Gustave Flaubert
Die Schule der Empfindsamkeit
(L'éducation sentimentale)

[2]

Erster Teil

1.

Von »der Ville de Montereau«, die am 15. September 1840 gegen sechs Uhr morgens zur Abfahrt bereit vor dem Quai-Bernard lag, wirbelte dichter Dampf auf.

Atemlos eilten Leute herbei; Fässer, Taue, Wäschekörbe hinderten den Verkehr. Die Matrosen gaben niemand eine Antwort. Man stieß sich; die Gepäckstücke häuften sich zwischen den beiden Luken, und der Lärm verlor sich in dem Zischen des entweichenden Dampfes, der alles in eine weißliche Wolke hüllte, während die Glocke vorn am Bug unablässig läutete.

Endlich stieß das Schiff ab, und die beiden Ufer, durch Lagerhäuser, Werften und Hüttenwerke belebt, glitten vorüber wie zwei breite Bänder, die man aufrollt.

Ein junger Mann von achtzehn Jahren mit langem Haar und einen Album unter dem Arm stand unbeweglich am Steuerrad. Durch den Nebel blickte er auf Kirchtürme und Gebäude, deren Namen er nicht kannte; dann warf er einen letzten Blick auf die Insel Saint-Louis, die Stadt, Notre-Dame, und stieß einen tiefen Seufzer aus, als Paris bald darauf verschwand.

Frédéric Moreau kehrte, nachdem er kürzlich das Baccalaureat erhalten hatte, nach Nogent-sur-Seine zurück, wo er zwei Monate schmachten sollte, ehe er seine Rechtsstudien [2] in Angriff nahm. Seine Mutter hatte ihn, mit den notwendigen Mitteln versehen, zum Besuch eines Oheims nach Havre geschickt, auf dessen Erbschaft sie für ihn hoffte. Er war am vorhergehenden Abend von dort zurückgekehrt; und da er nicht in der Hauptstadt bleiben konnte, entschädigte er sich, indem er auf einem Umwege heimkehrte.

Der Tumult legte sich; alle hatten ihre Plätze eingenommen; einige wärmten sich an der Maschine, und der Schornstein spie mit langsam rhythmischem Stöhnen den schwarzen Rauch aus wie einen Federbusch. Über die Messingbeschläge rannen kleine Tautröpfchen; das Deck erzitterte unter einer leisen inneren Erschütterung, und in rapider Drehung schlugen die beiden Räder das Wasser.

Der Fluß war von flachen, sandigen Ufern begrenzt. Man begegnete Holzflößen, die durch die Wellen des Kielwassers ins Schwanken gerieten, oder einem Boot ohne Segel, in dem ein Mann saß und fischte. Dann zerteilte sich der weichende Nebel, die Sonne kam hervor; die Hügelkette, die sich am rechten Ufer der Seine hinzog, senkte sich allmählich, und eine andere tauchte ganz nah am gegenüberliegenden Ufer auf.

Bäume krönten sie zwischen niedrigen Häusern mit italienischen Dächern. Davor waren abschüssige Gärten, durch neue Mauern voneinander getrennt, mit Eisengittern, Rasenplätzen, Treibhäusern und in regelmäßigen Abständen Geraniumvasen auf Terrassen, wo man sich ausruhen konnte. Beim Anblick dieser koketten, friedlichen Besitzungen ersehnte mehr als einer, ihr Eigentümer zu sein und dort mit einem guten Billard, einem Boot, einer Frau oder sonst einem Traum bis ans Ende seiner Tage zu leben. Das völlig neue Vergnügen einer Wasserfahrt brachte die Leute einander näher. Die Spaßmacher begannen schon mit ihren Possen. Viele sangen; alle waren heiter. Man trank sich gegenseitig zu.

Frédéric dachte an das Zimmer, das er zu Haus bewohnen würde, an den Entwurf eines Dramas, an Sujets für Gemälde, an künftige Liebhabereien. Er fand, daß ein [3] durch die Vortrefflichkeit seines Herzens wohl verdientes Glück allzu lange auf sich warten ließ. Er sprach Verse vor sich hin; er ging mit schnellen Schritten über das Deck, kam bis ans Ende neben die Glocke; – und in einem Kreise von Matrosen und Passagieren sah er einen Herrn, der mit einer Bäuerin schön tat, wobei er das goldene Kreuz auf ihrer Brust berührte. Es war ein lebensfroher Mensch von etwa vierzig Jahren mit krausem Haar. Seine kräftige Gestalt steckte in einer schwarzen Samtjacke, in seinem Batisthemd leuchteten zwei Smaragde, und die langen weißen Beinkleider fielen auf sonderbare rote Stiefel aus Juchtenleder mit blauen Mustern herab.

Die Anwesenheit Frédérics störte ihn nicht. Er zwinkerte ihm mehrmals zu; dann bot er allen Umstehenden Zigarren an. Allein offenbar langweilte ihn diese Gesellschaft und er entfernte sich. Frédéric folgte ihm.

Die Unterhaltung drehte sich anfangs um einige Tabaksorten, dann natürlich um die Frauen. Der Herr in den roten Stiefeln gab dem jungen Mann gute Ratschläge; er entwickelte Theorien, erzählte Anekdoten, stellte sich selbst als Beispiel auf und trug das alles in einem väterlichen Tone, mit der Naivität einer ergötzlichen Verderbtheit vor.

Er war Republikaner, war viel gereist, kannte die Theater, die Restaurants, die Journale, alle berühmten Künstler, die er vertraulich bei ihren Vornamen nannte; Frédéric vertraute ihm bald seine Pläne an und wurde von ihm ermutigt. Allein bald hielt er inne, beobachtete den Schornstein, stellte murmelnd eine lange Berechnung auf, »wieviel jeder Kolbenstoß bei so und so vielen in der Minute kostete und so weiter.« – Und als er die Summe gefunden hatte, bewunderte er eifrig die Landschaft, schätzte sich glücklich, den Geschäften entronnen zu sein.

Frédéric empfand einen gewissen Respekt vor ihm und konnte dem Wunsch nicht widerstehen, seinen Namen zu erfahren. Der Unbekannte erwiderte in einem Atemzuge:

»Jacques Arnoux, Inhaber der Kunsthandlung Boulevard Montmartre.«

[4] Ein Diener mit goldbetreßter Mütze kam, ihn zu fragen:

»Ob der Herr herunterkommen möchte, das kleine Fräulein weine.«

Er verschwand.

Die Kunsthandlung war ein Etablissement, das die Ausgabe einer Kunstzeitschrift mit dem Verkauf von Gemälden verband. Frédéric hatte den Titel öfter in Buchhändlerauslagen seiner Heimat auf ungeheuren Prospekten gesehen, wo der Name Jacques Arnoux sich protzig breit machte.

Die Sonne warf jetzt senkrechte Strahlen, unter denen das Eisen an den Masten, die Platten der Schiffsverschanzung und die Oberfläche des Wassers hell aufleuchteten; am Bug des Schiffes teilte es sich in zwei tiefe Furchen, die sich bis zum Rande der Wiesen hinzogen. Bei jeder Biegung des Flusses erblickte man immer wieder dieselbe Wand bleicher Pappeln. Die Gegend war völlig öde. Am Himmel standen kleine weiße Wolken, – und die Langeweile, die sich verbreitete, schien die Fahrt des Schiffes zu verlangsamen und das Aussehen der Reisenden noch unbedeutender zu machen.

Außer einigen Bürgersleuten waren es meist Arbeiter und kleine Kaufleute mit ihren Frauen und Kindern. Da man sich damals auf Reisen schlecht zu kleiden pflegte, trugen fast alle alte Freiheitsmützen oder verschossene Hüte, schäbige, schwarze, im Bureau abgenutzte Anzüge oder längst ausgediente Überröcke mit durchgescheuerten Knöpfen; hier und da sah man unter einer Tuchweste ein baumwollenes Hemd mit Kaffeeflecken. Unechte Goldnadeln steckten in zerfetzten Kravatten, das Schuhzeug wurde nur noch von den Hosenstegen zusammengehalten; zwei oder drei Strolche, die Bambusstöcke mit Lederschlingen trugen, warfen verdächtige Blicke umher, und Familienväter rissen die Augen auf, wenn sie Fragen stellten. Sie plauderten oder hockten auf ihrem Gepäck, einige schliefen in den Ecken, mehrere im Stehen. Das Deck war schmutzig von Birnen- und Nußschalen, Zigarrenstummeln, Überresten der in Papier mitgebrachten Fleischwaren; drei [5] Kunsttischler in Blusen hatten sich vor der Kantine niedergelassen, ein zerlumpter Harfenspieler ruhte, auf sein Instrument gestützt. In Zwischenräumen vernahm man das Geratter der Steinkohlen in der Maschine, Lärm von Stimmen, ein Lachen; – und der Kapitän wanderte auf der Brücke unaufhörlich von einer Luke zur andern. Frédéric stieß das Gitter zur ersten Klasse auf, um an seinen Platz zu gelangen und belästigte dabei zwei Jäger mit ihren Hunden.

Es war wie eine Erscheinung:

Sie saß mitten auf einer Bank, ganz allein; oder wenigstens konnte er, von dem Anblick geblendet, niemand weiter unterscheiden. In dem Augenblick, als er vorüberging, hob sie den Kopf; unwillkürlich verbeugte er sich; und nachdem er sich in einiger Entfernung an derselben Seite niedergelassen hatte, betrachtete er sie.

Sie trug einen großen Strohhut mit rosa Bändern, die hinter ihr im Winde flatterten. Schwarze Scheitel, die ihr Gesicht bis zu den Spitzen der langen Brauen einrahmten und sehr tief herabfielen, schienen sich zärtlich dem Oval ihres Antlitzes anzuschmiegen. Ihr helles, mit kleinen Tupfen gemustertes Musselinkleid bauschte sich in zahlreichen Falten. Sie war mit einer Stickerei beschäftigt, und ihre gerade Nase, ihr Kinn, ihre ganze Gestalt zeichnete sich scharf von der blauen Luft ab.

Da sie in derselben Stellung verharrte, ging er mehrmals links und rechts vorüber, um seine Absichten zu verbergen, stellte sich darauf dicht neben ihren Sonnenschirm, der an der Bank lehnte, und gab sich den Anschein, als beobachtete er eine Schaluppe auf dem Fluß.

Noch niemals hatte er eine so herrlich braune Hautfarbe gesehen, eine so verführerische Gestalt wie die ihre, noch nie eine solche Zartheit der Finger, durch die das Licht hindurchschimmerte. Mit Staunen, wie etwas Wunderbares, betrachtete er ihren Arbeitskorb. Wie war ihr Name, ihr Wohnort, ihr Leben, ihre Vergangenheit? Er hatte das Verlangen, die Möbel ihres Zimmers zu kennen, [6] alle Kleider, die sie getragen, die Leute, mit denen sie umging; und selbst der Wunsch nach ihrem körperlichen Besitz wich einem viel tieferen Begehren, einer schmerzlichen Neugier, die keine Grenzen kannte.

Eine Negerin in einem seidenen Kopftuch erschien mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Das Kind, aus dessen Augen Tränen rollten, war eben erwacht. Sie nahm es auf den Schoß. »Ein Fräulein von bald sieben Jahren und gar nicht artig; Mutter kann es nicht mehr lieb haben, die Launen werden ihm zu oft verziehen.« Und Frédéric bereitete das Anhören dieser Dinge eine Freude, als hätte er eine Entdeckung gemacht, ein Geschenk erhalten.

Er vermutete, daß sie von andalusischer Abkunft, vielleicht Kreolin war; ob sie diese Negerin von den Inseln mitgebracht hatte?

Ein langer Schal mit violetten Streifen lag hinter ihrem Rücken auf der Kupferplanke. Sie mochte sich wohl oftmals auf hoher See, an feuchten Abenden darin eingehüllt, die Füße damit bedeckt, darunter geschlafen haben! Aber von den Fransen heruntergezogen, glitt er allmählich herab, drohte ins Wasser zu fallen. Mit einem Satz fing Frédéric ihn auf.

»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte sie.

Ihre Blicke begegneten sich.

»Frau, bist du fertig?« rief Arnoux, der unter dem Dach der Treppe erschien.

Die kleine Marthe lief ihm entgegen, umklammerte seinen Hals und zerzauste ihn am Bart. Die Töne einer Harfe erklangen, sie wollte die Musikanten sehen, und bald betrat der Spieler, von der Negerin geführt, das Deck der ersten Klasse. Arnoux erkannte ein altes Modell in ihm; er duzte ihn zur Verwunderung der Umstehenden. Endlich warf der Harfenspieler sein langes Haar über die Schulter zurück, breitete die Arme aus und begann zu spielen.

Es war eine orientalische Romanze, in der von Dolchen, Blumen und Sternen die Rede war. Der Mann in Lumpen sang sie mit schriller Stimme; die Stöße der Maschine [7] unterbrachen die Melodie in falschem Takt, er spielte lauter: die Saiten schwirrten, und ihre metallischen Töne klangen wie ein Schluchzen, wie eine Klage stolzer, besiegter Liebe. Von den beiden Flußufern neigten sich die Wälder bis zum Rande des Wassers; ein frischer Luftzug strich vorüber; Madame Arnoux blickte ungewiß ins Weite. Als die Musik verstummte, hob sie zögernd die Lider, als erwache sie aus einem Traum. Demütig näherte sich der Harfenspieler. Während Arnoux Geld heraussuchte, streckte Frédéric die geschlossene Hand aus, öffnete sie verschämt und legte einen Louisd'or in die Mütze. Nicht Eitelkeit trieb ihn dazu, vor ihr dieses Almosen zu geben, sondern das Verlangen, Wohltaten zu spenden, mit einer fast religiösen Herzensregung verbunden.

Arnoux forderte ihn freundlich auf, mit hinunterzugehen, indem er ihm den Weg zeigte. Frédéric versicherte, er komme eben vom Frühstück, dabei verging er vor Hunger; und er hatte keinen Pfennig mehr in der Börse.

Dann sagte er sich, daß er wie jedermann das Recht hatte, sich im Salon aufzuhalten.

