Gustav Freytag
Die Ahnen

Ingo und Ingraban

Ingo
Im Jahre 357

Auf der Berghöhe stand an dem Verhau, das die Wälder der Thüringe von den Katten schied, der junge Wächter und hütete den steilen Pfad, welcher aus den Gründen der Katten nach der Höhe führte. Über ihm ragte der Wipfel einer mächtigen Buche, nach beiden Seiten lief der Grenzzaun den Kamm der Berge entlang, in dem dichten Gestrüpp blühten die Brombeeren und die wilde Rose. Der Jüngling trug den Wurfspeer in der Hand, auf dem Rücken am Riemen ein langes Horn, nachlässig lehnte er an dem Baum und horchte auf die Stimme des Waldes, den pickenden Specht oder das leise Rasseln in den Zweigen, wenn sich ein Waldtier durch das Dickicht wand. Zuweilen sah er ungeduldig nach der Sonne und wandte den Blick zurück, wo hinter ihm in ferner Tallichtung Blockhäuser und Gehege für Herdenvieh lagen.

Plötzlich bog er sich vor und lauschte; auf dem Pfad vor ihm klang leiser Fußtritt, durch das Baumlaub wurde die Gestalt eines Mannes sichtbar, der mit schnellem Schritt zu ihm heraufstieg. Der Wächter drehte den Riemen des Hornes und faßte den Speer zum Wurfe; als der Mann aus dem Gehölz auf den freien Grenzrand trat, rief er ihn an, die Spitze des Wurfspeers entgegenhaltend: »Steh, Waldgänger, und singe den Spruch, der dich von meinem Eisen löst!« Der Fremde schwang sich hinter den letzten Baum seiner Seite, streckte die geöffnete Rechte vor sich und sprach hinüber: »Ich grüße dich friedlich, ein Landfremder bin ich, unkundig der Losung.«

Mißtrauisch rief der Wächter ihm entgegen: »Du kommst nicht wie ein Häuptling mit Roß und Gesinde, du trägst nicht den Heerschild eines Kriegers, auch scheinst du nicht ein wandernder Krämer mit Pack und Karren.« Und der Fremde rief zurück: »Weit komme ich her über Berg und Tal, mein Roß verlor ich im Wirbel des Stromes, ich suche das Gastrecht in deinen Höfen.«

»Bist du ein wildfremder Mann, so mußt du harren, bis meine Genossen dir das Land öffnen. Unterdes gib mir Frieden und nimm ihn von mir.«

Die Männer hatten einander mit scharfen Augen beobachtet, jetzt lehnten sie ihre Speere an die Grenzbäume, traten in den freien [7] Raum und boten die Hände. Beim Handschlag prüfte einer des andern Antlitz und Gebärde. Der Wächter blickte mit ehrlicher Bewunderung auf den mächtigen Arm des Fremden, der wenige Jahre älter war als er selbst, auf die feste Haltung und die stolze Miene.

»Nicht mühelos wäre der Schwertkampf mit dir auf grünem Rasen«, sagte er treuherzig, »ich bin fast der längste Mann unserer Metbank, und doch muß ich zu dir hinaufsehen. Sei gegrüßt unter meinem Baum und ruhe, indes ich deine Ankunft verkünde.«

Während der Fremde sorglos der Einladung folgte, hob der Wächter sein Horn an den Mund und blies einen lauten Ruf in die Täler seines Volkes. Die wilden Klänge tönten im Widerhall von den Bergen. Der Wächter schaute nach den Hütten der fernen Lichtung und nickte zufrieden mit dem Kopf, denn um die Häuser wurde eine Bewegung sichtbar; nach kurzer Zeit eilte ein Reiter der Höhe zu. »Nichts über einen starken Hall aus Auerhorn«, sprach er lächelnd und glitt neben dem Fremden in das Heidekraut, während sein schneller Blick den Aushau des Waldes entlang und in das fremde Tal vor ihm flog. »Sprich, Wandrer, ist vielleicht ein Verfolger auf deiner Fährte, oder hast du sonst Krieger im Walde gesehen?«

»Nichts schallt im Walde, als was hineingehört«, versetzte der Fremde, »kein Spürer der Katten achtete auf meinen Pfad seit sechs Nächten und Tagen.«

»Die Söhne der Katten kommen blind zur Welt, wie junge Hunde«, rief der Wächter verächtlich. »Dennoch meine ich, daß du dich gut auf Waldversteck verstehst, wenn du ihre Wachen vermieden hast.«

»Vor mir war Licht, hinter mir Finsternis«, antwortete stolz der Fremde. Der Wächter sah mit Anteil auf den Mann, in dem gebräunten Antlitz war jetzt deutlich die Erschöpfung zu sehen, der Leib lag schwer gegen den Baumstamm. Eine Weile überlegte der Wächter: »Hattest du die Rache der Katten zu fürchten, so hast du wohl auch tagelang Feuer und Rauch entbehrt und üble Reisekost gefunden, denn der Wald bietet jetzt nicht einmal Beeren und wilde Frucht. Sieh, ich gehöre zur Bank des Häuptlings, nicht weiß ich, ob er dir sein Brot und Salz reichen wird; aber hungernden Mann im Walde mag ich nicht schauen. Nimm und iß aus meinem Ranzen.« Der Wächter griff hinter den Baum, holte eine Tasche von Dachsfell hervor und bot darin Schwarzbrot und Fleisch. Der Fremde sah ihn dankbar an, aber er schwieg. Da hielt ihm der Wächter ein kleines Horn entgegen, öffnete den Holzdeckel und mahnte freundlich: »Nimm auch das Salz, unter dem Baum ist mein Heimwesen, hier bin ich der Wirt.« Der Fremde faßte danach: »Gesegnet sei dir die Gottesgabe, wir sind Freunde.« Er aß kräftig, der Jüngling sah ihm zufrieden zu.

»Wenn die milde Sonne ihre Strahlen durch das Baumlaub sendet, dann ist dein Wächteramt froher Dienst«, begann der Fremde endlich [8] das Gespräch, »wenn aber der Wald tobt in der Sturmnacht, dann bedarf der Waldhüter Mut.«

»Der Grenzrain hier ist den guten Göttern des Volkes geweihet«, versetzte der Wächter, »von beiden Seiten rinnen die heiligen Quellen hinab in die Täler, wir Waldleute aber sind vertraut mit dem Nachtgesang der Bäume.«

»Du bist jung an Jahren«, fuhr der Fremde fort, »dein Herr schenkt dir großes Vertrauen, daß er dem Einsamen die Sorge um die Landesmark überläßt.«

»Es stehen der Männer mehr an dem Grenzzaun«, erklärte der Wächter. »Wir besorgen wenig von einem Einbruch der feindlichen Haufen durch den Bergwald, denn schwer wird es dem Fuß des Fremden, über Fels und Waldbach in die Gehege zu dringen. Aber das Gerücht kündet, daß vor kurzer Zeit ein heißer Krieg an der Römergrenze entbrannt ist zwischen den Alemannen und dem Cäsar, den sie Julianus nennen, und vor zehn Tagen fuhr bei uns zur Nachtzeit das wilde Heer des Gottes durch die Luft« – er sah scheu in die Höhe – »seitdem wahren wir die Landesmark.«

Der Fremde wandte das Haupt und blickte jetzt zum erstenmal hinüber nach dem Heimatland seines Gefährten. In vielen Reihen zogen sich die langgeschwungenen Berghöhen hintereinander, querdurch führte ein tiefes Tal, da wo es sich zu der Lichtung erweiterte, glänzte im Sonnenlicht der Schaum des Waldbachs.

»Und jetzt laß mich wissen, Gutgesell, wessen Zeichen du trägst, und wohin deine Weisung mich führt.«

»In allen Tälern, welche dein Auge sieht, und weiter bis in die Ebene hinab, waltet als Häuptling Herr Answald, der Sohn Irmfrieds, welchem auch ich diene.«

»In der Fremde vernahm ich, daß ein großer König über das Volk der Thüringe herrscht, sie nannten ihn König Bisino«, versetzte der Wanderer.

»Du hast das Richtige gehört«, bestätigte der Jüngling. »Aber dies Waldland hier ist frei unter seinem eigenen Herrengeschlecht seit alter Zeit, und der große König des Landes ist zufrieden, daß wir ihm die Grenze hüten und jedes Jahr Rosse an seinen Hof senden. Wenig sorgen wir Waldleute um den König, und unser Herr Answald geht nur selten zu Hofe nach der Königsburg.«

»Und zählt König Bisino eure Rinderherden nicht, die ich dort bei den Hütten sehe?« fragte der Fremde wieder.

»Hm, es war einmal Waffenlärm in den Dörfern, weil der König seine Eber unter unsern Eichen mästen wollte, auch kam dem König das Gelüst, den wilden Ochs in unsern Wäldern zu jagen, aber man hat nichts mehr davon gehört.«

Der Fremde sah ernsthaft in das Tal hinab: »Und wo ist der Hof deines Herrn?«

[9] Der Wächter wies die Tallücke entlang. »Er liegt am Ausgang der Berge, für einen schnellen Wandrer drei Stunden talab, uns aber trägt ein Roß von der Weide in kürzerer Zeit dorthin. Hörst du den Hufschlag? Das Horn hat meinen Gesellen verkündet, daß ein Fremder zu geleiten ist; der mich ablöst, kommt.«

Den Bergweg trabte ein Reiter herauf, ein stattlicher Jüngling, dem Wächter ähnlich an Antlitz und Gebärde, er schwang sich vom Pferde und sprach leise mit seinem Gefährten. Der Wächter übergab ihm das Horn, warf die Ledertasche über die Schulter und bot das Pferd dem Fremden. »Ich folge deinem Schritt«, sagte dieser ablehnend; er grüßte mit Hand und Haupt den neuen Wächter, der ihn neugierig betrachtete, und wandte sich mit seinem Führer dem Tale zu.

Steilab führte der schmale Pfad zu dem gewundenen Lauf des Gießbaches, zwischen Baumriesen, deren lange Moosbärte grausilbern im Sonnenlicht glänzten, über Wurzeln, die wie riesige Schlangen auf dem Weg lagen und sich in hohem Bogen wanden, wo das Geröll, welches ehedem unter ihnen lag, vom Wasser fortgespült war. Am Rand des Baches hemmte Treibholz und gehäufte Menge trockener Binsen, dort hatte im Frühjahr die Wucht des Wassers geworfene Stämme an die Seite gefegt, daß sie wild durcheinanderlagen mit entlaubten Ästen; aber das Messer der Waldleute hatte einen schmalen Weg durch das Gewirr der Reiser gehauen. Mit beflügeltem Schritt eilten die Männer talab, sie sprangen in weitem Schwunge von Stein zu Stein, von Baum zu Baum, vorauf der junge Wächter; oft schwang er sich hoch durch die Luft, wie ein Federball im Wurfe talab gesendet lustig hüpft; und wo ein breites Rinnsal den Gang hinderte, wiederholte er den Sprung nach rückwärts, um seinem Gefährten Mut zu machen.

Dem Roß hatte er den Zügel über den Hals geworfen, folgsam wie ein Hund sprang es dem Manne nach; auch dem Hengst war der unebene Weg zum Spiele. Zufrieden maß der Wächter mit den Augen einen starken Schwung, den der Fremde über den Gießbach getan hatte, und betrachtete darauf die Fußtritte auf dem weichen Grund. »Du schreitest mächtig für einen müden Mann«, sagte er, »mich dünkt, du hast wohl schon früher weite Sprünge auf blutiger Heide gewagt. An deiner Spur sehe ich, daß du von unserem Volke bist, denn die Spitze des Fußes strebt auswärts, und stark drückt der Ballen. Vordem hielt ich dich nach deiner Rede für einen fremdländischen Mann. Hast du einmal Römertritte geschaut?«

»Sie schreiten mit kleinem Fuß und kurzem Schritt auf ganzer Sohle wie müde Leute.«

»So sagen auch unsere Männer, die im Westen waren. Ich habe bisher nur waffenlose Händler des schwarzhaarigen Volkes gesehen«, fügte er entschuldigend hinzu.

[10]

»Mögen die Schicksalsfrauen den Römerfuß von eurem Grunde fernhalten«, antwortete der Fremde.

»Du sprichst wie unsre Alten; wir Jungen aber denken, kommen sie nicht zu uns, so kommen wir wohl zu ihnen, denn wundervoll soll ihr Land sein, alle Häuser von buntem Stein, das ganze Jahr mildes Sonnenlicht und im Winter grüne Erde; der süße Wein gemeiner als Dünnbier, von Silber die Sessel und Bänke, die Mädchen tanzen im Goldschmuck und seidenem Gewand, und der Krieger ist ein Herr der ganzen Pracht.«

Vergebens erwartete der Wächter die Antwort des Fremden, sie schritten eine Weile stumm nebeneinander, endlich faßte der Jüngling das Roß beim Zügel: »Hier wird die Talfahrt wegsamer, steig auf, daß wir vor abends ans Ziel kommen.« Der Fremde legte die Hand auf den Widerrist des Pferdes und sprang wuchtig in den Sitz, der Führer nickte zufrieden und pfiff leise, das Roß trug den Reiter in großen Sätzen talab, der Jüngling lief zu Fuß nebenher, seinen Speer schwingend und bisweilen dem Roß zujauchzend, welches dann den Kopf zu ihm wandte und zur Antwort wieherte.

»Wer sind die Weiber dort in hellen Gewändern?« fragte der Fremde, als sie nahe der Lichtung auf einer Höhe anhielten und in das Gehege sahen. »Hui!« rief der Wächter, »die Mägde vom Herrenhofe sind ge kommen, dort ist Fridas braune Kuh, hörst du die schöne Schelle, die ihr am Halse hängt, und dort ist das Mädchen selbst.« Sein gerötetes Gesicht verriet, daß ihm die Begegnung erfreulich war.

»Sieh die alten Hütten, in ihnen wohnt der Rinderhirt, im Sommer ziehen die Rinder des Dorfes auf Waldweide, und unsere Mädchen kommen und holen die Arbeit des Kellers nach dem Herrenhofe. Dort drüben aber im Buchenwalde haust der Schweinhirt mit seinem Volk, es gibt nicht schönere Mast im Lande, soweit die Sonne scheint.« Sie betraten die Lichtung, der Wächter entfernte die Stangen, welche den Eingang zum Rinderpferch verlegten, und der Fremde ritt in den umhegten Raum, wo die Kühe brüllend umherliefen, während die Frau des Hirten mit ihren Mägden das Milchgerät zum kühlen Keller trug, der, aus Stein und Moos gefügt, abwärts von der Sonne lange Reihen der Milchschüsseln bewahrte. »Gutes Glück, Fremdling«, rief der Wächter, »unser Herrenkind, Irmgard, ist selbst hier, um nach der Herde zu sehen; wird sie dir hold, so kannst du guter Pflege gewärtig sein.«

»Welche ist es, die du mit Namen nennst?« fragte der Fremde.

»Dort befiehlt sie den Mägden, du kennst sie leicht heraus.« Die Jungfrau stand bei dem Karren, der, mit zwei Stieren bespannt, den Gewinn der Milchkammer zum Herrenhof fahren sollte: festgeschlagene Butter in Fässern vom Holz des wilden Pflaumenbaums und kümmelgewürzten Käse, in grüne Blätter gepackt.

[11] »Geh zu ihr, Gesell, und künde, daß ein Fremder bittend naht. Ich scheue mich, das Kind deines Herrn anzureden, solange mir der Vater nicht den Herdsitz gestattet hat. Und da du freundlich gesinnt bist, sprich gut von mir, soweit du vermagst.« Der Fremde sprang vom Pferde und neigte sich der Jungfrau aus der Ferne.

Frei ringelten die gelben Locken um ihre hohe Gestalt, sie umsäumten die kräftigen Formen des jugendlichen Antlitzes und wallten lang herab bis an die Hüften. Ein silberbeschlagener Gürtel hielt das weiße Linnengewand zusammen, darüber trug sie ein kurzes Oberkleid von feiner Wolle, zierlich mit der Nadel gestickt, über dem Handgelenk der nackten Arme goldene Ringe. Aus großen Augen sah sie nach dem Fremden hinüber und erwiderte mit leisem Kopfnicken den ehrerbietigen Gruß.

Der Wächter trat zu dem Herrenkind: »Der Fremde sucht eine Ecke an unserer Bank und eine Herdstelle für sein wegemüdes Haupt; ich geleite ihn zum Hofe, daß der Herr über sein Schicksal entscheide.«

»Wir geben dem Wanderer Rast, den die Götter uns senden. Wer er auch sei, ob gut oder arg, der bittend unserem Herde naht, drei Tage hat er Gemach, dann fragt der Vater, ob er ein gerechter Mann ist und unseres Daches nicht unwert. Denn du weißt es ja selbst, Wolf, viel wildes Volk zieht elend durch das Land und trägt den Fluch, der an seinen Schritten haftet, in das Haus des ehrlichen Mannes.«

»Er sieht aus wie einer, der sich ehrlich hält gegen Freund und Feind«, sprach der Wächter.

Die Jungfrau warf einen flüchtigen Blick auf den Fremden: »Wenn er sich so bewährt, wie du sagst, so mögen wir uns seiner Ankunft freuen. Reich ihm den Krug mit Milch, Frida!«

Der Fremde trank, und als er den Krug dankend an Frida zurückgab, sagte er: »Segen über deine milde Hand. Der erste Gruß im Lande war willig von warmherzigem Manne geboten, der zweite hier sei mir eine Verkündigung, daß ich auch im Herrenhause den Frieden finde, nach dem ich mich so leidvoll sehne.«

Unterdes hatte der Wächter für sich eins von den Rossen eingefangen, welche in besonderem Gehege sprangen. Während er sich anschickte aufzusitzen, trat die rotwangige Frida zu ihm: »Glück hattest du, Wolf, im Schlafe«, spottete sie, »an dem Grenzdorn ist, da du ruhtest, ein fremder Vogel hängengeblieben. Wie war dein Schlummer, Wächter, auf dornigem Lager?«

»Die Eule ließ mich nicht schlafen, sie stöhnte über Frida, die bei Nacht am Zaune steht und rüttelt, um zu erfahren, von wannen ihr ein Hausherr kommen wird.«

»Ich aber sah einen Stieglitz auf dürrem Strauch, der sammelte alte Distelwolle zu einem Ehebett für den reichen Wolf.«

[12] »Und ich weiß eine Stolze«, versetzte Wolf zornig, »welche Veilchen zertrat, die sie suchen sollte, und dabei in die Nesseln fiel.«

»In die Nesseln deines Ackers nicht, du dummer Wolf!« versetzte Frida zornig.

»Ich kenne eine, der ich den Ball nicht zuwerfe beim nächsten Reigen«, antwortete Wolf.

»Wenn der Wolf tanzt, fliegen die Gänse auf den Baum und lachen«, spottete Frida.

»Winde dir ein Kränzlein aus Haferstroh, Jungfer Gans«, rief Wolf vom Pferde zurück und trabte abwärts mit dem Fremden, der sich zartfühlend auf die Länge eines Speerwurfes von diesem Wechselgespräch entfernt hatte.

»Er ist ein unartiger Knabe«, klagte Frida der Herrin.

»Aus dem Walde schallte zurück, was du hineingerufen«, antwortete diese lachend. Und dem fremden Reiter nachsehend, fuhr sie fort: »Er sieht aus wie ein Herr über viel Volk.«

»Und doch war sein Bundschuh zerrissen und die Jacke so reisemüde«, sagte Frida.

»Meinst du, daß der Fels nur die Füße des armseligen Wanderers schneidet? Wer weither kommt, von dem glauben wir, daß er viel gesehen hat und viel gewagt; es tut uns leid, wenn er ein arger Mann geworden ist aus Begehrlichkeit und Not, und wir wollten ihm gern Frieden geben, wenn wir es vermöchten.«

Die Sonne ging zur Rüste, und die Bäume warfen lange Schatten auf den Weg, als die Reiter das Ende des Talgrundes erreichten. An beiden Seiten wichen die Berge zurück, längs dem Bache breiteten sich helles Gras und bunte Wiesenblumen, ein rothaariger Fuchs fuhr vor ihnen über den Pfad. »Der Rotkopf weiß, daß die Menschenwohnungen nahe sind«, sagte der Wächter, »er schleicht am liebsten, wo er den Hofgesang der Hähne hören kann.«

Vor ihnen lag im Abendlicht das Dorf, von Graben und baumbesetztem Wall umschlossen, durch die Lücken der Bäume sah man hier und da die weißen Giebel unter braunem Strohdach, und kleine Rauchwölkchen, die aus den Dächern aufstiegen. Seitwärts vom Dorfe erhob sich auf kleiner Anhöhe der Herrenhof, mit besonderem Pfahlwerk und Graben umgeben, über die zahlreichen Häuser und Ställe des Hofes ragte hoch das Dach des Saals, der First mit schön geschnitzten Hörnern.

Auf dem Wiesengrund vor ihnen übte sich eine Schar Knaben im Kampfspiel, sie hatten ein hohes Gerüst gestellt und schwangen sich der Reihe nach hinauf und jauchzend wieder herab. Als die Reiter nahten, rannte der Haufe an den Weg und starrte trotzig auf den fremden Mann. Der Wächter rief einen Knaben und sprach leise zu ihm; der Knabe flog wie ein junger Hirsch in großen Sprüngen [13] dem Herrenhofe zu, während die Reiter mit Mühe den Schritt ihrer unruhigen Pferde bändigten. Auf der Dorfstraße tanzten im Staube die kleinen Kinder den Ringelreigen, die Knaben nackt bis auf die Wolljacke, die kleinen Mädchen im weißen Hemde, sie stapften barbeinig im Staube und sangen. Der Ring löste sich, als die Reiter herankamen, an den Luken der Dorfhäuser wurden Frauenköpfe sichtbar, aus jeder Tür sprang eine Schar blauäugiger Kinder; auch Männer traten an die Tür und musterten mit Falkenblick das Aussehen des Fremden, und der Wächter verfehlte nicht, seinen Begleiter zu ermahnen, daß er hierhin und dorthin schaue und die Hausbewohner vom Pferde grüße, »denn«, sagte er »freundlicher Gruß öffnet die Herzen und du magst die Gunst der Nachbarn bald gebrauchen.«

Unterdes war der Knabe in den Herrenhof gelaufen. Fürst Answald saß in der Holzlaube, dem schattigen Vorbau des Herrenhauses; er selbst war ein hoher Mann, breitschultrig, mit offenem Antlitz unter seinem grauen Haar, er trug die wollene Hausjacke über dem Hemde mit Biberfell besetzt, seine Lederstrümpfe mit bunten Riemen geschnürt, und nur die würdige Haltung und die Ehrfurcht, mit welcher die anderen zu ihm sprachen, ließen erkennen, daß er der Wirt war. So saß er umgeben von seinen Bankgenossen und schaute zufrieden auf zwei wohlgenährte Stiere, welche von den Knechten vorbeigetrieben wurden, weil sie zu Opfertieren ausgewählt waren für ein bevorstehendes Festmahl der Landgenossen. Der Knabe drängte sich behend an einen alten Mann mit klugem Gesichte, der zur Linken des Häuptlings stand und den Worten des Herrn höflich Antwort zu geben wußte, und kündete leise seine Botschaft. »Der junge Wolf führt einen Fremden her«, berichtete der Alte auf den fragenden Blick des Herrn, »der Mann kam ohne Geleit der Katten, ohne Roß und Kriegskleid, ein einzelner Mann aus dem Elend, er sucht das Gastrecht.«

»Bereitet ihm den Gruß in der Halle«, befahl Herr Answald gleichmütig und gab seinen Mannen ein Zeichen, daß sie sich entfernten. Und zu seinem Vertrauten sprach er: »Mit Sorgen seh' ich die fremden Strolche. Seit am Rhein der Römerkrieg aufgebrannt ist, fliegen heiße Funken durch das Land, und mancher Gesell, der Gewalttat gelitten, schweift durch die Länder und übt Frevel in bitterem Hasse.«

»Kommt er als Flüchtling aus dem Süden, so mag er Kunde wissen von dem Römerkrieg.«

»Er mag auch römische Untreue in das Land tragen. Die welsche Sitte schleicht wie eine Pest durch unsere Täler, sie hat die Burgen der Könige mit Übermut gefüllt. Auch unsere Herren möchten im Purpurkleide prangen und schurkische Leibwächter füttern, die ihr Messer dem freien Mann in den Rücken stoßen, wenn sein Antlitz ihrem Herrn verleidet ist. Doch komm, wer auch der Fremde sei: [14] was einem darbenden Mann gebührt, soll ihm werden. Du aber sorge, durch kluge Rede sein Geheimnis zu ergründen.«

Der Häuptling trat in das Haus und setzte sich auf den Herrensitz, der, geschnitzt aus Eichenholz, der Tür gegenüberstand, belegt mit dem schwarzen Fell eines jungen Bären. Die Füße des Herrn ruhten auf einem Schemel, in der Hand hielt er den weißen Herrenstab.

Draußen am Hoftor stiegen die Reiter ab, der Fremde lehnte seinen Speer an den Pfosten und setzte sich schweigend auf den Sitz außerhalb des Tores. Der Sprecher trat heraus und lud ihn mit feierlichem Gruß vor den Herrensitz. Der Fremde trat hoch aufgerichtet auf die Schwelle des Hauses, er und der Häuptling blickten einander einen Augenblick forschend an und beiden gefiel, was sie sahen.

»Heil dir, Fürst Answald, Irmfrieds Sohn!«

»Heil sei auch dir!« klang es vom Herrensitz zu rück.

»Spende wegemüdem Mann den Trunk aus deinem Born, die Frucht von deiner Flur, den Schirm deines Daches. Ich komme freundlos, heimatlos und schutzlos zu deinem Herde; verleihe mir, was dem Wanderer das Gastrecht deines Volkes gewährt.«

Hildebrand trat vor und sprach: »Der Fürst verleiht dir nach des Volkes Brauch drei Tage Rast, drei Tage Kost, dann fragt der Fürst das Volk nach seinem Willen. – Tragt ihm den Sitz zum Herd, ihr Knaben, und bietet ihm die Gaben der Götter.«

Drei Jünglinge trugen das Gerät, der eine den Schemel, auf dem der Fremde niedersaß, der andere in zwei Schalen Brot und Salz, der dritte einen Holzkrug, mit dunklem Bier gefüllt. Dieser bot den Trunk zuerst dem Fürsten, der den Krug mit den Lippen berührte, dann dem Fremden. Darauf gab der Sprecher dem Gefolge einen Wink und alle verließen den Raum.

»Und jetzt, Wanderer«, begann Hildebrand, zu den Füßen des Fürsten niedersitzend, mit vertraulichen Worten, »da du Sicherheit gewonnen hast für Leib und Glieder, so gib auch uns Bericht, soweit du vermagst, wenn du etwas hinter unseren Bergen geschaut und gehört hast, was uns zum Nutzen sein kann und dir nicht zum Schaden. Denn es ist sorgenvolle Zeit, und der vorsichtige Wirt müht sich, Kunde zu holen von bewanderten Männern. Willst du erzählen, wenn die Götter dir verliehen haben, daß sich deine Worte willig auf der Zunge zueinander fügen; oder soll ich fragen, was zu erfahren uns not tut?«

Der Fremde erhob sich: »Ich trage Kunde, die das Herz der Männer bewegt, nicht weiß ich, ob sie euch Freude bereitet oder Trauer. Eine Schlacht ist geschlagen, die größte seit Menschengedenken. Die Wölfe heulen auf der Walstatt, und die Raben fliegen über das Gebein der Alemannen, denen unser Gott den Sieg versagt hat. Die Franken haben dem Römer die Schlacht gewonnen, die Könige der [15] Alemannen Hnodomar und Athanarich sind gefangen, mit ihnen viele Königskinder; die Heerscharen des Cäsar brennen in den Tälern des Schwarzwaldes bis an den Main und treiben die Gefangenen zu Hauf. Der Cäsar ist mächtig geworden über das Grenzland, man sagt, daß die Katten Gesandte in sein Lager geschickt haben, um ein Bündnis zu bieten.«

Ein tiefes Schweigen folgte diesen aufregenden Worten. Fürst Answald sah finster vor sich nieder, auch Hildebrand hatte Mühe, seine Bewegung zu verbergen.

»Wir haben Frieden mit Römern und Alemannen«, sagte er endlich vorsichtig; »und der Thüring fürchtet nicht die Macht des Cäsar. Du selbst aber warst, wie ich erkenne, in der Nähe, als die Schlacht geschlagen wurde, und du hast seitdem die Dörfer der Katten gemieden, die doch, wie du sagst, den Römern wohlgeneigt sind. Ich frage dich nicht, wem du den Sieg gewünscht hast.«

»Ich gebe Bescheid ohne Frage«, rief der Fremde stolz, »ich habe nicht Römersold genommen.«

Ein Strahl von Wohlwollen brach aus den Augen des Häuptlings. »Du bist kein Alemanne«, sagte er, »du bist nach deiner Sprache von den Kindern unseres Gottes, die fern im Osten wohnen.«

»Ein Vandale von der Oder«, versetzte der Fremde rasch.

»Es ist ein weiter Weg von deinem Heimatland bis zu der Walstatt am Rhein, Wanderer. Hat auch dein Volk seine Krieger in den Streit gesendet?«

»Ich kam an den Rhein ohne meine Landgenossen, ein schweres Geschick trieb mich aus meiner Heimat Flur.«

»Ein schweres Geschick bereitet ein Gott oder des Mannes trotziger Mut. Möge dein Herz nicht bedrücken, was dich aus der Heimat gescheucht hat.«

Der Fremde neigte dankend das Haupt. »Des Gastes Sorge ist, daß er seinem Wirt gefalle; verzeih, wenn ich suche, was dir den Fremden vertraulich macht. Ich habe in meiner Heimat ein Lied des Sängers gehört, daß zu der Väter Zeit ein Held aus Thüringeland unter den Kriegern meines Volks gegen die Römer kämpfte, weit südwärts an der Donau. Irmfried war sein Name.«

Der Fürst richtete sich im Sessel hoch auf und sprach: »Seine Hand lag segnend auf meinem Haupt, er war mein Vater.«

»Blutbruder wurde er einem Krieger meines Volkes. Als der Fürst aus meiner Heimat schied, zerbrach er mit starker Hand ein römisches Goldstück und ließ die Hälfte zurück, daß sie ein Zeichen der Gastfreundschaft für spätere Geschlechter sei. Ist die eine Hälfte des Goldstücks dein, so ist die andere mein.«

Er hielt das helle Goldblech dem Fürsten hin. Herr Answald fuhr heftig vom Stuhle und prüfte das Stück am Licht. »Still«, rief er gebietend, »keiner spreche ein Wort. Geh, Hildebrand, und trage [16] deiner Herrin das Wahrzeichen, daß sie es an die andere Hälfte halte; und sage ihr, daß sie allein sei, wenn ich einen Fremden zu ihr führe.« Hildebrand eilte hinaus, der Wirt trat nahe an den Gast und betrachtete ihn erstaunt vom Kopf bis zum Fuß: »Wer bist du, Mann, der mir so hohen Gruß in das Haus trägt?« und freudig fuhr er fort: »Nicht tut es not, das Zeichen zu suchen, seit du die Schwelle betratest, hast du mir das Herz erregt. Komm, Held, daß du mir da deinen Namen kündest, wo die beiden Hälften des geheimen Zeichens sich zusammenfügen.« Er schritt eilig voran, der Fremde folgte.

In ihrem Gemach stand Frau Gundrun, die Fürstin, und hielt die beiden Hälften des Goldstücks aneinander. »Hier sind zwei Ähren von einem Halme«, rief sie dem Gemahl entgegen, »was du mir sandtest, ist König Ingberts Zeichen.«

»Und der sich dem Knie der Herrin naht«, sprach der Fremde, »ist Ingo, Konig Ingberts Sohn.«

Langes Schweigen folgte dem Ausruf, die Hausfrau sah scheu auf den stolzen Krieger, auf das edle Antlitz, die königliche Gestalt, und sie neigte sich tief zum Gruß; der Fürst aber rief bekümmert: »Oft habe ich gewünscht, das Antlitz der Gastfreunde zu sehen, der erlauchten Helden aus Göttergeschlecht; von reichem Hofhalt hat mir der Vater erzählt, von mächtigem Gefolge in glänzendem Stahlhemd. Aber anders fügten die hohen Gewalten das Wiedersehen. Im Wanderkleide, als werbenden Fremdling schau' ich den großen Volkskönig, und Schrecken fühle ich im Herzen. Gutes bedeute die Stunde, wo ich dein Antlitz schaue. Dennoch gedenke ich, daß ich dir ehrbar meine Treue erweise.«

»Ich aber komme nicht als Glücklicher zu dir und der Herrin«, sprach Ingo ernsthaft, »ein Flüchtling bin ich, und nicht will ich, mein Schicksal hehlend, deinen Schutz erschleichen. Aus der Heimat bin ich getrieben von dem eigenen Ohm, der nach des Vaters Tode dem Knaben die Krone nahm, mühsam haben getreue Männer mich geborgen, bis ich zum Manne wuchs; Gefahr ist mein Los, des Königs Boten sind mir gefolgt von Volk zu Volk, sie boten Geschenke und forderten meinen Leib. Mit dem kleinen Haufen der Getreuen fuhr ich zum Kampf der Alemannen, ihre großen Könige waren mir hold, am Schlachttag führte ich einen Haufen ihres Volks. Jetzt sucht der Cäsar siegesstolz nach denen, die sich ihm nicht barfuß unterwerfen. Weit reicht seine Macht in den Königsburgen, ich sah die Boten deiner Nachbarn, der Katten, mit dem Friedenszeichen zum Rhein reiten, und ich bin darum sechs Tage und Nächte heimlich auf Wolfespfad durch ihre Gaue gezogen, fast ein Wunder war's, daß ich ihnen entrann. Das sollst du wissen, bevor du sprichst: Sei Ingo mir willkommen.«

Der Wirt stand unsicher und suchte das Auge seiner Hausfrau, [17] welche in dem Sessel saß und vor sich niederblickte: »Was ehrlich ist und was die Eide gebieten, das tu' ich«, sagte Herr Answald endlich, und die Wolke wich von seinem Antlitz: »Sei mir willkommen, Ingo, Königssohn.«

»Edlen Sinn verrätst du, Held«, begann die Fürstin, »daß du dich scheust, Gefahr in den Hof deines Gastfreundes zu leiten. Uns aber ziemt zu erwägen, wie wir zugleich dir Treue erweisen und unsere Höfe vor der Gefahr beschützen. Weit schallt der Name eines Königs durch die Lande, und viele Feinde umlauern den Helden, der unter Krone geht, du selbst hast es leidvoll erfahren. Drum meine ich, nur Vorsicht hilft dir und uns zum Heile. Und darf ich meinem Hausherrn treue Meinung sagen, so dünkt mir gut, daß dein Gast unbekannt in deinem Hause weile und keiner von seiner Herkunft wisse, als du und ich allein.«

»Soll ich im eigenen Hause den werten Gast verstecken?« rief der Wirt unwillig, »ich bin kein Diener, nicht des Cäsars, nicht der Katten.«

»Auch der König der Thüringe speist seine Mahlzeit gern aus den goldenen Schüsseln, welche Römerkunst gefertigt hat«, fuhr die Hausfrau fort, »hüte dich, des Königs Argwohn zu wecken.«

Der Gast stand unbeweglich, und vergebens suchte die Fürstin seine Meinung zu erkennen.

»Schwer ist es, edles Blut im Dienerkleid zu bergen«, wandte Herr Answald ein.

»Auch Held Siegfried, von dem der Sänger meldet, stand im Knechtsgewand am Amboß.«

»Und schlug zuletzt den Amboß in den Grund und den Schmied dazu«, rief der Wirt. »Sprich, Ingo, selbst, wie willst du, daß wir dich halten?«

»Ich bin der Flehende«, antwortete der Gast mit Selbstüberwindung, »und darf nicht hadern, ob du hoch, ob du niedrig mich reihen willst unter den Genossen deiner Bank. Meines Namens berühme ich mich nicht, aber ich berge ihn nicht, und zu ruhmloser Arbeit wirst du mich nicht stellen.«

»Er meint wie ich«, rief der Fürst.

»Stets fürchten die Helden Minderung ihrer Ehre«, sprach lächelnd die Fürstin. »Was ich bitte, ist leicht gewährt, nur kurze Zeit laß dir das Gewand gefallen, welches wir dem Fremdling im Hofe spenden; unterdes wirbt dir mein Herr im Volk gute Meinung. – Nicht ewig währt der Kriegsruf an der Grenze, dem Cäsar wird's an neuem Streit nicht fehlen, in wenig Monden ist das Geräusch verhallt, indes gelingt's wohl auch, den König zu gewinnen.«

»Ich will's bedenken bis zur Nacht«, sprach der Wirt, »denn klug rät meine Hausfrau, und oft habe ich ihren Rat erprobt. Bis dahin hülle dich, o Held, in demutsvolles Wesen, denn vertraue mir, mit [18] bedrängtem Herzen ersehne ich den Tag, wo ich in offener Halle künden kann, was deine und meine Ehre fordert.«

So verließen die Männer der Herrin Kammer. Als aber am Abend der Hauswirt auf seinem Lager niedersaß, rief er unwillig: »Mir frißt's am Herzen, daß ich ihn sehen soll zuunterst an der Bank.« Aber die Fürstin antwortete leise: »Erst prüfe doch, ob er auch wert ist deines Schutzes. Denn ungewöhnlich ist des Fremden Art und freudenlos sein Schicksal. Sein Geheimnis bergen wir vor jedem, und auch vor Irmgard, unserem Kind.«

Das Festmahl

Im Hofe des Fürsten wurde den Landgenossen das Fest gerüstet. Die Hausfrau schritt mit den Mägden durch die Räume, wo die Vorräte der Küche bewahrt wurden, in langer Reihe hingen dort die Schinken, runde Würste und in Rauch gedörrte Zungen der Rinder; sie freute sich des guten Vorrats, ließ abheben für die Küche und befahl den Mägden, in die besten Stücke ein Zeichen zu ritzen, damit der Vorschneider diese den Tischen der Ältesten aufsetze. Dann ging sie in den kühlen Keller, der, von Stein gewölbt, in einer Ecke lag, wo das Sonnenlicht wenig hinkam, hochbedeckt mit Erde und Rasen, dort wählte sie die Fässer mit starkem Biere und die Krüge mit Met und sah zweifelhaft auf einige große fremdartige Tongefäße, die halb im Boden vergraben in einer Ecke standen. »Ich meine nicht, daß mein Herr des Weines begehren wird, doch wenn er danach ruft, so sagt dem Schenken, daß sie das kleine nehmen, denn die anderen stehen und harren auf einen größeren Festtag. Und sehet zu, daß die ungeschickten Gesellen mir den teuern Ton nicht zerschlagen, denn was mühsam im Stroh durch Rosse und Männer hergeführt wurde aus dem welschen Land, dem könnte die lange Reise durch das Ungeschick der metgefüllten Knaben wohl verdorben werden.« Ernsthaft blickte sie noch einmal durch den großen Raum: »Es ist Vorrat genug für eines Häuptlings Haus, und manches Jahr mag der Met das Herz der Männer erfreuen, mögen die Götter uns schaffen, daß unsere Helden alles fröhlich und in Ehren leeren. Und höre, Frida, man weiß ja wohl, was die Männer zumal gebrauchen, aber beim Trunk trügt der Anschlag, auch wenn er reichlich war. Laß noch drei Krüge von altem Met in Vorrat herausheben, und sage dem Schenken, wenn die Männer friedlich sind und in ehrlichem Gespräch, so wird ihnen am Ende noch dies geboten, wenn sie aber widereinander eifern und zwieträchtig hadern, so soll er vorsichtig sein mit dem Gießen, daß uns kein großes Unheil entstehe.«

Die Herrin schritt zu dem Küchenhause, darin brannten mächtige Feuer auf steinernen Platten. Die Jünglinge waren vor dem Hause [19] beschäftigt, die Opfertiere zu zerlegen, große Hirsche und drei Eber des Waldes, und das Fleisch an lange Spieße zu stecken. Die Mägde aber saßen in langer Reihe, vieles Geflügel rupfend, oder sie rundeten mit den Händen gewürzten Weizenteig zu ansehnlichen Bällen. Und Knaben des Dorfes warteten mit lachendem Antlitz auf die Zeit, wo sie die Spieße drehen würden, damit auch ihnen vom Fest der Helden ein wohlschmeckender Anteil werde.

Unterdes schafften die Mannen des Häuptlings um die große Halle. In der Mitte des Hofes stand der mächtige Bau, aus dicken Fichtenbalken gefügt, eine Treppe führte zu dem geöffneten Tor, im Innern trugen zwei Reihen hoher Holzsäulen die Balken des Daches, von den Säulen bis zu den Wänden liefen auf drei Seiten erhöhte Bühnen; in der Mitte, gegenüber der Tür, stand darauf der Ehrensitz des Wirtes und der vornehmsten Gäste, daneben ein schön geschmückter Raum, einer Laube gleich, für die Frauen des Hauses, damit sie dem Festmahl der Männer zuschauen konnten, solange sie begehrten. Und die jüngsten der Mannen schmückten die Holzlaube mit blühenden Zweigen, die sie in der Flur abgehauen. Draußen aber fuhr Wolf einen großen Wagen mit Binsen und Kalmus heran, den er am Ufer des nahen Teiches geschnitten, um den Fußboden zu bestreuen.

»Hier ist gut sein, Gast«, begann Wolf grüßend zu Ingo, »auch dir war die Herrin gnädig, du wandelst in neuem Gewande, das unsere Weiber gewebt; wie trägt sich das Tuch der Mädchen aus Thüringeland?«

»Was gern geboten wird, sitzt dem Empfänger bequem«, antwortete der Fremde lächelnd, »ich freue mich, deine Stimme wieder zu hören, denn tagelang warst du auswärts.«

»Wir Herdgesellen holten mit den Hunden die Festbraten aus dem Wald«, versetzte der Mann. »Hilf, Theodulf«, rief er einem Gefährten zu, »soll ich allein den Wagen räumen?«

Theodulf, ein stolzer Mann aus dem Gefolge, griff steifarmig in die Binsen und sprach über die Schulter zu dem Fremden: »Wer gewöhnt ist, fremdes Gewand zu bitten, der soll nicht müßig stehen, wenn bessere Männer die Hände rühren.«

Ingo sah finster auf den Sprecher, eine hohe Kriegergestalt, breitbrustig, mit einer langen Narbe auf der Wange; dem Fremden begegnete mit gleichem Trotz der Mann des Fürsten, an den Augen des einen entzündete sich der Zorn des anderen, bis die Blicke beider Gegner wie Flammen gegeneinander sprühten. Aber mit Selbstbeherrschung bändigte Ingo seinen Grimm und versetzte, den Rücken kehrend: »Hättest du gutherzig gemahnt, folgte ich williger deiner Weisung.«

Der Wächter aber raunte ihm zu: »Hüte dich, den zu reizen, er ist ein unwirscher Gesell, der gern Eisen beißt, er stammt aus der Freundschaft der Herrin, und er dient nicht wie wir, denn er ist [20] aus edlem Geschlecht, hat sich nur auf Zeit gelobt, und wird einst im reichen Erbe seiner Väter stehen. Kein Wunder, daß ihn die Binsen stechen, wenn er sie tragen soll.«

»Wer dient, muß tragen«, versetzte Ingo finster.

Aber auch die Mädchen sorgten um das Festkleid des Fremden. »Sieh, Herrin, wie stolz der Fremde in dem Wams schreitet, das ihm die Fürstin gespendet hat«, sagte Frida zu Irmgard. »Wackerer Sinn adelt geringes Kleid«, versetzte Irmgard.

»Gering?« rief Frida, »die Jacke ist vom allerbesten Tuch aus unseren Truhen, ich muß sie doch kennen, denn ich selbst habe sie einst genäht. Seltsam ist es, daß die Herrin so feines Gewand an fahrenden Mann wendet.«

»Auch der Mann ist ja wohl kein Alltagssohn«, antwortete Irmgard.

»Das meine ich auch«, bestätigte Frida neugierig, »denn ich sah, wie die Fürstin ihn vorher im Hofe anredete, da er ihr in den Weg trat; von beiden Seiten war's ein Herrengruß, sie lachte ihm zu und strich mit der Hand an seine Kleider, als ob er ein vertrauter Mann aus der Freundschaft wäre.«

»Als der Fremde gestern abend an den Herd trat, wo die Männer versammelt saßen«, versetzte Irmgard, »da hatte vorher der Vater sorglos gescherzt mit dem Gesinde, doch als er den Fremden sah, wandelte sich ihm die Gebärde, er hob sich, um dem Fremden entgegenzugehen, tat es aber nicht; doch feierlich war fortan sein Wesen und das Mahl so still, als ob ein Bote vom Königshofe am Herrentisch säße.«

»Auch der Fremde schritt«, fuhr Frida eifrig fort, »da er eintrat, kräftig auf den Herrn zu, als wollte er sich bei dem Herrensitz lagern, und einer von den Knaben mußte ihn an der Jacke zurückziehen auf sei nen Platz, daß er die Ehrfurcht nicht vergaß.«

»Ich sah's«, nickte Irmgard, »er lachte dazu«, und bei der Erinnerung lachte sie selbst.

»Und doch sitzt er ganz unten an der Bank«, rief Frida, »und jetzt, wo der witzige Wolf wieder seine große Zunge rührt, hat er des Knaben Weisheit anzuhören.«

»Ist's ein Geheimnis«, sagte Irmgard leise, »so wird es uns Mädchen wohl zuletzt verkündet.«

»Du selber aber, Herrin«, mahnte Frida, »hast ihm seither wenig Huld erwiesen. Die ersten waren wir doch, die er ehrbar grüßte, und drei Tage lang hast du ihm jede Rede geweigert. Unfreundlich wird der Mann dich schelten und hartmutig, nicht wagt er, dich anzureden, da er aus dem Elend kommt; darum biete du ihm endlich den Gruß.«

»So laß uns tun, was sich gebührt«, antwortete Irmgard. Sie trat mit Überwindung zu dem Haufen der stolzen Knaben, welche dem [21] Fürsten folgten, wenn dieser durch die Dörfer ritt oder in den Vorkampf der Schlacht trat. Aber als sie dem Fremden nahe kam, scheute sie sich vor den anderen zu ihm zu reden, sie hielt bei Theodulf an und sprach: »Spät ertönte gestern dein Hifthorn am Tore, wie war die Jagdbeute, Vetter?«

Theodulf errötete vor Freude, weil das Herrenkind ihn eher als die anderen begrüßte, er erzählte ihr von seinem Jagdglück und führte sie zu einem Holzverschlag, wo ein zweijähriger Bär unzufrieden saß. »Die Hunde zausten ihm das Fell, ich band ihn mit Riemen und trug ihn lebend zum Hofe, er wird wohl ein Spielgesell für die Kinder im Dorfe.«

Als Irmgard den Braunen betrachtet hatte und sich mit Frida entfernte, rief diese unwillig: »Fürwahr, mit artigen Worten hast du dem Fremdling zugesprochen.«

»Nahe genug war ich bei ihm«, antwortete Irmgard, »und er schwieg doch.«

»Er weiß besser, was dem Herrenkinde geziemt«, versetzte Frida.

Aber Irmgard achtete seitdem auf den Fremden, und als sie ihn abseit von den anderen am Zaun des Hofes lehnen sah, ging sie allein bei ihm vorüber, hielt wie zufällig an und sprach: »Auf dem Holunderbaum über deinem Haupt wohnt ein kleiner Grauvogel, der Nachtsänger. Die Mädchen beschwören jeden Abend das Wiesel und den Kauz, damit sie ihm nicht das Nest zerstoßen. Singt er dir, so höre ihm gütig zu, daß er sich deines wohlmeinenden Sinnes freue. Sie sagen, er mahnt im Sange jeden an das, was ihm lieb ist.«

Ingo antwortete treuherzig: »Alles Geflügel, der Habicht in der Luft und der Sänger im Busch, singen dem fremden Mann dasselbe Lied in das Ohr, sie mahnen ihn an die Heimat. Dort streute einst die liebe Mutter den Vögeln Winterkost, damit sie ihrem Sohne in seinem Leben gute Vorbedeutung sängen. Die Treue haben sie seitdem bewährt. Manches Mal haben die wilden Boten im Federkleid den unsteten Mann auf der Heide und im Holz vor Gefahr gewarnt. Sie sind die Genossen seines Schicksals geblieben; wie er wandern sie heimatlos über die Menschenerde, und wie er nähren sie sich vom Raub, den sie greifen, oder von der Gabe, die ihnen ein Gastfreund spendet.«

»Und doch finden sie überall Flocken, aus denen sie ihr Nest bauen«, versetzte Irmgard.

»Wo aber darf der Heimatlose sein Haus zimmern?« fragte ernsthaft der Gast. »Wer bei der Schwelle seines Hauses steht und die Rosse auf dem Erbe der Väter zählt, der weiß nicht, wie die Bedürftigkeit am Herzen des stolzen Mannes nagt, wenn er Gabe nehmen muß, der selbst anderen spenden möchte.«

»Du klagst über die Gastspenden im Hause, das dich an seinem Herd aufgenommen hat?« antwortete Irmgard vorwurfsvoll.

[22] »Selig preise ich den Wirt und die Herrin, die im ansehnlichen Hause dem Landfremden huldreich sind«, versetzte der Gast. »Aber unsicher schweifen die Gedanken des Mannes, dem sie eine Ecke an ihrer Bank vergönnen. Denn immer späht der Fremdling sorgenvoll nach der Miene des Wirtes, ob dieser ihm auch die Gunst bewahre. Jeder im Hofe steht sicher auf seinem Recht, nur dem wildfremden Wanderer ist der Grund, auf dem er schreitet, wie dünne Eisdecke, die vielleicht morgen unter ihm bricht, und sooft sich ein Mund gegen ihn öffnet, weiß er nicht, ob die Worte ihm Ehre bedeuten oder Schmach. Zürne mir nicht um diese Klagen«, bat er. »Deine Augen und deine Worte haben geheime Sorgen meiner Brust herausgelockt, und zu dreist wagte ich vertrauliche Rede. Mir wäre leidvoll, dir zu mißfallen.«

»An deine Worte gedenke ich in Zukunft«, antwortete Irmgard leise, »sooft ich einsame Wanderer in unserem Hofe sehe. Du aber vertraue, daß du manchem hier willkommen bist. Die Thüringe lieben freudigen Mut und gesellige Rede, erweise dich heut so unter den Nachbarn, und wenn ich dir Gutes raten darf, so weiche nicht abseit von den jungen Männern, wenn sie die Kampfspiele üben. Denn ich meine, daß es dir auch im Kampfe wohl gelingen mag. Gewinnst du Lob unter den Landsleuten, so freut sich unser Hof, denn dem Wirt ist es Ehre, wenn der Gast Ruhm erwirbt. Und ich merke, auch der Vater will dir wohl.« Sie neigte errötend das Haupt und entwich aus der Nähe des Fremden; er aber sah ihr freudig nach.

Der Fürst stand vor dem Herrenhause und empfing dort die Edlen und die freien Bauern, welche auf allen Wegen zu Fuß und Roß heranzogen und am geöffneten Tor von Hildebrand, dem Sprecher, begrüßt wurden. Wer zu Roß nahte, der stieg dort ab, und die Jungen führten sein Pferd in ein weites Gehege und banden es fest, damit die Knechte ihm den Schaum mit Stroh abrieben und alten Hafer in die Krippe schütteten. Würdig war Gruß und Anrede, in weitem Ringe standen die Gäste auf dem Hofe, eine stolze Genossenschaft, ansehnliche Männer aus zwanzig Dörfern der Gegend, alle in ihrem Kriegsschmuck, den Eschenspeer in der Hand, Schwert und Dolch an der Seite, in schöner Lederkappe, die mit Zähnen und Ohren des wilden Ebers geschmückt war; mancher ragte unter dem Eisenhut, in einem Lederkoller oder Kettenpanzer über dem weißen Hemd und in hohen Lederstrümpfen, die bis zum Leibe reichten, mancher auch, der reich war und die Ware der rheinischen Krämer beachtete, trug einen Überwurf von fremdem Zeug, das feine Haare von bunter Farbe hatte und wie das zarte Fell eines Raubtiers glänzte. Schweigend standen die Männer und freuten sich der Versammlung, nur einige, die zueinander traten, tauschten leise Worte über die Gerüchte, welche durch das Land flogen von der großen Schlacht im Westen und von bedrohlicher Zeit. Aber wer die Meinung der Menschen[23] kannte, wie Hildebrand, der Sprecher, der merkte wohl, daß ihr Sinn kraus war und ihre Gedanken ungleich. Lange währte die Begrüßung, denn immer noch kamen einzelne, die sich verspätet hatten, bis der Sprecher an den Häuptling trat und auf den Stand der Sonne wies.

Da führte der Wirt seine Gäste vor die Halle, feierlich betraten sie im Zuge die Stufen; am Eingang empfing sie die Hausfrau, neben ihr stand die Tochter mit den Mägden. Ehrerbietig huldigten die Männer den Frauen; die Fürstin reichte allen die Hand und fragte gebührlich nach ihren Frauen und dem Hausstand, den Männern von der Freundschaft bot sie die Wange zum Kuß. Die Häupter des Volks nahmen gewichtig Platz auf den Sesseln der Bühne und begannen ernstes Männergespräch, während der Schenk und die Diener in langer Reihe einzogen; diese trugen in Holzkannen den Frühtrunk und behagliche Zukost, weiße gewürzte Brotkuchen und Fleisch aus dem Rauchfang.

Unterdessen rüsteten die Jungen ungeduldig auf dem Rasengrund vor dem Hofe die Bahn zu kriegerischem Spiel. Die Knaben des Dorfes begannen den Kampf, damit auch sie das Lob der Krieger erwarben, sie rannten nach dem Ziel, sprangen über ein Roß und schossen mit dem Rohrpfeil nach der Stange. Bald aber ergriff der Eifer die Jünglinge, sie warfen die Speere, sie schleuderten den schweren Felsstein und sprangen ihm nach, und als Theodulf in mächtigem Schwunge den schwersten Stein geworfen und den weitesten Sprung getan, klafterweit über die anderen hinaus, da erscholl lautes Jauchzen bis zur Halle. Und die Alten und Weisen des Volkes behielt es nicht länger auf ihren Sitzen, auch sie eilten zur Schau auf den Rasen. Groß wurde der Ring der Zuschauer, die Weiber des Dorfes standen in ihrem Festschmuck, gesondert die Männer, und im Umkreis klang immer lauter der Zuruf und das Lob der Sieger.

Unter den Schauenden stand Ingo und achtete schweigend auf die behende Kraft. Da trat zu ihm Isanbart, ein alter Häuptling des Gaues, betrachtete ihn prüfend und begann feierlich, so daß die Rede der anderen verstummte: »Auch in deinem Volke, Fremdling, woher du auch stammst, übt sich wohl der junge Krieger in Sprung und Waffen. An deinem Auge und Arm sehe ich, daß du des Spiels nicht ganz unkundig bist; vielleicht gefällt dir's, unseren jungen Männern zu zeigen, was in deiner Heimat Brauch ist, wenn du auch nicht die Kunst eines Häuptlings verstehst. Bist du aus dem Ostlande, wie ich vernehme, so vermagst du wenigstens die Holzkeule zu schwingen, auch dieser Wurf erweist die Kraft des Mannes, obgleich meine Landgenossen ihn wenig üben. In der Halle sah ich über dem Sitz des Wirtes ein solches Holz.«

Ingo antwortete dem ehrbaren Greise: »Wenn mir's der Fürst gestattet und die Häupter des Volkes, so will ich versuchen, was ich ehedem gelernt.«

[24] Der Fürst winkte, einer aus dem Gefolge sprang nach dem Hofe und trug die Waffe aus Eichenholz herzu, vom Griffe nach rückwärts gekrümmt, vorn mit scharfer Schneide. Die Keule ging von Hand zu Hand, lachend wogen die Männer das leichte Werkzeug. »Eine Waffe dieser ähnlich trägt unser Sauhirt, um Wölfe zu schlagen«, rief Theodulf verächtlich, aber Isanbart der Greis entgegnete strafend: »Du sprichst töricht, ich sah von solchem Holz, nicht so schwer als dies, einen Schädel brechen wie einen Tonkrug.« Und er legte die Keule dem Wirt in die Hand.

»Wer jemals in den Ostmarken über eine Walstatt geritten ist«, sprach der Fürst, »der kennt die Wunden, welche dieser Knorren schlägt. Doch von alten Kriegern habe ich gehört, daß ein Geheimnis in dem Holze liegt und daß man schwer des Wurfes mächtig wird, denn tückisch soll es dem Unvorsichtigen das eigene Haupt treffen. Nicht unwert ist dieses Holz der Hand eines Edlen, denn es war vorzeiten eines Königs Waffe, und mein Vater brachte sie aus der Fremde heim.«

»Dann soll sie ihre Kunst dem Sohn erweisen«, rief Ingo freudig und faßte danach. Mit kurzem Armschwung warf er die Keule, sie flog in krausem Bogen durch die Luft, doch als alle meinten, daß sie zu Boden schlagen würde, fuhr sie wie durch eine Schnur gezogen wieder nach dem Manne zurück; er packte sie in der Luft am Griff und warf sie wieder hierhin und dahin, immer schneller, und immer kehrte sie gehorsam vom Schwunge in seine Hand. So mühelos und lustig schien das Spiel mit dem Eichenkolben, daß die Zuschauer näher traten und lautes Gelächter durch den Kreis ging.

»Das ist ein Gaukelspiel des fahrenden Mannes«, rief Theodulf verachtend.

»Es ist eines Mannes Handwehr«, versetzte der Fremde entgegen, »schwerlich ist dein Schädel fester als diese Eisenkappe.« Er sprach zu Wolf, und dieser legte in Weite eines Speerwurfs einen alten Eisenhelm auf einen Pfahl. Der Fremde maß das Ziel, wog die Waffe in schwingender Hand, warf sie im Bogen nach dem Helm und sprang in gewaltigem Satze nach. Laut krachte das berstende Metall, und doch fuhr die Keule wieder zurück, und wieder packte sie Ingo mit starker Hand und hielt sie hoch. Ein Ruf des Erstaunens scholl in dem Ringe, ein Haufe sammelte sich neugierig um den zerschlagenen Helm.

»Wohlan«, begann Theodulf herablassend, »hast du uns deine Gewohnheit gezeigt, so versuch es auch mit unserem Brauch. Führt den Springern die Rosse heran.«

Zuerst wurden zwei Rosse nebeneinander gestellt, Kopf an Kopf und Schweif an Schweif. Die Springer traten zurück und schwangen sich mit kurzem Anlauf hinüber; fast allen glückte der Sprung, aber bei drei Rossen gelang es nur einer kleinen Zahl, und über vier [25] sprang Theodulf allein, und als er hinter den Rossen zum Haufen der anderen zurücktrat, sah er herausfordernd den Fremden an und winkte mit der Hand zur Folge. Der Fremde neigte das Haupt ein wenig und tat denselben Sprung so sicher, daß das Feld vom Beifall widerhallte. Da rief Theodulf das fünfte Roß heran zum schweren Sprung, nur selten vollbrachte ihn einer der Behendsten. Aber der Thüring war gereizt und entschlossen, das Äußerste zu tun. Er selbst ordnete die Pferde anders, daß der Schimmel als fünfter stand, dann sah er um sich, empfing den Zuruf seiner Freunde und wagte den mächtigen Sprung. Und er kam hinüber, nur daß er beim Niedertauchen mit seinem Rücken den Schimmel streifte. Aber während er vortrat und sich über das Jauchzen des Volkes freute, tönte noch lauterer Zuruf hinter ihm und umgewandt sah er den Fremden, der diesmal schnell und mühelos in seinem Rücken den Sprung vollbrachte. Der Thüring erblich vor Zorn, er ging schweigend an seinen Platz und mühte sich vergebens, den Neid herabzudrücken, der ihm aus den Augen brach. Die Alten aber traten zu dem Fremden und rühmten seine Kunst, und der alte Häuptling begann: »Ich erkenne, Fremder, wenn mich nicht deine Gebärde täuscht, du bist nicht unkundig des Schwunges auch über sechs Rosse, den sie Königssprung nennen, und der nicht in jedem Menschenalter einem Helden gelingt. Ich sah ihn einmal, da ich jung war, mein Volk niemals.« Und er rief laut: »Führt das sechste Roß heran!« Da erhob sich im Kreise Gemurmel, und die Entfernten drängten näher herzu, während die Jünglinge eilten, das Roß zu stellen. Neben Ingo aber trat die Fürstin, sie war bekümmert um die Niederlage ihres Verwandten und sprach leise zu dem Gaste: »Erwäge, Held, leicht trifft der Pfeil des Jägers den Auerhahn, wenn er die Flügel breitend seine Stimme erhebt.« Aber Ingo sah auf Irmgard, welche in froher Erwartung hinter der Mutter stand und ihn freundlich anlachte, und er antwortete mit heißen Wangen: »Zürne mir nicht, Herrin, ich bin gefordert, nicht habe ich mich in den Kampf gedrängt; ungern entsagt der Mann der angebotenen Ehre.« Er trat rückwärts zum Sprunge, hob sich gewaltig in die Luft und vollbrachte den Schwung, daß alles Volk jauchzte, und da er zurückkehrte, achtete er nicht auf die unwillige Miene der Fürstin, er freute sich, daß ihm die Kunst gelungen war und daß Irmgards Angesicht rosig erglänzte. Lange wogten die Zuschauer durcheinander, sprachen über die Kühnheit des Fremdlings und rühmten ihn, bis dem Wettkampf der Männer andere Ziele gesetzt wurden. Ingo stand fortan still neben den Häuptlingen, und niemand forderte ihn zu neuem Streit.

Schon neigte sich die Sonne von ihrer Höhe, da nahte der Sprecher dem Fürsten und lud die Gesellschaft zum Mahle. In fröhlicher Erwartung folgten die Männer dem Rufe, sie wandten sich im Zuge nach dem Hofe zurück und schritten die Stufen der Halle hinauf.

[26] Der Sprecher und der Truchseß traten ihnen vor und ordneten an den Tafeln der Halle jeden nach Rang und Gebühr. Dies war eine sorgliche Arbeit, denn jeder begehrte den Platz, der ihm geziemte:entweder am Tisch des Häuptlings, oder nahe bei ihm, lieber auf der rechten Seite als auf der linken. Es war eine lange Reihe von Tischen, die Sitze daran für die Vornehmsten mit einer Armstütze und für die Ansehnlichen immer noch mit hoher Lehne, für die Jüngeren ein schöner Schemel. Schwer war's, allen mit dem Ehrensitz Genüge zu tun, aber der Sprecher verstand sein Amt und wußte manchem seinen Platz zu loben wegen der Nachbarn und der Nähe der Frauen und wegen gutem Überblick über den Saal. Zunächst der Tür lagerten die Bankgenossen des Hausherrn in langer Reihe, dort hatte den Ehrenplatz Theodulf und ihm gegenüber saß ganz unten der Fremde. Da alle erwartend saßen, trat der Schenk mit den Dienern ein und trug in schönen Holzbechern den Begrüßungstrank; der Wirt erhob sich, trank den Gästen gutes Heil zu, und alle standen auf und leerten die Becher. Darauf kam der Truchseß mit seinem Stabe und hinter ihm eine lange Reihe Diener, welche die erste Tracht auf die Tische setzten; da ergriff jeder sein Messer, das er an der Seite trug, und begann rüstig das Mahl.

Im Anfang war es schweigsam um die Bänke, denn allen störte die Rede der eigene Hunger und sie rühmten nur mit leisem Dank die reichliche Fürsorge der Herrin. Doch die Ältesten in der Nähe des Fürsten tauschten ernsthafte Worte, sie dachten an vergangene Taten der Helden und lobten die Tugenden ihrer Rosse. Die anderen aber horchten essend gern auf ihr Gespräch.

Und ein Edler an der Seite des Fürsten begann laut: »Das liebste fürwahr im Sommer ist mir ein solches Hochfest, wo die Landgenossen einander auf grüner Wiese im Heergewand grüßen, die grauen Häupter erinnern sich alter Kriegsreisen, die schlachtenfrohe Jugend erweist im Spiele, daß ihre Kraft dereinst die Ehren der Väter mehren wird. Die Sonne scheint warm, und das Antlitz des Wirtes lacht den Gästen entgegen; auch das Herdenvieh springt umher, und die Ähren der Gerste bräunen sich im Südwind; fröhlich wird des Mannes Herz in solcher Zeit und ungern gedenkt er der Sorgen. Dennoch ziemt dem Manne, auch beim Mahle das Schwert nicht weiter von sich zu legen, als der Arm reicht, denn wechselvoll ist alles Leben in den Tälern der Menschen, bald wohl verdeckt schwarzgrauer Wolkenschild den Himmel, ein weißes Schneetuch den Grund; kein Glück der Menschenerde dauert und der nächste Tag mag neues Schicksal bringen. So geht auch jetzt durch das Volk eine Kunde aus dem Römerland, manche sorgen darum und ihre Gedanken fragen unsern Wirt, ob er Botschaft erhielt, die uns zu wissen frommt.«

Diese Rede sprach die Meinung aller aus und von allen Tafeln klang Beistimmung, dann wurde es sehr still; der Fürst aber [27] antwortete mit Vorsicht: »Von großem Schlachtendrang vernahmen wir alle und erwägen, ob er uns zum Heile sein werde. Dennoch rate ich nicht, daß wir Waldmänner heut von dem Trinkhorn abwärts spähen mit sorgenvollem Blick. Noch wissen wir nur, was die Wanderer zutrugen aus der Fremde, vielleicht was sie selbst geschaut, vielleicht undeutliches Gerücht. Darum ritten unsere Boten über den Wald südwärts nach neuer Kunde. Wir harren ihrer Heimkehr, dann prüfen die Weisen, ob die Botschaft wert ist, daß das Volk darum sorge.«

Da diese Worte kundgaben, daß der Wirt nichts über den Römerkrieg berichten wollte, so entstand undeutliches Gemurr, und Herr Answald merkte, daß die Gäste gern mehr vernommen hätten und daß sie seines Schweigens nicht froh waren.

Darum trat jetzt auf ein stilles Zeichen des Herrn der Sprecher vor und rief mit lauter Stimme: »Die Schwerttänzer nahen und erbitten sich Gunst.« Da schwieg jeder und rückte den Sessel zum Schauen zurecht, die Frauen erhoben sich von den Sitzen.

Ein Pfeifer und ein Sackbläser schritten voran, hinter ihnen zwölf Tänzer, junge Krieger aus dem Volk und von des Häuptlings Bank im weißen Unterkleid mit buntem Gürtel, das blitzende Schwert in der Hand; vor ihnen als dreizehnter Wolf, der Schwertkönig, in rotem Gewande. Sie hielten am Eingang und grüßten, die Waffen senkend, darauf begannen sie den Sang des Reigens und schwebten in langsamem Schritt nach dem freien Raum vor der Herrenbank. In der Mitte hielt der Schwertkönig, die zwölf Genossen umkreisten ihn feierlich mit gehobenem Schwert. Er gab ein Zeichen, die Pfeifer bliesen, schneller wurden die Bewegungen, nach rechts schwang sich die Hälfte im inneren Ringe, die andere von außen entgegengesetzt und jeder tauschte mit allen, denen er begegnete, Schwertschlag nach Ordnung der Hiebe. Dann tauchte zwischen den blinkenden Schwertern der König hindurch, bald nach außen, bald nach innen im Kreise schwebend, mit seiner Waffe fing und erwiderte er die Schläge der anderen. Kunstvoller wurden die Verschlingungen, heftiger die Bewegungen, einer nach dem anderen wand sich wie im Kampf durch die kreisende Reihe der übrigen. Dann teilten sie sich in Haufen im Takte gegeneinander eilend und mit den Waffen streitend, bis sie zugleich je drei und je vier in der Kämpferstellung sich verflochten. Plötzlich senkten alle im großen Kreise die Schwerter zur Erde und verschränkten sie im Nu am Boden zu einem künstlichen Geflecht, das aussah wie ein Schild. Der Schwertkönig trat darauf, und die zwölf Genossen verstanden ihn auf dem Schilde aus Schwertern geformt vom Boden heraufzuheben bis über ihre Schultern, wo er stand und mit seinem Schwert den Fürsten, die Gäste und die Frauen grüßte. In gleicher Weise ließen sie ihn langsam zu Boden, lösten Eisen von Eisen und begannen aufs neue im Kreise gegeneinander [28] zu springen, jetzt Sprünge und Schwertschläge schnell wie der Blitz, kaum vermochte das Auge den einzelnen Streichen zu folgen, im Wirbel flirrte der blanke Stahl und schwangen sich die Leiber der Männer unter den scharfen Waffen, die Pfeife gellte, das Sackrohr summte in wilden Klängen, die Funken sprühten von den Schwertern. So lief das Spiel der Helden in des Fürsten Halle, bis die Tänzer anhielten, wie durch Zauber gebannt, in der Stellung von Kämpfern je zwei gegenüber. Darauf begann wieder der Reigensang der Tänzer, und langsamen Schrittes, feierlich grüßend, schwebten sie beieinander vorüber und schritten im Zuge zum Saale hinaus. Um die Sitze dröhnte der Beifallssturm, die Gäste sprangen begeistert auf und riefen den Tänzern fröhlichen Dank.

In der Nähe des Fürsten erhob sich Rothari, ein Edler, und begann:

»Ich rede, wie ich denke, kunstvolleres Schwertspiel sahen meine Augen niemals bei anderen Leuten, und wir Thüringe sind auf der Männererde gerühmt wegen solcher Kunst. Dort unten aber an der Bank des Fürsten sitzt ein Fremdling, kriegerischer Werke wohl mächtig. Und wenn ich ihn nach der Tüchtigkeit schätze, die er heute erprobt hat, so würde ich ihm seinen Stuhl hoch herauf unter die Starken setzen. Doch ungleich verteilen die Götter ihre Gaben, auch ein Fremder, der seine Ahnen nicht kennt, mag ein achtbarer Kriegsmann werden. Die Leute sagen, daß zuerst aus dem Hof des Fürsten die Kunde von der Römerschlacht in unser Land geflogen sei, und da ich den Fremden sah, hielt ich ihn für den Boten; doch der Keulenwurf erwies, daß er aus dem Ostland stammt. Ich bringe dem Gaste in der Halle den Heilgruß.«

Ingo erhob sich und dankte. Da rief Theodulf laut: »Manchen sah ich springen und schwingen auf weichem Rasen, der hoher Sprünge in der Feldschlacht vergißt.«

»Recht mahnst du«, versetzte Ingo kalt, »doch manchem nagt auch Neid in der Seele, weil er selbst nicht als Höchster auf dem Rasen sich schwang.«

»Für ehrenwerter als ein Springer gilt bei uns der Mann, der seine Narben vorn am Leibe trägt«, versetzte Theodulf.

»Ich aber lernte von Alten und Weisen, daß nicht unrühmlicher sei, tiefe Wunden zu geben als zu erleiden.«

»Sicher gebührt dir die Würde eines Häuptlings, dem sein Gefolge die Schilde vorhält gegen feindliche Speere, damit sein Antlitz mairötlich daure zur Freude des Volks«, höhnte wieder der Mann des Fürsten.

»Und ich hörte manchen, der einen Schwertschlag empfangen, darüber glucksen wie ein Huhn über ein Ei«, versetzte Ingo verächtlich.

»Ruhmlose Wunden auch birgt das Hemde, die Spuren der Streiche, die den Rücken bedrängten«, rief Theodulf mit flammendem Angesicht.

[29] »Ruhmlos nenne aber ich die boshafte Zunge, die in der Halle nach dem Gastfreund sticht. Nicht ehrenwert dünkt mir solche Rede, dem Thüring geziemt nicht der falschen Römer Brauch.«

»Kennst du so gut den Brauch der Römer«, rief vom andern Tisch ein wilder Kriegsmann aus Theodulfs Freundschaft, »so hast du auch wohl ihre Streiche gefühlt.«

»Im Kampfe stand ich den Römerkriegern«, rief Ingo, sich vergessend. »Frag dort im Lager nach deinen Gesippen, nicht jeder gibt dir Antwort, der meinem Schwerte genaht.«

Laute Schreie füllten die Halle, als der Fremde verriet, daß er gegen die Römer gestanden hatte. »Gut sprachst du, Fremder«, schrie es von allen Seiten, und wieder an anderen Tafeln: »Übel prahlt der Fremde, hoch Theodulf!«

Der Fürst erhob sich und rief mit mächtiger Stimme: »Den Wortkampf stille ich, an den Frieden mahne ich im festlichen Saal.« Da verstummten die lauten Rufe, aber der Streit der Meinungen schwebte geräuschvoll um alle Tische, die Augen flammten und starke Hände hoben sich. Während dem Gewirr sprang ein Jüngling aus dem Gefolge des Häuptlings die Stufen herauf und schrie in die Halle: »Volkmar, der Sänger, reitet in den Hof.« »Er sei willkommen«, rief der Fürst. Und zu dem Sitz der Frauen gewandt, fuhr er fort: »Irmgard, mein Kind, begrüße deinen Lehrer und geleite ihn zu unserem Tisch.« So befahl der kluge Wirt, um die Hadernden an die Gegenwart der Frauen zu mahnen. Seine Worte wirkten wie eine Beschwörung auf die brausende Menge, die düstern Mienen wurden hell und mancher ergriff den Krug und tat einen tiefen Trunk, um ein Ende zu machen mit seinen Gedanken und sich vorzubereiten auf das Lied des Sängers. Irmgard aber trat aus der Laube und schritt durch die Reihen der Männer zu der Schwelle. Auf den Stufen des Saals stand gedrängt die Jugend des Dorfes und starrte neugierig in die Halle. Da durchschritt Irmgard den Haufen und erwartete im Hofe den Sänger, der sich unter einem der Dächer zum Fest gerüstet hatte. Mit ehrbarem Gruß kam er auf sie zu, ein Mann von mäßiger Größe mit leuchtenden Augen, das krause Goldhaar mit Grau durchzogen, zierlich trug er seinen Überwurf von buntem Tuch, die nackten Arme mit Goldringen geschmückt, eine Kette um den Hals, das Saitenspiel in der Hand.

»Du kommst zu guter Stunde, Volkmar«, rief ihm die Jungfrau zu, »sie sträuben sich gegeneinander, es tut not, daß dein Lied ihnen das Herz erhebt. Bewähre heut deine Kunst, und wenn du kannst, singe ihnen Frohes.«

»Was hat ihnen den Sinn verstört?« fragte der Sänger, der gewöhnt war, seine Kunst wie ein kluger Arzt zu spenden. »Ist's wieder der wilde Hofhalt des Königs Bisino, dem sie grollen, oder streiten sie um die Römerfahrt?«

[30] »Die jungen Männer halten nicht Frieden«, antwortete das Herrenkind.

»Ist's nichts weiter?« versetzte der Sänger gleichgültig. »Es wäre vergebene Müh', ihre Waffengänge auf grüner Heide zu hindern.« Da er aber die ernste Miene der Jungfrau erkannte, fügte er hinzu: »Sind's die Tollköpfe vom Hofe, dann, Herrin, fürchte ich, daß mein Lied ihren Neid nicht zu tilgen vermag. Könnte ich dein freundliches Lachen in ein Lied fassen und jedem in das Ohr singen, so würden sie alle mir folgen wie die Lämmer. Doch was ich heute bringe«, setzte er mit verändertem Tone hinzu, »ist so schwer, daß sie darüber ihren Streit sicher vergessen. Es ist üble Zukost für ein Festmahl. Dennoch muß ich hinein, ihnen die Mär verkünden, ich weiß nicht, ob sie sich dann noch Sang begehren.«

»Willst du beim Mahl die Trauerbotschaft sagen?« fragte die Jungfrau sorglich, »das macht ihnen den Mut vollends schwer und empört sie in Zorn.«

»Du kennst mich ja doch«, versetzte der Sänger, »ich gebe ihnen nur so viel, als sie vertragen können. Wen hat der Fürst zur Halle geladen?«

»Es sind unsere alten Landgenossen.«

»Sind Fremde darunter?«

»Niemand«, versetzte die Jungfrau zögernd, »als ein armer Wanderer.«

»Dann sei ohne Sorgen«, schloß der Sänger, »das Gemüt der Unseren kenne ich und wie man ihnen den Abendtrunk mischt.«

Während die Jungfrau durch eine Seitentür in die Laube stieg, betrat der Sänger die Halle. Als er auf der Schwelle stand, erscholl ein Zuruf und Gruß, der laut von der Decke widertönte. Stolz empfand Volkmar, daß er ein Günstling war, er trat mit behendem Schritt in den freien Raum vor den Tisch des Häuptlings und verneigte sich tief gegen ihn und die Herrin.

»Sei tausendmal gegrüßt, du Geliebter des Volkes!« rief ihm der Fürst entgegen, »die Vögel unseres Gaues, die im Winter geschieden waren, singen längst ihr Sommerlied, nur den Sänger der Helden haben wir vergeblich ersehnt.«

»Nicht die Vögel hörte ich in der Luft den Sommer verkünden, die Kriegshunde des Gottes hörte ich heulen im Winde und die bunte Wolkenbrücke erblickte ich, auf der die Helden in endloser Schar zu der Halle der Götter hinaufzogen. Den Rheinstrom sah ich dahinfließen in roten Wellen, bedeckt mit Leibern der Männer und Rosse, die Walstatt schaute ich und das blutige Tal, wo die Hügel der Erschlagenen liegen zum Fraß für die Raben, und Könige weiß ich mit gefesselten Gliedern im Römerlager den Beilschlag erwartend.« Ein lauter Aufschrei folgte diesen Worten. »Erzähle, Volkmar, wir hören«, sagte der Fürst.

[31] Der Sänger fuhr durch die Saiten, und es ward so still in dem Raum, daß man die tiefen Atemzüge der Gäste vernahm. Darauf rührte er die Saiten und begann zuerst erzählend, dann mit gehobener Stimme und melodischem Tonfall singend seinen Bericht von der Schlacht zwischen den Alemannen und Römern. Er nannte die Namen der Könige und Königskinder, welche mit den Alemannen über den Rhein dem Cäsar entgegenzogen und zuerst die Reiter der Römer in die Flucht schlugen und dann die erste Schlachtreihe. Darauf sang er: »Hinter die zweite Reihe der Römerscharen ritt gebietend auf seinem Rosse der Cäsar, über ihm schwebte als Banner das Drachenbild, der Riesenwurm mit gewundenem Leib, das heilige Schlachtzeichen der Römer, purpurrot war der Wurm und aus dem aufgesperrten Rachen fuhr die züngelnde Flamme. Und der Cäsar rief die Bataver vor und die Franken: ›Herauf, ihr Germanenhelden, nicht zwingen meine Welschen den Sturm der Feinde.‹ Der Herold ritt, und die Franken hoben sich helleuchtend vom Boden, nach Scharen geordnet, mächtig schwang Aimo, Arnfrieds Sohn, das Schwert in dem Vorkampf.«

»Das ist mein Bruder!« rief es von einem Tisch. »Heil Aimo!« dröhnte es in einer Ecke des Saals.

»Sie zogen heran in geraden Reihen, die weißen Schilde mit dem Stierbild geschmückt; hart war der Drang, wie Feuerflammen den Heidegrund, so räumte ihr Schwert die Walstatt vom Sturm der Alemannen. Doch in neuem Keil sprangen die Alemannen herein, voran die Könige, und wieder wichen die Römer. Da mahnte der Cäsar seine letzte Schar, die im Römerheer der Dornhag des Feldherrn heißt.«

»Archimbald!« rief es wild in dem Saale. »Eggo!« von einer anderen Seite.

»Dort stand als Führer über hundert Mann ein hünenhafter Gesell, der Thüring Archimbald, und Eggo, sein Bruderssohn, wohlerfahren im Kriegsbrauch der Römer. Sie stemmten das Knie im Boden fest, sie deckten den Leib mit dem Lindenschild und wehrten als dreifache Schildburg mit starrenden Speeren. Und wieder brachen die Alemannen heran, die Schilde krachten im Hieb der Äxte, die Speere fuhren durch Rüstung und Leib, die Toten sanken in langen Reihen und über die Leiber der Gefallenen drängte der Schwall, Schild an Schild, und Brust gegen Brust, wie Kampf der Stiere in umhegtem Pferch. Da schied sich das Schlachtenglück von den Alemannen, sie fuhren rückwärts, ihnen graute vor dem Hauf der sterbenden Genossen. Die Sonne sank, und das Kriegsheil schwand. Die gelösten Scharen wälzten sich flüchtig zum Ufer des Stromes, und hinter ihnen stürmten mit Messer und Speer die Römer wie die Meute hinter dem Hirsch; in den Rhein hinab sprang das flüchtige Volk, die Sieger am Ufer mit lautem Geschrei warfen die Speere in ein [32] wildes Gewühl von Männern und Rossen, von toten Leibern und ertrinkenden Helden. Der Nix des Stromes streckte die Krallenhände umher und zog die Helden zur Tiefe in seine Behausung.«

Der Sänger hielt an, ein lautes Stöhnen ging durch die Versammlung, nur einzelne Heilrufe erklangen da zwischen; der Fürst hörte gespannt auf die Ausbrüche des Schmerzes und der Freude. Dann fuhr Volkmar fort, indem er die Trauerklänge mit kräftiger Weise vertauschte: »Der Cäsar trat an den Uferrand und sah lachend hinab in der Männer Not. Er rief seinem Bannerträger, der den Drachen trug, das rote Scheusal aus Purpur gewirkt, darin ein Gott der Römer gefügt den Siegeszauber, den Tod der Feinde: ›Laß schweben den Drachen über der Flut, daß er seine Zähne zeige und die flammende Zunge dem sterbenden Volke. In der Luft hoch fliegt er gegen die Himmelshalle der Toten, wenn sie aufsteigen auf der Wolkenbrücke, so weist er die Zähne; der Römerdrache hemmt ihnen die Reise, daß sie abwärtsfahren den Weg der Fische, hinab in das Dunkel zu Helas Tor.‹ Da rächte den Hohn der letzte Held, der mit den Waffen die Römer bestand, Ingo, Ingberts Sohn von Vandalenland, der Königsohn aus Göttergeschlecht. Er hatte gekämpft an König Athanarichs Achsel, voran im Kampfe, ein Schrecken der Römer. Da das Schlachtenglück sich wendete, schritt er zurück mit seinem Gesinde, das ihm folgte auf dem Kriegspfad von Land zu Land, langsam und zornig wie ein brummender Bär wich er zum Ufer, wo am Fuß des Felsens die Kähne lagen. Dort trieb er zusammen die Frauen des Heers, die Schicksalsverkünderinnen, die Blutbesprecherinnen, und zwang sie zur Abfahrt, daß die heiligen Mütter dem Schwerte der Römer entrannen. Auch den Sänger drängte er hinab in den Kahn, und er selbst umschanzte hochherzigen Sinnes die Stelle der Abfahrt mit Waffe und Leib. Gelöst war das Leitseil, die Kähne schwebten, umschwirrt von den Speeren der Römer auf grüner Flut; die Feinde drängten und mühsam kämpfte die Schar am Fuß des Felsens den letzten Kampf. Da schaute der Held auf dem Steine über seinem Haupt den Drachen des Cäsar, den grimmigen Wurm, und im Sprunge durchbrach er die Wachen des Römers; er sprang auf den Stein, mit Bärengriff faßte er den Riesen, der das Banner trug, und warf ihn vom Felsen. Leblos tauchte in die Fluten der Römer, und das Banner erhebend, rief der Held gewaltig den Schlachtruf und sprang mit dem Drachen hinab in den Strom. Ein Wutgeschrei gellte aus Römermunde; die bittere Schmach vor den Augen des Cäsar zu rächen, den Kühnen zu schlagen, das heilige Zeichen der Römer zu retten, warf Mann und Roß sich wie toll in den Strom. Doch abwärts trieb im wirbelnden Strome der rote Drache, der siegreiche Held. Noch einmal sah ich den Arm ihn heben und schütteln das Banner, dann sah ich ihn nimmer. Der Cäsar ließ suchen an des Stromes Rand auf beiden Ufern mit trübem Sinn; zwei Tage [33] darauf fand weit abwärts ein Späher am Alemannenufer gebrochen den Bannerspeer, den Drachen des Feindes brachte keiner zurück. Da kehrte den Männern an den Ufern des Rheins der Mut in die Seelen, der Siegeszauber des Cäsar war im Strome verloren und vergeltendes Unheil nahte dem Römerheere. Gesandte der Katten, die aufwärts kamen, um dem Römervolk Bündnis zu bieten, sie hemmten die Reise, da sie erfuhren das böse Vorzeichen. Gerochen war der Hohn des Siegers durch starken Arm, und geschwunden von der Männererde König Ingo, der Held.«

Der Sänger schwieg und beugte das Haupt über das Saitenspiel, still war es in der Halle, wie nach einer Totenklage, die Augen der Männer glänzten, und in den Gesichtern arbeitete die Bewegung. Aber in keinem mehr als in dem des Fremden. Da der Sänger eintrat und im Vorübergehen sein Gewand berührte, hatte er das Haupt niedergebeugt und, wie sein Nachbar Wolf ohne Freude wahrnahm, an dem Bericht des Sängers weniger teilgenommen, als einem Krieger schicklich war, und die Bankgenossen hatten auf ihn gewiesen und spottende Worte getauscht. Als aber der Sänger von dem Kampf um das Drachenbild begann, da hob er das Antlitz, ein rosiges Licht flog über seine Züge, und so strahlend und verklärt war der Blick, den er nach dem Sänger warf, daß, wer auf ihn sah, die Augen nicht abwenden konnte, wie ein Goldschein hob sich das helle Lockenhaar um das begeisterte Antlitz. Und als der Sänger schwieg, saß er noch unbeweglich.

»Sieh dorthin, Volkmar«, rief eine tiefe Frauenstimme vor Bewegung zitternd, und alle Blicke folgten der Richtung, nach welcher die Hand Irmgards wies, die hoch aufgerichtet in der Laube stand.

Der Sänger fuhr empor und starrte nach dem Fremden: »Der Geist des Stromes gab den Helden zurück«, rief er entsetzt, doch gleich darauf sprang er vor: »Selig ist der Tag, an dem ich dich schaue, Held Ingo, Ingberts Sohn, du mein Retter, der letzte Kämpfer in der Alemannenschlacht.«

Die Gäste fuhren von ihren Sitzen, die Halle erdröhnte vom Jubelruf. Der Sänger stürzte auf Ingo zu, beugte sich auf seine Hand und rief: »Leibhaftig halte ich dich. Niemals ward meinem Liede so schöner Lohn.« So führte er den Fremden an den Tisch des Fürsten, der ihm mit nassen Augen entgegeneilte: »Gesegnet seist du, heldenhafter Mann, heut fällt mir schwere Last vom Herzen, ich wußte wohl, nicht läßt sich bergen des Helden Ruhm. Sei gegrüßt in meinem Hause, du Gastfreund aus der Väter Zeit. Rückt den Sessel, Knaben, daß der Fürst sich den Edlen meines Volks geselle. Trage Wein herzu, Schenk; im Festbecher, mit dem Römertrank aus Römergolde trinken wir Heil dem königlichen Helden, dem Sohn unserer Götter.«

[34]
Offene Herzen

Am frühen Morgen schritt Irmgard durch das tauige Gras dem Walde zu. Weißer Nebel wallte am Boden und hing wie Gewand der Wassergeister um die Bäume. Aus dem Dampf der Wiese hob sich die helle Gestalt der Jungfrau, sie sang und jauchzte mit geröteter Wange und langflatterndem Haar, selig im Herzen; so fuhr sie durch die wirbelnden Wolken dahin, einer Göttin der Flur vergleichbar. Denn sie hatte gehört und geschaut, was Heldentum heißt und was den Mann emporhebt aus den Schrecken des Todes in die Gesellschaft der hohen Götter; alle Landgenossen hatten sich vor der Heldenkraft des einen geneigt, der ihr heimlich gefiel und vertraulich war wie kein anderer. Sie stieg den Bergweg hinauf bis zu der Stelle, wo die Halle des Vaters hinter dem Baumlaub verschwand; dort stand sie allein zwischen Wald und Fels, unter ihr rauschte der Gießbach, über ihr schwebten die Lichtwolken des kommenden Tages. Sie trat auf den Stein und sang dem Felsen und dem rauschenden Wasser die Weise des Sängers und die Worte des Liedes, die sie in der Halle gehört. Sie kündete freudig, was ihr von der Kunst des Volkmar im Gedächtnis haftete, und als sie zum Sprung in den Rhein kam, gefiel er ihr sehr, sie sang in der Begeisterung: »Ihr klugen Vögel auf den Bäumen, Boten der Götter, und ihr kleinen Elbe unterm Farnstrauch, hört es noch einmal.« Und sie wiederholte die Worte. Und als der Held zuletzt im Strome verschwand, wurde ihr sein Verschwinden traurig, und da sie ein sinnvolles Weib war, so ergoß sich ihre Bewegung in neuen Worten, und sie sang noch eine Klage des Sängers. Über dem Rufen der Waldvögel und dem leisen Klingen des Bergquells tönte das Lied des jungen Weibes mächtig vom Felsen zurück.

Da rollte in ihrer Nähe ein Kiesel zum Bach, sie sah zur Seite und erkannte abseit eine Gestalt, die, eingehüllt in das luftige Gewebe der Nixen, unter ihr an einem Baumstamm lehnte; der Held, dessen Ehre sie dem Walde verkündet, stand leibhaftig in ihrer Nähe, und als sie erschrocken zurücktrat, vernahm sie seine bittende Stimme: »Singe weiter, o Jungfrau, daß ich aus deinem Munde höre, was glücklich macht. Lieber als alle Kunst Volkmars ist mir der Ton aus deiner Kehle. Denn als der Sänger sang und die Halle vom Zuruf der Männer dröhnte, da dachte ich immer an dich, und die stolzeste Freude war mir, daß du die Kunde vernahmst.«

»Im Schrecken über deinen Anblick schwinden die Worte«, antwortete Irmgard und suchte sich zu fassen, als er ihr näher trat. »Unter dem Holunderbaum war ich mutiger, dich anzureden«, fuhr sie endlich fort, »doch auch damals bedurftest du, o Held, wenig meines Rates, und wenn ich daran gedenke, muß ich mich über meine Torheit wundern; verspotte du mich darum nicht. Denn geradeaus geht die Rede unter uns Waldleuten, und einfältig sind unsere [35] Gedanken. Mir aber tut weh, daß du zweimal aus meinem Munde gehört hast, was du schon weißt; hätte ich dich gekannt, wie du bist, so hätte ich meine gute Meinung ehedem dir besser verborgen, und auch heute bedrückt mich die Scham, weil du mich belauschtest.«

»Verhehle mir nicht, Irmgard«, flehte der Gast, »wenn du huldvoll gegen mich gesinnt bist, denn glaube mir, selten hört ein Gebannter herzliche Rede aus dem Mund einer guten Frau. Auch wenn der Sänger ihn preist und der Wirt ihm zutrinkt, dennoch steht er ausgeschlossen vom Geschlecht und der Freundschaft; schwerlich gewährt dem Güterlosen ein ansehnlicher Mann seine Tochter als Ehegemahl, und keine Söhne läßt der Flüchtling auf der Erde zurück, die seiner Taten sich rühmen.«

Irmgard sah ernsthaft vor sich nieder.

»Du aber«, fuhr Ingo fort, »dulde, daß ich dir bekenne, was ich Geheimes auf der Seele trage. Verachtest du mein Vertrauen nicht, so sitze hier auf dem Stein, damit ich dir's künde.«

Irmgard saß gehorsam nieder, der Mann stand vor ihr und begann: »Vernimm, was mir nach der Alemannenschlacht geschah: Die Sterne schienen, ich lag todmüde am kiesigen Ufer des Stromes, das rote Band des Römers um den kraftlosen Arm geschlungen, der Nachtwind stöhnte die Totenklage, die Wellen rauschten, kalt war der Leib und betäubt das Hirn. Da neigte sich ein gramvolles Antlitz über mich, die Schicksalsverkünderin war es der Alemannen, ein weises Weib, die Vertraute der Götter. ›Dich suche ich, Ingo, unter den Leibern der Männer, daß ich dir dein Leben bewahre, wie du mir das meine.‹ Sie zog mich vom Ufer empor, bedeckte die Glieder mit warmer Hülle und bot mir heilkräftigen Trank; darauf riß sie den Langspeer vom fremden Banner und warf betend den zerbrochenen Stab zurück in den Strom. Im Waldesdickicht barg sie den Müden und saß bei dem Lager wie eine Mutter Nacht und Tag. Beim Abschied ergriff sie das Purpurzeichen und sprach: ›Hier weise ich die Fäden, die dein Schicksal lenken, die Götter lassen dem Helden die Wahl. Wirfst du von dir den Zauber, den Römer gesponnen, so magst du altern in friedlicher Stille, verborgen im Volke, geduldig im Leben und schicksalsfrei. Doch bewahrst du das Purpurbild mit tückischen Augen und feuriger Zunge, dann singt wohl unter den Kriegern der Sänger dein Lob, gewaltig lebt dein Gedächtnis bei andern; doch fürchte dich, der Drache verbrennt dir dein Glück und den Leib. Wähle jetzt, Ingo, denn die Götter teilen dem Mann sein Schicksal nach seinen Gedanken, und aus seinen Taten fallen die Lose, die schweren und leichten, wie er geworfen, so wird sein Geschick.‹ Da sprach ich: ›Längst, liebe Mutter, warfen die Götter und die Taten der Ahnen mir mein Erdenlos, von den Göttern kam ich zur Menschenerde, ruhmloses Dehnen auf weichen Fellen vermag ich nicht zu küren, du weißt es ja selbst; im Vorkampf mit meinen [36] Genossen zu schreiten, die Männer der Erde hinaufzuführen zum Wolkensaal der Helden, das ist mein Amt. Bin ich auch ein Fremdling bei fremden Geschlechtern, ich fürchte dennoch nicht den weisenden Finger der Schicksalsfrau, mit festem Herzen will ich unter den Helden schreiten, meinem Mannesmut will ich fröhlich vertrauen. Bringt auch Haß mir der Drache: der Ruhm schafft Freunde, nimmer berge ich mein Haupt vor dem Licht der Sonne.‹

Da nahm die Mutter den Purpur zur Hand, sie trennte die Häupter des Drachen vom gewundenen Leibe, die Häupter behielt sie, das Gewebe des Leibes warf sie in die Flamme des Herdes. ›Vielleicht löse ich so das drohende Unheil von deinen Tagen‹, sprach sie am Herde. Die Flamme schlug hoch auf, mißfarbiger Qualm erfüllte den Raum, sie stürzte hinaus und riß mich ins Freie. Dann band sie die Häupter mit biegsamer Weide, knüpfte die Knoten, raunte das Lied und bot mir den Bund in lederner Tasche, damit ich ihn heimlich vor jedem bewahre. ›Es schützt vor dem Wasser, nicht wahrt's vor dem Feuer, dein Leben befehle ich in der Götter Hut.‹ So wies sie mich nordwärts mit Reisesegen.

Dies, Jungfrau, ist das Geheimnis meines Lebens, dir künde ich's gern. Was die Götter mir fügen wollen, weiß ich nicht, dir aber vertraue ich, was sonst keiner weiß. Denn seit ich in das Land kam und dich schaute, ist mir der Sinn geändert, und mir dünkt besser, neben dir zu sitzen oder zu Roß über die Flur zu reiten, als mit den Geiern dem Schlachtgetümmel nachzuziehen. Sehr gewandelt sind meine Gedanken, und der Mut wird mir schwer bedrückt, weil ich ein unsteter Mann bin, denn sonst kümmerte mich mein Schicksal nicht sehr, meinem Arm vertraute ich und einem günstigen Gott, der den Verbannten vielleicht dereinst in die alte Heimat zurückrufen würde. Jetzt aber sehe ich, daß ich dahinfahre wie dieses Fichtenreis auf seiner Scholle über die rinnende Flut.« Er wies auf einen jungen Fichtenbaum, der vom Bergwasser mit Moos und Erde losgerissen war von seinem Standort und aufrecht durch die Wasserwirbel dahinfuhr. »Kleiner wird die Scholle«, sagte Ingo ernsthaft, »die Erde bröckelt ab, zuletzt vergeht er zwischen den Steinen.« Irmgard erhob sich und folgte mit gespanntem Blick der Bahn des wilden Strauches; er fuhr talab, drehte sich im Strudel und schnellte vor wärts, bis er zwischen Nebel und Flut fast unsichtbar wurde. »Er steht«, rief sie endlich frohlockend und sprang am Bach hinab, der Stelle zu, wo der Baum an einer vorspringenden Landzunge haftete. »Sieh her«, rief sie dem Mann, »hier grünt er an unserem Ufer, wohl möglich ist es, daß er fest an das Land wächst.«

»Du aber«, rief Ingo hingerissen, »sage mir, ob dir das lieb wäre.«

Irmgard schwieg.

Da brach über der Wolkenwand die Sonne hervor, ihre Strahlen verklärten die helle Gestalt der Jungfrau, das Haar glänzte wie [37] Gold um Haupt und Schultern, während sie mit niedergeschlagenen Augen, die Wangen gerötet, vor dem Manne stand, Ihm hob sich das Herz in Freude und Liebe, ehrfürchtig trat er an sie heran, sie blieb wie festgebannt, regte leise die Hand zur Abwehr und murmelte bittend: »Die liebe Sonne sieht's.« Er aber küßte sie herzlich und rief der lachenden Sonne zu: »Sei gegrüßt, milde Herrin des Tages, sei uns gnädig und bewahre vertraulich, was du schaust.« Er küßte sie wieder und fühlte ihren warmen Mund gegen den seinen. Doch da er sie umschlingen wollte, hob Irmgard den Arm, sie sah ihn mit heißer Liebe an, aber ihre Wange war erblichen, und sie wies ihn mit einer Handbewegung aufwärts nach den Bergen. Er gehorchte und sprang von ihr, und als er sich rückwärtsschauend nach ihr wandte, hatte die Lichtumflossene sich vor dem Bäumchen auf die Knie geworfen und hielt die Arme flehend zum Himmelsschein empor.

An demselben Morgen gesellten sich die Edlen und Weisen, Führer der Gemeinden und bewährte Krieger im Hause des Herrn Answald und saßen nieder auf den Sesseln, die ihnen zu beiden Seiten des Herdes gereiht waren. In der Mitte nahm der Wirt seinen Sitz, hinter seinem Stuhle stand Theodulf. Der Sprecher schloß die Tür, und der Fürst sprach zu der Versammlung: »In mein Haus ist gekommen Ingo, König Ingberts Sohn, durch Gastfreundschaft mir verbunden von den Vätern her. Heut begehre ich für ihn das Gastrecht des Volkes, damit er sicher sei nicht allein in meinem Hause, auch in eurem Lande vor Feinden aus der Fremde und im Volke, daß er Recht finde gegen Missetäter und Schutz durch die Waffen der Nachbarn gegen jeden, der ihm feindlich trachtet nach Ehre und Leben. Als Bittender steh' ich vor euch für den werten Mann, bei euch steht es, zu geben oder zu weigern.« Nach den Worten entstand tiefe Stille; endlich erhob sich Isanbart, lang hing ihm das schneeweiße Haar um das narbige Antlitz, die hohe Gestalt stützte sich auf den Stab, aber kräftig tönte die Stimme des Greises, und achtungsvoll lauschten die Männer: »Dir, Fürst, ziemt es zu sprechen, wie du getan. Wir sind gewöhnt, daß du dem Volke gibst, und wenn du von dem Volke bittest, so sind unsere Herzen bereit zur Gewährung. Ruhmvoll ist der Mann, und daß er selbst es ist und nicht ein lügender Landfahrer, dafür bürgt das Lied des Sängers, ein gastliches Zeichen, das er mit seinem Wirte verglichen hat, und über dem anderen seine Würde in Antlitz und Gliedern. Aber wir sind zu Wächtern bestellt über das Wohl von vielen, und zur Vorsicht mahnt die sorgliche Zeit, deshalb ziemt uns ernste Beratung und Ausgleich der Meinungen, welche etwa die Helden des Volkes zwiespältig scheiden.«

Er setzte sich, und die Nachbarn nickten ihm ehrfürchtig zu. Aber heftig erhob sich Rothari, ein Edler aus dem alten Herrengeschlecht, [38] ein dicker Mann mit rotem Antlitz und rötlichem Haar, ein rühmlicher Zecher, auch wacker im Männerkampf und lustig im Reigen, ihn nannten die Knaben im Spott König Pausback: »Ein Rat am Morgen soll wie ein Frühtrunk sein, kurz und kräftig. Ich meine, hier braucht es nicht lange Erwägung, wir haben ihm neulich beim Weintrunk Heil gerufen, wir werden ihm heute nicht Wasser in seinen Krug schütten, er ist ein Held, der zwei gute Bürgen hat, das Lied des Sängers und unser Wohlgefallen, das ist mir genug, ich gebe ihm mit meiner Stimme das Gastrecht.«

Die Alten lächelten über den Eifer des Treuen, und die Jüngeren riefen ihm Beifall zu, da stand Sintram auf, Theodulfs Oheim, ein Mann ohne Brauen, mit bleichem Auge und hagerem Gesicht, ein harter Wirt, gefährlich seinen Feinden, doch von klugem Rat und angesehen am Hofe des Königs. »Du, o Fürst, bist ihm huldreich gesinnt, und er selbst verdient es, so sagt ihr; das gibt auch mir die Richtung für meinen Wunsch, und willig würde ich ihn als Gast begrüßen, wie wir zuweilen dem fremden Wanderer tun, dessen Lob nicht der Mund des Sängers verkündet. Doch ein Zweifel bändigt mir den Wunsch in der Brust, und ich frage: Kommt er als unser Freund aus der Fremde? Nicht alle jungen Krieger des Gaues stehen auf der Heimaterde, ich denke auch derer, die nach Ruhm und Glück auswärts zogen. Wer von unseren Blutgenossen hat mit den Alemannen gefochten? Ich weiß keinen. Im Heere der Römer aber stehen kühne Schwertträger unserer Verwandtschaft, sind diese dem Fremden feind, wie dürfen wir uns seine Freunde nennen? Sind sie gefallen, so schallt in unseren Dörfern die Totenklage; wer hat sie gefällt? Vielleicht der schlachtenkühne Mann, der sich ja selbst beim Mahl dessen rühmte. Wie dürfen wir Gastrecht dem Feinde bieten, der feindlich unser Blut vergossen? Nicht weiß ich, ob er's tat, doch wenn er es nicht tat, so war's ein Zufall, seine Absicht war's, da er für den König Athanarich stritt. Im Römerheer, höre ich, rühmt man, daß der Cäsar seine Siege allein den Volksgenossen verdankt, welche unsere Sprache reden; wie Riesen stehen die rotwangigen Söhne unseres Landes über den schwarzäugigen Fremden. Der Cäsar lohnt ihnen durch Armringe und Ehren, durch die höchsten Ämter. Fragt nach einem gewaltigen Kriegsmann und stolzen Herrn in Rom, dann sagen die römischen Händler mit neidischem Blick: Germanenblut sind sie. Wo soll unsere Jugend des Krieges Ehre finden und Liebe bei den Göttern, wenn friedlich im Lande die Waffen rosten? Die Überkraft unserer Gaue – wohin soll sie ziehen, damit die Brüder daheim das Erbe genießen, wenn nicht der Cäsar sein Schatzhaus den Wanderern öffnet? Darum sage ich, nützlich ist uns sein Reich, und wer gegen ihn kämpft, steht auch gegen unseren Vorteil. Sehet zu, daß der Fremde unseren Männern nicht den Pfad sperre, welcher hochsinnige Helden zu Goldschatz und Ehre führt.«

[39] Finster saßen die Männer, ihnen war zur Trauer, daß er Wahrheit sprach. Doch das Schweigen brach Bero, der Vater Fridas, ein hartknochiger Bauer, die buschigen Brauen zog er mißvergnügt zusammen: »Du sandtest den Bruder ins Heer der Römer«, sprach er rauhstimmig und langsam, »du sitzest gemächlich auf seinem Erbe, mich wundert nicht, daß du die fremde Brut lobst. Der Bauer aber freut sich nicht der trotzigen Gesellen, die von ihrer Speerreise aus dem Römerland heimkehren, denn üble Landgenossen werden sie, Verächter unserer Sitte, Prahler und Lungerer. Darum sage ich, ein Unheil sind die Römerfahrten unserm Volke. Ziehen unsere jungen Krieger in den Lagerdienst des fremden Feldherrn, sie tun's auf eigene Gefahr, nicht hat das Volk sie dazu erkoren und geweiht. Ich rühme mir seßhaftes Hausen daheim, ehrlichen Axtschlag und darauf ehrlichen Frieden mit den Nachbarn, welche meine Götter und meine Sprache ehren. Jetzt haben wir Frieden mit jedermann, kommt heut ein Alemanne an unseren Herd, ein wackerer Gesell, wir lagern ihn am Feuer, kommt morgen ein Römerkrieger, der uns ehrlich dünkt, wir tun vielleicht dasselbe. Beide müssen sie bescheiden leben nach unserem Recht, und mögen sie einer dem anderen die Luft und des Herdes Flamme nicht gönnen, so laßt sie ihre Schwerter nehmen und außerhalb des Dorfzaunes ihren Streit auskämpfen. Die Schläge sind ihre Sorge, nicht unsere. Darum spreche ich so, hier ist ein heldenhafter Mann, ob Römer, ob Vandale, er sei willkommen an unserer Bank, die Hauswirte bleiben wir und bändigen ihn, wenn er des Landes Frieden stört.«

Er sprach's und setzte sich trotzig auf seinen Schemel, beistimmend murmelten die Alten. Da erhob sich Albwin, ein edler Mann; sie sagten, daß ein Hausgeist im Balkendach seines Hofes wohne seit der Väterzeit und in der Nacht die Kinder des Geschlechtes wiege, und daß diese darum nicht zu dem Himmel wüchsen, wie die anderen Menschen; denn zierlich und klein waren alle seines Blutes, doch artig von Gebärden und guter Worte mächtig. Und er sprach: »Vielleicht vermagst du selbst, o Fürst, die Meinung der Herren und Nachbarn zu versöhnen; sie alle gönnen das Beste dem Helden, der aus dem Kriege zu deinem Herde kam. Sie sorgen nur, daß er vielleicht einst die Landgenossen durch sein Schicksal beschwere. Denn es ist erlauchtem Mann eigen, nicht träg unterm Dach des Wirtes zu liegen, er sammelt sich Anhang und schafft sich Gegner; je größer eines Mannes Ruf das Land durchdringt, desto gewaltiger zieht er die Genossen in seine Wege. Wir sind nicht so karg, daß wir die Tage zählen, während denen wir einen Wanderer in der Halle bergen, doch kennen wir des Helden Meinung nicht; und darum sei es mir vergönnt, den Wirt zu fragen. Ist es dem Fremdling nur um kurze Ruhe und Gemach zu tun, dann braucht's nicht der Beratung. Will er die Tage seiner Zukunft in dem Volke beschließen, seinen Saal sich [40] zimmern auf unserem Boden, dann mögen wir nicht nur das Heil des Fremden, auch das unsere klug bedenken.«

»Du mahnst mit Grund«, versetzte ernst der Fürst, »und doch muß ich deiner Rede die Antwort weigern; du selbst weißt, nicht ziemt dem Wirt, die Stunde der Abfahrt aus dem Gast zu spähen, und dürfte ich's, hier würde ich es nimmer tun, denn aus dem Elend kommt der edle Mann, er selbst weiß nicht, ob die Heimkehr ihm bald oder ob sie ihm niemals vergönnt ist.«

Wieder hob sich Rothari, der ungefüge Mann, und sprach im Zorn: »Was soll das Markten mit der Zeit, wir Thüringe, wenn wir die Herzen öffnen, tun's nicht auf Zeit. Gebt ihm das Gastrecht in dem Volk und macht ein Ende.«

Laut riefen die Männer Beifall und sprangen von ihren Sitzen. Da sprang Sintram in die Mitte des Kreises und rief mit scharfer Stimme in die aufgeregte Menge: »Sieh zu, Fürst, daß nicht die Führer unseres Gaues wie Knaben hinter dem bunten Vogel hinabspringen in unerforschte Kluft; ich fordere Schweigen, wenig ist noch bedacht, was unserem Heile frommt.«

Der Fürst winkte mit seinem Stabe, unwillig setzten sich die Männer und erhoben drohendes Gemurmel gegen Sintram; aber ungerührt fuhr er fort: »Mächtig bist du, o Fürst, und scharf ist das Eisen der Landgenossen, aber Thüringe sind wir, und ein König waltet über uns, es ziemt, daß der König dem fremden Königssohne Gastrecht gibt, nicht wir.« »König Bisino, König Blaubeere?« schrien zornige Stimmen. »Will Sintram, daß ein Bote des Königs die Gelübde vorspreche, die wir am Herdfeuer sagen sollen?« rief ein finsterer Thüring.

»Der König ist der oberste Herr«, sprach Herr Answald bedächtig, »im Rat des Volkes soll sein Name mit Scheu genannt werden.«

»Wohl weiß ich«, rief der beharrliche Sintram den Drohenden entgegen, »daß wir den König nicht fragen, wenn ein wegemüder Mann, dessen Name niemand gehört hat, an unserer Bank niedersitzt; der aber jetzt gekommen, ist ein ruchbarer Krieger, ein Römerfeind. Wir kennen nicht des Königs Sinn, ob ihm der Fremde nütze oder schade, und ob er, der des Volkes Frieden bedenkt, unser Gastrecht lobe oder schelte.«

Da erhob sich Turibert, der Opferpriester, der zur Rechten des Fürsten saß, und begann mit lauter Stimme, die mächtig unter dem Balkendach tönte: »Du fragst, ob der König uns huldreich zunicken wird oder sein Antlitz zornig abwenden? Ich schelte deine Sorge nicht, mancher fragt ja, wie der Hase läuft und was der Uhu schreit. Ich aber künde euch, was Männern kundbar ist auch ohne Vorzeichen. Die Menschengötter haben uns als Gesetz geweiht, daß wir dem schuldlosen Fremdling Erde gönnen und Wasser, Luft und Licht. Zürnt der König, weil wir uns ehrlich halten gegen einen Bittenden, [41] wir müssen's tragen, denn schwerer ist der Götter Zorn als Königs Grimm. Ist jener Mann euch Feind, weil er Römer fällte, so löscht sogleich die Herdflamme, an der er niedersitzt, und führt ihn aufwärts über den Grenzwald. Doch daß er vielleicht leidig werden könnte, vielleicht auch nicht, das zu bedenken ist nicht Landesbrauch und nicht Befehl der Götter.«

»Hört auf sein Wort«, begann aufs neue Isanbart. »Ich sah meine Söhne fallen im Schlachtendrang, auch meine Enkel sind geschwunden von der Männererde, ich weiß nicht, warum ich zurückgeblieben bin in dem Kampf zwischen Nacht und Tag, zwischen Sommer und Winter und zwischen Liebe und Zorn in den Seelen der Männer. Vielleicht aber bewahren mich die Gewaltigen hier, damit ich den Jüngeren Bericht gebe von dem Schicksal ihrer Väter. In der Vorzeit, so sagten mir die Alten, bauten alle Thüringe auf ihren Fluren als freie Männer, in Eidgenossenschaft der Gaue. Aber Zwietracht kam in das Volk, die in den Nordgauen kämpften sieglos gegen das Messer der Sachsen. Da kürten die Nordgaue sich einen König, sie richteten den hohen Stuhl auf und legten die Stirnbinde um das Haupt eines Helden, dessen Kriegsruhm kundbar war. Und ein Herrengeschlecht wurde mächtig, es baute aus dem Gestein der Ebene sich eine Steinburg und sammelte Krieger des Volkes in den Mauern. Unsere Vorfahren aber, die Waldmänner, saßen unbotmäßig auf dem Erbe der Väter, unduldsam gegen die Königsherrschaft. Lange währte der Streit unseres Gaues mit den Königsmannen. Wenn des Königs Schar gegen unseren Grenzzaun zog, dann trieben wir die Herren in den Laubwald und sahen finster zu, wie die Talleute unsere Höfe in Flammen setzten. Wir sammelten uns hinter dem Verhau und zählten die Tage, bis wir Vergeltung übten an Herden und Kriegern des Königs. Endlich bot der König gütlichen Vergleich. Ich war ein Knabe, als unsere Gauleute zuerst den Nacken beugten vor des Königs roter Binde. Seitdem sandten wir unsere jungen Männer in seine Kriege, dafür zogen die Königsmannen in unsere Reihen, wenn unser Gau mit den Gemeinden der Katten in Krieg geriet. Ungeduldig ertrugen die Könige unsere laue Huldigung, oft haben ihre Boten versucht, unsere Herden zu schätzen und die Garben unseres Ackers zu zählen, mehr als einmal ist bei euren Lebzeiten die Fehde mit den Leuten des Königs entbrannt. Gemeinsamer Vorteil zwang wieder zum Frieden, aber neidisch spähen die Berater des Königs von den Zinnen der Burg nach unserem freien Wald. Jetzt leben wir noch unversehrt; Ring und Gewand kommen aus der Königsburg an die Leiber unserer Edlen, und lauter Gruß empfängt unsere Gaugenossen in der Königshalle. Dennoch warne ich, daß wir nicht fügsam uns gewöhnen an Herrendienst, daß wir nicht fragen und König Bisino nicht Antwort sende, daß wir nicht bitten und ein Herr uns Gnade gewähre. Denn jeder Vorwand, die Macht zu [42] zeigen, ist am Königshofe willkommen. Ob den Königsleuten der fremde Mann lieb oder leid sei: wenn wir sie fragen, uns schaffen sie Leid. Fragen wir jetzt wegen des Gastrechtes und erbitten Gewähr, so trägt uns morgen ein Königsbote Befehle zu. Darum deucht mir besser, wir bleiben, so wie wir zuvor gewesen. Den Gast zu befrieden ist unser Hausrecht, nicht Recht des Königs. So sei es geendet. Da ich ein Mann war in der besten Kraft, da ward ich dem Vater unseres Wirtes ein Reisegenosse, ich stand im Kampf an der Schwertseite jenes Helden, dessen Sohn jetzt an unserem Herde harrt. Ein milder Mann, hochmutig und stark war der Vater, und ich sehe, der Sohn ist von gleichem Schlag. Als ich den jungen Helden jüngst beim Spiele fand, da wurde wieder Traum aus alter Zeit lebendig, ein Freundesauge sah ich, nicht das eines Fremden, die Hand des Königs, die ich einst in der Fremde berührt, ich hielt sie aufs neue; und darum möchte ich ihm werben die Neigung des Volks, den Sitz an unserer Bank.« Der Greis setzte sich langsam nieder, aber um den Herd scholl lauter Ruf, die Schwerter rasselten in den Scheiden: »Heil Isanbart, Ingo Heil! Wir geben ihm das Gastrecht!«Der Fürst erhob sich und schloß die Beratung: »Ich danke den Freunden und Landgenossen. Was hier verhandelt wurde, sei gesprochen und abgetan, und keiner trage dem anderen Groll nach um verklungenes Wort; denn den Häuptern des Volkes ziemt einmütiger Beschluß, damit im Ring der Landgemeinde nicht Zweifel und Zwist den Frieden störe.«

Herr Answald ging von Mann zu Mann und nahm von jedem darüber den Handschlag, auch Sintram schlug ein und lächelte vertraulich, als der Fürst ihn ansah. Rothari aber schlug ein, daß es schallte, und rief dabei: »Mich freut's«, und bei den Worten des rührigen Mannes ging ein Lächeln über die ernsten Gesichter. Der Sprecher öffnete die Tür, und die Helden schritten würdig aus dem Hofe auf die Wiese, wo der Ring der Landgenossen versammelt war. Dort wurde durch Zuruf der Menge dem Fremden das Gastrecht des Volkes erteilt, sie luden ihn in den Ring und geleiteten ihn darauf nach heiligem Brauch zu dem großen Herdkessel des Fürsten. Über dem Kessel sprachen die Häupter des Volkes und Ingo einander den Eidschwur.

Der Fürst aber begann zu dem Gaste: »Beschworen ist das Bündnis, und ein Haus in meinem Hofe wird dir, Held Ingo, bereitet, damit du darin Gemach habest, solange es dir gefällt. Du selbst aber bestelle dir den Kämmerer; wähle dir unter meinen Bankgenossen einen, welcher dir behagt, nur Hildebrand, den Sprecher und Theodulf, der selbst von edlem Geschlechte ist, möchte ich ungern entbehren. Die anderen werden jeder für ehrenwert erachten, dir den Treueid in die Hand zu legen und deinen Schritten zu folgen, solange du unter uns weilst, zumal, wenn sie erfahren, daß es mir lieb ist.«

[43] Da trat Ingo zu Wolf und sprach: »Der erste warst du, der dem Fremdling an der Landesmark Brot und Salz bot, und freundlich hast du seither dich erwiesen. Willst du es wagen, Genosse eines Verbannten zu sein? Keine andere Schatzkammer habe ich als Wald und Heide, wenn der Fürst mir gestattet, dort Beute zu suchen, und die Walstatt mit den Armringen erschlagener Feinde. Einem armen Herrn wirst du folgen, und keinen anderen Lohn vermag ich dir zu bieten als guten Sinn und treue Hilfe mit Speer und Schild.« Wolf antwortete: »Lehre mich, o Herr, deine Kunst, in der Feldschlacht zu stehen, dann bin ich sicher, Goldschatz zu erwerben, wenn die Götter mir gestatten, daß ich im Kampfe dauere. Doch laden sie dich zu ihrer Halle, so weiß ich, daß auch mir der Weg ruhmvoll sein wird, auf dem ich dir folge.« Dies sprach er und gelobte sich dem Gaste in seine Hand.

Auch Theodulf hatte die Versöhnung mit Ingo gesucht. Noch am Abend des Gastmahls, als der Fürst den Helden zum Ehrensitz geleitete, war Sintram mit anderen Männern aus der Freundschaft zu Theodulf getreten. Sie hatten im geheim beraten, wie der Kampf zwischen den Gegnern zu hindern sei, und Theodulf war darauf, gefolgt von seinem Geschlechte, vor Ingo getreten und hatte gesprochen: »Anders wird die Schau über das Land, wenn die Sonne aus den Wolken bricht. So habe auch ich deinen Wert nicht gekannt, da ich Ungünstiges zu dir sprach. Nicht dir galt meine Rede, sondern einem ruhmlosen Mann, der jetzt geschwunden ist; vergiß darum auch du die kränkenden Worte, damit ich nicht der einzige im Saal sei, dem du mit Fug grollst.« Und der Fürst fügte hinzu: »Er spricht gute Worte, keiner von uns wünscht dir noch Übles, Held. Ich selbst begehre für ihn die Versöhnung, denn ich war es, der deinen Namen den Hofgenossen verbarg.« Da antwortete Ingo: »Die Schmähworte vergaß ich, Theodulf, unter dem Liede des Sängers, ungern würde ich noch ferner an die Rache denken.«

In rotem Goldglanz stieg ein neuer Morgen für Ingo herauf. Aber im Bergwald folgt auf heißen Morgen ein Wettertag, und auch die Wärme der Herzen schwindet schnell im Sturme zorniger Gedanken.

