nicht von mir lassen zu können – und dies haben Sie allerdings bewiesen, denn seit drei Jahren sind Sie, bald nach längeren, bald nach kürzeren Pausen, nach Paris, nach der Insel Wight und wieder nach Paris mir gefolgt. Diese Beharrlichkeit würde mich rühren und ich könnte sie wohl als einen Beweis von aufrichtiger Liebe betrachten, wenn ich nicht wüßte, daß versagtes Glück reizender für das Menschenherz ist, als erlangtes; denn um die Hoffnung schwebt stets ein Abglanz von der Unendlichkeit und auf der Erfüllung liegt stets ein Schatten des Todes – die Endlichkeit. So sind Sie nicht allein; so ist der Mensch, so ist sein melancholisches Schicksal. Aber weil ich das weiß, so betrachte ich die Extravaganzen Ihrer Leidenschaft und Ihr Beharren bei derselben auch noch nicht als die wahre Liebe. Die muß sich aussprechen in einer Tat, einer entscheidenden lebenumfassenden Tat; und deshalb sage ich heute, wie damals: Alles für alles. Nur sage ich es jetzt mit noch größerer Entschiedenheit, [30] denn Sie sind mir jetzt eine Ehren erklärung für die tötliche Beleidigung schuldig, eine frivole Liebelei bei mir gesucht zu haben.«

»Das hab' ich nie!« rief Orest und ließ die Hände sinken, mit denen er, so lange Judith sprach, sein Gesicht bedeckt hatte. »Das nie! ich habe immer gefühlt, daß Sie die Herrin meines Schicksals sein würden und habe niemals begehrt, den Zauberbann zu lösen, der mich an Sie fesselte. Zu Ihren Vorwürfen, daß ich mich mit meiner Cousine vermählte, muß ich schweigen – denn ich hab' es getan! ich wußte, daß mein Glück in dieser Ehe nicht liege – und ging sie dennoch ein. Ich war ein leichtsinniger Tor, der sich von den Verhältnissen überrumpeln ließ, oder besser gesagt, der vor ihnen erlag. Sie haben keine Ahnung davon, was das ist: die Familientradition, dies Forterben des Standes, des Namens, des Vermögens, der Erinnerungen, der Wirksamkeit, von einem Geschlecht auf das andere. Sie ist so mächtig, daß ich mich ihr gegenüber gefangen und wehrlos fühlte.«

»Kann sein!« erwiderte Judith. »Indessen mag doch auch die Schönheit der Gräfin Windeck diese Gefangenschaft nicht reizlos gemacht haben.«

»Eifersucht, Judith?« rief Orest freudestrahlend. »O wenn das ist, so werden Sie begreifen, in welchem Kreuzfeuer ich stehe, wenn ich sehen muß, wie man Ihnen huldigt – und wie ich zittern muß bei dem Gedanken, daß einer unter den vielen Ihr Herz gewinnen könnte – und daß ich dieser Eine vielleicht nicht bin! O dann werden Sie Mitleid mit mir haben, nicht wahr, Judith?«

»Wer hat denn Mitleid mit mir, Orest?« sagte sie sanft. »Sie gehen zurück zu Gräfin Windeck ....« –

[31] »Ein Wort von Ihnen, Judith, und ich bleibe!«

»Alles für alles! – Ist dies das Wort, Graf Orestes, welches Sie nicht hören möchten?«

»Judith!« sagte er mit gepreßter Stimme, »Sie sind ein dämonisches Weib.«

»Das sagen die Männer sehr leicht, sobald man nicht mit ihnen einverstanden ist,« erwiderte sie kalt. »Und das muß abwechseln mit dem Ausruf: herzloses Weib!«

»O könnte ich Sie doch hassen, Judith!« rief Orest, sprang vom Stuhl auf, hielt mit beiden Händen seinen Kopf und eilte auf den Balkon.

»Stürzen Sie sich nur nicht in den See! – er ist sehr kalt!« rief ihm Judith nach. »Armer Orest!« setzte sie nach einer Weile mit ihrer Sirenenstimme halblaut hinzu. Als er nicht kam, folgte sie ihm auf den Balkon. Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, die Arme auf das Eisengeländer – und den Kopf auf die Arme gelegt.

»Kommen Sie doch herein, Orest!« sagte Judith und berührte ganz leise sein gesenktes Haupt. »Die Luft ist feucht und der nächtliche Tau schädlich.«

Er stand auf und folgte ihr in den Salon, willenlos wie ein Kind.

»Ich kann Sie nicht hassen, Judith!« seufzte er.

»Graf Orestes,« nahm sie wieder mit ihrem kühlen Tone das Wort, »Sie veranlassen immer Gespräche mit mir, bei denen Sie ganz Feuer und Flamme werden und Gefahr laufen, in ein kaltes oder ein hitziges Fieber zu verfallen, je nachdem die Wagschale mit Haß oder Liebe sich mir zusenkt. Ist das vernünftig? ist das liebenswürdig? was kann man mit einem zu solchen Excessen geneigten Mann anfangen?«

[32] »Ihn lieben, Judith.«

»Vor der Hand nicht! sondern ihm Gute Nacht wünschen,« antwortete sie scherzend, schellte und sagte zu dem eintretenden Diener: »Graf Windeck's Wagen.«

Orest machte Anstalt, den Befehl zu überhören, indem er sich in einen tiefen Lehnstuhl versenkte und drei Journale auf einmal zur Hand nahm. Da öffnete und schloß sich leise eine Seitentüre des Salons; und als er aufblickte, war Judith verschwunden und er allein. Ohne mir Gute Nacht gesagt zu haben! murmelte er und blickte ihr zornig nach. Dabei fiel sein Auge auf den Burnus, der über dem Lehnstuhl hing, in welchem Judith ihm gegenüber gesessen hatte. Er sprang auf, ergriff den unschuldigen Burnus, zerriß das feine Gewebe von oben bis unten, drückte es an seine Lippen – und eilte zu seinem Wagen.

Als er fortrollte, kehrte Judith in den Salon zurück, fand ihren Burnus zerrissen am Boden liegen, hob ihn auf und sagte für sich: »Du armer Mantel! auf dem Webstuhl zu Marocco träumte dir vielleicht davon, in die Klauen eines Tigers oder eines Löwen des Atlas zu fallen und zerfetzt zu werden – und jetzt erfüllt sich Dein Schicksal nicht in Afrika's Wüste durch wilde Bestien, sondern am eleganten Genfersee durch ein Menschenkind!« Sie wickelte sich in ihren zerrissenen Burnus ein und ging auf den Balkon, und ging auf demselben auf und nieder, eine Stunde, und noch eine Stunde – und fand nicht einmal die Ruhe der Ermüdung in diesem rastlosen Wandeln: so unruhig waren ihre Gedanken.

Immer drängten sich diese Gedanken der Zukunft zu; aber nicht, um sich über freundliche und [33] glänzende Bilder hingleiten zu lassen; nicht, um bei Phantasiegebilden von Freuden und Genüssen zu verweilen, oder um Lebensverhältnisse mit lieblichen Farben auszumalen. O nein! – Lechzend, atemlos, durstig, standen ihre Gedanken vor der dunkeln Zukunft und fragten: Was birgst du mir? Was bringst du mir? Bist du die Sphynx, die das Rätsel meines Lebens mir vorlegt? und muß ich unter deinem steinernen Griff umkommen, wenn ich es nicht löse? Gelöst hab' ich meine Aufgabe nicht, denn ich habe keine Befriedigung gefunden. Und doch hab' ich alles erreicht, was ich damals in den Citronenhainen von Cintra mir zu erreichen vornahm. Ich habe Gold, Ruhm und Bewunderung eingeerntet; ich habe Welt und Menschen in bunten und glänzenden Gestalten, in fesselnden und interessanten Erscheinungen – nebenbei auch in allen ihren Niedrigkeiten kennen gelernt; ich habe Freude gehabt an der Kunst, an der Ausübung meines Talentes, an den Studien, die damit verbunden sind, an der Begegnung mit anderen, die eines Weges mit mir gingen. Ich habe mit stolzem Selbstgefühl die Huldigung der einzelnen und der Massen empfangen. Ich habe Triumphe gefeiert – aber sie verrauschen, und die alte Leere und die alte Unruhe sind wieder da. Es war zu weilen wohl still in meiner Brust, aber die Stille der Ermüdung, die Stille dumpfer Resignation, wenn ich zu mir selbst sprach: Laß sie dahinrollen, die Welt und das Herz und die Zeit und das Leben! laß sie gehen, wie sie wollen und können! das Menschenschicksal ist nun einmal ein Ringen ohne Sieg! und wenn ich so zu mir selbst sprach, so kroch mir ein Etwas wie Verzweiflung durch alle Adern, alle Nerven, alle Fibern – und ein anderes Etwas [34] stemmte sich dagegen und schrie in mir: Nein! das Leben muß etwas anderes sein, als ein Ringen aus dem Nichts, für das Nichts, in das Nichts! gerade dies Ringen beweist, daß es ein Ziel habe und daß es folglich auch einen Sieg gebe – und in dem Siege Befriedigung! Aber wo ist sie – die Befriedigung? Sphynx meines Schicksals, habe ich dich noch immer nicht verstanden mit deinem geheimnisvollen dunkeln Blick? Meinst du die Liebe? – Ja, die große Leidenschaft, von der man zuweilen hört und liest, mag wohl solchen Zauber haben, daß sie, wenn sie mit vielen Schmerzen und Bitterkeiten Hand in Hand geht, das Herz befriedigt. Aber die kommt, man weiß nicht wie und woher; die kann man nicht erringen, man fühlt sie nur. Empfunden hab' ich sie nie. Ob ich sie einflöße? ich weiß es nicht. Die armseligen Lieben aber, durch welche der frische Schmelz des Herzens, der Blütenduft des innersten Wesens trüb' und matt wird – und welche sich doch wiederholen, weil sie einem Opiumrausch gleichen, der des Menschen Träume lieblicher macht als seinen wachen Zustand – nein! für sie bin ich nicht mehr jung und noch nicht alt genug. – – Und sie verfiel in trübes Sinnen über diese traurigen Lieben, an die auch sie gestreift war und die ihr Herz gepanzert hatten mit einer so kalten und gründlichen Verachtung von allem, was man Liebe nennt, daß sie – mit sich selbst allein – auch sich selbst verachtete. Aber dann erwachte der Stolz und schüttelte diese Bürde ab, hob trotzig das Haupt und schaute nach anderen Triumphen aus. Orest liebt mich – fuhr sie fort in ihren Gedankenzügen. Er soll mich lieben. Er hat mich für eine leichte Eroberung gehalten: dafür will ich eine große Genugtuung. Gräfin Windeck [35] will ich werden. Ja, ich will in den Kreis dieser Hochgeborenen hinein; aber nicht als die berühmte Sängerin, der sie eine Ehre zu erzeigen meinen, wenn sie ihr ein paar bewundernde Worte zuwerfen und die sie als eine exotische Merkwürdigkeit, für die Dauer einer Soiree, in ihrem Salon aufweisen möchten, um am anderen Abend mit leichtem Augenblinzeln hinter Fächer und Lorgnette über sie hinweg zu sehen. O man kennt diese Hochgeborenen! Und gerade in ihrem Kreise will ich Platz nehmen, gerade zu ihnen will ich gehören, als ihresgleichen will ich durchs Leben gehen. Dies gehört nicht zu den Vorsätzen von Cintra! die sind erreicht und abgetan. Dies ist ein neuer Vorsatz: noch ein paar Jahre, höchstens, meines glanzvollen Kunstlebens und dann mitten aus dem Glanz der Öffentlichkeit in ein glänzendes Privatleben. Sphynx meiner Zukunft, ist das dein Rätsel? und wird dessen Lösung mir besser Stich und Farbe halten, als der Erfolg meiner Pläne von Cintra? – Da flog ihr durch's Gedächtnis, daß sie vor wenigen Stunden zu Orest gesagt hatte: auf jede Erfüllung eines ersehnten Glückes falle ein Todesschatten von Endlichkeit. Sie schauerte in sich selbst zusammen und strich das Haar von der Stirn, als ob sie die quälenden Gedanken verscheuchen wolle und blickte über den See hinweg, einen Gegenstand suchend, der wenigstens ihr Auge fesseln möge. Da fuhr der Nachtwind auf und blätterte im Osten das Gewölk auseinander, das wie eine silbergraue Rose über das Gebirg herauf schwebte und sanft sich öffnete und immer tiefer unter der aus ihr aufsteigenden Mondessichel zurücksank. Und mit dem vollen Glockenton ihrer goldenen Stimme hub Judith zu singen an: »O [36] casta dia;« und niemand blickte in ihr Auge, als das melancholische Licht des Mondes im letzten Viertel – und niemand begleitete ihren Gesang, als die leise plätschernden Wellen des Genfersees – und einsam stand sie da, wie der Genius dieser nächtlichen Natur, der an die Schatten gebannt ist und die Flügel zu regen sucht, um ihnen zu entfliehen und immer tiefer und tiefer in sie zurücksinkt und sich sehnt nach Erlösung.

