Heinrich Wilhelm von Gerstenberg
Briefe über Merkwürdigkeiten der Litteratur

Vorwort

[3] [Vorwort]

Der wahre Geschmack ist ein einziger, und wird in eben der Bedeutung angebohren, wie das Genie. Diese Einheit und Festigkeit seiner Grundsätze aber schränkt seinen Gesichtskreis nicht ein, sondern erweitert ihn über das Genie aller Zeiten und Völker. Eben der Kenner, der die Ideen des Uebertriebnen, des Dürren und Geradlinigten der ägyptischen Kunst von dem Zwange des ältesten hetrurischen und der Härte des erhabnen ersten griechischen Styls abzusondern und zu schätzen weiß, besitzt auch das Maas von Einsichten, die Grazie in den Gemälden des Guido wie in den Statuen des Praxiteles zärtlich zu lieben, oder das höhere Ideal in den strengern Umrissen des Raphael Urbino, Alcamenes oderPolycletus mit verhältnißmäßiger Begeisterung zu bewundern.

Der einheimische Virtuose wird immer mit dem treuen Eifer desjenigen kunstverständigen Begleiters zufrieden seyn, der ihn auf fremde Schönheiten aufmerksam macht, und seinen Begriffen eine nutzbare Ausdehnung gibt, – nicht in der Absicht, ihm die Wahl oder Copie zerstreuter Schönheiten zu erleichtern, sondern das Ideal, das in seiner Seele verborgen ist, wie auf einen sichern Fels zu stützen.

Eine andere haben die Herausgeber der gegenwärtigen Brief-Sammlung nicht gehabt, und es wird ihnen angenehm seyn, wenn deutsche Leser das weite Feld ihrer Correspondenz, an der sie weiter keinen Antheil haben, einem Garten ähnlich finden, zu dem die gesammte große Natur ihren Zins hergegeben hat.

Erste Sammlung

1. Brief
Erster Brief.

Freyberg.


Freuen Sie sich! wieder ein schönes Buch mehr; und noch schätzbarer wegen des vortreflichen Inhaltes, als wegen der originalen Schreibart seines Verfassers. Goldene Aepfel in silbernen Schaalen. Oder kennen Sie schon des Hrn. Prof. Abbtes Werk vom Verdienste? Aber eine Kritik darüber müssen Sie nicht von mir erwarten. Denn die würde mich mehrere Selbstüberwältigung kosten, als ich jemals um einer Kritik willen von mir zu fodern verpflichtet seyn kann. So sehr vergißt man bey diesem Buche jeden andern Vorsatz, außer demjenigen, den der Verfasser Selbst rege machen, oder befestigen will: Und so sehr ist man Freund des Mannes, dessen Gedanken allesamt aus der lautern Quelle gesunder Vernunft und eines von Wahrheitseifer und Menschenliebe durchdrungenen Herzens hergeflossen kommen.

»Nur Ein richtiges Urtheil,« sagt er in seiner Vorrede, »das diese Schrift lehret; nur Eine rechtschaffene Empfindung zum Wohlwollen, die sie erreget; nur Eine Wallung des guten Herzens, die sie hervorbringt; nur Ein Gefühl der innern Stärke, zu dem sie verhilft, muß sie von dem Verwerfungsurtheile eines ganz unnützen Buches befreyen.«

Hoffentlich enthält diese bescheidene Erwartung keine vollständige Geschichte der künftigen Wirkungen seines Buches. Und da es nur noch erst seit wenigen Jahren einem französischen Originalphilosophen, zum Theil durch den fast attischen Vortrag seiner oftmals ziemlich troglodytischen so Gedanken gelungen ist, die Autorität eines Papstes zu erhalten über eine nicht kleine Anzahl derjenigen, deren Denkungsart in die Wohlfahrt ganzer Nationen keinen geringen Einfluß hat: So würd ich der schuldigen Achtung für mein Vaterland zu nah treten, wenn ich nicht hoffen wollte, [4] daß ein Deutscher, der über ein eben so wichtiges Thema nicht allein vortrefflich schreibt, sondern auch (welches ihm billig einen kleinen Vorzug geben sollte,) richtig denkt, die Aufmerksamkeit, wenigstens seiner Landesleute, an sich ziehen werde, auch ohne die Taschenspielerkünste paradoxer Einfälle etc.

Eine Beantwortung Ihres gewöhnlichen Was hat der Verfasser Neues? mögen Sie auf ein anderes Buch bey mir zu Gute haben. Denn diesesmal muth ich Ihnen aus Pflicht und Gewissen zu, sich die Antwort aus dem Werke selber zu erfragen. Bis dahin mag Ihnen statt einer vorläufigen Nachricht folgende hieher nicht ungehörige Stelle dienen, wo er beym Uebergange in ein anderes Kapitel auf der 147sten S. sagt: »Es ist so viel davon geschrieben, daß eine philosophische Verläugnung dazu gehört, sich darüber herauszulassen. Denn man kann in solchen Fällen den Argwohn, andere ausgeschrieben zu haben, nicht leicht vermeiden. Es mag hier aber das innere Zeugniß gegen die äussern Urtheile trösten.« Hiezu setzt er noch das ehrliche Geständniß: »Wobey doch die Beobachtung nicht verschwinden darf, zur Demüthigung der Eigenliebe, daß man oft glaubt, etwas selbst gedacht zu haben, was man doch bey andern gelesen hat. Denn unsere Seele stiehlt Gedanken mit solcher Geschicklichkeit, daß sie nichts weiter thut, als gleichsam ihr Wapen darauf schlagen, um sie die ihrigen zu nennen

Immerhin!

Wenn zwar mancher glorreiche Fürst, aus landesväterlicher Milde, gutes Geld in schlechtes ummünzet, so gewinnet freylich sein hoher Nachruhm nicht viel neuen Glanz durch die holde Kupfer- oder Eisenfarbe des allergnädigsten Antlitzes auf dem geringhaltigen Geldstücke. Allein, wer hat etwas dagegen, wenn er Geld einschmelzt, um es nach einem noch bessern Fuße auszuprägen? Auf die letztere Weise ist, meines Erachtens, der V. mit bekanten Wahrheiten in seinem Buche umgegangen.

Dem menschlichen Geschlechte nicht zum Nachtheile würd' [5] es vermuthlich gereichen, wenn künftige Geschichtschreiber ihren Maasstab zu den verschiedenen Gattungen des Verdienstes mit dem hier gegebnen in etwas nähere Gleichheit, als gewöhnlich, bringen wollten.

Hören Sie die Worte des freyredigen Mannes an einer solchen Stelle:

Nachdem er die Fürsten, denen das Erobern nicht ein Mittel zu bessern Zwecken, sondern der Zweck Selber ist, in drey Arten getheilet hat, so sagt er auf der 299sten S. von der erstern:


»Da der Ritter von Linnée die Löwen unter das Katzengeschlecht, mehrerer Ordnung halber, hat bringen dürfen: So kann es Niemanden wundern, daß wir auch, um des Aufräumens willen, diese erste Art von Eroberern unter das Diebsgeschlecht bringen, und damit den ganzen Streit über ihre Verdienste entscheiden.«


Meynen Sie nicht, daß die Welt einige dergleichen gekrönte Räuber weniger gehabt haben würde, wenn die Genii der Geschichte Ruhm und Schande von je her nach einem solchen Gesetzbuche ausgetheilt hätten? Was Sie mir auch darauf zur Antwort geben mögen, so denk ich doch immer, man dürfe sich, auch ohne Glauben an ein tausendjähriges Reich, die Hoffnung besserer Zeiten erlauben. Warum sollte nicht (was schon vormals geschehen ist;) der beträchtlichste Theil des menschlichen Geschlechtes einige alte Meynungen, zu seinem großen Vortheil, ändern können?

Noch eine einzige Stelle, welche reichen Stoff enthält zu einem ganzen Buche. Er sagt S. 246:


»Ich habe eines von diesen Gütern zurückgesetzt, weil ich seinen Werth nicht genau zu den übrigen abmessen konnte. Er ist groß; und mag also lieber allein stehen; er wird unendlich, wenn wir den Horizont ändern, innerhalb welchem die vorher genannten Güter aufgestellet sind. Dieses Gut ist der Unterricht eines Volkes in den Kenntnissen und in der Tugend, für dieses Leben sowohl, als für ein künftiges. Wer in Europa den Preis dieses Gutes [6] nicht erlernet hat, der gehe nach China, und höre dort vomConfucius sprechen.«


Was dünkt Ihnen davon, daß der V. nicht unnöthig findet, uns solchen Rath auf allen Fall zu geben?

Sie wissen, wie oft ich, nicht ganz ohne Unmuth, meine Verwunderung gegen Sie geäussert, daß sich seit nicht wenigen Jahren noch kein eigentlicher Geschichtschreiber gefunden für einen Fürsten, der, aus vollkommener Kenntniß von dem Wehrte dieses Gutes, sich nichts ernstlicher angelegen seyn ließ, als die Ausbreitung desselben in seinem Lande durch die bestmöglichsten Einrichtungen zu befördern. Zumal, da dieses nur Eines ist von mehrern Verdiensten, bey deren Betrachtung es zweifelhaft werden kann, ob ein Regent in neueren Zeiten mit richtigern Einsichten und grösserm Eifer, als Er, an der Befestigung und Vermehrung des Wohlstandes seiner Unterthanen gearbeitet habe. Gleichwohl fehlt es nicht an berühmten Biographen solcher verdienstlosen Landbeherrscher, die den mit ihnen nach Einem Bilde und in einerley Absicht erschaffenen Menschen, als ein seelenloses nur zu Abgaben und Kriegsdiensten gemachtes Werkzeug handthieren, und ihm von dem heiligen Rechte, seine Glückseligkeit auf selbstbeliebige Weise zu suchen, nichts übrig lassen, als etwa die verwünschte Erlaubniß, den schwachen Ueberrest von Empfindung seines knechtischen Zustandes in starkem Getränke vollends zu ertödten.

Aber freilich ist es leichter, die Wirkungen der Luft in einem Sturme oder in einem Zephyr zu mahlen, und dadurch bey seinem Leser das Vergnügen des suave mari magno etc. zu erregen oder ihm


lenes inducere somnos;


als es ist: die unsichtbaren Eigenschaften derselben zu entdecken, ihre Kraft unter allerley Umständen zu berechnen, ihren mannigfaltigen Nutzen zu erforschen, und dadurch künftigen Genien neue Wege zu gemeinnützigen Erfindungen zu bahnen. Ohne Gleichniß: Nach 999 Schlachtenbeschreibungen noch die tausendste verfertigen, das Flittergold und [7] die Ergötzlichkeiten eines prächtigen oder üppigen Hofes beschreiben, und Jemanden eine allenfalls wahre oder auch erlogene Anekdote nacherzählen, ist leichter, als: die Glückseligkeit ganzer Nationen gegen einander wägen, das Mehr und Minder auf beyden Seiten scharfsichtig bemerken, den oftmals verborgenen Ursachen davon in den mancherley Gesetzen und Einrichtungen, Sitten und Gewohnheiten, Nationalcharakter und Religion, Zeitumständen und Glücksfällen nachspüren, und dadurch künftigen Oberhäuptern der Völker neue Aussichten öffnen in die noch unbekannten Gegenden der Regierungskunst, und ihnen die richtigen Wege bezeichnen zu den lautern Quellen dauerhafter Glückseeligkeit für ihre Nation, und eines unvergänglichen Nachruhms für sich selber.

Ich mache mir, sagen Sie, eine allzulebhafte Vorstellung von dem Einflusse der Bücher in den Weltlauf. Es sey drum; wir wollen darüber itzt nicht streiten. Genug, wenn Sie mir einräumen (worum es mir dießmal vornehmlich zu thun ist;), daß ein Scribent seinen Beytrag zu der allgemeinen Denkart wirklich für so wichtig halten müsse; wofern er nicht geringere Foderungen an sich selbst thun, und folglich auch weniger leisten will, als sonst geschehen seyn würde. Indeß hat Voltäre, der doch die große Welt ziemlich genau kennen muß, oft und deutlich genug an den Tag gelegt, daß er ungefähr eben derselben Meynung sey; und es läßt sich aus guten Ursachen vermuthen, er würde nicht anders denken, wenn sein Schicksal ihn auch zum Schulcollegen, und nicht zum Kammerherrn, gemacht hätte.

Freylich fällt die Sache selber erst alsdann recht deutlich in die Sinne, wenn einmal ein Luther in dem Geiste ganzer Nationen einige Hauptveränderungen hervorbringet. Deswegen aber bleibt es immer wahr, daß auch der größte Strom nichts anders sey, als eine Sammlung kleinerer Gewässer, obgleich der Anwachs seiner Flut den Augen nur da sichtbar wird, wo sich ein Fluß von ausserordentlicher Grösse in dessen Ufer ergiesset.

So viel aber darf ich wol als ausgemacht annehmen, [8] daß schön geschriebene Bücher von der oberwähnten Gattung, unter andern auch sehr geschickt seyn würden, die Gedanken junger Prinzen auf edlere Zwecke zu richten, und schönere Entschliessungen in ihnen zu erzeugen, als der ihnen so oft unbedachtsamer Weise in die Hände gegebene Curtius, nebst andern seines Gleichen. Ja, ich getraue mich sogar, zu behaupten, daß dadurch eine von den Ursachen wegfallen würde, der wir eine vierte in meinem Autor nicht angezeigte Klasse von Erobe rern zu danken haben; nämlich diejenigen, so auf das Kriegführen verfallen aus purer Verlegenheit um eine interessante Beschäftigung. So wie Kinder, weil sie nichts Nützliches vorzunehmen wissen, und doch gern Zeitvertreib haben wollen, vor langer Weile lieber etwas in Stücken schmeissen, als immer fort still sitzen.

In diesem Falle befand sich, ohn es Selber zu wissen, der wackere König von Epirus; und die Geschichte würde vermuthlich noch von manchem andern seines Gleichen ein eben so ehrliches Geständniß aufzuweisen haben, wenn allemal ein Cyneas es ihnen abzulocken gewußt hätte.

Doch ich komme zu weit von meinem Autor ab.

»Ob ich gar nichts bey ihm vermisse? Ob nicht wenigstens« – –

Sie wissen, wie sauer es mir wird, wo so viel Gutes und Schönes anzutreffen ist, dergleichen Fragen an mich zu thun, oder zu beantworten. Damit ich indeß aller Veranlassung zu einigem Zweifel an meiner Unpartheylichkeit, so viel an mir ist, vorbauen möge; so sehen Sie hier meinen, wiewol erzwungenen, guten Willen, auch einige kleine Fehler bey ihm zu finden.

Er definirt S. 15 das Verdienst:


»Handlungen, oder überhaupt Thätigkeit, die andern zum Nutzen aus eigner Entschliessung und reinen Absichten, oder, was einerley ist, aus Wohlwollen zu einemerheblichen Zwecke durch Seelenkräfte, ausgeübt worden.«


Diese Definition leidet, meines Erachtens, Verbesserung.

Der Begrif: aus eigner Entschliessung, liegt [9] noch einmal (und ist also hier überley;) in dem Ausdrucke: aus reinen Absichten; oder richtiger gesagt: er soll darinnen liegen. Denn das Wort Absicht ist nicht das rechte: Und diesem Fehler wollte der V., weil er ihn vermuthlich fühlte, durch obigen Zusatz vielleicht abhelfen. Absicht im eigentlichen Verstande (den es in einer Definition von rechtswegen haben soll, und hier, wegen der nachher ausdrücklich genannten Zwecke, haben muß) ist wol: Die Richtung der Seele auf einen Zweck, und kann in solcher Bedeutung weder rein noch unrein heissen.

Bewegungsgründe mögte vielleicht ein Anderer gesagt haben. Der V. aber mag diesem schlecht erfundenen Worte vermuthlich ebensowenig gut seyn, als ich ihm bin. (Bey einem Grunde pflegt man sich eine Ursache der Unbeweglichkeit, nicht aber der Bewegung, vorzustellen.) Motiven wäre unstreitig das rechte, und ich würde es ohne Bedenken gebraucht haben; ob man sich es gleich in mancher andern Schreibart, so verlegen man auch darum seyn mag, nicht erlauben darf.

Auch der Zusatz: zu einem erheblichen Zwecke, sollte billig weggeblieben seyn. Schon vorher heißt es: Andern zum Nutzen; und das ist allemal ein erheblicher Zweck. Denn obgleich diese Erheblichkeit sehr verschieden ist in ihrem Maasse; so darf doch hier auch nicht der allergeringste Grad derselben ausgeschlossen werden; wenn nicht der V. den Sprachgebrauch gegen sich haben, und sich selber widersprechen will, da er gleich nachher hinzusetzt: Jedem Menschen kömmt daher einiges Verdienst zu etc. Die Richtigkeit meiner Anmerkung erhellet selbst aus dem Exempel, womit er diesen Theil seiner Definition erläutert. Denn das Spitzseyn der Kappe des Fossombrone war etwas schlechterdings Unnützes.

Es bleibt also noch übrig:


»Handlungen oder ThätigkeitAndern zum Nutzen – – aus reinen Motiven – – durch Seelenkräfte ausgeübt


Diese aber sind nichts anders, als Tugenden; nur [10] daß hier blos ihre Beziehung auf die Nebenmenschen in Betrachtung kömmt. Man würde solchergestalt das Verdienst eines Men schen definiren können:

Seine Tugend in Beziehung auf andere Menschen.

Allein, an die Stelle des Wortes Tugend mögt ich gern ein anderes haben, nachdem jenes so vieldeutig geworden, daß es bald einzelne Handlungen, bald diejenige Beschaffenheit derselben, um welcher willen sie tugendhaft heissen, bald eine Neigung zu denselben, und bald gar eineFertigkeit darinnen, andeuten muß. So wie mir auch das Wort Handlung unbequem scheinet, unter andern deswegen, weil es eigentlich nur diejenigen Wirkungen unserer Thätigkeit bezeichnet, welche als positiv in die Augen fallen.

Endlich soll, dem V. zufolge, das Wort Verdienst auch den Begrif der Thätigkeit enthalten. Denn er sagt gleich zu Anfange seiner Definition, Verdienst sey Thätigkeit oder Handlungen. Gleichwol deutet es nach dem Sprachgebrauche nichts anders an, als eine gewisse Beschaffenheit unserer Handlungen, nämlich diejenige, wodurch sie nützlich sind.

Verdienst wäre also nach einen genauen Definition:

Der Wehrt unserer Tugend in Absicht auf andere Menschen.

Da nun bey jedweder Tugend Kräfte, Moti ven und Zwecke zum Grunde liegen; so steigt und sinket auch ihr Wehrt nach dem Maaße der dazu erfoderlichen Kräfte, nach der mehrern oder mindern Lauterkeit der Motiven, und nach der Erheblichkeit des Zweckes. Das Maas der Kräfte findet sich theils in der Größe ihresUmfanges, theils in der mehr oder minder langwierigen Spannung derselben etc. Und diesen geraden Weg gehet der Verfasser wirklich, ungeachtet seine Definition ihn zu einigen kleinen Umschweifen hätte verleiten können.

S. 319 sagt er in einer Note:


»Ich mögte wol wissen, ob aus der blossen Vernunft [11] ein Beweis gegen die Anrufung der Heiligen könnte geführet werden?«


Ich sollte denken, wir hätten Beweises genug daran, daß ihre Gegenwart bey uns nicht erwiesen werden kann.

Auf der 158sten S. stieß ich, wenn Sie erlauben, ziemlich hart an den Nervenast an, der, in der dritten Zeile, über den Weg des Lesers herunter hängt. Lieber, was thut der Begrif eines Astes zur Sache? Warum nicht schlechthin: Der kleinste Nerve? wenn ja ein Nerve da seyn muß. Einfühlender Ast im Deutschen ist ohnedieß ein pures Unding; obschon vielleicht nicht in der Sprache der Völker, welche die αἰσχυνομένην täglich vor Augen haben. Vornehmlich aber hätte die anatomische Nebenidee mir beynah alle Wirkung des ganzen, in süssen, wonnevollen Gemähldes zernichtet; so kalt lief mir's durch alle Glieder, als ich an diese neurologische Zeichnung kam.

Auch das dogmatisch geruhige nämlich, in der ersten Zeile, würde ich gern vermisset haben. Ueberhaupt mögte wol, bey einer neuen Ausgabe des Buches, die sonst vortrefliche Schreibart des Verfassers durch kleine Verbesserungen hier und da noch etwas gewinnen können. Mir wenigstens scheinet er für seine Materie sowol, als für seinen ernsthaften deutschen Charakter, manchmal ein bischen zu rednerisch, und manchmal auch ein bischen zu poetisch.

Endlich wünsch ich auch, daß irgend ein Recensent den Verf. auf einige kleine Sprachunrichtigkeiten aufmerksam machen möge; zumal da er übrigens unserer Sprache so sehr Meister ist, als nur wenige andere Prosascribenten. Die leichte Mühe, solche Kleinigkeiten wegzuwischen, ist er dem vortrefflichen Denkmaale, welches er sich gestiftet hat, um so vielmehr schuldig, da es hoffentlich eines von den Werken ist, die nicht eher, als mit unserer Sprache zugleich, untergehen werden.

So heißt es S. 18: Bewerbung verrichten; S. 58: ein klares Gefühl; S. 59: eines von dem andern erkennen; (wofern das nicht etwa ein Druckfehler ist.)

[12] S. 145: in eine Farbe setzen, und zwar in die Farbe einer Verfassung; S. 158 bezieht sich auf ihr. S. 169 wäre gleichen wol besser, alsgleichenden etc.

Ich gesteh Ihnen, daß mir's bey dergleichen Stellen fast eben so in den Kopf fährt, als wie wenn man beym Essen von ungefähr mit den Zähnen auf ein Sandkorn knirscht. Aus dieser Ursache habe ich nur noch neulich mit einem kleinen Buche, dessen Schönheit ich bey nachmaligem Durchlesen recht ungestört empfinden wollte, die sonderbare Vorsicht gebraucht, alle solche kleine Undeutschheiten (wiewol sie feinerer Art sind, als die eben angezeigten;) sorgfältig daraus wegzustreichen. Gleich in der zweyten Zelle z.E. stand das Wort Menschlichkeit anstattMenschheit und so ferner.

Lachen Sie immerhin, wenn's Ihnen beliebt! Und damit Sie alles wissen, das Buch, von dem ich mir in solcher Geschwindigkeit eine neue Edition machte, waren des Ritter Mengs Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Mahlerey; welche mich (beyläufig gesagt,) in ein angenehmes Erstaunen setzten, weil es mir ganz unerwartet war, zu finden, daß der erste Mahler seiner Zeiten vielleicht eben so gut der erste Scribent seiner Nation hätte seyn können. Des höhern Vergnügens itzt unerwähnt, das ich empfand bey einigen Sonnenstralen eines erhabenen Herzens, welche hier und da daraus hervorleuchten.

2. Brief
Zweyter Brief.

London.


Ist es denn wirklich Ihr Ernst, daß Sie begierig sind, das zwar genug gepriesene, aber selten recht gekannte Genie unsers alten Spenser mit dem Auge des Virtuosen zu betrachten? Vielleicht wäre es hinlänglich, Sie zu diesem Ende, auf das Buch des Hrn. Warton 1 zu verweisen: Denn [13] ich müßte mich sehr irren, wenn dieser scharfsinnige Mann den guten Spenser nicht recht sehr mit diesem Auge betrachtet hätte – vielleicht etwas mehr, als ich wünschen mögte: Kurz – denn warum soll ich durch Umschweife mit einem Freunde reden? – mehr mit dem Auge des Virtuosen, als mit dem Auge des Genies, und (um das ganze Bild mit einem einzigen Zuge zu vollenden) mit dem Virgil in der einen, und dem Maaßstabe der französischen Kritik in der andern Hand. Gerade recht! werden Sie mir antworten; die Wahl ist so übel nicht; wenigstens ist sie eines Kunstrichters würdig, der zu einer Zeit auftritt, da der Geschmack seine höchste Feinheit – wo nicht erreicht hat, doch höchstwahrscheinlich bald erreichen wird – –. Und wahrlich, das räume ich Ihnen ein. Ja! Ja! Fein genug ist unser Geschmack schon itzt, delicat genug – bald hätte ich üppig, weichlich, verzärtelt gesagt. – In rechtem Ernste, mein lieber Fr., es sollte mir lieb seyn, wenn er weniger ekel wäre, und desto mehr Nerven hätte; vielleicht würde er, was auch unsere neuern Kunstrichter sagen mögen, um so viel klassischer, vielleicht um so viel allgemeiner, vielleicht um so viel lebhafter, edler, und der ursprünglichen Würde des menschlichen Geistes, der nicht sowol die Spielwerke der Kunst, als die hohen Talente der kunstlosen Natur bewundern sollte, um so viel angemessener seyn. Ich für meine Person erkenne den Homer nicht deutlicher in der Einheit und dem Verhältnisse seines Plans, als in dem grossen Umrisse, der unverfeinerten Simplicität, dem kühnen Ideal seiner Helden, der Fruchtbarkeit seiner Einbildungskraft und dem Reichthume seiner Erfindung. Ein griechischer Athlet, mit keinem andern Schmucke ausgeziert, als den die partheyische Natur auf das hohe Edle seines schönen unentnervten Körpers verwandt hat – dieser Athlet mit seiner nackten Schulter, seinen entblößten Füßen, seinem ungekräuselten Haupthaare, blühende Gesundheit auf seiner Wange, und sich selbst bewußte Stärke in der Nachlässigkeit seiner Stellung, zieht mich weit mächtiger an sich, als der zierlichste [14] Hofmarschall in seinem engen gedrechselten Gallakleide. Nicht das, was die Corneille einem Sophokles haben nachahmen können, bewundere ich, als etwas Ausserordentliches: Die wilden Schönheiten in der Figur seines Philoktetes gefallen mir besser; jenes zeigt mir den Künstler, die letztern den Griechen: Künstler können wir alle werden – aber ach! wer ein Grieche wäre. Nicht eifriger konnte die schlaue Dame Montague wünschen, ein türkischer Effendi zu seyn.

Ohne Zweifel kömmt Ihnen dieß Sentiment an einem gebohrnen Engländer ziemlich naiv vor. Es sey darum, wenn Sie mir nur versprechen wollen, das Gute, was ich dagegen von unserm Spenser sagen werde, für keine unsinnige Schwärmerey, zum Nachtheil der grossen Alten, anzusehen. Ich verehre die Alten: aber ich mag meine Empfindungen nicht von ihnen einschränken lassen. Ist der Neuere, ein Mann von Genie? Gut! er hat ein Recht auf meine Ehrerbietung, und ich werde mich durch eine unanständige Vergleichung nicht an die Gesetze der Hospitalität vergreifen. Warum sollte ich die beredte Seele in seinen Gesichtsminen verkennen? deswegen weil er in einer fremden Tracht auftritt?

Da Sie inzwischen keine Hofnung haben, die kritische Schrift des Hrn. Warton in Ihrer eignen Sprache zu lesen – die vielen Vergleichungen mit altenglischen Romanzen, Balladen etc., die sich größtentheils nur auf Lesarten und Diction beziehen, machen eine Uebersetzung unmöglich – so gerathe ich in Versuchung, Ihnen eine kurze Esquisse von dem merkwürdigsten Theile derselben zu liefern.

Danken Sie mir nicht. Der Aufwand ist so geringe, daß ich ihn Ihnen kaum anbiethen mag. In der That würde ich Ihnen mit unendlich größerm Vergnügen die ganze Feyenköniginn in Miniatur gebracht haben, als ein einziges Kapitel aus den Betrachtungen seines Kunstrichters. Allein, Sie Deutschen – vergeben Sie mir einmal eine unangenehme Wahrheit – beschäftigen sich zehnmal lieber mit einer mäßigen Kritik, als mit der geistreichsten Composition. Ein Orakelsprüchelchen der handfesten Göttinn! Zehn [15] Spensersche Tiraden gegen ein Orakelsprüchelchen! Was gilt die Wette, Sie greifen nach dem Letztern? 2.

Um Ihnen gleich anfänglich einen kurzen Begrif von dem Inhalte der Wartonschen Schrift zu geben – sie besteht aus einer Reihe von Anmerkungen über den Plan der Feyenköniginn, über SpensersNachahmungen alter Romanzen, über seinen Gebrauch und Mißbrauch der alten [16] Geschichte und Mythologie, über seine Stanze, Versification und Diction, über seineNachahmungen des Chaucer, des Ariost, und seiner selbst, über seine Fehler, über seine allegorischen Charaktere und so weiter.

Zuerst also von dem Plane der Feyenköniginn.

»Als die Werke des Homer (hebt der Verf. sein Buch an) in Italien wiederhergestellt und studirt wurden; als sich die reinen und unverfälschten Quellen alter Dichtkustn und alter Kritik wieder öfneten, und jede Gattung der Litteratur aus den Tiefen einer gothischen Unwissenheit und Barbaren emporstieg: da hätte man erwarten können, daß statt der Romantischen Manier in der poetischen Composition, welche die Barden der Provenze eingeführt hatten, ein neuer besserer Geschmack erfolgen würde. Bey so vielen Vortheilen konnte man vernünftiger Weise vermuthen, daß unnatürliche Zwischenfälle, Maschinereyen von Geschöpfen der Einbildungskraft, und Abenteuer, die blos durch ihre Unwahrscheinlichkeit gefallen wollten, der Richtigkeit des Ideals und der Zeichnung, so wie dem Decorum, welches die Natur vorschrieb, und das Beyspiel und die Regel des Alterthums authorisirt hatte, Platz machen würden. Aber es dauerte lange, bis eine solche Veränderung zu Stande kommen konnte. Wir finden, viele Jahre nach der Wiederherstellung der Litteratur, den Ariost beschäftigt, Wahrheit für Zauberey zu verwerfen, und die lächerlichen unzusammenhängenden Streifereyen des Bojardo der Correction und Einheit der griech- und römischen Muster vorzuziehen.«

Lassen Sie mich Sie hier einen Augenblick unterbrechen. Nichts kann unbilliger seyn, als diese Herabsetzung des alten ehrlichen Ariosto. Die Maschinereyen des Homer sind nicht mehr oder weniger Geschöpfe der Einbildungskraft, als die Zaubereyen des Poeten von Ferrara; und jene konnten in keinem größern Ansehn bey den Heiden stehen, als die Letztern damals bey den Christen standen. Sie waren daher national, und bothen einem Genie, wie Ariost, ein weites Feld von malerischer Phantasie dar, das er sehr glücklich genutzt hat. [17] Die Sphäre des menschlichen Geistes ist groß, und Ariost konnte das epische Gedicht des Homer sehr gut zu seinem Model brauchen, ohne sich an die ängstliche Nachahmungsart des Virgil zu binden. Man denke doch ja nicht, daß Ariost dasjenige aus Mangel an Geschmack nicht im Homer sollte gesehen haben, was Hrn. Warton so leicht war zu sehen. Er sah es, zweifeln Sie nicht daran; aber er dachte hierinn, was einer unserer neuesten Kenner dachte; und rathen Sie, wer dieser ist? Pope, sollten Sie es glauben? Pope, dieser correcte Dichter, dieser Mann vom feinsten Geschmack, betrachtet seinen eigenen Homer mit den Augen eines Ariost. – »Genauigkeit in der Anlage, sagt er 3, richtige Sentiments, Wahrheit des Ausdrucks, und einen ausgearbeiteten Numerus kann man vielleicht bey tausenden finden; aber jenes poetische Feuer, jene viuida vis animi findet sich überaus selten. Selbst in solchen Werken, wo alle erstgenannte Vorzüge vernachläßigt sind, kann dieser einzige die Kritik zurücktreiben, und uns in eben dem Augenblicke, da wir mit dem Dichter zanken mögten, die höchste Bewunderung abdringen – bis wir überall nichts weiter sehen, als den Glanz und die Klarheit seines eigenen Geistes.« An einem andern Orte macht er die Anmerkung (wenn ich sie machte, würden Sie mich lieblos nennen), »daß die Ursache, warum die Kunstrichter einem methodischen Genie den Vortheil vor einem großen und fruchtbaren einräumen, keine andere sey, als weil sie es leichter finden, ihre Beobachtungen durch eine einförmige eingeschränkte kunstreiche Promenade zu verfolgen, als die weite und mannigfaltige Ausdehnung der Natur zu überschauen.« Allgemeine Bewunderung, die durch ganze Zeitalter und von ganzen Nationen gerechtfertigt wird, verdient mit der größten Behutsamkeit geprüft, und muß von dem Kunstrichter nie ohne Mistrauen seiner eignen Einsicht angeklagt werden. Jedoch diese Art zu urtheilen ist nicht neu, und hat sie oft zu den größten Uebereilungen, selbst gegen die Dichter unsers [18] eignen Vaterlandes, verleitet. Unsre alten dramatischen Schriftsteller, um nur Eines anzuführen, hatten drey abgesonderte Gattungen theatralischer Werke, Tragödie, Comödie und Historie; und der Zweck der Letztern war, eine Reihe von Begebenheiten aus der Geschichte, in der Ordnung der Zeit, in welcher sie wirklich erfolgt waren, auf die Bühne zu bringen. Die neuern Kunstrichter, die von diesem Unterschiede nichts wußten, beurtheilten die Historie nach der Tragödie. Was würden Sie aber von einem Manne denken, der ein Phänomen am Himmel für eine Abweichung von den Gesetzen der Natur erklären wollte, weil er es mit dem System des Descartes nicht vereinigen könnte? – Nur unsern Kunstrichtern übersieht man diese Träumereyen. Und nun frage ich Sie, ob nicht Ariost in gleichem Falle ist, da man ihn nach Regeln beurtheilt, die er seiner Composition ganz augenscheinlich niemals vorgeschrieben hatte? Da Ariost fühlte, daß er in denen Vorzügen, die er für die edelsten erkannte, mit dem vortrefflichen Griechen wetteifern dürfte, so machten ihm die übrigen Umstände wenig Schwierigkeiten. Er wählte sich den interessantesten Stoff, den er damals wählen konnte, nämlich Begebenheiten aus der Rittergeschichte, so wie Homer aus der Lieblingsgeschichte seiner Zeit, die im Grunde nichts weniger romantisch als jene waren. Beyde handelten hierinn nach gleichen Grundsätzen, und wenn es sich finden sollte, daß der Plan des Letztern zwar ausschweifend genug, aber bey weiten nicht so ausschweifend, so ungewöhnlich ist, als Warton uns gerne bereden mögte: Worinn liegt denn die Barbarey? Wo ist das Wunder, daß zur Zeit der Erneurung der alten Litteratur dennoch ein Orlando furioso zum Vorschein kommen konnte? Wenn wir diese ganz leichte Betrachtung voraussetzen, so werden wir vieles erklären können, was unserm Kunstrichter in der Folge so schwer zu begreifen scheint.

»Eben so wenig, fährt er fort, brachte die Erneurung der antiken Litteratur einige merkliche oder unmittelbare Verbesserung in der Kritik hervor. Beni, einer der berühmtesten Kunstrichter des sechszehnten Jahrhundertes, war noch [19] immer von der alten Provenzalischen Ader so voll, daß er eine ordentliche Abhandlung 4 zu schreiben unternahm, worinn er den Ariost mit dem Homer vergleicht. Trissino, der kurz nach dem Ariost blühete (er starb 1550, Ariost 1535,) besaß Geschmack und Kühnheit genug, ein episches Gedicht 5 in die Welt zu schicken, das eine offenbare Nachahmung der Iliade war und seyn sollte. Allein, dieser Versuch fand wenig Aufmerksamkeit in derjenigen Absicht, von welcher er sein eigentliches Verdienst hergenommen hatte. Man verwarf es als ein unschmackhaftes und uninteressantes Werk, weil es nur wenige Teufel und Zaubereyen, sich zu empfehlen, aufzeigen konnte. Dem Trissino folgte Tasso, und nahm in seinem Gierusaleme liberata die Alten zu Wegweisern; dabey aber blieb ihm das Nationalvorurtheil für idealische Wesen und für romantische Abenteuer noch allzuwichtig, als daß er sie gänzlich hätte verbannen oder verabsäumen sollen. Er hatte die classischen Schönheiten studirt, er hatte sie sich zu eigen gemacht 6. Dennoch behielt er seine erste und Lieblingsbekanntschaft, die alten provenzalischen Dichter, zum Augenmerk. Gleich seinem eignen Rinaldo, der, nachdem er in den diamantnen Schild der Wahrheit geblickt hatte, und wirklich im Begrif zu seyn schien, Armiden und ihre bezauberten Gärten zu verlassen, dennoch sich nicht erwehren konnte, mit einigem Ueberreste von Zärtlichkeit auf sie zurückzusehn. Auch erwarb dieses Gedicht, ungeachtet es ziemlich nach einem regelmäßigen Plan geschrieben war, darum seinem Verfasser, wenigstens nicht bey den Italienern, im geringsten keinen höhern Ruhm[20] oder merklichere Achtung. Ariost ward mit allen seinen Ausschweifungen immer noch vorgezogen. Zuletzt ward sogar der Vorrang des Orlando furioso durch einen förmlichen Spruch der Akademie della crusca entschieden, welche unter andern litterarischen Streitigkeiten auch eine feyerliche Versammlung über den Werth der beyden Epopöen angeordnet hatte.«

»Dieß war der allgemeine Geschmack, als Spenser den Entwurf seiner Feyenkönigin erfand: ein Gedicht, welches, dem Muster des Ariost gemäß, aus Allegorien, Bezauberungen, und romantischen Begebenheiten bestehen sollte, die von Rittern, Riesen, Zauberern und erdichteten Wesen ausgeführt werden mußten. Man könnte hier behaupten, Spenser hätte eine unglückliche Wahl getroffen, und wenig Urtheilskraft bewiesen, da er sich den Ariost vorzüglich vor dem Tasso zum Model erwählte, unter denen der Letztere, wenigstens an Kunst, an Decorum, den Erstern so augenscheinlich übertraf. Allein unser Dichter nahm ganz natürlich dasjenige Gedicht für das nacheiferungswürdigste an, das am meisten berühmt, und in Jedermanns Händen war: Denn obgleich die französischen Kunstrichter durchgehends dem Tasso den Rang zuerkannten; so machten doch in Italien die Anhänger des Ariost bey weitem die größere Anzahl, und folglich auch in England – Italien schrieb zur Zeit der Königinn Elisabeth unsrer Insel in allen Arten des Geschmacks Gesetze vor, wie Frankreich beständig nachher gethan hat.« –

Was sagen Sie zu dieser Stelle? Sie wird Ihnen fremd vorkommen: aber glauben Sie mir, Herr Warton hat Recht, und ich werde mir nicht getrauen, ihm in einer Sache zu widersprechen, die er, wenns auch nur aus einem dunkeln Gefühle wäre, nothwendig besser wissen muß, als ich.

»Zugleich, heißt es weiter, kann man gar wohl annehmen, daß Ariost unter beyden Dichtern Spensers Favorit gewesen sey, und daß er einen natürlichen Hang gehabt, denjenigen Plan vorzuziehen, der seiner eignen unbegränzten Einbildungskraft die weiteste Ausdehnung verstatten würde. Wie Spensers Plan dieser Wahl zufolge beschaffen war, und [21] nach welchen Grundsätzen er ihn ausführte, das wollen wir jetzt näher untersuchen« –

Und das wollen auch wir nächstens mit einander untersuchen. Denn wo ich nicht sehr irre, würden Sie hier doch meinem Briefe ein Ende machen, wenn ich auch selbst nicht geneigt wäre, ihn zu schliessen.

Fußnoten

1 Observations on the Fairy-Queen.

2 Der Verfasser fährt hier noch eine gute Strecke fort, seine Beschuldigungen wider die leidende Denkungsart der Deutschen zu häufen. Er ist so dreist, dem größten Theile unter uns nicht blos die Freyheit zu denken, sondern sogar die Freyheit zu empfinden, abzusprechen.

»Sie empfinden nach Regeln. Nicht als ob ihr Gefühl so sehr regelmäßig wäre; sondern weil es ihnen Mühe kosten würde, mit sich selbst einig zu werden.« –

Der deutsche Leser wird aus folgender kleinen Stelle urtheilen, ob die Sammler zu entschuldigen sind, wenn sie Anzüglichkeiten von dieser Art künftig stillschweigend unterdrücken.

»Immerhin,« fährt er nach einigen Fragen und Ausrufungen fort, »mag die Imagination an den berühmtesten nützlichsten Erfindungen, deren die menschliche Gesellschaft sich rühmen kann, den wichtigsten Antheil nehmen: auf den deutschen Universitäten, wo ihr der Rang in der Klasse der untern Seelenkräfte angewiesen ist, macht sie eine sehr schlechte Figur, und hier gilt keine Erfindung, die nicht durch die combinatorische Kunst, durch die syllogistische Kunst, durch die Bestimmungskunst hervorgebracht worden; edle Kunst der obern Seelenvermögen, vor denen der gemeine Menschenverstand, der sich größtentheils an den niedrigern oder untern begnügen muß, sich demüthig beugt, und an welche das Genie, das daher auch an diesen Orten wenig Verehrer findet, nur selten Anspruch machen darf.« –

Er schließt seine Anmerkung, wider Vermuthen, mit der feyerlichen Versicherung, daß er der deutschen Nation nicht spotten wolle; daß er unpartheyischer gegen sie sey, als die meisten Reisenden zu seyn pflegen; daß er die Deutschen für ein sehr verehrungswürdiges Volk halte, dem die meisten andern Nationen die größten Verbindlichkeiten haben: Aber daß es ihn eben deswegen ärgere, wenn unsere Pedanten ungestraft von der Höhe ihrer hölzernen Thronsessel auf eine Nation, wie auf ein Schulcollegium, herabredeten, und aus selbstzufriedner Einfalt nicht einmal von einigen der besten Köpfe aus ihrer eigenen Heimath, geschweige von Fremden, lernen wollten, worinn der Unterschied bestehe, für die Welt, oder für Schüler zu schreiben.

Die Sammler.

3 Preface to Homer.

4 Comparazione di T. Tasso con Omero e Virgilio, insieme con la difessa dell' Ariosto paragonato ad Omero etc.

5 L'Italia liberata di Goti 1524. Es ist in blanken Versen geschrieben, welche der Verfasser anstatt derterza rima des Dante, oder der ottava des Boccaz einzuführen hoffte.

6 Hatte Ariost es weniger? Es läßt sich fragen, ob Tasso sich mehr darum bekümmerte, die Alten nachzuahmen, als vielmehr die Kunst des Trissino mit der schönen Natur des Ariosto, seiner unmittelbaren Vorgänger, zu verbinden.

3. Brief
Dritter Brief.

Zürch.


Dieser Brief ist bereits zwey Jahre alt. Wir haben die gute Zuversicht zu der patriotischen Denkungsart des Herrn Verfassers, er werde uns die Bekanntmachung desselben seiner Absicht gemäß, welche keine andere ist, als die Beförderung des guten Geschmacks, besonders in der altschwäbischen Diction, mit der größten Bereitwilligkeit verzeihen; und in dieser Hofnung können wir dem Leser versprechen, daß die folgenden Briefe von eben dem Verfasser, und über eben den Gegenstand, ob sie gleich leider! ihres würdigen Zwecks verfehlt haben, bald nachfolgen sollen.

Die Sammler.


Nehmet es mir nicht für übel, m.H., daß ich nacher dem Urbild der Protagonisten, deren Geschlecht die Bürger an der Lindemag, auf eine etwelche Art zu erneuern befliessen sind, so ohne Umstände, wiewohl ein Unbekannter, und so aufgeschürzt vor Sie trete. Lasset uns den Mode-Zwang zurücksetzen, der Gelehrten, besonder aber Kunstrichtern, nicht ziemen will: in den Saiten Ihres Gemüths ist etwas, das mit lieblichem Wohlklang in meine Seele tönet, und jede Minute hat mich mit Bley beschwert zu seyn bedunkt, bis ich mit Ihnen in das Verständnuß gerathe, welches für Herzen, die so harmonisch zusammenwachsen, ein fruchtbarer Stamm von Seligkeiten werden muß.

Das Genie der kleinen Schrift, mit der Sie vor einiger Zeit die Republik der Kenner erfreuet haben, und die so manchen feinen Rank der neuerlichen Kunstrichter in ein Gebund faßt, wird meinen sehnlichsten Wunsch nicht betrügen, [22] daß Sie die Entfernung der Oerter durchbrechen, und mit uns Männern von Zürich gemeine Sache machen werden. Ich habe dieser schönen Schrift nicht ohne pochende Pulsschläge zuschauen können. Wenn mich hypochondrischer Trübsinn über die Verderbnuß des heutigen Geschmacks niederschlug, so goß ich von deren balsamischen Oel darauf, und es zerfloß wie Thau. Sey es dem Apollo gedankt! noch haben wir Gelehrte, die eine verdeckte Falschheit durchsehen, und mit keckem Muth an dem Geburtsorte der Verderbnuß, in Leipzig selbst, auftreten, und den Sophisten Hohn sprechen dürfen. Nehmt diese Sprache für keine knechtische Aufwart an, und glauben Sie nicht, weil ich meinen Theaterpersonen seidne farbigte Reden in den Mund lege, daß ich mich dieser Art gleichergestalt auch in einem Briefe gebrauchen wolle.

Sie wissen, m.H., welch ein Taumel die Kunstrichter in Berlin und Leipzig ergriffen hat, seitdem von Zürich aus einige neue Trauerspiele zum Vorschein kommen sind, welche gewisse Züge der veralteten Tugend, die Euripides und Sophokles, Xenophon, Thucidides und Plutarchus in körperlicher Gestalt abgebildet, auch mittelst dramatischer Personen im Fleische vorzustellen gewußt. Diese seeleinschneidende Entdeckung fremdet mich aber keinesweges. Es sind sicher mehr Catilinas- als Catons-ähnliche unter den Kunstrichtern, wie unter den Zusehern: Welch Wunder denn, daß Catilina den Cato von der Bühne verjagt? Seelen von vortrefflicher Tugend nachzudenken und nachzuempfinden kömmt nur Gleichgearteten zu. Andern, deren Herzen mit schlimmen Charaktern bekannt sind, muß es hingegen eben so leicht werden, lasterhafte Personen dem Schauplatze angemessener zu halten.

Ist ihm nun so, so können wir leichtlich erklären, warum man so viel Kunstgriffe verbraucht hat, dem Publicum das Ohr wegzurauben, und selbiges eben durch den glänzenden Witz, durch die mit Seide gestickten Worte, die über diese neuen Trauerspiele, wie so viel attisches Salz ausgeschüttet sind, gegen die Stimme der dramatischen Tugend zu verhärten, und uns wol gar, als wären wir gezwungene und [23] schlechte Poeten, lächerlich zu machen. Wie nichts empfand man von der Richtigkeit, der Feinheit, dem Geist, womit diese Blumen nicht etwa blos aus den Poeten der Provenze, oder derer von Schwaben, sondern von einer vorragenden Höhe der geheimen Natur gepflückt worden! Wenn man bedenkt, daß der Poet der Trauerspiele ein Mann ist, auf den eine etwelche Ehre ruhet, und der sich mit Fug eine Schaar von bessern Phantomen vors Haupt bringen durfte, so ist sich nicht zu verwundern, wenn sich bey diesem Begegnuß einige zornige Flecken in seinen Augen erhoben, und was man Dunkles an seiner Stirn erblickte, dem Antlitz eines Menschen gegliechen, deme Schachmatt gespielt worden. Dennoch rief selbiger nach wenig trübsinnigen Stunden Sanftmuth in seine Mine, ein Geist der leidenden Geduld saß, ohne an die vorige Beklemmnuß zu sinnen, in sein Herz ein, und er hörte die Geissel ruhig daherklatschen, ob wäre es ein Schlag in einen Bach gewesen, maßen man nicht sagen kann, daß der mich verworfen habe, der nicht eine Stecknadel von mir gehabt hat. Er gönnte ihnen großmüthig ihren kurzen Triumf, und ließ es willig an sich, was diese Sache Kränkendes hat; er verdruckte seine Aechzer bey den blutigen Griefen, die diese obotritischen Geyer in seinen Busem thaten; er rief seine alte Gütigkeit ins Angesicht zurück, und sammelte seine Gedanken in den Wunsch, noch einmal, und zwar weithin und unbemerkt, den weiblichen Flecken, das Muttermaal auf ihrem Herzen zu treffen, an welchem sie noch bluten können, wie Sivrit an dem einzigen Orte, den ein Lindenblatt bedeckt hatte.

Sehet da, m.H., aus dem beygelegten politischen Stücke, welchergestalt ich wähne, alle diese Absichten zu erreichen, und zu veranstalten, daß jene finstern Tage hellern Platz machen sollen. Stühnde es in meinem Vermögen, lange Worte an meiner eignen Selbstliebe zu schleifen, so würde ich dieses neue Drama weissagen, daß es durch die bösen Eigenschaften, die Ruhmredigkeit, und vaterländische Verrätherey seines Helden Bewunderung in dem innersten Busen der deutschen Zuseher säen werde. Bisher hat der Poet [24] geglaubt, sich ohne Beschämung vorwerfen zu lassen, er habe keine starke Seele, keinen erhabnen Genie aufgeführt, von jener Art, die stark und erhaben ist in dem Unternehmen glorreicher Uebelthaten. Alle seine Personen hatten eine gute Dose von der Unschuld, die angeklagt wird, daß sie nicht rühre, weil sie den gewöhnlichen Menschen fremd ist; und er war so genugsam, nur ihrer wenigen einen so glänzenden Witz zu geben, den sie zweifelsohne nicht so glänzend gehabt, welches in dem Sinne der Kunstrichter, die große Bewunderer des Witzes sind, statt einer Vergütung dienen sollte. Da er sich aber in diesen goldnen Träumen allen getäuscht, und zwischen so engen Klippen funden, wo es ihm schwer ward, Beleidigungen, wie ein Schaf, in sich zu schlucken; so hat er zuletzt in seinem Herzen beschlossen, das Gliedmaas durch Versöhnung wieder zu gewinnen, dessen ihm sein eigensinniger Genie beraubte, und den Grollen in der Geburt zu erstecken, der sein Gemüth auf Distel-, Dörner- und Nadelspitzen gesetzt hatte. Zu dem Ende ist ihm der Boß eingefallen, gegenwärtiges politisches Drama (das daher nicht ohne Grund also benamst ist), wie von unbekanter Hand, und gleich als einen goldnen Apfel, unter die deutschen Zuseher zu werfen, der dem Poeten mit dem Urtheile desGeistreichen aus dem Haufen der Schiedsrichter, die dem Paris an Urtheilskraft ähnlichen, zurückgeworfen werde. Itzt war es Noth, einen würdigen Mann zu kundschaften, der bey dieser Ausfahrt den Verdienst eines Schildknappen über sich nähme, und den Verfasser als einen fremden Abenteurer aufführte, der kommen sey, sich vor den Zusehern deutscher Nation auf den Kampfplatz zu stellen. Vielleicht hatte selbiger zu viel Milch im Blute, da er seine Sinne an der kühnen Hofnung weidete, der verrufne Kriticomastix, der seine Landsgenossenschaft so schön zu beschämen gewußt, möchte sich selbst dieser gutthätigen Handlung unterziehen, und sich als einen dritten Arm zu seinen Armen, als eine dritte Hand zu seinen Händen brauchen lassen wollen. Dennoch hat er sichs ermessen, und Sie mögen entscheiden, m.H., wie fern ihn die Völle seiner sanguinischen Absichten fehlen solle.

[25] Uebergeben Sie mehrgedachtes politische Werk dem Drucke, an dem Orte selbst, in dessen zirkelnder Mitte Sie thronen; machen Sie Aenderungen im Ausdruck, wo Ihnen selbiger seine Heimath verräth, und geniessen mit mir der stattlichen Freude, die deutschen Kunstrichter dieses Zankapfels halber mit sich selbst zwiespältig werden zu sehn, wie Sie, die armen Betrogenen, eben den als einen Genie erheben wollen, den Sie als einen gezwungenen Poeten verspottet hatten. Ich trage das Herz hoch genug, mir selbst ins Ohr zu sagen, daß die Mine und Gelaß meines Helden von der den deutschen Zusehern bisher verehrten nicht sehr verschieden sen. Mehr sage ich nicht. Zeit und Umstände können kommen, da ich des mehrern von mir zu sagen habe.

Schließlich, mein Herr,


τέκε καὶ σύ· τεαὶ δ᾽ ὠδῖνες ἐλαφραί.


Da wir die Antwort auf diesen Brief nicht interessant, theils nicht verständlich genug finden, so übergehen wir sie hier, einige artige Tiraden ausgenommen, welche die Ursache, warum die in dem vorigen Briefe genannten neuen Trauerspiele nicht haben gefallen wollen, auf eine ganz eigne Art erklären.


»Wenn eine der menschlichen Complexionen im Körper die Oberhand hat, so steht die arme Seele, als das edle Kleinod, in diesem finstern Hause verschlossen, und muß sich mit der Sonnen Glanze behelfen. Die Seele hat in Adam die äußern Complexionen in sich gelassen, als den Geist der großen Welt, der Sternen und Elemente.«

»Diese Zeit wohnt nun eins im andern, die Seele in den Complexionen, und diese in der Seele, doch ergreift eins das andere nicht in der Essenz; die Seele ist tiefer als der äußere Geist, die Zeiten aber hangen an einander, ohngefähr wie die innere und äußere Welt, da doch keine die andere ist.«

[26] »Ferner ist die Seele in ihrer Substanz ein magisches Feuer; es giebt aber kein Feuer, ohne Wurzel des Feuers, welche das Centrum, oder die Gestalt der Natur ist, und aus den Gestalten zur Natur brennt.«

»Itzt verstehen wir« u.s.w.

Hierauf folgen einige Züge von der Tinctur des himmlischen Blutes, von der englischen Lichtwelt und dem Seelenfeuer, die wir aber hier nicht anführen können, weil sie nur ein Auszug aus dem sind, was der Leser umständlicher in der Trostschrift von vier Complexionen nachlesen kann, die der berühmte Böhme, sonst teutonicus philosophus, 1624 herausgegeben hat.

Doch scheint uns eine Stelle von der Materie, woraus die neuen Leiber der Auserwählten bestehen werden, eine Ausnahme zu verdienen, weil sie, wie der Hr. Verfasser mit Grunde anmerket, ein Geheimniß enthält, welches den meisten Theologen unbekannt geblieben.

»So wie durch das elementarische Wasser, seiner Natur und Eigenschaft nach, ein jedes solidum in seiner großen Substanz zusammengehalten wird, daß es ein Ganzes, oder solidum quiddam bleibt; so müssen auch die aus Wasser und Geist neugebohrnen Menschen in alle Ewigkeit unzertrennlich in einen Körper zusammengehalten werden, welcher durchsichtig ist, und durch welchen man die feurigen und flammenden Seelen gar artig wird sehen können. Hierüber mögten unsre epikurischen Witzlinge nun freylich lästern, und sagen: Wie, wenn diese von Wasser und Wind zusammengefrorne Leiber von der Sonne zerschmölzen? Hierauf antworte ich, daß jenes Wasser kein schlechtes elementarisches Wasser seyn wird, sondern aqua vitae, welches durch alle Grade der Läuterung bis zur höchsten Geistigkeit verfeinert worden.«

Der übrige Theil dieses Briefes besteht aus Complimenten, im Geschmack des Marcus Antonius, wie er in dem Trauerspiele Julius Cäsar redend eingeführt wird. Z.E. Mein Geist ist der dunkle Planet, der von Ihrem Lichte etc. – Meine Gedanken sind Funken, die sich von den [27] Strahlen Ihres Geistes etc. – Ich bin eine Statue, bin todt, wenn Sie nicht etc. – Lassen Sie mich Ihnen sagen, Dictator etc. – Wenn Phoebus mit Ihnen seine Macht getheilt hat, so bläst der dem Nordwinde entgegen u.s.w.

Die Herren Verfasser stehen noch immer über diese wichtige Angelegenheit im Briefwechsel, und wir schmeicheln uns, die Leser werden uns Dank wissen, wenn wir fortfahren, Sie damit zu unterhalten.

4. Brief
Vierter Brief.

London.


Unser Freund Warton gerieth also beym Schluß meines Briefes, wie von ohngefähr, auf die beste Ursache, warum Spenser den wilden Ariost dem regelmäßigen Tasso in seiner Wahl vorzog. War es Ihnen unerwartet? Mir auch! Diese Ursache ist kein Resultat von irgend einer der vorhergehenden Anmerkungen, und erschöpft doch mit wenig Worten die ganze Kritik über Spensers Plan. Ich kann es Ihnen daher gar nicht verargen, wenn Sie in der nächsten Anmerkung zu erfahren hoffen, daß die Hand des Virtuosen an diesem Gedichte nicht den geringsten Antheil gehabt, daß es ohne Leitfaden, ohne bestimmte Absicht geschrieben sey, ein aufgehäuftes Magazin von kostbaren Materialien, denen nichts fehlt, als die Geschicklichkeit des Baumeisters, sie zu einem prächtigen Tempel im gothischen Geschmack zu ordnen – Aber wie sehr werden Sie sich wundern, wenn Ihnen Hr. Warton selbst sagen wird, daß der größte Fehler seines Dichters gerade in einer allzuvorwitzigen Kunst besteht, einer Kunst, die, nach der Fabel so Ihres Lessings, so lange am starken Bogen meistert, bis er bricht. Diesen Fehler hätte der Kunstrichter ihm zum Verdienste anrechnen müssen, da er den Mangel der Kunst vorher so sehr an den Italienern gerügt hatte: er hätte überdem wissen sollen, daß wir Engländer jederzeit mehr [28] Geschmack am Verwickelten, als am Einfachen gehabt haben: Eine Betrachtung, die nothwendig eben so sehr vor der Beurtheilung eines epischen, als eines dramatischen Werkes vorhergehen muß, und die durch tausend Instanzen gerechtfertigt werden kann; so aber bemüht er sich, den armen Spenser auch hier von der nachtheiligsten Seite vorzustellen; er läßt den leichtgläubigen Leser durch seine Betrugsgläser gucken, und dieser erstaunt über Wunderdinge und Misgestalten, die nirgends sind, als in seinem getäuschten Auge.

»Der Dichter nimt an 1, daß die Feyenköniginn, nach einer eingeführten jährlichen Gewohnheit, ein prächtiges Fest angestellt habe, welches zwölf Tage dauert, an deren jedem zwölf verschiedene Beschwerden vor Sie gebracht werden. Um nun den Beleidigungen abzuhelfen, durch welche diese Beschwerden veranlaßt wurden, schickt sie mit gehörigen Verhaltungsbefehlen zwölf verschiedne Ritter ab, und jeder dieser Ritter bildet in der ihm aufgetragenen Unternehmung irgend eine Tugend ab, z.E. die Frömmigkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Keuschheit oder dergleichen, und ihm ist ein eignes Buch gewidmet, wovon er der Held ist. Ausser diesen zwölf Rittern aber, die zusammen die zwölf sittlichen Tugenden vorstellen, hat der Dichter noch einen Haupthelden zur Hand, der Prinz Arthur, welcher die Magnificenz ausdrückt, eine Tugend, die Vollkommenheit geben soll. Dieser Prinz Arthur ist in jedem Buche mit einer nützlichen Handlung beschäftigt; sein Zweck ist, dieGloriana, oder den Ruhm, aufzusuchen und zu gewinnen. Mit einem Worte, der Dichter will ausdrücklich in diesem Charakter das Gemälde eines braven Ritters liefern, der sich in den zwölf sittlichen Tugenden vollkommen gemacht.«

»Es ist offenbar, daß unser Verfasser, da er seinen Haupthelden aufstellte, wie er Ein großes Ziel zu erreichen sucht, und wirklich erreicht, und eben dadurch Einen großen Charakter, oder einen braven Ritter, der sich in den zwölf Privattugenden vollkommen gemacht, abbilden soll, daß, [29] sage ich, unser Verfasser hierinn den Bau der alten Epopöe nachahmen wollte. (Urtheilen Sie selbst, wie offenbar dieß ist.) Allein, so überzeugt er auch von der Wichtigkeit und dem Nutzen der Einheit des Helden und seines Zweckes war; so schien er es doch nicht von der Einheit der Handlung zu seyn, vermittelst deren der Zweck erreicht werden sollte. Wenigstens ist er nicht der Methode des Homer und Virgil gefolgt, wenn sie ihre Haupthelden zu dem vorgesteckten Ziele hinanführen.«

»Man kann hier füglich fragen: Wie führt Arthur das große einfache und entscheidende Vorhaben aus, welches der Poet ihm bestimmt hatte? Mit einigem Grade von Bündigkeit liesse sich nun freylich hierauf antworten: Daß Arthur eben durch den Beystand, den er jedem der zwölf Ritter, vermöge der Unterstützung der ihnen eignen zwölf Tugenden leistet, sich selbst der Glorie verhältnißmäßig mehr und mehr nähere, bis er zuletzt den vollkommenen Besitz erlangt. Aber gewiß, ein bloßer Beystand ist nicht hinlänglich, und ein so kleines Nebenverdienst sticht gar zu sehr gegen die Belohnung ab. Der Poet hätte diesen braven Ritter zum Hauptanführer machen sollen.« –

Wider wen ficht itzt Herr Warton? Wider sein eigen Ideal? Im Spenser ist es gewiß nicht gegründet, und eben so wenig im Homer. Wenn Arthur nur immer an der Spitze wäre, und nichts geschehe, als unter seiner unmittelbaren Veranstaltung: da wäre die Einheit der Absicht erreicht? Nicht doch, Herr Warton! Wenn Achill in dem größten Theile der Iliade unwirksam bleibt, und nur von ferne in die Haupthandlung einfließt, wollen Sie wol behaupten, daß Agamemnon da der Hauptheld ist, weil er der Hauptanführer der Leading adventurer ist? Lassen Sie uns dem Dichter nicht unsere eignen unmasgeblichen Ideale unterschieben, um hernach desto lauter das io! Paean! über ihn auszurufen. Betrachten Sie vielmehr den Plan des Spenser, als einen großen geräumigen Turnierplatz, der durch zwölf abgesonderte Schranken, die alle ihr eignes Ziel, ihren eignen aufgesteckten Kranz haben, bis zu [30] dem Hauptziele, der Gloriana, in den äusersten Schranken hindurchleitet. Lassen Sie uns unsere zwölf Helden auftreten sehen. Der erste dringt in die vordersten Schranken; er kämpft mit dem Ungeheuer, das ihm darinn aufstößt; bald wird er erliegen: aber Prinz Arthur ist nicht ferne; mit siegreicher Hand eilt er herbey; der Ritter siegt, und dankt seinem Erretter sein gutes Glück. Der nämliche Zufall führt Arthurn in die zweyten, dritten, vierten Schranken etc., alle Gefahren werden durch seinen Beystand überwunden, und er ist der einzige, der sich rühmen kann, die ganze Laufbahn zurückgelegt zu haben, da hingegen die andern Zwölf Ritter sich mit der Ehre begnügen müssen, die Trophäen einer jeden einzelnen Unternehmung, und auch diese nur in einer niedrigen, durch die Wirksamkeit des Arthur rege gehaltnen, Sphäre, aufzuzeigen. Mit der Handlung hat es also seine gute Richtigkeit, und die Allegorie wird uns nicht viel Schwierigkeit machen. Der Hauptheld sollte sich die zwölf Privat-Tugenden eigen machen, um der Gloriana würdig zu werden. Dieß konnte nicht besser, als durch das Interesse geschehen, welches er an der Ueberwindung der ihnen entgegengesetzten Laster nahm; und da die übrigen Ritter dieses Interesses nur einfach, Arthur aber zwölffach hatte; so ist leicht zu entscheiden, wem der Preis gebührt. Mich wundert, wie Herr Warton dieses noch in Zweifel ziehen, und sich, wie er gleich im Folgenden thut, einbilden kann, die zwölf Ritter thäten zu viel, und Arthur zu wenig. Es wird sich gleich nachher zeigen, wie sehr der Kunstrichter die Handlung in einem falschen Lichte betrachtet hat, da er die Rolle des Prinzen Arthur noch mit den Nebenrollen eines Gyas oder Cloanthus vergleichen kann.

»Arthur hätte die vornehmste Rolle spielen sollen, um die Sache der Frömmigkeit, der Mäßigkeit etc. zu führen. Hätte sich unser Held in eigner Person als den Beschützer der zwölf Tugenden dargestellt; so könnte man ihn mit Recht das Urbild aller übrigen nennen, sein Vorhaben wäre ihm gelungen, er hätte die Göttinn Gloriana mit Recht gewonnen. Itzt aber ist er ein blos untergeordneter und Nebencharakter. [31] Die Schwierigkeiten und Hindernisse, die wir von ihm überstiegen zu sehen erwarten, damit er seinen Zweck erreichen könne, werden von andern überwunden. Nicht er ist es, der im ersten B. den Drachen bezwingt, nicht er bändigt den Zauberer Busirane im dritten Buche. Diese Siege gehören dem St. George und Britomart. Ueberhaupt thun die zwölf Ritter zu viel, als daß dem Arthur etwas übrig bleiben könnte; wenigstens thut er das nicht, was wir uns von dem Plane des Poeten versprechen konnten. Unterdessen, da wir noch mit der Absicht des Helden in jedem einzelnen Buche beschäftigt sind, vergessen wir den Helden des Gedichts.«

»Dryden merkt an: Wir müßten Spensern einräumen, daß die Magnanimität (Magnificenz), welche der eigentliche Charakter des P. Arthur ist, durchaus durch das ganze Gedicht hervorscheine und die übrigen Charaktere unterstütze, wenn sie in der Enge sind 2. Schiene wirklich die Magnanimität des Arthur in jedem Theile des Gedichts mit höhern dauerhaftem Glanze hervor; so würden wir den Dichter sehr geschwinde freysprechen müssen. Allein, itzt ist dieser Glanz nur ein dunkles kurzes Wetterleuchten. Den übrigen zu Hülfe kommen, wenn sie in Noth sind, wie die Stelle des Dryden lautet, ist für einen so allgemeinen Ritter ein Umstand von geringer Bedeutung. Ein solcher Dienst sollte dem Haupthelden der Epopöe von irgend einem untergeordneten Helden geleistet werden; so etwas ist das Geschäft eines Gyas oder Cloanthus.«

»Ueberhaupt können wir anmerken, daß Spensers Abenteuer, jedes vor sich, als das Subjekt eines eignen Buchs betrachtet, nicht durchgehends eins aus dem andern herfliessen, und folglich nicht eigentlich zusammen wirken, um ein einzelnes vollkommnes Gedicht auszumachen.«

Freylich nicht: aber sie hängen durch die Einheit der Absicht zusammen: eine andere Einheit müssen wir nicht darinn suchen, weil Spenser keine andere hineinlegen wollte.

[32] »Hughes (der Herausgeber des Spenser), der dieß nicht beobachtete, wagt einen Gedanken, die kritische Einrichtung des Gedichts zu empfehlen, der im Grunde den strengsten Tadel desselben enthält. »Wenn wir, sagt er, das erste Buch als ein eignes für sich bestehendes Ganze betrachten, so werden wir es vollkommen regelmäßig finden. Da ist eine einzige Handlung, die im zwölften Gesange vollendet wird; die Zwischenfälle sind sehr glücklich eingewebt, und schicken sich vortreflich, diese Handlung zu hintertreiben, oder zu befördern.« –

»Das heroische Gedicht soll Ein Ganzes seyn, aus mancherley Theilen zusammengesetzt, die sich auf einander beziehen, und von einander abhangen. Daraus folgt, daß keiner dieser Theile so rund zugeschnitten seyn dürfe, ein Ganzes für sich selbst auszumachen. Denn wenn der Verstand Einmal ans Ende einer ordentlichen Reihe von Begebenheiten gekommen ist; so hält er sich auch schon für befriedigt. Unsere Aufmerksamkeit, unsere Neugierde wird zerstreut; wir können die Schlußkatastrophe nicht länger mit der gehörigen Anstrengung bis ans Ende verfolgen. Wenn hingegen jeder einzelne Theil, so bald er von den übrigen abgesondert worden, unvollendet erscheint; so wird das Gemüth, das sich beständig aufs neue anfrischt, seinen Erwartungen Genüge zu leisten, unvermerkt und unwidersetzlich von einem Ende zum andern fortgerissen, bis es eine völlige Befriedigung in der Vollendung einer großen Begebenheit findet, wozu alle Theile blos dadurch, daß sie einander wechselsweise aufklären, und mit einander verbunden sind, das Ihrige beygetragen haben.«

»Unser Dichter merkte vermuthlich, daß in der Einrichtung zwölf verschiedner Abenteuer für zwölf verschiedne Ritter, nicht selten der Mangel an allgemeiner Verbindung zum Vorschein kommen würde. Aus dieser wahrscheinlichen Ursache nimmt er zuweilen in einem weit entfernten Buche eine Erzählung wieder vor sich, die er vorher angefangen und unvollendet gelassen. Da aber zwischen diesem Anfang und Ende der Erzählung eine Menge Zwischenfälle und [33] Zerstreuungen liegen; so muß der Leser nothwendig zuletzt in die größte Verwirrung gerathen, wie er alle diese Dinge in seinem Gedächtnisse zusammenbringen soll. Aus eben der nämlichen Ursache läßt der Dichter, nachdem er einen Ritter in dem für ihn bestimmten Buche abgefertigt, und ans Ende gebracht hat, denselben gleich wieder in dem folgenden Buche auftreten, um in einer kleinern Sphäre an einer weniger gefährlichen Handlung Theil zu nehmen. Allein, dieser Einrichtung fehlt es gar sehr an Kunst: denn es stört diejenige Ruhe, welche der Verstand bedarf, wenn er einen Helden durch mannigfaltige Gefahren und Unglücksfälle zuletzt zum Glück und Siege begleitet hat. Ueberdem, wenn wir eben diesen Helden nachher bey irgend einer minder edlen Unternehmung beschäftigt finden; so verringert er in gewisser Maasse unsre erste Bewunderung. Da wir ihn vorher in einem bessern Verhältniß gesehen; so sind wir für seine Ehre, für seinen künftigen Ruhm interessirt. Eine geringere untergeordnete That versuchen, oder auch vollführen, heißt von seiner erlangten Würde herabsteigen, und den vollen Glanz seiner vorigen Siege verdunkeln.«

»Spenser würde vermuthlich sich selbst sowol, als den Leser, weit weniger in Verlegenheit gesetzt haben, wenn er jedes einzelne Buch zu einem für sich bestehenden vollständigen Gedichte von zwölf Gesängen, ohne Beziehung auf die übrigen Bücher, ausgearbeitet hätte. Solchergestalt wären zwölf verschiedene Gedichte entstanden, in deren jedem wir das Bild einer der zwölf Privat-Tugenden in der Person eines einzelnen Ritters fänden. Itzt aber hat er sehr merklich gefehlt, da er sich vorsetzte, alle zwölf Tugenden in Einer Person zusammenfliessen zu lassen. Der Poet soll entweder zwölf Ritter ohne einen Arthur, oder einen Arthur ohne zwölf Ritter zum Subjekt genommen haben. Wenn wir voraussetzen, daß Spenser willens war, die zwölf moralischen Tugenden zu charakterisiren; so würde der erste Plan vermuthlich der bessere gewesen seyn: der letzte ist wegen seines nothwendigen Mangels an Simplicität fehlerhaft; und diesen Mangel mußte eine Handlung haben, die [34] aus zwölf gleich grossen, nicht ineinandergefügten, nicht wie Kettenringe zusammenhangenden Handlungen, ohne gemeinschaftliche Mitwirkung zu Einem Hauptzwecke, besteht.«

»Ich habe oben gesagt, daß Spenser sich vorgesetzt hatte, den Charakter eines Helden zu zeichnen, der in den zwölf moralischen Tugenden vollkommen war; dieß sollte dadurch geschehen, daß dieser Held allen übrigen Beystand leistete, bis er darüber zum Besitz des ganzen Preises gelangte. So unüberlegt dieser Plan nun auch seyn mogte; so war der Dichter doch verbunden, ihn nie aus den Augen zu verliehren. Dennoch sehen wir den Prinzen Arthur im dritten Buche, welches die Legende der Keuschheit überschrieben ist, seinen Beystand zum Schütze dieser Tugend nicht einmal anbiethen. Er erscheint zwar wirklich: aber er ist bey der ganzen Begebenheit weder Hauptperson, noch Hülfsperson.«

»Bey dem allen muß man gestehen, daß sich in des Dichters Manier, sich von der historischen Genauigkeit zu entfernen, etwas Künstliches findet. Er selbst hat dieses Verfahren mit Einsicht in seinem Schreiben an Sir W. Raleigh erläutert. Dem Plane zufolge, den Spenser hier angiebt, wäre der Leser in dem letzten Buche auf eine angenehme Art überrascht worden, wenn er erfahren hätte, daß die Reihe von Abenteuern, die er eben vollendet gesehen, auf Befehl der Feyenköniginn wären unternommen worden, und daß die Ritter bey Gelegenheit ihres jährlichen Geburtsfestes dazu Anlaß erhalten hätten. Spenser aber ist in den meisten Büchern zu früh mit diesem Umstande zum Vorschein gekommen, den er doch nothwendig bis zuletzt hätte versparen sollen, theils um eine überflüßige Wiederholung zu vermeiden, theils und vornehmlich, um das Gemüth des Lesers noch am Ende mit etwas Neuem und Unerwartetem in Verwunderung zu setzen.« –

Ich denke, es wird Ihnen nicht zuwider seyn, wenn wir hier einige Minuten ausruhen, den zurückgelegten Weg zu übersehen. – Sie erinnern sich doch, daß ich vorher die Anmerkung machte, Spensers Plan hätte am meisten durch eine zu vorwitzige Kunst verlohren. Herr Warton, der, [35] als ein wirklicher Virtuose, überall nach Spuren einer kunstreichen Hand forschet, macht diese Anmerkung gleichfalls; er sah, daß sich sein Dichter verwickelte, und gab ihm einen guten Rath, wie er sich durch einen Meisterstreich auf einmal aus dem Handel heraushelfen sollte. Allein, um Vergebung, Herr Warton, Sie irren sich hier gar sehr. Was wollen Sie doch mit Ihrem Neuen und Unerwarteten bey einem Umstande, der nicht die Handlung selbst ist, sondern die Handlung blos vorbereiten, und dem Leser statt eines Leitfadens durch eine so lange Reihe von Begebenheiten dienen soll? Das Unerwartete für den Leser muß in dem Interesse des Haupthelden liegen, dieses Interesse muß ihn mit sich fortreissen, für dieß allein muß seine Aufmerksamkeit wachsen, für dieß sein sympathetisches Herz besorgt seyn, und nur durch den unerwarteten glücklichen Ausgang bey so mannigfaltigen Gefahren, muß er zum Erstaunen und zur Bewunderung hinangeleitet werden. Spenser betrog sich hierinn, so gut wie Sie: »Die Methode eines historischen Dichters, sagt er in seinem Briefe an Sir W. Raleigh, ist nicht die Methode eines Geschichtschreibers. Der Geschichtschreiber handelt von Begebenheiten in der Ordnung, wie sie vorgefallen sind; er ist eben so sorgfältig, uns die Zeitpunkte einer jeden Handlung herzurechnen, als die Handlung selbst zu beschreiben: der Dichter hingegen wagt sich sogleich mitten in die Handlung hinein, so weit sie ihn selbst am stärksten interessirt; von dort aus läuft er zu vorgängigen Begebenheiten zurück, läßt den Leser etwas von dem nachfolgenden vorhersehen, und veranstaltet auf diese Art eine angenehme Analyse des Ganzen. Sollte also ein so Geschichtschreiber meine Geschichte erzählen, so würde er mit dem letzten Buche anfangen, mit dem ich schliesse, und worinn ich des jährlichen Festes der Feyenköniginn« u.s.w. Für einen Mann, der den Homer und Virgil so gut kannte, wie Spenser, konnte diese Betrachtung nicht schwer anzustellen seyn; nur Schade, daß er den Fall nicht recht anwandte, und das Nothwendige nicht von dem Zufälligen unterschied. Ein so langes Gedicht, das aus zwölf großen Büchern besteht, [36] deren jedes zwölf Gesänge enthält, die zum Theil 600 Verse, und darüber, ausmachen; ein Gedicht, das so viele einzelne Handlungen hinter einander hertreten läßt, deren Absicht man nirgends begreifen kann, so lange man ihre Veranlassung nicht weiß: ein solches Gedicht muß nothwendig ermüden, ehe man ans Ende kömmt, und der Leser weiß es dem Dichter wenig Dank, daß er ihn mit Räthseln unterhält, die er hundertmal vergessen hat, wenn er endlich, nach langem Suchen, die Auflösung findet. Ich sollte meynen, der Kunstverständige müsse nicht weniger Fleiß anwenden, seinem Leser verständlich zu werden, als ihn in der Erwartung zu halten. Versäumet er das erste, so werde ich ihm für sein geschraubtes Kunststück des letztern wenig Dank wissen, und er wird bey mir schwerlich seinen Zweck erreichen. Dieß lehrt mich die Erfahrung des Herzens, die mir mehr gilt, als alle unrecht genutzte Muster, und als alle Aussprüche der Kunstrichter. Auch Spensern muß sie es währender Arbeit gelehrt haben; da er merkte, daß es unmöglich seyn würde, seinen Leser beständig munter zu halten, wofern er ihn nicht dem Gesichtspunkte näher brächte, aus dem er das ganze Labyrinth einigermaßen übersehen könnte; so läßt er allmählig von der Strenge seines ersten Vorhabens ab, und zeigt uns Aussichten, die unsre Blicke nur noch mehr verwildern, weil sie zu entfernt sind. Würde der Dichter nicht weit besser gethan haben, wenn er hier dem Geschichtschreiber eine Simplicität abgeborgt hätte, da die Handlung selbst schon so wunderbar war, daß sie dieses überflüßigen Zusatzes eines verfehlten Unerwarteten gar wohl entbehren konnte? Er hätte es noch immer in seiner Gewalt gehabt, die Haupthandlung sowol, als die untergeordneten Handlungen, von der trägen Gleichförmigkeit des Geschichtschreibers zu entfernen. Der Genius des Dichters, sein poetisches Verdienst, hätte uns sicher bis ans Ende geführt; wir hätten ein hohes gothisches Gebäude erhalten, dem zwar viele kleine Feinheiten der Kunst mangelten, das aber durch sein ehrwürdiges feyerliches Ansehen jedem, der es sähe, einen Schauer der Bewunderung abdrünge. Itzt [37] sind wir so unglücklich, nirgends einen Eingang zu finden, hin und wieder erblicken wir durch ein dunkles Fenster irgend einen prächtigen Pfeiler, eine majestätische gewölbte Halle, wir wünschen ungeduldig, etwas vom Ganzen zu sehen, bis uns endlich, wenn wir schon alle Lust dazu verlohren haben, der Architekt durch eine elende Hinterthüre hineinführt, und wir ihn mit Erstaunen fragen, warum er sie uns auf Kosten unserer Zeit und unsers Vergnügens so lange verborgen gehalten? Alles würde uns lichtheller, prächtiger und edler Vorgekommen seyn. Wir wüßten itzt, wo wir wären, und dürften über der vermeynten Bizarrerie des Künstlers, in der Anlage seines Baues, nicht mehr die Achseln zucken. Jede neue pieçe hätte uns neues Vergnügen gemacht, weil wir itzt einigermaßen die Verbindung mit dem Ganzen begriffen; und die krummen Bogengänge, die uns aus einer schönen Perspective in die andere führten, würden uns unendlich besser gefallen haben, als die schönste moderne Symmetrie, die sich durch keinen Vorzug, als durch einen richtigen Maasstab, empfehlen kann. –

Ich kehre zu meinem Kunstrichter zurück. Sie werden doch nicht abgeschreckt seyn, mir Ihre Gesellschaft zu gönnen? Ein Mann, wie Herr Warton, hat auch da, wo man ihm nicht allemal Recht geben kann, so viel Anziehendes in seiner Art zu urtheilen und sich auszudrücken, daß man sich mit Vergnügen von ihm unterhalten läßt; und zum Ueberfluß werden wir, wo ich nicht irre, nun bald ziemlich nahe in unsern Meynungen über das wahre Verdienst unsers Dichters zusammentreffen.

»So tadelhaft aber der Plan, fährt Herr Warton fort, im Spenserschen Gedichte seyn mag; so kann man doch sicher behaupten, daß der Schüler in dieser Absicht mehr Verdienst, als der Meister habe, und daß die Feyenköniginn bey weitem so verworren und unregelmäßig nicht sey, als der Orlando furioso. Wirklich ist in dem erstern keine Haupteinheit: aber wenn wir jedes Buch oder Abenteuer für ein eignes Gedicht annehmen wollen, so finden wir so viele, wiewol unvollendete, Einheiten, daß ein aufmerksamer [38] Leser vermittelst derselben weniger verirren kann, als in der rohen und unzusammenhangenden Masse, woraus jener von Anfang bis zu Ende besteht, und wo wir vergeblich nach einer Einheit des Ganzen, oder des Detail, suchen würden;


– – cum nec pes nec caput uni
Reddatur formae.«

Sie können leicht denken, daß hier eine Abbildung des Orlando folgt, die dem Ariost gar nicht vortheilhaft ist; ich kann mich aber nicht überwinden, eine Declamation abzuschreiben, die Sie bey allen französischen Kunstrichtern mit veränderten Worten nachlesen können. In der That muß man nicht wissen, daß dieß Gedicht im eigentlichsten Verstande eine Rhapsodie ist, die keinen bestimmten Plan haben sollte, und durchgehends aus ohngefähr zusammengefügten Episoden besteht, welche der Verfasser aus allen möglichen Gefilden der Romanze zusammensuchte; dieß alles, sage ich, muß man, eben so wenig, als die Art zu arbeiten, die dem Ariost eigen war, wissen, wenn man hier über Fehler in der Anlage sein Sneer macht, und bis zum Ekel von klassischen Einheiten dahertönt, wo Niemand daran denken sollte, sie zu suchen. Sie, der Sie so glücklich sind, einen Meinhard unter Ihren Kunstrichtern zu besitzen, der Sie von einer bessern Seite mit dem eigentlichen Charakter der italienischen Dichter bekannt zu machen weiß, Sie werden ohne das nicht von mir erwarten, daß ich Sie lange mit diesen conundrum's aufhalten solle. Inzwischen kann ich doch nicht umhin, Ihnen eine Stelle des Giovambatista Pigna vorzulegen, welche die Manier des Ariost, von der Herr Meinhard nicht genug gesagt hat, am besten ins Licht setzen kann: eine kurze Digression, die Sie einem Briefsteller nun schon übersehen müssen.


Voltatosi (Ariosto) alla Toscana poesia, prese per suo oggetto il comporre Romanzevolmente, avendo tal componimento per simile all' Eroico ed all' Epico, nel quale egli cunosceva di poter avere buona lena, e nel quale tuttavia non veda alcuno che con dignità e magnificamente poteggiato avesse. E per meglio à ciò accomodarsi, sapendo onde questa[39] sorte di scrivere origine avesse, e quai popoli più che i nostri nomini in lei posti si fossero, ingegnossi d'apparar tanto il Francese, e lo Spagnuol idiomo, che meglio che ne' libri volgari, potesse l'arte e la via intendere con chè a lei s'applicasse; ed in ciò fu tanta fatica da lui impiegata, che alcune belle invenzioni scritte nelle due dette lingue nel suo Poema frammise, non intere come esse stanno, ma con tal destrezza o poco o assai tramutate, che di vaghe vaghissime le fece; e da ciascun canto cogliendo il meglio, ha tutta la Romanzeria nel modo cercato, che fa l'ape etc. – Perseverando nel suo proponimento, e seco stesso varj Romanzi nella mente rivolgendo, vide che di loro libro non v'era d'alcun linguaggio dal nostro diverso, il quale fosse o nel nostro parlare tradotto, o almeno per l'Italia divolgato; e si volse però a i nostri, trà quali il Bojardo si propose, che molto famosa era; cosi fece, si perchè conosceva, che il suo Innamorato una bellissima orditura avea, si anche per non introdurre nuovi nomi di persone, e nuovi cominciamenti di materie nell' orrecchie degli Italiani uomini.


Sie sehen hieraus, wie wenig es dem guten Ariost nur geträumt hat, ein episches Gedicht nach Homerischer Form zu liefern: Seine Absicht war nichts weiter, als eine Blumenlese romantischer Begebenheiten, die er nachher auf eine entfernte Art einigermaßen in eine suite bringen wollte. Ein ganz anderes Ideal war dasjenige, von dem ich Sie itzt mit den Worten des obbenannten Pigna unterhalten will, und wovon Herr Warton nicht für gut gefunden hat, etwas zu erwähnen, so wie auch, ich weiß nicht warum, Ihr Meinhard ganz davon stilleschweigt. Dieß war eine wirkliche Epopöe von Homerischer Anlage, eine Anlage, die ihm daher nichts weniger als unbekannt gewesen.

Egli anche accennò di voler Toscanamente darsi all' Epopeja, quando così propone.

Canterò l' arme, canterò gli affanni
D' Amor ch' un Cavalier sostenne gravi
Peregrinando in terra e in mar molt' anni.

Was sagen Sie dazu? Kömmt es Ihnen nicht wunderbar vor, den wegen der Wildheit eines Genies so verschrieenen Ariost itzt plötzlich mit dem classischen Geiste eines [40] Virgil sein Sujet vortragen zu hören? Und noch viel wunderbarer, daß unsre Kunstrichter über dieß Phänomen ganz und gar in der Unwissenheit zu seyn scheinen. Sie sind neugierig, etwas mehr von dieser Epopöe zu erfahren? Ariost ließ sein Vorhaben fahren; er kannte seine Nation zu gut.


Ma a questo proponimento diede poi un diverso fine da quello che s' avea pensato; perciocchè s'avvide che la lingua nostra una tal poesia non comporta, non recando diletto in lei ne riuscendo una materia continuata


Was will denn Herr Warton, was wollen denn unsere Kunstrichter, mögte ich fragen, mit ihrem ewigen Jammergeschrey über Mangel an Regelmäßigkeit, über Unwissenheit, über Barbarey. Lenken Sie sein um, meine Herren, und machen Sie sich erst genauer mit der Denkungsart Ihrer Dichter, mit dem Charakter der Jahrhunderte, und dem Geschmack der Nationen bekannt. – Herr Warton, als ob er mich hörte, lenkt hurtig um; er überlegt die Sache noch einmal, und siehe da! eine förmliche Abbitte.

»Doch, sagt er demüthig, es ist abgeschmackt, nur einmal daran zu denken, daß man den Spenser oder Ariost nach Regeln beurtheilen wolle, die sie sich nicht vorgeschrieben hatten. (Finden Sie das? Sehr wohl! aber warum so spät?) Wir, die wir in den Tagen der Kritik leben, da man nach Regeln schreibt, sind zu sehr geneigt, eine jede Art von Composition nach solchen Gesetzen zu richten, die uns unsere Lehrmeister als die einzigen wahren Kriteria der Vollkommenheit angepriesen haben. Kritischer Geschmack ist itzt allenthalben verbreitet, und wir fodern durchgehends die nämliche Ordnung und Richtigkeit, die wir in den Werken der Neuern erwarten, auch da, wo sie niemals abgezielt waren. Spenser, und eben das kann man von Ariost sagen, lebten zu einer Zeit, da man sich wenig ums Planmachen bekümmerte. Spensers Poesie ist die sorglose Ergiessung einer warmen Einbildungskraft und lebhaften Empfindung. Er hatte sich vorgesetzt, die Phantasie zu [41] unterhalten, und sich durch kühne sonderbare Bilder, deren Anordnung wenig mühsame Kunst voraus setzte, des Lesers Aufmerksamkeit zu verschaffen. Abwechselung und Wunderbares waren (und seit wann haben sie es aufgehört zu seyn?) Hauptquellen des Vergnügens. Daher sehen wir unsern Dichter mit gleichem Eifer seine Beute bald aus dem Reiche der Wirklichkeit, bald aus dem Reiche der romantischen Erdichtung herholen, um so die angemessenste Verzierung und Ausschmückung seines Feyengebäudes zusammen zu bringen. Zu einer solchen Zeit gebohren, schrieb er mit Rapidität nach seiner eignen Empfindung, die von Natur sehr edel war. Correction in einem solchen Gedichte wäre der Karnische ähnlich gewesen, die ein Maler in der Grotte der Kalypso anbrachte. Spensers Schönheiten sind den Blumen des Paradieses gleich,


Welche die Kunst nicht auf Beeten, und zierlichen Feldern hervorbringt,

Sondern allein die milde Natur, im verwilderten Hayne,

Auf den Ebnen, im Thal, und auf dem fruchtbaren Hügel,

Wo die Morgensonne zuerst die offenen Felder

Sanft erwärmt, oder da, wo undurchdringliche Schatten

Kühle mittägliche Lauben geschwärzt etc.

V.P. IV. 240.


Wenn der Feyenköniginn jene Ordnung und Oekonomie mangelt, welche die epische Strenge erheischt; so ist uns doch dieser Mangel kaum merklich, da er durch etwas ersetzt ist, was uns weit nachdrücklicher anzieht, etwas, das die Affekten, die Gefühle des Herzens, mehr als den kalten Beyfall des Kopfs interessirt. Giebt es irgend ein Gedicht, dessen Grazien schon dadurch, daß sie weit über alle Kunst erhaben sind, gefallen; giebt es ein Gedicht, das uns durch die Stärke und durch die wunderbare Kraft einer schöpferischen Imagination zu Entzückungen hinreissen kann, selbst da, wo diese Stärke durch keine überlegte Anstalten der Urtheilskraft unterstützt wird, – so ist es gewiß das Spensersche. Wenn hier der Kunstrichter zuweilen die Stirne runzelt, so wird doch der Leser bezaubert.« –

[42] Und mit diesen sehr anständigen Betrachtungen schließt unser Freund seine Abhandlung über den Plan der Feyenköniginn, eine Abhandlung, die gewiß, so wie das ganze Buch überhaupt, das Werk eines sehr seinen Geschmacks ist, und den großen Beyfall vollkommen verdient, den unsere Nation einem so einsichtsvollen Kunstrichter gegeben hat, ob sich gleich verschiedne Aussprüche über das Genie eines der größten Dichter finden, die, wie Sie mir einräumen werden, schwerlich zu rechtfertigen sind, und weiter nichts als ein Compliment zu seyn scheinen, das der Verf. der französischen Kritik auf Kosten seiner eignen Landsleute macht. Der übrige Theil des Buchs ist voll scharfsinniger und emsiger Beobachtungen, die aber mehr zur Erläuterung schwerer Stellen, als zur Zergliederung derjenigen unnachahmlichen Schönheiten dienen, von denen das Spensersche Gedicht so voll ist. Ich werde mir inzwischen angelegen seyn lassen. Ihnen das Wichtigste daraus vorzulegen etc.

