Erasmus Francisci
Der Höllische Proteus /
oder
Tausendkünstige Versteller / vermittelst Erzehlung der vielfältigen Bild-Verwechslungen
Erscheinender Gespenster / Werffender und poltrender Geister / gespenstischer Vorzeichen der Todes-Fälle /
Wie auch
Andrer abentheurlicher Händel / arglistiger Possen /und seltsamer Aufzüge dieses verdammten Schauspielers /
und /
Von theils Gelehrten / für den menschlichen Leben-Geist irrig-angesehenen Betriegers / (nebenst vorberichtlichem Grund-Beweis der Gewißheit / daß es würcklich Gespenster gebe)
abgebildet durch
Erasmum Francisci / Hochgräfl. Hohenloh-Langenburgischen Raht.

Vorrede

Vorbericht /
Und Behandlung der Frage /
Ob die Gespenster nur in blosser Einbildung bestehn:

Wann ein Kriegsgefangener gleich / durch ein ansehnliches Lösegeld / befreyet worden: bleibt er darum /von dem Feinde / nicht gar unangefochten / so lange die widrige Theile einander noch befehden / und das Kriegsfeuer annoch nicht geleschet ist. Der Feind trachtet ihm so wol / als Andren / unterdessen noch immer zu wieder nach / ob er sie ungewarnter Sachen überfallen / und von neuem ihrer mächtig werden möge. Weil er aber solches / durch offenbare Gewalt /offt nicht mehr thun kann: braucht er allerley List /und Rencke / steckt falsche Flaggen / oder Standarten auf / giebt sich / durch das heimlich erkundschafftete Wort / für Freund aus / und fůr gut Keyserisch /indem er / im Hertzen / einen Türcken / oder Tarter /oder auf Raub / Mord und Brand ausgegangenen /Frantzosen / verbirgt.

In gleichem Zustande der Unsicherheit / stehet das gantze menschliche Geschlecht / gegen dem Satan /als seinem abgesagtem Feinde. Denn ob gleich unser König / und oberster Feldherr / Christus / uns / durch sein eigenes Blut / von der Gewalt desselben erlöset /und frey gemacht: seynd wir darum doch nicht ausser der Nothwendigkeit gestellet / uns / biß zum Ende deß Streits / wol fürzusehen / daß wir nicht wiederum durch seine Netze / Larven / und betriegliche Verstellungen / in die vorige Dienstbarkeit verführet werden: weil dieser hellische Leu immerdar seine Klauen wider uns ausbreitet / bald in den Leuen- bald in den Drachen- oder Schlangen-Balg sein feindseliges Vorhaben verkleidet / und mit allerley betrieglichen Erfindungen an uns setzet; damit er unserer Seelen / oder zum wenigsten unserer Leibes-Gesundheit / einen Abbruch thun möge.

Die Menge sothaner seiner Fündlein wird wol der beste Meister nicht ausrechnen / oder zehlen: Also /daß füglich jene Virgilianische Alecto diese arglistige Hellen-Schlange ihre Schwester nennen darff.


– – – Tot sese vertit in ora!
Tam sævæ facies! tot pullulat atra colubris! 1
So offt verwandelt sie ihr Antlitz und Geberden!
Von so viel Schlangen pflegt sie grausam-fruchtbar werden!

Illi nomina mille, mille nocendi artes.


Mehr als tausenderley Künste hat dieser listige Geist täglich im Vorraht / die Menschen zu äffen / und auch / wann es der Allmächtige verhengt / zu beschädigen.

Solcher seiner schlauhen Ersinnungen seynd nicht die einfältigste / welche er ausübet / durch die gespenstische Erscheinung / Vorstellung dieser oder jener Gestalt / und allerley Schreck gesichter / imgleichen durch Erregung manches grauerischen Gepolters und Getösses. Denn ob gleich unser Verstand seinen eigendlichen Zweck hiebey / und was er damit im Sinn habe / nicht allemal erblickt: hat er doch ein weites Absehen / und grosse Tieffe böser Intention dabey. Wie dann hiedurch das Heidenthum / guten Theils /entweder eingeführt / oder bestätiget worden / auch /noch heutiges Tages / der Un- und Aberglaube dadurch fortgepflantzt werden / und immer tieffer einwurtzeln / auch sonst gar viel Ubels daraus entstehen kann.

Unter dem Namen der Gespenster aber wird / von mir / alles gespenstische Wesen allhie verstanden; es mag sich gleich sehen lassen / und dem menschlichem Gesicht vorstellig machen / oder durch ein ungewöhnliches Getöß / oder durch einen unnatürlichen Laut /oder Stimme / zu spühren geben. Denn solches Alles nennen wir / zu Teutsch / ein Gespenst / imgleichen das Ungeheuer / und bißweilen / mit der Schrifft /einen Geist; dergleichen die Jünger deß HErrn sich einbildeten / da sie denselben / nach seiner Auferstehung / sahen. Angemerckt / nicht allein dieses Exempel / beym Evangelisten Luca / (c. 24.) sondern auch andre mehr / gnugsam anzeigen / daß das Jüdische Volck die Erscheinung der Gespenster geglaubt. Der Lateiner begreifft allerley Gespenster unter dem WortSpectrum; welches von specio, ich sehe / fliesst: weil die gespenstische Gesichter oder sichtbare Gespenster einen grössern Schrecken verursachen / als die unsichtbare: oder weil man die / in einer Gestalt erscheinende / Gespenster am leichtesten beobachtet. Aus gleicher Ursach / giebt ihm die Griechische Sprache den Namen Φάντασμα und Φάσμα: von der Erscheinung: mit welchem Wort es auch / beym heiligen Evangelisten Matthæo (c. 14.) und Marco am 16 / angezeigt wird. Von den Lateinischen Poeten werden die Gespenster auch Umbræ (Schattengeister) oder Schattengesichter (sonderlich die Geister der Verstorbenen) genannt: weil sie sich wie ein entweder weißlechter / oder schwartzer Schatten und Schämen sehen lassen; Imgleichen Larvæ, und Lemures geheissen.

Auf daß nun nicht etwan mancher Schwer- und Hartgläubiger wähne / meine Feder werde ihm auch nur eitel Schattenwerck / oder Mährlein / und falsche Einbildungen / vormahlen; wie es dann solcher Leute / die Alles / was man von Gespenstern redet / oder schreibt / entweder zu den Getichten / oder Träumen /oder verderbten Phantaseyen / Gesichts- oder Ohr- Täuschungen / schreiben / und durchaus kein Gespenst gläuben wollen / grössern Uberfluß als Mangel hat: so scheinet vonnöthen / vorher beweislich darzuthun / daß die Gespenster warhafftig offt / entweder dem Gesicht / oder Gehör / oder Gefühl / sich lassen spühren. Doch wollen wir zuforderst ihre Ursachen vernehmen / die sie ihnen selbsten / als eine gewisse Aufhebung und Vernichtung aller Gespensterey / einbilden.

Solche Ursachen / oder Einwürffe / seynd nicht einerley. Erstlich geben sie vor / die Melancholey und das schwere Geblüt könne solche Gespenster / mit einer starcken Einbildung / erzeugen. Nun ist gewiß /daß hochbekümmerte / tieff-ertraurte / schwermütige Leute / ihnen nicht allein schwere und seltsame Gedancken / sondern auch manche abentheurliche Einbildungen machen / und allerley wunderliche Gestalten formiren; zumal / wann sie dabey nicht allerdings Hirn-richtig seynd: Massen sie offt so wunderliche Grillen / possirliche Einfälle / oder Eindruckungen gewinnen / daß sich nicht selten das Mitleiden andrer Leute darüber in Gelächter verwandelt.

Zu Abydo, einer Asiatischen Stadt / pflag / wie Aristoteles bezeugt / ein wahnwitziger Mensch sich in das ledige Schauspielhaus zu begeben / allda niderzusetzen / und mit Händ-Klopffen anzudeuten / daß ihm Alles wolgfiele; nicht anders / als ob würcklich eine Comedie / oder trauriger Aufzug / ausbündig-wol gespielt würde. Zu Argis in Griechenland lebte Einer /der gleiches Gehirns war / und / wie in den poetischen Episteln Horatii gedacht wird / eben so thöricht sich ergetzte / wann er ins Comedien-Haus kam / und / ob gleich kein Spiel gehalten ward / dennoch / in seinem Gehirn / allerley spielende Personen bildete / nachmals auch / da ihn die Medici, auf Begehren seiner Verwandten / durch fleissige Kuhr / von solcher wahnsinnigen Phantasey erledigten / mit denselben mächtigübel zufrieden war / daß sie ihn folcher Lust beraubt hetten; sie versicherend / er hette nie so vergnüg- und behäglich gelebt / als zur Zeit seiner Thorheit / und phantastischen Einbildungen.

Hernach so kann auch die Einbildungs-Krafft /durch übermachte Furcht / Schrecken / und Bestürtzung / eben so wol einen Fehl bekommen / und dermassen verderbt werden / daß Einer wunderseltsame Sachen ihm einbildet / welche doch gar nicht vorhanden seynd. Dannenhero man auch wunderselten vernimt / daß behertzte Leute ein Gespenst sehen /und den streitbaren Scythen keines jemals erschienen. Weil die Leuen großmütig und unverzagt seynd / sollen sie / wie man sagt / für keinen Larven erschrecken.

Hernach wenden sie vor / es können eben so wol die äusserliche Sinne fehlen / und so gefälschet wer den / daß sie irrige Einbildungen gebären. Ein Trunckener wird leicht / durch sein verderbtes Gesicht / betrogen: der überflüssige Wein / oder das eingeschwelgte Bier und Brandwein / können ihm / in der Lufft / allerley Gesichter / und Gespenster weisen. Mancher / der gantz nüchtern / kann seine eigene Gestalt / in der Lufft / erblicken / und hiedurch in den Wahn geführt werden / daß ein Gespenst seine Person / bey lebendigem Leibe / presentire: da doch solches /nach Aristotelis Urtheil / von den gar zu schwachen Geistern seiner Augen herrühren kann: welche machen / daß er / in der Lufft / als wie in einem Spiegel /sich Selbsten sihet / und alsdann beduncken lässt / ein Gespenst affe seiner Gestalt also nach.

Gleicher Täuscherey ist das Ohr unterworffen. Wer Schaden hat / am Gehör / der lässt sich jemalen beduncken / es stürme der Wind gar sehr / oder es rausche eine Wasserflut daher / er höre Glocken läuten /oder allerhand musicalische Instrumenten schallen: wann hingegen Andere / die bey ihm sitzen / und ein richtiges Gehör haben / nichts dergleichen alsdann vernehmen. Es kracht aber zu Zeiten auch wol würcklich etwas / als eine Wand / Banck / oder Tafel; wenn sich das Wetter ändern / oder ein Gewitter kommen will: Und alsdann meynet Mancher / es rühre sich ein Gespenst.

Nicht weniger kann das Gefühl / und der Geschmack irren / und sich betriegen. Dem / der das Fieber hat / schmecken offt die süssesten Sachen bitter /und die lieblichsten seynd ihm zu widern. Und Etliche meynen / es habe sie etwas angerührt / oder sie fühlen weiß nicht was: so sie doch würcklich nicht angerührt worden.

Stossen dann die Furcht / Augen-Schwachheit / und die Fehler der andren Sinnen / zusammen; so ertichtet ihre Einbildung wunderseltsame Sachen; lässt sich dieselbe auch nicht ausreden. Und hiedurch werden offt gantze Kriegsheere / auf falsche Gedancken / verleitet. Als der gewaltige Hertzog Carl von Burgund /samt andren Fürsten / vor Paris lag / daugte etliche seiner Reisigen / bey sehr trüben und tuncklem Wetter / sie sähen einen gewaltigen Hauffen aufgereckter Spiesse beyeinander; und schliessen daraus / König Ludwig hielte daselbst / in voller Schlachtordnung. Derhalben galoppirten sie eilends dem Hertzoglichem Lager zu / und zeigten denen sämtlichen Fürsten / die sich vor die Stadt gelegt hatten / an / man hätte unfehlbar ein Treffen zu vermuten. Weil auch die / vom Feinde ausgecommandirte / Pferde diesen zurückreitenden Reisigen deß Hertzogs nachsetzten: fand solche Kundschafft desto leichter Glauben: In solchem Wahn / ritte Hertzog Johann von Calabrien / zu deß Burgundischen Hertzog Carls Fahnen / und vermahnte dieselbe zur Tapfferkeit; sprach / sie sollten ein Hertz fassen / dem Feinde / mit der Pariser Elen und Stabe / nemlich mit langen Spiessen / tapffer abmessen. Als aber deß Hertzogs seine Reuter sahen / daß die feindliche Reuter / welche besagten Reisigen nachgesetzt hatten / wiederum hinter sich wichen /und so starck nicht wären / wie man gemeynt / dazu auch derjenige grosse Hauffe / dessen sie zuvor wargenommen / sich nicht bewegte: wagten sie es / und ritten näher hinzu. Da sie dann / weil der Himmel nunmehr sich ein wenig ausgehellet / an stat der vermeynten hohen und langen Spiesse / nichts anders /als aufgerichtete hohe Disteln / antraffen; solchem nach wieder umkehrten / den Fürsten diesen Irrthum entdeckten / und damit die vorhin ausgeschickte Reisigen schaamrot machten. 2

Drittens wird / von denen Gespenst-Leugnern /vorgewendet / daß offtmals schalckhaffte Leute sich für Gespenster ausgeben / und hiedurch dem vermeyntem Fabelwerck der Gespenster kein geringer Beytrag geschehe. Daß es solche Gespenst-Affen gebe / versichert die vielfältige Erfahrung: Und wissen einige Schälcke damit meisterlich umzugehen. In America fliegt eine gewisse Art von solchen Würmern herum /die man bey uns Johannes-Würmlein dort aber Coculi und Cucuju nennet; wiewol sie die Grösse eines Kefers haben. Dieselbe gläntzen zwar und leuchten / bey Abend- und Nacht-Zeit / mit ihrem gantzen Leibe; doch insonderheit / mit den Augen; welche / nach Proportion oder Ebenmaß ihres so kleinen Leibleins /sehr groß seynd / und so viel Liechts von sich stralen / daß man / bey Nacht / dabey lesen und schreiben kann. Und solches Liecht lässt sich ansehn / als wie vier kleine Sternlein. Wann nun Jemand sein Angesicht und Hände / mit dem Fett dieser Liecht-Kefer /bestreicht; wird Einer / der es nicht weiß / sich einbilden / er sehe ein feurigerschreckliches Gespenst. 3

In der Italiänischen Landschafft / Campanien(Terra di Lavoro) finden sich / um den Bezirck deß Berges Gauri (oder Monte Barbaro) viel finstre Hölen von mercklicher Tieffe und Länge: darinn viel Goldhungrige Leute / in Hoffnung daselbst Schätze anzutreffen / durch deß Satans Veranlassung / das Verderben gefunden / und jämmerlich ums Leben gekommen. Unter andren hat / wie Julius Cæsar Capaccius 4 erzehlt / ein Neapolitaner / Namens Petrus di Sale, viel dergleichen unbesonnene Schatzgräber /welche / von vielen Orten und Ländern / zu diesem Ende / dahin gekommen / häßlich betrogen / und spöttlich zurück gefertigt. Denn als dieser Possenreisser solcher Schatz-Narren Vorhaben gemerckt / ist er ihnen vorgekommen / und hat seine vorher wolabgerichtete Kameraden / in eine dieser Hölen / versteckt. Wenn dann die Gelddürstige Ausländer ihre / aufs Beste gemeinlich zubereitete / Malzeit einzunehmen /sich nidergelassen / ist der spitzbübische Abentheurer hervor getreten / und hat / nachdem er einige Schein-Circkel an der Erden gezogen / das Gelag gleich auf ein Mal zerstört; indem / auf sein Anstifften / die bestimmte Anzahl seiner / in solchen Hölen versteckten / Spießgesellen augenblicklich hervor gewischt / in so entsetzlicher Verlarvung / daß man sie nothwendig für deß höllischen Plutonis Reichsgenossen halten müssen; angeschaut sie / aus Nasen und Maul / Feuer gespritzt / und / vermittelst künstlicher Blasebälge /an statt deß Windes / nichts als Flammen / ausstiessen: Andrer Gauckeleyen / so sie dabey vorgenommen / zu geschweigen. Worüber die arme Schatzgräber hefftig erschrocken / die Flucht ergriffen / und alle Speisen / samt dem Getränck / dahinden gelassen. Bey welcher zurück-gebliebenen Maul-Beute / diese eingefleischte Gespenster sich hernach nidergesetzt /und / nicht ohne Verlachung der fortgestäuberten Hasen / alles aufgezehrt.

Einen heiligen Mann / dessen Wesen von Tugenden / wie das Firmament von Sternen schimmert und blincket / im Wandel / durch eine gute Nachfolge /abbilden / kann Niemanden gereuen. Und wer / in seinen Sitten / das Bild deß HErrn Christi selbsten /führt: der hat / zum Gewinn / das Leben selbst / und eine grosse Kron. Wer aber den Teufel und seine Wercke / in den Seinigen / vorstellen will; der kommt selten davon / ohn deß Teufels Danck / das ist / ohn Schaden und Unglück: zumal wenn er solches nicht guter Meynung / nemlich deß Teufels Bosheit den Leuten vor Augen / und in die Betrachtung / zu mahlen / thut; sondern nur zu dem Ende / daß er seine eigene Bosheit und Triegerey / mit der Bosheit deß Teufels / verlarven / und den Leuten einbilden möge /er sey es nicht / sondern ein teuflisches Gespenst /von dem dieser oder jener abentheuerlicher Handel herrühret.

Mit solcher Verlarvung / oder Stellung / pflegen manche Huren und Buben ihre unzüchtige Gänge verbergen / wie nicht weniger ihre Verwandten / die Diebe mit solcher List sich gern behelffen. Allein es mißlingt ihnen offt häßlich: und indem sie / durch ihre betriegliche Anstalt / die Leute bereden wollen / es sey der Fürst der Finsterniß vorhanden / damit sie desto unvermerckter ihre Wercke der Finsterniß treiben können / und selbige nicht mögen vom Licht beschämet werden; fallen sie mehrmaln dem Fürsten der Finsterniß plötzlich heim / durch einen unseligen Tod / oder sonst in Schande und Spott.

Es seynd nun bey die 40 Jahre / und drüber / daß /in einer fürnehmen Reichs-Stadt / deß Nider-Teutchlandes / in einem ansehnlichem Hause / etliche leichtfertige Gesellen eine eben so leichte Dirne / nemlich die Köchinn / zu Nachts besuchten / und mit derselben ihre Leichtfertigkeit trieben. Weil nun die ehrliche und guthertzige Schwester ihren Buhlern eine ehrliche Vergeltung / für die leistende Courtoisie und Freundschafft / gönnete: legte sie es / mit ihnen / an /daß sie / in der Stuben / und in einem andren Zimmer / ein grosses Geräusch machen solten / indem sie /gegen ihrer Herrschafft / sich gantz erschrocken und furchtsam stellete / und über gosse Verunruhigung von Gespenstern klagte. Die guten Leute beharreten auch / etliche Tage / in diesem Wahn / als ob würcklich einige Poltergeister im Hause rumorten: und ward die gantze Stadt dieses Gerüchts voll. Indessen packten die vermeynte Gespenster Eines und Andres an; blieben aber endlich / weil man / auf Einrahtung andrer kluger Leute / im Hause / und vor der Thür /Wachten gestellet / aus. Weil aber diese saubre Köchinn etwas von ihrer Herrschafft Gerähte für sich behalten / und oben / unter den Dachlatten deß Hauses /versteckt hatte; welches man / im Nachsuchen / gefunden: wuchs der Verdacht auf sie dergestalt / daß man sie setzen / und mit peinlicher Folter examiniren ließ. Hierauf entdeckte sie Alles / bekam / zur Vergeltung /einen blutigen Staup-Besem / und musste zur Stadt hinaus.

Vor nicht vielen Jahren / hat auch das betriegliche Gerücht einem ansehnlichem Hause ein Gespenst angetichtet: wovon doch unterschiedliche fürnehme Einwohner das geringste nicht gespührt. Da nun einsmals auch ein Baron gewisse Gemächer darinn bestanden; ist dessen Knecht etliche Mal der Köchinn / im Hemde / vors Bette gekommen / um derselben einzubilden / er sey ein Gespenst. Und weil er sie etliche Mal nacheinander also geschreckt: hat sie dem Herrn geklagt / daß gemeinlich um Mitternacht ihr eine weisse Gestalt erschiene / und grossen Schrecken einjagte. Der Baron befihlt / sie solle nur schweigen / er wolle ihr / für dem Gespenste / schon Ruhe verschaffen. Hierauf hat er dem Knecht etliche Mal aufgepasst / biß er ihn endlich / in seinem gespenstischem Aufzuge / erwischt / und mit einem Prügel dermassen gebräunet / daß er / mit Zeterschreyen / deutlich genug bekennen müssen / er wäre kein Gespenst. Folgenden Tags / hat er auch fort gemüsst.

Mit diesen / und dergleichen grundlosen Gründen /vermeynen sie dieses zu behaupten / daß keine Gespenster seyen: Und seynd darinn ziemlich nahe Vettern der alten Sadducæer / die gar keine Engel / noch Geister / glaubten; imgleichen deß Democriti, Averrois, und der gantzen Peripatetischen Schul; welche wähnten / die Geister wären nichts anders / denn böse Affecten deß Gemüts / als Neid / Geitz / Ehrgeitz /Untreu / und dergleichen. Sie seynd auch der Epicuræischen Philosophiæ Adjuncti, und deß Cassii Wahn-Erben. Denn dieser wollte gleichfalls Brutum, als derselbe / wegen deß ihm erschienenen Moren-Gesichts / sich bestürtzt spühren ließ / bereden / es bestünde Alles in blosser Einbildung / was man von Erscheinung der Geniorum, und Gespenster / redete; die menschliche Seele könnte ihr selbsten / wie im Traum / also auch im Wachen / allerley Bildnissen vorstellig machen: Sollten je dergleichen Geister seyn / so hetten sie doch weder die Gestalt / noch Stimme der Menschen / noch eine solche Krafft / die biß zu uns reichte. 5

Allein alle diese Einwendungen / und vermeynte Beweisthümer / wägen weniger dann nichts: und beruhen einig allein hierinn / daß viel Leute / entweder durch falsche Einbildungen / oder Gesichts- und Gehör-Fehler / oder durch spitzbübische Verstellung eines Possenreissers / können betrogen werden. Denn aus gleicher Folgerey könnte man schliessen / weil es viel Narren / in der Weltg / äbe / so müssten keine weise Leute darinn seyn: Weil viel falscher Müntze könnte gepregt werden / so müsste keine gute Müntze jemals gewesen seyn: Weil mancher eine falsche Einbildung hette / könnte niemand eine warhaffte haben: Weil das Auge / oder Ohr / manches Mal irret /müsste es allezeit fehlen; oder auch alle Leute einen Fehler / in den Augen / oder am Gehör haben / weil nicht Wenige übel sehen oder hören / und sich also leichtlich betriegen.

Was / wegen der Furchtsam- und Leichtgläubigkeit mancher Leute / sonderlich der Weibsbilder / dieser unverschämten Gespenst-Leugnung vorgeschützt worden / ist eben so wol nur ein papierner Schild. Wann lauter Weibern oder furchtsamen Knaben / oder leichtgläubigen oder wahnsüchtigen Leuten / die Gespenster nur erschienen; so würde solcher Einwurff noch ein Färblein gewinnen / und nicht so gar ungestalt seyn. Es haben auch etliche heidnische Sonderlinge eben dergleichen kalen Mantel ihrem Eigensinn unigewickelt: Wie man / beym Plutarcho, lieset / da er das Gespenst Dionis beschreibt / und dabey gedenckt / daß diejenige / welche dergleichen Gespenst-Erblickungen für nichts halten / sich vernehmen lassen / es komme keinem behertzten Menschen ein Geist / oder Gespenst / vor Augen; sondern die Knaben / die Weiblein / und bey ihrer Leibsschwachheit fablende Leute folgen hierinn andrer Leute ungereimten Meynungen / indem sie gantz abergläubisch gläuben / ein böser Geist sey auf sie zugegangen. 6 Aber eben derselbige Author erzehlt gleichwol eben daselbst / daß der Genius (das ist / der Natur- oder Geburts-Geist) dem Dioni und Bruto einen Todes-Fall angezeigt. Und das waren trauen! keine kleinmütige /oder furchtsame; sondern großmütige / ernsthaffte /gravitätische / und in der Philosophia wolerfahrne /Männer: welche nichts destoweniger / die Erblickung eines Gespenstes ihnen so tieff zu Gemüt gezogen /daß sie / deßwegen aller bekümmert / ihren guten Freunden angezeigt / was sie gesehn.

Plinius, der Jüngere / war gewißlich ein Mann von grosser Gravität / Authorität / und hohem Verstande. Dennoch fragt er seinen gar gelehrten Freund /Suram, um seine Meynung / ob es Phasmata, 7 oder gespenstische Erscheinungen / gebe / und ob Sura dafür halte / daß sie ihre eigene Figur / und göttliche Krafft haben? oder ob sie nur / von unsrer furchtsamen Einbildung / ihre Bildung empfahen / und an sich selbsten nichts seynd? Dabey erklährt er zugleich seine Gedancken; nemlich / daß er glaube / es seyen in rechter Warheit würckliche Gespenster / und durch dreyerley Geschichte dazu bewogen werde. Als erstlich / durch das Gespenst / welches dem Curtio Rufo zu Gesicht gekommen / in Gestalt eines übermenschlichgrossen und schönen Weibes / das zu ihm gesagt /Sie wäre Africa: Hernach / durch den Polter-Geist /der in einem unheimlichem Hause / zu Athen / demAthenodoro, erschienen: Und drittens / durch zweyerley Exempel / die / in seinem Hause / geschehen. Denn es hat seines Freygelassenen und etlicher Massen gestudirten Marci, jüngerer / und bey dem grösserem auf einem Bette ligender / Bruder gesehn / daß Einer auf dem Bette sitzend ihm ein Scheermesser an den Kopff gesetzt / und auch würcklich ihm von seiner Scheitel das Haar abgenommen. Nachdem es Tag geworden / hat man auch seine Scheitel würcklich beschorn gefunden / und das abgeschnittene Haar auf der Erden. Uber kurtze Zeit hernach / ist dieses /durch eine andre gleichmässige Abentheuer / beglaubt worden. Denn indem ein Junge in der Knechte Schlaffkammer / unter den andren / gelegen / seynd zween Geister / in weissen Kleidern / durchs Fenster gekommen / welche ihn beschoren / und hernach wieder durchs Fenster zuruück gekehrt. Diesen Jungen hat man / deß Morgens / beschorn / und die verstreut umher ligende Haare / gesehn.

Plinius vermutet / es dörffte vielleicht bedeutet haben / daß er / Plinius, nicht würde gerichtlich / auf Leib und Leben / angeklagt werden. Denn / so Domitianus länger hette gelebt / zu dessen Zeiten diese gespenstische Barbiererey vorgegangen / würde er schwerlich beym Leben geblieben seyn: angemerckt /in dessen Scatullen ein Klag-Libell gefunden worden /so Einer / Namens Carus, wider ihn eingegeben: woraus er vermutet / das abgeschnittene Haar seiner Knechte sey ein Zeichen gewest / welches so viel bedeutet habe / daß er die bevorstehende Gefahr hette überstanden: weil diejenige / so man aufs Leben angeklagt hat / oder zum Tode verurtheilt / das Haar vorn herab hangen liessen. 8

Wie unfolgbar aber der Schluß sey / welchen man ziehen will / von dem Betruge / oder Possen-Spiel derer / die sich in ein Gespenst verstellen / um die Leichtgläubige damit zu erschrecken / und zu vexiren / ist oben schon zur Gnüge bewiesen: Und kann auch mit diesem Beyspiel beleuchtet werden / daß der Teufel sich offt / in einen Engel deß Liechts / verstellet. Denn so wenig solcher Betrug deß Teufels erweiset /daß keine Engel deß Liechts seyen; so wenig erweiset auch die vexierische Vorstellung eines Gespenstes dieses / daß nie kein Gespenst sey.

Noch eines Einwurffs / welchen auch Manche gebrauchen / hette ich schier vergessen. Sie sagen / daß Ihrer Viele / mit grossem Fleiß / sich bemühet haben /mit dem bösen Geist in Kundschafft zu kommen / und doch nicht dazu gelangen können. Diesen begegnet der gelehrte Geardus Vossius, mit solcher Antwort:Est, ubi Deus non permittat: ut præcipuè in Potentibus, ne nimiùm orbi incommodent. Est, ubi Dæmon tale refugiat consortium. Nec enim omnes æquè ei conducibiles; sed vix alli, quàm simplices & creduli; cujusmodi ferè mulieres; vel affectibus planè mancipati, ut qui libidine, aut vindictæ studio, æstuant: qualibus faciliùs illudit, atque abutitur. Das ist: Jemaln lässt GOtt es nicht zu / (nemlich daß der böse Geist ihnen erscheine / und mit ihnen einen Bund mache) als fürnemlich bey mächtigen Herren: damit dieselbe hernach der Welt nicht allzu gro ssen Schaden thun mögen. Jemaln fliehet der Teufel auch selbst solche sichtbare Gemeinschafft. Denn es seynd ihm nicht alle gleich hiezu anständig; sondern kaum andre / als einfältige und leichtgläubige Leute (dergleichen Art gemeinlich schier die Weiber seynd) oder solche /die ihren Gemüts-Regungen sclavisch ergeben seynd / als die von geyler Begierde / oder Rachgier brennen. Denn solche betriegt und mißbrauchet er am leichtesten. 9

Ich halte aber dafür / der Satan begehre sich solchen Ruchlosen manches Mal darum nicht zu zeigen: weil sie vorhin schon / in seinen unsichtbaren Netzen / verstrickt ligen / und heimlich gar keinen Teufel /viel weniger ein Teufels-Gespenst / gläuben; aber /wann er sich ihnen zeigte / leicht andres Sinnes / und zur Bekehrung geschreckt werden dörfften. Solches Gelichters muß jener Gasconier gewest seyn / welcher / in dem vorigen Frantzösischem Kriege / besage der Histori deß verwirrten Europens / ausser Amesfort in der finstern Nacht / nebenst Andern reisete / und sich verlauten ließ / wie er weder einen GOtt / noch Teufel / noch Helle / noch Himmel / weder Geist noch Engel glaubete; weil er von ihnen noch keine Würckung gesehen hette; ob er gleich gantz Europa mehrentheils durchgereiset wäre. Und damit er dieser seiner Rede mehr Glaubens machen mögte; stieg er vom Pferde /ging in einen dicken Busch / und rieff überlaut: So fern ein GOtt ist / oder ein Teufel / oder Engel /oder Geist oder dergleichen / es mag Namen haben wie es wolle / der komme hieher / und rede mit mir!

Hie dörffte Mancher sich / von solchen Ruchlosen /gleichwol aussondern / und sagen / es sey darum Einer gleich kein solcher Atheist / wann er schon kein Gespenst gläube. Wie ich dann selber etliche / so wol mittelmässige / als fürnehme Personen / habe sagen hören / sie mögten denn doch wol ein Gespenst sehen; hetten solches schon offt gewünscht / aber niemals ihren Wunsch erreicht / und derhalben keine Ursach /ein Gespenst zu gläuben. Allein ob gleich solche Leute noch keine Atheisten alle seynd; so rucken sie ihnen doch ohne Zweifel gar nahe / entweder mit einem rohen Lebens-Wandel / oder ungläubigem Mißtrauen gegen der H. Schrifft / (wie bald hernach weiter soll erklährt werden) und haben Ursach / diese Zeilen eines fürnehmen Theologi / in gewisser Masse / auch auf sich zu ziehen: Daß etlichen Fürwitzigen etc. schliessen / es seyen gar keine etc. Geister /folglich sey auch die Schrifft falsch; welches die rechte Bahn zum endlichen Atheismo, und Verleugnung alles Christenthums ist / ob sie schon suchen / daß sie Gespenster sehen mögten / auch wol solchen Orten nachziehen / dergleichen nicht zu Gesicht kommt / und sie also keine antreffen können; mögte man / als ein Göttliches Gericht /und zugleich List deß Satans / ansehen / daß er sich von solchen nicht sehen lässt / und vielmehr sie / in ihrem Unglauben oder Sicherheit / auf die Weise stärcket / GOtt aber über sie dergleichen zulässet / weil sie sich seiner Furcht entzogen /und also fernerer Gnade unwürdig gemacht haben. 10

So ist demnach das Gespenst keine betrogene Einbildung / oder blosser Wahn / noch Irrthum / noch Possen-Spiel; sondern ein würcklicher und wesendlicher Geist: der in mancherley Gestalt sich sehen / oder ohne Sichtbarkeit mit einem Gepolter / oder mit blosser Stimme / hören und vernehmen lässt / von Leuten / die bey gesunder Vernunfft / und durch keine falsche Einbildung betrogen seynd. Dieselbe werden / von theils Arabern / gantz alberner Meynung / für keine purlautere Geister / sondern für halbe Teufel und halbe Menschen / geachtet; welche aus der Vermischung Ablis / deß obersten Teufels / mit deß Adams seiner ersten Frauen / Lilit / erzeugt worden (welche Fabel ein Mahometaner aus den Jüdischen Büchern /den Arabern bey gebracht) und von Etlichen / für abgesonderte Seelen der Menschen; von Etlichen / solche Geister / geachtet werden / die / weil sie den Adam nicht verehren wollten / von GOtt verdammt seynd. Andre Araber fabuliren / die Geister seyen vonMargi und Margia geboren; gleich wie die Menschen von Adam und Eva: und selbige Margia habe 31. Eyer geboren / daraus eben so vielerley Geister / oder Gespenster gebrütet worden. Welche alberne Träume ich allhie nicht ausführlicher erzehlen mag.

Die Römisch-Catholische sagen / das Gespenst sey entweder ein englischer / oder teuflischer / oder menschlicher Geist / nemlich die entweder selige /oder im Fegfeuer noch begriffene / oder verdammte Seele eines Verstorbenen. Von den Protestirenden /die den heiligen Engeln den Namen eines Gespenstes nicht leichtlich zueignen / werden die Gespenster / für verdammte Teufels-Geister / geachtet; von den West-Indianern / theils für gute / theils für böse Götter. Bey den alten Heyden wurden sie entweder für den guten /oder bösen Genium, (das ist / Geburts- und Natur-Engel) jedwedes Menschens / oder jeglicher Nation /angesehn.

Ob nun gleich die Meynungen / von der Gespenster Natur und Wesen / so unterschiedlich fallen: dienet doch gleichwol / zur Vergewisserung der Gespenster /dieses / daß schier kein Land / noch Volck / unter der Sonnen / welches nicht von Gespenstern zu sagen wisse: und vereinigen sich alle Zeiten der Welt / auf den Schluß / daß es würckliche Erscheinungen gebe: ohnangesehen sie nicht alle einerley Urtheil davon gefellet. So haben auch gar viel alte Heiden ihren Schrifften / manche denckwürdige Begebenheiten davon einverleibt; auch viel gelehrte und verständige Christen Römisch-Catholischer / Evangelischer und Reformirter Religion / nicht wenig gespenstische Händel in die Feder gefasst; als / unter andren der berühmte Jesuit Delrio, in seinem gelehrten Werck /welches er Disquisitiones magicas titulirt / Petrus Binsfeld de Magis; Tyræus de Magia; Leo Allatius; von den Irrwischen; Bisciola, von der ErscheinungSamuelis, Hor. subcesivis lib. 1. c. 4. Guyón de divers. Leçns Tom. 2. f. 300. & Tom. 3. f. 651. Malleus Maleficar. Besoldus de Sepultura. Gruterus Thesaur. practic. Tom. 2.f. 1423. P. Villingan. in Tr. de Dæmonibus sublunar. Speidelius in Notabilibus, Martinus Zeilerus, in den traurigen Geschichten / und sonst anderswo auch: Lavaterus; P. Kircherus in Mundo subterraneo; P. Schottus in Physica Curiosa; P. Balbinus in Miscellaneis Bohemicis, Voetius, Freudius, und fast unzehlich Andre mehr. Denen auch alle heilige Kirchenvätter beystimmen.

Und gesetzt / es hette sonst keine Feder solches bezeugt; so werden doch die Gespenst-Vernichter und Widersprecher / durch die Feder des Heiligen Geistes / einer unverschämten Eigensinnigkeit überführt. Denn dieselbe schreibt / mit hellen und klaren Worten / die Jünger des HErrn hetten gemeynt / daß sie ein Gespenst sähen. Nun ist mir bekandt / daß die Widersprecher vorwenden / diß gelte für keinen Beweis /weil sichs die Jünger nur so eingebildet. Aber welch eine liderliche / kale / und nichtige Ausrede ist doch das! Wenn nur bloß allein wie beym Mathæo / am 14 / stünde / die Jünger hetten gesagt / Es ist ein Gespenst; so möchte solches eitle Fürgeben noch ein wenig gefärbter heraus kommen. Aber S. Marcus giebt es also: sie meyneten / es wäre ein Gespenst /und schrien. (Marci 6. v. 49.) Welche Rede unwidertreiblich zu verstehen giebt / es gebe Gespenster: Denn wann man spricht / Er meynet / er sehe einen Wolf / oder höre ihn / im rauschenden Gepüsche; fehlet aber / und hat einen Schafrüden gesehn: Der versteht und bekräfftigt hiebey / ohn allen Zweifel / daß man / in den Wäldern / auch Wölffe finde. Wenn dort / im Buch der Richter / am 9. Cap. der Sebul zum Saal sagt; Du siehest die Schatten der Berge / für Leute / an: so præsupponirt oder setzet er voraus / als eine Gewißheit / daß Leute in der Welt seynd. Und wie kann doch diese so vergebliche Ausrede Farbe halten / für der Erzehlung S. Lucæ: Sie meyneten /sie sähen einen Geist: Da der HERR den Jüngern zwar den Wahn / als ob sie würcklich anjetzo nicht Ihn / sondern einen Geist / oder Gespenst / erblickten / benimt; doch aber mit einem solchem Beweis / der zugleich bestätigt / daß jemaln Geister (oder Gespenster) würcklich erscheinen: indem Er sagt / Ein Geist hat nicht Fleisch und Bein / wie ihr sehet / daß Ich habe.

Und wann alle Gespenster ein Geticht falscher Einbildung / oder Vexiererey wären / so müsste die Göttliche Warheit gar sehr fehlen / indem Sie / durch den Mund Esaiæ / weissagt: Feld-Geister werden da (zu Babel) hüpffen. (Esa. 13. v. 21.) Ein Feld-Teufel wird dem andren begegnen. Der Kobald wird auch daselbst herbergen / und seine Ruhe daselbst finden. (Esa. 34. v. 14.) Moses beschuldigt die abtrünnige Israeliten / an zweyen Orten / daß sie den Feld-Teufeln geopffert haben. 11 Wenn dieser Mann GOttes dadurch nur ins gemein die unsichtbare Teufel / und keine Gespenster verstünde; hette Er sie nicht Feld-Teufel genannt / weil sie / im Felde / sich unterweilen sehen / oder hören / und mercklich spühren liessen. Daher auch die Erklährer sagen / daß es Teufel gewest / welche sich / in Gestalt rauher und ungeheurer Gespenster / manches Mal / in wüsten Feldern / sehen lassen.

Es mag gleich die Erscheinung Samuels / nach Römisch-catholischem Verstande / für die Seele Samuels / oder nach evangelischem / für ein Teufels-Gespenst /genommen werden: so muß es doch / für eine recht würckliche Erscheinung eines Geistes / erkennt werden. Und das Buch der Weisheit bezeugt / daß den Aegyptern scheußliche Larven erschienen / und sie /durch grausame Gespenster / umgetrieben / worden. 12

Mancher meynt / er habe sich trefflich wol damit verantwortet / und allem Schatten / geschweige denn dem Schein / eines Atheisterey-Verdachts völligst entnommen / wenn er spreche / die Gespenster machen keinen absonderlichen Glaubens-Articul; darum sey man auch / solche zu gläuben / nicht verbunden. Aber / mein lieber Freund / wie wann es eine eingeflochtene oder implicirte Atheisterey wäre? Wie / wann Solcher (der nemlich / ohn Unterscheid / alle die Gespenster leugnet) woferrn er anderst die H. Schrifft gelesen /alle Articul deß Christlichen Glaubens von ihrem Grunde wegrisse / und auf einen ungewissen Triebsand setzte? Wer mir einen einigen Spruch Göttlicher Schrifft (wissentlich) widerspricht / oder denselben für ein Geticht achtet; der schreibt der H. Schrifft eine Unwarheit zu. So die mich aber / in einem Stück / bekriegt / muß ich alle. Glaubens-Articul / die weder mit blosser Vernunfft / noch Sinnen / sich begreiffen lassen / in Zweifel stellen. Wer also den Grund deß Glaubens verdächtig macht / und mit einem Zweifel an einem einigem Wort / das durch den Mund GOttes gegangen / schwanger gehet; der gebiert ihm selbsten ein wolbefugtes Mißtrauen / bey allen vernünfftigen Christen / ob er auch die hochwigtigsten Glaubens- Articul Hertz-gründlich / und nicht nur obenhin /gläube.

Es werden ja auch solche Leute zu allen Zeiten /widerlegt / durch die peinliche Bekenntnissen der Hexen / und unpeinliche Aussage solcher Leute / welche / von den Teufflischen Bündnissen / wieder aus-und zur Bekehrung / treten: sintemal dieselbe allesämtlich berichten / wie ihnen der Satan so und so erschienen: Und die derbe Stössel welche er ihnen alsdann giebt / weisen gnugsam aus / daß es keine blosse Einbildung.

Zu dem erfähret mans / durch andere vielfältige Vorfälle / daß es mit den Gespenstern / kein blosses Schatten-Werck leerer Gedancken sey. Die blau- und braun-gezwickte Mäler der guten Edelfrauen zu Gehofen hette Ihr keine blosse Einbildung geben können.

Mancher muß es nicht nur sehen / sondern auch wol redlich fühlen daß die Gespenster kein Schertz der Gedancken seynd. Als man zu Cölln / die jenige /welche man für die Anstiffter der Unruh / darinn selbige Stadt vor etlichen Jahren gesteckt / ausgegeben /im J. 1685. zu gefänglicher Hafft gezogen: ist zu einem derselben / nemlich dem Saxen / welcher auf der Ratinger Pforten lag / ein Gespenst gekommen /so ihn bey den Haaren aufgezogen / und ihm einen Schlag in die Seiten gegeben / daß man das Mahl-Zei chen der Finger hernach noch hat sehen können.

Wie man schrieb 1686. begab sich / zu Helsignör /in Dennemarck / dieser seltzame Fall. Ein / daselbst wohnhaffter / Burger wölte / vor Mittags / um 8. Uhr / seinen / hinter dem Hause habenden / Lust-Garten besuchen / um allda ein junges Bäumlein an dem bretternen Zaun zu befestigen: ward aber darüber / von einem Gespenst / angefallen / und dermassen gezauset / daß er / unter dem gantzen Angesicht / gantz blutrünstig / und hiernechst über ein Stacketen-Werck / in seinen Küh-Stall / geführt ward: woselbst ihn endlich der Geist verlassen. 13 Solche gute Püffe bereden das menschliche Gefühl genugsam / daß es / von keiner falschen Phantasey / sey getroffen worden. Eine schier der gleichen Erfahrung hat Martinum Schookium, weiland Professorem honorarium zu Franckfurt an der Oder / unterrichtet / daß die Gespenster keine eitle Sinnentäuscherey wären. Dieser gelehrte Mann kam einstens / auf der Reise / in ein Wirths-Haus; kunnte aber / weil dasselbe schon mit Leuten war angefüllt /kein anders Nacht-Quartier bekommen / als in der Mittel-Stuben: darinn Niemand / zu übernachten /verlangte; weil es / deß Wirths eigener Anzeigung nach / allzu unsicher darinn war. Schookius, seines Grundsatzes eingedenck / nemlich / daß keine Gespenster zu gläuben / befahl / dessen ungeachtet / man solte ihm / als der sich nicht fürchtete / nur das Bette allda aufmachen: und legte sich / nach eingenommener Mahlzeit / zur Ruhe. Aber / um Mitternacht / geht der Lärm an / und kommt Jemand zur Stuben hinein gepoltert / marschirt fein gerad in die Kammer / nach dem Bette zu. Der gute ehrliche Schookius vergaß hierüber aller seiner Hertzhafftigkeit / erschrack recht von Hertzen / und verkroch sich / vor Angst / mit allen seinen Principiis, unter die Decke.

Das Gespenst aber / welches in einem alten Teutschen Kleide / und in Gestalt eines / vor diesem allda erstochenen / Soldatens / aufzoch / wollte ihm seineDubia recht aus dem Grunde solviren; hebte derhalben die Decke auf / nahm Schookium heraus / stieß ihn unter das Bette / und legte sich hinein an seine Stelle. Nach einer Stunden aber / stund es auf / und trollete sich wieder davon. Indessen befand sichSchookius in tausend Aengsten / und lernete beten. Als aber kein Gespenst sich mehr mercken ließ /kroch er hervor / legte seine Kleider an / ging hinunter / und bezahlte den Wirth. Dieser / der seine Veränderung wohl merckte / fragte / ob er kein Gespenst hätte gespührt? Er antwortete: Wer weiß / wer mir den Schabernack gethan: Doch ist er nachmals nicht mehr so verwegen gewest. 14

Es stellen sich aber die Gespenster (durch welche ich allhie eigentlich die böse / und keine gute Himmels-Geister / verstehe) in vielerley Gestalt vor; er scheinen / bald wie ein Mensch / bald wie ein Thier /Vogel / oder sonst etwas: allerdings wie die Poeten dem Proteo anzutichten pflegen / daß er sich / in allerley Figuren / könne verstellen. Wiewol darunter ein geheimer Verstand steckt. Dann Etliche wollen / es sey diß Geticht entsprossen / von der Aegyptischen Könige Manier: welche / wie Diodorus Siculus meldet / auf dem Haupt das Bild eines halben Stiers /oder Drachens / als ein Zeichen der Herrschafft geführt; bißweilen aber auch wol einen Baum / oder eine Feuer-Flamme / oder allerley lieblich-riechende Specerey / und Balsam. Womit sie nicht allein sich zu zieren / sondern auch / bey den Auschauenden / eine Furcht / und abergläubische Verehrung / suchten. Daher die Fabel soll entstanden seyn / der Proteus (welcher ein König in Aegypten war) könnte sich verändern in Alles / was Er auf dem Kopffe trüge. Plato ziehet es / auf den Betrug / welchen die Sophisten im disputiren gebrauchen; Der Poet / Horatius / auf den wandelbaren Sinn des Pöfels; Virgilius / auf den Verstand / welcher sich gleichsam in allerley Gestalten verbildet. Von der Viel-Verstellung Protei / reden diese seine Verse:


Verùm, ubi correptum manibus vinclisq; tenebis,
Tum variæ illudent species, atq; ora ferarum.
Fiet enim subitò sus horridus atraq; tigris,
Squamosusq; Draco, aut fulvâ cervice leæna:
Aut a crem flammæ sonitum dabit: atq; ita vinclis
Excident: aut in aquas tenues dilapsus abibit. 15

Ein rechter Proteus mag am füglichsten der Satan getituliret werden; wie er / auch auf dem Titel dieses Buchs / beydes den Namen / und das Konterfeyt des Protei führet: sintemal er nicht allein seine verborgene Tücke / mit allerley Farben gar scheinheilig anstreicht und zieret / sondern auch die Menschen / mit mancherley gespenstischen Gestalten betriegt / oder vexirt / und das Bild seiner Erscheinung allezeit zu seinem Vorhaben richtet / oder verändert. Solcher seines betrieglichen Gestalt-Wechsels gedenckt Remigius / und schreibt: Anfangs / wenn die bösen Geister einen Menschen erstlich anreden (und vertraulich machen wollen) begegnen sie Ihm gern / in menschlicher Gestalt: damit er / über den ungewöhnlichen Anblick /sich so leicht nicht entsetze / und daß sie bey ihm das Ansehen eines reputirlichen Wesens gewinnen / folgends ihre Worte desto mehr Glaubens und Authorität erwerben mögen. Wann man aber ihrer gewohnt worden / und die Furcht und Entsetzung sich verloren; so verwandelen sie sich / nach dem die Zeit und ihr Vortheil erfordert / bald in dieses / bald in jenes Thier 16 als in Hunde / Katzen / Ratzen / Leuen / Bären /Wölffe / Schlangen / Drachen / und dergleichen: wie wol sie / wenn es auf keine zauberische Verbündniß angesehen ist / auch wol gleich alsofort / wie ein Hund / Rab / Schlange / oder Feuer-speyender Drach /oder in andrer abscheulicher Figur / sich sehen lassen.

Es regieren aber die Gespenster gemeinlich gern /an solchen Oertern / da Mord und Todschlag geschehen / da ein grosses Blut-Bad vorgegangen / oder noch obhanden ist; oder da etwan verzweifelte Leute sich selbst umgebracht; oder wo sonst grosse Sünden / als Unrecht / und andere grobe Laster / häuffig verübt worden. Sie lassen sich nicht allein an einsamen Oertern / im Walde / Felde / und Wasser / und manchen Häusern / sondern auch wol / auf Göttliche Zulassung / bißweilen bey Nacht-Zeiten in den Gottes-Häusern / spühren. Wie sie denn sonderlich entweder bey Nacht / oder in Mittags-Stunden / gegen heilige Zeiten / ihr Gepolter und Gauckeley gerne treiben. Dannenhero auch Etliche die lemures, oder Polter-Geister / so von den Chaldäern / יליל (Lilin) genannt werden / herleiten wollen von dem Hebräischen Wort ליל (Lajil) welches Nacht bedeutet. Man lässt hie dem Helmontio seine eigene Phantasey allein / nach welcher er vermeynt / daß die bösen Geister / in der tuncklen Nacht / ihr Spiel am liebsten haben / möge etwan wol daher kommen / weil sie vielleicht etwas haben / welches zum sehen / mit unsern Augen / überein komme etc. und / unter diesen Geistern / mögen wol etliche Nacht-sehende gefunden werden; gleich wie etliche stumm seynd: welche / auf Art der Fleder-Mäuse / gleichsam bey der Sonnen blind seynd / und deßwegen viel lieber / in der tuncklen Nacht / erscheinen. 17 Ohne Zweifel / rumort das Gespenst darum gern bey Nacht / oder um die Mittags-Zeit; weil /durch Einsamkeit / Furcht und Schrecken sich vergrössern.


Denn in der Mittags-Stunde befinden sich die meisten Leute beym essen: daher der Mensch welcher alsdenn ein Gespenst erblickt / desto furchtsamer werden / und desto hefftiger erschrecken kann; weil er keine Gesellschafft um sich hat. Und in der Nacht ligen andre Leute gemeinlich im festen Schlaffe: deßwegen der jenige / welcher allein noch auf ist / eben so wol alsdenn ein desto grössers Grauen empfindet. Uberdas fällt sonderlich die nächtliche Finsterniß den bösen Geistern sehr bequem / dem Menschen Furcht und Grauen zu erwecken: weil der Schatten und die Tunckelheit allezeit unleutseliger / und zur Entsetzung geneigter / als der Tag; die Finsterniß unholder / als das Licht: indem die Augen alsdenn so frey um sich zu schauen verhindert werden / und also in dieser oder jener Ecken eine Hinterlist besorgen. Zudem ist der Satan ein Fürst der Finsterniß: derhalben er lieber die Nacht / als sein Vorbild / weder den Tag / zu seiner Büberey erwählt. Wiewol bißweilen auch diese Neben-Ursach darunter stecken mag / daß er die Gestalt / bey Nacht / vermittelst deß Schattens / düsteroder entsetzlicher ausbilden / oder die Ungeschicklichkeit seiner angenommenen Figur besser / vor den Augen der Menschen / verbergen kann / als am Tage /da deß Menschen Auge die Sache viel genauer erkennet / weder in der Nacht.

Vielmals lässt sich auch das Gespenst gern sehen /oder aufs wenigste durch ein Geräusch / oder Getöß /hören / in der Stunde / da Einer sterben soll: um die Leute / in der Andacht / irr und kleinmütig zu machen / oder damit zu verspotten / oder auch ihnen zu weisen / daß ein Geist den Todesfall vorher schon gewusst.

Denn die bösen Geister trachten / durch ihre Erscheinung / und Getös den Menschen zu erschrecken. Wiewol sie / nach Beschaffenheit der Person / mehr /als einerley / darunter suchen; nemlich die Leute / zur Vertraulichkeit mit ihnen / zum Mißtrauen an GOtt /oder in falschen Wahn / und Unglauben / zu verleiten / bißweilen auch wol durch einige Vorverkündigungen / bey den Leuten sich verwunderlich zu machen /und dieselbe / zur Erfragung künfftiger / oder verlohrner / Dingen / anzulocken; oder auch / auf Anstifftung der Unholden / ihnen überlästig zu seyn / ihr Haus verschreyt zu machen / oder sonst einigen Schaden zu stifften. Und solches verhengt der gerechte GOtt / den Frommen zur Bewehr- und Ubung ihres Glaubens /und Gebets; imgleichen zu desto mehrer Fürsichtigkeit in ihrem Wandel: weil sie hieran desto mehr Spiegels haben / wie der Satan umher gehe / und auf die Menschen Acht habe / gleichwie dort auf den Gottseligen Hiob. Den Gottlosen geschicht es aber zur Straffe / und sonderlich den Atheisten / entweder zum Nachdencken / und Erschreckung / oder zukünfftiger stärckerer Uberweisung ihrer Ruchlosigkeit.

Hievon findet der geneigte Leser / in gegenwärtigem Buch / manche denckwürdige Geschichte / deren hauptsachlichen Inhalt nachgehendes Ordnungs-Register eröffnet. Dieselbe werden ihm hoffendlich seine Zeit / ohne Reu / kürtzen. Unter solchen befinden sich etliche / dazu ich / aus gewissen Ursachen / meine Meynung nicht setzen sondern sie bloß nur erzehlen wollen: ob ich gleich dieselbe nicht für Getichte halte. Insonderheit bitte ich / mir dieses / was ich am 628. Blat / von der Engel Erleuchtung in Gottes Angesicht / gedacht / nicht also aufzunehmen / als würde ihnen hierdurch eine Wissenschafft aller Dinge zugeschrieben; sondern die folgende Zeilen dabey anzusehen /durch welche ihre Erkenntniß limitirt und begrentzet wird.

Denn ob ich gleich allda geschrieben / daß die Engel / wo sie gleichsam gehen und stehen / von GOttes Angesicht erleuchtet werden / das ist / in GOtt / Alles augenblicklich erkennen / sehen /und erfahren können etc. steht doch dabey / was sie wissen und erfahren sollen. Eben also / und nicht anderst verstehe ich auch dieses / was am 629. Blat gesetzt ist; nemlich daß ein Engel der Freuden geniesse / vor GOttes / ihm überall gegenwärtigem / Angesicht andrer Menschen Beschaffenheit zu erkennen. Denn daß ein Engel GOttes Angesicht allezeit sihet / begreifft unter andren diese Gewißheit /daß er Alles / aus der Göttlichen Weisheit / erfährt /was er wissen soll. Angeli, sagt Augustinus, videndo legunt: vident enim ipsam Veritatem, & illo fonte satiantur, unde nos irroramur. Serm. 9. de Diversis etc. Und das ists / was auch das schöne alte Kirchenlied singt:


Qui tuæ lucis radiis vibrantes
Te vident lætis oculis, tuasque
Hauriunt voces, Sapientiaque
Fonte fruuntur.

Die Leutseligkeit des höfflichen Lesers / dem ich vielmehr der holdseligen heiligen Fron-Geister /weder der bösen Geister / Anblick wünsche / lasse mich / und diese Schrifft / seiner beständigen Gunst stets ein zeschlossen verbleiben / und lebe glücklich!

Fußnoten

1 Virgil. lib. 7. Æneid.

2 Philippus Cominæus lib. 1. de Gestis Ludovici XI.sub finem.

3 Chieza Hist. Peruanæ p. 2. c. 30.

4 Apud D. Clementem Weigelium, in seinem Entwurff deß Italiänischen Paradises / am 264. Bl.

5 Vid. Plutarchus in Bruto.

6 Plutarch. in Dione.

7 Phantasmata steht zwar / in den gedruckten Editionen: aber Casaubonus, und Tomasius wollen /man solle Phasmata dafür lesen: weil Phantasma nur ein leeres Gesicht / Phasma aber eigendlich ein Monstrum, Ungeheur / oder Gespenst bedeute.

8 Plinius lib. 7 Epistol. 27. ad Suram.

9 Gerard. Voss. lib. 1. de Orig. & Progr. Idololatr. p.m. 46.

10 Piissimus Dn. D. Sp.

11 Levit. 17. v. 17. & Deut. 32. v. 17.

12 B. der Weish. 17. v. 4. 15.

13 Aus Kopenhagen vom 1. Junii 1686.

14 Wie der vortrefflichen Monats-Unterredungen Verfasser / am 731. Bl. des Monats Julii 1689. beglaubt.

15 Virgil. lib. 4. Georg.

16 V. Nicol. Remig. lib. 1. Dæmonolatr. c. 23. p. 136. seq.

17 Helmont. Tractat. 22. De Ortu Formarum. Edition, German. fol. 184. N. 53.

Ordnungs-Register

Ordnungs-Register.

I. Der geschreckte Duellant. 1
II. Der geschlagene Beter. 6
III. Der bedeutete Kardinal-Tod. 9
IV. Die verabredete Erscheinung. 11
V. Die angelobte und erfüllte Anzeigung deß Zustandes nach dem Tode. 17
VI. Der wiedergeforderte Schmuck. 23
VII. Der bedrauete Meuchelmörder. 30
VIII. Der weisse Diebs-Geist. 36
IX. Der schwere Hund. 43
X. Der vermeynte Gott im Kasten. 46
XI. Die weisse Frau. 59
XII. Der weissen Frauen Ursprung. 74
XIII. Der süsse Brey. 84
XIV. Die Jungfrau zu Perenstein. 92
XV. Die entdeckte Nachtmär. 96
XVI. Das herbeygehexte Hexen-Gespenst. 108
XVII. Das Kirchen-Gepolter. 122
XVIII. Die erzwungene drey Vater Unser / u.a.m. 128
XIX. Das Vater Unser um ein Kopffstück. 140
XX. Die verstörten Löffler. 145
XXI. Das verführische Irrlicht. 173
XXII. Die gehörnete Ladung. 182
XXIII. Der verfluchte Kriegs-Raht. 194
XXIV. Das gespenstische Kriegsgetümmel. 210
XXV. Das Vorspiel deß Würg-Engels. 224
XXVI. Die Lufft-Pauke. 246
XXVII. Das Nachspiel deß Würg-Engels. 249
XXVIII. Der schmätzende Todte. 253
XXIX. Der Verzweiflungs-Raht. 301
XXX. Der fluchende Spieler. 305
XXXI. Die besessene Kinder. 314
XXXII. Der nie-beglaubte Lügen-Geist. 321
XXXIII. Der gelehrte Teufel. 330
XXXIV. Die Wehrwölfe. 335
XXXV. Die Circæische Wölfe. 364
XXXVI. Der mordende Zauber-Wolf. 374
XXXVII. Der Vorbot deß Unglücks. 386
XXXVIII. Die Vorzeichen deß Königmords. 392
XXXIX. Die vor-erblickte Leichen. 396
XL. Der Ohnekopff. 399
XLI. Der gerührte Epicurer. 402
XLII. Die tödtliche Erschreckung. 407
XLIII. Das Pest-Gespenst. 409
XLIV. Der Waldpfeiffer. 420
XLV. Der böse Junckher. 422
XLVI. Die Verlassenschafft deß gespenstischen Banckets. 424
XLVII. Die Entruckte und Wiedergefundene. 430
XLVIII. Der Höllen-Spiegel. 434
XLIX. Die Satanische Mord-Kur. 445
L. Das übel-gesegnete Character-Mittel. 453
LI. Das erlegte Gespenst. 457
LII. Die einbüssende Vermessenheit. 460
LIII. Der Schwache wider den Starcken. 469
LIV. Das gezüchtete Großsprechen. 479
LV. Der Unerschrockene für dem Schrecker. 481
LVI. Die unheimliche Wüsteney. 491
LVII. Die kundschafftende Mucke. 507
LVIII. Das wütende Heer. 527
LIX. Der schädliche Jäger-Blick. 545
LX. Die boshaffte Gauckel-Jagt deß Satans. 548
LXI. Die grausame Heimholung. 553
LXII. Der gehemmte Bad-Teufel. 564
LXIII. Das Bergmännlein. 569
LXIV. Der Zwerg- und Kindleins-Geist. 608
LXV. Der schalck- und schadhaffte Geist. 611
LXVI. Die geharnete Seide. 615
LXVII. Der Isländische Schatten-Geist / auch vermeynter Natur- und Schutz-Engel. 619
LXVIII. Der angefochtene Unglücks-Verhüter. 647
LXIX. Der hofmeistrende Geist. 657
LXX. Der vermeynte Fürsten- und Nation- Geist. 689
LXXI. Der warnende Reichs-Engel. 704
LXXII. Die tödtliche Vorgeher. 717
LXXIII. Die erscheinende Malefizperson. 721
LXXIV. Der schädlich-gebannte Geist. 779
LXXV. Der Kobald / oder Kobel. 788
LXXVI. Die übernatürliche Korn-Pyramiden. 799
LXXVII. Die bestraffte Vorschau deß Bräutigams. 808
LXXVIII. Das Unglück-weissagende Krystall. 823
LXXIX. Die gespenstische Buhlschafft. 837
LXXX. Die angefochtene Einsamkeit. 866
LXXXI. Das scheinheilige Gespenst. 881
LXXXII. Der gestraffte Fluchet. 895
LXXXIII. Das Schreckbild. 904
LXXXIV. Der Wasser-Teufel. 909
LXXXV. Der Schiffbruch-Spötter. 913
LXXXVI. Der verführische Wasser-Geist. 919
LXXXVII. Der betriegliche Schatz-Zeiger. 924
LXXXVIII. Der übel-gelungene Vorwitz. 928
LXXXXIX. Der Kielkropff / oder Wechselbalg. 938
XC. Die Flucht der Lebendigen / für dem Todten. 983
XCI. Die Sterbens-Verkündigung. 995
XCII. Der heulende Hund. 1000
XCIII. Die verlierende Gegenwehr. 1016
XCIV. Die Tafel-haltende Geister der Vorfahren. 1021
XCV. Das Selbst-Geläut. 1029
XCVI. Die Sterbens-Erscheinung. 1040
XCVII. Die unterschiedliche Vorbedeutungen deß Todes. 1045
XCVIII. Der schwartze Werckmeister. 1076
XCIX. Der spitzbübische Geist. 1079
C. Das vertriebene Haus-Gespenst. 1108
Samt einer Zugabe / von etlichen Götzen-Gespenstern in Sina. 1113. seqq.

1. Der geschreckte Duellant

[1] I.

Der geschreckte Duellant.

Keine Wage ist schier so falsch und ungleich / als die / welche Ehr-Sucht gebraucht / wann sie / an Jemanden / durch ein Zwey-Gefecht / will zum Ritter werden / oder ihre / empfangene Beleidigung rachgierig vergelten. Denn sie legt / an stat deß Gewigts / in die eine Wag-Schüssel / einen zweiffelhafften Obsieg /oder ungewisse Sieg-Hoffnung; und in die andre / die Gefahr Leibs und der Seelen / zeitlichen und ewigen Todes. Damit aber jene vorschlage; thut sie dazu den eitlen Wahn / als ob die besondre Eigen-Rache eine besondre Ehr / und von solcher Wigtigkeit sey / dafür Seel und Seligkeit viel zu leicht wäre.

Wie hoch-mißfällig GOtt solche Balgereyen empfinde / hat Franckreich / an dem wunderlichen Todes-Fall Königs Heinrichs / deß Zweyten / erkannt: sintemal / als derselbe im Stechen / und Thurnier-Spiel /sein Leben verlohr / verständige [1] und nachsinnige Leute dieses / für eine besondre Schickung und Straffe GOttes / geachtet / daß er eben / im spielenden Zwey-Kampffe / das Leben lassen müssen; weil er den ernstlichen / so doch von der christlichen Religion verboten wird / gleich zu Anfange seiner Regierung / hatte gut gesprochen / und erlaubt. 1

Allein ob gleich tausend Königliche Bedrohungen das Zwey-Gefechte verböten: treibt doch Manchen die Begier für einen resolvirten Kerl angesehn zu seyn /den Respect deß Verbots / samt der Furcht / aus dem Sinn. Reputation gilt Vielen höher / als GOttes / und ihres Fürstens Gebot / und würcket solcher Wahn /bey Vielen / so kräfftig / daß wann ihnen gleich eine Warnung gegeben wird / sie sich doch / an ihrem Vorhaben / dadurch nicht hindern lassen. Denn die Ehr-Sucht erhöhet sich selbst über alle Vernunfft und Ordnung / verschmäht Gesetze / achtet sich für eine Göttin / und fordert ein Schlacht-Opffer: Gestaltsam sie dergleichen / bey diesem Cavallier gethan / welchen nachgefügte Erzehlung betrifft.

Als die jetzige Römisch-Keyserliche Majestät / vor 25 Jahren / mit dem Türckischen Suldan / Mahomet dem Vierdten / Krieg führte / und einige Truppen /vom Rhein herauf / wider den Erb-Feind marschirten; kam ein junger Graff / mit einer Compagnie / bey welcher er Rittmeister war / vor die Stadt Andernach am Rhein / darüber der Churfürst den Grafen de Witt zum Commendanten verordnet hatte; und that Ansuchung / man [2] mögte ihn lassen durch die Stadt marschiren: weil man daselbst / ohn grosse Unbequemlichkeit / nicht leicht / neben der Stadt / hinziehen kann.

Der Commendant mogte vielleicht billige Ursachen und Bedencken haben / solchen Durchmarsch abzuschlagen: hette aber solches / mit glimpflichern Worten / thun können. Allein weil der Rittmeister noch ein gar junger Cavallier / und sein Stand Jenem auch etwan annoch unbekandt; wies Er denselben / mit rauhen / und gar verdrießlichen Worten ab. Er ließ es dabey noch nicht einmal bewenden; sondern ereiferte sich / über das Angesinnen deß Rittmeisters / dermassen / und nahms so hoch auf / daß er / durch ein nachgeschicktes Kartell / ihn / auff einen Kugel-Wechsel /fordern ließ.

Der junge Cavallier verwundert sich / über solche Zunöthigung; und antwortet / es sey zwar der Mühe ja nicht werth / noch der Commendant / von ihm / im geringsten / beleidigt; sondern er vielmehr / von demselben / beursacht / sich über ihn zu beschweren /wegen der unfreundlichen und fast schimpflichen Begegnung: doch weil er / mit Gewalt / so gern an ihn /und nicht ruhen wollte; sollte er seinen Mann finden /und den Ort deß Duells nur benennen. Welchen Jener auch alsofort ihm lässt andeuten; ungeachtet / unterschiedliche Personen zum Frieden rahten.

Da nun der Tag herbey nahete; erwachte der Ausforderer / Nachts zuvor / und erblickte / bey ofsenen munteren Augen / ein weisses Gespenst / in seiner Kammer: welches auff ihn zutratt / die Bett-Decke auffhub / und mit der Faust ihm / in die Weichen [3] an der lincken Seiten deß Leibs / nemlich unter den kurtzen Rieben / einen empfindlichen Schlag gab. Womit es / gleich hernach / verschwand.

Er entsetzt sich hierüber gewaltiglich / wird sehr bestürtzt / und besorgt / es dörffte ein Vorzeichen unglücklichen Gefechts seyn; verschweigt auch solches deß Morgens denen nicht / welche ihn besuchten: Massen sie eine ungewöhnliche Gemüths-Verwirrung bey ihm vermerckten / und deßwegen / nach der Ursach fragten. Wie er ihnen hierauff seine nächtliche Begegniß entdeckte; bemühete sich ein Jedweder / mit beweglicher Abmahnung den Zwey-Kampff zu hintertreiben / ihm zu Gemüth führend / es wäre der Handel bey weitem so wigtig nicht / noch so weit allbereit gekommen / daß man deßwegen nothwendig sich schlagen müsste; man könnte dennoch beyderseits wol bey Ehren bleiben / wann schon das Gefecht würde eingestellt.

Aber eine einige böse Rathgeberinn überstimmte alle die andre Wolmeynende! nemlich die Reputation-Sorge: welche / wie erschrocken und trauriger auch war / ihn dennoch fort trieb / und überredete / es könnte ihm kein grössers Unglück begegnen / als dieses / daß man ihm / heut oder morgen / vorwürffe / er hette mehr Hertzens gehabt / zu fordern / als zu kommen / und eine frischere Feder / als Pistole / geführt. Wie denn gemeiniglich dergleichen höchst-gefährliche Gedancken / bey fürnehmen Cavallieren / den Vorzug erringen / wenn die Ehr- und Seel-Sorge vorher mit einander duelliren.

Also ritt er hin / seinem Gegner / durchs Feuer / zu weisen / daß er Feuer im Hertzen hätte / und keine Kugel scheuete. Sein Verhängniß aber war ihm [4] so ungünstig / daß er einen Schuß bekam / und zwar eben an dem Ort / da ihn das Gespenst geschlagen.

Man führte ihn / tödtlich verwundt / wieder heim: und / am dritten Tage hernach / war er deß Todes: Allermassen solches eine Person / so ihm am nechsten verwandt gewest / einem fürnehmen Ehren-Mann /hiesiges Orts / von dem ichs gehört / für gewiß erzehlt hat.

Ob nun die weisse Gestalt / so ihm vorher erschienen / von einem guten / oder bösen Engel vorgestellet worden / lasse ich in der Ungewißheit. Wiewol ich vermute / ob es gleich scheinet / es habe dieselbe ihn warnen wollen / (dafür er es auch billig hette annehmen / und deß unnöthigen Schlagens sich enthalten sollen /) es sey dennoch kein guter Geist gewest; sondern ein solcher / der ihn nur erschrecken / und doch unvermerckt in seinem Vorsatze vielmehr verstocken /weder wolmeyntlich / von dem Gefechte / damit abrahten wollen. Manche / zumal Römisch-Catholische / dörfften glauben / es sey sein Schutz-Engel / gewest / welcher den Schlag in die Seiten Ihm zur Warnung gegeben: daß Er die Forderung bereuen / und / durch gute Freunde / retractiren sollte. Ich halte aber dafür /daß / gleich wie ein guter Engel / ohne GOttes sonderbare Schickung und Befehl / Niemanden erscheint / also dasselbe auch schwerlich / oder je wunderselten / von Ihm geschehe / wann Er zuvor sihet / daß Er /durch solche Warnung / bey dem Gewarneten / nichts werde erhalten. Doch gestehe ich / daß auch dieses bißweilen seine Absätze haben könne.

Fußnoten

1 Wie Thuanus / am Ende deß zwey und zwantzigsten Buchs gedenckt.

2. Der geschlagene Beter

[5] II.

Der geschlagene Beter.

Wie man den Namen GOttes nicht vergeblich im Munde führen soll; also soll man auch kein Gebet /anders als im Geist / in der Warheit / und rechter Andacht / thun: denn sonst wird es mehr Ungnade / als Gnade / auswircken. Das Gebet ist eines unter den besten Waffen der Christen / wider den bösen Feind: wann es aber / aus Heucheley / oder unreinem Hertzen hervor steiget / kehrt es der Satan / wider uns selbsten um; gleichwie einer / der seinem Widersacher das Schwert aus der Hand reisst / und ihn damit erwürgt. Denn ein mißbrauchtes Gebet braucht er / zum Beweis unserer Beleidigung der Göttlichen Majestät: und erlangt dadurch jemaln Macht / uns zu schaden /oder aufs wenigste zu erschrecken.

Ich erkühne mich keines Urtheils / oder gewissen Ausspruchs / ob dem Frantzösischen Herrn / von dem jetzt geredet werden soll / nicht dergleichen Mißbrauch des Gebets den Schrecken / welchen ich erzehlen will / zugezogen habe.

Der Herr von Aubigné gieng / im Jahr 1580 / unter denen Völckern / welche Montaigu belägern sollten /mit zur Armee / als ihm / an einem Abend / diese wunderliche Abentheur begegnete / die er / mit sechs oder sieben Personen grosses Ansehns / welche damals / als er solche Begegniß beschrieben / noch lebten / bezeugt.

[6] Er hatte sich / auf ein gewöhnliches Reuter-Lager /nemlich auf einen Strohsack / nidergelegt / zwischen dem Beavois de Chatelleraudois und les Ouche de Melle, und that das Mal sein Gebet nach ihrer Weise /das ist / auff Römisch-Catholische Art; wiewol er ein Hugenott war. Da er nun das Vater Unser / etc. schier ausgebetet hatte / und diese Worte sprach führ uns nicht in Versuchung / etc. bekam er drey Streiche /mit einer / wie er / aus dem Gefühl urtheilte / flachen Hand. Solche drey Schläge geschahen / mit so mercklicher Unterscheidung / und so gar lautem Patschen /daß die gantze Gesellschafft / bey dem Schein und Liecht einesgrossen Feuers / gleich bey dem ersten Streich / auff ihn die Augen warff.

Les Ouches bat ihn / er mögte doch das Gebet von Neuem wieder anfangen. Als er nun solches that; empfing er abermal bey denselbigen Worten / führ uns nicht in Versuchung / drey andre Schläge / die noch viel stärcker / dann die vorige; und zwar vor den Augen Aller / so zugegen waren. Gestaltsam auch Etliche derselben deßwegen näher zu ihm traten / um solches Wunder recht genau zu beäugen.

Er ist willens gewest / diese Begegniß zu unterdrucken / und nicht auskommen zu lassen / vielweniger selbst zu beschreiben: weil es aber / in Gegenwart so vieler Zeugen und Auffmercker ihm widerfahren; hat er sie / von seinen Erzehlungen / nicht ausschliessen / sondern vielmehr seinem Hause und Geschlecht zur Nachricht hinterlassen wollen.

Es setzte damals unterschiedliche Auslegungen darüber: Unter welchen er diese den andren [7] vorzuziehen scheinet / daß / eben desselbigen Abens / sein jüngerer Bruder / der Capitein Aubigné, in einem Scharmützel / getödtet worden. 1

Es mag zwar / die Entleibung deß Capiteins / der vielleicht drey / oder noch ein Mal so viel / Wunden empfangen hat / durch die drey Streiche / und derselben verdoppelte Zahl / bedeutet worden seyn: ich besorge aber / der Herr von Aubigné, welchen sie getrossen / habe entweder / als ein Hugenott / das Pater Noster, denen / neben ihm ligenden / Römisch-Catholischen Officierern / nur zu Gefallen / oder gar aus Kurtzweil und Schertz / daher geplaudert / (denn warum hette er sonst solches eben laut / und nicht vielmehr / wie man / bey solcher Gelegenheit / nemlich / unter so vielen Leuten / die ungleicher Religion / zuthun pflegt / leise gebetet?) und also diß Gebet deß Herrn gemißbraucht: oder er habe damals GOtt /in einer gewissen Sache / versucht / oder sonst etwas /das GOtt mißfällig / vorgehabt: daher ihm / eben bey dieser sechsten Bitte / Und führ uns nicht in Versu chung / auff GOttes Verhängniß / von dem Gespenst / die Streiche / zweymal nach einander gegeben worden / als ein Straff-Beweis deß Mißbrauchs solcher heiligen Worte / und zugleich auch als eine Anzeigung deß Unglücks seines jüngsten Bruders: der vielleicht / durch Vermessenheit / als der jungen Frantzösischen Edelleute sehr gemeinen Fehler / dem Tode sich in den Rachen gestürtzt: Denn Vermessenheit ist eine Versuchung GOttes / dadurch Mancher um Leib und Seele kommt. Jedoch [8] enthält man sich billig hierinn eines gewissen Schlusses / als welcher mehr Grundes / in dieser Sachen / erfordert.

Fußnoten

1 Histoire Univers. du Sieur d' Aubigné T. 2. L. 4.C. 16, l' an. 1580.

3. Der bedeutete Cardinal-Tod

III.

Der bedeutete Cardinal-Tod.

Der Tod ist eine Mißgeburt / welche der Satan mit der Sünden / als einer Mutter unserer Sterblichkeit / gezeugt / und in die Welt gebracht. Darum freuet sich Jener / so offt dieser sein Sohn / der Tod / einem Menschen das Hertz abstosst. Sonderlich aber giebt er gar merckliche Freuden-Zeichen von sich / wann grosse Leute sterben / durch allerley Erscheinungen /oder Gepolter / oder Stürme / und dergleichen: gleichwie die Menschen / über die Niederlage eines überwundenen Feindes / mit Stück-schiessen / und Feuerwercken / zu triumphiren pflegen. Dergleichen hat er auch gethan / bey dem tödtlichen Abtritt deß Cardinals von Lothringen.

Als Heinrich / der Vierdte / König von Franckreich / welcher / durch seine sieghaffte Waffen / den Ruhm-Namen deß Grossen erworben / sich / im Jahr 1574 /zu Avignon, samt der Königinn / Catharina von Medices, befand; begab sich Diese / am Abend deß 23sten Christmonats / etwas zeitiger / dann sonst ihre Gewonheit war / zur Ruhe; wünschte derhalben denen fürnehmen Personen / welche damals um Sie waren /gute Nacht; nemlich dem Könige von Navarra / dem Ertzbischof von Lyon / denen Damens de Rets, de Lignerales, [9] und de Sauves. Bald darauff legte sie ihr Haupt auff ein Kopff-Küssen / die Hand aber vors Gesicht / und rieff den Umstehenden zu / mit einem hefftigen Geschrey / sie sollten Ihr zu Hülffe kommen; denn der Cardinal von Lothringen (welcher damals tödtlich zu Bette lag) stünde zu den Füssen ihres Bettes / wollte näher kommen / und streckte die Hände nach Ihr aus. Sie schrie auch hernach zum öfftern:Monsieur le Cardinal! je n'ay, que faire de vous! Herr Cardinal! Ich habe mit Euch nichts zu schaffen!

Gleich um selbige Zeit / schickte der König von Navarra Einen seiner Edelleute nach dem Hause deß Cardinals; und empfieng von dannen die Nachricht /der Cardinal wäre eben damals verschieden.

Diese Geschicht beglaubt der Herr von Aubigné aus dem Munde vorbenannter Damen / welche ihm die Gewißheit derselben bestetigt haben.

Man hat gleichfalls dieses / für ein Zeichen deß Todes selbigen Cardinals / auffgenommen / daß eben zu der Zeit / plötzlich ein so erschreckliches Gewitter entstanden / dergleichen / bey Menschen-Gedencken /nicht erhört worden. Ein Sturmwind / oder viemehr Windsbraut / mit grausamen Donnern und Blitzen vermengt / tobte gewaltiglich / also gar / daß / an manchen Orten / sonderlich aber in dem Hause / da er verblichen / Etwas / welches viel hefftiger und ungestümer / als der Wind / die Kegel und Fenster wegriß / und in die Lufft empor raffte. 1

Fußnoten

1 Histoire Univers. du Sieur d' Aubigné, T. 1. L. 2.C. 12. l' an. 1574.

4. Die verabredete Erscheinung

[10] IV.

Die verabredete Erscheinung.

In Sachen / welche in keines Menschen Vermögen stehen / geben die weltliche Rechte keinen Vergleich zu: Noch vielweniger werden die Göttlichen Rechte eine solche Vereinigung oder Abrede gut sprechen /die aus einem Mißglauben oder Vermessenheit entsteht; und gantz über die Schrancken der Natur geht. Dennoch haben sich jemalen etliche / und zwar getauffte / Leute verbunden / von dem Zustande der Seelen nach dem Tode / einander gute Kundschafft zu bringen / so bald Einem unter ihnen die Augen zugedruckt wären. Welche Thorheit keinem wahren Christen / der die Warheit seines Erlösers in keinen Zweiffel ziehet; sondern eher einem ungläubigen Heiden /anständig / und eines solchen Gemüts Zeuginn ist /das / im Christlichen Glaubens keinen rechten Grund / noch Christum fest genug im Hertzen hat.

Dergleichen Mißgläubigkeit hat auch diese Personen / von welchen jetzt geredet werden soll / verleitet zur Abrede / einander die Nachricht / nach dem Tode /zubringen / ob es / in jener Welt / also zugehe / wie man hie glaubt?

Um das Jahr Christi 1090 / haben / zu Nantes inBretagne; zween junge Geistliche / die ziemlich studirt / und grosse Vertraulichkeit miteinander hatten /diesen Vergleich unter sich getroffen / daß / welcher von ihnen am ersten stürbe / derselbe dem andren /entweder bey offenen oder geschlossenen [11] Augen / innerhalb dreissig Tagen / erscheinen sollte. Nachdem sie solches beyderseits / mit körperlichem Eyde / einander angelobt; ist / nicht lang hernach / der Eine mit Tode abgegangen / und hat am dressigsten Tage hernach / dem Andren / als derselbe wachte / und weiß nicht was für ein Werck unter Handen hatte / sich gestellet mit gantz blassem tod-farbenem Angesicht /und ihn also angeredt: Kennest du mich: Jener antwortete: Ja! ich kenne dich / und wundert mich /daß du so langsam bisterschienen. Der Ankömmling entschuldigt zuforderst seinen Verzug; und spricht weiter: Ich bin doch gleichwol endlich gekommen: und / so du wilt / wird meine Ankunfft dir nützlich / mir aber nicht / seyn: Denn ich bin /zur ewigen Pein und Straffe / verurtheilt.

Der Andre sagt: Ich will dir zu Hülffe kommen /mit vielen Gebeten / Fasten / und Allmosen. Der Erste versetzt: Aber / wider das Urtheil / richtet keine Busse / in der Höllen / etwas aus in alle Ewigkeit. Ich werde / meiner Mißhandlungen wegen / gestrafft werden. Und wann die gantze Welt / für mich / bemühet wäre / um Abwendung solcher Straffe; würde es doch nichts helffen: son dern ich muß ewige / und unzehlich-vielerley Pein leiden. So geredt / streckte er eine Hand aus / die gantz geschwürig war / und von Eyter tröpffelte; und sprach; Damit du eine / von meinen Straffen /sehen mögest / so schau ein Mal diese Hand an! Meynest du auch / diß sey eine schlechte Pein: Da nun der Gefragte [12] sich vernehmen ließ / es duncke ihn / dieses könne keine sonderliche Quaal seyn; druckte der Erschienene die Faust zusammen / und warff drey Tropffen deß ausfliessenden Eyters auff ihn: deren zween ihm die Schläffe traffen / der dritte aber die Stirn. Solche drey Tropffen drungen durch die Haut /wie ein feuriger Pfeil / und brannten ihm ein Loch / so groß / wie eine Nuß.

Der Betröpffelte hub an zu schreyen / O weh! Was ist das für ein Schmertz! das thut je grausam und unerhört weh! Der Todte erwiederte: Dieses wird dir / so lang du lebest / beydes ein nachdrucklicher und augenscheinlicher Beweis meiner Quaal / und so du es nicht verachtest / noch in den Wind schlägst / ein sonderbares Erinnerungs-Mal seyn / dein Heil wol zu beobachten. Derhalben gehe /weil du noch kannst / verändre Kleid / und Sinn /und begib dich / beym S. Melan / zu Rennes / in einen Orden.

Weil aber der Lebendige hierauff nicht wollte antworten; sahe ihn der Todte gar scharff an / und sprach: Ey du elender Mensch! Besinnest du dich noch lang / ob du dich bekehren wollest / oder nicht: Ließ ein Mal diese Schrifft!

Mit solchen Worten / that er zugleich die Hand hervor / darinn gar häßliche Buchstaben stunden; nemlich eine Schrifft wodurch der Satan / und alles Höllen-Gesinde / der Clerisey / und den Kirchendienern /fleissig danckte / daß sie ihnen wol seyn / und keine Ergetzlichkeit abgehen / hingegen / durch ihre Achtlosigkeit im lehren / und straffen / [13] eine solche Menge von Seelen zur Höllen fahren liessen / dergleichen man / in vorigen Zeiten / niemals gesehn. Nach solchem Spruch verschwand er.

Der Lebendige schlug hierauf in sich / verkaufte Alles / und gabs den Armen / begab sich / an erstgezeigtem Ort / in den Orden / und führte einen treflich-guten Wandel. 1

Man erblickt zwar in dem Speculo Historico Vincentii, viel wunderliche Händel / dabey manchem vernünfftigem Christen es gar sauer wird / wann er sie seinem Credo will einnöthigen: Weil aber solcher Abentheuer wol mehr gelesen werden; begehre ich /diesem Vincentio seinen Spiegel nicht zu zerbrechen /noch zu sagen / daß vielleicht ein tödtlich-verstellter Lebendiger sich / für den Verstorbenen / ausgegeben; sondern lasse es gelten / daß bißweilen wol dergleichen etwas dörffte vorgehn.

Der berühmte Römisch-Catholische Cardinal / Baronius / beschreibt einen Verlauff / welcher dergleichen wunderlichen Vergleich in sich begreifft / aber sonst / in den andren Umständen / dem obigen nicht ähnlich ist. Marsilius Ficinus / ein Mann / den seine gelehrte Feder über die Vergessenheit erhaben / pflegte einer gar freundbaren Conversation / mit dem gleichfals hochgelehrten / Michaele Mercato: und die Gleichheit der Studien verband dieses Paar so fest /als ob sie einander wären ehelich vertraut. Diese Zween schafften ihre Lust / mit schönen gelehrten Discursen / von allerley Materien; unter andern einsmals auch / von dem Zustande deß Menschen nach dem Tode / und von [14] der andren Welt Gelegenheit. Welches Alles sie / nach der Platonischen Philosophia und Meynung / ausführten / nachmals aber mit christlichen Zeugnissen bekräfftigten. Nach einem ziemlich-langem Redwechsel / richteten sie endlich / bey gegebener Hand / diesen Vergleich mit einander auff /daß derjenige / welcher aus ihnen am ersten seinen Geist auffgäbe / dem Andren / so noch am Leben bliebe / von jenes Lebens Beschaffenheit / gründliche Nachricht ertheilen solte; wenn es anderst / mit Göttlicher Bewilligung / geschehen könnte. Welcher Vergleich auch / von allen Beyden / eydlich ward bestetiget.

Einige Zeit aber hernach / mussten diese zween Hertzens-Freunde von einander / und ein Jeglicher / in einer besondren Stadt / seine Wohnung nehmen. Als aber / eines Tages / Mercatus / in der Morgen-Stunde / den flummen Lehrern Gehör gab / und über seinen philosophischen Büchern saß; hörte er / wie Einer /aus der nechsten Gassen / Spornstreichs / auff seine Hausthür zu geritten käme / der / lauter Stimme / ihm zurieff: O Michael! Michael! Es ist / in Warheit /also; Es ist warhafftig also / und gantz gewiß!

Weil dieser nun seines geliebten Freundes Stimme alsofort kannte; stund er behände auff / von seinen Büchern / und lieff zum Fenster; da er den Marsilium rucklings erblickte. Derselbe saß / auf einem weissen Pferde / und hatte dasselbe eben allbereit wiederum gewandt / um wieder davon zu reiten: darum schrie er ihm geschwinde nach: Marsili! Marsili! nicht anders gedenckend [15] / denn Marsilius wäre es selbst / und noch am Leben: weil er / von seinem Tode / annoch keine Nachricht empfangen hatte. Aber der schnelle Reuter kam ihm so geschwinde aus den Augen / als wie der Wind vorüber fährt.

Mercatus erschrack deßwegen nicht wenig / und bekam darüber allerley Gedancken: unter welchen /die fürnehmste dahinaus fielen / es müsste mit dem Marsilio / sich was sonderbares zugetragen haben. Als er derwegen hierum sich / durch Briefe / befragte; antwortete ihm / von Florentz / die Freundschafft deß Marsilii / es wäre derselbe daselbst verschieden. Und / weil sie dabey / nach seinem Begehren / ihm auch die Stunde / darinn er verblichen / angezeigt; hat er gemerckt / daß es eben dieselbige / in welcher ihm der Reuter auff dem weissen Pferde erschienen wäre / vor seiner Thür / und obgemeldte Worte ihm zugeruffen.

Angedeuteter Baronius gedenckt / es sey ihm dieses / von deß Mercati seinem Enckel / erzehlet worden: welcher es / aus seines Großvaters eigenem Munde /gehabt; und derselbe ältere Michael Mercatus (denn der Enckel hieß auch Michael) hette / von dem an /die Philosophiam auff die Seiten gelegt / hingegen seine übrige Lebens-Zeit / in christlichen Vorbereitungen zum seligen Ende / zugebracht. 2

Ich will keinem rahten / diesen Exempeln nachzuaffen. Ich wünsche / von den Lebendigen / und nicht von den Todten / was zu erlernen. GOtt hat gesagt:Die Todten solt du nicht fragen:

[16] Darum soll man auch / im Leben / Keinen dazu verpflichten / daß er / nach dem Tode / einen Bericht bringe: sintemal der Stiffter deß Todes deß Todten (oder Verstorbenen) Stelle leicht vertreten kann.

Fußnoten

1 Specul. Histor. Vincentii, lib. 25. C. 89.

2 Baronius Tom. 5. Annal. ad Annum 411.

5. Die angelobte und erfüllte Anzeigung deß Zustandes nach dem Tode

V.

Die angelobte und erfüllte Anzeigung deß Zustandes nach dem Tode.

Diese folgende Geschicht ist zwar / von gleicher Art /wie die beyde vorige; aber / wegen sonderbarer Umständen / noch denckwürdiger: und kann den ersten beyden zu mehrer Beglaubung gereichen; weil sie noch neuer / und auch selbst / durch viel ansehnliche Zeugen / beglaubt wird.

Zwo Personen von Condition lebten miteinander /zu Paris / in vertrauter Freundschafft / und waren gleichsam beyde ein Hertz; nemlich der Marquis, oder Marchgraf von Rambouillet, ältester Bruder der Hertzoginn von Montausier; und der Marchgraf vonPreci, der älteste deß Hauses von Nantouillet, in welchem sich / unter andren ein Reichs-Cantzler befunden / der / unter der Regierung deß Königs seiner Zeit / bey Selbigem in so hohen Gnaden gewest / daß derselbe durch seinen Kopff / alle Befehle ließ ergehn /und ihm / mit einer unbeschnittenen Gewalt / das Regiment zu führen / erlaubte / auch endlich einen Kardinal-Hut ihm erlangte.

[17] Diese beyde Marchgrafen gingen in den Krieg: wie / in Franckreich gemeinlich Alles / was fürnehm / aus dieser blutfarbnen Ruhm-Quellen / Glück und Reputation zu schöpffen / bemühet ist. Wie nun der Krieg eine tägliche Schule und Lehrer der Sterblichkeit ist; ob gleich die wenigste / unter seinen Discipeln /drauff mercken: also veranlasste er auch einsmals diese beyde Hertzens-Freunde / zu einem Gespräch von den Sachen der andren Welt. Und nachdem sie davon mancherley Discurse geführt / daraus gnugsam erhellete / daß ihnen nicht Alles eingehen wollte / was man davon sagt; thaten sie einander die Versprechung / daß welcher unter ihnen am ersten stürbe / derselbige dem Andren / seinem guten Gesellen und Freunde /alsdann von dannen Zeitung bringen sollte: gaben auch einander darauff einen Handstreich / zum Pfandzeichen / daß sie ihr Wort halten / und solches Versprechens eingedenck seyn wollten. Hernach liessen sie diese Materie fahren / und fiengen an / von andren / gleichfalls ernstlichen / Sachen / zu reden.

Hiernechst verflossen zween oder wol drey Monaten / ohn daß sie weiter daran gedacht hetten / was sie einander dißfalls zugesagt. Unterdessen kam die Zeit /daß man ins Feld und zur Armee geht / herbey; und verreisete deßwegen der Marchgraf von Rambouillet, in Flandern: der Marchgraf von Preci aber musste zu Paris bleiben / bey einem Bader / Namens Dupin, in der S. Antonius-Gassen: allda ihn ein boßhafftes Fieber verarrestirte / und von dem Feldzuge abhielt. Wobey zu mercken dient / daß / bey solchen Badern /[18] mancher fürnehmer Cavallier losirt: wegen der guten /daselbst befindlichen / Gelegenheit und Bequemlichkeit.

Uber einen Monat / oder fünff Wochen / hernach /ward / früh Morgens um sechs Uhr / als der Marchgraf von Preci sich noch im Bette befand / gähling der Vorhang deß Bettes weggerissen: weßwegen sich der Herr von Preci herum warff / zu sehen / wer es doch wol seyn mögte / der den Vorhang weggezogen. Und sihe! da erblickte er den Marchgrafen von Rambouillet, der in Stiefeln und Sporen vor ihm stund. Er wollte demselben um den Hals fallen / und damit eine Freude über seine Wiederkunfft bezeugen: Jener aber wiech ein paar Schritte zurück / und sagte zu ihm / es wäre nicht mehr um die Zeit / daß man einander mit dergleichen Freundlichkeiten begegnete: Er käme jetzo nur allein deßwegen / daß er sich seines Versprechens / so er ihm gethan / mögte entbinden: Er wäre gestern Abends / in einem Scharmützel geblieben: Es sey nichts gewissers / noch warhafftigers / als dasjenige / was man hier / in dieser / von der andren Welt / sagte: darum sollte er bedacht seyn / sein Leben anders zu führen / weder er anjetzo noch thäte /und solches ja nicht auffschieben; sintemal dasselbe /bey dem ersten Treffen / drauff gehn würde.

Wie seltsam und fremd diese Rede dem von Preci vorgekommen / kann man leicht gedencken. Unterdessen kunnte er doch dasjenige / was er hörte / noch nicht gläuben: sondern bildete sich ein / sein guter Freund rede solches in Schertz / und aus Vexiererey: schwang sich derhalben zum Bette heraus / [19] um denselben zu umarmen; umfing aber anders nichts / als einē Wind. Und der von Rambouillet, da er sahe / daß er ihm nicht wollte gläuben / zeigte ihm den Ort deß Leibes / wo der Schuß hinein gegangen / nemlich in die Lenden / allda man noch das Blut sahe herab fliessen. Hernach verschwand er / und hinterließ den vonPreci in solchem Schrecken / der nicht zu beschreiben. Dieser rieff nicht allein seinem Kammerdiener /der auff einem Kleiderkasten sein Lager hatte; sondern weckte auch / mit seinem Geschrey / das gantze Haus auff.

Der Author / welcher dieses / neben andren Sachen / erzehlet / als nemlich L.C.D.R. stund deßwegen auff / so wol / als die andre Haus-Genossen; um zu sehen /was es setzte: und gieng / nebst dem Hauswirth /Dupin, hinauf in seine Kammer. Da sagte er ihnen /was ihm wäre zu Gesichte gekommen. Sie schrieben solches Gesicht der Hitze seines Fiebers zu / welches noch immerzu anhielt: baten ihn er sollte sich wieder zur Ruhe legen / und sagten / es müsste ihm nur im Traum seyn also vorgekommen. Aber er vermeynte schier rasend drüber zu werden / daß sie ihn / für einen Träumer und Phantasien / ansahen: gestaltsam er / ihnen solchen Wahn zu benehmen / hierauf alle die Umstände erzehlte / welche wir vorhin gemeldet Das hörten sie so an / und liessen ihn reden / was ihm beliebte; blieben doch unterdessen / auff ihrer Meynung / so lange biß die Post aus Flandern anlangte. Als aber dieselbe den Tod deß Marchgrafen von Rambouillet, mitbrachte / und solche Umstände dabey auch verlauteten / dergleichen der Marchgraf vonPreci ihnen hatte erzehlt; da begunnten sie / einander[20] anzusehn / und zu gläuben / es dörffte wol dem vonPreci das / was er ihnen gesagt / würcklich erschienen seyn.

Diese neue und seltsame Begebenheit breitete sich /in der Stadt Paris / bald aus: Man hielt es aber für ein Mährlein / das man zur Lust ersonnen. Weil aber ein Jeglicher den Grund davon verlangte / ob etwas dran /oder nicht: empfing dieser Author mehr / als hundert Zetteln / und eben so viel Besuchungen von seinen Freunden / welche wussten / daß er / in selbigem Hause zur Herberge läge / und deßwegen hofften / er würde ihnen gewisse Nachricht davon mittheilen können. Ob er ihnen nun gleich solches auffs Beste kunnte versichern: blieb ihnen doch noch einiges Mißtrauen übrig / welches die Zeit allein ihnen kunnte benehmen. Denn man wollte noch sehen / was dem vonPreci würde begegnen: in Betrachtung / daß demselben gedrauet war / er sollte / in dem allerersten Treffen / ums Leben kommen. Also gab ein Jedweder drauff Achtung / was es mit ihm / für einen Ausgang gewinnen / und ob solche Vorverkündigung wurcklich eintreffen würde.

Aber die Erfüllung bestetigte solches Alles / was man davon redete / nur allzu richtig. Weil sich unterdessen der einheimische Krieg / (wegen deß Kardinals Mazarini) erhub: entschloß sich der Marchgraf de Preci, dem Treffen bey S. Anton beyzuwohnen: ohnangesehn sein Vater und Mutter / welchen die Weissagung immerzu im Sinne lag / ihn / mit schier fußfälliger Bitte und Warnung / davon abzuwenden / sich bemüheten. Wie nun das Unglück insgemein Niemanden näher [21] zu seyn pflegt / als dem / welcher sich nicht dafür warnen lassen will / und seiner Eltern getreue Ermahnung verschmähet / auch der / so Gefahr liebt /leichtlich darinn umkommt; also ist auch diesem jungen Marchgrafen von Preci solches widerfahren: angemerckt / er / in selbigem Streit / sein junges frisches Leben eingebüsst / zu grossem Leidwesen seiner gantzen Familie: welche ihn / für einen güldnen Pfeiler achtete / der die Ehre ihres Hauses könnte unterstützen / und zwar viel besser / als der Andre / welcher nechst ihm folgte: denn derselbe hatte eine solche geheirahtet / die fast eben so schlecht von gutem Namen und Gerücht / als von Geburt und Vermögen / war. 1

Meines Theils / schätze ich diese Erzehlung / für kein Mährlein: zumal weil der fürnehme Author / welcher sie schrifftlich aufgesetzt / ein schon gar hoch-alter Herr gewest / als er diese Abentheuer beschrieben / dazu auch auf viel ansehnliche Personen sich berufft / denen diese Geschicht bewusst / und dabey auch gedenckt / daß der Wirth / in dessen Hause solchs vorgegangen / damals / als er es / nebst andren Merckwürdigkeiten / zu Papier gesetzt / noch am Leben gewest. Allein was / von dem / in deß Marchgrafens von Rambouillet Gestalt erschienenem / Geist / zu halten sey / lässt man dem Urtheil deß christlich-klugen Lesers empfohlen seyn.

Fußnoten

1 Memoires de Mr. L.C.D.R. p. 417.

6. Der wiedergeforderte Schmuck

[22] VI.

Der wiedergeforderte Schmuck.

Wann das Versprechen den Lebendigen / imfall es nicht wider Recht und Billigkeit geht / zuhalten; soll es noch vielmehr den Sterbenden unverbrüchlich geleistet werden. Und wie man / von den Todten / so wol als Abwesenden / dem alten Sprichwort nach /nichts Ubels reden soll: also muß auch den Todten noch viel weniger was Ubels zugefügt werden / zumal denen / die uns / bey Leibes Leben / geliebt / und vielmehr ein gutes Angedencken / weder einige Miß-Vergnüg- und Beleidigung / an uns verdient haben.

Insonderheit seynd Eltern und Kinder / Mann und Weib einander / auch nach dem Tode / zur Erfüll- und Fest-haltung dessen / was sie / bey der letzten Abschieds-Empfehlung / gelobt / so ferrn es der Gerechtigkeit und christlicher Erbarkeit nicht entgegen / verbunden. Denn der Tod entbindt sie zwar deß Eh-Gelübds; aber nicht der ehelichen Liebs-Gedächtnis /noch der Aufrichtigkeit in Beobachtung dessen / was man / an den hinterlassenen Kindern / oder nechsten Freunden deß Verstorbenen Theils / zu thun / verheissen.

So ein Verstorbener / durch Beraubung seines Grabs / beleidigt wird; widerfährt ihm noch grössere Beleidigung / wenn man seinem hinterbliebenem Kinde / als seinem Fleisch und Blut / dasjeinge entzeucht / was man demselben zu lassen und auffzuheben / entweder durch Kindliches Erb-Recht [23] / oder durch Zusage / oder durch beyderley / sich verbindlich gemacht.

Derhalben handeln diejenige Männer nicht biedermännisch / welche / wann sie sich wieder verheirahten / ihre Liebe gegen der ersten Eh-Liebsten / mit derselben / so gar absterben / und verrauchen lassen / daß sie den Kindern / welche sie / mit der verblichenen Frauen / als ein Pfand nicht allein ehelicher Liebs-Treu im Leben / sondern auch unabsterblicher Gedächtniß nach dem Leben / erzeugt haben / von ihrem mütterlichem Antheil etwas entwenden / um die zweyte Frau desto ansehnlicher zu bedencken und beschencken.

Wie leichtlich aber Mancher hierinn nicht allein das Recht / sondern auch sein ausdrückliches Versprechen übergehe und breche / darüber hört man nicht selten klagen: und ist / unter solchen / auch gewest ein Edelman / welchem wir den Namen Flandrin geben. Derselbe hat eine / gleichfalls adliche / Jungfrau geehlichet / aus welcher ihm ein schönes Eh-Blümlein entsprossen / nemlich eine junge Tochter /derer Holdseligkeit beyder Eltern Lust / sonderlich aber ihrer Mutter Aug und Hertz / war / also daß es schiene / als ob das Leben der Mutter an dieser Tochter / hafftete; biß der Tod eine Scheidung machte /und sie / von diesem ihrem Kleinod / absonderte. Ehe denn sie aber verschied / gab ihr die mütterliche Liebe an / ihren Eh-Herrn / mit vielen Letzungs-Threnen /zu bitten / er sollte doch ihren fräulichen Schmuck der liebsten Tochter unverkürtzt / aufbehalten: auf daß dieselbe ihrer hertzlichen Mutter-Liebe / und getreuen Gunst / dabey eingedenck verbleiben mögte.

[24] Flandrin bestetigte ihr hierüber sein Versprechen /mit darbietender Hand / und gelobte sie ihres Verlangens / gewünschter und schuldiger Massen / zu gewehren: Wobey eben sein Pfarrer zugegen war / daß er der Sterbenden tröstlich zusprechen mögte. Also entschlieff sie endlich / in ihrem Heiland / sanfft und selig.

Er gab so wol / als die kleine Tochter / mit milden Threnen / seine Betrübniß über ihren Abschied / zu erkennen; tröstete sich doch endlich / nach verflossener Trauer-Frist / mit einer neuen Braut. Denn das Verlangen eines männlichen Erbens / damit sein Lehen-Gut mögte / für der Hinfälligkeit / unterstützet werden / bewegte ihn zur zweyten Ehe.

Weil er nun gern diese seine andre Liebste ansehnlich beschenckt hette / und die Baarschafft nicht überflüssig vorhanden war: überredete er sich / nach langem Besinnen / selbst / den Schmuck seines Töchterleins anzugreiffen / und etwas davon zu nehmen /nemlich eine Kette / samt einem Paar Armbänder; doch gleichwol dieser Meynung / daß er / mit ehester Gelegenheit / den Werth dafür erstatten wollte: Weßwegen er auch einen Zettel darzu legte / zur Nachricht / daß er der Kleinen so viel schuldig wäre.

Nachdem nun die beschenckte / und hernach auch ihm an die Hand getraute / Braut mit ihm zu Bette gegangen / und sie endlich beyde eingeschlaffen waren: ward sie gähling aufgeweckt / von einer Frauens-Person / an welcher die Gestalt und Kleidung ihrer Vorfahrerinn gar ähnlich und wolkenntlich erschien. Dieselbe winckte ihr bedraulich [25] / mit dem Finger / und verschwand: Massen zwey dicke Wachs-Liechter / so die gantze Nacht / in der Kammer / brannten / ihr solches gnugsam zu Gesicht stelleten. Ob sie nun gleich / wie leicht zu ermessen / sich sehr darüber entsetzte: trug sie doch Bedencken / ihren Liebsten aufzuwecken; sagte ihm auch hernach nichts davon: damit er nicht mögte traurig werden.

In der folgenden Nacht kommt die Gestalt wieder; weckt aber allein den Mann / und spricht zu ihm: Weil du / deinem Versprechen entgegen / meinen Schmuck entfremdet bast: so hat GOtt mich gesandt /dir zu sagen / daß du solchen wieder erstatten / oder gewärtig seyn müssest / daß deiner jetzigen Frauen /in acht Tagen / das Leben erlesche / wie ich diß Liecht auslesche. Womit sie zugleich / nach dem einen Liecht / griff / und es ausleschte / hernach sich alsofort aus seinen Augen verlohr.

Der hierüber schier erstarrende Edelmann zweifelte / ob er seinem Gesicht gnugsam zu trauen / und ihm der Handel nicht etwan nur getraumt hette; welchen Zweifel ihm aber die geleschte Kertze benehmen wollte. Also wusste er nicht / wozu er sich sollte entschliessen. Das Geschenckte / von seiner Liebsten /wieder abzufordern / daugte ihm ein unfreundlicher Handel zu seyn / der leicht einen grossen Unwillen erregen könnte: so besorgte er auch / wann er die Ursach / nemlich den Angriff seiner vorigen Frauen Schmucks / anzeigen sollte / würde ihm solches eine solche Schande zuziehen / die / Zeit seines Lebens /nicht ausgetilgt werden dörffte. Unter solchem Kummer / und schwerem Hertzens-Druck / ängstigte er sich biß in den sechsten Tag: [26] da ihm endlich der Zweifel / ob er auch würcklich Solches gesehn / und gehört? wiederkehrte / und er zuletzt dafür hielt / es müsste nur eine falsche Einbildung seyn. Aber / in folgender Nacht / weckte die Verstorbene / gleich wie vorhin / abermals ihn allein auf / und sprach zu ihm: Wirst du / in vier und zwantzig Stunden / meiner Tochter den entwendeten Schmuck nicht wieder liefern; so musst du / samt deinem Weibe / sterben / wie ich diese beyde Liechter auslesche. Worauf sie die zwo brennende Kertzen ergriff / dieselbe umwendete /und verschwand.

Diß mehrte ihm seinen Schrecken. Jedoch verhielt er es seiner Frauen / und vertrauete es / deß Morgens /dem Geistlichen / welcher / bey seinem Angeloben /zugegen gewest. Derselbe wusste nicht / ob er den erschienenen Geist / für einen guten oder bösen Engel /halten sollte: weil seine Anfordrung der Billigkeit gemäß. Er geht aber hin / zu deß Edelmanns Gemahlinn / und befleisst sich / ihr die Sache / auf eine andre Art / weil kein Verzug mehr übrig war / füglich beyzubringen. Er hatte aber zu reden kaum den Anfang gemacht; als die junge Edelfrau / ihm die Rede unterbrechend / sagte: Ich weiß schon / was ihr wollt. Hie habt ihr die Retten und Armbänder! bringt sie meinem Mann. Unser beyder Leben ist eines solchen Lösegelds noch wol werth. Deßwegen bleibt dennoch unsre Liebe ungetrennt. Der Pfarrer nimt solchen Zierraht / mit Verwundrung / an /und bringt denselben seinem Junckern. Dem hiemit ein schwerer Stein vom Hertzen fiel. Er legte es wieder an seinen [27] Ort / und versprach / seine Gemahlinn anderwerts zu begaben.

Es entschlossen sich hiernechst beyde Ehe-Leute /keine Lichter deß Nachts mehr zu brennen. Nichts destoweniger kam / in der folgenden Nacht / die Verstorbene nochmals wieder; weckte sie beyde auf / und sagte: Nun sollt ihr miteinander glückselig leben; wie diese beyde Lichter / (welche sie augezündet)brennen. Und von nun an / werdet ihr mich nicht mehr sehen. Wie sie dann auch nachmals ausgeblieben.

Ein fürnehmer Teutscher Author 1 eröffnet hierüber diese seine unvorgreiffliche Meynung: Daß GOtt /wegen so geringer Ursach / wie dieser Weiber-Schmuck gewesen / keine Todten erwecke / noch gute Engel erscheinen lasse; welches auch / in viel wigtigern Sachen / nemlich in Bekehrung der Brüder deß Reichen Manns / abgeschlagen worden: der Satan mache ihm / durch solche Begebenheiten / Vertrauen /ein ander Mal so viel leichter Glauben zu finden / und zu betriegen.

Andre dörfften dagegen einwenden / die Sache mit dem Reichen sey einer andren Art / und betreffe die Bekehrung der Gottlosen; welche GOtt / durch das ordentliche Mittel seines Worts / und nicht / durch die Auferstehung eines Todten / den Menschen anbieten wolle; bevorab solchen Sadducœischen Menschen /die eben so wenig den auferstandenen Verstorbenen glauben würden / als wie die Jüden dem Lazaro: Diß aber betreffe keine Bekehrung / sondern einen particular- oder [28] sonderbaren Handel / darinn der Edelmann einen Fehler begangen / und sein Versprechen gebrochen hatte: Welches doch kein schlechter Fehler gewesen; weil GOtt / bey Verlust der Seligkeit / befohlen / daß derjenige / welcher seinem Nechsten schweret (oder welches schier eben so viel / bey der Hand angelobet) und zwar solchen Personen / denen er / vor andren / treulich zu halten schuldig ist / solches auch halten solle (Ps. 15.). So sey auch dieses eben / für keine Todten-Erweckung noch zu achten / wann GOtt gleich eine Seele / in einer / ihr verliehenen / Gestalt /diesem oder Jenem erscheinen liesse: Und wann Er solches gleich dem verdammten Reichen abgeschlagen / habe Er doch dadurch noch keine Regul gesetzt /daran Er selber müsste gebunden seyn / und keine freye Macht behalten / diesem oder Jenem bißweilen dennoch / aus freyem Willen / einen Verstorbenen erscheinen zu lassen: Sonst müsste Er eben so wol Niemanden einen Engel erscheinen / noch durch ein Gesicht bißweilen Manchen eines bessern Lebens / im Alten / oder Neuen Testament / haben erinnern lassen; weil man / im Alten Testament / eben so wol Mosen und die Propheten / und im Neuen überdas die Evangelisten und Apostel gehabt. Dieser Antwort würde sich hierauf ein Römisch-Catholischer bedienen; wie füg- oder unfüglich aber / darüber will ich jetzt keine Erörterung thun.

Wiederum sollte wol noch ein Andrer sagen: Es folge nicht / daß / wann gleich die verstorbne erste Frau dem Edelmann nicht selbst erschienen; welches man auch zu bejahen nicht verlange; dennoch GOtt nicht / durch einen Engel / oder sonst auch ohne[29] Engel / durch ein Gesicht / solche Erscheinung / und Warnung habe werckstellig machen können: Und solche Vermutung werde / durch die vermeynte Gering-Wigtigkeit der Sachen / nicht unvermutlich: weil hiebey nicht so sehr der blosse Werth deß entwandten Schmucks / als das gebrochene Gelübde und Versprechen / in Betrachtung zu ziehen.

Meines Orts / lasse ich Jedwedem sein Beduncken frey / und im Zweifel / ob den Edelmann ein Engel /oder arglistiges Gespenst / oder ein / von GOtt unmittelbar ihm vorgestelltes / Gesicht also geweckt / geschreckt / und bedrauet habe. GOttes Gerichte seynd unerforschlich / und allstets der Gerechtigkeit hold.

Die Geschicht selbst anreichend / werffe ich dieselbe darum nicht unter die Mährlein: sintemal mir einige noch andre Begebenheiten bekandt / dabey etliche fast gleiche Umstände vorgeloffen; so ich aber / aus gewissen Ursachen / nicht erzehle.

Fußnoten

1 Der sel. Herr G. Ph. H. in seinem Mercurio Historico p. 277. seq.

7. Der bedrauete Heuchel-Mörder

VII.

Der bedrauete Heuchel-Mörder.