Am Königshofe

In der Königsburg der Thüringe saß auf hohem Stuhl Gisela, die Königin, sie stützte das Haupt mit dem weißen Arm, und das Lockenhaar fiel ihr unter der Königsbinde über die Hand und deckte ihr die Augen. Zu ihren Füßen legte eine Dienerin das Goldgerät vom Königsmahl in die Truhe zurück und zählte die Stücke, bevor sie die Truhe verschloß und in das Schatzhaus der Herrin lieferte, sie sah lachend ihr Angesicht verzogen in dem gerundeten Metall und [44] blickte auf die Herrin; aber die Königin kümmerte der Goldschatz wenig. Einige Schritte davon saß König Bisino, ein tapferer Kriegsmann, vierschrötig von Leibe, mit starken Gliedern und breitem Angesicht, er trug auf seiner Wange ein schwarzes Mal, das erblich war in seinem Geschlecht; einem Ahnen war's zum Spott gewesen, jetzt aber galt's für ein Königszeichen, gab's auch nicht Schönheit, es gab doch Stolz. Unwirsch war der König, der reichliche Trunk hatte ihm die Stirnadern geschwellt, und er haderte gegen den Sänger Volkmar, der vor ihm stand.

»Ich habe dich nach dem Mahle gefordert«, sprach der König, »daß die Königin dich befrage, aber sie scheint nicht zu wissen, daß wir hier sind.«

»Was befiehlt mein Herr?« fragte Frau Gisela, sich stolz aufrichtend.

»Es ist traun Grund«, murrte der König, »die Augen zu öffnen, wenn die Könige am Rhein Eisenbänder tragen und im feuchten Kerker liegen.«

»Warum boten sie ihre Hände den Fesseln?« versetzte Gisela kalt. »Wer Tausende seiner Krieger zur Totenhalle führt, dem ziemt übel, anderen den Vortritt zu lassen. Ich sehe die Tapferen mit Todeswunden auf blühender Heide, die blutlosen Gesichter im Kerker kümmern mich nicht.«

»Auch tapferen Mann verläßt das Glück«, sprach der König und sah scheu nach seinem Gemahl. »Du aber, Gesell, hast nicht alles gekündet, einer entfloh und kam in mein Land; in dem Hofe des Fürsten gab's lautes Getön, vom Heilruf Ingo bebte die Halle, du warst dabei, schnellzüngiger Spielmann, was hast du deinen Gesang getauscht? Weit anders klang dein Lied in der Waldlaube.«

»Schlechter Ruhm wäre dem Sänger, wenn sein Lied eintönig auf einer Saite schwirrte. Mein Amt ist, jedem das Seine zu geben, daß froh sich das Herz des Hörers öffne. Dem König verschwieg ich den Namen der Helden nicht, denn rühmliche Tat lebt durch meinen Mund. Doch ich wußte nicht, daß der Flüchtling dem großen Volksherrn den Sinn beschwert.«

»Ich kenne dich«, rief der König in ausbrechendem Zorn, »du tauchst behend wie die Otter im Fluß, hüte dein glattes Fell vor den Streichen meiner Knaben.«

»Der Sänger hat Friede auch bei wildem Volk. Deine Knaben, o König, die trotzigen Männer, deren Lärm jetzt aus dem Hofe bis in den Steinturm schallt, auch sie scheuen den Sänger; denn jede Untat trägt er durch die Länder, und wird ihm sein Mund für immer gestillt, dann rächen den Toten seine wackeren Genossen. Dein Zorn erschreckt mich nicht, doch ungern entbehre ich deine Gnade, denn reich hast du treuen Dienst belohnt. Nicht vermag ich zu erkennen, warum mein Herr den Namen des Fremden ungünstig hört;[45] der Flüchtling scheint mir ein wackerer Mann, treu seinen Freunden und nicht begehrlich nach fremdem Gut.«

»Du sprichst nach Gebühr«, sagte die Königin freundlich, »und der König kennt wohl deinen Wert. Nimm hier für deine Kunde, war sie auch leidvoll, des Königs Botenlohn.«

Sie winkte der Dienerin, welche ihr die schwere Truhe vor die Füße schob, sie faßte hinein und bot wahllos dem Sänger ein goldenes Trinkgefäß. Der Sänger sah betreten darauf hin, bis die Königin die Brauen finster zusammenzog, da nahm er den Becher und neigte sich tief auf ihre Hand, die sie ihm reichte. »Hat dein schneller Fuß noch Frist, bei uns zu weilen, so lehre meine Mägde den neuen Tanzreigen, den du das letztemal in unserer Halle aufführtest. Und laß dich alsdann finden in meiner Nähe.«

Sie winkte ihm gnädig den Abschied; der König sah ihm unzufrieden nach.

»Du bist freigebig mit dem Gold deiner Truhe«, sagte er finster.

»Einen guten Handel macht der König, wenn er mit Gold das Unrecht abkaufen kann, das er einem niederen Mann zugefügt hat. Geringe Ehre ist es meinem Herrn, seine Sorge dem fahrenden Mann zu verraten, der von Halle zu Halle um Lohn singt. Dir bleibt nur die Wahl, den Mund des Mannes durch einen Becher zu schließen, oder für immer durch einen Schwertschlag. Darum gab ich ihm die Sühne, damit er schweige, denn weit berühmt ist der Mann, und gefährlich wäre es, den Zeugen deiner Furcht zu töten.«

Der König fuhr kleinlaut fort, bestürzt, wie ihm öfter geschah, durch den hochfahrenden Sinn der Königin: »Was rätst du gegen den Fremden, den die Waldleute sich mir zum Trotz als Gastfreund gesellt haben, soll ich auch ihm Gold bieten oder Eisen?«

»Deine Gunst, König Bisino, denn Ingo, Ingberts Sohn, ist ein erlauchter Mann.«

»Ist es besser für mich, daß er den Königssprung vermag?« fragte der König wieder.

Frau Gisela sah ihn an und blieb stumm. »Edlen Sinn bindet nur Vertrauen«, versetzte sie endlich und trat vor den König. »Will mein Herr die Gefahr vermeiden, so lade er selbst den Fremden an seinen Hof und erweise ihm die Ehre, die ihm gebührt. Gefährlich ist der Königssohn vielleicht unter den Bauern am Walde, nicht in deiner Königsburg und in deiner Heerschar. Hier ist er dein Gastfreund, ihn bindet der Schwur und deine Gewalt.«

Der König überlegte: »Gut rätst du, Gisela, und du weißt, ich ehre deine Worte. Was die Zukunft bringt, das will ich erwarten.« Er erhob sich, die Königin winkte der Magd, sich zu entfernen. Als sie allein war, ging sie mit heftigem Schritt im Raume auf und ab. »Gisela heiße ich, vergeiselt bin ich in fremdem Land zu freudlosem Lager dem gemeinen Mann. Seit Jahren sitzt das Königskind der [46] Burgunden elend auf dem Thron, und die Gedanken ziehen rückwärts zu dem Land der Meinen und zu der Kinderzeit. Dort sah ich ihn, den einst der Vater mir zum Gemahl bestimmte, da ich ein Kind war und er ein Knabe. Ingo, gebannter Mann, hart war dein Reisebrot und bitter dein Trunk in der Verbannung, bitterer doch mein Gram in der Königsburg. Sooft aus fremdem Lande ein fahrender Krieger kam, forschte ich nach deinem Geschick. Jetzt naht dein Schritt dem Pfad, auf dem ich schreite, sei mir willkommen, ob du mir lieb wirst oder leid; denn müde bin ich der Einsamkeit.«

Draußen klang vielstimmiges Lachen und Gesang der Mägde, die Königin saß nieder und hörte, die Hände über dem Knie geschlungen, auf die Weise des Reigens, die der Sänger sang. Die Dienerin führte den Sänger leise herein. »Du hast vieles erzählt beim Mahle des Königs«, rief sie ihm lächelnd zu, »was meinem Herrn schwere Gedanken gemacht hat; jetzt laß du mich im Vertrauen wissen, wie du selbst den Banden der Römer entrannst, denn nahe genug war die Gefahr, daß ich einen werten Mann verlor, der mir oft Freude gebracht hat. Hast du ein Lied von der eigenen Not, so will ich's hören.«

»Wenig dachte ich an mich selbst in jener Stunde, Herrin, ich sah auf einen anderen, der mich errettete und sich selbst in größeres Leid warf.«

»Ich meine, das war jener Fremde«, sprach die Königin, »hebe den Sang an und dämpfe deine Stimme, wenn du kannst, daß nicht unnützes Volk sich an den Pforten dränge.«

Volkmar begann mit leiser Stimme seinen Bericht von der Kahnfahrt und dem Sprung in den Rhein. Zu der kleinen Fensteröffnung drang golden der Strahl der Abendsonne herein, er umsäumte die Gestalt des Sängers, der in tiefer Erregung vorsang, was ihm das Herz bewegte; im Dunkel saß die Königin, und wieder fiel ihr das volle Haar über die Hand, die ihr geneigtes Haupt stützte, unbeweglich saß sie da, in sich selbst versunken, bis der Sänger mit jenem Wiederfinden in der Halle schloß.

»Das wird ein rühmlicher Gesang für zwei, für ihn und dich«, sagte die Königin gütig, da der Sänger geendet. »Du ziehe mit dem Segen der Götter zu Halle und Herd, daß die Kunde im Volke sich verbreite.« –

Beim Abendtrunk saß der König unter seinen Knappen, das Jauchzen und Lachen der starken Leibwächter umklang den Herd, aus großen Stangen und Bechern schöpften sie den würzigen Trank. »Spiel den Reigen, Sänger«, rief einer der Wilden, »den du heut des Königs Mägde gelehrt, damit auch wir geschickt die Weise springen auf der Heide.« »Laßt ihn«, spottete Hadubald, ein narbiger Kriegsmann, der vorzeiten Trabant am Römerhofe gewesen war und jetzt dem König diente, »sein Lied ist gerade gut genug, daß die Kraniche [47] danach hüpfen im Hühnerhofe. Wer die Tänzerinnen, die schmeichelnden Mädchen aus Alexandrien, geschaut, dem dünkt das Stapfen der Bauern im Grase wie Marsch der Gänse.«

»Er ist stolz geworden«, rief ein anderer, »seit er den Goldbecher der Königin im Gewand birgt; hüte dich, Volkmar, unsicher ist ein Goldschatz dem fahrenden Mann, der über die Heide zieht.«

»Wolfgang ist dein Name«, versetzte der Sänger, »und wie der Wolf gehst du selbst lauernd über die Heide; übel geziemt an der Bank des Königs dein neidvoller Blick auf der Herrin Geschenk.«

Er nahm sein Saitenspiel zur Hand, rührte die Saiten und sang die Weise des Reigens. Da zuckte es den Männern in den Gliedern, sie schwenkten die Arme im Takte auf der Tafel und pochten mit den Füßen den Tritt; auch der König schlug mit der Hand auf den Deckel des Weinkrugs und nickte weinselig mit dem Haupte. Beim zweiten Vers aber erhoben sich die metgefüllten Knaben, nur die Alten widerstanden und umklammerten mit der Hand fest das Trinkhorn, die anderen, aber traten je zwei den Reigen in langer Kette um die Bänke herum, daß der Saal laut ertönte. Der König lachte. »Du weißt sie zu zwingen«, rief er dem Sänger zu, »komm näher, Volkmar, du schlauzüngiger Mann, sitz neben mir, daß ich dir vertraulich meine Meinung künde. Ich war heut unwirsch, es war nicht böse gemeint, mir lag deine Botschaft schwer auf der Seele. Was aber den goldenen Becher betrifft, den die Königin dir gespendet, so war nicht unrecht, was mein alter Knabe dir sagte. Gold ist Herrenmetall und paßt nicht für den Reisesack eines mäßigen Mannes; du selbst singst ja, daß es den Männern der Erde Unheil bereitet. Weise würdest du handeln, wenn du ganz in der Stille diese Beute mir aus gutem Herzen zurück in das Schatzhaus stelltest.«

Gern hätte der Sänger sich das Prachtstück bewahrt, und er antwortete: »Was das Auge des Herrn begehrt, schafft dem Diener kein Glück; doch bedenke, Herr, auch in des Königs Schatz wird zum Unsegen das Stück, an welchem Trauer und Neid der Menschen hängen, die es verloren.«

»Darum sei außer Sorgen«, versetzte der König schmeichelnd, »mir tut das nichts.«

»Doch wenn die Herrin erfährt, daß ich ihr Geschenk so gering geachtet, mit Recht wird sie mir zürnen«, sagte der Sänger.

»Sie kennt es kaum, Volkmar, glaube mir«, fuhr der König überredend fort. »Ihr ist im Herzen ganz gleich, ob es Gold oder Kupfer ist. Wenn die Waldleute im Herbst ihre Pferde an meinen Hof senden, magst du dir ein gutes Roß aussuchen mit runden Hufen, und mein Kämmerer gibt dir ein schönes Gewand aus den Truhen, das wird dich stattlicher machen im Volk als das runde Blech. Denn ich meine es gut mit dir, Volkmar, ich fürchte für dich den Neid meiner Knappen.«

[48] »Zuchtlose Worte hörte ich am Herd des Königs«, versetzte der Sänger gekränkt.

»Trag sie nicht schwer, Volkmar«, riet der König begütigend, »es ist wahr, ihre Rede ist zuweilen wild, und ich bändige mühsam ihre Gewalttat; aber des Königs Kunst ist, jeden zu gebrauchen in seiner Weise, sie tun als schnelle Königsboten um Gold und einen warmen Sitz an meiner Bank alles, was ich will, und fragen nicht, ob die Tat blutig sei oder nicht. Wie kann ein König walten im Volk ohne solche Diener? Denn hochfahrend ist der Männer Sinn, jeder will nur tun, was ihm beliebt, jeder trotzt auf sein Recht und sucht sich Rache, und keiner fügt sich fremdem Willen. Jeder begehrt Kampf und Wunden zu eigenem Ruhm und ist eilig, zu den Göttern hinaufzufahren. Ich meine auch zuletzt einmal einen Sitz zu fordern in der Götterhalle, jetzt aber möchte ich lieber auf der Männererde über gefügige Nacken blicken; und muß auch ich Männer wegschaffen aus dem Licht, weil sie schädlich sind, so sind es doch nur wenige; die anderen aber auf ihrem Erbe zu erhalten, ist mein Vorteil und mein Ruhm, daran denke, Volkmar, weil du ein sinnvoller Mann bist. Trotzig ist das Volk und geschwollen sein Sinn, des Königs Sorge aber ist, für alle zu bedenken, was dem Lande frommt. Darum schilt mir nicht meine Getreuen. Es ist besser, sie üben zuweilen eine Nottat, als daß alle anderen Gewalt gegeneinander sinnen und das Volk der Thüringe einem fremden Geschlecht Frondienst leiste.«

Der Sänger schwieg. Der König fuhr schlau fort: »Der Wein hat mir das Herz geöffnet, und ich will zu dir reden wie zu einem Freunde. Sage an, wie man zu einem Bruder spricht, welcher Art ist der Fremdling? Ich möchte ihm gern trauen, aber er ist noch von der ungefügen Art, die sich rühmt, daß einst ein Gott in dem Ehebett ihrer Großmütter gelagert habe. Die Art ist wenig nütze auf der Männererde, ihr Blut ist schwarz geworden, wie alter Met im verpichten Kruge, sie schaffen schweren Rausch im Volke, sie gebärden sich, als ob sie die Vettern des Kriegsgotts wären, und betrachten aller anderen Schicksal wie Spreu, die sie vor sich her blasen. Ist der Fremde ein solcher Gesell?«

»Mich dünkt, sein Mut ist fröhlich und sorglos seine Art, nur daß ein schweres Schicksal auf ihm liegt«, versetzte Volkmar.

»Wie hält er sich beim Becher?« fragte der König, »ich lobe mir einen rotwangigen Knaben, dem der Trunk die Kehle öffnet.«

»Er weiß fröhlich Bescheid zu geben bei Trank und Rede«, versetzte der Sänger.

»Dann soll er mir willkommen sein auf meiner Bank«, rief der König und schlug auf seinen Trinkkrug. »Dich aber habe ich gewählt zum vertrauten Boten, daß du mir den Fremdling aus den Waldlauben in meine Burg schaffst; führe ihn vor mein Angesicht.«

Volkmar erhob sich und stand überlegend: »Ich will dem Fremden [49] deine Botschaft künden. Doch damit er den gewogenen Sinn meines Herrn erkenne, so flehe ich, daß mein König ihm zuvor Frieden gelobe und sicheres Geleit zum Hofe und vom Hofe, mein König und seine Knaben in der Halle.«

»Was fällt dir ein, Sänger?« rief der König mit aus brechendem Unwillen, »wie kann ich ein Gelöbnis geben dem Wildfremden, dessen Sinn ich nicht kenne!«

»Du willst doch, o Herr, daß er sich in deine Hand gebe. Leicht ist es, von einem einzelnen den Schwur zu fordern. Mein Herr würde selbst den Fremdling für einen Toren halten, wenn er sich unter die Knaben hierher wagte ohne Frieden.«

»Was braucht mein König den fahrenden Mann zu solcher Botschaft?« rief Wolfgang, »er sende uns, wir bringen den Fremden auf seinen Füßen oder in seinem Schild, längst steht uns der Sinn nach einer Reise in die Dörfer der frechen Bauern.«

»Still«, sagte der König, »eure grobe Zunge gebrauche ich jetzt nicht, wenn ich mit meinen Waldleuten handeln will. Volkmar soll mein Bote sein, denn heut ist der Tag guter Worte, kommt der Tag für harte Tat, dann rufe ich euch. – Du meinst also, er wird kein solcher Narr sein?« fragte er lauernd, und aus den schwimmenden Augen brach ein heißer Blick, wie der Feuerstrahl aus einer Dampfwolke, aber er bezwang sich und fuhr gemütlich fort:

»Wohlan, ich will ihm alles geloben. Und ihr schweigt dort!« rief er, seine Stimme erhebend, in den Lärm seiner Mannen. »Tretet heran und gelobt in meine Hand Frieden für Ingo, Ingberts Sohn, zum Hofe, am Hofe und vom Hofe.« Die Männer taten den Schwur.

»Und jetzt, Sänger«, schloß der König drohend, »lege ich dir auf deine Seele, daß du ihn herführst ohne Verzug.«

»Ich bin nur dein Bote, Herr, nicht vermag ich ihn zu zwingen.«

»Bedenke dein eigenes Heil, Volkmar«, rief der König und hob die Faust in die Höhe. »Leid wäre dir, wenn du in Zukunft die Vatererde meiden müßtest.«

»Ich will mich halten als ein treuer Bote«, versetzte der Sänger ernst.

»So ist es recht, Volkmar«, schloß der König besänftigt und erhob sich. »Geendet sei der Trunk, brecht auf von den Sitzen, und du, Volkmar, sollst mir heut anstatt Kämmerer sein, geleite mich.« Der König stützte sich schwer auf Volkmars Schulter und schritt mit ihm über den Hof zum Schlafhaus der Königin. Unterwegs sagte er ihm lustig ins Ohr: »Nun, Schelm, wo bleibt der Becher?«

Volkmar öffnete den Beutel, den er an seinem Gurt trug, und bot das Goldgefäß dem König dar. »Stecke mir's ins Gewand«, sagte der König, »ich will um deinetwillen sorgen, daß Frau Gisela das Ding nicht erblickt.«

Am nächsten Morgen verließ der Sänger die Burg. Der König sah [50] seinem Boten mißtrauisch nach und dachte in seinem Sinn: meine Waldfüchse werden mir den Fremden schwerlich in die Burg senden. Wenn sie ihn meiner Forderung weigern, dann geben sie mir einen Grund, gegen sie zu ziehen, ihren Bauernstolz zu brechen und ein Ende zu machen mit ihrem freien Bunde. Dann aber wählen sie den Ingo zu ihrem Führer, er dünkt mich ein mannhafter Recke, und es könnte einen harten Kampf geben unter Scheitholz und Waldpilzen. Was dann das Ende wird, weiß keiner, und ich habe keine Lust, meinen Leib zum Schemel zu machen, über den ein anderer zum Herrensitz steigt. So trank er sorgenvoll seinen Met, verschlossen auch gegen die Königin, die mit ihren großen Augen forschend auf ihn hinsah und zuweilen seine Gedanken erriet, ohne daß er sie aussprach.

Tag auf Tag verrann, Ingo kam nicht. Dagegen pochte eines Abends Sintram, Theodulfs Ohm, an das Tor. Der König empfing ihn mit offenen Armen, er sprach lange heimlich mit ihm, und Frau Gisela merkte, wie der König dem Edlen mit einem Händedruck versicherte: »Dein Vorteil und meiner sollen zusammen in den Wald springen wie zwei Wölfe.« Aber als Held Sintram geschieden war, sah auch ihm der König unzufrieden nach und nannte ihn einen schiefäugigen Fuchs.

In den Waldlauben

Auf dem Herrenhof und im Dorfe knarrten die Erntewagen, die Mannen des Häuptlings vergaßen im Drange der Arbeit zuweilen ihren Kriegerstolz und halfen den Knechten, die Schnitter banden dem großen Gott des Volkes die letzte Garbe mit frommem Zuruf und brachten, im Reigen springend, den Ährenkranz zur Halle des Fürsten; die barbeinigen Dorfkinder schwärmten wie Drosseln um das Vorholz und sammelten Beeren und Nüsse in langen Tüten aus Holzspänen. Jeder war eifrig, die Früchte einzuheimsen, welche die Göttin der Flur dem seßhaften Manne spendet. An der Seite des Hofherrn achtete Ingo auf die friedlichen Werke, die er sonst nur vom hohen Kriegsrosse geschaut hatte, er hörte mißfällig, wenn sein Wirt sich wie ein Bauer über die Wölfe ärgerte, weil sie ihm ein junges Rind zerrissen, öfter aber lachte er froh, wenn er Irmgard unter den Mägden sah, denen sie bei der Arbeit gebot. Ihm und der Jungfrau pochte das Herz in Freude, wenn sie vor den anderen im Hofe und auf der Flur höflichen Gruß tauschten und zuweilen wenige Worte. Denn streng war die Hofzucht, gesondert lebten die Männer, und Ingo scheute sich, seit er den Gastschwur getan, durch dreistes Nahen den Frieden des Hofes zu verletzen. Fast alle blickten ihn freundlich an, nur das Auge der Fürstin umwölkte sich, wenn sie ihm nachschaute. Ihr kränkte den stolzen Sinn, daß er gegen ihren Rat einen [51] Mann ihrer Freundschaft im Kampfspiel besiegt hatte, auch daß ihr Wunsch, ihn als fremden Landfahrer zu halten, durch den Sänger vereitelt war. Und noch anderes war ihr beschwerlich. Sie hatte ihren Blutsverwandten, den Theodulf, zum Gemahl der Tochter erkoren, ihr eigenes Geschlecht und Herr Answald hatten schon vor Jahren darum gehandelt. Jetzt beobachtete sie argwöhnisch die Tochter und den Gast.

Eines Tages kam ein fahrender Gaukler mit seinem Kasten in die Flur, er blies vor dem Hofe des Fürsten auf der Sackpfeife, bis die Leute aus dem Dorfe herzuliefen; auch die Mannen und Knechte des Fürsten traten aus dem Hoftor. Als der Ring geschlossen war, begann der Mann in unbehilflicher Sprache seinen Bericht, daß er in dem Kasten einen Römerheld berge, und wenn die Krieger und die schönen Frauen ihre Gunst erweisen wollten, so sei er bereit, ihn zu zeigen. Er pochte auf den Kasten, da hob sich der Deckel und ein kleines häßliches Ungetüm, von Gesicht einem Menschen ähnlich, mit einem Römerhelm über den Ohren, hob seinen Kopf empor und schnitt Gesichter. Viele fuhren zurück, die Beherzten aber lachten über das Wunder. Der Mann öffnete den Kasten und der Affe sprang hervor in einer Panzerjacke wie ein römischer Krieger gekleidet. Er fuhr mit den hageren Beinchen auf dem Grase umher, überschlug sich in der Luft und tanzte. Zuerst entsetzten sich die Landleute, dann erscholl lautes Gelächter und Beifallsruf, so daß Hildebrand in die Laube lief und den Herren verkündete: »Ein Gaukler tanzt vor dem Hoftor mit einem kleinen wilden Mann, den sie einen Affen nennen.« Da trat auch der Fürst mit Ingo und den Frauen heraus und freute sich an den lustigen Sprüngen des Affen. Zuletzt nahm der Affe den Helm ab, lief im Kreise umher, und der Mann rief: »Spendet, ihr Helden, meinem römischen Krieger, was ihr von Römermünzen im Säckel habt, kleine und große, je edler der Held, um so größer das Geldstück. Wer keines hat, lege Wurst und Eier in den Kasten.« Da lachten die Leute, und mancher griff an den Gürtel, andere trugen aus dem Hofe herzu, was dem fahrenden Mann als Reisekost diente. Auch zu den Herren trat der Fremde, und der Fürst und Theodulf holten römisches Kupfer aus den Taschen, und Frida hörte, wie Theodulf, auf Ingo weisend, zu dem Gaukler sagte: »Der große Held dort spendet dir wohl am reichlichsten.« Als der Mann nun mit seinem Affen dem Helden Ingo nahte, da sorgte Frida, ob der Fremde und sein Kämmerer Wolf in den Jacken der Fürstin wohl auch etwas finden würden, was sie austeilen könnten, und um die Beschämung abzuwehren, riß sie schnell eine der kleinen Silberschellen ab, welche ihr das Herrenkind zum Brustschmuck geschenkt hatte, und vorspringend sprach sie: »Dir spendet dieser Held, welcher die Sprünge der Römer besser kennt als du, wenn du ihm Antwort gibst auf eine Frage( Welches [52] Gewand trägt dein Ungetüm, wenn du unter den Römern Gaben begehrst?«

Der Mann nahm das Silber, sah scheu nach Ingo und antwortete dem Mädchen frech: »Den Gruß der Vandalen kenne ich als verfänglich und grob. Dir aber sage ich, wer im Tanze den Römern gefallen will, muß nackt springen. Was mein Affe tut, rate ich auch dir.« Frida rief ihm zornig nach: »Ich meine, unter den Fremden verhöhnt dein tanzender Kater ebenso die Krieger meines Volkes, wie die Fremden bei uns.« Da nickten die Männer und wandten sich lachend von dem Gaukler ab. Ingo aber trat zu ihm und fragte:

»Woher weißt du, daß ich von den Vandalen bin?«

»Deutlich genug trägst du's auf dem Haupte«, versetzte der Mann und wies auf die Kappe Ingos, in welcher drei Schwungfedern des wilden Schwans steckten. »Kaum acht Tage sind es, da erlitt ich bei den Burgunden hartes Fegen von deinen Federn.« Ingos Antlitz wandelte sich, er ergriff den Mann hastig beim Arm und zog ihn zur Seite: »Wieviel waren ihrer, die dieses Zeichen trugen?«

»Mehr als zehn und weniger als dreißig«, versetzte der Mann, »ungefüge Worte gaben sie mir, weil mein Kleiner dort mit Gänsefedern tanzte, und bedrohten mich durch Schläge.«

»Der dich schalt, war ein alter Kriegsmann mit grauem Bart und Narben auf der Stirn?«

»Du nennst ihn, wie er war, Herr, und außerdem von groben Sitten.«

Irmgard sah, daß der Held Mühe hatte, seine Bewegung zu verbergen, er löste sich von den anderen und ging allein nach dem Hofe zurück.

Da kurz darauf Volkmar als Königsbote in den Hof trat, empfing ihn Ingo wie einen Freund, den er sehnsüchtig erwartet hatte, er hörte seine Botschaft und führte ihn zu dem Fürsten( dort hielten die drei vertrauten Rat.

»Der König hat mich geladen«, sprach Ingo, »er hat mir Sicherheit gelobt. Was auch die Meinung seines Herzens sei, mir geziemt es, der Ladung zu folgen. Nur eines hemmt mich, und mit Scham spreche ich es aus, nicht wie ein entblößter Mann darf ich zu dem Hof des Königs gehen, du gedenkst wohl, o Herr, wie ich zu dir kam.«

Bekümmert versetzte der Fürst: »An Roß und Gewand würde es dir, o Held, nicht fehlen, und Wolf würde dich als Kämmerer geleiten, dennoch rate ich nicht, daß du den Worten des Königs trauest und dich unter die Äxte seiner Leibwächter wagst, denn spurlos möchtest du verschwinden hinter den Steinmauern. Die Reise wäre ein unrühmliches Ende für dein Heldentum.«

Auch Volkmar sprach: »Dir, Held Ingo, ziemt es, die Gefahr gering zu achten, du weißt ja, daß dem Mann zuweilen die Kühnheit [53] am besten gedeiht. Wenn du aber der Ladung des Königs folgst, wie du willst, so darfst du das nimmermehr als ein einzelner Wanderer tun. Dem König und seinem Gesinde würdest du verächtlich sein, unwürdig wäre die Behandlung, die sie dir zufügten, auch wenn der König dir nicht an das Leben geht. Denn an Königshöfen ist die Art, nur stattliches Gewand, Rosse und Gesinde geben dem Helden ein Ansehen. Darum, bevor du zu dem König reitest, mußt du das alles erwerben. Folgen dir aber Männer aus diesen Waldlauben, so wirst du dem König gänzlich verhaßt.«

»Gut sprichst du, Volkmar, in allem«, versetzte Ingo. »Willst du dich zurück unter die Augen des Königs wagen, so sage ihm, daß ich dankbar bin für die hohe Botschaft und daß ich vor sein Angesicht treten werde, sobald ich gerüstet bin, wie es seine und meine Ehre fordert.«

»Ich trage die Antwort«, antwortete Volkmar, »und ich hoffe, mich behend zur Seite zu schwingen, wenn er seinen Trinkkrug nach mir wirft.«

Auch Herr Answald gab seine Zustimmung zu diesem Dank, denn ihn bedrückte im geheimen die Forderung des Königs, wenn er die Sorge auch mannhaft barg.

Als Ingo und Volkmar allein waren, begann Ingo: »Wer einen guten Rat geschenkt hat, der gibt wohl auch den zweiten. Du siehst, ich bin einem Kinde gleich, das aus dem Wasser geholt und neu in die Welt gesetzt ist. Hier sind die Leute gutherzig, aber Kriegsfahrten beginnen sie selten, spähe, du treuer Gesell, wo irgend im Lande für ein Schwert rühmliche Arbeit zu finden ist.«

»Harre nur ein wenig aus«, antwortete Volkmar lachend, »und laß dir unterdes gefallen, wenn die Jungfrau Irmgard vor dir meine Reigen singt, denn wohlgeübt ist sie im Lied und Saitenspiel. Höre ich von ehrlicher Heerfahrt, so sollst du's erfahren; doch du weißt, im Herbst lockt den Krieger die Heimat, im Frühjahr die Schwertreise.«

»Und jetzt höre weiter«, fuhr Ingo fort, »was mich in der Nacht schlaflos umherwirft. Der Sprung in den Rhein schied mich von meinen Mannen, hinter mir brachen die Heerhaufen der Römer wie ein Wasserschwall in das Land, die Priesterin barg mich mit Sorgen, bis sie mich nordwärts sandte; beim Abschied verhieß sie mir, nach den Volksgenossen zu suchen, die mit mir bei den Kähnen gestanden hatten. Jüngst aber hörte ich von einem Gaukler, daß Krieger meines Volkes in diesem Mond unter den Burgunden lagerten, einer davon war, wie mir schien, Berthar, den du kennst. Hegst du mir gute Gesinnung, Volkmar, so forsche, wenn du kannst, nach den Treuen; denn wie hold mir manche sind, die hier um mich leben, ich vermag nicht froh zu werden, bis ich weiß, ob einer von den Meinen dem Eisen der Römer entwichen ist.«

[54] Der Sänger nickte und wandte sich zum Abgang. »Der Herr dieses Hofes bewährt dir guten Sinn, aber wandelbar ist der Menschen Gemüt, und leicht wird müde, wer sich nur auf ein Bein stützt. Du hast mich durch dein Vertrauen geehrt, da du vorhin sprachst, wie du aus dem Wasser gehoben wurdest. Darum flehe auch ich um eine Gunst. Einst gabst du mir diesen Goldring, nimm ihn, o Herr, jetzt zurück, damit ich dir meine Treue erweisen kann, du spendest mir später wohl noch mehr, wenn die Götter dir Glück verleihen. Der Ring schafft dir Roß und Gewand oder wirbt dir einen hilfreichen Gefährten.«

»Lieber leihe ich von dir als von einem anderen«, versetzte Ingo, »aber du weißt, der Krieger zieht nicht ohne Gold zur Schlacht. Was mir Berthar an jenem Tage zureichte, wo ich ihn verlor, das berge ich noch im Gewande; damit, wenn mein Leib einsam auf der Heide liegen sollte, alsdann ein anderer das Gold bei mir finde und mich zum Dank ehrlicher Bestattung wert achte.«

»Dann, Held, gedenke auch klug der Lebenden; und wenn ich dir raten darf, so gib davon an die Jungfrau Frida, denn sie raunen im Hofe, daß sie eine Silberschelle für dich abgerissen hat, um ihrer Herrin zu gefallen; und spende auch an Wolf, deinen Kämmerer, damit ihn die anderen nicht schmähen, weil er einem kahlen Herrn dient. Zürne nicht, daß ich wie dein Vertrauter spreche, aber wer gewöhnt ist, um Huld zu werben, der versteht wohl auch, wie man Gunst gewinnt.«

Ingo reichte ihm lachend die Hand. »Nur dir biete ich nichts«, sprach er, »denn gern bleibe ich dir schuldig.«

»Und ich dir, solange ich atme«, grüßte Volkmar, sich ehrerbietig auf der Schwelle verneigend.

Ingo folgte dem Rat des Treuen. Als er seinem Kämmerer zwei Goldstücke in die Hand legte, auf denen das Bild des großen Römerherrn Constantinus zu sehen war, da merkte er an dem glücklichen Gesicht des Mannes und an dem warmen Dank, wie wertvoll solche Gabe in den Waldlauben war. Und nach der Mahlzeit trat er in Gegenwart der anderen vor Irmgard und sprach: »Deine Gespielin Frida hat für das Silber, das sie dem Gaukler bot, mir eine frohe Botschaft eingehandelt, gern möchte ich ihr dafür meinen Dank erweisen, und ich bitte dich, Jungfrau, daß du ihr in diesen Münzen ihre Spende zurückgibst.« Da ging das fremde Gold auch unter den Frauen von Hand zu Hand, der Fürst und alle Wohlmeinenden waren erfreut, daß der Gast sich so gehalten hatte, wie seiner Würde gebührte, und Ingo merkte aus dem Diensteifer der Männer, daß ihr guter Wille behender wurde, seit sie für sich Gutes hoffen durften; denn alle gedachten, daß dem Herrn Ehre sei, viel zu geben, dem Dienenden aber, Gabe zu empfangen.

Ingo aber suchte auch nach einer Gabe für die, welche ihm lieb [55] war. Als Irmgard im Hofe unweit dem Holunderstrauch stand, da trat er von der Seite eilig auf sie zu, sie hörte seinen Schritt, aber sie kehrte sich nicht um, damit keiner die Freude in ihrem Antlitz erkenne. Abgewandt von den anderen, sahen sie einander in die Augen, und diesmal merkten beide die Nachtsängerin nicht, welche über dem Ast ängstlich ihre Kinder an die Abreise mahnte. Ingo begann die heimliche Rede: »Im Federgewand des Schwans flog einst Schwanhild, die Ahnfrau meines Geschlechtes, über die Männererde, seitdem sind die letzten Schwungfedern des Schwans das heilige Zeichen, welches die Männer und Frauen meines Stammes an Helm oder Stirnbinde tragen, wenn sie sich festlich schmücken. Dem lebenden Vogel suchen wir die Federn zu rauben, denn einen Schwan zu töten, ist meinem Volk Frevel. Heut gelang mir's, einen Schmuck zu gewinnen. Dir, Holde, biete ich ihn, ob du ihn annimmst und dir bewahrst. Auf den Federkiel ritze ich das Zeichen, womit ich zeichne, was mein ist.«

Irmgard erschrak, ihr ahnte, daß er durch die Federn bot, was er mit Worten nicht sagen durfte, und sie fragte unsicher: »Wie soll mein sein, was dein ist?«

Der Mann antwortete in tiefer Bewegung: »Nur darum liebe ich das Leben, weil ich eine Jungfrau kenne, welche dies Zeichen einst vor allem Volk auf ihrem Haupte tragen soll.« Und er hielt ihr wieder den Schmuck hin.

Da nahm Irmgard die Federn und barg sie in ihrem Gewande. Ganz wenig streifte seine Hand an die ihre, aber sie fühlte tief im Herzen die Berührung.

»Irmgard!« rief die befehlende Stimme der Fürstin im Hofe. Noch einen herzlichen Gruß mit den Augen tauschten die beiden, dann eilte die Jungfrau dem Hause zu.

»Was sprach heut der Fremde zu dir?« begann die Mutter zur Tochter, »seine Hand rührte an deine, und rot sah ich deine Wange.«

»Die Schwungfedern eines Vogels wies er mir, die seinem Geschlecht ein Erkennungszeichen sind, wenn die Helden sie am Haupt tragen«, antwortete Irmgard, aber wieder flog das verräterische Rot über ihre Wange.

»Eine Törin hörte ich einst, die in der Halle der Männer laut ihre Stimme erhob, daß alle schwiegen, wie die Waldsänger schweigen, wenn der junge Kuckuck sein Krähen beginnt.«

»War es vermessen, daß ich auf ihn wies, Unsitte war es nicht; voll war mir das Herz, und die Freunde werden mir verzeihen. Zürne auch du nicht, Mutter.«

Aber die Fürstin fuhr fort: »Ohne Freude sehe ich den Fremdling an unserem Herde rasten. Dem Hausherrn geziemt, gastfrei zu sein gegen den Bittenden, aber die Hausfrau hält die Schlüssel in fester Hand, daß nicht das Gut verschwendet werde, und sie wahrt[56] ihren Hühnerhof, daß nicht der Marder eindringe. Meint der Fremde mit dem Sprung über die Rosse sich hineinzuschwingen in den Erbhof meines Herrn, in Vorratskammer und Küche, so wird ihm sein dreister Mut wenig frommen. Du aber, da du meine Tochter bist, sollst fremd bleiben einem, der als ein Wildling lebt, heimatlos, gebannt und so armselig wie der fahrende Bettler, der an unserem Tor um Gaben fleht.«

Irmgard richtete sich hoch auf. »Von wem sprichst du, Herrin? Meinst du den Helden, dem der Hausherr den Ehrensitz bietet? Den Schuldlosen, der im Vertrauen auf die Eide der Väter zu uns kam? Ich habe gehört, daß der Vater meines Vaters im heiligen Trank Tropfen seines Blutes mischte mit dem Blut eines Königsgeschlechts, damit die Nachkommen einander liebbehalten und ehren sollen. Ist der Sohn jenes Königs auch anderen ein Fremder, im Hause meines Großvaters darf ihn keiner so nennen, selbst du nicht.«

»Höre ich deine trotzige Rede«, rief die Mutter, »so entbrennt in mir der alte Schmerz, daß dein Bruder nicht mehr unter den Lebenden weilt. An dem unseligen Tage, wo ihn ein Mann des Königs erschlug, wurdest du das einzige Kind meiner Sorgen, und übel lohnst du der Mutter für ihre Mühe.«

»Wäre mein Bruder am Leben, auch er würde sich als höchste Ehre begehren, der Kampfgesell des Helden zu sein, den du einen Bettler schmähst.«

»Da dein Bruder von der Männererde dahinschwand, wurdest du Erbtochter in diesem Lande, und die Mutter hat zu bedenken, wem dich der Vater vermähle.«

»Bin ich Erbtochter in diesem Hofe, so bin ich auch Erbin der Bundespflicht und geschworener Eide, und ich denke sie treu zu halten. Nie habe ich deiner Freundschaft die Ehre geweigert, weder dem Ohm Sintram noch deinem Neffen Theodulf, wie ich auch im Herzen von ihnen denke. Du aber schilt mich nicht, wenn ich auch solchen Liebe erweise, welche dem Geschlecht meines Vaters befreundet sind.«

»Schweige, du Widerspenstige«, antwortete die Mutter heftig, »zu lange hat der Wille des Fürsten dich im Hause bewahrt; es ist Zeit, daß dir der übermütige Sinn bezwungen werde durch die Vermählung.«

Als die Fürstin das Gemach verlassen hatte, starrte Irmgard vor sich hin und hielt die Hände fest zusammengepreßt. »Die Herrin redet hart mit den Mägden«, begann Frida eintretend, »im Milchkeller verdarb der Rahm.«

»Streng ist sie auch gegen uns andere«, antwortete Irmgard, mühsam nach Worten ringend. »Du bist mir treu, und ich habe niemanden, dem ich vertrauen kann, als dich, wenn du Mut hast, den Unwillen der Herrin zu ertragen.«

[57] »Ich bin eine Freie; dir habe ich mich zur Gespielin gelobt, nicht der Hausfrau, und um deinetwillen weile ich im Herrenhofe, obgleich der Varer mich nach Hause begehrt. Manchmal haben wir den Zorn der Herrin überwunden, vertraue mir auch jetzt, was dich grämt.«

»Unwillig wurde die Mutter auf unseren Gast, den sie am Anfang so gütig beachtete, und ich fürchte, es kann ihm an Pflege fehlen; denn wo die Herrin nicht wohnt, sind die Mägde säumig.«

»Sei ohne Sorge, da doch der junge Wolf sein Kämmerer ist. Wenn ich dem Knaben Erlaubnis gebe, erzählt er mir mehr von seinem Herrn, als wir hören wollen.« »Laß mich alles hören«, mahnte Irmgard, »denn gut ist, wenn man weiß, was die Gäste bedürfen.«

»Und wir vernehmen auch gern von einem und dem anderen«, versetzte Frida lachend. »Viel lieber ist mir der Gast als der Wasserreiher Theodulf, der den Kopf hinten im Nacken trägt. Und das sage ich dir, wenn die Freiwerber des Theodulf in den Hof kommen, und man sagt ja, daß sie kommen werden, dann sollen sie einen Besen am Hoftor finden, durch das sie hinausgehen; damit sie ahnen, was wir Mädchen von ihrer Werbung denken.«

Aber Irmgard barg nach diesen dreisten Worten ihr Gesicht in den Händen, die Tränen rannen ihr durch die Finger, ihr Leib bebte im Schmerz. Frida umschlang das Herrenkind mit den Armen, kniete vor ihm nieder und gab ihm Küsse und zärtliche Worte.

Nicht zufällig geschah es, daß kurze Zeit nach dem Gespräch zwischen Mutter und Tochter Held Sintram in den Hof ritt. In der Kammer der Fürstin saß er mit dem Wirt lange im vertrauten Gespräch, für seinen Verwandten, den Theodulf, beredete er noch einmal die Brautwerbung. Denn solange der Edle als Mann im Hofe verpflichtet war und durch Diensteid an den Fürsten gebunden, konnte die feierliche Werbung nicht geschehen. Aber zum Neujahr in den zwölf Nächten sollte ihn der Fürst seines Eides entledigen, dann würde Theodulf mit den Freiwerbern seinen Eintritt halten, und im Frühling sollte die Vermählung sein. Alles wurde festgesetzt, auch Brautkauf und Mitgift, und die Fürstin mahnte, daß die Männer einander über dem heimlichen Abkommen ihr altes Gelöbnis erneuten. Vergnügt lachte Sintram, als er wieder das Roß bestieg, und da ihn der Wirt bis vor das Tor geleitete und dort sorglos mit warmem Händedruck entließ, so verachtete der Scheidende gänzlich den Besen, welchen die zornige Frida an die Seite des Hoftors gestellt hatte; nur Theodulf, der beim Abschied herzugetreten war, gab dem Besen einen Fußtritt, daß er weit wegflog, und warf auf Frida, der er im Hof begegnete, einen Blick voll von heißem Haß.

So verging nach Sonnenglut und Wetterwolken der fröhliche Sommer. Die Felder waren geräumt, die Gaugenossen wurden gesellig. Die ansehnlicheren Höfe des Gaues begehrten nach der Reihe den [58] Gast zu bewirten, Gelage wechselten mit Jagdreisen über die Waldhügel, der Fürst und Ingo waren jetzt selten daheim. Dem Fürsten wurde der Gast noch werter, als er sah, wie sehr dieser von den Gaugenossen gerühmt wurde und wie vornehm und geradsinnig er sich hielt. Von den Sorgen im Frauengemach merkte der Hausherr völlig nichts, die kluge Wirtin verschwieg, was ihrem Herrn unsichere Gedanken machen konnte, sie war zufrieden, daß die Helden wochenlang auswärts schweiften. Aber Ingo erkannte, daß Irmgard feierlich aussah, und er zürnte, daß ihm so schwer wurde, sie ohne Zeugen zu sprechen.

Einst ritt Ingo mit dem Fürsten nach demselben Gehege, welches er zuerst betreten hatte, als er über die Berge kam. Im Walde rieselte das gelbe Laub zum Boden, um die Lichtungen klang Jagdruf der Männer und Gebell der Meute. Die wohlgenährten Rinder liefen brüllend umher, der Hirt bereitete den Aufbruch aus der Wildnis in die Dörfer, und die Mädchen vom Herrenhofe waren wieder beschäftigt, die letzte Tracht aus dem Milchkeller in den Wagen zu heben. Während Herr Answald die Füllen betrachtete, stand Ingo neben Irmgard. Diese wies auf Frida, die mit dem Milchkrug vorüberging: »Aus diesem Quell schöpftest du bei uns den ersten Trunk, und da, wo du stehst, sah ich dich zum erstenmal. Seitdem ist das lustige Grün geschwunden, die Wildvögel sind fortgeflogen.«

»Auch aus deinem Antlitz wich die Freude«, versetzte Ingo herzlich.

Doch Irmgard fuhr fort: »Selig waren einst die hohen Frauen, welche im Federkleide dahinschwebten, wohin sie ihr Wille trieb. Ich weiß ein Mädchen, das am Gießbach steht und sich sehnt nach der Himmelskunst. Zwei Federhemden möchte sie nähen für Schwan und Schwänin; aber vergeblich ist der Wunsch, und sie schaut traurig nach, wenn die gefiederte Schar sich von ihrer Flur in die Ferne schwingt.«

»Vertraue mir«, bat Ingo leise, »was verstört dir den Mut?«

Irmgard schwieg. »Der Tag wird kommen, wo dir's andere sagen, nicht ich«, antwortete sie endlich. »Weilst du den Winter bei uns, so fürchte ich nicht, was er auch an Sorgen bringe.«

Die Rede unterbrach wildes Jauchzen und fremder Kriegsruf Ingo fuhr empor; wie damals in der Halle strahlte sein Antlitz vor Freude, während die anderen Männer zu einem Haufen sprangen und nach Waffen griffen.

»Sie kommen in Frieden«, rief Beros Tochter, »mein Vater reitet unter ihnen«, und sie wies auf eine Schar Reiter, welche jubelnd und die Speere schwingend von der Höhe herabrannten. Ingo eilte ihnen entgegen, die Reiter sprangen ab und umdrängten den Helden, sie hielten seine Arme, neigten sich auf seine Hände, umschlangen die Knie, wieder und wieder erklang der wilde Jubelschrei. Ingo rief [59] die Namen der einzelnen, umarmte und küßte sie, und die Tränen brachen ihm aus den Augen; auch vergeblich suchend irrte sein Blick von einem zum anderen, nicht alle standen lebend vor ihm, die er zu grüßen hoffte. Und doch war das Glück dieser Stunde so groß, daß er und die Fremden lange die Gegenwart der anderen vergaßen. Um den Fürsten sammelten sich seine Mannen, die der Kriegsruf aus dem Walde herangezogen, auch dem Herrn und der Jungfrau wurden die Augen naß, und sie lauschten hingerissen auf schnelle Frage und Antwort, auf Lachen und Klageruf der Fremden. Ruhiger sah Bero in die Schar, während er dem Fürsten erzählte: »Ich war südwärts geritten über unsere Berge hinab bis zum Idisbach, wo das kleine Volk der Marvinge wohnt, und als ich mit den Leuten dort um Herdenvieh handelte, traf ich auf diesen Flug wilder Gänse, der seine Leitgans suchte. Ich wußte Bescheid, und da mir ihr behendes Wesen gefiel, so führte ich sie her.«

Ingo trat vor den Fürsten: »Verzeih, o Herr, daß wir in der Freude vergaßen, um deine Huld zu sorgen. Diese hier sind Gebannte wie ich, um meinetwillen wichen sie aus der lieben Heimat, auch sie haben nicht Eltern, nicht Freunde; nur einander sind wir Blutsbrüder für Leben und Tod, und unser Stolz ist, daß wir uns einer den anderen ehren und Glück und Leid teilen, solange wir heimatlos über die Männererde wandern. Auf ihren treuen Herzen allein steht der Königsstuhl des armen Ingo; wo sie ihr Haupt niederlegen, da muß auch das meine ruhen. Mich hast du freundlich aufgenommen, Fürst, aber jetzt bin ich ein Haufe geworden, und unsicher trete ich vor deine Augen.«

»Willkommen sind sie alle«, rief Herr Answald aus warmem Herzen, »der Hof ist weit, und gefüllt sind die Scheuern, seid gegrüßt, ihr edlen Gäste.«

»Dennoch rate ich«, warf Bero bedächtig ein, »daß du, Häuptling des Gaues, die Fremden in die Dörfer verteilst. Alle Nachbarn werden sie gutwillig als Gäste empfangen, dann hat jeder sein Teil und keiner wird beschwert. Denn sie führen auch Beuterosse an der Leine, darunter Haupthengste; sieh diesen Schimmel, Herr! Mancher Nachbar hätte seine Freude, ein Roß zu erhandeln und im Winter am Herdfeuer von fremder Kriegsfahrt zu hören.«

Herr Answald lächelte, aber er versetzte eifrig »Du denkst verständig, Bero, der Hof aber hat das nächste Recht, und diesmal, Nachbar, läßt er's sich nicht nehmen. In wenig Tagen zimmert ihr Gäste mit meinen Knaben den Schlafsaal, dort mögt ihr geborgen den Wintersturm überdauern.«

»Der Wille war gut«, sprach Bero. »Führe meinen Braunen her, Frida.« Er trat zu einem alten Krieger der Vandalen, reichte ihm die Hand und sagte: »Gedenkt unserer Reden. Jetzt steht ihr auf Herrengrund, begehrt ihr einmal unter das Dach des Bauern, so seid [60] ihr willkommen im freien Moor.« Er sprach noch einige Worte zu seiner Tochter, dann schwang er sich wuchtig auf sein Roß und trabte grüßend talab.

Ingo aber führte die einzelnen Genossen dem Hofherrn zu und nannte die Namen. Vor den andern stand ein bejahrter Krieger, die Glieder wie aus Erz geformt, fest die Züge und kühn der Blick, lang hing ihm der graue Bart herab, ein Held, dem man ansah, daß er der Schlachten gewohnt war und hart gegen jede Gefahr. »Dies ist Berthar, ein edler Mann. Er führte mich, da ich ein Knabe war, unter seinem Schild aus seinem brennenden Hofe, meinem letzten Zufluchtsort an der Landesmark – die Burgunden hatten ihn angesteckt, die damals mit meinem Oheim verbündet waren. Seitdem war er mein Lehrer in allem Waffenwerk; wie ein Vater hat er meine Jugend gehütet, ihm danke ich, wenn ich bisher meiner Ahnen nicht unwert war.«

Und als Herr Answald dem Helden die Hand bot, antwortete dieser: »Ich erinnere mich des Tages, wo mein Vater den deinen in seinem Hofe bewirtete, es war ein Herbsttag wie heut, und es war gute Jagd in den Bergen, die wir die Riesenberge nennen. Ich erlegte damals den ersten Eber, und Held Irmfried lud mich scherzend zur Jagd in die Waldhügel der Thüringe. Lange bin ich gereist, und weißer Reif fiel auf mein Haar, bis ich in dein Gehege vordrang, aber jetzt bin ich hier, o Herr, und bereit, wenn du's gestattest, hinter dir auf den Wildpfad zu steigen.«

Diese Rede freute den Fürsten, auch er nannte den Fremden die Würden seiner Bankgenossen und mahnte beide Teile, einander gute Gesellen zu sein. Darauf ritt er mit Irmgard voran, damit Ingo vertraulicher mit den Wiedergefundenen rede. Als die Vandalen gesondert waren, erhoben sie noch einmal den Heilruf und ritten im Getümmel freudig durcheinander. Wieder flogen Fragen und Antworten hin und her, bis Berthar die Schar zum Hofe führte. Schwer war die Reihe zu erhalten, denn immer noch drängten die Treuen um ihren Herrn, und ihr Geschrei schallte von den Bergen zurück. Ingo aber sprach auf dem Wege zu Berthar: »Wundergleich ist mir, daß ich deine Hand halte, mein Vater. Du aber berichte mir noch einmal alles, wie ihr euch aus der Schlacht gerettet und mich gefunden.«

»Auf dem Pfad der Fische zog der Herr«, begann Berthar lachend, »ihm folgte das Gesinde. Wir schlugen über unsere Fersen manchen Schwertschlag gegen die verfolgende Schar, bis ich am Ufer eine Stelle zum Absprung erspähte: wie die Frösche hüpften deine Knaben in den Rhein – nicht alle, Herr, du gedenkst auch ihrer, die heut fehlen. Auf den Lindenschilden rangen wir abwärts in herber Not, umschwirrt von den Pfeilen der Feinde. Da sandte uns ein freundlicher Gott die Hilfe. Ein Weidenstamm, durch die Flut vom Ufer gerissen, trieb als gewaltiger Klotz mit Wurzel und Astwerk [61] langsam den Strom entlang, er deckte die Müden, und ziehend richteten wir ihn abwärts vom Römerufer. So fuhren wir in dichtem Schwarme, gemengt mit flüchtigen Kämpfern der Alemannen, gleich einem Volk Aale, welches um ein totes Wild wimmelt. Als wir gerettet ans Ufer der Landsleute stiegen, bargen wir uns im dichten Wald und forschten bei Nacht in den Tälern um Kunde nach dir. Den letzten Dienst dachten wir unserem Herrn zu erweisen und seinen Totenhügel zu umrennen. Aber vergebens war das Spähen und Fragen, keiner der Flüchtigen hatte dein Antlitz geschaut. Da schlugen wir uns kummervoll über den Schwarzwald bis in das Land der Burgunden, gedrängt von den Heerhaufen der Römer. Als wir von den burgundischen Wächtern vor das Antlitz ihres Königs Gundomar geführt wurden, war der Ruf von deinem Sprunge schon zu ihm gedrungen, auch er meinte dich hinaufgehoben in die Halle der Götter. Dir war er feindselig gewesen, jetzt aber seufzte er, da ich deinen Namen nannte, er gedachte deiner Tugend und scheute sich, uns gebunden den Römern auszuliefern. Er bot uns an, seinem Heere bei einem Zuge zu folgen, den er ostwärts gegen die Markleute an der Donau rüstete. Wir bedurften gar sehr Rosse und Gewand, denn wir waren wie Dohlen in der Mause und sehnten uns nach Raub. Darum zogen wir mit, und es gelang uns wohl, deine Knaben kamen zu guten Rossen und ziehen stattlich einher mit gefüllten Säcken.Im vorletzten Mond lagen wir eines Abends am Ufer der Donau, die Burgunden trugen die Beute zusammen, tranken lustig und schwatzten, wie sie gern tun, mit römischen Händlern und Gauklern, die um Gewinst und Gabe herangeeilt waren. Deine Knaben aber hatten trüben Mut und sahen zu, wie die dürren Blätter im Herbstwinde hinfuhren. Da trat ein fahrender Mann zu mir und begann grüßend: ›Gefällt dir's, Held, so will ich dir ein Rätsel sagen, ob du die Antwort darauf findest: »Wer schwenkte den Spielmann in das Schiff, wer tauchte unter Speeren wie ein wunder Schwan?« Ich erschrak und antwortete: »König Ingo schwenkte den Volkmar in das Schiff, und der König verging im Strom wie ein wunder Schwan.« Da antwortete der Fremde: »Du bist es, den ich suche, und weit bin ich darum gewandert als Bote meines Genossen. Jetzt, weil ich dich gefunden, höre auch den zweiten Spruch, den dir Volkmar sendet: ›In Irmfrieds Halle sitzt der Hüter der Schwäne, am Herdsitz der Thüringe harrt er der Entflogenen.‹«

Da wurden wir froher, als ich's sagen kann, denn wir verstanden, was der Name Irmfried bedeutete. König Gundomar wollte uns behalten, ich aber bat ihn, uns die Heimfahrt zu gestatten. Ich sagte ihm nicht, daß die Heimat deiner Knaben da ist, wo der Leib ihres Herrn seinen Schatten wirft.«

»Arme Knaben«, klagte Ingo finster, »der Schatten ist klein geworden, er deckt nicht mehr die Spur eurer Füße.«

[62] »Auch dir geht wohl eine neue Sonne auf«, tröstete der Alte, »die deinen Schatten über weites Land wirft. Jetzt gilt es, daß deine müden Knaben einen Unterschlupf finden gegen den Wintersturm. Sobald die Knospen der Bäume schwellen, geleiten wir dich zu neuer Heldenfahrt. Sage mir, König, ob die Dächer, die ich vor mir sehe, uns wohl während des Winters beschirmen.«

»Mögen die Götter uns das gnädig fügen«, versetzte Ingo ernst. »Mehr Glück fand ich hier, als ich ahnte, geringere Sicherheit, als ich hoffte.«

Das Tor des Herrenhofes war weit geöffnet, der Wirt empfing die Fremden und geleitete sie zur Halle; dort wurde ihnen das Begrüßungsmahl bereitet, und verteilt zwischen den Mannen des Fürsten lagerten die Vandalen an den Bänken. Am nächsten Morgen begann ein emsiges Hämmern und Heben; aus dem Vorrat von Balken und Sparren, der hochgeschichtet im Hofe lag, wurde an Ingos Haus ein Schlafsaal für seine Genossen gezimmert, dabei ein vorläufiges Gehege für die Rosse. Nach wenigen Tagen stand der Bau gerichtet, denn groß war die Zahl der helfenden Hände. Auch die Nachbarn kamen, begrüßten die Fremden und musterten die starke Koppel lediger Rosse, sie kauften und tauschten und nahmen für Beuterosse, die sie behielten, andere in das Winterfutter. Um den stillen Herrenhof war jetzt lustiges Gewühl der Gauleute und Getümmel der Männer und Rosse; die hohen Gestalten der Vandalen schritten in ihrer fremden Kriegertracht zwischen den Häusern und lagen neben den Mannen des Fürsten auf den Stufen der Halle, sorglos lachend und gern erzählend, wie die Art ihres Stammes war, sie zogen mit den Hofleuten in den Wald und ritten als willkommene Gäste in die Dörfer des Gaues.


Aber die Herren im Hofe merkten nach wenig Wochen, daß es schwierig war, unter ihrem Gefolge den Frieden zu erhalten. Denn die Jungen waren stolz und jäh im Zorn, und die Alten achteten eifersüchtig auf die Ehre ihrer Herren. So kamen Radgais, der Vandale, und Agino, ein wilder Gesell des Hofes, miteinander in Zwist, weil der Vandale einem Mädchen des Dorfes, das ihm zulachte, eine Spange geschenkt hatte. Darüber wurde Agino unwillig und sprach höhnend: »Wir meinten sonst, daß der Schatz deines Herrn gering sei, jetzt aber sehen wir, daß ihr Gutes im Sacke bergt.«

»Wer sein Leben im Kampfe wagt«, antwortete der Vandale, »dem fällt auch Silber in die Tasche, wer auf der Tenne drischt wie du, dem wachsen Schwielen in die Hand.«

Diese Reden hörten die Hofleute, und als am anderen Morgen Berthar mit seinen Mannen zu dem Speicher kam, um für die nächsten Tage den Rossen Hafer zu holen, da weigerte ihm Hildebrand, der in der Wirtschaft Ausgeber war, den gedroschenen Hafer, und er [63] sprach: »Habt ihr die schwieligen Hände unserer Knaben geschmäht, so mögt ihr die Garben auch selbst ausstampfen mit euren Füßen oder mit denen eurer Rosse, wie es euch gefällt; meine Gesellen weigern sich der Arbeit für euch, da ihr so gröblich redet. Nehmt den Hafer in Garben und nicht in Säcken.«

Begütigend antwortete Berthar: »Unrecht war es von meinem Gesellen, den Landesbrauch der Wirte zu verachten. Aber du selbst bist ein bewanderter Mann und weißt, daß die Bräuche auf Erden verschieden sind. Anderswo haben die Bankgenossen eines Herrn nur die Garben in den Bansen, sie schneiden und schwingen das Futter, und auf dem Felde reiten sie mit der Egge, aber es gilt ihnen für unrühmlich, den Pflugsterz und den Flegel zu halten. Darum übe Nachsicht mit meinem Gefährten, weil ihn als fremden Mann eure Sitte wundert.«

Aber Hildebrand versetzte unwirsch: »Wer unser Brot ißt, soll sich unserem Brauch fügen; darum nimm nur die Garben, denn fortan erhältst du nur diese.«

Da mußten die Vandalen mit Garben bepackt zu ihrem Stalle ziehen, und Berthar befahl grimmig: »Werft die Garben in die Futterbank und schneidet, bis das Eisen bricht.«

Seit jener Unweisen Rede des Radgais gab es manchen Streit unter den Mannen, aber beide Teile waren bemüht, ihn vor den Herren zu bergen. Beim Kampfspiel hatten sie anfänglich in denselben Reihen gestanden und einer des anderen Kampfweise nachgeahmt, wie die Fürsten ihnen geraten, jetzt traten sie gesondert in den Wettkampf, so daß der Fürst vor dem Reiterspiel mit Schild und Stange zu Theodulf sagte: »Warum halten die Gäste abseit auf ihren Rossen, gern schauten wir, wer das beste Lob verdient.« Da antwortete Theodulf: »Sie selbst wollen den Wettkampf nicht leiden, zu hart schellen die Stäbe der Thüringe auf ihre Schilde.« Und der Fürst ritt zu Berthar: »Wohlauf, Held, mische deine Reihen mit unserem Volk.« Da antwortete auch der Alte: »Nur um des Friedens willen halte ich unsere Knaben gesondert, damit nicht in der Hitze des Kampfes ein falsch geworfener Stab Streit errege.« Und der Fürst mußte schweigend dem getrennten Ritt zuschauen. Er mußte auch hören, wie seine Hofmannen spöttisch lachten, wenn die Fremden mit ihren Keulen warfen; dann rief aus den Reihen der Thüringe wohl ein kecker Gesell das peinliche Scheltwort: »Hundeschläger.« Und wie der, wenn die Hofleute beim Steinwurf sprangen und einem der Schwung mißglückte, dann zogen die Vandalen ihre Mienen kraus und summten ein höhnendes Wort, das sie erfunden hatten, weil die Thüringe bei ihren Mahlzeiten runde Ballen aus Teig von Weizenmehl vor vielem anderen hochachteten.

Und als nach dem Spiel der Reigentanz begann, da konnte man sehen, daß die Mägde vom Hofe sich nur zu ihren Landgenossen [64] gesellten, und wenn die Fremden nicht ein Dorfkind fanden, das mit ihnen zum Reigen antreten wollte, so mußten sie zusehen. Darüber wurde der Fürst unwillig, und er rief zu den Vandalen: »Warum verachten meine Gäste das Hofgesinde?« Und wieder antwortete Berthar: »Die Mädchen des Hofes klagen, daß unsere Sprünge ihnen die Knöchel renken.« Da trat die kecke Frida hervor, neigte sich gegen den Alten und sagte: »Wenig kümmere ich mich darum, ob ich anderen mißfalle, wenn ich die Hand eines Fremden ergreife. Denn ich kenne einen vom Hofe, der die Mädchen bedräut hat, wenn sie sich mit den Gästen schwingen. Gefällt dir's, Held Berthar, und achtest du mich nicht zu gering, so führe du mich zum Tanze.« Berthar lachte und mit ihm die Herren, der Alte faßte die Hand der Jungfrau, sprang wie ein Jüngling und schwenkte sie rüstig über den Rasen, daß alle auf ihn sahen und Beifall riefen.

Die Fremden merkten wohl, daß die Fürstin ihnen gar nicht gewogen war, selten nur redete sie die edelsten unter ihnen an, selbst den Helden Berthar nicht, obgleich er von erlauchtem Geschlecht stammte. Aber auch die Fürstin fand Grund zur Klage, denn zwei von den Vandalen, die Brüder Alebrand und Walbrand, hatten mit zwei Mägden der Fürstin scharfe Worte gewechselt und hatten diesen am Abend aufgelauert und die Widerwilligen geküßt und ihr Gewand verschoben. Darauf trat die Fürstin im Hofe zu Ingo und erhob laute Klage über die Unzucht seiner Mannen, und Ingo, tief gekränkt durch die harten Worte der Fürstin und durch die Missetat seines Gesindes, hielt Gericht über die Schuldigen in der Gastherberge. Und obwohl sich bei der Prüfung ergab, daß es mehr Übermut als arger Frevel gewesen war, so strafte er sie doch hart mit Worten und setzte sie zu sichtlichem Schimpf herab in die unterste Stelle an seiner Bank. Traurig saßen seitdem die Übeltäter im Kreise der Genossen. Aber die Gnade der Fürstin erwarben die Fremden darum doch nicht. Als Ingo einst früher denn sonst vom Herde des Fürsten in seine Herberge kehrte, vernahm er in dem neuen Anbau daneben das scharfe Knirschen der Mühlsteine, und er fragte Berthar erstaunt: »Drehen die Mägde den Mühlstein im Schlafhause der Männer?« Da antwortete der Alte: »Weil du selbst fragst, sollst du es wissen. Nicht die Dirnen drehen, deine Knaben selbst müssen die ruhmlose Arbeit unfreier Weiber vollenden, wenn sie ihr Brot essen wollen; denn die Mägde weigern sich, noch weiter für uns das Mehl zu mahlen, und die Wirtin gibt ihnen recht. Bitter ist solche Arbeit für die Helden eines Königs. Gern hätten wir dir verborgen, was deinem Gastfreund zur Unehre gereicht.«

Ingo trat hinter einen Pfeiler und bedeckte sein Gesicht mit der Hand.

Draußen heulte der Nordsturm um das Dach und warf eine graue Decke von Schnee und Eiswasser über den Hof. »An die Hausbalken [65] tobt ein ungefüger Gesell«, fuhr Berthar fort, »er ist jetzt Gebieter auf Landstraße und Feld und möchte meinem König die Ausfahrt aus diesem Hofe verwehren. Dennoch ahne ich, daß du darauf denkst. Darum höre noch eins, was mir Held Isanbart, mein alter Kriegsgeselle, vertraute, den ich gestern heimsuchte. Der römische Krämer Tertullus war mit seinen Packpferden im Gau; von Westen kam er und zog nach der Burg des Königs. Du kennst den Mann, bei den Alemannen galt er für den schlauesten Späher des Cäsar. Jetzt hat er den Hof, in dem wir einliegen, vermieden, obgleich hier für einen Kaufmann der beste Markt wäre. Im Gau aber hat er überall nach dir und uns geforscht und hat feindliche Reden geführt, daß der Cäsar dich suche und daß er hohen Preis zahlen würde, wenn er deinen Leib oder dein Haupt unter seinem Banner erblickte, damit die üble Ahnung getilgt werde, welche seit deinem Drachenraube den Römerkriegern das Herz beschwert. Fährt der römische Krämer zum König Bisino, so birgt er in seinem Kasten eher Geschenke an den König als Waren, denn er war gar nicht eilig, die Bündel aufzuschnüren, wie sonst doch die Art dieser Leute ist. Darum saß Isanbart, der Held, sorgenvoll, und er läßt dich warnen, daß du einer Botschaft des Königs weniger trauest als ehedem.«

Ingo legte dem Getreuen die Hand auf die Schulter: »Auch du, Held, willst lieber in die Falle reiten, die uns der König stellt, als noch länger dies Knarren der Mühlsteine hören, womit ein feindliches Weib uns die Ehre kränkt. Dennoch hält es mich hier fest wie in Eisenbanden. Für diese Kränkung erbitte ich bei dem Fürsten Abhilfe, den Gau verlasse ich nicht, bevor ich eins weiß, was ich mit heißem Wunsch hoffe.«

Als Herr Answald am nächsten Morgen mit den Bankgenossen beim Frühstück saß ohne die Fremden, da öffnete sich die Tür, und Irmgard trat auf die Schwelle, hinter ihr trug Frida einen Sack mit Mehl. »Verzeih, Herr«, begann Irmgard, »daß ich dir anzubieten wage, was die Hand deiner Tochter auf dem Mühlstein mahlen half.« Die Jungfrauen stellten den Sack an die Füße des Fürsten. Verwundert sah der Fürst auf den Sack. »Was bedeutet die gestäubte Gabe, soll sie zu einem Opferkuchen für die Götter, weil die Hände freier Jungfrauen den Stein gedreht haben?«

»Nicht zum Opfer«, versetzte Irmgard, »sondern zur Sühne für verletzte Gastpflicht haben freie Hände das Korn gemahlen. Ich flehe, daß du, Herr, wenn es dir recht dünkt, dies Mehl deinen Gästen sendest. Denn ich höre, deine Hofleute weigern ihnen bereits das Mehl zu Brei und Brot, und die edlen Gäste müssen unter deinem Dache selbst die Arbeit unfreier Weiber verrichten.«

Da schwollen dem Fürsten die Stirnadern, und er rief, sich mächtig erhebend: »Wer hat mir diese Schmach angetan? Sprich, Hildebrand, denn dein ist die Sorge für die Mahlzeiten der Gäste.«

[66] Hildebrand beugte sich verlegen vor dem Zorn des Fürsten. »Die Mägde waren erbittert über Ungebühr der Vandalen und weinten über harte Arbeit, und die Herrin meinte, daß sie Grund haben zur Klage.«

»Wie darfst du die Ungebühr weniger durch schweres Leid vergelten, das du allen zufügst? Deinen Herrn hast du entehrt vor seinen Gästen und üble Nachrede geschaffen vor dem Volke. Ergreift zur Stelle den Sack und tragt ihn nach der Herberge der Gäste, und dir, Alter, rate ich, daß du mitgehst und ihnen solche Entschuldigung machst, welche sie willig annehmen. Den Mägden aber sage, wenn sie sich ferner noch einmal beklagen, so soll ihnen eine harte Hand größeres Ächzen verursachen.«

»Zürne nicht den Mägden, Herr«, sprach Irmgard, »sie sind sonst gutwillig und würden auch die gehäufte Arbeit ertragen; aber einer in deinem Hofe unterfängt sich, herrisch mit dem Gesinde zu schalten, und dieser ist dein Schwertträger Theodulf. Viele fürchten sein hartes Wesen und sorgen, ob sie jetzt oder dereinst seine Gunst haben. Er verbietet den Mägden die Arbeit für die Gäste und auch den Tanz, wie es ihm gefällt. Niemand wagt dir das zu klagen; ich aber als deine Tochter gedenke nicht zu leiden, daß in dem Hofe meines Vaters einer, der ein Diener ist, unsere Ehre kränkt.«

Da der Fürst dies vernahm, gedachte er wohl, daß sein Kind recht hatte, und fühlte doch auch geheime Sorge, weil die Jungfrau mit solcher Mißachtung von dem Manne sprach, den er ihr in der Stille zum Gemahl bestimmt und der jetzt so grimmig vor ihm stand. Er wurde deshalb wildzornig auf alle und rief der Tochter zu: »Nicht umsonst hast du die Mühle gedreht, wie harter Stein zermahlen deine Worte den Leumund deines Verwandten. Dennoch tadle ich deine Gabe nicht, denn sie vermag vielleicht eine schwere Beleidigung zu sühnen. Du aber«, rief er, drohend die Hand gegen Theodulf erhebend, »vergiß nicht, daß ich in diesem Hofe Herr bin, solange ich lebe, damit ich nicht vergesse, daß die Hausfrau dir Gutes wünscht. Wagt einer von euch noch gegen die Gäste feindliche Rede oder geheime Tücke, so dürfte der Hof und seine Haut für ihn zu enge werden.«

Herr Answald wies alle hinaus und kränkte sich einsam. Endlich ging er in das Haus der Fürstin und sprach auch zu dieser zornige Worte und geringes Lob gegen ihren Vetter Theodulf. Frau Gundrun verfärbte sich, sie merkte wohl, daß sie zu viel gewagt hatte und daß ihr Gemahl mit Recht um üble Nachrede besorgt war, und sie sprach begütigend: »Das mit den Mägden sollte für die Fremden nur eine Warnung sein, damit sie das Hofrecht scheuen, es ist abgetan und wird in Zukunft vermieden, sorge auch du nicht weiter darum. Und was den Vetter betrifft, so weißt du ja, wie treu er dir gedient hat und daß er um deinetwillen seine Narben trägt.« Und [67] als es ihr gelungen war, den Herrn ein wenig zu besänftigen, fuhr sie fort: »Wie sorglos war vor wenig Monden der Blick in Hof und Flur, jetzt aber schwand der Frieden im Hause, die Eintracht im Lande, und mit Schwerem bedroht der Zorn des Königs. Ein erlauchter Mann ist dein Gast, aber Unheil hängt sich an seine Fersen. Ich denke an deine Tochter, Herr, sie fleht, daß die Vermählung mit Theodulf gemieden wird. Wider den Willen der Eltern hebt sich begehrlich der Sinn des Kindes.«

»Was hat Ingo mit dem Groll des Mädchens zu tun?« fragte der Fürst ärgerlich.

Frau Gundrun sah ihn mit großen Augen an. »Wer zu Rosse dahinfährt, achtet wenig auf das Kraut am Boden. Merke, Herr, auf ihre Blicke und Wangen, wenn sie einmal mit dem Fremden spricht.«

»Kein Wunder, daß er ihr gefällt«, versetzte der Fürst.

»Wenn er aber an Vermählung denkt?«

»Das ist unmöglich«, rief der Fürst mit mißtönendem Lachen. »Er ist ja ein Gebannter ohne Habe und Gut.«

»Warm sitzt sich's am Herd in den Waldlauben«, fuhr die Fürstin fort.

»Ein Fremder sollte so Unsinniges wagen, ein Mann, der gar nicht von unserem Volke ist und kein anderes Recht hat, als daß ihn die Landgenossen dulden? Unnötig sorgst du, Gundrun, schon der Gedanke daran empört mir den Mut.«

»Wenn du so meinst«, sprach die Fürstin nachdrücklich, »dann freue dich nicht des Tages, an dem er unser Haus betrat, nicht des Sanges in der Halle und nicht der fahrenden Männer, welche jetzt bei uns einliegen, auf das Gastrecht pochend und das Gut meines Herrn verzehrend. Der König begehrt den Fremden, laß ihn ziehen, bevor er und sein Haufe vielen unter uns Jammer bereitet.«

»Weißt du mehr von Vertraulichkeit zwischen ihm und meinem Kinde, als du mir sagst?« fragte der Fürst, vor sie tretend.

»Nur was sich dem ankündet, der sehen will«, versetzte die Fürstin vorsichtig.

»Mit großem Geräusch und freudigem Herzen habe ich ihn empfangen«, fuhr Herr Answald fort, »jetzt vermag ich ihn nicht als einen Überlästigen zu entsenden. Den Gemahl der Tochter zu wählen, ist des Vaters Recht, und keine Vermählung gibt es für das Kind als durch den Vater, das weiß auch dein Kind, da sie nicht sinnlos ist. Ich gedenke des Eides, den ich deinen Freunden gelobt, du aber bändige, wenn du kannst, den Hochmut deines Neffen und sorge dafür, daß er sich unserem Kinde werter macht, als er jetzt noch ist, damit nicht der Trotz der Jungfrau im nächsten Frühjahr aufbricht, wenn wir sie zur Vermählung schmücken.«

Seit diesem Morgen war Herr Answald in seinem Gemüte beschwert, sooft er den Fremden gegenübertrat; unmutig erwog er die [68] Vermessenheit und achtete mißtrauisch auf Wort und Gebärde des Gastes, und er dachte zuweilen selbst, daß das Lagern um seinen Herd im Winter eine Last sein werde. In diesen Tagen des Mißmuts ritt Held Sintram ein, als Unglücksbote vom König an den Häuptling und den Gau gesandt. Denn der König erhob helle Klage über das versteckte Hausen der fremden Schar und forderte unter Drohungen ihre Auslieferung in seine Hände. Der Fürst erkannte, daß entweder dem Gaste oder ihm und den Landgenossen eine nahe Gefahr drohe. Da er kein niedrig denkender Mann war, so gewann er seine Würde zurück, er trat vor Ingo und sagte ihm offenherzig, daß er die Häupter des Gaues unter dem Vorwande einer Jagd zu stiller Beratung laden werde. Ingo neigte sich nach den Worten beistimmend und versetzte: »Die erste Rede gehört hierbei den Wirten, die zweite dem Gaste.«

Die Boten ritten; drei Tage darauf saßen die Edlen und Weisen des Gaues wieder am Herde des Häuptlings. Aber es war nicht mehr Sommerluft, wo der Sinn der Männer fröhlich über der Erde waltet, sondern harte Winterzeit, wo sich Sorge und Groll erheben. Diesmal war die Miene des Fürsten kummervoll, als er begann: »Eine zweite Botschaft sendet der König um den Helden Ingo und sein Gesinde, und diesmal an die Gaugenossen und mich, nicht durch den Sänger, sondern durch den Helden Sintram. Der Volkskönig fordert die Fremden für seine Königsburg; ob wir seinem Gebot widerstehen oder, unser Heil bedenkend, nach seinem Willen tun, das frage ich.« Darauf erhob sich Sintram und wiederholte die Drohung des Königs: »Mit Gewalt will er die Fremden holen, wenn wir sie nicht senden, seine Mannen toben laut und freuen sich des Zuges gegen unsere Höfe. Einst habe ich vordenkend gewarnt, jetzt droht uns nahe das Unheil. Hatten wir auch gelobt, den Fremden gastlich zu schützen, jetzt ist nicht er es allein, der auf dem Lande liegt, ein fremdes Geschlecht reitet durch unsere Täler, und lästig wird dem Volke das wilde Gesinde.« Langes Schweigen folgte der Rede, bis Isanbart endlich die Stimme erhob: »Da ich alt bin, wundert mich nicht, wie leicht sich der Sinn der Menschen ändert; schon ehedem sah ich manchen Wirt, der fröhlich war, einen Gast zu begrüßen, aber fröhlicher, ihn zu entlassen. Darum mögest du, o Fürst, vor allem den Landgenossen sagen: hat der fremde Held das Hofrecht verletzt und deine Ehre geschädigt, oder hat sein Gesinde Missetat geübt im Volke?« Zögernd versetzte Fürst Answald: »Ich klage nicht über Frevel, die der Gast verübt, doch ungefüge und fremdländisch ist die Art seiner Mannen, und sie eint sich schwer unserm Landesbrauch.« Da nickte Isanbart mit seinem grauen Haupt und sprach: »Dasselbe habe auch ich erfahren, da ich mit deinem Vater Irmfried im Land der Vandalen als Gast niedersaß. Auch wir waren, soweit ich gedenke, den Vandalen ungefüge und fremdländisch. Doch [69] unsere Wirte lachten freundlich darüber und verglichen den Zwist der Mannen, wo er ausbrach, immer haben sie uns gebeten, länger zu weilen, und mit reichem Gastgeschenk haben sie uns entlassen, als wir endlich heimritten. Darum meine ich, Vorsicht geziemt dem Wirt, bevor er fremde Gäste aufnimmt, und Nachsicht, solange sie unter seinem Schütze weilen.« Und Rothari, den sie Pausback nannten, sprang auf und rief: »Bei jedem Volk der Männererde ist, soweit ich verstehe, ein Gesetz: zu seinem Herrn gehört das Gesinde. Wer den Herrn aufnimmt, kann seinem Gefolge den Frieden nicht weigern, wenn die Fremden nicht selbst sich durch Missetat friedlos machen. Wohl verstehe ich, daß die Zahl der Schwurgesellen deinem Hofe, o Fürst, zur Last wird, denn allzu groß ist die Zahl der Männer und Rosse für einen Hof. Du aber begehrtest, als sie kamen, die Ehre, sie allein vor anderen zu beherbergen. Wären sie in den Höfen der Edlen und Bauern verteilt je nach ihrer Geburt, dann hätten die Gäste niemanden beschwert und hätten beim Abendfeuer am Herde viele durch ihren Bericht aus fremden Ländern erfreut.« Gekränkt antwortete der Fürst: »Ich habe den Rat nicht über das Lagern in meinem Hofe gefordert, sondern über das Gebot des Königs, welches uns hart bedrängt.« Da sprach Bero, der Bauer, ihm entgegen: »Noch anderes bedrängt uns, Herr, mehr als die zwanzig und zwei Fremden. Der König sucht einen Vorwand, um den Zehnten von unsern Herden für sich zu erhalten und die Garben von unseren Feldern, wir aber erkennen, daß Herde und Ackerland uns ohnedies zu klein werden für unsern Bedarf. Alle Dörfer sind mit rüstiger Jugend gefüllt, sie fordert Baugrund für neue Höfe, Ackerland, Wiese und Waldweide. Wer soll es hergeben, alles ist aufgeteilt und versteint, die Hirten klagen, daß die Herden der Grundherren zu groß werden und der Eckern und Eicheln zu wenig, dem Roden des Waldes widerstehen die Gemeinden und noch mehr die Häuptlinge. Darum meinen viele, die Zeit sei gekommen, wo unser Volk wieder siedeln muß jenseits der Landesmark wie zur Zeit der Väter und der Ahnen. Und wir fragen in den Dörfern, wo ist leeres Land zum Besiedeln auf der Männererde? So sprach Mißvergnügen im Volke, und unsere Jungen werden dem zufallen, der ihnen freien Ackergrund bietet, selbst wenn es der König wäre. Das sage ich, um zu warnen, denn gefährlich ist die Habgier der Herren, wenn sie die Waffen des Volkes für sich begehren. Dennoch rate ich nicht, daß wir die Gäste dem König ausliefern. Will der König mit Gewalt sie entführen, so möge er es versuchen. Auch mir erregt der Gedanke Grimm, daß die Knaben des Königs mir die Rinder wegtreiben und die Scheuer anzünden möchten, aber von unserem Recht lasse ich mich nicht abdrücken, jedermann wird es für unrecht halten, wenn wir die Gäste im Schneesturm austreiben. Und lieber will ich mit meinem Hofe untergehen, als ihnen aus Furcht das Gelöbnis brechen.«

[70] Wieder sprang Rothari auf, schlug vergnügt in die Hand des Bauern und rief: »So spricht ein wackerer Nachbar, hört auf seine Worte.«

Endlich begann auch Albwin mit gewinnender Miene: »Was der Freie gesagt, dem falle auch ich zu. Ich rate, wir halten den Eid, der uns vielleicht lästig wird, wenn die Gäste daran mahnen und sich unsern Schutz begehren. Wollen sie aber freiwillig aufbrechen, so geben wir ihnen Förderung und Gastgeschenke, damit sie ungefährdet ziehen, wohin ihnen der Mut steht. Dem König aber liefern wir sie nicht in die Hand, außer mit ihrem freien Willen.«

Da stimmte die Mehrzahl bereitwillig bei, auch der Fürst und Sintram. Aber Rothari rief zornig: »Ihr wollt handeln wie der Fuchs mit der Bäuerin, als er ihr sagte: Ich gelte dir das Huhn, aber fordere nichts.« Und Isanbart warnte: »Wie mögt ihr die Pflicht auf die Seele des Gastes legen, die auf euch und euren Kindern liegt. Wer kann den Wirt loben, der die Großmut des Gastes anruft.«

So stritten die Waldleute gegeneinander, und zwiespältig blieb die Meinung.

Unterdes sang Hildebrand im Hofe laut den Jägerspruch und blies auf dem großen Horn die Weidgesellen zusammen. Gerüstet mit Speer und Armbrust, die Bracken an der Leine, eilten die Thüringe aus dem Hoftor; mit dicken Speereisen, mit Hornbogen und Keule kamen die Vandalen, welche der Hunde entbehrten. Hildebrand schied den Jagdzug in zwei Haufen, Hofmannen und Gäste, die Männer aus der Landschaft teilte er beiden zu. Die Jäger sprachen leise den Weidsegen, dann begann Berthar zu dem Jagdmeister: »Schlecht wird es deinen Gästen ohne Hunde auf glattem Pfad gelingen, sorge wenigstens, Held, da du doch die Gänge des Wildes kennst, daß mein Haufe nicht vergeblich den Schnee drückt, denn auch der schnelle Fuß vermag nimmer Wild zu erreichen, wo keines vorhanden ist. Manchmal hast du uns in die Irre gesandt, fern von den Fährten der Waldriesen; achte, wenn dir's gefällt, heut darauf, daß wir nicht vor den Gaugenossen gekränkt werden.«

»Wer Glück und Geschick entbehrt, schilt den Treiber«, versetzte Hildebrand, »du mahnst ohne Grund, ich habe billig geteilt.« Das Horn rief, die Hunde zerrten an den Riemen, fröhlich brachen die Jäger auf und grüßten die Frauen, welche der Ausreise am Hoftor zusahen. Als die Vandalen bei Irmgard vorüberzogen, erhoben sie plötzlich hellen Jubelruf und neigten die Waffen und Knie vor ihr. Auch Ingo trat von der Seite in ihre Nähe.

»Du allein, Held, hörst nicht auf den Jagdgesang?« fragte Irmgard.

»Noch andere bleiben zurück«, versetzte Ingo, nach der Halle weisend.

»Zweifle nicht an ihrer Treue«, flehte Irmgard. »Wenn du bei [71] deinen Helden bist, sorgen wir nicht sehr, daß wieder ein Feuer zwischen ihnen und unseren Männern aufbrennt.« So mahnte ihn das Weib, welches er liebhatte, selbst zu der Jagd, die manchem kummervoll wurde.

Ingo rüstete sich schnell mit dem Jagdzeug und eilte den Genossen nach, er erreichte sie noch vor der Teilung und wurde von seinen Kriegern mit Zuruf empfangen, auch die Landgäste freuten sich seiner, und als gute Gesellen betraten alle den Wald. Hildebrand wies die Pfade, und von den Jünglingen des Dorfes geführt, verschwand ein Haufe nach dem andern in den Talwindungen und zwischen den Hochstämmen. Bald erschollen aus der Ferne die Schläge der Treiber an die Stämme, das Gebell der Hunde und zuweilen ein lustiger Hornruf. Diesmal hatten die Vandalen den besseren Erfolg, sie beschlichen eine Auerherde, darunter den mächtigen Stier, der bereits im Hofe verkündet war, und ihnen gelang es, die Herde von der Höhe in ein tiefes Tal zu treiben, wo die Schneewehen den großen Leibern der Tiere den Lauf hinderten. Dort warfen sich die Männer von oben gegen die riesigen Stiere, mit gellendem Jagdruf, mit Pfeilschuß und Speerwurf drangen die Gesellen vom Rand der Höhe talab. Und sie fällten die Herde, nur ein Häuptling der Tiere, das Ungetüm, brach durch zu wegsamerer Stelle. Da warf Ingo das schwere Eisen gegen ihn, ein Blutstrom ergoß sich nach dem Wurf. »Er hat es!« rief Ingo, und der Heilruf der anderen antwortete. Aber der Waldriese arbeitete sich empor bis zum Hochwald, in weiten Sprüngen folgte ihm speerlos Ingo, sein Messer schwingend. Wieder brach das Tier, den Speer schleppend, in ein tiefes Tal, und während Ingo auf der Höhe vorwärtsstürmte, um ihm auf schneefreiem Grunde zuvorzukommen, hörte er unten Gebell der Hunde, Jagdruf und Hornklang, und als er sich in das Tal warf, fand er den Stier am Boden, den Speer Theodulfs im Leibe, der Mann aber stand auf dem Tier und blies den Siegesruf. »Mein ist das Wild nach Weidrecht«, rief Ingo und schwang sich auf den Leib des Gefällten, »mein Speer gab ihm den Todeswurf.« Über der Beute standen die Männer gegeneinander, und heißer Haß sprühte aus ihren Augen. »Mein ist die Waffe und mein der Stier«, rief Theodulf. Da riß Ingo den Speer des andern aus dem Leib des Stiers und warf ihn weitab, so daß er in den Ästen einer Fichte hängenblieb. Dem Thüring schlugen vor Wut die Zähne zusammen, einen Augenblick machte er Miene, sich im Faustkampf gegen Ingo zu stürzen, aber die stolze Haltung des Mannes verwirrte ihm den Gedanken, er sprang zurück und hetzte die Meute der Hunde gegen Ingo. Heulend fielen die wütenden Tiere den Helden an, vergebens schrie Hildebrand: »Wehe!« Ingo stieß mit seinem Messer das grimmigste nieder, aber auch die Vandalen sprangen herzu, den König aus der Not zu retten, und trieben ihre Eisen den Hunden in den Leib. »Geendet ist [72] die Jagd!« rief Berthar befehlend, »jetzt beginnt eine andere, der Bube darf die nächste Sonne nicht schauen, der die Hunde auf unseren König gehetzt hat. Heut waren wir Hundeschläger, wie du uns nanntest, und der letzte Hund, den wir schlagen, bist du.« Er hob die Keule zum Wurf, aber mit eisernem Griff umklammerte ihm Ingo den Arm: »Keiner wage ihn zu berühren, der Mann gehört meinem Schwert. Du aber, Hildebrand, lade die Richter zum Weidgericht, auf der Stelle vor blutiger Spur und erlegtem Wild entscheidet über mein Recht.« Die beiden Haufen wählten gesondert jeder einen Mann, diese den dritten. Die Richter schauten die Wunden, folgten der Todesspur bis zu der Stelle, an welcher Ingos Eisen den Stier getroffen, dann kehrten sie zurück, traten zusammen und sprachen das Urteil: »Dem Helden Ingo gehört die Beute.« Ein wildes Lächeln flog über das Antlitz des Königs, er kehrte dem Stier den Rücken. »Ich rate«, begann Hildebrand mit trüber Miene, »daß die Haufen nicht in gleicher Zeit zum Hofe ziehen, gefällt's euch, ihr Helden, so nehmt den Vortritt.«

»Die leichtesten seid ihr«, versetzte Berthar, »meine Gesellen werden Mühe haben, ihre Beute aus dem Walde zu schleifen. Dennoch meine ich, daß wir auf die Jagdehre nicht verzichten, denn von dieser Jagd wird im Lande noch länger erzählt.« Schweigend schritten die Bankgenossen des Herrn Answald dem Hofe zu, nur Theodulf sprach in seiner hochfahrenden Weise, um durch die Worte den Grimm zu bewältigen, der in ihm kochte; ohne Jagdruf betraten sie den Hof, Hildebrand eilte zum Fürsten. – Es war finster, als die siegvolle Schar mit ihrer Beute ankam. »Blast den Freudenruf«, rief Berthar, »wie so reicher Beute gebührt.« Der Halagesang ertönte, aber niemand öffnete das Hoftor, und Wolf mußte vorspringen und den Querbaum zurückschieben. Die Vandalen legten die Jagdbeute vor dem Hause des Fürsten nieder, schieden grüßend von den Genossen aus Thüringen und sammelten sich still in ihrer Herberge.

Der Hof lag finster, und der Wintersturm heulte über den Dächern, aber in allen Häusern und in der Halle summte das Geräusch halblauter Rede.

Der Abschied

Zum Notkampf auf der Aue, den die Sonne nicht schauen darf, schritt im Grau des nächsten Morgens Ingo mit seinen Schwertgesellen Berthar und Wolf. Unter ihren Füßen ächzte der Schnee, der Nachtwind fuhr um ihre Häupter und trieb Schneeflocken von den Bergen in das Tal; die schwarze Wolkendecke barg alles Himmelslicht, nur die Geister des Todes herrschten auf der Erde, sie schrieen aus dem Winde, sie rasselten in den dürren Bäumen und [73] rauschten im Eiswasser die Kunde, daß von zwei Eidgesellen eines Herdes der eine geschieden werden sollte vom Sonnenlicht, damit er hinabsteige in das kalte Nebelreich. Berthar wies schweigend in die Dämmerung, auf der anderen Seite des Baches standen drei Männer, es war Theodulf mit Sintram und Agino, seinen Genossen. »Ihre Füße waren schneller«, sprach Ingo unzufrieden, »rühme die, welche zuerst der Nebelaue den Rücken kehren.« Vor ihnen lag die Stätte des Kampfes, ein sandiges Eiland mit dünner Schneedecke, auf beiden Seiten vom strudelnden Wasser umgeben. Die Schwerthelfer grüßten einander lautlos über den Bach, sie schritten zu den Weiden am Uferrand, schnitten starke Zweige und schälten mit dem Messer die Rinde. Dann sprangen Berthar und Sintram durch das Wasser, beide betraten zu gleicher Zeit den Grund der Aue und steckten den Kampfplatz mit weißen Stäben ab. Darauf trat jeder von ihnen an eine Spitze des Eilandes, der eine stromauf, der andere stromab, und winkte seinem Kämpfer mit dem Arm. Die Kämpfer neigten sich vor den hilfreichen Göttern und murmelten den Notsegen, dann wateten sie durch das Wasser zu ihren Gesellen. Die Helfer wichen zurück über den Bach, und die Todfeinde sprangen gegeneinander, schildlos in Helmkappe und Panzerhemd mit geschwungenem Schwert. Stahl schlug an Stahl, um sie stöhnte der Wind und rauschte das Eiswasser. Es war harter Männerkampf, nicht unwert erwies sich Theodulf des Ruhmes, den er unter seinen Genossen hatte, eine Weile dröhnte der Streit, der so schnell zum Tode führt, und Berthar sah unzufrieden das Rot am Morgenhimmel, den Boten des Tages. Da strauchelte Theodulf unter schwerem Schlage, und wieder sprang Ingo nach ihm und zerbrach ihm mit starkem Schwertstreich das Haupt durch den Eisenhelm, daß ein Blutstrom herausbrach und der Mann des Fürsten rückwärts auf den Schnee sank. Ingo schwang sich über ihn und erhob das Schwert, ihm mit der Spitze die Gurgel zu durchstechen. In demselben Augenblick brach der erste Lichtstrahl über die Hügel, der rote Schein fiel auf das Angesicht des wunden Mannes, Sintram vergaß in der Todesangst das gebotene Schweigen und schrie über den Bach: »Schone sein, die Sonne sieht's.« Bei dem Lichtstrahl und dem Schrei fiel ein weicher Gedanke in die grimmige Seele des Siegers, er zuckte das Schwert zurück und sprach: »Die Herrin soll's nicht schauen, daß ich dem Gastfreund seinen Mann durchsteche. Lebe, wenn du kannst«, er wandte sich ab. Theodulf murmelte am Boden, die Faust gegen ihn erhebend: »Ich danke dir's nicht.« Ingo aber sprang durch das eisige Wasser ans Ufer und wandte der Insel und dem Gefallenen den Rücken, während Berthar vorwurfsvoll sagte: »Zum erstenmal kargte der König, als er einem Todfeind das Reisegeld in das Nebelland zahlte.«

»Ich sorge nicht um eines Mannes Rache, der unter meinem Schwert lag«, versetzte Ingo. Schweigend folgten ihm seine Schwertgesellen, [74] während die Helfer des anderen über das Wasser drangen und an der Rüstung des Verwundeten zerrten.

Vor der Gastherberge standen die Vandalen im Haufen gerüstet, ihren Gruß, da sie den König gerettet von der Aue zurückkehren sahen, hemmte Berthar. Im Hofe sammelten sich die Mannen des Fürsten und die Landgenossen in finsterer Erwartung, bis der Weheruf Sintrams erscholl und hinter ihm zwei Männer den gefällten Helden auf einer Bahre in den Hof trugen. Als die Bahre vor dem Hause der Frauen niedergesetzt wurde, stürzte die Fürstin heraus, warf sich mit lautem Schrei neben dem Verwandten nieder und hob die Arme flehend zu ihrem Gemahl. Dem starren Schweigen im Hofe folgte wilde Bewegung. Racheruf und Geschrei; die Landgenossen, die Häupter des Volkes eilten beschwichtigend von einem Haufen zum anderen, auch sie bedachten sorgenvoll, daß ein Feuer aufgebrannt war, welches schwerlich durch klugen Rat gelöscht wurde.

Zuerst geriet Wolf in Bedrängnis. Als er zu seinen alten Bankgenossen trat, welche in gedrängtem Schwarme vor dem Krankenhaus standen, da gaben sie ihm feindselige Blicke und wendeten die Rücken, und Agino sprach: »Wer im Waffengang gegen unseren Gesellen gestanden hat, der ist geschieden von unserer Bank, und wenn ich dir zum letztenmal Gutes raten soll, so meide unsere Nähe, damit dir nicht kaltes Eisen für deinen Verrat zahle.«

»Ihr handelt schmachvoll an dem Genossen«, entgegnete Wolf heftig, »ehrlich habe ich mich gehalten nach meinem Schwur, den ihr damals alle rühmtet; wie durfte ich mich meinem Herrn versagen in der Not zwischen Wasser und Heide?«

»Warst du sein Geselle in der Not«, versetzte der andere, »so birg dich in seiner Kammer und zeche unter seinen Fremden den Met, den er dir schenkt; denn verhaßt ist uns dein Name und getilgt sei dein Gedächtnis in unserem Ringe.«

Auch Hildebrand trat zu ihm und begann feierlich: »Seit du ein Knabe warst, kenne ich dich, und gern möchte ich dir Gutes raten, wenn ich vermöchte; aber es ist ein alter Spruch: wo der Herr gleitet, fällt der Mann zur Erde. Auch wenn unser Fürst Answald dir wohlmeinend ist, er vermag dich nicht zu schützen gegen den Grimm des Hofes. Vielleicht berede ich ihn, daß er dich freigibt von deinem Hofeid, dann wandere mit deinem Schwert und suche dein Heil in der Fremde.«

Wolf trat zur Seite an die Hofmauer und barg sein heißes Gesicht vor dem Blick der Genossen.

»Ist dein Reisegepäck so schwer, daß du weinst wie ein Kind, das die Wanderschaft fürchtet?« sprach eine Frauenstimme neben ihm. Wolf antwortete erbittert: »Daß auch du mich höhnst, Frida, ist ärger als das andere, denn um deinetwillen war ich froh in dem Hofdienst.«

[75] »Es gibt wohl andere Höfe als diesen Saal, der abseit liegt von dem Reisepfad der Helden, wo ein Krieger leichter die Gunst des Herrn gewinnt und vielleicht auch Haus und Land, damit er sich einem Weibe vermähle. Mir gefällt nicht die Bank der Helden, an welcher ein Weib gebietet.«

»Du rätst mir zu gehen«, antwortete Wolf in hellem Erstaunen, »und du selbst bleibst doch hier.«

»Für die Kunkel bin ich geschaffen, und ich muß harren, bis mich ein Mann auf sein Roß hebt und in seinen Hof führt. Aber verächtlich dünkt mich eine Herrschaft, welche zuerst vor dem Gaste die Arme ausbreitet und dann beängstigt wird durch seine Gegenwart. Schwinge dich auf, trabe mutig über die Heide und suche dir einen treueren Herrn.«

»Du warst selten freundlich gegen mich, Frida, dennoch kommt mir's schwer an, dich unter den Hofknaben zurückzulassen«, versetzte der ehrliche Wolf.

»Vielleicht weiche auch ich einmal aus dem Hofe«, antwortete Frida trotzig. »War ich auch zuweilen hart gegen dich, Wölflein, so wisse doch, daß ich die Tölpel dort hasse, seitdem sie dir die Genossenschaft weigern.« Sie sah ihn freundlich an und verschwand, Wolf schritt getröstet nach der Herberge der Gäste.

»Was raunen dort die stolzen Knaben untereinander?« fragte ihn Berthar prüfend.

»Sie haben sich von mir geschieden«, antwortete Wolf finster, »weil ich mit dem König Ingo zur Aue ging.«

»Und was meinst du zu tun, junger Thüring?«

»Ich habe mich deinem Herrn gelobt«, antwortete Wolf. Berthar faßte ihn bei der Hand. »So spricht ein wackerer Mann. Immer hast du mir gefallen, denn du warst treu im Dienst und gutartig gegen meine Gesellen. Jetzt will ich sorgen, soweit ich vermag, daß dich die Wahl nicht reue. Tritt zunächst abwärts von uns zu dem Helden Isanbart, damit er dich schütze und dir durch seine Fürsprache von dem Eide helfe, der dich an den Hofherrn bindet. Dann kehre dich zu uns. Einen Sohn haben mir die Götter versagt, ich will dich halten wie mein eigen Blut, den letzten Trunk teile ich mit dir, und mein letzter Schwertschlag sei an deiner Seite. Willkommen in unserer Mitte zur Wanderung auf der Männererde, zum Gewinn von Beute und zum seligen Ende in der Männerschlacht.«

Aber auch Irmgard empfand die Verstörung dieses Morgens. »Wo ist die Tochter?« rief der Fürst am Lager des Verwundeten, »daß sie mit ihrer Heilkunst der Mutter helfe.«

Leise, damit kein anderer die Worte höre, antwortete die zornige Fürstin: »Ungehorsam weigert sie, seinem Lager zu nahen.« Herr Answald trat heftig in Irmgards Gemach, die Wange der Jungfrau war erblichen, aber ihr Auge mied nicht den zornigen Blick des [76] Vaters. »Am Lager deines Verlobten ist dein Sitz, du Kaltsinnige!« rief er ihr zu.

»Hassen würde ich mich selbst, hätte ich mein Leben jenem gelobt«, antwortete Irmgard unbeweglich.

»Der Vater tat es für dich, und hätte ich's nicht getan, von deinem Geschlecht ist er und mein Waffengenosse. Ehrst du so wenig, was die Sitte von dir heischt?«

»Auch ich gedenke, mein Vater, was deinem Kind geziemt. Er, der getroffen liegt von wohlverdientem Schlage, hat die Meute gehetzt gegen unseren Gastfreund. Bin ich ein Kind dieses Hauses, so ist er mir fortan ein Fremder und ein Feind.«

»Wie eine Wahnwitzige redest du. Wohl kenne ich den argen Wunsch, der dir den Sinn betört; zu lange habe ich nachsichtig das Unleidliche getragen.« Er hob den Arm gegen die Tochter.

»Töte mich, mein Vater«, schrie Irmgard, »du hast die Macht, aber auf meinen Füßen trete ich nimmer zu dem Bett des argen Mannes.«

»Bist du jetzt so entschlossen«, rief der Fürst außer sich, »so sollst du doch dem Zwange dich beugen. Ich gehe, den Quell abzuleiten, der diesen Jammer in meinen Hof treibt. Du aber lebe gesondert als Gefangene, bis dein trotziger Mut sich fügt.« Drohend verließ er das Gemach und schritt über den Hof nach dem Herdsitz. Dort sammelten sich die Gaugenossen, dorthin wurde auch Ingo von zwei Häuptern des Volkes geleitet.

Das Antlitz des Fürsten war rot vor Zorn, und ihm bebte die Stimme, da er an seinem Herdfeuer in der Versammlung begann: »Zum Tode verwundet hast du, Ingo, Ingberts Sohn, meinen Schwertträger Theodulf, einen Edlen des Volkes, den Verwandten meines Ehegemahls, den Sohn, dem ich meine Tochter zur Hausfrau gelobt; geschädigt hast du ihn an Leib und Leben in heimlichem Kampf, den die Sonne haßt; gekränkt hast du meine Ehre, verletzt die Gastpflicht, gebrochen den Eid, darum weigere ich dir fortan den Frieden meines Hauses und Hofes, ich löse das Bündnis, das einst die Väter verband, die Flamme des Herdes tilge ich, die jetzt noch wärmt, und das Wasser verschütte ich, über dem wir einander gastlichen Frieden gelobt.« Er schwenkte den Herdkessel empor und goß ihn in die Flamme, daß der weiße Dampf sich zischend im Hause verbreitete.

Ingo aber rief dagegen: »Eine Nottat verübte ich, bis zum Tode gekränkt an meiner Ehre, wie sie jeder üben muß, der nicht achtlos im Volke leben will. An deinen gastlichen Herd dachte ich, als der arge Mann unter meinem Schwerte lag und ich die Spitze zurückzog. Für das Gute, das ich unter deinem Dach genossen, danke ich dir noch jetzt beim Scheiden; vor dem Argen, das du und deine Freundschaft mir fortan sinnen, werde ich mich bewahren. Wie du die [77] Flamme getilgt, die mir gastlich geleuchtet, so werfe ich das Gastzeichen, das dein Vater meinem Vater übergab, in die kalten Kohlen deines Herdes, ab tue auch ich die Gastpflicht, die mich hier band, als ein Fremder kam ich und als ein Fremder gehe ich; den Göttern, den hohen Schwurzeugen klage ich das Unrecht, das du an mir und meinem Geschlecht verübst, und ihren Segen erflehe ich für jeden, der in diesem Hofe und Lande mir Gutes wünscht.« Er wandte sich zum Abgang, da erhob sich Isanbart und sprach: »Bist du durch eine Nottat verfeindet unserem Häuptling, den wir ehren, so bist du noch nicht verfeindet dem Volk, das dir durch unseren Mund den Frieden gelobt hat. Willst du harren, bis die Gemeinde über deinen Zwist mit Herrn Answald entschieden hat, so bist du willkommen mit deinem Gesinde im Hofe und am Herd eines Alten, der einst im Kampf an der Seite deines Vaters gestanden hat.«

Ingo trat zu dem Greis und neigte sich tief vor ihm: »Segne mein Haupt, o Vater, bevor ich scheide. Denn unrühmlich wäre mir, fortan noch im Gaue zu verweilen und Zwiespalt in den Dörfern aufzuregen. Deiner Treue denke ich aber, solange ich atme.«

Der Greis legte ihm schweigend die Hand aufs Haupt, dann trat Ingo auf die Schwelle. Mit Zorn und Sorge sah der Fürst, daß sich ein Teil seiner Landgenossen erhob, den Scheidenden zu geleiten. Isanbart bot dem Fremden die Hand und führte ihn durch die Schar der Hofmannen, welche, bewaffnet mit drohenden Gebärden, um die Tür drängten; diesen gegenüber hielten auf ihren Rossen die Vandalen, bereit zum Aufbruch und, wenn es not war, zum Kampfe. Aber die Würde der Volkshäupter bändigte den Grimm der Jüngeren; Ingo schwang sich auf sein Roß, das ihm Berthar zuführte, noch einen langen Blick warf er zurück in den Hof, dann trieb er sein Roß zum Sprung durch das Hoftor, ihm folgte ebenso die Schar seiner Mannen. Als die Hofgenossen ihnen Drohworte nachriefen, gebot die zürnende Stimme Isanbarts Schweigen. Der Fürst aber saß stumm in schweren Gedanken an seinem kalten Herde.

Hinter den Reisenden klapperten auf dem gefrorenen Boden Roßhufe, Bero trieb sein Pferd an Ingos Seite und begann, nachdem er eine Weile neben ihm geritten war: »Ich war's, der deine Gesellen dir zuführte, heut möchte ich dir guten Willen erweisen; das Dorf, in dem ich hause, liegt auf deinem Wege, laß dir's gefallen, Held, bei mir einzukehren und Bauernkost zu versuchen.«

»Ich rate, Herr«, sprach Berthar, »daß du der Ladung des Freien folgst, denn wohlgesinnt habe ich ihn gefunden und von klugem Rat.«

»Du bist nicht der einzige deines Geschlechtes, der es mit uns gut gemeint hat, da wir im Herrenhofe waren«, versetzte Ingo mit trübem Lächeln. Und die Helden verabredeten den Besuch, worauf Bero zufrieden seinen Gaul in einen Seitenpfad lenkte.

[78] Ihm folgte mit lautem Zuruf Rothari. »Eure erste Einkehr sei in meinem Hofe«, rief der runde Mann und streckte seine Hand vom Roß aus, um vielen die Hand zu schütteln. »Wirf die Sorgen hinter dich, Held, und grolle nicht mit uns anderen, weil du in Unfrieden von einem scheidest«, und neben Ingo reitend, fuhr er vertraulicher fort: »Auch in unserem Gau wird mancher Mann sich wundern, daß dein Schwert einem Zänker nicht die letzte Ehre vergönnt hat, denn der Mann und sein Geschlecht haben Feinde im Volke, weil sie unbillig sind, und ich bin auch einer davon.« So trabte er mit tröstlichen Worten unter den Gästen, wirbelte zuweilen seinen Speer in der Luft und erzählte lustige Fahrten, bis auch die Fremden zuhörend lachten.

Als am nächsten Morgen der erste Dämmerschein in das dunkle Gemach fiel, erhob sich Irmgard leise vom Lager, damit sie die schlafende Wächterin nicht wecke, und sprach bei sich selbst: »Mir träumte, oben am Gießbach steht der eine, der mich erwartet. Vereist ist das Ufer der rinnenden Flut, gelöst ist der Fichtenbaum, der an unserem Boden hing, talab treibt er mit dem Wasser zwischen Eis und Steinen, und nimmer sehe ich ihn wieder. Nicht weiß ich, was ich noch im Leben lieben soll, da er von uns wich.« Sie warf eine dunkle Hülle um ihr Gewand, öffnete leise die Tür und schritt über den leeren Hof. »Wer löst mir die Riegel am Tor?« sprach sie an der Pforte, aber als sie daran rührte, fand sie die Holzkeile des Sperrbaumes herausgetrieben. Sie ging durch das Tor und eilte über den Schnee den Bergen zu an die Stelle, wo sie früher den Geliebten gefunden. Als sie aber näher kam und am Gießbach eine hohe Gestalt in der Dämmerung erkannte, erschrak sie und hielt an. Da eilte Ingo ihr entgegen: »Ich dachte dich zu finden an dieser Stelle, die Ahnung trieb mich auf schnellem Rosse durch die Nacht.«

»Unter die Feinde reitet der König«, antwortete Irmgard, »weil mein Geschlecht ihm die Treue brach. Bitter ist der Gedanke, verhaßt ist mir das Leben. Denn auch du wirst uns zürnen, wenn du in der Not an die Halle meiner Väter denkst.«

»Deiner gedenke ich, wo ich auch weile«, rief Ingo, »von dir hoffe ich alles Heil meiner Tage. Die Liebste bist du mir, und stark ist dein Mut, darum lege ich heut in deine Hand die Fäden, an denen, wie die Priesterin sprach, mein Schicksal hängt.« Er bot ihr eine kleine Tasche von Otterfell mit starken Riemen daran. Irmgard sah scheu auf die Gabe. »Sie birgt den Drachenzauber«, fuhr Ingo leise fort, »den Sieg der Römer, wie unsere Krieger meinen, und auch mein Los. In der Königsburg hat der Römer Gold gespendet, möglich ist, daß die Mannen des Königs mir Unheil bereiten. Töten sie mich mit meinem Gesinde, so soll doch der Römer nicht wiedergewinnen, was, wie man sagt, ihm den Sieg verleiht. Darum bewahre du mir den Purpur, bis ich ihn fordere; wenn aber den[79] Feinden ihr Werk gelingt, dann trage das Geheimnis zu dem Totenhügel, den sie über mich werfen, und senke es dort tief in die Erde, damit kein Fremder es jemals gewinne.«

Irmgard ergriff die Tasche, hielt sie mit beiden Händen, und ihre Tränen rollten darauf. »Fremd wurdest du dem Herd meiner Väter, mein Gastfreund bleibst du doch, Ingo, und nahe an meinem Herzen sollst du wohnen. Hier bewahre ich, was du mir botest, und zu den Schicksalsgöttern flehe ich, daß dies Unterpfand auch mir Anteil werbe an deinem Geschick. Wäre ich als Knabe geboren, wie die Eltern sich wünschen, ich dürfte dir auf deinem Pfade folgen. Aber einsam werde ich sitzen, mit verschlossenen Lippen im freudelosen Hause, und an dich werde ich denken, den nur die Habichte schauen, die wilden Vögel, wenn sie zwischen Himmel und Menschenerde fliegen. Denn ruhelos wanderst du, edler Mann, durch feindliche Mauern unter wehendem Wind und fallendem Reif.«

»Traure nicht, Holde«, bat Ingo, »denn ich fürchte nicht, daß es den Feinden gelingen wird, mich auszutilgen; wirbelt auch kalter Schnee, mein Herz ist froh, da ich dir vertraue, um die ich sorge. Bei Nacht und Tag ist mein Gedanke, wie ich dich mir gewinne.«

»Dem der Vater zürnt und den die Mutter haßt, den liebt das Kind, gibt es größeres Leid auf Erden?« klagte Irmgard.

Da umschlang er sie mit seinen Armen und sprach zärtlich: »Birg deine Liebe still vor den anderen, wie der Baum seine Kraft in der Erde birgt, wenn der Sommer weicht. Jetzt tobt um uns die wilde Gewalt des Winterriesen, mit weißem Bahrtuch bedeckt ist die Wonne der Flur. Auch du, Holde, trage still die eisige Last. Wenn die Knospen springen und junges Grün aus der Erde sprießt, dann schaue empor zur Frühlingssonne und lausche, ob du den Sang der wilden Schwäne hörst, wenn sie durch die Luft ziehen.«

»Ich berge und harre«, antwortete Irmgard feierlich, »du aber denke, wenn der Sturm um dein Haupt tobt, daß ich zu dir klage und rufe, und wenn die milde Sonne über dir lacht, daß ich um dich weine.« Sie riß ein Band von ihrem Gewande und knüpfte es um seinen Arm. »So binde ich dich für mich, damit du auch wissest, daß du mir gehörst, wie ich dir«, und sie warf die Arme um seinen Hals und hielt ihn fest umschlungen.

Von der Seite klang mißtönend der Schrei eines Raubvogels. »Der Wächter mahnt, daß du dich von mir wenden sollst«, rief Ingo. »Segne mich, Irmgard, daß meine Reise heilvoll sei für dich und mich.« Er neigte das Haupt unter ihre Hände, sie aber hielt die Arme über ihn, bewegte die Finger und raunte den Segen. Dann umfing der Mann sie noch einmal in heißem Trennungsweh und schwang sich aufwärts in den Tannenwald. Irmgard stand wieder allein zwischen Feld und Wald, und um sie wehte der Winterschnee.

Spät am Morgen ritten die Vandalen aus dem Hofe Rotharis, [80] unter ihnen Ingo mit gehobenem Mut, obwohl er schwieg, denn seine Gedanken flogen zurück zu dem Weib im Herrenhofe. Um Mittag kamen sie zu dem Dorf, das man im Lande »freies Moor« nannte, wo die Hofstätte Beros stand. Die Sonne schien lustig auf das weiße Erdtuch, und an den Häuptern der Weiden glitzerte der Reif. Die Brücke über dem Dorfgraben war mit grünen Fichtenzweigen geschmückt, am Wächterhaus daneben standen die Landleute im Festkleide, vor ihnen Bero und seine sechs Söhne, kräftige Jünglinge mit starken Gliedern und großen Händen. Und Bero rief: »Als die letzten Gaugenossen wohnen wir an deiner Straße, und wir gedenken euch warm zu halten unter unseren Rohrdächern, bis ihr in die Fremde reitet.« Die Reiter stiegen fröhlich ab und schritten zwischen den Landleuten in das Dorf. »Wir teilen uns in die Bewirtung«, fuhr Bero fort, »damit jeder von den Nachbarn Gastfreunde ehre, und gefällt es den jungen Gesellen, so mögen sie nach dem Mahl mit unseren Knaben die Mädchen zum Tanze führen in geräumiger Stube oder auf gefegter Tenne, wie unser Brauch ist.« Darauf ergriff er selbst den Zügel von Ingos Roß und geleitete seine edlen Gäste durch das offene Hoftor. Während seine Söhne die Rosse anbanden und den Hafer schütteten, traten die Herren vor das Haus, auf dessen Schwelle Fridas Mutter mit ihren Mägden auf die Fremden wartete und die sonnengebräunte Hand bot. Über dem gestampften Lehmboden der weiten Hausflur stand ein gedeckter Tisch mit den Holzstühlen, von der erhöhten Bühne im Hintergrunde guckten blauäugige, flachsköpfige Kinder hervor und bargen, wenn die Gäste ihnen zulachten, verlegen die Köpfe hinter der Brüstung. »Rufe zum Mahl«, mahnte der Bauer seine Frau, »und bringe das Beste, was wir vermögen, denn die Gäste sind Herrenkost gewohnt.« Ingo lud die Wirtin neben sich auf den Sitz, sie aber wehrte und trug selbst die Speisen auf und ab. »Das dünkt mich gute Gewohnheit«, erklärte Bero, »denn das Auge der Wirtin sieht am schnellsten, was dem Gaste fehlt, und auch dem Wirte wird zuweilen lästig, wenn die Ohren der Dienstleute auf das gesprochene Wort horchen.«

Viele Gerichte bot die Wirtin, endlos trug sie die Schüsseln, und bei jeder nötigte sie zu nehmen. Endlich führte der Wirt den König und Berthar in seine Kammer, dort saßen die drei am kleinen Tisch nieder, und er schenkte ihnen in die Töpfe kräftigen Met, vor Alter schwärzlich und dick wie Honigseim. »Den Trank hat meine Mutter gebraut, da sie in diesen Hof kam«, sagte er empfehlend. Er hob seinen Krug, brachte den Gästen den Heilgruß und begann feierlich: »Unsere Alten verkünden, daß einst ein Gott die Edlen schuf, die freien Bauern und die Knechte, da er über den Erdgarten wanderte. Jeder Art verlieh er besondere Gaben, euch Edlen, das Volk im Kampfe anzuführen, wenn wir euch folgen; uns dagegen, im Sommer [81] und Winter über den Fluren zu walten, den Knechten, sorgenvoll mit gekrümmtem Rücken zu arbeiten. Der Edle und der Freie – beide können einander nicht entbehren. Ihr Helden vermögt nicht Ruhm zu gewinnen, wenn wir euch nicht auf die Kampfheide nachziehen, und wir mögen nicht sicher bauen, wenn ihr uns nicht durch Rat und Waffenwerk die feindlichen Nachbarn abwehrt. Ihr habt die beste Ehre im Kampfe, denn selten feiert der Sänger die Kriegstat der Bauern, aber ruhelos ist euer Leben, und unstet fahren die Geschlechter der Edlen dahin. Wir aber weilen dauerhaft auf dem Acker, und wenn auch ein Wirt erschlagen wird und sein Hof verbrannt, so treten doch seine Söhne in die Schuhe des Vaters, zimmern und bauen wieder über den Schollen.«

Die Gäste freuten sich der guten Rede und nickten ihm Beifall. Und bedächtig fuhr Bero fort: »So habe ich nun euch, ihr Helden, durch manche Woche beachtet, und ich habe erkannt und vernommen, daß ihr billig denkt und in guter Zucht lebt. Darum meine ich, wir könnten wohl einander nützlich sein. Hofft völlig nichts von unseren Edlen, manche unter ihnen wissen sich selbst nicht zu beraten; und erwartet nichts von dem Könige, denn er hegt Argwohn und Neid gegen jedermann, der ihm nicht dient. Versucht darum euer Heil mit den Bauern. Als ich dich, Held Berthar, vom Süden herführte, da sprach ich bereits ein wenig von meinem Geheimnis, wie man mit einem Fremden spricht; heut aber will ich euch völlig vertrauen. Gastfreund bin ich von den Ahnen her mit freien Männern am Idisbach. Sie gehören einem redlichen Volk zu, man nennt sie die Marvinge. Blutsverwandt sind sie uns Thüringen, längst aber hausen sie für sich als ein kleiner Stamm in den Tälern am Bach der Idis, der hohen Schicksalsfrau. Sie haben vor Jahren ihr Herrengeschlecht und die besten Krieger verloren, weil diese sich ihnen verfeindeten und nach Ruhm und Beute westwärts unter die Franken zogen.