Fußnoten

1 S. Spensers Schreiben an Sir W. Raleigh.

2 Zueignung zu seiner Uebers. des Juvenal.

5. Brief
Fünfter Brief.

Beantwortung des letztern.


Vom Lande.


Ich gestehe Ihnen, daß es auch in Deutschland an der Art Kleinmeister nicht mangle, die nur die Plantins der Journalisten zu seyn scheinen: aber die Plage ist nicht so allgemein, daß ich mit einem Seufzer ausrufen sollte:


Μηκέτ᾽ ἔπειτ᾽ ὤφειλον ἐγὼ πέμπτοισι μετεῖναι

Ἀνδράσιν –


Manches Phänomenon in unsrer Litteratur, dessen kurze Dauer ich selbst schon erlebt habe, läßt mich vielmehr hoffen, was der Grieche hoffte, und vermuthlich erlebte:


Ζεὺς δ᾽ ὀλέσαι καὶ τοῦτο γενὸς μερόπων ἀνϑρώπων,

Εὖτ᾽ ἂν γεινόμενοι πολιοκρόταφοι τελέϑωσιν.


Auch bin ich nicht Willens, Ihnen eine Schmeicheley zu sagen, wenn ich Sie versichere, daß Ihre brittischen Kunstrichter [43] mich weit mehr erbauen würden, wenn sie in ihrem genuinen Nationalgeiste, dessen sie sich gewiß nicht schämen dürfen, zu denken fortführen, als itzt, da sie die Bossus, Rapins, Hedelins, Voltaires u.s.w. auf gut Glück zu ihren Wegweisern wählen, und dasjenige, was diese sonst braven Männer für Frankreich und nicht für England geschrieben haben,cavalierement, das ist, nicht eben mit der größten Einsicht, auf die Originalschriftsteller ihres Vaterlandes anwenden. Insbesondere muß ich mich über Ihre periodischen Kunstrichter beklagen. Diese haben seit einiger Zeit auch unsre Schriftsteller ihrer erhabnen Beurtheilung zu würdigen angefangen; sie haben sich mit unsrer Sprache, mit unsern Dichtern bekannter gemacht –


Μαϑόντες δὲ λάβροι

Παγγλωσσίᾳ κόρακες ὣς

Ἄκραντα γαρύετον

Διὸς πρὸς ὄρνιχα ϑεῖν.


Vergeben Sie mir diese bittere Anmerkung meines geliebten Thebaners. Wenn Sie das Verfahren kennen, dessen sich Ihre monthly Reviewers gegen unsern Klopstock schuldig gemacht 1, so werden Sie schwerlich einige Entschuldigung nöthig finden.

Ihre Beurtheilung der Wartonschen Schrift? Nun? wenn ich Ihnen meine offenherzige Meynung sagen soll, ich hätte kaum erwartet, daß Sie sich gegen einen so großen Mann wagen würden, der auch bey uns den Ruf eines der tiefsinnigsten Kunstrichter hat. Doch Sie zügellosen Londoner denken, so wunderbar es scheinen mag, wie die Archivischen Damen –


placet in vulnus

maxima, ceruix.


Darinn haben Sie inzwischen Recht, vollkommen Recht, daß den Kunstrichtern überhaupt ein mehr allgemeiner Geschmack zu [44] wünschen wäre, ein Geschmack, der auf kein Weltalter eingeschränkt ist, für kein Volk eine bestimmte Prädilection hat. Zwar übersehe ich auch hier einem Winkelmann etwas; wer die Alten so kennt, wie er, mag immer ein Enthusiast heissen, und dennoch unsre wahre Hochachtung verdienen, vielleicht um so viel mehr, je weniger Seelen einer solchen Art von Uebertriebnem fähig sind. Mich für meine Person entzücken die classischen Vollkommenheiten der bewunderungswürdigen Alten mehr, als ich Ihnen ausdrücken kann; ich ehre auch die Meisterhand, die diesen Vollkommenheiten nachzueifern weiß: allein der seltne, der erhabne Geist, der kühn genug ist, selbst original zu werden, der das Zujauchzen seiner Nation seinem eignen innern Werthe, und keiner Vergleichung mit andern, verdanken will – der, und der allein, dringt mir eine wahrhafte Bewunderung ab, er ist mir das, was uns und der Vorwelt die Alten gewesen sind, und ich verzeihe ihm eben so willig die geringen Flecken, die ihn manchem spröden Auge verächtlich machen, ob sie gleich vielleicht nur von der Hand der Zeit herrühren, als ich jenen die ihrigen verzeihe.

Aus diesen und andern Gründen kann ich Sie daher mit der ganzen Aufrichtigkeit eines Deutschen versichern, daß mich die Fehler, die Herr Warton angemerkt hat, auch da nicht einmal abhalten sollten Ihren Spenser zu bewundern, wenn ich auch nicht so glücklich gewesen wäre, Ihre Rechtfertigung derselben zu sehen. Ja was vielleicht einem Leser unsrer Zeit, vornehmlich einem Deutschen, am unverdaulichsten ist, – sogar seine Allegorien sollen mir nicht mißfallen, wenn sie schöpferisch sind, und meine Seele mit hohen Ideen erfüllen. Da Sie also einmal angefangen haben, mich mit diesem Hauptdichter Ihrer Nation (wo ich nicht irre, so setzen Sie ihn in die oberste Classe neben Milton und Shakespear) bekannter zu machen; so fügen Sie Ihrer ersten Güte immer nur eine zweyte zu: lehren Sie mich ihn durch sein eignes Genie kennen. Wir werden alsdann am zuverläßigsten wissen, was wir von Herrn Wartons Aussprüchen denken sollen. Denn ich verlange Ihnen nicht zu [45] bergen, daß Sie mehr als jemals ein gewaltiger Eifrer zu seyn scheinen; und wenn Sie mich bey sich hätten, würden wir eben so wenig ohne kleine Zänkereyen auseinander kommen, als ehemals in Paris; ein Andenken, das ich Ihnen nicht ohne Lächeln erneuern kann, ob es gleich in tausend andern Absichten das zärtlichste, das rührendste ist, womit mein Herz sich jemals beschäftigt hat etc. –

Fußnoten

1 Wir werden Gelegenheit finden, unsre Leser in einem andern Briefe, der diese Materie umständlicher berührt, davon zu benachrichtigen.

Die Sammler.

6. Brief
Sechster Brief.

Kopenhagen.


[Besprechung von Relation abregée de l'origine.. de la Société établie à Londres en 1754 pour l'encouragement des arts, des manufactures et du commerce etc. 1754 und Monuments érigés à la gloire de Louis XV par M. Patte.]

7. Brief
Siebenter Brief.

Freyberg.


Sie wollen wissen, was ich von der Probe eines deutschen grammatischen Wörterbuchs denke? Vor allen Dingen denk ich, daß Sie (mit Ihrer gütigen Erlaubniß!) ein bischen über die Gebühr zu schlimmen Ahndungen geneigt sind, so bald Sie den Namen Gottsched hören. Ich für mein Theil mache mir doch allerley gute Hofnung davon. Wir Deutschen sind itzo, zu unserm großen Glücke, noch beym Zusammenfahren der Materialien. Warum sollten wir's denn nicht mit Dank annehmen, wenn sich Jemand zu dieser eben nicht angenehmen Arbeit findet, den sowohl seine trefliche Sammlung alter deutscher Scribenten, welche nicht leicht ihres Gleichen haben mag, als die lange Bekantschaft mit derselben, in den Stand setzen können, etwas in gewisser Absicht Vollständigeres zu liefern, als man sonst irgendwoher erwarten dürfte?

Ob nun gleich einigen seiner Grundsätze zufolge, Dieses und Jenes vermuthlich daraus wegbleiben wird, das, nach Anderer Meynung, wol hinein gehörte: So werd ich [46] mich doch nicht für befugt halten, von einem Verfasser mehr zu fodern, als dasjenige, wozu er sich Selber anheischig macht. Ich schränke mich daher ein auf einige Anmerkungen über Das, was er, nach der gegebnen Probe, wirklich zu leisten willens ist. Und da sollten, meines Erachtens, erstlich, bei den regelmäßigen Verbis alle Tempora gänzlich wegbleiben; wodurch das Buch, ohne von seiner Brauchbarkeit zu verlieren, um ein gutes Theil kleiner werden würde.

Eben dieses könnte geschehen mit den regelmäßigen Personen und Temporibus solcherVerborum, welche übrigens etwas Anomalisches haben; wie hier z.E. das Praes. Indic. und Part. Praes. von den Worten abbeissen und abbiegen. Mit gleichem Fuge dürfte das sogenannte Hülfswort des Plusquamperf. allemal weg seyn; da es schon durch das Hülfswort des Perfecti bestimmet wird: Und eben so unnütz steht das Partic. Praeteriti, wenn schon das sogenannte Praeteritum angegeben ist; wohin auch gewisse Wiederholungen gehören, dergleichen die beyden Parenthesen sind unter dem Worte abbacken.

Durch das Weglassen dieser und ähnlicher Dinge würde das Buch nicht allein um ein Drittheil wohlfeiler, sondern auch zum Gebrauche bequemer werden. Zween Vortheile, die der Verfasser eines solchen Werkes nicht gering achten darf, wenn er nicht gefährdet seyn will, daß ein Anderer nach ihm in einem kleinen Werke eben so Viel, oder in einem nicht größern noch Mehr liefere.

Ich komme auf einige andere Dinge.

Ein kleiner Aal. Gehört wol noch mit zu Dem, was weg seyn kann.

Warum hat die Aronswurz hier ein doppeltes a, da sie doch nichts anders ist, als das lateinischearum und das griechische ἄρον?

Die Redensart: Der Knopf ist vom Kleid ab; wird für elliptisch ausgegeben, und mit dem Worte gerissen ergänzt. Allein sie sagt nur überhaupt auf bejahende Weise Das, was manverneinend anzeigt mit dem Ausdrucke: Der Knopf ist nicht mehr dran; wodurch [47] man ausdrücklich unbestimmt lassen will, ob er abgerissen oder abgeschnitten, abgeriefelt oder abgedreht oder abgesengt etc. worden, oder als von sich selber abgefallen sey. Unter eben diesem Worte ist der Zusatz:welches aber nicht mehr gilt; überley.

Abändern. Deutet dieses Wort etwas anders an, als das einfache ändern? und sollte man nicht, statt mehr dergleichen unnütze Composita in die Sprache aufzunehmen, lieber auch diejenigen wieder herauswerfen, welche sich, leider, schon völlig eingedrängt haben? wie z.E. das auf dieser Seite vorkommendeabcopiren. Denn was heißt es mehr als copiren? Gleichwol werden die Simplicia dadurch bedeutungsleer und unkräftig, ohne daß mit den Compositis etwas weiter gewonnen ist, als ein bischen Weitschweifigkeit, woran wir ohnedieß keinen Mangel haben.

Einige Beyspiele können hier nicht überflüßig seyn. Der Verf. des Buches vom Verdienste sagt z.E. S. 46 zurück erinnern. Kann man sich wol auch vorwärts erinnern? Auf der 271. S. heißt es: wahren Unterordnung statt richtigen Ordnung. S. 273 kömmt diesesUnterordnung abermal unrichtig vor; auf der folgenden S. steht es noch einmal statt Anordnung, und ein paar Zeilen nachher könnte sowol dieses, als das Wort Platz, füglich er mit einem andern vertauscht werden.

Ein blos deutscher Leser, dem bey einer Unterordnung ganz natürlich eine Mittelordnung und Oberordnung einfällt, verstehet darunter ungefähr Klassen, und vergißt es wieder. Der Gelehrtere kann zwar aus einem ähnlich klingenden ausländischen Worte errathen, was damit gemeynet seyn soll: Allein es würde dennoch, auch bey ihm, nicht haften, und so würden alle dergleichen gebrechliche Geburten, ohn einige dabey gebrauchte äußerliche Gewalt, von selbst in aller Stille wieder wegsterben, wenn es nicht Leute gäbe, die ihnen das Leben mit aller Gewalt zu erhalten suchten. Denn unsere Schreibler, welche, wie Sie wissen, sehr geflissentlich nachspüren, wie's der Mann gekartet haben mag, der auf einmal so allgemeine Bewunderung erregt, [48] entdecken gar bald, daß der Kunstgriff vornehmlich in solchen Wörtern stecke, und unterlassen nicht in ihrem nächsten Werkchen, gleich auf dem fodersten Bogen, sich recht vorsetzlicher Weise auf dieselben zurück zu erinnern, und eins nach dem andern in seiner gehörigen Unterordnung anzubringen. Hierdurch werden die Simplicia solcher Wörter in einigen Jahren unbräuchlich, bald darauf gar unbrauchbar, und dann schleppet die Sprache sich unnützer Weise mit einigen Sylben mehr, als vorher; Wenn Ihnen dieses zu viel gesagt scheinen sollte, so belieben Sie blos Dasjenige zu überdenken, was mit unserer Sprache, nur seit Luthern, vorgegangen ist. Die unvermeidlichen Folgen davon sind, daß mit der Zeit nicht allein Ton und Accent auf andere Sylben fallen, sondern auch zuletzt die Nation durch Contrahiren der Weitschweifigkeit wieder abzuhelfen, und zu der ehemaligen Kürze zurück zu kommen suchet; wodurch nach und nach diejenige Verwandlung zu Stande kömmt, durch welche vor Zeiten, zum Theil, aus alten Sprachen neuere entstanden sind.

Daß dieses sich sogar noch weiter erstrecke, als auf einzelne Worte, davon fällt mir auf der 82. S. des obgedachten Werkes ein ganz neuerliches Beyspiel in die Augen. Es heißt daselbst: wahrhaftig gro sse Männer. Vor nur wenigen Jahren konnte man das wahrhaftig recht gut entbehren; und noch war es wol nicht zu spät, es wieder wegzuwerfen. Seitdem aber einige unwissende und eilfertige Uebersetzer das very great man wörtlich verdeutscht haben, weil sie nicht wußten, daß dieses very ein Bedürfniß der Sprache sey, in welcher a great man einStaatsminister ist; so sind wir nach und nach dahin gekommen, daß dieser dreysilbige Zusatz fast unentbehrlich zu seyn scheinet.

Composita von der ersterwähnten Gattung sind der Sprache um so viel nachtheiliger, wenn sie noch dazu unrichtig geformt werden. Die vor mir liegendeProbe etc. ist nicht ganz rein von dergleichen Wörtern. Doch da solche nur provincial sind (wie z.E. das Wort abbacken in der [49] Redensart: der Becker hat abgebacken), so mag ein bekanteres zur Erläuterung dienen.

Das Wort Gegenstand will noch immer sich nirgend recht hin schicken; nicht ins gemeine Leben, nicht auf die Kanzel etc. Und warum? Ist der Begriff, den es bezeichnen soll, etwa sehr tiefsinnig oder entbehrlich etc.? Nichts weniger. Gleichwol hat es blos unter den Philosophen seinen Platz behauptet, weil einige von ihnen es so ziemlich durchgesetzt haben, daß die gesunde Vernunft nicht gegen sie muchsen darf. Nun dränget es zwar gegenwärtig sich nach und nach auch in andere Wissenschaften ein: Allein das Volk, welches sich nicht so geschwind durch Afterautorität etwas aufdringen läßt, schliesset es, so wie andere dergleichen gelehrte Unwörter, noch immer aus seiner Sprache aus, und verwirft es, auch nach gegebner Erklärung, aus einem richtigen Gefühle der fehlerhaften Form desselben. Denn ohne mich itzt bey dem WorteStand aufzuhalten, so deutet die Partikel gegen gewöhnlicher Weise etwas ganz anders an, als das, was sie hier andeuten soll, wie z.E. in Gegengift, Gegenmittel, Gegenwehr, Gegenwirkung, Gegenparthey, Gegenstoß, Gegendruck, Gegenrecht, Gegenklage, Gegenbeweis etc. Freylich wird man mit der Zeit sich daran gewöhnen: Aber nicht, ohne daß die Sprache dabey Schaden leidet. Denn das Wort gegen verliert dadurch seine genauer bestimmte Geltung, und wird vieldeutiger. Hiebey fällt mir aus dem Werke des Hrn. P. Abbtes noch das Wort empfindbar ein (S. 424), welches nur einem Objecte zukömmt; da hingegen ein Subject empfindsam heissen muß.

Bey abbeugen und abbiegen (in Hrn. P. Gottscheds Probe etc.) würde sich haben anmerken lassen, daß jenes eigentlich das transit. und dieses das intransitivum sey.

Das Fest abblasen; eine ziemlich derbeMetalepsis; und sie und ihres Gleichen können zwar, (zumal im gemeinen Leben,) aus Scherz oder Nachläßigkeit gebraucht, mit unter hingehen; müssen aber niemals Anspruch machen auf [50] die Ehre, in die Schatzkammer der Sprache aufgenommen zu werden, welche sonst zu einer Polterkammer werden würde.

Jedoch die vornehmste Unvollkommenheit an dieser Probe etc. scheint mir Die zu seyn, daß die verschiedenen Bedeutungen eines Wortes ohn alle Ordnung und Regel unter einander geworfen sind. Nichts ist Dem, der eine Sprache richtig verstehen will, so wichtig, als daß er wisse, welches die erste und eigentliche Bedeutung eines Wortes sey, und wie solche nach und nach weiter ausgedehnt worden; Dieses aber ist hier gänzlich vernachläßigt. Ja es findet sich z.E. unter abbrechen nicht eine einzige Redensart, worinnen das Wort in seiner eigentlichen Bedeutung vorkäme. Denn schon von einer Blume oder Frucht kann es nur uneigentlich gebraucht werden, da das rechte Wort abpflücken heißt. Gleichwol ist auch diese Redensart unter den angegebnen erst die vierte, und in allen vorhergegangenen steht es noch uneigentlicher. (Ueberhaupt scheinen mir dergleichen Redensarten, deren Anzahl sich alle Tage nach Belieben vermehren läßt, in kein Wörterbuch zu gehören, wenn nicht ein Werk draus werden soll, zu welchem, nach des Hrn. P. Ausdrucke, des Briareus Hände, des Argus Augen und Methusalems Alter noch unzulänglich sind.) Aehnliche Anmerkungen lassen sich machen bey den Wörtern abdonnern, abdreschen etc. Gleichwol kann die Genauigkeit in diesem Stücke nicht leicht zu weit gehen. Denn der Verfall einer Sprache, zu welchem der Gebrauch der Tropen schon an sich selber nicht wenig beyträgt, gehet noch weit schneller vor sich, wenn viele derselben auch sogar den Fehler haben, unrichtig zu seyn. Ob nun gleich Beydes aus unhintertreiblichen Ursachen mit der Zeit einmal erfolgen muß; so kömmt es doch auf die Nation Selber an, ob solches um einige Jahrhunderte früher oder später geschehen werde.

Freylich, zu derjenigen Weisheit des Styles (wie man solche nennen mögte;) zu gelangen, welche die Werke aus der Zeit des Socrates, und unter den Neuern z.B. die lateinis. Schriften des Hrn. D.Ernesti charakterisirt, ist nicht so [51] leicht, als es ist, magere und flaue Gedanken durch eine Menge Tropen aufgedunsen zu machen, und mit der Farbe der Gesundheit zu schminken. So wie Kinder ihre Zeichnungen mit hellen nürnberger Muschelfarben wacker übertünchen, und dann sich über das herrliche Werk ihrer Hände inniglich freuen.

Bey den Wörtern abbreviren und abdisputiren geb ich der Toleranz des Hrn. P. völligen Beyfall. Ausländische Wörter sind uns da, wo wir Mangel an einheimischen haben, unentbehrlich, wenn wir nicht weitschweifig oder unbestimmt werden wollen, und thun uns sonst allerhand gute Dienste im gemeinen Leben und den dahin gehörigen Schriften, als Zeitungen u.d.m., so sehr auch das Gegentheil bisweilen behauptet worden. Dem Hrn. P. Schlegel z.E. in seiner Vergleichung des Dänischen mit dem Deutschen und Französischen scheinet es eben so nützlich, als unschwer, die in der Jurisprudenz üblichen lateinischen Wörter mit deutschen zu vertauschen. Allein selbst aus den von ihm angeführten Beyspielen erhellet, daß solches nicht so geradehin richtig sey.

Statt Execution will er sagen Vollstreckung; obgleich das letztere Wort jene specielle Bedeutung nicht anders, als durch häufigen Gebrauch, bekommen könnte, und bis dahin den Meisten unverständlich bleiben würde; Da hingegen auch der gemeinste Kerl weiß, was vorgehen werde, wenn er hört, daß morgen eine Execution seyn solle. Das Wort Vorladung (an statt Citation,) hat gar noch eine andere, und von der angegebnen ganz verschiedene Bedeutung. Nicht leicht ist einem Bauerjungen unbekannt, was sein Vater zu thun habe, wenn der Landknecht ihm eine Citation insinuirt. Hört er aber von einer Vorladung, so wird ihm gar kein Zweifel dabey einfallen, daß solche nicht in eine Flinte, oder allenfalls in eine Schlüsselbüchse, gehöre. Und käm es mit der Zeit auch dahin, daß diese Wörter in der angeführten juristischen Bedeutung bräuchlich würden; so büßte doch die Sprache auf[52] einer andern Seite Das wieder ein, was sie auf der einen zu gewinnen schien.

Besonders hat der Gebrauch ausländischer Wörter uns manche von unsern eignen in Ehren und Würden erhalten, und vor vieler Verunehrung bewahret, der sie ausserdem schwerlich entgangen seyn würden. Nur Schade, daß ein so günstiges Schicksal nicht über mehrere gewaltet hat! Hätten doch, unter andern, unsere dem Französischen vormals so günstige Zeitungsschreiber ein Wort aus dieser Sprache gemishandelt, an statt des deutschen: Menschenfreund z.E., womit sie während des letztern Krieges jeden – – betitelten, der etc.

Wollen wir eine poetische Sprache haben, so muß, wie unser gröster Dichter erinnert hat, eine hinlängliche Anzahl Wörter ihr eigen bleiben: welches aber nirgend statt findet, wo zu einer Idee nicht mehr als Ein Wort vorhanden ist. Ein Kleid, welches wir alletags tragen, giebt uns bey festlichen Gelegenheiten ein sehr nachläßiges Ansehen. Hier nun können ausländische Wörter oftmals die Stelle der einheimischen zum täglichen Gebrauche füglich vertreten. Unsern Nachbarn geschieht dadurch eben so wenig Schaden oder Unrecht, als ihrem Landesherrn geschehen kann, wenn Jemand unter Uns eben solche Liverey giebt, als Er: Ob dieses gleich, innerhalb seines Gebietes, billig einem Jedweden verboten bleibt.

Uebrigens mögt ich noch den Wunsch hinzufügen, daß es dem Hrn. P. gefallen mögte, den Partikeln eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Da es unserer sonst so reichen Sprache nicht nur an genugsamen Interjektionen, sondern auch, und noch weit mehr, an Verbindungswörtern gebricht: welches vornehmlich Dem nicht unbemerkt bleiben kann, der beym Uebersetzen aus dem Griechischen nur halb so viele Sätze unverworren und ungezwungen unter Einen Gesichtspunkt bringen will, als deren in der Ursprache, schon wegen des Reichthumes anBindwörtern (andere Vortheile derselben ungerechnet) füglich beysammen stehen können.

[53] Wer diesem Mangel aus der zum Theile noch ungenützten Verlassenschaft unserer Vorfahren auch nur einigermaassen abhülfe, würde der Sprache einen nicht geringen Dienst leisten; gesetzt auch, daß manches nur in gelehrten Schriften und manches nur im scherzhaften Style brauchbar wäre.

Ueberhaupt macht man sich um ein Volk verdient, wenn man etwas zu der Vollkommenheit und Dauer seiner Sprache beyträgt. Ihre Mängel haben unvermeidlichen nachtheiligen Einfluß auf die Denkart des selben; und ihr Untergang, so langsam es damit auch zugehe, ziehet noch wichtigere Folgen nach sich. Der Schatz von vortreflichen Schriften, zu deren Hervorbringung die vereinte Wirksamkeit des Geistes vieler Millionen Menschen so manche Jahrhunderte lang erfodert wurde, ist auf einmal der Nation aus den Augen gerückt, und bleibt nur denjenigen nutzbar, die durch mühsame Erlernung einer todten Sprache sich erst gleichsam ein Recht zu Dem erwerben, wovon ehedem, als von einem gemeinschaftlichen Eigenthume des ganzen Staates, Jedermann freyen Gebrauch machen konnte.

Sogar eine Menge anderer selbst dem grossen Haufen geläufiger Begriffe gehen meistentheils entweder verlohren, oder verwandeln sich, als durch Zauberkraft, in Irrthümer: Mit einem Worte, die Nation verliert gleichsam ein Theil ihres Verstandes, und sinket wieder in eine Art von Kindheit zurück.

Wir schreiben in den Sand, sagtDryden, und hält es keiner von den neuern Sprachen für erlaubt, sich auf die Unsterblichkeit der griechischen und römischen einige Hofnung zu machen. Sollte dieses Glück dennoch einer unter denselben beschieden seyn; so wäre, bey sonst gleichen Umständen, solches ebenfalls von derjenigen am ersten zu vermuthen, welche sich am längsten unverändert erhielte: Da sie, schon durch diese längere Dauer ihnen, unter andern in der Menge vortreflicher Schriften, einen Vorzug abgewinnen würde.

Wie viel weniger Meisterstücke des menschlichen Geistes [54] hätte das Griechische aufzuweisen, wennHomers Sprache sechshundert Jahre nach ihm schon in die heutige Mundart dieses an Genien so fruchtbaren Landes verwandelt gewesen wäre. Würden die damals schon vorhandenen Werke ihr die nachherige Unsterblichkeit verschaffet haben? und würden des Sokrates Zeitverwandte, nebst allen ihren Nachfolgern, geworden seyn, was sie sind, wenn sie unter einem, nicht durch so vortrefliche Werke schon aufgeklärten und mit einer so reichen und angebauten Sprache schon versehenen Volke gebohren worden wären? sondern, so wie ihre Vorfahren, in hätten von forn anfangen, und den Gipfel des Berges ganz von unten ersteigen müssen?

Ausser der innern Dauerhaftigkeit, welche ich, bey möglichst unpartheyischer Betrachtung, an unserer Sprache wahrzunehmen vermeyne, ist ohne Zweifel auch Das ein besonderer Vortheil für sie, daß Deutschland aus so verschiedenen von einander unabhängigen und neben einander blühenden Staaten bestehet. Eben diesem Umstande hat vermuthlich das Griechische seine lange Unveränderlichkeit zum Theile zu danken gehabt.

Der Verfasser der Messiade ist zwar in der Abhandlung: Von der Nachahmung des griechischen Sylbenmaasses, der Meynung, wir würden glücklich seyn, wenn wir Eine große Stadt in Deutschland hätten, die von der Nation, als Richterinn der rechten Aussprache, angenommen wäre. Allein ausserdem, daß dieses schon an sich selber der Sprache gefährlich seyn müßte; so würde auch solche Gerichtsbarkeit sich unvermeidlich bald weiter, als blos auf die Aussprache, erstrecken; Und die Veränderungen, denen eine Sprache in jeder großen Stadt aus mancherley Ursachen weit mehr, als anderswo, unterworfen ist, würden durch solches Papstthum unausbleiblich im ganzen Lande allgemein werden.

Eben so wenig kann einer einzigen Provinz das Entscheidungsrecht über den Werth und Unwertheinzelner Wörter zustehen. Der Hr. P.Gottsched wird sich daher ohne Zweifel bestmöglichst hüten, der gegenseitigen [55] Meynung unvermerkt einigen Einfluß auf sein Werk einzuräumen.

So giebt z.E. das in gewissen Provinzen sehr bräuchliche Wort beamtet einen ganz deutlichen und bestimmten Begrif. Gleichwol hat ein gewisser neuerer Scribent statt desselben zuweilen das Wortbedienstet gebraucht, welches doch nur vomGesinde gesagt werden sollte.

Wenn etwas provincial ist, so ist es darum noch nicht geradehin verwerflich; sondern kann, wofern es diese Ehre sonst verdienet, mit der Zeit so allgemein werden, als jedwedes anders. Ueber Bord zu werfen sind wir noch lange nicht genöthigt: Denn selbst die Scribentensprache hat Raum genug übrig, noch eine beträchtliche Menge neuer Wörter aufzunehmen. Wie viele können, blos in der Poesie, von der Messiade an bis auf einen Hudibras, der noch geschrieben werden soll, Platz finden! So reich auch eine Nation an baarem Gelde sein mag; so hält man es doch nirgend für unnöthig, durch Pappiere (welches in der Sprache die Tropen sind;) ihr Vermögen noch zu vergrößern.

8. Brief
Achter Brief.

Kopenhagen.


Der ehrliche H. freute sich, wie Sie noch wol wissen, herzinniglich über seine eignen Einfälle, da wir mit ihm von unsern Zweifeln über das hohe Alter der Hersischen Gedichte sprachen, welche der Schottländer Macpherson zur großen Erbauung seiner Landsleute, und zum noch größern Erstaunen der übrigen Welt, vor einigen Jahren ans Licht treten ließ. Vermuthlich freut er sich noch: Denn es hatte allen Anschein, daß unser Unglaube auch durch die allgemeine Uebereinstimmung der Recensenten gedemüthigt war. Da ich den Humor dieses braven Mannes kenne, und gar wohl weiß, wie sehr sein trefliches embonpoint von seiner Zufriedenheit über seine eignen werthen Gedanken abhängt; so darf ich mir von einer gegenseitigen Entdeckung, das erwähnte [56] hohe Alter der Macphersonschen Gedichte betreffend, gegen ihn schwerlich etwas verlauten lassen; Ihnen aber muß sie nicht unbekannt bleiben.

Ich schicke Ihnen demnach in Anschluß ein Memoire sur les poëmes de Mr. Macpherson, welches unser – – mir erst vor wenig Tagen aus Paris mitgetheilt hat; Sie müssen es lesen; es enthält ausser dem Neuen noch viel Interessantes. Der Verf. soll ein Irrländer seyn; wenigstens konnte man von keinem Franzosen eine so tiefgehende Untersuchung erwarten.

Daß entweder Hr. Macpherson seinen Text ausserordentlich verfälscht, oder auch das untergeschobne Werk einer neuern Hand allzu leichtgläubig für ein genuines angenommen hätte, glaubten wir gleich aus den mancherley Spuren des Modernen sowol, als aus den verschiednen kleinen hints, die der Dichter sich aus dem Homer etc. gemerkt zu haben schien, wahrzunehmen. Damals fehlte es uns an weitern Beweisthümern; der Irrländer hat ihrer die Menge, welche alle aus den besten Gewährsmännern darthun, erstlich, daß Schottland ursprünglich eine Colonie der Irrländer sey, die erst im Jahre 503 durch die Siege des Fergus, eines Irrländischen Prinzen, angebauet worden; zweytens, daß ein gewisser Malcolme, ein Schottländer, sich eine Menge Verfälschungen in der Geschichte und den Ueberbleibseln der Barden schuldig gemacht, um das Alterthum seines Volks in viel frühere Jahrhunderte zurück zu schieben. Von diesem verfälschten System des Malcolme leitet unser Verf. die Irrthümer des Macpherson über das hohe Alter der Ossianischen Gedichte her, und zeigt deutlich, daß sie von einer neuern Hand untergeschoben worden, um gedachtem System einen falschen Anstrich der Wahrheit zu geben. Der Betrug wird durch die Fragmente der Irrländischen Romanzen, worauf das ganze Gebäude aufgeführt ist, offenbar; ich enthalte mich aber eines weitern Details, da Sie dieß alles in der Urschrift selbst nicht ohne Vergnügen nachlesen werden.

Zuverläßiger und weniger alt ist das zweyte Stück[57] meines Anschlusses, die Reliques of ancient English poetry, die in drey Bänden bey Dodsley herausgekommen, und unter der Aufsicht des hochachtungswürdigen S. Johnson gesammelt worden sind. Ich führe Ihnen nur ein einziges Stück daraus an, Ihre Aufmerksamkeit zu reitzen; es ist keines der ältesten: aber Sie haben schwerlich etwas gelesen, das von einer feinern Erfindung, von einer zärtlichern Wendung wäre, oder mehr verdiente, den schönsten Ueberbleibseln des griechischen Alterthums an die Seite gesetzt zu werden. Hier haben Sie es ganz.


It chanc'd of late a shepherd swain


[u.s.f. Vgl. Percy Reliques 1765. Vol. 1.

S. 293 ff. Cupids Pastime.]


Keine Nation in der Welt müßte, meines Erachtens, einen reichern Schatz an Ueberbleibseln dieser Art aufzuweisen haben, als unsre nordische, vornehmlich die Dänische, wenn wir erst einmal anfingen, so aufmerksam auf unsre eignen Vortheile zu werden, als es die meisten andern auf die ihrigen sind. Wir haben schon itzt eine ganze Sammlung alter lyrischer Gedichte, unter dem Namen Kiämpe-Viiser: nur Schade! daß die schätzbarsten Stücke aus ihren ursprünglichen Runen in das neuere Dänische übergetragen, und folglich um ein großes Theil ihres Ansehens gekommen sind; so ist auch das Ganze mit so vieler Nachläßigkeit unter einander geworfen; viele einzelne Stücke sind so zerstümmelt, so jämmerlich gemishandelt, bestehen aus einem so wunderlichen Gemische alter und neuer Wörter, daß schon eine Art von Gelehrsamkeit erfodert wird, sie nur lesen zu können. Ich rede hier nicht von unsern Original-Sagen, die durch den rühmlichen Fleiß eines Wormius, Bartholins, Biörner u.a. ein besseres Schicksal gehabt haben; vielleicht unterhalte ich Sie von den letztern bey einer andern Gelegenheit; itzt ist mein Absehen nur auf die sogenannten Kiämpe-Viiser gerichtet, deren nähere Kenntniß mir zur Aufklärung der alten Litteratur und der Geschichte des menschlichen Geistes nicht wenig beyzutragen[58] scheint. Ich glaube gern, daß Sie von diesen Ueberbleibseln nie das geringste gehört haben; es wäre seltsam, wenn ein Deutscher etwas von einer Sammlung wissen sollte, deren Existenz manchem Dänen unbekannt ist, und von den meisten aus einem höchst falschen Gesichtspunkte beurtheilt wird: aber sollten Sie wol muthmaßen, daß Ihnen auch nur die Spur von demjenigen habe verborgen bleiben können, was so poetisch schön, so naiv, so simpel, und zugleich so heroisch, so voll Sentiment ist, als folgende kleine Fragmente aus den entferntesten Jahrhunderten?


»Der Tag dämmert heran, und der Hahn kräht auf der Zinne. Es ist Zeit, daß die Söhne Odins zum Kampf und zur Arbeit erwachen. Erwacht! o! erhebt euch! tretet hervor, ihr Anführer, theuerste Freunde des Adil; ihr alle seyd die ersten der Krieger.

Har, der mit harter Faust gebeut, und dieVaabne, und Rolv, der Bogenschütze, und ihr andern von edlen Geschlechtern, streitbare Männer, die ihr nicht zu fliehen gewohnt seyd! auf! erwacht! – nicht zum lustigen Schmause, nicht zum sanften Geschwätz mit den Mädchen! Gegen den Feind sollt ihr mit harter Schenkel herantreten.

Wer seinem Könige treu ist, hüte des Krieges, und entsage den Küssen und dem Getränk. Hier ist ein besserer Preis zu gewinnen. Hinweg! Weichlichkeit! wo ein Feindzu bändigen ist.

Der Freygebigste unter allen Königen, Rolv, der uns Gold und Schwerter gegeben, ist der Gewalt erlegen. Der sey ein Nichtswürdiger, der seinen König nicht rächt.«


Hier haben Sie eins von anderer Art, ein Hexenlied, dem es nicht an Colorit und Lyrischen Schwünge fehlt:


»Ich legte mein Haupt auf Elvers-Höhe; meine Augen lieder sanken: Da kamen zwo Jungfern, sich mit mir zu unterreden.

Die Eine streichelte meine weissen Backen, die Andere lispelte mir ins Ohr: Steh auf, munterer Jüngling, und erhebe den Tanz!

Steh auf, muntrer Jüngling, und erhebe den Tanz: meine Jungfrauen sollen die schönsten Lieder dir singen.

Die eine, so reizend über alle ihres Geschlechts, hub ein Lied an; der brausende Strohm hielt inne, und floß nicht mehr.

[59] Der brausende Strohm hielt inne, und floß nicht mehr; die kleinen Fischchen, die in der Fluth schwammen, spielten mit ihren Verfolgern.

Alle kleine Fischchen der Fluth spielten und hüpften; alle kleine Vögel des Waldes zwitscherten durch die Thäler.

Höre, du munterer Jüngling, willst du bey uns verweilen, so wollen wir dich die Runen und Charaktern lehren.

Ich will dich den Bären binden lehren, und der Drache, der sich auf Golde lagert, soll vor dir weichen.

Sie tanzten hin, sie tanzten her auf der Höhe: aber der Jüngling saß, und stützte sich auf seinem Schwerte.

Höre, munterer Jüngling, wenn du uns nicht antwortest, so wollen wir dir mit Schwert und Messer das Herz aus dem Leibe reissen.

Da krähte der Hahn! zu meinem Glücke! ich wäre sonst nie von Elvers-Höhe gekommen.

Jedem jungen Dänen, der nach Hofe zieht, will ich rathen, niemals auf Elvers-Höhe zu schlummern.«


Die Moral dieser kleinen Erfindung scheint durch, und könnte schwerlich glücklicher eingekleidet seyn.

Lied des Aßbiørn Prude.

Dieser angesehene Dänische Held war in die Hände eines gewissen Bruse gefallen, der ihm das Eingeweide aus dem Leibe reissen ließ, bey welcher Gelegenheit Aßbiørn, anstatt weibisch zu wehklagen, oder auch nur zu seufzen, folgende neun Stanzen gesungen haben soll. Eine ähnliche Geschichte hat man vom König Regnar, von dessen sehr bekannten Saga mir gegenwärtiges Lied eine ziemlich genaue Nachahmung zu seyn scheint.

»O Svanhilde, meine Mutter, die du in Dänemark wohnst! wisse, dein Sohn wird sterben. Nicht mehr wirst du im Sommer sein Haar kämmen; nie wird er zu dir zurückkehren; das Schwert ist ihm untreu geworden. Ganz anders war es daheim, als eine Schiffwand zwischen uns und dem Meer-Schaume war, als das Schiff sich vom Winde fortführen ließ. Ruhig stießen wir vonHvordaland ab, und [60] tranken Meth und Bier, und schwatzten darein. Itzt bin ich in die Schlingen der Räuber gefallen; itzt lieg ich in einer Räuber-Höle. Ganz anders war es daheim, da der kühne Orm mit andern erhabnen Männern muthig neben uns stand. Im Sunde landeten unsre langen Schiffe. Itzt ergreift mich der Scheußliche, martert mich mit mannigfaltiger Quaal. Ganz anders war es daheim, da Orm im Kampfe den blutdurstigen Vögeln so manchen Helden in seinem Blute schwimmen ließ. Schwer waren seine Kämpfe, und nahrhaft den Geyern, als er am Ufer der Weichsel Wunden des Todes hieb. Ganz anders war es daheim, als ich an den südlichen Klippen meinen Feind mit Schwert und Pfeilen zersetzte. Orm netzte seine Waffen im feindlichen Blute, und die Feinde sanken hin zu seinen Füßen. Ganz anders war es daheim, als wir alle gesammlet waren: Hok, Haki, Hrok und Toke, Söhne des Orkin, Got, Glumer, Stare, Gejr, Samr, Seming. Nie werde ich sie vergessen. Itzt werde ich keine so fröhliche Bahn mehr laufen. Ganz anders war es daheim, als wir ans Ufer schifften. Da waren Hegen, Hrani, Tume, Torfe, Trit, Sorkvir, Gunner, Grani, Hjelm, Stefnir, Grim und Heit. Noch immer sind sie meinem Andenken theuer. Ganz anders war es daheim. Wir hatten Hang und Muth zum Kriege; ich rieth niemals von einem Kampfe ab. Wir brauchten es, das lustige Schwert; wir hieben hurtig von der Hand weg vor uns nieder. Aber Orm that das Beste; er überwand den Feind. Wie würde Orm seine Stirne falten, wie würde er toben, wenn er meine Pein und Marter sähe. Wenn irgend ein Mensch es könnte, so würde er das Ungeheuer für seine Bosheit mit vollem Wucher zu bezahlen wissen.«

Lied der Jomsbürger.

Diese Jomsbürger oder Jomsvikinger waren, wie Sie aus der Geschichte wissen, eine Dänische Colonie, die sich in Pommern niedergelassen, und die Stadt Julin, itzt Wollin, durch ihre kühnen Unternehmungen sehr berühmt machten. Sie wurden einst, wie aus dem folgenden Liede erhellt, durch ein starkes Ungewitter in dem Fortgange ihrer Waffen [61] gehindert, und Siegvald Jarl (wovon das englische Earl herkömmt) that ein Gelübde, nie mehr mit Hexenmeistern, sondern mit Menschen zu kämpfen, und nahm die Flucht. Von ihm soll auch das Lied seyn gesungen worden.


»Ich hörte von Norden her den Donner-Gott einen Sturm herbeyführen; ein fürchterliches Wetter! es krachte auf den breiten Schildern. Von den Wolken herab regneten Stein-Schlossen; Wunden und Beulen regneten sie herab auf die streitenden Jomsvikinger.

Jede Schlosse wog ein Ør 1, und richtete Schaden an. Da rann das Blut in Ströhmen herab. Welch ein weites Feld von Leichnamen! Spieß, Schwert und Bogen glänzten im Purpur-Safte. Jeder der feindlichen Krieger zog muthig gegen den Nacken der Jarle.

Sie wurden von drey Zaubrern angeführt, die aus allen Enden ihrer Finger tödtliche niederschmetternde Pfeile schoßen. Da lagen die edlen Helden, von Hagel und Schwertern zur Erde geschlagen. Aber sie wehrten sich, als Männer.

Ein so großes Unglück schmerzte und jammerte den Sigvald Jarl. Fort eilte er mit seinen Schiffen, und befahl den Seinigen, ihm nachzufolgen. Alle Krieger eilten zu Schiffe, und die Barke stieß vom Lande.«


Es fällt mir schwer, hier abzubrechen. Meine ganze Seele wird befeuert, wenn ich in jene glänzende Jahrhunderte meiner Vorfahren zurücksehe. Lassen Sie mich ja bald erfahren, ob ich Sie noch öfterer von diesen mir so interessanten Materien unterhalten soll.

Fußnoten

1 Ohngefähr zwey Loth.

9. Brief
Neunter Brief.

Berlin.


Das Feld der deutschen, Prose ist freylich noch sehr unangebaut. Die redselige Gabe, schief zu denken und schief zu schreiben, wirkt von unsern Halbdichtern auf unsere prosaischen Schriftsteller fort, und was sie eine blühende Schreibart [62] nennen, ist nichts als die elendeste Art von Schminke, hinter der sie ihre widerwärtigen Lineamente verbergen. – Hätte man nur einen entfernten Begrif, wie viel dazu gehört, einen Gedanken richtig zu fassen, ihn von allen Auswüchsen zu säubern, ihn auf den einzigen besten Ausdruck zurück zu führen, sich von jedem gebrauchten Worte Rechenschaft zu geben, ihn auf einmal so rund, so stark an innerer Gesundheit und Fülle, wie er nun aus der Seele hervortritt, auch aus der Feder zu bringen: Hätte man jemals daran gedacht; ich bin versichert, der Ehrgeitz hätte unsere jungen Leute auf eine bessere Bahn geführt, wo mehr Ehre zu erwerben war, als da, wo sie sich itzt verweilen. Sie würden überdem den Vortheil davon haben, daß sie, wenn sie in ein Amt kommen, wo es nicht mehr erlaubt ist, von Wein und Liebe zu schwärmen, noch immer etwas Bessers vorzunehmen wüßten, als elende Predigten zu schreiben, die Gott und Menschen ärgern, oder irgend ein erbarmungswürdiges pamphlet in der Tracht der Schul-Programmen, mit hundert Bettler-Lumpen von Paragraphen behängt, ganz wider alle Sitten und Artigkeit in die Welt zu schicken. Was meynen Sie, sollte es wol im geringsten für die Kirche oder den Staat schädlich seyn, wenn unsre jungen Geistlichen auf dem Lande und in der Stadt, nachdem sie sich auf der Universität, um der Hypochondrie nicht ganz unterzuliegen, die Stunden ihrer Musse mit Trinkliedern und Nachtgedanken aufgeheitert haben, nun auch die weit unerträglichere Langeweile des Dorflebens, die sie so oft zu beseufzen Gelegenheit finden, mit dem nähern Studio ihrer Muttersprache und den davon abhangenden Theilen der Litteratur verkürzten? Hoffentlich würde mancher glückliche Kopf in dieser Beschäftigung viel mehr Nahrung und Nutzen finden, als in den itzt gebräuchlichen Verketzerungen etc., die doch immer, was man auch sagen mag, ein undankbares Unternehmen, sind.

Wer weiß, ob wir dieser Sinnesänderung nicht vielleicht gar in einer der vortreflichsten Gattungen der Prose, ich meyne in der Geschichte, aufkeimende Genies verdanken [63] würden? Einige neuere Werke aus der Schweitz lassen mich diese Hofnung nicht ganz unwahrscheinlich finden; und wenn Herr Fäsi, wie ich aus verschiednen Stellen seiner Abhandlungen über wichtige Begebenheiten aus der alten und neuern Geschichte schliesse, ein Prediger ist; so haben die ersterwähnten Herren immer schon ein Muster, das ihre ganze Nacheiferung verdient.


[Besprechung der Fäsischen Schrift.]

10. Brief
Zehnter Brief.

Kopenhagen.


Herr von Busch, der Naturaliensammler 1, war ein treflicher Mann. Er machte aus Teichen Wiesen, und aus Wiesen Teiche; das Wasser leitete er den Berg hinauf, und die Tannen und Fichten pflanzte er ins Thal; aus England ließ er Schafe kommen, und seine eignen ließ er verhungern; Brenn-Nesseln säete er, um Fäden daraus zu spinnen, und seine Leinwand-Fabrik ließ er eingehen; er selbst brütete andrer Leute Eyer aus, und hatte kein Hühnchen auf dem Hofe. Wollte man Schmetterlinge und Raupen kennen lernen; er wußte sie alle mit Namen zu nennen. Und überdem seine Versteinerungen, seine fremden Gewürme, seine ausländischen Vogelnester, seine Erydea, Riza, Kaderchur! – Beym Ray! der Mann war ein Original, und ich wollte wol wetten, daß mancher feiste Bierbrauer in Kopenhagen, den es doch auch an Naturalien nicht mangelt, seine Kenntnisse beneiden würde.

Sie hingegen, mein guter Freund, sind, mit Ihrer Erlaubniß! ein ganz unnützes Mitglied des Staats. Noch haben Sie auf Ihrem Gute nicht das geringste Experiment gemacht; kaum weiß man von Ihren Muscheln, Vögeln, Insecten, Gewächsen u.s.w. zu reden; Sie [64] begnügen sich, Ihre Theorie zu erweitern, und Ihren Schöpfer zu bewundern: Sie altväterischer Mann aus des Königs Haralds Zeiten 2.


[f. Besprechung von Brünnichs Ornithologia borealis und Entomologia und anderer naturwissenschaftlichen Schriften.]

Fußnoten

1 Ein Lustspiel dieses Namens in den Beyträgen zum deutschen Theater.

2 Af Arilds Tid, ein dänisches Sprüchwort.

Der Uebers.

11. Brief
Eilfter Brief.

Kopenhagen.


Sie hätten mir kein angenehmeres Geschäft auftragen können, als da Sie von mir eine umständlichere Nachricht in von der alten runischen Poesie verlangen; ein Sujet, das, wie Sie sagen, Ihnen gänzlich unbekannt gewesen, und schon durch einige der geringsten Fragmente Ihre Neugierde reitzen konnte. Ihre Anmerkung ist sehr richtig, daß dieses Fach mehrentheils solchen Männern in die Hände gerathen ist, die in den Ueberbleibseln ihrer Vorfahren ganz etwas anders, als Genie, gesucht haben. Mit welcher Vermessenheit hat nicht mancher übersichtige Ausländer dem Nordischen Himmelsstriche die Fähigkeit, dichterische Köpfe zu bilden, ordentlich abdemonstriren wollen, und wie manche witzige Dame schauert nicht, in dem angestammten Winkel ihrer Hufen, bey der bloßen Vorstellung eines Normanns, die sich sehr wundern würde, wenn sie hören sollte, daß die ritterliche Galanterie der vorigen Jahrhunderte eben in Norden ihren Hauptsitz gehabt, und daß z.E. die Norweger eine der schätzbarsten, fähigsten und muntersten Nationen in der Welt sind. Glauben Sie mir, nichts ist abgeschmackter, als diese allgemeinen Urtheile über ganze Völker, die durch die geringste nähere Bekanntschaft auf einmal ihren ganzen Werth verliehren. Sie sind von einem so elenden Vorurtheile frey; und ich wünsche Ihnen Glück dazu. Wenn Rousseau überall [65] nur dieß einzige Verdienst hat, daß er die Menschheit mit andern Augen betrachten lehrt, als womit unsere Schulgelehrte und modischen Herren sie betrachten; so ist er schon ein verdienter Mann: wenigstens mir, da Sie mir einräumen, daß Sie größtentheils durch ihn veranlaßt worden, die Geschichte der verflossenen Zeiten philosophischer und unpartheyischer zu prüfen, als Sie sonst gewohnt waren. – Doch wozu diese Vorrede zu ein paar kritischen Nachrichten von altdänischen Liedern?

Die Sammlung, deren ich jüngst erwähnte, ist bereits 1591 durch einen dänischen Gelehrten, Anders Søfreensøn Vedel, der unter dem Namen Vellejus bekannter ist, veranstaltet worden, und zuletzt 1695 hat sie ein gewisser P. Syv mit hundert Liedern, und vielen historischen und kritischen Anmerkungen, worunter manche recht gut sind, vermehrt, aufs neue herausgegeben. Dieser Letzte hat seiner Sammlung eine Einleitung von der Natur der alten dänischen Poesie vorgesetzt, woraus ich Ihnen die interessantesten Stellen mittheilen will.

Die alten nordischen Lieder wurden Kvede, Kvedlinger, Kvedskapr, Märd, Hrodur, Skaldskap, Jotnamiødür, nachher auch Mester-Sange, Kempe Viser u.s.w. genannt; und die Dichter hiessen Skaldre, Greppar, Kvedende Men, Runemestere und Mestersangere. Skald ward endlich ein Ehrenname, wie z.E. in Hiarne Skald, Sigvard Skald, Tørgeni Danaskald, und endlich eine adeliche Branche, die eine große Rose im Schilde, und eine kleinere zwischen zween bewaffneten Armen im Helme führte.

Es giebt verschiedne Gattungen in der ältsten nordischen Poesie. Die meisten bestanden aus einer Strophe von acht kurzen Versen, in Gestalt der Sinngedichte, und wurden Drapustuffur und Skamhendingur, auch wol, wenn sie von vorzüglicher Schönheit waren, Liliulag und Liomer genannt.

Das Alterthum der Kiämpe-Viser ist ausser Zweifel, ob sie gleich mit der Zeit in die neuere Sprache übergegangen sind. Die meisten sind Ueberreste der allerältesten [66] Lieder, die Saxo zum Theil in einer lateinis. Uebersetzung anführt, nicht selbst erfunden hat, wie er ausdrücklich sagt: quorum vestigiis seu quisbudam antiquitatis voluminibus inhaerens, tenoremque veris translationis passibus aemulatus, metra metris reddenda curaui.

Nachher entstanden aus den veränderten Regierungen, aus neuen Kriegen, Handel und Wandel mit Fremden, neue Veränderungen in den alten Ueberbleibseln; man behielte den Stoff bey, und maaß ihn blos den mehr modernen Begebenheiten an; zuletzt, da diese kostbaren Ueberreste dem Pöbel in die Hände geriethen, wurden sie aufs äußerste gemißhandelt; zwey, drey und mehr Lieder wurden in ein einziges umgegossen, und in vielen ist nirgends mehr eine Spur von Menschenverstand. Hieraus lassen sich auch die vielen Einmischungen fremder und neuer Wörter erklären, die das ganze Costüme des ursprünglichen Alterthums auslöschen, und die ächten Quellen unkenntlich machen.

Ein gleiches Schicksal hat auch das deutsche Heldenbuch, dessen Abdruck vom sechzehnten Jahrhundert mit der Handschrift selten übereinstimmt. Wie würde es nicht darinn aussehen, wenn man es mit den Originalien, die es aus den Wanderungen der Dänen, Cimbrer, Gothen u.s.w. hergenommen hat, vergleichen könnte. So findet man z.E. Vieles darinn vonFrau Grimild, deren Lieder viele hundert Jahre vorher unter uns im Schwange gewesen sind, und die auf der Insel Hven gewohnt hat, so wie die meisten berühmten Helden sich am liebsten auf kleinen Inseln niederlassen, wo sie ihre Seeräubereyen am besten treiben konnten.

Die lyrische Poesie war ehmals unter uns in großem Ansehen: aber die Dichter waren es, wider die heutige Gewohnheit, nicht minder. Harald Haarfager schätzte unter allen seinen Hofleuten die Skalden am höchsten. Die nordischen Könige hatten gemeiniglich ihre Skalden bey sich, die die höchsten Ehrenstellen bekleideten; und die Fürsten selbst übten sich in poetischen Kämpfen, mit aufgeworfenen Fragen und Antworten, wie Heidur und Gestur der Blinde, in [67] Hervarar Saga, und Svend Vonved in dem von ihm benannten Liede; ferner mit poetischen Erzählungen ihrer Abenteuer, welches die Reihe herum gehen mußte; und sogar die Gesundheiten wurden mit Stellen aus einem Liede ausgebracht; ja, um einen ungeschickten Menschen mit einem einzigen Zuge zu bezeichnen, sagte man, er tauge weder zu Abenteuern, noch zum Liederdichten.

Vor der Schlacht recitirte man einige Strophen, wie in Griechenland. Man machte einen Kreis um sich herum auf der Erde, und sang sich Lieder entgegen. Das Biarkemaal ward vom Biarke, und nachher auch zu K. Olufs Zeiten in Norwegen gesungen, um die Helden zum Streit aufzufodern. Eben so sang Jemand aus K. Waldemars Heere ein Lied, die Soldaten gegen den Feind anzufeuern.

Man bediente sich derselben auch bey vielen andern feyerlichen Veranlassungen, Gastmahlen u.s.w. Die dänischen Liebeslieder waren den alten Britten unter dem Namen Ælskeliod vorzüglich bekannt. Kurz, wenig Dinge wurden ohne ein Lied vorgenommen, welches die Neigung unserer Vorfahren zu dieser Art von Poesie hinlänglich andeutet, sowie ihr glückliches Genie dazu aus ihren Fragmenten erhellet.

Da es, wie ich vorher erwähnte, nicht mehr möglich ist, die neuern Lieder aus der Zeit des Christentums von den ältern aus der heidnischen Epoche vermittelst des Styls zu unterscheiden; so ist kein ander Mittel übrig, als das Alter derselben aus ihrem Inhalte oder Sujet zu bestimmen. Hieher rechnet der dänische Sammler folgende charakteristische Kämpfe. Erstlich, um Tapferkeit und Mannheit zu beweisen;zweytens, um Länder, Güter oder Weiber zu erobern; drittens, Landsleute oder andere Angehörige zu rächen; viertens, dem Frauenzimmer zur Ehre und zum Vergnügen, und fünftens, den Nothleidenden zur Unterstützung. Ferner meynt er, alle Sujets von Selbstrache, Seeraub, Gewaltthätigkeit etc. dahin zu ziehen: ich halte mich aber nicht dabey auf, da Sie schon selbst abnehmen werden, wie [68] wenig diese Charaktere zur Bestimmung des eigentlichen Alters dienen können. Er ist auch dieser Spur in der Sammlung gar nicht weiter nachgegangen, sondern hat Altes und Neues, ohne Wahl und Prüfung, unter einander geworfen, wie er es gefunden hat, welches dem Buche einen großen Theil seiner Brauchbarkeit entzieht.

Das sicherste Hülfsmittel, das Genie unserer ältesten Vorfahren zur lyrischen Dichtkunst kennen zu lernen, ist also, die Quellen selbst aufzusuchen, die unter dem Namen Sagar bekannt sind, und deren man eine ansehnliche Menge hat. Allein dieß Hülfsmittel ist so leicht nicht, und setzt ein eignes Studium der runischen Zeichen, und der allerältesten nordischen Sprache voraus, die von der heutigen gänzlich abweicht. Keiner hat sich um diesen Theil der Litteratur verdienter gemacht, als Olaus Wormius 1, und er soll mir meine Nachricht von den altenViser, besonders was ihre Prosodie betrift, ergänzen helfen.

Die Gattungen lyrischer Gedichte gehen ins Unendliche, und der gebräuchlichern alten sind hundert sechs und dreyßig, unter denen Worm nur eine einzige zergliedert, welche Sextanmaelt oderDrottquaett genannt wird.

Sextanmaelt Viisa ist eine Art von Metrum, da in jeder Strophe sechszehn ähnliche Laute, die aber nicht, wie die Reime, am Ende des Verses gesucht werden müssen, nach einer gewissen künstlichen Ordnung vertheilt sind. Man misst diese Verse nach keiner bestimmten Quantität, wie die Griechen und Römer, auch nicht nach den Endreimen der Neuern; sondern blos nach der abwechselnden Stellung der ähnlichen Laute auf folgende Art:

Die Abtheilung geschah nach Distichen, die aus zween Versen bestunden, deren jeder sechs Sylben haben mußte, und worinn die Harmonie sich auf Buchstaben und Sylben gründete.

[69] Die Harmonie der Buchstaben erfoderte, daß in jedem Distiche drey Wörter wären, die einerley Anfangsbuchstaben hätten, wovon zween im ersten, und der dritte im zweyten Verse stehen mußten, niemals alle drey in Einem Verse: damit durch diese Stellung jedes Distichon ein Ganzes würde; wobey jedoch zu bemerken ist, daß alle sechs Vocales A, E, I, O, U, Y, einander vollkommen gleich geschätzt wurden, und folglich einander in der Harmonie der Buchstaben so gut vertreten konnten, als unter den Consonanten die dreyfache Wiederholung eines einzigen: z.E.


Holl laxa, Flod Fialla

Fold kaet, skya graetur,


oder:

Ymers lios, Urkoma
Agiaet svana saeti,

so daß im ersten Distich das dreyfache Initial-F, und im Letztern die drey Initial-Vocale die Buchstaben-Harmonie vollenden.

Die Harmonie der Sylben erfordert, daß in jedem einzelnen Verse zwo gleichlautende Sylben stehen müssen, wobey es jedoch im ersten Verse nicht so sehr auf die Aehnlichkeit der Vocalen, als der Consonanten ankömmt; dergestalt, daß docti undfacti eine eben so richtige Sylben-Harmonie machen würden, als instituti und imbuti. Da hingegen imzweyten Verse des Distichs die Aehnlichkeit vollkommen seyn muß. Ausserdem aber ist noch zu beobachten, daß diese beyden Sylben niemals in Einem Verse unmittelbar beysammen stehen müssen. Nach dieser Regel sind also in dem ersten obangeführten Verse die Sylben oll in Holl und all in Fialla, so wie in dem zweyten aet in kaet, und aet ingraetur harmonisch, welches auch in dem darauf folgenden Distich zu ersehen ist.

Sie werden schon angemerkt haben, wie sehr diese Regeln ins Feine gehen, was für ein richtiges Gehör sie voraussetzen, und wie genau sie mit der Prosodie der ersten orientalischen Völker übereinstimmen. Allein das, was man in [70] Asamal, oder die Sprache der Asen (Asiaten, Götter) nannte, macht diese Uebereinstimmung noch frappanter. Eine der sonderbarsten Gattungen von tropischer Schreibart, von der ich je gelesen habe, scheint mir die zu seyn, deren unsere Skalden sich in ihren meisten Gedichten bedient haben, und die sowol diese, als die Edda uns Neuern oft ganz unverständlich macht. Ich muß Ihnen doch ein paar Beyspiele davon anführen. Die meisten runischen Buchstaben haben ausser ihrer Buchstaben-Bedeutung, noch eine andere der hieroglyphischen ähnliche Bedeutung. Das Wort aar deutet den Buchstaben A, und zugleich gutes Korn an; F wird fee ausgesprochen, und Fee heißt Geld. Weil aber gutes Korn eine vorzügliche Gabe des Himmels, und Geld ein Anlaß zu Zänkereyen ist; so kann A und F auch so viel heissen, als: eine vorzügliche Gabe des Himmels, die eine Ursache des Zankes wird.

Diese Art sich auszudrücken würde nun zwar blos in Logogryphen von einigem Nutzen seyn: aber man bedient sich ihrer auch umgekehrt, und so wird sie zu einer sehr edlen und malerischen poetischen Sprache, welche die meisten alten Sagen beseelt. Slidur in Regnars Saga heißt eine Scheide, Log, eine Flamme, Sinna, der Streit. Wenn diese drey Wörter bey einander stehen, so zeigen sie nach ihrer malerischen Bedeutung an, daß die Scheide eine Flamme enthalte, welche den Streit anfacht – auf einen einzelnen bildlichen Ausdruck zurückgeführt, dasSchwert. – Strengur in eben diesem Gedichte heißt die Sehne des Bogens, Laug ein Bad, folglichStrenglaugur das Blut. Ar ein Adler; Flug fliegend; Dreke ein Drache; Sara die Wunden: Zusammengesetzt, der mit Adlerschwingen umherfliegende Drache der Wunden – mit einem Worte, derSpeer u.s.w.

Hiebey fällt mir eine Stelle ein, die ich vor kurzem in Langhorne's Ausgabe der poetischen Werke des Hrn. Collins las, und die mir die Entstehungsart des so erhabnen und wunderbaren allegorischen Ausdrucks bey den Morgenländern auf eine ganz neue Art zu erklären scheint. [71] Vielleicht läßt sie sich mit geringer Veränderung auf den poetischen Styl unserer nordischen Vorfahren anwenden.

»Wenn ich von der Allegorie in poetischen Compositionen rede, sagt Hr. Langhorne, so verstehe ich darunter nicht den Schul-Tropus, der aliud verbis, aliud sensu ostendere definirt wird, und von welchem Quintilian spricht: Vsus est, ut tristia dicamus melioribus verbis, aut bonae rei gratia quaedam contrariis significemus etc. Nicht von der wörtlichen, sondern von der bildlichen Allegorie, nicht von dem allegorischen Ausdruck (der Metapher), sondern von der allegorischen Malerey des Styls, ist hier die Rede.«

»Wenn wir uns bemühen, dieser Gattung figürlicher Sentiments bis an ihre ersten Quellen nachzuforschen; so werden wir sie von gleichem Alter mit der Litteratur selbst finden. Es ist eine allgemein angenommene Wahrheit, daß die allerältesten Werke von poetischer Natur sind, und eben so gewiß ist es, daß die allerältesten Gedichte eine allegorische Malerey sind.«

»Da die Litteratur noch in ihrer Kindheit war, und man vom hieroglyphischen zum buchstäblichen Ausdruck überschritt, war es eben nicht sehr zu verwundern, daß die Gewohnheit, Ideen durch Bilder auszudrücken, eine Gewohnheit, die sich so lange erhalten hatte, noch immer ihren Einfluß behielt, als schon der Gebrauch der Buchstaben sie unnöthig gemacht hatte. Wer einmal gewohnt war, Stärke durch das Bild eines Elephanten, Hurtigkeit durch einenPanther, und Muth durch einen Löwen auszudrücken, der bedachte sich nicht lange, auch in Buchstaben die Symbola den Ideen, die sie so lange vorgestellt hatten, unterzuschieben.«

»Hier also sehen wir ganz deutlich den Ursprung des symbolischen Ausdrucks, wie er nämlich aus der Asche der Hieroglyphen entsprang; und eben hieraus können wir auch die allegorische Malerey des Styls herleiten, die ein blos fortgeführter metaphorischer oder symbolischer Ausdruck der verschiedenen handelnden Personen oder scenischen Objekte ist, und welche die Personification der Leidenschaften, Tugenden, Laster etc. [72] unter sich begreift, von der nachher die poetische Description ihre vornehmsten Kräfte, ihre anmuthigsten Grazien erborgt, und ohne welche die Abbildung der sittlichen und vernünftigen Kenntnisse sehr schal und unbeseelt erscheinen würde, so wie selbst die scenische Vorstellung körperlicher Gegenstände ohne Einführung eines erdichteten Lebens öfters höchst ungeschmackt ist.«

Um Ihnen wenigstens Eine Probe von der uralten Nordischen Composition zu geben, von der ich Ihnen bisher so viel Vortheilhaftes gesagt habe, will ich meinen Brief mit dem Befreyungsliede des Eigill Scallagrim, eines Isländischen Soldaten, beschliessen. Dieser Soldat und Dichter hatte den Sohn des Königs Erich Blodöxe von Northumberland im Treffen erschlagen, und sollte daher, da er gefangen ward, seinen Kopf wieder verliehren. Er sang folgendes lyrische Stück, rettete damit sein Leben und seine Freyheit.

Dieß Lied hat in der Form viel Pindarisches, und wird von Snorro Sturleson unter das Geschlecht der Runhendur gerechnet, von andern Drapa genannt, weil es die Strophen in gewisse Abtheilungen aufhäuft, welche durch kleinere eingeschobene Strophen, die den Epodes des Pindar ähnlich sind, von einander abgesondert werden. Etwas Eigenthümliches in diesem Gedichte sind die End-Reime, die fast durchgehends bey Vieren auf einander folgen, z.E.


I.

Vestur kom eg um ver
Enn eg Vidriis ber
Mun strindar mar
So er mitt offar
Dro eg eik a flot
Vid Isabrot
Hlod ey maerdar liit
Minis knardar skiit.
[73] II.

Bydunst Hilmer hlod
Nu a eg hrodar kood
Ber eg Odins miod
A Eingla Biod
Lof at viisa vann
Vist maere eg dann
Hliods bidium hann
Dviat hrodur of fann u.s.w.

Alle übrige Hauptstrophen sind, so wie diese beyden, aus acht Zeilen zusammengesetzt die eingeschobnen kleinern hingegen bestehen nur aus vieren, z.E.


Hnie firda fit

Vid fleina hlit

Ord styr of gat

Eirikur at dat;


imgleichen:

Da var Odda-at
I Eggia gnat
Ord styr of gat
Eirikur at dat etc.,

woraus Sie zugleich sehen, daß diese Einschiebsel- Strophen in den beyden letzten Versen das Refrain enthalten; welches alles ein sehr künstliches und melodisches Ganze macht.

Noch eins. Damit die malerischen Stellungen der Worte, von denen das alte Lied voll ist, Ihnen in der Uebersetzung nicht ganz verschwinden, will ich sie dem einfachen durch sie bezeichneten Ausdrucke in einer Parenthese beifügen.


I. Von Abend her kam ich zu Schiffe, und führt' einLied mit mir (die Gedankenfluß der Herrschaft des Odins). So war meine Schiffahrt. Ich zog die Eiche ins Meer, an den Trümmern des Eises (d.i. Island), und führte meine Lieder in meinem Busen.

II. Diese Fracht bot ich dem Königs dar; und nun gebührt mir der Preis. Ich schütte den Meth des Odin umher (ich giesse meine Gedanken in ein Lied aus). Mein Gesang hat das [74] Lob des Englischen Herrschers vollendet. Nun horch er schweigend mir zu; ich hab ein Lied ihm erdacht.

III. Merk auf, o König; mein Gesang ist deiner Aufmerksamkeit werth. Wenn ihr alle um mich her mir zuhorcht, so soll mein Lied euch die kühnen Thaten eures Königs lehren. Aber Odin sah herab, wo die Leichname lagen.

IV. Am Rande des Schildes wuchs der Klang der Schwerter; so hatten es die Kriegsgöttinnen dem Könige geheissen. Der König war muthig, war entbrannt: Da floß der Strom des schwarzen Blutes; da schweifte der Tumult des metallischen Regens weit umher.

V. Fort schritt der kriegerische Tod 2 über den unwegsamen Pfad der Leichname, wo die frohen Geyer sich am Raube sättigten, wo die Schiffe in geronnenem Blute trieben, wo die Wunden wieerhallten!


Zwischenstrophe.


Da entsanken den Männern die Schenkel;

Da erndtete Erich erhabnen Ruhm ein.


Zweyte Abtheilung.


I. Ich singe weiter; hört mir zu; ich weiß mehr. Mit ihrem Anzuge dampften Wunden heran; der König näherte sich; schnell brachen die flammenden Schwerter an den himmelblauen Schilden.

II. Bey dem Glanze des Helms erklang der Sattel im Fallen. Scharf war das Schwert, blutig war das niedermetzelnde Schwert. Die Krieger fielen, ich sah es, sie fielen vor dem Eis-Regen, den der Bogen des Odins 3 im Spiele der Waffen regnete.


Zweyte Zwischenstrophe.


So war der Tumult der Schwerter in dem Klange der Waffen.

Da erndtete Erich erhabnen Ruhm ein.


[75] Dritte Abtheilung.


I. Der König röthete sein Schwert: das war dem Gior (dem Wolfe des Odin) ein Mahl! Er heftete sein Schwert an das Leben seiner Feinde; die blutträufelnden Spiesse flogen umher; die Flotte der Schottländer nährte den gierigen Adler, auf dem die fürchterliche Flag (eine Kriegsfurie) heranritt; die Schwester des Nara (der Tod) spornte ihre Adler dem nächtlichen Fraße zu.

II. Die spitzen Pfeile flogen durch die Schlachtordnung der Schwerter; sie waren der Wunden gewohnt, die ihnen ihre Lippen öfneten. Als Freke (ein Wolf des Odin) durstig an der Wunden-Spalte hing, da tobten die Raben in dem herrlichen Raube.


Dritte Zwischenstrophe.


Fürchterlich rauschte der König den Sichern ins feuchte Meer entgegen. Weit umher streute Erich den Wölfen die Leichen aufs Meer aus.


Vierte Abtheilung.


I. Spitz war der fliegende Speer; da war der Friede nicht mehr! Der Bogen war gespannt; das freute den Wolf. Die Spiesse wurden zerschmettert; scharf waren die Schwerter, und die Sehne des Bogens stieß den langen Pfeil von sich aus.

II. Von seinen Fingern (dem Sitze des Ringes) schleuderte er die langen Pfeile, er, der das Waffenspiel anfeuerte. Er troff vom Blute: allenthalben war der König; bewundernd fing ichs; man hörte Erichs Schritte über das weite östliche Meer.


Vierte Zwischenstrophe.


Der König spannte den Bogen; da stürzten die Pfeile (die Bienen der Wunden) heraus. Weit umher streute Erich den Wölfen die Leichen aufs Meer aus.


Fünfte Abtheilung.


I. Noch ist mir übrig, die vorragende Seele des Königs von gemeinern Helden-Seelen zu unterscheiden. Mein Gesang neigt sich zu Ende. Durch ihn schweift die schöne Kriegs-Göttinn frey auf den Wellen umher, durch ihn rauschet das glatte Kiel in den Furchen der Felsen (den Wellen).

II. Der König, der Goldbeherrscher, schüttet einen Pfeil-Regen aus. Ihn sollen die Schilde zerschmetternden Krieger [76] loben. Die Eich-Schiffe jauchzten unter der goldnen Last, unter dem Vließe des Frotho 4. Auf der Hand des Königs glänzt die reiche Saat der Edelsteine.

III. Die Feinde sanken dahin, als ihnen der Strom des Lebens entfloß; der gespannte Bogen erklang an den blanken Schilden; der tapfere Soldat streut seine Pfeile aus; aber ihm allein, dem Beherrscher dieser Königs-Stadt, gebührt hohes Lob.


Beschluß.


I. Höre mir zu, o König, höre meinem Liede zu. Ich danke dir für diese Stille um mich her. Aus der Fülle meiner Seele habe ich den heiligen Quell des Odins (ein Lied) über die Krone der Königs-Städte ergossen.

II. Ich habe dem König ein Lob-Lied gesungen; in einem Kreise tapferer Männer hab ich ein lautes Lied gesungen. Sie alle haben mein Lob-Lied, den Ausbruch meines frohen Busens, gehört, und ihrem Gedächtnisse tief eingeprägt.


Wunsch.


Unschätzbar sey der Reichthum des Königs, wie das Aug Odins; unzählbar, wie die goldnen Frachten der Achse, unversiegend, wie die Thränen des Nils.


* * *


Ich hätte diesem Gedichte noch eine Menge Erläuterungen aus der Edda, worauf häufig angespielt wird, beyfügen können, wenn ich nicht hoffen dürfte, daß Sie sich diese Erläuterungen selbst durch eine nähere Bekanntschaft mit der nordischen Fabel-Lehre zu verschaffen geneigt genug seyn werden. In diesem Falle habe ich meinen Zweck erreicht, und werde die Mühe der Uebersetzung, die Sie sich kaum vorstellen können, nicht bedauren. Leben Sie wohl!

Fußnoten

1 In seinem Buche Danica litteratura antiquissima, in 4to. Hafn. 1636.

2 Vefur Daraker, der Tod. Als dieser Gott einst in der Irre umherschweifte, sah er einige Nymphen an einem Gewebe von Menschen-Gedärmen arbeiten. Daher heißt Vefur Daraker das Gewebe des Todes, das aus dem Eingeweide der Krieger beym Niedermetzeln gemacht wird. – Die ganze Stelle ist im Geschmack der Edda, und konnte nicht wörtlich übersetzt werden.

3 Hiebey müssen Sie sich vorstellen, daß Odin von der Schulter der Soldaten, deren er sich, als Pferde, bediente, herabschoß; denn so lautet es im Original:Odins eike.

4 Das Vließ, oder vielmehr das Mehl des Frotho istGold, weil dieser König dessen so viel gehabt, daß er Gold-Staub, mit Mehl vermengt, seinen Soldaten zu essen gegeben.

12. Brief
[77] Zwölfter Brief.
An Herrn B. in Fetz.

Werden Sie sichs, der bittersüßen Geschichte von P.K. halber, gefallen lassen, daß ich Ihnen das Ende und den Tod der Briefe, die neueste Litteratur betreffend, verkündige? Werden Sie vom Kaiserthume Marocco her Ihre Schleuder gegen einen todten Riesen schütteln, den Sie bey seinem Leben, ich weiß nicht, ob aus Großmuth, oder weil Sie es mit einem andern Wilden aufgenommen, frey herumschwärmen liessen? Oder werden Sie nicht vielmehr der Leiche des Helden, der sich an manches große Verdienst wagte, und immer seinen Kopf mit Anstand aus der Schlinge zu ziehen wußte, itzt, da der Autor-Pöbel seine Manes mit einem lauten Hussah begleitet, einen Kranz von Feigenblättern und Datteln flechten und das Ilicet etc. nach Ihrer Art –


Marcus vortit barbare


mit dem löblichen Schlüsse der Stand-Reden: »Wir haben einen edlen Bürger verlohren!« über ihn aussprechen?

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 1

– – Besonders ist in den letzten Theilen der Ton sehr glücklich von einer leichten Petulanz zu einer leichten Eleganz herabgestimmt; und überhaupt weiß ich ausser Mosern, Mendelson, und dem Verfasser des Buchs vom Verdienste, keinen deutschen Schriftsteller, der sich des allgemeinen Sprach-Schatzes so vortreflich zu bemächtigen gewußt, als die, oder der Verfasser dieser Briefe. Der Königsbergische Philolog besitzt eine beneidenswürdige Fähigkeit, ganze Schaaren von Ideen unter Einen Gesichtspunkt[78] zu bringen; Rammler hat der deutschen Prose eine gewisse delicate Weichlichkeit, Zimmermann den glänzenden Ausdruck, Winkelmann, Hagedorn und Mengs eine pittoreske Haltung mit Richtigkeit und Kühnheit der Zeichnung verbunden, anzumessen gewußt: allein die unbegrenzte Herrschaft über das ganze Gebiet der Sprache, jene starke sich selbst bewußte Leichtigkeit, den sich sträubenden Ausdruck aus der Materie selbst hervor zu locken, ihn an die kleinsten unmerklichsten Glieder einer Haupt-Idee anzuschmiegen, und jedesmal nach dem verschiednen Tone der Schreibart mit aller Genauigkeit der Einheit und Harmonie zu stimmen; jene Festigkeit des Styls, die mehr das Werk eines geübten, sichern und seinen Geschmacks, als einer ungelenkigen Hand ist – alle diese Vorzüge zusammen, gleich weit von einer undurchdringlichen Finsterniß des Schattens, und einem üppigen Lichte, gleich weit von Weitschweifigkeit, affektirter Kürze und schläfrigen Trockenheit, gleich weit von Verzärtelung und Plumpheit entfernt – sind das Talent des Briefstellers, der hierinn, meines Erachtens, noch keinen Rival hat.

Zwar in diese Lob-Rede, so sehr sie auch über den Horizont der Meisten gehen mag, würden auch seine Gegner einwilligen, wenn man ihnen zugäbe, daß das kritische Verdienst der Briefe desto geringhaltiger wäre. Sie wissen nicht, mein Lieber, was während Ihrer vierjährigen Abwesenheit für eine Menge unsinniges Zeuges wider diese Dingelchen aus jedem Winkel Deutschlands zum Vorschein gekommen ist! Kaum würden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen von dem unvernünftigen Betragen der beleidigten Schriftsteller nur eine glimfliche Carricatur entwerfen wollte. Partheylichkeit, Tücke, Kurzsichtigkeit – sind nur drey Züge: Sie müßten schaudern, wenn Sie die übrigen erblickten.

Ich, der ich diesem Spiele ohne das geringste eigne Interesse beigewohnt habe, kann mir über das wahre Verdienst, der Verfasser, von ihrer kritischen Seite betrachtet, sehr leicht einig werden. Ihnen meine ganze Meynung in zwey Worten zu sagen – sie sind dem lesenden Theile in einem [79] hohen Grade, dem schreibenden aber nicht im mindesten nützlich gewesen; und mich wundert, wie sie das Letzte nur einmal haben erwarten mögen.

Ich halte wenig oder nichts von förmlichen Discussionen über Werke des Genies, die denselben statt eines Fingerzeiges auf größere Vollkommenheiten dienen sollen. Meynen Sie wol, daß Homer, Euripides, Plautus, Shakespear, Otway, Moliere – sich im geringsten um die Kunstrichter ihrer Zeit werden bekümmert haben, die ihnen zuriefen: »Verachtet doch nicht die Stimme der gesunden Vernunft, der bessernden Kritik! Was würde es Euch wol schaden, wenn Ihr diesen oder jenen kleinen Flecken bey einer zweyten Auflage verwischtet?« –

Und auch, wenn ihr uns unsre Muttermäler gönntet? –

Nicht alle berühmten Scribenten sind so nachgebend, wie Herr Wieland, der, um seinen Kunstrichtern auch einmal eine Freude zu machen, seinen Plato mit der hölzernen Britsche des Epikur im bunten Rock abfertigte. Ich kenne einen großen Dichter, dem die Berlinischen Briefsteller insgeheim manchen nützlichen Wink zu geben hofften; – und der doch – welche Undankbarkeit! – so wenig von ihren Absichten weiß, als ob er nie davon reden gehört hätte. Der Recensent eines bekannten Gegnerischen Gedichts gab sich viele Mühe, dem Dichter einige Hauptfehler seines Plans begreiflich zu machen; und Geßner ließ ihn zum zweyten, dritten, vierten- und fünftenmal abdrucken, als wenn keine Recensenten mehr in der Welt wären.

Dieses sah Herr Hamann (der fürchterlichste Gegner, den die Briefe, die neueste Litteratur betreffend, je gehabt haben) sehr wohl ein, da er in einem seiner fliegenden Blätter 2 schrieb: »Man weiß, was ein alter Dichter aus heiligem Wohlstande dulcia furta nennt. Es gibt daher auch angenehme Fehler. Der Geschmack aber[80] nennt jedes Unangenehme einen Fehler, und in der Sprache des Geschmacks sind unangenehm und Fehler gleichbedeutende Ausdrücke. JedeSchönheit ist eine Tugend, die da frühe blühet, und bald welk wird. – Wenn das Genie die Augen zuschließt, so ahmt es hierinn vermuthlich jenen Genies nach, die Jesaias in einem Gesichte sähe, und welche ihr Antlitz und ihre Füße mit Flügeln deckten. Vom Nachdruck ihrer leichten und kurzen Prose bebten die Windsparren des Systems, und eine gewisse Reihe von Lesern klagte über die Herrlichkeit des Rauchs. – Warum verbirgt aber das Genie die Absichten seiner Hülfsmittel, und die Laufbahn seines Ziels? Warum verläugnet es das Augenmaaß der Einsichten, und den Fußweg des Gebrauchs? Erstlich aus Furcht und Schaam vor dem Aufgeklärtesten seiner Leser etc.; hiernächst aus dienstbarer Liebe gegen den geringsten Leser auf dem niedrigsten Fußschemel – Was überhaupt von Lesern geschrieben steht, muß nur von einer gewissen Reihe verstanden werden, deren Breite und Länge unbestimmt ist, ohngeachtet der Scheitel- und Fersenpunkt ihrer Einsichten durch Beobachtung und Eingebung desherrschenden Geschmacks (der es seyn will, aber nicht ist) ziemlich ausgemacht worden. Weil aber das Maaß der Einsicht nach dem Fuß eines Genies mehrere und größere Reihen von Lesern deckt, und als Theile in sich hält; so geschieht es, daß eine gewisse Reihe von Lesern das Ziel verrückt, und sich nicht an dem Genie des Schriftstellers selbst hält, als an dem Haupt, aus welchem der ganze Leib von Lesern durch Gelenk und Fugen Handreichung empfängt, und wachsen muß zur göttlichen Größe des Genies selbst, der des Leibes Licht ist, daß er kein Stück von Finsterniß hat, sondern der ganze Leib lauter Klarheit ist, und wie ein heller Blitz erleuchtet. Aus diesem Unterscheide mehrerer und größerer Reihen, nebst der Irrational-Größe einer gewissen Reihe, kommen die Ungleichheiten, die man (das heißt, eins gewisse der Breite und Länge nach unbekannte Reihe) in dem Vortrage eines Schriftstellers von Genie zu bemerken pflegt. – Weil man [81] aber nicht weiß, ob die Ungleichheiten auf der Oberfläche unserer Erdkugel ein Werk der Schöp fung oder der Sündfluth sind; so blieb freylich noch die Frage übrig: Ob die Berge und Thäler in der Composition durch eine neue Sündfluth, oder durch eine neue Schöpfung eben gemacht werden müßten? – Funfzehn Ellen hoch ging zu Noah Zeiten das Gewässer über die Berge, die bedeckt wurden; und fünfzehn Theile hoch ist (war, da dieß geschrieben ward,) das Gewässer, die neueste Litteratur betreffend, schon gestiegen, ohne daß der kleinste Maulwurfshügel eines Uebersetzers sich bücken gelernt hätte. Sollten daher noch Leser übrig geblieben seyn, welche nicht die Tugenden eines Speisemeisters nach der äußerlichen Reinlichkeit der Schüsseln und Becher allein beurtheilen, noch vom Geschmacke der Schaalen auf den Kern der Früchte schliessen, sondern die Ungleichheiten durch Geduld, wie Hannibal die Alpen mit Eßig, überwinden, ja ausser der neuen Erde auch eines neuen Himmels warten; so würde vielleicht schon jetzt der neuen Taufe des Geistes durch ein Feuerwerk an den Wasserflüssen Babylons Bahn gemacht worden, und bald der neuern Litteratur mehr an dem Vorspiel einer neuen Schöpfung im feurigen Busch, als an dem Nachspiel eines Systems in der Ebne des Landes Sinear gelegen seyn. – Auch einBraberta muß sich in den Schranken der Leser halten, und keinem Schriftsteller das Ziel ver rücken, einer gewissen Reihe von Brüdern zu Gefallen, welche nach eigner Wahl die niedrigsten und höchsten Stuffen von Einsicht sich anmaßt, eineLeiter wird, die man nicht sehen kann etc. Schriftsteller, so die zum Geschlecht dienstbarer Geister gehören, ziehen aus Noth vtilitatem iuuandi, wie Plinius sagt, gratiae placendi vor. Von diesem Augapfel des Wohlstandes sind die Randglossen der Noth, wie der wahre vom scheinbaren Horizont entfernt und unterschieden. Eben daher verliert sich auch die Sphäre des Genies in ein weitschweifiges Himmelblau für einen Leser vom aufgeklärtesten Geschmack u.s.w.«

[82] Sie werden sich nicht beklagen, daß ich Sie, statt meiner eignen, mit den Gedanken Anderer unterhalte, wenn Sie so augenscheinlich dabey gewinnen, und diese Ihnen, allem Ansehen nach, ewig unbekannt geblieben wären. Der Schriftsteller, aus dem ich sie genommen habe, hat den seltenen Humor, lieber Zeilen, als Bogen, und Bogen, als Theile, zu schreiben, und durch das unaufhörliche Zusammendrängen seiner Ideen, die er aus allen Gegenden der menschlichen Kenntniß, wie in einer Klopfjagd, großes und kleines Wild, schmackhaftes und ungenießbares, auf Einen Haufen treibt, auch Lesern von nachgebendem Geschmacke verdrießlich zu werden. Wenn er aber immer so schriebe, als da er die eingerückten Zeilen schrieb, was meynen Sie, sollte man nicht lieber ganze Bände von ihm, als Bogen von entgegengesetztem Geschmacke, lesen wollen?

Ich gestand Ihnen vorher, daß ich keinen Schriftsteller kennte, dessen Schreibart mir so wohl gefiele, als die in den Berlinischen Briefen etc.: dieß mögte ich aber nicht gleich uneingeschränkt auch von dem Tone derselben behaupten, der hin und wieder über die Maßen plaidirend klingt, und den Leser zur Unzeit an den Fiscal und an den Richter im Harnisch, den Jemand einen Würgengel genannt hat, erinnert.

Meine Absicht ist nicht, mich vier und zwanzig Stufen hoch auf der Gerichtsbank der gesetzmäßigen Kritik niederzulassen, und mir mit einem Decisivspruche, der wenigstens die Mine des prüfenden Tiefsinns hätte, Furcht und Ehrerbietung zu erwerben. Ich schreibe für Sie, mein Freund,


Κλῦϑι ἰδὼν αἴων τε, δικῃ δ᾽ ἴϑυνε ϑέμιστας
Τύνη

oder, wenn Sie es erlauben, für irgend einen Professor der berühmten Universität zu Fetz, der sich, bey einer künftigen arabischen Übersetzung der Briefe, die neueste Litteratur betreffend, zur Ausfüllung einer fünfjährigen Lücke in der Geschichte des deutschen Genies, meiner Glossen bedienen mögte:


Me raris iuuat auribus placere.


[83] Diesem würde ich zuvörderst, wenn es ihn etwa befremdete, warum Kunstrichter von Einsicht sich auf die Beurtheilung so elender Kleinigkeiten eingelassen, als die sind, die ich in meinem Exemplare angezeichnet habe 3, zur Antwort geben, daß die Kritik hier nicht unter einzelnen schlechten Schriftstellern, die vielleicht dem Auge unmerklich gewesen wären, sondern unter ganzen Regimentern von Einer Uniform aufräumt, und auch bey den unwürdigsten Gegenständen durch irgend eine interessante Aussicht gemeinnützig wird. – Zwar freylich, wo diese Elenden den bessern Schriftstellern zu oft den Raum wegnehmen, mögte man wol ausrufen: Wars der Irrwisch werth, daß ihm der Kunstrichter so weit nachgelaufen? und in diesem Fall mögte das Lustige des Aufzuges auch vermuthlich das Merkwürdigste daran seyn, obwol den Leser nicht völlig schadlos halten, der, nachdem er bey der Abdankung der Verfasser erfahren, daß die Sammlung ihrer Briefe zu einemallgemeinen Gemälde der deutschen Litteratur in fünf merkwürdigen Jahren des letzten Krieges etwas beytragen kann, sich wundern mögte, daß sich unter den vielen einzelnen Skizzen auch nicht einmal die Spur gewisser neuen Werke findet, die der Prüfung der Kunstverständigen mehr werth gewesen wären. Hiezu brauchte es keiner Anführung einesChirons, sondern [84] blos der kleinen Selbstverläugnung, nicht im Geschmack der leichten Truppen, sich bald von dieser, bald von jener leichten und flüchtigen Scharteke nachzerren zu lassen, und darüber ein festes Augenmerk zu verliehren. Kurz, ein Leser, der das Maaß von Einsichten, das den Verfassern der Briefe eigen ist, richtig ausgemessen hat, wird immer, fürchte ich, mit Eifersucht auf jene Streifereyen zurücksehen, die ihn einer weit edlern Beute verlustig machten.

Noch weniger aber wird es ihn befriedigen, wenn schlechte Bücher den Kunstrichtern ein Anlaß zu einem schlechten oder falschen Ideal gewesen sind, wie z.E. die im zwey und zwanzigsten Theile beurtheilten Romanzen eines Ungenannten, wo esnicht darauf ankam, die Drolligkeit des Originals, sondern den Ernst, dessen Lächerlichesnicht im Tone, sondern in der Sache selbst liegt, zu erreichen.

Am allerwenigsten, wenn der Kunstrichter gewaltige Zurüstungen macht, einen Narren zurück zu treiben, und z.E. bey Gelegenheit eines gewissen Trescho, zu sagen, daß diesen unbedeutenden Men schen, wenn er zu den Zeiten des Plato gelebt hätte, und just in dem Zeitalter, da der Philosoph seine Republik errichten wollte, ohnstreitig der, dem die Verweisung der Poeten aufgetragen worden, zuerst von seiner σκυτάλη abgelesen und gerufen haben würde:Τρέσχω πρότερος ἐξιϑε! – Zu viel, zu viel Ehre für einen Trescho! Man würde ihn immer darinn geduldet haben, denke ich, der ich mir nicht gleich bey jedem Begegniß eines alten Weibes etwas Fürchterliches ahnden lasse. Ja! wenns noch der Verfasser der komischen Erzählungen gewesen wäre! –

Fußnoten

1 Vielleicht bedürfte es kaum einer Anmerkung, dem Leser zu sagen, daß hier eine Stelle fehlt, die auf dem weiten Wege nach Fetz und von Fetz ausgerissen ist.