[37]
Lelio

Am anderen Morgen befahl Judith, daß ihre Tür bis zum Abend für jedermann verschlossen bleibe. Sie wollte mit Lelio sprechen, den Grund seiner befremdend langen Abwesenheit erfahren und ihm sein Benehmen des vorigen Abends verweisen. Lelio erschien auf ihr Begehren – ein kleiner schwarzer lebhafter Italiener, mit feurigen römischen Augen und mit der vollkommensten italienischen desinvoltura – ein Wort, welches in deutscher Sprache nicht wiederzugeben ist, wahrscheinlich deshalb, weil der Deutsche die Sache selbst nicht hat. Man könnte etwa sagen: zwangloses Benehmen – vorausgesetzt, daß sich keine brutale, bengelhafte Schattierung in diese Zwanglosigkeit mische.

»Nun, Signor Lelio, sind Sie von den Toten auferstanden!« rief ihm Judith entgegen und reichte ihm freundlich die Hand zum Willkommen.

»Ecco, das ist's! just was Sie sagen!« rief Lelio vergnügt und schüttelte ihre Hand.

»Waren Sie wirklich lebensgefährlich krank?«

»Oh!« sagte Lelio mit einem Ausdruck, als fände er keine Worte für seine Gefahr und mit einer Geberde namenlosen Entsetzens.

»Ich bitte, Lelio, erzählen Sie mir Ihre Reiseabenteuer nicht bloß durch Seufzer und Geberden, [38] sondern recht ausführlich. Sie wissen ja, wie viel Anteil ich an Ihnen nehme.«

»Ich weiß es, Signora, und ich will Ihnen gern alles erzählen. Nur fürchte ich zwei Dinge.«

»Und die wären?«

»Erstens: von meiner Seite, Mangel an Worten; – zweitens: von Ihrer Seite, Mangel an Verständnis.«

»Das ist freilich übel,« entgegnete Judith lächelnd, »denn damit fehlt auf beiden Seiten die Hauptsache! aber fangen Sie nur an! wir wollen uns Mühe geben.«

»O Judith, teure Signora! denken Sie an Petrarca, der einst klagte: ›Non ti conosco il mondo, mentre ti ha!‹ 6 und doch nur von der Laura, von einem sterblichen Weibe sprach!«

»Aber, guter Lelio, es wird Ihnen doch nicht eine Unsterbliche begegnet sein?«

»O Judith, das Göttliche ist in der Welt und die Welt kennt es nicht und verachtet es und geht vorüber zu ihren Festen, die nach Moder duften; zu ihren Freuden, die nach Moder schmecken; zu ihren Klügeleien, die um Moder sich bewegen; zu ihren Bestrebungen, die in Moder untergehen.«

»Sehen Sie, Lelio, das verstehe ich sehr gut!« warf Judith mit einem schwermütigen Lächeln ein und legte sinnend ihre Stirn in die aufgestützte Hand.

»Es mögen wohl schon sechs Wochen sein,« fuhr Lelio fort, »denn wir waren noch in Venedig und Sie hatten noch eine Reihe von Vorstellungen in der Fenice zu geben – da bat ich Sie um einen Monat Urlaub. Ich wollte in der Schweiz eine [39] Zusammenkunft mit politischen Gesinnungsgenossen haben und dann nach Regensburg gehen, um den Gregorianischen Kirchengesang in Deutschland kennen zu lernen, der am dortigen Dom am tüchtigsten ausgeführt werden soll. Ich reiste ab. Ich fand meine Freunde in Genf ganz in unserer Art und Weise beschäftigt, Systeme zu ersinnen, Theorien zu verbreiten, Verbindungen zu schließen, Faden anzuknüpfen, Lehren zu predigen, Taten auszuführen, Adepten zu gewinnen – alles zu demeinen Zweck: die bestehende gesellschaftliche Ordnung von ihrer Basis und aus ihren Fugen zu drängen, um dann, in einem günstigen Augenblick, durch den heftigen Stoß einer Revolutions-Bewegung das wankende Gebäude über den Haufen zu werfen und darauf den Neubau der gesellschaftlichen Ordnung nach dem Programm: Völkerfreiheit! Geistesfreiheit! auszuführen. Hierin stimmen alle Männer der Zukunft überein. Dies ist Plan und Ziel aller geheimen Bünde, mögen sie Carbonari, Illuminaten, Freimaurer, Italianissimi oder sonst wie heißen. Was nun jeder einzelne unter Völker-, Geister-, Gewissens- und sonstiger Freiheit versteht, wie weit er sie verallgemeinert, wie groß er ihr den Spielraum läßt – das ist seine Sache und hängt mit seiner Persönlichkeit und seiner Spezialität zusammen und man gönnt es ihm, insofern das bundesgemeinsame Wirken nicht dadurch beeinträchtigt und gehemmt wird. Wir Italianissimi wollen die Zeiten der alten Roma wieder haben – die Zeiten der Republik, mit ihren Volkstribunen, ihren Großtaten und ihrer Besiegung aller Karthaginensischen Nebenbuhler um die Weltherrschaft.«

»Ich weiß es,« unterbrach ihn Judith; »Sie [40] haben sich oft mit höchster Begeisterung über diese Gestaltung der Zukunft gegen mich ausgesprochen, und da ich nun einmal glaube, daß jeder Mensch seine fixe Idee, seine Chimäre, seine Marotte hat: so hab' ich mich über die Ihre nicht weiter gewundert. Ginge ich aber nicht von einer allgemeinen, einer Ur-Marotte aus, so würde ich Sie für verrückt halten müssen, denn kein vernünftiger Mensch unternimmt es in Wirklichkeit, die Weltgeschichte um zwei bis drei Jahrtausende zurück zu schleudern. Ich bitte Sie, was fangen Leute unseres Schlages in Ihrer altrömischen Republik an! Wir müssen uns für die Göttin Roma schlachten lassen, sonst kommen wir um vor Hunger und Beides wäre nicht nach meinem Geschmack.«

»Ich weiß nicht,« fuhr Lelio lächelnd fort, »soll ich es dem ernüchternden Einfluß Ihres Umganges, Signora, oder irgend einem feindlichen Gestirn zuschreiben, genug, ich fand im Kreise meiner Freunde und Bundesbrüder nicht die Begeisterung früherer Tage. Manche Ansicht kam mir hohl vor, mancher Weg schief, manche Theorie unhaltbar, mancher Plan unausführbar. Disharmonien innerer Widersprüche gellten mir in die Ohren, und Dissonanzen mit Wahrheit und Recht wollten sich durchaus nicht lösen lassen. Ich fühlte mich etwas verstimmt, etwas ernüchtert, etwas abgekühlt – und um wieder in meinen Freiheitsschwung zu kommen, beschloß ich, von dem hyperkultivierten Leman, wo nichts mich an die altrömische Republik erinnerte, an den Vierwaldstättersee zu gehen. Ich tat es! aber! aber! – auch die kleinen Kantons, die Urschweiz, die Wiege der schweizerischen Freiheit – sie wollten mir nicht gefallen. Diese Löwenkühnheit in der Verteidigung ihrer [41] politischen Unabhängigkeit gegen fremde Herrschaft, von den Tagen ihres ersten Bündnisses bis zu den Tagen der französischen Republik – als die Weiber von Schwyz die Kanonen herbeizogen, um die Männer im Kampfe gegen die Franzosen zu unterstützen; und dagegen diese hündische Treue, einem Ludwig XVI. den Fahneneid zu halten, auf der Seite eines Königs wider ein Volk zu stehen....« –

»Lelio!« fuhr Judith heftig auf, »fühlen Sie nicht, daß Sie sich ein Brandmal auf Stirn und Herz durch Verachtung des Fahneneides drücken?«

»Ich fühlte es nicht!« erwiderte er gelassen und fuhr fort: »Und dagegen diese mehr als hündische Unterwürfigkeit vor einer Religion, welche die heftigste Gegnerin aller Freiheit ist und von ihrem ersten Anbeginn das edelste und beste, was der Mensch hat: die Freiheit seines Willens – nicht sowohl in Ketten, als in Windeln legte: ich konnte einen so schreienden Widerspruch nicht begreifen und kaum ertragen. Als ich vom Rigi herabsteigend das grüne Alpenland des Kantons Schwyz durchwanderte, fand ich nach und nach eine Menge von Reisegefährten, Männer und Weiber, die mit einem Bündel auf dem Rücken, mit bestaubten Schuhen, manche mit der Perlenschnur des Rosenkranzes in der Hand, andere auf einen Stab sich stützend, des Weges zogen. Einige gingen in grösseren Scharen, einige in kleinen Häuflein, bekümmerten sich weder um die Gegend, noch um Reisebegebenheiten, beteten Litaneien und Rosenkranz und knieten oftmals vor den Kruzifixen nieder, welche dort so häufig sind, daß sie naturwüchsig zu sein scheinen. Fragte ich den einen oder anderen: ›Wohin des Weges?‹ – so antwortete jeder: [42] ›Nach Einsiedeln, zur Engelweihe.‹ – Ha! dacht' ich, das kommt dir gerade recht! da gehst du auch hin und schaust dir einen Aufzug der Farce mit an, welche von der katholischen Kirche zum besten der leichtgläubigen Menschheit aufgeführt wird. Ich ging noch über ein paar Berge und durch eine Strecke grünen stillen Hirtenlandes – dann durch einen großen Flecken, dessen Häuser von außen förmlich mit Wirtshausschildern tapeziert sind – und war in Einsiedeln. Im Hintergrund des weiten Tales, gelehnt an einen mächtigen, mit Schwarzwald bedeckten Bergrücken, erhebt sich das großartige, majestätische Kloster, das mit seiner von zwei Türmen überragten Kirche zwischen zwei langen Seitenflügeln ein stattliches Gebäude im Stil des vorigen Jahrhunderts bildet und von den Häusern des Fleckens durch einen großen freien Platz abgesondert ist. In der Mitte desselben steht eine Muttergottesstatue auf einem Springbrunnen, der beständig in zwölf Strahlen Wasser speit und rings herum liegen kleine unansehnliche Boutiken, in denen Kruzifixe, Medaillen, Rosenkränze, Heiligenbildchen und dergleichen Gegenstände, welche die Andacht liebt, feilgehalten werden. Verstehen Sie mich, Signora?« fragte Lelio, plötzlich abbrechend.

Halb mit leisem Lächeln, halb mit leichtem Achselzucken neigte Judith bejahend ihr schönes Haupt – und Lelio fuhr fort: doch mit so verändertem ernsten Ausdruck, daß auch sie unwillkürlich ganz ernst wurde.