Seitdem sitzen die Zurückgebliebenen, bedrängt von unseren Siedlern, jenseit der Berge und südwärts gegen den Main von den Burgunden. Unleidlich ist ihnen die Doppelzwinge geworden, und ein Teil bereitet sich in der Stille, wenn die Bäume wieder grüne Reiser treiben, gleichfalls auszureisen und den Fürsten nachzuziehen. Deshalb ritt auch ich im Herbst über die Berge, um Rosse und Zugochsen zu vertauschen gegen ihre Schweine, die sie nicht selbst schlachten wollen. Dort sah ich wonnevolles Weideland, billig zu kaufen, und ich dachte an die Knaben in meinem Hofe. Die Gastfreunde aber klagten mir, soviel ihrer jetzt noch im Land der Väter bleiben wollten, daß ihrem kleinen Bienenschwarm der Weisel fehle, denn sie entbehren ein Herrengeschlecht, welches für sie mit den Nachbarn gute Freundschaft halten könnte oder auch rühmlichen Streit führen gegen die raublustigen Edlen an der Grenze. Die Bauern im Idistale [82] aber wollen nicht Thüringe, nicht Burgunden werden, sondern ihre eigene Art behalten und wollen sich lieber mit einem fremden Geschlecht zusammenschwören, als mit unseren Edlen, am wenigsten aber mit den Königen. Darum denke ich an dich, Held Ingo. Denn euer sind wenige, ihrer sind mehre, und ihr vermögt nicht, sie zu bedrücken. Dorthin rate ich dir im Frühjahr zu gehen. Ob es euch zum Heile wird, da müßt ihr selbst zusehen, aber manchem, der das Land baut, wäre es Vorteil, und darum rate ich's euch.«

»Achte auf seine Rede, mein König«, rief Berthar, »dies ist die beste Botschaft, die du seit lange gehört, und wahrhaft jedes Wort; ich selbst sah das Land und sprach die Männer. Vom Main waren wir nordwärts geritten über die Grenze der Burgunden, durch mageren Kiefernwald und sandige Heide, da erblickten wir von der Höhe ein weites Tal, darin ein rinnendes Wasser, das sie den Bach der Schicksalsfrau, der heiligen Idis, nennen. Steile Hügel mit Laubwald, auf der Wiese so hohes Gras, daß unsere Rosse Mühe hatten durchzuschreiten. Dort weiß ich eine Berglehne, wohl geeignet für eines Königs Burg: wie von einer Warte sieht man über das Idistal und über die Wälder bis weit hinter den Main.«

Ingo lachte. »Auch du, grauer Wanderer, hoffst auf Zimmerarbeit und einen warmen Sitz am eigenen Herde? Seltsam ist das Schicksal des Fahrenden, der Fürst weist mich von seinem Hofe, der Bauer bietet mir ein Land, gerade da wir wieder dahinziehen ohne Haft auf dem Boden, der Wolke ähnlich, die unter der Sonne treibt. Nur eines fürchte ich, du verständiger Wirt: durch die Mauern des Königs Bisino muß ich zu dem Idisbach reiten.«

»Meide den König«, mahnte Bero, »weiche über die Grenze, so wirst du seiner ledig.«

»Zürne nicht«, antwortete Ingo, »wenn ich diesmal in die Gefahr springe wie ein fahrender Recke und nicht herumgehe wie ein seßhafter Mann. Ich selbst habe dem König auf seine Ladung die Antwort gegeben, daß ich kommen werde, und ich halte mein Wort, obgleich er mir abhold ist. Auch du wirst die Fahrt nicht schelten. Denn meide ich jetzt noch den König, so erkennt er meinen feindlichen Sinn, und wenn unsere Knaben, wie du willst, im Frühjahr einen Holzring unweit seiner Landesmark zimmern, so würde seine Rache den Siedlern am Idisbach schnell ein finsteres Schicksal bereiten.« Er ergriff die Hand des Bauern. »In anderem will ich deinem Rate folgen, und darum sage mir jetzt, wie ich um den Landbesitz mit deinen Gastfreunden handeln soll, damit wir uns in der grünen Reisezeit durch Bündnis vereinen.«

Die Helden neigten die Häupter und saßen lange in Beratung, während draußen die Schalmei und Sackpfeife tönte und die jauchzenden Paare zum Tanze zogen.

[83]
Ingo am Königshofe

Auf einer Anhöhe hielt Wolf, der den Vortrab führte, und wies mit der Hand in die Ferne. Vor der reisigen Schar erhob sich aus der schneebedeckten Landschaft der mächtige Steinbau einer Königsburg, hohe Mauern, dicke Türme mit Zinnen, dazwischen die rotbraunen Ziegeldächer der Königshäuser, ein schreckhafter Anblick für die Landgenossen. »Leicht mögen die Vögel in solchen Käfig hineinkommen, aber herauszufliegen wird nicht jedem gelingen«, brummte Berthar. Ein kurzer Hornton klang von den fernen Zinnen. »Dort rührt sich der Türmer, jetzt trabt, damit sie unseren Eifer erkennen.«

Durch einen Hohlweg zwischen zwei Felsen ritten die Fremden dem steinernen Außenwerk zu, welches der Brücke vorgebaut und auf seiner Höhe mit bewaffneten Mannen besetzt war. »Die Knaben haben die Tore geschlossen, um sich auf unseren Besuch zu bereiten«, rief der Alte und schlug an den eisernen Klöpfel des Tores. Von der Höhe fragte der Türmer nach Namen und Begehr. Ingo antwortete. Aber lange harrte die Schar, und ungeduldig stampften die Rosse, bevor das schwere Tor sich knarrend öffnete und die Brücke dahinter zur Erde sank. Die Reiter sprengten in den Hofraum der Burg, an allen Türen drängten sich bewaffnete Männer; der Sprecher des Königs trat den Gästen entgegen, noch einmal klang Frage und Antwort, dann riet der Mann mit umwölkter Miene abzusteigen und geleitete die Helden, welche ihre Rosse am Zügel führten, vor die große Königshalle. »Wo weilt der Wirt?« rief Berthar unwillig gegen den Sprecher, »mein Herr ist nicht gewöhnt, die Schwelle des Hauses zu betreten, bevor der Hauswirt darauf steht.« Aber in dem Augenblicke öffnete sich die Tür der Halle, König Bisino stand im Kreise seiner Edlen am Eingang, neben ihm Frau Gisela. Ingo trat auf die Stufen und neigte sich. »Lange haben wir vergeblich auf dich gewartet, Fremdling, und säumig war der Lauf deines Rosses aus dem Walde zu meinem Sitz«, begann der König mit düsterem Blick. Sogleich aber trat Frau Gisela einen Schritt vor, sie bot dem Helden die weiße Hand zum Willkommen und winkte grüßend mit dem Haupt seinem Gefolge zu. »Da ich ein Kind war, nicht größer als hier mein Sohn, sah ich dich, Herr, in der Halle der Burgunden; aber wir denken vergangener Zeit und alter Freundschaft. Reiche dem Vetter die Hand«, befahl sie dem Knaben, »und siehe zu, daß du ein Held wirst, gerühmt in dem Volk wie er.«

Das Kind hielt dem Gaste die Hand hin, Ingo hob den Kleinen zu sich empor und küßte ihn, und der Knabe hing sich sogleich vertraulich um den Hals des Mannes. Jetzt trat auch der König näher; zwischen dem Königspaar schritt Ingo in die Halle und tauschte mit beiden Worte der Begrüßung, bis der König dem Sprecher befahl, die fremden Gäste zur Herberge zu führen. Ingo kehrte zu seinem [84] Gefolge zurück, die Mienen der Thüringe wurden freundlicher, ein und der andere Krieger trat zu den Fremden, begrüßte sie und begleitete sie an den Saal, der zur Wohnung der Gäste bestimmt war. Die Diener trugen Speise und Trank, Polster und Decken. Und wieder kam der Sprecher des Königs und lud Ingo zum Königsmahle.

Es war später Abend, als Ingo, von einem Kämmerer des Königs und dem Fackelträger geleitet, zu der Herberge seiner Mannen zurückkehrte. An der Tür des Saales saß Berthar allein, das Schlachtschwert hielt er zwischen den Beinen, der Schild lehnte am Pfosten, im Fackellicht schimmerte sein grauer Bart, und der Panzer unter dem Lodenrock. Ingo entließ grüßend die Diener des Königs, Berthar steckte die Fackel in die große Tülle des eisernen Leuchters, der mannshoch in der Mitte des Raumes ragte. Der Lichtschein fiel auf die Reihen der Männer, die auf den Polstern am Boden schliefen, das Schwert an der Seite, zu ihren Häuptern Helm und Panzerhemd. »Du hieltest treue Wache, Vater«, sprach Ingo, »wie behagen dir unsere neuen Wirte?«

»Sie schielen«, lachte der Alte, »das Sprichwort gilt, je größer ein König, um so wilder die Flöhe in der Schlafdecke, die er dem zugewanderten Gast breitet. Mager war die Abendkost, die der Wirt bot, aber die Königin sandte Wein und süßes Zubrot, und deine Knaben liegen satt und reisemüde bei ihrem Heerschild. Es ist ein geräumiger Bau«, fuhr er fort, in die dunklen Winkel spähend, »dort auf der Bühne ist dir in einer Laube das Herrenlager aufgeschlagen. Merke, mein König, unter den Steinwänden der Riesenburg ist dies der einzige hölzerne Saal, abseit steht er an der Mauer, die ihn im Rücken überragt, und wenn einer der Königsmannen etwa bei Nacht eine Fackel an das Holzwerk legt und die Tür schließt, dann lodert der Saal still in Flammen auf, und das Knistern wird die Ruhe des Burgherrn wenig stören.«

Ingo wechselte einen Blick des Verständnisses mit dem Alten und fragte leiser: »Wie war der Gruß der Königsmannen?«

»Sie schlichen wie Füchse um das Nest, wenig sind sie an Hofsitte gewöhnt, sie prahlten mit der Macht ihres Gebieters und betrachteten prüfend unsere Waffen. Ich merke, Herr, sie hoffen alle, daß sie mit uns scharfen Schwertschlag tauschen werden. Mein König war zuweilen von Feinden umringt, nie aber war das Gehege so fest.«

»Noch weiß König Bisino nicht, was er befehlen soll«, versetzte Ingo, »und die Königin ist uns wohl gesinnt.«

»Keiner vom Hofgesinde rühmte mir, daß die Königin schön sei«, versetzte der Alte, »daraus erkenne ich, daß sie ihre Herrin fürchten. Vielleicht hilft die Furcht meinem König diese Nacht zu ruhigem Schlaf. Ich lösche die Fackel, damit ihr Schein nicht einem Speer die Ruhestätte verrät. Stets ist dem Gaste die erste Nacht in der Herberge die sorgenvollste.«

[85] »Vielleicht auch die letzte«, versetzte Ingo. »Mir ziemt die Wache, Vater, dich sende ich auf das Lager.«

»Meinst du, der Alte würde schlafen, wo sich dein Auge nicht schließt?« Er trug für Ingo einen Sessel in die Nähe des Eingangs, wo der Schatten den Sitzenden deckte, dann lagerte er selbst wieder auf seinem Schemel, legte die Hände auf den Schwertgriff, lauschte nach dem Geräusch im Hofe und schaute zuweilen nach dem Sternenhimmel der frischen Winternacht. »Auch die Sterne dort oben sitzen, wie man sagt, auf silbernen Stühlen und wehren das Unheil von dem bedrängten Manne, welcher flehend zu ihnen aufsieht«, begann Berthar fromm. »Ich bin ein alter Stamm, und es ist Zeit, daß ich gefällt werde; auch für dich, mein König, habe ich zuweilen den Kampf mit edlen Feinden ersehnt, als ruhmvolles Ende deiner Mühen. Jetzt aber schaue ich am Walde ein gutes Weib, das dir treu gesinnt ist, und jetzt fürchte ich für dich die finstere Nachtwolke, welche uns vom Sternenlichte trennt, und ich fürchte den Nachtsturm, wenn er um dies Holzdach fährt. Denn in der Finsternis wird, so denke ich, der König tun, was ihm sein arger Mut eingibt.«

»Du weißt, Vater, manches Mal haben wir die Gefahr kalter Gastfreundschaft überwunden«, antwortete Ingo.

Der Alte lächelte bei der Erinnerung und fuhr gesprächig fort: »Immer lobe ich mir, wenn das Eisen in der Luft fliegt, ein freies Feld und ein besseres Licht als von flackerndem Holz. Dennoch sprichst du gut, König, denn vieles ist unsicher auf der Männererde, aber nichts trügt so sehr als die Erwartung vor dem Streit. Je länger man durch Speere und Schwerter gewandelt ist, desto weniger hegt man Gedanken über das Ende. Und um dir alles zu sagen, ich argwöhne, die hohen Schicksalsfrauen werfen uns vor dem Männerkampf die Lose mit lachendem Munde. Sie schleudern uns in die ärgste Todesgefahr wie zum Scherz und ziehen uns wieder lustig bei der Haarlocke heraus, und ein andermal berauschen sie den Sinn durch Träume des Sieges und legen uns tot auf die Heide. Wie sie aber auch das Herz des Mannes prüfen, zuletzt freuen sie sich doch über uns Schildknaben hier auf Erden und später anderswo.«

Die Rede unterbrach ein leises Schwirren und ein Schlag, ein Pfeil flog aus dem Hofe nach der Stelle, wo Ingo saß, das Eisen schlug an die Schwertscheide, der Pfeil sank auf die Diele. Die Männer blieben unbeweglich, aber kein Ruf und kein neuer Angriff folgte dem Überfall. »Suche dein Bette, du Narr«, rief Berthar und wies auf einen dunklen Schatten, der an den Häusern in der Finsternis verschwand. Er hob den Todesboten auf. »Der Pfeil ist aus einem Jagdköcher.«

»Es ist eine Ware, die Tertullus für uns zurückließ«, versetzte Ingo, »so schwächlichen Gruß sendet König Bisino nicht.«

[86] Die Helden saßen harrend, nichts rührte sich weiter, die Sterne rückten auf ihren Stühlen langsam am Himmelsgewölbe dahin, lichtlos lag die Königsburg in tiefem Schweigen. Endlich begann Berthar: »Über den weintrunkenen Knaben des Wirtes liegt jetzt wohl der Schlaf, Zeit ist, daß auch du der Ruhe gedenkst.« Er trat zu den Schläfern und rüttelte Wolf, den Kämmerer, auf; der junge Krieger sprang behende auf die Füße und geleitete seinen Herrn zum Lager, dann ergriff er Schild und Speer und stand neben dem Alten an der Tür, bis der erste graue Tagschein über den Himmel flog.

Für den nächsten Tag war große Jagd verkündet. Auf dem freien Raum vor der Königshalle stampften die Rosse, die Meute der Rüden und Bracken schlug an, mühsam von den starken Weidgängern an den Riemen gehalten, die Mannen sammelten sich in fröhlichem Gewühl, den König zu erwarten. Auch Ingo stand mit einem Teil seines Gefolges an das Roß gelehnt, des Aufbruchs gewärtig. Endlich kam der König, der das Weidwerk noch mehr liebte als einen guten Trunk am Herde, im Jagdkleide, den schweren Jagdspieß in der Hand. Die Hörner bliesen den Morgengruß, und freundlich trat er zu Ingo und fragte laut: »Wie war die Nachtruhe, Vetter? Nicht hörte ich vorher, daß du von den Vätern her ein Blutsfreund der Königin bist, sei mir willkommen auch als Verwandter an meinem Hofe.«

Die Männer des Königs lauschten den Worten und sahen erstaunt einander an. Ingo aber antwortete ehrerbietig: »Ich danke dem König, daß er mir so huldreichen Gruß beut.«

»Wohlan«, fuhr Bisino fort, »versuche heut an unserer Seite die Kraft deines Speers.« Er bestieg sein Roß, das Tor flog auf, die Brücke schwebte herab, und hinaus ins Freie stoben die Hunde, hinter ihnen der reisige Zug. Auch Ingo tummelte fröhlich das Roß, welches sich wie sein Herr des freien Grundes unter den Füßen freute. Er ritt nahe dem König, und forschend sah sein Wirt auf die edle Gestalt und auf die sichere Kraft, mit welcher Ingo sein starkes Jagdpferd bändigte. Zuweilen rief er ihn an seine Seite und sprach zu ihm vertraulich wie zu einem alten Genossen, so daß wohl einer von den Königsknaben dem anderen zuraunte: »Wozu rühmt der Kater die Maus als Frau Base, wenn er sie doch in den Krallen hält.« Aber das war des Königs Meinung nicht, er fand Gefallen an Ingo und hörte in seinem Ohr noch günstige Worte, welche die Königin über den Fremden gesagt hatte und auch sein junger Sohn, der ihm das Liebste auf Erden war. Und der König dachte, er ist fürwahr ein freudiger Gesell, und es macht froh, ihm zuzusehen, warum soll ich ihm nicht Gutes erweisen, solange ich ihn noch unter den Lebenden hegen kann? Es gibt andere, deren Tod mir bequemer wäre. So kam ihm seine Huld wirklich vom Herzen, und er ließ sich lustig berichten von der Kraft eines Löwen, den Ingo im Zwinger der Alemannenkönige gesehen hatte.

[87] Bald nahm ein hoher Eichwald die Jagdgenossen auf. Bis dahin hatte das Auge der Königin von der Zinne ihres Turmes den Ausfahrenden nachgesehen. Jetzt rief sie den Kämmerer und die Frauen und stieg hinab in den leeren Hof. Sie hielt zur Verwunderung ihres Gefolges bei der Küche an und sprach einige Worte über den Festbraten mit dem Koch, der solcher Ehre selten genoß und fröhlich gelobte, die Schüsseln des Jagdmahls mit bester Kraft zu rüsten. Als sie zum Saal kam, in welchem die Fremden lagen, hörte sie die Schläge eines Hammers. Berthar saß in der Tür, er tengelte mit dem Schärfhammer die Eisen der Wurfspeere auf einem Stein und sang dazu leise eine gute Beschwörung für scharfes Eisen. Die Königin hielt an, winkte gebieterisch ihrem Gefolge, zurückzutreten, und stand nahe den Stufen, auf den schlagenden Mann schauend, bis dieser aufsah, sein Schurzfell und den Hammer wegwarf und der Königin huldigend entgegentrat. »Welches Wild gedenkst du mit dem Eisen zu fällen, Held des Königs Ingo?« fragte Frau Gisela, »daß du in der Burg weilst, während draußen die Jagdhunde rennen?«

»Den Vorrat schärfe ich für ein anderes Halageschrei«, versetzte Berthar, »weit rühmt man im Lande die Jagdlust des Königs.«

»Ungern wird dein Herr im Walde den alten Kampfgesellen missen.«

»Das Wild, welches Im Sonnenlicht springt, erlegt mein Herr mit seinen Knaben wohl allein, bei der Wolfsjagd in der Nacht will ich ihm nicht fehlen.« Die Königin sah ihm fest ins Auge und trat einen Schritt näher: »Nicht zum ersten Male sehe ich dich, Berthar, ist auch seitdem Schnee auf dein Haupt gefallen, ich kenne dich wieder.«

»Unsicher ist das Gedächtnis des Alten, viele Menschen sah ich, seit mein Herr heimatlos wandert; in mein Auge flogen die Funken, da mein Hof in der Heimat brannte, daß ich das schöne Antlitz vor mir nicht erkenne.«

»Mit Grund zürnst du, Alter, meinem Geschlecht. Einst schlossen der Vater deines Königs und der meine einen Bund, aber Gundomar, mein Bruder, vergaß die alten Eide, er kämpfte als Bundesgenosse eurer Feinde an der Oder, und ich wurde, noch ein Kind, als Gemahl dem König der Thüringe gesandt. Kennst du mich jetzt, Berthar?«

»Das Reis wuchs zu stolzem Baume; andere Vögel singen jetzt in seinem Laube als vorzeiten.«

»Dennoch trägt der Baum jedes Jahr die gleichen Blüten. Und der alte Schlachtenheld findet an der Königin einen Freund. Bist du zufrieden mit deiner Herberge in der Burg, und haben die Königsknaben dir höflichen Gruß geboten?«

»Am Hofe grüßt der Diener wie der Herr; deine Huld, Königin, ist Bürgschaft für den guten Willen der Deinen.«

[88] Das Antlitz der Königin umwölkte sich: »Das ist die Sprache stolzer Gäste«, fuhr sie mit gezwungenem Lächeln fort, »lustiger, meine ich, war dir das Leben in den Waldhütten.«

»Wir sind Wanderer, Herrin. Wer heimatlos durch die Völker zieht, dem hilft behender Sinn; Hof und Gemahl sind ihm versagt, er nimmt, was der Tag ihm bietet: die Beute, den Trunk, die Frauen, er hat nicht Wahl und nicht Qual, und sorglos denkt er beim Scheiden an die Arbeit des nächsten Tages.« Der Alte sah, wie die Königin ihn wieder anlachte, sie trat näher und sprach: »Dort in dem Turm ist der Königin Gemach, wenn du einmal zu jenem Fenster aufschaust von deinen Speeren, so brennt dort vielleicht eine Leuchte, dir die Wolfsjagd vorher zu künden.« Sie winkte ihm grüßend und wandte sich zu ihrem Gefolge. Der Alte aber sah ihr staunend nach, dann ergriff er wieder den Hammer und pochte, aber er sang nicht mehr.

In der nächsten Nacht störte kein Pfeil und kein Gebell der Königswölfe den Schlaf der fremden Gäste. Mit jedem Tage wurde der König freundlicher zu ihnen und rühmte vor seinen Mannen ihre Hofsitte und ihre Kunst, die Rosse im Kampfspiel zu treiben. Hermin, der junge Königssohn, kam oft zum Vetter Ingo in die Herberge, übte sich vor ihm mit seinen Kinderwaffen, strich dem Helden Berthar den grauen Bart und bat um lustige Mären. An einem Jagdmorgen wurde Ingo dem Wirt noch genehmer, als er ihm vorher gewesen war. Der König war in seiner Jagdlust den anderen weit vorausgeritten und an einer Bergsteile vom Rosse gesprungen, dort glitt er im Eise aus und lag einen Augenblick wehrlos vor den Hörnern eines wilden Ochsen. Da trat Ingo mit eigener Lebensgefahr über den Leib des Herrn und fällte das wütende Tier. Der König erhob sich, und hinkend von dem Sturze sprach er: »Jetzt wo wir allein sind und keiner meiner Mannen in der Nähe, erkenne ich deine gute Gesinnung; denn wärest du nicht wie ein Rüde herangesprungen, so hätte der Zornige mich geschleudert zum Schaden meiner Rippen, und niemand hätte dir einen Vorwurf machen dürfen. Was keiner zu wissen braucht, weiß doch ich.«

An dem Tage saß der König fröhlich beim Mahl auf dem Herrensitz, neben ihm Frau Gisela, zur anderen Seite Ingo. »Heut freue ich mich des Jagdglücks«, begann der König, »ich freue mich meiner Herrschaft und des Goldschatzes, den ihr alle hier vor Augen seht, und ich trinke Heil dem Helden Ingo, weil er im Kampf mit dem Bergstier ein guter Genosse war. Freuet euch heut alle mit mir, wenn ihr die silbernen Becken und die Goldbecher seht, welche vor euren Augen aufgestellt sind, mir und euch zur Ehre. Auch du, Ingo, hast manchen Hof mächtiger Gebieter besucht; sage mir, Held, ob du irgendwo besseres Gerät aus dem Schatzhause geschaut hast.«

»Gern preise ich deinen Reichtum, o König, denn wo das Schatzhaus [89] gefüllt ist, da, meinen wir, waltet der Herrscher in Sicherheit, gefürchtet von feindlichen Nachbarn und von den Argen im Volke. Zwei Tugenden hörte ich immer rühmen an dem mächtigen Volksherrn, daß er versteht, den Schatz zur rechten Zeit zu sammeln und zu rechter Zeit an seine Getreuen zu spenden, damit sie ihm in der Not folgen.«

Diese Worte waren ganz nach der Meinung der Helden, welche am Königstisch saßen, und sie nickten und murmelten beifällig.

»Auch die Alemannen waren ein goldreiches Volk, bis der Cäsar ihnen das Land verwüstet hat«, fuhr Ingo fort. »Doch meine ich, sie gewinnen manches wieder, denn sie sind rührig nach Beute und verstehen den Handel mit den Krämern. Dazu leben sie römischer als andere Landgenossen, in Steinhäusern wohnen dort auch die Bauern, die Frauen sticken mit der Nadel bunte Bilder auf die Gewänder, und um sie hängen süße Trauben im Weinlaub.«

»Kennst du auch Frauen der Römer?« fragte die Königin, »viel Wunderliches erzählen die Mannen des Königs von ihrer Schönheit, obwohl sie braun von Haut und schwarzhaarig sind.«

»Sie sind behend in Sprache und Bewegung der Glieder, und lieblich lockt der Gruß ihrer Augen, nur ihre Zucht hörte ich selten rühmen«, versetzte Ingo.

»Auch du warst im Römerlande?« fragte der König neugierig.

»Zwei Jahre sind es«, bestätigte Ingo, »da ritt ich als Begleiter des jungen Königs Athanarich friedlich in die Mauern der großen Kaiserstadt Trier. Ich sah hohe Wölbungen und Steinmauern, wie von Riesen errichtet. Dichtgedrängt lacht das Volk auf den Straßen, aber die Krieger, welche dort an den Toren stehen mit dem Römerzeichen auf ihren Schilden, haben unsere Augen und sprechen unsere Sprache, obwohl sie sich mit Unrecht rühmen, Römer zu sein.«

»Die Fremden geben uns ihre Weisheit, sie verkaufen uns Gold und Wein, wir aber leihen ihnen die Kraft der Glieder, ich lobe den Tausch«, versetzte Hadubald, dem es unlieb war, wenn man den Römerdienst verachtete.

»Ich aber, o König«, begann Berthar, »halte wenig von der Weisheit der Römer, die andere rühmen. Auch ich war sonst schon in den großen Steinburgen, welche die Römer gemauert haben, zuerst damals, als mein Herr Ingo mich südwärts sandte über die Donau nach der Augustaburg, wo jetzt die Schwaben ihr Heimwesen einrichten. Über die zerbrochene Stadtmauer ritt ich mühsam hinein, dort habe ich viel Unsinniges gesehen, das auch für einen bewanderten Mann unheimlich ist. Die Römerhäuser standen so dicht gedrängt wie eine Schafherde im Gewitter, keines sah ich, wo Raum war für einen Hof, ja nur für eine Dungstätte. Ich fragte meinen Wirt, er sagte, sie hocken, wenn ihnen die Not ankömmt, schamlos wie Hündlein auf der Straße. Ich lag in solchem Steinloch, die Wände [90] und der Fußboden waren glatt und schimmerten in vielerlei bunten Farben, als Decke hatten die treuen Schwaben ein Strohdach gerichtet: ich versichere euch, mir war es enge zwischen dem Stein während der Nacht, und ich war froh, als am Morgen die Schwalben im Stroh sangen. Es hatte zur Nacht geregnet, und in einer Wasserlache am Boden sah ich im Morgenlicht zwei Enten. Nicht leibhaftig, sondern auf dem Stein des Bodens, wie gemalt. Ich trat herzu, schlug mit meiner Axt in den Steinboden und fand ein lächerliches Werk aus vielen kleinen Steinen zusammengesetzt, jeder Stein war in den Boden gekittet und oben so glatt geschliffen wie eine Steinaxt; aus solchem bunten Gestein waren die zwei Vögel gemacht, die wir als Enten kennen. Und es war eine Arbeit, über der mehrere Männer viele Tage geschafft haben, nur um den harten Stein zu schleifen. Das erschien mir ganz unsinnig. Und mein Schwabe meinte das auch.«

»Vielleicht ist ihnen die Ente ein heiliger Vogel, welcher sich dort nicht häufig findet; denn manche Vögel sind überall auf der Menschenerde und andere nicht«, sagte Valda, ein verständiger Mann aus dem Gefolge der Königin.

»So meinte ich auch, aber mein Wirt wußte, daß sie dergleichen zu ihrem Vergnügen anfertigen, um darauf zu treten.«

Die Männer lachten. »Formen unsere Kinder nicht auch kleine Bären aus Lehm und Backöfen aus Sand und spielen tagelang mit Nichtigem? Die Römer sind geworden wie Kinder«, rief Valda.

»Du sprichst das richtige. Kleine Steine haben sie zu Vögeln geschliffen, während in ihren Wäldern die Krieger der Schwaben ihre Blockhäuser zimmerten. Auch wenn sie essen wollen, liegen sie wie Frauen, die ihre Sechswochen halten.«

»Was du hier wegen der Enten vorbringst«, rief Wolfgang, der Königsknabe, unwillig, »ist ganz unrichtig und töricht. Denn den Römern ist eigen, daß sie alles nachmachen können in Farben und mit Stein, nicht nur Vögel, auch Löwen und kämpfende Krieger. Jeden Gott und jeden Helden verstehen sie zu bilden, daß er dasteht wie lebendig. Das tun sie sich selbst zur Ehre und ihm zum Gedächtnis.«

»Über den Steinen reiben sie, und aus unserem Blut sind die Helden, welche ihre Schlachten schlagen. Ist es ihre Weise, Knechtesarbeit zu lieben, so ist unsere Weise, über Knechte zu herrschen. Ich preise den Helden nicht, der sich einem Knechte zum Dienst gelobt«, versetzte der Alte.

»Knechte nennst du, die doch Herren sind fast über die ganze Männererde? Älter ist ihr Geschlecht und ruhmvoller ihre Sage als die unsere«, rief Wolfgang wieder.

»Haben sie dir davon geschwatzt, so haben sie gelogen«, entgegnete Berthar. »Ob der Ruhm echt ist und die Sage wahrhaft, das [91] erkennt jedermann daraus, wenn sie denen, welche sich rühmen, den Mut beim Männerkampf erhebt. Darum vergleiche ich den Mut der Römer mit einem Wasserschwall, der einst das Land übergoß und dann zu einem Sumpf eintrocknete, den Ruhm unserer Helden aber mit einem Bergquell, der über die Steine rauscht und seine Flut in Täler treibt.«

»Dennoch vertrauen die Weisen der Römer darauf«, warf Ingo ein, »daß ihre Macht stärker geworden ist, als sie ehedem war. Denn sie rühmen sich, daß zur Zeit ihrer Väter ein neuer Gott in ihr Reich gekommen ist, welcher ihnen Sieg verleiht.«

»Ich vernahm längst«, sprach der König, »daß sie ein großes Geheimnis in ihrem Christus haben. Auch ist ihr Glaube durchaus nicht eitel, denn sie sind in Wahrheit jetzt siegreicher als vorzeiten. Vielerlei hört man darüber, und niemand verkündet Genaues.«

»Sie haben ganz wenig Götter«, erklärte Berthar geheimnisvoll, »oder vielleicht nur einen mit drei Namen, einer heißt Vater, der andere Sohn, und einer heißt der dritte.«

»Der dritte heißt Teufel«, rief Wolfgang, »ich weiß das, ich selbst war zu meiner Zeit unter den Christen, und ich versichere dich, o König, mächtiger ist ihr Zauber als jeder andere. Ihr geheimes Zeichen lernte ich und einen Segen, sie nennen ihn Nosterpater, der Heilkraft hat gegen jeden Leibesschaden.« Und er schlug ehrfürchtig ein Kreuz über seinem Weinkrug.

»Dennoch erachte ich in meinem Sinn«, versetzte Berthar hartnäckig, »auch den Römern kommt der Tag, wo sie trotz ihrer gemauerten Städte und trotz ihrer neuen Götter und trotz ihrer Kunst in steinernen Enten erkennen, daß anderswo stärkere Männer leben, welche ihr Holzdach frei in den Wind stellen.«

»Auch uns ist die Kunst der Römer nützlich«, entschied der König. »Es ist einem König Ehre, was die anderen klug erdenken, für sich zu gebrauchen. Doch freue ich mich deiner Worte, Held Berthar, denn verständig ist der Mann, der höher vom eigenen Volk denkt als von dem fremden.«

Und als das Mahl beendet war, und der König mit Ingo allein beim Becher saß, da begann er redselig: »Ich sehe, Held, die Schicksalsfrauen haben dir bei deiner Geburt manches Leid angebunden, aber auch manche gute Gabe, denn sie haben gefügt, daß die Herzen der Menschen sich dir freundlich öffnen. Auch ich, wenn ich deine Rede höre, und wenn ich beachte, wie du unter meinen Mannen dahergehst, möchte dir wohlgeneigt sein. Nur eines beschwert mir den Mut, daß du dich unter meine Bauern in den Waldhütten gelagert hast, denn ihr Sinn war von je aufsässig, und ich fürchte, daß du mir dort zum Schaden hausest.«

»Mein König sorgt ohne Grund«, versetze Ingo ernst, »schwerlich werde ich je wieder am Herde des Herrn Answald ruhen.«

[92] »So schnelles Ende nahmen Eide und Genossenschaft?« fragte der König vergnügt. »Soll ich dir glauben, da du mir Seltsames kündest, so berichte mir, wenn es dir gefällt, was dich von ihm geschieden hat.«

»Ungern erträgt der Wirt fremde Einlieger auf seinem Hofe«, sprach Ingo ausweichend. »Vertraulichkeit der Herren zwingt auch die Mannen, Frieden zu halten«, antwortete der König, »du sagst mir nicht alles, und darum vermag ich nicht, dir zu trauen.«

»Will der König mir huldvoll geloben bei seinem Schwert, daß geheim bleibe zwischen uns beiden der Grund meines Zwistes mit Herrn Answald, so will ich dir ihn wahrhaft künden, denn schädlich wäre mir dein Argwohn, und Heil hoffe ich von deinem guten Willen.« Der König hob schnell das Schwert, hielt die Schwurfinger darauf und gelobte.

»Wohlan denn, so wisse, o König, daß mir Irmgard, die Jungfrau, lieb ist und daß der Vater mir darum zürnt, weil er dem Geschlecht des Helden Sintram die Vermählung gelobt hat.«

Vergnügt lachte der König: »Unrecht hattest du, Ingo, wenn du auch ein schlachtenkundiger Mann bist, von dem Häuptling die Tochter zu begehren. Wie darf der Vater dem erbelosen Fremdling seine Erbtochter in die Hand geben? Unsinnig würde ihn das ganze Volk schelten, unleidlich wäre es, daß ein Landfremder auf dem Herrenstuhl der Waldlauben säße. Ja, wenn der Vater selbst dir die Tochter im Ringe der Zeugen angeloben wollte, ich, der König, dürfte das nimmer leiden, und ich müßte meine Knaben reiten lassen und ein Volksheer aufbieten, um euch zu hindern.«

Ingo sah wild auf den König, so daß dieser die Waffe an sich zog. »Feindliche Worte sagst du dem Gebannten. Vieles Leid habe ich erduldet als Gast auf den Bänken, aber schwer gewöhnt sich der Mut des Mannes, mißachtende Rede zu ertragen, und ich meine, der edle Sinn des Königs sollte dem Stolz eines Unglücklichen nicht wehe tun.«

»Besser bin ich dir jetzt gesinnt als je zuvor«, versetzte der König lustig. »Doch bleibt dir wohl noch die Hoffnung, den Groll des Vaters zu überwinden.«

»Gebunden ist der Fürst durch seinen Eid, und mächtig ist das Geschlecht des Sintram am Walde, auch die Hausfrau des Fürsten ist aus seiner Freundschaft.«

Der König schlug auf seinen Weinkrug, wie er pflegte, wenn ihm etwas nach Wunsche war. »Am liebsten wäre mir, die Jungfrau einem meiner Mannen zu vermählen, gar nicht willkommen ist mir, wenn das Geschlecht des Sintram einst die Höfe und den Schutz des Fürsten in seine Gewalt bekommt, denn ich kenne ihren tückischen Sinn. Aber am allerwiderwärtigsten wäre mir, wenn du mit gutem Willen des Vaters sein Eidam würdest. Denn wie der Geruch [93] des Honigs die Bären zum Waldbaum lockt, so würde das Lob der Sänger alle streitlustigen Fäuste in deinen Höfen sammeln, Vandalen und andere schweifende Männer, und du würdest als ein Landherr der Thüringe mir schnell feindlich werden, auch wenn du nicht wolltest. Das bedenke«, schloß der König überredend und füllte mit eigener Hand seinem Gaste den Becher. »Trinke, Held Ingo, und begnüge dich. Wenn die Wölfe auf der Walstatt schmausen, dann rühmen sie die Gastfreundschaft deines Schwertes, welches ihnen reiches Mahl bereitete, aber denke nicht mehr darauf, meine Thüringe in den Waldlauben durch Gastgelage zu betören.«

»So höre auch du, König, den Rat des Fremdlings«, rief Ingo zornig, »denke auch du nicht daran, die Jungfrau einem anderen Manne zu vermählen, denn solange ich lebend die Arme rege, soll kein anderer sie heimführen. Schon einmal hat den Theodulf mein Schwert auf die Aue gestreckt, ein Zufall war's, daß er dem Tode entrann, ihm hemme ich den Brautlauf und ebenso jedem anderen aus deinem Volke.«

Jetzt lachte der König so laut, daß er schütterte. »Je länger du sprichst, desto lieber höre ich dich, wenn du auch trotzig gegen mich redest. Du denkst nach eines fahrenden Helden Weise, und ich vertraue, du wirst dich auch bei der Tat so erweisen. Bezwinge den Vater, lege den Theodulf, den stelzbeinigen Narren, auf die blutige Heide und hebe dir das Weib in dein Brautlager. Von ganzem Herzen will ich helfen, daß dir dies alles gelinge.«

Ingo prüfte mißtrauisch die Gebärde des Königs, der so fröhlich vor ihm saß, ob ihm vielleicht der Wein die Gedanken verstöre, und er sprach: »Der Sinn deiner Worte, Herr, ist mir verborgen, du rühmst und schiltst mich um dieselbe Sache. Wie magst du gern hören, was dir unleidlich dünkt, und wie kannst du mir helfen bei einer Werbung, die du selbst hindern willst, auch wenn der Brautvater nicht hinderte?« König Bisino aber entgegnete mit Würde: »Setze dich wieder zu deinem Trinkhorn. Manches, was dem Mann zu Ehre gereicht, ist dir eigen; aber das Schwerste von allem vermochtest du nicht zu gewinnen, du hast nicht die Königskunst. Deine Gedanken eilen gerade vorwärts wie der Hund auf der Spur eines Hirsches; ein König aber kann nicht einseitig sein in Gunst und Rache, vieles muß er bedenken, niemandem kann er völlig vertrauen, und jeden Mann muß er zu gebrauchen wissen in eigenem Nutzen. So gönne auch ich Irmgard, die Jungfrau, lieber dir als manchem anderen; die Jungfrau, verstehe mich, nicht aber ihr Erbe, und nicht nach dem Tode des Vaters den Herrensitz in den Waldlauben.«

Ingo setzte sich neben ihn und neigte gehorsam das Haupt, weiter zu hören. »Seit ich König bin«, fuhr der andere fort, »ist meine Herrschaft unsicher durch den Trotz der Waldleute und die Macht [94] ihres Fürsten, des Herrn Answald. Und lange habe ich eine Gelegenheit gesucht, über sie Herr zu werden. Darum warst auch du mir unerträglich in den Waldlauben, weil du ein Führer sein konntest über ihre Haufen. Und wenn deine Vandalenbrut um den Herrensitz dort lagern wollte, so müßte ich dich austilgen als meinen Feind, wenn ich dir auch wohlgeneigt bin. Das bedenke, Held! Jedoch, gewinnst du die Tochter als Feind des Vaters durch Gewalttat, wie die Helden verüben, wenn die Sehnsucht sie treibt, so schwindet das Erbkind aus dem Hofe, und ich brauche nicht zu sorgen, daß die Herrschaft dort auf ein anderes Herrengeschlecht übergehe. Begreifst du jetzt, was ich meine, stierköpfiger Ingo?«

»Die Jungfrau begehre ich und nicht den Herrensitz in deinem Lande. Aber hart ist es mir, daß mein Weib ihr Geburtsrecht verlieren soll, weil sie sich mir vermählt.«

»Dafür laß mich sorgen«, versetzte der König kalt. »Willst du das Weib mit dir führen in die Fremde, so bin ich als guter Gesell auf deiner Seite, nur mußt du mich nicht zwingen, daß ich als König gegen dich das Landrecht verfechte. Sieh zu, Held Ingo, wie du dir das Weib gewinnst durch freche Tat, und ich will dich rühmen.«

»Gönnst du mir das Weib, o König, so gönne mir auch Burg oder Hof, in dem ich sie vor den Verfolgern berge«, rief Ingo und faßte bittend an die Hand des Königs. König Bisino faltete das Gesicht, zuletzt war ehrliches Wohlwollen in seinen Mienen, als er bedächtig antwortete: »Wieder zwingt mich die Königskunst, dir deine Bitte zu weigern. Wie vermag ich in meinem Volke als dein Hehler zu bestehen gegen das Landgeschrei? Kann ich dir insgeheim helfen, so tue ich's gern aus guter Meinung gegen dich, und weil es mir nützt. Wie ich dir aber helfen kann mit Rat und stiller Tat, das erwäge. Nur mein Schatzhaus vermag ich dir nicht zu öffnen, denn Armringe und Römermünzen muß ich für mich selbst bewahren, damit in der Notzeit Krieger für mich fechten.«

»Der große Wirt des Volkes erweist seine Huld, indem er von seinen Schätzen spendet oder den Königsschild über dem Bedrängten hält. Wie will der König mir helfen, wenn er beides versagt?« fragte Ingo enttäuscht.

König Bisino machte die Augen klein und zwinkerte schlau. »Der König schließt die Augen, wie ich es jetzt tue; damit laß dir genügen, Held!« Obwohl unwillig, mußte Ingo lachen über das breite Angesicht des Herrn, während dieser aus den Augenritzen nach ihm schielte. Auch der König freute sich über sein Lachen: »So ist es recht, und jetzt wirf die Sorge von dir, die dich beschwert, und tu mir fröhlich Bescheid, denn lieber trinke ich mit dir als mit anderen, seit ich weiß, daß der junge Bär kein besseres Schlupfloch hat als meinen Zwinger. Darum will ich heut auch dir Geheimes vertrauen. Der Römer Tertullus hat mir jüngst allerlei zugeraunt und [95] hohes Gebot getan, wenn ich dich dem Cäsar ausliefere. Und da du hierherkamst, sann ich dir nicht gerade Günstiges. Jetzt aber, da ich dich erkenne, wie du bist, will ich dich lieber für mich selbst bewahren.«

Die letzte Nacht

Um die Türme der Königsburg tobte der uralte Streit der Winterriesen gegen die guten Götter, welche das Wachstum auf der Menschenerde schützen. Die harten Gewaltigen hoben ein graues Wolkendach zwischen Himmelslicht und Erde, sie bedrängten auch den Helden Ingo durch finstere Gedanken und durch Sorge um das Heil derer, die ihm lieb waren. Die Sturmgeister trieben die Schneewehen durch die Ritzen der Herberge bis auf die Schlafdecken der Gäste: selbst der Krieger, welcher einen Bärenpelz trug, merkte den scharfen Zahn des Frostes, drängte sich bei Tage zum Herdfeuer in den Hallen des Wirtes und sang bekümmert: »Schneezeit ist dem fahrenden Helden leid, denn sein bester Freund wird das Tannenscheit.« Die unholden Feinde des Lebens schieden auch den Strom durch schwere Eisdecke von der freien Luft, zornig schlug und hämmerte der Nix, welcher in der Tiefe sein Heimwesen führt, von unten gegen die kristallene Last. Was aber unter der Eisdecke wogte, welche die Gedanken der Königin verbarg, das wußte keiner: sie allein saß still unter den streitenden Männern, stets gleich war ihre kalte Freundschaft gegen die Fremden; nur dem König dünkte, daß Frau Gisela weniger hochfahrend sprach als ehedem. Wenn der Nordwind seine Todeslieder um die Türme des Königs heulte, dann murrte Bisino zuweilen gegen seine Gäste, aber immer wieder überwand das Wohlgefallen an dem Fremden den Ärger, und sooft ein Sonnenstrahl die Schneedecke rötlich färbte, rief er: »Diesen Winter rühme ich, denn ich höre gute Worte an der Herrenbank und in der Kammer.« Zu den Jagdreisen, welche vom Könige den Helden bereitet wurden, kam auch ein Kriegszug gegen einen Gau der Sachsen, dorthin ritten die Vandalen neben den Königsmannen; und als die Helden siegreich und mit Beute beladen heimkehrten, pries der König laut das gute Schwert Ingos, und seine Knaben saßen seitdem geduldig mit den Fremden um die Bänke.

Der Schnee schmolz im Frühlingslicht, neues Grün schoß aus dem Boden, an Birken und Haseln hingen die braunen Kätzchen; auch in den Seelen der Menschen regte sich die Hoffnung des neuen Lebens und der Wunsch nach Ausfahrt aus dem Winterdach. Die ersten Wandervögel flogen aus dem Süden heran, mit ihnen Volkmar, der Sänger, er kündete in der Königshalle vergangene Kämpfe der Götter und Helden und sang leise in Ingos Ohr von der Trauer und Sehnsucht [96] eines Waldvogels. Dann berichtete er, daß in den Lauben Unfriede und harte Rede den Sinn der Weisen beschwerten. Theodulf saß noch als siecher Mann im Hofe des Fürsten, die Freundschaft des Sintram war dort mächtig, und Herr Answald herrschte unwirsch über die Bankgenossen und hatte den Sänger zur Hochzeit der Tochter für die Maienzeit gefordert. Aber auch aus der Königsburg gingen vertrauliche Grüße in die Wälder. Wolf erhielt einen Urlaub in seine Heimat. Er sprach vor seiner Reise heimlich mit seinem Herrn und Berthar, rastete auf dem Wege in den Höfen des Rothari und Bero und ritt mit Bero auf wenig betretenen Waldwegen südwärts dem Main zu. Als er zurückkehrte, sah man in der Gastherberge frohe Mienen.

Endlich sprengte auch der Strom die Eisdecke und ergoß seine Flut herrschlustig über das junge Grün der Wiesen, im plötzlichen Schwall rauschten seine Wasser, und die Menschen merkten scheu die Gewalt der Unbändigen. Aber der Ostwind erhob gegen ihn starkes Blasen, er dämpfte die Flut und trocknete den Grund am Rande der Waldhügel. Der Falkner hatte dem Königssohn zwei junge Bussarde zur Jagd auf kleine Vögel abgerichtet, und Hermin erbat an einem Morgen vom Vater den Ausritt, um die Kunst der geflügelten Jäger zu prüfen. Schon war das Roß des Königs für die Beize gesattelt, da sprengte ein Bote in den Hof und trug Nachrichten zu, welche dem König die Brauen finster zusammenzogen. Er ließ sein Roß zurückführen und sandte den Sohn mit der Königin und dem Helden Ingo auf die Hügel. Warm schien die Sonne, zum erstenmal ritt Ingo neben der Königin ohne ihr Gefolge in das offene Land. Der Falkner löste dem Bussard die Haube, der junge König jagte mit dem Helden Valda und seinen Begleitern jauchzend unter dem Vogel dahin. Gemächlicher folgte die Königin. Sie tummelte mit geröteten Wangen ihr feuriges Roß und lachte ihrem Begleiter zu, der sich über das schöne Weib an seiner Seite freute und vorsorglich auf die Sprünge ihres Rosses achtete. Als er einmal helfend in den Zügel griff, hielt die Königin an und sprach: »Ich denke des Tages, wo du einem Kinde denselben Dienst tatest, als wir weit von hier nebeneinander über die bunten Blumen dahinritten; damals saß ich ängstlicher, aber ich wollte dich's nicht merken lassen.«

»Runder war an jenem Tage das Antlitz meiner königlichen Base«, rief Ingo lustig, »und kürzer die Locke, welche um das Haupt flog. Aber als du mir hier in der Halle entgegentratst und den König so günstig an alte Zeit mahntest, da erkannte ich aus der stolzen Miene das Gesicht des kleinen Mädchens, und ich merkte wohl, daß ich dir den Dank schuldig werde, wenn man in der Königsburg mir Gnade erwies.«

Die Königin lachte und trieb ihr Roß wieder in wilden Sprüngen umher, bis die Reiter vor ihr hinter einer Erdwelle verschwanden, [97] dann hielt sie von neuem an und sprach herzlich: »Danke mir immerhin, Ingo, denn gern höre ich, daß ich dir wert bin. Beide sind wir aus unserer Heimat in die Fremde gescheucht, seit der Haß meines Geschlechtes uns trennte. Auch ich vergaß deiner nicht, oft habe ich nach dir gefragt, wenn ein Wanderer aus dem Süden in die Burg kam. Wie ein Bruder im Unglück wurdest du mir, und mit Stolz vernahm ich, daß du dich edel hieltest unter schwerem Geschick. Als du endlich zu uns drangst, wurde ich froher als wohl sonst.« Sie sah ihn so freundlich an, daß er, unter dem Zauber ihres Blickes hingerissen, nach ihrer Hand griff, sie streckte ihm den weißen Arm entgegen und ritt so, das Antlitz ihm zukehrend, eine Weile neben ihm hin. Dann warf sie übermütig seine Hand zurück, jagte aufs neue in wilden Roßsprüngen über das Feld und wandte sich rückwärts, ob er ihr nachkam. Und wieder sprach sie lachend: »Ein anderer denkt dich zu halten wie einen Jagdfalken unter der Kappe, aber ich meine wohl, der Aar schwingt sich einmal frei auf und zieht seine eigenen Pfade im Sonnenlicht. Denn du, Vetter, bist nicht geschaffen, Diener eines anderen zu sein, und wer dich festhalten will, der sehe zu, daß ihn die Fänge nicht verwunden.«

Als die Königin vertrauliche Reden begonnen hatte, gedachte der Held, ihr etwas aus den Waldlauben zu sagen, was ihm sonst immer auf der Seele lag, aber bei den Worten und den Augen der Königin gelang es ihm nicht, bis sie selbst mit verändertem Tone sprach: »Und doch hing einst der Edelfalk mit gebundenen Flügeln im Hofe des Bauern. Ich preise die Torheit des Vaters, weil sie das ruhmlose Band zerrissen hat, denn dir ziemt das Höchste zu begehren. Nur kühne Gewalttat vermag dich heraufzuheben über die Häupter der anderen, daran denke, Ingo. Komm zu meinem Sohn, mich freut's, daß das Kind dir vertraut, keinen besseren Lehrmeister wünsche ich ihm für alles Heldenwerk als dich.« Wieder jagte sie vor ihm hin, der Königsmantel und ihre Locken flogen im Winde, sie warf den kleinen Wurfspeer, den sie in der Hand hielt, vor sich in die Luft und fing ihn im Laufe; Ingo aber blieb jetzt hinter ihr zurück, bis beide sich dem Jagdzug anschlossen und dem kämpfenden Bussard zuriefen, der mit einem Wasserhuhn in den Fängen herabsank.

Als der Jagdzug in die Königsburg zurückkehrte, fand er dort ungewöhnliche Bewegung. Reiter kamen und gingen, die Diener trugen Teppiche und Polster in das steinerne Haus, welches für vornehme Gäste bestimmt war, von der Königshalle her tönte Geklirr der Waffen und Hufschlag zahlreicher Rosse. Ingo sprang mit dem jungen Königssohn am Schlafhaus der Vandalen vom Pferde, und Berthar eilte ihm entgegen: »Während du draußen den Habichten nachschautest, stieß ein anderer Raubvogel in den Königshof. Der Cäsar hat neue Botschaft gesandt, und wer, meinst du, kam als Bote? Der wildeste Gesell aus dem Römerheer, der Franke Harietto, den [98] sie den Heervertilger nennen, er, der einst den raubenden Sachsen in der Waldesnacht die Köpfe abschnitt und wie Kohlhäupter nach der Stadt trug. Schon bevor er kam, schritt der König finster durch die Höfe, verlegen war seine Antwort auf meinen Gruß, und die Königsknaben sahen über die Achsel auf uns und mieden unsere Gesellschaft. Eben war ein Kämmerer des Königs in der Herberge und verkündete stotternd, daß er dein Mahl hierhertragen werde, damit du nicht den Römern an der Bank des Königs begegnest.«

»Ist's nicht beim Mahle, so sei es im Hofe«, versetzte Ingo, »wir bergen unser Antlitz vor dem Ungetüm nicht; meint seine Botschaft mich, so ist gut, wenn wir sie früh erfahren. Komm, Vetter«, rief er den Königssohn, »sehen wir zu, wie die Fremden reiten, und der König die Boten der Römer begrüßt.« Das Kind ging neben ihm über den Hof in den großen Burgraum vor der Königshalle. Dort standen die Fremden vor den Rossen, während der König dem Gesandten die Ansehnlichsten aus seinem Gefolge bei Namen nannte und dieser von Mann zu Mann schritt, mit kriegerischem Gruße hier und da einzelne Worte spendend. Über die hohen Knaben des Königs ragte der römische Franke fast um eines Hauptes Höhe. Wie ein Riese stand er da, gewaltig an Schultern und Gliedern, die Arme besteckt mit Ringen, auf dem Schuppenpanzer goldene Kaiserbilder. Unter dem Helme starrten die buschigen Brauen, düster war sein Blick, kaum bemerkbar sein höfliches Lächeln.

Als Bisino mit seinem Gast eine Wendung machte, trat er plötzlich Ingo gegenüber, der den König schweigend grüßte und ihm den Knaben zuführte. Der König ergriff schnell die Hand seines Sohnes und zog ihn an sich. Aber der Blick des Fremden haftete fest auf Ingo, und unwillkürlich zuckte die Hand nach dem Schwert, als denke er darauf, den Feind seines Herrn schnell zu erledigen. Doch Ingo trat grüßend auf ihn zu und begann: »Da wir uns zum letztenmal sahen, Held Harietto, war es an einem heißen Tage; ehrlicher war dein Blick, während du dein Schwert gegen mich schwangst auf blutiger Walstatt, als hier, wo der Wille eines fremden Herrn dir die Hand vom Gruße zurückhält.«

»Gern würde ich dir sagen, Held Ingo, daß ich mich freue, dir zu begegnen, doch ich stehe hier als Bote des großen Römers, und nicht freundlich ist seine Meinung gegen dich.«

»Ich aber rühme die Botschaft nicht«, antwortete Ingo, »die dem tapferen Manne verwehrt, im Königsfrieden einen Kampfgesellen zu begrüßen, mit dem er einst ehrliche Schläge getauscht hat.«

»Dich und mich warfen zürnende Götter aus der Heimat in feindliche Schlachtreihen, beide folgen wir dem Eid, der uns bindet«, sprach der Franke.

»Du folgtest den Feldzeichen der Fremden, ich dem Ruf unserer Landgenossen.«

[99] »Im Lager des Römers singt der Sänger dieselben Lieder wie hier im Lande«, entgegnete Harietto.

»Mich lehrten die Lieder, die ich als Knabe hörte, die Herrschaft der Fremden meiden«, versetzte Ingo.

»Kommt alle zu des Cäsar Banner, dann sind wir die Römer.«

»Alle rufst du, Harietto, die hier stehen, nur einen, meine ich, ladest du nicht. Und darum zürne nicht, wenn ich für unziemlich halte, den Hals vor dem Hochgericht des Cäsar zu beugen.«

Beide neigten stolz das Haupt und traten auseinander. Die Königsmannen aber hatten sich dazu gedrängt, nach Rede und Gegenrede murmelten sie beistimmend, stärker, wenn Harietto sprach, doch auch Ingos Worten fehlte der Beifall nicht, und er sah, daß bei seinen letzten Worten der König selbst mit dem Kopfe nickte.

Der Gesandte schritt mit dem König in den Saal, wo seine Begleiter die Geschenke des Cäsar aufstellten. Der König schaute erfreut auf die Goldschalen und Becher, auf die wundervolle Arbeit mit eingesetzten Edelsteinen, und versicherte den Gesandten, er sei ein Freund des Cäsar und zu vielem guten Dienst erbötig. Da begehrte Harietto geheimes Gespräch, und als der König alle Hörer weggescheucht hatte, forderte der Franke die Auslieferung Ingos.

Bisino erschrak, er saß lange überlegend und antwortete endlich, die Forderung sei allzu hart für ihn, und er brauche Zeit, um eine Antwort zu finden, der Gesandte möge sich's unterdes als Gast an seinem Hofe gefallen lassen. Aber Harietto drang auf schnellen Entschluß, bot höhere Geschenke und drohte. Da empörte sich der Stolz des Königs, und zornig rief er, was er freundlichem Gesuch verweigere, werde er dem Drohenden vollends nicht bewilligen. So entließ er den Fremden, und dieser lagerte mit seinem Gefolge unter den Knaben des Königs, trank mit ihnen und teilte Geschenke aus.

König Bisino aber blieb verstört; zuletzt ging er in sein Schatzhaus, setzte sich auf den Schemel, besichtigte mit schwerem Herzen noch einmal die neuen Geschenke und überzählte darauf seine Schnüre, an denen goldene Armringe aufgereiht waren, seine großen Schüsseln und Kannen, die goldenen Becher und Trinkhörner. Mit Mühe hob er eine Silberschüssel, spiegelte sich darin und sprach kummervoll zu sich selbst: »Grämlich ist das Bild, das ich sehe. Der Fremde hat mir reiche Geschenke gebracht, obgleich die größte Schale nur vergoldetes Silber und keine rühmliche Gabe an einen Volkskönig ist. Dennoch würde ich ungern die anderen Gaben missen, von denen er spricht, und der Römer gibt sie mir nicht, wenn ich jenen nicht lebendig oder vielleicht auch tot ausliefere. Aber wenn ich das Unrecht auf mein Leben nehme und ihn seinen Feinden einhändige, so werde ich scheusälig vor allem Volk als ein Mietling der Fremden, und weil ich den Gastfreund einem ehrlosen Tode freigebe. Auch tut mir der Gesell selbst leid, denn gutherzig ist er und ehrbar, und ein [100] treuer Genosse beim Kruge und auf dem Rosse. Dagegen wenn ich ihn trotz den Römern bewahren will, so droht mir markverzehrende Arbeit, der Krieg räumt vielleicht meinen Schatz, er mindert die Kraft des Volkes und rüttelt an meinem Königsstuhl.« Sein Blick fiel auf ein Schwert, welches über dem glänzenden Metall an der Wand hing. »Dies ist die Königswaffe meines Geschlechtes, gerühmt im Liede und gefürchtet im Volke, manche schwere Tat hat sie ausgeführt, ein Gott hat, wie die Sage kündet, einst den Stahl dazu gehämmert, mich wundert, daß ich heut die Augen nicht von ihr abwenden kann.« Und seufzend fuhr er fort: »Ich habe mit ihm getrunken, gejagt und an seiner Seite gefochten, und ich wünsche ihm, daß sein Ende rühmlich sei wie das seiner Väter, die es auch eilig hatten, die Todeswunde auf der Brust zu erhalten. Vermag ich ihn nicht zu retten, so will ich ihm doch wenigstens Königsehre erweisen.«

Der König erhob sich und ergriff die Waffe. Da fühlte er sich leise am Arme gefaßt, er fuhr zusammen und zückte das Schwert; vor ihm stand Frau Gisela und sah ihn spottend an: »Will der König mit seinem Tafelgerät zu Felde ziehen, daß er darüber Heerschau hält?«

»Worin liegt Königsmacht, wenn nicht im Schatze?« fragte der König unwillig zurück. »Wie kann ich der Begehrlichen Sinn festhalten und ihren Treuschwur gewinnen, wenn ich ihnen nicht von dem fremden Metall spende? In meinem Lande haben es wenige, und alle fordern es, woher soll ich's holen, wenn ich's nicht von den Fremden erkaufe?«

»Der König will den Mann an die Römer verhandeln?« fragte die Königin, und ihre Augen flammten wie Feuer.

»Würde ich mich bedenken, wenn ich's tut wollte?« murrte der König. »Aber dieser Fremde sitzt wie ein Uhu auf meinen Bäumen, alles Geflügel der Luft schießt heran und schreit gegen ihn, nicht lange, so senden auch die Könige von der Oder und fordern seinen Leib.«

»Du täuschest mich nicht«, brach die Königin in heißem Zorne los, »siehe zu, o König, ob du leben kannst nach solcher Schmach, ich will es nicht. Dem meineidigen Mann, der um römisches Gold seinen Schwurgenossen verkauft, weigere ich die Genossenschaft an Tisch und Lager.«

Der König sah mit querem Blick auf sie: »Heftig stürmen deine Gedanken, Frau Gisela, ich meine, sie verfehlen das Ziel.«

»Wer darf mehr für des Königs Ehre eifern als die Königin?« antwortete das Weib, nach Fassung ringend. »Getraust du dich nicht, ihn vor den Römern zu bewahren, so entlaß ihn von deinem Hofe. Besser ist es, sich schwach zu erweisen als treulos.«

»Damit er nach der Kränkung lebe als mein Feind«, sprach der König.

[101] »So binde ihn durch hohen Schwur; er ist, wie ich meine, von denen, die ihr Gelübde halten.«

»Will die Königin ihn dazu überreden, daß er der Kränkung niemals gedenke?« fragte der Burgherr lauernd.

»Ich will«, versetzte Frau Gisela tonlos, »wenn es dem Könige nützt.« Beide standen einander mit finstern Gedanken gegenüber, endlich begann der König: »In der Not dient schnelle Tat, versuche dein Heil, Gisela, sende ihm heute abend Botschaft, daß er in deinen Turm steige zu geheimer Unterredung, vielleicht hilfst du ihm dort zu einer guten Ausfahrt.«

Die Königin sah vor sich nieder, erblichen war ihr Antlitz, als sie antwortete: »Ich will ihn zur Ausfahrt mahnen, da du es gebietest.« Sie wandte dem König schnell den Rücken. Er sah ihr finster nach.

Am Abend harrte die Königin in ihrem Turmgemach, die Nachtvögel saßen auf der Mauer und klagten über das Unheil, welches drinnen einem bereitet werden sollte, in den scharfen Stößen der Luft, die durch das offene Fenster drang, flackerte die Wachsfackel und trieb den Schatten des schönen Weibes an den Wänden hin und her. Frau Gisela stand inmitten des Raumes, im Festgewande, die rote Königsbinde über der Stirn, das bleiche Haupt vorgebeugt, die Hände fest geschlossen wie zu gewaltsamer Tat. »Scheidest du von hier, Ingo, mir ist es Qual, ärger als Tod, und weilest du, dann ist von dreien, welche leben, einer zuviel.« Sie fuhr zusammen und horchte wieder, aus der Tiefe erklang Gemurr von Stimmen und leises Waffengeklirr. Da riß sie die Fackel von dem hohen Leuchter und hielt sie zum Fenster hinaus, daß der Rauch und die lodernde Flamme an die Turmzinne wehte und die Eulen erschreckt aufflogen. Aus der Ferne antwortete nach wenigen Augenblicken ein einzelner Jagdruf, die Königin hob die Leuchte zurück und schob den Teppich vor die Fensteröffnung.

Auf der Steintreppe klang ein Männertritt. »Er ist es«, sprach sie leise. Aber als sich die Tür öffnete, fuhr sie zurück, denn König Bisino trat ein, düster war sein Antlitz, der vierschrötige Leib gedeckt mit einem Panzerhemd, das Haupt mit dem Stahlhut; am Griff seines Schwertes schimmerte im Lichte ein blutroter Stein. »Die Königin ist geschmückt wie zu einem Hochzeitsfest«, sagte er zornig.

»Du hast es gewollt.«

»Ich will auch unsichtbar ein Zeuge sein deiner Unterredung mit ihm, und damit du alles sprichst, wie ich geboten, so höre die Warnung: am Fuße des Turmes harren zwei meiner Knaben mit harten Händen, steigt er hinab ohne mich, er überschreitet nicht lebend die Schwelle.«

»Gut sorgte der König«, antwortete Frau Gisela starr. Da fiel ihr Blick auf das Schwert des Königs, und sie schrie: »Blutig glänzt der Stein an dem Messer des Königs, die Todeswaffe deiner Ahnen ist's«,[102] und ihr Entsetzen mühsam bändigend, fuhr sie fort: »Vom Gemach der Königin bleibt sonst das Schwert der Männer ausgeschlossen. Warum kränkt der König mein Recht?«

»Es ist nur Vorsicht, Gisela«, versetzte der König grimmig. Er schritt nach dem Hintergrund des Zimmers, öffnete eine kleine Seitentür und verschwand dahinter.

Wieder stand die Königin allein, und in wilder Empörung flogen ihre Gedanken. »Gewalttat sinnt der lauschende König, und ich soll helfen bei nichtswürdiger Tat.«

Da klang draußen der Tritt des anderen, und Ingo trat ein, ungerüstet und schwertlos. »Ich danke dir, Base Gisela«, begann er herzlich, »daß du mir heut deinen Turm öffnest.« Er sah in den geschmückten Raum, auf gestickte Teppiche an der Wand und kostbares Gerät aus fremdem Lande. »Seit ich die Mutter verlor, habe ich niemals wieder das Prunkgemach einer Königin betreten. Was stehst du so feierlich, Base?« fuhr er traurig fort, »verzeihe mir, wenn ich mich nicht, wie ich sollte, der Ehre freue, daß du den armen Ingo im Königsschmucke empfängst.« Er ergriff ihre Hand, trotz der Angst flog ein rosiger Schein über ihr bleiches Antlitz, als sie die Hand zurückzog. »Leichter ist der Aufgang zum Gemach der Königin als der Sprung aus der Turmtür«, sprach sie leise.

»Ich sah lauernde Knaben des Königs«, antwortete Ingo, »und mich verwundert das nicht, denn ich weiß, Harietto hat den Sinn des Königs, der mir sonst gütig war, gegen mich empört, darum flehe ich, sorge du, soweit du vermagst, daß mir nicht Schmach widerfahre. Müde bin ich, Königin, meines Erdenloses, verleidet bin ich jedem Gastfreund, elend überall, gleich einem tollen Wolf gehetzt von Hof zu Hof, verächtlich wird mir solches Leben, denn eines besseren Schicksals fühle ich mich wert, und selbst denke ich zu sorgen, daß ich nicht als Lebender durch Römerfesseln gebunden werde. Wenn du aber mein Geschick nicht zu wenden vermagst, dann, flehe ich, rette meine Blutgenossen, den irrenden Schwarm, vor ruhmlosem Tode. Gern werden sie kämpfen, gegen wen es auch sei, aber sie fürchten ein Verderben, das sich ihnen unsichtbar nahen mag, denn fest eingehegt stehen wir zwischen Steinmauern.«

Lautlos starrte die Königin nach der verborgenen Tür, plötzlich stieß sie einen heiseren Schrei aus, denn der König trat hervor und rief: »Eingehegt bist du selbst zur letzten Wunde.« Mit gehobenem Schwert fuhr der König gegen Ingo, aber wie eine Löwin sprang Frau Gisela dem Herrn entgegen und wand ihm den Arm, daß das Schwert klirrend zu Boden fiel. Ingo ergriff die Waffe vom Boden und rief, sie schwingend: »Ich halte deinen Tod in der Hand, König Bisino, wenig wird dir deine Rüstung frommen, wenn ich die Tat üben wollte, die du mir zugedacht. Danke dem Gotte, dem du vertraust, daß der Gastschwur mir heiliger ist als dir.« Und er warf[103] die Waffe dem König vor die Füße. Ein leiser Ton wie das Stöhnen eines Weibes zitterte durch den Raum.

Der König sah wild um sich: »Du sprichst als ein Mann: wohlan, hebe dein Schwert von der Treppe, wir fechten.«

»Ich habe dir Friede geschworen«, antwortete Ingo unbeweglich.

»Und ich dir«, versetzte der König, »gebrochen ist der Eid, du bist frei, hebe die Waffe.«

»Gegen dich kämpfe ich nicht um mein Leben«, versetzte Ingo, »ehrwürdig ist mir dein Königshaupt, wenn du mir auch zuweilen Übles gedacht hast. Und nimmer will ich helfen, daß der Ruf deines Gemahls entehrt werde durch dein oder mein Blut, das vor ihrem Lager vergossen wird. Muß ich vertilgt werden, dann klage ich nicht, wenn du selbst es tust, dann stoß zu, König, und sei bedankt für das Gastgeschenk.«

Der König beugte sich, das Schwert zu erheben, da klang von unten Geschrei und Kriegsruf, Ingo schnellte empor. »Fluch mir, vergessen habe ich in der eigenen Not die Notgenossen. Den Sang meiner Schwäne höre ich, ich komme. Du wahre dich, König, ich finde, was dich zwingt.« Mit Sturmeseile brach er aus der Tür, der König raunte heiser: »Erbarmen kennen die nicht, die unten seiner harren«, und er eilte ihm mit geschwungenem Schwerte nach.

Aber Ingo sprang nur wenige Stufen hinab, wo sein Schwert lehnte und unter dem Gemach der Königin der junge Sohn neben dem Helden Valda schlief. Er raffte den Knaben vom Lager, drückte ihn an sich und flüsterte ihm zu: »Hilf mir, Hermin, mir droht das Verderben. Ich tue dir kein Leid, wenn nicht von dem König meinen Genossen ein Übles geschieht.« Der Knabe hing schlaftrunken in seinem Arm und faßte ihn um den Hals. »Gern helfe ich dir, Vetter«, sagte er ahnungslos. Bevor der alte Krieger sich vom Lager erhob, trug Ingo den Knaben hinauf an die Tür der Königin, wo der König mit dem Schwerte ihm entgegensprang. Aber Bisino fuhr entsetzt zurück, als er sein Kind unter dem Messer Ingos erblickte. »Geh voran, König Bisino«, rief Ingo befehlend, »bereite mir den Weg, ich halte, was dich zwingt. Das Leben deines Knaben sei Bürge für die Häupter der Meinen. Lebe wohl, Frau Gisela, flehe zu den Göttern, daß das Haus des Königs nicht zerbreche in dieser Nacht.«

Die Männer eilten die Steintreppe hinab, Frau Gisela lauschte starr nach dem Getöse und Fall am Fuß der Treppe. Ob sie wünschen sollte, daß er entrann, der den Sohn ihr gepfändet? Ob er selbst zurückkehren würde in ihr Turmgemach, oder der König oder keiner von beiden, das stürmte ihr durch die Seele; sie fühlte Haß gegen ihn, der ihre Hilfe sich nicht begehrt, und doch auch heiße Angst um sein Leben, und Angst vor der Wiederkehr des Königs. Sie sprang an das Fenster und sah hinaus in die Nacht. Sie hörte fernes Gemurr und helles Geschrei, dann wurde es still, sie sah einen [104] Feuerschein blinken, aber auch er verlosch, die Nacht blieb schwarz und unsicher wie ihr eigenes Schicksal. – Auf den letzten Stufen vor der Turmtür hielt Ingo an: »Verjage die Hunde, König, daß ihr Biß nicht deinen Sohn treffe« Der König trat ungern vor, aber er verscheuchte seine Wächter. Ingo sprang an ihm vorüber wie ein flüchtiger Hirsch zu der Herberge seiner Mannen. Nicht vermochte der König ihm zu folgen, so sehr er sich eilte.

Um die Herberge standen die Haufen der Königsknaben, gerüstet mit Schild und Speer, manche auch mit Fackeln in der Hand. Auf dem Erdboden vor den Stufen loderte eine rote Flamme und warf ein unsicheres Licht in den dunkeln Saal und auf die wilden Gesichter der Vandalen. »Was blinzen die Käuze beim Lichtschein und wenden abwärts den Blick?« rief Berthar von der Treppe, »mich wundert's, daß die Knaben des Königs vor niederträchtigem Werke sich scheuen, sie sind ja, wie ich höre, gewöhnt, bei Nacht zu töten. Für ganz schamlos gelten sie im Volke. Hat sie erschreckt, daß mein Schwert ihrem Fackelträger den Brand zerschlug? Tretet näher, ihr bösen Verzagten, damit ihr vor allem Volke verflucht werdet als Friedensbrecher. Heran, auf daß meine Knaben euch die letzte Fahrt rüsten.«

»Grobe Worte sind die Münze des heimatlosen Bettlers«, rief Hadubald entgegen, »gut verstehst du sie zu zahlen, wenn du an fremden Bänken lungernd durch die Welt fährst. Ganz unnütz seid ihr auf der Männererde, und schwerlich beschwert ihr fortan noch fremde Höfe durch euer Geschrei.«

So bereiteten sich die Helden durch heftige Rede zum Kampf; da sprang durch den lärmenden Haufen Ingo, den Königssohn im Arme. Er fuhr auf die Stufen und stand unter seinen Getreuen. Ein lauter Heilruf der Vandalen tönte um die Halle; Ingo aber rief befehlend gegen die Knaben des Königs: »Weicht zurück, tapfere Helden der Thüringe, der junge König, den ich halte, gebietet euch Frieden. Wollt ihr, daß sein Haupt unversehrt bleibe, so vermeidet, meine Mannen zu kränken. Heil sei dem König in der Herberge«, setzte er hinzu, da Bisino herankam, »und Frieden bedeute sein Nahen. Betritt, o König, huldvoll das Schlafgemach deiner Gäste, denn nicht durch Waffen, meine ich, enden wir heut die Verstörung. Hilf mir den König geleiten, Hermin, mein Vetter!« Er ließ den Knaben zur Erde und trat, das Messer über ihn haltend, dem König entgegen, das Kind ergriff die Hand des Vaters und stand zwischen beiden Helden. »Entzündet die Fackeln an der Flamme«, rief Ingo den Seinen zu. »Jedermann weiche aus dem Raume, ihr Vandalenhelden bewacht auf den Stufen die Beratung der Könige!«

Mürrisch winkte Bisino seinem Gesinde, den Zugang zu räumen, dann gebot er Hadubald, mit einer gleichen Zahl von Königsmannen die Stufen zu besetzen. Auf die erhöhte Bühne der Halle, wo [105] Ingos Lager stand, geleitete dieser den Herrn, er selbst saß ihm gegenüber und schlang seinen Arm um den jungen König. Bisino setzte sich zögernd und sah finster vor sich hin. »Du meinst, mich durch das Haupt meines Sohnes zu zwingen, daß ich dich und deine Landstreicher verschone. Aber wild hat der Zorn sich erhoben zwischen mir und dir, und dauerlos wäre, so fürchte ich, die Versöhnung. Entziehst du dich heut meinem Zorn, so trifft er dich doch morgen oder zu anderer Zeit, denn selbst wenn die Bitte dieses Knaben dir meinen Zwinger öffnet, so weißt du doch, daß meine Macht weit reicht, und daß des Königs Wille dich umstellt wie ein gehetztes Wild.«

»Wohl ehre ich deine Macht, König«, versetzte Ingo, »und ich weiß, daß es mir mühselig wäre, über die Brücke zu reiten und über die Heide zu traben, wenn dein Zorn feindlich hinter mir fährt. Dennoch meine ich, daß der König edel handelt, wenn er mir die Treue hält, soweit die Eide reichen. Den Zweikampf hat mir der König angetragen; ruhmvoll war das Erbieten und eines Helden würdig, und vermag er mich nicht zu dulden auf der Männererde, so weiß ich wohl, daß es für mich keine bessere Ehre gibt im Gedächtnis der Menschen, als durch die Waffe des Königs zu fallen, oder wenn ich ihn selbst voraufsenden sollte in die Totenhalle, mit meinen Gefährten vertilgt zu werden durch den Grimm der Thüringe. Dennoch ist es mir unleidlich, gegen dich zu kämpfen, mein Herr und Wirt, denn freundlich warst du gegen mich, Guttat genoß ich an deinem Hofe, ehrenwert ist mir auch dein Gemahl und hier der Knabe, den ich im Arm halte, und Frohes habe ich von deiner Huld für mein Leben gehofft. So kränkt mich's, obgleich ich den Schwertgrimm für rühmlich halte, daß ich um meinen Leib feindlich gegen dich ringen soll.«

»Verständig sind deine Worte«, versetzte der König, »auch dein Sinn ist redlich, wie ich vermute, und ungern sinne ich auf dein Verderben, aber mich zwingt die Königsnot, die keiner versteht, außer wer als Wirt über seinem Volke waltet. So wisse denn, friedloser Mann, der Cäsar fordert, daß ich dich ausliefere an seine Boten.«

»Will der große Volkskönig dem Befehl eines neidvollen Römers gehorchen wie ein Besiegter?«

»Die Katten hat er aufgehetzt, sie sind eilig, sich Sklaven und Herden zu holen aus meinem Volke, um deinetwillen sollen die Thüringe den Schlachtgesang singen.«

»Stelle mich in deine Heere, o König«, unterbrach ihn Ingo, »nimmer kehre ich zurück, wenn nicht als Sieger.«

»Meinst du, daß du mir als Sieger willkommener wärest als jetzt, du mit der Erbtochter?« fragte der König finster. »Über die Schlachten der Thüringe waltet der König allein!«

Da legte Ingo die Hände auf das Haupt des Knaben und sprach traurig: »Gleich diesem Kinde wuchs ich fröhlich auf unter der [106] Königskrone, schuldlos wie dein Sohn war ich, da ich aus der Heimat gescheucht wurde. Denke daran, König, daß sich schnell die Geschicke der Männer wandeln, auch du weißt nicht, welches Schicksal deinem Knaben einst bereitet ist. Wie auch die Götter uns die Lose werfen, von uns fordern sie, daß wir treu sind unserem Wort. Sorge auch du, o Herr, damit sie nicht den Eid, den du dem armen Ingo geschworen, einst an dem Haupte deines Sohnes rächen.«

»An den Sohn denke ich, daß ich ihm die Herrschaft sichere, wenn ich mich des Eides gegen dich entledige«, versetzte der König.

»So löse den gastlichen Eid, ohne daß die Götter dir zürnen«, fuhr Ingo flehend fort, »entlaß mich mit meinem Gesinde ungekränkt aus deiner Burg und aus deinem Lande. Mehr fordert dein Volk nicht, und begehrt der Römer Ärgeres von dir, so kränkt er deine Ehre. Hilf mir, Knabe, und bitte bei deinem Vater für mich.«

Hermin kniete nieder und umschlang das Knie des Königs: »Tu dem Vetter kein Leid, mein Vater!«

Der König sah lange auf den Knaben, über welchen Ingo die bewehrte Hand hielt. »Du weißt nicht, was du bittest, Kind«, sagte er endlich. Und mitleidiger zu Ingo aufsehend, fuhr er fort: »Willst du, Ingo, mir mit hohem Eide geloben, niemals diese Nacht zu rächen, niemals schädlich zu sein mir und meinem Sohne, und niemals Freundschaft zu suchen im Herrensitz am Walde, so will ich dich entlassen aus meiner Burg, aus meinem Land.«

»Den Eid nehme ich auf mein Leben«, sprach Ingo leise, »wenn auch der König mir geloben will bei dem Haupt dieses Knaben, der Worte zu gedenken, die er vor kurzem zu mir sprach, und das Königsauge zu schließen gegen mein Tun, wenn nicht das Volksgeschrei übermächtig zwingt.«

Der König lächelte finster. »Ich will, wenn du mir etwas von deinen Gedanken vertraust.« Ingo neigte beistimmend das Haupt. »Wohlan denn, setze dich zu mir wie einst und künde leise dein Geheimnis.« Die Könige sprachen heimlich, und der Knabe saß zwischen ihnen und umfaßte mit den Händen beider Knie.

Auf den Stufen lagen getrennt die Vandalen und die Königsknaben hinter ihren Schilden. Über ihnen saßen auf den Schemeln die beiden Schwerthalter Berthar und Hadubald gegeneinander. Da begann Hadubald: »Frieden bereitet, wie ich merke, das Gespräch im Saale unseren Schwurherren. Gefällt dir's, Held, so tilgen wir den Groll durch einen Trunk, den einer meiner Genossen schnell zu schaffen weiß, denn kühl weht die Nachtluft.«

»Mordbrenner!« versetzte Berthar grimmig.

»Töricht handelst du, den Diener zu schelten, der getan hat, was seinem Herrn nützt.«

»Nachtschächer!« brummte Berthar wieder, »deine Treue brachst [107] du für des Königs Bier, seitdem ist der Trunk verdorben, den du bietest.«

»Wer hochmütig verschmäht, beim Zapfen Bescheid zu tun, der wahre sich, daß nicht sein Blut gezapft wird auf grüner Heide.«

»Auf grüner Heide und im finsteren Wald, wie hier in der Herberge bist du blutiger Schläge sicher, sobald dich nicht der Königsfrieden schützt; damit begnüge dich, Held!«

Lange währte die Zwiesprache der Herren, endlich rief der König: »Bringe den Becher, Schenk, Minne zu trinken, bevor Held Ingo scheidet.« Willig regten sich die Mannen auf den Stufen, der Schenk lief und trug einen großen Becher Met herzu, die Könige taten über dem Becher und auf dem Haupt des Knaben einander das Gelöbnis. »Und jetzt scheiden wir, Ingo«, sagte der König, »leid tut mir's, daß du ein fahrender Held und nicht von meinem Geschlecht bist, und doch, wärst du von meinem Stamme, du wärst mir vielleicht weniger vertraulich.«

»Denke mein im guten, o Herr«, dankte Ingo, und fröhlich rief er dem Alten zu: »Rüste den Aufbruch, wir reiten.«

»Bei Sonnenlicht kamen wir«, versetzte Berthar, »mein Herr und seine Helden entweichen nicht wie Nachtdiebe. Will der Häuptling, daß wir aufbrechen, bevor der Hahn singt, so flehe ich, König Bisino, daß deine Knaben uns mit den Fackeln leuchten, die sie am Abend sorglich um dieses Haus getragen haben, damit wir bei unserer Abfahrt den hellen Schein nicht missen.«

Der König sah zuerst zornig auf den Kühnen, aber er sprach: »Ich lobe dich, du verstehst für deinen Herrn mit Schlägen und mit Worten zu streiten. Besteigt die Rosse, ihr stolzen Gäste, ihr Mannen aber entzündet die Brände, denn der König selbst gibt das Geleit zum Tor.«

Auf der Brücke schied Ingo von dem König und seinem Sohn, und alle erstaunten, als der König nach dem Abschied noch einmal über die Bretter zu Ingo eilte, ihn mit den Armen umfing und küßte. Lachend sah Berthar auf die finsteren Mienen der leuchtenden Königsknaben. »Reitet im Schritt«, gebot er vor dem Tor den Vandalen, »damit sie nicht wähnen, daß wir ihren Gruß im Rücken fürchten.« Und nach einer Weile rief er: »Nimm die Spitze, Wolf, und lasse die Rosse springen, frisch bläst die Nachtluft, und wohl gelang uns die Reise nach der Königsburg.«

Als sich das Tor hinter den Gästen geschlossen hatte, befahl der König seinen Knaben: »Wer etwa morgen oder später von dieser Nacht schwatzt, oder wer noch mit dem Römer beim Trunke raunt, wie heut mancher getan, dem zerschellt die Axt des Königs das Tor seiner Worte.«

Darauf nahm er das schlafende Kind in die Arme und trug es zu seiner eigenen Kammer. Als er beim Turme vorüberkam, blickte er [108] finster nach dem Gemach der Königin. Dort drinnen lag ein trostloses Weib mit dem Haupt an der Fenstermauer und hörte auf den Schall der Stimmen und auf den Hufschlag, welcher in der Ferne verklang. Der König aber dachte: Wenn sie nicht so erlaucht wäre von Geschlecht, wäre es besser für mich und sie. Denn gern möchte ich ihr Schläge geben und sie dann wieder liebhaben. Sie aber wollte das Tuch zerschneiden zwischen sich und mir, und sie hat gerungen gegen mein Schwert; ob sie meint, daß ich ihr das vergesse? – Was aber den Römer betrifft, so ist mir's im Herzen lieb, daß ihm nicht sein Wille geschieht, denn nichtswürdig war die Forderung, und herrisch war der Bote. Jetzt will auch ich ihm Silber statt dem Gold bieten, das er sich begehrt. Und am anderen Morgen lud der König den erstaunten Harietto und sprach: »Um des großen Cäsars willen habe ich alles getan und ausgeführt, was die Königsehre mir gestattet, und nicht mehr. Dem Gebannten habe ich das Gastrecht aufgekündigt und ihn ohne Geleit entlassen, damit er aus meinem Lande weiche. Und er trabt jetzt wohl schon weit von hier über die Heide.« Als der König wieder in sein Schatzhaus ging und sein Angesicht in der Schüssel betrachtete, da sprach er seufzend zu sich selbst: »Eine Sorge wich, aber eine größere kam; nur eins ist mir lieb, es ist ein ehrliches Gesicht, das ich schaue.«

Zur Idisburg

Auch in den jungen Männern der Walddörfer regte sich die Reiselust, als die Reiser der Bäume vom Safte schwollen und das junge Laub aus den Knospen brach. Es war ein heimliches Summen in den Höfen, und frische Gesellen hielten im Waldversteck stillen Rat; denn nicht die Alten und Weisen des Gaues hatten den Auszug geboten, und nicht die heiligen Opfer des Gaues sollten ihn weihen, nur Unzufriedene lösten sich von der lieben Heimat, willkürlich und auf eigene Gefahr, weil ihnen der Sinn nach besseren Landlosen stand. Anfangs waren nur wenige entschlossen, ihr Glück in der Fremde zu suchen, vor ihnen Baldhard und Bruno, Söhne des Bero; bald aber ergriff die Sehnsucht auch andere, jüngere Söhne ehrbarer Wirte, neben ihnen wilde Gesellen und Waldläufer, die sich lieber rauften als bauten, auch manchen Hausvater, dem seine Nachbarn gehässig waren. Manchen hatte auch ein Mädchen, welches ihm lieb war, heimlich gemahnt, vor der Reise warb er um sie, und wo der Töchter mehre im Hause waren, wagte der Vater sein Kind an die ferne Hoffnung. Diesmal war es kein Zug in unbekannte Ferne, auf dem der Mond und die Sterne führen, der wehende Wind oder der fliegende Rabe; denn die neuen Siedelstätten lagen nur wenige Tagereisen von der Gaugrenze, und die Reise ging durch Wälder und [109] Marken von Landgenossen, die in früheren Geschlechtern denselben Weg gezogen waren. Deshalb sorgten die Fahrenden wenig um Waffengefahr auf dem Wege und nicht sehr um Nahrung und Viehfutter. Auch da, wo sie bauen wollten, durften sie freundlichen Gruß hoffen, denn ein kluger Wirt hatte im voraus sorglich um ihre Reise gehandelt und mit dem Volke, dem sie zuzogen, Vertrag geschlossen. Und doch rüsteten die Wanderlustigen ihre Abfahrt noch heimlicher, als sonst Brauch war; denn nicht alle Häupter des Gaues freuten sich der Reise, durch welche die Zahl ihrer jungen Krieger gemindert wurde, nicht Fürst Answald und nicht das Geschlecht des Sintram, und diese suchten dem Drange zu wehren, soweit ihre Macht reichte. Auch den Eifer des Königs hatten die Fahrenden zu fürchten, denn er mochte ihnen die Besiedelung stören, bevor sie auf dem neuen Grunde festgewurzelt waren. Darum hatten sich die Wanderlustigen in nächtlichem Rate zusammengeschworen und die Söhne des Bero zu Führern gewählt, in den letzten Monaten hatten sie für die Fahrt gerüstet, Beisteuer in ihrer Freundschaft erbeten, Wagen und Ackergerät gezimmert und um Vieh gehandelt, soweit sie vermochten. Und sie wollten einzeln und mit wenig Geräusch aufbrechen, um sich jenseit der Gaugrenze zu geordnetem Zuge zu sammeln.

Im ersten Morgenlicht standen die Wagen mit Saatkorn und Hausrat bepackt. Über dem festen Bohlengefüge spannte sich die Decke von Leder, die gejochten Rinder brüllten, Frauen und Kinder trieben das Herdenvieh hinter dem Wagen zusammen, und große Hunde, die treuen Begleiter der Fahrt, umbellten das Fuhrwerk. Die Geschlechtsgenossen und Nachbarn trugen zum Abschied herzu, was als Reisekost diente oder ein Andenken an die Heimat sein konnte. Durchaus nicht fröhlich war der Abschied, auch dem mutigen Mann bangte heimlich vor der Zukunft. War das neue Land auch nicht endlos weit, fast allen war es unbekannt, und unsicher war, ob die Götter der Heimat auch dort Schutz gewährten und ob nicht schädliche Würmer und Elbe Vieh und Saat zerstören wollten oder feindliche Männer die Höfe abbrennen. Auch die Kinder fühlten das Grauen, sie saßen still auf den Säcken, und die Kleinen weinten, obgleich die Eltern ihnen Haupt und Hals mit heilkräftigem Kraut umkränzt hatten, das den Göttern lieb ist. Mit der aufgehenden Sonne erhoben sich die Fahrenden, der älteste ihres Geschlechts oder eine weise Mutter sprach ihnen den Reisesegen, und alle flehten murmelnd um gutes Glück und bannten durch Zauberspruch die schädlichen Waldtiere und schweifenden Räuber. Die anderen Dorfleute aber, welche daheim blieben, blickten scheu auf die Wanderer wie auf verlorene Menschen, unheimlich dünkten ihnen die Frevler, welche sich von dem Segen der Heimat lösten. Denn immer zog es die Landgenossen mächtig nach der Ferne, und doch graute ihnen immer vor einem Leben fern von den Heiligtümern, von Sitte und Recht der Heimat.

[110] Die Wagen bewegten sich knarrend zu den Bergen, von der Höhe sahen die Wanderer noch einmal nach dem Dorf ihrer Väter zurück und neigten sich grüßend gegen die unsichtbaren Gewalten der Flur; mancher unzufriedene Gesell warf auch einen Fluch zurück wider seine Feinde, die ihm die Heimaterde verleidet hatten. Dann nahm alle der Bergwald auf. Mühsam war die Fahrt auf steinigen Wegen, in welche das Schneewasser tiefe Furchen gerissen hatte, oft mußten die Männer von den Rossen steigen und mit Haue und Spaten die Bahn fahrbar machen, wild erscholl Ruf und Peitschenschlag der Treiber, die Knaben sprangen hinter den Wagen und hemmten den Rücklauf durch Steine, und doch zerrten die Zugtiere machtlos, bis ein Gespann dem anderen half oder Männer und Frauen die starken Schultern an die Räder stemmten. War die Reise wegsamer, dann umritten die Männer spähend den Zug mit gehobener Waffe, bereit zum Kampfe gegen Raubtiere oder rechtlose Waldläufer. Als die Wanderer aber nach der ersten Tagfahrt das einsame Waldtal erreichten, welches zur Versammlung bestimmt war, da wurde die Mühe des Tages über der Freude vergessen, Landsleute in der Wildnis vor sich zu sehen: hell jauchzten die Kommenden von der Höhe, und die Lagernden antworteten mit gleichem Ruf, auch solche, die sich sonst wenig gekannt, begrüßten einander wie Brüder. Die Männer traten zuhauf, und Baldhard, ein meßkundiger Mann, bezeichnete den Lagerraum mit Stäben. Dort wurden die Zugtiere abgeschirrt, die Wagen zu einer Burg zusammengestoßen und im Ringe herum die Nachtfeuer auf zusammengetragenen Steinen entzündet. Während die Haustiere weideten, von bewaffneten Jünglingen und von den Hunden gehütet, bereiteten die Frauen die Abendkost; die Männer aber schlugen aus Stangenholz den nächtlichen Pferch für die Herde, verteilten die Wachen und holten aus den Wagen, was sie von kräftigem Trunk mitgebracht hatten; dann lagerten sie und sprachen bedächtig von dem guten Weideland, das sie am Idisbach hofften, und von dem endlosen Wald im Süden der Berge, wie steinig der Baugrund, wie steil die Gelände und wie darum dies Bergland spärlich bewohnt sei. Als das Mahl beendet war, wurden die wertvollsten Rosse und Rinder im Wagenringe gesammelt und die schlaftrunkenen Kinder unter dem Lederdach geborgen. Nach ihnen stiegen die Frauen in das enge Gemach, nur die Männer saßen noch eine Weile beim Trinkhorn gesellt, bis auch ihnen die Augen schwer wurden und die kalte Nachtluft ihre Fröhlichkeit hemmte. Da hüllten sie sich in Pelze und Decken und legten sich an die Feuer oder unter die Wagen. Es wurde stiller, nur der Wind blies von den Bergen, die Wächter umschritten den Wagenring und den Pferch und warfen zuweilen Holzscheite in die lodernden Feuer. Aber unablässig bellten die Hunde, denn aus der Ferne klang heiseres Geheul, und um den Flammenring [111] trabten gleich Schatten im aufsteigenden Nebel die begehrlichen Raubtiere.

In solcher Weise zogen die Wanderer drei Tage langsam durch den Bergwald, der Regen rann auf sie nieder, und der Wind trocknete ihnen die durchnäßten Kleider. Zuweilen hielten sie in den Tälern an Höfen ihrer Landsleute, dort trafen sie entweder wilde Gesellen, die durch den Kampf mit dem Walde gehärtet waren, oder ärmliche Siedler, welche über den rauhen Ackerboden klagten und auch den Reisenden das Herz schwer machten. Am vierten Morgen zogen sie bei dem hölzernen Turmgerüst vorüber, welches an der Landesmark der Thüringe gezimmert war; erstaunt sah der Wächter, der im Hofe daneben wohnte und sonst wenig um reisende Haufen zu sorgen hatte, auf die Fahrenden; diese aber riefen ihm laute Grüße zu, denn er war, obgleich nur ein einsamer Waldmann, der letzte ihres Volkes. Von da durchfuhren sie eine Stunde die Grenzwildnis; unfruchtbare Kieshöhen mit knorrigen Kiefern, wo niemals ein Siedler einen Hof gebaut hatte und selten der Schlag einer Axt erklungen war, denn unheimlich lag der Strich, und schädliche Geister fuhren, wie man sagte, die Grenze entlang, weil sie ausgeschlossen waren von dem Boden, den gute Volksgötter für die seßhaften Männer behüteten. Aber jenseits des Kieferwaldes sahen die Siedler von der Höhe freudig in ein weites Tal, das mit ansehnlichen Hügeln und dichtem Laubwald eingefaßt war. Dort zog sich in gewundenem Lauf der Idisbach durch die Wiesen, und am Fuß der Anhöhen lagen Höfe und geteiltes Ackerland. Lustig schien die Sonne über das helle Grün und das sprossende Laub, die Rosse schnoben, als sie die frische Talluft witterten, und die Rinder brüllten der Weide entgegen, die Wanderer aber hoben die Arme flehend zu der Göttin auf, welche über dem Tal waltete und die Leben der Männer wohl zu behüten vermochte, wenn sie ihr lieb wurden.

Ein reisiger Mann sprengte den Wanderern entgegen und wirbelte schon von weitem grüßend seinen Speer in der Luft, ihm jauchzten die Ansiedler zu, da sie ihren Landgenossen Wolf erkannten; auch die Frauen drängten sich an sein Roß, und die Kinder streckten die kleinen Hände aus den Wagen. »Heil sei euch, liebe Landsleute«, rief Wolf, »vollbracht ist die Fahrt. Lagert an den Höfen, denn auf jenem Hügel harren die Weisen des Gaues am Opferstein, den Bund festzumachen, damit ihr rechtlich werdet im Volke und eure Landlose gewinnet.« Da rührten sich alle mit neuem Eifer und zogen auf trockenem Rasenweg zu Tale.

Und Baldhard begann vertraulich zu Wolf, der neben ihm ritt: »Von der Königsburg der Thüringe fuhrt ihr bei Nacht und Nebel an unserem Hofe vorüber wie unmenschliche Gestalten der Finsternis. Damals war kaum Zeit, dir die Hand zu drücken und die Tage unserer Reise zu bereden. Seitdem haben wir nichts von euch gehört [112] und gesehen, ich hatte große Sorge um euer Geschick und mußte doch vor den anderen meine Zweifel verbergen.«

Wolf lachte. »Die Vandalen verstehen die Kunst, sich unsichtbar zu machen, und ich meine, vor allen anderen stammt Berthar, der Held, von dem Geschlecht der Waldelbe, denn er tummelt sich unter dem wilden Farnkraut so heimisch wie wir im Dorfe, auch wenn er als ein Fremder durchreitet. Sogar ihre Rosse legen sich im Waldversteck nieder wie lauernde Hündlein. Wir sind ganz ungesehen über die Grenze gestoben und in dies Land gedrungen. Hier fanden wir guten Empfang, dein Vater hatte vorsorglich alles bereitet. Mein Herr Ingo waltet jetzt hier als Häuptling, und die Bauern der Marvinge werden, wie ich merke, seiner froh. Die Leute hier aber wirst du als altväterisch und ehrbar erkennen. Sie trinken ihr Bier noch aus dicken Näpfen von Eichenholz, welche wahrhaftig schwer zu heben sind, doch der Trank ist rühmlich. Wir aber haben seither wenig Muße gehabt, ein Teil von uns schanzt mit Hammer und Axt auf den Bergen, und andere sind dem Herrn nach Süden über den Main gefolgt zu den Burgunden. Heut kommt ihr zu guter Stunde, denn der Häuptling, dem ihr euch geloben wollt, ist gerade jetzt zurückgekehrt. Ingo erwartet euch beim Volksopfer.«

»Siehst du den Helden Berthar«, versetzte Baldhard, »so gib ihm dies von Frida, meiner Schwester, sie befahl mir's ernstlich, es sei für ihn im Herrenhofe gewunden.« Und er legte einen Knäuel in die Hand des anderen.

Von der Lagerstatt schritten die Thüringe einem Berge zu, der sein rundes Haupt über die anderen Höhen erhob. Vor dem letzten Anstieg hielt Ingo mit seinem Gefolge zu Roß, die Vandalen sprangen ab, als die Siedler nahten, und riefen ihnen frohen Gruß zu. Auch die Thüringe wurden mutig, da sie den Helden vor sich sahen, dem sie einst in ihrer Heimat Gastrecht gegeben hatten und der ihnen jetzt ein guter Führer in der Gefahr und ein gerechter Richter sein konnte. Ingo führte die Scharen den Berg hinauf zum Opferstein, wo die Männer des Tales dichtgedrängt standen, vor ihnen Marvalk, der Greis, ihr Opfermann. In drei Haufen sonderten sich die Opferer am Stein, dreimal drei Stiere wurden den guten Göttern an den Stein geführt, drei für jedes Volk. Über den Opferkessel banden sich die Männer zu einem Bunde und gelobten, den Helden Ingo als Häuptling zu ehren. Darauf wurde im Baumschatten das Opfermahl gerüstet, und allen erschien als ein gutes Angebinde, als der Häuptling sich erhob und seinem Volk verkündete, daß der alte Streit um die Landesmark mit den Burgunden verglichen sei.

Von dem Opfermahl ritt Ingo mit Berthar talab einer anderen Höhe zu, auf welcher die Vandalen ihr Heimwesen schanzten. Auf dem Wege sprach er fröhlich: »So haben wir uns mit zwei Königen [113] vertragen und mögen hier wohl gedeihen, wenn die Götter uns gnädig bleiben. Deinem Kriegszug mit den Burgunden danke ich, daß es mir bei König Gundomar gelang; er grollt jetzt dem Übermut der Römer und wird, wie ich hoffe, in der nächsten Zeit Frieden halten.«

»Unterdes bauen wir uns hier fest zwischen den Steinen«, lachte Berthar, »und nach wenig Jahren soll es auch einem großen Volkskönig schwer werden, uns die neuen Sitze zu brechen. Sieh dort, mein König, die Stätte deines eigenen Hofes.«

Von einer waldbewachsenen Bergleite ragte ein steiler Felsenhügel wie eine Bergnase über das Tal des Idisbaches, von der Höhe dahinter durch eine Einbuchtung geschieden. Der Berg hob sich stolz aus dem grünen Tal, auf seinem Gipfel trug er alte Eichbäume als den einzigen Laubschmuck. Denn an den Seiten des Berges waren die Stämme gefällt und über der halben Höhe mit Felsgestein und Erde zu dichtem Verhau geschichtet, davor ein Graben gezogen, der so weit von dem Gipfel entfernt war, daß keine Wurfwaffe zur Höhe hinaufreichte. Klug hatte der Alte die Rinnsale des Wassers und kleine Schluchten benutzt, um gesicherte Wege von dem Gipfel zum Ringwall zu führen, damit am Tage des Kampfes die Belagerten auf und ab eilen konnten, ohne daß der Feind aus der Tiefe sie traf; den verschanzten Abhang aber hatte er so geböscht, daß von dem beherrschenden Gipfel Steine und Wurfspeere freie Bahn niederwärts fanden. Da, wo der Burghügel sich an die Bergleite schloß, war der Graben tiefer, der Wall höher. Auf dieser Seite sprang ein starker Quell unter einem Felshaupt hervor, innerhalb des äußeren Walls, nicht sehr weit vom Gipfel des Berges. Dort hatten die zimmernden Männer den Baumschatten bewahrt, damit der Zugang zum Quell schattig und sicher sei. Aber auch der Gipfel des Hügels war geebnet und längs seinem Rande ein zweiter Wall aus Steinen und Stammholz geschichtet. Er umschloß die Eichen und einen Raum, der groß genug war, um in der Not Herdenvieh, Weiber und Kinder der Siedler einzufassen. Da, wo der steile Reitweg vom Tale durch den Ringwall zur Burg führte, sperrte ein Tor und ein Holzturm für den Wächter den Zugang. Auf der höchsten Stelle des Gipfels inmitten zwischen den Bäumen zimmerten die Mannen Ingos aus großen Balken die Halle des Königs; daneben bezeichneten Stäbe im Boden die Stellen, wo die Wohnung der Mannen, der Stall für Rosse und Rinder und die Vorratsräume erbaut werden sollten. Damit aber dem König in der Bauzeit das Gemach nicht fehle, war ihm in dem Wipfel der höchsten Eiche ein Baumhaus errichtet. Zwischen die starken Äste hatten die Knaben waagerechte Balken gefügt, darüber Dielen genagelt, die inneren Eichenzweige abgehauen oder nach außen gezogen, den freien Raum im Laube mit Bohlen so umschlagen, daß zwei Stockwerke übereinander im [114] Wipfel standen. Am Stamm lief die schmale Treppe hinauf, jedes der beiden Gemächer war nach unten durch eine Falltür geschlossen.

Freudig sah Ingo auf die getane Arbeit. Noch freudiger führte ihn der alte Werkmeister von Stelle zu Stelle. »Vogelfrei kamen wir in dies Land«, sprach er lachend, »unter den Vögeln soll mein König hausen, bis Herdsitz und Halle bereitet ist. Und sieh, dort unten am Bach der Schicksalsfrau richten die Knaben der Thüringe bereits die Wagenburg an der Stätte, wo sie ihr Dorf bauen werden. Zu ihnen stellte ich deinen Kämmerer Wolf, denn kundig ist er ihres Landbrauchs. Sieh weiter hinab in den Grund, dort ist ein wonniges Land für Rinderherden, und aus dem Walde dahinter schreit der Hirsch und brüllt der wilde Ochs. In der Ferne aber nach Süden, wo der Idisbach in den Main rinnt, schaust du die grauen Wälder der Burgunden und die Hügel, auf denen sie sich ihre Grenzburgen geschichtet haben.«

»Das Bauer ist gezimmert«, antwortete Ingo, dem Treuen die Hand reichend, »aber die Waldsängerin, die ich darin bergen will, klagt jenseit der Berge. Das Größte ist noch zurück. Freudenlos fahre ich umher, und die Angst um das Schicksal der anderen drückt mir den Atem.«

»Nimm dazu meine Botschaft. Dies sandte Beros Tochter aus dem Herrenhofe«, antwortete Berthar und zog eine Schnur gereihter Haselnüsse hervor. »Merke, mein König, sinnvoll hat das Mädchen dir die Frist gesteckt. Die erste Frucht, halb weiß, halb schwarz, meint die Zeit der Nachtgleiche, jede andere einen folgenden Tag, auf jede siebente ist das Bild des wechselnden Mondes geritzt, die letzte Nuß ist schwarz, und eine Eisennadel steckt darin, diese bedeutet, wie ich verstehe, den Tag, welcher zur Vermählung bestimmt ist. Jetzt zähle, Herr. Kurz ist die Frist, die dir bleibt; zum letztenmal hat der Mond gewechselt.«

Da rief Ingo: »Wähle mir, Vater, die Blutgenossen für verwegene Tat und rüste nach dem Brauch unserer Heimat die Männer und Rosse für den Vandalenritt in der Schwärze. Du aber flehe mit uns zu den Nachtgeistern um Sturm und Finsternis.«

Über den Waldlauben zogen die schwarzen Wolken dahin, die Schatten dehnten sich und glitten wieder zusammen, bald fuhr es beim Mond vorüber wie Manneshaupt, bald wie goldschimmernder Fuß eines Rosses. Von den Bergeshäuptern wälzte sich dichter Nebel herab, bleigrau wand er sich um die Höhen, floß in die Täler und hüllte in gräulichen Dämmer, was auf der Erde ragte, Fels und Laub und den schreitenden Mann. Der Wind heulte über die Berge langhallenden Klageruf und schüttelte die Wipfel der Bäume, daß sie ihre Äste tief gegen das Tal neigten; hier und dort dröhnte es im Walde von schwerem Fall, alte Urstämme, vom Moder gehöhlt, brachen zusammen, Baum stürzte auf Baum und riß die belasteten, [115] welche unter ihm krachten, tief hinunter in das enge Tal. Schreiend fuhr das Volk der Raben auseinander und wirbelte abwärts in die Kluft, wo die gescheuchten mit Schnabel und Fängen sich festklammerten. Unten aber rauschte zornig die Schaumflut des Baches, sie schwoll gegen die Baumsperre und hob sich von Fels zu Fels, in tollem Wirbel kreisten darin die Äste und Stämme, und der Wasserschwall schlug an die Berge.

Über das Waldgebirge breitete sich ein fahler Lichtschein, vielleicht kam er aus dem Boden, vielleicht aus den Wolken des Himmels, undeutlich sah man die Berge über die schwarze Nacht der Talgründe ragen. Plötzlich flammte ein Blitzstrahl. Und wilder als Brausen des Waldes und Gekrach der Bäume klang der Herrenruf des Donnergottes.

Ingo stand hoch über dem Gießbach, mit der Faust hielt er sich fest an einer Wurzel, die seitwärts aus dem Boden ragte, und ehrfurchtsvoll neigte er sein Haupt zu Strahl und Donnerton. »Unter den Nachtgöttern, die ich mir zur Hilfe beschwor, nahst auch du«, murmelte er, »starker Gebieter, was kündet dem flehenden Mann die Himmelsflamme, in der du daherfährst? Mahnst du mich hinweg von der Menschenerde in die Lichthallen, und soll ich zerbrechen wie die Waldwipfel im Sturme, oder willst du mir vergönnen, daß ich der Frucht gleich, die von deinem Baume fällt, festhafte in den Tälern, wo Menschen wohnen? Hast du ein Zeichen für mich, so laß mich vernehmen, ob die Tat, die ich wagen will, mir zum Heile gelingt.« Da fuhr ein Feuerstrahl aus der Wolke in den Felsen unter ihm, und aus dem Fels flammte blaues Licht dem Blitzschlag entgegen, der Donner krachte, das Felshaupt löste sich und sank in Sprüngen hinab von der Höhe in das Tal, immer wilder die Sätze und schneller der Sprung, es brach durch den Wald und splitterte den Stein, bis es in den Gießbach schlug, daß der Gischt hoch gegen den Himmel sprühte. Aber dem Schlag und Getöse folgte Stille, und aus der Ferne klang mahnend ein Nachtruf von Männerstimmen. Da rief Ingo in wilder Freude: »Die Hochzeitsknaben höre ich, sie laden zum Brautlauf; segne unser Werk, großer Gebieter«, und die Waffe schwingend, sprang er durch Wetterwolken und schwarze Nacht dem Tale zu.

Der Mond war hinter den Bergen geschwunden, schwarze Nacht deckte die Waldlauben, mit Getöse fuhren die Sturmriesen um die Häuser des Herrenhofes, sie schlugen den eisigen Regen auf die Dächer, schleuderten die Bretter vom First der Halle und stießen brüllend gegen die geschlossenen Tore. Wer von den Männern im Toben der Nachtgewalten erwachte, der barg scheu das Haupt in seinem Pfühl, selbst die Hofhunde lagen winselnd in den Hütten und unter der Treppe. Im Gemach der Jungfrau flackerte das Licht der Lampe in der scharfen Zugluft, die durch Tür und Wände drang. Irmgard [116] saß an ihrem Lager, vor ihr kniete auf dem Boden Frida, hielt mit ihren Armen den Leib der Gespielin umfaßt und horchte ängstlich auf das Geheul der Nachtgeister.

»Die Windsbraut fährt dahin über die Höfe«, klagte Irmgard, »gejagt von den Riesen; wer es wagt, sein Messer in den Wirbel zu werfen, der verwundet, so sagen sie, das flüchtige Weib. Auch mich hat der Vater mit dem Messer bedroht, weil ich auf meinen Knien flehte, mir morgen das Gelübde an den argen Mann zu erlassen. Dahinfahren will ich wie die Riesenbraut, bevor ich dem Verhaßten die heiligen Worte sage.«

»Sprich nicht so furchtbar«, bat Frida, »daß nicht die Übermenschlichen draußen es hören und dich an deine Rede mahnen.« Und wieder hob sie ihr Haupt und lauschte.

»Nicht lange währte die Seligkeit, die mir die Götter sandten, als er in den Hof trat«, begann Irmgard wieder. »Damals war ich sorglos, als die Nachtsängerin mir Gutes sang und die schwarzen Beeren am Fruchtbaum hingen, stolz meinte ich im Federkleid über die Männererde zu schweben, wenn er zu mir sprach. Jetzt starre ich allein in die Finsternis. Hassen muß ich mich«, fuhr sie auf, »daß ich über die eigene Not klage. Ingo, Geliebter, bitter ist die Sorge, die ich um mich selbst fühle, aber größer das Leid um dein Geschick, denn du bist dahingeschwunden im Nachtwind, keiner bringt mir Kunde von dir, und ich weiß nicht, denkst du mein oder hast du mich vergessen, atmest du noch in der Fremde, bedrängt wie ich, oder soll ich dir den Purpur tragen unter die Erdscholle.« Sie sprang auf und rief: »An meinem Herzen berge ich dein Geheimnis, gebunden bin ich an dein Leben, und leben muß ich, bis ich weiß, wo das Haupt meines Königs ruht. Sieh zu, ob der Morgen naht, vor dem ich bebe«, rief sie der Gespielin zu. Frida sprang an die Fensteröffnung und schob einen Zipfel der Decke zurück, gellend brach ein Windstoß herein, warf einen Strahl Himmelswasser in das Gemach und traf die Wange der Frauen mit kalten Schlägen. »Keinen grauen Schein sehe ich am Himmel, und keinen Klang höre ich als das Stöhnen in der Luft«, versetzte Frida und verschloß wieder die Öffnung mit Laden und Decke.

»Sei bedankt«, sprach Irmgard, »jetzt ist noch Zeit, fröhlich zu sein. Wenn aber der Morgen kommt, dann werden sich die Hochzeitsgäste sammeln, im Festkleid nahen sie, und der Ring wird geschlossen, sie ziehen das Weib hinein, sie sprechen ihr die Worte vor und höhnen sie durch die Frage, ob sie geloben will. Nein«, schrie sie. »Dann sehe ich erschreckte Gesichter und zornrot eines. Er faßt nach dem Messer. Stoß zu!« Und das Antlitz in den Händen bergend, klagte sie: »Armer Vater, auch dir wird es traurig sein, dein Kind zu verlieren. Denn auf einsamem Pfade fahre ich dahin, über leere Heide gleite ich, durch Eisströme wate ich, still ist der Weg, [117] und kalt ist die Nacht zum Tor der Todesgöttin, und um mich herum regen sich lautlos die schwarzen Schatten.«

Die Haustür erdröhnte und sprang auf, eine Schattengestalt drang herein, eine zweite, ein ganzer Hauf, riesig die Leiber, schwarz die Häupter und schwarz das Gewand. Entsetzen faßte die Frauen, als sie das Nachtgreuel sahen. Aber aus dem Ring der schweigenden und gleitenden Unholde sprang einer heran. Nur ein Laut, ob ein Schrei, ob ein Seufzer, kam von Irmgards Lippen, dann sank eine dunkle Kappe über ihr Haupt, mit Riesenstärke ward sie gefaßt und hinausgetragen in die Sturmnacht. Hinter ihr warf ein anderer der Nachtgesellen die Hülle über Fridas Haupt und wollte sie heben. Sie aber sträubte sich heftig, und obgleich ihr schauderte, rief sie doch: »Freiwillig will ich gehen auf eigenem Fuße auch unter Nachtgespenstern; hinter der Bärenkappe merke ich eine rötliche Locke, die ich kenne.« Im nächsten Augenblick war das Gemach leer, die Tür von außen geschlossen, durch eine große Lücke der Hofmauer, welche die Nachtgesellen gebrochen, sprangen sie ins Freie. Unter Sturm und Regen schnaubten wilde Rosse und fuhren Reiter dahin. Und wieder schrien die Geister des Sturmes gellenden Racheruf und schleuderten das Wolkenwasser gegen die Dächer des Hofes, aus dem das Herrenkind geschwunden war.

Als der nächste Tag sich neigte, schwieg der Sturm, und die Sonne färbte mit rotem Abendlicht die Eichen der Idisburg. Da sprengte aus dem finstern Walde, der hinter dem Holzring ragte, eine Schar Reiter dem Burgwall zu. Berthar, der selbst die Turmwache hielt, eilte an das Tor und rief, die Arme hebend, den Kommenden lauten Heilgruß entgegen. Die Rosse stoben in den Hof, zwei verhüllte Frauen wurden herabgehoben, Ingo löste die Kappe der ersten, und Irmgards bleiches Antlitz wurde vom Sonnenlicht bestrahlt. Die Vandalen warfen sich vor ihr auf die Knie, sie faßten ihre Hand und den Saum des Gewandes und riefen jubelnd Heil ihrer Königin. Berthar aber nahte der Regungslosen ehrfurchtsvoll, faßte ihre Hand und sprach: »Schließt den Ring, Blutgenossen, fleht, daß die hohen Götter den Bund der Könige segnen!« Und er tat die heilige Frage der Vermählung an Ingo, Ingberts Sohn, den König der Vandalen. Darauf wandte sich der Alte, der an Vaterstelle stand, zu der Jungfrau und tat dieselbe Frage. Da öffneten sich ihre Lippen zum erstenmal seit der Angstnacht, aber die bebenden Worte klangen: »Ja, ich will.« Und die Vandalenfrau barg ihr Angesicht an der Brust des Mannes, der ihr lieb war.

Unter den Eichen wurde das Brautmahl gerüstet, die Knaben trugen die Holztafeln und stellten sie auf Kreuzhölzer, die sie gefügt. Auch den Ehrensitz für den Wirt und die Wirtin hatten sie vorsorglich gezimmert und mit einer Armlehne erhöht. »Laß dir, edle Herrin, heut zum Willkommen, das wilde Mahl deiner Knaben [118] gefallen«, bat der Alte. »Holzschüsseln bieten wir dir statt Silber, und zu dem Trunke aus dem Quell und dem Met, den die Bauern gebraut, das Fleisch eines Ebers aus deinem Walde. Sei gnädig und hold deinem Volke.«

Und am Abend sprach Berthar vor der Eiche zu Ingo: »Wie lange ich lebe, oft war ich fröhlich in meinem Sinn, wenn ich auch nur ein schweifender Recke bin; aber fröhlicher als zuvor stehe ich heut vor meinem Herrn. Denn das Nest, das wir hier gebaut wie die Habichte über dem Felsen, das dünkt mich gute Arbeit für dich und eine andere. Und metselig will ich das Werk rühmen, die guten Bollwerke, die tiefen Gräben, die schaffenden Fäuste der Männer. Mehrerlei Menschenwerk habe ich geübt, und öfter habe ich zerschlagen als gebaut, aber als die trefflichste Arbeit lobe ich neben dem Sprunge in die Schlacht die Arbeit der Axt, welche auf herrenlosem Grunde ein Heimwesen schafft. Ruhe, mein König, auf bräutlichem Lager; zum erstenmal, seit du ein Knabe warst, schlummerst du als Herr auf eigenem Grunde und legst den Arm einem Ehegemahl um ihren Hals. Ruhe sorglos, denn deine Knaben wachen ehrfürchtig im Ringe um das grüne Brautgemach ihres Herrn. Selig war der Tag, selig sei die Nacht, und Heil bedeute eurem Leben der Einzug in den Hof.«

Am Quell

Einmal hatte der Sommer die Eichen auf der Idisburg in das grüne Laubkleid gehüllt, und einmal der Winter die Äste kahl gefegt, aber hell flammte durch das ganze Jahr das Herdfeuer des neuen Hofes unter den Bäumen. Jetzt war wieder Sommer und gute Zeit; in langer Reihe zogen die kleinen Lichtwolken am Himmel und unten um den Fuß der Laubhügel in langer Reihe gemächlich die Schafe und Rinder. Zwischen den Eichen erhob sich jetzt ein mächtiger Holzbau, der Herrensaal. Wer die Stufen hinaufstieg, trat durch das Tor in die weite Halle, er sah hinten den heiligen Herd, über sich das Balkendach, an den Seiten die erhöhte Bühne, dahinter die Eingänge zu den Kammern des Herrn und der Hausfrau. In dem Hofraum davor standen, vom Bollwerk überragt, das niedrige Schlafhaus der Mannen, die Ställe und Vorratsräume.