Es wurde an runden Tischen gespeist, ein Kellner ging hin und her; Monsieur und Madame Arnoux saßen rechts im Hintergrund; er setzte sich auf die lange Samtpolsterbank, nachdem er eine Zeitung aufgenommen hatte, die dort lag.

Sie wollten in Montereau die Post nach Châlons nehmen. Ihre Reise in die Schweiz sollte einen Monat währen. Madame Arnoux machte ihrem Gatten Vorwürfe über seine Schwäche gegen das Kind. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, eine Liebenswürdigkeit offenbar, denn sie lächelte. Darauf bemühte er sich, den Fenstervorhang hinter ihr zu schließen.

Die niedrige, ganz weiße Decke warf das Licht grell zurück. Frédéric konnte von gegenüber den Schatten ihrer Wimpern unterscheiden. Sie nippte an ihrem Glase und zerkrümelte Brotkruste zwischen den Fingern; zuweilen schlug das Medaillon von Lapislazuli, das mit einer Goldkette [8] an ihrem Handgelenk befestigt war, gegen ihren Teller. Die anderen alle schienen sie gar nicht zu bemerken.

Zuweilen sah man durch die Fensterluken eine Barke vorübergleiten, die das Schiff anlief, um Reisende aufzunehmen oder abzusetzen. Die Leute an den Tischen neigten sich aus den Öffnungen und nannten die Namen der Ortschaften am Fluß.

Arnoux beklagte sich über die Küche; er beschwerte sich laut über die Rechnung und ließ sie kürzen. Dann führte er den jungen Mann vorn auf das Schiff, um dort Grog zu trinken. Aber Frédéric kehrte bald unter das Zelt zurück, wo Madame Arnoux sich niedergelassen hatte. Sie las in einem winzigen Bändchen in grauem Einband. Ihre beiden Mundwinkel zogen sich mitunter empor, und ein Strahl von Heiterkeit erhellte ihre Stirn. Er war eifersüchtig auf denjenigen, der die Dinge erdacht hatte, mit denen sie beschäftigt schien. Je länger er sie betrachtete, desto mehr empfand er, wie die Kluft zwischen ihm und ihr sich vertiefte. Er dachte daran, daß er sie bald verlassen mußte, unwiderruflich, ohne ihr ein Wort entlockt zu haben, selbst ohne ihr eine Erinnerung zu lassen!

Zur Rechten dehnte sich eine Ebene, links stiegen Weideplätze die Hügel hinan, auf denen man Weingelände, Nußbäume, eine Mühle im Grünen bemerkte, und von dort aus kleine Pfade, die im Zickzack über den weißen Felsen führten, der zum Himmelsrand emporragte. Welch ein Glück mußte es sein, Seite an Seite mit ihr, den Arm um sie geschlungen, dort hinaufzusteigen und, während ihr Kleid über die vergilbten Blätter fegte, unter dem Leuchten ihrer Augen ihrer Stimme zu lauschen! Das Boot konnte anhalten, sie brauchten nur auszusteigen; und dennoch war diese einfache Sache nicht leichter, als die Sonne zu bewegen!

Etwas weiterhin entdeckte man ein Schloß mit spitzem Dach und eckigen Türmen. Ein Blumengarten dehnte sich vor der Fassade; und unter den hohen Linden vertieften die Alleen sich wie dunkle Gewölbe. Er dachte sie sich an [9] der Weißbuchenhecke vorübergehend. In diesem Augenblick sah man eine junge Dame und einen jungen Mann auf dem Altan zwischen den Orangekübeln. Dann verschwand alles.

Das kleine Mädchen spielte neben ihm. Frédéric wollte es küssen. Es verbarg sich hinter seiner Wärterin; und die Mutter schalt, daß es unfreundlich gegen den Herrn sei, der ihren Schal gerettet habe. War das eine indirekte Einleitung?

»Wird sie mich endlich ansprechen?« fragte er sich.

Die Zeit drängte. Wie war eine Einladung zu Arnoux zu erlangen? Ihm fiel nichts Besseres ein, als ihn auf die Farbe des Herbstes aufmerksam zu machen und hinzuzufügen:

»Bald kommt der Winter, die Zeit der Bälle und Diners!«

Arnoux jedoch war vollauf mit seinem Gepäck beschäftigt. Die Küste von Surville wurde sichtbar, die beiden Brücken näherten sich, sie kamen an einer Seilerei vorüber, darauf an einer Reihe niedriger Häuser; weiter unten sah man Teerkessel, Holzspähne und Gassenbuben, die im Sande Rad schlugen. Frédéric erkannte einen Mann in einem Wams und rief ihm zu:

»Beeile dich!«

Sie landeten. Mit Mühe fand er Arnoux in der Menge der Passagiere, und dieser erwiderte, ihm die Hand schüttelnd:

»Viel Vergnügen, mein Lieber!«

Auf dem Quai angelangt, drehte Frédéric sich um. Sie stand dicht am Steuerrad. Er sandte ihr einen Blick, in den er seine ganze Seele zu legen versuchte; sie blieb unbeweglich, als wäre nichts geschehen. Dann rief er, ohne den Gruß seines Dieners zu beachten:

»Warum hast du den Wagen nicht bis hierher gebracht?«

Der Mann entschuldigte sich.

»Welche Ungeschicklichkeit! Gib mir etwas Geld!«

Und er ging in ein Gasthaus, um zu essen. Eine[10] Viertelstunde darauf verspürte er Lust, wie zufällig in den Posthof einzutreten. Ob er sie noch sehen würde?

»Doch wozu?« sagte er sich.

Und der Wagen fuhr mit ihm davon. Die beiden Pferde gehörten nicht seiner Mutter. Sie hatte sie von Monsieur Chambrion, dem Steuereinnehmer, geliehen, um sie dem eignen Wagen vorzuspannen. Isidore, der Tags zuvor aufgebrochen war, hatte bis zum Abend in Bray gerastet und in Montereau übernachtet, so daß die erfrischten Tiere flink dahintrabten.

Abgemähte Felder zogen sich endlos hin. Zwei Reihen Bäume säumten den Weg ein, wo Kieselsteinhaufen sich aneinander reihten; und nach und nach kam er an Villeneuve-Saint-Georges, Ablon, Châtillon, Corbeil und den übrigen Ortschaften vorüber. Seine ganze Reise kam ihm so deutlich wieder in Erinnerung, daß er jetzt ganz neue Details und intimere Einzelheiten entdeckte. Unter dem letzten Volant ihres Kleides lugte ihr Fuß in winzigen, kastanienbraunen Seidenstiefelchen hervor; das Segeltuchzelt bildete einen Baldachin über ihrem Kopf, und die kleinen roten Quasten der Bordüre zitterten unaufhörlich im Winde.

Sie glich den Frauen aus romantischen Büchern. Er hätte ihrer Person nichts zufügen, nichts von ihr fortlassen mögen. Das Weltall hatte sich plötzlich erweitert. Sie war der Glanzpunkt, in dem alle Dinge zusammenflossen; – und von dem Schwanken des Wagens eingewiegt, die Lider halb geschlossen, den Blick in den Wolken, überließ er sich einer träumerischen, schrankenlosen Freude.

In Bray wartete er nicht, bis die Pferde Hafer bekommen hatten, er ging voraus, die Landstraße hinauf, ganz allein. Arnoux hatte sie »Marie!« genannt. Er rief ganz laut »Marie!« Seine Stimme verhallte in der Luft.

Tiefe Purpurfarbe flammte am westlichen Himmel auf. Hohe Kornschober, die sich mitten in den Stoppelfeldern erhoben, warfen riesenhafte Schatten. Fernab in einem Hof fing ein Hund an zu bellen. Von einer grundlosen Unruhe erfaßt, erschauerte er.

[11] Als Isidore ihn eingeholt hatte, setzte er sich auf den Bock, um zu kutschieren. Seine Schwäche war vorüber. Er war fest entschlossen, sich auf irgendeine Art bei Arnoux einzuführen, in Verkehr mit ihnen zu kommen. Sie führten wohl ein angenehmes Haus, ihm gefiel Arnoux; und dann, wer konnte wissen? Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht: seine Schläfen hämmerten, er ließ die Peitsche knallen, riß an den Zügeln und trieb die Pferde zu einer solchen Gangart an, daß der alte Kutscher wiederholt ausrief:

»Langsam! aber langsam! Sie kommen außer Atem!«

Allmählich beruhigte sich Frédéric und hörte dem Plaudern des Dieners zu.

Man erwartete den jungen Herrn mit großer Ungeduld. Mademoiselle Louise hatte geweint, weil sie nicht mitfahren durfte.

»Wer ist Mademoiselle Louise?«

»Die Kleine von Monsieur Roque, Sie wissen doch?«

»Ah! Ich vergaß!« erwiderte Frédéric nachlässig.

Allein die Pferde konnten nicht weiter. Sie hinkten alle beide, und es schlug neun Uhr von Saint-Laurent, als sie auf der Place d'Armes vor dem Hause seiner Mutter anlangten.

Dieses geräumige Haus mit dem nach der Landseite gelegenen Garten erhöhte noch das Ansehen von Madame Moreau, die die geachtetste Persönlichkeit in der Gegend war.

Sie entstammte einer alten, jetzt erloschenen Adelsfamilie. Ihr Mann, ein Bürgerlicher, mit dem ihre Eltern sie verheiratet hatten, war infolge eines Degenstoßes während ihrer Schwangerschaft gestorben und hatte sie in unsicheren Vermögensverhältnissen zurückgelassen. Dreimal wöchentlich empfing sie Gäste und gab von Zeit zu Zeit ein gutes Diner. Doch die Zahl der Kerzen wurde vorher berechnet, und sie erwartete mit Ungeduld ihren Pachtzins. Diese Geldverlegenheiten, die sie wie ein Laster verheimlichte, machten sie ernst. Indessen übte sie Wohltätigkeit ohne jede Bitterkeit. Ihre geringsten Almosen waren wie [12] große Spenden. Man zog sie bei der Wahl der Dienstboten zu Rate, bei der Erziehung der jungen Mädchen der Kunst des Einmachens, und Hochwürden stieg auf seinen bischöflichen Reisen bei ihr ab.

Madame Moreau hegte großen Ehrgeiz für ihren Sohn. In einer Art voraussehender Klugheit liebte sie es nicht, die Regierung tadeln zu hören. Anfangs würde er Protektion brauchen; dann aber dank seiner Fähigkeiten Staatsrat, Botschafter, Minister werden. Seine Erfolge auf dem Gymnasium rechtfertigten diesen Stolz; er hatte den Ehrenpreis davongetragen.

Als er in den Salon trat, erhoben sich alle seht geräuschvoll; sie umarmten ihn, und dann bildete sich mit Sesseln und Stühlen ein großer Kreis um den Kamin. Monsieur Gamblin fragte ihn sofort um seine Meinung über Madame Lafarge. Dieser Prozeß, die Sensation der damaligen Zeit, verfehlte nicht, eine heftige Diskussion herbeizuführen. Madame Moreau unterbrach sie jedoch zum Bedauern von Monsieur Gamblin; er hielt sie für den jungen Mann in seiner Eigenschaft als zukünftigen Juristen sehr nützlich und verließ gekränkt den Salon.

Von einem Freunde des Vater Roque konnte nichts überraschen! Von diesem übrigens kam die Rede auf Monsieur Dambreuse, der soeben die Domaine de la Fortelle erworben hatte. Aber der Steuereinnehmer hatte Frédéric beiseite gezogen, um zu hören, was er von Monsieur Guizets letztem Werk halte. Alle wünschten Einblick in seine Angelegenheiten; Madame Benoit wandte sich direkt an ihn und erkundigte sich nach seinem Oheim. Wie ging es diesem guten Verwandten? Er ließ nichts mehr von sich hören. Hatte er nicht einen jungen Neffen in Amerika?

Die Köchin meldete, daß das Essen für den jungen Herrn aufgetragen sei. Rücksichtsvoll entfernten sich alle. Als sie allein waren, fragte die Mutter mit leiser Stimme:

»Nun?«

Der alte Mann hatte ihn sehr herzlich empfangen, aber ohne ihm seine Absichten zu offenbaren.

[13] Madame Moreau seufzte.

»Wo mag sie jetzt sein?« träumte er.

Der Postwagen rollte weiter, und in ihren Schal gehüllt, lehnte sie wohl schlummernd ihren schönen Kopf gegen das Wagenpolster.

Als sie in ihr Zimmer hinaufgingen, brachte ein Bursche aus dem Cygne de la Croix ein Billet.

»Von wem ist das?«

»Deslauriers wünscht mich zu sprechen,« sagte er.

»Ah, dein Kamerad!« sagte Madame Moreau mit verächtlichem Lächeln. »Die Stunde ist gut gewählt, wahrlich!«

Frédéric zögerte. Aber die Freundschaft war stärker. Er nahm seinen Hut.

»Bleibe wenigstens nicht lange!« sagte die Mutter.

2.

Charles Deslauriers' Vater, ein alter, 1818 abgedankter Hauptmann der Linie, war nach Nogent zurückgekommen, um sich zu verheiraten, und hatte die Mitgift dazu, benutzt, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu erwerben das kaum für seinen Lebensunterhalt genügte. Verbittert durch lange Ungerechtigkeiten, an seinen alten Wunden leidend und in Trauer um den Kaiser, ließ er seinen Zorn, an dem er zu ersticken drohte, an seiner Umgebung aus. Wenige Kinder wurden mehr geprügelt als sein Sohn. Der Junge fügte sich nicht, trotz der Schläge. Seine Mutter wurde, wenn sie versuchte, sich einzumischen, angefahren wie er. Schließlich steckte er ihn in seine Schreibstube und ließ ihn den lieben langen Tag, über das Pult gebeugt, Akten abschreiben, wodurch seine rechte Schulter sichtlich stärker hervortrat als die linke.

Im Jahre 1833 gab der Hauptmann, der Aufforderung des Präsidenten folgend, sein Amt auf. Seine Frau war [14] am Krebs gestorben. Er siedelte nach Dijon über. Dann ließ er sich als Seelenverkäufer in Troyes nieder, und nachdem er für Charles eine halbe Freistelle erhalten hatte, brachte er ihn auf das Gymnasium zu Sens, wo Frédéric ihn kennen lernte. Aber der eine war zwölf Jahre alt, der andere fünfzehn; über dies trennten sie tausend Verschiedenheiten des Charakters und der Herkunft.