»Vor dreizehnhundert Jahren lebte ein Jüngling, der hieß Benedikt, und der wurde von einer ganz wundersamen Liebe ergriffen – von einer Liebe, welche die Welt nicht begreift, weil sie nicht [43] mit Fleisch und Blut zusammenhängt – von der Liebe zu Gott, zu dem menschgewordenen, leidenvollen, gekreuzigten Gott der christlichen Offenbarung. Er war jung und von hoher Geburt; aber er vergrub seine Jugend und ihre Ansprüche in einer Felsenhöhle – denn von einer ganz anderen Höhe stieg der Herr des Himmels und der Erde in die Felsenhöhle von Bethlehem hinab. Weil der Gegenstand seiner Liebe ein gekreuzigtes Leben führte, wollte Benedikt es nicht anders haben. Das ist Urgesetz der Liebe: alles teilen mit dem Geliebten, ähnlich sein dem Geliebten, um unzertrennlich zu sein vom Geliebten! Das begreift jedes Herz; das stellt auch die griechische Mythe lieblich und tiefsinnig in den Brüdern Castor und Pollux dar. Pollux war ein Göttersohn, Castor der Sohn eines Sterblichen, und als nun Castor sterben mußte und, gemäß dem Menschenschicksal, in den Orcus versinken sollte, da erklärte Pollux, der unsterbliche, er wolle zeitweise mit seinem geliebten Bruder in der Unterwelt weilen; dafür solle dieser dann zeitweise die Wonnen des Olymps mit ihm teilen. Das ist Liebe. Die Griechen dichteten von ihr; Christus übte sie; aber – da er Gott war, so übte er sie als Gott, immer und für alle. Auch darin suchte Benedikt ihm ähnlich zu werden und die Ströme der Liebe, welche sich in seinem für die Irdischkeit abgestorbenen Herzen angesammelt hatten, für die Menschen, seine Brüder, auszugießen. Was braucht der Mensch zu seinem Glück? – die richtige Erkenntnis Gottes. Sie ist der klare Born, aus dem der Trunk der Ruhe geschöpft wird, der Ruhe, die über alle Unruhe der Welt tröstend hinweghilft. Die richtige Erkenntnis Gottes wollte Benedikt in [44] der Menschheit fördern, das Apostelamt fortsetzen und ausbreiten. Es sammelten sich gleichgesinnte Männer zu ihm, um ihren guten Willen an seiner höheren Erleuchtung und Kraft zu stärken, um durch Gemeinschaft ihre Unvollkommenheit zu ergänzen. Benedikt lehrte sie zuerst, die sinnliche Natur zu besiegen durch Selbstverleugnung, Gebet und Arbeit; und dann dem Nächsten zu dienen, wie Gott es fügen würde. Und Gott nahm große Dienste von diesen Männern aus Benedikts Schule an! Was Europa von Kultur und Civilisation besitzt, hat es ihnen zu danken. Sie drangen aus Italien immer weiter gen Norden; sie hielten in der vielfach vermorschten, und mit dem Christentum häufig nur übertünchten, römischen Gesittung das christliche Ideal aufrecht und zündeten wie auf einem Leuchtturm das Licht an, das ein Signal der Rettung für alle war, welche zwischen den Wellen und Stürmen jener unter- und aufgehenden Zeit gefährlich schifften. Sie zogen zu den barbarischen Völkern Galliens und Germaniens und weiter noch, über Nord-und Ostsee, predigten das Evangelium, siedelten sich an unter dem rauhen Himmel, in weiter, wilder Ferne von ihrer Heimat und ihrer Sprache, unter fremden Menschen, von denen sie gehaßt, verfolgt, gemartert, gemordet wurden; und zum Dank dafür brachten sie diesen barbarischen Horden nicht nur das Licht, sondern auch die Liebe des christlichen Glaubens und machten ihnen das zeitliche Leben leicht, nachdem sie ihnen das ewige Leben gerettet hatten. Die Glaubensboten wurden Holzschläger, Ackersleute, Handwerker. Sie rodeten Wälder aus, sie legten Sümpfe trocken, sie bebauten das Feld, sie trieben Gartenbau, sie pflanzten den Weinstock; sie führten [45] Kapellen und Kirchen auf, daneben enge Räumlichkeiten zu ihrer Wohnung, und größere, um Kinder und Jünglinge aufzunehmen, zu unterrichten und auszubilden. Sie wußten Männer herbeizuziehen, von Jagd- und Kriegszügen abwendig zu machen und für das gesittete Leben des Feldbaues und des Handwerkes zu gewinnen. Diese siedelten sich auf den urbar gemachten Stätten rings um die Kirche an, bildeten Familien und die Familien bildeten eine christliche Gemeinde; so entstanden Dörfer, dann Städte. Das ging nicht schnell, das währte Jahrhunderte; aber Benedikts Schüler waren nicht ungeduldig, denn sie wirkten nicht, um sich an ihren Erfolgen zu freuen, sondern um das Werk Gottes unter den Menschen fortzusetzen: ›Pertransivit benefaciendo.‹ Eine ihrer Generationen starb nach der anderen, und eine Generation übertrug die Fortsetzung dieses Werkes der anderen; sie lehrten und lebten das Evangelium. Je wilder die Zeiten wurden, je trüber die Gährung brodelte, die bei dem Untergang und der Neubildung großer Epochen die Menschheit zerwühlt, je feindlicher äußere Stürme, Fehden, Kriege, barbarische Invasionen, räuberische Einfälle die Keime der christlichen Kultur mit Untergang bedrohten, und alle Bildung, alles geistige Leben in den Nöten und Drangsalen des Augenblickes begruben, um so eifriger waren Benedikts Schüler, das Werk der Finsternis zu hemmen und der Zerstörung des geistigen Lebens der Völker ein Bollwerk zu setzen. Immer größer, zahlreicher, umfassender wurden ihre Bildungsanstalten für die Jugend. Das zarte Knäblein fand bei ihnen die Pflege der Mutterliebe; der wißbegierige Jüngling die Lehre der Wissenschaft; der weltentfremdete Sinn die Meister [46] in der erhabenen Ascese, der höchsten Blüte des Menschengeistes. In ihrem gemeinschaftlichen Leben unter einem Dach, spärlich genährt, einfach gekleidet, waren ihre persönlichen Bedürfnisse gering. Alle Mittel, welche dem Notleidenden, dem Kranken, dem Reisenden, dem Pilger nicht zuflossen, wurden darauf verwendet, Bibliotheken von Manuskripten anzulegen, und diese zu erhalten, zu vervollständigen, abzuschreiben, mit unsäglicher Mühe zu entziffern, bildete einen großen Zweig der Tätigkeit für diese demütigen Männer. Sie verlangten nicht die armselige Ehre, ihren Namen auf ein Manuskript verzeichnet zu sehen. Sie verlangten die Ehre Gottes, die durch alles gefördert wird, was den Menschen in seiner Erziehung für ein übernatürliches Ziel – ich meine für ein solches, das außerhalb der Grenzen dieses Erdballes liegt – bilden hilft. So waren sie; so sind sie.«

»Aber wer sind sie, diese Männer der großen Taten und der demütigen Herzen?« rief Judith.

»Es sind Männer, die heutzutage verachtet, verhöhnt, verfolgt, verleumdet, angefeindet werden und über die ich, von der vollen Höhe meines Ichs herab, längst den Stab gebrochen und sie unwürdig erklärt habe, in der Lichtwelt unserer Tage zu existieren.«

»Bester Lelio, Sie reden irre.«

»Keineswegs, beste Judith! diese Männer sind ja Mönche! Mönche des Benediktinerordens.«

»Es sind Mönche!« sagte Judith gedehnt. »Wie konnten sie dann doch so viel Gutes stiften?«

»O Du ächte Tochter Deiner Zeit!« rief Lelio. »Ja, sehen Sie, Judith: weil es Mönche sind, deshalb stiften sie so viel Gutes. Es sind Jünger, [47] es sind geistige Söhne von jenem Benedikt, den eine wundersame Liebe ergriff: die Liebe zu Gott; und Söhne erben die Neigungen und Eigenschaften ihrer Väter – das müssen Sie bedenken.«

»Welch ein Erbe von Liebe für die Menschheit, um nach dreizehnhundert Jahren nicht erschöpft zu sein!« sagte Judith sinnend. »Warum gehen denn Ihre modernen Volksfreunde und Weltverbesserer nicht bei diesen Mönchen in die Schule, Lelio?«

»Das will ich Ihnen sagen: weil die modernen Apostel die Abtötung, die Verdemütigung und die Selbstverleugnung des Kreuzes ebenso sehr hassen und fliehen, als die Söhne Benedikts sie suchen und lieben; und weil ihre heilige und segensreiche Wirksamkeit ganz absichtslos unsere unheilige und verderbliche verdammt, deshalb verfolgen wir diejenigen, welchen wir nicht nachahmen wollen. – Dies ist aber alles nur die Einleitung, um zu sagen, daß Einsiedeln eine Benediktinerabtei ist, und die frommen Mönche jetzt, wie vor dreizehnhundert Jahren, Gott in dem Nächsten dienen: sie beten für ihn, sie studieren für ihn, sie unterrichten ihn. Sie lichten keine Wälder und trocknen keine Sümpfe mehr; dafür aber lichten sie die Herzen und retten sie die Seelen aus dem Sumpf der Sünden. Einsiedeln empfing den Namen nach einem Einsiedler und nach der Mutter Gottes. Im neunten Jahrhundert floh Meinrad, ein schwäbischer Grafensohn, in diese Waldeswildnis, an den Rand dieser Quelle. Nichts nahm er mit von den Schätzen seines Hauses, als eine kleine Muttergottesstatue, vor welcher er seine Gebete verrichtete. Er übte gegen sich selbst, nach Art der Heiligen, unerbittliche Bußstrenge, und gegen andere, welche bei ihm Rat und Trost in ihren Drangsalen suchten, [48] liebevolle Barmherzigkeit. Himmlische Erleuchtungen wurden ihm zu teil; er wendete sie an, um das Reich Gottes in den Seelen zu fördern. Böse Buben haben zu keiner Zeit, nicht im ersten, nicht im neunten, nicht im neunzehnten Jahrhundert, die Heiligen geliebt. Böse Buben erschlugen Meinrad, der sie gastfreundlich beherbergt hatte. Die Legende – diese poetische Arabeske um ein historisches Gemälde – berichtet: zwei Raben, die Gefährten Meinrad's in der Einöde, wären den Mördern auf Schritt und Tritt mit wütendem Geschrei und wilden Flügelschlägen durch Berg und Tal, über den See bis in ein Gasthaus der Stadt Zürich nachgeflogen; und dadurch sei die Missetat entdeckt worden. Das Gasthaus heißt bis zur Stunde zu den beiden Raben, und die Abtei hat sie in ihr Wappen aufgenommen. Meinrad's Zelle mit dem Muttergottesbilde blieben in hoher Verehrung und andächtige Menschen kamen von nah und fern, um auf der Stätte zu beten, wo er so viel gebetet hatte, und um in geistiger Gemeinschaft mit ihm und mit allen Seligen, unter denen die allerseligste Jungfrau Maria obenan steht, um Gottes Gnade zu weinen und zu flehen, und für Gottes Barmherzigkeit zu preisen und zu danken. So wurde die Meinradszelle ein vielbesuchter Wallfahrtsort, wo auf Fürbitte des Heiligen und der Muttergottes große Gebetserhörungen stattfanden. Bald fand sich ein frommer und reicher Mann, der sein ganzes Vermögen dazu verwendete, den geistigen Bedürfnissen der Pilger entgegen zu kommen. Er kaufte diesen Landstrich, baute Meinrad's Zelle zum Kloster, Meinrad's Oratorium mit dem Muttergottesbild zu einer Kirche aus, fand gottselige Genossen, welche bereit waren,[49] den Seelen zu dienen, nahm mit ihnen die Benediktinerordensregel an, und nannte das Kloster von Unserer Lieben Frau zu Einsiedeln, woraus denn der gegenwärtige Name entstanden ist. Dieser Mann hieß Eberhard und wurde der erste Abt des Klosters. Als der Bau vollendet war, bat Eberhard den Bischof Konrad von Konstanz, die feierliche Einweihung der Kirche vorzunehmen und die Stätte zu segnen, wo fortan die göttlichen Geheimnisse des Glaubens vollzogen werden sollten. Bischof Konrad kam und brachte die Nacht vor der großen Zeremonie mit Gebet und Wachen hin. Plötzlich hört er einen wundersüßen Psalmengesang, der aus der Kirche zu kommen scheint. Er horcht, er verläßt seine Zelle; der Gesang dauert fort. Er eilt zur Kirche, öffnet die Türe – ein Meer von Licht flutet ihm entgegen und in diesem Licht sieht er Gestalten, welche freilich unsere trüben, von irdischen Bildern verdunkelten Augen nicht wahrnehmen können. Auf dem festlich erleuchteten Altar steht die Mutter Gottes von Strahlen umflossen, und vor dem Altare, bekleidet mit den hohenpriesterlichen Gewändern, bringt Christus der Herr das heilige Opfer dar. Die vier Evangelisten assistieren; St. Petrus hält den bischöflichen Hirtenstab, St. Gregorius die Mitra, St. Ambrosius bringt den Opferwein dar und St. Augustinus den Weihrauch; St. Stephanus liest die Epistel, St. Laurentius das Evangelium und Erzengel Michael, der Anführer der himmlischen Heerscharen, singt mit allen Engeln, welche Palmenzweige und Rauchfässer schwingen, das Offizium der Kirchweihe.«

»Das ist ja wunderschön, Lelio! das sieht ja aus wie eine jener himmlischen Visionen, die Fra [50] Angeliko gemalt hat!« rief Judith. »Nur schade, daß diese Arabeske die historische Wahrheit überwuchert!«