Die Ehe soll heilig gehalten werden / als ein Stand /den der allerheiligste Schöpffer Selbst eingeführt. Wer dieselbe bricht / der bricht ihm selbsten allen Segen und Wolfahrt ab. Eine befleckte Eh fruchtet lauter Weh; und zwar nicht nur zeitliches / sondern auch ewiges: [30] woferrn die unreine Brunst nicht / mit Buß-Threnen / und deß höchsten Richters Zorn /durch Christi Blut / vorher ausgelescht wird. Es gefährt diß abscheuliche Laster den Menschen um so viel härter / weil es gemeinlich mehr Sünden an sich kuppelt / sich mit Lügen / Füllerey / Dieberey / oder auch wol gar mit Meuchel-Mord / verknüpffet. Nachdem der heilige König David den Ehebruch begangen / verführte ihn der Satan auch zum Meuchel-Mord: und wäre zu wünschen / daß solche Sünden mit ihm aufgehört. Wer diese Geschicht lieset / wird ein treuloses Paar / in solchen seinen Fußtapffen / antreffen.

Ein reicher Edelmann / zu Truxillo / in Peru / Namens Petrus von Barbaran / hatte / mit seiner Mildigkeit / viel Freunde gemacht / und daher / bey Männiglichen / ein gutes Lob. Aber gleichwie Fett / und Oel /gar leicht Flammen sahen: also ward auch der Reichthum dieses Edelmanns endlich / von einer unziemlichen Brunst / entzündet: denn / wo Reichthum vorhanden / da suchen Uppigkeit und Geylheit gern einen Zutritt. Seine Begierden entzügelten sich / mit der Zeit / so gar / daß sie auch keine Schaam noch Scheu mehr behielten / das heilige / und biß an den Tod unauflösliche Band der Ehe zu zerreissen.

Vor vielen Andren / buhlete er eine Verheiratete /die ihre Zucht und Ehre eben so wenig bedachte / und sich höchst verdächtig machte / indem sie den von Barbaran viel öffter besuchte / weder einer ehrbaren Ehefrauen zustehet. Weßwegen ihr Eheherr nöthig befand / sie ernstlich zu erinnern / sie solte dergleichen verdächtige Gemeinschafft [31] fliehen / und bey keiner sich einfinden / es befehle ihr denn die äusserste Nothwendigkeit; weil die Sicherheit der Ehre und Keuschheit dabey nichts / denn ein pur lauteres Mirackel sey. Mit dieser gelinden und bescheidenen Vermahnung / hoffte der gute Mann sie / in seiner Liebe /und bey ihren Ehren / zu erhalten: aber es war zu spat: ihre Zucht lag schon in der Aschen.

Selten zwar bleibt diß Feuer ohne Rauch / dabey das tausend-äugige Gerücht den geylen Laster-Brand mercket: doch erfahren es gemeinlich diejenige / so damit geschimpffet werden / am langsamsten: und also kam auch dieser guter ehrlicher Mann allererst /eine gute Zeit hernach / dahinter / mit was für zierlichen Hirsch-Federn sein saubres ehrliebendes Gemahl ihn gekrönet / wie schändlich sie sich der Ehe-schänderischen Unzucht aufgeopffert hette.

Diß war ihm ein Mord in seinen Beinen / und ein blutender Stich im Hertzen / daß man ihn so schmählich betrogen: gestaltsam er auch solches / mit keiner mittelmässigen Rache / zu straffen trachtete. Aber die Arglist eines Weibes ist viel verschmitzter / Schaden zu thun / denn der Mannsbilder. Sie / die allbereit /von dem sechsten Gebot / abgewichen / beschloß /mit ihrem Ehebrecher / auch das fünffte zu übertreten / und ihrem Mann die Eyfersucht / durch Gifft / hinweg zu nehmen: welches ihm auch die leidige Schlange in seinen Trinck-Becher that.

Da er nun hievon erkranckte / und wenig Zeit mehr zu leben hatte; besuchte ihn Petrus de Barbaran / zum Schein der Freundschafft / und Unschuld: [32] kunnte doch damit dem Krancken das nicht wieder / aus dem Sinne / winden / wessen er / durch so viel unbetriegliche Zeugen und Zeichen / versichert war: zu dem bekräfftigten ihm so wol die plötzliche Kranckheit / als die seltsame Art und Empfindung derselben / nur gar zu glaublich / daß seine Gedancken nicht fehleten. Darum wandte er sich / zum Petro / und erschreckte ihn / mit diesen / von Threnen unterbrochenen / harten Worten. Den schmertzhafften Schimpff / die schändliche Schmach / und Buben-Stücke / so ich / weil euer verrähterisches Meuchel-Stück mir zuvor kommt / bey lebendigem Leibe nicht rächen kann / will ich / nach meinem Tode / rächen; will dir folgen / und dein Verfolget seyn / wo du gehest / und stehest / so lange du lebest. Mehrers zu reden / verhinderte der Tod / welcher seinen Geist /gleich nach diesen Rach-eyfrigen Worten / hinweg riß.

Wiewol nun diese bittere und seindselige Drau-Worte / als was Seltsames / überall durch die gantze Stadt / den Leuten in den Mäulern herum lieffen / und / unterm Volck / mancherley Mutmassungen erweckten: würckte doch die allgemeine Gunst gegen dem Petro (oder vielleicht gegen deß Peters seinem Seckel) so viel / daß die Meisten ihn entschüldigten / und deß Gestorbenen allzubittere Rachgier verdammeten. Die Richter liessens auch so / ohne einige Untersuchung /dabey beruhen.

Aber der folgende Tag zeigete / daß GOtt viel andere urtheile / weder die Menschen / und die Wünsche der Unschüldigen / bey Ihm / stärcker [33] seyn / weder die Gewalt der Schuldigen: wie der Beschreiber dieser Geschicht / Brulius / redet; vielleicht aus dem Grunde / als ob dessen letzter Wunsch GOtt hette gefallen; da doch ein so rachgieriger Wunsch Ihm nimmer gefallen kann. Petrus hat / in erschrecklicher Gestalt / deß Abgeleibten Geist erblickt: der eine brennende Fackel in der Hand führte / und mit noch viel schrecklicherer Stimme / nach seinem Tode / weder im Leben / ihn also anschnarrete: Diese Fackel / so ich hier in der Hand halte / und dein Leben / werden in gleicher Minuten / erleschen.

Seine Haare steiffeten sich auf / für Entsetzung /wie Borsten; seine Knie fingen an / zu straucheln; und fehlte wenig / daß der grausame Schrecken ihn nicht /auf der Stelle / gleich erstickt hette. Nachdem aber der Geist wieder gewichen: kam er wieder zu seinen Sinnen / und auf den Schluß / eine rechte ernstliche Busse zu thun. Er ging hin / zu den Augustinern /klagte ihnen / mit zittern und beben / was ihm wäre begegnet; gab den Wollüsten / und allen Eitelkeiten /einen Scheidebrieff; besuchte täglich die Kirchen /empfing offt das Nachtmal / und theilte die Almosen so reichlich aus / als wäre er die Mildigkeit selbst. Nichts destoweniger stellete sich die entsetzliche Gestalt ihm schier alle Stunden deß Tages / und auch bey vielen nächtlichen / vor Augen: biß er es endlich gewohnt wurde / und / als Einer / der / durch Beicht und Communion / sein Gewissen schon hatte entladen / so gar sehr nicht mehr dafür erschrack. Schlieff / aß /oder tranck er nur ein wenig über die Nothdurfft; oder ließ sich anderswo in weltliche [34] eitle Discursen ein; so war dieser unermüdete Mahner zugegen / und zeigete ihm bedraulich die Abnahme der Fackel / als eine Erinnerung / und Bild-Zeichen seiner gleich- also abnehmenden Lebens-Frist: daher er sich endlich weiter um nichts angenommen / ohn um rechtschaffene Busse / Kasteyung deß Leibes / Ausspendung der Almosen / Besuchung deß Gottesdienstes / und andächtiger Leute. Diß hat so gewährt / biß ins zehende Jahr; da endlich die Fackel / oder Kertze / ausgebrannt /und gleich darauf auch dem Peter das Lebens-Flämmlein ausgieng: dessen Ende desto glückseliger gewesen / weil er / gantzer zehen Jahre / mit einem bußfertigem Wandel / sich dazu gerüstet. Muß man derhalben billig den Ruhm Göttlicher Barmhertzigkeit erhöhen / die diesen einen so grossen Sünder / so wunderbarer Weise / zur Busse beruffen hat. 1

Diese Histori kommt ziemlich-weit her / und ist /aus West-Indien / nach Europa gesegelt: darum wird Einer dieselbe lieber glauben / als der andre; in Betrachtung / daß die schiffende Warheit gerne Schiffbruch leidet / und solche Erzehlungen / denen man /in der Nähe / nicht gründlich nachfragen kann / am hertzhafftesten vorgebracht werden. Gleichwol ist es nicht gar unglaublich / daß sich der Handel würcklich also zugetragen: sintemal man der Exempel wol mehr hat / daß der (vermeynte) Geist deß Entleibten / nemlich ein Gespenst / den Mörder also verfolgt habe.

Ein Lacedœmonischer Kriegs-Oberster / Namens /Pausanias / entführte einem ehrlichem Bürger [35] / zu Byzantz / seine Tochter; erwürgte sie aber nachmals /bey Nacht. Hierauf fing an / viel Nächte nacheinander / ein Gespenst in Gestalt eines Bildes ihn zu schrecken / und wiederholte ihm etliche Mal diesen Griechischen Vers:


Σεῖχε δίκης ἀωον μάλα τοι κακὸν ἀνδράσιν ὕβρις.

Welches / in unserem Teutschen / diese Bedeutung hat:
Du musst gestraffet seyn. Weil du das Recht gebrochen;
So wird die Ubelthat / mit Recht / an dir gerochen.

Er hat sich zwar hernach / in einen Tempel der Göttinn Pallas / geflüchtet; aber / weil man ihn daselbst vermaurt / von Hunger darinn sterben müssen /und seine Mutter den ersten Stein dazu gelegt.

Fußnoten

1 Brulius parte 1. Historiæ Peruanæ, lib. 8. C. 4.

8. Der weisse Diebs-Geist

VIII.

Der weisse Diebs-Geist.

Stehlen und rauben sind Künste der Finsterniß; daher man auch die Erfahrne in dieser Kunst gemeinlich /am hohen Balcken / mit der schwartzen Feder-Kron deß finstren Gevögels / nemlich der Raben / krönet. Diesem nach hat man wol billig sich darob zu verwundern / daß der Geist / von dem wir jetzt reden wollen / in weisser Gestalt sich gewiesen; da er doch /mit einem [36] Werck der Nacht / nemlich mit einem Diebstal / in seinem Leben / seine Seele / wie er vorgegeben / geschwärtzt / und dazu mit einem Kirchen-Diebstal: weßwegen er / seinem Vorgeben nach / weil er / ohne Wiederersetzung desselben / mit solcher Mißhandlung / abgestorben / biß zu seiner Erlösung /in grosser Pein herumwandren müssen. Hievon habe ich / aus einem glaubhafftem schrifftlichem Bericht /folgende Umstände ersehn.

Anna Dirlerinn von N.N. ein Mensch von drey und zwantzig Jahren / so im Jahr 1656 / am 10 Augusti /zur Welt geborn / da eben / zu N.N. das grosse Wetter gewesen / hat / im Jahr 1679 / am vierdten Christmonats-Tage / ihrem Beichtvater bekennet / daß sie /vor vier Jahren / eine böse Brust bekommen / und deßwegen / von gedachtem N.N. aus / nach N.N. zu dem Bader daselbst / gehen müssen. Um Pfingsten 1675sten Jahrs aber / da sie abermal / zu selbigem Bader / gegangen / sey ihr ein weisser Geist begegnet / welchen sie / für den Tod / gehalten / und deßwegen / zu dem Bader / gesagt / sie wüste wol / daß sie / an diesem Schaden / müsste sterben; denn der Tod wäre schon zweymal / mit ihr / auf Königstein / gegangen.

Nachdem sie aber wieder heil worden / verdingte sie sich / zu ihrem Bruder: daselbst dieser Geist / in einem Jahr / vier Mal zu ihr gekommen: worüber das Mensch / vor Schrecken / kranck worden / doch gleichwol wiederum genesen / und sich nachmals / auf Königstein / zu einem Bierbrauer / mit Namen Lescher / verdungen. Allda hatte sie / vor diesem Geist /gar keine Ruhe mehr; klagte [37] es derhalben ihrem Beichtvater / in Beyseyn ihres Bruders / nemlich Herrn Juglern zu Eschenfelden. Welcher anfänglich den Sachen keinen Glauben zustellen wollte / auch das Mensch wieder / in ihren Dienst / verwies. Sie kunnte aber nicht bleiben; sondern ward / je länger je öffter / durch die Erscheinung deß Geistes / geschreckt: und merckten solches auch / an ihr / die Hausleute / an dem / daß sie offt in Ohnmacht fiel /auch / wegen Mattigkeit der Glieder / nicht allezeit arbeiten kunnte.

Hierauf klagte sie obgedachtem Herrn Juglern solches wiederum: und dieser zeigte es Ihrer Hoch- Fürstl. Durchl. an. Der Fürst ließ das Mensch selbst vor sich kommen / examinirte selbiges starck / stellte auch solche Befragung unterschiedlich mit ihr an / zu Sultzbach / und behielt sie vierzehen Tage im Schloß: woselbst sie auch keine Ruhe hatte.

Weil aber das Mensch / als sie wieder heim nach Hause kam / rücklings von dem Geist angefasst / und nidergeworffen ward / mit solchem Ungestüm / daß der Rücken davon gantz blau wurde: befahl der Fürst / selbigen / so bald er wieder erschiene / anzureden. Welches auch geschehen / mit gewissen / ihr anbefohlenen / Fragen: die er / auf folgende Weise hat beantwortet.

Sie fragte / 1. Wer bist du? Er / der Geist / antwortete: Ich bin Lorentz Birner.

2. Sie: Von wannen bist du? Er: Zwo Stunden von dem Bayerlande / bin ich gebürtig.

[38] 3. Sie: Was hast du denn hie / bey mir / zu thun? Er: Du sollt mich erlösen.

4. Sie: Was hast du denn gethan? Er: Ich habe /zu Nemsrieth / vor sechszig Jahren / einen Kelch gestolen / samt einem Buch / und Altar-Tuch.

5. Sie: Was Religion bist du? Er: Ich bin funffzig Jahre Lutherisch gewesen / aber hernach Catholisch worden / und auch so gestorben.

6. Sie: Was soll ich dir denn thun? Er: Du sollt das Geld / so ich bekommen / erbetteln / und wie der in die Pfarre geben: Nemlich / für den Kelch /habe ich neunzehen Gülden / für das Buch sechs und einen halben Gülden; für das Tuch / fünff und zwantzig Batzen bekommen. Dieses sollt du /von schlechten Leuten / erbetteln.

7. Sie: Was leidest du denn für Quaal? in einer Hitze / oder in einer Kälte? Er: Ich leide höllische Hitze.

8. Sie: Ich kann dich nicht erlösen: du magst dich erlösen. Er: Ich wollte mich wol erlösen /wann ich GOttes Macht hette.

Daß solcher Diebstal / am benamsten Ort / um benannte Zeit / geschehen wäre / fanden sich anjetzo (nemlich im Jahr 1680) annoch alte Leute / so es bezeugten.

Dieser Geist aber / nach Aussage deß Menschens /wie ein langer alter Mann / trug einen langen Kittel /und / an den Füssen / Strümpffe; hatte keinen Bart; die Augen zu / und eingefallene Backen.

[39] Als das Mensch nun das betteln lange nicht ergreiffen wollen; hat er sie / unterschiedliche Mal / gedrosselt / (das ist / gewürgt) da sie ihm denn in die Hände gefallen / und gefühlt / daß er harte kalte Hände gehabt. Und als sie es dennoch nicht thun wollen; hat er ihr gesagt / er thue ihr nicht gern etwas; aber wann sie ihm nicht folgen wolle / müsse er sie noch umbringen.

Hierauf hat sich das Mensch / zum betteln / bequemt. Wann sie aber / eine Zeitlang / wieder ausgesetzt; ist er ihr alsobald wieder erschienen; hat zwar nichts geredet; sondern nur die Hände ineinander gewunden / und geseuffzet.

Nachdem sie nun so viel Geldes / als die angezeigte Summa austrug / zusammen gebracht; ist er ihr weiter hernach nicht erschienen / und hat sie / nach der Zeit / Ruhe vor ihm gehabt. Von dem erbetteltem Geld / hat man / an benanntem Ort / eine Kantzel gebaut.

Wann dieser Geist kein Lügner / und teufflischer Betrieger gewest / indem er sich / für den Lorentz Birner / ausgegeben: so müsste er entweder ein Catholischer oder Evangelischer Geist gewesen seyn: (wiewol weder die Catholische / noch Evangelische Religion lehret / daß man stehlen soll.) Daß er nicht Lutherisch / sondern Catholisch gestorben / und die Evangelische Religion / vor seinem Ende / verlassen habe / hat er selber ausgesagt / und auch würcklich zu verstehen gegeben / indem er geglaubt / ihm könnte noch / nach seinem Tode / ein Gebet zur Erlösung gedeyen: denn solches kann er / aus keiner Evangelischen Lehr / erlernt haben. Ist er dann / laut seines eigenen Berichts / Römisch- [40] Catholischer Religion (verstehe im Stande seiner Leib-abgesonderten Seelen) gewest: so verwundert man sich billig / und fragt / warum er nicht die Erlösung / aus der höllischen Hitze / vielmehr bey seiner Religion-Verwandten Einem / nemlich bey einem Catholischen / gesucht /weder bey einem Evangelisch-gläubigem Mägdlein? Hat er Recht daran gehandelt / daß er von einer Religion ab- zur andren getreten; warum sucht er dann nun eine Fürbitte / bey einem Mägdlein solcher Religion / darinn er sich nicht / selig zu werden / getrauet hat? Wie soll diejenige / von welcher er / seiner Religion nach / nicht wol hat gläuben dörffen / daß sie / in der Evangelischen Religion / selig werden könnte /einen Geist durch ihr gutes Werck der Almosen-Sammlung / von der Unseligkeit und Quaal erlösen /und ihm den versperrten Eingang zum Himmel damit aufschliessen?


So kann demnach dieser Geist nicht recht aufrichtig Catholisch gewesen seyn. Denn welcher Catholischer Geistlicher würde ihm rathen / ein Evangelisches Mensch / um seine Befrey- und Beruhigung / anzusprechen / und nicht vielmehr Römisch-Catholischen Leuten zu erscheinen / welche / auf sein Begehren /viel Seel-Messen hetten / für ihn / lesen lassen können? Uber das werden die Lehr-Sätze Römisch-Catholischer Religion schwerlich zugeben / daß derjenige / welcher eine Kirche bestihlt / und solches nicht beichtet / noch bereuet / sondern solchen Diebstal auf seiner Seelen behält / nach seinem Tode / erlöst / und selig werden könne. Gleichwie auch die Römisch-Catholische Geistliche [41] dem Fegfeuer zwar eine schwere Pein / doch nicht hellische Hitze zuschreiben.

Scheinet derhalben / dieser Geist sey weder Catholisch / noch Evangelisch / gewest; ob er sich gleich für Catholisch hat ausgegeben. Und ist wol zu verwundern / daß das Mensch / nachdem sie ja ein Mal sich mit ihm ins Gespräch eingelassen / und ihn so scharff geexaminirt / nicht auch / mit ebener Mühe /diese Frage hinzugethan / ob er nicht etwan ein Syncretist wäre / dem es gleich gölte / bey welcher Religion er gelebt?

Ich lasse Jedwedem hierüber seine Gedancken: meiner Einfalt aber kommt der Handel nicht anders vor / als / daß dieser weisse Geist innerlich / in seiner geheimen Intention / und verdecktem Zweck / sey pech-schwartz gewest / und ein geschworner Bruder dessen / der sich in einen Engel deß Lichts zu verkleiden pflegt / damit er sein Werck der Finsterniß / unter solcher Lichts-Larve / möge anbringen. Denn daß der Satan bißweilen / wann er kein böser / sondern guter Geist / heissen und geachtet seyn will / diejenige Leute / so er zu hinterschleichen und zu äffen trachtet / zu Wercken der Gerechtigkeit und Gottseligkeit antreibe / die Person eines Tugend-Lehrers bißweilen annehme; ist / aus der Schrifft deß heiligen Athanasii / von dem Leben deß heiligen Antonii / so wol / als gar vielen unleugbaren Exempeln / bekandt.

Unterdessen begehre ich doch nicht zu widersprechen / daß / wann ein solcher umgehender Geist / im Namen / und in der Gestalt eines / vor langer Zeit allbereit Begrabenen / eine Mißhandlung bekennete / die / durch gewisse Zeugen / gleichwie [42] diese / glaubhafft gemacht werden könnte / alsdann der böse Geist / ob er gleich für sich selbst kein Liebhaber deß Rechtens ist / auf sonderbares Verhengniß GOttes / solchen Handel also entdecken; jedoch auch wol eben so bald den Verstorbenen / für welchen er sich ausgiebt / in der Erde verleumden und beliegen könne; damit er sein / darunter verborgenes / Absehn erreichen möge.

9. Der schwere Hund

IX.

Der schwere Hund.

Ein Geist hat kein Gewigt; weil er keinen Leib: weßwegen der Teufel / welcher gleichfalls ein / wiewol unsauberer / Geist ist / an sich selbsten auch viel weniger / als Wind / Lufft / und Rauch / welche doch noch / durch gewisse subtile Erfindungen / heutiges Tages / abgewogen werden können / und der erste zwar die Schiff-Segel / ja das gantze Schiff selbsten /drucken / und in Grund stossen kann / eine Schwerigkeit an sich hat. Nichts destoweniger kann er entweder sich / in körperlichen Dingen / durch kräfftige Aufhalt- oder Niderdringung derselben / schwer machen / oder auch wol in einer blossen vorstellenden Gestalt / den Leuten eine schwere Last auflegen / oder empsinden lassen; vermutlich durch Bedruckung ihrer Arme: Welches ihm / einem so starcken Geist / dem die stärckste Riesen nur Strohalmen sind / die er / wie die leichtste Federn / wegblasen sollte / gar ein Leichtes ist. Und wie der Krampf-Fisch die Arme [43] deß Menschen / durch blosse Berührung / träg / starrend / und schier lahm macht / ohn daß er denselben ein Gewigt sollte anhencken: also kann noch vielmehr der böse Geist den Menschen die Arme betasten / ohne Last /und eine unerhebliche Bürde zu fühlen geben / da keine leibliche Bürde ist.

Hievon hat man / woferrn den wochendlichen Relationen hierinn nachzugehen / im Jahr 1687 / zu Lübeck / in Nider-Teutschland / ein Beyspiel erfahren. Denn / wie man von dannen geschrieben / auch die von dort Abgereisete / welche sich / in selbiger Reichs-Stadt / eine Zeitlang aufgehalten / erzehlet haben / so hat sich / mitten im October jetztbenannten Jahrs / in eines Schiffers Hause daselbst / ein Gespenst vernehmen lassen / welches die Fenster eingeschlagen / den Leuten das Bette vom Leibe gerissen /auch sonst allerley seltsame Händel und Possen getrieben; doch ohne Jemandes Beschädig- oder Verletzung. Unterschiedliche Fremde / und einheimische Leute / seynd dahin gekommen: deren Keiner Etwas sehen können; ohn allein ein Mägdlein; welches immerzu gesprochen: Sehet! Sehet! da geht er hin /mit grossen feurigen Augen! und sihet mich an!

Hierauf hat sich eine Manns-Person / nebst vier andren frischen Männern / dahin begeben / welche /mit blossen Degen in Händen / unten und oben / ja in allen Winckeln / im Hause herum geloffen; der Meynung / das Gespenst also zu vertreiben / oder vielmehr / den Hexen-Kerl / welcher vielleicht / in der Unsichtbarkeit / solche Büberey vollbrächte / zu treffen: allein man hat damals / die gantze Nacht durch /nichts gehört.

[44] Aber / am 22 Octobr. hat man nahe am gelegnen Hause (wie es der Novellant / wiewol undeutlich /giebt) auf dem Boden / einen grossen schwartzen Hund gefunden: Welcher / als man ihn wegjagen wollen / sich gewidersetzt / und die Zähne gezeigt / wodurch die / so ihn zu schrecken vermeynt / selbst erschreckt / und zurückgehalten worden. Wie solches lautbar worden / hat es viel Leute hinbey gezogen /also / daß eine zimliche Menge Volcks / auf den Bodem / sich angehäufft.

Ob nun gleich der Hund also diejenige / die auf ihn loß gehen wollten / mit geblösstem Gebiß / eine Weile von der Haut hielt: wagtens endlich doch drey behertzte Kerl / und Teufels-Trutzer / und griffen den Hund an: der sich zwar nicht wehrte / noch um sich schnappte; doch gleichwol auch ihnen nicht auszuweichen / begehrte / sondern auf seiner Stelle blieb /gleich als hette man ihn darauf fest genagelt. Sie fassten ihn zuletzt an / in Meynung / weil er sich nicht wollte wegjagen lassen / ihn zum Fenster hinaus zu werffen: aber er wollte davon nichts wissen / noch sich dazu verstehn: denn sie vermogten ihn nicht aufzuheben. Weßwegen noch fünff andre Unerschrockene hinzugetreten / denen vorigen dreyen zu helffen: allein / ob gleich Ihret nunmehr neun ihre Kräffte zusammen vereinigt / haben sie doch den / gar zu schweren / Hund / nicht aus der Stelle bringen können.

Endlich spricht Einer / unter ihnen: Du bist ja wol ein gedultiger Teufel! packe dich / du verfluchter Hund. Da entwischt ihnen der Hund / und springt zum Fenster hinaus / und zwar [45] ein paar Elen hoher /in die Lufft / als das Fenster war; fällt aber letzlich wieder hinab zur Erden / und verschwindt.

Diese Leute seynd hierauff / aus dem Hause / gezogen / und hat man hernach weiter von keinem Gespenst / was gehört.

Diese Verunruhigung deß Hauses hat / ohn Zweifel / ihr Herkommen / von Hexen-Leuten: welche vermutlich einen Polter-Geist hinein geschickt / auch wol selbst / unsichtbarer Weise / zum Fenster-auswerffen /die Hand mit angelegt.

10. Der vermeynte Gott im Kasten

X.

Der vermeynte Gott im Kasten.

Das Gold begreifft eine edle Artzneykrafft zur Bewahrung menschlicher Gesundheit / und Stärckung deß Hertzens: wenns aber mißgebraucht wird / kann es Leib und Seele tödten. Je köstlicher / je verderblicher wird Einem die Sache / so man übel anlegt: und das Böse wird nie ärger / als so man das Gute dazu anwendet. Der Segen selbst gedeyet denen / zum Fluch /die ihn entheiligen: und der Geruch deß Lebens verwandelt sich den Gottlosen / zum Geruch deß Todes. Wer die Krone deß Königs auff den Raben-Stein hinstellete / der würde sich damit / zum Könige und Fürsten aller Majestät- und Cron-Verächter / gleichsam krönen / und mit der Hoheit solches [46] Verbrechens seine Straffe erhöhen. Gleich also begehen dieselbe eine verdammliche Sünde / welche / bey der H. Communion / die gesegnete Hostien / heimlich wieder aus dem Maul reissen / und hernach / zum Gebrauch allerley abergläubischer Händel / verunehren.

Hievon hat man mehr / als eine Erfahrung: Wir wollen aber jetzo / aus der Lippischen Chronic / eine sehr denckwürdige entleihen. Wie man zehlte 1460 /hat / zum Blumberg / ein Weib / mit Namen Alheid /etliche consecrirte Hostien / welche / in den Ostern /übergeblieben waren / aus der S. Martins-Kirchen gestohlen / in ihr Hauß getragen / und daselbst eine Zeitlang im Kasten verwahret: biß ihr darüber ein grosses Schrecken und Zagen angekommen / daß sie vor Angst nicht gewusst / wo sie mit den Hostien hinn sollte: weßwegen sie dieselbe in einen Brunn oder Pfützen geworffen. Da nun solches an den Tag gekommen / und das Weib bekennen müssen; ist sie zum Tode verdammt worden. Also wird diese Begebenheit / vom Johanne Pideritio, im andern Theil von der Graffschafft Lipp / kürtzlich angezogen. Welche er aber hiernechst Selber / mit folgenden Umständen /also erweitert:

Es wohnten / in der Stadt Blumberg / an einem Ort / welchen man den seligen Winckel nennt / zwo Nachbarinnen / gleicher Nahrung und Gewerbs; aber ungleiches Glücks: denn die Eine war reich / die Andre arm. Wie diese beyde / eines Tags / zusammen kommen / und miteinander in ein Gespräch gerahten; (massen es dann dergleichen Weibern / mit ungerührter Zungen / einander [47] nur vorbey zu gehen / schier eben so schwer fällt / als den Baum-Blättern daß sie nicht rauschen sollten / wenn sie der Wind gegeneinander schlägt) spricht das arme Weib / so Alheyd hieß / zu der reichen: Mich wundert sehr / daß euch Glück und Wolfahrt also täglich wachsen / und ihr reich werdet; mir aber das Glück abgehet / und ich von Tage zu Tage ärmer werde; so wir doch gleichwol beyde einerley Handthier- und Nahrung treiben / dazu mit gleichem Gut angefangen. Ich bin dessen gewiß /daß mein Eheman / und ich / in der Arbeit und Nahrungs-Mühe / je so fleissig seyn / als ihr / und euer Hauswirth. Doch hilfft uns unsere Arbeit nichts. Von eurer Arbeit / werdet ihr das Glück nicht haben: es wird anderswo herkommen.

Die Nachbarinn antwortete ihr freund- und nachbarlich darauff: Ja liebe Freundinn / die Arbeit thut es freylich allein nicht: sondern wer einen Gott im Kasten hat; der wird wol reich; dem fällt das Glück zu / und kann ihm an nichts mangeln. Diese verstund durch den Gott im Kasten / den Göttlichen Segen / welcher / durch ein gläubiges Vertrauen auff GOtt / durch fleissiges Gebet / Heiligung deß Sabbaths / und ordentliches Haushalten / als welches die Kammern voll machet / in den Kasten gezogen wird: Welches aber die Andre mißverständlich auffgenommen; wie wir ferner hören werden.

Das arme Weib wird darüber bestürtzt: und weil ihr die Antwort der Nachbarinn ein tieffes Nachsinnen erweckt; hebt sie das Gespräch [48] bald auff / geht heim; und durchsucht ihren Kasten. Wie sie aber den GOtt nicht darinn erblickt; macht sie ihr die Gedancken /ihr Reichthum werde eher nicht kommen / bevor sie deß Kasten-Gotts habhafft worden; tichtet derhalben /speculirt und spintisirt darauff / gleich dem Krebs im Sack / oder in der Butten / wie sie möge / in ihren Kasten / einen Gott bekommen.

Nun führet die Römische Kirche diesen bekandten Gebrauch / daß der Priester die Hostien / bey Administrirung deß Sacraments / elevirt (oder empor hebt) übers Haupt: worauff der Umstand niderfällt / und dieselbe anbetet: weil die / so dem Römischen Glauben anhängig sind / gläuben / wann die Hostie consecrirt und gesegnet wird / so bleibe es nicht Brod / sondern werde transsubstantiirt / das ist / wesendlich verwandelt / in den wahren Leib JEsu Christi: gestaltsam sie es alsdann nicht mehr für Brod / sondern für Christum Selbsten halten / und mit grosser Göttlicher Ehrerbietung in einer Monstrantzen / zeigen / auch dafür niderfallen / als vor Christo / GOttes und Marien Sohn; es werde gleich am Altar gezeigt / oder auff dem Felde / und durch einen Wald / herumgetragen.

Damit nun das Weib einen Gott in den Kasten bekommen möge; gehet sie / am Oster-Fest / gar fleissig in die Pfarr-Kirchen S. Martini gemeldter Stadt Blumberg; bevoraus und am allermeisten / wann der Kirchen-Diener (oder Priester) mit Administrirung der Hostien umgehet / wann er dieselbige consecrirt /wann er sie / unter der Meß / entweder selber gebraucht / oder Andren [49] austheilt / oder auch / zur Anschauung deß Volcks / in eine güldne oder silberne Monstrantz verfertigt. Auff daß sie aber könne desto genauere Achtung darauff geben; bereitet sie sich gleichfalls / äusserlicher Anstalt nach / zur Meß / und zum Gebrauch deß Nachtmals. Und / aufs Befindung /daß der Meß-Priester etliche Hostien erobert / giebt sie scharffe Achtung darauff / wo er dieselben hinlege / in Verwahrung / biß zum nechsten Gebrauch; und sihet Alles wol ab.

Indessen erweitern sich / in ihrem Hertzen / die Gedancken und Begierden / einen Gott im Kasten zu haben: und der Satan / welcher ihr Hertz schon eingenommen / reitzet und schirret tapffer zu / speyet ihr auch Mittel und Gelegenheit ein / daß es ins Werck gerichtet werde. Weil sie also nicht ruhen kann /schleicht sie gegen Abend / ehe denn der Mesner die Kirche verschließt / unvermerckt hinein / und verbirgt sich.

Als aber Jedermann der nächtlichen Ruhe geniesst /und am festesten schläfft / macht sie sich / aus dem Winckel / darinn sie sich hatte verschloffen / hervor /sperret mit gewissen Instrumenten / so ihr der Satan /als geheimer Rathgeber zu dergleichen Stücklein / an die Hand und in den Sinn gegeben / die Sacristey /und das Sacrament-Häuslein / auff / nimt die übergebliebene Hostien heraus / geht damit heim / und legt sie in ihren Kasten zur Verwahrung / voller Freuden und frohen Muts / daß nun die Reichthums-Götter in ihrem Kasten begriffen. Sie macht nun schon eine weitläufftige Rechnung / wie viel Guts und Gelds ihr so häuffig zuregnen werde / wo sie mit allem dem Gut [50] künfftig hin wolle / was für eine reichselige Frau sie /bey diesem vermeyntem Kasten-Gott / unn Geld-Magneten / der kein Eisen / sondern gutes Silber und Gold / nach sich ziehen werde / mit der Zeit seyn wolle; als die nunmehr einen gewissen Schatz / in ihrer Truhen / habe. Aber das falsche Nachtlicht und Irrwisch ihrer Hoffnung ist gar bald erloschen / nachdem die Sonne der Offenbarung auffgegangen.

Wie der Priester die übergebliebene Hostie gebrauchen will / und nicht mehr findet; wird er sehr bestürtzt / und setzt den Küster (oder Mesner) darum zu Rede: der ihm aber gar keine Nachricht zu geben weiß. Worüber der Priester so viel Klagens macht /daß endlich der Handel vor die hohe und nidrige Obrigkeit gebracht wird.

Zu der Zeit regierte Graf Bernhard / ein / in seinem Gottesdienste / eyfriger und tugendhaffter Herr. Dieser ließ ihm die That sehr übel gefallen; gab derhalben Befehl / man sollte scharff und genau / nach dem Thäter solches Kirchenraubs / dafür er es aufsnahm /forschen.

Nun hatte die Nachbarschafft deß Seligen Winckels / darinn die Thäterinn wohnte / auff diß Weib kein gutes Auge: angesehn / sie mercklich gespührt / daß es mit demselben nicht recht zuginge. Denn es richtete das Gespenst / bey Tage und Nacht / in und ausser dem Hause / ein gräuliches Geplerr / Gepolter und Geklopff an; bevorab / an dem Ort / wo die Truhe stund / darinn die Hostie lag: woselbst sich auch Liechter und brennende Fackeln sehn liessen. So empfand auch das Weib selbst / in ihrem Hertzen und Gewissen / [51] solchen Schrecken und Zagen / daß sie ihr selbst weder zu rathen / noch zu helffen wuste. Als sie derwegen vernommen / es wäre Befehl ergangen / daß man von Haus zu Hause nachsuchen sollte; und sie also / in der Angst / nicht wusste / wo sie / mit der gestohlenen Hostien / sollte bleiben; warff sie dieselbe in ihren Brunnen: welche aber durchaus nicht zu Grunde sincken wollte / sondern stets oben auff dem Wasser floß, wie sehr sie auch das Wasser rührte und erregte.

Also wird das Weib auff der That ergriffen / und gefänglich an- und in schweren Verhafft genommen. Man säumte auch nicht lange; sondern eilte mit ihr /an die scharffe Frage. Welche von ihr / durch immer härteren Angriff / die Bekenntniß endlich erpresste. Doch war sie so boshafft und verteufelt / daß sie an der That nicht allein Schuld haben / sondern / auf Eingeben deß Satans / ein junges unschuldiges Mägdlein mit einflechten wollte. Massen sie es dann / durch ihr vielfältiges Plaudern und Lügen / so weit gebracht /daß man selbiges auch eingelegt. Aber GOtt / der ein Schild der Unschuld ist / halff dem Mägdlein / daß es / nach gnugsamer Verantwortung / der gefänglichen Hafft wieder erlassen wurde.

Graf Bernhard / der zu einer solchen Zeit lebte / da Wissenschafft / Verstand / und Erfahrenheit / ziemlich dünn annoch gesäet waren / hielt diese Sache für so bös (wie sie dann auch eben nicht die beste war) und so wigtig / daß er allein nicht darüber ein Urtheil würde fellen können: ließ derwegen die Fürnehmsten deß Landes / ja das gantze Land / nach Blumberg /allwo er damals sein [52] Hoflager hielt / verschreiben /und zoch dieselbe zu Rath / wie der Handel anzugreiffen / und dieser Kirchen-Raub / an dem Weibe / gebührender Massen abzustraffen wäre. Nachdem derhalben die That erwogen / fiel das Urtheil nach solcher Schwerigkeit / als wie man das Verbrechen achtete; nemlich daß das Weib lebendig mit Feuer / Andren zum Exempel / sollte veräschert werden.

Die Vollziehung solches Spruchs wäre auch /gleich deß Tages / noch vor sich gegangen / daferrn nicht eine Verhinderung dazwischen gefallen: also /daß sie / nach ergangenem Urtheil wiederum in die Gefängniß geführt / und die Nacht noch in Verwahrung gehalten werden sollte.

Aber es erregte der Teufel / aus Verhengniß GOttes / ein so starckes Ungewitter / von Donner / Blitz /Regen / Sturm / und Erdbeben / daß alle / die zu Blumberg gegenwärtig / ja der Graf selber / der sonst ein mutiger und kühner Herr war / sehr erschracken /und gar kleinmütig wurden. Deß Pastorn Haus gieng zur Stunde an / und brannte zu Grunde: weil / bey solchem verworrenem und bestürtztem Zustande / Niemand retten und leschen kunnte. Man sagt / es sey vom Himmel / mit Donner und Blitz / angezündet /und so eilends vom Feuer gefressen worden / daß Keiner dazu kommen können / um einige Rettung zuthun.

Der Wind tobte gleichfalls hefftig / so wol im Walde / als im Felde / richtete eine grosse Verwüstung an / und riß unglaublich-viel Bäume danieder. An der Stadt / vor dem Heu-Thor / stund eine grosse Linde / an welcher Stäte auch das Weib [53] endlich ist verbrannt worden: selbige Linde fasste der Wind /hub sie / mit Wurtzel und Stamm / aus der Erden /kehrte sie dergestallt um / daß die Wurtzel oben / der Gipffel aber / samt den Zweigen / unten zu stehn kam / und in die Erde gesteckt ward. Andrer Abentheuren /so dabey geschehen / zu geschweigen.

Diß Ungewitter / Donner / Blitz / Platzregen / und Sturmwinde / erschreckten Männiglichen so hart / daß Niemand / die gantze Nacht durch / vor Furcht und Angst / ein Auge schliessen kunnte. Jedermann wünschte / mit höchstem Verlangen / daß es Tag werden mögte. Weßwegen Graf Bernhard GOtt gelobte: wann Er dieses entsetzliche Ungewitter würde lassen auffhören / so wollte er deß lieben Tags nicht völlig erwarten; daß das Weib ausgeführt / und verbrannt würde. Welches auch / folgenden Morgens / in aller Frühe / geschehen. Worauf sich allererst das Ungewitter gelegt / und gäntzlich gestillet.

Den Brunnen aber / darein die Hostia geworffen worden / hat man verwahrt. Bey welchem der Teufel hernach viel Gespenster hat sehen lassen. Man erblickte Liechter / und brennende Fackeln. Wann auff die geschriebene Urkunden deß Klosters Blumberg /zu sussen / so hat man auch nachmals / an dem Wasser solches Schöpff-Brunnens / grosse Krafft / verspührt / wovon die Krancken und Bresthaffte / so es gebraucht / genesen / die Blinden sehend / die Lahmen gehend worden: Und ist schier kein Mangel /oder Gebrechen / zu nennen gewest / so diß Wasser nicht hette heilen können. Das ward nun für eine grosse Gnade und [54] Wolthat GOttes / geachtet / und der Gerüchts-Schall davon dergestalt ausgebreitet / daß /aus fernen Landen / gebrechliche Leute angelangt /um aus diesem Brunnen / die Gesundheit zu schöpffen.

Im nachgehendem Jahr / ließ Graf Bernhard / zur Dancksagung für solche Göttliche Wolthat / einen Altar auff den Brunnen bauen: an welchem man Messe gelesen / und gebeten / daß GOtt / aus Gnaden / dem Wasser die grosse Krafft lassen wollte. Darauff ist nicht allein ein häuffiger Zulauff gebrechlicher Leute / aus allerley Nationen / erfolgt / welche so wol für sich deß Wassers gebraucht / als für Andre etwas davon mit sich heim genommen: sondern man hat auch mit Verwundrung gesehn / wie viel milder Gaben die ungesunden Leute / auff den Altar geopffert. Welches den München / als die solches / auff ein neues Kloster-Gebäu / bestimmten / nicht übel gefiel. Denn deß Zulauffens und Opfferns war kein Ende: das Zutragen übertraff alle Vermutung / also /daß man sich nicht gnug drüber verwundern kunnte. Aber alle Gaben und Gifften wurden zusammen- und zurück gelegt / biß ins folgende 1462ste Jahr: da eine schöne Kapell draus erwuchs / und aus solchem Kapell-Gebäu / ein noch viel grösserer Zulauff und Betfahrt.

Dieses lieff dem Prior und Convent deß Klosters zu Möllenbeck zu Ohren. Welcher / samt Andren / hieraus die feste Einbildung fasste / GOtt wollte hiemit zuverstehn geben / daß daselbst eine Kirche / oder ein Kloster / erbaut werden sollte; darauff hielt man /beym Grafen [55] Bernhard zur Lipp / alsofort an / um Erlaubniß / daß sie ein Kloster ihres Ordens / an selbiger Stäte / stifften / und bauen mögten / und Er / der Graf / zur Ehre deß Heil. Leichnams Christi / so wol durch Befehl / als würckliche Hülffe / dazu Beforderung thun wollte: Welches GOtt / mit leib- und geistlichen Wolthaten / gegen Ihm / und seinem Stamm-Hause / Segen-reichlich ersetzen würde; Sie auch selbst / mit Wachen / Beten / Fasten / Messen / Vigilien / und allen klösterlichen Diensten / um die Wolfahrt seines Hauses danckbarlich zuverschulden / niemals hinlässig seyn / sondern so viel Segens erbitten wollten / daß Ihm keine Reu / aus seiner Willfährigkeit / entstehn sollte.

Weil nun dem Grafen / als einem Herrn / der Ihms für eine Ehr achtete / die Ehre der Andacht und Gottseligkeit zu vermehren / ohnedem ihr Fürsatz gar wol gefiel: gab er desto lieber sein Vollwort dazu / nebst gnädiger Verheissung / solches ihr christliches Werck mit so günstiger Bezeigung zu fordern / daß die künfftige Herren Conventualen ein Begnügen dran tragen sollten.

Zu selbigen Zeiten / ging der Gebrauch im Schwange / daß / wenn ein Kloster / oder Kirche erbaut werden sollte / man Leute abfertigte / an andre Oerter /um Geld / und andre Nothdurfft / dazu einzusammlen: wie noch heutiges Tages / bey allen christlichen Religionen / geschicht. Diesen Brauch machten sich damals die Herren von Möllenbeck gleichfalls zu Nutze; damit sie ihr vorgenommenes Kloster-Gebäu so viel mehr / ohne grosse Schulden / mögten verfertigen: schickten demnach zween und zween aus / fast durch die gantze [56] Christenheit; nemlich zween in Ober- und zween in Nieder-Teutschland / zween in Dennemarck / Schweden / und Lieffland / zween in Polen / zween in Engeland / Spanien / Italien / und andre Oerter. Selbige Abgeordnete / denen man versiegelte Bitt-Briefe mitgegeben / kamen jährlich zweymal wieder an den Ort / von dannen sie abgefertigt waren; lieferten eine unglaubliche Summa Geldes / und andren Guts von allerley Sorten. Daraus dann leicht abzunehmen / daß diese Conventualen deß Heil. Grabs nicht umsonst zu hüten / sondern / über die Nothdurfft deß Gebäues / auch noch einen ziemlichen Vorraht beyzulegen / gewünschet. Dieses Betteln trieben sie fast sieben Jahre lang / nemlich biß ins 1469ste Jahr. Da sie deß Baues einen Anfang machten / nachdem sie sich dazu gnugsam gerüstet und versorgt hatten. Und / in folgenden Jahren / führten sie es völlig aus. Wozu Graf Bernhard / und dessen Bruder / der Bischoff zu Paderborn / mit beyden Ländern / dennoch auch / ohn die so häuffige Steuer-Sammlung / einen ehrlichen Beytrag gethan. 1

Simon zur Lipp / weiland Bischoff zu Paderborn /hat / in einem geschriebenem Edict / Anno 1481 / bey Beschreibung dieses Kirchenraubs / gemeldet / das Weib / so die Hostien heimlich aus der Kirchen geraubt / sey eine Zauberinn gewest / habe die Hostien /zu ihrer Zauberey / brauchen / und andren Leuten damit Schaden zufügen wollen. [57] Dieses kann / neben dem vorigen Bericht / gar wol bestehen / und der Satan / nachdem sie vorher die Hostien geraubt / sich zu ihr gesellet / und ihr gerathen haben / der Hostien sich / zu Zaubrischen Künsten / zu bedienen / mit Versprechen / wann sie solches thun / und den Leuten damit Schaden thun würde; so wollte er sie reich machen. Daher er nachmals auch ein solches Getöß / und Gepolter / um den Brunnen / und ein so grausames Ungewitter in der Lufft gemacht. Um welches Willen / ich diese Geschicht dem gespenstischem Tumult beygerechnet / und diesem Werck einverleibt habe.

Erwehnter Bischoff hat / bemeldtem Edict / sonst noch viel seltsame Sachen hievon eingefügt / welche Pideritius ungereimte nennt; aber dabey nicht namhafft macht: weßwegen wir dieselbe / alldieweil sie nicht ausgedruckt worden / an ihrem Ort gestellt seyn lassen; und uns allein deß Paulinischen Spruchs hiebey erinnern: Wenn wir Nahrung und Kleider haben / so lasset uns benügen: Denn die da reich werden wollen / fallen in Versuchung und Stricke. 2

Fußnoten

1 S. Pideritii andren Theil der Chronic von der Graffschafft Lipp / am 592sten und etliche folgenden Blätern.

2 1. Timoth. 6. v. 8. 9.

11. Die Weisse Frau

[58] XI.

Die Weisse Frau.

Es dörffte sich nicht unbillig Mancher darob verwundern / warum nicht so sehr die Geburt / als der Tod eines Menschen / bevoraus eines gar fürnehmen /durch unterschiedliche Vorzeichen / gemeinlich bedeutet werde. Denn ob zwar wol bißweilen eine hohe Geburt / durch einige merckwürdige Vorbegebenheiten / geweissagt wird / als durch wunderbare Träume /und dergleichen: geschicht doch solches nur gar selten / und fast anderst nicht / als wann die obhandene Geburt grosse Verändrungen nach sich ziehen / und der Geborne denckwürdige Thaten verrichten wird: dahingegen die Todes-Fälle nicht allein der Fürnehmen /oder Gewaltigen / sondern auch der Geringen / gemeinlich fast / durch etwas / zuvor bemercket werden.

Ich vermute / die allgemeine Ursach sey diese / daß die Verändrung / bey dem Absterben deß Menschen /viel wigtiger / als bey seiner Geburt: angemerckt / er /durch die Geburt / in die Zeitlichkeit / aber / durch den Tod / in die Ewigkeit / der Seelen nach / gehet. Die Geburt bringt ihn in den Streit / und führt ihn an den Kampff: der Tod aber stellt ihn vor den Kampff-Richter / entweder zur Krönung; wofern er einen guten Kampff gekampfft: oder zur Verhönung und Schmach; dafern er sich von der Welt / und ihren Lüsten / überwinden lassen. Darum erweckt der Tod deß Menschen / bey guten und bösen Engeln [59] / ein grosses und besondres Auffmercken: wobey die Geister sich entweder freuen / oder betrüben / nachdem der Abscheidende wird wol- oder übel fahren. Daher die bösen Geister / durch einige Vorzeichen / ihren Verdruß und Neid über den Eintritt der frommen Seelen ins Paradiß; und hingegen ihre Ergetzung / über die obhandene Verdamniß der Boßhafften / zuverstehen geben; auch zugleich bey den noch lebenden Leuten das Ansehn einer Allwissenschafft / oder Vorwissenschafft / oder zum wenigsten eine Verwunderung über ihre Vor-Erkenntniß / suchen / als solche stoltze Geister / die / von den Menschen / gern hochgeachtet seyn wollen.

Zudem richten die verworffene Engel ihr Absehen hiebey / ohne Zweiffel / auch darauff / daß die Leute /durch solche Vorzeichen / mögen bewogen werden /die Wahrsager und Zaubrer / über dieses oder jenes Menschen Leben und Tod / oder wegen andrer verborgener Dinge / zu befragen.

Uberdas frohlocket der Teufel über keines Menschen Geburt; ausgenommen über eines solchen / der grosses Unglück / Blutstürtzung / Ketzerey / und grosse Aergernissen / auf Erden wird anrichten: gegentheils freuet er sich alle Mal über eines Menschen Tod: weil er deß Todes Anstiffter ist / und alle Menschen gern auf ein Mal erwürgte / wann er dörffte.

Solten aber einige Vorzeichen / auch durch gute Engel / geschehen; wie Ihrer viele unter den Vätern /und noch heut manche Schrifftgelehrte / dafür halten: so bedeutet solches eine Warnung / daß man auff den Krancken Achtung geben / oder ein Jedweder [60] / der etwas davon vernimt / in guter Bereitschafft stehen /und dabey mercken solle / es sterbe Keiner ohngefähr / sondern nach GOttes allweisem und allwissendem Rathschluß.

Hohe Todes-Fälle werden gemeinlich einige Tage zuvor / durch Erscheinung eines sonderbaren Gespenstes / angezeigt; ja allerdings auch wol die gefährliche Kranckheiten hoher Personen; wann nemlich der Geist / in seiner Mutmassung / irret / indem er gäntzlich sich eingebildet / die Kranckheit werde anders nicht / als mit dem Sarck / sich endigen; und GOTT es dennoch hernach anders schickt.

In unsrem Teutschlande / ist am ruchbarsten schier die so genannte Weisse Frau / welche / wann der Tod / an gewisser grosser und ruhm-bekandter Fürsten Paläste / anklopffen will / sich daselbst blicken lässt. Wiewol dieses Gespenst / in solchen Teutschen hohen Häusern / allein nicht; sondern auch unterschiedlicher Orten in Böhmen / sich sehen lässt; doch nur bey fürnehmen Familien. Denn es macht sich ge ringen Häusern und Wohnungen nicht gemein: womit dieselbe Zweifels ohn auch gar wol zufrieden / und eines solchen Gastes / der eben so wol den Fürnehmen nicht angenehm / als ein Vorbot obhandener Traur / nicht ungern entrahten.

Es soll diß Weisse Gespenst den Anfang seiner Erscheinung / vor vielen Jahren / in Böhmen / gemacht haben / und / noch heutiges Tages / in den meisten Schlössern der Herren von Rosenberg / und derer von Neuhaus / welche diese beyde fürnehme [61] Familien ehedessen besassen / sich offt zeigen.

Solches hat nicht nur etwan allererst / in diesem Jahr-hundert / seinen Anfang / sondern allbereit vor gar langer Zeit / genommen. Richterus beglaubt / 1 die Weisse Frau habe schon bey vielen Lebens-Läufften /unter denen Herren von der Rose / (oder von Rosenberg) eine Leiche zuvor angedeutet. So wird auch /von dem Jesuiten / P. Bohuslao Balbino, die Gewißheit der noch heutigen Erscheinung dieses Gespenstes / mit unterschiedlichen Zeugnissen / versichert. Denn weil er / als ein gelehrter Mann / wol verstanden / daß das offentliche Gerücht manches Geticht und Mährlein denen Leichtgläubigen / unter die Waaren der Warheit / mit einmengt; hat er / vor einer genauen Nachforschung / nicht allerdings trauen wollen / daß ein solches Gespenst jemaln erblickt würde: ohnangesehn ihm unverborgen gewest / daß es eine uralte Sage / die / von den Vor- und Ur-Eltern / biß zu derselben heutigen Nachkommen / erschollen / überdas in alten Büchern / und Verzeichnissen / zu lesen wäre. Daher er sich hierinn eher nicht / zu Ruhe /geben können / als biß er einen glaubhafften Zeugen gefunden hette / der da sagen könnte / er hette dieWeisse Frau selber gesehn.

Derselben fand er endlich / bey solcher Untersuchung / die Menge: Darunter nicht wenige solcher Leute waren / die auff dem Schloß zu Neuhaus / bey Nachtzeit vielmals arbeiten und wachen müssen; als Keller / Kuchen-Meister / Köche / Becker / Wächter /und Schild-Wächter; ja so gar [62] der Lands-Hauptmann und Gubernator über die gantze Landschafft der Slavatarum, nemlich der Herr Samuel Caroli / ein gar auffrichtiger / und wolbetrauter Herr; imgleichen der Pater der Societet Jesu zu Praga / Herr Georgius Müller / der / bey der Societät / unterschiedlichen Aemtern lange Zeit vorgestandē / unn dem fragen dem P. Balbino / mehr als ein Mal / gesagt / Er hette selber dieWeisse Frau / um die Mittags-Zeit / gesehn / da sie /aus einem Schloß-Fenster / von einem öden und unbewohntem Thurn / zu welchem / weil alle Stuffen und höltzerne Stiegen / von Alter verfaulet und gar zu gebrechlich worden / Niemand mehr hinauff steigen können / herab / auff die unten ligende Stadt / Neuhaus / und sonderlich auff den Marckt zu geschaut: Sie wäre gantz weiß gewest / auff dem Kopff einen weissen Witwen-Schleyer / mit weissen Bändern / tragend; einer langen Statur / und gar sittsamen Angesichts: Als aber Männiglich / auff dem Marckt / mit Fingern auff sie gezeigt / und sie gemerckt / daß man nach ihr hinauff geschaut; wäre sie zwar / von ihrer Stäte / nicht hinweg getreten / doch allgemach immer kleiner worden / gleich als ob sie hinab stiege / und endlich gar verschwunden.

Herr Wilhelmus Slavata, Böhmischer Reichs-Cantzler / und Herr dieses Schlosses / thut dieser Weissen Frauen Meldung / in seinen libris Apologeticis, und schreibt nicht anders davon / als von einer gantz gewissen Sachen / die allerdings Land-kündig sey: setzet auch hinzu / die Weisse Frau könne / aus dem Fegfeuer nicht erlöset werden [63] / so lange das Neuhauser Schloß stehe; aber / wann solches eingefallen /oder eingerissen / alsdann werde sie auch aller Pein entnommen werden. Welche Meynung aber dem Pater Balbino gar nicht anständig: als der dafür hält / dieser Cantzler sey / zu solchem Wahn (angemerckt / er P. Balbinus / die Weisse Frau / für viel frömmer achtet /als daß sie noch im Fegfeuer schwitzen sollte) durch die schwache und unglaubwürdige Authoritet eines Priesters / der schon viel Leute / mit seinen falschen Gesichtern / betrogen hatte / verführet worden. Und ich glaube selbst / der P. Balbinus urtheile recht /nemlich daß die Weisse Frau nicht im Fegfeuer sey: wiewol ich doch auch nicht mit anstehe / auf die Wette / daß sie eine gottselige Seele sey / wie Er zwar behaupten will.

Er berichtet weiter / es sey / bey seiner Zeit / und zwar auch dazumal / wie er / in dem Jesuiter-Collegio zu Neuhaus / gelebt / mehr als einmal / erschollen /die Weisse Frau wäre erschienen: worauf selbiger Herren Einer allezeit gestorben: Und wisse er sich noch / aufs allerbeste / zu erinnern / daß Sie gleichfalls / vor tödtlichem Hintritt deß Gubernators / Herrn Paul Adam Slavata / erschienen.

Man hat aber / von solchen Personen / denen Sie zum öfftern begegnet ist / die Nachricht / daß sie nicht nur / vor dem Absterben selbiger Herren / sich sehn lasse; sondern auch / wann eine Geburt / oder Vermählung / oder sonst etwas / so selbiger fürnehmen Familie zur Herrlichkeit und sonderbaren Ehren erspriesst / obhanden: Jedoch gehe sie Traur- und Lust-Begebenheiten / durch dieses [64] Zeichen / zu unterscheiden; daß / wann ein Sterb-Fall bevorsteht / Sie /in beyden Händen / schwartze Händschuhe trage; aber / zu Bedeutung frölicher Vorfälle / gantz weiß / im Talar / nach der Weise fürnehmer Stands-Witwen /herein gehe.

Wiewol Gerlachius schreibt / der Römisch-Keyserliche Gesandter an die Ottomannische Pforte /Freyherr von Ungnad / habe / in Constantinopel / über Tafel / gedacht / so offt Einer vom Rosenbergischen Geschlecht in Böhmen / da die Herren von Rosenberg ihren Sitz hetten / geboren würde / sähe man ein Weib / mit weissen / wann aber Jemand aus ihnen stürbe /eines mit schwartzen Kleidern / gehen. 2

Derhalben giebt dieses Exempel der Weissen Frauen einen Abfall / von meiner Eingangs-Rede / nemlich daß die Geburten der Menschen nicht so sehr / als die Sterb-Fälle derselben / durch Vorzeichen zuvor bedeutet würden. Wiewol ich dabey gesagt / daß es /bey den Geburten / nur selten geschehe. Welches ich also meyne / daß nur an wenigen Orten / oder bey wenig Familien / und dazu nicht alle Mal die menschliche Geburten durch sonderbare Anzeigungen vorher geweissagt worden.

Bißweilen sihet man sie / mit geschwindem Gange / als wie gleichsam gar geschäfftig / durch das Schloß gehen / und bald diß / bald jenes Zimmer / mit einem / an ihrem Gürtel hängendem Bund Schlüssel / auf-und auch wiederum zusperren / so wol bey lichtem Tage / als bey Nacht / ohn [65] Unterscheid. So ihr alsdann Jemand begegnet / und sie grüsset; ertheilt sie ihm (daferrn er sie nur sonst nicht verhindern will / in ihrem Thun ) einen Gegen-Gruß / mit einer hohen lieblichen und einer altenden Witwen wolanständigen Gravitet / oder Erbarkeit / und züchtig-schamhafften Augen; neigt zu grossen Ehren das Haupt / und geht also ihres Wegs / ohne Beleidigung einiges Menschen.

An der Gewißheit dieses Gespenstes / trage ich gleichfalls keinen Zweifel: weil / wie gleich Anfangs gesagt worden / in gewissen Chur- und Fürstlichen Häusern deß Romischen Reichs / so wol Reformirter als Evangelischer Religion / diese Weisse Frau / vor ob-erzehlten Fällen / eben so wol gesehn wird. Wie man denn für glaubfest berichtet / daß / als vor etlichen Jahren / auf einem Hochfürstlichem Hause / ein schöner junger Printz sich unversehens zu Tode gestürtzt / und den Hals gebrochen / einige Tage zuvor /die Weisse Frau daselbst / bey hellem Tage / sich habe sehn lassen. Und weil man / ohne Benennung eines glaubwürdigen Scribentens / solcher Erzehlung zu gläuben gern verzüglich ist: stelle ich den Hochfürstlich-Brandenburgischen Hof-Prediger / undTheologiæ Professorem, Herrn Johann Wolfgang Rentschen / dar. Welcher / in seinem Brandenburgischem Ceder-Hein / solchen Fall / mit diesen Zeilen /dem Leser versichert.

Den 26 Augusti deß 1678 Jahrs / ritte der tapffre Printz / von dem gantz Teutschland grosse Hoffnung gemacht / nemlich der Herr Marchgraf / Erdmann Philipp / von [66] der Rennbahn / zu Bareut / ins Hochfürstliche Schloß / und stürtzte / mitten im Schloß-Hofe / etliche wenige Schritte von der Stigen / mit dem Pferde / daß / nach zweyen Stunden Verlauff / Er / auf seinem Bette /selig verschieden; ob Er schon / nach dem Fall /die Treppe hinauf gegangen / und sich / als ob der Fall nichts zu bedeuten hette / aus Trefflichkeit seines tapffren Gemüts / angestellet. Es hatte etliche Omina, vor seinem Tode / im Hochfürstlichem Schloß / gegeben / und die Weisse Frau (so nennet man ein Phænomenom, welches / dem Vorgeben nach / allezeit / bey bevorstehenden Fürstlichen Trauer-Fällen zu erscheinen pflegt) auf dieses Printzens Leib-Stuhl sich sehen lassen; auch das Pferd / die gantze Woche / sich rasend und fremd angestellt. Worüber dieser unvergleichliche Printz selbst sorgfältig worden / und um Seiner Hochfürstlichen Durchleucht / Herrn Marchgrafen / Christian Ernsten / welcher damals bey der Keyserlichen Armee sich befunden / sich bekümmert / auch ein Mehrers nicht gewünschet / als /daß es nur seinem Herrn Vettern nichts übels bedeuten mögte. 3 Biß daher diher die Feder Ehren-erwehnten Professoris.

Ich geschweige jetzo mancher andrer Exempel mehr: weil dieses / ohne das / in Teutschland / eine ungezweifelte Gewißheit / daß selbigen hohen [67] Häusern die Weisse Frau / durch ihre Erscheinung / das Vor-Zeichen einer entweder fröligen / oder traurigen /glück- oder unglückseligen Veränderung / gebe.

Unterdessen lasse ichs dennoch / bey obiger meiner Rede / verbleiben / daß der Ursprung oder Anfang solches Gespenstes in Böhmen zu suchen sey. Angemerckt / die Herren von Rosenberg / ihres hohen Vermögens / Ansehns / und grossen / Fürstenmässig-geführten Stats wegen / in so sonderbarer Betrachtung gewest / daß solche Hochfürstliche Häuser sich / mit ihnen zu befreunden / kein Bedencken getragen. Ja! es gedenckt vorerwehnter Gerlachius in seinem Türckischen Tag-Buch / der / damals bey seiner Zeit / nemlich Anno 1577 / noch lebende / alte Rosenberger sey dazumal der Gewaltigste in Böhmen gewest / und habe auch / in der Polnischen Wahl / seine Stimme mit gehabt. 4

Die Gemahlinn Herrn Wilhelms von Rosenberg hat Sigismundi / Königs in Polen / Tochter / zur Mutter gehabt; Er selbst aber / der Herr Wilhelm / vier Mal /in Hochfürnehme Fürstliche Häuser geheirahtet / als ins Braunsweichische / Brandenburgische / Badische /und Pernsteinische: da es dann alle Mal ihn ein grosses gekostet / die Braut so wol / als Dero hochanverwandte Fürsten / zu beschencken / und dazu Jene /mit ansehnlicher Morgen-Gabe / und Leib-Gedingen /zu versehen. Unter sothanen viererley Gemahlinnen /ist ihm / mit der / aus dem Durchleuchtigstem Hause Brandenburg / das allermeiste darauf gangen: [68] indem er sich / solch einem hochherrlichem Hause zu Ehren /am herrlichst- und prächtigsten / erwiesen / so wol mit seinem Aufzuge / als andrem Wesen. Und weil das Beylager / zu Berlin / angestellt worden / dahin seine Böhmische Herrschafften ihm / mit Victualien /keinen Beytrag thun können; hat er desto tieffer / in die / wiewol hochvermögliche / Baarschafft / greiffen / und allen Aufgang / mit Gelde / abrichten müssen. Welches denn ein Hohes ausgetragen: Angesehn / er /mit sich / nach Berlin / etliche hundert Reuter aus dem Böhmischen Adel / geführt / und daselbst / auf seinen Kosten / unterhalten; imgleichen gantze Gutschen voll Böhmischer Jungfrauen und Frauen von fürnehmer Geburt / welche der Braut / mit ihrer Gesellschafft und Begleitung nach Böhmen / aufwarten sollten.

Diesem nach hat sich die Weisse Frau etlichen solcher Hochfürstlichen Häuser gleichfalls mit anhängig gemacht / und lässt sich daselbst / bey wigtigen Bevorstehungen / bevorab leidtragenden Fällen / so wol blicken / als auf obbemeldten Böhmischen Schlössern: und zwar nicht nur an denen grossen Hösen allein / in welche der von Rosenberg geheirahtet; sondern auch / an theils andren Hoch-Fürstlichen Höfen / welche mit denen vorigen in Verwandschafft stehen.

Es stellet obbenannter Author / Herr Pater Balbinus / hernach die Frage an / ob die Weisse Frau ein gutes Gespenst sey / und unter die Seelen oder Geister / so bey GOTT dem HErrn in Gnaden seynd / zu rechnen: Sein [69] Urtheil / als eines Römisch-Catholischen Ordens-Manns / lautet hierüber also.

Die Thaten selbst (schreibt er) reden deutlich gnug davon / daß die Weisse Frau (wie man sie / schon von etlichen Jahr-Hunderten hero / gewöhnlich nennet) in der Liebe GOttes beharre: denn es kann weder ein böser Engel / noch eine verdammte Seel / auf solche Weise sich stellen und verstellen / daß nicht (wie wir / durch unzehlich viel Exempel / belehret werden) bißweilen entweder ein böses Wort / oder in solcher Pein / welche die verdammte Seelen allenthalben begleitet / einige Anzeigung der Verzweiflung / heraus fahre / oder auch ein teuflisches und grausames Ungeberde hervorblicke. Die Weisse Frau aber lässt / in ihrem Angesicht / nichts / als lauter sittsame Bescheidenheit / Zucht / Schaamhaffigkeit / und Gottseligkeit / erscheinen.

Man hat gar offt gesehn / daß sie zörnig worden /und ein finsteres Gesicht gemacht / wider die jenige /welche / wider GOtt / oder den Gottesdienst / eine lästerliche Rede ausgeschüttet; ja! daß sie dieselbe auch wol mit Steinen / und allem / was ihr in die Hand ge kommen / verfolgt habe. Wozu noch kommt ihre Liebe / gegen die Armen und Dörfftigen. Denn alle alte Gedächtnissen (oder Gedenck-Schrifften) stimmen hierinn überein / die Weisse Frau habe den (so genannten) süssen Brey / welchen man den armen Unterthanen / am Tage der Einsetzung deß heiligen Abendmahls / jährlich kocht / am ersten / samt selbigem gantzen Gast-Mahl / verordnet / und gestifftet. Weßwegen sie dann / woferrn entweder der bösen Zeiten / [70] oder feindlicher Gefahr / oder andrer Ursachen halben / solche Gutthat / an den Armen / unterlassen wird / sich so unruhig / so übel vergnügt / ja gantz rasend und wütig / erzeigt / daß sie gantz unerträglich wird / und sich nicht eher zur Ruhe giebt / als biß den Armen die gewöhnliche Barmhertzigkeit /daß sie gespeiset werden / widerfährt. Alsdann sihet man sie erst wieder frölig und munter / und Niemanden überlästig / noch beschwerlich.

Ich habe (schreibt er ferner) von glaubwürdigsten Leuten / vernommen / daß / als / vor dreyssig und mehr Jahren / die Schweden / nach Einnehmung selbiges Schlosses / und der Stadt / den Armen diese Mahlzeit auszurichten / entweder vergessen / oder fürsetzlich unterlassen / sie / die weisse Frau / einen solchen Tumult und Getümmel erregt / und dergestalt getobt / daß die Leute im Schloß schier drüber hetten verzweifeln mögen. Es ward die Soldaten-Wacht verjagt / geschlagen / und von einer geheimen Gewalt zu Bodem gestürtzt. Es begegneten solchen Schild Wachten mancherley seltsame Gestalten und Wunder-blasse Gefichter / (simulacra modis pallentia miris, giebts der Author / mit den Worten deß Poetens.) Die Officierer selbst wurden / bey Nacht / aus den Betten /und auf der Erden herumgezogen. Da man nun gantz keinen Raht wusste / diesem Ubel zu steuren / sagt Einer von den Telczensischen Bürgern dem Schwedischen Commendanten / es sey den Armen die jährliche Mahlzeit nicht gereicht / und räht ihm / er solle solche alsofort / nach der Vorfahren Weise / geben lassen. Nachdem solches geschehn / hat man / im Schloß / alsofort [71] Ruhe bekommen / und ist Alles überall von Gespenstern so still worden / daß allerdings auch die Winde zur Ruhe gelegt schienen.

Es findt sich aber (wie mehr-besagter Author hinzuthut) in den Jahr-Geschichten deß Neuhäusischen Jesuiter-Collegii, die Weisse Frau habe noch eine grössere Anzeigung gegeben / daß sie ein guter Geist sey. Denn als / im Jahr 1604 / am 24 Jenner / der Letzte von der vorleuchtenden Neuhäuser-Familie /die / in ihrem Wapen / eine güldne Rose im blauen Felde führte / Namens Joachim / auf seinem Schloß /in tödtlicher Schwachheit lag / und Niemand doch gleichwol einen Priester aus dem Collegio holte; klopffte die Weisse Frau gantz leise an die Thür / tratt darauf gantz ansehnlich ins Gemach hinein / zu dem Pater Rector deß Collegii, Nicolao Pistorio, dessen sich Herr Joachim meistentheils zum Seel-Pfleger gebrauchte / und ermahnte ihn / er solte eilen / und das heilige Sacrament mit sich / zu dem Krancken / hintragen; sintemal der Herr Joachim nicht länger / als eine Stunde / mehr zu leben hette. Der Pater gehorchte / lieff damit fort / fand den Bettlägerigen im Todes-Kampffe / ertheilte demselben doch noch / auf angehörte Beicht / die Absolution / samt der himmlischen Weg-Zehrung / und überließ ihn also / nach so guter Vorbereitung / dem Himmel.

Diese wigtige Verrichtung nun der Weissen Frauen begreifft einen gewaltig-starcken Beweis (nach vielgedachten Patris Urtheil) daß sie / in einem trefflich-gutem Zustande / bey einem frölig- und glückseligem Gewissen / lebe.

[72] Solches sein Urtheil desto mehr zu bekräfftigen /bringt er über das noch bey / was man sonst von ihr erzehlet habe / nemlich / daß / als Frau Catharina von Montfort die Fr. Maria von Hohenzollern / in ihrer Kranckheit zu Bechin besuchte / und nicht gleich eine Fackel bey der Hand war / die Weisse Frau alsofort sich dargestellt / und mit einer Fackel voran gegangen.

Daß diß Gespenst alle dergleichen Sachen gethan /kommt mir gar nicht unglaublich vor. Denn / wie oben schon erwehnt / so zeiget sichs eben so wol / an etlichen hohen Höfen in Teutschland / wann solchen grossen Häusern ein Traur-Fall bevorsteht: Und höret man offt gar wunderseltsam-abentheurliche Händel davon: darunter auch dieses / daß einer grossen Fürstinn / als sie / mit einer Kammer-Jungfrauen / in ihrem Zimmer / vor den Spiegel getreten / um einen neuen Aufsatz zu probiren / und endlich besagte ihre Kammer-Jungfrau gefragt / wie viel die Uhr wäre? unversehns und plötzlich die Weisse Frau / hinter der Spannischen Wänd / hervortretend soll erschienen seyn / und gesprochen haben: Zehen Uhr ists / Ihr Liebden! Worauf dieselbe hohe Fürstinn zum hefftigsten erschrocken / auch / etliche Tage hernach / Bett-und über wenig Wochen auch gar Grablägerig worden. Wiewol ich / für die Gewißheit dieser Begebenheit / nicht gut spreche.

Ob aber ruhmgedachten gelehrten Patris Balbini Meynung / daß die Weisse Frau eine selige Seele seyn müsse / glaublich / und aus dem / von ihm angeführten / gütlichem Verhalten derselben / wie auch sonderbarem Eyfer für die geistliche Seel- [73] Verpflegung ihrer Nachkommen und von ihr gestiffteten Speisung der Armen erweislich sey; darüber soll / an diesem Ort / kein Streit erregt werden: Ich zweifle aber / wann dem Herrn Pater Balbin zur Erfahrung /oder Erinnerung / gekommen wäre / daß die Weisse Frau eben so wol / an unterschiedlichen Höfen protestirender Fürsten / vor den Sterb-Fällen / sich den Leuten ins Gesicht stelle / ob er / bey solcher seiner Meynung / daß sie im Stande der Seligkeit sey /würde beharren.

Meines Theils aber will ich die Entscheidung / ob es der Reichs-Cantzler / Herr Wilhelmus Slavata, oder der Herr Pater Balbin / oder Keiner dieser Beyden / getroffen / ans Gericht der Herren Theologen verwiesen haben.

Fußnoten

1 In Axiomat. Oeconomic.

2 Gerlachius, im Türckischen Tag-Buch / am 301. Bl.

3 S. den Brandenburgischen Ceder-Hein obbenamsten Authoris, am 714 Blat.

4 Gerlachius, im Türckischen Tag-Buch / am 301 Bl.

12. Der Weissen Frauen Ursprung

XII.

Der Weissen Frauen Ursprung.

Ob gleich / wie am Ende voriger Erzehlung / angezeigt worden / der Herr Pater Balbinus / bey Eröffnung seines Urtheils von der Weissen Frauen / einige Scrupel hinterlassen: verdient doch die geschickte Feder dieses / um die gelehrte Welt wolverdienten /Manns / daß wir sie / von der Weissen Frauen /noch weiter reden hören. Denn ob es schon nicht Alles / nach unsrem Sinn und Beduncken / lauten dörffte: wird doch viel Leswürdiges darunter vorkommen.

[74] Es sey nun die Weisse Frau ein blosses Gespenst /oder / wie der H. Pater Balbinus urtheilet / eine Seel /und zwar eine selige Seel (welches ich an seinen Ort gestellt seyn lasse) so kann man ihm gleichwol diesen Ruhm nicht entziehen / daß / vor ihm / noch Keiner /von dem Namen und Ursprunge dieses Gespenstes /so ausführlich geschrieben / oder so eigendlich Nachricht gegeben / was es für eine Person gewest / und wie sie geheissen / in derer Gestalt die Weisse Frau erscheint.

Er sagt / was den Namen solcher Person anlangt /sey die Weisse Frau / Frau Perchta von Rosenberg; und zwar / seiner Einbildung nach / die Seel (meiner nach aber / die blosse Gestalt) derselben. Solches bescheinigt er also / wie folget.

Zuforderst weiß man / daß diejenige / welche erscheint / eine Witwe (oder nach meiner Red-Art / wie eine Witwe gestaltet) sey: angesehn / solches die Witwen-Kleider-Tracht / darinn sie erscheint / zu erkennen giebt. Gleichwie auch diese nachgesetzte Umstände und Anzeigungen / für keine andre Matron / so aus dem Rosenbergischem / oder Schwambergischem Stamm erzeugt ist / sich reimen wollen / als für besagte Perchtam: nemlich / daß sie / unter den Ihrigen / und ihren Verwandten / ihres klugen Verstandes wegen / hoch geachtet worden / und / an stat ihrer Neuhäusischen Pupillen / die Herrschafften gubernirt habe: daß sie auch die Mahlzeit / so man den süssen Brey nennt / für die Unterthanen gestifftet: daß sie das alte Neuhäusische Schloß erbauet; daß sie / von einem bittren Affect (wie es der Author nennet / und[75] ich auf einen Groll / Zorn / oder Wehmut deute) eingenommen / gelebt und gestorben: daß sie / so wol an den Oertern / welche Rosenbergischer / als an denen /die Neuhäusischer Herrschafft seynd / erscheinet; welches anzeigt / sie müsse beyden Stamm-Häusern verwandt seyn: daß sie beyden solchen Stämmen günstig / und so wol dem einem / als dem andren / die Sterb-Fälle derselben vorher angezeigt / auch noch vorher andeutet: daß sie dem Peter Wok von Rosenberg allezeit gewogen gewest / ihn / als er noch ein säugendes Kind war / auf ihre Arme zu nehmen pflegen / und demselben einen Schatz gezeigt / wie unten mit Mehrerm soll gedacht werden.

Diese Frau Perchta aber ist geboren zwischen dem Jahr Christi 1420 und 1430 / und ihr Vater Udalricus von Rosenberg / der Zweyte deß Namens / gewest: welcher / mit seiner ersten Gemahlinn / Frauen Catharina von Wartenberg / die im Jahr 1436 die Welt gesegnet / diese Perchtam, unter andren Kindern beydes Geschlechts / erzeugt hat. Jetzt-besagter ihr Vater /Udalricus (oder Ulrich) von Rosenberg / war Ober-Burggraf in Böhmen / und / durch Authoritet deß Römischen Papsts / zum obersten Feldherrn über die Römisch-Catholische Völcker wider die Hussiten / verordnet / und hat diese Tochter / die er sehr liebte /Herrn Johann von Liechtenstein / einem Steyrischen Freyherrn / der ein sehr berühmter und gewaltiger Mann war / nachmals aber in ein gantz bestialisches Leben gerahten / im Jahr 1449 / Sonntags vor Martini / vermählt / an welchem Tage / zu Crumlov die Hochzeit celebrirt worden. Wie [76] man aber / in einem geschriebenem Buch Rosenbergischer Geschichte / lieset / so ist solche Ehe gar übel gerahten / und das Braut-Bette der guten Frauen Perchta zum Kreutz-Bette / das Eh-Bette zum Weh-Bette worden: sintemal sie vielmehr Leides / als Liebes / darinn empfunden: indem sie / von diesem ihrem Eh- und Weh-Herrn /sehr übel gehalten / sehr unbillig und verächtlich tractirt worden / grosse Dürfftigkeit und Mangel ausstehn / und deßwegen vielmals ihren Vatern / und Brudern um Hülffe anruffen / solchem nach schier eben dasjenige practiciren müssen / was man / von der Königinn Crotild / deß Königs in Franckreich / Clodovæi, Schwester / und deß West-Gothischen Königs / Amalarici, Gemahlinn / geschrieben. 1

Daher dann kein Wunder / daß sie die so schwere und grausame Beleidigungen / so der Eh-Herr ihr angethan / Zeit ihres Lebens / nicht verdauen können: wie der Pater Balbinus redet: Welches doch / meines Erachtens / eine gottselige Christinn endlich verdauen / verzeihen / vergeben / und vergessen muß / soferrn sie ihre Seele nicht gefähren will.

GOtt / als ein Vater der Elenden / hat endlich allem solchem Ubel / durch tödtliche Abfordrung ihres so widerwertigen Eh-Herrns / ein Ziel gesteckt: Worauf sie / nachdem dieser Strick zerrissen / mit Freuden /zu den Ihrigen / und zu ihrem Bruder / Heinrich dem Vierdten (welcher Anno 1451 seiner Famili vorzustehn angefangen / aber [77] im Jahr 1457 / ohne Kinder /gestorben) nach Böhmen geeylt.

Man hat vielerley Anzeigungen / daß sie eine rühmlich-kluge Matron gewest: also gar / daß sie auch ihrem Brudern / Heinrich / der Rosenbergischen Famili damaligem Gubernatorn / einem gantz heroischem Cavallier / gewisse Lebens-Regeln vorgeschrieben / auch / in den wigtigsten Handlungen / von demselben zu Raht gezogen worden. Wie dann / in erst-berührtem geschriebenem Rosenbergischem Buch / unterschiedliche ihrer Send-Schreiben angezogen werden / darinn sie diesen ihren Bruder / von dem überflüssigem Thurniren / Stechen / und Ringelrennen / dem er allzusehr ergeben war / abmahnet / und mit vielen Schluß-Gründen zu erweisen bemüht ist / es müsse das Leben uns werther / und die Zeit köstlicher seyn / als / daß wir dasselbe / um der einigen Ergetzung und Lust deß Rennspiels / und eines so eitlen Rühmleins willen / so man durch den Obsieg dabey erhält / dem ungewissen Glücks-Ball und Fall so gefährlich unterwerffen sollte; da doch weder dem Vatterlande / noch dem Könige / daran sonders viel gelegen sey.

Nicht weniger dienet auch dieses ihrer Klugheit zum klaren Gezeugniß / daß ihr / von den sämtlichen Neuhausischen Stamm-Verwandten / nicht allein die verwäisete Söhne und Töchter deß Meinhards von Neuhaus / welcher / durch den Georg Podiebrat / im Jahr 1449 / beydes seiner Würde und Lebens entsetzet war / zur Auferziehung / sondern auch / mit Bewilligung deß fürnehmsten Vormunds / Ernst Leskowiz / die Regierung [78] ihrer Herrschafften und Güter /anvertraut worden.

Von solchen Söhnen deß Meinhardi, ist der älteste / Namens Ulrich von Neuhaus / im dritten Jahr / nach seinem Vater / nemlich Anno 1452 / mit Tode abgangen; die zween übrige / Johann / und Heinrich / welche / wie Hagecius gedenckt / im Jahr 1453 noch minderjährig gewest / haben nachmals / als sie zu ihren vogtbaren Jahren gelangt / dennoch die FrauPerchtam, als von welcher sie auferzogen worden /nicht von sich lassen wollen: worauf sie / zu Neuhaus / ihre alte Tage zugebracht. Aber dieser Johann / und Heinrich / seynd / ohne Hinterlassung einiges Erbens / verstorben. Worauf / weil hiemit deß Meinhardi, weiland Gubernatorn und Ober-Burggrafens / gantzes Geschlecht erloschen / Neuhaus / samt allen angehörigen Herrschafften / Rechten / und Privilegien / auf die andre Neuhausische Lini / gefallen / welche man dieTelczensische hieß / und zwar namentlich auf Heinrich den Vierdten / welcher die Frau Annam / eine geborne Fürstinn von Münsterberg / zur Gemahlinn hatte.

Aus diesem Allen entsteht / nach obgedachten Authoris Schluß / ein wahrscheinlicher Beweis / es sey die Weisse Frau Niemand anders / als die FrauPerchta von Rosenberg: weil / mit derselben / Alles dasjenige / so man von der Weissen Frauen sagt /übereinkommt.

Sein letzter und zwar / seiner Einbildung nach /vollkräfftiger Beweis ist dieser. In dem alten Gebäu deß Neuhäusischen Schlosses / steht ein Bild / in menschlicher Leibes-Grösse / welches die [79] Weisse Witwe / nemlich offtgemeldte Frau Perchtam, vorstellet. Selbiges Bild aber sihet der Frauen Perchtæ, nach Aussage Aller derer / welchen sie jemals begegnet ist / so gleich / als obs derselben aus den Augen geschnitten wäre.

Wann nun Fremde kommen / und den Palast daselbst besehen / zeigt man ihnen dieses Bild: wie man auch besagtem Authori gethan / im Jahr 1655 / als er / zum ersten Mal / selbigen beschaute. Dabey dann diejenige / welche gantz nahe hinzutreten / und um Alles genau zu betrachten / so wol das an dem Bilde schimmrende / Rosenbergische Wapen / als den drauf geschriebenen Namen der Perchtæ, erblicken.

Diß seynd also deß Authoris Mutmassungen: die auch / in gewisser Masse / nemlich der Gestalt halben / nicht unglaublich fallen: gleichwie ich von der Person / oder von dem Geist / so in solcher Gestalt sich blicken lässt / ein andres Concept fasse / denn er.

Es wird folgends / von ihm / die Frage gestellt /was Perchta für ein Nam sey? In etlichen Teutschen Scripturen / wird sie / nach Teutscher Red-Art / mit Versetzung etlicher Buchstaben / Prechta genannt. Er hat / lange Zeit / gemeynt / es wäre eines alten Geschlechts Nam / als die Namen Criseldæ, Sigunæ, Hroznatarum, Kunatarum, Lidmirorum, und andrer mehr: daraus man vormals / Namen der Heiligen zu machen / sich vergeblich unterstanden habe. Als er aber einsmals ein kleines Register etlicher alten Reliquien / bey einer gewissen Kirchen / gelesen / hat er /auf einem heiligen Beinlein / den Namen [80] Perchtæ, einer Königinn von Franckreich / gefunden / dabey seines Bedunckens / leicht zu erkennen / wer sie gewesen. Welches der Author zweifels ohn also versteht / daß man nicht mehr zweifeln könne / was diejenigePerchta, so auff dem Beinlein geschrieben stund / von Person und Condition für eine gewest. Denn wann er die Weisse Frau damit meynete / würde er ihm selbsten widersprechen; nachdem er vorhin dero Eltern /und Eh-Herrn / deutlich genug angezeigt: Sintemal ich nicht begreiffe / zu was Ende er diß Letzte / von dem also beschriebenem Beinlein / sonst erzehle. Unterdessen bleibt damit der Nam Perchta noch eben so unbekandt / der Bedeutung nach / wie zuvor. Wann es rahtens gölte; so wollte ich sagen / Perchta sey vielleicht / entweder mit dem Italiänischen Namen Berta, einerley / oder auch so viel / als Brigitta.

Er berichtet hernach weiter / aus dem Munde etlicher alter Leute / welcher Gestalt die Weisse Frau einen Schatz habt endeckt. Womit es folgendes Verlauffs / soll zugegangen seyn.

Als im Jahr 1539 / Peter Wok, deß Wilhelms Bruder / und nachmals der Letzte seines Geschlechts / geboren war / und / wie mans mit fürnehmen Kindern zu halten pflegt / zu Trebona (Trzebon, sonst auff Teutsch Wittengau genannt) im Frauen-Zimmer /aufferzogen ward; fing die Weisse Frau an / bey Nacht offt zu ihm zu kommen / wann die Ammen /oder Kinds-Mägde / der Schlaff übernommen hatte: wiegte dieses Kind / nahms auch / so es weinte / aus der Wiegen auff ihre Arme / stillete es mit süssem Lispeln / und andren [81] Verfahrungen / so bey den Ammen gebräuchlich; lachte ihm freundlich zu /spielte mit ihm / trug ihn in den Gemächern herum /und spahrete / an diesem Säuglinge / gar keinen Fleiß Kurtz; sie stellete sich so vertraulich bey dem Knäblein an / daß die Ammen / und Kinds-Wärterinnen /und Andre / denen dieses Kind / Peter / zur Warte und Pflege anbefohlen war / sie mit ihm zu frieden liessen / und nicht verstöreten / noch ihr zu wehren begehrten / daß sie ihn / mit ihren Händen / angriff /und in ihre Arme legte.

Hernach hat sichs begeben / daß ein neues Weib /in das Frauenzimmer / auffgenommen worden: als nun selbiges Weib sihet / daß die Weisse Frau das Kind aus der Wiegen hebet / und herum trägt / meynt diese / es sey eine Schande / daß man daß Kind einem Gespenst vertraue; fasst derhalben ein mehr / als weiblichs / Hertz / tritt hinzu / reisst dasselbe derWeissen Frauen aus den Armen / und spricht: Was hast du / mit unsrem Kinde / zu schaffen? Hierauff fährt die Weisse Frau / welche bisher allzeit geschwiegen / mit dieser zörnigem Antwort / heraus:Was? und / du saubre Dirne / du dreckichter Huten-Balg / darffst mich noch wol fragen / was mich das Kind angehe? Da du doch erst neulich nur mit blossen Füssen dahergeloffen bist / und dich allhie eingeschlichen hast? Du sollt wissen /daß dieses Kind / aus meinem Stamm / bürtig /und von meinen Bruder / durch dessen nach einander erzeugte Kindes-Kinder / solchem nach aus der Lini meines Geblüts / herkomme. Derhalben[82] bin ich keine Fremde / sondern gehöre ihm zu.

Gleich damit hat Sie sich / zu allen Hof-Mägden /gewendet / und gesprochen: Und ihr habt mir /eurer gnädigen Frauen / auch niemals annoch einige Ehr erwiesen / wie sichs gebührte: darum so behaltet nun euer Kind immerhin! Ich will / von nun an / nicht wiederkommen. Und / zu der Ammen / sagte Sie insonderheit: Warte du dieses Söhnleins wol / und gieb fleissig Acht auff ihn: Er wird danckbar seyn. Und wann er / nun erwachsen ist / so gib ihm die Nachricht / daß er mir so lieb sey; und sag ihm auch / wie ich / aus diesem Ort (wobey sie zugleich / mit der Hand / nach der Wand hinzeigte) habe pflegen zu ihm zu kommen /und wieder dahin gehe. Nachdem sie diese Worte kaum ausgeredt / ist sie / zu selbiger Wand / hinein getreten / und ihnen gleich aus den Augen verschwunden; hat auch / von selbigem Tage an / den Kleinen nicht mehr besucht.

Als aber dieser Peter Wock / von der Ammen /solches / da er nunmehr ein erwachsener Jünglig war /erfahren: hat er lange nicht verstanden / was damit eigendlich gemeynt würde; biß er / in seinem Alter /nach Absterbung seines Bruders / Wilhelmi / in derselbigen Wand / zu welcher die Weisse Frau allezeit hatte pflegen hinein zu gehen / (nachdem er vielleicht / durch eine neue Anzeigung / dazu eine Ermahnung bekommen) zu graben befohlen / und daselbst einen verborgenen gewaltigen Schatz angetroffen. Wovon hernach / im [83] Jahr 1611 / dem Passauischen Kriegsheer / welches / weil man ihm seinen Monat-Sold hatte verweigert / rebellirte / und feindlich in Böhmen gegangen war / etliche hundert tausend / so Keyser Rudolphus / von diesem Petro / entliehe / gezahlt wurden: Nach deren Entrichtung / man selbige Völcker abgedanckt.

Fußnoten

1 V. Mariana lib. 5. Rer. Hispanicar. c. 7.

13. Der Süsse Brey

XIII.

Der Süsse Brey.

Es weiß Jedermann / im Böhmen / zu sagen / von der Gastung / so der Gubernator zu Hradecz Gindrzichu (oder Neuhaus) und zu Telczy den Unterthanen / und armen Leuten / jährlich / in der Char-Wochen / am Grünen-Donners-Tage / von undencklicher Zeit hero /ausrichtet. Man nennets insgemein den süssen Brey.

Zu dieser Mahlzeit / versammlet sich / aus aller umligenden Nachbarschafft / eine solche Menge der Armen / daß alsdann / in dem Neuhäuser-Schloß /zum wenigsten sieben tausend / jemaln aber auch wol neun- oder zehen tausend solcher armen Gäste gezehlet werden: Massen der Pater Balbinus solches / mit seinen eigenen Augen / bezeugt / als welcher öffter /denn nur ein Mal / zugeschaut / und dem wir auch diese Nachricht davon zu dancken haben.

Es setzen sich je zwölffe beysammen auff die Erden / auff denen gar weit-geraumen Schloß- [84] Plätzen zu Neuhaus: sintemal / in den Gemächern / eine solche Menge nicht Raums genug fünde. Und damit keine Unordnung / noch Unruhe / entstehe; zehlet man die Tische / und werden / bey jedem / besondre Auffwärter gestellt / welche zu Tische dienen / die Speise aufftragen / Trincken bringen / und einschencken müssen. Solche Auffwartung besteht nicht / in gemeinen Leuten; sondern / in lauter Befehlhabern und Beamten: als da sind / die Amtmänner / Capiteyns /Burggrafen / Schreiber / und sonst allerley Beamten /oder Verwalter / deren es unzehlich-viel giebt; imgleichen die Rahtsherren / und andre ansehnliche Bürger der Stadt. Gemeinlich geht selbst der Gubernator und Herr deß Orts / mit etlichen fürnehmen Gästen / vor dem Gepränge der Gerichte / her / trägt die erste Schüssel zu / und wird ihm von einem starcken Hauffen solcher Tafel-Diener / nachgefolgt.

Weil es aber nicht wol möglich / daß eine so grosse Menge Volcks / an einem Ort / und auff eine Zeit /zugleich essen kann: lässt man / auff ein Mal / der Gäste nicht mehr ein / als der Raum deß Platzes verstattet. Wann dieselbe gesättigt / lässt man sie / durch das Hinter-Theil deß Schlosses / hinaus / und führt hingegen Andre wiederum herein: biß alle vorhandene Armen gespeiset seynd / und Keiner mehr übrig / welcher der Mahlzeit nicht genossen hette.

Die Speisen aber / so man ihnen vorsetzt / seynd diese folgende: Erstlich wird ein dreypfündiges Brod aufgelegt: hernach eine Suppen von Bier / oder andrer Brühe / auffgesetzt / die [85] gar fett und wol mit Butter geschmältzet ist: dem nechst zweyerley Speisen von Karpffen / (das ist / die auff zweyerley Art zugerichtet) Und endlich der so genannte Süsse Brey; derselbe mag gleich aus Erbsen / Buchweitzen / (oder Heidelkorn) oder sonst aus einer andren Hülsen-Frucht /gekocht seyn. Vor Alters / pflag man ein wenig Honigs drein thun: daher nennet man ihn noch heut den Süssen Brey. Dünnen Biers giebt man ihnen / so viel sie fordern; und zuletzt Jedwedem auch sieben Pretzel von Semmel-Meel. Die meisten Gäste / sonderlich die Armen / nehmen mit sich nach Hause /was sie können; und bringen darum zween Hafen (oder Töpffe) mit sich: In den einen werffen sie zwey Theile von den Karpffen; ohnangesehn / daß dieselbe / in der Würtze und Zurichtung / unterschieden seynd: in den andren schütten sie das Bier. Alles übrige / so sich nicht theilen lässt / als die Suppe / daß Eingeweide / und den Brey / verzehren sie zusammen miteinander.

Offtgemeldter P. Balbinus gedenckt / es habe Graf Ferdinand von Slavata, damaliger Gubernator dieser Famili / zum Ruhm solcher Liberalität / ihm erzehlt /daß bey diesem Gast-Mahl der Armen / etliche Bier-Siedens / drauf gingen / und gantze Fisch-Teiche ausgeleert würden.

Betreffend die erste Stifftung dieses Mals / so schreibt mehr besagter Author / wann man ihn ehedessen darum gefragt / habe er anders keinen Bescheid drauff zu geben gewusst / als / daß die Gottseligkeit der Vorfahren ohne Zweiffel / an solcher Gutthätigkeit gegen die Armen / den ersten [86] Anfang gemacht: Als man aber weiter in ihn gedrungen / mit der Frage / in welchem Jahr solches geschehen / und wie die erste Stiffter mit Namen geheissen? habe er seine Unwissenheit dißfalls / durch Stillschweigen / an den Tag geben müssen. Welches ihn dann bewogen /durch Befordrung erstgenannten Grafens Ferdinand /wie auch deß Samuelis Carolidis, welcher damals aller selbiger Herrschafften Haabe / Güter / und Einkommen / an stat deß Regentens / in seiner Verwaltung gehabt / solcher alten Urkunden und Antiquiteten auch sehr befliessen gewest / die alten Briefe deßArchivi (das ist / der Ur-Cantzeley oder alten Brief-Kammer /) durchzusuchen. Da er dann erstlich / gefunden daß / bey allen und jeden Jahren / deß Süssen Breyes Meldung geschehn / auch gar genau und richtig dabey aufgezeichnet worden / wie viel man / auf solchen Tisch / für so viel tausend Mäuler / gewendet. Der erste Ursprung aber ist so wenig / als einiger Buchstab / zu finden gewest / daraus er / in Original /hette eine Verordnung ersehn mögen / daß der Herr deß Schlosses / und Vorsteher dieser Famili / solches Gast-Mal zu geben / sollte verbunden seyn: Welcher Stifftungs-Brief aber entweder / in einiger Feuersbrunst / oder durch andre Zufälle / in so langer Zeit /wol kan umgekommen und verlohren seyn. Dann diese so alte Gewonheit erstattet selbst Anzeigungs genug / sie müsse nicht ohne Ursach oder ungefähr nur also aufgekommen / viel weniger so lange Zeit hero fort gesetzt / und beybehalten seyn.

Weil dann / aus den alten Schrifften und Ur-Briefen / nichts zu hoffen gewest: hat vorersagter [87] Graf die allerältesten Leute herzuruffen / und Jedweden insonderheit befragen lassen / ob / und was sie / wegen des Herkommens und Urgestiffts dieser Gasterey / von ihren Vor-Eltern / vernommen hetten?

Unter solchen Weiß-Köpffen / befanden sich neuntzig- ja allerdings auch hundert-jährige Greysen: dieselbe antworteten fast gleiches Lauts / sie hetten von alten Leuten / und von ihren Vätern / verstanden / es wäre ehedessen eine fürnehme Matron fürnehmes Stamms gewest / deren man die Vormundschafft /oder Aufsicht der verwäisten jungen Herren von Neuhaus vertraut hätte; diese habe man / weil sie / als wie eine Witwe / in Witwen-Kleidung gegangen / dieWeisse Frau genannt; und sey eben dieselbe / so /wie die Vorfahren gleichfalls angezeigt / bißweilen im Schloß erscheine: Dieselbe habe angefangen / das Neuhäusische Schloß zu bauen / und viel Jahre / über solchem Werck zugebracht / mit grosser Beschwerung aller Unterthanen / so sie bey Grabung und Aufführung der Wälle / Auffrichtung der Thürne / Zuführung deß Kalchs / Sands / der Steine / und andrer Materialien / biß zu gäntzlicher Vollendung solches weitläufftigen und grossen Schloß-Gebäues / ausgestanden: dabey sie doch gleichwol solchen frohnenden Unterthanen freundlich zugesprochen / mit Vertröstung diese Arbeit und Frohn-Dienste würden schon mit ehestem zu Ende gehn; auch Jedwedem seinen Tag- oder Arbeits-Lohn / mit baarem Gelde / bezahlt /und ihnen zugeruffen habe: Arbeitet / für eure Herren / ihr getreue Unterthanen / arbeitet! [88] Wann wir das Schloß werden verfertigt haben / will ich euch / und allen euren Leuten / einen Süssen Brey vorsetzen. Denn diese Art zu reden führten die Alten / wann sie Jemanden zur Mahlzeit luden.

Nachdem endlich das Schloß in völligem Stande /und vollendet (welches / nach Aussage dieser befragten Alten / im Herbst geschehn) hat die Frau / ihres Versprechens eingedenck / allen Unterthanen ein herrliches Mal zugerichtet / und / unter währender Mahlzeit / zu ihnen gesagt; Zu steter Gedächtniß eurer Treu gegen eurer lieben Herrschafft / sollt ihr jährlich eine solche Mahlzeit haben: also wird das Lob eures Verhaltens / auff die späte Nachkommen / fortgrünen.

Nachmals / aber (sagten diese gute ehrliche Grau-Köpffe) hetten die Herren für füglicher angesehn / daß man diese Mahlzeit / aus dem Herbst / auff den Tag und Gedächtniß der Einsetzung deß Heil. Abendmals / verlegte; als an welchem ohne dem die Armen / von reichen und fürnehmen Christen / tractirt würden; und solche Verändrung deß Tags wäre eben so über-alt noch nicht / ja sie erstrecke sich noch kaum über hundert Jahre. Das war es / was die hochbetagte Grau-Bärte davon aussagten.

Womit der Author Alles / was vorhin / von dem Geschlecht / Namen / und Lebens-Wandel der Weissen Frauen gesagt / gnugsam versichert und bestetigt schätzt; und erscheinet zugleich daraus / nach seiner Meynung / warum dieses Gast-Mahl / für die Armen /von ihr so eyfrig und hefftig behauptet [89] werde: weil sie nemlich ihre Sachen ihr lasse angelegen seyn / über ihre Wolthätigkeit und Gestifft die Hand halte / und Verlangen trage / daß es ewiglich bleibe.

Nachgehends macht dieser Author / nemlich Herr Pater Balbinus / dem wir für diese so umständliche Nachricht / guten Theils zu Danck verbunden seyn /diejenige Häuser (oder Schlösser) im Böhmen namhafft / darinn man die Weisse Frau erblicke. In seinem ersten Capitel / darinn er / von diesem Gespenst zu schreiben / den Anfang macht / nennet er die Oerter Krumlov / Neuhaus / Trzebonn (Wittengau) Frauenberg / (oder Hluboka) das Schloß zu Bechinie, und das Schloß zu Teltzen, etc.

Hernach / im 16ten Capitel deß dritten Buchs /namkündigt er noch andre mehr / und sagt / es sey für eine der grössesten Göttlichen Wolthaten zu achten /daß die Herren von Schvvamberg eben so wol / durch der Weissen Frauen Erscheinung / ihres bevorstehenden Todes / ehedessen erinnert worden; sintemal sie sich gleichfalls / in dem ertz-altem Schloß Kraselovv, oder Schvvamberg / alsdann habe sehn lassen: Und habe er von den Bedienten dieser Herren vernommen /daß sie / vor dem Tode der letzten Gebrüder solcher Famili / noch erschienen: Ob die Göttliche Gnade dieses Privilegium (so titulirt er es!) noch weiter heut auf die Erben ausgedehnt habe / wisse er nicht zu berichten; wiewol es / von etlichen Personen / bejahet werde.

In dem Schloß (schreibt er ferner) der Berkarum (derer von Berka) und der Lippæorum [90] sehr altemNeu-Schloß Novvy zamek, wird noch heut / wie bekandt / die Weisse Frau geschaut / auch daselbst die wahre Gestalt dieser Verstorbenen / jetzo aber ums Schloß herum wandrenden / Weissen Frauen / auf einer an der Wand hangenden Tafel gemahlt / den Leuten gezeigt.

Hiebey erinnert er sich / von einem Ordensmann gehört zu haben / daß etliche Jungfern und Mägde /nach Mittage / ins Schloß gegangen / allerley Schelmerey und Kurtzweil unter sich getrieben / und zuletzt solches Bildniß der Weissen Frauen / muthwilliger Weise einander / mit starckem Gelächter / gewiesen: Unter solchem ihrem Spaß / sey plötzlich ein Geräusch entstanden / darüber sie erschrocken / und davon geloffen; die Letzte aber / in der Flucht / erwischt und durch eine verborgene Gewalt (angemerckt / sie Niemanden gesehen) beym Rock / der ihr auffgehaben ward / angehalten / und / als sie zu schreyen angefangen / kaum wieder loßgelassen worden: Solches habe besagter Ordens-Mann / als welcher dabey gewest / Selbst mit angesehn.

Das wühste Schloß Tollenstein / von welchem das Gerücht geht / als ob viel Schätze darinn verborgen ligen / hat gleichfalls die Weisse Frau zur Einwohnerinn / oder Besucherinn. Sie schauet unterweilen zum Fenster herab: darüber sich alsdann die Wandersleute verwundern / und sie grüssen.

Das seynd also die Oerter in Böhmen / da man ihrer ansichtig wird. Daß / auch in Francken / und in der Marck Brandenburg / an theils grossen Höfen der Protestirenden / die Weisse [91] Frau / zur Anzeigung wigtiger Vorfälle sonderlich aber hoher Trauer-Fälle /sich ins Gesicht stelle / habe ich oben schon berichtet.

Sie sey und bleibe nun / wer sie wolle: ich verlange sie weder weiß / noch schwartz / zu sehen; will auch keines Vorzeichens zur Warnung für einem unversehener Lebens-Endschafft erwarten; sondern mich genug gewarnt achten / und täglich auch selbst warnen / mit der Warnung deß HErrn: Wachet! denn ihr wisset nicht / zu welcher Stunde deß Menschen Sohn kommen wird.

14. Die Jungfrau zu Perenstein

XIV.

Die Jungfrau zu Perenstein.

Nicht allein GOttes / sondern auch des Menschen / als deß Göttlichen Ebenbilds / Affen spielt der hellische Gauckler / und acherontische Comediant: wiewol nicht / aus Beliebung / sondern zur Verspottung und Verleitung der Menschen. In den Bergwercken / und manchen unheimlichen Häusern / affet er der menschlichen Handlung; in manchen so wol bewohnten / als unbewohnten Gebäuen / aber auch der menschlichen Gestalt nach / und bildet bald diese / bald jene Person für; am meisten aber solche / die durch Tod-Sünden /oder durch Selbst-Mord / das Bild GOttes / in ihrer Seelen / gäntzlich ausgelescht. Denn wie diese deß Satans Bild / in ihrem [92] Leben / getragen: also trägt er wiederum ihr Bild / nach ihrem Tode: und triumphirt damit / als wie ein Türck / der seines erlegten Feindes Harnisch anzeucht / oder den Kopff desselben / auff die Schau am Spieß herum führt. Hievon können wir /in folgender Geschicht / ein Muster sehn.

Nachdem der Jesuit / Pater Johannes Drachovius, im Jahr 1626 / als / in Böhmen / die Reformation schier vollzogen worden / sich daselbst auch bemühet hatte / viel Leute zur Römisch-Catholischen Religion zu bringen; wie er dann würcklich auch Viele derselben dazu überredet hat: setzte er seine Reise / in das angräntzende Mähren: auff daß er allda gleichfalls der starck fort-gehenden Refomation seine Zunge leihen /und das / wozu man ihn gesand / ausrichten möchte. Da er dann zuforderst / in dem berühmten Schloß Perenstein (wovon wir auch anderswo allbereit Meldung gethan) anlangte / und die Keyser- und Königliche Befehl-Schreiben vorzeigte. Worauff man ihn auch alsofort aufgenommen / und im Schloß mit einem Losament versehn hat.

Er gewann Lust / als ein Mann / so der Curiositet nicht feind / bey dieser Gelegenheit / und guten Weile / die Gelegenheit deß Schloß-Gebäues zu besichtigen: sing derhalben an / gleich in den ersten Tagen seiner Ankunfft / um / und durch das Schloß zu spatziren; bestieg die Thürne / durchblickte die offenstehende Gemächer und Zimmer / besahe auch von der Höhe herab / die gantze Umligenheit / oder Nachbarschafft.

Indem er nun so gar emsig war / Alles zu mercken /was merckens und besehens werth; begegnete [93] gegnete ihm endlich eine andre Merckwürdigkeit. Denn es ging eine zierlich-auffgeschmückte Jungfrau / aus einem Gemach / hervor / mit einem Bund-Schlüssel. Er / der sie / für eine Hof-Dame / oder Kammer-Jungfrau / ansahe / grüsste / und redete sie freundlich an. Sie stund still / um sein Gewerbe anzuhören. Er sagte / Er sey allhie angekommen / als ein Gast / die Unterthanen / in der catholischen Religion / zu unterrichten; wolle derhalben auch Ihr seine geistliche Auffwartung hiemit angeboten haben / und an seiner Diensthafftigkeit nichts ermangeln lassen.

Sie / die Schöne / lächelte ihm hierauff überaus lieblich zu / mit einem gar züchtigem Blick / und /gleich als ob die Schamhafftigkeit ihr keine Gegenrede zuliesse / neigte sie / an stat der Antwort / sich gegen Ihm / wie das Frauen-Zimmer pflegt / gar höflich und ehrerbietig; und ging damit alsofort von dannen.

Nach Vergehung einiger Tage / wollte dieser Pater eine Predigt thun; suchte derwegen / damit er seinen geschriebenē Auffsatz desto unverhinderter der Gedächtnis einpflantzen könnte / und ihn niemand in seiner Meditation verstöhrte / die Einsamkeit. Da erblickte er dieselbe Jungfrau abermal / und zwar in einer Sommerlauben / (oder auf einem Gange) mit auffgelöseten / und ums Gesicht herum hangenden /Haar-Locken: welche sie / mit sonderbarem Fleiß /kämmete; aber / nach gleichsam unversehener Ersehung deß Paters / alsofort hinterwerts / auff den Rücken / zurück warff / und sich zu erkennen gab.

Er / der gar ernsthaffter Natur / und allezeit [94] für einen eifrigen Mann geachtet worden / gab ihr einen Verweis / mit diesen Straff-Worten: Ey! Es schickt sich nicht / daß man am Sonntage / gar zu viel / auff das schmücken und putzen / dencke: Besser /man bereite die Seel / zur Anhörung Göttliches Worts / durch ein andächtiges Gebet! Sie that / als begehrte sie ihm zu gehorchen; verbarg stracks den Kamm / legte die Hand auff den Mund / neigte das Haupt gantz ehrerbietiglich / und ging damit hinweg.

Er stieg hernach hinunter / und begab sich / aus dem Schloß / nach der Kirchen / welche gantz von weissem Marmel erbaut ist; verrichtete daselbst den Gottesdienft / und legte die Predigt ab. Es gefiel ihm aber nicht / daß / ob er gleich / überall in der Kirchen / die Augen herum gehn ließ / ihm doch besagte edle Jungfrau nirgends zu Gesicht kommen wollte: gedachte / sie mögte etwan / zur Römischen Religion /keine Lust tragen / oder sonst / die Kirchen offt zu besuchen / nicht gewohnt seyn. Darum / als er wiederum auffs Schloß kam / klagte er darüber / bey dem Schloß-Hauptmann / daß die Haus- und Hof-Genossen / welche Andren billig / mit gutem Exempel /leuchten sollten / selbst davon blieben. Der Hauptmann (oder Commendant) fragte / was das für eine Jungfrau dann wäre / die er so verklagte? was sie für Gestalt und Kleidung / und wo er sie vorhin gesehn hette?

Da kams heraus / daß das jungfräuliche Gespenst /welches / von undencklicher Zeit hero / im Schloß /herum geht / sich diesem Pater zu Gesicht gestellet /und denselben betrogen. Also muste er [95] seinen Unwillen fahren lassen / und deß Handels lachen. 1

Diese seltsame Begegnung hat er / in seinem Alter /dem vor-benamten Pater Balbino, selber erzehlt: aus dem ich sie allhie dem geneigten Leser mitgetheilt. Und diß ist dieselbige Jungfrau von Perenstein / welche vormals einen frechen und versoffenen Soldaten /der mit ihr löffeln wollen / todt gedruckt: wie / am andren Ort / von mir / in diesem Werck / berichtet wird. 2

Fußnoten

1 Referente supra laudato Authore p. 192. lib. 3.

2 Unter dem Titel der einbüssenden Vermessenheit.

15. Die entdeckte Nachtmär

XV.

Die entdeckte Nachtmär.

Die Einbildung betriegt offt / im Wachen; doch noch viel öffter im Schlaff und Traum / und zwar viel härter / bey denen Melan / cholischen oder schwer-blutigen Leuten: Denn das Temperament deß Geblüts gebiert sonderlich hiebey sehr unterschiedene Würckungen / und macht / nebst der verletzten Phantasey / dem Menschen allerley abentheuerliche Händel vorstellig /so nicht alle zu erzehlen seynd: also gar / daß sie / im Traum / ihr stärckstes Vermögen zum täuschen übet; bevorab in einem solchen Traum / der von einer gewissen Kranckheit / oder kräncklichen / und übelgemässigten / Leibes-Beschaffenheit entstehet. Welcher Art Träume gemeinlich / die gantze Nacht durch / den Menschen / mit falscher Einbildung / verstricken / [96] das Gemüt hefftig verwirren und bestürtzen / auch die Sinngeister dermassen angreiffen und bewegen / daß /obschon alle Vorstellungen solcher Träume falsch und eitel / sie dennoch den Menschen nicht weniger bewegen / einnehmen / und bereden / als ob es warhaffte und würckliche Begebenheiten wären.

Aus dieser Ursach pflegt Mancher / nachdem er eingeschlaffen / meynen / er wache / und erblicke gewisse wüste Bilder / die auf ihn anfallen. Und dahin gehört auch / was man insgemein von dem Alp / oder von der Nachtmähr / schwätzet / so auf den Schlaffenden fallen soll / wie eine schwere Last / und ihn dermassen hart beladen / daß ihm darüber gar bange werde / und er darunter schier ersticken müsse: da doch solches / von einem dicken / groben Dunst / herrührt / welcher theils den Gang der Sinngeister (Spirituum animalium) sperret / theils / durch seine gröbliche Substantz / die Kräffte beschwert / und so hart bedruckt / daß Einer gar beschwerlich dafür Odem ziehen und Lufft schöpffen kann.