Unter der Eiche, welche das Laubhaus trug, saß Irmgard und blickte selig vor sich nieder, denn auf dem Boden lag ihr kleiner Sohn im Lindenschild seines Vaters, und Frida schaukelte ihn. Der Kleine griff mit den Händchen nach einer Biene, die vor ihm summte. »Weiche abwärts, Honigträgerin«, scheuchte Irmgard, »und tue dem kleinen Helden kein Leid, er weiß ja noch nicht, daß du eine Waffe unter dem Pelzrock birgst. Fliege zu deinen Gespielinnen und sei fleißig, den süßen Seim zu kochen, damit mein Held im Winter an [119] deiner Arbeit seine Freude habe. Denn ein junger Burgherr ist er, und wir heben für ihn den Zehnten von allem Guten, das im wilden Walde gedeiht. Sieh, Frida, wie er die Faust ballt, und wie wild er vor sich blickt, er wird einst ein Krieger, den die Männer fürchten. Dort bringt ihm auch der Vater seine Jagdbeute«, rief sie freudig, hob den Kleinen aus dem Schilde und hielt ihn in die Höhe, als Ingo herzutrat mit Hornbogen und Jagdspeer, einen erlegten Rehbock auf der Schulter. Der Häuptling beugte sich über den Sohn und strich seinem Weibe grüßend das Lockenhaar, dann legte er das Wild am Baume nieder. »Der Schnellfuß hier kreuzte meinen Weg, als ich über die Berge nach der Burgundenmark schritt. Sie ist nahe genug, und man erreicht sie ohne viel Roßsprünge«, setzte er lachend hinzu. »Einem der Marvinge wurden in der Nacht zwei Rinder aus dem Waldgehege geraubt, wir folgten der Spur, sie führte über die Grenze, und unsere Boten gehen südwärts, den Raub einzufordern. Doch sorge ich, es ist vergeblich, denn ungerecht sind die Grenzleute drüben, und wir vermögen nicht anders zu unserer Habe zu kommen, als daß auch wir auf ihrem Grunde in die Herden fallen. Üble Heldenarbeit ist solcher Nachtwandel eines Katers, und der Häuptling darf's nicht weigern.«

»Dafür lachen dir die Landgenossen grüßend zu, und auch dein Weib freut sich der Ehre, die sie ihr erweisen«, tröstete Irmgard.

»Ein gutes Weib habe ich, das um meinetwillen froh ist«, versetzte Ingo. »Dennoch fürchte ich, daß sie nur selten noch einen Sänger hört, der die Taten ihres Hauswirts rühmt. Heute nacht träumte mir, daß die Waffen über unserem Lager klangen, und als ich auffuhr, sah ich, wie mein Schwert in der Scheide hüpfte. Weißt du, was der Traum bedeutet, du Zeichenkundige?«

»Daß mein König sich nach Ausfahrt sehnt«, versetzte Irmgard ernsthaft, »hinweg von der Mutter und dem Kinde. Eng ist der Hof und verborgen dein Hausen im Walde. Wohl sehe ich zuweilen die Wolke auf deiner Stirn und höre Kampfesworte von den Lippen des Schlafenden, wenn ich mich über dich beuge.«

»Das ist Mannesart, wie du weißt«, versetzte Ingo, »daheim auf dem Lager die Schwertreise zu ersehnen, und wieder nach dem Kampfe die Heimkehr an den Hals der Gemahlin. Wohl möglich, daß der Gesang meines Schwertes uns einen Strauß mit den Burgunden wahrsagt, denn ärgerlich sind die Händel, und Gundomars Gesinnung wird kalt. Sieh dorthin, auch der Alte ist in einen Zimmermann gewandelt«, er wies auf Berthar, der mit Axt und großer Ledertasche über den Hof schritt.

»An der Zugbrücke ist ein Schaden zu heilen«, erklärte der Held und trat grüßend näher, »und der Hände sind wenige. Deine Knaben, König, rüsten mit den Landleuten fröhlich das Nachtfest der Sommermitte und bereiten die Holzstöße zu Bergfeuern.«

[120] »Du aber wachst für uns alle«, sprach Irmgard.

»Vorsicht ziemt dem Wächter, welcher einen Schatz behütet«, versetzte Berthar und neigte sich gegen Irmgard, und bedeutsam fuhr er fort: »Gegen Norden ragt das Giebeldach dieses Saales, und in den Bergen sammeln sich die argen Wetter. Nordwärts sehe ich oft, wenn auch der Tag sonnenwarm ist wie heut. Verzeihe, Herrin, daß ich stille Sorge erwecke. Solange mein alter Gesell Isanbart atmete, hemmte er wohlgesinnt die Rachegedanken jenseit der Berge, denn Herr Answald beachtete seine Worte. Seit sie aber den Hügel über ihn schütteten, haben die Feinde allein das Ohr des Häuptlings. Nicht das Volksgeschrei fürchte ich noch, wohl aber heimliche Rachefahrt über den Wald. Ungern sehe ich, wenn die Herrin allein in die Täler wandelt.«

»Soll ich als eine Gefangene leben, Vater?« fragte Irmgard traurig.

»Nur die nächste Zeit laß dir unsere Sorge gefallen. Manche Wunde vernarbt, ist doch auch die des Theodulf geheilt, und er schreitet, wie sie sagen, jetzt am Hofe des Königs einher.«

Vom Bollwerk klang laute Rede, der Wächter auf dem Holzgerüst blies in das Horn und hing an den Ruf lustige Töne, die gar nicht dazugehörten. Irmgard lachte. »Es ist ein Freund«, sprach Ingo, »der Wächter will ihm eine Ehre tun.« »Volkmar«, schrie Irmgard und eilte dem Sänger entgegen, der eilig in den Hof trat. Aber sie hielt an, als sie in das feierliche Gesicht des Wanderers blickte. »Aus der Heimat kommst du, doch ich erkenne, einen Freundesgruß bringst du nicht.«

»Von der Königsburg komme ich«, begann Volkmar, und in seinem Antlitz zuckte die Bewegung, als er sich vor der Herrin und dem Häuptling verneigte, »nur kurz war meine Rast in den Waldlauben. Herr Answald ließ satteln, um nach der Königsburg zu reiten, die Fürstin saß unter den Mägden, still war es im Hofe, niemand fragte, wohin ich ging.« Irmgard wandte sich ab, aber im nächsten Augenblick faßte sie die Hand des Gemahls und sah liebevoll zu ihm auf.

»Als Bote des Königs kommst du«, begann Ingo, »ich hoffe, wohlmeinende Sendung trug er dir auf.«

»Verstummt sind die Lippen des Königs«, versetzte Volkmar, »geendet ist seine Sorge um Königsstuhl und Schatz, tot fand man ihn auf seinem Lager, nachdem er am Abend vorher lustig unter seinen Mannen gezecht hatte. Der Holzstoß wurde ihm gerichtet, und die Flammen loderten um seine Leibeshülle.« Tiefes Schweigen folgte seinen Worten.

»Ein machtvoller Herr war er und ein beherzter Kriegsmann, ein besseres Ende habe ich ihm gewünscht als unter seinen trunkenen Leibwächtern«, begann erschüttert Ingo. »Wie er auch gegen andere gehandelt hat in mürrischem Argwohn, mir war er ein Gehilfe zu [121] meinem Glück, und durch ein ganzes Jahr hat er den Andrang meiner Feinde gehemmt.«

»Den Schlüssel zur Schatzkammer bewahrt jetzt die Königin für ihren Sohn«, fuhr der Sänger fort, »sie herrscht gewaltig in der Königsburg und sendet ihre Mannen in das Land. Um die Wette reiten die Edlen, an ihrem Hofe Huld zu gewinnen; schwerlich wagt jemand ihrer Herrschaft zu trotzen. Schon meint mancher, daß die Faust des toten Königs weniger gedrückt habe als die weißen Finger der Frau Gisela. Das kündige ich dir, Fürst, von niemandem gesandt, du erwäge, ob es dir Unheil bedeute.«

»Mit gleichem Ernst berichtest du Trauriges und Frohes«, antwortete Ingo lächelnd. »War der König mir nicht schädlich, die Königin kenne ich als gütig und edelgesinnt. Jetzt erst darf ich mit leichtem Mute mich meines Glückes rühmen, soweit es an dem Willen der Nachbarn hängt.«

»Unsicher ist die Gunst einer herrischen Frau«, sprach der Sänger.

»Ein treuer Grenzwart war ich dem toten König, warum sollte ich seinem Sohne weniger sein? Und solange Frau Gisela den Thüringen gebietet, erwarte ich Gutes von dort. Du sprachst die Königin?«

»Feindlich stach der Blick der Königin, als sie mich in dem Haufen sah. ›Denkst du jemals wieder in meinem Hofe den Mägden deine Reigen zu spielen‹, rief sie mir zu, ›so meide die Bergfahrt. Wenn die Elster über die Wälder fliegt, rauft ihr der Habicht die Federn. Vielschwatzender Bote warst du dereinst, sorge um deine Zunge.‹ So winkte sie mir Entfernung, ich aber eilte flüchtig durch die Wälder hierher, mich trieb die Sorge um dich und die Herrin.«

»War die Sorge auch eitel, dennoch sei bedankt für deine Treue. Dir hat ein Verleumder die Königin verfeindet. Wie sie mir gesinnt ist, habe ich in schwerer Stunde erfahren, bewährt ist die Freundschaft und gemeinsam der Quell unseres Blutes. Denn uns beiden walten die hohen Ahnen im Göttersaal, als zwei Kinder eines Geschlechts stehen wir unter Fremden auf den beiden Seiten der Berge, ich der Mann, und sie das Weib.«

»Doch nicht dein Weib, Herr«, warf Berthar ein.

Ingo lachte. »Gleichwohl ist sie ein Weib, und übel stünde uns Männern, die Laune einer Frau zu fürchten.«

»Noch übler, ihrer Freundschaft zu vertrauen«, mahnte der Alte. »Als die Bärin klein war, leckte sie die Hand des Mannes, den sie später im Nacken packte.«

»Gar zu hartnäckig ist dein Mißtrauen«, schalt Ingo gutherzig. »Aber ich will die Klugheit üben, die du rätst. Wir reiten selbst in die Dörfer und laden die Alten zum Rat, ob wir eine Botschaft senden an die neue Königin und vorsichtig auf Rüstung denken. Ist die Arbeit unnütz, so lachen wir später der Sorge. Du, Volkmar, weile [122] als Gast bei uns, bis du erkennst, daß Frau Gisela dir wieder hold wird; du weißt selbst, wie lieb uns deine Nähe ist.«

»Verzeih, Herr«, antwortete der Sänger ernsthaft, »wenn ich meine Fahrt nicht hemme, schneller als Sprung des Hirsches und Flug des Falken eilt der Zorn dieses Weibes. Völlig hat sie vergessen, daß sie ehedem meine Botenfahrt vor dem toten König rühmte. Meinst du, vor ihr sicher zu sein, mir hoffe ich's nicht.«

»Wer darf dem wanderlustigen Sänger den Fuß hemmen? Mußt du scheiden, so laß dir's doch gefallen, bei der Herrin am Herde auszuruhen, und kehre bald wieder unter unsere Eichen.«

»Ich werde die Stätte wieder aufsuchen, wo die Eichen stehen«, versetzte der Sänger, sich über die gebotene Hand des Häuptlings neigend.

Ingo schritt mit Berthar zu den Rossen. Irmgard sah ihm nach. »Vieler Geheimnisse bist du kundig, Volkmar«, sprach sie leise, »aber du vermagst der angstvollen Frau doch nicht alle Gedanken zu deuten, welche durch das Haupt ihres Gemahls ziehen.«

»Die Gedanken schwirren im Haupt wie Schwalben im Hausdach, sie fliegen aus und ein«, tröstete der Sänger, »du aber gleichst dem Herdfeuer im Hause, welches Frieden gibt und froh macht; sorge nicht um die schwärmenden Schatten. Doch auch dir, Herrin, nahe ich als verschwiegener Bote. Da ich aus den Waldlauben schied, trat Frau Gudrun mit mir zu dem Gehege, worin sie das Hofgeflügel verwahrt. Sie wies auf ein Storchweibchen und sprach: ›Der Vogel entflog im Sommer dem Hofe, aber vor dem Winter kam er zurück und brachte sein Junges mit, jetzt füttern wir beide. Eine, die du kennst, schwand von hier, weil sie die Schwungfedern eines Wanderschwans erfaßt hatte, trage ihr jetzt ein anderes Reisezeichen zu.‹« Und der Sänger bot ihr das Zeichen, die Flügelfeder eines Storches und die Kielfeder eines jungen Vogels mit einem Faden zusammengebunden. Irmgard hielt den Gruß ihrer Mutter in der Hand und ihre Tränen fielen darauf: »Frau Adebar, die Störchin, flog zum Hofe zurück, weil ihr ein Raubvogel den Wirt ihres Nestes zerkrallt hatte. Mir aber gebietet mein Herz, den wilden Falken zu widerstehen, welche gegen meinen Hausherrn die Flügel schwingen. Komm, Volkmar, daß ich dir mein armes Storchkind zeige, das jauchzend die kleinen Hände ballt, wenn sein Vater sich über sein Antlitz neigt.«

Am Nachmittag war es still auf der Ringburg. Der Sänger war geschieden, Ingo eilte mit den Hofgenossen durch die Täler, Frau Irmgard stand an dem Quell, der unweit des Hauses unter einem Felsen hervorrieselte. Dort hatten die Männer der Herrin einen schönen Steintrog gemeißelt, in dem sich das Wasser sammelte. Warm schien die Sonne, lustig plätscherte das kühle Wasser und floß aus dem Steintroge talab; über die Felswand hingen von oben die Äste [123] eines Eschenbaumes als ein schirmendes Dach, und um den Quell standen Weiden und bargen mit ihrem grauen Blättergewand die Stelle vor fremden Augen.

Irmgard hielt den kleinen Sohn über den heiligen Quell. »Liebe Herrin des rinnenden Wassers«, flehte sie, »sei hold meinem Kinde, daß seine Glieder stark werden und sein Leib wohlgestaltet wie der meines Herrn.« Sie badete den Knaben, welcher ungeduldig schrie und mit den Beinchen um sich schlug, sie rieb ihm den kleinen Leib mit dem Linnentuch, hüllte ihn warm ein, legte ihn auf das Moos und sprach ihm kosend zu, bis sein Schreien endete und er die Mutter wieder anlachte. Dann erhob sie sich und legte ihr Obergewand ab, daß sie ungegürtet im Unterkleide stand, sie spülte am Wasser den Saum des durchnäßten Gewandes rein und breitete es aus, wo die Sonnenstrahlen auf den Rasenweg fielen. »Einst hatte ich Dienerinnen, welche sich zu meinem Dienst aufschürzten, und selten rührten meine Hände an Herd und Trog, jetzt hause ich mit Frida und den Mahlmägden allein in der Wildnis, und rauh wird die Hand, ich fürchte, daß das meinen Herrn kränkt. Wäre meine Hand weich wie einst, ihm würde manches Behagen fehlen. Wie könnte er leben ohne meine Hilfe an der wilden Mark?« Sie sah auf ihr Bild, welches in dem bewegten Wasser hin und her fuhr, und löste das Band ihrer Haare. Die langen Ringellocken sanken herab und tauchten mit den Spitzen in das Wasser, sie aber starrte in die Flut und sprach leise: »So gefiel ich ihm einst; wissen möchte ich, ob er noch so denkt wie damals, wo er mich im Morgenlicht küßte? Oder hat mich der stille Gram gewandelt um den Zorn des Vaters und die Trauer der Mutter? Ich berge doch meine Seufzer dem Könige und winde die Hände nur in der Einsamkeit. Ihm aber kränkt die einsame Ruhe den stolzen Mut, und er sehnt sich hinaus zu ruhmvollem Heldenwerk, denn hoch fährt sein Sinn, und er ist sein Lebelang gewöhnt, den Adlern die Walstatt zu bereiten. Jetzt birgt er sein Haupt unter dem Holzdach um meinetwillen.«

So senkte sie das Haupt über den Steinrand in schweren Gedanken. Der Türmer rief und von Tritten klang der Stein, ohne daß sie darauf achtete. Da schnaubte neben ihr ein Roß und eine tiefe Frauenstimme rief: »Was kauert das Weib am Brunnenrand, so gierig ihr eigenes Antlitz zu beschauen, daß ihr Auge und Ohr verblendet sind.«

Irmgard fuhr auf. Vor ihr hielt hoch zu Roß eine mächtige Frau, von dem gelben Haar hing ein Schleier herab, über die Schultern und des Rosses Rücken ein Purpurmantel, von Goldmetall blitzte die Rüstung des Rosses, und sein Huf stampfte auf dem Linnengewand, das Irmgard ausgebreitet hatte. Und hinter der Fremden sah sie das bleiche Antlitz Sintrams. Die heiße Röte stieg ihr in das Antlitz, sie wußte, wer die Fremde war, vor der sie ohne Gürtel [124] mit entblößtem Bein stand. Aber aus ihrem Auge flammte der Zorn wie aus dem der Königin. So prüften einander die Frauen schweigend mit feindlichen Blicken, dann schlug Irmgard ihre Haare wie einen Schleier über die Brust und tauchte neben dem Brunnen nieder in das Moos, damit sie die nackten Beine berge. Sie nahm ihr Kind in den Schoß und hielt es vor sich. »Ist das Weib stumm, das sich auf den Boden duckt?« rief die Königin ihrem Begleiter zurück. »Es ist Frau Irmgard selbst, Herrin«, antwortete Sintram. »Die Königin ruft dich, Base Irmgard.«

Irmgard blieb unbeweglich sitzen, aber sie rief befehlend: »Wende dein Antlitz ab, Sintram, nicht ziemt es dir, die Augen auf mich zu richten, während das Roß deiner Königin über meinem Gewande stapft.«

»Hast du so gut gelernt, was dem Weibe geziemt im Hofe deines Vaters, aus dem du entwichen bist als Dirne eines fremden Mannes?«

»Unwahr schmähst du, wenn du gleich eine Königin bist«, rief ihr Irmgard zornig entgegen, »treu lebe ich meinem verlobten Gemahl. Siehe zu, Neidvolle, ob du gleicher Ehre dich rühmen darfst.«

Drohend hob die Königin den Arm, da klangen Stimmen auf der Höhe. »Hierher, Ingo«, rief Irmgard außer sich, »hilf deinem Weibe!« Den steilen Fußpfad an ihrer Seite sprang Ingo herab, erstaunt sah er sein Weib am Boden und vor ihr hoch zu Rosse die zornige Königin mit ihrem Begleiter. Er schritt bei seinem Weibe vorüber und beugte huldigend Haupt und Knie vor Frau Gisela. »Heil der großen Herrin der Thüringe«, rief er fröhlich, »in Ehrfurcht grüße ich dein edles Haupt, schenke deine Huld dem Hause des treuen Vetters.« Das Antlitz der Königin wandelte sich, da sie den Helden so froh in ehrerbietiger Haltung vor sich sah, und sie sprach gütig: »Heil sei auch dir, mein Vetter.«

»Übt niemand der Königin den Hofbrauch, daß er ihr vom Rosse helfe?« rief Ingo und bot der Königin den Fuß und den Arm, damit sie sich herabschwinge. Frau Gisela faßte mit der Hand in sein lockiges Haar, sich daran zu halten, und ließ sich an seinem Fuße herab.

»Verzeih, Base Gisela«, fuhr Ingo fort, als die Königin vor ihm auf dem Boden stand, »ungebührlich ist es, daß meine Hausfrau vor den Augen der Königin und eines fremden Mannes entblößt sitze, leihe ihr huldvoll den Mantel, damit sie sich geziemend entferne«, und behend faßte er ihren Mantel, da, wo ihn die Spange festhielt, und zog ihn von den Schultern. Die Königin erblich und trat zurück, Ingo aber schlug den Mantel um den Leib seiner Frau und befahl, sie erhebend und auf den Weg weisend: »Verlaß uns.«

Irmgard hüllte sich und den Knaben in das weite Gewand und schritt den Fußpfad hinauf. Ingo aber wandte sich wieder zur Königin, er sah, wie diese nach Fassung rang, und daß Sintram vom [125] Rosse gesprungen war und mit gezogenem Schwert herankam. Aber die Königin winkte, und Sintram trat gehorsam zurück.

»Dreist war die Hand, welche der Königin den Mantel nahm, aber dem Manne geziemt, die Ehre seines Hauses zu wahren; du, Ingo, hast mutig gebessert, was wir im Eifer versahen, und ich zürne dir darum nicht.« Sie winkte ihrem Begleiter zum zweitenmal, Sintram wich mit den Rossen weiter abwärts, Ingo stand der Herrin allein gegenüber. »So ist es gekommen, wie ich begehrte«, begann Frau Gisela, »du bist vor meinen Augen, Ingo, wie einst, wo ich dich auf den Stufen der Halle empfing, und wie damals nahe ich dir gutgesinnt.« Und ernster fuhr sie fort: »Du hast Feinde in meinem Lande, welche dir Unheil sinnen, und laut schallt ihr Racheschrei in der Königsburg; auch meine Heimatgenossen, die Burgunden, erheben, wie ich höre, Klage gegen dein raubendes Volk.«

»Du kennst den Brauch an den Landmarken, Königin, für den Schaden, den meine Leute durch die Fremden erfuhren, setzten sie sich selbst das Maß der Rache. Doch wurde durch meine Genossen ein Thüring gekränkt, so waren wir eilig, dem Geschädigten Sühne zu leisten; laß auch du, Königin, dir den Frieden gefallen, den Ingo und seine Markleute von deiner Macht ersehnen.«

»Der Held, den ich einst kannte, hatte höheren Stolz, als Kühe der Burgunden in seine Ringburg zu treiben«, spottete die Königin.

»Der Mann, welcher unstet über die Erde schweift, zimmert gern ein Dach, unter dem er als Wirt gebietet«, versetzte Ingo.

»Unsicher nenne ich das Hausdach«, versetzte die Königin, »aus welchem die Hauswirtin durch Volksgeschrei gefordert wird. Der Vater und der Bräutigam, denen du das Weib geraubt, fordern den Heereszug gegen dich, der junge König bedarf die Hilfe seiner Edlen, er kann nicht weigern, die Geraubte von dir zurückzufordern, und nahe ist, wie ich fürchte, dir das Verderben, denn mühsam hielt der Königswille bis jetzt die zornigen Männer zurück.«

»Was du drohst, Königin, zwingt mich, noch fester in meinem Hofe zu stehen, ist Kriegstat nahe, mir ist sie willkommen, rostig wird das Schwert, das am Herde hängt.«

»Törichter Mann«, rief die Königin nähertretend, »ganz ahnungslos lebst du im Walde, während von allen Seiten die Jäger gegen dich ziehen. Der Cäsar begann neue Kriegsfahrt gegen die Alemannen, auch dich sucht seine Rache; den Burgunden hat er Bündnis geboten, und Gundomar hat sein Volksheer geladen.«

»Den Cäsar nennst du«, rief Ingo. »Dank für die gute Botschaft, Königin! Darum klang mein Schwert, und dort naht der Kämpfer, den ich mir bei Tag und Nacht ersehne.« Seine Augen leuchteten und seine Hand fuhr nach der Waffe.

»Gut sprichst du, Held«, rief Gisela, selbst ergriffen von seiner Glut, »verlorene Mühe wäre es, dich durch Gefahren zu schrecken.

[126] Die Warnung trage ich zu, denn ruhmvollere Genossenschaft weiß ich für dich, als unter den Bauern des Waldes und der Mark. Ingo, mein Vetter, du bist es, dem ich lieber als einem anderen Mann den jungen König und mich selbst anvertraue; einen Helden begehre ich, der dem Volksheer vorschreitet in der Schlacht, und der meinen Sohn lehrt, wie man Ruhm gewinnt. Zu solcher Hoheit habe ich dich erkoren, und dich für die Königsburg zu werben bin ich hier.«

Ingo stand überrascht, heftig wirbelten ihm die Gedanken durch das Haupt. Vor sich sah er das schöne Weib in der Königskrone, die Hand hielt sie ihm entgegen, was die Sehnsucht und Glück des stolzesten Helden war, das trug sie ihm bittend zu.

»Du warst ein Knabe«, fuhr Frau Gisela in tiefer Bewegung fort, »da legten die Väter meine Hand in die deine, du wurdest ein Held, gerühmt von den Völkern, und ich ein unzufriedenes Weib in der Königsburg, da strichst du wieder mit deinem Finger schmeichelnd über meine Hand. Was dich von der Königin trennte, ist seitdem auf dem Scheiterhaufen dahingelodert. Jetzt komme ich und lade mir den erlauchtesten aller Helden in diesen Ländern. Beide flehen wir zu demselben hohen Gott, die Enkel zum Ahnen, denn aus dem Geschlecht der Götter stammen wir beide, noch dürfen wir das Haupt erheben über alles Volk der Menschenerde, du und ich, wir sind durch die Unsichtbaren selbst geweiht zu Herrschern des Volkes.« Als Ingo von den Lippen der anderen dieselben Worte vernahm, die er selbst gesprochen hatte, da sah er wie betäubt auf die Herrin, die, einer Göttin gleich, über sein Schicksal sann. – Von der Höhe rauschte es, der Mantel der Königin fiel herab, in der Ferne verklang das leise Wimmern eines Kindes.

»Dies ist der Schmuck, der geliebten Helden gebührt«, rief die Königin und rührte mit der Hand seine Schulter. Ingo hob das Haupt.

»Eine leise Stimme höre ich in meiner Not«, sagte er vor sich hin, »meinen kleinen Sohn höre ich über mich klagen, und wie ein Mann, der aus dem Traume erwacht, stehe ich vor der Königin. An eine bin ich gebunden, die mir teurer ist als mein Leben. Alles hat sie für mich verlassen, im Ringe der Blutgenossen habe ich ihr gelobt, daß ich um sie sorgen will wie ihr Vater, und mit ihr allein das Lager teilen als ihr echter Gemahl. Wie darf ich sie meiden und zur Königsburg ziehen?«

»Nicht weiter, Ingo«, rief Frau Gisela und ihr Antlitz flammte, »gedenke, daß du auch mir die Hand gereicht, denke jener Nacht, wo ich das Schwert des toten Königs gehalten. Damals, wo ich dir dein Leben bewahrte, haben die Unsichtbaren mein Schicksal an deines gebunden. Mir gehörst du an, mir allein, und teuren Preis habe ich für dich gezahlt.«

[127] »Hochherzig und als Heldin hast du dich mir erwiesen«, versetzte Ingo, »und dankbar bleibe ich dir, solange ich atme.«

»Pfui über den kalten Gruß«, rief die Königin außer sich, »und pfui über den Helden, der mit höflichen Worten dankbar ist, daß ein Weib sich für ihn mit dem Fluch der Todesgötter belastet. Verstehst du so wenig, was ich getan, da ich dem eigenen Eheherrn das Schwert band? Die bösen Gewalten habe ich heraufbeschworen gegen mein eigenes Leben, Argwohn und den lauernden Haß; Galle war seitdem mein Trank und der eines anderen, verdächtig jedes Wort und ruhelos jede Nacht. Ob ich noch ferner im Licht atmen würde, wenn der andere fortfuhr, mit seinen wilden Knaben zu zechen, das war meine Sorge, herznagende Sorge bei Tag und Nacht.«

»Hast du Todesnot ertragen um meinetwegen«, sprach Ingo bewegt, »so rufe mich, wenn dich Gefahr bedrängt, und willig werde ich mit meinem Blut zahlen, was ich von deiner Last zu tragen habe.«

Die Königin hörte kaum seine Worte, sie trat nahe zu ihm und flüsterte mit heiserer Stimme: »Bist du so willig, Trauter? Wohl möglich, daß der andere nicht gestorben wäre, hättest du nicht in jener Nacht in meinem Gemach gestanden.«

Der Held fuhr zurück, seine Wange erblich, aber kalt war sein Blick, als er antwortete: »Meinst du, Königin, daß du meinem Herzen lieber wurdest, wenn du um meinetwillen schwere Tat auf dein Leben nahmst?«

»Was starrst du mich an wie von Stein«, schrie Frau Gisela, sie faßte seinen Arm und schüttelte ihn: »Nicht dürfen wir zwei, du und ich, nebeneinander noch auf der Männererde dauern, wenn du mir nicht folgst.«

Zornig löste sich der Held von ihrer Hand. »Hast du durch heimliches Nachtwerk auch auf mein Haupt den Zorn der Rachegötter gesammelt: ich bin bereit, die Buße zu zahlen, aber frei von dir, nicht als Knecht an dein Leben gebunden.«

Die Königin sah scharf in sein Angesicht, langsam hob sich ihr Arm, und die Hand ballte sich drohend. »Geworfen sind die Stäbe, in welche die Schicksalsfrau deine und meine Zukunft ritzte. Du hast gewählt, Ingo, und das Zeichen, das du gefunden, bedeutet Not.« Sie wandte sich ab, krampfig hob sich der Leib, aber tränenlos blieb das Auge, und steinern war ihr Antlitz, als sie, auf die untergehende Sonne weisend, halblaut sagte: »Auf morgen.« Eilig schritt sie zu den Rossen. Ingo schleuderte den Königsmantel mit dem Fuße den Berg hinab und sprang auf dem Wege, den Irmgard gegangen, seinem Hofe zu.

[128]
Der Wetterschlag

Durch die enge Pforte, welche vom Quell in den Burghof führte, eilte Ingo zum Tor. Er fand das verschlossene mit seinen Mannen besetzt, auf dem Turmgerüst rief ihm Berthar entgegen: »Sieh abwärts, mein König, dort im Tale reitet die Frau mit ihren Gesellen der Landmark zu. So flüchtig stiebt keiner dahin, der sorglosen Mutes ist.«

»Sie schied im Zorn, Vater.«

Berthar erkannte in der umwölkten Miene des Häuptlings, was dieser nicht aussprach. »Scheucht der Hirt einen männlichen Wolf aus dem Pferch, so meidet der Gehetzte die Wiederkehr drei Tage lang, die hungrige Wölfin aber wagt in der nächsten Nacht neuen Einbruch. Hirt der Marvinge, wann erwartest du den Sprung gegen deine Hürden?«

»Zu morgen«, versetzte Ingo.

Der Alte nickte. »Nicht geheuer ist's dort im Norden. Auf der Warte, die wir an deiner Landesmark zimmerten, steht Radgais, er ist einer der Klügsten, und ich meine nicht, daß er schläft, denn er hat den Sänger Volkmar angerufen und weiß, daß der Löffel einer Königin den Thüringen neuen Brei einrührt. Dennoch stieg kein Rauch von seiner Höhe, hell ist der Tag, und klar die Luft, ich fürchte, Herr, nicht freiwillig schloß er die Augen.«

»Die Königin ritt auf Waldwegen, die Warte zu meiden«, versetzte Ingo. In dem Augenblick aber, wo er ausspähte, hob sich nordwärts am goldenen Abendhimmel ein weißer Dampf, höher stieg die Rauchsäule und färbte sich schwärzer.

»Wir verstehen die Warnung«, rief Berthar, »die Knaben der Königin brechen über die Grenze. Herzlich wünsche ich, daß ihnen der Wächter entrinnt.«

»Schaue auch nach Süden, Berthar, dort hebt sich gegen uns der alte Feind. Zum drittenmal wirbt der Cäsar um unseren Leib, diesmal fordert er von den Burgunden, daß sie uns austilgen. Die Königin drohte mit den Waffen ihres Bruders Gundomar.«

Wieder sah der Alte in das Angesicht des Häuptlings und merkte an der harten Miene, daß der andere an schweren Kampf dachte. Da zog er seinen Leibgurt fester und sprach mit wildem Lächeln: »Die Frist ist kurz, für zwei Könige den Hof zu schmücken. Doch behend sind deine Knaben, längst waren wir solcher Ehre gewärtig, und wer ungeladen in unserem Ringe schmausen will, der wird wohl selbst ein Schmaus für Rabe und Aar. Befiehl, mein König, deine Knaben sind bereit zu fechten.«

»Entzünde das Notfeuer«, gebot Ingo, »sende Späher nach der Südmark und warne in den Dörfern der altsässigen Bauern, daß sie ihr wehrloses Volk und die Herden in ihrem Waldringe bergen und uns von Bewaffneten senden, was sie vermögen.«

[129] Da rief Berthar mit mächtiger Stimme den Kriegsgesang der Vandalen über den Hof: »Wohlauf, ihr Schwanensöhne, in die Waffen, tragt das Eisenbecken und entzündet die Harzflamme; ruhmreicheren Tanz beginnt ihr heute nacht als brennende Klötze.«

Gleich darauf loderte von der Höhe ein mächtiges Feuer, und gewappnete Männer jagten zu Roß den Berg hinab.

Irmgard saß in dem hohen Brautgemach, das ihr einst die Vandalen zwischen dem Eichenlaub gezimmert hatten. In der Hand hielt sie das warnende Zeichen der Mutter. Sie starrte darüber hinweg in das Leere. Als sie unten im Burgringe den Schritt des Gemahls vernahm, wandte sie die Augen nach ihm, ob er zu ihr treten würde. Doch er sprach mit Berthar. Endlich stieg er herauf, und vor sie tretend, begann er: »Der Mantel der Königin flog nach der Tiefe, die Frau wich zornig von unseren Bergen.«

»Auf dem Felsen lag ich über dem Brunnen, die Angst warf mich zu Boden und die Scham. Da hörte ich Rede und Gegenrede, ich sah, wie mein Hauswirt sich zu dem fremden Weib neigte, und hörte, wie sie ihr Recht forderte an seinem Leben.«

»Dann hast du auch gehört, daß ich widersprach«, versetzte er gutherzig.

»Die Worte verklangen, denn mein Sohn wimmerte, und ich trug ihn auf das Lager des Vaters, ob er ihm eine Stiefmutter findet.«

»Irmgard!« rief der Gemahl erschrocken, »was sinnst du?«

»Meinst du, daß ich liegen will an deinem Wege wie ein Stein, der deinen Fuß von Heldentum und Königskrone scheidet? Ich höre, meine Volksgenossen sagen, daß ich dir nicht vermählt bin zu rechter Ehe, und schmachvoll war der Gruß, den die Königin mir bot. Wenn du die Dirne heimwärts sendest, wird die Königin dir wieder hold, wie sie zuvor war.«

»Du bist gekränkt und hart schneiden deine Worte«, versetzte Ingo, »ich aber meine, nicht du sollst daran denken, das Tuch zwischen uns zu zerschneiden, denn eine andere sinnt darauf mit argen Gedanken. Sie will den Gemahl von dir lösen; doch nicht, wie du wähnst, um ihm ein Königslager zu bereiten. Denn auf eine andere Ruhestätte denken sie für den landfremden Ingo, und sie wälzen dort unten im Tal die Steine, um ihn zu bergen in der lichtlosen Kammer.«

Irmgard fuhr wild auf, wie von einer Schlange gestochen. Er aber zog die Widerwillige an sich und sprach ihr zärtlich zu: »Mühselig war meine Fahrt über die Männererde, ich war noch ein Knabe, da mußte ich wie ein Raubtier durch die Täler traben, mir Beute zu holen, die mein Leben fristete, während die Jäger auf meiner Fährte schlichen. Mehrmals war mir der Tag verleidet, wenn ich demütig die Knöchlein an fremdem Tisch begehrte und den kalten Blick des Gastfreundes sah. Dennoch meine ich, nicht ganz unrühmlich bin ich [130] durch die Schlachtreihen der Feinde gedrungen, und ehrlich habe ich geworben, daß mir dereinst ein Freudensitz werde in der Halle der Helden. Damals erschien mir der letzte Sprung in die Schar der Feinde als das beste Glück; und wenn der Schlachtgesang summte, dann hörte ich, daß die Unsterblichen ihren Enkel hinaufriefen in ihr Gefolge. Erst seit ich dich sah und du mir lieber wurdest als mein eigenes Leben, fand ich viel Freude in dieser Welt, und behaglich schien mir's oft, im Sonnenschein über den Tälern zu sitzen und zu lachen, wenn die Böcklein in unserem Hofe gegeneinander sprangen und meine Kampfgesellen in der Butte die wilden Waben heimbrachten. Aber da die Götter mir solches Glück gewährten, teilten sie mir auch zu, daß es dauerlos sein sollte und leidvoll für dich, die mir lieb ist. Durch frechen Hofraub mußte ich dich gewinnen. Ärmer bist du als mein Weib, denn daheim. Niemand rief dir Heil als meine wilden Genossen und die Siedler, welche sich mir zugeschworen haben, weil sie daheim schlechtes Glück fanden. Ich habe es oft gewußt, wenn du neben dem Gebannten deine Tränen verbargst und die Seufzer nach der Heimat. Heut haben die Überirdischen mich gemahnt, als der Mantel fiel. Wohl ist es möglich, mein Weib, daß sie mich zu sich laden wollen, darum sorge ich jetzt, daß die Ausfahrt ruhmvoll sei und schädlich den Feinden.«

»Reite aus dem Holzring«, rief Irmgard, »und baue dir in der Fremde ein neues Heimwesen.«

»Das Wildtier schlüpft aus seinem Lager, wenn die Meute rennt, nicht der Wirt eines Volkes.«

»Du lebtest verborgen ein seliges Jahr, deinen Knaben hobst du im Schilde, und dein Weib hing an deinem Hals. Denke auch daran, Ingo, bevor du wählst.« Angstvoll starrte sie ihm ins Gesicht.

Ingo trat noch einmal zu den kleinen Lichtöffnungen und spähte nach allen Seiten in die dämmrige Landschaft. Wie rotes Gold leuchtete der Himmel, und unten im Tale stieg der Nebel aus dem Bach. Er sah auf die geschwungenen Hügel, die dunklen Wälder, die fruchtbare Flur; dann wandte er sich zu seinem Weibe und umfing sie: »Als der Sänger in der Halle sang und du vor allen den Fremdling ehrtest, da war ich dir lieb, weil ich den Helden voranschritt auf dem Todespfade. Was hat deinen Sinn gewandelt, Vandalenfrau?«

»Die Angst, die ich fühlte, dich zu verlieren«, antwortete Irmgard leise und barg ihr Gesicht an seiner Brust.

Ingo hielt sie fest umschlungen: »Mein Haupt trug ich hoch als Heimatloser, fröhlich genoß ich das Glück des Tages, weil ich das Leben für wenig hielt gegen ruhmvollen Tod, stolz war ich, treu zu sein jedem, dem ich mich gelobt, und furchtbar meinen Feinden. Wer diesen Stolz mir demütigen will, den töte ich, oder er trifft mich. Stolzer aber als sonst bereite ich diesmal den Kampf. Denn gewaltig [131] naht der Feinde Drang, wie nie zuvor, und du, Geliebte, sollst mit deinen Augen schauen, ob der Sänger den Helden dir wahrhaft gerühmt hat. Rüste dich, Fürstin, zum Ehrentage deines Gemahls, denn bald hörst du um dein Brautgemach das wilde Lied deiner Schwäne, und über den Wolken schaust du die Himmelsbrücke, auf welcher die Helden sich aufwärts heben.«

Dunkler wurden die Schatten der Nacht, das Notfeuer flammte und warf rotes Licht und Rußwolken über den Hof, auf dem die Männer sich zur Abwehr rüsteten. Sie räumten die Hofstätte von Karren und Gerät, trugen die Wurfspeere und häuften die Steine; auch die Mägde halfen, sie holten in vielen Trachten das Wasser aus dem Quell und füllten die Fässer und Bottiche an der Halle. Boten der Dorfleute rannten in den Hof, reisige Männer sprengten ab und zu, und Befehlsworte der Führer klangen in dem umhegten Raum.

Irmgard stieg mit Frida aus der hohen Kammer herab. Niedergerungen war ihr Zweifel und wie getragen durch einer Göttin Kraft schritt sie über den Hof. Berthar lachte vergnügt, da sie ihm nahte. Er erhob sich schnell vom Boden, wo er an einer großen Wurfschleuder hämmerte, und grüßte sie, wie ein Krieger seinen Häuptling. »So freut mich's, die Königin geschmückt zu sehen, das Licht des Antlitzes freut mich und der Goldschmuck auf der Brust. Das Hochfest rühme ich, wo die Braut in so reichem Schmucke wandelt. Denn lustiger fechten wir Knaben, wenn wir die Herrin schauen, die sich wie eine Schlachtenjungfrau über den Krieger beugt. Du aber höre noch vertrauliche Rede des Alten. Eine gute Herrin warst du den wilden Knaben in friedlicher Zeit, du hast gesorgt für alle und warst stolz gegen jeden wie einer klugen Wirtin ziemt, auf daß nicht ein dreister Blick und ein unziemlicher Scherz der Mettrunkenen sich zu dir hinaufwage. Jetzt aber, wenn dir's gefällt, zeige den Männern freundlichen Sinn, sprich gütig zu jedem und teile reichlich den Vorrat, den du in Keller und Scheuer behütest. Denn ich sorge nicht, daß uns Speise und Trank noch mangeln wird, solange wir fechten; und mancher schlägt grimmiger und wirft stärker die Waffen, wenn er unter seinen Genossen durch Met und ansehnliche Zukost geehrt wird. Bisher haben wir nur auf die Räuber der Burgunden gelauert, diesmal gibt's Arbeit, von der auch spätere Geschlechter er zählen.«

Irmgard reichte die Hand, die der Alte ehrfurchtsvoll faßte: »Für mich ist alles gekommen, wie ich es immer ersehnte«, fuhr er fort, »kurzes Feld und heißer Kampf, und ich an der Schulter meines Herrn. Nur daß der Haufe so klein ist, der mit ihm über die Walstatt schreitet, das macht mir Sorge. Denn lieber zählt der Kriegsgott auf seiner Flur die Schocke der gemähten Männer als die einzelnen Halme.«

»Komm heran, Wolf«, rief Berthar dem jungen Thüring zu, »du [132] hast eine gute Art, mit den Weibern zu verkehren, und sie rühmen dich als Reigentänzer. Darum sollst du als Frauenvogt wachen. Führe die Weiber an, wenn sie die Steine vom Felsen rollen, und wenn sie die Eimer schwingen gegen einen Brandpfeil auf dem Giebeldach. Hebe die Felle der Rinder und Hirsche, die wir gesammelt, aus der Grube und breite das genetzte Leder über das Holzdach, denn als bester Schutz gegen Wurffeuer dient uns nächst dem Baumlaub das nasse Fell.«

»Näher dem Herrn meinte ich zu stehen«, versetzte Wolf unzufrieden.

»Niemand wird dir wehren, zur rechten Zeit deinen Sprung zu tun«, tröstete der Alte, »aber rühmlicher als du wähnst, ist dein Werk, denn ich merke, auch die dort draußen werden in Frauenweise darum kämpfen, ob dem einen oder dem anderen das Mus verbrenne.«

»Du meinst, Vater, es wird ein heißer Tag für manchen von uns.«

»Für manchen von ihnen, so ziemt sich zu reden«, versetzte Berthar. »Sorge nur darum, daß du als schmucker Knabe den hohen Schicksalsfrauen gefällst.«

»Nicht an mich dachte ich«, antwortete Wolf und blickte über die Schultern nach dem Hause.

»Sieh nicht rückwärts, ist Gesetz im Männerkampf. Alles, was hinter dir wandelt, mag für sich selbst sorgen, nur die vor dir sind, darfst du sehen.«

Als Wolf die Bündel der nassen Felle mit einem Seile auf das Dach ziehen wollte, stellte sich Frida zu ihm und begann spöttisch: »Zu rühmlichem Dienst bist du erkoren, übel riechen die Teppiche, welche du über uns breitest. Wirst du der Kämmerer, der uns Frauen beschützt, so bleiben die Feinde uns willig zehn Schritt vom Leibe und heben die Nase abwärts mit Grauen.«

»Wäre ich Häuptling«, versetzte Wolf ärgerlich, »ich stellte dich über das Tor vor allem Heere, auf daß du den Feinden durch scharfe Worte das Herz verwundest. Hilf mir die Leiter im Innern des Saales zu der Dachluke heben und halte die Seile, damit ich oben die Felle löse.« Willig folgte Frida seinem Rat, und als er alles gebreitet hatte und von der Höhe herabkam, sah er sich in dem leeren Raume um und gab ihr schnell einen Kuß. Frida sträubte sich nicht, sondern zog plötzlich ein Band hervor und sprach: »Halte den Arm, Wolf, daß ich mich dir verbinde. Schauen wir morgen den Abend, so will ich dir angehören als dein Weib. Oft war ich widerwärtig gegen dich, heut sage ich dir, daß du mir lieb bist und kein anderer.« Sie band ihm den Arm, er aber rief: »Den Zorn der Königin will ich rühmen, der meiner Distel den Stachel nahm.« Sie küßte ihn herzlich, dann riß sie sich los und sprang zu den Mägden.

Unter der Mondsichel trieben wieder die Wolken dahin, wilde [133] Gestalten, Menschenleib und Pferdegebein, bald von gelbem Lichte umsäumt, bald kohlschwarz in grauer Dämmerung. Aus dem Idisbach wand und ballte sich der Nebel und stieg aufwärts gegen den Ringwall und die Burg. Tiergeschrei und Menschenstimmen schallten um das Burgtor, auf den Pfaden aus der Tiefe führten die Dorfleute Rosse und Rinder und die braunwolligen Schafe. Mit dem Lindenschild schritten die Männer und trieben mit dem Speer die Herden zur Eile, hochbepackt mit Hausrat eilten die Weiber und Kinder. Gramvoll war ihnen der Weg zur Höhe, denn wer sich rückwärts wandte, der sorgte, ob er auch in den Hof, den er sich jüngst gebaut, lebend zurückkehren, oder ob der Hof selbst in Flammen lodern werde. An der Sperre des unteren Ringwalls drängten sich die Flüchtigen, und der Vandale, welcher dort den Zugang hütete, mußte anweisen und schreien, daß sie in dem Dunkel nicht vom Pfade wichen, der zum Tor führte. Auf dem Gipfel füllte sich der Burgraum mit Menschen und Herdenvieh. Die Rinder brüllten, die Rosse fuhren wild umher, und die Weiber drückten sich mit ihren Bündeln an den Holzwall. Aber Berthar mahnte die Männer, die Hoftiere in Reihen zu stellen, die Schafe mit einem Pferch zu umschließen. In der Mitte des Raumes flammte ein Feuer, dort brodelten die Töpfe für die Darbenden, und der Schenk zapfte den Durstigen Bier, das sie reichlich begehrten. Berthar schritt von einem der Männer zum anderen, bot ihnen würdig, wie in friedlicher Zeit, den Gruß, fragte nach der Meinung und prüfte dabei verständig ihre Zahl und den Mut. »Was säumen die Nachbarn vom anderen Ufer des Bachs, wo sind die armfesten Bauern vom Ahornwald und dem Finkenquell?« rief er dem Thüring Baldhard zu. »Hat den Marvingen der weiße Nebel den Sinn geblendet, daß sie den Schrei des Türmers nicht hörten und den Feuerschein nicht sahen?«

»Langsam regen sich ihre Glieder«, versetzte Baldhard bekümmert, »Herdenvieh und Karren sah ich abwärtstreiben zu ihren Heiligtümern im Walde, sie werden nicht eilig sein, Rosse und Kinder zu verlassen. Dennoch wäre ihnen Eile ratsam, denn im letzten Zwielicht zog eine Schar vom Norden her, den Bach entlang, Schilde glänzten und Eisenkappen. Und ich argwöhne, es sind die wilden Knaben der Königin, welche in den Höfen jenseits ein Nachtlager suchen.«

Auf dem Pfad aus der Tiefe sprengte ein Reiter heran, wild fuhr er auf schaumbedecktem Roß durch das Tor und winkte im Jagen dem Alten zu. »Radgais!« rief dieser und eilte ihm nach zu dem Saal, wo Ingo mit den ältesten der Dorfgenossen die Meldung der Krieger empfing. Der Bote sprang grüßend ab. »In hellem Haufen drangen die Königsknaben durch unsere Mark, es ist ihr ganzer Schwarm, dazu Mannen des Theodulf. Mühsam entrann ich über die[134] Berge, nachdem ich das Strohfeuer entzündet. Sie aber halten sich hinter den Bäumen im Tale, denn schwerlich sind ihrer mehr als hundert Schilde.«

»Sahst du die Königin?«

»Außer Theodulf nur den alten Räuber Hadubald.«

»Warf Frau Gisela keine größere Schar in die Sättel«, sprach Berthar verächtlich, »so mögen wenige ihrer Treuen den heimischen Trinkkrug wiederschauen.«

»Dort naht einer vom Main, der andere Gäste meldet«, versetzte Ingo. Walbrand, der Vandale, stob heran.

»Als ich, mein König, gen Süden durch den Kieferwald kam, um über die Landesmark zu spähen, da hörte ich auf dem Saumpfad Klappern der Schilde. Ich barg mein Roß und wand mich zu Fuß durch das Dickicht; in langem Zuge kam's heran, ein Heer der Burgunden, aus drei Haufen geschart, Fußvolk und Reiter. Neben dem Führer ritt ein fremder Gesell, ein Römer war's von der Leibwache des Cäsar, die man Protektoren nennt, ich erkannte den Helm und die Rüstung und hörte sein Lachen und römische Worte. Sorglos wateten sie heran im Sande, ohne Vortrab und Späher, ganz sicher des Sieges. Mit wenig Begleitern hätte ich ihnen Grauen erregt. Aus dem Dickicht brüllte ich gegen sie, wie der Nachtrabe brüllt, da hielten sie erschreckt an und sahen durch die Bäume nach den Wolken. Ich aber warf hinter den Stämmen hervor meine Waffe gegen den Römer. Der Held fiel in den Sand und stöhnte, sie aber schrien laut auf, und ich entsprang in das Dunkel. Ich hoffe, ein übles Vorzeichen wird es ihnen.«

»Wir rühmen die Sorge der Königin«, sprach Ingo, »daß sie ein fremdes Heer gegen meine Mannen in Harnisch ruft. Traute sie dem guten Willen der Thüringe so wenig, daß sie ihr Heimatvolk zum Schwerttanze lud? Wo scheuchtest du ihre Helden durch den Sang des Vogels?«

»Auf halbem Wege zwischen hier und dem Main«, antwortete Walbrand, »ich sah noch, wie sie zur Nacht lagerten. Spät erwachen die Burgunden; wenn sie sich auch eilen, stehen sie doch nicht, bevor der Morgen warm wird, im Tale. Pferdetritte merkte ich unten im Nebel jenseit des Baches.«

Ingo winkte ihm Entlassung und sprach zu Berthar: »Sorge, mein Vater, daß alle schlafen außer den Wächtern, denn morgen werden sie Augen brauchen, welche fest in ihren Köpfen stehen, und geruhte Glieder. Halte gute Wache am Tor, damit nicht unter dem flüchtigen Anzug ein Feind zuschleiche. Im Morgenlicht sammeln wir die Bauern und zählen die Häupter. Die Schar wird klein für den Ring. Wir aber kämpfen um das Leben, und jene dort um karge Beute. Zum letztenmal, bevor wir uns dem Kampfzorn weihen, sei in Frieden gegrüßt, mein Vater. Daß sie uns flüchtige Männer großer [135] Volksrüstung wert achten, darüber lachen wir heut, und dafür danke ich dir, du Treuer.«

Der Morgen graute, die Wolken trugen blutroten Saum und bargen die Sonne. In der Ringburg erhoben sich die Schläfer von der Erde. Die Männer rüsteten sich zum Dienst für den Kriegsgott, den Erbarmungslosen, sie salbten und sträubten ihr Haar, daß es rötlich starrte, sie legten um Arme und Hals die Ringe von Bronze und Gold, sie zogen den Gürtel am Leibe fest, daß der Schritt behender sei und der Schwung der Glieder gewaltiger. Mancher legte sein Hemd an von Hirschleder, mit Eisenschuppen bedeckt, mancher auch warf die braune Wolljacke von sich und öffnete das Hemd, damit man die ruhmvollen Narben auf der Brust schaue. Finster war der Blick der Krieger, wild ihr Mut und schweigsam ihr Tun. Denn unziemlich war im Dienste des Schlachtengottes unnütze Rede.

Berthar sprach zu Wolf, der sich neben ihm wappnete, einen dicken Goldring darbietend: »Lange habe ich das Prachtstück bewahrt, das ich einst als Königsgabe gewann. Nimm du es heut als Geschenk von deinem Gesellen, nicht ungeehrt sollst du den Speer schwingen an unserer Seite, damit die Feinde nicht sagen: Sehet, nur kärglichen Lohn erwarb der Thüring an der Bank des Fremden.« Wolf streifte den Ring über seinen Arm, sah den Alten dankend an und antwortete:

»Denke auch, Vater, wenn du den Streit ordnest, daran, daß ich nicht als Frauenvogt unter den Weibern bleibe, und zürne nicht, wenn ich noch eines sage: Herrenfeind ist auch Mannesfeind, aber am fröhlichsten wird sich mein Arm gegen die Burgunden heben, die nicht von meinem Stamme sind.«

Der Alte lächelte finster: »Unnütz bellst du, junger Brackhund. Noch ist der Geruch des Blutes nicht in deiner Nase, wenn der Tag heraufsteigt und die Wolken dort oben sich schwärzer ballen, wirst du selbst deiner Sorge wenig achten.«

Vor dem Saale des Königs war der Opferstein gerichtet. Um den Stein sammelten sich die Krieger, Ingo trat mit seinen Mannen aus der Halle in grauem Stahlhemd, unter einem Helm, der mit dem Haupte eines Ebers gedeckt war, silbern waren die Zähne, und rot glühten die Augen des Untiers. Ein junges Roß führten die Knaben herbei, Berthar stieß ihm den Opferstahl in den Leib und riß die tödliche Wunde. Der König sang das Blutgebet, und jeder der Männer trat herzu, tauchte die Rechte in das Roßblut, und alle schworen einander die Todestreue und dem Herrn Gehorsam.

Aus dem Wipfel des Baumes rief eine helle Frauenstimme: »Wahre dich, König, die Heerschilde glänzen und die Spitzen der Speere.« Das Horn des Türmers warnte in wildem Ruf, und ein Bote sprang zum König. »Den Bach entlang reitet die Schar der Königsmannen, unter ihnen die Königin.« Da erscholl der Kriegsruf im Hofe der [136] Burg, die Krieger ergriffen Schild und Speer und traten zum Kreise, das Schlachtgebet in die Höhlung des Schildes zu singen. Das wilde Lied erklang laut in die Täler, langsam und feierlich im Beginn, anschwellend wie der Sturmwind, bis es scharf und markerschütternd tönte wie das Geheul der Windsbraut. Als es verstummt war, antwortete von unten gellendes Geschrei. Berthar rief die Befehle, und die geordneten Haufen der Krieger zogen den Berg hinab und besetzten den Ringwall. »Zwiespältig tönte das Kampflied«, sprach Berthar leise zu Ingo, »ungleich bei unseren Mannen und den Landleuten, du wirst heut nur der heimischen Weise vertrauen.« Noch einmal stieg Ingo mit dem Alten in den Wipfel des Baumes. »Frau Gisela führt in Wahrheit niemand mit sich als die lustigen Mannen ihrer Burg und das Gesinde des Sintram. Dafür hat sie die Burgunden geladen, daß sie ihr schnell das Werk vollenden. Und willig sind sie gekommen, denn ihrer sind zehn gegen einen von uns. Sieh, Held, schon ziehen sie den Schildring um unseren Graben. Hinab zum Wall! Die Sitte fordert, daß ich die Königin begrüße; ich halte die Seite, wo sie gebietet, du leite das Volk südwärts gegen die fremden Haufen.«

Mit beflügeltem Schritt eilten die Helden an den Verhau. Rundum erhob sich Geschrei, die Pfeile und Speere flogen, in kleinen Haufen sprangen die Belagerer heran und trugen Steine und Reisigbündel gegen den Außenwall, um den Graben zu füllen.

Überall, wo nordwärts der Drang am heftigsten war, klang mächtig der Schlachtruf Ingos, und vom Südrand her antwortete die Stimme Berthars; und wo der König die Speere warf, dorthin rannte auch Theodulf, Rache fordernd, in den Vorkampf. Mehr als einmal zitterte sein Speer nahe an Ingos Haupt in den Balken des Walles, und der Schild des Thürings klaffte geborsten von der Waffe des Königs. Aber der Ansprung der Belagerer mißlang, mit heißen Wangen wandten sie sich abwärts, ordneten die zerrissenen Haufen, trugen aus dem Dorf der Thüringe und aus dem Walde Bohlen zusammen und arbeiteten hart darüber mit Axt und Hammer.

»Mit starkem Schwunge hoben sich die Fäuste deiner Gesellen«, rief Berthar rühmend dem Sohne Beros zu. »Sind die Knaben der Königin in Zimmerleute verwandelt? Verächtlich ist der Kriegsmann, der hinter dem Bretterschild kauert.« Und zu Ingo sprach er lachend: »Die Burgunden erwiesen schwachen Eifer im Stoße, gar nicht zahlreich sind die Opfer, die wir auf meiner Seite dem Kriegsgott fällten. Und wir müssen zu ihm rufen: Nimm gnädig mit wenigem vorlieb, wie der Kuckuck zum Bären sagte, als er ihm beim Gastmahl drei tote Fliegen bot.«

Unter die heißen Strahlen der Mittagsonne wälzten sich graue Wetterwolken, da riefen die Hörner der Belagerer zu neuem Kampf, und wieder erhob sich der heulende Schlachtruf in beiden Scharen.

[137] Stärker war der Ansturm und größer die Gefahr, denn nicht vergebens hatten die Belagerer ihre Äxte gebraucht. Von allen Seiten fuhren sie hinter starken Bohlenschilden heran, und wieder warfen sie Steine und Holzbündel in den Graben und schleppten Baumstämme und lange Balken, die Tiefe zu überbrücken; auch Gerüste hatten die Burgunden gerichtet, in denen ein Balken als Sturmbock hing, donnernd schlugen die geschwenkten Balken gegen das Bollwerk, und lange Haken rissen den Bohlenzaun hinab in den Graben. Um die wilden Werkzeuge entbrannte der grimmigste Streit. Wich ein Haufe der Belagerer rückwärts, so sprang im Nu ein neuer heran, denn hinter den Kämpfern hielt die Königin und trieb mit Worten und gehobenem Arme unablässig zum Sturm. Endlich gelang es den feindlichen Scharen hier und da, den äußeren Wallring zu zerreißen und über den Graben hinaufzuklimmen. Da wogte eine Weile an den geöffneten Pfaden das Kampfgewühl, fest stemmten die Burgleute Holzschilde und Leiber, den Riß zu stopfen. Aber wie die Flut durch den zerrissenen Damm, so stürmte die Überzahl der Feinde hinein, und die kleinen Haufen der Verteidiger wurden rückwärts gedrängt nach der Höhe. Ingo stand vor dem Burgtor mit wenigen Blutgenossen, welche heut an seiner Achsel kämpften, und deckte durch Schild und Speer den Rückzug seiner Krieger. Als letzter sprang er selbst in das Tor, und hinter ihm hob sich die Brücke.

Die Belagerer riefen das Siegesgeschrei und drangen gegen den Burgwall, der den Gipfel des Berges umschloß. Aber kurz war die Freude, von der steilen Höhe flogen jetzt dichter die Speere, und große Steine sprangen herab und rissen blutige Bahnen in die stürmenden Haufen. Denn enger war jetzt die Kette der Verteidiger und sorgenvoll ihr Zorn, da sie für die letzte Schanze kämpften, die vor dem Verderben schirmte; alle Hände regten sich, auch die Frauen standen hochgeschürzt, die Steine hebend und den Männern zureichend. Unerträglich wurde es endlich den Feinden, an der Stelle zu haften, in großen Sprüngen flohen sie zurück, und manchem noch zerschlug der geschleuderte Felsblock die gehobenen Beine.

Da ritt die Königin zornig vor ihre Mannen und rief: »Wollt ihr den Met der Königin ferner trinken, ihr hüpfenden Helden, so ringt euch aufwärts zu den Weiden und werft den Steintrog nieder, aus dem sie schöpfen, vielleicht fangen sie dann mit den Lippen die rinnenden Tropfen.« Theodulf flog um den Berg und befahl gemeinsamen Aufsprung von allen Seiten; wieder riefen die Hörner und gellte das Geschrei, und wieder flogen Speere und Steine vom Bergeshaupt. Aber während der Ring der Belagerer von unten die Pfeile dahin schoß, wo ein Haupt oder Arm über die Brüstung ragte, schlich Hadubald mit vier Genossen in dem Rinnsal des Quells hinauf zu den Weiden, alle gebeugt unter den Schilden, starke Hebestangen [138] in der Hand. Sie fuhren hinter die Bäume, wo der Felsen sie deckte. Doch dem Helden Berthar entging nicht die drohende Gefahr, die nächsten Speergenossen raffte er zusammen und eilte mit ihnen durch die Pforte hinab. »Wir fassen von unten, ihr sendet vom Felsen die Pfeile, damit keiner entrinne.« Da, als der Alte unter die Bäume sprang, dröhnte der mächtige Steintrog, abwärts aus seinem Lager geworfen. Berthar rief zornig dem Hadubald zu: »Unsegen schafft es dir, Weinschwelg, zum Wassertrog zu wandeln«, und zerbrach ihm mit der Keule das Haupt, bevor der andere die Waffe erhoben hatte. Auch die übrigen Königsmannen erlagen den Streichen der Vandalen, nur einer sprang abwärts, aber er sank auf dem Wege zu Boden, den tödlichen Pfeil im Rücken, und von der Höhe begrüßte lauter Freudenruf seinen Sturz. Darauf verstummte das Kampfgeschrei, und oben wie unten summten die schnellen Worte in den Haufen.

»Der Steintrog ist geworfen«, sprach Berthar zurückkehrend leise zu Ingo, »wild rinnt jetzt das Wasser abwärts, und mühselig wird es den Ringgenossen, sich und ihren Tieren den Trunk zu schöpfen.«

»Die Königin kannte den Quell«, versetzte Ingo mit finsterem Lächeln. »Vermochten die unten den Stein zu werfen, wir heben ihn wieder. Rüste die Bäume, wähle die Streiter und ziehe die Schildburg um die hebenden Arme der Landgenossen.«

Während Ingo sprach, schlug über ihm ein Pfeil schwirrend in das Turmgerüst, und eine kleine Flamme loderte um den haftenden.

»Dort mahnt Frau Gisela unser Volk an den verwüsteten Quell«, rief Berthar. Rund um den Berg sprangen einzelne Bogenschützen aufwärts und schossen Brandpfeile gegen das Bollwerk, sorglich bemüht, durch behende Bewegung die geworfenen Steine zu vermeiden. Hier und da leckte die Flamme an den Balken und Pfählen, die Belagerten schlugen mit Stangen gegen die Pfeile und zerwarfen die Flammen, aber immer häufiger lohten die Brände; wild klang das Geschrei der Warnenden, die Kinder heulten, die Rosse bäumten, wenn ein Brandpfeil unter sie flog, zerrissen die Halfter und fuhren rasend durch die gedrängte Menge. Da wurde die Arbeit peinvoll, und manchem der Verteidiger sank Hoffnung und Mut.

Mit kleinem Gefolge nahte in gestrecktem Lauf ein Reiter den Scharen der Königin. Ihn und seine Begleiter empfing lauter Zuruf aus dem Haufen des Theodulf. Herr Answald stieg vom Pferde: »Täuschende Botschaft lud mich zu deinem Hofe, Königin, während du hier Rache übst in meiner Sache.«

»Ungeladen kommst du und unwillkommen«, versetzte die Königin, »meine nicht, dich zwischen mich und die Rache zu stellen, den unerbetenen Mittler treffen die Pfeile von zwei Seiten. Das Schicksal jener wendet kein Sterblicher, wenn nicht sie selbst es vermögen.«

[139] »Will die Königin herrschen über das Volk der Thüringe, so wird sie den Brauch des Landes ehren. Weiber sehe ich dort und Kinder von unserem Blut, greulich ist es, Speer und Brandpfeil gegen die Wehrlosen des eigenen Volkes zu schleudern. Wer ein freier Thüring ist und sich Sieg begehrt in ehrlichem Kampfe, der helfe mir die Schmach zu wenden. Fleht mit mir zur Königin, daß sie meide, was uns alle ruchlos macht in dem Gedächtnis der Menschen.«

»Gut spricht der Fürst«, rief ein alter Kriegsmann, und die Thüringe schlugen die Speere zusammen: »Heil dem Herrn Answald!« Finster sah die Königin über den Haufen, aber sie schwieg.

»Höre mich, Herrin«, schrie der Häuptling, entsetzt durch ihr hartes Antlitz, »mein eigenes Kind, das ich einst dem Theodulf verlobte, steht unter den Brandpfeilen, und gleich ihr andere Frauen aus den Waldlauben. Gegen mein Kind steht mir allein die Strafe zu, und niemand, auch du nicht, soll sie mir über dem Haupte wegnehmen.« Er sprang in den Weg vor den Haufen. »Hier stehe ich, Answald, ein Fürst der Thüringe. Manches Mal habe ich eure Heerscharen in den Kampf geführt. Bevor ihr wagt, die Unkriegerischen zu schlachten, die dort im Ring die Arme heben, sollt ihr erst mich töten, damit ich die Schande nicht überlebe.« Wieder erscholl lauter Zuruf der Krieger.

»Zu mir, ihr Königsknaben«, rief Frau Gisela, sich hoch aufrichtend. Aber auch Theodulf und Sintram drängten ihre Rosse an das der Königin und sprachen leise zu ihr. – »Wärst du nicht außer dir, alter Mann«, begann die Königin endlich, und ihre Stimme bebte im Zorn, »so würde ich dich strafen, weil du tollkühn diese zum Ungehorsam aufrufst. Wenig liegt mir am Herzen, Blut der Bauern zu vergießen, wenn sie auch eigenmächtig außerhalb der Mark sich gelagert haben. Laß das Horn ertönen, Theodulf, und schrei in den Ring. Die Landleute sollen freie Ausfahrt haben, nicht nur die Weiber und Kinder, sondern auch die Männer, und waffenlos aus dem Wall ziehen, ohne Schaden an Leib und Gut, durch Gnade der Königin.« Wieder klang aus den Haufen frohes Beifallsgeschrei. In langgezogenen Tönen mahnte das Horn, vom Streite abzustehen. Theodulf trat bis in Wurfweite vom Tor und schrie mit mächtiger Stimme die Gnade der Königin in die Burg.

Drinnen erhob sich ungestüme Bewegung. Das Tor blieb verschlossen, aber am Walle und an den Schanzpfählen rissen wilde Gestalten in Verzweiflung, sie warfen Pfähle und Balken nach der Tiefe und rollten dem Holzwerk nach. Ein flüchtiger Haufe quoll hier und da aus der Verschanzung, mit Weibern und Kindern in angstvollem Gedränge die Rosse und Rinder. Auch einzelne Männer sprangen herab, denen die Schwurhand noch vom Opferblute rot war, durch die Not gescheucht und ermüdet vom hoffnungslosen Kampf. Doch die Mehrzahl der Bauern stand auf der Höhe [140] zusammengedrängt, die Schilde am Fuß, unsicher schauten sie den Frauen nach und dem herabstürzenden Herdenvieh. Nur der Eid hielt sie und die Scham.

Da trat Ingo zu ihnen und rief mit lauter Stimme: »Freiwillig seid ihr gekommen, frei mögt ihr auch gehen, da eure Landgenossen euch rufen. Quere Blicke und widerwilligen Dienst begehre ich nicht. Wenig Ehre bringt mir der Krieger, der sich nach Weib und Kind sehnt während des Kampfes. Willig löse ich euch von eurem Eide; gedenkt, wenn ihr wollt, der eigenen Rettung.«

Da legten mehrere still die Schilde an das Bollwerk und sprangen abwärts, ohne sich umzusehen. Berthar aber rief in den Haufen der Bleibenden: »Nicht durch einen Wurf fällt auf der Tenne die Spreu aus dem Weizen. Noch manchen sehe ich, den der Wind über den Zaun wegblasen mag. Versucht es noch einmal, ihr stolzen Gesellen. Gern entbehren wir die Genossenschaft der Waldleute.«

Wieder fielen Schilde zum Boden, und die Träger entschwanden mit finsteren Mienen.

»Was weilt mein König, ihren Jammer zu schauen? Besser schwingen sie sich, wenn die Scham ihnen nicht die Beine klemmt. Euer ist die Wahl; der eine Weg führt aufwärts zum Saal des Königs, der andere talab zu eurem Dung.« Er folgte seinem Herrn, der zur Halle eilte. Die Zurückgebliebenen standen noch einige Augenblicke beisammen; da sie sich allein sahen, schwand ihnen der Kriegerzorn. Nur wenige eilten dem Könige nach, die anderen suchten waffenlos das Freie. Unter den letzten, welche den Ring verließen, waren Baldhard und Bruno.

Aus der Tiefe sprangen die Haufen der Königin jauchzend empor. Die den Ausgang suchten, hatten ihnen den Zugang geebnet; die Anstürmenden zerhieben die Sperren des Tores, ihr Schwarm drang heftig gegen den offenen Raum vor dem Saale. Aber schnell wichen sie zurück; denn aus der Schleuder, die Berthar auf die Treppe des Eingangs gestellt hatte, flogen die spitzen Baumpfeile in ihre Reihen. Sie suchten Schutz längs dem Bollwerk, und wieder flogen Speere hin und wieder, und aus der Tiefe fuhren die Brandpfeile gegen das Dach.

Längs dem Dachbalken wirbelte weißer Rauch, und durch den Dampf klang der Ruf: »Wasser herauf!« Auf der Leiter klomm ein Mann und rief von der Höhe: »Es knistert im Dach, die Rindshaut schwelt; ein Burgunderpfeil trieb das Feuer an den Vorsprung des Daches, es glimmt und flackert, geleert sind die Eimer.«

»An unserem Brunnen kühlt sich die Königin«, rief Berthar hinauf, »fehlt dir Wasser, so gieße dem Feuer unser Bier auf die Zungen.« Ein Windstoß fuhr heulend über das Dach und trieb eine Rauchwolke und feurige Lohe in die Höhe. Ein Jubelschrei der Feinde folgte dem Windstoß, die Flamme brach züngelnd hier und [141] da durch die deckenden Häute. »Komm herab, Wolf«, rief Berthar dem Helden in der Höhe zu, der mit versengtem Haar und schwarzen Händen sich mühsam an der Leiter festhielt, »dir selbst rinnt aus dem Leibe der Quell, rot trieft's von der Leiter.«

»Es war nicht genug, das Feuer zu löschen«, antwortete Wolf; er fuhr herab, schüttelte seine blutende Hand und griff nach Schild und Speer.

»Öffnet die Türen, ihr Blutgenossen«, befahl Berthar, »damit der Luftzug unserer Herrin den Rauch vertreibe. Soll der König allein die Schildwacht halten? Werft die Speere rings um den Bau; soweit sie fliegen, reicht jetzt das Königreich der Vandalen.«

Ingo stand auf der Treppe des Saals, vom Schilde gedeckt, über ihm fuhren dicke Rauchwolken, vom Wettersturm getrieben, an die Scharen der Feinde und umhüllten ihnen Rüstung und Gesicht.

»Geöffnet ist die Halle«, rief Ingo den Starrenden entgegen, »mit dem Willkomm harrt der Wirt. Was säumen die verzagten Gäste?«

Aus dem Rauch sprang ihm eine Gestalt entgegen, ein schildloser Mann, und eine Stimme rief: »Irmgard, mein Kind! Der Vater ruft, rette dich, Unselige!«

Irmgard hörte in der Halle den Schrei, wild fuhr sie auf und legte den Sohn in Fridas Arm. Und wieder rief es von draußen schriller und angstvoller: »Irmgard! Verlorenes Kind!«

Ingo setzte den Schild zu Boden und sah über die Achsel zurück: »Der Habicht schreit nach seinem Nestling, gehorche dem Ruf, Fürstin der Thüringe.«

Bei dem Gemahl vorüber stürzte das Weib dem Vater zwischen den feindlichen Speeren entgegen. Aus den Haufen der Thüringe brach ein Freudenschrei und Heilruf. Sie umschlang den Vater und rief: »Wohl mir, mein Auge schaut dich und an deiner Brust hältst du mich.«

Dem Helden Answald bebte das Herz, und er zog sie mit sich. »Die Mutter wartet, liebes Kind.«

»Segne mich«, rief Irmgard, »heiß ist das Gemach, wo ein armes Kind nach der Mutter schreit, segne mich, Vater«, rief sie, ihn krampfhaft festhaltend.

Der Fürst legte den Arm um ihr Haupt, sie beugte sich tief vor seine Knie, dann erhob sie sich schnell, trat zurück und die Hand gegen ihn ausstreckend, rief sie: »Grüße die Mutter!« und wandte sich mit starkem Schwunge rückwärts nach dem brennenden Hause. Ingo hatte unbewegt gestanden, den scharfen Blick gegen die Feinde gerichtet. Als sein Weib aber zu ihm in die Todesnot zurückkehrte, trat er ihr entgegen und breitete die Arme, sie zu umschließen. Da schwirrte der Eschenspeer aus Theodulfs Faust und traf den König von der Seite unter den Arm. Still sank Ingo nach der Halle zurück [142] aus den Händen der Gemahlin. Berthar sprang vor und deckte mit dem Schild den Wunden, den seine Mannen seufzend auf die erhöhte Herrenbank trugen. Vor ihm kniete Irmgard, aber Berthar rief in den Raum: »Laßt Weiber trauern um des Königs Wunde; schnell heran, ihr Gesellen, dem König zu folgen auf seinem Pfad. Vier sind der Tore in des Königs Halle, aus jedem führt der Weg nach dem Himmelssaal. Sorgt, daß ihr rächt die Königswunde. Walbrand, der letzte warst du an des Herrn Bank, dafür springst du heut als erster, und der letzte sei ich.«

Die Vandalen sprangen an die Tore, von da die Stufen hinab, einer nach dem anderen, wie der Alte sie rief. Und von neuem erhob sich um das Haus Kampfgetöse und Getümmel. Wilder fuhr der Sturmwind über das lodernde Dach, hoch oben rollte der Donner, das Dach der Halle krachte, Asche und brennende Schindeln fielen herab. Frida setzte betäubt das Kind auf das Lager des Königs.

»Der Knabe lacht«, rief Irmgard und warf sich schluchzend über das Kind, welches fröhlich mit den Beinchen schlug und die Hände nach den Flammenhaufen am Boden ausstreckte. Fest hielt Irmgard ihr Kind umschlossen, es war lautlose Stille im Raum. Dann riß sie die Tasche von Otterfell, die Gabe der Schicksalsfrau, aus ihrem Gewande, hing dem Knaben die Tasche um den kleinen Leib, hüllte ihn in die Decke, und das Kind noch einmal küssend, rief sie zu Frida: »Rette ihn und singe ihm von seinen Eltern.« Frida aber sprang zu Wolf, der als Speerhüter am Lager des Königs stand, und flehte: »Komm, am hintern Tor stehen Männer aus unseren Lauben, wir dringen in den Wald.«

Da rief der Alte mit heiserer Stimme: »Wo säumt der Vortänzer? Die Springer harren.«

»Lebe wohl, Frida«, versetzte Wolf, »nicht zu gleicher Tür fahren wir aus dem Feuer, lebe wohl und denke mein.« Noch einmal sah er sie mit treuen Augen an, dann brach er mit mächtigem Satz aus der Tür, sprang über die glühenden Holzkloben vor der Treppe und schleuderte seinen Speer einem Knaben der Königin mitten in die Brust, daß dieser zusammenbrach und ein lauter Schrei im Ringe der Männer erscholl. Auf den Helden flogen die Pfeile, der blutete aus mehreren Wunden, aber sein Schwert schwingend, warf er sich in den Haufen, vor welchem Theodulf stand, zur Rechten und Linken taumelten die Getroffenen zurück, wild hob er die Waffe gegen den alten Bankgenossen, da brach er selbst sterbend zusammen.

Und wieder rief Theodulfs Stimme gewaltig mahnend: »Die Balken beben, rettet die Frauen!« Und Fürst Answald schrie, an das Tor springend: »Irmgard! Rettet mein Kind!« Da erhob sich am Tor gegen ihn die zusammengesunkene Gestalt des Alten, mit Asche bedeckt das Haupt, gebrannt der Bart, die Gier nach Rache im Antlitz. Und grimmig rief er: »Wer ist es, der so frech am Schlafgemach [143] des Königs lärmt und Einlaß begehrt? Bist du es, Narr, der einst bereute, daß er Gastrecht bot? Mit kaltem Gruß hast du meinen König entlassen, kalt wie Eisen sei die Antwort, die der Vandale dir bietet.« Und schnell wie ein Raubtier sprang er von den Stufen und stieß die Waffe dem Häuptling der Thüringe durch Panzer und Brust. Dann rief er über den entsetzten Haufen: »Vollbracht ist alles, und gut war das Ende. Zieht heim, bleichnasige Toren, und dreht mit den Weibern die Mühlsteine eurer Königin. Der große König der Vandalen steigt aufwärts zu seinen Ahnen.« Um ihn flogen die Geschosse, er aber schüttelte die Eisen ab wie ein verwundeter Bär, wandte sich schwerfällig nach der Halle, setzte sich mit seinem Schilde an den Fuß des Königslagers und sprach nicht mehr.

Durch das zerbrochene Tor ritt die Königin gegen die brennende Halle. Laut rollte der Donner, und die Blitze zuckten, von der Flamme des Hauses glühte wie rotes Feuer der Golddraht des Panzers, welcher ihre Brust umschloß. Sie tauchte vom Rosse zu Boden, scheu wichen die Männer zurück, denn leichenbleich war ihr Antlitz und finster gezogen die Brauen.

Sie stand unbeweglich und sah in die Lohe. Nur einmal regte sie sich und warf die Augen flammend zur Seite, als sie ein Weib merkte, das, ein Kind auf dem Arme, gegen die Männer rang, welche sie festhielten. »Es ist nur die Dienerin«, sprach Theodulf halblaut mit fahler Wange, »und es ist das Kind.« Die Königin befahl durch eine heftige Gebärde, das Weib zur Seite zu führen. Das Feuer leckte über den First hoch gegen die Wolken, der Wettersturm fuhr in die Flamme, daß sie weit umherloderte, er warf brennende Späne und Bretter gegen Frau Gisela und den Haufen der Männer. Aber die Königin stand unbeweglich und starrte in die Glut.

Drinnen im Haus war es still, Irmgard kniete am Lager des Gatten; ihr Haar deckte seine Wunde, sie hielt ihn fest umschlungen und lauschte auf seine Atemzüge.

Der todwunde Mann legte den Arm um sie und sah ihr stumm in die Augen. »Ich danke dir, Ingo«, sprach sie, »sei mir gegrüßt, Geliebter, auf dem letzten Lager liegen wir beide gesellt.« Näher rollte der Donner. »Hörst du die oben rufen?« murmelte der Sterbende. »Halte mich, Ingo«, rief Irmgard. Ein flammender Blitzstrahl erfüllte die Halle, ein Wetterschlag dröhnte, die Balken des Daches brachen zusammen.

Draußen aber schoß auf die betäubten Mannen der Königin der Hagelschauer, die Eisstücke schlugen auf Helm und Panzerhemd. »Die Götter laden ihren Sohn zu sich in den Saal«, schrie die Königin und verhüllte ihr Haupt in den Mantel. Die Männer aber warfen sich unter ihren Schilden zu Boden und bargen das Antlitz vor dem Zorn des Donnergotts. Als das Wetter vorübergerauscht war und die Krieger sich scheu erhoben und um sich schauten, da war die [144] grüne Bergfläche mit grauem Eise bedeckt, zusammengestürzt lag das Haus, und aus der nassen Kohle züngelten kleine Flammen. Die Königin, wie in Stein verwandelt, stand immer noch vor der Brandstätte und sprach vor sich hin: »Die eine liegt still auf heißem Lager, die andere steht draußen vom Hagel geschlagen; vertauscht hat der Neid der Götter die Lose, mein Recht war es, dort drinnen zu sein.«

»Wo ist sein Kind?« fragte sie, mit wildem Blick umhersehend. Frida und das Kind waren verschwunden. Die Krieger suchten an der Berglehne und in den Tälern, sie spähten in jeden hohlen Baum und in jedes Dickicht verflochtener Zweige, Theodulf durchzog mit seinem Gefolge den ganzen Gau der Waldleute und forschte an jedem Herdfeuer. Aber von dem Sohne Ingos und Irmgards erhielt die Königin niemals Kunde.

[145]
Ingraban
Im Jahre 724

Auf dem Waldwege, der vom Main nordwärts in das Hügelland der Franken und Thüringe führt, zogen an einem heißen Sommertage drei Reiter schweigend dahin. Der erste war der Führer, ein junger Mann von starken Gliedern; das lange Haar hing ihm wild um das Haupt, die blauen Augen waren in unaufhörlicher Bewegung und spähten nach beiden Seiten des Weges in den Wald. Er trug eine verschossene Lederkappe, über der braunen Jacke eine große Tasche mit Reisevorrat, in der Hand den Wurfspeer, auf dem Rücken Bogen und Jagdköcher, an der Seite ein langes Weidmesser, am Sattel seines Rosses eine schwere Waldaxt. Einige Schritte hinter ihm ritt ein breitschultriger Mann in den Jahren seiner besten Kraft, mit großem Haupt, die mächtige Stirn und die blitzenden Augen gaben ihm das Aussehen eines Kriegers. Aber er trug sich nicht wie ein Mann des Schwertes, das kurzgeschorene Haar deckte ein sächsischer Strohhut, an dem langen Gewande war nicht Wehrgehenk, nicht Waffe sichtbar, nur die Axt, welche jeder Reisende in der Wildnis führte, steckte im Sattel; nach dem großen Ledersack, der vor ihm über dem Sattel befestigt war, mochte man ihn für einen Händler halten. Ihm zur Seite trabte ein Jüngling in gleicher Tracht und Ausrüstung, der auch auf dem Rücken ein Bündel trug und in der Hand einen Baumzweig, mit dem er sein Rößlein antrieb. Daß der Führer die Reisenden nicht als gewaltige Leute achtete, war durch sein Benehmen deutlich, denn er trug sein Haupt hoch, sooft er auf eine Frage des älteren Mannes kurze Antwort gab, und er sah nur zuweilen, wenn der Weg steil aufwärts ging, oder die beiden weit zurückblieben, mit düsterm Blick hinter sich und wandte die Augen schnell wieder ab, wie von unholden Gesellen. Durch Sand und über Steinblöcke zog sich der rauhe Pfad zwischen alten Kieferstämmen von einer Erdwelle zur anderen; auf dem braunen Grunde wuchs wenig anderes als Wolfsmilch, Heidekraut und dunkle Waldbeeren. Es war still im Walde, nur die Krähen schrien über den Wipfeln, die heiße Luft war mit Harzgeruch erfüllt und kein Windeshauch kühlte die erhitzten Wangen. Als der Weg einmal steil aufwärts ging, sprang der Jüngling ab, pflückte am Wege einen Strauß Beeren[146] und bot ihn dem Reiter. Dieser dankte mit einem freundlichen Blick und begann in lateinischer Sprache: »Siehst du ein Ende des Waldes? Unsere Rosse ermüden, die Sonne neigt zur Rast.«

»Stamm hinter Stamm, mein Vater, und kein Lichtstrahl vor uns im Holze.«

»Du bist an die rauhen Pfade nicht gewöhnt, Gottfried«, fuhr der Ältere bedauernd fort, »ungern nahm ich dich in das wilde Land, und ich bin unzufrieden, daß ich deiner Bitte nachgab.«

»Ich aber bin glücklich, mein Vater«, versetzte der Jüngling mit frohem Lächeln, »daß ich dich begleiten darf als dein unwürdiger Diener.«

»Die Jugend freut sich stets der Wanderschaft«, sprach der Reiter. »Sieh unsern Führer, ihn kümmert die Tagesglut wenig, er ist ein kraftvoller Wildling, der des Pfropfreises harrt.«

»Unfreundlich hält er sich gegen uns, mein Vater.«

»Ist er auch unwirsch, warum sollte er unehrlich sein? Er hat der Frau Hildegard und mir selbst in die Hand gelobt, uns sicher über die Berge zu führen, und er sieht nicht aus wie ein Schächer. Doch wäre er's auch, einer ist stärker in der Wildnis als er.« Er neigte das Haupt. »Merke, er hat gefunden, was ihm die Reise stört.«

Die Haltung des Führers war verwandelt, hochaufgerichtet saß er im Sattel mit gehobenem Speer wie zum Ansprung bereit.

Der Fremde ritt zu dem Führer: »Dein Name ist Ingram, wie ich vernahm.«

»Ingraban der Thüring bin ich«, versetzte der Reiter, stolz die Worte des anderen bestätigend, »und dies ist der Rabe, mein Roß«; er rührte an den Hals des edlen Tieres, das von Farbe schwarz war, wie sein geflügelter Namensbruder, und unter der Hand des Reiters wiehernd das Haupt erhob.

»Ich erkenne, wohlbekannt sind dir die Reisepfade auch fern von deiner Heimat.«

»Oft ritt ich als Bote meiner Landgenossen zu dem Frankengrafen über den Main.«

»So ist dir auch Frau Hildegard, die Grafenwitwe, von früher herzugetan.«

»Ich stritt in der Schar ihres Eheherrn, als ihn die Wenden erlegten. Eine gute Frau ist Hildegard, da sie meinen kranken Knecht in Pflege nahm.«

»Am Lager des Kranken fand ich dich, und ich bin froh, daß ich solch sicheren Führer gewann. Was hemmt dir jetzt die Reise?«

Die Hand des Führers wies auf eine Spur im Sande. – »Hier lief eine Herde wilder Rosse«, sagte der Fremde, auf die Spur blickend.

»Reiter waren es, mehr als drei, und feindselig wird ihr Gruß, wenn sie uns treffen«, antwortete der Führer.

»Woher weißt du, daß es Feinde sind?«

[147] »Hofft in deinem Lande ein Wanderer in der Wildnis auf ehrlichen Gruß?« fragte der Führer zurück. »Die hier gezogen sind, waren Krieger, welche mit fremder Zunge reden, von dem Wendenvolk an der Saale, das man die Sorben nennt; weit schweifen sie auf ihren Pferden nach Jagdbeute und Herdenvieh. Dort liegt ihr Zeichen«, er berührte mit dem Speer einen kurzen Rohrpfeil mit Steinspitze. »Sie haben unseren Weg gekreuzt nach dem letzten Regen.«

»Und hoffst du, uns verborgen vor den Fremden über die Berge zu führen?«

»Habt ihr den Mut, so habe ich den Willen. Manchen Stieg über die Waldhügel weiß ich, den ihre Haufen meiden; doch rate ich, haltet euch schweigsam und nahe an meinem Roß.«

Vorsichtiger ritten die Fremden dicht hinter dem Führer.

Der Saumpfad senkte sich in ein stilles Waldtal, führte durch sumpfigen Grund und das Bett eines Baches und stieg auf der anderen Seite wieder in den Wald. Zwischen hohen Buchenstämmen zogen sie behaglicher dahin auf grünem Moosgrunde, welchen die schrägen Sonnenstrahlen vergoldeten. Und wieder senkte sich der Pfad in ein weites Tal. Am Waldesrand hielt der Führer an. »Dies ist das Idistal«, sagte er, das Haupt zum Gruße neigend, »und dort rinnt der Idisbach nach dem Main.« Durch hohes Wiesengras leitete er zu einer Furt des Baches, von da trabten sie eine Hügelreihe entlang nordwärts. Einsam und menschenleer lag das blühende Tal. Einigemal kamen die Reisenden über altes Ackerland, noch waren die Beetfurchen sichtbar, aber Schlehdorn und stachliger Ginster standen dicht wie eine Hecke darauf, und die Pferde hatten Mühe durchzudringen. Der Fremde sah mit Teilnahme auf die zerstörte Kultur. »Hier haben einst fleißige Hände gebaut«, sagte er bedauernd. »Seit Menschengedenken liegt die Stätte wüst«, antwortete der Führer gleichgültig. Weiter oben wies er auf eine Erdhöhe. »Auch dort stand ein Hof, aber die Wenden haben ihn verbrannt, da ich ein Knabe war. Das wilde Kraut schießt seit zwanzig Sommern in die Höhe. Sorgst du um gebrochene Höfe, so magst du hier viele finden. Über dem Bach haben vorzeiten die Avaren gelagert, braunhäutige Männer mit schrägen Augen, sie tragen, wie die Alten erzählen, geflochtene Zöpfe um das Haupt und sind ein mächtiges Ostvolk, aber grausame Mordbrenner. Dort drüben lag, wie die Sage meldet, eine große Zahl Höfe an einem geweihten Wald von solchen Bäumen, die wir Ahorn nennen, jetzt stehen nur noch wenige der alten Stämme, die Avaren haben sie niedergebrannt, und wo die Höfe waren, ist Wustung. Aber das ist lange her, es wäre mühsam, den Jahrwuchs der Fichten zu zählen, welche darüber ragen. Überall, wo du hier Dornen und Kletten siehst, stand einst ein Bau, mancher ist zur Zeit der Väter, mancher im Gedächtnis Lebender zerrissen, mehrere in den letzten Jahren, es dauern nur hier und da einige.«

[148] Da der Fremde schwieg, wies der Führer auf den Himmel, über den sich das Abendrot breitete, und ritt aus dem Talpfad einen schmalen Weg bergauf. Die Rosse der Reisenden klommen mühsam nach durch dichtes Holz bis auf eine Berghöhe. Der Gipfel war ein unebener Raum, baumlos, mit niedrigem Buschwerk und wilden Blumen bewachsen. Nur eine mächtige Esche erhob sich in der Mitte aus dem niedrigen Kraut. Die Reiter sahen von drei Seiten weit über die Hügel, südwärts bis über den Main, nach Norden auf die blauen Berge der Thüringe, geradeaus in eine weite Talebene, die von hochgeschwungenen Hügeln eingefaßt war. Hinter ihnen dehnte sich eine Bergleite, von dem vorderen Gipfel durch Erdhaufen und Senkungen getrennt, welche aussahen wie ein alter Wall und Graben. Der Führer sprang vom Rosse und neigte sich tief gegen den Eschenbaum, dann trat er an den Rand des Gipfels und sah forschend in das Tal und den Saum der Wälder entlang. Und wieder wandte er sich der Esche zu und sprach ehrfürchtig: »Hier ist der Idisberg, und dies ist der heilige Baum der hohen Schicksalsfrauen. Schutz vor schädlichen Gewalten hat die Stelle, und darum habe ich euch hierhergeführt.«

»Als ein kundiger Führer hast du dich erwiesen«, versetzte der Fremde, die gute Lagerstätte überschauend. Er stieg ab und löste selbst die Ledersäcke vom Sattel der Rosse. »Sicher weißt du auch einen Quell in der Nähe.« Der Führer ergriff die Zügel der Pferde. »Gebiete deinem Knaben, daß er die Flaschen trage und mir helfe, den Zaun zu richten«, sagte er und führte die Tiere auf die Bergleite zu etwa hundert Schritt hinab, wo ein Quell aus einer bemoosten Einfassung von Stein talab rann. Dort pflöckte er die Rosse an, damit sie weideten, hob die schwere Axt und winkte dem Jüngling, daß er ihm nach dem Wald folge.

Als der Fremde sich auf dem Gipfel allein sah, umschritt er betend mit gebeugtem Haupte den Raum, in welchem die Esche stand. Darauf untersuchte er sorgfältig die Stelle, als ein Mann, der die Zeichen der Natur zu deuten wußte, und stieß mit dem Fuß unter eine knorrige Wurzel des Baumes, welche hoch über dem Boden ragte; er fand lockeren Grund, fuhr mit dem Stiel der Axt hinein und hob mit Anstrengung einen Stein heraus, über den die Wurzel gewachsen war; ihre Ausläufer waren in ein Loch des Steines gedrungen und hatten den Stein gesprengt. Verwundert sah der Mann auf das regelmäßig gebohrte Loch. Dann nahm er ehrfürchtig den Ledersack, schob ihn an die Stelle des Steins, und über sein Gesicht flog ein Lächeln. »Haust ein Unhold in diesem Baum, so soll ihm der geborgene Schatz Not bereiten.« Noch einmal schaute er prüfend auf den unebenen Boden ringsumher und auf das üppige Grün, welches daraus geschossen war, dann zog er aus der Tasche seines Gewandes ein kleines Buch, setzte sich, daß das Abendlicht darauf [149] fiel, öffnete die Schließen und las in dem Pergament. Er hörte das Dröhnen eines Holzschlegels und merkte, wie der Führer sich anschickte, weiter abwärts den Nachtzaun zusammenzuschlagen. »Hierher, Ingram«, rief der Fremde befehlend hinunter. Der Führer schüttelte mit dem Haupt und schlug weiter. Da trat der Fremde näher und gebot: »Trag die Pfähle herauf, wir rasten am Baum.«

»Das geht nimmer an«, versetzte der Führer.

»Und warum nicht, wenn ich es will?«

»Soll der Feuerschein auf der Höhe den fremden Spähern dein Lager künden?«

»Die Nacht ist warm, gern entbehren wir die Flamme, auch ein Krieger wie du behilft sich wohl ohne Kochherd.«

Ingram stand unbeweglich und sah finster auf den Fremden.

»Wer du auch sonst bist«, fuhr dieser fort, »für diese Reise hast du dich mir gelobt um guten Sold, und ich bin der Herr unserer Fahrt. Willst du nicht nach meinem Willen tun, so ziehe deinen Weg, ich suche meinen Pfad ohne dich.«

»Ungern diene ich dir«, antwortete der Führer heftig, »und nur, weil eine, die mir Gutes tat, mich geworben hat; und wenn ich frei bin von meinem Wort und du ein Schwert zu führen weißt, so will ich lieber dein Feind sein als dein Freund, das magst du wissen, Fremder. Jenen Baum aber habe nicht ich zu scheuen, sondern du, denn weitbekannt ist er im Lande, und um ihn schweben seit der Urzeit hohe Gewalten, welche dir Feind sind und nicht mir.«

»Ob sie mir Feind sind, will ich dir zeigen, wenn du mir folgst«, antwortete der Fremde und schritt dem Baume zu. Er hob seine Axt und rief: »Haben sie Grimm, so mögen sie zürnen, haben sie Macht, so mögen sie mich treffen wie ich diesen Stamm.« Und mit starkem Schwunge schlug er die Axt in den Baum. Der Führer trat zurück, griff nach seiner Waffe und starrte nach der Höhe, ob von dort ein Götterzeichen den Frevler treffe; aber alles blieb still, nur ein trockener Zweig mit Eschensamen fiel herab. »Sieh her«, rief der Fremde, auf das Samenbündel weisend, »das ist der Zorn deiner Gewaltigen. Der Baum, vor dem du zagst, war einst ein flatterndes Samenkorn wie dieses hier, aus einem winzigen Kern ist er gewachsen. Wo hausten die Gewaltigen, welche du fürchtest, als der Baum noch ein Samenkorn war? Meinst du, der Baum hat gestanden von Anfang der Menschenerde? Merke, unter seinen Wurzeln fand ich diesen Stein, rissig und gesprengt durch die Kraft des Baumes. Betrachte den Stein, es ist ein Mühlstein, wie ihn die Weiber drehen, um das Getreide zu mahlen. Bevor die Esche war, hat hier ein Hauswesen lebender Menschen gestanden. Geringe Ehre verdienen die Götter, welche erst dann in der Esche mächtig wurden, als die Menschen gestorben waren, die vor dem Baume hier hausten. Der Herr aber, welchem ich diene, ist der Gott, welcher Himmel und [150] Erde gemacht hat, er allein ist ewig und allmächtig von der Urzeit und wird ewig und allmächtig sein, wenn der letzte Span dieses Baumes aus der Welt geschwunden ist.«

Der Führer kauerte zu dem zerbrochenen Stein nieder und sah in die Öffnung, auf das Wurzelstück und auf Reste von Holzkohlen, welche an dem Sandstein hafteten. Das Haar hing ihm über das Gesicht, und seine Brust hob sich in heftigen Atemzügen. »Stand ein Haus hier, so hat es gebrannt«, sprach er endlich leise vor sich hin. »Da ich klein war, sagten sie mir, daß meine Vorfahren auf dem Berge gesiedelt haben. Alte Leute haben einen Sang davon gewußt, der Sänger, den die Wenden erschlugen, war dieses Liedes kundig.«

Der Fremde berührte ihm die Schulter. »Die Nacht steigt herauf, im Walde heulen die Wölfe, hole die Pfähle, Ingram.«

Der Führer erhob sich. »Hierher führte ich dich«, sprach er bitter, »damit ich dir meinen Eid halte und du sicher seiest in der Nähe einer hohen Herrin, die ich mir günstig weiß. Du aber störst der Göttin den Frieden durch deine Axt, und du verstörst mich durch schwere Gedanken, die du mir in das Herz senkest. Hast du Macht, Vergangenes zu wissen und ohne den Schutz der Überirdischen zu dauern, so bereite dir selbst die Nachtrast, wo du magst, ich helfe dir nicht.«

Der Fremde ergriff schweigend einen der Pfähle, welche der Jüngling unterdes herzugetragen hatte, und hob den Schlegel. Wuchtig fielen die Hiebe auf die Pfahlköpfe, Gottfried bot die Hölzer und flocht Zweige zwischen die Stäbe, bis rings um den Baumstamm ein Zaun gerichtet war, der die Rosse und Männer eng einzuschließen vermochte. Gottfried führte die Pferde der beiden Reisenden in den Zaun, der Fremde aber trat, als alles vollendet war, zum Führer und sprach freundlich: »Auch für dich und dein Tier ist Raum in unserem Frieden.«

»Ich und mein Roß begehren deines Schutzes nicht«, antwortete Ingram abweisend. Er hob den Mühlstein von seiner Stelle und trug ihn an den Rand des Gipfels weitab von den Fremden, dann sprang er zum Quell, löste seinem Roß die Beinfessel und führte es zu dem Steine, dort lagerte er neben seinem Tier und schob den Stein unter sein Haupt.

In der Umzäunung band Gottfried zwei Holzstäbe zu einem Kreuz zusammen, küßte den Stab und über gab ihn ehrfurchtsvoll dem Fremden, dieser steckte ihn zu der Wurzel des Baumes, welche seinen Schatz bedeckte. Beide knieten nieder und erhoben den lateinischen Abendgesang, mit mächtiger Stimme sang der ältere die feierliche Weise, der Jüngling respondierte. Die melodischen Klänge tönten von der nahen Bergwand zurück und kämpften mit den wilden Stimmen der Nacht, welche kreischend und heulend aus dem[151] Walde schallten. Der Führer erhob sich, da der Gesang begann, aber die vollen Töne der bewegten Menschenstimme bändigten ihm die Hast, er blieb abgewandt sitzen und starrte in den gelben Schein am Rande des Himmels.

Als der Gesang beendigt war, setzte sich der Fremde neben die Wurzel und schob die Tasche seinem Begleiter zu. »Iß«, sagte er befehlend auf die abwehrende Bewegung des Jünglings, »du bist der Wanderschaft ungewohnt, der Herr begehrt jetzt auch die Kraft deines Leibes.« Gehorsam nahm der Jüngling wenige Bissen, dann legte er sich zu den Füßen des Fremden nieder, der sorglich seinen Mantel über ihn deckte. Es wurde still in dem kleinen Gehege. Das letzte Abendlicht schwand in bleichem Schein, der langsam nach Norden zog, zuweilen rauschte der Nachtwind in den Blättern und die Eule schrie ihren Klageruf über den Wanderern; nur aus dem Walde tönten ferner und näher die Tierstimmen, dann hoben sich die müden Rosse vom Boden und schnoben ängstlich mit den Nüstern. Der Fremde saß unbeweglich, die Hände gefaltet; wenn es im Baume rauschte, sah er wie erwartend in die Äste und nach dem Himmel, über welchem sich tiefe Finsternis breitete.

Unterdes starrte der Führer hinunter in die Tiefe, wo über dem Bach im Dämmerschein der weiße Wasserdampf hinzog. »Ich schaue, wie sie dahinschweben über der Flut«, murmelte er leise, »gehüllt in weiße Gewande schaffen sie um das Wasser, sie sinnen Hilfe und Heil ihrem Getreuen, sie verhüllen seinen Pfad vor dem Verfolger, sie lösen ihn aus den Banden der Feinde; manchmal, wenn ich unter der Esche lag, hörte ich ihren Gesang in der Tiefe. Meine Väter sind hierhergewandert in schweren Tagen und haben Hilfe erfleht von den weißen Frauen. Und ich habe vernommen, daß sie die Schutzfrauen meines Geschlechts gewesen sind seit der Urzeit. Jetzt ängstigt mich der Mühlstein, den der fremde Mann mit seinem Zauber heraufgeholt hat unter dem Baume, was mir das Zeichen bedeute. Die Baumwurzel fuhr durch den Stein, uralt ist der Stein, wie der Fremde sagt, und er ist älter als der Götterbaum. Und bevor der Baum war, und die Götter walteten, lebten schon meine Ahnen. Welches war der Gott, der sie damals gnädig beschirmt hat? Längst ist Glück und Sieg von meinem Geschlechte gewichen. Den Großvater erschlugen die braunen Avaren, den Vater tötete ein Wende, da ich noch klein war, und die Mutter starb in Trauer. Überall ist jetzt geschwunden die Freude der Erde. Selten nur sinnen die Götter gutes Glück meinem Volke, und ein fremder Gott zieht in die Täler. Das Haus ist verbrannt, das einst auf der Höhe stand, und das Glück meines Geschlechtes ist verbrannt. Und mir wird das Herz kummervoll. Jene dort beten in fremder Weise, und sie haben ein starkes Vertrauen zu ihrem Gott. Sind sie Toren, so mögen unsere Götter ihre Macht an ihnen erweisen.« Im Rücken des Betenden [152] zuckte ein Blitz, der Donner rollte. Ingram rief seinen Kriegsruf. »Wohl mir, ich höre das Dröhnen seines Wagens, er kommt, die Frevel der Fremden zu rächen.« Er warf sich auf die Erde und verhüllte sein Haupt.

Der Wetterwind schüttelte die Äste des Baumes und warf Blätter und Zweige auf die Reisenden. Diese aber erhoben noch einmal frommen Gesang und unter Donner und rauschendem Regen klang es durch die Stille der Nacht wie ein Siegeslied über das Toben der Natur. Erst nachdem das Wetter hinter die Berge gezogen war, verstummte der Sang, und wieder ward es still im Gehege, nur die Regentropfen schlugen leise auf die Baumblätter. So verging die Nacht, beim ersten Morgengrau hob sich eine dunkle Gestalt vor dem Zaun, und der Führer sah spähend nach dem Fremden.

»Windig war dein Nachtlager unter freiem Himmel«, begann der Fremde, »deine Esche gab uns Schutz vor dem Sturm, nicht vor dem Wasser der Wolken. Bist du der Kunst mächtig, ein Feuer auf dem Boden zu entzünden, so würdest du meinem Knaben und dir selbst guten Dienst leisten; wo nicht, so laß uns aufbrechen, damit Wärme in die Glieder meines Gefährten komme.«

»Es ist weite Tagfahrt bis in den Bergwald der Thüringe«, versetzte der Führer, »und Zeitverlust möchte Unheil schaffen.« Er befühlte neugierig den Mantel des Fremden. »Du bist doch naß«, setzte er frohlockend hinzu, »auch dich trifft der Regen.«

»Wenn Gott will«, antwortete der andere.

Schnell rüsteten die Männer den Aufbruch, der Fremde holte den Ledersack unter der Baumwurzel hervor und knüpfte die Riemen sorglich an den Sattel des Rosses, das der Jüngling unterdes aus dem Futtersack fressen ließ, dann neigten sich beide noch einmal an dem Holzkreuz und sprachen den Reisesegen. Ingram führte über den Wall und die Grabentiefe in den Bergwald. Heut ritt er schneller als am letzten Tage, aber sein scharfer Blick prüfte wieder jeden Busch und Stein. Sooft sie aus dem Wald in ein Wiesental kamen, gab er den Fremden ein Zeichen, zurückzubleiben, und winkte nach einer Weile mit gehobener Hand, ihm zu folgen. Mühselig war der Weg über Baumwurzeln und durch das Sumpfwasser, welches sich an tiefen Stellen des Waldes gesammelt hatte, dann nahm er wohl selbst die Rosse beim Zügel und wies dem Jüngling die trittfesten Stellen. Er war schweigsam wie gestern, aber er war mehr um die Reisenden besorgt. Als sie einmal von der Höhe in ein weites Tal ritten, sagte er: »Hier müssen wir durch freies Land, hört ihr mich Hara rufen, dann wendet so schnell euch die Rosse tragen zum Walde zurück, vielleicht, daß euch die Flucht gelingt.«

Der Fremde lächelte. »Sei ohne Sorge um uns und denke an das eigene Heil.«

[153] »Treibt das Pferd, daß es springe«, mahnte der Führer.

Als sie wieder im Walde dahinritten, begann der Fremde dankbar: »Gutherzig erweisest du dich, und als treu rühmt man deines Volkes Art.«

»Der Thüring ist fest in Liebe und Haß«, sagte der Führer.

»Auch sein Haß ist nicht der eines hinterlistigen Mannes«, versetzte der Fremde lächelnd. »Nicht geradeaus nach Norden geht der Pfad, den du uns führst.«

»Wer Kampf vermeiden will, muß sich wenden wie der Fuchs, wenn die Hunde bellen. Sieh dort den fernen Feuerschein«, er wies mit der Hand durch die Stämme, »was dort brennt, ist ein Hof.«

»Vielleicht tat's der Wetterschlag.«

»Die Röte stieg auf in stiller Nacht.«

Der Fremde sah finster nach dem schwachen Licht hinüber, das am Rand des Horizontes aus der Dämmerung blinkte.

»Du kennst den Hofherrn«, fragte der Fremde.

»Es ist ein Franke«, versetzte der Thüring kalt, »sein Großvater kam weit von Westen her in das Land.«

»Sieht der Thüring ruhig zu, wenn sein Landsmann erschlagen wird?«

»Frage den großen Herrn der Franken und nicht mich, weshalb er seine Volksgenossen von Fremden erschlagen läßt«, rief der Führer. »Einst waren wir Thüringe ein siegreiches Volk, da brachen die Franken ins Land, mit ihnen die Sachsen und Angeln, unsere Krieger fielen auf der Walstatt, und die Fremden teilten sich in die Fluren der Landgenossen. Sie sagen, daß damals der Mehrteil unserer Krieger den Pfad des Todes wandelte. Jetzt sitzt über uns ein Sendbote des fränkischen Königs, er ruft uns zu den Waffen, wenn es ihm gefällt. Ich sah, wie der letzte durch die Wenden erschlagen wurde, seitdem sind wir Waldleute schutzlos, und unsere Alten schlossen Frieden mit den Feinden, frage mich nicht, um welchen Preis, alljährlich sehe ich die Klauen unserer Herdentiere in das Slawenland gehen, aber wenige herauskommen.«

»Auch du trägst Speer und Schwert«, unterbrach ihn der Fremde hart.

»Willst du versuchen, ob sie schneiden?« brach der Thüringe los. Er riß seine Jacke auf und wies auf lange rote Narben. »Ich meine, mehr habe ich gegeben als empfangen. Doch es bringt wenig Ehre«, murmelte er, »sich gegen einen Waffenlosen zu rühmen.«

»In guter Meinung rede ich«, begütete der Fremde. »Ich meine, ihr habt doch viele Rosse geschlachtet denen zu Ehren, die ihr als Götter rühmt und die ich Unholde nenne, und ich fürchte, wohl noch anderes Blut ist geflossen vom Opferstein, noch greulicher dem Gott, dem ich diene, und doch waren eure Götter zu schwach, euch Sieg zu gewähren gegen die Pfeile der Wenden. Nicht für weise halte [154] ich den Mann, der sich auf einen Rohrhalm stützt, wenn ihm die Knie wanken.«

»Der Gott der Schlachten wägt die Lose, wie es ihm gutdünkt, er spendet Sieg, wem er will«, versetzte der Führer.

»Töricht ist deine Rede, wenn ich recht berichtet bin. Denn andere Götter sind es, denen die Wenden opfern, und wenn sie die Leute aus euren Dörfern heimwärts treiben, dann singen sie, daß ihr Gott stärker ist als der eure.«

»Gibt der Christengott Sieg seinen Bekennern? Ich sah doch manchen meiner Landsleute, der das Zeichen des Kreuzes machte, erschlagen auf der Walstatt.«

»Nicht jeder, der das Kreuz schlägt, ist ein Krieger des ewigen Gottes«, antwortete der Fremde nachdrücklich. »Wer Sieg erfleht von dem großen Himmelsherrn, der muß vorher sein eigenes Leben würdig machen der Gotteshilfe, treu leben nach Gottes Geboten und jede niedere Tat meiden. Hoch ist und schwer der Dienst, aber herrlich der Lohn, hier Sieg und Freude, und Glück im Himmel. Und ich sage dir, nicht eher wird euer Volk der Fremden mächtig werden, als bis die Kreuzfahne vor euch zieht und jeder von euch Herz und Gedanken geheiliget hat dem großen Gott der Christen.«

»Lehre auch das den König der Franken oder wer sonst dort gebietet. Denn wir hören, daß der König durch den Christenglauben zu einem Mönch verdorben ist und daß einer seiner Helden die Lande regiert.«

Der Führer wandte sich ab, der Fremde aber sprach zu seinem Begleiter: »Du hörst seine Worte. Der Thüring haßt den Franken und beide den Sachsen, ein Stamm vertilgt den anderen, und die Ehre ihrer Helden ist, Männerblut zu vergießen und das wehrlose Geschlecht fortzutreiben, damit sie ihre Lust an ihm büßen und seine Rücken gebrauchen als Schemel für ihre Füße. Seit ich ein Knabe war in fernem Land, sah ich die Menschen wilde Frevel üben, Rauben und Töten war der Höllenschrei, der aus hunderttausend Kehlen kam. Wahrlich, der Erdgarten ist zu einer Wildnis geworden, überall Wustung und zertrümmerter Bau früherer Geschlechter, wie ein Rudel Wölfe bellen, die noch leben in der Einöde. Und wo noch ein Volk männerreich auf dem Boden haust, den es sich durch Brand und Mord gewann, da leben die Sieger zuchtlos, stets gierig nach Goldschatz und Fleischeslust. Gänzlich verderbt hat der üble Teufel dies Geschlecht, das er besitzt, und doch verstopfen sie die Ohren gegen die Botschaft der Gnade, auch wenn sie das Kreuz schlagen und sich Christen nennen. Keine Rettung gibt es für die, welche nach Gottes Ebenbild aufrecht gehen, als die eine, daß sie alle die harten Nacken beugen dem einen Herrn, von dem geschrieben steht: sanft ist mein Joch.«

In der Landschaft, welche sie jetzt betraten, lagen in den Tälern [155] oder auf halber Höhe der Berge, wo ein kräftiger Quell aus dem Boden rann, hie und da Dörfer und einzelne Höfe fränkischer Ansiedler, die meisten Höfe klein, die Häuser zerfallen, notdürftig geflickt, daneben oft leere Brandstätten. Jeder Hof und jedes Dorf waren umwallt, aber auch Wall und Gräben waren verfallen und zerrissen. Nur wenig Leute sahen sie auf dem Felde, in den Dörfern rannten die Kinder und Frauen an den Hofzaun und starrten den Reisenden nach; stolz grüßte der Führer, und der achtungsvolle Gegengruß zeigte, daß er den Leuten für einen ansehnlichen Mann galt. Zuweilen war am Hausgiebel über dem Zeichen des Besitzers ein Kreuz gemalt, dann segnete der Reisende die Bewohner an der Tür mit dem Christengruß, erstaunt vernahmen ihn die Leute und eilten auf die Reiter zu. Aber der Führer trieb hastig vorwärts, und im Trabe der Rosse verklangen die Zurufe und Fragen. Wieder kamen sie an ein Dorf, ohne Zaun standen die hohen Strohdächer, welche fast bis zum Boden reichten, selbst die Fliederbäume fehlten, welche ihre schwarzen Beeren sonst in jedem Hofe wiesen. Nackte Kinder, bräunlich und schmutzbedeckt, wälzten sich neben den Ferkeln auf der Dungstätte, kleiner waren die Leute, rundlich und platt die Gesichter, und statt der bedächtigen Ruhe, mit welcher die Reiter anderswo von den Dorfbewohnern begrüßt wurden, tönten ihnen hier lautes Geschrei, Schelte und Verwünschungen in fremder Sprache entgegen.

»Sind die Fremdlinge häufig auf eurem Grunde?« fragte der Fremde.

»Es sind Wenden von ostwärts, in mehreren Dörfern hausen sie hier und in Thüringen, sie zahlen Zins dem Grafen des Frankenherrn, aber übelgesinnt bleiben sie und widerbellig.«

Er hielt das Pferd an und horchte auf die Verwünschungen, welche ihnen von einem häßlichen Weib nachgeschrien wurden, dann spornte er wieder das Pferd und rief: »Vorwärts!« Schnell fuhren sie dahin, der Führer richtete sich oft im Sattel auf und wandte die Augen rechts und links. Nach einer Weile ritt der Fremde an seine Seite: »Gefällt dir's, so sage mir, was unsere Rosse so flüchtig vorwärts treibt.«

»Nur wenig verstehe ich die Sprache der Wenden«, antwortete Ingram, »aber das Weib, der arge Lasterbalg, wünschte uns Unheil, wenn wir auf unserem Wege den Kriegern ihres Volkes begegnen würden. Unruhe ist in der Luft, schon seit dem Morgen fliegen die Habichte und Krähen nordwärts. Mich reut's, daß ich solche nicht gefragt habe, die in unserer Sprache reden.« Er rief seinem Rosse zu und flog voraus, die Reisenden hatten Mühe, ihm zu folgen; dem nächsten Hofe, welcher auf einer Höhe sichtbar wurde, ritt er in gestrecktem Laufe zu und winkte den anderen, zurückzubleiben. Die Reisenden sahen ihn auf dem Hügel halten, [156] bald jagte er wild herunter und vor ihnen dahin. Als sie endlich einen steilen Aufstieg erreichten, fragte der Fremde: »Willst du uns nicht sagen, ob Gefahr droht?«

»Der Hof war leer, auch die Ställe leer, jedes Haupt entwichen, mich wundert, daß kein Flüchtling uns entgegenkommt«, versetzte der Führer finster.

»Vorwärts«, rief er, »wenn ich euch nicht verlassen soll.«

»Gedenkst du die Gefahr zu meiden, wenn wir vor dem Abend die Rosse ermüden?« bemerkte der andere ruhig.

»Ich will sehen«, versetzte Ingram kurz und ritt wieder vor.

So ging es eine Stunde vorwärts, durch Buschholz und über Wiesengrund, endlich sahen sie in der Entfernung seitwärts vom Wege einen großen Hof unter Lindenbäumen, das Roß des Führers flog wie ein Pfeil dem Hofe zu, sie erkannten, daß der Führer einigemal anhielt, dann mit weiten Sprüngen hinter den Bäumen verschwand. Langsamer folgten die Reisenden. Da sie herankamen, fanden sie das Dach zerrissen, die Tür eingeschlagen, die Kohlen eines Feuers vor dem Hause. Der Führer beugte sich über etwas, das im Grase lag. Es war ein toter Mann, das Haupt durch einen Keulenschlag gebrochen. »Dies war der Wirt des Hofes«, sprach der Führer mit zuckendem Munde. »Er war von Geschlecht ein Franke, aber ein gastfreier Mann. Und er ist gefallen als ein Krieger. Seht dorthin.« Erde war aufgewühlt und zu zwei runden Hügeln geschichtet. »Die Räuber haben ihre Toten begraben.«

»Wann ist es geschehen?« fragte der Fremde traurig.

»Gestern bevor der Tag warm wurde«, versetzte der Führer und wies auf den Leib eines Slawenrosses, das durch einen Speerwurf des Hofbesitzers getroffen daneben lag. Der Fremde sprang ab und eilte nach dem Hause: »Komm, daß wir Hilfe bringen, wenn dort noch jemand atmet.«

»Du sorgst vergeblich«, versetzte der Führer. »Seine Tochter Walburg und seine kleinen Knaben sind fortgetrieben. Die Kuh mit der Blesse ist geschlachtet, auf seinem Rosse Goldfeder sitzt ein Slawe; die Wenden wissen aufzuräumen, sie lieben nicht halbes Werk.«

Der Fremde ergriff einen Spaten und begann ein Grab zu schaufeln. »Ratsamer wäre dir, von dieser Stätte zu entweichen«, rief der Führer unruhig. Der andere wies auf ein Kreuz, das mit blauem Waid in den nackten Arm des Toten gezeichnet war: »Er ist von meinem Glauben, und ich darf nicht gehen, bevor ich seine Hülle vor Wolf und Geier gesichert habe.«

Der Führer trat zurück und murmelte: »Mancher Mann, der das Kreuz geschlagen, liegt heut still auf blutigem Grunde.« Die Reisenden höhlten das Grab, legten den Toten hinein, knieten zum Gebet, deckten das Grab mit Erde und steckten ein Holzkreuz [157] darauf. Dann winkte der Fremde den Jüngling hinweg und blieb allein vor dem Erdhaufen liegen.

Unterdes war der Führer vorwärts geeilt auf der Spur der Feinde, wie ein Jagdhund sprang er über den Grasgrund; schon harrten die Fremden seiner, als er mit glühendem Antlitz zurückkehrte. »Ich erkannte die Fährte, die Fußtritte des Weibes und der Kinder; nur eines der Rosse war beschlagen, ich meine, das ist ein Pferd des Ratiz, des Sorbenhäuptlings. Ich treffe ihn wohl in wenig Tagen«, rief er drohend. – »Beantworte mir eine Frage, Fremder: Würdest du dich freuen, den Ratiz erschlagen zu sehen mit seinem Haufen?«

»Nein«, versetzte der Fremde.

»Er hat Männer deines Glaubens getötet und führt ihre Kinder in elende Knechtschaft.«

»Nein, sage ich dir«, wiederholte der Fremde.