»Ich erfinde nichts! ich berichte nur die Tradition,« erwiderte Lelio; »aber die Tradition bildet ein großes und wahrhaftes Stück Welthistorie, denn sie faßt immer den Zusammenhang der natürlichen Weltordnung mit der übernatürlichen auf, ohne welchen Zusammenhang alle Wahrheit aus der Weltgeschichte verschwindet und sie zu einem öden Schattenspiel herabsinkt. – Bischof Konrad teilte dem Abt Eberhard am anderen Morgen die nächtliche Feierlichkeit mit und weigerte sich, die Einweihung der Kirche vorzunehmen. Aber man hielt ihn für einen frommen Visionär und bestand auf die Einweihung. Nachdem er lange umsonst Widerstand geleistet hatte, mußte Konrad nachgeben und die Zeremonie sollte beginnen, als plötzlich eine Stimme, die alle hörten und die allen unbekannt war, ihm zurief: ›Halt ein! sie ist geweiht.‹ Diese wunderbare Begebenheit erlebten tausende; die Zeitgenossen glaubten sie, die Tradition bewahrte sie, päpstliche Bullen bestätigten sie – und Einsiedeln wurde mehr und mehr eine Stätte, auf der es Gott gefiel, große Gnaden und ungewöhnliche Gebetserhörungen an die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria zu knüpfen. Kein Tag verging, der nicht Pilger nach Einsiedeln geführt hätte. In ungeheuren Massen strömten sie herbei am Jahrestage des wunderbaren Ereignisses, das die Benennung ›die Engelweihe‹ empfing. Ohne recht zu wissen wie, war ich am Vorabend dieses festlichen Tages, der auf den 14 September fällt, zwischen Scharen von Wallfahrern nach Einsiedeln gelangt – ich, ein [51] feuriger Jünger und Apostel der Offenbarung des neunzehnten Jahrhunderts, deren Glaubensbekenntnis für jeden einzelnen lautet: ›Es ist kein anderer Gott als Gott – und der bin Ich!‹ Glänzender Fortschritt gegen das Glaubensbekenntnis des Islams, welches auch sagt: Es ist kein anderer Gott, als Gott; aber dann ganz bescheiden hinzusetzt: Und Muhamed ist sein Prophet! also noch eine andere Autorität festsetzt, als die des Selbstherrschers Ich Aber Fortschritt muß sein, und da das erste Jahrhundert zum siebenten und das siebente zum neunzehnten fortgeschritten ist, kann die Menschheit doch unmöglich beim Glaubensbekenntnis der Apostel Christi und der Anhänger Muhamed's stehen bleiben. Darin sind wir ja längst übereingekommen, nicht wahr, Judith? Moyses, Solon, Confutse, Christus, Zoroaster, Muhamed – haben wir glücklich überwunden! Wir laborieren für den Augenblick ein wenig an Fourier, Proudhon und Brigham Young; aber das alles liegt doch schon in den letzten Zügen und nicht lange währt's, so herrscht in der fortschreitenden menschlichen Gesellschaft die absolute Subjektivität. Jeder sitzt auf dem Thron, den er sich selbst baut – trägt eine Krone, die er sich selbst flicht – empfängt den Kultus, den er sich selbst darbringt – lebt nach den Gelüsten seines Herzens, die natürlich ebenso erhaben sind, wie dies Herz es ist – und nebenbei wird Italien glückselig und Rom der Mittelpunkt der modernen Götterherrschaft.«

»Diese und ähnliche Hochgefühle schwellten meine Brust, und im stolzen Bewußtsein meiner Würde und meiner Weisheit wanderte ich, wie ein verkappter Göttersohn, zwischen den armseligen [52] und einfältigen Menschenkindern umher, die sich zu meinem Fortschritt nicht erschwangen und die sich wie eine Völkerwanderung über Einsiedeln ausgossen. In den verschiedensten Trachten, hier ländlich, da städtisch, dort national eigentümlich, wogten tausend Gruppen, in besonderer Färbung und geschiedener Originalität, zu einer Masse verschmolzen, durch die Gassen dem großen freien Platz zu, wo sie sich sonderten und trennten, am Springbrunnen tranken, die Kaufläden besichtigten, am Bergesabhang sich lagerten oder die breiten Stufen zum Portal der Kirche hinanstiegen. Da waren Leute aus allen katholischen Kantonen und aus allen Nachbarländern der Schweiz: aus Oberbayern, Schwaben und dem badischen Oberland; aus dem Elsaß und dem fernen Lothringen; aus Deutschland und Welschtirol. Da hört man italienisch, französisch, deutsch, romanisch in den verschiedensten Mundarten reden, und da sah man Gesichter und Trachten, die eine ebenso große Verschiedenheit der Sitten, der Gewohnheiten, der Lebensverhältnisse andeuteten. War es nicht sehr seltsam, daß so viel tausend Menschen aus allen Weltgegenden, von einem und demselben Gedanken bewogen, sich hier zusammenfanden in aller Stille, Ruhe und Ordnung! und was war es für ein Gedanke? wollten sie einen Karnevalszug sehen, – oder ein Pferderennen – oder die Eröffnung einer Eisenbahn – oder den Einzug einer Prinzessin? wollten sie Gold graben, wie in Kalifornien, oder Diamanten suchen, wie in Peru? – Ach nein! sie wollten hier beten. Keiner störte den anderen, keiner beeinträchtigte den anderen; keiner beobachtete den anderen; jeder war wie versunken in seine innere Welt, und alle waren in vollkommener [53] Eintracht in der äußeren. Signora, ich muß gestehen, diese idealische Geistesverbrüderung frappierte mich ungemein, besonders weil sich mir gewisse patriotische Feste in's Gedächtnis drängten. die wir vor sechs, acht Jahren in Rom feierten, und weil diese Zusammenstellung nicht zum Vorteil unserer Bacchanalien war. Nun warf ich mich, um gegen alle milde Eindrücke hieb- und schußfest zu sein – in die Frechheit. Das hab' ich schon oft mit Glück getan. Ich ging umher, Händ' in den Taschen, Cigarre im Munde, Lorgnon in der Augenhöhle – und sah mir die Leute an. Es waren wirklich kräftige Männer dabei. frische Burschen, hübsche junge Mädchen, – keineswegs lauter Krüppel, Greise und alte Hexen. Aber bei den jungen Mädchen dachte ich: Ah, ihr wollt hier um einen Ehegatten bitten; und bei den Jünglingen: und ihr um die Gunst eurer Liebsten; und bei den Männern: und ihr um das große Los, oder um den Tod eures verblühten Weibes; und Tagediebe seid ihr alle miteinander. Traf ich aber auf ein altes Weiblein oder einen müden Greis, die erschöpft von der Wallfahrt hastig und zerstreut einige Gebete murmelten, dann dacht' ich frohlockend: Ihr seid der echte und rechte Wallfahrertroß! Euch grinst der Tod an; da erschreckt ihr und nennt die Freuden eurer Jugend – Sünden. Und eure Feigheit läßt sich's weiß machen, daß ihr eurem Gott ein X für ein U machen und aus Sündern – Heilige werden könnt, wenn ihr gerade hier auf dieser Stätte fünfhundert Ave Maria murmelt. Ja, ja, ihr seid mir die Rechten. euch kennt man! In Gedanken von solcher Stupidität, solcher Bosheit und solcher Gemeinheit erging ich mich con amore. Endlich begab ich mich in die [54] Kirche, die nach einer Feuersbrunst im vorigen Jahrhundert im reichsten, ornamentiertesten, italienischen Stil, mit einer Fülle von Gemälden, Statuen und Fresken gebaut und geschmückt ist. Meißel und Pinsel stellen durch Marmor und Farben die Geschichte der Menschheit in jenen großartigen Umrissen dar, welche aus dem Alten und dem Neuen Bunde geschöpft werden, und an den majestätischen Gewölben rollen sich die Geheimnisse des Christentums und das Leben des Gottessohnes von Bethlehem bis Kalvaria, dem himmelwärts gewendeten Blick auf. Unfern vom Eingang, mitten im Hauptschiff, steht eine kleine offene Kapelle, deren Kuppel von schwarzen Marmorsäulen getragen wird. Unter der Kuppel steht über dem Altar eine schwärzliche Mutter-Gottesstatue mit dem Jesukinde. Goldene Strahlen bilden ihr den Hintergrund und vor ihr schwebt eine Lampe mit dem ewigen Licht. Mit meinem Lorgnon im Auge gaffte ich alles an, und zum Glück durfte ich mir, als Künstler, erlauben, diese ganze Schöpfung der christlichen Kunst zu bewundern. Daß sie ein Sprößling des christlichen Glaubens sei, ließ ich bei Seite. Es waren viele Leute in der Kirche, aber es herrschte eine lautlose Stille. Die Meisten knieten um die Mutter Gottes-Kapelle herum, denn die kleine Statuette ist St. Meinard's uraltes Gnadenbild, und der Altar, über dem sie sich erhebt, ist derjenige, an welchem Bischof Konrad die himmlische Erscheinung wahrnahm. Dort ergießen sich seit tausend Jahren die Menschenherzen in Gebet und Tränen; dorthin wenden sich zuerst die Pilger. Ich aber, als ein Neugieriger, schlenderte auf und nieder in den breiten Schiffen der Kirche und besichtigte alle [55] Seitenkapellen. In einer derselben kniete eine einsame Frau. Sie fiel mir auf, denn in ihrer edlen Haltung war etwas, das mich an meine Mutter erinnerte. Auch in deren Alter mochte sie sein; aber sie trug noch die Spuren einer so ausgezeichneten Schönheit, daß es mich verdroß, solch ein edles Menschenbild in dem Verdummungsprozeß des Rosenkranzgebetes zu sehen. Ich pflanzte mich seitswärts vom Altar, vor dem sie kniete, auf und starrte sie an.«

»Aber Lelio, Sie sind unerträglich!« unterbrach ihn Judith. »Gönnen Sie doch den Leuten das Gebet – besonders den Frauen! Wer weiß, in welchen Schmerzen es die einsame Beterin getröstet hat.«

Nein, Signora, das dürfen wir nicht dulden. Die Apostel des Lichts müssen Licht verbreiten und Finsternis erhellen! Ich nahm meine ganze Frechheit zusammen und sagte auf italienisch ganz laut zu der Beterin: Nicht wahr? du bist eine perfekte Magdalena? Sie schlug ein paar große, milde, müde Augen zu mir auf und sagte im reinsten Italienisch mit einem unaussprechlich friedlichen und sanften Lächeln: »Nicht in der Buße, mein Sohn! bete ein Ave Maria für mich.« – Judith! mein Gefühl war ungefähr das von Don Juan, als die Marmorstatue des Komthurs ein vernehmliches Ja! sagt; nur mischte sich in meinen Schreck eine grenzenlose Beschämung. Ich hätte mich unsichtbar machen und aus der Kapelle, aus der Kirche, aus ganz Einsiedeln verschwinden mögen. Ich fand mich auf dem freien Platz wieder, ohne Lorgnon vor dem Auge. Wie ich hinaus gekommen, weiß ich gar nicht! mir schien, alle Blicke müßten auf mich gerichtet gewesen sein.«

[56] »O wie gönne ich Ihnen die Beschämung!« rief Judith und klatschte in die Hände. »Sie waren ja von einer ganz giftigen Insolenz.«