Frédéric besaß in seiner Kommode allerlei Schätze, zum Beispiel ein Toiletten-Necessaire. Er liebte es, morgens lange zu schlafen, die Schwalben zu beobachten, Theaterstücke zu lesen, und ohne die Annehmlichkeiten des Elternhauses fand er das Schulleben hart.

Der Sohn des Beamten fand es schön. Er lernte so gut, daß er bereits am Ende des zweiten Jahres in die dritte Klasse kam. Doch seiner Armut oder seiner Streitsucht wegen waren alle feindlich gegen ihn gesinnt. Als ihn aber ein Diener einmal auf offenem Schulhof einen Betteljungen nannte, sprang er ihm an die Kehle und hätte ihn getötet, wenn nicht drei Lehrer dazugekommen wären. Von Bewunderung hingerissen, schloß Frédéric ihn in die Arme. Von diesem Tage an war die Vertrautheit vollkommen. Die Zuneigung eines Großen schmeichelte dem Kleinen offenbar, und der andere nahm die ihm dargebotene Freundschaft wie ein Glück an.

Sein Vater ließ ihn während der Ferien in der Schule. Eine zufällig offen daliegende Übersetzung des Plato begeisterte ihn. Er vertiefte sich in metaphysische Studien und machte schnelle Fortschritte, denn er widmete sich ihnen mit dem Enthusiasmus der Jugend und einem Verständnis, das ihn stolz machte; Jouffroy, Cousin, Laromiguiére, Malebranche, die Schotten, alles, was die Bibliothek enthielt, kam heran. Er hatte den Schlüssel stehlen müssen, um sich die Bücher zu verschaffen.

Frédérics Zerstreuungen waren nicht so ernster Art. Er zeichnete die Stammtafel Christi, die an einem Pfosten in der Rue Trois-Rois in Holz geschnitzt war, und darauf das Portal der Kathedrale. Von den Dramen des Mittelalters [15] ging er zu den Memoiren über: Froissart, Comines, Pierre d'Estoile, Brantôme.

Die Bilder, die sich seinem Geist durch diese Lektüre aufdrängten beschäftigten ihn so stark, daß er das Bedürfnis empfand, sie wiederzugeben. Er strebte danach einst der Walter Scott Frankreichs zu werden. Deslauriers ersann ein umfassendes System der Philosophie, das die ausgedehnteste Anwendung finden sollte.

Sie plauderten von alledem während der Pausen auf dem Hof, angesichts der gemalten moralischen Inschrift unter der Uhr, flüsterten davon in der Kapelle des heiligen Ludwig mit dem Bart, und träumten davon im Schlafraum. Auf den Spaziergängen richteten sie es so ein, daß sie hinter den andern gingen und redeten ohne Ende.

Sie sprachen von dem, was sie später tun wollten wenn sie das Gymnasium verlassen haben würden. Für das erste nahmen sie sich vor, mit dem Gelde, das Frédéric bei seiner Großjährigkeit von seinem Vermögen erhalten sollte, eine große Reise zu machen, darauf nach Paris zurückzukehren, zusammen zu arbeiten und sich niemals zu trennen; – und zur Erholung von ihrer Arbeit würden sie Liebschaften mit Prinzessinnen in seidenen Boudoirs haben oder glänzende Orgien mit berühmten Kurtisanen feiern. Dem Ungestüm ihrer Hoffnungen folgten Zweifel. Nach Krisen wortreicher Fröhlichkeit verfielen sie in tiefes Schweigen.

An Sommerabenden, nachdem sie lange auf steinigen Wegen am Rande von Weingärten oder auf der Landstraße mitten durchs freie Feld gegangen waren, wenn das Korn in der Sonne wogte, während himmlische Düfte die Luft durchzogen, überfiel sie eine Art Beklemmung, und sie streckten sich trunken, wie betäubt, auf dem Rücken aus. Die anderen turnten in Hemdärmeln am Barren oder ließen Drachen steigen. Der beaufsichtigende Lehrer rief sie heran und sie kehrten zurück, an Gärten vorüber, durch die kleine Bäche rieselten, dann die von alten Gemäuern beschatteten Boulevards entlang; in den öden Straßen hallten ihre Schritte wider; das Gitter öffnete sich, sie[16] stiegen die Treppe hinauf und waren niedergedrückt, wie nach großen Ausschweifungen.

Der Inspektor behauptete, daß sie sich gegenseitig exaltierten. Doch wenn Frédéric in den oberen Klassen arbeitete, so geschah es infolge der Ermahnungen seines Freundes; und in den Ferien 1837 nahm er ihn zu seiner Mutter mit.

Der junge Mann mißfiel Madame Moreau. Er aß außergewöhnlich viel, weigerte sich, Sonntags dem Gottesdienst beizuwohnen, und hielt republikanische Reden; endlich glaubte sie zu wissen, daß er ihren Sohn in verrufene Häuser führte. Ihr Verkehr wurde bewacht. Sie liebten sich infolgedessen umso mehr, und es war ein schmerzlicher Abschied, als Deslauriers im folgenden Jahr das Gymnasium verließ, um in Paris die Rechte zu studieren.

Frédéric rechnete darauf, sich dort wieder mit ihm zu vereinigen. Sie hatten sich seit zwei Jahren nicht gesehen, und nach langer Umarmung gingen sie auf die Brücken, um ungezwungener plaudern zu können.

Der Hauptmann, jetzt Inhaber eines Cafés in Villenauxe, war wütend geworden, als sein Sohn die Vormundschaftsabrechnung verlangte, und hatte ihm einfach jede Unterstützung verweigert. Aber da er sich später um eine Professur an der Hochschule bewerben wollte und kein Geld hatte, nahm Deslauriers die Stelle eines Gehilfen bei einem Anwalt in Troyes an. Durch Einschränkungen wollte er viertausend Francs sparen, und wenn er das mütterliche Erbteil nicht anrührte, würde er immer etwas haben, um drei Jahre frei arbeiten zu können, während er auf eine Anstellung wartete. Sie mußten also ihren alten Plan, in der Hauptstadt zusammen zu leben, für jetzt wenigstens, aufgeben.

Frédéric senkte den Kopf; das war der erste seiner Träume, der zusammenstürzte.

»Tröste dich,« sagte der Sohn des Hauptmanns, »das Leben ist lang, und wir sind jung. Ich komme dir nach! Denke nicht mehr daran.«

[17] Sie schüttelten sich die Hände, und um ihn abzulenken, fragte er ihn nach seiner Reise.

Frédéric hatte nicht viel zu erzählen. Aber bei der Erinnerung an Madame Arnoux schwand sein Kummer. Durch Scheu zurückgehalten, sprach er nicht von ihr. Dagegen breitete er sich weitläufig über Arnoux aus, erzählte von seinen Reden, seinen Manieren, seinen Verbindungen; und Deslauriers riet ihm nachdrücklich, diese Bekanntschaft zu pflegen.

Frédéric hatte in der letzten Zeit nichts geschrieben. Seine literarischen Ansichten hatten sich geändert, er schwärmte jetzt vor allem für die leidenschaftlichen Charaktere; Werther, René, Franck, Lélia, Lara und andere mittelmäßigere begeisterten ihn fast in gleicher Weise. Zuweilen schien ihm die Musik allein im stande, seinen inneren Aufruhr auszudrücken; dann träumte er von Symphonien; oder die äußere Erscheinung der Dinge fesselte ihn, und er wollte malen. Er hatte auch Verse gemacht; Deslauriers fand sie sehr schön, ohne jedoch um eine zweite Probe zu bitten.

Er selbst gab sich nicht mehr mit Metaphysik ab. Nationalökonomie und die französische Revolution nahmen ihn ganz in Anspruch. Er war jetzt ein langer hagerer Bursche von zweiundzwanzig Jahren mit großem Mund und entschlossener Miene. An diesem Abend trug er einen schlechten Lasting-Paletot, und seine Stiefel waren weiß von Staub, denn er hatte den Weg von Villenauxe zu Fuß gemacht, um Frédéric noch zu sehen.

Isidore näherte sich ihnen, Madame lasse den jungen Herrn bitten, nach Haus zu kommen, und in der Furcht, er könne sich erkälten, schicke sie ihm seinen Mantel.

»Bleibe doch!« sagte Deslauriers.

Und sie gingen weiter, von einem Ende zum andern der beiden Brücken, die sich auf die schmale, von dem Kanal und dem Fluß gebildete Insel stützten.

Wenn sie an der Seite von Nogent gingen, hatten sie eine Gruppe von Häusern vor sich; rechts sah man die [18] Kirche hinter den Sägemühlen, deren Schleusen gesperrt waren; und links, längs des Flusses, umsäumten Sträucherhecken die Gärten, die kaum zu unterscheiden waren. Aber nach Paris zu führte die Landstraße abwärts in gerader Linie, und in der Ferne verloren sich die Wiesen im nächtlichen Dunst. Die Nacht war still und von weißlicher Klarheit. Der Geruch feuchten Laubes stieg zu ihnen empor, und nur das Plätschern der Brunnen hundert Schritt weiter war wie das dumpfe Geräusch von Wellen im Dunkeln.

Deslauriers blieb stehen und sagte:

»Wie die guten Leute ruhig schlafen, es ist seltsam! Aber Geduld! Ein neues 89 bereitet sich vor! Man ist der Konstitution, der Verfassungsurkunden, der Spitzfindigkeiten und Lügen müde! Ah! hätte ich ein Blatt oder eine Tribüne, wie wollte ich das alles durcheinanderrütteln! Allein um etwas zu unternehmen, was es auch sei, ist Geld nötig! Es ist ein Fluch, der Sohn eines Schankwirts zu sein und seine Jugend auf der Suche nach Brot zu vergeuden!«

Er senkte den Kopf, biß sich auf die Lippen und zitterte vor Kälte in seinen dünnen Kleidern.

Frédéric warf ihm die Hälfte seines Mantels um die Schultern. Sie wickelten sich beide hinein und wandelten, einander umfassend, Seite an Seite weiter.

»Wie soll ich ohne dich dort leben?« sagte Frédéric, den die Bitterkeit seines Freundes ebenfalls traurig stimmte. »Mit einer Frau, die mich liebt, würde ich etwas erreichen können ... Warum lachst du? Die Liebe ist die Nahrung und gleichsam die Atmosphäre des Genies. Außerordentliche Erschütterungen bringen erhabene Werke hervor. Ich verzichte übrigens auf die Mühe, eine nach meinem Geschmack zu suchen! Und wenn ich sie je fände, sie stieße mich zurück! Ich gehöre zu dem Stamme der Enterbten und werde als König oder Bettler enden, was weiß ich.«

[19] Ein Schatten reckte sich auf das Pflaster und gleichzeitig vernahmen sie die Worte:

»Ihr Diener, meine Herren!«

Der sie ansprach, war ein kleiner Mann mit einem weiten braunen Überrock und einer Mütze, unter deren Schirm eine spitze Nase hervorsah.

»Monsieur Roque?« sagte Frédéric.

»Der bin ich,« erwiderte die Stimme.

Er rechtfertigte seine Anwesenheit mit der Bemerkung, daß er von einer Besichtigung seiner Wolfseisen in seinem Garten am Ufer komme.

»Und Sie sind wieder zu uns zurückgekehrt? Sehr schön! ich habe es von meinem Töchterchen gehört. Mit Ihrer Gesundheit geht es gut, hoffe ich? Sie reisen doch noch nicht ab?«

Und er ging, augenscheinlich durch Frédérics Empfang zurückgeschreckt.

Madame Moreau verkehrte allerdings nicht mit ihm; Vater Roque lebte mit seiner Haushälterin im Konkubinat und war wenig geachtet, obwohl er Wahlmann und Verwalter von Monsieur Dambreuse war.

»Des Bankiers in der Rue d'Anjou?« begann Deslauriers wieder, »weißt du, was du tun müßtest, mein Guter?«

Isidore unterbrach sie nochmals. Er hatte den Auftrag, Frédéric endlich mitzubringen. Madame beunruhigte sich wegen seines Ausbleibens.

»Gut! gut! er kommt gleich,« sagte Deslauriers, »er wird nicht draußen schlafen.«

Und nachdem der Diener gegangen war:

»Du solltest den Alten bitten, dich bei Dambreuse einzuführen. Nichts ist nützlicher, als in einem reichen Hause zu verkehren. Da du einen schwarzen Anzug und weiße Handschuhe hast, nutze sie aus! Du mußt zu diesen Leuten gehen! Später führst du mich dann ein! Ein Millionär, bedenke! Sieh zu, ihm zu gefallen und seiner Frau ebenfalls. Werde ihr Geliebter!«

Frédéric wehrte lebhaft ab.

[20] »Aber es gibt klassische Beispiele dafür, sage ich dir. Denke an Rastignac in der Comédie humaine! Du wirst sicher Erfolg haben!«

Frédéric hatte so großes Vertrauen zu Deslauriers, daß er schwankend wurde, und indem er Madame Arnoux vergaß oder sie in die auf die andere gemünzte Prophezeiung miteinschloß, konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren.

Der Schreiber fügte hinzu:

»Der letzte Rat: Mache deine Examina! Ein Titel ist immer gut; und geh mir mit deinen katholischen und satanischen Poeten, die in der Philosophie ebenso vorgeschritten sind, wie man im XII. Jahrhundert war. Deine Verzweiflung ist albern. Männer von Bedeutung haben einen schwierigeren Anfang gehabt, um mit Mirabeau zu beginnen. Überdies, unsere Trennung wird nicht so lange dauern. Ich werde meinem Gauner von Vater an die Kehle müssen. Es ist Zeit, daß ich zurückkehre, adieu! Hast du fünf Francs, mein Mittagessen zu bezahlen?«

Frédéric gab ihm zehn Francs, den Rest der am Morgen von Isidore entnommenen Summe.

Zwanzig Schritt hinter den Brücken, am linken Ufer, glänzte in dem Dachstübchen eines niedrigen Hauses Licht.