Die Sammler.

2 Hamburgische Nachricht: Göttingische Anzeige; Berlinische Beurtheilung der Kreutzzüge des Philologen. Mietau 1763.

3 Haßlers Nachahmungen deutscher Dichter I.Grynäus Vier auserlesene Meisterstücke II. Löwens satyrische Versuche V. Schadens Einleitung in die höhere Philosophie, eb. das. Fabeln aus dem Alterthum VII. Harenbergs Geschichte der Jesuiten; Quedlinburgische Schilderungen; Curtius Lehrgedichte IX. Paulis Lebensbeschreibungen X.Müllers einsame Nachtgedanken: Stunden der Einsamkeit; Scherze der lyrischen Muse; Mein Vergnügen in Zürich; Lyrische, elegische und epische Poesien XI. Justis Psammitichus; Schönaichs vermischte Gedichte; Gedanken über die deutsche Schaubühne zu Wien XII. Uebersetzung der Mores eruditorum XIII. Gedichte von dem Verfasser der Stunden der Einsamkeit; Haugs Zustand der schönen Wissensch. in Schwaben XIV. Altorfische Biblioth. der schönen Wissensch.; poetische Bibliothek zur Ehre der Deutschen; Freywells beglückte Tugend XIX. Gottscheds Ehrengedächtniß seiner verstorbenen etc. XXI. Treschos Versuche u.s.w. XXII.

Zweyte Sammlung

Fortsetzung des 12. Briefes
Fortsetzung des zwölften Briefes.

Oder wenn er in allzuunerwarteten, allzureizenden Wendungen schimmert, um einem mittelmäßigen Dichter bey seinen Lesern den Dienst eines Ceremonienmeisters zu thun, und ihnen z.E. die seichten Nachahmungen vom Tibull (nichtOvid, wie der Kunstrichter meynt), Catull undMartial, die ein gewisser Schilling unterm Rock hervorzieht, oder die nur wenig bessern Nachahmungen des theuren H. Klotzius zu empfehlen: nachgeahmte Straußbündel von römischen Blümchen und Spezereyen, denen ein besseres Schicksal vorbehalten war, als unter der Hand allmannischer Freybeuter zu verdorren. Wer kan sich wol des Lachens – des unboshaften, das sich an den Humeurs seiner Freunde ergetzt – enthalten, wenn er den Kunstrichter, so eben da wir auf den Punkt waren, den Raub zu entdecken, einen Seitensprung machen, diesen Raub ein Empfehlungsschreiben ehrwürdiger Alten nennen, und die Seltenheit der Erscheinung mit einem Seufzer bedauren sieht? – wenn er ihn, uneingedenk der Youngischen Ermahnung, die er selbst einschärfte, von der Noth gedrungen sieht, die wenigen noch glimmenden Funken mit einigem Lobe aufzublasen, und den Contrast damit vergleicht, den ihm sein böser Dämon machte, da er die Erscheinung einer Nymphe –


[86]

regium vultu decus

Gerens, et alto vertice attollens caput;

Ni languido candore pallerent genae,

Staretque recta squallor incultus coma,

En, ipsa Clio reddita terris adest!


in übeln Ruf bringen, und Helden, die er dafür erkannt hatte, ein Zettelchen mit einem Fratzengesicht auf den Rücken heften wollte.

Es ist anstößig, daß wir mittelmäßigen Köpfen die Ehre einräumen, die wir bessern versagen – anstößiger, daß wir ausländische Genies beneiden, und zugleich unsere einheimischen zu Boden drücken, – am alleranstößigsten, daß wir jene verkleinern, um sie Parodisten und Nachahmern zum Piedestal hinzuwerfen. Wie könnte ich es nun wol dem kurzweiligen Manne des Grandison II. zum Verdienste anrechnen, daß er muthig genug ist, am Richardson Fehler zu ahnden – als ob es nicht kleinstädtische Advokaten und großstädtische Hof-Damen im Ueberfluß gäbe, deren Muth in diesem Punkte wir schon längst mit Stillschweigen bewundert haben! Erst, dächte ich, sollten wir Richardsons hervorbringen, und dann den Ekel nicht länger bergen, den –


Das unaufhörliche ins Angesicht loben,

Das Posaunen des Dr. Bartlett,

Der Triumph über den abgeschlagnen Zweykampf,

Das Naseweise des Dorf-Fräuleins,

Das Unwahrscheinliche der langen Briefe etc.

quis talia fando

Temperet a lacrymis!


zum unersetzlichen Nachtheil des Ausländers in uns erregt.

Einer unserer besten Schriftsteller hat sogar, ich weiß nicht, ob aus Höflichkeit gegen die Berliner Sitten? einer gebohrnen Engländerinn, der Miß Grandison, Dragoner-Sitten aufbürden wollen, und das gute Herz – nicht in dem zarten Herzen der Aemilia finden können. Dieß scheint mir, wenn ichs sagen darf, eine kleine Untreue seines sonst so vortreflichen Empfindnisses zu seyn, ohngefähr wie [87] jene, da er Fielding, den ich übrigens ungemein hochachte, Fielding, der für Leser schrieb, wie Congreve für Zuschauer, dem rührendsten Maler des menschlichen Herzens, den je ein Zeitalter hervorgebracht, an die Seite setzte.

Sie sehen wol, mein lieber B., daß ich Ihnen meine Anmerkungen ohne Wahl und Ordnung vortrage. – Ich schreibe an keinen Briefsteller von der neuesten Litteratur; ich befürchte nicht, daß Sie die Fehler meines Plans zu hoch empfinden werden.

Dieser vorausgeschickten Erklärung zuwider will ich gleich bey Gelegenheit des Grandison erinnern, daß er unsern Freunden, so oft sie ihn nennen, zum Anstoß werde. An einem andern Orte mögten sie diesen Charakter lieber gar aus der Nachahmung verbannet wissen. Warum das? Fragen Sie begierig. »Das sittliche Ideal kann keine Ideal-Schönheit in der Nachahmung seyn; die Tugend ist zu ruhig, um Leidenschaften zu erregen.«

»Welche Verdrehung! antworten Sie. Hat die Würde des menschlichen Geistes nicht allen empfindlichen Lesern eine frohe bewundernde Zähre entlockt? Ist nicht Jedem das Herz mit einem edlen Klopfen über den Triumph der Tugend empor gestiegen? Gesetzt, die Tugend wäre zu ruhig, wäre zu unwirksam, um durch sich selbst das Trauerspiel zu beseelen: (und wie kann der Kunstrichter davon überzeugt seyn, wenn er mit Diderot den tugendhaften Sokrates zum Heros eines eignen Trauerspiels erwählte?) Giebt es nicht Contraste, giebt es nicht Stellungen, die sie wirksam machen? Und hat nicht Richardson allen diesen Fragen vorgebauet, da er dem Edelmuthe seines Grandison Stolz und Irrascibilität zugesellte, um ihn unsern Empfindungen zwey Schritte näher zu bringen? Wir wissen endlich doch wol, daß war dieß nicht der Geschmack der Alten war: aber wehe dem Engländer, der diesen aus zu blinder Ehrfurcht in Charaktern nachahmen wollte; wehe ihm, wenn er das Genie der heidnischen Dichter mehr in der Sittlichkeit, als in der Fruchtbarkeit und Mannigfaltigkeit der Ideale sucht!«

[88] Wehe Ihnen selbst! Sie sind zu ernsthaft! Ich werde mich hüten, Sie wieder ans Wort kommen zu lassen.

Ich muß Sie mit etwas Lustigerm aufheitern; und keine Recension scheint mir dazu bessern Stoff darzubiethen, als die über die Gedichte der Karschinn, die in einem besondern Tone abgefaßt ist.

Sie wissen, mein Freund, wie ich über dieses ausserordentliche Genie denke, und wie oft ich mit Ihnen gefürchtet habe, daß unsere modischen Kunstrichter, die selten durch das Stroh der Fehler hindurch sehen, es einiger schlechten Gedichte wegen (denn großen Genies sind Auswüchse wesentlich: erinnern Sie sich des Dante und Shakespear?) verschreyen und am Ende gar unterdrücken würden. Ich war voreilig genug, zu wünschen, daß die Dichterinn den großen Vorrath ihrer Rhapsodien ohne Zurückhaltung ans Licht hervorziehen mögte, weil ich mir einbildete, daß den Beobachtern der Natur durch die Feile zu viel entzogen werden, und sie diese Mühe allenfalls dem Ehrenmanne, der Lichtwehrs Fabeln ausbesserte, überlassen dürfte. Was ich fürchtete, ist eingetroffen; die Dichterinn schweigt, und der Geschmack triumphirt.

Es ist unmöglich, sich etwas drolligters vorzustellen, als den Kunstrichter, der mit einem finstern Gesichte vor die armselige Schneidersfrau hintritt, sich einmal übers andere den Schweiß von der Stirne abwischt, und nachdem er sie lange genug apostrophirt hat, sie in Gnaden entläßt, und die Thüre hinter ihr abschließt. Ihnen werden gewiß die beyden Löwen am Throne Ihres Maroccaners dabey einfallen, die dem armen L-k-s einst so viel Angst machten; ich denke mir nur den Autor, das Meß-Verzeichniß, und die Rangordnung hinzu.

»Glaube Sie nur nicht (fängt sich die Schnurre an), glaube Sie nur nicht, ehrliche Karschinn, weil Sie


von viel herzugestürmtem Volke

bewundert und gelobt

wird, daß Sie deswegen

mit stolzem Nacken an die lufterfüllte Wolke


[89] streift. Sie muß bedenken, daß Sie durch die Herausgabe Ihrer Werke einen so wichtigen als mißlichen Schritt gethan hat, der so wichtig als mißlich ist. (Was sagen Sie zu dieser poßirlichen Tautologie? Ich lege den gerügten Nonsense des unaussprechlich na menlos auf die andere Schale, und das Zünglein schwebt in der Mitte). Sie ist vorher in Gesellschaften, von Leuten gelobt worden, die theils Ihre Gedichte eben nicht mit kritischen Augen angesehen, theils auf Ihre äußerliche Umstände, auf Ihr Geschlecht, auf Ihre schlechte Erziehung, auf Ihre Geschwindigkeit zu dichten – (merken Sie sich diesen Umstand; er ist die Basis der Demonstration, daß die Oden der Karschinn nur Impromptus, und ihre Gedichte Leber-Reime sind) – beständige Rücksicht gehabt haben. Wenn Sie einmal wird eingesehen haben, wie ungemein viel zu einem vollkommenen Gedichte erfordert wird, wie viel Ihr noch in der Dichtungsart, wozu Sie Ihr Genie getrieben hat, fehlt, und wie sehr viel andre vortrefliche Dichtungsarten es giebt, an die sie sich nicht wagen könnte; wenn Sie dieses alles, und noch mehrere Wahrheiten, bedenkt, die Ihre verständige Freunde Ihr gewiß nicht verhelen werden: so wird Sie thun, was alle große Dichter gethan haben; Sie wird zittern, so oft Sie dem Publico ein neues Werk vorlegt.«

Erwägen Sie den Anstand dieses Kunstrichter-Tons; werfen Sie dabey einen flüchtigen Blick auf die Figur, die folgende Kritik macht; und prüfen Sie sich, ob Sie noch ernsthaft bleiben können. Doch erst muß ich Ihnen das Lied selbst hinschreiben, das unserm Califen so schlecht scheint.


An Gott,

als sie bey hellem Mondschein erwachte.


Wenn ich erwache, denk ich dein,

Du Gott, der Tag und Nacht entscheidet,

Und in der Nacht mit Sonnenschein

Den finstern Mond bekleidet.


[90]

Er leuchtet königlich daher

Aus hoher ungemeßner Ferne,

Und ungezählt, wie Sand am Meer,

Stehn um ihn her die Sterne.


Welch eine Pracht verbreitet sich!

Die Dunkelheit, geschmückt mit Lichte,

Sieht auf uns nieder, nennet dich

Mit Glanz im Angesichte.


Du Sonnenschöpfer! wie so groß

Bist du im kleinsten Stern dort oben!

Wie unaussprechlich namenlos!

Die Morgensterne loben


Dich mit einander in ein Chor

Geschlossen, wie zu jener Stunde,

Da aus dem Chaos tief hervor

Ein Wort aus deinem Munde


Allmächtig diese Welten rief,

Am Firmament herum gesetzet.

Du sprachst, das Rad der Dinge lief,

Und läuft noch unverletzet.


Noch voller Jugend glänzen sie,

Da schon Jahrtausende vergangen!

Der Zeiten Wechsel raubet nie

Das Licht von ihren Wangen.


Hier aber, unter ihrem Blick

Vergeht, verfliegt, veraltet alles.

Dem Thronenpomp, dem Kronenglück

Droht eine Zeit des Falles.


Der Mensch verblüht wie prächtig Gras,

Sein Ansehn wird der Zeit zum Raube,

Der Weise, der in Sternen las,

Liegt schon gestreckt im Staube!


Ich lese, großer Schöpfer, dich

Des Nachts, in Büchern, aufgeschlagen

Von deiner Hand. O lehre mich

Nach deinem Lichte fragen.


[91]

Sey meiner Seele Klarheit, du,

Regierer der entstandnen Sterne!

Und blicke meinem Herzen zu,

Daß es dich kennen lerne.


Wahrhaftig lyrische Empfindungen! Ein richtiger und feiner Plan in dem Zwecke des Ganzen! Keine einzige Digression, die nicht aus der natürlichsten Verbindung der Sentiments entspringt, und wieder in dieselbe einfließt! Große Gemälde! Ein correcter dichterischer Ausdruck! Was giebts hier zu tadeln? Wir wollen sehen!

»Die Dunkelheit geschmückt mit Lichte, läßt sich vertheidigen. Aber was heißt das: Nennet Dich mit Glanz im Angesichte?«

Sie fragen? Können Sie sich die Nacht nicht als Person vorstellen, die die Größe des Schöpfers predigt, und deren bestirntes Antlitz über die Größe dieses Schöpfers zu glühen scheint?

»Im kleinsten Stern dort oben ist sehr unpoetisch.«

Als ob alles unpoetisch wäre, was nicht geschmückt ist. Die Idee ist groß; der Begrif des Sonnenschöpfers mit dem Begrif des kleinsten Sterns verbunden, ist groß. Dort oben heißt, in der höchsten Ferne, und macht die Kleinheit malerischer und fühlbarer.

»Unaussprechlich namenlos ist offenbarer Nonsense.« Wir haben diesen Nonsense schonerwogen.

»Ueberhaupt ist dieses Gedicht schlecht, hat aber einige Strophen, nämlich die siebente, achte und neunte, die es retten

O! Sie sind zu strenge, retten Sie es immer. –

Nach erhabnen Ausdrücken hat Herr Z. lange vergebens gesucht; sie sind doch, denke ich, eben nicht selten.

Von der Allmacht singt sie:


Von deinem Munde, der mit einem Hauche

Gebirge bläset tief herunter in das Meer,

Nahm ich dieß Leben –


[92]

Du hast des Berges Grund gelegt,

Der hoch herauf mit Riesenstärke

Sein Haupt erhub, und Wolken trägt –


Hoch über meinem Haupte leuchten prächtig

Die Sonnen, hingestellt durch dich. –


In ihre Angeln hängest du die Erde! –

Du treibst die Wolken, gleich der Heerde,

Die ihren Hirten muß verstehn. –

Dein Arm umuferte das Meer. –


Von der furchtbaren Herrlichkeit Gottes im Gewitter:

Er kömmt, der Sturmwind heult, ihn anzusagen,

Verhüllt in dicker Mitternacht,

Und auf dreytausend Feuerwagen

Zu uns herabgebracht.


Von der Würde der menschlichen Seele:

Er hieß mich leben, hieß dich bleiben,

Dich, die vom Himmel niederfuhr,

Sey Funken oder Hauch, ich kann dich nicht beschreiben;

Empfinden kann ich dich nur.


Du denkst in mir, du kannst dich schwingen,

Dem unsichtbaren Winde gleich,

In einem Augenblick dahin, wo Engel singen,

Und singst mit ihnen zugleich.


Du übersteigest Mond und Sterne,

Fliehst schnell zurück, du schweifst umher,

Wie Gottes Blitz, und schwebst in ungemeßner Ferne,

Hoch über Hügel und Meer.


Dein namenloser Geiz begehret

Mehr, als die Welt zu geben weiß,

Von Wollust oder Gold und Ehre nicht genähret,

Bleibt stets dein Hunger noch heiß,


Bis du zum Seraph wirst erhoben.

O fühle deine Würde ganz!

Unsterbliche! Dir gab der, den die Sterne loben,

Ein Theil vom himmlischen Glanz.


[93] Dagegen hat er eine andre seines Beyfalls gewürdiget:

Itzt stürzen ganze Ströhme Kugeln nieder;

Gott schlägt den Weinstock, schlägt die Frucht

Des Baums, der seine Glieder,

Zerrißne Aeste, sucht.


»Solche Züge, sagt er, sind es, die ein Genie charakterisiren, und deren ich mir eine weit grössere Anzahl bey dieser Dichterinn zu finden vermuthet hätte.«

Ey ja doch! fiat consensus cogitationum inter se ad unum, qui phaenomenon sit, §. 14. Metaph. §. 662. –

Nächst der Fähigkeit, zu zittern, so oft ein Kunstrichter eine neue Recension dem Publicum vorlegt, solltenverständige Freunde, dergleichen z.E. HerrAbbt ist, ihm diejenige integritatem docendi anpreisen, die sorgfältig erwägt, ob eine gute Kritik bey einem bestimmten Gegenstande nicht vielleicht mehr schädlich als nützlich seyn könne. Diese Aufmerksamkeit ist ihm unter andern nöthig, wenn er mit Leuten zu thun hat, die in geistlichen oder andern Lehr-Aemtern stehen, und noch viel nöthiger, wenn mit Leuten von großen Talenten, die bey ihren Schriften etwas ganz anders, als Ehre, zur Absicht haben – eine flüchtige Anmerkung, die mir bey der Kritik des N. Aufsehers, der Cramerschen Predigten und Andachten etc. einfällt, die ich aber ganz kurz abfertige, weil sie den Fehler hat, Langeweile zu machen 1. Nur eine einzige Frage, und dann genug davon. Was dachten die Herren Verfasser der Briefe, die neueste Litteratur betreffend, da sie den Einfluß merkten, den ihr Beyspiel auf die Treschos und andre Ketzermacher hatte? – Zwar warum thue ich diese Frage Ihnen, der Sie mir sie unmöglich beantworten können?

[94] Eine ähnliche Frage könnte ich bey Gelegenheit des Herrn Dusch aufwerfen; ich überhüpfe sie aus dem nämlichen Grunde 2.

Gleichgültiger ist es mir, was sie von Klopstocks geistlichen Liedern schreiben. Diese sind nur für Wenige gemacht, und wer wollte wol mit demjenigen zanken, der zu der Zahl dieser Wenigen nicht gerechnet seyn will? Unsere beaux esprits werden mit dem, was groß und feyerlich ist, allzubald vertraut; sie empfinden so viel dabey,daß sie zuletzt gar nichts mehr empfinden. Vielleicht sind Hrn. Schlegels Gesänge ihnen angemessener.

Bey der Beurtheilung des deutschen Milton finde ich anzumerken, daß die Schuld, warum er sich nicht lesen lasse, nicht blos in den Hexametern des Herrn Zachariä liege. Es ist freylich unbegreiflich, wie derjenige, dem es an einer praktischen Kenntniß des musikalischen Rhythmus nicht mangelt, zugleich ein so abominables Ohr für den Hexameter haben könne, daß er seine Kunstrichter, so oft sie davon reden, niemals versteht, und beständig über den nämlichen Strohhalm stolpert: Dennoch aber glaube ich, daß unsere Widerspenstigkeit, seinen Milton zu lesen, eine ganz andere Ursache habe. Es giebt keine Uebersetzungen von Original-Poeten, die sich lesen lassen. Weder die Franzosen, noch die Engländer haben dergleichen, und was sie Uebersetzungen nennen, ist bald mehr, bald weniger, als das Original. Cowley sagt ganz recht, »daß der Unterschied in der innern Bearbeitung zweyer Sprachen der Grund sey, warum alle Uebersetzungen, die er jemals gesehen, so weit unter ihren Originalen wären«; und zeigt an den Davidischen Psalmen, die man zu seiner Zeit ins Englische übersetzt hatte, daß sie gegen ihre Originale nothwendig zu kurz fallen müßten, weil die Uebersetzer sich nicht bemüht hätten, die verlohrnen Züge einer fremden Sprache durch eben so gute Züge ihrer eignen zu ersetzen. »Das [95] Gleiche, fügt er hinzu, trifft auch bey Gemälden ein, und stammt aus der Aengstlichkeit der Nachahmung her, welche eine niedrige, eine unwürdige Sklaverey ist, und daher unmöglich etwas Vortrefliches hervorbringen kann. Ich habe in der Poesie und in der Malerey Originale gesehen, die weit schöner waren, als ihre Gegenstände in der Natur: aber nie ist mir eine Copie zu Gesichte gekommen, die besser als das Original gewesen wäre. Es kann auch nicht anders seyn; wer sich Einmal vorgesetzt hat, schlechterdings nicht über das Ziel hinaus zu schiessen, der wird, ich wette Tausend gegen Eins, ganz gewiß, das Ziel auch nicht erreichen

Ein Franzos ist in den Schriften der Académie des Inscriptions der eigentlichen Spur noch näher gekommen. Die Stelle ist schön; ich will sie Ihnen ganz hersetzen.

»Uebersetzungen bringen der gemeinen Gattung von Lesern eine mäßige Achtung gegen die Originale bey. Es giebt wenig gute Uebersetzungen, und es ist unmöglich, daß auch die besten den ganzen Detail von kleinen Zügen sollten beybehalten haben, welche die Urschrift so lesbar machte. Wer sich in Stand gesetzt hat, die Quellen selbst zu besuchen, der versetzt sich eben dadurch in die Bekanntschaft mit allen ihren einheimischen Vorzügen und Mängeln; er kennt die Sitten seiner Schriftsteller, ihre Religion, ihre Geschichte, alle ihre Arten zu denken; er ist unter ihnen naturalisirt. Wer sie nur aus Uebersetzungen kennt, findet alles fremde, mißfällig, beschwerlich; jeden Augenblick bleibt er stecken; er weiß nicht, was sein Autor will, er kann ihm nicht folgen; seine Begriffe stoßen sich an allem, und der Mangel des Geistes, der gemeiniglich von einer Uebersetzung unzertrennlich ist, macht ihm die Lectüre noch ekelhafter. Statt der Grazie, des Edlen, der Stärke der Urschrift, sieht er nichts als ein seltsames Gemisch von Fremden und Einheimischen. Er wird geneigt, dasjenige zu verachten, was ihm so schlecht gefällt; und ohne zu bedenken, wie viel ihm zu einem richtigen Urtheile fehle, verdammet er den Verfasser, weil er das nicht bey ihm findet, was er bey [96] ihm gesucht hatte, und weil er das, was er wirklich findet, nicht begreift. Wenn er nachher diese Meisterstücke der Ausländer mit seinen einheimischen Werken vergleicht, die für uns geschrieben, nach unsern Begriffen, nach unserm Geschmack geschrieben sind, und an denen wir die unmerklichsten Schönheiten bemerken; so hält er die Letztern allein für bewundernswürdig, und betrachtet die Erstern mit Gleichgültigkeit, oder gar mit Verachtung.

Ein Dichter ist überdem zum Theil auch durch den Ausdruck, was er ist, vortreflich oder mittelmäßig, und je originaler, je vortreflicher dieser Ausdruck ist, desto schwerer wird er dem Uebersetzer. Ein Dichter ist ein Maler, und seine Zeichnungen sind mit seinen Ausdrücken so wesentlich verbunden, daß man dem Dichter fast alles nimmt, wenn man ihm diese nimmt. Man verändre die Wahl, die Wendung, den Schwung des Ausdrucks; sogleich hat man ein andres Werk. Wird der Uebersetzer wol diese Wahl, diese Wendung, diesen Schwung völlig so in seiner Sprache antreffen, wie in seinem fremden Originale? Unsre Sprache ist so genau mit unsern Sitten und mit unserer eigenen Art zu denken verbunden, daß es fast unmöglich fallen würde, sie einem Ausländer durch lange Umschreibungen nach ihrer ganzen Stärke, nach allen ihren Nuancen bekannt zu machen, da sogar die Synonymen nicht einmal zu reichen u.s.w.«

Daß diese Betrachtung ziemlich ihre Richtigkeit haben müsse, könnten uns allenfalls auch die Schwierigkeiten beweisen, die Herr Gleim bey der Uebersetzung des so oft übersetzten Anakreon findet, den er schon ein dutzendmale verdeutschet hat, ohne sich selbst ein einzigsmal Genüge zu thun.

Dem sey wie ihm wolle, Herrn Zachariä sind diese Schwierigkeiten ein desto leichteres Spiel gewesen. Ich will Ihnen aus einer einzigen Stelle, wo er sie am besten abgefertigt zu haben glaubt, ein artiges Pröbchen davon vorlegen. Herr Zachariä war anfänglich willens gewesen, Miltons eignes Sylbenmaaß zu wählen; der Einfall war gut; aber seinemiltonischen Verse wären um nichts besser geworden, als seine Hexameter. Ich vermuthe, daß [97] er uns nicht das Schlechteste aus diesem ersten Versuche wird vorgelegt haben, da er mit keiner geringen Zufriedenheit davon spricht. Aber betrachten Sie sie nur selbst, diese vortrefliche Probe:


Alls diese Welt noch nicht geschaffen war,

Und wüst und wild das Chaos da regierte,

Wo itzt voll Pracht sich diese Himmel rollen,

Und wo die Erd auf ihrem Mittelpunkt

Gegründet ruht; da wars an einem Tage,

(Denn auch die Zeit mißt in der Ewigkeit

Durch die Bewegung alles, was geschieht,

Mit dem Vergangnen, Gegenwärtigen

Und dem Zukünft'gen) an solch einem Tage,

Wie ihn das große Jahr des Himmels zeugt,

Erschien, gefodert durch Befehl von Gott,

Das ganze Heer der Engel vor dem Throne

Des Ewigen; unzählbar eingetheilt

In ihre Hierarchien und Ordnungen.

Zehntausend tausend Fahnen und Standarten

Und stralende Paniere, hoch erhöht,

Durchschimmerten im Vor- und Nachtrapp weit

Die Luft; und dieneten zum Unterschied

Für Hierarchien und Ordnungen und Stufen etc.


As yet this World was not, and Chaos wild

Reign'd where these Heav'ns now roll, where Earth now rests

Upon her centre pois'd; when on a day

(For time; though in eternity, apply'd

To motion, measures all things durable

By present, past and future) on such day

As heavn's great year brings forth, th'empyreal host

Of Angels by imperial summons call'd,

Innumerable before th' Almighty's throne

Forthwith from all the ends of heav'n appear'd

Under their Hierarchs in order bright;

Ten thousand thousand ensigns high advanc'd.

Standards aud gonfalons 'twixt van and rear

Stream in the air and for distinction serve

Of Hierarchies, of orders, and degrees etc.


[98] As yet this World was not – Als diese Welt noch nicht geschaffen war – and Chaos wild – undwüst und wild das Chaoswhere these heav'ns now roll, wo itzt voll Pracht sich diese Himmel rollen – when on a day, da wars an einem Tage – for time; though in eternity, apply'd to motion, measures all things durable by present, part and future, denn auch die Zeit misst in der Ewigkeit durch die Bewegung alles, was geschieht, mit dem Vergangnen, Gegenwärtigen und dem Zukünft'gen – (Verstehn Sie das? Nach einer Umschreibung will Milton sagen: Die Zeit, auch vor ihrer Schöpfung, als ein Stück der Ewigkeit betrachtet, mißt, wenn man sich eine Bewegung hinzudenkt, die Dauer eines Dinges durch die Unterscheidung des Gegenwärtigen von dem Vergangnen und Zukünftigen) – by imperial summons call'd, gefodert durchBefehl von Gottforthwith from all the ends of heav'n, unzählbarunder their hierarchs, eingetheilt in ihre Hierarchien und Ordnungen'twixt van and rear stream in the air, durchschimmerten im Vor- und Nachtrapp weit die Luft

Genug! Genug! Vergleichen Sie das übrige selbst, wenn Sie Muth haben. Ist das Milton? Es ist kaum Miltons Gespenst.

Von der hieher gehörigen Berlinischen Untersuchung der Hexameter soll ich Ihnen doch wol nichts sagen? Es ist ein Schimmer der Wahrheit darinn: allein die tiefere Erforschung der Natur des deutschen Hexameters war einem Kenner vorbehalten, der sich damit vertraut gemacht hatte, und der unsere Begriffe über diesen Gegenstand auf immer befestigen wird. Ich gebe Ihnen die Hoffnung, Sie mit dieser angenehmen Neuigkeit recht bald in Fetz zu überraschen.

Mein Brief neigt sich zum Ende. Ich empfehle Ihnen die Kritik der Wielandischen Clementina, der Rousseauschen Heloise, der letzten Gespräche Sokrates und seiner Freunde, und vor allem die Zweifel [99] nebst dem Orakel über die Bestimmung des Menschen, die nicht nur das schönste Stück in den Berlinischen Briefen, sondern eine der feinsten Compositionen sind, die ich je bey einem Alten oder Neuern gefunden. Zwar wird Ihnen das Resultat des Orakels nicht sehr neu scheinen; auch werden Sie vielleicht wünschen, daß die Allegorie der heidnischen Götter in einer Schrift, die von christlichen Grundsätzen handelt, weggeblieben wäre: aber die Manier eines Abbt, die sich nirgends verkennen läßt, wird Sie schadlos halten.

Auch den Ton, den die Verfasser dieser Briefe nebst dem Verfasser der Briefe über die Empfindungen zuerst in die Philosophie zu legen gewußt, empfehle ich Ihrer Aufmerksamkeit, wenn Ihnen etwa der philosophische Cant in Schriften, die vor den Richtstuhl des Geschmacks gehören, nicht zuwider seyn sollte. Ich fürchte freylich, daß unsere Deutschen, so wie in vielen andern Dingen, auch hierinn zu weit gehen.

Bey allem dem hätte ich vermuthet, daß unsere liebenswürdige Philosophen eine ausgebreitetere Kenntniß der wichtigsten Systeme besäßen, und sich nicht z.E. durch das alberne Latein des Hrn. Daries inFrankfurt hätten abhalten lassen, sich mit hundert neuen Aussichten zum täglichen Gebrauch zu bereichern; wenigstens hätten sie den Vortheil gehabt, die Lächerlichkeiten der Schadischen Monadologie, den Qualitäten-Calcül des Hrn. Ploucquet, über die ein gewisser Cramer schon lange eine ziemlich starke Abhandlung geschrieben hat, womit ich Ihnen aufwarten kann, den Kantischen Beweis der Existenz Gottes und so weiter, nicht für so gar neu zu halten.

Meine Ehrerbietung der philosophischen Facultät zu Fetz. Leben Sie wohl!

Zusatz der Sammler.

1) Der Leichtsinn, mit dem der Freund, dem wir den vorstehenden Brief zu danken haben, über eine der härtesten [100] Kritiken in den Briefen, die neueste Litteratur betreffend, hinwegsetzt, ist für ihn zu entschuldigen, da er an Jemanden schrieb, der keiner weitern Erläuterung darüber bedurfte: an uns hingegen würden wir es für unverzeihlich halten, wenn wir dem Kitzel, dem deutschen Publico die vortreflichsten Schriften aus den Händen zu winden, und es gegen die besten Köpfe gleichgültig zu machen, nicht künftiger Folgen wegen vorzubeugen suchten.

Der Nordische Aufseher, dessen der Hr. Verf. zuerst erwähnt, ist ohne Zweifel die wichtigste Wochenschrift, die wir im Deutschen haben; enthält die vortreflichsten Wahrheiten; ist schöner geschrieben, als irgend ein anderes deutsches Werk von dieser Art; und dem guten Geschmack nicht weniger beförderlich, als den guten Sitten. Dieß war der Zweck des Buchs, und diesen Zweck haben die Verfasser erreicht. Wer sollte sich auch wol vom Gegentheil überreden können, dem es nicht unbekannt ist, daß Männer, wie Klopstock und Cramer, die Hauptverfasser des N.A. sind?

Daß diese Verfasser sich weniger um das amüsante Gewand, als um den innern festen und nervigten Bau der Wahrheit bekümmern würden, war leicht zu vermuthen, da schon der mit Recht bewunderte Verf. des Rambler und Idler es gewagt hatte, einem Aufputze zu entsagen, den seine Vorgänger, der Tatler undSpectator sich zueignen durften, und der selbst in dem Vaterlande des Humors zu ermüden anfing.

Die Einwürfe wider einzelne Blätter sind in der Vorrede zum dritten Bande beantwortet worden. Es ist ein Räthsel für uns, wie die Herren Recensenten sich entschliessen konnten, einem Manne, wie Cramer, durch eine Wortverfälschung den Verdacht der Ketzerey zuzuziehen, und zugleich feyerlich zu protestiren, daß ihre Absicht nicht sey, ihn der Heterodoxie zu beschuldigen. Herr Cramer sagt nicht, man solle den Kindern Christum als einenbloßen Menschen, (ein Wort, das der Kunstrichter wider alle Billigkeit hinzusetzt) begreiflich machen; sondern er verlangt, man [101] solle ihnen erst von der erhabnen Natur der Menschheit, die in Christo wohnt (und diese gehört doch wol auch zu der Person Christi?) einen deutlichen Begriff beybringen, ehe man ihnen das Geheimniß von der Vereinigung der Gottheit und Menschheit in Einer Person zu erklären suchte. Er verlangt nicht, daß die Kinder in derUnwissenheit bleiben sollen, daß diese beiden Naturen, Gott und Mensch, in Christo vereinigt waren; er konnte dieß voraussetzen; er verlangt blos, daß man beym Unterricht, das heißt, bey einer praktischen Zergliederung dieses Glaubens-Artikels, die Ordnung beobachten sollte, ihnen erst von der Würde, deren die menschliche Natur in Christo fähig seyn konnte, eine hohe, und auf ihr ganzes Leben einfließende Idee zu verschaffen, und dann zu den beiden in schwereren Punkten, der göttlichen Natur und der Vereinigung der zwo Naturen, so viel es der Umfang menschlicher Kenntnisse erlaubt, überzugehen. Es ist offenbar, daß der Verf. hier nicht von der bloßen Theorie des Glaubens, sondern von der Anwendung dieser Theorie auf die sittliche Bildung redet. Das Kind, das sich Christum schlechtweg als Gottmensch denkt, irrt nicht; das Kind, das sich Christum als Gottmensch denkt, sich itzt aber Rechenschaft von seinem Gedanken ablegen will, sich die Menschheit in Christo nach ihrem höchsten Ideale vorbildet, und sich dadurch in Stand setzet, auch die Gottheit zu dieser Menschheit mit einer desto feyerlichern Würde hinzuzudenken, ist der künftigen Gefahr zu irren, oder, wie der Hr. Recensent sich ausdrückt, die sich sträubende Vernunft unter das Joch des Glaubens zu schmiegen, weit weniger ausgesetzt, da es von der Göttlichkeit der Offenbarung schon überzeugt war. Diesen Satz, der freylich sehr leicht misverstanden werden konnte, sucht der Herr Verf. durch Schriftstellen zu verstärken, von denen er wußte, daß viele Exegeten sie nach seinem Sinne erklärten, welches bey einem solchen Anlasse für ihn zureichend war. Niemand wird wol an der exegetischen Gelehrsamkeit des Verfassers zweifeln können, der seine Erklärung des Briefes an die Ebräer gesehen hat, [102] wovon selbst der sel. D.Baumgarten in Halle urtheilte, daß sie die beste wäre, die man in Deutschland hätte. Doch wir verweisen unsere Leser lieber auf die oberwähnte Vorrede, wo sie auch die übrigen Einwürfe völlig widerlegt finden werden.

Daß Cramer sich ins Predigtschreiben vertieft, könnten wir vielleicht mit seinen Kunstrichtern bedauren, wenn wir eigennützig genug wären, zu wünschen, er möge blos für uns und für ein Häufchen Dilettanti schreiben. Predigten müssen aus einem andern Gesichtspunkte beurtheilt werden, als die Reden der Alten. Die Letztern wollen überreden, hinreissen, bestürmen, die Erstern mit anhaltender Wirkung rühren und überzeugen. Daher jene öftern veränderten Wiederholungen der Hauptsätze, die der Prediger in der Seele seiner Zuhörer gern unvergeßlich und bis zur Lebhaftigkeit gegenwärtig machen wollte; nöthige, oder doch nützliche Wiederholungen, wenn sie auch anderwärts, z.E. in gedrungnen, obgleich nicht trocknen, philosophischen Abhandlungen unnöthig oder gar verdrießlich seyn sollten, da sie dienen, Leute von so verschiednen und ungleichen Fähigkeiten, als die Zuhörer oder Leser einer Predigt sind, von denen sich viele leicht zerstreuen und aus dem Gesichtspunkt bringen lassen, worinn sie, nach dem Wunsch des Redners, unbeweglich seyn sollten, in der Aufmerksamkeit auf die ganze Kette des Vortrags zu erhalten; welches auch besonders, wie wir aus mündlichen Zeugnissen wissen, Herrn Cramern so gut gelungen ist, daß sein durchlauchtigster Zuhörer, ehemals als Kronprinz, bey der Repetition und Zergliederung seiner Predigten die ganze Verbindung derselben mit der größten Richtigkeit und Leichtigkeit hat wiederholen können. Wenn nun der Verfasser von seinen Zuhörern sowohl, als von andern Lesern in allen Gegenden Deutschlands, mündlich und schriftlich ermuntert wird, diese Predigten drucken zu lassen, sollte er sich dessen weigern? –

Noch ein paar Worte von den Andachten dieses unwidersprechlich nützlichen Mannes. Die Kunstrichter bedenken nicht, wie unrecht sie verfahren, wenn sie ihm ihre Ideale [103] unterschieben, und ihn nach diesen verurtheilen. Jeder folge seinem Wege, und sey zufrieden, wenn er Nutzen schafft. Herr Spalding schreibe als HerrSpalding, Herr Sack als Herr Sack, HerrSchlegel als Herr Schlegel, und Herr Cra mer als Herr Cramer. Es würde eben so unnöthig, als vergeblich seyn, hierinn eine Aenderung machen zu wollen. Uebrigens kann man sich von der Kritik in der allgem. deutschen Bibl. einen ohngefähren Begriff machen, wenn man weiß, daß das Lied in der fünf und zwanzigsten Nummer des ersten Theils, das so unglücklich ist, dem Kunstrichter am wenigsten zu gefallen, nichts weiter, als eine Uebersetzung des 148sten Psalmes sey; ein kleiner Umstand, der doch einem Theologen, wie der Recensent hoffentlich ist, nicht hätte unbekannt seyn sollen.

2) Herr Dusch ist so sehr und in so mancherley Absicht ein Märtyrer der grausamen Berl. Kritik geworden, daß wir nicht umhin können, ihm hier Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. HerrDusch ist ein schlechter Uebersetzer; er ist der Verfasser von einigen mittelmäßigen Schriften; das wissen wir; und der größte Nachtheil, den wir davon hatten, war, daß wir diese schlechte Uebersetzungen und diese mittelmäßige Schriften aus der Hand legten; andern können sie noch immer sehr brauchbar seyn: Warum sollten wir einer so geringen Veranlassung wegen ein Geschrey machen, als ob es um die EhrePopens und Virgils gethan, oder als obDusch der abscheulichste Schriftsteller sey? Pfuy! der Spaaß geht zu weit. Kein Zungendrescher hätte mit größerem Grimm über einen Delinquenten herfahren können, der wegen eines Capital-Verbrechens vor dem Richter stünde, als der Berl. Recensent überDuschen, weil er es ihm in einigen Kleinigkeiten nicht recht macht. Und Dusch wird doch, aller seiner Kunstrichter ungeachtet, beständig einer der besten Köpfe in Deutschland bleiben, wenn ihn auch, wie wir nicht wünschen, seine Umstände nöthigen sollten, noch künftig mittelmäßige Bücher zu schreiben, die er in vielerley Absicht, nur nicht vor seinem eigenen Genie, wird rechtfertigen können.

Fußnoten

1 Man sehe die Anm. hinter diesem Briefe.

Die Sammler.

2 Man sehe die Anm. hinter diesem Briefe.

Die Sammler.

13. Brief
[104] Dreyzehnter Brief.

Kopenhagen.


Als ich mich in verwichner Woche mit den jüngst herausgekommenen vortreflichen Predigten des Herrn Hofpredigers Cramer, veranlaßt durch die Krankheit und den Tod K.Friedrichs V., beschäftigte, und mir das rührende Buch, bey der so phantasiereichen und zugleich der Kanzel so wohl angemessenen Stelle von denRothschildischen Gräbern in der siebenden Predigt, vor Wehmuth aus der Hand fiel; als ich mir nochmals den ganzen Werth des guten Herzens vorstellte, von dem es vielleicht in der Geschichte der Menschheit kein so einleuchtendes Beyspiel giebt, als in der kurzen Geschichte des verstorbenen Königs von Dänemark; als ich hiernächst mit einer Art von Feyerlichkeit auf alle die bezaubernden Züge, die mir von dieser edlen Familie bekannt sind, und die dem menschlichen Geschlechte so viel Ehre machen, zurücksah, und mich die heilige Ruhestatt ihrer Gebeine, die Dunkelheit des Thrones, die verfinsterte Pracht der Majestät, die mir der beredte Mann vorbildete, mit fast dichterischem Schauder erfüllte: – trat mir unvermuthet Herr S. mit einigen Bogen dänischer Verse unter die Augen, unter denen die folgenden, wegen der Gemeinschaft, die sie mit meiner von so viel malerischen Gegenständen erhitzten Idee hatten, vorzüglich meine Aufmerksamkeit auf sich zogen:


Jeg seer de majestätisk tause Huuler,

Jeg seer de stolte Boliger, som skiuler

Monarkers Been.

Jeg øyner alt det Sted

Hvor Nordens Fryd skal graves ned –

En Lyd af Suk blev hørt –

i Tausheds Bolig –

Hvad Grad tør vel forstyrre dette Sted

Hvor Nordens Helte hvile sig i Fred? u.s.w. 1


[105] Ich las diese Stelle, und dachte nicht weiter an die Stimme in den Gräbern, als in so weit sie mir ein glücklicher Ausbruch der bilderreichen Phantasie zu seyn schien, die mir gefiel.

Wenn ich mich jemals auf eine angenehme Art betrogen habe, so war es dasmal. – Am folgenden Morgen lief schon in der ganzen Stadt ein Gerücht, daß wirklich so eine Stimme in den Rothschildischen Gräbern sey gehört worden, und daß sie die Stimme eines Genius aus der erhabensten Classe der Genien sey. Man erzählte mir so viel Wunderbares von der Sache; es waren so viel glaubwürdige Personen, die alle diese Stimme gehört zu haben bezeugten, daß ich, trotz meinem Unglauben an Erscheinungen, mich entschloß, nach Rothschild zu reisen, um sie selbst zu hören.

Ich war kaum in das Mausoleum eingetreten, als ich durch einige Gänge auf einem Instrumente aufmerksam gemacht ward, das mit dem Klang einer Guitarre, ohngefähr wie ich mir eine griechischeLyra vorzustellen pflege, Aehnlichkeit hatte; und gleich darauf hörte ich ihn selbst, den silbernen Gesang dieser Stimme. Ich war so entzückt, daß ich die rührendsten Rhapsodien noch ganz frisch im Gedächtniß habe, und sie schwerlich jemals vergessen werde.

Glauben Sie nicht, daß ich schwärme, sondern lesen Sie:


Ernst in Sterbegedanken umwandl' ich

Die Gräber, und lese

Ihren Marmor und seh Schrift,

Wie Flammen, daran,

Andre, wie die,

So die äußre Gestalt der Thaten nur bildet,

Unbekannt mit dem Zweck,

Welchen das Innre verbirgt.


[106]

Furchtbar schimmert

Die himmlische Schrift:

»Dort sind sie gewogen,

Wo die Krone des Lohns,

Keine vergängliche, strahlt.«


* * *

Streuet Blumen umher!
Der Frühling ist wiedergekommen!
Wiedergekommen – – –
Ohn ihn – – –
Blüthe bekränze sein Grab!
* * *

Sanftes, erheiterndes Bild von Auferstehung! –
Und dennoch trübt sich im Weinen der Blick?
Träufelt die Thrän auf den Kranz!
* * *

Schauer kömmt von dir her,
Langsam auf Flügeln der Nacht, Schauer.
Ich hör ihr Schweben! –
Wer seyd ihr, Seelen der Todten?
* * *

»Glückliche Väter sind wir,
Segneten,
Segneten noch Friederich,
Als der Erde wir Erde gaben!
Wir kommen nicht von Gefilden der Schlacht!«
* * *

Bester König! – – – –
Es klagt Ihm nach
Der Muse Gespiele,
Und der Weisheit!
Um Ihn trauert der Liebling der Kunst.
* * *

Bester König! – – – –
Der Knabe, der Greis,
Der Kranke, der Arme
Weinen, Vater! – – – –
Es weint nah und ferne Dein Volk.
* * *

[107]
Von des Hekla Gebirge
Bis hin zum Strohme Visurgis
Weinet alle Dein Volk, Vater,
Dein glückliches Volk,
Kann Dir Lohn Unsterblichkeit seyn;
So beginnet die Erd ihn jetzt zu geben!
Allein ist denn Unsterblichkeit Lohn?
* * *

Du, o Friederichs Sohn,
Du Sohn Louisens,
Erhabner, theurer Jüngling! –
Sey, schöner, edler Jüngling,
Den alle Grazien schmücken,
Auch der Tugend,
Sey uns, was Dein Vater uns war!
* * *

Heiliger kann kein Tempel Dir,
Als dieser voll Gräber Deiner Väter,
Und nichts mehr Dir Erinnerung seyn,
Daß es Alles Eitelkeit ist,
Und Thaten der Tugend dann nur bleiben,
Wenn Gott auch vom Throne Dich ruft.
* * *

Ach, im Tod
Entsinkt die Erdenkrone
Dem Haupte!
Ihre Schimmer
Umwölkt bald
Der Vergänglichkeit Hand!
Aber es giebt auf ewig
Die ehrenvollere Krone
Jenen entscheidenden Tag seiner Vergeltungen
Gott! – –

N.S.

Das Erste, was mir, da ich aus dem Dom zurückkam, in die Augen fiel, war ein bejahrter Mann, der sich in einen Winkel versteckt, das ganze Lied des Genius von Wort zu Wort nachgeschrieben, es in dieForm einer Elegie gebracht [108] hatte, und mich versicherte, daß ich es bald unter dem Titel: Rothschilds Gräber von Klopstock, gedruckt lesen sollte. Er hat Wort gehalten, und ich kann Ihnen für die Authenticität des Drucks, wovon ich Ihnen hier ein Exemplar beylege, Bürge seyn.

Fußnoten

1 d.h. Ich sehe die majestätischen stillen Gewölbe; ich sehe die stolze Wohnstatt, die die Gebeine der Monarchen einschließt; ich überschaue jene Stätte, wo Nordens Freude begraben werden soll. – Ein Ton von Seufzern ward in der Wohnung des Schweigens gehört. Welche Aechzer dürfen den Ort stöhren, wo die Helden des Nords ausruhen?

14. Brief
Vierzehnter Brief.
Von Herrn L.

Allerdings war er, auf den die stolzeste europäische Nation mit so vieler Eifersucht stolz ist, wohl werth, den Deutschen bekannter zu werden. Auf der Welt hätte sich kein bequemerer Zeitpunkt finden können, als itzt, da sein Name in allen Zeitungsläden, wie der Mondschein in einem Dickigt, figurirt; und auf der Welt – Sie müssen mir nun schon eine Hyperbel lassen, die so viel Grund hat – hätte sich kein so wunderbarer Hodeget (fast hätte ich Paedagog geschrieben) für ihn finden können, als Hr. Wieland. Welch eine Erscheinung! Der Eine


So voluble in his discourse – gentle

As Zephyr blowing underneath the violet

Not wagging its sweet head – yet as rough

(His noble blood enchaff'd) as the rude wind

That by the top doth take the mountain pine

And make him stoop to th' vale –


und diesem jungen königlichen Capriccio zur Seiteμέτριος, επιεικὴς, ἁρμόδιος τῷ βίῳ τό δὲ μέγισον δίπλους – mit Einem Worte, der ernsthafte Herr Wieland, der nun Einmal von seiner langen apathetischen Promenade hinter dem Gebirge Jura zum Vorschein kömmt, und sich bald durch die unschuldigen Vergnügungen der Mythologie, bald durch die humorvolle Gesellschaft des Britten, den man für unübersetzlich gehalten, und so weiter, für die Strenge der vorigen Zeiten schadlos zu halten sucht. Zwar ist die Gewohnheit ein eignes Ding. Wer durch eine vieljährige Uebung die Muskeln und Lineamente des Antlitzes [109] in ihrer Lage zu erhalten, die Augen mit bedachtsamer Entzückung auf eine Panthea, die nicht ist, noch seyn wird, noch war, zu richten, die Ohren zu den klangvollen Hymnen des empyreischen Geisterreichs empor zu heben, plötzlich durchbrechen und ein Gelächter erzwingen soll: der mag sich freylich wol die Seiten lang genug kitzeln, und eine saure Mine über die andere machen, wenn ihm die fremde Unternehmung so mäßig gelingen will.

Aber husch! was entschlüpft dir, Feder? Ich wollte mich an Ihrer Seite über die Seltsamkeit der Erscheinung wundern; und stoße auf die Quelle, woraus unter den blumenreichen notis variorum seine Klagen in den curis et castigationibus propriis herfliessen, murmelnde Klagen über Zweydeutigkeiten, die ihm statt des Lachens ein starkes Kopfschütteln und mannigfaltige Achselverzuckungen erregen. Und proh Deûm atque hominum fidem! wer könnte auch über Zweydeutigkeiten in Worten lachen, wenn Zweydeutigkeiten in Werken eine so ernsthafte Bedeutung haben?

Wie ists? kann ich nie ordentlich von Hrn. Wielanden denken oder schreiben? Der Mann kreuzt in so labyrinthischen Mäandern umher, daß mir schwindelt, ihm nur nachzusehen.

Unter den vielen Fragen', die jeder Leser sich bey der Durchblätterung der Wielandischen Uebersetzung des Schakespear macht – alle Augenblicke zu machen genöthigt ist – scheint mir diese am schwersten zu beantworten, wie gerade derjenige, der schon so lange sollte gemerkt haben, daß es ihm an dramatischem Genie schlechterdings mangle, (denn daß ihm die Talente zum Uebersetzen mangeln, hat er uns schon bey Gelegenheit seiner moralischen Briefe glaubwürdig angezeigt) sich entschliessen konnte, einen dramatischen Dichter zu übersetzen, bey dem man nothwendig sein Augenmerk unverrückt aufs Theater, aufs brittische Theater, auf theatralische Action und Stellung, auf comicam und tragicam vim, und auf hundert andere Gegenstände richten muß, die Hrn. Wieland just so angemessen sind, als einer seiner Welten der Sinn des Geruchs. [110] Weis er denn nicht, daß ein Schriftsteller – Uebersetzer, Nachahmer, Original – eine gewisse bestimmte Absicht haben sollte, von der er weder zur Rechten, noch zur Linken ausweichen darf? Zu welchem Ende hat er translatirt? – Zum Gebrauch der Kunstverständigen? – Zur Erweckung aufkeimender Genies? – Unmöglich! Theils konnte er das nicht, angeführter Mängel wegen; theils war es in diesem Fall an einer bloßen und dabey so sehr verstümmelten Uebersetzung nicht genug. Zum Vergnügen sympathetischer oder unsympathetischer Leserinnen? Aber in diesem Falle mußten seine dicken Bände ja gelesen werden, und welche unter diesen hat den eisernen Muth, so viel dicke Bände zu lesen, deren größten Theil HerrWieland selbst für Aberwitz erklärt, und die durch die Ungelenkigkeit ihrer Schreibart, durch die Unweisheit und Mishandlung des Uebersetzers, durch die in ein plumpes Austernmensch verwandelte Grazie, dieser und einer noch ärgern Charakteristik vollkommen werth geworden? Rechnen Sie hinzu, daß das Werk durch und durch sichtbare Merkmaale der Verdrossenheit an sich trägt, die dem Uebersetzer nie Zeit gelassen, die blos poetischen, geschweige die lyrischen, Tiraden mit gehörigem Fleisse auszuarbeiten, und sagen Sie mir, was das kaltblütigste Publicum von einer, so zusammengesetzter Fehler wegen, mislungenen Unternehmung denken soll? Doch, zu seiner Rechtfertigung sey es gesagt, er hat offenbar keine Absicht gehabt. Er hätte erst prüfen müssen, ob die Frage sey, den Deutschen ein lesbares Buch in die Hände zu geben – die Neugierigen mit einem Engländer – oder die Forscher des menschlichen Geistes mit einem der originalsten Köpfe in der Welt bekannt zu machen. Im ersten Fall ist jede Uebersetzung noch immer zu wörtlich; im zweyten hätte er ihm seinen Charakter lassen, weniger an ihm stückeln, und nicht z.E. blos deswegen ganze Episoden auswerfen sollen, weil die Griechen nur von Einer Haupt-Handlung wissen; im dritten war jede Wendung, jede Stellung, jede sonderbare und von dem gebahnten Wege abweichende Form des Ausdrucks, so spitzfindig, geziert, oder gespielt er immer sein mogte, von großer Erheblichkeit.

[111] Ich gerathe, da ich diese Saite berühre, in Versuchung, etwas umständlicher mit Ihnen von meiner Bekanntschaft mit Schakespearn zu schwatzen.

»Es wird uns aber von Wielanden verschlagen« –

Was ists mehr? Wir werden ihn auf einem Nebenwege schon wieder treffen.

Eine der vornehmsten Ursachen, warum Sch. selten, vielleicht niemals, aus dem rechten Gesichtspunkte beurtheilt worden, ist ohne Zweifel der übel angewandte Begrif, den wir vom Drama der Griechen haben. Die wesentlichste Haupt-Absicht einer griechischen Tragödie war, wie Sie wissen, Leidenschaften zu erregen, einer griechischen Komödie, menschliche Handlungen von einer Seite zu zeigen, von der sie zum Lachen reitzten. Dazu kam bey jener die unzertrennliche Idee der Religion, die das, was bey uns blos amüsirt, zur gottesdienstlichen Handlung machte, woran der Zuschauer gerade so viel Antheil nahm, als der Acteur: eine kurze Anmerkung, die uns beyläufig die Unschicklichkeit der neuern Chöre erklären könnte. –

Ist dieß wahr – ist die Erregung der Leidenschaften oder des Lachens die eigentliche Natur des griechischen Drama: gut! so werden Sie mir bald einräumen müssen, daß Schakespears Tragödien keine Tragödien, seine Komödien keine Komödien sind, noch seyn können. – Ich verlange nichts mehr.

»Wie nun? Schakespearn die Erregung der Leidenschaften, die erste und wichtigste Eigenschaft eines Theater-Scribenten, streitig zu machen? Was bleibt ihm übrig?« –

Der Mensch! die Welt! Alles! – Aber merken Sie sich, daß ich ihm die Erregung der Leidenschaften nicht streitig mache, sondern sie nur einer höhern Absicht unterordne, welche ich durch die Zeichnung der Sitten, durch die sorgfältige und treue Nachahmung wahrer und erdichteter Charakter, durch das kühne und leicht entworfne Bild des idealischen und animalischen Lebens andeute. Weg mit der Claßification des Drama! Nennen Sie diese plays mit Wielanden, oder mit der Gottschedischen Schule [112] Haupt- und Staats-Actionen, mit den brittischen Kunstrichtern history, tragedy, tragicomedy, comedy, wie Sie wollen: ich nenne sie lebendige Bilder der sittlichen Natur.

»Und diese lebendigen Bilder der sittlichen Natur machen kein Ganzes aus, das auf den Hauptzweck des griechischen Drama abzielt?«

Nein.

»Desto schlimmer für Schakespearn! Ich stehe Ihnen dafür, daß er bey uns sein Glück nicht machen werde, wenn er so weit von unsern Begriffen der alten Muster entfernt ist.«

Welcher neuere Theater-Scribent ist es nicht? Wenn Crebillon Aeschilus, Racine Euripides,Corneille Sophokles seyn soll; o! so lassen Sie uns ja unsern Geßner nicht Theokrit nennen! so ist es Deshoulieres, so ist es Philips, so ist esPope!

Sie sehen wohl, daß ich hier nicht von Bewunderungen vorgeblicher Kenner, noch von Grundsätzen wirklicher Kunstrichter, sondern blos von dem Einflusse rede, den diese Bewunderungen und Grundsätze auf den ausübenden Theil gehabt haben. Und da wir Einmal unläugbar den griechischen Virtuosen weder unter den Franzosen, noch unter den Spaniern, weder unter den Italienern, noch unter den Deutschen wieder erkennen; warum wollen Sie ihn gerade unter den Engländern suchen? Wenn irgend eine Nation nach ihrer eignen Art zu denken handelt, so ist es diese. Selbst Benjamin Jonson, der mit seinen Beobachtungen der Alten so sehr über Schakespearn siegzuprangen glaubte, folgte seinem persönlichen Ideal, da er zur Ausführung schritt.

»Sie läugneten vorher, daß Schakespear seine sittlichen Gemälde dem Zweck eines Ganzen, das auf die Erregung der Leidenschaften abzielt, untergeordnet habe. Beweisen Sie mir das.«

Augenblicklich.

Zuvor aber verlange ich, daß wir uns über zwey Haupt-Dinge einig werden: erstlich, daß eine traurige Handlung [113] an sich noch keine Tragödie mache, zweytens, daß das Tragische im Detail, durch das Resultat verschlungen, ein entgegengesetztes Ganze hervorbringen könne. Für jenes sind mir eine Menge großer und erschütternder Situationen in den histories unsers Dichters, die kein Engländer Tragikomödien, geschweige Tragödien, nennen wird, für dieses unzählige Tiraden in den sogenannten Komödien Bürge. Diese Unterscheidung könnte zweifelhaft scheinen, wenn sie nicht durch die übrigen Schauspiele, die sich der Tragödie mehr nähern, ausser Streit gesetzt würde; und unter diesen sind Lear, Macbeth, Hamlet, Richard III., Romeo undOthello die entscheidendsten, deren Anlage offen bar der Natur des Charakterstücks weit näher, als der tragischen Fabel kömmt. Im Lear haben wir den schwachen Kopf, den die Regierungs-Fehler seines Alters wahnwitzig machen; im Macbeth den Anfang, den Fortgang und das Ende des Königs-Mörders; im Richard den grausamen Usurpateur; imRomeo die raschen Aufwallungen der jugendlichen Liebe. Die Anlage des Hamlet mögen Sie mit der in der griechischen Elektra zusammenhalten. Ich begnüge mich, um mir den Vorwurf einer durchgängig für unschicklich erkannten Paralele, nämlich der Vergleichung Schakespears und Sophokles nicht zuzuziehen, einen Engländer mit dem andern zu messen – Schakespearn im Othello mitYoung in der Rache. – Und das soll mit der nächsten Post geschehen; die heutige ist schon auf dem Sprunge.

15. Brief
Funfzehnter Brief.
Fortsetzung.

Sie wissen doch, daß the Revenge eine Copie von dem venetianischen Mohren, oder vielmehr die Verwandlung eines unregelmäßigen Drama in ein Trauerspiel seyn soll?

[114] Noch eine zweyte Frage, die Ihnen bey dieser Gelegenheit sonderbar vorkommen wird. – Sollte sich wol ein Leser von einiger Fühlbarkeit des Herzens finden, der nicht der Nachahmung den Vorzug vor dem Urbilde einräumen wird?

Sie glauben es nicht; ich auch nicht. Wenn es blos auf Erschütterungen des Herzens, auf tragischen Endzweck ankömmt, so geht der Kranz unstreitig zum Nachahmer über. Aber lassen Sie mich die dritte thun. – Sollte sich wohl ein Genie finden, das sich eine Minute bedenken würde, ob es lieber dieses als jenes gemacht haben mögte?

Das glauben Sie; aber ich nicht. Lassen Sie uns sehen, wer Recht hat.

Young betrachtete die Natur des Eifersüchtigen von einer Seite, von der sie dem Herzen Schauder, Entsetzen und Mitleiden abdringen sollte. –Schakespear bemühte sich, ihre feinsten Nuancen zu entwickeln, und ihre verborgenste Mechanik aufzudecken. – Young concentrirte die aus seiner Materie hervorspringenden Situationen zu der abgezielten Wirkung auf das Gemüth des Zuschauers. – Schakespear zeichnete seinen Plan nach dem Effecte, den er auf das Gemüth desOthello machen sollte. – Mit zwey Worten:Young schilderte Leidenschaften; Schakespear das mit Leidenschaften verbundne Sentiment.

Wollen wir nicht bey diesen beiden treflichen Stücken noch ein wenig stehen bleiben? Vielleicht finden wir manche kleine Erläuterung darinn, die uns im Folgenden zu statten kommen kann.

Was an Youngs Trauerspielen durchgängig sichtbar ist, die schwache Kenntniß des Menschen, die er nur von Herfordshire aus übersehen zu haben scheint, erhellet am deutlichsten in dem genannten. Alles ist hier die schale Abbildung neuerer Helden nach französischem Zuschnitte, die von großen Empfindungen, über die gemeine Menschheit erhabnen Enthusiastereyen daher tönen, und dabey so süßlich von Liebe zu schwatzen wissen! Ein solchesair doucereux, womit die Handlung gleich in den ersten Scenen eingeleitet [115] wird, könnte man in Schakespears fehlerhaftesten Stücken vergebens suchen.


Love calls for Love. Not all the pride of beauty;

Those eyes, that tell us what the Sun is made of;

Those lips, whose touch is to be bought with life;

Those hills of driven snow, which seen are felt:

All these possest, are nought, but as they are

The proof, the substance of an inward passion,

And the rich plunder of a taken heart.


Ah why so sad? You know, each sigh doth shake me;

Sighs there, are tempests here –

I've heard, bad men would be unblest in heav'n:

What is my guilt, that makes me so with you?

Have I not languish'd prostrate at thy feet?

Have I not liv'd whole days upon thy sight?

Have I not seen thee where thou hast not been?

And, mad with the idea, clasp'd the wind,

And doated upon nothing?


Must I dispair then? Do not shake me thus;

My tempest-beaten heart is cold to deth:

Ah! turn and let me warm me in thy beauties.

Heav'ns! what a prove I gave, but two nights past

Of metchless love! To fling me at thy feet,

I slighted friendship, and I flew from fame,

Not heard the summons of the next day's battle:

But darting headlong to thy arms, I left

The promis'd fight; I left Alonzo too,

To stand the war, and quell a world alone.


So lauten die Seufzer des zärtlichen Don Carlos; wollen Sie wissen, in welchen Ton der zärtlichere Don Alonzo sie zu stimmen weiß; so lesen Sie folgendes:


O cruel insult! are those tears your sport,

Which nothing but a love for you could draw?

Africk I quell'd, in hope by that to purchase

Your leave to sigh unscorn'd: but I complain not:

'Twas but a world; and you are – Leonora.


– – –

[116]
What could I do? –
I saw you, and to see, is to admire:
I often sigh'd, nay, wept; but could not help it etc.
Leonora.
I hate thee o Alonzo! how I hate thee!
Alonzo.
Indeed? And do you weep for hatred too?
O what a doubtful torment heaves my heart! –
I hope it most – and yet I dred it more.
Should it be so, should her tears flow from thence;
How would my soul blaze up in ecstasy! etc.

oder lesen Sie vielmehr die ganze Scene, und bewundern Sie nebenher die Kunst des Dichters (dennNatur darf ich nicht sagen), mit der er nicht nur seinen Alonzo einen gewissen Freundschaftsdienst, wie der war, den Gellert seinem Amynt nachrühmte, ausüben läßt, sondern auch noch den armen betrognen Don Carlos durch den mächtigen Bewegungsgrund, daß Alonzos Glückseligkeit die seinige sey, zu bereden weiß, die für sich selbst ersehene Schöne dem Braut-Werber abzutreten. Zwar wie hätten die beiden Helden und Liebhaber den Ränken des Zanga, dessen Maschinen sie sind, widerstehen können, da sein Hin- und Wiedergehen schon von mehr als magischer Kraft ist? Und hierinn muß man diesem Rach-Engel von der schwarzen Gestalt freylich den Vorzug über Jago einräumen, der doch wenigstens genöthigt ist, den Augenschein zu Hülfe zu nehmen.

Ohne Ironie zu reden – Zanga ist das wunderlichste Meisterstück der Natur, das sich denken läßt: er ist ein Nichtswürdiger, der zu seinen Niederträchtigkeiten hohe Bewegungsgründe anzugeben hat:


– – The spirits numberless

Of my dear countrymen, which yesterday

Left their poor bleeding bodies on the field,

Are all assembled here, and o'er inform me


ein Bösewicht, der sich zu der allerunedelsten Art der Rache herabläßt, und zugleich, wasDon Alonzo, Don [117] Carlos, Don Manuel – was Youngs Helden alle sind, ein Mann von erhabner Denkungsart ist:


Fall'n Christian, thou in mistak'st my character.

Look on me. Wo am I? I know thou say'st

The Moor, a slave an abject, beaten slave

(Eternal woes to him that made me so!):

But look again. Has six years cruel bondage

Extinguish'd majesty so far, that nought

Shines here, to give an awe of one above thee?

When the great Moorish King, Adella, fell,

Fell by thy hand accurs'd, I fought fast by him;

His son, tho', thro' his fondness, in disguise,

Less to expose me to th' ambicious foe.

Ha! does it wake thee? O'er thy father's corse

I stood astride, till I had clove thy crest;

And than was made the captive of a squadron,

And sunk into thy servant –


Must I despise thee too, as well as hate thee?

Complain of grief, complain thou art a man.

Priam from fortune's lofty summit fell;

Great Alexander 'midst his conquest's mourn'd,

Heroes and Demi-gods have known their sorrows;

Caesars have wept; and I have had my blow:

But 'tis reveng'd: and now my work is done.

Yet e'er I fall, be it one part of vengeance,

To make e'en thee confess that I am just.

Thou seest a prince, whose father thou hast slain,

Whose native country thou hast laid in blood,

Whose sacred person, oh! thou hast prophan'd,

Whose reign extinguish'd. What was left to me

So highly born? No Kingdom, but revenge.


– – –

Let me but look one moment on the dead;
And pay yourselves with gazing on my pangs.
Is this Alonzo? Where's the haughthy mien?
Is that the hand which smote me? Heav'ns how pale!
And art thou dead? So is my enmity.
I war not with the dust. The great, the proud,
The conqueror of Africk was my foe.
A lion preys not upon carcasses.
[118]
This was the only method to subdue me:
Terror and doubt fall on me: all thy good
Now blazes; all thy guilt is in the grave.
Never had man such funeral applause;
If I lament thee, sure thy worth was great.

Lassen Sie sich diese Funken der Großmuth und eines hohen Herzens nicht irren; der Afrikaner, der sich einen Löwen nennt, ist nur ein gemeiner Fuchs; die Grimace eines Löwen ward ihm erst da eigen, da er aus dem Kopfe des Poeten hervorsprang.

Von dieser Pracht des Sentiments weiß der Schakespearsche Jago nichts. Er ist ein Lotterbube, der auf Größe des Geistes keinen Anspruch macht; ein lüderlicher Officier, der wohl eingesehen hat, daß man im Kriege oft eben so sehr durch Ränke, als durch Thaten, steigt; ein Mensch, der, vielleicht nicht ohne Grund, glaubt, daß sein General gewisse Gunstbezeigungen seiner Frau mit ihm getheilt hat; und ihm dafür beyläufig (denn nicht die Rache am Othello, sondern ein kitzelnder Hang nach Caßios Posten ist sein erster Haupt-Bewegungsgrund) einen Soldaten-Streich spielen will. Seine Glaubens-Artikel sind, alle Welt für Narren zu halten, und das Hauptgebot seiner menschenfreundlichen Gesinnung ist, zum Behuf seines Beutels und seines Ehrgeizes den Narren mit ihr zu machen. Diese Grundsätze erklärt er uns so klar und bündig, daß es unmöglich ist, sich in seiner theuren Person zu irren.


I'll have our Michael Cassio on the hip,

Abuse him to the Moor in the right garb;

(For I fear Cassio with my night-cap too)

Make the Moor thank me, love me, and reward me,

For making him egregiously an ass.


– – –

– – You shall mark
Many a duteous and knee-crooking knave,
That, doting on his own obsequious bondage
Wears out his time much like his master's ass,
For nought, but provender, and when he's old, cashier'd,
Whip me such honest knaves – Others there are,
[119]
Who trimmed in forms and visages of duty,
Keep yet their hearts attending on themselves,
And trowing but shows of service on their Lords,
Well thrive by them; and when they've lin'd their coats,
Do themselves homage. – These folks have some soul,
And such a one do I profess myself
It is as sure as you are Rodorigo,
Were I the Moor, I would not be Jago.
In following him, I follow but myself
(Heav'n is my judge, not I) for love and duty:
But seeming so, for my peculiar end.
For, when my outward action doth demonstrate
The native act and figure of my heart
In compliment extern, 'tis not long after
But I will wear my heart upon my sleeve
For daws to peck at; I'm not what I seem.

In dieser würdigen Situation erscheint er uns gleich bey dem ersten Auftritte, da er den guten Rodrigo um seine Börse schnellt, ihm den Kopf mit lächerlichen Versprechungen anfüllt, und so den armen Pflastertreter immer weiter zum Verderben hinter sich herzieht, wie der Fuchs den Ziegenbock zum Schöpfbrunnen. Dieser Charakter ist unnachahmlich bis aus Ende fortgeführt, und es geht kein Wort aus seinem Munde, das ihn nicht nach allen Schatten seiner Bübereyen auszeichnete, und dem Zuschauer ein so fruchtbares Feld von Beobachtungen darböthe, als ob er die mannigfaltige Natur selbst vor Augen hätte.

Um endlich auf den Punkt der Eifersucht zu kommen – sie hat der Dichter des Alonzo dem Dichter des Othello glücklich nachgebildet, und, was vielleicht bey den meisten Lesern zu seinem Vortheil entscheidet, er hat sie viel schöner colorirt, eine vortrefliche Groupe im Geschmack des le Brün daraus gemacht.

Mir ist kein Schriftsteller bekannt, der diese Leidenschaft tiefer überdacht, und frappanter gemalt hätte, als Schakespear. Wenn ich hiebey die Weisheit erwäge, mit der er nach dem Charakter desOthello, eines sehr festen und gehärteten Geistes, kleine Ausnahmen von der vorgelegten [120] Regel macht, die er dem ungeachtet wie mit einem zarten Fingerdrucke andeutet: ein Talent, das ihn beständig von allen übrigen Dichtern unterscheidet, und welches gerade das nämliche Talent ist, was Lord Kames die Geschicklichkeit nennt, »jede Leidenschaft nach dem Eigenthümlichen des Charakters zu bilden, die Sentiments zu treffen, die aus den verschiednen Tönen der Leidenschaften entspringen, und jedes Sentiment in den ihm eignen Ausdruck zu kleiden« – wenn ich dieß und noch so vieles unter Einen Sehepunkt bringe; so kann ich Ihnen schwerlich ganz beschreiben, wie sehr ich dieses Lieblings-Genie der mütterlichen Natur bewundere, liebe, mit Entzücken liebe.

Allein es zeigt sich noch immer eine merkliche Verschiedenheit unter den beiden Dichtern in der Anlage der Wirkungen.

Beym Young ist es nicht Leonora, sondernZanga, die der Flamme einen Schwung giebt. – beym Schakespear ist es Desdemona, die in eine angemessene Lage gestellte unschuldige Desdemona. – Was thut doch Leonora, mögte ich fragen, das den Schritt des raschen Alonzo im geringsten rechtfertigen könnte? – Beym Schakespear hingegen durfte der schleichende Jago den Funken nur in das Gemüth des Othello wie von ohngefähr ganz nachläßig hinwerfen; Desdemona selbst thut das übrige; sie facht ihn durch ihre Vorbitten für den bereits verdächtigen Caßio, durch die nachher vom Widerstande erhöhte Lebhaftigkeit ihrer Vermittelung, die ein Beweis ihres guten Herzens hätte seyn sollen, immer stärker an; sie treibt ihn endlich durch ihre ungezwungne Freudensbezeugungen über das Glück dieses Mannes bis zur Verheerung empor: und diese allmählige Gradation des Affekts, die eben so sehr vom Anscheine der Kunst entfernt ist, als die Fallstricke des Zanga es nicht sind, ist das Meisterstück, der Triumph der Kunst. Sie finden beym Young keine einzige solche Scene, wie die, wo Othello in der Heftigkeit seines kochenden Herzens den Brief des Gesandten, der für ihn so wichtig war, nicht liest, sondern zu lesen [121] scheint, – und unterdessen auf die Reden der Desdemona hinhorcht, die ihm wie verzehrendes Feuer durch Mark und Bein dringen, daß die lang verhaltne Flamme auf Einmal ausbricht, daß er sie – Desdemonen – vor allen Umstehenden – vor dem Angesichte der venetianischen Abgeordneten – schlägt – eine so unwillkührliche und charakteristische Bewegung, die ich durch die delicateste Wendung eines neuern Artisten nicht ersetzt wissen mögte.

Dagegen hat Young von einer andern Seite über das Gemälde seines Vorgängers zu rencheriren gesucht. Die unaufhaltsam wiederkehrende Liebe ist in dieser Leidenschaft ein merklicher Zug. Schakespear hat ihn, aber Young hat ihn so sehr, daß er sogar die Entschlossenheit des Alonzo überholt. Dieß ist ohne Zweifel der glänzendste Theil in dem Youngschen Trauerspiele. Der Streit der Liebe und der Wuth ist hier mit so lebhaften Farben geschildert, daß Leser und Zuschauer in Ströhme von Thränen ausbrechen müssen. Man kann diesen Scenen schlechterdings nicht widerstehn; sie übertreffen alles, was der zärtliche Otway, oder Rowe, Otways Nachahmer, jemals in dieser Art gemacht haben. Was kann gefühlvoller, was kann stärker seyn, als folgende Tiraden?


– – – O she was All!

My fame, my friendship, and my love of arms,

All stoop'd to her; my blood was her possession:

Deep in the secret foldings of my heart,

She lived with life, and far the dearer she:

But – and no more – set nature in a blaze

Give her a fit of jealousy – away –

To think on't is the torment of the damn'd;

And not to think on't, is impossible.

How fair the cheek, that first alarm'd my soul!

How bright the eye, that sets it on a flame!

How soft the breast, on which I laid my peace

For years to slumber, unawak'd by care!

How fierce the transport! how sublime the bliss!

How deep, how black, the horror and despair!


– – –

[122]
I gaze, and I forgot my existence,
'Tis all a vision; my head swims in heav'n;
Wherefore, o! wherefore this expence of beauty?
And wherefore – oh! –
Why I could gaze upon thy looks for ever,
And drink in all my being from thine eyes;
And I could snatch a flaming thunderbolt,
And hurl destruction –
– – –

Ye amaranths! ye roses like the morn!
Sweet myrthles, and ye golden orange-groves!
Why do you smile? Why do you look so fair?
Are you not blasted as I enter in?
Yes; see how every flow'r lets fall its head!
How shudders every leaf without a wind!
How every green is as the ivy pale!
Did ever midnight ghosts assemble here?
Have these sweet ecchoes ever learnt to groan?
Joy-giving, love-inspiring, holy bow'r!
Know, in thy fragrant bosom thou receiv'st
A murderer – O! I shall stain thy lilies,
And horror will usurp the seat of bliss.
So Lucifer broke into Paradise,
And soon damnation follow'd. – Ha! she sleeps.
The day's uncommon heat as overcome her:
Then take, my longing eyes, your last full gaze,
O what a sight is here! How dreadful fair!
Who would not think that Being innocent?
Wherte shall I strike? Who strikes her, strikes himself,
My own life-blood will issue at her wound.
On my distracted heart! – O cruel heav'n!
To give such charms as those, and then call man,
Meer man, to be your executioner!
Was it because it was to hard for you?
But see, she smiles! I never shall smile more:
It strongly tempts me to a parting kiss. –
Ha! smile again? She dreams of him she loves;
Curse on her charms: I'll stab her thro' them all!
– – –

Thou piece of witchcraft! – I would say
Thou brightest angel! I could gaze for ever,
[123]
Where hadst thou this? Enchantress, tell me where?
Which with a touch works miracles, boils up
My blood to tumults, and turns round my brain!
Ev'n now thou swim'st before me: I shall lose thee;
No, I will make thee sure, and clasp thee all.
Who turn'd this slender waste with so much art,
And shut perfection in so small a ring?
Who spread that pure expense of white above,
On which the dazled sight can find no rest;
But, drunk with beauty, wanders up and down,
For ever, and for ever finds new charms?
But o those eyes! those murderers! O whence,
Whence didst thou steal their burning orbs? From heav'n?
Thou didst and 'tis religion to adore them.

Und doch sind dieß nur einzelne Tiraden, aus ihrer Verbindung herausgerissene Tiraden, entblößt von der Situation der Handlung, entblößt von Allem. – So würde jeder andrer Mensch gedacht, so sich ausgedrückt, so gehandelt haben: aber (glauben Sie mir, es wird mir schwer, hier eine Anmerkung zu machen, die einem solchen Dichter nachtheilig scheinen muß) aber eben darum, weil diese Sentiments für Schakespearn zu allgemein waren, eben darum, weil sie der Festigkeit, der gesetzten Stärke des Mohren von Venedig widersprochen hätten, konnte Othello in keinem so rührenden Lichte gezeigt werden. Der Dichter hatte ausserdem das Gemälde vollendet; – und Sie werden mir schon in der Beobachtung zuvorgekommen seyn, daß der Zweck des Poeten nicht sowohl die Erregung des Schreckens und Mitleidens in dem Herzen der Zuschauer, als vielmehr die Natur der Eifersucht selbst sey. So sind auch die auf die Erstickung der Desdemona folgenden Scenen offenbar viel schwächer, als das vorhergehende, und tragen so wenig zu dem Hauptzwecke der Tragödie bey, daß sie die ersten Eindrücke nur lindern, anstatt sie zu verstärken.

Ich glaube also nicht zu irren, wenn ich meinen obigen Grundsatz wiederhole, daß die Schakespearschen Werke [124] nicht aus dem Gesichtspunkte der Tragödie, sondern als Abbildungen der sittlichen Natur zu beurtheilen sind.

Zu diesen gehören nun freylich auch die Leidenschaften; und ich bin, wenn Sie wollen, der erste zu behaupten, daß Niemand in den Leidenschaften größere Talente haben könne, als Schakespear. Ich glaube mit dem vorher angeführten Lord Kames, »daß die starke Natur, die man an den Stellen wahr nimmt, wo er die Leidenschaften wirken läßt, und die sich in der feinsten Richtigkeit der Sentiments und des Ausdrucks zeigt, Lesern von der eingeschränktesten Fähigkeit in die Augen fallen müsse«. – Ich glaube aber zugleich, daß dieses Talent nicht sein größtes noch vorragendes sey.

Und eben dieß ist es, was ich, wenn ich einen Commentar über Schakespears Genie schreiben sollte, am meisten bewundern würde, daß nämlich jede einzelne Fähigkeit des menschlichen Geistes, die schon insbesondre Genie des Dichters heissen kann, bey ihm mit allen übrigen in gleichem Grade vermischt, und in Ein großes Ganze zusammengewachsen sey. Er hat Alles – den bilderreichen Geist der Natur in Ruhe und der Natur in Bewegung, den lyrischen Geist der Oper, den Geist der komischen Situation, sogar den Geist der Groteske – und das Sonderbarste ist, daß Niemand sagen kann, diesen hat er mehr, und jenen hat er weniger.

16. Brief
Sechszehnter Brief.
Fortsetzung.

Schade, werden Sie am Schlusse meines letzten Briefes gedacht haben, daß ein so vollkommnes Genie einen so fehlerhaften Geschmack haben mußte!

Und dreymal Schade, setze ich hinzu, daß es nicht anders seyn konnte, wenn wir ihn beständig nur auf uns, und auf unser Jahrhundert beziehen. – Diese Chorde ist schon oft berührt. Da ich mir jedoch einbilde, (wollen Sie mir [125] ein so unbedeutendes Selbstlob wol für eine Eitelkeit anrechnen?) daß nicht ein JederSchakespearn so liest – noch vielleicht (immer eitler!) ein Jeder ihn so lesen könne, als Ihr Freund L.; so lassen Sie uns doch versuchen, ob sich über diese Materie nicht etwas sagen lasse, was just ein Jedernicht sagt.

Die Geschmacks-Fehler, die Schakespearn bey feinen und unpartheyischen Lesern vornämlich zur Last fallen, sind, nächst der Vernachlässigung des Costüme, das Gezierte, Spitzfindige, Zweydeutige und Uebertriebne, das so oft die nativam simplicitatem seines gewöhnlichen Ausdrucks zu überschwemmen scheint. Ueber den ersten Punkt bin ich mit diesen Lesern gleich einig; er ist keiner Rechtfertigung fähig 1. In Ansehung des zweyten weiß Pope keine bessere Entschuldigung für ihn zu finden, als daß er »genöthigt war, dem schlechtesten Theile des Volkes gefällig zu seyn, und in der schlimmsten Gesellschaft zu leben«. – Der scharfsinnige Lord, den ich schon zweymal angeführt habe, ist der Meynung, »er habe weder in seiner eignen, noch in irgend einer lebenden Sprache ein Muster von Gesprächen vor sich gehabt, die sich fürs Theater geschickt hätten; wenn er irgendwo unter sich selbst falle, so sey es in Scenen ohne Leidenschaft; indem er da strebt, sein Gespräch über den Ton des gemeinen Umgangs zu erheben, verfalle er in verwickelte Gedanken, und in einen dunkeln Ausdruck.« –

So viel ich von der Sache begreife, bedarf es keiner dieser Ausflüchte, so bald man sich in das Genie des Dichters setzt, das kein höheres Lob kannte, als die Natur eines jeden Gegenstandes nach den kleinsten Unterscheidungszeichen zu treffen. Seine Wortspiele legt er fast [126] beständig nur dem schlechtesten oder lustigsten Theile seiner Theater-Personen in den Mund, weil es dieser Classe von Menschen, in allen Zeitaltern, vom Aristophanes und Plautus an, zur Natur geworden ist, sich diese Art des Witzes vorzüglich zuzueignen.

Daß dieß wirklich Schakespears Meynung war, erfahren wir gelegentlich vom Lorenzo im Merchant of Venice:


»How every fool can play upon the world! I think, the best grace of wit will shortly turn into silence, and discourse grow commendable in none but parrots. – Good Lord, what a wit-snapper are you. – Yet morequarrelling with occasion? wilt thou shew the whole wealth of thy wit in an instant? I pray thee, understand a plain man in his plain meaning. –«


O dear discretion, how his words are suited!

The fool hath planted in his memory

An army of good words; and I do know

A many fools that stand in better place,

Garnish'd like him, that for a tricksy word

Defy the matter –


Hier hätte ich die vortreflichste Gelegenheit, dem Eiferer Schakespear einen glanzvollen Standort anzuweisen, ihn für einen großen Beförderer des guten Geschmacks, für einen Reformator des falschen Witzes auszugeben, und ihn bald mit Longin, bald gar mit – Gottscheden zu vergleichen. Aber ich bin saumselig genug, diese herrliche Veranlassung nicht zu nutzen, und ganz kaltsinnig anzumerken, daß es hier eben so sehr in Lorenzos Charakter war, über Wortspiele zu spotten, als in Launcelots, Wortspiele zu machen. Wie würden wir es sonst erklären, daß der Dichter an andern Stellen, wo er der Mühe, Wortspiele zu erfinden, gar hätte überhoben seyn können, so freygebig damit ist? Ich denke, es gieng ihm ziemlich, wie dem muntern Consul, dem Verfasser des Brutus, oder wie Swiften, der in einer eignen Art of punning den Unwitz der Wortspiele aus einander setzte, und doch selbst vielleicht der größte punster in England war.

[127] Und, ohne so viel Umschweife zu machen, wer könnte auch wol läugnen, daß es Wortspiele giebt, die wenigstens eben so scharfsinnig sind, als das witzigste bon mot in einer französischen Biographie?


Mantua vae miserae nimium vicina Cremonae!


Dieser correcte Hexameter des Virgil, den derDechant von Dublin in ein Wortspiel travestirte, als ein Frauenzimmer mit ihrem Manteau eine Cremoneser-Geige vom Nagel riß, war, wenn wir auf die Grundsätze des Witzes zurückgehen, ein wahresbon mot von ächtem Witze.


– – Quae juga Dauniae

Non decolor avere caedes?


ist ein Motto vor einer Ode unsers Rammlers, und ein – Wortspiel. Der oberwähnte Tullius trägt kein Bedenken zu behaupten, daß Wortspiele sogar der ernsthaftesten Rede einen neuen Schwung geben.Ex ambiguo dicta vel argutissima putantur, sed non semper in ioco, saepe etiam in grauitate versantur. Ingeniosi enim videtur, vim verbi in aliud atque caeteri accipiant posse ducere.

Solchergestalt hätte ich also Gründe beygebracht.Sie über diesen wichtigen Punkt zu befriedigen; hoffentlich auch den sel. Schlegel, wenn er noch lebte, der über das Wortspiel des M. Antonius sehr ungehalten war, weil er dem luxuriösen Witze dieses dafür bekannten Römers nichts nachsehen wollte. Wie aber, wenn ich Ihnen einen klaren Beweis beybringe, daß Schakespears Lebens-Jahre gerade das güldene Alter der Wortspiele waren, und daß König Jakob, der affektirteste Sprecher von der Welt, nicht nur seinem Hofe, sondern sogar der Kanzel den Ton gab? Werden Sie Popen oder Wielanden noch immer glauben, daß Stellen dieser Art nur für den untersten Pöbel da stehn? Mein Gewährsmann ist der Doctor Zachary Grey, der uns aus den Predigten des Bischofs Andrews, des gelehrtesten Prälaten zu Schakespears Zeit, folgendeAnthologie aufgehoben hat. Merken Sie sich zugleich, daß diese Predigten vor dem Könige gehalten worden: die erste über 1. Timoth. VI. 1.


[128] The mystery, hebt der Bischof an, here mentioned is the mystery of this feast (nämlich Christnacht), and this feast the feast of thismystery: for as at this feast God was manifested in the flesh, in that it is great mystery, it makes the feast great; in that is a mystery of godliness, it should likewise make it a feast of godliness great we grant, and godly too we trust: would God, as godly as great, and no more controversy of one than of the other.


Die zweyte über Ephes. I. 10.


Seeing the text is of seasons (gleichfalls Christnacht) it would not be out of seasons itself: and tho' it be never out of season to speak of Christ, yet Christ hath his seasons. Your time is always (says he John VII.), so is notmine; I have my seasons, one of which seasons is this, the season of his birth, by which all were recapitulated in heaven and earth, which is the season of the text, and so this atext of the season.


Und schließlich die dritte.


Upon a day of joy here is a text of joy, upon a day of joy for the King a text of a King in joy. For so we see there is in the text a King, and he joyful and glad – – And upon these two (nämlich auf die Befriedigung des Herzens und der Lippen) there is a sela. For these two, one would think, were able to content any. But thissela is no sela to God; he hath a sela, or anela above this sela – and this is the praevenisti of his goodness. – Satisfie the lips; petite et dabitur, speak and speed. Satisfie the heart,ave et habe, wish and have. Not only open thy mouth, but enlarge thy heart never sowide, and I will fill it; this is able to satisfieDavid, I think, and make him sing sela, which is their διαπασῶν.


[129] Der wichtigste Einwurf ist mir noch übrig – das Gezierte, Spitzfindige und Uebertriebne der diction, welches der englische Kunstrichter dem Mangel eines Musters für den theatralischen Dialog beymaß.

Ich habe Lust, mich bey diesen drey Punkten ein wenig aufzuhalten, weil meines Erachtens sehr viel darauf ankömmt, ob sie bey unserm Dichter so wesentliche Fehler sind, als Voltaire uns bereden will. Wenn ich für deutsche Nachahmer schriebe, so würde ich mich freylich lange bedenken, wie ich dieser Untersuchung eine Wendung geben sollte, daß sie keinen schädlichen Einfluß haben mögte; aber Sie und ich können, Dank sey unserer Trägheit, den Reizungen der knidischen Venus zusehn, ohne das Schicksal des jungen Menschen zu befürchten, dessen Lucian erwähnt 2.

Es ist eine alte Anmerkung, daß jede Nation gewisse eigne Wendungen und Schattirungen in ihrer Sprache habe, die einer andern Nation fremde, zuweilen gar seltsam und affektirt vorkommen. – Diese alte Anmerkung, werden Sie sagen, gilt nichts in gegenwärtigem Falle: denn die gerügten Fehler sind es auch bey den Engländern. – Sehr wohl! Sie geben mir also doch zu, daß das, was blos durch die Verdeutschung einen Anstrich des Fremden und Seltsamen erhält, aus der Rechnung ausgestrichen werden müsse; und wenn nun diese Verdeutschung gar eine Wielandische ist? – Doch davon nachher ein Mehrers.

Eine eben so alte, aber nur selten gemachte Anmerkung ist diese – nicht, wie Sie vielleicht vermuthen, daß jede Classe von Menschen in einer Staatsverfassung (auch das [130] ist wahr, und wird mir zu statten kommen), sondern – daß jedes Stufen-Alter des menschlichen Lebens etwas besonders in der Art sich auszudrücken habe, das sich zum Theil auf die Folge-Herrschaft der Seelenkräfte gründet.

Doch wol hoffentlich eine wichtige Anmerkung? – noch wichtiger, wenn Sie sich erinnern, wie selten diejenige Reihe von Schriftstellern, deren Haupt-Objekt die Natur ist, sie bey ihren Ausarbeitungen zu Rathe gezogen haben? Schakespear kannte sie, und nutzte sie. Wenn Sie daran zweifeln, so vergleichen Sie folgenden Ausdruck des knäblichen, des jugendlichen, des männlichen und des hohen Alters.


Knabe.