»Es scheint, die heilige Atmosphäre habe die Macht gehabt, alle Herzen zu öffnen, und als das meine sich auftat – sieh'! da kam Gift heraus! Und hätten Sie nur die Frau gesehen mit dem schönen Blick und der schönen Sprache und wie sie so mild sagte: Figlio mio! so würden sie sich noch mehr meiner Beschämung freuen! In der frischen Luft und im heitern Sonnenschein, der die bunten bewegten Bilder glänzend umrahmte, kam ich wieder zu mir und kehrte in die Kirche zurück, als zur Vorfeier des festlichen Tages die Vesper begann. Die Menschenmasse war so groß, daß sich Kopf an Kopf und Schulter an Schulter drängte; doch kein profanes Wort wurde laut und keine profane Neugier gab sich kund. Ich fand gar keinen Stoff für meine Beobachtungen und horchte deshalb auf die Musik. Das Magnifikat wurde prachtvoll gesungen, mit einer Würde, einem Schwung, einer Ruhe, einem feierlichen Ernst, daß jedes Wort und jeder Ton wie Perlen in Gold gefaßt dahin rollten und in mein Ohr fielen. Was das für eine seltsame Verheißung ist, dachte ich bei mir selbst: ›Die Mächtigen stößt er vom Stuhl und erhöhet die Niedrigen.‹ Sollte Gott wirklich mit den Republikanern gemeinsame Sache machen, die Fürsten und großen Herren wegjagen und das Volk auf den Thron bringen wollen? Dann kämst du auch auf den Thron, Lelio! – Aber du hast schon deinen Thron, inwendig in dir! – Am Ende gehörst du zu Denen, welche gestürzt werden sollen, und die kleinen niedrigen Geschöpfe rings um dich her kämen dann in die Höhe! Ja, klein und niedrig [57] von Gesinnung wie jene Frau, die zu dem bösen Buben, der sie zu beleidigen versucht, mild sagt: Mein Sohn, bete für mich! Solche kuriose Gedanken hatte ich bei dem Magnifikat. Nach der Komplet mit ihren wunderbaren Tönen, die wie Abendglocken zur Ruhe läuten, wurde es still in der Kirche und dämmernd. Die Kerzen erloschen. Vor dem Tabernakel hing eine Lampe mit dem ewigen Licht und vor dem Gnadenbild eine andere. Wie selige Gestirne flimmerten sie in die Schattenwelt hinein. Ein Teil der Pilger hatte sich in die Gallerie begeben und umlagerte die Beichtstühle so massenhaft, so ausdauernd, wie unsereiner die Aspiranten zu einer anderen Gallerie vor der Türe des Opernhauses zu sehen pflegt – wenn Judith die Norma oder die Desdemona singt. In der Kirche, um die Beichtstühle, allüberall, Stillschweigen, Sammlung, Ruhe und keine andere Bewegung als die, welche durch das leise Kommen und Gehen vieler Menschen verursacht wird. Ich fragte einen Kirchendiener, der am Eingange ein paar Lichter anzündete, damit die Dunkelheit nicht überhand nehme, ob später noch irgend eine Zeremonie statt fände. Er verneinte es mit dem Zusatz, daß die Beichten bis Mitternacht fortdauerten und daß am anderen Morgen um vier Uhr die ersten Messen gelesen würden. Ich fing an mich zu langweilen. Ich hatte genug gesehen, gehört, mein Mütchen gekühlt; ich dachte an meinen Rückzug. Aber ich blieb wie eingewurzelt auf meinem Platz, denn es erhub sich plötzlich ein ganz eigentümliches Getön, flüsternd erst, wie das Laub im Winde, wie ein Bächlein, das über Kiesel und Moos behende fortrieselt; dann steigend, anschwellend, rauschend wie ein gewaltiger Sturm – brausend wie die[58] Meeresbrandung – unmelodisch und doch voll übernatürlicher Harmonie – regellos, und doch zur übernatürlichen Einheit gesammelt. Es quoll aus allen Teilen der großen Kirche hervor, aus den Stufen der Altäre; es stieg und sank – und erhob sich wieder – eine Flut, ein Orkan von Gebet, das aus dem Herzen und von den Lippen von zehntausend Pilgern kam. Jeder betete halblaut seine Gebete in seiner Sprache, weinend, klagend, frohlockend, flehend, angsthaft, zuversichtlich, jammernd, lobpreisend – der eine einPater, der andere ein Miserere, der dritte ein Salve Regina, der vierte ein De profundis, der fünfte ein Te Deum, der sechste ein Veni sancte. Und einige beteten mit ihren Tränen und andere mit ihren Seufzern und andere mit gebrochenen Worten: alle Leiden und Schmerzen, alle Nöten und Trübsale, alle Kämpfe und Qualen, alle Liebe und Hoffnung, welche über den Erdball ausgebreitet sind, drängten sich auf diesem einen Punkt der Erde zusammen, und schrieen auf in diesem einen ungeheuern, Mark und Bein erschütternden Akkord: es war der Geist der Menschheit, der sehnsüchtig an das Herz Gottes flüchtete. Es überfiel mich, ich weiß nicht was für ein Verlangen, einzustimmen in diese wunderbare Hymne der betenden Menschheit; aber ich verteidigte mich auf's äußerste und dachte an unsere Hymnen auf den Barrikaden, auf den Gassen, bei Volksbanketten, im Theater, bei unseren Orgien; was fangen die? Ja, was singen die! Blut, Mord, Lustgier, Wahn und Rausch. Ein namenloser Ekel wandelte mich an. Ich stieß sie fort – mit dem Fuß. Hinweg mit euch! ihr seid nicht die Stimme eines höheren Geistes in der Menschheit; denn was ist euer Grundton? Trotz![59] – Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Nennt's wie ihr wollt! .... aber das ists: Trotz gegen Gott und seine Offenbarung. Ihr seid gerichtet!! – – Judith, verstehen Sie mich?«

»Ich weiß nicht!« flüsterte sie. »Erzählen Sie weiter.«

»Aber ich!« fuhr Lelio fort, »ich sollte einstimmen in die Hymnen des Gebetes zu Ehren eines menschgewordenen, eines gekreuzigten Gottes und Erlösers? ich glaubte ja nicht an ihn! Mein Glaube lag ja begraben unter jenen Disteln und Dornen, die mir das weiße Kleid der Gnade zerrissen hatten. Wer nicht glaubt, kann nicht beten! Da fiel mir die Frau mit dem schönen liebreichen Blick ein und ihr Wort: Figlio mio, bete ein Ave Maria für mich! Nun schloß ich einen Kompromiß mit mir selbst ab und sprach heimlich: Ich habe die Frau gekränkt; dafür will ich ihr den Gefallen tun und ein Ave Maria für sie sprechen. Auf diese Weise war halb und halb mein Verlangen befriedigt, halb und halb meine Ehre gerettet. Es gibt nichts Elenderes unter der Sonne, als ein Kompromiß mit der Wahrheit. Dann verließ ich die Kirche, begab mich in meine Herberge und suchte zu schlafen. Es ging aber nicht recht. Teils hielten mich wahre Gedankenstürme wach; teils störten mich die Pilger, die in neuen Scharen herbeikamen und ohne Obdach zu suchen geradesweges zur Kirche gingen und auf den Stufen gelagert, Rosenkranz und Litaneien beteten und geduldig harrten, bis sich um zwei Uhr Morgens die Türen öffneten und sie zum Teich Bethesda der Seelen – zum Bußsakrament eingehen ließen. Schlief ich aber ein paar Minuten, so war mir unaussprechlich wohl, denn das unbeschreibliche und unvergeßliche [60] Nachtgebet der Pilger säuselte über mich fort wie ein Wiegenlied. Um drei Uhr läuteten alle Glocken. Ich sprang so eilig auf, als dürfe ich keinen Moment des Festtages verlieren und eilte in die Kirche; nicht aus Andacht, aber wir Künstler lieben allerhand Emotionen, nicht wahr, Judith? Wie das aber zu gehen pflegt: sucht man sie, so findet man sie nicht. Um vier Uhr begann der Gottesdienst. Die ganze Kirche und alle Kapellen waren erleuchtet. Am Hochaltar feierte der Abt das heilige Meßopfer und an den übrigen Altären die Mönche und fremde Geistliche. Dann wurde die heilige Kommunion ausgeteilt – an tausende und tausende. Zuweilen trat eine Pause in der heiligen Ausspendung ein. Dann flutete aber wieder ein Menschenstrom zum Tische des Herrn und wieder erschien der Priester und brach das Vrod des Lebens. Um zehn Uhr wurde ein prachtvolles Pontifikalamt celebriert und zwar vom Nuntius des Papstes – was mich denn wieder in meine allergiftigste Stimmung versetzte. Der alte schwache Priesterfürst in Rom hat seine Gesandten überall, bei Kirchenfürsten, bei weltlichen Fürsten und wie sie; und die Oberhäupter des ächten, des republikanischen Roms, ein Mazzini, ein Garibaldi, werden als Revolutionäre verbannt, gehaßt und mißachtet! Überdies mißfiel mir die frohe Stimmung des Volkes, das sich nach dem Hochamt wie ein bunter, beweglicher, tausendsarbiger Teppich über den Platz und den Bergabhang und die Gassen hinzog. Und ach! was war das doch für eine unschuldige Fröhlichkeit! sie waren mit Gott ausgesöhnt, sie waren mit der Speise der Engel erquickt: nun lagerten sie sich traulich zusammen, die Familien, die Freunde, die Gemeinden – auf [61] dem Rasen, um den Brunnen, in den Gaststuben, wo sie eben ein Plätzchen fanden – und genossen das Wenige, was sie mitgebracht hatten, oder was sie mit knapper Not sich kauften. Und wer etwas hatte, der teilte es mit dem Dürftigen und labte den Krüppel und den Armen. Wie hätten die nicht froh sein sollen! Da waren ja alle beisammen, die Christus auf Erden geliebt und denen er im Himmel die Seligkeit versprochen hat: die reinen Herzen, die Armen im Geist, die Leidtragenden, die Barmherzigen. Aber ich – ich gehörte nicht in das Reich dieser guten Kinder Gottes und deshalb grollte ich ihnen.

Um mich zu zerstreuen, geriet ich auf einen seltsamen Einfall. Ich ging in die Sakristei und bat um Erlaubnis, die Orgel spielen zu dürfen, da ja jetzt während einiger Stunden kein Gottesdienst stattfinde; ich sei ein Musiker aus Rom, und die Orgel mein eigentliches Fach. Sie wissen, Signora, daß dies die volle Wahrheit ist, daß meine Eltern mein Talent für die Kirchenmusik ausbilden ließen und daß sogenannte Freunde mich später in das Bühnenorchester und so weiter! und so weiter lockten! aber die Orgel blieb mein Lieblingsinstrument, und in Einsiedeln überfiel mich das Verlangen, sie zu spielen. Mein Wunsch wurde gewährt; doch mit kluger Vorsicht. Man kannte mich ja nicht! ich konnte ein Stümper sein oder ein Böswilliger, der durch schlechtes Orgelspiel die Andächtigen verletzte oder ärgerte. Man führte mich auf eine Orgelbühne, die zu einem Oratorium gehören mochte; und da fand ich ein herrliches Instrument. Ich war ganz allein, ganz ungestört. Durch die Fenster, die mehr als mannshoch vom Fußboden angebracht waren, schaute der [62] reine Septemberhimmel wie ein tiefblaues Augenpaar auf mich herab. Außerdem sah und hörte ich nichts von der ganzen Welt. Ich setzte mich an die Orgel. Die Anklänge des gestrigen Abends gingen mir noch durch die Seele. Ich entfesselte eine Welt von Tönen. Alle Klagen der Menschenbrust, vom Jammerschrei bis zum Todesseufzer rief ich wach und ließ ihre Wogen steigen, wachsen, schwelen, bis sie mir selbst über dem Kopf zusammenschlugen und nicht ich mehr sie beherrschen konnte, sondern ein höherer Meister; und wer? Pergolese! an seinem himmlischen Stabat mater brach sich die steigende Flut. Erinnern Sie sich, Signora, wo Sie zuletzt das Stabat sangen und ich Ihren Gesang begleitete? In der letzten Charwoche war's, zu Paris, in der Kapelle der Klosterfrauen von Notre-Dame-de-Sion – da war's! da sangen Sie mit Ihrer Erzengelstimme, großmütig wie immer, für den Zweck dieses Ordens: die Bekehrung der Juden in Jerusalem. Seitdem hatte ich nicht an das Stabat gedacht. Nun fiel es mir ein. Nun tauchte aus den Schmerzen einer Welt – das Kreuz auf, und alles irdische Wehegeschrei verstummte vor der übermenschlichen Klage eines Herzens, das unter dem Kreuze stand ›pertransivit gladius‹. Ich weiß nicht, wie lange ich spielte. Ich schwamm, ich badete in diesen Melodien einer höheren Sphäre; ich durchwob sie mit meinen Phantasien, ich ließ alle Verzweiflung der Erde und alles Wutgeheul der Hölle in sie hineingellen; aber nur um so mächtiger rauschten die Ströme himmlischer Harmonie auf sie herab, und wie ein stiller silberweißer Schwan zog das Stabat durch die tobende See und stellte das Kreuz immer fester, immer leuchtender auf ein zermalmtes Mutterherz.