Deslauriers bemerkte es. Da rief er emphatisch, indem er seinen Hut zog:

»Venus, Himmelskönigin, sei gegrüßt! Aber die Rot ist die Mutter der Weisheit! Hat man uns deswegen nicht genug verlästert, daß Gott erbarm!«

Diese Anspielung auf ein gemeinsames Abenteuer stimmte sie froh! Sie lachten laut auf der Straße.

Dann, nachdem er seine Rechnung im Gasthaus berichtigt hatte, begleitete Deslauriers Frédéric bis zur nächsten Ecke; – und nach einer langen Umarmung trennten sich die Freunde.

[21] 3.

Zwei Monate später beschloß Frédéric, der eines Morgens in der Rue Coq-Héron gelandet war, sogleich seinen großen Besuch zu machen.

Der Zufall war ihm günstig gewesen. Vater Roque hatte ihm eine Rolle Papiere gebracht und ihn gebeten, sie selbst bei Monsieur Dambreuse abzugeben; und er fügte der Sendung ein versiegeltes Schreiben bei, in dem er seinen jungen Landsmann empfahl.

Madame Moreau schien dieser Schritt zu überraschen. Frédéric verbarg seine Freude darüber.

Monsieur Dambreuse hieß eigentlich Graf d'Ambreuse; allein, seit 1825, nachdem er mit der Zeit seinen Adel und seine Partei aufgegeben, hatte er sich der Industrie zugewandt; und unterrichtet über alle Ereignisse, beteiligt an allen Unternehmungen, bei allen guten Gelegenheiten auf der Lauer, verschlagen wie ein Grieche und arbeitsam wie ein Auvergnat, hatte er ein Vermögen angesammelt, das beträchtlich sein sollte; außerdem war er Offizier der Ehrenlegion, Mitglied des Generalrats der Aube, Deputierter, nächstens Pair von Frankreich; selbst gern gefällig, ermüdete er den Minister durch seine beständigen Bitten um Beistand, um Orden, um Tabakbüros, und in seiner Abneigung gegen die Regierung zur Linken schloß er sich dem Zentrum an. Seine Frau, die hübsche Madame Dambreuse, die von den Modejournalen genannt wurde, präsidierte bei Wohltätigkeitsvereinen. Indem sie den Herzoginnen schmeichelte, beschwichtigte sie den Groll des vornehmen Faubourg und erweckte den Glauben, daß Monsieur Dambreuse sein Eindringen vielleicht noch bereuen werde und ihm noch einmal Dienste erweisen könnte.

Der junge Mann war erregt, als er zu ihnen ging.

»Ich hätte besser getan, meinen Frack anzuziehen. Sie laden mich gewiß für die nächste Woche zum Ball ein? Was werden sie sagen?«

Die Zuversicht kehrte ihm bei dem Gedanken zurück, [22] daß Monsieur Dambreuse nur ein Bürger war, und verwegen sprang er von seinem Kabriolett auf das Trottoir der Rue d'Anjou.

Nachdem er durch das eine der beiden Einfahrttore gekommen war, überschritt er den Hof, stieg die Freitreppe hinan und trat in ein Vestibül, das mit farbigem Marmor ausgelegt war.

Eine gerade Doppeltreppe mit rotem Teppich und Messingstangen lief die hohe, mit reichem Stuck verzierte Mauer entlang. Am Fuß der Stufen stand ein Bananenbaum, dessen breite Blätter auf die Samtrampe fielen. Zwei Bronzekandelaber trugen Porzellanglocken, die an kleinen Kettchen hingen. Den Luftlöchern der Heizung entströmte eine trockene Hitze; und man vernahm nur das Ticktack einer großen Uhr, die am andern Ende des Vestibüls unter einem Warengestell stand.

Eine Glocke erklang; ein Diener erschien und führte Frédéric in einen kleinen Raum, in dem man zwei Geldschränke mit Fächern voller Mappen gewahrte. Monsieur Dambreuse schrieb in der Mitte an einem Zylinderbüro.

Er las flüchtig den Brief Vater Roques, schnitt mit seinem Taschenmesser die Leinenhülle auf, die die Papiere umschloß, und prüfte sie.

Aus der Entfernung konnte er seiner schmächtigen Gestalt wegen noch jung erscheinen. Aber seine spärlichen weißen Haare, seine kraftlosen Glieder und besonders sein außerordentlich fahles Gesicht verrieten einen zerrütteten Körper. Unerbittliche Energie lag in seinen meergrünen Augen, die kälter waren als Glasaugen. Er hatte vorstehende Backenknochen und Hände mit knochigen Gelenken.

Endlich stand er auf und richtete an den jungen Mann einige Fragen über Personen ihrer Bekanntschaft, über Nogent, über seine Studien; dann verabschiedete er ihn, indem er sich verneinte. Frédéric ging durch einen andern Korridor hinaus und befand sich am unteren Ende des Hofes bei den Stallungen.

Ein blaues Coupé mit einem Rappen vorgespannt[23] stand an der Freitreppe. Der Schlag öffnete sich, eine Dame stieg ein, und der Wagen rollte mit dumpfem Geräusch auf dem Kies davon.

Frédéric langte von der anderen Seite zu gleicher Zeit mit ihr unter der Einfahrt an. Da der Raum nicht groß genug war, sah er sich gezwungen zu warten. Die junge Frau neigte sich aus dem kleinen Schiebefenster und sprach leise mit dem Pförtner. Er konnte nichts weiter sehen als ihren Rücken, den ein violetter Mantel verhüllte. Indessen musterte er das Innere des Wagens, in blauem Rips mit seidenen Passementerien und Fransen gehalten. Die Gewänder der Dame füllten ihn ganz aus; dem kleinen, gepolsterten Kasten entströmte Irisparfüm wie eine Duftwoge weiblicher Eleganz. Der Kutscher lockerte die Zügel, das Pferd streifte ungestüm den Prellstein, und alles verschwand.

Frédéric ging zu Fuß die Boulevards entlang zurück. Er bedauerte, Madame Dambreuse nicht gesehen zu haben.

Etwas hinter der Rue Montmartre veranlaßte ihn eine Wagenstockung, den Kopf zu wenden, und an der andern Seite, gegenüber, las er auf einer Marmorplatte:

Jacques Arnoux.

Warum hatte er nicht früher an sie gedacht? Das war Deslauriers' Schuld, und er ging auf den Laden zu, trat jedoch nicht ein, in der Erwartung, daß sie sich zeigen könnte.

Durch die hohen, durchsichtigen Spiegelscheiben hatte man den Blick auf eine geschmackvolle Anordnung von Statuetten, Zeichnungen, Gravüren, Katalogen und Nummern der Kunsthandlung; und auf der Tür, in der Mitte mit den Initialen des Herausgebers dekoriert, waren die Preise des Abonnements wiederholt. An den Wänden lehnten große Gemälde, deren Firnis glänzte, und im Hintergrund sah man zwei Truhen mit Porzellan, Bronzen und lockenden Kuriositäten beladen; eine kleine Treppe, oben durch eine Samtportiere geschlossen, trennte sie; und ein alter Meißner Kronleuchter, ein grüner Teppich auf [24] dem Fußboden, sowie ein Tisch mit eingelegter Arbeit gaben diesem Interieur eher das Aussehen eines Salons als eines Ladens.

Frédéric gab sich den Anschein, als mustere er die Zeichnungen. Nach endlosem Zögern trat er ein.

Ein Angestellter hob die Portiere und erwiderte, daß der Chef nicht vor fünf Uhr im Magazin sein werde. Aber wenn der Auftrag sich übermitteln ließe ...

»Nein! ich werde wiederkommen,« entgegnete Frédéric freundlich.

Die folgenden Tage wurden angewandt, um eine Wohnung zu suchen; und er entschied sich für ein Zimmer in der zweiten Etage eines Hotel garni in der Rue Saint-Hyacinthe.

Mit nagelneuen Heften unter dem Arm begab er sich zur Eröffnung der Vorlesungen. Dreihundert junge Leute mit bloßen Köpfen füllten ein Amphitheater, in dem ein Greis in roter Robe mit monotoner Stimme vortrug; Federn kratzten auf dem Papier. Er fand in diesem Saal den Staubgeruch der Klasse, ein Katheder in gleicher Form, dieselbe Langeweile wieder! Vierzehn Tage lang ging er hin. Aber man war noch nicht bei Artikel drei, als er das Studium des Bürgerlichen Gesetzbuches im Stich ließ und die Vorlesungen aufgab.

Die Freuden, die er sich versprochen hatte, blieben aus; und als er sich durch ein Lesekabinett durchgearbeitet hatte, die Sammlungen im Louvre durchlaufen und verschiedene Theater besucht hatte, verfiel er völlig dem Müßiggang.

Tausend neue Dinge vermehrten seine Niedergeschlagenheit. Er mußte seine Wäsche zählen und den Hausmeister, einen Grobian mit dem Gebaren eines Krankenwärters, dulden, der nach Alkohol roch und morgens mürrisch sein Bett machte. Sein Zimmer, mit einer Alabasteruhr geschmückt, mißfiel ihm. Die Zwischenwände waren dünn, er hörte die Studenten Punsch bereiten, lachen, singen.

Dieser Einsamkeit müde, suchte er einen seiner Kameraden [25] namens Baptiste Martinon auf, und er ent deckte ihn, über seiner Prozeßordnung büffelnd, vor einem Steinkohlenfeuer, in einer kleinbürgerlichen Pension der Rue Saint-Jacques.

Ihm gegenüber saß ein Mädchen in einem Kattunkleid und stopfte Strümpfe.

Martinon war, was man einen sehr schönen Menschen nennt: groß, voll, mit regelmäßigen Gesichtszügen und bläulichen, schöngeschnittenen Augen. Sein Vater, ein tüchtiger Landwirt, hatte ihn zum Richterstand bestimmt, – und da er schon gesetzt erscheinen wollte, trug er einen Vollbart.

Da Frédérics Verdruß keinen vernünftigen Grund hatte und ein Unglück ihm ausgeschlossen schien, begriff Martinon seine beständige Unzufriedenheit nicht. Er selbst ging täglich zur Universität, machte darauf seinen Spazierganz im Luxembourg, ging abends in ein kleines Café und fühlte sich mit fünfzehnhundert Francs jährlich und der Liebe dieses Mädchens vollkommen glücklich.

»Welch ein Glück!« dachte Frédéric bei sich.

Er hatte auf der Universität eine andere Bekanntschaft gemacht, Monsieur de Cisy, Sohn einer vornehmen Familie und in seinen Manieren anmutig wie ein Mädchen.

Monsieur de Cisy beschäftigte sich mit Zeichnen, namentlich liebte er Gothik. Mehrmals gingen sie zusammen die Heilige Kapelle und Notre-Dame bewundern. Aber die Vornehmheit des jungen Patriziers barg eine höchst dürftige Intelligenz. Alles versetzte ihn in Erstaunen; er lachte laut über den geringsten Scherz und zeigte anfangs eine so vollkommen naive Unschuld, daß Frédéric ihn zuerst für einen Spaßvogel hielt, ihn schließlich aber als Dummkopf betrachtete.

Ein Gedankenaustausch war also mit niemand möglich, und er erwartete immer noch die Einladung der Dambreuse.

Am Neujahrstag sandte er ihnen Visitenkarten, er aber erhielt keine.

[26] Er war nochmals in der Kunsthandlung gewesen.

Er ging ein drittes Mal hin und sah endlich Arnoux, der inmitten von fünf oder sechs Personen disputierte und seinen Gruß kaum erwiderte; das verletzte Frédéric. Doch überlegte er darum nicht weniger, wie er zu ihr gelangen könnte.

Anfangs hatte er die Idee, oft vorzusprechen, um nach Bildern zu fragen. Dann dachte er daran, einige sehr kräftige Artikel in der Zeitung anzubringen, wodurch Beziehungen angeknüpft werden könnten. Vielleicht war es das beste, gerade auf sein Ziel loszugehen und ihr seine Liebe zu erklären. Er verfaßte also einen Brief von zwölf Seiten voll lyrischer Empfindungen und Apostrophen, aber er zerriß ihn, und – in der Furcht vor Mißerfolg tat er nichts und versuchte nichts.

Über dem Laden Arnoux' befanden sich in der ersten Etage drei Fenster, die jeden Abend erleuchtet waren. Schatten bewegten sich dahinter, besonders einer, das mußte der ihre sein – und er scheute die Mühe nicht, von weit her zu kommen, um diese Fenster zu sehen und diesen Schatten zu betrachten.

Eine Negerin mit einem kleinen Mädchen an der Hand, die in den Tuilerien an ihm vorüberging, erinnerte ihn an die Negerin von Madame Arnoux. Sie mußte wie die andern hierher kommen; jedesmal, wenn er die Tuilerien durchschritt, klopfte sein Herz in der Hoffnung, ihr zu begegnen. An sonnigen Tagen setzte er seinen Spaziergang bis zu den Champs-Elysées fort.

Nachlässig in Kaleschen sitzend, fuhren Damen, deren Schleier im Winde wehten, unter dem festen Tritt ihrer Pferde mit unmerklichem Schwanken, das das lackierte Leder knirschen machte, dicht an ihm vorüber. Die Wagen wurden zahlreicher, und beim Ausgang des Rond-Point langsamer werdend, nahmen sie die ganze Straße ein. Mähne stand dicht an Mähne, Laterne dicht an Laterne; die stählernen Steigbügel, die silbernen Kinnketten, die Kupferschnallen waren hier und dort leuchtende Punkte [27] inmitten der kurzen Hosen, der weißen Handschuhe und dem auf das Wappen der Wagenschläge herabfallenden Pelzwerk. Er fühlte sich wie verloren in einer fernen Welt. Seine Augen irrten über die Frauenköpfe, und vage Ähnlichkeiten brachten ihm Madame Arnoux in Erinnerung. Er stellte sie sich mitten unter den andern vor, in einem dieser kleinen Coupés wie dem von Madame Dambreuse. – Aber die Sonne sank und der kalte Wind wirbelte den Staub empor. Die Kutscher versenkten das Kinn in ihre Krawatten, die Räder fingen an, sich schneller zu drehen, das Pflaster aus zerstoßenem Granit knirschte, und alle Wagen fuhren in schnellem Trabe die lange Avenue hinunter, einander streifend, überholend, ausweichend, um sich dann auf der Place de la Concorde zu zerstreuen. Hinter den Tuilerien nahm der Himmel die Färbung des Schiefers an. Die Bäume des Gartens bildeten zwei enorme, in den Wipfeln veilchenblaue Massen. Die Gaslaternen wurden angezündet und das grünliche Wasser der Seine brach sich an den Brückenpfeilern in Silberwellenlinien.