Indem nun ein solcher grober Dunst auch der Seelen sich / als wie ein Nebel / præsentirt / und vorschwebet / erscheinen derselben allerley Phantaseyen /Bildnissen / und gleichsam Gespenster: bevorab den Melancholischen / das ist denen / die Noth von der Galle haben; und den Knaben. Etliche Medici, alsForestus und Hollerius, nennens das Nacht-Fräischlein / oder / mit dem Galeno, das kleine Fräischlein. Wie es dann / aufs wenigste / bißweilen ein Vorspiel deß rechten Fräischleins ist: daran / nach Sysimachi Bericht / [97] zu Rom / in einem Jahr / gar viel kleine Knaben gestorben. Welches doch gleichwol auch nicht allemal darauf erfolgt: immassen Manche darüber klagen / wie sie / zu Nachts / gedruckt / und geängstet werden; doch darum hernach / von keinem Fräischlein / oder bösen Kranckheit / angegriffen wer den.

In Ober-Teutschland / sprechen die gemeine Leute /wann sie / bey schlaffender Nacht / dergleichen Beschwer empfunden / Es hat mich die Trude gedruckt! Geben also einer Hexen die Schuld / in Meynung / selbige sey auf sie gefallen / und ihnen so überlästig gewest / daß sie schier erdruckt wären.

Ob nun zwar diß insgemein eine natürliche Kranckheit: kann man doch gleichwol nicht leugnen /daß der Satan / welcher gern / zu der Melancholey /ins Bad gehet / wie man zu reden pflegt / sich nicht bißweilen solte mit einmengen / und entweder den Leuten solche Hertzens-Bangigkeit unnatürlich vergrössern / oder auch / unter währendem solchem Bedruck / so wol den Manns- als Weibs-Bildern eine geile Empfindung eindrucken / und eine Lust / der Geilheit weiter zu pflegen / erwecken.

Die Heiden hat der Teufel / ohne Zweifel / offt also vexirt und bethört. Deßwegen nennet Plinius 1 den Druck deß Alps Malum dæmoniacum, und Faunorum in quiete ludibrium.

Es giebt aber / leider! die Erfahrung / daß auch manchen Christen / noch heutiges Tages / auf Göttliches Zulassen / im Schlaffe dergleichen begegne:[98] darum erfahrne Medici den Alp / oder die Nachtmär /in natür- und unnatürliche / unterscheiden / und solches / durch Exempel / beglauben. Worunter insonderheit dieses denckwürdig und fast lächerlich scheinet / welches man / beym D. König 2 und Freudio 3 lieset.

Ein gewisser Rechtsgelehrter lag / in einer berühmten Reichs-Stadt / im offentlichem Wirthshause / und zehrte auf seinen Kosten; ein wolgefärbter lebhaffter Mann / der nicht allein seines fürnehmen Geschlechts / sondern auch wolberedten Munds / zier- und manierlichen Wesens halben / bey jedermann gar beliebt /aber ledig und unbeehlicht war. Derselbe ward schier / alle Nächte / angefochten / und mit diesem Ubel /fast biß auf den Tod / geplagt / ja an Kräfften schier gäntzlich erschöpfft / und gantz gefährlich geschwächt.

Er suchte Raht dawider / bey den Aertzten / und brauchte gar fleissig / was sie ihm verschrieben; aber vergeblich / und ohne Frucht. Indessen hielt die nächtliche Bedruckung immerfort an / mattete den frommen Mann je länger je mehr ab / und mergelte ihn gantz aus.

Endlich kommt ein Landfahrer zu ihm / und giebt ihm den Raht: wann der Druck aufgehört / solle er stillschweigends aufstehen vom Bette / und in ein Glas sein Wasser abschlagen / hernach das Glas / mit einem Pergament / überall wol verbinden / und in eine versperrte oder verschlossene Truhen hinsetzen / alsdann erwarten / was / nachgehenden Tags / drauf würde erfolgen.

[99] Der Jurist gehorcht dem Marckschreyer / und nachdem er / von dem gewöhnlich-verdrießlichem Gast /abermal über alle Masse abgemattet worden / thut er /wie man ihn unterwiesen / unterlässt nichts von allen dem / was ihn der Landfahrer gelehrt. Darauf erscheinet / folgenden Tags / um neun Uhr / vor ihm / eine alte / Runtzeln-volle Vettel: welche / in Gegenwart seiner / und seines Rahtgebers / deß Landfahrers / mit vielen Threnen bittet / er solle doch das Trühlein aufsperren / und das vermachte Glas ausschütten: im Widrigen / würde sie / wegen Verhaltens ihres Wassers / das Leben einbüssen.

Solches wollte er nicht thun; sondern schändete sie hefftig aus / und verzoch eine gantze Stunde / ehe dann er ihr Hülffe widerfahren ließ. Weil sie aber /mit weinen und flehen / demütig anhielt; ließ er sich erbitten / und bewegen / die Truhe zu öffnen / und goß das Glas aus.

Gleich darauf fing sie an / zusehens aller Anwesenden / ihr Wasser zu lassen / welches / langst der gantzen Gassen / biß an ihr Haus / von ihr lieff.

Und also hat man erkannt / daß sie eine Hexe wäre / und dem Rechtsgelehrten bißhero solche Plage angethan hette. Denn / von selbiger Zeit an / ist er gleich gesund / und von dergleichen Druck weiter nicht beschwert / noch entkräfftet worden.

Dieser Rechtsgelehrter hat aber / wie fromm und christlich er gleich / von dem ersten Verzeichner dieser Geschicht / wird ausgegeben / gleichwol gar sündlich hieran gehandelt / daß er dem abergläubischem[100] Raht deß Landfahrers gefolgt: und erscheinet hieraus /er müsse / in einem würcklichen Christenthum / noch ziemlich seicht gewesen seyn: sintemal er sonst sein Vertrauen vielmehr auf GOtt / und ein eyfrig-anhaltendes Gebet / weder auf ein so verwerffliches / und aus deß Satans Artzney-Kunst entsprungenes / Mittel / gesetzt hette.

Ein Gleiches erzehlt Doctor Frommannus, welches / wie er berichtet / in seinem Vaterlande / ruch- und kundbar worden: nemlich / daß Einer / den gleichfalls der Alp / oder die Nachtmär / gedruckt / eben dergleichen / von Jemanden erlernetes / Mittel vorgenommen / sein / nach erlittenem Druck / aufgefangenes Nacht-Wasser / bey der Nacht / in ein Glas gethan / und drey Tage lang fleissigst verwahrt habe. Nach deren Verfliessung / die Magd zu dem Mann gekommen / und gebeten / daß er doch das Glas wider den Boden werffen wollte. Dessen derselbe sich anfänglich zwar geweigert / doch endlich sie erhört hat / auf ihr ernstliches Angeloben / daß sie ihm weiter nicht beschwer-noch schädlich fallen wollte.

Da er nun das Glas aus der Hand geworffen / und zertrümmert; hat die Hexe / noch unverrucktes Fusses / einen gantzen Strudel oder Fluß Wassers von sich geströmt / und ihren so lange bißhero zusammgespahrten nassen Schatz / auf ein Mal / ausgeschüttet. Ist aber nachmals / nachdem sie reiff zur Straffe gewest / zum Scheiterhauffen verdammt worden / da dergleichen Schwestern hingehören. 4

[101] Weil aber dergleichen Herbeyziehung der Truden nicht natürlich / noch durch solche Einfaß- und Versperrung deß Nacht-Wassers eigendlich geschicht; sondern durch deß Satans Würckung / der die Hexe also / mit Aufhalt- und Hemmung ihres Wassers / alsdann tribulirt: steht leichtlich zu erachten / daß solche Befreyung von dem Alp-Druck / durch eine stille und eingewickelte Bündniß (per pactum implicitum) mit dem Teufel ausgewircket / solchem nach von keinem wahren Christen / auf diese Weise / gesucht werde. So ist es auch manches Mal nicht eben die Hexe selbst /sondern der Satan / welcher / in ihrer Gestalt / erscheint: darüber gar leicht manche unschüldig ins Geschrey und Verhafft / welches der Satan offt sucht /fallen könnte. Wie ich mich dann eines denckwürdigen Exempels erinnere / welches / bey meiner Jünglings-Zeit / vorgegangen / und ich in meinen / vor ein und zwantzig Jahren herausgegebenen / Monats-Unterredungen (wo mir recht / in derjenigen / welche die alleredelste Rache titulirt wird) beschrieben habe: daraus man erkennet / daß nicht alle Mal solche Hexen selbst / sondern vielmals auch wol der Satan /in ihrer Gestalt / sich einstelle / und um Beyseit-thuung deß Zwang-Mittels anhält. Welches Exempel /weil es zu Franckfurt / in benannter Unterredung /sehr falsch gedruckt worden / ich gleich nechst dieser entdeckten Nachtmähr / erzehlen will; allhie aber noch beyfügen muß / was Heurnius, in seiner Schrifft von den Kranckheiten deß Haupts / erzehlet / und noch ein Andres / so unlängst in diesen Jahren etlichen Personen begegnet ist.

[102] Ich erinnere mich / schreibt er / daß / als ich noch ein kleiner Knabe war / ich / neben einer gar erbarn und tugendhafften Matron / schlieff. Indem dieselbe einsmals im Schlaffe lag / erblickte ich einen schwartzen Kerl / der sich über sie auf das Deckbett zu legen schien. Deß Morgens /klagte sie / der Alp hette sie befallen. Ich / ob ich schon nur ein Knabe war / durffte ihr doch / von solchem schwartzem Kerl / nichts sagen: weil er mich bedrauet hatte / woferrn ich etwas davon ausschwätzen würde. 5

Endlich ist mir auch ein Exempel jetziger Zeit bekandt / von zwo Jungfrauen; welche / weil sie Schwestern / und von ihren Eltern eine geringe Verlassenschafft genossen / sich / mit einer künstlichen Hand-Arbeit / in einer bestandenen Zinswohnung / bey ehrlichen Leuten / ehrlich und züchtig / fortbringen / in einer gewissen ansehnlichen Stadt / welche hiebey zu nennen unvonnöthen. Dieselbe haben etliche Jahre solchen Zins bewohnt / in einem solchen Hause / da es unheimlich / das ist / vom Gespenst nicht allerdings rein seyn soll: weil sie / bey ihrem Einzuge /nichts davon gewusst. Allda ist sehr offt / und / in mancher Wochen / wol drey oder vier Mal / zu Nachts / etwas auf sie gefallen / so bald sie sich nur zu Bette gelegt / und hat ihnen einen solchen Druck gegeben /als ob sie / mit einer überaus schweren Bürde belastet würden: so daß / vor Angst und Bangigkeit besorgender Erstickung / Eine der Andren kein Wort zureden /noch um Hülffe schreyen können.

[103] Solches ist ihnen nicht nur im Schlaffe / sondern auch / und zwar mehrentheils / im Wachen / begegnet. Ja! sie haben es vielmals auch gesehen / zumal beym Mondschein / zu ihnen kommen / wie ein düsteres Schatten-Bild: da sichs denn gleich / zu ihnen / auf das Deckbette geworffen. Massen sie erstlich durch eine andre glaubwürdige Person / hernach auch selbst solches einem / mir wolbekandtem gutem Freunde /unterschiedliche Mal geklagt / und um seine Meynung ihn ersucht / wie dem Ubel am besten abzuhelffen seyn mögte.

Derselbe vermeynte zwar anfänglich / ihre falsche Einbildung mahlte ihnen nur ein solches Schatten-Bild vor / indem ihr selbsteigenes schweres Geblüt ihnen die Gleichheit einer überfallenden Bürde ertichtete: Derhalben sein Raht dieser war / daß sie einen verständigen Medicum, um eine Correction deß Geblüts / begrüssen sollten. Weil sie aber / ausser diesem Schrecken / sonst seithero gesund / dazu zu keiner Melancholey geneigt / sondern vielmehr blutreicher Natur sich befunden hatten: wollte ihnen solches nicht eingehen / daß es nur eine Täuscherey der Einbildung wäre: zumal weil auch ein und andres Artzney-Mittel / so ihnen allbereit etliche Medici dawider verschieben / nichts geholffen.

Uberdas klagten sie / daß / bey Nacht nicht allein /sondern auch bey liechtem Tage / so wol in ihrem Schlaff-Gemach / als in den übrigen Wohn-Zimmern /sich ein furchtsames Gepolter / fast täglich / erhübe. So hette sich auch / indem sie die Stegen hinab- oder hinauf gehen wollen / ein schwartzer / langer / häßlicher Mann zur Seiten [104] hingestellt: Welcher bißweilen ihnen nachgegangen / indem sie aus der Küchen nach der Stuben gewollt: Und solches hette so wol die Eine / im Rückschau / als die andre / welche hinter ihr / in der Küchen / stehn geblieben / in der Mittags-Stunde /erblickt. Zudem wäre unlängst / in Gegenwart einer gewissen Person / bey hellem Tage / ein solches rasseln / poltern / und werffen / in der Stuben / entstanden / daß dieselbige / solches gespenstischen Getösses annoch ungewohnte / Person / mit einem vor der Stirn ausbrechendem Schweiß / ihre Angst gungsam angezeigt / und bey ihnen / so lange sie dieses Zimmer bewohnten / einzukehren verredet hette.

Weil nun ihr darüber zuletzt ziemlich-erblassendes / und je länger je mehr abnehmendes Angesicht / mit der Zeit / über so vielfältige Angst und Erschreckung / eine elende Gestalt gewann / und also ihrer offt-wiederholten Klage einen glaubhafften Schein gab: sagte der gute Freund / sie solltens ihrem Beichtvater anzeigen / und sich bey ihm Rahts erholen. Ihre Antwort war / daß sie solches schon etliche Mal gethan / und derselbe ihnen das liebe Gebet reeommendirt hette; das Ubel aber dennoch nicht aufhören wollte.

Da ermahnte sie der Freund / sie sollten ausziehen /und einen andren Zins bestehen. Und als sie zur Entschüldigung einwendeten / daß sie / wigtiger Ursachen und Hindernissen wegen / noch unterm halben Jahr / solche Zins-Wohnung nicht verlassen könnten /auch der Hauswirth / ein reicher wolhabender Mann /sie mit gerichtlicher Verklagung bedrauete / falls sie /durch frühzeitigen Auszug / ihm sein Haus verschreyt machen würden / und ohne [105] dem den / noch lange nicht verwohnten / Zins völlig wollte entrichtet wissen: rieth er ihnen / sie sollten den Teufel verachten / und ihm weh thun / mit geistlichen Lobgesängen / auch zu Nachts / von seinem Fall / verschertzten englischen Hoheit / und künfftiger Verurtheilung / miteinander reden / dazu auch seiner spotten / mit Vermeldung / in was für einen verächtlichen Stand er sich gesetzt; wie thörichte Händel er triebe / daß er / gleich einem Fatznarren / Gauckler / und Possenspieler / handelte / und / wie ein Jean Potage, agirte; doch aber stets dabey sich / mit festem Vertrauen / an GOtt halten / und gedencken / daß / ohn dessen Verhengniß / ihnen kein Härlein vom Haupt fallen könnte: Wann sich dann ein Gepolter hören liesse / sollten sie / zum Teufel / sprechen: Polter immerhin / biß du müde wirst: dir zu Gefallen / ziehet man nicht / vor der Zeit / aus; und darauf ein gläubigs Schutz- und Trutz-Lied / von GOttes Bewahrung / singen / auch zum offtern ihn hören lassen / was er / ohn GOttes Erlaubniß / für ein ohnmächtiger Teufel sey / der als ein ob gleich grimmiger und gebissiger / doch gleichwol aber angelegter Ketten-Hund / nicht weiter reichen könne / als die ihm anhafftende Kette deß Göttlichen Verhengnisses verstatte / auch am Ende der Welt / für diese seine phantastische Verunruhigung / und boshaffte Schrecken /und Gauckel-Possen / ein böses Trinckgeld zu gewarten habe.

Allein der offtermalige Schreck hatte ihnen den Mut dermassen schon geschwächt / daß sie bekannten / es mangle ihnen das Hertz / dergleichen Trutz dem Satan zu bieten / aus Befahrung eines [106] Unglücks. Darauf der Freund versetzte / daß kein rechtgläubiger /und mit einem guten Gebet beharnischter / Trutz /sondern eher die zaghaffte Furcht und Blödigkeit den Teufel trutziger und gewaltiger machte; ja! daß eine solche mißtrauige Furcht / welche Christen nicht gezieme / eben das rechte Nest gleichsam und Luder sey / darinn der Satan / mit seinen gespenstischen Larven und Gauckeleyen / sich am liebsten auf hielte und verweilte.

Es hat doch hierauf / nachdem sie mit ernstlichem Gebet / und Gesange / täglich angehalten / gleichwol die Plage samt der gespenstischen Erscheinung etwas nachgelassen / auch das Gepolter so gar offt sich nicht mehr hören lassen; ohn allein wenig Tage / vor ihrem / nach einem halben Jahr erfolgtem / Auszuge: da sich nicht allein das poltern und werffen von Neuem erhebt / und Etwas die Stiegen auf- und abgerauschet /sondern auch das Gespenst wieder erschienen; gleich als obs ihnen hiemit die Letze spendiren wollte.

Nachdem sie aber / in eine andre Wohnung / gekommen; seynd sie / von dem an / alles solches Ungemachs und Beschwers / gäntzlich befreyt blieben.

Woraus abzunehmen / daß kein schweres Geblüt /noch betriegliche Einbildung / sie vorhin gedruckt.

Fußnoten

1 lib. 25. c. 4.

2 In Heptad. Cas. Consc. Miscell. cap. 2.

3 Quæst. 79.

4 D. Frommann. lib. 3. de Fascinat. Magica, parte X. Sect. 2. c. 5. p.m. 996.

5 Heurnius Tract. de Morb. Capitis, cap. 30.

16. Das herbeygehexte Hexen-Gespenst

[107] XVI.

Das herbeygehexte Hexen-Gespenst.

Ob schon die abergläubige Wasser-Probe vieler Orten noch im Gebrauch ist: wird sie doch / von allen gewissenhafften Rechtslehrern / verworffen: weil sie nicht allein ungewiß und betrieglich ist; sondern auch abergläubig / und durch solche Scharffrichter erfunden / oder beglaubt / die sich verboten er Künste verdächtig gemacht. Ich könnte auch manches Exempel vorstellen / zu beweisen / daß manche unschuldige Personen dadurch an Ehre und Blut gefährt / ja gar schier auff den Scheiterhauffen gekommen wären; so man nicht endlich den Betrug / welchen manche boshaffte Hencker hierbey zu spielen wissen / entdeckt hette: aber diese Weitschweissigkeit würde uns nur zu lange / von vorgesetzter Haupt-Erzehlung / aufhalten.

Noch viel weniger lassen redliche Rechtsgelehrte /Richter und Schöpffen zu / daß eine Hexerey / durch die andre / entdeckt / oder deß Teufels Aussage durch die Wahrsager / oder auch die / durch aberglaubige Mittel verschaffte / Erscheinung solcher Weiber / welche man / wegen eines empfangenen Schadens / es sey an Menschen / oder Vieh / in starcken Verdacht hat /vor Gericht einer rechtlichen Erweiß- und Anzeigung ähnlich geachtet werde.

Nichts destoweniger wird doch noch / bey manchen ungelehrten Gerichten / darauf gesehen; [108] zumal auff die Wasser-Probe: als wie auch / meines vollkommenen Erinnerns / ungefähr vor 40 Jahren geschehen zuN.N. da sich ein Mann unterstanden / auff einen solchen hoch-verdammlichen und verfluchten Beweis /eine Person anzuklagen / und das unverständige Gericht dieselbe darauff in Verhafft / und zur scharffen Pein-Frage gezogen.

Einem Bürgersmann daselbst fiel sein Pferd / bey Nacht / plötzlich um / und verreckte: darauf ging er hin zum Scharffrichter / und erholte sich Raths bey demselben / wie er doch die Teufels-Hexe erfahren möchte / welche ihm sein gutes Roß hette umgebracht. Dieser Lehrmeister sagte / er sollte einen Hafen mit Fleisch zum Feuer setzen / und das Fleisch mit etwas / das ich nicht gantz ausschreibe / bestechen: Alsdenn müsste die Trude kommen / und bitten / daß er den Topff mit dem Fleisch vom Feuer wegthäte: Also könnte er sie dann wol ins Gesicht fassen /und kennen.

Jener gehorcht solchem Raht / und bringt um Mitternacht (wie dann alle solche Händel von der Nacht /und keinen Kindern deß Liechts anständig / seynd) das Fleisch zum Feuer. Indem solches anhebt zu sieden / kommt eine alte erbare verwittibte Matron / von ungefähr 70. Jahren / daher geschlichen; bittet / der Mann wolle den Topff mit dem Fleisch vom Feuer abnehmen; sie aber werde schon das Pferd zahlen / und ihm also den Schaden ersetzen.

Er / der nicht anderst sich einbildete / als die wahre leibhaffte Person / vor sich zu sehen / die er sehr wol kannte / kunnte sich nicht gnug verwundern / [109] daß eine solche Frau / so der Fürnehmsten eine in der Stadt /dazu eines äusserlich-frommen Wandels / ehrlichen Gerüchts bey Jedermann / auch in der Kirchen ein Liecht der Andacht und Gottesfurcht / mit Hexerey sich besudelt haben sollte. Sagte derhalben: Ob ich zwar eure Person / liebe Frau / jetzo hier zu sehen /nimmermehr hette vermutet / als von welcher ihm wol Niemand dergleichen Gedancken machen sollte: will ich euch doch nicht mehr quälen; weil ihr mir die Erstattung versprecht. Wann ihr das thut / was ihr versprecht / und mir also meinen Schaden gut macht; so geht mich hernach eure Sache weiter nichts an; und begehre euch keine Ungelegenheit zu machen. Ich muß 40 Reichsthaler / für mein Pferd haben: Und wann ihr mir die morgen gebt; so habe ich schon ein Maul / das schweigen kann. Sie versichert / ihn / folgenden Tags / zu vergnügen: er solle doch nur aber /gleich alsofort / den Hafen vom Feuer wegräumen. Welches er thut.

Nachdem der Morgen angebrochen / kam der Mann zu ihr ins Haus / und begehrte das versprochene Geld.

Sie ließ sich sein Anbringen höchlich befremden; nahm es auff / für eine grobe Schmach / Ehren-rührige Verleumdung / und Beschimpffung / daß er das Hertz genommen / nicht allein zu ihr ins Haus herein zu platzen / sondern noch dazu eines solchen Handels sie zu zeihen / für dergleichen sie GOtt in allen Gnaden sollte behüten. Alles Hausgesinde / sagte Sie / könnte ihr zeugen / daß sie keinen Tritt über ihre Thür-Schwellen gethan. Daneben ließ sie sich bedraulich vernehmen / er sollte / von dergleichem [110] Handel / ihr nur nicht zwey Mal sagen / und sehen / womit er umginge; oder man würde ihm / durch Gericht und Recht / die Augen dermassen öffnen / daß ihns gereuen müsste: Sie sey ein redliches Weib: GOtt solle sie /für solchen Künsten bewahren; er aber sich zum Hause hinaus trollen / oder sie werde zur Obrigkeit schicken / und ihn zur Straffe ziehen lassen.

Er / dem das nächtliche Bild noch immer gleichsam vor Augen stund / wollte sich damit nicht abweisen /noch wegschrecken lassen; sondern protestirte / im fall Sie ihn nicht bezahlte / so müsste er es anderst suchen; wiewol ihm / mit ihrem Blut / nicht gedient wäre; entstünde Weitläufftigkeit / und eine / ihrem Leben schädliche / Flamme daraus / so wollte er entschüldigt seyn.

Aber Sie gab nichts darauff; sondern schändete ihn / mit Bedrohung deß Gerichts / zum Hause hinaus.

Also ging er voller Zorn und Ungedult / graden Wegs / dem Stadt-Gericht zu; klagte / nebst Erzehlung deß gantzen Verlauffs / die Frau an / als eine Hexe / und Erwürgerinn seines Pferdes.

Die Schöpffen deß Land-Städleins waren solche Leute / welche sich besser auff den Feld-Bau / als auff einen so schweren Hexen-Proceß / verstunden; doch gleichwol / in ihrer Einbildung / verständig genug /ein peinliches Hals-Gericht zu halten / über eine Frau / deren verstorbener Mann ehedessen der Fürnehmste unter ihnen gewest war. Daher sie sich auch viel zu klug beduncken liessen / als daß sie einen wolgegründeten Rechts-Gelehrten hetten zu Raht ziehen sollen; wie sonst noch wol [111] andre kleine Städte / in dergleichen Fällen / zuthun pflegen: sondern liessen / auf dieses Anbringen deß Klägers / und dessen schönen Beweis / zur Stunde die Frau (deren Namen ich / so wol / als den Ort / um der Nachkömmlingen willen /verschweige) gefänglich einziehen / auch / weil sie durchaus nichts gestehen wollen / auffs Wasser werffen; fester Einbildung / solche Wasser-Probe sey ein unbetrieglicher Spiegel / darinn man richtig erkennen könne / welche eine oder keine Trude sey: Wie man denn dafür hält / daß die Unschüldigen zu Grunde gehn / die Schuldigen aber oben schwimmen.

Wo ich mich in diesem Stuck / sonst noch recht erinnere / so ist Sie / das erste Mal / auff den Grund gesuncken; das andre Mal aber / oben geblieben: und das galt diesen erbaren Schöpffen so viel / als ob der perfecteste Jurist erwiesen hätte / das Weib wäre eine Zauberinn: also / daß man nicht ungeschickt sagen mögte / diese Leute hetten ihr Urtheil / aus dem Wasser / geschöpfft.

Inzwischen wird diese Verfahrung / auf ihr Begehren / von etlichen Freunden / ihrem in einer fürnehmen Reichsstadt damals / lebendem / Eydam zugeschrieben: welcher nicht allein / von seinem Handel /ehrlich bemittelt / sondern auch / von der Alten /überdas noch eines ziemlichen Erbes gewärtig war. Derselbe macht sich eilends auff / mit einem grundgelehrten und treflich wol practicirtem Juristen (welchen ich gleichfalls gekandt / und nicht allein aus seinem Discurs / sondern auch aus denen mir damals zum durchlesen communicirten schrifftlichen Acten / deß gantzen [112] Verlauffs unterrichtet bin) und hält / bey dem Raht deß Städleins / an / man wolle doch / in der Sache / fein ordentlich gehen; würde alsdann seine Schwieger / nach rechtmässiger Behandlung / und gerichtlicher Erörterung der Sachen / eine Hexe erfunden / so wollte er selber den Holtzstoß dazu spendiren.

Sie wollten sich aber nicht weisen lassen; beriessen sich / auff ihre Wasser-Probe / bey welcher sie wäre zu leicht erfunden / und oben geblieben.

Der Sachwalter widerlegte ihnen diesen falschen Wahn; sagte / das solche Probe weder Christlich /noch in den Keyserlichen Rechten passirlich / noch an sich selbst gewiß; sondern betrieglich / falsch / und abergläubig.

Er erzehlte dabey ein Exempel / welches er selbst hette erfahren / da er vorhin / unter einem gewissen Hertzog / bey einem Hexen-Proceß / in dem peinlichem Halsgericht verordneter Præsident gewest: Allwo man / bevor der Hertzog ihn zum Præsidenten /in selbiger Sache / gedeputirt / gleichfalls eine vermeynte Trude / mit der Wasser-Probe / examinirt /und aus ihrem Oben-schwimmen geschlossen hette /sie müsste warhafftig eine Hexe seyn: Welches Bauren-Weib / nach seiner Ankunfft / über Gewalt und Unrecht geklagt / und mit Threnen zu GOtt geruffen /Er wollte doch ihre Unschuld retten. Weßwegen er die Frau hernach gantz allein ein Mal verhört / und /unter andern / ihr die geschehene Wasser-Probe (ob er gleich selber nichts darauff hielt) vorgehalten / um nur dadurch eine Bekenntniß von ihr heraus zu locken:[113] Worauff die Frau geantwortet / der Scharffrichter wäre ein loser Schelm / hette sie so seltzam gebunden / und am Seil selber auffgehalten / daß sie nicht zu Grunde sincken können: Worauff er / auff inständigste Bitte der Beysitzer / zugelassen / daß man das Weib mögte / ohne Behaltung deß Seils / hinein werffen; wiewol mit Protestation / daß es dennoch für keine Probe angenommen werden sollte: Da das Weib gleich zu Grunde gegangen: wiewol / aus einem gegenwärtigen Nachen / alsofort wieder herauf gezogen worden: Nachdem also selbige Probe / durch Wiederholung derselben / betrieglich geschienen / hette er /gerichtlicher Ordnung nach / die Sache untersuchen lassen / mit gantzem Ernst: Da dann endlich nichts anders / als ein falscher Argwohn / sich entdeckt hette / und man das Weib loß gesprochen: welches ohne Zweiffel unschüldig wäre zu Feuer gekommen / so man der falschen Wasser-Probe nachgehn wollen.

Aber sie verachteten das Alles; wollte ihnen durchaus nichts einreden / noch ihr Wasser-Examen verwerffen lassen; sondern eilten alsofort / mit der Gefangeninn / an die Folter; liessen hingegen den Kerl /welcher den Hafen zum Feuer gesetzt / samt seinem Rathgeber / dem Scharffrichter / ohn einigen Verweis / passiren.

Ob derselbige / oder ein fremder Scharffrichter / die strenge Frage verrichtet habe / ist mir entfallen; so viel aber noch bewusst / daß Sie / nach zweyen Zügen / sich endlich für eine Trude bekennt / doch / gleich nach der Peinigung / wiederruffen / und protestirt habe / ihre Bekenntniß sey falsch / und durch den unleidlichen Schmertzen erzwungen.

[114] Hierauf ließ man sie / durch einen Geistlichen deß Orts / ermahnen / mit einer freywilligen Bekenntniß heraus zu gehn / und sich von dem Satan loß zu wircken: Damit nicht etwan / beh der dritten / ihr annoch bevorstehenden / Folterung / ihr / als einer vorhin /Alters halben / fast kräfftlosen Frauen / die Seele / vor der Versöhnung mit GOtt / von der zeitlichen in die ewige Pein führe. Da soll sie / wie der Sachwalter /und auch ihr Eydam / erzehlten / anfänglich / gegen diesem Geistlichen / der Zauberey-Zeihung / hart widersprochen / und geklagt haben / die grosse Marter hette sie überwunden / und zu einer falschen Aussage genöthigt; der Geistliche aber demnechst / mit scharffer Bedrauung / in sie gesetzt haben / woferrn sie nicht bald bekennete / würde ihr Meister Hanns bald wieder auf die Haut kommen / und ihr die Zunge lösen: Worauff sie endlich gestanden / das Pferd umgebracht zu haben; aber hernach ihrem Eydam / als derselbe sie / nach erhaltener Erlaubniß / in Beyseyn etlicher dazu verordneter Personen / besucht / und gleichfalls darum gefragt / ein gantz Widriges angezeigt. Und wie dieser ihr beweglich zu geredt / sie sollte ihn doch nicht in vergebliche Unkosten / noch ihre Seele / durch Hinterhaltung der Warheit / in die ewige Verdammniß / führen; sondern / GOtt zu Ehren / und ihrer armen Seelen / zur Erhaltung / mit der reinen Warheit heraus gehn; hat sie ihm geantwortet: Sie wolle sich lieber lassen brennen / und sterben / weder noch ein Mal so grausamliche Pein leiden: welches ihr widerfahren würde / wann sie auff ihrer Unschuld beharrete.

Hierauff reiset ihr Eydam / samt seinem Advocaten / [115] hin / zu dem Ober-Amtmann / der ein fürnehmer hoch-angesehener von Adel und Ritter / und bey seinem Könige in hohen Gnaden war; beschwert sich /gegen demselben / über das unordentliche Verfahren deß Stadt-Gerichts / und supplicirt um ein Inhibitorial / daß das Gericht möge einhalten / biß man vor die Sache recht untersuche / und nach Ausweisung so wol der peinlichen Hals-Gerichts-Ordnung / als auch den beschriebenen Rechts-belehrungen verständiger und berühmter Rechtsgelehrten / behandle.

Der Ober-Amtmann / so den Advocaten / als einen guten und grundgelehrten Juristen / der ihm sehr wol bekandt / hoch und werth achtete / verhieß / den Fortgang zu hemmen; ließ auch würcklich / an das Stadt-Gericht / einen Befehl schrifftlich ergehen: Welchen der Eydam deß Weibes selber insinuirte / und hernach wieder heim zoch / an den Ort seiner Behausung / als welcher nur 5 oder 6 Meilen von dannen; der eingebildten Hoffnung / der Proceß sollte / von nun an / anders eingerichtet werden.

Er war aber kaum hinweg / da würckten sie / bey dem Ober-Amtmann / so viel aus / durch desselben Secretar / (welcher / wie verlauten wollte / von ihnen beschenckt worden) daß er ihnen / welche sich höchlich damit beschimpfft achteten / wann man / besorgter Massen / die Sache von ihnen ab an das Königliche Land-Gericht ziehen sollte / die gerichtliche Verfahrung wieder loß gab; jedoch mit diesem Vorbehalt / daß sie nicht sollten zur Execution schreiten / bevor er / von der Sache / weitern Unterricht eingenommen hette.

[116] Weil er aber / gleich folgenden Tages / eine Reise zum Könige thun musste / und also einen fernen Weg ziehen: liessen sie dem Weibe / so lieber das peinliche Urtheil / als die peinliche Folterung / (wie man sagte) ausstehen wollen / den Tod ankündigen / auch alsofort das Heil. Abendmal reichen / und gleich deß dritten Tags / nach deß Ober Amtmanns Abreise / sie / auff dem Scheiterhauffen / lebendig verbrennen.

Der Eydam gab vor / er hette gewisse Nachricht /daß sie unter der Ausführung etliche Mal geprotestirt / ihr geschehe Gewalt und Unrecht / Sie sey unschüldig: Aber ob solches gewiß / kann ich nicht versichern; sondern nur so viel / daß selbige ungelehrte /und grobe Leute solches protestiren / im geringsten nicht angesehn haben würden; wann es gleich würcklich sollte geschehn seyn.

Wie der Ober-Amtmann / bey seiner Ruckkunfft /erfährt / daß das Weib schon in Asche verwandelt sey / erschrickt er nicht wenig; besorgend / es dörffte / am Königlichen Hofe / so ferrn der Eydam das höhere Gericht suchte / ihm einiger Verweis daraus entstehen. Denn es wollte verlauten / daß er / mit etlichen Edelleuten / sich damals eben lustig gemacht / als das Stadt-Gericht um Relaxirung deß Processes gebeten: weßwegen ihn / bey nüchternem Mut / gereuet / was er bey berauschtem / durch deß Secretars Antrieb /verwilligt hette: Welches ich aber / gleichfall nicht verbürge; sondern allein dieses / daß er sehr darob erschrocken; als der Advocat ihm solches verwiesen. Doch / weil es ein Mal geschehen / und seine Reputation dabey interessirt war; hat er sich hernach deß Stadt-Gerichts [117] angenommen / als solches / von dem Eydam der Verbrannten angefochten worden.

Dieser verklagte die Stadt / bey der Königlichen Regierung; deß gäntzlichen Schlusses / alles das Seinige dran zu setzen / daß er die Stadt um den Gerichts-Zwang / und um ihre Freyheit / seine Schwieger aber wiederum in ein ehrliches Gerücht / bringen mögte: ohnangesehn / sie schon veräschert und verraucht war. Bey welchem Fürsatz er auch so fest sich erhärtete / daß ihn deß Ober-Amtmanns leuchtende Authorität / und grosses Ansehn am Königlichen Hofe / nicht schreckte.

Daraus erwuchs ein langer vieljähriger Proceß / der gewaltig viel Geldes fraß: wobey viel vortreffliche Leute / und unter andern ein Königlicher Cantzler /dessen Feder / zu der Zeit / der beruhmtesten und gelehrtesten eine war / zu Gericht gesessen.

Nichts destoweniger verzoch sichs sehr lange / mit dem Beschluß. Denn ob gleich zwey Mal / der Stadt (oder vielmehr / wie man vermutete / dem Ober-Amtmann) zur Gunst / ein Urtheil erging: protestirte doch Kläger dagegen / und erwies / durch seines ersten / inzwischen verstorbenen / Advocatens hinterlassenen sehr geschickten / in Rechten grund-gelehrten / und überaus beredten Sohn / daß man widerrechtlich (contra omnia jura) geurtheilt; widerlegte / vor offentlichem Gericht / gedachten Cantzler / aus seinen eigenen gedruckten Büchern / gantz augenscheinlich. Und als derselbe / sich darüber entfärbend / nichts anders darauff / als dieses sagte: Ey! der Herr ist noch zu jung / solche meine Schrifften anzuziehen! [118] antwortete der unerschrockene junge Advocat / mit einer höflichen Reverentz: Ihre Excellentz verzeihen mir! Sie waren / als sie dieses geschrieben / und in Druck gegeben / nicht älter / als ich jetzo bin.

Hierauff drauete der Cantzler / mit einem Arrest. Aber der Advocat welcher / unter seiner Jurisdiction nicht / sondern aus einer fürnehmen Reichs-Stadt war / ließ sich solches nichts abschrecken; sondern sagte: Wann Ihre Excellentz mich in Arrest nehmen; so versichere ich / Ihre Majestet / der König / welcher ein gerechter Potentat ist / werden bald hiernechst erfahre / daß sein Herr Regierungs-Cantzler zu N.N. mich darum in Arrest genommen / weil ich / aus seinen eigenen Schrifften / und zwar mit behörigem Respect /meine Sache defendire.

Er fuhr folgends fort / aus unterschiedlichen / bewehrten / und ansehnlichen Juristen / deren Schrifften sein Principal / und dessen Diener / auff den Armen hielten / das Urtheil zu widerlegen. Worüber sich besagter Cantzler hefftig alterirte.

Endlich aber sprach der Gerichts-Præsident / so ein fürnehmer Gelehrter von Adel / auch Königlicher Stathalter und diesem Advocaten / seines trefflichen Kopffs halben / gar geneigt war / man sollte nur abtreten / und ein wenig in Gedult stehen. Nachmals ließ er den Advocaten allein zu sich fordern / und versprach ihm / daß das Urtheil von den Acten weg gethan werden sollte: Wie auch geschahe.

Also ging der Handel von Neuem wieder an. [119] Alle Rechts-Vortheile / so zu erdencken / wurden / zu beyden Seiten / gebraucht: darüber sich die Sache / von einem Jahr zum andren / verlängerte: biß der König mit Tode abging / und desselben Printz zur Regierung kam. Dieser untergab die Sache dem gesamten geistlichen Consistorio. Welches endlich (exceptis excipiendis) die / allbereit vor 15 oder 16. Jahren ergangene / Execution gerechtfertigt. Und das war dieses langwierigen hochkostbaren Processes Ende: mit welchem sich auch deß eyfrigen Klägers Vermögen endigte.

Ob nun selbige Geistlichen nach ihrem Gewissen /oder nach Gunst (denn der Oberamtmann war der Ansehnlichsten Einer im Reich) gesprochen; ist mir unbewusst. So viel aber erinnere ich mich noch gar wol /daß hernach ein hauptgelehrter und gewissenhaffterDoctor in Rechten / welcher bey einer fürnehmen Stadt Syndicus (oder Consulent) war / und mit dem verstorbenem älterem Advocaten sehr wol bekannt gewesen / auch den ihm communicirten gantzen Verlauff und Proceß wol eingenommen / auff Befragung /geantwortet: Der Proceß sey / an Seiten deß Städtleins / und Ober-Amtmanns / weder vor GOtt / noch gewissenhafften Rechts-Verständigen / verantwortlich / und aus demselben noch nicht erweißlich gewest / daß das Weib eine Hexe: Derhalben in so weit / was die gerichtliche Verfahrung beträffe / selbige Stadt viel ein andres Urtheil / nemlich den Verlust ihres Gerichts und ihrer Freyheit verdient hette / nach allen Rechten: Man sehe klar genug / daß man / um eine fürnehme Person nicht zu beschimpffen / das Recht so wunderlich gebeugt / und den Ort / mit gebührender [120] Abstraffung / verschont hette: Die Schuld oder Unschuld aber deß Weibs stehe nunmehr / bey der Erkenntniß Göttlichen Gerichts; nachdem mal dieselbe / auf der Welt /nicht gnugsam / den Rechten gemäß / erörtert / und ans Licht gesetzt worden: Der Advocat habe / ohne Verletzung deß Gewissens / bey solcher der Sachen Bewandniß / darinn können dienen: Zumal weil er nichts weiters gesucht / als eine rechtmässige Erörterung und Abhandlung der Sachen / keines Weges aber die Intention geführt / die gerichtliche Verfahrung listig aufzuhalten / sondern nur / zu einer gebührlichen Ordnung / und Fürsichtigkeit / zu verbinden.

Daß ich aber diese Geschicht den Gespenstern mit beygefügt / ist darum geschehen / weil diß Weib /welches der Mann / um Mitternacht / in sein Haus zu kommen / genöthigt / nach Aussage ihres Hausgesindes / in selbiger Nacht keinen Tritt aus dem Hause gekommen / auch das Geld für das Pferd durchaus nicht bezahlen wollen; wie Sie ohne Zweiffel willig würde gethan haben / wann sie / in eigner Person / selbst wäre erschienen / damit nur der Handel vertuscht werden mögte: zumal weil sie von guten Mitteln gewest /und solches Geld / ohne merckliche Empfindung /dem Mann leicht hette erlegen können: Daher ich dann nicht anders schliessen kan / als daß der Satan /unwissend ihrer / in ihrer Gestalt erschienen; und der Kerl ein Gespenst / für das Weib / geachtet. Wiewol die Frage / ob das Weib / mit Zauberey berusset gewest / und dem Satan vielleicht / auf seinen Antrieb /eingewilligt / an Stat ihrer / das Pferd zu erwürgen; oder ob [121] ihr das verdammliche Laster der Hexerey fälschlich aufgebürdet worden / ich / zu entscheiden /nicht begehre.

17. Das Kirchen-Gepolter

XVII.

Das Kirchen-Gepolter.

Man hette wol Ursach / sich darob zu verwundern /daß / da sonst der Satan die Kirchen / und Schulen /ohne Zweifel / für Rüst-Kammern / Zeughäuser / und Musterplätze ansihet / darinn diejenige / so zur Fahnen deß HErrn Christi geschworen / wider diesen geistlichen Erbfeind unserer Seelen / und Fürsten der Finsterniß / in allerley Gewehr deß Lichts / geübt /und mit nöthigen Kriegs-Lectionen eines christlichen Rittersmanns versehn werden / er dennoch die Heiligkeit solcher Oerter nicht allemal scheuet / sondern manches Mal sich / durch ein Geräusch / darinn spühren lässt. Aber / nach rechter Betrachtung / wird solches nicht mehr verwundert werden. Denn die bittre Feindschafft bewegt eben den Teufel am meisten dazu / daß er an denen Oertern / da ihm der grösseste Abbruch geschicht / sich gern auch bißweilen geschäfftig / trutzig / und durch seine Gauckel-Possen spöttisch erweiset.

Solches treibt er nicht nur erst heut zu Tage; sondern schon / vor langen und alten Jahren; wiewol /aus unterschiedlichen Ursachen / etlicher Orten stärcker und öffter / als andrer.

[122] Johannes Diaconus / ein alter und gelehrter Geistlicher / schreibt / 1 es habe ein Geist / hinter einer Ecken der Betkammer / da Gregorius seiner Andacht abzuwarten / und GOtt zu loben pflag / eine Wohnung gehabt / und offt diesen heiligen Mann / durch seine ungestüme Anläuffe / im Gebet irr gemacht / die Pferde zum Stall herausgezogen / und zwey derselben gestürtzt; auch die Religiosen / so besagtens heiligen Gregorii Ordens-Gesellen waren / gar sehr angefochten / bald / in Gestalt einer Katzen / nach ihnen springend / sie / mit den Pfoten / kratzen und reissen wollen; bald / unter der Gestalt eines Moren / mit einer Lantzen / nach ihnen gestossen.

Eine fürnehme / nunmehr sanfft und selig schlaffende / Person in Teutschland / pflag offtmals sich verlauten lassen / sie mögte wünschen / wann ihre Lebens-Uhr ein Mal ausgelossen / daß man ihren Leichnam / in derjenigen Kirchen / darinn andre ihres gleichen Personen begraben ligen / nicht beerdigte: weil sie / für selbiger Kirchen / und zwar sonderlich für den Grab-Gewelbern derselben / gleichsam einen Eckel empfünde: darinn sie auch / ihres Bedunckens /nicht ruhen könnte. Darum wünschte sie eine andre Kirche selbiger Stadt (die wir nicht nennen wollen) zu ihrer Ruh-Stäte. Dieses hat sie gleichfalls / bey ihrem bußfertigem schönem Abschiede / ausdrücklich verlangt / und soll ihr auch versprochen worden seyn.

Nichts destoweniger ist man hernach auf die Gedancken gefallen / es gäbe nichts zu bedeuten / [123] ob man ihr solche Zusage erfüllete / oder nicht; und würde ihrer Gedächtniß reputirlicher seyn / so man ihrem verblichenem Leichnam / in derjenigen Schlaffkammer / darinn alle Leiber ihres Standes / biß zur allgemeinen Auferstehung / schlummerten / die gebührende Stäte / zum Ruh-Bette verordnete. Und dieser Meynung ist auch nachgegangen worden.

Allein gleich / den andren und dritten Tag nach der Beysetzung / hat sich ein solches Getümmel / und Gepolter / in selbiger Kirchen / so Nachts / als Tags / erhoben / daß man nicht anders gemeynt / denn es würden alle Stühle und Bäncken übern Hauffen geworffen. Diesem nach hat man den Schluß genommen / den Leichnam wieder heraus zu heben / und / von dannen / in die andre Kirche / zu versetzen. Nachdem solches geschehen; hat / in der vorigen Kirchen / das poltern / werffen / und fallen / aufgehört / in dieser letzten aber gar kein Gerümpel sich verspühren lassen.

Sollte es nun auf den Wahn deß Jacob Böhmens /und auf seines Vorsingers / deß Theophrasti, Ausspruch ankommen; so hette der verstorbenen fürnehmen Person Lebens-Geist sein übles Vergnügen an der vorhin verschmäheten Grab-Stäte / durch solches Gerümpel / zu verstehen geben wollen.

Aber die Göttliche Warheit verschleusst uns billig /für solchem Geschwätze / die Ohren / und heisst uns gläuben / die Seele deß Gerechten sey in GOttes Hand / und keiner Unruhe mehr unterwürffig; die irdische Vernunfft aber mit nichten / aus den Sternen / wie der Böhm wähnet / [124] erboren / sondern ein unabsonderliches Vermögen der Seelen; daher sie nicht dem Lebens-Geist / als einem subtilen Körper / zugeeignet sey; solchem nach auch der Lebens-Geist / weil er keinen Verstand noch Willen hat / nach dem Tode /nicht unterscheiden könne / ob dem Willen die Vergnügung widerfahren sey / oder nicht.

Will denn Einer / mit dem Böhmen / antworten /die Seele habe ihr / vor ihrer Abfahrt / den Eckel für der einen / und das Verlangen nach der andren Kirchen / zu ihrer Ruh-Kammer / hart eingebildt / und so tieff eingedruckt; und solche ihre fest-eingedruckte habe hernach den siderischen Lebens-Geist darein geführt / (wie seine Red-Art lautet) nemlich in den verblichenen Körper / oder auch nur ohne den begrabenen Leib in die Kirche / wo der Leichnam / wider ihr Verlangen / begraben lag; und weil sie / als die noch nicht sey zu ihrer Ruhe gelangt / die Sache sich /vor ihrer Leibs-Absonderung / so hart eingebildt /sich nicht eher zu Frieden geben können / bevor ihr Leib wieder von dannen hinweg genommen / und von der andren Kirchen übernommen wäre; hette deßwegen der Stern-Geist / auf ihren Befehl / ein solches Getöß / in der Kirchen / anheben müssen / damit sie den Zweck ihres Verlangens / nemlich einen andren Ruh-Platz / für ihren Körper / erreichte: so fragt man billig diesen seltsamen Philosophum: Warum die Seele / wann sie die Macht und Krafft habe / den Lebens-Geist in den Leichnam einzuführen / den Leib dann nicht von neuem gar belebe / und für der Verweslichkeit friste / ja auch unter den Lebendigen stets[125] herumführe? Andrer Fragen mehr zu geschweigen.

Das Gewisseste ist dieses / daß der Satan solchen Tumult angerichtet / um die Leute / mit einem abergläubischen Wahn / zu bethören / als ob der Verstorbenen Geist / der doch selig abgeschieden war / sich so unruhig befünde / und dergleichen Tumult erweckte. Welchen Lärmen dann anzurichten / GOtt ihm vermutlich deßwegen gestattet / weil es Sünde ist / wann man sein Versprechen nicht hält / und insonderheit den Sterbenden alles Versprechen / das nicht wider GOtt / oder das Gewissen / geht / billig gehalten wird.

Unterdessen seynd Arglist / und Betrug / deß Teufels fürnehmste Studien / und tägliche Ubungen.

Es richtet aber dieser Schrecken- und Polter-Geist auch sonst wol / ohn einigen Anlaß der Begräbnissen / in der Kirchen / bißweilen ein entsetzliches Getöß an: als wie / im Jahr 1676 / zu Cöslin / in Pommern /gehört worden. Da / am Sonntage Exaudi (war der 7/17 May) mitten unter der Vesper-Predigt / um halb drey Uhr / ein grosses Getöß / Gerassel / Gepolter /und Getümmel / oben auf dem Gewelbe / über dem Gestühl der Schuster / entstanden. Solches Gerümpel und Gepolter erhub sich anfänglich von der Orgel her / und zwar erstlich / mit einem solchen Gelaut / als wie ein grollendes / und noch etwas gelinde rasselndes Donnerwetter: fuhr aber hernach gar schleunig fort nach der Mitten deß Kirchen-Gewelbes / biß an den Chor / und zwar mit [126] solcher Verstärckung deß Gepolters und Gekrachs / daß männiglich förchtete /es würde nicht allein selbiges Gewelbe / sondern auch die gantze Kirche / einfallen. Weßwegen nicht nur die Schulknaben / aus dem Chor / sondern gleichfalls schier die gantze Gemeine / mit solcher Furcht und Bestürtzung / zur Kirchen hinaus eilte / daß Einer über den Andren fiel: weil Niemand wusste / was vorfiele / und wovon solches knallen / krachen und poltern entstünde; und man also auf die Gedancken fiel /die Kirche würde sie Alle erschlagen und begraben: Dergleichen Kirchen-Begräbniß aber / bey lebendigem Leibe / Keinem angenehm war.

Nachdem endlich das Getümmel sich gestillet /haben die Leute sich zur Kirchen wieder eingefunden. Weßwegen der Archidiaconus / Magister Johannes Glock / der / unter währendem Gepolter / stillschweigend auf der Kantzel / war stehn geblieben / in seiner Predigt fortfuhr / und dieselbe vollendete.

Nach geendigter Predigt / wurden Etliche / auf das Gewelbe / hinauf geschickt; um zu sehen / ob etwas eingefallen / oder sich abgelöset und gestürtzet hette: Welche aber daselbst dergleichen nichts gesehen /noch angetroffen.

Dieses ward mir damals / aus dem Schreiben eines glaub- und ehrwürdigen Manns / welches noch in meinen Händen ist / mitgetheilet.

Man hat es damals / für eine Vorbedeutung / aufgenommen / daß sich der Krieg würde ins Land ziehen.

Fußnoten

1 Joh. Diacon. in Vita D. Gregorii, lib. 4. c. 19.

18. Die erzwungene drey Vater Unser - u.a.m

[127] XVIII.

Die erzwungene drey Vater Unser / u.a.m.

Diejenige / welche sich / zu der Evangelischen Religion / bekennen / glauben keine andre Vergebung der Sünden / und Erlassung der Schuld / ohn diejenige /so noch in diesem Leben / vor der Seelen Abscheidung / geschicht: weßwegen sie auch nicht dafür halten / daß / nach dem Tode / eine Seele / welche / ihrer Unbußfertigkeit halben / in einen peinlichen Zustand gerahten ist / mehr davon befreyet werden könne; weil die Gnaden-Thür alsdann schon verschlossen sey. Römisch-Catholischer Seiten wird / dem entgegen / geglaubt / daß / ob schon manche Seele allhie / vor ihrer Hinfahrt / gebeichtet / und von ihren Sünden losgesprochen / dieselbe (woferrn sie nicht / allhie auf Erden / gar heiliglich gelebt) dennoch eine Zeitlang /im Fegfeuer / büssen / und eine gewisse Straffe daselbst empfinden müsse; jedoch / durch Gebet / Almosen / Seelmessen / und dergleichen / daraus bald erlöset werden könne. Womit jedweder Theil seinen Satz beweise / will ich hie nicht erörtern / unterdessen aber einen seltsamen Verlauff erzehlen / und zwar sonder einigen Zusatz / aus gewissen und unbetrieglichen Schreiben einer solchen Person / welche damals sich an selbigem Ort gegenwärtig befunden / da dieser Handel vorgegangen: Welche auch das junge Mensch / dem das Gespenst / wovon jetzo geredet werden soll / [128] erschienen / selbst gesehn / und so wol nach überstandener / als unter noch währender Anfechtung / mit demselben gesprochen. Massen dann auch / ohne dem / noch manche Leute sich erinnern werden / daß / ungefähr vor 20 Jahren / das Gerücht diesen wunderlichen Fall ausgebreitet / und ihnen gleichfalls verkündigt hat.

Als man zehlte 1671 / am 21/11 Julii / ging ein dreyzehenjähriges Mägdlein / Anna Neidlin genannt /Hansen Neidels / Metzgers zu Ezelwangen / mit Anna Maria Schickerinn ehelich erzeugte Tochter / vor dem Dorff Lehen auf Ezelwang / zu erst-gedachtem ihrem Vater / deß Abends / um das so-genannte Bet-läuten. Da begegnete ihr / auf der Wiesen / nahe bey Ezelwang / ein Gespenst: für welchem das Mägdlein sehr erschrack / und starck anfing / nach ihres Vaters Wohnung / zu lauffen. Das Gespenst lieff ihr gleichfalls starck nach: doch entkam ihm das Magdlein / für diß Mal. Als sie nun / zu ihren Eltern / kam; fiel sie in eine Ohnmacht / und bekam das Fräisch (die schwere Kranckheit) so sie auch / im folgendem Jahr / fast täglich hatte.

Gegen Liechtmeß / deß Jahrs 1676 / ließ es sich ein wenig zur Besserung an. Da dann ihre Eltern sie nach Schmied-Stat verdingten / zu einem Bauren /Namens Georg Schmied. Dieser war / mit dem Mägdlein / wol zufrieden. Eines Mals aber / nemlich den 29 Febr. (N. Styli) dieses bemeldten Jahrs / kehrete das Mägdlein die Stuben / und trug das Kehrig / ungefähr um 9 Uhr Vormittags / hinaus: da rieff ihr Jemand /bey dem Namen / hinter dem Hause. Sie meynete / [129] es wäre Jemand von ihrer Herrschafft / und ging dahin. Als sie nun / hinter das Haus / kam / lehnete sich eben das Gespenst / an einen Apffel-Baum / und war gantz weiß angekleidt; sahe / im Gesicht / aus / wie ein altes Weib; und sagte zu ihr / Sie / das Mägdlein / wäre ihr schon / ehe es in Mutterleibe empfangen / zugegeben /zu ihrer Erlösung; derwegen sollte sie wol Acht haben / daß sie solche Erlösung nicht unterliesse: wo nicht /so wollte sie ihr den Kopff umdrehen.

Das Mägdlein wollte zwar / vor Furcht und Schrecken / davon lauffen; ward aber / von dem Gespenst /so fest beym Arm gehalten / daß unterschiedliche Leute die blaue Flecken / an dem Arm / gesehn. Hierauf fiel sie in ihre gewöhnliche Kranckheit. Als nun der Bauer ihren Eltern solches zu wissen gemacht; haben sie das Mägdlein wieder zu sich in ihre Behausung / nacher Ezelwangen / genommen.

Vierzehen Tage ungefähr nach diesem / nemlich am 14 Mertzen (der Neuen Zeit) stund das Mägdlein /etwas früh / ein wenig vor der Sonnen Aufgang / auf /und ging hinaus vor das Haus / auf eine Wiesen. Da fand sich das Gespenst abermal / und nun das Mägdlein / wegen öffterer Erscheinung / etwas behertzter /und sprach: Alle gute Geister loben GOtt den HErrn! darauf antwortete das Gespenst / mit deutlicher Stimm: Ich auch.

Das Mägdlein fragte: Was ist denn dein Begehren von mir? Bete mir / sprach das Gespenst / drey Vater Unser! Solches that das Mägdlein. Und als sie / unter dem beten / das [130] Gespenst ansahe / ward sie gewahr / daß demselben die Threnen über die Wangen herab lieffen.

Da sie nun hatte ausgebetet / bot ihr das Gespenst die Hand: und das Mägdlein wollte ihr auch die Hand reichen; ward aber / von dem Geist / gewarnet / und vermahnt / es sollte ihr nur ein Tüchlein geben.

Indem nun das Mägdlein in den Sack griff / und ein Tüchlein suchte / sprach inzwischen der Geist: Nun hast du mich erlöst! Ich will dir auch nicht mehr erscheinen: du wirst auch nicht mehr kranck werden.

Unterdessen fand das junge Mensch / in ihrem Sack / einen so-genannten Schleyer / wie ihn die Bauren-Mägdlein um den Kopff tragen / und schlug denselben in deß Gespenst Hand. Welcher alsobald auch /so weit er die gespenstische Hand berührte / verbrann. Das übrige behielt sie / und ward / von ihren Eltern /dem evangelischen Pfarrherrn selbiges Orts / zugestellt: der es bißhero annoch aufbehalten / als eine abentheuerliche Sache: Am Ende solches Uberbleibsels von diesem Tüchlein / sihet man den Brand /gantz zugespitzt / wie eine ausgestreckte Hand. Seit dem hat die Kranckheit deß Mägdleins aufgehört /und besagter Geistlicher diesen Verlauff / an den Hochfürstlichen Hof / berichtet.

Hievon setzte es hernach mancherley Urtheile: deren etliche sich / auf die Meynung Platonis, und etlicher Rabinen / geneigt; nemlich / daß einige / auch so gar menschliche / Geister / oder Seelen / an gewisse Kreaturen / gleichsam band-fest / gefesselt /[131] oder verhafftet / und bey solcher Verhafftung einige Pein leiden: wovon sie / durch gewisser Leute Gebet /welches bey ihnen die Erinnerung Göttlicher Barmhertzigkeit erwecke / befreyt und erlöset würden.

Mir sind auch unterschiedliche qualificirte Personen / von guter Erudition / bekandt / die fast eben dergleichen Gedancken stat geben; doch / unter solche gebundene Geister / die noch Erlösung hoffen / keine menschliche Seelen / sondern allein etliche Mittel-Geister / oder die / zwischen Engeln und Menschen /mitteler Natur wären / nach Art etlicher PlatonischenGeniorum und subtil-beleibten Geister (oder Dæmonum) (wiewol der Nam Genius, unter den Römischen Heiden / unterschiedliche Bedeutungen hatte) stellen. Diese / vermeynen sie / hetten zwar / nebst den andren boshafftern Geistern / gleichfalls einen Abfall von GOtt / doch durch die andre spitzfindigere verleitet /gethan; könnten also / durch Fürbitte / noch wieder zu Gnaden kommen.

Wann aber die heilige Schrifft / so der einige Grund aller Gewißheiten / in dergleichen Sachen / die zur Erlösung gedeylich / seyn muß / hievon nichts offenbart; laß ich ihnen diese Gedancken allein: glaube aber indessen / daß / weil die Sünde eine Beleidigung Göttlicher Majestet und Gerechtigkeit / diese aber unendlich ist / keine gefallene Kreatur / von ihrem Fall /wieder aufgerichtet werden könne / ohn einen Mittler /dessen Verdienst und Gerechtigkeit unermeßlich sey. Ein solcher aber ist uns allein / und keinem Engel /gegeben: [132] denn Er hat nur Abrahams Saamen angenommen / und nicht die Engel. 1

Daß aber menschliche Geister / oder Seelen / zur Straffe / an gewisse Kreaturen sollten gefesselt und gleichsam gebannet seyn / wovon sie / durch gewisser Leute Fürbitte / könnten erlöset werden; erfordert eben so wol einen klaren Beweis / aus Göttlicher Schrifft; ohn welchen es / von der Anzahl der Gewißheiten / ausgesondert bleibt: andrer Ursachen / so man dagegen einwenden könnte / zu geschweigen.

Es bekennet auch Theophrastus selbst / der doch sonst ein gar abentheuerlicher Heiliger ist / und seine Feder / in dergleichen Sachen / offt gar seltsam führt /man müsse hiebey nicht allein das Licht der Menschen / (das ist nicht die blosse menschliche Vernunfft / oder derselben Beduncken) sondern auch das Licht heiliger Schrifft / gebrauchen / und allen Grund der Philosphiæ auf dasselbige (geoffenbarte Licht nemlich) setzen; weil diejenige Philosophia, welche nicht ihren Fuß in der Schrifft habe / (in dieser und dergleichen Materi) so viel als nichts / und das Urtheil / in solchen Dingen / nicht heidnisch / sondern christlich / einzurichten sey. 2

Jedoch geht er dieser seiner eignen Regel nicht nach / sondern thut / wenn er auf solche Materi kommt / sehr offt einen Neben-Tritt. Wiewol es /gleich darauf im folgenden Capittel / da er abermal /von der Todten Erscheinung / redet / das [133] Ansehn hat /als habe er hierinn sein Urtheil nach einigen / aber mißverstandenen / Sprüchen heiliger Schrifft / gestellet; indem er sich also vernehmen lässt:

Wann ein Todter gesehn wird / so gedenck / er sey ein Præsagium, oder Vorbedeutung / und zwar dieser Meynung: Stehet er da mit Freuden / (in fröliger Gestalt) als ein Heiliger; so ist es so viel /als spräche er: Ihr seyd unter den Seligen. Steht er aber anders da / (nemlich in trauriger Gestalt) so ists so viel / daß er noch nicht gerechnet / noch bezahlt hat / sondern auf die Zeit seiner Kunden /Verzeihung / und Vergebung / oder Bezahlung / warten muß. Wann er nun darum also steht / will es so viel anzeigen / daß wirs uns sollen lassen ein Exempel seyn / Einer dem Andren zu vergeben; und betrachten die harte Erscheinung / die also erschrecklich ist. Und ob es gleich das nicht wäre / (obs schon diese Bedeutung eben nicht hette) wann ein Mensch also erschien; so müsste es doch diß bedeuten / daß er übel gehandelt habe: darum geht er herum / zu einem Spiegel; auf daß Niemand thue / was er gethan hat. Als zum Exempel: Wann Jemand / bey einem Amt / reich worden / (und dabey ihm Kappen gemacht / oder in solchen fremden Röhren sitzend / Pfeiffen für sich / eigennütziger Weise / geschnitten) hette seinem Herrn / oder dessen Leuten / das Ihrige unbillig abgenommen / und derselbige ginge um: so[134] diente er / zum Exempel / daß sein Nachfolger /der nach ihm kommende Amtmann / sich da hüten solle. Also erscheinen auch Gesellen / Gemeiner / Gewerber / Bundsleute / einander: welches Zeichen sind / von solchem elenden Wesen (der Unbilligkeit) abzustehn. Dann weil in Christo Barmhertzigkeit ligt / und nicht in Abraham: so ist es gewiß / von Christo / nachgegeben (oder zugelassen) daß die / so aus der Verdamten Zahl und schon verurtheilt sind / durch ihr Bitten so viel erlangen / daß Er sie aufwecke / damit sie ihre Freunde / Kinder / und Gemeiner (oder Gesellschaffter) warnen mögen.

Darum lasst es euch eine Warnung / und keine Verachtung / seyn. Denn ob es gleich wahr / daß die Hölle / und der Todes-Schlaff / durch Niemanden / gebrochen wird: so nehmt euch doch gleichwol in acht / daß ihr / wider das Wort Christi / in keinerley Wege / redet. Denn diese Dinge seynd so geheim / und verborgen / daß das beyde Theile wahr und bewehrt erfunden werden / und über Alles bey GOtt. Einer / der gestorben ist / weiß viel / und aus dem Wissen / werden viel Dinge offenbar: aber Alles / durch die Barmhertzigkeit Christi. Denn die wunderbarlichen Wercke und Offenbarungen sollen uns nachdrücklich erwecken. Die Welt ist so verderbt / daß nicht unbillig noch ein Mehrers erschiene. Denn also (übel) wandeln [135] die Kriegsleute / also die Kauffleute / falsche Propheten / falsche Aposteln / falsche Christen / und dergleichen. 3 Unter welchen dergleichen / mit gutem Fuge / dieser offt tapffer schwärmendeTheophrastus mit zu rechnen ist.

Er schreibt abermal / ein wenig hernach / gleicher Meynung: Die / welche / nach dem Tode / in Gestalt der Abgestorbenen / so herumgehen / und den Menschen / auf vielerley Weise / beleidigen /das Alles seynd Geister der Menschen / welche / auf Erden / ihren Neid / Haß / Arges / und allerley Ubels / nicht haben gnugsam vollbringen mögen: die rächen sich / nach ihrem Tode. Und solches geschicht / aus der Ursach; daß GOtt da ein Exempel fürhält / wie der Neid nicht absterbe / sondern auch / nach dem Tode / in Menschen bleibe; darum auch ein neidischer Mensch alsdenn in ewige Verdamniß fallen müsse / so ferrn er also / mit Neid und Haß / absterbe / und denselben nicht in bußfertiger Reue fahren lasse. Gleicher Massen wird auch eine Warnung für Hoffart / und andren Sünden / dadurch gegeben; indem solche (traurige) Erscheinungen anzeigen /daß der Erscheinende / in solchen Dingen / gestorben / und dahin gefahren.

Was deß Jacob Böhmens Meynung / die er / von GOtt zu haben / vorgiebt / hierüber sey; [136] wird / unter dem Titel von der Erscheinung etlicher gerichteter Malefitz-Personen / und von dem schädlich-gebanntem Geist / erklährt; nemlich daß die Seele den Leichnam deß Verstorbenen / durch den Stern-Geist / das ist / durch den Lebens-Geist deß Verstorbenen / an sich ziehe / und damit / wann sie / mit einer gewissen Begierde / abgestorben / so lange umgehe / und erscheine / biß der Leib faule.

Ob aber solcher Wahn / bey einem vernünfftigen Christen / könne hafften; wird man leicht / aus dieser folgenden Erzehlung / mercken.

In einem alten Frantzösischem Buch / so getitulirt wird Le Thresor & entiere Victoire de la triomphante victoire du Corps de Dieu sur l'Esprit maling Belzebub, obtenue à Laon, l'an 1566 etc. ist / neben andren / dieser Verlauff / enthalten.

Einer Besessenen / die Nicolaa hieß / und zu Laon wohnte / ist der Teufel / in Gestalt eines mit dem weissen Leich-Tuch umwickelten Todten / der von Leibe und Angesichte ihrem Großvater mütterlicher Lini / welcher / ohne Beicht / gestorben war / erschienen; hernach in sie gefahren: und hat dieser Betrieger / durch ihren Mund / gesprochen / er müsse / im Fegfeuer / über die Masse schwere Pein leiden / weil er die / in seinem Leben gethane / Gelübde nicht gehalten / noch ins Werck gezogen. Zu deren Erstattung aber / begehrte er / man sollte / zu seiner Linderung /und Beruhigung / viel Messen lesen / auch gar ferne Wallfahrten / [137] ob gleich zu der allerbeschwerlichsten Winter-Zeit / nach Compostel zum S. Jacob / verrichten. Und ob man ihn gleich offt beschwur; blieb er doch dabey / daß er der Großvater / und von GOtt daher geschickt wäre.

Solche Lügen desto besser / mit Warheits-Farben /anzustreichen / erzehlte er den gantzen Lebens-Lauff ihres Ahnherrn gantz richtig und warhafftig. Womit die böse Geister / wie der Römisch-Catholische Scribent / Nicolaus de Borre, weiland Pfarrherr in der Vorstadt zu Lüttich / (welcher / aus obbenanntem Frantzösischem Tractätlein / diese Histori erzehlt) beglaubt / viel Exorcisten schändlich betrogen und belogen haben. Weßwegen auch jetztbenamter geistlicher Author dieselbe warnet / daß sie ja niemals gläuben sollen / daß die Seelen der Verstorbenen in den Leib eines lebendigen Menschen fahren / sondern die betriegliche Geister solches thun.

Es ist aber zuletzt der Betrug dieses Lügen-Geistes entdeckt worden / also / daß er offentlich bekannt / er wäre ein Teufel / und zwar der Beelzebub / und / auf GOttes Geheiß / in diß Weibsbild gefahren / zu beweisen / daß er der Teufel: Welches Viele nicht geglaubt / sondern ihn (ehe dann er sie leiblich besessen) vorhin für den / wofür er sich ausgegeben / nemlich für ihren Großvater / als in dessen Gestalt er ihr anfangs erschienen war / gehalten hetten.

Damit auch allen Leuten um so viel kundbarer würde / daß dieses Weib warhafftiglich besessen wäre; so hörte man / aus dem Munde der [138] Nicolaæ, dreyerley, Stimmen; nemlich eines muhenden oder brüllenden Ochsens / eines bellenden Hunds / und einer gruntzenden Sau. Das Sacrament / oder die heilige Hostie / nannte er den weissen Johannes: Und wann man ihm dieselbe vorhielt / hub er nicht allein das Weib über sechs Schuhe hoch / von dem Boden /in die Lufft; sondern auch zugleich alle die / von denen die Besessene gehalten und bewahret ward /Zusehens vieler Leute / so wol Reformirter / als Römischer Religion.

Lateinisch redete er perfect / und antwortete dem Bischoff von Laon, in dieser Sprache / gar fertig / auf Alles / was er ihm vorhielt / oder befahl. 4

Weil dann nun der Teufel selbst bekannt / und überdas / durch würckliche teufflische Erweisungen /gnugsam entdecke hat / daß er nicht der vermeynte Großvater wäre / in welchen er sich verstellet hatte; wird ein gesunder Verstand dabey unmühsam erkennen / wie eitel deß Theophrasti und seines Nachfolgers / deß Böhmens / Vorgeben sey.

Fußnoten

1 Ebr. 2. v. 16.

2 Paracelsus de Animabus Mortuorum p.m. 167.Edit. German. in 4to.

3 Idem p. 168.

4 V. Apologia Nicolai de Borre, pro Exorcistis, Energumenis etc. p. 69.

19. Das Vater Unser um ein Kopffstück

[139] XIX.

Das Vater Unser um ein Kopffstück.

Gleich zu Anfange Göttlicher Schrifft / hat der heilige Geist die List deß Satans / unter dem Namen einer Schlangen / vorgebildet: weil diese / in der List / andren Thieren weit vorgehet. Wie die Schlange / unter einem zierlich-gläntzendem Balg / einen boßhafften Gifft heget: also pflegt der Teufel seine ertz-listige Versuchungen offt / mit der Larven eines Antriebs zur Andacht und Gottseligkeit / zu vermummen. Dessen kann / nebenst unzehlich-vielen andren Begebenheiten / diejenige / so in dieser Stadt vor etlich und zwantzig Jahren sich zugetragen / ein exemplarisches Zeugniß erstatten.

Als ein gewisser Lehr-Jung / Abends / zwischen Licht und Tunckel / auff der / so genannten / Schied (so ein weiter geraumer Platz ist / der hiesigen Fluß vorüber lauffen siht) seiner Gewonheit nach müssig herum schweiffte; begegnete ihm ein schwartz-gekleidtes Männlein / so sich für einen Handwercker ansehn ließ / und fragte / ob er nicht lust hette / bey ihm / sich in Dienst zu geben? Er würde / an ihm / einen guten Meister und Herrn treffen.

Der Jung antwortet: Ich habe schon einen Meister /und brauche weiter keines andren.

Der falsche Meister versetzt: Ob du schon einen Meister allbereit hast; könntest du diß / worinn ich deiner brauche / doch wol daneben verrichten / [140] und dennoch / bey deinem jetzigen Meister / bleiben. Ich wollte dir einen guten Lohn machen / welchen du /mit leichter Mühe / täglich erwerben und einnehmen wirst.

Was sollte dann (fragt der Lehr-Jung) solches für eine Verrichtung / und Belohnung seyn?

Du sollst (spricht der vermeynte Meister) alle Abend / bey jetziger Dämmerungs-Zeit / nur / an diesem Ort / hier am Wasser / ein Vater Unser etc. beten; und dafür / zu Lohn / täglich ein Kopffstück haben: welches du / auff diesem Pfosten (oder Stock) der hier am Wasser steht / alle Abend / so offt du allhie das Vater Unser etc. betest / finden wirst: musst aber die Zeit nicht verabsäumen / noch es jemals unterlassen.

Der Jung gedenckt / wann er so leicht ein Kopffstück zu verdienen wisse / und zwar mit dem Gebet /werde er solches / ohne sonderliche Verabsäumung seiner täglichen Handwercks-Arbeit / mit nehmen /und unschwer verrichten können: bewilligt derhalben / und verspricht / es gar fleissig zu thun.

Der verlarvte Meister fragt hierauff: Wie heissest du? Und als der Jung seinen Namen anzeigt; stellet er sich / als falle ihms schwer / denselben zu behalten /sprechend: Ich sorge / daß ich deinen Namen leichtlich dörffte vergessen: mögte derhalben wünschen /daß du mir denselbē aufschriebest / und dabey zugleich dich / zu treulicher Beobachtung dessen / was du mir jetzo gelobest / verschriebest.

Ja! spricht der Jung / wo habe ich hie Feder und Papier?

[141] Der betriegliche Meister ziehet alsofort eine Feder hinterm Ohr herfür / und reicht ihm selbige dar / nebenst einem Zettel Papiers.

Der Jung sagt: Wann gleich Feder und Papier vorhanden: so ist ja keine Dinte dabey!

Der schalckhaffte Meister versetzt: Das ist zwar nicht ohn: allein es brauchts nicht / daß mans deßwegen auffschiebe; man kann schon Raht dazu finden. Sihe! da hast du ein Messer! Ritze oder schärffe nur / an deinem Arm / die Haut ein wenig auff /so wirst du / ohn sonderlichen Schmertzen / bald so viel Bluts bekommen / als / zur Auffzeichnung deines Namens / vonnöthen. Dessen kannst du hiebey dich / an stat der Dinten bedienen.

Der Jung lässt sich bereden / unn durch den Lohn blenden; ritzet sich / und schreibt seinen Namen / auff den Zettel. Welchen der listige Meister zu sich / und hierauff / nach wiederholter Versprechung / ihm alle Abend / gegen Sprechung deß heiligen Vater Unsers /ein Kopffstück zu bezahlen / von ihm Abscheid nimt; nachdem er ihm / gleich alsofort / zur Angabe / eines vor aus gereicht.

Der Jung kommt seinem Versprechen / alle Abend /fleissig nach / nemlich das heil. Vater Unser / an bestimtem Ort / zu beten / und sein Kopffstück zu verdienen: Welches auch alle Mal richtig erfolgte / und an bedeuteter Stelle bereit lag.

Diß gefiel ihm treflich wol: er fing es aber an / übel zu verwenden / auff Nascherey / auch lustig an zu spielen. Weil aber weder seine Mutter / noch [142] der Meister / wussten / woher der Jung das Geld bekäme; vermeynte Jene / der Meister liesse ihm einen Verdienst zukommen; und dieser gedachte / es gäbe ihms die Mutter: welcher er auch deßwegen einsmals einen Verweis gab / und sagte / Sie sollte es nicht thun; denn sie würde ihren Sohn nur damit verderben / als der hiedurch / zum Müssiggang / und in ein ruchlos-liederliches Leben geriethe: Sie sollte es lieber spahren / biß er zu erwachsenem Alter gelangte. Sie entschuldigte sich / mit hoher Betheurung versichrend /daß sie / als eine arme Witwe / ihm nichts zu geben; sondern bishero gemeynt hette / er / der Meister / liesse ihm vielleicht dasjenige / was er / durch arbeiten /verdiente.

Weil nun der Meister gleichfalls hiezu Nein sagte: wurden sie Rahts / den Jungen in ernstliche Unterfragung zu nehmen / woher er das Geld bekäme? sintemal zu besorgen stund / er dörffte es vielleicht Jemanden entwenden. Da erzehlt er frey und gantz willig /wie er alle Abend / nachdem er Jemanden versprochen / bey dem Stock am Wasser / den er auch der Mutter wies / ein Vater Unser etc. zu beten / ein Kopffstück erhübe.

Der Mutter ward alsofort bang / und der Handel verdächtig / Sie besorgte / daß nichts Gutes darunter stecken dörffte; zweifelte auch / ob gar darum gebetet würde. Insonderheit aber hatte Sie / auff das Blut-verschreiben / gar kein gut Auge: als welches sie / aus keiner menschlichen Eingebung zu fliessen / erachtete. Solchem nach ging sie / zu dem damaligen fürnehmsten Prediger / dieses Orts / Herrn Joh. Michael Dilherrn / und [143] erzehlte Ihm den gantzen Verlauff. Derselbe begehrte / sie sollte / deß andren Tages /wieder kommen / und den Jungen / samt dessen Meister / mitbringen. Welches sie that.

Da nun der befragte Jung eben das zur Antwort gab / was vorigen Tages die Mutter erzehlt hatte; fragte der Herr Dilherr ihn: Ob er vermeynte / daß der kleine Mann ein rechter Mensch und Meister wäre? Der Jung sagte: Das weiß ich nicht: doch sahe er einem gleich / und wie ein andrer Mensch.

Der Prediger versetzte: Weil du ihm aber deinen Tauffnamen / mit Blut / verschreiben müssen; so muß solches nichts rechts / noch Christliches seyn. Hast du wol jemals gehört / daß ein Meister / wann er einen Lehrjungen bedingt / und annimt / von dem Jungen eine Verschreibung mit Blut gefordert?

Als der Jung hiezu Nein sagte; fuhr Jener fort / zu fragen: Ob er sich dann dieses Handels begeben /frey davon werden / und kein Geld mehr holen /oder lieber in Gefahr deß bösen Feindes Eigner zu werden / stehn wollte / und demselben zu dienen begehrte? Der Jung antwortete / er wolle / mit diesen Sachen / weiter nichts zu schaffen haben; und gelobte dabey an / diese seine freymütige Erklährung zu halten.

Hierauf hieß der Prediger ihn nider knien / betete /mit ihm / das heil. Vater Unser etc. und die Articul deß allgemeinen christlichen Glaubens: befahl [144] ihm auch / daß er daheim solches / neben andren erlerneten Gebeten / fleissig beten sollte.

Er / gedachter Prediger / selbst schloß ihn auch so wol in sein absonderliches / als in das offentliche Kirchen-Gebet. Hernach ist der / mit deß Jungen Blut beschriebene / Zettel / in der Haupt-Kirchen zu S. Sebald / unter dem morgendlichen Chor-Gesange / auff den Altar geworffen / dem Prediger heimgetragen /und von demselben verwahrlich auffbehalten worden. Wie ich solches / so wol aus dem Munde / als auch der Feder einer fürnehmen Stands-Person / welcher dieses ruhmbesagter Prediger selbst erzehlt hat / erfahren / auch überdas von etlichen Andren / die noch am Leben / und sich solches Verlauffs sehr wol zu erinnern wissen / mich der Gewißheit versichert habe.

20. Die verstöhrten Löffler

XX.

Die verstöhrten Löffler.

Niemand ist den unreinen Lüsten geneigter / als derselben Urheber und Quellbrunn / der böse Geist /welcher / in dem Hertzen deß allerersten Weibs-Bildes / eine unzeitige Obst-Lust entzündet hat: damit Sie dadurch / an stat einer Kron / oder Göttlichen Reichs-Apffels / einen Todtenkopff bekommen mögte. Weil dieser weiß / daß die Räder menschlicher Begierden nicht leichter / noch lieber / in die Todes-Grube lauffen / als so sie / mit geyler Lust / geschmiert werden: reitzt er bald [145] unmittelbar durch sich Selbsten / bald durch die Eitekeiten dieser Welt / die Leute / zu allerley schnöden Belüstigung und Ergetzlichkeit. Er verführt ihre Leiber und Gemüter / unter die flüchtige und verwelckliche Rosen; auf daß ihr Gewissen / und Geist / mit tödtlichen Dornstacheln /verwundet werde.

Insonderheit dienet die Buhler-Liebe ihm / zur Erweiterung seines Reichs / gewaltiglich: Denn Buhlerey und Hurerey stifften gar leicht mit einander Gesippschafft: und die solches thun / werden das Reich Gottes / daferrn sie ihr Hertz / durch wahre Busse /nicht reinigen / noch in dem reinem Blut Christi waschen / nicht erben / noch Gottes Angesicht schauen. Diesem nach setzt sich der unsaubre Geist den Wollüstern und Buhlern ins Hertz / wie der Kefer in die Purpur-Rose; fretzet allda die inwendige Gedancken und Begierden so lange / biß alle Zier der Zucht und Keuschheit dahin fällt.

Ob nun gleich der Satan die Kohlen unzüchtiger Brunst lieber insgemein auff bläset / als ausgiesst: fügt und schickt es doch GOtt bißweilen so wunderlich / daß dieser Unzucht-Brand-Schürer dieselbe auch wol / wider seinen Wunsch und Willen / selbst wieder leschet / durch Erschreckung der Buhler. Wie solches / bey dem Philemander / und der Zeteandra / (denn diese Namen will ich ihnen / an stat der rechten / allhie zuschreiben) eingetroffen.

Jener hatte zwar / auf hohen Schulen / und in allerley Ritter-Ubungen / allbereit keine nidrige Stuffe erreicht: allein da er an einen fürnehmen [146] Hof kam; machte er sich der Fehler eines und andren Höflings bald theilhafft / und so wol im starcken Trincken / als prangen / courtesiren / und galanasiren / schier unüberwindlich; wann solche Ritter-Stücke nicht vielmehr für eine Niderlage / als für eine Uberwindung /zu achten. Es ging ihm daselbst / nach dem Spruch Ambrosii: Pascitur libido conviviis, nutritur delitiis, vino accenditur, ebrietate flammatur. Böse Brunst wird / durch Gastereyen / geweidet / durch Delicatessen genährt / durch Wein entzündet / durch Völlerey und Trunckenheit liechter Lohe beflammt; 1

Er geriet gantz in Unordnung: wie dann / aus dem Becher- und Glas-Streit / anders nichts / als ein unordentlich und rohes Wesen erfolgen kann / und derjenige / so dem Bachus opffert / gemeinlich auch gern der Venus räuchert / nemlich einen solchen Geruch / der sich zuletzt leichtlich in einen Gestanck verwandelt. Denn wann er etliche Tage / bey lustiger Gesellschafft / sich mit dem Trauben-Safft / wol genetzt; machte er eine Abwechslung / und sich zum Frauenzimmer hin; da er die meiste Speise / mit Löffeln / zu sich nahm /und bald dieser / bald jener Hof-Docken auffwartete; gleich einer herum schwebenden Bienen / welche bald auff dieser / bald auff jener Blumen ihren Sitz nimt /und doch bey keiner beharrt / sondern Ihrer bald müde / und einer frischen begierig wird.

Es mangelte ihm auch nicht / an Gegen-Huld. Denn seine höfliche Freundlichkeit / oder vielmehr Schmeicheley / machten ihn gar annehmlich. Vor [147] Andren aber / war der Zeteandra / einer adelichen Kammer-Jungfrauen / mit seiner Auffwartung / sehr gedient. Denn weil sie / von ihren Eltern / zwar einen fürnehmen Adel / und ziemliche Gestalt / aber geringe Verlassenschafft / hatte ererbt: gedachte sie / deß Philemanders Geschicklichkeit würde ihn / mit der Zeit /noch wol hoch genug heben / und also ihr Glück seyn / wann sie dieses unstete Wild / durch ihre Liebsreitzungen / könnte zum Stande / oder ins Garn bringen /und ihm den Fuß bestricken. Darum stifftete Sie / mit ihm / grosse Vertraulichkeit: in Hoffnung / es sollten unfehlbar Trau und Treu daraus entspriessen. Sie vergünstigte ihm nicht allein ihre Rosen-Lippen / zu unzehlbarer Beküssung; sondern versuchte auch bißweilen / bey gantz geheimer und verstohlener Conversation / durch gleichsam unfürsichtige oder zufällige Blössung solcher Schneeballen / welche den Augen unbehutsamer Jugend leichtlich zu Feuerkugeln werden / in Leibeigenschafft zu ziehen. Dahingegen er /mit solchen Aepffeln / zwar vorlieb nahm / aber an den Baum / daran selbige gewachsen / sich nicht wollte binden lassen.

Unterdessen entbrannte ihr Hertz / gegen ihm / je länger / je hefftiger / also gar / daß zuletzt darüber alle Bedachtsamkeit bey ihr gleichsam zur Aschen ward / und sie / wann ihre Fürstinn / von andren Neben-Hof-Jungfrauen / bedient werden musste / sich entblödete / entweder ihn / in ihre Schlaff-Kammer /auf ein geheimes Gespräch / oder sich / bey ihm / in die seinige / mit Umwechselung / einzuladen. Welches nicht unfüglich / unter der Decke nächtlicher Finsterniß / geschehen kunnte: Weil ihre Wohn-Zimmer [148] nicht übrig weit voneinander / und also Eines zum Andren / unter der Gunst deß Schattens / ja so bequemlich / als unvermerckt / hinüber schlich.

Ihm gefiel diese Vertraulichkeit auch nicht übel: doch hütete er sich / für den letzten / innersten / und allzu tieffen Geheimnissen: damit daraus keine winselnde Offenbarungen / oder auch Eh-nöthigungen mögten entspringen; ohnangesehn / sie ihn inbrünstig liebte. Denn weil sie / mit keinen sonderlichen Mitteln / versehn war: daugte sie ihm / für seinen Ancker / kein guter Grund zu seyn; und / daß sie ihn mehr nider drucken / als erheben / könnte. Darüber sie offt ungedultig ward / und ihm ihren Zweck deutlich zu mercken gab; doch gleichwol ihn allezeit / in Geberden / gar einfältig und unmercksam fand.

Deßwegen gedachte Sie endlich / durch eine sonderbare und genauere Verbindlichkeit / diesen flüchtigen Mercur fest zu stellen / und ein solches Feuerwerck zu zurichten / wodurch er wol / in völligen Brand / gerathen würde. Sie wollte ihm / sage ich /die Fackel sohart an die Brust legen / daß er / von Hitze übernommen / ihr müsste ehelich zu Theil werden.

Hiezu fand sie Gelegenheit / in seiner Bettlägerigkeit. Denn er bekam das Fieber: weßwegen sie /gleichsam aus Mitleiden / bey Nacht / in Begleitung einer vertrauten Magd / ihn offt besuchte / zuletzt aber / nachdem das Fieber ihn verlassen / und Sie vernommen / er würde / mit ehestem / eine ferne Reise thun / gantz allein in einer Nachtschauben zu ihm kam / gäntzlicher Entschliessung / [149] aus der Ungewißheit ein Mal Gewißheit zu machen / und so hart / mit Liebkosungen / an ihn zu setzen / daß er ihrer Liebeley und Freundlichkeit eine eheliche Treu würde verpfänden müssen.

Sie setzte sich / nachdem das Licht / in seiner Kammer / gelescht / zu ihm auffs Bette; und erbot sich endlich / wann er es ihr nicht zu einer hürischen Leichtfertigkeit / sondern allein zur inbrünstigen Liebe und hertzinniglichen Vertraulichkeit / rechnete; massen sie / wider alles unzüchtige Angesinnen / ausdrücklich und feyerlichst wollte protestirt / und eine unfehlbare Verschonung ihrer Ehren / voraus bedungen haben; sich neben ihm an seine Seite (doch in ihren Nachtkleidern) auff- und nicht unter das Deck-Bette zu legen: auff daß / noch vor seiner Abreise / sie ihm eine unveränderliche Hertzens-Treu / durch solche Näherung ihres Hertzens / mögte bezeugen: Welches dann / ihrer gäntzlichen Einbildung / und unüberwindlichen Entschliessung nach / gar wol ohne Gefährung oder Versehrung ihrer jungfräulichen Bluhm würde geschehen können: weil er / ihres sicheren Wissens / allem unehrlichen Verfahren abgeneigt /und eines redlichen Gemüts / dazu auch vermutlich annoch / von der ausgestandenen Leibs-Schwachheit /nicht so vollkömmlich wieder erstarcket wäre / daß er / wann er ihr gleich einigen Gewalt anlegen wollte /welches doch ohne Uberwältigung und Zerbrechung seiner rühmlichen Natur-Art / nicht geschehn würde /solches dennoch nicht thun könnte: Solche seine und ihre ehrliche Neigung sollte ihr zum doppelten Harnisch / wider alle ungebührliche Anfechtung / dienen.

[150] Diese ihre gar zu freundliche Annäherung war ihm nicht allerdings lieb: ihre Zuverlässigkeit daugte ihm eine Anlässigkeit zu seyn: als welcher besorgte seine Freyheit dörffte anjetzo ihre Arme zum Netze bekommen / welches ihn in ein eheliches Versprechen wickelte. Denn wiewol er glaubte / sie wäre nicht deß Fürsatzes zu ihm gekommen / daß sie in Schanden wieder von ihm gehen wollte; er auch selbst ihr zu nehmen / was er ihr nicht wieder geben könnte / nicht begehrte: betrachtete er doch die Gefahr / darein sie sich beyde wagten / indem Feuer und Schwefel einander so nahe kämen / und daß vielleicht / bey solcher ertzmündlichen Unterredung / ihrer beyder Will und Sinn / durch allzufeurige Entbrennung der Begierden /plötzlich verwandelt / ja die Vernunfft / bey so inbrünstiger Zusammenrückung / eingeäschert werden /folgends alsdann ihre Zucht erleschen dörffte: zumal weil keines unter ihnen von kaltem unempfindlichem Marmel / sondern sie so wol / wie er / Fleisch und Blut / überdas seiner erneuerten Kräffte Vermögen allbereit grösser / als ihre Fürsichtigkeit / und unbehusame Einbildung / wäre.

Nichts destoweniger wollte er ihr auch nicht gern einen Argwohn erwecken / als ob ihre Zunahung bey ihm den Verdacht eines leichtfertigen Verlangens gewonnen: und sorgte / sie dörffte die Verschmähung solcher ihrer verliebten Leutseligkeit ihm zur grossen Grobheit rechnen; (da es doch vielmehr eine ihm wolanständige Klugheit wäre gewest / wann er ihr freundlich eingeredt / und zu Gemüt geführt hette / wie nahe sie an den Rand einer Gruben treten wollte / darein ihre Ehre leichtlich [151] könnte verfallen / und verscharrt werden) derhalben willigte er / in ihren Vortrag / und ließ sie dergestallt zu sich / an seine Seite / kommen /daß / ihrem Begehren nach / die Oberdecke deß Bettes / nebenst ihren Nacht-Kleidern / gleichwol zwischen ihnen noch einen Unterscheid machten; hingegen Arme und Lippen sich vereinigten.

Philemander merckte aber / seines Theils / gar bald / der Stahl seiner vorgefasten Entschliessung / dörffte / bey solchem brennendem Schwefel / endlich wol schmeltzen und zerfliessen: Er fühlte / daß seine junge Brust so weich / wie ein Wachs an der Sonnen /würde; und daß gleichfalls Zeteandra / von Furcht-und Schaam-gemischter Liebe / gleichsam zu zittern begunnte. Denn damit sie nicht / ihrem Vorhaben nach / einen Discurs von ehlicher Versprechung anheben mögte: stellte er sich / als ob er / vor heisser Lie bes-Empfindung / weder hörte / noch merckte / was sie ihm zu sagen zwar unterschiedliche Mal anhub /aber / vor seiner ungestümen Mund-Pressur / niemals vollenden kunnte.

Aber was geschicht? Indem diese Beyde also ihrer finstren Löffeley pflegen / erhebt sich / zu Mitternacht / in dem Vorgemach / gähling ein erschröckliches Getös und Gepolter: wovon Zeteandra / vor Schrecken / ineinander schoß / und auch Philemander eine grosse Bestürtzung empfand. Denn sie hörten Beyde /und zwar desto lauter / weil Zeteandra / bey ihrem Eintritt / die Kammer-Thür / mit Fleiß / hatte weit offen gelassen / daß gleichsam ein paar Personen / mit Stiefeln und Sporen / die Stegen / so zu besagtem Vorgemach führten / herauff kämen / und denselben alsobald [152] andre mehr nachfolgten / jedoch gar langsam herauf träten. Weßwegen Sie zu ihm sagte: Ach weh! wir seynd verrahten! Was wird man gedencken /von mir / so ich allhie angetroffen werde?

Gerne wäre sie geflohen; wuste aber keine Ausflucht: richtete sich doch eilig empor / und gedachte von dem Lager aufzuspringen; in Hoffnung / weil man sie gleichwol nicht bloß / sondern in ihren Kleidern / fünde / daß alsdann der Verdacht um ein Gutes dadurch gelindert und gemindert würde.

Er war aber andrer Meynung / wollte durchaus sie nun nicht von sich lassen; sondern fand rahtsamer /sie sollte zu ihm / unter die Decke / sich verkriechen: und nachdem sie solches gethan / sprang er heraus /erwischte seinen / allernechst an der Wand hangenden / Degen / blösste denselben / und legte sich damit wieder zu ihr ins Bette / gäntzlich entschlossen / denjenigen / der sich unterstehn würde / ihm die Bettdecke wegzureissen / und den Inhalt derselben zu entdecken dergestalt zu zeichnen / daß ihm die Lust solcher Untersuchung bald vergehn sollte.

Indessen wird draussen / auf einer langen Gallerie /und in dem Vor-Gemach / das Getümmel immer stärcker. Bald that es / als ob drey oder vier Kerls / mit starckem Tritt / in ein / gegen seinem Schlaff-Gemach über / befindliches grosses Zimmer gingen; bald / als ob viel Hof-Mägde einen Hauffen Bettwercks die Stegen herauf schleppten / und mit den Bund-Schlüsseln ein Geklinge machten; [153] bald / als lieffen viel Jagt-Hunde mit einander herauff.

Hernach wurden unterschiedliche / in dem Vorgemach stehende / grosse Gehalter / und unter andren deß Philemanders Truhe / mit grossem Gerassel /auffgesperrt / auch gleich / mit gantzer Gewalt und starckem Knartzen / wieder zugeschmissen / daß mans wie weit hette hören mögen.

Zeteandra / solches hörend / sagte / zum Philemander: Aue! mein Engel! das seynd Diebe! die werden alles auffbrechen / und auch seine Truhen ausleeren. Hat er nicht gehört / wie sie gebrochen / und gesperrt?

Er / der weit anders urtheilte / sprach: Schwerlich! Ein Dieb macht mir kein solches Gepolter / und lauten Lärmen / Geklapper und Getümmel.

Warum nicht? versetzte Sie. Vielleicht haben sie ein Diebs-Liecht angezündt / in Meynung / daß alles Volck im rieffen Schlaffe lige. Wovon auch diejenige / welche würcklich schlaffen / so hart vom Schlaff gebunden ligen / daß / wie man sagt /sie nicht erwachen können / bevor das Diebslicht ausgebrannt. Und darauff mögen sich diese Diebe wol verlassen / daß sie ungescheut ein solches Getöß machen.

Seine Gegen-Antwort war: Wäre ein solches Licht vorhanden / würde es doch wol in etwas / ob gleich nur tunckel / scheinen / und die Finsterniß ein wenig brechen. Alsdann wollte ich bald / mit der Fuchtel / hinaus / und ihnen die Stegen weisen. Denn Diebe seynd [154] doch verzagt; ob ihrer gleich viele beyeinander. Aber diß sind keine Diebe; auffs wenigst keine natürliche.

Mein! so sage et nur doch (fing sie wieder an)was es sey? Er sprach: Ich versichte sie / doch mit Bitte / daß Sie ja nicht zu hart erschrecke / und hernach drüber erkrancke / es seynd keine Geld-oder Säckel-Diebe / sondern Seelen-Diebe. Es ist anders nichts / als ein Gespenst.

Da sie das vernahm / kam sie Grausen / Furcht /und Zittern / an; sagte: O Herr! was fangen wir an? Was Rahts? Ich vergehe / vor Angst und Schrecken!

Er hieß sie gutes Muts seyn / tröstete sie / und sprach hernach weiter: Ich weiß / für uns Beyde /keinen besseren Raht / als / daß wir uns zuforderst / aus der Gefahr / darinn wir schweben / in mehrere Sicherheit stellen Meinem / in der nechsten Kammer / Stein-fest schlaffenden Diener zu ruffen / scheinet nicht dienlich: er dörffte schwätzen / und hernach ihre Ehre im Dispüt kommen. Allein! was macht man? Sie ist jetzo / meines erachtens / benöthigt / sich aus dem Bette zu erheben / und auff einen Stuhl niderzusetzen.

Gleich damit sprang er auff / ruckte denjenigen /der / seines Wissens / zu den Füssen deß Bettes stund / herauff / und stellete ihn nahe zu seinem Kopff-Küssen; daß sie drauff sitzen mögte: wozu sie / vor tieffer Entsetzung und Bangigkeit / sich kaum bereden ließ. Aber er sprach ihr zu / sie sollte ein Hertz fassen /und sich an seine Hand / welche er ihr [155] aus dem Bette zureichte / mit der ihrigen nur fest halten / doch noch fester / mit ihrem Vertrauen / an GOtt; jedoch denselben / in ihrem Hertzen / auch um Verzeihung bitten /daß sie Ihn versucht / und ihre Ehr in solche Gefahr gesetzt: Denn ob dieselbe gleich unverletzt geblieben / und sie / Unzucht halben / nicht zu ihm gekommen; hette sie doch leicht / ohne Zucht und Ehre / können wieder von ihm kommen: Weil Liebe / Nacht / und Einsamkeit / die Zucht zuvertheuren gewohnt / und der Mensch Seiner selten lange mächtig bliebe / wann er den Begierden die Gelegenheit / als derselben Kupplerinn / zum Vortheil einräumte.

Ihre Antwort war / Sie könnte es wol wie hoch betheuren / daß sie gar kein leichtfertiges Verlangen mit sich daher getragen. Er gab zur Wieder-Antwort: Ihr ehrliches Gemüt stünde bey ihm / in ungezweisseltem Credit: Nichts destoweniger / ob gleich ihre Leiber annoch / in der Vollkommenheit beharreten / könnten doch die Gemüter gar leicht geschwächt und brünstig worden seyn: der menschliche Sinn sey wandelbar /und springe / nach Bewandniß der Sachen / so leicht um / wie der Wind.

Indem er also / aus einem Buhler / oder Löffler / ihr Lehrer worden / und ihr predigte; arbeitete der Polter-Geist draussen / im Vorgemach / immer erschrecklich fort / stellete sich auch etliche Mal / als ob er gerad auff die Thür seines Schlaf-Gemachs / mit einem starcken Tritt / zuginge / und in die Kammer kommen wollte: Tratt auch endlich etliche Mal würcklich auf die Schwelle der weit-offen-stehenden Thür. Darüber entsetzte Sie sich [156] so hefftig / daß er sorgte / sie dörffte das Freischlein bekommen. Denn sie wusste / vor Angst / weder aus noch ein / und bebte so ungewöhnlich hart / daß / (wie / nach der Zeit / Philemander /gegen einem vertrauten Freunde / geredt) kein armer Sünder jemals / vor dem Gerichts-Schwert / so hart gezittert / noch das Fieber ihn selbsten / den Philemander so geschüttelt hette / als wie Zeteandra /von Furcht / und Bangigkeit / beklopffet und gerüttelt worden. Daher wol zu glauben / daß / wann sie je vorhin einen Gifft böser Gedancken soltte bey sich empfunden haben / solches in diesem Angst-Bade Sie ohn zweiffel Alles wieder ausgeschwitzet / und zwar viel starcker als ob man ihr den stärcksten Theriac eingegeben hette.

Darum schloß er ihren rechten Arm / in seinen lincken; um ihre Furcht hiedurch in etwas zu mässigen; sprach ihr auch tapffer zu: Sie sollte sich doch so sehr nicht fürchten; denn je mehr sie zitterte / je mehr würde sich der Teufel draussen daran ergetzen / und deß Schreckens nur desto mehr machen: derselbe könnte ihr / ohn Gottes Willen / kein Härlein krümmen; Welcher ihm über sie keine Macht gegeben hette; sintemal er sonst schon längst zur Kammer herein gebrochen wäre: Sie sollte nur GOtt vertrauen /und sich versichern / das Gespenst würde nicht über die Schwelle / noch herein kommen: Und ob es gleich herein käme / könnte es ihr doch nichts thun / wann sie nur betete.

Nachdem sie nun / durch das grauerische Gepolter und Gerassel / schier eine gute halbe Stunde / im Schweiß gehalten / und ziemlich mortificirt worden; lieff endlich das Gespenst / als wie ein [157] gantzer Trupp / eine Stiegen hinauff / die zu dem öbern Bodem ging / und zeschete abermal weiß nicht was für ein Geschlepp / als wie Betten / Säcke / und dergleichen /mit grossem abscheulichem Geräusch / hintennach. Es fing aber hingegen an / auff dem Ober-Bodem / gerad über ihren Häuptern / zu rumoren / zu trampeln / stossen / unn werffen. Und wann es also eine Zeitlang sich daselbst droben getummelt / fiel es alsdann / wie ein schwerer Getreyd-Sack / auf den Boden nider /daß die Kammer-Fenster zitterten und klingten.

Nach sothanem Fall / erhub sich dann voriges Getümmel von Neuem / biß wiederum ein schwerer Fall geschahe. Und so wechselte der Tumult wol mehr /als zwantzig Mal / mit dem Fall um. Unterweilen aber that es / als ob zwantzig oder dreyssig Kerls / ihnen über dem Kopff / droben mit den Füssen stampfften /trampelten / und sprüngen. Solches währte droben /ungefähr eine gantze Stunde.

Hiernechst fuhr es hoher hinauff / zu dem dritten Bodem / oder Gaden; und tumultuirte daselbst gleichfalls eine gute Stunde lang: wiewol das Gekrach und Gerassel / nach Proportion der Erhöhung / und Entfernung / um ein Gutes schwächer ward. Folgends erhub sich das Getümmel / und zwar gar mercklich (denn sie kunntens allemal gantz eigendlich hören / wann es eine höhere Stiegen hinauf lieff) nach dem vierdten /und zu allerletzt / nach dem es dort abermal eine gute Weil abgelebt / und gerumpelt / nach dem fünfften /als den alleröberstem Gaden / hinauff. Woselbst man nur / der Höhe halben / einen schwachen Hall mehr vernahm.

[158] Also musste dieses Löffel-Paar / in die 4 Stunden lang / solchem Gerümpel und Tumult. Gehör geben /und durch diesen Angst-Schweiß die vorige Liebes-Hitze verschwitzen.

Nach sothaner vier-stündigen Pœnitentz / hatteZeteandra noch so viel Muts nicht / daß sie wieder hinaus gegangen / und über den Schloß-Platz ihrer Wohnung zugeschlichen wäre; ob sich gleich Philemander erbot / sie zu begleiten: sondern blieb auff ihrem Stuhl / in der Gebets-Andacht / sitzen / biß eine halbe Stunde gegen Tag. Da er mit ihr ging / und sie /an der Hand / nach ihrem Zimmer führte.

Nach der Zeit / kehrte sie nicht wieder bey ihm ein: die Lust war ihr vergangen: Und / über kurtze Zeit /reisete er / von selbigem Hofe / hinweg; ließ aber /(wie er selber / als Er noch lebte / bey Erzehlung dieses Handels / gedacht hat / gegen einem vertrautem Freunde / aus welches gar glaubwürdigem Munde /ich / für eine Gewißheit / diese Abentheuer auffgezeichnet habe) die Erinnerung dieser Löffeley-Vermyrrhung / so bald nicht aus seinem Sinn verreisen.

Sie hat / etliche Jahre hernach / eine andre / und vielleicht bessere / Parthey / weder sie / an diesem Maul- und Löffel-Liebsten / verspührt / getroffen /und einem ansehnlich-reichen Mann sich zur Ehe ergeben: weil sie der Auffwartung bey Hofe müde gewest.

Philemander fasste einen guten Schluß / der Löffeley / und deß Courtesirens / nach diesem müssig zu gehen / und seine Zeit in rühmlichern Handlungen zu verzehren. Er hielt auff Reisen / [159] seine Blicke im Zaum / ließ sie / an keiner schönen Gestalt sich verweilen; sondern entmüssigte sie / an allerley schau und merckwürdigen Sachen / womit ein tugendhaffter Weltmann so wol für sich selbst / als für sein Vaterland / guten Nutzen schaffen kann.

Es fehlte aber nicht viel / daß er endlich nicht wiederum / mit voriger Gemüts-Kranckheit / noch schwerer befallen wäre. Denn als er aus Franckreich / da er sich gleichwol ziemlich in Acht genommen / zurück in Niderland gelangte; suchte ein Obrister-Leutenant /seine / als eines politen und resolvirten Menschens /Kundschafft / führte ihn mit sich in die Wirths-Häuser / zum Trunck / und zur Würffel: wodurch die bisherige Eingezogenheit und Sittsamkeit allgemach / bey ihm / verschwand / und die vormalige Lust zur Besuchung deß freundlichen Frauenzimmers / aus der Aschen wieder hervor glimmte. Denn eine Unordnung zeugt bald andre / und schnöde Eitelkeiten reihen sich gern aneinander. Es stiessen sich aber seine Begierden / in ihrem Lauff / an die Begebenheit / so wir am Ende dieser Erzehlung / vernehmen werden.

Sein guter Glas- und Spiel-Genoß / führte ihn / zu mancher Gesellschafft / und recommendirte ihm endlich eine Officirers Witwe / welche / so er / der Philemander / ihr würde höflich auffwarten / und sie wol bedienen / ihn als einen wol-gebildeten Aufwarter /nicht allein mit ungemeiner Gunst / sondern auch weil ihr verblichener Mann ihr ein grosses Geld hinterlassen / mit ansehnlichen Presenten / beschencken würde: wiewol Mancher billig (seines Bedunckens) drauff spendiren / und sichs was kosten [160] lassen sollte /daß er das Glück / ein so schönes Weib zu caressiren / erlangen mögte.

Philemander spitzte die Ohren / und weil die Neigung zu günstigen Schönheiten / bey ihm / allbereit wiederum eingeschlichen / ließ er sich gern mit dahin führen: auf daß er die / ihm nun so offt gepriesene /Gestalt und Vortrefflichkeit solcher martialischen Venus einmal ins Auge fassen / und mit derselben bekandt werden mögte.

Sie nahm seine Besuchung / nachdem er höflich um Erlaubniß angesucht / und den Ruhm ihrer wunderwürdigen Natur-Gaben / wider ihren Unwillen / zum Schilde vorgeworffen / (will sagen / den schallenden Preis ihrer Schönheit und Tugend zur Entschüldigung seiner Einkehr / vorgewandt /) mit leutseliger Bewillkommung auf / erwies auch so wol seinem Gefährten /als ihm / die Ehre einer zierlichen Collation. Dagegen er ihr / mit vielen Lob-Sprüchen / hofirte / und gar bald merckte / daß sie ihm freundlichere Blicke / als jenem / gab; angemerckt / sie eine ziemlich frische Witwe war / die schöner / als erbarer / und viel leichter ihres Liebsten / als der Liebe / vergessen hatte. Wann sie so viel Zier im Hertzen / als in ihren Wangen oder liebreitzenden Augen / gehabt hette / wäre sie auch gewißlich ja so würdig einer ehrlich-treuen Liebe / als Lobes / gewest.

Für dißmal / nahm er / nebst seinem Führer / von ihr Urlaub; nachdem er / ihr weiter aufzuwarten / Vergunst gesucht / und auch erhalten. Worauf er ihr also /aus den Augen / wich / und im Hertzen sitzen blieb; auch hingegen selbst / aus ihren glatten Reden / und Angesichts-Rosen / einen Stachel / [161] in seinen Begierden / mit sich heimtrug. Denn wer einer buhlerischen Schönheit nachgehet / dem spaltet sie gar leicht die Leber.

Nachdem er sich nun / mit verwundtem Hertzen /ins Bette geworffen; fing er an / zu speculiren / auf fügliche Weise und Gelegenheit / wie er / ohne Verdacht der Nachbarschafft / ehestens wieder bey ihr einkehren mögte. Wie er dann auch / über vier Tage hernach / unter weiß nicht was für einem Fürwand /wieder zu ihr / wiewol allein / kam / und an der Glut ihrer funcklenden Aug-Sternen sich noch mehr entzündete.

Er verrichtete zuforderst seine verliebte Abgötterey / that ihr ein Lob-Opffer / nach dem andren. Demnechst spielten sie miteinander in Karten / und zwar erstlich um geringes Geld; hernach / um eine Discretion. Welche er gewann / und / als sie / in seine höfliche Wahl stellete / was für eine Discretion sie ihm schuldig wäre / keine andre / als einen Kuß / begehrte. Den schlug sie ihm zwar ab; doch nicht eben mit den Händen; sondern mit Worten; ließ ihn also rauben /was sie nicht ungern verlohr; ob sie es gleich nicht ausdrucklich verwilligte. Endlich nöthigte ihn die herandringende Nacht / Abscheid zu nehmen: wobey er abermal ihrem Munde / und sie seinem Hertzen /einen dergleichen Raub entführte.

Er gedachte / mit allerersten / sie wieder zu bedienen / seine verbuhlte Augen noch mehr / an diesem Feuer / zu verbrennen: und schlieff / nach einem kurtzem / übers Knie abgebrochenem / Abend-Segen / in solchen löfflenden Gedancken / ein.

[162] Allein / nach Mitternacht / traumte ihm / als ob er /mit ihr / spatzieren fahrend / durch Jemanden / meuchelmördrisch würde erschossen. Uber welchen Traum-Schuß / er plötzlich erwachte / und / vor Schrecken / gleichsam ineinander fuhr / auch / vor starcker Einbildung / anders nicht meynend / denn er wäre würcklich getroffen / stracks mit der Hand /nach der vermeynten Wunde / an die Brust griff; weil ihm dieselbe sehr schmertzte. Bald aber / da er sich recht völlig besann; fiel er / auf die Gedancken / der Obrist-Leutenant dörffte vielleicht darum / daß er der Frau-Oberstinn besser befohlen / als er / und diese ihm / dem Obristen Leutenant / unlängst / als Philemander ihr aufgewartet / sich hette verleugnen lassen / einen Groll wider ihn gefasst haben / selbigen auch vielleicht / durch eine tückische Kugel / auszuführen /gedencken: also nahm er den Fürsatz / diese neue Liebs-Kundschafft nicht weiter fortzusetzen / sondern absterben zu lassen / auch der Conversation deß Obristen Leutenants sich allgemählich zu entziehen.

Allein dieser gute Schluß war kaum geboren / als er / nach fünff oder sechs Tagen / wieder dahin fiel. Denn der Martigenis wollte die Weile zu lang werden / daß sie ihn / der ihr Hertz schon gantz eingenommen / in so langer Zeit (angemerckt / in der Buhler ihrem Calender / ein Tag / für ein gantzes Jahr /gerechnet wird) nicht gesprochen: weßwegen sie / besorgend / er mögte in der Liebe gegen ihr wieder er kühlen / ihn / durch ihren Lackeyen / besuchen / und /nach seiner Gesundheit / fragen ließ / auch zugleich /in Frantzösischer [163] Sprache / ein kurtzes Hand-Brieflein schickte / Inhalts / daß sie sich ihrer Schuld /wegen jüngst verspielter Discretion / durch beykommende (an einer köstlichen Hut-Schnur von Perlen hafftende) Feder / (welche / in einem weissem Atlasch / vernehet / von dem Lackeyen überliefert ward) hiemit freundlich entbinden wollte.