[63] Endlich kam ein dienender Bruder mit der Bemerkung, daß der Abend sinke, und daß ich doch ja nicht die Prozession versäumen möge, welche beginne, sobald es ganz dunkel sei. Ich riß mich mühsam von meiner Orgel los und eilte in's Freie. Ich hatte die Absicht, einsam auf den Bergen umher zu schweifen, um der langweiligen Prozession aus dem Wege zu gehen; da bemerkte ich Anstalten zu einer Beleuchtung und die Beleuchtung der St. Peterskirche in Rom, diese Wonne meiner Kindheit, fiel mir ein. Ich blieb, um zu sehen, ob hier etwa eine Nachahmung stattfinden solle. Je mehr die Nacht einbrach, desto mehr versammelte sich die Menschenmasse auf dem freien Platz. Er war zuletzt wie gepflastert mit Köpfen. Da ich etwas kurzer Statur bin, verwünschte ich hundertmal die langgewachsenen Söhne der Alpen, zwischen denen ich eingekeilt stand, und verfiel in eine höchst grimmige Stimmung über die stupide Neugier, welche so viel tausend Menschen hier zusammenführe, während ich vielleicht der einzige stupid Neugierige unter ihnen war. Endlich entstand in der Kirche eine große Bewegung; die Orgel erklang, die Kerzen auf allen Altären wurden angezündet, feierlicher Gesang ertönte, die Glocken huben an zu läuten, die Prozession setzte sich in Bewegung. Eine Doppelreihe von Mönchen und Geistlichen, jeder mit einer brennenden Kerze in der Hand, zog vom Hochaltar aus durch die Kirche, aus der Türe, die Stufen hinab, um den Platz. Am Schluß der Doppelreihe ging der Abt unter einem Baldachin, von Weihrauchwolken umwogt, das Sanktissimum tragend. Als es außerhalb der Kirche erschien, flammte über dem Portal ein koloslales Lichtkreuz und rings um den Platz, in gewissen [64] Zwischenräumen, Bündel von Fackeln auf, und im feierlichen Reigen wandelte die Prozession dahin. Wie die Wellen des roten Meeres sich teilten, um dem Volke Israels Durchgang zu lassen: so wich die Menschenmasse und stand zu beiden Seiten wie eine Mauer, und kniete nieder, wenn die kleinen Glöckchen und die Weihrauchwolken sich näherten, und erhob sich wieder, wenn das Sanktissimum weiter zog. Ich aber kniete nicht nieder, sondern reckte mich so hoch ich konnte, und stand mit verschränkten Armen, Lorgnon vor dem Auge, Hut auf dem Kopf, in der vordersten Reihe kerzengerade, als sich das Sanktissimum meinem Platze nahte und alles neben mir, hinter mir und gegenüber auf die Knie sank. Ich stand im stolzesten Bewußtsein meiner Würde und Freiheit; aber mein Hut fiel! ein ernster dunkeläugiger Tiroler nahm ihn mir ganz ruhig ab, mit dem Ausdruck eines Vaters, der seinem Bübchen zeigt, was schicklich sei. Ich riß ihm empört meinen Hut aus der großen sehnigen Hand, die mit ungewöhnlicher Behendigkeit das Kreuzzeichen machte, und drängte mich, von Zorn gekräftigt, nach der anderen Seite des Platzes, wo man unfern der Kirche zum Behuf dieser Feierlichkeit einen Altar errichtet hatte, der wie ein Meteor im nächtlichen Dunkel aufstrahlte. Er war um viele Stufen erhöht und von einer säulengetragenen Kuppel überwölbt, und alle Umrisse des kleinen Gebäudes waren mit ungemein glänzenden Lampen, wie mit Schnüren von Diamanten eingefaßt. Das Innere war ganz mit Blumen austapeziert und an der Hinterwand ein großes transparentes Gemälde angebracht, jene Vision, die Johannes auf Pathmos hatte: das wunderbare Weib mit den zwölf Sternen um das [65] Haupt und der Mondessichel zu ihren Füßen. Nach diesem Altar zog die bewegliche Lichtlinie der Prozession.

Trotz meiner kritisierenden Stimmung fand ich das Schauspiel großartig. Es war nichts zu sehen, als eine tiefdunkele, von einzelnen Lichtgruppen erleuchtete Erde: das Kreuz in der Höhe, Altar und Fackelbündel im Vorgrund, in der Tiefe des Bildes der Flecken Einsiedeln illuminiert von tausend Lichtlein – einer kleinen Welt von Leuchtkäfern ähnlich. Die Menschen – still, ernst, gesammelt, ruhig auf einem Fleck, kein Gedränge, keine Schaulust, und doch zu tausenden beisammen. Im Hintergrund die gewaltigen Berge, die sich in ihrer Massenhaftigkeit ganz schwarz zum Nachthimmel erhoben. Dazu die großartigen Stimmen, welche dem Bilde einen Ausdruck von Seelenleben gaben, Orgelklang, Chorgesang, Glockenton – und über dem allen der starke Wind, der von den Gletschern kam und über den Wald sauste und die Spitzen der hohen Tannen umbog und mit ihren Ästen wie mit Fahnen wehte. Der Abt war zum Altare hinaufgestiegen und nun erklangen diese wunderbaren eucharistischen Hymnen, welche von den Heiligen geschaffen sind und vielleicht von den Engeln gesungen werden. Dann hob er hoch auf das goldene Haus, in welches die überhimmlische Dreifaltigkeit, verschleiert von der heiligen Hostie, sich herabgelassen hat, hielt es einige Augenblicke fest und hoch vor allem Volk und bewegte sich dann langsam, im Kreuzzeichen, segnend über die Menge. Alle Gebete waren verstummt; die Orgel schwieg; nur die Kanonen donnerten in den Choral der Glocken hinein; alle Stirnen senkten sich zu Boden; denn nicht der Priester – Gott der Herr [66] segnete sein Volk. Und ich? – o ich stand aufrecht, als der Abt die Monstranz erhob und hoch hielt und darzeigte; und stand aufrecht, als die Kanonen krachten und die Menge auf die Knie fiel und der Abt die beiden ersten Bewegungen mit der Monstranz machte. Und als er sie nach meiner Seite wendete und ich sie fest und kalt ins Auge fassen wollte, da ging von ihrem Mittelpunkt ein goldener Strahl aus – und der traf mich, war's in's Herz, auf die Stirn, im Blick – ich weiß es nicht! genug, er traf mich besiegend. Meine Stirn sank zur Erde, meine Seele flog in den Himmel, ich lag im Staube und ich betete an.«

»Was ist das, Lelio!« rief Judith gespannt und aufgeregt. »Was war das für ein Strahl?«

»Nichts Irdisches war's, Signora, nichts Materielles. Kein Blitzstrahl war es, und kein Spiel der Lichter auf den Diamanten der Monstranz. Aber auch eine Vision war es nicht, wie die Heiligen sie wohl haben; kein Flammenpfeil, wie er der heil. Therese das Herz durchbohrt und zu seraphischer Liebe entzündet ...«

»Nun denn,« rief Judith beinahe heftig, »was war's?«

»Die Gnade war es, Signora!« sagte Lelio sanft. »Der Hebel war es, der seinen Stützpunkt im Herzen des Erlösers hat, und der ein elendes Menschenherz aus dem Abgrund der Sünde emporhebt.«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Judith kalt.

»Ich prophezeihte es,« erwiderte er lächelnd.

»Nun weiter!« rief sie.

»Ich bin zu Ende, Signora! ich habe in der ganzen Zeit Einsiedeln nicht verlassen, gründlich [67] in meinem Gewissen aufgeräumt und komme nun, um meine Vorsätze auszuführen.«

»Aber Ihre unbekannte Beterin werden Sie doch erkundschaftet haben?«

»O nein! die ist mir unbekannt geblieben. Komme ich aber einst in den Himmel, so werd' ich sie schon erkennen – unter den Heiligen oder zwischen den Engeln.«

Das Geschlecht, welches »das schöne« und »das fromme« genannt wird, hat eine Eigenschaft, welche seine Schönheit und Frömmigkeit sehr beeinträchtigt: es verträgt nicht gut das Lob einer anderen Frau. Bei Judith, die nicht den mindesten Anspruch an Frömmigkeit machen konnte, wird es also nicht auffallen, daß sie von ihrer Höhe herab entgegnete:

»Nun was ist denn darin so großartig, einen armseligen Menschen zu verachten, der uns beleidigen will? es fliegt Staub an den Saum unseres Kleides: wir schütteln ihn ab – und gehen weiter. Das ist doch eine allzu unbedeutende Handlung, um einen Paß in die Heimat der Engel zu erwirken.«

Lelio machte eine lebhafte verneinende Geberde.

»Tag und Nacht!« rief er, »Himmel und Erde! Sie verachten den Menschen, der Sie beleidigt: heidnischer Stolz! die Unbekannte bittet ihn: Mein Sohn, bet' ein Ave für mich: katholische Demut!«

»Und gaben Sie sich gar keine Mühe, diesem Mirakelwesen auf die Spur zu kommen? Schade, daß es nicht ein Vierteljahrhundert jünger war!«

»Signora,« sagte Lelio ernst, »dies verstehen Sie wirklich nicht.«

»Und weshalb nicht, Signor Lelio?«

[68] »Weil sich die Welt nach der Ordnung der Gnade Ihnen noch nicht erschlossen hat.«

»Und was ist das für eine neue mystische Weltordnung, Signor Lelio?«

»Es ist die, in welcher die Liebe zu dem gekreuzigten Gott der Offenbarung des Menschen höchstes Gesetz und heiligste Richtschnur ist. Es ist die, in welcher der Mensch, erlöst von der Wucht seines Ichs und von dessen unerträglicher Sklaverei, in den freiwilligen Dienst der göttlichen Liebe tritt und dadurch ein Werkzeug Gottes wird.«

»Und für ein solches halten Sie Ihre Unbekannte?«

»Allerdings, Signora. In der Gnadenwelt sind höhere Kräfte tätig, als in der natürlichen Welt, darum üben sie auch einen höheren Einfluß. Lebt und webt eine Seele in der Gnade, so gehen auch Gnadenwirkungen von ihr aus. Die höchste ist: eine Seele zu retten. Die Unbekannte hat den Grund zur Rettung meiner Seele gelegt; aber so recht wie ein unscheinbares Werkzeug Gottes: sie wußte es nicht, sie wollte es nicht. Sie übte nur einen kleinen Akt von Demut und Liebe – so klein, daß die Weisheit der Welt ihn nur beachtet, um ihn zu verachten; aber er war gottgefällig und darum folgte göttlicher Segen ihm nach. Ahnungslos hat sie meinem verhärteten Herzen den ersten Ruck zu seiner Bekehrung gegeben. Gottes Barmherzigkeit tat das Weitere. Jetzt muß ich das Meine tun.«

»Was wird das sein!« rief Judith erwartungsvoll.

»Nicht wahr, den Montblanc in den Leman stürzen – oder eine neue Sonne entdecken – oder einen neuen Weltteil erobern – darauf sind Sie gefaßt? Nein, teure Judith! ich gehe schlecht und [69] recht zu meinen Eltern zurück, bitte sie um Verzeihung, daß ich so viele lange Jahre so bitter sie betrübt habe, und suche fortan ein guter Sohn zu sein, mit der festen Überzeugung, daß die wahre Befreiung Italiens sehr gefördert wird, wenn ein Italianissimo daran geht, sich vom Unglauben und von der eng damit zusammenhängenden hochmütigen Selbstsucht zu befreien.«

»Wie, Lelio! Sie verlassen mich?« fragte Judith traurig.