Er speiste für dreiundvierzig Sous im Abonnement in einem Restaurant in der Rue de la Harpe.

Er betrachtete mit Verachtung das alte Mahagony-Büffet, die fleckigen Tischtücher, das unsaubere Silberzeug und die an der Wand hängenden Hüte. Alle um ihn her waren Studenten wie er. Sie unterhielten sich über ihre Professoren, ihre Geliebten. Was kümmerten ihn die Professoren! Hatte er eine Geliebte? Um ihrer Fröhlichkeit auszuweichen, kam er so spät wie möglich. Speisereste bedeckten alle Tische. Die beiden ermüdeten Kellner schliefen in den Ecken, und der Geruch von Küche, Lampen und Tabak erfüllte den leeren Saal.

Dann ging er langsam wieder die Straße hinauf. Die Laternen schaukelten und ließen auf dem Schmutz lange gelbliche Reflexe zittern. Schatten unter Regenschirmen glitten am Rande des Trottoirs hin. Das Pflaster war schlüpfrig, der Nebel fiel, und ihm war, als senkte die feuchte Dunkelheit sich tief in sein Herz hinab.

[28] Gewissensbisse erfaßten ihn. Er kehrte zu den Vorlesungen zurück. Doch da er nichts von den vorgetragenen Materien wußte, brachten ihn die einfachsten Dinge in Verlegenheit.

Er fing an, einen Roman zu schreiben, mit dem Titel: »Sylvio, der Sohn des Fischers«. Die Geschichte spielte in Venedig. Der Held war er selber, die Heldin Madame Arnoux. Sie hieß Antonia – und um sie zu besitzen, tötete er mehrere Edelleute, brannte einen Teil der Stadt nieder und sang unter ihrem Balkon, wo die roten Damastvorhänge sich wie am Boulevard Montmartre im Winde bewegten. Allein die allzu zahlreichen Reminiszenzen, bei denen er sich ertappte, entmutigten ihn; er gab es auf, und seine Trägheit steigerte sich noch.

Nun bat er Deslauriers, sein Zimmer mit ihm zu teilen. Sie würden sich einrichten, mit seinen zweitausend Francs zu leben; alles sei besser als diese unerträgliche Existenz. Deslauriers konnte Troyes noch nicht verlassen. Er schlug ihm vor, sich zu zerstreuen, Sénécal zu besuchen.

Sénécal war ein Hilfslehrer der Mathematik, ein Mensch von starkem Geist und republikanischen Überzeugungen, ein zukünftiger Saint-Just, wie der Schreiber sagte. Frédéric hatte dreimal seine fünf Stockwerke erstiegen, ohne danach einen Besuch zu erhalten. Er ging nicht wieder hin. Er wollte sich amüsieren. Er ging auf die Opernbälle. Die lärmende Fröhlichkeit stieß ihn schon beim Eintritt ab. Überdies hielt ihn die Furcht vor pekuniären Verlegenheiten zurück, denn er stellte sich ein Souper mit einem Domino als ein sehr kostspieliges Abenteuer vor.

Trotzdem glaubte er, daß er geliebt werden würde. Zuweilen erwachte er mit einem Herzen voll Hoffnung, kleidete sich sorgfältig wie zu einem Rendezvous an und machte endlose Streifzüge durch Paris. Bei jeder Frau, die vor ihm ging oder ihm entgegenkam, sagte er sich: »Das ist sie!« Es war jedesmal eine neue Enttäuschung. Der Gedanke an Madame Arnoux verstärkte seine Begierde. Vielleicht begegnete er ihr auf seinem Wege; und er erdachte, [29] um sie anzusprechen, zufällige Schwierigkeiten, außerordentliche Gefahren, aus denen er sie retten würde.

So gingen die Tage in der Wiederholung derselben Verdrießlichkeiten und angenommenen Gewohnheiten hin. Er durchblätterte die Broschüren unter den Arcaden des Odéon, ging ins Café, die Revue des Deux Mondes zu lesen, trat in einen Saal des Collège de France und hörte eine Stunde lang Chinesisch oder Staatsökonomie. In all diesen Wochen schrieb er ausführlich an Deslauriers, speiste zuweilen mit Martinon und besuchte mitunter Monsieur de Cisy.

Er mietete ein Piano und komponierte deutsche Walzer.

Eines Abends bemerkte er im Theater des Palais-Royal Arnoux neben einer Frau in einer Proszeniumloge. War sie es? Die grüne Taffet-Gardine am Rande der Loge verdeckte ihr Gesicht. Endlich ging der Vorhang auf, die Gardine wurde zurückgeschoben. Es war eine große, verblühte Person von etwa dreißig Jahren, deren volle Lippen beim Lachen prachtvolle Zähne enthüllten. Sie sprach vertraulich mit Arnoux und schlug ihm mit dem Fächer auf die Finger. Später saß ein junges, blondes Mädchen zwischen ihnen, dessen Lider etwas gerötet waren, als hätte es eben geweint. Arnoux blieb von da ab halb über ihre Schulter geneigt und redete auf sie ein, was das Mädchen anhörte, ohne zu antworten.

Frédéric zerbrach sich den Kopf, um den Stand die ser Frauen in bescheidenen dunkeln Kleidern und glatten Umlegekragen zu erraten.

Am Schluß des Schauspiels stürzte er in die Couloirs, die voll von Menschen waren. Vor ihm schritt Arnoux Stufe um Stufe die Treppe hinab, an jedem Arme eine der Frauen.

Plötzlich fiel das Licht einer Gasflamme auf ihn. Er trug Krepp an seinem Hut. War sie vielleicht gestorben? Dieser Gedanke peinigte Frédéric so sehr, daß er am nächsten Morgen in die Kunsthandlung eilte, und indem er schnell eine der Gravuren kaufte, die vor der Uhr ausgelegt [30] waren, fragte er den Verkäufer, wie es Monsieur Arnoux ginge.

Der Mann erwiderte:

»Aber sehr gut!«

Frédéric fügte erbleichend hinzu:

»Und Madame?«

»Madame ebenfalls.«

Frédéric vergaß, seine Gravüre mitzunehmen.

Der Winter ging zu Ende. Im Frühjahr war er weniger schwermütig, begann sich zum Examen vorzubereiten und nachdem er es mittelmäßig bestanden hatte, reiste er nach Nogent.

Er besuchte seinen Freund in Troyes nicht, um den Bemerkungen seiner Mutter auszuweichen. Dann, nach seiner Rückkehr verließ er seine Wohnung und nahm auf dem Quai Napoleon zwei Zimmer, die er möblierte. Die Hoffnung, von Dambreuse eine Einladung zu erhalten, hatte er aufgegeben; seine große Leidenschaft für Madame Arnoux begann zu erlöschen.

4.

Eines Morgens im Monat Dezember glaubte er auf seinem Wege zum Kolleg in der Straße Saint-Jacques mehr Lebhaftigkeit als sonst zu bemerken. Die Studenten kamen aus den Cafés gestürzt oder riefen sich durch die offenen Fenster von einem Hause zum andern zu; die Ladenbesitzer blickten mitten auf dem Trottoir unruhig umher; die Fensterläden wurden geschlossen, und als er in die Rue Soufflot kam, bemerkte er einen großen Auflauf am Panthéon.

Junge Leute in ungleichen Reihen gingen Arm in Arm und schlossen sich größeren, hier und da stationierten Gruppen an; im Hintergrunde des Platzes, am Gitter, hielten [31] Männer in Blusen hochtrabende Reden, während Polizisten, den Dreispitz auf dem Ohr, die Hände auf dem Rücken, an den Häusern entlang eilten, daß es unter ihren schweren Stiefeln auf den Fliesen schallte.

Alle hatten eine geheimnisvolle, verdutzte Miene, man erwartete augenscheinlich etwas; jeder unterdrückte eine Frage, die ihm auf den Lippen lag.

Frédéric stand neben einem jungen blonden Mann von einnehmendem Gesicht, der Schnurr- und Kinnbart wie ein Stutzer aus der Zeit Ludwigs XIII. trug. Er fragte ihn nach der Ursache der Unordnung.

»Ich weiß es nicht,« erwiderte der andere, »und sie ebenfalls nicht! Das ist jetzt so Mode! Ein guter Spaß!«

Und er brach in Lachen aus.

Die Petitionen wegen der Reformen, die man in der Nationalgarde unterzeichnen ließ, vereint mit der Volkszählung Humanns und noch andere Ereignisse, hatten seit sechs Monaten zu unerklärlichen Zusammenrottungen in Paris geführt, die sich so häufig wiederholten, daß die Zeitungen gar nicht mehr davon redeten.

»Es fehlt an Grazie und an Farbe,« fuhr Frédérics Nachbar fort. »Mir deucht, mein Herr, daß wir entartet sind! In dem guten Zeitalter Ludwigs des Elften, ja, selbst Benjamin Constants gab es mehr Meuterei unter den Scholaren. Ich finde sie friedlich wie die Hammel, dumm wie das Rindvieh und tauglich zu Gewürzkrämern, meiner Treu! Und das nennt man die Jugend der Hochschulen!«

Er breitete die Arme weit aus, wie Frédéric Lemaitre in »Robert Macaire«.

»Jugend der Hochschulen, ich segne dich!«

Dann redete er einen Lumpensammler an, der im Rinnstein vor dem Laden eines Weinhändlers in Austernschalen wühlte:

»Gehörst du auch dazu, zu der Jugend der Hochschulen?«

Der Greis hob sein garstiges Gesicht, in dem man inmitten eines grauen Bartes eine rote Nase und zwei stupide, vertrunkene Augen unterschied.

[32] »Nein, du gleichst mir eher einem jener Galgenstricke, die man hier und da mit vollen Händen Gold ausstreuen sieht.

... O! streue, mein Patriarch, streue es aus! Verführe mich mit den Schätzen Albions! Are you English? Ich weise die Gaben von Artaxerxes nicht zurück! Laß uns ein wenig von der Zollunion reden.«

Frédéric fühlte, daß jemand seine Schulter berührte, und drehte sich um. Es war Martinon, auffallend blaß.

»Sieh!« – rief er mit einem tiefen Seufzer. »Wieder ein Aufruhr!«

Er fürchtete, kompromittiert zu werden, und beklagte sich. Besonders beunruhigten ihn die Männer in Blusen, als gehörten sie einem Geheimbunde an.

»Gibt es denn Geheimbünde?« fragte der junge Mann mit dem Schnurrbart. »Das ist ein alter Kniff der Regierung, um die Bürger zu erschrecken!«

Aus Furcht vor der Polizei forderte Martinon ihn auf, leiser zu sprechen.

»Sie glauben noch an die Polizei? Wie können Sie übrigens wissen, ob ich nicht selber ein Spitzel bin?«

Und er betrachtete ihn in solcher Weise, daß Martinon, sehr erschrocken, zuerst gar nicht den Scherz verstand. Die Menge stieß sie vorwärts, und sie waren alle drei gezwungen, sich auf die kleine Treppe im Gang zu flüchten, die zu dem neuen Hörsaal führte.

Bald teilte sich die Menge, mehrere Köpfe entblößten sich; man begrüßte den berühmten Professor Samuel Rondelot, der, in einen weiten Mantel gehüllt, seine silberne Brille in die Höhe schob und keuchend in seinem Asthma mit ruhigen Schritten daherkam, um seine Vorlesung zu halten. Dieser Mann war einer der Sterne der Jurisprudenz des 19. Jahrhunderts, ein Rivale von Zachariae und Ruhdorff. Die neue Würde eines Pair von Frankreich hatte nichts in seinem Wesen verändert. Man wußte, daß er arm war, und zollte ihm große Ehrfurcht.

Indessen riefen einige hinten vom Platz:

[33] »Nieder mit Guizot!«

»Nieder mit Pritchard!«

»Nieder mit den Verkauften!«

»Nieder mit Louis-Philippe!«

Die Menge drängte sich gegen das geschlossene Tor des Hofes und verhinderte so den Professor am Weitergehen. Er blieb an der Treppe stehen. Bald wurde er auf der letzten der drei Stufen bemerkt. Er sprach; ein Murren übertönte seine Stimme. So sehr man ihn eben noch geliebt hatte, jetzt haßte man ihn, denn er repräsentierte die Obrigkeit. Bei jedem Versuch, sich Gehör zu verschaffen, begannen die Rufe von neuem. Mit einer großen Geberde forderte er die Studenten auf, ihm zu folgen. Allgemeines Geschrei antwortete ihm. Verächtlich zuckte er die Achseln und verschwand in den Gang. Martinon hatte die Gelegenheit benutzt, um gleichzeitig zu verschwinden.

»Dieser Feigling!« sagte Frédéric.

»Er ist vorsichtig!« erwiderte der andere.

Die Menge brach in Beifallsbezeugungen aus, denn dieser Rückzug des Professors war ein Sieg für sie. Aus allen Fenstern schauten Neugierige. Einige stimmten die Marseillaise an; andere machten den Vorschlag, zu Béranger zu gehen.

»Zu Laffite!«

»Zu Chateaubriand!«

»Zu Voltaire!« brüllte der junge Mann mit dem blonden Schnurrbart.

Die Polizisten versuchten einzugreifen, indem sie so sanft wie möglich sagten:

»Gehen Sie, meine Herren, gehen Sie auseinander, ziehen Sie sich zurück!«

Einer schrie: »Nieder mit den Totschlägern!«

Das war seit den September-Unruhen die gewöhnliche Drohung. Alle wiederholten sie. Man verspottete die Wächter der öffentlichen Ordnung und pfiff sie aus; sie entfärbten sich; einer von ihnen konnte nicht widerstehen, einen jungen Mann, der ihm zu nahe kam und ihm ins Gesicht [34] lachte, so grob zurückzustoßen, daß er fünf Schritt weiter vor dem Laden des Weinhändlers auf den Rücken fiel. Alle stoben auseinander; aber fast unmittelbar darauf rollte er ebenfalls, von einem wahren Herkules zu Boden geschlagen, dessen Haarschopf wie ein Bündel Werg unter einer Wachstuchmütze hervorquoll.