Er entsetzte sich anfangs in etwas darob / und bekam schwere Gedancken; besorgend / es dörffte seine Freyheit / die er noch zur Zeit an keinen ehelichen Zaum wollte verbinden lassen / mit dieser Feder sich davon- der Martigenis in die Arme / schwingen: setzte sich doch gleichwol bald / und schrieb etliche höfliche Danck-Zeilen / mit Versprechung / ehester Tagen seine Danck-Pflicht mündlich abzulegen. Dem Lackeyen verehrte er / zum Trinck-Gelde / und darunter verstandenem Lohn der Verschwiegenheit / einen Reichsthaler.

Als derselbe hinweg / fingen / in seiner Betrachtung / Vernunfft und Liebe einen schweren Krieg miteinander an: wobey aber jene endlich den Kürtzern zoch / und den Platz verlohr. Denn die Perlene Hut-Schnur ward seinem Hertzen zu einer Schlingen / und er / mit Hindansetzung aller Gegen-Rede der Vernunfft / seiner Meynung nach / höchlich verbunden /sie nicht allein wiederum zu besuchen / und sich gegen ihr zu bedancken / sondern auch zu allen ersinnlichen Liebs-Diensten zu verpflichten.

[164] Jedoch nahm er das Bette / in seinem Vorsatz / aus / und beschloß dieser seiner neuen Buhlschafft so behutsam abzuwarten / daß er / mit keiner Eh-Verbindlichkeit / von ihr verstrickt würde. Denn davon hielt ihn unterschiedliches Bedencken ab: als / Erstlich /daß Martigenis / in einer Liljen-weissen Brust / kein Liljen-reines Hertz trüge: sintemal das Gerücht nicht das Beste von ihr redete. Denn es ging ein Gemürmel / als ob sie / noch bey Lebzeiten ihres verstorbenen /an einer langen Schwindsucht ausgedorrten / Eh-Herrn / mit einem und andren jungen Cavallieren /und zuletzt auch mit obbesagtem Obristen Leutenant /genauere Kundschafft gepflogen / weder einer verehlichten Damen wolanständig. Weßwegen Philemander besorgte / sie dörffte ihn auch dermaleins / an stat gegenwärtiger Hut-Schnur / von Perlen / und anhafftender Feder / mit einer Kron / so ihm nicht angenehm / beschencken / auch seiner Reputation nachtheilig seyn / daß er eine so verdächtige zur Ehe genommen. Zudem wünschte er noch zuvor / etliche fürnehme Höfe zu besuchen / und allda seines Glücks zu erwarten / bevor er / ausser Condition / zur Heiraht schritte. Mit einem Wort; er hoffte sie / mit blosser Mund-Collation / zu vergnügen / wie er / vor einigen Jahren /die Zeteandra damit abgespeiset hatte.

Unterdessen stund er nichts destoweniger / ohnangesehn ihm die Vernunfft einen Verweis über den andren gab / in vollem Feuer der Liebe: die ihn auch bald / deß andren Tags / zu der Martigenis / ins Losament trieb. Mit welcher er daselbst / unter mancher Liebeley / Schwester- und [165] Brüderschafft stifftete. Es ward aber damals ihre Löffeley bald unterbrochen: weil Martigenis / von einigem Frauenzimmer / eine Besuchung bekam / und / Ehren halben / dasselbe freundlich empfangen musste. Weßwegen Philemander bemüssigt worden / sich / unter dem Versprechen ehester Wiederkunfft / von ihr zu beurlauben.

Er ging / samt seinem Diener / heim / mit einem solchem Mut / der sich so veränderlich / als wie der Aprill-Monat / verstellete. Bald ergetzte ihn die Erinnerung einer so süssen Buhlschafft / und die so brünstige Huld einer so schönen Damen / wie gleichsam ein lieblicher Sonnen-Blick: bald betrübte ihn die Befahrung eines Eh-Netzes / von Einer / die er zwar /ihrer Schönheit und Höflichkeit halben / zur Liebes-aber nicht zur Lebens-Gefährtinn / wünschete: Welche Beysorge aber / wie ein untermengtes Wölcklein /allemal bald vorüber ging / und dem wiederhervorbrechenden Sonnen-Strahl seiner Brunst den Platz räumte.

Weil aber Martigenis jüngstens seiner nicht froh genug worden / noch an seiner beliebten Gegenwart sich recht ersättigen können; indem die Einkehr andrer Personen / wie erst gedacht worden / ihr das Gewirck ihrer damaligen Anschläge zerrissen / also / daß sie deß Philemanders / ihrem Verlangen nach / nicht geniessen / noch denselben ihr / wie sie gäntzlich beschlossen / zueignen können; doch gleichwol sich gnugsam versichert hielt / daß er Feuer gefangen hette / und durch sie entzündet wäre: ließ sie ihn gleich /nach dreyen Tagen / wieder zu sich erbitten.

[166] Dessen freuete und scheuete er sich zugleich. Sie zu sehen / und zu hertzen / war er begierig; ihre Begierden aber völlig zu erfüllen / ungeneigt und furchtsam: denn er merckte ihr letztes Ziel sehr wol; nemlich daß sie ihn nicht / wie etwan vormals Andre / zuletzt wieder aufgeben / sondern mit Heiraht fesseln wollte; und daß nicht weniger ihr Hertz von Liebe /als wie ihr schönes Angesicht von Purpur / glimmete; Sie zudem auch in der Zumutung küner und behertzter seyn würde / als vormals die Zeteandra / welche ihr Anligen / mit vielen Complimenten / umwickelt / und gleich so deutlich heraus zu sagen / sich erblödet hette. War also sein Mut ein Schilff-Rohr / das bald die Sorge / gegen den Aufgang; bald die Begier /gegen Nidergang / beugete. Dennoch gab er ihr / die er weder zu besitzen / noch zu verlieren / wünschte /die verlangte Besuchung unverzüglich.

Seine Vermutung fehlte nicht. Mitten unter seinen Liebes-Bezeugungen / erklährte sie sich / für überwunden / und daß sie / von ihm / nimmer geschieden /sondern in einer Bündniß / biß an den Tod / ihm vereinigt bleiben mögte. Worauf er zwar sich glückselig preisete / doch nur mit unklaren zweydeutigen Worten / antwortete.

Sie aber setzte den Discurs fort / lenckte denselben je länger / je näher / auf ihren Zweck; nemlich ihm ein ehrliches Versprechen abzugewinnen. Und weil solches / ihrer Einbildung nach / nicht gewisser / als bey einer Lieb-brünstigen Handlung / ihr von Statten gehn könnte: beschloß sie / seine Gefährtschafft / auf eine zwey-tägige Reise / zu erbitten: damit sie unterwegens / am sichersten [167] und nachdrucklichsten / Beyde hiev on handlen mögten.

Nachdem er ihr solches eingewilligt / und versprochen; ward der zehende Tag dazu bestimmt: an welchem sie / auf ihrer Reise-Kalesch / etliche Stunden voraus fahren / er aber / zu Pferde / nachfolgen sollte /biß sie / in einem verabredtem Dorff / einander anträffen. Und solche Abrede ward / mit einem brennendein Abscheid-Kuß / versiegelt.

Philemander / welcher / aus den flammenden Wincken / Worten / und Wangen der Martigenis /nunmehr greifflich spührte / daß sie doch nicht ruhen würde / als biß ihr brennendes Hertz / unter einer gefüllten Brust / und in der Ehe / sässe; führte daheim /mit sich selbsten / einen schweren Streit / über der Frage / ob er genommener Abrede nach- oder zuwidern / leben sollte. Sintemal er nichts Gewissers glaubte / als / daß die erste Nacht / welche ihn unterwegens / bey der Martigenis / anträffe / die letzte seiner Freyheit seyn würde: da er doch sie nur zu lieben /und nicht zu beleben / weniger noch zu ehelichen /wünschte.

Endlich wählte er doch den schlimmsten Theil; nemlich daß er sein gegebenes Wort halten wollte; es mögte im übrigen gehen / wie es könnte: er wolle ihr zwar nichts / wider ihre Ehr / zumuten; daferrn sie aber selbst ihn würde reitzen / und gleichsam dazu verbinden / daß er den fünfften Grad der Buhlschafft mit ihr beträte / so mögte es drum seyn / und sie es ihr haben / (wie dort der erbare Judas / von der Thamar /redete) er bliebe dennoch [168] (seines leichtfertigen Bedunckens) ein ehrlicher Kerl / der den Hut aufsetzen /und davon / in seine Heimath / ziehen könnte: Denn gewißlich mit einer solchen / die mit Andren vorhin schon gelöffelt / könnte er / wann sie gleich gar eine Generalinn / oder Fürstinn / wäre / nicht in ehelichem Bundeleben: buhlen aber wolle er wol mit ihr; darinn er ihr auch ja nicht der Erste seyn werde.

Eine seltsame Sache / daß solche Zucht-vergessene Gesellen sich schämen / eine Verbuhlte zu nehmen /und doch selbst dasjenige / wodurch sie / von Heirathung einer Solchen / abgeschreckt werden / mit ihr zu vollbringen / weder Schaam / noch Scheu tragen! da diß Letzte doch viel grössere Schande / als das Erste.

So ergab sich nun Philemander gäntzlich dem Schluß / daß er wollte amicus amicæ usque ad aram, ein Freund vor- wo nicht gar in dem Bette / und nicht vor dem Altar / seyn: Ließ derhalben auch / zum Ritt /ein Pferd bestellen / und / gegen den angesetzten Tag / alle Anstalt zur Reise machen / auch die Martigenis etliche Mal versichern / daß es bey der Abrede bliebe.

Er belustigte sich mittler Weile / in seinem bethörtem Mut / mit allerley eitlen Betrachtungen / was für einen schönen Spaß es / auf dieser Reise / setzen /was für delicate Zeitkürtzung ihn alsdann erquicken würde.

Nachdem er aber / etliche Nächte nacheinander / in solcher Thorheit / eingeschlaffen / und gleichfalls / in der dritten / sein / in so leichtfertiger Liebe nunmehr wallendes / Hertz / an lauter buhlerischen [169] Gedancken sich ergetzte; erschreckte ihn endlich nicht wenig dieser Traum / wie seine Frau Mutter vor ihm stünde /mit erblasstem Angesicht / und über sein Vorhaben tieff erseuffzend / die Hände zusammen schlüge.

Diesem Traum folgte gleich ein andrer: als ob er seinen Hut / samt der ihm geschenckten schönen Feder / und Perlenen Hut-Schnur / verlohren; hingegen einen kalen Lumpen-Hut dafür aufgesetzt hette. Doch beharrete er noch / auf seinem Reise-Schluß.

Aber / in der frühen Morgen-Stunde / bekam er den dritten Traum / über welchen er sich viel hefftiger entsetzte. Denn er sahe etliche böse Geister zu seiner Kammer hinein treten / die mit lachen die Köpffe zusammen stiessen / und einander gleichsam allerley Neues erzehlten; biß zuletzt Einer unter ihnen / mit Fingern / auf sein Bette zeigend / fragte: Wer hat diesen wieder erwischet? Worauf ein Andrer antwortete: Ich! Folgends plauderte und plerrte er viel Dinges daher / wovon man nichts verstehen kunnte /ohn allein dieses / daß er ihm / durch einen Lockvogel / gepfiffen / und durch denselben ihn wieder ins Garn gebracht hette. Worauf sie alle sämtlich / mit ihren hönisch-gespitzten und abentheurlich gekrümmten Schnautzen / ein grosses Satyrisches Gelächter machten.

Er wachte hierüber auf / mit harter Entsetzung: und indem er diesem häßlichen Traum nachdachte / ließ sich / in der Kammer / darinn es auch sonst nicht rein noch richtig war / ein schrecklichs [170] Gepolter hören. Welches aber / als er anhub zu beten / gleich aufhörte.

Hernach erinnerte er sich auch deß vormaligen Traums / von dem empfangenem Schuß / wie auch der beyden vorigen / so er / in dieser Nacht gehabt: und veränderte seinen Schluß / in diesen festen Vorsatz /nicht allein die Reise / sondern auch die Buhlschafft /ja so gar alle Kundschafft / mit der Martigenis / einzustellen / und dem Raht Socratis zu folgen / welcher dahin geht / daß man den Gifft / der aus einem paar schöner Augen gesogen worden / besser nicht kuriren könne / als durch Veränderung der Lufft / nemlich durch eine ziemlich-weite Reise.

Diesem nach entschüldigte er sich / gleich deß andren Tages / bey der Martigenis / durch ein höfliches Brieflein / daß er ihr / auf der Reise / das Geleit / für diß Mal / nicht geben könnte; weil er / um hoher Angelegenheit willen / durch ein Schreiben / in seine Heimath gefordert wäre: Wann er wiederkäme / wollte er ihr schon wissen aufzuwarten; unterdessen aber sie freundlichst ersucht haben / die schöne Feder samt der Perlenen Hut-Schnur / so er hiebey in einer grossen versiegelten Schachtel / zu getreuer Verwahrung / ihr anvertraute / fleissig inzwischen aufzuheben.

Uber zween Tage hernach / zahlte er seinen / auf gewisse Zeit angenommenen / Diener / aus / samt dem Hauswirth / und reisete davon / nach einer weitentlegenen fürnehmen Hof-Stat. Wie es der Martigenis hernach weiter ergangen / davon gab mir sein gewester vertrauter Freund / von [171] dem ich diß Alles / für die Gewißheit / wie oben gedacht / verstanden / keinen weiteren Bericht.

Wir mercken unterdessen / aus dieser Geschicht /was für saubre Geister den Löfflern / Buhlern / und Gallanen / auff den Dienst warten; und daß die Buhler keine andre Patronen haben / als den Satan und seine Engel; imgleichen / daß junge Leute hoch-benöthigt werden / GOTT / um seinen guten / auff ebener Bahn führenden / Geist / zu bitten: damit Sie / für unzüchtigem Hertzen / bewahrt werden / und an keinem schnöden Blick einen Strick gewinnen / noch aus ihrer eigenen Gestalt und Zier / es sey in Wangen /oder Worten und Geberden / Andren Stricke und Netze bereiten mögen; sondern GOTT vor Augen /und die Betrachtung im Hertzen haben / daß der Buhlerey Ausgang / wie Salomon bezeugt / in deß Todes Kammer hinunter gehe / und der Buhlerinn Füsse zum Tode lauffen.

Fußnoten

1 Ambros. lib. 1. c. 14. de Pœnitent. Tom. 1.

21. Das verführische Irr-Licht

[172] XXI.

Das verführische Irr-Licht.

Daß die so genannte Nacht- oder Irr-Lichter / welche denen / bey Nacht wandrenden / reitenden / oder fahrenden Leuten nicht selten zu Gesicht / offt auch wol gar nahe auff den Leib kommen / für sich selbst nicht unnatürlich / sondern eine Entzündung gewisser Dünste seyen / habe ich / in meinen vorigen Schrifften /unterschiedlicher Orten / sonderlich aber / in dem fünfften Discurs deß Erd-umgebenden Lufft-Kreyses / mit ziemlicher Ausführlichkeit behandelt. Allda ich auch gedacht / daß / auff den Spannischen Gebirgen / die Irrwische sehr häuffig beyeinander / von den Reisenden / gesehn werden; und / in Aethiopien / oder Morenlande / die Felder offt / gantze Nächte durch /davon leuchten / nicht anders / als ob sie gestirnt wären: imgleichen / daß / auff dem so genannten Perlen-Fluß / in Sina / bey Nacht solche Liechter auch erscheinen / und von den Sinesern für helle Karfunckeln geachtet / doch gleichwol aber Jeming / das ist /Nacht-Lichter / genannt werden.

Durch solche Irr-Lichter nun / kann man gar wol /natürlicher Weise / in Wasser und Morast / verleitet /und drüber seines Lebens verkürtzt werden; wenn man denselben nachfolgt: weil sie sich gern / nach und nach / dahin ziehen. Gleich wie aber Scherertzius / von den Meer-Lichtlein / die sich / bey Stürmen /auff die Schiff-Bäume / oder Segel / [173] setzen / oder auch ob dem Schiffe schweben / gantz willig gesteht /daß sie aus natürlichen Ursachen sich entzünden / und den Schiffenden erscheinen (welche Ursachen ich gleichfalls / in angeregtem Discurs / am 572 und etlichen folgenden Blättern / habe angezeigt) nichts destoweniger aber doch der Satan / als ein Feind menschliches Geschlechts / seine Gauckeley mit drein menge: damit er den Schiffleuten die Furcht und Angst vergrössere; daher dann solche Meer-Lichtlein bißweilen gleichsam / als wie eine menschliche Stimme / ein Geheul und Gewinsel von sich geben: (wiewol dieses Kirren und Winseln eben sowol natürlich geschehen kann) Also lässt sich solches viel gewisser noch / von den Irrlichtern / urtheilen; nemlich daß bißweilen die Gespenster ihr Spiel damit treiben / um die Leute in Unglück zu bringen / indem sie dieselbe dadurch auff Irrwege / in morastige Oerter / und Wasser-Pfühle / verführen.

Es erzehlte mir / vor vielen Jahren / ein erbarer Mann / der mein Reise-Gefährt war / daß er vor kurtzer Zeit / in Gesellschafft eines fürnehmen Manns /zwischen Nürnberg und Nördling / bey Nacht / weil die Eilfertigkeit solche zur Gehülffinn erheischete /geritten / und ehe dann sie / hinter Kuntzenhausen /an die Brucke gekommen / eine Fackel aus selbigem Städtlein / mit sich genommen. Worauff / unweit von dem Wasser / etliche Irrlichter neben ihnen her zu flackern angefangen: Weßwegen sie / um so viel mehr / die Fackeln angezündt / um der Brucken / weil / von dem hohen Wasser derselhen ein guter Theil überschwemmt und verdeckt war / destoweniger zu verfehlen / noch von derselben [174] herab / in den Strom / zu verfallen. Welches ihnen auch / bey einem Haar /schier wäre widerfahren; wann nicht der Mann / welcher mir solches erzehlte / aus offtmaliger Bereisung selbiges Weges / deß rechten Strichs wäre kündig gewest. Denn die Irrlichter / welche / eine Weile / hinter / oder neben ihnen her / geflattert / begunnten sich zu mehren / und sie fast irr zu machen: indem etliche derselben vor ihnen her fliegend / sich auf die Brucke stelleten / etliche über dem Wasser / zur Seiten der Brucken; etliche auff das Stuck der Brucken / welches unterm Wasser stund. Und wie diese zween Reitende eben an den Ort gelangten / da der beflossene Anfang der Brucken seyn musste; wollte dem fürnehmen Mann schier bang werden / und ihm / sein Pferd / abwerts zur Seiten / weichen: Welches ihn denn gewißlich in die Tieffe geführt hette / daferrn nicht sein voranreitender / und dieser Brucken wol-erfahrner Reise-Gefährt / ihm zugeruffen / er sollte still halten / auch etliche Schritte zurück geritten / und ihn wieder auff den rechten Pfad gebracht hette. Hernach ermahnte er ihn / ihm nur stets hertzhafft zu folgen. Also ritten sie / mit grössester Behutsamkeit / durch das über die Brucken hinlauffende Gewässer / biß sie den trucknen Theil derselben erreichten / als unterdessen besagte Nacht-Lichter / unweit von ihnen hin und wieder hüpfften / und hernach wiederum voraus fliegend / an-und neben dem End-Stuck der Brucken / welches gleichfalls unter dem Wasser verborgen lag / ihre Gauckeley oder Flatter-Wesen anfingen. Daraus sie dann nicht unfüglich geschlossen / daß ein Gespenst mit im Spiel wäre; und daß / woferrn sie nicht ein[175] brennendes Windlicht mit genommen hetten / Einem von ihnen besorglich / im Strom / seine zwey Stirn-Lichter würden erloschen seyn. Wie dann Unfall gemeinlich darauf folgt / wo vorher die Fürsichtigkeit gefallen / und auch leicht das leibliche Auge denen zugeht / welchen das Gemüts-Auge / die Behutsamkeit / ausgerissen ist.

Man lieset auch / beym Fromondo / daß Einer / der ihm beschwägert gewest / als derselbe bey der Nacht gereiset / mitten auff dem Felde / urplötzlich / von dreyen oder vier Irrlichtern umgeben / und dergestalt drüber erschrocken sey / daß er sich alsobald auf die Erde nidergelegt. Da sie dann eine Zeitlang allda verblieben / und / etliche Schritte weit von ihm / ohn einige Bewegung / still gestanden; endlich aber / nach dem er ziemlich lange / an der Erden / gelegen / und GOtt um Schutz angeruffen / von ihm weggesprungen / und weiter / denn eine Meilwegs / uber die Mosel /gefahren. Kaum aber ist er ein paar Schritte fortgegangen; da seynd sie gleich wieder zuruck geflogen /und ist er eben / wie vorhin / von ihnen / umringt worden: Worüber er dann noch hefftiger erschrocken /abermal sich auff die Erde geworffen / und nicht eher auffgestanden / als / biß sie wieder davon geflogen /und nicht wieder gekommen.

Solche wunderseltsame Bewegung hält Fromondus 1 für verdächtig / und urtheilt sie sey / von einem bösen Geist / regiert worden. Welches ich gleichfalls vermute. Denn ob mich zwar meine eigene Augen dieses gelehrt / daß diese Nachtlichter sich / natürlicher Weise / also trennen / oder [176] entzweyen / ja bißweilen aus einem drey oder vier werden / und schneller als ein Vogel / biß auf eine Viertheil oder halbe Meil /von einer Stelle / zur andren / fahren: giebt dieses doch ein besondres Nachdencken / und Anzeigen einer unnatürlichen Regierung / daß sie / nach solcher fernen Wegflucht / zu selbigem Menschen plötzlich wiedergekehrt / ihn umringt haben / und eine Weile bey ihm still gestanden: da sonst die Irr-Lichter /wann sie eine Stelle verlassen / und weit hinweg fliegen / sich gemeinlich voneinander gar weit entfernen /und an unterschiedene Oerter fliegen / auch nicht bald an die erste Stelle wieder kehren / zum wenigsten nicht alle.

Sonst halte ich nicht Alles / für unnatürlich noch teufelische Gauckeley / was manchen die falsche Einbildung also fürmahlt. Als / zum Exempel / wann diese Irr-Lichter bißweilen spratzeln und krachen /und einen unlieblichen seltsamen Laut von sich geben / der schier einem wimmrenden und ächtzendem Menschen nachaffet; so fallen manche / weil der Schrecken / welcher bey Nacht das menschliche Gemüt stärcker angreifft / als bey Tage / ihnen die recht vernünfftige Betracht- und Ermessung verhindert / und die wahre Ursach verdeckt / auf die Gedancken / solches ächtzen / kirren / und spratzeln / sey deß Satans Affenwerck / und eines Gespenstes Stimme: da es doch von der entzündeten Materi entsteht / und offt ein auf dem Heerd brennendes Holtz dergleichen Laut giebt.

Ist demnach schier nicht Wunder / daß etliche Leichtgläubige und einfältige Leutlein sich / wie Cardanus, bey einem Discurs von den Irrlichtern / erinnert / hierüber den Wahn gefasst / als ob die [177] Seelen der Verstorbenen / mit diesen Flammen umhüllt /auch gestrafft / und gereinigt würden. Und ich vermute / dasjenige / was wir oben / aus dem Scherertzio, von dem Geheul und Winseln der Meer-Lichtlein vernommen / sey eben so wenig eine Anzeigung teuflischer Mitwürckung / sondern geschehe allerdings natürlich; nehme doch gleichwol hiemit nicht gäntzlich wieder zurück / was ich vorhin / aus gedachtemScherertzio, gesetzt; daß dennoch zu Zeiten / auch denen gar zu abentheurlichen Bewegungen solcher Meer-Lichtlein / der Geist der Finsterniß wol einen Zusatz und Nebenwürckung geben könne.

Ein gantz unfehlbarer und unleugbarer Beweis aber / daß / unter den nächtlichen Irr-Flammen / manches Mal der Betrug und Tuck deß Satans verborgen stecke / wird / aus nachfolgender Geschicht / erhellen.

Es hat / vor nicht vielen Jahren / ein verheirahtetes gemeines Weib gelebt / wiewol / dem gemeinem üblen Gerücht nach / also / daß sie / für lebendig todt / geachtet worden. Man wollte sagen / ihr Leib wäre ein solcher Heerd / darauf heimlich viel fremdes Feuer brennete / die eheliche Treu hingegen äscherte; und ein solcher Schlott oder Schörstein / der von mehr /als nur einer / unreinen Laster-Brunst / sonderlich aber von Unzucht / rauchte. Ihr funfftzig-jähriges Alter / und Asch-graues Haat / hetten ihr eine stumme Predigt / und Erinnerung thun sollen / solchen wühsten Ruß vom Hertzen abzukehren / und dasselbe in Buß-Threnen zu waschen: aber daran gedachte sie noch lange nicht: unter der Haar-Aschen ihres Alters /glühete doch noch eine [178] solche Brunst / die einen stinckenden Rauch dem Gerücht pflegt unter die Nasen zu treiben: und hielt sie mehr / von der Wäsche / wodurch die Gurgel / als von einer andren / womit das Auge / genetzet wird. Uberall / wo etwas zum Besten war / und es eine Fröligkeit setzte / musste sie mit dabey / und weiter vorn- als hind-an seyn. Den Kirchweihen / auch dabey angestellten Reigen / und Mahlzeiten / war sie gantz geweihet; versäumte lieber zehen Mal die Kirche / als ein Mal die Kirchmeß. Sie wusste aber nicht / daß ihr die Grube so nahe / und die Todes-Kammer ihrer / mit auffgesperrter Thür /wartete.

Es begab sich endlich / daß / an einem nahgelegenem Ort / die Hebræer einen sonderbaren Feyer-Tag hatten: demselben / gedachte sie / mit zu feyren /auf ihre Weise / das ist / mit essen / trincken / und Wolleben / im Wirthshause: sprach derhalben ihren Mann mit aufs / und ging / in Begleitung andrer Befreunden / dahin; nicht so sehr / die Jüden / als gute ausgeschwängte Glässer / zu sehen / und guter Dinge zu seyn. Nachdem sie nun der Gesellschafft / mit einem guten Trunck / treulich beygestanden / und sich ziemlich beweint; wird sie / von den Ihrigen / ermahnt / aufzubrechen / und in Begleitung andrer Weiber /heimzugehen. Darein sie auch endlich willigt / in Meynung / ihr Mann sey schon / mit Andren / voraus.

Indem diese nun / mitten auff dem Heim-Wege /begriffen seynd / und diß Weib spührt / ihr Mann sey noch zurück; kommt ihr die Lust an / dem noch hinterbliebenem Zech-Gelage wieder zuzusprechen / mit dem Vorwenden / sie müsse ihren [179] Mann holen: Will sich auch / von den Ihrigen / durchaus nicht auffhalten lassen / sondern stosst ihren nechsten Freund / der ihr nacheilt / und grosse Bitte / samt ihm wieder umzukehren / anlegt / mit Gewalt von sich: also / daß er sie endlich muß erlassen / und seines Weges fortgehen. Und weil von fernen sich gleichsam ein paar Fackeln sehen liessen; meynten ihre umschauende Gefreundte /es käme die noch hinterstellige Gesellschafft daher; derwegen sie nun bald zu ihrem Mann kommen könnte / als welcher zweiffels ohn / unter dem Hauffen /der sich die Fackeln vortragen liesse / seyn würde. Derhalben hörten sie auff / ihr nach zu eilen / und gingen allgemach / Schritt für Schritt / heimwerts fort. Uber kurtze Weil schauen sie zurück / und die erblickte Fackeln nicht mehr; vermuten also daraus / es sey selbige Gesellschafft / durch deß Weibs Zuruckkunfft bewogen worden / den Ruckweg vor zu nehmen / und die Zeche zu erneuren: Darum weil es nunmehr / selbiges vermeynten Hauffens zu erwarten /vergeblich scheinen wollte / marschirte der gantze Trupp / ohn weiteres Bedencken / nach Hause.

Ungefehr eine Stunde oder zwo hernach / kommt auch deß Weibes Mann heim / gäntzlichen Vertrauens / er werde sein / vor ihm hergegangenes / Weib da heim schon antreffen. Weil er sich aber / in solcher Meynung / betrogen findt / und von den Seinigen vernimt / es hetten zwo brennende Fackeln über Feld sich allgemählich berbey genahet / auff welche sie /die Fran / zugegangen: wird ihm nicht wol bey der Sache; sintemal er sich wol wusste zu erinnern / daß /um selbige Zeit / er / und seine gute Brüder / annoch auff der Zech-Banck / [180] bey einem guten Trunck / gar fest gesessen: Eilt demnach / mit etlichen nechsten Nachbarn / zurück / und zwar um so viel mehr / weil er vernommen / sein Weib sey solchen Wind-Lichtern entgegen gegangen / welche Einer unter ihren verlassenen Gefährten für keine rechte Lichter / angesehn /sondern verdächtig gehalten hette / darum daß dieselbe bald wieder verschwunden. Er kehrt wieder an den Ort / da man getruncken / und findet Sie daselbst so wenig / als in den nechsten Dörffern. Ob man sie auch / etliche Tage / ja gar etliche Wochen gleich nach einander suchte / so wol im Wasser / als in Feldern / und Wäldern: kunnte man doch / ihres Auffenthalts und Bleibens / nirgends keine Nachricht erhalten: denn die finstre Nacht hatte alle Spuhr zur Erfahrung ausgelescht.

Daraus entstunden nun mancherley Reden und Meynungen. Denn weil man vermutete / so ferrn sie etwan ins Wasser gefallen wäre / würde man sie / in so vielen Tagen / schon gefunden haben: urtheilten Etliche / sie wäre erschlagen / und in einen Pusch geworffen / oder geschwinde irgendswo eingescharrt; Etliche / sie wäre / mit einem bestimmten Soldaten /davon gezogen: Etliche / der Teufel hette Sie weggeführt; weil sie eben damals lustig geflucht / als ihr nechst-Verwandter sie nicht wollen gehn lassen.

Die Zeit gab endlich das Gewisseste; nemlich / daß / nachdem sie den beyden vermeynten Wind-Lichtern entgegen geeilt / sie / von selbigen Irrwischen / welche der böse Feind zu seinem Vorhaben gemißbraucht / in den nechsten Fluß geführt / und darinn ersoffen wäre. Denn / nach einem [181] viertheil Jahr / hat man sie /im Wasser / an einem Pusch / darein sich ihr Rock verwickelt gehabt / verarrestirt gefunden.

Fußnoten

1 Lib. 2. de Meteor. c. 2.

22. Die gehörnete Ladung

XXII.

Die gehörnete Ladung.

Der Bock sieget schier allen Thieren ob / in der Geylheit: darum pflegt der Satan / in desselben Gestalt /am liebsten und öfftersten zu erscheinen / als ein Geist der Unkeuschheit / und sich nicht allein den fahrenden Hexen / sondern auch den unzüchtigen / leichtfertigen Bröckinnen / und geilen Böckinnen / welche /ihren unreinen Brand zu leschen / ihres abwesenden Buhlens Gegenwart / durch seine Würckung und Hülffe / herbey schaffen wollen / sich wie einen Bock dar zu stellen / und für ein Roß zu dienen / darauf sie ihren verlangten Buhlen mögen holen lassen.

Woferrn sich nun Einer / mit solchen brünstigen Stutten / und Zucht-losen Gemütern / verwickelt hat; bringen sie ihr Verlangen leichtlich zur Erfüllung /daß der Verlangte eines solchen gehörnten Pferdes Reuter werden / und auff demselben / zu ihnen reiten muß.

Wann sie aber einen dergleichen Courrir / oder Post-Klepper abfertigen / zu einem solchen Manns-Bilde / so nicht Lust zu ihnen / noch sich mit ihnen befleckt hat; wird das unnatürliche Pferd gemeinlich leer wieder kommen.

Ein berühmter Kriegs-Oberster / der unterschiedlichen [182] Potentaten gedient / und zu letzt auch / zu unsrer Zeit / für die Christenheit / sein tapffres Blut vergossen / ward / in seiner noch unverheirahteten frischen Jugend / von einer verwittibten jungen Oberstinn / zur Ehe gewünscht: weil er damals allbereit eines Ober-Officirers Stelle bediente.

Ihm wollte aber diese Parthey nicht allerdings gefallen / als einem Cavallier / der seine Streitbarkeit /mit Gewissenhafftigkeit / wiewol diese wunderselten dem Kalb-Fell / oder der Trompetten / folgt / vergemeinschafftete: Denn es ging die Mummelung / als ob diese Oberstinn / von verbotenen Künsten der Finsterniß / nicht rein wäre / oder auffs wenigste böser Künstlerinnen Raths sich bediente. Deßwegen hielt er sich nicht lange bey ihr auff / wann er bißweilen / der alten / mit ihrem verstorbenem Eh-Herrn gepflogenen Kundschafft zu Ehren / aus seinem Quartier / bey Dantzig / zu ihr hinüber ritte: sondern machte es kurtz / und / in diesem Stück / nach der Vermahnung Hieronymi / welcher schreibt / daß man einer lustigen Frauen sich geschwind entziehen solle / als wie einem Hauffen glühender Kohlen.

Er verklebte / für ihrer Schmeicheley / das innere Hertzens-Ohr: ob er gleich das äussere / aus Höffligkeit / ihr nicht gäntzlich entriß / sondern sie / dann und wann / wegen der guten Quartier-Nachbarschafft / mit Ehren-Worten (vielleicht auch / nach Soldatischer Manier / mit unterlauffenden Vexier-Worten) unterhielt.

Damit war ihr aber wenig gedient: sie wünschte auch Liebes-Worte / und gleichfalls Liebes-Wercke; nemlich ein eheliches Versprechen / von ihm zu hören.

[183] Hingegen kunnte er sie nicht lieben / sondern vielmehr hassen / wann er bey ihr war: welcher Eckel ihn auch gemeinlich bald wieder von ihr vertrieb.

Diese Oberstinn muste ihre Künste an ihn gewandt und er vielleicht mit einem oder andrem Fehler / sonderlich mit starcken trincken / so dem Soldaten-Leben nichts seltnes ist / einige Gelegenheit eröffnet haben /daß sie etlicher Massen an ihm gehafftet; und in etwas gewirckt. Denn wiewol er gegenwärtig einen Abscheu vor ihr trug und sich bald wieder von ihr wünschte: wünschte er doch abwesend das Widrige / nemlich bey ihr zu seyn: also / daß ihm fast angst und bange ward / biß er wieder zu ihr käme. Wann sie dann nun beysammen / hörte das Verlangen auff / und fühlte sich sein Hertz von ihr abgewandt / also / daß / an stat deß Sehnens / Scheu und Reu dasselbe fülleten. Daher dann seine freundliche Zunge / und sein Gemüt / nicht einerley Sprache redeten / indem ihm stets die Lust einer ehelichen Verstrickung an eine solche Widerwertigkeit bald erkaltete: ohnangesehn Sie / in ihm / das angezündte Feuer bey der Glut zu erhalten /keine List spahrte.

Eins Mals riß ihn / zu Mitternacht seine unnatürliche Begierde in den Sattel / daß er / im Finstern / über Feld (denn ihrer beyder Quartier waren nicht weit von einander) zu ihr ritte: wie er aber wieder von ihr geschieden / und auff dem Heimritt war / stürtzte er /mit dem Pferde / in einen Graben; der ihn leicht zum Grabe bringen könnē / wann nicht ein guter Engel ihn behütet hette.

Der alte gelehrte Jurist / Angelus, will / [184] man solle einem Ordens-Mann / wann derselbe / zu einer Frauens-Person / ins Haus gegangen / solches nicht verdencken / sondern dafür halten / er habe wollen mit ihr beten: und darum urtheilet er nicht so gar übel: Denn die christliche Liebe muß allezeit / in dergleichen Ungewißheit das Beste hoffen. Dennoch handelt ein solcher unweißlich / der allein / zu Einer alein /geht / unn / ohne Noth bey ihr allein / sich etwas aufhält: sintemal er wunderselten ohn Verdacht wieder von ihr geht / sondern gemeinlich vom Argwohn / unn bösen Schein / wie von einem Schatten / begleitet wird. Viel leicht- und füglicher aber klebt dergleichen Verdacht / an einem Kriegsmann / je leichter er denselben pflegt aus dem Sinn zu schlagen. Soldaten sind keine Engel / und zwar alsdann am allerwenigsten /wann sie den leiblichen Engeln / im finstern / mit einer Besuchung auffwarten: weil der Nacht und Einsamkeit die Zucht nicht zum besten empfohlen ist; zumal wenn Mars und Venus alsdann einander die Visite geben. Nescio quo pacto assiduè dimicantibus difficile est, morum custodire mensuram, schreibt Cassiodorus: Ich weiß nicht wie es Denen / die stets im Kriege leben / so schwer fällt / sich / mit ihrem Wandel und Sitten / in gebührenden Schrancken zu halten. 1 Darum hat sich dieser Obrister / durch solchen nächtlichen Ritt / nach einem entzündtem Weibs-Bilde / in merckliche Gefahr vertiefft: angemerckt / er der Oberstinn / und ihm selbsten / hiedurch nicht allein den Schein einer Buhlschafft hette verursachen / sondern auch den Satans-Künsten noch mehr Gewalt und Macht über sich ertheilenkönnen.

[185] Es scheint aber die Stürtzung in den Graben habe ihn / aus solcher Gefahr / darein er sich gesenckt /wiederum empor heben / und von solchen nächtlichen Ritten abschrecken wollen. Denn weil er sich GOtt täglich / mit dem Gebet / zu empfehlen / gewohnt war / auch von der Oberstinn hoffendlich sich (auffs wenigste leiblich) unbefleckt gehalten: hat GOtt ihn /durch seinen Engel / behütet / daß er / weder mit dem Pferde / den Hals abgestürtzt / noch hernach / der Teufel völlige Macht / ihn der Anstalt nach / zu entführen / gewonnen.

Nachdem er aber den gethanen Fall mit dem Pferde / für eine widrige Bedeutung / aufgenommen / und derhalben seinem Fuß den Tritt / oder Ritt / nach ihrem Quartier verwehret; kommt einsmals / bey Nacht / zu ihm / vor sein Bette / ein grosser schwartzer Bock / weckt ihn auff mit seinen Hörnern / und will ihn zum Bette heraus nöthigen.

Er zwar rufft seinen / in der Neben-Kammer schlaffenden / Knechten: aber Keiner antwortet / oder erscheint: Der Schlaff hatte sie gleichsam gar begraben / und unerwecklich gemacht. Er springt derhalben endlich / nach dem er sich GOtt befohlen / zum Bette heraus / daß er hinlauffen / und vor ihrer Kammer anschlagen möge: allein der Bock begehrt ihn so weit nicht kommen zu lassen; sondern verrennt ihm die Thür / dringt auff ihn zu / und strebt / ihn auf die Hörner zu setzen. Er stosst hingegen / mit Füssen / hefftig von sich; erwischt endlich eine an der Wand stehende / Partisan / und wirfft dieselbe dem Bock vor; treibt auch denselben / welcher sich hierauff stellete / als ob er die Spitze [186] in etwas scheuete / damit zurück / und verfolgt ihn / biß er (der Bock) nach dem Ofen zu /allgemach zurück weichet: woselbst er / im Winckel /überlaut zu meckern / anhebt / und darauf verschwindt.

Man sagt / daß ein solches Bock-Gespenst / nicht leichtlich weiche / bevor man ihm etwas zugeworffen / das er mit hinweg nehme / und derjenigen / Person /welche ihn ausgeschickt / überliefere: Ob solches die ser Oberster auch gethan / und also dieses gehörnten Postillons sich ledig gemacht / kann ich nicht wissen. Denn derjenige / welcher mir diese Geschicht / aus seinem eigenem Munde / erzehlt hat / gedachte davon nichts.

Besorglich muß er dem Weibs-Bilde einige Hoffnung gemacht / sie zu nehmen / und hernach / da er gespührt / daß sie ihn / durch falsche Künste / zu sich ziehen wollen / sein Hertz von ihr abgewendet haben. Denn es wird selten dieser werfluchte Bock jemanden / zum Auffsitzen / dringen / der sich nicht etwan / mit einem Weibes-Stück / verhengt / und ihr etwas versprochen / wo nicht gar ein Pfand in Unzucht vertrauet hat: Massen der Exempel nicht wenig gehört /oder gelesen werden / daß diejenige / so dieser oder jener Dirnen die Zusage nicht halten wollen / nachmals / von einem solchen gehörntem / und stygischem Pegaso / mit Gewalt aus ihren Betten / oder auch wol mitten aus einer Gesellschafft / davon geführt / doch endlich wiederum / an ihren Ort / zurück geliefert worden.

Doch will ich darum diesen tapffren Obristen / welcher vorlängst schon aus dem Streit dieser Welt / zu der ewigen Ruhe gelangt / mit nichten eines leichtfertigen Handels verdacht / vielweniger [187] bezüchtigt; sondern so viel nur gesagt haben / daß er sich hiedurch in Verdacht leichtlich hette bringen können / auch viel leicht / mit der Oberstinn / anfangs ein wenig zu vertrauliche Schertzworte wo nicht gar Küsse gewechselt / unn derselben hiedurch Hoffnung zu einer heirahtlichen Verbündniß erregt habe / als wozu ohne dem die vielmalige Besuchung gar leicht ihr hat Gedancken und Einbildung erwecken können. Wiewol auch die Besuchung / seines Theils / unsträfflicher Meynung / mag geschehn seyn; nemlich über dem Absterben ihres verblichenen Ehherrns sie zu trösten / auch ihr / mit gutem Raht / in Einem und Andren / an die Hand zu gehen: Welchen Trost aber sie nicht nur ihrem Gemüt und Hertzen / sondern auch ihrer Brust selbsten zu appliciren / und ihre einsame Nächte damit zu trösten / gewünscht / als eine solche Witwe /die / jener Gemahlinn eines hohen Potentaten / gleich gesinnt war / welche / nach tödtlichem Abtritt desselben / den Bischof / der ihr die Manier der vereinsamten Turteltauben recommendirte / erinnerte / er sollte doch vielmehr deß lustigen Spatzens gedencken / von dem sie lieber hören mögte / als von der Turtel-Tauben: weil solcher Vogel besser / fürs Trauren / dienete / weder das trauriggirrende Turtel-Täublein.

Weil er nun / durch öfftere Besuchung / und schertzhaffte Huld-Worte / sich / sie desto besser aufzumuntern / ihrem Geist in etwas / doch ohne unzüchtige Gemeinschafft / mag bequemt haben: ist ihr darüber die Bocks-Andacht / bey Nacht / angekommen /welche ihr das Verlangen erregt hat / [188] ihn durch einen Bock / bringen zu lassen / in ihr Bette.

Scherertzius gedenckt / es habe / bey seiner Zeit /ein Handwercksmann sich / mit einer alten Vettel /heimlich verlobt; aber hernach sie sitzen lassen / und mit einer Jungfrauen offentlich Hochzeit gehalten: ungeachtet er ihm die vorige Braut gedrauet hatte / welches er in Wind geschlagen: Biß daß er / mit dieser offentlich heimgeführten / zu Bette gehn sollen. Da ihm die Dräuungen und Rach-Worte der vexirten und getäuschten Alten einfielen / und diese Erinnerung ihn / mit hefftiger Bangigkeit / beängstete: weßwegen er gegen selbige erste Nacht / einige Gäste zu sich lud /und um GOttes Barmhertzigkeit willen bat / sie sollten doch bey ihm bleiben; weil ihm / vom Satan / eine Gefahr obhanden wäre.

Solche seine Furcht war auch nicht vergeblich: Denn / recht in der mitternächtigen Stunden / tratt ein solcher Bock / gerad auf den Bräutigam zu / und begehrte / er sollte sich aufsetzen. Da es denn grosse Mühe brauchte / diesen ungestümen schwartzen Boten / ungeschaffter Sachen / wieder fort und hinweg zu bringen. Das liebe Gebet that hiebey das Beste /sonderlich deß mit anwesenden Pfarrerns: welches den Geforderten ohne Zweifel am kräfftigsten / und noch viel stärcker geschützt / als die Arme der andren Beywesenden / so den Bräutigam kaum und schier gar nicht mehr / aufhalten kunnten. Worauf das Bock-gefüsste Gespenst endlich / mit einem grauerischem Gemürmel / zurück gewichen.

[189] Es mag aber der junge Ehemann vielleicht / nach solchem ausgestandenem Sturtz / sich nunmehr ausser Gefahr geschätzt / und deßwegen / gegen GOtt / die bußfertige Abbitte (denn das vorige war nur ein Noth-Gebet) nebst ernstlicher Bercuung seines an der Alten / welche den schwartzen Legaten abgefertigt / begangenen Fehlers und Betrugs / dahin den gelassen haben: wie dann gemeinlich die Weltlinge / so bald GOtt die Rute der Anfechtung nur ein wenig hinter dem Rucken verbirgt / oder aus der Hand legt / auch so fort ihre Busse aus dem Hertzen legen: Er mag etwan seiner Liebes-Andacht so gar brünstig alle Sinnen und Gedancken aufgeopffert haben / daß er Abends vorher / mit desto laulechter Andacht / GOtt dem HErrn sein Gebets-Opffer abgelegt: da er doch /bey solchem seinem angefochtenem Zustande / nach dem Exempel Tobiœ / zuforderst die Leber deß grossen Fisches / oder vielmehr deß Bocks / der teufflischen Versuchung / und Anfechtungen / meyne ich /wie auch seiner eigenen fleischlichen Geilheit und verübten Leichtfertigkeit / hette auf die Glut einer eyfrigen Bereu- und Verspeyung derselben / auch der Empfehlung in GOttes Schirm / und flehentlichen Schutz-Bitte / werffen / und die Buß-Andacht der Kuß-Andacht vorgehn lassen sollen; damit der aufpassende Asmodi gebannt / und gebunden würde; bevor er das eheliche Werck / mit seiner Geliebten /vollzogen: Denn der Erfolg beweisets / er müsse zu sicher und sorglos gewest seyn / ohne Betrachtung /daß weder die Rachgier der verschmäheten Alten /noch deß Asmodi Arglistigkeit / hiemit so gleich ruhen / sondern wieder von [190] Neuem ansetzen dörffte. Denn in der andren Nacht / da er nichts weniger mehr befahrete / war der Bock wieder da / riß ihn aus dem Bette / ging mit ihm durch / und hinterließ die Braut /im Bette / allein.

Nachdem er nun weitlich herumgeführt / und gnug abgeängstet worden; setzte ihn der Bock oben aufs Dach deß Hauses / am Rauch-Schlott (oder Schörstein) nieder: da man ihn / früh Morgens / nackt und bloß sitzen findet / und die Dach-Schindeln abnehmen müssen / biß man ihn / der schier halb todt war /könnte wieder herab / ins Haus bringen.

Hierauf lag er / etliche Monaten / sehr schwach zu Bette. Als es aber endlich ein wenig besser mit ihm ward / lebte er / mit seiner Frauen / in Hader und Zanck / also / daß es täglich einen Haus-Krieg und Zungen-Scharmützel setzte / zwischen denen / die einander billig mit Liebe hetten bestreiten / und um den Sieg der inbrünstigsten Ergebenheit kämpffen sollen: biß er / solches täglichen Unfriedens müde / sich ins Soldaten-Wesen begab / und nach Ungarn in den Krieg ging: darinn er auch sein Leben beschlossen. 2

Eben dieser Geistlicher schreibt / er kenne viel Leute / die / in ihrem Alter / bekannt / sie wären / in ihrer Jugend / von einem solchen Bocks-Gespenst /bey Nacht / etliche Meilwegs weit / durch die Lufft /zu ihren Liebstinnen (sonst / auf Teutsch / Huren) getragen: Etliche solcher Bock-Reuter hetten es gleichwol bereuet / daß sie solchen unreinen Lüsten [191] und schändlichem Wesen ihre jugendlichen Jahre zu Diensten ergeben gehabt.

Beym Dedekinno, wird ein Bedencken deß Lerchheimeri, über die Bocks- und Gabel-Fahrt / mit eingeführt / darinn dieses Exempel einer Bock-Reuterey enthalten.

Zu K. in Pommern / hatte ein Saltz-Knecht (das ist / ein solcher Saltz-Arbeiter / der das Saltz sidet /) ein altes Weib / die eine Zauberinn war; bey der er nicht gern blieb / und derhalben einsmals vorgab / er wollte in Hessen wandern / da er geboren / und allda seine Freunde besuchen. Weil sie aber besorgte / er dörffte nicht wieder kommen: wollte sie ihn nicht weg lassen. Nichts destoweniger reisete er fort. Wie er nun etliche Tag-Reisen zurück gelegt; kommt / auf dem Wege /von hinten zu / ein schwartzer Bock / schlupfft ihm zwischen die Beine; erhebt und führt ihn wieder zurück / und zwar gerade zu / durch Feld und Wald /über Wasser und Land / in wenig Stunden / und setzt ihn / vor dem Thor / nider / in Angst / Zittern /Schweiß / und Ohnmacht. Das Weib heisst ihn / mit hönischen Worten / willkommen / und spricht:Schau! bist du wieder da? So soll man dich lehren daheim bleiben. Hierauf that sie ihm andre Kleider an / und gab ihm zu essen / daß er wieder zu sich selbst käme.

Besagter Lerchheimerus vermutet nicht unbillig /dieser Kerl habe so wenig gebetet / als sein Weib; darum ihm der Teufel solches thun können. 3

[192] Eben so wenig dörffte dieser Höllen-Bock jenen Baurn mit dem Gewehr deß Gebets gnugsam bewaffnet angetroffen haben / welchen er / im Jahr 1621 /auf Begehren einer Hexen / auf die Hörner genommen / und zu ihr gebracht. Wie sie hernach selbst / bey ihrer gerichtlichen Verhör / solches bekannt / und gestanden; nemlich / daß sie / zur Zauberey / gewisse Kräuter gekocht / und besondre Worte dazu gesprochen / auch den Urban Volcken / einen Baursmann /vom Dorff hinein / in ihr Haus / auf dem Bock holen lassen; auf daß er mögte ihres Willens mit ihr pflegen: Welches er aber / nachdem er zu ihr gebracht worden / ihr abgeschlagen. 4

Vielleicht hat der Bauer vorhin / mit dieser geilen Truden / wiewol unwissend / daß sie eine solche wäre / sich ein wenig zu gemein gemacht / in leichtsinnigen Geberden / und unzüchtigen Vexir-Worten. Wodurch sie in ihn entbrannt / und der Satan bemächtigt worden / ihn / mit seinen Bockshörnern / anzupacken /und zu ihr zu führen. Nachdem aber dieser Coridon gesehn / und / durch solche Bocksfahrt erfahren / daß sie eine Bunds-Verwandtin deß Satans wäre: hat er /für ihr / einen Abscheu bekommen / und mit einer solchen sich nicht vermischen wollen: auf daß er nicht den Teufel zum Schwager bekäme.

Wer dem Lamm wie jene Jungfrauen (in der H. Offenbarung am 14 Cap.) folget / wo es hingehet; der darff dem höllischen Bock nicht folgen / wenn derselbe sich bey ihm anmeldet. Die [193] aber einen Bock / nicht so sehr / unter den Achseln / wie Jene bockicht-riechende / beym Horatio, als im Hertzen / in Gedancken / oder Reden / tragen; mögen leicht von dem schwartzen Hexen-Bock wieder getragen / und davon geführt werden. Einen christlichen Menschen aber /der sich der Erbarkeit befleisst / und leichten Weibsbildern keinen Anlaß zu unzüchtigem Verlangen giebt / noch durch stinckende Gedancken seinen Kopff zum Bocksstall macht / sondern der Gottseligkeit nachjagt / wird der teuflische Bock wol zufrieden lassen / und ihn nimmermehr zum Aufsitz nöthigen. Denn / Gottesfurcht zerbricht dem Satan sein Horn / das ist /seine Gewalt und Regiment: Und ein gläubiges Gebet macht / daß er muß anlauffen / fallen / und mit Schanden abziehen.

Fußnoten

1 Cassiodorus l. 1. Ep. 11.

2 Scherertzius de Spectris C. 9. De Hirco nocturno.

3 S. das Bedencken Lerchheimeri vom Bock- und Gabel-Fahren / beym Dedekinno, Volum. 2. p. 435.seqq.

4 Vid. Benedict. Carpzov. in Jurisprud. Forens. Rom. 6. Part. 4. Cons. 2. Def. 9.

23. Der verfluchte Kriegs-Raht

XXIII.

Der verfluchte Kriegs-Raht.

Es seynd drey Haupt-Quellen / daraus alle Blutstürtzungen ihren Ursprung nehmen; Neid / Geitz / und Ehr-Geitz. Solche drey vergifftete Blut-Quellen hat der Satan am ersten / zu der menschlichen Seelen /eingeleitet: und dieser ists / der auch noch / auf den heutigen Tag / die grosse Blut-Adern eröffnet / womit die Welt / sonderlich das vierdte Theil derselben /nemlich Europa / anjetzo noch beströmet wird. Zu diesen [194] dreyen Quellen kommt nicht selten noch die vierdte / nemlich der Blutdürstige Aberglaube / und grobe Irrsal in der Religion / Trenn- und Spaltungen der Kirchen; daraus / Welt-bewusster Massen / offt gantze Ströme von Blut entspringen; indem mans /bey dem Feder-Kriege / nicht bewenden lässt; sondern auch / mit dem Schwert / die Strittigkeiten entscheiden / oder zerschneiden will. Jemaln entdeckt sich auch wol die fünffte Quelle; nemlich die Rachgier /wegen einiger empfangener Beleidigung: und dieselbe ist gemeinlich mit Ehrsucht vermengt. Denn wann mancher hochsüchtiger Stats- oder Kriegs-Raht / oder sonst ein andrer ansehnlicher Mann / der das Hertz eines Potentaten / nach seinem Wunsch / leiten kann /sich entweder nicht gnug geehrt / oder / in seinem Begehren / unvergnügt findet; kann er ein Feuer aufblasen / das viel Städte und Länder verzehrt.

Uber jetzt-gemeldte / giebt es noch etliche Neben-Quellen / als Aufruhr / und Rebellion. Wiewol diese /aus den vorigen offtmals zu entspringen pflegen.

Weil nun alle solche Antriebe / und Bewegnissen nicht von GOtt; so kann auch das / daraus entzündete / Kriegs-Feuer nicht von GOtt / sondern von dem höllischen Mordbrenner seyn.

Hievon werden ausgenommen die Schutz-Kriege /so zu unumgänglicher Vertheidigung einer gerechten Sache / wann kein gütlich- und billiger Versuch stat findet / nothdringlich beschlossen und vorgenommen werden müssen: welche man so wenig / als eine Obrigkeitliche Rache / so durch [195] das Schwert ausgeführt wird / verwerffen kann: daferrn man nicht dabey der Grausamkeit Platz giebt / auch alles Unternehmen /auf einen billigen Frieden / richtet. Ausser solchem Fall werden alle Kriegs-Fackeln in der Höllen angezündet / und solche Feuer-Brünste / von keinem andren / als bösem Geist / aufgeblasen. Denn wann GOTT / über ein Land / hart zörnet / lässt Er / durch sein Verhengniß / diesen seinen bösen Ketten-Hund ein wenig los / und giebt zu / daß derselbe herrschsüchtigen Häuptern / oder deren Rähten / durch sein geheimes Eingeben / die glimmende Füncklein der Kriegs-Gierde in volle Glut und Flammen bringe.

In den Göttlichen Lehr- und Geschicht-Büchern /finden wir dessen gar deutliche Exempel. Als der Satan merckte / daß in das Hertz Davids ein Füncklein der Ehrsucht gefallen; reitzte er denselben / auf GOttes Zulassung / daß er Israel liesse zehlen: und wo GOtt dem David nicht / durch einen scharffen Verweis / wie auch mit dem Straff-Schwert der Pestilentz / das Gepränge der grossen Heer-Macht versaltzen hette / dörfste gar leicht dieser König / von solchem bösen Anreitzer / weiter verführt worden seyn /zu würcklicher Anwendung solcher grossen Kriegs-Macht; darüber denn Israel leicht auf die Schlachtbanck hette fallen können: Wie dann auch / unter der /von GOtt gegebenen Willkühr aus dreyen Straff-Ruten eine zu erwählen / eine dreyjährige Flucht vor dem Widersacher begriffen war.

Den Ahab überredete ein Geist / der ein falscher Geist / in aller seiner Propheten Munde / [196] ward / daß er in den Streit gen Ramoth ziehen sollte.

Eben derselbige falsche Geist weissagt noch heut wol / durch eines gleissenden und scheinheiligen Prophetens Mund / diesem oder jenem grossen Herrn / er könne GOtt nicht besser dienen / denn so er seine Waffen / wider die und die wende; und überredet ihn /er verdiene damit einen Stuhl im Himmel / indem er darüber die Höllen-würdigste Thaten begeht.

Als Xerxes / zu Nachts / auf seinem Lager / ruhete / oder vielmehr / wie ein Krieg- und herrschsüchtiger Monarch / in der Unruhe schlaff-los lag; tratt daher ein schwartzer und schrecklich-gestalteter Mann / der ihn zum Krieg / wider Griechenland / vermahnte. Derselbige schwartze Gast kam / in in folgender Nacht /abermal / sprach / wie vorhin / und drohete zugleich dem Könige ein Unglück / auf den Fall weiterer Verweigerung.

Seines Vatern Bruder / Artabanus / wollte es ihm ausreden / vorgebend / es wäre ein Traum / darauf man nicht gehen müsste / und widerrieth den Krieg gar sehr: Aber demselben erschien hierauf dasselbige Gespenst auch im Traum / fuhr ihn hefftig an / und schien ihm / mit einem glühendem Eisen / die Augen auszubrennen; mit fernerer Bedrohung eines noch grössern Ubels / imfall er sich gelüsten liesse / durch seine Abmahnung / diesen fatal Krieg (den das himmlische Geschick beschlossen hette) zu verhindern. Allermassen Herodotus solches bezeugt. 1 Wie schön aber dieser höllische [197] Würg-Engel den Xerxes angeführt; ist der gantzen Welt / noch auf heut / bekandt.

Wann Belial / und seine Rotte / Lust gewinnen / zu baden / brauchen sie ehrsüchtige Stats- und Kriegs-Rähte zu Einhitzern / die Stat-Stuben eines herrsch-süchtigen und meyneydigen Königs zur Bad-Stuben /und Menschen-Blut dazu / für Wasser: welches ihnen erstgemeldte Einhitzer / die bösen Rähte nemlich / zu tragen müssen. Für welche Mühe / dieselbe auch nicht unbelohnt bleiben. Denn / in dieser Zeit / empfahen sie dafür / von grossen und mächtigen Höfen / reiche Geschencke / und / nach dieser Zeit / wird ihnen die tieffe Ehre / daß der König aller Mordgeister / Lucifer / ihnen wieder ein Warm-Bad zurichtet / das viel Schwefel führet / und darinn ihnen heiß genug eingeschwärmet wird.

Bey den Römern / war beschlossen / daß derjenige / welcher den Fluß Rubiconem (heut Rugone und Pisatello) mit einer Armee / passirete / für einen Feind deß Römischen Volcks sollte gehalten werden. Derwegen als Julius Cæsar, mit seinen Völckern / am Ufer dieses Flusses / still lag / ging er bey sich zu Raht / was er thun wollte; wandte sich derhalben / zu denen / so nechst um ihn stunden / und sagte: Noch können wir umkehren! Wann wir aber / über jenes Brücklein / gemarschirt / so muß hernach Alles / mit dem Degen / ausgemacht seyn. Da ließ sich / am Wasser / ein sehr langer Mann unversehns sehen / welcher auf einem Riete pfiff. Als nun viel Soldaten hinzu lieffen / und / unter andren / auch die Feld-Trompeter; riß das Gespenst Einem derselben die [198] Trompeten (oder Heer-Posaune) aus der Hand /sprang damit hervor ans Wasser / bließ gar starck den Marsch / und begab sich / nach dem Gegen-Ufer /hinüber. Hierauf sprach Cæsar: So gehe es dann / wohin die Zeichen der Götter / und der Widersacher Unbilligkeit / uns fordern! Es sey drauf gewagt! 2

Nicht unfleissiger / sondern tausendmal eyfriger /ist dieser Blut-dürstige Geist beschäfftigt / unter den Christen ein Kriegs-Feuer aufzublasen. Bald erregt er Verfolgungen der christlichen Religion / unter den Heiden; wie / vor nicht vielen Jahren / in dem mächtigen Königreiche / Japan / und Sina / wiewol in dem ersten am blutigsten / geschehen; bald / unter den Christen selbsten; als der rechte rote Drach / der sich /und seine Schuppen / in dem Blut der Christen / je länger je mehr / zu färben strebt / und nach dem Weibe / die das Knäblein geborn / einen Anfechtungs-Strom über den andren schiesst; laut deß alten Lateinischen Sätzleins:


Impiis ardens odiis & irâ
Nam tuis castris Draco semper infert
Bella, qui primus scelus atque mortem
Intulit orbi.
Hic domos, urbes, tua templa, gentes,
Et tuæ legis monumenta tota,
Et bonos mores, abolere tentat
Funditus omnes.
Massen der Drache / so vor Wüte brenner /
Täglich das Lager deines Heers berennet:
[199] Welcher die Sünde / Tod / Gefecht und Wunden /
Erstlich erfunden.
Dieser will Kirchen / Häuser / nebenst Städten /
GOttes Gesetze sämtlich untertretten:
Christliche Sitten suchet er zu kürtzen /
Kürtzen und stürtzen.

Greifft GOtt ihm denn endlich / in den Zügel /durch Wegräumung blutgieriger Ahitophels- und Hamans-Gesellen / und Verleihung kluger / gewissenhaffter / sanfftmütiger Rähte; durch welche Er das Hertz der Könige und Fürsten / von Vergiessung unschüldiges Christen-Bluts / und Verfolgung der Glaubens-Bekenner ablencket: so richtet er / durch Ehr-und Herrschsucht / unter christlichen Potentaten / eine Blutstürtzung an; damit die Erde dennoch / auf allerhand andre Weise und Wege / mit Christen-Blut überschwemmt / und die Hölle / an ruchlosen Leuten /desto reicher werde.

Auf daß nun die Menschen deutlich erkennen mögen / daß dieser Mord-Engel / bey so unnöthigen Kriegen / ein falscher Geist / in derjenigen Staats-oder Kriegs-Rähte Munde / sey / die ihre Herren / mit ihrem bösen Raht / wie eine / von Bosheit schwellende / Otter / mit ihrem Gifft / anblasen; verhengt der höchste GOtt / daß solches der böse Feind selbst bißweilen durch ein gespenstisches Wesen / oder auf andre nachdenckliche Weise / gar mercklich blicken lässt.

[200] Dahin kann auch diese Frantzösische Begebenheit gerechnet werden / welche in der Normandie ehedessen sich zugetragen.

Es hatten der König von Franckreich und Engelland / eine persönliche Zusammenkunfft daselbst bestimmt: kamen auch würcklich zusammen / in einer alten Kapell / und besprachen sich miteinander / gar höf- und freundlich; also / daß man die beste Hoffnung hatte / es würde hiedurch der Krieg ein Loch kriegen / und der / auf folgenden Tag bestimmte /Friedens-Schluß glücklich vor sich gehen.

Aber was geschicht? Indem beyde Potentaten / in so leutseliger Unterredung / begriffen / und der Handel zwischen ihnen schon so gut / als beygelegt: kommt eine ungeheure grosse Schlange / aus einem Loch selbiger alten Kapellen / hervor / fängt an zu zischen / und wendet sich gegen beyde Könige. Diese ziehen von Leder / um sich / für dem erbosstem Ungeziefer / zu schützen. Doch traut Keiner dem Andren mehr; sondern springen Beyde / mit blossem Degen /zur Kapellen / hinaus.

Die Trabanten / so nicht wissen / was es bedeute /reissen gleichfalls / zu beyden Seiten / das Eisen aus der Scheide / und stellet sich jedwede Parthey um ihren König; gleich als sollte es / auf ein Gefechte /loß gehen.

Diß geschahe / im Angesichte beyder gegeneinander stehenden Armeen. Welche da sie / von fernen /erblickten / daß beyde Könige / samt ihren Leuten /gegeneinander blanck stünden / alsofort einander angriffen. Die Könige lieffen zu / und [201] wehreten / nach aller Möglichkeit / ab; aber vergeblich: der Mißverstand nahm es anders auf / nemlich für eine Ermahnung / zum tapffren Gefechte. Also geriethen sie hefftig aneinander / und thaten eine grausame Schlacht zusammen / mit solcher Verbitterung / als hetten sie /an stat Bluts / lauter Galle in sich. Das Treffen währte / biß in die finstre Nacht; und blieben / zu beyden Seiten / viel tausend auf dem Platze.

Hieran kunnte man nachmals erkennen / daß der höllische Friedens-Stöhrer das Friedens-Gespräch /durch die grosse Schlange / zerrissen; indem er entweder selbst / unter der Gestalt einer Schlangen / erschienen / oder eine natürliche Schlange / zum Loch hervor getrieben: damit die Könige darüber erschrecken / und zum Degen greiffen / auch folgends ihre Kriegsheere / zu einem Treffen / verleitet werden mögten.

Im Anfange der Regierung Keysers Conradi / deß Dritten / lebte ein gottsfürchtiger Lehrer und eyfriger Heiden-Bekehrer / Namens Vicelinus, in Wagria, und zwar fürnemlich zu- und um Lübeck / herum: welcher / so wol bey dem vorigen Keyser / Lothario / als hernach auch bey andren grossen Herren / eine ernstliche Anstalt auswirckte / vermittelst welcher die unglaubige Sclavi mögten / zum Christlichen Glauben / befordert werden.

Durch dieses christ-eyfrigen Priesters gläubiges Gebet / seynd nicht wenig Krancken geheilet / und unterschiedliche vom bösen Geist besessene solches ihres verdammten Besitzers ledig worden.

[202] Man brachte aber / unter andren / einsmals eine Jungfrau / mit Namen / Ymme, zu ihm / welche der böse Feind gar übel plagte. Demselben setzte er hart zu / mit ernstlicher Frage / Warum er / als ein unreiner Geist / sich unterstanden hette / in diese reine Jungfrau / die doch ein Gefäß und Tempel deß Heiligen Geistes wäre / zu fahren? Worauf der Geist / mit vernehmlicher Stimme / antwortete: Darum hab ichs gethan / weil sie mich nun / zum dritten Mal / offendirt und beleidigt hat.

Womit (fragt er wiederum) hat sie dich dann beleidigt?

Damit (sagte der Teufel) daß sie mich in meinem Geschäffte verhindert hat. Ich habe zweymal etliche Diebe abgefertigt / in ein Haus zu brechen: da saß sie am Feuer-Heerd / machte gleich ein Geschrey / und schreckte sie zurück. Und jetzt / da ich / unsers Fürsten wegen / eine Gesandschafft in Dennemarck zu verrichten hatte / fand ich sie unterwegens / meinem Vorhaben verhinderlich. Weßwegen ich / weil sie mir nun / zum dritten Mal / einen Anstoß gemacht / beschlossen / mich an ihr zu rächen / und zu ihr hinein gerollet bin.

Als aber Vicelinus viel Beschwerungen wider ihn häuffte; sprach er: Was treibst du mich viel? da ich doch ohne dem bereit bin freywillig auszufahren: Denn jetzo werde ich bald nach dem nechsten Städtlein 3 wandern / [203] und meine Kameraden besuchen / die sich allda heimlich aufhalten. Denn das habe ich in Befehl / zu thun / ehe dann ich nach Dennemarck reise.

Vicelinus fragte: Wie ist dein Nam? Und wer seynd deine Gesellen? Und bey was für Leuten halten sie sich auf?

Er sprach: Ich heisse Rufinus. Meiner Kameraden aber / nach welchen du fragst / seynd allhie zween; einer / beym Rothesto; der andre / bey einem Weibe eben in dieser Stadt. Dieselbigen will ich heut besuchen. Morgen / ehe dann die Kirche den ersten Glocken-Streich geben lässt /werde ich wieder anhero kommen / Abschied zu nehmen / und alsdann nach Dennemarck gehen.

Diß gesagt / ist er von ihr gewichen / und die Jungfrau / von ihrer Plage / zur Ruhe gelangt. Vicelinus befahl / man sollte sie / mit Speise und Tranck / laben / und morgen frühe / vor ein Uhr / wiederum zur Kirchen führen: Welches auch also ins Werck gestellet ward.

Indem aber die Eltern sie / folgenden Morgens /hinbegleiteten zur Kirchen / fing der Geist an / ehe dann sie die Kirchthür-Schwellen betraten / und als eben der erste Glocken-Streich geschehn sollte / sie wiederum zu plagen. Aber dieser gute Hirt / Vicelinus, hörte nicht auf / ihn zu bestreiten / biß er / durch die Macht und Krafft deß über ihn herrschenden grossen GOttes getrieben ward (wie der alte Chronist /Helmoldus, redet) zu weichen / und von ihr ausfuhr.

[204] Was er aber / von dem Rothesto, vorher gemeldet hatte / das erfolgte also würcklich / und erschrecklich. Denn derselbe ward / bald hierauf / von dem bösen Feinde / besessen / und erhing sich selbsten. So erhub sich gleichfalls / in Dennemarck / eine grausame Verwirrung / nachdem der König Erich erwürgt war: also / daß man augenscheinlich spühren kunnte / es müsste ein gewaltiger Teufel dahin gekommen seyn / selbiges Königreich zu verunruhigen / und den Leuten grosse Drangsalen zu erwecken. Um welcher letzten Begebenheit willen / wir die Erzehlung / von der besessenen Jungfrauen / mit beygefügt haben: um dadurch zu zeigen / wie die abgesagte Feinde menschliches Geschlechts / die leidige Teufel / selbst bekennen / ja sich damit rühmen / und groß dabey duncken lassen /daß sie / zu den Kriegs-Empörungen / Rebellionen /und andren Plagen der Christen / Raht und That geben.

Es beschreibt aber diese Geschicht vorgenannterHelmoldus, im ersten Buch seiner Sclaven-Chronic /am 55 Capittel. 4

Daraus hetten die Kriegs-Stats- und ungewissenhaffte Gewissens-Rähte hoher Häupter zu mercken /wem sie den besten Dienst thun / und wer ihnen die Zunge regiere / wann sie ihren Königen / oder Fürsten / zu unnöthiger Vergeudung deß Christen-Bluts / oder auch zu tyrannischer Verfolgung / rahten; nemlich dem grausamen Mord-Geist: der / an jenem hohen /grossen / offenbaren / und schrecklichem Gericht /ihnen weisen und bekennen wird / weß Geistes Kinder und Diener [205] sie hie gewest. Alsdann muß der Anstrich und Verniß ihres gleissenden Vorwands weichen / und die Blösse ihrer schändlichen Heucheley /für dem Sonne-Strahl der Warheit / sich schämen /wann GOtt wird ans Licht bringen / was im Finstern verborgen war.

Daß der Satan / zu Blut-Bädern / Lust habe / und /durch sein Eingeben / dieselbe anrichte / wird uns folgende Abentheuer bestetigen.

Svercher, der Dritte deß Namens / König der Schweden und Gothen / wollte / als er / nach Absterben Königs Canuti, zur Kron erhaben war / den Tod seines Vaters / Königs Caroli deß VII, welchen Canutus hatte umbringen lassen / an dessen Kindern nicht ungerochen lassen / und kunnte nicht ruhen /bevor er einen Theil derselben / mit dem kalten Eisen / aufgeräumt / den übrigen / nach Einziehung der Güter / in die Acht erklährt hette: in Meynung / sich /und seine Famili / desto besser deß Reichs zu versichern. Welches doch viel gewisser / durch Clementz und Güte / weder durch Tyranney / geschehn können. Denn durch dieses scharffe / und unbillige Verfahren lud er deß Volcks / sonderlich der Upländer / Haß auf sich / als die der Famili deß H. Erici (dessen Sohn König Canutus gewest) sehr günstig waren / und entstund endlich gar ein einheimischer Krieg daraus. Denn Einer von den Vertriebenen / Namens Erich /kehrte / aus Norwegen / da er zwey Jahre / als ein Exulant / sich aufgehalten / in sein Vaterland; erregte das / gegen ihm wol-geflissene / Volck / wider den König Svercher, und brachte eine grosse Macht auf.

[206] Olaus, Bischoff zu Upsal / hette gern Unglück und Blut verhütet; rieth derhalben / als ein Engel deß Friedens / dem Könige / Er sollte vielmehr / durch gütlichen Vergleich / weder durch einen oder andren mißlichen Streich / dem Kriege ein Loch machen / und deß bürgerlichen Bluts schonen: er verdiente aber /für solchen treu-meynenden Raht / keinen Danck /sondern Undanck. Wie dann gemeinlich / wann GOtt straffen will / guter Raht unwerth ist: weßwegen auch die Verständigen es / für eine Anzeigung deß obhandenen Unglücks / achteten / daß der König solchen nicht annehmen wollte.

Indem nun solche Kriegs-Wolcken aufstiegen / und das Königliche Schwert der Scheiden überdrüssig war; geschahe es / daß in Norwegen / Einer / um die Abend-Zeit / zu einem Hufschmied kam / der Tor Vot hieß / und auf dem Norwegischem Vor-Gebirge /Fisle, wohnte. Denselben ersuchte der Fremde / um Herberge / und daß man ihm sein Pferd beschlagen mögte. Welches der Schmied verwilligte. Und ob gleich die Eisen grösser schienen / als der Huf deß Rosses: fand sichs doch / beym Anlegen / daß sie gantz gerecht und gemäß dazu.

Der Schmied fragte hernach ungefähr: Wo er / die vorige Nacht / gewest? Er antwortete: In Medeldal / und zwar meistens in dem nördlichen / bey Tilemarck. Und als Jener wiederum fragte / Wo er dann /in der vorgestrigen Nacht / übernachtet hette? sagte er: Im Kiefylcher Jardal.

[207] Da hub der Schmied an / überlaut zu lachen / und sagte: Nun! das ist eine ziemliche! Du kannst / wie ich spühre / tapffer schneiden! Denn dieser Weg ist viel zu weit / und die Oerter sind viel ferner voneinander entsessen / als / daß man sie / in so kurtzer Zeit / überreisen sollte.

Der Schmied fuhr hiernechst noch weiter fort / zu fragen; Wer er wäre? von wannen? und wo er hin gedächte? Er gab hierauf zur Antwort: Ich bin / aus dieser Nord-Gegend / daher gekommen / und habe lange / in dem See-Kriege / gewandelt. Jetzt gedencke ich in Schweden / und will mich / eine Zeitlang / dieses Pferds gebrauchen. Mein Nam ist Oden. (Oden aber / oder Odin / hiessen die Norweger / vor Alters / ein Gespenst / das den Leuten viel Händel zu machen pflegte / sonderlich da sie noch Heiden waren / und den Odium etwan für einen schädlichen Abgott hielten) Wo du mir nicht glaubst; so schaue nur zu / was mein Pferd für Schritte thue.

Gleich damit setzte er / mit dem Pferde / über einen Zaun / der sieben Elen hoch war; fuhr folgends gar schnell in die Höhe / und verschwand.

Dieser schnelle Reuter ist ohne Zweifel deß Königs Svercheri unwissendlich-geheimer Kriegs-Raht / oder Director deß damaligen Kriegs-Rahts / gewest / auf dessen Einblasen / er seine Sache nicht auf gütlichen Vertrag / sondern auf den ungewissen Schwert-Streich / gegründet: angemerckt es / vier Tage hernach / zu einer blutigen [208] Schlacht / gekommen / die dem König Svercher mißlungen. Denn ob er gleich / mit Volck /gnug versehn / dazu / von dem Dennemärckischen Könige / Waldemar / mit sechszehen tausend Mann verstärckt war: lag er / im Treffen / dennoch unten /und ward auffs Haupt geschlagen. Nachdem er sich wiederum erholt / erneuerte er / über zwey Jahre hernach / den Krieg / und wagte noch eine Schlacht: darinn er selber / samt seinem Feldherrn / und vielen andren von der Ritterschafft / ums Leben kam. 5

Ein dergleichen Odinus ist ohne Zweifel / vor etlichen Jahren / in Franckreich eingekehrt / und hat nicht allein daselbst dem Kriegs-Raht fleissig beygewohnt /sondern auch bishero die Mord-Fackeln / oder den grausamen Mordbrand / angegeben womit diese /sonst in der Christenheit vordem berühmte und gewaltige Nation / nicht allein die verbrannte Städte /Flecken / und Dörffer / sondern auch zugleich ihre eigene Reputation / in die Asche gesetzt.

Fußnoten

1 Herodot. lib. 7.

2 Vid. Sueton. in Jul. Cæsare l. 1. c. 32. p. 6.

3 Beym Helmoldo steht zwar villa: aber weil er nachmals dafür oppidum setzt; habe ichs ein Städtlein geteutscht.

4 pag. m. 132. seq.

5 Loccenius lib. 3 Historiæ Suecanæ in Sverchero III. p. 80. seq.

24. Das Gespenstische Kriegs-Getümmel

[209] XXIV.

Das Gespenstische Kriegs-Getümmel.

Theophrastus Paracelsus ist / in der Artzeney- und Kurirung deß Leibes / offt vortrefflich / und ein ungemein-glücklicher Medicus; in der Kuhr deß Gemüts und der Seelen / wovon er seinen Schrifften hin und wieder viel mit eingestreuet / hingegen ein ungeschickter Artzt gewest / beydes mit Lehr und Beyspiel: wie dieselbe gestehen müssen / die seine Schrifften nicht obenhin gelesen: daher es / so viel die Glaubens- und Lebens-Richtigkeit angeht / wol redlich mit ihm geheissen / Artzt hilff dir selber!

Gleichwol trifft man / unter mancherley Unkraut deß Irrthums / und Aberglaubens / nicht selten auch /in seinen Büchern / gleichwie in einem verwildertem und übel-gewartetem Garten / jemaln doch auch einige wolriechende Blumen / an; davon aber die übel riechende selten ferrn bleiben. Er setzt / sag' ich / bißweilen einige gute Belehr- und Erinnerungen; über wenig Zeilen aber hernach / gemeinlich auch etliche irrige dazu. Daß also die Schrifften dieses Weltberühmten Manns / (der auch sonst / in der Gold-Kunst / nebst der Feder / die grosse Scheeren ziemlich gebraucht) einem trüben Wein / so voller Hefen ist /gantz ähnlich.

Für ein solches Gemisch der Warheit und Irrthums / kann auch angesehn werden das Urtheil / welches er / von dem Umgehen der Verstorbenen / [210] und von den Vorzeichen bevorstehender Kriegs-Empörungen / fellet: dergleichen sich / in diesen seinen Worten entdeckt.

Wo die Rumpel-Geister gehen / und ein Kriegs-Geschrey gehört wird; da ist grosses Blut-Vergiessen obhanden. Deß freuen sich die Teufel / lachen und spielen einige Zeit vorher / davon / als wollten sie sprechen: Wir haben da ein gewisses Spiel! Sehe ein Jeglicher auff sich selbst / wer da præfigurirt wird; daß er sich bessere / und leide die Busse. Und ihr Klöster / so vorhin gewisse Zeichen habet / erfreut euch dessen nicht: es seynd klägliche Zeichen. Solches ermesset / aus eurem Leben / das ihr führet.

Diese Vermahnung ist gut / und nicht zu verwerffen. Aber Nachgesetztes / so er gleich hinan gekleckt / das hinckt gleichsam mit einem Fuß / nemlich an dem einem Gliede dieser Rede: Dann es müssen alle Dinge wieder vergolten / und hinwieder / mit auffgehäuffter Masse / gemessen werden: alsdann so geschicht der Eingang zum Reich GOttes / und davor (oder eher) nicht. Darauf verstehet das Klopffen der Todten / allein zu vergleichen ihr Ubels gegen dem Nechsten. 1 Das ist: wie ichs begreiffe / das Klopffen der Todten geschicht dieser Meynung / daß man dasjenige / so sie ihrem Nechsten / bey Leben zu kurtz gethan / wiederum solle ersetzen.

Daß Niemand / wann er seinem Neben-Christen[211] wissendlich Ubels zugefügt / oder etwas entwendet /bevor er solches / so viel möglich / wiederum vergütet und erstattet hat / ins Reich Gottes komme / ist gewiß: wann es verstanden wird / von der Erstattung /so bey Leben geschicht. Daß aber / nach dem Tode /der Seelen kein Eingang ins Reich GOttes zugestanden werde / bevor alles / mit gehäuffter Masse / wiederum gemessen worden; stelle ich an seinen Ort: sorge aber / derjenige / so in mutwilligen Sünden und wissendlicher Auffhaltung ungerechten Guts / abstirbt / werde das Angesicht Gottes / in Ewigkeit wol nicht schauen; es mag gleich / nach seinem Tode / Jemand der Seinigen / das Genommene wieder geben / oder nicht: wiewol auch dieser eben so wol sich befleckt /so er wissendlich ein unrechtes Gut behält / und nicht von dem Erb-Gut ausmustert / daß es wiederum an seinen rechten Herrn gelange / dem es entzogen worden. Denn GOtt sihet fürnemlich nach dem Hertzen deß Absterbenden. Wann darinn der böse Fürsatz noch steckt / das Entwendete nicht wiederzugeben: so kommt die Seele / vor Gottes Gericht / wie eine Diebinn / und hat ihr Urtheil / als eine Diebinn / zu gewarten. Ob ihrs aber / wann ihr Erbe das Entfrembdete seinem rechtmässigen Herrn wieder zueignet /künfftig / an jenem grossen offenbaren Gerichts-Tage / etwas erträglicher deßwegen ergehen werde / wird uns solcher Gerichts-Tag selbst offenbaren. Wann Einer / im Diebstall / ergriffen ist; so schilt ihn das weltliche Gericht gleichwol einen Dieb: ob gleich alles Gestohlene / durch seine Eltern / oder Freunde /bezahlt würde. Denn das Recht ist dennoch gebrochen.

[212] Wir setzen aber dieses hiemit auf die Seiten / was Theophrastus von den klopffenden Geistern der Todten / hat hinangehenckt; und ziehen zu weiterer Betrachtung das Vorderste / welches er / von den Krieg-weissagenden Rumpel-Geistern / und Krieg-deutendem Geschrey / sagt. Daß solches kein falscher Wahn / noch Einbildung / sey / wird / durch mancherley Begebenheiten / beglaubt.

Im Weinmonat 1608ten Jahrs / liessen sich / im Lande Angolesmé in Franckreich / bey liechtem Tage / am Himmel / viel kleine Wölcklein sehen: welche hernach auf die Erde fielen / und zu einer Menge Kriegs-Volcks / sich formirten / welches man ungefähr auf eine Armee von zwölfftausend Mann /schätzte. Die Personen solcher Mannschafft hatten eine schöne und gerade Länge / Waffen / blaue Fähnlein / Trummelschläger / und ihren eignen Feld- Hauptmann; zogen gar ordentlich / gleich einem marschirendem Kriegs-Heer / daher: weßwegen die Leute / in der Nachbarschafft / flohen / ihre beste Sachen zusammen rafften / und hinweg fleheten. Da sie nun /zu einem grossen Walde kamen / fingen sie gewaltig an zu schiessen; und verschwanden darauf alsofort /nachdem sie ihren Heerzug / um 1 Uhr nach Mittage angefangen / und / biß fünff gegen Abend / fortgesetzt: da sich Alles / im Augenblick / verlohren. 2

Dergleichen Gespenstisches Kriegs-Heer hat / wie man / bey dem Polnischen Bischoff und Geschicht-Verfasser / Cromero / lieset / eins Mals [213] die Polen verführet / und in Niderlage gebracht. Denn als Ladislaus / ein Schloß in Pommern belagert hatte; erblickten die Schildwachten / zu unterschiedlichen Malen /viel Kriegs-Hauffen: weßwegen die Polen endlich / in Meynung / es wären rechte natürliche Regimenter /denselben entgegen ruckten. Inzwischen aber fielen die Belägerte heraus / verbrannten den Polen ihre Hütten und Lager-Zelte / nöthigten auch dieselbe damit / wegen obhandenen Winters / unverrichteter Sachen / abzuziehen.

Ob aber solche Fürstellungen / von guten / oder bösen Engeln / geschehen / kan man nicht alle Mal wissen. Vermutlich lässt es GOtt / wann er die Nothleidende dadurch erretten / oder auch die Frommen warnen will / bißweilen durch gute Engel / verrichten. Als wie Er dort die Syrer ein Geschrey hören ließ /von Rossen / Wagen / und grosser Heers-Krafft 3 Welches Geschrey / ohne Zweifel / von guten Engeln /erweckt worden. Jedoch kan Er eben so wol zulassen /daß die böse Engel denen Tyrannen und Gottlosen /von welchen die schwächere und gerechtere Parthey überzogen / oder bestritten wird / auf dergleichen Art / einen Schrecken einjage / der sie / mit Spott / Schande / und Verlust / plötzlich zurück treibe.

Nicht selten gibt es auch wol / unter den Armeen oder Besatzungen / solche Künstler / welche geschwinde die Gestalt eines Kriegs-Heers / oder etlicher Reuter-Squadronen / zu wege bringen können. Dergleichen ich / in meiner Jugend / unterschiedliche Exempel / so in dem dreyssig-jährigen [214] Teutschen Kriege / so wol unter der Keyserlichen / als Schwedischen Armee / vorgegangen / glaubwürdig habe erzehlen hören.

Unter Königs Gustavi Adolphi Reuterey / soll ein gewisser Officirer / wann er sich / auf Parthey-Gängen / gegen einer stärckeren Parthey / zu schwach befunden / gleich ein paar Squadronen mehr / oder wol ein gantzes Regiment / dem Feinde ins Gesicht / und ihn dadurch in die Flucht gebracht / bisweilen auch wol etliche / die sonst an Mannschafft ihm überlegen gewest / mit sehr wenig natürlichen Soldaten / in Begleitung vieler unnatürlichen / aus dem Quartier ge schlagen und verjagt haben. Und auff Keyserlicher Seiten / hat der / damals sehr berüchtigte / Immer-nüchtern / mit eben dergleichen Stücklein / den Schweden manchen glücklichen Streich beygebracht /und trefliche Beuten gemacht; aber endlich / von dem Meister solcher Kunst / sich verlassen befunden / und in solcher verdammlichen Sünde / unter der Scheuren-Ritter- und Flegel-Fechter / nemlich der Bauren /ihren Knütteln / Aexten / und Wagen-Stangen / die ihm den gefrornen Leib mürbe geklopfft / seinen unseligen Geist auffgeben müssen / und kein solches Glück zuletzt noch gehabt / wie die zween erfahrne Kriegsmänner / von welchen Scherertzius schreibt /daß sie / bey seiner Zeit / aus solcher Mord-Gruben deß Teufels / durch GOttes Barmhertzigkeit / endlich noch heraus gezogen / und errettet worden.

Diese zween hatten sich / allbereit / eine lange Zeit / mit solcher Teufels-Kunst / im Kriege / beholffen /auch viel Andre dazu gleichfalls verleitet / und / unter andren Stücklein / gantze Compagnien / oder [215] Squadronen von Reutern / durch Gespenster / den Bauren /vorgestellt / wann sie Lust gewonnen / ein Dorff auszuplündern. Endlich hat GOtt diesen verblendeten Teufels-Sclaven / unter Anhörung seines Worts / das Hertz gerührt / daß sie den Greuel solcher Händel in Betrachtung gezogen / und in ihrem Alter / bey dem Ministerio (oder Dienern der Kirchen) sich demütig angegeben / und mit Bewilligung deß Raths daselbst /etliche Muster ihrer Teuffels-Possen daher gemacht /hernach offendliche Kirchen-Busse gethan / und seynd also / aus deß Satans Banden / gnädiglich erledigt worden. 4

Eben deß Tages / als obbemeldter Schwedischer König / Gustavus Adolphus / in der Haupt-Schlacht vor Lützen / in Sachsen / geblieben / seynd ein paar Männer / in der Nacht vorher / mit einander auff der Reise gewest / als ihnen / nicht weit von dem Uplandischem Dorff Rasbokil, mitten auff einer Wiesen /die bey der Kirchen selbiges Dorffs ligt / plötzlich ein schreckliches Getöß / streitender Kriegsleute zu Ohren geflogen. Dabey ließ sich so mancherley Geschrey solcher Leute / die einander resolut zu fechten /anfrischen / oder auffeinander zuschmeissen / oder fliehen / oder den fliehenden nachsetzen / imgleichen so mancher Donner deß blitzenden Geschützes /hören / daß sie / vor übermachter Furcht / und Bestürtzung / nicht wussten / wohin sie sich wenden sollten. Und ob sie gleich / in der finstren Nacht / mit ihren Augen / nichts so eigentlich unterscheiden kunnten: bildeten sie sich doch nicht anders ein / als ihr Untergang wäre nicht weit / und [216] daß sie denen miteinander treffenden alle Augenblick müssten in die Hände fallen. Endlich seynd sie doch davon gestrichen / und in die nechste Nachbarschafft entlossen: da sie / in äussersten Schrecken / deß lieben Tages mit Verlangen erwarteten / und / weil / nach Anbrechung desselben / sich / in selbigen Feldern / nichts dergleichen ereignete / wovon ein solches Getümmel hette entstehen können / nunmehr genugsam verstunden /daß es ein gespenstischer Lärmen müsste gewest seyn.

Nicht lange hernach / kam die Zeitung in Schweden ein / daß die Schwedische Armade zwar ein Haupt-Treffen erfochten; aber dabey ihren König eingebüsst hette. 5

Im Jenner deß Jahrs 1565 / wurden / auff den Bergen in Languedoe / viel seltsame Gespenster gesehn: Welche / in grosser Anzahl wie Feuer-Flammen / erschienen / und allzumal sonder Köpffe / sich mit abentheuerlichem verkehren / wenden / und springen /hefftig gegeneinander schlugen 6 Wiewol ich zweifle /ob solches ein rechtes Gespenst / und nicht vielmehr ein natürliches Irrlicht / gewest. Denn die Irrwische werden nicht selten / von den vorbey reisenden / für seurige Männer angesehn / und springen bald zusammen / bald vonsammen. Doch treibt der Teufel bißweilen auch sein Spiel damit: wie / an einem andren Ort / allhie beschrieben wird.

Zu Riga / in Lieffland / erhub sich daselbst einsmals [217] (im Jahr 1665) bey Nacht ein solches Geräusch /auf freyem Markt / als ob viel Pferde vorhanden / und ein Hauffen Wagē nacheinander führen. Weil dann die Stadt-Wacht vermeynte / solcher Larmen / und Getümmel entstünde von irgend etlichen Nacht-Schwärmern / und ruchlosen Leuten; gedachten sie /dieselbe zu hinterschleichen / und zu fahen; kunnten aber Nimanden ertappen: weil alles Gespenst plötzlich verschwand.

Als man schrieb 1670 / erfuhr man / aus Paris / daß / zu Coupes in Touraine, am 5/15 Augusti / Abends um 10 Uhr / ein schreckliches Lufftzeichen / in Gestalt eines grossen langen und feurigen Balckens erschienen / und Männiglichen in Furcht gesetzt / er würde den Wald anzünden. Weßwegen auch der Marquis de Choupes stürmen ließ / und die Bauerschafft zusammen bringen: damit sie / aufs begebenden Fall /leschen mögten: Dessen es aber nicht bedurfft hat: weil dieses feurige Wesen sich selbst wieder in die Höhe gezogen / und / durch einen starcken Knall / in zwey Theile getheilt. Worauf man zwey mächtige Kriegs-Heere / in der Lufft / gegeneinander streiten gesehn: welche / in Kriegs-manierlicher Ordnung /eine gute Weile / scharff zusammen gefochten / und zwar so lebhafft / daß man auch den Knall deß Schiessens gehört. Diß währte so lange / biß die Uberwundene / in grosser Confusion und Unordnung /zurück wichen. Die Uberwinder aber blieben noch eine kleine Weile in schöner Postur / stehn. Zuletzt /ward Alles / durch einen starcken Wind / zu Bodem gerissen. Folgenden Tags hat man / in selbiger Gegend / viel Kolen und Asche gefunden. Inmassen vorbenamter [218] Marquis solches unterschiedlichen fürnehmen Herrn / durch Schreiben / zu wissen gefügt.

Von Berlin / schrieb man / unterm 8ten Januarii 1675sten Jahrs / daß sich daselbst / in der Stadt / und draussen um selbige herum / zu Nachts / biß an den lichten Morgen / eine Reuterey von vielen Regimentern in der Lufft sehen liesse / die so augenscheinlich gegen einander stritten / daß man das Handgemenge gar eigendlich erkennen / die Degen klingen hören /auch das Feuer der gelöseten Karabiner und Pistolen deutlich sehen / doch keinen Knall vernehmen können. Dabey ward berichtet / es wäre solches Gespenst zuletzt gar / biß an die Vorwachten / kommen / und dreyen Reutern auff die Haut gedrungen / hette auch dieselbe gar angerührt: welche / in Meynung / es wären rechte Männer / Feuer drauff gegeben: Anfangs hette man davon wenig oder nichts glauben wollen: als man aber nachmals nicht allein verschiedene Reuter / so die Wacht gehabt / selbst besprochen / indem es wol 8 Tage lang gecontinuirt / sondern auch ihre Officierer / die es mit angesehn / solches bekräfftigt; sey man bewogen worden / die Sache zu glauben.

Zu Anfange deß Heu-Monats 1677sten Jahrs /begab sich / zu Lübeck dieses / von viel hundert Leuten angeschautes / Wunder. Die Sonne wollte fast untergehen / als etliche tausend Kugeln heraus fuhren /theils wie Feuer-Mörsel- und Stück-theils wie Musketen-Kugeln / welche aus dem Abend gegen Mitternacht / als wie nach dem Thum-Hofe zu / geflogen /aber von dannen wieder zurück / nach dem Mühlen-Thor / und nach dem Morgen sich drehend / gegangen. Nachdem solches länger / als [219] eine Stunde / gewährt; seynd solche Kugeln / wie gelieferte oder bestandene Bluts-Tropffen / auff die Erden gefallen / etliche groß / etliche klein; und also / auff der Erden ligen blieben. Wenn man aber dieselbe aufgehoben /und das Blut zu fassen vermeynt / ist es weg gewest: Und wenn man die Kugeln wiederum nidergelegt / ist / wie zuvor Blut da gewest / und geblieben / biß es endlich verschwunden.

Eben in demselbigen Jahr eräugeten sich im Stifft Bremen / laut eines von dannen unterm 7ten Octobris abgegebenen / Schreibens / allerley böse Vorbedeutungen. Denn es liessen sich viel Gespenster / gleich gewaffneten Kriegsleuten / sehen; welche den Reisenden so entsetzlich fielen / daß auch die / aus Hamburg gehende / Post-Wägen deßhalben den Weg / bey Ottersburg / eine Weile nicht gebrauchen kunnten / sondern einen andren suchen mussten. Um selbige Zeit /soll sich auch / auff der Orler-Heide / eine Stunde von Bremervörde / ein grosses Kriegs-Heer präsentirt /und die Schildwachten ordentlich geruffen haben /Wer da?

Zwischen Lands-Kron in Schonen / und Barsebeck / hat es / am Grünen-Donnerstage (als am 17ten Aprilis Neuen Cal.) 1679sten Jahrs / um 9 Uhr / in der Lufft / ein Gefecht / abgegeben / nicht anders / als ob 13 oder 14. Truppen einander feindlich angriffen /und / mit Feuer begrüssten: Man kunnte alle Salven hören / auch Menschen und Pferde / an der Kleidung und Farbe / erkennen. Gemeldte Kriegs-Hauffen bunden drey Mal miteinander an / verfolgten hernach einander in Norden / [220] und kamen den Zuschauern allgemach aus dem Gesicht.

Eben desselbigen Jahrs / ist / in Engeland / eine Relation in Druck gegangen / darinn vermeldet worden / es hette sich / am 5ten Octobr. zu Rothwell / ein Lufft-Gesicht / in folgender Gestalt / presentirt: Erstlich sollte sich eine dick-finstre Wolcke aufgethan haben / daraus drey Männer hervor getreten / unter denen Einer / zur rechten Hand / in einem Priesterlichen Habit auffgezogen / sich zu einer finstren Wolcken genähert / und selbige mit seinen Waffen eröffnet: worauf man Blut und Wasser herum lauffen gesehn. Demnechst traten zwantzig andre Personen auff / in adlichem Habit: auff welche die drey erste Personen loß gingen / und sie mit Blut dergestalt beworffen / daß sie sich in Confusion retiriren müssen. Nach diesem sollte sich eine andre majestetische Person presentirt haben / deren Eine von den dreyen entgegen gegangen / und mit ihr geredet; indem die zwo andre hinter dieselbe getreten / und ihr alle Ehr erwiesen: Endlich habe man etliche Schüsse / und ein grosses Freuden-Geschrey / aber bald darauff ein Winseln der Sterbenden / gehört.

Als / am 23sten May / 1680sten Jahrs / in der Keyserlichen freyen Reichs-Stadt Lübeck / bey der Nacht / zwischen dem Frey- und Samsttage / die gewöhnliche Soldatesca / die Wache gehabt / hat so wol die Wacht am Mühlen-Thor / als die am Burg-Thor /gleich nach einem Viertheil über zwey Uhren (vor Tags) ein Geräusch in der Lufft vernommen / als ob eine Racquete darinn herum schwärmete. Da sich nun die Schildwachten darnach [221] umsahen / wurden sie gewahr / daß der Himmel gantz feurig und offen. Gleich damit geschahe ein Schlag / als ob eine Muskete würde gelöst. So erblickte sie auch eine aus dem Himmel herab hangende grosse feurige Kugel; und hernach noch zwo andre. Nachdem diese Bildung eine grosse viertheil-Stunde schaubar gewest; seynd sie /nechst dabey / einer andren Figur gewahr worden /vor welcher sich die vorige verlohren. Und endlich kam auch die dritte dazu. Was aber diese zwo letzte Figuren abgebildet / kann ich nicht sagen: weil die Franckfurter Relation / darinn dieses Lufft-Gesicht er zehlet wird / sich auff einen Kupffer-Riß deßfalls bezeucht / und doch solche Kupffer-Figur nicht dazugesetzt. Vermutlich seynd es auch Fürstellungen / militarischer Waffen oder Actionen gewest. Die Wacht kunnte nicht gnugsam sagen / wie erschrecklich sie anzusehn gewest.

Es hat aber dieses Gesicht / gleich wie es / im Norden / ein Viertheil nach 2 Uhr / hervor gekommen /also auch / im Norden / sich wieder verlohrn / und zwar / wegen anschimmrenden Tages / nemlich gegen halb 4 Uhr; aber mit vielem Knällen und Krachen. Es soll so erschrecklich seyn anzusehn gewest / daß die Schildwachten gestanden / ihnen wäre vor Angst / der kalte Schweiß ausgebrochen. Weßwegen sie auch ihren Wachten zugeruffen / die so bald heraus gekommen / und es also sämtlich angeschaut. Massen dann auch / von einigen Deputirten deß Rahts / so wol die Unter-Officirer / als Soldaten / deß Morgens / nach der Predigt / abgehört worden. Und hat ein Korporal /so die Wache damals mit gehabt / die gantze Erscheinung / weil er zeichnen können / dem Rath entwerffen müssen; wovon die [222] Copey / an unterschiedliche Oerter / versandt worden.

Ich zweifle zwar nicht wenig / ob dieses ein Gesicht / oder ein Gespenst / und nicht vielmehr ein natürliches Phænomenon, oder feuriges Lufftzeichen /sey zu nennen: in Betrachtung / daß die Natur mancherley feurige Figuren / als Kugeln / und dergleichen / in der Lufft / hervorbringt. Jedoch pflegt bisweilen auch was übernatürliches mit untergemengt werdē /den Menschen zur Warnung / oder zum Schrecken /entweder von den guten / oder bösen Geistern. Und weil über diese Lufft-Erscheinung / die Zuschauer so hart erschrocken: mag auch dieselbe wol / aus natür-und übernatürlicher Fügung / gemischt seyn: weßwegen wir sie allhie mit eingerückt. Im Aprilmonat 1684 J. erfuhr man von Leuten / die aus Jütland von Hadersleben nach Hamburg gereiset / daß der Fährmann zu Aestens-Fähr / und nebst ihm 20 Personen / von Morgen biß Abends zu 6 Uhren / in der Lufft / ein grosses Getümmel von Trompeten und Trummeln / mit grosser Bestürtzung / gehört / auch dabey gar eigendlich vernommen / daß der Marsch von Westen käme. Entsetzlich ist auch dieses gewest / was man / unweit Schwerin in Mechelburg / etliche Jahre zuvor / bey Nacht gehört unn gesehn; nemlich deß Tags / ein grausames donnern / und blitzen; und deß Nachts / etliche Schwerter und Sebel / so kreutz-weise übereinander gestanden. Unter dem währendem Donnerwetter / hat man einen starcken Lärmen / von Trummeln und Trompeten-Schall / mit einem erbärmlichen Zeter-Geschrey / Mord! Mord! vernommen: Welches bey die anderthalb Stunden / gewährt / und die Reuter / samt den Dragonern / bewegt / zu den Waffen zu greiffen; in Meynung / es wären feindliche Völcker vorhanden.

Fußnoten

1 Theophrast. Paracels. in libro Philosophiæ de Animabus Mortuorum.

2 Meteranus im 28sten Buch seiner Niderländischen Geschichte.

3 2. Reg. 7.

4 Scherertzius de Spectris, in fine Admonitionis decimæ lit. J.

5 Scheferus in Memorabilibus Sueticæ Gentis p.m. 12.

6 Franckf. Herbst-Relat. von An. 1665 / am 74ten Blat.

25. Das Vorspiel deß Würg-Engels

[223] XXV.

Das Vorspiel deß Würg-Engels.

Der Satan ist ein solcher Comediant / welcher nicht nur den traurigen Unglücks-Geschichten / nach ihrer würcklichen Vollziehung / nachafft / sondern auch vor derselben / durch gewisse gespenstische Gauckeley / dieselbe vorstellet. Dazu ihn vermutlich zweyerley antreiben: Erstlich / die Begierde / seine Vorwissenschafft kund zu machen; hernach die Ergetzlichkeit / an dem menschlichem Schaden und Verderben. Denn dieselbe muntert ihn auf / daß er / von dem obhandnen blutigen Traur-Spiel der Menschen / seiner Rotte ein hönisches Vorspiel macht / und daran / als wie in einer comediantischen Fürstellung / sein Mütlein weidet. Er formirt ihm gleichsam eine Ideam, oder Ab- und Vorbild solches bösen Erfolgs damit /den er / durch seine mördliche An- und Einschläge /oder Einspeyung / auszuwürcken bemühet ist: und erlustigt sich darinn / als wie ein rachgieriger Mensch seine Erquickung / an der Betrachtung deß hoffendlich bald obhandenen Unfalls seines Widersachers /empfindet / und wann er / bey seines Gleichen / davon Meldung thut / gleichsam als wie mit Händen und Füssen / weiset / und Spiegel-artig entwirfft / was die Anschläge / womit er bißhero schwanger gegangen /für eine schreckliche Geburt erzeugen / und was für eine entsetzliche Gestalt dieselbe / in ihren Umständen / gewinnen werde.

[224] Jedoch darff man darum nicht sicher genug urtheilen / als ob GOtt nicht auch sein allweises Absehn /bey solchen Vorspielen / hette. Angemerckt / deßwegen auch nicht alle vorbedeutliche Kriegs-Zeichen den bösen Geistern / sondern manche auch wol / bevorab die / so durch Erscheinungen geschehen / den heiligen Engeln vermutlich beyzumessen. Und wann gleich die meisten Vorspiele / sie mögen gleich / durch seltsame Lufft-Gesichter / oder durch Gepolter / Getümmel /und seltsames Geräusch / oder auf andre Weise / sich verspühren lassen / den bösen Geistern / als Liebhabern und Spöttern unsrer Unglücks-Fälle / zuzuschreiben: so lauffen sie doch / auch wider das Ziel ihres Verlangens / zum Ziel der Göttlichen Fürsehung: Die solche Vorschrecken den verworffenen Geistern zulässt / daß die Leute / so noch zu bekehren sind / dadurch geschreckt / und in ihrer Ruchlosigkeit der obhandenen Straffe eingedenck werden; um derselben Linderung / von dem gerechten GOtt / zu erbitten; imgleichen / daß die Atheisten / und Verächter / dadurch überzeugt werden / es geschehen solche Dinge / nemlich die Plagen / Trübsalen / und böse leidige Fälle / nicht ohngefähr; es sey ein ruchloser Selbst-Betrug / daß manche Epicurisch- und Saddu cœisch-Gesinnte wähnen / daß weder Auferstehung /noch Engel / noch Geist / noch Gespenst; sondern solches eitel falsche Einbildung / oder leeres Geschwätz und Fabelwerck sey. Denn solchen schlimmen Anschauern muß die Sache bißweilen / mit solchen schlimmen Farben / illuminirt werden. Denen / die GOtt / und seinem Geist / nicht glauben wollen / daß es Engel und [225] Teufel gebe / und nicht der blosse Zufall / sondern der Raht deß Himmels / in allen menschlichen Vorfällen / regiere / muß bißweilen der Teufel /mit seinem Gepolter / predigen / daß eine scharffe Abrechnung obhanden / und der Richter aller Welt denen / die keinen Teufel / noch Gespenst / gläuben /um sich / in deß Teufels Wercken / desto mehr zu üben / Teufels gnug auf den Hals schicken könne / so wol leib- als geistlich.

Daß aber die Gespenster gemeinlich einen blutigen Ernst / durch mancherley schreckhaffte Vor-Spiele /weissagen / soll / mit unterschiedlichen Beyspielen /allhie weiter beglaubt werden.

Im Jahr 1553 / hörte man / in den Sächsischen Feldern / etliche Tage und Nächte vorher / ehe dann Mauritius / Curfürst zu Sachsen / und der kriegerische Marchgraf Albrecht / von Brandenburg / gegeneinander / auf die Wahlstat ruckten / ein starckes Gerassel /Geschrey und Geheul / als wie das jauchtzen oder lamentiren derer zu lauten pflegt / die im Streit entweder oben oder unten ligen. Nachmals machte die Schlacht / in welcher der Curfürst ums Leben kam /eine Erklährung darüber. 1

Im vorigen dreyssig-jährigen Teutschen Kriege /haben / zu Erphurd / kurtz vor Einnehmung selbiger Stadt / die Stücke / Röhre / Spiesse / und andre Gewehre / im Zeughause daselbst / sich geregt. Die Schildwachten seynd / durch Gespenster / vom Wall hinabgeworffen / und hat sich das / auf dem Wall stehende / Geschütz selbst umgewendet / auf die Stadt zu.

[226] Dergleichen soll auch / im Jahr 1624 / zu Göttingen / geschehn seyn / ehe dann der General Tylli es eingenommen. 2

Der von Lohhausen erzehlt / daß / nachdem / zu Hameln / da der Keyserliche General-Stab lag / im gehaltenen Kriegs-Raht / der Schluß gefallen / daß man Magdeburg angreiffen und belägern sollte / bey stillem und klarem Wetter / plötzlich ein grausamer Sturm und Windsbraut entstanden / wodurch die Räder von den Mühlen / die Bäume aus der Erden /gerissen / und durch die Lufft getragen worden. Wie erschrecklich und jämmerlich hernach besagte Stadt Magdeburg zerstöhrt worden / also gar / daß der Keyserliche Hof sich darob / nachdem solches erschollen /entsetzet hat / solches ist menschlicher Gedächtniß viel tieffer eingedruckt / als / daß es allbereit vergessen wäre.

Konig Carolus Gustavus / jetzt-regierenden Königs in Schweden Herr Vater / hatte gar starcke Kriegsrüstungen / wider Polen / vorgenommen; aber sein Absehn und Ziel noch bey sich behalten: also / daß Wenigen wissend war / welcher Gegend solche / noch auf dem Amboß ligende / Donnerkeile / die man so eyfrig schmiedete / sollten einschlagen. Theils riethen / auf Polen; theils / auf Dennemarck; theils / auf das Römische Reich / welches von solcher Armatur würde beschreckt und verunruhigt werden: und unterdessen kunnte sich doch Niemand / ohn etwan ein- oder andrer Geheimer Raht / der Gewißheit hierinn versichern. Denn dieser Kriegs-verständige König ließ zwar [227] Vielen seine zugerüstete Waffen / aber Niemanden sein Hertz sehen / ohn GOtt dem HErrn allein / dem die tieffste Geheimnissen der Potentaten lauter Klarheiten / und die dickste Finsternissen Licht / sind. Und diejenige subtile Geister / welche auch die allerverdeckteste Rahtschläge offt behorchen / müssen ohne Zweifel auch wol gemerckt / oder gewusst haben / was für einen Bodem solche Zurüstung würde erschüttern. Denn es begab sich / im Hornung selbigen 1655sten Jahrs / auf einer Wiesen / in Uplande / bey hellem Tage / daß ein Soldat / als er in die / allernechst dabey stehende / Kirche / zur Predigt / wiewol ein wenig spät / gehen wollte / unferrn von selbiger Kirchen /eine vollkommene Schlachtordnung vieler gewaffneten Regimenter erblickte. Weßwegen er / gantz-erschrocken / hinlieff / solches denen Leuten / die er am ersten erreichen kunnte / anzuzeigen. Darüber erhub sich / in der Kirchen / alsobald ein Gerücht / als ob unverhofft ein Feind ins Land gefallen / und hart in der Nähe stünde. Weil nun Jedweder / der was zu verlieren hatte / besorgen musste / es dörffte ihm Haab /Gut / und Blut / drauf gehen; lieff alles / was Füsse hatte / zur Kirchen hinaus: und der Pfarrer / sich nicht gesandt achtend für läuter leere Stühle und Bäncke /folgte endlich ihnen nach.

Da sie nun kaum zur Kirchen-Thür hinausgetreten /kamen ihnen / an der mittäg- und mitternächtlichen Seiten / der Kirchen / zwo vollkommene Armeen / auf erstgedachter Wiesen / zu Augen / welche in vollem Schlagen gegeneinander begriffen waren / und gar hitzig einander befochten. [228] Roß und Mann / Zaum und Zügel / Karabiner Pistolen / Musketen / Piken / Helleparten / Partisanen / und Degen / schaute man so Augenscheinlich / daß die meiste Zuseher nicht anders gedachten / denn es wäre ein rechter Ernst / und wahres Feld-Treffen. Man sahe gar eigendlich / wie Einer den Andren / entweder mit dem Degen / oder mit der Kugel / aus dem Sattel brachte / oder ihm einen Hieb an den Kopff versetzte. Hie gab Einer die Flucht / für Jenem / der ihn verfolgte: und geschahe solche Verfolgung nicht nur mit gantzen Truppen / sondern auch eintzelner Weise / also daß Einer dem Andren nachsetzte / durchs Gesträuch und Gepüsche / biß er ihn entweder mit der Pistol / oder Klingen / erlegte.

Unweit von dannen / sahe man auch zwey Schiff-Heere / die mit ihren Masten / Seilern / ausgespannten Segeln / und spielenden Flaggen / allerdings ausgerüstet waren. Auf selbigen stund eine grosse Menge Schiff- und Kriegsvolcks / deren sehr viele ins Wasser hinab fielen; weil sie entweder tödtlich verwundt /oder gar getödtet waren. Es erschien die geringste Unvollkommenheit nicht an dem / wodurch ein blutiges See-Treffen vollkömmlich / und nach dem Leben /vorgestellt werden mögte. Denn es waren auch Stücke und Musketen zu sehen / welche Feuer und Flamme speyeten / samt einem dicken Rauch und Schmauch; wie / bey Losbrennung der Stücke / und Musketen /zu erfolgen pflegt. Jedoch blitzte es / ohne Donner: denn das Knallen und Krachen / welches sonst / in würcklichen Schlachten / gehört wird / ließ sich nicht hören. Neben der Seiten / spatzirte ein [229] Mann von mehr als männlicher Länge / in einem breiten Hut /und langen Rock / der ihm biß auf die Füsse hing: derselbe stellte sich / als Einer / der zuzuschauen begehrte / wie es mit der Schlacht mögte ablauffen. Eben dieser lange Mann ging / über eine kleine Weile / dem nechsten Dorff zu: Und als er dahin gelangt /verschwand er / so wol / als alles Andre.