»Stabat mater, teure Judith! Auch meine Mutter steht unter ihrem Kreuz und weint! – ach! um ihren verlorenen Sohn. Was wären Entschlüsse, wenn wir sie nur faßten, um unserem aufgeregten Gefühl eine momentane Befriedigung zu geben, und wenn sie mit unserer Erregung verschwinden würden! Nein! heute noch reise ich nach Rom ab.«

»Unmöglich! Sie wissen, wie unentbehrlich Sie mir sind!«

»Ich weiß, daß Sie einen Musiker brauchen, ja! – doch hier nicht, denn hier ruhen Sie aus von Musik. Singen Sie dem Fürsten X., dem Marquis Y., dem Lord Z. die Skala vor, so brauchen Sie niemand zum Akkompagnement und die Herren sind ebenso entzückt, als hätten Sie die ›Casta dia‹ gesungen. Überdas kommen Sie ja auch bald und für den Winter nach Rom. Da hoffe ich Ihnen einen brauchbaren Musiker aufgefunden zu haben.«

»Also auch in Rom wollen Sie nicht mit mir zusammen bleiben? Hindere denn ich Sie daran, ein guter Sohn zu sein? Oder überlassen Sie mich meiner Verdammung, nachdem Sie sich gerettet haben?«

[70] »Ich muß meine Seele retten, nicht die Ihre! das überlasse ich vollkommneren Menschen. Was aber Ihre Verdammung betrifft, so hoffe ich genau das Gegenteil! ich hoffe, daß Ihnen hienieden das Gnadenleben – und droben die ewige Herrlichkeit zu Teil wird.«

»Werden Sie für mich beten, Lelio?« fragte sie und reichte ihm die Hand. Er drückte sie herzlich und rief:

»Gewiß! ich – und Bessere als ich!«

»Nun, so beten Sie für mich, daß ich zu meinem Ziel komme und Gräfin Windeck werde.«

Lelio schleuderte ihre Hand fort und sprang zurück, als habe ihn eine Natter gestochen, und rief heftig:

»Wissen Sie denn nicht, daß der Mann verheiratet ist.«

»Ja, sehr unglücklich.«

»Unglücklich oder glücklich, das gilt gleich! Sie werden doch nicht in ein Serail gehen wollen?«

»Signor Lelio, ich bitte, mäßigen Sie Ihre Ausdrücke. Ich will Graf Windeck's rechtmäßige Frau werden.«

»Ganz richtig, Signora! dem Muhamedaner sind vier rechtmäßige Frauen erlaubt; Sie müssen sich also mitsamt Graf Windeck zum Islam bekennen, wenn Sie ihn heiraten wollen – denn eine rechtmäßige Frau hat er bereits.«

»Haben Sie denn nie gehört, daß man unglückliche Ehen auflöst, um eine glücklichere zu schließen?«

»Judith, Sie wissen nicht, was Sie sagen – nicht, was Sie anstiften!« rief Lelio mit dem Ausbruch tiefsten Schmerzes. »Ich ahnte wohl die Leidenschaft des Grafen für Sie, doch nicht diese [71] Wendung. O erbarmen Sie sich des Unglücklichen und treiben Sie ihn nicht zum Äußersten! Er kann Sie nur dann heiraten, wenn er abfällt vom Glauben und in eine Sekte außerhalb der Kirche, kalvinische, lutherische, evangelische – was weiß ich, wie sie sich nennen! eintritt – und Sie, Judith, mit ihm.«

»Wozu die enormen Anstalten, Lelio! Bleibe er doch katholisch, wenn er es ist, der arme Orest. Daß ich getauft sein muß, um ihn zu heiraten, weiß ich. Europa's Civilisation steht noch auf einer so niedrigen Stufe, um die Giltigkeit der Ehe an eine so leere Ceremonie zu binden. Mir ist es aber gänzlich einerlei, nach welchem Ritus es geschieht, und ich kann ebenso gut katholisch als kalvinistisch oder lutherisch mich nennen lassen.«

»Ach, arme Judith, in welchem Wahn sind Sie befangen! Die katholische Kirche betrachtet die Ehe als einen unauflöslichen Bund, welcher der Gnadenordnung, nicht den Gelüsten der wandelbaren menschlichen Natur angehört. Im Blut Jesu haben die Eheleute das Sakrament empfangen, sind sie verbunden zu einer Einheit, die nur der Tod scheidet. Dawider gibt es keinen menschlichen Richterspruch, und so lange Graf Windeck's Gemahlin lebt, ist eine Ehe mit einem anderen Weibe für ihn unmöglich.«

»Die Sekten aber gestatten sie?«

»Ja! denn sie beruhen auf Irrlehren! und eine solche ist es, welche die Ehe ihres sakramentalischen Charakters beraubt, und gerade sie, welche mehr wie jedes andere menschliche Verhältnis des Beistandes der heiligmachenden Gnade bedarf, zu einem lockern Vertrag herabsetzt, über dessen Dauer der Rausch der Leidenschaft entscheiden darf. Judith! [72] Judith! den Bund der Ehe dürfen Sie nicht anrühren. Sie dürfen es nicht!«

»Also auf Wiedersehen in Rom!« sagte Judith abbrechend. »Reisen sie glücklich, lieber Lelio. Ich halte Sie keinen Augenblick zurück, denn ich sehe wohl, daß der Lelio, den ich vier Jahre lang gekannt habe, durch vier Wochen in Einsiedeln mir fremd geworden ist.«

»Und gerade jetzt möcht' ich bei Ihnen bleiben, möchte wachen und warnen....« –

»Sie werden langweilig, Lelio! ich brauche keinen Mentor. Ich will jetzt noch einige Wochen Nachsommer in Genua oder Nizza genießen; dann komme ich nach Rom. A rivederlo!« Sie winkte ihm freundlich mit der Hand zu und verließ das Zimmer.

Lelio sah ihr traurig nach und seufzte heimlich: O die Arme! sie stürzt in den Abgrund und reißt ihr Opfer mit sich hinab. Niemand geht allein in den Himmel, allein in die Hölle. Die Seelen hängen zusammen – im Abfall, in der Heiligung. Das erste Menschenpaar verwickelte die ganze Menschheit in den Sündenfall; Christus zieht die ganze Menschheit am Kreuz empor.

[73]
Drei Jahre im Ehestand

Während der Genfer See in Sonnenglanz und Farbenpracht funkelte und strahlte, hingen graue Wolken über den Odenwald; am Morgen lagen schwere Nebel auf den Tälern und am Abend sauste der Sturm durch die entlaubten Wälder und drehte kreischend die Wetterfahne des Schloßturms von Stamberg. Im Schloß herrschte tiefe Stille, kein Laut war zu hören, keine Bewegung zu sehen, kein Gehen und Kommen von Dienern und Untergebenen wahrzunehmen. Kein Pferd stampfte im Stall, kein Hund spielte im Hof. Ein trübes Gestirn schien über dem Schloß zu walten, so daß sich seit den Tagen der Gräfin Juliane kein frisches Leben darin entfalten konnte. Und doch war es mit Luxus und Komfort eingerichtet! von der Eingangshalle bis zum Speisesaal – und vom Salon bis zu den Zimmern für Gäste – allüberall Behagen und Eleganz! die weichsten Teppiche, die bequemsten Polster, die ausgesuchtesten Möbel, um in behaglichster Weise zu sitzen, zu liegen, zu lesen, zu schreiben, zu essen, zu ruhen – kurz, um dem Körper schlafend und wachend ein Nonplusultra des Wohlseins zu bereiten. Überdies arbeitete der Koch im weißen Baret und mit der weißen Schürze äußerst tätig in der Küche und der Haushofmeister saß mit der Feder in der Hand und führte Buch über den Inhalt des Weinkellers, und die Kastellanin [74] wandelte mit einem Federwedel in der Hand durch die unbewohnten Gemächer, um sie zu lüften und von jedem Stäubchen zu befreien. Es war also nicht ausgestorben, das stattliche Schloß – und doch so tot! denn es fehlte in diesen prächtigen Räumen das etwas, das Leben hervorruft: das häusliche Glück.

In einem runden Turmkabinet befand sich die Herrin des verzauberten Schlosses – Corona Windeck, mit ihrer kleinen Tochter Felicitas. In diesem Gemach war Leben – ja, gleichsam ein Brennpunkt alles Lebens: eine traurige Frau und ein fröhliches Kind. Das Kabinett war mit der höchsten Eleganz eingerichtet; die Wandtapeten, die Vorhänge vor den beiden Spitzbogenfenstern und vor der Türe, der Möbelbezug, alles war dunkelblauer Damast. Die Tische und die in der Dicke der Mauer eingelassenen Wandschränkchen mit zierlichen gothischen Türen waren von der schönsten eingelegten Holzarbeit mit feinen Metallstreifen und Perlmutterverzierungen. In dem weißen Marmorkamin brannte ein munteres Feuer, und auf dessen Gesims stand eine Garnitur Vasen von Meißener Porzellan in Blau und Gold, unter einem prächtigen Spiegel. In dem einen Fenster stand Corona's Schreibtisch, ganz überladen mit den Millionen von Sächelchen, welche einen Schreibtisch höchst elegant – und höchst unbequem zum Schreiben machen. Überdas hatte sie eine kleine Gemäldegallerie von Familienportraits, sehr schön in Aquarell ausgeführt, darauf eingerichtet. Im anderen Fenster stand ihr Stickrahmen und daneben auf besonderem Gestell zwei große chinesische Deckelkörbe voll Seide, Wolle, Garn, Stickmuster und allem, was die weiblichen Arbeiten erfordern. [75] Ein ganz niedriges Kindertischchen, mit Spielzeug und Bildern dermaßen überladen, daß die Hälfte davon auf dem sammtweichen Teppich am Boden lag, verriet – auch wenn sie beide nicht dagewesen wären – daß Corona's Kabinett auch das Zimmer ihres Kindes sei. Sie saß am Schreibtisch und hielt einen Brief in der Hand, den sie überlas, um ihn zu beantworten. Aber es traten oft Tränen in ihre Augen und dann blickte sie über das Blatt hinweg mit namenloser Zärtlichkeit auf Felicitas. Zwischen den Fenstern stand ein breites Sopha, und auf demselben hatte sich die Kleine mit ihren Puppen häuslich niedergelassen und eingerichtet. So oft Corona's Blick auf das Kind fiel, flog ein Sonnenstrahl über ihr Antlitz; allein er verschwand, wenn er wieder in den Brief fiel. Er war aus Genf und lautete:

»Da ich in diesen Tagen mit einigen lieben Freunden nach Genua gehen und dort Seebäder brauchen will, so leidet unser Reiseplan eine kleine Veränderung, liebe Corona. Ich kann unmöglich nach Stamberg zurückkehren, um Dich abzuholen, was ja auch ganz überflüssig ist, da Du an dem guten Papa einen besseren Reisemarschall hast, als an mir. Ich gehe von Genua direkt nach Rom, wahrscheinlich Ende November. Du wirst am besten tun, wenn Du Dich sogleich nach Windeck begibst, und wenn Ihr von dort aus die Reise nach Rom antretet, wie und wann es Euch genehm ist. Schreibt nur vorher an Hyazinth, daß er Quartier mache, Piazza di Spagna, Via Condotti – oder da so herum. Laß Dir vom Rentmeister Geld geben, wenn Du es notwendig brauchst. Ich meine aber, der gute Papa könnte die sämtlichen Reisekosten zahlen. Kurz, möglichst wenig [76] Geld laß Dir geben, denn ich gebrauche enorm viel. Ich habe mir ein paar superbe Reitpferde gekauft und will sie mitnehmen nach Genua und Rom. Du darfst auf keinen Fall einen Diener mitnehmen. Für die Reise genügt der des Papa – und in Rom der meine. Adieu, gutes Kind! Befiehl im Stall, daß die Pallas nie über eine halbe Stunde täglich spazieren geführt werde, damit es sich erhole, – das pompöse Tier; und küsse Felicitas. Dein Orest.«