– – – Mercy on me!
Methinks no body should be sad but I;
Yet I remember when I was in France,
Young gentlemen would be as sad as night,
Only for wantonness. By my christendom,
So were I out of prison, and kept sheep,
I should be merrry as the day is long,
And so I would be here, but that, I doubt,
My uncle practises more harm to me.
He is afraid of me, and I of him;
Is it my fault, that I was Geffrey's son?
Indeed it is not, and I would to heav'n,
I were your son, so you would love me, Hubert.
Must you with irons burn out mine eyes?
And will you? –
Have you the heart? – When Your head did but ake,
I knit my handkerchief about your brows;
(The best I had; a Princess wrought it me)
And I did never ask it you again;
And with my hand at midnight held your head;
And, like the watchful minutes to the hour,
Still and anon chear'd up the heavy time,
Saying, what lack you? and where lies your grief?
Or what good love may I perform for you?
[131]
– – – – Will you put out mine eyes?
These eyes, that never did nor never shall
So much as frown on you? – –
Ah, none, but in this iron age would do it!
The iron of itself, tho' heat red-hot,
Approaching near these eyes, would drink my tears;
And quench its fiery indignation,
Even in the matter of my innnocence;
Nay, after that consume away in rust,
But for containing fire to harm mine eye.
Are you more stubborn-hard than hammer'd iron?
Oh! if an angel should have come to me,
And told me, Hubert should put out mine eyes,
I would not have believ'd him –
Alas! what need you be so boist'rous-rough?
I will not struggle, I will stand stone-still.
For heavn's sake, Hubert, let me not be bound.
Nay, hear me, Hubert, drive these men away,
And I will sit as quiet as a lamb.
I will not stir, nor wince, nor speak a word,
Nor look upon the iron angrily:
Thrust but these men away, and I'll forgive you,
Whatever torment you do put me to.
Jüngling.

These happy masks, that kiss fair ladies' brows,
Being black, put us in mind, they hide the fair;
He that is strucken blind, cannot forget
The precious treasure of his eye-sight lost.
Shew me a mistress, that is passing fair,
What doth her beauty serve, but as a note,
Where I may read, who pass'd that passing fair?
O she doth teach the torches to burn bright.
Her beauty hangs upon the cheeks of night,
Like a rich Jewel in an Aethiop's ear;
Beauty too rich for use, for earth to dear!
So shews a snowy dove trooping with crows,
As yonder lady o'er her fellows shows.
The measure done, I'll watch her place of stand,
And, touching hers, make happy my rude hand.
[132]
Did my heart love till now? Forswear it, sight,
I never saw true beauty, till this night.
Mann.

Between the acting of a dreadful thing,
And the first motion, all the interim is
Like a phantasma, or a hideous dream:
The genius, and the mortal istruments
Are then in council: and the state of man,
Like to a little Kingdom suffers then
The nature of an insurrection.– –
– – – O Conspiracy!
Sham'st thou, to shew thy dang'rous brow by night,
When Evils are most free? O then by day,
Where wilt thou find a cavern dark enough
To mask thy monstrous visage? Seek none, Conspiracy;
Hide it in smiles and affability:
For if thou put thy native semblance on,
Not Erebus itself were dim enough.
To hide thee from prevention.
Greis.

– – – I have five hundred crowns,
The thrifty hire I sav'd under your father,
Which I did store, to be my foster-nurse
When service shou'd in my old limbs lie lame,
And unregarded age in corners thrown;
Thake that; and He, that doth the ravens feed,
Yea, providently caters for the sparrow,
Be comfort to my age! Here is the gold,
All this I give you, let me be your servant.
Tho' I look old, yet I am strong and lusty:
For in my youth I never did apply
Hot and rebellious liquors in my blood,
Nor did I with unbashful forehead woo
The means of weakness and debility;
Therefore my age is as a lusty winter,
Frosty but kindly; let me go with you;
I'll do the service of a younger man
In all your business and necessities.
– – –

[133]
Master go on, and I will follow thee
To the last gasp with truth and loyalty.
From seventeen years till now almost fourscore
Here lived I, but now live here no more.
At seventeen years many their fortunes seek:
But at fourscore it is too late a week;
Yet Fortune cannot recompense me better,
Then to die well, an not my master's debtor.

Ich könnte diese Beyspiele häufen. Wer aber die feine Nuance in diesen vier Tiraden nicht wahrnimmt, nicht lebhaft empfindet, wie sehr in dem Charakter des Knaben das kindisch-rührende, wiewol spielende Raisonnement in der Diction selbst d.i. in derjenigen Diction, die das naive Bild der Seele ist, (denn von willkührlichen humoristischen Angewohnheiten, dergleichen Ben Jonson, Moliere u.a. genutzt haben, ist hier die Rede nicht) gegen den blühenden Ausdruck der Einbildungskraft in dem Charakter des Jünglings, gegen den starken Ausdruck der richtigen und vesten Denkungsart in dem Charakter des Mannes, und gegen den weichen Ausdruck der geprüften, itzt schwächern und zugleich weisern Seele des Greises absticht: – der mag immerhin mit den französischen Kunstrichtern Meteoren finden, wo die Natur in ihrer höchsten Schönheit erscheint, und die blöden Augen vest zudrücken. Sie, mein Freund, sind vor einem so unrühmlichen Verdachte sicher.

Schakespear unterschied eigentlich sieben Stufen-Alter, die ich Ihnen zur Abwechselung in dem meisterhaften Gemälde des grotesken Jacques beyfügen will.


– – – All the world's a Stage,

And all the men and women meerly Players,

They have their Exits and their entrances,

And one man in his time plays many parts:

His acts being seven ages. At first the infant

Mewling and puking in the nurse's arms;

And then the whining school-boy, with his satchel

And shining morning-face, creeping like snail

[134]

Unwillingly to school. And then the lover,

Sighing like furnace, with a woeful ballad

Made to his mistress' eye-brow. Then a soldier,

Full of strange oaths, and bearded like the pard,

Jealous in honour, sudden and quick in quarrel,

Seeking the bubble, reputation,

Even in the canon's mouth. And then the Justice,

In fair round belly, with good capon lin'd,

With eyes severe, and beard of formal cut,

Full of wise saws and modern instances;

And so he plays his part. The sixth age shifts

Into the lean and slipper'd pantaloon,

With spectacles on nose, and pouch on side,

His youthful hose well sav'd, a world too wide

For his shrunk shank, and his big manly voice,

Turning again toward childish treble, pipes,

And whistles in his sound. Last scene of all,

That ends this strange eventful History,

Is second childishness, and meer oblivion,

Sans teeth, sans eyes, sans taste, sans every thing.


Eben den Unterscheid, den ich Ihnen in der Diction der Stufen-Alter gezeigt habe, finden Sie auch in der Sprache der verschiedenen Stände so sein geschattet, daß Sie augenblicklich das Ideal eines Landmanns von dem Ideal eines Bauernknechts, dieses vom Kuhhirten, den Kuhhirten vom Schäfer, alle vier vom Handwerksmann oder Bürger, den Bürger vom Edelmann, den Edelmann vom Hofmann, den Hofmann vom Prälaten, den Prälaten von andern Geistlichen, den Gelehrten vom Ungelehrten, aller unzähligen mehr ausgemalten Charakter itzt nicht zu gedenken, augenblicklich in den kleinsten Zügen ihrer Art sich auszudrücken, erkennen können. Bey einer so sorgfältigen Beobachtung der Natur, bey einer so seltnen Richtigkeit in der peinture des details, war es freylich nothwendig, die Fehler und Auswüchse mit der Correction des Ausdrucks in gleichem Paare gehen zu lassen; und wer, ohne Rücksicht auf diese Bedingung,Schakespearn den Vorwurf einer übeln Wahl macht, zeigt ausdrücklich, daß er selbst nicht aufgeklärt genug sey, die verschiednen Gattungen der Nachahmung richtig aus einander zu setzen.

[135] »Gattungen der Nachahmung! – Wahl des Ausdrucks! höre ich Sie mir zurufen. Habe ich Sie endlich ertappt? Allerdings vermißt man die Wahl des Ausdrucks: denn was in einem solchen Grade die Natur selbst ist, wie kann das schöne Natur seyn?« –

Sie sehen wenigstens, daß ich gerecht bin, und keinen Zweifel vorbeylasse, der mit einigem Anscheine gemacht werden kann. Daß Schakespear Begriffe von der schönen Natur gehabt habe, ist unstreitig. Er selbst sagt von der Kunst:


She tutors Nature; artificial strife

Lives in those touches, livelier than life;

und wieder anderswo:

– – – I have heard say,

There is an art, which in their piedness shares

With great creating Nature –


aber eben so unstreitig, ist es, daß er in seinen Begriffen einer Nachahmung der schönen Natur – ich will nicht sagen, von dem Geschmack der alten Griechen und einiger Römer (denn diese haben hierinn fast einerley Grundsätze mit ihm gehabt) – von unserm heutigen französirten Geschmacke unendlich abweicht. Machen Sie, wenns Ihnen beliebt, ihm daraus ein Verbrechen; und verstatten Sie mir dagegen, weit mehr Vergnügen an jener zwangfreyen Natur zu finden, als an einer sogenannten schönen Natur, die aus Furcht, ausschweifend oder arm zu scheinen, in goldenen Fesseln daher schreitet. Say there be, antwortete Polixenes,


Yet Nature is made better by no man,

– – – – Over that art

Which, you say, adds to Nature, is an art,

That Nature makes –

und dieß ihr großes Kunststück ist das Werk des Genies, das mich immer intereßiren wird.
Fußnoten

1 Vielleicht. – So eine große Pflicht die Beobachtung des Ueblichen seyn mag, so frägt sichs doch, ob der Theater-Scribent nicht wider seinen eignen Vortheil handle, wenn er durch eine übertriebne Genauigkeit in der Zeichnung des Ausheimischen oder Antiken seinen Zeitverwandten unverständlich, oder gar abgeschmackt wird. Wenigstens hat sie dem Jonson bey diesen einen schlechten Dank erworben.

Die Sammler.

2 Obgleich diese kleine Neben-Betrachtung sehr richtig seyn kann, so glauben wir doch, daß das Publicum uns es kaum verzeihen würde, wenn wir sie beym Druck des L. Briefes nicht übersähen. Die Furcht vor Nachahmern darf wol einem Kunstrichter kein Bewegungsgrund seyn, gute Discußionen hintan zu setzen, wenn sie auch wirklich unverständigen Lesern nachtheilig werden sollten. Nachahmer werden immer seyn; sie können aber kein Uebel anrichten; und wenn dieß auch wäre, so ersetzt doch ein einziges Genie den Schaden von ihrer hunderten.

Die Sammler.

17. Brief
[136] Siebzehnter Brief.
Fortsetzung.

Wie weit sind wir gekommen? – Ich habe mich bemüht, Ihnen einige Theile in dem Detail der Sch. Schreibart aus einem bessern Lichte zu zeigen, als woraus sie gemeiniglich von übersichtigen Lesern, die sich mit ihrem halben Geschmack blähen, betrachtet werden. Machen Sie hieraus den Schluß, daß ich alle Fehler dieses Dichters aus einer Art von Prädilection vertheidigen wolle; so sind Sie gerade in dem Falle derjenigen Kunstrichter, die ein Stück aus dem Ganzen herausheben, und alsdann, im Schwindel ihrer eignen Vernünfteleyen lächelnd, vom Straucheln reden.

Sie trauen mir, ich bin davon überzeugt, eine bessere Fähigkeit zu, das Tadelhafte von dem Untadelhaften zu unterscheiden; und nur mit Ihnen kann ich mich von Fehlern eines großen Mannes unterhalten, ohne zu befürchten, daß er dadurch verkleinert werde. Es giebt Stellen in den Werken dieses ausserordentlichen Kopfs, die für uns schlechterdings abgeschmackt und unleidlich sind. Wenn Sie diese Stellen nicht alle der Verfälschung des Textes beymessen, welches allerdings ein sonderbares Vorurtheil wäre; so sind Sie doch billig genug, die Entstehungsart derselben gelten zu lassen, die ich Ihnen, ohngefähr mit den Worten eines seiner Editoren, angeben will.

»Man hat angemerkt, sagt Theobald, daß die Engländer, vermöge der Freyheit ihrer Staatsverfassung, und eines vorzüglichen Hanges zur Speculation, mehr Humoristen und eine größre Verschiedenheit von Original-Charaktern hervorbringen, als irgend eine andere Nation. Da aber diese sich wieder auf das eigentümliche Genie eines Zeitalters beziehen, so muß eine unendliche Reihe von Dingen, worauf der Dichter anspielt, dunkel und unverständlich werden, sobald diese Charakter veralten. Witz beruht ferner auf der Zusammenhaltung der Ideen, die sich mit einer gewissen Leichtigkeit, Schnelligkeit, mit einer Art von Gedränge [137] an einander reiben, und angenehme Bilder, wie Funken, in der Seele zurücklassen: Daher muß ein Schriftsteller, so oft Witz sein Gegenstand ist, viele Materialien und in einem weiten Umfange aufsuchen, und wenn dieser Schriftsteller gerade zu einer Zeit auftritt, in der eine wunderbare Affektation, gelehrt zu scheinen, herrschend ist, da man folglich vulgaire Ideen vermeidet, und durch den ganzen Kreislauf der Wissenschaften umherschwärmt, um Bilder der Kunst und seltne Aehnlichkeiten zusammen zu häufen: so muß er, falls er dem Geschmacke seiner Zeit nachgiebt, nothwendig von dem gebahnten Wege abgerathen, und dem gemeinen Haufen der Folgezeit wie ein verwilderter Mensch vorkommen. Solchergestalt war die Poesie des Donne, ungeachtet er der witzigste Kopf seiner Zeit war, nichts als ein aufgehäuftes Magazin von Räthseln; und Schakespear selbst verfällt bey aller Leichtigkeit seines Naturels nicht selten in diese fehlerhafte Manier. Noch eine andere Gattung der Dunkelheit fließt aus der ihm eignen Art zu denken, und aus der ihm eignen Art, seine Gedanken einzukleiden. Er hatte eine allgemeine Kenntniß aller Scienzen: aber sie war mehr die Kenntniß eines Reisenden, als eines Eingebohrnen. Kein Theil der Philosophie war ihm fremde: aber alles hatte für ihn die Reizungen und Stärke der Neuheit. Und da die Neuheit eine Quelle der Bewunderung ist, so sind seine beständigen Anspielungen auf die verborgensten Geheimnisse dieser Philosophie nicht sowohl ein pralerisches Geziere, als vielmehr eine Wirkung der bewunderten Neuheit. Hieraus entspringen diejenigen sonderbaren Wendungen des Ausdrucks, die man bey keinem andern Schriftsteller findet, und bey denen man mit mehrerm Grunde auf Schakespearn anwenden kann, wasAddison von Milton sagt: Seine Sprache sinkt unter ihm; sie war dem Umfange seines Ideals nicht gewachsen. Er bildete neue Worte, um die Neuheit und Mannigfaltigkeit seiner Begriffe auszudrücken, und bediente sich der veralteten, um diesen Begriffen ein feyerliches Ansehen zu geben.«

Wollen Sie noch mit Popen die Fehler in Anschlag [138] bringen, welche von den extemporirenden Schauspielern hineingelegt wurden, so bin ich auch damit zufrieden; und wir werden also ziemlich wissen, was wir von manchen Ungereimtheiten denken sollen, die den meisten Lesern so anstößig und unverdaulich sind.

Ich glaube mich lange genug bey Worten aufgehalten zu haben. Folgen Sie mir itzt in die höhern Gegenden der Composition, deren Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit unsere Meynung von seinem Geschmacke zu seinem Vortheile oder Nachtheile entscheiden muß.

Sie erinnern sich, daß ich Ihnen bereits zugegeben habe, Schakespears Drama sey nicht das Drama der Alten, und könne folglich keine Vergleichung dieser Art dulden. Dieß hindert aber nicht, daß diesesSchakespearsche Drama gewisse Grundsätze mit dem Griechischen gemein haben könne, die aus der Natur eines Ganzen herzuleiten sind.

Die Gattungen der dramatischen Composition, deren Polonius im Hamlet erwähnt, waren tragedy, comedy, history, pastoral, pastoral-comical, historical-pastoral, scene undividable, und poem unlimited. – Diese Eintheilung ist kritisch; und wir können nach ihr die Stücke unsers Dichters in folgende Classen abtheilen:


  • I. Tragedy. Macbeth. King Lear. Hamlet. Othello. Cymbeline. Timon of Athens. Troilus and Cressida. Romeo and Juliet.
  • II. History. Henry IV, Part I. II. Henry V. Richard III. King John. Henry VIII. Richard II. Henry VI, Part. I. II. III. Julius Caesar. Antony and Cleopatra. Coriolanus. Titus Andronicus.
  • III. Comedy. Merry Wives of Windsor. Measure for Measure. Twelfth-Night. Much ado about nothing. As you like it. All's well that ends well. Two Gentlemen of Verona. Taming of the Shrew. Comedy of Errors. Merchant of Venice.
  • [139] IV. Pastoral. Tempest. Midsummer-Nights-Dream.
  • V. Pastoral-comical. Winter's Tale.
  • VI. Historical-pastoral. Love's labour's lost.

Den Sturm und St. Johanns-Nachts-Traum werfe ich in die Classe der Pastoral, weil ich nicht weiß, wo ich sie eigentlich hinbringen soll, da sie sich fast ganz der Natur der Oper nähern. Poem unlimited ist das Geschlecht, wozu sie ziemlich alle gehören: allein was meint Schakespear mit dem, was er scene undividable nennt? Ich müßte mich sehr irren, wenn wir hier nicht das Drama der Alten wiederfänden, das sich auf die Einheit des Orts gründet, das folglich zu Schakespears Zeiten nicht unbekannt war, sondern nur von einer andern Seite betrachtet wurde, als von der wir es betrachten, wenn wir es für die Regel des Sophokles, für die höchste Art der Composition, für das, was Laocoon in der Bildhauerey ist, halten, und demselben den obersten Standort anweisen, dem alle andere untergeordnet seyn müssen.

Bey dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, Ihnen einige Stellen aus dem nämlichen Hamlet auszuzeichnen, die uns den Zustand des damaligen Theaters und Schakespears Urtheil davon auf eine für Sie und mich sehr unterrichtende Weise abbilden.Riccoboni selbst hätte einem Schauspieler keine nützlichere Lehre geben können, als Hamlet hier thut.


Speak the speech, I pray you, as I pronounc'd it to you, trippingly on the tongue. But if you mouth it, as many of our players do, I had as lieve, the towncrier had spoke my lines. And do not saw the air too much with your hands thus, but use all gently: for in the very torrent, tempest, and, as I may say, whirlwind of your passion, you must acquire and beget a temperance that may give it smoothness. Oh, it offends me to the soul, to hear a robustious periwig-pated fellow tear a passion to tatters, to very rags, to split the ears of the groundlings: who, for the most part, are capable of nothing, but inexplicable[140] dumb shews and noise: I could have such a fellow whipt for o'erdoing Termagant; it out-herods Herod. Pray you, avoid it. – Be not too tame neither; but let your own discretion be your tutor. Suit the action, with this special observance, that you o'erstep not the modesty of Nature; for any thing so overdone is from the purpose of playing, whose end, both at the first and now, was and is, to hold as 'twere the mirror up to nature, so shew Virtue her own feature, scorn her own image and the very age and body of the Time, his form and pressure. Now this overdone or come tardy of, tho' it make the unskilful laugh, cannot but make the judicious grieve: the censure of which one must in your allowance o'erweigh a whole theatre of others. Oh, there be players that I have seen play, and heard others praise, and that highly, (do not speak it prophanely), that have so strutted and bellow'd, that I have thought some of Nature's journeymen had made men, and not made them well; they imitated humanity so abominably. – And let those, that play your clowns, speak no more than is set down for them; for there be of them that will themselves laugh to set on some quantity of barren spectators to laugh too; though, in the mean time, some necessary question of the Play be then to be considered. That's villainous, and shews a most pitiful ambition in the fool that uses it.


Bey folgender Stelle:


I heard thee speak me a speech once; but it was never acted, or if it was, not above once; for the Play, I remember, pleas'd not the million, 'twas Caviar to the general; but it was, as I receiv'd it and others, (whose judgement in such matters cried in the top of mine) an excellent play, well digested in the scenes, set down with as much modesty as cunning. I remember, one said, there was no salt in the lines, to make the matter savoury; nor no matter in the phrase, that might indict the author of affection; but call'd it an honest method etc. –


macht Warburton folgende Anmerkung, von der Sie übrigens glauben mögen, was Ihnen gut deucht:


This episode was Shakespear's own. He was desirous of restoring the chastness and regularity of the ancient [141] stage, and therefore compos'd this Tragedy on the Model of the Greek Drama, as may be seen by throwing so much action into relation. But his attempt proved fruitless, and the raw taste, then prevalent, forced him back again to his old manner; for which he took this revenge upon his audience.


Ich eile von dieser Excursion zu der Quelle selbst zurück, um zu prüfen, was Schakespears Theorie für Einfluß auf seine Ausübung gehabt habe.

In keinem seiner Schauspiele habe ich in dieser Absicht mehr Anlage gefunden, als in den lusti gen Weibern zu Windsor, und in den Irrungen, deren ersteres mit wenigen Veränderungen eine vollkommene Komödie im molierischen, sowie das zweyte, das mit dem Imposteur malgré lui, einem Entwurfe des ältern Riccoboni, die größte Aehnlichkeit hat, eine im italienischen Geschmack werden könnte, wenn es nicht besser wäre, ihnen ihr air national zu lassen, als sie in erborgter Tracht unter Fremden zu nationalisiren. Da eine umständliche Untersuchung dieser beiden Lustspiele hier an ihrem Orte ist, so erlauben Sie mir, das Kunstwerk des Dichters Stück für Stück auseinander zu legen.


I.

Die lustigen Weiber

zu Windsor.


Man setzt voraus, daß der würdige Sir John Falstaff, weiland sehr gepriesener Gefährte K.Heinrichs V., nachdem der Lord-Mayor ihm einen gewissen guten Rath, sein künftiges Leben betreffend, ertheilt hatte, seinen Aufenthalt nach dem angenehmen Windsor verlegte, um die noch übrigen Tage seiner Wanderschaft mit Humor, Sect und feinem Frauenzimmer vergnügt und löblich zurück zu legen.

Ausser den Freunden und Bekannten, die wir ehemals in seiner Gesellschaft zu sehen die Ehre gehabt, nämlich den Hrn. Bardolph, Pistol, Nym, imgleichen dem Friedens-Richter Robert Schallow Esqu., treten hier noch verschiedne andere Personen auf, die eine sehr reizende Groupe [142] ausmachen. Da sind Sir Hugh Evans, (Ein Walliser Pfarr), Dr. Cajus, (ein französischer Arzt), die Herren Page und Ford, nebst ihren beiden lustigen Damen, Hr. Fenton (der glückliche Anbeter der jungen und blühenden Mrs. Anna Page, einer Tochter des Hrn. Page Gentl.); nebst verschiednen andern geehrten Personen, die wir beyläufig näher kennen lernen werden, und unter denen sich SquireSlender, ein ganz besondrer Liebhaber der gedachten Mrs. Anna Page, und Cousin des SquireSchallow, befindet, der uns die Abwesenheit des durch die Weisheit seines Stillschweigens so sehr vor andern Sterblichen hervorragenden Hrn. Silence nicht übel ersetzt.

Vorläufig ein paar Worte von der Episode. Diese machen die drey Verehrer der Mrs. Anna Page, nämlich Hr. Fenton, Hr. Slender und Dr.Cajus, ein sehr hitziger Kopf, der um den Verlust seiner Muttersprache gerade so viel Englisch eingetauscht hat, daß er keine von beiden redet. Hr.Slender liebt seine Schöne theils, weil ihr der Großvater 700 Pf. vermacht hatte, theils because she speaks small like a woman, welches ihn so sehr entzückt, daß er, nachdem er seine Liebes-Erklärung Einmal angebracht, und mit ihr eine ernsthafte Unterredung, seinen Muth gegen den Baron Sackerson, und seinen Appetit zum Essen betreffend, gehalten hat, wenig mehr zu sagen weiß, als die oft wiederholte Exclamation: Ah, sweet Anne Page! und ein bischen flat nonsense. Den Rest dieser Episode bis auf die vortrefliche Entwickelung des Ganzen kann ich Ihnen mit zwey Worten beschreiben. So wie der Vater auf Hrn. Slenders Seite ist, so ist es die Mutter zum Vortheil des Dr. Cajus, und die Tochter zum Vortheil des jungen Fenton.


Vorbereitung.


In einem geheimen Rathe, den Falstaff mitPistol und Nym hält, erklärt der erstere, daß er sein Augenmerk auf Mrs. Ford gerichtet habe, die, wie man sagt, ihres [143] Mannes Rentmeister ist; und nebenher auch der Frau Page seine Aufwartung machen wolle,


who even now gave me good eyes too, examin'd my parts with most judicious Jliads (ocillards) – some-times the beam of her view guilded my foot, some-times my portly belly –

Then did the Sun on dunghill shine (sagt Pistol beyseite) –

O she did so course o'er my exteriors with such a greedy intention, that the appetite of her eye did seem to scorch me up like a burning-glass. Here's another letter to her; she bears the purse too; she is a region in Guiana, all gold and bounty. I will be Cheater (Escheator) to them both, and they shall be Exchequers to me; they shall be my East- and West-Indies, and I will trade to them both. –


In dieser rühmlichen Absicht wird Pistol mit einem Briefe zu Frau Page, und Nym mit einem andern zu Frau Ford abgefertigt.

Falstaff geht ab. Pistol und Nym, die schon lange ihre Rechnung nicht mehr bey ihm gefunden haben, zetteln eine Conspiration wider ihn an, und verabreden sich, die Cabale den beiden Ehemännern zu verrathen; welches den Knoten schürzt.Page hat alles mögliche Zutrauen zu seiner Frau;Ford hingegen ist eifersüchtig, und diese Eifersucht giebt im Folgenden zu den lächerlichen Situationen Anlaß, die ich Ihnen auszeichnen werde.

Im zweyten Act tritt Mrs. Page mit dem Liebesbriefe des Falstaff auf, kann sich über seine Verwegenheit nicht genug wundern, und sinnt auf Rache. Mrs. Ford kömmt ihr mit dem andern in den Weg; sie eröffnen sich die Geheimnisse der Falstaffischen Liebe, und berathschlagen, wie sie sich am bequemsten an dem fetten Knight rächen wollen.


Erste komische Situation.


Um in seinem Vorhaben, die Untreue seiner Frau aufzudecken, desto glücklicher zu seyn, erwähltFord den Weg Lader Verkleidung und der Verfälschung seines Namens, den er in Brook verwandelt; worauf er zu Falstaffen [144] geht, ihm seine Liebe zu Frau Ford entdeckt, und ihn durch Bestechungen zu bewegen sucht, daß er ihm bey ihr behülflich sey. Falstaff verspricht güldne Berge, und um ihn zu überführen, daß seine Versprechungen keine leere Rotomontaden sind, giebt er ihm von dem Fortgange seines eignen Glücks bey der Frau Ford die umständlichste Nachricht; und die beiden Freunde scheiden mit den zärtlichsten Versicherungen aus einander.


Zweyte Situation.


Sir John Falstaff kömmt auf das Appointement der Frau Ford durch eine Hinterthüre, bezeugt ihr seine Entzückungen, wird aber bald durch ein Geräusch seines Pagen Robert unterbrochen, der die Ankunft der Frau Page (so hatten die beiden Damen es verabredet) anmeldet. Falstaff versteckt sich in möglichster Eile. Frau Page macht der Frau Ford die bittersten Vorwürfe, und räth ihr zugleich, als eine Freundin, auf ihre Sicherheit bedacht zu seyn, indem Herr Ford schon von der ganzen Intrigue Nachricht habe, und eben itzt mit einer Menge von Zeugen sich nähere, um ihre Schande der ganzen Welt bekannt zu machen. Falstaff, der dieß anhört, kömmt halb athemlos aus seinem Winkel hervor, und bittet bey allen Göttern, ihn vor der Wuth des aufgebrachten Mannes zu verbergen. Sie stecken ihn demnach in einen großen Korb voll schmutziger Wäsche, den Frau Ford aus großer Vorsicht und Behutsamkeit sogleich nach der Bleiche schickt.


Dritte Situation.


Indem die Kerle den Waschkorb und Falstaffen unter der Wäsche forttragen, kömmt Ford in der Gesellschaft seiner Freunde, das Haus zu durchsuchen; und da diese Haussuchung nicht nach Wunsch abläuft, wird er oben darein genöthigt, vor der ganzen Gesellschaft seiner Frau Abbitte zu thun: eine sehr drolligte Scene.


[145] Vierte Situation.


Falstaff erzählt Bardolphen den unglücklichen Verlauf seines Abenteuers: die verwünschten Kerle warfen ihn samt aller Wäsche in die Themse.


with as little remorse as they would have drown'd a birch's blind puppies, fifteen in the litter – and you may know, by my size, that I have a kind of alacrity in sinking; if the bottom were as deep as hell, I should down. I had been drown'd, but that the shore was shelvy and shallow: a death that I abhorr; for the water swells a man; and what a thing should I have been, when I had been swell'd! I should have been a mountain of mummy. – Now, is the Sack brew'd?


Fünfte Situation.


Mrs. Quickly, eine Haushälterin des Dr.Cajus, und eine mitleidige Unterhändlerinn für alle, die an der Liebe darnieder liegen, kömmt im Namen der Frau Ford, dem Sir John ihren Kummer über den schlimmen Zufall mit der Wäsche zu bezeugen, und ihn zu bitten, daß er sich morgen wieder einfinden möge, weil ihr Mann auf die Falken-Jagd gehen wird; welches der Knight auch, nach einigen Ausbrüchen seines Zorns, so gutherzig ist, zu versprechen.


Sechste Situation.


Falstaff, der sich schon gewundert hatte, daß Herr Brook noch seitdem nicht wieder gekommen sey, ist sehr froh, da er seinen Freund herannahen sieht, dem er darauf die ganze Begebenheit erzählt, und sich mit ihm über den listigen Streich, den er dem Ford mit dem Waschkorbe gespielt, rechtschaffen lustig macht. Neue Versprechungen. Der verkleideteFord bleibt, nicht in der angenehmsten Gemüthsfassung, zurück.


Hum! ha! is this a vision? is this a dream? do I sleep? – Master Ford, awake! awake, master Ford! There's a hole made in your best coat, master Ford; this 'tis to be married! this 'tis to have linnen and buck-baskets! well, I will proclaim [146] myself, what I am; I will now take the lecher; he is at my house; he cannot 'scape me; 'tis impossible, he should; he cannot creep into a half-penny purse, nor into a pepper-box. But, lest the devil that guides him should aid him, I will search impossible places; tho' what I am, I cannot avoid, yet to be what I would not, shall not make me tame: if I have horns to make one mad, let the proverb go with me; I'll be hornmad.


Siebente Situation.


Da Falstaff eben mit der Frau Ford auftritt, kömmt auch Frau Page. Wieder Vorwürfe! Wieder Nachrichten von der Eifersucht des Herrn Ford! Großes Schrecken des Falstaff! Man entschließt sich, ihm die Kleidung eines alten Weibes vonBrainford überzuwerfen, und ihn so, unerkannt, entschlüpfen zu lassen.


Achte Situation.


Ford mit seiner Gesellschaft. Der Waschkorb wird aus dem Hause getragen; Ford läßt ihn sehr emsig durchsuchen, wie man leicht erachten kann, und findet zu seiner Bestürzung nichts als Wäsche darinn.

Frau Page kömmt mit dem vermeynten altenBrainforder-Weibe die Treppe herunter; undFord prügelt die letztere, die er schon lange für eine ausgemachte Hexe gehalten hat, mit vielem Geschrey zum Hause hinaus.

Die lustigen Weiber sind des Spaaßes fast müde; sie entdecken ihren Männern die ganze Cabale, und machen, mit ihrer Genehmhaltung, den Entwurf zu dem letzten Streiche, den sie Falstaffen spielen wollen: ein wahrer Meisterstreich, der aber, wider ihre Absicht, den Knoten auf eine ganz unvermuthete Art entwickelt.

Das Project ist folgendes: Frau Ford und FrauPage wollen Falstaffen zur Mitternacht imWindsor-Walde unter einer Eiche eine Zusammenkunft berahmen, wohin er sich, in einer Hexen-Verkleidung, wie Herne, mit Hörnern vorm Kopf etc., verfügen soll, damit er desto weniger erkannt werde.

[147] Zu eben der Zeit soll die junge Mrs. Anna, nebst ihrem Bruder William und andern Kindern, alle in der nämlichen Gestalt, als Hexen und Nacht-Gespen ster verkleidet, mit Fackeln in der Hand etc. erscheinen, den guten Falstaff mit ihrem Zauber-Getöne erschrecken, und ihn derbe zurichten; alsdann werden die übrigen Anwesenden zum Vorschein kommen, ihm die Hörner abnehmen, und ihn auf immer beschämen.

Der Pfarrer Evans erbiethet sich, die Kinder in ihrer Rolle zu unterrichten.


Entwickelung.


Bey obigem Entwurfe hatten die Partheyen mehr als Eine Absicht. Frau Page hatte ihrem Manne gesagt, daß sie ihre Tochter in Weiß verkleiden wolle, um die Königinn der Feen vorzustellen; giebt ihr aber heimlich eine grüne Tracht, und steckt es dem Doctor, damit er sie in diesem Aufzuge entführen könne, wenn die übrigen Personen mit Falstaffen beschäftigt sind.

Einen ähnlichen Wink giebt Page, seiner Frauen unbewußt, dem zärtlichen Slender.

Die Tochter aber betrügt beide, und Fenton ist es, der mit ihr davon geht.

Episode und Haupt-Handlung fließt hier ausnehmend schön zusammen.

Das Uebrige können Sie errathen. – Obgleich alle Partheyen nur Eine Intrigue, nämlich die Beschämung des Falstaff, zum Zweck zu haben scheinen, so hat doch jede ihre eigene.

Wie es überdacht war, wird es auch ausgeführt.Cajus stiehlt einen grünen, Slender einen weissen Jungen, und Fenton die Braut. Nichts kann lächerlicher seyn, als die Erkennung. Was aber Einmal geschehen war, läßt sich nicht ändern; das junge Paar hat sich in aller Stille bereits trauen lassen; Falstaff hatte seine Scharte weg: und der Spaaß hat ein Ende.

[148] Sie sehen ohne meine Erinnerung, wie glücklich der Dichter die Situationen, die in der Fabel liegen, herausgehoben, und mit wie vielem Geschmack er sie angeordnet habe. Die Eine präparirt beständig die andere, und das Komische der Handlung steigt mit ihrem Fortgange.

Sollten Sie hieraus schliessen, daß dieses Komische eben darum in die Manier falle, welche die Franzosen das trop chargé nennen; so kann ich Ihnen sagen, daß Schakespear das Gemälde vortreflich mit kleinen Zwischen-Scenen abgeändert habe, die, wenn ich ein paar ausnehme, welche sich durch das Beyspiel der Franzosen autorisiren lassen, und grosse Schönheiten haben, vollkommen in den Ton des Ganzen stimmen, und die Action beständig einen Schritt weiter bringen, ungeachtet dieß nur das geringste ist, was man zu ihrem Lobe sagen kann.

Ich will Ihnen von einer dieser Zwischen-Scenen eine Uebersetzung unsers W. beytragen.

(Doctor Cajus hatte den Pfarrer Evans auf den Degen gefordert, weil er sich in Slenders Angelegenheiten hatte brauchen lassen. Evans erwartet seinen Gegner.)

Evans. Alle gute Geister! wie steigt mir die Cholera! wie zittert mir's Herzlein! Ich werde froh seyn, wenn ich mich betrogen hab' – Wie melancholisch ich bin! Ich will seiner Schurkheit die Urin-Gläser an dem Milch-Schädel entzwey klopfen, wenn ich nur erst eine gute Gelegenheit abseh'! Alle gute Geister!(Er singt in der Angst.)


Am seichten Bach, am Wasserfall

Schlägt munter jede Nachtigall,

Und weckt mit ihrem Madrigal

Aus jeder Felsen-Wand im Thal

Den Wiederhall, den Wiederhall.


Am seichten – Gott behüt' mich! ich hab' eine große Disposition zu weinen – Schlägt munter jede Nachtigall – An Wasserflüssen Babylon – Den Wiederhall, den Wiederhall – Am seichten – u.s.w.

Simpel (Slenders Bedienter.) Dort kömmt er, dort auf jenem Wege, Sir Hugh.

[149] Evans. Er'st willkommen. – Am seichten Bach, am Wasserfall – Sey gnädig dem Gerechten! was für Waffen bringt er mit sich?

Simpel. Keine Waffen, Sir. – Es ist mein Herr, Herr Schallow, und ein andrer Gentleman vonFrogmore; dort steigen sie über den Steg, der gerade auf uns zuführt.


Page, Schallow und Slender.


Schallow. Wie nun, Herr Pfarrer? guten Morgen, guten Morgen, Sir Hugh. Haltet mir einen Spieler von seinen Würfeln, und einen Gelehrten von seinen Büchern ab – und ich werde von Wunder sprechen.

Slender. Ah, süße Anna Page!

Page. Guten Morgen, guter Sir Hugh.

Evans. Gott sey bey euch! Gott sey bey euch! Der Herr segne euch alle –

Schallow. Wie? Das Schwert und das Wort? Studirt ihr beides, Herr Pfarrer?

Page. Und so jugendlich angekleidet, in Wamms und Hosen, an diesem rauhen feuchten Tage?

Evans. Es hat Ursachen und Grund-Ursachen –

Page. Wir sind hergekommen, euch einen guten Dienst zu leisten, Herr Pfarrer.

Evans. Wohl, wohl! worinn besteht er?

Page. Nicht weit von hier ist ein sehr venerabler Gentleman, der vermuthlich von Jemanden mag seyn beleidigt worden, und darüber mit seinem eignen guten Namen so übel zerfallen ist, daß ihr nie dergleichen werdet gesehen haben.

Schallow. Nun bin ich achtzig Jahre alt, und darüber: aber niemals habe ich von einem Manne seines Ansehens, seiner Gravität und Gelehrsamkeit gehört, der seinen Respect so weit aus den Augen gesetzt hätte.

Evans. Wer ist er?

Page. Ich denke, ihr kennt ihn? Herr DoctorCajus, der berühmte französische Medicus.

[150] Evans. Wächter Israels! und seine heilige Paßion meines Herzens! – es wäre mir eben so lieb gewesen, ihr hättet mir von einer guten Schüssel Suppe gesprochen.

Page. Wie das?

Evans. Er hat nicht mehr Belesenheit im Hippokrates und Galen – überdem ist er ein Lumpenhund – ein so feiger, verfluchter Lumpenhund, als ihr jemals mögt Lust gehabt haben, einen kennen zu lernen.

Page. Was gilts, wir haben den Mann vor uns, der sich mit ihm schlagen sollte.

Slender. O süße Anna Page!


Gastwirth, Cajus, Rugby, (sein Bedienter.)


Schallow. Man sollte es wenigstens aus den Waffen schliessen. Haltet sie von einander. Hier ist Doctor Cajus.

Page. Nicht doch, guter Herr Pfarrer, laßt die Klinge stecken.

Schallow. Und ihr auch, guter Herr Doctor.

Gastwirth. Entwaffnet sie, und laßt sie zur Erklärung kommen. Laßt sie in ganzer Haut aus einandergehen, und lieber unsre Engländer klein hacken.

Cajus. Ich bitt – ä, laßt mir ein Wort mit euer Ohr sprechen. Warum seyd ihr nicht aufs – ä Rendesvous kommen?

Evans. Ich bitt euch, verlieret die Geduld nicht.

Cajus. Bey Gott, ihr seyd der feige Memm', der Poltron, der Hugh Hasenpfaff.

Evans. Ich bitt euch, laßt uns den Spottvögeln hier nicht zum Gelächter werden. Ich bitt euch in aller Freundschaft und Liebe, und will euch auf eine oder andre Art Satisfaction verschaffen. Ich will euch eure Urin-Gläser an eure schurkigten Milchschädel schmeissen, daß ihr mir nicht auf den abgeredeten Platz gekommen seyd.

Cajus. Diable! Jack Rugby! mon Host de jarterre! (garter) hatte ich nicht nach ihn gewartet, ihn zu massacriren? nicht auf die Platz appointirt?

[151] Evans. So gewiß, als ich eine Christen-Seele im Leibe habe, dieß ist der Platz. Ich bin und nehme hier diesen Herrn Gastwirth zum Hosenband als Richter in der Sache.

Gastwirth. Friede, sag ich, Gallia und Gaul, Franzmann und Walliser, Seelen-Arzt und Leib-Arzt.

Cajus. Ey, das ist parfaitement gut, excellent.

Gastwirth. Friede, sag ich, hört den HerrnGastwirth zum Hosenbande! Bin ich ein Politicus? bin ich verschlagen? Bin ich ein Macchiavel? Soll ich meinen Doctor verliehren? Nein, er giebt mir die Potions und die Motions. Soll ich meinen Pfarrer verliehren? meinen Priester? meinen Sir Hugh? Nein, er giebt mir die Sprüchwörter und die Nichtswörter. Deine Hand her, Erdenmann; so! – Deine Hand her, Gottesmann; so! – Ihr Jungens, ich habe euch durch meine Kunstgriffe beide betrogen; ich habe euch nach verschiednen Wahlplätzen hingewiesen; eure Herzen sind gewaltig, eure Haut ist ganz, laßt itzo guten Sect-Branntewein den Ausgang dieses Handels seyn. Kommt, legt die Schwerter zum Unterpfand hin. Folge mir, wer ein Kind des Friedens ist, folgt, folgt, folgt!

Schallow. Auf mein Wort, ein vertrackter Wirth; folgt ihm, ihr Herren, folgt ihm!

Slender. O süße Anna Page!

(gehn ab.)


Der Ort der Haupthandlung ist die vier ersten Acte hindurch beständig ein einziger, und kann bey einer mäßigen Geschicklichkeit des Theater-Meisters durchaus im ganzen Stücke unverändert bleiben; so bald der Wald im Hintergrunde der Bühne am Ende einer Gasse liegt. Man muß bey den Einheiten der Franzosen wol ganz andre Schwierigkeiten verdauen, und hat nicht einmal den Vortheil, den Widerspruch mit einer vernünftigen Nachsicht heben zu können.

Von der Einheit der Zeit brauche ich nicht viel Worte zu machen. Jedermann sieht, daß sie in weniger als 24 Stunden vor sich gehen kann, und folglich innerhalb [152] der Gränzen bleibt, welche die Kritici der Dauer einer theatralischen Handlung setzen.

Der Handlung habe ich schon erwähnt. Es ist nur Eine Haupthandlung da, mit der die Episode nach den regelmäßigsten Mustern verflochten ist, und am Ende so sehr zusammenwächst, daß die Auflösung der einen zugleich die Auflösung der andern wird.

In diese große und mannigfaltige Einheit, mit der sich vielleicht jeder andere correkte Dichter begnügt hätte, hat Schakespear noch so viel andere Züge von Sitten, Humor und Charakter, seiner unterscheidenden Sphäre, hineingelegt, daß ich mich nicht enthalten kann, diesem Lustspiele unter allen blos komischen Theater-Stücken eine der vornehmsten Stellen einzuräumen.


II.

Die Irrungen.


Ich war willens, mit dem zweyten Lustspiele auf eben diese Art fortzufahren: da ich aber merke, daß meine Briefe allzuweitläuftig werden; so begnüge ich mich, die wichtigsten Situationen wie mit einem Fingerzeige anzudeuten.


  • 1. Antipholis von Syrakus schickt den Dromio von Syrakus mit einer Summe Geldes nach dem Centaur.
  • 2. Dromio von Ephesus kömmt von Hause; Antipholis von Syrakus fängt ihn auf, und verlangt Rechenschaft von dem Gelde, womit er ihn nach dem Centaur geschickt hatte.
  • 3. Dromio von Ephesus gibt der Adriana Nachricht von dem Betragen seines vermeynten Herrn.
  • 4. Dromio von Syrakus und Antipholis von Syrakus gerathen darauf an einander.
  • 5. Adriana macht dem Letztern, den sie für ihren Mann ansieht, Vorwürfe, und nimt beide mit sich nach Hause.
  • [153] 6. Antipholis von Ephesus und Dromio von Ephesus nebst dem Gold-Juwelier.
  • 7. Antipholis von Ephesus wird nebst Dromio von Ephesus aus seinem eignen Hause ausgesperrt.
  • 8. Antipholis von Syrakus thut der Luciana einen Liebes-Antrag.
  • 9. Dem Dromio von Syrakus wird von einem alten Weibe im Hause ein ähnlicher Antrag gethan, weil sie ihn für ihren Mann nimmt.
  • 10. Angelo dringt die vom Antipholis von Ephesus bestellte goldne Kette dem Antipholis von Syrakus auf.
  • 11. Angelo verlangt die Bezahlung für seine Kette vom Antipholis von Ephesus.
  • 12. Dromio von Syrakus kömmt dazu, und bringt dem Antipholis von Ephesus die räthselhafte Nachricht, daß das bestellte Schiff in Bereitschaft liege.
  • 13. Luciana eröffnet ihrer Schwester Adriana die vermeynte Untreue des Antipholis von Syrakus.
  • 14. Antipholis von Ephesus wird vom Angelo wegen der Kette in Verhaft genommen; Dromio von Syrakus, der sich einbildet, es sey sein Herr, dem dieser Unfall begegnet, meldet es seiner Wohlthäterinn, der Adriana.
  • 15. Antipholis von Syrakus wundert sich, daß ihn die Epheser als einen alten Bekannten auf der Gasse anreden.
  • 16. Dromio von Syrakus freuet sich, seinen Herrn wieder auf freyem Fuß zu sehen, und giebt ihm so das Lösegeld, womit ihn Adriana zur Befreyung des andern abgeschickt hatte.
  • 17. Die Courtisane redet den Antipholis von Syrakus an, weil sie ihn für ihren Bekannten, den Epheser, hält.
  • 18. Antipholis von Ephesus tritt mit dem Kerkermeister auf. Dromio von Ephesus bringt ihm einen Strick, den er auf Befehl des andern Antipholis [154] gekauft hatte, und bekömmt von diesem Strick eine Erkenntlichkeit für die vom syrakusischen Dromio vorher überbrachten Nachrichten vom Schiffe.
  • 19. Courtisane hatte den Antipholis von Syrakus für verrückt angesehen, weil er weder von ihr, noch von ihrem Ringe etwas wissen wollte. Sie eröffnet daher in ihrem Zorne der Adriana den Wahnwitz ihres Mannes, welche darauf diesen ihren Mann als einen Besessenen exorcisiren, und nachher gar binden läßt.
  • 20. Antipholis von Syrakus, dem der Kopf über alle die Abenteuer, die ihm auf der Gasse aufstoßen, schwindlicht geworden, springt mit gezogenem Degen aufs Theater. Adriana meynt, es sey ihr Mann, der sich seiner Bande entlediget habe, und läuft im Schrecken davon.
  • 21. Angelo trifft den Antipholis von Syrakus mit der goldnen Kette um den Hals an, die er ihm vorher aufgedrungen hatte. Darüber entstehn neue Händel und ein Gefecht. Der erwähnte Antipholis entspringt mit seinem eignen Dromio in ein Kloster.
  • 22. Adriana war über den Lärm dazu gekommen, und folgt den beiden Flüchtigen ins Kloster nach, wo sie ihn von der Priorinn zurückfodert, die sich dessen aber weigert.
  • 23. Weil eben der Herzog bey diesem Kloster vorbeykömmt, um der Hinrichtung des Aegeon beyzuwohnen, bringt Adriana ihre Klage bey ihm über die Weigerung der Priorinn an.
  • 24. Wiedererkennung und Entwickelung.

»Sehet da! würde ich ausrufen, wenn ich Batteux, und Schakespear Corneille wäre, sehet da Charakter und Situationen, die sich drehen und winden, sich vermischen, sich durchkreuzen, um ein einziges Gewebe zu machen. Aber dieses Gewebe ist so gedrungen, so mannigfaltig, so kühn, so natürlich, daß vielleicht nichts zu finden ist, was [155] dem menschlichen Verstande mehr Ehre macht. Man mußte die Stücke zurichten, sie zusammenpassen, sie mit einander verbinden, sie von einander abstechen lassen. Und was am meisten zu bewundern ist, alles ist voll, alles reich, ohne Künsteley und Affectation. Die Episode (nämlich die Verliebung des syrakusischen Antipholis) verflicht sich mit der Handlung, und hilft das Ganze erhöhen, interessanter machen. Der Geist darf nicht arbeiten, um dem Gange der Triebfedern nachzuspüren. Die Aufmerksamkeit, die er anwendet, zerstreuet ihn nicht. Schakespear hat Genie, alles ist bey ihm im Ueberfluß; man wird von Zwischenfällen überschwemmt; es kommen so viel Dinge zusammen, daß man fürchtet, es sey unmöglich, sie alle zu gebrauchen. Ein anderer hätte sieben oder acht Lustspiele aus diesem einzigen gemacht.«

Ich Armer aber, dem die Natur diese Gabe der Declamation stiefmütterlich versagt hat, merke schlechthin an, daß kein mir bekanntes Drama eine so verwickelte und zugleich so leicht zu übersehende Handlung habe, als dieß. Uebrigens mögen Sie das Gewebe von Situationen, das doch so natürlich in der Fabel selbst liegt, mit dem oberwähnten Entwurfe des Riccoboni, oder noch lieber mit der Calandra desBibiena, oder auch mit dem Amphitruo desPlautus und Moliere selbst vergleichen; mir ist es genug, den Ungrund des allgemeinen Vorurtheils aufgedeckt zu haben, daß es Schakespearn an Kunst fehle.

Zwar machen Schönheiten dieser Art noch immer keinen claßischen Dichter. Wenn Schakespear sich irgendwo dem Drama der Alten nähert, so ist es in den angeführten beiden Lustspielen: allein er nähert sich auch nur; sein Hauptcharakter scheint beständig durch, und seine Beobachtungen der Sitten ragen in einem weit höhern Grade hervor, als in welchem die lächerliche Seite der Unförmlichkeit Lachen erregt. Nicht als ob ich Schakespearn sehr glücklich preisen wollte, wenn er ein Aristophanes wäre – ich rede hier vom Drama überhaupt, und von Begriffen der Kunstrichter.

[156] Das zweyte dieser beiden Lustspiele ist auch bey weitem so correct nicht, als das erstere; es hat zwar eine noch einfachere Handlung, und keine einzige Scene, die nicht unmittelbar zum Fortgange derselben diente; der Zeitraum ist fast noch kürzer, als in jenem: aber der Ort wird desto öfterer verändert; und wenn jenes, mit Schakespearn zu reden, beynah Scene undividable ist, so mag dieses, aus eben dem Gesichtspunkte betrachtet, leicht Poem unlimited heissen; wiewol der Ort noch immer eine einzelne Stadt ist.

Aus dem Grunde, weil die Charakter in den Irrungen nichts als Bedürfniß der Action sind, und die Diction hin und wieder tadelhafter als gewöhnlich ist, hat Warburton vermuthlich (denn er selbst führt keinen Grund an) dieses Lustspiel verdächtig zu machen gesucht, als ob es Schakespearn nicht gehörte; ich finde aber nicht, daß irgend ein neuerer brittischer Kritikus, unter denen Edwards,Upton und Warton obenanstehen, diese Warburtonsche Vermuthung adoptirt habe. Daß in Ansehung der Charakter eine andre Manier darinn herrsche, als in vielen Schakespearschen Stücken, fällt jedem in die Augen: aber eben diese Manier finde ich im Kaufmann von Venedig und Was ihr wollet wieder, wo der Dichter Schritt vor Schritt an seinen Novellen hängen bleibt. Und wenn dieser Umstand etwas entscheiden sollte; so würden auch die lustigen Weiber von Windsor und die vergeblichen Bemühungen der Liebe schwerlich von Einem Verfasser seyn können. Schakespear ist sich in seinen verwandtesten Werken nie ganz ähnlich; die ausserordentliche Fruchtbarkeit seines Kopfs hilft ihm mehr, als irgend eine merkwürdige Delicatesse seines Geschmacks den Abweg vermeiden, der unter dem Worte Manier einen sehr bestimmten Tadel andeutet 1. Wie wenig überhaupt [157] den Kunstrichtern zu trauen sey, wenn sie, ohne irgend eine wichtige Autorität vor sich zu haben, den Verfasser eines alten Drama blos aus der Manier hervorsuchen wollen, kann ich Ihnen beyläufig aus einigen sonderbaren Widersprüchen beweisen. The two noble Kinsmen finden Sie nirgends unter Schakespears Werken. Pope sagt, dieses Schauspiel sehe Fletchern sehr wenig, und Schakespearn mehr ähnlich, als einige von denen, die für ächt angenommen werden. Warburton eignet es Fletchern zu, erkennt aber, nach einer alten Tradition, im ersten Acte Schakespears Hand,wiewol nach seiner schlechtesten Manier; und Seward, einer der Herausgeber der Fletcherschen Werke, beweist gar aus einerinnern Evidenz, daß Schakespear an den vier folgenden Acten mehr Antheil haben müsse, als an dem ersten. – Love's labour's lost wird vonPopen für unächt gehalten. Warburton hingegen räumt ihm unter den ächten Stücken in der dritten Classe seiner Rangordnung den zweyten Platz ein. Der nämliche Fall ereignet sich mit Winter's Tale, welches bey dem letztern sogar in der zweyten Classe angeführt steht, da Pope im Gegentheil es lieber gar ausmerzen mögte.

Verzeihen Sie mir diese abermalige Ausschweifung. Wenn meine Untersuchungen in den Schranken eines Buchs [158] lägen, statt der Rechte und der weiten Ausdehnung eines freundschaftlichen Briefes zu geniessen; so würde ich auf Ihre Nachsicht seltner Anspruch machen.

Fußnoten

1 So wahr dieß auch seyn mag, und wirklich ist, so tragen wir doch kein Bedenken, den Titus Andronicus mit Warburton und Pope aus dem Verzeichnisse der Schakesp. Werke auszustreichen. Kein einziges derselben gleicht diesen an horror und die modesty of Nature, die Schakespear oben bey Gelegenheit des Hamlet von einer theatrical performance foderte, ist so wenig darinn beobachtet, daß wir dieß Trauerspiel seinem Genie nicht nur unähnlich, sondern entgegengesetzt finden. Auch führt es in der ältesten Ausgabe von 1611 nicht einmal Schakespears Namen; und wiefern Manier etwas beweisen kann, mögten wir es lieberMaßingern zueignen, wenn wir einige Scenen ausnehmen, die Schakespear vielleicht, wie es damals üblich war, seinem Freunde zu Gefallen, hinein gearbeitet haben kann, maßen es bekannt genug ist, daß er an den Werken seiner Zeitverwandten,Beaumont, Fletcher, Jonson, Heywood, Rowley, Marston u.a. einen sehr freundschaftlichen und freygebigen Antheil genommen.

Die Sammler.

18. Brief
Achtzehnter Brief.
Beschluß.

Ein Haupt-Talent unsers Dichters als Virtuosen, ist der ungezwungne Vortrag seines Subjects, oder die Kunst zu präpariren, die ihm mancher Franzos beneiden mögte. Sie werden mir kein einziges Stück von ihm zeigen können, das eine so unvernünftige Vorbereitung hätte, als z.E. die doppelte Verkleidung des Saintfoix. Seine Entwickelungen sind auch fast durchgehends dem Theater recht gut angemessen, wenn sie gleich dem Leser nicht immer Genüge thun. Das stumme Spiel ersetzt in diesem Fall, was der Lectüre abgeht; und das einzige Stück, wobei Herr Wieland dem Dichter den Vorwurf macht, daß er schlecht entwickle, ist gerade eins der bestentwickelten, weil der Dichter das Resultat der Verwirrungen, die die ersten vier Acte interessant machten, in den fünften Act concentrirt, und ohne den Knoten zu zerhauen, dem Faden nachgeht, der ihn ganz natürlich bis ans Ende führt. Daß dieses Lob nicht von allen seinen Schauspielen, am wenigsten von denen, gelte, die an der Natur eines Divertissement gränzen, räume ich gerne ein; nur daß man ihm hier eine Kleinigkeit nicht zum Haupt-Fehler an rechne, und beständig die Anmerkung vor Augen habe, daß eine sorgfältige Entwickelung, die auch keine Nichtswürdigkeit unentschieden lassen will, den Zuschauer nothwendig weit mehr empören müsse, als eine, die ihm noch etwas zu errathen giebt, oder wenigstens durch die unerwartete Neuheit hinzugekommener Incidenzen seine Aufmerksamkeit im Gange erhält.

Ich habe meinen Endzweck erreicht. Ich habe gezeigt, daß es Schakespearn nicht an dramatischer Kunst fehlt, wo Kunst erfodert wird; und wer sie da sucht, wo [159] sie ohne Nachtheil des Interesse fehlt, z.E. in den historischen Schauspielen, streitet nicht mit mir.

Von diesen historischen Schauspielen sollte ich noch etwas beybringen. – Sie sind die roheste Gattung der dramatischen Kunst; aber sie haben von einer andern Seite große und unläugbare Vortheile für das dramatische Genie. Ich mögte sie der Nachahmung nicht anpreisen; ich will nur das Gute von ihnen sagen, was sich ohne Partheylichkeit nicht verschweigen läßt.

Nirgends ist der Dichter der Gefahr zu ermüden mehr ausgesetzt, als wo ihm die Bequemlichkeit fehlt, sich auf die Kunst zu stützen: eine Haupt-Ursache, warum alle Arten von Gedichten, deren Ganzes eine fortdauernde Beschreibung ist, auch bey den höchsten Schwüngen der Imagination misfallen.

Ein Theater-Scribent, der eine wohlgewählte und an sich selbst schon rührende Fabel hat, der dieser Fabel noch durch Hülfe eines vortreflichen Plans, an welchem alles frappirt, eine neue Stärke zu geben weiß, hat schon mehr als die Hälfte seiner Arbeit vollendet. Er darf der Skizze nur mit Pinsel und Palette folgen; wenn er sich im Detail auch nur mäßig anstrengt, so ist er doch sicher, daß das Ganze rühren werde; und er müßte ein ungemeiner Kunstverderber seyn, wenn er den Eindruck schlechterdings verfehlen sollte, der schon in der bloßen Erfindung und Zusammensetzung so wirksam ist.

Der Dichter der Historie (verstatten Sie mir dieses Kunstwort des alten brittischen Theaters) findet sich von allen diesen Hülfsmitteln entblößt. Er muß seine Geschichte nehmen wie sie ist; wenn er seine Charaktere nicht gut anzuordnen, ihnen nicht durch die Abstechung eine pittoreske Wirkung zu geben weiß, wenn er nicht einen Schatz von neuen, richtigen, anziehenden Beobachtungen des menschlichen Lebens in sich selbst hat, wenn er die Geschichte nicht mit den stärksten Fresco-Zügen zu treffen weiß, wenn die Zeichnung der Umrisse nicht das Leben selbst athmet: wie will er uns verargen, wenn wir gähnen? Dieß ist Kunst von [160] einer andern Art, und durch diese Kunst unterscheidet sich das Schake spearsche historische Drama von jenen Haupt-und Staats-Actionen, die unsre Großväter den ältesten Britten abgeborgt haben.

»Körper, sagt ein witziger Engländer, scheinen uns desto gigantischer, je regelloser sie gebauet sind,« – und argwohnt, daß wir die Größe des Schakespearschen Genies nach einem zu großen Maaße ausmessen.

Ich will itzt den wunderbaren Einfall, die Größe eines Genies nach dem Umfange der Zeiten, Oerter und Handlungen zu schätzen, nicht rügen: Lassen Sie uns aber dieses Gigantische, diese Regellosigkeit, diese bis zum Ekel verschrieene Wildheit ein wenig näher betrachten.

Das Aergste, was man von dem Dichter sagen kann, ist, daß er mit dem Epitomator einer Geschichte einerley Grundsätze habe, daß seine Vorstellungen, mit Hamlet zu reden, the abstract and brief chronicles of the time sind.

Allein ist das Alles? Hat Schakespear wirklich keinen weitern Endzweck, als blos ein großes Stück nach dem andern aus der Geschichte herauszuheben, und den Klumpen, so wie er da ist, den Zuschauern vorzuwerfen? – Ich muß mich plump ausdrücken, wenn ich mich in die Ideen dieser Kunstrichter versetzen soll. – Ist das im Ernste Alles?

Ich finde es nicht. Ich sehe durchaus ein gewisses Ganze, das Anfang, Mittel und Ende, Verhältniß Absichten, contrastirte Charakter, und contrastirte Groupen hat.

Im Richard II. sehe ich den Streit der schwachen königlichen Würde mit der Stärke und List der Conspiration. Bolingbroke auf der einen, Richard auf der andern Seite: welch ein Contrast! In der Abstufung der ihnen untergeordneten Charakter, welch eine Mannigfaltigkeit! Wie arbeitet alles zu Einem Haupt-Zwecke, dem Verderben des Königs, das doch so bald auf das Haupt der Verräther selbst zurückfällt! Hier ist der Spiegel des menschlichen Herzens. Die Lection würde für den Unterthan nicht so groß seyn, wenn der Dichter bey der Einheit einer Haupt-Handlung [161] stehen geblieben wäre, ohne die unausbleiblichen Folgen auf alle theilnehmende Personen mitzunehmen.

Bolingbroke ist König; der arme, zu spät bedauerte Richard ist nicht mehr; Bolingbroke ist Heinrich IV. Seine Freunde, die ihren Rücken willig vor ihm geschmiegt, ihn voreilig genug auf ihren Schultern zu dem hohen Kranze empor gehoben hatten, sind itzt seine verschwornen Feinde. Eine fürchterliche Cabale! Welch ein Gegenbild in denbeiden Haupt-Groupen! Hotspur,Douglas und Glendower, Helden von unbezwinglichem Muthe auf der Einen, und der ausschweifende Prinz von Wales mit seinen lüderlichen Gefährten auf der andern Seite. Nichts ist in diesem kühnen Gemälde überflüßig; der Schatten, den die Wildheit des Prinzen und seiner Cameraden auf seine Geburt und seinen persönlichen Charakter wirft, erhebt die Größe seiner bessern Handlungen, und zeigt den jungen Harry Percy in einem desto glänzendern Lichte. Der Dichter würde seinen Endzweck verfehlt haben, wenn er auf einem weniger dornigten Wege einhergetreten wäre.

Die Königinn Elisabeth, nicht der Pöbel, wie Herr Wieland vermuthet, fand an diesem Gemälde so viel Vergnügen, daß sie Schakespearn auftrug, die nämlichen Situationen noch Einmal auf die Bühne zu bringen; und so ward der zweyte Theil K.Heinrichs IV. der Pendant zu dem erstern, der mit diesem gleiche Anlage und gleiche Wirkungen hat.

Julius Cäsar ist ein Drama von eben der Gattung. Käme es hier blos auf den Tod des Usurpateurs an, so würde er der vorragende Charakter des Stücks seyn; Schakespear aber brauchte ihn nur zur Basis, um die Schicksale seiner Mörder auf seinen Fall zu gründen; und nichts kann treffender seyn, nichts zu lehrreichern Beobachtungen veranlassen, als das Unglück, das die Verschwornen wie auf der Ferse zu verfolgen scheint, in diesem und dem damit verbundnen Drama Antonius und Cleopatra, nach der Anführung des Dichters zu übersehen. [162] Was ist hier gigantisch? was wild? was unförmlich? Ich sehe hin und her, und erblicke nichts als – die Kleinfügigkeit seiner Kunstrichter.

Dehnen Sie diese Anmerkung, wenn es Ihnen, gefällt, auch auf die übrigen historischen Stücke unsers Dichters aus. Sie werden beständig eine malerische Einheit der Absicht und Composition beobachten, zu der alle Theile ein richtiges Verhältniß haben, und die eine Anordnung zu erkennen geben, welche, von dieser Seite betrachtet, dem Künstler eben so viel Ehre machen, als die vortrefliche Zeichnung der Natur dem Genie.

Man muß Schakespearn folgen können, um ihn zu beurtheilen. – Wer im König Lear nichts sieht, als den Narren, dem sey es erlaubt, mit einemsneer abzufertigen, was ihm drolligt scheint. Ich für meine Person bewundere den Dichter, der uns den schwachen Verstand dieses Königs durch den Umgang mit einem der elendesten Menschen so meisterhaft abzubilden weiß, und es befremdet mich nicht mehr, daß die Engländer diese Scenen, anstatt eines dummen Gelächters, mit mitleidigem Schauer über den Verfall und die Zerstöhrung des menschlichen Geistes betrachten. Voltaire mag immerhin über das Komische spotten, das er in den Liedern der Todtengräber beym Hamlet wahrnimt. Ich finde hier nichts Komisches. Der Umstand, daß diese Leute unter lauter Todten-Köpfen und Schedeln singen können, erhöht in mir das Tragische des Anblicks. Die Hexen im Macbeth scheinen Wielanden etwas Abgeschmacktes; mir scheinen sie ein glückliches Ideal zu seyn, das mit dem grauenvollen Begriffe des Königs-Mörders und der rauhen Scene dieser Begebenheit in naher Verwandtschaft steht. AlsSchakespear die Idee eines solchen Mörders in seinem Genie hin- und herwandte, mußten nothwendige fürchterliche Bilder daraus hervorspringen, die er, wie wir wissen, mit großem Beyfall seiner Landsleute einzuflechten gewußt.

Schon wieder Herr Wieland? Kann ich mich seiner nicht mehr erwehren? –

[163] Nun wohl, lassen Sie uns denn unsre ganze Aufmerksamkeit auf ihn allein richten – von Schakespearn, dem Original-Genie, zu Herrn Wieland, dem Metaphrasten, übergehn. Dieser Schritt ist nicht blumenreich; wir haben Ursache, ihn uns so angenehm, und noch mehr, ihn uns so kurz zu machen, als wir können.

Meine Kritik soll sich also nur auf die Fehler der Verdrossenheit beziehen, deren ich anfänglich erwähnt habe: wenn ich die Erndte der übrigen fortsetzen wollte, von der Sie in der Bibliothek der schönen Wissenschaften einen guten Anfang finden: wo nähme das Ding ein Ende? Ein paar Beyspiele werden statt aller dienen.

Haben Sie wol eher ein Lied von Anakreon oder Marot in Prose gelesen? – Nein, sagen Sie, gesehen wol, aber nicht gelesen. – Lassen Sie sich immer gefallen, folgende Prose des lyrischen Genies, Ariel, zu lesen.


»Eh ihr sagen könnt, komm und geh, zweymal athmen und rufen, so, so! soll jeder auf den Zehen trippelnd hier seyn, und seine Künste machen. Liebt Ihr mich nun, mein Gebiether?«


Sie werden es dieser Stelle gleich ansehen, daß sie travestirt sey; das Lyrische ragt aus jedem kleinen Abschnitte, aus der ganzen Wendung hervor: glaubten Sie wirklich, daß dieß Ariels Prose wäre, so müßten sie ihn für verrückt halten; und doch hat HerrWieland seine Uebersetzung durch so grobe Verwechselung dieser beiden Charakter des Ausdrucks, des Lyrischen und des Prosaischen, unerträglich machen können. Im Originale heißt es:


Before you can say, Come and go,

And breathe twice, and cry, so, so:

Each one tripping, on his toe,

Will be here with mop and mow.

Do you love me, master? No?


Alle diese O, sagt Herr Wieland, lassen sich unmöglich ins Deutsche übertragen – Was folgt daraus?

Daß Schakespear, wenn er viele dergleichen Schwierigkeiten [164] hat, unübersetzlich sey. Wieland verachtet diesen Kleinmuth, ergreift die Feder, und denkt Wunder, wie er den Schwierigkeiten abgeholfen habe, wenn er wie ein Jesuiter-Knabe übersetzt.

Folgende Stelle ist von einer andern Gattung poetischer Sprache, die sehr nahe an die lyrische gränzt, und daher in der Prose nothwendig abgeschmackt werden mußte.


Iris.


– – I met her deity

Cutting the clowds towards Paphos, and her son

Dove-drawn with her; here thought they to have done

Some wanton charm upon this man and maid,

Whose vows are, that no bed-right shall be paid,

Till Hymen's torch be lighted: but in vain

Mars's hot minion is return'd again;

Her waspich-headed son has broke his arrows,

Swears, he will shoot no more, but play with sparrows,

And be a boy right-out.


Wieland.


»Ich begegnete ihrer Deität, wie sie die Wolken gegen Paphos zu durchschnitt, sie und ihr Sohn, von Tauben mit ihr gezogen; sie bildeten sich ein, durch irgend ein leichtfertiges Zauberwerk diesen Jüngling und dieß Mädchen zu bethören, die das Gelübde gethan haben, sich der Rechte des Ehebettes zu enthalten, bis Hymens Fackel ihnen angezündet wird: aber die heisse Buhlerinn des Kriegs-Gottes ist unverrichteter Dinge zurückgekommen, und ihr wespen-mäßiger Sohn hat seinen Bogen zerbrochen, und schwört, er wolle keinen Pfeil mehr anrühren, sondern mit Spatzen spielen, und geradezu ein kleiner Junge seyn.« –


Nirgends aber ist der Uebersetzer unausstehlicher, als wo er mit Scherz oder Humor ringt: da hat er offenbar geschworen, geradezu ein kleiner – zu seyn. Ich will Ihnen – doch nein! nein! ich will nichts! Der Angstschweiß bricht mir aus, wenn ich an diese Herkulische Arbeit nur denke.

[165] Von einem Uebersetzer, dem es um die Ehre seines Originals zu thun wäre, hätte ich ferner erwartet, daß er mehr Ausgaben, mehr Lesarten, mehr Commentare zu Rathe ziehen würde, als Warburtons. – »Nun! rufen Sie mir zu, das ist doch sicherlich eine Chicane. Herr Wieland zeigt in seinen Anmerkungen ja deutlich genug an, wie wenig er diesen Commentator für ein Orakel halte.«

Zum Exempel – im Antonius und Cleopatra, wo er deutlich und dreymal deutlich sagt: »Die ausschweifendsten Metaphern sind allemal die, welche dem Herrn Warburton am besten gefallen« – und um zu beweisen, wie gut er die Stelle des Dichters und die Erläuterung des Kriticus verstehe, ride on the pangs triumphing durch »reite triumphirend auf seinen Wallungen« übersetzt.

Von dieser Art der kritischen Scharfsichtigkeit liesse sich noch viel beybringen. Hotspur sagt: »Dieser Rothschimmel soll mein Thron seyn. O Esperance! – führte ihn der Kellner in den Parc?« und Herr Wieland macht die kluge Anmerkung: »Dieses französische Wort steht vermuthlich da, damit es die Lady Percy nicht verstehn soll« – – Ich weiß wol, für wen es noch sonst da steht, der es noch viel weniger als Lady Percy versteht – und doch gleich im vierten Act des nämlichen Drama vom Hall undPope, die er, kaum sollte mans glauben, selbst anführt, hätte lernen können, daß esperance oder esperanza das Wort zum Angriff in Percys Armee sey.

Wir kürzen diesen Brief hier mit Erlaubniß des Verf. ab, da der Rest desselben keinen andern Zweck hat, als zu zeigen, daß die Wielandische Uebersetzungschlecht sey: wer aber hat das nicht schon lange gewußt?

Die Sammler.

19. Brief
[166] Neunzehnter Brief.

Kopenhagen.


Verwechseln Sie ja das Institut einer Dänischen Gesellschaft zur Aufnahme des Geschmacks nicht mit den clubs, die unter dem Namen deutscher Gesellschaften gemeiniglich beides dem Genie und dem Geschmack eben so verderblich sind, als die Stammwörter derselben der gesunden Vernunft zu seyn pflegen. Die Dänische Gesellschaft hat im Grunde alle Vortheile einer sogenannten Gelehrten-Societät; der liebreichste Beförderer der Künste und Wissenschaften hatte sie nicht nur bey ihrem ersten Ursprunge autorisirt, sondern ihr sogar einen Fond zur Aussetzung der Preise etc. bestimmt, der die Gesellschaft aller der Unanständigkeiten überhob, welche unter andern den Namen einer deutschen Gesellschaft so verächtlich machen; der Sohn und Nachfolger dieses glorwürdigen Königs, der, welches vielleicht das Größte ist, was man zum Lobe eines Monarchen sagen kann, noch keine einzige öffentliche Handlung unternommen hat, die Ihm nicht Ehre machte, hat die von Seinem königlichen Vater bewilligten Rechte und Einkünfte der Gesellschaft erneuert; und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht der glückliche Erfolg, den diese Aufmunterung schon itzt gehabt, Se. Majestät mit der Zeit bewegen sollte, etwas noch Größers für sie zu thun.

Wir haben also abermals einen Beweis von der Seichtigkeit der ehemaligen französischen suffisance, die aus der Abwesenheit eines Gutes so voreilig auf die Unmöglichkeit desselben ihre Trugschlüsse baute. Es ist wahr, wir hatten uns in Dänemark lange nicht um die Erwerbung derjenigen Talente bekümmert, welche uns in dem Worte Geschmack eine sehr entbehrliche Kleinigkeit anzudeuten schienen, weil wir gewohnt waren, sie von Einer Seite – nicht von ihrer vortheilhaftesten, zu betrachten. Wenn der wohlmeynende [167] schlechte Kopf sich von dem eigensinnigen guten Kopf blos darinn unterscheidet, daß jener einen Gegenstand nur einseitig betrachten kann, dieser ihn nur einseitig betrachten will; so ist es begreiflich, wie die Zusammenwirkung beider einen Mangel im Ganzen hervorbringen konnte.

Zwar will ich nicht behaupten, daß dieser Umstand der einzige entscheidende gewesen sey. Die Haushaltung der Natur hat bey allen ihren paradoxen Mannigfaltigkeiten eine gewisse Einheit; sie bestimmt den Gelehrten-Republiken so wie den übrigen Staaten einen Kreislauf der Größe und des Verfalls; die Reihe geht herum, und kömmt, wenn sie Einmal da gewesen ist, nie wieder auf den vorigen Punkt zurück. Ich habe noch von keiner großen Republik gehört oder gelesen, daß sie sich nach ihrem Falle wieder erholt hätte, aber wol von kleinern, die sich auf die Ruinen der ersten empor geschwungen, und den Standort verwechselt haben. Es ist eine Art von Archäenwanderung in aller irdischen Größe, und so scheint sie auch in der Geister-Welt zu seyn.

Wie dem auch sey – so viel ist wol gewiß, daß jetzt der Periode für die schöne Litteratur in Dänemark herannahet, und sich durch alle Cabalen seiner Gegner nicht wird verdrängen lassen, bis er von selbst Abschied nimt. Er geht seinen Weg mit starken Schritten; ich hoffe, Ihnen mehr Merkwürdiges davon schreiben zu können, als Sie vielleicht erwarteten, da Sie diese Nachricht von mir verlangten.

Vorläufig muß ich Ihnen sagen, daß die Dänische Gesellschaft nicht aus jungen rohen Köpfen besteht, die kaum, da sie der Schule entlaufen sind, den Kitzel der Schreibesucht fühlen, wie die Herrchen auf den deutschen Universitäten. Es sind Männer darunter, die zum Theil in ansehnlichen Aemtern stehen, und ihre Schriften werden eben so wenig, als die Schriften der jungen Mitglieder, ohne die strengste gemeinschaftliche Prüfung angenommen. Dieß werden Sie billigen. Ein zweyter Vortheil ist, daß [168] nicht blos die Mitglieder für die ausgesetzten Preise arbeiten können; und das werden Sie gleichfalls billigen.

Die Gesellschaft kündigt sich gleich in der Einleitung zum ersten Bande ihrer gesammelten Schriften mit Anstand und Einsicht an.

»Könnten wir, sagen sie, das glückliche Mittel seyn, solchen Genien aufzuhelfen, die der Mangel an Anführung und Aufmunterung verhindert, zur Reife zu kommen; könnten wir sie zu der edlen Freymüthigkeit erwecken, mit der sich die Wahrheit ausdrücken muß, und ihnen wirksame Empfindung der Schönheit beybringen, welche die Tugend liebenswürdig macht; so würden wir bey der Absicht, die Sprache und den Geschmack zu verbessern, eine noch größere erreichen – die Absicht, emsige und brauchbare Bürger zu bilden.«

Ich eile, Ihnen von der Beschaffenheit dieser Schriften eine nähere Anzeige zu geben.

In dem ersten Stücke des ersten Bandes haben die beiden Preisgedichte von der Seefahrt, und die neue Edda vorzüglich meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Ich brauche Ihnen wol von der ersten nichts mehr zu sagen, um Ihre ganze Neugierde zu erregen, als daß sie den sel. Tullin, einen gebohrnen Norweger, der vor zwey Jahren als Rathsherr in Christiania verstarb, zum Verfasser hat. Die Gesellschaft macht bey Gelegenheit derselben die Anmerkung, »daß keine Materie für einen Dänischen Dichter wichtiger seyn konnte, als die Schiffahrt, durch welche sich die Nation von den ältesten Zeiten her so viel Ehre erworben, und die den Dänen so eigen ist, daß sie in vielen Jahrhunderten nichts von ihrem Glanze verlohren, noch irgend eines fremden Zusatzes bedürfe, um uns mit andern Nationen im Gleichgewicht zu erhalten. Die Materie, setzen sie hinzu, ist so reich, daß die fruchtbarsten Genien immer etwas zurücklassen werden, was einer weitern Ausführung werth seyn mögte. Die Vortheile, welche die Schiffahrt den Menschen zuwege gebracht, und das genaue Verhältniß, das [169] sie unter den entferntesten Völkern errichtet hat, sind bey einer Abhandlung von der Navigation so wesentliche Stücke, daß der Leser wünschen wird, sie mögten von den beiden Dichtern weniger obenhin berührt seyn.«

In einer Abhandlung – sehr wahr! – aber in einem Gedichte? – Der Leser sey so gut, sie vorauszusetzen, und folge dem Poeten, der ihn auf den Flügeln der Dichtkunst über die ganze Wasser-Scene hinwegführt, ihn mit der Geschwindigkeit der Segel selbst wetteifern läßt.


»Waffne dich, redet Tullin seine Seele an, mit allen Fittigen der Stürme; fliehe dahin, wo sichere Hofnung und Zuversicht fern bleibt, dahin, wo Orkane den Hölen des Todes entspringen, und jeder Minute dem Untergang zuwirbeln.

Schwebe, wo der Geist der Geister in der Geburt der Zeit schwebte, und eine Spur majestätischer Schauer zu rückließ, vor denen der Ruchlose bebt.

Da ist der Ort, wo Lust sich mit Grauen vereinbart. O welch ein Schauplatz! wie tief! wie breit! wie weit! wie oft in neue und seltne Scenen verwandelt!

Das stolze Element sträubt sich unter dem Kampfe der Winde; trotzig erhebt es seinen Rücken, mächtiger wird es niedergedrückt; es braust, sprützet Schaum, bläht sich, tobt, bis Wind und Meer einen treulosen Stillstand erneuern.

Schlummre denn ruhig, meine Seele, im Schosse des Meers! – Aber wie? – Ist Sicherheit verschwunden? Ich sehe das furchtbare Schrecken aus dem Abgrunde emporsteigen; rings um sich eröffnet es der Kühnheit ein Grab.

Ein gewaltiges Kriegsheer von Stürmen zeucht daher aus den verborgnen Hölen; Berge selbst erzittern unter ihrer Wuth; die Drommete der Orkane erklingt durch die Luft, und droht der Erde und dem Meere ein allgemeines Chaos.

O verbirg dich, geängstigter Geist, verbirg dich vor dieser grausamen Scene! Kaum winkt die Hoffnung fernher auf flachen Sandbänken, da schon der Tod neben ihr aus einem grundlosen Grabe sein schwebendes Haupt erhebt.«


(Welch ein Gemälde!)


[170] »Wer sagt dem hohlen Stamm: Trotze dem Sturme! Tritt aufgerichtet auf deinen Kiel, wenn er heult; ruhe auf deinem Gleichgewichte! schreite frech über den Rücken der Wallfische, und tanze unter Delphinen! –

Wer erfand zuerst die Gesetze, denen der Wind ge horcht? Wer zwang die Orkane, Schlösser in ihren Bund zu fassen, und sie pyrenäischen Wogen mit der Schnelligkeit, mit der ein Pfeil von der Sehne springt, zu entführen?

Wer zeichnete den Weg zwischen verborgnen Höhen? Wer lehrte dich mit einem Ruder den Strohm seitwärts lenken? Wer legte dem Sturme einen Zaum an? und nöthigte den Gegenwind, die Bürde weiter fortzuführen?

Was singst du, mein Geist? Wessen Fußstapfen sind diese? Haben Engel hier gewirkt? Haben Teufel hier erfunden? – Nein! sende einen Kundschafter nach der öbersten Spitze der Denkkraft hinauf, und knie dann hin vor dir selbst, du Engel! – Teufel! – Gott!«


Diese letzte Stelle ist in Youngs mystischem Geschmack, zwischen dessen und Popens Genie der norwegische Dichter einen vortreflichen Mittelweg ausgefunden hat. Ich kann meinen Auszug nicht weitläuftiger machen: aber einen großen Dichter, der seiner Materie gewachsen war, werden Sie schon in den angeführten wenigen Zügen wahrgenommen haben.

Es war zu vermuthen, daß er sein Subject mit philosophischem Tiefsinn behandeln würde, und die eingestreuten Betrachtungen, die aus dieser Quelle herrühren, machen den größten Theil des Gedichts aus. Das alexandrinische Sylbenmaaß in elegischen abwechselnden Reimen wird Ihnen misfallen; ich wünschte, daß der Dichter dem Muster der Engländer, die er so gut kannte, gefolgt wäre, und fünffüßige Verse, wie Young und Pope, gewählt hätte, welche der Kürze und Energie der Dänischen Sprache weit angemessener sind.

Dieß englische Sylbenmaaß hat der zweyte Dichter gewählt, gleichfalls mit abwechselnden Reimen. Er hat das Gemälde mit kleinen ethischen Erzählungen abgeändert; allein [171] es fehlt ihm die Kunst, sie mit Verve und Nachdruck zusammen zu drängen, sie durch interessante Züge zu beseelen, sie in ihr vortheilhaftestes Licht zu stellen. Uebrigens herrscht eben der philosophische Youngische Ton darinn, wie in dem vorigen, steht ihm aber an innerer Stärke weit nach.


»Du Hang zum Meere, hebt er an, ungezügelter Geiz; selbst der Ocean kann dir keine Gränzen setzen; stolz trotzest du; kennst keine Schranken; eher soll der Tod deine Gewinnsucht dämpfen.

Das weißschäumigte Meer stürmt umsonst die Warnung: Bleib zurück! – Trotz den Drohungen, den Schrecken, trotz allen Elementen – was hör ich? – antwortest du: – Nur ein Leben! Mich treibt der Muth, und groß ist der Lohn, den ich erwarte. Rase, furchtbarer Sturm, was vermagst du? Jener Fels stürzt nicht ein; er bricht deine Kräfte; mit stolzer Verachtung widersteht er dir trotzig: wie viel sichrer ein Schiff, das nachgiebt? Die leichte Barke, die künstlich auf dem Rücken der schaumweissen Wogen gesteuert wird; schon so mancher gelangte auf ihr zu seinem Ziele; ich sehe meinen Lohn; ich folge dem Versuche Andrer. – Ein geübter Held erblaßt vor keinem Geschoß; Versuch hat die Zagheit gehärtet; mich lockt winkende Belohnung heraus; dir, Woge, vertraue ich mich unerschrocken.

Ach! Wirkung des Keichens nach Staube!« u.s.w.


Und hierauf folgt eine Betrachtung über den Ursprung der Schiffahrt, den der Dichter der Erfindung der Liebe, aber nicht mit der reizenden Phantasie Ihres Geßners beymißt. Sein Liebhaber ist ein bloßer Roman-Held, der sich vor Verzweiflung ins Wasser stürzt, und dem Himmel dankt, daß er zu gelegener Zeit ein Bret findet, sich zu retten. Betrachtungen über den ökonomischen Nutzen der Schiffahrt, und eine seynsollende rührende Erzählung von der unglücklichen See-Reise zweener Freunde, die bald sterben, bald wieder aufleben, machen den Rest dieses Gedichts aus, das ich Ihnen blos wegen der Funken von Genie empfehle, die in wilder Unordnung herumschwärmen, aber mehr Rauch als Flamme verrathen.

[172] Die neue Edda, die in Prose geschrieben ist, preise ich Ihnen ganz besonders an. Der Verfasser hat sich vortreflich in die Idee der alten Edda zu setzen gewußt; seine Schreibart ist edel, reizend, körnigt und blumenreich; und seine Allegorie so schön und unterhaltend, daß Sie sie sicher den besten Addisonschen an die Seite setzen können. Ich müßte dieß Stück ganz abschreiben, wenn ich Ihnen einen hinlänglichen Begriff davon beybringen sollte; daher überlasse ich es Ihrer eignen Lectüre, und gehe weiter 1.

Das zweyte Stück enthält ein Stück der Voltairischen Merope in alexandrinischen ungetrennten Reimen, die sich zwar sehr gut lesen läßt, aber das Original weit weniger erreicht, als der Anfang einer gewissen andern Dänischen Uebersetzung, der man, weil sie dem Originale so treu ist, Härte und Unbiegsamkeit vorgeworfen, zum Theil nicht ohne Grund, größtentheils aber, weil man sich von den mancherley Schöpfungen des poetischen Styls, deren die Thomsons, die Youngs, die Akinsides ihre Sprache fähig gemacht, keinen rechten Begriff machen konnte. Dergleichen Revolutionen in der Denkungsart einer Nation müssen erst mit der Länge der Zeit zu Stande kommen. Vielleicht unterhalte ich Sie ein andermal von diesem poetischen Versuche.

Die Glückseligkeit der Thoren in eben dem Stücke, eine Satyre, eine Nachahmung vonBoileau, und gewiß keine schlechte. Wenn der Verf. sich die Gabe bekannt machen wird, über seinen Gegenstand nicht Alles zu sagen, nur wenige, nur die feingewähltesten Züge (und annoch an diesen fehlt es ihm nicht,) seines Pinsels würdig zu finden, mehr Mannigfaltigkeit in die Ironie hinein zu legen, und ihr durch neue und originale Wendungen zu Hülfe zu kommen; so wird er der Mann seyn, der unsern Landsleuten [173] an einem attischen und sokratischen Witze Geschmack beybringen kann. Sie werden diese Hofnung nicht zu weit getrieben finden, wenn Sie folgende schöne Stellen lesen:


»Was soll (ward Pyrrhus gefragt) diese große Armee? – Sie soll Italien und Rom unters Joch bringen. – Was mehr? – Sie soll Sicilien erobern. – Nachher? – Mit dem ersten guten Winde nach Carthago abgehn. – Gut, ich merke schon, dabey wird es nicht bleiben; Aegypten wird sich ergeben, Lybien wird sich ergeben. Wir reisen als Sieger von einem Ende der Welt zum andern, bis wir wieder da einkehren, wo wir hergekommen sind. Davon aber war die Rede nicht. Meine Frage war nur, wenn alles das gethan ist, was thun wir weiter? – Dann, mein lieber Cyneas, wollen wir uns, du sollst es sehn, recht lustig machen, wir wollen tanzen, wir wollen springen, lachen – Und blos darum wolltest du alle Welt in Harnisch jagen? Wozu der Lärm, die Zurüstung, wenn du ohne Schwertstreich deinen Zweck erreichen, und dich so lustig machen kannst, als du willst? –

Wenn wir endlich hier durch Schande, dort durch Schaden gewitzigt werden, wenn Frau Weisheit uns zuletzt gnädigst die Augen öffnet: was sehn, was lernen wir für allen unsern Fleiß und Schweiß? Was sagte Sokrates? – Ich weis, daß ich nichts weis! – So danken wir denn schönstens, und kommen gerades Weges wieder zurück, wo wir vorher schon waren, – zur Dummheit.

Noch ist es eine große Seltenheit, wenn wir auf der Reise nicht zugesetzt haben. Denn Geburt und Natur lehren die Thoren doch Etwas, (die nöthigen Wahrheiten sind niemandem zu hoch,) sie lehren ihn Gott fürchten, der großen Landstraße folgen, und Recht und Gerechtigkeit üben. – Wissen wir mehr?

Ich suchte die Weisheit. – Bey diesem Suchen sind mir Dinge ins Gehirn gekommen, die – ich weis nicht, was ich daraus machen soll. So viel weis ich, daß sie mir oft Angstschweiß ausgepreßt haben. Bücklinge, die ich dem Stolz schuldig bin, den ich doch verachte; Dank für erkannte Ränke; Furcht vor dem morgenden Tage; Gelehrsamkeit, Rechtssprüche, Moral, Predigten, Nahrungssorgen, Haussorgen, Lisette – Gott weis, wie alle das Zeug in meinem Kopf Platz findet! Glückseliger Niklas! Der einen Kopf hat, welcher leer ist!« –


[174] Tullins Gedicht von der Schöpfung im dritten Stücke müssen Sie vor allen Dingen kennen lernen, wenn Sie sich einen Begriff von dem großen Verluste machen wollen, den wir an diesem Dichter erlitten haben. Zum Glück können Sie es in einer deutschen Uebersetzung lesen, die ich, nach einer sorgfältigen Vergleichung mit der Urschrift, den Ebertschen ohne Bedenken an die Seite setze 2.

Ich will Ihnen aus dieser Uebersetzung eine einzige Stelle ausschreiben, um Sie auf das Ganze desto begieriger zu machen.


»Welche Reise von hier bis zu jenem Planeten! von diesem hinauf zu jenen bleichen Fackeln! Welcher Anblick, einen Schimmer bis zu Mirakeln aufgeklärt zu finden, die blos ein unerschaffner Geist abmißt und übersieht!

Nimm die Schwingen des Lichts, und fleuch mit ununterbrochnem Fluge ein Weltalter durch von einer Kugel hinauf zu einer andern. Zähle Sonnen und Welten dort, wo vorher nur Sonnen und Punkte standen, und siehe die erste Sonne im Gesichts-Kreise erloschen! Dann denke, dein Flug sey geendet; aber wisse, du hast einen neuen Weg vor dir, wo Heere von Welten wimmeln, einen eben so endlosen, als der war, wo du herkamest. – Allmächtiger Gott! mir schwindelt; auf dieser Höhe der Allmacht sinken alle meine Denkungskräfte.« –


Tullin ist nicht correct: dies hat er mit Young gemein; seine Versification ist blühend, seine Ideen sind malerisch und systematisch: dieß hat er mitPopen gemein; er erlaubt sich mehr lyrische Schwünge, als Pope, mehr Simplicität alsYoung: dieß zeichnet ihm seinen Weg zwischen beiden aus. – Sie können leicht denken, daß ich eine große Meynung von ihm haben müsse, wenn ich ihm einen so glänzenden Rang anweise; ich läugne es nicht; [175] ich halte ihn für einen der größten philosophischen Dichter, die ich kenne.