Einige Minuten an der Ecke der Rue Saint-Jacques aufgehalten, hatte er sich einer Schachtel, die er trug, schnell entledigt, sich auf den Polizisten gestürzt, und ihn unter sich festhaltend, bearbeitete er sein Gesicht mit heftigen Faustschlägen. Die andern Polizisten eilten herbei, allein der schreckliche Bursche war so stark, daß mindestens vier nötig waren, ihn zu bändigen. Zwei schüttelten ihn am Kragen, zwei andere zogen ihn an den Armen, ein fünfter versetzte ihm Rippenstöße mit dem Knie, und alle nannten ihn Brigant, Mörder, Aufrührer. Mit nackter Brust, die Kleider in Fetzen, beteuerte er seine Unschuld; mit kaltem Blut könne er kein Kind schlagen sehen.

»Ich heiße Dussardier! Bei Gebr. Valinçart, Spitzen- und Modeneuheiten, Rue de Cléry. Wo ist mein Karton?« Er wiederholte: »Dussardier! ... Rue de Cléry. Mein Karton!«

Aber er beruhigte sich und ließ sich mit stoischer Miene auf die Wache in der Rue Descartes führen. Eine Flut von Leuten folgte ihm. Frédéric und der junge Mann mit dem Schnurrbart gingen, voll Bewunderung für den Kommis und empört über die Gewalttätigkeit der Obrigkeit, dicht hinter ihm. Je weiter man vorwärts schritt, desto geringer wurde die Menge.

Die Polizisten drehten sich von Zeit zu Zeit wütend um; und da es für die Lärmer nichts mehr zu tun, für die Neugierigen nichts mehr zu sehen gab, entfernten sich nach und nach alle. Passanten, denen man begegnete, betrachteten Dussardier und machten laut boshafte, beleidigende Bemerkungen. Eine alte Frau rief sogar an ihrer Tür, daß er ein Brot gestohlen habe; diese Ungerechtigkeit steigerte die Erbitterung der beiden Freunde. Endlich langte man [35] vor der Wache an. Es waren nur noch etwa zwanzig Personen da. Der Anblick der Soldaten genügte, sie zu zerstreuen.

Frédéric und sein Kamerad forderten kühn die Herausgabe des soeben Verhafteten. Die Schildwache drohte, sie selber einzustecken, wenn sie noch weiter davon redeten. Sie fragten nach dem Wachthauptmann, nannten ihre Namen, stellten sich vor als Studenten der Rechte und beteuerten, daß der Gefangene ihr Kollege sei.

Man ließ sie in einen völlig kahlen Raum eintreten, in dem sich vier Bänke längs der verräucherten, gemauerten Wände hinzogen. Im Hintergrunde öffnete sich ein Schiebefenster. Darauf erschien das robuste Gesicht Dussardiers, der mit seinem zerzausten Haarschopf, den kleinen, freimütigen Augen und der Stumpfnase dunkel an die Physiognomie eines treuen Hundes erinnerte.

»Du erkennst uns nicht?« sagte Hussonnet.

Das war der Name des jungen Mannes mit dem Schnurrbart.

»Aber ...,« stammelte Dussardier.

»Stell dich nicht länger einfältig,« entgegnete der andere, »man weiß, daß du wie wir Student der Rechte bist.«

Trotz ihres Augenzwinkerns begriff Dussardier nichts. Er schien sich zu sammeln und rief dann plötzlich:

»Ist mein Karton gefunden?«

Frédéric blickte entmutigt auf. Hussonnet erwiderte:

»Ach, dein Karton, in dem du deine Vorlesungsnotizen aufhebst? Ja, ja, beruhige dich.«

Sie verstärkten ihr Mienenspiel. Dussardier verstand endlich, daß sie gekommen waren, um ihm zu helfen, und er schwieg in der Furcht, sie zu kompromittieren. Überdies empfand er eine Art Scham, sich zum sozialen Rang eines Studenten und zum Gefährten dieser jungen Leute erhoben zu sehen, die so weiße Hände hatten.

»Willst du jemand eine Nachricht geben?« fragte Frédéric.

[36] »Nein, danke, niemand.«

»Aber deiner Familie?«

Er senkte den Kopf, ohne zu antworten; der arme Bursche war ein uneheliches Kind. Die beiden Freunde wunderten sich über sein Schweigen.

»Hast du etwas zu rauchen?« fragte Frédéric.

Er betastete sich und zog dann tief aus seiner Tasche die Bruchstücke einer Pfeife hervor, – einer schönen Meerschaumpfeife mit schwarzem Holzrohr, silbernem Deckel und Bernsteinmundstück.

Seit drei Jähren arbeitete er, daraus ein Meisterstück zu machen. Er hatte den Kopf stets sorgfältig in einem Futteral von Gemsleder bewahrt, so langsam wie möglich daraus geraucht, sie niemals auf Marmor gelegt und sie jeden Abend am Kopfende seines Bettes aufgehängt. Jetzt schüttete er die Stücke in seine Hand, deren Nägel bluteten, und mit gesenktem Kopf, die Augen starr und weit offen, betrachtete er die Trümmer seiner Freude mit einem Blick unaussprechlicher Trauer.

»Ob wir ihm Zigarren geben, wie?« sagte Hussonnet ganz leise und machte Miene, sie herauszunehmen. Frédéric hatte bereits eine gefüllte Zigarrentasche auf den Fensterrand gelegt.

»Nimm doch! Lebwohl, nur Mut!«

Dussardier riß die beiden Hände an sich, die sich ihm entgegenstreckten. Er schüttelte sie ungestüm und rief, von Schluchzen unterbrochen:

»Wie? ... für mich! ... für mich?«

Die beiden Freunde entzogen sich seiner Dankbarkeit, gingen fort und frühstückten zusammen im Café Tabourey vor dem Luxembourg.

Während er ein Beefsteak verzehrte, teilte Hussonnet seinem Gefährten mit, daß er Mitarbeiter der Mode-Journale sei und Reklamen für die Kunsthandlung anfertige.

»Für Jacques Arnoux,« sagte Frédéric.

»Sie kennen ihn?«

[37] »Ja! nein! – Das heißt, ich habe ihn gesehen, bin ihm begegnet.«

Nachlässig fragte er Hussonnet, ob er seine Frau zuweilen sehe.

»Von Zeit zu Zeit,« erwiderte der Bohémien.

Frédéric wagte nicht mit Fragen fortzufahren; dieser Mensch begann eine übermäßig große Rolle in seinem Leben zu spielen; er bezahlte das Frühstück, ohne daß von seiten des andern Einspruch dagegen erhoben wurde.

Die Sympathie war eine gegenseitige; sie tauschten ihre Adressen aus, und Hussonnet forderte ihn herzlich auf, ihn bis zur Rue de Fleurus zu begleiten.

Sie waren mitten im Garten, als er, den Atem anhaltend, sein Gesicht zu einer abscheulichen Grimasse verzerrte und anfing zu krähen wie ein Hahn. Darauf antworteten ihm alle Hähne in der Umgegend mit einem langgezogenen Kickeriki.

»Das ist ein Signal,« sagte Hussonnet.

Sie blieben neben dem Theater Bobino vor einem Hause stehen, in das man durch einen Gang gelangte. In dem Dachfenster einer Mansarde, zwischen Kapuzinerkresse und Wicken, zeigte sich eine junge Frau mit bloßem Kopf, im Korsett und stützte sich mit beiden Armen auf die Dachrinne.

»Guten Tag, mein Engel, guten Tag, mein Schatz,« rief Hussonnet, ihr Kußhände zuwerfend.

Er stieß die Barriere mit einem Fuß auf und verschwand.

Frédéric erwartete ihn die ganze Woche. Er wagte nicht, zu ihm zu gehen, um nicht ungeduldig zu erscheinen, die Summe für das Frühstück wieder zu erhalten, aber er suchte ihn im ganzen Quartier latin. Und eines Abends traf er ihn und nahm ihn mit auf sein Zimmer auf dem Quai Napoléon.

Die Unterhaltung wurde lang, sie schütteten ihre Herzen aus. Hussonnet strebte nach Ruhm und Theatererfolgen. Er arbeitete an Vaudevilles mit, die niemals angenommen [38] wurden, »hatte eine Menge von Plänen«, drechselte Couplets, von denen er einige sang. Dann, als er auf dem Bücherbrett einen Band von Viktor Hugo und einen andern von Lamartine bemerkte, verhöhnte er die romantische Schule. Diese Dichter hätten weder ein richtiges Urteil noch Sprachgefühl und seien vor allem keine Franzosen. Er rühmte sich, seine Sprache zu kennen, und zerpflückte die schönsten Sätze mit jener bissigen Strenge und jener akademischen Art, die lustigen Leuten eigen ist, wenn sie über ernste Kunst reden.

Frédéric war dadurch in seinem Empfinden verletzt; er hatte Lust, abzubrechen. Warum sollte er nicht gleich das Wort sagen, von dem sein Glück abhing? Er fragte den jungen Literaten, ob er ihn bei Arnoux einführen könne.

Die Sache war sehr einfach, und sie verabredeten sich für den nächsten Tag.

Hussonnet versäumte das Rendezvous, er versäumte auch drei weitere. Eines Samstags gegen vier Uhr erschien er. Aber da er den Wagen ausnutzen wollte, hielt er erst vor dem Theater-Français, um ein Logenbillet zu nehmen, ließ beim Schneider vorfahren, bei einer Putzmacherin, und schrieb bei den Hausmeistern Karten. Endlich langten sie auf dem Boulevard Montmartre an. Frédéric durchschritt den Laden und stieg die Treppe hinauf. Arnoux erkannte ihn in dem Spiegel vor seinem Schreibtisch, fuhr ruhig im Schreiben fort und reichte ihm über die Schulter hinweg die Hand.

Fünf oder sechs Personen standen in dem Zimmer umher, das ein einziges, nach dem Hof gehendes Fenster erhellte; ein Sofa mit braunem Damastbezug nahm das Innere eines Alkovens im Hintergrund zwischen zwei Portieren von gleichem Stoff ein. Auf dem Kamin, der mit Papieren bedeckt war, stand eine Venus aus Bronze, zu beiden Seiten parallel zwei Kandelaber mit rosa Kerzen. Rechts neben einem Mappenständer saß ein Mann in einem Sessel und las mit dem Hut auf dem Kopf die Zeitung; die Wände verschwanden unter den Stichen und Gemälden, [39] den kostbaren Gravüren oder mit Widmungen geschmückten Skizzen zeitgenössischer Meister, die von aufrichtigster Zuneigung für Jacques Arnoux zeugten.

»Geht es Ihnen gut?« fragte er, sich an Frédéric wendend.

Und ohne eine Antwort abzuwarten, fragte er Hussonnet leise:

»Wie heißt Ihr Freund?«

Dann laut:

»Nehmen Sie eine Zigarre, aus der Kiste auf dem Ständer.«

Die Kunsthandlung, im Zentrum von Paris gelegen, war ein bequemer Versammlungsort, ein neutrales Gebiet, wo die Gegner vertraulich miteinander in Berührung kamen. Man sah heute hier Anténor Braive, den Porträtisten von Königen; Jules Burrieu, der die Kriege in Algier durch seine Zeichnungen populär zu machen begann; den Karikaturisten Sombaz, den Bildhauer Vourdat und andere mehr; keiner aber entsprach den Erwartungen des Studenten. Ihre Manieren waren schlecht, ihre Gespräche frei. Der Mystiker Lovarias gab eine Zote zum besten, und der Entdecker der orientalischen Landschaften, der bekannte Dittmer, trug ein gestricktes Kamisol unter seiner Weste und nahm sogar den Omnibus, um nach Haus zu kommen.

Es war zuerst die Rede von einer gewissen Apollonia, einem ehemaligen Modell, das Burrieu in einem Daumont auf dem Boulevard erkannt zu haben behauptete. Hussonnet erklärte diese Metamorphose durch die Anzahl ihrer Liebhaber.

»Wie dieser Schelm die Pariser Mädchen kennt,« sagte Arnoux.

»Nach Ihnen, wenn etwas übrig bleibt, Sire,« entgegnete der Bohémien mit militärischem Gruß, um den Grenadier nachzuahmen, der Napoleon seine Flasche anbot.

Darauf disputierte man über einige Bilder, zu denen Apollonias Kopf benutzt worden war. Abwesende Kollegen wurden kritisiert. Man wunderte sich über die Preise ihrer [40] Werke und alle beklagten sich, daß man nicht mehr genug verdiene, als ein mittelgroßer Mann, der etwas verrückt aussah, mit lebhaften Augen, den Rock nur mit einem Knopf geschlossen, eintrat.

»Was für Spießbürger ihr seid!« sagte er. »Was tut das, mein Gott! Die Alten, die Meisterwerke schufen, kümmerten sich nicht um Millionen. Correggio, Murillo..«

»Fügen Sie noch hinzu: Pellerin,« sagte Sombaz.

Aber ohne den Stich zu beachten, fuhr er fort mit einer solchen Heftigkeit zu reden, daß Arnoux genötigt war, zweimal zu wiederholen:

»Meine Frau erwartet Sie am Donnerstag. Vergessen Sie es nicht.«

Diese Worte leiteten Frédérics Gedanken auf Madame Arnoux. Man gelangte sicherlich durch das Kabinett neben dem Divan zu ihr? Arnoux hatte es eben geöffnet, um ein Taschentuch zu holen, Frédéric hatte im Hintergrunde einen Waschständer bemerkt. Aber eine Art Brummen kam aus der Ecke neben dem Kamin von dem Manne, der im Fauteuil die Zeitung las. Er war fünf Fuß neun Zoll hoch, hatte etwas schlaffe Lider, graues Haar, ein majestätisches Aussehen – sein Name war Regimbart.