Der Führer raunte einen Fluch, plötzlich trat er zu dem Roß des Fremden: »Bekenne mir, was führst du in dem Ledersack, den du so sorglich hütest?«

»Nicht ziemt dir solche Frage«, versetzte der Reisende kalt, »und ich weigere dir die Antwort.«

»Ich meine, du hast Armringe darin und Silber, wie es die fremden Kaufleute in das Land bringen«, sprach der Führer und starrte begehrlich auf den Ledersack.

»Vielleicht ist darin, was du nennst«, sagte der Fremde, »vielleicht auch nicht, was kümmert's dich. Dein kann es nimmer werden.«

Der Führer sah ihn mit feindseligem Blick an, dann fuhr es über sein Gesicht wie ein Krampf, er warf sich auf den Boden und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Der Fremde ergriff seine Axt, stellte sich vor den Liegenden, zog ihm die Hand vom Antlitz und legte die Axt hinein. »Hier ist die Waffe, mein Sohn, und hier ist das Haupt eines wehrlosen Mannes, willst du treffen, so versuche den Schlag. Willst du lieber hören, so achte auf das Wort eines älteren Mannes.« Ingram ließ die Waffe ins Gras fallen und saß mit geneigtem Haupt auf dem Boden. »Ich weiß, was dich verstört«, fuhr der Fremde fort, »die Räuber treiben ein junges Weib in ihre Berge, du denkst daran, sie zu entledigen mit den Waffen oder durch Kauf, und du meinst, der fremde Mann soll dir dazu dienen. Spreche ich die Wahrheit, so antworte.«

»Sie sprach stolz zu mir«, antwortete er leise, »weil ich nach dem Brauch meiner Väter beim Roßopfer unter der Eiche stand, aber mir ist greulich, daß sie in der Hand des Ratiz bleiben soll, und in meine Seele fiel es wie ein Strahl aus den Wolken, daß ich eilen muß, sie loszukaufen. Dann führe ich sie als Gefangene heim, sie wird mein eigen und ich ihr Herr.«

[158] »Und sie muß tun nach deinem Willen«, sprach der Fremde kalt; »wie aber, wenn dein Feind Ratiz ebenso denkt?«

Der Führer knirschte mit den Zähnen und warf sich wieder in das Gras.

»Sie sind wie die Bestien«, sagte der Fremde in lateinischer Sprache. »Steh auf, Führer«, befahl er mit ruhigem Tone, »und vollende vor allem, was du gelobt hast. Jetzt fordert deine Ehre, daß du uns sicher in deine Heimat bringst, wenn wir dir auch fremd und unwillkommen sind. Bist du erst frei von dieser Pflicht, dann erwäge, welches die nächste sein wird. Aber vergiß nicht, daß das Weib, welches du dir begehrst, unter mächtigem Schutz dahinzieht auf dornigen Pfaden. Denn sie wird geleitet durch die geflügelten Boten meines Gottes, die Engel, damit sie erhalten werde für diese Welt oder hinaufgeführt in den Himmelssaal der Christen. Trägt sie auch Sorbenbande, dennoch ist sie in der Hand eines gütigen Vaters, der alle hört, die in der Not ihn anrufen. Will er, daß sie gelöst werden soll durch dich, so wird es geschehen. Du aber tue, was jetzt deines Amtes ist.«

Der Führer stand auf, schüttelte sich und sprang stumm in seinen Sattel. So zogen die Wanderer weiter nach Norden, jeder mit sich beschäftigt, der Fremde sprach nur selten einige lateinische Worte zu seinem Begleiter. Als die Sonne sank, betraten sie die finstern Wälder des Gebirges, welches die Thüringe von den Franken scheidet.

Sie hörten hinter den Bäumen Hundegebell und dazwischen ein tiefes mißtönendes Gebrumm. »Führst du uns in eine Bärenhöhle?« fragte der Fremde.

»Hier wohnt Bubbo, der Landfahrer«, versetzte der Führer, »er fängt Bären, weiß ihre Wut zu bändigen und verkauft sie weit südwärts im Lande der Franken, an Herrenhöfe, zuweilen auch an fahrendes Volk. Sein Hof ist im ganzen Lande gefürchtet, er hat Frieden bei Freund und Feind und versteht manche geheime Kunst.«

»Er ist von deinem Glauben?« fragte der Fremde.

»Wenige wissen, zu welchen Göttern er fleht«, sagte der Führer.

»Dann laß uns den ungastlichen Hof meiden.«

»Sieh auf den Himmel, die Nacht bringt Regen, dein Knabe und eure Pferde bedürfen Nachtrast, denn morgen steigen wir über den Wald auf wildem Wege, wo kein Wirt uns aufnimmt.«

Der Mann blickte auf den Jüngling an seiner Seite und gab schweigend ein Zeichen der Gewähr. Da sie näher kamen, wurde das Gekläff der Rüden wilder, die grunzenden Stimmen einer Bärenfamilie mischten sich darein, und als Ingram an das Tor schlug, tobte der Lärm so arg, daß der Fremde ein Kreuz schlug. Lange pochte der Führer, endlich klangen Menschentritte und rauher Zuruf an die Tiere; Ingram rief seinen Namen durch das [159] Tor, der Sperrbalken wurde zurückgeschoben, und eine riesige Männergestalt trat in den Türspalt. Der Führer sprach leise mit dem Wirt. Durch kurze Handbewegung lud dieser zum Eintritt, er faßte die zitternden Pferde am Zügel und zog sie in den Hof, den er hinter ihnen wieder verschloß. Die Reisenden entlasteten ihre Tiere im Dunkel, dann führten Ingram und der Wirt die Rosse nach dem Stall. Als die Männer auf den gestampften Lehmboden der Hausflur traten, hielt der Wirt eine Kienfackel an die züngelnden Kohlen des Holzklotzes, der auf dem Herde lag, und leuchtete mit der rußigen Flamme seinen Gästen in das Gesicht. Da er das Antlitz des Fremden erkannte, trat er zurück, die Fackel entglitt seiner Hand und sprühte auf dem Boden, bis der Führer sie faßte und in den Eisenring am Herde steckte.

»Nimmer hätte ich geglaubt, dein Angesicht in meiner Hütte zu finden. Unhold war der Gruß, den du mir botest, da ich dich das erstemal sah; mit meinen Bären ließest du mich weghetzen von dem Haus deiner Gastfreunde.«

»Und da ich dich zum zweitenmal sah«, antwortete der Fremde ruhig, »löste ich deinen Hals von der Weide, die für dich gedreht war. Und da ich dich zum drittenmal sah, standest du als Täufling vor mir im weißen Hemd, und das heilige Wasser rann über dein Haupt.«

»Das Taufhemd ist lange zerrissen, es war das letztemal weniger wert als sonst wohl in früheren Jahren, wo ich mich in euer Wasser tauchen ließ; und ungern denkt der Mann an die Stunden der Not, in denen er sein Haupt vor fremdem Zauber gebeugt hat«, versetzte der Wirt scheu. »Du hast mir weh getan, und du hast mir wohl getan. Dennoch meine ich, du bist ein Mann, großer Geheimnisse kundig, und auch mich rühmen die Leute als einen, der manches weiß. Und wenn ich dir Frieden gebe unter meinem Dach, so magst du zum Dank mich wohl noch manches Geheimnis lehren.«

»Ich will dich lehren«, sagte der Fremde, »wenn du Ohren hast zu hören.«

»Wohlan, so soll das Frühere ausgeglichen und vergessen sein, und ich will dich halten als meinen Gast, dich und deine Begleiter mit Abendkost und Herberge, und ich grüße dich an meinem Herde, dich, Herr Winfried, vor dem die Leute knien und den sie Bonifazius und einen Bischof nennen.«


Als die Reisenden am Abend des nächsten Tages aus dem dunklen Fichtenwald ritten, schauten sie von der Berghöhe niedrige Hügel, in der Ferne offenes Land. Vor ihnen lag am Fuße des Berges ein Dorf, grau die Dächer, grau die Balken, rundherum ein Zaun aus Pfahlwerk und ein breiter Graben. Eng gedrängt standen [160] die Häuser in den Dorfgassen, damit die Abwehr eines feindlichen Überfalls leichter sei. Außerhalb des Zaunes erhoben sich an der Berglehne zwei einzelne Höfe, wenige Bogenschüsse voneinander entfernt. Zu jedem führte ein Fußpfad von dem Dorfwege ab. An dieser Wegscheide hielt Ingram und sagte kurz: »In das Land der Thüringe habe ich euch geleitet, dies ist das Dorf, dort ist der Hof des Franken, den sie einen Meier des Grafen nennen, und dort steht er selbst. Vollbracht ist, was ich gelobt, fahret dahin.«

Während die Fremden mit geneigtem Haupt ihrem Gott dankten und um Segen für ihren Eintritt flehten, jagte Ingram von dannen und war bereits hinter einem Vorsprung des Holzes verschwunden, als Winfried nach ihm aufsah. Von der anderen Seite aber kam der fränkische Verwalter ihnen entgegen, ein Mann mit grauem Haar und ernster Miene. Winfried bot ihm den Christengruß, und das Gesicht des Mannes rötete sich vor Freude, als er antwortete: »In aller Ewigkeit.« Und als ihm Winfried ein ausgeschnittenes Pergamentblatt hinhielt, das Erkennungszeichen, welches die Herrin dem Meier sandte, da nahm dieser ehrerbietig den Hut vom Haupte, ergriff selbst die Zügel der Rosse und führte die Fremden nach seinem Hofe.

Ein Christ unter Heiden

Abwärts vom Dorfe auf die Ebene zu stand ein verfallenes Haus von einem Holzzaun umgeben, an welchem bestäubte Kletten die grauen Blätter breiteten; der Zaun war löcherig und nachlässig geflickt, und die Hühner und Ferkel des Hofes fanden das ganze Jahr mühelosen Durchgang. Hinter dem Tor war aus zwei Stangen ein Holzkreuz errichtet, als einziges Zeichen, daß Meginhard, den sie Memmo nannten, dort wohnte, ein Priester der Christen. Widerwillig hatten die Dorfbewohner ihm vor Jahren auf die Verwendung des Grafen gestattet, in der leeren Hütte zu wohnen. Dennoch fehlte im Innern nicht gänzlich das Behagen. Durch die Ritze der geschlossenen Fensterladen sah man, daß auf dem Herde ein lustiges Feuer brannte. Daneben saß Memmo, ein kleiner rundlicher Mann, vor ihm stand auf schlechtem Holztisch ein Krug mit Bier, auf dem Herde kochte im Topfe ein Huhn, und eine kräftige Magd wirtschaftete mit dem Holzlöffel um den Stein. »Lange brodelt das Huhn, Godelind«, sprach der kleine Mann und blickte sehnsüchtig nach dem Topfe, »schwinge den Löffel und lege Holz an, denn dies ist das einzige, was man hier im Lande reichlich hat.« Aber Godelind kümmerte sich wenig um den Seufzer des Herrn, sie fuhr unwirsch über den Herd und sah zuweilen zornmutig auf den Priester herab. »Sicherlich hätte [161] mein Herr ein besseres Geschenk von dem kranken Nachbar erwerben können als das Ding da« – sie wies mit dem Löffel in die Ecke der Hütte, wo auf dem Strohbund ein slawisches Mädchen kauerte, das mit gesenktem Haupt vor sich hin starrte. »Durch viele Wochen habt Ihr die bösen Geister besprochen, die in dem kranken Bein des Mannes saßen; für große Mühe ist dies ein erbärmlicher Dank, eine Gefangene, ein krankes elendes Ding, zu gar nichts gut. Warum hat er Euch nicht ein Kalb in die Wirtschaft geschenkt? Oft genug habe ich Euch geraten, ihm Eure Meinung darüber unter den Fuß zu legen. Wir haben kaum genug, um zwei Mäuler zu füttern, jetzt kommt das dritte, und dazu eine Wilde mit verworrenem Haar, die kein Wort sprechen mag und die mir neue Sorge schafft zu der, die ich um Euch habe.«

Memmo blinzte schlau in die Ecke. »Und doch nahm ich sie um deinetwillen, Godelind«, sagte er begütigend, »für die Weide und das Feld, gern will ich dich schonen.«

»Habe ich je über die Arbeit geklagt?« schmollte die Gebieterin des Herdes nur wenig besänftigt. »Jetzt soll ich Wache halten um den fremden Unhold.« Sie stürzte das gekochte Huhn in eine irdene Schüssel und setzte das heiße Gericht mit einem Löffel ihrem Herrn vor. Ein wohlriechender Rauch stieg in die Höhe, Memmo saß, die Kühlung erwartend, und klapperte ungeduldig mit dem Holzlöffel am Schüsselrand. Da knarrte es draußen am Zaun, und gleich darauf pochte ein Stab an die Tür viermal in kurzen Absätzen. Dem Priester fiel der Löffel aus der Hand, er fuhr erschreckt in die Höhe, starrte auf die Tür, als ob er einen Geist fürchte, und murmelte nach dem dritten Schlage leise, halb bewußtlos: »In nomine spiritus sancti, amen.« Der letzte Schlag erklang, und gleich darauf flog die Tür, von starker Hand gerissen, auf, ein Mann trat herein in dunklem Gewande, und eine tiefe Stimme sprach auf der Schwelle: »Sei gegrüßt im Namen des Herrn.« Stumm stand Memmo, alles Rot aus seinem Gesichte war entwichen; Winfried betrachtete einen Augenblick die Bewohner der Hütte, dann trat er an das Fenster, schlug den Fensterladen auf, nahm Schüssel und Huhn, warf sie hinaus, daß die Scherben krachten, und rief gebietend: »Hinaus mit den Frauen.« Godelind hatte die Arme untergestemmt, gar nicht gesonnen, dem Befehl des Fremden zu gehorchen, da sah sie, wie ihr Herr mit heftiger Handbewegung winkte, daß sie weiche, sie merkte, daß der flammende Blick des Fremden sich auf sie richtete, und ihr Mut wurde klein; sie riß die gefangene Slawin mit sich fort und eilte zur Tür. »Suche eine andere Herberge zur Nacht, Weib«, rief ihr Winfried nach, »denn die Zelle dieses Mannes betritt dein Fuß schwerlich wieder.« Hinter den Frauen schloß er die Tür, schob den Riegel vor und trat zu dem sprachlosen Memmo. »Ins [162] Elend bist du gegangen, mein Genosse«, sprach er traurig, »und in übler Gesellschaft finde ich dich; ich komme, deine Seele zu mahnen. Auf die Knie, Meginhard, mein armer Bruder, und bekenne deine Übeltat, denn der Tag der Buße ist gekommen, siehe zu, daß du die Gnade des Richters erwirbst.«

Betäubt fiel der Mönch vor dem Bischof auf die Knie und begann ein lateinisches Gebet zu murmeln. Die Herdflamme loderte lustig weiter und warf die Schatten der Männer hin und her, das Wasser im Kochtopf hob den Deckel und zischte auf dem Herde, aber niemand kümmerte sich darum, bis die Flamme sich senkte und das Wasser schwieg. Dunkler wurde es im Raum, die verglühenden Kohlen warfen ein schwaches Dämmerlicht, und von der anderen Seite fiel matter Sternenschein durch die Fensteröffnung, aber immer noch lag der Priester am Boden, nur schwere Seufzer und das Summen feierlicher Gebete wurden gehört, dann die scharfen Schläge der Geißel und leises Stöhnen. So ging es fort bis in die Nacht. Und als das Sternenlicht in dem Grau des neuen Tages verging, lag Memmo immer noch mit dem Antlitz am Boden, die Arme in Kreuzesform ausgestreckt, und neben ihm kniete der Fremde, und die tiefen Töne seiner Stimme klangen feierlich über dem Schluchzen des Liegenden.

Winfried öffnete die Tür, das erste Morgenlicht drang in den dämmrigen Raum, am Zauntor stand der junge Gottfried und neigte sich schweigend vor dem Lehrer, denn noch war die Tagstunde nicht gekommen, wo ein Bruder sprechen durfte. »Ich meinte dich wohlgeborgen auf dem Lager des Gastfreunds«, sagte der Fremde und winkte ihm die Erlaubnis zu reden.

»Verzeih, mein Vater, mich trieb die Sorge um dich hierher.«

»Dort drinnen liegt einer, der gefallen ist. Weile bei ihm, damit er dein Angesicht schaue, wenn er sein Haupt erhebt, und stütze seine wankenden Schritte«, und leise fügte er hinzu: »Wie einen Hänfling, der dem Bauer entflogen war, habe ich ihn eingefangen, und unruhig wird seine Seele flattern. Hilf ihm, obwohl er älter ist, daß er sich der Zucht wieder gewöhne, und gib ihm nach, soweit du darfst. Denn ungeschickt wäre es, dem Verwilderten allen Trost zu nehmen.«

Der Fremde schritt dem Dorfe zu, wo sich's in den Häusern rührte, der junge Mönch setzte sich leise neben den Büßenden; nicht lange, und dieser schauerte zusammen, hob vorsichtig das Haupt und sah erstaunt statt des furchtbaren Bischofs einen Jüngling neben sich, in dessen Antlitz warmes Mitleid leuchtete. »Visio venit, ein Friedensbote erscheint«, murmelte er erschrocken und fiel auf das Gesicht zurück, um es nach einer Weile wieder zu erheben. »Ich fühle warmen Atem über meinem Haupte, bist du einer von uns, so sprich.«

[163] »Gottfried heiße ich, mein Vater, und bin dein Bruder und Diener.«

»Er ist fort«, seufzte Memmo, sich furchtsam umschauend, und fühlte mit der Hand nach seinem wunden Rücken. Mühsam setzte er sich auf und faßte den Kopf mit beiden Händen. »Gänzlich bin ich verwandelt, die Schüssel mit dem Huhn warf er aus dem Fenster und Frau Godelind« – er bekreuzigte sich –, »hinweg, du Teufel. Schwer bin ich versucht worden, mein Sohn, unter den Heiden, zwischen Pferdeköpfen und Roßfleisch habe ich gesessen, und wenn sie im Mai den Reigen tanzten, forderten sie, daß ich mit Frau« – er bekreuzigte sich wieder. »Sicher ist der Bischof ein heiliger Mann, menschlicher Schwachheit völlig enthoben. Auch du kennst die Regel, mein Bruder, obwohl du jung bist.«

Gottfried nickte freundlich.

»Dann weißt du auch, mein Sohn, daß den Getreuen nach der Pönitenz gestattet ist, die heißen Lippen anzufeuchten, aqua cum aceto, durch Wasser mit Essig. Essig fehlt in diesem Lande, aber«, fuhr er überredend fort, »dort steht an seiner Statt ein Rest Dünnbier, es ist Wasser genug darin, ich bitte dich, reiche mir den Krug.«

Gottfried holte bereitwillig den Trunk, der erschöpfte Mann tat einen tiefen Zug, hielt darauf den Krug in seinen gefalteten Händen und begann wehmütig sein Morgengebet. Gottfried sprach die Worte mit, dann schüttelte er in der Ecke das Stroh zum Lager zurecht, geleitete den Wunden zur Ruhestätte und sprach ihm leise Gebete vor, bis der Vater entschlief.

Als Winfried am späten Morgen zu dem Mönch zurückkehrte, fand er ihn mutiger auf seinem Stuhl sitzen. Gottfried hatte die Zelle gesäubert, einen kleinen Altar aufgerichtet und mit Fichtenzweigen und wohlriechendem Quendel umhangen. Da der Bischof eintrat, machte Memmo einen Versuch, sich zu erheben, Winfried aber drückte ihn sanft in den Stuhl zurück.

»Nicht als Arzt komme ich in dieser Stunde, der seinen Kranken zum Heilmittel nötigt, als dein alter Geselle setze ich mich zu dir, und ist dir's nicht zu beschwerlich, so bitte ich dich, mein Bruder, daß du mir wahrhaft verkündest, was du in diesem Volke Schweres geduldet hast, denn wahrlich nicht leicht war das Amt, das dir befohlen war, und ich finde dich nicht in fröhlicher Arbeit.«

»Gar nichts Günstiges kann ich dir sagen, ehrwürdiger Vater«, begann Memmo kleinlaut, »fünf Jahre habe ich hausgehalten unter diesem Geschlecht wie Daniel in der Löwengrube; verhärtet sind ihre Herzen und trotzig ihr Mut, und der Beste unter ihnen hat Stunden, wo er sich gebärdet wie der üble Teufel aus der Hölle. Wenige gibt es, die da glauben, und sie glauben nur, wenn ihnen ein Bein verrenkt ist oder der böse Geist des Fiebers sie schüttelt, dann senden sie zu mir, daß ich vor ihnen bete, und schlagen emsig das Kreuz; den nächsten Tag aber schicken sie zu der Heidenfrau, [164] welche Zauberkünste übt, und machen wieder das Hammerzeichen über ihren Leib. Sie fragen oft, ob unser Gott ihnen Sieg schaffen kann gegen die Slawen und Sachsen, dann möchten sie es wohl mit ihm versuchen. Er soll sich ihnen geloben wie ein Diener, aber sie wollen ihm nicht dasselbe tun.«

»Du kennst die Christen dieser Landschaft?« fragte Winfried ungeduldig, »denn dazu bist du hergesandt, wie die Schwalben ihre Boten voraussenden.«

»Wohl meine ich, daß ich sie kenne, soweit das Land reicht von der Saale bis zur Werra«, versetzte Memmo. »Und ich schrieb dir nach deinem Gebot die Namen einiger, welche Ansehen haben und noch die treuesten sind. Von Priestern aber bin ich das einzige Lamm unter bellenden Wölfen. Denn andere gibt es noch, die sich Christenpriester nennen, aber sie sind reine Teufelsbraten, sie halten sich mehr als ein Weib, sie sitzen mit den Heiden beim Opferschmause, und die Pferdehäupter hängen neben ihren Kreuzen, sie wollen auch nichts wissen von unserem großen Vater in Rom. Vor alter Zeit ist diese Art ins Land gekommen, sie malen mit Farbe Zeichen in ihre Haut.«

»Schottische Wildkatzen«, rief Winfried zornig.

»Viel habe ich hier erduldet durch Schläge und durch Hohnreden«, fuhr Meginhard fort. »Das Ärgste aber geschah mir im letzten Jahre, als die Wenden ins Land fielen. Die Thüringe stellten sich ihnen entgegen unweit der Saale, und sie bedräuten mich und forderten von mir, da ich ihr Gast sei und ihren Frieden genieße, daß ich mit ihnen ziehe und als unkriegerischer Mann neben ihrer Schar auf dem Hügel stehe und Sieg für sie herabbete. Sie zogen mich fort und stellten mich auf, aber die Wenden wurden ihrer mächtig, erschlugen einen Haufen, brachen in die Dörfer, zündeten an und führten die Weiber und Kinder hinweg in Knechtschaft; auch mich fingen sie, mit Weiden wurde ich gebunden, und sie trieben uns wie eine Herde Schafe ostwärts in die Sklaverei. Jämmerlich war die Reise unter Heidenweibern und weinenden Kindern, wer niedersank und nicht mehr aufzustehen vermochte, der erhielt einen Keulenschlag und lag am Wege. Spärlich war auch die Reisekost, gleich Ebern bot man uns Brei im Troge. Zwei Tage und Nächte wanderten wir so den Angstpfad, bis wir die Dörfer der Wenden erblickten und die Stangen, an denen die Banner ihrer Häuptlinge hingen. Dort teilten sie uns in die Dörfer, ich aber mit einem Haufen wurde dem Sorben Ratiz zuteil, dem greulichen Manne, der sich diesseit der Saale seine Ringburg geschanzt hat. Die Heiden hielten ein großes Gelage, mich aber bestimmten sie zu jämmerlichem Tode, weil sie mein geschorenes Haupt sahen, und die Teufel spuckten mir auf den Scheitel. Gebunden lag ich und hoffnungslos, da trat Herr Ratiz in den Stall und fragte mich durch einen Mann, der ihn [165] begleitete, von welchem Stamm und Männergeschlecht ich sei. Ich aber sagte ihm, daß ich ein Mönch sei und du der ehrwürdige Vater, dem ich mich gelobt habe zur Reise unter die Thüringe. Da erweichte der Herr sein Herz, daß er meine Bande lösen ließ und durch seinen Begleiter mir mit großer Heimlichkeit offenbarte, er wünsche Boten zu senden an den Gebieter der Franken im Westen, und er wisse, daß du ein mächtiger und friedfertiger Mann seist und wohl ein Fürsprech werden könnest für sein Begehren. Und der verschlagene Wolf, der satt war von dem Morde in unserem Schafstall, behauptete, daß auch er den Frieden liebe; die Grenzgrafen der Franken aber seien räuberisch und blutdürstig. Und ich mußte ihm geloben, diese Botschaft dir zu bringen, so schnell ich könnte. So wurde ich erledigt, gespeist und gekleidet und bis in die Nähe unserer Dörfer geführt. Wie ich dir auch sogleich verkündet habe in meinem Briefe, den Hunibald, der Franke, auf seiner Fahrt nach Westen mit sich nahm.«

»Was du geschrieben hast, habe ich gelesen«, versetzte Winfried. »Unterdes ist der Wolf wieder hungrig geworden und aufs neue in das Land der Franken gebrochen. Hast du erkundet, was er vom Herrn Karl, der über die Franken herrscht, für sich begehrt? Denn Frieden halten mögen die Franken und die Slawen so wenig wie zwei Hamster in einer Grube.«

»Mich dünkt, er begehrt Geschenke und vielleicht das Land, das er sich geraubt hat.«

»Will er bekennen und den Werken des Teufels entsagen?« fragte Winfried.

»Eher beißt ein Fuchs in der Falle sich den Schwanz ab; in ihm ist nicht mehr Frömmigkeit als in einer hohlen Nuß.«

»Manche, die das Kreuz schlagen, sind ebenso leer«, versetzte Winfried. »Ist er ein kalter Heide, so mögen seine Kinder warme Christen werden. Jetzt aber sprich zu mir von einem anderen Mann, du kennst den Ingram, welchen die Heiden Ingraban nennen.«

»Nicht viel Gutes habe ich von ihm genossen, er ist einer von den Feinden des Kreuzes; dort oben haust er auf der Stätte, die sie den Rabenhof nennen, denn die schwarzen Heidenvögel nisten in den Bäumen und krächzen unholde Lieder. Er aber ist voran bei allem Streit und hält die Herzen der Jugend in seiner Hand. Während jener Schlacht sah ich, wie seine Gesellen ihn verwundet aus dem Kampfe trugen; und sie meinen, wäre er im Vorkampf geritten bis zum Ende, dann hätten die Slawen nicht obsiegt.«

Winfried erhob sich und sah prüfend in die Ecken der Hütte. »Das Gesetz befiehlt, daß die Brüder zusammen hausen unter einem Dach, nicht ziemt mir, bei Fremden zu herbergen, wo ein Bruder sein Haus hat. Sorge mir hier ein Lager zu bereiten.«

[166] Erschrocken vernahm Memmo diesen Entschluß. »Gering ist die Hütte, ehrwürdiger Vater, und das Dach ist schadhaft, der Regen läuft hinein, übel steht es auch mit der Kost; doch ich meine nicht« verbesserte er sich, »daß dir daran gelegen ist. Und dann, ehrwürdiger Vater, verzeih, die kleinen Vögel, die ich bisher hielt, singen laut, und sie schmeißen zuweilen unverschämt. Herr, befiehlst du, daß ich die Vögel fliegen lasse? Im kalten Winter sind sie zu mir geflogen, manche sind im Frühjahr in die Lüfte geflattert, einige haben ihr Nest gebaut zwischen den Sparren, sie haben die zweite Brut ausgebracht, und manchmal, wenn ich kleinmütig war, hat ihr Gezirp mich gefreut. Peccavi«, fuhr er fast weinend fort, »es ist Sünde, sein Herz an eine Kreatur zu hängen, aber, Vater, sie kommen immer wieder, wenn ich ihnen nicht den Hals umdrehe; vor allen der Stieglitz, er ist der schönste Vogel in diesem Lande.«

Winfried hörte finster den Klagegesang des zuchtlosen Mönches. »Gib deinem Bruder nicht weniger gern die Nachtrast als deinen Gespielen im Federkleid.«

»Fruchtlos war die Arbeit an den Herzen der Menschen«, fuhr Memmo traurig fort, »eher noch behielten die Vögel das heilige Wort. Jedes Jahr fing ich junge Raben und Elstern, lehrte sie das Kyrie eleison und ließ sie wieder fliegen. Im lichten Gehölz hier kannst du zuweilen ihre Stimme hören, wenn sie die heiligen Worte singen. Auch an dem Ingram meinte ich manche Unbill zu rächen, die er mir zugefügt, und ich setzte ihm meine jungen Raben auf seine Bäume, damit sie unter den Heidenvögeln den Herrn anrufen sollten, aber die andern Raben fuhren grimmig gegen sie und rauften ihnen die Federn, weil den wilden unser Gesang widerwärtig war. Und sie kamen zu mir zurück. Aber auch diese, die ich gezähmt hatte, ließen ihre Tücke nicht, sie fraßen mir meine kleinen Gesellen, und seit dem letzten harten Winter sind die Kleinen allein bei mir geblieben. Verzeiht mir, ehrwürdiger Vater.«

»Ich zürne dir nicht, mein Bruder«, versetzte Winfried, »da ich dich aussandte, wußte ich, daß du kein Sämann warst für steiniges Land, aber von freundlichem Herzen, und daß dich die Heiden hier, weil du wohlmeinend bist, vielleicht dulden würden. Wie ein Kundschafter, der in das Gelobte Land gegangen ist, warst du mir. Jetzt bin ich selbst gekommen, dies Volk meinem Herrn zu unterwerfen.«

Durch das geöffnete Tor führte Gottfried ein bepacktes Pferd in den Hof, er band das Tier an den Pfosten, hob den Ledersack ab und trug ihn in die Hütte. Ein warmer Strahl von Liebe und Sorge fiel aus den Augen Winfrieds auf ihn. »Was sagte der Führer, der so unfreundlich von uns schied?«

»Kaum drang ich zu ihm«, klang die weiche Stimme des Mönches [167] zurück, »die Knechte wiesen mich rauh fort, endlich bewegte meine Bitte doch einem das Herz, er führte mich an das Gehege, wo der Mann seine Rosse koppelte, gleich einem, der sie wegschaffen will. Ich sprach ihm deine Botschaft, er aber war ungeduldig zu hören: ›Nimmer hätte ich deinen Herrn geleitet, wäre ich seines Amtes kundig gewesen. Lohn für das Geleit begehre ich nicht, weder einen Armring noch Frankensilber; auch seine Dankbarkeit erfreut mich nicht, und guten Willen hat er von mir gar nicht zu erwarten, wenn er ihn in Zukunft fordern sollte.‹ So sprach er und stand vor mir wie Turnus, der finstere Held, von dem der Römer Virgilius meldet, daß er sich gegen den König Äneas erhebt.«

»Dein König Äneas, mein Sohn«, versetzte Winfried lächelnd, »hat gegen den Wilden keine anderen Waffen als die redliche Meinung, ihm und anderen zu nützen. Du aber bete, daß uns das gelinge.« Winfried trat zum Tisch, löste die Riemen des Leders, nahm eine Holzkapsel heraus und übergab den Sack feierlich dem Priester. »Hüte ihn wie das Licht deiner Augen, Meginhard, er birgt heilige Gebeine, dazu Gewänder und Gefäße für die Kirche, welche wir hier bauen werden.« Während Memmo mit großen Augen auf den Bischof und wieder auf den Behälter der Kostbarkeiten sah, gab Winfried dem Jüngling einen Wink und verließ mit ihm die Hütte.

Mit starken Schritten eilte der Bischof dem Hügel zu, welcher sich vor dem Walde erhob, gefolgt von Gottfried, welcher das Roß führte. Auf der Höhe hielt Winfried an: »Schneller als ich meinte«, begann er mit bewegter Stimme, »ist die Stunde gekommen, wo ich dich auf rauhem Pfad zu den Heiden entsenden muß, du Kind meiner Schwester. Das Liebste will ich den Gefahren der Wildnis preisgeben, der Herr möge mir verzeihen, daß ich um den Boten in seinem Dienst ängstlich zage.«

»Vertraue mir, mein Vater«, bat Gottfried.

»Dem Sorben Ratiz sollst du Antwort sagen auf seine Frage an mich, du kennst die Frage, und du kennst die Antwort.«

»Ich kenne sie, Vater.«

»Dem Heiden Ingram sollst du helfen, die Gefangenen zu lösen. Denn dich an diese Botschaft zu wagen, habe ich dem Himmelsherrn gelobt, als ich am Grabe des Franken kniete; aber jähzornig und unhold ist der Mann, den ich dir als Genossen werben will.« Winfried schritt wieder mit starken Schritten vorwärts und hielt aufs neue: »Ich war ein Jüngling wie du, da trat ich einst in Angelland, unserer Heimat, an einen verfallenen Steinbau, den dort vor Jahrhunderten das Römervolk errichtet hatte. Denn in alter Zeit, bevor die Botschaft des Herrn zu den Landgenossen kam, waren die Völker gebändigt durch das große Reich der Römer, und fast überall [168] hatten diese sich feste Burgen geschanzt. Damals sah ich, wie Krieger meines Stammes in den Steinen einen Haufen Weiber und Kinder zusammentrieben, die sie aus den Nachbardörfern geraubt hatten. Ich hörte die Peitschenschläge und das Gewimmer, und ich sah die Schwertstreiche, womit die Waffenlosen geschlachtet wurden; ich aber lag eine Höllennacht auf dem Römersteine.

Denn die Mörder und die Gemordeten, beide rühmten sich, Christen zu sein. Und ich erkannte mit Entsetzen, daß auch die Gotteslehre auf Erden ihre heilbringende Kraft verlor. Überall haderten die Bischöfe gegeneinander, einer schalt den anderen Irrlehrer, schlug ihn in das Angesicht oder zückte das Messer gegen ihn, aber kaum einer tat nach dem Gebot des Herrn; und wie die Hirten, so waren auch die Herden völlig verdorben, jede Sünde und Unzucht sah ich in geiler Blüte, die Heiden oft redlicher als die Christen. Ich meinte, daß ich wahnwitzig werden könnte über solche Erdennot, und ich flehte zu dem Himmelsherrn, dem ich mich gelobt hatte, um Rettung für die Menschheit aus unserem Elend. Da kam in mich die Botschaft des Heils, wie eine Feuerflamme fuhr sie mir durch die Glieder, daß ich in Schreck und Seligkeit hoch aufsprang. Denn mir wurde offenbart, was dem Menschenvolk Rettung bringt, eine neue Zucht für die Zuchtlosen und neue Vereinigung für die Verfeindeten. Geschwunden ist die Herrschaft der Römer, aber zu Rom wohnt jetzt der fromme Nachfolger der Apostel. Er soll werden zu einem oberen Richter aller Herzen und Gewissen, und soll auf der Erde walten als der große Häuptling des Himmelskönigs. Wir aber sollen ihm alle ebenso im Glauben dienen wie den Königen und Häuptlingen in weltlichen Werken. Und mein ist das Amt, die Völker der Erde zu seinem Dienst zu führen, Friesen, Sachsen, Hessen, Thüringe, und wenn mir der Herr gnädig ist, auch die wilden Horden, welche sich Wenden nennen. Den Frieden meines Gottes will ich allen bringen. Damit der Glaube für die Völker der Erde heilkräftig werde, will ich sie lehren, daß ein einiger Gott über ihnen waltet, ein großer Wirt in der Himmelsburg, und hier auf Erden als sein Vogt der Bischof zu Rom, ehrwürdig und gewaltig über alle. Einheit der Lehre soll auf Erden sein, und Einheit im Gehorsam, damit auch Einheit in der Liebe werde. Darum habe ich gepredigt unter den Friesen und Hessen, darum bin ich selbst nach Rom gezogen und habe mich auf meinen Knien dem Papst in seine Hände gelobt als Mann meines Gottes, und darum wandere ich jetzt hier durch das Unkraut der wilden Täler allein mit dir, Knabe, denn austilgen will ich den Jammer der Welt und Heil allen verkünden, die jetzt im Elend sind. Solches hat mir unser Herr in jener Angstnacht geboten.«

Der Jüngling küßte ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Winfried hielt sie fest und sprach ruhiger: »Du mein Liebling, der du die Jahre [169] eines Knaben hast und den Sinn eines Weisen, du bist mir treu, und wenig Gedanken gibt es, die ich dir verberge. Nicht die Heiden sind es, die mir die größte Not bereiten, größer ist die Arbeit, die ich habe, wo ich Hilfe erwarten könnte. Die Franken, welche sich Christen nennen, ihre Bischöfe, die zuchtlosen Frevler von denen jeder mit allen anderen streitet, die sind, dünkt mich, die schlimmeren Wölfe. Ein würdiger Mann ist der Bischof zu Rom. Aber auch er sah mich zuerst an wie einen Unsinnigen, als ich vor ihn trat und ihm bekannte, daß er der höchste Herr werden müsse über den Glauben der Männererde, um uns alle zu retten. Viel Eigennutz gibt es dort und Gier nach weltlicher Herrschaft; aber der Herr, dem ich mich gelobt habe, wird mir helfen, daß ich den Unverstand der Großen überwinde wie den Trotz dieser langhaarigen Wilden. Darum folge auch du mir zu dem Heiden, mein Sohn, öffne die Ohren und vernimm auf dem Wege, was dir noch zu wissen not tut.«

Als sie die Höhe erreichten, auf welcher der Rabenhof lag, stob ihnen eine Koppel wilder Rosse entgegen, auf dem einen saß Ingram, auf einem anderen sein Diener. Winfried trat in den Weg, daß das Roß Ingrams bäumte und der erhitzte Reiter, als er es kraftvoll bändigte, dicht vor dem Bischof hielt. »Was kommst du selbst mich aufzuhalten?« rief Ingram zornig, »unselig war die Stunde, wo ich dir Dienst gelobte.«

»Wer auf eine Reise ausfährt, wie die deine«, antwortete Winfried, »der handelt nicht weise, mit einer Verwünschung die Fahrt zu beginnen.«

»Deinen Segen begehre ich nicht, Christ, besseren Schutz weiß ich mir zu gewinnen, als dein Zeichen gibt.«

»Und doch vertrauen manche im Sorbendorfe, denen der Weidenring die Hände zusammenschnürt, auf das heilige Zeichen, welches du töricht mißachtest. Schmähst du den Himmelsgott, zu dem die Christen flehen, vor deiner Reise, so wahre dich, daß deine Fahrt nicht fruchtlos sei.«

Der Reiter wollte sein Roß antreiben, jetzt hielt er still und sah finster vor sich hin. »Bändige dein heißes Blut«, fuhr Winfried mit Würde fort, »bedächtiger Rat dient vor schneller Tat. Bin ich dir auch unwillkommen, so verachte doch nicht meine Worte; steige ab, Ingram, wenn du in Wahrheit das Weib lösen willst.«

So nachdrücklich war die Mahnung, daß der Thüring sich vom Pferde schwang und seinem Knechte die Zügel zuwarf.

»Mache kurz, was du mir zu sagen hast, Fremder, denn der Boden brennt mir unter den Füßen.« Winfried führte den Ungeduldigen einige Schritt abseits. »Beantworte mir eine Frage, wenn du willst, die ich wohlmeinend tue und in großer Sorge um die Gefangenen. Führst du mit dir, was dir von dem Ratiz zur Lösung [170] dienen kann? Oder hoffst du, daß es dir gelingen wird, die Weiber und Kinder aus dem Sorbenlager zu rauben?«

Mit zuckendem Antlitz antwortete Ingram: »Wer dem Lager des Räubers naht, greift das Geraubte, wie er kann. Vermag ich unerkannt einzudringen, so suche ich sie heimlich zu entführen.«

»Du sagtest mir, ihr Thüringe habt den Sorben Frieden gelobt.«

»Nicht ich, auf dem Lager lag ich mit blutigem Leibe.«

»Aber die Alten haben ihn gelobt, auch für dich.«

»Gebrochen ist der Eid durch jenen, als er meinen Gastfreund erschlug. Wer mag mich schelten, wenn ich den befreundeten Mann räche?«

»Dein Volk wird fragen, ob du von der Freundschaft des Toten bist, du aus dem Land der Thüringe, er ein Franke.«

Ingram schwieg.

»Und wenn die Grenzwächter der Sorben dich erspähen? Sicher sind sie des Grenzbrauches kundig und sorgen jetzt um eine Rachefahrt der Franken. Darum meine ich, auch dir ist nicht verborgen, daß du nur in Frieden die Gefangenen lösen kannst.«

»So magst du wissen«, versetzte Ingram finster, »was ich ungern bekenne, daß ich mir Lösegeld suchen will durch Verkauf der Rosse, die du hier siehst; einige darunter sind wohl wert, den Sattel eines Königs zu tragen. Unsicher ist, ob der Ratiz selbst die Rosse nimmt, denn voll von Hufen ist, wie ich fürchte, das Lager der Diebe seit ihrem letzten Zuge. Deshalb will ich die Rosse jetzt an die Erfesfurt treiben, wo der große Markt meines Volkes ist, ob ich Armringe oder fränkisches Silber dafür einhandle. Doch mißlich ist ein Verkauf in der Not. Das ist die Sorge, die mich ängstigt.«

»Und gibt es anderen Kaufpreis, der dir den Willen des Slawen bezwingt?«

»Rotes Gold der Zwerge und Silber, das der Schmied künstlich geschlagen hat«, versetzte Ingram schnell. »Ihm kann der niedrige Mann nicht widerstehen. Aber solch Königsgut hat der Thüring nicht.«

Winfried zog die Kapsel hervor und drehte sie auf, einen großen Becher hob er heraus, von außen Silber, von innen Gold, mit einem Kranz von Weinlaub und erhöhten Menschenbildern daran, ein wundervolles Stück Arbeit. »Aus dem Schatz eines Königs stammt es und von einem königlichen Mann ist es in meine Hand gelegt. Meinst du, daß dies Stück uns die Kinder lösen wird?«

»Nie sah ich solch ein Werk von Menschenhand«, rief der Thüring mit leuchtenden Augen, »silbern sind die Kinder und nackt, sie wandeln um den Becher, als ob sie lebten.« Und gehaltener setzte er hinzu, sich seiner Neugier schämend: »So großes Schatzglück löst viel.«

»Dann sei der Tag gesegnet«, rief Winfried, »wo ich den Becher empfing.«

[171] Aber wieder fuhr ein dunkler Schatten über das Gesicht des jungen Kriegers, und das Gefäß stolz zurückgebend, rief er: »Fahre hin mit deinem Becher, du schlauer Fremdling«, und wandte sich den Rossen zu.

Doch Winfried hielt seinen Arm. »Meine nicht, Ingram, daß ich deine Gunst erkaufen will durch Silber und Gold. Du hast dich ja selbst geweigert, Führerlohn zu empfangen. Wärest du von den Kindern des großen Gottes, dann dürfte ich dir das Schmiedewerk zu christlicher Tat schenken. Du aber hast deine wilde Begier mir verraten. Nicht als deine Sklavin darfst du das Frankenweib heimführen in dein Haus, ihr selbst und ihrem Geschlechte schenke ich den Becher, und rettet er sie aus der Gefangenschaft, so kehrt sie wieder als eine Freie, sie und andere, die du zu lösen vermagst. So ist meine Meinung. Dich aber bitte ich um der Gebundenen willen, daß du für sie alle den Handel vollendest und sie darauf herführst in den Schutz, den sie sich selbst begehren.«

»Dein soll die Ehre sein, und nicht mein«, rief Ingram heftig.

»Nicht du, nicht ich spenden den Kaufpreis, ich selbst besitze weniger als der ärmste deiner Landgenossen, ich bin nur ein Bote des Christengottes, und seinem Schatz gehört dies Silber.«

Scheu sah der Krieger auf das blinkende Metall. »Birg es in seinem Holze, denn sehr fürchte ich, daß ein übler Zauber in solcher Gabe sei.«

»Auch rate ich nicht, daß du selbst diesen Kaufpreis trägst«, fuhr Winfried fort, »denn auch ich habe einen Boten zum Ratiz zu senden in Geschäften des Frankenkönigs, meinen jungen Bruder Gottfried. Du aber wirst der Sprecher sein um den Loskauf, und ich bitte dich, daß du dem Jüngling gestattest, mit dir zu reiten, und daß du selbst mir gelobst, treu um ihn zu sorgen.«

»Rauh ist der Weg zu dem Dorfe des Ratiz, schnell muß die Fahrt sein, und nicht gefahrlos ist rascher Botenlauf in den Bergen, wie mag ich den Knaben davor bewahren?«

»Du hast seine Kraft versucht, und du hast ihn nicht schwach gefunden.« Der Krieger sah auf Gottfried hinüber, der das Roß des Bischofs am Zügel hielt, und sein Antlitz wurde freundlicher. Er überlegte. »Ich erkenne«, sagte er endlich, »daß du wie ein Herr meinen Willen richten willst. Nicht weiß ich, ob es zu meinem Heil ist, wenn ich nach deinem Verlangen tue, und wäre es um meinetwillen, ich täte es nicht. Aber ein Weib sehe ich sitzen mit gerungenen Händen in der Sklaverei.« Er fuhr heftig auf und rief: »Ich gelobe, den Knaben zu halten wie einen aus meiner Freundschaft«, und legte seine Hand in die des Bischofes, dann eilte er zu seiner Koppel, gab seinen Männern Befehle und ließ die ledigen Rosse nach dem Hofe zurückführen. Unterdes sprach Winfried leise zu dem Jüngling, faltete die Hände über dem Haupte, und tiefer [172] Schmerz zuckte in seinem Gesicht, als er den Reisesegen über ihn sprach.

»Heran, Jüngling«, rief Ingram, seinen Wurfspeer schwingend, »viel Zeit ward verloren in dem Streit der Worte, laß den Hufschlag klingen zur Reise ins Slawenland.« Prüfend sah er noch einmal auf das Roß und den friedlichen Reiter, ihm gefiel, daß der Jüngling fest im Sattel saß, und er nickte ihm grüßend zu. Laut rief er sein Hara, und Rosse und Reiter stoben abwärts, dem Waldweg zu. Winfried sah den Flüchtigen nach und hob die Hände zum Himmel.

In der Hütte stand Memmo lange Zeit vor dem Ledersack, bekreuzigte und verneigte sich und trug ihn in eine Ecke, er legte sorgfältig Stroh darüber und setzte sich in tiefen Gedanken davor. Zuweilen schüttelte er den Kopf. »Wer soll die Kirche bauen? Er und ich. Und wer soll den Taufstein aus dem Felsen hauen? Wieder ich. Viele Hammerschläge werden diese Arme tun, und der Rücken wird sich beugen unter der Last der Balken. Wer aber wird eingehen in den Hof der Täuflinge? Niemand als die Schwalben aus der Luft und die Mäuse vom Felde; bis an einem wilden Tage das Heidenvolk heranspringt und mit seinen Schwertern die Kreuze auf unsere Schädel schlägt. Von heut bin ich ein fremder Gast in meinem Hause; aber es steht geschrieben: eures Bleibens ist nicht hienieden, und der Mensch ist wie Heu.« Da knarrte das Hoftor, und ein rotes Gesicht sah zum Fenster herein. »Alle guten Geister! Das ist Frau Godelind. Hinweg, Weib«, rief er heftig, ohne sich von seinem Platze zu bewegen. »Ich kenne dich nicht!«

»Übel seid Ihr verwandelt«, rief das Weib zornig hinein, »welcher Zauber hat Euch den Sinn betört?«

»Hinweg, Godelind!« rief Memmo mit strengem Ton, »wenn dich der Bischof sieht, bist du verloren; du stehst unter dem Kreuz, und er hat Macht über dich.«

»So viel gebe ich auf euren Bischof«, rief Godelind, einen Strohhalm nach dem Priester werfend, »und so viel auf Euch, der Ihr nichts seid als ein Feigling. Ist das mein Lohn für treue Pflege und für alle Dienste, die ich Euch bei Tag und Nacht getan, daß Ihr mich von einem Fremden aus dem Hause weisen laßt?«

»Wenig nutzt es, über Vergangenes zu klagen«, versetzte Memmo aus seiner Tiefe, »ich sage mich los von dir für alle Zukunft. Suche Obdach bei deiner Base und behalte das Slawenmädchen, nur höre, daß du das arme Ding nicht mißhandelst; nimm meinetwegen auch das Ferkel im Stall, es muß dahingehen mit dem anderen, aber schweige und entferne dich, denn ich bin in tiefer Betrachtung, und lästig ist mir dein Geschwätz. Verwandelt hat mich diese Nacht, und mich reut's, daß dein Fuß je meine Schwelle betrat.«

»Du feiger Mann«, rief Godelind in hellem Zorn, »manchmal [173] noch soll dich reuen, daß du die Dienerin von dir weisest, und ich will lachen, wenn ich an den Toren denke, der am kalten Herde Wasser vom Bache trinkt und ungekochte Bohnen kaut.« Ihr Gesicht verschwand aus der Öffnung, und gleich nachher erscholl mißtönendes Gequiek aus dem Stalle. »Da führt sie hin«, seufzte Memmo, »was der Schatz meines Hauses war«, und er senkte ergeben das Haupt, bis sich der Stieglitz darauf setzte und von dem kahlen Scheitel fröhlich sein Lied zwitscherte. Memmo hob leise die Hand, der Vogel flatterte herab, und der Mönch küßte ihm seinen roten Kopf.

Im Sorbendorf

Auf der Sorbenfahrt hielten die Reiter Abendrast, die Pferde standen im festen Gehege, Ingram und Gottfried lagen unter einem Baum, und Wolfram, der Knecht, bereitete am großen Feuer die Nachtkost. Er trug eine Lederflasche, die einem Schlauch ähnlich war, herzu. »Das Bier ist am Quellwasser gekühlt, wohl möge es euch munden.« Da Gottfried die Flasche dankend von sich wies, sprach Ingram gutherzig: »Als ein wackerer Reisegesell hast du dich seither erwiesen, verschmähe nicht unsere Kost, wenn wir auch nicht von deinem Glauben sind. Denn ich merke, in vielem hadern die Menschen miteinander, aber Speise und Trank ehren sie alle.«

»Zürne nicht, mein Genosse, ungewohnt ist mir der starke Trank und das Fleisch der springenden Tiere. Doch weil es dir lieb ist, will ich dein Mahl teilen«, und er legte seinen Brotkuchen beiseite, aß ein wenig von dem Fleisch und trank von dem Bier.

»Sage mir, wenn es dir nicht lästig dünkt«, fuhr Ingram fort, »bist du auch von denen, welche für unrecht halten, ein Weib zu umhalsen?«

»Es ist so, wie du sagst«, antwortete Gottfried errötend.

»Bei meinem Schwert, wunderliche Bräuche habt ihr«, spottete Ingram. »Zwei Sklavinnen halte ich, und wenn mir's gefällt, umschlingen sie mich mit ihren Armen, aber beide gebe ich hin und jedes andere Weib der Erde, wenn ich die Jungfrau gewinne, um derentwillen wir reiten. Gern erfreut sich der Mann seines Lebens; wir anderen sind wie die Vögel, welche lustig singen und ihr Nest bauen, du aber bist wie ein grauer Kauz, der im Baumloch sitzt, und alle Vögel schreien ihn an.«

»Auch meinem Leben fehlt die Freude nicht«, versetzte Gottfried lächelnd, »froh bin ich, daß ich mit dir reise, wenn du mich auch gering achtest; denn ich möchte dir helfen bei einem guten Werke.«

»Was hast du davon, wenn es uns gelingt, die Gefangenen loszukaufen?«

[174] »Ich tue nach dem Gebot Gottes, des allmächtigen Himmelsherrn.«

»Ist dein Herr allmächtig, wie du sagst, und gibt er dir Befehl, Gefangene zu lösen, so wundert mich, daß er nicht vielmehr den anderen wehrt, Gefangene fortzutreiben.«

»Frei hat Gott die Menschen geschaffen, damit diese sich selbst ihr Schicksal bereiten. Aber wie du die Perlen übersiehst, welche an einer Schnur gereiht sind, so übersieht der große Gebieter alle Taten, ja auch alle Gedanken jedes Erdgeborenen, und danach schätzt er die Tüchtigkeit des Mannes, ob er ihn in jenem Leben heraufhebt unter seine Bankgenossen, oder ob er ihn hinabstößt in das Totenreich des üblen Drachen. Darum tut dem Menschen not, unablässig zu sorgen, daß er nach dem Gebot seines Gottes tue.«

»Wahrlich«, rief Ingram, »das ist harter Dienst, und wie Knechte lebt ihr im Zwange, ich aber rühme mir den Mann, der den Überirdischen ihre Ehre gibt, aber wo er etwas wagt, vor allem fragt, ob es ihm selbst Ansehen bringe und Vorteil.«

»Ist nicht auch dir eine Ehre, wenn die Frauen deiner Landsleute danken, daß du sie aus den Mühlen der Sorben gelöst hast, und wenn du die unschuldigen Kinder von den Schlägen erledigst, von dem Hunger und von schmachvollem Dienst unter dem schmutzigen Volke?«

Ingram dachte nach. »Es sind die Kinder unserer Nachbarn jenseit der Berge, und manches davon habe ich vielleicht auf dem Arm gehalten, dir aber sind sie fremd. Kein Jahr vergeht, wo nicht in allen Ländern Herden von ihnen zu Markte getrieben werden.«

»Hätte ich Gold und Silber«, rief Gottfried, »alle wollte ich lösen, wäre ich ein großer Held, alle wollte ich retten.«

»Wohl erkenne ich, ihr Christen haltet zueinander wie Nachbarn und Freunde.«

»Mein Vater hat mir geboten, daß wir auch die Heidenfrauen und ihre Kinder zurückführen, wenn es uns gelingt«, versetzte Gottfried.

»Dann werden andere gefangen«, warf Ingram ein.

»Dazu sind wir in die Welt gesandt, daß wir die Gebote verkünden des himmlischen Königs, der so voll Erbarmen ist, daß er jedem Glück und Heil bereiten will auf der Männererde und im Himmel. Wenn erst alle seinen Geboten folgen, dann wird keiner den anderen verhandeln wie ein Kalb oder ein Rind, sondern er wird ihn betrachten, so wie geschrieben steht: nach dem Ebenbild Gottes ist der Mensch geschaffen, und aufrecht soll er gehen unter den Tieren, welche mit gebeugtem Haupt die Knechtschaft tragen.«

Ingram schwieg eine Weile. »Alles rote Gold der Zwerge, von dem sie sagen, daß es nicht gemessen werden kann, würde nicht ausreichen zu einer Befreiung aller Gebundenen, und du, der du [175] unkriegerisch bist und von zartem Leibe, willst dich solcher Arbeit unterwinden?«

»Ein Krieger bin ich, du merkst es nur nicht«, versetzte Gottfried, »demütig vor meinem Herrn, aber stärker, als du glaubst. Verzeihe mir, Herr, daß ich mich vor ihnen rühme«, setzte er hinzu.

Ingram maß ihn mit den Augen, die zarte Jünglingsgestalt und der milde Ausdruck des begeisterten Antlitzes bewegten ihm das Herz, und er sprach leise: »Viel geheimes Wissen, so meinte auch Bubbo, der Bärenführer, ist euch zuteil geworden. Ich fürchte, ihr möchtet es gebrauchen anderen zum Nutzen oder zum Schaden.«

»Jedermann freundlich sein und niemandem schädlich, ist meines Herrn Gebot«, versetzte Gottfried feierlich.

»Einem lichten Gott mag dieser Befehl wohl anstehen«, warf Wolfram ein, der bis dahin am Reh und Bier sein Bestes getan hatte und sich jetzt zufrieden vor das Feuer streckte. »Aber auf der Männererde ist es schwer, mit solcher Lehre durch den Wald zu reisen. Glaube mir, Fremder, auch hierzulande haben wir Übermenschliche, die ganz denselben Sinn haben, den du an deinem Gotte rühmst. Siehst du an der Bergleite den vorhangenden Stein? Dort«, sagte er leise, »wohnt ein Geschlecht von guten Zwergen, freundliche kleine Leute, nie hat man gehört, daß sie jemandem ein Leid getan. Aber wer ihnen bei der Waldfahrt von seinem Reisevorrat hinlegt, der hat Glück auf dem Wege, und schon manchem haben sie zugewinkt und dürre Blätter und Nüsse geboten; diese wurden in seinem Reisesack bei Nacht zu Golde. Ist der, dem du dienst, ein Zwerg, so mag er wohl von den guten sein, denn es gibt auch arge.«

»Viel Ungehöriges mischt deine Rede, Wolfram«, versetzte der Mönch, »der Christengott spendet nicht Blätter und Nüsse, und er gibt kein Angebinde, welches das Glück im Hause des Menschen erhält.«

»Dennoch gibt es solchen Schutz auf Erden«, sagte Ingram, »ich kenne einen Mann, dem eine Gabe für sein Geschlecht verliehen wurde von den Schicksalsfrauen; ich kenne die Stelle, wo sie verborgen liegt, und ich weiß, daß sie ihren Segen bewährt hat durch viele Geschlechter.«

»O traue nicht auf den Zauber«, mahnte Gottfried eifrig. »Täuschend ist jede Gabe des Unholden. Hochmütig macht sie den Mann und maßlos, bis der Tag kommt, wo sein Hoffen sich ganz eitel erweist und der Herr ihn demütigt in seinem Stolz.«

Ingram lächelte. »Jeder berge, was ihn mutig macht, in stillem Herzen. Beide wollen wir als gute Gefährten nicht forschen, wo der andere seinen Schatz bewahrt. – Der Tau fällt früh, und morgen reiten wir auf wilden Wegen, nimm hier die Decke und verhülle die Glieder, daß sie dir nicht steif werden in der Nachtluft der Berge. Wecke mich, Wolfram, nach Mitternacht.«

[176] Am nächsten Nachmittag sahen die Reiter baumloses Land vor sich. Die Stämme waren erst vor kurzem gefällt und an dem Rand des Waldes als Verhau geschichtet, denn noch standen die Stümpfe auf grünem Boden, jeder von jungem Aufschuß und wilden Stauden umgeben, und überall auf dem Grunde erhoben sich die niedrigen Büsche. Als die Reisenden einer nach dem anderen durch eine schmale Lücke des Verhaues gedrungen waren, erkannten sie vor sich mehrere Reiter, welche zuerst das Lärmzeichen anbrannten, daß eine hohe Rauchwolke emporstieg, und dann von niedriger Anhöhe, schreiend und die Waffen schwenkend, auf sie zukamen, Männer in langem Graurock von Hanf gewebt und mit Pelz besetzt, obgleich es Sommerzeit war, eine dicke Pelzkappe auf dem Haupt, mit Keule und Hornbogen bewaffnet; kleine behende Leiber, breite Gesichter mit großen Schnauzbärten und braunem schlichten Haar, wild drohten und riefen sie. Wolfram ritt vor und gab in ihrer Sprache Bescheid. »Aus Thüringen sind wir, in Frieden kommen wir, Ingram der Held und ich sein Mann, und der dritte ist Gottfried, ein Bote des Herrn Winfried.«

Die Reiter fuhren untereinander und redeten mit heftigen Gebärden, bis einer, der einen Bund Adlerfedern an der Pelzmütze trug – es war Slavnik, die Nachtigall genannt, weil er bei den Trinkgelagen des Ratiz vorsang –, zu Ingram ritt und diesen in der Sorbensprache höflich begrüßte. Als der Thüring ihm in derselben Weise auf den Gruß antwortete, neigte der Sorbe sich noch freundlicher und redete so hoch und weich wie ein Mädchen; was der Knecht erklärte: er freue sich sehr, aber die Reisenden müßten auf ihr Geleit warten nach Grenzbrauch. So hielten sie, und die Sorben schlossen hinter ihnen den Verhau.

»Gleich den Kindern sind sie«, rief Ingram, »und wie ein Kinderspiel ist ihr Wall, leicht setzt ein Roß darüber.« Aber der Sorbe hatte ihn doch verstanden und antwortete in deutscher Sprache, nur ungelenk: »Ich aber weiß einen Tag, wo der Rabe aus dem Land der Thüringe nicht über den Zaun flog, den das Eisen der Sorben um ihn schloß.«

»Du hast recht«, antwortete Ingram lachend, »ich fiel in den Zaun, und die Dornen ritzten den Leib.« Und beide Männer grüßten einander mit der Hand. So harrten die Reisenden wohl eine Stunde, da kam es von der Höhe wie eine dunkle Wolke, ein größerer Hauf Reiter wirbelte durcheinander, kleine und feurige Rosse, auf denen die Krieger mit hohem Knie saßen. Von allen Seiten drehten sie sich um die Fremden, die Nachtigall gab ein Zeichen, und vorwärts ging es auf dem kurzen Rasen in hellem Haufen, die Fremden in der Mitte. Vor ihnen breitete sich ein weites Tal, mit einzelnen alten Bäumen besetzt, unter denen die Sorbenkrieger und ihre Pferde im Sommer den Schatten suchten; im Tale war ein Ringwall [177] aus Erde und Rasen errichtet, darin das runde Dorf mit Strohhütten, deren Dächer fast an die Erde reichten, wie das Lager eines Heerhaufens lag es da. Ganz in der Mitte des Dorfes erhob sich ein rundlicher Hügel, wieder mit einem Ringwall bekrönt, welcher die Halle des Ratiz und die Hütten seines Hofes umschloß. Auf langer Stange ragte sein Banner und wehte den Fremden zu. Mit heißen Wangen rief Ingram zu Gottfried: »Bei meinem Haupt, wenn ich nicht unversehrt hinausführe die, welche wir suchen, so will ich nicht rasten und ruhen, bis ich brennendes Werg an meinem Pfeil sehe und bis der Pfeil haftet an diesem Mausenest.«

»Zürne nicht in dieser Stunde, mein Reisegesell, sondern flehe, daß der Herr uns gnädig sei.«

Das Dorftor wurde geöffnet, die Reiter stoben durch die Lagergasse und über den runden Platz am Fuß des Hügels. Dort kauerte am Dorfteich ein Haufe halbnackter Weiber und Kinder, bleich die Gesichter und verworren das Haar. Ingram spornte sein Roß und fuhr aus dem Trupp auf das Wasser zu, aber die Sorbenreiter verlegten ihm mit zorniger Miene den Weg und faßten die Waffen.

»Bedenke, Herr, wer die Ware ergreift, bevor er sie gekauft, zahlt teuren Preis«, warnte Wolfram leise. Und weiter ging es in schnellem Roßlauf den Hügel hinan. Wieder wurde der Balken eines Tors zurückgeschoben, die Rosse stampften in dem weiten Hofraum, die Fremden wurden zur Halle vor das Angesicht des Ratiz geführt.

Inmitten seiner Vertrauten saß der Slawe auf einem Stuhl mit hoher Lehne und Seitenarmen wie ein Fürst, auf Schemeln um ihn her am Tisch die Führer seiner Haufen, wilde Gesichter darunter mit großen Narben. Der Häuptling war ein starker Krieger, vierschrötig und mit kurzem Hals saß er da, in dem breiten Gesicht standen die Augen schräg, dünn und grannig war der Bart. Die Fremden neigten sich, Ratiz aber blieb mit seinem Gefolge sitzen und bewegte unmerklich das Haupt.

»Frage einer den Kater«, rief Ingram zornig, »ob es Brauch seines Stammes ist, Fremde so zu begrüßen.« Der Sorbe winkte einem Mann mit langem weißen Bart, der in der Reihe saß, dieser trat an die Fremden und begann in deutscher Sprache: »Mein Herr, Ratiz, grüßt die machtvollen Herren, und er tut ihnen diese Frage. Ihm ist berichtet, daß einer von ihnen weit herkommt aus dem Lande, wo der große Herr der Franken auf dem Goldstuhl sitzt; ist einer aus diesem Lande gesendet, der nenne sich.« Der Mönch antwortete: »Ich bin es, Gottfried, der Bote Winfrieds, des Bischofs.«

Befremdet sahen die Slawen auf den Jüngling in schmucklosem Gewande; mit gefurchter Stirn redete Ratiz zu seinem Sprecher, und dieser erklärte: »Meinem Herrn deucht, wenig Achtung bezeigen ihm die Gewaltigen der Franken, daß sie ihm einen Boten senden, der so jung ist und in so ärmlichem Kleide wandelt.«

[178] »Ich bin ein Christ und dem großen Gott des Himmels verlobt, Sünde ist mir, ein anderes Gewand an meinem Leibe zu tragen als dies härene Kleid. Ich komme, obgleich ich jung bin, weil mein Herr mir vertraut.«

Wieder sprach der Slawe heftig zu einem seiner Genossen, dieser verschwand aus dem Saal. »Mein Herr fragt dich«, fuhr der Sprecher fort, »ob du einer von den Weisen bist, welche das Geheimnis besitzen, von Tierhaut die Gedanken der Männer zu erkennen, und ob du von denen bist, welche die fremde Sprache verstehen, die sie Latein nennen.«

»So ist es«, erwiderte Gottfried.

Auf die Deutung des Sprechers wich der Groll in dem Gesicht des Sorben einem großen Erstaunen. Der Bote kam zurück und brachte ein zerdrücktes und gebräuntes Pergament. »Meinem Herrn Ratiz wird es schwer zu glauben, daß ein Jüngling wie du so großer Dinge mächtig sei, er wünscht, daß du ihm eine Probe ablegst von deiner Kunst und den Männern die Gedanken verkündest, welche für den Kundigen auf dieser Haut zu erkennen sind.« Gottfried entfaltete das Pergament. »Zuerst sage uns, warum uns undeutlich ist, was darauf verzeichnet ist.«

»Es ist Latein«, versetzte Gottfried, »und man muß es lesen können.«

Ratiz schlug mit der Hand auf den Tisch und nickte zur Bestätigung stark mit dem Haupte. »Du hast das Richtige gesagt«, wiederholte der Mann, »wenn es dir gefällt, so verkünde uns das Latein.«

Gottfried überblickte das Blatt, es war die zerrissene Urkunde eines alten Frankenkönigs, welche die Slawen vielleicht bei einer Plünderung geraubt hatten. Der Mönch begann: »In nomine domini, sanctae et individuae trinitatis. Amen.« Indem er sich bei den heiligen Worten verneigte, schlug Ratiz wieder auf den Tisch und sprach feierlich zu seinen Genossen, worauf der Alte erklärte: »Mein Herr ist zufrieden, daß du ihm bestätigst, was er schon weiß; es ist der Brief, den der große Herr der Franken an meinen Herrn geschrieben hat, ein Fürst dem anderen, daß er mißbillige und abtun wolle die Ungerechtigkeiten seiner Grenzgrafen und daß dein Herr meinem Herrn Freundschaft anbiete. Wir wußten, daß dies darin steht, und deshalb freuen wir uns deiner Worte.« So prahlte der schlaue Räuber, um seine Gesellen zu täuschen. Bevor Gottfried sich von seinem Staunen erholte, hob sich Ratiz, trat auf ihn zu, strich ihm an beide Wangen, als ob er ihn küßte, und forderte die Diener auf, einen Stuhl neben den seinen zu rücken, damit der Mönch sitze. »Dich grüßt mein Herr als den Gesandten deines Herrn, und er bittet, daß du die Botschaft von dem großen Herrn der Franken verkündest.«

[179] »Wenig habe ich zu sagen im Auftrage meines Herrn Winfried, des Bischofs, und dies Wenige ist vielleicht nur für das Ohr des Herrn Ratiz«, versetzte der Mönch vorsichtig.

»Weise sprichst du, Herr Gottfried, Heimliches der Herren ist nicht für jedermanns Ohr; geruhe zu harren, bis die Zeit kommt.«

Da der Alte dem Mönch einen Stuhl bot, trat Ingram an den Tisch, hob einen leeren Schemel, stellte ihn dröhnend auf den Boden nahe zu Ratiz und setzte sich ebenfalls. Schweigend ertrugen die Sorben diesen Eigenwillen, jetzt aber wandte sich Ratiz zu ihm, und der Sprecher erklärte die stolzen Worte: »Mich wundert's, Ingraban, daß du kommst, dich an meinem Tische zu lagern, ungeladen und unbefreundet in meinem Volke. Tut dir ein Sessel not, weil die Wunden dich schmerzen, welche dir das Messer meiner Krieger gehauen hat?«

»Geheilt sind die Ritze, und niemand spricht mehr davon«, versetzte Ingram. »Die Leute rühmen nicht den Wirt, der den Fremdling zwingt, sich selbst den Schemel zu tragen.«

»Lange warst du Feind meinem Volke, niemand weiß, was dich in unsere Halle führt, denn kein Herdenvieh treibst du, wie ich höre, welches die Sorben deinem Volke als Zahlung auferlegt haben.«

»Vergebens mühst du dich, mich durch Worte zu kränken. Friede ist beschworen zwischen den Thüringen und deinem Volk, und friedlich komme ich, wie der Händler kommt zu Kauf und Tausch der Gefangenen, die du auf deinem letzten Zuge hergetrieben hast.«

»Sendet dich der Mann, den sie Winfried, den Bischof nennen, und hast du dein Haupt in der Not gebeugt unter das Spiel ihrer Finger, wenn sie ein Kreuz machen?«

»Ich habe dem Glauben meiner Väter nicht abgesagt, als Reisegenosse führte ich den Mann des fremden Bischofs zu dir.«

Der Sorbe winkte seinen Gesellen, allen lag am Herzen, den Handel bald zu schließen, am liebsten durch Auslösung in das Frankenland; denn war der Raub zurückgekauft, dann hatten sie weniger um Haß und Rache der Franken zu sorgen. »Meinen Kriegern ist es nicht eilig, den Gewinn ihrer Jagd zu verkaufen, gefüllt ist das Lager mit Korn und Herdenvieh aus den Frankendörfern, und leicht vermögen wir die Gefangenen zu nähren, bis die Händler aus dem Süden kommen.« Und zu Gottfried gewendet, fuhr er fort: »Will der Bischof sich eine Gemeinde kaufen aus den Herden der Weiber und Kinder?«

»Mein Vater erbittet von dir als Gunst, daß du mir gestattest, die Gefangenen zu sehen und die zu begrüßen, welche unseres Glaubens sind.«

»Führt ihr mit euch, was Gefangene löst? Gering ist, so scheint es, euer Reisegepäck.«

»Wir denken dir zu bieten, was Gefangene erledigt nach Brauch [180] der Grenze«, versetzte Ingram. »Doch wer kauft, will vorher die Ware schauen, zeige uns, wenn es dir gefällt, die gefangene Schar.«

Der Sorbe überlegte und sprach mit seinen Tischgesellen. Er wandte sich zu Gottfried: »Gern will ich deinem Herrn ein Zeichen geben, daß mir seine Botschaft wert ist. Ihr sollt Freiheit haben, die Gefangenen zu sehen. Geht, Fremdlinge, mein Alter wird euch begleiten.« Die Boten verneigten sich und verließen den Saal, sie hörten hinter sich Lärm und Gelächter der Bankgesellen.

Vor der Tür wurde der Weißbart vertraulich wie einer, der harten Zwanges entledigt ist, er nahm die Pelzmütze ab, verneigte sich tief und sprach überredend: »Wo die Raben jagen, findet auch die Krähe ihr Teil. Wenn es den Herren gelingt, Gefangene zu entledigen, so vertraue ich, sie werden auch dem Väterchen eine Spende reichen, denn mühselig ist mein Amt, in zwei Sprachen zu reden, und gute Dienste vermag ich euch noch zu tun.« Gottfried sah unsicher auf seinen Begleiter. »So ist ihr Brauch«, sagte dieser. Er löste von seiner Jacke die silberne Spange, den einzigen Schmuck, den er trug. »Nimm dies, Vater, als Zeichen guten Willens. Und wenn Bubbo, der Bärenhändler, das nächste Mal euch aufsucht, dann sende ich dir ein Stück rotes Tuch aus dem Westland.« Der Alte hielt demütig die Hand hin. »Will Herr Ingram mir dies beteuern?« Und als Ingram zwei Finger auf den Knauf seines Schwertes legte: »Ich schwöre dir's«, lachte der Alte zufrieden: »Euer Wort, Herr, gilt an der Grenze wie Ware.« Sie schritten über den Hof; am Torhause rief der Alte einige lungernde Krieger an, welche sogleich herzusprangen und den Fremden auf dem Fuße folgten; aber der Alte, um seinen Diensteifer zu beweisen, trieb sie befehlend mehrere Schritte zurück.

Vom Hügel stiegen sie hinab auf den Dorfplatz, dort stand am Teiche ein langes Haus wie eine Scheuer, der Beratungssaal der Gemeinde. Der Alte öffnete das niedrige Tor, und Ingram sprang voraus in den dämmrigen Raum. »Walburg!« rief er. Aus einer Ecke klangen zwei klägliche Stimmen: »Hier!« Überall rührte sich's auf dem Heu, womit der Boden belegt war. Zwei blonde Knaben umschlangen die Füße Ingrams und schluchzten laut. »Wo ist die Schwester?« fragte Ingram mit hohler Stimme. »Sie ist zum Ratiz hinweggeführt auf den Berg.« Die Zähne des Mannes knarrten wie eine Raspel, seine Faust ballte sich, und gleich darauf warf er sich neben den Kindern auf die Knie, umschlang sie, und heiße Tränen rollten auf die kraushaarigen Köpfe der Weinenden. In der Mitte des Raumes aber tönten die feierlichen Worte: »Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, spricht der Herr.« Durch die geöffnete Tür fielen die Lichtstrahlen auf das milde Antlitz des Jünglings, welches in Mitgefühl und Begeisterung wie das eines Engels strahlte.

[181] Die Frauen und Kinder, welche unter dem Kreuzeszeichen lebten, drängten sich um ihn, manche fielen jammernd vor seine Füße auf das Angesicht, andere hoben die kleinen Kinder in die Höhe, daß er sie segne. Auch die Heidenfrauen hörten seine Worte mit gesenktem Haupt und falteten die Hände. Er aber sprach die heiligen Worte der Verkündigung und betete mit lauter Stimme, es ward still im Raum, und man hörte daneben nur Seufzen der Frauen und leises Weinen der Kinder. Dann trat er grüßend zu den einzelnen, segnete jede Mutter mit dem Christensegen und sprach ihr leise die Bitten vor, welche ihr zumeist am Herzen lagen. Bis der Alte kam und mit abgezogener Mütze dringend bat: »Gefällt dir's, Herr, so folge mir, damit Herr Ratiz uns nicht zürne.« Gottfried trat zu Ingram und rührte ihm leise die Schulter. »Wo ist das Weib, welches du suchst?«

»In den Hütten des Räubers«, war die klanglose Antwort.

»So laß uns gehen, daß auch ihr der Gruß meines Gottes werde.«

Mit Anstrengung erhob sich Ingram und schüttelte die weinenden Knaben ab. Gottfried führte diese zu einem Christenweib, das allein kniete, und sagte ihr: »Was du ihnen tust, tust du dem Herrn, sorge für ihr Wohl.« Als er sich aber zum Ausgang wandte, drängte sich der verzweifelte Haufe um ihn, sie streckten die Arme nach ihm aus, faßten krampfhaft sein Kleid und wollten ihn festhalten. Und es half wenig, daß der Alte die Armen anherrschte und durch die Peitsche zurücktrieb.

Mit schnellem Schritt eilten die Männer den Hügel hinauf. »Ich muß das Christenmädchen im Hofe des Ratiz sprechen«, begann Gottfried, und da der Alte das Haupt schüttelte: »Hindere mich nicht, Vater, mir ist's befohlen.«

»Ich wage den Zorn meines Herrn«, wandte der weißbärtige Sorbe ein. »Ich will deinen Lohn verdoppeln«, rief Ingram rauh. »Meinst du, wir werden dir das Weib aus der Hütte stehlen?« Der Alte lächelte und nickte und führte sie den Rand des Hügels entlang, wo im Schutze des Walles eine Anzahl niedriger Strohhäuser stand. »Zwanzig Frauen hat Herr Ratiz, und bei einer haust das fremde Weib, wohl möglich, daß er ihr in kurzem eine neue Hütte baut, wenn sie ihm nicht verleidet wird.« Ingram stieß die Tür auf, aber sein Fuß zauderte einzutreten. »Geh voran«, raunte er dem Mönch zu. Aber aus dem Gemach rief eine tiefe Frauenstimme: »Ingram«, ein junges Weib schritt bei dem Priester vorbei und faßte den Zögernden bei der Hand. »Mir ahnte, daß ich dich noch sehen würde, denn treu war dein Herz unserem Hofe.« Und als sie seinen starren Blick sah und den Schmerz in seinem Gesicht, rief sie: »Du Tor, würde ich sonst mit dir reden?« Da wollte er sie in die Arme schließen, sie aber entwand sich ihm. »Hättest du neben dem Vater gestanden, die Weide hätte uns nicht geschnürt. Auch jetzt sehe [182] ich dich anders vor mir, als ich dachte. Wo sind die Speere der Landgenossen, welche sich die Weiber und Kinder ihrer Freundschaft zurückfordern? Nicht mich meine ich, denn ich fürchte, meine Tage sind gezählt, aber die Brüder meine ich, den Haufen der Weinenden, die auf dem Stroh harren, bis der Sklavenhändler sie in die Fremde treibt.«

»Mit diesem komme ich, um wegen der Lösung zu handeln«, antwortete Ingram, auf den Mönch deutend.

Erstaunt sah das Weib in das fremde Jünglingsgesicht, und als Gottfried die Hand erhob, das heilige Zeichen zu machen, da beugte sie sich langsam nieder, bis sie auf dem Boden kniete, und sprach das Bekenntnis des Christenglaubens. »Segne mich, heiliger Mann, und bitte für mich. Ja, bitte für mich!« rief sie mit plötzlichem Ausbruch bitteren Schmerzes, »daß ich Erbarmen finde, wenn ich tue, was dem Herrn mißfällt. Gebetet habe ich und mich bereitet, wie meine Mutter mich's gelehrt.«

Gottfried segnete sie. »Ich allein bin der Richter, spricht der Herr, und alle Rache ist mein«, mahnte er leise. Sie erhob sich stumm und wandte sich wieder zu Ingram: »Selten verläßt mich die Hüterin, schon zankt sie draußen mit dem Weißbart. Lebe wohl, Ingram, beide hoffen wir auf die Lösung durch dich oder mich. Ein ehrlicher Freund warst du, denke künftig mein und wisse, daß ich dir zuweilen verhehlt habe, wenn ich dich lieber kommen als gehen sah. Willst du mir noch einen Freundesdienst tun? Mühselig ist es, Herdholz zu spalten, wenn das Messer fehlt, die Weiber hier haben mir alles genommen. Sie sagen, der Freund soll dem Freunde nichts schenken, was schneidet. Du aber schenke mir, wenn du willst.«

Ingram riß sein Messer vom Gürtel, sie barg es in ihrem Kleide und küßte ihn auf die Stirn, wie man ein geliebtes Kind beim Abschiede küßt. Er sprang hinaus, wo der Mönch seiner wartete, stieß an die Frau des Ratiz, die er nicht sah, und hörte die Schmähungen nicht, die sie hinter ihm herrief. Es war ihm jetzt alle Rede der Menschen wie Gezwitscher der Vögel.

Während sie der Halle in der Mitte des Hofes zuschritten, berührte ihm Gottfried den Arm: »Du bist außer dir und hörst nicht meine Worte, und doch tut es not, daß wir uns zum Kauf rüsten. Denke daran, wie wir die Lösung bieten.«

»Bei meinem Haupt«, rief Ingram, »jede Lösung ist mir verhaßt außer einer, daß ich mit dem Räuber kämpfe, Eisen gegen Eisen.«

»Doch zu freundlichem Loskauf bewahre ich dir noch den Becher.«

»Besser wird der Zauber des Christengottes in deiner Hand wirken als in meiner«, versetzte Ingram finster, »denn mir scheint, er öffnet dir die Herzen, daß sie alle dich mehr ehren als einen Krieger.«

[183] Sie traten in die Halle, ungeduldig rief ihnen Ratiz entgegen: »Euch war mühsam, die Gefangenen zu zählen, lästig ist der Iltis im Hühnerhofe, jetzt gilt es zu kaufen, wenn ihr in Wahrheit als Händler kommt und nicht als Späher.«

»Als Bote komme ich«, versetzte Gottfried, »du weißt das, denn du selbst hast durch Meginhard, den Priester, mich von meinem Herrn, dem Bischof, erbeten. Und Herr Winfried sprach, da ich schied: Mir ziemt nicht, wie ein Händler mit dem Helden Ratiz um den Kaufpreis zu markten. Aber ein Königsgeschenk will ich ihm bieten gegen die Gefangenen seines letzten Zuges, und meinen guten Willen, wenn er ihn begehrt, gegen den seinen, Gabe um Gegengabe in freundlichem Tausch. Und Held Ingram soll der Bote des Geschenkes sein.« Gottfried zog die Kapsel aus dem weiten Gewande und löste die Hülle.

Ingram hatte allmählich doch an dem Gespräch Anteil genommen, jetzt trat er zu dem Mönch und sagte schnell: »Gib ihn nicht aus der Hand; wer den Vogel verkauft, muß ihn festhalten, daß er nicht entfliege.« Er faßte den Becher und hielt ihn dem Sorben hin. »Sieh zu, wie das Prachtstück aus einem Königsschatz neben deinem Metkrug stehen wird.« Der Sorbe vermochte einen lauten Ausruf des Vergnügens nicht zu bergen, als er das glänzende Metall und die Figuren sah; auch seine Gesellen drängten sich um den Becher, Kopf an Kopf, summten einander ins Ohr und lachten über die kleinen Gestalten darauf. »Ehrwürdig ist Winfried, der Bischof, weil er mir solche Gabe sendet«, rief Ratiz, »gestatte, Held Ingram, daß ich prüfe, wie schwer sie ist.«

»Meine Hand bleibt darüber, Sorbe«, sagte Ingram, »noch ist der Becher mein.«

»Noch ist er dein«, bestätigte Ratiz nachdenkend und wog mit der Hand. Er rief den Sprecher mit weißem Bart. Dieser nahm vor dem Becher achtungsvoll die Mütze ab, besichtigte ihn unter Ingrams Hand genau und berührte ihn mit der feuchten Zunge von innen und außen, holte sein Messer hervor und machte einen Einschnitt in den unteren Rand, um nach dem Bruch zu sehen, dann sprach er leise zu seinem Herrn.

»Und dies ist die Bedingung für das Geschenk des Bischofs«, fuhr Ingram fort, »du gibst zuerst in unsere Hände ungeschädigt Walburg, die Tochter Willihalms, des Franken, den du erschlagen hast, und ihre zwei Brüder, zum zweiten die anderen Gefangenen eurer letzten Beutefahrt vom ältesten bis zum jüngsten, und zum dritten Goldfeder, das Pferd Willihalms, und zwei gute Rinder als Reisekost für die Erledigten.«

Bei dem Namen Walburg fuhr der Sorbe auf, doch bändigte er seinen Unwillen, sah prüfend auf seine Gesellen und sprach: »Sehr selten ist das Silber aus dem Königsschatz, das ihr uns gezeigt habt, [184] wenn es auch nur im Innern golden ist. Gefällt es euch, ihr Franken, so räumt auf kurze Zeit die Halle, damit wir in Ruhe beraten.«

Gottfried bemerkte, daß er den Becher kälter ansah, den Ingram im Angesicht der Sorben hoch in die Höhe hielt. Der Thüring barg das Gerät in der Kapsel, und die Boten traten ins Freie. »Jetzt sinnen sie auf Hinterlist«, rief Ingram verächtlich.

»Sie scheuen meinen Herrn Winfried«, versetzte der Mönch ruhig. »Ich lobe dich, daß du die Rinder erbeten hast, denn schwer wäre es, dreißig und ein Menschenhaupt in den Bergen zu speisen. Aber wozu forderst du das Roß?«

»Fürwahr als ein unkriegerischer Mann fragst du: hoffst du, daß Willihalm in dem Grabe, das ihr ihm geschaufelt, Ruhe finden wird, wenn ein Sorbe auf seinem Leibroß reitet? Soll er zu Fuß wandeln über den Wolkenstieg, und wenn die Helden in der Nacht reiten, hinter ihnen herlaufen wie ein Troßbube?«

Gottfried bekreuzigte sich. »Im Himmel der Christen bedarf es eines Roßgespenstes nicht.«

»Er war ein Kriegsmann, wenn er auch Christ war«, versetzte Ingram stolz. »Was aber will der Slawe von der Gunst deines Bischofs?«

»Vielleicht will er Grenzgraf der Franken werden und über dem Sorbendorf seine Burg bauen«, versetzte Gottfried lächelnd.

Ingram stieß einen Fluch aus. »Und ihr möchtet ihm dazu helfen?«

»Du weißt, daß er Christen erschlagen und geraubt hat«, antwortete Gottfried.

In der Halle war lange Beratung und heftiger Zank der Männer. Endlich lud der Weißbart zum Eintritt. Wieder hob Ingram den Becher empor, aber die Sorben wandten die Blicke ab. Ratiz begann: »Unmäßig sind die Gaben, die ihr für euren Bischof fordert, aber meine Edlen wollen Spende um Spende geben, ohne viel zu schatzen. Die Gefangenen, welche noch nicht geteilt sind, sollt ihr als Gegengabe nehmen, dazu ein Rind, dreijährig, von fetter Weide. Nur zwei Häupter weigern wir euch, Walburg und Goldfeder, den Falben. Die Magd ist ein Ehrengeschenk meines Volkes für mich, und das Roß steht im Stalle des Helden Slavnik, welcher mir der nächste ist an Ehren und Schlachtenruhm. Ihr bringt das Geschenk nach eurer Wahl, wir senden das unsere ebenso.«

»Herr Winfried hat mit seiner Hand den Leib des Franken Willihalm bestattet und an seinem Grabhügel gelobt, für die Kinder zu sorgen«, antwortete Gottfried, »bedenke, Herr, du würdest ihm nicht freundlichen Sinn erweisen, wenn du das Christenweib zurückhieltest.«

»Nur um des Weibes willen nahm ich den Becher von dem [185] Fremden und ließ mir gefallen, seinen Boten zu geleiten, und vor den anderen suche ich das Weib bei dir«, rief Ingram zornig.

»Darum also bist du in das Haus meiner Frauen gedrungen«, versetzte der Sorbe lauernd. »So höre meine letzten Worte: die Knaben entsende ich dem Bischof, das Weib bleibt mein. Widerstehst du dem Tausch, dann enthebe dich mit dem Becher, zu lange hast du in unserem Lager geweilt, und achte darauf, daß du ihn wohlbehalten heimwärts bringst. Ohne Geleit bist du gekommen, und ohne Geleit scheidest du.«

»Was sinnst du auf heimlichen Überfall im Walde; fürchten die Sorben den Kampf auf offnem Felde?« rief Ingram. »Hier stehe ich, du listiger Mann, und erbiete mich, um das Weib zu kämpfen gegen jeden deiner Krieger, ja gegen zwei. Stelle gegen Ingraban und den Raben zwei deiner besten Krieger auf den stärksten Sorbenrossen, und die Götter walten des Sieges.«

Auf diese Herausforderung sprangen die Sorbenkrieger von ihren Bänken, und ihr Geschrei schwirrte durch die Halle, aber der Häuptling zwang sie mit einer Handbewegung auf die Sitze zurück und versetzte: »Manche rühmen die Kraft deines Armes, aber durchaus nicht rühmen kann ich den Sinn deiner Rede. Töricht wäre ich, wenn ich meine Krieger auf das Kampffeld senden wollte, um etwas zu erwerben, was ich bereits durch Speer und Roß gewonnen habe. Und wenig Ehre wäre es meinen Helden, wenn sie um eine kauernde Sklavin im Ringe kämpften. Einen anderen Kampf biete ich dir, der im Frieden besser geziemt. Ich höre, daß du des Bechers kundig bist, wie dem Manne gebührt, auch mich hat nicht leicht ein Gegner beim Trinkkruge gefällt. Wohlan, laß uns unsere Kraft prüfen; du setzest dein Roß, den Raben, und ich das Frankenweib, der Sieger empfängt beide. Das scheint mir guter Rat.«

Lauter Beifallsruf erscholl um den Tisch, nur Ingram stand betroffen. »Das Roß gehört zum Manne wie das Schwert, und unfreundlich wird dereinst der Gruß meiner Ahnen, wenn ich die Zucht meines Rosses in ein Sorbendorf liefere. Das fürchte ich sehr; dennoch setze ich dir zwei Hengste von dem Stamme des Raben, fünfjährig und vierjährig, edler als einer von deinen Gäulen. Nur mein Schlachtroß, das mein bester Freund war, wo kein Arm eines Menschen mir half, das behalte ich zurück.«

»Unbekannt sind die Gewinne, die du bietest, und weit ist der Weg zu deinem Stall. Der Rabe und die Gefangene, beide sind hier im Hofe, das ist gerechter Wettstreit.«

Ingram stand in heftigem Kampfe. »Wohlauf, bei den Schicksalsfrauen meines Geschlechtes, her die Becher, und der Streit beginne.«

Wieder scholl fröhlicher Lärm der Sorben, wie ein Schrei der [186] Teufel klang er in Gottfrieds Ohr. »Ruchlos ist das Becherspiel um ein Menschenleben«, rief er dazwischen tretend.

Ratiz winkte höflich abwehrend, Ingram aber versetzte unwillig: »Wenig Glück hat mir das Silber deines Bischofs gebracht, weiche von mir, daß ich zu meinem Gott flehe, ob er mir helfe.«

Der Alte trug einen großen Metkrug und zwei Becher zu, beide ganz gleich aus Maserholz gedreht. Er wies den gefüllten Krug und die leeren Becher den Kämpfern, diese sahen ernsthaft hinein und prüften die Gefäße. Darauf füllte der Weißbart einen Becher bis zu dem Strich, welcher den Rand bezeichnete, goß den Met aus dem ersten in den zweiten, um die Größe zu erweisen, und rückte zwei gleiche Schemel ohne Lehnen an den Tisch. Die Helden ergriffen die Becher, wandten sich abwärts nach der Himmelsgegend, vor welcher sie zu den Göttern flehten, und murmelten leise das glückbringende Lied. Dann lösten beide die Waffen von ihrer Hüfte, der Slawe gab das Krummschwert einem Genossen, Ingram aber rief: »Allein bin ich in der Fremde, frage, Alter, ob einer unter den Sorbenkriegern mir ein treuer Schwerthüter sein will bis zum Ende des Kampfes.«

Gottfried machte eine Bewegung, aber Ingram wies ihn mit der Hand ab, und der Mönch trat mit hochgeröteten Wangen zurück. Da erhob sich ein junger Sorbenkrieger von stolzem Aussehen, Ingram sah ihm in das Gesicht und sagte: »Wir sahen uns sonst wohl auf blutigem Felde, Held Miros.« Der Krieger gelobte treue Schwertwache und setzte sich zur Seite hinter Ingram, das Schwert haltend. Die Kämpfer ließen sich auf den Stühlen nieder, ruhig waren ihre Bewegungen und gemessen ihre Haltung, denn wer heftig den Sinn regte, der kam bei diesem Spiel in Gefahr. Und der Weißbart rief laut: »Außer den Herren, welche auf dem Kampfstuhl sitzen, schweige jeder, daß nicht seine Rede den Sinn der Zecher verwirre. Den Herren aber ziemt im Kampfgespräch zu bedenken, daß jede Wunde, die ihre Zunge schlägt, verschmerzt sein soll am nächsten Morgen.« Darauf rückte sich der Sprecher einen niedrigen Schemel mitten zwischen die beiden und wiederholte, was einer sprach, geschickt in der Sprache des anderen. So weich und gewandt war die deutende Rede, daß sie wie ein Lied zwischen den harten Worten der Kämpfenden tönte.

Ratiz nahm zuerst seinen Becher, hob ihn und sprach: »Zu gleichem Kampfe bringe ich den Met, Ratiz, Sohn des Kadun, ein Herr in den Sorben«, und von der anderen Seite scholl es zurück: »Bescheid tut Ingraban, Sohn des Ingbert, ein freier Thüring.« Beide leerten die Becher und stürzten sie auf den Tisch. Der Alte füllte und verbeugte sich tief vor jedem der Herren. Wieder begann Ratiz:

»Schwarz ist der Vogel, nach dem du, wie ich höre, genannt bist, aber weiß ist der Aar, der über den Zelten meiner Krieger schwebt.

[187] Ein Reh sah ich liegen am Quell im Walde, und auf ihm saß mit starken Fängen der Adler und schmauste, aber im Kreise herum krächzte die Schar der Raben und lauerte auf den Abfall.«

Ingram antwortete: »Den Namen erfinden dem Helden die lieben Eltern, und ungern hört er den Namen schmähen. Nicht weiß ich den deinen zu deuten, denn selten fragte ich nach deinem Geschlecht, doch rate ich, meide ihn zu gebrauchen bei meinem Volk, denn er klingt uns wie Ratte, das diebische Tier hinter dem Mehlsack.«

»Versteht ihr nicht Worte der Sorbenkrieger, ihre Schläge habt ihr doch oft gefühlt.«

»Fünf Panzer von Linnen und fünf krumme Schwerter, die Beute der Walstatt, zähle ich an der Wand meiner Halle, meinst du, daß deine Krieger gutwillig sie boten ohne Hiebe?«

»Mancher schleicht spähend beim Mondschein über die Walstatt, hinter den Wölfen sucht er den Raub und trägt bleichwangig und zagend die Habe erschlagener Helden sich heim in den Rauchfang«, versetzte Ratiz.

»Ist dir's verleidet, die Gefallenen zu zählen, die mein Schwert auf dem Rasen zurückließ, so zähle die Wunden derer, die leben. Mehr als einer von deinen Kriegern rühmt sich der Narben, die er mir verdankt.«

»Grund haben sie alle, dein Schwert zu preisen«, spottete Ratiz, »denn leicht heilten die Ritze, und sie lachen der Narben.«

»Schnellfüßige Läufer trifft leise der Schwertschlag, nur wer selbst starke Hiebe spendet, empfängt das gleiche Gastgeschenk«, versetzte Ingram.

»Gut sprichst du, Held«, rief Ratiz, »denn selbst birgst du nah am Herzen die Gastgeschenke, welche Sorbenschwerter dir schlugen.« Er winkte, sie tranken und stürzten die Becher.

Wieder füllte der Alte, und höflicher begann Ratiz: »Vergebens ist es, dich Held mit harten Worten zu necken, noch ist der Metkrug gefüllt und Zeit zu freundlicher Rede. Laß uns rühmen, was jedem das Liebste auf Erden ist. Vor allem gefällt mir der Herrensitz auf dem Hügel, um mich die Hütten der Krieger und vor mir, so weit das Auge reicht, die Rinderweide, die mein Schwert gewann.«

»Was das Schwert gewann, mag das Schwert verlieren; weiter als die Rinderherde schreitet und die Grenzzeichen ragen, reicht der Ruhm des tapferen Mannes«, versetzte Ingram.

»Ruhm gewinnt, wer Land gewinnt«, rief Ratiz.

»Ruhm gewinnt auch, wer sein Heimatland gegen den fremden Einbrecher verteidigt«, antwortete Ingram. »Ungleich ist unser Los. Ich stehe auf dem Erbe meiner Väter, du aber mühst dich um geraubtes Land.«

[188] »Höher achte ich den wilden Stier, der mit seiner Herde über den Erdboden schweift, als die Jochkuh im Pferch«, rief Ratiz.

»Solange die Weisen gedenken, saß mein Geschlecht auf freiem Erbe«, sprach Ingram, »du aber kamst ostwärts aus der Fremde und niemand weiß woher.«

»Mein Volk weiß es«, versetzte der Sorbe stolz. »Dennoch tadle ich deinen Trotz nicht, denn wohlbekannt ist dein Name bei Freund und Feind. Gefällt dir's, Held, so verkünde uns die Abenteuer, die du erlebt.« Er bat so, um dem anderen die Redelust zu wecken.

Aber Ingram mied die Versuchung und versetzte: »Was ich erlebte, das wißt ihr wie ich, denn mein junges Leben haftete stets in der Heimat, und gewann ich Ruhm bei den Meinen, so war's nur in den Kämpfen mit euch, weil ich fest stand neben meinen Freunden und gegen euch als ehrlicher Feind.«

Wieder füllte der Alte die Becher.

»Oft rühmen meine Krieger«, begann Ratiz spottend, »deine erste Beutefahrt im Walde, damals als du dem Fuchse gleich nach Honigwaben ins Holz schlichest. Du hörtest die Bären und krochst hinauf in die Äste, unten schmausten die Bären den Honig, dich aber stachen die Bienen dahin, wo du saßest. Und heute noch hingst du, von den Speeren der Bienen zerstochen, am Aste, hätte dich nicht Bubbo, der Waldmann, erlöst.«

»Dafür liegen jetzt die Felle der Bären an meinem Herde«, versetzte Ingram lachend. »Wie gelang es dir doch damals, Ratiz, mit deiner Heldenfahrt, als du auszogst auf die Freite, um ein Weib der Thüringe zu gewinnen? Die Dorfknaben überfielen den Hof, in dem du lagertest, und als sie mit Schwertern die Hütte durchsuchten, entfloh deine Schar, du selbst aber bargst dich bedrängt in dem Backtrog, den die Weiber über dich stürzten, und Weizenteig hing in deinem Barte, als du schwertlos entrannst. Gern erzählen unsere Mägde am Herde von deinem harten Lager unter dem gehöhlten Holz.«

Finster packte Ratiz seinen Becher und stampfte ihn auf den Tisch. »Nützlicher war mir das gelungene Entrinnen als deinen Gesellen das fruchtlose Suchen.« – Er drückte seinen Grimm eine Weile schweigend hinab, dann rief er höhnend: »Höre dafür, was die Wila, die Schicksalsfrau der Sorben, mir einstmals sang.« Und er begann nach der Weise seines Volkes zu singen: »Alles wird dir wohlgelingen auf dem Felde, bei dem Trinkkrug, doch die allergrößte Freude sollst du haben, wenn ein fremder ungeschlachter Hüne in dein Lager dringt. Grob sind seine Worte und Gebärden, als ein armer Schlucker kommt er ungeladen, und er bettelt um ein Weib für seinen Herdsitz. Doch du wirst ihn wohl empfangen, höflich zu dem Becher laden, aber enge ist sein Schädel, Starkes kann er nicht vertragen. Hast du ihn in Met berauscht, bind ihm klug [189] das Bein mit Seilen, scher ihm dann das Haar vom Haupte, setz ihn vor die Tür der Halle, daß die Weiber seiner lachen und die Kinder ihn bewerfen.«

Ingram versetzte finster: »Ich aber hörte eine Sage erzählen von Däumling, dem ruhmvollen Helden, den sie Gernegroß nannten. In dem Sandhaufen höhlte er sich mit den Händen seine Burg und deckte die Feste mit Stroh, das er von der Tenne mauste. Er sah von seiner Halle über die Maulwurfshügel und rühmte sich: alles ist mein, so weit mein Auge reicht, keinen stattlicheren Helden kenne ich auf Erden, nur eines fehlt mir zu meinem Glück, ich sende die Boten zum Hofe des Königs, daß ich Herzog werde über die Maulwürfe und Mäuse des Feldes. Da kam ein Bauer, und mit hartem Fuß zertrat er unversehens die Burg, und Held Däumling entfloh in ein Rattenloch und wand die Hände in Kummer.«

Der Sorbe fuhr mit der Hand nach der Schwertseite und griff heftig umher, als er die Waffe nicht fand; Ingram aber lachte laut über das vergebliche Suchen.

Wieder und wieder füllte der Alte. Dem Ratiz schwammen die Augen, und seine Hand wurde unsicher, wenn sie den Becher faßte. Er merkte die Gefahr und dachte schlau darauf, den Gegner zu verwirren. »Lustig sitzen wir hier im Gefecht der Zungen, lieblicher schlürft sich der Met, wenn wir mit unseren Augen auf das Weib schauen, welches der Preis des Siegers sein wird. Führt das Frankenweib her, daß wir uns am Anblick ergötzen.« Zwei seiner Genossen sprangen auf und eilten der Tür zu.

Ingram schlug auf den Tisch. »Unbillig störst du das Spiel, denn traurig ist es mir, die Tochter eines werten Mannes als Sklavin unter den Feinden zu schauen.«

»Lösen willst du sie doch, du starker Zecher, hast du Kraft, so erweise sie jetzt. Umbindet ihr nicht die Hände mit den Weiden, damit der Gast sie ohne Kränkung der Seele betrachte.«

Ingram sah finster vor sich nieder, und schwer wurde ihm das Haupt; die Männer schritten hinaus und führten das Mädchen in die Halle der Schweigenden. Walburg blieb an der Tür stehen, und ihr Blick umwölkte sich, als sie auf Ingram sah, auf die Trinker und die gleichen Becher. »Tritt näher, Frankenkind«, begann Ratiz, »denn um dich geht der Streit, ohne Schwertkampf der Helden sollen die Götter entscheiden. Im Maserholz schwenken wir deine Lose, ob du heimziehst mit Held Ingram, oder ob ich dir eine Hütte baue und ein Lager darin breite für dich und mich, wie ich hoffe.«

Empört rief das Mädchen dem Thüring zu: »Einen besseren Helfer habe ich mir erkoren, schmachvoll wäre mir die Lösung durch den Trinkkrug. Denke nicht, Ingram, dir ein Weib durch Met zu gewinnen, übe den Heidenbrauch um Sorbenmädchen, nicht um[190] mich.« Sie wandte ihm den Rücken, trat in die Ecke, in welcher Gottfried saß, kniete an seiner Seite nieder und verbarg das Gesicht mit den Händen. Heiße Röte stieg in das Gesicht Ingrams, da sich das Weib verachtend von ihm wandte, undeutlich merkte er das höhnende Lachen der Slawen, er erhob sich vom Stuhl und rief in ausbrechendem Zorn. »Falsch war das Spiel, und verflucht sei der Becher, den ich noch trinke.« Er schleuderte den Becher auf den Boden, und zugleich mit dem Holze sank er selbst in schwerem Fall. Wilder Jubelschrei der Sorben durchtönte die Halle, sein Helfer, welcher das Schwert gehalten, trat zu ihm und gebot: »Tragt ihn unter mein Dach, damit ich ihm meine Treue erweise und ihn bei seiner Waffe bewahre.«

Ratiz aber erhob sich siegreich in trunkenem Mut und schritt auf das Frankenmädchen zu. »Mein bist du, doppelt gewonnen ist die rundliche Wange, und mein sollst du bleiben, nicht denke ich mit der Vermählung zu säumen. Auf, führt sie zur Hütte und ladet den Sänger, daß er das Brautlied spiele.«

Dicht vor ihm erhob sich von den Knien die Jungfrau, bleich war ihr Gesicht und hart der Blick, den sie auf den Häuptling warf. »Niemand vermöchte dich zu retten vor meiner Hand«, rief sie, »du Untier, das kaum den Vater gefällt hat und jetzt Unehre über die Tochter bringen will. Danke deinem Glück, daß ein Heiliger neben mir steht. Du rühmst meine glatte Wange, sieh her, ob sie dir noch gefällt.« Blitzschnell fuhr sie mit dem Messer aus dem Gewande, hielt es ihm entgegen, daß er zurückfuhr, schnitt mit dem Stahl sich eine klaffende Wunde in die Wange, daß ihr Blut herunterströmte, und hob den Stahl wieder gegen sich selbst. Da sprang Gottfried herzu und entriß ihr die Waffe. Ratiz stieß einen schweren Fluch aus und packte den Metkrug, um ihn gegen das Weib zu werfen, aber auch er taumelte und stürzte zu Boden, übermannt vom Met und vom Zorn. Die Sorben sammelten sich um ihren Häuptling, und Gottfried führte mit Hilfe des Weißbarts die wunde Jungfrau nach ihrer Hütte, dort suchte er das strömende Blut zu stillen und mit dem Sorbenweibe die klaffende Wunde zu binden.


In der Hütte des Miros saß spät am nächsten Morgen Ingram, das Haupt in der Hand, und seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Auf dem Schoß hielt er das Schwert, welches sein Gastfreund ihm in die Hände zurückgelegt hatte. Miros stand vor ihm und erzählte von dem letzten Ausgang des Gelages und von der Wunde des Weibes. »Sie hätte den Faden ihres Lebens durchschnitten, denn ihr Sinn war wild, als der fremde Bote ihr das Messer entwand. Unnütz war die Mühe, das Messer wäre ihr rühmlicher gewesen, als die Keule des Ratiz sein wird.«

[191] Ingram zuckte und griff nach seinem Schwert. »Was würdest du tun, wenn dir ein gefangenes Weib mit dem Messer drohte?« fragte Miros. Ingram nickte bestätigend mit dem Kopf. »Wäre sie tot durch rühmliche Tat, die sie selbst an sich vollbracht, und wäre der Ratiz durch mein Schwert erlegt, dann wäre ich wieder frei und könnte lachen«, murmelte er. »Jetzt aber bedrängt mich der Zauber, den die unholden Christenmänner durch ihren Gesang und durch ihr Silber auf meinen Weg geworfen haben. Darum hat mir der Gott, der des Trinkhorns mächtig waltet, seine Hilfe versagt. Auch ihn höhnten die Riesen durch ihre Wunder, und ruhmlose Kämpfe mußte er ausfechten. Mir ist das Leben verleidet, und die Heimkehr begehre ich wenig.«

»Bleibe bei uns«, riet der Sorbe teilnehmend, »und gewöhne dich an unseren Brauch, dann baut dir Herr Ratiz eine Hütte, und wenn du das Weib mit der zerrissenen Wange noch begehrst, so ist möglich, daß er dir sie schenkt, damit sie deinen Mühlstein drehe.«

Ingram lachte: »Könntet ihr vergessen, daß ich eure Krieger erschlug? Würde doch mein Schwert aus der Scheide springen, wenn es neben einer Sorbenkeule hinge. Wie kann Friede dauern zwischen euch und mir? Nein, Miros, anders raten mir die Schicksalsfrauen. Und du meinst, daß er sie töten wird?«

»Wie kann er anders?«

»So sage ihm, daß ich ihn zum Kampf fordere auf der Heide zwischen eurer und unserer Mark auf den sechsten Tag von heut.«

»Sage selbst solche Botschaft, wenn du Lust hast aus dem Sonnenlicht zu scheiden, auch du stehst unter seiner Hand, und wenn er dich entläßt, so weiß er, daß ein Todfeind frei von ihm reitet. Denke vor allem an das eigene Heil!«

»Du sprichst verständig, friedlich will ich von euch gehen oder gar nicht. Die Götter mögen auch mir das Los werfen. Der Becherkunst ist dein Herr mächtig, wie ich sehe, laß ihn versuchen, ob er auch das Würfelspiel versteht, sein Schicksal gegen das meine. Geh, mein Wirt, und trage ihm eine Botschaft, die er annehmen mag oder nicht nach seinem Gefallen. Noch einmal messen wir uns in friedlichem Kampf, wie der Würfel fällt, den unsere Hände gleiten lassen, um alles oder nichts; er setzt in das Spiel das Weib und mein Roß, das er gestern gewonnen, und ich –«

»Und du?«

»Mich selbst, ob ich frei davon reite oder als sein Gefangener hierbleibe, bis gütliche Schatzung vereinbart wird, welche mich löst, nach Brauch der Grenze.« Der Sorbe trat zurück. Er öffnete sein Hemd und wies eine Narbe. »Du weißt, wer mir diesen Schlag gab, denke daran, Held; unrühmlich wäre mir zu sagen, daß ein Knecht die Wunde geschlagen hat.«

Ingram reichte ihm die Hand. »Geh doch, Fremdling, tief bin ich [192] verstrickt, und meine Stunde ist gekommen, wo ich die Hohen fragen will, ob sie retten oder verderben.«

Der Sorbe ging unzufrieden hinaus, Ingram legte das Haupt auf den Tisch. »Seit der Fremde den Mühlstein unter dem Baume heraufscharrte, ist das Glück von mir gewichen, und der Segen, den die Ahnen mir hinterlassen, hat seine Kraft verloren. Eine hat sich zornig von mir gewendet, ich aber will prüfen, ob ich noch die Kraft habe, sie durch meine Beschwörung zu gewinnen, oder ich will ihr Los teilen.«

Draußen klang der Tritt bewaffneter Männer. Ratiz trat ein, begleitet von einem Teil seiner Krieger. Ihm lagen die Augen noch tief im Kopf, und heiser war seine Stimme, als er sprach: »Du kamst als ein eifriger Spieler. Den ersten Kampf bot ich, den zweiten bietest du. Fürwahr, hoch achtest du dich selbst, lieber mag ich das Weib und das Roß als dich, und ungern tue ich deinen Willen. Aber meine Krieger fordern, daß ich dein Spiel nicht zurückweise. Dein Einsatz gilt, Roß und Weib für dich oder du für mich, ein Würfel und ein Wurf.«

»Weib und Roß, beide unversehrt zur Stelle für mich, oder mein Lösegeld für dich, so wie mich deine Krieger ehrlich schatzen«, versetzte Ingram.

»Wir werden dich ehren als Krieger, wenn wir dich schatzen«, bestätigte der Häuptling. »Beide wollen wir's geloben.« Die Männer faßten an ihre Schwerter und sprachen den Eid. »Hast du einen Mann«, fuhr Ratiz fort, »dessen Würfel du vertrauen kannst, wie ich ihm vertraue, so nenne den Namen.«

»Mein Wirt Miros«, antwortete Ingram.

Miros trat in eine Ecke der Hütte, holte den Würfel aus dem Kasten und stellte ihn auf den Tisch, einen Holzbecher dazu. »Ehrlich ist der Würfel und ehrlich sei das Spiel«, sagte Miros, »und jeder, der hier steht, gelobe dem Sieger treue Erfüllung.«

Die Männer schwuren, die Kämpfer traten beiseite und sprachen leise ihre Beschwörung. »Der das Spiel gefordert hat, tue den ersten Wurf«, gebot Miros. Er legte den Würfel in den Becher und bot ihn Ingram. Das Angesicht des Thürings war bleich und ebenso das des Ratiz, Stille war in der Hütte, und alle starrten auf den Tisch. Ingram schüttelte und warf. »Fünf«, rief Miros. »Ein guter Wurf«, sprach Ratiz, er nahm den Becher, schüttelte und warf. »Sechs«, rief Miros. Ein gellender Siegesruf, der weit über das Tal zog, erscholl in der Hütte, alle traten von Ingram zurück. Er stand einen Augenblick mit geneigtem Haupte, dann löste er sein Schwert und warf es auf den Boden. Ratiz legte die Hand auf ihn: »Mein Knecht bist du, holt die Weide und bindet ihm die Hände.«

Vor der Hütte des Ratiz, in welcher Walburg lag, saß der Mönch. Vor ihm tummelten sich wilde Gesellen mit den Rossen, die sie aus [193] den Ställen gezogen hatten, und ansehnliche Sorbenkrieger eilten einzeln oder in kleinen Haufen zu der Halle des Häuptlings. Aber gleichgültig sah der Mönch auf dies fremdartige Kriegertreiben; er hatte die Nacht vor der Hütte gewacht, zuweilen war er eingetreten und hatte die Slawenfrau geweckt, welche neben dem Lager der Verwundeten lag, daß sie die Wunde mit kaltem Wasser netze, oder er hatte der Fiebernden einen Trunk gereicht und leise an ihrem Haupt gebetet. Jetzt schauerte sein erschöpfter Leib in der warmen Morgensonne, aber seine Gedanken flogen unablässig zu dem Christenmädchen in der Hütte. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er um ein Weib zu sorgen, er fühlte darüber eine wonnige Freude, lächelte vor sich hin und sah dann wieder ernsthaft und demütig nach der Höhe.

In der Nähe hörte er Eisengeklirr und schnellen Tritt, Ratiz stand mit seinem Gefolge vor ihm in Waffen, zum Auszug gerüstet, unter den Kriegern Ingram, waffenlos mit gesenktem Haupt, die Arme durch starke Weiden auf den Rücken gebunden. Ratiz wies auf die Sonne. »Weit ist dein Weg, junger Bote, und widerwärtig ist dein Anblick meinem Volke. Das Spiel, welches in meiner Halle begann, ist beendigt. Sieg und Ruhm haben mir die Götter verliehen. Dennoch will ich dir halten, was ich dir gestern bot, wenn du deinem Bischof mich rühmen willst. Gib mir das Silber und nimm die Gefangenen.«

»Willst du jetzt die Antwort des Bischofs auf deine Frage hören?«

»Sprich«, antwortete Ratiz, »ich und meine Edlen, wir hören.«

»Du begehrst Gesandte an den Hof des Helden Karl nach dem Westland zu senden, und du begehrst, daß mein Herr, der Bischof, ihnen Geleit werbe und geziemenden Empfang bei dem Frankenherrn. Habe ich recht deine Meinung gesagt, so bestätige mir sie vor diesen.«

»Seine eigene Sorge hat jeder Tag«, versetzte der Sorbe, »viele Monde ist's her, daß ich nicht an die Gesandtschaft dachte, meine Krieger fürchten nicht die Macht der Franken, wo sind ihre Heere, wir sehen sie nicht.«

»Hast du deinen Sinn geändert, dann bin ich der Rede enthoben.« Er trat zur Seite, Ratiz aber begann einlenkend: »Auf scharfer Waage wägst du die Worte, Fremder, noch ist es möglich, daß mir's gefällt, die Boten zu entsenden, vielleicht auch nicht.«

Gottfried schwieg.

»Will der Mann, den sie Winfried nennen, mir Bürge werden, daß meine Krieger am Hofe des Frankenherrn freundlichen Empfang finden und Gewähr ihrer Forderung?«

»Nein«, versetzte Gottfried nachdrücklich. »Deine Forderung kennt mein Herr nicht, wie kann er Fürsprech werden? Zu gewähren und zu versagen steht allein bei Herrn Karl, nur daß seine Boten [194] das Ohr des Fürsten erreichen, dazu kann er helfen, und ob er dazu helfen wird, das steht bei dir. Auf seinem Wege sah er brennende Höfe und erschlagene Christen.«

»Du bist ein Fremder und unkundig des Grenzbrauches«, versetzte der Sorbe mit querem Blick, »nur Notwehr üben wir und Vergeltung. Auch unsere Krieger liegen erschlagen, und unerträglich sind die Frevel der Franken.«

»Du klagst über Unrecht der Franken, ebenso der Franke über das eure, der große Gott im Himmel allein weiß, wer den größeren Frevel gewagt hat. Jetzt aber suchst du das Ohr des Frankenherrn. Wie mag Herr Karl anders urteilen als sein Volk? Und du suchst die gute Meinung eines Bischofs der Christen, auch der Christ sieht das Unrecht, das den Bekennern seines Glaubens zugefügt ist. Ich kann nicht gehen, Herr, ohne das Weib in der Hütte und ohne meinen Gefährten, den ich schwertlos und gebunden sehe.«

»Er war dein Gefährte, jetzt ist er mein eigener Knecht. Sein Wille war's, verspielt hat der Narr sein Roß und sein Schwert, und in Banden harrt er des Schicksals, das wir ihm fügen.«

Ein leiser Seufzer Ingrams wurde gehört, zitternd schwand der Ton in der Morgenluft, aber aus der Hütte klang ein lauter Schrei der Frau. Ratiz herrschte den Gebundenen an: »Rede, Knecht, damit der Mann, der dich gesandt hat, nicht deinetwegen von unserem Vertrag weiche.« Ingram wandte sich ab, aber er senkte bestätigend das Haupt.

»Die Sorge für ihn und das Weib ist mir auf die Seele gelegt«, rief Gottfried, »wie soll ich vor das Antlitz dessen treten, der mich zu dir gesandt hat, wenn ich sie nicht mitbringe?«

»Habe ich nicht schon vorher einen Mann deines Bischofs ohne Losung entlassen?« rief Ratiz zornig dagegen, »und auch du stehst noch unverletzt vor mir. Weißt du nicht, du Tor, wenn ich meine Hand aufhebe, so springen meine Krieger auf dich und schälen mit ihren Messern dein geschorenes Haupt.«

»Mein Schicksal steht nicht in deiner Hand, sondern in der Hand meines Gottes«, versetzte Gottfried mutig. »Tue was du darfst, binde mich, töte mich, wenn dein wilder Sinn dich dazu treibt, aber freiwillig verlasse ich diese Höhe nicht ohne die Gebundenen.«

Ratiz stieß einen Fluch aus und stampfte mit dem Fuß. »So lasse ich dich durch meine Krieger an den Grenzzaun führen und hinüberwerfen, du hartnäckiger Tor.«

»Laß sie frei und behalte mich zurück als Knecht oder als Opfer, wie du willst.«

»Unsinnig wäre der Tausch, ein junges Weib und einen Krieger gegen dich, der nicht Mann und nicht Weib ist.«

Gottfried erblich, aber in strenger Zucht gewöhnt sich zu bezwingen, antwortete er: »Verachtest du den Boten, so höre um deiner [195] selbst willen die Botschaft. Mit einem Volksheer zieht der siegreiche Frankenfürst gegen seine Feinde heran, schon lagert er unweit der Werra; einen neuen Grafen hat er in das Land der Thüringe gesandt, die Grenze zu wahren. Suchst du in Wahrheit Versöhnung und Friede mit dem Frankenherrn, so magst du eilen, deine Gesandten in sein Lager zu schicken.«

Ratiz stand betroffen und sprach heftig zu dem Weißbart, der ängstlich schnelle Fragen des Sorben und die Antworten des Mönches deutete. Als Ratiz zur Seite schritt und leise mit seinen Kriegern verhandelte, trat Gottfried zu Ingram: »Was zürnst du mir, armer Mann, wende dich nicht von mir ab, denn treu ist meine Meinung.«

Ingram sah düster auf ihn, aber auch seine Stimme klang weich, als er antwortete: »Du hast mir Unglück gebracht, denn du hast meinen Zornmut erregt. Deine Hilfe begehre ich nicht, und fruchtlos ist alles, was du für mich versuchst. Löse das Weib und sage ihr, wenn du willst, daß lieber ich selbst sie gelöst hätte. Nimmer änderst du mein Geschick. Als ein Unsinniger habe ich mich treulosem Volk ergeben, denn Böses weissagt mir der Blick des Sorben und die Freude seines Gesindes. Siehe zu, daß du mir Wolfram, meinen Mann, sendest, denn sie bereiten sich mich zu schatzen; damit ich ihn noch vor eurer Fahrt unterweisen kann, wenn sie redlich an mir handeln. Und werden sie zu Bösewichten an mir, dann sage noch dem Weibe und den Freunden daheim, daß die Weiden der Sorben mich nur binden, solange ich will. Bevor sie mich zum Knechtesdienst zwingen, gewinne ich mir ein blutiges Zeichen auf Haupt oder Brust, damit ich aufwärts fahre und meine Ahnen mich erkennen. Du aber weiche von mir und wandle deinen Pfad, ich suche wohl allein den meinen.«

Der Mönch trat zurück, die Tränen flossen ihm aus den Augen, als er vor sich hin sagte: »Verzeihe ihm, Herr, und erbarme dich seiner.«

Die Beratung der Sorben war zu Ende, Ratiz sprach mit finsterer Miene zu Gottfried: »Damit dein Herr erkennt, daß meine Krieger hochsinnig denken, so nimm das Weib mit der zerrissenen Wange zu dir auf deinen Weg. Große Ursache hast du, Jüngling, meine gute Gesinnung zu rühmen, ziehe hin mit den Gefangenen und laß den Becher des Bischofs zurück. Sprich kein Wort weiter«, fuhr er mit ausbrechendem Zorn fort, »teures Geschenk bezahle ich für deine Reise, fahre dahin und sage deinem Bischof, gleiche Treue erwarte ich von ihm, wenn meine Boten zu ihm kommen.« Er wandte sich mit stolzem Gruß ab und winkte seinem Gefolge. Der Weißbart und Miros blieben zurück, die anderen traten um Ingram. Ohne sich umzusehen, kehrte dieser der Hütte den Rücken, der Mönch sah ihm nach, bis seine hohe Gestalt zwischen den Sorbenkriegern in der Halle verschwand.