Ein anderer Dänischer Poet, der eben diesen Stoff bearbeitet hat, hängt zu sehr an der Declamation; er konnte sich auf den Flügeln der Phantasie nicht so hoch schwingen, als Tullin, darum verweilt er sich bey Descriptionen, bey allgemeinen Betrachtungen, die ganz gut und lesbar sind, denen aber das ingenium gratum, das os magna sonaturum fehlt, um sie zu veredeln. Dieser Dichter heißt Benzon, und hat sich im vierten St., ich weiß nicht, durch welchen Zufall, den Preis ersungen, der unstreitig seinem Rival gebührt hätte. Es ist ein großer Fehler an kritischen Gesellschaften, daß sie gemeiniglich mehr darauf bedacht sind, den Geschmack, als das Genie zu ermuntern. Genie geht nach der Ordnung der Natur vor dem Geschmack her. Dieser Ordnung sollte die Kritik folgen. Zweydeutige Genien, wenn es dergleichen giebt, müssen uns durch die Richtigkeit und Feinheit ihres Geschmacks schadlos halten: Denn wenn man ihnen die Correction nimmt, was bleibt übrig? Aber wahre Genies finden sich nothwendig beleidigt, wenn man sie mit correcten witzigen Köpfen in gleichem Paare gehen läßt, oder sie gar unter die letztern erniedrigt. Und ich wollte doch lieber hundert von der letztern Gattung abschrecken, als ein einzigs von der erstern. Dieß waren meine Gedanken, da ich die beiden Preis-Oden von der Güte, und von derHeiligkeit Gottes las, wovon jene HerrnBenzon, diese Herrn Sandøe zum Verfasser haben. Sie sind zum Abschreiben zu lang 3; eine Schwierigkeit, die Sie wol kaum bey Oden vermuthet hätten; lesen Sie selbst, und fragen Sie sich, ob ich zu hart urtheile.

Ich bin Ihnen noch von den übrigen Schriften desdritten Stücks eine kurze Anzeige schuldig. Ein gewisser Severus hatte die Ironie von derGlückseligkeit der [176] Thoren ein wenig zu ernsthaft aufgenommen: er fährt daher in einem zwey Bogen langen Lehrgedichte, worinn Sie aber das attische Salz, das Ihnen jene so schmackhaft machte, vergebens suchen würden, den armen Satyricus ziemlich sauer an, und sucht ihn durch Gründe zu überführen, daß nur die Weisheit glücklich mache, und daß Niklas ein Nichtswürdiger sey, wenn er sich auf seinen leeren Kopf etwas zu gute thut. – Fällt Ihnen hiebey nicht der Magister ein, der dem ZweiflerMartin demonstrirt, diese Welt sey zuverläßig die beste?

Der Tempel des Glücks, ein Traum von Joh. Ewald, beweist, daß der Verf. die Träume seiner Vorgänger nicht ohne Nutzen gelesen hat; da ich mich aber erinnere, daß Sie der Träumereyen genug haben, so übergehe ich diesen Traum mit Stillschweigen.

Das vierte Stück ist mit einer merkwürdigen Vorrede eingeleitet. Die Gesellschaft beklagt sich darinn über das strenge Urtheil, das eine kritische Privatgesellschaft in einer periodischen Schrift von einigen ihrer Arbeiten gefällt hatte. Sie haben ohne Zweifel Recht; eine spröde Kritik steht mit den ersten Versuchen einer Nation in keinem guten Verhältnisse: doch glaube ich, daß die große Gesellschaft am wenigsten Ursache gehabt hätte, sich über Sprödigkeit derkleinern zu beklagen; sie selbst ist, wie Sie aus dem Beyspiele des Herrn Sandøe sehen, gegen Ihre Mitglieder noch viel strenger gewesen; und ihre Klage wird durch den großen Vorzug der Correction, den das vierte Stück augenscheinlich vor den vorhergehenden hat, völlig entkräftet.

Sie werden mich fragen, was das für eine Privat-Gesellschaft sey, von der Sie bisher ganz in der Unwissenheit geblieben sind. Ich verspreche, Ihre Frage ein andermal zu beantworten; und begnüge mich dießmal, Ihnen über diese Materie noch einige Gedanken der größern Gesellschaft vorzulegen, damit Sie sehen, daß vernünftige Leute in allen Ländern durch die Uebereinstimmung ihrer Ideen eine Art von Republik unter einander ausmachen.


[177] »Wir bilden uns ein, daß von der freundschaftlichenrathgebenden Kritik der größte und merklichste Nutzen abhange, den das Vaterland von unserm Vorhaben erwarten kann; vornämlich, da wir uns derselben nicht blos gegen diejenigen bedienen, die ausser unserer Gesellschaft sind. Durch sie wird auch unsre eigne Kenntniß, unser eigner Geschmack gebildet, und durch sie werden wir allmählig in Stand gesetzt, andern einen guten Rath zu geben, und sie vor Abwegen zu warnen. Wie große Vorzüge hat nicht diese vertrauliche Kritik vor jener, die öffentlich von Schriften urtheilt, welche dem Publico bereits vor Augen liegen? Zwar ist freylich diese zu Alexanders und Augusts Zeiten fast unbekannte öffentliche Kritik nothwendig und nützlich geworden, nachdem die Erfindung der Buchdruckerey das Schreiben so allgemein gemacht hat. Sie ist eine Wegweiserinn für die Liebhaber der schönen Wissenschaften, um von den herauskommenden Schriften richtig zu urtheilen; sie verbreitet, sie verbessert den Geschmack, indem sie die schöne und schwache Seite guter Bücher aufdeckt. Durch die Züchtigung schlechter Scribenten lernen andere, sich den Augen des Publici mit mehrerer Ehrerbietung darzustellen. Auch die Verfasser selbst können zuweilen dadurch veranlaßt werden, die Fehler, deren sie überwiesen worden, zu berichtigen. Aber wie selten will die gekränkte Eigenliebe sich zurechtweisen lassen! Die öffentliche Kritik gleicht in ihren Wirkungen dem Gerüchte; es ist ein besonderes Glück, wenn Jemand, der Einmal in einen übeln Ruf gekommen ist, Lust und Muth genug hat, sich ernstlich zu bessern. Die getadelten Scribenten gehören entweder zur niedrigsten Klasse, oder nicht. Jene schützen sich mit ihrer Unverschämtheit wie mit einem Panzer, den die schärfsten Pfeile der Kritik nicht durchbohren können; diese nehmen sich den Tadel gemeiniglich so sehr zu Herzen, daß sie die Feder da darüber gar aus der Hand fallen lassen. Sie schweigen, und setzen sich durch ihr Stillschweigen vor neuen Angriffen in Sicherheit. Sollte aber diese Bescheidenheit es nicht geradezu zweifelhaft machen, ob man wirklich Ursache habe, über den Vorsatz eines solchen Autors zu triumphiren? – Der Wind erhöht eine starke Flamme, und tödtet die schwache. Dieselbe Wirkung hat auch eine strenge Kritik in Absicht auf die schönen Wissenschaften. Sie muß sich nothwendig nach dem Zustande des Landes richten lernen, wenn sie nicht, ihrer Bestimmung zuwider, mehr schaden als nutzen soll. Wo die Werke des Geschmacks in ihrem Flore sind, wo [178] man mit vortreflichen Scribenten so wohl versehen ist, daß auch die, die sich dem Mittelmäßigen zu sehr nähern, für schlecht gelten können; da mag die Kritik sich des Ansehens ihres Richteramts ohne Zurückhaltung bedienen! Wo aber jene nur noch im Anwachse stehen, und die zarte Pflanze mit besonderer Sorgfalt erzogen und behandelt seyn will, wenn sie nicht aussterben soll; wo es noch zu früh ist, mit dem Dichter zu sagen:


Si paulum summo decessit, vergit ad imum;


wo die Hoffnung des Gewinnstes oder der Ehre nicht allgemein zum Schreiben ermuntern, und daher die meisten Scribenten bey dem ersten widrigen Anstoße leicht ermüden, da müssen die nöthigen Correctionen so gemildert, mit Lob und Beyfall so versüßt werden, daß gute Köpfe im Tadel selbst Aufmunterung, finden, ihre Laufbahn nur desto feuriger laufen.«


Ueber des Herrn Belloys Trauerspiel Le Siege de Calais finden Sie in diesem St. eine artige neun Bogen lange Kritik, die ich wol ins Französische übersetzt sehen mögte – aber nicht ins Deutsche. Denn Sie sind in theatralischen Werken einer tiefern Kritik gewohnt, als die auf der französischen Oberfläche hängen bleibt.

Popens Versuch über die Kritik in einer gutversificirten Uebersetzung des HerrnSchiermann, eben desjenigen, von dem wir die oberwähnte Uebersetzung der Merope haben, verdient von Ihnen gelesen zu werden. Der Uebersetzer verfährt mit Popen, wie Pope mit seinemHomer: nur mit dem Unterschiede, daß dieser Sie den Dichter, jener aber nur den witzigen und wohldenkenden Kopf wieder erkennen läßt. Doch wollte ich ungerne, daß Sie darum schlechter von HerrnSchiermann urtheilten; ich wünschte vielmehr, daß wir nur viele so gute nützliche Uebersetzungen hätten, als die gegenwärtige ist; wir wollten uns über das verblichne Colorit gerne zufrieden geben.

Brief an mein Kleid ist ohngefähr eine solche Uebersetzung des bekannten kleinen Gedichts von Herrn Sedaine, wie Swifts oder Popens Uebersetzungen es von einigen Horazischen Briefen sind. Der Dänische Verfasser [179] hält sich nur in den Aussenlinien seines Originals; Seele und Farbe sind ihm eigen. Man thut unrecht, wenn man witzige Aufsätze von dieser Art Nachahmungen im strengsten Verstande nennet; es ist ein Wettkampf in den olympischen Spielen; wer von beiden am leichtesten und geschwindesten ans Ziel kömmt, erhält den Preis, er mag zuerst oder zuletzt ausgelaufen seyn. Ich kann Ihnen von diesem artigen Briefe nicht wohl einen Auszug liefern; er würde durch den Mangel der Versification allzuviel verliehren.

Die neue Edda,
oder Gylfs zweyte Reise.

Ich war König in Norden, und herrschte über ein Volk, das ich nicht unterjocht hatte. Mein Reich war nicht, wie das Reich der Asiaten, durch List oder Zauberey gestiftet. Meine Väter regierten noch durch freye Wahl und ich durchs Erb-Recht. Die Liebe des Volks erhob sie, und bevestigte mich auf dem Throne. Ich liebte Freyheit, und haßte Unterdrückung; ich ehrte Weisheit und verachtete Ränke; ich hatte die besten Skalden (Dichter) an meiner Tafel; sie folgten mir in den Rath wie ins Gefecht; ich wollte, daß sie schreiben sollten, was sie selbst sähen, nicht was sie von andern hörten. Ich ließ mich in den großen Versammlungen oft sehen; ich war bey allen Opfern zugegen; ich besuchte die Gerichtsstätte fleißig; ich redete mit Jedermann freundlich; und hatte eine so große Gabe, Räthsel aufzulösen, und über verwickelte Streitfragen zu entscheiden, daß die nordischen Völker mehr Zutrauen auf mich setzten, als die zwölf Drotts in Sigruna 4.

Der Ruf der Asiaten hatte sich über ganz Norden ausgebreitet; ihre Eroberungen erstreckten sich bis in die Mitte meines [180] Reichs. Ich hörte viel von ihren Unternehmungen reden, glaubte aber nicht alles; meine Väter hat ten oft den Versuch gemacht, sie nicht unüberwindlich zu finden. Ich merkte Betrug in verschiednen ihrer Künste, die die Menge blendeten; aber an einigen ihrerRunen 5 fand ich Vergnügen. Ich ließ meine Skalden sie dem Volke erklären, und in Stein graben. Man sagte, es sey in Asien eine Nation von Göttern, wovon sie abstammten, und deren Gesetze und Sitten weit vollkommner als die unsrigen wären. Ich wollte die Wahrheit der Sache wissen, und beschloß, eine Reise nach Asgaard 6 zu thun.

Ich sah diese prächtige Werkstatt der Götter, von der die Poeten 7 sagen, daß ihre Grund-Säulen Klippen, ihre Mauern Fels-Steine, und ihre Dächer Gold sind. Ich that verschiedne Fragen an Har 8 über die Eigenschaften der Götter, über den Ursprung und den Untergang der Welt, über das Schicksal der Menschen nach ihrem Tode, über die Brücke Bidfrost 9, auf welcher man zum Himmel empor steigt, wo Alfaders 10 Thron und der Sitz der lichten Geister ist, wo die Nornen (Parcen) wohnen, und die Seelen der Gerechten sich freuen ewiglich. Ich fragte nach den himmlischen Städten, Himinburg, Alfheim, Breidablik, Glitner, Gimle 11. Ich schmeichelte mir, in ihrer Einrichtung Muster vollkommener und glückseliger Gesellschaften anzutreffen; allein die Antwort, die ich erhielte, war eine dunkle Rede; sie erhitzte meine Neugierde, anstatt sie zu befriedigen, und da ich [181] meine Fragen fortsetzen wollte, erhub sich ein Gewitter, das mich aufweckte; da erkannte ich, daß alles, was ich gesehen hatte, ein Zauberwerk sey.

Ich betrübte mich, und vertrieb die Zauberey aus meinem Reiche. Meine Einbildungskraft war durch ein Gesicht beunruhigt, das mein Verstand nicht erklären konnte; ich ward schwermüthig; ich liebte die Einsamkeit; ich kam selten in die öffentlichen Versammlungen; ich sprach wenig, und verfiel oft in ein gedankenvolles Schweigen. Das Volk liebte und bedauerte mich. Es gab mir durch tausend Merkmaale zu erkennen, daß es mit meiner Regierung zufrieden, und daß meine Schwermuth das Einzige sey, was seinem Vergnügen Eintrag thun könnte. Das Jahr darauf hatten wir eine große Dürre; jedermann weissagte theure Zeiten, und gab nach alter Gewohnheit der Regierung die Schuld. Mein vormaliger Tiefsinn bestärkte sie in ihrem Wahne. Sie glaubten, ich hätte die Götter erzürnt, und da eben damals die Religions-Meynungen in Norden getheilt waren, sahen einige es für eine Strafe der alten Götter an, weil ich die neuenRunen eingeführt, und andere für eine Rache der neuen, weil ich die Zauberey verjagt hatte. Man vergaß das Gute meiner Regierung, und redete allein von meinen Schwachheiten. Man bürdete die Schuld vieler Unfälle, die nicht von mir, sondern vom Schicksal abhingen, mir auf, und tadelte viele meiner Handlungen, die man vorher gelobt hatte. Die Klagen meines Volks vermehrten meinen Kummer. Was aber sollte ich thun? Der Natur konnte ich nicht gebieten, und Zufälle waren nicht in meiner Gewalt. Mein Volk that mir Unrecht: allein ich wußte, daß viele unter ihnen mehr litten, als ich. Ich fing selbst an, es für eine Strafe zu halten: aber zu welchen Göttern sollte ich mich mit meinem Gebete hinwenden, sie abzukehren? Ich beschloß, mich zu dem Höchsten zu wenden, zu dem, den unsre Väter in ihrer Einfalt verehrten, zu dem, den Har selbst nicht läugnen durfte. Ich suchte einsame Oerter, um zu beten. Einst, da die Sonne unterging, sah ich eine kleine Wolke aus dem Meere wallen. Ich stieg auf die Spitze einer Klippe; ich richtete meine Augen auf die Wolke, ich sah sie sich am Himmel ausbreiten, und ich betete.

Erhabenster unter den Göttern, betete ich, mit welchem Namen soll ich dich nennen? Odin? Thor? This? 12[182] Nein, Alfader ist dein Name. Unter diesem Namen beteten meine Väter dich an, ehe die Asiaten sie fremden Göttern huldigen lehrten; dich allein beteten sie an, der du den Himmel und die Erde aus dem Abgrunde hervorzusteigen gebothest, der du immer lebst, und regierest Alles in deinem großen Reiche, das Kleinste und das Größte. Dich beteten sie an, wer du auch seyst. Bey dir allein, o du, der du von dem bebenden Throne die ganze Welt überschauest, bey dir allein will ich Weisheit und Rath suchen. Ich verlange nicht mehr zu wissen, was du machtest, ehe die Welt erschaffen war, noch die Himmel zu zählen, noch den Abgrund zu messen; ich verlange nicht, das Buch der Schöpfung zu öffnen, die Kette der Natur zu zerbrechen, noch geheime Künste zu erlernen, die mir die Zukunft vorauszeigen, und mir Menschen und Vieh unterthan machen. Ich verlange keine Gewalt, bey der es mir an Weisheit fehlt, sie gehörig anzuwenden. Ich wünsche nicht, wie Odin 13, die Augen meiner Feinde blenden, ihre Schwerter stumpfen, noch im Streite unüberwindlich seyn zu können, wofern es anders wahr ist, was die Poeten von ihm erzählen. Er starb zuletzt doch wie andere Menschen, und ich muß sterben. Ist es, wie unsre Skalden sagen, daß du dich genauer vereinigst mit denen, denen du das Schicksal der Völker vertraust; hast du dem Menschen eine Seele gegeben, die ewig leben soll, wenn der Leib vergeht zu Staub und Asche; so heitre diese meine Seele wenn es möglich ist, mit einem Strahle derjenigen Herrlichkeit auf, deren sie sich in der Wohnstatt der lichten Geister erfreuen soll. Sollte sie aber noch zu schwer seyn, die Brücke des Himmels zu ersteigen, so laß geschehen, daß ein guter Geist, ein Freund der Menschen, mich in den Gesetzen unterrichte, nach welchen du die glückseligen Geister in den himmlischen Städten beherrschest, die verstreut sind in der weiten Luft. Ich bitte nicht, sie in einer andern Absicht zu kennen, als in der sie zur Erfüllung meiner Pflichten, dir du mir auflegtest, da du die Herzen und das Schicksal dieses Volks in meine Hände übergabest, beförderlich seyn können. Ja, in meine Hände hast du sie gegeben, und du willst sie mir wieder abfodern, wenn ich vor deinen Thron treten werde, und vor die Versammlung der zwölf Richter in Ida.

[183] Unterdeß, da ich also betete, sah ich die Wolke sich im Osten verbreiten; ein sanfter Wind erhub sich, und ich sah den Regenbogen in der Wolke. Nachdem ich lange in stiller Entzückung ein so heiliges Gesicht betrachtet hatte, verschwand plötzlich die ganze Natur vor meinen Augen. Rings um mich her sah ich Bilder der Weisheit und Allmacht, und ein innerliches Gefühl einer nicht weniger endlosen Güte entzündete ein feyerliches und ehrerbietiges Vergnügen in meinem Herzen. Meine Sorge ver schwand; meine Gedanken verlohren sich im weiten Himmel, ich wußte nicht mehr, was ich sah, was ich dachte, was ich betete. Noch itzt weis ich nicht, ob ich wachte oder schlummerte, ob ein Engel zu mir redete, oder ob ich über den Regenbogen zum Himmel einging. Die Art des Gesichts war mir unbekannt, aus dem Inhalte desselben aber schliesse ich, daß es kein natürlicher Traum noch bloße Zauberey war.

Ich sah eine menschliche Bildung, wie die Bildung eines Jünglings. Sein Gang war leichter, als der leiseste Wind, seine Füße berührten den Boden nicht, seine Kleider waren wie der klare Himmel, sein Haupthaar gelb und glänzend, wie die Strahlen der Sonne, seine Mine freundschaftlich, und sein Anstand edel; er redete, als ob er seine Worte mit einer Gold-Waage wöge; seine Rede war süßer, als Honig.

Ich verstand alles, was er sagte, aber ich behielte nur seinen Sinn; denn kein Sterblicher kann reden, wie er. Er sagte mir, er sey gekommen, meine Wünsche zu befriedigen; es gäbe unzählige Plätze und Wohnungen im Reiche des Alfader; ein unendlicher Raum trenne sie von der Erde, und es sey schwer für einen Menschen, so hoch zu steigen. Die Schwere des Körpers, sagte er, ist das kleinste Hinderniß; die Seele würde stark genug seyn, es zu überwinden, wenn sie nicht durch Eigenliebe in sich selbst so tief versenkt, und durch Begierde an die Erde so fest gebunden wäre, daß sie sich zu dem, was oben ist, nicht emporschwingen kann, sollten gleich die Gesetze der Schwere aufgehoben werden. Die allgemeine Liebe ist die Himmelsleiter; sie erstreckt sich vom Throne desAlfader bis an die äußersten Gränzen der Welt. Auf ihr bin ich oft zu dir herabgestiegen, und zu Wesen, die noch weit geringer sind, als du. Unter jenem Busche wimmeln mehr Einwohner, als auf deinem ganzen Reiche, und ich richte auf Alfaders Befehl in einer Minute mehr für sie aus, als du für dein Volk in der ganzen Zeit deiner Regierung zu thun vermagst. Ich wog vor kurzem die Tropfen des Regens, [184] und gab jeder Ameise ihr bestimmtes Theil. Ich weiß es, du liebst dein Volk; und ob es gleich für uns eine geringe Tugend ist, seines Gleichen zu lieben, so ist doch diese Tugend unter Menschen so selten, daß ich leicht und genau einen jeden Gedanken, jede That habe anzeichnen können, die aus einer reinen Liebe des Ganzen entsprungen sind. Du hast in guten und schlechten Tagen mit deinem Volke gemeinschaftlich empfunden. Du fandst mehr Freude daran, wohl zu thun, als andre, Wohlthaten von deiner Hand anzunehmen. Es war dir nicht genug, Macht zu besitzen, daß du thun könntest, was dir gefiele; du batst um Weisheit, diese Macht wohl anzuwenden. Ich brachte deine Seufzer vor den Thron, und sie sind erhört worden.

Gehe dann, sagte er, gehe weiter empor auf der Leiter des Himmels, auf der du bereits einige Staffeln vor andern Menschen voraus hast. Steige mit mir hinauf zu den himmlischen Gegenden, und lerne nach ihren Gesetzen den Trieb vollführen, der das Ziel der Vollkommenheit bringt. Er nahm meine Hand, und sogleich verschwand die Schwere. Ein sachter Wind hob mich von der Erde auf; ich bewegte mich schnell und ohne Mühe. Diese Bewegung hatte kaum einen Augenblick fortgedauert, da mein Führer mich zurück sehen hieß. Was siehst du? fragte er mich. Ich sehe einen Erdball, versetzte ich, groß wie der Berg, auf dem ich stand; er ist in einen Nebel gehüllt, und wälzt sich in der Luft. Itzt in diesem Augenblic ke ist er so weit entfernt, daß ich nur einen kleinen hellen Punkt bemerke. Dieser Punkt, sagte er, ist die Hälfte der Erde, die sich gegen Norden wendet, und von der dein Reich kaum ein Zweyhundert-Theilchen enthält. Schnell verschwand der Punkt aus meinem Auge. Da dachte ich, Regieren sey ein elendes Ding; ich mögte eben so lieb neu gebohren werden, als zu meinem Reiche zurück kehren, und der Kleinigkeiten zu achten, die auf Erden vorgehn. Denke nicht so, sagte der Geist. Auf dem Zweyhundert-Theilchen des kleinen Punkts, den du betrachtetest, sind zwo Millionen Seelen, unsterbliche Seelen, zu deren ewiger Glückseligkeit du viel zu thun vermagst. Diese Pflicht wäre edel genug, manchen der Geister zu beschäftigen, die weit über dir erhaben sind. Doch ist es gewiß, daß alles übrige der Erde etwas sehr Kleines für einen Verstand sey, dem Alfader Weisheit gegeben, es zu übersehen. Vergiß nicht dieses Gesichts, wenn du zurück kehrst. Laß die kleinsten Pflichten gegen das Ganze stets groß genug in deinen Augen seyn; sieh auf das Ganze und auf die Zukunft; betrachte die Pflichten in ihrem Zusammenhange, [185] und laß keinen gegenwärtigen Eigennutz dich hindern, das größre, allgemeinere und dauerhaftere Gute aufzusuchen. Das ist der Anfang der erbetenen Weisheit! –

Wir stiegen weiter. Ich sah Sterne, größer als die Sonne, und unzählige Lichtkugeln, ausgestreut in der weiten Luft. Hier, sagte ich mir selbst, sind die wahrenhimmlischen Städte, und die Wohnungen der lichten Geister, von denen die Skalden singen. Mein himmlischer Führer eröffnete mir aber, daß ich noch nicht weiter gekommen sey, als bis an die Gränzen des ersten Himmels. Dieß, sagte er, ist der Ring des Schicksals, der die sichtbare Welt umfasst. Kein Geschöpf, das unter der Sonne gebohren ward, kein Körper bis auf den kleinsten Sonnen-Staub kann aus diesem Kreise heraustreten. Eure Skalden nennen ihn dieGränzvestung der Götter, an dem obersten Ende der Himmels-Brücke erbaut. Wir stellen uns die Dinge vor, wie sie sind; ihr aber könnt sie nicht anders fassen, als durch Bilder.

Noch sah ich nichts als die reine Luft; allein in einem Augenblick ward ich von einer Wolke umgeben, die die ganze Natur in ein so tiefes Dunkel vor mir einhüllte, daß ich mein eignes Seyn kaum empfand. Durch das Dunkel brach der Strahl eines fernen Lichtes; langsam näherte sichs, und zeigte mir endlich einen schmalen Eingang in eine Höhle, die inwendig sehr hell war. Mein Führer führte mich hinein. Ich sah drey Frauenzimmer, und jedes hatte eine Waage in der Hand. Diese, sagte er, sind die drey Nornen, Urda, Skulda und Verandi 14, wovon eure Skalden singen, daß sie dieSchicksale der Menschen austheilen. Die erste wägt das Leben, die andere Tugend und Laster, die dritte Glückseligkeit. Urda legte Handlungen und Zeit auf die Waage. Ich sah mit Verwundrung, daß jene beständig zu leicht wogen, und einige ihrer Leichtigkeit wegen nicht einmal gewogen werden konnten. Ich sah, daß die wenigen Jahre, in denen ich regiert hatte, mehr als Odins ganzes Alter, mehr als alle seine Kriegszüge wogen; aber ich bemerkte zugleich, daß die drey ersten Monate eben so viel wogen, als die drey letzten Jahre. Ich sah, was ich vorher nie geglaubt hatte, daß es in dem Vermögen eines Menschen stehe, sein eignes Leben zu verlängern, [186] und ich beschloß, die Stunden und Tage zu zählen, so bald ich in mein Reich zurückkäme. Skulda wog Pflichten gegen Kräfte ab. Das Uebergewicht setzte mich abermals in Verwundrung. Warum, sagte ich, verschwendet man so große Kräfte, um kleine Bürden anfzuheben? Sie sind nicht verschwendet, antwortete der Geist; wenn sie gegen die Pflichten abgewogen werden, um die Grade der Tugenden und Laster zu berechnen, wird der Ueberschuß der Kräfte in die Kette der Schickung eingeflochten, welche aus Ursachen und Wirkungen, aus Strafen und Belohnungen zusammengesetzt ist. Diese Kette hatte Verandi in der Hand. Sie wog die Glückseligkeit, indem sie in jedem Augenwink ein Glied der Kette auf die eine, und die menschlichen Gedanken und Empfindungen auf die andre Schale legte. Urda undSkulda beobachteten diese Waage aufs genauste, und wenn ein Ketten-Glied zu schwer schien, so legte jene so viel Vergeßlichkeit, und diese so viel Hoffnung auf die andre Schale, daß ein Gleichgewicht entstand.


(Die Fortsetzung künftig.)

Fußnoten

1 Unsern deutschen Lesern zu Gefallen, haben wir dem Schlusse dieses Briefes eine Uebersetzung davon mit einigen erläuternden Anmerkungen angehängt.

Die Sammler.

2 Die Schönheit der Schöpfung in Absicht auf die Ordnung und den Zusammenhang der Geschöpfe, übersetzt von P. Kleen, Königl. Dänis. Ober-Kriegs-Comissar und Kriegs-Cassier. Kopenh. 1765. Bey Rothens Wittwe und Proft.

3 Wir haben sie der oberwähnten neuen Edda in einer Uebersetzung beygefügt.

Die Sammler.

4 Die zwölf Herren oder Statthalter, Sigruna, die Hauptstadt des Odin.

5 Lieder, eigentlich Sylbenmaaß und Wohlklang.

6 Die Hauptstadt der Asiaten, im metaphorischen Verstande die Wohnung der Götter.

7 Nach der alten Edda der Poet Diodolph.

Die Sammler.

8 Har, der öberste der drey Könige in Asgaard.

9 Die zwischen der Erde und dem Himmel angelegt war, und unter dem Namen Regenbogen bekannter ist.

10 Der Vater der Götter.

11 Himinburg, die Gränzstadt des Himmels an der Spitze der Brücke Bidfrost, Alfheim, die Residenz der Alfen oder Schutzgeister, Breidablik und Glitner, die beiden prächtigsten Städte des Himmels, von purem Golde und Silber erbauet,Gimle, an der andern Gränze des Himmels, die glänzendste unter allen, und zugleich die dauerhafteste. Die Sammler.

12 Odin der Jupiter, Thor der Herkules, This oder Tyr der Mars der nordischen Gottheiten.

Die Sammler.

13 Der König der Asiaten der zuerst in Norden eindrang. Die Sammler.

14 Nach der alten Edda sieht Urda das Vergangne,Verandi das Gegenwärtige, und Skulda das Zukünftige.

Dritte Sammlung

20. Brief
Zwanzigster Brief.

Der Bibliothekar von Belvedere, wie Sie ihn zu nennen belieben, wird sich noch eine geraume Zeit auf dem Gute des Herrn von S**d**lm aufhalten, und Sie können leicht denken, daß ich nicht ermangle, den Umgang dieses außerordentlichen Mannes, an dem ich so viel Geschmack finde, diese Zeit über auf alle mögliche Art zu nutzen. – Gestern fand ich ihn unter den Büchern unsers Freundes geschäfftig, die er mit großer Lebhaftigkeit aus einander warf, einige zur Rechten, andre zur Linken, und zwey oder drey – zu meinem großen Gelächter, da ich eben in die Thüre trat, – gerade durchs Fenster in den Enten-Teich; welche aber auf meine Vermittelung und Vorbitte nachher wieder herausgefischt, und für einen Lucifer, einStrumpfband, und andre Merkwürdigkeiten von gleichem Schlage erkannt wurden. Ich bat ihn sehr, sich durch mich nicht unterbrechen zu lassen, und war neugierig genug, den Berg zur Rechten zu durchsuchen, – nicht boshaft genug, an dem Schicksal der Unglücklichen zur Linken ein überwiegendes Interesse zu nehmen.

»Von meiner Kindheit an, sprach er, bin ich ein Freund der Ordnung, der Uebereinstimmung und des Wohlanständigen gewesen. Den Dummkopf oder Narren an der Seite des vernünftigen Mannes, ein elendes oder zweydeutiges Geschmiere neben einem Werke von entschiedenem Verdienste zu sehen, erregt ganz nothwendig entweder meine [191] Galle, oder meine Milz. Wie könnten Sie z.E. in dem Buche, das Sie da eben in der Hand haben, den bizarren Einfall, einen Herrn von Breitenbauch just à la tête einesGeßner zu stellen, ohne Lächeln, und ohne einen Seitenblick auf die Mishelligkeit der Gruppe zu werfen, in Betrachtung ziehen? – Da haben Sie in zwey Worten das Emblem der meisten Bibliotheken! Die mehresten verrathen einen gewissen wrong side in dem Geschmacke ihrer Sammler; sogar die Sammlung unsers Freundes hat Spuren der tadelhaften Nachsicht! Aber niemand soll sagen, daß ich ein halbes Jahr auf S** zugebracht habe, ohne mich dem einreißenden Uebel derjenigen Bibliothek zu widersetzen, die mit geringer Mühe das Muster aller übrigen werden könnte. Ein kleiner Anfang ist schon gemacht, wie Sie sehen –«

Und die Leichtigkeit, fiel ich ihm ins Wort, mit der Sie eben itzt einigen dieser Mishelligkeiten durch Hülfe des Enten-Teichs abzuhelfen wußten, überzeugt mich, daß Sie die vortrefflichsten Mittel wissen, dem Unfug mit Nachdruck zu steuren und zu wehren. Werden Sie aber, wenn ich fragen darf, dem eben genannten Buche, (es war der Choix de Poésies allemandes des Herrn Huber, den ich aufgenommen hatte,) deswegen eine Stelle in der Sammlung unsers Freundes versagen, weil Ihnen der Herr von Breitenbauch ein Aergerniß ist? –

»Ich wünschte freylich, antwortete er, daß es von mir abhinge, seine Juden aus diesem Werke, dessen Grundlage die Ehre unsrer Nation seyn soll, herauszuwerfen. Niemand, als Herr Leßing, sollte befugt sein, jüdische Schäfergedichte zu schreiben.« –

Was halten Sie überhaupt von dem Unternehmen des Herrn Hubers?

»Wenn ja Dichter zur Prose, und zwar zur Französischen, herabgesetzt werden sollen, so gestehe ich Ihnen, daß kein Sterblicher diesen Versuch glücklicher wagen konnte, als Herr Huber; er, der die Aufmerksamkeit der Franzosen bereits so rühmlich zu fixiren gewußt; er, der das Genie [192] beyder Sprachen mit so vieler Einsicht unterscheidet; er, der die Gränzen der poetischen und der prosaischen Diction mit so vielem Geschmack von einander auszeichnet. Das letzte rechne ich ihm besonders zum großen Verdienst an. Prosaische Uebersetzungen versificirter Originale haben gemeiniglich einen zweydeutigen Ton, weil der Uebersetzer selten die Anmerkung zu machen weis, daß die Basis seiner Arbeit nichts geringers als eineErsetzung flüchtiger Schönheiten seyn soll. Herr Huber hat geändert, untergeschoben, und ganz ausgestrichen, wo ihm etwas das Gleichgewicht des Numerus, und die Gränzen der Prose aufzuheben schien. Ich lobe seine Entschlossenheit. Nur hätte ich gewünscht, daß er manchen kleinen Zusatz, den blos der Schwung der Versification mit fortgerissen hatte, nicht in der Prose wie isolirt stehen gelassen, sondern die Blöße aus eigner Autorität zu verbergen gesucht hätte: denn was in der letztern eine Schwäche ist, war es nicht immer in der ersteren. Im Ganzen kann ich nicht umhin, bey Gelegenheit diesesChoix de Poésies allemandes mit einigem Stolze von der reichen Charakteristik unsrer Sprache auf die eintönige und seichte Bestimmtheit der Französischen herabzusehen. Wenn Sie diese Bände durchlesen, so werden Sie nie vermuthen, daß der Geßnerische, der Kleistische, der Utzische, derHagedornische, der Lichtwehrische, der Klopstockische, der Gleimische Stil, jeder sein eignes Gepräge, seinen herrschenden Charakter habe. Da die Französische Sprache keiner Mannigfaltigkeit der Wendungen und Inversionen, keiner Modification der Ton-Arten fähig war: so mußte der Uebersetzer sich die verdrießliche Mühe geben, die verschiednen Original-Gepräge des Stils in eine allgemeine Form umzugießen; und die Miene ist itzt bey allen die nämliche, wie an den Köpfen der nürnbergischen Generals.«

Ist Ihnen beym Detail der Stücke nichts Anmerkenswürdiges in die Augen gefallen?

»Falls Sie nicht etwa meine Freude dahin rechnen wollen, daß ich hier einige alte Stücke von Klopstock und [193] Cramer, unter den anonymischen, wieder gefunden habe. – Uebrigens kam es mir lächerlich vor, das Gedicht, der Tabak, abermals unter der Gattung der Dithyramben zu lesen, da doch der Haupt-Ton desselben die Ironie, und das ganze Ding eine bloße Carricatur ist, die allem Ansehen nach keinem andern Gotte, als dem bockfüßigenApollo der Neuern, seinen Einfluß zu verdanken hat. Eben so wenig weis ich, warum die Hochzeit des Bacchus durchaus eine Dithyrambe seyn soll. Wer hat jemals das Epithalamium Thetidis beym Catull dafür angesehen? Sogar der Attis gehört nur unter die galliambischen Gedichte.«

»Unter den übersetzten Fabeln sind die Leßingischen die zahlreichsten; und mit Grunde! Nicht blos ihre Simplicität und der Prosa-Vortrag erleichterten, wie Herr Huber meynt, die Uebersetzung; sie waren gewissermaßen, vermöge ihrer Schreibart und ihrer Wendungen, schon im Französischen da, noch ehe sie übersetzt wurden.«

»Kein deutscher Dichter hat mehr Ursache, mit dieser Sammlung zufrieden zu seyn, als der Verfasser der Kunst stets fröhlich zu seyn, gegen den die Kritik sich so ungerecht bewiesen hatte. Ohne zu erwägen, daß diese kleine Schrift keine Sammlung von Sentenzen nach Englischem Zuschnitt, sondern ein ordentliches System seyn sollte, das der Geschmack, der sittliche sowol, als der dichterische, angeordnet, und ein verfeinerter Epikurismus aufgeführt hatte, – dessen Genius nicht der philosophische Tiefsinn, sondern ein sehr eleganter Witz ist, der, so wie der in den Consolations dans l'Infortune, sich mehr unter dem Französischen als Brittischen Himmel gebildet hat; ohne, sage ich, dieß alles zu erwägen, hatte man den Einfall, didaktische und lyrische Züge mit einander zu vergleichen, und den Ausspruch für die letztern zum Nachtheil der erstern zu thun: eine Kritik, die so sonderbar, und zugleich so lehrreich ist, daß wir, ihr zufolge, den guten Horaz auf einmal um die Hälfte seines Nachruhms bringen können. Itzt steht diese Kunst fröhlich zu [194] seyn, gerade am rechten Orte; und ich müßte mich sehr betrügen, wenn die Französischen Leser nicht höchst vortheilhaft für sie decidiren sollten.«

Ich stellte hierauf das Buch des Herrn Huber sorgfältig bey den besten Werken der Neuern hin, und hub die Lieder der Deutschen, die demselben am nächsten lagen, vom Boden auf.

»Ich bin zweifelhaft, sagte der Bibliothekar, (indem er die Augen auf eine lustige Art verkleinerte, wie einer, der etwas sehr Subtiles mit mehr als gewöhnlicher Scharfsichtigkeit beleuchten will,) was ich mit diesen Liedern der Deutschen anfangen soll. Es sind mir deren einige so reizende und vorher noch nicht bekannte in die Augen gefallen; andre sind in einzelnen Stellen mit so vielem Geschmack verbessert; noch andern ist durch eine geringe Veränderung ein so artiger Plan gegeben worden, daß ich nicht satt werden konnte, dieses seine Gebund der Kritik, wofern ich einen Schweizerischen Ausdruck hier anwenden darf, zu lesen und zu bewundern, wenn ich nicht zum Unglück einige andre Seiten bemerkt hätte, von denen mir die ganze Sammlung in einem weit höhern Grade misfällt, als sie mir von jener angenehm gewesen ist. – Doch stille! noch nichts vom Misfallen! Lassen Sie uns erst einige Kleinigkeiten untersuchen, die selbst der Aufmerksamkeit des Herausgebers entwischt zu seyn scheinen.«

Wir machten darauf ein paar Gänge in der ausgebognen Allee bey der Grotte des Apollo, und hatten folgende Unterredung.

Der Bibliothekar. Lassen Sie uns gleich bey dem ersten Liede stehen bleiben:


Freude, Göttinn muntrer Jugend,

Höre mich!

Laß –


Ihr Freund. Eine Minute! wenn ich bitten darf. Daß die Freude die Göttinn muntrer Jugend seyn soll, ist, wo nicht in der Sache, doch in den Worten eine Tautologie. [195] Ueberdem ist der Begriff zu eingeschränkt: denn die Freude ist auch die Göttinn muntrer Alten.

Der Bibliothekar. Wie wäre es, wenn wir statt muntrer Jugend, edler Herzen setzten?

Ihr Freund. Vortrefflich! Nur ein edles, ein lasterfreyes Herz ist im Stande, sich zu freuen und befugt, die Freude als eine wohlthätige Göttinn anzurufen. Geschwind streichen Sie muntrer Jugend aus!

Der Bibliothekar. Ueberdem werden Sie aus der Folge sehen, daß der Begriff, den ich eingeschoben habe, unentbehrlich ist, da durch dieses Lied der Gegenstand der Freude bestimmt wird, der, wie aus dem Resultat erhellt, nicht die muntre Jugend, sondern das edle Herz ist.


Laß die Lieder, die hier schallen,

Deinen Kindern wohlgefallen –


Ihr Freund. Wie? Sie scherzen! Steht das da? – Von welchen Kindern ist hier die Rede? Von ihren mythologischen und allegorischen Kindern? von der Jugend? von ihren Anbetern? UndKinder! Warum nicht gar Säuglinge? – Würde die Idee nicht überhaupt weit schöner seyn, wenn der Dichter etwas zu singen wünschte, das der Freude wirklich Ehre machte, und würdig wäre, ihr selbst zu gefallen?

Der Bibliothekar. Ohne Zweifel! Der Zusatz:


Was hier tönet, tönt durch dich;


macht ohnedieß die erste Bitte überflüßig: denn wenn der Dichter durch die Freude singt, oder, mit andern Worten, durch ihren Hauch begeistert ist, so muß er nicht erst bitten, daß sein Lied ihren Verehrern gefallen möge. Nach Ihrer Idee hingegen kann der Dichter durch den Einfluß der Göttinn wirksam gemacht werden, ohne sich zu schmeicheln, daß er ihr durch etwas anders, als durch seine dankbare Absicht, gefällig seyn werde. Ich mache also einen Strich über


Deinen Kindern wohlgefallen,
und setze auf Ihre Veranlassung
Dich vergrößern, dir gefallen.

[196] Aber weiter!

Holde Schwester süßer Liebe,
Glück der Welt!

Ich weis gegen diese Zeilen nichts weiter einzuwenden, als daß das Wort Hold hier den Charakter der Freude nicht recht bezeichne, und möchte daher lieber Muntre, oder sonst ein ähnliches Wort setzen. Tochter des Himmels, oder im Hagedornischen Geschmack, Himmelskind, würde mir gleichfalls lieber seyn, als Glück der Welt, wenn nicht dieß letzte ausdrücklich da stünde, um in einer Parenthese von anderthalb Strophen gerechtfertigt zu werden. –

Ihr Freund. Eine Parenthese von anderthalb Strophen in einem Liede? Ists möglich? Kann der Dichter daran gedacht haben, daß Parenthesen sich selten, am allerwenigsten aber in Lieder-Melodien, die von der Symmetrie der Strophen eine neue Einschränkung erhalten, durch den Gesang ausdrücken lassen? Und noch dazu eine so ungeheure Parenthese!Corrige sodes! Aber erst lassen Sie mich sie hören, diese Parenthese!

Der Bibliothekar.


(Denn was kann in unserm Leben

Uns des Glückes Göttinn geben,

Was man nicht durch dich erhält?

Stumme Hüter todter Schätze

Sind nur reich.

Dem, der keinen Schatz bewachet.

Sinnreich scherzt, und singt, und lachet,

Ist kein karger König gleich.)


Ihr Freund. In meinem Leben hätte ich nicht geglaubt, daß Hagedorn sich so verworren hätte ausdrücken können! In unserm Leben! Welche cheville! Was kann uns die Göttinn des Glücks geben, was man nicht durch die Göttinn der Freude erhält? – Wie so? Durch ihre Vermittelung? oder als das Instrument des Glückes? Keines von beyden! Aber ich merke schon, was der Dichter hat sagen wollen. Die Gaben des Glückes selbst verlieren ihren Werth, wenn [197] die Freude sie uns nicht genießbar macht. Warum mußte er sich denn so links ausdrücken?

Der Bibliothekar. Mir fällt gleich eine Verbesserung ein! Die Freude muß unsrer Empfindung Nerve und Kraft geben, um das Glück schätzen zu können; sie ist der wesentlichste Theil unsrer irdischen Glückseligkeit, und die edlere Hälfte unsers Lebens. Wenn sie nicht der unschätzbare Gewinn wäre, den wir der milden Vorsorge des Himmels zu danken haben, was könnte das Glück uns wol wünschenswürdiger darbieten? Dieß drücke ich, wenn es Ihnen beliebt, in Versen also aus:


Kraft der Seelen! halbes Leben!

Ach! was kann das Glück uns geben,

Wenn man dich nicht auch gewinnt?


Allein, ich habe noch einen andern Einwurf wider die obige Parenthese. Sie macht den Plan des Liedes zu sichtbar, den der Dichter auf alle Weise verstecken sollte. Lassen Sie die Parenthese weg, Hagedorn; und das Ganze bleibt das nämliche; es wird durch die Vermeidung einer ängstlichen Methode sogar ein noch schöneres Ganze, weil es lyrischer wird. Die folgende Strophe kann also immer beybehalten werden, wenn gleich hinter der letzten Zeile kein Häkelchen steht.


Gib den Dichtern, die dich ehren,

Neue Glut!


Ihr Freund. Warum nur den Dichtern? Warum nicht überhaupt denen, die dich zu ehrenwissen, den Kennern?

Der Bibliothekar. So fiele Glut weg: denn Sie sehen wohl, daß die Rede von der Dich ter-Glut ist.

Ihr Freund. Eben darum! Ich mag diese Glut hier nicht dulden; sie sagt mir zu viel. Hagedorn braucht ja sonst das Wort Muth für Lebhaftigkeit: warum nicht hier, wo es so angemessen seyn würde?

Der Bibliothekar.


Neue Schönheit gib den Schönen,

Neuen Scherz den jungen Söhnen,

Und den Vätern junges Blut.

[198] Ich lese diese Stelle eben so lieb so:

Neuen Scherz den regen Zungen,

Neue Fertigkeit den Jungen,

Und den Alten neues Blut.


Sie haben die Wahl, wenn Ihnen das erste besser gefällt.

Ihr Freund. Nichts weniger! Ich danke Ihnen für Ihre Lesart; sie scheint mir noch Hagedornischer, als die Hagedornische. Die regen Zungen geben ein naives Bild der geselligen Freude; die ganze Stelle ist wirksamer, malerischer und interessanter.

Der Bibliothekar.


Aber fliehe der Bacchanten

Unvernunft!


Ihr Freund. Die Unvernunft der Bacchanten? Ich weis freylich, daß die wilde Freude der Bacchanten etwas Unvernünftiges ist: aber warum werden diese beyden Begriffe hier mit einander verbunden, da nicht die Weisheit der Freude, sondern ihre Sittlichkeit der Inhalt der vorigen Strophen gewesen ist? Vermuthlich wird der Dichter uns in den folgenden Strophen lehren, daß die Freude einen eben so mächtigen Einfluß auf den Verstand, als auf das Herz habe. –

Der Bibliothekar. Sie irren sich. Ich habe Ihnen den Anfang der letzten Strophe hergesagt. Wenn Sie es aber verlangen, so kann man diese Zeilen leicht ändern: denn, was Sie eben sagten, scheint einen sehr guten Sinn zu geben. Ich will also dasFliehe erst nachher setzen, und die Schluß-Strophe so lesen:


Du erheiterst, holde Freude,

Die Vernunft.

Flieh, auf ewig, die Gesichter

Aller finstern Splitter-Richter,

Und die ganze Heuchler-Zunft.


Ueberhaupt fügen sich hier die Begriffe besser zusammen, als in der vorigen Lesart, weil die finstern Gesichter der Verläumder und der Heuchler den Mangel der Freude voraussetzen, die ihre Vernunft nicht genug erheitert hatte, [199] um sie über jene kleine Tücke und Verstellungen hinwegzusetzen. Die Bacchanten hingegen stehen hier ohne Noth, und wie ungerufen. – Sehen Sie aber nur aus dieser flüchtigen Probe, wie leicht es ist, einem ganzen Liede durch wenige Veränderungen und Zusätze eine neue Gestalt zu geben.

Ich freute mich nicht wenig, daß ich wider mein Wissen so viel zur Verbesserung desselben beygetragen hatte; und da wir einmal im Train waren, brachten wir eine Menge neuer Lesarten zusammen, die ich, um Sie nicht zu ermüden, hier schlechtweg hinter einander hersetzen will.


S. 67.

Der Vorwitz alles Ding zu wissen,

Der Liebesgeist, die Sucht zum Küssen.


Besser:

Die Regung mütterlicher Triebe,

Der Fürwitz und der Geist der Liebe.


Jenes ist platt und prosaisch, dieses edler, wohlklingender und satyrischer. Die mütterlichen Triebe, eine schalkhafte Anspielung.


S. 110.

Und voll Verzweiflung sterben,

Sich martern und dann sterben.


S. 111.

Was soll ich länger auf der Welt?

Itzt sterb ich, spricht er, als ein Held:

Und läßt sich Kapwein reichen.

Er öffnet eine Flasche Wein,

Und läßt des Giftes voll zu seyn

Sich noch die zweyte reichen.


Der Zug, des Giftes voll zu seyn, hatte zwar noch nicht völlig unsern Beyfall, weil er über die Schranken der Ironie hinausgeht: wir glaubten aber doch, daß unsre drey Zeilen artiger wären, als die im Original, und hielten es für einen geringern Fehler, einer kleinen Uebertreibung, als einer gar zu abstechenden Veränderung des Tons, schuldig zu seyn.


Drauf holt er Schemel, Nagel, Strick:

Ein leichter Tod das größte Glück!

Warum bedacht ich dies nicht eher?

Hier kann die Stolze, wenn sie will,

Mich schweben sehen, sagt Pedrill:

Und hängt sein Bildniß höher.


[200] Ein ebenso unerwarteter, als burlesker Einfall, der in dieß Lied gar nicht hineinpaßt. Ethischer und charakteristischer so:


Hernach verflucht er sein Geschick,

Und holet Schemel, Nagel, Strick,

Und schwört, nun soll die That geschehen.

Doch, ach! was kann betrübter seyn?

Der Strick ist schwach, der Nagel klein,

Der Schemel will nicht stehen.

S. 176.

Lieber will ich Klagen führen.

Als die Laute gar nicht rühren,

misfiel dem Bibliothekar wegen des prosaischen Ausdrucks. Er setzte dafür:

Ich will lieber deine Schmerzen,

Als nicht küssen, und nicht scherzen.


Ich glaubte, die Verbesserung wäre ein wenig undeutlich, wegen der mit dem Begriff der Küsse und des Scherzes verbundenen Schmerzen: er läugnete dieses, und sagte, wenn wir ja noch etwas ändern wollten, so könnte es des Wohlklangs halber Lieber will ich statt Ich will lieber heißen.


S. 243.

Zwar hat die Lieb uns früh verbunden:

Doch opfern wir ihr alle Stunden

Von unsrer ganzen Lebenszeit.

Zwar sind wir jung, und lernen beyde –


Besser:


Der Liebreiz, der uns früh verbunden,

Beschäfftigt unsre frohen Stunden,

Und bringt dich wieder, güldne Zeit!

Zwar lehren wir, und lernen beyde –

S. 244.

Nichts übertreff' ihn, als die Nacht:

Wo Phyllis kömmt, mir voll Entzücken

Die Küsse zehnfach aufzudrücken.

Um welche mich der Tag gebracht.


Wo Phyllis kömmt ein nicht angenehmes Bild. Küsse aufzudrücken eben so wenig. Schlauer und artiger:

Die Zeit erwünschter Finsternisse,

Die wacher Schönen stille Küsse

Den Müttern unerforschlich macht.


[201] Unerforschlich, nicht als ob die Mütter sie nicht erforschen könnten, sondern weil die Nacht ihren Schleyer darüber zieht.

Das Refrain in dem Liede: Die Spröden S. 307:


Endlich aber glaubet man.

Daß man sie gewinnen kann;

kann naiver und körnichter so lauten:

Dennoch sagt und glaubet man.

Daß man sie erbitten kann.


Endlich setzt eine künftige Zeit voraus, welches unnöthig ist. Erbitten drückt mehr aus, besonders an diesem Orte, als gewinnen.

Alle diese Stellen, und noch viel mehrere von geringerer Erheblichkeit, sind aus dem einzigen Hagedorn. Ich wunderte mich, und Sie haben Ursache, über mich zu lachen, daß der wegen seiner Correction so gepriesene Hagedorn so schwache Verse hätte können stehen lassen, die wir doch auf der Stelle und mit der größten Leichtigkeit zu verbessern gewußt, – als unser Bibliothekar seinen Muthwillen nicht länger aufhalten konnte, und laut zu eclatiren anfing.

»Merken Sie denn noch nicht, sagte er, daß alle Ihre vermeynten Verbesserungen blos wiederhergestellte Lesarten aus dem Hagedorn sind, die wir den unbefugten der Berlinischen Ausgabe untergeschoben haben?« Er brachte mir darauf die Hagedornischen Lieder, und ich sah, zu meiner Verwunderung und nicht geringen Beschämung, daß der Hamburgische Chaulieu schon längst eben so tief gesehen hatte, als ich, der ich ihn zu meistern glaubte. Mich so anzuführen? –

»Ich will Sie nicht überreden, fuhr er fort, daß die neuen Aenderungen und Zusätze alle so bequem aus ihren Originalen verbessert werden können. Selbst in den Hagedornischen Liedern, die sonst so fleißig gefeilt, und mit der äußersten Feinheit des Geschmacks ausgearbeitet sind, finden sich Stellen, wo die lima des Berlinischen Herausgebers nicht ohne Erfolg thätig gewesen ist: besonders [202] haben die Lieder des Herrn Weiße eher dabey gewonnen, als verlohren; und wenn uns andere nicht mehr ganz schlecht scheinen, haben wir es blos ihrer Palingenesie zu danken: dennoch« –

Es freuet mich, unterbrach ich ihn, daß Sie dieser Meynung sind. Ich halte dafür, der Herausgeber würde uns einen großen Dienst gethan haben, wenn er mehrere dieser mittelmäßigen oder ganz schlechten Originale durch seine Kunst aufzustutzen gesucht hätte; wenigstens hat mich sein glücklicher Versuch ermuntert, gleichfalls Hand anzulegen, und ich wünschte, daß Ihnen folgendes Schnörkel mit meinen Correctionen des Sylbenmaaßes und des Wohlklangs gefallen möchte.


Das geraubte Band.


Kannst Du mich so sehr beschämen?

Mir das Pfand der Liebe nehmen?

Wandelbarer Lykophron!

Dient die Unschuld einer Taube

Ihr zum Schimpf und dir zum Raube?

Ist dieß meiner Treue Lohn?


Frägst Du noch, warum ich zürne?

An Euphrosymenens Stirne

Sah ich das geraubte Band.

Um der Schläfe Kranz gewunden,

Hab ich es bey ihr gefunden,

Und es alsobald erkannt.


An dem Rande sah man Blätter,

An den Enden Liebesgötter,

Und die Mitte schmückt' ein Strauß.

Roth und blau war es durchzogen;

Schöner, als ein Regenbogen,

Sah mein Band mit Farben aus.


Denke nur, untreuer Hirte,

Wie Du mir bey jener Myrthe

Zärtlich Hand und Herz geweiht!

Denk, o denk der falschen Thränen,

Denk an dein verstelltes Sehnen

Und an den gebrochenen Eyd!


Allen Schäfern will ichs sagen,

Allen Nymphen will ichs klagen,

[203]

Daß sie deinen Leichtsinn schmähn.

Falscher! Fleuch zu Deiner Dirne;

Nimmer sollst Du meine Stirne

Ohne Zorn und Wehmuth sehn!


Das Wort Wehmuth in der letzten Zeile werde ich gegen ein anderes vertauschen; es ist mir zu spät eingefallen, daß nicht die Stirne, sondern die Augenlieder der Sitz der Wehmuth sind. Um übrigens von dem, was ich in diesem Liede geleistet habe, besser urtheilen zu können, muß ich Ihnen sagen, daß es im Original ein paar Strophen mehr hat, die ein bloßer Auswuchs der Description und müßiger Klagen sind, welche das Ganze nur zweydeutig machten, und ihm die Simplicität nahmen. Die Namen Lykophron und Euphrosymene sind wohlklingender, alsSeladon und Doris. Die dritte Strophe fing sich an:


An den Ecken waren Zanken,

In der Mitte grüne Ranken,

Und darauf ein Blumenstrauß.


Das Wort Dirne habe ich stehen lassen, um das Alter dieses Liedes einigermaßen anzudeuten: anstattohne Zorn und Falten habe ich aber ohne Zorn und Wehmuth gesetzt, theils, weil die Falten einen widrigen Doppelsinn machen, theils, um von dem Schäfer-Charakter nicht zu weit abzuweichen. Nymphen in eben dieser Strophe gefällt mir besser, als Schönen; wie denn auch die Berlinische Sammlung anstatt


Hier sind Rosen, hier ist Wein!
gar recht lieset:
Hier sind Nymphen, hier ist Wein!

»Und gewiß, sagte der Bibliothekar, mit einer tiefen Verbeugung, die mich aus aller meiner Fassung brachte, Sie sind Ihrem Vorgänger, der


Daselbst macht Platz und Raum, und einreißt für und für,

Wo schwacher Boden ist –


mit dem besten Omen von der Welt gefolgt; aber, leider! es ist zu spät! er ist Ihnen einmal schon zuvorgekommen!


Thou, like the hindmost chariot-wheels, art curst

Still to be near, but ne'er to be the first!«


[204] »Inzwischen wäre es nicht übel, wenn Sie mit dieser gesegneten Arbeit fortführen, und, so wie der B. Kunstrichter sich Mühe gegeben hat, einige gute Stücke durch seine Einschiebsel zu schwächen, Sie dagegen den Entschluß faßten, unsre mittelmäßigen und ganz schlechten Lieder durch eine kleine Beyhülfe Ihres Grabstichels wieder in guten Ruf zu bringen. Ich freue mich über diese reizende Aussicht!


Your Picture in the front

With bays and wicked rhyme upon't!


Verzeihen Sie mir meine Aufwallungen;

'Tis expectation makes a blessing dear.«


Sie wollten mir also, gab ich ihm mit einiger Empfindlichkeit zur Antwort, zu verstehen geben, daß das Project des Berlinischen Herausgebers mich weniger hätte intereßiren sollen? Ich begreife in der That nicht, womit Sie Ihr sprödes Vorurtheil rechtfertigen wollen? Einmal ist es gewiß, daß er, wo nicht immer, doch an den meisten Stellen eine unendliche Delicatesse gezeigt hat; und ich dächte, wir hätten auf alle Weise Ursache, ihm verbunden zu seyn, daß er die Mühe übernommen, unsern jungen Dichtern eine Auswahl von Meisterstücken vorzulegen, nach denen sie ihren Geschmack prüfen, ihre Einsichten verbessern, und ihr Genie bilden können: ein Vortheil, den wir nicht für eitel oder gering halten dürfen, da es unstreitig ist, daß verschiedene Stücke, auch der besten Dichter, bald durch ihre Weitschweifigkeit, bald durch die Unrichtigkeit ihres Plans, bald durch Nachläßigkeiten und Ungleichheiten im Ausdruck, bald durch andere Kleinigkeiten fehlerhaft waren. Viele dieser Kleinigkeiten zusammengenommen sind so sehr der Tod eines Liedes, daß, um Ihnen eine Sentenz zurückzugeben,


Nec vigor, et vires, et quae modo visa placebant,

Nec corpus remanet.


In der Berlinischen Sammlung hingegen ist man sicher, auf keine Leichname von dieser Art zu stoßen. Da giebt es keine von den Oden, die nicht aufhören können; die ihre ganze Materie zu erschöpfen drohen; keine von den Oden mit epigrammatischen [205] Schlußfällen, wo man schon bey der dritten Zeile anfängt, einen sehr glänzenden Schluß für die achte Zeile vorzubereiten (eine symmetrische Art zu denken, die der Begeisterung gänzlich zuwider ist); keine von den Oden, bey deren Verfertigung der Dichter gar an keinen gewissen Hauptplan gedacht hat, und wo es, wie Addison von einigen Engländischen Oden sagt, besser gewesen wäre, wenn man aus jeder einzelnen Strophe ein ganzes Lied gemacht hätte; keines von den Vaudevillen, die zu lang sind, und sich pöbelhaft aufführen; kein einziges, das nicht den strengsten Forderungen Genüge thäte. Sogar die aus unsern ältern Dichtern adoptirten haben itzt mehr als Eine Seite, von der sie sich empfehlen. Was meynen Sie, ist das ein verächtliches Geschenk? Ich wünschte, wir hätten in jeder Gattung der schönen Litteratur Sammlungen, deren Wahl so glücklich wäre; die Ehre der Nation würde sicherlich nicht darunter leiden –

»Aber um desto mehr das Vergnügen der Kenner, denen die Geschichte des Geistes zu wichtig ist, als daß sie begierig seyn könnten, diese Mode eingeführt zu sehen. Wo bleibt der Charakter des Dichters, wenn ich bey jedem Schritt befürchten muß, nicht ihn, sondern seinen allzu zärtlichen Kunstrichter zu sehen? Es ist wahr, Anfänger mögen dem letztern mehr als Einen Dank schuldig seyn; sie lernen wirklich etwas, – unter andern, ihre Vorgänger verachten, und gute Werke mit unnöthigen Correctionen überschwemmen. Ich wäre vielleicht weniger strenge gegen den Berlinischen Sammler, wenn es nicht allzu sichtbar wäre, daß dieser Kitzel, sich durch die eigenmächtige Umarbeitung berühmter Poesien einen Namen zu erwerben, täglich weiter um sich greift, und uns in dem nachahmenden Deutschland zuletzt gar um die wenigen Originale bringen wird, die wir noch aufzuweisen haben. Viele vortreffliche Lieder sind schon itzt nach ihrer ursprünglichen Gestalt ganz unbekannt geworden; wir wissen, um mit [206] dem Vorberichte zu reden, ach ja, wir wissen schon aus der Erfahrung, daß der Liebhaber der Musik die Lieder seiner Nation nach seiner eigenen Weise singt, und diese Weise zu singen andern mittheilt. Eine weit mißlichere Erfahrung möchte es seyn, ob sich aus dem Stillschweigen unserer lyrischen Dichter schließen lasse, daß sie auf diese Sucht neuer Weisen nicht ungehalten sind, und ob sie ihr eigenes Gefühl so sehr verläugnen, daß sie sich überreden, eine jede Veränderung müsse eben darum die beste seyn, weil sie die neueste ist. Wenigstens begreife ich nicht, was einen guten Kopf bewegen soll, seine Erfindungen in die Welt zu schicken, wenn er voraus sieht, daß er sie nach kurzer Zeit sich selbst nicht mehr werde zueignen können.«

»Und auf der andern Seite – was kann wol unbeträchtlicher seyn, als der Aufwand, den man zu machen hat, um ein Ideal, welches schon da ist, von Zeit zu Zeit mit ein paar Verschen auszuzieren? Was sind unsere neuesten Verbesserer gegen Pope, der auf den veralteten Canevas des Donne und Chaucer ganz originale Figuren von der bewundernswürdigsten Zeichnung und Colorite überzutragen wußte? Und doch, welchen Dank hat sich Pope durch diese Arbeiten bey seiner Nation verdient?« –

»Auch darinn gehen Sie viel zu weit, wenn Sie behaupten, die B. Lieder-Sammlung thue den strengsten Forderungen ein Genüge, und enthalte lauter Muster, nach denen sich der Geschmack und das Genie junger Dichter bilden könne. Der Vaudevilles, selbst der mittelmäßigen, sind noch immer zu viel, und andere Stücke, die für Lieder zum Singen ausgegeben werden, sind niemals Lieder gewesen.«

Nicht? davon möchte ich Ihre Beweise hören. –

»Ich schmeichle mir, daß Sie sie dafür erkennen werden. Ich muß Ihnen also voraus sagen, daß die Theorie der lyrischen Dichtkunst meines Erachtens unter allen Theorien eine der mangelhaftesten sey. Die Frage: was kann [207] gesungen werden? haben unsere Kunstrichter vorlängst beantwortet; auch ist nichts leichter zu sagen, als daß Wahrheiten und Träume, Ernst und Scherz, Lob und Tadel, Einsamkeit und Gesellschaft, Liebe und Unempfindlichkeit, Freundschaft und Zwietracht, Freude und Leid, Glück und Widerwärtigkeit, ein jedes Alter, ein jeder Stand der Menschen, was wir wissen und empfinden, mit einem Worte, fast Alles unter das Gebiet des Liedes gehöre. Nur auf die Frage: wie sollen alle diese Dinge gesungen werden? und wodurch werden sie das bestimmte Subject des Gesanges? bemerkt man ein tiefes Stillschweigen. Es ist hier nicht genug, zu sagen: weil die lyrische Poesie zum Singen gemacht, die Musik aber ein Ausdruck der Empfindungen durch unartikulirte Töne sey; so müsse die lyrische Poesie ein Ausdruck der Empfindungen durch artikulirte Töne oder Worte seyn. Nicht ein jeder Ausdruck der Empfindungen ist sangbar, und das Verhältniß der Empfindungen zum Gesange ist von den Empfindungen selbst sehr unterschieden. Noch weit weniger wahr ist es, wenn jemand spricht, die lyrische Poesie könne als eine Poesie beschrieben werden, die die Empfindungen ausdrückt; man dürfe nur eine singende Versart hinzuthun, so habe sie alles, was zu ihrer Vollkommenheit nöthig ist. Was sollte jemanden, der nicht durch die Gewalt des Vorurtheils, der Gewohnheit, oder wol gar nur durch den Bewegungsgrund jenes Müßiggängers beym Dryden:


He whistled as he went, for want of thougt;


verführt wird, was, sage ich, sollte ihn wol veranlassen, folgende Ausdrücke der Empfindungen im lyrischen Sylbenmaaße lieber zu singen, als zu lesen oder zu recitiren?


Und fehlten dir der Schönheit holde Gaben,

So machte mich dein seltner Geist beglückt;

Und solltest du so seinen Witz nicht haben:

Mich hätte doch der Glieder Pracht entzückt.

Der reiche Geist, die göttliche Gestalt

Ward dir vertraut, zu leben und zu lieben.

[208]

Geliebtes Kind, todt werd ich mich betrüben,

Wenn nicht dein Blut für mich aus Liebe wallt.

S. 301.


Komm' an den freundlichen Kamin!

Mit unsparsamer Hand

Thürm' ich den jungen Buchenwald

Zu hellen Flammen auf.

S. 341.


Diese und unzählig andere Stellen können ihre großen Schönheiten haben: aber der Begriff eines Liedes scheint mir auf eine sehr zufällige Art damit verbunden zu seyn. Ich will Ihnen ganz ungezwungen sagen, worinn meiner Meynung nach, und so fern ich die Sache begreife, der Misverstand bestehe, und woher er entsprungen sey.«

»Die Musik kann und muß nur allgemeine Ideen ausdrücken, und diese Ideen müssen Empfindungen seyn. In der Rhapsodie des zweyten Theils derKrause- und Rammlerischen Oden-Melodien hören Sie den Tritt der Elephanten, das Gemurmel der Bäche, den Gesang der Nachtigall, sogar das Wallen der Saaten. Spielen Sie das Ganze ohne die darunter geschriebene Erklärung; und Sie haben nichts gehört. Es ist ohne Charakter, es ist lauter Detail. Im höhern oder geringern Grade ist dieser Fehler allen übrigen Singstücken der nämlichen Gattung eigen, je nachdem sie sich mehr oder weniger von dem allgemeinen Haupttone der Leidenschaft entfernen.«

»Folglich drückt sich nicht jeder Gegenstand der Empfindung durch den Gesang aus; sondern die Empfindung selbst, in welche die verschiedenen Gegenstände zusammenfließen, löst sich in Töne auf, und wird der simple und einfache Gesang der Natur. Das Schmachten der Liebe, ihre Schmeicheleyen, ihre Schmerzen, ihre Wallungen, u.s.w. das Object mag ein schönes Mädchen, oder eine Weinflasche seyn! – nicht die darinn concentrirten und untergeordneten Begriffe!« –

»Prüfen Sie nach dieser Idee unter andern unsere heutigen Opern-Arien, und Sie werden sich sogleich eine Ursache angeben können, warum Ihnen die wenigsten, bey aller Schönheit der Melodie, und bey der reichsten Fülle [209] der Harmonie, einige Genüge thun: merken Sie aber zugleich, daß ich den Gesang, der ein bloßer Ausbruch der Empfindung ist, von melodischen Gängen unterscheide, die nur ein rhythmisches und wohlklingendes Schema der Recitation und Declamation enthalten. Diese sind nichts als die schöne Natur der menschlichen Töne beym Ausdruck aller Arten von Begriffen, – sind dem, was ich vorher den Gesang der Natur, oder die unmittelbare melodische Sprache allgemeiner Empfindungen nannte, so wenig wesentlich, – und hangen so sehr von National-Sprachen ab, daß sie sich wirklich, wie schon Addison angemerkt hat, auf mehr als eine Art erklären lassen, und dem Herzen, überhaupt genommen, ganz unverständlich werden. Zu dieser declamatorischen Art des Ausdrucks gehören die Melodien auf alle diejenigen Lieder, in denen der einfache Hauptton der Empfindung nicht herrscht, den ich von einem wahren Liede, so wie die Natur dasselbe hervorbringt, erfordert habe. Der Gesang ist hier also eine blos willkührliche Begleitung, und kann es in eben der Bedeutung auch für Epopöen, Tragödien, Comödien, didaktische Gedichte, landschaftliche Gemählde, und dergleichen seyn. Ich frage Sie aber, wenn von derjenigen Gattung des Liedes die Rede ist, die der Geschmack par excellence von andern Arten der Dichtkunst unterscheidet, ob es erlaubt sey, diesen Begriff so weit auszudehnen? Wenigstens haben wir dem Mangel, oder, wenn Sie es lieber so nennen wollen, der Nachsicht des Geschmacks in diesem Punkte viele der unbestimmtesten und schlechtesten Lieder-Melodien beyzumessen; und ich leite die Ueberschwemmungen mittelmäßiger lyrischer Dichter aus eben der Quelle her.«

Aber so bringen Sie uns ja auf einmal um mehr als die Hälfte unserer witzigsten und reizendsten Lieder, die bisher mit Recht für Meisterstücke der lyrischen Dichtkunst sind gehalten worden? –

»Gar nicht! Sie können immer sehr vortrefflich seyn, wenn sie gleich im eigentlichen Verstande keine Lieder sind. Ich [210] habe auch nicht das geringste dawider, wenn Sie diese Poesien singen wollen. Nur müssen Sie mir einräumen, daß Sie sich alsdann etwas ganz anders bey einem Liede denken, als ich; und daß ich nach meinem Begriffe befugt sey, viele Lieder in der Berlinischen Sammlung für keine Lieder zu erkennen. Meine Grundsätze sind übrigens bey weitem so neu oder sonderbar nicht, als sie Ihnen vielleicht itzt scheinen mögen. Der Guardian hatte schon empfunden, daß die Franzosen gar oft Lieder und Sinngedichte mit einander verwechseln; und Vater Hagedorn bestätigt dieses, indem er sagt, daß die zu epigrammatischen und zu sinnreichen Einfälle des spielenden Witzes dem Charakter der Oden und Lieder zuwider sind. Eine noch wichtigere Instanz ist mir der Ausspruch Herrn Klopstocks, der zufolge die Lehrode den Charakter des geistlichen Liedes aufhebt. Die ihm widersprochen haben, bewiesen, daß sie ihn nicht verstanden. Stellen Sie sich eine Gemeine von hundert Personen vor, deren jede auf folgende Art singt:


Du klagst, o Christ, in schweren Leiden,

Und seufzest, daß der Geist der Freuden

Von dir gewichen ist.

Du klagst und rufst: Herr, wie so lange?

Und Gott verzeucht, und dir wird bange,

Daß du von Gott verlassen bist.


– – –


Zag nicht, o Christ, denn deine Schmerzen

Sind sichre Zeugen bessrer Herzen,

Als dir das deine scheint.

Wie könntest du dich so betrüben?


u.s.w.


Ist nicht die erste Anmerkung, die man machen muß, diese? Wer ist denn der Christ, den alle diese Leute auf einmal ansingen? Wer ist der Lehrende? Wer der Lernende? Und wenn jeder einzelne Sänger niemand als sich selbst meynt, wozu eine so wunderbare Wendung? – Die gleiche Anmerkung findet bey allen Arten von Liedern statt, die blos Lehren vortragen; und Klopstock behauptet also mit[211] Recht, daß diese Lehren nicht Sentenzen, sondern Empfindungen seyn sollen.«

»Lassen Sie mich aus meinen Grundsätzen noch eine Folgerung auf die höhere Ode ziehen. Sie äußert sich nicht durch einfache, sondern durch begeisterte, und eben darum zusammengesetzte Empfindungen, welche eine symmetrische Strophen-Melodie auszuschließen scheinen. Der Gesang muß inzwischen ihr herrschender Ton seyn, und darum ist ihr nichts so sehr zuwider, als familiärer Ausdruck, und Wendungen der Prose. Horazens carmina sind mehrentheils wirkliche Oden; seine Epoden hingegen sind nur sermones im lyrischen Sylbenmaas. Diesen Unterschied kann ich Ihnen nicht besser begreiflich machen, als durch folgende sogenannte Ode des Engländers Cowley, bey der Sie sich des Lachens nicht werden enthalten können, so bald Sie den Begriff der Ode hinzudenken. Ich wähle eine Uebersetzung der Horazischen Ode Inclusam Danaen turris ahenea, die eben keinen besondern Schwung hat, damit Sie noch deutlicher durch die Gegeneinanderhaltung abnehmen können, wie die Familiarität des Stils dasjenige burlesk mache, was durch den Ton des Gesanges lyrisch war.


1) A tower of Brass, one would have said,

And Locks, and Bolts, and iron Bars,

And Guards, as strict as in the heat of Wars,

Might have preserv'd one innocent Maiden-head.

The jealous Father thought he well might spare

All further jealous Care,

And as he walkt, t'himself alone he smil'd,

To think, how Venus Arts he had beguil'd;

And when he slept, his rest was deep,

But Venus laugh'd to see and hear him sleep.

She taught the amorous Dove

A magical receit of Love,

Which arm'd him stronger, and which help'd him more,

Than all his Thunder did, and his Almightyship before.


2) She taught him Love's Elixar, by which Art

His Godhead into Gold he did convert,

No Guards did then his Passage stay,

[212]

He pass'd with Ease; Gold was the Word.

Sublte as Lightning, bright and quick and fierce,

Gold through Doors and Walls did pierce;

And as that works sometimes upon the Sword,

Melted the Meaden-head away,

Even in the secret Scabbard where it lay.

The prudent Macedonian King,

To blow up Towns, a golden Mine did spring.

He broke through Gates with this Petar:

'Tis the great Art of Peace, the Engine 'tis of War;

And Fleets and Armies follow it afar.

The Ensign tis at Land, and 'tis the Seaman's Star.


3) Let all the World Slave to this Tyrant be,

Creature to this disguised Deitie,

Yet it shall never conquer me.

A Guard of Virtues will not let it pass,

And Wisdom is a Tow'r of stronger Brass.

The Muses Lawrel round my Temples spread,

'T does from this Lightnings Force secure my Head.

Nor will I lift it up so high,

As in the violent Meteors Way to lye.

Wealth for its Power do we honour and adore?

The Things we hate, ill Fate and Death, have more.


4) From Towns and Courts, Camps of the Rich and Great,

The vast Xerxean Army I retreat,

And to the small Laconick Forces fly,

Which holds the Straights of Poverty.

Cellars and Granaries in vain we fill

With all the bounteous Summer's Store,

If the Mind thirst and hunger still,

The poor rich Man's emphatically poor.

Slaves to the Things we too much prize,

We Masters grow of all that we despise.


5) A Field of Corn, a Fountain and a Wood

Js all the Wealth by Nature understood.

The Monarch on whom fertile Nile bestows

All which that grateful Earth can bear,

Deceives himself, if he suppose

That more than this falls to his Share.

Whatever an Estate does beyond this afford,

Is not a Rent paid to the Lord;

But is a Tax illegal and unjust,

[213]

Exacted from it by the Tyrant Lust.

Much will always wanting be,

To him who much desires, Thrice happy he,

With sparing Hand but just enough has given!


Da ich sehe, daß diese Ode die erwartete Wirkung auf Sie thut, und Cowley, so viel ich weis, selbst als pindarischer Dichter, und als Dichter derDavideis, noch niemals von seiner charakteristischen Seite beleuchtet worden; so lesen Sie noch folgendes Liebeslied:


Womens Superstition.


1) Or I'm a very Dunce, or Womankind

Is a most unintelligible Thing;

I can no Sense, nor no Contexture find,

Nor their loose Parts to Method bring;

I know not what the Learn'd may see,

But they're strange Hebrew Things to Me.


2) By Customs and Traditions they live,

And foolish Ceremonies of antique Date.

We Lovers new and better Doctrines give:

Yet they continue obstinate;

Preach we, Love's Prophets, what we will,

Like Jews they keep their old Law still.


3) Before their Mother-Gods they fondly fall

Vain Idol-Gods that have no Sense nor Mind:

Honour's their Astharoth, and Pride their Baal,

The thundring Baal of Womankind.

With twenty others Devils more,

Which they, as we do them, adore.


4) But then, like Men, both covetous and devout,

Their costly Superstition loth t'omit,

And yet more loth to ysue Moneys out,

At their own Charge to furnish it:

To these expensive Deiteis

The Hearts of Men they sarifice.


Sie sehen, was man alles zur Classe der Lieder hinüberziehen kann, wenn man will. Können Sie noch in[214] dem Wahne beharren, daß etwas dadurch lyrisch werde, weil man es singt?«

Sie machen mich wirklich zweifelhaft, versetzte ich; aber doch werde ich mir nicht getrauen, einen Grundsatz anzunehmen, der, anstatt das Gebiet der lyrischen Dichtkunst zu erweitern, dasselbe nur noch mehr einschränkt. Sie wissen, was man gegen Grundsätze dieser Art eingewandt hat. –

»Ich bedaure, antwortete er mir mit einem Achselzucken, daß ich nicht gelehrig genug bin, mich nach diesem Gesetze zu bequemen. Meine Absicht ist nicht, Ihnen ein System daherzumachen; ich erzähle Ihnen ganz offenherzig, wie ich die Sache empfinde, und was das Resultat meiner Untersuchungen gewesen ist. Daß man, um die Poesie nicht ärmer zu machen, als sie schon ist, ihr gewisse Principia angedichtet hat, nach denen sich auf die ungezwungenste Art von der Welt alles zu einem Gedicht machen läßt, was eine poetische Sprache hat – das ist nicht meine Schuld! Wenn ich einen Beruf empfände, mich in die Streitigkeiten der Kunstrichter einzumischen; so würde ich vielmehr recht sehr darauf bedacht seyn, alle die unächten Gattungen, die man von Aristoteles Zeiten an bis auf die unsrigen zur Dichtkunst herübergezerrt hat, eine nach der andern wieder herauszuwerfen, und ich gestehe Ihnen, daß wenig übrig bleiben würde.«

Sie erregen meine Neubegierde. –

»Sie wollen mich zum Kritikus machen – Ich bin keiner. – Aber ich kann frey mit Ihnen reden, wenn ich mich gleich irren sollte. Ihnen also die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, daß man den Scheideweg, wo sich das dichterische Genie (denn nur dieses ist mein großes Principium) von dem schönen Geiste oder bel esprit trennt, noch nicht aufmerksam genug untersucht habe. Deutlicher – ich glaube, daßnur das Poesie sey, was das Werk des poetischen Genies ist, und alles übrige, so vortrefflich es auch in jeder Absicht seyn möge, sich diesen Namen mit Unrecht anmaaße, wenn es auch die Tragödie selbst wäre.« –

[215] Ich stutzte! – Ich hatte nicht gedacht, daß er so weit gehen würde. –

»Ich sehe Ihnen Ihre Befremdung an, fuhr der Bibliothekar fort; aber hören Sie mich nur aus; ich bin nicht Willens, große Köpfe zu degradiren; ich bemühe mich bloß, ihre Laufbahn, zu meinem eignen Unterrichte und zur Erleichterung meiner Erkenntniß, auf einem sehr dornichten und labyrinthischen Felde, auszuzeichnen und zu bestimmen.«

Erst sagen Sie mir, fiel ich ihm ins Wort, was Sie unter Genie verstehen.

»Nicht das, antwortete er, was Sie in den Abhandlungen des Herrn Sulzer, und der beyden Ungenannten in der Berlinischen Sammlung vermischter Schriften und den Breßlauischen Beyträgen, die übrigens alle recht gute Anmerkungen enthalten, darüber disputirt finden. Was diese Gelehrten Genie nennen, ist bloß bestimmte Fähigkeit, und unzulänglich, das Werk des Genies von Meisterstücken großer Köpfe ohne Genie zu unterscheiden.«

Dieß letzte verstehe ich nicht.

»Vermuthlich darum nicht, weil Sie gewohnt sind, die Wörter Genie, großer Kopf, schöner Geist, Meisterstück, u.s.w. mit einander zu verwechseln. Beyspiele werden Ihnen das Räthsel auflösen. Ben Johnson, Corneille, Virgil waren große Köpfe, machten Meisterstücke, und hatten kein Genie. Shakespear, ein Genie, machte selten Meisterstücke, und war kein schöner Geist: ein Wort von französischem Ursprunge, mit dem wir den Begriff eines seinen Geschmacks zu verbinden pflegen.«

Sie scheinen das Wort Fähigkeit anders zu verstehen, als ich. Ich habe Fähigkeit immer für den allgemeinen Namen gehalten, dessen Bestimmungen Genie, Gedächtniß, Geschmack, etc. sind.

»Sie haben ein Recht gehabt, das darunter zu verstehen, was man oft darunter versteht. Da aber Fähigkeit [216] noch öfterer in der engern Bedeutung gebraucht wird, kraft deren sie im gemeinen Leben für Genie gilt; so glaube ich an meiner Seite befugt zu seyn, diese beyden Begriffe wieder zu unterscheiden, weil das, was ich unter Genie verstehe, und was man in der Kunst darunter versteht, etwas ganz anders ist, als was man gewöhnlich Genie nennt. Denn wenn alle die Leute Genies wären, die man in der Sprache des Umganges dazu macht, so gäbe es fast eben so viel Genies, als Köpfe. Die französische Sprache deutet daher einen Unterschied an, unter Genie haben, und ein Genie seyn; und ich hätte gewünscht, daß die Verfasser der obgedachten Abhandlungen diesen Unterschied etwas tiefer erwogen, und zugleich bedacht hätten, daß man nicht zu wissen verlangt, was Genie unter dem Volke, sondern was es als ein Kunstwort bedeute.«

Was ist denn Genie?

»Warum sind Sie so dringend? – oder vielmehr, warum verlangen Sie etwas von mir zu wissen, was ich und niemand Ihnen sagen kann, so lange unsere Psychologie sich noch mit der Oberfläche der Seele beschäfftigen muß? Derjenige ist gemeiniglich am bereitwilligsten, Erklärungen und deutliche Begriffe darzubieten, der die Schranken seiner Einsicht am wenigsten fühlt; und wir sind voreilig genug, aus den Phänomenen auf die Ursachen und Triebfedern zu schließen, da wir doch über den innern Mechanismus der Seele, wenn ich mich so ausdrücken darf, in der blindesten Unwissenheit tappen. Was weis ichs, wie es der Imperator macht, wenn er in dem Augenblicke, da seine Schale zu steigen anfängt, da sein Leben selbst in Gefahr ist, da seine Legionen von allen Seiten muthlos zurückgetrieben werden, und Tod und Schande und Verderben die einzige traurige Aussicht vor und hinter ihm scheint; wenn er, sage ich, in diesem Augenblick aus dem untreuen Glücke, das ihm den Rücken zukehrt, seine Maschine zu machen, die Retraite seiner Soldaten zu einem neuen Plane des Angriffs anzuwenden weis, und seinen Feind schlägt, noch ehe derselbe sich bereden kann, er sey nicht der [217] Sieger. Ich begreife wohl, daß dieser Mann eine bewundernswürdige Beurtheilungskraft besitzen; daß seiner Seele alle mögliche Arten der Stellungen und Ordnungen, wie in einem Winke, gegenwärtig seyn; daß er den schnellesten Witz, die lebhafteste Erfindungskraft, das unerschrockenste Herz haben müsse, um da, wo zwo Minuten zu früh oder zu spät sein unvermeidlicher Untergang sind, den einzigen denkbaren Vortheil zu ergreifen, der das Uebergewicht auf seine Seite ziehen könne. Allein, ich kann in seine Seele nicht hineinschauen. Ich weis nicht, wie ihre Kräfte gespannt sind; nicht, worinn die Harmonie bestehe, die so erstaunliche Wirkungen hervorbringt. Nur das weis ich, daß ich diesen Mann ein Genie nenne; und ich fürchte nicht, zu irren, wenn ich mich gleich eben so wenig getraue, von der innern idealischen d.i. höchsten Schönheit des Genies eine Definition zu geben, als Winkelmann von der äußern Schönheit der körperlichen Bildung.«

Ich erinnere mich dieser Stelle nicht mehr.

»Sie steht in seiner Geschichte der Kunst, und verdient, daß ich sie Ihnen ganz vorlese.


Die Schönheit erfordert eine allgemeine Abhandlung, in welcher ich mir und dem Leser ein Genüge zu thun wünschte: aber das ist auf beyden Seiten ein schwer zu erfüllender Wunsch. Denn die Schönheit ist eine von den großen Geheimnissen der Natur, deren Wirkung wir sehen, und alle empfinden, von deren Wesen aber ein allgemeiner deutlicher Begriff unter die unerfundenen Wahrheiten gehört. Wäre dieser Begriff geometrisch deutlich, so würde das Urtheil der Menschen über das Schöne nicht verschieden seyn, und es würde die Ueberzeugung von der wahren Schönheit leicht werden: noch weniger würde es Menschen, entweder von so unglücklicher Empfindung, oder von so widersprechendem Dünkel geben können, daß sie auf der einen Seite sich eine falsche Schönheit bilden, auf der andern keinen richtigen Begriff annehmen, und mit dem Ennius sagen würden:


Sed mihi neutiquam cor consentit cum oculorum adspectu.
ap. Cic. Lucull. c. 17.

Die Begriffe der Schönheit bilden sich bey den mehresten Künstlern aus unreifen ersten Eindrücken, welche selten durch höhere Schönheiten geschwächt oder vertilgt werden, zumal, wenn sie, entfernt von den Schönheiten der Alten, ihre Sinne nicht verbessern können, u.s.w.

[218] Diese Begriffe sind verneinend; ein bejahender Begriff aber erfordert die Kenntniß des Wesens selbst, in welches wir in wenig Dingen hineinzuschauen vermögend sind. Denn wir können hier, wie in den mehresten philosophischen Betrachtungen, nicht nach Art der Geometrie verfahren, welche vom Allgemeinen auf das Besondre und Einzelne, und von dem Wesen der Dinge auf ihre Eigenschaften geht und schließet; sondern wir müssen uns begnügen, aus lauter einzelnen Stücken wahrscheinliche Schlüsse zu ziehen etc.« – – –


Das Genie ist aber doch im Grunde nur eine Fertigkeit.

»Nur? – Gebieten Sie doch dem Kinde – ich willsSchönaich nennen – auf die Scenen der Natur ein malerisches Auge zu werfen; zeigen Sie ihm, was es zu beobachten habe, um die fürchterliche Seite der Körperwelt und der Geisterwelt mit einem gleichen gelehrten Gefühle zu fassen; lehren Sie es die Räthsel des menschlichen Herzens entfalten, und Gedanken, die noch nicht gebohren waren, im Verborgenen belauschen; nicht genug, daß es beobachten lernte, lehren Sie es die schwerere Kunst, nachzubilden; mit einem Worte, lassen Sie es alle die Kenntnisse einerndten, alle die praktischen Talente erwerben, dieShakespears Genie ohne alle Vorübung schon in sich selbst, wie durch eine Art von Eingebung, besaß: dann sehen Sie, ob aus diesem Schönaich bey aller erworbenen Fertigkeit jemals ein Shakespear werden könne.«

Wie wollen Sie mir darthun, daß ich das Gegentheil erwarten müsse?

»Durch das Beyspiel weit berühmterer Männer, die bey der stärksten Nacheiferung, dem besteingerichteten Studium, und der ämsigsten Beobachtung der Natur nur die Eitelkeit ihrer Unternehmung bestätigten.«

Sie waren also Köpfe von geringerm Gehalte. –

»Folglich ist das Genie keine bloße Fertigkeit, d.i. keine solche, die sich durch Uebung erwerben läßt.«

Ich verzweifle, eine gute Definition vom Genie zu erfahren, wenn die Sache so viele Schwierigkeiten hat.

»Vom Genie überhaupt dürfen Sie sich [219] keine vollständige, noch weniger eine genetische versprechen; die Ausleger haschen nach ihr, wie, um eine Vergleichung von Herrn Winkelmann zu entlehnen, bey einem fliegenden Jucken in der Haut, dessen Ort man nicht zu finden weis. Bald ist es ihnen die Sammlung aller Fähigkeiten; bald die Vollkommenheit derjenigen einzelnen, die uns die Natur mit auf die Welt gab. Man studirt, sagen einige, man sucht sein Talent; oft verfehlt man es: das Genie entdeckt sich selbst. Das Talent kann vergraben seyn, weil es keine Gelegenheit hat, vorzudringen; das Genie arbeitet sich durch alle Hindernisse hindurch. Das Genie erschafft; das Talent setzt nur ins Werk. Das Genie widmet sich erhabnen Wissenschaften und Künsten; der unbestimmtere Geist flattert auf alles: L'un n'embrasse qu'une science, mais il l'approfondit; l'autre veut tout embrasser, et ne fait qu'éffleurer; l'esprit rend les talens plus brillans sans les rendre plus solides; le génie avec moins d'application voit tout, dévance l'étude même, et perfectionne les talens. – Sie sehen das Schwanken dieser Begriffe; Sie bemerken das fliegende Jucken der Haut. Allein, was gehet uns das Genie überhaupt an, uns, die wir nur bemühet sind, das poetische auszufinden? Die Kennzeichen dieses letztern hoffe ich Ihnen so deutlich zu entwickeln, daß Sie seine Spuren nicht leicht werden verfehlen können, wo sie es auch antreffen. Ehe dieß aber geschieht, lassen Sie uns einen kleinen Umweg nehmen, und statt des Subjects das Object betrachten.«

Sie wollen doch keine Aesthetik erfinden?