Uber einen Monat hernach / seynd / auf eben demselbigen Felde / ein Hauffen schwartz-bekleidte Leute / in langen Leid-Mänteln / und sehr breiten Hüten /erblickt worden: welche aber / ohne Bewegung / gantz müssig und still gestanden / und endlich verschwunden.

Das vorige Gesicht hat Zweifels ohn den hitzigen Krieg Königs Caroli Gustavi / mit Polen / Dennemarck / und andren Potentaten / bedeutet; das letzte aber sein früh-zeitiges Absterben. 3

Zu Königs Gustavi Adolphi Zeiten / ist man / zu Dantzig in Preussen / wie auch auf der Ost-See /gleichfalls eines Schiff-Heers in den Wolcken / ansichtig worden: welches von Mitternacht gekommen /und gegen Mittag seglend / zum offtern Feuer gegeben / also / daß man unzehlich-viel feurige Kugeln hat heraus fliegen sehn. Worauf / bald hernach / dieser König / mit seiner Armee / in Preussen angelangt / 4 und wider die Kron Polen einen schweren harten Krieg angefangen. Aus welcher Blut-Quelle hernach der noch viel breitere und längere Blut-Strom deß dreyssig-jährigen [230] Kriegs in Teutschland / zum Theil: (denn Franckreichs Anhutzschung hat gleichfalls solchen Teutschen Krieg mächtig befordert) entsprungen ist. Angemerckt / damalige Römisch-Keyserliche Majestet / Ferdinand der Andre / der Kron Polen eine an sehnliche Armee / unter dem Feldmarschall Arnheim /zu Hülffe geschickt: wodurch der streitbare König /Gustavus / endlich / in einem Treffen / übermannt /und sich zurück zu ziehen / gezwungen / ob schon nicht gäntzlich gedämpfft und überwunden / ward; auch zuletzt / mit den Polen / einen Frieden / oder Stillstand / auf gewisse Jahre / schloß / und nachmals auf den Teutschen Boden / wider die Keyserliche Kriegs-Heere / ging / unter andren dieses / für eine Ursach deß Kriegs anziehend / daß man seinen Feinden / den Polen / hette geholffen.

Im Jahr 1629 / am vierdten Tage nach Pfingsten /gingen etliche Fischer / um den Abend / aus zu fischen / bey dem Land-Gut Lykaos, so in dem Gebiet der Grafen von Wisingsburg ligt / auf dem nahe dabey ligendem See Landsiœ. Indem sie nun damit geschäfftig waren / sahen sie / von Norden her / etliche schwartze und dicke Regen-Wölcklein aufsteigen / die auch bald würcklich einen starcken Regen gaben. Aber / unter solchen Regen-Tropffen / fand sich eine gewaltige Menge entsetzlich-funcklender Feuer-Tropffen vermengt / und zwar so weit und breit / als man den See mit dem Gesicht abmessen kunnte. Was / von solchem Feuer / in den See fiel / das erleschte: was aber den Fischern die Kleider berührte /das brannte sie / gab auch gewisse Brandmäler / und so kleine [231] Stücklein / als wenn man die Baumblätter mit Feuer brennet. Hierüber fielen diese Fischers-Leute in solche Furcht und Schrecken / daß sie aller kranck wurden / und / vor Mattigkeit / kaum heimgehn kunten. Etliche unter ihnen seynd auch / nicht lange hernach / gestorben.

Folgenden Jahrs / nahm der denckwürdige Krieg Königs Gustavi Adolphi / in Teutschland / seinen Anfang. 5

Um die Zeit / da der Schmalkaldische Bund aufgerichtet ward / sahe man / in der Lufft / etliche Reuter: denen bald die / mit Faustkolben gewaffnete / Bauren folgten. Drittens / erschien / aus einem Wasser / ein hoher Thurn / und nicht weit von dannen ein Mann /der daselbst Wasser schöpffte / aber darnach / von einem Drachen / verfolgt ward. Die zwey erste Gespenster seynd bald verschwunden: aber die andren haben sich noch lange sehen lassen.

Peucerus vermeynt / es sey hiedurch der Ausgang deß Schmalkaldischen Bundes bedeutet worden. 6

Im Jahr 1538 / kurtz vor dem ersten Kriegs-Zuge Philippi / Landgrafens zu Hessen / ward ein Burgermeister der Stadt Schmalkalden / bey Nacht / dieser Bilder ansichtig. Ein alter Mann saß / am Tisch / und schlieff / mit nidergehencktem Kopff. Auf der nechsten Banck daneben / lag ein Leu. In derselben Kammer / presentirte sich eine Menge Personen / so mit langen Röcken bekleidet [232] waren / in Gestalt solcher Männer / die sich worüber berahtschlagen. Wider selbige richtete sich endlich der Leu / von der Banck /auf / gleich als wollte er / mit den vordern Pfoten / auf sie zuspringen und anfallen. Darum lieffen sie eng zusammen / widersetzten sich ihm mit Dolchen / und stiessen damit zum offtern auf ihn zu; trieben ihn auch endlich in die Enge / und nachdem sie einen Sessel auf ihn geworffen / hieben sie ihm den Schwantz ab. Aber er wirckte sich bald hernach wiederum / unter dem Sessel / hervor / bekam auch seinen Schweiff (oder Schwantz) wieder. Sie griffen ihn hierauf wiederum etliche Mal an: aber er begegnet ihnen so grimmig / daß sie zur Kammer hinaus flohen; und er hingegen wieder auf seinen vorigen Platz / nemlich auf die Banck / sprang.

Weil sie aber bald wiederum anfingen / aus- und einzugehen / und ihn gleichsam umzubringen trachteten; ergrimmte er / und sprang ungestümlich auf sie zu. Darüber fingen sie ängstiglich an zu schreyen /streckten die Arme nach dem schlaffenden Alten hin /und weckten denselben auf. Der erwachte / und bedrauete / mit seiner rechten Hand / den Leuen. Dieser wich hierauf zurück / sahe den Alten etliche Mal an /und legte sich endlich wiederum an seinen vorigen Ort / auf die Banck. Aber gleich damit verwandelte er sich / in die Gestalt Christi / stund aufrecht / und predigte. Da fielen die Männer vor ihm nieder / gleich als wollten sie um Verzeihung bitten: und nachdem sie Gnad erlangt hatten; verschwanden alle diese Bilder miteinander. 7

[233] Zu Bahüs / im Königreich Schweden / schaute man / Anno 1671. im Monat Aprilis / bey hellem Sonenschein / drey Kriegs-Heere / samt einer Schiffs-Flotte / und dreyen Thürnen am Himmel.

Bey Avestfors, soll sich auch damals ein Grab geöffnet haben. Welches man / für ein Kriegs-Zeichen /ausgedeutet: weil / bey dem vorigem Dänischen Kriege / dergleichen Oeffnung sich begeben haben soll.

Im Jahr 1673 stunden / über Posen / in Groß-Polen / am dritten Octobris / deß Morgens / bey angehendem Tage / zwey Kriegs-Heere gegeneinander / in der Lufft / dabey zugleich ein starcker Stücken-Donner /und hartes Getöß von allerley Kriegs-Waffen / erschallete. Eine von solchen beyden Armeen / nemlich die gegen Aufgang stund / wich am ersten / und verschwand. Worauf eine grosse Menge Kugeln / über besagter Stadt / in die Höhe aufstiegen / und in der Lufft zersprangen. Es ward diß Kriegs-Gesicht nicht allein in- sondern auch ausserhalb Posen / gesehn /biß auf acht Meilen weit. Und zu Bromberg hat sich dergleichen sehen lassen.

In Dennemarck haben Anno 1682 / am 27 May /etliche Bauersleute von Algustort und Blarkholm aus dem Glanchischem / am 25 Aprilis / zu Morgens / ungefähr gegen acht Uhren / als sie / auf der Reise nach Helsingburg / begriffen gewest / mit Erstaunen wahrgenommen / daß / hinter ihnen her / etliche Geschwader von Reutern / etwan vier biß fünff Compagnien starck / so starck geritten / daß drüber ein dicker Staub / auch grosser [234] Dampff / und Rauch / hinten /und zur Seiten / aufgegangen; das Erdreich aber dennoch so hell gegläntzt / als ob es die Sonne selbst gewest wäre. Gedachte Reuterey aber war hingegen schwartz bekleidet / auch dazu bemäntelt; und saß auf lauter schwartzen Pferden / mit vielem Dampff und Glantz umgeben. Sie setzten Spornstreichs / drey oder vier in einem Gliede reitende / nach Süd-Osten zu: aber / als sie mitten auf das Quidinger Feld kamen; verschwanden sie daselbst alle / biß auf zween Männer: Welche / auf ihren schwartzen Rossen / in ihrem schwartzen Habit / eine Weile still gehalten. Hierauf seynd / nebenst diesen / ungefähr zwäntzig grosse und weisse Männer / und zwar einer solchen Höhe / als ob einer auf dem andren stünde / erschienen / und nicht anderst anzusehn gewest / als wären sie aus der Erden hervor gewachsen. Uber welches Gespenst / sie eine solche Furcht und Erschrockenheit betroffen / daß sie geschwinde ihren Weg fortgeführt / und sich weiter nicht umgesehn.

Dieses haben die Bauren / in Beyseyn vieler glaubhafften Personen / mit dero höchstem Eyde bekräfftigt.

Aus den Spannischen Niderlanden lieff / im Früh-Jahr 1682 / Bericht ein / daß / zu Mernen / kurtz nach dem Eintritt deß Brachmonats / fast alle Nächte /sich Gespenster sehen liessen / und zwar in dieser Gestalt. Erstlich sahe man eine Person / in lang-weissen Kleidern: welcher sechs paar andre / in schwartzem Habit / gefolgt / und hernach vier biß fünff Squadronen aufgezogen / die sich gestellt / als wollten sie die Stadt überfallen. Worüber [235] etliche Soldaten dermassen erschrocken / daß sie zu Bodem gefallen / auch nachmals / weiter daselbst Schildwacht zu stehen / sich geweigert.

Nachdem die / von den Tartern vertriebene / Sineser / unter ihrem Anführer / dem Coxenga, einen Anschlag / auf die fruchtbare Insel / Formosa / geschmiedet / der ihnen auch endlich / zur gäntzlichen Eroberung selbiger Insel / und mercklichem Schaden der Ost-Indianischen Compagnie / im Februario 1662 Jahrs / hinausgeschlagen / und gelungen; ist vorher /nemlich am 15 Aprilis 1661 in Seelandia / (so hieß die Haupt-Festung selbiger Insel) ein seltsamer Rumor auf dem Bollwerck / Mittelburg genannt /entstanden / wovon alles / in der Corpsdegarde schlaffendes / Volck / miteinander augenblicklich aufgewacht / und zu seinem Gewehr gesprungen. Etliche erwischten ihre Picken / præsentirten sich mit geblösstem Degen: Etliche brenneten ihre Lunten an; und ein Theil legte auch geschwinde den Harnisch an; gäntzlicher Einbildung / es wäre etwan ein Feind eingebrochen. Als aber Einer den Andren fragte / um die Ursach dieses Auflauffs? wusste Keiner dieselbe zu sagen.

Folgende Nacht darauf / sahen sie / um Eins gegen Tag / ihre / in dem Hafen ligende / drey Schiffe allesämtlich gleichsam in vollem Brande stehen / und mit den Stücken gegeneinander loß brennen; da man doch gleichwol keinen Schlag / noch Gekrach / davon vernahm. Hingegen erschien denen / welche auf selbigen Schiffen gestanden / die Festung Seelandia nicht anders / als ob dieselbe in vollem Feuer stünde / und auch aus [236] ihren Stücken Feuer speyete. So bald aber der Tag anbrach / war alles miteinander verschwunden.

Man hat auch viel Gespenster / vor der Festung /gesehen / die miteinander / auf dem Felde / gefochten.

Am 29 Aprilis selbigen Jahrs / sahe man / Vormittags / in dem Wasser / vor dem neuen Werck / einen Mann / der sich / drey Mal nacheinander / aus dem Wasser erhub: da man doch nicht erfahren kunnte /daß Jemand wäre ertruncken. Nach Mittages ließ sich / unter dem Bollwerck Hollandia / im Wasser / ein Meer-Weib / mit lang-gelbem Haar / schauen / und that sich / drey Mal nacheinander / aus dem Wasser hervor. Massen solches Einer / der es selber mit angesehn / und überall sich mit dabey befunden / 8 glaubwürdig erzehlt.

Es gedenckt dieser gespenstischen Vorzeichen auch C.E.S. in dem Verwahrlosetem Formosa / mit diesen Zeilen:

Himmel und Erde gaben / durch ihre Anzeigungen / zu verstehen / daß dem Formosanischem Stat sein Ende und Untergang über dem Haupt hinge; daferrn man nur hette glauben wollen /daß die sich ereignende Omina, oder Wunderzeichen / eines bevorstehenden Unglücks Vorboten wären: denn man deren allda verschiedene beobachten können. Das ungemeine / grosse / und [237] erschreckliche Erdbeben / welches sich / in vorhergehendem Jahr / ereignete / schien ein unfehlbarer Vorbot deß Himmels-Zorns / und androhender Straffe / zu seyn. So ging auch / unter dem gemeinen Mann eine starcke Sage / daß im Canal sich eine Meer-Frau hette sehn lassen. Die Soldaten erzehlten einander / daß eins deß Nachts / in der Compagnie Rüstkammer / ein solcher Tumult und Geklirr (Gerassel und Gerümpel / Gekling und Gethön) von allerhand Waffen untereinander gehört worden / als ob etliche tausend Mann einander eine Bataille lieferten. Welches aber nur /für ein gemein Gerücht / gehalten / von Niemand geglaubt wurde. Von gleicher Natur war auch dieses / daß man sagte / wie man eines von den Ecken deß Bollwercks / in heller liechter Flamme / gesehn hette; imgleichen / daß man / auf dem Galgen-Felde / zwischen dem Kastell und der Stadt / ein jämmerlich Heulen und Winseln gleichsam sterbender Menschen gehört hette / da man der Holländer und Chineser Stimmen eigendlich unterscheiden können. Und / auf eine andre Zeit / sahe man das Wasser / um den Canal / in Feuer und Flammen verändert; und viel dergleichen Dinge mehr. Worvon ein Jeder glauben kann / was ihn gut dunckt. Daß aber / vor dem Kriege / dergleichen Reden vorgegangen / ist gewiß und warhafftig: und / in wahrendem Kriege / sind gleichfalls unterschiedliche Dinge vorgefallen / [238] die man / auf diese Vorbedeutungs-Zeichen / leichtlich appliciren / und als Erfüllungen derselben / ziehen kann. 9

Ob nun selbige Gesichter / und Getümmel / durch gute / oder böse Geister / vorgestellet worden; steht so gar eigendlich nicht zu versichern. Sintemal GOtt /durch beyde / eine Warnung geben kann. Ob gleich die Teufel offt / theils aus Spötterey / theils aus Begierde einen Ruhm der Vorwissenheit damit zu erlangen / keines weges aber die Leute für Unglück zu warnen / dergleichen Gerümpel und andre Vorzeichen / anzustellen gewohnt: lässt es doch GOtt ihnen deßwegen zu / daß die Menschen dadurch gewarnet / und zu einem weislichen Nachdencken / wie auch zum Gebet um Abwendung alles Unglücks / mögen / aus dem Schlaff ihrer Sicherheit / ermuntert werden. Wiewol ich darum nicht dawider streite / daß bißweilen eben so wol dieser Art Vorzeichen / durch gute Engel / geschehn können.

Was insonderheit die dreymalige Erhebung eines Manns aus dem Wasser betrifft; geschicht solches auch in Norwegen / und anderswo / vorher / wann die Ertrinckung eines Menschen obhanden ist; und vermutlich / durch einen bösen Geist.

Die Erscheinung der dreyen Schiffe / in vollem Brande / ist ein Vor-Gemähl gewest deß Treffens / so selbige drey Holländische Schiffe / mit den Sinesischen Juncken (oder kleinen Schiffen) vor dem Kastell / gehalten: darinn / durch ein [239] Sinesisches Brand-Schiff / der eine Holländer in Brand gebracht / doch den Brand endlich noch gelescht / und sich mit der Flucht / nach vergeblichlanger Gegenwehr / gerettet. Ein andres aber / ist im Rauch aufgegangen; und das dritte hat gleichfalls die Flucht genommen.

Ob auch schon die Haupt-Festung / Seelandia / zu allerletzt / nach scharffem und tapffrem Widerstande /durch Accord / am 1 Febr. 1662 / übergegangen: seynd doch vorher viel Holländer / auf dem Lande /von den Sinesern / und zwar in einem allgemeinem Gemetzel / ihrer fünffhundert jämmerlich ermordet: darunter auch sechs biß sieben Prediger / samt einer grossen Anzahl Schulmeister / gewesen.

Dieses Unglück wird unterschiedlichen Ursachen beygemessen. Tavernier, und theils Andre / melden /die von der Ost-Indischen Compagnie hetten / durch ihre Ungewissenhafftigkeit / Ruchlosigkeit / Ungerechtigkeit / Geitz / Schinderey / Unbarmhertzigkeit /und mehr als barbarische Grausamkeit / so wol gegen den Indianern / Sinesen / und Portugisen / als gegen ihre Sclaven (andrer Abscheulichkeiten zu geschweigen) ihnen den gerechten Zorn GOttes / und mit demselben den Verlust der trefflichen Insel Formosa / zugezogen / auch den vorigen Segen / in ihrem Handel /damit verschertzt; insonderheit aber diese Rache den Sinesern abgereitzt / durch ihr feindseliges und gantz unchristliches Verhalten gegen denselben: indem sie denselben / als von den Tartern vertriebenen Leuten /den Handel nach Japan / und andren Orten / dazu sie doch eben so viel Rechts / [240] als die Holländer / gehabt /mit feindlicher und tyrannischer Gewalt wehren wollen / und dieses arme Volck / unter dem Fürwand / als ob es Seerauber wären / blut-durstiglich verfolgt / und dadurch dieselbe wider sich verbittert / also / daß sie ihnen endlich die Spitze zu bieten / und solche Wüterey / durch Abnehmung der Insel Formosa / zu vergelten / beschlossen. Man lese nur das Buch deß Taverniers / von den Grausamkeiten der Holländer in Indien / darinn er / wie auch andrer Orten / ihre Tyranney / wie an andren Leuten / also auch an diesen Sinesern / so abmahlet / daß man für der blossen Farbe und Konterfeytung solcher Teufeley / sich entsetzen muß: Daher auch / seinem Bericht nach / das Sprichwort entstanden / So bald ein Holländer über die Lini komme / werde er / aus einem Menschen / ein Teufel.

Hernach werden auch die / auff Formosa / im Schwange gegangene Laster / und schlechtes Christenthum / von dem C.E.S. für Stricke geachtet /dadurch solcher Unfall herbey gezogen worden sey.Die Formosanische Prediger und Schulmeister /(schreibt er) waren auch Leute von Fleisch und Blut gemacht / die gern was Gutes assen und truncken / und mit Gewalt groß seyn wollten. Worüber sie viel Tumults machten / und gantze Bücher schrieben / daß man ihre Personen nicht gnug ehrte / und was dergleichen mehr war: so daß endlich / diese Brüder zu befriedigen / durch die hohe Obrigkeit verordnet wurde / daß die Prediger / wann sie / auff den Dörffern / wären /dem Politico / der allda das Commando [241] hatte / die rechte Hand lassen sollten: wann sie aber / mit dem Politico, in Tayouan, wären / der Politicus ihnen alsdann die rechte Hand lassen sollte. Dergleichen Ehrstrittigkeiten / von denen rechten Christen-Märtyrern / erregt zu seyn / ich niemals gelesen habe. Zwar ist nicht ohn / daß bemeldte Prediger den Leuten / auff Formosa / sich allezeit sehr eyfrig erzeigt / die Hertzen der Formosanen zu bekehren: allein es geschahe / um anders nichts willen / als die Felle oder Häute zu bekommen; deren Einige wol gantze Schiffsladungen nach Japan übergesandt. Welches ihnen nicht wenig eintrug: Immassen ich Einen kenne / der /auff solche Weise / zum wenigsten / zwo Tonnen Goldes gesammlet / und nach Hause gebracht. Wiewol ich ihnen solches nicht mißgönne. Denn wer deß Altars pflegt / soll sich vom Altar nähren.

So weit dieser C.E.S. am 268sten Blat / deß verwahrloseten Formosæ. Der aber solchen Schluß /Wer dem Altar dienet / soll sich vom Altar nähren etc. ungereimt dazu setzt. Denn vom Altar sich nähren; welches gantz billig / ist viel ein anders / als um Gewinns willen / dem Altar dienen / GOttes und deß Mammons Knecht zugleich seyn wollen. Häute und Felle könnte man / wenn man sie übrig hat / auch noch / mit gutem Gewissen / um ein Billiges / verkauffen: aber daß ein Diener der Kirchen einen grossen Profit daran sucht / einen eignen Handel damit treibt / davon reich zu werden trachtet / und nicht so sehr / um [242] die Ausbreitung Christi Namens / als um solches Profits / und Nutzens willen / die Leute bekehren will / das steht mehr einem Bauch-Knecht / als Diener GOttes / zu / das heisst / mit GOttes Wort /Gewerbe treiben / und an den Leuten handthieren. Kein Kriegsmann / flicht sich in Händel der Nahrung: auff daß er gefalle dem / der ihn angenommen hat: 10 Darnach hat sich auch ein guter Streiter JEsu Christi zu achten. Petrus warnet die Aeltesten / sie sollen wol zusehen / daß sie die Heerde Christi / nicht um schändlichen Gewinns willen / weiden; sondern / von Hertzen Grund. 11

Wir wollen aber / noch ein paar Exempel / aus der Ferne / holen.

Ums Jahr 1590 / führten die Ost-Indische Portugisen / auff der grossen und reichen Insel Zeylan / einen schweren Krieg / mit dem Könige der Zingalesen daselbst / Don Johann genannt; der ein mächtiger und streitbarer Herr war. Zu selbigem Groß-Könige / oder Keyser / Don Johann / kam ein Portugisischer berühmter und stoltzer Kriegsmann / mit Namen Dominicus Corré, sonst der Goliath beygenamt / übergeloffen: weil ihm die Portugisen einige Unbilligkeit angethan hatten. Dieser rachgierige Ubergänger begnügte sich nicht daran / daß er unterschiedlichen München / und andren geistlichen Personen / Nasen und Ohren abgeschnitten / und sonst allerley Schimpff zugefügt hatte; sondern brachte auch mit sich gefänglich einen Printzen / Namens Bandaar, der viel Auffruhr[243] und Verrähterey gestifftet. Wodurch Don Johann sehr erfreut / besagten Dominicum Corré, in deß Printzen Stelle / den er / mit vielen Peinigungen / verdienter Massen / ließ umbringen / setzte.

Indem nun dieser Dominico Corré, an den Keyser /Don Johann die Huldigung ablegte: zerbrach ein starcker dicker Baum ohne Gewalt einiges Sturms / von sich selbsten / zu Stücken. Welches ohne Zweiffel ein Geist gethan / und dadurch anzeigen wollen / daß diesem neuen Fürsten / und Verrähter seiner Lands-Leute / der Fall nicht weit wäre. Massen es dann auch die Einwohner / für ein böses Vorzeichen / hielten.

Die Zeit bestätigte solche Vermutung auch gar bald / mit würcklichem Ausgange. Denn als hierauff König Don Johann / deß verdächtigen Zeichens ungeachtet /unter diesem Dominico Corré, und seinem Bruder /Simon Corré, als Feld-Obersten / ein Heer aussandte / um Galé zu erobern; wurden sie schändlich geklopffet und zerstäubert; auch dieser Dominico Corré selbst / den Portugisen / auff versprochenes Quartier /sich gefangen zu geben / gedrungen / nachmals aber /wider ihr gethanes Versprechen / in der Stadt und Festung Columbo / umgebracht. Worüber aber König /Don Johann / sich dergestalt ereyfert hat / daß er etliche Portugisen den Elephanten vorwerffen / etlichen aber Nasen / Ohren / Hände / und Männlichkeit / abschneiden lassen / und sie also nach Columbo geschickt / mit Erklährung / im fall sie / die Portugisen /hinfüro die Gefangene nicht in Freyheit stellen [244] würden / so sollte ihren Gefangnen gleicher Gestalt mitgefahren werden.

Wie die Soldaten / in Columbo / vernahmen / daß ihre Spießgenossen so schändlich zugerichtet worden: wollten sie dem General Don Jeronymo d'Oviedo den Hals brechen; als der solches Unheil verursacht hette /indem er mehr besagten Dominicum Corré, wider versprochenes Geleit / ums Leben bringen lassen: und schrien Schlag todt den Hund! Dieser / da er ihren Grimm sahe / und solchen schönen Zuruff hörte / fiel in grosse Sorge und Angst / um sein / am Seidenem Faden hangendes Leben / nicht wissend / wohin er sich wenden und bergen sollte. Weßwegen er / aus vollem Halse / rieff: Senhores Soldados, misericordia! Ihr Herren Soldaten! Gnade! Gnade! Sie drungen immittelst / mit ihren Degen / auff ihn zu /und sollten ihn / ohne Zweiffel / auff dem Platze ermordet haben / daferrn nicht die Münche und Priester / ihr Leben gewagt / und darzwischen lauffende / mit gefaltenen Händen hetten für sein Leben gebeten. Indem diese also für ihn / mit bitten und flehen / bemühet gewest / hat er sich unterdessen verschloffen /und in ein Kloster versteckt / auch eher nicht wieder blicken lassen / als biß der Auffstand / der gleichwol sechszehen Tage währete / sich in einen friedlichen Ruh-Stand / verwandelte. 12

Alles diß Unwesen hat vermutlich das Gespenst /so den Baum zerbrochen / zuvor bedeuten wollen.

[245] Joachimus Camerarius / der zu seiner Zeit eine rechte Schatzkammer vieler / und zwar fürnemlich historischer / Wissenschafft gewest / schreibt / es finde sich / an einem Vorgebirge / zwischen grausamen Meer-Klippen / und Felsen / ein Ort / da vielmals vorher / bißweilen aber auch wol eben zu derselbigen Zeit / wann / in einem andren Theil deß Erdbodens /eine Schlacht / oder sonst ein andres grosses blutiges Unglück / geschicht / das Meer-Wasser aller blutig erscheint / und auff dem Wasser als wie menschliche Leichnamen / deren die meiste ohne Kopff / oder sonst gestümmelt / als nemlich ohne Hände / oder Füsse / daher zu schwimmen scheinen. 13 Er meynet aber ein See-Gebirge / in Norwegen.

Fußnoten

1 Job. Fincel. de Miracul. sui Temp. apud Lycosth.

2 Christ. Joh. Hundehagen, in Tractatu de Potestate Dæmonum, lit. Q.

3 Scheferus in Memorabilibus Sueticis.

4 Idem p. 11. dicti libri. Num. 6.

5 Idem p. 11. N. 7.

6 Peucerus de Divinatione. Et Johannis von Münster Christlicher Unterricht von Gespenstern p. 15.

7 Peucerus de Divinat. lib. 15. c. 5.

8 Albrecht Herport in seiner Ost-Indischen Reisbeschreib. am 56 Bl. seq.

9 C.E.S. am 101. Bl. deß verwahrloseten Formosæ.

10 2. Tim. 2. v. 4.

11 1. Petri 5.

12 Baldæus, in Beschreibung der Insel Zeylon / am 208. Blat.

13 Joach. Camer. Centur. 1. Horar. succisiv. cap. 73.

26. Die Lufft-Pauke

XXVI.

Die Lufft-Pauke.

Es lehrt uns die tägliche Erfahrung / leider! und bezeugts der / überall in der Welt / aufgehende / Stucken-Rauch / daß der gerechte GOtt eine grosse Zorn-Schaale / über unsere gegenwärtige Laster-Zeit / ausgegossen. Weil wir aber unsere Hände / von der Ungerechtigkeit / darum noch nicht abziehen; sondern durch würcklich-übles Verhalten uns / der Erfüllung /jener Weissagungs-Worte / Und die Menschen thaten nicht Busse / für ihre Sünde; theilhafft machen: so steht [246] auch seine zörnige Rach-Hand / über unsre Zeit / noch ausgereckt.

Indem man aber / dessen / was christliche Lehrer /zur Abwendung grösserer Verwüstungen / Hohen und Nidrigen rahten / wenig achtet; so verkündigt er /durch allerley Schreck-Wunder / daß Er die Geissel noch so wenig aus der Hand gelegt / als wie wir den bösen Verdienst derselben ablegen. Und weil / mancher Orten / die lebendige Posaunen entweder nicht ruffen wollen / oder nicht dörffen; sondern das Maul halten müssen: stellet Er bißweilen selbst übernatürliche Prediger auff / in der Lufft / und lässt entweder durch seine Engel / oder / auch Verhengniß-Weise /durch die Gespenster / solche Wunder-Stimmen und Gethön / erschallen / daraus nicht wol etwas andres /als Vorspiele der fortsetzenden Kriege zu vermuten.

Darunter rechnet man billig auch dieses / welches man unlängst erst / nemlich am 24sten Junii 1686sten Jahrs / aus Mümpelgard geschrieben. An jetzt bemeldtem Tage / ward / nach wolbeglaubter Leute Bericht / deß Morgens / um neun Uhr / eine Meilwegs von Mümpelgard / in schöner und heiterer Lufft / ein Pauken-Schlag gehört: Worauff / zu unterschieden Malen / auch starcke Salven erfolgt: Worüber einige Bauersleute dermassen erschrocken / daß sie / in Meynung / es stünde irgendswo eine Schlacht-Ordnung in der Nähe / gleich aus dem Walde heim geeilt.

Es hat solches Pauken-schlagen / und schiessen /eine gute Weile gewährt. Und ist gleichwol / von jetztgemeldten Bauersleuten nicht allein nur / sondern gleich falls anderswo in der Nachbarschafft / [247] wie auch zu Mümpelgard / und daherum in der Nähe / gar eigendlich gehöret worden: Biß endlich der Schall und Knall / gegen Westen in die Höhe gestiegen / und sich daselbst verlohren.

Weil nun weit herum selbiger Gegend damals keine Völcker lagen; auch die Unterthanen kein Gewehr haben dörffen; hat Jedermann geschlossen / es sey ein Wunder- und Vor-Zeichen kriegerischer Unruhe. Ob aber solches Vorzeichen ein guter / oder ein böser Geist / gegeben / wird wol Niemand leichtlich entscheiden: Wiewol ich besorge / gleichwie gemeinlich der Würg-Engel / bey obhandenen Blut-Läufften /auff mancherley Art / seine Vor-Spiele treibt; also habe er auch durch diesen Paucken-Streich / und durch die knallende Salven / sein Frohlocken / über die Calamitäten deß Erdbodens / der ohnedem jetzt im Blut schwimmet / bezeugen wollen.

Dergleichen dörffte auch das erschreckliche Knallen / Schiessen / und der grosse Lärm vorbedeuten /so man / im December dieses 1689sten Jahrs / in der Gegend von Zülch / laut einer Wochen-Zeitung aus Cölln / gehört haben soll.

Wie ein hochgelehrter Mann unlängst aus Heilbrunn geschrieben; so giebt es / in den Gräbern selbiger Stadt Heilbrunn / ein Anzeigen / wann eine grosse Kriegs-Unruhe obhanden: indem sich / in solchen Begräbnissen / alsdann ein starckes Klopffen hören lässt. Massen solches nicht allein / vor diesem / zu unterschiedlichen Malen / und zwar / unter andren /vor dem vorigen Frantzösischem Kriege / sondern auch nicht lange vor dem / im Herbst deß 1688ten Jahrs geschehenem / Einbruch der [248] Frantzosen ins Reich / beobachtet worden. Ebendieselbige Person /welche solches überschrieben / hat unlängst / einem guten Freunde Bericht gegeben / daß man bey angehendem jetzigem Winter 1689sten Jahrs / wiederum dergleichen Getöß / Poltern und Klopffen der Gräber vernommen. GOTT verhüte / daß die Erfüllung solcher Vor-Bedeutung nicht etwan / entweder durch das feindliche Schwert / oder durch einreissende Sterb-Seuchen / viel Gräber fülle!

27. Das Nach-Spiel deß Würg-Engels

XXVII.

Das Nach-Spiel deß Würg-Engels.

Wie sich ein Meister noch vielmehr / nach Ausfertigung seines Wercks / weder über den blossen anfänglichen Entwurff desselben / belustigt: also empfindt der blut-dürstige Mord-Geist noch grössere Ergetzung an den Blutbädern / nachdem sie schon vollenbracht /als wann er dieselbe allererst zu befordern / und anzustifften / bemühet ist. Und solche seine Ergetzung giebt er hernach / noch lange Zeit / mercklich zu spühren. Die heidnische Römer triumphirten / nach einem Siege / nur ein Mal; dieser starcke Gewapnete aber viel Jahre nacheinander / ja wol etliche hundert Jahre offt / darüber / wann er ein allgemeines grosses Unglück angerichtet / als da sind Krieg- und Blutvergiessen.

[249] Solches kann man leicht schliessen / aus dem Getöß / und Lärmen / so er gemeinlich / an solchen Oertern / da ein Scharmützel / oder blutiges Treffen /vorgegangen / nachmals hören lässt; wie auch aus den gespenstischen Erscheinungen / so man daselbst bißweilen erblickt. Denn solches ist eine Anzeigung /daß er / über solche geschehene Blut-Händel / jubilire / und sich gleichsam einen Meister / Erfinder und Angeber derselben / rühme. Wie solches diese Geschichte bezeugen.

Lucius Florus / der die Feldzüge der Römer sein kurtz und nett beschrieben / meldet / bey Erzehlung deß zweyten Macedonischen Kriegs / man habe /gleich desselbigen Tags / an welchem König Perses in Macedonien / geschlagen und gefangen worden / solches zu Rom / erfahren: Angesehn / zween Jünglinge /auf weissen Pferden / am See Juturna / den Staub und das Blut abgewaschen: welche gesagt / sie kämen aus Macedonien / und wären / bey dem Haupt-Treffen daselbst gewesen. Weil dieselbe nun gantz mit Blut bespritzt waren / und die Pferde so wol / als sie / die beyde Reuter / selbst / dem Ansehn nach / kaum verschnauffen kunnten: glaubte man / zu Rom / insgemein / es wären Castor und Pollux gewesen. 1 Ich aber glaube / es sey ein Teuffels-Gespenst gewest / das / in solcher Gestalt / welche die Römer / dem Castor und Pollux anzutichten / pflagen / darum erschienen /damit dieser abgöttischer Wahn / bey den Römern /erfrischet / oder bekräfftet werden mögte.

[250] Pausanias gedenckt / bey Beschreibung der Schlacht / bey Maratbon / einer Stadt / die man heut Marason nennet / und ungefähr zehentausend Schrite von Athen ligt / daß man / zu seinen Lebzeiten / in selbigen Feldern / alle Nächte / ein Geschrey gehört /als gleichsam vieler wiehernden Pferde; auch Gespenster / in Gestalt streitender Kriegs-Leute erschienen; imgleichen daß diejenige / welche dahin kämen / solches anzuhören / und die Gespenster zu sehen / von ihnen übel tractirt würden.

Doctor Spon / welcher selbige Gegend durchgereiset / schreibt / daß ihn die Einwohner selbiges Dorffs / und Andre in derselben Gegend / berichtet hetten /daß sie annoch / gar offt / bey nächtlicher Weile / einige unbekandte Stimmen hörten / die sie erschreckten. Solches bekräfftigte sein / und seiner Gefährten /Wirth / ein Albaneser / bey dem sie zur Herberge lagen / vermeldend / daß er offt dergleichen gehört /und sonderlich einen Laut / der einer klagenden Weibs-Stimme ähnlich wäre; wann er aber an den Ort ginge / wo er es vernommen / zöhe sich solche Stimme weiter hinweg. 2

Nachdem der unruhige / und durch seine ehrsüchtige Gemahlinn zu einem rebellischen Friedens-Bruch verreitzte / König Odacker / in dem scharffen Treffen / mit dem sieghafften Keyser Rudolph / dem Ersten /aus dem Hause Habsburg / welcher mit der Römisch-Teutschen Reichs-Kron beehret worden / nahe bey Kustendorff / auff dem Marckfelde / das Feld / samt dem Leben / verspielt hatte / und / nebst [251] vierzehen tausend der Seinigen / erschlagen war; lagerte sich der Keyser / damaliger Gewonheit nach / auff die Wahlstat / und beharrete darauff drey Tage; indem die Erschlagene / samt dem feindlichen Lager / geplündert wurden. Unter selbiger Zeit / hat man um Mitternacht / daselbst mancherley Gerassel / Tumult / Getöß / und Waffen-Klang / gehört. Man erblickte auch bisweilen eine grosse Schaar von Geistern. So liessen sich auch / nach der Zeit / viel Gespenster da sehen / in Gestalt mancher bekandter Leute / so bey selbigem Haupt-Ernst das Leben verschertzt hatten. 3

Nach dem blut-reichem Heer-Gefechte / so zwischen dem Römischen Könige / Ferdinand dem Dritten / glorwürdigsten Andenckens / und der Schwedischen Armee / bey Nördlingen / gehalten worden; hat man / viel Jahre hernach / zu Nachts / in selbiger Gegend / ein Feld-Spiel von Pauken / Trummeln / und knallenden Stücken / vernommen; als eine Jubel-Freude deß Menschen-Feindes / über das Blut der Menschen / und über die Blut-Bäder der zerrissenen Christenheit.

Fußnoten

1 Florus lib. 2. Rer. ab urbe condita, c. de Bello Macedonico secundo.

2 D. Jac. Spon / im sechsten Buch seiner curiösen Reisen.

3 Felix Malleol. lib. 2. de Nobilitate c. 30. apud Besoldum in Discurs. de Vitæ & Mortìs consideratione fol. 111.

28. Der schmätzende Todte

[252] XXVIII.

Der schmätzende Todte.

Daß / um die Gräber / und Bein-Häuser / manches Mal / ein ungewöhnliches Gepolter / Gekrach / oder andres Getöß / oder seltsamer Schall / vernommen werde / ist nichts Neues / noch Unerhörtes. Man lieset / 1 daß die Teufel den Leichnam deß Ertz-Ketzers Valentini, von dem geheiligtem Ort der Grab-Stäte / bey Nachte / mit grossem Geräusch / heraus gerissen: imgleichen / daß Papst Sylvesters / deß Zweyten / Gebeine / im Sarck / gerauschet. 2 Und daß solches nicht eben allemal / in den Gräbern der Unselig- sondern auch wol bißweilen der Selig-Verblichenen / geschehe / vermeynen Etliche / zu beweisen / mit den Gräbern der heiligen Märtyrer / und andrer berühmter Heiligen. Wozu auch der Licentiat Garmannus, in seinem gelehrtem Tractätlein de Miraculis mortuorum, mit einstimmet; indem er das Gezeugniß S. Hieronymi anziehet / welcher schreibt / daß die Teufel / bey den Begräbnissen Elisœ / Johannis deß Täuffers / und deß Abdiæ / (oder Obadiæ) zu brüllen pflegen. 3

Nun begehre ich zwar nicht zu widersprechen / daß auch wol / bey den Ruhbetten heiliger Leute / jemaln /zu Nachtzeiten / einiges Geräusch / [253] mancher Orten /vernommen werde: aber / der angezogene Ort Hieronymi dienet daher / zum Beweis / gar nicht: sintemal derselbe / auf die bösen Geister / zielet / welche / aus den Besessenen / brülleten und schrien / wenn man dieselbe / zu dem Ruhstäten der heiligen Märtyrer /führte: wobey man / in der ersten Kirchen / sich / zum Gebet / und andrem Gottesdienste / zu versammlen pflag. Welcher Meynung auch der Author deß BuchsDe duplici Martyrio, so Roterodamus dem heiligenCypriano (wiewol besorglich unfüglich) zurechnet /schreibt: Verùm ubi jam ad monumenta Martyrum pelluntur morbi, rugiunt dæmones, terrentur Monarchæ, coruscant miracula, concidunt idola, tum apparet, quàm sit efficax ac potens Martyrum sanguis. 4 Also giebt demnach dieses Gebrüll der Teufel kein Gezeugniß / noch Beweis / daß die bösen Geister bißweilen / auch bey den Gräbern der Heiligen / ein Getöß machen.

Insonderheit sollen diese verdammte Mord-Geister / bey- oder kurtz- vor obhandener / Pest / mehrmalen unterschiedliche Vorzeichen / in- oder bey den Grab-Stäten / geben; laut gemeiner Aussage. Warum sie solches thun / steht leicht zu begreiffen. Sie sind überaus ehrsüchtige Geister / die / in allen Sachen / einen Schein Göttlicher Vollkommenheit / zumal der Allwissenheit / suchen / und solchen / durch dergleichen Vordeutungen obhandener Niderlagen / oder grosser Sterb-Seuchen / bey gemeinen Leuten / zu finden /[254] oder aufs wenigste sich damit groß und hochverwunderlich zu machen / hoffen: Immassen dem Satan kaum etwas so schmertzlich thut / als die Verachtung bey den Menschen.

Nicht unfüglich fügen Andre auch diese Beweg-Ursach hinzu. Die bösen Geister mercken / daß GOtt erzörnt / und die Zeit seiner Straffe kommen sey: Weil ihnen nun solches eine hertzliche Lust / Freude / und sonderbare Ergetzung ist: als geben sie solche ihre Frolockung / durch allerley schreckhaffte Vorzeichen /zu vernehmen.

Ich halte aber / es geschehe nicht / aus jetztbemeldten Ursachen / so man sonst insgemein vorbringet /allein; sondern noch aus drey- oder viererley andren. Denn es will / drittens / der leidige Böswigt / der Menschen auch damit spotten / sintemal er der allerherbste Spott-Vogel ist. Und / (fürs vierdte) will er ihnen gern damit Furcht und Schrecken einjagen; zumal denen / die es selbst hören: auf daß sie kleinmütig werden / oder wol gar darüber erkrancken / und / so es GOtt verhengt / durch gählingen Schrecken /desto leichter die Pest an den Hals bekommen mögen.

Fünfftens / trachtet er / den Leuten dadurch abergläubische Gedancken und Einbildungen einzudrucken / als ob entweder nothwendig nun dieser oder Jener sterben müssen; oder / ob werde ein solches Geräusch / Getös / und Gepolter / von den Seelen der Abgestorbenen / erregt.

Heutigs Tags aber / da man / GOtt Lob! wol weiß /daß der Teufel keine Göttliche Allwissenheit habe /und dennoch nicht leugnet / daß er sehr viel Dinges /durch gewisse Merckzeichen / zuvor [255] wisse / ist (sechstens) meines Vermutens / sein fürnehmstes Absehen und Hoffen dieses: daß er die Hertzen / welche nicht fest an GOtt hangen / hiedurch neige / und lüstern mache / zur Wahrsagerey: damit sie zu den Hexen und Warsagern gehen mögen / wenn ihnen etwas gestohlen / oder eine unheilsame Kranckheit zugestanden / oder sonst eine Lust ankommt / den Ausgang dieses oder jenen Handels vorher zu erfahren; was für einen Bräutigam sie zu gewarten haben; wie lang ihr alter Mann / oder altes Weib noch Brod fressen / und ihrem Verlangen nach einer neuen Speise im Wege stehen werde? oder was ihnen sonst für Glück / und Unglück / in ihrem Leben / bevor stehe? Wie denn der gottlosen Leute keine geringe Anzahl ist / die / aus solchen Ursachen / entweder die Hexen / oder Hexen-Meister / oder die selten-bessere Zigeiner (welchem Geschmeiß billig keine christliche Obrigkeit / einen einigen Tritt / auf dero Grund und Bodem / gestatten sollte) zu Raht ziehen / und / auf dergleichen fürwitzige Fragen / gewissen Bericht von ihnen verhoffen. Denn mit solchem Angel gelüstender Vorwissenschafft / fähet der Teufel viel tausend Seelen / und reisst die / so GOtt nicht recht vertrauen / viel tieffer damit in GOttes Ungnade und Zorn.

Auf solches Ziel / nemlich auf vorgedachtes unterschiedliches Absehn / streichet es Alles zu / was man / in den Gräbern / und auf den Kirchhöfen / oder auch vor den Wohn-Häusern derer / daraus mit nechstem eine Leiche getragen werden soll / Düsterliches und Schauerisches / sihet oder höret. Da stimmet er gleichsam (das ist / bewegt) bald den [256] Nachtvogel /zum schreyen; bald den Hund / zum abscheulichem und ungewöhnlichem heulen. Bald läutet er eine Glocken / in den Häusern: Bald rumort / oder klopfft er / in den Leich-Truhen / oder Gräbern.

Massen man / unter andren / im Jahr 1665 / zu Lützen / in eines Schusters Grabe / ein starckes Klopffen gehört. 5 So bezeuget der Licentiat / Christianus Fridericus Garmannus, in seiner curiösen Schrifft / von den wunderbaren Sachen der Todten / daß er / nebenst Andren / einsmals / zu Merseburg / selber auch dergleichen gehört / indem man daselbst einen Mann / so der Römisch-Catholischen Religion war / zur Erden bestetigt hat. 6

Vor Allen / ist dieses insonderheit abentheuerlich /und einer Betrachtung wol würdig / daß / wann gifftige Sterb-Seuchen grassiren / bißweilen die Todten /bevorab die / so weibliches Geschlechtes sind / ihre Grab-Tücher Todten-Hemder / und andres Leich-Ge räth belecken / ja / mit einem lauten Schall / nicht anders dran saugen / als ob man eine Sau schmätzen hörte; und so weit sie / mit dem Maul / um sich her /reichen können / Alles aufffressen. 7

Von solchen / in und ausser dem Grabe unruhigen Todten (oder vielmehr Teufeln) werden unterschiedliche Exempel gefunden. Denen sonderlich diese zwey denckwürdige / in der Böhmischen [257] Chronic deß Hagecs / zu lesen. Im Jahr 1357 hat man / im DorffBlow, eine Meile von der Stadt Cadan / in Böhmen /einen Vieh-Hirten begraben: Welcher aber / nach seinem Tode / alle Nächte / aufgestanden / durch die Dörffer gegangen / und die Leute erschreckt / auch mit ihnen nicht anders geredet / als ob er noch am Leben wäre. Wobey es aber nicht geblieben: sintemal er auch etliche derselben erwürget hat: und wer / von ihm / bey Namen / genennet worden / der ist / acht Tage hernach / gestorben. Solches Ubel zu dämpffen; haben die Nachbarn ihm einen Pfahl durch den Leib schlagen lassen: dessen er aber nur gelacht (oder vielmehr sein Gespenst; denn ihm selbsten wird / in der Hellen / nicht viel Lachens zu Mute mehr gewesen seyn) und gesprochen: Ihr meynt / ihr habt mir einen gewaltigen Possen gerissen / indem ihr mir einen Stecken gegeben / womit ich mich desto besser der Hunde erwehren kann.

Folgends haben ihn zween Hencker verbrannt: da er dann die Füsse an sich gezogen / und bald / wie ein Ochs / gebrüllt / bald / wie ein Esel / geschrien. Als der Hencker ihm auch einen Stich in die Seiten gab /floß viel Bluts heraus. Hiemit nahm das Ubel ein Ende.

In dem Böhmischen Städtlein Levin / starb / Anno 1345 / eines Töpffers (oder Hafners) Weib / so man für eine grosse Hexe hielt / plötzlichen Todes / ehe dann man ihr gerichtlich lohnen könnte: und glaubte man / der Satan hette sie gewürgt: weßwegen sie / auf einem Scheidwege / begraben worden. Worauf sie hernach vielen [258] Leuten / in mancherley / und unter andren in Viehes Gestalt / erschienen / auch etliche derselben ums Leben gebracht. Hierauf hat man sie ausgegraben / und erblickt / daß sie ihren Schleyer /unter der Zeit / halb gefressen: welchen man ihr blutig / aus dem Halse / gezogen. Man schlug ihr einen eychenen Pfahl durch die Brust: darauf kam das Blut häuffig heraus geflossen. Nachdem sie aber wieder verscharret worden; riß sie den Pfahl heraus / und ermordete mehr Leute als zuvor. Weßwegen man endlich den teuflischen Schelmen-Balg / mit samt dem Pfahl / verbrannte / und die Asche / samt dem Erdreich / ins Grab streuete. An der Stäte / wo der Körper verbrannt war / hat man / etliche Tage über / einen Würbel-Wind; aber sonst hernach weiter / von ihr /Nichts gesehn / noch einige Ungelegenheit mehr erlitten. 8

Es gedenckt auch Zeilerus, in seinen Trauer-Geschichten: Er habe / zu Eywanschitz in Mähren / im Jahr 1617 und 18 / zu unterschiedlichen Malen / von glaubwürdigen Bürgern deß Orts / erzehlen hören /daß daselbst / vor etlichen Jahren / (nemlich von selbiger Zeit zuruckzurechnen) ein / dem Ansehn nach ehrlicher / Bürger / auf dem Kirchhofe selbiger Stadt beerdigt worden; aber stets / bey der Nacht / aufgestanden sey / und Leute umgebracht habe. Dieser ließ allezeit seinen Sterb-Kittel / bey dem Grabe / ligen: und wann er sich wiederum niderlegte; zoch er denselben wieder an. Es wurden aber einsmals die Wächter /auf dem Kirch-Thurn / gewahr / als er vom Grabe wegging; eilten derhalben hinab / und trugen [259] ihm den Sterb-Kittel hinweg. Da er nun / wieder zum Grabe kommend / seinen Kittel nicht antraff; rieff er ihnen zu / sie sollten ihm den Kittel wiedergeben / oder er wollte ihnen Allen die Hälse brechen. Welches sie auch / in grossem Schrecken / gethan.

Aber nachmals musste der Hencker ihn ausgraben /und zu Stücken zerhauen. Worauf man weiter nichts gespührt. Der Scharffrichter zoch ihm einen langen grossen Schleyer / aus dem Maul / hervor / welchen er seinem Weibe vom Kopff hinweg gefressen hatte. Diesen zeigte der Nachrichter dem umherstehenden Volck / und rieff: Schauet! wie der Schelm so geit zig gewesen! Nachdem er aus dem Grabe genommen war / sagte er; Sie hetten es jetzo wol recht getroffen; sonst / weil sein Weib auch gestorben / und zu ihm gelegt wäre / wollten sie Beyde die halbe Stadt umgebracht haben. 9

Kormannus schreibt / es bezeuge die Erfahrung /daß etliche Todten / in den Begräbnissen / ihre Kleider aufgefressen; und sage man / daß hierauf bald ihre nechste Verwandten sterben. Conradus Schlüsselburg erzehlet dessen 10 unterschiedliche Begebenheiten. Und Hondorff gedenckt / es habe / an Lutherum M. Georgius Rörer geschrieben / daß / in einem Dorff /ein begrabenes Weib / im Grabe / sich selbsten angefangen zu fressen: thut auch hinzu / was Lutherus darauf [260] geantwortet. 11 Massen auch / in den Tisch-Reden Lutheri / dieser Abentheuer gedacht wird. 12

Rollenhagen bringt gleichfalls ein Exempel vor /nebst Bericht / daß man deßwegen dem Verschiedenen / bevor ihm der Mund geschlossen worden / einen Stein / und Pfenning / ins Maul zu stecken pflegen: damit / wann es / im Grabe / anfinge / zu beissen / er einen Stein / und Pfenning vor sich finden / und deß Fressens sich enthalten mögte. Solches soll auch / wie er hinzu thut / vieler Orten (zu seiner Zeit) in Sachsen / geschehen seyn. 13

Um Freyburg herum / hat sich / laut der Freyburgischen Chronic / im Jahr 1552 / auf unterschiedenen Dörffern / dergleichen zugetragen; als / zu Hermsdorff / Dittersbach / und Clausnitz; 14 und / Anno 1553 / in der Schlesien / bey regierender Pestilentz; imgleichen / zu Sangershausen / im Jahr 1565; wie / in dem Anhange der Leich-Predigten M. Heinrich Rots / gefunden wird. 15 Zu Mersburg soll nicht weniger ein Gleiches seyn verspührt worden: massen D. Adamus Röter 16 in seinen Pest-Predigten beglaubt.

Wann nun solches Ungeheuer / nemlich derSchmätzende Todte / vermercket wird; nimt es [261] der gemeine Hauffe / als eine Vorbedeutung / auf / der Sterb werde nicht allein lange anhalten; sondern auch die Leute härter quälen / als sonst: und prophezeyen /der Todte werde die nechsten Anverwandten nachholen.

Damit nun nichts Ubels / wie sie zwar besorgen /weiter daraus entstehe: bemühen sie sich demselben /auf folgende Weise / vorzukommen / und dasselbe /aus dem vermeynten Grunde / zu heben. Sie öffnen das Grab / reissen dem Todten die / von ihm gefressene / Tücher / und Kittel / mit Gewalt / aus dem Maul /stossen hernach dem Schlucker / mit dem Grabscheit /den Kopff ab: der Einbildung / es werde / nachdem solchem Saugen / Schmätzen / Fressen / und Benagen so wol deß Fleisches / als deß Kittels / gesteurt worden / auch der Sterb-Seuche damit gesteurt / und ein Ziel gesteckt seyn.

Was aber solches Schmätzens / Saugens / und Fressens im Grabe eigendliche Ursach wol seyn mögte / und ob solche Verfahrung / mit dem Leichnam / wie allererst erzehlt worden / zu billigen / oder nicht; das gilt Betrachtens.

In der blossen Natur / wird man schwerlich allhie einen Grund finden. Denn daß vielleicht das ThierHiæna (oder Vielfraß) welches sonst gern die Gräber visitirt / und die todten Körper frisst / solches Getöß /und Schmätzen / im Grabe anrichten sollte; wird keine Vernunfft gläuben. Wahr ist es / daß selbiger Vielfraß die Begräbnissen aufgrabe / die todte Leichnam hervor ziehe / und nach seiner Hölen trage: bey welcher man gemeinlich einen grossen Hauffen von Menschen- [262] Beinen / und Aas-Knochen / findet. Weßwegen die Türcken / wie Busbequius schreibt / 17 ihre Begräbnissen / mit schweren Steinen / bedecken: damit ihre Verstorbene / für diesen Thieren / wie auch für Hunden / und Wölffen / desto sicherer ligen mögen. Aber der Vielfraß frisst die Körper / oder Todten-Gerippe / und nicht die Kleider oder Grab-Tücher der Todten. So wird auch nur ein gewisser Theil deß Leibs bißweilen befressen; da hingegen der Vielfraß den gantzen Körper verzehrt. Das Grab bleibt /bey dieser Begebenheit / zugescharrt / und unaufgegraben: der Vielfraß aber muß es erst aufgraben / so er den Todten erreichen will. Und / welches das allermeiste / so geschicht diß seltsame Todten-Schmätzen / in solchen Ländern / darinn gar kein Vielfraß ist.

Eben so schlechten Schein hat es / daß es / Fragens oder Besinnens werth wäre / ob etwan die Nachtvögel Striges, so man sonst Uhu nennet / (wiewol jemaln auch die Hexen dadurch verstanden werden) hieran schuldig seyn sollten. Denn gemeldte Nachtvögel seynd / auch schon bey den Alten / sonst im Geschrey / daß sie so wol den Säuglingen / als den Säug-Ammen selbsten / bey Nacht / die Brüste saugen / imgleichen auch / mit ihren Schnäbeln / die Ziegen melcken / und grossen Appetit zu Menschen-Blut haben. Massen / neben Andren / der alte Poet / Ovidius, dessen / in diesen seinen Versen / Meldung thut:


[263]
Sunt avidæ volucres, non quæ Phinëia mensis
Guttura fraudabant; sed genus inde trahunt.
Grande caput, stantes oculi, nostra apta rapinæ,
Canities pennis, unguibus hamus inest.
Nocte volant, puerosque petunt nutricis egentes,
Et vitiant cunis corpora rapta suis.
Carpere dicuntur lactentia viscera matris,
Et plenum poto sanguine guttur habent.
Est illis Strigibus nomen: sed nominis hujus
Causa, quod horrendâ stridere nocte solent 18

Er will sagen: Es seyen fraß-gierige Vögel; und nicht zwar die Harpyen; sondern ein Geschlecht / so davon herkommt. Der Kopff ist groß: die Augen stehen ihnen weit und starren gleichsam. Der Schnabel ist ihnen / zum Raube / gewachsen. Sie haben graue Federn / und krumme Klauen / mit langen Nägeln. Fliegen / zu Nachts / herum / greiffen die Säuglinge an /raffen sie mit sich fort aus der Wiegen / und verderben sie / indem sie ihnen das Blut auszapffen etc.

Daß es nun dergleichen Vögel / so viel die Gestalt betrifft / gebe; steht nicht zu zweiffeln. Denn es seynd keine andre / als die Nacht-Eulen: aber / daß sie den Ziegen die Milch / und den Unmündlingen das Blut /aussaugen sollten / ist falsch. Welches auch Plinius /bekennet / wenn er schreibt: Er halte für ein Mährlein / daß Striges, oder [264] Nachtvogel / den Kindern die Brüste sollten aussaugen; so wisse man auch nicht / was es für ein Vogel sey. 19

Es mögte leicht / wie Garmannus vermeynt / Jemand einwenden / daß gleichwol bisweilen den Kindern würcklich das Blut also ausgesogen werde. Massen / der berühmte Bartholinus solches / mit diesem Exempel vergewissert. Drey kleine Kinder eines Pristers zu Lykisholm in Fünen welche / in ihrem gewöhnlichen Gemach / beysammen schlieffen; weineten / und schrien ungewöhnlich / und erzeigten sich überaus unruhig: Weil sie fühlten / daß sie / von Jemanden / wurden gleichsam gemelckt / oder ausgesogen. Und als die Eltern solchen kleinen Knaben ihre Brust-Wärtzen (oder Zitzen) besahen / welche / wie einer säugenden Frauen / weit heraus gezogen waren /fand sichs daß der Kinder Argwohn nicht vergeblich wäre. Darum bestrich man ihnen die Brüste / mit bittren Säfften. Hierauf ward ihnen der Nabel so hart ausgesogen / oder hervorgezogen / daß er nicht allein augenscheinlich heraus stund / sondern auch das eingedruckte Merckmal zeigte / dabey man die Grösse deß Mauls / so daran gesogen hatte / gar kenntlich abnehmen kunnte. 20

Die Gewißheit dieser Geschicht lässt man gar gern zu: allein daß solches eine Arbeit bemeldter Nacht-Vögel sey / muß erst erwiesen werden. Wie sollten dieselbe / zu einem versperrtem Zimmer hinein kommen? Man würde ihrer ja ansichtig [265] werden. Darum ist es Hexenwerck gewest / um durch deß hellischen Nacht-Vogels Mitwürckung geschehn.

Man spühret jemaln / daß den Kindern / durch Hülffe des Satans / von den Unholdinnen / die Adern geöffnet seyen / mit der Nadel / oder mit den Nagel /oder auff andre Weise: angesehn / solches / an denen hinterbliebenen kleinen Narben / und Bluts-Tropffen /welche bey den schreyenden Kindern gefunden worden / nach dem die sichtbarlich ihnen erschienene Katzen wieder davon geloffen / und verschwunden /leicht zu erkennen. 21 Also kann gleichfalls auch dieses Aussagen der Kinder / durch die Hexen / geschehn. Wiewol bißweilen auch eine natürliche Ursach dabey Platz findet. Denn Garmannus schreibt /es habe Schwenckfeld solches vorlängst allbereit gemerckt / daß / an den Brust-Wärtzlein der Kleinen /jemaln sich ein weisses Eyter / eräugne / so einer Milch ähnlich sihet / und von den gantz kleinen Blätterlein der Wartzen (oder Zitzen) ausgedruckt wird. Er bestetigt solches auch / mit seinem eignem Anblick: sintemal er Selber in acht genommen / daß auff den Wärtzlein neugeborner Kinder etliche weislechte Tröpfflein gelegen: welche / von den Ammen / nur denen Mägdlein / aber / weiß nicht aus was für Aberglauben / keines Wegs den Knaben / ausgedruckt werden. Wann nun solcher unausgedruckten Feuchtigkeit allzuviel wird; entstehet davon eine Entzündung und solcher Geschwulst / daß man offt nicht anders meynen sollte / als es hette Jemand an der Brust [266] gesogen / und sie gar starck angezogen. Worauff alsdenn den Kindern der Schlaff benommen wird / u. sie jämmerlich weinen. Daher bißweilen der Wund-Artzt dazu kommen / und ein solches Knäblein / von wegen der aberglaubischen Thorheit seiner Ammen / viel leiden muß. Was den Nabel betrifft; kann derselbe /durch Blähungen / und vieles Weinen / hervor getrieben werden. Aber doch thut nicht selten auch der Teufel / durch seine Schuppen / die Truden / den armen Kindern solche Quaal an.

Es ist sonst auch ein fast gemeiner Wahn / unter gemeinen Leuten / daß ein Nacht-Gespenst (welches man / in Sachsen / die Jüdgen nennt /) den Leuten bißweilen das Haar sauge / und mit seinem Speichel ihnen dasselbe / als wie mit einem Leim / zusammen kleistere. Daraus alsdenn / ihrer Meynung nach / dieMahrlocken / oder Mahrenflechten / oder (wie sie andrer Orten benamst werden) die Schrötlings-Zöpffe / entstehen. 22 Wovon der Author einen merckwürdigen Verlauff / so in seiner Nachbarschafft / vor wenig Jahren / vorgegangen / erzehlt. Daselbst kam eine Magd in Verdacht / als ob sie schwangres Leibs wäre: Und nachdem ungefähr ein erträncktes Kind angetroffen worden / ging das Gerücht / sie hette ihre Leibs-Bürde heimlich abgelegt / und erstickt /oder ertränckt. Als solches dem Richter zuschallet /wird sie gefänglich eingezogen / und wegen beharrlicher Ableugnung / von den Ammen besichtigt. Welche nach Uberlegung der Sachen / einhällig dahin stimmen / sie habe heimlich geboren; zumal weil ihre Brüste Milch gaben. Jedermann [267] hielt sie nun für gnugsam überwiesen / und für eine Kinds-Verthunerinn: allein sie fand / bey einer so verzweifelten Sache / doch eine Ausflucht; vorwendend / sie hette die Jüdgen / welche / durch nächtliches Brüste-sau gen / die Milch zu wege brächten; zeigte auch zugleich einen Mahr-Locken / an ihrem Kopffe. Man brachte sie dennoch an die Folter: aber / weil sie / auff ihrem Vorwand / steiff und fest bestund / ward sie endlich loßgesprochen.

Wie bey solchen Mahrlocken / und Verstopffung der weiblichen Monat-Rosen / gar wol sich / in den Brüsten / eine Milch-ähnliche Feuchtigkeit sammlen möge / ist den Medicis / vor Alters / schon bekannt gewest; aber damit / im wenigsten / dem Wahn / als ob das saugen und schmätzen der Todten / entweder mit den Mahrflechten / oder mit dem saugen oberwehnter Nacht-Vögel / einige Gemeinschafft hette /nicht geholffen.

Ich halte dafür / die Einbildung von den Strigibus, oder Milch-aussaugenden Nacht-Vögeln / sey den Alten daraus entstanden / daß die Hexen bißweilen den Kindern also zugesetzt / und zwar villeicht in Gestalt gewisser Raub-Vögel: oder weil / vorerzehlter natürlicher Weise / auff den Wärtzlein der Kinder sich ein solches überflüssiges Milch-weisses Naß gefunden. Und kann seyn / daß / indem die Kinder hievon Schmertzen erlitten / etwan bißweilen eine Uhu /oder Nacht-Eule / zu Nachts hinbey geflogen: angemerckt / diese Nachtvögel gern / um deß Unschlitts willen / dem Licht / und andren Sachen / so ihnen zur Speise dienlich / nachtrachten. Daraus sie vermutlich[268] geschlossen / es müsste keine Nacht-Eule / (weil sie von dieser solches nicht vermuten) sondern ein sonderbares Geschlecht andrer Nachtvögel seyn.

Gesetzt aber / es wäre diß alte Mährlein eine Warheit; so würden solche Nachtvögel doch nur leise saugen / und mit keinem schmätzen / wie das saugen deß Todten / in den Gräbern / geschicht. Sie würden auch nur die Zitzen / und keine Todten-Kleider / noch das nechste Fleisch um den Hals herum / absaugen / noch etwas abnagen / herab beissen / oder das Fleisch deß Leichnams abfressen: Sie würden die Lebendigen /und nicht die Todten; die so / über der Erden / und nicht diejenige / so unter der Erden seynd / verletzen.

Was die Herren Ebræer / von der Schlangen Azazel / fabuliren / daß dieselbe den Menschen-Körper / in der Erden / nage / und verzehre; imgleichen von einer gewissen Maus / welche den Leib / so bald derselbe nur der Erden einverleibt worden / alsofort anhebe /so grausamlich zu beissen / daß er drüber laut schreyen müsse; lassen wir ihnen / für einen bekandten Jüden-Schnitt / unaufgehalten passiren / und die Feder / mit mehrer Erörterung solches Geschwätzes / unbemüht. Keines bessern Werths ist fast das Mährlein deß gemeinen Pöfels: welches den Todtengräbern hierinn die Schuld zueignet / mit dem Vorgeben /wann dieselbe den Todten auffs Angesicht / das ist /mit dem Antlitz unter sich legen / oder ihm Haare in den Mund thun / und keinen Erdkloß unters Kinn legen / so werde ein solches Spiel draus.

[269] Pausanias / wiewol ein Heide / zielet doch viel besser und etwas näher; wenn er schreibt man habe / von den Priestern zu Delphis / die Nachricht empfangen /ein sonderbarer Teufel / der lange und ausstehende Zähne / einen schwärtzlich blassen und Todtfarbnen /abscheulichen Körper habe / und mit einem Fuchs-Balge umkleidet sey / fresse und verzehre den Todten dermassen das Fleisch von Leibe / daß ihnen kaum /die blosse Gebeine übrig bleiben. Hie hat der Satan /von sich selbsten / einige Warheit / doch mit Lügen vermengte / gesagt.

Beym Saxone Grammatico / lieset man eine abentheuerliche Erzehlung / dieses Inhalts. Assuit / und Asmund / zween vertrauteste aber heidnische Freunde / verschwuren sich gegen einander / welcher von ihnen Beyden den Andern überlebte / der sollte sich mit dem Andren / lebendig begraben lassen. Nachdem hernach Assuit / an einer Kranckheit / gestorben; hat den Asmund seine Freundschafft / und eydliche Verbindung / (die er aber nicht schuldig gewest wäre / zu halten / als einen Selbst-Mord) bewogen / sich / in eine grosse Höle / oder weite Grube / darein man den Leichnam seines verblichnen Freunds / mit einem Hunde und Pferde / gebracht hatte / versperren zu lassen. Wiewol er ziemlichviel Speise zuvor mit sich hinein genommen; auff daß er / eine lange Zeit /davon zu leben hette. Endlich marschirt daselbst einsmals König Erich / mit dem Kriegsheer / vorbey / und / weil er vermutet / es lige allda ein Schatz vergraben / lässt er die Grab-Höle deß Assuits öffnen / den Asmund heraus / und wieder ans Tages-Licht führen. Welcher / im [270] Angesicht gar wühst und häßlich / sahe / mit Eyter und Blut überflossen. Denn Assuit war /bey Nachtzeiten / wieder lebendig worden / hatte / mit dem Asmund / gerungen / und ihm das lincke Ohr herab gerissen. Gestaltsam dieser / als der König ihn gefragt / woher er die Wunde bekommen? dieses /was / in folgenden lateinischen Zeilen enthalten / in alt-Gothischer Sprache / zur Antwort gegeben:


Quid stupetis, qui relictum me colore cernitis?
Obsolescit nempe vivus omnis inter mortuos.
Nescio, quo Stygii numinis ausu
Missus ab inferis spiritus Assuiti
Sævis alipedem dentibus edit,
Infandoque canem præbuit ori.
Nec contentus equi vel canis esu,
Mox in me rapidos transtulit ungues,
Discissaque genâ sustulit aurem.
Hinc laceri vultus horret imago,
Emicat inque fero vulnere sanguis.
Haud impunè tamen monstrifer egit:
Nam ferro secui mox caput ejus,
Perfodique nocens stipite corpus.
Welches ich / dem Teutschen Leser zu Gefallen / in teutsche Reimen hiemit versetze:
Was steht ihr so entsetzt / daß ich so mißgefärbet /
Vor euren Augen / bin: Wer seinen Auffenthalt
[271] Lebendig hat bey dem / den die Verwesung kerbet;
Der wird so greulich wühst / so blaß und ungestalt.
Assuitens Geist ist aus dem Schatten-Schlund' erlassen;
Was für ein Höllen-Götz' es auch verschaffet hat:
Er kam herauff! Sein Maul / und grimme Zähne frassen
Das Roß / und auch den Hund. Wo doch damit nicht satt:
Er warff / gleich einem Wolf' / auch mir die scharffe Klauen
Ins Angesicht. Er riß die Backen mir entzwey /
Und nahm mir auch das Ohr: davon ist hier zu schauen
Mein Antlitz so zerritzt / und eurer Augen Scheu /
So wundt / so voller Blut! Doch ging diß ungenossen
Dem Ungeheur nicht hin: Ich griff darauff zum Schwert /
Und spaltet' ihm den Kopff: den Leib hab' ich durchstossen /
Mit einen Pfahl; den Leib / der meinen hat versehrt.

Diese Abentheuer / so Kornmannus / aus dem Saxone Grammatico erzehlt / ich auch selbst / vor diesem / bey selbigem Historico / gelesen / scheinet zwar etlichen Umständen nach / einer Fabel [272] gleich; und doch gleichwol vielleicht / in etlichen Stücken / etwas daran zu seyn; nemlich so viel / daß man deß Asmunds / oder eines andren Verstorbnen todten Körper / bald nach dessen Beysetzung und noch vor der Verwesung / wieder gefunden / von einem unterirdischem Grab-Gespenste / auf obbeschriebene Art / übel zugerichtet. Wozu man hernach etwas Mehrers getichtet. Es dörffte aber auch wol würcklich geschehen seyn /daß Asmund / zu dem Assuit / sich lebendig versperrt habe: Denn die alte Nord-Völcker haben / theils aus Ruhmsucht / theils aus vermeynter Treu / und Pflicht /viel seltsames Dinges unternommen; und daß man einige Zeit hernach / da er unterdessen von den bey sich habenden Speisen gelebt / auch vielleicht durch verborgene Ritzen etwas Luffts genossen / ihn / aus Vermutung eines Schatzes / wieder hervor gebracht; oder daß er / gar bald wieder heraus genommen / inzwischen aber / unter der Erden / vom Gespenste / auf vernommene Weise / tractirt sey (denn der Geist deß Unglaubens ist mächtig / über die Kinder deß Unglaubens) oder auch / daß / nachdem er vorlängst erstickt war / der Teufel / in seiner Gestalt / nemlich mit dem todten Leichnam deß Asmunds umgeben / dem König Erich / also erschienen wäre.

Wiewol nun dieses lauter Ungewißheit ist / und keinen rechten Grund hat / folgends auch keines rechten Schlusses fähig: spühret man doch so viel daraus /daß schon damals / der schmätzende Tod wo nicht dem Namen / doch der Würckung nach / unter den Heiden / bekandt und ruchbar gewesen: anderst würden sie / im fall dieses Vorgeben / von [273] dem Assuit und Asmund / gleich ein pur lauteres Mährlein wäre /solchen Umstand nicht leicht dazu getichtet haben /nemlich daß dem Asmund das Ohr / im Grabe / abgefressen worden / und er deßwegen dem Leichnam deß Fressers einen Pfahl / durch den Leib / getrieben haben. Denn daraus geht die starcke Mutmassung / es sey dieses Mittel / das schmätzen und fressen deß Todten zu stillen / bey den alten Heiden schon üblich gewest.

Unterdessen hat man im geringsten nicht zu zweifeln / daß solches saugen / schmätzen / und fressen deß Todten / anders nichts als deß Teufels Gauckeley / oder / wie es Lutherus nennet / deß Teufels Gespenst / Betriegerey / und Boßheit: welcher / unter deß Begrabenen Person / ein solches Schmätzen / lecken / und beissen / im Grabe / verübt.

Gleichwie nun dieser boßhaffte Geist / fürnehmlich / bey Pest-Läufften / da er GOttes Scharffrichter ist /grosse Gewalt hat: also kann er / auf Gottes Verhengniß / nicht allein eine Pestilentz / so über den gantzen Erdboden sich ausbreitet / erregen; sondern ist auch als ein rechter Verderber / und Würg-Engel / bemüht /durch mancherley Schreck-Possen / zum Untergange menschliches Geschlechts / solches Verderben zu erweitern / und fortzusetzen.

Besagter Garmannus vermutet auch nicht ohne Vernunfft / daß solches Spiel eben so wol bißweilen /von den Zauberern und Hexen / angerichtet werden könne. Denn man findet / in den Geschichten / daß sie sehr / nach dem Fleisch der Abgestorbenen / trachten /solches für ihre delicateste Speise halten; und um sothaner Lecker-Bißlein [274] desto unverhinderter zu geniessen / sich gern in Hunde / oder Wölffe / (dem äusserlichen Ansehn / und ihrer Einbildung nach /) verwandeln; deßwegen auch zu Nachts / um die Gräber herum streichen / und so gar derer / am Hoch-Gericht henckenden Körper nicht schonen. Das Blut der zarten Kinder schmeckt ihnen / für den besten Wein; und das Fleisch derselben / für die köstlichste Torten /oder Pasteten. Wiewol sie / nicht alle Mal / um Essens / oder Trinckens / willen / sondern auch / zu ihrem zaubrischen Mord-Gifft / und andrem Hexen-Werck / desselbigen begehren. Gestaltsam sie deßwegen / ihrer Hexen-Salbe / offt das Fett von einem Knaben / und so viel Menschen-Bluts / als sie bekommen können / einmischen.

Mit Verwundrung habe ich gelesen / daß ein / sonst gar gelehrter / Mann dieses hat einer Synpathiæ / zwischen den Lebendigen und Todten / zugeschrieben. Und soll / seines Berichts / das fressen und schmätzen deß Todten sich alsdenn veranlassen / wann dem Verstorbenen der Daum nicht aus der Hand gethan / noch das Maul ihm allerdings frey und unverdeckt gelassen worden (gestaltsam solches nothwendig geschehen /und der Todten-Gräber allezeit schweren musse / daß er solches wolle in acht nehmen: denn sonst stecke der Verstorbene die noch lebende Blutsverwandten / und das gantze Geschlecht / an: Dessen sey dieses ein Zeichen / daß / wenn man den Todten ein leinen Tuch ums Maul gelegt / er dasselbe hernach zu käuen / und fressen pflege: massen solches die Vorüber-gehenden / wie bekandt / nicht ohn Auffsteigung der Haare /bisweilen hören. Er erzehlet dabey / es [275] habe vor nicht vielen Jahren / eine alte Vettel / an einem Leichnam solches zu thun / sich vorgenommen (nemlich demselben den Mund zu verdecken / oder das Tuch ihm ins Maul zu stecken: aber / auff Gottes Eingebung / sey es geschehen / daß man den todten Körper / vor der Begräbniß / noch einmal vorher besichtigt / und in dem Munde das Tuch erblickt hat; worüber das lose Weib / weil ihr Vorhaben drüber ans Licht gebrochen / zu gerichtlicher Straffe gezogen worden.

Vorerwehnter Author vermeynt / es stecke eine natürliche Ursach darunter / die auf einer Synpathia gegründet sey; so viel dieses nemlich betrifft / daß Andre dadurch angesteckt werden: und zwischen dem Leichnam und dem Tuch / setze es eine Antipathie; daher der Verstorbene nicht leide / daß ihm das Maul / mit Kleidern / oder Tüchern / verstopffet werde. Wem dieses ungereimt vorkommt / spricht er / der solle was bessers vorbringen: Denn Fridericus Garmannus habe es / in seiner Schrifft de Miraculis Mortuorum, noch nicht gethan.

Aber Garmannus hat freylich eine weit bessere Antwort drauf gegeben; indem er / nebst vielen fürnehmen Theologis, es der Gauckeley deß Satans /oder einer Hexerey / zugeschrieben. Denn solches lässt sich viel gewisser vermuten / als dieses / daß /zwischen dem Tuch und dem Leichnam / eine Synpathia sey. Warum sollte die Synpathia nur eben alsdenn sich regen / wenn das Tuch im Maul steckt / und nicht eben so wol wenn es sonst nur dem Todten um den Hals ligt? Und wie wird [276] der Author 23 beweisen / daß allen solchen Leichen / die / nach ihrer Einscharrung /geschmätzt / vorhero / ehe sie zu Grabe gebracht worden / das Tuch im Maul gesteckt? Wie wird er doch immermehr einen Vernünfftigen überreden / daß einige Synpathia / einem Todten solche starcke Bewegung mache / die ihm die Zähne zum beissen / das Maul und den Rachen / zum nagen / fressen / und verschlingen eines Tuchs errege? ja die ein solches starckes und lautes Schmätzen erwecke / welches auch /über der Erden / von den Lebendigen gehört werde? Was man / solches zu bescheinigen / von dem Bluten der Erschlagenen bey Gegenstellung deß Mörders /vorbringet / ist viel ein anders / und hiemit unvergleichlich / dazu auch nicht beweißlich / daß solches aus einer Antipathia / herkomme: wie ich anderswo mit mehrerm / dargethan.

Hie dörffte Mancher anstehn / ob den Zauberern auch wol möglichfallen sollte / ohne merckliche Versehrung der Brgräbnissen / solches ins Werck zu ziehen? Aber es ist / ohne Zweiffel / daß sie nicht nur /im Grabe / ohne äusserliche Versehrung desselben /ein Getöß zu wege bringen / sondern auch garwol ein Stücklein Fleisches / ob schon das Grab nicht mercklich eröffnet wird / durch ihre Teufels-Kunst / von dannen heraus practiciren können. Wem dieses unnatürlich / und derhalben unmöglich scheint / der betrachte / daß sie einen unnatürlichen Meister und Helffer bey sich haben / der sie ja so leicht / in ein verschlossenes und zugescharrtes Grab / als wie in einen versperrten Weinkeller / und wieder [277] der heraus bringen kann. Denn daß Viele meynen / der Satan bilde ihnens nur / im Traum / oder in einer Entzuckung / so ein / als ob sie da / und dort / in einen Weinkeller führen / ist keine durchgehende Gewißheit: weil man unbetriegliche Merckzeichen hat / daß sie nicht allezeit nur in der Einbildung / sondern vielmals auch in der That / hinein fahren: ob sie gleich dennoch mehrmals / vom Satan / dabey geblendet werden / als ob sie würcklich daselbst / frässen und söffen; da er ihnen doch unterdessen entweder gar nichts / oder nur Aas / Kot / Kröten / Frösche / und dergleichen Ungeziefer / verschafft / welches sie für niedliche Speisen ansehn: nemlich wann keine Göttliche Zulassung da ist / dem Wirth deß Weinkellers würcklich etwas auszusauffen. Denn wann der Teufel keine Macht findet / ihnen ein rechtes Getränck / und natürliche Speise / zu verschaffen; giebt er / als ein stoltzer Geist / der nicht gern für einen so ohnmächtigen Teufel angesehn seyn mag / welcher über eines Christen Haab' und Gut / ohne Göttliche Verstattung /keine Macht habe / und demselben keinen Kreutzer /keinen Tropffen / kein Brösamlein / entwenden dörffte / sich doch ungern so bloß / daß seine Kreaturen mercken / wie genau ihm seine Gewalt / von dem Allgewaltigen / beschnitten / wie wenig Vermögens er habe / ohn dessen Erlaubniß den Seinigen das geringste Bißlein zu zuwenden / und kurtz zu sagen / was für ein armer Teufel er sey. Solches sein Unvermögen nun zu bedecken und zu verlarven / und eines Theils auch / aus teufflisch-feindseliger Lust / die betrogene Menschen möglichst zu äffen / setzt er ihnen allerley Greuel in die Stelle / würtzet dieselbe mit Verblendung / [278] falscher Einbildung / blauen Dünsten / und Bethörung so wol der Augen / als deß Geschmacks: Oder speiset und träncket sie / mit blossem Betruge /und krieglichem Beduncken: also / daß sie sich bey ihrer Heimkehr / viel hungriger und durstiger befinden / als zuvor. Doch hat man die Gewißheit / daß diß Geschmeiß bißweilen gleichwol auch würcklich die Wein- und Bier-Fässer bediebe / würcklich den Kühen die Milch raube.

Wann sie dann also warhafftiglich bißweilen / in versperrte Gemächer fahren (die ihnen aber der Satan / als ein Tausend-Künstler / der keines Schlössers /noch Zimmermanns / bedarff / unvermerckter und unsichtbarer Weise / behänd auff- und zusperret) warum nicht eben so leicht / in die / ihnen von ihm wunder-schnell und ungemerckt auffgethane Gräber?

Doch ist mir nicht entgegen / so Jemand spricht / er bilde ihnen vielmals auch dieses nur also ein / daß sie hinab in die Begräbnissen fahren / verrichte indessen das Fressen und saugen an ihrer Stat: denn dadurch wird ihre jemals-persönliche Hinabkunfft zu dem todten Körper nicht umgestossen / noch zu einem eitlen Wahn gemacht.

Was verüben sie nicht offt / an den Lebendigen? Kommen sie nicht offt / zu den Sechswöchnerinnen unvermerckt / und bemühen sich / ihnen das Kind zu stehlen? Bringen sie nicht bißweilen / nur mit äusserlicher Anrührung / die Kinder in Mutterleibe um?Condronchius bewehrt diß letzte / mit dem Exempel an einer Edelfrauen / welcher eine Trude den Leib nur angerührt / und damit die [279] Frucht / in ihrem Leibe / getödtet hat / also daß dieselbe hernach Stückweise ihr abgegangen. 24

Zu mehrer Bestetigung dieses / zeucht offt-angezogner Author auch / das wunderliche Hertzfressen der Persisch- und Arabischen Hexen an / aus dem de la Valle: welches / weil mir solche Erzehlung dieses berühmten und weitgereisten Italiäners bekandt / wir von demselben selbsten / allhie völlig vernehmen wollen. Er schreibt davon also / wie folget.

Es ward eine alte Araberinn / Namens Meluk, gefänglich (zu Combru) eingezogen / welche der Hexerey beschüldiget worden / und daß sie einen Jüngling / von Ormus gebürtig / welcher für diesem ein Christ gewest / zu Combru aber erst neulich ein Mahometaner worden / bezaubert / oder wie sie es insgemein nennen / sein Hertz gefressen habe. Welches sie / aus Rachgier gethan: weil dieser Jüngling / mit ihrer Töchter einer / ein Zeitlang in Unzucht gelebt / dieselbe aber hernach /aus weiß nicht was für Ursachen / verlassen. Gestalt dann dieser Jüngling / welcher sich in einem jämmerlichen Zustande / und in Gefahr seines Lebens befand / selbst einer von den Anklägern gewesen.

Diese Gattung der Zauberey / welche / von den Indianern / das Hertz der Menschen fressen / genennet wird / und sonder Zweifel nichts anders ist / als was wir bezaubern nennen / welches / durch der Hexen böses und [280] schädliches Anschauen / geschicht / daß offtmals der Tod drauf erfolget / ist nichts neues / noch anderswo unerhörtes; dieweil vor Alters / beydes in Sclavonien / als in dem Lande der Triballier / dergleichen Leute viel zu finden gewest / wie bey Abrahamo Ortelio zu lesen / welcher es / seiner eigenen Bekenntniß nach /aus dem Plinio genommen; der / aus deß Isigoni Bericht / erzehlet / daß diese Art der Zauberey so wol bey diesen / als vielen andern Völckern / üblich gestraft sey. Wie dann dieselbige noch / biß auf den heutigen Tag / in diesen Ländern / insonderheit aber bey den Arabern / welche an diesem Persischem Meerbusem / an dessen Westlichem Ufer / wohnen / sehr gemein ist.

Was die Art derselben betrifft / so geschicht sie / durch die Augen / und den Mund: indem die Zauberinnen denjenigen / dessen Hertz sie fressen wollen / eine gute Weile / mir unverwendeten Augen / ansehen / und etliche gewisse teuflische Worte heimlich bey sich brummeln: Womit sie /Krafft solcher Bezauberung / und deß bösen Geistes Mitwürckung / so viel zuwege bringen / daß dieselbe Person / ob sie schon frisch und gesund ist / in einem Augenblick / in eine unbekandte /und unheilsame Kranckheit fällt / wodurch sie /wie ein Schwindsüchtiger in kurtzer Zeit dergestalt wird auszehrt / daß sie endlich davon sterben muß. Und diese ihre Würckung thun sie bißweilen dermassen [281] geschwinde / daß ein Mensch /wann sie sein Hertz / wie sie zu reden pflegen /gantz aufgefressen / (dann sie können es / nach ihrer Kunst / entweder gantz / oder nur zum Theil verzehren / und machen / daß ein Mensch gantz und gar / oder nur halb / und entweder bald / oder nach und nach / ausdorret) zum offtern / in wenig Tagen / seinen Geist aufgeben muß.

Die Einwohner nennen aber darum diese Art der Zauberey / das Hertz fressen; weil sie in der Meynung seynd / der Teufel verblende der Hexen Augen dergestalt / daß sie vermeynen / deß Bezauberten Hertz und Eingeweide gehe / in Krafft ihrer Zauberey-Worte unsichtbarer Weise / von seinem Leibe / heraus / und sie esse dasselbe; woran sie dann / wie sie vorgeben / einen über alle Massen angenehmen Geschmack empfinden / so gar / daß sie offtmals / ohne allen vorhergehenden Haß und Feindschafft / unschuldige Personen / ja ihre nechste Blutsfreunde / auf solche Weise / tödten. Wie man dann / von dieser gefangenen Hexen / ausgeben / daß sie / vor etlichen Jahren / ihre eigene Tochter / auf solche Art / hingerichtet habe.

Dieses alles geschicht / wie sie sagen / weil sie ihre Lust hierzu antreibt / daß sie das Hertz einer Person / als eine / ihnen sehr angenehme / Speise /ohne Ansehung einiger Freund- oder Verwandtschafft / fressen [282] müssen / und sich dessen nicht enthalten können.

Solchen verfluchten Leuten nun / gibt der Teufel solche Personen in den Sinn / über welche er /wegen ihrer schweren begangenen Sünden / grosse Macht bekommen hat. Und daß dem also sey /daß der Teufel / in dergleichen Fall / diesen Unholden den Lust / zu einer solchen Speise / einge be; nimt della Valle, von einer gleichmässigen Geschicht / ab; welche / von einem Augustiner-München aus Portugall / und glaubwürdigen frommen Mann / so / zu seiner Zeit / Prior ihres Convents /in Hispahan, gewest / erzehlet worden ist. Dieser sagte ihm / daß einsmals / an einem / den Portugisen zuständigem / Ort / an den Grentzen deß fruchtbaren Arabiens / ein Araber / um dergleichen Verbrechen willen / gefangen worden / den der Capitain / oder Stathalter dieses Orts / ehe er ihn hinrichten lassen / um sich der Warheit dieses Zauber-Wercks / welches / in diesem Lande / für so gewiß gehalten wird / zu erkündigen / als er vor ihn gebracht worden / gefragt / Ob er das Inwendige aus einer Cucummern / ohne Oeffnung derselben / herausnehmen könnte: Welches der Zauberer / mit Ja / beantwortet hat. Als er nun einen Cucummern bringen lassen / und der Zauberer / in deß Capitains Gegenwart / denselben /eine Zeitlang / steiff angesehen / und seine Zauber-Worte heimlich gesprochen / hat er endlich gesagt / er habe ihn [283] gantz und gar verzehrt: Nachdem man nun die Cucummer aufgeschnitten / wäre dieselbe, inwendig gang leer gewest.

Dieses ist nichts unmögliches: weil der Satan /dessen Hülffe sich die Zauberer bedienen / aus GOttes Verhengniß / grosse Macht über die unsre Geschöpffe hat / solches und noch ein Mehrers /ausser allem Zweifel / thun kann: So sey auch kein Wunder / daß er an den Menschen / welche vernünfftige / und von Natur so edle Geschöpffe seynd / dergleichen Wirkungen zuwege bringen könne / alldieweil es gar leicht geschehen könne /daß / wo nicht die Seele / wegen ihrer Vortrefflichkeit / jedoch zum wenigsten der Leib / als der unedlere Theil / dergleichen Wirckungen deß Satans unterwürffig werde. Welches della Valle nicht allein von den Unglaubigen / die / in gewisser Masse / schon sein sind; sondern auch / von den Christen / verstehet / wann sie / in offendlichen Sünden / leben; dahero der Teufel Macht über sie bekommt; oder aber / wann es ihm GOtt / aus verborgenen Ursachen / über fromme und gottsfürchtige Leute verhenget.

Hierbey erzehlte dem Author dieser Pater ferner / daß / als ein solcher Zauberer (ob es eben dieser / oder ein andrer gewest / den man / um dergleichen Verbrechen willen / eingezogen / weiß der Author nicht) gefragt worden / Ob er das Hertz deß Portugisischen Capiteins essen könne: Er geantwortet / [284] Nein; und darbey gesagt / daß die Francken (worunter er alle Europœische Christen verstund; weil dieser Nam denselben /ohne Unterschied / in Orient gegeben wird) etwas in der Brust hetten / welches sie wie ein starcker Harnisch beschützte / und dermassen hart sey /daß die Zauberey keines wegs durchdringen könne. Dieses kann / (wie der Author gar recht urtheilet) ausser allem Zweifel / nichts anders seyn / als die Krafft der heiligen Tauffe / welche die Rüstung deß Glaubens / und die Freyheit der Kinder der Kirchen ist / wider welche die Pforten der Hellen nichts vermögen.

Die zu Combru gefänglich-eingezogene Zauberinn hat anfänglich gantz nichts bekennen wollen: als man ihr aber mit dem Tode gedrauet / und sie zu dem Ende auf den Platz / allwo della Valle sie gesehen / samt dem bezauberten Jünglinge / führete / gestund sie zwar die That nicht: jedoch sagte / daß sie ihm / wann man ihr zulassen würde / allein bey ihm in seinem Hause zu seyn /vielleicht wieder zu seiner Gesundheit helffen könnte. Womit sie dann bekannte / daß sie eine Hexe wäre.

Man hält es aber / in diesen Ländern / für gewiß / daß diesen Leuten / wann es mit ihnen nicht aufs äusserste kommen / wieder könne geholffen werden. Unter denen vielfältigen Weisen aber / sie wieder gesund zu machen / ist dieses eine / daß die Zauberinn [285] etwas kleines / wie ein Körnlein von einem Granat-Apffel ausspeyet. Welches dann der bezauberten Person Hertz seyn soll. Wann nun der Krancke diees Ausgespeyete /als ein Stück seines Eingeweids / begierig in sich schlucket: so kommt / auf solche Art / das Hertz /ihrem Wahn nach / wieder in seinen Leib / und wird derselbe nach und nach wieder gesund.

Man sagte dem della Valle noch weiter / daß die Zauberinnen / wann sie bißweilen das Hertz gantz und gar aufgezehrt / (welches vielleicht der natürliche Lebens-Safft ist) oder derselbe gekocht aufgefressen / den Bezauberten nicht wieder gesund machen könnten. Weil aber della Valle dieses selbst nicht gesehen / und weil es unnatürlich zugehet / so ist er der Meynung / daß es nicht würcklich / sondern durch deß Teufels Verblendung / geschehe: und wann es wahr ist / daß diese Krancken wieder gesund werden / so geschicht solches darum / weil der Teufel aufhöret diese Leute zu peinigen / und ihre Leiber zu verzehren.

Nachdem nun die Zauberinn Hoffnung gegeben / diesem Jünglinge wieder zu helffen / haben die Mahometische Amtleute ihr versprochen / wann sie solches thun würde / daß ihr kein Leid widerfahren solle. Worauf sie dieselbe / ihrem Begehren nach / in ihre Häuser / so nicht weit voneinander gewest / haben gehen / jedoch die Hexe /durch einen [286] Stadt-Diener / damit sie nicht entflie hen mögte / verwahren lassen. 25

Ich muß aber bekennen / daß diese Beweisthümer /so von der Anrührung schwangerer Weiber / und von dem so genanntem Hertz-fressen / genommen worden / uns hiebey weiter nicht nutzen können / als nur theils zur Befestigung dessen / was oben gesagt ist /nemlich von der Zauberer / und Unholden Begierlichkeit nach Menschen-Blut und Fleisch. (Denn ob gleich die Arabische Unholden dem Menschen das Hertz nicht würcklich fressen; kommet ihnen doch solche Einbildung so süß vor / als ob sie es mündlich genössen.) Theils aber / zur Bestetigung dessen / daß / weil sie / durch blosses auswendiges Anrühren mütterlichen Leibes / die inwendige Frucht desselben zerstücken können / auch nicht unglaublich scheine / daß sie ebenfalls / durch Würckung deß bösen Feinds / zu den Todten hinab kommen / ohne sichtbare Eröffnung deß Grabes / und daselbst / von dem Leichnam / ein Stück Fleisches rauben können.

Viel-erwehnter Garmannus vermeynt / daß / was solche Hertz-Auszehrung belangt / solches bißweilen auch wol natürliche Ursachen thun könnten; als / zum Exempel / der subtil-durchdringende Wetter-Strahl: welcher denen / so damit betroffen werden / alles Eingeweide verzehrt / und sie alsofort tödtet. Allein / wie dieses Exempel sich beweislich dazu füge / kann ich nicht wol fassen: Denn der Blitz-Strahl verzehrt dem Menschen kein [287] Eingeweide / er fahre ihm denn würcklich in den Leib / oder auch wol gar durch hin: Welches aber der Arabischen Unholdinn ihr Aug-Strahl / und steifer Anblick / nimmermehr thun kann. Gleichwie auch ihre blosse Anrührung / durch keinen schwangeren Leib / zur Frucht hinein / dringen kann; woferrn es nicht etwan / durch eine Antipathiam, geschähe) Sondern der Satan verpflantzet die schädliche Würckung unnatürlich selbst hinein / in das Inwendige deß Menschens; und erfordert die anrührende Hand / oder Anblicke der Hexen / nur darum dazu / daß er ihr einbilde / sie thue es selbst / in Krafft der grossen Kunst / und Gaben / so er ihr verliehen; auf daß sie /an dergleichen Mord-Stücken / desto grössere Ergetzung habe / auch um so vielmehr darauf erhitzet werde. Wiewol auch diese Ursach dabey ist / daß er /für sich allein / ohne Einwilligung und Geheiß eines so bösen Menschens / keinen Menschen also umbringen darff; auch deßwegen gern einige Zuthuung / oder äusserliches Zeichen solcher Verrichtung / von den Unholden / erfordert / daß sie deß Mords ja so vollkömmlich sich schuldig machen mögen / als ob sie denselben / mit eigenen Fäusten / vollenbracht / und ihn gar nicht / zum Executorn / gebraucht hetten: damit sie nemlich desto tieffer / und fester in seinen Stricken / bleiben / und am jüngsten Gericht desto härter verdammt werden. Denn sonst brauchte er Ihrer dazu gar nicht.

Diesem nach kann die Befress- und Abzehrung der begrabenen Todten gar wol auch bißweilen mittel-und unmittelbar / von den Hexen / und Zauberern /geschehen; wie dick-besagter Garmannus [288] nicht unfüglich erachtet. Doch aber thut es vermutlich der Satan / am öfftersten / selber / und zwar unmittelbar; bevorab was das Gefräß der Kleider betrifft. Denn eine Hexe mag zwar wol das Fleisch eines todten Leichnams; aber nicht die Leich-Kleider desselben /fressen.

Hie mögte man billig sich verwundern / warum ein so verschmitzter Geist solche alberne Gauckel-Possen treibe / und nicht vielmehr unterdessen / auf andre Rencke / sinne / womit er die Menschen überlisten und fahen könnte?

Aber man muß betrachten / daß dieser schädliche Menschen-Verderber seine allerschlauheste List offt /mit dem allereinfältigstem Schein / von aussen verlarve / und keine / unter allen seinen Bübereyen / so lächerlich sey / oder so albern und tölpisch scheine /darunter er nicht unsre Threnen suche / und einen betrübten Hinterhalt verdecke.

Die Schrifft-Verständige sagen / sein Zweck bestehe / in diesen Stücken: Erstlich / daß er die Leute / so zum Argwohn und Aberglauben geneigt / würcklich dazu bewege / diejenige aber / welche vorhin im Aberglauben stecken / darinn desto fester und tieffer wurtzeln mache. 26 Und daher vermuten Etliche / der Teufel erwecke solchen Schall nicht in den Gräbern der Todten; sondern / in den Ohren der Abergläubigen. 27 Welches aber keine Gewißheit: sintemal offtermeldter Garmannus, zu Mersburg / im Grabe eines Schusters / selbst auch ein starckes Klopffen gehört /und doch nicht [289] abergläubisch ist. Wie denn auch sonst viel Leute / die gar nicht abergläubig sind /noch darum abergläubig werden / dergleichen hören. Ich selbst habe mehr / denn einmal / ein Gespenst rumoren / oder klingen / gehört / und nebst mir andre Personen mehr; ohnangesehn / Keiner von uns abergläubig war / noch / GOtt Lob! drüber worden ist. Und wann der Satan würcklich die Kleider der Todten zerfrisst (oder hinweg parthirt) warum sollte er nicht auch würcklich / im Grabe / klopffen / oder schmätzen?

Unterdessen bleibt dennoch / an seiner Seiten / dieses der Zweck / daß er versucht / ob er damit die Leute / zum Aberglauben / verleiten / und in solche Sicherheit verführen konnte / daß sie / von dem Vertrauen auf die Göttliche Fürsehung abweichen / und /zu den Gräbern der Todten / verleitet werden mögten: damit sie nemlich in den Wahn gerahten / als ob nicht der / durch ihre Sünden gereitzte / Zorn GOttes; sondern die / also fressende und schmätzende / Todten eine Ursach deß so häuffigen und starcken Sterbens wäre. Massen also die Tübingische Theologi 28 hievon gar recht urtheilen. Wiewol dieses gleichfalls nicht allemal die rechte Ursach seyn kann: weil die Wenigsten / so es hören / solches für eine Ursach /sondern die Meisten es / für eine Vorbedeutung deß starcken Sterbs / halten; etliche gar alberne und abergläubige Leute ausgenommen; auf welche der Satan /in diesem Stück / sein Absehn wol richten dörffte. Und weil der Teufel ein Ertz-Verleumder [290] ist / so sucht er / fürs dritte / hiedurch auch den guten Leumut deß Verstorbenen zu kräncken / und ihn / noch unter der Erden / anrüchtig zu machen. Woraus er (vierdtens) zwischen den Verwandten / und andren Leuten / so davon reden / oder auch drauf dringen / daß man ein solches Grab öffnen / und den Begrabenen köpffen solle / Haß und Feindschafft spinnet.

Insonderheit spielet er diese Gauckel-Possen gern /unter der Gestalt der Weibsbilder: um das weibliche Geschlecht desto übler zu berüchtigen: weil / von demselben / der Heiland geboren ist: Und dann auch darum / weil er die Weiber desto leichter / mit Aberglauben / zu bethören / und eine so viel grössere Ernte deß Aberglaubens / von dem Unkraut dieser seiner Gauckeley / verhofft.

Daneben trachtet er gleichfalls / die Menschen hiedurch / vermittelst deß Schreckens / an Leib und Leben zu gefähren. Denn er / der die Natur perfect versteht / weiß / daß / aus Schrecken / Mancher gar leicht die Pest an den Hals bekomme: sintemal sehr offt (wie Helmontius, und die Erfahrung / beglauben) auf einen blossen Schrecken für der Pest / die Pest entstanden: ob gleich keine materialische Ursach vorhanden gewest / woraus man sie hette erlangen können. Auf was Weise solches zugehe / gedencke ich /an diesem Ort / um Unordnung zu verhüten / nicht weitläuffig zu erörtern. Man schlage nach den TractatHelmontii und Kircheri, von der Pest. Welcher letzter gleichwol dem ersten hierinn widerspricht / daß die Pest / durch blossen Schrecken / und erschrockene Einbildung / ohn einigen vorher- [291] obhandenen Saamen solcher Seuche / sollte bey Jemanden entstehen können: weil der Schreck keine Pest auszuwircken vermöge / es sey denn die Lufft / womit der Erschreckende umgeben / vergifftet / auch einiger Zunder deß Giffts schon bey ihm vorher verborgen: Worauf alsdenn der zustossende Schreck den völligen Ausbruch der Pest leicht befordern könne: Denn ein solcher Schreck / so aus einer starcken Einbildung entsprossen / ziehe einen Schwermut / und Traurigkeit deß Hertzens gleich nach sich; worüber die zum Hertzen sich sammlende Spiritus vergröbt werden / und endlich der Lebens-Geist den äusserlichen Gifft annehme.

Aber es scheinet / daß / wie Helmontius der Einbildung / und dem Schrecken / allzuviel / also hingegenKircherus ihnen allzuwenig zueigne.

Wann dieser / durch die umgebende Lufft / eine solche versteht / womit der Erschreckende allernechst umfangen ist; oder auch nur eine solche / die ungefähr auf anderthalb hundert Schritte nur von ihm ist; so wäre es gefehlt. Denn mir seynd unterschiedliche Exempel bekandt / daß / in Pest-Zeiten / etliche Personen / die nicht allein in gantzen reinen Häusern / sondern auch wol sechs oder siebenhundert Schritte / ja biß auf achthundert / weit / von angesteckten Häusern entferrnt gelebt / auch vorher im geringsten sich nicht übel besunden / durch blosse Einbild- und Erschreckung die Pest bekommen haben. Daher auch zu schliessen / daß nicht alle Mal / noch bey Jedwedem /dem der Schreck die Pest an den Hals jagt / allbereit vorher [292] ein Zunder / oder bequeme Materi zur Pestilentz / verborgen stecke.

Solches können diese folgende / mir selbsten wolbekandte / und bey meiner Anwesenheit selbiges Orts / geschehene / Fälle erweisen. Eine / mir nahverwandte / Person verfügte sich / etwas spät / ins Bad / so im Hause war / mehr aus Gewonheit / als Nothwendigkeit: sintemal ihr gantz wol war / so wol an Mut / als Blut. So befand sich auch / um ihre Wohnung / kein angestecktes Haus: Die nechste Gassen / von vorn und hinten zu / wussten von keiner Unreinigkeit. Nachdem aber die Dienerinn / mit dem Licht / ein wenig von ihr hinaus / in das Vor-Gemach / wo man sich ab- und ankleidet / getreten / laufft der helle Mond ohngefähr über ein kleines Wölcklein / und bildet / in dem Bad-Stüblein / gleichsam einen weissen Menschen-Schatten aus. Darüber erschrickt sie (die sonst / vor der Pest / sich wenig zu fürchten pflag) gähling; in Meynung / es sey ein Gespenst; befindt sich darauf gleich übel / und bekommt die Pest. Wiewol sie nicht daran gestorben.

Ich erinnere mich ebenfalls noch dieses nachgesetzten gantz vollkömmlich. Da ich ungefähr das zehende Jahr überkommen / geschahe es / daß unsre Köchinn /ein starckes / gesundes Mensch / als sie früh Morgens die Fenster-Laden aufthat / einen Sarg vorüber tragen sahe: worüber sie / als welche ihr einbildete / er gehöre für eine Pest-Leiche / da doch eine andre drein gebettet werden sollte / die ziemlich weit von unsrem Hause war / erschrack / und alsofort einen Schauer empfand. Gleich darauf ist ihr eine grosse Beulen /oder Geschwür / [293] aufgefahren: mit welchem sie noch wol fünff / wo nicht sechs Tage / ohne Offenbarung ihres Zustandes / herumging / und / mit ihrer Neben-Magd / aß und tranck; aber unleidlich stanck. Ungefähr aber am sechsten Tage / als die Meinigen / welche / auf eine Hochzeit / ausserhalb / doch nahe bey /der Stadt / unterdessen verreist und etliche Tage ausgeblieben waren / wieder heimkamen / nahm die Schwachheit bey ihr so sehr zu / daß sie / auf dringende Befragung / ihre Beschaffenheit gestund / und deßwegen hinaus / in einen Garten vor der Stadt / gethan ward: woselbst sie / nach einem harten vierwochendlichen Lager / doch wieder aufgestanden / und gesund worden.

Versteht aber Kircherus, durch die umstreichende oder umfangende Lufft / die gantze Lufft einer solchen Gegend / da es stirbt; so gestehe ich nicht ungern / daß dieselbe gemeinlich / durch die Ausdunstung der Sterbenden / und der Leichen / bey solcher Zeit / dem Erschreckenden einen Gifft behände einhauche / und ohn dieselbe schwerlich der blosse Schreck eine Pest verursachen möge. Denn ohne Furcht / Schrecken /und Anklebung / wird solche allgemeine Lufft nicht bald einem gesunden und behertzten Menschen (woferrn er anders auch sonst nur sauber Haus hält / und nicht etwan allererst / aus einer reinen / in die unreine Lufft kommt) die Pest zuschantzen: es wäre dann /daß die subtile gifftige Würmlein / so bey Pestilentz-Zeit / in der Lufft / bey gantzem Schwarm / herumfliegen / auf ihn angeflogen kämen. Welche / auch ohne Schrecken (sintemal man ihrer / ausser einem Vergröbungs-Glase / nicht ansichtig wird) bald diesem / [294] bald Jenem / ob er gleich / bey keiner Pest-Leichen / nahe wohnet / die Pestilentz zuführen können.

Hingegen verweiset Kircherus dem Helmontio gar recht / daß derselbe das Wesen der Pest einig und allein der Einbildung und dem Bilde deß erschrockenenArchæi (oder Werckmeisters der Lebens-Geister) zuschreibt / und nicht zugeben will / daß sie sonst auch /ausser solcher erschrockenen Einbildung / Jemanden anstecken / oder an ihm hafften könne: 29 denn solches streitet wider die Erfahrung. Gleichwie nicht weniger Helmontius darinn irret / daß er leugnet / die Pest könne auch wol / aus einem Einfluß deß Gestirns / entspringen. Welches abgeschmackten Irrthums dieser / sonst scharffsinnige / Mann / heutiges Tags / unterschiedliche / und zwar in der Stern-Kunst wolerfahrne / aber dabey ihrem eignem Geduncken allzusehr ergebene / Köpffe zu Gefährten hat.

Aber / daß wir wiederum in unser voriges Gleiß treten; so weiß der arglistige Mörder von Anfang / der Satan / gar wol / und besser / als Helmontius, daß ein Mensch / auch ohne schreckhaffte und furchtsame Einbildung / mit der Pest-Seuche vergifftet werde; und zwar / unter andren / durch den gifftigen Dunst /welcher / aus den geöffneten Gräbern / hervor steigt; zumal / bey Pest-Zeiten. Weßwegen Böckelius, in der Hamburgischen Pest-Ordnung / erinnert man solle /bey solchen Sterb-Läufften / die Gräber fein tieff machen / und alsdann keine fürnehme Leichen / in [295] den Kirchen / bestatten; sondern so wol / als wie die gemeinen / ausserhalb der Stadt / beerdigen / lassen. 30 Ja! Andre rahten / man solle die Pest-Leichen nicht verwesen lassen; sondern / in grosse Gruben werffen /und mit aufgestreutem lebendigem Kalch verzehren. Welches aber Herlicius verworffen / als eine unchristliche Verfahrung. 31

Belangend nun die Frage / ob es billig und recht /daß man solche schmätzende Todten aufgrabe / ihnen die Leich-Tücher oder Sterb-Hemder / aus dem Maul reisse / und den Kopff abstosse? so wollen solches /weder die Natur- und Artzney-Verständige / noch diePolitici, noch die Rechtsgelehrte / noch die Theologi, allerdings billigen.

Der Natur- und Artzeney-Kündiger widerräht es /um der bösen schädlichen Dämpffe willen / so aus dem Grabe herauf dunsten / und eine Pest erwecken könnten: Derhalben / nach seinem Raht / das Grab ungeöffnet bleiben sollte. Ob man gleich vorgiebt /diß Abentheuer sey entweder eine Ursache / oder ein Zeichen der Pestilentz: gewinnen solche Leute doch damit keinen Fug / also zu verfahren. Denn eine Ursach kann es gar nicht seyn: weil / ehe sich der schmätzende Todte hören lässt / die Pest allbereit ihrer Viel gemeinlich hat aufgerieben; auch sonst kein Beweis zu geben steht / daß hiedurch der Sterb ins Zunehmen gerahten sollte. Gesetzt aber / es sey ein Zeichen: was [296] hilfft es denn / daß man das Zeichen wegräumt / so man die Ursach nicht auf heben kann? Wann gleich das Vorzeichen wird weggeschafft; ist damit die Erfolgung noch nicht gleich verhindert /oder abgeschnitten. Wann gleich (schreibt Garmannus) der Komet verschwunden; seynd darum Pestilentz / Hunger / und Krieg / noch nicht verschwunden.

Der Politicus, und Rechts-Gelehrte / werdens auch nicht loben; sondern sagen / daß die Gräber / bey allen netten und höflichen Völckern der unverstörlichen Ruhe gewidmet / unversehrlich / Gewalt-frey /und gleichsam heilig geachtet worden: dannenhero auch / in Rechten / gedacht wird / daß die Vorfahren es für ein Sacrilegium, oder grobe Ubelthat / und als wie einen Kirchen-Bruch / gehalten / so man die Steine von den Gräbern wegnähme / den Rasen daselbst ausrauffte / und das Erdreich aufgrübe. Ja es ward die Gewalt-That an den Gräbern / und Verstreuũg der Aschen / für das ärgste Schelmstück / gerechnet. 32 Deßwegen hat man auch nicht leicht / über einen todten Körper / die Hand der Justitz ausgestreckt / oder einige gerichtliche Straffe ergehen lassen; woferrn der Thäter nicht die Gött- und weltliche Majestet beleidigt / oder verfluchte Hexen-Thaten begangen. Massen die Beraubung oder Ab-Erkenntniß der Begrabung / von den Rechts-Erfahrnen / jederzeit / unter die grösseste und härteste Gerichts-Straffen / gezehlet worden. Daraus denn leicht zu ersehen / wie übel und unverantwortlich dem Begrabenen geschicht / wenn man ihn / [297] um bedeuteten Wahns willen / wieder aufgräbt / und köpffet.

Der Theologus wird sprechen / es lauffe / wider die heilige Schrifft; welche / die Todten zu fragen / verbeut; nun sey aber dieses gleichsam eine Befragung der Todten / wenn man / von ihnen / ein Vorzeichen der Pestilentz nimt: Es werde dadurch der Aberglaube fortgepflantzt: Könnte der todte Körper eine Pest erwecken; so wären GOttes Allmacht / und Providentz /nichts: Wann es aber je würcklich also geschähe; so käme es anders nicht / als aus Göttlicher Zulassung /her: und würde demnach solches abergläubische Mittel den Göttlichen Willen nicht ändern; sondern vielmehr seinen Zorn / zur Rache / wetzen. 33 Gestaltsam etliche Theologi dafür gehalten / die Pest risse / um solches Aberglaubens willen / noch ärger ein.

Wie wann aber die Verstorbene eine Trude gewest / welche einen Sterb erregt hette / und solcher / nach ihrer Beerdigung / eher nicht nachliesse / biß man ihr / im Grabe / den Kopff abgehauen? Es erfordert diß aber zuforderst einen klaren gerichtlichen Beweis /und Uberführung / daß es eine Hexe gewest: und alsdenn wird die Obrigkeit wissen / was ihr Amt erheischet. Privat-Leuten steht nicht zu / derselben vorzugreiffen / oder sich einer Eröffnung deß Grabes eigen-willkürlich anzumassen. Demnechst gilt es noch Fragens / ob [298] die verstorbene und begrabene Hexen auch eine Pest erregen können / oder jemals erregt haben? Und ob man darum ihnen / im Tode / den Hals abstossen solle?