So schrieb der Gatte dieser Frau und der Vater dieses Kindes – immer derselbe Orest von Jugend auf; nur fortschreitend – aber auf seiner Bahn; und immer rascher und gesteigerter, je fester er sie verfolgte. Ein Ruf vom Himmel zieht das Menschenherz aufwärts; die Stimme des Erdgeistes – abwärts. Die ersten Schritte nach beiden Richtungen hin gehen langsam, schwankend, mit Ungewißheit, ja mit Rückschritten sogar: der Zug zum Himmlischen läßt nach; der Zug zum Irdischen begegnet besseren Einflüssen. Die Kämpfe, welche hieraus entspringen, stählen entweder den Willen, der das köstlichste Gut, seine Freiheit, bewahrt und mit ihr auf der Bahn des Lichtes mehr und mehr aufwärts steigt; oder die Willenskraft läßt sich besiegen vom verlockenden Bösen, läßt sich von den Leidenschaften in Fesseln schlagen, wird immer ohnmächtiger zum Guten und läßt das Menschenherz mehr und mehr einem Abgrunde zurollen, dessen Tiefe das sterbliche Auge nicht ermißt. Auf diesem Wege flieht der Mensch alles, was seine Genüsse und Freuden stören und ihn an seine Pflicht erinnern könnte. Er verliert den Sinn für himmlische Dinge; er schätzt nur die Irdischkeit, kennt nur materielle Interessen, versteht nur die Neigungen, [77] die Bestrebungen, die von der Erde stammen. Er ist gefesselt an die Gebilde des Staubes, er ist der Knecht der Sünde. Dieser innere Zustand des Menschen wirft einen furchtbaren Schatten auf ihn, den Schatten des ewigen Todes, der langsam, frostig, vernichtend an der Seele hinaufkriecht und sich zwischen sie und Gott ausbreitet. Davor weichen alle Ströme der Gnade zurück! daran erlöschen alle Strahlen höheren Lichtes! dadurch vertrocknet allmählig das übernatürliche Leben nicht bloß – sondern auch alle höheren Fähigkeiten des Menschen. Seine Intelligenz verdunkelt sich, sein Herz verhärtet sich, sein Verstand schwächt sich. Jeder Erkenntnis, welche über die Materie hinausliegt, wird er unfähig. Er begräbt seine entwürdigte Seele in dem Kerker seiner gefallenen Natur. So stand es mit Orest. Sein Wahlspruch: froher Genuß des Lebens! hatte ihn dahin gebracht, daß er des schönsten Lebens nicht froh wurde und all sein Glück nicht zu genießen verstand. Daß das Glück Opfer fordere und daß aus den Verhältnissen Pflichten hervorgehen, fand er über allemaßen lästig, und was ihm lästig war, dem wich er aus. Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung hatte er nie geübt, nie zu einem kräftigen gesunden Willen sich erhoben. Von seinen Launen und Einfällen, von seinen Neigungen und augenblicklichen Eindrücken ließ er sich wiegen und tragen, bestimmen und hinreißen. So geriet er auch manchmal an ein gutes Wollen; aber es hielt nicht Stand. Durch gute Aufwallungen wird der Mensch nicht gut! der Wind ist zu schwach, um sein Schifflein flott zu machen, wenn es auf eine Sandbank gelaufen ist. Nur ernster Beharrlichkeit und unermüdlicher Selbstüberwindung ist die Tugend erreichbar;[78] denn Tugend ist Beschränkung des Ich's nach allen Richtungen hin. Orest aber pflegte sein Ich nach allen Richtungen wie eine äußerst kostbare und edle Pflanze, und so wurde denn dieses Ich in der moralischen Welt zu einem Upasbaum, der alles Leben tötet, das in seine Nähe kommt. Einen Augenblick war er von Corona's Lieblichkeit ergriffen genug gewesen, um verschiedene gute Vorsätze zu fassen und seinen Ehestand mit dem Entschluß zu beginnen, Judith nicht wiederzusehen. Aber wie das immer zu gehen pflegt: hat man große Entschlüsse gefaßt, so treten stets eine Menge Umstände ein, um sie wankend zu machen. Das ist ganz in der Ordnung; denn wie könnte sich ein Entschluß bewähren ohne Prüfung. Wer aber nicht geneigt ist, ihnen treu zu bleiben, klagt über sein unerhörtes Schicksal und die zwingende Gewalt der Umstände – und gibt sie auf. So machte es Orest. Gleich nach seiner Vermählung trat er mit Corona eine Reise in's Berner Oberland an und traf in Interlaken – auf Judith, auf seine schwarze Sonne, wie er sie nannte. Aber sie ließ kalt und stolz keinen Strahl auf ihn fallen. Sie übersah ihn bei jeder öffentlichen Begegnung, und als er ihr seinen Besuch machen wollte, nahm sie ihn nicht an. Dies war ganz genug, um seine Eitelkeit zugleich zu verwunden und zu befriedigen. Sie war verletzt, oder wenigstens beleidigt; folglich war er ihr nicht gleichgültig. Je frostiger sie sich zeigte, desto heftiger wurde der Reiz, eine Kälte zu überwinden, die nur der Schild vor ihrem Herzen war – wie er hoffte und wie Judith es ihn zuweilen, wie durch ein leises Wetterleuchten, ahnen ließ. Noch in Interlaken, kaum drei Wochen seine Frau, sah Corona ihn in Judiths Fesseln und sich selbst [79] in der Vernachlässigung, welche fortan ihr Los blieb. Es könnte befremden, daß ein so oberflächlicher Charakter wie Orest, dem es hauptsächlich nur darum zu tun war, den Schaum vom Lebensbecher zu schlürfen, in eine solche verzehrende Leidenschaft verfiel; aber einesteils war er sehr hartnäckig, wenn es galt, das, was er sein Glück nannte, zu verfolgen – wie es Jäger gibt, die auf der Jagd voll Feuereifer, übrigens aber ganz phlegmatisch sind – und anderenteils zeigt leider die traurige Erfahrung, daß nicht selten Menschen, welche in jedem geheiligten Verhältnis eine Last finden und eine Sklaverei sehen, durch unheilige Verhältnisse in ganz erstaunlicher Weise sich binden lassen. Es ist die natürliche Strafe ihrer Verkehrtheit: sie wollten nicht die edle Freiheit ihres Willens üben, drum sind sie unfrei – und in einem solchen Grade, daß sie ihre Gefangenschaft für die rechtmäßigste und natürlichste Sache von der Welt halten.

Corona war zu unerfahren und zu rein, um von diesen traurigen Verirrungen eine Vorstellung zu haben. Sie hatte, ohne die mindeste Neigung für Orest, dem Wunsche ihres Vaters, der Fügung Gottes gehorcht und, war je ein Traum von Liebe durch ihr junges Herz gezogen, so war es nicht Orest, der ihn hervorgerufen hatte. Aber sie reichte ihm mit dem festen Entschluß die Hand am Altar, daß sie ihn lieben wolle, wie es sich für eine christliche Ehefrau ziemt. Orest machte es ihr sehr schwer. Für die Feinheit ihrer Empfindung, für die zarte Jungfräulichkeit ihres Herzens fehlte ihm durchaus jedes Verständnis. Tausendmal verletzte er sie, quälte er sie durch seine Scherze, durch seine Bemerkungen, durch seine Handlungsweise, durch [80] seine Auffassung von Welt und Leben; sie litt und schwieg. Sehr selten erlaubte sie sich eine Einwendung, aber so bittend und demütig, daß Orest, der ohnehin schon, vermöge seiner Selbstsucht, vielmehr ihr Herr als ihr Gatte sich fühlte, dadurch in seiner Despotenlaune bestärkt wurde. Ihr Ton hätte sehr ernst und äußerst bestimmt sein müssen; dann würde sie ihm imponiert haben – wie ihm das zuweilen bei Regina geschehen war; aber diese unüberwindliche Entschiedenheit, die, auf dem innersten Grunde von Regina's geistigem Sein beruhend, ihre ganze Wesenheit gleichsam illuminierte – war nicht in Corona. Bei ihrem Vater hatte sie gehorchen gelernt! an ihre Schwester hatte sie sich gelehnt wie an eine zärtliche und weise Mutter; einem Orest war sie nicht gewachsen. Aber sie hatte die Tradition ihrer frommen Mutter und das Vorbild ihrer frommen Schwester! Die Baronin Isabella und Regina hatten ihr oftmals er zählt, wie diese Mutter durch Milde, durch Stillschweigen, durch Opferwilligkeit dem Egoismus des Vaters begegnet sei und wie sie ihn damit gewonnen habe. Die Mutter, die kaum in ihrer Erinnerung lebte – lebte umso mehr in ihrer Gegenwart als ein Vorbild stiller, unscheinbarer Tugend und an dem Streben, diesem Beispiele nachzufolgen, entwickelte sich die tiefe Frömmigkeit, die von der Wiege an ihrem Gemüt eingesenkt, aber nicht entfaltet war und jetzt aus einer grünen Knospe in voller Blüte hervorbrach. Corona erkannte schnell, daß sie in ihren Verhältnissen himmlischen Beistand nötig habe, denn kein irdischer genügte ihr, noch bot er sich ihr. Ihr Vater hatte nun einmal beschlossen, daß Orest und Corona miteinander glücklich zu sein hätten. Der arme Vater! sprach Corona zu sich [81] selbst; hat er nicht bei Regina, Hyazinth und Uriel sich an seinen Hoffnungen getäuscht gesehen und auf seine Wünsche und Erwartungen verzichten müssen! ich will ihm, so viel an mir liegt, keinen Kummer machen; ich werde glücklich sein, glücklich – die Bestimmung zu erfüllen, die Gott mir angewiesen hat. Und so machte sie sich denn an das Heldenwerk der Heiligen: in übernatürlicher Weise glücklich zu sein.

Zu Orest's quälenden Eigenschaften gehörten auch die, daß er, wenn er nicht in irgend einer Spannung und Erregung war, sich beständig langweilte. Die soldatische Disziplin, dies und das und jenes zu der und der Stunde pünktlich verrichten zu müssen, war ihm anfangs äußerst lästig, allmählig aber ganz lieb gewesen; denn sie gab ihm täglich die Befriedigung, die aus einer, wenn auch noch so geringen Pflichterfüllung hervorgeht. Überdas machte es der ganze Schwarm der Kameraden, unter denen sich doch mancher rebellische Kopf und störrische Nacken befand, genau so wie er, weil die Unannehmlichkeiten, welche der Mangel an Disziplin nach sich zog, doch am Ende noch lästiger waren, als die militärische Subordination. Aber auf Stamberg gab es keine Lebensregel für ihn. Er konnte schalten und walten wie – tun und treiben, was ihm beliebte. Hatte er heute ein Geschäft begonnen, so zwang ihn niemand, es morgen fortzusetzen. Er konnte es ganz liegen lassen, oder es nach acht Tagen wieder aufnehmen, oder es dem Rentmeister, dem Förster, oder sonst dem betreffenden Beamten zur Fortsetzung zuschicken. Letzteres geschah denn auch regelmäßig! Er fand alle Geschäfte, die Art sie zu führen, den Gang, den sie gingen, tötlich langweilig, und da die Beamten [82] nun einmal auf diese Langeweile eingeübt waren und dafür bezahlt wurden, auch die Sache viel pünktlicher und schneller machten: so gab er es sehr bald ganz auf, sich um seine Geschäfte, seine Verhältnisse, den Zustand der Herrschaft, die Verwaltungsart seiner Beamten, um das Gute, das zu tun, um die Mißbräuche, die abzustellen waren, zu bekümmern. Drei Arten von Beschäftigungen hatte er auf Stamberg, und die trieb er abwechselnd mit einer Art von Wut: jagen, reiten, lesen. Die Jagdzeit war seine Lieblingszeit; da trieb er sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Flur und Wald umher und ermüdete sich dergestalt, daß seine etwaige üble Laune bei der Heimkehr – in Schlaf unterging. Reiten war seine zweite Liebhaberei, nämlich Pferde zuzureiten. Das verstand er meisterhaft, und je böser das Pferd war, desto lieber übernahm er dessen Erziehung und »brachte die Bestie zur Raison« – wie er es nannte. Das war denn aber auch der Hauptspaß! war einmal das Pferd zugeritten, so hatte er keine Freude mehr daran. Deshalb verschwendete er Unsummen für den Ankauf junger roher Pferde, die er zuritt und dann für ein Billiges verkaufte, um sie nur wieder los zu werden und Platz in den Stallungen für neue Zöglinge zu gewinnen. Endlich, wenn er bis zur äußersten Abspannung im Walde ein Nimrod und in der Reitbahn ein Rossebändiger gewesen war – pflegte er zu sagen: »Jetzt erhole ich mich an Leib und Geist bei den schönen Wissenschaften;« legte sich auf einen breiten, niedrigen Divan von braunem Saffian, rauchte ein orientalisches Nargileh und las dutzendweise französische Romane greulichster Art. Dermaßen war er dann in seine Lektüre versunken, daß er nicht selten bei Tisch mit [83] seinem Buch erschien und, da Corona sich seine Vorlesung verbat, während des Essens still für sich las. Diese Bücher trugen natürlich nicht dazu bei, ihm Lust und Liebe zum häuslichen Herd und zu dessen Freuden und Beschäftigungen zu geben. Mißmut überfiel ihn; die Bücher wurden ihm verhaßt; Corona sollte ihn unterhalten. Wie gern hätte sie das getan! allein er fand sie nicht munter, nicht ausgeweckt genug.

»Als Kind hattest Du Anlagen zu einer Lionne!« rief er einmal höchst mißmutig; »aber die fromme Erziehung hat sie bis auf's letzte Fünkchen ausgelöscht. Du bist eine ganz alltägliche Person geworden.«

»Darin hast Du recht, lieber Orest,« sagte sie demütig. Und sie hatte doch einen feinen Verstand und eine liebenswürdige Munterkeit; aber freilich, einbalsamiert in geistige Grazie, so daß alles Scharfe, Exzentrische, Leidenschaftliche – alles, was nicht bestehen konnte neben zarter Sitte und heiliger Wahrheit – dem Kreise ihrer Anschauungen und Urteile, dem Gang ihrer Gedanken fern blieb. Ein solcher Geist war nicht nach Orest's blasiertem Geschmack. Er machte den Versuch, sie in seinem Sinn höher zu bilden und sie mit einer gewissen traurigen Richtung des Geistes in literarischen Erzeugnissen bekannt zu machen, an welche manch' großes Talent sich wegwirft. Er brachte ihr solche Bücher und empfahl ihr dringend, sie zu lesen. Sie las den Namen der Autoren, machte die Bücher zu und sagte:

»Ich danke Dir tausendmal, aber lesen kann ich diese Bücher nicht.«

»Was ich Dir gebe, darfst Du lesen!« fuhr Orest auf.