»Fürchten Sie nichts. Wo man sich kürz fassen darf, spricht man zuweilen mit der Schule. Aber Sie thun wohl, daß Sie mir zu verstehen geben, ich holte zu weit aus. Ich hätte in der That nicht nöthig gehabt, diese Umschweife zu machen.«

Wenn Sie mich überzeugen, werde ich Ihnen für noch längere verbunden seyn.

»Der Stoff der Dichtkunst, nach einer gewöhnlichen und richtigen Induction, sind Handlungen und [220] Empfindungen, Handlungen mit Empfindungen verbunden, Empfindungen mit Handlungen verbunden, Handlungen ohne Empfindungen, und Empfindungen ohne Handlungen.« –

Es giebt auch einen Stoff, der keins von diesem allen ist. –

»Nämlich das Raisonnement, die Description u. dergl. m. – Der Grundstoff der griechischen Odyssee und des französischen Telemach ist nicht Empfindung, sondern Handlung. Woher kömmts, daß Sie jene eine Epopöe nennen, diese nicht?«

Die Kunstrichter geben keine andere Ursache davon an, als weil dem letztern die Anrufung an die Muse fehlt, und weil er in Prose geschrieben ist.

»Lassen Sie uns also noch acht oder zehn Verse an die Muse hinzuschreiben, und diese Prose in Hexameter übersetzen: ist der Telemach nun eine Epopöe?«

So scheints. –

»Mir nicht!«

Wer verwehrts uns, ihn so zu nennen?

»Der Geist des Homer

Hat der Telemach nicht Erfindung, Maschinen, eine reiche und glänzende Sprache?

»Allerdings; und von daraus folgre ich, daß hierinn noch nicht dasjenige stecken könne, was wir poetisches Genie nennen. Erfindungen zeigen mir nur den Grad des Witzes und der darunter mitbegriffenen Seelenkräfte ihres Erfinders an: Boccaz hat mehr erfunden, als Homer. Eben das gilt auch von den Maschinen, und zuweilen nicht einmal. Homers Sprache ist bey seinem brittischen Uebersetzer eben so reich und glänzender, als beym Homer selbst.«

Der Plan und die Anordnung dieser erfundenen Handlungen und Maschinen –

»Sind ein Beweis von dem Geschmacke ihres Urhebers.«

Vielleicht das große Ganze?

[221] »Das Ganze ist im Herkuliskus noch größer« –

Mit Ihren wunderlichen Vergleichungen! Wo steckt denn der theure Unbekannte, der Genius desHomer? Denn ich empfinde freylich, daß es nicht die genannten Eigenschaften sind, die mich bey der Lesung der Ilias und der Odyssee so gewaltsam mit sich fortreißen, und dieses Feuer in meiner Seele zurücklassen, das mich über mich selbst zu erheben scheint. Ziehen Sie die Wolke unter ihm hinweg! –

»Erschrecken Sie nicht; sein Ansehen würde Ihnen besser gefallen, als sein Name. Er heißt – mit Einem Worte, und ohne Gepränge, ich nenne ihn Betrug

Fast möchte ich lachen, statt zu erschrecken. –

Betrug einer höhern Eingebung – Nicht anders! Der beständige Ton der Inspiration, die Lebhaftigkeit der Bilder, Handlungen und Fictionen, die sich uns darstellen, als wären wir Zuschauer, und die wir mit bewunderndem Enthusiasmus dem gegenwärtigen Gotte zuschreiben: diese Hitze, diese Stärke, diese anhaltende Kraft, dieser überwältigende Strohm der Begeisterung, der ein beständiges Blendwerk um uns her macht, und uns wider unsern Willen zwingt, an allem gleichen Antheil zu nehmen – das ist die Wirkung des Genies! Wenn Bodmer das kann, so ist er unser Homer!« –

Sie lehren mich in der That die viuida vis animi, das os Graium und rotundum aus einem ganz neuen Gesichtspunkte betrachten. Die Illusion des gegenwärtigen Gottes – die Inspiration – die viuida vis animi – so ists! durch sie allein konnten Erdichtungen Wahrheit werden!

»Sie werden mir zugeben, daß diese Kraft, die ich in Beziehung auf uns Trug oder Illusion nenne, diese Kraft, die Natur wie gegenwärtig in der Seele abzubilden, in Beziehung auf den Dichter diejenige entschiedene und hervorstechende Eigenschaft sey, die wir uns unter dem Namen des poetischen Genies auch da denken, wo wir uns von unsern Begriffen nicht immer Rechenschaft zu [222] geben wissen. Sie kann weder durch Kunst, noch durch Fleiß erreicht werden; sie ist einigen, und zwar den wenigsten, Geistern eigenthümlich; kurz, sie ist das Genie. Dieß ist keine Definition: aber es ist Erfahrung, es ist Gefühl. Durch sie bewegt sich Alles, lebt Alles, handelt Alles; der Leser ist, um mich mitPopes Worten auszudrücken, bey den Versammlungen und Streitigkeiten der Homerischen Helden nicht etwa bloße Partey, die sich durch einen dritten etwas erzählen läßt; der Geist des Dichters reißt ihn mitten unter die Versammelten; die Gegenstände frappiren ihn so sehr, daß er sie nicht zu hören und zu sehen scheint, sondern sie wirklich hört und sieht. – Der Gang seiner Verse sogar nimmt Antheil an dieser allgemeinen Action: ein Hexameter tritt einher, wie eine Armee. Alle seine Charakter haben ihr besonderes und eigenes Gepräge; das Genie drückte sein Siegel darauf. Darum machen sogar die ähnlichsten Charakter veränderte Erscheinungen, und nichts, es sey belebt oder unbelebt, tritt ohne diesen bezeichneten Charakter auf, der seinen Ursprung in der unbegreiflichen Vigeur des Geistes hat. Alles, sagt Aristoteles, hat beym Homer Sitten; es ist kaum zu glauben, wie wenig Zeilen in einem Werke von dieser Länge blos der Erzählung gewidmet sind. Die Sentiments selbst, die bey andern Schriftstellern ermüden, zeigen hier die Erhabenheit ihrer Abkunft; sie sind Funken aus der glühenden Hitze des Genies, reine, geistige und sublime Funken ohne den Rauch des Schwätzers. Seine Bilder, seine Gleichnisse sind uns original, weil unser Auge nur auf der Oberfläche hangen blieb, durch welche das Auge des Genies weit hindurchgedrungen war; der ganze Anstrich wird uns neu, weil er seine Farben von dem wiederstrahlenden Feuer des Dichtergeistes herübernimmt. Homers Worte selbst sind, nach Aristoteles Ausdrucke, lebende Worte, Ausschwünge der redenden Gottheit oder Muse, die die Dinge durch Worte um sich her erschafft, und uns zu Zuschauern ihrer Schöpfung zuläßt: lichthell, warm und handelnd sind Beywörter der Homerischen Sprache.«

[223] »Lassen Sie mich über Das, was ich Ihnen eben itzt in dem unphilosophischen Stile der Empfindungen gesagt habe, einige kältere, vielleicht begreiflichere, Anmerkungen machen. Die Eigenschaft des Genies, die. ich durch Kraft andeutete, scheint in der That eben das zu seyn, was man mit andern Worten eine bildliche Empfängniß der Objecte in der Seele nennen könnte, – eine Wendung in der Art zu denken, wodurch jeder bestimmte Gegenstand mit allen seinen Verhältnissen, Beziehungen und Phänomenen, mittelbar oder unmittelbar, zur Individualität des Dichters übertritt. Die Imagination ist also von dem poetischen Genie unzertrennlich: aber sie ist dieses Genie nicht selbst. Vor ihr her geht eine andere Kraft, die Kraft der Beobachtung, welche mit einer dritten ausübenden verbunden seyn muß, die ich durch Klugheit des Genies ausdrücken möchte, weil sie sich nicht sowol auf das Beobachtete in dem Vorwurfe, als auf das Werk des Künstlers, und auf dessen Wirkungen in dem Herzen und Verstande des Zuhörers oder Lesers bezieht.«

Diese Begriffe sind mir zu abstract.

»Ich will sie Ihnen durch ein Beyspiel aus einer verwandten Gattung zu erläutern suchen. Fielding besaß unläugbar eine Fähigkeit, die Natur in ihrer verborgensten Werkstatt zu belauschen. Aber diese Fähigkeit war nicht bildlich; er gab seine Beobachtungen so stückweise von sich, wie er sie empfangen hatte: Die Gabe der Nachbildung war einem andern Geiste, Richardson, vorbehalten. Daher kömmts, daß man den nachbildenden, obwol richtig und vortrefflich beobachteten, Scenen des erstern den Zwang ansieht, wie z.E. in der tragischen Beschreibung derHendersonschen Familie, in den traurigen Scenen zwischen Nightingale und Miß Nancy, und besonders in der heiterern Scene zwischenJones und Sophia im nächstletzten Kapitel, die alle unter Richardsons Gebiet gehört hätten. Die dritte genannte Eigenschaft, die Klugheit des Genies, vermissen wir bey eben diesem Schriftsteller an derjenigen Stelle, wo er, indem er den, auf Kosten seines poetischen Charakters [224] glücklich gewordenen,Jones zum erstenmal in die Gesellschaft seinerBraut bringt, die unbehutsame Anmerkung macht, daß die beyden Geliebten vor diesem Umstande weit feuriger gewesen wären, einander in die Arme zu laufen, als itzt, da ihren Wünschen nicht das mindeste im Wege war. Diese Beobachtung kann nach der Natur seyn: sed non erat hic locus. Anstatt das Interesse des Lesers zu verstärken, schwächt der Verfasser es, und weg ist die angenehme Illusion, die uns bis an das Ende des Werks mit sich hätte fortreißen sollen.«

»Diese drey Eigenschaften sind also der poetischen Illusion beförderlich; nur bitte ich, sie nicht für die einzigen wesentlichen des poetischen Genies zu halten, und bey dem WorteImagination meine zwiefache Erklärung hinzuzudenken, damit wir den Begriff desselben nicht mit dem Begriff der Metaphysiker und einiger schweizerischen Dichter und Kunstrichter verwechseln.«

Ist aber nicht das, was Sie bildlich denken nennen, eben das, was in unsern Aesthetiken die Vollkommenheit des sinnlichen Ausdrucks heißt?

»Keineswegs! – Die erstere Bedeutung ist adäquat, die letztere nicht. Sie werden mich aus folgendem Raisonnement näher verstehen. Ich setzte das Kennzeichen des poetischen Genies in die Illusion einer höhern Eingebung. (Von der höhern Eingebung hernach; itzt von der Illusion.) Um diese Illusion hervorzubringen, sage ich, muß der Dichter die beobachteten Gegenstände bildliche denken, und mit Wirkung ausdrücken können, welches zusammengenommen ich unter Nachbilden begreife. Das Nachbilden ist also derjenige höchste sinnliche Ausdruck,der die Illusion erreicht; da hingegen der höchste sinnliche Ausdruck, oder die Vollkommenheit des sinnlichen Ausdrucks, ohne Illusion da seyn kann. Nehmen Sie die erste beste Tirade aus den Trauerspielen der Franzosen. Sie haben poetischen Stil, d.i. Vollkommenheit des sinnlichen Ausdrucks; Sie haben richtige Beobachtungen, (denn Voltaire beobachtet die Natur nicht selten eben so gut, als Shakespear [225] selbst): aber sie haben keine Nachbildung, denn sie haben keine Illusion; welches Sie daher zum Zeichen Ihrer Unzufriedenheit Declamation schelten. Ich enthalte mich mit gutem Vorbedacht der Wörter Sinnlichkeit, Begeisterung, Nachahmung u.s.w., weil sie mir alle zu viel oder zu wenig sagen.«

Wenn ich Sie aber recht begreife, so zielt Ihre ganze Theorie dahin ab, die Dichtkunst zu einer bildenden Kunst zu machen.

»Nicht in dem Verstande, worinn Sie und die Kritici diese bildende Kunst nehmen. Warum wollen Sie nicht bey meinen eigenen Worten stehen bleiben, da ich ausdrücklich behaupte, daß das Wesen der Dichtkunst nichts anders, als die Illusion einer höhern Eingebung sey?« –

Die durch Nachbilden hervorgebracht wird – die also auf sinnlichen Begriffen beruht. – Ist das nicht ein bloßer Wortstreit?

»Da haben wir ja die Geschichte der Disputationen! Sie zerren mich mit Gewalt in Ihre Lehrbücher hinüber, mit denen ich doch nichts gemein haben darf, noch will. So bald Sie mir den Begriff unterschieben, daß mein Nachbilden, und die Sinnlichkeit der Aesthetiken einerley sey, (eine Verwechselung, die ich eben verbeten zu haben vermeynte): so geben Sie der Poesie augenblicklich die weiteste Ausdehnung: denn das kleinste Epigramm ist eine sinnliche Idee. – Und wollte ich mich einmal erst in das Fach der sinnlichen Ideen einlassen, so würden Sie mir so viel Mittel-Gattungen zwischen dem concretesten poetischen Ausdrucke und der abstractesten philosophischen Diction erfinden, daß die Beredsamkeit selbst Poesie heißen, und die Geschichte, in dieser Absicht, von der Fabel nicht mehr unterschieden werden könnte. Ich sehe aber nicht ein, was uns mit verworrenen Hypothesen gedient seyn kann, da es eine so große Evidenz des Gegentheils giebt?«

Wenn Sie Betrug und höhere Eingebung, und Betrug einer höheren Eingebung – Evidenz nennen wollen: so weis [226] ich in der That nicht mehr, was bestimmt oder unbestimmt denken heißt.

»Sie wissen es gewiß, so bald Sie nicht die Hülse, sondern den Kern, nicht das Wort, sondern den Sinn denken. Könnte ich die Wirkung, die der Poesie allein eigen ist, durch Worte von engerer Bestimmung, undgleichem Umfange ausdrücken, ich wollte Ihnen diese anstößigen herzlich gerne aufopfern.«

Gut. Der Baumgartensche Grundsatz ist Ihnen unadäquat. – Es sey darum! – Aber die Nachahmung der schönen Natur? –

»Als Grundsatz, nicht als Mittel.«

Und das Cramerische Principium der Begeisterung? –

»Würde meiner Idee näher kommen, wenn es sich nicht nach der beygebrachten und gewöhnlichen Erklärung über alle Gattungen der Prose erstreckte. Der Zustand des Dichters bey der Composition ist freylich eine Begeisterung: aber so ist es auch der Zustand des Artisten, und sogar des Geschichtschreibers, weil es sonderbar wäre, wenn der letztere nicht gerade so viel lebhaften Antheil an seiner eigenen Arbeit nähme, als der erstere. Ich sage, näher: denn gesetzt auch, Sie wollten Begeisterung für Inspiration setzen, so würde dieser Satz, für sich betrachtet, mir unfruchtbar seyn, und etwas ganz anders anzeigen, als was ich, meiner angeführten Erklärung zufolge, zur Absicht hatte. Es kömmt demnach blos auf die Frage an, ob diese Absicht zu rechtfertigen, und ob Ihr eigenes Gefühl, auch ohne Rücksicht auf Klarheit der Erkenntniß, für oder wider mich sey.«

Eben der Pope, den Sie kurz vorher nannten, setzt Homers Genie ganz allein in die Erfindungskraft, und Erfindung scheint mir in der That von dem Begriff eines Genies ganz unzertrennlich zu seyn.

»Ich bin nie Willens gewesen, sie davon zu trennen. Das dichterische Genie wählt sich neue vehicula, weil es sich in andern nicht so bequem thätig erweisen kann; ja, es [227] muß sich uns sogar schon seiner Natur nach neu und original darstellen, weil Begriffe, die aus einer solchen Seele kommen, von den gewöhnlichen durchaus abweichen. Die ganze Schwierigkeit mit zwey Worten zu heben: – wo Genie ist, da ist Erfindung, da ist Neuheit, da ist das Original; aber nicht umgekehrt. Der Witz giebt uns neue Seiten an die Hand; die Beurtheilungskraft und Erfahrung weis sie von den weniger neuen nach allen ihren Nuancen und Tinten abzusondern; und der Geschmack stellt sie, vermöge der Anordnung, in ihr vortheilhaftestes Licht. Hat nicht Virgil, haben nicht Tasso und Voltaire neue Erfindungen, neue Seiten? Haben sie nicht Alles, was Homer hat? – das einzige ausgenommen, wodurch er unsHomer ist! – Statius und Silius beobachten eben den Gang, bedienen sich eben der Oekonomie, wie Homer: die Form der Epopöe ist aber das einzige, was sie mit ihm gemein haben; es fehlt ihnen Homers Genie. Wenn Sie also wollen, so nennen Sie auch den versificirten Telemach eine Epopöe: nur hüten Sie sich, eine andere Aehnlichkeit zwischen Fenelon und Homer zu finden, als die Aehnlichkeit des Fuhrwerks; eine Art von Usurpation, die sich der bel esprit von jeher über das Genie erlaubt hat. – Und nun glaube ich berechtigt zu seyn, die Gränzen, wodurch sich der witzige Kopf oder bel esprit vom Genie auszeichnet, meinem Versprechen gemäß näher zu bestimmen.«

»Zuerst merke ich an, daß die Claßification der Gedichte kein Werk der Poeten, sondern der Kunstrichter ist, deren Zweck nur darinn bestand, Phänomena, die schon da waren, zu erklären. Sie konnten sich also irren, und nichts verpflichtet uns, ihren Aussprüchen einen blinden Glauben zu unterwerfen.«

»Es gab glückliche Köpfe, die gewisse Begebenheiten mit ihren Erfindungen ausschmückten, den Homerischen Ton annahmen, und was sie als Prose gedacht hatten, in Verse einkleideten.«

[228] »Andere, die ein lebhaftes Gefühl besaßen,drückten ihre Empfindungen durchs Sylbenmaas aus.«

»Viele nahmen Fächer aus dem Gebiet der Prose herüber, z.E. moralische Abhandlungen, äsopische Fabeln, Satyren, Gespräche, und dergleichen, und gaben ihnen durch die Versification, zuweilen auch wol durch die Sprache der Poesie, eine neue Gestalt

»Alle diese verschiedenen Gattungen kamen darinn überein, daß sie ein abgemessenes Sylbenmaas und eine veredelte Diction hatten. Genug für die Kunstrichter! Sogleich ward die Versification eine Geschlechts-Formel, und nun hieß Alles, was versificirt war, und zugleich eine veredelte Sprache hatte, Poesie.«

»Wir bekamen also poetische Erzählungen, lyrische und didaktische Gedichte, poetische Fabeln, poetische Satyren, und poetische Gespräche. Aus den letztern wurden Lustspiele und Trauerspiele.«

»Was diesen Misverstand noch allgemeiner machte, war, daß manchmal wahre dichterische Genies sich mit jenen Gattungen des Witzes beschäfftigten, und da sie ihr Talent nicht verläugnen konnten, so viele nur ihnen eigene Züge hineinmischten, daß man nicht mehr zweifelhaft blieb, Gattungen, die des poetischen Genies fähig waren, ihrem innern Wesen nach für Gedichte anzunehmen. Man machte also Grundsätze – Grundsätze der Nachahmung – Grundsätze des Guten und Schönen – Grundsätze des höchsten sinnlichen Ausdrucks – die alle dahin abzielten, dem poetischen Genie ein Eigenthum beyzulegen, worauf es gar keine Ansprüche machte.«

»Erwarten Sie nicht, daß ich alle diese eingeführten Dichtungsarten aus der Poesie verstoßen werde; ich überlasse Ihnen diese Untersuchung selbst, und bitte Sie nur, unsern obigen Probestein dabey anzuwenden, wofern Sie ihn für brauchbar erkennen.«

»Dieß einzige setze ich nur hinzu, daß ein jedes Werk des Witzes unter der Bearbeitung des Genies wahre Poesie [229] werden könne, als eine Gattung betrachtet aber innerhalb der Gränzen des bel esprit bleiben müsse.«

»Lassen Sie uns vielmehr auf meine obige Eintheilung der verschiedenen Stoffe in Handlungen und Empfindungen zurücksehen. Handlungen vor sich nehmen nur dadurch die Farbe des dichterischen Genies an, daß sie uns durch die Illusion, deren ich erwähnt habe, gegenwärtig zu seyn scheinen. Empfindungen können dem Anscheine der Inspiration nahe kommen, und wie aus einer höhern Eingebung herfließen. Wenn also irgend eine Dichtungsart, vermöge ihrer innern Natur, Poesie ist, so muß es die Epopöe und die hohe Ode seyn. Der Dichter der Epopöe bedient sich daher sogar eines mechanischen Mittels, uns in dem Wahne der höhern Eingebung zu erhalten: er ruft in allem Ernst eine Gottheit an, ihn zu inspiriren; und wenn er der große Genius ist, der er seyn soll, so wird er sich durch die Gewalt, mit der er sich unserer ganzen Seele bemächtiget, unsers Glaubens schon zu versichern wissen. Ist er es nicht, oder ist er es in gewissen Augenblicken nicht, desto schlimmer für ihn; er betrügt uns nicht länger! – seine Henriade betrügt uns nicht länger! – Warum mußte er sich doch Gewalt anthun, um uns zu überführen, daß er nur ein bel esprit ist! – So wahr und unzweifelhaft scheint mir diese Betrachtung, daß ich mir itzt die Ursache anzugeben getraue, warum die Kunstrichter und Leser von Geschmack mehr Einwürfe wider die Odyssee, als wider die Ilias ausgefunden haben. Homer ist in jener, wo möglich, noch erfindungsreicher, als in dieser; die Fabeln der Odyssee sind amusanter, reizender, lehrreicher und wichtiger, als die Fabeln derIlias. Wenn das dichterische Genie in der Erfindung, in der Oekonomie des Ganzen, in der Neuheit, in dem Original-Schwunge bestünde, warum gefiele uns jenes Gedicht weniger, als dieses? Ist es nicht der Mangel einer unwiderstehlichen Inspiration, der uns erkalten läßt, und uns unzufrieden macht, ohne daß wir eigentlich sagen können, warum? Man merkt an dem Urheber der Odyssee den alternden, obgleich[230] ungemeinen Geist; man merkt den weisen Mann, aber nicht mehr den Dichter der Ilias.«

»Von der Ode brauche ich wol nichts zu erwähnen. Man muß die Davidischen Gesänge sehr schlecht gelesen haben, wenn man nicht beobachtet hat, wie unendlich hoch sie die Vorstellung einer göttlichen Eingebung über alle andere Oden erhebe, und wie glücklich diejenigen Dichter gewesen, die eine ähnliche Idee in uns hervorzubringen wußten.«

»Das Drama beschäfftigt sich mit Handlungen; das tragische Drama mit traurigen Handlungen. Ich finde nicht, daß hier dichterische Kraft ein Requisit sey, und glaube, daß das Trauerspiel durch einen wohlgewählten Stoff, durch eine gewisse Conventional-Wahrheit des Dialogs, durch eine vortheilhafte Anlage, die das Werk des Geschmacks ist, und aus der dietheatralische Illusion entspringt, seine Bestimmung schon erreicht habe. Ich setze das Trauerspiel also innerhalb der Gränzen des bel esprit, und sage, ein Trauerspiel sey kein Gedicht. Eine andere Frage ist es, ob dieses Trauer spiel nicht durch den Einfluß des dichterischen Genies eine neue Stärke erhalte; – und dieß bejahe ich. Wenn uns also in der Shakespearschen Beschreibung der Felsen von Dover, nach Addisons Anmerkung, der Gegenstand so fürchterlich wird, daß wir schon durch die bloße Vorstellung den Schwindel bekommen; wenn uns die Wahrheit seiner sittlichen Gemälde oder Nachbildungen so gewaltsam hinreißt, daß wir nicht mehr Zuschauer, sondern Acteur sind: so zeigt dieß blos an, von wie weit höherer Art die dichterische Illusion sey, als jenetheatralische, die ich das Werk des Geschmacks genannt habe; und bestätigt den Satz, den ich schon im Vorwege behauptete, daß das dichterische Genie sich, durch seine Behandlung, Gattungen zueignen könne, die der Dichtkunst sonst gar nicht wesentlich sind. Meine Erklärung hat übrigens den Vortheil, daß sie uns begreiflich macht, wie die Tragödien eines Racine, eines Corneille, einesAddison, eines Rowe [231] uns rühren, uns einnehmen, uns Thränen ablocken können, da doch ihre Verfasser bekanntermaßen keine Poeten waren.«

»Unter den witzigen Köpfen giebt es Stufen; unter den dichterischen Genies gar keine. Ein Poet ohne großes Genie ist gar kein Poet; er kann aber ein witziger Kopf seyn: daher sagt man mit Recht, daß es seit Erschaffung der Welt kaum zwey oder drey Poeten gegeben habe.«

»Die Fertigkeit, die ein bel esprit, sie mag angebohren oder erworben seyn, in der Bearbeitung gewisser Arten des Witzes äußert, wird gleichfalls Genie genannt. So sagt man vom Otway, er habe ein tragisches, vom Moliere, er habe ein komisches Genie gehabt. Lassen Sie uns aber diese beyden Arten des Genies vom dichterischen Genie wohl unterscheiden.«

»Wenn meine Untersuchung keinen weitern Nutzen hat, so dient sie doch, die ewigen Streitigkeiten der neuern Kunstrichter über das Wort Dichter undVersificateur aus einander zu setzen. Uebrigens glaube ich, daß ich mich zuweilen bestimmter und weniger weitschweifig hätte ausdrücken können, wenn mein Vortrag keine Unterredung gewesen wäre.«

Wir erneuerten darauf unser Gespräch über die Büchersammlung unsers Freundes, womit ich Sie ein andermal unterhalten will, wenn ich erst weis, ob durch den ungeheuren Brief, den ich Ihnen hier, ohne eigenen Aufwand, zusammengeschrieben habe, Ihre Begierde nach mehrern nicht schon erschöpft worden.

Ich bin etc.

21. Brief
Ein und zwanzigster Brief.
Auszug aus einem dänischen Schreiben, dasGedicht eines Skalden betreffend.

– – Auch darinn pflichte ich Ihnen bey, daß die vorangeschickten Erläuterungen nur wenigen Lesern, unter denen weder Sie noch ich eine Stelle verdienen möchten, verständlich und zureichend seyn werden. Das vorige Jahrhundert, [232] das uns mit seinen excerpirten Folianten und entlehnten Materialien so lächerlich vorkömmt, hatte doch wenigstens den Vortheil, belesen seyn zu dürfen, wo gerade nur diese und keine andere bestimmte Art der Erkenntniß erforderlich war. Wir hingegen sprechen lieber in Räthseln, als daß wir uns die misfallende Mühe geben sollten, ein paar Schriftsteller anzuführen, die uns auf einmal ein Licht aufstecken könnten. Fragen Sie doch Ihren Freund, ob er Muth genug haben würde, folgenden Noten, vorausgesetzt, daß sie ihm sonst Genüge thäten, gelegentlich bey einem zweyten Abdrucke, eine Stelle unter seinem Text einzuräumen? Allenfalls ist es mir auch genug, Ihnen gehorcht zu haben, und Ihrer Lieblings-Idee zu einem höhern Grade der Klarheit behülflich gewesen zu seyn.

1. Der Name Thorlaugur Himintung kömmt in dem Verzeichnisse, das uns Ol. Worm aus einer alten Handschrift von den Skalden gegeben hat, nirgends vor. Unter den dänischen Skalden sind die beyden Thoraren Lofftunge, wieWorm sie nennt, richtiger aber, nach der alten norwegischen Chronik des Snorro Sturleson,Thorarer Lofftunge und Thorar Loftunga, berühmt; auch könnte Thorlachus, oder besser, Thorleikur Fagre mit unserm Skalden verwechselt werden, wenn nicht gewisse Züge imvierten Gesange bewiesen, daß er lange vorKnud dem Großen gelebt haben müsse, unter dem und Svend Ulfsen oder Estrithsen die angeführten geblüht haben. Weder Saxo noch irgend ein isländisches Fragment haben uns etwas von ihm aufbehalten: ich begnüge mich daher, anzumerken, daß der Name dieses, so wie fast aller übrigen Skalden, eine poetische Zusammensetzung sey, und die Idee eines Donnerbades (Thor, der Donner oder Donner-Gott, und Laug, ein Bad) und einer Himmels-Zunge (Himin der Himmel, Tung die Zunge) bezeichne, welches letztere in der Eddensprache eigentlich die Metapher einesSterns ist.

Vielleicht ist es Ihnen nicht zuwider, wenn ich Ihnen [233] die Namen der dänischen Skalden, nachWorm und Snorro, hersetze.

Der älteste bekannte Skalde unter den Dänen ist König Hiarno, dessen Geschichte Sie aus demSaxo Grammatikus kennen, von welchemDalin zuweilen ohne historischen Grund abweicht.

Ihm folgt Starkather (Sterkodder) der Aeltere, von dem uns noch verschiedene Sagar oder Gedichte übrig geblieben sind.

König Regner Lodbrog (er sey nun der bekannte König dieses Namens, oder ein Abenteurer, wie Mallet nach Vermuthungen, denen ich in der Geschichte den Zugang verschlossen wünschte, annimmt) war ein großer Skalde. Außer der schönenSaga, die uns Worm von ihm geliefert hat, und von der Sie eine zerstümmelte und untreue Uebersetzung in den Monumens Celtiques eben dieses HerrnMallet finden, sind noch einige kleinere Fragmente übrig geblieben, die unter den Kiämpe-Viser des vorigen Jahrhunderts, wiewol ziemlich verfälscht und modernisirt, vorkommen.

Unter seiner Regierung blühte Bragda Skald, der Sohn des Bodda.

Unter Knud dem Kleinen (Hagensen oder Lodin Knud) lebten Tritur Skald, Rodgeir Aslasön, Thoralfur Prästur (Präst), Olaus Thordarson (Olafur Thordarsön).

Unter Svend Tiuskiäg der einzige Ottar Svarte.

Unter Knud dem Großen oder Reichen,Sigvardus (Sigvatur) Skald, Ottar Svarte, Thoraren (Thorarer) Loftunge, Halvardur, Hareksblese, Berse Torfason (den die Snorronische Chronik nicht anführt), Steino (Steirn), Skaptasön, Arnor Jarlaskald, Odar Keptur.

Unter Svend Alfivasön, der einzige Thoraren Loftunge (Thorar Loftunga).

Unter Svend Ulfsön oder Estrithsön,Thorlachus [234] (Thorleikur) Fagre, Thordur Kolbeinsön.

Unter Knud dem Heiligen Kalfur Manasön, Skule Illugasön (Illagusön), Markus Skeggiasön.

Unter Erik Emund, Haldor Sqvaldre.

Unter Svend Svifand oder Gratenhede, Einar Skulesön.

Unter Waldemar Knudsön, Thorstein Kroppur, Arnhaldur Thorvaldsön.

Unter Knud Waldemarsön, Thorvardur Thorgeirsön.

Unter Waldemar dem Aeltern, Olafur Thordarsön, Jatgeir Thorfasön, Thorgeir Danaskald, Sugu Valde.

Unter Strutharald Jarl, Thiodolfur ur Hvine.

Unter Sigvald Jarl, Thordur Sigvalda Skald.

Unter Hareker Thorkildsön, Thiodalfor Arnasön.

Unter Thorleifar Hin Spaka, Thiodolfur ur Hvine.

Bey Gelegenheit der Snorronischen Chronik muß ich anzeigen, daß ich nur die dänische Uebersetzung nach der neuen Ausgabe des sel. Anchersen zur Hand habe, die aber von Fehlern wimmelt, ungeachtet schon der jüngere Bartholin in seinem Werke de causis contemptae a Danis adhuc gentilibus mortis viele derselben angemerkt und berichtigt hatte.

Von der Bestimmung und dem Charakter der Skalden könnte ich Ihnen verschiedenes sagen, wenn ich weitläufig seyn wollte. Dieß einzige kann ich nicht übergehen, daß sie, vermöge ihres Standes, als Räthe und Freunde ihrer Könige, verbunden waren, bey den Kriegen, die geführt wurden, (zuweilen, wo die Gefahr nicht dringend war, unter einer Bedeckung von Schilden, welche daher Skialdbörg genannt wurde) zugegen zu seyn, und nichts [235] zu besingen, als wovon sie Augenzeugen waren. Schmeicheley und Erdichtungen konnten dabey nicht leicht Statt haben, weil man richtig genug dachte, sich durch Verfälschungen beleidigt zu finden. Olaus Verelius in nott. in Hervararsaga, cap. 19. Th. Bartolinus antiqu. Dan. l. I. cap. 10.

2. Ists Bragas Lied.] Braga oder Bragar wird der Apoll des alten Nordens genannt. Man thut übel, das System der Nordischen Mythologie mit dem Griechischen zu vermischen, wie fast alle Ausleger gethan. Von ihm heißt die DichtkunstBragur, und ihm zu Ehren ward der Bragebecher (Bragefull) getrunken, den Pontoppidan im Dänischen Atlas, 1. B. 67. S. vermuthlich durch Scheffern, so wie dieser durch die dänische Uebersetzung des Snorro, verführt, mit dem Minne oder Minde-Trunk verwechselt. Von ihm haben die lyrischen Schemata: Bragarbott, Toubragur und Hakabragur den Namen: die übrigen heißen Runhenda Drapa, Ferskeit Viisa, Stuthola, Liuflingslag, Liliulag, Skothent, Hernadar Drapa und Toglag. Steph. Jo. Stephanii animadversiones in Sax. p. 12.

3. Ists, Tochter Dvals.] Es gab verschiedene Gattungen von Nornen, die sich bey der Geburt der Kinder einfanden, um ihnen die Zeit ihres Lebens zu bestimmen. Unter diesen waren einige göttlicher Herkunft (Askungar), andere aus dem Geschlechte der Alfen, (Alfkungar), und noch andere Töchter der Zwerge (Dättr Dvalens).


Sumar eru Askungar

Sumar eru Afkungar

Sumar Daettr Dvalens.

Edd. 15.


Diese Nornen fangen den Weihgesang bey Geburten, bey Zweykämpfen, Schlachten und andern Vorfällen des Lebens. Zu ihnen gehören diejenigenDisen, deren die Niala (ein alter noch übrig gebliebener Weihgesang) erwähnt, und die Darradur ein Gewebe aus menschlichem Eingeweide weben gesehen.

[236] 4. Wie Blitze Thors.] Thor, der Gott des Donners, wird auch Land-Aß, der Gott der Landschaft, in Eigill Skallagrims Saga genannt, einer der Hauptgötter des alten Nordens. Von ihm hat im Dänischen Thorsdag, der Donnerstag, seinen Namen.

5. Njord.] In der Erläuterung wird er ein Riese oder Halbgott genannt. Bartholin am angeführten Orte, S. 376 rechnet ihn unter die obersten Götter, dessen Name bey Imprecations-Formeln üblich war; z.E.


Folkmygi lat flyia

Freyr ok Niordr af jordum.


d.i. Frey und Niord lasse die Hasser des Volks von der Erde hinwegfliehn!

Als einen Sänger finden Sie ihn in der verkürztenEdda des Herrn Mallet, mit Skada, seiner Gemahlinn, wetteifern. Ich kann mich bey diesen mythologischen Erörterungen hier nicht verweilen, da Sie ohnedieß die dahin gehörigen Punkte in meiner Dänischen Edda, die ich Ihnen vor kurzem übersandt habe 1, selbst nachlesen werden.

6. Mimers Haupt.] Einst kam Odin zumMimer, dem Besitzer des Brunnens der Weisheit, und erbat sich einen Trunk. Da ihm aber dieses abgeschlagen ward, so gab er dem Besitzer ein Auge zum Unterpfand seiner Erkenntlichkeit; er trank und fand sich mit ausnehmender Weisheit und Einsicht begabt.

Odin reitet zum Brunnen Mimis, um für sich und seine Legionen einen guten Rath zu holen.Askur Ygdrasill wird alsdann geschlagen werden; dann fürchten sich Himmel und Erde; denn so spricht die Voluspa: Heimdall läßt das erhobene Horn ertönen, Odin bespricht sich mit dem Haupte Mimers, u.s.w. Edda 48.

[237] 7. Der See vom Hauch der Luft etc.] nämlich der Sel-See, der sich vonSandholm nach Hirschholm ausbreitet, und einige Meilen im Umfange hat.

8. Sigtuna.] Die ehemalige Hautstadt desOdin, vermuthlich ehe derselbe seinen Sitz inDännemark nahm, weil er über Schytien (Rußland) und Schweden nach Dännemark gekommen ist. Sigtuna heißt noch jetzo eine kleine Landstadt in Upland, und bedeutet der Hof des Sigge, (Sigges-Tuna), weil Odin den Zunamen Sigge führte. Diese Bedeutung würde man vergebens in der Edda des Herrn Mallet suchen: Le texte, sagt er in einer Anmerkung p. 45, rapporte un grand nombre de ces noms que j'ai supprimés par égard pour les oreilles qui ne sont pas accoutumées aux sons Gothiques. Wie sehr wäre es zu wünschen, daß er nur halb so viel égard für die Wißbegierde seiner besten Leser gehabt hätte, als er für die Ohren einigerkostbaren bezeigt, die vielleicht zu etwas noch weit schlechtern gewöhnt sind, als zu den sons Gothiques.

Sigtuna ward nach der Vergötterung desOdin unter die Zahl der himmlischen Städte aufgenommen, wo die zwölf Drotts oder Richter ihren Sitz haben, die unter ihm das Regiment führen.

9. Valholl, Asgaard, Valaskialf, Hlidskialf.] Der Himmel, oder mit Bartholin zu reden, das Elysium des alten Nordens, hat seinen Namen von Valr, den Erschlagenen im Kriege, weil diesen vornehmlich die glückselige Zukunft bestimmt war. Walbrynde, welches Saxo cadauerum vel stragis puteus übersetzt, Walstole, der Sitz der Niederlage, und, wo ich nicht irre, auchWal- oder Wahlstadt haben ihren Namen eben daher. – Holl, ein Palast, ein Hof, ein großes Gebäude, vollendet den Sinn des Worts Valholl, indem dieser Nordische Himmel, nach dem Ausspruche der Grimnismal (eine Saga), fünf hundert und vierzig große Thore oder Eingänge hatte:


[238]

Fimm hundrar dyra

Ok of fiorum tugum

Sua hygg ek a Valholl vera.


Man kann sich vorstellen, setzt Har in der Edda hinzu, daß der innere Raum so vielen Thüren entsprechen, und also allenthalben Gelaß genug für die Ankömmlinge der Erde seyn werde. Tha muntu segia at hitt er undarlegt ef aeigi ma ganga ut ok inn huerr er vill. Enn that er med sonnu at segia at aeigi er throngra at skipa hana en ganga i hana. d.i. »Da möchtest du sagen, es sey wunderlich, wenn nicht ein jeder aus- und eingehen könnte, wo er nur wolle. Und es läßt sich mit Wahrheit sagen, daß allenthalben so viele geräumige Sitze oder Plätze als Eingänge sind.«

Dieses Valholl hat noch, wie man gemeiniglich dafür hält, einige andere Namen, die aber der Dichter, meines Erachtens mit Grunde, für Nebenbestimmungen darinn enthaltener Plätze oder Oerter genommen hat. Ich will Ihnen die eigenen Worte der Edda mit meiner Uebersetzung, die ich für wörtlicher, als die gewöhnliche lateinische, ausgeben kann, abschreiben.

Thar er enn mikill stathr er Valaskialf heitir. Thann stad a Odinn. Thann giordu guthin ok Thoktu skiru silfri. Ok thar er Hlidskialfin i thessum sal. That hasaeti er sua heitir. Ok tha er Alfodr sitr i thi saeti. Tha sier hann um alla heima. d.i. »Daselbst ist ein großer Ort, Valaskialf genannt. Diesen Ort hat (besitzt) Odin. Ihn machten die Götter, und deckten ihn mit reinem Silber. Und er ist Hlidskialfin in diesem Palaste (in dieser Halle). Und dieses wird der Sitz (Thron) genannt. Und da ist es, wo Alfadur auf dem Sitze sitzt. Da übersieht er alle Wohnungen.«

Daß Valholl auch zuweilen Asgaard genannt werde, leidet keinen Zweifel. Bartholin hat aber nicht bemerkt, daß es diesen Namen nur in Beziehung auf die Götter (Asen), so wie den ersten in Beziehung auf die Einheriar, Ankömmlinge oder Helden der Erde, führe.

[239] Thar naest giordu their sier borg i midium heimi er kollod er Asgardr. That kallaz Troia. That bygdu Gudin ok aettir theira ok giorduz thadan af morg tidindi ok graeinir baedi a iordu ok i lopti. Thar er aeinn stadr er Hlidskialf heitir. Ok tha er Odinn settiz thar i hasaeti. Tha sa hann of alla heima. Ok hoers mannz athaevi. Ok vissi alla luti tha er hann sa. d.i. »Hienächst machten sie ihre Burg in der Mitte des Himmels, Asgaard genannt; diese heißt Troja. Da bauten (wohnten) die Götter und ihr Geschlecht, und breiteten sich nachher ihre Angehörigen aus, beydes auf der Erde und in der Luft. Da ist ein Ort, Hlidskialf genannt. Und da sitzt Odin auf diesem Sitze. Da sieht er auf alle Wohnungen herab. Und auf die Werke Aller. Und kennt (durchschaut) alle Leute, die er sieht.«

Ich weis wohl, warum die Ausleger in dieser Stelle keine Schwierigkeiten gefunden haben. Snorro Sturleson hatte weislich, sowol in der Edda, als in der Skalda, die Erinnerung gegeben, daß die Dichter das Recht hätten, die Namen der Götter mit einander zu verwechseln, und folglich Alfadur, Vidri, ja sogar Vidar, der doch ein Sohn oder Abkömmling des Odin war, für Odin selbst zu setzen. Was ihn aber zu dieser Anmerkung authorisirt haben könne, begreife ich nicht; wenigstens wird es schwer fallen, die Widersprüche, die man von dieser Art in den alten Monumenten antrifft, blos dadurch zu heben, wenn man nicht vielmehr annimmt, daß der alte Snorro, als derjenige unter den Isländern, der vor ohngefähr 600 Jahren zuerst darauf verfiel, die einzelnen Götter-Fabeln, die in den alten Gedichten enthalten waren, in ein Corpus überzutragen, in den Fehler des Hesiodus und Ovidius gerathen sey, sie ohne Vergleichung ihres Alters, ihrer Verfasser, und anderer Umstände, in sein System aufzunehmen, woraus eine Vermischung der Epochen entstand, wie etwa die Vermischung der ägyptischen undgriechischen Aera in der Mythologie war, die den heutigen Alterthums-Forschern so viel zu schaffen macht. [240] Ich vermuthe sehr, daß die Fabel vom Alfadur, Har, Jafuhar, Tredie etc. viel älter sey, als die vom Odin und seiner Abkunft. Man legte den letztern die Eigenschaften der erstern bey, und Snorro, der der Quelle dieser Uebereinstimmung nicht nachforschte, marterte sich, aus zwey verschiedenen Systemen ein einziges zu machen.

Eben daher leite ich das Einschiebsel (Diese heißt Troja) in der angeführten Stelle her, welches ohne Zweifel ein Zusatz des Sammlers, oder, nach Herrn Mallets Muthmassung, eines neuern Copisten ist; wie es sich denn wirklich nicht in allen Handschriften findet.

Meine obige Meynung von zwey verschiedenen Systemen in der Edda wird durch die bisher noch nicht widerlegte Hypothese des sel. Anchersen bestätigt, daß die Göttinn Hertha zur Zeit des Geschichtschreibers Tacitus ihren Sitz und Tempel hier auf Seeland gehabt habe, wo man itzt noch bey dem ehemaligen Lethra den Ort Hertedal sieht. Niemand, dem die Religions-Geschichte barbarischer Völker einigermaßen bekannt ist, wird den Einwurf machen, daß sich eine Folge drey verschiedener Götter-Systeme in so wenigen Jahrhunderten nicht mit der Denkungsart eines einzigen Volks vereinigen lasse. Als die Insel Rügen lange nach Einführung der christlichen Religion bey ihren Nachbarn durchs Schwert genöthigt wurde, den Dienst des wahren Gottes auf die Trümmer ihrer alten Götzen zu gründen, und den heiligen Vitus als ihren Schutzheiligen zu verehren: wie lange dauerte es, so war aus dem guten St. Veit unvermuthet der vielköpfigteSvantehvit, das abscheulichste Ungeheuer, geworden, das je Heiden angebetet haben? Die sämmtlichen Nationen der angränzenden Slaven schafften sogar ihre Götter ab, um diesem neuen St. Veit zu huldigen, dem das sonderbare Schicksal aufbehalten war, dessen sich noch itzt die tugendhafte Undecimilla im Papstthum zu erfreuen hat. – Inzwischen gebe ich Ihnen gerne zu, daß sich aus Vermuthungen nicht viel machen lasse; und gehe weiter.

[241] Ein neues Synonymon von Valholl und Asgaard soll, nach Bartholins Ausspruch, das in der Edda angeführte Gladheim oder Gladsheim seyn.

Tha maellti Gangleri. Hvat hafdiz Alfodr tha ad. Er giorr var Aasgardr. Haar svarar. I upphafi setti hann stiornarmenn i saeti ok beidi tha at daema med ser orlog manna ok raada um skipun borgarennar. That var thar sem heiter Idavollr i midri borginni. Var that hid fyrsta theirra verk at giora hof that er saeti theirra tolf standa i onnor en hasaetid that er Alfodr a. That hus er bezt gorr a iordu ok mest. Allt er that utan ok innan sen gull aeitt. I theim stad kalla menn Gladsheim. d.i. »Darauf sagte Gangler: Was hatte Alfader zu thun, da Asgaard gemacht war? Har antwortete. Zuförderst setzte er Steuermänner (Statthalter oder Richter) auf die Sitze, und befahl, die Schicksale der Menschen mit ihm zu richten, und mit ihm die Burgbewohner zu regieren. Dieß war an dem Orte, der Ida-Thal heißt, mitten in der Burg. Ihr erstes Werk war, einen Hof (Tempel) zu machen, wo ihre zwölf Stühle umher stehen, und der Sitz des Alfader. Dieß Haus ist das bestgebauete der Erde, und das größte. Alles, was innen und außen ist, glänzt wie Gold. Den Ort nennen die Menschen Gladsheim.«

Mir deucht, nichts kann deutlicher seyn, als daßGladheim weder Valholl, noch Asgaard, sondern ein darinn enthaltener Palast sey. Grimnismal setzt es außer Zweifel:


Gladsheimr heitir inn fimti

Thars en gullbiarta

Valhaull vid of thrumir

Enn thar Hroptr kys

Huerian dag

Vapndauda vera.


d.i. »Gladsheimer heißt das fünfte Gebäude; da ist das goldglänzende Valholl auf Balken gestützt. Und da nimmt Hroptr (Odin) täglich die mit Waffen Erschlagenen auf.«

[242] Nach seiner innern Bedeutung heißt Gladheim die Wohnung der Freude. Mit dem eigentlichen Ursprunge des Namens Asgaard verschone ich Sie, ob ich gleich dafür halte, daß er nicht schwer auszuforschen, und in einer Stelle der Saga von Hogn und Hedin, die durch eine andere beym Stephanus Byzantius erläutert wird, deutlich genug angezeigt sey. Ich verweise Sie desfalls auf Barthol. ant. Dan. p. 405 sqq.

10. Glasur.] In Asgaard an den ThorenValholls ist ein Wald, Glasur genannt, dessen Blätter Gold sind, nach dem Gedichte: Glasur steht goldbelaubt vor dem Vorhofe Sygtyr. Dieser Lustwald ist der schönste unter Göttern und Menschen.Edda 59.

11. Vingolf.] So wie Valholl, ein Friedens-Sitz für die abgeschiedenen Helden. Die Edda unterscheidet diese beyden Oerter ausdrücklich; sie werden aber sehr oft mit einander verwechselt.

12. Gotlands Söhne.] Daß ganz Norden ehemals Gotland geheißen, scheinen diejenigen nicht zu wissen, denen es widersprechend vorkömmt, daß eine Ueberschwemmung so großer Völkerschaften aus einem Winkel von Schweden, der heutigen Provinz Gothland, herrühren sollte, weil sie die neuere Geographie mit der ältern verwechseln. Ich will Ihnen die Stellen aus der Edda, und andern Monumenten von gleichem Alter, die allem Zweifel auf einmal ein Ende machen, und, so viel ich weis, noch niemals beysammen gelesen worden, hier gleich hinter einander setzen.

I than tima var kallat alt megin land, that er han (Odin) atti Reidgotland, en eyar allar Eygotland, that er nu kallat Dannaveldi oc Sviaveldi.

d.i. »Damals wurde alles feste Land, was er (Odin) besaß, Reidgotland, und alle Inseln Eygotland genannt, welches nun Danaveldi (Dännemark) und Sviaveldi (Schwedenmark oder Land) heißt.«

Hier haben Sie die allgemeine Eintheilung vonGotland. Nun folgen die Unterabtheilungen.

[243] Jütland wurde zum festen Lande gerechnet, und hieß daher Reidgotland.

That heitir nu Jotland, er tha var kallat Reidgotaland.

d.i. »Das heißt Jütland, was damals Reid-Gotland genannt wurde.« S.d. Vorr. vor der Edda.

Dännemark hieß im Ganzen Gotland, so wie die Inseln, woraus es besteht, Eygotland, die Eyländer oder Inseln Gotlands, genannt wurden.

Skioldr het sonr Othins, er Skiolddungar ero fra komnir. Hann hafdi atseto, ok reth lanndom, thar sem nu er kallat Danmark, enn tha var kallat Gotland.

d.i. »Skiold hieß der Sohn Odins, von dem die Skioldunger kommen. Er hatte seinen Sitz, und beherrschte das Land, was nun Dännemark genannt wird, und damals Gotland hieß.« S. die Vorrede vorGrettasaung.

Ein af sonum Othins er nefnder Skioldr, sa et Land tok ser, that er nu heitir Danmörk. En tha vari thessi land er Asiamen bygdu, kallat Godland, en folkit Godiod.

d.i. »Einer von den Söhnen Othins, Skiold genannt, nahm das Land ein, das nun Dännemark heißt. Und damals wurde dieses Land, welches die Asiamänner bewohnten, Gotland genannt und das Volk Godiod (oder Gothen, welches Torfäus durch Geschlecht der Götter übersetzt). S.d. Rimbegla, imgl. Pontoppidans Dän. Atlas, 1. Bd. 25. S.«

Eine bestimmte Eintheilung lehrt uns Olafur Tryggesöns Saga.

Tok Biorn Jarnsida Uppsalariki Svithiod alla ok huarttueggia Gautland ok all than land er thar liggia til. Sigurdr Orm i auga hafdi Eygotaland ok allar eyiar Skani ok Halland. Huitserkr hafdi Reidgotaland ok thar med Vindland.

d.i. »Biorn Jarnsida (Ironside nennen ihn die Engländer) nahm das Upsalische Reich, ganz Schweden, und beyde Gotland, und alles Land, was daran gränzt. [244] Sigurdr Ormr i Auga (Sigvord Schlangenauge) hatte Eygotland, und alle Inseln, Schonen und Halland. Huitserkr hatte Reidgotaland, und zugleich Vindland.«

Da dieß letztere Reidgotland außer der Verbindung mit dem übrigen festen Lande genannt wird, so erklärt man es billig durch Jütland, welches an das Land der Wenden stößt, die von den Vandalen, den heutigen Mecklenburgern, zu unterscheiden sind, und dem Districte Vendsyssel in Jütland den Namen gegeben haben.

Die Zeit der asiatischen Emigration bestimmt eine Stelle aus der Snorronischen Chronik, die mir gerade beym Bartholin in die Augen fällt, (ant. Dan. l. III. c. 2) ganz genau. I thann tima foro Rumveria hofdingiar vida un heiminn oc bruto undir sik allar thiodir. Enn margir hofdingiar flydu fyrir theim ofridi af eignom sinom. Enn fyrir thui at Odinn var forspar ok fiolkunningr. Tha vissi hann at hans afkvaemi mundi um nordr halfo heimsins byggva. Setti hann tha braedr sina Vili ok Ve yfir Asgaard enn hann for oc med honum diar ok mikit folk annat fyrst vestr i Gardariki ok thadan sudr i Saxland.

d.i. »Damals zogen die Römischen Heerführer weit umher, und brachten die ganze Erde unter sich. Und viele Heerführer (Duces) flohen vor ihnen aus ihren Eigenthümern (Staaten). Und da Odin ein Weißsager und Magus war, so wußte er, daß seine Nachkommenschaft in Norden wohnen würde. Er setzte also seine Brüder Vili und Ve über Asgaard, und zog mit allen Göttern (Asen) und vielem Volke zuerst gegen Abend nach Gardariki (Rußland) und weiter gegen Mittag nach Saxland (das heutigeHolstein und Niedersachsen).«

Bey Gelegenheit der vorher angeführten InselSchonen muß ich anmerken, daß der NameScandinavia für die gesammten drey Nordischen Reiche nur eine Chimäre der neuern Geographen sey, die von der Ungewißheit herrühret, mit welcher sichPlinius, Mela und Ptolemäus [245] über das große Scandia, Scandinavia oder Scangia erklären, weil sie sich beredeten, daß alles, was jenseits Schonen läge, eine einzige große Insel sey. Anchersen hält die vier Scandien desPtolemäus nicht ohne Grund für Schonen, Codanonia, (Seeland) Fynen, und Laland, Falster und Möen, welche drey letztere wegen des kleinen sie trennenden Gewässers leicht für Eins genommen werden konnten. Daß Seeland unterCodanonien verstanden werde, leidet keinen Zweifel, und wird vom Cluver und Cellarius für den ursprünglichen Sitz der Teutonen gehalten. S. Grams praef. ad Mölleri Cimbr. lit p. 34.

Ich reiße mich mit Gewalt von diesen Untersuchungen los, die Sie und mich ins Unendliche führen könnten, und mache nicht weniger, wegen dessen, was ich Ihnen verschweige, als für das, was ich zu Ihrer Befriedigung angeführt habe, einen billigen Anspruch auf Ihre Erkenntlichkeit. –

Und doch kann ich einer glücklichen Vermuthung des oftangeführten Herrn Anchersen, oder vielmehr Stephanius, über den Namen Seeland hier die Stelle nicht versagen, weil sie mir eine Schwierigkeit, die Pontan sich macht, sehr glücklich zu heben, und zugleich einen neuen Beweis für den Aufenthalt, den Tacitus der Göttinn Herthus anweist, an die Hand zu geben scheint. Saxo nennt dieses Land beständig Sialandia, um eine Insel anzudeuten, die allenthalben von der See umgeben ist. Dies gilt von allen Inseln, sagt Pontan, und wünscht Sädland, von Saat, zu lesen, wenn es nur nicht gar zu offenbar wäre, daß die alten Einwohner dieser Insel sich wenig um den Ackerbau bekümmert haben. Der Name Seelund, der in der Edda und auch anderswo nicht selten vorkömmt, gibt der ganzen Sache ein neues Licht: denn Lund heißt ein Hayn, und Seelund, ein von der See umflossener Hayn, indem es gewiß ist, daß diese Insel ehemals fast ganz mit Waldungen bewachsen gewesen; woraus sich die etwas undeutliche Stelle unsers Skalden imvierten Gesange erklären läßt:


[246]

In trübem Dunkel schauerte die Küste;

Kein Himmel leuchtete mild durch den Hayn.


Daß diese Vermuthung einen hohen Grad der Wahrscheinlichkeit habe, beweist folgende Stelle derEdda, die Anchersen anführt, und die eine der sinnreichsten unter allen Fabeln ist, weil sie die Aehnlichkeit des Wäler-Sees in Schweden mit der Figur und Größe der Insel Seeland auf eine höchste erfindungsreiche Art aus einander setzt.

Gylfi Kongr reth thar landum, er nu heitir Svitiod. Fra hannom er thet sagt, at hann gaf aeinum farandi i konu at lannum sketanor sinor aeit plogsland i Riki sinu, that er fiorer Oxn draegi up dag oc nott. En su Kona var aein af Asa aett. Hon er naefnd Gefion. Hon tok fire Oexn nordan or Jotanheimun, that verusyns johens nokkurs oc hennar, oc setti tha for plog. En plogriin gekk sua breit oc diopt at upp laisti landit, oc drogi oxinum that land ut um hafit oc vestr, ok nama stadar i sundi nokkuru. Thar setti Gefion landit, oc gaf nafn, oc kalladi Saelunde. En thar sem landit hafdi upgangit, var thar epter Vatn. That er nu logriin kalladr i Svidiod. Oc liggia sua Vikr i leginum sem Nes i Saelunde.

d.i. »Gylf, der König, beherrschte das Land, was nun Schweden heißt. Von ihm wird gesagt, daß er einer fremden Frau in seinem Reiche so viel Land gab, als vier Ochsen in Tag und Nacht umpflügen könnten. Und diese Frau war aus dem Geschlechte der Asen. Sie heißt Gefion. Sie nahm vier Ochsen nördlich aus Jotunheim, (dem Lande der Riesen) welche ihre und eines Riesen Söhne waren, (die sie also verwandelt hatte) und stellte sie vor den Pflug. Und die Pflugschaar gieng so breit und tief, daß sie das Land empor hub, und die Ochsen führten dieß Land nach Westen übers Meer, und gaben ihm eine Stelle zwischen einigen Sunden (Meerengen). Da setzte Gefion das Land, und gab demselben einen Namen, und nannte es Sälunde. Und da, wo das Land herausgehoben [247] war, war nachher Wasser. Dieß ist itzo der große See in Schweden. Und er macht eben solche Buchten, als Sälunde Erdzungen.«

Da haben wir also den drolligten Ursprung der Insel Seeland, den Dalin so ernsthaft in seine Geschichte aufgenommen, und mit neuen Hypothesen zu verschönern gewußt hat.

Ich will noch eine Stelle aus der Hernadardrapu anführen, wo der Name Seelund vorkömmt, und dann genug von dieser Materie!


Knutr var ad Himnum

Hyggek aet at frett

Haralds i her

Hug vel duga

Let lygotu

Lid sudan or Nid

Olafur jofur

Arsael fare. –

Thurdu nordan

Namst that med Gram

Til slets svaler

Silunr kylir

Ena med annan

Onundur Donum

A heuder at ha

Her saenskan fer.


d.i. »Knud (der Große) focht tapfer unterm Himmel. Haralds Geschlecht hat es erfahren. Olafur (König Oluf) der Brave, durchschnitt mit seiner Flotte das Meer, und ließ den östlichen Fluß Nid hinter sich. – Die nordischen Schiffe wagten es unter ihrem Könige auf die Ebene Silunr (Seelands) zu stoßen: aber eine andere Flotte, unter Anführung des Onundur, focht gegen die Dänen.«

13. Rauhen hüglichten Altar.] Die Structur der Altäre ist verschiedentlich. Größtentheils bestehen sie aus einem Erdhügel, auf dessen Gipfel drey Steine von ausnehmender Größe einen vierten, der etwas breiter und flacher ist, stützen, so daß das Ganze wie ein Tisch auf drey Füßen anzusehen ist. Unter diesen drey Steinen findet sich eine senkrechte Hölung in den Hügel hinein, zuweilen [248] ganz offen, zuweilen mit Erde und kleinern Steinen verschüttet, wohin das Blut der Schlachtopfer abfließen mußte. Gemeiniglich trifft man daselbst Feuersteine an: es war nämlich unerlaubt, zum Brandopfer anderes Feuer zu brauchen, als was man durch Hülfe des Feuersteins hervorbrachte. An einigen Orten findet man Altäre, die mit einem gewissen Pompe aufgeführt worden, und sowol unten am Fuße des Hügels, als um den Gipfel herum, einen Kranz von großen Steinen haben. Selten sieht man einen Altar allein; gemeiniglich sind ihrer drey bey einander, welche alsdann Altäre der drey obersten Götter bedeuten. Wo nur ein einziger ist, wie z.E. der bey Sandholm, an der Landstraße von Blauströd nach Hirschholm, in einer romantischen Gegend von Seeland, da ist mehrentheils auch ein Grabmaal, und war derselbe zu einem jährlichen Brandopfer zum Andenken des Verstorbenen bestimmt. Der große Altar in der Gegend des Dorfs Birke hat etwas besonders. Er steht in einem mit großen Steinen verschränkten länglichten Viereck, und hat zween andere Hügel zur Seiten, deren Fuß mit einem ansehnlichen Steinkranze umgeben ist. Der mittlere Hügel oder Altar trägt drey erstaunlich große Steine, auf denen ein vierter noch größerer ruht. Unweit desselben erblickt man noch einen Hügel, unter welchem Langbeen Riese begraben seyn soll, und der einen sechzig Schritt langen und zwölf Schritt breiten Platz mit 56 ungeheuren Steinen einschließt. Wenn man auf diesen Hügel stößt, so vernimmt man einen Hall, woraus sich schließen läßt, daß er inwendig einen ausgemauerten Raum haben müsse. Worm. Mon. Dan. p. 17.

Die Opfer bestanden aus Thieren allerley Art, welche vorher wohl gemästet wurden, weil man glaubte, die Götter, Helden oder Freunde, denen man opferte, würden mit dem Rauchdampfe und dem Blute des Opferviehes, womit man alle Wände bestrich, schon vorlieb nehmen, und so klug war, das gebratene Opfer unter dem Rundtrunke des Minde-Bechers, wenn es für einen Freund war, oder [249] des Brage-Bechers, wenn es für einen Gott, König oder Helden geschah, selbst zu verzehren. Zuweilen trank man sich auch das Opferblut zu. Snorro Sturlesons Chronik im Leben König Adelstans, imgl. Worm. l.c.p. 28.

Wenn die Feyerlichkeiten bey dem Begräbnisse vorbey waren, wurde ein Hügel oder kleiner Berg von Erde und Steinen zusammengetragen, dergleichen dieDänen und Angeln in England eingeführt haben, wo sie barrows genannt werden. Die schlechtesten sind rund und kegelförmig von bloßer Erde aufgeführt; die nur einen einfachen Steinkranz um ihren Fuß haben, sind den Generals und andern angesehenen Männern gewidmet gewesen, so wie jene bloßen Soldaten und Athleten bestimmt waren. Mit der Zeit fing man an, den Vornehmern prächtigere Grabhügel aufzuwerfen: man richtete nicht blos große ausgehauene Steine mit runischen Inschriften auf, sondern schloß auch außer den Steinen, die um die Basis und Spitze herumgingen, das Ganze in einen viereckigen Platz ein, der mit größeren Steinen umgeben wurde. Noch andere sind von ovaler Rundung, und haben an den beyden ausspringenden Ecken des Steinkranzes einen Stein von vorragender Größe. Der Hügel ist alsdann gemeiniglich ein Altar, und scheint ein Familien-Grab anzudeuten, wesfalls auf solchen Altären auch die Opfer geschahen, die für die Sicherheit und das allgemeine Beste des Landes veranstaltet wurden.

Anstatt der Steine sind auch einige Grabhügel mit Bäumen von verschiedener Anordnung umkränzt, welche den Königen in den spätern Jahrhunderten bestimmt gewesen. Von dieser Art ist das schöne Grabmal K. Hotters in dem Dorfe Horleff oderHottersleff, das von ihm den Namen hat. Worm. l.c.p. 33 sqq.

Ueber die drey Perioden der Grabmäler Roisold, (oder Brunold) das Alter der Verbrennung, wohin der Periode unsers Skalden gehört,Hoigold, das Alter der Hügel, oder vielmehr Leichname, (denn das erste Alter war [250] auch ein Alter der Hügel) und Christendomsold werden SiePontoppidans Atlas nachlesen.

14. Alfen.] Dithmar glaubt, daß das WortAlcis, das beym Tacitus vorkömmt, von Alf, Alp, Elp herzuleiten sey. Dithmar ad Tacit. Germ. c. 43. p. 234.

Sa er thar stadr er kalladr er Alfheim thar bygfer folk that er Liosalfar heita. Enn Dauckalfar bua nithan undir jorthu ok ero their olikr synum ok enn olikari reyndum. Liosalfar ero huitari en sol synum. Enn Dauckalfar svartari en bik.

d.i. »So giebts auch eine Stadt, Alfheim genannt, da wohnen die, welche Liosalfar (Licht-Alfen) heißen. Und Daukalfar (Finsterniß-Alfen) wohnen unter der Erde, und ihre Gestalt ist von jenen verschieden, ihre Gemüthsart aber noch verschiedener.Liosalfar sind weißer, als Sonnenschein. UndDaukalfar schwärzer, als Pech.« Edd. 2.

Da die Alfen gemeiniglich als Geister von weiblichem Geschlecht, und in eben den Beschäfftigungen, wie die Nornen, Disen und Valkyriur ein geführt werden, so könnte man sie leicht mit den letztern verwechseln. Stephanius beklagt, daßSaxo, aus einer falschen Delicatesse, die vortrefflichen Fragmente, deren er sich bediente, nicht lieber in Original, als in seinen lateinischen Uebersetzungen, aufgehoben, weil wir alsdann von den Alfen, Thussen, Duergen, Draugen, undVanen viel bestimmtere Begriffe haben würden. Ich gebe ihm völligen Beyfall.

Hiebey fällt mir ein, daß eben der Dualen, den ich in meiner dritten Anmerkung zu dem Geschlechte der Zwerge gerechnet habe, auch als eine Alfe, und als ein Runen-Goetz vorkomme.


Runar muntu kunna oc radna staffe

Miog störa staffe miog stimia staffe

Thaer som giordu Ginreigen

Oc faede Fimbulthurur

Oc reist Hroptur Rogna

Med Asum, enn fyror Alfum Dualenn

[251]

Daen oc Duergum fyrer

Asvidur Jotnum fyrer

Eg reist sialfur sumar.


d.i. »Du verstehst dich auf Runen und Buchstaben, große Buchstaben, und mächtige Buchstaben, welche das Geschlecht der Götter gemacht, und der Greis Fimbul verbessert hat. Unter den Göttern hat Odin Runen gegraben, unter den Alfen Dualen, unter den Zwergen Daen, unter den Riesen Asvidur; und ich selbst habe einige gerissen (oder gezeichnet).«

Die Namen der Valkyriur oder weiblichenAlfen, die im Liede des zweyten Gesanges vorkommen, sind im Grimnismal ohne weitere Charakteristik enthalten:


Hrist ok Mist vil ek

At mer horn beri

Skeggiold ok Skogul

Hilldr ok Thrudr

Hlokk ok Herfiotur

Gaull ok Geira Hod

Ranngrid ok Radgrid

Ok Reginleif

Thaer bera Einherium ol.


d.i. »Ich will, daß Hrist und Mist mir das Trinkhorn reichen; Skeggiold und Skogul,Hilldr und Thrudr, Hlokk und Herfiotur, Gaull und Geira, Hod, Ranngrid und Radgrid und Reginleif reichen dort das Getränk der Einherium (abgeschiedenen Helden).«

Die Alfen wurden auch als Schutzgeister und Führer der Sterne angebetet. Cleffel. Ant. Germ. p. 474. Aus diesem Grunde wird im dritten Gesangs unsers Skalden der Sonne ein Führer beygelegt, der die Jahreszeiten abschneidet.

Zu ihnen gehören ferner die vielen Genien, die man auf den Innschriften beym Reinesius und andern findet z.E. Genio Avernorum, Genio municipii Antik, Genio municipii Segusimi, Genio Noricorum, Genio pagi Tigor, Genio Lugdunensi, Genio fontis Aginees etc.

Thor machte sich zuweilen eine Beschäfftigung damit, die schwarzen Alfen mit dem Donnerhammer zu zermalmen, [252] und mit Platzregen zu peitschen. Man brauchte daher bey Ungewittern die Behutsamkeit, daß man sich hurtig von den Bäumen oder anderm Obdach, wo die Alfen sich aufhalten könnten, hinweg und ins Freye verfügte, damit Thor nicht etwa einen Fehlschlag thäte, und auf den unrechten Fleck träfe. Verel. ad Hervar. Sag. p. 35.

Die weiblichen Alfen verstanden die Kunst, vermittelst des Gesanges Tempel in den Haynen, Gebirgen und Hölen zu erbauen, wo sie in Orakeln redeten, und die feyerlichen Gelübde annahmen. Sie heißen auch zuweilen Skop von skopur, die Schöpfung.

15. Goldharf.] Besser Mundharp, die Erinnerungsharfe, wovon auch die lyrische Poesie den Namen Mundstringar mar, das Meer der Gedächtniß-Region genannt wird, weil sie sich damit beschäfftigte, das Andenken verdienter Männer zu verewigen.

16. Frö der Gerechte.] Frotho der Große, der zur Zeit der Geburt Christi regierte, hatte unter andern das Gesetz gegeben, daß alle Streitigkeiten durchs Schwert entschieden werden sollten. Saxo. l.V.

Daß der Name Frö oder Frey mit dem NamenFrotho oft verwechselt werde, erhellt aus Olafur Tryggesons Saga.

Eg sagda ydr fyrr at Frey var kendr fridr sa hinn mikli er i Svithiod var um hans daga. Enn Danir kendu thann frid Froda konungi er fyrir Danmork ok kolludu their that Frodafrid.

d.i. »Ich habe euch schon gesagt, daß Frey der große Friede zugeschrieben wird, der zur Zeit seiner Regierung in Schweden blühte. Und die Dänen haben diesen Frieden dem Könige Frotho, der über Dännemark herrschte, beygemessen, und nannten ihn Frothons Frieden.«

17. Der Hahn Valholls.]


Gol um Asom

Gullinkambi

Sa vekr haultha at hiarar

At heria faudrs

[253]

Enn annar gol

Fyr iord nethan

Sotraudur hani

At saulom heliar.


d.i. »Es krähte bey den Göttern der mit dem goldenen Kamme. So weckt er die Männer zun Waffen unter dem Vater der Heere. Und der andere krähte unten auf der Erde, der gelbe Hahn in den Wohnungen Heliars.« Voluspa.

Daß auch der Kriegsgott des griechischen Olympus das Gallicinium, wiewohl zu einem verschiedenen Gebrauche, zu nutzen gewußt, lehrt uns der glaubwürdige Schuster Micyllus in folgender erbaulichen Geschichte:

Ἤκουσά τι καὶ πάλαι τοιοῦτον ἀμέλει περὶ ὑμῶν, ὡς ἀλεκτρυών τις νεανίσκος, φίλος γένοιτο τώ Ἄρει, καὶ συμπίνοι τω ϑεω, συγκωμάζοι, καὶ κοινωνοίη τῶν ερωτικῶν. ὁπότε γοῦν ἀπίοι παρὰ τὴν Ἀφροδίτην μοιχεύσων ὁ Ἄρης, επάγεσϑαι καὶ τον ἀλεκτρυόνα. καὶ επειδήπερ μάλιστα τόν ἥλιον ὑφεωρατο, μὴ κατιοδὼν, εξείπη προς τον Ἥφαιστον, εξω προς ταις ϑύραις ἀπολείπειν ἀεὶ τον νεανίσκοήν μηνάσοντα ὁπότε φαίνοι ὁ ἥλιος. είτά ποτε κατακοιμηϑηναι μὲν τον ἀλεκτρυόνα, καὶ προδοῦναι τὴν φρουρὰν ἄκοντα. τόνδε ἥλιον λαϑόντα, επισιηναι τη Ἀφδοδίτη, καὶ τω Ἄρει ἀφρόντιδι ἀναπαυομένῳ, διὰ το πιστεύειν τον ἀλεκτρυόνα μηνῦσαι ἂν, εἴ τις επίοι. καὶ οὕτω τον Ἥφαιστον παῤ ἡλίου μαϑόντα, συλλαβειν αυτους, περιβάλοντα, καὶ σαγηνεύσαντα τοις ϑερμοις ἃ πάλαι μεμηχάνητο επ᾽ αυτούς, ἀφεϑήντα δὲ, τον Ἄρη ἀγανακτησαι κατὰ τοῦ αλεκτρυόνος, καὶ μεταβαλειν ἀυτόν εἰς τουτὶ το οπλοις, ὡς ἄντι τοῦ κράνους, τον λόφον εχειν επί τη κεφαλη, διὰ τοῦτο ὑμας (sc. αλεκτρυόνας) απολεγουμένους τω Ἄρει ὅτ᾽ ουδὲν οφελος. επειδὰν ἄισϑησϑε άνατέλλοντα τον ἥλιον προ πολλοῦ βοαν, επισημαινομένους τὴν ἀνατολὴν ἀυτοῦ.. Luc. Somn. s. Gall.

18. Geir.] Geir bedeutet sowol einen kurzen Speer, als ein Schwert. Brynthvara war ein Spieß, dessen [254] mit Eisen beschlagene und vierschneidigte Spitze zwey Ellen lang war, und einen kurzen Schaft hatte. Von diesem sowol, als einem dritten Spieße, finden Sie eine Abbildung beym Bartholin.

Das Wort Geir ist noch einer andern Ursache wegen merkwürdig. Die Germanen haben ihren Namen daher, weil sie mit dem kurzen Speer oder Wurfspieß bewaffnet waren, und von eben diesem Worte kömmt das französische Wort guerre. Cluver hat diese Abstammung in seiner Germ. ant. nicht gekannt, weil er sonst nicht bey dem Worteguerre stehen geblieben wäre. Resen. ad Volusp. str. 31. it. Anchersen de Solduriis, p. 58.

19. Mit Helmen angethan.] Die Ausrüstung zum Zweykampf bestand in einem Helme, einem Schilde, einem Schwerte und einemSpeer. Der Herausgeforderte that den ersten Hieb oder Stoß, und nach dieser Ordnung ward das Gefecht fortgesetzt. Steph. ad. Sax. l. II.

Die Gesetze des Zweykampfs, die Frotho einführte, waren folgende: Es ward ein Kreis gezeichnet; wer aus diese den Fuß zurückzog, ward für überwunden erklärt. Der Kreis war mit Streu bedeckt. Der Zurückgetriebene mußte eine Strafe von zwey Mark löthigen Silbers erlegen. Wer in minder hitzigen Duellen zuerst Blut vergoß, war überwunden. Die Schranken des Kampf-Platzes waren von Holz oder andern dergleichen Materialien, und wurden Heslesteingur genannt. Der Sieger, wenn er seinen Feind getödtet hatte, war desselben Universal-Erbe. Doch war es an diesem Siege nicht genug, um zu beweisen, daß er eine gerechte Sache gehabt. So bald er seinen Mann erlegt hatte, ward ein grimmiger Stier herbeygeführt, den er mit einem einzigen Streiche zu Boden werfen mußte; sonst war es den Anverwandten des Erschlagenen erlaubt, zu appelliren. Der bekannte Skalde, Eigill Skallagrim, war ein großer Athlet von diesem Schlage. Die meisten Processe über Eigenthümer, Erbschaften, Morgengaben, etc. wurden durch den Zweykampf entschieden. Wer sich zu erscheinen weigerte, hatte seine Sache bereits [255] verlohren, und ward als ein erlegter Gegner angesehen.Worm. in monum. Dan. it. Arngrim. Jon. Rer. Island. l. I cap. 9. l. II. p. 134.

20. Fünfter Gesang.] Ich werde Ihnen wenig mehr zur Erläuterung dieses Gesanges sagen können, als was Sie schon wissen. Der ganze Detail desselben gründet sich gänzlich auf die Autorität derVoluspa, und es würde vergebens seyn, wenn ich mich bemühte, in die Oekonomie dieser Fabeln tiefere Blicke zu werfen, als Bartholin, der eine Erklärung derselben förmlich von sich ablehnte. Harum explanationem ne quis a me expectet. Vt enim impressa docti Islandi (Saemundi) mihi non satisfecit expositio, sic multo minus meas in obscurissima materia conjecturas aliis arrisuras praesumpserim.

Inzwischen werden Sie den Verlust einzelner Erläuterungen über einzelne Fabeln so sehr nicht bedauren, und sich an dem allgemeinen Inhalte dieser dithyrambischen Weissagung, der an sich deutlich genug ist, willig begnügen lassen. Der darinn besungene Zeitpunkt ist Ragnarockr oder die Dämmerung der Götter, das Ende ihres bisherigen Welt-Systems, ihr Untergang, und die Schöpfung neuer Welten und Himmel aus den Trümmern der alten. Eine sonderbare Erdichtung! Merken Sie zugleich, daß die Götter, denen dieser Untergang prophezeyet wird, keine andern, als die Asen, die Familien des Odin, sind, und daß Vidar oderVidri, der hier der Sohn des Odin, vermuthlich wegen der Erbfolge, oder auch aus einer bloßen Verwechselung der Umstände, genannt wird, sonst aber unter dem Namen Alfadur bekannt ist – daß Vidri der Haupt-Held bey dieser großen Scene seyn, alle Feinde des Himmels erlegen, und nebst fünf andern Göttern, nämlich Val, Modo, Magnus, Balder und Höder, allein übrig bleiben soll, den neuen Himmel zu bewohnen. Was sagen Sie dazu? Ist meine obige Vermuthung von zwey verschiedenen Götter-Systemen, deren eins, meiner Meynung nach, älter als das andere war, [256] eine ganz seichte Chimäre? Sollte es wohl wahrscheinlich seyn, daßOdin oder seine Anhänger eine so nachtheilige Prophezeyung ausgestreuet hätten? Müssen wir nicht vielmehr glauben, daß die Freunde der ältern Religion des Alfadur, denen die abscheulichen Thaten des Odin und seines Gefolges ein Aergerniß waren, sich mit einer Hoffnung trösteten, die nur ihnen reizend und wichtig seyn konnte?

Ich hätte Lust, Ihnen die ganze Voluspa hier abzuschreiben, wenn sie nicht gar zu weitläuftig wäre; ich verweise Sie desfalls auf Schützens Lehrbegriff der A.D. und N. Völker vom Zustande der Seelen nach dem Tode überhaupt, und von dem Himmel und der Hölle insbesondere. Leipzig 1750, wo Sie dieselbe auf der 212. S. eingerückt finden.

Und nun, denke ich, habe ich Sie mit meiner Farrago und mit meinen Muthmaßungen lange genug aufgehalten. Ich erwarte nicht, Ihnen durchgehends Genüge gethan zu haben; ich wünsche blos, daß ich im Stande gewesen seyn möge, Ihre Aufmerksamkeit auf das zu sehr vernachläßigte Studium einer alten Fabel-Lehre, die in ihrer Art ganz einzig, und wo ich nicht sehr irre, der griechischen weit vorzuziehen ist, einigermaßen rege zu machen.

Fußnoten

1 Wir haben Erlaubniß, eine Uebersetzung dieses Mspts unserer Sammlung einzuverleiben, welches nächstens geschehen wird.

D.S.

22. Brief
Zwey und zwanzigster Brief.

Madrid.


R. hat Ihnen die Wahrheit gesagt. Seitdem ich mich hier aufhalte, habe ich mehr als einmal einen starken Trieb gehabt, den Don Quixote meines Miguel de Cervantes ins Deutsche zu übersetzen. Sie wissen, (und scherzten nicht selten mit mir darüber), daß ich schon damals eine sehr hohe Meynung von diesem Buche hatte, als ich es nur noch aus Uebersetzungen kannte – eine so hohe, daß ich mich, ihm zu gefallen, ohne die Autorität eines St. Evremont oder Rowe zu bedürfen, im Spanischen unterrichten ließ, ehe ich je vermuthen konnte, daß mir mein Gelerntes auch in andern Absichten brauchbar seyn [257] möchte. Damals hielt ich den Don Quixote für eine der artigsten Erfindungen, für eine sehr sinnreiche Satyre, für einen so amüsanten Roman, als ich je einen gelesen hatte: itzt lese ich ihn, als eine der wenigen claßischen Compositionen unter den neuern, die dem Geschmacke, der Urbanität und der Weisheit des feinsten Atheniensers Ehre machen würden. Daß mein Begriff durch das Unvermögen der Nachahmer, und durch das Paradox, ein solches Original gerade in Spanien auftreten zu sehen, noch mehr erhöht worden, will ich nicht in Abrede seyn.

Es war mir, nach meiner Abreise von London, kein geringes Vergnügen, außer Toledo, Segovia, Cadiz, Corduba, Sevilla, Tarragona etc. auch die glückseligen Oerter zu besehen, welche einst die Scene so vieler unsterblichen Abenteuer waren, und bis auf den heutigen Tag durch die ausnehmenden Thaten berühmt sind, die der Held von Mancha zum Besten der Königinnen und Fräuleins, und zum Verderben der Zauberer und Riesen seiner Zeit daselbst ausgeführt hat: das durch die Ritterbuße in der Manier des Beltenebros, und durch die Ankunft der Prinzeßin von Micomicon unvergeßliche Gebirge, Sierra Morena; die volkreiche Seestadt, Barcellona, den Sitz der Abenteuer, und vornehmlich des unglücklichen mit dem Cavallero de blanca Luna; den angenehmen Flecken Toboso, den Geburtsort des schönsten und keuschesten Fräuleins, dessen die Landschaft Mancha sich jemals hat rühmen können; der vielen Ebnen, Hölen, Berge und Wälder zu geschweigen, die ich alle mit bewunderndem Staunen mehr als Einmal betrachtete, und die meine Collectaneen mit verschiedenen Cancioni (vermuthlich von der Hand des Helden selbst, da sie denen, die sich auf Sierra Morena fanden, vollkommen ähnlich sind,) Sonnetten und Denksprüchen bereichert haben, wovon Sie die Abschristen sowohl im Caxon de Sastre, 1 als in der Geschichte vergebens suchen würden.

[258] Spanien scheint wirklich, auch nach seiner äußern Beschaffenheit, das einzige Land in der Welt zu seyn, das sich zum Schauplatze dieser wundervollen Begebenheiten hätte darbieten können; es hat eine sonderbare Verschiedenheit romantischer Gegenden, und die Fehler selbst, die dem Anbau und der Bevölkerung so nachtheilig sind, verschaffen der Phantasie ein viel freyeres Feld, als die bessern Einrichtungen irgend eines andern Reichs von Europa. En grande parte de Espanna se vén lugares, y montes pelados, secos y sin fruto, pennascos escabrosos, y riscos 2.

Hiezu kömmt, daß keine andere europäische Nation eine für den Dichter so erwünschte Wendung in ihrer Denkart haben konnte, als eben die spanische. Wie weit sie die Fratze, deren Stoff die Satyre unsersCervantes ist, getrieben habe, ist bekannt. Wenn man aber auf den edlen Ursprung dieser Fratze, auf eine gewisse Spur von großem Sentiment, auf den mit Lebhaftigkeit und Schärfe des Verstandes vermischten Ernst, (Eigenschaften, die sich auch an dem gemeinsten Spanier nicht übersehen lassen) und zugleich auf das ehrwürdige Alter der Nation, auf ihre Verhältnisse mit dem alten Rom, und auf den schon vom Hirtius oder Balbus und Tacitus an ihr gepriesenen Heldenmuth Rücksicht nimmt: so wird man diese Wahl noch von einer andern Seite billigen; man wird erkennen, daß die Schwärmereyen eines Spaniers wohl lächerlich, aber selten verächtlich seyn können; man wird sich zu allem, was man davon liest, eine gewisse Würde hinzudenken, die von jedem Interesse unzertrennlich ist.

Diese Anmerkung vergaß ohne Zweifel der Verfasser des deutschen Don Quixote zu machen, da er einen albernen Ladendiener aus seinem eignen Vaterlande zum Helden annahm; und ich fürchte, ich fürchte! daß der [259] Mangel des einen oder andern dieser Punkte in unsern deutschen Romänen und Lustspielen noch lange eine schwer zu überwindende Schwierigkeit bleiben werde, wenn auch sonst das Genie des Dichters alle gleiche Vortheile mit ausheimischen Köpfen in sich selbst entdecken sollte. –

Wie man schwärmt, wenn man zu voll von seiner Materie ist! Schwerlich hätten Sie erwartet, daß mein erster Brief von Madrid Anmerkungen übernDon Quixote enthalten würde. Ich verdenke es Ihnen gar nicht, wenn Sie mich in Ihrem nächsten an den Engländer erinnern, der, nachdem ihm spät genug Drydens Alexander-Fest in die Hände gefallen war, voller Erstaunen über eine so neue Entdeckung aus einem Coffeehause in das andere lief, und jedermann zwang, seine ecstatischen Lobsprüche, seine Zergliederungen einzelner Schönheiten, und seine Betrachtungen über das Ganze anzuhören, – bis ihn endlich ein alter Barde, der ihn lange genug (welches jener für Beyfall hielte) wechselsweise angestarrt und angelächelt hatte, mit dieser demüthigenden Nebenbetrachtung unterbrach: »Sdeath, Sir, wo haben Sie in der Welt gelebt, was für Gesellschaft haben Sie gehabt, daß Sie erst itzt etwas von einer Composition zu wissen scheinen, welche die feinste ist, die wir in unserer Sprache besitzen?«

Um also wenigstens das Verdienst zu haben, daß ich einzulenken weis, u.s.w.

[Der Rest des Briefes handelt von Privat-Angelegenheiten.]

Fußnoten

1 Eine Sammlung spanischer Gedichte.

2 Mariana Hist. de Espanna l. I. Ein großer Theil von Spanien zeigt nichts als Wüsteneyen, dürre und unfruchtbare Gebirge, rauhe Felsen und jähe Schlünde.

23. Brief
Drey und zwanzigster Brief.
Beantwortung des vorigen.

Es kränkt mich ein wenig, daß Sie mir – soll ich sagen, einen so gleichgültigen Geschmack, oder so wenig Unterscheidungskraft? – zutrauen, als ob ich wirklich im Stande wäre, Beyträge meiner Erkenntniß, – solche, die mir von Ihnen, und aus der einzigen Gegend, wo die Erndte derselben reich seyn konnte, – dargeboten werden, mit kahlen Betrachtungen eines jungen Engländers, der nur [260] bewundert, weil er unwissend ist, und der nichts mehr sagt, als was hundert andere schon vor ihm gesagt haben, verwechseln sollte. Nein, mein Lieber, an Beurtheilungen neuer und neuester Schriften fehlt es mir vor der Hand gar nicht: aber detaillirte Untersuchungen claßischer Werke, von der Art, wie Sie mir Anlaß geben, und wie ich mir schmeichle, sie von Ihnen erwarten zu dürfen, – die sind – ahlah! – zu rar, zu wirklich neu, als daß ich nicht recht ernstlich in Sie dringen sollte, mir nie etwas vorzuenthalten, wovon Sie urtheilen, daß es Ihre Einsicht erweitert habe, und folglich die meinige erweitern könne.

Wenn die Kritici allenthalben so dächten, als Sie in Madrid, wo wäre itzt Barettis Dissertation on the Italian poets, wo wären Wartons Observations on the Fairy Queen, wo wäre des UngenanntenEssay on the Writings and Genius of Pope?

Glauben Sie mir, liebster T., die kritischen Beobachtungen sind nur über wenige Original-Köpfe so erschöpft, daß ihren Nachkommen nicht noch genug zu studiren übrig bleiben sollte.


Omnibus in terris, quae sunt a Gadibus vsque

Auroram et Gangem, pauci dignoscere possunt

Vere pulcra et iis multum diuersa, remotâ

Erroris nebulâ.

Juv.


Unter diesen ist, was uns St. Evremont vom Genie Ihres und meines Cervantes gesagt hat, so gut wie Nichts; und es ist mir daran gelegen, daß Sie mir erlauben, Ihre plötzliche Abbrechung von einer Materie, die mich nur alsdann nicht intereßiren würde, wenn ich über Gegenstände des Geschmacks wie unsere Schul-Sophisten dächte, für eine bloße Wendung zu halten, um sich meiner Neugierde desto sicherer zu bemächtigen. Und da ich – lassen Sie mich dieses als einen kleinen Bewegungsgrund für Sie selbst hinzusetzen – der spanischen Sprache nicht unkundig bin, ohne mich jedoch rühmen zu können, daß meine Lectüre gerade auf die witzigern Werke in derselben gefallen sey: so, hoffe ich, wird es Ihnen, nach Ihrer [261] freundschaftlichen Art zu denken, nicht nur angenehmer, sondern auch weniger mühsam seyn, mir vorzüglich vor Ihren andern Freunden Genüge zu thun; – nichts von der Verbindlichkeit zu erwähnen, die Sie mir auflegen würden, wenn Sie mich in eine alte Bekanntschaft wieder einführten, die ich, seit meinen Reisen, gewiß nicht vorsetzlich, vernachläßigt habe.

Aber warum fanden Sie es nöthig, eine neue Uebersetzung des Don Quixote zu wünschen?

24. Brief
Vier und zwanzigster Brief.

Madrid.


Einige Tage nach Abfertigung meines letztern, da ich unter meinen Brochüren, die ich aus England mitgebracht habe, ich weis nicht mehr was suchte, fiel mir ein einzelnes Play in die Hände, das wegen seines mir unbekannten Titels, mit dem Namen Shakespear darunter, meine Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich zog. Stellen Sie sich meine Freude vor, da ich aus der Vorrede Herrn Theobalds, des Herausgebers, ersah, daß die Novelle vom Cardenio, aus dem Don Quixote, darinn zum Grunde läge.

Ein Wettstreit zwischen Shakespear undCervantes! Ein so vortrefflicher Stoff! Der Haupt-Charakter ein unsinniger Mensch! die Neben-Charakter ein humoristischer Ritter, und der naivste unter allen Stallmeistern! nächst ihnen das reizende Bauer-Mädchen, ein alter Ziegenhirte, ein Pfarrer, ein Barbier! die Scene so wild und anziehend! die Situationen so reich und glänzend! die ganze Fabel eine so glückliche Erfindung! – Wundern Sie sich nicht, daß ich mir ein Meer von Vergnügen versprach, und mich sogleich in mein Bücher-Cabinet einschloß, um meinen Morgen recht ungestöhrt zu genießen.

Es kann nicht fehlen, dachte ich, Shakespear wird weiter gegangen seyn, als die Novelle. Er wird die Neben-Charakter, die hier eine bloße Incidenz sind, zu schön erdacht finden, als daß er sie nicht, in Form einer zweyten oder untergeordneten Handlung, mit seinem Stoffe verweben [262] sollte. Wenn andern der Haupt-Ton im Charakter des Sancho entwischt ist, so wird Shakespear ihn in einem Augenblick saisiren, ihn ganz durchdenken; und es müßte wohlmuy grande maravilla seyn, wenn der Stallmeister nicht unter seiner Hand, als der reizendste Goffo-Charakter hervorspringen sollte, der außer der bergamesischen Familie je existiret hat.

Ich schlage die Dramatis Personae nach: – kein Ritter, kein Stallmeister, keine Prinzessin von Micomicon, kein Barbier, kein Pfarrer! Das ist sonderbar. Sollte Shakespear die Novelle wohl aus einem andern Buche, als aus dem Don Quixote?