Einmal kann man nicht leugnen / daß die Zauberinnen / wann sie noch am Leben / auf Göttliche Verhengniß / in vielerley Weise / die Brunnen und Wasser vergifften / oder sonst den Leuten allerhand gifftige und zaubrische Sachen / an die Fenster / Bäncke /Haus-Thüren / bißweilen auch wol an die Kirch-Thüren / streichen / oder streuen / (welches Seneca 34 pestem manu factam, eine mit der Hand gewürckte Pestilentz nennet) und ihnen / auf solche Art / die Pest zubringen können. Wie denn auch nicht zu leugnen / daß ebenfalls / nach dem Tode solcher verfluchten Bestien / eine Pest erfolgen könne. Daß aber solche Pest den verstorbenen Hexen alsdenn zuzuschreiben sey / wird daraus nicht folgen.

Die Städte und Republiken (schreibt Garmannus) mögen ihnen selbsten vielmehr dessen Schuld geben / weil sie dem göttlichen Donner-Wort wider die Unholden (die Zauberer sollt du nicht leben lassen) nicht gnug gethan. Darum /weil solche Teufels-Sclaven der Hellen / oder deß Scheiterhauffens / würdiger / als einer ehrlichen Begräbniß; hat alsdann Zweifels ohn die Göttliche Gerechtigkeit / mit so seltsamer Begebenheit / und harten Straffe / die Obrigkeit gleichsam anspornen wollen / dergleichen [299] Unmenschen / nach dem Tode / noch einer Straffe und Schmach zu unterwerffen. Massen / es nicht mangelt / an Exempeln / durch welche GOTT zu erkennen gegeben / daß die verfluchte Leiber dieser Gottlosen nicht werth von der Erden / die seiner Füsse Schämel ist / bedeckt zu werden / etc.

Was will nun hieraus anders geschlossen werden /als daß / wann unbetriegliche Anzeigungen / Beweißthümer und Zeugnissen vorhanden / die Verreckte sey eine Hexe gewest / doch aber ehrlich begraben worden / alsdann sie billig / auff obrigkeitlichen Befehl /wieder heraus geworffen / und (gestalten Sachen nach) entweder noch verbrannt / oder an einen unehrlichen Ort eingescharrt werde? Wie man dessen unterschiedliche Beyspiele vorstellen könnte; wenn es die Weitläufftigkeit nicht hinderte.

Fußnoten

1 Apud. Anton. Daurulcium, part. 3. Flor. Exempl. c. 7. tit. 16. §. 5. p. 45.

2 Teste Simonettâ l. 5. c. 50.

3 Vid. Hieronym. ad Eustach. de vita Paulæ.

4 Liber de Duplici Martyrio, S. Cypriano vulgò adscriptus p.m. 515.

5 Stockmann. Hodoget. pestilent. q. 14. p. 125.

6 Garmannus de Miracul. Mortuorum lib. 1. Tit. 3.p 26.

7 Vide Stockmannum p. 122.

8 Hagec. in der Böhmischen Chronic.

9 Zeiler. im 1 Theil der Trauer-Geschichte p. 25.seqq.

10 Memorante d. Kormanno, parte 7. de Mirac. Mortuor. c. 64.

11 Vid. Hondorsii Theatrum Historic. in præcept. 2.p. 147.

12 Tisch-Reden L. Tit. 24. p. 211. seq.

13 Rollenhagius l. 4. Mirabil. peregrin. c. 20. n. 5.

14 S. Mölleri Freyburgische Chronic pag. 254.

15 Martin. Bohem. de Pest. conc. 2. apud Garmannum.

16 In concion. pestil.

17 Epist. Turc. 1. p. 93.

18 Ovid. l. 6. Fastor.

19 Plin. 11. c. 29.

20 V. Th. Bartholini Cent. 1. Histor. anatom. 9. pag. 20.

21 Ur Spinæus, & ex illo Jordanus refert, Tr. de Eo, quod est in morbis divinum c. 40. p. 149.

22 V. Schenck. l. 1. Obs. med. p. 6.

23 Schwimmerus in Curiositatibus Dissertat. 4. De Singularibus circa hominem p. 67. seq.

24 Condronchius l. 2. de Morb. venef. c. 3.

25 de la Valle, im dritten Theil seiner Reis-beschreibenden Send-Briefe / am 218 Bl.

26 D. Geyer Tr. de Superstit. c. 2. §. 2.

27 D. Roberus Serm. de Temp. 35. p. 690.

28 Apud Duntenium in Cas. Conscient. c. 22. S. 1.q. 19. p. 4.

29 Vid. Kircherum de Peste, p.m. 65.

30 Hamburgische Pest-Ordnung Bökkelii c. 9. S. 3.

31 Herlicius part. 1. Pest-Ordn. c. 8. p. 209.

32 Teste Turnebo l. 14. c. 21.

33 Has rationes M. Wolfgangus Græfius, Superintendens Sangerhusanus dedit, allegante Rothio, & Garmanno.

34 l. 1. de Ira c. 6.

29. Der Verzweiflungs-Raht

[300] XXIX.

Der Verzweiflungs-Raht.

Hoffnung erhebt die Seele zu GOtt: Verzweiflung stürtzt sie von GOtt hinab in den Abgrund. So lang der Mensch noch / auf dem Ancker der Hoffnung ruhet; können ihn keine Wellen der Anfechtung verschlingen: Darum thut der Satan seinen möglichsten Versuch / daß er ihn / von solchem Noth-Ancker /durch allerley gifftige Einspeyungen / Schrecken / und gefährlichen Antrieb / verzucke und verrucke / von der Hoffnung in die Verzweiflung stürtze. Hiezu ersiehet er die bequemste Zeit und Neigungen deß Menschen / nemlich der Schwermut und Traurigkeit: bey welcher er seine Stricke und Tücke am allerfüglichsten weiß anzubringen. Er bemüht sich solche Schwermut / durch allerley Eingebungen / noch schwerer zu machen / daß sie / zu einer solchen Last sich ergrössere / die das Hertz / unterdrücke / und alle Lebens-Lust / allen Trost / darinn ersticke. Er trachtet / dem Menschen einzubilden / bey GOtt sey weder Hülffe / noch Gnade / mehr zu hoffen / alles Gebet /umsonst und verlohren: derhalben man den Gewissens-Wurm nicht besser ertödten könne / als / so man sich selbsten ertödte / und dieses verdrießlichen Lebens mit eigner Hand / abhelffe. Und diese Meuchel- List gelingt ihm leider! bey vielen. Etlichen aber erzeigt GOtt die Gnade / daß ihr Glaube / oder Hoffnung / nicht gar erlesche; oder so sie erloschen / endlich noch / durch tröstliches Zusprechen / [301] wieder anglimme; und sie also / von dem Styx-Ufer der Verzweifllungs-Flut / und deß Abgrunds ewiger Verdammniß / endlich zuruckgerissen werden. Lasst uns solches / durch ein Americanisches Beyspiel / bestetigen.

Zu Lima / in West-Indien / lebte ein ruchloser Gesell / der von Lastern gleichsam aller aussätzig / und koticht war / und fast keinen Ort / in Peru / bewandelt hatte / der nicht / von ihm / mit einer groben Schande / besudelt wäre. Weßwegen auch die hellischen Laster-Geister ihn allbereit nicht anders / als ihr eigenes Gut / mit ihren Verzweiflungs-Stricken / nach sich reissen wollten. Sie trieben ihn vielmals sichtbarlich zum Strick; weil ihrem Verlaut nach / seine übermachte Buben-Stücke / der Göttlichen Gnaden-Thür /allbereit den Riegel hetten fürgeschoben. Täglich drengeten sie auff ihn zu / mit diesen saubren Raths-Ertheilungen: Lieber! henck dich doch nur! Was verzeuchst du lang? was du nur erwischen kannst / was dir nur am ersten in die Hand kommt / das brauche zum Strick: Worauf wartest du? Unter solchem Zusprechen / reicheten ihm diese verfluchte Galgen-Prediger / und Seelen-Hencker / offtmals selbst ein Seil von der Sänfften; bißweilen auch eine Binden / oder andres Tuch. Es fehlte nicht viel / daß der Laster-Bube dieser Bösewigter verrähterisches An- und Eingeben nicht hette werckstellig gemacht: aber die unermeßliche Barmhertzigkeit GOttes wachte / für den grossen Sünder / in solcher seiner tieffsten Gefahr / also / daß er / mitten in seinen höchsten Aengsten / bißweilen GOtt / bißweilen / (als ein [302] Verwandter der Römischen Religion) die Fürbitte der Heiligen anrieff. Da ihn denn die verdammte Seel-Häscher gemeinlich darüber verspotteten / mit diesen Reden: Narr! was hast du / mit GOtt / und den Heiligen / zu schaffen? Darffst du auch noch wol so unverschämt seyn / und dir einige Gunst versprechen / von denen / die du so ungescheut / so unzehlich offt / und so lange Zeit zu Zorn gereitzet / so hefftig erbittert hast? Kein Körnlein Hoffnung bleibt dir übrig: darum hilff dir davon; wie lang wilt du verweilen? Also musste der elende Mensch immerzu / mit der Verzweifelung / ringen. Er hatte keine Lust mehr zu leben; und doch auch nicht Künheit genug zu sterben; weil ihn sein böses Gewissen den Tod / und das darauf folgende Gericht machte scheuen.

Zu gutem Glück / merckte ein Soldat / der sein guter Freund war / aus seinen Geberden / und andren Zeichen / daß er in tieffer Traurigkeit steckte; wiewol ihm die Ursach derselben war verborgen: darum rieth er ihm / nach der Augustiner Kirchen zu gehen / woselbst man damals / wegen deß einfallenden hohen Fests / die Vespern sang: weil die Music ihm / bey solchem seinem Schwermut / einige Linderung geben könnte. Das thut er / und besucht in Begleitung dieses seines guten Freundes / die Vesper-Music; spühret auch / daß ihm / bey Anhörung deß geistlichen Lob-Gesinges / das Bley der teufflischen Anfechtungen von dem Hertzen fällt: gleich wie dort der unruhige Geist vom Könige Saul wich / wenn David seine liebliche Harffen spielte. Darum kam er offt wieder [303] in diese Kirche / und empfand allezeit dergleichen Erleichterung. Diß führte ihn auf die Gedancken / eine allgemeine Beicht zu thun: ob gleich die bösen Geister / äusserstes Vermögens / ihn davon abzuhalten /ringeten.

Als er nun folgenden Tages / nach der Beicht / viel mehr Lufft ums Hertz hatte / und bald vor diesem /bald jenem Altar der Kirchen / seine Gebets-Andacht verrichtete; ging er neben einer Kapellen / hin / darinn ein schönes Kreutz-Bild verehret ward; hub zwar seine Augen auff / gegen dem Altar zu; wäre doch gleichwol nicht hinein gangen / wann er nicht / aus dem Munde deß Krucifixes / diese deutliche Stimme hette gehört: Sohn! ehre mich auch! Also tritt er hinein / wirfft sich / in tieffster Demut / vor dem Kreutz-Bilde nider / und bittet / der Gekreutzigte wolle / um seiner theuren Wunden willen / ihm unwürdigsten Sünder seine Barmhertzigkeit nicht versagen / noch dasselbe / in diesem Elende / lassen umkommen und verderben / was seine unendliche Güte erschaffen / und erlöset hette.

Unter diesen Threnen-nassen Seufftzern / ist sein Hertz von solcher Andachts-Flamme entzündet worden / daß er sich redlich aus dem Laster gebrochen /und hernach ein strenges bußfertiges Leben geführt /ja zuletzt gar in selbiges Augustiner-Kloster auffgenommen zu werden / gewünschet: welches er auch erlangt / und ein rechtes Wunder der Heiligkeit geworden. Den Namen / das Geschlecht / und Vaterland /dieses armen Sünders hat der Geschicht-Erzehler / P. Antonius de la Calancha / aus erheblichen Ursachen /verschwiegen.

[304] Ob aber der Umstand von dem redenden Krucifix gewiß / oder ein Zusatz sey; lassen wir allhie ungestritten. Eine Warheit / die gar weit muß über See schiffen / pflegt sonst leicht Schiffbruch zu leiden. Unterdessen dürffte Mancher sagen / es könnte dem Schwermütigen etwan so vorgekommen seyn / in einem Gesicht / als ob das Crucifix dergleichen zu ihm spräche: Ich aber stelle zu eines Jeden freyen /und auch mir selbsten vorbehaltenen / Willkühr / mit-oder ohne Unterscheid zu glauben Alles / was in jetzt- erzehlter Geschicht ist enthalten. 1

Fußnoten

1 Diese Geschicht ist genommen / aus der Peruanischen Geschicht-Beschreibung P. Prulii.

30. Der fluchende Spieler

XXX.

Der fluchende Spieler.

Plutarchus der gelehrte unn verständige Scribent / hat gar vernünfftiglich geredt: Diejenige / welche Alles das ihrige auf ein Spiel setzen / und der Würffel vertrauen / spielen nicht. 1 Sie treiben / meinet er /kein Spiel; sondern einen Handel / von großwigtigem Ernst: Denn wer gern und eyfrig spielet / der kan leicht Haab und Gut verspielen / und aller seiner Wolfahrt verlustig werden.

Dieses trifft nicht nur ein bey solchen Spielern / die von hohem Capital / oder reichlich begütert / und mit stattlichen Einkünfften versehn sind; sondern [305] auch /und zwar noch vielmehr / bey denen / die mittelmässiges / oder wol gar schlechtes Vermögens seynd. Wer /aus einem vollem Beutel / zu spielen anfängt / der kann / mit einem leeren / auffhören. Fürsten und Herren / wann sie gleich viel tausend auff- und zuzusetzen haben: können sie auch wol viel tausend verlieren: Darüber hernach die Schatz-Kammer allgemach entschätzt / das Land in Schulden gesetzt / und mit geliehenen Geldern gedruckt wird: Worauf alsdann /bald diese / bald jene Herrschafft / Amt / oder Gut /fremden Herren verpfändet / oder wol gar veräussert wird / und zu äusserstem Nachtheil der Unterthanen /einen andren Herrn bekommt.

Königen selbsten ist die Würffel kein Spiel / sondern ein grosser Ernst. Denn sie setzen kein Schlechtes drauf. Chokier meldet / er habe einen König gesehn / der / in anderthalb Stunden / von 16 biß 17 tausend Ducaten verlohren: wovon er viel rühmlicher einen wolverdienten treuen Minister / oder die Armen / mildiglich hette beschencken können. 2

Vielweniger aber hat Einer / der beydes von Stande / und Vermögen / nicht übrig groß ist / das Würffel-oder Karten-Spiel / für ein Spiel anzusehen: weil es ihn / in noch grössere Ungelegenheit / stürtzen kann /als Fürsten und Könige; die ihren Einbuß leichter verschmertzen; weil sie denselben leichter zuersetzen wissen; und derhalben sich nicht der Ungedult / noch Verzweifelung / so unterwerffen / wie manche gemeine Leute thun / wann sie / von dem mißlungenem Wurff / allzu hart getroffen / [306] und ihres Geldes verlustig worden. Denn diese büssen nicht nur dabey ihr Geld ein / sondern auch ihr Gemüt: welches nicht leichter / als bey Würffeln und Karten verrucht und belastert wird. Der Verlust entzündet Zorn / Haß /Hader / Neid / Schlägerey: und wird Mancher / über dem Spiel / erstochen.

So erweckt auch der Spiel-Eyfer vielerley andre Laster und Tod-Sünden; als Betrug / Verabsäumung deß Amts / Beruffs / Gewerbes / und derjenigen Fürsorge / womit man den Seinigen verbunden ist. Insgemein aber / lernt man nicht leichter fluchen / schweren / sacriren / als beym Karten- oder Würffel-Spiel: Wer / in der Gottslästerung / gern will Meister werden / der findt dazu keine bequemere Schul / als diese.

Gewinnst du deinem Gespielen viel ab / so verlierst du hingegen viel ein grössers Kleinod / nemlich die christliche Liebe: indem du deinen Nechsten / ohne Noth / in Schaden und Nachtheil bringst / und mit Feindschafft wider dich beflammest. Verlierst du hingegen viel; so mag dich bald die Ungedult aller Scheu und Gottesfurcht berauben / und dir zum fluchen oder Gottslästern / das Maul weit aufreissen. Daran hat der auffmerckende böse Geist alsdann auch sein Freuden-Spiel / und trefliches Wolgefallen / daß du dich so schön einsegnest / in seine Gewalt / und zur Höllen. Deßwegen verhengt GOtt auch nicht selten / daß dieser verfluchte Spiel-Genoß der bey dergleichen Spielen / dabey Sacrament / Gotts Element / T. hole! herum schwärmen / kein Spiel noch Schertz / sondern den grössesten Ernst anwendet / [307] die Seele deß Spielers an sich zu spielen / sich bißweilen sichtbarlich zu erkennen giebt: wie wir / an hiernechst vorstellender Geschicht / ersehen.

Im Christmon. deß Jahrs 1686 / spielten in der Königlich-Dennemärckischen Festung / Glückstadt / auff der Haupt-Wacht daselbst / etliche Soldaten / in dem Corps de Garde, oder Wachthause / mit Würffeln: wobey Einem das Glück so übel wollte / daß er schier alles sein Geld verlohr: Und / wie man keinem Gelde eyfriger nachjagt / als einem solchen / das unterm Spiel davon geflohen ist; also verpechte gleichfalls der Verdruß diesen unglücklichen Spieler an die Würffeln so hart / daß er durchaus nicht ablassen wollte / sondern / durch Aufsetzung seines geringen Uber-Rests / das verspielte wider zu gewinnen gedachte.

Die Mitspieler / welche ihn / mit den Todten-Beinen / so hart geworffen und beschädigt hatten / riethen ihm / er sollte das Spielen / vor diß Mal / anstehen lassen / biß zu einer andren Zeit / da man ihm Revange geben / und wieder mit ihm spielen / wollte: weil er doch wol sähe / daß ihm / anjetzo die Würffel nicht günstig. Er aber / der auf das Spielen gantz erhitzt /und über seinen Einbuß / voll Unmuts war / begehrte / das Spiel nicht aufzugeben; sondern vermaß sich /mit einem hohen Fluch / nemlich deß T. zu seyn /wann er nicht das Verlohrne wollte wieder gewinnen: gleich als ob wollen und können / oder versuchen und gelingen / nothwendig müssten auffeinander gehn /und die verdrossene Ungedult gewünschtern Erfolg zu hoffen hette / als die freymütige Fürsichtigkeit.

[308] Da nun hernach die Stund-Uhr schlug / welche diesen fluchenden Würffler / zu seinem anbefohlenem Posten / abfordert und das Spiel unterbrach; erschien ihm ein entsetzliches Unthier / in Gestalt eines grimmigen Bären. Er / als Schildwächter / schrie 2 biß 3 Mal / Wer da? Das Monstrum antwortete: Ich bins! dem du heut Abends dich ergabst.

Darüber gerieth er / der das Fluchen nur für ein Compliment aus der Soldaten-Rhetoric geachtet / und nicht gemeynt / daß es der Teufel sollte für Ernst aufnehmen / in grosse Furcht / Angst / und Schrecken: Also setzte er seine Zuflucht zum Gebet. Welches ihm den / ob gleich eine Weile hart zusetzenden / Geist nicht allein von der Haut hielt / sondern zuletzt auch gar / zu weichen zwang. Daran man denn ein Augenscheinliches Beyspiel hatte / daß das geistliche Gewehr viel stärcker und streitbarer sey / weder das leibliche / und daß dieser Behemoth / mit seinen festen Schuppen / alle Pfeile und Lantzen trutze / aber einem bußfertigem Gebet müsse gewonnen geben.

Der so angefochtene Soldat gestund auch nachmals / als ihn die Officierer darüber examinirten / daß es ihm also wäre ergangen. Wie er dann hierauf gleichfalls / gegen dem Schloßprediger / seine Sünde / mit Threnen erkennet / und dieser auch folgends / in einer Predigt / solches Exempel / andren dergleichen zörnigen Fluchern / zu einem Warnungs-Spiegel / vorgestellet hat.

Vor etlich und zwantzig Jahren / ist / in einer Landstadt / so der Reichsstadt Nürnberg gehörig /dem Thorwarter daselbst / auf sein grausames [309] Fluchen und Verwünschen / gleichfalls was begegnet. Er hatte / in einem / nahe bey selbiger Stadt ligendem /Städtlein (oder Flecken) unterschiedliche Spiele verlohren / und ziemlich eingebüsst: warff derhalben die Karten auf den Tisch / mit dieser Verwünschung / daß er deß Teufels seyn wolle / so er mehr zu spielen begehre.

Die Mitspieler aber redeten ihm zu / und frischten ihn an / er sollte den Mut so bald nicht auffgeben /sondern bedencken / daß das Glück eben so wol / in seiner Ubelgunst / als Wolgunst / wandelbar: und gleichwie / laut deß alten Sprichworts / der / so zu erst gewann / zuletzt ein armer Mann würde; also müsste man gleich auch dieses darunter verstehen /daß der / welcher erst ein armer Mann / durch Spielen / geworden / zuletzt ein reicher Mann würde: darum sollte er das Spiel fortsetzen / und eines bessern Glücks gewärtig seyn.

Er wendet vor / seine harte Verfluchung wolle solches nicht gestatten: es mögte ihm leicht drüber ein Unglück widerfahren.

Der Satan hat gemeinlich / bey den ruchlosen Spielern / etliche Zungen / in seinen Diensten / welche ihm zum Vortheil reden / auch allerdings wann sie /mit Worten / ihn verkleinern: Also fanden sich auch jetzo solche Mäuler hiebey / welche den Thorwarter gantz unzeitig vorschwätzten / man sey dem Diebs-Hencker (also titulirten sie den Teufel) keinen Eyd zu halten schuldig / und solche Verwünschung längst in der Lufft verschwunden: Er solle / in Gottes Namen /wieder mit machen / und sein Heil versuchen: Das Glück werde schon zuletzt noch kommen. Also lässt er sich überreden / und hebt von [310] Neuem wieder an /mitzuspielen. Ob er widerum etwas dabey erobert /oder noch mehr verlohren habe; ist mir nicht bewusst.

Nachdem es Abend worden / geht er / seines Weges / heim. Bald aber hernach / kommt ein Hirt mit Schafen / und rufft ihm bey Namen: Schreck! mache mir doch die äussere Gattern auf: daß ich die Schafe kann um den Grabē hintreiben. Er / der anderst nicht gedenckt / als es sey ein bekandter Schäfer / geht hin / und macht auff. Da tritt der Hirt gegen ihm herein / und spricht: Weisst du / daß du mir dich hast heut ergeben / und gelobt mein zu seyn /so du weiter würdest spielen? Hiedurch hast du deine Freyheit verspielt / und bist nunmehr mein.

Wie diese Prætension und Anspruch dem Thorwärter müsse gefallen haben / steht leicht zu ermessen. Er ward seines eigenen Namens / nemlich deß Schreckens / gantz voll; rieff aber den Namen JEsu an / und flohe davon / so eilfüssig / als ihm möglich fiel; ließ auch alsofort die Geistlichen zu sich erbitten: welche / mit ihm / beteten. Denen er auch diese seine Sünde reuig bekennete / und / von dem ungesegnetem Hirten / als dessen Schlachtschaf er zu werden / nicht begehrte / weiter unangesprochen blieb. Wie ihm derselbe dann auch nicht nachgesetzt / als er / den HErrn JEsum anruffend / davon gestrichen; sondern samt den Schafen / verschwunden.

Es geht aber darum nicht allezeit so gnädig ab: wie man / mit vielen Exempeln / könnte beglauben. Denn dieser schreckliche Bär / und höllische Bestie / [311] der Satan / weiset nicht allemal so nur allein den Fluchern seine Tatzen; sondern hat auch manchem wol gar den Hals damit gebrochen / oder umgedreht / oder ihn mit sich davon geführt / und den Leib zerrissen / die Seel aber hinab / in das Reich der Flucher und Verfluchten / gerissen.

Manchem Ruchlosem fahren zwar die Flüche nacheinander heraus / als wie der Rauch aus dem Schlott /und ein Dampff aus einem Morast / oder gerührtem faulem Haufen; ohne daß ihn darüber der Teufel / mit der geringsten Anfechtung schreckte. Aber er ziehet gegen den allerverwigtigsten Bösewigtern / seine Bären- und Leuen-Tatzen gern ein; biß er Macht gewinnt Leib und Seele dahin zu reissen.

In dem jüngsten Frantzösischen Kriege der Frantzosen und Holländer / hat ein Soldat / unter der Armee deß Hertzogs von Luxenburg / zu Utrecht / da er nebenst Andren in Besatzung gelegen / als er gespielt / einen bösen Wurff / mit den Doppel-Steinen /gethan / und sich so hefftig darüber erbost / daß er den Sanct Christoph verflucht / weil er GOtt den HErrn / (nemlich das Christ-Kindlein) nicht im Meer ersäufft hette / da er denselben / auff den Schultern /hindurch getragen. Denn (sagte der Ertz-Bube) auff solchen Fall / würde der Teufel mehr Gewalt haben / als er jetzo hat / und ich würde grössere Macht haben / durch den Teufel. Sollte man nicht gedencken / die Hölle hette gleich ihren Rachen auffgesperrt / und diesen leichtfertigen Vogel im Augenblick verschlungen? oder der Teufel dieses Teufels-Kind / das ihm grössere Gewalt / weder GOtt dem Herrn / [312] wünschete / alsofort überwältiget / und zerrissen? Nichts ist ihm gleichwol darauff widerfahren.

Eben in selbiger Stadt / spielte ein Frantzösischer Edelmann unglücklich / und verlohr / samt dem Gelde / so gar alle christliche Ehrfurcht für der Göttlichen Majestet / daß er die Karten unten mit beyden Händen oben mit den Zähnen / fassend / und nach dem Himmel hinauffschauend / sagte: So ich denselben hette / der eine Ursach meines Spiel-Verlusts ist / wollte ich ihn / wie diese Karte / zerreissen. Das gesagt /zerriß er sie / zu kleinen Stücken. Bestie! Wann du nicht die Langmut GOttes hernach vielleicht noch erkannt / und Busse gethan hast; daran schier sehr zu zweiffeln: so ist kein Zweifel / GOtt habe dich / durch einen unseligen Tod / schon zur ewigen Straffe gezogen. Denn die Verweilung der Rache macht keinen glückseliger / sondern vergrössert ihm sein noch bevorstehendes Unglück. Seynd diese zween Gottslästerer nicht gleich / über dem Spielen / dem Satan in die Klauen gefallen: hat er sie doch vermutlich / nach der Zeit / durch feindliches Kriegs-Geschoß / nunmehr längst zur Beute bekommen. Man lasse sich derhalben ja nicht wundren / noch im fluchen sicher machen / daß die wenigsten Flucher / vom Teufel / corrigirt /und geschreckt werden / und den allerabscheulichsten Gotteslästerern vielmals kein Ubels begegnet: Denn der Satan begehrt solche frevelhaffte Buben nicht /vor der Heimholungs-Zeit / zu schrecken: sie mögten sonst / wie obiger Soldat in Glücks-Stadt / zur Reue greiffen / und sich bekehren. Er siht sie / in seinem Netze / herum hupffen; will derwegen nicht / mit Prügeln / [313] darunter werffen / sondern der Zeit lieber erharren / daß er Leib und Seele zugleich berücke / ihren verstockten Geist endlich in endbeharrlicher Ruchlosigkeit / überfalle / und zum Raube dahin nehme.

Fußnoten

1 Plutarch. in Apophtheg.

2 Chokier in Aphorism. polit. c. 20.

31. Die besessene Kinder

XXXI.

Die besessene Kinder.

In Betrachtung / daß der Allmächtige / aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge / eine Macht zugerichtet hat / damit Er vertilge den Feind / und den Rachgierigen / sollte man sich wol verwundren / daß dennoch der Feind bißweilen Macht bekommt / auch kleine Kinder zu besitzen / und zu plagen.

Es kann solches aber entweder / auff boshaffter Eltern bösen Fluch / oder aus andren GOtt bekandten Ursachen / geschehen; und zwar jemaln auff solche Weise / daß die Hexen den kleinen Kindern was zu fressen / oder zu trincken geben / darinn ihnen ein böser Geheim- oder Haus-Geist beygebracht wird; wann die Eltern solche Kinder nicht fleissig zum Gebet und zur Gottesfurcht halten / noch auch selbst /in ihrem täglichen Morgen-Gebet / GOtt dem HErrn empfehlen. Wiewol Gott ohnedem / in seinem verborgenem Gericht / noch wol andre gerechte Ursachen findet / auch über frommer Leute fromme Kinder ein so Hartes zu verhengen: darunter / ohn einigen Zweifel / ein grosser Nutz und Erbaulichkeit solchen armen Kindern gesucht [314] wird. Denn sothaner grausamen Plage Erinnerung kann nachmals denen auffwachsenden Kindern / ihr Lebelang / zu einer Vorbewahrung für Ruchlosigkeit / auch dem Allerhöchsten zur Glori / und den geplagten Kindern selbsten / zu künfftiger Erhöhung ihrer Herrlichkeit in jenem Leben / dienen: sintemal sie / in diesem Leben / dadurch zu einem desto glühenderm Eyfer im Gebet /und in aller Gottseligkeit / entzündet werden.

Eine seltene Begebenheit / hat sich / ungefähr für etlich- und dreissig Jahren / in einem Dorff nahe bey Delitsche / einem Land-Städtlein / 3. Meile von Leipzig / zugetragen / mit einem sechsjährigem Knäblein. Welches der Teufel in leiblichen Besitz genommen /und erbärmlich gequält.

Daß es besessen seyn musste / entdeckte sich gar leicht / durch die Läster-Worte / so es / oder vielmehr der Satan / aus seinem Munde / heraus schüttete / und gleichfalls die Diener deß Göttlichen Worts / wann dieselbe / Einer um den Andren / dahin kamen / um mit beten und singen den Bösen Geist zu vertreiben /verspottete und auslachte. Unter welchen er doch Etliche / derer erbarer und gottsfürchtiger Wandel / in der Gemeine ungemein / und in grossem Ruhm war / vor Andren sonderlich fürchtete / und für ihrer Ankunfft sich scheuete / auch / mit zörnigen Ungeberden es vorher anzudeuten pflag / wann sie auff dem Wege waren / zu dem Kinde hinzugehen. Wobey die Herren Geistliche mercken können / was für einen herrlichen Nachdruck die Vermählung deß Lebens mit der Lehre wider den bösen Feind gebe: Welcher nicht so viel auff den Priester-Rock / als auf den / der denselben würdiglich hat [315] angelegt / giebet. Bey einer wolgesetzten Rede / von Gott und Gottseligkeit / fürchtet sich der starcke Gewapnete so geschwinde nicht / wann eine schönklingende Schelle nur / und kein thätiger Glaube dabey ist.

Es kann kein Geistlicher durch eigene Krafft / den Satan in die Flucht treiben: sondern der heilige Geist /dessen Amts-Diener der Geistliche ist / muß es /durch den Geistlichen / thun. Ist dann der Heil. Geist nicht bey ihm / wie er denn bey keinem ungeistlichem Geistlichem / wohnet; Was für sonderliche Progressen will dann ein so Geistloser-Geistlicher / in dem der Geist dieser Welt herrschet / wider den Fürsten der Welt und Finsterniß / thun? Gottes Wort zwar kann auch wol / durch den Mund eines Gottlosen Lehrers /seine Krafft / in dem menschlichen Hertzen / erweisen; zumal / wenn die / so es hören / gutes Gemüts und Hertzens sind: aber doch dringt es viel stärcker durch / und giebt GOtt seinem Donner viel grössere Krafft / wenn derselbe / so damit blitzet / auch selber / von gutem Exempel / leuchtet. Also thut das Gebet der Gewalt deß Satans auch viel grössern Abbruch /wenn es / aus der Seelen eines andächtigen frommen Priesters / aufsteiget / als wann ein Weltgesinnter Pfarrherr damit / vor GOtt / angestiegen kommt. Die ser letzter wird / bey weitem / so viel nicht / an einem Besessenem / ausrichten / als wie ein weltlich-gesinnter Prediger sonst noch wol / durch seine offentliche reine Lehr / bey den Zuhörern / bißweilen thut. Denn weil / bey dem Besessenen / der Streit nicht allein durch Gottes Wort / sondern auch durch ein ernstliches und eyfriges Gebet / muß [316] ausgeführt werden; dieses aber droben vor Gott nicht angenehm ist / so es aus einem ungöttlichem und fleischlichem Hertzen geht; sondern / wie der Geruch eines Cainitischen Opffers nidergedruckt wird: so wird auch dem Satan seine leibliche Macht und Gewalt über einen Menschen / durch ein solches ungewürtztes und abgeschmacktes / schläffriges und kaltes Gebet / schlecht gebrochen.

GOtt begehrt einem solchen ungetreuen Knecht die Ehre auch nicht zu thun / daß er / auff sein übles und unbeliebtes Gebet / dem bösen Geist gebiete / zu weichen: wofern nicht etwan / unter dem mit-betendem Umstande / etlicher frommen Hertzen Seuffzer solches von oben erkämpffen / und gläubig erzwingen. Denn es heisst: Diese Art fähret nicht aus / als durch fasten und beten. Welches fasten / so es ohne Aberglauben / Heucheley / Einbildung eigener Heiligkeit / aus gläubiger bußfertiger Demut / geschicht / kein so schlechtes Ding ist; wie mans leider! heutiges Tags / ansihet und von der christlichen Zucht bey nahe gantz ausschliesst.

Ich gedencke der Zeit / daß in einer Teutschen Stadt / da die Römisch-Catholische Evangelische /und Reformirte ihren Gottesdienst übten / ein Besessener erschrecklich vom Satan bewütet ward. Denselben besuchten / eine geraume Zeit / aus allen diesen 3 Religionen / etliche Geistliche; am meisten aber Amts halben / und ordentlicher Weise / die Evangelische /als die ein völliges Ministerium daselbst hatten. Ein Jedweder betete fleissig / und trutzte dem Satan / mit mancherley Macht-Sprüchen Göttliches Worts. Das war ihm sehr zu widern / [317] also / daß er darüber offt erschrecklich tobte. Gleichwol blieb er sitzen / da er saß: denn die Zeit war noch nicht kommen / daß er weichen sollte.

Unterdessen spottete er Ihrer / seiner Art nach /nicht selten / und rühmte / sie sollten ihn wol nicht heraus bringen. Ein einiger sehr christlicher evangelischer Diaconus hatte den armen Menschen bishero noch nicht besucht: weil seine Collegen / derer ziemlich viele waren / um weiß nicht was für eines Mißverstandes / und irrigen Verdachts willen / ihn davon ausgelassen / und die Besuchungen unter sich ausgetheilt hatten. Nachdem aber die höchste Obrigkeit / so reformirter Religion war / erfahren / daß dieser evangelischer Diaconus / bey seiner evangelischen Lehre /sein Wandels-Licht auch Stadt-rühmlich leuchten liesse: ist Befehl ergangen / dieser sollte auch / bey dem Besessenen / einkehren. Da er nun zuforderst / auf der Kantzel / die Gemein um eine Vorbitte ersucht / daß Gott ihm wollte Gnade und Beystand verleihen / und /nach christlicher Vorbereitung zum tapffren Kampffe wider den Starcken / hinging in das Haus / wo der Besessene war: schrie der Satan / und rieff: Ach! jetzt kommt der schlimme Rotbart / dem ich werde weichen müssen! Denn dieser Geistliche hatte einen schönen gelben Bart / auch ein schönes muntres Angesicht / so aus Ernst und Freundlichkeit vermischt war / und ein gantz auffrichtiges Gemüt verhieß. Er that den Armen sehr viel Gutes / und wusste ihn Jeweder / seines trefflichen Christenthums halben / zu loben: ausbenommen der Neid; welcher ihn deßwegen nicht loben wollte / daß er gelobet ward. Dieser Geistlicher [318] brachte es durch sein eyfriges Gebet und Auffmunterung / der Umstehenden zur Andacht / wie auch durch andre gläubig-hertzhaffte Begegnung /dahin / daß er / in wenig (ist mir recht / in 10) Tagen /das Quartier räumen musste: nachdem ihn der Bösewigt etliche Mal / umsonst gebeten / er sollte ihm nur das geringste Sand-Körn- oder Steinlein aus der Wand / oder eine Fensterscheibe / erlauben / mit auf die Wegfahrt zu nehmen.

Das habe ich / der vor angefangenen Erzehlung /mit einschalten wollen / zum Muster / wie viel daran gelegen / daß der Priester nicht nur ein heiligs Amt /sondern auch heiligs Leben / führe. Der Teufel erschrickt / für einem solchen Diener GOttes / als für einem künfftigē Beysitzer deß grossen Gerichts / so über den Teufel / und seine Engel / und alle Gottlosen / ergehn soll. Jetzo wende ich mich wieder / zu dem /vom Satan geplagtem Knäblein.

Nachdem die Geistliche demselben / mit ihrem viel-vermögendem ernstlichem Gebet / etliche Monaten / treulich beygestanden; ließ sich der unselige Geist verlauten / die Krafft deß Gebets zwünge ihn /daß er diese Herberge müsste verlassen: Hingegen wollte er / morgenden Tags / um zwölff Uhr / in deß verlassenden Knäbleins jüngstes Brüderlein / so nur ein Jahr erst alt war / fahren / und dasselbe / auff gleiche Manier tractiren.

Solches ist auch also erfolgt / Denn zu angedeuteter Stunde / fing das sechsjährige Knäblein an / sich wiederum natürlich zu geberden; das kleinste Kind aber hingegen erbärmlich gepeinigt zu werden. Seiner zartesten und unmündigen Kindheit halber / war es annoch keiner Rede fähig: [319] sonst würde der Bösewigt /durch dasselbige / vermutlich auch geredet haben. Unterdessen redeten seine ängstliche Geberden deutlich genug / von der Plage / womit es behafftet wäre. Es krümmte und verzoch die Lippen abentheuerlich / bezeugte auch sonst / mit allerhand jämmerlichen Bewegungen / und kläglichen Blicken / was es für Angst und Quaal empfünde. Es brach sich hefftig / und ward ihm sein Bäuchlein hoch auffgetrieben.

Dieser Fall kam endlich dem berühmten Medico zu Leipzig / Doctor Johann Michaelis / zu Ohren. Welcher dem armen Kinde / nach und nach / etliche Artzeneyen 1 verschrieben. Nachdem hievon dem besessenem Kinde / etliche Mal / ein Träncklein eingegeben / fuhren demselben / über den gantzen Leib /blau-röt- und gelblichte Flecken aus: und ging auch eine wühste garstige Materi / durch den Stuhl / von ihm; hiernechst beräucherte man auch den gantzen Leib / mit gewissen Sachen. 2

Nachdem man / etliche Tage / damit zugebracht; ließ der Teufel dem Kinde bißweilen ein wenig Ruhe /daß es schlaffen kunnte. Setzte doch / unterschiedliche Mal alsdann / mit seiner Plage / [320] wieder an. Weßwegen man das innerliche Träncklein nochmaln gebraucht. Worauf die ängstliche Bewegungen / wie auch der Geschwulst deß aufgeloffenen Leibs / samt der gelblichen Farbe / allgemählich nachgelassen /und / durch Göttliche Verleihung / das Kind wiederum zu recht gekommen. 3

Dieser Ausgang weiset klärlich / daß dieser böse Hund / an der Ketten / lige / und nicht weiter könne /als ihm GOtt erlaubt. Denn so er die Plage und Quaal / seines Gefallens / hette schärffen mögen; würde er diese zarte Kinder wol dergestalt zugerichtet haben /daß ihnen bald das Leben darauf gegangen wäre. Sein Wunsch und Will zwar seynd eitel Mord und Tod: aber sein Vermögen steht allezeit / mit dem Göttlichen Willen / umschränckt.

Fußnoten

1 Potionem ex aqua florum hyperici, tiliæ, & fumariæ, cum essentia sua fumariæ composita, flor. hyperici, Tincturâ corallorum, ejusque Syrupo.

2 Soffumigium hoc constabat è Flor. hyperici p. iij. Herb. & semin. autirrhini 3ij. Corallor. rubrorum, alborum, ac dentium Hominis demortui, ana 3j.

3 D. Gabriel Clauderus in Observat. 186. Ephemoridum Germanic. Anni 4ti Decad. 4. p. 267.

32. Der nie-beglaubte Lügen-Geist

XXXII.

Der nie-beglaubte Lügen-Geist.

Eines Menschen Aussage / der gern neben der Warheit hingeht / pflegt fürsichtigen und verständigen Leuten allezeit verdächtig zu seyn / und ist das der Lügner Gewinn / daß / wann sie hernach ein Mal die Warheit reden / ihnen [321] doch nicht geglaubt wird. Mit so klugem Mißtrauen / sollen alle vernünfftige Christen dem Geschwätz / den Weissagungen / und Affter-Reden deß verdammten Engels begegnen: weil sie /durch denjenigen / welcher die Warheit / und das Leben ist / vorlängst schon treulich gewarnet worden /für demjenigen sich fürzusehen / der ein Mörder von Anfange / und ein Vater der Lügen ist.

Ob gleich dieser Lügen-Geist bißweilen auch die rechte Warheit sagt: geschicht es doch / zu keinem andren Ende / als seinen Haupt-Zweck / der in Lügen / Mord / und Verleumdung / besteht / darunter zu verbergen / und ein bessers Credit damit zu erwerben: wie die falsche Müntzer / und betriegliche Goldmacher / durch etwas wahres Silber oder Gold / die Leichtgläubigkeit an sich ziehen / und vertraulich machen. In etlichen Stücken / sagt er die Warheit denen /die ihn um künfftige Dinge fragen: auf daß sie / wenn er hernach die Unwarheit sagt / solches gleichfalls /für gewisse Warheit annehmen / und dadurch in Unglück gerahten / sich / und Andre / verderben mögen.

Er mengt auch darum bißweilen etwas Wahres dem Falschen mit ein / daß er die Leute vom Vertrauen auf den wahren GOtt abziehe / und durch die mißbrauchte Warheit sein Reich der Lügen pflantze / oder Verrähterey / Mord / und Todschlag anrichte. Ein Verrähter entdeckt eben so wol die Warheit / aber meyneydiger und treuloser Weise. Ein Verleumder redt gleichfalls bißweilen die klahre Warheit; aber nicht der Warheit zu Ehren / sondern seiner Bosheit zur Lust; damit [322] sie ihm zum Schwert / oder Messer diene / dem Nechsten seine Wolfahrt abzuschneiden.

Gleichwie man nun einem bekandtem Verleumder /Splitterrichter / Hechler / und Neidhard / keinen Glauben zustellt / noch auf sein blosses Wort sich gründet / ob es schon wahr wäre; sondern glaubwürdigern Bericht / von wolbeglaubten Personen / suchet: also hat man noch weit höhere Ursach / dem Teufel nicht zutrauen / wann er diese oder jene Personen anrüchtig machen will; er mag gleich solches noch so hoch / mit GOtt / bezeugen / und etliche scheinbare Sachen vorbringen / die sich in der That also verhalten. Dannenhero man auch nicht Alles glauben muß / was er / aus den Besessenen / von vielen Leuten redet; sondern ihm eben so wenig / ja noch viel weniger / trauen / als einem leiblichen Feinde / der von seinen Widersachern nichts zu reden gewohnt / ohn was denselben zum Abbruch gereichen kann.

Niemand würde geschäfftiger werden / als die Hencker / wenn man den Teufel liesse Kläger oder Zeugen seyn. Wer Zucht und Keuschheit lernen will / muß nicht den Ehbrecher zum Unterweiser nehmen: und der die Warheit verlangt / hat sie nicht vom Lügen-Vater zu hoffen.

Jedwedem Künstler soll man / in seiner eignen /und nicht in einer fremden Kunst / trauen. Liegen /triegen und verleumden / seynd deß Teufels Künste: darum kann man ihm weiter nichts trauen / als daß er meisterlich liegen / triegen / und verleumden könne. Rühmt er sich aber einiger Warheit; so soll mans nicht gläuben / wenn man [323] keinen andren Grund hat; weil er kein Lehrmeister der Warheit / sondern ein Fälscher derselben ist: zumal / weil er allerdings selbst solches unterweilen gesteht / und sich gleichsam groß dabey duncken lässt / daß er ein durchtriebener / verschmitzter / und arglistiger Lügner ist / als der Schande für seine Ehre / Laster für seinen Ruhm achtet / und mit der Untugend pranget. Wie wir dann /aus beygefügter Geschicht / erkennen werden / daß er jemaln den Titel eines tapffren Lügners nicht scheuet: wiewol / dieses Absehns / damit man / durch solche seine eigne Bekenntniß / möge verführt werden / zu gläuben / weil er solches selber so aufrichtig gestehe /werde er dasjenige / was er / bey solcher Bekenntniß /für gewiß und warhafftig ausgiebt / für dißmal aufrichtig meynen.

Eines Knopffmachers / Jean Benoit Bourgeois, (Johann Benedict Burgers) Sohn / zu Montbelgard /Namens Peter / war ungefähr siebenzehen Jahre alt /und aller Sprachen unkündig / ausbenommen der Frantzösischen / die er zudem auch nicht wol- sondern gar übel redete; als ihm / aus einer verborgenen äusserlichen Ursach / der Hals geschwall / und alle Glieder ermatteten. Wann ihn solche Kranckheit anstieß / und der Paroxysmus befiel / welches dann gar offt geschahe; schien er tieff zu schlaffen / und schnarchen / und wendete das Angesicht nach der Wand zu.

Es kamen viel Leute männ- und weibliches Geschlechts / ihn zu besuchen / und zu sehen: denen er seltsame Händel / so sie entweder gethan / oder geredt / und wol lieber verschwiegen gesehn hetten / [324] vorsagte / ja bißweilen auch ihre allerheimlichste Gedancken entdeckte. Welches Alles er / mit geschlossenem Munde / ohne merckliche Rührung der Zähne und Lippen / bald Teutsch / bald Frantzösisch / rein- und deutlich erzehlte; auch bißweilen den Leib wunder-und unnatürlich bewegte.

Gegen dem Ausgange deß Christ-Monats 1656sten Jahrs / beschlossen der Superintendens / und Pastor zu Montbelgard / Herr Grasser / und der Stadt-Medicus daselbst / Doctor Johannes Nicolaus Binninger / miteinander hinzugehn / und den Patienten zu besuchen. Jener hielt sich zuvor / bey den Eltern deß Jünglings / ein wenig auf / im Gespräch / auf der Gassen; indem dieser / der Medicus, die Stegen deß Hauses hinauf / und Fuß für Fuß allgemach nach der Kammer / da der Patient lag / zuging. Derselbe hatte das Gesicht nach der Wand gekehrt; röchelte und schnarchte. Der Doctor tratt nahe zu ihm hin / beschaute und betrachtete ihn eine Weile allein / als der Patient endlich / ohne scheinbare Rührung der Lippen / sprach: Ha! J' entend Monsieur Grasser! O! ich vernehme den Herrn Grasser! (Als wollte er sagen / Ich spühre / oder mercke / daß der Herr Grasser nicht weit sey!) Bald hernach / folgte auch der Pastor, und kam hinauf.

Beyde / Pastor, und Doctor, stunden eine Weile /schauten / und hörten dem Jünglinge stillschweigend zu: der / als wie im schnarchendem Schlaffe / mancherley ungereimtes Dinges daher plauderte / und entdeckte; doch diesen Zuschauern stets den Rucken zukehrte.

[325] Weil dann / an einer rechten Besessenheit / nicht mehr zu zweifeln; fragte der Medicus: Du Teufel! welcher den Jüngling so bewegt / tribulirt / und plagt / wie heissest du? Drauf erfolgte die Antwort: Unser war eine Legion: Es seynd aber allbereit die meisten ausgefahren. Der Medicus fuhr fort zu fragen / durch was für eines bösen Menschen Hexerey / sie hinein gekommen / und den Leib deß Patienten angefallen? Der Geist nannte die Unholdinn / bey Namen. Da sprach der Medicus: Gelt! du mögtest uns gern überreden / es sey allhie Alles voller Truden! Hierauf hörte man den bösen Geist / in dem schnarchendem Leibe / ein wenig lächlen / und sagen: Ha! ha! Il y en a par Dieu tant, que si vous lez voyez, elles ressemblent ces troupes de Chevaux de Bourguignons, que vous voyez passer par la ville. He! he! Es seynd / bey GOtt! derselben so viel /daß / wann ihr sie sehn solltet / sie denen Burgundischen Reuter-Truppen gleich scheinen würden /welche ihr schauet / durch die Stadt ziehen / etc.

Was er weiter hinzugethan / verschweigt der Medicus, welcher diese Geschicht aufgesetzt / und unter seinen andren Observationen drucken lassen. Zweifels ohn hat er es / um etlicher Personen willen / die der Satan / in dieser seiner Rede / für Truden / ausgegeben / nicht mit aufzeichnen wollen: in Betrachtung /daß / auf dieses Verleumders Aussage / nicht zu gehen / und unterdessen / durch völlige Erzehlung derselben / manche / vielleicht unschüldige / Leute in ein übles Gerücht kommen [326] könnten. Angemerckt solches nicht nur / aus dem beygefügten Et cætera; sondern aus dieser Wiederrede deß Medici, fast zu schliessen: Du weisst / daß du ein Lügner und Vater der Lügen bist. Schwerest du: Ja! weil du so gar vieler Hexen und Schwartzkünstler gedenckst / die allhie wohnen sollen / so muß man das Widrige glauben. Seine Gegen-Rede war: Je le sçay par Dieu bien, que je suis menteur; mais en cela je dis la verité. Ich weiß / bey GOtt! wol / daß ich ein Lügner bin: aber hieran rede ich die Warheit.

Der Medicus setzte / über voriges / (und Zweifels ohn / auf noch andre besondre Worte deß Feindes /die / mit der Feder / nicht ausgedruckt) hinzu: Du bemühest dich sehr / uns / mit deinen falschen Allegaten / (oder Anziehungen gewisser Sachen und Personen) in den irrigen Wahn zu ziehen / daß wir für gewiß halten sollen / die Seelen der Abgestorbenen kommen / nach dem Tode / weder in den Himmel / noch in die Helle / sondern streinen /auf Erden / hie und dort / herum. Aber deine Mühe ist umsonst! Die / welche du nennest / geniessen nun der ewigen Glückseligkeit: weil sie /auf der Welt / gottselig gelebt haben. Er widerredete: Nein / bey GOtt! das thue ich nicht / etc. Das übrige lässt der Medicus abermal aus.

Hiernechst redete der Geist den Pastorn an / nannte ihn bey seinem Namen / und straffte ihn / daß er sein Amt hette unterlassen / etc. Worinn aber / und in welchem Stück / solche Amts-Unterlassung / [327] deß Satans Vorgeben nach / eigendlich sollte bestanden seyn /meldet der Erzehler nicht; sondern nur dieses / nechst einem Et cætera, noch dabey / daß der böse Geist /unter vielen andren Reden mehr / auch / zu dem Geistlichen / gesagt: Ha! Monsieur! vous estes de mes amis! Ey mein Herr! Ihr seyd Einer von meinen Freunden! Der Pastor hat drauf versetzt: Ich habe nichts / mit dir / zu schaffen / Satan! Dein Theil ist im höllischen Feuer!

Von dem an / schwieg der Bösewigt gar lange still / und begehrte keine Antwort mehr zu geben / ob man ihn gleich dazu ausforderte. Weßwegen endlich derMedicus, Seiner spottend / sagte: Vor warest du ja /mit deiner Antwort / auf die Fragen / so hurtig und fertig / und nun schweigst du so stock still! Da brach er / mit diesen Worten / heraus: Was / Teufel! willt du / daß ich dir sage? weil du mir ja doch nicht glauben wilst / wann ich die Warheit sage?

Aber (also hub der Medicus wieder an) hör / du ertzboshaffter Engel! warum / und aus was für einer Authoritet / ängstigst und quälst du diesen frommen Jüngling also? Ich weiß schon Mittel /dich von seinem Leibe wegzutreiben. Denn du hast darinn anders kein Polster (oder Unterhalt) ohn eine schleimigte und melancholische böse Materi / darinn du dich wunder-gern aufhältst: wann ich dieselbe ihm / durch purgiren / ausgeführt / und dir damit dein Nest [328] zerstört habe; wirst du wol / ohn deinen Danck / ausziehen müssen. Der Geist rieff hierauf (indem der Patient / eben /wie gleich bey Anfange deß Gesprächs / gleichsam schlaffend schnarchte / und die Lippen geschlossen hielt) überlaut: Ha ha! C' est par Dieu bien à faire à toy. Va! Il n'est pas temps: je sortiray par vers la minuict d' un teljour. Tu l' apprendras bien; qu' on y prenne garde. Auf Teutsch: O hoh! das soll dir /bey GOtt! gleichwol noch Mühe geben! Geh nur hin! Es ist noch nicht Zeit. Ich werde ausziehen /gegen Mitternacht / an dem und dem Tage / (welchen er zugleich genannt) du wirsts wol erfahren. Man gebe nur Acht drauf.

Dessen ungeachtet / hat der Medicus dem besessenen Jungen etliche Medicamenten geordnet: 1 aber alles vergeblich! Zuletzt ist der Jung / um die Mitternacht deßjenigen Tags / und in derselbigen Stunde /welche der Teufel zuvor benannt hatte / erstickt / und der mühseligen Sterblichkeit entzogen worden. 2

Fußnoten

1 Gillam Paracelsi ex jusculo, dein purgantia ex antimonio, & alia.

2 D. Joh. Nic. Binningerus Centur. 2. Observat. 27.p.m. 151. seqq.

33. Der gelehrte Teufel

[329] XXXIII.

Der gelehrte Teufel.

Gleichwie / unter den Menschen / Einer dem Andern /in der Wissenschafft und Gelehrtheit / weit vorgeht: also auch / unter den bösen Geistern. Denn ob gleich diese viel geschwinder / scharffsinniger / und vollkommener / die tieffste Natur-Geheimnissen / und andre Wissenschafften / begreiffen / als der allerglückseligste Verstand eines Menschen: seynd sie doch / unter sich selbsten / darinn gar sehr unterschieden / und Einer dem Andren weit überlegen. Alle Teufel verstehen ohne Zweifel alle die fürnehmste Sprachen der Welt; doch nicht alle / in gleicher Vollkommenheit / alle Wissenschafften der Welt. Zudem können auch nicht Alle / das / was sie verstehen / dem Menschen so lautbar und vernehmlich machen / daß es derselbe auch verstehen könnte. Da hingegen Andre / sonderlich die Spiritus familiares (oder Geheim-Geister) dem / der sie unterhält / und mit ihnen in verdammlicher Vertraulichkeit steht / Alles / was menschliche Vernunfft fassen kann / eingeben / und gleichsam eingiessen können / aber / indem sie ihm einen irdischen Witz mittheilen / hingegen die wahre Weisheit in ihm ausleschen / und seinen Verstand gäntzlich verfinstern / unterdessen / daß er sich einbildet / er werde von ihnen sehr hoch erleuchtet.

Solche Unvermöglichkeit manches Geistes aber sich dem Menschen gnugsam auszudrucken / [330] oder verständlich zu machen / steckt nicht so eben darinn /daß der Geist selber nicht sollte seine Gedancken deutlich genug zu beschreiben wissen; als vielmehr hierinn / daß er bißweilen solche Geschicklichkeit und Geschwindigkeit nicht hat / wie andre Geister /dasjenige Mittel / wodurch er eine verständliche Rede zuwegen bringen muß / so fertig / hurtig / und meisterlich zu disponiren / oder zu regieren.

Daher kommts / daß manche Geister / ob sie gleich Alles / in allerley Sprachen / verstehen / dennoch nicht allerley Sprachen / aus dem Besessenen / gleich reden: weil nemlich Einer / vor dem Andren / solche Sprachen entweder fertiger redet / oder die Zunge deß besessenen Menschen besser zu regieren weiß.

Camerarius schreibt / daß ein Geist deß Besessenen / als er Griechisch reden wollen / von anwesenden Gelehrten / ausgelacht worden; der Geist aber alsofort sich entschuldigt habe / sagend / er wisse wol / daß er / in dem Accent / einen Fehler begangen / die Schuld sey aber nicht sein; sondern deß gar zu tölpischen Weibs / deren Zunge ich so übel / zu derselben Sprache / bequemen lasse / daß er kaum damit etwas Fremdes reden könne.

Es hat auch / zu unsrer Zeit / vor nicht vielen Jahren / ein Geistlicher mir erzehlt / daß / als er den bösen Geist / der aus einem besessenem Mägdlein redete / Griechisch / Hebrœisch / und bißweilen Lateinisch / angeredt / derselbe ihm allzeit / in Teutscher Sprache / richtig darauf geantwortet: Und als besagter Geistlicher ihn deßwegen beschämen [331] wollen; weil er sonst so klugwitzig und vorwissenhafft gesehn seyn wollte / und doch ihm nun nicht / mit einiger Antwort / in ausländischer / oder fremder Sprache / begegnen könnte; der Geist diese Worte darauf versetzt habe:Narr! die Geister verstehn alle Sprachen; aber alle reden sie dieselbe nicht. Welches sich auch so befunden. Denn wann er bißweilen / mit andren anwesenden Gelehrten / etwas Lateinisch gediscurrirt; hat der Geist alles verstanden / und was ihn betroffen / zu Teutsch / beantwortet.

Unterdessen giebt es doch gleichwol viel Geister /die / aus dem Besessenem / fremde Sprachen reden. Und ein solcher hat / im Jahr 1673 / zu Buxtehude /im Stifft Bremen / wie D. Th. Bartholini, aus einem Schreiben deß Stadt-Physici deß Orts / Doctoris Joh. Ludovici Hannemanni, bezeugt / sich hören lassen /aus einem / in Besitz genommenem / jungen Soldaten von achtzehen Jahren. Welcher / zwey Jahre zuvor /sich / dem Satan / mit eignem Blut / verschrieben /und / auf vier Jahre / zugeeignet hatte. Dieser redete schier kein vernehmliches / articulirtes / oder recht- begliedertes Wort / das man verstehen könnte: wann er aber bißweilen etwas recht ausdruckte / und verständlich aussprach / so antwortete er Jedwedem / in solcher Sprache / darinn man ihn anredete; es mögte gleich Frantzösisch / oder Lateinisch / oder eine andre Sprache seyn.

Wann dieser junger Mensch anfing / zu toben; kunnten ihn kaum vier der allerstärcksten Männer halten. Weßwegen ein Corporal den Raht gegeben / man sollte ihm Hände und Füsse / [332] mit Linden-Bast / das ist / mit der Rinden deß Linden-Baums / binden: Wie solches geschehen / hat er zwar die Hände und Füsse still gehalten; aber hiernechst den Kopff an die Erde geschlagen: Und als dasselbe gleichfalls / mit derselbigen Rinden / umgeben / ist er endlich gantz ruhig worden.

Belobter Bartholini gedenckt / er erinnere sich nicht / etwas gelesen / oder gehört zu haben / von solcher Krafft der Linden / daß man damit die Geister sollte stillen können; wenn nicht etwan der Patient /mit der schweren Noth / behafftet / und deßwegen für besessen angesehn wird; welches offt geschicht: daß aber solchen / mit der Fall-Sucht geplagten / Menschen die Linden-Blühe dienlich sey / ist den Medicis unverborgen. 1

Ich achte aber / daß / wann die Besessene so wüten / der Satan alsdann eben so wol eine solche Zerrüttung deß Geblüts und der Sinn-Geister / zugleich dabey anrichte / als wie die Epilepsia (das Hinfallen /oder die böse Sache) zu thun pflegt; daher dann bißweilen auch wol / die Wüte deß Besessenen in etwas zu stillen / von der Linden-Rinde einige Hülffe entstehen möge.

Im Jahr 1605 quälte dieser grausame Menschen-Feind ein junges zwölff-jähriges Mägdlein / zu Leuenberg in Schlesien / erbärmlichst. Bald stellte er sie auf die Zehe / stürtzte sie alsdenn plötzlich überrucks auf den Kopff / und aufs Angesicht / also daß der Rucken eine hole Bogen-Krümme [333] formirte. Bald legte er sie auf den Rucken / streckte ihr Arme und Beine weit empor / also daß dieselbe / wie zusamm-geflochtene Weiden / offt eine gantze Stunde in der Höhe stunden / und durch keinen Menschen voneinander gerissen werden kunnten. Bald trieb er ihr die Augen /aus dem Kopffe / hervor / so groß / wie ein paar Hüner-Eyer. Bald druckte und wickelte er sie zusammen / wie eine Kugel / beugte ihr das Haupt zu den Knien / und warff sie / seltsamer Weise / in der Höhe herum / wie einen Ballen. Bißweilen lieff sie / mit dem Kopffe / wider die Stuben-Thür / und wollte sich umbringen; biß und riß / mit den Zähnen / grosse Stücke / aus der Wand. Sonst schlug er ihr auch den Kopff offt hin und wieder; streckte ihr die Zunge /welche alsdenn Kohl-schwartz war / einer Spannen lang zum Munde hervor; tantzte ihr auch / in Gestalt /bald eines Mäus-bald eines Fröschleins / bey einer Viertheilstunden lang / auf der Zungen / herum / und kam offt biß an die Lippen; sprang aber endlich wieder hinab / in den Leib: Wie solches viel erbare Leute mit angesehn.

Gleich hernach sperrete er ihr den Mund weit auf /und schrie / sonder einige Rühr- oder Bewegung der Zungen / hell und überlaut heraus / Judas / Pilatus /Herodes der lincke Schächer / Faustus / und Scotus /wären seine beste Freunde / und nechste Rähte; rühmte sich auch der Wissenschafft aller Sprachen / und plauderte / in einer / die der Anwesenden Keiner verstund / er aber für Indianisch ausgab / ein langes Geschwätz daher. Offt murrete / oder brummete er / aus ihr / wie eine Kuhe.

[334] Wann dann das Mägdlein ein wenig Ruhe / für dem Bösewigt / hatte; wusste sie / von Allem / was mit ihr vorgegangen / nichts: sagte doch gleichwol / es käme ihr vor / als ob etliche schwartze Hencker da stünden /welche sie auf hencken wollten; aber / wenn man betete / weichen müsten. Und hat solche teuflische Plage dieses besessenen Mägdleins ein gantzes Viertheil Jahr angehalten. 2

Fußnoten

1 D. Th. Bartholini in Actis Medicis, Vol. 2. Observ. VIII. p. 11. seq.

2 Wovon M. Tobiæ Seilers Dæmonomania, so im Jahr 1605 gedruckt / vor etlichen Jahren aber / durch Jemanden anders / wieder von neuem herausgegeben ist / mehrern und umständigern Bericht giebt.

34. Die Wehrwölfe

XXXIV.

Die Wehrwölfe.

Wie die gemeine Komedien-Spieler / mit alten Erfindungen / offt wieder auftreten: so kommt der verdammte Schau-Gauckler / der Satan / mit seinen uralten Gauckel-Possen / die er schon / zu hochalten heidnischen Zeiten / getrieben / auch bey heutigen Zeiten der Christenheit / gar offt wieder aufgezogen; bevorab mit der Verwandlung einer äusserlichen Gestalt / in die andre. Sintemal er nicht allein selber / bey Erscheinung / in gespenstischer Gestalt / im Augenblick / bald dieses / bald jenes Geschöpff vorstellt; sondern auch seinen Kreaturen / oder verdammten Bunds-Sclaven allerley unmenschliche / und thierische Gestalten antichtet / und manche / bevorab die Hexen /[335] Hexen / gleichwie Katzen / manche wie Hunde /Wölfe / Esel / oder Pferde / darstellet / oder sonst in andre Thiere / verbildet.

Herodotus berichtet / von etlichen Scythischen Völckern / daß sie / jährlich ein Mal / zu Wölffen worden. 1 So gedenckt Pausanias, es sey ein Fechter /Namens Demaris / zehen Jahre lang / ein Wolf gewest / und habe endlich wiederum menschliche Gestalt gewonnen. 2

Daß auch / bey den Römern / diese betriegliche Verstellung ruchbar gewesen / weiset der Virgilianische Vers:


Vidi sæpe lupum fieri, & se condere sylvis
Mœrim. – – – – –
Ich hab' es offt gesehn / daß Möris von Gestalt
Ein Wolf ward / und verbarg sich in Gepüsch und Wald. 3

Viele zehlen solches / unter die Fabeln der Alten /oder falsche Einbildungen. Dahin schreibt auch Plinius, nachdem er unterschiedliche Exempel / aus andrer Leute Bericht / erzehlt hat / Alles / was man / vor-und bey seiner Lebzeit / von solche Händeln / geredt /oder geschrieben; indem er spricht: Homines in lupos verti, rursumq; sibi restitui, falsum esse, confidenter existimare debemus, aut credere omnia, quæ fabulosa tot sæculis comperimus. 4 Denn daß die Leute[336] sollten in Wölfe verwandelt werden / sollen wir kühnlich für falsch achten / oder müssen Alles glauben / was wir / von so vielen hundert Jahren hero / fabelhafft erfahren / etc. Man muß sich verwundern / daß die Leichtglaubigkeit der Griechen so gar weit heraus gegangen. Keine Lügen ist so unverschämt / daß sie ihres Zeugens sollte ermangeln. 5

Uber welche Rede Plinii, der gelehrte Thomasius, weiland Professor zu Leipzig / sich billig verwundert: in Betrachtung / daß Plinius sonst die allergröbste Lügen nicht ungern glaubt / und doch gleichwol diesem Gerücht / von der Verwandlung / keinen Glauben geben will. 6 Er will doch gleichwol dem Plinio gern zu Hülffe kommen / mit dieser Unterscheidung /daß seine Worte / auf zweyerley Art / gedeutet werden können: nemlich daß Plinius vielleicht die wesendliche Verwandlung eine Fabel schelte: in welchem Verstande sein Ausspruch wol passiren könne: Woferrn er aber damit auch den äusserlichen Schein der Verwandlung verwerffen wollen / so habe er gefehlt.

Aber Plinius scheinet das Letzte zu meynen.

So wollen auch manche Medici dem Olao Magno keinen Glauben zustellen / in dem / was er / von den Wehrwölfen / vorbringt. 7

Allein wie Plinius, ohne Zweifel / den alten Geschichtschreibern / also thun auch erwehnte Medici [337] dem Olao hierinn zu viel. Denn man hat darum die Sache oder Geschicht selbsten noch nicht gleich / für ein pur lauteres Mährlein zu achten / wann gleich die wahre Beschaffenheit / und Wesenheit derselben / gewisser Betrachtung nach / von dem Scribenten / oder Erzehler / irrig beurtheilet wird.

Eine Fabel besteht / in einem blossen Geticht / ohn einige würckliche Begebenheit / welche den Schein der Warheit unterhalten könnte: Solches kann aber /zu dieser Gestalt-Wandlung / nicht gezogen werden: denn es ist kein leeres / lediges / Geticht / daß man Wehrwölfe findet: ob schon dieses ein falscher Wahn / daß dieselbe / aus Menschen / würcklich in Wölfe /verwandelt / oder auch / an stat menschlicher / nur in thierische Gestalt / vom Satan / jemals verbildet worden. Denn es steht unterdessen doch gar nicht zu widersprechen / daß der Teufel solche Possen-Spiele würcklich treibe / und dergleichen Verwandlungen /dem äusserlichen / von ihm erkünstelten / Schein nach / den Leuten in die Augen stelle. Wie man denn die Gewißheit solcher Teuflischen Blendungen nicht allein / aus erst-benannten ältern Scribenten / sondern auch aus unzehlich-vielen andren jüngern und neuern / überflüssig geben könnte.

Man lese nur deß heiligen Augustini achtzehendes Buch von der Stadt GOttes 8 Cœlium Rhodiginum 9 Hieronymum Magium 10 [338] Bullingerum 11 Bodinum 12 Boissardum 13 Godelmannum 14 Remigium 15 Spondanum 16 Binsfeldium 17 Thyræum 18 Martinum Del-rio 19 und andre mehr.

Unterdessen gehen zwar Etliche / als Spondanus, und Bodinus, denen gleichfalls Peucerus, und Philippus Camerarius, hierinn beystimmen / zu viel ein /indem sie eine würckliche Verwandlung solcher Hexen-Meister in Wölfe setzen / und solches / mit dem Exempel Nebucadnezars / zu erhalten vermeynen; welcher doch / mit nichten / verwandelt / sondern nur im Haupt verruckt worden / und wie ein unvernünfftiges Vieh / in Wäldern / herum geloffen.

Die übrige aber haltens / für eine teuflische Blendung; und dennoch gleichwol / für keine Fabel; sondern unterscheiden zwischen der Verbildung / und denen darauf erfolgenden Würckungen. Die würckliche Verbild- oder wesendliche Verwandlung ist ein falscher Wahn: die daraus entspringende Würckung ist keine falsche Einbildung / sondern würckliche Geschicht. Kann demnach [339] nach Plinio nicht ungemerckt hingehen / noch gut gesprochen werden / daß er den gantzen Handel / für Fabelwerck / ausgiebt.

Es fallen / in den peinlichen Hals-Gerichten / hievon / bey Verhör der Zauberer / so viel Exempel vor /daß man die Gewißheit solcher Schein-Wandlung /oder teuflischen Blend-Verstellung / nicht aufs Leugnen setzen kann. Und solches werden folgende Geschichte darthun.

Zu Bebburg / einem Städtlein im Cölnischen (oder Gülichschem Lande; denn beydes kann unter dem Namen Ubiorum verstanden werden) ist / zu deß Del-rio Zeiten / und zwar zehen Jahre vor dem Druck seines Buchs / welches nunmehr hundert Jahre ungefähr machen / Einer / mit Namen Stumf Peter / gerichtet worden: weil er / mit einer Teufelinn / länger / als zwantzig Jahre / gebuhlt / und ohne dem viel Ubelthaten / auf solches saubern Schand-Geistes Antrieb / begangen.

Dieselbe seine Teufelinn hat ihm einen breiten Gürtel geschenckt / und wann er denselben anlegte /ward er / vor seinen / und andrer Leute / Augen / zu einem Wolfe. Unter sothaner Gestalt / oder Larven /hatte er vier Knaben erwürgt / und das Hirn ihnen ausgefressen. Er hatte sich gleichfalls unterstanden /seine beyde Schnuren / oder Söhns-Töchter / zu fressen; überdas seine leibliche Tochter / wie auch seine Gevatterinn / zum Weibe genommen. Welches Alles nicht allein / in der gerichtlichen Abhandlung / aufgezeichnet / [340] sondern auch hernach seinem / in Kupffer gestochenem / Bilde beygedruckt worden. 20

Von den Irrländern schreibt Camdenus, daß manche derselben / gemeiner Sage nach / zu Wölfen / und andren Thieren / verbildet werden.

So erfährt man ohne dem gar offt / daß dergleichen Abentheuren / auch in andren Ländern / vorfallen /und solche Wehrwölfe vielmals so wol den Leuten /als dem Vieh / Schaden thun.

Merckwürdig ist insonderheit / was Olaus erzehlt; nemlich / daß / bey seinen Zeiten / in den Nordischen Ländern / am heiligen Christ-Abend / gegen Nacht /eine grosse Menge Wehrwölfe / an einen / unter sich bestimmten / Ort / von unterschiedlichen Oertern her /sich versammlen / hernach / so wol Menschen / als zahmes Vieh / verletzen / und so hefftig bewüten /daß von rechten natürlichen Wölfen den Einwohnern niemals so grosser Schade begegnet / und keine dergleichen Gewalt angethan wird. Er spricht / man habe die Gewißheit / daß diese verwölffte Menschen denen Leuten / so in den Wäldern wohnen / die Häuser stürmen / und die Thüren aufzubrechen sich unterstehen; damit sie so wol die Menschen / als das darinn befindliche Vieh / fressen mögen.

Er setzt / bald hernach / diese Geschicht dazu. Ein Edelmann reisete / durch einen langen Wald / und führte etliche / dieser Hexen-Kunst nicht unerfahrne /Bauren bey sich: wie man solcher Gesellen allda ziemlich viel findet. Als nun der Abend und doch kein Wirtshaus / oder Herberge / [341] herbey nahete: musste man das Nacht-Lager im Walde halten / aber der Abend-Mahlzeit sich verzeihen: welches den hungrigen Mägen ein unangenehmer Handel war / und Ungedult erregte. Endlich schlug Einer / unter dem Geleit / einen Rath vor / begehrte / die andren sollten nur in Ruhe stehen / und keinen Lärmen / noch Geschrey /machen / daferrn sie was sähen / sondern nur von fernem der / auf der Weiden gehenden Heerde / ein wenig zuschauen; Er wollte schon verschaffen / daß sie / ohn grosse Mühe / von dannen einen Braten /zum Nacht-Essen / haben mögten. Gleich damit begab er sich / in den tuncklen Wald; auff daß ihn Niemand sehen mögte: und hat allda die Gestalt eines Wolfs angenommen; hernach die Heerde Schafe ungestümlich angefallen / auch ein Schaf angepackt / und mit demselben / dem Walde zu / davon geeilt / hernach aber solches / in Gestalt eines Wolfes / zum Wagen hin / getragen. Welches die andre Gefährten /als die gar wol um den Handel gewust / zu Danck angenommen / und gleich in dem Wagen versteckt. Worauf der Schaf-Dieb / so sich in einen Wolf verändert hatte / wiederum ins Holtz gekehrt / allda die Wolfs-Gestalt abgelegt und die menschliche wieder angezogen.

Es hat sich auch zugetragen / (schreibt er) vor nicht vielen Jahren / daß eine Edel-Frau / und ihr Knecht (wie sie dann / in selbigen Landen / mehr Knechte halten / als sonst an einigem Ort der Christenheit) miteinander disputirten / ob es wahr /das ein Mensch könnte in einen Wolff verwandelt werden: Welches die Edelfrau verlachte / und für[342] falsch achtete. Darauff brach der Knecht alsofort heraus / mit diesem Erbieten / er wollte solches /zur Stunde / exemplarisch / im Werck / beweisen /so man ihm nur solches erlaubte.

Hiemit geht er allein hinab in den Keller. Von dannen er / bald hernach / wiederum / in der Bildung eines Wolfs / heraus kommt / und über die Aecker / nach dem Walde zu streicht. Aber unterwegs begegnen ihm die Hunde / fallen ihn an /und ob er sich gleich / mit hefftiger Gegenwehr /wider sie setzte / ihm doch ein Auge aus dem Kopffe reisen: Weßwegen er / deß andren Tags /einäugig wieder / zu seiner Edelfrauen / heimgekommen. 21

Diesem nach muß so viel zugegeben werden / daß solche Zaubrer bißweilen würcklich / in Gestalt eines Wolfs / erscheinen; ob sie dieselbe gleich würcklich nicht haben / sondern nur / durch eine teuflische Augen-Verblendung / für Wölfe angesehn werden /und bißweilen auch wol nicht / vor andren Augen /sondern allein in ihren selbst-eigenen nur / wie Wölffe / erscheinen.

Bodinus schreibt / es sey einer aus den mächtigsten Königen der Christenheit / welcher allererst unlängst /da er dieses zu Papier gesetzt (so ums Jahr 1579 geschehen) Todes erfahren war / gar offt / in einen Wolff / verändert / und / unter allen Hexen-Meistern /für den vortreflichsten / (so anderst einer so vermaledeyten Kunst die Fürtreflichkeit zugerechnet werden kann) und allervollkomnesten / [343] geachtet worden; massen solches / in vielen Büchern / so in Teutschland gedruckt / zu lesen gewest. 22

Daß sie / in rechte natürliche Wölffe / verändert werden sollten / ist eine wahre Unmöglichkeit: Denn entweder müsste die Seele deß Menschen ihren Leib verlassen / und in eines Thiers Leib fahren; oder der menschliche Leib müsste / bey vereinigt-bleibender Seelen / in eines Viehes / oder Thiers / Leib / sich wesendlich verändern: Deren doch Eines so wenig geschehn kann / wie das andre. Denn was das Erste betrifft; so muß / auff Absondrung der Seelen vom Leibe / gleich der Tod erfolgen / der Mensch untergehen / und verderben. Das Gestorbene aber wiederum recht natürlich beleben / kann GOtt allein / und sonst weder Engel / noch Teufel. Und könnte man noch viel leichter dem alten Pythagorischem Wahn / welcher noch heut unter manchen heidnischen Secten / zumal in Indien / absonderlich aber und fürnemlich in Sina und Japan / bey den Vonziern / regiert / gläuben /nemlich daß die menschliche Seelen / nach ihrer Ableibung / wieder in andre Leiber führen / so wol in thierische / als mit der Zeit auch wiederum in menschliche. Wiewol etliche Gelehrte wollen / Pythagoras habe es so nicht verstanden / wie es ihm hernach Andre mißverständlich auffgenommen / und eine würckliche Verhausung der Seelen aus einem Leib in den andren draus gemachet; Da er es doch vielmehr /verblühmter Weise / geredt / und diese Sitten-Lehre nur damit ausschmücken wollen / daß die Leute /durch verkehrte Sitten / sich gleichsam [344] / aus Menschen / in Bestien verkehrten / nicht so sehr der Haut /als der Seelen / und den Begierden / nach.

Nach welcher allegorischen oder verblühmten Art /auch Boethius sehr schön und Lehr-reich schreibt:Cum ultra homines quemque provehere sola probitas possit, necesse est, ut, quos ab humana conditione dejecit, infra hominis meritum detrudat improbitas. Evenit igitur, ut, quem transformatum vitiis videas, hominem existimare non possis. Avaritiâ servet alienarum opum violentus ereptor? similem lupo dixeris. Ferox atque inquietus linguam litigiis exercet? Cani comparabis. Insidiator occultis surripuisse fraudibus gaudet? Vulpeculis exæquetur. Iræ intemperans fremit? Leonis animum gestare credatur. Pavidus ac fugax non metuenda formidat? Cervis similis habeatur. Segnis ac stupidus torpet? Asinum vivit. Levis ac inconstans studium permutat? Nihil ab avibus differt. Fœdis immundisque libidinibus immergitur? Sordidâ suis voluptate detinetur. Ita fit, ut, qui, Probitate desertâ homo esse desierit, cum in divinam conditionem transire non possit, vertatur in belluam.

Ist / auff Teutsch / also gemeynt: Weil allein die Tugend einen Jedweden / über den menschlichen Stand / erhöhen kann: so muß nothwendig folgen / daß Untugend diejenige / welche sie / von dem menschlichem Stande herunter geworffen / unter die Würde eines Menschen hinab stosse (das ist /sie [345] unwürdiger / als Menschen / mache / und ihnen die Würde eines Menschen entziehe) daher kommts / daß man den / welchen man / durch Laster /verändert / und mißgebildet schaut / für keinen rechten Menschen achten kann. Brennet Jemand von Geitz / und reisst / mit Gewalt fremde Güter an sich? So kann man füglich sprechen / er sey einem Wolfe gleich. Hat wer ein freches ungehaltnes Maul / das gern hadert und zancket? wird man ihn / mit einem Hunde / vergleichen können. Liebt er heimliche Ubervortheilung und Entwendung? so halte man ihn einem Fuchse gleich. Brüllet er / vor unmässigem Zorn? so glaube man / er sey von Gemüt ein Leu. Fürchtet er / als ein furchtsamer und flüchtiger Mensch / was nicht zu fürchten ist: Halt ihn einem Hirschen gleich. Ist er nachlässig / thumm / und träge: So lebt er wie ein Esel. Legt er sich mit leichtsinniger Unbeständigkeit / bald auff diß / bald auf Jenes: so ist /zwischen ihm / und den Vögeln / kein Unterscheid. Senckt er sich / in garstige und unsaubre Lüste: so liebt er die Ergetzlichkeit einer stinckenden Sau. Also geschichts dann / daß der /welcher / nach Verlassung der Tugend und Frömmigkeit / aufgehört ein Mensch zu seyn / in ein Thier / weil er zu Göttlichem Stande / nicht gelangen kann / verkehrt werden muß. 23

[346] Allein ich halte / daß alle diejenige / welche dem Pythagoras eine so gute Meynung zuschreiben / und seiner Seel-Verhausung oder Wandlung / ein so gutes Färblein anzustreichen bemüht seynd / ihre Mühe verlieren: angemerckt / aus unterschiedlichen Stücken /gnugsam erscheinet / daß Pythagoras / in rechtem Ernst / die Verhausung oder Wandrung der Seelen in andre Leiber; gelehrt; und zwar / unter andren / hieraus / daß er vorgegeben / er wäre deß Mercurii Sohn /Aethalides / anfänglich gewest: Und als sein Vater ihm die Wahl gegeben / zu bitten / was er wollte /ausgenommen die Sterblichkeit / da habe er gebeten /daß er so wol lebend / als sterbend / sich alles dessen / was sich / zu seinen Zeiten / begeben / erinnern mögte: deßwegen gedächte er noch dessen Allen / was er / in seinem Leben / vormals gethan / hette auch solche Erinnerung nach dem Tode / noch behalten: Nach Ableben deß Aethalidæ / sey er der Euphorbus gewest; nach dem Euphorbo aber / der Hermotimus; wiederum / nach diesem / ein Fischer in der InselDelos, mit Namen Pyrrhus; und nach dem TodePyrrhi, endlich Pythagoras worden.

Solchen thörichten Wahn hat er / wie Herodotus zeuget / von den Aegyptern / eingesogen. Und ist gewiß / daß er deßwegen / von dem Fleisch aller Thiere / sich enthalten / auch ihm ein grosses Gewissen drüber gemacht / daß er sollte Bonen essen. Ja Einige wollen / er habe sich endlich lieber erschlagen lassen von Einem / der ihn tödten wollte / als daß er wäre durch die Bonen gangen / damit er dieselbe nicht nider treten mögte.

[347] Das Andre / nemlich daß Leib und Seele miteinander / in eines Thiers Leib / sollten verwandelt werden können / lautet eben so ungereimt / und mißklingt in den Ohren aller Vernunfft. Denn wann / durch deß Teufels Kunst / eine solche Verbildung / oder Umformung menschliches Leibes geschehen könnte / indem die Seele deß Menschen dennoch dem Leibe wesendlich vereinigt bliebe; so würde / unter jedweden Leibes Figur / Form / Gestalt / und Bildung / der Mensch warhafftiglich bestehn können / und wäre die menschliche Seel alsdann nicht / zu einem gewissen Bau oder Masse deß Leibs / von GOtt geordinirt / oder bestimmt: sondern es könnte das Wesen deß Menschen eben so wol / unter der Bildung eines Pferdes / Esels /Hanens / oder andren Thiers / wohnen: welches doch aller Vernunfft entgegen: Wie solches / mit vielen Gründen könnte bewiesen werden / wanns die Weitläufftigkeit nicht / auszulassen / verursachte. Derhalben sprechen wir billig mit dem heiligen Augustino: Absurdum est, & ab omni ratione alienum, Homines in lupos mutari; licet multi veterum idipsum crediderint, & affirmârint etc. Non solùm animam, sed nec corpus quidem, ullâ ratione, crediderim, dæmonum arte vel potestate, in membra vel lineamenta bestialia veraciter converti. Es lautet ungereimt / und wider alle Vernunfft / daß Leute sollten in Wölffe verändert werden. Ich glaube / daß nicht allein nur nicht die Seele / sondern auch der Leib / in keinem Wege / durch der Teufel Kunst und List /oder Macht / warhafftiglich in Gliedmassen / [348] oder Lineamenten unvernünfftiger Thiere / verkehrt werden können. 24

So bleibt derhalben übrig / daß der Satan die Leute / mit falschen Gesichtern und Fürstellungen betriege: welches auch am gewissesten / von demjenigem Geist / zu vermuten / der Lügen / Betrug / Geticht und Verstellungen allen dem / was er / mit den Menschen handelt / pflegt einzumengen / auch sein gantzes Reich / durch Lügen bauet; wie der Heil. Geist / sein Reich / durch lauter Warheit.

Es kann aber der Lügen-Fürst solchen Betrug / auf unterschiedliche Art / spinnen.

Erstlich kann er selber eine Thier-Larve anziehen /und entweder aus der Lufft / wie auch aus andren Elementen / das Bild eines Wolfs künstlen / und selbiges / nach Art eines natürlichen Wolfs / bewegen.

Zweytens / kann er den Balg eines Wolfs / oder andren verreckten Thiers / annehmen / und drein fahren.

Drittens / kann er rechte lebendige Wölfe / oder andre Thiere / auf ungewöhnliche Weise / treiben /bewegen / und zwingen / und also / durch seine mitwürckende Krafft / unter derselben Gestalt / oder auch vermittelst ihrer geregten und angeführten / oder angewendeten Glieder / solche Händel verrichten / für deren Stiffter und Thäter man den zaubrischen Menschen achtet: welchen er unterdessen irgendswo mit einem festen Schlaff verstrickt hält / ihm im Traum solche Gesichter vormahlt / und dieselbe seiner Einbildung so fest [349] eingedruckt / daß der Mensch anderst nicht meynt / als er sey da und dort in Gestalt eines Wolfs herum gestreifft / auf den Raub. Gewinnt es dann bißweilen das Ansehn / als ob eine solche Wolfs-Larve / oder Thier-Körper / verletzt würde; so verwundet der Teufel den rechten Leib deß abwesenden Zauberers an eben dem Gliede und Ort / an welchem der angenommene Larven-Körper / von irgend einem Menschen / verwundet worden.

Vierdtens / mag er vielleicht auch wol denen Hexen und Unholden eines Wolfs / oder andren Thiers / Gestalt aus den Elementen zurichten / und sie damit künstlich umgeben.

Fünfftens / kann er gleichfalls ihnen die Häute solcher Thiere / als ein tausend-künstiger Meister / geschicklich anlegen / und sie damit dergestalt überziehen / daß sich Kopff und Kopff / Fuß auf Fuß / Maul zu Maul / artlich auf einander fügen. Können doch die Sinesische Comedianten sich / in die Tiger- und Wolfs-Häute / so meisterlich / bequemen / und so natürlich darinn geberden / daß ein Unwissender sie für nichts anders / als für solche Bestien / ansehen sollte: warum müsste dann der Satan / welcher die allerperfecteste Meister überkünstelt / dergleichen nicht zu Werck richten können? Daher es dann kein Wunder /daß wann ein solcher Uberzug zerfetzt oder durchstossen wird / alsdann der / darinn steckende / Leib deß Zauberers / oder der Hexen / zugleich mit beschädigt wird. Und wann der gemachte Wolf / aus blosser Lufft / oder andren Elementen / vom Teufel bereitet /dem Zauberer aber / an stat einer Wolfs-Haut / umher angelegt wird: so muß nicht solcher Lufft-Körper /sondern deß Zaubrers [350] Leib / den Streich / oder Stoß /fühlen / welcher / ohne Auffhaltungen / und einige Hinderniß / durch den blossen Dunst / auff den natürlichen Menschen-Leib dringt / und demselben die Haut zerreisst.

Sechstens / pflegt der Teufel auch wol nur andren Leuten / welche darüber zukommen / und gäntzlich gläuben / daß sie solchen Wehrwolf warhafftig sehen / bißweilen auch wol nur einen betrieglichen Dunst vorzumachen / und ihnen durch seine Teufels-Possen /dergestalt / vermittelst Beweg- und Regung der Lufft /das Gesicht zu äffen / daß sie gewiß vermeynen / Dieses oder Jenes in rechter Warheit zu sehen / was sie doch würcklich / in der Warheit / nicht sehen.

Fürs Siebende / geschicht es doch gleichwol auch nicht selten / daß die Zaubrer unverwandelt dabey stehen / und der Teufel / an stat Ihrer / in Wolfs-Gestalt /dieses oder jenes Bubenstück / auff ihre Bewilligung verrichtet. Darüber sie / die dabeystehende Hexenmeister dann lachen und sich ergetzen: wiewol von Niemanden gesehn werden: es sey dann / daß Einer nach dem gespenstischem Wolfe haue / sieche / oder schiesse: da alsdann das Gespenst / als welches unverwundlich ist / die Wunde auff sie versetzt.

Ich will hiebey noch etliche Geschichte anführen; und zwar zuforderst ein paar / aus deß Lerchheimers Bedencken / daraus zu mercken seyn wird / daß bißweilen die Zaubrer würcklich zugegen / wann der Teufel ihnen die Gestalt eines Wolfs einbildet / und den Schaden / an ihrer Stat / thut; bißweilen aber ferrn davon bleiben / und nur im [351] Traum / oder Gesicht /sich einbilden / als ob sie würcklich in Wolfs-Gestalt herum lieffen. Ich lasse aber seine selbsteigene Feder reden.

Da ich in meiner Jugend / Anno 1547 / zu Franckfurt an der Oder studirt / bey Leben des hochverständigen Herrn Doctor Jodeci Willichii, begab sichs im Augustmonat / daß im Lande Meckelburg / bey den Edlen Molzanen / aus ihrer Nachbarschafft / von ihren Unterthanen / ein grosser Rüde / oder Hund / mit einem weissen Halsbande / in ihren Hoff kam geloffen / den fallen die Jagthunde an / beissen auf ihn zu / da sie ihm nichts angewinnen können / kommen die Stallbuben auch mit Gabeln und Spiessen geloffen / schlagen und stechen auf ihn zu. Da ward er alsobald ein Mensch: nemlich / ein alt Weib. Die bat um Gnade / man wolle ihrer verschonen; Ward angegriffen / und gefänglich eingezogen.

Von diesem Handel / nahm Doctor Willichius, seiner Profession ein Medicus, Anlas und Ursach zu disputiren offentlich in der hohen Schule / von solcher Veränderung der Menschen in Vieh / bewies / und erhielts / mit Beyfall aller Gelehrten /die da waren / daß es nur eine Verblendung der Augen wäre / welche in dieser jetzt erzehlten Geschicht / nicht allein den Menschen / sondern auch den Hunden wiederfuhre. Zu diesem Hunds-Gespenste / hat der Teuffel dem Weibe gerathen und geholffen / biß sie dadurch ins Gefängnus kommen / da hat ers [352] weit genug mit ihr gebracht / und sie verlassen.

Ich bin einmal / mit einem Kirchendiener /meinem Freunde / in eines Landesvogts Haus gegangen / der einen Wehrwolf / wie man solche heute auf Teutsch / zu nennen pflegt / gefangen hielt / den ließ er für uns kommen / daß wir / Ge spräch mit ihm hielten / erkundigten / was es doch für eine Beschaffenheit mit diesen Leuten hätte; der Mensch geberdete sich / wie ein Unsinniger / lachte / hupffte / als wann er nicht aus einem Thurn / sondern aus einem Wolleben käme. Bekandte neben viel anderm teuflischen Betrug und Gespenst / daß er am Ostertage /Nachts / daheim bey seinem Gesinde wäre gewesen / in Wolfs-Gestalt / welches Ort / mehr als zwantzig Meil / von dannen war / und ein Fluß dazwischen / zwey Mal so breit als der Rhein / vor Cölln. Wir fragten / wie kamstu aus dem Gefängnuß? Ich zog die Füsse aus dem Stock / und flog zum Fenster hinaus. Wie kamstu übers Wasser: Ich flog darüber. Was machtestu bey den Deinen: Ich gieng umher / besahe wie sie lagen / und schliessen. Warum kehrtestu wieder ins Gefängnis? Ich muste wol / mein Meister wollte es so haben; rühmte seinen Meister sehr. Da wir ihm sagten / es wäre ein böser Meister / sprach er: könnet ihr mir einen bessern geben / den will ich annehmen. Er wuste von GOtt so viel / als ein Wolf. Es war erbärmlich den Menschen [353] anzusehen / und anzuhören. Wir baten und erhieltens /daß er loß ward: sonst hette er müssen brennen.

Kurtz zuvor / wars geschehen am selbigen Ort /daß ein Baur in deß Vogts Haus kam / aß da zu nacht. Nach dem er wol gessen und getruncken /fällt er plötzlich von der Banck hinter sich / als wann ihn der Tropff schlüge / der Vogt / der das Ding / wie er meynte / verstund / ließ also ihn liegen unangerührt / hieß das Gesinde schlaffen gehen / morgends fand man vor der Stadt auff der Weide ein todt Pferd / war mit einer Sensen mitten von einander gehauen / die lag dabey / der Vogt ließ seinen Gast einziehen / der bekennet / er habs gethan / es sey eine Hetze da herum geflohen / wie eine Licht-Flamm / welchen die Wehrwölfe feind sind / und müssen sie verfolgen / nach der habe er gehauen mit der Sensen / da sie aber unters Pferd sich verbarg / das da gieng und grasete / sey der Hieb durchs Pferd gangen / also hat der Mensch bekannt / das er nicht gethan / sondern das ihm geträumet hatte / wie auch der Vorige; Jener lag mit Leib und Seel eingeschlossen / in dem Thurn / drum konte er nicht über zwantzig Meil daheim seyn: Dieser lag mit Leib und Seel die gantze Nacht in der Stuben / drum kunte er nicht draussen auff dem Felde seyn / daß er die That begienge / der Teuffel hats gethan / und es ihm so starck im tieffen Schlaff und Traum eingebildet / daß er gemeynt / und bekannt / es sey sein Werck / [354] ist drauf verbrannt worden; dermassen starcke Träume / Einbildung / und Melancholia / gibts insonderheit viel / in den Nordlichen und Mitternächtigen Orten / in der groben dicken Lufft dem Satan zu seiner Würckung bequem /darum sich auch daselbst mehr Leute / durch Schwermut und Bekümmernus / selbst entleiben /dann anderswo. Daß der Vogt verbot / den ligenden Gast anzurühren / geschahe der Ursachen /daß er glaubte / wie viel Andre / die Seele sey von solchen Leuten ausgefahren / und verrichtete die Dinge / die sie hernach bekennen / wann man sie aber unterdessen anrührte / so käme die Seele nicht wieder / und blieben sie todt. 25

Aber daß der Satan keines Weges vermöge / eines Menschen Seele / aus ihrem Leibe / hinweg- und wieder einzuführen / ist oben bereits angedeutet.

Georgius Sabinus / der berühmte und leicht-schreibende lateinische Poet / schreibt / es sey dem Hertzog Albrecht / in Preussen / ein Kerl von den Bauren /eingebracht / über welchen sie hefftig geklagt / daß er ihnen ihr Vieh verderbte / viel Stücke zerrissen und erwürgt hette. Das sollte ein häßlicher Mensch gewest seyn / im Gesicht voll Wunden und Narben / und da er ein Wehrwolf war gewest / von den Hunden hefftig gebissen seyn worden. Als ihn nun Etliche / auff Hertzoglichen Befehl / gefragt / wie es eigendlich darum wäre / [355] und damit zugegangen / soll er geantwortet haben; er würde / deß Jahrs zwey Mal zu einem Wolfe; ein Mal / um Weihnachten; das andre Mal /um Johannis / nach Pfingsten; um selbige Zeit / würde er gar verwandelt / und müsste alsdann / wie ein andrer Wolf / im Gehöltze und wildem Walde / unter /und mit andren Wölfen / herum lauffen / auch / gleich denselben / wüten / und niderreissen: Bevor ihm aber die Wolfs-Haare wüchsen / und er einen gantz rauhen Wolfs-Beltz am Leibe bekäme / befiele ihn vorher grosser Schrecken und Traurigkeit / welche er / am gantzen Leibe / empfünde: Man habe es damals / vor Erst / so dahin gestellt seyn / und dabey beruhen lassen / biß auff weiteren Bescheid; nachmals aber mehrern Grund davon verlangt / und prüfen wollen / ob nicht vielleicht ein Betrug / und falsche Einbildung darunter begriffen seyn mögte; solchem nach den Kerl eine gute Zeit im Gefängniß behalten / und den Loch-Hütern ernstlich befohlen / genaue Achtung auff ihn zu geben / und fleissig drauf zu mercken / ob er seiner Aussage nach / auf berichtete Zeit / zum Wolfe würde. Welches aber ausgeblieben / und er / nach wie vor / in seiner häßlichen Bauren-Haut / beharret ist. 26

Olaus Magnus, zu dessen Lebzeiten solches vorgegangen / berührt es gleichfalls; aber mit diesem irrigen Anhange / daß der Bauer sich / in der Gefängniß /in einen Wolf verändert habe / auch hernach darauff /zur Straffe der Zauberey / auf einem Scheiterhauffen /sich in Asche verändern müssen. [356] Er muß aber / von Weitem / hierinn / übel berichtet worden seyn. Denn Georgius Sabinus / welcher damals doch selbst in Preussen gelebt / schreibt das Widrige; nemlich / der Bauer sey ein Bauer / und in eben derselbigen abscheulichen / Gestalt / darinn er zum Gefängniß eingetreten / ohn einiges Zeichen äusserlicher Veränderung / oder Gestalt-Wandlung / verblieben.

Unterdessen ist gewiß / daß der Teufel / welchem dieser Bauer gefrohnet / an stat deß Bauren / das Vieh zerrissen / nachdem er deß Bauren Begehren und Willen hinweg gehabt / und demselben fälschlich eingebildt / als ob er / der Bauer / würcklich ein Wolf würde / der die Schafe todt bisse.

Eine fast gleiche Probe erzehlt der vortreffliche /und welt-berühmte Medicus / Sennertus / aus dem Munde eines fürnehmen Manns / mit diesen Umständen:

Nachdem man ein gewisses Weib / auf Anzeigung /daß sie sich zum Wolfe verwandelte / gefänglich eingezogen / und Sie solches auch selbst hatte gestanden; hat der Magistrat ihr zugesagt / das Leben zu schencken / wann sie dessen würde eine Probe thun. Da sie / nun solches zu thun / versprochen / wann sie nur ihre / dazu bedürfftige / Salbe zur Hand hette; hat man dieselbe / aus ihrem Hause / geholt / und ihr gebracht. Womit sie dann den Kopff / den Hals / die Achseln / und andre Glieder deß obern Leibs / geschmiert / bald hernach aber / in Gegenwart deß Magistrats / nidergefallen / und von einem tieffen Schlaff befangen worden. Nach dreyen Stunden aber / ist sie gähling wieder aufgestanden / und / nachdem man gefragt / wo sie / unter [357] der Zeit / gewesen? und / was sie unterdessen gemacht hette? hat sie geantwortet / sie wäre verwandelt worden / in einen Wolf / hette nahe bey einer / etliche Meilen von dannen gelegenen Stadt / erstlich ein Schaf / hernach auch eine Kuh / zerrissen.

Solches nun in Erfahrung / ob sichs also in der That verhielte / zu bringen / hat man / bey dem Magistrat selbiges Orts / Nachfrage gethan / und vernommen / daß dem freylich also / und ein solcher Schade /unter der Heerde / würcklich geschehn wäre.

Daraus denn Sennertus / und zwar / mit guter Vernunfft / schliesst / es habs der Teufel / im Namen dieser Hexen / indem dieselbe im festen Schlaf gelegen /verrichtet / und ihr / im Schlaffe eine solche Phantasey oder Vorstellung gemacht / daß sie sich selbsten /für die Thäterin / gehalten. 27

Solches Sennertisches Urtheil / kann bestetigt werden / durch folgends / was Frommannus erzehlt; daß nemlich / seines sicheren Wissens / vor etlichen Jahren / eine Hexe bekannt habe: Der böse Feind hette sie / vorm Jahr / zu einer Fliegen gemacht / daß sie in U.K. Haus fliegen / und die Suppe vergifften müssen / mit gelbem Gifft / so der böse Feind ihr gegeben: die Leute aber hätten die Suppe nicht gar ausgessen / daß also ihnen nicht geschadet. Vor zweyen Jahren hette er sie auch zu einer Drosel gemacht / daß sie nach N. fliegen müssen / [358] mit blauem Gifft / so sie über den Korn-Flor herblasen müssen. 28

Also ist diese vermeynte Fliege oder Mucke / (diese Trude / meyne ich) im Schlaff und Traum / durch eine starcke Einbildung / vom Satan / bethört und verführt worden / zu gläuben / sie wäre / vom Satan / würcklich / in eine Fliege / verwandelt: da doch eine solche Verwandlung eines so grossen Körpers / zu einer Mucken / oder zu einer Drossel / dem Teufel allerdings unmöglich fällt.

Beym Augustino / kommt / eine / nicht gar ungleiche / Begebenheit vor. Einer / mit Namen Præstantius, berichtete / es wäre seinem Vater widerfahren /daß er ungefähr etwas deß Giffts (oder zaubrischen Gemisches / womit die Hexen / der gemeinen Sage nach / die Leute in Thiere verkehrten) zu sich genommen / und darauf in seinem Bette / als wie schlummerend / gelegen / hette aber auff keinerley Weise ermuntert werden können: Nach etlichen Tagen sey er auffgewacht / und habe gleichsam wie lauter Träume erzehlt / was er Alles gelitten hette; nemlich er wäre zum Pferde worden / und hette / unter andren beladenen Rossen / den Soldaten müssen das Getreyde (oder Proviand) zutragen. Wie man dann auch nachmals erfahren hat / daß solche Zufuhr für die Soldatesca würcklich damals geschehen wäre.

Uber das gedachte er auch / er hette / zu Nachts / in seinem Hause / ehe denn er ruhete / gesehn / daß ein /ihm aufs allerbeste bekandter / Philosophus zu ihm käme / und ihm einige Platonische Sachen erklährte /weiche [359] er ihm vor dem nicht erklähren wollen / ob er ihn gleich darum gebeten. Als man aber denselbigen Philosophum gefragt / warum er ihm hiemit / in seinem Hause / nun gewillfahrt / da er ihm doch in seinem selbsteigenem (nemlich deß Philosophi) Hause /als er ihn daselbst drum ersuchte / solches abgeschlagen hette; hat derselbige gesagt: Ich habs nicht gethan; sondern mir hat geträumt / als ob ichs thäte. Also ist dem Einem / durch eine phantastische Bildung / bey wachenden Augen / vorgestellt / was der Andre / im Schlaff / gesehn. Und bestetigt Augustinus die Gewißheit dieser Geschicht / indem er endlich hinzu setzt / er habe dieselbe nicht / von unglaubwürdigen Leuten / sondern von solchen / vernommen / welche ihm / seiner gäntzlichen Versicherung nach /keine Unwarheit vorgebracht. 29

Unterdessen werden solche Zaubrer gleichwol nicht allemal / durch Träume / nur so überredet und geäfft /als ob sie / in Wölfe / vergestaltet würden: denn die Erfahrung / daß sie offtmals / unter solcher / vom Satan erkünstelten / Bildung / in der Einbildung / als ob sie recht natürliche Wölffe geworden / recht würcklich umher lauffen / und so wol Menschen / als Vieh / anfallen / ist häuffig / und von vielen nicht allein privat-Leuten / sondern auch gerichtlichen Beamten / wie auch durch die verübte Bosheiten / mehr /als zu viel / beglaubt.

Sie haben aber ihre / von ihrem schwartzen Meister / gesetzte Zeiten / im Jahr / darinn sie solche Wolfs-Gestalt annehmen / und auff den Raub auslauffen: wiewol sie nicht eben alle Mal die Leute / sondern allein das Vieh / beschädigen dörffen.

[360] Olaus Magnus berichtet / in Preussen / Lieffland /und Lithauen / geschehe es sehr offt / daß solche böse Leute / gegen der H. Christ-Nacht / an einem bestimmten Ort / in gewaltiger Menge / zusammen kommen / und allda in Wölffe verwandelt werden; alsdann / in derselbigen Nacht / mit verwunderlicher Wüte /beydes Menschen und Thieren zusetzen / die Häuser anlauffen und auffbrechen / in die Keller gehen / das Bier auszusauffen / oder die Bier-Fässer hinweg tragen: zwischen Lithauen / Samoiten / und Curland /sey eine Wand von einem alten eingerissenem Schloß / zu seiner Zeit gestanden / bey welcher jährlich etliche tausend / zu gewisser Zeit / sich versammlet / und Jedweder seine Hurtigkeit im Springen versucht habe: Diejenige / welche nicht über solche Wand springen können / seyen von ihren vorgesetzten Befehlhabern /mit einer Peitschen geschlagen. Das Mittel aber / wodurch sie zu Wölffen verkehrt werden / soll dieses seyn / daß sie einen mit gewissen Worten beschwornen oder verhexten / Becher austrincken. Welches ein Anzeigen / daß es nicht alle Mal / vermittelst der sonst gewöhnlichen / Zauber-Salbe / geschicht.

Bey eben diesem Olao / lieset man / daß auch in den nechsten Tagen nach Weihnachten (in den Zwölffen / pflegt mans / in Teutschland / zu heissen) ein hinckender / und an dem einem Fuß lahmer /Knabe herum gehe / solche Teufels-Sclaven / derer ungläublich viel seynd / zusammen zu ruffen / und ihnen befihlt / daß sie ihm folgen sollen. Säumen sie dann / oder verziehen zu lange / so kommt bald darauf ein langer Kerl / mit einer Geissel aus eisernen [361] Riemen / die sich aber beugen lassen; hauet damit auf sie zu / und treibt sie also fort / daß sie eilends müssen gehen. Derselbe soll die elende Tropffen so hart geisseln / daß ihnen / weder die blutrünstige Narben /noch die hefftige Schmertzen / in langer Zeit / entweichen. So bald sie sich aber / zur Folge / bereiten /scheinet ihnen die vorige Gestalt zu verschwinden /und die Wölfs-Bildung sich einzustellen.

Also kommen dann etliche tausend bey einander. Der Führer mit der eisernen Geissel geht vorher: und das Heer derer / die sich / in Wölfe verwandelt zu seyn / gläuben / folgt ihm nach.

Nach solcher Ausführung / fallen sie das Vieh / so ihnen begegnet / an / erbeissen und zerreissen es; und rauben / was sie können; thun auch allerhand andren Schaden. Menschen aber dörffen sie alsdann nicht anrühren / noch verletzen.

Wann sie / zu einem Fluß / kommen / theilt der Führer / mit seiner Geissel / das Wasser / daß es von einander zu weichen scheint / und den trucknen Boden hinterlässt: damit sie / ungenetztes Fusses / mögen hindurch gehen.

Nachdem aber zwölff Tage verflossen / zerstreuet sich das Heer auseinander / und kehrt ein Jedweder wiederum zu seiner menschlichen Gestalt. 30

Diesem Scribenten / dem Olao M. will zwar / von Manchem / bißweilen nicht allerdings geglaubt werden: aber es mangelt nicht / an Andren / [362] welche ihn hierinn secundiren / und glaubfest stellen. Unter denen Bodinus: welcher schreibt / es hetten ihn glaubwürdige Handels-Leute / und Aug-zeugen / vergewissert / daß es bey seiner Lebzeit / in Lieffland / geschähe. So hat ihms auch der Hertzoglich-Sächsische Agent beym Könige von Franckreich Languetus Burgundus, bestetigt: und Er es auch / in einem / ihm communicirtem / Schreiben eines Teutschen / an den Connestabel von Franckreich / gelesen. 31

Dieses erstarcket auch / durch den Bericht Gasparis Peuceri: Welcher sich vernehmen lässt / es seyen ihm sothane Verwandlungen zwar allezeit fürgekommen / wie Mährlein; aber / von dem an / daß viel Leute / so in Lieffland ihren Gewerben nachgezogen /ihm die Nachricht gegeben / es wären sehr viel solcher Unmenschen deßwegen / daß sie / in Gestalt der Wölfe / Andren Schaden gethan hetten / peinlich angeklagt / überführt / und nach ihrer Bekenntniß / zum Tode verurtheilt / habe er es müssen gläuben.

Fußnoten

1 Herodot. lib. 4.

2 Pausan. lib. 6. El.

3 Virgil. in Eclog.

4 Plin. lib. 8. Natur. Histor. c. 22.

5 Plin. loc. s. cit.

6 Vid. Disputat. Thomasii de Transformat. Hominis in bruta §. 64.

7 Vid. Olaus M. Hist. de Gentib. septentr. lib. 18. c. 45.

8 Augustin. lib. 18. de C.D. 17. 18.

9 Cœl. Rhodigin. lib. 27. c. 12.

10 H. Mag. l. 4. c. 12.

11 Bulling. lib. 2. adversus Magos.

12 Bodin. lib. 2. Dæmonom. c. 6.

13 Boissard. de Magia c. 6.

14 In seinem Bedencken vom Blocksberge.

15 N. Remig. de Dæmonolat. lib. 2. c. 15.

16 Spondan. in Homeri Odyss. l. 10.

17 Binsfeld. de Confess. malefic. Conclus. 3.

18 Petr. Thyræ. lib. 2. de Apparit. Spirituum c. 15.seqq. usque ad c. 24.

19 Del-rio lib. 2. Disquisit. Magic. lib. 2. Quæst. 19. p. 207. seq. & alibi passim.

20 Del-rio lib. 2. Disquisit. Magic. Quæst. 19.

21 Olaus M. in fine libri 18.

22 Joannes Bodin. lib. 2. Dæmonol. cap. 6.

23 Boethius de Consolat. Philosoph. lib. 4. Pros. 3.

24 Augustin, l. 18. de Civ. D.c. 8.

25 Lerchheimerus / in seinem Bedencken von dieser Frage apud Dedekinn. Vol. II. Consilior. f. 434.

26 Georg. Sabinus, in lib. VII. Metamorphos. Ovidii.

27 Sennertus de Morb. occult. lib. 6. part. 9. cap. 5.

28 D. Frommannus lib. 3. de Fascinat. Magic. Sect. I. c. 6. p. 578.

29 S. Aug. l. 18. de C.D.c. 8. & 17.

30 Vid. Olaus M. lib. 18. Rer. Septêntrional. c. 45 & 47.

31 Bodin. l. 2. Dæmonol. c. 6.

35. Die Circoeische Wandlung

[363] XXXV.

Die Circœische Wandlung.

Nicht Alles / was unserm engen Vernunfft-Maß nicht eingeht / lässt sich deßwegen / für ein blosses Fabelwerck / verkauffen. Ein höherer Verstand kann viel künstlen / oder ersinnen / das der nidrige nicht fasst. Der Adler und Habicht sehen schärffer / als die einfältige Täublein. Also kann sich auch die Ersinnung eines Engels / weit über allen menschlichen Begriff /schwingen / und solche wunderbare Sachen vorstellen / deren Grund unser Vernunfft-Auge / in der Natur /nicht erblickt: wann sie gleich / durch Hülffe der Natur / verrichtet werden.

Solches findet sich auch / bey vielen wunderseltsamen Blendungen / und künstlichen Triegereyen deß verschmitzten Geistes der Finsterniß: Ob die Art und Weise ihrer Vermittlung unsren Sinnen gleich zu subtil und unerreichlich: können wir darum nicht gleich den Handel selbsten den blossen Einbildungen melancholischer Leute / oder den leeren Rocken-Mährlein /beyrechnen: Wie zwar gantze Parlementen und Gerichte / in Franckreich / so wol / als auch einige ansehnliche Aertzte / gethan: Welche alle Zauber-Künste / für blossen Wahn-Betrug / und insonderheit die zaubrische Schein-Wandlung der Menschen in Wölfe / Esel / oder Pferde / für eine purlautere Phantasey und Melancholey / geachtet.

[364] Daß eine gewisse Kranckheit dergleichen Eigenschafften bey sich führe / und ihren Patienten / mit einer festen Einbildung bethöre / als sey er / zu diesem oder jenem Thier / verwandelt / und habe die Gestalt eines Rosses / oder Wolfs / oder einer Katzen /gewonnen; lässt man ungestritten: Wer wollte / wider so viel beschriebene / und täglich vorgehende Exempel / den Mund aufthun? Aber daß auch die Verwandlung der Zaubrer in gewisse Thier-Gestalten / nur auf blossem Wahn der Melancholey / beruhe / geht der vielfältigen Erfahrung / und auch der Vernunfft / zuwidern. Denn wann die Melancholey solche thierische Mißgestalten / in dem menschlichem Gehirn nur /ausbrütete; würden solche Melancholisirende / ihrer selbsteigenen Einbildung allein / nur so fürkommen /und nicht andre Leute eben so wol sie / für solche Thiere / alsdann ansehn: zudem würde die blosse melancholische Einbildung nicht / unter deß Nachbarn Vieh / so viel Schaden und Raub stifften / wie die bösen Leute thun / welche in (äusserlicher / und vom Satan ihnen angekünstelter) Gestalt wilder Thiere herumlauffen / Menschen / und Vieh zu beschädigen.