»Was gibt's denn, Citoyen?« fragte Arnoux.

»Wieder eine neue Niederträchtigkeit der Regierung!«

Es handelt sich um die Absetzung eines Schulmeisters; Pellerin nahm seinen Vergleich zwischen Michel-Angelo und Shakespeare wieder auf. Dittmer ging. Arnoux hielt ihn fest, um ihm zwei Banknoten zuzustecken. Darauf sagte Hussonnet, den günstigen Moment wahrnehmend:

»Könnten Sie mir nichts vorschießen, mein Gönner? ...«

Aber Arnoux hatte wieder seinen Platz eingenommen und schalt einen Greis von schmutzigem Aussehen mit blauer Brille aus.

»Sie sind gut, Vater Isaac! Drei Werke sind dadurch in Verruf, verloren! Alle Welt macht sich lustig über mich! Man kennt sie jetzt! Was tue ich damit? Ich werde sie nach [41] Kalifornien schicken müssen! ... zum Teufel! Schweigen Sie!«

Die Spezialität dieses Biedermannes bestand darin, die Unterschrift alter Meister unter die Bilder zu setzen. Arnoux weigerte sich, ihn zu bezahlen, und verabschiedete ihn barsch. Darauf begrüßte er mit veränderter Miene einen steifen, ordengeschmückten Herrn mit Backenbart und weißer Kravatte.

Den Ellbogen auf den Fensterriegel gestützt, unterhielt er sich lange mit honigsüßer Miene mit ihm. Endlich rief er aus:

»Ach, es fehlt mir nicht an Vermittlern, Herr Graf!«

Nachdem der Mann eingewilligt hatte, zahlte Arnoux ihm fünfundzwanzig Louisdor aus und sagte, als er fort war:

»Wie unerträglich sind doch diese großen Herren!«

»Eine elende Bande, allesamt!« murmelte Regimbart.

Wie die Zeit vorschritt, verdoppelte sich Arnoux' Tätigkeit; er sah Artikel durch, entsiegelte Briefe, stellte Rechnungen aus, ging, wenn er die Hammerschläge hörte, in den Laden hinaus, um die Verpackung zu überwachen und nahm dann seine Beschäftigung wieder auf; und während seine Stahlfeder über das Papier glitt, ging er schlagfertig auf jeden Scherz ein. Abends wollte er bei seinem Advokaten speisen und am nächsten Morgen nach Belgien reisen.

Die anderen unterhielten sich über Tagesfragen: über das Porträt von Cherubini, das Amphitheater der schönen Künste, die nächste Ausstellung. Pellerin schimpfte auf die Akademie. Klatschereien, Diskussionen kreuzten sich. Der niedrige Raum war so voll, daß man sich nicht rühren konnte, und das Licht der rosa Kerzen leuchtete durch den Tabaksrauch wie Sonnenstrahlen durch den Nebel.

Die Tür neben dem Divan öffnete sich, und eine große, schlanke Dame trat mit ungestümen Bewegungen ein, bei denen alle Berloques ihrer Uhr auf dem schwarzen Taffetkleide aneinander klirrten.

[42] Es war die Dame, die er im letzten Sommer im Palais-Royal gesehen. Einige redeten sie mit ihrem Namen an und wechselten einen Händedruck mit ihr. Hussonnet hatte endlich fünfzig Franken herausgeschlagen; es schlug sieben Uhr und alle gingen.

Arnoux forderte Pellerin auf, zu bleiben und führte Mademoiselle Vatnaz in das Kabinett.

Frédéric hörte nicht, was sie sprachen, sie flüsterten. Doch auf einmal erhob sich die weibliche Stimme:

»Sechs Monate warte ich schon, seit die Sache in Angriff genommen wurde.«

Es folgte ein langes Schweigen, Mademoiselle Vatnaz kam wieder zum Vorschein. Arnoux hatte ihr wohl noch etwas versprochen.

»Später werden wir sehen!«

»Adieu, Sie Glücklicher!« sagte sie, als sie fortging.

Arnoux trat hastig in das Kabinett zurück, wichste seinen Schnurrbart, zog die Hosenträger herauf, um die Stege zu straffen, wusch sich die Hände und sagte:

»Ich brauche also zwei Türgesimse, zu zweihundertfünfzig das Stück, Genre Boucher, abgemacht?«

»Meinetwegen,« sagte der Künstler, der rot geworden war.

»Gut! und vergessen Sie meine Frau nicht!«

Frédéric begleitete Pellerin bis oben an das Faubourg Poissonière und bat ihn um die Erlaubnis, ihn manchmal besuchen zu dürfen, eine Gunst, die ihm freundlichst gewährt wurde.

Pellerin las alle Werke über Ästhetik, um die wahre Theorie des Schönen zu entdecken, überzeugt, wenn er sie gefunden, Meisterwerke schaffen zu können. Er umgab sich mit allen erdenklichen Hilfsmitteln, mit Zeichnungen, Skulpturen, Modellen, Gravüren, er suchte, quälte sich. Er klagte das Wetter, seine Nerven, sein Atelier an, ging aus, um Inspirationen zu finden, zitterte, wenn er sie nahe glaubte, ließ sein Werk dann im Stich und träumte von einem neuen, das viel schöner werden sollte. Von seiner [43] Ruhmbegierde verfolgt, vergeudete er seine Tage in Diskussionen, glaubte an tausend Albernheiten, an Systeme, Kritiken, an die Bedeutung von Gesetzen, einer Reform der technischen Ausdrucksmittel und hatte mit fünfzig Jahren noch nichts weiter als Entwürfe hervorgebracht. Sein unerschütterlicher Stolz bewahrte ihn vor Enttäuschungen, aber er war immer gereizt, und in einer gekünstelten und zugleich natürlichen Erregung, die einen zum Komödianten macht.

Beim Eintritt fiel der Blick auf zwei große Gemälde, auf denen die ersten, hier und da aufgesetzten Töne braune, rote und blaue Flecken auf der weißen Leinwand bildeten. Ein Netz von Kreidelinien spannte sich darüber wie die Maschen eines zwanzigmal ausgebesserten Gewebes; es war ganz unmöglich, etwas davon zu verstehen. Pellerin erklärte den Gegenstand dieser beiden Kompositionen, indem er mit dem Daumen die fehlenden Partien andeutete. Das eine sollte den »Wahnsinn des Nebukadnedzar«, das andere den »Brand Roms unter Nero« darstellen. Frédéric bewunderte sie.

Er bewunderte wüste Frauenakte, Landschaften mit einem Überfluß von sturmgepeitschten Bäumen, und besonders phantastische Federzeichnungen, Erinnerungen an Callot, Rembrandt und Goya, deren Bilder er nicht kannte. Pellerin schätzte diese Jugendarbeiten nicht mehr; jetzt war er für den großen Stil; er dogmatisierte beredt über Phidias und Winckelmann. Die Gegenstände um ihn her verstärkten die Macht seiner Worte: man sah einen Totenschädel auf einem Betpult, einen Yatagan, eine Mönchskutte, die Frédéric anprobierte.

Kam er früh, so traf er ihn in seinem schlechten Gurtenbett, das ein Teppichfetzen bedeckte; denn Pellerin, der regelmäßig die Theater besuchte, ging spät zu Bett. Eine alte Frau in Lumpen bediente ihn, er speiste in einer Garküche und hatte keine Geliebte. Seine bunt zusammengewürfelten Kenntnisse machten seine Paradoxe amüsant. Sein Haß gegen das Gemeine und gegen das Spießbürgerliche [44] ergoß sich in Sarkasmen von so prächtigem Enthusiasmus, und er hatte eine solche Verehrung für die alten Meister, daß sie ihn fast bis zu ihnen emporhob.

Warum aber sprach er niemals von Madame Arnoux? Ihren Mann dagegen nannte er bald einen guten Kerl, bald einen Charlatan. Frédéric erwartete vertrauliche Mitteilungen von ihm.

Als er eines Tages in seinen Mappen blätterte, fand er in dem Porträt einer Zigeunerin etwas von Mademoiselle Vatnaz, und da er sich für ihre Person interessierte, wollte er ihren Stand wissen.

Pellerin glaubte, daß sie früher Erzieherin in der Provinz gewesen war, jetzt gab sie Unterricht und versuchte, für kleine Blätter zu schreiben.

Nach ihrem Benehmen Arnoux gegenüber konnte man sie, Frédérics Meinung nach, für seine Geliebte halten.

»Ach was, er hat andere!«

Da wandte der junge Mann sich, über die eigenen Gedanken errötend, beschämt ab und fügte entschlossen hinzu:

»Seine Frau vergilt es ihm wohl.«

»Durchaus nicht! Sie ist anständig.«

Frédéric hatte Gewissensbisse und zeigte sich häufiger in der Redaktion.

Die großen Buchstaben, die den Namen Arnoux auf der Marmorplatte über dem Laden bildeten, schienen ihm ganz seltsam und voll Bedeutung, wie eine heilige Inschrift. Das breite, abschüssige Trottoir erleichterte ihm das Gehen, die Türen öffneten sich fast von selbst; und der vom Anfassen glatte Türgriff hatte die Weichheit und fast das Wesen einer Hand in der seinen. Unvermerkt wurde er ebenso pünktlich wie Regimbart.

Täglich setzte sich Regimbart an den Kamin in seinen Fauteuil, bemächtigte sich des »National«, gab ihn nicht mehr aus der Hand und drückte seine Gedanken durch Ausrufe oder bloßes Achselzucken aus. Von Zeit zu Zeit trocknete er sich die Stirn mit seinem wurstförmig gerollten Taschentuch, das er auf der Brust zwischen zwei Knöpfen [45] seines grünen Überrocks trug. Er hatte eine Hose an mit Bügelfalte, Stiefeletten, eine lange Krawatte; und ein Hut mit aufgeschlagener Krempe machte ihn schon von weitem kenntlich in der Menge.

Um acht Uhr morgens stieg er die Höhen des Montmartre hinunter, um den Weißwein in der Rue Notre-Dame-des-Victoires zu trinken. Sein Frühstück, dem mehrere Partien Billard folgten, währte bis drei Uhr. Darauf begab er sich nach der Panorama-Passage, um einen Absinth zu nehmen. Nach der Sitzung bei Arnoux ging er in die Wirtschaft Bordelais, um Wermut zu trinken; dann, anstatt zu seiner Frau zurückzukehren, zog er es vor, in einem kleinen Café, Place Gaillan, allein zu speisen, wo er »häusliche Gerichte«, »Hausmannskost« vorgesetzt haben wollte! Endlich suchte er ein anderes Café auf, wo er bis Mitternacht blieb, bis ein Uhr morgens, bis zu dem Moment, wo das Gas ausgelöscht, die Fensterläden geschlossen wurden, und der erschöpfte Wirt ihn beschwor, zu gehen.

Und nicht einmal die Liebe zu Getränken zog Regimbart an diese Orte, sondern nur die alte Gewohnheit, dort über Politik zu sprechen; mit dem Alter hatte seine Begeisterung abgenommen, und nur eine mürrische Schweigsamkeit war ihm geblieben. Beim Anblick seines ernsten Gesichts hätte man glauben können, er wälze die Welt in seinem Kopf. Nichts kam dabei heraus, und niemand, selbst seine besten Freunde, sahen ihn je arbeiten, obwohl er vorgab, ein Geschäftsbüro zu halten.

Arnoux schien ihn unendlich zu schätzen. Er sagte eines Tages zu Frédéric:

»Dieser Mann weiß viel! Er ist ein bedeutender Mensch!«

Ein anderes Mal breitete Regimbart auf seinem Pult Papiere aus, die Kaolin-Minen in der Bretagne betrafen; Arnoux verließ sich auf seine Erfahrung.

Frédéric war Regimbart gegenüber von übertriebener Aufmerksamkeit, – so sehr, daß er ihm mitunter sogar einen [46] Absinth anbot; und obwohl er ihn für beschränkt hielt, blieb er doch oft eine volle Stunde in seiner Gesellschaft, und einzig, weil er der Freund Jacques Arnoux' war.

Nachdem er zeitgenössischen Meistern zum ersten Erfolg verholfen, hatte dieser Kunsthändler, ein Mann des Fortschritts, immer unter Wahrung der artistischen Allüren versucht, seine pekuniären Vorteile wahrzunehmen. Er trachtete nach Selbständigkeit der Kunst, nach Solidem bei wohlfeilen Preisen. Alle Pariser Luxus-Industrien waren von seinem Einfluß abhängig, der für die kleinen Dinge gut, für die großen verderblich war. Mit seiner Sucht, die Meinung zu beeinflussen, lenkte er die geschickten Künstler von ihren Zielen ab, ruinierte die Starken, beutete die Schwachen aus und machte die Mittelmäßigen berühmt; und dies alles erreichte er durch seine Verbindungen und durch seine Revue. Die Farbenkleckser strebten ehrgeizig danach, ihre Werke in seinem Fenster zu sehen, und die Dekorateure nahmen bei ihm die Modelle für Einrichtungen. Frédéric betrachtete ihn gleichzeitig als Millionär, als Dilettant und als Mann der Tat. Allein vieles setzte ihn in Erstaunen, denn dieser Monsieur Arnoux war ein gewiegter Geschäftsmann.

Er erhielt aus Deutschland oder Italien eine Leinwand, die für fünfzehnhundert Francs in Paris gekauft war, und verkaufte sie dann, indem er eine Rechnung vorlegte, die auf einen Preis von viertausend lautete, aus Gefälligkeit für dreitausendfünfhundert. Einer seiner gewöhnlichen Kniffe mit den Malern war, daß er unter dem Vorwand, eine Gravüre herausgeben zu wollen, eine Verkleinerung ihres Bildes von ihnen verlangte; er verkaufte dann die Verkleinerung, und die Gravüre erschien nie. Denen, die sich beklagten, ausgebeutet zu werden, antwortete er mit einem Klaps auf den Bauch. Im übrigen war er ein vortrefflicher Mensch, verschwendete Zigarren, duzte Unbekannte, und begeisterte er sich für ein Werk oder für einen Menschen, so war er doppelt eifrig in seinem Geschäft mit Korrespondenzen und Reklamen. Er hielt sich für sehr anständig, [47] und in seinem Bedürfnis, sich mitzuteilen, erzählte er naiv seine Schliche.