Ich gucke noch einmal in die Vorrede des Herausgebers. – »Es trifft sich, heißt es daselbst, daß Don Quixote 1611 [das ist falsch; die erste Edition ist von 1608; aber desto besser] herausgegeben ward, und Shakespear starb 1616.« – Hem! AberShakespear konnte ihn nur in Uebersetzungen gelesen haben, und die englische kam erst 1620 zum Vorschein; die französische ist zwey Jahre älter, und die italienische von 1622. Alle nach Shake spears Tode. Was soll man denken?

An der Authenticität des Drucks durfte ich nicht zweifeln; denn in dem vorangesetzten Freyheits-Briefe K. Georgs II. heißt es ausdrücklich:

Whereas our trusty and well-belovedLewis Theobald, of our City of London, Gent. has by his Petition humbly represented to Us, That He having, at a considerable Expence, Purchased the Manuscript Copy of an Original Play of William Shakespeare, called Double Falshood or theDistrest Lovers, and with great Labour and Pains Revised and Adapted the same to the Stage, has humbly besought Us, to grant him Our Royal Privilege and Licence for the sole Printing and Publishing thereof, for the Term of fourteen Years etc.

Trusty Will. Theobald, Gent. wird doch wahrlich den König nicht betrogen haben?

[263] Ein wenig betroffen, daß ich mir auf die Gesellschaft des Escudero vergebliche Rechnung gemacht hatte, fange ich an die ersten Scenen zu lesen, – darauf zu blättern – und endlich das ärgerliche Ding gar aus der Hand zu werfen. Wissen Sie, was ich fand? Den natürlichen Theobald!

Man kann sich keinen dreistern, unanständigern Autor-Kniff denken!

Mit diesem Cento travestirter Schönheiten, mit die ser plagiarischen Dullness, Shakespears Namen zu schänden! Ich habe keine Geduld mit dem Tibbald! Er verdiente die oberste Stelle in derDunciade.

Sollte man glauben, daß ein Mensch eine so eiserne Stirne haben könne, nicht allein seinen König zu hintergehen, sondern auch ein kleines Ungeheuer, wozu nur er der Vater seyn konnte, einem Superieur vom edelsten Rufe anzudichten?

Da ich versichert bin, daß Ihnen dieses Meisterstück der brittischen Licenz etwas ganz Fremdes ist, so will ich Ihnen die Hauptzüge aus der Dedication, der Vorrede und dem Prolog eines gewissen Frowde mittheilen, die Sie und jedermann täuschen würden, der das Stück selbst nicht aufmerksam genug läse. Ich hoffe wirklich, allen unsern Freunden einen Dienst zu thun, daß ich Sie vor einem so verdeckten Betruge warne.

Die Zueignungsschrift an den Minister Dodington ist gleich lauter Unverschämtheit.

»Das Vergnügen, hebt sie an, welches ich über den allgemeinen Beyfall, der dieses verwaiste Schauspiel krönt, empfinde, kann durch nichts verstärkt werden, als durch das gegenwärtige zweyte, da ich mich unterstehe, es unter dem Schutze Ihres Namens in die Welt zu schicken. Ich habe eine so große Liebe für die Werke und das Andenken Shakespears, daß, wie das Glück mir so günstig gewesen ist, diese Reliquie seiner Feder vor der Vergessenheit zu sichern, so auch mein höchster Ehrgeiz darinn bestehen mußte, demselben einen solchen Beschützer zu verschaffen;[264] und ich hoffe, daß die Zukunft, wenn sie Shakespearn den größten Lobspruch zuerkennt, sich erinnern wird, daß Herr Dodington kein geringerer Freund seines Nachlasses gewesen, als sich sein eigener Southampton für seine lebenden Verdienste erwiesen hat. – Erlauben Sie mir den feurigen Wunsch, daß Sie diese theure Reliquie mit einem zärtlichen Blicke betrachten mögen,« u.s.w.

Aus der Vorrede will ich eine oder zwo Stellen anführen, die statt aller übrigen dienen können.

»Man hat es für unglaublich gehalten, daß eine solche Seltenheit ein ganzes Jahrhundert lang für die Welt hätte verlohren bleiben können. Ich antworte, ob sie gleich erst itzt auf der Bühne erscheint, so ist doch eine der geschriebenen Copien, die ich besitze, über sechzig Jahr alt, und von der Hand Herrn Downes, des bekannten alten Souffleurs; diese aber war, wie man mich glaubwürdig versichert hat, schon frühzeitig in dem Besitze des berühmten Betterton, der die Absicht hatte, sie der Welt unverzüglich bekannt zu machen. Durch welchen Zufall er von diesem Vorhaben abgebracht worden, getraue ich mir nicht zu sagen; und eben so wenig weis ich, durch was für Hände sie vor ihm mag gegangen seyn. Man hat eine Tradition, (ich habe sie von einem Nobleman, der mich mit einer meiner Copien versehen hat,) daß unser Autor dieses Schauspiel als ein Geschenk von Werth einer natürlichen Tochter, zu deren Behuf er es schrieb, ohngefähr um die Zeit, da er das Theater verließ, gegeben habe. Noch besitze ich zwey andere Abschriften, (deren eine ich mich freute um einen mäßigen Preis zu erhalten, die nicht völlig so alt sind, als jene: aber eine ist vollendeter, und hat weniger Fehler und Nachläßigkeiten im Sinne, als die andere.«

»Andere haben, um ihrer Meynung nach, die Wichtigkeit der Entdeckung zu schmälern, behaupten wollen, wenn gleich das Stück einige Aehnlichkeit mitShakespears Manier haben könne, so komme doch die Colorite, die Sprache, und die Zeichnung der Charaktere dem Stile und [265] der Manier unsers Fletcher viel näher. Dieß, denke ich, verdient keine Antwort; ich überlasse bessern Richtern, ihr Urtheil darüber zu fällen: wiewohl ich nicht läugnen kann, daß meine Parteylichkeit für Shakespearn mich wünschen läßt, Alles, was in unserer Sprache gut oder reizend ist, möchte aus seiner Feder geflossen seyn.« –

Sie schütteln über die Impertinenz dieses Mannes den Kopf? Kleinigkeiten! Ich habe noch ganz andere Dinge aus dem Prolog für Sie in Bereitschaft.

»Oh könnte der Barde (posaunt der Versmacher) könnte der Barde [Shakespear] in unsere Tage zurückkehren, könnte er der Ehre genießen, die seinem Schatten diesen Abend wiederfährt: wie würde er die Bühne dieser Zeiten segnen, welche die goldenen Tage seiner Eliza so sehr überglänzen! – Wie würde er sich freuen, wenn er die Anforderung des Verdienstes, in seinem eignen wieder auflebenden Ruhme, so reichlich befriedigt fände! Wie stolz würde er ausrufen: Ich verzeihe der Vergessenheit; dieß letzte Kind meines Geistes soll die spätesten Zeiten überleben! Für die Welt verlohren, hat es seine Geburts-Stunde wohl abgewartet; wohl verzögerte es sie bis auf diese vorbedeutungsvolle Aera!« –

Ich war, da ich mich so übel betrogen fand, zu voll von meinem Verdrusse, als daß ich Ihnen den Zufall nicht gleich hätte klagen sollen; und ich gestehe Ihnen, daß ich eilfertig war, mich dieser Zwischenzeit zu bedienen, bis Sie Neuigkeiten anderer Art von mir verlangen. Ich bin etc.


* * *


N. S.

Thomas Durfey, der bekannte englische Poet, den Sie so oft im Spectator und Guardian angeführt finden, ist ein Genius gegen Theobald. Er hat die Geschichte vom Don Quixote in einer Suite von drey Komödien auf die Bühne gebracht; es ist nicht halb so viel Humor und Witz verdunstet, als bey jenem. Aber [266] freylich, der Charakter des Sancho ist ihm ganz verunglückt. Kein Wunder! Er hat ihn zu einem witzigen Kopf gemacht, der seinen Herrn aufzieht, und mit dem spanischen Stallmeister nichts gemein hat, als Sprichwörter. Ist es nicht sonderbar, daß niemanden auch nur eine Postiche dieses Charakters hat gelingen wollen? Der Arragonier Avellaneida, der seinem Vorgänger einen zweyten Theil unterschob, sah sogar im ehrlichenSancho nur den schnackischen Bauer; nichts von der originalen Wendung eines Menschen, den die Natur gegen alle äußern Unfälle, als da sind Lanzen-und Ribbenstöße, Steinhagel, Geprelle und dergleichen, bey aller Weichheit seines Empfindnisses so abgehärtet hatte, daß es ihm eben so unmöglich war, einen Einfall, der in seinen Kopf kam, von der Zunge zurückzuhalten, als es seinem Herrn schwer fiel, diese Einfälle nicht mit Prügeln zu erwiedern; eines Menschen, dessen Gedanken-Sphäre die Natur so kärglich zusammengezogen hatte, daß er die Herrschaft über eine Insel, Trotz aller Zauberer in Andalusien, für einen nicht unwahrscheinlichen Erfolg der erbärmlichsten Abenteuer ansah, und der zugleich innerhalb dieser kleinen Sphäre mit so vieler Ueberlegung, Scharfsinnigkeit und Urtheilskraft raisonnirte, daß die Spötter auf der Insel Barataria nicht mehr wußten, wer unter ihnen der Narr sey.

Ich kenne nur Einen, den ich Sancho mit Fug an die Seite setzen dürfte: – Meister Sterne, den Verfasser des Tristram Shandy, der gerade so schreibt, wie jener spricht, das ist, Alles, was in sein Herz und seine Sinne kömmt. Wenn die Gedanken bey allen Schriftstellern oder Gesellschaftern so los sässen; welch ein Schatz für die Weltkenner!


[Die Fortsetzung dieses Briefwechsels künftig.]

25. Brief
Fünf und zwanzigster Brief.

Kopenhagen.


Ich versprach Ihnen eine Nachricht von der kleinern Gesellschaft in Kopenhagen, deren ich bey Gelegenheit [267] der größern 1 erwähnte. Es freuet mich, daß Sie mich an dieses Versprechen erinnern. Mit Ihnen kann ich mich nie zu oft unterhalten.

Die kleinere Gesellschaft hat es blos mit der Kritik, vornehmlich des Theaters, zu thun, und überläßt die Ausarbeitungen ihren Mitbürgern. Daß diese Kritik zuweilen glimpflicher hätte seyn können, darf ich mich nicht unterstehen, in Zweifel zu ziehen, nachdem die größere in der Vorrede zum vierten Stücke, wovon ich Ihnen in meinem Schreiben vom – – das Wesentliche mitgetheilt habe, den Beweis geführt hat, daß sie es hätte seyn müssen. Unterdessen – glimpflich oder unglimpflich: die Hauptfrage ist itzt, ob sierichtig sey – ob sie es oft, ob sie es nur zuweilen, ob sie es immer, ob sie es auf eine interessante Art sey.

Da ich Ihnen die Gründe der größern Gesellschaft angeführt habe: audiatur et altera pars!

»Die Anzahl der Gelehrten im eigentlichen Verstande ist in allen Ländern verhältnißweise geringe, und ihr gegewöhnliches Loos, der Menge ganz unbekannt zu bleiben.«

»Noch unbekannter müssen sie Fremden seyn, die zufälliger Weise in ihre Gegenden kommen, und deren kleinster Theil Gelehrte von Profeßion sind. Sollten diese sich wohl um Namen bekümmern, die nur von einigen wenigen mit Ehrerbietung genannt werden?«

(Warum nicht, wenn der Gelehrte ein Tycho Brahe, ein Bartholin, ein Gramm ist? Doch fürchte ich, daß die Erfahrung der Gesellschaft das Wort spricht.)

»Oder sollte man diese Fremden wohl ihrer Gleichgültigkeit wegen tadeln können, wenn die Einheimischen selbst gleichgültig sind, und keine Entschuldigung haben?«

»Allein, eben diese Fremden werden sich ganz anders gegen die schönen Künste und Wissenschaften betragen, die sich ihnen als der erste Gegenstand ihrer Neugierde darbieten. Sie werden die Dichter der Nation lesen, ihre [268] Redner hören, ihre öffentlichen Schauspiele besuchen, die Werke, die sie in der Kunst aufzuweisen hat, betrachten; und je nachdem sie sich hierinn befriedigt oder unbefriedigt finden, ihr Urtheil über das Genie und den Geschmack der Nation fällen.«

(Es ist hart, daß die Nation es auf den Ausspruch der Fremden ankommen lassen soll, ob sie reich oder arm sey. Die Engländer wurden von den Franzosen, und diesen zufolge von dem übrigen Europa vor nicht gar langer Zeit für mittelmäßige Köpfe in allem, was Witz oder Geschmack betraf, gehalten, obgleich vielleicht kein anderes Volk an Werken dieser Art so reich ist, als eben sie. Hätten sie sich vor hundert oder zweyhundert Jahren um die Stimme ihrer Nachbarn so sehr beworben, als sie itzt thun, so wären sie vermuthlich damals nicht weiter gewesen, als sie itzt sind. Eine Nation muß mit dem Bewußtseyn ihrer Vortheile den Stolz verbinden, die gute Meynung der Auswärtigen nur zum zweytenHaupt-Bewegungsgrunde ihrer Bestrebungen zu machen. Ich will damit nicht sagen, daß uns das Vorurtheil der Fremden nicht wirklich nachtheilig seyn könne; ich wünsche nur, daß man diesem Grunde sein rechtes Gewicht geben möge: denn ich fürchte sehr, aus dem Verlangen, Andern zu gefallen, entspringt bald das Verlangen, sich nach Andern zu bilden.)

»Wir glauben, es lasse sich hieraus ganz natürlich erklären, warum ein Land, welches die schönen Wissenschaften gar nicht, oder nur laulicht behandelt, oder worinn der wahre und gute Geschmack durch Parteyen unterdrückt wird, bey Ausländern in den Ruf der Barbarey falle, wenn es gleich in der Schulgelehrsamkeit große Männer genug aufzuweisen hat.«

Hierauf folgen gute Wünsche für die Aufnahme des Geschmacks in Dännemark, Gründe, die Hoffnung auf die Erfüllung dieser Wünsche itzt weniger als jemals eitel zu finden, und schließlich ein paar Worte zum Behuf der Kritik, und von dem Vorhaben der Verfasser.

[269] »Nichts, sagen sie, sollte uns angenehmer seyn, als wenn unsere Scribenten uns durch den Werth ihrer Schriften die Verbindlichkeit auflegen wollten, ihnen Lobreden zu halten. Unser Weihrauch sollte ihnen gewiß angezündet werden.«

»Gewisse Leute sind der Meynung, daß die Kritik überhaupt mehr Schaden als Nutzen stifte. Wir glauben, niemand könne dieser Meynung seyn, der in der Geschichte der Wissenschaften und Künste kein völliger Fremdling ist; und wir würden erröthen, uns in die Beantwortung eines Einwurfs einzulassen, der schon so oft widerlegt ward.«

»Es geht ganzen Nationen, wie einzelnen Menschen. Wir verkleinern unsere Mängel, und vergrößern unser Gutes.«

»Erst dann, wenn wir auf andere stoßen, erwachen wir aus dem Schlummer, in den wir uns selbst eingewiegt hatten; erst dann erkennen wir unsere Mängel, und unsere Gebrechen.«

»Eine Nation, die sich beständig in sich selbst einhüllt, und sich nie gegen Fremde mißt, erträumt sich leicht Vollkommenheiten, worauf sie keinen Anspruch zu machen hat. Derjenige ist keiner ihrer unnützesten Bürger, der die Vergleichung macht, und, ohne sich von dem allgemeinen Wirbel hinreißen zu lassen, seinem Volke kühnlich zuruft: ›Wir sind noch nicht, was wir seyn sollten.‹«

Eine schöne Stelle in dieser Vorrede über den Werth der öffentlichen Stimme kann ich nicht übergehen.

»Was heißt das richtende Publicum? Versteht man darunter diejenigen Leute, die von ehrsüchtigen Autoren bedungen werden, ihren Ruhm zu posaunen, und ein Stück durch Cabalen zu heben? Sind es die großen und angesehenen Männer, deren leerer Geschmack und Verstand auf gut Glück über die Werke der Kunst ein Urtheil fällt, und wenn sie sich Einmal erklärt haben, ihre Weiber, Kinder, Verwandte und Bediente aufbieten, den Ausspruch geltend zu machen? Sind es die schaalen Pflastertreter, die mit ihren Wachsköpfen am Morgen umhergehen, und sich von dem ersten, der ihnen aufstößt, einen Gedanken einprägen [270] lassen, welchen sie den ganzen übrigen Tag für ihren eigenen ausgeben können? Sind es die jungen Gecken, die die gesunde Vernunft im Parterre übertäuben? – Wenn diese das richtende Publicum ausmachen, so bitten wir um Vergebung, daß wir der Gallerie den Vorzug vor einem solchen Publico einräumen: denn ist es wahr, wie uns Einige haben überreden wollen, daß man in den schönen Wissenschaften ohne Uebung und Nachdenken einen reinen, gesunden, natürlichen und unverderbten Geschmack haben könne, so muß ohne Zweifel der Geschmack der Gallerie am wenigsten verdächtig seyn.«

»Wir unsererseits verstehen unter dem richtenden Publico, die sich mit den besten Werken aller oder doch der berühmtesten Nationen bekannt gemacht haben. Wir nennen sie Liebhaber, so lange sie sich an dem Gefühle des Schönen begnügen, und Kenner, wenn sie mit ihrer Lectüre das Studium des wahren Schönen verbinden.«

»Ein vereintes Urtheil aus dem Mittel dieser Liebhaber und Kenner verdient das Urtheil des Publici genannt zu werden; und wehe dem Dichter, der es wider sich hat!«

»Er kann es durch Ränke auf eine Weile kraftlos machen, aber nur, um nachher desto härter gestraft zu werden.« –

Sie sehen wenigstens, daß Sie von diesen Verfassern Plain-dealing zu erwarten haben; und ich denke, daß dieß Sie nicht abgeneigt machen werde, sie weiter zu hören, da sie sich zugleich als Männer von Einsicht und Weltkenntnis ausdrücken.

Die erste Kritik betrifft die Schriften der größern Gesellschaft, worüber Sie meine Gedanken schon wissen. Sie ist freymüthig, aber nicht scheelsüchtig geschrieben. Es wird gewünscht, daß die Gesellschaft nichts als gute Stücke in ihre Sammlungen aufnähme: sie antwortet, das sey eben ihr Hauptzweck, wenn sie nur könnte! Ich für meine Person glaube, daß keins der bisher eingerückten Stückeschlecht gewesen; und wenn Sie mit mir einig sind, daß das, was [271] ich Ihnen als gut angepriesen habe, wirklich gut sey: so verdient die Gesellschaft immer mehr Lob, als Tadel. Man ist ferner unzufrieden, daß man Uebersetzungen eingerückt hat; das bin ich auch: poetische Uebersetzungen werden davon ausgenommen; ganz recht! Von der Schiermannischen Uebersetzung der Merope habe ich Ihnen schonmeine Meynung gesagt. Die kritische Gesellschaft erniedrigt sie unter die beyden deutschen Uebersetzungen; und das ist zu viel gesagt.

Die Begriffe sind wirklich nur en gros ausgedrückt: aber der Uebersetzer ist kein Stümper; seine Arbeit läßt sich wenigstens lesen: das kann man nicht von allen Uebersetzungen sagen, die unter ihren Originalen bleiben. Die Haupt-Einwürfe haften auf gedehnten, unrichtigen und niedrigen Ausdrücken, die einen so viel ärgern Uebelstand machen, je mehr sie gegen den Adel der Ursprache abstechen. Es ist wahr, Voltaire ist ein Versificateur, den ich nicht gerne translatiren möchte.

Ein junges Frauenzimmer hat es nach HerrnSchieremann gewagt. Ich wünschte, die Verfasser hätten von dieser Probe mehr als den ersten Auftritt eingerückt; sie ist stark, gedrungen, edel, kühn im Stile und eben so geistreich, als das Original selbst: doch ich habe sie Ihnen schon vorher gerühmt.

Uebersetzungen ausländischer kritischer Schriften von entschiedenem Werthe, die in Dännemark noch nicht bekannt genug waren, gehörten mit in den Plan der Verfasser. Es ist mir lieb, daß diese so gut gewählt sind; sonst hätte ich sie aus obigen Ursachen verbeten.

Die Vertheidigung des Grotesk-Komischen von Herrn Möser ist Ihnen bekannt. Eine Schrift wie diese setzt einen Magen voraus, der im Stande ist, zu verdauen. Wenn unsere Leser, wie ich nicht hoffe, bisher keinen Geschmack daran haben finden können, so liegt die Schuld gewiß nicht an dem Uebersetzer. Der Ton ist über die maßen glücklich getroffen.

Ein Theater-Prolog der Jungfer Biehl hat den[272] dritten Aufsatz veranlaßt. Da Ihnen das kleine Drama selbst schwerlich zu Gesichte kommen wird, so schweige ich von der Kritik.

Der Versuch über die Synonymen, der darauf folgt, ist ein sehr lesenswürdiges Stück; und das Resultat davon, daß es in der dänischen Sprache so wenig als in andern dergleichen gebe: welchem Grundsatze gemäß sich der Verfasser bemüht, die Wörter, die man bisher ziemlich für synonymisch gehalten hat, nach alphabetischer Ordnung aus einander zu setzen, und einem jeden seine bestimmte Bedeutung wieder herzustellen. Wenn er diese Bedeutungen nicht beständig mit gleicher Genauigkeit (und es gehört in der That keine gemeine dazu) festgesetzt hat; so ist doch der Einfall vortrefflich, und verdient die Aufmerksamkeit und Nacheiferung aller Freunde der alten Nordischen Sprache, die an innerer Stärke und Schönheit mit jeder andern wetteifern darf.

Die folgende Kritik über den Sylbenstecher, ein Lustspiel der Jungfer Biehl, gehört gewissermaßen mit hieher, da die Absicht der Verfasserin war, die Sprachverbesserungen, nicht undeutlich auch die Nebenbemühungen der kritischen Gesellschaft, lächerlich zu machen. Man sieht wohl, daß ihre Begriffe noch zu roh sind, als daß man über Pedantereyen in diesem Fach eine gute Satyre von ihr zu erwarten hätte. Der Verfasser der Kritik beantwortet ihre Spöttereyen sehr scharfsinnig. Wenn ich Ihnen davon etwas auszeichne, so haben Sie von der Beurtheilung und ihrem Anlasse zugleich einen Begriff.

»Ueber zwey Dinge (S. 135) wollen wir nicht nur mit der Verfasserinn, sondern mit allen Vernünftigen gar leicht einig werden.«

»So lange unsere Scribenten, ohne vom Feuer des Genies getrieben zu werden, ihre Sprache mit zusammengeballten Beywörtern belasten, das Große und Sublime in einer aufgeschwollenen Schreibart suchen, und sich schon zufrieden geben, wenn sie nur das Gewand großer Geister über sich werfen; so lange können wir nicht aufhören, ihrer zu lachen. So bald aberMiltons und Klopstocke [273] unter uns aufstehen, so werden Köpfe dieser Art sich nicht erst unsere Erlaubniß ausbitten, ob sie die Fesseln abwerfen, und ihre eigene Sprache reden dürfen; und derjenige wird sicherlich ihre Sprache schon lernen, der Lust hat, sie zu verstehen.«

»Ferner, so lange unsere Scribenten glauben, daß unsere Muttersprache ihnen viel Verbindlichkeit schuldig sey, wenn sie nur Wörter gebacken haben, bevor sie sich um das Genie der Sprache bekümmern, und einsehen lernen, in wie fern in ein neues Wort nöthig oder unnöthig sey: so lange haben wir Erlaubniß, sie zu tadeln. So bald wir hingegen anfangen, die Wissenschaften mit philosophischen Köpfen zu bearbeiten, besonders die schönern; so werden wir auch wahrnehmen, wie nöthig uns neue Wörter zu neuen Begriffen sind.«

»Dieß einzige fügen wir noch hinzu. Hätte die Verfasserinn nur diejenigen Wörter getadelt, die von uns sind gebraucht worden, so hätten wir ganz stille geschwiegen, und es auf die Zukunft ankommen lassen, ob etwa einmal ein Scribent aufstehen würde, der es uns Dank wüßte, daß wir ihm wenigstens zum Theil die Mühe haben ersparen wollen, sich auf neue Worte zu besinnen.«

»Da aber die gerügten Worte fast alle von andern schon das Bürgerrecht erhalten haben, insbesondere von zwey itztverstorbenen Gelehrten, die nebst ihren übrigen Verdiensten auch der Verbesserung unsrer Sprache sehr behülflich gewesen; da wir zugleich wünschen, unsre Nation möchte sich gewöhnen, bey ihren Scribenten mehr auf den Kern, als auf die Schale zu sehen: so wollen wir einmal alle die Wörter durchgehen, die in der Komödie mit größerer Schrift gedruckt sind, und untersuchen, in wie weit sie gelobt oder getadelt zu werden verdienen.«

Und hierauf wird gezeigt, daß unter 40 dieser Wörter kaum eins sey, das nicht seinen guten Grund in der dänischen Sprache habe.

Es ist eine eigne Sache mit Sprachverbesserungen, die offenbare Neuerungen wider den allgemeinen Gebrauch sind. [274] Gründe richten nichts gegen den großen Haufen aus; er ist mit seiner Armuth zufrieden, weil er keine Bedürfnisse hat, und es scheint ihm lächerlich, daß es jemanden an Zeichen fehlen sollte, das auszudrücken, was er denkt. Erst mit der Länge der Zeit, wenn das Ansehen der Gegenpartey durch klüglich menagirte und behutsame Vorbereitungen angewachsen ist, müssen Absichten dieser Art ausgeführt werden.

Von der Komödie selbst weis ich Ihnen wenig zu sagen. Es ist, wie in allen Schriften der Verfasserinn, Geist, Witz, bon sens, Anlage und Dialog da: die kritische Gesellschaft zieht diese Komödie sogar demzärtlichen Ehemann vor. Ich weis nur, daß sie auf dem Theater nicht reüßirt hat; kein Wunder! sie intereßirt das Publicum nicht.

Ich sollte Ihnen noch etwas von einer Kritik über die dänische Uebersetzung der ersten Ilias schreiben: allein, diese Uebersetzung ist so herzlich schlecht, daß ich es meiner eignen Bequemlichkeit sowol, als Ihrer Geduld wegen für besser halte, von beyden zu schweigen, und hier mit dem ersten Stücke der Gesellschaft zu schließen. Leben Sie wohl.

Fußnoten

1 Siehe den neunzehnten Brief, 2. Samml.

26. Brief
Sechs und zwanzigster Brief.
Fortsetzung und Beschluß.

Eine Uebersetzung der Schauspielkunst des jüngern Riccoboni macht den Anfang des zweyten Stücks. Die Verfasser bedienen sich einer artigen Wendung, um wahrscheinlich zu machen, daß unsere Schauspieler noch etwas aus dieser Schrift lernen können. »Vielleicht, sagen sie, trifft es sich von ohngefähr, daß irgend einer unter ihnen, etwa aus Neugierde, um zu sehen, wie die Uebersetzung gelungen sey, sie lieset, und bey der Gelegenheit ein halb verloschner Begriff wieder erwacht, eine neue Begierde entsteht, nochmals zu versuchen, wie man sich, nach Gründen der Erfahrung, dieser Regeln mit Nutzen bedienen könne.«

»Es geht uns so in der Religion und Moral, wenn[275] wir unvermuthet über ein gutes Buch gerathen, das wir schon vor vielen Jahren gelesen oder vergessen hatten: warum denn nicht eben so wohl in den Künsten und Wissenschaften?« –

Wie ich auf diese Stelle kam, mußte ich lachen. Wahrhaftig, dachte ich, es hätte dieser Complimente nicht gebraucht, um unsern Acteurs und Actrizen zu sagen, daß sie noch etwas zu lernen haben. Wenn sie jemals erträglich werden wollen, müssen sie, fürchte ich, noch viel weiter als zum Riccoboni zurückgehen.

II. Kritik über die Caliste, ein Trauerspiel des Herrn Colardeau, übersetzt von der JungferBiehl.

Die Schwierigkeiten, das große Ideal der Tragödie zu erreichen, werden aus Erfahrungen der Griechen, Römer, Italiener, Engländer, Franzosen und Deutschen aus einander gesetzt.

»Griechenland, das seinem sanften Himmelsstriche die lebhaftesten Empfindungen des Schönen und Rührenden zu danken hatte, konnte doch kaum zwey oder drey Dichter hervorbringen, die dieses Ideal erreicht hätten.«

»Das an Genien sonst so fruchtbare Rom war, aller Aufmunterungen und angestrengten Versuche ungeachtet, an tragischen Genies gänzlich unfruchtbar.«

»Bey den Italienern findet man, außer einigenglücklichen Nachahmungen des griechischen Theaters, wenig Erhebliches von dieser Art, wenn man nicht etwa die Werke des Abts Metastasio hieher rechnen will, der jedoch einen großen Theil seines Ruhms der Correction des Ausdrucks und einer auf Nebenzüge eingeschränkten blühenden Einbildungskraft zu danken hat.«

»Die Engländer bleiben wohl die einzigen, die sich rühmen können, nach den Griechen einen eignen Weg zum wahren Tragischen ausgefunden zu haben; und auch sie erkennen dem ungeachtet unter den großen Geistern, die auf diesem Pfade einhergetreten sind, nur einen einzigen für genuin; und auch dieser einzige ist Shakespear, der sich zu oft und zu sehr von einem wilden Triebe hinreißen [276] ließ, etc. Allen übrigen fehlt immer noch ein gewißes Etwas, das sie stufenweise unter Shakespearn erniedrigt. Um nur einiger Neuern unter ihnen zu erwähnen, so ist es bekannt, daß Thomson durch seine bilderreiche und chargirte Affecten-Malerey nicht selten den wahren Ton fürs Herz verfehlt, und ihn noch mehr würde verfehlt haben, wenn er nicht in der Anlage seiner Situationen desto glücklicher gewesen wäre. Young ist prächtig und erhaben; aber sein Meisterstück bleibt doch immer gerade dasjenige Trauerspiel, das er nach Shakespears großem Model ausgearbeitet hat. Addison kann einem Zusammenflusse politischer Umstände den guten Erfolg seines Cato verdanken; er selbst gestand seinem FreundeSwift, daß es ihm Angstschweiß auspresse, wenn er die unruhigen Britten immer am unrechten Orte, niemals aber da, wo er die Natur getroffen zu haben wünschte, klatschen hörte. Congreve ist ein besserer komischer, als tragischer Dichter. Einige andere, z. E. Lee und Dryden, haben mehr Bombast, als Pathos. Der einzige Otway nimmt sich unter ihnen aus; doch hatte er bey allen seinen Werken Shakespearn zu sehr vor Augen, dessen Manier er oft sklavisch nachahmte. Von Rowe reden wir im Folgenden.«

Alle diese Anmerkungen sind viel zu allgemein, und ich wollte nicht gerne, daß unsre dänischen Theater-Scribenten sich ihrentwegen der Mühe überhöben, diese brittischen Dichter näher kennen zu lernen. DaßDryden mehr Bombast als Pathos habe, scheint mir eine genauere Untersuchung zu verdienen. Ob ihn gleich die Engländer selbst nur von der Seite der Versification anzupreisen pflegen; so hat er doch in der That weit größere Verdienste, und ich wünsche von ganzem Herzen, unserer Nation recht bald zu einemDryden, nur zu einem Dryden, Glück wünschen zu können. Lee hat viel Fustian, es ist nicht zu läugnen: aber, lieben Landsleute, verachtetLee nicht; ihr könnt in den zärtlichen Scenen der Liebe unendlich viel von ihm lernen. Otway fing an mit Nachahmungen; [277] allein, er hörte mit Werken auf, die allerdings original genannt zu werden verdienen; die sanftern weiblichen Leidenschaften, die Shakespear fast gar nicht bearbeitet hatte, waren sein Fach, und wenige sind ihm darinn gleich gekommen.

Von den Franzosen wird gesagt, – was Sie leicht errathen können.

»Corneille suchte gemeiniglich ein falsches Erhabne; seine Werke sind sehr ungleich, oft müßig, und voller Declamation: Racine steht weit unter ihm; zwar haben seine Charakter auf der einen Seite mehr Natur, aber auf der andern desto weniger Ideal, u.s.w. Voltaire hat von den Engländern gelernt, etc. etc.«

Das Urtheil der Verfasser von den deutschen tragischen Dichtern wird Ihnen interessanter seyn. Ich glaube, daß die Verfasser überhaupt nicht unrichtig denken; nur wünschte ich, daß sie sich hin und wieder etwas deutlicher erklärt hätten.

»Leßings Miß Sarah ist eine vortreffliche Nachahmung der englischen Manier; allein, es bleibt doch immer Nachahmung.«

(Das ist wahr; die mechanische Einrichtung dieses Trauerspiels ist brittisch; nicht weniger wahr ist es, daß Herr Leßing der Kenntniß des brittischen Theaters einen großen Theil seiner Ausbildung zu danken hat: aber, wie ein berühmter Kunstrichter sagt, Genies können nur von Genies entzündet werden; und der Dichter, der eine Miß Sarah schreiben konnte, mußte eigne Talente haben.)

»Sein Philotas hat mehr Original-Charakter, aber zu wenig Interesse, und ist hin und wieder ziemlich in Shakespears Geiste gedacht.«

(Ich habe Sie schon längst um Ihre Meynung vom Philotas gebeten. Lassen Sie mich meine Bitte nicht umsonst wiederholen.)

»Cronegks bestem Trauerspiele fehlt der letzte Act.«

(Aus einem einzelnen Trauerspiele, dem noch dazu ein Act fehlt, läßt sich freylich nicht viel schließen.)

[278] »In Weißens Trauerspielen sind viele große Eigenschaften der Engländer und Franzosen vereinigt: hin und wieder noch zu viel Declamation, die Situationen nicht immer von gleicher Güte.«

Die Verfasser hatten damals den Atreus noch nicht gesehen; vermuthlich würden sie geurtheilt haben, daß er auch große Eigenschaften der Griechen und Römer mit jenen zu vereinigen gewußt. Wirklich scheint mir dieses Stück eins der merkwürdigsten, die das deutsche Theater aufweisen kann.

Vom sel. Schlegel wird gesagt, »er habe die Deutschen zuerst gelehrt, wie man in Racinens Geschmack versificiren müsse.« Gar nichts mehr inRacinens Geschmack? –

»Unter unsern Landsleuten« –

Leider! ein ödes unbebautes Feld, wo kein Saamenkorn aufsprost. Aber Geduld! man muß nicht zu viel auf einmal erwarten.

Auf diese allgemeinen Betrachtungen folgt eine umständlichere Vergleichung der Caliste von Colardeau mit der Fair Penitent von Rowe. Ich glaube mich hiebey ein wenig aufhalten zu müssen, da die Vergleichung, so viel ich weis, neu ist.

»Herr Colardeau (S. 81) hat den gegründeten Ruhm, daß er nach Voltaire der correcteste und edelste Versificateur sey; der Engländer Rowe, von dessen Fair Penitent die französische Caliste eine Nachahmung ist, hat kein geringeres Lob der Versification und des Ausdrucks: es wird also eine nicht unangenehme Parallele seyn, die beyden Dichter in den übrigen wesentlichern Theilen der Tragödie gegen einander zu halten.«

»Die Fabel ist in beyden Trauerspielen die nämliche: nur daß der Franzos einige Neben-Umstände verändert, und die seinige durch einen Zusatz von Politik für sein Theater feyerlicher zu machen gesucht hat.«

»Voraus ist zu bemerken, daß die Engländer die Abtheilung der Scenen in einem andern Verstande nehmen, [279] als die Franzosen. Jene deuten damit eine Veränderung der Bühne, diese aber nur eine Veränderung der Personen an, wozu die Engländer kein besonderes Kunstwort haben. Wir können nicht umhin, hiebey zu wünschen, daß wir nach dem Beyspiel aller übrigen Nationen die Ausdrücke Act und Scene statt Optog (Aufzug) und Optrit (Auftritt) beybehalten wollten; diese unbequemen Worte sind ohne Noth von den Deutschen eingeführt worden, und drücken die Sache schlecht oder vielmehr gar nicht aus: denn in den wenigsten tragischen Stücken findet der Aufzug des Vorhanges statt, und ein Auftritt ist sehr oft ein bloßer Abtritt

Mit dem weitläuftigen Auszuge der schönen Bußfertigen und dem noch weitläuftigern derCaliste verschone ich Sie, da ich voraussetze, daß Sie beyde im Original gelesen haben. Der Kunstrichter hat die Haupttheile, lehrreich genug, unter einen einzigen Gesichtspunkt gebracht, und die wichtigsten Stellungen angedeutet.

»Ueberhaupt (fährt er hierauf fort) von der Anlage dieser beyden Trauerspiele zu urtheilen, fällt es gleich in die Augen, daß der Engländer seinen Gegenstand viel simpler behandelt, und weit mehr Zutrauen zu der Natur seiner Fabel geäußert habe, als der Franzos, der sie nicht interessant genug gefunden zu haben scheint, wenn er sie nicht politisch und heroisch nach dem Model der Merope, in deren Geiste alle Zusätze imaginirt sind, umarbeitete.«

»Dieß geht so weit, daß die zweyte Scene im vierten Act eine offenbare Copie einer Scene in der Merope geworden ist. Wir wollen nicht entscheiden, ob hier der Ort war, kriegerische Züge einzumischen: das Große und das Kleine macht einen allzu starken Contrast, daß Leser von zarter Empfindung nicht bald den Zwang bemerken sollten, der, so sehr ihn der Dichter zu verbergen gesucht hat, doch immer ein künstliches Flickwerk verräth.«

»Niemand glaube, daß wir Willens sind, das Englische Trauerspiel auf Kosten des Französischen zu erheben. Wir sind vielmehr mit dem Ausspruche eines einsichtsvollen [280] brittischen Kunstrichters vollkommen einig, daß Rowes Genie mehr delicat und zart, als stark und pathetisch gewesen, daß seine Werke uns mehr in einer angenehmen Schwermuth unterhalten, als sie das Herz mit der lebendigen Angst des tragischen Mitleids erfüllen. Seine Unglücksfälle gründen sich alle auf den Affect der Liebe. Seine Tragödien sind mehr Declamation, als Dialog, und seine Charakter sind zu allgemein, und ohne innere Verschiedenheit. Der Todtenkopf, die Leiche, die schwarzbezogne Bühne, sind blos mechanische Mittel, eine Versammlung zu rühren. Kurz, seine Stücke sind zwar tonvolle und einnehmende Poesien, aber müßige und unpathetische Trauerspiele. – Wir fügen hinzu, daß Rowe ein Nachahmer von Otway ist, ihn aber mehr in Tiraden, als in solchen Zügen erreicht, welche die Natur enthüllen, und unmittelbar aufs Herz treffen; wovon vornehmlich diese Tragödie ein Beyspiel ist. Caliste müßte ganz anders gezeichnet seyn, wenn sie dem Titel entsprechen sollte. Wildheit, Stolz, weiblicher Eigensinn und Heucheley stechen in ihrem Bilde weit mehr hervor, als die Reue, die reine Symptomen eines matten, scheuen und niedergeschlagenen Herzens zu wirken pflegt. Lothario ist ein wahrerRake, aber sehr ungleich mit sich selbst, und ohne besonderen Humor. Altamont wäre ein erträglicher Charakter in einem Romane, zur Haupt-Person auf der Bühne aber taugt er nichts. Lucile ist eine bloße Vertraute von der moralisirenden Gattung.Horatio hat wieder zu wenig Charakter; inzwischen sind seine Unterredungen mit Lavinia sehr rührend, wiewohl mehr elegisch als tragisch rührend.Sciolto intereßirt am meisten; überhaupt aber ist sein Charakter doch nicht eigenthümlich genug, und von dem Charakter anderer edelmüthigen Väter zu wenig verschieden.«

(Eine noch umständlichere Kritik der Charaktere und der ganzen Fabel in diesem Trauerspiele finden Sie in der Clarissa, Vol. VII. Let. 47, der dritten Ausgabe von 1750.)

[281] »Wie viel wäre also einem Colardeau zu verbessern übrig geblieben, wenn er seine Nacheiferung weniger auf eine blühende Versification, und einen mit der Natur des Gegenstandes fast streitenden Heroismus, als auf den Ausdruck des wahren Pathos eingeschränkt hätte! Die meisten Fehler des Engländers finden sich auch bey dem Franzosen. Lothario ist hier ein noch viel zweydeutigerer Charakter, als dort. Für einen solchen Bösewicht hätte Caliste sich gar nicht intereßiren sollen. Auf der Bühne selbst ist er zu unwirksam; und so fürchterlich ihn uns der Dichter in der Vorbereitung abmalt, so lärmt er doch nur, statt zu handeln. Die französische Regelmäßigkeit, dieColardeau diesem Stücke anzumessen gewußt, rechnen wir ihm zu keinem Verdienste an, da nichts leichter ist, als alle mögliche Gegenstände unter die Methode der Einheiten zu bringen, wenn man die Stücke des Ganzen nicht zu Rathe ziehen will.«

Der übrige Theil dieser Kritik betrifft den Detail:

»Und hier, sagen unsere Kunstrichter, zeigt es sich, daß der Franzos noch declamatorischer sey, als der Engländer, allein im eigentlichen Pathos, wovon der letztere vortreffliche Stellen hat, ihm bey weitem nicht gleich komme. Unterdessen haben doch Tiraden auf der andern Seite wieder ihre großen Schönheiten, und die von unserm Colardeau verdienen wegen des lebhaften poetischen Feuers, das sie beseelt, eine mehr als flüchtige Aufmerksamkeit.«

Es werden deren einige angeführt, die Sie ohne Zweifel, nebst noch mehrern, selbst im Lesen ausgefunden haben. Der Traum der Caliste wird mit einem Traume des Mustapha in Weißens Beytrag zum Deutschen Theater verglichen, und dem letztern, in Betracht der malerischen Phantasie, der Vorzug zuerkannt. Diesen französischen Tiraden werden hienächst rührende englische Stellen entgegengesetzt, und die Kritik mit folgender Anmerkung geschlossen.

»Die Engländer nehmen den Stoff ihrer Trauerspiele gemeiniglich aus ihrer eigenen Geschichte, welches wir den [282] künftigen Dichtern unsers Vaterlandes zur Nachahmung anpreisen, indem es gewiß ist, daß unsere alte Historie an großen Revolutionen, sonderbaren Begebenheiten reicher ist, als die Geschichte der meisten andern Völker. Fügen wir hiezu die rauhe und dem tragischen Geiste recht angemessene Scene dieser Begebenheiten, imgleichen den kühnen, stolzen und edlen Charakter unserer Vorfahren etc., so muß gewiß der Fehler am Dichter selbst liegen, wenn er bey einem so großen einheimischen Schatze dennoch nöthig findet, seine Zuflucht zu der Geschichte fremder Völker zu nehmen.«

Anmerkungen über Herrn Schlegels Abhandlung von den Vortheilen und Mängeln der dänischen Sprache in Vergleichung mit der Deutschen und Französischen.

Diese Anmerkungen sind sehr lesenswürdig; da sie aber blos die Dänische Sprache angehen, so bin ich außer Stande, Ihnen mehr davon zu sagen.

Eine Kritik über eine poetische Erzählung,Kleon betitelt, überhüpfe ich gleichfalls, weil sieSie schwerlich intereßiren würde. Die Verfasser wünschen unter andern, daß man in Dännemark nicht beym didaktischen Gedichte stehen bliebe. –

Der Versuch einer freyen Poesie in Dänischer Sprache wird nach Verdienst getadelt.

Aus der schönen Abhandlung vom Gebrauche veralteter und neuer Worte kann ich nicht umhin, Ihnen die Grundsätze mitzutheilen, nach denen die Gesellschaft diese Streitfrage zu entscheiden verlangt.

»1. Ein Wort, das im Schwange ist, muß nicht aus der Gewohnheit kommen, noch ein fremdes an dessen statt eingeführt werden.«

(Ich setze hinzu, wenn das Wort an sich etwas taugt. So sagt man im Dänischen Staldbroder anstatt Gespiele, welches in Werken, wo es auf Delicatesse der Begriffe ankömmt, keinesweges zu brauchen ist.)

»2. Ein Wort, das aus der Sprache des gemeinen[283] Lebens verdrängt zu werden anfängt, muß wieder zurückgerufen, und einem fremden vorgezogen werden.«

(Es kann aber durch ein besseres einheimisches verdrängt werden; und dann ist nichts dawider einzuwenden.)

»3. Ein Wort, das nur, weil es einem oder anderm Ohre nicht klingen will, verdrängt wird, muß, wenn es in der Sprache des gemeinen Lebens üblich, und nicht unanständig ist, lieber beybehalten, als gegen ein fremdes vertauscht werden.«

(Es ist gut, daß der gemeine Mann seine Sprache behalte, damit ein stehender Fond bleibe, der die zu große Wandelbarkeit lebender Sprachen aufstütze, und ihr einheimisches Gepräge dauerhaft erhalte: Da aber die Scribenten-Sprache vermöge des Bedürfnisses ihrer Begriffe in neue Nüancen in der Bedeutung vieler Wörter macht und machen muß, so kann von jener nicht sicher auf diese geschlossen werden.)

»4. Ein Wort, das aus dem Brauche geht, vornehmlich aber dem gemeinen Mann wenigstens eben so verständlich ist, als das fremde, muß vor diesem den Vorzug behalten.«

»5. Imgleichen, wenn das fremde dem gemeinen Mann eben so unverständlich ist, als das verdrängte einheimische.«

»6. Wenn ein alterndes Wort nicht anders als durch Umschreibungen ersetzt werden kann, so muß es beybehalten werden.«

»7. Ein Wort, das mit gutem Grunde aus einheimischen Worten gebildet werden kann, muß, wenn es einem Mangel abhilft, und eben so bedeutend, als ein fremdes ist, das Bürgerrecht haben.«

»8. So auch ein neues Wort, das in einer verwandten Sprache üblich ist, vorzüglich vor einem fremdern.«

»9. Jedem Worte muß seine feste Bestimmung beygelegt werden, damit es, wo möglich, seine Eindeutigkeit behalte.«

»10. Wenn weder unsere noch eine verwandte[284] Sprache ein verständliches Wort hat, Begriffe, vornehmlich in Wissenschaften und Künsten, die später bey uns als bey andern bekannt worden, hinlänglich zu bezeichnen, da muß der Mangel der Sprache durch ein fremdes ersetzt werden, dem man, so gut man kann, eine dänische Endigung giebt.«

Kritik einiger Gelegenheits-Gedichte bey Feyerlichkeiten des Hofes – ist Ihnen entbehrlich.

Fortsetzung der Abhandlung, die vermeynten Synonymen zu bestimmen – enthält abermals ein ansehnliches Verzeichniß solcher Worte, die durch beygefügte Erklärungen berichtigt worden.

Ich eile zum dritten und letzten Stücke, um meinen langen Brief endlich einmal zu schließen.


  • I. Uebersetzung der Abhandlung vom Trauerspiele im 1. B. der Bibl. der schönen W. und fr. K.
  • II. Popens Versuch über die Iliade.
    Zwey schätzbare Stücke.
  • III. Kritik des Gedichts, der Tod Abels, aus dem Deutschen Herrn Geßners übersetzt von der Jungfer Biehl.

Die dänische Uebersetzung wird mit der französischen von Huber verglichen, und erhält in mancherley Absicht, besonders der Genauigkeit, den Preis vor der letztern. Dagegen ist die Colorite des Originals in jener wenigstens eben so sehr verblichen, und die kleine Detaillen-Malerey noch öfterer vernachläßigt, als in dieser.


  • IV. Kritik über eine Katheder-Rede Herrn Prof. Schytte in Soroe.

Nur eine einzige Anmerkung will ich Ihnen daraus abschreiben.

»Im Grunde würde die Wohlredenheit bey weitem keinen so ansehnlichen Rang verdienen, wenn sie nichts als die verächtliche Kunst wäre, einen ganz kleinen Gedanken, wie eine Seifenblase mit allerley bunten Färbchen, so lange aufzudunsen, bis er platzt; eine Kunst, worinn jedermann gar leicht eine gewisse Vollkommenheit erreichen kann: ihr göttlicher Theil ist das Genie, und der läßt sich nicht mit [285] locis, exornationibus oder amplificationibus einflößen; auch kann keine Schule auf Erden uns einen so beredten Mann, als Rousseau, bilden, da es hingegen manchem jungen Rector ein Leichtes ist, ihn in den lenociniis und veneribus sermonis weit hinter sich zu lassen. – Wohlredenheit und Schönredenheit sind noch immer von der Beredsamkeit unendlich verschieden; ja wir glauben sogar, daß die letzte der beyden erstern ohne Nachtheil ihres innern Vorzuges gerne entbehren kann.« –

Dieß ist ein ziemliches Paradox; Sie mögen versuchen, ob Sie es verdauen können.

Ein paar Briefe, worinn Vorschläge enthalten sind, junge Leute auf öffentliche Kosten fürs Theater zu erziehen; ferner eine Uebersetzung des ersten Briefes aus der Tanzkunst des Herrn Noverre; und schließlich eine Fortsetzung von Synonymen empfiehlt Ihrem eigenen geneigten Erwägen

Ihr u.s.w.


Fortsetzung der neuen Edda. 1


Ich sah unzählige solche Ketten, die an ihren äußersten Enden jede Minute durch neue Glieder, welche die Göttinn abwog, verlängert wurden; den Anfang derselben konnte ich aber nicht wahrnehmen. Der Geist sagt mir, ihre Strecke sey unendlich, ihr erster Vorsprung gliche der Feinheit der Strahlen, und sie laufen oben alle in einem unendlich kleinen Punkt zusammen, der das Centrum des blauen Himmels sey, wo Alfaders Thron erbauet ist. Der Glanz dieses Throns, sagte er, ist so groß, daß ihn niemand ertragen kann, als nur die lichten Geister, die im innersten Himmel wohnen. Das Licht, welches du hier siehst, ist ein Schimmer seines schwächsten Strahls, gegen den die Sonne selbst und alle Sterne ihren Schein verlieren, und die ganze Natur eine dichte Finster niß seyn würde. Ich habe dich bis an den Vorhof dieser prächtigen Stadt geführt, die eure DichterValoskialf nennen, und die manchen Sonnenkreis in sich faßt. Im Mittelpunkte derselben steht der bebende Thron, von welchem Alfader die ganze Welt übersieht: aber kein Sterblicher kann weiter kommen, als bis an den Kreis des Schicksals. Ich will dir andre Dinge zeigen, die deinem itzigen Zustande angemessener sind.

[286] Plötzlich verschwand das Licht vor meinen Augen. Der Körper fühlte seine vorige Schwere wieder. Meine Füße ruheten auf Etwas, hart wie Erde; ich spürte eine Luft um mich her, gleich der Mittags-Luft: allein, sehen konnte ich nicht. Das himmlische Licht, sagte der Geist, hat dich geblendet: er rührte meine Augen an, und ich sah. Ich stand auf einem Berge, wie der war, von dem er sich mir genähert hatte, und ich glaubte, in mein Reich zurückgekommen zu seyn. Ich habe dich, hub mein himmlischer Führer an, zu einer der Wohnstätte geführt, die unter allen in der weiten Luft ausgestreuten derjenigen, die du verlassen hast, am ähnlichsten ist. Die Einwohner haben mit den Menschen nicht allein die äußerliche Bildung, sondern auch alle natürliche Kräfte gemein. Der größte Unterschied zwischen ihnen und euch ist so wenig wesentlich, als die Ungleichheit unter Leuten von verschiedenen Ständen und Geschlechtern seyn mag. Diejenige Art von Geschöpfen, die ihr Menschen nennt, und von denen ihr euch beredet, daß sie euch nicht anders als gleich seyn können, haben eine natürliche Fähigkeit zu mancherley Dingen. Im Anfange ihres Daseyns sind sie wie eine Materie ohne Form, ein weiches Wachs, das unzähliger Bildungen fähig ist. Sollte die menschliche Natur in allen den Abänderungen, die ihr möglich sind, und die sie, ohne ihr Wesen zu zerstöhren, annehmen kann, wirklich seyn; so würde die Anzahl dieser Art von Geschöpfen groß genug seyn, viele Sonnenkreise zu bewohnen. Ihr könnt es schon aus dem, was ihr auf der Erde bemerkt, abnehmen. Ein Mensch bringt nichts auf die Welt, als eins bloße Fähigkeit; er hat der Natur wenig mehr zu danken, als die menschliche Gestalt: Denkungskraft, Neigungen, und alle Grade der Kräfte seiner Seele und seines Leibes beruhen auf den Wirkungen der äußern Dings und den Einflüssen, die ihr durch Erziehung, Gewohnheit, Umgang, Gesetze, Regierung und andere von Zeit und Ort abhängige Umstände empfanget. Diese Eigenschaften, welche ganz und gar zufällig sind, seht ihr für wesentlich und unwandelbar an, und urtheilt von der menschlichen Natur nach demjenigen Zustande, worinn ihr sie selbst findet. Jedes Zeitalter, jedes Folgegeschlecht mißt das ganze menschliche Geschlecht nur nach sich allein; man hält nichts für wahr oder natürlich, als was man in sich selbst bemerket, da doch die Verschiedenheiten im Denken, die auf eurer Erde wirklich sind, genug seyn könnten, euch zu überzeugen, daß eure meisten Begriffe mehr von der Gewohnheit, als von der Natur herrühren. So einleuchtend aber diese Verschiedenheiten auch sind, so müssen sie doch unter Menschen Eines Stammes, die auf Einer Erde wohnen, wo gewisse Arten zu denken, gewisse Arten der Neigungen durch den Umgang allgemein werden, weniger abstechen, als unter Einwohnern ganz andrer Welten. Denkart und Schickung ganzer Völkerschaften hängt bey euch sehr [287] oft von einem einzigen Menschen ab; ihr erbt den Hang eurer Väter; ihr leidet für ihre Verbrechen; ihr denkt, begehrt und handelt, wie einige wenige unter euch es für gut finden. Unter diesen Wenigen giebt es hundert eigennützige Betrüger gegen Einen aufgeklärten Menschenfreund. Andre sind es nicht sowol deswegen, weil sie es seyn wollen, als weil sie selbst betrogen worden, oder weil die, mit denen sie zu thun haben, betrogen zu werden verlangen. Gewohnheit und Vorurtheile täuschen die größten Seelen; und wenn einige derselben stark genug sind, diese Hülle von sich abzuwerfen, so hält Eigennutz und Furcht sie davon zurück. Du bist Einer der Wenigen auf der Erde, die Herz genug haben, ohne Eigennutz zu lieben, Stärke genug, selbst zu denken, Muth genug, nach eigner Einsicht zu handeln, und Macht genug, zu thun, was du willst. Um noch mehr Gutes in deiner Regierung zu bewirken, als alle Könige, die ihr groß nennt, ihres ganzes Leben hindurch haben bewirken können, fehlt dir nur Eins: dieKenntniß des Menschen, die Kenntniß deiner selbst. Es giebt nicht Viele auf der Erde, die diese Kenntniß besitzen, und die Einzelnen, denen sie gegeben war, unterstanden sich nicht, dir davon zu sagen. Du redetest zwar sehr vortheilhaft von Weisheit und Freyheit: aber diese Denkungsart war unter den Mächtigen der Erde so selten, daß sich Niemand gänzlich auf deine Worte verlassen konnte. Der Höchste allein sah, daß sie mit deinen Gedanken übereinstimmten; er sandte mich ab, dich in dem zu unterrichten, was du in deinem Zustande nicht begreifen konntest: wie der Mensch von Natur beschaffen sey; – in wie weit seine Art zu denken, seine Begierden und seine Glückseligkeit von dem Zustande abhangen, worein er durch andre gesetzt wird. – Du kennst viel Menschen auf Erden; deine Skalden haben dir allerley von ihren Sitten und Einrichtungen erzählt; allein, sie beurtheilten sie nach allgemeinen Begriffen, die nur die Gewogenheit unter euch veranlaßt hatte. Sie haßten alles, was nicht mit ihrem Eignen übereinkam. Befand sich unter den Auswärtigen eine Nation, die sich durch irgend ein Verdienst, oder auch zufälliger Weise eine Art von Achtung erworben hatte: sogleich lobten sie jede Unternehmung dieser Nation bis auf ihre Fehler und Schwachheiten. Sie untersuchten nicht, wie tief diese Erscheinungen in der Natur des Menschen gegründet seyn möchten; sie betrachteten nicht ihre Folgen in Absicht auf die Glückseligkeit der Menschen. Es war ihnen genug, sie zu erzählen; sie fanden ein Vergnügen an dem Ungewöhnlichen, und verachteten, was nicht mit derjenigen Denkungsart, wozu sie waren erzogen worden, noch mit den Mustern übereinstimmte, die sie vor Augen hatten. Redeten sie von den Thaten andrer Könige, so schmückten sie alle ihre Fehler, und vergrößerten jede Tugend, die ihnen die Aufmerksamkeit [288] deines persönlichen Charakters zu beschäfftigen schien. In solchen Umständen sich selbst zu kennen, erforderte größere Kräfte, als je eine Creatur in allen Welten, wo menschlich gebildete Thiere wohnen, besessen hatte. Ich mußte dich daher Millionen Meilen von der Erde hinweg an einen Ort führen, wo eine andre Richtung im Denken gilt, und wo du selbst nicht mehr bist, was du warst. Vergiß auf eine kurze Zeit, daß du König bist; unterjoche die Triebe der Erde, und verwirf die Meynungen, die du ohne hinreichende Untersuchung angenommen hast. Reise unbekannt in diesem Lande umher; rede frey mit einem Volke, das nicht gewohnt ist, etwas anders zu sagen, als was es denkt, und das keine Ursache hat, dir die Wahrheit zu verbergen. Dieser Erdball, wo du dich itzt befindest, läuft neuntausendmal in seinem Kreise herum, unterdeß der deinige seinen Kreislauf einmal zurücklegt. Ein Jahr ist hier nicht länger, als eine Stunde bey euch, und doch ist diese Stunde den Einwohnern eben so lang, als euch ein Jahr. Sie verrichten in dem Raume derselben so viel, als ihr in einem tausendfach größern. Der Höchste hat dir die Gabe beygelegt, die Schnellkraft deiner Gedanken mit der Geschwindigkeit der Zeit wetteifern zu lassen. Bediene dich der Gelegenheit, deine Begriffe aufzuklären, einer Gelegenheit, die keiner deiner Väter gehabt; nutze jeden Augenblick weislich; er kömmt nie wieder zurück. Wenn du diese dir nöthige, und von dir erbetene Erläuterung eingezogen hast, so will ich dich in dein Reich zurückführen. Du wirst größer seyn, als deine Väter, und dein Volk so glückselig, als Menschen es werden können.

Fußnoten

1 S. die 2. Sammlung S. 317 und 330.

Der Fortsetzung erstes Stück

Warum behält und verbessert der Uebersetzer der Bibel nicht Luthern
1.
I.

Endlich wird an uns Layen auch gedacht, und HerrMichaelis fängt an, uns eine neue Uebersetzung des alten Testaments zu geben, welche den Sinn des Hebräischen genauer ausdrücken soll, und auch aller Wahrscheinlichkeit nach viel genauer ausdrückt, als es Luther vor zwey hundert Jahren hat thun können. Wir sind bisher recht übel dran gewesen, und wie Sie wissen, bester Freund, habe ich mich oft mit Ihnen gemeinschaftlich darüber beklagt, daß wir so übel dran sind. Wir Layen können die Bibel nicht anders, als aus der Uebersetzung verstehn lernen; allenfalls noch, wenn wir eine Uebersetzung mit der andern vergleichen. Lesen wir sie oft, so werden wir mit dem Geist und der Denkungsart des biblischen Verfassers nach und nach bekannt; seine Art zu schliessen und die Gedanken zu prägen wird uns geläufig, wir lernen seinen Zweck unterscheiden und die Methode kennen, wie er seine Gedanken zu verbinden pflege. Wir haben also nur Einen Weg, von der Richtigkeit des Sinnes in der Uebersetzung zu urtheilen, und das ist Der, daß wir ihn mit unserm gefaßten Ideal des Ganzen vergleichen, und zusehn, ob er damit übereinstimme und sich in die Folge der Gedanken schicke.

Die gelehrten Auslegungen kommen uns selten zu statten. Ich habe es wohl versucht, mich in zweifelhaften [295] Fällen aus den weitläuftigen Commentarien der Gottesgelehrten eines Bessern zu belehren; aber theils stieß ich oft auf Sprachuntersuchungen, die ich nicht verstand; theils verlor ich durch meine oder durch des Auslegers Schuld das einzige Mittel, mich von der Richtigkeit der Erklärung zu überzeugen: Ich verwickelte mich nemlich in dem weitläuftigen Gewebe von Gelehrsamkeit und Meynungen so sehr, daß ich mir kein Ganzes daraus bilden, den Zusammenhang der Gedanken nicht übersehn, noch ihn mit meinem Ideal von dem Geist und Zweck des biblischen Verfassers in Vergleichung stellen konnte. Der Verwirrung nicht zu gedenken, darin mich mancher Ausleger gelassen hat, daß ich nun gar nicht wußte, woran ich war. Gegen Paraphrasen sind Sie eben so mißtrauisch geworden, als ich es bin. Je mehr wir einen Paulus in den Umschreibungen verschiedner Ausleger studirt haben, desto ungleicher mit sich selbst haben wir ihn gefunden. Jeder Umschreiber schiebt ihm seine Auslegungen und Meynungen unvermerkt unter. Paulus lehrt mich nicht mehr, sondern sein Umschreiber. Sein Geist und schriftstellerischer Charakter, daran ich ihn kennen und seine Art zu denken und zu sprechen festhalten soll, ist verschwunden; und an statt dessen bekomme ich nichts, als mühsam durchbuchstabirte und aus einander gewickelte Gedanken, welche keinen Charakter mehr haben, und eben so gut Pauli als eines Andern Gedanken seyn können. Umschriebene Schriftsteller haben alle nur Ein Gesicht, und ist dies ungefähr ein Menschengesicht, so muß man mit dem Umschreiber zufrieden seyn; die Züge seiner eignen Physionomie sind in der anatomischen Zergliederung verstreut worden. Wer steht mir nun dafür, daß ich in dem paraphrasirten Paulus Pauli Gedanken habe? Aus der Umschreibung kann ich es nicht errathen: höchstens schliesse ich nur aus dem Zusammenhange, ob der Verfasser ein vernünftiger Mann sey oder nicht, aber ob es Paulus sey, erkenne ich nicht. Mich dünkt daher, uns Layen ist durch Paraphrasen nichts geholfen. Je mehr wir ihrer lesen; desto mehr verwirren wir uns, desto mehr [296] fremde Gedanken, welche der Eine Gelehrte für ächt, der Andre für unächt erklärt, mischen wir in die Gedanken der Schrift; die Bibel selbst lernen wir nichts besser verstehn, und müssen es bloß auf guten Glauben annehmen, ob dieser oder der richtig erklärt habe oder nicht.

So stehen wir nun seit Luthers Zeiten. Die Gottesgelehrten haben zwar seit seiner Zeit vieles besser verstanden und richtiger erklärt; aber wie weit sie darin gekommen sind, das können sie unter sich nur beurtheilen; uns armen Layen hilft es wenig oder nichts. Wir werden aus einer Bibel unterrichtet, worin vieles, wie sie uns sagen, unrichtig übersetzt ist, was man jetzt viel richtiger einsieht: allein dies Richtigere behalten sie gleichsam für sich; oder wenn wir ja hie oder da eine Schriftstelle besser von ihnen verstehn lernen, so kommen wir doch zu dem Unrichtigern wieder zurück; weil wir von Jugend auf damit bekannt sind, und im täglichen Unterricht immer wieder darauf verwiesen werden. Wie wenig Achtung scheinen die Herren für unsre Ueberzeugung zu haben! Wir glauben das fort, was unsre Vorfahren geglaubt haben, indeß daß es unsre Lehrer viel besser und richtiger wissen: oder fällt es uns ein, selbst zu denken; so gerathen wir in Gefahr, nach vorgefaßter Meynung die Bibel entweder willkührlich zu drucken, oder durch jeden scheinbaren Grund uns überreden zu lassen, daß die von Luthern mangelhaft übersetzte Bibel auch in diesem oder dem Fall anders verstanden werden müsse, als es seine gewählten Worte anzudeuten scheinen. Sagt uns der Zweifler: diese oder jene Geschichte der Schrift ist abendtheuerlich und seltsam; so sagt uns der Gottesgelehrte wieder: das Seltsame liegt nur in der unrichtigen Uebersetzung. Schöpfet ein Andrer aus Schriftstellen solche Vorstellungen, welche mehr die Phantasie als den Verstand beschäftigen; so sagt uns der Gottesgelehrte wieder: diese phantastischen Ideen sind einige Bilder, welche aus unrecht gewählten Ausdrücken der gewöhnlichen Uebersetzung gesammlet sind. Wem sollen wir nun glauben? und sind wir denn dazu verdammt, nur[297] blindlings zu glauben? oder nach Ansehn und Willkühr aus beyden zu wählen, weil wir doch wählen wollen? Hätten die zahlreichen Ausleger der Bibel uns zugleich immer mit einer Uebersetzung des Ausgelegten beschenkt, so könnten wir selbst urtheilen: den biblischen Verfasser hätten wir ganz vor uns, und sähen ihn von so vielen Seiten, als er verschiedentlich übersetzt wäre; das Charakteristische seines Geistes sollte uns nach sorgfältiger Vergleichung nicht entwischen; den Gang seiner Ideen würden wir heraus finden, sein eigenthümliches Gepräge derselben unterscheiden, und durch diese vertraute Bekanntschaft mit ihm seine wahre Meynung in jedem Falle ziemlich zuverläßig kennen lernen. Dann hätten wir doch auch eine gründliche Kenntniß der Schrift; und wüßten selbst, was wir zu glauben oder nicht zu glauben hätten. Und was meynen Sie, würde die Uebersetzung nicht für den Ausleger selbst ein Probierstein seiner Auslegung seyn? Mir kömmt es wenigstens so vor, wenn ich eine Stelle im Seneca lese, daß ich sie nur dann erst bestimmt verstehe, wenn ich sie in meine Muttersprache übersetzt habe.

Nicht wir allein, liebster Freund, sondern viele andre Christen, welche mit uns in ähnlichen Umständen sind, werden es daher dem Herrn Michaelis Dank wissen, daß er unsern Bedürfnissen durch eine neue Uebersetzung des A.T. abhelfen will. Sie haben gewiß seinen herausgekommenen Hiob bereits so begierig ergriffen, und so angelegentlich studirt, als ich es nur habe thun können. Die Erscheinung ist uns beyden wichtig; ich komme Ihnen nun mit einigen Gedanken und Fragen darüber entgegen, und freue mich auf Ihre Antwort.

Zuerst helfen Sie mich aus einer Schwierigkeit, die ich mir selbst nicht ganz lösen kann. Jeder andre Uebersetzer einer alten Schrift darf sein Original nicht modernisiren. Er muß vielmehr den Character und Geist desselben beybehalten; in die religiöse und philosophische Denkungsart seines Verfassers sich ganz hinein setzen, den eigenthümlichen Schwung und das besondre Gepräge seiner Gedanken, wenn [298] beydes auch noch so weit von der heutigen Art abgehen sollte, so treu als möglich ausdrucken, und alle Züge desselben so sorgfältig in seine Uebersetzung einweben; daß der Leser es empfinden kann: der Schriftsteller, den ich vor mir habe, ist aus der und der Zeit, er hat die Denkungsart, den Geschmack, diese Art des Genies, die Fehler oder Vollkommenheiten der Schreibart u.s.w. Die Uebersetzung eines alten Schriftstellers ist hauptsächlich für Kunstverständige, die nicht bloß wissen wollen, was er gedacht; sondern wie er es gedacht, wie man überhaupt zu seiner Zeit gedacht und seine Gedanken gekleidet hat. Verhält es sich aber mit der Uebersetzung der Bibel eben so? Soll etwa nur die Neugierde der Kunstverständigen gesättiget werden, den schriftstellerischen Charakter eines Moses,Davids oder Paulus, die Geschichte und den Geist ihrer Zeit und ihre eigenthümliche Ideen kennen zu lernen? Oder soll nicht die übersetzte Bibel vornehmlich ein Buch zum Unterricht für das ganze Volk der Christen und für allerley Art Menschen seyn? Können aber die Meisten wohl einen Unterricht verstehn, welcher in einer solchen Sprache und Denkungsart gefaßt ist, die ihre ganz eigne, antike, und überhaupt von unserm gangbaren Denken und Sprechen sehr verschiedene Gänge und Bildungen hat? Müßte also die Bibel, wenn sie den Christen nützen soll, nicht von allem Eigenen und Fremden des Originals entblößt, nur nach dem Sinne in die heutige Sprache des Umgangs übersetzt werden: Ja müßten nicht die Gelehrten, so bald sie die Bibel dogmatisch behandeln, die angemessenste Uebersetzung erst wieder in solche Worte umprägen, die von allgemeinerer Faßlichkeit sind, wenn sie selbst das Dogma gehörig verstehn oder verständlich machen wollen? Scheint es Ihnen daher der Zweck der Bibel, jedermanns Lehrer zu seyn, nicht zu erfodern, daß ihr Inhalt von dem Uebersetzer in die simpelsten und gangbarsten Redensarten der Landessprache gefaßt, der originale Schwung des orientalischen Urhebers hingegen vermieden werden müsse; indem er dem Verständnisse des europäischen, zum Theil ziemlich [299] unwissenden Lesers eher nachtheilig als beförderlich seyn könne? Ja, wenn die Bemerkung verschiedner Gottesgelehrten wahr ist, wie sie mir wahr zu seyn scheint, daß die meisten schwärmerischen Meynungen und falsch bestimmten Lehrsätze unter den Christen aus Mißverstand der antiken und orientalisirenden Denk- und Sprachart der biblischen Verfasser entsprungen sind: Sollte man nicht wohl thun, wenn man erhitzten Phantasien oder schwachen Köpfen die Quelle, daraus sie zu schöpfen pflegen, verstopfte, und in der zum Unterricht bestimmten Uebersetzung den orientalischen Schwung und Ausdruck in die simple Sprache des gemeinen Menschenverstandes verwandelte?

Ich habe lange Zeit geglaubt, dies sey allein die zweckmäßige Art, die Bibel zu übersetzen, indem sie unsern europäischen Köpfen zum allgemeinen Religionsunterricht dienen solle: ich meynete auch gar nicht, Unrecht darin zu haben. Aber wie man sich doch blenden kann! Ich sahe die werthheimische Bibelübersetzung, welche in benannter Absicht gemacht zu seyn scheint, und ich kam bald von meiner Meynung zurück. Noch übler würden wir armen Layen dran seyn, wenn solche Art der Uebersetzung allgemein gangbar geworden wäre. Dann wäre die Uebersetzung nicht mehr Uebersetzung, sondern Erklärung; wir hätten nicht die Worte des heiligen Schriftstellers, sondern den Sinn, den ihnen der Uebersetzer beylegte; und was die Hauptsache ist, die Mittel, den eigentlichen Vortrag der Bibel zu wissen, oder von der Richtigkeit der Uebersetzung einigermassen selbst zu urtheilen, wären uns aus den Händen gewunden. Wer die Bibel nach den Worten übersetzt, der läßt uns doch die Ausdrücke, die gleichförmigen Redensarten, den Zusammenhang und die Folge der Gedanken, daraus wir den Geist und Zweck ihrer Verfasser schliessen können. Wer sie aber nach dem Sinn, den er ihnen beylegt, übersetzt; der legt ihnen andre Ausdrücke und Redensarten in den Mund; bildet die Reihe der Gedanken nach seinem Sinne um, und wischt die Spuren des Geistes und Charakters der Verfasser ganz aus ihren Schriften hinweg. [300] Er kann uns also ihren eigentlichen Zweck, ohne daß wir es wahrnehmen, ganz aus den Augen rücken. Wir haben nicht mehr das Wort Gottes, sondern das Wort eines Menschen, von dessen Uebereinstimmung mit dem Worte Gottes wir kein sichres Urtheil fällen können. Aller übrigen Gebrechen einer solchen Uebersetzung also nicht einmal zu gedenken, würde sie bloß um dieses einzigen willen verwerflich, und zum religiösen Gebrauche selbst prüfender Christen untüchtig seyn: allem eigenen Forschen wäre auf diese Weise ein Ziel gesetzt.

Ist es nun nicht traurig, daß eine wörtliche Uebersetzung die Bibel zwar liefert, wie sie ist; aber auch vielen heutigen Christen schwer zu verstehen macht, und zu irrigen Vorstellungen veranlaßt? eine Uebersetzung nach dem Sinn hingegen sie zwar faßlicher machen kann; zugleich aber auch dem Ungelehrten die sichere Ueberzeugung raubt, daß er die Bibel in Händen habe? Kann man nicht das Gute von beyden mit einander vereinigen, und dem Schaden, der aus jeder besonders entstehen kann, vorbeugen? Unstreitig würde das einer Uebersetzung der Bibel sehr viel Werth ertheilen. Ich will Ihnen sagen, wie ich glaube, daß es möglich zu machen sey. Widerlegen oder berichtigen Sie meine Idee, Sie werden mir in beyden Fällen willkommen seyn. Etwas hat Herr Michaelis hieher gehöriges in seiner Vorrede berührt; aber er hat es nicht in diesem Gesichtspunkt betrachtet; daher es auch, wie mich dünkt, ohne sattsame Bestimmung gesagt ist.

Die Bildung der Sprache, deren sich die biblischen Verfasser des A.T. bedienen, ist nicht allein von unsern neuern europäischen Sprachen sehr verschieden; sondern auch der Geist und die Denkungsart der Verfasser und auch ihres Volks; die Masse der Ideen, die sie hatten; die Art sie mit einander zu verbinden, und die Maximen, die sie im Denken befolgten, unterscheiden sie von aller heutigen Denkungsart ganz ungemein. Jenen Unterschied haben die Uebersetzer der Bibel zwar bemerkt, und den Leser auch oft merken lassen: aber diesen, der mir der wichtigste zu seyn[301] scheint, habe ich wenigstens bei den Uebersetzern und Auslegern, die ich habe nachsehen können, nicht bestimmt genug angedeutet gefunden. Vielmehr leihen sie dem alten Schriftsteller oft ihre Augen und ihren modernen theologischen oder philosophischen Geist. Die alten Juden und ihre Stammväter lebten zur Zeit der Kindheit des menschlichen Geschlechts: die natürlichen Ursachen der Dinge waren ihnen wenig oder gar nicht bekannt; zum tiefsinnigen Nachdenken waren sie nicht aufgelegt; die Zahl ihrer Ideen war klein, und erstreckte sich nur auf das, was sie vor sich sahen, auf die Gegenstände ihrer noch simpeln Bedürfnisse, und auf die Erkenntniß und Weisheit, die ihnen von ihren Vätern überliefert war; ihre Ideen hatten anfangs keine und in spätern Zeiten nur wenige Farbe von Künsten und Wissenschaften; und ihre Gedanken blieben innerhalb der Gränzen stehen, welche ihnen die Beschaffenheit ihres Landes, die Art ihrer Bedürfnisse, die Geschichte ihres Volks und die Ueberlieferungen ihrer Väter gesetzt hatten. Ein Volk von so simpler und eingeschränkter Denkungsart, welches von seinen Vätern gelernt hatte, daß alles von Gott herrühre, und er auch ihre Väter unmittelbar unterrichtet und geführet habe; welches selbst an die unmittelbare Regierung Gottes und an seine theokratische Regimentsverfassung gewöhnt war, und überdem die natürlichen Ursachen der Dinge nicht kannte, nie untersucht hatte, konnte wohl keine andre religiöse Denkungsart haben, als daß es alles unmittelbar auf Gott bezog und ihm unmittelbar zuschrieb. Gott war es, der Brod gab, und auch den Tod vom Himmel sandte; er ließ regnen und gab Fruchtbarkeit, und machte es auch wieder unfruchtbar: er machte den Menschen fromm und verhärtete auch den Pharao; er verblendete den Menschen und erleuchtete ihn; Glück und Unglück, Sünde und Frömmigkeit kam von ihm.

Sollten das Hebraismen seyn, wie Herr Michaelis meynt; oder sind es nicht vielmehr characteristische Züge der Denkungsart eines so einfältigen, und so unmittelbar an Gott gewöhnten Volks, als es das Volk Israel [302] war? Der gemeine Mann unter uns, der eben so einfältig und durch die Sprache der Bibel gelehrt ist, alles unmittelbar auf Gott zu beziehen, denkt noch eben so. Diese Züge muß der Uebersetzer genau und buchstäblich ausdrücken und beybehalten. Aus welchem Grunde aber? Entscheiden Sie zwischen Herrn Michaelis und mir. Er meynt, solchen Redensarten müsse der Sinn, und selbst der richtige (ich verstehe unsre gegenwärtige aus deutlicherer Einsicht entstandne Vorstellungsarten darunter,) nicht untergeschoben werden, weil man dadurch Mißtrauen gegen die Uebersetzung bey verschiednen kirchlichen Partheyen erwecke, für welche diese Redensarten des Originals Veranlassungen und Beweise zu unterscheidenden Glaubenslehren geworden sind. Ich rechne es hingegen zur nöthigen Treue der Uebersetzung, den Geist und die Denkungsart des Originals genau auszudrücken, nicht mehr, nicht weniger: und den Verfasser ganz buchstäblich so sprechen zu lassen, wie er nach seiner Fassung sprach und dachte, nicht wie wir nach unsrer theologischen und philosophischen Fassung die Sache denken, und seine Worte deuten. Sonst verliert die Bibelübersetzung ihr antikes Ansehn, und den Ton der Wahrheit, den sie daher erhält; daß man Männer sprechen hört, deren Maaß und Art zu denken so sehr von der unsrigen abweicht, aber mit der Geschichte ihres Volks so harmonisch zusammenstimmt.

Zu eben diesen characteristischen Zügen des Geistes der Schriftsteller A.T. rechne ich vielleicht mehr, als mir die Gottesgelehrten gelten lassen möchten. Sie werden es thun, wo Sie mich nicht eines bessern zu belehren wissen. Das A.T. schreibt alles Ausserordentliche und Hervorstechende, das sie an den Gaben oder Thaten der Menschen bemerkten, dem Einflusse einer unsichtbaren Kraft oder dem Geiste Gottes zu: nicht, wie mich dünkt, als sey es dadurch ausgemacht, daß Gottes Geist wirklich unmittelbar wirksam dabey gewesen; sondern theils war es der Unwissenheit der alten Zeiten gemäß, ungewöhnlichen Erscheinungen übernatürliche Ursachen zu geben; theils waren sie durch ihre [303] Religion, die alles auf Gott bezog, und durch die wirkliche Exempel der Eingebung des Geistes Gottes unter ihrem Volk, in ihrem Denken und Sprechen dazu gewöhnt, alles Ausserordentliche der Kunst, der Geschicklichkeit, des poetischen Genies u.s.w. von dem Geiste Gottes zu benennen. Nach eben dem simpeln und religiosen Geiste wußten sie das, was groß, erhaben und vorzüglich war, nicht höher und anständiger vorzustellen; als wenn sie ihm den Namen Gottes beylegten. Ein grosser Berg war ein Berg Gottes, eine vorzügliche Stadt eine Stadt Gottes, ein sehr frommer oder weiser Mann ein Mann Gottes u.s.w., weil sie durch ihre Religion und Denkungsart in allen Dingen unmittelbar auf Gott gewiesen waren, und weil alles, was Eindruck bey ihnen machte, sie gleich wieder an Gott, den Geber alles Guten und den unmittelbaren Besorger aller ihrer Schicksale erinnerte. Ich zweifle daher, daß man alle solche und ähnliche Vorstellungsarten und Ausdrücke zum genauen Maaßstabe nehmen müsse, unsre viel reichere und philosophischere Vorstellungsarten der Religionslehre darnach zu messen, oder unsre Theologie nach der ihrigen zu bilden. Gott ließ sie an jenen gelten, nicht als ob alles wirklich so sey, und von allen folgenden Zeiten so verstanden werden müsse, wie sie es dachten; sondern weil sie es nach ihrer Fassung nicht anders denken konnten. Ja er bequemte sich selbst in seinen unmittelbaren Unterhandlungen mit dem jüdischen Volke zu diesem Ton ihres Geistes und zu den Ausdrücken, die ihrer Fassung gemäß waren; weil er ihnen anders nicht verständlich werden konnte, noch auch den Vorsatz hatte, ihnen philosophischere Einsichten zu geben und ihre Vorstellungsart zu berichtigen; sondern die Form ihres Denkens vielmehr, so wie sie war, zu moralischen Zwecken und zu Erzeugung einer lebendigen Ehrfurcht gegen ihn hinzulenken. Sollte diese Beobachtung gegründet seyn; so hätte man wohl ohne anderweitige nähere Zeugnisse der Schrift kein Recht, aus den Redensarten der biblischen Verfasser, Gott hat dies oder das gethan, der Geist Gottes kam oder war in diesem [304] oder dem, ein böser oder guter Geist vom Herrn kam über ihn, der Geist des Herrn ist von ihm gewichen, und dergleichen, den Schluß zu ziehen: daß wir wirklich durch diese Redensarten von einer jedesmaligen unmittelbaren Wirkung Gottes und seines Geistes belehret werden sollen; sondern sie sind für und an sich Züge von der Charaktersprache des religiösen und simpeln Geistes unter dem alten jüdischen Volke, welches sich alles unmittelbar auf Gott zu denken gewohnt war. Mir scheinen verschiedene Ausdrücke des Alten sowohl als Neuen Testaments, hierdurch ein helleres Licht, und manche Bestimmungen unserer Glaubenslehren eine genauere Berichtigung zu erhalten. Doch ich wage mich zu tief in ein fremdes Feld: ist es aber uns Layen, wenn wir unsre Bibel studiren, und etwas zu sehen glauben, nicht vergönnt, es zu sagen, und Belehrung darüber zu fodern?

Ich beuge wieder ein, und bekenne Ihnen, daß ich aus dem bisher gesagten für den Uebersetzer der Bibel und besonders des A.T. folgende Regel gezogen habe, die ich nicht gern verletzt sehen möchte: Alle Ausdrücke des Originals, welche den Geist und die Denkungsart des biblischen Verfassers, oder seines Volks, oder seines Zeitalters characterisiren, muß der Uebersetzer buchstäblich übertragen, wenn er treu seyn, und mich völlig in die Lage des Schriftstellers versetzen will. Freylich werden wir dann in diesen uralten Schriften Ideen antreffen, die mit unsern mehr entwickelten und philosophischen berichtigten dogmatischen Vorstellungsarten nicht übereinstimmen. Das muß nun heutigen ungelehrten Lesern, die die Bibel zu ihrem Unterricht lesen, in einigen Anmerkungen gesagt, die Theologie und simple Denkungsart der damaligen Zeit historisch entwickelt, ihr Unterschied vor unsrer heutigen Theologie gezeigt werden; damit er einsehe, wie viel bestimmter und heller und ausführlicher unsre formale Erkenntniß der Religionswahrheiten, theils durch den nachfolgenden immer umständlichern Unterricht der Schrift, theils durch die Vergleichung [305] mit einer Menge neu erfundner und richtiger erkannten natürlichen Wahrheiten geworden sey; dann wird er auch den Schluß daraus ziehen: ich muß ihre Ideen nicht nach den meinigen beurtheilen, noch meine aus den ihrigen schöpfen, noch ihre und meine anders als im Allgemeinen in Uebereinstimmung setzen wollen; denn nachfolgende Offenbarungen und die Kenntnisse der folgenden Zeiten haben erst die genauern Bestimmungen und Einschränkungen hinzugethan, welche jenen alten und einfältigen Zeiten noch fehlen. Nach einer solchen Erläuterung würde ein heutiger ungelehrter Leser nicht ferner einer jedesmaligen Erklärung solcher Redensarten und Ausdrücke bedürfen; und sattsam verwahrt seyn, nicht unrichtige Glaubenslehren aus Misdeutung derselben zu bilden.

Ausser dem Geist und der Denkungsart eines alten Schriftstellers kömmt noch sein Styl und seineSprache in Betrachtung. Ich unterscheide beydes von einander, und rechne zu jenem den Ausdruck sei nes eigenthümlichen Genies und Geschmacks, zu dieser aber nur das, was zur grammatischen Bildung derselben gehört. Mit welchem Auge ein Verfasser seine Materie ansieht, wie er seine Gedanken ordnet, vergleicht, verbindet, wie weit er sich dafür intereßirt, auf welche Art er von einem zum andern übergeht: und ist er Dichter; auf welche Reihe, von Bildern und Empfindungen sein Geist geräth, welcher Figuren er sich bedient, zu welchem Schwunge er sich erhebt, zu welchem Pathos ihn seine Empfindungen beleben, und wie weit sie ihn führen: der Ausdruck von allem diesen zusammengenommen, macht den eigenen und characteristischen Styl des Verfassers aus. Von diesem will ich nichts in der Uebersetzung verlieren; sondern eine treue Kopie von dem originalen Gange des Urhebers haben. Keine Verschönerung seiner Bilder, keine Berichtigung seiner Figuren und Gleichnisse, keine Verstärkung oder Milderung seines Affekts, keine Auseinandersetzung seiner Ideen; nichts, das seinen Schlüssen mehr Kraft, seiner Erzählung mehr Reiz, seinen Gedanken mehr Verbindung geben könnte, als er selbst hineingeleget [306] hat. Ich will ihn lesen, wie er ist. In dieser Absicht, dünkt mich, kann sich ein Uebersetzer nicht genau genug an sein Original halten; sonst schafft er es in eine moderne Gestalt um, und giebt ihm die Wendung seines eigenen Geistes; er verwischt die Originalzeichnung, und durch fremde Züge oder abstechende Farben giebt er dem Ganzen ein disharmonirendes Ansehn. So schwer es also auch dem Uebersetzer eines alten, besonders hebräischen Schriftstellers seyn mag, den Originalausdruck bestimmt zu treffen; so würde ich es ihm doch, als eine unverbrüchliche Regel aufdringen: Alles, was zum Styl des Verfassers gehört, aufs genaueste und wörtlich im Deutschen auszudrücken, damit man den Ton des Originals nicht verliere. Zwar soll er dadurch nicht undeutsch werden, aber auch nur da, wo er undeutsch werden könnte, soll es ihm erlaubt seyn, im Text den Buchstaben zu verlassen, und den Sinn, so gut er kann, analogisch auszudrücken: unter dem Text hingegen verlange ich gleich die wörtliche Uebersetzung der eigenen Worte des Originals, um selbst sehen zu können, wie sich der Ausdruck des Originals zum Ausdruck seines Uebersetzers verhalte.

Alles, was nun nach Abzug der Denkungsart und des Styls an einem alten Schriftsteller noch Eigenthümliches übrig bleibt, scheint mir blos zu seiner Sprache als Sprache zu gehören. Die Hebräische kann ich zwar nicht beurtheilen; wenn ich aber aus der Analogie anderer Sprachen, und aus manchen wörtlichen Uebersetzungen schliessen darf, so hat sie eine Menge Idiotismen, welche weder von der Denkungsart der damaligen Zeit entstanden, noch durch den eigenthümlichen Styl des Verfassers gebildet sind. Ist der Uebersetzer zu dreist, wenn er alle, die von solcher Art sind, als willkührliche Zeichen betrachtet, die er nicht ängstlich übersetzen soll, sobald sie undeutsch und unverständlich lauten würden? Ja, ist der Bibelübersetzer, der allen faßlich seyn soll, nicht verpflichtet, die Hebraismen, die blossen Eigenthümlichkeiten der Sprache, welche deutschen Ohren und deutschen Seelen fremd sind, nicht nach den Worten, [307] sondern nach dem Sinn zu übersetzen? Aber zu solchem Uebersetzer, werden Sie sagen, gehört sehr viel. Freylich sehr viel: er muß nicht allein ein geübter Sprachkenner; er muß auch mit dem Nationalgeist und mit dem individuellen Charakter des Geistes seines Schriftstellers so vertraut bekannt seyn: daß er Denkungsart und Sprachbildung, Styl und Wortfügung bestimmt von einander zu unterscheiden weiß. Sonst macht er mir aus charakteristischen Zügen der antiken Denkungsart blosse Hebraismen, und Hebraismen giebt er mir für Grundzüge des Originalgemäldes: und dann bin ich sehr betrogen. Ich möchte z.E. wohl wissen, ob es mehr als blosse Hebraismen sind, wenn Herr Michaelis Kap. 1, v. 1. sagt: Hiob warungetheiltes Herzens, d.i. kein Vielgötterer; Kap. 12, v. 22: Das Tiefe aus der Finsterniß, d.i. die finstre Tiefe; Kap. 14, v. 4: ein solcher Einzelner ist nicht vorhanden, d. i. nicht Einer ist so; Kap. 15, v. 27: sein Gesicht mit Fett bedecken, und einen dicken Ueberzug über den Leib haben, d. i. ein fettes Gesicht und einen gemästeten Wanst haben; v. 35: die Natur bereitet Betrug in ihrem Leibe zu, d.i. sie werden durch ihre eigne Geburt betrogen; Kap. 18, v. 7: seine schmerzhafte Schritte, d.i. seine Schritte zum Unglück; Kap. 42, v. 25: unter die Kananiter vertheilen, d.i. an sie verkaufen, u.a.m. Sind es blosse Hebraismen, so will ich sie nicht wörtlich, sondern deutsch und verständlich lesen; allenfalls kann er mir, wo er zweifelhaft ist, den Hebraismus unter den Text setzen: sind es aber Charakterzüge des Geistes der Zeit und des Originalverfassers; so wünsche ich zu sehen, wie sie es sind: sonst weiß ich nicht, was ich aus diesen ungewöhnlichen Redensarten machen soll.

Wie läuft meine Feder mit mir fort! Ich wollte Ihnen nur sagen, wie mir Herrn Michaelis Uebersetzung Hiobs gefallen, und was ich in Vergleichung mit Luthers seiner daran bemerkt habe: und über dem Nachdenken, was ich Ihnen sagen wollte, habe ich mich selbst an des Uebersetzers [308] Platz gestellt, und mir Regeln bestimmt und aufgesucht, die ich zu beobachten haben würde. Sehn Sie zu, in wie fern etwas von meinem Geschwätz zu brauchen sey. Was ich Ihnen eigentlich zugedacht hatte, das werde ich wohl auf einen neuen Brief versparen müssen.

