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Gestern Abends sagte ich: »Der Sehnsucht
Ihn zu schauen will ich mich erwehren.«
»Wo sind Ketten? – sprach Er – den Verrückten
Will ich eines Anderen belehren.«
Seine Hochgestalt nannt' ich Zipresse;
Da im Zorne wandt' er sich von hinnen!
Wird mein Bild durch Wahrheit schon beleidigt,
Freunde, sagt, was soll ich dann beginnen?
Sprach ich Worte, die ich schlecht gewogen,
O mein Herzensräuber, so verzeihe!
Sei auch freundlich, dass ich dem Gemüthe
Das verlorne Gleichgewicht verleihe!
Jenem Zarten hab' ich es zu danken
Dass ich schuldlos an der Gelbsucht leide;
Schenke, gib ein Glas mir, dass ich wieder
Mein Gesicht in's Roth der Rose kleide!
Sage, Lüftchen, du von Leila's Stätte,
Ob's um Gotteswillen lang noch währe
Dass ich Fluren in des Oxus Fluthen,
Und in Trümmer Wohnungen verkehre?
Ich, der zu des Freundes Schönheitsschatze
Bin gelangt, dem unermesslich reichen,
Will in Zukunft zu Cărūnen machen
Hunderte von Bettlern die mir gleichen.
Mond, beglückter Herrscher, lass Hafisen,
Deinen Knecht, dir im Gedächtniss leben,
Dass für's Glück ich jener Reize bete
Die sich täglich strahlender erheben!

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Citation Suggestion for this Edition
TextGrid Repository (2012). Ḥāfeẓ, Šams o'd-din Moḥammad. 30.. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0003-2F25-E