Daß die Verwandlung würcklich geschehe / will ich gleichwol hiemit nicht gemeynt haben; sondern nur dieses / daß die Schein-Wandlung kein leeres Geschwätz sey; nemlich die Teufels-künstige Vorstellung eines Thiers / an stat eines gegenwärtigen oder abwesenden Menschens. Welche Vorstellung kein solches Lehr-Geticht ist / wie die Circœische Wandlungs-Rute; sondern in vielerfahrener Gewißheit besteht.

[365] Ich gedencke hiemit weder Alles für gültig zu erkennen / noch für ungültig / was die Alten / von dergleichen Gestalt-Wechslungen / geschrieben.

Vincentius, der von Wundern / und Abentheuren /viel Wunders macht / und ein besondres Werck zusammen getragen / berichtet / aus dem Guilhelmo Malmesberiensi; daß / in Teutschland / zwo zaubrische Wirthinnen gewest / welche beyde die Teufels-Kunst gewusst / reisende / und bey ihnen zur Herberge einkehrende / Leute / so offt sie gewollt / in Thiere zu verwandeln: die sie hernach denen Kauffleuten /die aber von solcher Verwandlung keine Wissenschafft hatten / um ein gewisses Geld verkaufften. Da nun einsmals auch ein junger Mensch / bey ihnen /sein Quartier genommen / der von Komedien-spielen seine Nahrung erwarb / haben sie denselben / durch ihre Zauberey / alsofort in einen Esel / verbildet / der /mit hurtiger Reg- und Bewegung der Glieder / und durch mancherley Geberden / die er / bey gesunder Vernunfft / an sich blicken ließ / den Zusehern grosse Lust und Verwunderung erweckte. Gestaltsam deßwegen ein Nachbar diesen Hexen ein grosses Stück Geld / für den Esel / geboten; damit er seine Kurtzweil und Spaß / an demselben / haben mögte. Welche ihm den Esel auch überlassen / doch diese Warnung dabey gegeben haben / daß er denselben nur nicht sollte ins Wasser gehen lassen.

Solches hat zwar der Käuffer fleissig / eine lange Zeit / beobachtet / und den Esel / eine gute Weile /von dem Wasser / wegbleiben lassen / endlich [366] aber doch ein Mal aus der Acht gestellt / also / daß der Esel / in den nechsten See / gegangen / und so bald er die Füsse drein gesetzt / gleich alsofort seine vorige Menschen-Bildung wieder gewonnen. Worauf der zulauffende / und den verschwundenen Esel suchende /Knecht / ihn / der ihm ungefähr eben begegnete / gefragt / ob er nicht hette irgendswo seinen verlohrnen Esel gesehn? Welchem er antwortlichen Bericht gegeben / er sey der Esel gewest. Solches lässt der Herr deß Weiland-Esels zur Stunde / als ein grosses Wunder / dem Papst zu Ohren gelangen. Dem es anfangs wunder-abentheuerlich vorgekommen. Dennoch hat es endlich Jedermann geglaubt / nachdem Petrus Damianus, der gelehrteste Mann seiner Zeit / geurtheilt / es könnte / nach dem Exempel Simonis Magi, gar wol etwas dergleichen geschehn. 1

Deusingius rechnet dieses hingegen / unter die Getichte / und gleichfalls die Abentheuren / so man dem Simoni Mago zugeschrieben / für nichts gewissers; oder daß dieses letzte aufs wenigste eine teuflische Blendung nur gewest / was in der Histori Clementis, wie auch beym Irenæo, Eusebio, und Egesippo, als welche bißweilen den Mährlein gar zu willig geglaubt hetten / von ihm erzehlt wird; nemlich / daß / alsNero, samt allem zuschauendem Volck / gemeynt /Simon / der Zauberer / wäre mit dem Beil enthauptet /er / durch die zaubrische Verblendung / dermassen betrogen sey / daß er nicht erkennte / wie / an Simons Stelle / ein Widder / unter der Gestalt deß Simons /geköpfft wäre; und sey es darüber so weit gekommen / [367] daß Simon / als wie Einer / so von dem Tode wiedergekehrt / am dritten Tage / für einen Gott geachtet / auch deßwegen ihm zu Ehren / vom Nerone, zu Rom / ein Bild aufgerichtet worden / mit der Uberschrifft / Simoni Mago Deo.

Wann nun gleich diese Historie vom Simone Mago, so viel die Augenverblendung betrifft / wahr seyn sollte; so ist doch / aus dem Simone Mago, kein Widder geworden / (spricht Deusingius) er ist / zu keinem solchem Thier / warhafftig verwandelt; sondern nur seine Gestalt / und äusserliche Bildung dem Widder anbequemt / auf daß der Widder / unter der ertichteten Gestalt deß Simons / mögte abgehauen werden.

Für gleiches Schlages und Spreuers schätzet er die Abentheuer / so nach Sprengeri Bericht / in Cypern /sich soll zugetragen haben: nemlich / daß ein junger Engländer / auf gleiche Weise / von einer Unholdinn /in einen Esel soll verwandelt seyn / und unter solcher Esels-Bildung / drey gantzer Jahre / in unmenschlicher Dienstbarkeit / allerley Nothdurfft der Haushaltung habe zutragen müssen; weil er aber dennoch bey Vernunfft unterdessen geblieben; man einsmals beobachtet habe / daß er / vor der Kirchthür / auf die Knie gefallen / und sich also bezeigt / daß man von einem unvernünfftigem Thier / dergleichen nicht vermuten können: Darüber sey endlich das Weib / so den Esel getrieben / in Verdacht und Verhafft gekommen / und nachdem sie / vor den Richtern / Alles bekannt / auch den Jüngling / durch ihre Kunst / [368] wiederum / zu menschlicher Gestalt / gebracht / am Leben gestrafft worden. 2

Mir kommen zwar dergleichen Händel anderst nicht vor / als betriegliche Aug-Verblendungen; doch darum nicht gleich / wie Mährlein / oder blosse Getichte. Der Satan hat beydes den Hexen / und auch denen Verhexten / wie nicht weniger andren Leuten /solche Wandlung vorgestellt / durch einen Augen-Betrug: indem nichts destoweniger diejenige / welche also / dem äusserlichen Schein nach / in Rosse oder Esel / verstellet worden / eine Roß-Arbeit / ob gleich nicht unter gleicher Last / (denn ein Roß / oder Esel /trägt schwerer / als ein Mensch) dennoch würcklich verrichten müssen. Wiewol der Hexen-Geist / um sein Gauckel-Spiel nicht zu hindern / oder zu entdecken /vielleicht selber solchen verstelleten Personen zu der Bürde / wann diese gleich unmenschlich / und menschlichen Kräfften unerträglich fällt / sonderbare Stärcke mittheilt; wie er sonst Manchen / der sich ihm ergeben hat / übermenschlich-starck / und schier unbezwinglich / machet. Denn daferrn oberzehlte Abentheuren sich nur / in dem Gehirn müssiger Mährlein-Schreiber / formirt hetten: würde man nicht / zu allen Welt- und Lebzeiten / davon etliche verzeichnet / und der Nachkömmlingschafft nachrichtlich hinterlassen haben: zumal weil man nicht nur schier in allen Jahr-hunderten / sondern auch / in unterschiedlichen / weit voneinander entferrnten / Ländern / davon geschrieben.

[369] Will man dem Luciano, und Apulejo gleich nicht glauben / daß sie / von den Larissœischen Zauberinnen / zu Eseln verwandelt worden / als sie eben darum zu ihnen gekommen waren / daß sie erfahren mögten /ob dem also / wie das Gerücht sagte / daß Menschen in Esel verkehrt werden könnten: so gebricht es gleichwol nicht / an andren Scribenten / welche mehrern Credits würdig / und solche abentheuerliche Schein-Wandlung beglauben.

Ich nöthige Niemanden / dem Verfasser deß heiligen Macarii Lebens seine Beypflichtung unverweigerlich zu verhuldigen / wann derselbe erzehlt / es habe Einer / auf eine eheliche Bäurinn Ehbruchs-volle Augen geworffen / und gern mit ihr buhlen wollen; weil sie aber seinem unzüchtigem Verlangen zu willfahren sich geweigert / einen Zaubrer ersucht / der entweder ihren Mann ums Leben bringen / oder das Weib gegen ihm verliebt machen / sollte: Worauf der Trudner die Bauren-Frau / in ein Mutterpferd / verwandelt / dafür sie auch / so wol von ihrem Mann /als von den Jüngern Macarii, zu welchem man sie hingeführt / (äusserlich) angesehn worden. (Wiewol ich keine Ursach finde / solches eine Fabel zu schelten.)

So fordre ich auch von Niemanden / daß er Alles /was Saxo Grammaticus schreibt / für lauter Glaubens-Articul erkenne: gleichwie hingegen Niemand /mit Fuge / von mir fordren kann / daß ich dieses gleich / von wahren Geschichten / auswerffe / was nicht allein er / sondern auch Crantzius, erzehlt: Wie nemlich Frotho, König [370] in Dennemarck / als er das Haus einer Zauberinn zerstöhren wollen / und deßwegen Etliche vorangeschickt / welche das Weib / samt ihren Kindern / greiffen sollten; Sie aber / die berühmte Hexe / sich in ein Pferd verwandelt / bald hernach aber / als der König selbst angelangt / die Gestalt einer See-Kuh angenommen / und auch ihre Söhne in Kälber verbildet habe; in welcher Gestalt sie / am Ufer deß Meers / herum geschweifft / und Weide gesucht: Biß der König / auf diese Meer-Kuh / und ihre Kälber / einen Argwohn bekommen / denselben nachstellen / und die Wiederkehr zum Meer abschneiden lassen; auch selbst hingefahren / dieselbe zu sehen / endlich vom Wagen gestiegen / und sich auf die Erden nidergesetzt: Worauf die Mutter die Hörner auf ihn gespitzt / und ihm einen Stoß in die Seiten versetzt / davon er gestorben; seine Soldaten aber diese Meerwunder mit Pfeilen durchschossen / und /nach Erlegung derselben / wahrgenommen / daß die Leiber derselben menschlich / die Köpffe aber thierisch wären. 3 Welche der Satan vielleicht diesem Hexen-Gesinde / mit geschicklich-anbequemten Häuten von Thierköpffen / überzogen gehabt.

Ich stelle Jedwedem zur Beliebung / solcher Erzehlung Glauben zu geben / oder zu entnehmen: meines Theils aber / sehe ich mich gleichwol auch nicht gezwungen / solches / und dergleichen / für gewisse Getichte anzunehmen: denn von solcher Meynung werde ich abgehalten / durch diese folgende Begebenheit /welche mir ein fürnehmer Herr [371] beglaubt / und vor wenig Jahren / in dem Hertzogthum Cräin / sich würcklich zugetragen.

Eine Frau / die viel edler von Geblüt / als von Gemüt / sich befunden / ist ein Mitglied einer sehr unedlen Gesellschafft worden / nemlich der Hexen-Versammlung / die einen Christen aller adlichen Ehren seines Christenthums entsetzt / und / nebst andren Bocks- oder Gabel-reiterinnen / mit ausgefahren /zum Truden-Tantz; doch weder auf einem Bock /noch Stock / noch Besem / noch Gabel; sondern / auf einem vernünfftigem Roß; nemlich auf ihres Herrn Reitknecht. Welchen sie / indem er im Schlaffe gelegen / aufgezäumt / und also / auf ihm davon geritten /wie auf einem natürlichem Pferde. Denn so bald sie ihn aufgezäumt / hat er sich / in die Gestalt eines Rosses / verändert / sie aufsitzen / und sich von ihr reiten lassen müssen.

Nachdem aber der Knecht solches abentheurlichen Reuters / und auch deß ungesegneten Orts / da sie ihn hingeritten / überdrüssig worden; hat er sich einsmals / unter währendem Hexen-Reigen / abgezäumt. Und /als seine Frau wieder zu ihm getreten / in Meynung /ihn wieder heimzureiten / ist er behände zugesprungen / und hat ihr eben denselbigen Zaum angeworffen / womit sie ihn bißhero gezügelt / und zum Pferde verwandelt hatte. Weil sie nun alsofort hiedurch (dem Schein nach) zu einer Stutten ward; setzte er sich hurtig auf / und ritte / auf diesem seltsamen Post-Klepper / nach Hause: allda er es in den Stall gezogen.

[372] Deß Morgens gehet er hin / und verkündigt seinem Herrn / er habe / auf dem Felde / in den Schoden /eine schöne Stutte angetroffen / und mit sich heimgeführt in den Stall. Der Herr geht hin / die Stutte zu besehen; verwundert sich über derselben Schönheit höchlich; befihlt endlich dem Knecht / er solle sie abzäumen / und ihr ein Futter vorlegen. Wie aber der Knecht ihr den Zaum abnimt / verwandelt sie sich /Augenblicks / in seines Herrn Frau.

Hierauf hat so wol die Frau / als der Herr / dem Knecht hart eingebunden / daß er von diesem Handel nichts melden sollte; ihn auch / mit Verehrung eines guten Stück-Geldes / zum Stillschweigen verbunden. Aber solcher silberner Rigel war nicht starck genug /die Lippen-Thür fest genug zu schliessen: Die Schwätz-Lust hat ihm dennoch den Mund erbrochen /das Geheimniß ausgelassen / und ruchbar gemacht; wiewol nicht / durch offentliche Aus- oder Ansage vor Gericht; sondern nur bey einigen Bekandten: durch welche es nachmals noch weiter ausgebreitet worden. Obgedachter Herr aber / 4 der mir solches zugeschrieben / hat es / aus seinem eigenem Munde / gehört /nachdem er ihn darum gefragt.

Diesem nach hat man / an dergleichen Schein-Wandlungen / nicht zu zweifeln.

Fußnoten

1 Vincent. in Spec. lib. 3. c. 109.

2 Sprengerus Inquisitor, è Guilhelmo, Tyri Archi-Episcopo, citante Wolfshusio, in Oratione de Lycanthropia.

3 Saxo Grammat. lib. 5. Histor. & Cranzius lib. 1.Daniæ, c. 32.

4 Nemlich der Herr Baron Valvasor: In dessen Crainerischem Werck auch diese Abentheuer / von mir /ist mit angezogen worden.

36. Der mordende Zauber-Wolff

[373] XXXVI.

Der mordende Zauber-Wolff.

Der allererste Spruch / welchen der Teufel / zu den ersten Menschen that / war betrieglich. Sein heilloser Raht versprach ihnen eine Gott-Gleichheit: und als sie darüber das Göttliche Ebenbild verschertzten / kitzelte er sich damit / daß er sie in den Tod gestürtzt. Gleicher Gestalt untersteurt und futtert er noch heutigs Tages Alles aus / mit Täuscherey / was er / mit gotts-vergessenen Leuten / verabredet / treibt sein Gespött daraus / daß er sie bey der Nasen herum führt / und grosse Wunder / aus ihnen / zu machen / verspricht /indem er sie / in den allerverächtlichsten Zustand versencket. Er druckt ihnen den falschen Wahn ein / als ob es was Grosses sey / daß sie sich / nach Belieben /in dieses oder jenes Thier, verstellen können / und betriegt sie unterdessen doppelt. Denn was er ihnen / für was Grosses einbildet / das ist vielmehr ihre Verkleinerung: sintemal es dem Menschen / ein Wolf / Pferd / Hund / Esel / oder Katze / zu werden / noch viel weniger Ehre bringt / als ob ein Fürst zum verächtlichsten Sclaven / ja gar zum Kloakenfeger würde. Und überdas ergetzet er sie noch dazu nur / mit falscher Einbildung: weil sie keines Wegs / durch seine Hexen-Künste / aus der menschlichen / in eine thierische Natur / versetzt / noch mit einem Thier-Körper beleibet werden können. [374] Welches so gewiß / daß er nicht ein Mal ein einiges Bluts-Tröpflein / oder sonst dergleichen etwas von einem Thier-Körper / hervorbringen kann / noch einige Substantz / in ein rechtes Blut / verändern / ohne Hülffe und Vermittelung eines / von GOtt erschaffenen / Thiers. Wie viel weniger wird er dann einen Menschen zum Thier wesendlich umformen!

Aber damit / daß sie solches dannoch glauben / und sich von ihm gecken lassen / treibt er seinen Spaß /und spottet Ihrer heimlich bey sich selbsten / indem er sie also narret / als der Meister in aller Spötterey /und der allergrösseste Spott- und Späh-Vogel in der Welt.

Solches kann / aus diesem Exempel / erhellen; welches der gelehrte Medicus, Antonius Deusingius, mit diesen wiewol von mir verteutschten / Zeilen / erzehlt.

Als / vor etlichen Jahren / der Teufel / in einem Cölnischem Nonnen-Kloster / alle Jungfrauen desselben / mit seiner unsaubren Zauberey / angesteckt / und besessen hatte / also / daß der meiste Theil derselben auch darüber endlich verbrannt wurde / (Immassen solche Geschicht damals / als gedachter Deusingius ein Tractätlein / de Lycanthropia, hat drucken lassen / annoch in frischem Andencken gewest / und durch unzeh lich- viel Aug-Zeugen / die / zu deß Authoris Zeiten / annoch nicht gar alt gewest / beglaubt worden) hat der böse Feind gemacht / daß aus einem Crucifix / eine Zeitlang / Blut / und zwar ein recht warhafftes / Blut geflossen. Darüber [375] verwunderte man sich zum hochsten / und schien solches bluten / bey manchen Einfältigen / (dafür der reformirte Author Abergläubige setzt) einen grossen Eyfer in der Religion / oder Andacht / zu erwecken. Als aber deß Satans Gauckel-Spiel und Betrug endlich hervorbrach / und entdeckt wurde /hub der Ertz-Bösewigt / aus den besessenen Nonnen / über die Thorheit der armen einfältigen Leute / ein spöttisches Gelächter an / daß sie / an stat deß Bluts unsers Heilands / ein Hunds-Blut /andächtigst verehrt / und schier angebetet hetten; und zeigte selber einen geheimen Winckel in der Stadt an / dahin er viel erwürgte Hunde zusammen geschleppt / von welchen er das Blut genommen hatte / um damit ein falsches Miracul zu machen. Also hat er zwar hierzu deß Hund-Bluts sich bedienen müssen; doch gleichwol dasselbe /in kein Menschen-Blut / verwandeln / noch die Hunde / nach entzogenem Blut / beym Leben erhalten / noch dieselbe / nachdem sie verreckt wären / wieder lebendig machen können. 1

Ob / mit dem Crucifix zu Goa / welches / nach Erzehlung deß Ehrwürdigen Vaters Philippi à SS. Trinitate Carmelitæ Discalceati, vor vier und funfftzig Jahren / nemlich am achten Februarii 1636 / aus dem Haupt häuffig Blut fliessen lassen / auch die Augen geöffnet / den Kopff bald nach dieser / [376] bald nach jener Seiten / gekehrt / und allerley wunderliche Bewegungen gemacht / auch damit biß in den May selbiges Jahrs / immerzu angehalten / der Satan die täglich-zulauffende Zuschauer gleichfalls also geäfft /oder der Himmel dadurch eine Vorbedeutung deß erfolgten Unglücks gegeben habe / lasse ich / ungeschlossen / in dem Zweifel stecken: Denn es ist / bald darauf / das Kloster / in dessen Kirchen solches Crucifix gestanden / im Feuer aufgegangen. 2

Dieses nun zwar ausgestellt / so ist unterdessen doch gewiß / daß dieser Hunds-Blut-Künstler / mit der fürgegebenen Wandlung / auf mancherley Art / so wol denen so genannten Wehrwölfen selbsten / als andren Leuten / denen solche vermeynte Wölfe begegnen / die Augen / samt der Einbildung dergestalt verführt; daß er die menschliche Gestalt solcher Zauberer unsichtbar macht / und hingegen dieselbe beydes ihren eigenem und fremdem Gesicht / in Gestalt eines Wolfs / vorstellet / oder auch / durch andre Mittel /die ich / unter dem Titel der Wehrwölfe / schon erzehlt habe / solche Wolffs-Bildung meisterlich erkünstle; nichts destoweniger aber dennoch entweder /durch einen natürlich / von ihm angetriebenen / Wolf / oder durch die / mit einem Wolfsbalge überzogene /oder bloß nur unsichtbarlich beyher lauffende / verfluchte Zauberer / manches Unglück anrichte / Vieh und Menschen umbringe.

[377] Einen leswürdigen Verlauff hat hievon Johannes Wierus, unter vielen andren / aufgesetzt / von zweyen Trüdnern / Namens Peter Bourgot, und Michel Verdung, mit folgenden Umständen.

Am letzten Christmonats-Tage 1521 Jahrs / hat besagter Peter oder Pierre Bourgott, gegenwarts vieler Zeugen / bekannt / daß ungefähr vor neunzehen Jahren / als in der Stadt Pouligny Jahrmarckt gewest / ein so starcker und stürmischer Platzregen gefallen / daß nicht allein der Jahrmarckt zerstört / sondern auch das Vieh / welches er damals gehütet / voneinander zerstreuet worden / also gar / daß man nicht gewusst /wo mans suchen sollte. Als er nun deßwegen / mit andren Landleuten / hingegangen das Vieh / hie und da / aufzusuchen / und wieder zu versammlen / seynd ihm / seiner ferneren Aussage nach / drey schwartze Reuter / in schwartzen Kleidern / begegnet; unter welchen der letzte ihn gefragt: Freund! wohinaus? Scheint / der Kopff sey dir nicht allerdings wol aufgeräumt / sondern habst ein Anligen.

Er / der Peter / antwortet: Ja! das ist wahr: Und kommt daher / weil der ungestümlich-wütende Platzregen mir das Vieh voneinander geschreckt /und flüchtig gemacht / also / daß sichs gantz verloffen / und verlohren: Und weil ich kein Mittel noch Weise ersehe / dasselbe wieder zu bekommen / gebe ich den Mut gantz verlohrn.

[378] Der Reuter tröstet ihn (O deß leidigen Trösters!) spricht / er solle sich zu frieden geben; und verspricht / so ferrn er ihm nur werde Treue geloben / oder Glauben geben / wolle er ihm einen Lehrmeister schencken / der ihn also könnte unterrichten / daß hinfort ihm kein Vieh weder vom Wolfe / noch andrem reissendem Thier / angefallen würde / noch einigen Schaden empfinden / noch einiges Stück davon mehr umkommen sollte. Und damit er ihm ein desto bessers Hertz (oder vielmehr schlimmers) machte / gelobte er ihm /auch alles verlohrne Vieh wieder zu schaffen / also /daß kein einiges sollte daran mangeln. Uberdas hat er ihm auch verheissen / Geld zu geben.

Dieser schlägt es nicht aus / sondern verspricht /nach vier oder fünff Tagen / wiederum daher zu kommen / an eben diesen Ort / da sie miteinander hievon geredet.

Hiernechst geht er / in Gesellschafft der Dorffleute / weiter fort / das Vieh zu suchen: und kehrt / vier Tage hernach / wieder an den Ort / da er den Reuter gesprochen hatte: welcher sich auch daselbst wiederum antreffen ließ / und bald von ihm erkannt ward.

Jener fragte / ob er (der Peter) sich nunmehr bedacht / und / ihm zu dienen / entschlossen habe? Dieser thut eine Gegen-Frage / Wer er dann sey? Jener antwortet: Ich bin ein Knecht deß grossen höllischen Teufels. Aber du darffst dich nicht fürchten.

Da saget der Peter ihm seinen Dienst zu / mit diesem Bedinge / daß er gleichfalls auch seine [379] Zusage halten / und ihm das Vieh bewahren / auch die verheissene Gutthaten würcklich erweisen sollte.

Der schwartze Reuter begehrt hierauf / er solle GOtt / der heiligen Jungfrauen Marien / allen Heiligen / und Einwohnern deß Paradises / absagen / daneben auch seinen Tauff-Bund / und den Chrisam / wieder aufkündigen. Wie solches geschehen / reicht ihm der Reuter die lincke Hand zu küssen; welche schwartz / und gleichsam todt / auch eyskalt war. Daran der verwigte Mensch billig hette mercken sollen / daß er / durch diese verfluchte Huldigung / sich /aus der Hand GOttes / als der Hand deß Lebens / in die Hand deß ewigen Todes / begäbe / und einen üblen Tausch träffe. Hiernechst fiel er auf die Knie /um dem Satan seine demütige Ehrerbietung zu erweisen / und nannte ihn einen Herrn. Welcher ihm auch verbot / daß er hinfüro die Glaubens-Bekenntniß nicht mehr sprechen sollte.

Also ist er von dem an / in Diensten deß Teufels /verblieben / ungefähr zwey Jahre / und niemals eher in die Kirche gekommen / als biß die Messe schier zu Ende / oder nur nach der Consecrirung deß Weihwassers; womit ihn der Teufel unbesprengt wissen wollen: und solches hatte ihm auch sein zugegebener Lehrmeister eingebunden: dessen Name ihm damals noch unbewusst gewest; wiewol er nachmals ihm angezeigt / daß man ihn Moyset hiesse.

Unterdessen ward Peter dennoch nicht unterrichtet /wie er das Vieh beschirmen könnte: sondern [380] es schien der Teufel solches Amt selber zu verrichten / wann sich bißweilen die Wölffe sehen liessen. Welche alsdann der Heerde keinen Schaden thaten: Denn der Seelen-Wolf kunnte die Vieh-Wölfe leicht abhalten; deren er einen gantzen Wald voll / auf Eins / ohne Mühe fahen / oder erwürgen / würde / wann er nur eine einige Seele dadurch mögte gewinnen. Also legte dieser unbesonnene Hirt sich selbsten einem viel gefährlichern Wolffe in die Klauen / indem er sein Vieh / für dem natürlichen Wolffe / versichern wollte / und gab das Grösseste / für das Kleinste / so liederlich hin!

Nachmals aber / da man ihn deß Vieh-hütens erlassen / hat er sich deß Teufels nicht viel mehr geachtet; sondern die Kirche besucht / auch die Glaubens-Articul gebetet / von acht biß in die neun Jahre.

Aber der alberne Tropff verstund deß Satans Weise noch nicht / daß nemlich derselbe ihn noch / an einem langen Seil / heimlich verstrickt hielte / durch Unbußfertigkeit / und Sicherheit; und daß er / wie ein hungriger Leu / dem Raube arglistig nachschliche.

Nachdem der Satan diesen von ihm in etwas / doch nicht gäntzlich / entferrnten Vogel so viel Jahre ungehindert herum schweben lassen; hat er ihn endlich wiederum / durch einen Verführer / Namens Michel Verdung / an sich gezogen. Dieser redete einsmals /mit ihm / davon / am eben dem Ort / da sich Peter /vor neun Jahren / dem Satan verpflichtet hatte / und rieth ihm / er sollte [381] den Bund wiederum erneuern. Welches auch der Peter versprach; doch / mit Bedinge / daß sein Lehrmeister ihm / der Zusage gemäß / Geld verschaffen sollte.

Hierauf kamen sie in der Gegend bey Chastel Charton, zu Abends / in einem Walde / zusammen: da man andre Unbekandte zusammen lauffen / und einen Reigen halten sahe. In Jedwedes Hand / erblickte Peter eine grüne Kertze / die eine tunckelblaue Flamme gab.

Sonst ward ihm / von besagtem Verdung, auch dieses angetragen / daß / wann er nur daran gläuben würde / er ihm zuwegen bringen wollte / so leicht /behände / und schnell zu lauffen / als er immermehr verlangte. Welches Peter sich auch gefallen ließ; doch vorbehaltlich / daß man das Versprechen hielte / und ihn mit Gelde versähe. Michel versicherte / er wolle ihm Geldes übrig genug zuwege bringen.

Hierauf musste der Peter sich nackt ausziehen / und von jenem / mit einem bey sich habendem Geschmier / salben lassen. Wovon dieser sich alsobald in einen Wolff verwandelt schätzte / nicht wenig sich darob entsetzend / daß er sich vierfüssig / und rauhärig sehen musste. Er sagte / daß er hiernechst so schnell /wie der Wind / mit fortgeloffen; und daß solches anderst nicht geschehen können / als durch seines / ihn führenden / Meisters Würckung und Beystand; als welcher / bey solchem Auslauffen / immerzu neben ihm herfliegend / ihm gegenwärtig gewest und geholffen: wiewol er ihn nicht eher zu Gesicht bekommen / als biß er wieder in menschliche Gestalt versetzt worden.

[382] Der saubre Michel salbte sich gleichfalls / und ward alsdann / in seinem Lauff / so schnell fortgeführt / als er selber wünschte. Ja es kunnte das Gesicht /und der Augstrahl so geschwinde nicht folgen / als wie er dahin fuhr. Nachdem sie sothane Wandlung /eine und andre Stunde / erlitten; und von dem Michel wiederum gesalbt wurden / kamen sie Augenblicks wieder / zu voriger Gestalt.

Solche Salbe ward Jedwedem verehrt / von seinem Meister; nemlich dem Michel / von dem Guillemin, als seinem Unterweiser; und dem Peter / von seinem Lehrmeister / Moyset. Wann dann der Peter bißweilen / nach so streng- und schnellem Lauff / sich so müde befand / daß er sich kaum aufzurichten vermogte /und seinem Moyset solches klagte; sagte derselbe / es hette nichts zu bedeuten / er sollte bald kurirt werden.

Einsmals / da dieser Peter / nach deß Michels Anweisung / auch so gesalbt / und in einen Wolff verkehrt worden; hat er einen jungen Knaben / von sechs oder sieben Jahren / mit seinen Zähnen / ergriffen /und todt gebissen; aber / weil das Kind sehr geschrien und laut geweint / davon ablassen / und zu seinen Kleidern fliehen müssen: allda er sich der / vom Michel empfangenem Unterricht gemäß / mit Kräutern gerieben / und also sein menschlich Angesicht wieder bekommen.

Er bekannte auch / der Michel hette / ein andres Mal / nebst ihm / eben dergleichen versucht / und eines Tages / unter der Bildung eines Wolfs / ein Weib / welches Erbissen gesammlet / erwürgt: darüber der Herr de Chusnee ungefähr zugekommen. Welchen [383] sie gleichfalls angefallen / in Meynung ihm zu schaden; aber vergeblich.

Beyde haben gleichfalls bekannt / daß sie auch /unter solcher Wolfs-Gestalt / ein junges vier-jähriges Mägdlein umgebracht / und gantz aufgefressen; ausbenommen den Arm / etc. Imgleichen / daß sie einem andren Mägdlein die Gurgel ausgerissen / desselben Blut ausgesogen / und den Hals verschlungen: auch nachmals das dritte umgebracht / und den Magen-Mund desselben gefressen; weil der Peter einen so heißhungrigen Rachen gehabt; Uber das / ein andres Mal / ebenfalls ein Mägdlein / so ungefähr acht oder neun Jahre alt gewest / in einem Garten / ermordet /indem Peter ihr / mit seinen Zähnen / den Hals gebrochen / etc.

Uber das Alles hat er bekannt / daß er / nahe bey dem Acker deß Magisters / Petri Bongré, eine Ziege erwürgt / und ihr die Keele abgebissen / hernach die Gurgel vollends / mit einem Messer / abgeschnitten.

Der Michel war bekleidet / wann er zum Wolfe ward: der Peter aber musste sich zuvor abkleiden: und sagte / daß / wann er aufgehört / ein Wolf zu seyn / er nicht gewusst hette / wo die Haare hingekommen /etc.

Diese deß Peters peinliche Aussage wird nicht allein vom Bodino 3 und Thyræo 4 sondern auch / und zwar am ausführlichsten / vom Wiero 5 [384] als aus dem sie die Andren genommen / beschrieben.

Jetzt-ersagter Bodinus schreibt / es sey / im Jahr 1573 / am 18 Jenner / Einer / mit Namen Ganner, ein Lyoner / vom Parlement zu Dole, zum Feuer verurtheilt / darum / weil er / am Fest Michaelis / bey einem Walde / in den Weinbergen / eine Viertheil Meil von der Stadt Dole ein Mägdlein / im zehendem / oder zwölfftem Jahr ihres Alters / mit seinen Wolfsklauen / (wie sie ihm vorgekommen) gefangen / und mit seinen Zähnen todt gebissen / nachmals demselben das Fleisch von Hüfften und Armen herab gerissen / und gefressen / auch davon seinem Weibe etwas heimgetragen. Gleichwie er nicht weniger / nach einem Monat / in gleicher wölfischer Gestalt / ein andres Mägdlein erwischt / und umgebracht; welches er aber nicht / wie er gesonnen war / seinem schlinggierigem Rachen einschieben können; weil drey Leute ihn davon verstöhrt / und / den Raub zu hinterlassen /genöthigt. 6

Fußnoten

1 Deusingius in Fasciculo Dissertationum selectarum, p. 127.

2 Die völlige und weitläuffige Erzehlung dieser abentheurlichen Begebenheit findet man im Itinerario Orientali R.P. Fr. Philippi à SS. Trinit. Carmelitæ discalceati.

3 lib. 2. Dæmonol. c. 6.

4 lib. 2. de Spirituum Apparit. c. 15.

5 Joh. Wierus lib. 6. de Præstig. c. 11.

6 Joannes Bodin. lib. 2. Dæmonol. c. 6.

37. Der Vorbot deß Unglücks

[385] XXXVII.

Der Vorbot deß Unglücks.

Man lieset beym Apulejo / der Heide Socrates habe seinen Leib- oder Natur-Engel (oder Geburts-Geist) welchen die Lateiner Genium, und sonst auch dæmonem nennen / stets um sich gehabt: der Alles zuvor gewusst. 1 Und alle Platonisten waren der Meynung /solche Geister wären ein Mittel-Geschlecht / zwischen GOtt und Menschen; nemlich so man diesen Namen /in sonderbarer Bedeutung / nimt. Denn sonst verstunden sie dadurch mehr als einerley: nemlich bald denjenigen Gott / der Alles erzeugte; bald den Geist / oder die Seele / oder das Gemüt deß Menschen; als welche Seele / ihrem Wahn nach / ein Dæmon, oder Geist /nach dem Tode / und Lar, genannt würde / so ferrn sie ein tugendhafftes Leben geführt; hingegen aberLarva hiesse / so sie übel gewandelt bey Leibes Leben. Wovon neben Andren / Augustinus / im eylfften Capitel deß IXten Buchs von der Stadt GOttes /und dessen Glossirer / der gelehrte Vives, zu lesen. 2

In dem sonderbarem und eigendlichstem Verstande aber / achteten sie den Genium, für deß Menschen Natur- und Schutz-Geist / der Alles vorher sehe / was ihm werde begegnen / ihn auch [386] regiere / ihn / von seiner Geburt an / in seiner Hut unn Pflege halte. Solche Genios meynet Censorinus, wann er spricht: Genius est Deus, cujus in tutela, ut quisque natus est, vivit. Der Genius (oder Geburts-Geist) ist ein Gott / in dessen Hut und Schutz / Einer / so bald er geboren ist / lebet. 3

Daher die Heiden auch / an ihrem Geburts-Tage /diesen ihren vermeynten Geburts-Geist verehreten. 4

Wir gedencken uns / in Erklährung der vielfältigen und unterschiedlichen Bedeutungen deß Genii, allhie nicht weiter auszubreiten; sondern allein nur dieses noch dabey zu erinnern / daß etliche unter den heidnischen Secten / zweyerley Genios, oder Geburts-Geister / einen guten und bösen / oder glück- und unglücklichen / setzten / deren Jener dem Menschen / in seiner Wolfahrt mit seiner Fürsichtigkeit / beywohnete: dieser aber ein Begleiter und Anzeiger seines Unfalls / sonderlich deß Todes / wäre. Wiewol Andre beydes / nemlich so wol das Unglück / als das Wolergehn der Regierung eines einigen Genii heimstelleten.

Für einen solchen Genium nun / oder Geburts- und Schutz-Geist / achteten sie diejenige Gespenster /welche manchen Leuten / so wol fürnehmen als schlechten / bißweilen / kurtz vor ihrem Ende / zu erscheinen pflegen. Keyser Pertinax soll / wenig Tage vor seinem Untergange / erzehlt haben / er hette / als er in einen Fisch-Teich geschaut / im Wasser ein Schatten-Bild erblickt / welches ihm / [387] mit geblösstem Schwert / den Tod gedrauet. Wie Sabellicus berichtet. 5

Julius Capitolinus aber / welcher / als ein älterer Beschreiber der Historiæ Augustæ, oder alten Römischen Keyser / hierinn billig mehr gelten soll / sagt nicht / wie Sabellicus / daß Pertinax in den Fisch-Teich schauend / ein solches Schatten-Bild erblickt habe; gleich als wann drunten / im Wasser / der Schatten eine solche Gestalt abgebildet hette; wie zwar solches aus diesen Worten Sabellici, cum in vivarium inspiceret, in aqua umbram conspexisse, quæ gladio stricto mortem minabatur, mögte geschlossen werden: sondern / den Keyser Pertinax habe bedunckt / als sehe er / auff dem Fisch-Teiche / einen Kerl / der mit dem Schwert über ihn her wollte; und dasselbe sey / drey Tage vorher geschehen / ehe dann die Kriegs-Knechte ihn umgebracht. 6

Dem Keyser Tacito ist seiner verstorbenen Mutter Gestalt erschienen / und hernach / an einem andren Ort / auch der Geist seines todten Bruders: Denen er hierauff bald ist nachgefahren. Wie / nechst Andren /Fulgosus gedenckt. 7

Durch solche Erscheinung ihrer verstorbenen Bluts-Freunde / seynd manche Heiden überredet worden / die Seele deß Absterbenden würde zu einem dæmone, und entweder zu einem guten oder bösen Geist / der hernach also erschiene / wenn der Mensch sterben sollte. Wiewol / vorgesagter Massen / Andre solche erscheinende Gestalt [388] vor dem Tode / für einen bösen Genium, oder Unglücks-Geist deß Menschen geschätzt.

Cassius Severus / von Parma / war ein Poet / der manchen guten Vers geschrieben / und deßwegen auch / in diesem Horatianischem Verse / gelobt wird:


Scribere, quod CassI Parmensis opuscula vincat.


Es werden auch / vom Plinio und Suetonio / seine Send-Schreiben angezogen. Dieser hat als Brutus und Cassius / wider den Augustum und Antonium / ins Feld geruckt / die Apollinische Lauten nider gelegt /und den Bogen ergriffen / und sich wider dieselbe mit eingemengt / also / daß nach Porphyrii Bericht / er unter ihnen ein Oberster zu Fuß worden. Allein der gute Mann hat sich auch Jener ihres Unglücks / so wol / als ihrer bösen Sache / theilhafft gemacht. Denn nachdem sie im Kriege untengelegen / und sich selbst umgebracht; ist Quinctilius Varus / vom Augusto /beordret worden / diesem Cassio Severo / welcher sich / nach der Niderlage / gen Athen begeben hatte /den Rest zu geben. Der ihn auch daselbst / ohnangesehn er ihn nicht mehr in martialischen Gedancken /sondern über den Büchern / angetroffen / getödtet.

Wenig Tage aber zuvor / ehe denn solches geschahe / lag dieser Severus / auf seinem Lager / zu Mitternacht / gantz schlafflos / betrübt und bekümmert / um den traurigen Ausgang deß See-Treffens / bey Actio, durch welchen Streich alle seine Hoffnung war zu Bodem gangen / und sein danider gelegtes Hertz jetzo bedruckt von schweren Sorgen / der feindliche Zorn-Stachel deß Obsiegers / dörffte [389] es gleichfalls / erster Tagen / durchstechen. Indem ihm solcher Kummer die Augen offen hält / sihet er / einen Kerl von ungeheurer Grösse zu ihm treten / der / im Angesicht / Moren-schwartz / mit einem wühsten wild-verworrenem Bart / und langem Haar. Welcher / als Severus fragte / wer bist du? antwortete: Ich bin ein böser Geist (oder Engel.)

Er / der nicht weniger / über einen so schrecklichen Namen / als abscheuliche Gestalt / sich zum hefftigsten entsetzte / schrie zur Stunde seinen Knechten /und forschte / ob sie Jemanden von solcher Bildung /in sein Schlaff-Zimmer / hetten ein- oder ausgehn gesehn? Und weil sie versicherten / es wäre Niemand hinein getreten; begab er sich zur Ruhe / und schlummerte ein wenig ein. Aber das wühste Bild kam ihm aber mal vor. Weil ihn solcher Anblick dann gantz verunruhigte / und alles Schlaffs gäntzlich beraubte: befahl er / Licht herein zu bringen / und daß die Jünglinge nicht von ihm weichen sollten.

Es hat ihm Augustus / über dieses Gesicht / gar bald eine Auslegung gemacht / und / uber eine kleine Zeit hernach / das Leben nehmen lassen.

Wir / als Christen / glauben keine gute und böse Natur-Geister / wie die abergläubige Heiden; gestehen doch unterdessen gern / daß fürnehmen / zumal regierenden / Personen ihr Tod / durch gewisse Vorzeichen / gemeinlich vorbedeutet werde / und solche Vorzeichen / durch Erscheinung gewisser Gestalten / ihnen bißweilen auch wol selbsten zu Gesichte kommen.

[390] Als der Türckische Suldan / Mahomet der Zweyte /welcher Constantinopel eingenommen / von Rhodis ritterlich abgewiesen / und mit Schanden heimzuziehen / bemüssigt worden; hat er hernach beschlossen /solchen Hohn zu rächen / und noch eins davor zu gehen: ist aber unvermutlich / mit einer tödtlichen Kranckheit überfallen / und erstickt. Kurtz zuvor soll ihm / (wie Cuspinianus erzehlt /) indem er einen lustigen Wald vorüber geritten / zwischen den Zweigen eines Baums / ein herrlicher und majestetisch-gebildeter Jüngling / in übermenschlicher Länge und weisser Kleidung / erschienen seyn / der ein Schwert geblösset / und ihm den Tod gedrauet / mit diesen Worten:Sihe! mit diesem Schwert / will ich dich erwürgen.


Uber solches Gesicht ist er dermassen erschrocken /daß er zu Bodem gefallen / gleich von Sinnen / und bald hernach auch vom Leben / gekommen. 8

Fußnoten

1 Vid. Apulejus de Deo Socrat. & Max. Tyrius Dissert. Phil. 20. 27.

2 Vid. Augustin. de C.D.c. 11. p.m. 841.

3 Censorin. c. 3. de Die natali.

4 Vid. Turnebus lib. 16. adversar. c. 18.

5 Sabellic. l. 1. c. 4.

6 Jul. Capitolin. in Pertinace, c. 5.

7 Lib. 1. c. 4.

8 Cuspinian. in Mahomete secundo, fol. 679.

38. Das Vorzeichen deß König-Mords

[391] XXXVIII.

Das Vorzeichen deß König-Mords.

Der Reichs-Apffel herrschet nicht über den Todten-Kopff; sondern dieser stosst endlich jenen hinweg /und dem Könige die Kron ab. Ja manche / indem sie nach einer Kron greiffen / befordern dadurch ihren Tod nur desto eher: weil die Unruhe der schweren Regierung / mit lauter Verwirrungen über sie / wie ein Meer voll Wellen / zusammen schlägt / und die Kräffte ihrer Lebens-Geister desto hefftiger schwächet: gleichwie die Fackel desto geschwinder verflackert /je stärcker sie / von den Winden / angeblasen wird. Etliche aber werden auch wol / in der Kron durch einen gewaltsamen Tod ausgelescht; da sie ausser derselben / noch wol länger / auff Erden / hetten geleuchtet. So ists dem Könige Heinrich gegangen: welchen / wann Er die Polnische Cron nicht verlassen /und der Frantzösischen nicht nachgeeilt / auch der Tod so bald nicht erhaschet hette.

Daß es ihm so ergehn würde / hat / neben andren /diese seltsame Begebenheit vorher angezeigt / welche ich / weil sie von einem Gespenste vermutlich hergerührt / unter den gespenstischen Sachen billig mit anziehe. Dieselbe beschreibt Megiserus / in seiner Kärndterischen Chronic: Dem ich auch seine eigene Zeilen hiebey lassen wollen; ob sie gleich eben nicht so gar nett noch zierlich gesetzt sind.

[392] Als im Jahr 1544 / in der Stadt S. Veit / lautbar worden / daß König Heinrich in Poln und Franckreich / schon Friesach erreicht / und zu S. Veit folgends sein Nachtlager halten würde; hat ein Ehrsamer Magistrat daselbst / gegen Ihrer Majestet Ankunfft / alle Dinge wolbestellt / und in einem schönen wolerbaueten Hause / Herren Moritz Schmeltzern zuständig / Dieselbe einlosiren lassen; da Sie über Nacht geblieben ist.

Deß folgenden Tages / als der König aufgestanden; gieng er in die Pfarr-Kirche zur Messe / mit seinem gantzen Hofgesinde: allda dem Könige eine wunderliche und denckwürdige Abentheuer zugestanden ist. Denn / wie der König auff einem schwartz Sammeten Tuch (welches man / vor dem Altar / da die Messe gehalten worden / ihme ausgebreitet) auf gebogenen Knien ligend / mit grosser Andacht gebetet; begab es sich / daß das Todten-Haupt (so an den Füssen des Crucifixs vor dem Altar gestanden) gähling sich ledigte / und also unglücklich auff den König fiel / mit einem solchen grossen Gewalt / daß er sich für dem Fall nicht kunte erhalten / sondern zu Bodem stürtzen muste.

Hierüber ist der gute König sehr übel erschroc ken: Dann er ohn Zweiffel nicht anders sich darauf beduncken ließ / als dieses würde ihm ein gewisses Præsagium und unfehlbare Anzeigung seyn einer unglückhaften Reise; oder / daß es ihm / in seiner Regierung / [393] nicht zum besten würde ergehen.

Als er nun aus der Kirchen gangen / hat er sich hierauff zu der Frühsuppen begeben. Doch erzeigte Er sich gantz bekümmert und traurig: Daraus Jederman vermuthet / es wäre dem Könige kein geringer Unfall zugestanden. Er aß auch geschwind / welches er ebener massen den Seinen zu thun befahl. Nach verrichteter Mahlzeit /machte er sich geschwinde / mit den Seinigen / zu Roß / und postirte also davon; kam erstlich auf Villach / darnach auf Venedig / u. zuletzt in Franckreich: Da er / nach vieler Empörung unn Widerwertigkeit / wie bekandt / meuchelmördrischer Weise / mit dem Messer erstochen worden. 1

Vor dem unglückseligen Ende / Heinrichs / deß Vierdten / setzte es auch mancherley Omina. Zu S. Denys liessen sich vielerley unglückliche Anzeigungen spühren. Der König (Heinrich der IVte) und die Königinn / wurden / von einem Nacht-Raben / sehr verunruhigt und schlaffloß gehalten: Denn dieser Nacht- und Leich-Vogel / krochzte und schrie / am Fenster ihres Schlaff-Gemachs / die gantze Nacht durch.

Das Gewölbe (NB. cella) selbiger Kirchen / darinn die Könige begraben ligen / ward offen gefunden /und der Stein / womit mans zu versperren pflegt / abgethan.

[394] Indem zu S. Denys / die Krönungs Ceremonien mit der Königinn vorgingen / und dieselbe sich wiederum / von dem Altar / zu ihrem Thron verfügte: wäre ihr die Krone / so aus Edelgestein gewirckt war / zweymal vom Haupte gefallen / wenn Sie nicht die Hand daran geschlagen hette.

Man nahm auch dieses / für kein gutes Zeichen /auff / daß Ihre Wachs-Kertze von sich selbsten erleschte.

Wenig Tage zuvor / träumte der Königinn / zu der Zeit / als die Jubilirer ihr eine Krone verfertigten / daß zween trefliche Deamanten / die Sie selbst zu Auszierung der Krone / hergegeben hatte / in Perlen sich verwandelten. Welches / in den Traum-deutungen / auff Threnen gedeutet wird. Hernach kam ihr abermal / im Traum / vor / wie der König / bey der kleineren Stege deß Louvers / mit einem Messer / erstochen würde. 2

Fußnoten

1 Megiserus, im 12ten Buch der Kärndterischen Chronic / Cap. 13. Bl. 1589.

2 De Serres in Henrico IVto, ubi etiam plura recenset.

39. Die vor-erblickte Leichen

[395] XXXIX.

Die vor-erblickte Leichen.

Es sollte uns Menschen billig ein Nachdencken geben / in was für einer Würde wir / vor andren Kreaturen /stehen / daß gemeinlich / ein menschlicher Sterb-Fall / durch einige Vorbildung / zuvor bedeutet wird: welches doch / wenn gleich das theurste Pferd umfällt /nicht geschicht. Denn wir haben eine unsterbliche Seele empfangen: darum wann diese soll ausziehen /und in die Ewigkeit reisen / wird entweder durch gute / oder böse Geister / ein Zeichen gegeben / als wie bey dem Aufbruch einer Fürstinn / die Zuschauende sich vorher bewegen / und einander wincken / oder zuruffen: Jetzt steigt Sie zu Wagen / und tritt von der Herberge heraus!

Und solches gestattet der Allmächtige ohne Zweiffel deßwegen / damit der Mensch / desto öfter in die Betrachtung geführt werde / daß sein Lebens-Lauff von GOtt richtig gemessen / sein Ruh-Mal vorher beschlossen / und ihm ein Ziel gesetzt sey / daß er nicht werde überschreiten.

Zu dem Ende / wird auch offt Manchem der obhandene Todes-Fall eines Andren im Gesichte zuvor gezeigt: Denn ob schon solches mehrmaln / durch ein Gespenst / geschicht: wendet doch GOtt auch die Schreck-Gesichter der bösen Feinde den Seinigen /zum Besten / und dem Verruchten zur Entsetzung /daß sie / von ihrer Ruchlosigkeit mögen ablassen.

[396] Als der hochwürdige Fürst / Conrad Wilhelm / Bischoff zu Würtzburg / und Hertzog in Francken etc. am 14 Julii 1684sten Jahrs / fürs letzte Mal / eine Spatzier-Fahrt / in seinen Lust-Garten auf Veitshochheim / zu Wasser / anstellete / und das adliche Jungfrauen-Kloster / Unterzell / vorbey fuhr; sahe dessen /am Fenster stehende Frau Schwester / als Priörinn selbiges Jungfern-Klosters / daß vor ihrem Herrn Brudern / dem Bischofe / in seinem Schiffe / darinn er fuhr / eine schwartz-bedeckte Todten-Baar stünde: welche aber Niemand / ausser Ihr allein / sehen können. Die Bedeutung hat der 8te September selbigen Jahrs eröffnet: als an welchem dieser Herr seine Sterblichkeit erfüllet hat; nachdem die Nacht vorher /sein Leib-Pferd / im Stall / umgefallen und gestorben.

Eine adliche Jungfrau / zu Copenhagen / in Dennemarck / kunnte es allezeit / wann sie erwachte vom Schlaff / zuvor sehen / so offt Jemand aus ihrer adlichen Famili / er mögte sich gleich befinden / welcher Orten er wollte / sterben würde. Imgleichen / ob es ein Manns- oder Weibs-Bild wäre. Denn so es ein Weibs-Bild seyn sollte; erschien ihr dasselbe viel anderst / als wanns einem Mann galt.

Diese Edel-Jungfrau hat solches dem berühmten Medico / D. Thomæ Bartholini / in Gegenwart deß Königlich-Dennemärckischen Cantzlers / Christiani Thomæi / eines vortrefflichen Herrn / erzehlt / mit Versicherung / daß sie hierinn niemals gefehlt. Welches ihr auch jetztbesagter Cantzler gezeugt; Der sonst ein warhaffter Mann / und [397] Feind alles Aberglaubens gewest: weil er unterschiedliche Exempel hievon gewusst / da der Ausgang würcklich also daraus erfolgt ist. Sie hat aber daneben gemeldet / daß ihr sothane Gesichte schlechte Freude brächten / sondern sie vielmehr dadurch sehr geängstigt / gequält / und im Gemüt verwirret / würde; deßwegen sie auch gewünschet / solcher natürlichen und gleichsam ihr angebornen Eigenschafft / (wie es dieser Medicus nennt) befreyet zu werden. Daher / an der Glaubhafftigkeit dieser Gesichte / kein Zweiffel hafftet: bevorab / weil sie es nicht im Traum / sondern wachend / allezeit gesehn.

Ist demnach nicht gleich / für ein Mährlein / noch Aberglauben / zu schelten / daß manche Leute / wider ihren Willen / Gespenster sehen; manche gar keine: ob gleich solches nicht dem güldnen Sonntage beyzumessen / wie man insgemein irrig vorgiebt / indem man spricht / die Leute / welche Alles sehen / was Andren nicht erscheint / müssen güldne Sonntags-Kinder seyn. 1

Von einer Wäscherinn erzehlt Diemerbroekius 2 daß sie den Tod der Frauen deß Dimmeri de Raet, in einem Gesicht / vorher gesehn habe: indem / über dem Tabulat / in seinem Hause / bey der Thür der vordern grossen Schlaff-Kammer / sein Geist erschienen sey / ohne Kopff / mit den besten Kleidern angelegt / und den Thür-Schlüssel in der Hand gehalten mit solchen Geberden / als wollte er die Thür auffsperren.

[398] Diß Weib hat gleichfalls dabey sich vernehmen lassen / daß ihr solche Erscheinung der Geister gewöhnlich vorkäme / aber höchst verdrießlich und zuwidern wäre. Alle diejenige aber / derer Geist ihr ohne Kopff erschien / sturben / innerhalb wenig Monaten.

Vorgedachter Bartholini gedenckt hiebey / es finden sich / in seinem Vaterlande / derer Leute viel / da sie sonst mit keinem Aberglauben verstrickt / dennoch betheuerlich versichern / daß sie derer / welche sterben sollen / Gestalt (oder Gespenst) erblicken.

Fußnoten

1 D. Thom. Bartholini Hist. Anatomic. Contur 3. Histor. 58. p. 115.

2 De Peste lib. 4. Hist. 6.

40. Der Ohnekopff

XL.

Der Ohnekopff.

Von dem Ende voriger Erzehlung / nehme ich Anlaß /noch etwas mehr / von den ohnköpffigen Gespenstern / zu reden.

Wann sich dieselbe sehn lassen / pflegen sie mehrmaln einen gewaltsamen und auch wol schmählichen Tod vorzubilden. Man könnte solches / mit sehr vielen Begebenheiten / darthun: weil dergleichen aber dem Leser ohne dem nicht wenige bewusst seyn werden: sollen nur einer zwo / und zwar solche / davon ich die Gewißheit habe / anjetzo vorkommen.

Eine / mir / in Ehren bekandte / wiewol nunmehr schon längst begrabene / Wittwe ist einsmals / zu Abends / kurtz vor Feuer-Glocken / in dieser Stadt /mit einer ihr bekandten Magd / einen gewissen [399] Ort vorüber gegangen; allda bey hellem Mondschein / ein Gespenst / an der Mauren / gestanden / in Gestalt eines Weibsbildes ohne Kopff / welchen es / vorn in den Händen hielt / sonst aber / wie ein Weib / gekleidet schien.

Die Magd / so damals auswendig saubrer, als inwendig gewesen / und noch vor Jungfrau geachtet seyn wollen / weiset dieser / neben ihr gehenden /Frauen / das Gespenst / und spricht: Seht! was steht dort für ein schönes Müsterlein: Die Frau hebt an /für solchem Anblick / sich zu fürchten / und antwortet: Lasst uns geschwind unsers Weges gehn! Es ist nicht viel Guts. Das kühne Mensch hebt darüber an / spöttlich zu lachen; rollet auch endlich / mit lautem Gelächter / davon / und treibt ihre Schelmerey und Kurtzweil damit / als sie / von ihrer Begleiterinn /vernimt / das Gespenst habe eben einen so geblühmten Schurtz / und auch solch ein Ober-Röcklein angehabt / wie sie / die Magd nemlich.

Nicht lange Zeit hernach / begeht diese Dirne / an der / in heimlichen Unehren erzielten / Frucht ihres Leibes / nach der Geburt / einen Mord: auff daß ihr ehliches Verlöbniß dadurch nicht mögte ruckgängig werden: sintemal sie sich allbereit einem Handwercks-Gesellen / welcher zwar um selbige Zeit an einem fremden Ort arbeitete / versprochen hatte / und durch solche mördliche Verthuung ihres Kindes / ihre Untreu zu verbergen meynte. Weil aber die Stäte / wo sie das umgebrachte Kind eingescharrt / von Jemanden wolgemerckt: ist die That dadurch an den Tag / und dem Gericht zu Ohren / gekommen. Worauf ihr /durch Urtheil [400] und Recht / das Leben abgesprochen /und auch würcklich / an der offentlichen Richtstat /mit dem Schwert genommen worden.

Dieser gespenstischer Ohnkopff ist ohn Zweiffel eben derselbige Mordgeist gewest / der ihr vorher die Unzucht / folgends auch hernach den grausamen Kinds-Mord / eingegeben / und damit den Weg zum Rabenstein gebahnet hat. Denn die Bluts-Tropffen der Menschen seynd diesem blutdürstigem Mörder eitel Muscateller-Trauben / und Purpur-braune Weinbeeren.

Ich erinnere mich auch eines traurigen Falls / so sich / mit einem fürnehmen Kriegs-Officirer / begeben: Der sich als ein / von Natur gar schwermütiger /Cavallier / zu unterschiedlichen Malen / selbst zu entleiben / getrachtet / und daran verhindert worden /auch von solchen verzweiffelten Gedancken zwar etliche Mal genesen; doch / nach vielen Jahren / um gewisser Ursach willen / wiederum dem Unmut und Lebens-Verdruß sich so gar ergeben / daß er Hand an sich gelegt / und mit einem Selbst-Mord sein unglückseliges Ende beschleunigt hat. Dieser ist / nach seinem Tode / zum offtern (wie man für gewiß redete) daher geritten / ohne Kopff / und hat die Schildwachten in die Flucht geschreckt.

Also stellt der hellische Mord-Engel / und verdammte Schauspieler / seine Auffzüge an / mit dem Schaden und Unglück der armen Menschen! Und solches lässt der Allmächtige zu: auf daß andre Leute /von bösen Thaten / und von der Selbst-Tödtung /desto mehr mögen abgeschreckt werden / [401] wann sie solche gespenstige Mißgestalten sehen / oder hören.

41. Der gerührte Epicurer

XLI.

Der gerührte Epicurer.

Wer sich nicht / durch den Finger GOttes / den Heiligen Geist / rühren und bewegen lässt; den rührt zuletzt die Faust / oder Klau / deß bösen Geistes: welche nicht heilsam / wie jener / ist; sondern schädlich und tödtlich. Solcher Tödtlichkeit wird zwar ein Gotts-vergeßner Mensch gemeinlich erst / nach dem Tode / da seine Seele in völliger Gewalt deß Satans ist / innen: aber doch verhengt GOTT / daß die Satans-Faust bißweilen auch / noch wol vor dem Tode /einen verruchten Menschen leiblich rührt / und zwar so unsanfft / daß er darüber in solchen Stand verfällt /darinn sich weder Puls / noch Odem / noch Glied mehr rührt. Sihe hievon dieses Muster an!

Ein Schlesischer Edelmann lebte gar unordentlich /und liebte den Trunck sehr. Die meiste Zeit pflag er /deß Tags über / zu schlaffen; hingegen die gantze Nacht durch / nach Art derer Kinder / welche nicht deß Lichts / sondern von der Nacht / seynd / mit Fressen und Sauffen zuzubringen. Darüber geriet seine Gesundheit in Unrichtigkeit: wie solches die üble Farbe gnugsam zu erkennen gab / und gemeinlich diejenige / welche / mit dem [402] Bacchus / gar zu vertraulich umgehen / sich auch endlich mit dem Æsculapio bekandt machen müssen: Wann ihnen anderst solche Kundschafft nicht / durch unverhoffte Anmeldung deß Stygischen Fährmanns / Charontis, abgeschnitten wird / und sie / durch eine plötzliche Hinfahrt / ein Ende nehmen mit Schrecken.

Dieser / von Sitten und Wandel so unedle / Edelmann hatte / vor etlichen Jahren / einen Ableib gethan. Denn wie der Trunck ein Vater vieler Laster ist /und / aus dem Uberfluß deß Weins / gerne Blut fliesst: also hatte auch diesem edlen Truncken-Bold seine bestialische Säufferey eine andre Blutschuld ausgeheckt / nemlich den Todschlag. Ein Säuffer und Besoffener gleicht mehrmaln dem wütenden Vieh /das gern diejenige / so ihm nicht aus dem Wege gehn / zu Bodem stosst. So machte es dieser viehischer Mensch auch: Er schwärmete / in der Nacht / einsmals / bey vollem Rausch / herum / mit blossem Degen / ging auf Jedweden / der ihm begegnete / loß /wie ein Unsinniger / und stieß zuletzt Einen übern Hauffen.

Solche Thaten lassen dem Gewissen schwerlich Ruhe / so lange es annoch nicht recht geheilt ist /durch ernstliche Busse; sondern treiben es immer an /zu grösserer Ruchlosigkeit / und zwar sonderlich zur stetigen Säufferey: gleich als ob / durch so nasse Unruhe / die wahre innerliche Hertzens-Ruhe wieder herbey gebracht / oder der nägende Gewissens-Wurm / in Bier und Wein ersäufft / und nicht vielmehr nur ein wenig einschläffet / unterdessen aber gemäßet / vergrössert / [403] und vergrausamet würde. Ob unsern Edelmann dieser sein Todschlag nicht gleichfalls hernach beunruhigt / und bewogen habe / das bellende Zitzen-Hündlein / durch ein vorgesetztes frisches Glas zu stillen und beschwigtigen / kann ich eben nicht versichern: so viel aber ist gewiß / daß er alle Sorgen deß vergossenen Bluts / wann je seine Ruchlosigkeit einiger Empfindung derselben sollte Raum gegeben haben / mit Reben-Blut täglich abgewaschen / und ertränckt habe: Denn der Trunck war hinfort sein Alltägliches; da ihm doch das unschuldige Blut / so er im Trunck gestürtzt / denselben vielmehr hette vereckeln und verhasst machen sollen.

Gleichwie aber solche verruchte Epicurus-Gesellen das letzte Ende wenig bedencken: also kommt es ihnen gemeinlich auch / wann sie daran am allerwenigsten gedencken. Und so gings auch diesem edlen Epicurer. Als er / nach begangnem frevelhafftem Todschlage / noch etliche Jahre / in vollem Sause / so fort lebte / geschahe es endlich / im Jahr 1624 / daß er /zu Mitternacht / ein grosses Gerassel von Wagen und Pferden hörte. Es schien / als ob die Thüren seines Hauses geöffnet würden: dadurch er in die Einbildung geführt ward / es würden etwan fremde Gäste kommen; als die sich auch nicht selten bey ihm einzufinden pflagen. Derwegen stund er auf vom Bette / und schauete zum Fenster hinaus: da er dann nicht anders meynte / als es käme ein Gast zu ihm daher geritten ans Fenster / der auf einem hohen und langem Pferde saß / und von Person nicht kleiner war / als das Pferd. Derselbe ritte zu ihm hin [404] ans Fenster / und rührte ihm sein Haupt an. Darüber lieff ihm ein Schauder durch den gantzen Leib / von gählingem Schrecken.

Zu Morgens / da er aufstund / fand und fühlte er /daß ihm der Kopff unmenschlich geschwollen: und solches erblickten auch die Umstehende / mit Verwundrung. Man schickt hin ins nechste Dorff / zum Bader: der ihm ein erweichendes Pflaster auflegt. Endlich dringt / durch Ohren / und Nase / und durch zwey / in dem lincken Backen aufgebrochene / Löcher / ja auch gar in den Schlund und in die Lunge / die Materi häuffig heraus. Zuletzt wird auch der Medicus, Doctor Daniel Winckler / geholt. Derselbe traff ihn gar schwach an / und sahe / daß der Eyter-Wuhst nicht in dem unterm / sondern obern Backen / einen Ausgang hette / die Mäuslein selbst (musculi) weiß /und gleichwie gesotten / sahen / die gantze Haut aber als wie abgesondert wäre: weßwegen er / zu dem Patienten / ein schlechtes Hertz gewann.

In folgender Nacht / ist die Materi ihm / mit grossem Ungestüm / auf die Lufft-Röhr gefallen / und hat ihn erstickt.

Diese Geschicht erzehlt benamsten Fürstlich-Lignitzischen Doctoris leiblicher Sohn / Doctor Gottfried Winckler / und stellt hernach die Frage an / ob behertzte und tapffre Leute auch wol Gespenster zu sehen bekommen? Weil Theodorus Byzantinus der Meynung gewest / 1 daß solche Personen / die resolvirtes Muts seynd / niemals / oder wunderselten / ein Gespenst erblicken; und zwar darum / weil sie ihnen /ihrer angebornen [405] Standhafftigkeit wegen / dergleichen nichts einbilden? Ruhm-gedachter Doctor Winckler vermeynt / solches sey nur / von falschen Gespenstern / zu verstehn / die in einer / durch Furcht gefälschten /Einbildung / bestehn. Ich halte aber dafür / und weiß Exempel / daß zwar behertzte Leute so leicht ihnen kein Gespenst einbilden / als furchtsame; dennoch aber bißweilen auch wol meynen / daß sie ein Gespenst sehen / oder hören / da doch würcklich keines ist: wiewol sie dafür so nicht erschrecken / wie andre Leute.

Folgends stellt er die Frage vor: Ob der Teufel /aus natürlicher Krafft / einen solchen Geschwulst deß Haupts habe können zuwegbringen? Welche er /durch das angeführte Zeugniß Wieri, beantwortet: der Teufel könne die Humores (oder Feuchtigkeiten) und die Geister (oder Spiritus) der inner- und äusserlichen Sinnen erregen. 2 Hernach dieses deß berühmten Sennerti Urtheil: Der Satan richte / rege und bewege die /im Leibe verborgene / böse Feuchtigkeiten / oder verderbe auch wol die guten / verleite dieselbe in mancherley Theile deß Leibes / und ändre also die natürliche Constitution oder Beschaffenheit derselben / ja verkehre etliche derselben / auf GOttes Zulassung / in dem menschlichem Leibe / mit Gewalt; überdas errege er / nach Bewegung der Geister (oder Spirituum) und Humoren / mancherley Affecten; und könne / auf diese Weise / Kranckheiten verursachen. 3

[406] Solches bequemt wolgemeldter Doctor, Gottfried Winckler / endlich auf beschriebenen Fall dieses Schlesischen Edelmanns / und spricht / wtil derselbe ein Cachecticus gewest / das ist / weil er voll böser ungesunder Feuchtigkeiten gesteckt / und einen corrumpirten Leib gehabt / habe der Teufel / durch natürliche Krafft / oder auch nur / mittelst deß Schreckens /die schlimme Materi / und ungesunde Feuchtigkeiten /leichtlich aufregen / und nachdem er sie bewegt / ins Haupe hinauf führen können: woselbst solches / zu Verursachung einer noch grösseren Corruption oder Verschlimmerung / nicht wenig geholffen: Zuletzt habe er die Materi allda flüssig gemacht / und dermassen getrieben / daß sie dem Edelmann in die Lufft-Röhre fliessen / und ihn also ersticken müssen. Welches auch / mit der Vernunfft / sehr wol übereinkommt. 4

Fußnoten

1 Referente Wiero de Præst. Dæm. l. 2. c. 25.

2 Wierus d.l.

3 Vid. Sennerti Prax. lib. 6. P. 9. c. 5. p. 408.

4 Vid. Observat. 28. Anni sexti Ephemeridum German. p.m. 60. seq.

42. Die tödtliche Erschreckung

XLII.

Die tödtliche Erschreckung.

Daß dem Satan nicht Unrecht geschicht / wenn man ihn so wol einen Schrecken-Geist / als einen Mord-Geist nennet / ist / aus tausendfältiger Begebenheit /Welt-kündig / und beydes zugleich / durch diese nachgesetzte Geschichte unserer Zeit / bewehrt /womit er nicht [407] allein einen Schrecken-Geist / sondern auch benebenst einen Mord-Geist sich erwiesen; indem er diejenige / so für seinem Gauckelwerck erschrecken / durch Schrecken ums Leben gebracht.

Eine gar ehrliche und erbare Frau war / vor etlichen Jahren / von einer schweren Kranckheit / kaum aufgestanden / doch annoch / mit einem wieder aufgebrochenem Fistel-Schaden am Arm molestirt / und hatte /nach vollzogener Hochzeit / kaum zwo oder drey Wochen sich ein wenig besser befunden; als bey der Nacht / in der Nachbarschafft / eine Music gehört ward. Wie nun den jungen Frauen so wol / als Jungfrauen / Gesang und Säiten-Spiel die Ohren kitzelt: also ist auch diese junge Frau deßwegen vom Bette aufgestanden / und hat das Fenster aufgemacht / um deß vernommenen Lust-Schalls / mit besserer Aufmerckung / zu geniessen. Worauf aber alsofort / von dem Dach / etwas Schwartzes vor ihren Augen und Füssen / niderzufallen schien.

Darüber erschrickt sie so gewaltiglich / daß sie /mit Zittern / und Zähnklappen / sich zu ihrem Mann wieder ins Bette gelegt / und alsobald / über einen Fieber-Frost / geklagt.

Früh morgens wird vor-gerühmter Doctor, Gottfried Winckler / geholt: Welcher ihr ein mit Bezoar vermischtes Schweiß-Trüncklein eingiebt / und hernach einige Hertz-stärckende Mittel vorschreibt.

Nichts destoweniger erschaurete sie nochmals / im Bette / durch und durch / schloß auch den Mund so fest zu / daß man ihr denselben / mit keiner Spatel (oder Wund-Eisen) kunnte öffnen. Endlich [408] kam dazu das Fraischlein (die fallende oder böse Kranckheit: welche ihr / nach einem und andren Anfall / mit höchster Betrübniß ihres Ehemanns / den Garaus gemacht. 1

Fußnoten

1 Observat. 32. Anni VI. Ephemeridum Germanic. p. 65.

43. Das Pest-Gespenst

XLIII.

Das Pest-Gespenst.

Wie GOtt Lust hat / zum Leben; also der Teufel /zum Tode: Denn er ist der Urheber und Einführer deß Todes. Darum trachtet er stets dem Menschen nach dem Leben / und nicht nur nach seiner Seelen / sondern auch nach seinem Blut: und wann ein Reich /oder Land / durch grosse Ruchlosigkeit / das Zorn-Schwert deß gerechten GOttes schärfft / wirds ihm /als dem Mörder und Todschläger der Welt / gleichsam in die Hand gegeben / und verstattet / das Land /entweder durch Anstifftung blutiger Kriege / auf die Schlachtbanck zu führen; oder mit plötzlichen Seuchen dessen Einwohner zu erwürgen / als ein Scharffrichter deß Göttlichen Gerichts. Bey solcher Execution giebt er sich bißweilen / durch gewisse Zeichen zu erkennen: um die Leute desto härter zu erschrecken / und beynebenst seine Rach-Lust / oder Freude / an ihrem Verderben / als gleichsam bravirend / blicken zu lassen. Gestaltsam er auch deßwegen manches [409] Mal sonderbare Vorzeichen giebt / wann / bey gifftigen Sterb-Läufften / dieses oder jenes Haus mit der Pest angeseucht / und hingerichtet werden soll.

Der Allmächtige / ohn dessen Verhengniß / er keine Lauß todt schlagen könnte / lässt solches darum geschehen / damit die Leute desto leichter mercken sollen / es begegne ihnen solches Unglück nicht ungefähr; sondern durch eine hohe Zulassung / ohn welche der Mord-Geist sich dergleichen nichts dürffte erkühnen: und daß sie deutlich verstehn sollen / Er habe seine Hand ausgereckt / zur Straffe / seine Pfeile zugerichtet / zu verderben: Es sey kein schlechtes Zorn-Feuer droben angebrannt; weil Er dem Mord-Teufel so viel Erlaubniß / zum würgen / gegeben: Auf daß sie also heilsamlich erschrecken / und durch wahre Busse / wo nicht den Leib / doch gewißlich die Seel /erretten / auch desto ernstlicher zu GOtt / um Gnade /Barmhertzigkeit / und Stillung der Plage / flehen mögen. David hat vorhin schon / aus der Abwürgung so vieler tausend Schafe / Hertz-bekümmerlich gemerckt / daß dasjenige / was der HERR ihm / durch den Nathan / angedrauet / kein Schertz oder Kinder-Spiel wäre: Doch erschrack er noch weit mehr / als der Engel / zwischen Himmel und Erden / erschien /und das Schwert über Jerusalem ausstreckte: Er erzitterte darob / und ward ihm sein Hertz dadurch noch mehr zerbrochen / mit wahrer Reu. Dergleichen Meynung verhengt der Höchste auch ohne Zweifel dem bösen Geist / daß er bißweilen seine Mord-Klauen /gegen einem hochversündigten Ort / durch sichtbare Anzeigungen / blicken lässt: [410] auf daß nemlich die Menschen desto besser in sich gehen / und ihre bußfertige Reue geschärfft / der Frommen aber ihr Glaubens-Schwert wider diesen Ertzfeind / samt dem Vertrauen zu GOtt / gewetzt werde / und die Andacht deß Hülff-schreyenden Gebets desto mehr sich entzünde. Denn es heisst: Wenn Du (HErr) sie züchtigest / so ruffen sie ängstiglich.

Unterdessen ist deß Satans Zweck / wie zuvor angezeigt ward / dieser / daß er morde / und würge / wie ein Wolff / unter den Schafen / wütet. Darum / damit die Seuche desto mehr und leichter den Menschen verderbe / und solche seine Mord-Begier desto besser von statten gehe / auch / durch Bestürtz- und Erschreckung / womit ohne dem der Pest-Pfeil befidert wird / in dem armen Menschen / der Mut / ja / wo möglich / auch die Hoffnung und das Vertrauen auf GOTT / erlesche / hingegen Kleinmütigkeit / Zaghafftigkeit / und Mißglauben / den Platz beziehe. Und ob er gleich manches Mal wol besorgt / es werde ihm solcher sein Wunsch / nemlich auch die Seele / mit Mißglauben / zu verletzen / nicht verhengt werden /sondern vielmehr das Gegentheil / nemlich eine ernstliche Bekehrung der Leute / daraus entstehen: getröstet er sich doch dessen / daß er gleichwol indessen sein Mütlein in etwas kühlen könne / an denen / die sein Feind / GOtt der HErr / erschaffen hat / und die Dessen Anhang in der heiligen Tauffe geworden / der ihm seinen Schlangen-Kopff hat zertreten.

Zudem hat er noch ein andres Ziel dabey: nemlich dasjenige / was er / bey allen solchen vorbedeutlichen[411] Sterb-Zeichen / so von Gespenstern herkommen / suchet: daß er sich / als ein stoltzer Geist / groß / und formidabel / oder gefürchtet mache / und eine sonderbare Verwundrung seiner Vorwissenheit errege. Aus welcher Ursach er auch offtmals / aus Besessenen /mancherley Sprachen redet. Denn er wollte gernadorirt seyn: und wann er es ja so hoch nicht bringen kann / wünschet er / daß man aufs Wenigste seines hohen Witzes / seiner Scharffsinnigkeit / List / Verschlagenheit / und tieffen Wissenschafft / sich tieff verwundre: als womit er sich / in seinem Unglück /und schmählichem Stande seiner Verworffenheit / etlicher Massen tröstet und ergetzt.

Im eylfften Jahr der Keyserlichen Regierung Constantini, ist / wie Diaconus und Sigebertus erzehlen /Asche vom Himmel gefallen; worauf eine grausame Pestilentz gefolgt. Da sich denn ein Gespenst blicken lassen / welches / mit einem Jäger-Spieß / herumgegangen / und damit an die Häuser geschlagen. Und so manches Mal es damit an die Thür schlug; so manche Personen sturben aus dem Hause. 1 Regino Prumiensis schreibt / es sey ein guter Engel / neben dem bösen / herein getreten / und habe diesem / dem boshafften nemlich / Befehl gegeben / wo und wann er anschlagen sollte: und daß solches / im zwey und achtzigsten Jahr selbigen Welt-Alters / sich zugetragen.

Andre vermelden auch dabey / es sey der Gifft so schnell / und streng gewest / daß die Leute / wann sie nur gejähnet / oder ein Mal genieset / alsofort [412] todt zur Erden gefallen. Daher / von selbiger Zeit an / die Gewonheit aufgekommen / daß man / wenn Einer nieset /spricht / Wol bekomme es ihm! GOtt helffe!

Paulus Diaconus Warnefridus, bey welchem ich das vorhergehende gelesen / setzt / im zweyten Buch der Longobardischen Geschichte / eine andre Sterb-Seuche / und dabey erschienene entsetzliche Gespenst-Abentheuer.

Kurtz / vor dem tödtlichen Hintritt Keysers Justiniani, erschienen in Meyland / und dem Montserrat (denn beydes wird / unter dem Namen Liguriæ, begriffen; angemerckt / besagter Diaconus es deßwegenprovinciam maximam, ein sehr grosses Land / nennet;) gähling sonderbare Zeichen / in den Häusern / an den Thüren / Gefässern / Geschirren / und Kleidern. Je mehr man / dieselbe abzuwaschen / bemühet war /je mehr und scheinbarer gaben sie sich zu erkennen.

Im Jahr hernach / fuhren den Leuten an schamhafften / und andren heimlichen Orten / gewisse Beulen auf / in Grösse einer Welschen Nuß: darauf bald eine unerträgliche Fieber-Hitze / wie es Diaconus nennet /folgte / wovon der Mensch / in dreyen Tagen / den Tod nahm. Die aber / so den dritten Tag überstrebten / hatten Hoffnung wieder aufzukommen. Ich vermute /es sey ein strenges Pestilentz-Fieber / oder die Pest selbst / gewest.

Uberall sahe man Leidwesen / und Threnen. Die Leute liessen ihre Häuser ledig / und flohen davon /also / daß allein Hunde und Katzen / dem [413] Hunger /nemlich ihrem selbst-eigenem / zur Speise / daheim blieben. Das Vieh ging / auf der Weiden / ohne Hirten. Wo man heut die Städte / Schlösser / und Dörffer / voll Volcks antraff / da fand sich / über etliche Tage / keiner Mutter Kind / sondern eitel Wüsteney und Verödung: Denn die Furcht für dem Schwert deß Würg-Engels / hatte Alles in die Flucht getrieben. Die Kinder flohen / von den hinsterbenden Eltern / und liessen dieselbe unbeerdigt ligen: deßgleichen thaten die Eltern / an den Kindern: also / daß nicht allein über die Leute / sondern auch über Liebe und Barmhertzigkeit / die Pestilentz kam / und dieselbe vertilgte. Ließ sich dann ja noch Einer so hertzhafft antreffen / daß die Liebe stärcker bey ihm war / als der Tod /und ihn bewog / aller Lebens-Gefahr ungeachtet /seine Nechsten zu begraben; so musste er solches Lob / mit seinem Leben / erkauffen / und selber hernach unbegraben ligen. Man hörte keine andre Stimme / als die Seufftzer der Sterbenden. Alle Haus- und Feld-Arbeit feyerte. Das Getreyde überreiffte sich / und blieb ungeerndtet: weil kein Schnitter / noch Heimführer /vorhanden. Am Weinstock hingen die schönste Trauben / und schienen ihre über-zeitige Beerlein sich in Threnen zu verwandeln; weil ihnen das Laub allbereit entfiel / und doch kein Reb-Messer sich blicken ließ /dieselbe abzuschneiden. Weiden und Auen waren / in Grab-Stäte / verkehrt / und die Wohnungen der Leute den wilden Thieren zum Lager worden.

Wie nun die böse Geister sich der Menschen Unglücks und Threnen eben so sehr erfreuen / als [414] wie die Fische deß Wassers / und den Erschrockenen gern ihren Schrecken vergrössern: also erzeigten sie sich auch / bey solchem kläglichem Zustande der Sterblichen / nicht müssig / dessen sie auch / von Anfange her / die rechte Haupt-Stiffter / nemlich deß Todes Diener und Einführer seynd. Sie erweckten / bey furchtsamer Nacht / einen solchen Trompeten-Schall /als ob man zum Streit / und Kriegs-Gewürge / bliese: Wobey viel Leute ein Getümmel / Geräusch / und Gemürmel hörten / als wie eines Kriegs-Heers. Nulla erant vestigia commeantium, nullus cernebatur percussor: & tamen visus oculorum superabant cadavera mortuorum. Das ist: Man sahe nirgends keine Fußspuhr / wo der Marsch gegangen / auch keinen Soldaten / der da niderhieb; und doch gleichwol eine solche Menge von todten Leichnamen /daß man das Ende derselben nicht absehen kunnte. 2

Ich glaube / diß sey derjenige Sterb gewest / dessen Procopius gedenckt / wann er schreibt / als / zu Cosdrois und Justiniani Zeiten / die gewaltige und verwunderliche Sterb-Seuche den gantzen Erdbodem verheerte / habe man die böse Geister / in menschlicher Gestalt / herum wandeln sehn / beydes an offentlichen und privat-Orten: welche die Leute geschlagen; und die / so von ihnen einen Schlag bekommen / wären alsofort darauf / mit der Seuche / befallen worden: Etlichen sey solches / zu Nachts / im Traum / widerfahren; Etlichen aber / bey wachenden Augen / am hellen Tage. 3

[415] Unter der Regierung Keysers Constantini Copronymi, verfinsterte sich ein Mal die Lufft gar gähling /und darauf erfolgte ein erschreckliches Erdbeben /durch gantz Syrien / und Palæstinam; und demnechst eine grimmige Pestilentz: welche / in Calabrien / und Sicilien / ihren ersten Anfang genommen / nachmals auch Constantinopel angegriffen / und dermaßen ausgeleert / daß es schier gantz verödet worden. Alle Monumenten / fürnehme und gemeine Begräbnissen /Seen / Gärten und Weingärten / wurden dergestalt mit Leichen überfüllt / daß kaum Platz mehr übrig war /die Todten zu begraben. Hiezu kam diese Wunder-Begebenheit / daß man / an den Kleidern derer / die mit der Pestilentz behafftet waren / gewisse Makeln oder Flecken erblickte / die von unsichtbarer Hand drein gedruckt worden / wie gewisse Mahl- und Vor-Zeichen ihres alsofort drauf erfolgenden Todes. So wurden auch diejenige / welche von der Pest angefallen worden / von Gespenstern erbärmlich geplagt: Wie Theophanes, und Theodorus Studita, 4 beglauben.

Wie man 1531 zehlte / grassirte / durch Teutschland / überall die Pest. Zu der Zeit / hörte ein Bruder im Prediger-Kloster zu Lübeck / der / vor andren / die Küche versorgen musste / einsmals / bey der Nacht /da er / auf seinem Lager ruhete / unter sich / in dem Gast-Hause / ein Geräusch / und bißweilen eine Stimme / welche / am Küchen-Fenster / ihm zurieff:Koch! richte an / für die Brüder / die verreisen sollen. Er fragte hierauf / von innen: Wie viel werden Ihrer verreisen? [416] Die Stimme antwortete: Sechs und dreyssig aus dem Convent; und zween Fremde werden mit ihnen reisen.

Ob nun gleich dieser Kloster-Koch bißhero nicht anders gedachte / als daß ihm ein Mensch also zugeruffen hette: verwunderte er sich doch gleichwol drüber / daß man ihn / zu Mitternacht / aufweckte / und zur Küchen berufft; stund derhalben auf / und schaute / durchs Loch / in das Gast-Haus hinein: da er dann eben so viel Brüder / als die Stimme ihm angezeigt /am Tisch sitzen sahe / und zwar mit weiß-verhüllten Häuptern / wie diejenige / so man alsofort begraben will. Darob erschrickt er / geht wieder ins Bette / und fürchtet sich / die Sache lautbar zu machen. Nachdem aber der Ausgang alles bestetigt / und man aus dem Convent sechs und dreyssig Brüder / nebst zweyen andren / so von Hamburg kommen waren / begraben hatte; sagte er offenbarlich aus / was er gesehn hette. 5

Gregorius Nyssenus, ein gelehrter Griechischer Lehrer / erzehlt / im Leben deß Gregorii, beygenamt deß Wunder-thätigen / es habe sich / in Griechen-Land / begeben / daß das Volck den Comedien / und andren Schau-Spielen / in solcher Menge zugeloffen /und sich hinein gedrungen / daß gantz kein Raum mehr übrig geblieben / und Viele nicht hinein gekönnt: Da nun die Leute geklagt / über den gar zu engen Platz / und Andre sich beschwert / es würde gar zu voll / weßwegen sie allzu hart gedrengt würden; hette der Satan überlaut zur Antwort drauf gegeben /und geruffen: Es [417] würde bald leer gnug werden / und an Leuten mangeln / welche die Stadt erfüllen oder besetzen mögten: Worauf auch / zur Stunde unter noch währendem Schau-Spiel / durch deß Teufels-Würckung / auf GOttes Verhengniß / unter die häuffige Menge deß Volcks eine so strenge Pestilentz gekommen / daß / in gar kurtzer Zeit / die gantze Stadt von Menschen erschöpfft / und zur Wüsten worden. GOTT verhüte in Gnaden / daß / bey unsrer verderbten Zeit / da / bey so kläglichem Zustande andrer christlichen Länder / die mit dem Kriegs-Hungers-und Pestilentz- oder auch mit dem Gewissens-Schwert / so tödtlich geschlagen und verwundet werden / dennoch die Comedien / nebst allerley andren üppigen Schauspielen / so häuffig einreissen / und man den Rauch von benachbarten Wänden / nicht mit bußfertig-threnenden / sondern gleichsam von Uppigkeit lachenden / Augen / ansihet / nicht auch dergleichen /zur wolverdienten Straffe erfolge!

In den Saltz-Gruben deß Americanischen Königreichs Peru / ist den Indianern ein Gespenst / so groß / wie ein Riese / erschienen; aber mit einem aufgeschnittnem Bauch / daraus das Gedärm hervor gehangen: und auf den Armen / hat es zwey kleine Kindlein getragen. Nachdem dasselbe ihnen eine schwere Plage angekündigt / ist es / vor ihren Augen / verschwunden. Diß hat zwar das einfältige Volck verachtet /darum / weil es / bey scheinender Sonnen / erschienen: aber / daß solches Drauen nicht vergeblich geschehen / ist durch die / gleich hernach eingerissene /Sterb-Seuche / bald entdeckt worden. Massen solchesChieza, in [418] seinen Peruanischen Geschicht-Schrifften /berichtet. 6

Im Orient / sollen gleichfalls / nach AnzeigungKircheri, in seinem Tractat von der Pest / noch auf den heutigen Tag / die Leute / von den teuflischen Gespenstern / mit der Pest jämmerlich geplagt werden; indem weiß nicht was für eine höllische Unholdinn ihnen auf den Leib geht / und sie / mit einem Pfeil /empfindlich trifft: wovon sie alsofort niderfallen / und den Geist aufgeben. 7 Wiewol ich zweifle / ob darunter auch die Türckey mit zu verstehen sey. Denn Gerlachius schreibt / in seinem Türckischen Tag-Buch /daß / in Türckey / weder Türcken / noch Christen /etwas dergleichen / nemlich von Sterb-Gespenstern /sehen.

Eben daselbst gedenckt er / es habe / beym Nacht-Essen / und Tafel-Discurs / Einer Namens Schmeisser / erzehlt / daß / zu Schwatz / in Tyrol / sich ein Gespenst / zur Sterbens-Zeit / sehen liesse / bald klein- bald groß / und so hoch / wie ein Haus / machte / und zu welchem Fenster es hinein schauete / aus demselben Hause die Leute stürben; und ein solches Gespenst auch / zu Insbruck gesehn würde. 8

Fußnoten

1 P. Warnef. l. 6. de Gestis Longob. c. 2.

2 Idem lib. 2. c. 5. f.m. 6.

3 Procop. lib. 2. de Bello Persico.

4 In Oration. de S. Platone.

5 Albert Krantz im 8 Buch Wandaliens / cap. 25.

6 Chieza part. 1. Histor. Peruanæ, c. 24.

7 P. Kircher, de Peste, Sect. 1. c. 10. p.m. 42.

8 Gerlachius im Türckischen Tag-Buch / am 301 Bl.

44. Der Wald-Pfeiffer

[419] XLIV.

Der Wald-Pfeiffer.

Vor etlichen Jahren / hat sichs zugetragen / daß ein reicher Vieh-Händler / der ehedessen ein Metzger gewesen / nunmehr aber nur / dann und wann / über Land oder Feld ging / um Vieh einzukauffen / nach Bissingen / so nicht übrig weit von seinem Aufenthalt war / gereiset / und allda unter seines Gleichen gerahten / die sich / nach getroffenem Kauff / mit ihm / bey einem Glase / lustig gemacht / wobey ihnen die Pfeiffer / und andre Spielleute / aufgewartet. Indem er nun / von dannen / wieder heimkehren wollte / musste er nothwendig / durch ein Holtz / darinn es nicht allerdings richtig; wie deß Orts sattsam bekandt / und deßwegen Keiner gern so leicht allein / zumal bey Abend-Zeiten / dadurch gehet. Dieser Mann aber / als welcher ziemlich behertzt / scheuete sich im geringsten nicht / ohne Gefährten / seinen Heim-Weg dadurch zu nehmen; ohnangesehn / die Sonne ihre Stralen bereits eingezogen / und der Himmel / von dem Abend-Schatten / sich angebräunet hatte.

Nachdem er nun ein Stuck Weges hinter den Rucken gelegt; vernimt er von fernen / im Walde / eine Schalmey: die gleichwol viel näher lautete / als / daß sie / in irgends einem Dorff / gespielt werden sollte. So gab es / selbiger Gegend / weder Heerden / noch Hirten: und ließ auch die Gelegenheit dieses Orts nicht zu / daselbst einige natürliche Spielleute / vielweniger eine lustige [420] Zech-Zunfft / zu vermuten: Daher ihm die Sache abentheuerlich vorkam.

Einen Weg / wie den andren / setzte er seinen Weg fort: biß / seines Vermerckens / die Schalmey / von der Seiten zu / immer näher kam / und zwar so nahe /daß er endlich ein wenig still stund / um zu erwarten /was daraus werden / und etwan für ein Pfeiffer hervorkommen mögte. Da ward er zuletzt gewahr / daß /zwischen den Bäumen / und durchs Gebüsch / Einer gerad auf die Land-Strasse zu ginge / in welcher er stund / und hart an ihn kam. Derselbe hatte ein grünes Käpplein auf. Wie die übrige Kleidung / oder Gestalt / beschaffen gewest / wusste diejenige Amts-Person /welcher es der Vieh-Händler selbst / ein paar Tage hernach / mündlich erzehlet hat / sich nicht mehr zu erinnern. Es muß aber dennoch dieser Wald-Pfeiffer oder Schalmeyer so seltsamen Musters gewest seyn /daß der Mann denselben für nichts Gutes gehalten. Denn nachdem der Pfeiffer / biß auf drey oder vier Schritte zu ihm getreten / und vor ihm stehen bleibend immerzu / auf der Schalmey lustig fortgepfiffen; hat der furcht-lose und unerschrockene Mann / nach einem kurtzen Zuschauen / denselben angeredt / mit diesen Worten: Du Kerl! laß schauen / kannst du was wackers / so mache mir eins auf die sieben Worte Christi am Kreutz!

Hierauf ist der erbare Pfeiffer / samt dem Schall seiner Schallmeyen / angesichts verschwunden. Das heisst: Ein Wörtlein kann ihn fällen!

45. Der böse Junckherr

[421] XLV.

Der böse Junckherr.

Um Eger lässt sich / auf dem Felde / nahe bey selbiger Stadt / nicht selten ein Gespenst / in Gestalt eines Manns-Bildes / sehen / welches die Leute den Junckherr Ludwig nennen: weil Einer deß Namens ehedessen da gelebt / und die Grentz- oder Marck-Steine deß Feldes betrieglich verruckt haben soll: weßwegen er /bald nach seinem Tode / (oder vielmehr der böse Geist / in seiner Gestalt) angefangen / umzugehen /und die Leute / durch seine Begegnung / zu erschrecken.

Zu unsren Zeiten / hat die Gewißheit solcher gespenstischen Erscheinung eine Jungfrau erfahren / wie ich / aus beglaubter Erzehlung Eines ihrer Befreundten habe verstanden. Dieselbe geht einsmals allein /vor dem Thor / in selbiger Gegend / die dieses bösen Junckers wegen so berüchtigt ist / und wie sie ungefähr an die Stäte kommt / wo der Marck-Stein / wie man sagt / verruckt seyn soll / wandelt ihr ein solcher Mann / wie ihr vordem mehrmaln das Juncker-Ludwigs-Gespenst beschrieben worden / entgegen / geht auf sie an / und greifft ihr / mit der Faust / in den Busem. Wovon dieser gleich aller schwartz worden /das Gespenst aber verschwunden.

Sie geht hierauf / in tieffster Entsetzung / heim / zu den Ihrigen / (deren Etliche noch am Leben / und diß Alles bezeugen spricht / Sie habe ihren Theil / und findet sichs / daß ihr die Brust aller erschwartzt [422] sey. Die / so dergleichen Schrecken einnehmen / werden gemeinlich lagerhafft / und todt-kranck / sterben auch wol gar darüber hin. Das ist auch dieser Jungfrauen wiederfahren. Denn die hat / noch selbigen Tags sich zu Bette / und am dritten hernach das Leben von sich / gelegt.

In dem Orientalischen Reussen / soll vormals / wiePetrus Gregorius 1 berichtet / gleichfalls ein grausames Mord-Gespenst / zur Zeit der Ernte / in der Mittags-Stunde / durchs Feld herumgewandelt seyn / in Gestalt einer Leid-tragenden Witwen / und den Schnittern Arme und Beine zerbrochen haben; daferrn sie nicht gleich / so bald sie deß Gespenstes nur ansichtig worden / nidergefallen / und es angebetet.

Es wollen Einige dafür halten / daß solche Gespenster / so um den Mittage sich blicken lassen / in der Bosheit alle andre übertreffen. Und ist solche Meynung schon ziemlich grau. Origenes will / daß die Kinder deß frommen Hiobs / in der Mittags-Stunde /von dem Hause überfallen / und erdruckt worden: und sagt / daß deßwegen die Heiligen / weil ihnen solches bekandt / allezeit zu GOtt gebetet / Er wolle sie behüten / so wol für der Seuche / die im Mittage verderbet / als die im Finstern schleichet: (aus dem 91 Ps.) Denn wie bey finsterer Nacht-Zeit / also setzten auch /unter der Mittags-Zeit / die Teufel / mit ihren Versuchungen / am hefftigsten an. 2

[423] Ich gläube aber / wer sich / so wol zu Mittags / als Morgens-Abends- und Nachtzeit / mit einem gläubigen Gebet verwahrt / der sey so wol dem Mittags- als Nachts-Teufel / und allen andren gnugsam gewachsen / und könne sagen / wie David: Wann sich schon ein Heer wider mich legt / so fürchtet sich dennoch mein Hertz nicht. 3 Es muß aber der Mensch auch seines ordentlichen Beruffs warten / GOtt nicht versuchen /noch vermessen seyn / und auch im Stande der Gnaden erfunden werden: Alsdann wird ihn der Teufel wol gehen lassen / und sich so wenig an ihm / als wie an einem Engel / vergreiffen.

Fußnoten

1 De Republ. lib. 12. c. 20.

2 Autor Commentar. in Jobum, qui Origeni tribuitur.

3 Ps. 27.

46. Die Verlassenschafft deß gespenstischen Banckets

XLVI.

Die Verlassenschafft deß gespenstischen Banckets.

Insgemein hinterlassen die Gespenster nichts / als Gestanck / und Erkranckung denen / welchen sie erscheinen: In dieser Geschicht-Erzehlung aber / wird ihre Verschwindung eine reiche Beute von gutem Silber hinterlassen / und / ob gleich wider Willen / einem Potentaten solches abstehen.

Mir haben etliche glaubhaffte Leute die Gewißheit bezeugt / daß / zu Friederichs / deß Dritten / Königs in Dennemarck und Norwegen / Regierungs-Zeiten /[424] folgende Abentheurligkeit vorgegangen.

Man hatte eine offentliche Zusammenkunfft nach Flensburg (wiewol ein Andrer mir / von einem andren Ort gesagt) ausgeschrieben / welcher auch der / nunmehr selig-ruhende König / durch seine Gegenwart /einen Glantz gegeben; als / unter andren Cavalliern und von Adel / gleichfalls einer dahin zoch / den man schier unter die Ruchlosen zehlete / und der weder Teufel / noch Gespenst / glaubte: wie man denn / jetziger Zeit / solcher Leute noch wol genug antrifft / die ein Gespött daraus machen / wann sie / von Gespenstern / reden hören / und es Alles / für betriegliche Einbildung / ausgeben.

Dieser Cavallier / oder Edelman / war so spät angelangt / daß nirgends Raum mehr für ihn übrig geblieben / ohn allein in einem solchen Hause / da ihm der Wirth auffrichtig zu vernehmen gab / es wären alle seine Zimmer / von Fremden / schon eingenommen /biß auff ein einiges: darinn er aber selber ihm nicht rahten mögte / zu übernachten / weil das Ungeheuer daselbst gewaltig rumorte / und ihn leicht / durch übermachten Schrecken / gefähren dörffte.

Er / dessen Verwogenheit dergleichen Gefahr /eben so viel / als Sicherheit / oder kindisch- und aberglaubische Thorheit / und vielleicht dieses / für eine rechte Gelegenheit den unerschrocknen Mut zu bewehren / achtete / gab lächlend zu verstehn / daß er /für Mährlein / oder falschen Einbildungen keine Furcht hette: hat nur / um ein Licht. Welches er auff den Tisch stellete / und gantz allein [425] dabey sitzen blieb; um desto gewisser / mit wachenden Augen /sich zu versichern / daß er nichts gesehen hette / oder / im Fall sich ja etwas sehen liesse / er / beym Licht /erkennen könnte / ob es nicht etwan ein gemacht- oder ertichtetes Gespenst wäre / und dasselbe fein beleuchten mögte.

Der Wirth willfahrte seiner Vermessenheit / ließ ihm Liechts genug / und wünschte ihm eine bessere Nacht / weder er für ihn hoffte; in Meynung / dieser freche und kühne Gast hette vielleicht eines Schweiß- Bads vonnöthen / welches er anjetzo / in diesem unsicherem Zimmer / wolfeil genug bekommen würde.

Solche Vermutung fehlte auch nicht. Es war die Nacht noch nicht gar halb; als sich / nach und nach /etwas / in dem Saal / anfing / immer stärcker zu rühren / und ein Getöß über das andre hören ließ. Welches aber sein gefasster Mut / zu überhärten / und wider den anschaurenden Schrecken / sich männlich zu halten / strebte. Unterdessen ergrösserte sich das Geräusch / und machte ihm gleichfalls / mit der Zeit auch / vor Furcht / seine Haut gleichsam rauschen /als ein Aspen-Laub: wie sehr er auch / sich selbsten zu bereden / bemühet war / daß mans nicht achten müsste / der Bestürtzung den Streit anbot / und die flucht-fertige Hertzhafftigkeit anzuhalten / ringte.

Nach einem ziemlich-langen Vorspiel / Gepolter /Gauckeley / und Getümmel / kommt / durch den Schlot und Kamin / (angemerckt / man derer Oerter deß Kamin-Feuers sehr gewohnt ist) bald ein Bein /bald ein Arm / hernach der Bauch / Brust / und endlich der Kopff herab / und / wird aus [426] solchen partibus integrantibus, oder Haupt-Stücken und fürnehmsten Theilen menschliches Leibes / geschwind ein gantzer menschlicher Körper / in Gestalt eines Lakeyens /oder Trabantens / zusamm gesetzt. Gleicher Weise fallen ihrer mehr / nach ein ander herab. Welches Alles der Edelmann / mit erstarrten Augen / so lang ansihet / biß zuletzt die Thür deß Saals aufgeht / und der helle Hauffe einer völligen Königlichen Hofstat herein geht.

So bald hatte sich derselbige nicht zu dem Tisch genahet / als unser redlicher Edelmann / von dem Tisch auffsprang / und sich / mit aller seiner Resolution / hinter den Ofen / retirirte: Weil er / vor denen im Wege stehenden menschlich-gelarvten Gespenstern zur Thür nicht hinaus kunnte. Er sahe / wie man / im Augenblick / die Tafel deckte / und mit Königlichem Tractement anhäuffte / auch mit vielem silbern und güldnem Trinck-Geschirr besetzte.

Wiewol er selbst / unter diesen verdächtigen Gästen / ein Gast zu seyn / schlechten Appetit hatte: kam doch bald Einer / begehrte / er solte / als ein Gast und Fremdling / mit zur Tafel kommen / und vorlieb nehmen. Weil er aber sich weigerte / ward ihm ein grosser silberner Becher dargereicht / um denselben / auf Gesundheit / resolut Bescheid zu thun. Der gute Kerl /welcher nunmehr gar zu starck glaubte / daß es würcklich Gespenster gäbe / und sich / vor grausender Bestürtzung kaum besann / nahm das Trinckgeschirr zwar an; zumal weil es schien / als würde man ihn nöthigen. Jedoch weil ihm / ehe denn er [427] ansetzte / ein schreckliches Grausen anstieß; fing er an / in solcher zittrenden Angst / GOtt anzuruffen / um Schutz und Bewahrung.

So bald hatte er diese Anruffung kaum gethan / als / im Augenblick / aller Pracht / alles Geplerr / und das gantze Banquet / samt den seltsamen und stoltzen Gästen / verschwand.

Der Nam JEsus ist nicht nur ein Schild / sondern auch Schwert / ja ein rechter Donnerschlag / wider die böse Feinde / wodurch sie / aller ihrer Stärcke / List /und gaucklischer Pracht / ungeachtet / in die Flucht geblitzet werden.

Ob nun gleich Alles andre / nemlich die Hofstat /samt den Speisen / im Augenblick dem Auge entrissen war: behielt doch nicht allein der Edelmann den silbernen Becher / welchen man ihm gereicht hatte zum austrincken / in der Hand: sondern es hinterblieb auch alles Silber-Geschirr / so auf die Tafel kommen war / samt dem einigen Licht / welches ihm gehörte. Daher er solches / am folgenden Morgen / zu sich genommen / in Meynung es für sich zu behalten. Als aber der regierende König / Friedrich der Dritte / hievon Bericht empfangen: ist Alles / von demselben / in Beschlag genommen / unter dem Titel / daß es solche Sachen / so der höchsten Lands-Obrigkeit heimfällig wäre. Allein weil der Edelmann einen rechtlichen Anspruch darauf zu haben vermeynte / als auf einen solchen Fund / den GOtt ihm / fur seine ausgestandene Todes-Angst und Lebens-Gefahr / hette zu Theil werden lassen: (wie denn auch / drittens / wol der Hauswirth sich hette mit drum anmelden können) ließ man diese Frage / [428] an die juristische Faculteten unterschiedlicher hoher Schulen gelangen: welche Alles dem Könige zugeurtheilt.

Wo aber besagtes Silberwerck eigendlich hergekommen / hat man nicht erfahren / und derhalben der König es / als einen gefundenen Schatz / oder verlassenes und ihm heimgefallenes Gut / für sich eingezogen. Vermutlich ist es ein vergrabener Schatz gewest /oder ein solches Silberwerck / das der Teufel / von vielen reichen / und fürnehmen Hexen / gesammlet: die / aus Sorge entdeckt zu werden / weder ihren Namen / noch Wapen haben drauff stechen lassen. Wie man denn auch so / ohne dem / selten ein silbernes Tafel-Geschirr / imfall es nicht etwan eines Königs oder Fürstens ist / mit Namens-Buchstaben /oder Wapen / bezeichnet antrifft. Es kann doch gleichwol auch diß Silber-Geschirr / von vielen Beutelschneidern zusammen getragen seyn.

Der verruchte Edelmann hat allein / zur Vergeltung seines Angst-Schweisses / die Gewißheit und Beweisung erhalten / daß gewißlich Teufel und Gespenster seyen; die Einem zwar Schätze zeigen / aber nicht zueignen. Womit er müssen vorlieb nehmen; als Einer der diesen Schatz / im Schweiß seines Angesichts /nicht gegraben / sondern nur ungefähr erblickt / und gefunden hatte / dazu nicht in seinem eigenem Hause; sondern in eines Andren.

Ich gebe aber diese Erzehlung / wie ich sie habe empfangen; und erinnere mich / daß ich eins fast dergleichen anderswo gelesen. Weiß aber nicht / ob an beyden / oder nur einem Ort / solches [429] sich begeben: Denn es geschicht dergleichen wol öffter / als ein Mal / oder an einem Ort allein; wiewol mit etwas veränderten Umständen.

47. Die Entruckte und Wiedergefundene

XLVII.

Die Entruckte und Wiedergefundene.

Daß der Wolf ein erhaschtes Schaf unerwürgt fahren lässt / wenn ihm die Jäger oder Hirten / eilig nachsetzen / ist so eben nicht hoch zu verwundern: die Furcht / er dörffte selber gefangen werden / zwingt ihm den Fang wieder ab / und die Sorge für seinen eigen Peltz reisst ihm solchen Raub wiederum aus den Klauen. Wann er aber das Schaf den Leuten allbereit weit aus den Augen / und aus aller Wissenschafft hinweg geführt / also / daß man seine Fußtapffen unn Höle / da er es hinein geschleppt / nicht erspüren kann; so ist es wol ein Wunder-Glück / und sonderbare Raritet / daß man das / arme Schaf unzerrissen wieder sindt. Also auch je gefährlicher das hellische Raubthier uns Menschen nachstrebt / und je tödtlicher und grausamer sein grimmiger Rachen auff uns hungert / desto Wunderwürdiger ists / daß dieser Mord-Geist / wann er einen etwas verwirrten und blöden / oder auch wol Vernunfft-gesunden Menschen den Leuten aus den Augen / an einsame Oerter / entruckt und verborgen hat / da denselben niemand aufsuchen noch [430] retten kann / dennoch / durch einen unsichtbaren Ferrn-Zwang / genöthigt wird / einen solchen abwegig-verführten Menschen nicht allein unbeschädigt zu lassen / sondern auch denselben den Leuten wider ins Gesicht zu stellen / und wieder um unverletzt / an einen solchen Ort zu liefern / von dannen man ihn leichtlich abholen kann.

Solcher Ferrn-Zwang geschicht / durch die Krafft deß Gebets der Gläubigen / und zwar am kräfftigsten der christlichen Gemein: welches / wie es Petro die Fesseln ablösete / also noch heut die Bande Belials zerbricht / und ihm seine Macht bindet / daß er den /leiblich-gefangenen / oder entführten / Raub nicht verschlingen kan; sondern unangebissen wieder quitiren muß.

Wie mancher Sinn-zerrütteter Mensch wird / von diesem Menschen-Feinde / aus der Obacht seiner Hüter / hinweg gepartirt / und an verlassene öde Oerter verleitet / da er ohne menschliche Hülffe / verderben und entweder durch Hunger / oder Wassers-Noth / oder Stürtzung / ums Leben kommen müsste / wann nicht der Engel Gottes diesem grimmigen Leuen den Rachen zuhielte; will sagen / ihm seine Gewalt und Anschläge hemmete / den Verirreten bewachte / und endlich wiederum zu den Seinigen brächte.

Wie mancher / ob er gleich am Verstande unversehrt ist / wird dennoch eben sowol / auf Göttliche Zugebung / von einem Gespenst / in unwegsame Wege / in Wälder und Gebirge / hinweg gerafft / und daselbst / eine Zeitlang unter deß Satans unvollkommener Gewalt / aufgehalten / mit höchster Gefährung seines Lebens / und doch endlich [431] durch der Seinigen Fürbitte / der vor Augen schwebenden Noth wiederum abgenöthigt / und in Sicherheit zurück geführt!

Diese Gnade ist / unter andren / widerfahren einem Mann / auf der Dennemärckischen Insel Ferroë, in dem Städtlein (oder Flecken) Süderse. Derselbe hatte sich / im Jahr 1668 / verlohren / also / daß man in vielen Tagen keine Nachricht erholen können / wo er wäre geblieben: denn böse Leute hatten ihn / durch ihre Hexerey / hinweg-gepartiert. Nachdem aber die Seinige nicht abgelassen / für seine Erhaltung / und wieder zurechtführung / eyfrig zu beten / ist er doch endlich wieder zu ihnen gelangt / ohn einigen Schaden, aber / in vierzehen Tagen / stumm geblieben; zweifels ohn / für tieffer Entsetzung.

Als er aber wiederum zu sich selbst gekommen /hat er bekannt / er hette / Zeit seiner Abwesenheit /nichts übels empfunden; ohn allein / daß ihm / da er wiederum heimgewollt / etliche Geister sehr molest gefallen. Massen diese Begebenheit der Denemärckische Theologus / Doctor Lucas Jacobi Debes / in seiner Feroa reserata, oder Beschreibung der Feroënsischen Insel / unter andren merckwürdigen Sachen / erzehlt. Welcher auch dieses / was sich kurtz zuvor / am 2 Augusti selbigen Jahrs / zugetragen /beglaubt.

Als die Tochter Olai Johannsen zu Velberstatt /aus der Kirchen wieder nach Hause gehen wollen /und selbigen Tags sich mit beym heiligen Nachtmal eingefunden; hat sie sich unterwegs verloren / ist etliche Tage über gesucht / aber nirgends angetroffen. Weßwegen man zuforderst / in [432] der Kirchen zu Kalbach / auf der Kantzel / für sie bitten lassen / und danebenst / mit suchen und nachforschen / fleissig angehalten.

Worauff sie / am neundten Tage / von etlichen Vieh-melckenden Mägdlein / in der Nachbarschafft /zwischen zween grossen Steinen / gefunden worden. Den Kopff hatte sie in ihre leinen Tücher eingewickelt / und gab die geringste Anzeigung einiger Rede nicht.

Nach dem solches ihren Eltern angesagt; eilen dieselbe zu ihr hin / und heissen sie auffstehn. Da hebt sie an / zu reden / und berichtet / sie sey / von einem mächtig-hohem Hügel herab gelassen / wovon Niemand sonst leichtlich / ohne Gefährung am Leben /würde entkommen seyn. Ihre Kleider waren gleich wol gantz / und nichts daran zurissen / dazu auch die Schuhe sauber und unbesudelt: ob es gleich / in selbigen Tagen / immerzu aneinander geregnet hatte. Weil sie aber / innerhalb solcher neun-tägigen Zeit / die geringste Speise nicht zu sich genommen: griff sie /gleich nach ihrer Heimkunfft / frisch wiederum in die Schüssel.

Das Kirchen-Gebet hat nemlich / bey diesem Mägdlein / das Beste gethan / und demselben für eine lange Läiter gedient / von dem gewaltig-hohen Hügel wiederum herab zu kommen. Dieser ist also Ursach genug gegeben / nebst dem 91sten Psalm / zu beten:Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen / von welchen mir Hülffe kommt. Meine Hülffe kommt vom HErrn. [433] Durchs liebe Gebet / ist ihr vom Himmel / englische Hülffe zugekommen: Und der HErr ists / der alle Hülffe thut.

48. Der Höllen-Spiegel

XLVIII.

Der Höllen-Spiegel.

Wann Einer / indem er mit den beinern oder gefärbten Augen / (mit Würffeln und Karten) spielt / über seinem Haupt eine / am seidnem Faden hangende / Partisan oder Helleparten / erblicken sollte; würde vermutlich ihm das Spiel aus der Hand / der Mut aus dem Hertzen fallen / und er sich lieber deß Spiels auff ewig verzeihen / als / unter einem so gefährlichem Ernst / mehr zu spielen begehren. Und daferrn man sich / in einem Spiegel / doppelt sehen sollte / nemlich zugleich lebendig und todt (wie / nach Erzehlung deß Petro de Castillo, am 389sten Blat seines Schau-Platzes der Welt / ein Spannier dergleichen Spiegel erkünstelt hat) oder zugleich an einer Herrn-Tafel /und auff einem brennendem Scheiter-Hauffen sitzend: so würden vermutlich ihm / in allen seinen schnöden Begierden / die Wollust-Ströme versiegen.