2.
II.

Das muß ich gestehn, aus Herrn Michaelis Uebersetzung habe ich den Hiob weit besser verstehn lernen, als aus dem Luther. Nicht bloß einzelne Stellen, die mir zuvor dunkel waren, sind mir klar, sondern auch der Geist des Verfassers, der Charakter der redenden Personen, und der Grund und die Folge ihrer Gedanken ist mir kenntlicher geworden. Ich komme nun in genauere Bekanntschaft mit dem Verfasser, der im alten Egypten kein Fremdling gewesen, in Arabien und dessen Nachbarschaft zu Hause gehört, und bey aller seiner gelehrten und philosophischen Einsicht doch von der alten simpeln Denkungsart, und den umgeschmückten Sitten des Hirtenlebens und des patriarchalischen Standes, wovon sich noch vieles bis jetzt in Arabien erhalten hat, nicht abweicht. Daß es aber Moses sey, kömmt mir nicht wahrscheinlich vor; denn ich habe im ganzen Buche keinen Gedanken wahrgenommen, der auch nur die Farbe davon hätte, daß der Verfasser mit der Geschichte der Patriarchen und der ihnen widerfahrnen Offenbarungen Gottes bekannt gewesen. Die redenden Personen haben keinen Zug von jüdischer oder israelitischer Denkungsart: Sie wissen zwar, daß Gott die Welt erschaffen habe und regiere; aber es ist ihnen nicht anzusehn, daß sie von der Schöpfungsgeschichte und dem Verhalten Gottes gegen die Erzväter Kenntniß haben: es sind Weisen, die Gott und seine Eigenschaften aus der Natur und dem Lauf der Welt erkannt, aus den Sittensprüchen ihrer Vorfahren, und aus überlieferten Orakeln oder göttlichen Aussprüchen Weisheit gesammlet haben; aber weder diese noch jene haben einige Aehnlichkeit mit demjenigen, [309] was uns von den Erzvätern und den Offenbarungen Gottes an sie im ersten Buch Mosis erzählt worden ist. Ist der Verfasser ein Israelit gewesen, wie hat er alle seine eingesogne historische und religiöse Kenntnisse in dieser Schrift so sehr verläugnen können? War er kein Israelit, woher hatte er die richtige und tiefe Theologie, welche die Erzväter kaum in eben dem Grade geäussert haben; und wie kam es doch, daß er Hebräisch schrieb, oder sein Gedicht den Hebräern in die Hände fiel? Helfen Sie mir, dieses Räzel lösen.

Das Gedicht ist nichts weiter, als ein blosses Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden. Handlung ist gar nicht darin. Hiob ist durch sein Elend so empfindlich gerührt, daß er seine Geburt verwünscht: seine Freunde wollen ihn trösten und zurecht weisen, und gerathen darüber mit dem unglücklichen Mann, den sie nicht sanft genug behandeln, in einen Streit. Er behauptet mit einer Heftigkeit des Affekts, die zwar unehrerbietig gegen Gott, aber wahr, und der Grösse seines Unglücks recht angemessen ist, daß ihm unrecht geschehe. Stolz eines guten Gewissens, bittere, zuweilen wüthende Empfindung seines Elends, und unbeweglicher Eifer für die Tugend reden aus ihm. Sein Charakter ist wirklich groß und tragisch, wohl ausgedrückt und wohl erhalten: mitten in seinem Affect denkt er richtiger, philosophischer und zusammenhängender, als seine Freunde. Diese scheinen mir alle keinen bestimmten Character zu haben: sie wollen alle den weisen Hiob Weisheit lehren; sie dringen es ihm alle auf, daß er sich an Gott verschuldet haben müsse, und unterscheiden sich nur dadurch von einander, daß einer ihm weniger hart begegnet, als der andre; sie fallen alle in Wiederholungen und auf Dinge, die nicht zur Sache gehören: und lieben es besonders, noch mehr als Hiob, sich bey jeder Gelegenheit in erhabene Beschreibungen zu verlieren, sie mögen zum Zwecke dienen oder nicht. Ich kann mich daher noch nicht überzeugen, daß jeder unter ihnen den bestimmten Character und den unterscheidenden Zweck der Rede gehabt haben sollte, den [310] ihnen HerrMichaelis beylegen, und aus welchen er zuweilen den Zusammenhang ihrer Gedanken erklären will. Sollte nicht vielmehr der Mangel eines völlig passenden Plans und der gehörigen Vertheilung der Rollen; die Ausschweifungen in die beschreibende Poesie, worin sich der Verfasser recht zu gefallen, und auch bey allen Personen einerley Ton zu haben scheint; und die Fehler, darin die redenden Personen wider die Regeln der Disputirkunst gerathen, wesentliche Züge von dem simpeln Alterthum seyn, darin dieses Gedicht geschrieben ist? Gott selbst, der das Gespräch endiget, löset den Knoten nicht; sondern fodert vielmehr den übermüthigen Hiob heraus, sich mit ihm an Macht und Weisheit zu messen. Diese Rede Gottes enthält viele erhabne Züge, das gesteh ich: ob wir es aber heut zu Tage gang anständig finden würden, Gott also redend einzuführen; das weiß ich nicht.

Finden Sie in diesen Ideen etwas wahres, so schreiben Sie es der neuen Uebersetzung zu, in welcher ich den Hiob genauer habe studiren können. Die Anordnung des Ganzen, den Character der Personen, die Folge ihrer Gedanken, die Stärke und den Sinn ihrer Aussprüche habe ich besser verstehn lernen; seitdem mir Herr Michaelis das, was Luther oft nur gerathen, aber nicht recht gerathen hat, in solchem Lichte gezeigt hat, daß ich mir selbst habe helfen, und aus der Beschaffenheit des Tons und dem Inhalt der Rede den Sinn beurtheilen können. Von dieser Seite weiß ich ihm also viel Dank; und wenn Sie selbst seine Uebersetzung bereits zur Hand genommen haben, so werden Sie es auch ohne mein Erinnern bemerken, daß er uns Layen gute Dienste durch seine Arbeit geleistet habe.

Aber Eins kann ich Ihnen nicht bergen. Ich wünschte, daß Herr Michaelis den Ausdruck sorgfältiger gewählt, und Luthers kräftige Sprache mehr zum Muster genommen, oder mehr beybehalten haben möchte, als er gethan hat. Unsre Sprache ist schon so schleppend durch die Menge der Hülfswörter, durch lange Artikeln und spannenweite Redensarten, daß man recht darauf sinnen sollte, des Geschleppes [311] weniger zu machen. Deutsche Philosophen und Theologen haben sie durch eine Menge abstracter Namen und Kunstwörter, welche allzu gangbar geworden sind, noch schlaffer, und zugleich doch strotzender gemacht: Unsre Prose ist leider kalt und gedehnt dadurch geworden; und das Studium und Muster der bessern Schriftsteller unsrer und der folgenden Zeit muß ihr erst wieder den gesetzten und männlichen Gang geben, dazu sie durch die Natur unsrer Sprache bestimmt ist. In der Poesie aber, und in einer so feurigen, als die Poesie Hiobs ist, ist es noch viel unleidlicher, mitten im Affect oder im poetischen Schwunge auf matte Ausdrücke und schleppende Redensarten zu stossen. Oft kann der Sache mit einer Kleinigkeit abgeholfen werden: und ich wundre mich, daß Herr Michaelis seinem Styl diese Hülfe nicht gegeben hat; da er theils selbst an vielen Stellen die Sprache richtig gewandt, theils auch das fast immer glückliche Muster Luthers vor sich gehabt hat.

Finden Sie es z.E. von Gott poetisch schön gesagt:er berechnet das Verhältniß des Lichts zur Finsterniß, Kap. 26, 10.Verhältniß ist gar kein poetischer Ausdruck, und die ganze Zeile ist, besonders in ihrem Zusammenhange, sehr matt: er mißt Licht und Finsterniß gegen einander, oder Licht und Finsterniß setzt er ihre Gränzen, würde, dünkt mich, poetischer klingen. Der Redensart im folgenden Kapitel v. 6. mein Gewissen hat keinen Vorwurf von meinen vergangenen Tagen, würde ich Luthers Ausdruck doch vorziehen. Das Gewissen hat keinen Vorwurf von einer Sache, ist auch nicht einmal deutsch; es macht sich keine Vorwürfe darüber. Schweiget, sagt Hiob Kap. 13, 13, und laßt mich, daß ich reden kann, es mag denn über mich erfolgen, was da will.Daß ich – es mag denn über – Können Sie solche Floskeln im Ausdruck des Affekts ertragen? Ist es nicht kürzer und stärker: Laß mich reden, es gehe mir dann, wie es wolle? Was heißt es wohl, wenn ihm EliphasKap. 15, 2, antwortet: Sollte der Weise windige Lehren zur Antwort [312] geben, und voll vom heftigen Ostwinde seyn? Luther läßt ihn sagen: Soll ein weiser Mann so aufgeblasene Worte reden, und seinen Bauch so blähen mit losen Reden? oder wenn wir Herrn Michaelis Sinn beybehalten wollen, so würde die zweyte Zeile lauten: und gleich dem Ostwinde voll Gift seyn. – Eben derselbe sagt v. 12. 13.Wozu reißt dich dein Herz hin? Und was wollen deine Augen sagen? Denn du schnaubest gegen Gott, und läßt gegen ihn Worte aus deinem Munde fahren. Nach Luthers Uebersetzung oder in seinem Geist würde er sagen: Was nimmt dein Herz vor? was siehest du so stolz? Was schnaubest du wider Gott, und stößest solche Reden gegen ihn aus? Wie steif und undeutsch sagt er v. 23.Er weiß, daß, was vor ihm ist, dunkele Tage sind, anstatt, vor sich hinaus sieht er nur dunkele Tage. Kap. 16 fängt sich der 17. Vers mit folgenden vier Partikeln an, Und das darum, weil, wo Luther wiewohl sagt. Aus der Menge will ich nur einige Redensarten wählen, und kurz anzeigen, Sie werden selbst mehrere finden. Einen gebahnten Weg machen; anstatt, einen Weg bahnen. Jemand macht, daß etwas aufgezeichnet wird; anstatt, jemand läßt es aufzeichnen. Die Reisenden, die ich in meinem Hause bewirthet habe; anstatt, meine Gastfreunde. Was haben wir für Vortheil davon? anstatt, was nützet es uns? macht dich eilen; anstatt, jagt dich; hinter der Finsterniß der Wolken; anstatt, hinter finstre Wolken. Wenn sich dies nicht so verhält; Luth. Ists nicht also? Zur Gesellschaft der Uebelthäter gehen; anstatt, sich zu den Gottlosen gesellenu.s.w.Luther ist darin ganz vortrefflich, daß er das, was man mit Redensarten zu sagen pflegt, die immer schleppend und kraftlos sind, mit einem einzigen Worte ausdrückt, welches die Sache anschauend hinstellt, und kurz und nervigt ist. Ich überlasse es Ihnen, das schleppende Prosaische in der Wortfügung zu bemerken, [313] welches in dem neu übersetzten Hiob häufig zu finden ist; kaum wird es in guter Prose verstattet, und kann auch durch eine kleine Wendung vermieden werden. Gar zu oft trifft man auf eine solche oder ähnliche Phrase: Er that das, um – er redete, ohne daßweit entfernt, daß – wenn, denn – und auf andre Kleinigkeiten mehr, wodurch man nie den poetischen oder affektvollen Styl entkräften wird: wenn man die Sprache in seiner Gewalt hat, und es fühlt, wie unverträglich diese kleinen Stelzen der Rede mit einer warmen Phantasie oder mit einem bewegten Herzen sind.

Wundern Sie sich nicht, daß Herr Michaelis diese Unerträglichkeit nicht gefühlt hat, da er sie doch aus der Vergleichung mit Luthern, der ihm hier zum Muster dienen könnte, hätte fühlen können? Er, der Luthern nicht, wie man wohl von andern Sprachgelehrten erlebt, wegen seiner deutschen Bibel über die Schultern ansieht; vielmehr die Vorzüge seiner Uebersetzung mit vieler Einsicht gesteht, und ihn selbst wegen des Ausdrucks oft um Rath gefragt hat? Lesen Sie nur, wie viel Gutes er in seiner Vorrede von Luthers Genie und Geschmacke sagt; und wie schwer er sich sein Unternehmen auch aus dem Grunde vorgestellt hat, weil die Sprache in Luthers Uebersetzung so ausgesucht, und der Sinn so oft glücklich ergriffen sey. Bey allem dem aber, was er von seinem Werthe sagt, scheint er doch Luthern, als Uebersetzer betrachtet, nicht so bestimmt charakterisirt zu haben, als Sie ihn mir einst in einer Unterredung über die Vortrefflichkeit seiner Bibelübersetzung schilderten. »Luther, sagten Sie, ist da, wo er nur den Sinn des biblischen Schriftstellers gefaßt, oder gefaßt zu haben geglaubt hat, recht genau und anschauend in seinen Geist und seine ganze Fassung eingedrungen; er macht sich seine Bilder zu eigen, empfindet seinen Affekt mit ihm, nimmt Theil an seinem Interesse, geht mit ihm den Weg seiner Empfindungen, und von seinem Geiste voll, prägt er das, was er gedacht und empfunden hatte, seiner Uebersetzung ein. Dies volle [314] Anschauen seines Schriftstellers macht ihn so reich an starken Ausdrücken und lebhaften Wendungen, die kein Uebersetzer nach ihm besser und richtiger treffen wird. Auch die Sprache, die er gebrauchte, und die er sich zum Theil schuf, fuhren Sie fort, ist noch die beste, die ich kenne; wenige erreichen ihre Kürze und Männlichkeit, wenige (unter denen ich nur Leßingen kenne) halten es der Mühe werth, ihre Sprache nach der seinigen zu bilden. Er wußte das abstracte concret auszudrücken, und dadurch bekömmt sein Styl Geist und Leben: sein scharfes und schnelles Urtheil traf den richtigen Ausdruck, der dem Gedanken und seiner Kraft angemessen war. Sein feuriger Geist stieß die schleppenden Fesseln der Partikeln von sich, wo er nur konnte. Er sprach natürlich, und doch für seine Zeit edel: sein Ausdruck war faßlich und doch stark; das Matte, das Schlaffe und Gedehnte haben seine ausgeartete Nachkommen gewiß nicht von ihm: er wandte die Sprache nach dem Gedanken, und verließ lieber willkührliche Regeln der Wortfügung, als daß er einen gewissen Ton des Affekts seines Verfassers hätte verfehlen sollen: und bey dem allen ist in der Verbindung und dem Lauf seiner Worte so viel Wohlklang, als in den Melodien seiner Kirchengesänge Musik ist.« Ich wünschte es, Sie hätten Ihre ausführliche Unterredung hierüber, wovon mir nur dieses noch im Gedächtniß schwebt, mit Herrn Michaelis gehabt, als er sich an die Uebersetzung Hiobs machen wollte: unstreitig würde er auf verschiedene Züge im Luther aufmerksamer geworden seyn, und ihn öfter zu Rathe gezogen haben, als er ihn bey seiner Arbeit um Rath gefragt haben kann.

Ich habe unter beyden Uebersetzungen in Absicht des Ausdrucks eine Vergleichung angestellt, die mir sehr lehrreich gewesen ist; und sie wird mir, hoffe ich, noch lehrreicher werden, wenn ich Ihnen etwas von dem, was ich verglichen habe, mittheile, und Sie veranlasse, mir ihre Gedanken darüber zu sagen. Der Unterschied zwischen beyden wird Ihnen den Wunsch auspressen, daß doch Michaelis Luthers Melanchton gewesen wäre; oder [315] daß er es sich zur höchsten Regel gemacht hätte, Luthers Uebersetzung, wo es nur der Sinn erlaubte, beyzubehalten, und die Stellen, die einer Aenderung bedürfen, in seinem Geiste zu übersetzen. Dies ist Ihre höchste Regel für eine vollkommenere deutsche Uebersetzung der Bibel: wie schwer ist sie, habe ich Ihnen immer gesagt, wer wird sie erfüllen! und ich muß Ihnen nun, da ich einen neuen Uebersetzer studirt habe, abermals sagen: wie schwer ist sie!

Halten Sie erst einzelne Ausdrücke gegen einander, dann wollen wir auch ganze Stellen auswählen. Sie werden zuweilen erstaunen, wie ein Michaelis, dessen Gelehrsamkeit sich dadurch so unterscheidet, daß sie sich durch Urtheil und richtiges Gefühl leiten läßt, die bessere Wahl seines grossen Vorgängers habe können verkennen. Wie kann man doch Luthern verlassen, wenn er Kap. 4, 14 sagt: Da kam mir Furcht und Zittern an, und dafür setzen: Schrecken und Zittern war um mich? Um mich? Schrecken und Zittern ist ja in mir, nicht um und ausser mir. Wie kann man seinen edlern Ausdruck Gebeine in Knochen verwandeln? Nach Kap. 5, 12 macht Gott die Gedanken der Listigen zunichte;Luther empfand es, daß nicht Gedanken, sondernAnschläge zunichte gemacht werden. Aus sechs Trübsalen, sagt Luther deutsch und gut V. 19, wird er dich erretten: ganz unbegreiflich ist es, daß Herr Michaelis es zu verbessern geglaubt habe: in sechs Nöthen wird er dich etc. Man wird ja nicht in der Noth, sondern aus der Noth errettet, und Nöthe hat man nicht, sondern der gesamte Inbegriff der Trübsale, die man jetzt empfindet, so macht Eine Noth aus. Eben so undeutsch heißt es weiter bey sieben Landplagen, bey Hungersnoth, anstatt in der Hungersnoth etc. Meynen Sie nicht auch, daß Luthers Ausdrücke geisseln V. 21 und Garben V. 27 edler sind, als peitschen und Kornhaufen? Kap. 8, 3 verkehret Gott das Recht nicht in Luthers Bibel; und in der verbesserten Uebersetzung krümmet er die Gerechtigkeit nicht. Wie läßt sich die Gerechtigkeit [316] krümmen? sie ist immer gerade und unveränderlich dieselbe; aber das Recht läßt sich verkehren und beugen, wenn man jemandes Rechtsgründe falsch und verkehrt vorstellt, oder wider allen Grund dem das Recht zuspricht, der Unrecht hat. V. 14 sagt Luther kürzer und natürlicher; seine Zuversicht vergeht; Herr Michaelis sagt: sie wird zu Boden geworfen: wieder Phrase anstatt eines simplen Worts; und man merkt es doch aus dem ganzen Ton, daß der alte Dichter und die biblischen Dichter überhaupt nicht in Phrasen gesprochen haben; ist auch die Metapher wohl schicklich? V. 16 scheint es mir der Sinn des ganzen Zusammenhanges zu erfodern, mit Luther zu sagen: er ist saftig,ehe die Sonne kömmt, als mit Michaelis: er ist saftig in der Sonnenhitze: denn es wird durch alle diese Bilder ein Gottloser gezeichnet, der zwar eine zeitlang glücklich ist, hernach aber plötzlich ein Ende nimmt. – Vergleichen Sie beyde Kap. 9, 1–10 mit einander, so werden Sie es mit mir empfinden, wie schleppend das Ganze bey Michaelis durch die öftere Wiederholung des Beziehungswortes derderder – wird; und wie viel pathetischer es bey Luther klingt: er versetzeter wägeter sprichtu.s.w. So viel kömmt auf kleine Wendungen an, wo das Gefühl entscheiden muß. V. 8 gefallen mir auch Luthers Wogen des Meers besser als die geschwollnen Fluthen. Was ist faßlicher und wohlklingender und zugleich mahlerischer? Siehe, wenn er geschwind hinfährt, wer will ihn wieder holen? oder: Sein Schein blendet meine Augen, wer wird ihn wieder zurück führen, V. 12? Welcher Styl ist frischer und lebendiger? Meine Tage sind geflohen undhaben nichts Gutes erlebt: oder: sie fliehen, ohne Glück gesehn zu haben, V. 25? Welches ist verständlicher und deutscher? Meinest du, daß du so viel wissest, als Gott weiß; und wollest alles so vollkömmlich treffen, als der Allmächtige? oder: Denkst du wohl was Gott erforschet zu entdecken, und [317] die Zahl des Maaßes des Allerhöchsten auszufinden? Hier zeigt es sich, welcher Uebersetzer den Geist seines Originals fassen, und ihn in seine Sprache so herüber tragen könne, als ob es sein eigner wäre. Wollte Gott, sagt Luther Kap. 13, 5, ihr schwieget: so würdet ihr weise. Wenn doch jemand machen könnte, sagt Michaelis, daß ihr schwieget! Dies würde euch zur Weisheit ausgelegt werden. So kurz jener ist, so weitschweifend und schleppend ist dieser. Kap. 14, 18 hat Luther verschönert werden sollen. Aber ein Berg, heißt es, fällt und welket, und ein Fels veraltert aus seiner Stelle. Kann denn ein Berg welken; und was für Deutsch, was für ein Gedanke ist es, daß ein Fels aus der Stelle veraltert? Gott hat gegen mich das Recht an die Seite gesetzt, Kap. 34, 5. Wie viel kräftiger und pathetischer sagt Luther: Gott weigert mir mein Recht: und V. 9. Denn er sagt, ein Mensch habe keinen Nutzen von der Freundschaft mit Gott. Luther hingegen: Denn er hat gesagt, wenn jemand schon fromm ist, so gilt er doch nichts bey Gott. – Doch genug an einzelnen Zügen!

Sie werden lieber ganze Stellen gegen einander lesen, der Unterschied des Tons läßt sich dann besser empfinden, und das Genie beyder Uebersetzer stehet gleichsam von Angesicht zu Angesicht da. Gut, nehmen Sie also Ihren Luther zur Hand: ich will Herrn Michaelis sprechen lassen, hören Sie Luthern dagegen. Starke Stellen hat H.M. auch gefühlt, auch auszudrücken gesucht. Wir wollen sie wählen, und annehmen, daß er da, wo er den Sinn anders gegeben hat, ihn auch richtiger verstanden habe als Luther: dann wird der Geist beyder Uebersetzungen mehr ins Auge fallen. Beyder, sage ich? Nein, Sie müssen noch auch eine dritte hören, die Ihr Freund nach HerrnMichaelis Aenderungen in Luthers Geist hat versuchen wollen, um mit dem Bibelübersetzer recht zu fühlen, wie schwer es sey, sich in Luthers Geist und Sprache auszudrücken.

[318] Nehmen Sie gleich den pathetischen Anfang des Gedichts, wo Hiob seine Geburt verwünscht. So spricht er in Michaelis Uebersetzung:


Der Tag gehe unter, da ich gebohren bin,

Und die Nacht, die sprach, es ist ein Männlein empfangen! |

Der Tag müsse Finsterniß seyn,

Gott habe von oben kein Aufsehen auf ihn gehabt! |

Und kein Licht ihn bestrahlt!

Finsterniß und alte Nacht müssen ihn zurück fodern!

Eine Wolke bedecke ihn!

O hätte sein Unglück ihn zurück geschreckt, als er kommen wollte! |

Dunkelheit nehme diese Nacht weg!

Sie hefte sich an keinen Tag des Jahres an!

Und komme nicht in die Zahl der Mondennächte! |

Da! diese Nacht müsse unfruchtbar gewesen,

Kein Geburtsgeschrey müsse in sie gekom men seyn! |

Hätten die Bezauberer der Tage sie zurück geflucht,

Sie, die den Krokodil hervorrufen können! |

Die Sterne ihrer Dämmerung müssen finster gewesen seyn!

Vergeblich müsse sie auf Licht gewartet,

Und die Augenlieder der Morgenröthe nie gesehen haben! |

Denn sie verschloß mir die Thür des Mutterleibes nicht,

Und verbarg das Unglück nicht, das ich sehen sollte.

Warum bin ich doch nicht von Mutterleibe an gestorben?

Warum ging ich nicht aus ihm her aus und verschied? |

Warum waren Knie da, mich aufzunehmen?

Und was sollten Brüste, die ich saugen könnte? |

Denn so läge ich doch jetzt, und ruhete,

Ich schliefe, (und denn würde mir wohl seyn) |

Mit den Königen und Regenten der Erde,

Die sich aus Trümmern der Städte ein prächtig Grabmahl bauen! |

Oder mit den an Golde reichen Fürsten!

Die ihre Todtenhäuser mit Silber füllen: |

Oder ich wäre, der unzeitigen Geburt gleich, nie gewesen,

Wie Kinder, die kein Licht gesehen haben, |

An diesem stillen Ort hören die Ver urtheilten auf zu zittern,

Und die sich müde gearbeitet haben, ruhen aus: |

Da singen die Gebundnen zusammen ein Feyerlied,

Weil sie die Stimme nicht mehr hören, die sie zur Arbeit mahnet. |

[319] Der Geringe und Grosse sind da gleich:

Und der Knecht ist von seinem Herrn freygelassen.

Warum giebt er doch dem Unglückseli gen das Licht,

Und den Betrübten das Leben? |

Denen, die auf den Tod warten, (und nie erscheinet er!)

Die ihn gern aus unterirdischen Klüften ausgrüben? |

Die der Gesellschaft entgegen jauchzen

Und sich freuen, wenn sie ein Grab antreffen? |

Dem Mann, der keinen Ausweg weiß,

Und dem Gott überall Dornen vorgezogen hat? |

Wenn mein Essen vor mir steht, so überfällt mich Seufzen,

Und mein Heulen gleicht dem herabstür zenden Wasser: |

Fürchte ich etwas, so trifft die Furcht ein,

Und wovor mir schaudert, das kommt gewiß. |

Ich habe kein Glück, keine Stille, keine Ruhe,

Und Schrecken ist im Anzuge.


Finden Sie nicht, muß ich Sie im Vorbeygehn fragen, daß der Mann, welcher die Zertheilung der Bibel in Verse mit Recht tadelt, weil man dadurch den Zusammenhang aus den Augen verliert; die Hemistichien der Hebräischen Poesie auch nicht in einzelnen Zeilen hätte absetzen sollen, weil er dadurch eben den Fehler veranlaßt? Er meynt zwar auf diese Art unserm Gehör von der Poesie der Hebräer etwas vorzustellen; aber ich begreife es nicht, wie man von der Hebräischen Versification etwas vernehmen könne, wenn man Deutsch liest? Die seltsamen Striche am Ende der Verse stören auch das Auge, und verführen es fast noch mehr, als die Versabtheilungen, dabey inne zu halten, als den Sinn der Rede zu schliessen. Nun hören Sie, ob Michaelis dem Geist und der Sprache Luthers durch folgende Uebersetzung näher gekommen wäre?


»Der Tag müsse verloren seyn, da ich gebohren bin; und die Nacht, da man sprach, es ist ein Männlein empfangen!

Derselbe Tag müsse finster seyn, Gott von oben müsse nie auf ihn geblickt, kein Licht ihn bestrahlt haben: Wolken hätten ihn verdecken, Finsterniß und die alte Nacht ihn zurück fodern sollen: o hätte sein Unglück ihn verscheucht, ehe er kam!

Dunkelheit nehme jene Nacht weg! an keinen Tag des[320] Jahres schliesse sie sich an, nie müsse das Licht des Mondes auf sie treffen! Ha! unfruchtbar sollte sie seyn, diese Nacht; und kein Geburtsgeschrey sich darin hören lassen! Die Verflucher der Tage, die den Krokodil hervorzaubern, sollten sie weggeflucht haben! Die Sterne ihrer Dämmerung müssen finster seyn; sie hoffe aufs Licht, und es komme nicht; und müsse nicht sehen die Augenlieder der Morgenröthe: denn sie verschloß mir die Thür des Mutterleibes nicht, und verbarg das Unglück nicht, das ich sehen sollte.

Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleibe an; warum kam ich nicht hervor und verschied? Warum war ein Schooß da, der mich aufnahm, und Brüste, die mich säugten? So läge ich doch nun, und ruhte und schliefe – wie wohl würde mir seyn! – mit den Königen und Regenten der Erde, die sich aus verwüsteten Städten Grabmahle bauen; mit den reichen Fürsten, die ihre Todtenhäuser voll Silber und Gold haben. Wäre ich lieber gar, wie eine unzeitige Geburt, nie gewesen; wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben! An jenem stillen Ort zittert der Verurtheilte nicht mehr; da ruhen doch, die sich müde gearbeitet haben: gefesselte Sklaven singen dort mit einander ihr Feyerlied, und hören nicht mehr die Stimme des Treibers: klein und groß sind da gleich; und der Knecht ist frey von seinem Herrn.

Warum giebt Er das Licht dem Unglücklichen, und das Leben dem Betrübten, die des Todes warten, (und er kömmt nicht!) die ihn gern aus tiefen Klüften grüben; die den Todten entgegen jauchzen und sich freuen, wenn sie ein Grab antreffen? warum dem Mann, der keinen Ausgang weiß; dem Gott ihn mit Dornen bedeckt hat?

Wenn mein Essen vor mir steht, muß ich seufzen; mein Heulen fährt heraus, wie stürzendes Wasser. Fürchte ich etwas, so kömmt es über mich: und wofür mir schaudert, das trifft mich. Ich habe kein Glück, keine Stille, keine Ruhe; nur Schrecken kömmt mir entgegen.«


Schlagen Sie eine andre Stelle auf, Kap. 9, 14–22, die ich in H.M. nicht völlig verstehe, und mir nach dem Zusammenhange so deute: daß Hiob sich beklagt, Gott sey ihm viel zu mächtig, als daß er sein Recht wider ihn ausführen könne.


Und ich, wie sollte ich ihm denn antworten?

Wie sollte ich Worte aussuchen, mich gegen ihn zu vertheidigen?

Der ich, wenn ich auch recht hätte, nicht widersprechen,

Sondern vor meinem Richter flehen würde.

Riefe ich, und er antwortete mir wirklich,

So würde ich nicht glauben, daß er auf meine Stimme gehört hätte.

[321] Er, der aus dem Sturmwetter auf mich zielen,

Und mir Wunden die Menge ohne Ursach geben könnte,

Er würde mir nicht gönnen Athem zu hohlen,

Sondern mich mit Bitterkeit sättigen.

Soll die Stärke es ausmachen, so ist hier der Starke:

Und wenn das Gericht, wer will ihn vorfodern?

Hätte ich auch Recht, so würde mich doch mein eigner Mund verdammen,

Wäre ich untadelhaft, so würde der mich für betrüglich erklären.

Wäre ich untadelhaft, so müßte ich mich vielleicht selbst nicht kennen.

Mein Leben ist mir verhaßt! Dies ist das einzige,

Und darum bricht mir das Wort aus: Schuldige und Unschuldige straft er.


Recht bitter ist dies wider Gott gesprochen.

Ich höre einen Mann sprechen, der sich seiner Unschuld bewußt ist, aber vor einem willkührlichen Richter steht, welcher ihm keine Vertheidigung verstatten will, alles wider ihn drehet, und mit Drohungen ihn schreckt: er soll nicht Recht haben. – Ich suche wieder aus und nach dem Luther zu ändern.


»Wie sollte ich ihm denn antworten, und Worte finden gegen ihn? Wenn ich gleich Recht hätte, dürfte ich ihm doch nicht widersprechen, sondern müßte um mein Recht flehen: und wenn ich riefe, und er antwortete auch; so glaubte ich es doch nicht, daß er auf meine Stimme merkte. Denn aus dem Ungewitter schießt er auf mich, und macht mir viel Wunden ohne Ursach: er gönnet mir keine Erholung, (il ne me permet pas de respirer) sondern füllet mich mit Bitterkeit an. Soll die Stärke es ausmachen? Er ist der Stärkste! Oder das Gericht? Wer will ihn vorfodern? Hätte ich schon Recht, so müßte ich mir doch Unrecht geben; wäre ich gleich schuldlos, müßte ich mich doch selbst schuldig finden; wäre ich auch ohne Tadel, so dürfte ichs mir nicht einmal merken lassen!

Mein Leben ist mir verhaßt! Drum ist mir das einzige Wort entfahren: beydes Schuldige und Unschuldige macht er elend.«


Fühlen Sie das Elend nicht mit ihm, unter solchem despotischen Richter zu stehen; und ist seine Klage nicht, ohne jetzt darauf zu sehen, ob sie gegründet ist, die wahreste Sprache des kühnsten Unmuths und der stolzesten Verzweiflung?

[322] Ein recht antikes und orientalisches Gleichniß muß ich Ihnen noch hersetzen, das H.M. im Ganzen genommen, recht schön ausgeführt hat. Es steht Kap. 6, 14 f. und der Sinn beyder Uebersetzungen unterscheidet sich hier ungemein. Schlagen Sie den L. auf, ich will H.M. reden lassen.


Wessen Freund ein Knecht werden kann,

Der hat Menschenliebe und Gottesfurcht verlassen.

Meine Brüder sind mir untreu, wie ein Bach:

Wie eine Wasserquelle versiegen sie.

Wie die Bäche, die schwarz vom schmelzenden Eis brausen,

Wenn der Schnee wütend in sie herabstürzt.

Zu anderer Zeit fasset sie ihr Ufer; sie verstummen:

Und wenn es heiß wird, verschwinden sie von ihrer Stelle.

Die Caravanen krümmen den Weg nach ihnen,

Sie suchen Wasser in der Wüste, und kommen um.

Die Reisegesellschaften der Saracenen suchen sie auf;

Die Caravanen der Sabäer hoffen auf sie.

Sie verstummen über ihre Zuversicht,

Sie kommen zur Stelle und werden beschämt.


Hätte Luther das ganze Bild in diesem Lichte gesehen, so würde er es uns noch anschauender hingestellt haben. Hier ist nur ein Versuch.


»Wer seinen Freund in knechtischem Elend lassen kann, der hat Gottesfurcht und Menschenliebe verloren. Meine Freunde sind mir untreu, wie ein Bach; sie versiegen wie Frühlingsquellen. Schwarz brausen die Bäche über vom schmelzenden Eise, wütend stürzt der Schnee in sie herab; bald aber fasset sie ihr Ufer, und sie ver stummen; und wenn es heiß wird, verschwinden sie von ihrer Stätte. Die wandernden Haufen beugen nach ihnen aus; sie wenden sich zur Wüste nach Wasser, und kommen um: die arabischen Hirten suchen sie auf, und die reisenden Sabäer schmachten nach ihnen; aber sie verstummen über ihrer Zuversicht; sie kommen zur Stelle und werden erstarrt.«


Die schöne Beschreibung des Pferdes, darin man es so lebendig vor Augen sieht, wollen Sie auch wohl gern in Herrn Michaelis Uebersetzung hören. Lassen Sie mich damit schliessen.


Hast du dem Pferde den Muth gegeben?

Und seinen Hals mit Zorn bekleidet?

Befiehlst du ihm, den Heuschrecken gleich zu springen?

Sein prächtiges Wiehern ist Schrecken,

[323] Mit den Füßen scharret es auf dem Boden,

Freuet sich über seine Stärke,

Und geht aus, den Waffen entgegen.

Den fürchterlichen Anblick verlacht es, und erschrickt nicht,

Vor dem Degen 1 geht es nicht zurück.

Ueber ihm thönt Köcher, glänzender Spieß und Waffen,

Unter ihm bebt die Erde, und kaum berührt es sie,

Und glaubt nicht, daß es den Schall der Trompete höre,

Wenn er deutlicher wird, dann freuet es sich

Und schnaubt aus der Ferne dem Treffen entgegen,

Dem Rufen der Feldherrn, und dem Kriegsgeschrey.


Mit kleinen Aenderungen in denen Zügen, wo Luther den Sinn nicht ganz getroffen haben mag, mahlt er dies muthige Roß mit stärkern und lebendigern Farben.


»Kannst du dem Rosse Muth geben; oder seinen Hals zieren mit seinem Zorn? Machst du es springen, wie die Heuschrecken? Preislich und schrecklich ist sein Wiehern. Es strampfet auf den Boden, und freuet sich seiner Stärke, und zeucht aus, den Geharnischten entgegen. Es spottet der Furcht und erschrickt nicht; und fleucht vor dem Schwerdt nicht: wenn gleich wider ihn klinget der Köcher, und glänzet beyde Spieß und Lanzen. Unter ihm bebt die Erde, und kaum berührt es sie, und achtet nicht auf der Drommeten Hall: wenn sie heller klingt, wird es fröhlich, und schnaubt von fern der Schlacht entgegen, und dem Rufen der Feldherrn, und dem Kriegsgeschrey.«


Was meynen Sie? Sollte uns nicht ein Dienst geschehn, wenn uns Luthers männlicher und körnigter Ausdruck in Herrn Michaelis verbesserter Uebersetzung wieder hergestellt würde?

N.S. Bey Durchlesung meines Briefes hat die Frage über den Verfasser dieses Buchs mein Nachdenken noch beschäftiget; ohne daß ich zu einem sicherern Schluß habe gelangen können. So wenig in dem Dialog selbst eine Spur von israelitischer Denkungsart, oder irgend eine entfernte Anspielung auf die patriarchalische Geschichte ist; so deutlich verräth doch der Verfasser der historischen Einleitung seine Bekanntschaft mit der jüdischen oder alttestamentischen[324] Theologie. Die Erzählung vom Satan, der mit den übrigen Engeln Gottes vor Gott tritt, setzet offenbar die Kenntniß von der Geschichte des Sündenfalls voraus; und scheint auch aus den theologischen Ideen der Juden, daß der Allerhöchste die Regierung seiner Welt unter die Engel vertheilt habe, hergenommen zu seyn. Der Verfasser der prosaischen Erzählung muß also für einen Israeliten erkannt werden. Ist nun dieser vom Verfasser des Gedichts unterschieden? Ohne seine Erzählung aber konnte das Gedicht nicht verständlich seyn. Denn für sich ist es kein Ganzes: nimmt man die Geschichte weg, so weiß man nicht, warum Hiob seinen Tag verflucht, und worüber Hiob mit seinen Freunden so affektvoll disputirt: und die prosaische Erzählung, wie es endlich dem Hiob ergangen, giebt dem Streite erst seine Auflösung, und dem ganzen Stück seine Entwickelung. Die historische Einleitung, das Gedicht und der historische Beschluß scheinen also nothwendig zusammen zu gehören, und ein Ganzes auszumachen; folglich auch von Einem Verfasser zu seyn: wäre nun der Verfasser der Geschichte ein Israelit, so müßte es der Verfasser des Gedichts auch seyn. – Aber wie konnte, möchte man nun wieder fragen, dieser Israelit in dem Gedicht selbst seine ganze Denkungsart so sehr verläugnen, daß auch nicht einmal auf die Traditionen seiner Väter, viel weniger auf etwas aus der biblischen Geschichte angespielet wird? Sich so gänzlich aus seiner Denkungsart, und aus der wichtigsten und interessantesten die man hat, aus den Ideengängen, die der Seele beynahe eigenthümlich und zur Natur geworden sind, herauszuheben; scheinet mir, ich will nicht sagen eine unmögliche, aber doch höchst schwere und seltne Sache zu seyn: es muß ein Genie der ersten Grösse seyn, das sich so herausheben kann. Anders weiß ich mir das Räzel gar nicht zu lösen.

Fußnoten

1 B. der Richt. Kap. 7, 20 wird es auch wohl heissen müssen: Hie Degen des Herrn und Gideon.

Von der Schreibart des brittischen Ramblers
[325] Von der Schreibart des brittischen Ramblers.

Gestern in einer Gesellschaft bey E**, als Jemand, (ich will ihn nicht nennen) mit grosser Lebhaftigkeit und vielem Kunstrichterwitze, die Satire Lexiphanes für ein Meisterstück der Kritik erklärte, das in England Epoche zu machen verdiente, weil es Samuel Johnsons gezwungne, geschraubte, affektirte Schreibart, (Worte strömten ihm zu, da er den Verfasser des Ramblers nannte), für Jedermann, der noch nicht allen Geschmack an Simplicität verlohren hätte, auf eine überzeugende Art lächerlich gemacht habe; und nun dieser Jemand sich durch viel freundliches Kopfnicken des boshaften B *** aufgefodert glaubte, uns alle, die wir von den Quellen des Geschmacks in Deutschland so fern sind, vermittelst seines Lächerlichen gleichfalls zu überzeugen; – unterbrach ihn E **, der, wie Sie leicht denken können, bey einer solchen Veranlassung nie lange schweigen wird, plötzlich mit einer Anrede, die ich Ihnen ganz mittheilen zu können wünschte. Einige Anmerkungen habe ich doch daraus, so ziemlich mit seinen eignen Worten, behalten, und es ist schon der Mühe werth. Ihnen von einer Sache zu schreiben, die Ihren Liebling, Ihren Johnson, angeht.

»Nichts mehr, hub er an, nichts mehr, wenn ich bitten darf, von dem engländischen Possenreisser, der uns durch seine Gaukeleyen um einen zweiten Tullius, vielleicht den Einzigen unter den Neuern, zu bringen hofft. Kein [326] Cäcilius Calactinianus, kein Buteo, kein Vaticinius, kein Pädariodes hat abgeschmackter des ersten gespottet. Wie können Sie ihn vertheidigen? dessen Vernünfteley in dem seltsamsten Misbrauche irgend einer kahlen Regel, einer Bemerkung, eines Kunstworts besteht, von deren Entstehungsart, Einschränkung und Anwendung er offenbar nicht den mindesten Begriff hat. Wie können Sie ihn vertheidigen?«

Nach verschiednen allgemeinen Betrachtungen über die verfehlte Absicht fast aller Parodisten, die das, was sie tadeln wollen, zuvor in Carricatur bringen, ohne zu merken, daß ihre Satire nun nur ihre eigne Carricatur treffe, u. dergl. mehr, ging er endlich zu den nähern Betrachtungen des Styls über, die ich Ihnen so ohne Verbindung, wie sie mir nach und nach einfallen, aus dem Gedächtnisse abschreiben will.

»Jede Gattung der Schreibart, sagte er, hat freylich ihre eigne Idee, die vom Inhalt abhängt. Das ist aber nur ihre roheste Seite. Wenn es nöthig wäre, daß alle Schriftsteller Einer Classe die Form ihrer Seele ganz in die Form der Sache umprägten, so würde nichts einförmiger seyn, als Schreibart: Styl wäre nicht Styl mehr. Allein anders verhält es sich in der Natur, und gut ists, daß es sich anders verhält. Der klassische Scribent besitzt ausser der Form, die er der Sache abgewonnen hat, noch seine besondre Form der Vorstellung, durch welche sich die todte Materie zu einer zweyten Schöpfung verarbeitet, die reich an Mannigfaltigkeit, und mit der göttlichen Schönheit einerSeele geschmückt, hervortritt.«

»Die Griechen, welche die größten Meister des Styls so aufweisen konnten, waren zugleich vor andern Nationen wegen ihrer καινοσπουδὴ bekannt. Plato meisterte noch in seinem achtzigsten Jahre an dem neuen Tone seiner Dialogen: διαλόγους εβοστρύχιζε, wie sich Dionysius von Halicarnaß ausdrückt. Thucydides strebte in den sieben und zwanzig Jahren, da er an seinen acht Büchern vom Peloponnesischen Kriege arbeitete, nach nichts so sehr, [327] als nach jener abstechenden καλλιεπεια, die durch den übergrossen Fleiß, den er darauf verwandte, zuletzt so raffinirt klang, daß sie sogar auf gemeine Köpfe ihre Wirkung verlohr, ob ihr gleich die Kenner einen ausnehmenden Reiz zugestanden. Selbst Xenophons Simplicität, selbst Herodots Naivität haben jede ihre eigne Manier, die von dem Ton der Materie nicht wenig verschieden ist. Und überhaupt gehört alles hieher, was die Griechen Atticismus, die Römer Urbanität nennen.«

»Simplicität, Deutlichkeit, Würde, Eleganz – sind nichts als relative Ausdrücke, die nach den verschiednen Erfordernissen der Schreibart, eben so gut Tadel, als Lob, werden können. Es giebt frostige, tändelhafte, affektirte Simplicität: zweifeln Sie nicht daran; wir haben der Beyspiele genug. Deutlichkeit hat so verschiedne Grade in Beziehung auf die Leser oder Zuhörer, daß es unmöglich ist, sie in eine absolute Regel zu verwandeln. Nichts ist lächerlicher, als Würde am unrechten Orte, und Eleganz eines Gesetzes wäre das Schlimmste, was man von einem guten Gesetz sagen könnte.«

»Simplicität, spricht der Eine, 1 hat ihren Sitz in einem gewissen körnigten Ausdruck, wo jeder Gedanke eine geziemende Ausdehnung besitzt. Kein Wunder, daß für ihn der körnigte, geziemende Einfall der Sevigne – die Kanone, die den Marschall Turenne tödtete, war von Ewigkeit her geladen! – ein Ingredienz derjenigen Schreibart seyn soll, deren Hauptcharakter ihm Simplicität ist. Sie ist nicht die blutreichste, lehrt uns ein Andrer, 2 aber Säfte hat sie genug, um, wo nicht von der stärksten Natur, doch vollkommen gesund zu seyn. Sehr wohl! Nun komme ein Arzt der guten Schreibart, und messe uns diese Säfte aus, und fingre an ihrem Pulse. Ich fürchte, ich fürchte, es giebt der Kranken mehr, als [328] der Gesunden, wo der Ausspruch so zweifelhaft wird. Noch ein Andrer, oder vielmehr Derselbe, 3 rühmt ihre glänzen de Eleganz, ihre studirte Nachläßigkeit, ihr ganzes Geräth des Aufputzes. Wahrhaftig, durch solche Zusätze kann man aus einer Sache machen, was man will, und Shaftesbury ist dann ein so simpler Skribent, als einer in England. Warum nicht lieber gerade heraus gesagt, daß Simplicität des Styls keinen einfachen Begriff habe? daß sie von Zweck und Ort abhange? daß sie angemessen und nicht angemessen seyn könne?«

»Man sieht selten recht, wenn man sich zu sehr an das vielfarbigte Licht der Theorie gewöhnt hat, und statt eines Urtheils von der Sache ein Kunstwort vorschiebt. Wenn Dionysius der Tyrann eine Jungfer einmal nicht πάρϑενον, sondern μένανδρον, μενεκραήτην nannte, mußte ihn darum Athenäus unter dem Vorwande der καινοσπουδὴ verlachen? Ist denn eine Jungfer das nicht, und ist sie es nicht gerne? Cicero 4 würde seinem Freunde Varro eine wunderliche Höflichkeit gesagt haben, wenn [329] καινοσπουδὴ allemal Affectation wäre. Es ist gut, es ist nützlich, einseitige Beobachtungen von Zeit zu Zeit in ihre wahre Gränzen zurück zu weisen, daß die Klüglinge sich nicht Meister dünken, wenn sie im Grunde nur mit Kunstwörtern meistern. Es würde weniger Mißverstand unter Autoren und Lesern seyn, wenn beyde sich die Mühe gäben, zu untersuchen, was die Natur der Sache, und nicht, was die Bemerkung dieses oder jenes alten Kunstrichters erfodre.«

»Die meisten Betrachtungen der Kunstrichter sind aus dem Grossen geholt; und nirgends findet mehr Täuschung der Ideen statt, als in Aufsuchung der Fehler. Der Fehler lag oft in der Empfänglichkeit des Lesers, und man sucht ihn lieber ausser sich, als in sich selbst. Der Fehler lag oft im Ganzen, und der Kritiker sucht ihn im Einzelnen; er merket nicht, wie weit er noch zurückgehen müsse, um sich die Ursache von dem Miston anzugeben, der ihm erst in einer sehr unschuldigen kleinen Stelle anstößig ward.«

»Ein Kopf, der von seiner Materie voll ist, sieht Verhältnisse und Umstände, die dem Andern, der sie als ein Fremder ansieht, gar nicht aufstossen. Er sollte erst denken lernen, wies sein Autor gelernt hat, ehe er sich untersteht, über ihn zu richten.«

»Ihr Spötter, fuhr E** fort, betrügt uns zu plump, wenn er uns überreden will, daß sein Johnson mit dem Lexiphanes der Griechen in einerley Falle sey. Der letztere ist ein Mensch, dem ein gutes Brechmittel heilsamere Dienste thut, als die beste Kritik, ein Mensch, der die abgeschmackteste Art mit den abgeschmacktesten Worten sagt. 5 [330] Wie entfernt Lucian gewesen sey, diese Kakozetie eines Verrückten mit jenem Originaltone, den seine Nation liebte, zu verwechseln, weiß ein Jeder, der den Dialog gelesen hat, worin er einen Prometheus der Worte, (er selbst war das Muster dazu), so gar bis auf die Caprizen der Schreibart, vertheidigt. Und so ein Prometheus, in der edelsten Bedeutung, ist Johnson. Mit dem tiefsten Verstande, den ihm auch sein Tadler selbst nicht abzuparodiren wagt, verbindet er einen Geschmack, eine Kenntniß seiner Sprache und ihrer Bedürfnisse, worinn nur wenig Engländer mit ihm wetteifern können. Niemand ist in der Wahl seiner Ideen, ihrer Anordnung und Ründung, ihrer innern Ausbildung, (denn es giebt auch eine innere vom Ausdruck unabhängige, Ihrem Parodisten ganz unbekannte, Eleganz) bewunderungswürdiger. In seinem Ausdruck oft neu zum Wohlklang, noch öfter neu durch die seltne Richtigkeit seiner Vorstellungen, niemals selbst in den kühnsten Windungen und Gängen, über die Schranken der guten Prose ausschweifend: wenn so ungemeine Züge der Composition keinen klaßischen Scribenten ausmachen, wer ist es denn?«

Herr *** erröthete und lächelte, als wollte er sagen: Ich bin es, Ich, der ich sein fliessend schreibe, und mit allem dem Zeuge da mir den Kopf niemals zerbrochen habe! Er nahm seinen Hut mit einer kalten Gleichgültigkeit in die Hand, bückte sich aufs verbindlichste gegen uns alle, und weg ging er.

Fußnoten

1 Batteux IV. S. 307.

2 Cic. De Orat. 22. Etsi enim non plurimi sanguinis est, habeat tamen succum aliquem oportet, vt, etiamsi illis maximis viribus careat, sit, vt ita dicam, integra valetudine.

3 Id. ib. Illa enim ipsa contracta et minuta non negligenter tractanda sunt, sed quaedam etiam negligentia est diligens. Nam vt mulieres esse dicuntur [lll] nonnullae inornatae, quas id ipsum deceat, sic haec subtilis oratio etiam incomposita delectat. Fit enim quiddam in vtroque, quo sit venustius, sed non vt appareat. Tum removebitur omnis insignis ornatus, quasi margaritarum, ne calamistri quidem adhibebuntur; fucati vero medicamenta candoris, ruboris, omnino repellentur.

Elegantia modo et munditia remanebit, acutae crebraeque sententiae ponentur, et nescio vnde ex abrupto erutae.

Verecundus erit vsus oratoriae quasi supellectilis. Supellex enim est quodammodo nostra, quae est in ornamentis, alia rerum, alia verborum. Huic generi orationis aspergantur sales, qui in dicendo mirum quantum valent: quorum duo genera sunt vnum facetiarium dicacitatis etc.

4 Tu vero, Varro, bene etiam meriturus mihi videris de tuis civibus, si eos non modo copia rerum auxeris, vt effecisti, sed etiam verborum. Audebimus ergo nois verbis vti, te auctore, si necesse erit. Man lese die ganze Einleitung der Acad. quaest., die sehr merkwürdig ist.

5 Ζητῶ προς εμαυτον, ὁπόϑεν τὰ τοσαῦτα κακὰ συνελέξω, καὶ εν ὁπόσῳ χρόνῳ καὶ ὅπου κατακλείσας ειχες τοσοῦτον εσμον ἀτόπων καὶ διαστρόφων ὀνομάτω. Luc. Lexiph. Tom I.p. 834, edit. Graeuii. Der grosse Fehler des griechischen Lexiphanes war, daß er sich in beständiger Verlegenheit fand, nicht etwa Worte zu seinen Begriffen, welches schon schlimm genug wäre, sondern Begriffe zu seinen Worten zu finden; da hingegen Johnson gemeinen Lesern, die nicht gerne denken, gerade durch den hohen Grad, womit er alles auszudrücken weiß, was er will, vielleicht am anstössigsten ist. Καὶ μὴν κἀκεινο ου μικρον, μαλλον δὲ το μέγιστον ἁμαρτάνεις, ὅτι ου᾽πρότερον τὰς διανοίας τῶν λέξεων προπαρασκευασμένος, επειτα κατακοσμεις τοις ῥήμασι, καὶ τοις ὀνόμασιν, ἀλλ᾽ ἤν που ῥημα εκφυλου εὕρης, ἢ αυ᾽τος πλασάμενος οιηϑης ειναι καλον, τούτῳ ζητεις διάνοιαν εφαρμόσαι, καὶ ζημίαν ηγη, ἂν μὴ παραβύσης αυτο, κᾂν τω λεγομένῳ μηδ᾽ ἀναγκαιον ᾖ. ib. p. 838.

Schlechte Einrichtung des Italienischen Singgedichts
[331] Schlechte Einrichtung des Italienischen Singgedichts. Warum ahmen Deutsche sie nach?

Da Sie jetzt an einen Ort gereist sind, der unter den deutschen Städten wegen seines Geschmacks an der Musik berühmt ist: so wünsche ich, daß Sie mir über folgende Fragen den Unterricht eines Kenners verschaffen: vorausgesetzt, daß Sie einen finden, der weder zu viel, noch zu wenig Musikus ist, sie im ersten Falle für allzu liebhaberisch, im andern für allzu vorwitzig anzusehen, als daß er sie einer Antwort würdigen sollte.

Ich möchte also gern wissen,

1) Ob nicht die Natur des Gesanges darin bestehe, daß er die Worte, deren er sich als Zeichen bedient, in Tongemälde der Empfindung verwandelt;

2) Ob nicht hieraus folge, daß Deklamation in keinerley Bedeutung Gesang heissen könne, so lange sie ihre Worte nur als Zeichen, und nicht als solche Gemälde vorträgt;

3) Ob nicht also auch das Recitativ, welches seine Grundsätze aus der Deklamation herleitet, von einer ganz andern Natur, als der Gesang sey. Und wenn alles das folgt:

4) Ob in Werken, die eigentlich darauf angelegt sind, daß sie eine Welt nachahmen, wo Alles durch Gesang ausgedrückt wird, so heterogene Theile, als Recitativ und Arie, nicht eine schlechte Composition geben.

[332] Mehr will ich nicht fragen, sondern einige Anmerkungen hinzufügen, meine Meynung näher zu entwickeln.

Die erste Beobachtung, die sich mir darbeut, und, wie es mir vorkömmt, schon gleich nicht wenig entscheidet, ist, daß die Deklamation auf jede einzelne Sylbe niemals mehr, als einen einzelnen Ton setzt, der Gesang aber das Gegentheil thut. Ich zweifle, daß es eine Nation in der Welt gebe, die im Reden, als Reden, ihre Sylben durch zwey oder mehr Töne in eine Notenfigur breche; wenigstens habe ich in keiner Reisebeschreibung etwas dergleichen erwähnt gefunden. Was man eine singende Aussprache, z.E. der Chineser, nennt, bezieht sich nicht hierauf, sondern auf die Intervallen der Töne, die bey einigen Völkern weiter, abstehender, sind, als bey andern.

Und eben daraus ziehe ich eine zweyte Bemerkung, – daß die Deklamation in ihren Intervallen enharmonischer 1 Art sey, weil wir eine mehr chromatische oder diatonische Aussprache schon eine singende nennen. Einige Theoristen haben daher nicht ohne Ursache die eingeführte Tonleiter auf den Umfang der natürlichen Aussprache 2 einschränken, und die halben Intervallen noch um die Hälfte vermindern wollen, damit das Recitativ dadurch, wie in der theatralischen Deklamation der Alten, an der Wahrheit seines Ausdrucks gewinnen möge. Ehe ich aber Gebrauch von diesen beyden Beobachtungen mache, lassen Sie mich versuchen, ob ich mit Ihnen oder [333] unsrem Kenner, in dem Begriffe eines Gemäldes der Empfindung, eines Tongemäldes, und eines Wortzeichens, übereinstimme.

Innere Seelenwirkungen sind nie von aussen her, nie durchs Organ empfunden worden, und können darum auch kein organisches Bild werden, wie die Gegenstände der Augen, die uns dadurch, daß wir sie sehen, wirkliche Augenbilder werden: ein Maaß, womit wir jede andre Copie des Gegenstandes vergleichen können.

Da sich aber innere Seelenwirkungen vermittelst eines organischen Körpers äussern, so können wir gleichwohl diese Aeusserungen als Bilder brauchen, woran wir die Empfindungen, die in dem Herzen eines andern vorgehen, symbolisch erkennen. Zu ihnen gehören die Töne.

In den Tönen unterscheiden wir zweyerley: den Ton und die Bewegung. Einzelne Töne malen die Seele durch ihren Accent, eine Reihe von Tönen durch Accent und Bewegung zugleich. Schrecken bricht in Geschrey, Schmerz in Gewimmer, Traurigkeit in Aechzen, Verlangen in schmachtende Seufzer aus. Aber Schrecken, Schmerz, Traurigkeit, Verlangen etc. haben auch ihre eigenthümlichen Bewegungen, wie innerlich im Herzen, so äusserlich in den Tonfolgen. Bewegung ist überhaupt, wie Aristoteles 3 sehr gut anmerkt, vorzüglich eines sittlichen Ausdrucks.

Töne sind Zeichen, Worte sind auch Zeichen, nur auf eine andre Art.

Worte können theils als Töne, theils als Ideen betrachtet werden. Eine jede Idee, die ein Wort wird, ist eine bestimmte Modification unsrer Seele, das Resultat, nicht das Resultirende: oder, um mich durch eine Vergleichung zu erklären, die Ziefer, erst dann auf dem Uhrblatt angedeutet, nachdem in der Uhr diejenigen mechanischen Veränderungen vorhergegangen sind, die diese und keine andre Zahl auszeichnen. Das Wie dieser Modificationen ist niemals ein Wortbegriff, sondern wird es erst durch [334] die Verbindung mit jenen malerischen Aeusserungen, Handlungen, Minen, Gebehrden, Accenten, Tonfolgen etc. Nehmen Sie Worte, welche Sie wollen, Worte, die noch so resultirend scheinen; Sie werden immer finden, daß sie nur Resultate sind. Lesen Sie z.E. – Mein Herz wallt von Liebe, – Furcht und Hoffnung kämpfen in meiner Seele – Jede Entzückung strömt meinem Herzen zu: – Dieses Wallen, dieses Kämpfen, dieses Zuströmen ist Ihnen doch nur ein Zustand, wozu Ihnen das Wie fehlt. Hören Sie aber den Ton der nämlichen Worte, Accent, Modulation; sehen Sie die Mine, mit der ich sie ausspreche: – So, ach! so wallt mein Herz von Liebe! – So kämpfen Furcht und Hoffnung in meiner Seele. – So strömt jede Entzückung meinem Herzen zu. – Oder lassen Sie auch bloß Ihre Phantasie wirken; malen Sie sich den Ton, den Sie schon sonst gehört, die Mine, die Sie schon sonst gesehen, in der Einbildung vor; lassen Sie alle die innern Triebfedern springen, die in Ihnen schon sonst ähnliche Empfindungen hervorgebracht haben. Nicht weil Wallen, Kämpfen, Strömen eine Idee von etwas Resultirendem in Ihnen anregen, empfinden Sie es auch wirklich als resultirend; nein, diese Idee steht mit Ihrer Seele in einem weit andern Verhältniß, als mit der meinigen: soll sie ganz das Ihnen seyn, was sie mir ist, so müssen Sie den Gang der Empfindungen erst so durchwandeln, wie ich ihn selbst durchgewandelt bin; dazu die Bewegungen meiner Stimme und meiner Gebehrden, dazu das Bild der Phantasie, das Ihnen die Erfahrung oder die Anlage Ihres eignen Herzens anbiethet.

So wird aus Worten, aus Resultaten, das Tongemälde der Empfindungen, das Resultirende: wie ist daraus der Gesang entstanden? Sie trauen mir hoffentlich zu, daß ich Sie hier nicht auf die Frage zurückführen wolle, wie und wovon der erste Mensch gesungen habe: was wir nicht wissen können, mag ich nicht untersuchen. Entstehungsart des Gesanges heißt mir jetzt derjenige Zustand des Herzens, in welchem der Mensch natürlicher Weise zu singen pflegt.

[335] Dieses ist, deucht mir, kein andrer, als das Vergnügen. Natürlicher Weise singt man nicht, daß man Nahrungssorgen habe, daß man hasse, daß man fürchte. Man singt freylich in schwermüthigen Augenblicken: allein nur alsdann, wenn Schwermuth mit angenehmen Empfindungen der Hoffnung, des Gegenstandes etc. untermischt ist; und das sind gerade die wollüstigsten Augenblicke, deren das menschliche Herz geniessen kann. Ist, frage ich, dieser natürliche Gesang immer ein Tongemälde der Empfindungen? So wenig, daß er nicht nur äusserst willkührlich, sondern oft sogar das Widerspiel derselben zu seyn scheint. Das Singen drückt den Zustand unsers Herzens aus, und drückt ihn auch nicht aus; es drückt ihn aus, als Singen, und drückt ihn nicht aus, als Gesang.

Sie merken nun schon, daß noch Etwas hinzukommen müsse, wenn der Gesang das seyn soll, was unsre Idee von ihm erschöpft; und dies Etwas, mit einem Worte, ist zweckmäßige Nachahmung. Folglich, durch bestimmte Mittel. Durch welche?

Wir haben gefunden, daß alle menschliche Töne sich auf Accent und Bewegung zurückführen lassen; daß Accente einzelne natürliche Ausbrüche des Herzens sind; daß Tonbewegung theils die Aussprache der Worte überhaupt, theils die Aussprache der Sylben insbesondere erweitert, jenes durch ein abstehendes Intervallensystem, dieses durch Brechungen und Dehnungen. Wir finden aber auch, daß mit diesen ersten Tönen der Empfindung viele andre Töne verwandt sind, die sich willig mit ihnen vermählen, und das Rudiment des Bildes nach Zwecken der Nachahmung auszumalen dienen. Hiezu bequeme Zeichen, welche das succeßive Gemälde auf einmal als Resultat bestimmen: Worte; – so haben wir die unterscheidenden Merkmale des Gesanges beysammen. Ich verlange nicht weitläuftig zu zergliedern, was von selbst einleuchtet.

Nachdem man solchergestalt den natürlichen Gesang durch Grundsätze zur Kunst erhöht hatte, so sah man, daß sich in den nämlichen Plan noch eine gute Anzahl [336] Empfindungen hereinbringen liessen, die zwar nicht dem natürlichen Gesange eigen wären, aber doch die Haupteigenschaft des Gesanges hatten, einer Nachahmung durch Töne fähig zu seyn. Obgleich also Haß, Rache, Verzweiflung u.d. gl. keine unmittelbare Gegenstände des Singens sind; so hat ihnen doch die Natur ihre eigenthümlichen Tonbewegungen verliehen, wodurch sie sich über den Ausdruck der Sprache erheben, und Gesang werden können. Die Schranken zogen sich allmählig weiter aus einander. Ausser den Tönen der menschlichen Stimme besitzt die Natur einen Reichthum an Schall, der mit den innern Saiten unsrer Empfindung oft stark zustimmt. Auch die Nachahmung solcher Töne kann Gesang werden, indem sie sich in Gemälde der Empfindung abändern. Endlich hat man aus der Erfahrung gelernt, daß, sowie die Orchestik der Alten zuletzt die Gegenstände ihrer Nachahmung aus der ganzen Natur, so entfernt sie auch von der Gelehrtensprache seyn mochten, ohne Unterschied hernahm, so auch Dinge, die weder Schall noch Empfindung haben, dennoch gar wohl besondre Gegenstände der Tonkunst werden können. Selbst der philosophische Rousseau 4 spricht von dieser letzten Erweiterung, als von einem ausserordentlichen Fluge des Genies. Mir deucht gleichwohl, daß die Kunst nicht unzufrieden seyn würde, wenn ihre Genien manchmal in der Wahl ihrer Gegenstände nicht gar zu sicher wären, und die Musik nicht gleich zu bereichern glaubten, so bald [337] sie etwas in Töne gebracht zu haben scheinen, was kein Mensch sich hätte einfallen lassen, für ein musikalisches Objekt zu halten. Ich wenigstens sehe nicht ein, was z.E. eine Oper bey der Vermählung des Dauphins durch eine Symphonie gewinne, die ein Feuerwerk nachahmt, wie Rameau einmal zur Belustigung des hohen Brautpaars seinen Franzosen ein so erstaunliches Feuerwerk abgebrannt hat. Daß eine steigende Rakete gewisse Empfindungen veranlassen könne, die musikalischen Ausdruck vertragen, begreife ich; so begreife ich auch, daß das Steigen der Rakete, da es eine Bewegung ist, eine Reduction auf gewisse Bewegungen des Herzens, die sich in Töne bringen lassen, verstatte: aber ob das den Virtuosen berechtige, seiner Kunst mit jeder entfernten Wirkung zugleich die Nachahmung jeder wirkenden Ursache anzumassen, mag Ihr Kenner entscheiden. Keiner Kunst sind feste Schranken, welche man, wenn sie einmal mit reifer Ueberlegung gesteckt worden, nie überschreiten sollte, so nothwendig, als der Musik. Die Musik hat in den Werkzeugen ihrer Nachahmung so eine Menge von Mitteln, die alle, wenn man nicht beständig Rücksicht auf die Bestimmung der Kunst nimmt, so leicht kleine Hauptzwecke werden können! Wenn der Eine nur beschäftigt ist, gewisse verborgne Eigenschaften seines Instruments hervorzulocken; der Andre, zu zeigen, auf wie mancherley Art man die einzelnen Stimmen in einander verwickeln; der Dritte, wie man einen Satz, der nichts sagt, bald so, bald anders vortragen könne; wenn man anfängt, nur das für Kunst zu halten, was die Aufmerksamkeit vom Ganzen auf die Theile hinzieht; wenn so der Musikus in beständige Collusion mit der Musik geräth, und dies und jenes zur Absicht macht, was durch eine Bearbeitung, wozu Talente erfordert werden, höchstens nur Nachsicht verdient: so kann man schwerlich sagen, daß die Kunst grosse Schritte zu ihrer Vollkommenheit thue, es sey denn, daß man das Raffinement der Nebenzwecke auch wirklich auf die Erreichung des Hauptzwecks anwende. Unser Jahrhundert hat vor dem vorigen, wo nicht Genie, [338] doch unstreitig Geschmack und Untersuchung voraus: eine kleine Erschütterung würde der Musik vielleicht jetzt mehr als jemals gelegen kommen, um so viel gelegner, wenn die Anmerkung einiger großen Meister wahr ist, daß sie sich ihrem Verfall nähere.

Sie werden mir hier vielleicht vorwerfen, daß ich einen Sprung von meiner Materie thue, indem ich von der musikalischen Nachahmung des Gesanges reden sollte. Allein der Sprung ist nicht so sehr Sprung, als er wohl scheint. Ich weiß nicht, ob die Instrumentalmusik, die wir größtentheils mit unsern Gesängen verbinden, die Theorie des Gesanges nicht gar zu zweydeutig gemacht habe. Seitdem man die Worte durch Instrumente unterbrechen, und das musikalische Gemälde durch andre Töne, als die menschlichen, ausführen gelernt, hat sich nicht allein das Feld der singbaren Nachahmung weit über seine alten Gränzen ausgebreitet, sondern das Zufällige des Gesanges, die Instrumentalmusik, ist offenbar mehr als zufällig geworden, und wird unvermerkt bald vollends das Wesentliche werden. Man fängt wirklich hin und wieder schon an, die Arie nicht mehr als ein Ganzes, worin der Sänger von den Instrumenten bloß unterstützt, seine Leidenschaften und musikalischen Ideen aus drückt, zu betrachten: umgekehrt, der Ausdruck der Leidenschaften wird ein Spielwerk der Instrumente, und die menschliche Stimme dient nur noch, so zu sagen, zum Epigraph instrumentalischer Gemälde. Darmsaiten haben singen gelernt; das ist schon recht; aber der Sänger hat es verlernt; und das ist nicht recht: er will, statt zu singen, deklamiren, ja auch das will er nicht einmal, er will sein stückweises Zuzählen eines Bischen Text für Deklamation gehalten wissen; und das ist schlimmer, als alles übrige.

Der Sänger, höre ich Sie mir zurufen, hat deklamiren gelernt? Wohl uns! Desto besser! Eben das hat uns gefehlt! Worte sind nicht gemacht, um durch eine ungeheure Menge Noten in Gemälde gezerrt zu werden: sie sollen Zeichen unsrer Begriffe seyn; verwandelt man [339] sie in Coloraturen, so sind sie weder das Eine noch das Andre: nicht Zeichen, denn man versteht sie nicht; nicht Gemälde, denn man weis nicht, was gemalt wird.

So geradezu möchte ich das Dilemma doch nicht einräumen. Die Ausübung der besten Meister beweist, daß es an Mitteln nicht fehle, Beides mit einander zu vereinigen. Sie vertheilen den Ausdruck der Empfindung auf die ganze Reihe von Worten, aus denen es zusammengesetzt ist, dergestalt, daß diese Worte zugleich als Zeichen vollkommen deutlich, und als Gemälde vollkommen empfindbar, das ist, daß sie das werden, was jedes nach seinem Zweck seyn soll und seyn kann, Gesang. Oder, wenn sie ein tönendes Wort haben, worauf sie das Gemälde legen wollen, so bemühen sie sich, entweder es so zu stellen, daß es aus dem Zusammenhange verständlich wird, oder sie lassen es als Zeichen vorhergehen, ehe sie es als Gemälde vortragen. Mich dünkt also, man könne nicht behaupten, das Wort werde auch da wider seinen Zweck gebraucht, wo doch in der That der Zweck erreicht wird, nämlich, daß der Zuhörer es beides als Zeichen versteht, und als Gemälde empfindet. Und nun möchte ich Ihren Satz so umkehren. Der Sänger will declamiren, anstatt zu singen? Er thut aber keines von beiden. Er declamirt nicht: denn itzt ein halbes Comma, und nach ein paar Takten, wenn die Instrumente genug gemalt haben, wieder ein halbes Comma, hier ein eingeschobnes Wort, und da eins, und nichts im Grunde als Randglossen zu einer fremden Musik-Sprache; heißt das declamiren? Auch singt er nicht; denn die Knäuel herreichen, woraus der Weberstuhl nebenan das Zeug macht; heißt das weben? Ich will zugeben, daß eine Arie nicht anders, als Eins aus Zweyerley, ein Gemälde aus Worten und instrumentalischen Klängen zusammengesetzt, beurtheilt werden müsse: aber warum wollen wir denn vergessen, daß auch die menschliche Stimme ein vortrefflich musikalisches Instrument sey, daß Töne unsrer Stimme ein viel unmittelbareres Bild geben, als Töne selbst der sprechendsten Geige, und daß es uns näher angehe zu wissen, was der [340] Mensch fühlt, als was ein Stück Holz fühlt? Die Instrumental-Musik hat eigenthümliche Reizungen genug, als daß es nöthig wäre, ihr zu Gefallen den Gesang zu verdrängen. Sie fasse die zarten Fäden unsrer Leidenschaften auf und verwickle uns nach und nach in ein Zaubernetz von Tönen, aus dem wir uns ungerne losreissen, wo in künstlichen Entzückungen eine schöne Phantasie die andre verjagt, wo ein Meer von Harmonien um uns herwallt, und unsre Seele in Empfindungen zerfließt, die ihr namenlos sind.

Nachdem ich hinlänglich gezeigt zu haben glaube, was ich für Gesang halte, so werde ich nicht viele Worte verliehren dürfen, Ihnen zu beweisen, was ich nicht dafür halte. Das beste Recitativ, gesteht sogar Rousseau, der sich so viele Mühe gegeben hat, es gegen die Arie zu vertheidigen, ist das, worin man am wenigsten singt. Es ist lächerlich, Recitiren Singen zu nennen. Man spreche entweder, wie sichs gebührt, oder singe lieber gar: beydes zugleich geht nicht an. Ist die Sprache, worinn man sich ausdrücken will, einmal gewählt, so bleibe man dabey: sie mitten in der Rede mit einer neuen vertauschen, was heißt das anders, als deutsch und französisch unter einander stottern? – Sonderbar, wie eben der Mann, der itzt so richtig urtheilt, so wenig Herr über seine Vorurtheile ist, daß er einen Augenblick darauf mit andern Worten schon das Gegentheil behauptet. – Das Recitativ, fährt er fort, muß nur dienen, die Contextur des Drama zu verbinden, die Arien durch den Contrast zu verschönern, und der Betäubung vorzubeugen, welche das beständige Geräusch unvermeidlich nach sich ziehen würde. – Wie? Singen und Reden sind zwey verschiedne Sprachen, die sich nicht zusammen vertragen: und nun nimmt sich die eine durch ihre Verbindung mit der andern nur desto besser aus. Wenn es wahr ist, daß eine Reihe von Arien unvermeidlich betäuben muß – Wenn es wahr ist? Allerdings! spricht Rousseau. Eine Oper von lauter Arien würde eine eben so schlimme Wirkung thun, als eine einzelne Arie, die so lang wäre, als eine ganze Oper – Das doch wohl [341] nicht! Eine einzelne Arie, die nur Ein Bild, Eine Situation, ausmalt, ist doch wohl nie völlig eben das, was eine Reihe von Arien, wo vielerley Gemälde und Situationen abwechseln. Aber es sey! Lauter Arie ermüde und betäube uns. Hat denn die Musik, diesem Uebel vorzubauen, keine Hülfsmittel in sich selbst? Muß sie darum zu einem ganz fremden Mittel ihre Zuflucht nehmen? Welche andre Kunst des Geschmackes hat sich das jemals erlauben dürfen? Und wo ist die Nothwendigkeit? Giebt es nicht Grade der Nachahmung? Sind alle Empfindungen, die dem Gesange angehören, einerley Stärke des Ausdrucks, einerley Klarheit, einerley Umfanges fähig? Ist der Virtuos nicht Meister seines Stoffs? Kann er seine Partien nicht so anordnen, wie sie sich wechselsweise aufstutzen und verschönern? einige durch ein schwaches Licht mildern, andre mit der vollen Fackel des Genies erleuchten? Muß er darum aus seiner Sphäre herausgehen? Giebt es keine Arietten, Cavatinen, Ariosen, Stanzen? Giebt es kein Recitativ obligé, das im eigentlichen Verstande Gesang ist? Giebt es nicht vielleicht noch viele andre Gattungen des Gesanges, an die man nur darum nicht gedacht hat, weil man immer nur einerley elende Cantatenform im Gesicht hatte, wovon man nicht abweichen zu dürfen meynte?

Damit will ich keinesweges das Recitativ verwerfen.

Wo, wie in den Trauerspielen der Alten, nicht der Gesang, sondern die Recitation den Ton des Werks bestimmt; wo, wie im gemeinen Leben, ein Lied bloß zufällig gesungen wird; wo Recitiren nur ein tonvolleres Sprechen, nicht, was es niemals seyn kann, durch tonvolleres Sprechen so schon Gesang seyn will; wo der Musikus beständig den wesentlichen Unterschied vor Augen hat, der zwischen einer Ideensprache durch Töne, und einer Sprache der Empfindungen durch Tongemälde herrscht; nicht Recitationssylben, in figurirte Gesangsylben, nicht sanft in einander fliessende Tonfolgen der Aussprache in springende, schwebende, hüpfende Modulationen auskünstelt, nicht ein Gemisch von Monogramm und Coloratur für Einheit der Malerey, kein [342] Unding aus verworrnen Tongängen, das weder recht spricht, noch recht singt, für natürliche Melodie der Deklamation ausgiebt; kurz, wo Recitation wirklich die schöne Natur der menschlichen Rede, nicht mehr und nicht weniger, ist: da geniesse das Recitativ, bey uns so gut, wie bey den Griechen, aller seiner Rechte, uneingeschränkt. Man mache immerhin Recitative; man mache sogar eine besondre Gattung recitativischer Opern, der die lebhafteste Accentuation der Aussprache, wie sie nur je bey den Griechen oder bey den Chinesern statt findet, zum Grunde liegt: nur mache man aus Recitativ und Gesang kein widersinniges und geschmackloses Ganze. Sie hätten mich wahrlich sehr unrecht verstanden, wenn Sie meinen Widerwillen gegen das Recitativ imSinggedicht mit der tändelhaften Abneigung einiger Dilettanti verwechselten, die allenthalben singen und singen hören wollen, auch wo am wenigsten der Ort dazu ist. Ein gut gearbeitetes Recitativ gilt mir alle- allemal mehr als die klingendste Arie, die nur klingt. Das gute Wort Cantabel, das man jetzt so unbescheiden zu misbrauchen anfängt, das alle Kraft der Instrumental-Musik zu lähmen, und den wenigen Ausdruck, der noch in unsrer Singekunst übrig ist, bald vollends zu entnerven droht, findet an mir einen sehr mäßigen Bewunderer. Ich muß Ihnen sogar unter uns ganz heimlich, (denn wer würde nur so was heutiges Tages vergeben?) Ihnen muß ich gestehen, daß ich ein einziges


Awful pleasing Being, say

If from Heav'n thou wing'st thy way,

ein einziges

Father of Heav'n from thy eternal Throne

Look with an Eye of Blessing down


des männlichen, erhabnen, des deutschen Händel 5 mit samt seinem unmelodischen Eigensinn, oder wie man es sonst nennen will, weit über alles Geklingel der neuern Italiener setze, was ich kenne. Es ist so wenig der Mangel [343] an Melodie, was mir am Opern-Recitativ misfällt, daß mir vielmehr die Erniedrigung desselben am meisten nahe geht, da man es erst für eine Art von Gesinge verkaufen zu müssen glaubt, wenn es Liebhaber finden soll.

Wir rühmen uns, und wie es scheint, nicht ohne Grund, den bessern italienischen Geschmack in der Singcomposition geschaffen zu haben. Sollte es denn wohl einer so schöpferischen Nation, als die deutsche, (und sie ist es gewiß, sogar in hohem Grade, der deutschen Nachahmer ungeachtet) sollte es der wohl würdig seyn, die offenbar schlechte Einrichtung des Hauptwerks der Musik bloß darum beyzubehalten, weil sie so und nicht anders aus den alten Madrigalen der Franzosen und Italiener entstanden ist. Welch ein Werk könnte die Oper seyn! welch ein Werk, wenn man sich gleich Anfangs um die Franzosen und Italiener, und ihre alten Madrigale, und ihre gothischen Begriffe unbekümmert gelassen hätte! welch ein Werk, wenn man noch itzt die eigenthümliche Welt der Oper, (ich meyne hier weder Götter, noch Feen, noch Sylphen, noch Zaubrer, ich meyne die Welt einer edlen und der Gottheit würdigen Imagination), so zu nutzen versuchte, als schon das blosse Ideal derselben die brüderlichen Genien der Dichtkunst und der Tonkunst dazu einladet.

Fußnoten

1 Der Zweydeutigkeit des Worts wegen merke ich an, daß ich es hier im Sinne der Alten nehme, welche das enharmonische Klanggeschlecht für das erste und natürlichste unter den dreyen hielten, weil sie es ohne Beziehung auf Harmonie bloß nach der sanften Folge der Töne beurtheilten und ausübten; da es hingegen nach dem Sinne der Neuern, die es nur vermittelst der Harmonie herausbringen können, künstlicher als die beyden andern ist. S. Historischkritische Beyträge zur Musik II. 278. Rousseau Dict. De Musique Art. Enharmonique, Voix, Genre etc. Du Bos Reflexions III. 9.

2 Man macht noch einen Unterschied unter dem Tone der Aussprache, und dem Tone der Deklamation, der eine genaue Untersuchung verdiente.

3 Problem. sect. XIX. 27. 38.

4 Ne cherche point, jeune Artiste, ce que c'est que le Génie. En as-tu: tu le sens en toi-même. N'en as-tu pas: tu ne le connoitras jamais. Le Génie du Musicien soumet l'Univers entier à son art. Il peint tous les tableaux par des sons; il fait parler le silence même. – Il exprime avec chaleur les frimats et les glaces. Dict. De Musique. Art. Génie. Ebenso enthusiastisch drückt sich jener Liebhaber beym Aristenät über die Fähigkeiten einer mimischen Tänzerinn aus.Πολυμγίν, Ἀφροδίτην εχουσιν οἱ δεοί. Εκεινας ἡμις, ὡς εφικτον, ὑποκρίνεις ὑπ᾽ αυτῶν κοσμουμένη. Ὀνομασω ῥήτορα προσείπω ζώγραφον καὶ πράγματα γράφεις, καὶ λόγους παντοδαποῦς ὑποφαίνεις. Καὶ φύσεως ἁπάσης ενάργης ὑπάρχεις εἴκων. Lib. I. Epist. 26.

5 Händels songs selected from his Oratorios. Vol. I. n. 22. 7.

Uebersetzung einer Ode des Pindar
[344] Uebersetzung einer Ode des Pindar.

Die Uebersetzung dieser Ode ist ein blosser Einfall, den ich im vorigen Winter hatte. Es war mir oft nicht möglich, die vollkommnen Gewächse des Genies aus ihrem Grunde zu heben und sie in den unsrigen zu verpflanzen, sondern ich habe mich mit einigen Sprößlingen, die neben ihnen aufschossen, behelfen müssen. Pindar ist ein Beyspiel, was aus einer Sache wird, wenn sie ein Dichter behandelt. Der Zeug, den er bearbeitete, war nichts weniger als erhaben. Er aber schuf Gottheiten aus Leim und hauchte sie an mit dem warmen Leben seiner Seele. Ich werde zufrieden seyn, wenn dieser Feuergeist nicht ganz in meiner Uebersetzung erloschen ist.

Die grosse und feurige Einbildungskraft sieht allzeit sehr viel auf einmahl, und die Sprache, die das Zusammenseyn der Bilder in eine Folge auflößt, macht, daß die Seele Krümmungen in ihrem Gange machen muß, wenn sie Etwas von der Fülle der Gegenstände, die sich ihr zeigen, ausdrucken will. In diesem Labyrinthwege, der aus einer grossen Ueberschauungskraft entsprang, lag vielleicht der Grund, daß das Ganze einer Ode aus mehr Chören zusammengesetzt wurde, damit das folgende Chor die Bilder empfangen möchte, die das vorhergehende nicht fassen konnte. Oft hab ich mich ergetzt, wenn ich mir einen grossen Hörtempel vorstellte, und jede Strofe als ein Chor dachte, in voller Musik, von Tonkünstlern, welche die Seele kennen und alle Saiten auch die verborgensten zu treffen wissen, wie nach und nach der Silbersturm des [345] Gesangs von einem Chor zum andern das ganze grosse Stimmengebäude durchwandelt.

Die Sprache der Griechen überhaupt ist Wohlklang, aber die Sprache des Pindar vorzüglich die dorische Mundart ist volltönender als die andern. Mit diesem Wohlklange empfinden wir zugleich den schaffenden Dichtergeist, den schönen Ideengang, lyrische Wortstellung und Ideenversetzungen!

Unsere Sprache hat eine grosse Verwandtschaft mit der griechischen. Wir finden selbst viel griechische Worte in ihr. Sie hat einen starken männlichen Klang, und einige Worte sind besonders tönend, und es ist sehr zu bedauren, daß sie schon vieles von dem schönen Klange verlohren hat. Die Endsylben, die sonst in volltönende Selbstlauter ausflossen, stossen jetzt an Mitlauter an. Italien, das aus einer Völkervermischung von Römern, Teutschen und Gothen besteht, hat von den Endsylben seiner Stammsprache, welches die lateinische ist, die Mitlauter getrennt und unser häufiges o und a bekommen. Uebrigens hat sie auch eine grosse Gemeinschaft mit der Griechischen in den Ideenverbindungen, Wortfolgen und Versetzungen und ich glaube fast, daß die teutsche Sprache an Versetzungen unter den heutigen Sprachen ihrer Nachbaren die reichste ist, wenigstens ist es wohl von der englischen und französischen gewiß, und eben daher sind wir auch reicher an poetischen Ideenstellungen und also auch an lyrischen, und haben also auch eine Dichtersprache von weiterm Umfange, die mehr in ihr Gebiethe hineinzieht und bezeichnet, welches diejenigen, die ärmer sind, nicht thun können. Wir können daher auch lyrischer seyn und sind es, wie ich glaube, auch mehr als unsre Nachbaren. Der Engländer hat lyrisches Feuer, lyrische Bilder und lyrischen Schwung, aber es fehlt ihm an den mannigfaltigen lyrischen Ideenstellungen und Versetzungen. Daher ist der Gang oft Prose, wenn die Bilder Poesie sind. Der Franzose hat weniger, und vielleicht gar keinen lyrischen, ja vielleicht überall keinen dichterischen Geist. Seine Schönheiten sind Schönheiten [346] des Vortrags, er jägt nur dem Gezierten nach, und der Geist, der immer um die Eleganz buhlt, schwächt sich und verliehrt die große Schöpferkraft des Genies. Ihre Oden sind langweilige Tractätgen und Abhandlungen.

Es scheint, daß unsre Sprache in ältern Zeiten Versetzungen gehabt, die uns nun zu kühn dünken würden. Die Fragmente eines alten sächsischen Dichters, die mir zu Gesicht gekommen, scheinen dieses zu bestätigen. Das ist immer ein grosser Verlust, wenn man dergleichen verliehrt.

Je mehr Versetzungen ein Volk mit seinen Ideen vornehmen kann, desto mehr Ideenreihen hat es, desto mehr Richtungen und Gelenke hat sein Geist, und desto ausgedehnter wird auch sein Dichtergebiethe. Die Dichter dieses Volks können alsdann mehr Gedanken zum Zeuge für ihre Welt, ohne Verkörperung der Ideen zurichten und ihm blos durch die Stellung und besondere Ideengesellschaften, worin sie dieselben versetzen können, eine poetische Gestalt geben. Der Dichter, der immer gegen die starken Empfindungsmassen der Sinnenwelt anstreben, Sie um uns verdunkeln, die Aetherwelt seines Geistes in uns empfindbar machen, und ihre Idealgegenwart in eine Sinnengegenwart verwandeln muß, um die Aufmerksamkeit unsrer Seele zu erzwingen, sucht jeder einzelnen Vorstellung, jedem Gange der Vorstellungen so viel Intensität oder Empfindungsgehalt zu geben als möglich, um seinen Zweck zu erhalten, und jedes Gedicht daher, das allezeit ein Geschöpf einer lebhaften und aufgebrachten Seele ist, die ihre Gedanken Sinnenwärts treibt, hat seine eigenthümlichen, auffallenden Gedankenstellungen, die aber in der allgemeinen so Sprachverfassung gegründet sind. Je reicher daran die Sprache überhaupt ist, desto reicher ist auch die Dichtersprache, desto mehr Fähigkeit hat sie, die simplen Empfindungen und geistigen Gedanken des Verstandes auszudrücken und desto mehr kann das fehlerhafte Bilderhäuffen da verhütet werden, wo die Sprache der farbenlosen Empfindungen seyn sollte.

[347] Neunte pythische Ode.

Inhalt.


Diese Ode ist zum Ruhm des Telesikrates aus Cyrene gemacht, der im bewafneten Wettrennen den Sieg davon trug. Gleich anfangs singt der Dichter, daß die Vaterstadt seines Helden Ursprung und Namen von der Tochter des Hypsäus bekommen. Er besingt ihren Heldenmuth, mit dem sie die wilden Thiere erlegt, und daß Apollo, der sie in einem Löwenkampfe einmal angetroffen, sie bewundert, sich in sie verliebet und mit dem Chiron, der in dieser Gegend seine Felsenwohnung hatte, sich wegen ihrer Entführung berathschlaget, der ihm seinen Rath und seine Weissagung ertheilt, daß er sie nach Lybien bringen und sie ihm da einen Sohn, Namens Aristäus gebähren würde. Dieses geschieht, er bringt sie nach Lybien, Cyrene wird erbaut, es ist berühmt wegen der vielen Siege, die ihre Einwohner in den Kämpfen bisher erhalten haben. Diesen Schwung nimmt der Dichter wieder zu dem Telesikrates, der aufs neue durch einen Sieg in der Kampfbahn zu Python seine Vaterstadt berühmt gemacht hatte. Mit dem Lobe des persönlichen Ruhms seines Helden und des Ruhms seiner Vorfahren schließt sich das Gedicht.


Verkünde Lobgesang Den Pythussieger Telesikrat Im flammenden Erzschilde! ruf aus Mit der Stimme der tiefgegürteten Grazien ihn! Den glücklichen Mann! Die Krone des Ruhms Der Rossezähmerin Cyrene! Die, eine Jungfrau der Jagd, Aus den windlauten Hainthälern des Pelions, Lathoens Strahlen lockichter Sohn Im Sonnenwagen hintrug Hin eine blühende Herscherin sie! Wo aus dir, Afrika, dritte Weltwurzel du! [348] Heerdenvolle Weiden Und fruchtschwere Länder aufblühn!

Entgegen wandelte da Cytherens blendender Strahlenfuß Dem Wagen des Delosgebohrnen, und Still stand es das fliegende Göttergebäu, Als sanft auf ihn herab ihre Hand sank. Es führte sie hin zum Brautgemach Venus Und legt Ihnen die holdselige Keuschheit Auf das heilige Zeugebette Die Schöpferin der Liebe des Gottes Und der Tochter des Hypsäus Der Weitherscher! Der Waffenmächtigen Lapyter Fürst! Heldenenkel des Oceans! In den gepriesnen Bergthälern des Pindus gebahr, Den in seinem Wonnenbette Peneus ihr gab, Nais Creusa, Die Erdentochter ihn, Ihm blüht' auf Cyrene sein schönarmigtes Kind Aber, zu einsam war der Heldentochter Der Weberinnen Werkstadt Und der Hingang und Hergang des Fadens Im werdenden Gewand, Die Freuden der häußlichen Feste Mit ihren Gespielinnen zu einsam! Aber unter der ehernen Lanze, Unter dem Schwerd der Jägerin Sank hin das Raubgewild! Und ruhige Sicherheit brachte Zu des Vaters Heerden ihr Arm, Denn kurz verweilte der Schlaf, Sonst ein holder Gefärth, im Bette der Hebe, bey ihr, Ein kleiner Morgenschlummer nur Floß zur Aurora Ueber die wachen Feueraugen hin.

Den gewaltigen Köcher an der Schulter kam Apollon, der weithinstrahlende! Und fand einsam und lanzenlos Mit einem Schrekkenlöwen Kämpferin hie! Schnell erscholl in der Wohnung Chirons Die rufende Stimme des Gottes: Fleug heraus, Sohn der Philyra! [349] Aus der heiligen Schattengrotte fleug schnell! Staun' an! weiblichen Muth! – An! die Felsenkraft! Den schreckenlosen, ruhigen Heldenblick