[196]
Die Heimkehr

Auf dem Saumpfad, der dem Waldgebirge zuführte, wallte eine waffenlose Schar. Voran ging ein schlanker Knabe, das Holzkreuz tragend, welches er aus zwei Stäben zusammengefügt hatte, hinter ihm leitete Gottfried den Haufen der Kinder. Das goldene Haar der Kleinen flatterte in der Morgenluft, barfüßig stapften sie vorwärts, die Bäckchen gerötet und die Augen blau wie der Himmel. Über ihnen flogen die Lerchen, und zur Seite schwebten die Bienen und Schmetterlinge; alle Wegblumen und Gräser des Tals hoben und neigten sich unablässig grüßend im Winde gegen sie. Hinter den Kindern zogen die Frauen, welche dem Kreuz angehörten, halb entblößte Gestalten, die Häupter gesenkt, die Gesichter vergrämt, manche von ihnen trug auf den Schultern ihr kleines Kind. Mitten darunter saß auf dem Roß des Priesters Walburg, das Antlitz dicht verhüllt. Der Mönch begann eine lateinische Hymne, feierlich zog der Gesang in die wilde Landschaft, die Frauen und Kinder drängten sich näher heran und sangen am Ende jeder Strophe, sich tief verneigend, das heilige Kyrie eleison, denn mehr vermochten sie nicht; aber aus bewegten Herzen kam der Anruf, und oft rangen sie die gefalteten Hände. Hinter der Christenheit wandelte ungern die Kuh, der Schatz des Haufens, welchen Miros den Abziehenden mitleidig gespendet hatte. Das Rind schied Christentum und Heidenschaft, denn bei ihm liefen die Heidenfrauen mit ihren Kindern, und eine von ihnen, Gertrud, eine hochgeschürzte Magd, hielt zur linken Seite des Rindes den Strick und schwenkte den Stab. Aber die Heidenkinder blieben nicht auf der Bahn, sondern fuhren wild umher und suchten nach Wurzeln auf der Wiese, nach Beeren und Pilzen im Gehölz. Als letzter kam Wolfram geritten, der später als die anderen das Lager des Ratiz verlassen hatte, er scheuchte die Säumigen vorwärts und trabte den Zug entlang bis zur Spitze, Ausschau zu halten. »Ich lobe deine Kunst, dies barfüßige Volk zusammenzuhalten«, begann er zu dem Mönch, »du wirst sie noch gebrauchen. Drei Tage lang fahrt ihr mit Kinderschritten durch die Bergwildnis, und wenn du zu den ersten Häusern der Landsleute kommst, magst du kalten Empfang finden.«

»Ich vertraue deiner Hilfe«, versetzte Gottfried, in das gutherzige Gesicht blickend.

Wolfram räusperte sich stark. »Einer ist hinten geblieben, und mir ist die Haut näher als das Hemd.«

»Willst du zu den Sorben zurück und diese im Walde verlassen?« fragte Gottfried erschrocken.

[197] Der Mann beantwortete die Frage nicht. »Er war immer jäh und unbedacht«, sagte er, »und doch lebt keiner, der ihn beim Metkrug überwindet. Einem Betrüger ist er arglos verfallen, der Becher des Ratiz hat ein Geheimnis, die Sorben erzählten es am Feuer und lachten. Wenn der Gaukler mit dem Finger an den Becher drückt, so läuft der Met in eine Höhlung ab, und wenn der Schenk wieder drückt, läuft der verborgene Trank in den Becher zurück. Der eine trank nur die Hälfte, der andere das Ganze. Voll von Listen sind diese schmutzigen Zwerge, und durch List haben sie ihn bewältigt. Beim Becher verloren, beim Würfel verloren und mit Weiden gebunden, das ist zu viel für ihn. Manchen Schlag wird er schlagen müssen, bevor er seinen Stolz wieder findet. Und darum will ich zu ihm, hat er gespielt, so spiele ich auch, ihn zu lösen oder ihm zu folgen; denn bei uns ist ein Spruch: wie der Herr, so der Knecht.«

Gottfried wechselte mit ihm einen Blick des Einverständnisses: »Hebe mir einen Zweifel; wenn dir gelingt, dem Unglücklichen die Bande zu lösen, bist du sicher, ob er dir in die Flucht willigen wird? Er selbst hat sich freiwillig der Freiheit entäußert, von einer Schatzung sprach er, die ihn entledigen müsse, und doch sah er aus wie einer, der an seinem Geschick verzweifelt.«

»Mein Wirt hält die Treue, wie wenige im Lande«, antwortete Wolfram, »aber wenn er entrinnen kann, wird er nicht säumen. Weißt du denn nicht, und haben die Sorben dir es verborgen? Ein schmachvolles Urteil haben sie über ihn gefunden, als sie in der Halle Rat hielten. Denn ihr Spruch ist gefallen, daß sie ihn bei ihrem nächsten Hochfest über den Opferstein beugen wollen als Ehrengabe für ihren Gott. Elende Hunde!« rief er zornig, »wer hat je gehört, daß einer, der sich selber in die Knechtschaft gespielt hat, von dem Messer des Opferers entseelt wird?«

»Greulich ist, was du sagst«, rief Gottfried entsetzt.

»Du sprichst ganz über sie, wie sich's gebührt«, lobte Wolfram, befriedigt durch den Zorn des Mönches. »Wer sich hingibt, weil er sein Spiel verloren, der kauft sich los von dem Manne, der Gewalt über ihn hat, durch Rinder und Rosse, wenn er sie schaffen kann, und dem Sieger ist es Ehre, ihn niedrig zu schatzen. Ist mein Wirt doch kein kriegsgefangener Mann, denn nur solchem gebührt der Schnitt mit dem Opfermesser, wenn die Götter ein Mannopfer heischen.«

Als Gottfried sprachlos die Hände rang, fuhr Wolfram begütigend fort: »Sei ruhig, mein Wirt wird ihnen diese Hoffnung verderben, er selbst soll sein Messer zurückerhalten, gegen wen er es gebrauchen will. Und darum, Fremder, kurz gesagt, will ich euch verlassen, denn ich merke, die Späher der Sorben folgen nicht mehr in unserer Spur. Bist du des Weges unkundig, wie ich fürchte, [198] so wird die Treiberin Gertrud dir raten, sie ist von unserer Seite des Waldes und weiß Bescheid in den Bergen, wenn ich ihr die nächsten Wegstunden deute.«

»Sage mir noch eins, Wolfram, wenn du magst. Gute Wache halten die Sorben, niemand, der größer ist als ein Wiesel, vermag den Hügel hinaufzuklimmen, ohne daß sie ihn erspähen. Wie gedenkst du allein durch die Verschanzung zu dringen?«

»Du fragst zu vieles auf einmal«, versetzte Wolfram schlau, »forsche bedächtig, damit ich dir antworte. Ohne Helfer bin ich nicht. Wo das Lager des Ratiz liegt, war sonst ein Gehege meines Volkes, welches sie das Dorf des Ebers nennen. Viele Siedler hat der Räuber erschlagen, andere sitzen noch dort in der Knechtschaft; mehr als einem ist's unleidlich, einem Sorbenherrn die Rosse zu striegeln, und ich habe Kundschaft mit ihnen. Du rühmst die Wachen der Sorben, ich fürchte nur ihre Hunde, die struppigen Kläffer; doch ich führe bei mir, was ihnen das Heulen verwehrt.«

»Aber Ratiz und seine Krieger auf der Höhe?« Wolfram drängte sein Roß näher an den Mönch: »Hast du nicht gemerkt, was für ein Kind zu sehen war, daß der Sorbe zu neuem Beutezug rüstet. Er hat die Gefangenen verkauft, bevor die Händler heranzogen, obwohl diese Witterung haben von einem Raube wie die Geier von der Walstatt. Damit sie nicht um sonst kommen, holt er sich neuen Fang aus den Frankendörfern im Süden, oder wo ihm sonst seine Späher raten.«

Empört rief Gottfried: »Und zugleich begehrt er Frieden mit dem Frankenherrn?«

»Vielleicht meint er, daß der Friede wertvoller wird, wenn er sich furchtbar erweist. Willst du den Kater zwingen, das Mausen zu meiden?« versetzte Wolfram.

»Du aber«, begann Gottfried nach einer Weile, »hast nicht bedacht, was du diesen hier bereitest. Wenn dir das Unglaubliche gelingt, deinen Herrn zu entledigen, dann wird der grimmige Sorbe die Frauen zurückholen; breit ist unsere Spur und langsam der Gang.«

»Auch du, der Christenmann, würdest ihnen nicht zu gering sein für ihr Götterfest«, antwortete Wolfram nachdenklich und warf einen mitleidigen Blick auf die Kinder. »Sicherlich kann Eile retten; droht euch Gefahr von rückwärts, so ist's nicht, bevor die Sonne morgen sinkt.« Er sah Gottfried mißtrauisch an. »Unsere Alten sagen, daß die Christenpriester viele geheime Künste verstehen, vielleicht gefällt es dir, den Sorbenrossen die Kraft zu nehmen oder ein Blendwerk zu erregen, das den Spähern die Spur verwirrt.«

»Kein Mensch auf der Männererde vermag das, nur der Christengott allein«, sagte Gottfried, »seinem Schutz will ich uns empfehlen.«

[199] Wolfram nickte beistimmend. »Immer habe ich geglaubt, daß euer Gott viel vermag; ich gehöre gar nicht zu denen, welche den Christenglauben verachten. Christengebet und Heidengebet mag kräftig sein, um das Blut zu stillen, wenn man sich geschnitten hat, oder um Regen vom Himmel zu ziehen, wenn die Saaten verdorren. Ich aber merke, daß die gar nicht im Glück leben, welche am eifrigsten den Unsichtbaren zurufen. Darum vertraue ich am liebsten auf mich selbst. Und hier löse ich mich von euch. Laßt nicht die Weiber und niemand sonst merken, wohin ich von euch schweife. Und höre, damit ich dir meine gute Meinung erweise, lasse ich dies Pferd zurück, möglich, daß ich's bereue, möglich auch, daß ein Tier mich hindert, denn nicht hoch zu Roß gedenke ich durch die Holzringe der Sorben zu traben. Die Trude trägt ein Handbeil und vermag die Kuh zu schlachten. Fahr wohl, Fremder, sehen wir uns wieder, so ist es, hoffe ich, im Lande der Thüringe.«

Der Mann blickte noch einmal auf die flüchtige Schar, über die Ringellocken der Kinder und die verblichenen Gesichter der Frauen, dann stieg er vom Pferde und wartete, bis die Treiberin der Kuh an ihm vorüberkam. »Höre ein vertrauliches Wort, Trudis«, sprach er leise, »ich gehe nach Jagdbeute über die Hügel, das Pferd lasse ich euch zurück; der Braune ist freundlich gegen die Kinder, hänge die Schwachen darauf, so mag er euch nützen, denn Eile ist ratsam. Bin ich zur Nacht nicht zurück, so sorge du um die Wache und schüre das Feuer, damit ihr das Ungeziefer des Waldes abwehrt.«

Das Weib sah ihn unwillig an: »Diesen Sprung lehre deine Jungen, sagte der Fuchs, als er zur Häsin sprang und ihr den Kopf abbiß. Du Waldläufer verläßt die Waffenlosen, wie sollen diese sich retten mit dem Stabe in der Hand und den Kindern auf dem Rücken?«

»Manchen Kriegsmann weiß ich, der deine Zunge mehr fürchtet als einen Schwertschlag; versuche sie auch einmal gegen die Bären«, versetzte der Mann begütigend und ging in einer Anwandlung von Unsicherheit noch einige Schritte mit. »Denn ich muß scheiden, Gertrud«, sagte er endlich vertraulich. »Achte auch auf den Weg, damit ich euch wiederfinde; der euch führt, ist nur ein Fremder. Dies hier ist der Rennweg der Sorben, auf dem sie zum Raube nordwärts reiten, er führt über Berg und Tal, zu beiden Seiten rinnen die Quellen abwärts, ihr braucht auf ihm nicht waten und nicht überbrücken. Wenn ihr eilt, kommt ihr heut im Sonnenlicht zum großen Eichwald an die Saale, da, wo der Sorbenbach hineinfällt, der das Grenzwasser des Ratiz gegen uns ist. Durch den Sorbenbach führt eine Furt, seht zu, daß ihr euch vor Abend hindurchwindet bis eine Stunde westwärts zu dem Eibengehölz, aus dem ein heiliger Quell springt, dort steht auf der Höhe ein alter Mauerturm aus Holz und Stein seit der Väter Zeit als eine Grenzwarte, [200] aber die Slawen haben ihn zerrissen; dort, rate ich, rastet im Gemäuer. Morgen aber lauft ihr neben dem Saalwasser nordwärts, die Strömung zur Rechten, die Wälder zur Linken; über euren Weg rinnen kleine Bäche, sie sind leicht zu durchwaten, und der Pfad ist eben, aber es hausen diebische Slawen am Ufer. Gelingt es euch, sie zu meiden, so kommt ihr endlich zu dem großen Bach, den sie das schwarze Wasser nennen, da, wo es in die Saale läuft, darüber müßt ihr auf dem Baumstamme flößen, denn das Wasser ist tief. Hinter der Überfahrt dürft ihr in keinem Fall längs der Schwarza aufwärts streben, denn dort sind wilde Klippen und unheimlicher Bannwald, der den Nachtgöttern geweiht ist, und jedermann fürchtet das Tal wegen der Gespenster. Ihr aber wandelt weiter nordwärts an der Saale bis zu dem Hügel mit einem alten Turmgerüst, in diesem haltet die zweite Nachtrast. Von da führt der Weg gerade dahin, wo jetzt die Sonne untergeht, zwei Tage lang.«

»Wiederhole den Sang, damit ich ihn festhalte«, antwortete das Mädchen aufmerksam. Wolfram gab aufs neue seinen Bericht, legte die Zügel des Pferdes in die Hand einer Frau und sah noch zu, wie drei Kin der jauchzend hinaufstrebten. Dann suchte er eine harte Wegstelle und schwang sich mit weitem Satze in das Gehölz.

In großer Versammlung der Sorben teilte der Opferpriester dem gebundenen Ingram das Schicksal mit, welches ihm beschlossen war. Feierlich waren die Mienen der Sorbenkrieger, als der Opfermann sprach und der Weißbart den Spruch deutete, sie spähten in das Antlitz des Gebundenen, wie er die Botschaft aufnehmen würde, und sahen mißvergnügt, daß sein Auge nicht starr wurde, sondern zornig leuchtete, als er dem Ratiz zurief: »Dein Spruch ist tückisch und unehrlich, nicht wie ein Krieger, sondern wie ein altes Weib suchst du blutige Rache an dem Wehrlosen!«

»Dem Gezirp der Grillen gleichen die Schmähworte eines Gebundenen«, versetzte Ratiz und schritt stolz an ihm vorüber. »Zäumt mir den Raben, daß ich ihn reite; das Opfertier führt in den Stall.« Miros und einige von dem Gesinde führten den Gefangenen in ein leeres Blockhaus auf der Höhe. »Gefällt dir's, Ingram«, sagte der Sorbe, »mir zu geloben, daß du aus dem Raume nicht weichst, so lasse ich dir die Füße frei, damit du sie regest.«

Ingram dankte ihm mit einem Blick, aber er sprach: »Von einem Mann des Ratiz nehme ich keine Gunst, auch wenn sie freundlich geboten wird.«

»Dann bindet ihm die Beine und zwängt ihn an den Boden.« Im Nu war Ingram geschnürt, zur Erde gelegt und mit dem Leibe an einen schweren Holzklotz gebunden. Der Sorbe verließ den Raum, ein junger Krieger hielt die Wache. Ingram lag am [201] Boden, ein aufgegebener Mann, und träge war der Zug seiner Gedanken. Nur einmal hob er sich, als er Hufschlag hörte, er rief ein lautes Hara, das Wiehern eines Rosses antwortete, und er merkte den Hieb des treibenden Reiters. Dann ward es wieder still, durch eine kleine Luke der Holzwand fiel das Sonnenlicht in den Raum, immer näher zur Gegenwand schob sich das goldene Viereck; er sah gleichmütig darauf, ihm waren die Stunden langweilig. Neben dem Lichtloch hatte eine Schwalbe ihr Nest gebaut, die Vögel flogen aus und ein, die Jungen flatterten in der Öffnung und ließen sich von den Alten füttern. Er dachte daran, daß auch in seinem Hofe die Schwalben unter dem Dach bauten, und zuckte, wie von einem Messer gestochen; aber der Gedanke zerrann wieder.

So kam der Abend, der Wächter brachte Brot und Wasser, er nahm dankend an, daß der Mann ihm den Krug zum Munde führte, das Brot wies er zurück. Das Gold der Sonne wurde feuriger, dann schwand es in mildem Rot, zum letztenmal kamen die Schwalben herein, zwitscherten und zankten im engen Nest, und er sah durch die Luke, wie die Abendröte den Himmel bedeckte, bis auch sie im matten Grau verschwand. Dunkel erfüllte den Raum; der Mann, welcher an der Tür lagerte, zog ein Heubund unter seinen Kopf und entschlief. Auch Ingram rückte das müde Haupt auf den Klotz, soweit die geschnürten Arme erlaubten, die Augen sanken ihm zu und undeutlich wurde ihm seine Umgebung.

Da rasselte es leise draußen am Boden, etwas strich längs dem untersten Balken hin, wie der Igel, wenn er längs der Hecke fährt. Ingram richtete den Leib auf, seine Seele trat gespannt in Auge und Ohr, und aus seinen Lippen drang ein summender Laut.

Zum zweiten Male knarrte der Igel längs der Wand, und zum zweiten Male gab Ingram Antwort und starrte auf das Luftloch in seiner Nähe, er sah, wie etwas durch die Öffnung hineingeschoben wurde, es fuhr auf und ab wie an einer Schnur und klang leise an der Wand. Er wußte, es war ein Messer. Die Arme waren ihm gebunden, und die Füße gebunden, vielleicht mochte er es mit den Füßen erreichen und festhalten, wenn es ihm gelang, den schweren Holzklotz, an den er gefesselt lag, zu rücken. Er stemmte und schob, dann faßte er das Messer zwischen die geschnürten Füße und mühte sich, bis er den Griff zu seinem Munde hob. Er hielt das Messer mit den Zähnen und zerschnitt allmählich den Strick, der seinen Leib am Klotze festhielt, dann stemmte er die Spitze des Messers in den Boden und rieb an der Schneide die Weiden, welche ihm die Arme banden; mit den befreiten Händen löste er leicht die Füße. Es war langwierige, sorgliche Arbeit. Noch jetzt blieb er liegen und regte die Arme und Beine, bis in die geschwollenen Glieder wieder Bewegung kam. Dann klopfte [202] er leise an die Wand, wie ein Holzwurm pickt, und lauschte. Eine lange Zeit verging, endlich hörte er eine bekannte Stimme leise rufen: »Jetzt zu mir.« Der Wächter rührte sich, aber blitzschnell warf Ingram seine Jacke ab, warf sich über den Sorben an der Tür, schnürte ihm die Jacke über dem Haupt zusammen und Hände und Füße mit dem Seil, raunte ihm zu: »Dein Leben danke dem Krug Wasser«, und sprang aus der geöffneten Tür. Draußen regte sich nichts, er fuhr um das Haus herum, eine Freundeshand faßte ihn und half ihm beim Schwunge über den Zaun. Zwei Männer rollten den Berg hinab und sprangen durch die Dorfgassen. Wütend kläfften die Hunde und der andere stieß einen Fluch aus: »Die Köter sind ihre beste Hilfe, wir verfehlen das Schlupfloch.« Da wurde es plötzlich tageshell, von der entgegengesetzten Seite des Lagers brach ein Feuer auf, beide sprangen vorwärts wie vom Winde getrieben. Einer von den Wächtern, die längs dem Zaune gingen, schrie sie an, Wolfram antwortete in der Sorbensprache und wies nach dem Feuer. Durch eine Lücke im Dorfzaun glitten sie in den Graben hinab, im nächsten Augenblick standen sie im Freien. »Jetzt schnellen Schritt und gutes Glück.« Hinter ihnen erschollen wirres Geschrei und Rufe. Vor den Laufenden erhob sich im Felde ein hoher Birnbaum, unter seinem Blätterdach hielt ein Reiter ledige Rosse. Die Flüchtigen schwangen sich auf die Pferde und ritten in die Nacht hinein, während hinter ihnen die Flamme zum Himmel stieg und der Lärm des erwachten Dorfes klang.

Der wilde Ritt trieb das Blut schneller durch Ingrams Adern, vom Rosse reichte er seinem Treuen die Hand. »Wer ist der dritte?« fragte er.

»Godes, einer von uns, ein Roßknecht des Miros; er hat sich mir gelobt; sein Herr hat ihn mit der Peitsche geschlagen, dafür hat er ihm eine Fackel angesteckt. Die Flamme mag uns Rettung werden, sie steigt jenseit der Ratizburg auf, dorthin zieht es ihre Gedanken von unserem Wege.«

Der Reiter vor ihnen hob warnend den Arm: »Vorsicht, Herr, wir nahen dem Ringzaun an der Dorfmark. So schlaftrunken ist keine Sorbenwache, daß sie den roten Schein am Himmel mißachtet und den Tritt dreier Pferde, die aus ihrem Weidegrund brechen.«

Sie waren einen Hügel hinabgejagt, gedeckt durch das Baumlaub, jetzt fuhren sie hinaus auf das offene Feld zwischen die Baumstümpfe, hinter ihnen leuchtete der Feuerschein, er fiel auf die weißen Slawenröcke, welche zwei der Reiter trugen, und warf die Schatten vor ihnen auf das Feld. »Dort im Dorfe half uns die heiße Lohe, hier hat sie unsern Nachtmantel verbrannt«, brummte Wolfram. Von der Seite erscholl Anruf und Geschrei, und Hufe [203] klapperten. »Jetzt gilt es leben oder verderben«, rief der Mann, und die Flüchtlinge sausten wie Sturmwind dahin, hinter ihnen die Verfolger. Ein Pfeil fuhr auf Ingrams Sattel, ein anderer streifte sein wehendes Haar. »Hier ist der Holzring der Grenze«, mahnte Wolfram, sie trieben die Pferde zum Sprunge und flogen hinüber, noch wenige Roßsprünge, und über ihnen breiteten sich die Äste eines Fichtenwaldes. Auf schmalem Wege ritten die Reiter bergauf, die Pferde stolperten und stöhnten. »Bricht ein Pferdefuß, so sollen Sorbenmädchen weinen«, rief Wolfram. Aber die Rufe der Verfolger wurden schwächer und verhallten. »Die Nachtjagd im finsteren Wald dünkt ihnen gefährlich. Gemach, Godes, Pferdeleib und Menschenbein sind nicht von Eisen, die Äste zausen das Haar, und die Stämme brechen die Knie.«

Sie schlugen sich durch das Dickicht die Höhe hinauf und ritten durch niedriges Buschholz über einen langen Bergrücken. Der Weg hatte sich gewandt, zu ihrer rechten Seite flammte das Feuer, immer höher und röter, und dunkle Rauchwolken wirbelten durch die Masse. Mitten in der feurigen Lohe hob sich der Hügel des Ratiz, die beleuchtete Halle und die Strohdächer. Plötzlich blinkte ein heller Schein auf dem First der Halle, ein weißes Licht flackerte über das Dach, gleich darauf standen auch die Dächer des Hügels in hellen Flammen, und die Röte breitete sich über den halben Nachthimmel. »Dort sengt das Räubernest«, rief Ingrams Mann in wilder Freude, »nicht umsonst hast du, Herr, beim Eintritt mit den Feuerzungen gedroht.« Ingram lachte, aber er blickte scheu auf die Flamme, und kalt fuhr es ihm über den Leib. Seit seiner Kinderzeit war ihm ein Hausbrand greulich, und oft hatten ihn seine Gesellen darum gehöhnt, jetzt mühte er sich wegzusehen, aber immer zog es ihm die Augen nach der Lohe; er fühlte deutlich, wie einem zumute war, der hoffnungslos mit beklommenem Atem darin saß, er dachte an die Worten des Jünglings, der ihn bat, nichts Böses zu wünschen, und plötzlich erinnerte er sich des Wächters, den er unter dem Strohdach gefesselt hatte, und er wandte unwillkürlich sein Pferd nach dem fernen Sorbendorfe zurück. Aber Wolfram riß das Tier beim Zügel vorwärts, trieb es durch einen Schlag und rief lachend: »Der Gaul merkt, daß sein Stall brennt.« »Manches Sorbenweib muß heut stöhnen im heißen Ofen«, rief der Führer ebenso zurück.

»Das ist schwache Vergeltung für den Mordbrand, den sie in unseren Dörfern geübt«, versetzte Wolfram, »ich denke, der Ratiz wird die Lust verlieren, morgen Frankendörfer zu brennen, die Kerzen leuchten ihm heimwärts.« Ingram schwieg.

Noch eine Stunde ritten die Reiter, der roten Schein wich hinab an den Horizont, das bleiche Licht des neuen Tages stieg herauf, mit leichterem Herzen sah Ingram die Brandröte im Frühlicht [204] dahinschwinden. Der Morgennebel setzte sich in Haar und Gewand der Reiter, und die Rosse zogen ihre Spur in den graulichen Tau, der auf dem Rasen des Grundes lag. Vor ihrem Wege schoß ein Bach, sie tränkten die Rosse, der Vordermann ritt mit dem Lauf des Wassers bis zu einer Stelle, wo viele Tritte auf dem feuchten Grund sichtbar wurden, dort trieben sie die Rosse hindurch bis hinter ein Erlengebüsch unweit des anderen Ufers. Der Führer hielt.

»Ich erkenne, was du meinst, Godes«, sagte Wolfram. »Wähle unseren Weg, Herr; durch die Furt sind die Frankenfrauen geschritten, die der Christ erledigt hat, man sieht jeden Fußstapfen, das Roß des Priesters mit fremdländischem Eisen, die Kinder, die Kuh und hier den tiefen Tritt, welchen die Gertrud in den Boden gestampft hat. Sollen wir nachziehen auf ihrem Wege? Ein Blinder könnte ihn fühlen.«

Ingram sah düster auf den Wiesengrund. »In wenigen Stunden haben wir sie eingeholt, wenn die müden Sorbengäule uns noch tragen, obgleich du gut gewählt hast unter den Rossen des Miros.«

»Die Weiber rasteten diese Nacht im Steinturm an der Saale, den die Slawen zerrissen«, erinnerte Wolfram.

Ingram sah vor sich nieder. »Wie mag der Vogel fliegen, wenn ihm die Schwingen ausgerauft sind, waffenlos bin ich.«

»Ich sah dich doch sonst schon mit knotigem Astholz treffen, wenn andere Waffen fehlten«, versetzte Wolfram erstaunt.

»Führt unsere Spur zu den Frankenfrauen, so locken wir den Ratiz auf ihre Fährte und leiten ihnen die Gefahr auf ihren Weg.«

»Ein hungriger Bär packt das Wild, das er zunächst erreicht. Meinst du, daß die Sorben jetzt an etwas anderen denken als an Rache? Dreißig und ein Haupt können bezahlen für die rohe Lohe, schwerlich wird der Ratiz seine Krieger zurückhalten, auch wenn er wollte, wenn diese bei der Heimkehr ihre Weiber und Kinder aus der Asche aufheben.« Wieder fuhr es kalt über den Rücken Ingrams. »Teurer Preis wurde bezahlt für das Haupt des einen Mannes.«

»Hätte er nur den Raben und sein Schwert«, dachte Wolfram bekümmert, »denn völlig ist der Mann verwandelt. Willst du, so fragen wir den Godes, er kennt die Sorben.« Er rief den Führer heran und stellte die Frage. Godes antwortete: »Einige folgen uns Männern, ob sie uns fangen; aber das Sorbenvolk wird, wie ich denke, ausziehen gegen die entledigten Weiber.«

»Und wann mag der Ratiz in seine zerstörte Burg einfliegen?« fragte Ingram.

Der Mann sah nach dem Himmel und überlegte. »Hat er den Nachtbrand gesehen, und er hat ihn gesehen, so kann er noch vor Mittag sich an den Kohlen seiner Halle das Mahl bereiten.«

»Dann drückt er zum Abend den Nacken des Priesters«, rief Wolfram.

[205] »Genug«, rief Ingram und stieß dem Pferd seine Fersen in die Flanke. Sie ritten weiter über Berg und Tal, bis sie den verfallenen Turm vor sich sahen, zu ihm führte deutlich die Spur. Sie drangen auf den Gipfel, umritten den wüsten Balkenring, erkannten den Rastplatz, die Haut der geschlachteten Kuh, eine Feuerstätte, in der Ecke gepflückte Zweige und gerauftes Gras. »Hier war das Lager der Walburg«, sagte Wolfram. Sein Herr warf nur einen Blick darauf, dann trieb er sein Roß wieder aus den Balken ins Freie. »Jetzt haben wir sie sicher«, tröstete Wolfram, »die Spur weist nordwärts, gerade wie ich mit den Weibern beredet hatte.«

Die Reiter folgten vorsichtig der Spur, sie überschritten die Bäche, bogen zuweilen in den Wald aus, um die Slawenhöfe am Wege zu meiden, und kamen im Nachmittag an den schwarzen Bach. Fröhlich erkannten sie die Stelle, wo der Zug durch das Wasser gedrungen war, und trabten nach kurzer Rast nordwärts weiter. Der Grund war hier fester, und die Spur ging ihnen verloren. Sie hielten an und suchten, endlich fanden sie die Hufspur zweier Rosse, welcher sie folgten, bis Ingram eine Stelle traf, wo der Boden weicher wurde. »In gestrecktem Lauf sind die Tiere gesprengt, wer von der Schar kann gefahren sein wie der Wind; die Stapfen der kleinen Füße sehe ich nicht.« Er stieg ab, eilte mit beflügeltem Schritt zurück, durchsuchte die ganze Umgebung, aber er erkannte nichts von Menschentritten. »Hat der Christengott sie der Erde enthoben?« rief er bekümmert. Die Reiter trabten unsicher weiter.

»Die Rosse waren ledig«, sagte Wolfram, »mein Brauner führt; wir mögen sie, wenn sie nicht im Magen der Wölfe schwanden, an deinem Hoftor finden. Wahrlich, der Fremde versteht manches Geheimnis, die Kinder sind in die Felsen zu den Zwergen gegangen oder als Vögel davongeflogen. Folgen ihnen die Sorben, dann wird es ein Wiedersehn unter der Erde oder in den Wolken.«

Ingram hörte wenig auf den Trost seines Mannes, mit ängstlichem Blick suchte er längs der Saale und auf der anderen Seite im Dickicht. Aber fruchtlos war das Spähen. Sie hielten wieder, dann ritten sie vorsichtig auf dem Saumwege zurück, bis Wolfram seinem Herrn in die Zügel griff. »Hier bis zu dem Felsen sind sie gegangen, und hier werden sie spurlos. Wir aber reiten dem Ratiz fruchtlos in die Arme.« Ingram wandte sein Roß, und wieder ging es in gestrecktem Lauf heimwärts bis zu der Höhe, welche die zweite Nachtrast der Frauen sein sollte. Dort sprangen die Reiter von den Rossen und durchsuchten im Abendlicht den Hügel und seine Umgebung. Aber sie fanden weder Menschen noch ihre Fußtritte. Zuletzt endlich die Hufspuren der zwei Rosse.

»Hier zu rasten meine ich nicht«, begann Ingram, das finstere Schweigen brechend, »folgt mir aufwärts in die Berge, vielleicht [206] erblicken wir dort von der Höhe ihr Feuer.« Wieder ritten sie weiter, der große Gebirgswald nahm sie auf, sie mußten absteigen und ihre müden Rosse führen.

Unter den Bäumen wurde es finster, immer noch lauschten sie auf den Ton von Menschenstimmen oder auf ein fremdartiges Geräusch, aber nur die alten Gebieter des Bergwaldes, die Riesenbäume, redeten zu ihnen in ihren geheimnisvollen Tönen. Endlich hielt Wolfram an, als sie in ein dunkles Waldtal gestiegen waren. »Fleisch und Bein wollen nicht mehr zusammenhalten, gefällt's Euch, Herr, so rasten wir, sonst verlieren wir die Pferde.«

Ingram sprang ab und sprach mit heiserer Stimme: »Unselig sei das Lager, auf dem ich diese Nacht raste; ist euch die Ruhe nötig, so erwartet mich; ich fahre zurück durch die Wildnis und suche das Feuer der Hilflosen. Hoffe nicht mich zu bereden, Wolfram«, setzte er befehlend hinzu. »Die Sorge macht mich zornig, bin ich mit dem Morgen nicht zurück, so fahrt heimwärts und erwartet mich im Hofe.«

»Was einer tun muß, soll der andere nicht hindern«, versetzte Wolfram, kummervoll seinem Herrn nachsehend. »Ich lobe nicht den Verstand eines Mannes, der bei Nacht dem Schrei der Raubtiere nachzieht. Laß uns die Rosse sichern vor dem Ungeziefer, Godes, und unseren Gürtel fester schnallen, denn schmal ist die Nachtkost. Einer schläft nach dem anderen, wer den längsten Halm zieht, hat die erste Wache.« Sie zogen, Godes setzte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, legte die Keule neben sich, Wolfram streckte sich der Länge nach in das Moos. »Trägt mich ein Bär fort, so zahle ihm den Trägerlohn« sagte er schläfrig und war nach wenig Augenblicken entschlafen.

Durch die Nacht rang Ingram bergauf, verstört war sein Sinn, wild der Flug seiner Gedanken, und rings um ihn die Schwärze des Todes. Mit der Hand griff er vorwärts in die Finsternis, er tastete an den Stämmen und sank zu Boden zwischen Steinen und knorrigen Wurzeln, aber immer wieder erhob er sich und drang höher, und immer sah er vor seinen heißen Augen das lodernde Dorf und die feurigen Zungen, welche über die Strohdächer des Ratiz flackerten. Er dachte an die Rache der Sorben, neuer Mordbrand würde in den Grenzdörfern seiner Heimat aufsteigen, und auf ihn würde die Schuld fallen. Und zwischen solchen Angstgedanken hörte er die leisen Worte des Mönches: »Rächet euch nicht, denn die Rache ist mein.« Törichte Worte für das Ohr eines Kriegers! Wie kann ein solcher tatlos seinem Gott die Sorge überlassen, den Feind zu verderben. Die Götter hatten ja auch ihn selbst nicht vor der Kunst und vor der Tücke des Ratiz bewahrt. Durch das Grauen des Waldes wand er sich dahin als ein entlaufener Knecht. Sein Angesicht wurde glühend heiß, und seine Faust ballte [207] sich, er stürmte fort und schlug mit seinem Leib an Baumstamm und Felsen, bis er keuchend zur Höhe kam, wo der Sturmwind alte Stämme gefällt hatte und der graue Nachthimmel über ihm sichtbar war. Er kletterte mühselig auf das Gewirr von Ästen und Wurzeln und suchte einen Ausblick auf die Höhen und auf das Tal davor, ob ein Feuerfunke blinke durch die Schwärze oder der Laut einer Stimme hörbar sei. Er wußte, daß es ein kindisches Hoffen war.

Alles um ihn war finstere, öde, menschenfeindliche Wildnis. Nur die Überirdischen sprachen hier, wenn die Wipfel rauschten, und unten in der Tiefe heulten die Krieger des Waldes, die wilden Tiere. Hier waren die Götter sogar dem wehrhaften Manne feindlich, würden sie Erbarmen üben gegen den Haufen, der mit dem Kreuz des Fremden dahinzog, und würden sie die Frauen retten vor Bärenklaue und Wolfsbiß, vor dem jähen Abgrund und dem fallenden Baum? Keiner konnte sagen, ob die Götter mächtig waren und von gutem Willen, sie selbst waren geworden und hatten das Geschlecht der Männererde gezeugt, und sie sollten alt werden und grämlich, wie die Weisen verkündeten, und die Götter und die Geschlechter der Menschen sollten zuletzt untergehen in bitterem Todeskampfe vor dem Weltbrand? Der Christengott aber war, wie der Fremde rühmte, ewig. Und er sollte ewig regieren hier auf der Erde und im Himmelssaal. Daher war auch der Christenmann so fest, denn er vertraute auf die Dauer und auf die Sorgfalt seines Gottes. – Sie hatte sich das Antlitz zerrissen, weil sie den Feind des Lebens nicht töten wollte. Lieber als das Wohlgefallen der Menschen war ihr das Gebot ihres Gottes. Ihr Gott hatte sie fest gemacht, weil sie ihm treu war.

Ingram seufzte tief, und seinem Stöhnen antwortete aus der Tiefe das Geheul der grauen Wölfe. Er kannte solchen Gesang der Götterhunde, so schrien sie, wenn sie sich zum Leichenmahle rüsteten auf der Walstatt oder um den Pferch einer Herde. Dort unten strichen sie um ihre Beute. Und er dachte sich die schwachen Pfähle, welche Frauenhand geschlagen hatte, das Weib und die Kinder, und um sie die glühenden Augen und die aufgesperrten Rachen der Wölfe. Schreiend schwang er die Keule und sprang hinab wie ein Rasender, er fiel, und er sprang wieder und fiel, und als er sich aufraffte, hörte er dicht vor sich einen Stein gleiten und eine Weile darauf in die Tiefe krachen. Er warf sich zurück, und sein Haar sträubte sich, er merkte, daß vor ihm ein Abgrund gähnte. Eine Weile lag er so, kraftlos, in kaltem Schweiß gebadet, aber wieder heulten die Raubtiere, sie zankten miteinander, und wie ein heiseres Lachen klang ihr Gebell. Er kletterte rückwärts und fuhr längs der Höhe dahin, bis er einen Quell rieseln hörte, er fühlte sich zu dem Wasser, schöpfte in der hohlen Hand und führte es an den [208] brennenden Mund, dann stieg er vorsichtig in dem Rinnsal bis zur Taltiefe, in welcher ein Bach der Saale zufloß. In dem Dämmer des ersten Zwielichts sah er jenseit des Baches die grauen Schatten der Wölfe beim gierigen Fraß, die Nasen in dem Blut eines gejagten Wildes, gedrängt wie die Schafe am Brunnentrog. Tief aufatmend wich er zurück und lief den Bach abwärts, der Saale zu. Es trieb ihn zu der Stelle, die sein Mann zum Lager der Weiber gewählt hatte. Ob sie dort in der Nähe rasteten? Da, wo die Waldhügel zum Saalufer abfielen, hielt er an. Vor sich sah er verglimmende Feuer, er hörte stampfende Hufe und sah eine grauröckige Gestalt neben einem Rosse stehen, den Wächter des Lagers. Die Verfolger waren auf dem Wege. Er warf sich zu Boden und wand sich im Schatten des Gehölzes entlang, angstvoll mit den Augen durch die Dämmerung nach Weibern und Kindern unter den schlafenden Feinden spähend. So lag er und wartete auf das Frühlicht.

Er, der im Buchenlaub lag mit roten Augen, und der Sorbe, welcher hundert Schritt von ihm wachte, beide Nachtgänger wußten nicht, wie nahe ihnen die Ruhestätte war, in welcher das Kreuz stand. Auf einer langgestreckten Höhe, etwa eine Wegstunde nach Westen zu, hatte der Mönch seine Schützlinge gelagert. Ganz friedlich war ihre Fahrt gewesen, zwei sonnige Tage zwischen Laub und blühendem Gras, zwei stille Nächte unter dem Sternenlicht. Es hatte sie kein wildes Tier umheult und kein Nachtgespenst der Wälder geschädigt; sie waren an Sorbenhütten vorübergekommen, dort hatten die Sorben Wasser aus dem Brunnen zugetragen und die Wangen der Kinder gestreichelt, eine Slawenfrau hatte der Gertrud mitleidig einen Topf geschenkt, als wertvolle Gabe, damit sie den Kindern die Wurzeln und Pilze koche, und kleine Sorbenjungen waren mitgelaufen, den Gesang zu hören, und hatten versucht, das Kyrie nachzuschreien. Von dem Feuerschein in ihrem Rücken wußten die Fahrenden nichts, und als ein Sorbenmann sie danach fragte, hatten sie das ehrlich gesagt, und der Mann hatte ihnen geglaubt und sich über das feurige Zeichen am Himmel sehr gewundert. Erst am letzten Mittag, da sie zum Schwarzwasser gelangten, hatte Walburg, während der Mönch bei ihr vorüberging, den Schleier gehoben und mit Anstrengung zu ihm gesagt: »Raste nicht, wo Ingrams Mann geboten, ziehe nicht den Pfad, den er dir gewählt, vergeblich wäre es, durch hastige Fahrt die Kinder vor dem Verfolger zu retten. Laß mich absteigen, ich vermag wohl zu gehen, und jage die Rosse ohne uns nordwärts, denn sie ziehen uns die Wölfe und die Sorben nach. Lieber vertraue unser Leben dem Bannwald und den Klippen der Schwarza. Dort birg die Kinder.« Den Rat billigte Gertrud, obwohl ihr vor den Ungeheuern graute, denn auch sie hatte ihre Gedanken über den Feuerschein und über das Jagdglück des Wolfram. Und als sie über das Schwarzwasser gedrungen waren, rief Gertrud einige [209] Weiber und die Knaben und führte sie mit den Rossen auf weichem Grunde eine Wegstrecke denselben Pfad entlang, welchen Wolfram ihr vorgesungen hatte, bis dahin, wo der Boden hart wurde und die Tritte undeutlich, dann trieb sie die ledigen Rosse mit starken Schlägen nordwärts und lehrte die Kinder die Schritte hinter sich zu setzen und rückwärts zu stapfen bis an die Stelle des Baches, von der sie gekommen waren.

»Es ist eine Kinderlist«, sagte sie, »vielleicht hilft sie doch Kluge täuschen.« Darauf zogen sie im schwarzen Tal entlang, das Wasser zur Linken, bis ihnen ein Bach, der aus der Richtung ihrer Heimat in die Schwarza rann, den Weg hemmte. An dieser Wasserrinne zogen sie talauf, endlich erstiegen sie langsam und mit müden Beinen eine Bergleite und gingen auf dem Rücken noch eine Strecke dahin, während der Himmel sich rötete. Da fanden sie ein altes Verhau, das früher einmal Jäger oder flüchtige Talleute zusammengeworfen hatten, sie drängten sich hinein, suchten den Quell und zündeten im Abendlicht unter den Bäumen ihre Feuer an. Die Frauen bereiteten für Walburg ein Lager von Heidekraut und rüsteten wilde Nachtkost. Die Kinder aber lagerten sich im Kreise um Gottfried, und dieser erzählte ihnen die Geschichte von einem Königssohn aus Morgenland, der Joseph hieß und den seine Brüder in eine tiefe Grube warfen, die ganze Geschichte bis dahin, wo Joseph seinen alten Vater wiederfand und küßte. Die Kinder saßen um ihn, die kleinsten drückten sich an seine Arme und hingen sich an seinen Hals, die blauen Kinderaugen blickten ihn so gespannt und so fröhlich an, daß er sich vorkam wie ein Seliger unter den Engeln. Und als er geendet hatte und alles um ihn her schwieg, rief ein kleiner Heidenknabe, den sie Bezzo nannten, indem er an ihm hinaufkletterte und seinen Hals umfing: »Ich bin Joseph, und ich will essen.« Alle lachten und sahen auf Gertrud, welche mit einem Holzstabe im Topfe rührte. Da hockten die Kinder um das Feuer, und die Frauen teilten ihnen auf Tellerlein von Rinde die Bissen zu, worauf die Frauen auch der eigenen Mahlzeit gedachten. Gottfried aber sang den Kindern das Nachtgebet vor, und ein grauer Waldvogel knarrte zu dem Amen der Gemeinde seinen rauhen Triller, gerade wie einst in der Zelle unter den Brüdern der alte Hunibert, welcher harthörig war. Dann legte Gottfried die Kinder zur Nachtruhe; aneinandergeschmiegt, die Köpfe ins Moos gedrückt, schliefen sie ein.

Neben ihm saß eine junge Heidenfrau, verworren hing ihr das Haar um das bleiche Gesicht, und ihre Augen starrten ausdruckslos umher. Sie war die zwei Tage schweigend unter den anderen hingewankt, und mit scheuer Teilnahme hatten die Frauen ihr gedient, wie unglücklich sie auch selbst waren. Jetzt öffnete sie zum erstenmal die Lippen: »Gut sorgst du um die Lebenden, Fremdling; aber [210] wenig nützte deine Mühe dem toten Kinde, das zerschlagen am Wege liegt, klein waren seine Beinchen, und es weinte, da es lief. Jetzt wischt wohl sein Schatten in der Nacht längs dem wilden Wege und sucht die Mutter, oder es sitzt tief unten im Brunnen, wo die weiße Frau die armen Kinderseelen hütet, kalt ist das Wasser, stumm kauert das Kind, und die Mutter sehnt sich und verhaßt ist ihr das Leben.«

Gottfried kniete zu ihr in das Moos, auch ihm rannen die Tränen vom Angesicht. »Die weiße Frau kenne ich, welche dein totes Kind behütet, und den Weg weiß ich, der zu ihr führt; denn uns ist etwas verkündet von den Kleinen, und es steht in den heiligen Büchern geschrieben: Der Kleinen ist das Himmelreich. Nicht im kalten Brunnen kauert dein Liebling, die Jungfrau Maria ist's, wie ich meine, welche hoch oben im Himmel über den Kindern waltet. In Wonne leben sie und schwingen ihre Flügel, und hohe Engel heißen sie unter den Menschen. Selig jauchzen sie dem Frommen entgegen, der aus der Erde aufsteigt in den Himmelssaal. Harre, Frau, und vertraue, auch dir wird dein Engel entgegenfliegen in deiner letzten Stunde und wird dich hinaufführen in den Saal der ewigen Freude.«

Das Weib weinte laut, dann legte sie die Hände über die seinen und flehte angstvoll, an ihm niedersinkend: »Bete deinen Sang, damit ich es wiederfinde.«

Gottfried sprach ihr die fromme Bitte vor, und sie wiederholte stöhnend die Worte.

Zuletzt trat er zu Walburg, sah zu, ob ihr die Wunde genetzt war, und segnete sie. Die Kranke versuchte sich aufzuraffen und drückte ihm dankbar die Hand. Der Mönch zog seine Hand zurück, aber die Hand bebte. »Nicht mir erweise treue Gesinnung, Jungfrau«, sprach er, »denn wenn ich für dich sorge, so geschieht es nicht, um dir gefällig zu werden, sondern weil ich nach dem Befehl des großen Himmelsgottes handle. An ihn denke, ich bin nur wie der Windhauch, der dir seine Stimme zuträgt, daß sie in dein Ohr tönt. Von Vater und Mutter bin ich gewichen, und von meiner Schwester Herzen habe ich mich gerissen, keinem Menschen zuliebe darf ich handeln, nur ihm diene ich, und was er mir gebietet, das tue ich, sei es mir schwer oder leicht.« So stärkte er seufzend sich selbst.

Walburg sank auf ihr Lager zurück, und Gottfried schritt mit gesenktem Haupt zum Eingang des Geheges. Die Nacht stieg herauf, die Frauen lehnten die Köpfe an die Baumstämme, und Gottfried saß lange allein mit seinen Gedanken, bis auch ihm der Schlummer die Augen schloß. Und im Schlaf machte er das Kreuz, wenn das Gebell der Waldtiere aus der Tiefe scholl und der Schrei des Uhus.

Wolfram schaute müde nach dem Morgenhimmel, als auf der [211] Höhe Zweige brachen und Ingram herabsprang. Mit verstörtem Antlitz rief der Held: »Nur ein Zeichen sah ich, die Feuer der Sorben, mit zwanzig Pferden liegen sie an der Saale. Zwei Jägerhaufen neiden einander das Wild; neu beginnt die Suche; auf die Rosse und hinein in den Wald!«

Die Versammlung am Walde

Wie ein wilder Eber schnaubend in sein Lager fährt, wenn er mit Mühe das Gebiß der Hunde vermieden hat, so sprang Ingram in den Rabenhof. Er schüttelte Wunihild, die Sklavin, von sich ab, als sie ihm die Arme entgegenstreckte, auch seinen Knechten, die ihm frohen Gruß zuriefen, gab er kurze Antwort; mit brennenden Augen, sehnsüchtig nach Schlaf warf er sich auf sein Lager, aber jammervolle Gedanken rissen ihn hin und her. Ohne Schwert und Roß, als ein entwichener Knecht kehrte er in den Hof seiner Väter zurück, alles sah er noch einmal vor sich: die höhnende Miene des Sorben, das brennende Dorf, ein Weib, das sich zornig von ihm abwandte, und den fremden Knaben, vor dem sie kniete. Er ballte die Faust und schleuderte das Fell seines Lagers von sich. »Sind sie im Dorfe?« rief er dem eintretenden Wolfram entgegen.

»Unten wachten nur noch wenige, und keiner wußte von ihnen zu sagen, auch um die Hütte des Priesters war es leer und still«, versetzte sein Mann, »sind sie geflogen, wer weiß, wo sie anhalten, und sind sie in einen Berg entrückt, wer weiß, wann sie zurückkehren.« Ingram eilte zur Tür. »Wohin, Herr?« rief der Mann, ihn kräftig festhaltend. »Nach solcher Hetzjagd und vier schlaflosen Nächten ist dir der Sinn verstört, ich leide nicht, daß du noch einmal zu Rosse steigst. Wir haben getan, was in Manneskraft stand, und noch mehr. Auf unserer Spur haben wir die Sorben fortgelockt; wandeln die Verschwundenen mit ihren Füßen auf der Erde, so haben wir sie dadurch vielleicht von den Feinden gelöst. Was der wilde Wald an ihnen getan, das konnten wir nicht ändern. Waghalsig sind wir den heimkehrenden Sorben wieder nachgezogen, doch spurlos blieben uns die Flüchtigen auch während dem zweiten Ritt. Wären es die Häupter unserer Brüder, wir hätten nicht tollere Jagd um sie reiten können. Jetzt ist die Kraft vertan; sorge für dich selbst.« Mit solchen Reden zwängte er den Herrn auf das Lager zurück und setzte sich zu ihm. Er erzählte ihm immer wieder von den Waldwegen, die sie kreuz und quer gemacht hatten, und wie wahrscheinlich es sei, daß Zaubergebet des Priesters die Wallenden der Gefahr enthoben habe, bis Ingrams Haupt auf den Pfühl zurücksank und ein unruhiger Schlaf ihm die Besinnung nahm. Da erst schlich Wolfram in seine Kammer.

[212] Als Ingram spät am Morgen aus wirrem Traum auffuhr, stand Wolfram wieder an seinem Lager. »Es war unrecht, dich zu wecken, Herr, aber Unglaubliches wird dein Auge sehen, wenn es dir gefällt, vor das Tor zu treten. Das Tal ist verwandelt, viele Männer aus der Landschaft sehe ich gesammelt, auf allen Wegen ziehen die Krieger in ihrem Festkleide heran, auch Weiber darunter, was doch sonst bei einem Volksrat unerhört ist. Um das Haus des Memmo drängen sich Heiden und Christen. Herr Gerold ist selbst gekommen, der neue Graf, welchen der Frankenherr als Grenzwächter geschickt hat, und mit ihm Frau Berswind, sein Gemahl, die rundliche Frau. Ich sehe viele Speere der Häuptlinge und Männer aus allen Walddörfern. Auch in deinem Hofe stampften die Rosse guter Genossen. Dein Gesell Bruno harrt deiner, Kunibert und andere mit ihrer Freundschaft, denn große Botschaft des Frankenherrn ist angekündigt, und um den Fremden geht die ganze Bewegung.« Ingram sprang vom Lager und vor das Tor, wo ihn eine Anzahl ehrbarer Landleute mit würdigem Gruße empfing und neugierig sein verstörtes Aussehen musterte. Aber ihm wie den anderen zog es den Blick abwärts nach dem Anger und den Wiesen, die sich um das Haus des Christenmannes Memmo breiteten. Auch er sah betroffen das festliche Gewühl, stampfende Rosse, bewaffnete Reisige und zahlreiche Haufen der Landgenossen, welche wie bei einem großen Volksmarkt bis weit über das Feld standen und lagerten und sich noch unablässig durch Zuzug vermehrten. Er erkannte die Banner mehrerer Edlen, welche mit ihrem Gefolge herangezogen waren, vor anderen solche, die dem Christenglauben geneigt waren, wie Asulf, einer der Ersten im Lande. Auch Gundhari, Rotharis Sohn, der wohlhäbige Mann, bewegte sich rührig durch die Haufen, Godolav war da, ein großer Mann aus den Thüringen, die man Angeln nannte, weil ihre Väter vor alter Zeit von einem Nordvolk in das Land gedrungen waren, dann der Häuptling Albold, Albharts Sohn, dessen Erbgüter an die Dorfflur grenzten. Aber auch Edle der Heidenschaft schritten in der Menge einher, unter ihnen mancher, der dem neuen Glauben bitterfeind war. »Wahrlich«, rief Wolfram in neuem Erstaunen, »viel Ehre erweisen unsere Herren dem zugewanderten Fremden, daß sie ihn hier in der schlechten Hütte aufsuchen unter einem Dach, dem die Schindeln im Winde davongeflogen sind.«

»Niemals hätte ich gemeint, daß so viele in unserem Lande leben, die sich vor dem Marterholz neigen«, begann Bruno, Bernhards Sohn, ein ansehnlicher Mann aus dem freien Moor, dessen Geschlecht seit alter Zeit mit dem Hofe des Ingram befreundet war. »Der Fremde hat mit seinem Stabe die ganze Landschaft aufgerührt wie einen Ameisenhaufen, auf allen Pfaden sind die Boten geritten; er selbst war nach dem Markte Erfesfurt gewandert zum [213] Grafen, der dort gerade Gericht hielt, und Herr Gerold hat sogleich zwei von seinem Gesinde drüben in den Meierhof gelegt, damit sie für den Fremden reiten und ihn beschirmen. Seht, dort tritt der Fremde aus dem Hause, ganz verändert ist er in Kleidung und Gebärde, und wie ein großer Herr wandelt er dahin.«

Winfried schritt aus der Hütte in bischöflichem Talar, von Seide und Gold glänzte sein Gewand, in der Hand hielt er den gekrümmten Stab, hinter ihm gingen Memmo und ein anderer Priester. »Da ist auch Bardo, der Graurock, der an dem Tische des Grafen sitzt, ein guter Trinker war er sonst, und manchen Bissen Roßfleisch sah ich ihn tilgen beim Opferfest. Heut wandelt der streitsüchtige Mann demütig hinter dem Fremden. Wahrlich, viele Nacken weiß dieser Mann zu beugen.«

»Nicht die unseren«, rief Ingram und wandte dem Tale den Rücken.

Aus der Niederung stieg Kunibert, ein älterer Mann aus der Freundschaft des Ingram, zu den Landleuten herauf. »Betört sehe ich alles Volk«, begann er; »auch du, Ingram, bist, wie ich höre, im Dienste des fremden Bischofs geritten.«

»Ich zog in meiner eigenen Sache zu den Sorben«, versetzte Ingram finster. »Ihr aber seid versammelt, wie ich sehe, euch vor dem Fremden zu beugen.«

»Du weißt nicht, was ihm vor dem Volk die Ehre gibt, er hat lateinische Botschaften in das Land gebracht, einen Brief des Frankenherrn an unsere Häuptlinge und das ganze Volk, der seinetwegen geschrieben wurde. Gerold, der Graf, ließ den Brief durch seinen Priester lesen, unverletzlich soll der Mann unter uns stehen, der Frankenherr erklärt ihn für sein Mündel, suchen wir Urteil gegen ihn, so sollen wir unsere Klage an den Frankenhof tragen, unserem Gericht ist der Fremde enthoben. Das alles stand in dem Briefe, den der Priester deutete und der Graf bestätigte. Erstaunt war der ganze Ring, als er von der Tierhaut die Worte des großen Franken hörte. Schwer ist es, dagegen das Haupt zu erheben.«

»Widerwärtiges, das zum Ohre eingeht«, rief Ingram, »weist die Zunge hinaus, und wo die Zunge nicht reicht, das Schwert.«

»Wie soll der Mann kämpfen gegen unsichtbare Mächte, welche aus der Ferne zu uns reden«, rief Kunibert, »wahrlich, die Christen verstehen manche Kunst, gegen welche wir schwach sind. Sie haben den Zauber der lateinischen Sprache, die wenige von uns kennen. In den Briefzeichen verkehren sie miteinander wie Landgenossen, wenn sie auch daheim in verschiedener Zunge reden. Da ich jung war, focht ich im Frankenheere am Rhein und darauf an der Donau, und an allen Orten fand ich die lateinische Sprache und dasselbe Geheimnis ihrer Buchstaben. Sie senden einander ihre Worte auf der Tierhaut zu über Land und Meer. Mit einem Rohr schreiben sie Befehle, und die Worte stehen fest für alle Zeit, und [214] wenn unser Wille dagegen bäumt, weisen sie auf ihr Pergament, und niemand vermag sie zu widerlegen. Was einer vor vielen Jahren geredet hat, bezeugen sie durch schwarze Buchstaben, sie schenken und begaben damit und entscheiden darnach über Mein und Dein.«

»Wahrlich«, rief Ingram, »ich hoffe, der Eid ehrenwerter Männer steht höher als ihre schwarze Schrift, und ehe ich wegen einem Brief, den sie vorweisen, hingebe, was mir gehört, kämpfe ich mit jedem von ihnen im Ringe der Landgenossen.«

»Die neuen Verkünder ziehen schwerlich das Schwert. Denn widerwärtig sind sie in ihrer unkriegerischen Art. Wären sie Helden, welche auf der Kampfheide stärker sind als die Gegner, so dürfte ein tapferer Mann sich ihnen wohl fügen, wenn auch widerwillig. Aber waffenlosem Fremdling solche Ehre zu geben, wie der Frankenherr diesem Winfried zuteilt, ist für uns alle eine Schmach, und ich entwich aus der Versammlung, weil mir der Zorn darüber in das Haupt drang.«

»Dennoch rate ich«, begann Wolfram, der dazugetreten war, »daß die Herren von der Höhe herabsteigen. Denn jene sind, wie ich vernehme, dabei, neue Briefe zu lesen. Soviel Seltsames wurde noch nie im Ringe der Waldleute verhandelt.« Trotz ihrem Groll traten die Männer ins Freie, Ingram mit schwerem Herzen, denn ihm war die Begegnung mit Winfried unheimlich, und er barg seine Gestalt in dem Haufen der anderen.

An der Linde, wo das große Frankenbanner wehte, hielt Graf Gerold ein Pergament in die Höhe und rief über die Haufen:

»Dies ist ein Brief aus Rom, welchen der ehrwürdige Papst Gregor, der dort auf goldnem Stuhle sitzt, an Häuptlinge des Volkes niedergeschrieben und gesandt hat: wer seine Worte hören will, der trete herzu.«

Da drängten sich alle um die Linde, ein Priester verlas den lateinischen Brief, und der Rufer kündete mit weit schallender Stimme die Deutung in der Landessprache, welche ihm der Priester Satz für Satz vorsprach. Die Gemeinde vernahm die Worte:

»Den machtvollen Männern, seinen Söhnen Asulf, Godolav, Wilari, Gundhari, Albold und allen gottgeliebten Thüringen, welche treue Christen sind, sendet dies Papst Gregor.«

Mit gehobenem Haupte und geröteten Wangen traten die Häuptlinge, deren Name gerufen wurde, vor die anderen, und der wohlbeleibte Gundhari rief in seiner Freude laut: »Gundhari bin ich, und hier stehe ich.« Scheu blickte die ganze Versammlung nach den Ruhmvollen, welche durch das weiße Pergament aus fernem Lande angesprochen wurden. Ihre Verwandtschaft drängte sich um sie, und viele streckten die Hälse, um einen Anblick der Schrift zu erhalten.

[215] Der Rufer fuhr fort und kündigte die Briefworte des Papstes. »Uns ist berichtet eure herrliche Treue gegen Christus. Denn als die Heiden euch zum Götzendienst drängten, habt ihr in festem Glauben geantwortet, ihr wolltet lieber selig sterben, als die Treue gegen Christus, die ihr einmal auf euch genommen, irgendwie verletzen. Darüber sind wir mit hoher Freude erfüllt und haben unserem Gott und Erlöser, dem Spender aller Güter, gebührenden Dank gesagt. Seine Gnade wird euch noch besseres Gedeihen schaffen, wenn ihr mit frommem Sinne bei dem heiligen Sitz der Apostel euer Heil sucht, so wie Königssöhnen und Miterben des Reiches bei dem königlichen Vater Heil zu suchen geziemt. Darum haben wir euch unseren geliebten Bruder Bonifazius zu Hilfe gesandt, wir haben ihn zum Bischof geweiht und zu eurem Prediger bestellt, damit er euch im Glauben unterweise. Wir begehren und mahnen, daß ihr ihm in allem beistimmt, auf daß euer Heil im Herrn völlig werde.«

Dieser Verkündigung folgte ehrfurchtsvolles Schweigen, endlich begann Asulf, welcher nach Geschlecht und Gütern der Vornehmste war, ein stattlicher Mann, dem die grauen Locken über die breiten Schultern hingen: »Gefällt dir's, Herr, so laß mich die Stelle sehn, auf welche der ehrwürdige Vater in Rom meinen Namen geschrieben hat.« Winfried nahm das Pergament und wies auf die Namen, alle drängten herzu.

»Groß ist die Ehre, die du uns durch diesen Brief bereitest«, begann Godolav, »wir bitten dich, Herr, lies uns und dem Volke noch einmal die wundervolle Botschaft. Denn lieber ist sie mir als ein gutes Schlachtroß und als eine ganze Herde, die sich in meinem Walde an Eicheln mästet.«

Noch einmal las Winfried, mit gefalteten Händen hörten die Männer und nickten bei jedem Satze die Bestätigung.

»Immer habe ich gemeint«, begann Asulf aufs neue, »daß der große Gott der Christen, dem wir uns gelobt haben, sehr wohl beachtet, ob seine Mannen ihm den Treuschwur bewahren und das Roßfleisch meiden; jetzt aber sehe ich, daß sein mächtiges Auge über weite Länder reicht, da sogar der Bischof, der als Vogt der Apostel zu Rom sitzt, genau weiß, wie ich mich unter den Eichen verhalten habe. Welcher andere Gott kann aufkommen gegen ein so gutes Gedächtnis? Denn wer dies weiß, der weiß auch anderes, was ich tue, und wenn ich ihm etwas Liebes erweise, so bin ich sicher, daß er mir's lohnen wird in diesem oder jenem Leben, wie es ihm gefällt. Darum möchte ich dir, ehrwürdiger Vater, ein Zeichen geben, daß ich gegen den großen Himmelsherrn dankbar bin. Wir hören, daß du hierherkommst, unserem Gott, den die Heiden den neuen nennen, Heiligtümer zu bauen. Zu meinem Erblande gehört ein Gut, junge Rodung, es hat dreißig Morgen Ackerland, auch Waldweide, [216] und ein kleines Holz, du kannst den Bau dort unten im Tale sehen; nimm es, so bitte ich, von mir an als eine Gabe für den Himmelsherrn, damit du eine Kirche darauf gründest und einen Priester dazusetzest, welcher für mich und alle, die von meinem Stamme sind, bei dem großen Himmelskönig Fürbitte tut, auf daß er unser ferner gnädig gedenke.«

»Als ein kluger Mann, der für sein Wohl sorgt, hat Herr Asulf gesprochen«, rief Abold. »Und wir alle wissen, daß er von edlem Geschlecht ist. Aber ich meine doch nicht, daß er ein Vorrecht haben darf über allen Landgenossen und daß er allein vor anderen eine Kirche hegen darf und einen geschorenen Mann, der für ihn fleht. Auch ich biete einen Acker hier ganz in deiner Nähe, denn nicht geringer ist mein Besitz als der seine, und ich hoffe, daß dem Heiligen im Himmel auch die Gabe, welche wir anderen zutragen, ehrenwert erscheinen wird.«

»Ich will dasselbe«, riefen zwei oder drei Stimmen, und die Angebote von Kirchenland folgten rasch aufeinander.

»Was ihr dem Herrn darbringt«, sprach Winfried auf den Stufen des Altars, »gleich Königskindern, welche um die Gnade des königlichen Vaters werben, das empfange ich im Namen des Himmelsherrn, damit es euch und eurem Geschlecht zur Ehre und zum Heile sei; tretet heran und bestätigt eure Gabe kniend vor seinem Angesicht zu meiner Hand in Gegenwart des Grafen und der Gemeinde, damit alles fest werde durch euer Gelöbnis.«

Die Männer knieten vor dem Altar und gelobten.

Bis dahin hatten die Heiden abseits gestanden und höhnisch über die bereitwilligen Spender von Ackerland gelacht. Als aber noch ein dritter Brief aus Rom verlesen wurde an das ganze Volk der Thüringe, der auch sie anging, da fühlten sie doch als eine Ehre, daß der große Bischof in Rom so zutraulich zu ihnen sprach wie zu guten Bekannten, und die wohlmeinende Anrede bändigte den Ausbruch ihres Grolles.

Von dem Grafenbanner schritten die Christen, durch Winfried und die Priester geführt, in langem Zuge zu dem Altar, der unter Baumesschatten erhoben war. Der Gottesdienst begann. Die Heiden wichen zurück und hörten aus der Ferne Gebet und feierlichen Gesang der Priester. Dann trat Winfried auf die Stufen des Altars und sprach zu der Gemeinde von der Botschaft des Heils: daß der große Himmelskönig seinen Sohn gesandt habe auf die Männererde, um alle zu erlösen von Übel und Sünde, und durch die heilige Taufe und ihr Gelöbnis zu binden in eine große Gefolgschaft, damit sie hier Glück und Heil fänden und nach dem Leben im Christenhimmel wohnen könnten als selige Bankgenossen des Himmelsherrn. Und er kündete die hohen Gebote, denen jeder Christ nachleben soll, damit der Herr ihn als seinen treuen Mann beachte.

[217] Die Stimme des Predigers klang mächtig und drang tief in die Seelen, auch die Heiden lauschten mit zugeneigtem Ohr. Nie hatten die Männer so sinnvolle Rede über Himmel und Erde vernommen, welche aus einer bewegten Menschenbrust tönte, und herzerschütternd deuchte ihnen die Kraft der Worte. Als er geendet hatte und die Christen alle niederknieten, damit er sie segne, war es still unter den Heiden, und kein Hohnwort und Gelächter tönte widerwärtig in die feierliche Handlung. Auch der Wildeste scheute die Gegenwart der Edlen und vielleicht noch mehr die Reisigen des Grafen, welche zu Roß mit ihren Speeren in weitem Ringe um den Baum hielten.

Nach dem Gottesdienst drängten sich die christlichen Häuptlinge und das Volk ehrfürchtig nahe an Winfried, sie suchten ein freundliches Wort von ihm zu gewinnen, seine Hand zu fassen oder doch einen Zipfel seines Gewandes zu berühren, er aber sprach zu den einzelnen wie ein Fürst zu seinen Getreuen, hörte ihre Bitten und wußte jedem durch Rede und tröstlichen Spruch wohlzutun. Herr Gerold wünschte ihm Glück: »Alles ist dir heut wohlgelungen. Ich selbst hoffe Gutes von deiner Ankunft, denn williger werden sie mir jetzt den Zins zahlen, wenn du mahnst, und ich vertraue, sobald du ihnen die Waffen segnest, mögen sie auch den Slawen stärkere Hiebe geben als ehedem.« Dann sahen die Leute mit Erstaunen, daß sogar die stolze Frau Berswind sich zu der Hand des Bischofs herabneigte, als sie leise zu ihm sprach: »Ehrwürdiger Vater, wenn ich recht berichtet bin, steht in den heiligen Büchern geschrieben, daß die verlobten Männer alle Wendenfrauen, welche sie mit ihrem Speer gewinnen oder auch kaufen, von ihrem Lager fernhalten sollen. Das aber tun viele in diesem Lande und anderswo gar nicht, denn sie liebkosen auch gefangene Weiber und schenken ihnen wohl gar silberne Nadeln und Ringe. Dies ist das größte Leidwesen und Ärgernis, und ich flehe, daß du auch den Gerold deshalb eindringlich mahnst.« Das versprach ihr Winfried ernsthaft.

Und wieder ein Häuptling begann: »Gern wüßten wir deine Meinung, Herr, über die Opfermahle der Heiden, damit wir uns halten, wie Christen gebührt; denn lustig ist der Opferschmaus auf grünem Rasen, und ungern würde ihn mancher missen. Ich aber esse nie von dem Roßfleisch, wenn ich nicht vorher ein Kreuz über den Teller geschlagen habe, damit die Heidenspeise dem Christengott nicht widerwärtig sei, ich hoffe, das gefällt auch dir.« Und der Häuptling Wilari, welcher in dem römischen Briefe genannt war, rührte den Bischof an und sprach vertraulich: »Ich bin nicht der Mann, der einem anderen seine Ehre beneidet, zumal, wenn er sie selbst auch genießt, aber was den Helden Gundhari betrifft, so war uns allen wunderlich, daß er in dem Brief des römischen Papa [218] genannt war. Denn sonst hat er oft am Opferstein gestanden und ist mit den anderen im Osterreigen gesprungen. Aber damals, wo er widerstand, war er unwirsch wegen des starken Metes, den er geschöpft hatte, und als ihn die Nachbarn anfaßten, um ihn fortzuziehen, wurde er ärgerlich, zog sein Schwert und verschwor sich, daß er jedem feind sein werde, der ihn von seinem Sitz treibe. Ob er das aus Treue gegen den Christenglauben tat, das magst du selbst ermessen, denn er fing gleich darauf an ärgerlich zu singen, schlug gewaltsam auf den Tisch und schlief ein.«

»Widerstand er einst im Rausche, in Zukunft tut er es auch wohl nüchtern«, tröstete Winfried und wandte sich zu dem Grafen. »In der Ferne erkannte ich den Thüring Ingram zum Rabenhofe, vor Tagen entsandte ich ihn zu dem Sorben Ratiz, geraubte Weiber und Kinder durch das Gut meines Herrn zu lösen. Mir wird schreckhaft, daß er zurückgekehrt ist und sich fernhält, gefällt dir's, so laß ihn rufen, daß er Bericht gebe.«

»Der Mann hat einen guten Leumund, wie ich vernehme«, antwortete der Graf. »Kommt er von den Sorben, so wird auch anderen als euch Christen wertvoll, seine Botschaft zu hören.« Und er gebot dem Rufer: »Lade die Häuptlinge und Alten zum Ringe in den Hof der Frau Hildegard und fordere den Ingram, daß er vor dem Bischof erscheine.«

Im Zuge geleiteten die Herren den Bischof nach dem Meierhofe. Kurz darauf wurde Ingram in den gedrängten Kreis geführt, welcher sich am Herd versammelt hatte. Seine Wange war bleich und düster seine Miene, als er unter die Ersten seines Volkes trat, stumm grüßte er die Versammlung und mied das Auge des Bischofs, aber der Graf wies schweigend mit der Hand auf Winfried. »Wo ist Gottfried, wo sind die Kinder, Ingram?« rief dieser in einer Bewegung, die er nicht zu beherrschen vermochte.

»Ich weiß es nicht«, versetzte Ingram kurz.

»Und du stehst doch unversehrt vor mir«, rief ihm der Bischof entgegen.

»Dein Bote hat die Frauen und Kinder durch dein Silber erledigt, alles ist ihm bei Ratiz gelungen. Vor fünf Tagen zogen sie in der Frühe aus dem Lager des Ratiz, Wolfram, mein Mann, begleitete sie bis in die Nähe des Sorbenbaches; ihre Spur fand ich den Tag darauf diesseits des schwarzen Wassers, sie selbst habe ich nicht gefunden.«

Winfried wandte sich ab und rang heftig, seinen Zorn und Schmerz in demütiger Ergebung zu bändigen. Aber hart war sein Antlitz, als er sich wieder zu Ingram wandte. »Oft habe ich gehört, daß es einem Krieger wohl anstehe, seinem Reisegesellen in Gefahr an der Seite zu bleiben.«

»Nicht ich habe deinen Boten als Gesellen gesucht, du selbst [219] trugst mir ihn an. Ihn führte sein Gott, mich das Geschick, das mir die Götter meines Volkes fügten.«

»Dennoch verkündet von dir der Ruf«, begann der Graf wieder, »daß du einen Genossen nicht ohne Not in der Wildnis verläßt; gefällt dir's, so sage uns, was dich von ihm geschieden hat.«

Ingram sah finster zur Erde. »Nicht vermag ich's zu bergen, denn ruchbar wird es doch im Volke. Ich lag bei Ratiz verstrickt, widerwärtig rollten die Würfel, meine Freiheit hatte ich im Spiel verloren.«

Die Versammelten regten sich unruhig, und viele erhoben sich von ihren Sitzen.

»Übel bedacht war es, ein gutes Schwert der Thüringe an einen Sorbenwürfel zu wagen«, versetzte der Graf. »Ich hoffe, du hast billigen Loskauf gefunden.«

»Die Hunde brachen mir die Treue«, rief Ingram, »sie weigerten die Lösung und gelobten mich ihrem Opferstein und dem Messer des Priesters. Ich aber brach in der nächsten Nacht aus, hinter mir schlug die Lohe zum Himmel, das Lager des Ratiz ist niedergebrannt.« Ein lauter Ruf des Staunens und Beifall ging durch die Versammlung, Herr Gerold stand schnell auf und trat zu Ingram.

»Wahrlich, Mann«, rief er, »in kalten Worten kündest du, was deinem Volke wohl einen Sommer lang heiße Arbeit machen kann. Ich aber bin von meinem erlauchten Herrn Karl nicht in dies Land gesandt, um zu dulden, daß ferner Hufe und Klauen eurer Herden ostwärts getrieben werden. Und meinem Schwert hast du gute Botschaft gebracht, ob dir selbst, darüber mögen deine Landgenossen entscheiden. Hast du das Räubernest angezündet?«

»Godes tat es, ein Knecht der Sorben, der uns die Rosse zur Flucht gab, ich sandte ihn heut auf einem meiner Hengste nordwärts in das Land der Sachsen, damit er die Rache der Sorben meide.«

»Als ein wilder Knabe hast du gehandelt«, sprach der Graf, »und in eigener Sache deinem Volke einen Kriegsfall bereitet. Mich aber wundert, daß der Ratiz jetzt noch Frieden hält und sogar Geleit für Gesandte erbittet. Denn seine Boten harren bereits an der Grenze. Weißt du noch etwas zu kündigen, Ingram, was einen von uns angeht?«

»Nur was mich angeht, Herr. Im Ringe der Edlen und Alten stehe ich, geschmäht kann ich nicht leben. Wenn jener Christ mir vorwarf, daß ich seinem Genossen, die Treue brach, so habt ihr doch vernommen, daß seine Klage ungerecht war. Ich aber will seinem Boten, den sie Gottfried nennen, das Zeugnis geben, daß er als treuer Reisegenosse an mir gehandelt hat, obgleich ich seinen guten Willen mir nicht begehrte. Denn er bot sein eigenes Haupt dem Sorben für das meine und wäre zurückgeblieben an meiner Statt,[220] wenn die Sorben und ich selbst seinen Antrag angenommen hätten. Und darum war mir leid, daß ich ihn in der Wildnis nicht fand, obwohl ich ihn mit meinen Gesellen drei Tage gesucht habe. Das sage ich euch, damit ihr es wisset, nicht dem Bischof, welcher mir widerwärtig denkt.«

Als Ingram so trotzig gegen den Bischof sprach, entstand Gemurr der Christen und rühmendes Waffengeklirr der Heiden. Ingram aber fuhr fort: »Doch eine größere Sorge bedrängt mich, und darum will ich euch fragen. Ich bin dem Ratiz entwichen, weil er gegen den Vertrag an mir handeln wollte, aber ich fuhr ohne Lösung aus den Banden. Und die Sorben werden mich fortan einen entlaufenen Knecht schelten, das nagt mir am Herzen.« Er stampfte mit dem Fuße auf den Boden. »Wissen will ich, ob meine Landsleute mich auch dafür halten, und ob sie laut oder in der Stille beistimmen, wenn ein Feind im Lande solche Schmährede gegen mich wagt. Und denkt ihr darum niedrig von mir, so sattle ich zur Stelle mein Roß und reite aus dem Lande, so lange, bis ich den Ratiz und seinen Haufen finde und dort mir ehrliche Ausfahrt suche aus der Hülle meines Leibes.«

Tiefe Stille folgte seinen Worten, endlich begann Asulf, der älteste unter den versammelten Edlen: »Verhält es sich, wie du sagst, haben die Sorben die Schatzung versprochen und dich nachher für das Opfermesser bestimmt, so darf dich kein redlicher Mann darum schelten, daß du ihre Weiden zerschnitten hast, sobald du vermochtest. Daß du aber mit dem fremden Räuber um Roß und Schwert und deine Freiheit gespielt hast, solche wilde Tat liegt fortan auf deinem Leben, du mußt sie tragen und niemand kann dir die Last abnehmen. Mancher wird es für ein lustiges Wagstück halten, weil du dich doch wieder entledigt hast, mancher auch für eine Kränkung, die du dem Gedächtnis deiner Vorfahren zufügtest. Sorge, Held, daß deine Landgenossen in Zukunft anderes preisen, was du ruhmvoll tust.«

Die Christen stimmten dem Häuptling bei, und die Heiden schwiegen, aber keiner widersprach. Wieder war tiefe Stille, da begann Winfried; »Nicht meines Amtes ist es, über das weltliche Lob eines Kriegsmannes zu entscheiden, das steht euch allein zu, Häuptlinge des Volkes. Nur eines darf ich euch sagen, liebevoll und barmherzig ist der Gott, dem ich diene, und er richtet nicht nur über die Taten der Menschen, auch über ihre Gedanken. Manches wilde Werk beurteilt der Himmelsherr wohl gnädiger, weil er den Sinn der Menschen durchschaut. Gefällt's euch, ihr Edlen und Weisen, so fragt den Krieger, weshalb er so vermessen mit dem Sorben gewürfelt hat.«

»Du hörst auch diese Frage, Ingram«, sprach der Graf, »willst du Antwort geben, so rede.«

[221] In Ingram kämpfte heftig Stolz und Abneigung gegen den Priester mit dem Wunsch, das zu sagen, was in den Augen seiner Landsleute wohl eine Rechtfertigung war, aber sein Trotz behielt die Herrschaft, der Schweiß trat auf seine Stirn, als er antwortete: »Ich will nicht.«

Da erhob sich Kunibert und rief: »Da Held Ingram schweigt, will ich euch künden, was ich von seinem Diener Wolfram gehört habe. Um Walburg, das Frankenmädchen, die Tochter seines Gastfreunds, den die Sorben erschlugen, wagte er das Spiel, weil der Sorbe das Weib für sein Lager bestimmt hatte und nicht anders freigeben wollte.«

Ein leises Summen ging durch die Versammlung, und die ernsten Mienen entwölkten sich. »War es für ein Weib, Ingram«, begann der Graf lächelnd, »und für das Kind deines Gastfreundes, so werden die jungen Gesellen und Mädchen deshalb von dir nicht schlechter denken. Ich aber rate dir, nicht in der Weise eines verzweifelten Mannes dein Pferd zu satteln. Harre, bis der Tag kommt, wo du in meiner Schar deine Rechnung mit dem Ratiz ausgleichst.« Er winkte ihm Entlassung, Ingram verließ schweigend den Meierhof, hinter ihm klang das Geräusch lebhafter Rede.

Der Abend kam, und das versammelte Volk lagerte sich zur Nachtrast; rings um das Dorf loderten die Feuer in der Niederung und auf den Bergen, die Männer saßen nach Dörfern und Geschlechtern gesondert, sprachen über die Ereignisse des Tages und über die große Veränderung, die der neue Bischof dem Land bedeute. Zwischen den Feuern schritt Winfried, von den Priestern begleitet; wo er einem Christenhaufen nahte, erscholl lauter Heilruf, er trat grüßend heran und redete mit den Männern. Dann vernahm man den Klang eines Glöckchens, das Memmo trug, die Rastenden knieten um die Flamme. Winfried sprach das Abendgebet und erteilte den Segen. Wo aber ein Heidenhaufe saß, ging er wie ein Häuptling mit würdigem Gruß vorüber, er fand kalten Gegengruß und finstere Mienen, doch keiner wagte ihn durch Worte zu kränken, erst hinter seinem Rücken klangen leise Verwünschungen.

Um den Rabenhof brannten die Feuer nicht, nur das letzte Abendlicht vergoldete die Linde, welche in der Mitte des Hofes stand. Dort saßen und lagen eine Anzahl ansehnlicher Heiden, ihre Mienen waren sorgen voll, und um große Dinge ging ihr Gespräch.

»Mich freut's, Ingram, daß du dem Fremden in der Versammlung so mutig widerstandest«, begann Bruno, Bernhards Sohn, zu dem Genossen, der die Augen abwärts gekehrt neben ihm auf dem Boden lag. »Doch auch dem Fremden muß ich die Ehre geben wegen der Worte, die er zuletzt über die Würfel sprach. Denn [222] gewichtig war die Mahnung, daß man auch die Gesinnung eines Mannes bedenken soll.«

»Schlau ist seine Rede und hinterhältig sein Sinn«, rief Ingram zornig von der Erde, »die Franken am Main taten klug daran, mir sein Amt zu verhehlen.«

»Niemand wird leugnen«, fuhr Bruno fort, »daß er ein gewaltiger Mann ist; mächtig verkündete er heut vor allen; er schrie, wie der Sturmwind schreit. Unerhört ist es in der Welt, daß jemand am lichten Tage vor allem Volk so große Botschaft ausruft und durch Briefe und Schrift bezeugt, daß sein Gott mächtiger sei als die Götter, zu denen wir flehen.«

»Auch ein Lügner mag laute Stimme haben«, versetzte Kunibert.

»Er aber ist kein Landläufer«, fuhr Bruno fort, »wie ein König wandelt er einher, würdig, in vornehmem Gewande, ein weit anderer Mann scheint er als der kleine Meginhard, und wenn ich recht urteile, so gleicht er durchaus nicht einem Betrüger.«

»Wie kannst du ihn einem König vergleichen«, rief Kunibert, »da er keine Waffen trägt und ganz unkriegerisch ist.«

»Hat nicht manches Volk, das zu unseren Göttern flehte, den gleichen Brauch? Auch bei unseren Nachbarn, den Sachsen, ist es dem Opferer nicht erlaubt, den Speer zu werfen und im Haufen zu kämpfen. Sage uns, Ingram, da du sein Geleitsmann warst, ob du ihn als einen furchtsamen Mann erkannt hast.«

In innerem Widerstreben antwortete Ingram: »Ich habe ihn in der Gefahr furchtlos gefunden, aber unmännlich weigert er sich, Rache zu nehmen an einem Feinde.«

Seine Genossen sahen erstaunt einander an, und die jüngeren lachten verächtlich. Nur Bruno sprach kopfschüttelnd: »Auch ich habe vernommen, daß ihr Gott gebietet, die Feinde zu lieben, dennoch lache ich nicht über solche Lehre, wenn sie auch jedem wehrhaften Mann unrühmlich und unverständig erscheint. Denn ich merke, auch in ihr ist ein Geheimnis und eine Deutung, die ich nicht verstehe. Ist doch Graf Gerold ein Christ und mancher andere, der seines Schwertes froh wird. Wie die Franken auch sonst von Gemüt sein mögen, daß sie vor Blut erschrecken, darf ihnen keiner nachsagen. Und gerade an dieser Lehre von der Liebe mögen wir erkennen, daß die Christen sich auf eine Schrift stützen, die ihnen von einem Gotte überliefert ist, denn einem Gott ist eher möglich, Unmenschliches zu gebieten als einem Mann, und alle Christen lehren und sprechen dasselbe, auch wenn es ihnen selbst lästig wird, darnach zu handeln. Achtet wohl darauf, genau mit denselben Worten wie jener Bischof sprach auch sonst der kleine Memmo und der Priester des Grafen, obgleich sie nicht so streng gegen das Roßfleisch und das Beilager mit fremden Frauen eiferten als der [223] Fremde. Furchtbar für uns alle ist eine Lehre, welche von dem Gotte selbst herkommt und als wahrhaft durch seine Schrift bezeugt wird.«

»Deutlicher sprechen unsere Götter zu uns«, rief Ingram, das Haupt erhebend, »von ihnen berichtet das Lied des Sängers und der Spruch der Weisen, ihre Stimme höre ich im rauschenden Baum, im singenden Quell, im Schlage des Donners; jedes Frühjahr fährt der Sturmwind über die Täler, und wenn die Götterhunde bellen und die Geisterrosse schnauben, zieht der große Schlachtengott über unseren Häuptern dahin. Wer begehrt sich ein stärkeres Zeugnis als dieses, das wir alle Tage ehrfürchtig hören oder sehen.«

»Sinnvoll redest du«, sprach Bruno, zu den Raben aufblickend, welche um den Baum flogen und ihr wildes Lied schrien, »überall schweben sie um uns, und ihre Boten verkünden, daß sie nahe sind. Dennoch ängstigt mich, daß sie gegen den Fremden ohnmächtig werden. Wenn sie im Wipfel des Baumes wohnen, wenn sie durch die Luft fahren, warum strafen sie ihn nicht? Das Zelt hatte er für den Dienst seines Gottes errichtet unter dem Fruchtbaum, von dem wir die Losstäbe schneiden; an dem Baume rinnt ein Quell, zu dessen Herrin wir flehen, ich sah auf den Baum und ich sah in den Quell, während er sprach; das Laub rührte sich gerade wie sonst, und wenn er schwieg, sang der Quell weiter. Ich schaute der Sonne, unserer lieben Herrin, in das Angesicht, als ihre Strahlen auf sein Haupt fielen, bis sie mir für meine Unverschämtheit den Blick schwärzte, aber mir schien, daß sie fröhlich aussah wie sonst immer, und daß sie ihm gar nicht feind ist. Ja, ich fürchte, sogar der Donner vermag nichts gegen ihn.«

Ingram seufzte, er wußte, daß der Donnergott vermied, den Verwegenen zu treffen.

»Darum sage ich«, fuhr Bruno kummervoll fort, »es ist eine große Verkündigung, die wir am lichten Tage durch helles Wort und durch neue Gedanken hören. Wer in versammeltem Volk seiner Rede lauscht, dem wird es schwer, ihm zu widersprechen. Dann sind die Gedanken, welche er aufregt, viel gewaltiger als die Stimmen der Überirdischen, welche wir ehren. Aber wenn der Mann allein steht im dunklen Nebel, am Waldbach, bei der wogenden Halmfrucht, oder auch in der Dämmerung am Herde, dann wird wieder die Verkündigung des Christen schwach und unsere Götter werden mächtig. Zwieträchtig ist, wie ich ahne, die Herrschaft der Götter; der neue Gott der Christen, den sie den dreieinigen nennen, herrscht wie ein Tageskönig, wo sich die Männer zusammengesellen und starke Rede erschallt; jedoch die Götter unseres Landes schweben daneben, sie walten und schaffen, aber ich sorge, sie vermögen ihn nicht zu überwinden. Schreckenvoll ist solche Zeit für jeden treuherzigen Mann. Ob sie einen Kampf der Götter bedeutet und Untergang [224] der Männererde, oder eine neue Herrlichkeit, wer vermag das zu sagen?«

Er senkte traurig das Haupt, auch die anderen schwiegen, bis Kunibert begann: »Jeder von uns hat schwere Gedanken. Mir aber widersteht der fremde Brauch und die neue Lehre, denn die alten Götter gaben meinem Leben Ehre und Segen, unbedachtsam und frevelhaft wäre ich, wenn ich die Holden verließe. Darum denke ich so: hat sich ein Kampf erhoben zwischen unseren Göttern und dem Christengott, so harren wir ehrfurchtsvoll, welcher der stärkere sei. Deutlich wird das auch für uns Männer; denn wer sich mächtiger erweist als Glücksspender und Siegbringer, dem müssen wir folgen, wenn wir nicht töricht sind. Ist der Christengott so gewaltig, wie du sagst, so mag er demnächst unseren Waffen Sieg geben gegen die Slawen, wenn wir wider sie kämpfen. Das, meine ich, wird das große Gottesgericht sein, wo unserem Volke die Lose geworfen werden und zugleich den Göttern selbst.«

»Folge du gefügig dem Sieger«, fuhr Ingram im Zorne auf, »ich denke treu zu bleiben den Gewaltigen, denen meine Väter gelobt haben, und die mir, seit ich ein Kind war, bei Tag und Nacht ehrwürdig gewesen sind. Längst wissen wir, daß Kampf ist auf der Männererde und Kampf im Reiche der Götter. Jeden Winter dringen die finsteren Todesgewalten gegen die guten Bewahrer unseres Glücks, mühsam ist der Streit zwischen Tageswärme und Nachtreif, auch hinter Sonne und Mond rennen, wie die Sage kündet, unablässig die Riesenwölfe, sie zu verschlingen. Ich aber will, bin ich auch nur ein einzelner Mann, in dem Götterstreit bei den guten Geistern meiner Ahnen stehen, ob sie siegen oder unterliegen. Lodert ihre Welt in Flammen, so will ich vergehen mit den Geliebten, denen ich zeither gedient. Denn Haß fühle ich gegen die neue List und die gewundene Rede und das siegesfrohe Lächeln der Priester.« Er erhob sich heftig und eilte aus seinem Hof ins Freie. Bruno sah ihm besorgt nach. »Der Sinn ist ihm verstört durch die Sorbenbande, und ich fürchte, er denkt auf Gewalttat.«

Das glühende Abendrot wich dunklem Grau, nur ein matter rötlicher Schein lag noch an dem Bergwald und den Höhen, da vernahm man auf dem Talwege, der von der Saale her zum Dorfe führt, feierlichen Gesang. Aus der Dämmerung bewegte sich ein wallender Zug, der Knabe mit dem Holzkreuz, hinter ihm Gottfried und der ganze Haufe der Frauen und Kinder, Walburg auf einem Karren von zwei Rindern gezogen. Freudengeschrei und lauter Zuruf des Volkes empfing die Geretteten, als sie den brennenden Feuern nahten. Erstaunt sahen die Fahrenden auf die Flammen und das Volksgewühl und empfingen die Glückwünsche der andringenden Menge. Der Bischof selbst eilte mit geöffneten Armen dem Zuge entgegen; umringt von dem Volke, stattete ihm Gottfried seinen [225] ersten Botenbericht ab, wie die Erledigten ausgezogen und an dem schwarzen Bach und der Wasserrinne aufwärts in den Wald gedrungen waren; dort hatten sie Tag und Nacht die Schrecken der Wildnis empfunden. Aber als sie endlich zu einem einsamen Hofe kamen, hatte der Wirt, obwohl er mehr Heide als Christ war, einen Karren bespannt und aus Furcht vor den Sorbenkriegern seinen Hausrat und die Kranke daraufgesetzt und die Wandernden mit Hausgenossen und Vieh begleitet.

Durch die Menge, welche dem Bericht lauschte, brach Ingram. In seliger Freude rief er schon von weitem den Namen der Jungfrau, vergessen war in diesem Augenblick aller bittere Zorn, und in heller Verklärung strahlte sein mannhaftes Antlitz. So erkannte ihn Walburg. Das Schleiertuch vor ihrem Gesicht bewegte sich, und ihre Hand streckte sich ihm entgegen. Da trat Gottfried heran, faßte ihre Hand, hob sie mit Hilfe des Führers vom Karren und führte sie zu Winfried. Walburg sank auf die Knie, und Ingram wich zurück. Mit schnellen Worten berichtete Gottfried ihren Namen und ihr Geschick, und Winfried sprach liebevoll: »Vor einem fernen Grabe habe ich gelobt, für dich zu sorgen wie ein Vater, der Himmelsherr hat die erste Bitte erhört, die ich in diesem Lande um eine Seele zu ihm tat, ich nehme dich auf als ein Unterpfand, daß der Herr auch ferner meinem Tun gnädig sein wird.« Er sah zu dem Meierhofe hin, wo bereits eine Menge geschichteter Stämme zu neuem Bau lag, und rief froh: »An dieser Waldecke soll, wie ich hoffe, eine Herberge erstehen, worin mancher Gebundene aus den Fesseln gelöst wird. Sei bedankt, mein Sohn, für die gute Reise; deine Rückkehr löst auch einen anderen von schwerer Verantwortung.«

An Ingrams Händen hingen die kleinen Brüder der Walburg. »Kommt zu mir, ihr Knaben«, rief Ingram heftig und zog sie mit sich fort.

Aber Winfried selbst trat ihm in den Weg. »Mein sind die Knaben, und mein ist jedes Haupt dieses Zuges.«

»Die Söhne meines Gastfreunds sind's, und die Sorge für ihr Wohl nehme ich auf mich«, rief Ingram in aufloderndem Zorn.

»Durch das Gut des Herrn sind die Kinder gelöst, und nicht durch das deine«, antwortete der Bischof.

»Krieger sollen sie werden und nicht kniebeugende Christen«, rief Ingram, die Knaben festhaltend.

»Ich aber fürchte, Ingram«, versetzte Winfried, »daß ihnen der wilde Haushalt deines Hofes nicht gedeihen wird, und ich habe die Pflicht, sie davor zu bewahren, denn meiner Lehre gehören sie. Gib die Hände frei, die du festhältst.«

In hellem Ausbruch der Wut faßte Ingram nach seinem Schwert, der Bischof faßte die Hände der Knaben und stand dem Wütenden [226] mit gehobenem Haupt gegenüber. »Nicht das erstemal stehe ich vor deiner Waffe«, rief er mahnend.

Der Graf trat schnell vor Ingram und hielt ihm selbst die Schwerthand fest. »Unsinnig bist du, Ingram, daß du dich gegen einen Geschorenen regst. Laß dir Gutes raten, Mann; hebst du das Schwert, so verlierst du die Hand.«

Aber Ingram riß sich los, ihm wirbelte es vor den Augen, blutigrot waren die Gesichter, welche ihn höhnisch anschauten, und ganz außer sich rief er: »Von meinen Göttern scheidet er mich, und die ich liebe, löst er von mir, rächen will ich den Schaden oder nicht leben«, und im Sprunge schwang er sein Schwert gegen den Bischof. Da sah er plötzlich vor sich nicht das verhaßte Gesicht des Priesters, sondern ein Frauenantlitz, marmorbleich, voll Schrecken die Augen, auf der Wange eine blutigrote Wunde, und er fuhr zurück, entsetzt über die Verwandlung.

»Greift den Friedensbrecher!« rief Herr Gerold. Wildes Geschrei erhob sich, und Schwerter blitzten. Ingram aber rannte mit gehobener Waffe der Höhe zu; seine Freunde und Genossen aus der Heidenschaft drängten sich zwischen ihn und die zornige Menge, bis die Rufe der Verfolgenden in der Ferne verklangen und den Gejagten das schützende Dunkel des Waldes umschloß.

Walburg

Nach dreitägiger Lehre und Festfeier waren die Gaugenossen heimgezogen, die Christen mit gehobenem Haupt, die Heiden in Kleinmut. Aber draußen in dem weiten Land der Thüringe wirkte die Bewegung fort, welche durch den Zauber eines kräftigen Mannes aufgeregt war, der Windstoß aus dem Waldtal wurde zum starken Sturme, er durchfuhr das ganze Land und warf alte Heidenbäume nieder.

Winfried wohnte nicht mehr in der Hütte des Memmo. Auf den Rat des Grafen war ihm beim Meierhof eine Halle errichtet worden, damit er würdiger das Volk empfange. Doch war er selten daheim, von Reisigen und von einem Gefolge ansehnlicher Männer begleitet, zog er rastlos durch das Land, und wo er erschien, stritten die Männer über Opfermahle und ihr künftiges Heil in der Himmelsburg. Viele zogen das weiße Gewand der Täuflinge an, noch mehrere standen unsicher zur Seite, ohne Waffen gegen das laute Wort aus Menschenbrust und gegen das Wesen des Mannes, der so sicher wie ein Gott Bescheid wußte, wo andere sich im Zweifel ängstigten. Fand er auch überall bittere Feinde, wider den ersten Andrang seiner Lehre vermochten sie sich nur wenig zu wehren, denn gütig und schonend sprach er zu dem einzelnen, und jedem gab er seine Ehre, er war freundlich zu den Frauen, sein Antlitz [227] wandelte sich in helle Fröhlichkeit, wenn er mit den Kindern sprach, und wo er einen Bedrängten oder Darbenden fand, gab er alles, was er selbst gerade hatte, und bat so feierlich, und dringend, daß er oft auch die Harten zur Guttat beredete. Im ganzen Lande sagten die Leute, daß er ein milder und vornehmer Mann sei, und darum hörten sie ihn williger.

Aber auch das Dorf, in dem er zuerst eingekehrt war, wies nach wenigen Wochen die Verwandlung. Auf dem Meierhofe, welchen Frau Hildegard dem Christengott als Geschenk dargebracht hatte, erhob sich bei der Halle ein Turmgerüst und daran ein großer, im Viereck eingehegter Raum, der dem Gottesdienste geweiht war. Außerdem mehrere neue Blockhäuser: ein Schlafhaus für die losgekauften Frauen und Kinder, daneben ein Arbeitshaus, in dem sich an jedem Wochentage die Spindeln drehten und Webstühle klapperten; und gegenüber ein zweites Arbeitshaus mit einem großen Kreuz über dem Giebel, die erste Schule im Lande. Dort saßen die Knaben, deren Vormund der Bischof geworden war, auf niedrigen Holzbänken, sie lernten in ihrer Sprache das Vaterunser und den Glauben und im Latein Kirchengebete und Gesang, daneben auch ein wenig Verständnis der lateinischen Worte. Denn Memmo erfand für sie wichtige Sprüche mit deutschen und lateinischen Wörtern in der Tat wie: meus avus heißt mein Ahn, pater heißt der Vater, vir bin ich, der Mann, filius der Sohn. Memmo lächelte jedesmal stolz, wenn er den Knaben einen neuen Spruch beibrachte, er strich denen, welche gut lernten, so zart über das gelbe Kraushaar, wie seinem Stieglitz über das rote Käppchen, aber den Ungefügen zahlte er unerbittlich ihr Kerbholz mit einer großen Birkenrute, welche der Unartigste jeden Sonnabend neu liefern mußte, damit er selbst die ersten Streiche empfange. Auch Schreibgerät bereitete er, um den Knaben das Geheimnis der Schrift zu offenbaren. Er kochte den schwarzen Zaubersaft der Tinte, während ihn die Knaben ängstlich umstanden; er lehrte seine Schüler kleine Holztafeln schneiden und einrahmen und für den Gebrauch des Griffels mit einer dünnen Lage Wachs überziehen, für die Tinte aber mit weißem Birkenbast bekleiden. War Gottfried im Dorfe, so unterrichtete dieser im Kirchengesang, zu seiner Schule gehörten auch die Frauen und Mädchen. Sooft die Weise des Abendliedes von der Höhe über das Dorf klang, hörten die Landleute mit der Arbeit auf und sahen furchtsam zu dem Hofe empor, wo dem neuen Gott der Nachtgruß geboten wurde. Und wenn Memmo mit seinen Schülern durch Wiese und Holz zog und ihnen die Tugenden der Bäume und Kräuter erklärte, dann wurden seine kleinen Gesellen von den Dorfknaben angeschrien wie gezähmte Vögel von wilden, und er hatte zuweilen mit seinem Stocke Arbeit, um die Köpfe der Raufenden auseinanderzubringen.

[228] Weit durch das Land lief das Gerücht von der neuen Schule und von der seltsamen Christenzucht. Obgleich das unkriegerische Wesen den Ansehnlichen mißfiel, so dünkte doch manchem vorteilhaft, einen jüngeren Sohn daran zu wagen, die armen Leute aber warben dringend um Aufnahme, und schon dachte Winfried daran, die Schule nach dem großen Markt der Thüringe zu verlegen.

Einige Frauen und Kinder waren durch ihre Freunde abgeholt worden, aber die Mehrzahl saß noch unter dem Schutz des Bischofs und begehrte sich kein besseres Glück, denn der Haushalt war wohlgeordnet, und aller Bedarf des Lebens wurde in fester Ordnung bereitet. Die Christen hatten nach der großen Versammlung auf die Mahnung des Bischofs freiwillige Spenden zugetragen: Lebensmittel, Flachs, sogar Viehhäupter. Anderes gewann eigener Fleiß der Hausenden. Was Wald und Flur von eßbaren Früchten bot, wurde gesammelt, die Ernte des Gutes von eifrigen Händen eingebracht, jedem einzelnen wußten die Väter nach seinen Kräften ein Amt zu geben, welches dem Haushalt nützlich war. Neben dem Meier und seiner Frau standen Walburg und Gertrud der Wirtschaft vor, die eine im Frauenhause, die andere in den Ställen und auf dem Felde. Sooft Winfried von seinen Reisen heimkehrte, empfing er wie ein Gutsherr die Berichte seiner Getreuen, er stand fröhlich unter den Kindern, freute sich der guten Köpfe, welche Memmo lobte, und mahnte die Säumigen. Und jedesmal hatte er einen besonderen Gruß für Walburg und ihre Brüder.

Walburg war genesen. Memmo hatte seine ärztliche Kunst wohl an ihr bewährt, mehrere Wochen hatte er ihr die Arbeit in freier Luft verboten, heut war ihr völlige Heilung verkündet, und sie stand zum erstenmal im Hofe, das Antlitz zur Hälfte mit dem Schleiertuch bedeckt, welches nach dem Gebot des Paters die vernarbte Wange noch einige Zeit von der wehenden Luft scheiden sollte. Sie hielt eine Webe Leinwand an das Licht, prüfte die Fäden und maß an einem Stab die Länge, während zwei kleine Mädchen die rollenden Falten in ihren Schoß aufnahmen. »Es ist noch keine Herrenleinwand«, sagte sie in fröhlichem Eifer zu Gottfried, indem sie auf seinen stummen Gruß mit Kopfnicken antwortete, »denn der ehrwürdige Bischof wollte, daß wir zunächst für die Kinder arbeiten sollten. Denke, mein Bruder, jeder der Knaben soll zu seiner Wolljacke noch zwei Hemden und ein Paar Bundschuhe erhalten. Wie Söhne von Häuptlingen werden sie einhergehen, und das ist gut, damit sie jedermann achte, weil sie doch jetzt deine Schüler sind. Und dann sind noch Betten zu stopfen für Große und Kleine, und Inlett und Überzug zu nähen, und wir haben alle Hände voll zu tun, damit das Haus in Ordnung sei, wenn der kalte Winter kommt. Viele kleine Betten sind nötig, denn der Herr Winfried will wieder, daß jedes der Kleinen sein eigenes Bett [229] habe, was hierzulande unerhört ist. Aber braunes Wolltuch ist bereits vorhanden, und gern möchte ich vor den anderen dir ein Hausgewand nähen; denn, verzeihe, Bruder Gottfried, wenn ich es sage, das, welches du trägst, wird fadenscheinig, und wir bekümmern uns darüber.«

»Sorge nur für die anderen«, versetzte Gottfried, »wird mein Rock schlecht, so webe und nähe ich mir selbst einen, oder empfange einen anderen, den ein Bruder genäht hat; denn es ist nicht Brauch, daß ein Bruder Frauenarbeit trage.« Er sprach dies eifriger, als not war, und fuhr dabei dem kleinen Bezzo über den Kopf, der sich an den Füßen Walburgs anklammerte und, da sie ihn nicht beachtete, ungeduldig an ihrer Hüfte hinaufkletterte. »Sie drücken wieder«, rief Bezzo. »Er meint seine Schuhe«, erklärte Walburg, ihn auf den Arm nehmend, »er hat Heidenbeinchen, welche die Gebote des Bischofs nicht leiden wollen, und einen wilden Heidenkopf, und der Unhold weiß, daß er ein Liebling ist, weil er auf der Reise dir lieb wurde. Sei artig, Bezzo, und bitte den frommen Bruder, daß er ein Kreuz über dir schlägt gegen deine wilden Gedanken.«

Damit war Bezzo einverstanden, er strebte von dem Halse der Jungfrau heftig an den des Mönches und bat: »Ich will ein Kreuz auf den Kopf, denn da gibt uns Base Walburg Honigseim.« Walburg entschuldigte sich: »Man muß den Kleinen das Kreuz lieb machen.« Gottfried aber löste den Knaben errötend von Hals und Arm der Jungfrau, setzte ihn zur Erde und sprach ihm freundlich zu.

»Wir Frauen sehen dich jetzt selten in unserer Nähe«, fuhr Walburg treuherzig fort, »und doch hängen die Herzen alle an dir; während der Sorbenfahrt sorgtest du eifriger um uns.«

»Der Mönch ist ein ungeschickter Ratgeber bei Frauenarbeit«, antwortete Gottfried, »aber dir darf ich es sagen, im nächsten Frühjahr kommt Kunitrud, meine Schwester, aus Angelland hierher, sie wird mit euch hausen. Sie hat sich dem Herrn gelobt, geht geschleiert und soll die Herrin einer Frauengemeinde werden, sie ist weiser als ich.«

»Versteht eine Geschleierte auch Latein?« fragte Walburg erstaunt.

»Die ich nannte, spricht es wohl besser als ich, der ehrwürdige Vater rühmt ihre Kunst in den Versen; manches heilige Buch hat sie gelesen.«

»Wie werden wir vor solcher Frau bestehen?« rief Walburg erschrocken.

»Sie ist jung wie du, und wenn ich nicht irre, so ist sie dir ähnlich in Antlitz und Gebärden«, versetzte Gottfried befangen, »ich hoffe, sie wird dir eine gute Gesellin werden.«

[230] »Sie ist jung und hat sich dem Herrn gelobt?« fuhr Walburg nachdenklich fort, »so Großes hat die Jungfrau auf sich genommen? Denn ich weiß wohl, ist sie geschleiert, so darf sie im Mai nicht mehr mit den Mädchen auf die Wiese gehen, sie darf keinen Mann mehr freundlich grüßen und gar nicht an ein Ehegemahl denken und an Kinder im Hause. Das ist hohe und schwere Pflicht für ein junges Herz. Verzeih, ehrwürdiger Bruder«, unterbrach sie sich, als sie in das gerötete Gesicht des Mönches sah, »ich vergaß, daß sie deine Schwester ist, auch du hast dein junges Leben dem Herrn geheiligt, und wir anderen sehen's mit Staunen.« Gottfried neigte das Haupt, grüßte sie schweigend und ging schnell nach der Schule. Walburg aber trat an das Wasserbecken des Laufbrunnens, hob den Schleier und betrachtete die rote Narbe ihrer Wange; mit einem Seufzer ließ sie den Schleier herunter. »Dem Mädchen steht die Narbe übel im Gesicht«, sagte sie bedauernd zu sich selbst, »und schwerlich wird noch jemand meine Wange rühmen. Ob die Schwester aus Angelland auch eine Maser im Antlitz trägt, daß sie der Erdenfreude entsagt hat?«

Sie fühlte einen Schlag auf der Schulter und wandte sich rasch um, Gertrud sah sie lachend an und drückte ihr einen Kranz von Eschenlaub und roten Beeren auf das Haupt, wie die Mädchen im Herbst beim Tanze tragen. »Besseres Glück für die Zukunft«, rief sie. »Recht wohl steht dir der Kranz, wenn man auch nur deinen halben Mund lachen sieht.«

»Die frommen Väter verstehen alles«, versetzte Walburg, »sie wissen sogar ein Mädchengesicht wieder ganz zu machen.«

»Gute Männer sind die Langröcke«, rief Gertrud. »Aber meinst du, daß einer von ihnen stark genug ist, eine wackere Magd im Reigen um seine Hüfte zu schwingen?«

»Rede nicht so wild«, bat Walburg und hing den Kranz an den Brunnen.

Gertrud schlug ihre festen Arme übereinander und sah ihre Gefährtin spottend an. »Ich denke, du bist insgeheim ebenso gesinnt; denn alles hier ist sehr säuberlich, aber jauchzen habe ich noch niemanden gehört als etwa kleine Knaben, und auch die werden gemahnt, den Kopf zu neigen. In meinem Leben ging mir's niemals so gut als unter dem Kreuze, und ganz gern lernte ich das Kyrie und Amen rufen. Aber Mädchen, die ganze Herrlichkeit möchte ich in mancher Stunde dahingeben, wenn ich nur einmal mit einem frischen Knaben in der Sommermitte über das Nachtfeuer springen könnte.«

»Schweige von dem Heidenbrauch, daß dich nicht die Kinder hören«, mahnte Walburg.

»Bist du so ergeben, daß du keine Gedanken mehr hast, die über den Christenhof hinausgehen?« fragte Gertrud. Doch als sie [231] den traurigen Blick der anderen sah, tat ihr die Frage leid, und sie fuhr fort: »Wie kommt's, daß du nie zu mir von dem Manne sprichst, der deinetwegen an den Herd deines Vater kam?«

»Ich scheue mich, andere nach ihm zu fragen«, versetzte Walburg traurig, »da ich nicht weiß, wie er gegen mich gesinnt ist. Die Frauen sagten mir, er reitet weit von hier im Heere der Franken. Immer stand sein Sinn nach einem großen Kriegszuge, und als er das letztemal am Main war, wollte er deshalb Kundschaft einziehen. Was siehst du mich so an, Gertrud?« rief sie heftig, »du weißt von ihm, was du mir nicht sagen willst; sei barmherzig und rede.«

»Hörtest du nicht, was viele wissen?« antwortete Gertrud, »das Grafengericht hat über ihn gesessen. Wenn sie ein Urteil gegen ihn gefunden haben, so mögen dir's andere künden, nicht ich.«

»Wo ist Wolfram?« rief Walburg. »Täglich habe ich nach ihm ausgesehen, aber verlassen liegt der Rabenhof.«

»Es geht dort still her«, antwortete Gertrud, »die Knechte und Mägde haben sich verzogen.«

»Wer füttert sein Vieh?« fragte Walburg schnell.

»Vielleicht, daß Wolfram noch dort verstohlen haust. Ist es dir Ernst, den Mann des Verschwundenen zu sehen«, fuhr sie leiser fort, »so will ich dir dazu helfen.«

»Schaffe ihn her«, bat Walburg angstvoll.

»In den Hof wagt er sich schwerlich, weil die Reisigen des Grafen um das Tor lauern. Da du jetzt in das Freie gehen darfst, so komm mit vor das Tor, doch verrate mich nicht, wenn ich dir helfe; denn was verstehen die Priester davon, wenn zwei einander liebhaben, sie werden klug tun, sich gar nicht darum zu kümmern«, und sie schwenkte ihren großen Sahnlöffel ohne Ehrfurcht gegen die Schule, in welcher Gottfried lehrte.

Als die Mädchen vor das Tor traten, sahen sie einen Haufen Volkes, wie er sich jedesmal sammelte, wenn der Bischof von einer Reise zurückerwartet wurde. Neben den Reisigen standen Arme und Kranke, welche sich Almosen und Heilung begehrten, Christen aus der Umgegend, die Segen oder guten Rat ersehnten. Seitwärts aber hielten Krieger in fremder Slawentracht; mit Abscheu erkannte Walburg die Mützen und den Pferdeschmuck der Sorben, unter ihnen den Weißbart aus dem Gefolge des Ratiz, stattlich angetan in langem Tuchrock mit glänzendem Schwertgürtel. Der Alte nahte den Frauen mit tiefen Verbeugungen und begann, die Pelzmütze in der Hand drehend: »Ganz gut gelang, wie ich merke, den Frauen die Fahrt über den Sorbenbach.« Walburg bezwang ihren Widerwillen, als sie antwortete: »Auch eure Reise zum großen Frankenherrn glückte in Frieden, soweit ich sehe.«

»Das Geleit deines Herrn, des Bischofs, war kräftig, wir sind [232] wohlbehalten bis hierher zurückgekehrt. Aber mir ist damals vieles verbrannt, als ihr von uns wichet, und dem Alten tut eine Hilfe not.«

»Wir sahen auf der Fahrt die Röte, wenn wir uns rückwärts wandten.«

»Stroh brennt so leicht als Schindeln«, versetzte der Alte freundlich und blickte über die Holzdächer des Hofes. »Aber meine Landsleute bauen schnell, kommst du das nächste Mal zu uns, so findest du neue Strohdächer.«

»Nimmermehr begehre ich euer Dorf zu schauen«, rief Walburg in ehrlichem Abscheu.

»Möge dir alles werden, wie du es begehrst«, antwortete der Weißbart demütig, »auch mir wäre lieb, wenn die Jungfrau dem Väterchen zu seinem Recht verhelfen wollte. Held Ingram, welcher unseren Banden entfloh, hatte, da er noch frei war, aus guter Meinung mir ein Stück rotes Tuch gelobt, damit ich ihm bewillige, dich zu sprechen. Ich habe es bewilligt; nach dem Tuche sehne ich mich noch. Dem Mann ist es seither auch hier übel gelungen, ich aber möchte nicht, daß sein Gelöbnis gegen mich unerfüllt bliebe. Vermag die Jungfrau mir zu meinem Rechte zu helfen, so wäre mir's lieb.«

»Ist Ingram um meinetwillen dir etwas schuldig, so will ich sorgen, wenn er es nicht vermag, daß du deine Gebühr erhältst«, antwortete Walburg und entwich dem beredten Danke des Sorben. Die Mädchen gingen bis zu dem Vorsprung des Waldes, der sich nahe an die Wegscheide erstreckte, dort gebot Gertrud ihrer Gefährtin niederzusitzen, sie selbst breitete ein weißes Tuch am Saum des Gehölzes und wandelte, als wenn sie Kräuter suchte, am Holz entlang, bis sie langsam zu ihrer Gefährtin zurückkehrte. »Ist er im Hofe, so kommt er; harre, ob er das Zeichen sieht.«

Nicht lange saßen die Mädchen, vor den Blicken aus ihrem Hofe gedeckt, da schritt Wolfram aus dem Rabenhof in das Holz und wand sich hinter dem Baumland zu ihnen. Walburg eilte ihm entgegen. »Wo ist Ingram?«

»Er heißt nicht mehr Ingram, Wolfsgenoß nennen ihn jetzt die Leute, friedlos haben sie ihn gemacht wie ein Wildtier des Waldes.« Walburg rang die Hände. »Es freut mich, daß du seiner gedenkst«, fuhr Wolfram fort, »denn in dem Hofe, aus welchem du kommst, sinnen sie ihm nichts Gutes. Seinetwegen saßen die Alten unter den drei Linden um den Grafenstuhl. Ich stand an ihrem Gehege, und es war ein bitterer Tag. Der Hauptmann des Grafen trat in den Ring und erhob die Klage, laut riefen sie den Namen meines Herrn gegen Hof, Acker und Weide. Aber er selbst antwortete nicht, sondern Bruno als sein nächster Freund trat für ihn in den Ring. Dreimal gab er Antwort auf die Klage, und dreimal [233] berieten die Landgenossen. Nach dem dritten Rat fiel der Spruch: Da mein Herr den Frieden des Frankenherrn und des Volkes durch die Schwerthand gebrochen habe, so solle er fortan Frieden haben wie der Wolf, wo ihn kein Auge sieht und kein Ohr hört. Und bei den Wölfen haust jetzt der Friedlose.«

Walburg schrie auf, Wolfram aber fuhr kummervoll fort: »Sie sagen, daß der Spruch ganz mild war, den Hof haben sie ihm nicht verbrannt, Bruno hat unterdes die Hand darübergelegt; und ehrlos haben sie ihn auch nicht gemacht, wohl möglich, daß ihn die wilden Tiere zu ihrem König wählen.«

»Wo weilt er selbst?« rief Walburg.

Wolfram sah sie bedeutsam an; »Vielleicht im wilden Wald, vielleicht unter hartem Stein, aus dem Licht der Sonne ist er geschwunden.«

Walburg winkte heftig ihrer Begleiterin, zurückzuweichen und sprach leise: »Ich hoffe, er reitet namenlos im Frankenheere.«

»Ich hoffe nicht«, versetzte Wolfram.

»Du birgst ihn in seinem Hofe.«

»Sein Dach schützt ihn nicht mehr vor fremden Spähern.«

»Dann bekenne mir, wo er ist, Wolfram, bei deiner Seele und Seligkeit beschwöre ich dich«, rief sie feierlich.

»Für meine Seele und Seligkeit wünsche ich Günstiges«, versetzte Wolfram, »aber ich weiß nicht, ob sie gedeihen werden, wenn ich meinen Herrn verrate. Dennoch erkenne ich, daß ich allein ihm nicht zu helfen vermag. Willst du mir versprechen, daß du geheim bewahrst, was ich dir künde, so sollst du erfahren, was ich selbst weiß.« Walburg machte ein Kreuz und reichte ihm die Hand. »Unter den Urstämmen im wilden Wald wissen mein Herr und ich einen hohlen Baum, in dem wir Weidgerät und was man sonst für Waldfahrt bedarf zu bergen pflegen, wie Brauch der Jäger ist. Dorthin trug ich ihm am Morgen, nachdem er entwichen war, sein Jagdzeug, Waffen und Kleider und sang in der Nähe, so laut ich vermochte, den Jagdruf, welchen er von mir kennt. Als ich am zweiten Tag wiederkam, war der Baum geleert. Seitdem schrie ich dort öfter mein Lied, und als sein Urteil verkündet war, weilte ich in der Nähe, bis er selbst kam. Aber freudenlos wurde das Wiedersehen, seine Wangen waren fahl und wortkarg die Rede. Und als ich mich erbot, ihn zu begleiten, wies er das kurz ab und sprach: ›In der Halle der Götter hause ich, für einen, der im Sonnenlicht wandelt, ist dort kein Raum. Kehre nicht wieder, Wolfram, denn friedlos wird jeder, der sich dem Ausgestoßenen zuwendet.‹«

»Nannte er meinen Namen?« unterbrach ihn Walburg.