Um so viel grössere Ursach hetten die Füllerey-Krieger / und alle Wollüster / von ihrem verdammten Spiel aufzustehen / und ihren Lastern stracks abzudancken: weil ihnen Esaias einen [434] Spiegel weiset / darinn sie / wann es ihnen nur belieben mögte einen betracht- und bedachtsamen Einblick zu thun / mitten in ihrem üblen Wol-Leben / das Weh / und zwar ein ewiges Weh / an einem Stroh-Hälmlein / das ist / an dem gebrechlichem Faden ihrer ungewissen Lebens-Frist / über sich ersehen könnten. Denn er zeiget ihnen / in seinem Weissagungs-Spiegel die über ihrem Haupt schwebende und Fall-fertige Lantze deß ewigen Todes / samt dem nach ihnen weit auffgespertem Rachen der Höllen; indem er rufft: Weh denen /so Helden sind / Wein zu sauffen / und Krieger in Füllerey! etc. Wie deß Feuers Flamme Stroh verzehrt / und die Lohe Stoppeln hinnimt: also wird ihre Wurtzel verfaulen / und ihre Sprossen auffahren wie Staub. 1

Weil aber Manche solchen Spiegel keines Auges würdigen / und ihren rohen Lüsten keinen Blick /vielweniger das Hertz / entwenden mögen; sondern /wie derselbige heilige Gottes-Mann klagt / das Gesetz deß HErrn Zebaoth verachten / und die Rede deß Heiligen in Israel lästern; oder / welches eben so viel / ein hönisch Sprüchwort draus machen / und ihren Spott damit treiben: so verhengt GOtt / daß bißweilen ein andrer Spiegeler aufftritt / der ihnen ihren Zustand konterfeytet / nemlich in was für Gefahr / und bösem Verdienste sie leben / und wie sie lebendig im Tode / ja gleichsam so gut schier als im Rachen der Höllen / stecken. Gestaltsam ein solcher Teufels-Spiegel etlichen Officierern / die so wol / unter [435] dem Regiment Bacchi / als Martis / gedient / und mit gläsernen Pistolen einander befehdet / vor neun und funfftzig Jahren / vorgestellet worden.

Ein gewisser Obrister / als er / im Jahr 1630 / nach vielem / aus dem Mantuanischem Kriege erobertem Raube / Brandschätzung der Städte / und Auspressung deß Landmanns / merckte / daß er selber dem Tode zum Raube werden müsste: setzte er ein Testament auff / und bezeugte seinen letzten Willen / eben so schön / als wie er bishero im Leben sein Gemüt bezeuget hatte / nemlich als ein trefflicher Gesellschaffter Epicuri / der sich so wenig um die Hölle /als wie um den Himmel / bekümmerte. Denn diese seine letzte Willens-Erklärung vermogte / daß man ihm zuforderst eine prächtige und kostbare Leich-Begängniß anstellen / und hernach Alles / was von seiner Verlassenschafft noch übrig / welches kein Geringes war / denen andren Hauptleuten und Officirern seines Regiments / die mit ihm zu Felde gegangen /zukommen und gemein seyn sollte: aber / mit diesem Bedinge / daß sie / ihm zu Ehren / und Seiner dabey zugedencken / sich dafür lustig machen sollten / mit sauffen / fressen / und buhlen / und gleich / nach seiner Beerdigung / ein solches Lust- und guter Dinge-Leben anfangen / auch nicht schliessen / noch damit auffhören sollten / so lang das Geld währete. Ob vielleicht dieser Kriegs- und Füllerey-Oberster / der kein schöners Testament hette ersinnen können / wenn ihm gleich Epicurus selbst / für einen Notarium / aufgewartet / den Auffsatz gemacht / und durch seinen Wahl-Spruch / Ede, bibe, lude etc. gesiegelt hette /gehofft habe / es dörffte etwan seine [436] Seele / nach ihrem Ableiben / in eines / unter solchen seinen ernannten Erben / fahren / und solcher Gestalt eine behägliche Wohnung antreffen / oder sonst / nach dem Tode / unter ihnen unsichtbarer Weise / herum flattern / und der Lust beywohnen / kann ich nicht wissen. Besser hette er unterdessen sein Testament nicht einrichten können / wann er gleich niemals einem christlichen Potentaten / sondern dem Assyrischen Sardanapal / vorher zu Felde gedient hette. Besser hette er auch nicht / als durch solchen seinen letzten Willen /bezeugen können / daß / auff ein ruchloß Leben / gemeinlich auch ein ruchlos Ende folgte. Ob auch gleich weder die Kirchen / noch Witwen / noch Wäisen /noch andre Armen / Ursach gefunden / diß Testament zu loben: werdens doch vielleicht die Weinwirthe /die Maistressen / die Spielleute / und ohne Zweifel /vor allen Andren / die Teufel / gerühmt haben: angemerckt / unschwer zu erachten steht / was für Engel sich / für Heimführer / und Erben der Seelen dieses erbaren Testament-Machers / angetragen / und sie davon getragen / zu ihrem guten Bruder dem Sadducæischen Schlämmer / welcher / beym Evangelisten Luca / über peinliche Hitze in der Flammen seufftzet.

Nun dieser seiner letzten Meynung ward / mit strengem Gehorsam / nachgelebt / und jener ruchlosen Bancketirer ihr Glas-Spruch / Lasst uns wolleben /weils da ist! redlich wiederholt / und treulich erfüllt. Die eingesetzte Erben / und zugleich Executores und Ausrichter dieses Testaments fingen / bald nach ansehnlicher Bestattung deß Leichnams / einen Krieg an, mit [437] Bechern und Gläsern / und setzten / sonder Spiegel-Fechten / einander / tapffer mit den Bachus-Waffen / auf die Haut / frassen und soffen / liessen dabey die Geigen lustig auffmachen / auch bißweilen eine willige Jungfer zum Reihen kommen / die Lust hatte ihr Kräntzlein / um einen Wett-Streit der Buhlerey / Preis zu setzen / und zu vertantzen / oder dem schon längst vertantzten Ehren-Krantze / mit Leichtfertigkeit und Unzucht nach zutantzen.

Indem sie aber / eines Tages / eine dergleichen Fröligkeit / die aller Erbarkeit zur Traurigkeit gereicht /angestellet hatten / und resolut einander zusetzten /bey Halb- und Gantzen soffen / und speyeten: erhub sich draussen ein gählings Geräusch / ob würden ein Hauffen rasselnder Ketten / die Stegen herauff geschleppt. Selbiges Gerümpel / Gerassel / und Getöß kam immer näher / und endlich gar biß an das Gemach / darinn diese asotische Erben ihr bestimmtes Erb-Recht genossen / das Erbe miteinander verschlämmeten / und den Schweiß mancher Bürger und Bauren durch die Gurgel fliessen liessen / sich toll und voll soffen / und meldete sich mit so lautem Schall an / das sie alsofort deß Jauchzens / Turnirens / scalirens / schandirens / sacramentirens / jubilirens /drüber vergassen / und über das düsterliche / furchtsame Ketten-Gerassel / sich hefftig entsetzend / alsofort ihrer unsinnigen Schwermerey die Ketten / das ist /ein kurtzes Einhalt! anlegten / um zu erwarten / was die Ketten draussen etwan bedeuten / oder beschliessen mögten. Ihre Erschreckung vertausendfältigte sich aber / als sich die Thür von selbsten öffnete /über den grausamen Anblick / der sich ihnen draussen vor dem Zimmer [438] zu schauen gab: Denn es erschien ein grosses ungeheures Feuer / in welchem ein jedweder seine Gestalt / unter der grimmig-flammenden Lohe / erblickte.

Die Abscheulichkeit solcher Erscheinung / und daraus entstehende Bestürtzung / verderbte das Gelag /und zerstreuete es alsofort voneinander. Ja es hat dieser Feuer-Spiegel ihnen so übel gefallen / daß Etliche nach wenig Tagen / von Schrecken / über solchem /immerzu vor Augen stehendem Höllen-Bilde / den Tod genommen; Andre / nach etlichen Monaten / allesämtlich aber / innerhalb Jahres Frist / gestorben: ausbenommen ein Einiger / der es einem Mann von grosser Würde selbst erzehlet hat / und damals noch am Leben gewest / als derjenige / welcher diese Geschicht / dem Beschreiber derselben / aus desselbigen grossen Ehrens-Manns Munde / beglaubt hat. 2 Wie es dann eben derselbige Officier / welcher noch übrig geblieben / auch sonst / bey aller Gelegenheit / eben so wol Andren zu erzehlen pflegen.

P. Caspar Schottus / ein gelehrter Jesuit / berufft sich auf P. Nicolaum Mohr / seinen Collegen und Professorn der Philosophiæ / auff der Hohen Schule zu Würtzburg / der ihm / nebst dem Vorigen / auch dieses nachgehende / so münd- als schrifftlich / vergewissert habe:

[439] Als ein Religios / oder Ordens-Mann / seiner löblichen Gewonheit nach / kurtz vor Mitternacht / einsmals sich / in den Chor der Kirchen / zum Gebet verfügte / bemüssigte ihn ein gewisses Geräusch / nach dem Mittel-Theil der Kirchen hinzuschauen: Allda er ein grosses Feuer geschürt sahe / und / über dem Feuer / einen grossen Kessel / in welchem er drey Personen / seiner Religion / so deß Orts wohnhafft / und ihm so wol sonst / Kundschafft wegen / als vom Angesicht / aufs allerbeste bekandt waren / erblickte. Und selbige Personen seynd alle drey / noch in demselbigen Jahr / gestorben.

Diesen Ordens-Mann hat auch benamster Pater Nicolaus Mohr auffs beste gekandt. 3

In der Italiänischen Landschafft / da ehdessen diePeligni wohnten / (heutiges Tags nennt man selbigen Land-Strich Valva) soll sich / wie Alexander ab Alexandro schreibt / dieser abentheurlicher Fall begeben haben / den anfangs Männiglich für eine Fabel / hernach aber Jedermann für eine wahre Geschicht gehalten; nachdem man / von vielen glaubwürdigen Personen / gewisse Nachricht darüber eingezogen / die nicht aus falschem Geschwätze / oder fliegenden Reden / sondern durch gantz gewisse und gründliche Urkunden / in Erfahrung gebracht worden. Und weil auch einige / geistliche Scribenten evangelischer Religion kein Bedencken gehabt / denselben ihren Schrifften einzufügen: wollen wir ihn gleichfalls allhie nicht ausschliessen / und dennoch für keine Gewißheit ausgeben.

[440] In bemeldter Landschafft der Peligner / führte ein Herr / in einer gewissen Stadt / welche Alexander /gewisser Ursachen halben / (vermutlich darum / weil /zu seiner Zeit / die Famili dieses Herrns noch in grossem Ansehn gewest) nicht nennen wollen / ein sehr prächtig- und herrliches Leben; daneben aber / über die Einwohner selbiger Stadt / die seinem Gebiet unterworffen war / eine tyrannische und grausame Herrschafft: wie denn gemeinlich dem Pracht und übermässigem Gepränge der Gebietenden / die Seufftzer der Gehorchenden für Trabanten beyher- und nachlauffen. Er hielt die Leute unbarmhertziglich / straffte die leichteste Fehler / mit harter Züchtigung deß Leibes /oder deß Beutels: nicht / aus einem Eyfer der Gerechtigkeit; sondern / aus einem schein-heiligem Geitze /und Tyranney. Wenn sie gleich das Ihrige noch so gehorsamlich verrichteten: brach er doch leicht eine Ursach vom Zaun / sie in Straffe zu nehmen. Da alsdenn Keiner übler daran war / als der / welcher übel mit Gelde versehn: denn einem solchem gings an die Haut / und viel ärger / als manchem Sclaven / dem man /zur Früh-Suppen / die Prügel-Suppen anrichtet: ohne Zweifel darum / daß man lieber seinen sauren Schweiß ihm in den Kasten geben / als es auf eine Leib-Straffe ankommen lassen sollte. Wie es dann /unter gemeinen Bauersleuten / wol so zehe Leder giebt / die sich lieber / mit dem Prügel / tapffer schmieren lassen / und mit einer Knüttel-Suppen vorlieb nehmen / als daß sie / mit einem Groschen ihrer Haut / die Unzerrissenheit / erkauffen / oder sich von dem Kercker ablösen sollten. Allermassen / [441] unter Andren / nach Olearii Zeugniß / die Bauersleute in der Moscau / vor andren / solcher Natur seynd.

Nun hatte einsmals ein guter / stiller / aber nur armer und wenig-geachteter / Mensch ihm einen Jagthund / den er gar wehrt / ja wehrter als Menschen /hielt / biß auf den Tod geschlagen (vermutlich darum / daß der Hund offt in sein Hüttlein gekommen / und was gefressen.) Deßwegen ließ er denselben vor sich fordern / schändete ihn hefftig aus / und warff ihn in das allerschlimmste Gefängniß / mit Bedrohung / daß er ihn noch schärffer hernach vornehmen wollte. Sein Tractement war Wasser und ein wenig Brods; sein Bettwerck der Kercker-Stock; sein Federwerck / die Fesseln.

Nach etlichen Tagen aber / als die Hüter ihm gewöhnlich zu essen bringen wollten; kunnten sie ihn nirgends finden: ohnangesehn die Kercker-Thüren /nebst allen Zugängen / aufs festeste verschlossen und verwahrt gewesen. Sie meldeten solches dem Herrn an: der es anfangs nicht gläubte / und ihn nochmals /wiewol vergeblich / suchen ließ. Uber drey Tage hernach / als indessen das Gefängniß / für aller Ausflucht / gar starck verrrigelt blieben / findt man den Gefangenen wieder / an voriger Stelle. Welcher den Loch-Hütern rufft / daß man ihm mögte was zu essen bringen. Diese entsetzten sich / über sein erschrocknes und bestürtztes Gesicht / und fragten / wo er gesteckt? wie er entkommen / und wieder gekommen wäre? wo er gewesen? woher er eine so häßliche und gräßliche Gestalt gewonnen? Er hingegen / der [442] gleichsam in tieffem Schrecken zu seyn schiene / begehrte / man sollte ihn schleunig vor den Herrn kommen lassen; denn er hette demselben etwas wigtiges und unverzügliches anzudeuten.

Demselben erzehlte er seltsame und fast unglaubliche Händel: Wie er nemlich / aus grosser Ungedult /und Furcht für der angedräueten Todes-Straffe / den bösen Geist zu sich beruffen; welcher auch / wiewol in garstiger und schrecklicher Gestalt / erschienen /und / nach getroffenem Vergleich / ihn / durch die eiserne Thüren / doch nicht ohne schmertzhafften Druck / hinweg gebracht / hernach an hellische Oerter geführt / nemlich in gar tieffe / und weite Abgründe: da er die Marter und Quaal der Gottlosen gesehn / viel Könige und Fürsten daselbst / in finstren Klüfften und Schlünden / gefunden; viel Männer und Weiber kläglich heulen und wehklagen gehört: Viel Päpste / fürnehme Bischöffe und Prœlaten / wären allda / in ihren köstlichen Inseln / in ihrem Schmuck von Purpur /Seiden / Gold und Edelgesteinen / doch gantz betrübt und höchst-traurig / gesessen; wobey auch mancherley andre klägliche Gestalten von Leuten allerhand Stands / Ordens / und Alters / zwischen tieffen Schrunden / in unterschiedlicher Quaal gelegen: Andre steckten in einem tieffen Morast / mussten darinn / Tag und Nacht / ohn Ende / um ihrer Ubelthaten willen / grosse Schmertzen leiden: Darunter hette er viele erblickt / die ihm / bey ihren Lebzeiten / bekandt gewesen; sonderlich einen von seines Herrn vormals vertrauten Freunden; von welchem er auch wäre erkannt / und gefragt worden / wie es jetzo [443] in der Welt stünde? Was man / in seinem Vaterlande / gutes machte? Als er nun gemeldet / dasselbe würde / von einer schweren Herrschafft / und grausamen Dienstbarkeit gepresst; hette ihm eben derselbige befohlen /seinem Herrn anzusagen / er sollte sich forthin / für solcher Tyranney / hüten; denn es wäre schon eine Stelle allhie auch für ihn ledig und bereitet (welche er ihm auch / nechst neben sich / gezeigt.) Und damit sein Herr seinem Bericht mögte glauben / sollte er demselben sagen / daß er sich nur erinnern mögte /deß geheimen Anschlags / welchen sie beyde gemacht hetten / als sie miteinander dem Kriege nachgezogen /davon sonst / ausser ihnen Beyden / kein Mensch wüsste.

Als nun dieser solchen Pact / nebst allen darbey vorgeloffenen Umständen / Bedingnissen / und Worten / so genau erzehlete / gleich ob er persönlich mit dabey gewest wäre: entsetzte sich der Herr darob zum höchsten / und fragte: Ob denn diejenige / welche in so köstlicher Kleidung allda gesessen / anders / als andre Leute / gepeinigt würden? Er antwortete / sie würden / mit ewigem Feuer / gemartert / litten unaufhörliche Quaal und Schmertzen; und das Alles / was /wie Gold und Purpur / an ihnen gläntzte / wäre nichts / als lauter feurige Glut: Massen er / solches zu versuchen / nach einem solchen Purper-Kleide die Hand gestreckt: Und wiewol er dasselbe / auf geschehene Warnung / nicht gerührt; hatte er annoch / weil er die Hand schon etwas zu nahe hinbey gehalten / dieselbe hefftig verbraunt. Wie sie denn auch voller Blasen /Blattern und Schweren [444] war / gleich als ob sie / aus einem heissen Pech / oder brennendem Schwefel / hervor gezogen wäre. Er soll auch von Angesicht so scheußlich und wühst ausgesehn haben / daß ihn Weib und Kind fast nicht mehr gekannt / solchem nach diese seine häßliche Gestalt-änderung offt beweinet. Wiewol er / bald hernach / kranck und entlebt worden. 4

Ich spreche nicht gut / für die Gewißheit dieses Vorgebens: Will es darum auch nicht gleich verwerffen: weil der Author sich auf genaue Urkunden berufft. Dennoch könnens die Reichen und Gewaltigen / für ein Lehr-Geticht / annehmen / und dabey betrachten / was für einen Purpur / oder Scharlach die Helle denen anlege / welche / auf dieser Welt / ihren Purpur / oder Reichthum / wider die Unschuld und Gerechtigkeit / anlegen / und kein aufrichtiges Hertz /sondern arglistigen Witz / politischen Betrug / Geitz /Ehrsucht / und hochmütigen Frevel / darunter bedecken.

Fußnoten

1 Esa. 5.

2 P. Caspar Schottus hoc, & sequens exemplum, à P. Nicolao Mohr, in Herbipolensi Academia Philosophiæ Professore sibi, ex ore Viri magnæ dignitatis, communicatum, refert lib. 2. Mirabil. Spectrorum, c. 5. p.m. 209.

3 Idem ibid.

4 Alexander ab Alex. l. 6. Genial. diet. c. 20.

49. Die Satanische Mord-Kur

XLIX.

Die Satanische Mord-Kur.

So ein wol-bemittelter reisender Mann / wenn ihm ungefähr / nahe an einem sehr unsichrem / von vielen Raub-Vögeln und Mördern durchlaurten Walde / der Wagen umschlüge / [445] sich in das Raub-Gepüsche vertieffte / und denen wissendlichen Raubern überlaut zurieffe / sie sollten hervor kommen / und ihm seine köstliche Waaren wieder aufladen helffen; würde er wol keine schlechte Thorheit / doch keine so grosse /noch schädliche / begehen als der / welcher / zu den Knechten deß Teufels / von dem Wege ordentlicher und erlaubter Kur / hintritt / und sie / wann entweder der Wagen seines Glücks umgeworffen / oder an dem Wagen seines Leibs / das ist / an seiner Gesundheit /etwas zerbrochen ist / um die Wiederaufricht- oder Ergäntzung / begrüsst. Denn gleichwie zu besorgen /jene / die Strassenrauber und Buschklepper / dörfften die / mit dem umgefallenem Wagen / an der Erden ligende / Waaren zwar gern aufheben / aber für sich; oder aufs wenigste die allerkostbarste / mit ihren Raub-Klauen / ausklauben / und davon raffen: also steht viel gewisser zu befahren / der Teufel werde denen / welche sich / durch seine Sclaven / um seine Hülffe / und Kur bewerben / weit mehr schaden / als nutzen; mehr verderben / als bessern; tieffer verwunden / als heilen; und ihnen einen viel grossern Raub ausführen / weder ein leiblicher Strassenrauber. Denn so er je ihrer Leibs-Gesundheit einige Hülffe erweiset / geschicht es doch / auf keinen andren Anschlag / als hingegen ihre Seel in tödtliche Seuche / ja in den ewigen Tod selbsten / zu stürtzen / und also ihr theurstes Gut und Kleinod / zum Artzt-Lohn an sich zu reissen.

Es gelingt auch die leibliche Kur deß Satans denen / die sie suchen / wunderselten am Leibe: oder so sie ja / durch seinen Raht / heil werden / [446] wird hingegen das Ubel / auf einen Andren / doppelt versetzt / und also ein solcher gewissenloser Teufels-Patient / mit zwiefacher Blut-Schuld / belastet: indem er nicht allein / durch diesen verfluchten Mord-Artzt / in Tod-Sünde fällt / und ihm / durch kurtze Rettung deß Leibes / die Seele in die Rappuse giebt / (denn ein wissendlicher Satans-Patient steht in deß Satans Pflichten und Ansprüchen / so lang / biß er ernstliche Busse thut) sondern auch verursacht / daß der Neben-Christ um Gesundheit / wo nicht gar ums Leben / kommt: da doch ein wahrer Christ lieber / für seinen Nechsten /das Leben lassen / als sein Leben / durch deß Nechsten Tod / erkauffen soll.

Diß hat / vor wenig Jahren / gar nicht betrachtet eine Jungfrau hochfürnehmen Herkommens: welche zwar der Author, aus dem ich von ihr rede / nicht nennet; doch / ihres gottlosen Fürnehmens halben / in dieser Histori / Canidiana zu heissen / wol verdient; weil sie nemlich eine solche saubre Künstlerinn / wie vormals die Canidia zu Neapolis gewest / auf welche Horatius so übel zu sprechen ist / zu Raht gezogen /und sich in deß Satans Kur begeben hat.

Diese / von ihrer Verfahrung anjetzt so genannte /Canidiana ist / durch vielfältiges melancholisiren und trauren / wie auch Unordnung im Essen / endlich in Aberwitz gerahten / auch dabey / wie gewöhnlich zu geschehen pflegt / von dem Miltz- und Seiten-Weh angefochten worden. Weßwegen sie unterschiedlicheMedicos nacheinander um Raht ersucht; und doch keine Hülffe empfunden hat: immassen dieses Ubel gemeinlich [447] sehr verstockt / und halsstarrig ist / grosse Gedult und Zeit erfordert / manches Mal auch / woferrn es zu tieff eingewurtzelt / durch kein andres Pulver, als den Grab-Staub / vertrieben wird.

Weil dann Canidiana / auf Erden / keine Hülffe mehr vermutet / auch vom Himmel keine hofft / noch deß Sinns ist / wie jene gläubige Seel / die da sang /Meine Hülffe kommt vom HErrn / der Himmel und Erden gemacht hat: begehrt sie Mittel / aus der Hellen; und ihre Verbesserung / von dem Verderber; befihlt / man soll zu einer alten Vettel / die deßfalls sehr berüchtigt war / gehen / und ihrenthalben sich Rahts / bey derselben / erholen. Und also setzte sich Canidiana / durch Beschickung dieser Canidiœ /auch der Seelen nach unter die thörichte Jungfrauen /nachdem sie vorhin / dem Verstande nach / sich auch / mit Thorheit / oder Witz-Verruckung / bekräncket fand.

Canidia lässt der Canidiana zurück entbieten / sie wolle ihr / folgenden Tages / um die schier anbrechende Morgenröte / gantz gewiß Raht und Hülffe verschaffen: warnet doch gleichwol dabey ernstlich / es solle ihr alsdann ja bey Leibe Niemand / aus selbigem Hause / entgegen kommen. Welches auch alle Mägde und Aufwärterinnen der Canidiana fleissig beobachteten / und sich / um selbige Zeit / inne hielten.

Aber was geschicht? Ein andres Weibsbild / nemlich die Haushalterinn / (Haus- oder Küchenmeisterinn) so von diesem Handel gar nichs wusste / steht /ihrer Gewonheit nach / früh auf / und kommt der Vetteln unversehns entgegen. [448] Dieselbe war vorher so frisch / wie ein Fisch im Wasser: aber so bald sie dieser alten Hexen ansichtig worden / empfand sie eine hefftige Bangigkeit deß Hertzens / und Glieder-Zittern: Wozu hernach auch die Convulsiones (oder Krampff-Risse) einbrachen; wodurch dann das gute Mensch dermassen von Kräfften kam / daß sie / am neunten Tage / gegen Abend / ihren unschuldigen Geist aufgegeben.

Währen der Kranckheit / hat diese / von dem teuflischen Mord-Artzt hingerichtete / Weibs-Person beständiglich ausgesagt / sie sey frisch und gesund aus dem Hause gegangen / aber gleich mit dem ersten Anblick dieser ihr unbekandten Vettel / von der Kranckheit angegriffen; ob sie gleich die Ursach nicht gewusst.

Da nun diese Arme hin- und aufgeopffert war; erlangte die Jungfrau ihre Gesundheit plötzlich; nachdem ihr / von besagter Teufels-Vettel / etliche wenige natürliche Mittel gereicht waren; ohne Zweifel zu dem Ende / daß sie / die alte Canidia / bey Andren sich nicht einer unnatürlichen Kur / und Verhexung der gestorbenen Hausmeisterinn / verdächtig machen mögte.

Der Verfasser dieser Geschicht / Doctor Gabriel Clauderus, Fürstlicher Hof-Medicus zu Altenburg /mutmasset / aus der Ertödtung selbiger Hausmeisterinn / die alte Hexe habe gedacht / wann sie von der krancken Jungfrauen hinweg gegangen / diese Kranckheit heim- und behutsamlich / auf eine andre gantz fremde Person zu verpflantzen / die nicht in diese Haushaltung gehörte; [449] wann ihr nicht ungefähr ein andre Weibs-Person begegnete. 1

Hieraus kann man leicht abnehmen / wo nöthig es sey / daß Einer / bevor er über die Haus-Schwellen tritt / sich / mit dem lieben Gebet / wol verwahre: auf daß er / wider die leib- und geistliche Pfeile deß Bösewigts / geharnischt einhergehe.

Unterdessen dienet dieses solchen Gottsvergessenen Leuten zum Warnungs-Spiegel / die mit Vertrauen und Glauben dem Höchsten abfällig werden /(denn wo kein Vertrauen zu GOtt / da ist auch kein Glaube an GOtt) und sich / mit verdammten Aberglauben / an den Baal Peor hencken / indem sie diesen für ihren Abgott annehmen / und / durch Ersuchung seines Rahts / ihn gleichsam / in ihren Nöthen / anbeten und anruffen; ob gleich nicht / mit äusserlichen Geberden / oder Worten / dennoch mit dem Hertzen /und Vertrauen. Sie empfangen / unter der äusserlichen Schein-Hülffe / einen tödtliche Seelen-Gifft / und gemeinlich auch / zu einer zeitlichen Straffe / den Tod für das Leben; die Verwundung / für die Heilung; die Verschlimmerung / für die Besserung; das Verderben / für die Erhaltung.

Solche Rahtgeberinnen und höllische Aertztinnen aber / welche durch ihre Segensprecherey / oder andre abergläubische Mittel / und teuflische Kuren / sich /und ihre Patienten dem zeitlichen [450] und ewigen Fluch unterwerffen / seynd eines solchen Tractements werth / dergleichen in der Grabschrifft / welche Samuel Sturmius, in seinem Tractat / welchen er Medicum non - Medicum titulirt / einer zaubrischen Vettel / zu wolverdienten Ehren / aufgesetzt / ihnen zuerkennt wird. Ich will es / zum Schluß dieser Geschicht / mit anknüpffen.


HIC. RECVBAT. CASCA. LVSCA. ET. PANDA. ANVS. DIGNA. ROTA. SECVRI. IGNE. ET LAQVEO. OBSEQVIOSA. DIABOLI. SERVA. PERNICIOSA. EREBI. ATE. OMNIBVS. BONIS. INVISSIMA. NVLLO. DIGNANDA. NOMINE. PIIS. CHRISTIANIS. PROPRIO. VT. TAMEN. SCIAS. LECTOR. QVÆ. FVERIT. SAGA. PHARMACEVTRIA. FVIT. HANC. TROS. ET. RVTILVS. ADORABAT. IPSA. EX. ÆGROTANTIS. INDVSIO. ORACVLA. EDIDIT. CVRATVRA. NOVEMPLICI. LIGNO. OMNIA. MORBORVM. GENERA. SCILICET. OMNIBVS. VERBA. DEDIT. OMNIBVS. EXITIVM. ADTVLIT. [451] NVNC. REAPSE. EXPERITVR. NISI. VERAM. EGERIT. POENITENTIAM. QVAM. GRAVE. SIT. DIA. PROFANASSE. NOMINA. HINC. PIE. LECTOR. DISCE. CAVERE. INSIDIOSAS. PHARMACEVTRIAS. OSEQVIOSAS. DIABOLI. SERVAS. PERNICIOSAS. EREBI. ATES. ET. TV. QVI. HANCCE. CONSVLVISTI. QVI. MENDACI. CREDIDISTI. MOX. ABI. ET. AGE. POENITENTIAM. ALIAS. QVAM. GRAVE. SIT. DIA. PROFANASSE. NOMINA. BREVI. TV. QVOQVE. EXPERIERE. 2

Fußnoten

1 D. Gabr. Clauder. Observat 79. Anni 3. Ephemerid. Dec. 2. Medico-Physicar. German. p. 185.

2 Samuel Sturmius, in Medico non-Medico p. 21.seq.

50. Das übel-gesegnete Character-Mittel

[452] L.

Das übel-gesegnete Character-Mittel.

Wer mit einer Kranckheit behafftet ist / der wird nicht hingehen / zu einem grimmigen Leuen / oder Tiger /und ihm / von ihren Klauen / den Puls fühlen lassen /noch ihrer Kur verlangen: weil er weiß / daß es reissende und grausame Bestien seynd / die ihn erwürgen / und verschlingen würden. Was ist denn verblendters und unbesonneners / als / daß ein Mensch /zu dem erschrecklichen höllischen Raub-Thier / dem leidigen Satan / dem heillosen und boshafften Ertz-Feinde menschliches Geschlechts / der wie ein brüllender Leu / mit einem unersättlichen Hunger / herumgeht / und sucht welchen er verschlinge / hingeht / um bey demselben Raht und Hülffe zu suchen? Gewißlich einem Leuen / der auf den Raub ausgegangen / verlangt Niemand zu begegnen: und diesem blut-dürstigem Würg-Engel / der alle Leuen und Bären / an Grimmigkeit / weit übertrifft / und dem gantzen menschlichen Geschlecht seine erste paradisische Glückseligkeit zerbrochen / trauen / und seines Rahts pflegen? will man Artzeney von demjenigen bitten /der lauter Gifft zu mischen gewohnt? und Lebens-Erhaltung suchen / bey dem / der den Tod in die Welt gebracht hat? Es ist eine Anzeigung / daß die / so solches thun / keine Kinder deß Liechts / sondern von der Nacht sind: sonst würden sie ihr Vertrauen von dem / der deß [453] Menschen Heil und Licht ist / nicht wegwerffen / zu dem Fürsten der Finsterniß / der deß Menschen Verderber und Verblender ist.

Gleichwie aber die / so ihr Gesicht verlohren / oder im Finstern wandeln / gar leicht den Kopff sehr übel zerstossen / oder zerfallen: also werden gemeinlich auch die / so den Satan / der im Schatten deß Todes herrschet / zum Doctor annehmen / an stat gehoffter Heilung / mit Verwundung / abgefertigt / und macht er ihnen / aus übel / viel ein ärgers. Wie man denn kein Exempel trifft / daß Jemanden seine Hülffe / ob gleich nicht alsofort / doch endlich mit der Zeit / nicht mehr geschadet / als genützet hette.

Gar offt erzeigt sich die böse Würckung auch wol gleich zur Stunde: wie ich / mit sehr vielen Fällen /solches beweisen könnte. Unter andren / erinnere ich mich / daß Leute sich / bey den Unholdinnen / um Heilung der Kopff-Schmertzung / oder der Haupts-Blödigkeit / beworben / und drüber gantz rasend worden.

Doctor Adamus von Lebenwald schreibt / in seiner Observation: Er sey einsmals / zu einem kranck-ligendem Abbt / beruffen; unterwegens aber / auf der Reise / ein Bauren-Jung vor ihn geführt worden / der fünffzehen Jahre alt / und sehr guter Leibs-Beschaf fenheit / aber seines Gesichts gäntzlich beraubt war. Man spührte gleichwol keinen Fluß; so empfand er auch keinen Schmertzen / und ereignete sich keine Macul oder Flecken; ausbenommen / daß die Augäpffel grösser und schwärtzer schienen.

Als nun ruhm-erwehnter Medicus, nach der [454] Ursach solcher entstandenen Blindheit / forschete; antwortete man ihm / es hette niemals dem Knaben was / an den Augen / oder am Haupt gefehlt / auch seine Eltern nichts dergleichen an sich gehabt; aber / vorm halben Jahr / wäre er / von einem Tertian-Fieber angegriffen: Dessen sich zu entledigen / er (Zweifelsohn auf der Eltern Geheiß) zu einem Jäger gegangen / der sich deß Kurirens dann und wann zu unterstehn pflegen. Wie dann viel solcher Leute / mit aberglaubischen Sachen / den Raht ordentlicher Aertzte zu übertreffen vermeynen / und bey gemeinen einfältigen Pöfel-Leuten weitlich aufzuschneiden gewohnt / wie glücklich und augenblicklich der und der / durch das leichte und geringe Mittel / so sie ihm gereicht / wiederum genesen sey.

Der Jäger hat dem Jungen (wie die Leute ferrner berichten) einen kleinen Zettel gegeben / mit gewissen Characteren bezeichnet / (womit er / viel Andre gleichfalls zu curiren / gewohnt) daß er denselben einschlucken sollte. Daraus dann unschwer abzunehmen / bey wem dieser saubre Jäger solche Medicin studirt habe; nemlich / daß er / mit abergläubischen Teufels-Künstlein / nach mancher Jäger Weise / sich beholffen / und deß Theophrasti schönem Raht gefolgt: welcher sich nicht entfärbt hat zu schreiben / wenn man den Teufel commandiren und zwingen könne /daß er / zur Artzeney / gewisse Characteren gebe; so soll mans / an stat eines Krauts / nehmen / und eben so kräfftig achten.

Es mag seyn / daß der Satan Einem und Andren /dem dieser Kerl dergleichen Characteren / wie Pillen /einzuschlingen / gerahten / dadurch geholffen / [455] hingegen das Ubel wiederum / seiner Weise nach / auf einen Andren / mit doppelter Verschlimmerung / geworffen: so ist es doch diesem armen Jungen häßlich mißlungen. Denn nachdem er kaum den Zettel hinab geschluckt; hat sich / in seinem Kopff / ein solches Getöß / und zugleich ein so starcker Klang / Sumsen und Gethön / erhebt / als ob alle Glocken der gantzen Welt / wie er sagte / ihm / vor seinen Ohren / geläutet würden. Und auf diese Verändrung ist / gleich alsofort / der gäntzliche Verlust seines Gesichts erfolgt. Ehren-gedachter Doctor von Lebenwald verordnete ihm solche Mittel / wodurch die Seh-Nerven / von der zugefallenen Feuchtigkeit mögten entladen / das Haupt aber / und die Augen / gestärckt werden mögten; aber vergeblich / und gantz umsonst. Hin war hin! 1

Wann GOtt / der das Auge gemacht / einen Menschen / mit der Entäugung oder Blindheit / straffet /wird demselben keine natürliche Artzeney die Augen wieder aufthun; bevor sich der Göttliche Zorn / durch beharrliche Busse / in Gnade verwandelt. Welches geschicht / wann das innerliche Auge deß Gemüts seine Schau-Fehler redlich beweint: woferrn nicht / zur Straffe solcher begangenen Tod-Sünde / eine leibliche Blindheit / biß an den Tod / droben verhengt und beschlossen ist / damit der Geist sehend / und selig werde / auch denen Verführern / die ein solches armes Kind / zu einer so verdammten Kur / verleitet haben /der Verweis ihres schändlichen und verfluchten Rahts immerdar vor Augen stehe.

Fußnoten

1 Vid. Observat. CVI. Dec. 2. Anni 2. Ephemerid. Physico-Medicar. Germ. p.m. 261.

51. Das erlegte Gespenst

[456] LI.

Das erlegte Gespenst.

Der Satan wird / unter dem Leviathan und Behemot /unter andren / deßwegen fürgebildet / weil er eben so wenig der Spiesse und Lantzen achtet / als wie diese ungeheure Wasser-Geschöpffe / so von ihren dicken Schüppen / wie mit einem festen Harnisch / gesichert werden. Er ist ein Geist / und also vom Eisen unverwundlich. Und ob er gleich bißweilen / in einem Aas-Körper / oder todten Leichnam / herum wandert; könnte er denselben eben so wol / für der Schärffe deß Schwerts / Stein-fest machen / als wie er einem lebendigen Menschen / für der Kugel / sichere Gewehrschafft leisten / und demselben die Wunden verhüten kann; damit die Seele desto tödtlicher beschädigt werde.

Er lässt aber bißweilen seinen angenommenen Balg gern durchstechen und stümmeln / um die Leute zu äffen; oder wird / von einer höhern Gewalt / bezwungen / das Zeichen seines Betrugs / ihm selbsten zur Verachtung und Verspottung / damit man seine Gauckel-Possen kennen lerne / zu hinterlassen: wie / aus Folgendem / erscheint.

Lerchheimerus erzehlet / in einem Bedencken von teuflischer Buhlschafft / es sey / von vielen ansehnlichen Männern der Unsern / so in Welschland gestudirt / beglaubt worden / daß zu N. der Teufel / in einem Hause / sehr getumultuirt / [457] und den Leuten so uberlästig gefallen / daß Niemand darinnen wohnhafft verbleiben können: wie man dergleichen Exempel mehr / in den Geschichtbüchern / findet.

Zuletzt haben zween kühn-behertzte Gesellen es gewagt / und / nachdem sie sich / mit Gewehr gerüstet / eine Nacht darinn / dem Teufel zu Trutz / zu bleiben / beschlossen / und die Vermessenheit hören lassen /daß sie den Teufel vertreiben wollten.

Derselbe kommt / in der Nacht / an sie / gleich einem schwartzen Kerl. Sie entsetzen sich / für demselben / nicht sonders / sondern gehn auf ihn loß /hauen und stechen auf ihn; empfinden auch endlich /daß er einen Leib habe. Welcher letzlich / vom Geist /verlassen wird / und zu Bodem fällt.

Morgenden Tags / hat man selbigen Körper besichtigt / und erkannt / daß es der Leichnam wäre von einem Diebe / der / vor wenig Tagen / vor selbiger Stadt / gehenckt / und vom Galgen / bald hernach /weggekommen war / also / daß man nicht gewusst /wohin. 1 Ob aber das Gespenst hiemit habe nachgelassen / das Haus zu verunruhigen; wird weiter nicht gemeldet. Auf dieser beyder Gesellen ihr fuchteln /hauen / und stechen / hat er wol nicht dasselbe verlassen; auch nicht / aus beschwerlicher und allzuharter Empfindung derer / ihm von ihnen versetzten / Streiche sondern vielmehr darum / daß er sie gecken / und ihnen [458] einbilden mögte / er liesse sich vielmehr mit leib-weder geistlichen Waffen / vertreiben: auf daß er sie dadurch noch ruchloser machen könnte.

Auf gleiche Weise hat er auch seine Aufzüge und Kurtzweil / vormals / mit den alten Heiden / in den Nord-Ländern getrieben. Olaus Magnus, und Saxo Grammaticus, setzen davon unterschiedliche Exempel / wie die alte Gothische und Schwedische Kämpffer / in heidnischen Zeiten / mit den Satyrn / oder bock-gefüssten Wald-Männern / Hexen / Truden / Gespenstern / und Geistern der Verstorbenen / sich herum geschmissen.

Insonderheit meldet besagter Olaus, es habe der Schwedische König / Regner / als ein streitbarer und tapfferer Kämpffer / wider einen gantzen Truppen nächtliches Ungeheuers / welches ihm seine grausame Stieffmutter / Thorilda / die Zweifelsfrey eine redliche Hexe gewest / auf die Haut geschickt / die gantze Nacht durch / gestritten / und / nach angebrochenem Tag-Licht / auf dem Felde / mancherley Larven / und ungeheure Gestalten / angetroffen / so daselbst / als gleichsam für todt / gefallen: unter welchen auch die Gestalt der Thorild selbst sich befunden / und zwar voll Blut und Wunden. 2

Fußnoten

1 Lerchheimer. apud Dedekinnum Vol. II. p. 441.seq.

2 Vid. Olaus lib. 3. Rer. Septentrional. c. De pugna contra Faunos.

52. Die einbüssende Vermessenheit

[459] LII.

Die einbüssende Vermessenheit.

Welcher Mensch / ohne GOttesfurcht / mit dem geschwornem Menschen-Feinde / dem Teufel / auffnimt / der begeht die allergröbste Unbesonnenheit / und ruchloseste Vermessenheit / und wird / mit der blossen Faust in eine Hechel / oder spitziges Messer /schlagen. Die es thun / seynd gemeinlich verwigt /und epicurisches Gemüts und erschrecken wenig für der Höllen: darum sie auch nicht glauben / daß der Teufel / als der höllische Geist / ein so erschrecklicher Leu sey / wie ihn der H. Geist beschreibt. Und solcher Unglaube verleitet Manchen / zu so verwogenem Frevel / daß er / ohn gläubige Anruffung GOttes / mit Gespenstern zu kämpffen / und zwar mit fleischlichen / oder irdischen Waffen / oder auch wol mit dem Teufel / zu kurtz weilen / und einen Schertz zu treiben /sich erkühnt.

Es gelingt aber solchen epicurischen Frevlern / und Versuchern GOttes / offt sehr übel. Viele derselben seynd / nachdem sie / ruchloser Weise / den Gespenstern auf die Haut (also zu reden) gegangen / mit grausamen Schrecken gähling geschlagen / und mit der hinfallenden Seuche oder andren Kranckheiten /oder auch wol gar / mit einem gähen Tode / betroffen worden.

Scherertzius schreibt / es sey bey seiner Lebzeit /auf einem gar festen Schlos / in Böhmen / [460] gar offt ein Gespenst erschienen / in Gestalt einer fürnehmen Frauens-Person / welche daselbst zuvor gelebt: und selbigem Gespenst sey / um der offtermaligen Erscheinung Willen / von den Hofleuten / ein besondrer Nam zugeeignet worden.

Es befand sich aber / unter den Schildwächtern /ein gottloser und versoffener Kerl; welcher / wann sich das Gespenst bey Nacht / sehen ließ / vielmals allerhand liederliche und eitle Reden führte. Weßwegen man ihn / zu unterschiedlichen Malen / warnete /er sollte solche unterwegen lassen / damit ihm nicht etwan ein Mal ein Unglück begegnete. Aber er verachtets: der Wein den er stets im Kopffe trug / gab ihm ein verwogenes Hertz / also / daß er / in seiner Toll-Künheit / verharrete / und bey Erblickung der gespenstischen Gestalt gar schlimme Worte zum Maul heraus warff.

Als nun die Gestalt / etliche Mal nacheinander /sich ihm ins Gesicht gegeben / und er seine vorige Flüche wiederholte; ermahnte ihn sein Kammerad /gleich wie vorhin / zur Gottesfurcht / Mässigkeit /und christlicher Bescheidenheit. Welche löbliche Erinnerungen aber dem nassen und verruchtem Tropffen ja so viel galten / als der Sauen eine Hand voll Rosen / oder Perlen. Ja er gab so wenig drauff / daß er vielmehr dem Gespenste gerad entgegen ging / und sich verlauten ließ / er wollte dasselbe in die Arme nehmen / und umfahen. Indem der Andre ihn zu halten sich bemühete / aber nicht gnug halten kunnte; stund das Gespenst still / vor ihren Augen. Da tratt er nahe hinzu / und umfing es / mit beyden Armen; empfing aber / zu [461] danckbarlicher Erkenntniß / eine so holdselige Gegen-Umfahung / daß er todt zu Bodem fiel. 1

Wohin seine ruchlose Seele verfallen sey / steht leider gnugsam zu vermuten. Schwerlich hat sie ein andrer / uls eben dieser böse Geist / welchen er so freventlich in die Arme genommen / zu sich genommen /und eine betrübte Straffe geführt.

Was dieses für ein Schloß sey / sind man in denMiscellaneis historicis Regni Bohemiæ: darinn der Author / P. Bohuslaus Balbinus, vermeldet / es erscheine auff dem Schloß Perenstein / (oder Pernstein) in Mähren / ein jungfräuliches Gespenst: welches der Missionarius, Pater Johannes Drachovius, für eine rechte Jungfrau angesehn / und zur catholischen Religion bekehren wollen (massen wir solches /an seinem Ort / ausführlicher erzehlen.) Von eben dieser gespenstischen Jungfrauen / sey ihm dem P. Balbino, als er einsmals in selbigem Schloß ein Gast gewest / eine Geschicht erzehlt worden / die er aber von keinem so ansehnlichem (oder glaubwürdigem) Mann / als wie die erst-erwehnte / so dem Missionario begegnet ist / sondern nur von dem Thorwärter deß Schlosses / vernommen; nemlich es habe sich / im Anfange heutigen Sæculi oder Jahrhunderts / unter den Knechten Einer gefunden / welcher / nachdem er von Andren gehört / daß eine Jungfrau treflich-schöner Gestalt / bißweilen sich sehn liesse / geschworen /er wolle selbiger Jungfrauen / so bald sie ihm nur begegnete / einen steiffen Schmatzer recht aufs Maul geben / es möchte ihr gleich lieb oder leid seyn: Wie sehr ihm nun gleich die Andren solches widerrathen /[462] und / was für Gefahr drauff stünde / treulich zu Gemüth geführt; habe er sich doch nichts dran gekehrt /sondern seinen vermessenen Fürsatz / mit wiederholtem Eyd-Schwur / bekräfftigt: Nach wenig Tagen /sey ihm die Jungfrau / als er eben seine Haut tapffer voll gesoffen / bekommen / er auch gleich auf sie an-in ihre Arme gefallen / um ihr einen Kuß zu geben: Welches sie auch / dem Ansehn nach / nicht ausgeschlagen; aber ihr nicht jungfräulich / sondern gar gröblich und so hart und genau umfasset habe / daß sie durch solche Umfahung diesem unzeitigem und unglückseligem Buhler die Seele aus der Brust gepresst. 2

Diesem nach hat der Schloß-Pförtner dem Pater Balbino keine zweifel-sondern glaubwürdige Begebenheit hieran erzehlt: sintemal / wie zuvor erwehnt worden / mit Scherertzii Bericht / als zu dessen Leb-Zeiten sie sich zugetragen / dieselbe bezeugt und besteifft wird. Denn ob gleich Scherertzius das Schloß in Böhmen versetzt / welches Pater Balbinus in Mähren stellet; bleibt es doch einerley Ort und Geschicht. Denn weil Mähren und Böhmen miteinander grentzen / und zwar sonderlich das Schloß Pernstein sich zu Böhmen nahet; hat es Scherertzius / zu Böhmen / gerechnet. Dem es vielleicht vor Scherertzii Zeit / auch wol / durch einen gewissen Vergleich / mag einverleibt / und nach seiner Zeit / durch eine Verändrung /wiedrum an Mähren gekommen seyn. Daß aber Beyde einerley Schloß bezielen / erhellet gnugsam / aus den Umständen. Denn Scherertzius [463] spricht / es habe einer fürnehmen und wolgebornen Jungfrauen Gestalt sich sehen lassen: Und Balbinus schreibt / Sie sey demPater Drachovio, in zierlichem Jungfrauen-Schmuck / erschienen. Scherertzius sagt / es sey ein gar festes Schloß (Est in Bohemia nostra arx munitissima, giebt er es / zu Latein:) Und Balbinus nennet esarcem celeberrimam cum amplissima ditione ein gar berühmtes Schloß / dazu ein grosses Stück Landes gehört. Aus dieser Nachricht / erfolgt eben so wol / daß Perenstein müsse ein festes Schloß seyn /wie / es beym Scherertzio gerühmt wird: Denn die Schlösser / denen eine weitläufftige Herrschafft (oder Länderey) anhängig ist / werden gemeinlich / mit festen Wercken versichert.

Hernach / so bescheinigts auch der Nam deß Schlosses Pernstein (denn also muß es / und nichtBären-Stein / geschrieben werden) daß es ehedessen müsse zu Böhmen gerechnet worden seyn: angemerckt / das Wort Persten (oder Prsten) Böhmisch ist / und einen Ring bedeutet: Denn / vor Alters / hat das Geschlecht derer von Bersten / einen Aur-Ochsen /mit einem Ringe / in der Nasen / im Schilde geführt. Vor etlich hundert Jahren aber ist die Aussprache ihres Geschlecht-Nams endlich verübelt (oder verderbt) und für Persten oder Prsten Perenstein gesprochen worden.

Hiezu kommt auch dieses noch / daß Scherertzius /zu der Zeit / da er diese Geschicht / seinem Tractätleen von Gespenstern eingezeichnet / ein Pastor oder Prediger zu Tachau in Böhmen gewest: daher die Vermutung erstarckt / er müsse [464] von diesem Handel /guten Grund gehabt haben / dieses Schloß damals noch Böhmisch gewesen / oder darum / weil es an Böhmen stosst / insgemein zu Böhmen mit gerechnet seyn.

Also hat man nun nicht allein eines schlechten Schloß-Pförtners zu Pernstein / sondern auch eines gelehrten Manns / Gezeugniß / daß dieses kein Geticht / sondern warhaffter Verlauff sey. Der uns zum Beyspiel dienet / wie betrieglich der Satan die Häßlichkeit und Abscheuligkeit seines Zustandes und Zwecks wisse zu zieren.

Doctor Johannes Niderius / weiland ein Münch Prediger Ordens / welcher ums Jahr 1430 / geflorirt /gedenckt / in seinem Formicario, er habe / zu Nürnberg / Gegenwarts vieler Bischöfe aus Teutschlande /von Bischof Petern von Augsburg / erzehlen gehört /man habe um die Zeit / als der Hussiten-Krieg in Böhmen schier angehen wollen / gegen einem gewissen Thal / an den Böhmischen Grentzen / bey Nachtzeit / nicht allein ein Geschrey vieler / widereinander fechtenden / Reuter gehört; sondern auch offt die Reuter selbst / in Kleidern von allerley Farben / gesehn: Worüber einsmals in dem nechst dabey gelegenem Schloß / zween kühnē reisigen Knechten / die Lust angekommen / solchem Lärmen persönlich zuzuschauen / und sich also der rechten Gewißheit zu versichern. Gestaltsam sie sich deßwegen / bey Nachte /zu Pferde gesetzt / und dahin geritten: Bevor sie aber näher hinzu gelangt / hette sich der Eine gescheut /weiter hinbey zu reiten / und zu seinem Gefährten gesprochen: Wir wollen uns dran begnügen lassen /daß wir dieses gesehen. Ich mag diesen [465] Abentheuren nicht näher kommen. Die Alten haben zu sagen pflegen / man müsste / mit dergleichen /nicht viel schertzen: Der Andre aber habe seiner gespottet / und ihn / als einen verzagten feigen Men schen / verlacht; gleich damit sein Pferd angestochen /und sey den erblickten Nacht-Reutereyen / die er für eitel Schatten-Werck / und Spiegel-fechten geachtet /gar keck und unerschrocken entgegen geritten; Alsobald aber sey / aus dem vordersten Truppen / ein Reuter hervor gekommen / der ihm den Kopff weg gehauen / und darauff die Ruckkehr / zu seinem Truppen /genommen: Wie solches der Andre / welcher aus Furcht / ein wenig zurück geblieben war / gesehn /habe er sich auf die Flucht begeben / und / wie es seinem Kameraden ergangen / im Schloß angezeigt: folgenden Morgens wäre der entköpffte Rumpff / an der Stäte / da die Enthauptung geschehn; der Kopff auch /unweit davon / in demselbigen Thal gefunden / wo man bißhero die Reuter gesehn; doch aber keines Menschens Fußtapff / noch einiger Hufschlag / verspührt worden; sondern / an theils morastigen / und kotichten Oertern / nur einige Spuhr-Zeichen von Vögel-Klauen. 3

Daß man / vor bedeutetem Hussiten-Kriege / solche falsche Reuter gesehen / ist allerdings glaublich. Was aber die gespenstische Enthauptung deß Reuters betrifft; will ich eben nicht versichern / daß nicht etwan das gemeine und nicht selten zu viel schwätzende Gerücht / mit der Zungen / dem Kerl einen so starcken Hieb gegeben / davon ihm der Kopff / in dem Sinn der Leicht-gläubigen / herab gefallen:[466] gleichwie ich eben so wenig gleichwol auch unfehlbar sagen kann / daß es ein Fehl-Streich oder Geticht deß Gerüchts sey gewest: Denn / wofern der freche und unbesonnene Reuter / der hinzu geritten / vorhin ein ruchloses Leben geführt; wie dann / unter den Reisigen / die Gottesfurcht selten daheim / sondern offt über Feld reiset; könnte GOtt dem Satan / dessen wütendes Heer ohne Zweifel solche nächtlich-streitende Reuter gewest / wol verhengt haben / diesen vermessenen Waghals zu enthälsen.

Sonst wird auch von einem Freyherrn / gesagt / der / in Oesterreich / ein Schloß an sich gehandelt / darinn ein Gespenst herum zu wandlen pflegen / in Gestalt eines alten Manns / der aber bishero Niemanden was Leides zugefügt; daß der Käuffer den Schluß gefasst /solchem Alten / so bald er ihn erblickte / eine tapffre Maulschellen zu geben. Welches er auch / mit grosser Resolution / in Gegenwart deß Verkäuffers (angemerckt / das Gespenst eben / indem sie beyde davon geredet / sich ein- und ihm recht an die Seiten gestellet / nicht anders als ob seine Person / bey dem Verkauff / gleichfalls interessirt wäre) verrichtet habe: Denn weil er sein Wort nicht umziehen / noch für erschrocken / oder furchtsam / angesehn seyn wollen /habe er sich / gegen dem Gespenste / umgewandt /und gesprochen: Alter! ich sage dir! weiche! oder ich gebe dir Eins fürs Ohr! Dessen ungeachtet aber / das Gespenst still gestanden / als wie Einer / ders erwarten will; weßwegen der Baron zugeschlagen; aber dafür diesen schlechten Danck bekommen / daß ihm das [467] Gespenst / mit seinen Klauen / oben auff den Kopff / einen Griff gethan / wovon er zu Bodem / und in tödtlichen Schrecken gefallen / also / daß er sich /in etlichen Stunden / nicht besonnen / und von den Umstehenden / mit allerley Krafft-Wassern / kaum wiederum ein wenig erquickt worden: Nach welcher Rache / der alte Bösewigt verschwunden / und mit solchem Gestanck / aus dem Schloß / Urlaub genommen. Wie / am 913 Blat meiner Ersten Schau-Bühne /dieses etwas umständlicher zu lesen seyn wird.

So erinnere ich mich auch / daß vor 18 Jahren / in einer gewissen Reichsstadt / Ihrer zween / mit der Latern / über einen geraumen Platz / da bißweilen ein Gespenst wandeln sollte / gegangen; denen eine weisse Gestalt / wie ein Weibs-Bild / mit verhülltem Angesicht / entgegen gekommen: dem der Eine / weil er gemeynt / es wäre eine feyle Schwester / die sich etwan / mit Jemanden / bestellet hette / unters Gesicht geleuchtet / und ihr dasselbe entdecken wollen; aber drauff / von ihr / gifftig angeblasen worden: wovon ihm nicht allein sein Gesicht alsobald ausgefahren; sondern er auch / in eine plötzliche Kranckheit gefallen / über das eine Zeitlang / an seiner Vernunfft /ziemlichen Einbuß erlitten.

Fußnoten

1 Scherertzius de Spectris Admonitione octava.

2 P. Bohuslaus Balbinus lib. 3. Miscellaneor. Bohem. p. 192. b.

3 Johann. Nider. lib. 5. Formicat. c. 1. fol. 335.

53. Der Schwache wider den Starcken

[468] LIII.

Der Schwache wider den Starcken.

Wann wir / mit Gottesfurcht / geharnischt seynd; ist der höllische Riese / gegen uns ein ohnmächtiges Kind / ja ein todter Hund / der zwar den Rachen weit auffsperret / aber nicht beissen kann; ein von dem himmlischen Simson erschlagener Leu / der nicht verschlingen kann; sondern sich / von einem Unmündlinge und Säuglinge / muß erschrecken lassen / und fliehen. Tritt aber der Mensch / ohne Glauben / und andre Rüstung / mit diesem Starcken / in den Kampff; so fordert gleichsam ein Kind den stärcksten Milo aus / zum ringen / und der Stroh-Halm den Eychbaum; das Papier den Marmel.

Daß der Satan ein mächtiger Geist / und durch leibbare Waffen nicht überwindlich sey / wird / in Heil. Schrifft / deutlich angezeigt / indem sie ihn einenStarcken / (beym Esaia am 53sten) und beym Hiob /wiewol fürbildlich / den Leviathan / und Behemot /auch durch den Mund Christi selbsten / einen starcken Gewapneten / einen Fürsten dieser Welt nennet / auch durch die apostolische Feder / die bösen Geister / Gewaltige / genennet werden / mit denen man nicht also / wie mit Fleisch und Blut / zu kämpffen habe. Gestaltsam uns auch deßwegen derselbige Apostel nicht auff irdische Kriegs-Gewehr / sondern auf geistliche /weiset / [469] wenn wir / von dem bösen Feinde / angefochten werden. Denn er recommendirt uns den Harnisch Gottes (nemlich das Göttliche Wort) und die Ergreiffung deß Glauben-Schilds / als mit welchen wir ausleschen können / alle feurige Pfeile deß Bösewigts: 1 so wir nemlich ihm / durch Fürwurff göttlichen Worts /und eines gläubigen Gebets / Widerstand thun: als welches die rechte Donnerkeyle sind / so diesen ungeheuren Riesen können zerschmettern. Massen auch Jacobus keinen andren Widerstand versteht / wenn er uns zurufft: Widerstehet dem Teufel; so fliehet er von euch: nahet euch zu GOtt; so nahet Er sich zu euch. 2 Zu GOtt nahet man sich / durch gläubige Anruffung. Denn der HErr ist nahe / spricht David /Allen / die ihn anruffen etc. 3 Wo aber der HErr nahe ist / da muß der böse Feind weichen / fliehen /und sich entfernen.

Derhalben fehlen Diejenige gar gefährlich / und handlen sehr unweislich / welche dem Teufel Eisen und Stahl fürwerffen / oder mit pochen und schnarchen denselben abzutreiben / sich erkühnen. Auf GOtt und sein Wort / kann und soll man zwar / wider ihn pochen: aber ein solcher Pocher muß auch bey GOtt dem HErrn in Gnaden / und in einem guten Beruffe stehn / daß er auf sein Amt / pochen könne. Wer hingegen einen faulen Schuncken im Saltze hat; dem steht nicht besser zu rahten / er fliehe / wann der Satan ihn anficht / [470] behände zu GOtt / mit einem bußfertigen Seufftzen / und widerstehe alsdenn dem Satan getrost / in Glauben. Wer sich aber / auf sein eigen Hertz / verlässt / den erklährt die Heil. Schrifft / für einen Narren / und der Satan / wann er nicht gar / ihm den Hals zubrechen / Erläubniß von oben hat / agirt und vexirt ihn etwas / indem er sich für ihm erschrocken stellt.

Etlichen ist es aber übel bekommen / die / ihrer Hertzhafftigkeit zu viel getraut / und diesem grausamen Feinde eine blosse menschliche Entschliessung oder Großmütigkeit entgegen gesetzt: Sie sind entweder beschädigt / oder wol gar erwürgt / oder wenigstens spöttlich zu dem Hasen-Marsch getrieben worden.

Zu Leipzig lebte / vor einigen Jahren / ein gelehrter Doctor der Artzeney. In demselben war gar keine Furcht für Gespenstern: daher er / ob es gleich / in etlichen Zimmern seines Hauses / sonderlich bey dem Privet / nicht heimlich / sondern an einem so unsaubren Ort der unsaubre Geist sehr geschäfftig war /dennoch es Alles für nichts achtete. Einsmals / da es allbereit tunckel worden / erinnerte ihn die natürliche Leib-Erleichterungs-Nothdurfft eines Abtritts an gemeldten Ort: weßwegen man ihn mit dem Licht begleiten wollte: welches er aber nicht gestattete / noch mit sich in den Gang hinein nahm.

Vielleicht hat er / durch allzugrosse Künheit / GOtt versucht / ohne Noth / sich in die Finsterniß / im Finstern / gewagt / um den Leuten im Hause seine Hertzhafftigkeit zu beweisen: sintemal / aus dem betrübtem Erfolge / solches schier erscheinen [471] will. Denn nachdem man lange Seiner gewartet / und endlich aus Besorgung / es dörffte ihm ein Unfall begegnet seyn /nach ihm gesehn; hat man ihn in tieffer Bestürtzung angetroffen. Das Gespenst hatte ihm / auf dem heimlichen Gemach / angegriffen / und hefftig gedruckt. Darüber er so sehr erschrocken / daß er davon kranck worden und den Tod genommen. Welches mancher Gespenst-Verlacher / der gar nicht glauben will / daß es Gespenster gebe / zu mercken hette.

Mit nicht geringerer Gefahr / doch gleichwol noch mit dem Leben / ist anderswo Keptelin / ein damals angehender junger Kriegsmann / davon gekommen. Dieser / der nunmehr / unter einem fürnehmen gekröntem Haupt / ein ansehnliche Kriegs-Stelle bedient / wollte den Krieg / von Grund auff / lernen / um dermaleins den Ruhm seines Vaters / der / nach langjähriger und ansehnlicher Bedienung unterschiedlicher hohen Häupter im Felde / zuletzt / für die Christenheit / sein Blut ritterlich vergossen hatte) zu ersteigen: Weßwegen er / die untere Stafeln nicht gleich zu überhupffen / wünschte: zumal / weil seine Jugend ihm auch noch keine erhabenere verstattete. Also gab er einen gefreyten Corporal damals ab / als er eins /von Weingarten nach Heidelberg / gehend / sich verspätete / und das nechste Thor schon geschlossen antraff. Welches ihn bewog / einen Umweg / nach einem andren Thor / zu nehmen: in Hoffnung / selbiges mögte vielleicht noch offen seyn.

Indem er derhalben / aus aller Krafft / langst dem Graben / fort eilet; höret er Jemanden / zu Pferde / gar schnell und starck hinter ihm hertraben: [472] und / weil er vermutet / derselbe Reuter gedencke etwan auch noch in die Stadt / schauet er sich um / und sihet Einen /auff einem weissen Pferde / immer näher kommen. Endlich / da es schien derselbe wäre ihm nunmehr nahe am Rücken; wendet er sich um / und wird gewahr / daß es ein schwartzer Kerl / aber ohne Kopff /sey. Weil derselbige nun ihm hart auff den Leib drengete / und dazu / an einem solchen Ort / da Er so behände nicht ausweichen kunnte; überdas auch die Bestürtzung ihn / als der leicht merckte / es müsste kein natürlicher Reuter seyn / eingenommen hatte: riß er von Leder / und warf dem falschen Reuter die Spitze vor.

Der Kopff-manglende Kerl verliert sich zwar hierauff augenblicks ihm aus dem Gesicht: hingegen aber umfasst den Reptelin ein starcker Wind / der / ihn in den Graben hinab zu stürmen / trachtet. Er thut sein äussertes hingegen / und strebt / mit aller Macht / zurück. Zuletzt wird ihm der Hut vom Haupt gerissen /und in den Graben geworffen; er selbst aber / bey den Haaren gleichsam erfasst / und in etwas wie erhöhet. Damit hatte das Streben und Widerstreben ein Ende.

Hierüber kommt ihn noch viel hefftigers Grauen und Entsetzen an: also / daß er den Graben verlässt /und auf das nechste Dorff zuläufft: da man ihn / als einen vom Gespenst erschreckten / mit einigen Sachen gelabt / und die Nacht über beherberget.

Die jungen Soldaten können jemaln etwas mehr /als beten / oder seynd sonst bisweilen gar zu mutig /und keine Engel: daher lagert sich [473] auch nicht allemal der Engel deß HErrn um sie her. Gleichwol muß Reptelin noch / als ein junger feiner Mensch / im Geleit eines guten Engels / gegangen seyn: sintemal ihn sonst der schwartze Reuter besorglich selbsten / an stat des Huts / in den Graben würde hinab gestürtzt haben.

Dieses ist mir / von dessen nahen und glaubwürdigen Verwandten / mehr als einmal / erzehlt / mit Bericht / daß ihm / von Jugend auff / die Gespenster sehr gefähr gewest / und zugesetzt. Dessen auch noch ein andres Exempel dabey ward angeführt / so ihm / da er noch ein Knabe / ungefähr zwischen 15 und 16 Jahren gewest / widerfahren: nemlich / daß er / von etlichen besuchten guten Freunden / spät / doch bey hellem Mondschein / heim-gehend über einen Kirchhof /einen ziemlich grossen Hund erblickte / der von der Kirchthür herkommend / ihn zwerchs vorüber lieffe. Er / der sich zwar / verwundert / daß der Hund gleichsam aus der Thür hervor gekommen / doch gleichwol nichts Ungleiches vermutet / lockt denselben zurück; in Meynung / es sey ein rechter Hund.

Derselbe kehrt auch gleich wiederum / laufft auff ihn zu / und will ihn mit Gewalt anfallen. Er stosst von sich / und will ihn mit seinem in der Faust habendem Spatzier-Stäblein / von der Haut halten; biß sich der Hund / in eine abentheurlich-grosse Katze / verwandelt. Welche ihm gleichfalls zusetzt / alles Widerstands ungeachtet / hinterwerts auffspringt / und sich auff seinen Nacken wirfft / wie eine schwere Bürde. Wie sehr er sich nun gleich bearbeitete / sie herab zu schütteln: fehlte doch alle seine Bemühung. Sie bezahlte [474] ihm das Umsich-schlagen der Hände / mit ihren Tatzen / so reichlich / daß seine blutig-zerkratzte Hände und Wangen / in vielen Jahren / die Mahlzeichen behielten.

Mit solcher Angst- und Schrecken-Last / musste er fast biß in die dreyssig oder viertzig Schritte / wo nicht weiter / sich schleppen. Endlich da er spührte /daß er / mit seinem schütteln und schlagen / nichts richtete / sondern nur eine schädliche Rache damit beforderte; hub er an / das Vater Unser zu beten: und nachdem er solches ausgebetet / fiel ihm die Katze vom Halse. Worauff er / wie ein flüchtiges Wild /heim flohe / zu den Seinigen. Denen seine Erblassung eher / denn die Rede / anzeigte / es müsste ihn ein Schreck betroffen haben: Weßwegen sie ihn alsofort angestrichen / und zur Ruhe gebracht. Nachdem dieser Reptelin hernach dem Kriege lange nachgezogen /ist die wahre Gottesfurcht von ihm ausgezogen / und er ein übler Christ worden.

Johannes Niderius / weiland ein Doctor der Theologiæ / und Prediger Ordens / der ums Jahr Christi 1430 / geflorirt / gedenckt unter Andren / es habe / in seiner Gemein / ein krancker Mahler sich befunden /welcher mit dreyerley Gebrechen verletzt worden: Von Farben habe er einem Todten gleicher / als einem Lebendigen gesehn; am Gehör sey er halb taub / und auch mit der Zunge nicht fertig / sondern ein Stammler gewest.

Als besagter Niderius / von solchen seinen Gebrechen / und daß solche ihm ein Gespenst verursacht[475] haben sollte / vernommen; hat er diesen Mahler besucht / und sich den rechten Verlauff erzehlen lassen. Welchen ihm dann derselbe / mit diesen Umständen beschrieben.

Als ich / sagte er / eins Mals / in meiner Jugend /mit etlichen guten Gesellen / gegen Abend / in einem Wein-Hause / gezecht; ging ich hernach / bey Nacht /allein über Feld / mit meinem Degen an der Seiten /und eilte auf einen Meyerhof / (oder Fuhrwerck) zu. Da ich nun zwischen den Weinbergen war / schienen mir etliche schreckliche Gestalten / nicht zwar auff der Landstrassen / sondern neben dem Wege her / entgegen zu kommen: Weßwegen ich / von jugendlicher Unbesonnenheit / und Wein erhitzt / aus dem Wege sprang / meine Fuchtel heraus riß / gegen dem Ort deß Gespenstes einen Streich über den andren / führte / und doch Nichts traff / auch Niemanden / den ich treffen könnte / mehr vor mir sahe. Indem ich aber solche Lufft-Streiche that / fühlte ich / daß weiß nicht was für eine Lufft durch mich fuhr: durch welche ich gleich alsofort angesteckt / und mit diesen Gebrechen / die ihr an mir sehet / behafftet ward. 4

Fußnoten

1 Ephes. 6. v. 16.

2 Jacob. 4. v. 7. 8.

3 Ps. 145. v. 18.

4 Johann Nider. in Formicar. lib. 5. c. 1. fol. 335.

54. Das gezüchtete Großsprechen

[476] LIV.

Das gezüchtete Großsprechen.

Man hat nicht allein aus dem allgemeinem Gerücht /sondern auch / aus manchem glaubhafftem Munde /und vielen Aug-zeugen / die sichere Gewißheit / daß in gewisser / bevorab hochfürnehmer / Familien Häusern- oder Schlössern / die Gespenster / in besondrer Gestalt erblickt werden: In etlichen / wie ein Hund; in andren wie ein Pferd; anderswo / wie eine Weibs-Person / nemlich wie eine Jungfrau / oder Witwe; andrer Orten / wie ein Münch; noch andrer / wie ein Cavallier / oder dergleichen. Solche Gespenster erscheinen zwar gemeinlich / und am allermeisten / wann ein Todesfall obhanden; doch gleichwol auch nicht selten /zu andrer Zeit / eben so wol / und ohne Sterbens-Bedeutung. Gestaltsam / auff einem fürstlichem Schloß in Teutschland / welches ich nicht nenne / ein solches menschlich- und zwar geistlich-gebildtes Gespenst sich sehen lässt / welches bißweilen die Leute schreckt.

Es ist unlängst geschehen / daß der fürstlichen Edel-Knaben Einer / indem er hinauff / in ein gewisses Zimmer / wollen / im vorüber gehen vieler Lichtlein ansichtig worden / in einem Ofen / welcher doch /bey damaliger Sommerszeit / nicht angeheitzt war. Darüber er sich [477] zwar höchlich verwundert / auch in etwas entsetzt; doch gleichwol endlich seinen Gang fort und zur Stuben hinein setzt.

Wie er hinein gekommen / tritt ein grosser Kerl /wie ein Münch gekleidt / ihm entgegen / mit tieff-ligenden feurigen Augen / und einem / an der Seiten tragendem / Bund Schlüssel. Er über so unvermuteten Anblick schier von sich selbsten veräusserter / weicht plötzlich hinter sich / und schauet sich wieder nach der Thür um. Aber das Gespenst eilt auf ihn zu / erwischt ihn beym Flügel / ziehet ihn nieder / und etliche Mal auf dem Bodem hin und wieder: darüber er ein jämmerliches Zeter-Geschrey nach dem andren thut / und zwar so laut / daß es dem Fürsten selbsten /unten in seinem Zimmer / zu Ohren dringt. Worauff derselbe befihlt / man soll eilend hinauff lauffen / und sehen / wie dem Edel-Knaben geschehen sey / daß er so schreyet.

Sie finden ihn zwar allein / und von Schrecken erstummt / dennoch aber / in seinen starrenden Augen /blassenden Wangen / und zittrenden Geberden / die Anzeigungen eines eingenommenen ungemeinen Schreckens. Welcher ihn auch dermassen gefangen hielt / daß er allererst / nach einer Stunden / reden und berichten kunnte / was ihm widerfahren.

[478] Diesen lachte hernach sein Kammerad / ein andrer Edel-Knabe / der ziemlich frisch war / aus / und sagte / er sollte dem München nun ein paar wackerer Ohrfeigen gegeben / und resolut um sich geschlagen haben / so würde er ihm wol von der Haut geblieben seyn: und vermaß sich / daß er / wann das Gespenst ihm ein Mal auffstossen sollte / demselben tapffre Stösse geben wollte. Jener antwortet / er könne es versuchen / und sein Ritter-Stücklein erweisen: Der Erfolg müsse es dann lehren / ob er so viel Hertzens in der Faust habe / als in der Zungen.

Nach etlichen Tagen / kommt der so mutig-redende andre Edel-Knabe / in eben dasselbige unsichere Gemach / um für sich ein weisses Hemd zu holen /nichts weniger mehr / als an seine Rede / gedenckend. Indem er nun / aus einer Truhen / das Leinen-Geräht hervor langen will; wird an die Stuben-Thür geklopfft. Er nicht anderst vermeynend / als / es sey etwan die Wäschinn / oder ein Hof-Lacquay / oder Trabant / oder seiner Mitgesellen Einer / spricht:Herein! Herein! Darauff tritt der entsetzlich-grosse Münch hinein / von ihm hingegen aller Mut hinaus.

Wo war jetzo diejenige Faust / welche das gekappte Gespenst so tapffer behandeln / und schlagen sollte? Im Schieb-Sack! Das Hertz schoß ihm nicht in die Fäuste / sondern in [479] die Füsse / und frischte dieselben an / zum ausreissen. Aber der Münch wollte ihn so nicht ohne Rechenschafft passiren lassen; sondern packte ihn an / und versetzte ihm ein paar solcher Maulschellen / daß ihm Nase und Maul davon bluteten; und sagte: Jetzt gieb mir die paar Ohrfeigen /so du mir gedrauet hast!

Aber er / der einen so bösen Creditorn / mit gleicher Müntze zu bezahlen / sich nicht getrauete / ward fallit / ging durch / sprang zur Stuben hinaus / lieff und flohe / mit grossem Geschrey / die Stegen hinab /und mahlte gleich anfangs mit seinem blutendem Maul / folgends auch mit wortlicher Erzehlung / sein Begegniß ab.

Uber einige Zeit hernach / hat dasselbige Gespenst sich auch einer Wäschinn daselbst dargestellt / und derselben / durch die grausame Entsetzung / eine viertheiljährige Bettlägrigkeit verursacht.

Dieses bezeugt uns / daß / wider den starcken Gewapneten / Niemand wehrhafft erfunden werde / ohn allein derjenige / welcher den Harnisch GOttes hat angezogen / und daß Einer / der sieghafft ihn will bekämpffen / sich nicht auff sich selbsten / sondern auff GOtt / verlassen müsse.

55. Der Unerschrockene für dem Schrecker

[480] LV.

Der Unerschrockene für dem Schrecker.

Ins gemein muß das Natürliche / für dem Unnatürlichem / erschrecken. Den allertrutzigsten Todes-Verlachern vergeht das Lachen / und verkehrt sich in Zittern / wenn er seine dürr-beinigte und erd-farbne Faust nach ihnen ausstreckt. Ich habe die allerkühnste und verwigteste Eisenfresser Laub-ähnlich beben gesehn / da sie / dem Richt-Schwert / halten mussten. Und so man dem Verderber der Natur nicht / mit übernatürlichem geistlichem Gewehr / begegnet / wird er noch eher den Mut / als Blut und Lebens-Glut / in uns ersticken und ausleschen.

Weit tieffer würde der Schreck denjenigen aus sich selbsten reissen / der mit dem Satan / und seinen Larven / ohn GOttes / und seiner heiligen Engel / Beystand / sich in ein Gefecht wagen / und / durch seine eigene Hertzhafftigkeit / sich / wider denselben / wollte anführen lassen / zum Widerstande. Denn die Exempel zeugen / daß diejenige / welche sich / ausser solchem würcklichen Streit / für Ritter und Leuen /ausgeben / wenns zum Handel kommt / in Hasen verwandelt werden / und so fest stehen / wie ein Laub-Blätlein / für dem Sturm / oder wie der Hase bey der Trummel.

Cajus Cassius, der Mitgenoß an dem Meuchel-Mord Julii Cæsaris, war / in den Wahn-Sätzen [481] der epicureischen Sect so gar eingebeitzt / daß er die Gespenst-Erscheinung / für eitel falsche Phantasey / achtete / als ein guter Vorspieler vieler heutigen Ruchlosen / die ihm / in diesem Wahn / nachgeigen: gestaltsam er deßwegen den Brutum verlachte / als derselbe ihm erzehlte / was für ein wühster Mor ihm / bey Nacht / erschienen wäre / und sich / für seinen bösen Engel / ausgegeben hette: allein da der Tantz an ihn selbsten kam / ward er weich / und sein Eisen-vermeyntes Hertz zu Wachs; Er hatte sich bemühet / bemeldtem Bruto alles damit auszubilden / daß er sagte / es wären solche Gesichter lauter blosse Einbildung /die keinen tapffren Männern erschienen: Als aber / in den Philippischen Feldern / das Treffen geschahe; erschien ihm / wie theils Historici berichten / ein Gespenst / in Gestalt Julii Cæsaris, welchen er hatte helffen umbringen / zu Pferde / und machte / mit einem bedrohlichem Blick / ein solches Geberde / als wollte es / mit gantzer Gewalt / auf ihn ansetzen. Da steckte er das Hafen-Panier auf / und ließ sich / durch solchen Anblick / in die Flucht treiben / legte auch hernach dieselbige Hand / so sich am Cæsar meuchlerisch vergriffen hatte / eigenmördlich an sich selbsten.

Dennoch kann nicht geleugnet werden / daß dieses bißweilen seinen Absatz finde. Denn es giebt jemaln solche behertzte Leute / die keinem Gespenst ausweichen / sondern einen glücklichen Trutz bieten / und darüber keinen Schaden / vielweniger sonderlichen Schrecken / empfangen.

[482] Dieselbe unterscheide ich / in dreyerley Gattungen /in Heiden / in gute Christen / und böse Christen. Mancher Heide erschrickt deßwegen / für keinem Gespenst / weil er gar nicht weiß / noch gläubt / daß es der Satan sey / und derhalben / wann er einer großmütigen Natur ist / destoweniger sich dafür fürchtet / in Meynung / es sey der Geist eines Verstorbenen / nemlich die Seele. Welche die Heiden Umbram, denSchatten-Geist / nannten. Damit solche Heiden / in ihrem Wahn / desto fester beharren mögen / stellet sich bißweilen das Gespenst / als fürchte sichs / für ihrem Trutz / und fleucht für ihnen / wie für jenem Laconier: welcher / da er / zu Nachts / auf dem Grabe / ein weisses Schreck-Bild erblickte / mit seinem Spieß / darauf zulieff / und darnach stieß / schreyend:Quò fugis, anima denuò moritura! Wo fleuchst du nun hin / du Seele! Wann du noch nicht gnug dran hast / daß du ein Mal abgeleibt / will ich dir noch ein Mal den Tod zu schmecken geben. Denn das Gespenst verschwand / für ihm.

Hernach so sind / unter frommen Christen / Manche / mit einem besondrem Helden-Geist / begabt: daher sie viel weniger / als andre Gläubige / über der Erscheinung eines Gespensts / sich entsetzen; sondern alsofort eine glaubig-tapffre Resolution fassen / dem Satan Trutz zu bieten / und seiner zu spotten. Je stärcker derhalben der Glaube / in ihnen / sich ermuntert; je leichter wird der Teufel / von ihnen / in die Flucht getrieben. Angemerckt / dieses boshaffte Unthier den schwachgläubigen und furchtsamen Christen offt mehr Mühe [483] macht / und ihrer Vielen / mit Schrecken /gar hart anstehet / biß sie / durch anhaltendes Gebet /ihm obsiegen.

Unter bösen Christen aber / finden sich auch jemaln manche / die behertzt / auf ein Gespenst / angehen / und drüber nicht den Kürtzern ziehen / sondern dasselbe verjagen. Und solches kann zweyerley Ursachen haben. Denn entweder darff sie der Satan alsdann noch nicht verletzen; weil sie vielleicht in ihrem Beruff sind / und ihres Amts / um selbige Zeit / pflegen (daher er auch der ungläubigen Obrigkeit / in ihrem Beruff / durch seine Hexen / selten was Leids zufügen kann.) Oder / er begehrt sie nicht zu verletzen / und begnügt sich allein damit / daß er sie ein wenig vexire: auf daß sie / von ihrem Laster-Wesen / und verruchtem Wandel / nicht abgeschreckt / sondern vielmehr darinn besteifet werden mögen.

Mir ist / in meiner Jugend / ein gewisser Ehren-Mann bekandt / und verwandt gewest / der zwar eben der gottseligsten Keiner / sondern / als ein Welt- Mann / weltlich gesinnt schien; doch / mit keinen schandbaren Lastern / behafftet / sondern erbar und polit war / aber fehlbar / in Handhabung der Gerechtigkeit / und Abstattung der Gebühr gegen seiner nechsten Bluts-Freundinn / als deren ihm anvertrautes Erb-Gut / so ungefähr in vierdthalb tausend Reichsthalern bestund / er fein mit sich aufgehn lassen / und verprachtet hatte / und ihr keinen Heller wieder bezahlte; also / daß sie eine arme Wäise / und ohne Brautschatz / als den ihr leiblicher Bruder / ohne Noth / überflüssiger Weise / verdistillirt hatte / sitzen bleiben musste. [484] Ausser dem / sag ich / war er ein geschickter / ernster / gravitetischer Mann / und grosses Muts.

Diesem zeigt einsmals seine Frau an / es sitze droben / in seiner Cancelley-Stuben / auf seinem Stuhl /ein Mann / der ihm von Gestalt / Person / und Kleidung so gleich / als er selber. Weßwegen er hinaufgeht / und sie folgen heisst. Da er nun das Gespenst sitzen fand / und schreiben / angelegt mit einem dergleichen Schlaffrock / als wie er damals selber am Leibe trug; wollte sie ihn zurück halten / und bat / er sollte nicht näher hinzugehen; weil das Gespenst nicht wieche. Aber er wirckte sich loß von ihr / ging behertzt auf das Gespenst zu / und hieß es aufstehen /sprechend: Da gebührt mir / und nicht dir / zu sitzen! Steh auf / und weiche! Du hast hie nichts ver lohrn! Worauf das Gespenst / nachdem er zugleich den Stuhl ergriffen / und geruckt / verschwunden. Und dieser Geschicht werde ich auch / wo mir recht / in meiner Schau-Bühnen einer / wiewol etwas umständlicher / gedacht haben.

Dieselbe habe ich / zu erst / aus dem Bericht einer glaubhafften Person / vernommen / und als hernach /über Tisch / eins Mals dieser Discurs vorfiel / gegenwarts selbiges meines Vettern; lächelte er dazu: und fing seine Liebste darauf an zu erzehlen / daß er mehr / als ein Mal / zu Mitternacht / wann gegen ihrer Schlaffkammer über / in der Rüstkammer / unter den Harnischen und Armaturen / ein erschreckliches Getöß und Getümmel / so wol / als in dem Gange vor ihrer Kammer / sich hören lassen / ihres bittlichen Abhaltens ungeachtet / aufgestanden / die Kammer-Thür aufgerissen / [485] ohne Licht hinaus gegangen / zu besagter Rüstkammer / und geruffen: Was ist das für ein Lärmen und Getümmel? Stille! und halt ein! Worauf es gleich nachgelassen / und eine Weil geruhet.

Daß dieses kein Geticht wäre / kunnte ich desto leichter glauben / weil wir / an dem Ort selbiges Schlosses / dahin man uns / als Gäste / und Verwandten / quartiert hatte / selbsten / die gantze Nacht durch / ein entsetzliches poltern und rumoren draussen / vor unserem Schlaff-Gemach / hörten. Wie ich dann / mit Warheit / sagen kann / daß / zu zweyen Malen / ich /zu Mitternacht / aus dem Schlaff erwachend / gehört /wie die / in unserer Kammer an der Wand hangende /Laute und Pandor / von sich selbsten spielten / als ob sie / von menschlicher Hand / geschlagen würden. Darüber ich das Mal / als ein junger Knabe von fünffzehen Jahren / ziemlich angst-schwitzte / auch so viel erlangte / daß folgende Nächte / nicht allein das Licht / wie vorhin / brennen / sondern auch von deß Amtmanns Dienern Einer / bey meinem Bette / auf der Madratzen schlaffen musste.

Der Amtmann selber aber pflag / wenn man dergleichen vorbrachte / nur drüber zu lachen / und zu versichern / daß er / manches Mal / gantz allein / bey Nacht / mitten durch den Schloß-Saal / mit dem Licht ginge / und alsdann aller Tumult zur Stunde schwigtig würde / so bald er nur einen Fuß dahin setzte.

Ich halte dafür / weil er einen offentlichen Gewalt führte / und / an stat seines Fürstens / daselbst auf dem Schlosse saß / habe der Teufel sich / für [486] ihm / als einer obrigkeitlichen Amts-Person / scheuen / und einhalten müssen: Denn eine sonderbare Gottesfurcht dieses Manns / an welchem mehr Welt-Witzes / als himmlischer Weisheit leuchtete / hat ihn gewißlich nicht erschreckt.

Noch vielweniger leib- und zeitlichen Gewalts hat der Satan / über die Fürsten und Herren selbst: Denn sie seynd / in ihrem Stande / GOttes Stathalter / Spiegel und Bilder; massen der Apostel / ohne Unterscheid / sie und so gar auch die heidnische Obrigkeit /GOttes Dienerinn titulirt. Daher gemeinlich dieser Geist der Finsterniß / und deß Schreckens / in Gegenwart einer solchen Person / die von GOTT eine Macht und zu befehlen hat / still seyn / und erstummen muß. Wie man dessen vielfältige Beyspiele hat / und / meines guten Erinnerns / vor nicht gar vielen Jahren dergleichen geschehen / da der böse Geist / als man einen / in der Alraun-Wurtzel sitzenden / Spiritum, auf deß Burgermeisters Befehl / in die Cancelley getragen /und daselbst seiner Ankunfft erwarten müssen / unterdessen viel Wesens / und protestirens gemacht / also gar / daß er geredt / und doch Niemand den Redenden gesehn; so bald aber der Burgermeister zur Cancelley hinein getreten / schwigtig worden / und das Urtheil leiden müssen / ohn einiges weiters widersprechen und protestiren / daß man den Alraun / durch den Hencker / untern Galgen begraben sollte.

Jedoch begiebt sichs jemaln / daß er / aus sonderbarer Verhengniß GOttes / auch wol Regiments-Personen / wiewol wunderselten / und zwar zu solcher Zeit / da sie eben nicht / in ihren Regierungs- [487] oder Amts-Geschäfften / begriffen / sich hören oder sehen lässt. Ein gewisser König / als er / seiner Gewonheit nach / eins Mals / früh gegen Tage / in seiner Nachtschauben sich ans Fenster gelegt / hat / in der Lufft /ein starckes Knallen gehört / als ob viel Geschütze gegeneinander krachten / und Kartaun-Kugeln saussten: daraus er geurtheilt / es würde / mit nechstem /ein Krieg einbrechen. Welcher auch / bald darauf / erfolgt ist. Von dergleichen Exempeln wir / unter den Kriegs-Gespenstern / etliche mehr eingeführt haben.

Aber es lässt GOtt bißweilen auch wol andre gespenstische Händel / welche eben nicht dem gemeinen Zustande / oder dem gantzen Lande eine grosse Zerrüttung bedeuten / sondern auf ihre eigene Person /oder auf die Ihrige / zielen / ihnen entweder zu Ohren / oder zu Gesichte kommen: entweder solchen grossen Herren / oder andren ansehnlichen Leuten / dadurch ein Nachdencken zu erwecken: damit ihnen mancher einschleichender atheistischer Gedanck / als ob weder Engel / noch Teufel / noch künfftige Rechenschafft obhanden sey / vergehe; oder daß sie in sich gehen /und von ihrem gar zu ungebundenem Leben (wie es denn offt / an grossen Höfen / ein unordentliches Wesen setzt) abstehen sollen; oder / woferrn sie / in ihrem alten Sauerteige / bleiben / daß auch solche Gespenster sie dermaleins / vor jenem strengen Gerichte / ihrer Ruchlosigkeit überzeugen mögen.

Seynd aber solche Regenten tugendhafft / so geschicht vermutlich solche Göttliche Zulassung [488] darum / daß sie dadurch sollen um so viel mehr aufgemuntert werden / dem Fürsten der Finsterniß / durch ein gerechtes und Gottgefälliges Regiment / an seinem Reich desto grössern Abbruch zu thun. Und solchen Regiments-Personen begegnet darüber gar nichts Ubels / noch einige Versehrung an der Gesundheit ihres Leibes oder Verstands; wie zwar sonst gemeine Leute vielmals darüber im Haupt zerstreuet werden.

Ein ansehnlicher Mann berichtete mich / da ich die Ehre seiner Conversation und Besuchung hatte / es hette ein gewisser Potentat / den er mir auch nannte /seinem Fürsten für gewiß erzehlt / daß eins Mals sein Groß-Herr-Vater einen Edelknaben / von der Abend-Tafel / abgefertigt / ihm etwas / aus einem grossen Zimmer deß Schlosses / zu holen: Wie der Edelknabe in selbiges Gemach hinein getreten / habe derselbige /an dem daselbst stehendem Tisch / einen schreibenden München erblickt: weßwegen er / voller Schrecken / davon gelloffen / und es einem Kammer-Juncker angezeigt: Welcher mit ihm hingegangen / und eben dasselbige Bild / an bemeldtem Tisch / gesehen: Hievon sey alsobald / bey der Tafel / die Mummelung gangen / und zwar so lange / biß es der Potentat selbst vernommen. Der alsofort aufgestanden / und in Begleitung etlicher so wol Wind- als anderer Lichter /nebst einigen Hof-Junckern und Edelknaben / selbst hinauf gegangen / in besagtes Gemach; um sich /durch den Augenschein / selbst zu unterrichten / ob ihm die Warheit / oder eine falsche Einbildung / wäre vorgetragen: in Betrachtung / daß Furcht und Schrecken ein solches Eh-Paar / [489] die manche Mißgeburt /nemlich Selbst-Betrug / und irrigen Wahn / miteinander erzeugten. Da sie nun ingesamt / in mehr gedachtes Zimmer / hinauf gekommen / habe ihnen ihr eigner Anblick Alles hekräfftiget: angesehn / der Münch / in aller seiner Erbarkeit / unverrucktes Stuhls / fein still gesessen / und / bey einem auf dem Tisch stehendem Licht / steiff fortgeschrieben: Nachdem sie aber solches / eine kleine Weile / von Fernem / angesehn / sey endlich der Potentat selber / und zwar allein / nahe hinzu getreten an den Tisch / habe den gespenstischen Secretar behertzt angeredt / Was machst du hier? Welcher ihm geantwortet: Hie sitze ich / und schreibe deine Sünden auf! Worauf der Potentat gesprochen: Hat dir GOtt die Macht gegeben / so schreib immer hin! und habe sich hiernechst / samt seinen Aufwartern / wiedrum / zu dem Zimmer hinaus / gewandt.

Selbiger Potentat ist sonst ein Herr gewest / der Redlichkeit und Gerechtigkeit lieb gehabt / auch die Diener GOttes werth gehalten: aber / bey der Hofstat /mag es jemaln ziemlich frisch daher gegangen seyn: wie solches / leider! an grossen Höfen / keine Rarität. Welches zwar / weil es fast etwas Gewöhnliches / von undencklichen Jahren her / bey uns Teutschen / den Vorwand eines Hof-Rechts behält; vor GOtt aber doch gleichwol unrecht ist / und unsrem Ankläger freylich seine Klag-Verzeichniß tapffer füllet; also /daß / woferrn solche / vermittelst wahrer Busse /durch Christi Blut / in der Gnaden-Zeit / nicht ausgelescht wird / sie / vor jener strengen Verhör / [490] alle diejenigen / so davon nicht abgestanden / sie mögen Hof-oder Stadt- oder Dorff-Leute seyn / wird zittern machen / und ihnen dort noch viel mehr das bebende Hertz / weder allhie der Fuß / taumeln. Ich gebe aber diese letzte Erzehlung wieder / wie ich sie eingenommen / ohn Aufgeld.

56. Die unheimliche Wüsteney

LVI.
Die unheimliche Wüsteney.

Daß der Teufel sich gern / wie an andren einsamen /öden und verstöhrten Oertern / also auch gleichfalls in den Wildnissen und Wüsteneyen / sehen lasse / lehrt die Erfahrung derer / welche / durch wühste und unbewohnte Wildnissen / bißweilen reisen. Solches deuten Etliche also / gleich wäre ihm wol dabey / und liebte er solche rauhe und unfreundliche Gegenden / als ein melancholischer Traur-Geist / vor andren Plätzen. Aber ich halte dafür / stünde es in seiner Gewalt / er bliebe nicht lange in der Wühsten / oder in einem wühsten und zerbrochenem Schloß; sondern setzte sich lieber / bey den meisten Hofstäten / mitten an die Tafel / in sichtbarer Gestalt: imfall ihn nur sein eigener arglistiger Zweck nicht auch nur selbst daran verhinderte: welcher dieser ist / daß er die menschliche Seelen fahe. Weßwegen er sie lieber / in geheimer unvermerckter Gegenwart / mit Sicherheit körnet / weder mit offenbarer Gewalt erschreckt. Denn er hat seine Stricke [491] ins Verborgen gelegt; wer kann sie sehen?

Ich gläube / die bösen Geister haben ungern ihren Aufenthalt / in den Wüsteneyen; und werden gemeinlich darein / von den Engeln / gleichsam gebunden; wie der Eh-Teufel Asmodi / von dem Engel Raphael; bißweilen auch wol / um der Menschen Bosheit willen / ihnen heraus zu gehen / verhengt und erlaubt.

Jedoch zweifle ich gleichwol daneben auch nicht /daß sie vielmals sich / auf eine Zeitlang / freywillig hinein begeben; nemlich alsdann / wann sie mercken /daß Jemand / durch solche wuhste / oder abgelegene Oerter / allein / oder mit einem furchtsamen Gefährten / ziehen will: da sie dann alsofort / in einem Augenblick / ihm / auf hundert Meilen / nachfahren können /wie ein Blitz / und im Nu mitten / in derjenigen Wühsten seyn / da er durchziehet. Und solches geschicht /meines Vermutens / von solchen Geistern / welche insonderheit auf eine gewisse Person acht haben / und lauren / wie sie derselben einen Tuck erweisen / oder zum wenigsten etwas zuwidern thun mögen / aus feindseliger Rachgier; sollte es auch nur gleich / in einer blossen Schreckung / oder Bangmachung / bestehen. Denn daß die böse Feinde nicht nur allen Menschen insgemein nachstellen; sondern auch auf jedweden Menschen absonderlich mercken / und genau allen seinem Wandel nachspühren; lehrt uns GOTT selbst / da Er zum Satan spricht: Hast du nicht Acht gehabt / auf meinen Knecht Hiob?

[492] Oder sie lassen ihnen manches Mal auch wol darum eine Wüsteney / vor andren Stäten / wolgefallen; weil daselbst der Mensch / durch Raub / oder Mord / oder andre Unglücks-Fälle / gar leicht Schaden nehmen / und nicht so leicht Hülffe erlangen kann / als wie an bewohnten Orten; darüber sie sich dann höchlich ergetzen. Oder; weil sie selbst / durch Verführung in abwegige / irrsame / rauhe / und ungebähnte Hecken / und Moräste / ihn in Noth und Gefahr zu bringen / hoffen. Oder; weil etwan an dieser /oder jener Stäte eines Waldes / oder Gebirges / eine Niderlage / Ableib / oder Ermordung / schon vor langen Jahren / geschehen / auf ihr mördliches Eingeben: darüber sie noch / lange Jahre hernach ihre Freude haben. Denn der Satan ist ein Mörder von Anfang /und freuet sich / Böses zu thun / oder anzustifften: derhalben er die Stäte oder Gegend / da ihm solches gelungen / und / auf sein Anspinnen / ein Mensch umgekommen / nicht anders / als wie seinen Triumph-Platz / betrachtet / und keine Zehren darüber / wie Julius Cæsar über die Erschlagene / fallen lässt; sondern darüber frolockt; bey seinen verdammten Mit-Genossen / sich auch gar breit und groß damit macht /als ein ruhmsüchtiger Geist. Oder er entweicht auch vielmals wol / mit Fleiß / in die Wühsten / freywillig /aus Verdruß und Unmut / über den Verlust eines entweder geist- oder leiblich-besessenen Menschen / daraus er / durch Gebet und Busse / vertrieben worden. Denn das kräncket ihn viel härter / als den Türcken /wann er eine Haupt-Festung / oder grosse Schlacht /verlohren. Er schämt sich / für [493] seines gleichen Gesipp / für andren verfluchten Geistern / daß er / mit Schanden / weichen müssen; so wol / als für den heiligen Engeln: die seiner alsdann gleichsam lachen / und spotten: Gleichwie ein verleumderischer Kläger und Diffamant / wann er / im Gericht / zu schanden worden / und mit seiner Klage ab- ja wol gar der Stadt verwiesen / nicht gern / seinen Feinden und Freunden zum Spott / in der Nähe mehr herum geht / sondern die Ferne sucht: damit seine Schande ausgelescht /und seiner vergessen werde. Nicht weniger treibt ihn /ohne dem / dazu das Gebet / und gottseliges Christenthum etlicher frommer Leute / dafür er nicht stehen kann / auch nicht / in selbiger Gegend / bleiben mag /um solchen Greuel (wie / in seinen Augen / die wahre Gottesfurcht ist) nicht länger anzusehen.

Denn wo die Karte patscht / das Ronda schallt /Hagel und Donner / unter tausend Sacramenten / blitzen / zancken und hadern / rauffen und schlagen /schmeissen und beissen / neiden und affterreden /huren und buben / fressen und sauffen / leichtsinniges tantzen und schauspielen / geitzen / schinden und schaben / stoltziren / und dergleichen / im Schwange geht / da hat er seinen Freuden- und Tummelplatz. So aber daneben etwa / in selbiger Stadt / mancher lebendiger Tempel GOttes ist / und wider deß Satans Reich / mit den Waffen deß Lichts / bevorab mit dem sieghafftem Gebet deß Glaubens / streitet / durch tägliche Anruffungen und Seufftzer um die Zerstörung der Wercke deß Teufels; nimt er / aus grossem Widerwillen und Eckel / bißweilen gern seinen Abscheid [494] aus einer solchen Gegend / durchwandert dürre Stäte / und sucht daselbst / für seinen schwürigen / Neid-eitrenden / gifftigen Mut / Ruhe.

Mehrentheils aber geschichts / ohne Zweifel / Gefängniß-weise / daß manche Teufel / in den Wühsten und Wildnissen / ihren Aufenthalt haben: weil sie allda / durch Göttlichen Befehl / vermutlich / eine Zeitlang / eingesperrt leben / und weiter nicht kommen dörffen. Weßwegen sie daselbst alsdann mehr regieren / und den Wandrer erschrecken / als anderswo.

Nach mutmaßlicher Entdeckung der Ursachen solches ihres Aufenthalts in den Wildnissen; ziehen wir die Erfahrungen nun auch herbey.

Als der Admiral Adrianus Patritius, von dem Constantinopolitanischen Keyser / mit einer Kriegs-Flotte / abgeschickt war / die Stadt Saracosa in Sicilien zu entsetzen / und durch Ungewitter getrieben ward / in einem Peloponnesischen Hafen / welchen man denHabichts-Hafen nannte / einzulauffen / auch / durch widrigen Wind / daselbst etliche Tage verarrestirt lag; erfuhr er / von den Vieh-Hirten selbiger Gegend / besagte Stadt Saracosa wäre bereits über. Nun war solches / natürlicher Weise / zu wissen / wegen weiter Abgelegenheit solcher Stadt / unmöglich. Derhalben wollte er den Grund von ihnen haben / woher sie solches hetten: und erfuhr darauf / daß sie es / von den Gespenstern / so in der Wildniß sich aufhielten / verstanden. Denn / wie Curopalates erzehlt / der Ort /wo die Keyserliche Flotte vor Ancker lag / und den man die Pfütze (oder den [495] Pfuhl) hieß / war / zu beyden Seiten / sehr dick bewäldert: und daselbst hörten die weidende Hirten / einsmals in der Nacht / daß die böse Geister miteinander redeten / Saracosa wäre gestern erobert / und geschleifft. Welches die Hirten gar bald ausgebreitet / also daß das / von Einem zum Andren lauffende / Gerücht endlich auch vor den Admiral kam. Welcher / nachdem er die vorgeforderte Hirten darum befragt / und dieselbe es ihm bestetiget hatten / Verlangen empfunden / solches / mit seinem eignem Gehör / zu erlernen. Gestaltsam er deßwegen auch / nach dem Ort / sich hinführen lassen / und die Gespenster gefragt: Welche geantwortet / es sey nicht anders / Saracosa sey übergangen. 1

Diese Wissenschafft haben die Gespenster keines Wegs in sich selbsten gehabt / als wären sie allwissend gewest; sondern / durch Communication anderer Geister / welche entweder über Meer zu ihnen gefahren / und ihnens verkündigt haben; oder / durch etliche ausgeschickte Kundschaffter aus ihrem Mittel. Denn sie sind schnelle Geister / die den Wind weit übertreffen / und einen Augenblick in der Geschwindigkeit überwinden / ja mit unsren Gedancken dergestalt wettstreiten / daß sie / meines Vermutens / eben so schleunig / als wir mit einem Gedancken / von einem fernem Ort zum andren / fliegen. Denn ob sie gleich bißweilen wol etliche Stunden Frist begehren /wann sie den Wahrsagern etwas / aus einer Ferne von etlichen hundert Meilen / entdecken [496] sollen; wie / bey den Lapponischen Pauken / geschicht: rührt solches doch / aus andren Ursachen / her; nemlich weil sie zuvor andre Geister / so in solcher Ferne herumflattern / drum vernehmen müssen / und auch selbige dennoch nicht allemal solches gleich wissen / sondern deßwegen auch wiederum / von andren / erst sich eines Berichts erholen müssen. Insonderheit aber geschicht solche Verweilung hauptsachlich darum / daß derjenige / so den Wahrsager befragt / glauben möge /deß Warsagers Geist sey gewiß / am begehrtem Ort /indessen gewest. Zudem braucht der Geist auch ein Mal mehr Mühe / als das andre / daß er der Phantasey deß entzuckten Wahrsagers die Vorstellungen recht eindrucke.

Man lieset beym Plutarcho, aus welchem es auchEusebius Cæsariensis 2 angezogen / daß / hinter Britannien / viel wühste Inseln gelegen / deren etliche /mit bösen Geistern / angehäufft / welche daselbst Sturm und Platzregen erregt / und den Leuten / so etwan dahin gerathen / allerley Blendungen vorgemacht hetten.

Bey einer unter den Echinadischen Inseln / soll sich / wie genannter Plutarchus zeuget / diese Abentheuer zugetragen haben. Als deß oratorischen ProfessorsÆmiliani Vater nach Italien geschiffet / und zwischen gedachten Echinadischen Inseln der Wind sich gäntzlich gelegt / seyen sie / zu Nacht / bey Paxis angelangt: und / indem die gantze Schifgesellschaft allerdings wachte / hat man / aus der Insel Paxis (Paxis ist aber eine Insel im [497] Ionischen Meer / oder vielmehr zwo nahe beysammen grentzende Inseln / so man heut Pacsu und Anti-Pacsu nennet) eine starcke Stimme gehört / die dem Aegyptischen Schiffer / Thamno, mit Namen geruffen.

Da nun Männiglich die Ohren scharff spitzte / um zu vernehmen / was solches Geschrey bedeutete / und selbige Stimme doch immermehr vorbringen würde /ließ sie sich abermal hören / und zwar mit diesen ausdrücklichen Worten: Thamne! wann du wirst bey dem Mæotischen Meer-Pfuhl seyn; so zeig es an /daß der grosse Pan gestorben sey.

Hierüber seynd sie allesämtlich sehr erschrocken. Der Schiffer (oder Steuermann) aber hat dasselbe /was ihm die Stimme befohlen / ausgerichtet / und / als sie / bey benanntem See-Pfuhl / angelangt / über das Schiff-Bort hinab / ins Wasser sehend / mit lauter Stimme dasjenige / was die Stimme von ihm hatte begehrt / ausgeruffen; nemlich dieses: Der grosse Pan ist gestorben! Worauf man alsofort gleichsam viel /und zwar unzehlich viel Leute / seufftzen gehört / mit grosser Verwunder- und Bestürtzung Aller / die sich auf dem Schiffe befunden.

Wie sie nun endlich nach Rom gekommen; ist solches / beym Keyser Tiberio, erschollen: welcher darauf diese Leute vorfordern / und abhören lassen. Die ihm solches einhällig beglaubt haben; also / daß er sich deßwegen sehr hat darob verwundert.

[498] Von vielen Geistlichen pflegt diese alte Geschicht gedeutet oder wenigstens applicirt werden / auf die Scheidung deß HErrn Christi am Kreutze: weil es /wie man vermeynt / um die Zeit seines Leidens und Sterbens / oder vielmehr in der Nacht / nach seinem Scheiden / sich begeben: in Betrachtung / daß Pan zwar für einen Hirten-Götzen / von den Poeten / ausgegeben worden; die Philosophi aber Dominum universitas, den HErrn aller Dinge / darunter verstanden.

Ich schätze aber gar nicht für glaublich / daß GOtt / auf solche tunckle Weise / durch gute Engel / die Scheidung habe den Heiden wollen verkündigen lassen / und zwar unter dem Namen eines heidnischen Abgotts. Daß die böse Engel so ehrerbietig / von dem gekreutzigtem HErrn / sollten geredet haben / Magnus Pan mortuus est, der grosse Pan ist gestorben; gläube ich noch weniger: Es mögte dann / dieser arglistiger Meynung von ihnen geschehn seyn / daß die Wunder der Sonnen-Finsterniß / und deß Erdbebens / so zur Zeit deß Leidens und Sterbens Christi geschehen; weil sie weit und breit erschallen / und ruchbar werden dürfften / mögten in einen Mißverstand / bey den Heiden / verfallen / und nicht für eine Bezeugung dessen / daß der HERR aller Herren gestorben / sondern daß der Hirten-Götz / Pan / verblichen / aufgenommen werden.

Es gefällt mir auch nicht übel die Ausdeutung /welche ein Römisch-catholischer Scribent drüber verfügt; nemlich weil die Teufel / und Fürsten der Finsterniß / ihre / vor Christi Geburt / in der Welt ausgebreitete / Herrschafft / Ansehn / [499] und Großmachung /nach der Menschwerdung und Kreutzigung Christi /gewaltig eingebüsst / und sie / von dem Fürsten deß Lichts und Lebens / im Triumph gefangen geführt worden; so hetten sie sich lieber für sterblich und würcklich-gestorbene / als für bezwungene geachtet wissen wollen. Massen dann Plutarchus diese Geschicht deßwegen anziehet / daß er den Wahn / als ob etliche Götter / zumal die Fauni, Satyri, und Panes, sterblich wären / und zuletzt mit Tode abgingen /mögte bestetigen.

In der Asiatischen Tartarey / ligt / zwischen Ost und West / eine grausam-grosse Wildniß und Wüsteney / so man / nach der Stadt Lop / die Wüste Lop nennet. In selbiger Wüsten findet man weder Laub noch Gras; sondern einen unfruchtbaren traurigen Boden / welcher sehr bergigt / und an denen Orten /wo er eben / mit Sande so tieff bedeckt ist / daß man dadurch waten muß. Und weil sie also / mit keiner Weide / versehn; wird sie auch / weder von Thieren /noch Menschen / bewohnt.

In solcher entsetzlichen Wüsten / sihet / und hört man / bey Tage / und noch viel öffter / zu Nachts /mancherley Teufels-Gespenster. Dannenhero sich die reisende Handelsleute sehr wol müssen fürsehn / daß sie nicht zu weit von der Gesellschafft abweichen /vielweniger Einer allein / von denen Ubrigen / sich abreisse / oder etwas ferrn zurück bleibe. Denn wann Jemanden die Hügel und Berge seinen Gefährten aus dem Gesicht gebracht; so wird er sie nicht leichtlich wieder finden: Sintemal allda die bösen Geister der[500] Stimme der voraus gehenden Gefährten nachaffen /dem zuruckgebliebenem damit ruffen / und zwar bey seinem Namen. Wodurch er dann / vom rechten Wege ab- und ins Verderben verleitet wird.

Vielmals lassen sich daselbst / in der Lufft / Trummel und Heerpauken / bißweilen auch musicalische Instrumenten / hören. Weßwegen diese Wüste überaus gefährlich ist zu reisen. 3

Daß die böse Geister bißweilen gern / in öden und wühsten Oertern / hausen / aus einem Abscheu für dem Gebet und frommen Wandel etlicher Christen /schliesst man nicht unfüglich auch hieraus / daß sie /wann heilige und gottselige Leute sich an dergleichen Oertern / um daselbst desto unverhinderter GOtt zu dienen / wohnhafft nidergelassen / aus Feindseligkeit und Haß selbige Gegend quitirt haben.

Dessen giebt Beda ein Beyspiel / in seiner Engländischen Histori. Die Insel Lindis war eine Behausung vieler bösen Geister / zudem ungebaut / von allen Bäumen / Früchten / und andren Gewächsen / gantz ungeehrt / 4 überdas gantz arm und Mangel-reich an Wasser. Als aber der gottsfürchtige Cudberecht dahin gezogen; um daselbst ein streng- und heiliges Leben zu führen: seynd gegentheils die Teufel hinaus gezogen / und anderswohin gewandert. Denn wie [501] ein guter kräfftiger Geruch / und häßlicher Gestanck / einander vertreiben; also werden die verfluchte Geister verdrungen / wo fromme christliche Seelen hinkommen; es sey dann / daß zu Bewehrung ihres Glaubens / standhafften Vertrauens / und Unterhaltung der Gedult und Demut / bißweilen die boßhaffte Gespenster / an dem Ort / wo ein Gottsfürchtiger lebt / auf GOttes Verhengniß / noch eine Zeitlang beharren. Es ist hierauf / nachdem die unreine Geister das Land verlassen / selbiges / von den Knechten GOttes / bewohnt / gebauet / und / auf ihr fleissiges Gebet / mit gesunden Spring-Quellen / und Früchten / gesegnet worden. 5

Manches Mal begiebt sich aber auch wol das Widrige / nemlich / daß / wie allererst gesagt / die Teufel solche Oerter / da sie bißhero ihr Bleibens gehabt /nicht gleich verlassen; sondern noch wol ärger / eine Zeitlang / bewüten / und sich gewaltiglich sträuben /wider Gott-ergebene Einkömmlinge: ob sie gleich denselben nichts angewinnen können / sondern auch allerdings alsdann / wann sie zu gewinnen scheinen /verlieren / und / wann sie trotzen / verzagt sind. Cum altiori vitâ proficimus, maligni spiritus, qui semper bené agentibus invident, nobis inferiores sunt, spricht Gregorius. Wenn wir / mit unsrem guten Wandel / es höher bringen / seynd die bösen Geister / die unser Wolverhalten immerzu beneiden /schwächer als wir. Er setzt aber / bald hernach /dazu: Nec unus spiritus malus Electorum singulis, sed innumeri [502] deputantur, ut de consecuta eorum victoria tantò sit copiosior fidelium gloria, quantò eis irrogata fuerint prælia graviora. Es werden jedwedem Auserwehltem nicht nur einer / sondern unzehlich-viel böse Geister bestimmt: auf daß die Glori der Gläubigen desto häuffiger sey / wann sie / über solche Menge der Geister den Sieg erhalten / je schwerere Kämpffe und Treffen ihnen verord net seynd. 6

Daher vermeynen Etliche / geschehe es / daß sich die Menge der Teufel / an solchen Orten / offt mehr hören lasse / wo keine Leute seynd / die nach der Teufel Willen und Gefallen leben; ob gleich der Frommen daselbst / wo die Gespenster hausen / nur wenig beysammen wohnten: wo aber die böse Geister viel Menschen antreffen / die