»Er fragte nicht einmal nach seinen Rossen«, versetzte Wolfram. Die Jungfrau senkte traurig ihr Haupt. »Nur von den Sorben sagte er mir etwas, woraus ich erkannte, daß er ganz verstört ist. Rotes [234] Tuch forderte er für den Weißbart und daß ich darum eins unserer Rosse auf den Markt führen sollte, es sei gelobte Schuld.«

»Hast du nach seinem Gebot getan?« fragte Walburg.

»Das Tuch habe ich eingetauscht, aber die Gabe dem alten Diebe zu gewähren, scheint mir ganz töricht und unsinnig, denn seine Speergesellen haben an meinem Herrn treulos gehandelt, und er lebt mit ihnen in tödlicher Fehde.«

»Tue dennoch nach dem Gebot, auch um meinetwillen«, bat Walburg.

»Die Hunde lagern jetzt im Dorfe wie Häuptlinge«, versetzte Wolfram, »ich sah den Alten; als ein Späher schleicht er einher, und nichts Gutes bedeutet seine Ankunft. Möge dies der letzte Gewinn sein, den er im Sacke heimträgt. – Seit jenem Tage erblickte ich meinen Herrn nicht mehr, doch was ich noch in dem Baume barg, wurde fast immer abgeholt. Gestern aber fand ich ein Stück Rinde in der Höhlung und auf der inneren Seite das Bild eines Rosses geritzt. Morgen denke ich ihm sein bestes Pferd hinzuführen und dazu noch eins für einen anderen, damit er nicht allein reitet.«

»Und wonach steht sein Sinn? Das sage mir noch, Wolfram, wenn du es weißt.«

»Wo soll er hin, wenn nicht gegen die Sorben. Denn die Weiden sind es, die ihm jetzt am meisten das Herz einschnüren. Als wilder Wolf will er dort beißen, bis ihn ein Keulenschlag trifft. Ich möchte lieber anderswohin. Aber mich treibt eine Vorbedeutung, da ich doch Wolfraban heiße. Ich erkenne, mein Name gibt mir die Weisung, daß ich ihn auf dem Wolfsprung begleite.«

»Führe nicht die Rosse in den Wald, auf denen er mit dir zum Tode reitet«, sprach Walburg feierlich, »denn ich will ihm helfen, daß er lebe, wenn ich's vermag. Gelobe mir, mich morgen an dieser Stelle zu erwarten, bevor du zu dem Baume wandelst, damit ich dir überbringe, was deinem Herrn nützen mag.«

Wolfram überlegte. »Ich weiß, daß du ihm wohlgesinnt bist, und du wirst ihn nicht seinen Feinden verraten.«

»Niemals«, rief Walburg.

»Wohlan, so erwarte ich dich hier, wenn die Sonne morgen früh über den Waldrand steigt.«

Die Mädchen eilten zum Hofe, denn vom Dorfwege nahte ein Reitertrupp, in seiner Mitte der Bischof. Ihn begrüßte Heilruf der harrenden Menge und der Hofgenossen. Wie ein Häuptling schritt er durch das Volk in die Halle, welche ihm errichtet war, und empfing dort nach der Reihe die Gesandten und die Flehenden. Zuletzt sprengte auf seinem Kriegsrosse Herr Gerold selbst in den Hof, ihm trat der Bischof auf der Schwelle entgegen, bot den Friedensgruß und geleitete ihn zu dem Herdsitz.

»Den Raben von drüben habe ich verscheucht«, begann der Graf, »du bist an ihm gerächt.«

[235] »Ich danke dir nicht dafür, Gerold, du weißt, wie ich für ihn gebeten habe.«

»Nicht mein Vorteil war es«, versetzte der Franke unwillig, »das beste Schwert der Thüringe zu zerbrechen. Daß ich das Urteil gefordert habe, geschah nur darum, weil mir von meinem Herrn dein Heil auf die Seele gelegt ist. Denn du vermochtest nicht im Volke zu dauern, wenn der erste Mann ungestraft blieb, der gegen dein Haupt das Schwert gezückt hat. Verächtlich wurdest du vor jedermann, und von allen Seiten wären die Heidenmesser in dich gedrungen. Willst du den Thüringen deine Botschaft ferner verkünden, so mußt du ihnen erweisen, daß deine Feinde ausgetilgt werden.«

»Hast du jenen Mann ausgetilgt«, sprach Winfried, »weil er zuchtlos den Frieden des Volkes brach, so darf ich dir nicht widerstehen. Begehrtest du aber Rache für mich, so hast du mir wehe getan. Auch du kennst das hohe Gebot, welches geschrieben steht, daß wir unseren Feinden Gutes tun sollen.«

»Steht es geschrieben, so siehe du zu, ob die Männer hier dir's glauben«, rief Gerold unzufrieden, »ich aber hoffe, daß du nicht gekommen bist, um diesem Volke den Männermut zu nehmen, sondern zu stärken, denn hier tut nicht Geduld und Lammessinn not, sondern Krieg und scharfes Gefecht, dazu bin ich in dies Land gesandt, und ich erkenne, der Wille des erlauchten Helden Karl ist, daß du mir dabei hilfst. Als wir miteinander aus dem Angesicht des Frankenherrn schieden, da legten wir unsere Hände ineinander und gelobten, treue Gesellen in dem Volk der Thüringe zu sein, ich für meinen Herrn, du für den Christengott, denn verfallen lag dies Grenzland, und feste Führer waren ihm nötig.«

»Treu hast du bisher unseren Vertrag erfüllt«, versetzte Winfried herzlich. »Und gern gebe ich das Zeugnis, daß ich vor anderen Menschen dir dankbar bin, wenn es mir gelingt, die harten Nacken am Taufstein zu beugen. Denn die Furcht vor deinen Bewaffneten ist mein einziger irdischer Schutz, und glaube mir, kein Tag vergeht, wo nicht hier im Hofe von meinen Getreuen für dein Wohl gebetet wird.«

Herr Gerold neigte ein wenig das Haupt. »Ganz willkommen ist mir, wenn du mir im Himmel gutes Gemach bereitest, denn ich selbst habe wenig Geschick dazu. Aber nicht weniger lieb wäre mir, wenn du mir auch auf anderen Wegen deine Treue bewährtest; und daß ich dir's geradeheraus sage: mir gefällt nicht, daß du den Boten des Ratiz freies Geleit zu dem Helden Karl ausgewirkt hast, und daß du über die Grenze bis in das Wendenland geschorene Boten laufen läßt, denn du handelst gegen meinen Vorteil und wohl auch gegen den eigenen.«

»Erwäge auch«, versetzte Winfried ruhig, »daß ich nichts getan habe ohne dein Wissen. Mein Beruf ist, auf der Männererde den [236] Frieden Gottes zu verkünden, wie durfte ich mich weigern, dem Helden Karl den friedfertigen Wunsch des Ratiz zu melden. Wir vernahmen, daß der Räuber mit manchem von seinem eigenen Volke verfeindet ist, und dem großen Frankenherrn selbst war willkommen, auch über die Slawen an der Grenze seine Herrschaft zu breiten.«

»War es ihm willkommen«, versetzte Gerold zornig, »mir und anderen, die an der Grenze gebieten, wäre es verhaßt und unleidlich. Meinst du, daß wir den Ratiz als Grenzgrafen neben uns dulden werden, zu unserem Schaden an Land und an Zehnten? Und heut sage ich dir, mich freut's, daß es mir und meinen Fürsprechern gelungen ist, ihn bei Herrn Karl zu hindern. Ohne günstigen Bescheid kehren die Sorben zurück, und dem Ratiz ist befohlen, über die Saale zurückzuweichen.«

»Und wenn er es nicht tut?« fragte Winfried.

»Dann soll er der erste sein, den wir fällen, damit Furcht das Slawenvolk bändige.«

»Wenn aber seine Landsleute ihm helfen?«

»Das gerade ist, was ich will«, rief Gerold. »Meinst du, ich habe Lust, diesen Sommer mein Schwert müßig in der Scheide zu tragen?«

»Und neu erhebt sich Mord und Brand und die Greuel des Grenzkrieges«, rief Winfried traurig, »zerstörte Höfe sehe ich, erschlagene Wirte, und die Wehrlosen gleich dem Vieh getrieben, verwildert auch die Herzen der Sieger.«

»Ich habe dich weise gefunden auch in weltlichen Dingen«, versetzte Gerold, »diese Rede aber dünkt mir töricht. Ob du die Thüringe deiner Lehre unterwirfst, das hängt jetzt nicht allein von den Gebeten ab, die du ihnen vorsprichst, sondern von den Schlägen, welche ich mit einem Volksheer den Wenden zuteile. Denn die Heiden werden dir nur dann ihre Hälse zuneigen, wenn sie unter dem Christenbanner Sieg erhalten. Und wenn du einst die Ostvölker bekehren willst, so werden auch diese erst auf deine Worte hören, wenn sie erkennen, daß ihre Götzen nicht mehr Sieg spenden.«

»Mein Werk ist es, den Völkern der Erde den Frieden des Gottesreiches zu verkünden«, antwortete Winfried, »dein Amt ist, die Feinde des Frankenherrn niederzuwerfen. Durch viele Jahre habe ich erfahren, daß die heilige Lehre nicht plötzlich Sinn und Gedanken der Männer wandelt, und manches Menschenalter mag vergehen, bevor die Christen selbst die Worte der Liebe und des Erbarmens begreifen. Ich weiß auch, daß nur ein Volk, welches den Heiden siegreich widersteht, sich den Christenglauben bewahrt, darum will ich, daß die Herrschaft der Franken sich so weit breite, als es mir gelingt, meinem Himmelsherrn Bekenner zu gewinnen. Mit dem hohen Fürsten Karl habe ich dies vereinbart, daß er der einzige [237] weltliche Herr sein soll über alles bekehrte Heidenland, wie der Bischof zu Rom der einzige Vogt des Himmelsherrn. Soweit wünsche ich dir Sieg, und ich darf zu dem Allwaltenden flehen, daß er ihn deiner Heldenkraft gewähre. Aber wenn du den Kampf begehrst aus Begierde nach Kriegsruhm und Beute, dann hüte dich, daß nicht auch dich die Strafe treffe, wenn du aus diesem kurzen Leben in das ewige hinübergehst.«

»Meine Sorge um das Himmelreich habe ich in deine Hände gelegt, Bischof«, versetzte der Graf mit geheimem Bangen, »und ich vertraue, du wirst meinen Vorteil dort wahrnehmen, wie auch ich hier für den deinen kämpfen will, obgleich du mir zuweilen widerstehst. Und so laß uns wieder gute Gesellen sein; ich reite an die Grenze, und bald mag deine Fürbitte mir heilsam werden.«

Er schritt klirrend aus der Tür, und Winfried sagte hinter ihm still zu sich selbst: »Ich hole mir bessere Freude bei meinen kleinen Pfleglingen.« Er wandelte in das Arbeitshaus, grüßte die Frauen und Kinder, schritt mit Walburg durch alle Räume, ließ sich berichten, was in seiner Abwesenheit getan war, und betrachtete die Werke des Webstuhls und die Schätze der Vorratskammer. Lächelnd rührte er an das Schleiertuch der Jungfrau, welches die eine Hälfte ihres Gesichtes deckte. »Ich muß die Kunst des Arztes rühmen, denn gut hat er dir die Wunde geheilt, und der Schaden wird noch durch die Zeit gebessert. Bald kommt wohl einer und der andere und begehrt dich zur Hausfrau. Wir aber werden dich ungern missen, denn dein Sinn ist fest, und was deine Hand berührt, gedeiht. Du bist zur Hälfte geschleiert, vielleicht gibt Gott dir die Gnade, daß du dein ganzes Leben seinem Dienste weihst.«

Da errötete Walburg, aber sie sah dem Bischof offenherzig in das Gesicht, als sie antwortete: »Oft kam mir der Gedanke, für mein Leben hierzubleiben, als ich mit der Wunde saß; denn selig ist der Frieden in deiner Nähe, und viel Leidvolles habe ich erfahren. Aber, mein Vater, auch ohne Gelöbnis bin ich gebunden an das Schicksal eines anderen. Zürne nicht, wenn ich dich an den Mann mahne, welcher frevelhaft das Eisen gegen dein Haupt gehoben hat.«

Die Stirn des Bischofs umwölkte sich, war es Zorn gegen Ingram oder Unwille, weil jemand seinem Wunsche widerstand, im nächsten Augenblick sah er wieder gütig auf das Weib, welches flehend die Hände faltete. »Sie haben ihm den Frieden genommen, Walburg, nachdem er ihn vorher selbst verloren hatte.«

»Deshalb will ich zu ihm, ehrwürdiger Vater.«

»Du, Jungfrau?« fragte Winfried erstaunt, »in die Wildnis, in ein fernes Land, zu einem verachteten Haupte?«

»Wo er auch atme, wie er auch lebe, in dem wilden Wald, unter dem Fels, bei Raubtieren und Raubgenossen, ich will zu ihm. Denn, Herr, ich bin's ihm schuldig.«

[238] »Deinem Vater im Himmel bist du schuldig, nichts zu tun, was gegen seine Gebote ist. Auch Zucht und Sitte sind dem Weibe geboten, und waghalsiges Preisgeben des eigenen Lebens ist ihm Unrecht.«

»Ich verstehe die Lehre, ehrwürdiger Vater«, versetzte Walburg demütig. »Sonst habe ich mich züchtig gehalten und stolz gegen werbende Knaben, auch gegen ihn. Er aber hat seine Freiheit um mich gewagt und sein Leben. Frevelhaft war das Wagnis, ich weiß es, mein Vater, und allzu hart habe ich es ihm selbst gesagt, das reut mich jetzt. In Not und Elend ist er um meinetwillen gekommen, ich will gehen, ihn zu retten.«

»Vermagst du das, Mädchen?«

»Der liebe Gott wird mir gnädig sein«, antwortete Walburg.

»Weißt du schon«, fragte Winfried prüfend, »ob er sich deine Nähe begehrt? Baust du auf das Verlangen, das er einst hatte, dich zu besitzen? Walburg, mein armes Kind, das Angesicht, welches er holdselig fand, hast du verdorben.« Walburg sah vor sich nieder, und um ihren Mund zuckte der Schmerz. »Bei Tag und Nacht habe ich daran gedacht, und ich fürchte sehr, mein Antlitz ist ihm verleidet. Aber mein toter Vater war sein Gastfreund, und er wird die Tochter als eine gute Bekannte aufnehmen, wenn er sich auch fortan ein anderes Weib begehren sollte.«

»Wo birgt sich der Heillose?«

»Oben im Bergwald, sein Diener Wolfram wird mich zu ihm führen.«

»Und wenn ich dir verbieten wollte, dein Leben und deine Seele an die Wildnis zu wagen, was würdest du dann tun?«

Walburg sank vor ihm auf die Knie, und die gerungenen Hände zu ihm aufhebend, antwortete sie leise: »Ich müßte doch gehen, ehrwürdiger Vater.«

»Walburg«, rief der Bischof drohend, und zornig blitzten seine Augen. Schnell erhob sich Walburg. »Was hat dich getrieben, Herr, als du hierherkamst unter die Heiden? Dein heiliges Haupt gibst du täglich dem Haß und der Bosheit deiner Feinde preis. Sorglos und fröhlichen Herzens reitest du durch die Dörfer der Heiden und fragst nie, ob dich ein Pfeil aus dem Dickicht treffe. So großes Vertrauen bewahrst du auf Gottes gnädigen Schutz, und du zürnst der Magd, die in deiner Nähe lebt, daß auch sie ihr Leben an die Gefahren der Wildnis wagt? Groß ist dein Amt, ehrwürdiger Vater, vielen Tausenden willst du Rettung bringen aus dem Verderben, ich bin ein armes Weib, ich habe nur ein Leben, um das ich bete und weine, aber den Mut habe ich wie du, einen Willen wie du; und solange ich frei auf meinen Füßen wandle, werde ich meine Schritte dorthin richten, wo er sein ruheloses Haupt birgt. Denn ich erkenne, arge Unholde schweben um ihn und bedrängen seine Seele, und darum muß ich eilen, ihn zu retten, wenn ich es vermag.«

[239] »Als ein geschworener Mann des Himmelskönigs fahre ich über die Heide und durch den Wald«, versetzte Winfried ernst, »in meinem Amte wage und dulde ich, du aber, wenn du dich einem Unseligen gesellen willst, folgst der Leidenschaft, welche auf Erden das Weib an den Mann bindet. Nicht meines Amtes ist, dein Tun zu rühmen oder zu verdammen. Wäre ich in Wahrheit dein Vater und stünde mir zu, dir den Gemahl zu wählen, ich würde dich hindern oder dich selbst begleiten. Als dein geistlicher Berater sage ich dir, die Absicht kann ich nicht tadeln, die wilde Fahrt darf ich nicht loben.« Er wandte sich von ihr, da er aber die Jungfrau regungslos mit gesenktem Haupt stehen sah, trat er wieder zu ihr und nahm sie gütig bei der Hand. »So muß ich als Bischof sprechen, aber wenn du doch den Unholden Trotz zu bieten wagst, so werde ich darum nicht schlechter von dir denken, während der Fahrt will auch ich in deiner Sache zu dem Herrn beten, ob er mich gnädig erhört, und wenn du zu mir zurückkehrst, wie du gegangen bist, so will ich dich empfangen als mein wiedergefundenes Kind.« Walburg neigte ihr Haupt, und der Bischof betete über ihr.

Winfried kehrte in sein Gemach zurück, und nachdenklich sprach er zu sich selbst: »Mein Geselle Gerold ist der redlichste unter den Franken, die ich kenne. Auch die Magd, welche ihr Leben für einen Verschollenen hingeben will, mag wohl in diesem Lande eine der besten sein, und doch sind beide nicht echte Erben des Gottesreiches. Furchtbar ist es zu denken, wie gering die Zahl solcher ist, welche das Leben im Erdgarten nur als Vorbereitung betrachten für die Halle der Herrlichkeit. Komm, mein Sohn«, rief er dem eintretenden Gottfried zu, »ich ringe mit schweren Gedanken, und deine Nähe wird mir eine Erquickung. Doch mit Sorge sehe ich, daß dein Antlitz bleich und deine Miene verhärmt ist; was andere zu wenig üben, das tust du im Übermaß. Ich lobe nicht dein Entbehren der Speise, nicht dein nächtliches Wachen und nicht die Geißelschläge, die, wie ich durch die Wand höre, deinen Rücken treffen. Grüble nicht über Träume und ängstige dich nicht, daß flatternde Gedanken dir das reine Gewand deiner Seele verderben können. Zu einem arbeitsamen Gehilfen an hartem Werke hat dich der Herr bestimmt, und kraftvoll brauche ich dich, denn viel ist noch zu tun. Krieg steht bevor an der Grenze, aus unserer Friedenssaat ist er aufgegangen; und wir haben zu sorgen, daß die jungen Gemeinden nicht von den Unholden zerschlagen werden. Deinen Reisegenossen Ingram hat das Urteil getroffen, und wir wollen darauf sinnen, wie wir dem Friedlosen die Rückkehr in die Heimat bereiten, denn er gehört zu den Kindern unseres Gebetes. Fortan bete du auch für Walburg, die Jungfrau. Sie hat sich eigenwillig von uns gelöst und geht zu dem Friedlosen in die Wildnis.«

Gottfried schwieg, aber ein Schauer fuhr ihm über den Leib, und [240] er stützte sich an die Wand, der Bischof sah erschrocken auf die gebrochene Gestalt. »Gottfried, mein Sohn«, rief er, »was ist mit dir?« Da ging der Mönch leise an die Truhe, in welcher die heiligen Gewänder lagen, nahm die Stola hervor und tat sie dem Bischof mit flehendem Blick um. Winfried setzte sich in den Stuhl, der Mönch kniete an seiner Seite und faltete die Hände über den Knien des Bischofs; fast unhörbar waren die Worte, welche er sprach, aber dem starken Mann klangen sie wie ein Schlachtruf in das Ohr, und als der Jüngling geendet hatte und mit seinem Haupte auf den Knien des Bischofs lag, saß dieser über ihn gebeugt und hielt die heiße Stirn des Betenden, so voll von Schmerz wie der Jüngling selbst.

Unter den Schatten

Am nächsten Morgen schritt Walburg mit ihrem Führer dem Walde zu. Hinter ihr rief Gertrud traurig in die Flur: »Neig dich, Laub, und neig dich, Gras, denn eine freie Magd will sich vom Sonnenlicht scheiden.«

In dem lichten Gehölz über dem Dorfe weidete die Rinderherde. Die Kühe liefen neugierig aus dem Gebüsch und starrten die Jungfrau an, auch der Hirt trat an den Weg, bot den Gruß und fragte, wohin sie im Frühlicht wandle. »In die Berge«, antwortete Walburg leise, und der Mann schüttelte den Kopf. Ein vorwitziges Kalb trabte hinter ihr her und roch an ihrem Korbe. »Weiche von mir, Braunchen«, mahnte sie, »denn der Weg, den ich gehe, wäre dir gefährlich, du hast Frieden bei den Leuten, alle müssen dich beachten, wenn du auch nur ein Jährling bist, und wenn dich ein Fremder schädigt, so muß er es deinem Herrn schwer büßen. Der aber, den ich suche, ist ärmer als du, denn jeder darf ungestraft seinen heißen Mut an ihm kühlen, und schutzlos schweift er ohne Recht.« Sie faßte ihren Handkorb fester und eilte dem Führer nach.

Auf dem Gipfel des Hügels wandte sie sich um und streckte die Hand grüßend nach der sonnigen Ebene aus, sie schaute über die Beute der Ackerflur, auf die grauen Dächer des Dorfes und auf den Meierhof, in dem sie Zuflucht gefunden hatte; sie dachte an die Kinder, wer ihnen das Frühbrot austeilen werde, und sah die Brüder mit heißen Wangen bei ihren Holztafeln in der Schule sitzen, und den kleinen Bezzo, der schreiend durch den Hof lief, sie zu suchen.

»Wenn er schreit, wird er die Schule stören, und ich fürchte, sie werden ihn abstrafen, weil er um mich weint.« Und vor ihrem Auge erschien das ernste Angesicht Winfrieds, als er zu ihr sprach: »Du folgst irdischer Liebe, und auf diese Welt hast du deine Sache gestellt, ich aber auf jene.« Da seufzte sie: »Ob er mir im Herzen zürnte, das möchte ich wohl wissen. Aber er hat mich doch gesegnet«, [241] tröstete sie sich. »Vielleicht bittet er gerade jetzt zum Himmelsherrn für mich, wie er mir verhieß, und unter seinem Gebet fahre ich sicher dahin; denn ich denke, er muß dem großen Gott sehr lieb sein, und ihm zu Gefallen werden mich die Himmelsboten beschützen. Doch meinetwegen fliegen sie schwerlich, weil der Friedlose sich so gröblich gegen den Bischof erhoben hat.«

Längs dem rauschenden Bach gingen sie wohl eine Wegstunde, bis sie dahin kamen, wo die letzten Markzeichen in den Grenzbaum gehauen waren und die Geleise der Holzwagen aufhörten. Dort begann die Wildnis, welche nur der Jäger betrat, ein scheuer Wanderer, der über die Berge zog, und der gesetzlose Räuber, welcher heimatlos über die Erde irrte. Vor ihnen erhob sich der wilde Wald, Urstämme, mit langen Flechten umhangen, glänzten silbergrau, gleich riesigen Säulen, welche hoch oben das Laubdach trugen. Dichter Schatten deckte den Grund, über dem Wurzelgeflecht und gestürzten Stämmen lag die grüne Moosdecke, und große Farnwedel breiteten sich in der Dämmerung. Wolfram zog die Mütze, wie dem Jäger geziemte, wenn er unter die Wildbäume trat, und Walburg neigte sich mit ehrfürchtigem Gruß gegen den Hochwald; »Ihr Gewaltigen wachst frei gegen den Himmel, Sonnenschein und Regen fühlt ihr auf den Wipfeln, und der Quell im Felsen netzt euren Fuß. Gönnt auch mir das Gute, das ihr uns Fremdlingen gewährt, wenn wir euch furchtsam nahen, die Waldfrucht als Kost, weiches Moos als Lager, eure Zweige als Decke und eure Stämme als eine Ringburg gegen die Feinde.« Noch einmal wandte sie sich zum Lichte zurück, dann trat sie beherzt in den Schatten.

Wohl eine Stunde führte Wolfram zwischen den Stämmen über Berg und Tal. Endlich hielt er auf der Höhe vor einer riesigen Buche und sprach mit gedämpfter Stimme: »Dies ist der Baum.« Er bog vorsichtig das Farnkraut zurück, hob ein Stück Buchenrinde ab, welches die Höhlung verdeckte, und wies hinein. Dann spähte er vom Höhenrand ringsumher. Nichts war zu sehen. »Es ist noch nicht die Zeit, in welcher er kommt, doch bist du sicher, daß er heut nicht ausbleibt, denn er hofft auf sein Roß.«

Der Jungfrau pochte das Herz, als sie um sich sah, eine Riesensäule hinter der anderen, bis die fernsten sie dicht einhegten wie eine ungeheure Mauer. »Wir scheiden, Wolfram, weiche zurück nach dem Hofe und laß mich hier, daß ich ihn allein treffe.«

»Wie darf ich ein speerloses Weib unter dem wilden Gewächs zurücklassen!« versetzte Wolfram unwillig.

»Geh dennoch, du Treuer, was ich mit ihm zu reden habe, geht uns allein an und kein anderer soll es hören. Willst du mir freundlich sein, so kehre morgen um Mittag hierher zurück und frage den Baum, wie es um mich steht. Ich will es, Wolfram, und du kränkst mich, wenn du anders tust.«

[242] Wolfram streckte ihr die Hand hin. »Fahre wohl, Walburg, ich ginge nicht, aber ich weiß, daß der andere nicht lange säumen wird.« Er schritt abwärts, solange die Jungfrau ihn sehen konnte, dann warf er sich auf den Boden. »Harren will ich, bis ich seine Gestalt merke, damit ihr jemand nahe bleibt, der den Waldbrauch kennt.«

Walburg saß allein unter dem Baum, sie legte die Hände zusammen und blickte empor nach der Höhe, wo sie den blauen Himmel nicht mehr sah, nur Äste und Blätter. Unter den grauen Stämmen herrschte tiefes Schweigen, selten tönte von hoch oben der Ruf eines Vogels. Da fuhr es leise am nächsten Baumstamm herab, ein Eichhorn setzte sich ihr gegenüber auf den Ast, neigte ihr zuweilen den kleinen Kopf zu und blickte sie mit den runden Augen an, während es eine Ecker in den Pfoten hielt und daran nagte. Auch Walburg grüßte das Waldtier und sprach rühmend: »Gut stehen dir deine Ohrbüschel und dein stolzer Schweif; sei mir freundlich, Rothaar, denn ich sinne dir nichts Böses, und könnte ich dir helfen mit Eicheln und Eckern in deinem Haushalt, ich täte es gern. Doch reicher bist du als ich, denn du hältst dein Wesen hoch in der Baumhalle, wir Menschenkinder aber schreiten beschwerlich über die Wurzeln. Ich kümmere mich um einen, den du leicht erspähst, wenn du durch die Wipfel schweifst, siehst du ihn auf seinem Wege, so laufe vor ihm, daß du ihn zu mir führst.« Das Eichhorn nickte mit dem Kopf, warf die Frucht auf den Boden und fuhr eilig den Stamm hinauf.

»Es tut nach meinem Willen«, sprach Walburg lächelnd. Da vernahm sie einen schnellen Schritt, sie hörte sich beim Namen rufen und sah den Friedlosen, der zwischen den Stämmen auf sie zusprang, sich neben ihr in das Moos warf und ihre Hand faßte. »Kommst du doch«, rief er, und in dem frohen Schreck versagte ihm die Stimme. »Dich noch einmal zu sehen, habe ich heimlich gehofft, und täglich wandelte ich über das Moos, wie gebannt an den Baum.« Walburg strich ihm liebkosend die Wange und das Haar. »So bleich das Antlitz, verworren die Locke und hager der Leib, du armer Schatten, der das Sonnenlicht meidet, dir war der Wald feindlich, denn dein Aussehen ist vergrämt, und dein Auge starrt wild auf das Kind deines Gastfreundes.«

»Es ist unmenschlich im Walde, und fürchterlich ist die Einsamkeit für den Ausgestoßenen«, antwortete Ingram, »seinen Fuß klemmt die Baumwurzel, die Äste raufen ihm das Haar, und die Krähen in der Höhe reden mißtönend miteinander, ob er ihnen zum Fraß wird oder nicht.« Er fuhr empor. »Weiß ich doch nicht, ob ich mich freuen soll, da ich dich sehe; du kommst von den Priestern, und du gehst zu ihnen zurück, um ihnen die gute Botschaft zu verkünden, daß du mich in Elend und Jammer gefunden hast.«

[243] »Ich war bei den Priestern, und ich komme zu dir«, antwortete Walburg feierlich, »aus dem Hof der Christen bin ich gegangen, um für dich zu sorgen, wenn ich es vermag; die Menschen habe ich verlassen, und den wilden Wald habe ich gewählt, wenn du mich haben willst.«

»Walburg!« schrie der Friedlose, warf sich wieder neben ihr auf den Grund, er umschlang sie mit seinen Armen, drückte sein Haupt an ihren Leib und schluchzte wie ein Kind.

Walburg hielt ihm das Haupt, küßte ihn auf sein Haar und sprach ihm tröstend wie eine Mutter zu: »Sei ruhig, du Wilder, ist dein Schicksal auch schwer, du hast eine, die dir's tragen hilft. Auch ich bin aufgewachsen nahe der Wildnis und nahe den Räubern der Grenze; die Bedrängten rettet wohl geduldiger Mut. Setze dich dort mir gegenüber, Ingram, und laß uns bedächtig reden wie sonst, wenn wir am Herde meines Vaters zueinander sprachen.«

Ingram setzte sich gehorsam, aber er hielt ihre Hand fest.

»Drücke auch nicht so traulich meine Hand«, mahnte Walburg, »denn ich habe dir Schweres zu sagen, was der Mund eines Mädchens nicht gern spricht.« Ingram aber unterbrach sie: »Bevor du redest, höre auch meine Meinung.« Er hob einen Kiesel aus dem Moose und warf ihn hinter sich. »So tue ich ab, was uns trennte, vergiß auch du, Walburg, was dich an mir gekränkt hat, gedenke nicht der Sorbenfessel und nicht der Lösung durch die Fremden, und ich flehe, verstöre mich nicht durch strenge Rede, denn so selig fühle ich mich jetzt, da ich dich vor mir schaue und deine Treue erkenne, daß ich um Bann und Friede wenig sorgen will. Du bist meinem Herzen sehr lieb, und heut, wo du zu mir kommst, mag ich an nichts denken als an dich und mich deiner zu freuen.«

Der Schleier, welcher das halbe Antlitz der Jungfrau verhüllte, bewegte sich. »Sieh doch erst zu, Ingram, wen du liebhast, wir loben den Freier, der vorher betrachtet, was er erwerben will.« Sie schlug den Schleier zurück, eine rote Narbe zog sich über die linke Wange, eine Hälfte des Gesichts war ungleich der anderen. »Das ist die Walburg nicht, deren Wange du einmal gestreichelt hast.« Er sah das Angesicht vor sich, welches ihn damals erschreckt hatte, wo er das Schwert gegen den Bischof hob. Sie blickte spähend nach ihm, und als sie sein Staunen sah, verhüllte sie die Wange wieder und wandte sich ab, um ihre Tränen zu verbergen.

Ingram rückte sich näher und rührte leise an die andere Wange. »Laß mich diese küssen«, sagte er treuherzig. »Ich bin erschrocken, denn wild steht die Narbe in deinem Gesicht, aber ich weiß, daß du sie erhalten hast, als ich ein Tor war; und die Männer und Frauen werden dich darum nicht weniger ehren.«

»Du sprichst ehrbar, Ingram, aber ich fürchte, mein Anblick wird dir dereinst mühselig, wenn du mich mit anderen vergleichst. Ich [244] bin stolz, und wenn ich dein Weib werde, so will ich dich allein haben für Leben und Tod, denn das ist mein Recht. Auch ich will dir sagen, wie mir uns Herz ist. Als ich noch aussah wie andere Mädchen, hatte ich dich mir als Ehewirt gehofft, und wenn du nicht mein Gemahl wirst, so wird es schwerlich ein anderer Mann auf Erden, auch wenn mich einer begehren wollte. Vor kurzem aber hörte ich eine Stimme, die wie aus meinem Innern zu mir sprach, daß ich mich einem anderen Herrn verlobe, dem Himmelsgott, der selbst die Wundenmale trug. Den halben Schleier haben sie über mich gelegt, ob ich dereinst mein Haupt ganz verhülle oder nicht, darum sorgte ich in bitterer Angststunde.«

Ingram sprang auf. »Viel Böses wünsche ich den Priestern, denn sie haben deine Gedanken von mir abgewandt.«

»Das haben sie nicht getan«, versetzte Walburg eifrig, »du kennst sie nicht, die du schmähst. Setze dich wieder und höre ruhig, denn zwischen uns soll Vertrauen sein. Stündest du im Glück vor mir, so würde ich vielleicht mein Herz verbergen, und wenn du noch bei meinen nächsten Verwandten um mich werben wolltest, so wäre dir die Freite langwierig wegen der Narbe, denn ich würde deiner Beständigkeit nur schwer trauen. Jetzt aber sehe ich, daß dir ein Freund not tut und daß dein Leben in großer Gefahr ist, da ist die Angst um dich in mir übermächtig geworden, und ich bin zu dir gekommen, damit du unter den Raubtieren nicht verwilderst und, wenn ich's hindern kann, im Walde nicht vergehest. Denn ich weiß, und du weißt es auch, daß ich in der Not zu dir gehöre.« Sie nahm den Schleier ab: »Sehen sollst du mich fortan, wie ich bin, ich verstecke mein Gesicht nicht vor dir.«

Wieder warf sich Ingram an ihrer Seite nieder und umfing sie. »Sorge nicht um meine Rettung und nicht um meine Seligkeit, an beiden liegt mir wenig, wenn du mir nicht sagst, was ich hören will, daß du zu mir kommst, weil du mich liebhast.«

»Ich will mich dir angeloben«, sprach Walburg leise, »wenn du mir dasselbe tust.«

Jauchzend zog er sie in die Höhe. »Komm, wo die milde Sonne scheint, daß wir die heiligen Worte sprechen.« Aber als er ihr in die Augen sah, die in Liebe und Zärtlichkeit an seinem Angesichte hingen, verwandelte sich seine Gebärde, die herbe Sorge fiel ihm auf das Herz, und er wandte sich ab. »Wahrlich«, rief er, »ich bin wert, unter Wölfen zu hausen, daß ich die Tochter des toten Gastfreundes dem Grauen der Wildnis preisgeben will. Vergessen habe ich, wer ich bin. Jetzt sehe ich um mich graues Holz und wildes Kraut, und ich höre über mir den Schrei der Adler. Übel habe ich mein eigenes Leben beraten, aber ein niedriger Mann bin ich nicht, und die Treue eines Weibes mag ich nicht mißbrauchen, damit auch sie verderbe. Geh, Walburg, es war nur wie ein lustiger Traum.«

[245] Er lehnte sich an einen Baum und stöhnte, Walburg hielt seinen Arm fest.

»Ich stehe doch unversehrt an deiner Seite, und ich vertraue auf den mächtigen Schutz dessen, den wir Vater nennen, und dazu auch auf Speer und Schwert meines Helden, an dem ich mich festhalte.«

»Ich war ein Krieger, jetzt bin ich ein ruchloser Schatten. Es ist hart, Walburg, Feuer und Rauch zu meiden, noch härter, jedem Wanderer scheu aus dem Bereich seiner Augen zu weichen oder eines Kampfes gewärtig zu sein ohne Feindschaft und Grimm, nur weil der andere nach dem Friedlosen wie nach einem tollen Hunde schlägt. Aber härter als Leibesnot und Mord im Waldesdunkel ist es, feige das Haupt zu bergen und unrühmlich dahinzuleben wie das Ungeziefer unter den Bäumen, unerträglich ist solches Lungern, und die einzige Hilfe wird ein schnelles Ende im Schwertkampf. Geh, Walburg, und willst du mir deine Liebe erweisen, so sage einem, der einst mein Mann war, daß er mir ein gezäumtes Roß herführe, damit ich mir die letzte Rache suche.« Er warf sich auf den Boden und barg das Gesicht in dem Moos.

Walburg fühlte heiße Angst um den Liegenden, aber sie zwang sich zu mutiger Rede; neben ihm sitzend, strich sie ihm die wirren Locken zurecht. »Tust du doch, als ob du niemand im Lande hättest, der noch um dein Wohl sorgte. Schon mancher, der den Frieden verloren hatte, gewann ihn zurück, wenn der Zorn geschwunden war. Es tat vielen leid, daß der Spruch gegen dich fiel. Herr Winfried selbst hat bei dem Grafen für dich gebeten.«

»Sage mir das nicht zum Troste«, fuhr Ingram zornig auf, »ganz widerwärtig ist mir solche Bitte und verhaßt jede Guttat des Priesters. Vom ersten Tage, wo ich ihn sah, hat er mich richten und schicken wollen wie einen Knecht, dich und mich wollte er hinterlistig für sich benützen. Als ich das Urteil über mich vernahm, da dachte ich besser von ihm als je zuvor, wenn ich ihn auch haßte, denn ich meinte, er hat doch den Mannessinn, sich an seinem Feinde zu rächen. Sein Mitleid aber ist mir das Unerträglichste von allem, denn ganz will ich ihm verleidet sein.«

Walburg seufzte. »Wie darfst du ihn schelten, er übt doch nur, was ihm der Glaube gebietet, Gutes zu tun seinen Feinden.«

»Vielleicht kommst auch du zu mir, Christenmädchen, um Gutes zu tun nach deinem Glauben, und im Innern verachtest du mich.«

Walburg schlug ihn leise auf das Haupt. »Dein Kopf ist hart und deine Gedanken sind ungerecht.« Und sie küßte ihn wieder auf die Stirn. »Nicht allein der Bischof ist dir wohlgesinnt, auch der neue Frankengraf hat dich gegen den Bruno bedauert, dein Schwert hat er hoch gerühmt und wie ungern er dich missen würde bei der nächsten Schwertreise gegen die Slawen. Denn vernimm, du Held [246] der Thüringe, sie sagen, daß noch diesen Herbst nach der Ernte ein Volksheer gegen die Wenden geboten wird.«

Ingram fuhr auf. »Ha, das ist gute Kunde, Walburg, wenn sie auch mich Unseligen ausgeschlossen haben.«

»Höre noch anderes«, fuhr Walburg fort, »der große Frankenfürst liegt, wie sie sagen, selbst gegen die Sachsen im Felde, und überall rüsten die Helden zu neuem Streit.«

»Du machst mich toll; meinst du, ich werde überleben, von den Schwertgenossen getrennt zu sein, wenn sie sich Ehre erwerben?«

»Ich denke darauf, daß du in ihren Reihen kämpfen sollst, und auch darum bin ich hier.«

Ingram sah erstaunt zu ihr auf, aber ein Hoffnungsstrahl fiel in seine Seele, und er fragte: »Wie kannst du mir dazu helfen?«

»Noch weiß ich es nicht«, antwortete Walburg mutig, »aber ich hoffe Gutes für dich. Ich gehe zu dem Grafen, und wenn er nichts vermag, zum Frankenfürsten selbst in die Fremde, und ich flehe zu unseren Landsleuten. Von Hof zu Hof will ich wandern und bitten, vielleicht, daß sie mir günstig sind, weil sie dein Schwert jetzt gebrauchen.«

»Du treues Mädchen!« rief Ingram hingerissen.

»Und doch willst du mir verwehren, dir zu helfen, du törichter Mann«, mahnte Walburg leise, »denn du weigerst dich, mein Gelübde aufzunehmen. Wie kann die Jungfrau vor den Fremden für dich sprechen, wenn sie dir nicht verlobt ist.«

Ingram hob die Hand und rief: »Wenn ich leben soll, und wenn ich jemals noch mit leichtem Mut über die lichte Flur wandle, dann will ich versuchen, ob ich deiner Gesinnung zu danken vermag.«

»Jetzt sprichst du, wie ich's gern höre«, sagte Walburg froh, »und wie mit meinem künftigen Hauswirt will ich alles mit dir bereden, damit wir ein besseres Glück für uns finden. Du behältst mich bei dir hier im Walde oder wo es sonst sei, solange ich dir tröstlich bin; und wenn es dir dünkt, sendest du mich in das Land, damit ich als deine künftige Hausfrau um deine Sachen sorge. Die Leute werden mir's glauben, wenn ich es ihnen sage, daß ich als deine Braut komme. Für den Rabenhof wird es gut sein, wenn eine Frau nach Ordnung sieht. Deine Dienerinnen haben sich verlaufen, und sie dürfen nicht wiederkommen, denn ich denke allein Herrin im Hause zu bleiben.« Ingram nickte zustimmend. »Auch das Vieh braucht Pflege, wie ich merke, und ich werde dir eine Magd werben; das bespreche ich mit Bruno, der ein bescheidener Mann ist. Seinen Rat höre ich auch, wie wir dir den Frieden wiederschaffen. Nicht ohne schwere Buße kannst du ihn gewinnen, wenn es dir glückt; die Buße wirst du leisten, wenn sie dich auch einen Teil deines Landes kostet, entweder an deinem Hofe oder an dem Erbacker deiner lieben Mutter im Tale.« Ingram seufzte. »Es war ein schwerer Spruch, den sie [247] gegen dich ausriefen, daß du Friede haben sollst, wo dich niemand sieht und hört. Aber das harte Wort vermögen sie mild zu deuten. Auch die Christen werden nicht nach dir spähen und nicht horchen, bis du wieder sichtbar und ruchbar wirst im Volke, wenn du gleich in dem Rabenhofe weilst oder im öden Hofe meines lieben Vaters, in den ich gern zurückkehrte. Dies sind meine Gedanken, und jetzt sage mir die deinen.«

»Mein Gedanke ist«, rief Ingram, »daß ich ein gutes Weib haben werde, wenn das Schicksal mir verstattet, im Lichte zu leben, und eine Hausfrau, die verständiger für das Rechte sorgt als ihr Wirt.«

»So rühme ich dich, Ingram«, fuhr Walburg siegreich fort. »Wie wir aus der Not kommen, weiß der liebe Gott allein, aber ihm vertraue ich und ihm danke ich, daß ich dich im Walde gefunden und dein Herz erkannt habe, wie du gesinnt bist.« Sie neigte das Haupt und sprach das Vaterunser, Ingram saß still an ihrer Seite und hörte auf die Bitten, die sie raunte. Als sie darauf neben ihm saß mit gefalteten Händen und lächelndem Munde, rührte er leise an ihren Arm und bat: »Komm, Walburg, daß ich dich aus dem Schatten in die Sonne führe.« Das Mädchen wandte sich zu ihm: »Steht mir die Narbe häßlich?«

»Ich merke sie nicht mehr«, versetzte Ingram ehrlich.

Walburg seufzte. »Vielleicht wirst du sie gewohnt. Du aber, mein Held, harre noch ein wenig. Wie du jetzt bist, darf dich die Sonne nicht sehen, denn sie scheint ungern durch Löcher im Gewande auf die bloße Haut, und auch das wilde Haar steht einem Bräutigam schlecht. Zieh erst die Jacke aus, daß ich dir sie nähe, und suche unterdes den Quell, damit du dir daran das Haupt schmückest, wie sich's gebührt.« Sie öffnete ihren Korb und holte emsig Faden und Nadel hervor. »Allerlei habe ich mitgebracht, was kein Mensch unter den Bäumen findet und was doch jeder braucht, wenn er anderen gefallen will. Hier ist dein Bräutigamshemd, ob du es meinetwegen tragen willst, ich habe es unter Schmerzen genäht, als ich krank saß. Denn du lebst jetzt nicht mehr für dich allein, auch für mich hast du zu sorgen, und vor allem hast du darauf zu denken, daß du mir immer gefällst.« Sie trieb ihn fort und besserte eifrig die Risse in dem braunen Wollkleide.

Als er wieder aus der Tiefe auf sie zusprang, riß sie den letzten Faden ab und half ihm die Jacke anziehen und vom Moose säubern: »So gefällst du mir, denn ganz verwandelt stehst du unter den Bäumen. Und jetzt, Ingram, bin ich bereit, dir zu folgen, wohin es auch sei.« Sie packte ihr kleines Gerät zusammen, und als er den Korb heben wollte, wehrte sie es. »Das ziemt dem Krieger nicht, nur mich selbst darfst du tragen, wenn mich die Kraft verläßt. Gib mir deine Hand, damit ich mich darauf stütze.«

[248] So schritten sie schweigend nebeneinander über den Moosgrund bis zu einem Felshaupt, das sich zwischen den Bäumen erhob. Der Stamm, welcher einst darauf gestanden hatte, war gefallen, und auf der Stätte blühten im Sonnenlicht wallende Gräser, Heideröschen und blaue Glockenblumen. Da drückte sie seinen Arm und mühte sich, ihre Bewegung unter einem Lächeln zu verbergen: »Halt an, Ingram, und vernimm noch das letzte. Deine Braut will ich werden zu dieser Stunde, aber dein Ehegemahl wird die Tochter deines Gastfreundes erst im Ringe der Verwandten, wenn mein Oheim die Frage der Vermählung tut. Denn der Sitte gedenken wir, auch wenn wir allein sind. Bis dahin liegt zwischen uns ein blankes Messer, das du mir einst geschenkt.« Sie zuckte in ihr Gewand und hob die Klinge heraus, die sie in der Halle des Ratiz gegen sich gebraucht hatte. »Denke an das Messer, Ingram, wenn du meine Wange nicht siehst.«

»Leidig ist das Messer«, rief Ingram unwillig.

»Ein guter Warner ist es«, rief Walburg und faßte bittend seine Hand. »Mahnen soll es dich, damit du dein lebelang deine Hausfrau ehren kannst.«

Ingram seufzte, aber gleich darauf sprach er mit gehobenem Haupt: »Du denkst, wie meinem Weibe gebührt.«

Beide traten in das Licht und sprachen vor der Himmelssonne ihre Namen und die Worte, durch welche sich jedes dem anderen verlobte für das Leben und den Tod. Als Ingram das Weib nach der Sitte durch ein Zeichen binden wollte und zurück sah, um ein Reis zu brechen, das er ihr um den Arm winde, da sagte sie leise: »In deiner Tasche barg ich das feste Band, welches mich an dich bindet.« Er faßte den harten Gurtriemen des Messers, das er ihr in der Todesnot gereicht hatte. Und als er sie nach dem Verlöbnis umschlang, da fühlte sie, wie sein starker Leib in der Aufregung bebte, und sie sah, daß die Sonne ein bleiches und trauriges Antlitz beschien. Lange hielt sie ihn fest, und ihre Lippen bewegten sich. Aber gleich darauf begann sie heiter: »Jetzt lagere, Held, damit ich dir das Brautmahl bereite, denn das ist eine Ehre der Braut und sie läßt sich's nicht nehmen. Fehlt's heut an anderen Gästen, so laden wir die kleinen Waldvögel, wenn diese hier auf der Höhe bereit sind, uns Freundliches zu singen.« Sie zwang ihm die Kost ein, welche sie mitgebracht hatte, und legte ihm die guten Bissen vor, wie einem Kranken. Dabei erzählte sie ihm gleichmütig ihre Sorbenfahrt, und von dem Fleiß auf dem Meierhofe, auch von dem Kranz der wilden Gertrud, bis er sie wieder mutig anlachte.

Die Sonne stieg aus der Mittaghöhe hinab und Ingram sah nach dem Himmel. »Ich erkenne, mein Herr denkt an den Aufbruch«, sagte Walburg. »Führe deine Waldbraut, wohin es dir gefällt. Sicher hast du als rühmlicher Jäger eine Baumhütte, die ich dir stattlich machen will.«

[249] »Das Lager des Wildtiers, nach dem du fragst, ist unter den Steinen«, antwortete Ingram ernsthaft, »zufällig habe ich es aufgefunden, und außer mir kennt es wohl nur einer, der lebt. Es ist weit von hier, und ungern führe ich dich hinein; doch ist es gut, wenn du die Zuflucht kennst.«

»Komm«, rief Walburg, »mich ängstigt, daß deine Augen so unruhig umherfahren, wenn ich zu dir rede.«

Wieder gingen sie unter dem Schattendach auf ungebahntem Wege dahin, aus dem Laubwald in Nadelholz, über Berg und Tal, durch Erdspalten und rinnende Bäche. Einmal hielt Ingram still, warf sich zu Boden und riß Walburg nach. »In der Nähe läuft ein Saumpfad über die Berge«, raunte er. Gleich darauf hörte Walburg Männerstimmen und sah in einiger Entfernung zwei Bewaffnete vorüberreiten. Als Stimmen und Hufschlag verhallten und Ingram sich erhob, war er bleich wie ein Sterbender, und kalter Schweiß lag auf seiner Stirn. »Es waren Reisige des Grafen«, sagte er heiser. Sie strich ihm mit ihrem Tuch über die Stirn. »Halte nur aus, der Tag wird kommen, wo diese sich grüßend vor mir neigen«, aber sie fühlte tief im Herzen die bittere Scham des Friedlosen. Stumm gingen sie weiter. Oft hielt Ingram an, lauschte und sah ängstlich um sich, endlich drangen sie abwärts durch dichtes Laubholz, zwischen dem nur einzelne Hochstämme ragten. Als Walburg mühsam an den Fuß eines steilen Abhangs niedergetaucht war, wo das Gebüsch dicht umschloß, hielt Ingram an: »Hier ist die Stelle; fürchte dich nicht, Walburg, und vertraue mir.« Sie nickte ihm zu, er bog die Zweige auseinander und wälzte eine Steinplatte zur Seite, vor ihm gähnte eine schwarze Öffnung. »Enge ist der Pfad, der in die Tiefen der Erde führt, hier ist fortan deine Wohnung, Wolfsbraut.« Walburg trat schaudernd zurück und machte das Kreuzeszeichen. »Bist du es erst gewöhnt, dann lachst du wie ich«, tröstete Ingram, aber er selbst lachte nicht. »Ich gehe voran und halte dich an der Hand, bücke dein Haupt, daß der Fels dich nicht verletze.« Er drang hinein und zog sie nach. In schwarze Nacht ging es eine Strecke abwärts, sie tastete mif Fuß und Hand.

»Fürchterlich ist der Weg in die Totenhölle«, seufzte sie; er aber zog sie weiter. »Jetzt steh fest, damit ich dir leuchte.« Er ließ ihre Hand los; sie stand auf unebenem Boden, an ihren Seiten war der Fels gewichen und mit Entsetzen griff sie um sich in leere Finsternis. Da erglomm ein Funke, das Licht ging auf und erfaßte einen Haufen Reisig; bei der roten Flamme sah sie rings um sich eine gewölbte Höhle, die scharfen Zacken des Gesteins blitzten wie Silber und rotes Gold. Vor ihr neigte sich der Boden schräg hinab bis zu einer schwarzen Wasserfläche, welche den hinteren Grund der Höhle bedeckte. Der Rauch wirbelte aufwärts um den strahlenden Fels, bis er in graulicher Dämmerung schwand, wo durch einen[250] Spalt in der Höhe ein bleicher Schimmer Tageslicht hineinfiel. Zwischen dem blinkenden Stein, dem schwarzen Wasser und der lodernden Flamme sank Walburg auf die Knie und schloß mit gefalteten Händen die Augen. »Fürchte dich nicht, Walburg«, tröstete Ingram, »ist der Stein auch kalt und das Wasser auch tief, dennoch ist der Felsbau ein guter Schutz.«

»Hier ist die Behausung der Heidengötter«, murmelte Walburg bebend, »in solcher Höhle schlummern sie im Wintersturm, wie die Leute sagen. Jetzt mögen sie hier weilen, um sich vor dem Christengott zu bergen, und frevelhaft war es für dich und mich, in ihre Nacht zu dringen.«

Ingram sah unruhig um sich, aber er schüttelte das Haupt. »Hausen sie hier, ich habe sie noch nicht gefunden, obgleich ich gezagt habe, ganz wie du, da ich zuerst hier eindrang. Und wieder zu anderer Stunde habe ich hier gelegen am flammenden Feuer und in schwarzer Finsternis, und ich habe sie mit wildem Mute gerufen, daß sie mir halfen, alle heiligen Götternamen. Aber Walburg«, flüsterte er, »keiner hat mich gehört. Der hohen Menschenherrin Frija, meinte ich, gehöre die Steinhalle, denn die Weisen sagen, daß sie gnadenvoll in den Bergen waltet und sterbende Männer zuweilen bei sich aufnimmt, und da ich zweifelte und ausgestoßen war, so wähnte ich, daß sie mir die Gunst ihrer Höhle gewährt habe, und obwohl sich mir das Haar sträubte, so nannte ich sie doch, ich flehte und schrie und gelobte mich ihrem Dienst, aber sie kam nicht. Die Flamme loderte wie jetzt, nur in dem Wasser wirbelte es, und ich erkannte eine große Wasserschlange, welche umherfuhr. Ich schaute in ihr die Göttin, warf mich zu Boden und hörte die Schlange rauschen, gerade wie jetzt«, er wies auf das Wasser, Walburg stieß einen gellenden Schrei aus, denn eine große Schlange wand sich in der Flut, und ihr Kopf hob sich über die Wellenringe an der Oberfläche.

»Flieh, Ingram«, flehte Walburg, »ich weiß, und es steht in den heiligen Büchern geschrieben, daß solcher Wurm dem Menschen alles Unheil sinnt.«

»Er bringt Schätze, sagen sie«, versetzte Ingram leise, »doch habe ich hier noch kein Gold erspäht. Einmal kam die Schlange hervor und rollte sich auf der warmen Kohlenstätte, da meinte ich sicher, daß sie die Herrin der Höhle sei. Aber, Mädchen, ich glaube nicht mehr, daß sie es ist. Denn ich sah einst, wie eine Maus längs dem Wasser dahinfuhr. Und der Wurm schnellte hervor und verschlang die Maus und lag dann am Ufer mit geschwollenem Leibe.«

»Weißt du, wer die Maus war?« mahnte Walburg ängstlich. »Mancher Unhold wandelt in Maushülle.«

Aber Ingram versetzte kopfschüttelnd: »Ich meine, es war eine Waldmaus wie viele andere. Seitdem fürchte ich die Schlange nicht sehr. Und wenn sie auch manches vermag, so ist's doch nichts [251] Arges, denn friedlich hausen wir nebeneinander. – Und daß ich dir alles vertraue, Walburg«, fuhr er schwermütig fort, »ich glaube nicht mehr, daß die Menschengötter groß um mich sorgen. Es gelang mir auch nicht mit Hilla, der weisen Frau, als ich mich in ihre Hütte wagte.«

»Unseliger«, schrie Walburg, »zu der Zauberfrau bist du gegangen, die sie eine Hegisse nennen? Sie opfert den Nachtgeistern, und heillos wird jeder, der mit ihr zu tun hat.«

»Das sagt ihr Christen. Doch leugne ich nicht, ihr Wesen ist traurig und unhold ihre Arbeit. Sie forderte zu dem Nachtwerk, das sie für mich beginnen wollte, ein lebendiges Kind.«

»Du aber widerstandest?« rief Walburg.

»Ich dachte an dich«, versetzte Ingram zögernd, »und daß ich zu den Sorben gefahren war, um Kinder zu lösen. Und ich ging nicht wieder zu ihr. Seitdem lebe ich wie einer, den die Überirdischen nicht mehr schützen, denn auch sie achten den Friedlosen gering. Nur einer hohen Herrin vertraue ich mich«, fuhr er geheimnisvoll fort: »Der Schicksalsfrau, welche mit ihren Schwestern auf dem Gewässer schwebt, und ich meine, es wird besser um mich stehen, wenn ich in dem Tale flehe, über dem sie waltet.«

»Von der Wasserfrau am Idisbach sprichst du?« fragte Walburg scheu. Ingram nickte. »Sie ist meinem Geschlecht seit der Urzeit hold, und eine Sage kündet, wie sie uns günstig wurde. Willst du sie hören, so vernimm, denn dies ist die Stunde, wo ich dir mein Geheimnis vertrauen darf.« Er warf neue Holzbündel in die Flamme, daß sie prasselnd aufloderte, zog die erschrockene Walburg neben sich auf einen Moossitz und begann feierlich: »Ingo ist der Ahn genannt, von dem ich stamme, ein Held der Thüringe. Er war der Tochter seines Häuptlings lieb, die der Vater einem anderen gelobt hatte. Und als der Held seinen Feind auf der Kampfaue gefällt hatte, machten sie ihn friedlos, und er schweifte als fahrender Recke. Einst ritt er am Wasser dahin, sie sagen, es war der Idisbach, da sah er eine wilde Otter, welche gegen einen Schwan kämpfte. Er erlegte die Otter, und als er darauf unter dem Eschenbaum saß auf der Höhe, hob sich aus dem Schwanenkleid die Herrin des Baches, sang über ihm glückbringende Runen und begabte ihn mit einem Zauber, der ihm Sieg und Unsichtbarkeit gegen seine Feinde verlieh. Mit dem Zauber drang der Held bei Nacht in den Hof des Häuptlings und entführte die Jungfrau, welche er liebte. Er zimmerte sich über dem Bach der Göttin seinen Hof, dort hauste er gewaltig, die Männer des Tales dienten ihm, und keiner seiner Feinde vermochte ihm obzusiegen. Einst aber holte der kleine Sohn des Helden den Zauber aus der Truhe, hing ihn um und wandelte in den Wald. Da wurden die Feinde meines Ahnen mächtig und verbrannten ihn und die Hausgenossen mit dem Hofe. Nur der Knabe entrann. Von ihm stamme ich.«

[252] »Weißt du, Ingram, ob die Gabe in Wahrheit Glück brachte?« fragte Walburg.

»Wie darfst du zweifeln«, rief Ingram unwillig, »es ist geheime Kunde meines Geschlechtes, und ich selbst bewahre noch den Zauber, das Erbe meiner Ahnen.«

»Du trägst bei dir, was von Unholden stammt?« schrie Walburg angstvoll. »Laß mich's sehen, daß ich wisse, denn auch dies ist jetzt mein Recht.«

»Du stehst unter dem Kreuze«, versetzte Ingram besorgt, »und ich weiß nicht, ob du dem Zauber günstig bist und er dir. Doch will ich dir's heut nicht bergen.« Er riß das Kleid auf und wies eine kleine Tasche von abgestoßenem Fell, die an seinem Halse hing. »Dies Zeichen ist so echt und heilig als irgend etwas auf Erden; sieh her, du magst noch erkennen, daß es in Wahrheit vom Otterfell stammt. Mein Vater trug es zuweilen, und meine Mutter übergab es mir. Als ich nach den Kindern ritt, barg ich es im Gewande, und darum, fürchte ich, ward der Sorbe mein Herr. Nach der Heimkehr band ich es um.«

»Und an demselben Abend verlorst du den Frieden«, mahnte Walburg. »Ich verlor ihn«, versetzte Ingram düster, »vielleicht, daß der Zauber nicht den Frieden bewahrt, denn friedlos war auch mein Ahnherr, da er ihn empfing.«

Mit geheimem Grauen erkannte Walburg, daß der Mann, den sie liebte, unter der Macht unholder Gewalten stand. Die Flamme loderte und warf rote Funken umher, der zackige Stein leuchtete und blitzte, und unten in der Tiefe wirbelte der teuflische Wurm.

»Wer wärmt hier so frech sein Gebein?« rief eine wilde Stimme vom Eingang her, »den Rauch roch ich über den ganzen Berg.«

Aus dem Felsspalt trat schwerfällig in dunklem Kleide von Fellen eine riesige Gestalt, blutbespritzt war das Gesicht und Blut träufelte von den Armen, als der Unhold sich dem Feuer näherte. Walburg fuhr entsetzt in die Höhe. »Ich sehe zwei. Bist du unsinnig, Wolfsgenoß, da du dir ein Weib unter die Erde holst?«

»Du wähltest üble Stunde einzudringen, Bubbo«, entgegnete Ingram unwillig, »und dir steht Drohen schlecht an, wo du selbst die Hilfe anderer gebrauchst; denn ich sehe, hartem Kampf bist du entronnen.«

»Den Bär erlegte ich, mich packte die Bärin, und wir rollten zusammengeballt vom Felsen. Mein gutes Glück war, daß sie unten lag und für mich den Sturz bezahlte, ich schleppte mich mühsam hierher, wo ich dich zu finden hoffte«, versetzte Bubbo und setzte sich schwerfällig auf das Moos.

»Sieh zu, wo er wund ist, damit ich ihn verbinde«, mahnte Walburg, welcher die Not des anderen den Mut zurückgab, und sie trug den hilfreichen Korb heran.

[253] »Bist du's, Walburg?« murrte Bubbo. »Der Armknochen ist gebrochen, und der Leib voll Risse, schiene den Arm mit Rinde und sprich deinen Segen, wenn du es vermagst, denn ich fürchte, meine Braunen werden über diesen Sturz frohlocken.«

Während Ingram Wasser schöpfte und aus der Höhle eilte, um Baumrinde und Moos zu holen, bereitete Walburg den Verband. »Nimmer hätte ich gedacht, daß mein Schleier einmal an deinen Wunden haften würde, Bubbo«, sagte sie gutherzig.

»Es ist nicht zum erstenmal, daß du an mir bindest«, versetzte der Waldmann so höflich, als er vermochte. »Und wenn noch jemand unser Geheimnis teilen soll, so ist mir recht, daß du es bist, obgleich ich dich für ganz unklug halte, weil du aus dem Meierhofe unter diesen kalten Stein fährst.«

Als Ingram zurückkehrte, schiente Walburg mit seiner Hilfe den Arm und deckte die Fleischwunden.

»Vermagst du mir einen Trunk zu reichen, so wäre mir's lieb«, bat der Waldmann, »das Wasser dort unten ist rein und kalt.« Der Jungfrau grauste hinabzusteigen, sie hob eine Flasche aus dem Korbe und füllte einen kleinen Holzbecher. »Dies ist ein Trank, den Herr Winfried uns gelehrt hat, er ist heilsam gegen scharfen Schmerz. Er wird dich zuerst sorglos machen und darauf müde, und das ist jetzt für dich das beste.«

»Ich würde den Trank deines Bischofs rühmen, aber er schwindet wegen seiner Spärlichkeit auf dem Wege abwärts«, seufzte Bubbo, den Becher zurückgebend. »Doch leugne ich nicht, daß es besser ist, einen Trunk aus seinem Vorrat zu bekommen als einen Fluch.«

»Du kennst den Bischof?« rief Walburg. Ein langes Brummen war die Antwort. »Wie sollte ich ihn nicht kennen, da er sich selbst meiner rühmt. Denn im letzten Mond, als er mit Reisigen des Grafen über die Berge nach den Frankendörfern ritt, schlugen die Speerleute ihr Kreuz, da sie bei meinem Hofe vorbeikamen, doch er sprach: ›Hier halten wir an.‹« Bubbo lachte laut. »Die Reiter machten große Augen und redeten leise zu ihm, er aber versetzte: ›Hier wohnt mein Gastfreund.‹ Sie pochten lange am Tor«, fuhr er redselig fort, »obgleich ich auf der Innenseite stand. Als ich endlich öffnete, sprach der Bischof zu mir: ›Wir wollen dich nicht durch unser Einlager beschweren, nur um einen Trunk Wasser bitte ich dich und daß du mir sagst, ob ich dir in etwas nützen kann.‹ Als wir nun allein am Herde saßen, mahnte ich ihn an ein altes Versprechen, daß er mir wohl etwas von seiner Kunst mitteilen könnte. Und er sprach: ›Ich bin immer bereit, was begehrst du?‹ Ich sagte: ›Gold; ich will es finden oder gewinnen.‹ Er antwortete: ›Gut, ich will dir's weisen.‹ Und er holte aus seinem Ledersack Pergament in einem Holzkasten, was sie ein Buch nennen, und schlug es auf. Ich erstaunte mehr als jemals in meinem Leben, denn von Gold waren[254] die Runen, welche auf das weiße Leder geschrieben waren. Sie leuchteten mir in die Augen, daß ich erschrak, da sprach er: ›Du tust wohl, deine Mütze abzunehmen, denn die Worte, welche geschrieben stehen, sind heilig, und hier ist die Verkündigung, welche für dich gegeben ist.‹ Er wies mir die Stelle und deutete sie: ›Es war einmal ein Mann, so armselig, krank und verachtet, daß niemand mit ihm verkehren wollte, und gerade den trugen die Boten der Überirdischen in die Himmelsburg und setzten ihn auf den Ehrenplatz; den reichen und vornehmen Mann aber, der in Purpur wandelte, stießen sie hinab in das finstere Nachtreich.‹ Und der Bischof sprach: ›Merke wohl, im Christenhimmel ist den Armen, Verfolgten und Ausgestoßenen gutes Gemach bereitet, ob sie auch heimatlose Leute und Bärenführer sind, wenn sie ihre Sünden bereuen. Schwerer wird dem Reichen der Weg in den Himmelssaal als dem Armen. Darum, wenn es dir übel gedeiht bei deinen Bären, denke auf ein besseres Leben und komm zu mir, damit dir dort oben das Glück bereitet werde, das dir verkündet ist.‹ Gleich darauf ritt er davon, ich aber saß am Herde und merkte, daß er mir nicht übel geraten hatte. Denn auch ich begehre nach diesem Leben ein besseres Glück, als ich hier im Wintersturm bei meinen langlodigen Genossen hatte. Und mir fiel ein, wie ich dereinst im Frankenreich mehr als einen Siedler gesehen habe, der einsam bei seinem Kreuze um die Gunst des Himmelsherrn bittet. Wenn der Christengott auch dem schicksalslosen Waldmann einen Ehrensitz zuteilt, so möchte ich ihm wohl dienen, wie er's begehrt. Und diese Höhle, in der ich jetzt gezaust liege, könnte einmal meine Wohnung sein.«

Ingram lachte laut. »Du, Bubbo, willst unter den Christen beten?«

»Vielleicht tue ich's«, versetzte der Waldmann trotzig. »Ist die Christenlehre so mild gegen die Armen und Unfreien, dann mögen alle, die den Nacken hoch tragen, sich fortan wahren, denn alles arme Volk muß dem Bischof zufallen, und der Armen sind mehr als der Reichen.«

»Du aber weißt ein Schwert zu führen«, rief Ingram.

»Ich habe getötet mit jeder Waffe, Menschen und Tiere, wie mich die Not trieb«, versetzte der Riese finster, »was habe ich davon gehabt? Daß mich die Leute scheu anblicken, daß ich in Schnee und Wintersturm allein hause und daß kein Gott und kein Mann Sorge um mich trägt. Wer seit dreißig Sommern und Wintern in der Waldwüste mit den Raubtieren heult, der kümmert sich nicht mehr um die Menschengötter der Heiden. Graubärte hörte ich schwatzen, und fahrende Sänger hörte ich viel singen von der Götterhalle, zu der die Helden aufsteigen, aber daß dort jemand den Bärenfänger freundlich begrüße, habe ich niemals gehört. Du bist kaum einen grünen Sommer Wolfsgenosse und hast gelernt, am Opferstein zu [255] flehen und Gutes zu hoffen. Ich aber habe zuweilen neben der Felskluft gelauert, aus welcher der Uhu fliegt, wenn er sein Wu-hu schreit, damit die Männer im Tal ihre Köpfe bergen und das sausende Gottesheer erwarten, und ich habe dem Schreier den Kopf zerschlagen und die Fänge abgeschnitten, ohne daß sein Gott mich hinderte. Und ich sage euch, ich fürchte die Götter nur selten, und ihrem guten Willen vertraue ich gar nicht. Erbarmungslos sind die Gewaltigen des Waldes und immer feindlich dem Menschen, nur Leiden und Ungemach teilen die zu, welche im Sturme fahren und um die Baumwipfel schweben; was ich Gutes genossen habe, erwarb ich mir mühevoll selbst.«

Ein Dröhnen unterbrach seine Rede, so gewaltig, daß der Felsen bebte; Ingram und Walburg fuhren empor, Bubbo lauschte, dann lachte er: »Ein Baum stürzte; der Wurm und der Moder haben ihm das Holz zerfressen. Meint ihr, das ist eine Mahnung der Menschengötter? Es stürzen ihrer viele, wo sie niemand hört.« Und er fuhr fort: »Ich scheue den Bären, wenn ich ohne Waffen bin, ich scheue die giftige Schlange, ich fürchte die tückischen Elbe, wenn sie in meine Glieder fahren und mich kraftlos machen, und ich fürchte zuweilen den Biß der Kälte und den Strahl aus den Wolken. Im übrigen weiß ich, daß die Überirdischen nur gegeneinander wüten in grimmigem Kampfe. Darum denke ich, daß in den goldenen Buchstaben des Bischofs ein Geheimnis liegt, welches mir wohl helfen kann aus dieser Waldöde. Und in kurzem werde ich es sicher erkennen.«

»Gehe zu ihm, Bubbo«, rief Walburg, »damit du seine Lehre noch einmal hörst.«

»Gerade das will ich nicht tun«, versetzte Bubbo schlau, »es könnte mir jetzt auch übel bekommen. Eine bessere Prüfung weiß ich. Wenn der Christengott stark genug ist, seinen Häuptling selbst vor der Gefahr zu schützen, so mag dereinst wohl auch mir Gutes geschehen. Darum hänge ich mein Schicksal an das Schicksal des Bischofs. Gerade in dieser Stunde ziehen, wie ich meine, seine Feinde gegen ihn. Würgen sie ihn, dann ist der Christengott auch nicht stärker als die anderen, und ich jage meine Braunen, bis mich wieder einmal einer umarmt wie heut. Wird aber mein Gastfreund seiner Feinde mächtig, dann werde ich ein Mann seines Gottes.«

Der Jungfrau preßte die Angst das Herz zusammen, sie mühte sich, ruhig zu sagen: »Wunderlich ist deine Hoffnung, wie soll dem Herrn Winfried nahe Gefahr drohen, das Land ist im Frieden, und die Reiter des Grafen umgeben ihn.«

Bubbo lächelte finster. »Da ihr Wolfskinder seid wie ich, so mögt ihr's hören. Vielleicht kommt der Ratiz über ihn.«

Ingram fuhr auf. »Woher willst du das wissen?«

»Die Blätter im Walde haben mir's erzählt, und die Krähen haben [256] mir's zugetragen«, versetzte Bubbo. »Ich war bei Ratiz, kurz nach deinem Ausbruch; wie ein toller Kater fuhr er zwischen den verbrannten Hütten umher. Und zuerst fand ich so üblen Empfang, daß ich um den Rückweg sorgte. Schnell aber änderte er die Miene und bot mir Frankengeld, wenn ich einem Reiter in meiner Hütte heimlichen Unterschlupf geben wollte und selbst nach der Werra gehen, um dort eine Botschaft seiner Gesandten zu empfangen, sobald diese vom Frankenherrn zurückkehrten. Denn nur langsam vermögen sie im Geleit durch das Land der Thüringe zu ziehen und werden überall verweilt. Ich tat nach seinem Willen, nahm den Läufer mit mir in den Hof und ritt westwärts zur Werra, auf die Gesandten zu harren. Diese gaben mir mit trüben Mienen ein Zeichen für den Läufer und drängten mich, heimzureiten. Als ich das Zeichen dem Läufer gab, sprang dieser zur Stelle aufs Pferd und fuhr wie vom Winde getrieben nach der Richtung des Sorbenbachs zu.«

»Von deinem Hofe zum Dorf des Sorben vermag kein Reiter in gerader Richtung zu sprengen, denn pfadlos ist die Gegend nach Osten«, rief Ingram.

»Über den Rennweg ritt er, du Narr. Ist der hohe Pfad auf den Bergen noch den Thüringen heilig und euren Rossen verboten, warum sollte er es den Sorben sein? Den Fremden graut vor anderen Göttern, und sie fragen wenig nach den euren, wenn sie auf Raub sinnen. Darum sage ich, der Ratiz will in die Täler der Thüringe einbrechen, bevor sie das Volksheer gegen ihn führen. Fängt er den Bischof, so zwingt er die Franken zu vielem. Vielleicht weiß er auch einen Hof, an dem er gern sein gebranntes Lager rächen würde. Denn damit drohte der Bote in meiner Hütte.«

Ingram tat schweigend seine Waffen um.»Wann ritt der Sorbenläufer zum Lager des Ratiz?«

»Heut ist der vierte Tag«, versetzte Bubbo in schläfrigem Behagen. »Was greifst du nach dem Speer, du Tor? Dich haben sie hinausgeworfen, und wenn du heimkehrst, mag dich jeder erschlagen.«

Ingram antwortete nicht, sondern gab Walburg einen Wink, ihm zu folgen. »Treuloser Wicht«, rief Bubbo, sich mühsam erhebend, »willst du deinen Genossen in der Not verlassen?« Walburg setzte die Flasche und den Speisevorrat an das Lager. »Hier magst du dauern, bis wir wiederkehren«, rief sie, »und wenn du Gutes für deine Zukunft hoffst, so versuche zum Christengott zu beten, daß er dir die Lose verzeihe, die du über den Bischof geworfen hast.«

[257]
Unter der Glocke

Als die Friedlosen aus dem Felsspalt in die freie Luft traten, war die Sonne gesunken, und dämmeriges Mondlicht lag über dem Laube. Eilig brach Ingram durch das dichte Gebüsch, und die Jungfrau hatte Mühe, ihm zu folgen. Endlich erreichten sie den Rand des Gehölzes, das offene Land lag vor ihnen, und über ihren Häuptern breitete sich der Nachthimmel. Walburg merkte, daß ihr Gefährte das Haupt hoch trug und daß seine Rede gebietend klang, wie dem Krieger geziemte. »Das Holz entlang läuft ostwärts der Weg nach dem Rabenhofe, dorthin gehen wir, denn in der Heimat finde ich meine Feinde und die Rache.«

»Vertraue mir, was du sinnst.«

»Die Schmach der Weiden will ich tilgen, das Blut des Ratiz begehre ich«, versetzte er finster. »Anders als du meintest, Walburg, soll mein Geschick sich erfüllen. Du wolltest mir in treuem Herzen friedliche Heimkehr bereiten; aber die Unsichtbaren widerstreben. Was der wunde Mann in der Höhle sprach, wird ein Fremder als verwirrte Rede deuten oder doch nur als unsicheren Argwohn, ich aber weiß, daß jedes Wort Wahrheit ist; ich kenne den Sorben, ich sah sein Lager brennen, ich denke, daß er einen Racheschwur gegen mich getan hat, wie ich gegen ihn. Ich weiß«, rief er mit wilder Gebärde, »daß die Sorben jetzt die Brände tragen, um die Dächer meines Hofes zu sengen. Wann ritt der Weißbart aus dem Meierhofe heimwärts?«

»Gestern um Mittag.«

Ingram nickte. »Dann sind die Gesandten jenseit der Saale in Sicherheit, und der Sorbe hat Freiheit, zu tun, was ihn gelüstet.« Er schritt wieder rasch vorwärts und sprach: »Ich erkenne die Sorben deutlich vor mir.« Die Jungfrau drängte sich an ihn. »Nicht hier«, bedeutete er, »weit von uns auf dem Rennwege rasten sie. Den Ratiz sehe ich liegen und meinen Raben mit der Beinfessel des Bösewichts, den Helden Miros erkenne ich und alle Gesellen der Halle. Am heiligen Walde lagern sie, nahe dem Gipfel, welcher den Opferstein des Donnerers trägt, denn dort ist eine gute Bergestelle für die Reisekost, die sie zur Rückfahrt brauchen, und sie haben die Kost unter den Steinen niedergelegt. Ihre Feuer sind niedrig, damit kein Schein sie verrate, und über ihnen ragen die Eichen. Der Sorbe hat nur einen Teil seines Volkes mitgebracht, schwerlich mehr als hundert der flüchtigsten Rosse, denn den ganzen Schwarm wagt er nicht über die Berge zu führen, und er weiß, nur schnelle Reiterfahrt kann ihm frommen. Er gedenkt zum Morgengrauen auf dem heiligen Wege an unser Dorf zu drin gen, denn in finsterer Nacht vermag er nicht mit reisigem Volk durch die fremde Wildnis zu fahren, und auch der Mond wird ihm nach Mitternacht fehlen.

[258] Das alles sehe ich deutlich, Mädchen, und niemanden vermag ich zu rufen, und keiner wird meinen Worten glauben.«

»Ich aber will für dich sprechen, damit wir andere retten«, versetzte Walburg.

»Sorgst du um die Priester?« fragte Ingram hart.

»Könntest du mich ehren, wenn ich's nicht täte?« fragte Walburg. »Meine Brüder schlafen unter ihrem Dach.«

Sie hörten Hundegebell. »Dort liegt der Herrenhof des Asulf«, mahnte Walburg und wies auf die Dächer, welche wenige Bogenschüsse vom Wege im Mondlicht glänzten.

»Wahrlich, all mein Trachten ist ins Üble verwandelt«, rief Ingram. »Ehedem sprangen meine Gedanken mit Rosseshufen, rund und hart war mein Wille, jetzt aber laufe ich niedrig auf Eberfüßen, denn zwiespältig teilt sich Liebe und Haß; viele, die ich hasse, muß ich beachten wie Freunde, und die mir Leid zufügten, warne ich vor Gefahr. Jämmerlich dünkt mir solche Teilung. Wandelt der neue Gott unsere Hufe in Klauen, dann mögen die Krieger bald zu Weibern werden.«

Dennoch schritt er dem Hofe zu, unter wütendem Hundegebell schlug er an das Tor und rief dreimal den Schlachtruf der Thüringe in den Hof. Die rauhe Stimme des Wächters fragte von innen: »Wer schlägt so wild und schreit im Frieden der Nacht den Kampf aus?«

Ingram rief entgegen: »Die Sorben reiten in den Bergen. Wecke deinen Herrn, daß er sich eile, wenn er den Bischof retten will.«

»Sage zuvor, wer so rauhes Nachtlied singt.« Da antwortete die Jungfrau: »Die Walburg ist's, die in dem Hofe des Bischofs war«, und schnell eilten sie davon, bevor der Wächter nach den Nachtgestalten aussah.

Dasselbe riefen sie in alle Höfe, die an ihrem Wege lagen, und als sie vor das Heimatdorf kamen, mahnte Ingram den schlafenden Wächter in der Torhütte ebenso. Es war nach Mitternacht, als sie über das Dorf hinaufkamen; die letzten Strahlen des niedersteigenden Mondes fielen auf die neuen Gebäude des Meierhofes, der Hof Ingrams lag dunkel im Schatten der Bäume. Wo der Weg sich von der Dorfstraße trennte, hielt Ingram an: »Dort liegt der Hof meiner Väter, und dort hausen deine Brüder und die Priester. Vielleicht nehmen sie dich wieder bei sich auf, obgleich du den Frieden verloren hast. Wähle, Walburg.«

»Ich habe dich gewählt«, antwortete Walburg, »du aber gedenke der Knaben.«

Ingram bewegte zufrieden das Haupt und wandte sich dem Meierhofe zu. »Wo ist das Schlafhaus der Priester?« Walburg führte ihn vor die neue Halle. »Wahre dich«, flüsterte sie, »die Reisigen des Grafen liegen im Hofe.« Aber Ingram achtete nicht [259] darauf. Er pochte an den Laden. »Ist der Jüngling hier, den sie Gottfried nennen, so möge er hören.«

Drinnen regte sich's. »Ist es deine Stimme, Ingram, die mich ruft? Ich höre, mein Reisegeselle.«

»Wolfsgenoß heiße ich«, rief Ingram zurück, »und dein Reisegeselle will ich nicht sein, sondern dein Feind. Du aber hast deine Hände den Weiden geboten, damit ein anderer frei werde. Darum bringe ich dir von ihm, der im wilden Steine haust, eine Warnung. Durch den Wald schallt es, daß der Ratiz über die Berge reitet, um den Bischof zu fangen und euch auszutilgen. Siehe zu, ob du dein Haupt und andere, die dir lieb sind, zu retten vermagst, denn nahe ist euch das Verderben.«

Die Tür öffnete sich, Winfried trat auf die Schwelle. Der Speer in Ingrams Hand zuckte, aber er wendete sein Gesicht ab, als der Bischof sprach: »Die Warnung kündet, was Sorge macht, doch meldet sie zu wenig, um andere zu retten. Sahst du oder ein anderer den Anzug der Sorben?«

»Nur ihr Anschlag wurde verraten«, rief Ingram zu rück.

»Und wann erwartest du den Einbruch?«

»Vielleicht heut zum Frühlicht, vielleicht erst in den nächsten Tagen.«

»Heut ist der Tag des Herrn, im Frühlicht sammelt der Himmelsgott die Getreuen bei seinem Heiligtum, dort wird er die Flehenden gnädig beschirmen. Auch dem Friedlosen ist die Freistätte bereitet, suchst du Frieden, so tritt ein.«

»Deinen Frieden begehre ich nicht«, rief Ingram über die Achsel zurück, »Wolf und Wölfin springen abwärts von deinem Pferch.« Er entwich mit schnellen Schritten, gleich darauf sah Winfried zwei Schatten über den Weg gleiten und in der Richtung des Rabenhofes verschwinden.

Ingram öffnete eine schmale Pforte, welche von außen unkennbar durch das Pfahlwerk seines Hofzauns führte, und half der Jungfrau über Graben und Zaun in den Rabenhof. »Unrühmlich ist solcher Eintritt der Braut in den Hof des Verlobten«, murmelte er zornig, »meine eigenen Rüden fallen mich an«, aber im nächsten Augenblick umsprangen ihn die Hunde mit freudigem Gebell. »Schweigt, ihr Wilden, allzu deutlich schallt euer Willkommen in das Tal.« Er pochte an den Stall, in welchem die Kammer Wolframs war.

»Ich verstehe den Gruß der Hunde und den Schlag der Herrenhand«, rief eine fröhliche Stimme, und Wolfram trat heraus. Unter der Linde standen die drei in eiliger Beratung. »Darum also lachte der schurkische Weißbart, als ich ihm das Tuch gab«, rief der erstaunte Wolfram, »und darum fuhr er mit den Blicken so freundlich über unsere Dächer. Ist alles wie du sagst, Herr, so drohen die [260] Sorben heut oder in den nächsten Tagen. Noch sind sie nicht da, und wir vermögen auf die Verteidigung des Hofes zu denken.«

»Das Dach des Gebannten ist preisgegeben«, versetzte Ingram, »die Speere der Landgenossen werden es nicht schützen, auch wenn sie vermöchten. Was aber immer dem Hofe geschehe, dennoch denke ich den Pferdedieben ihre Freude zu verderben. Haben sie auch den Raben, das übrige edle Blut meines Stalles will ich ihnen nimmermehr hinterlassen, die Zucht der Mähren, welche seit meinen Ahnen berühmt war, soll gerettet werden und ebenso die Sorbenbeute, die ich am Herde bewahre. Ich sattle hier, was ich bedarf; mit der ledigen Koppel und der Kampfbeute jage du talab zum Hirschwald und birg sie dort in der Schlucht, wo unser Versteck ist.«

Wolfram wies auf Walburg. »Du sprichst gut. Doch die Jungfrau weiß recht wohl mit den Pferden Bescheid, leicht weise ich ihr den Weg nach der Tiefe, denn ungern weiche ich in diesen Stunden von dir.«

»Ich bleibe, Ingram«, bat Walburg, »wo ich dir nahe bin.«

»Dann muß ich den Nachtritt tun«, schloß Wolfram unzufrieden. »Doch kenne ich einen, der sich nicht in der Tiefe duckt. Auf dem Wege schlage ich an den Herrenhof des Albold und lade ihn zur Sorbenjagd.«

Hastig regten sich die Hände, nach kurzer Zeit stob Wolfram mit den Rossen talab. Bevor er schied, sagte er zu Walburg: »Dir binde ich unseren Falben an das Tor, wenn du ihn brauchst; er gebührt dir, denn er stammt aus der Zucht deines Vaters.«

Ingram trat, sein Roß am Zügel führend, zu der Jungfrau und faßte sie an der Hand. »Komm aus dem Hofe in das Sternenlicht. Ich stehe hier, um die letzte Wache zu halten vor dem Hofe meiner Ahnen, und ich fürchte, keiner von den Göttern und keiner von allen Menschen sorgt um den Ausgestoßenen. Wenn hier Speere geworfen werden, so weiß ich nicht, ob mich zuerst eine Waffe meiner alten Kampfgenossen trifft oder der Fremden. Preisgegeben bin ich dem Eisen und preisgegeben ist mein Hof den Bränden, freundlos und ohne Gesellen stehe ich auf der Männererde vor meinem letzten Kampf. Denn hier denke ich den Sorben zu erwarten. Du aber sage, wenn später noch jemand nach mir fragt, daß ich nicht unmännlich auf die letzte Wunde geharrt habe. Nur um dich fühle ich heißen Schmerz, du hast um meinetwillen den Frieden verloren, verachtet bist du wie ich und allein. Und meine schwere Sorge ist, daß du nicht wieder in die Hände der Sorben fällst. Darum beachte meine Bitte, bleibe bei mir, solange die Nacht uns deckt, damit ich eine Menschenhand halte; und wenn das graue Licht auf die Wege fällt, so reite abwärts bis zu meinem alten Gesellen Bruno, er ist ein ehrlicher Mann, und wenn du ihm meinen letzten Gruß bringst, so wird er um meinetwillen für dich sorgen. Bin ich erst [261] dahingeschwunden, dann werden sie auch im Volke dich wieder ehren.« Er hielt ihre Hand fest, und die Trauernde fühlte den bebenden Druck.

»Du gedenkst zu sterben, Ingram, wie ein Hoffnungsloser; ich aber will, daß du leben sollst, und mein ganzes Glück hoffe ich von den Tagen deiner Zukunft. Darum bin ich zu dir in den Wald gekommen, und darum mahne ich dich jetzt, wenn ich gleich nur ein Weib bin. Anderes erwarte ich von dir, als daß du hier, auf die Speere harrend, am leeren Hofe die Wache hältst. Haben deine Landgenossen auch hart an dir gehandelt, dennoch leben viele in der Nähe und weiter unten im Tale, deren Wohl auch dir am Herzen liegt. Du bist hochsinnig und darfst nicht tatlos weilen, bis sie von den Räubern überrascht werden. Niemand kennt den Wald wie du, und niemand ist zur Stelle, nach den Feinden auszuspähen. darum flehe ich, Held, daß du vor den anderen selbst prüfest, ob dich die Ahnung betrogen hat. Kündest du, wo die Feinde nahen, so mögen Waffenlose sich retten und die Krieger den Feind leichter abwehren.«

»Du sendest mich in der Notstunde von dir?« fragte Ingram düster. »Willst du dich zu den Christen flüchten? Sie selbst sind schutzlos wie du.«

»Du sprichst hart, und deine Worte tun mir weh«, rief Walburg. »Nicht um mich sorge ich. Aber deinetwegen denke ich der heiligen Lehre; haben andere Übles an dir getan, dir geziemt es, gut an ihnen zu handeln.«

»Du sagst es«, versetzte Ingram. »Die zu mir in den wilden Wald gekommen ist, soll nicht umsonst fordern, daß ich dahin zurückgehe, lebe wohl, Walburg, ich reite.«

Aber Walburg hielt ihn fest. »Noch nicht, Geliebter. Da du gehen willst, graut mir davor, daß ich selbst dich in die Gefahr sende. Du darfst nicht reiten, wenn du kämpfen willst, denn warnen sollst du, damit andere sich retten. Hier weile ich, an deiner Statt halte ich die Wache am leeren Hofe, bis du zu mir kehrst. Daran denke. Willst du aber den Sorben dort im Kampfe bestehen, so halte ich flehend deinen Leib fest, damit du mir nicht im Walde vergehest.« Sie umschlang ihn leidenschaftlich mit ihren Armen, Ingram küßte sie auf das Haupt. »Sei ruhig, Mädchen, wenn ich nicht will, umstellen mich die Sorben schwerlich, und ich will zurückkehren und die Botschaft bringen dir und deinen Freunden. Entlaß mich, Geliebte; denn der Morgen ist nahe.« Er drückte sie noch einmal an sich, sprang auf das Roß und trabte dem Walde zu.

Walburg stand allein. Sie war gewöhnt, die Männer, um welche sie sorgte, in Gefahr zu wissen, heut aber rang sie hilflos die Hände in der Angst um alle, die ihr lieb waren. Neben ihr der Hof, unheimlich wie eine Behausung der Toten, vor ihr ein schwarzer Rand [262] des Gehölzes, in welchem die Mörder lauerten, und sie selbst allein unter dem Nachthimmel, auf den Augenblick der Flucht harrend. Sie griff in die Mähne des Pferdes, um sich daran festzuhalten, und sah hinüber nach dem Meierhofe, von dem sie freiwillig sich ausgeschlossen hatte. Dort bewegten sich Lichter, die Menschen waren wach und eilten ab und zu, als ob sie zum Ausbruch rüsteten. Das Tor wurde geöffnet, und Reiter fuhren in schnellem Lauf abwärts, sie wußte, daß es die Reisigen waren, welche der Bischof mit Botschaft in das Land sandte. Und immer wieder flogen ihre Gedanken dem Krieger zu, den sie selbst dem rachsüchtigen Feinde entgegengesandt hatte. So stand sie, die Hände am Halse des Rosses gefaltet, und ihr Blick irrte zwischen dem Walde und Hofe und hinauf zu den Sternen, deren Licht schwach und bleich wurde im ersten Grau des nahenden Tages.

Da erhob sich in der Stille des Morgens ein heller Klang, der noch niemals im Lande vernommen war. Langsam und feierlich tönten die Schläge wie vom ehernen Heerschild eines Gottes, mahnend, drohend, klagend weithin durch die Luft. Der Ruf klang in die Täler, in denen Menschen wohnten, und über das Schattendach des wilden Waldes. Die flüchtigen Frauen, welche das Vieh abwärts trieben, und die Krieger, welche sich zum Kampfe rüsteten, standen still und sahen erschrocken nach dem Himmel und auf die Wipfel der Bäume, als müßte der Klang einen Gegenruf erwecken. Aber kein rollender Donner und kein heulender Sturmruf antwortete, der Himmel wölbte sich wolkenlos und rötete sich fröhlich, im Osten die aufsteigende Sonne zu begrüßen. Die Singvögel im Gebüsch hielten inne mit ihrem Morgengeschrei und flatterten auf den Zweigen, die Raben, welche um die hohen Tannen schwebten, rauschten empor, krächzten lauten Warnungsruf für ihre Genossen und flogen dem finsteren Walde zu. »Seht, wie die Raben des alten Gottes entweichen«, schrien die Dorfleute. – Oben im Bergwald ritten wilde Heergesellen vom Rennwege in die Waldgründe herab, um Brand und Tod in die Täler der Thüringe zu tragen; auch diese hielten erstaunt an. Ihr Häuptling fuhr nach der Höhe zurück, ihn umdrängten seine Krieger, sie suchten eine lichte Stelle zur Ausschau über das Land, aber sie vermochten nichts zu erblicken; nur der geheimnisvolle Klang zitterte aus der Ferne unablässig um ihr Ohr wie zur Verkündigung, daß ein unsichtbarer Feind ihnen Verderben drohe. Sie wußten nicht zu deuten, woher der tönende Schrei kam, drang er aus der Erde, schwebte er aus den Wolken, war er die Stimme des Christengottes, welcher seine Getreuen vor den lauernden Feinden warnte? Leise raunten sie zueinander, und dem Mutigsten wurde das Herz schwer.

Unten aber im Lande, soweit die rufende Stimme in der Morgenluft schwebte, ergriffen die Männer ihre Waffen, hüllten sich in [263] das Kriegsgewand und eilten auf allen Pfaden der Stelle zu, von welcher die Mahnung in ihr Ohr schlug. Nicht die Christen allein, auch die Heiden kamen aus den Höfen, denen der Friedlose und die Speerreiter des Grafen Botschaft zugerufen hatten.

Auf dem Turmgerüst, das die Christen an der Halle des Bischofs erbaut hatten, schwang sich die Glocke und sang der Jungfrau am Heidenhofe mit heller Stimme: »Komm herzu!« Walburg lauschte mit gefalteten Händen dem neuen Klang ihres Glaubens, sie dachte betend, ob auch der Späher, der jetzt im Waldesdunkel ritt, die Mahnung ehrfürchtig vernehmen werde. Als sie aufblickte, erkannte sie in der Morgendämmerung die Haufen der heranziehenden Landgenossen, sie sah über dem Nebel, der auf dem Dorfanger lag, Banner der Häuptlinge, Getümmel der Reiter und die Züge bewaffneter Landleute, welche zu dem Meierhofe heraufstiegen und den großen Bohlenverschlag, den geweihten Raum für den Gottesdienst, umstanden. Und sie vernahm von drüben aus dem Heiligtum unter den Klängen der Glocke den Morgengesang der Priester, der Frauen und Kinder des Hofes. Da gedachte sie, daß jetzt ihre Brüder singend am Altar standen und daß auch sie durch ihr Gelübde dem Himmelsgott gebunden war und in die Gemeinde der Christen gehen müsse. Sie sah noch einmal in den leeren Hof zurück, nahm das Roß am Zügel und schritt, wohin sie geladen wurde. Das Roß band sie an einen der Holzhaken, welche auf der Außenseite des Bohlenzaunes angebracht waren, sie selbst trat in den geweihten Raum und kniete nieder ganz hinten bei den Frauen. Vor dem Altar stand Winfried im bischöflichen Gewande und versah das hohe Amt, siegreich und machtvoll tönte seine Stimme unter dem Klang der Glocke, welche noch immer die Treuen lud und die Feinde warnte.

Unterdes wand sich Ingram vorsichtig durch die Waldesnacht aufwärts. Nur auf dem heiligen Wege, der zu den Opfersteinen der Höhle führte, vermochte ein fremder Reitertrupp, wenn der Morgen kam, den Abstieg in die Täler zu wagen. Oft horchte der Einsame und sah ungeduldig auf den schmalen Streifen des Nachthimmels, der über ihm sichtbar war. Als der erste Tagesschimmer über die Wipfel flog und graue Dämmerung auf den rauhen Pfad senkte, hörte auch er den fernen Hall der Glocke und hielt staunend an. Er hatte den Gruß des Christengottes schon früher einmal unter den Franken vernommen, heut empfand er eine wilde Freude, daß der fremde Menschengebieter die Volksgenossen zur rechten Zeit aufweckte. Um sich herum merkte er nur die Nachtlaute des Waldes, dennoch wußte er, daß die Sorben nahe waren, denn untilgbar malte ihm sein heißer Haß die Gestalt des Sorbenhäuptlings vor, den falschen Blick und das höhnende Lachen. Da, ganz nahe dem Rennwege, wo der steile Abstieg von der Höhe wegsamer in dem[264] Grunde läuft, hörte er klirrende Waffen und stolpernde Hufe und erkannte den Vortrab der Sorben; unter den ersten den Ratiz auf schwarzem Hengste. Als Ingram seinen Todfeind auf dem Raben heranreiten sah, stieg ihm das Blut in das Haupt, und in wildem Grimm rief er, alle Vorsicht vergessend, sein Roß mit dem Namen an und riß sein eigenes Pferd zur Flucht herum. Der Kriegsschrei der Sorben gellte durch den Wald, als sie sich entdeckt fanden und ihren Feind vor sich erkannten, und eine tolle Jagd zwischen den Bäumen begann. Ingram aber, der des Weges besser kundig war, kam weit voraus; nur das edle Roß des Ratiz, durch den Ruf seines alten Herrn und die Nähe des Stallgenossen gemahnt, trug den Häuptling in großen Sprüngen hinter Ingram her, voraus allen Sorbenkriegern. So ging die Hetze talab aus dem Urwald und längs der Wagengeleise des lichten Gehölzes bis an den Waldesrand in die Nähe der Höfe. Hier hob sich Ingram im Sattel und schrie den Schlachtruf über die Lichtung.

Der Schrei unterbrach das Amt des Priesters, die ausgestellten Wachen wiederholten den Ruf, die Männer schwangen sich aus dem Holzring und suchten ihre Rosse, die Weiber und Kinder drängten sich um den Altar, vor welchem der Bischof stand, das Kreuz hoch emporhaltend. Als Ingram freien Raum vor sich sah und den Racheschrei des Sorben hinter sich hörte, trieb er sein Roß zu einer Wendung und warf, da Ratiz heranfuhr, seinen Speer gegen den Feind. Aber der Schild des Sorben fing die Waffe, und während Ingram sein Pferd herumriß, flog der Speer des Ratiz in die Hüfte des Tieres. Hoch schlug es aus, sank und schleuderte seinen Reiter an dem Bohlenzaun der Gemeinde zu Boden, daß er hilflos dalag.

Aus dem Holzring gellte der Angstschrei eines Weibes. Gottfried kannte wohl die Stimme, derselbe Schrei hatte ihm schon einmal wie mit Messern in das Herz geschnitten. Der Jüngling warf noch einen strahlenden Blick auf Walburg, warf sich behend über die Brüstung und eilte zu dem Friedlosen. Ratiz, welcher mit seiner Streitkeule den Anlauf bewaffneter Landleute abgewehrt hatte, stürmte heran und schwang die tödliche Waffe gegen den liegenden Ingram. Da hob sich vor diesem Gottfried mit ausgebreiteten Armen. Die Keule sauste und traf das Haupt des Mönches, lautlos sank er neben Ingram auf den Boden. In diesem Augenblick der Not riß Meginhard am Glockenseil, und über dem Haupte des Sorben dröhnte aufs neue der Kriegsruf des Christengottes in starken hämmernden Schlägen. Der Wilde starrte um sich und trieb sein Pferd zurück.

Von allen Seiten hob sich das Kampfgeschrei, aus dem Holz brachen die Sorbenkrieger hervor, um den Taufring sammelten sich die Thüringe und ritten ihnen entgegen, in wirrem Getümmel trieben Freund und Feind auf der abwärts geneigten Fläche umher. Als Ingram sich erhob, sah er vor sich das blutende Haupt Gottfrieds [265] und gegenüber eine Rauchsäule, welche aus seinem Hofe aufstieg. Einen Augenblick beugte er sich über den Liegenden, dann packte er die Wurfkeule des Sorben, sprang auf ein lediges Pferd, welches zur Seite angepflöckt stand, und warf sich wieder in das Getümmel. Zwischen den Linnenpanzern der Sorbenkrieger und den grauen Eisenröcken der Thüringe fuhr er wie toll dahin, den Flügel des weißen Adlers suchend, welcher über der Kappe des Häuptlings ragte. Undeutlich merkte er, daß Miros beim Banner der Sorben seine Krieger zu sammeln suchte, daß Wolfram mit dem Haufen des Häuptlings Albold gegen den Miros anritt und daß die Sorben allmählich nach dem Walde zurückgedrängt wurden. Endlich erkannte er den Häuptling, der sich den Verfolgern durch die Wendungen seines Pferdes zu entziehen wußte und nach dem Holze strebte. Ingram fuhr in gestrecktem Lauf durch die Thüringe seinem Feinde zu, indem er mit Ruf und Handbewegung seine Landsleute zwischen den Häuptling und die Sorbenschar trieb. Ratiz sah das glühende Auge und das flatternde Haar des grimmigen Gegners vor sich, in seiner Hand die geschwungene Keule, und er hörte über sich die dröhnende Stimme des Christengottes; da stieß er einen Fluch aus und sprengte in den Wald, Ingram folgte ihm. Bald jagte dieser allein hinter dem Häuptling über Baumwurzeln, Wasserrinnen und Steinblöcke den schmalen Grund hinauf, der zum Rennweg führte. Mehr als einmal versuchte der Sorbe die Wendung, um seinen Gegner mit dem Krummsäbel anzufallen, aber nirgend bot der Pfad festen Anritt, und immer noch tönte über ihm der unheimliche Schlachtgesang in den Lüften. In der wütenden Jagd zuckte durch die Seele Ingrams wie Wetterschein die Freude, daß der Rabe so trefflich lief, und er merkte erstaunt, daß auch er wieder auf einem guten Roß seines eigenen Stalles saß, welches von dem Raben nicht lassen wollte, obgleich es ihm näher zu kommen nicht vermochte. Er stieß einen scharfen zischenden Ruf aus, und der Rabe hielt an und bäumte. Wütend trieb und peitschte der Sorbe, und stöhnend gehorchte das edle Roß seinem Reiter, aber der Verfolger flog näher heran. Zum zweitenmal schrie Ingram, zum zweitenmal bäumte das Roß des Sorben, noch einmal gelang es diesem, das blutende und schäumende Tier vorwärtszutreiben. Als aber zum drittenmal der Rabe sich steil erhob, seinen Reiter zu werfen, glitt der Sorbe herab, und schnell wie der Blitz fuhr sein Stahl in den Leib des Rosses. Laut schrie Ingram, und ein höhnendes Lachen antwortete, der Sorbe sprang der steilen Höhe zu. Im nächsten Augenblick flog die Keule, und Ratiz sank zu Boden.

Ingram warf sich vom Rosse, ergriff die Waffe, und ein zweiter Schlag traf den Liegenden, der solcher Nachhilfe nicht mehr bedurfte. Der Sieger löste dem Toten das Krummschwert von der Seite und riß die Adlerfedern von der zerschlagenen Helmkappe. Dann[266] warf er sich zu Boden und umfing den Hals des Raben, der ihn sterbend mit treuen Augen ansah.

Als Ingram sich erhob, warf er noch einen wilden Blick auf seinen Feind, der, obgleich erschlagen, doch dalag wie ein Herr der Männererde, die Faust geballt, die Glieder im Sprunge zusammengezogen; und er sah noch einmal über das tote Tier, welches einst die Glieder so edel bewegt hatte und jetzt nichts war als ein unförmliches Stück Erde. Dann fing er sein Roß und ritt langsam der Heimat zu. Der scharfe Grimm, welcher ihn seither wild umhergetrieben hatte, war plötzlich geschwunden, und er gedachte ganz ruhig seiner Fahrt zu den Sorben wie einer alten Sage. Da vernahm er um sich ein leises Tönen und Worte einer sanften Stimme: »Ich bin ein Krieger, du merkst es nur nicht«, und vor ihm erschien das Antlitz des Jünglings, wie dieser einst traurig von ihm geschieden war mit den Worten: »Du armer Mann.« Immerfort klangen dem Reiter diese Worte in der Seele, und dabei rannen ihm heiße Tränen aus den Augen, immerfort tönte von weitem mahnend und klagend die Glocke des Christengottes. Jetzt wurde ihm, der von der Rachefahrt zurückkehrte, alles Geheimnis des neuen Glaubens in dem leisen Klange offenbart. Als ein Held des Christengottes hatte der Jüngling sein Leben hingegeben für einen, der nicht sein Freund war; und ebenso hatte sich der große Häuptling der Christenheit dem Tode geopfert, um dem friedlosen Volk der Erde ein seliges Leben in der Himmelsburg zu bereiten. Und Ingram hörte aus dem Sang der Glocke die Stimme des Toten, welcher ihn rief: »Komm auch du.« Da spornte er sein Roß, denn er merkte, jetzt lud der Gott auch ihn, weil er ihn durch den Tod seines Kriegers geworben hatte. – In der Nähe hallte das Kriegsgeschrei der verfolgenden Thüringe, Ingram aber sah zu dem Morgenlicht auf, welches die Spitzen der Bäume vergoldete, und ritt nach der Stätte, von welcher die Ladung hell und heller in seine Seele schlug.

Auf den Stufen des Altars saß Winfried, das verhüllte Haupt des toten Mönches in seinem Schoß, nur seine Lippen bewegten sich leise. Um ihn knieten die schluchzenden Christenfrauen, dahinter standen mit gesenktem Haupt die Krieger, welche zur Wache des Heiligtums zurückgeblieben waren.

Da trabte ein Reiter an den Holzring, eine der Frauen erhob sich aus dem Kreise der Knienden und schritt zum Eingang. Gleich darauf trat ein Mann in den Raum, schwertlos, die Aufregung des Kampfes im Antlitz. Alle wandten die Blicke von ihm und wichen scheu aus seinem Wege, er aber achtete nicht darauf, schritt zum Altar und setzte sich zu Füßen des Toten auf die Stufen unweit des Bischofs, so daß der Leib des Jünglings zwischen beiden lag. Der Bischof regte sich, als der Mann, der ihm feind war und für den der Jüngling sich dem Tode preisgegeben hatte, in seiner Nähe niedersaß.

[267] Ingram aber legte den Helmschmuck des Sorben auf das Gewand des Toten und sprach leise: »Er ist gerächt; der Sorbe Ratiz liegt erschlagen«, und er sah prüfend in das Gesicht des Bischofs.

In dem Herrn Winfried wallte das Blut seines Geschlechts, da er vernahm, daß der Mörder seines Schwestersohnes erlegt war, er richtete das Haupt auf, und ein düsteres Licht flammte in seinen Augen; aber im nächsten Augenblick bewältigte die heilige Lehre den Grimm, er streifte mit einer Handbewegung den Adlerfittich vom Gewande des Mönches, lüftete die Hülle, welche das Haupt bedeckte, und sprach, auf die zerbrochene Stirn deutend, tonlos: »Der Herr spricht: Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch beleidigen.«

Ingram aber rief laut: »Jetzt erkenne ich, daß du in Wahrheit dem Gebot eines großen Gottes folgst, wenn es dir auch bitter und schwer wird. Auch ich glaube an den Gott dieses Jünglings, der aus eigenem Willen für mich gestorben ist, obgleich ich sein Feind war. Denn solche Liebe ist das größte Heldentum auf Erden.«

Er hob die Hülle vom Antlitz des Toten und küßte ihn auf den Mund. Darauf saß er still neben ihm und verdeckte sein Gesicht in den Händen.

»Die Worte des Friedlosen dürfen nicht hallen, wo Landgenossen weilen«, begann mit gedämpfter Stimme Asulf, der hinter Ingram stand. »Ist ein Gebannter hier, so berge er sein Haupt, bis das Volk ihm den Frieden zurückgibt.«

»Dort drüben brennt der Hof meiner Väter, Asulf, wenn die Thüringe wollen, können sie den Wolf in die Flammen werfen«, antwortete Ingram zurück und beugte sich wieder über den Toten.

»Am Altar des Herrn ist die Freistätte des Friedlosen«, sprach Winfried aufsehend, »halte das Kreuz über ihn, Meginhard, und geleite ihn zu deiner Hütte.«

»Laß mich hier«, bat Ingram, »solange seine Leibeshülle unter uns liegt. Denn spät habe ich meinen Reisegesellen gefunden.«

Die Heimfahrt

Eine Woche später stand Ingram in der Hütte des Priesters an der Holzstufe des Altars, welchen einst Gottfried errichtet hatte. Der eintretende Memmo setzte einen Korb vor ihm nieder und mahnte: »Laß dir das Mahl gefallen, die Frauen vom Meierhofe waren alle dabei beschäftigt.«

»Du sorgst freundlich um deinen Gefangenen«, antwortete Ingram schwermütig, »jede Kost ist bitter für den Eingehegten, welchem die Freiheit fehlt.«

»Ich kenne manchen Hausgenossen, der anders denkt«, versetzte [268] Memmo und sah zu seinen Vögeln auf. Als Ingram schwieg, fuhr er geschwätzig fort: »Ich war mit Walburg in der Höhle bei dem Bären Bubbo; er hat den ganzen Trank des Bischofs ausgetrunken und den Einbruch der Heiden verschlafen, der Mann ist übel zugerichtet und sprach durchaus verwirrt, als wenn er Einsiedler werden wollte.«

Ingram nickte, aber er schwieg. Und Memmo fuhr bei sich selbst fort: »Nie habe ich so große Veränderung gesehen, als der Glaube in diesem Heiden hervorbringt; wenn ich ihm ein Heubund unter den Kopf rücke, dankt er so zierlich wie ein Mädchen. Das Vaterunser hat er gelernt wie wenige. Vielleicht wird er sogar ein Mönch, dann müßte ich ihn Latein lehren. Einst wollten seine Raben das Kyrie nicht leiden, jetzt zwinge ich ihn selbst zu mensa und filius«, und Memmo lachte auf seinem Schemel über die große Hoffnung.

Vor dem Hause klirrten Waffen, die Tür öffnete sich, Graf Gerold trat auf die Schwelle. »Ich rufe dich, Ingram«, redete er den Auffahrenden an, »du magst dein Haupt wieder frei tragen im Volke. Unter den Linden haben sie dir den Frieden zurückgegeben, wenn du die Buße bezahlst in Viehhäuptern oder in Land, und die Schatzung war mäßig. Weißt du es noch nicht, so vernimm auch dies: auf dem Rennwege hinter dem Hügel des Donnerers haben deine Landgenossen den flüchtigen Haufen der Räuber erreicht, nur wenige Sorben sind entronnen; diese Kunde soll dir tröstlich sein. Ich aber komme selbst, dich zum Kriegsgesellen zu werben. Zu Rosse, Held, in wenigen Tagen reiten wir über die Saale.« Mit kurzem Gruß verließ er die Hütte.

Als Ingram hinter ihm ins Freie trat und das Haupt zum Sonnenlicht hob, fühlte er sich leise angefaßt. »Jetzt bist du ganz mein«, rief Walburg in seiner Umarmung. Da berührten ihre Finger das Lederband, welches er am Halse trug, sie trat ängstlich zurück: »Ingram, du trägst noch bei dir, was von den Unholden kommt.«

»Die Gabe meiner Ahnen meinst du«, versetzte der Mann betroffen, »wie darf ich sie verachten!«

»Bedenke, Geliebter, vieles Unheil hat dir der Zauber gebracht, wer weiß, wie sehr er dir noch den Sinn verwandelt, wenn du ihn bewahrst.«

»So wie du warnte einst ein anderer«, versetzte Ingram, »und ich fürchte, ich habe zuviel auf das Erbstück getraut. Ich will es abtun, du aber magst es verwahren.«

»Nicht ich und kein anderer«, rief Walburg, »nur einer soll darüber entscheiden, und das ist Herr Winfried selbst.«

»Willst du mich vor die Augen des Bischofs führen?« fragte Ingram unruhig.

»Merke wohl, Ingram«, warnte Walburg, »wie das Zauberstück dich von dem Bischof fernhalten will.«

[269] Er löste den Riemen und bot ihr die Tasche; sie warf ein Tuch über das Bündel, segnete sich und griff danach. »Und jetzt fort von hier zu ihm. Beuge dich, Ingram«, bat sie den Zögernden, »denn um Gnade sollst du werben bei einem, der stärker ist als du.« Voll Mitleid und Zärtlichkeit sah sie ihn an, vergaß einen Augenblick das Teufelswerk in ihrer Hand und küßte ihn, dann zog sie ihn hastig mit sich fort.

In seiner Kammer saß der Bischof allein, als Walburg eintrat, den Geliebten nach sich ziehend. »Kommst du endlich, Ingram«, sprach Winfried aufsehend, »lange habe ich dich erwartet, und teuren Preis haben wir beide gezahlt, bis du den Weg zu mir fandest.«

»Ein Zauber, den die heidnische Schicksalsfrau gebunden, liegt in dem Erbe seiner Ahnen und erbittert ihm seinen redlichen Sinn«, klagte Walburg. »Löse du ihn von der Macht der Unholden.«

»Die Gnade des Himmelsherrn soll dich befreien, Ingram, und der Kampf, den du selbst durchkämpfst, solange du auf der Erde weilst. Wo ist der Zauber, der euch ängstigt?«

»Hier liegt das Grauwerk unter weißem Tuch«, sagte Walburg und legte das Bündel scheu auf den Holzstoß am Herde. Winfried wandte sich und sprach sein Gebet, dann faßte er nach dem geweihten Wasser, das im Becken bei der Stubentür stand, besprengte das Tuch und seinen Tisch und zog das Erbstück des Teufels hervor. Es war eine kleine Tasche aus abgestoßenem wolligem Fell, von vielen verknoteten Fäden umschlungen. Winfried öffnete weit den Fensterladen und die Tür, dann machte er über sein Messer das heilige Zeichen, schnitt kräftig durch Faden und Leder und suchte den Inhalt. Staub und vertrocknete Kräuter fielen ihm in die Hand, dazwischen ein neues Bündel von roter Farbe; er rollte es auseinander und trat zurück. Vor ihm lag von Seidenstoff, dicht wie Filz gewirkt, mit Goldfäden gestickt, ein Bild gleich dem Haupt des Wurms, den man Drachen nennt. Von hellem Gold glänzten die Augen, um den aufgesperrten Rachen standen die goldenen Zähne, aus ihm ragte wie ein Pfeil die rote Zunge.

»Schwerlich vermag menschliche Kunst solch teuflisches Bild zu schaffen«, rief Winfried erstaunt und hielt das Holzkreuz über den Drachenkopf. »Wirf Holz auf die Herdkohlen, Jungfrau, in der Flamme des Christenherdes bergen wir das Heidenbild; verschwinden soll es aus dem Angesicht der Menschen, denn wie lebendig glänzt das Auge und leckt die Zunge.«

Das Herdholz knisterte, die Flamme hob sich hoch über den Kohlen, Winfried trug vorsichtig die Tasche, die zerfallenen Kräuter, zuletzt das Drachenhaupt zu dem Feuer und stieß sie mit dem Eisen kräftig hinein. Ein dicker Rauch, gelblich und weiß, wirbelte auf, er stieg hoch bis zum Herdloch der Decke und wand sich um die Dachbalken. Ingram lag an der Tür auf den Knien. »Bitter ist mir, [270] von meinen Ahnen zu scheiden«, seufzte er. Aber über seinem Haupt hielt Walburg die Hände gefaltet und sah verklärt auf Winfried, der vor dem Herde stand, das Kreuz hochhebend, bis die letzten Wirbel des Dampfes durch das Dach entschwebt waren. Darauf trat er zu Ingram: »Bereite deine Seele, damit du ein treuer Mann des Christengottes werdest und deinen Sitz gewinnest in der Hochburg des Himmels. Als eine Gabe, welche der Himmelsherr dir durch mich bietet, empfange dies geweihte Gewand, das du tragen sollst, wenn du zum Taufstein trittst und dich gelobst dem ewigen Gotte.«


Auf der Brandstätte des Hofes, in welchem einst die Raben gekrächzt hatten, erhob sich eine Kirche, und vom Turmgerüst klang die Glocke der Christen. Wenige Wegstunden davon, nahe dem großen Markt der Thüringe, stand der neue Hof Ingrams und die Halle, welche er gebaut hatte. Bald wuchs um den Hof ein ansehnliches Dorf, welches noch in späten Geschlechtern das Erbgut des Ingram genannt wurde. Im ganzen Lande rühmten die Leute sein Glück und seine Hausfrau, welche ihm den Hof mit einer Schar blondlockiger Kinder füllte, die gastliche Halle und daneben auch die Zucht seiner Kriegsrosse, der Rabenkinder. Er war als Kriegsheld gefeiert bis weit im Osten der Saale, in den Grenzkriegen ein Schrecken der Feinde, eine starke Hilfe der fränkischen Grafen. Mehr als einmal wurde er zu dem Hofe der großen Frankenherren gesandt, dort fand er immer Gunst, und er merkte wohl, daß er dort seinen stillen Fürspruch hatte. Als endlich König Pippin, der Sohn des erlauchten Herrn Karl, selbst nach Thüringen kam, um ein Heer gegen Sachsen und Wenden zu führen, da ritt Ingram in seinem Gefolge, und der König ehrte sein tapferes Schwert durch Lob und Begabung. Sooft Winfried von seinem erzbischöflichen Sitze zu Mainz nach Thüringen fuhr, zog Ingram bis an die Landesgrenze, den großen Kirchenfürsten zu begrüßen, alle seine Knaben taufte der Erzbischof selbst und empfing jedes Jahr von der Hausfrau Weben der feinsten Leinwand, die auf den Webstühlen des Hofes gefertigt wurde. Stets war der Bischof mild gegen Ingram und freundlicher als gegen andere, und er war bemüht, vor den Leuten zu erweisen, wie hoch er den Helden achte. Nur betrat er nie die Schwelle des Treuen, um gastlich darin auszuruhen, obwohl Frau Walburg zuweilen mit Tränen darum flehte; aber ihre Knaben liebkoste er, und nie vergaß er bei seiner Ankunft im Lande, ihr selbst eine Spende zu bringen.

Dreißig Jahre waren vergangen seit der ersten Fahrt, die Winfried in das Land der Thüringe gewagt hatte. Neben Ingram standen drei Söhne und drei Töchter in blühender Jugend; der älteste Sohn, das Ebenbild des Vaters, war bereits ein erprobter Krieger, [271] der in gesondertem Hofe herrschte, auch der zweite bändigte die wildesten Rosse und harrte ungeduldig seiner ersten Kriegsreise; der jüngste, Gottfried, war nach dem Willen der Eltern der Kirche bestimmt, und fröhlich sang seine Kinderstimme die lateinischen Hymnen, welche ihn fromme Väter als Gäste der Eltern gelehrt hatten. Und Wolfram, der Meister des Hofes, welcher die Hintersassen seines Herrn wohlmeinend regierte, sprach zu Gertrud, seiner Frau: »Sehr mächtig ist der Zauber, welcher in den neuen Christennamen wirkt«, dabei schlug er mit Anstrengung sein Kreuz, »unser Gott fordert den jüngsten Herrensohn für seinen Dienst, und es nützt nichts, ihm zu widerstreben. Vergebens habe ich dem Knaben Wolfshaare in die Jacke genäht und drei Rabenfedern in seinen Pfühl gesteckt, vergebens lehrte ich ihn auch mit dem Bogen schießen und die Keule werfen, der unkriegerische Name Gottfried zwingt ihn übermächtig. Ich hoffe, er wird wenigstens ein Bischof, der doch den anderen, welche geschorenes Haar tragen, gebietet und den Ehrensitz an der Tafel erhält.«

Mehrere Jahre war der große Erzbischof nicht nach Thüringen gekommen, und seine Treuen vernahmen aus Mainz die Kunde, daß er zuweilen die Beschwerden des Alters fühle und daß ihre Augen ihn wohl nimmermehr schauen würden, da bat Walburg den Gemahl, daß er bei seiner nächsten Fahrt zum Königshofe sie und die Söhne nach Mainz geleiten möge, damit sie alle noch einmal den Segen des Heiligen empfingen und der junge Gottfried durch ihn für die Kirche geweiht würde.

Gerade damals waren die Heiden an der Nordgrenze in die Christenheit eingebrochen, hatten dreißig Kirchen zerstört, die Männer erschlagen, Weiber und Kinder fortgetrieben. Da war der greise Erzbischof selbst zu der Grenze geeilt, er hatte mitgenommen, was der Schatz seines Bistums gewähren konnte, um die Gefangenen loszukaufen und die zerstörten Gotteshäuser aufzubauen. Ein halbes Jahr war er von Mainz abwesend gewesen, den Schaden zu bessern und die Grenzleute in Glauben und Eintracht zu stärken.

Jetzt war er zurückgekehrt. Während sein Gefolge im Hofe sich der Heimkehr freute, betrat Bischof Lullus, ein vertrauter Schüler, das Gemach des Erzbischofs; leise schob er den Vorhang der Tür zurück und trat mit frommem Gruße ein. Winfried saß im Lehnstuhl, in seinem Schoße lagen aufgerollte Briefe, er aber blickte starr durch den Fensterbogen in das Morgenlicht und winkte nur mit der Hand die Antwort auf den Gruß. Lange stand Lullus in ehrfürchtigem Schweigen, er merkte betroffen, daß der Greis halblaut mit sich selbst sprach, und vernahm endlich die Worte: »Zeit ist, daß ich mich zur Fahrt rüste nach dem Saal meines Herrn, sehr sehne ich mich nach der blutigen Wunde auf meiner Brust, die mir das Wolkentor öffnet.«

[272] Entsetzt über die fremdartige Rede begann der Priester: »Was irrt der Sinn meines ehrwürdigen Vaters, daß er spricht wie ein weltmüder Mann des Schwertes?«

»Der Welt müde bin auch ich«, versetzte der Erzbischof, »denn wie ein Seefahrer steure ich durch die Woge, die sich ohne Aufhören wälzt, mein Kiel stößt an die Klippen, der Eisfrost fesselt mir die Füße mit harten Banden, und der Wintersturm schlägt mir mit hartem Flügel die Stirn. Endlos ist der Kampf, und freudenlos ist, was ich um mich schaue, und mich verlangt herzlich nach der Bucht, in welcher ich mein Haupt niederlegen will.«

»Freudenlos nennst du dein Leben, ehrwürdiger Vater, du, dem der Herr Sieg und Ehre gab wie niemals einem Manne?« versetzte der Priester. »Laß das Auge deines Geistes die Länder durchmessen, über welche du waltest. Vierzig Jahre hast du als Krieger Gottes gegen den Teufel gestritten, viele hunderttausend Seelen hast du dem Glauben gewonnen, viele hundert Kirchen und Zellen der Brüder erheben sich in dem Lande, das du als eine Wildnis betratest. Die Bäume der Heiden sind überall gereutet, einem Herrn gehorchen die trotzigen Nacken, der milde Gott schenkt ihnen Gedeihen, bessere Zucht im Hause und Gehorsam gegen das Gesetz. An den Grenzen werden die mörderischen Feinde gebändigt durch tapfere Christenkrieger, im Lande der Hessen, der Thüringe und Bayern lernen die Knaben in der Heiligen Schrift lesen. Du bist gewesen wie geschrieben steht: ein Säemann ging aus zu säen, und ruhmvoll ist deine Ernte. Fest gegründet ist der einheitliche wahre Glauben auf der Männererde durch dich. So Großes ist dir gelungen, was trauerst du, Herr?«

Winfried erhob sich und schritt durch das Gemach. »Drei Nachfolgern der Apostel, welche zu Rom über die Kirche walten, habe ich mich gelobt. Gegen dich darf ich mich rühmen, ich war ihnen ein treuer Mann, ich habe sie zu Herren gemacht in der katholischen Christenheit. Die widerwilligen Nacken der Laien, den Hochmut und Eigennutz ungetreuer Bischöfe habe ich gebeugt für sie; Einheit in Lehre und Gehorsam habe ich allem Volke auferlegt, damit sie willigen Gehorsam finden, wo sie im Namen des Herrn gebieten. Die Seelen der Menschen hab' ich ihnen unterzwungen, sie selbst habe ich nicht zwingen können, in allem gute Diener des Himmelsherrn zu sein. Nicht das Reich des Herrn in Armut und Demut zu gründen sind sie eifrig. Nach Landerwerb sehe ich sie lüstern, nach Goldschatz und nach irdischer Herrschaft. Schlechte begünstigen sie, und Frevelhafte schonen sie, wo es ihnen nützt; klüger sind sie als wir, aber größer wurde auch ihre Hoffart. Drei Päpsten habe ich gedient, jetzt kommt der vierte, ein fremder Mann, und seine Gunst wird er, sorge ich, austeilen in neuer Weise, wie es sein Vorteil ist. Mein ist das Amt, die Heiden zu bekehren.

[273] Zu ihrem Vogt bin ich gesetzt durch den Herrn, auf diesem Recht stehe ich fest gegen den Pontifex in Rom wie gegen den Teufel. Da ich jung war, tat ich meine erste Kreuzreise in dem Herrn gegen das wilde Volk der Friesen. Unablässig habe ich um die Widerspenstigen gesorgt und ihnen das Kreuz über die Häupter gehalten. Die Bischöfe der Franken saßen träge in elender Fleischlust, irrgläubig und unbotmäßig ihr Kirchgut verschwelgend, und keiner sorgte um die Bekehrung der Ungläubigen. Jetzt, wo ich dort mit harter Arbeit und Herzensangst ein Bistum gegründet habe, wollen sie mir das Friesland nehmen und einem anderen Erzbischof unterordnen, auf daß unsere Arbeit verdorben werde und unsere Saat unter neuem Andrang der heidnischen Wogen ersäuft. Du weißt es, mein treuer Sohn und Genosse, daß ich nicht für mich die Ehre begehre, sondern die Rettung der Elenden. Demütig habe ich meinen neuen Herrn Stephan gefleht, mir das Friesland zu lassen, das älteste Kind meiner Sorgen. Nicht weiß ich, was dort die Schlauheit der römischen Priester ersinnt. Ich aber gedenke sie der Wahl zu entheben, selbst will ich in das Friesenland gehen, ob es ihnen lieb oder leid ist. Dem großen Himmelsherrn will ich die Frage stellen, ob ich noch länger Diener eines Dieners sein soll, oder ob er den müden Alten fortan würdigt, ihm selbst zu seinen Füßen zu sitzen. Meinen letzten Kriegszug meine ich zu tun.«

Im Hofe des Erzbischofs drängte sich an einem sonnigen Maimorgen das Volk der Stadt und der Landschaft. Zunächst an den Stufen des Palastes standen die geistlichen Brüder, auf der einen Seite Priester und Diakonen, auf der anderen Mönche der Klöster, neben ihnen die hageren bärtigen Gestalten der Einsiedler, welche ihre Baumzelle verlassen hatten, um den Segen des Erzbischofs zu empfangen. Haupt an Haupt standen die Leute, aber es war eine feierliche Stille, bekümmert waren alle Mienen, Tränen in vielen Augen wie bei dem letzten Heimgange eines Fürsten. Von den Stufen des Palastes hoben die Schiffsleute das Reisegerät, vier Leviten trugen die Truhe des Herrn mit seinen Büchern und dem Reliquienschatz zu dem Rheinschiff, dessen Wimpel unter dem Kreuzeszeichen lustig im Morgenwind flatterte; und bei jedem Stück, das die Männer zum Rheine schafften, ging ein banges Gesumm und Seufzen durch die Menge. In dem Saal des Palastes stand Winfried im Kreise derer, welche er liebhatte, der Bischöfe, seiner Schüler, und seiner Landsleute aus Angelland, die wie er über das Meer gekommen waren, um die Heiden zu lehren. Auch Frauen hatten sich versammelt, mehrere ihm blutsverwandt, die meisten geschleiert. Inmitten der gebeugten Schar ragte hochaufgerichtet Winfried. Freundlich strahlte sein Auge, als er von einem zum andern schritt, leise Worte der Lehre und des Trostes spendend. Als er bei dem Haufen der Frauen auch Walburg begrüßte, zog sie mit der Hand [274] ihren Knaben hervor, warf sich zu seinen Füßen und flehte: »Meinen Sohn, den jungen Gottfried, bringe ich dem Herrn, lege noch deine Hand auf ihn, Vater, damit sein Leben gesegnet sei.« Winfried lächelte, als er den stattlichen Knaben betrachtete, und seine Hand berührte das lichte Haar. Dann nahm er den Knaben, führte ihn zu einem Vertrauten, dem Abt Sturmi von Fulda, und wandte sich nach der Tür. Alle Anwesenden sanken auf die Knie, und segnend schritt er zum Ausgang. Da fiel sein Blick auf die hohe Gestalt Ingrams, der in seinem Kriegskleide nahe der Schwelle kniete. Er hielt an und sprach feierlich: »Dich, Ingram, lade ich heut zu mir, willst du noch einmal der Führer meiner Reise sein?«

»Ich will, Herr«, antwortete Ingram aufstehend mit leuchtendem Blick.

»So nimm Abschied von Weib und Kind, denn du sollst für den Herrn unter Schilde gehen.«

Unten im Hofe wogte das Volk wie Wellen des Meeres. Da der Erzbischof heraustrat, fiel alles auf die Knie, und die Arme aufhebend, ging er langsam hindurch zum Schiffe. Dort wandte er sich noch einmal, grüßte und segnete und lachte freundlich den Kindern zu, welche von den weinenden Müttern aufgehoben wurden, damit sie den Mann Gottesschau ten. Ingram aber hielt seine Frau, welche stolz ohne Tränen neben ihm schritt, die Augen fest auf ihn gerichtet, und mit der anderen Hand hielt er die Hände seiner drei Söhne. Und als er sich am Ufer von den Seinen löste, faßte er die Schwurhand seines ältesten Sohnes, legte die Hand des Wolfram hinein und sprach zu diesem: »Sei du ihm treu, wie du dem Vater warst.«

Die Schiffer lösten die Seile, und rheinabwärts schwebte das Schiff, am Ufer lag das Volk auf den Knien und sah dem Fahrzeug nach, bis es hinter einer Biegung des Stromes verschwand.

Es war eine sonnige Fahrt, gleich einer langen Festreise. Wo eine Kapelle stand auf den Höhen oder ein Kirchlein unten am Strom, da drängten sich die Leute und läuteten die Glocken, wenn das Schiff kam und abfuhr. Jeden Abend legten die Reisenden an, wo fromme Christen wohnten. Herr Winfried stieg an das Land, begrüßte die Gemeinden und ruhte unter dem Dach derer, die ihm vertraut waren, während Ingram am Maste unter dem Kreuzbanner lag und die Schiffswache hielt. So fuhren die Reisenden den Rhein abwärts dahin, wo er zum See wird, sie legten vor Utrecht an und nahmen den Bischof von Friesland, welchen Winfried eingesetzt hatte, zu sich in das Schiff. Dann fuhren sie ostwärts bis zur Grenze der heidnischen Friesen. Dorthin hatte Herr Winfried im voraus das neubekehrte Volk geladen, damit er den Getauften die Hand auflege und sie im Glauben befestige, seine Boten waren durch das ganze Friesenland gegangen und hatten seine Ankunft [275] verkündet. An der Mündung des kleinen Flusses Borne, welcher die christlichen und heidnischen Friesen trennt, landeten die Fahrenden kurz vor dem bestimmten Tage in einer Bucht, wo die Flut einen Wall von zugetriebenen Baumstämmen aufgehäuft hatte. Der Erzbischof stieg an das Land, wählte die Lagerstelle und umschritt weihend den Raum; Ingram ließ die Zelte aufschlagen, den Graben schütten und das angeschwemmte Holz zum Walle schichten.

Als er bei dem Wall stand, die Richtung maß und selbst die Pfähle schlug, ging Herr Winfried bei ihm vorüber und sprach: »Du mühst dich emsig, uns mit Holz und Erde zu umschanzen, hast du auch darum gesorgt, einen über uns nach seinem Willen zu fragen? Denn er zieht die Schildburgen und zerwirft sie, ganz nach seinem Gefallen.«

»Zürne nicht, Herr, daß ich den Hammer bis über das Abendgebet schwinge, denn Warnung kam mir von den Leuten am Ufer, vieles Raunen und wildes Gemurr verstört die Dörfer der Heiden, und klein ist die Zahl der Schilde, welche dein Haupt schützt.«

Winfried aber hörte gar nicht darauf, sondern fuhr fort, nach dem Himmel blickend: »Dichter standen die Bäume im Land der Thüringe. Dort warst du der erste, welcher mir auf der Reise die Nachtpfähle hieb. Damals fiel der Eschensame herab auf den Boden, und der Same heilbringender Lehre sank in dein Herz. Sieh, ein neuer Baum ist im Schutze Gottes erwachsen, nicht die unholden Schicksalsfrauen schweben darum, sondern hohe Engel, die geflügelten Boten Gottes, vielleicht, daß sie auch dir jetzt oder bald einmal eine gnadenvolle Auffahrt bereiten.«

Er segnete ihn und schritt in sein Zelt zurück, das inmitten der anderen sich stattlich erhob. Ingram legte den Hammer weg, er rüstete sich und setzte sich mit Schild und Speer an das Lagertor zur Nachtwache. Über die weite Ebene spähte sein Blick, gleich dem Herrn Winfried sah er nach der Nachtröte, welche vom Norden her so hell schien, wie er sie noch niemals geschaut. Er dachte an sein Weib und die blühenden Kinder, die jetzt daheim in Frieden schliefen und die er so herzlich liebgehabt, er überlegte das ganze glückliche Leben, das er mit seiner Hausfrau geführt, seine ruhmvollen Kriegsfahrten und das Lob seiner Streitgesellen, auch Wolfram und seine Rabenrosse kamen ihm in den Sinn, und er lachte und segnete in Gedanken alle Häupter der Seinen und betete für jedes; leicht war ihm das Herz, und er sah immer wieder nach dem Himmelsrand, wo die Röte langsam nach Osten zog, bis die Helle im Osten aufstieg und die kleinen Wolken rosig leuchteten wie ein Tor der aufgehenden Sonne. Da merkte er, wie das Tor geöffnet wurde, durch das er selbst hinaufsteigen sollte zu der Burg des Himmelsherrn als einer seiner Krieger, und er kniete nieder und sprach das Gebet, welches ihn Walburg gelehrt. Wie er aufblickte, [276] erkannte er fern im Dunst eine dunkle Masse, sie schob sich heran, Speereisen blinkten und weiße Schilde. Er schloß den Eingang, rief seinen Kriegsschrei und eilte zu dem Zelte des Bischofs und zu den Hütten der Krieger. Aus dem Zelte tönte das Glöckchen, Winfried trat hervor, das Wort des Herrn in der Hand, umdrängt von den Geistlichen. Draußen am Graben erhob sich mißtönendes Geheul, die Heiden liefen gegen das Pfahlwerk und rissen an den Hölzern. Ingram sprang, den Speer schwingend, auf sie und trieb seine Schildgenossen zum Kampfe. Aber mächtig erscholl die Stimme Winfrieds: »Höret das Gebot des Herrn, vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern Böses mit Gutem. Tut ab Krieg und Kampf, denn der Tag ist gekommen, den wir lange ersehnten, heut lohnt der große Gott des Himmels seinen Getreuen. Bereitet ist uns der Hochsitz in himmlischer Halle, die Scharen der Heiligen geleiten uns vor den Thron des Himmelsherrn.«

Da warf Ingram sein Schwert den einbrechenden Heiden entgegen; er trat mit ausgebreiteten Armen vor den Herrn Winfried, rief laut den Namen des Jünglings, der einst sein Reisegeselle war, und empfing die Todeswunde. Nach ihm der Erzbischof und darauf die übrigen, Geistliche und Laien. Nur wenige aus dem Gefolge retteten sich über das Wasser und berichteten von dem Ende der frommen Helden.

Mit großem Gefolge fuhr der Häuptling des Christengottes zu der Halle seines himmlischen Königs.

Die Gebeine Winfrieds führten fromme Väter den Rhein hinauf, dem Thüring Ingram aber schütteten christliche Friesen am Strande den Totenhügel und umschritten die Stelle mit Gebet. Nicht die Raben des Waldes flogen darüber, sondern weißbeschwingte Möwen, und statt der Baumwipfel rauschten in seiner Nähe die Wogen des Meeres, wie der Sturmwind sie trieb, ein Jahrhundert nach dem anderen.

Doch aus seinem Hofe unter den Buchen und Fichten des Waldes wuchs und breitete sich fröhlich sein Geschlecht.


Die Wogen und Wälder rauschten aus einem Jahrhundert in das andere dasselbe geheimnisvolle Lied, aber die Menschen kamen und schwanden, und unaufhörlich wandelten sich ihnen die Gedanken. Länger wurde die Kette der Ahnen, welche jeden einzelnen an die Vergangenheit band, größer sein Erbe, das er von der alten Zeit erhielt, und stärkere Lichter und Schatten fielen aus den Taten der Vorfahren in sein Leben. Aber wundervoll wuchs dem Enkel zugleich mit dem Zwange, den die alte Zeit auf ihn legte, auch die eigene Freiheit und schöpferische Kraft.

[277][279]

Das Nest der Zaunkönige

Im Jahre 1003

Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt, lag zwischen Wiesen und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten des Himmels waren seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß die Reliquien zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen Bonifazius bewiesen: Erzbischof Lullus, der die ersten Mönche auf das leere Feld führte, und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das stärkste von seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der einsamen Landschaft ein mächtiges Menschenwerk entstanden war, Türme und hohe Kirchgiebel, um diese herum eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne glänzten. Was man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt geworden, durch Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Länger als zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil und guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür waren sie selbst reich geworden an irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der bitteren Sorge um das Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer und Weiler, welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt, nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und Bayern, vor allem in Thüringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das Bonifazius erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute in Thüringen zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und wenn der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der Abt als großer Herr des Reiches mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald und das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die Halmfrucht gesät, Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt. So waren sie allmählich große Landbauer geworden, nach Tausenden zählten sie [279] ihre Hufen, ihre zinspflichtigen Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft von hundertundfünfzig Brüdern zwischen gefüllten Scheuern und springenden Herden, sahen vergnügt über die reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser im Zaun ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu einem großen Dorf vereinigt waren. Doch nicht allein über Landarbeit, sondern über alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten als Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten. Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern für Fremde, zwischen den Viehhöfen und Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewölben erklang der schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Amboß, und daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher edle Steine in Gold und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät, für kostbare Bücherdeckel und für Trinkgefäße des Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte den Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter und Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zählte den Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig ihre Arbeit, mischte die Farbe und kochte die Beize für buntes Leder und Gewand. Und wieder ein anderer maß die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies die Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und dauerhaften Mörtel mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die Leute zum Kloster, nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch Gaben das Gebet der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er gegen andere vertauschte, der große Grundherr holte sich den Bauplan für ein Steinhaus, das er auf luftiger Höhe errichten wollte, oder bat um einen meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof zu leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen wußte. Wer vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem Arzte des Klosters und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und Bettler im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den Hunger zu finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern. Was die einen in ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten, um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen die Freude des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst, die sich dem Herrn zu demütiger Entsagung und Buße geweiht hatten, wurden allmählich stolze Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit der alten Klosterzucht hauszuhalten.

[280] An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des Hochaltars ein fremder Mönch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter ihm ließen erkennen, daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät kniete ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte. In dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der Dekan Tutilo, welcher Präpositus des Klosters war, ein hoher breitschultriger Mann mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Väter, welche das Gebet abwarteten, nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter ihnen Heriger, der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling der Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede gefügig machte, dann der Pförtner Walto, welcher Sprecher des Klosters war, als kluger Herr wohlbekannt im ganzen Lande; auch die beiden Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie Zwillinge und deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle und arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel auch dem anderen, und sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren und auch miteinander nicht viel redeten.

Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den Dekan trat, ergriff dieser seine Hand, führte ihn in die Mitte des Chors und neigte ihm das Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen Worte sprach, an denen die Priester und Würdenträger von der Regel Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang, mein Bruder Reinhard«, antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche von der Decke zurückhallte, und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den anderen Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt sein, zu dem du aus der Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du wirst harte Köpfe finden und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen Wigbert fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden. Komm, daß ich dir unsere Häuser zeige und die Walstatt, auf welcher du den Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des Fremden.

Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters, welche zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte. Sie enthielt die Wohnungen der Mönche und der geweihten Schüler, die von ihren Eltern in den Zipfel der Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mönche würden. Das Haus stand im Viereck um einen freien Platz, von allen Seiten nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden. In der Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen [281] Brunnen, und nach dem Hofe öffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich am Unterstock auf den vier Seiten entlang, und die Mauer des Oberstocks erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen die Säulen waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die Brüder bei schlechtem Wetter lustwandeln oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz verlassen stand das Haus, der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt zu entdecken, obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte, sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die suchenden Blicke des Bruders, und auf den Säulengang weisend, erklärte er: »An anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber sind sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein Wetter droht, und das ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter Brauch des Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten Väter, jetzt freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«

Als sie die inneren Räume betraten, sah der zugewanderte Bruder in dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und Trinkkannen, darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in einen Gang kam, an welchem Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch die offenen Türen große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken von bunt gefärbter Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren, daneben große Truhen und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein und Tieren, so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften, die sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten. Und Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine Zunge zu hüten, konnte den Ausruf nicht unterdrücken: »Gleich weltlichen Fürsten wohnen die Knechte des Heiligen.«

Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz: »Auch ich meine, daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen, wenn sie sich mit den Weltleuten vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder etwa gesehen hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese allein haben die Lizenz.«

Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mönch, zurückzubleiben, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete in dem Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern wieder verschloß. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang führte. Doch auch hier war alles leer, die Lichtöffnungen des Hauses waren mit Fensterglas und [282] Blei verschlossen, aber die Scheiben waren erblindet, und manche Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl«, fuhr Tutilo mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt, es verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben auf dem Berge St. Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort haust er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fuß diesen Herrenhof. Oben hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt und der Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder dein Reich«, fuhr er fort und geleitete in einen anderen umhegten Hof. »Hier ist die äußere Schule, worin die Schüler zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen werden; dreißig Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten Bank sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und Hessen, trotzige Knaben sind darunter, ungern fügen sich die Stolzen darein, im Kloster zu dienen.«

»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« fragte der Fremde.

»Einen wenigstens magst du sehen«, versetzte der Kellermeister Heriger leise und wies nach der Höhe. In dem Schalloch des Glockenturmes saß ein Jüngling und starrte hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche im Hofe zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort oben, und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil dort seine Heimat liegt!«

Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick: »Erkenne ich ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen Kriegsmann ähnlich als einem Schüler, der auf das heilige Öl und die Stola hofft.«

»Du wirst ihn wild und tückisch finden«, versetzte Tutilo. »In den ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm Hunger und Geißel not, und du würdest ihn vielleicht im Keller auf dem Stroh erblicken, statt dort in hoher Luft, wenn die Brüder nicht allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn dächten.«

»Denn wisse, mein Bruder«, fuhr Heriger fort, »er ist aus dem Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem heiligen Bonifazius von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war es, zu dem der Heilige in der Todesnot seine letzten Worte sprach, welche in den Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir! Und darum haben auch von je die Männer und Frauen seines Geschlechtes unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«

Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und die Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die beiden Fenster waren durch Glas und Blei verschlossen, aber große Spinnengewebe hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben drang nur ein trübes Zwielicht, so daß eine [283] brennende Lampe das Beste tun mußte, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe saß am Pult ein schreibender Mönch. Langsam erhob er sich, als die Brüder eintraten, und noch während er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.

»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert«, begann Tutilo verwundert, »daß du das Sonnenlicht aussperrst?«

»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein«, versetzte der Mönch, »denn es will nicht hell werden.«

»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit anderer«, rief Tutilo, das Fenster öffnend, »sieh her, die Scheiben sind von außen durch trübe Farbe verdunkelt, und merke, jemand hat dir einen üblen Streich gespielt.«

»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne«, sagte der Mönch, »ich erkenne Lehm und Kienruß an den Scheiben.«

»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat, entweder Immo selbst oder durch die Jungen«, sagte Tutilo, »denn der Scholastikus Immo leitet die Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf Reinhard blickend, fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der Schrift, wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«

Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben gemalt waren.

»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohlgeglättet«, lobte der Fremde.

»Durch den Stein Achates«, erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange zurück, dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur Seite vier Frauen, tief gebeugt, mit seltsamen Kronen auf dem Haupt, jede eine Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber standen die Namen von vier Ländern, welche zum Reich gehörten. »Ich selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht«, sagte Gozbert stolz, »denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer stammt, standen sie gerade.«

»Niemand merkt, daß es das Gesäß des Vaters Sintram ist, welches Gozbert viermal gebildet hat«, erklärte Heriger mit lustigem Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt stehen, mit den Händen am Türpfosten, während Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen mißbilligenden Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf das rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto, der Rote, seligen Andenkens.«

»Ich aber will unseren Vater rühmen«, fuhr Heriger fort, »denn schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns [284] jeden Tag im Sommer und Winter; fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner Hand, und nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«

Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes, aber seine kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt hätte«, sagte er, »und an Büchern zum Abschreiben.«

»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster, aus dem ich komme, ein gutes Buch geliehen erhältst«, tröstete Reinhard.

»Was es auch sei«, versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe es gern, wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß keine Sünde darin steht. Denn die heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus, und die Übles bedeutenden Namen in den profanen Büchern habe ich immer weggelassen, sooft ich ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht, und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich nicht vielleicht etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden könnte. Endlich bin ich gewarnt worden, daß ich die sündigen Bücher meide.« Er schlug das Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während die anderen, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder«, fuhr Gozbert fort, »in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug, diesem gleich, stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von dem Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel klappen, ich wandte mich um, und mein Haar sträubte sich, der Krug stand still, aber zuweilen hob sich der Deckel und schlug wieder abwärts, wie von innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im Entsetzen stieß ich den Krug um, und sogleich sprang der teuflische Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem Holz, fuhr in dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus, indem er bösen Nebel und Gestank zurückließ. Ich aber erkannte die Warnung.«

»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen«, bemerkte Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein junger Hase gewesen sei, den der Thüring Immo heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt hatte.«

»Es war der Teufel«, versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem schreibe ich nur noch heilige Bücher.«

»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater«, tröstete Reinhard grüßend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich wieder zu seinem Pult; oben webte die Spinne, und unter ihr schrieb der Mönch.

Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in denen die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder«, begann er, das Haupt [285] erhebend, »nicht gering ist das Haus des heiligen Wigbert, sein Segen hat die Keller und Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken. Und jetzt, da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen, jetzt berichte auch du, wenn dir gefällt, was du außerhalb des Klosters erfahren hast, denn wildes Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder der Welt in neuem Zwist gegeneinander toben.«

»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle genüge«, versetzte Reinhard demütig, »du selbst weißt ja am besten, daß der Mund des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein muß, bis die Erlaubnis des Herrn Abtes ihn öffnet.«

Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt des Abtes stehe ich hier, und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lösen.«

Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte, die Hände erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich dir Unmut erregte, da ich dir Gehorsam schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir gebietet, meinte ich zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest, denn schwere Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als anderen die Botschaft verkündete.«

Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden erkannten, darum schwieg er und ließ den Mönch zu seinen Füßen liegen, bis Heriger, der Kellermeister, begann: »Da der Bruder sich nach Gebühr gedemütigt, so rate ich, daß du selbst ihn nach St. Peter zu unserem Herrn Abt begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da du jeden Tag um unser Wohl zu sorgen hast.«

Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang sich und antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den Ärger wohl anmerkte. »Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe, doch will ich dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe dich und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein Roß zu satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der Höhe erbitte.« Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie der Kniende sich dem Gebet der Brüder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem Ausgange des Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn begleitet hatten, und sprach zu seinem Vertrauten Hunico: »Übles weissagt die fremde Biene in unserem Stock. Der Narr ist von der neuen Zucht, welche die Füße küßt und Faustschläge in den Nacken gibt, er wird die [286] Becher der Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die Geißel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen, der wird auch dem König und dem Graf nicht widerstehen, wenn sie uns die Zehnten und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit des Lullus war, wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr gutes Glück priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher gefüllt zu haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir einen neuen Abt, welcher das Kloster erhöht und nicht erniedrigt; denn es leben wenige Fürsten im Reiche, die so stark sind, als wir sein könnten, wenn ein Mann auf dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig in die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten.

Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den fremden Bruder geleitet hatte, unbeachtet in die Kirche zurück, neigte sich vor den Altären, glitt die Säulen entlang und öffnete im Vorhofe den Eingang einer hölzernen Galerie, welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des Erzengels Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis zu dem Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels, der im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm abhielt. Indem der Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob warnend den Finger, kletterte die steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl führte, und stand wenige Schritte von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem Schalloch auf schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für einen hochgewachsenen Mann, und beobachtete ungeduldig das Nahen des Mönches.

»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus. Du sahest die Quellen der Waldbäche springen, du hörtest, wie der Bergwind weht und wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf dem Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«

»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt an den Baumstämmen. Aus Erfurt, dem großen Markte, ritt mein Reiseherr Reinhard nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten wir in einem Edelhofe.«

Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht, und mit heller Stimme rief er, die Hand gen Osten hebend: »Ich meine, das war der Hof meiner Väter.«

»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«

»Das war meine Mutter«, schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz von dem Mönche ab, weil ihm Tränen über die Wangen [287] liefen. »Sprich mir von ihr«, fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem Mönch zu.

»Sie erschien mir als eine heilige Frau, und einer Fürstin sah sie gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.«

»Mein Vater starb an seiner Wunde im fernen Land, und der Sohn vermochte ihn nicht zu rächen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die Hand, die das Rauchfaß schwingt statt des Eisens.«

»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte«, mahnte der Mönch.

»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir gesponnen haben.«

»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine Heimat ist seitdem im Gotteshause.«

»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte, das Banner meines Vaters zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz leid, denn du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel. Zu einem Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der Mutter Böses ahnte, bis mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog und in die Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in unseren Hof, schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden, damit die erzürnten Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes Panzerhemd, jetzt trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden Schülers und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene Ratte längs den Brettern dahin. Den Vater haben die Heiligen doch nicht heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«

»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen«, antwortete der Mönch traurig, »das so unwillig sich gegen den Altar sträubte.«

»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt, aber auf den Knien gleiten über den glatten Stein, das kann ich nicht. Denn meine Ahnen dachten hoch, und ich stamme aus einem Geschlecht von Kriegern.«

»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mönch solltest du werden, sondern ein üppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse sitzt und mit den Frauen kost wie ein anderer.«

»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« fragte Immo zornig, »andere, die noch jünger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein wenig getröstet. Doch ich weiß wohl, teuer ist solche Gunst, und niemand von den Meinen zahlt einem Bischof [288] den Preis für die weiße Leinwand. Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die Fledermaus ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht Vogel; und ich bin von dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich über die Flur schwingt. Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?«

»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der Umgegend; und als die Glocken hier und da läuteten, weil die Sonne im Mittag stand, brach aus dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen Rossen.«

»Das waren meine Brüder«, rief Immo, »das ist unsere Zucht.« Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig zu dem Priester: ›Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen, das Futter zu picken. Ist's nicht ein kräftiger Flug?‹«

»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch«, rief Immo dazwischen.

»Sie rauschten heran, wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter, wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vögeln zu vergleichen, so waren sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen, denn scharf stachen ihre Augen.«

Immo lachte freudig. »Mich verdrießt's nicht, wenn du die Männer meines Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden ihre Fänge erweisen. Sahest du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder ritt, der kleine Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war Friedel, da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich, und als ich von der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend nach und zog an meinem Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Roß, das mir gehörte, gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm dient. Du mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mönch bist. Es ist ein sächsisches Pferd aus der Zucht des Königshofes, die Farbe ist ganz weiß, und Mähne und Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß, Rigbert, so sprich.«

»Wohl sah ich das seltene Tier.«

»Zwölfjährig ist es jetzt«, fuhr Immo eifrig fort, »und es mag meinen Friedel noch tragen, wenn er das erstemal in die Schlacht reitet; denn ein altes Roß und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehören zusammen. Wie saß das Kind auf meinem Rosse?«

»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder, den sie Odo nennen.«

Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und packte den Mönch. »Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner Statt. Mir nahm er die Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt entwendet er auch dem Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich, und verachtet ist mein Gedächtnis, und im [289] Knechtdienst lebe ich wie einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen Leib dröhnend gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihm die Glieder.

»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder schelten? Nicht er hat dich zu uns gebracht, und ein Zufall kann gewesen sein, daß er das Pferd tauschte.«

Immo aber antwortete nicht, und der Mönch harrte schweigend, bis der heftige Anfall vorüber war. Endlich richtete sich Immo auf und fragte ruhiger: »Bringst du mir Botschaft von der Mutter?«

»Den Segen deiner Mutter trägt dir der Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt es gestattet. Achte darauf, Immo, daß du dem Fremden gefällst, denn wisse, als Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet, und von morgen ist er dein Herr.«

»Er wird widerwillige Diener finden in der äußeren Schule. Ist er ein Geselle wie der arge Tutilo?«

Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter, als in Klosterwänden geziemt«, und bittend fuhr er fort: »Immo, du hast mir Güte erwiesen, seit du unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst, und du hast mir erlaubt, dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die Hand durch den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück, und wünschest du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so füge dich dem neuen Lehrer; denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem Herzen, aber von der strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die Höfe des heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.«

Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin durch das Schalloch, wie sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mägde des Dorfes an der Hand.«

»Schweig«, raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut, darüber im Kloster zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag bevor; mit den Scholastikern werden sie anfangen.«

»Unsere Fleischkost ist mager«, spottete Immo, »wollen sie uns gebieten, zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln, du kennst ihn ja wohl?« Der Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir zur Nacht in den Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir im Holze gebraten, und du kennst ein Loch im Zaune, durch welches gute Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«

Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe es gebeichtet und gebüßt.«

»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert«, lachte Immo, doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß du mir in guter Meinung rätst, und will mich wahren, sosehr ich kann. Doch jetzt [290] erzähle, Landsmann, von deinem eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der Alte, dein Vater, und Sunihild, deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, sooft ich durch das Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt, und manch warnendes Wort sprach dein Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mußte ihn mit Ehrfurcht hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem Vater wert war. Wenn er in unseren Hof kam, erhielt er immer den besten Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von alter Zeit gutes Vertrauen zwischen dem Edelhof und dem Freihof.«

»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht«, klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. »Für mich war geschrieben, du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das Gesicht ab, als ich das Haus zwischen den Linden erkannte, damit den Heiligen meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern Erhörung finde.«

Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken der Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer Weile umwandte, bemerkte er mißfällig das gesenkte Haupt und die gefalteten Hände des Mönches und begann ungeduldig: »Merke wohl, Rigbert, dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«

»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen«, versetzte Rigbert vorsichtig.

»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«

»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden, und ohne Wächter arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekümmert mit Vater Reinhard.«

»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich muß dich unfreundlich schelten.«

»Viel mehr habe ich dir gesagt, als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich noch meine Reisekutte trage, getraue ich mich so mit dir zu sprechen. Wenn die Väter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brüder fußfällig an, daß sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten, dann, hoffe ich, wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die Vergebung gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich jetzt getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«

»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier im Kloster vernahmen«, begann Immo versöhnt. »Ein Heereszug steht bevor und gewaltiges Getöse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs Heinrich, dem die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben, zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall schlagen die Eisschollen gegeneinander. Täglich erzählen in [291] unseren Herbergen die Gäste und die armen Wanderer, daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben, mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs, dann der tapfere Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzöge und viele Fürsten des Reiches. Die Mönche behaupten, daß der König geringe Hoffnung hat, seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier in der Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem anderen, und alle schreien, daß der große Streit um das Reich ausgefochten werden soll, sobald die Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen um Wigberts Haus dröhnen, wird auch mir gelingen, hinauszufahren.«

»Sinnst du so Arges«, sprach Rigbert unwillig, »dann ist dir jedes Wort schädlidh, das ich aus der Fremde berichte, und mich reut's, daß ich dir den Frieden der Seele verstörte.«

»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« fragte Immo lachend. »Bald wirst du merken, daß die Väter in der Klausur geradeso zwieträchtig gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen. Denn unser Abt, Herr Bernheri, will dem König dienen, Tutilo aber ist ein Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich, bald für den Hezilo.«

Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.

»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren«, rief Immo, indem er mit großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand faßte, »denn lange habe ich nach dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst du daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen Irmfrieds feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres toten Vaters ist. Hast du vernommen, für welchen König mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«

»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich, dem er seit langem vertraut ist, und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.«

»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn, als ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, daß ich mit blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen ihn im Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«

Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönch sprach, glitt dieser lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er aus der Heimat gehört hatte, machte ihm das Herz nicht leichter, und der neue Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf er vom Turm hinab, um dem Tutilo oder anderen Dekanen nicht über den Weg zu laufen, dann eilte [292] er abwärts und wand sich zwischen Gebäuden und Hecken den Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm wohlbekannt war, auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes Glück, als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte, welcher, zur Reise gerüstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange zuschritt. Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des Klosters lag, und wunderte sich über die Vertraulichkeit, mit welcher der Reisige den stolzen Mönch behandelte, denn er ging, sein Roß am Zügel führend, sorglos auf der Ehrenseite und trug den schlechten Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich, wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter«, sprach der Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir Sorge.«

Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von Angesicht, und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches die Wanderer rühmen. Gerade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk in der Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu. Dennoch rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere die Reise zum Könige, welche unser Abt den Dienstmannen des Klosters bereitet.«

»Denke auch daran«, unterbrach ihn der Fremde eifrig, »uns das Land offenzuhalten für den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen und Thüringen erwarten. Denn ich kenne den falschen König, er ist behend wie ein Wiesel, und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet, ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der Abtei.«

Der Mönch sprach den Segen, und der Fremde schwang sich auf das Roß. Als der Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu, an welcher ihn Reinhard erwartete.

Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte er durch die Tür des Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah, trat er vorsichtig ein und näherte sich dem Mönch, welcher mit dem Grabscheit vor einem kleinen Gesträuch stand und unverwandt eine Blume betrachtete. Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies auf das Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die unwillkommene Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte.

Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner Freude das Schweigen brach: »Sieh diese Rose, die ein Bruder dem Wigbert aus Gallien gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen, aber die liebe Sonne hat ihr den Mund geöffnet; blicke [293] hinein, schöne Farben hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran, denn die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig, und die bösen Geister, welche in den Leib fahren und Siechtum bereiten, fürchten den Duft und meiden ihre Nähe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den Erdgarten gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist das Herz geschlossen, bis das Licht des Glaubens darauf fällt, dann öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«

Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie auch dem neuen Magister, welcher, wie man sagt, aus der Fremde gekommen ist, um die Schüler Dialektik zu lehren.«

»Du hast die Wahrheit gehört«, versetzte der Alte vorsichtig.

»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen. Leidvoll wäre es mir, wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er kennt meine Mutter und mein Geschlecht, er hat die Macht, mir zu schaden, und seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich, wie du weißt, dies Gewand.«

»Sorge du nur, ihm zu gefallen«, mahnte der Alte, »er hat wohl selbst Augen und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er hat dich bereits gesehen, da du unter den Dohlen saßest.«

»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn Jahre sind, fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und uns, wenn er Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter Streiche nicht gewöhnt, und er wird es schwer finden, das edle Blut über die Bank zu legen.«

»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen«, versetzte der Gärtner, »du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber wende dich abwärts, Immo, dort naht Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne Erlaubnis einzudringen.«

»Gerade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, daß du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die Tage meiner Zukunft, und wenn ich das Kloster verlasse, so weiß ich niemanden, der meiner Jugend mit gutem Rat zu Hilfe kommen wird. Dein Geselle aber hat im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir, bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille vertraut haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet, so ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber zürne mir nicht, daß ich darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du mir nichts Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich weiß auch, wer ihn hingestellt hat.«

Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind listige Vögel, [294] sie tragen mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frühjahr, als mir meiner Sünden wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein paar Fausthandschuhe von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt, woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen Bertram, der langsam herangewandelt war und ebenfalls sein Grabscheit in der Hand hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an, und Bertram, welcher der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er die früheren Reden gehört hätte, und begann feierlich: »Darum nahest du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn heut ist der Tag, wo ich dir schenken will, was ich dir einst versprach, und was ich bis jetzt als mein Geheimnis bewahrte, wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als Kriegsmann in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute und nicht für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich merke, dein wilder Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters hinaustreiben. Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn nur im Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer Ecke des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling, Sintram machte den Beschluß. So schritt Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den Baumschatten, dort blieb Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber trat an den Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte den Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte sein Kredo, dann begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann fest machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen; und die heilsamsten von allen sind die heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese gedenke vor anderen. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte, vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis meiner Gabe bewahrt bleibe, und gelobe mir, daß du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«

Das gelobte Immo.

Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jüngling einen in seine Hand und sprach feierlich: »Drei Lehren sind es, und eine, mit denen ich dich begabe, öffne dein Ohr und halte sie fest. Die erste bedeutet, daß dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten darf; und sie lautet:

›Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten kannst.‹«

Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem [295] Freunde unwillkommene Kunde ins Haus trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor der Staub auf deinen Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:

›Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem Wirt das Herz krank.‹«

Zum dritten Halm sprach er: »Mißachte den Eid, der in Todesnot geschworen wird. Wer dir Liebes gelobt, sich vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid, sooft er des Strickes sich schämt.«

Und beim vierten gebot er:

»Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei für den Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.«

Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte, beschloß Bertram die Begabung, indem er gerührt sagte: »Es ist Brauch, daß der Spender heilsamer Lehren ein Entgelt dafür erhalte. Da du wenig hast, und ich wenig nehmen darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene Pelzhandschuhe als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß dir's Herr Bernheri geschenkt hat, als du ihm die Otter lebendig brachtest. Und jetzt neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich segne; denn du hast die Weisheit meiner Vorfahren empfangen, und ich will flehen, daß sie deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor dir besaßen. Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, daß die Verachtung sich nicht an dir räche.« Immo beugte das Haupt in die Hand des Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden an und führten ihren Günstling zur Gartentür, dort begann Sintram: »Merke auch noch dies von meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge dafür, daß du immer jemanden hast, der für dich zu dem Himmelsherrn betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich, und auch ich gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt längst erkannt, obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir beide sind alt. Oft hören die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten, weil er ihnen durch seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn bittet, so fühlen sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der, welcher in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem Präpositus nicht mißfällig wirst.«

Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes, er neigte sich tief vor ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang, setzte sich endlich in den Schatten einer Mauer und wiederholte und bedachte in der Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor [296] der großen Klosterpforte neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im Wachthause zu jeder Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters, und dort weilte Immo am liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich die Dekane das nicht zu wissen brauchten.

Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von den Knechten entladen wurden, während ein bejahrter Dienstmann im Schuppenhemd, die Blechkappe in der Hand, neben seinem Rosse stand und geduldig den Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald«, begann Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«

Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten Mönch zwischen den Heuwagen – es war der Bruder, welcher dem Pförtner in seinem schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in dem Stalle. Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren, bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem Tore an und sprach mit dem Mönch, der auf den Verschluß achten sollte. Da stob Immo auf flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und war außer Rufesweite, bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater Pförtner hat mir befohlen«, rief der unzufriedene Mönch, »diesen nicht ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St. Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«

»Laß ihn immerhin«, begütete der Dienstmann, »mir ist es recht, wenn ich heut einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine Meinung zu sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts Knechte und Gespanne vollzählig zurückerhältst.«

»Du verkündest, was üble Ahnung macht«, rief der Mönch erschrocken. »Wie mag uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«

»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen, und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen Gerhard, sie fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um unsere Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«

»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch nicht uns«, tröstete der Mönch, »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard und für die Seele seines Vaters.«

»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht kümmern«, versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich meine, es war eine Helmkappe. Du selbst magst erwägen, ob die Mannen des Gerhard an diesem heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das Heufest des Klosters feiern.«

»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage«, rief der Mönch.

[297] »Unnütz wäre die Mühe«, versetzte der Dienstmann, die Achseln zuckend, »ich ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn Abts von St. Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor einem Sonnenblink auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen gesandt, vielleicht daß sie mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch sollte mir das Pferd straucheln, so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen, daß ihr das Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.

Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebüsch seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast du gut gewählt, wenn du dich heut im Felde gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken in der Hand vermag ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut wird dir schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein Schwertschlag erreicht.«

»Denkst du an Hiebe?« fragte der Jüngling und richtete sich hoch auf.

»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken«, versetzte Hugbald vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest, daß Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den Rechen hinter einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«

»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner Seite reite«, sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge.

Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch ist es schwer, zwei Gebietern zu dienen. Dort oben liegen wackere Gesellen müßig, welche bei einer Schlägerei im Heu wohl den Rücken decken könnten. Aber was einem Herrn gefällt, will der andere nicht leiden.«

»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu rufen.«

»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne«, versetzte Hugbald kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen und manchen Schlag zu seiner Ehre getan, warum sollte er mich also mißachten.« So ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber, dem Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.

[298]
Die Gesellen

Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das Flußtal, Tutilo hoch zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß; in heißem Sonnenlicht stiegen sie den Hügel hinauf, auf welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines Kloster erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle, hinter dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor saß auf seinen Spieß gestützt ein Kriegsmann. Gemächlich erhob er sich, empfing mit geringer Kopfneigung den Segen, welchen Tutilo spendete, und führte ihn in den Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem Vorhaus, dessen Dach auf schön geschnitzten Holzsäulen ruhte, daneben erhoben sich Ställe und ein umhegter Raum, aus welchem unablässig das Gebell vieler Hunde klang. Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich mehrere Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen Trinkkannen, welche dazwischenstanden, und das laute Gelächter der Trinker bewies, daß diese Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten. Tutilo begann bitter, während er einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr verraten ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung von Jägern und Schwertträgern als eine Burg St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden Mönche störten die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten herzu, und während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und mißtrauisch nach dem Präpositus.

Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte, trat Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes, in die Tür und führte die Gäste eine Wendeltreppe hinauf in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten zu weilen pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen der kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund auf grüne Weiden und wogende Ährenfelder, das große Kloster Wigberts aber sah man nicht. Über dem Tisch in der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich mit der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche Kissen. Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten als Haken, woran Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen: Hornbogen und Köcher, Eberspieße und große Halsbänder mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde.

Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem Haupte; dem geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an, daß er sorgfältig den Wein seines Kellers prüfte; er trug einen langen Hausrock von feinem dunklen Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die Mönche knieten nieder. Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß man den Zwang erkannte.

[299] Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann, während er mit flüchtiger Handbewegung den Segen erteilte: »Ungern sehe ich heut dein Gesicht, Tutilo, da du doch die Brüder, wie ich höre, in das Heufest gesandt hast. Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den Heimkehrenden entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende Krähe flieht gern dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.«

»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich mit dem Habicht, der sich in dem Klostergut niedergelassen hat«, versetzte Tutilo schnell aufstehend, »ich aber und mancher von den Brüdern meinte, daß in der Notzeit des Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu vergessen und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr abwenden kann.«

»Du sprichst gut«, versetzte der Abt ungnädig, »sorge dafür, daß deine Taten der Rede nicht widersprechen. Kommst du auch ungeladen, sitze dennoch nieder, ob du dem Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er winkte dem Mönch Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne Becher und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte sich gewichtig, winkte den Gästen, zu beiden Seiten Platz zu nehmen, und sagte, auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt. Ich freue mich deiner Ankunft, Reinhard. Deine Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast dich den Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen, und als vertrauten Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit du gleich einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des Klosters bereisest und mit eigenen Augen alles erkundest, denn üble Nachrichten erhalten wir aus jedem Gaue. Jetzt berichte von unseren Höfen und von den Zellen, in denen unsere Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es auch unwillkommen ist.«

Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem die Hufen und Höfe des Klosters verzeichnet waren, und begann den Reisebericht. Es war eine lange Reihe von Klagen der Verwalter über Gewalttat der Grafen und Widerspenstigkeit der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr Bernheri einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange ich lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und die Gottlosen nehmen. Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen weniger. Wie ein Weiher ist das Klostergut, in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er aber gefüllt ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben und leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich sorge, der Weiher wird einmal leer, und meine Mönche werden wie Karpfen in mißfarbigem Schlamme zappeln.«

»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn er [300] auch sagt, wie zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer Bruder die Geheimnisse des Klosters erfährt, welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt sind«, fiel Tutilo mit rauher Stimme ein. »Leichter ist es, Klagen vorzutragen, als die Hilfe zu finden.«

»Du selbst weißt ja, mein Vater«, antwortete Reinhard, »wo die beste Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem, ob unsere Brüder nach der heiligen Regel ihren Dienst tun. Den Säumigen aber entziehen sie ihre Gnade. Manches sah ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach der Regel war.«

»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Korvei und sonstwo, überall ist der Mutwille größer als bei uns«, rief Tutilo zornig, »und lebt ihr in Altaha, die ihr euch als starke Beter rühmt, deshalb in größerer Sicherheit?«

»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges«, fuhr Reinhard ruhig fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten, welche bei unserer Zelle Ordorf wohnen, ein neuer Eifer erwacht ist. Die Brüder, welche du dorthin gesandt hast, leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes Heil sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die Brüder Licht in der Kirche, und als Hunibald, der Magister, einst aufstand und hineinging, erkannte er einen Schein über der Platte, unter welcher, wie die Sage geht, der selige Vater Meginhard, der Genosse des heiligen Bonifazius, bestattet ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen Heldentaten, die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt hat. Die Laien drängen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe, und große Heilungen von schweren Leiden werden berichtet, die an dieser Stätte ganz plötzlich gelungen sind. Das läßt Hunibald dir durch mich mit Freuden verkünden.«

Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne den Sinn unserer Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber unbesonnen, und ihrem Glauben fehlt die Prüfung. Ich kenne auch alte Vetteln, welche von einer Stätte zur anderen laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man sie rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere. Die in Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt uns nicht verspotten und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum aus dem Wunder werde.«

»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt, auch ehrbare Leute rühmen die Wunderkraft des seligen Bekenners.«

»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du gesehen hast?« fragte der Abt prüfend.

»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das Amt, nach der Wahrheit zu forschen«, versetzte Reinhard.

»Ich aber meine«, rief Tutilo, die Faust auf den Tisch setzend, »daß den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst geschieht, wenn der selige Memmo zu Ordorf einen Zulauf als Wundertäter erhält [301] und am Ende gar zu Rom als Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter gewinnen, und die Edlen werden bei König und Papst bald darauf antragen, daß wir Ordorf aus unserer Klosterzucht entlassen und daß dort oder in der Nähe eine eigene Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell als ein großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate ich, daß wir unseren Heiligen getreu bleiben und uns nach Kräften bemühen, die Wunder zu stillen und nicht landkundig zu machen.«

Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein Lichtschein dem Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden unsere Fürbitter es auch bei uns nicht daran fehlen lassen. Weißt du eine andere Hilfe, mein Bruder, wenn auch durch weltliche Mittel?«

Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft, Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu sehr fehlt, was ihr Schutz und Sicherheit gewähren könnte. Durch ganz Thüringen liegen die Hufen und Höfe zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der Grafen; aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten, welche für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger ist der Abt von Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am mächtigsten der Erzbischof von Mainz, denn seine Kriegsleute lagern sicher in der großen Stadt Erfurt. Die Mönche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen Ungünstiges für dein Kloster und breiten sich aus, dir zum Schaden, auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge, wo sonst deine Herrschaft fest gegründet war. Darum meine ich, dir tun vor allem Burgen not mit treuer Besatzung. Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in der Ebene, wo das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und Wiesen ein, schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen am Saum der Hügel. Dort ragt im Hintergrunde die Wasserburg, welche dem Kloster gehört, doch sie ist halb verfallen. Der ganze übrige Bergwald aber und das Land darum gehört dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule des Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie von einem großen Wall die Landstraße und die Umgegend. Und ich höre, es bringt gern seine Spenden zum Kloster.«

»Gut hast du gesehen, mein Bruder«, rief der Abt, »ich kenne die roten Hügel, und ich weiß, daß sie gewaltig sind, aber sie sind freies Erbe eines Geschlechtes, welches seit der Urzeit im Lande haust, und ich meine nicht, daß sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben werden.«

»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren, wenn sie zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben hätten«, versetzte Reinhard.

[302] »Wahrlich, Bruder«, sprach Tutilo, »als ich zuerst von deiner Sendung hörte, war sie mir widerwärtig; was du aber hier kündest, ist dasselbe, was auch ich für eine gute Hilfe des Klosters halte, und ich muß deine Klugheit preisen.«

»Ich aber kenne unseren Schüler Immo und seine Sippe«, warf der Abt ein, »hochfahrend ist ihr Sinn.«

»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie oft die Angst vor der Hölle des üblen Teufels«, sprach Reinhard. »Dennoch würde ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben, wenn mir nicht Frau Edith, die Mutter des Immo, vertrauliche Botschaft an dich, meinen Herrn, aufgetragen hätte, und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht dich an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen und ihn mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht hat beschlossen, die Mühlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben, damit der Schüler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis unserem Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser Kloster dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden die Erzbischöflichen zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen, für uns aber scheint mir diese Wandlung verderblich.«

»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde schauen«, rief Herr Bernheri.

»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlüpfen«, drohte Tutilo.

»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln dem Jüngling Immo das Kloster zu verleiden«, versetzte Herr Bernheri strafend.

»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt worden, er würde nicht zurück in die Welt begehren«, entgegnete Tutilo, »auch die Weide biegt sich nur, wenn eine feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich leide, daß die Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet wird, zwinge ich den Schüler mit eigener Hand in die Klausur.«

»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum Mönch zu schlagen, mein Bruder«, versetzte der Abt. »In vielem hast du meine Herde verleitet, aber schwerlich wird sie dir folgen, wenn du das Kind aus dem Geschlecht unserer Guttäter durch Zwang zurückhalten willst. Ich rate dir, daß du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht allein wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn hierher zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die Herzen der Jugend zu gewinnen und, damit ich metaphorice spreche, auch junge Stoßvögel an die Hand zu gewöhnen. Versuche du, mein Bruder, ob du die Neigung des Knaben für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind sie aber gebändigt, [303] dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt mir, daß wir uns erheben. Manches andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln. Du aber, Tutilo, ziehe zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir passend erscheint, dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und den Konvent der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich in das Ohr raunst.«

Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte, als er sich erhob. »Du aber, Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste den Brüdern zu verbergen und im Rücken des Klosters die Wahl zu treffen über den König, dem wir in Zukunft dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die nächste Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen. Meine nicht, Bernheri, mich zu hintergehen. Wenn du auch Abt bist, du selbst würdest es schwer entgelten, denn mein ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich mit Unehren beladen wird.«

»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft«, rief Herr Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der Reiter, welcher dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen hat und der verborgen im Gasthause liegt, spurlos verschwinde, bevor ihn meine Reisige ergreifen. Dich selbst könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir, und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen, und auch jetzt gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du, dich zu behandeln wie einen Trunkenen, von dem geschrieben steht, er weiß nicht, was er tut.«

Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging heftig auf und ab, endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber mit einem Seufzer wieder hin. »Selbst der Wein schadet zornigem Gemüt, und ich begehre nicht, unwilliger auf ihn zu werden, als ich bereits bin.«

»Ich aber bringe dir«, begann Reinhard, ein Pergament aus der Kutte ziehend, »den Gruß des Königs und seine Mahnung, daß du die Reisigen des Klosters ohne Verzug sammelst und durch die Wälder von Fulda zu seinem Heere sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr, sendet er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung des Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war. Du mögest sorgen, mahnt der König, daß die Treue des Klosters sich ebenso bewähre wie des Königs Gnade.«

Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die besten Hirsche zwischen Fulda und Main halte ich in diesem Pergament«, aber bald verdüsterte sich sein Blick. »Du hast gesehen, mein Bruder, wie jener unholde Mann gesinnt ist; nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges in die Ohren und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt, nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über meine Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag, indem ich den Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem [304] Tutilo nach und rühme unterdes im Kloster die Schenkung, damit die Unzufriedenen mein Herrenwort williger anhören.«

Während der Abt dem Mönch die letzten Befehle gab, erscholl auf den Feldwegen, die zum Kloster hinführten, Jauchzen und Gesang; die Brüder und Mannen auf dem Petersberg drängten zum Tore hinaus und sahen neugierig in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen die Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen und ritten die Buben des Dorfes schreiend und die Arme schwenkend. Hinter den Wagen schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten, eine lustige Weise spielend, die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen, mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an den Händen und sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages lustig den Reigen; vom Pfade ab zogen sie die Kette bald seitwärts über die Flur, bald zwischen den Wagen hindurch. Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die beiden Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander, manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu lustigen Sätzen. Sogar die Väter gedachten nicht sehr ihrer Würde, mehr als einem war das Haupt schwer, so daß er von den anderen geleitet werden mußte, und man merkte auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende fuhr ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den Brettern kollerten, und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an die Leiterbäume gehängt waren. Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an, und viele stimmten ein und sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme, und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen Zuge der Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der Begeisterten sie in den Arm kniff oder auch in die Backen. So wälzte sich der Schwarm schreiend und singend dem Kloster zu. Die untergehende Sonne warf ihr goldenes Licht auf heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber knallten mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten lustiger vorwärts.

Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad von Osten heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in die Ferne, die Wagen hielten an, die vordersten Knechte schrien nach rückwärts, Spiel und Gesang endete in einem Mißton. Denn von dem Seitenweg her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude. Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute vom Holze her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern und Wehgeschrei trugen sie einen undeutlichen Gegenstand heran. Die Leute im Zuge verstanden wohl, was der Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die Rüstigen liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen. Zu einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen. Die Knechte peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem Schritt, um sie in den Klosterhöfen [305] zu bergen, die anderen umstanden entsetzt eine Bahre, auf der ein todwunder Mann lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten einander, Heugabeln und Messer wurden geschwenkt, und an Stelle des lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das weite Tal. Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen. Als der gefürchtete Mönch in das Gedränge stob, fuhren die Leute auseinander, im nächsten Augenblick aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch sprang ab, beugte sich über den Mann und sah nach der schweren Kopfwunde. Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters zu tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind die Gespanne?« fragte er, unruhig um sich blickend, »wo ist Hugbald?«

»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und fortgeführt, Hugbald gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo«, riefen ihm die Leute entgegen, bis auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und stöhnend das ganze Unheil verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo die Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen Gründen, welche aus den Höfen des Klosters bewirtschaftet wurden. Sie waren neuerer Erwerb, doch niemand hatte beim Auszuge geahnt, daß dort ein Feind laure. Ungestört hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor gemäht und das Heu gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet, wie bei fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus Vorsicht hatte heut Hugbald geboten, daß die Knechte ihre Rosse abspannen und, während die Heuhaufen gesetzt wurden, unter Aufsicht eines Reisigen auf freier Höhe, von der weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er selbst das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war, begleitet von dem Schüler Immo, hatten die Knechte ihre Gespanne zu den Wagen zurückgeführt. »Schon vorher war uns unheimlich geworden«, kündete Bardo, »denn wir hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne Bewaffnete erkannt, welche hin und her ritten. Gerade als sich der Zug der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm Reiter aus dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne zu. Unsere Reisigen hoben die Wurfspeere und warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte ergriffen die Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber klein war die Zahl der Unseren, im Nu waren sie umringt. Der Mann, welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom Rosse in sein Blut, nur Hugbald schoß den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte, drei waren gegen ihn, doch der Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen sie, ich sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen. Ganz tapfer hielt sich unser Scholastikus, und er hatte den Hugbald frei gemacht, aber dieser rief: ›Wie mag ich zurückkehren ohne die Wagen‹ und warf sich aufs neue einem andringenden Haufen entgegen, bis er entwaffnet und mit Weiden [306] gebunden war, und gleich ihm der Jüngling Immo; darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt. Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen, heran und rief mit zornrotem Gesicht: ›Verderben über euch, ihr Wigbertleute, mein ist das Heu, mein die ganze Markung. Nichtig ist die Schenkung, deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne und eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung sind sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch erlitten. Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken, so sollen ihm meine Gewappneten die Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche aber wandelt stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch. Und saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen, so soll er sich eilen, das Lösegeld zu senden, denn ich gedenke sie nicht lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit euch, denn euer Anblick ist mir verhaßt.‹ So ritt er mit einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu, und hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit den Weibern seinen Leib auf den Baumästen hierher.« Als der Alte geendet hatte, begannen die knienden Weiber wieder ihr Wehegeschrei, und der Racheruf der Wigbertleute klang durch das Tal.

Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling, der die Zahl seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf Gerhard will für König Heinrich ins Feld reiten, hier merket die Treue der Königsmannen. Als ein Walddieb ohne Aufkündigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos gekränkt. Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung, schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß sie ein gehäuftes Maß Unheil über den Verfluchten senden, bereitet eure Wehren, schlagt an der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung an alle, die noch im Felde sind, daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen auf den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser Kloster von Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen, damit wir um Tor und Mauer sorgen, denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden, und auf Abwehr denken wir und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen Schreck und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einem anderen Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen, geringe Freude wär' mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang sich auf sein Roß und sprengte voraus dem Kloster zu, einem Kriegsmann ähnlicher als einem Mönch. Den anderen aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden Zorn erkannten, und hinter ihm eilte der große Schwarm von Männern und Weibern auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den Brüdern, die das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte entgegenging.

[307] In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler Kienfackeln die Holzwände und die rußigen Balken der Decke. Gegenüber der Tür führten einige Stufen zu dem erhöhten Raum, auf welchem der Herrentisch stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes Tischtuch war aufgedeckt, und neben den Tontellern blinkten silberne Kannen und Becher. In der Halle waren zwei lange Tafeln gerichtet mit Sitzen darum und unten an der Tür eine dritte kleine, alle mit Holzgerät und irdenen Krügen bestellt.

Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle und blies auf einem Horn, das er am Halse trug, den Ruf zum Mahle in den Hof. Klirrend drangen die Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den Holzstühlen, auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb, wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken Seite die unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien waren meist bäuerische Genossen, welche lungernd in den Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum Schwertdienst entboten wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die schlechtere Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele von ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen ritten und schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen. Die Freien wiederum waren stolz auf ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der Geschmückten, so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten an der Tür aber, getrennt von den anderen, harrten an besonderem Tisch die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse Sladenkop, unehrliche Leute, welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und öffentlich mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kämpften oder auch heimlich jedermann niederschlugen, sooft es ihr Lohnherr gebot.

Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale Tür der Hinterwand, und Graf Gerhard trat selbst herein, hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche den kleinen Bruder an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis über die Knie herabhing und von breiter gestickter Borte umsäumt war, darüber trug er am weißen Ledergurt sein Schwert, an den Beinen hohe rote Strümpfe und schön gestickte Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig Jahr, in seinen schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten sein Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat und seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart gegen das spitze Kinn dehnte, so hatte er wegen seinem wölfischen Aussehen den Beinamen Isegrim erhalten. Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die Jungfrau, sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche ihr weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so stolz trug, auf langes blondes Haar, das durch ein blaues Band über der Stirn zusammengehalten wurde, und auf ein rundliches [308] Kinderantlitz, über dem der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag.

Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal rief, stiegen aus dem Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben und der Mundschenk mit dem Küfer in die Halle, und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze ab und hielt einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten die Häupter, und mancher Fromme schlug das Kreuz, dann rückten die Burgleute kräftig die Stühle, zogen ihre Messer aus der Scheide und begannen schweigend die Arbeit des Mahles.

»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu«, begann der Graf, einen Becher hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der lustigen Mönche. Trinkt, Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so rühmlich sei als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich, und die Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den alten Hugbald mit seinem Knaben aus dem Turme herbei. Sie waren die einzigen, welche wacker die Reiterwaffe gebrauchten, sie sollen nicht Schwarzbrot kauen, während wir uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus; nach einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt, beide waffenlos. Als sie auf der Schwelle standen, rief der Graf durch den Saal hinab: »Tritt näher, Alter, lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben.« Er wies auf den Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern und Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend: »Laßt ihn das Tischtuch haben, denn er trug manches Jahr seine Sporen als ehrlicher Gesell und soll ungekränkt von meinen Tellern essen.« Hugbald ging schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden seiner Nachbarn.

»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz«, gebot der Graf und winkte Immo, welcher an der Tür stehengeblieben war.

»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?« fragte Immo errötend, aber mit einer Stimme, die hell durch den Raum klang.

»Öffnet ihm eine Ecke«, befahl der Hofherr, zu den Knechten gewandt. Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des Grafen zu, er stieg die Stufen zum Herrensitz hinauf und drängte mit der Hand den Kämmerer, der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir würde geziemen, mir den Stuhl zu rücken«, rief er. So trat er auf die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen, sprach freundlich, nach allen Seiten grüßend: pax domini vobiscum, und setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken Eindringling. »Übel gedeihe dir deine Frechheit; seit wann klettern die Schüler in den Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung in Wigberts Hofe.«

[309] »Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank, bei Euch, Herr, ziemt mir der Stuhl in Eurer Nähe.«

»Werft den Schamlosen von seinem Sitz«, befahl der Graf zornig.

»Dann führt mich zurück in den Turm«, rief Immo, »denn bei allen Heiligen des Himmels, an keiner Bank lagere ich, keinen Bissen und keinen Trunk nehme ich in diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz bereitet wird, wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.«

»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen wagst?«

»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher das Banner der Thüringe im Lande Italien trug«, bedeutete ein alter Dienstmann in der Nähe des Grafen, »und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts haben von je einen Herrenstuhl begehrt.«

»Jetzt erkenne ich dich, Immo«, versetzte der Graf ruhiger, »bei meinem Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch sollen meine Knaben dich abwärts führen, da du kein Krieger bist, sondern nur ein halber Mönch.«

Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß Eure Reisigen meinen Arm gefühlt haben, fragt nach, wenn es Euch gefällt, ob die Stöße nur halb waren und in Mönchswelse gegeben oder nach Art eines ehrlichen Kriegers. Und wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich geritten bin, in diesem Saal wären, so würde ich sie gern friedlich begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich schwinden lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als Geselle des Hugbald verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie ehren den Spruch: Auf der Heide schlagen, beim Trunke sich vertragen.«

Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen:

»Hast du auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen, lustiger Immo, so will ich dir doch Bescheid tun, wenn der Graf dir einen Trunk verstattet. Denn laut dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein gegen eine Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe sprangst, damit der Kampf ehrlicher sei. Treffe ich dich mit einem Schwert aber später auf grünem Grunde, dann zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie tragen.«

Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke.

»Wohlan«, entschied der Graf, »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr zu entschuldigen weißt, so will auch ich heut an die Ehren deines Vaters gedenken. Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten kannst, daß sie deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich dir vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir wie ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir anderen aber wollen ruhig zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht sitzt.«

[310] Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin.

»Sei mir hold«, bat Immo, »da du doch aus der Schule bist.«

Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn, dann sah sie wieder vor sich hin.

»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« fragte der Graf unwillig. »Sechs teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer Zucht zu unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre als das unverständliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst.«

»Cave ne iram augeas«, sprach das Mädchen leise, ohne den Schüler anzusehen.

»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du ihm gesagt, Mädchen?« fragte der Graf.

»Sie hat mich gemahnt«, antwortete Immo, sich erhebend, »daß ich mit ehrerbietiger Bitte Euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß Ihr mir, wenn ich auch Euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich nicht von Eurem Tische sendet. Denn um Euch alles zu sagen, gar nicht reichlich war heut die Mittagskost im Kloster, und der Ritt zwischen den Rossen Eurer Reisigen war auch einem fröhlichen Imbiß sehr ungleich, und gern würde ich Heil für Euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es vermöchte.«

Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte, daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel, so lachte er und rief über die Bänke: »Wahrlich, dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst, auch anderen Ehre zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden Lateiner zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete ihm den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als dein Geselle soll er heut von deinem Teller essen und aus deinem Becher trinken.«

Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden hin.

»Ich merke«, sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle unwillkommen ist.«

»Wundere dich nicht, Immo«, spottete der Graf, »du bist wie ein Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft. Ihr aber geht es wie der Königstochter, welcher auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz sah sie auf den Quaker, kalt erschien ihr sein Fell, und nur mit zwei Fingern griff sie ihn an.«

»Ja, so tat sie, Herr«, versetzte Immo dreist, »aber zuletzt wurde der Quaker doch ihr Gemahl.«

Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt dir auch seine ungefüge Stimme«, gebot der Graf ergötzt der Jungfrau, »so fülle ihm doch den Becher.«

»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht, da ich dein Geselle bin.«

[311] Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob ihm den Becher hin und sagte leise: »Stille ein wenig den lauten Gesang, denn der Reiher schwebt über dir.«

»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand«, versetzte Immo, ihre Hand fassend.

»Du wirst dreist, Herr Frosch«, antwortete das Mädchen, die Hand zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.« Sie hob die Kanne und goß ihm den Becher voll.

»Sei bedankt, Geselle«, sprach Immo. »Komme ich einmal aus dem Kloster, so sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.«

»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter«, begann Hildegard zutraulicher, »denn selig waren die Tage meiner Jugend unter den frommen Frauen, und wilde Reden höre ich hier unter den Männern.«

»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen«, tröstete Immo.

»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue Pflege.«

»Waren sie streng in der Schule?« fragte Immo teilnehmend.

»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden«, erklärte Hildegard, »und wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius: ›Conticuere omnes‹.«

»Infandum regina jubes renovare dolorem«, rief Immo, »manchmal hat mir der Heide den Kopf heiß gemacht«, und beide lachten vergnügt einander an.

»Auch andere Kunst lernten wir«, fuhr Hildegard mutig fort, »denn im Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt, und sie vergönnte mir, daß ich die Hymnen für mich schrieb. Ich habe auch das Buch genäht, ich habe es auch selbst in Holz gebunden, und der Schmied hat acht Edelsteine in die Ecken gesetzt.«

»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben«, versetzte Immo.

»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im Kloster. Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt«, und sie wies ihm die Verzierungen am Ärmel ihres Gewandes.

Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen als mir. Aber beide sind wir Waisen, ich kam in das Kloster, weil mir der Vater starb, jetzt fürchte ich, daß bald einmal die Schere knipst, um mir das Haar zu scheren.«

»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken«, spottete Hildegard, aber sie sah doch teilnehmend auf sein Haar, welches im Lichte glänzte und länger herabhing, als strenge Klosterzucht sonst den Schülern gestattete. »Wenn der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so kann sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.«

[312] »Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden aus deinem Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger, binde ihn mit deinem zusammen, da du doch heut mein Geselle bist. Denn wisse, das ist Brauch in der Welt.«

»Das ist übler Brauch«, versetzte das Mädchen errötend, »ich vermöchte dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch habe ich vernommen, daß treue Gesellen solche Gewohnheit haben, sie sitzen beieinander auf demselben Zweige und singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie ich merke, sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum Wortkampf ein. »Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im Kloster klingt, dann singen wir fromme Hymnen.«

»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt«, antwortete Immo ebenso, »dann bellen die Hunde, dann springen die Hirsche, und lustig reitet der Jäger im wilden Wald. Was sagst du dazu, mein Geselle?«

»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der wilde Bär, im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem Himmelsherrn.«

»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fuße zu schleichen. Ich lobe mir den grünen Anger und bunten Klee, dort werfen die Knaben und Mädchen den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt dir das, mein Geselle?«

»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen, und blutige Streiche störten den Tanz; ich lobe mir, wenn das junge Geschlecht im Kreise sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Büchern verkündet.«

»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel lieber schwinge ich selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd über die Heide. Was sagst du dazu, mein Geselle?«

»Ein Kriegsmann willst du werden«, rief das Mädchen erschrocken, »sie werden dich töten«, und sie vergaß das Redespiel.

»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es ihnen nicht gelinge.«

Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den Nachbar. Daß er nicht geistlich werden wollte, störte ihr die Sicherheit, sie schob ihr Gewand zusammen und schwieg.

Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief: »Mir ist heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich gehängt und mich hart geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater ersinnen wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben, und ich könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen niemand Groll, und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen haben. Ich weiß nicht, woher das kommt, wenn mir nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir sitze und mit dir [313] aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute, und ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder auch singen. Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme ist rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst du wissen. Denn küssen darf ich dich, wenn ich will.«

Hildegard erschrak und wandte sich ab: »Hüte dich, daß der Vater das nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden.«

»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn«, versetzte Immo übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme. Aber wenn ich dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem Recht. Mögen die guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er sang halblaut die Worte des Hymnus: »Audi, benigne Conditor, nostras preces cum fletibus.«

Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des Liedes entgegen: »Dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria 1. Flehe zu den Heiligen, daß du nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest du gleich einem Berauschten.«

»Wie du geschickt zu entgegnen weißt«, rief Immo begeistert, »du bist ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhöhnst.«

Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und starken Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten, welche ihm zunächst saßen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden auf dem Stuhle zurück und hörte die lateinischen Worte des Hymnus, welche seine Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute«, rief er, »sie summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen«, und da er im geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er fort: »Fremde Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist schwerer. Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«

»Ja, Herr«, versetzte Immo, »sie mahnt mich, mäßig zu sein, damit Euer Trank mir nicht das Hirn betäube.«

»Allzu streng ist Hildegard«, lachte der Graf, »dir soll auch einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne, daß es dir an Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig. Denn Zaunkönige nennt ja wohl das Volk die Männer deines Geschlechts.«

Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn. »Weil meine Vorväter als alte Landherren auf freiem Erbe saßen, deshalb haben die Mönche ihnen im Scherz den Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«

Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher stattlich im roten Gewande dasaß, weil er der Sprecher war [314] und der Liebling seines Herrn, und rief spottend in den Saal: »Eine Sage weiß ich. Als die Vögel den Genossen zum König wählen wollten, der sich am höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn auf seinem Stuhle sah, dort flatterte er über das Haupt des Adlers und piepte: König bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle, und unten schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot, daß der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken tragen dürfe, wo ihm niemand zusieht. Darum heißt auch ihr Zaunkönige, weil eure Herrlichkeit im Busch versteckt ist.«

Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem Diener antworte ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der Waldhecke bergen. Nie hat einer von meinen Ahnen sein Land vom König oder von der Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um bei uns Grafen zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt rühmt, ein Edler zu sein, weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge reitet, obgleich seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«

Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken, und die Hand des Grafen Gerhard griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der Jüngling aber sah mit blitzenden Augen über die Versammlung, stattlich stand er da trotz seinem Schülerkleide und rief laut in das Getöse: »Zürnt mir nicht, starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling vor euch meine Stimme erhebe, wenn man seinem Geschlechte durch stechende Worte die Ehre mindert. Auch zu Euch, Graf Gerhard, flehe ich, daß Ihr ohne Kränkung vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich Euch und Euren Kindern, und Dank sage ich Euch, wie dem Gaste gebührt.« Er leerte den Becher und setzte sich.

Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. »Ich höre, du hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.«

»Überall rühmen die Leute«, versetzte Immo, »daß die Zunge eine gute Waffe ist, und wir Schüler haben, wie Ihr wißt, vor anderen darin Ruf.«

»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mönche schneidet«, entgegnete der Graf, »vor anderen aber bei den Mönchen des Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr dort sehr ungeistlich lebet und der Gebete für arme Seelen wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo, erinnere ich mich, gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest und sogar den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem Streit mit den Geschorenen.«

[315] »Verzeiht, Herr«, versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder kämpfen oft mit ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber der Bär naht, dann schließen sie sich einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch mir Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten, denn als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.«

»Du sorgst schlecht für dein Wohl«, rief der Graf zornig, »wenn du dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar und treulos haben Wigberts Mönche an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich mich enthalten, ihnen Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte, und mühsam habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute ansahen. Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut den geschorenen Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn meinem Vater gehörte der ganze Grund, und er hat ihn, wie die Mönche behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer freibeten sollten. Dies aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach versäumt. Und ihr alle sollt es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr mein Recht gegen die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht, welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.« Er bekreuzigte sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum eine unselige Gestalt von Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen gefesselt, und ich erkannte, daß sie so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte. Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: Mein war es, und dein soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich deutlich, daß die Geschorenen als Lügner an meinem Vater gehandelt haben, oder auch, daß ihr Gebet ganz unwirksam geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum beschloß ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag Wiese und Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der Himmelsburg zu erwerben, so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind, einen warmen Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn zuteile.«

Ein freudiges Geschrei ging um die Tische, und laute Heilrufe erklangen dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trunk und sah zufrieden über seine Bewaffneten. »Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn obgleich du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich merke, daß du recht gut verstehst, deine Worte zu [316] setzen, und weil ich dich als nutzlosen Schüler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche mein Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in meinen Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in Banden, bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung beeile, wenn er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht lange zu füttern gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderem Tausch. Denn zwei meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des Abtes verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des Abtes vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben den Füllen die Leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald unter die Wölfe versprengten, da kamen Dienstmannen des Klosters herzu, schrien meine Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen sie von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem Berg des Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr, und ich fordere meine Knaben und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du deinem Herrn verkünden.«

Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, daß auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte, und er fühlte nicht den Drang, die Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald, welcher mürrisch hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der Freude über seine nahe Befreiung, ruhig zu sagen: »Alles, was Ihr mir auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten, auch Euer Traumgesicht, wenn Ihr das begehrt.«

Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gerötet, und große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da erkannte er, daß die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters empfand, und sie wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied, ihn anzusehen, stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem Sitz und erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig durch eine Handbewegung gestattete, aus der Halle zu scheiden. Und zu der Bank seiner Mannen gewandt, rief er: »Führt auch die Verstrickten in ihre Zelle zurück, wenn sie nüchtern abwärtssteigen, so ist es ihre Schuld.«

»Lebe wohl, Hildegard«, sprach Immo leise und faßte heftig ihre Hand. »Denke mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich wiedersehe.«

»Sei auch du gesegnet«, antwortete Hildegard und verneigte sich vor dem Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen stolz als Herrin grüßte; die kleine Tür öffnete sich, und sie verschwand. Jetzt brannten die Fackeln dem Jüngling trübe, die wilden Mienen der[317] Männer erschienen ihm unheimlich, und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge dafür, daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig erhalten und Stroh zu warmem Sitze«, rief der Graf unter dem Gelächter der Reisigen dem Kämmerer nach.

Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben ihm in seligen Gedanken, er überlegte jedes Wort und jede Miene der Jungfrau, spät sank er in Schlummer.

Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie im Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des Grafen. Als er aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger zuführte, ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber, legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise: »Nimm zurück, was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt war ein Blättchen Pergament gewickelt, auf dem Pergament stand mit schöner Schrift der Reisegruß: ›Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen auf allen deinen Wegen‹; rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in seinem Gewande.

Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die Grenze begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brücke gehoben, wurde von Bewaffneten angerufen und mußte längere Zeit harren, bevor ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch die Botschaft des Grafen und entsandte den Boten mit dem Mönch Eggo sogleich zur Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein Kriegslager verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und forderten Kunde von den Gefangenen. In dem Hof der Reisigen drängten sich Kriegsleute und Knechte, das Rüsthaus war geöffnet, und die Knechte trugen Eisenhemden und Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander; bei der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an den Treppen und Bänken für die Bogenschützen, und im Vorhof der Kirche stand Tutilo, ein Schwert über der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur Verteidigung gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: »Hugbald liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen Dienstmann.«

»Nicht mein ist die Schuld«, versetzte Immo, »daß Hugbald gegen die Feinde keine andere Hilfe fand als meinen Stab.«

Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber eilte zu seinen Genossen, welche vor allem froh waren, daß sie heut nicht durch den neuen Lehrer in die Schule gerufen wurden.

[318] Von ihnen umdrängt, berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das Rüsthaus, wo die älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkündete den Mönchen, daß Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde, um die Brüder im großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen vernahmen die meisten die Botschaft.

Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht, welche Immo gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß der Graf einen Anlauf gegen das Kloster wagen oder daß seine Dienstmannen in Herden und Dörfer einbrechen würden. Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde herangetrieben von Anger und Weide, zuletzt kam noch der Sauhirt mit seiner Herde, und die Brüder hatten Not, die Menge der Menschen und Tiere in den Höfen zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse und Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten, die Schmiede schlugen auf die Speereisen, und die Zimmerleute hieben Balken und Bretter für die Verschanzung.

Der letzte Tag im Kloster

Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht die Stirnen; und ein Summen, das nichts Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als Herr Bernheri mit seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die Nacken der Mönche steif, und aus dem Summen wurde ein mißtönendes Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei seinem Sitz und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner aufsässigen Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermüdet durch Müßiggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen, blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann, und der Abt selbst erhob die Stimme: »Deus in adjutorium«, aber unordentlich tönte der Gesang der Brüder, und der Lektor eilte, sosehr er konnte, versprach sich und mengte die Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren, begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr Bernheri von seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig vor den Brüdern. Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr mit lauter Stimme fort: »Mein ist das Recht, zu befehlen, und euer die Pflicht, zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt, die ganze Gemeinde zur [319] Beratung versammelt; sorgt dafür, daß es mir nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen nicht zum Schaden gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht. Gutes und Übles habe ich euch zu verkünden. Das Gute ist von unserem Herrn, dem König Heinrich, gekommen, denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den wir uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt an, aber keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der Abt setzte die Rede unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr gröblich hat dieser das Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat er unpassende Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht auf die Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im Höllenfeuer stöhne.«

Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte die Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen: »Ich kenne seit lange den argen Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er üble Traumgesichte, wenn er den Frieden brechen will. Schon vor vielen Jahren träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich begehrte; er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste Bank der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen Vorteil erreichen könnte. Soviel gebe ich auf seine Träume« – er blies kräftig den Atem in die Luft. »Ich aber fürchte sehr, er selbst wird dafür in den Höllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim Weidwerk und bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere. Denn wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren, die nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele Dienstmannen mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei ihren Fehden die reisigen Knechte zuführen. Die Dienstmannen greifen das Kleine im Wald und auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche; zum Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer zu bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.«

Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge, doch war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an: »Gekränkt bin ich wie ihr alle, und wären meine Beine gesund und mein Sinn weniger gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst besteigen; so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und meine eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch verkünden, was unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rüsten. Dorfhäuser werden brennen und Männer erschlagen werden, und das Ende wird sein, daß er außer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren fordert wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns mehr schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden, er aber den Krieg, und er vermag uns von unseren Gütern in Thüringen zu scheiden. Vor dem König aber wird er recht [320] behalten und nicht wir, denn schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn er nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das Kloster helfen will. Darum, wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle, bin ich dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß er sich begnügt, das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei seinem Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm, und mancher Wurm nagt in seinem Holze, auch ihn ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt und noch mehr in der Zukunft.«

Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt mit harter Stimme entgegen: »Jetzt erkennen die Brüder alle, in welchem Sinne du die Worte des Gebetes gerufen hast; ›Erlaß uns unsere Verpflichtung, wie auch wir sie erlassen unseren Verpflichteten‹, du selbst hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahinziehen läßt. Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder gemeint haben, als sie laut riefen: ›Befreie uns von dem Argen‹, denn damit meinten sie nicht den Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der Graf gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß solche, die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig mit dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das bewiesen; unter anderem auch neulich, als der fremde Händler starb, den wir in seiner letzten Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei seinem Tode verließ er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus Welschland gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den Altären ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an dich genommen und durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du selbst gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt. Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du über die Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede Unbill und dagegen versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung. So tatest du neulich, da du ein Verbot erließest, welches ich lächerlich und kindisch schelte, daß nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern niemals Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du vermagst, zuerst wegen der kleinen Dinge, denn noch Weiteres haben wir über dich zu klagen.«

Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt. Da ihnen manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte für die meisten um so größeren Wert, und sie dachten und [321] murmelten viel über Trunk und Kost. Und Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte stärker zürnten als wegen Ärgerem.

Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung, und er rief: »Schweig mit deinen ungebührlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir als aus Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehörig ist, was du an geweihter Stätte über das Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird mir recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für Mönche allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig würzen, schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie ziehen bei ihrem Trunk ärgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so habe ich allein das Recht zu erwägen, wie er dem Kloster den größten Vorteil bringt. Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem Willen das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es nötig ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit Empörern verhandelst du, und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen Herrn Heinrich, unseren König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn ein Präpositus von dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung für die anderen. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst auslaufen, wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen, mit dir.«

Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die Bande der Zucht zerrissen in der Wut, welche die Seelen erfüllte. Dicht vor den heiligen Reliquien brach die Empörung aus, von ihren Sitzen sprangen die Mönche an die Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und glühenden Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul erfüllte die Kirche.

Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter Ruf, und die eiserne Gittertür, welche den Vorhof zum Hauptschiff der Kirche trennte, krachte in ihren Angeln. Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder Haufe mit Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch die Kirche nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten Armen davorstellend: »Immo, Unseliger, was wagst du? Bist du des Lebens müde, daß du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst?«

»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren«, rief Immo lustig hinein. »Meinst du, die Schule wird fernbleiben, wo die Mönche einander knuffen? Öffne die Tür, Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.«

[322] »Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst du in der Kirche?«

»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen es auch trifft. Wer ist in der Not?«

»Sie bedrängen den Herrn Abt.«

»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem Abt!«

Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei, und wieder rasselten die Stangen an dem Tor, gegen welches sich der Mönch mit seinem Leib stemmte; da griff Immo behend durch das Gitter und schob den Riegel zurück. Die Tür flog auf, und die Schüler drangen herein; allen weit voraus sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier Mönche, die er als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball vor den Altar und stand allein mitten unter den Tobenden, nahe dem Abt, der das schwere Kreuz vom Altar gehoben hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während die Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner auseinandergeflattert waren und hinter dem Altar und den Stühlen Schutz suchten.

»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn Abt. Komm heran, Dekan Tutilo, damit ich dich lehre, deinem Abt den Fuß zu küssen.«

Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück, der, mit drohender Gebärde einen Eisenstab schwingend, vor ihnen stand. Der allgemeine Zorn wandte sich gegen den Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien viele Stimmen. »Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!« Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel, welche dort für die Mönchsbuße lag, aus dem Kasten; von Hand zu Hand ging die blutbesprengte, Tutilo packte sie und stürzte damit auf den Schüler los. Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen am Boden, Immo hob die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn, bellender Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die Brüder wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen und dem Getöse plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf erhob sich wieder das Getümmel und Geschrei: »Zu Boden mit dem Bösewicht, werft ihn in den Kerker, bindet ihn auf das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie die Stange hob, da geschah, was allen unerhört war: die beiden Alten Bertram und Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf die Knie und baten zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer den anderen um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal ereignet, daß die beiden nicht derselben Meinung waren, und Bertram hatte auf der Seite des Abtes, Sintram aber auf der des Tutilo die Faust geballt. Und [323] als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der drohenden Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes Unrecht entsetzt, und sie baten mit Tränen einander ab und umarmten sich, während sie auf den Knien lagen. Als der empörte Haufe die Greise am Boden sah, wurde ihm der Anblick unheimlich, einige von den Rohesten lachten, aber die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief, die Arme erhebend: »Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern! Kniet nieder, ihr Brüder, und flehet um die Vergebung der Heiligen. Nicht durch Geschrei wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr euch gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen Bruder und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure Feindschaft stärkt nur die Feinde draußen. Wollt ihr euch helfen, so rate ich, daß heut nicht in der Menge verhandelt wird, was zum Frieden des Klosters dient, sondern daß die Dekane und die Alten sich mit unserem Herrn Bernheri in friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die Geißel weg, mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast, und erwarte in Demut die Strafe, welche die Brüder dem Verbrecher finden.«

Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend auf dem Boden saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand stützte. Immo starrte wild umher. Da er merkte, daß er allein war und daß seine Genossen sich in den Ecken und hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den Stuhl des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd über den Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht die Geweihten des Herrn sehe ich vor mir, sondern eine Herde wilder Eber, welche begierig ist, die eigenen Ferkel zu fressen. Ich aber verachte euer Grunzen und das Schnauben eurer ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel: ›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier Reinhard, der würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch mir. Mit den Dekanen und mit den Ergrauten, welche nicht Häcksel in ihrem Kopf haben, gedenke ich in späterer Stunde die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin mögen sie selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber die Säcke tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen auch einmal die Last tragen, ich bin es müde, allein für euch grobe Klötze Rat zu suchen, wo es keinen gibt. Und so scheide ich jetzt den Konvent, wandelt bis morgen dahin in Frieden. Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit niemand meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle, was not tut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden Springer nimm mit dir. Nie sah ich einen Scholastikus so wild auf geschorenen Köpfen zum Altar reiten.« Der Abt wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte sich.

[324] Reinhard eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die ältesten hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unseren Kerker, denn er hat gegen einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte sich wieder dem Haufen zu: »Der Scholastikus gehört unter die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard aber gebiete ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn, wenn es not tut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom Altar, warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte Gemeinde und schritt unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe. Um ihn drängten sich die Getreuen von St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling, welcher friedlich folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.

Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge, die erste Wut war verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben. Tutilo wurde von zwei Brüdern in die Klausur geführt, wo er sich erst erholte, nachdem der Kellermeister einen Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben dem Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie prüften und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie mit gedämpfter Stimme sprachen, heftig auf mehrere, welche abwesend waren.

Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein Bruder von St. Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und einen Krug mit Trinkwasser, ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der den Klosterbrauch kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht über die versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er daran, den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen, aber mit leisem Stöhnen gab er den Gedanken auf, denn er wußte wohl, daß das Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht war. Er untersuchte seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er war nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über ihm, es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann, und die kleine Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das größer war als eine Katze, zu durchklettern. So blieb ihm nichts übrig, als auf dem Stroh zu sitzen und die finstern Gedanken wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um sein Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung, daß er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen war, so schön zu Boden geschlagen hatte. Er griff nach dem Pergament mit dem Goldfaden und wiederholte sich die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen hatte, aber dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als gar der Abend kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde ihm frostig zumute, und ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine furchtbare Stätte galt. Manche Geschlechter vergangener Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und [325] in Kreuzesform dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten erzählten die Schüler von der Not der Frevler, welche der Abt gefesselt hielt, und wer in der Dämmerung an der Zelle vorübergehen mußte, der wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine Genossen ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühneopfer werden, über dessen Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache. Wild sah er umher und griff im letzten Zwielicht an die Wände; es waren dicke Mauern, hier und da hatte ein Büßer sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter, aber unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl die Apostel Simon und Thaddäus, vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte, von seinem Tun denken würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als ein arger Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr zweifelhaft, denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen und ihr Heiligtum entweiht. Da faltete er die Hände und bat den heiligen Wigbert, sein Fürsprecher zu werden. Dieser war ihm immer hold erschienen, und am liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte, wurde ihm das Herz weich.

Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn er die Eisenstange nur hätte, die er heute früh geschwungen, dann könnte er wohl die Tür erbrechen. Und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo hohl klänge. Denn aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle aller guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg die Mutter Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem Vorrat den Bedrängten. Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus der Erde graben, die ihn von der drohenden Schmach erlöste. Er griff und stieß wieder an Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er hartes Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf dem Stroh.

Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er von außen langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschloß golden in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die Tür ging ächzend auf, und ein Mann trat schwerfällig herein und beleuchtete vom Eingange mit seiner Blendlaterne den Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte Bernheri, seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die Tür, Eggo«, begann der Abt, nach rückwärts gewandt, »damit der Scholastikus Saliarius nicht auf den Einfall [326] komme, uns selbst als Springböcke zu gebrauchen oder gar in unserem eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ sich auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber doch durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.

»Sieh, Immo«, fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor allem Volke, und die Töchter Israels schreien wehe über dich; welches aber nur tropice gemeint ist, denn ich hoffe, daß du Unglücksvogel dich in Wirklichkeit von jüdischen Weibern stets ferngehalten hast, zumal keine in der Nähe des Klosters zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt von dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine Stimme.‹ Ganz verworfen bist du, und die hohen Engel würden dich mit zahllosen Backenstreichen begaben, nur daß solche Regung der Hände für Himmlische unschicklich ist. Was dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst du gebunden und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich bittet; ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du auf Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne noch Mond dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner Springerei und deines nächtlichen Dachkletterns. Meinst du, daß ich nicht weiß, wer mir die Böcke bei Mondschein aus dem Walde holt. Item, das sind die Folgen deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir unbekannt ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine Kutte gebunden hast, um deinen hageren Leib gleichsam zum Hohn für mich mit einem Bauch zu versehen? Je mehr ich deine Art erwäge, desto mehr Sünde finde ich in dir und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen geschrieben steht: ›Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.‹ Erkenne deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit. Auch der Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.«

Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster gewesen, und er hatte ein wenig die Mönchskunst gelernt, die Miene des anderen zu beobachten und vorsichtig die Worte zurückzuhalten. Darum antwortete er demütig: »Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich so geschwind war, solange den Tutilo nicht reut, daß er die Hand gegen seinen Herrn erhoben hat.«

»Ich merke«, rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in dieses Loch herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben. Darin irrst du gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin, so fordert meine Würde, deine Missetat zu strafen, wenn diese auch in guter Meinung für mich verübt wurde. Denn sobald der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über dich fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft rühmte, bevor ich mich einem Herrn gelobte, vor dem alle gleich sind, Freie und Unfreie. Darum komme ich zu dir. Hast du [327] das Gitter der Kirche gebrochen, so vermagst du vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren, ohne daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt, die Pfade eines Marders zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug auf den Boden. Immo schnellte in die Höhe und seine Augen glänzten, aber er faßte sich und antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen, wenn ich nicht wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen? In den Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich als Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden die Väter den flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr Gericht.«

»Sprichst du so stolz, du Tor«, rief der Abt, »ich meine, jede Stelle, wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt, wird für dich lustiger sein als die Mauersteine dieses Kerkers.«

Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder. »Dennoch flehe ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien entsendet.«

»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen«, versetzte der Abt unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut. Und welche Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich zu begehren, wenn du den Klostermauern entweichst?«

»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn, hochwürdiger Vater, ein Kriegsmann will ich sein und kein Mönch.«

»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein Abt werden, und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer von den Wölfen, welche um St. Wigberts Stall heulen, bis sie dir auf grüner Heide ein Bett schaufeln.«

»Herr«, versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will ich geloben, daß ich in allen meinen Tagen daran denken werde, wie ich an dir einen gütigen Vater fand.«

»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und mit schönen Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir nicht, an diesem kalten Ort der Buße von weltlichen Dingen zu reden. Und deshalb frage ich dich zum letztenmal, ob du lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.«

»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht. Um gnädige Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit ich mein Haupt hoch tragen kann unter meinesgleichen.«

»Einem nimmersatten Windhunde gleichst du«, versetzte Herr Bernheri, »und ärgerlich willst du mir werden.« Aber er sah dabei mit Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich schließe dich wieder ein. Bleibe auf den Knien und sprich den 37. Psalm, wo er lautet: ›Miser factus sum et curvatus‹, wenn du die Worte vermagst, was ich dir nicht zutraue. Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach dem Gewand, aber Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel fuhr in [328] das Schloß, und Immo war allein in tiefer Finsternis. Er griff nach dem Eisen und preßte die Hand darum, wild stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge und Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand, welches seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder war ihm auf den Boden gelegt, was er von den Gewaltigen, die unter der Erde hausten, ersehnt hatte. Brachte die Nacht keine andere Hilfe, so konnte er diese gebrauchen. Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch, das von außen kam.

Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl, der Riegel rasselte, und der Mönch Eggo winkte ihm zu folgen. Leise gingen beide die Stufen hinauf; ein großer Raum, in den sie traten, war undeutlich erhellt durch die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken an der Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf. Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht, er öffnete eine eisenbeschlagene niedrige Tür und führte eine Wendeltreppe hinauf. Als Immo aus der Tiefe emportauchte, stand er in einem kleinen Zimmer, dessen Wände zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren.

Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche Flamme im Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug eine Wolldecke herzu, legte sie auf den Boden und flüsterte: »Rühre dich nicht und schlafe, wenn du vermagst.« Gehorsam setzte sich Immo auf die Dielen, und als er zur Seite blickte, sah er den Mönch wie einen Schatten an der Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände, an denen die Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten, und auf die Waffen in den Ecken, deren Metall bald hell erglänzte, bald in Finsternis schwand. Aber das Herz war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl, daß Herr Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren wollte; er schloß die müden Augen und entschlief.

So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von einer leisen Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um sich. Noch war es Nacht, die Lampe brannte trüber, über den Waldhügeln lag der graue Dämmerschein des nahen Morgens, und an seinem Lager erkannte er eine dunkle Gestalt. Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die abgewandte Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als Lehrer in das Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen, aber Reinhard drängte ihn durch eine Bewegung zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne dein Ohr, damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht als dein Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu dir reden, und von deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden. Frau Edith sendet dir ihren Muttersegen: Sage meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden [329] Morgen flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen. Schwer wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu missen, auch darum hoffe ich, daß die Himmlischen das Opfer gnädig annehmen.«

Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken an die Heimat. Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten Zukunft hätte ich dir die Pforte des Klosters geöffnet, damit du unter den Kindern der Welt dem Herrn dienest. Aber dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht, schwerer Strafe bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu erwägen, wie du dich rettest.«

Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach demütig: »Kannst du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß mich nicht.«

»Eine Rettung weiß ich«, fuhr Reinhard fort, »die seligste von allen: demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und trage geduldig die Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher solltest du werden, wähle das Mönchsgewand und gelobe dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße, welche dir alle hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die Herzen der Brüder im Kloster.«

Immo sprang auf, seine Hände ballten sich, und zornig rief er: »Meinst du, daß ich als büßender Mönch vor dem Altar liegen und daß Tutilo die Geißel über mir schwingen soll, wie ich sie heut über ihm schwang?«

»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber daran, daß du jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm morgen die Brüder die Rache geben werden, die er an deinem Leibe zu fordern hat.«

»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während ich atme«, schrie Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben, so sollen sie einen Verzweifelten finden. Vor dem Altar töte ich ihn und jeden, der mich anzugreifen wagt; von der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich mich, und Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an dem Leben eines Hundes, und ich werfe es von mir, wie ich dieses Gewand von mir schleudere, wenn ich ein anderes auf meinem Wege finde.«

»Wie ein Heilloser schreist du«, versetzte Reinhard, »Tutilo sprach nicht unrecht, als er dich mit einer wilden Katze verglich.«

»Tat er das«, rief Immo, »so freut's mich, daß er die Krallen gefühlt hat.«

»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch einmal an meine Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen vermagst. Wehre mir nicht, dir zu raten, weil dies eine, die dir lieb ist, von mir erbat.«

Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich zu den Füßen des Mönchs und stützte sein heißes Haupt in die Hand.

»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade, zu werden, was ich selbst bin. Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter [330] geschieden, und ich habe die Rosse und Hufe, die mein Erbteil sein sollten, den Heiligen dargebracht, weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber die Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser Welt. Auch ich entsage und gehorche und wandere wie ein Fremdling durch die Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt, der Hunger quält und Gefahren drohen, gleichgültig und verächtlich ist mir das alles in den Stunden seliger Freude. Nicht Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers, welches den Helden ehrt, schaffen solches Glück, wie die Heiterkeit ist, die ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege, dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich deine Seele und die Seelen aller, welche mir vertraut werden, den Greueln der Welt entreißen und den Handgriffen des üblen Teufels.«

Immo schwieg nachdenkend. »Vater«, sprach er, »beantworte mir eine Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir und anderen frommen Männern nun gelänge, alle Christen auf deinen Weg zu leiten und wenn alle zu Mönchen und Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird es an Kindern fehlen.«

»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen willst, du sollst die Verkündigung hören«, versetzte Reinhard feierlich. »Käme diese selige Zeit, die, wie du selbst weißt, noch weit entfernt ist, dann wird sich der Himmel auftun, und der Herr wird mit den himmlischen Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten Welt des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in welcher die Seligen im Lichtglanz dahinwandeln.«

Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das Auge des Mönchs leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich zum Gebet schlossen. »Du selbst weißt, mein Vater«, begann er bittend, »daß der gute Gott den Vögeln ungleichen Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen verschiedene Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam, um die Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber möchte den Gaben vertrauen, die ich an mir erkenne.«

»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo«, versetzte Reinhard, »und verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest. Auch dies ist eine Gabe, die der Herr solchen verliehen hat, die er für seinen Dienst bestimmt.«

»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache«, versetzte Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir günstig waren, ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse, Vater, da du so gutherzig mit mir redest, zu lange weile ich schon im Kloster, und ich bin seiner herzlich müde. Wenn ich auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als zu Fuß, und, Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumut, wie nach deinen Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich, daß ich nicht gemacht bin, Mönch zu werden.«

[331] »Und doch, Immo«, entgegnete Reinhard, »sollen alle Menschen in jenem Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen.«

»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des himmlischen Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den Freuden dieser Welt gänzlich entsagt und als Mönch oder Nonne betet?«

»Wie magst du zweifeln«, entgegnete Reinhard eifrig, »da es verkündet ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht: wer sich erniedrigt, der soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger als der Mönch? Schwer ist's, in den Freuden der Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die liebsten Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche hier entsagen und büßen.«

»Wahrlich, Vater«, rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg so ist, wie du verkündest, daß die Mönche und Nonnen vor den anderen an der Herrenbank sitzen, dann will ich in den Pferdestall, wo die Rosse des Engels Michael stehen und anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort die Pferde striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf neigen und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus und der Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.«

Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete ruhig; »Zuchtlose Worte vernehme ich in den Mauern des Klosters; sonst hört man sie nur auf den Burgen der Gewappneten, welche eilig sind, Menschenblut zu vergießen. Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.«

»Verleidet ist mir das weiße Gewand, wie die wollene Kutte«, rief Immo, »und verhaßt auch der Sitz im Chore von Erfurt.«

»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust, gehört die Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz, der dem Stift in Erfurt gebietet, übergeben, damit du als Kanonikus ausgestattet werdest, wie Brauch ist.«

Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll mein Geschlecht verzichten auf den festen Sitz, der unsere Ehre war. Mehrmals flüchtete der Vater, wenn der Grenzkrieg entbrannte, die Rosse und Rinder und unsere ganze Habe in den sicheren Bau, und ich und meine Brüder sprangen auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn von mir hat, wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die Wigbertleute die Wassenburg gebaut haben, dem Kloster geschenkt, jetzt soll auch die zweite Burgstätte dahin schwinden um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen, wie unser Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir, daß ich niemanden habe, der meine Klage anhört, als einen landlosen Mönch.«

»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören«, antwortete Reinhard, sich erhebend, »so vernimm, was ich dir [332] ungern sage und nur, weil es mir befohlen ward, was aber für deinen weltlichen Sinn die letzte Hilfe sein kann in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl, Immo, du kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt, ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg sein Gemahl heimführt und unter den Edlen von Thüringen im Heergewand reitet.«

»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück erreiche?«

»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in die Hand zu geben, damit du sie als Lehn für dich und dein Geschlecht zurückerhältst. Nützen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und Vogt, der für das Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten Geschlechtern tun, um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so vermag der Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und anderswo hast; denn auch so dienst du den Heiligen, und du weißt ja selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.«

Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch wies, bot vieles, wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht gut, wie stolz das Kloster auf seine Burgen war und daß er als Lehnsmann des Klosters den Wigbertleuten wertvoller wurde wie als Mönch. Dennoch empörte sich sein stolzes Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen. Er schwieg und starrte vor sich hin.

Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete, fuhr fort: »Einer deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand für die heilige Kirche. Wie darf sein Enkel zaudern? Dienstmann der Heiligen wurde jener im Tode, du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren leben.«

Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs vernahm er noch eine andere Stimme, und neben dem hageren Antlitz des Lehrers sah er das rundliche Gesicht und das herzliche Lächeln des Greises Bertram, und in ihm klangen die Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in fremder Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem Manne zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er: »Ich höre eine Mahnung in meinem Innern, daß ich deinem Rat nicht vertrauen soll, und ich will nicht.«

»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein eigenes Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider; St. Wigbert aber vermag dich zu schützen wie ein Vater, und keinen erlauchteren Herrn kannst du wählen als den hohen Heiligen.«

»Ich will nicht dienen«, antwortete der Jüngling; die Lippen schlossen sich fest, und er sah in seinem Trotz aus wie ein älterer Mann.

»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt«, mahnte Reinhard, nach dem Fenster deutend, »sieh diesen Docht, welcher verglimmt, und den Morgen, welcher aufsteigt.«

[333] »Und ich will nicht und will nicht«, antwortete Immo tonlos.

Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe, dir durch Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch bleibst du ein Kind meiner Sorgen, und käme der Tag, wo du gute Meinung für dich begehrst, so wisse Immo, daß du sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum Segensgruß und verließ das Zimmer.

Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie Sintram sprach, daß er treulich für mich beten wird? und er schüttelte das Haupt. Er warf sich auf sein hartes Lager zurück, aber die Gedanken fuhren ihm stürmisch durch das Haupt, und er mußte immer wieder nach dem Himmel sehen, der im Osten sich rötete.

Da öffnete sich die Seitentür, und Herr Bernheri selbst trat herein, hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in kupfernem Leuchter. Immo fuhr in die Höhe und neigte das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der Abt: »Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch ist er wie ein junger Geier, und Reinhard hat sich vergebens bemüht, ihm die Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus gesagt habe, daß von dir nicht viel Gutes zu erwarten ist. Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit, und ich täte am klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen, welches wahrscheinlich jämmerlich sein wird.«

Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der Brust. Herr Bernheri ging schwerfällig auf und ab, an seinen zwinkernden Augen und der gesträubten Haarkrone konnte man erkennen, daß er sich erst vor kurzem vom Lager erhoben hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein, Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du springender Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine Weise, und es soll mich nicht kümmern, ob sie dir oder anderen mißfällt.« Wieder ging er nachdenkend auf und ab. »Setze dich an das Pult, nimm die Schreibtafel und den Griffel und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der schwarzen Buchstaben gelernt hast.«

Immos Hand bebte, und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam und fragte: »Welchen Duktus befiehlt mein Herr?«

»Vermagst du«, fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem Latein einen Brief zu schreiben? Verfertige zur Stelle etwas Passendes an mich, damit ich dich prüfe. Schreibe also, daß du wegen des Fastens und deiner Körperschwäche einen Trunk Wein ersehnst und mich darum anflehst.«

Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten Wangen die Arbeit, welche einige Zeit in Anspruch nahm. Unterdes trug auch Eggo ein Schreibpult herzu und schrieb nieder, was der Abt ihm leise gebot. Es war darüber zwischen beiden ernste Beratung, und Immo sorgte, daß sie gar nicht zu Ende gehen würde. Endlich [334] wandte sich der Abt um und sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand. Der Herr streckte die Hand danach aus und hob sich, um dem Licht näher zu sein. »Wie?« sagte er, »du hast dich sogar getraut, einen Vers einzuflechten? Bibere si vis vinum, scribere debes latinum 2. Ist auch der Vers nur rhythmice und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den Trunk verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben, damit du die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und antworte: Würdest du imstande sein, auf Pergament an diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu schreiben in dem gebührlichen Duktus?«

»Ich getraue mir's wohl«, versetzte Immo freudig.

Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner Würde zu verlangen, daß ich für dich geradeso unter die Brüder springe, wie du für mich getan hast, so habe ich mich entschlossen, dich von hier zu entsenden, bevor die Sonne aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. – Was siehst du mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren geht er von uns, er soll auch ungeschoren seine Straße ziehen. Solange ich lebe, sah ich hohe Eide schwören und hohe Eide brechen. Ich habe erkannt, daß der ein Tor ist, welcher auf die Treue der Menschen baut. Dennoch habe auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt hat im Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und einst mit meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das Wild zur Tränke läuft, da überfielen mich Nachtschächer, blutdürstige Räuber. Ich rief meinen Notschrei, aber nur einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang über die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit seiner Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß auf den Hals und durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug einen Hautritz davon, der andere aber einen schweren Hieb in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe gesehen haben, Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest, denn er war es, der mich damals vom Tode löste. Und an ihn habe ich gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ. – Jetzt aber merke auf, denn ich will deinen leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde füllen. Von allen Seiten heben sich die Nacken der Großen gegen unseren König Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im Kloster leben vielleicht solche, welche den Feinden des Königs Gutes gönnen. Vermagst du zu verstehen, was ich dir sage?«

»Gewiß, Herr«, versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo sind die Dekane Hunico, Wolferi, Sigibold und vor anderen der Pförtner Walto für den Babenberger, und die anderen Alten haben nicht den Mut, diesen zu widerstehen; doch Heriger hält zu dem [335] König, und er ist meines Herrn Abts beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe und Sachsen wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.«

Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere Schule so gut, was in der Klausur vorgeht?«

»Auch uns fliegt mancherlei über den Zaun«, fuhr Immo fort, »ich merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der ruhmvolle Held, heimlich in der Herberge des Klosters lag.«

»Führe ihn zu den Reliquien«, rief schnell der Abt, »und binde ihn durch einen teuren Eid, daß er niemals einem anderen verkünde, was er von Wigberts Geheimnissen erraten hat.«

Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab, während Herr Bernheri noch immer erstaunt dasaß und zuweilen mit dem Kopf schüttelte. Als Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser prüfend: »Du also gedenkst dich an den König zu hängen.«

»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches sich der Verwandschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.«

Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die Vettern wie Hederich im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl, seit du so ruchlos den Tutilo gebläut hast. Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an«, er hob die Arbeit des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine gute Meinung für dich erkenne.«

Immo ergriff freudig den Brief.

»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen der Brüder in Ordorf sind durch die Bosheit eines anderen, der hier im Kloster weilt, vergiftet, aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst du den zweiten Brief, und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist, wirst du allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und anderen über die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst du an Bruder Eggo schreiben und durch den Reisigen, welcher dich begleitet, hierher senden. Dann aber rate ich dir, daß du so bald als möglich deine Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir folgen wollen, über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend. Dort gibst du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald. Spähe nach den Mienen des Kanzlers und erlausche, soviel du vermagst, über den Kriegszug und die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest, das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in deine Briefe, aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen, wen du meinst. Als Boten gebrauche den [336] Spielmann Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen habe ich geworben und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht, dem Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte geschrieben.«

Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren Faden durchgebrannt war, in die große Tülle; der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer. Aus der Klosterkirche tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob sich. »Es ist Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen Gedan ken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist meiner zuchtlosen Herde dieser Nachtgesang, ich meine, die Angst um ihre Missetat hat sie vom Lager gescheucht. Uns allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht bin zum Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken, und wie die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu sprechen: Ein Wurm bin ich und nicht ein Mensch, scheusälig den Leuten und greulich dem Volke. Ungerecht habe ich mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt gerühmt und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im Walde. Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und wer über meinen Bauch spottet, hat guten Grund, denn gar wenig lebe ich nach der Regel; oft habe ich gesündigt durch Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten Wein zu geschweigen; manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht unwahr. Vielen Haß nähre ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich; viel denke ich auch an meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die wilden Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe. Denn zu einem Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut dazu, daß die anderen ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.« Er stöhnte tief und faltete die Hände, während Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf die Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten des Klosters gehörte, sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen Seufzern erhob der Abt das Haupt, als einer, der schwerer Pflicht genüge getan hat, und begann rauh: »Was kauerst du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die Schnäbel der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen, nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den Weiden des Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.«

»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn; denn wie ein Vater habt ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule.«

[337] Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den lateinischen Segen und strich über das lockige Haar. »Sei dankbar gegen mich, soweit du vermagst, obwohl ich fürchte, daß dein Gedächtnis darin kurz sein wird. Mancher, der wie du als ein Springer aus dem Kloster in die Sünden der Welt hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der schweren Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß am Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last.« Er zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande. »Nicht als ein kahler Schüler sollst du Bote reiten, denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose verloren. Die Briefe gib nicht von dir, solange du deinen Arm heben kannst, die Feinde abzuwehren. Eine Reiterkleidung und Waffen findest du bei dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem Hühnerhofe des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem Jüngling die Hand, welche dieser mit nassen Augen küßte. Eggo winkte ungeduldig und führte die Wendeltreppe hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die Gewappneten lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg, der über den Graben führte, und auf einen Reiter, der jenseits des Grabens ein leeres Roß am Zügel hielt, dann grüßte er mit der Hand und schloß hinter dem Jüngling die Pforte. In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während aus der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang.

Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter die Zügel zu. »Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger Überraschung, da er das ehrliche Gesicht des Dienstmanns erkannte.

»Schweig, Geselle«, murmelte der Reiter, auf die weißen Wolkenstreifen weisend, welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster zogen. »Ungern hören die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie in der Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als innerhalb der Mauern, und obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertönt, werden diese hier einen Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren, wenn er ihren Zorn erregt. Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und die freie Höhe erreicht haben.«

Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang. Aber Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen, er drängte sein Roß an das des Alten, ergriff seine Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch den Wechsel aus der Gefangenschaft gelöst bist.«

»Wenig Ehre brachte mir der Tausch«, brummte der Alte, »gegen einen Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist kränkend genug, mich haben sie gar für zwei gerechnet. Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint, sollst du dich in einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um«; dann knüpfte er den Eisenhut und das Schwert los und reichte beide [338] dem Jüngling. »Hier nimm auch den Wurfspieß, er ist von den schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen vermagst. Recht wohl steht dir die Stahlkappe, und mich reut nicht, Immo, daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen lehrte.«

Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte ihm den grauen Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur Reise gewappnet hast«, dann sprengte er in gestrecktem Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und während der Tau von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu.

In der Heimat

Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich niedrige, langgestreckte Hügel dahin, die Rücken mit Wald bewachsen, an den Gehängen die Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich waren die Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen, dann zogen die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet, so sprengten sie über die Brücke und antworteten auf die Frage des Wächters, der eilig seinen schweren Spieß aus der Erde holte und ihnen entgegentrat. Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen, und unter dem Druck der Schenkel hob sich sein Roß zum Sprunge.

Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg, ein breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel, auf dem ein wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh das alte Grenzzeichen meiner Väter«, rief Immo, »einst war das ganze Land dahinter unser Erbe, jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen wieder Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir das alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hügel, riß blühendes Kraut ab und steckte es an seinen Hut. »So nehme ich Besitz von dem Lande meiner Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und Gras mir diene.« Am Ufer eines Gebirgsbaches ritten sie wohl eine Meile dahin, Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten Steine, welche den Bach von beiden Seiten umsäumten. »Jetzt rinnst du niedrig, Bach meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne die Macht deiner Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm brausest [339] du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut an die Schwelle unseres Saales und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den wilden Schwall.«

Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler, an ihrem Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte der Laubwald, dazwischen aber schimmerte bald rot, bald bläulich die nackte Erdmasse der Berge; auf den Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und wieder eine. »Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht sich gelagert hat«, erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berg lehnen und steil der Weg zu den Gipfeln, manchesmal haben die Helden dort ihren Feinden widerstanden.«

An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die Reiter und nahmen Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen.

Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts. Vor ihm lag in der Niederung, durch eine Mauer umschanzt, der große Hof seiner Väter, der Bach teilte sich und umfloß den festen Sitz Ingramsleben von allen Seiten. Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der Ecke ein dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Bau getrennt, er war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei schnellem Überfall die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und Schätzen, die sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich das Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche Ställe und Wohnungen der Dienstleute. Außerhalb des Hofes erkannte man längs dem Wasser die Dächer des kleinen Dorfes, welches dazugehörte. Der Reiter hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte einen Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte er mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß stieg, er hob sich hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter.

Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den Gast anzurufen und das Roß zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwärts, den Ställen zu. Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk in großen Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich, welcher dem Geflügel zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf dem Strohhaufen, richtete den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel dem fremden Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des Kranichs: »Ludiger!« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten Herrn und vergaß gänzlich seine Würde, er schrie und rannte mit ausgebreiteten [340] Flügeln und aufgesperrtem Schnabel dem Sohne des Hauses entgegen, gerade als wollte er ihn umfangen, und schmiegte seinen Kopf an den Leib des Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten Scheitel, bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an, sich zu drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten, und das Geschlecht der Enten sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt über die Gebärden des ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien, und hinten im Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück: »Gutes Glück steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke«; aber im nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus, lief die kleine Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling.

Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen Trauergewande, das Haar mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz wenig gewandelt in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schön und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte. »Meine Mutter«, rief er außer sich, warf sich zu ihren Füßen, umschlang ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte, aber gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und drückte ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, während ihr Gesicht sich rötete. »Ein Mann bist du geworden«, sprach sie erschrocken, aber im nächsten Augenblick warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn auf die Stirn und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde tut. Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo«, begann die Mutter, »nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht hatte ich einen Traum, gleich einer Verkündigung. Auf meinem letzten Lager fand ich mich, gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich, die Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich über mich, im goldnen Schmuck des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz strahlte ein heller Schein und du botest mir das Heiligtum. Mich aber durchdrang ein seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals öffnet.«

Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den Brief des Abtes aus dem Gewande. »Lies ihn«, sagte die Mutter, sich setzend, »du bist der einzige im Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig ist, darum erkläre mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit geheimer Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von [341] seiner Trennung aus dem Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß des Abtes für Frau Edith, und daß er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen zurücksende, damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.

»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist für dich bereitet, damit du ein Held des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu mir von künftigen Tagen, denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr freuen.« Sie zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem Grasgrund stand. Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds. Auf einer Bank saß Odo, der ältere, einem gereiften Manne gleich, breitschultrig, gemessen in seinen Gebärden, das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der anderen Brüder. Diese lagen im Grase, Ortwin, der Redegewandte, welcher Sprecher des Hofes war, summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit sich selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher andere schwerlich gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute sich, ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried lagen langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit zurückgebogenen Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen einen runden Fichtenstamm, daß er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie lachten laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter, und die Stangen, wel che der Knabe warf, dröhnten kräftig von dem Holze. Die Brüder sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo sah als stolze Jünglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals, und Immo lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. »Alle seid ihr stattliche Helden geworden«, rief er, »aber am meisten gewachsen ist mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr erhalte auch ich den Schwertgurt«, antwortete dieser freudig in seinen Armen.

Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«

»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«

»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser zu unserem wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß [342] du die guten nicht mehr schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid, die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn gütig war sie immer gesinnt, und sie freute sich auch über die Früchte und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem Heiligen Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«

»Zeige mir deine Kunst«, sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer«, ermunterte Immo, bald ergriff er selbst die Gere, und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele, daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die anderen Brüder Beifall riefen.

»Ganz gut gefällt mir, Immo«, sprach Edith zuschauend, »daß du in der Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine Waffe gebraucht.«

Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.

An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster«, sagte sie lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits Ehre erworben.«

»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre«, versetzte Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher, und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane, weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«

Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger des Sohnes gar nicht, und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das Haus seiner Väter betritt.«

»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam«, murmelte Immo und sprach das lateinische Vaterunser.

[343] Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war wie eine T