Um einen Kollegen zu ärgern, der ein anderes Kunstblatt durch ein großes Fest einweihte, bat er Frédéric eines Tages unter seinen Augen, kurz vor Beginn der Feier, Billets zu schreiben, durch die die Gäste wieder ausgeladen werden sollten.

»Es geht nicht gegen die Ehre, wissen Sie!«

Und der junge Mann wagte nicht, ihm diesen Dienst abzuschlagen.

Am nächsten Tage, als er mit Hussonnet in sein Bureau trat, sah Frédéric durch die Tür (oben auf der Treppe) den Saum eines Kleides verschwinden.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung!« sagte Hussonnet. »Wenn ich gewußt hätte, daß Damen hier sind ...«

»O, das war meine Frau,« erwiderte Arnoux. »Sie kam im Vorübergehen herauf, mir eine kleine Visite zu machen.«

»Wie, hier?« sagte Frédéric.

»Jawohl! sie geht jetzt zurück nach Haus.«

Alles ringsum verlor plötzlich seinen Reiz. Was er eben dunkel empfand, schwand wieder oder war vielmehr niemals gewesen. Er fühlte eine unsagbare Bestürzung, einen Schmerz wie über einen Verrat.

Arnoux, der in seinem Schubfach kramte, lächelte. Machte er sich über ihn lustig? Der Kommis legte ein Paket feuchter Papiere auf den Tisch.

»Ah! Die Plakate!« rief der Kaufmann. »Ich komme heute nicht zu meinem Mittagessen.«

Regimbart nahm seinen Hut.

»Wie, Sie gehen fort?«

»Sieben Uhr!« sagte Regimbart.

Frédéric folgte ihm.

An der Ecke der Rue Montmartre drehte er sich um; er sah die Fenster der ersten Etage und lachte innerlich mitleidig über sich selber, als er sich erinnerte, mit welcher Liebe er sie oft betrachtet hatte! Wo wohnte sie denn? [48] Wie ihr jetzt begegnen? Und stärker denn je empfand er seine Sehnsucht und namenlose Einsamkeit!

»Nehmen Sie einen?« sagte Regimbart.

»Einen Absinth?«

Und seinem Drängen nachgebend, ließ Frédéric sich in die Wirtschaft Bordalais führen. Während er, auf den Ellbogen gestützt, die Karaffe betrachtete, schweiften die Blicke seines Gefährten nach rechts und links. Da bemerkte er das Profil Pellerins auf dem Trottoir, klopfte lebhaft an die Scheibe, und kaum hatte der Maler sich gesetzt, als Regimbart ihn fragte, warum man ihn nicht mehr in der Kunsthandlung sehe.

»Lieber krepieren, als dahin zurückkehren! Das ist ein Vieh, ein Philister, ein Lump, ein Narr!«

Diese Beleidigungen taten Frédérics Zorn wohl und doch verletzen sie ihn, denn ihm schien, daß sie Madame Arnoux ebenfalls trafen.

»Was hat er Ihnen denn getan?« fragte Regimbart.

Pellerin stampfte mit dem Fuß auf den Boden und schnaufte, anstatt zu antworten.

Er ließ sich zu unsauberen Geschäften herbei, wie Porträts in zweierlei Kreide oder Nachahmungen großer Meister für wenig bewanderte Amateure anzufertigen; und da diese Arbeiten ihn demütigten, zog er es gewöhnlich vor, zu schweigen. Aber »der schmutzige Geiz« Arnoux' erbitterte ihn. Er machte sich Luft.

Einem Auftrag zufolge, dessen Zeuge Frédéric gewesen, hatte er ihm zwei Bilder gebracht, die der Kaufmann sich alsdann erlaubte zu kritisieren! Er hatte die Komposition getadelt, die Farbe, die Zeichnung, vor allem die Zeichnung, kurz, er hatte sie auf keinen Fall gewollt. Allein durch einen fälligen Wechsel gezwungen, hatte Pellerin sie dem Juden Isaac überlassen; und vierzehn Tage später verkaufte Arnoux sie für zweitausend Francs an einen Spanier.

»Nicht einen Sou weniger! Was für eine Gemeinheit; und er verübt noch andere, bei Gott! Wir werden ihn eines Tages vor dem Strafgericht sehen!«

[49] »Wie Sie übertreiben!« sagte Frédéric mit schüchterner Stimme.

»Gut! meinetwegen! ich übertreibe!« schrie der Künstler, mit der Faust heftig auf den Tisch schlagend.

Diese Heftigkeit gab dem jungen Manne seine ganze Sicherheit wieder. »Freilich hätte sich Arnoux besser benehmen können, indessen wenn er diese beiden Bilder ...«

»Schlecht fand! Heraus mit dem Wort! Kennen Sie sie? Ist das Ihr Fach? Denn wissen Sie, ich gebe nichts auf Amateure!«

»Ach! die Sache geht mich ja nichts an,« sagte Frédéric.

»Welches Interesse haben Sie denn daran, ihn zu verteidigen?« entgegnete Pellerin kalt.

»Aber ... weil ich sein Freund bin.«

»Küssen Sie ihn in meinem Namen! Guten Abend!«

Und wütend ging der Maler hinaus, selbstverständlich ohne an seine Zeche zu denken.

Frédéric hatte, indem er Arnoux verteidigte, sich selbst vergessen. In der Hitze seiner Beredsamkeit ergriff ihn plötzlich eine große Zärtlichkeit für diesen guten, intelligenten Mann, den seine Freunde verleumdeten und der jetzt ganz allein, verlassen bei der Arbeit saß. Er konnte dem lebhaften Bedürfnis, ihn sofort wiederzusehen, nicht widerstehen.

Zehn Minuten später öffnete er die Tür des Ladens.

Arnoux stellte mit seinem Kommis Monstre-Plakate für eine Gemälde-Ausstellung zusammen.

»Nun, was führt Sie zurück?«

Diese so einfache Frage brachte Frédéric in Verlegenheit; und da er nicht wußte, was er darauf antworten sollte, fragte er, ob nicht zufällig seine Brieftasche gefunden worden sei, eine Brieftasche aus blauem Leder.

»In der Sie Ihre Damenbriefe aufbewahren?« sagte Arnoux.

Frédéric verteidigte sich errötend wie ein junges Mädchen gegen eine solche Vermutung.

»Ihre Verse also?« entgegnete Arnoux.

[50] Er nahm die ausgebreiteten Proben in die Hand, besprach ihre Form, die Farbe, die Umrahmung, und Frédéric fühlte sich durch sein gleichgiltiges Wesen, vor allem aber durch seine über die Plakate gleitenden Hände – volle, ein wenig weichliche Hände mit flachen Nägeln – immer mehr abgestoßen. Endlich erhob sich Arnoux, und mit einem »Das wäre gemacht!« faßte er ihn ungezwungen unters Kinn. Diese Vertraulichkeit mißfiel Frédéric, er trat etwas zurück, dann überschritt er, zum letztenmal in seinem Leben, wie er glaubte, die Schwelle des Büros. Selbst Madame Arnoux verlor in seinen Augen durch die Gewöhnlichkeit ihres Gatten. –

In derselben Woche erhielt er einen Brief, in dem Deslauriers ihm ankündigte, daß er am nächsten Donnerstag in Paris eintreffen würde. Er warf sich nun mit Leidenschaft auf diese tiefere und ernsthaftere Freundschaft. Ein solcher Mann war mehr wert als alle Frauen. Er brauchte jetzt weder Regimbart noch Pellerin oder Hussonnet, niemand! Um seinen Freund besser unterzubringen, kaufte er ein eisernes Bett, einen zweiten Sessel, teilte sein Bettzeug; und am Donnerstagmorgen kleidete er sich an, um Deslauriers entgegenzugehen, als die Glocke an seiner Tür ertönte und Arnoux eintrat.

»Nur ein Wort! Ich erhielt gestern eine schöne Forelle aus Genf, wir rechnen auf Sie, gleich heute, um sieben Uhr pünktlich ... In der Rue Choiseul 24b ... Vergessen Sie es nicht!«

Frédéric mußte sich setzen. Seine Knie wankten. Er wiederholte unablässig: »Endlich! endlich!« Dann schrieb er an seinen Schneider, seinen Hutmacher und seinen Schuhmacher, und ließ diese drei Billets von drei verschiedenen Dienstmännern fortbringen. Der Schlüssel drehte sich im Schloß, und der Portier erschien mit einem Koffer auf der Schulter.

Als Frédéric Deslauriers erblickte, fing er an zu zittern wie eine ehebrecherische Frau unter dem Blick ihres Mannes.

[51] »Was hast du?« sagte Deslauriers, »du mußt meinen Brief doch erhalten haben?«

Frédéric hatte nicht die Kraft zu lügen.

Er breitete die Arme aus und warf sich an seine Brust.

Dann erzählte der Schreiber seine Geschichte. Sein Vater hatte die Vormundschaftsrechnung nicht vorlegen wollen, indem er vorgab, daß diese in zehn Jahren verjährt sein würde. Aber Deslauriers, der im Prozeßwesen gut beschlagen war, hatte endlich das ganze Erbteil seiner Mutter, netto siebentausend Francs, herausbekommen, die er hier in einer alten Brieftasche bei sich trug.

»Das ist ein Rückhalt für den Fall der Not. Ich muß sehen, sie anzulegen, und mich selbst morgen früh unterzubringen. Für heute bin ich vollkommen frei und stehe ganz zu deiner Verfügung, alter Junge!«

»O! Geniere dich nicht!« sagte Frédéric. »Wenn du heute abend etwas Wichtiges vorhast ...«

»Warum nicht gar! Da wäre ich ja ein schöner Lump!«

Dieses zufällig hingeworfene Epitheton traf Frédéric mitten ins Herz wie eine beleidigende Anspielung.

Der Hausmeister hatte auf den Tisch neben dem Kamin zwei Kotelettes, Geflügel, eine Languste, ein Dessert und zwei Flaschen Burgunder gestellt. Eine so festliche Aufnahme rührte Deslauriers.

»Du behandelst mich wie einen König, auf mein Wort!«

Sie plauderten von ihrer Vergangenheit, von der Zukunft; und von Zeit zu Zeit reichten sie sich über den Tisch die Hände und sahen sich eine Minute mit Rührung an. Aber ein Bote brachte einen neuen Hut. Deslauriers bemerkte laut, wie glänzend der Hutkopf sei.

Darauf brachte der Schneider selbst den Frack, den er noch etwas aufgebügelt hatte.

»Man könnte glauben, du wollest Hochzeit machen,« sagte Deslauriers.

Eine Stunde später erschien unvermutet ein drittes Individuum und zog aus seinem Beutel ein Paar glänzende Lackstiefel. Während Frédéric sie probierte, betrachtete der [52] Schuster schmunzelnd das Schuhwerk des Provinzialen.

»Der Herr braucht nichts?«

»Danke!« erwiderte der Schreiber und zog seine alten Schnürschuhe unter seinen Stuhl zurück.

Diese Demütigung genierte Frédéric. Er hielt mit seinem Geständnis zurück. Plötzlich rief er, wie wenn ihm etwas einfiele:

»Ach, Donnerwetter; ich vergaß!«

»Was denn?«

»Ich bin heute abend zum Diner eingeladen.«

»Bei Dambreuse? Warum sprachst du in deinen Briefen niemals von ihnen?«

»Nicht bei Dambreuse, sondern bei Arnoux.«

»Du hättest mich vorher benachrichtigen sollen!« sagte Deslauriers. »Ich wäre einen Tag später gekommen.«

»Unmöglich!« entgegnete Frédéric barsch. »Ich wurde erst heute morgen eingeladen, soeben.«

Und um sein Vergehen gutzumachen und seinen Freund abzulenken, knüpfte er die verwickelten Schnüre seines Koffers auf und brachte seine Sachen in der Kommode unter. Er wollte ihm sein eigenes Bett abtreten und selbst im Alkoven schlafen. Dann, gegen vier Uhr, begann er mit den Vorbereitungen seiner Toilette.

»Du hast noch lange Zeit!« sagte der andere.

Endlich kleidete er sich an und ging.

»So sind die Reichen!« dachte Deslauriers.

Und er speiste in der Rue Saint-Jacques bei einem kleinen Speisewirt, den er kannte.

Frédéric blieb mehrmals auf der Treppe stehen, so sehr schlug ihm das Herz. Einer seiner zu engen Handschuhe platzte, und während er den Riß unter seiner Hemdmanschette zu verbergen suchte, faßte ihn Arnoux, der hinter ihm heraufkam, beim Arm und ließ ihn eintreten.

In dem chinesisch ausgestatteten Vorzimmer standen Bambusmöbel in den Ecken und von der Decke hing eine gemalte Laterne herab. Als er den Salon durchschritt, stolperte Frédéric über ein Tigerfell. Die Kerzen waren [53] noch nicht angesteckt, aber ganz hinten im Boudoir brannten zwei Lampen.

Die kleine Martha kam, um zu sagen, daß ihre Mutter sich ankleidete. Arnoux hob sie bis zu seinem Munde empor, um sie zu küssen; dann ließ er Frédéric, da er selbst im Keller gewisse Weinflaschen wählen wollte, mit dem Kinde allein.

Sie war seit der Reise nach Montereau sehr gewachsen. Ihr braunes Haar fiel in langen, geringelten Locken auf die nackten Arme herab. Ihr Kleid, bauschiger als das Röckchen einer Tänzerin, ließ ihre rosigen Waden sehen, und das ganze hübsche Persönchen duftete frisch wie ein Bukett. Sie nahm die Komplimente des jungen Mannes mit koketter Miene entgegen, blickte ihn prüfend an und verschwand, sich zwischen den Möbeln durchwindend wie eine Katze.

Er empfand keinerlei Verwirrung mehr. Die mit Papierspitzen verhängten Lampenglocken verbreiteten ein milchiges Licht und milderten den Ton der in malvenfarbener Seide gehaltenen Wände. Durch die Stäbe des Ofenschirms, der einem großen Fächer glich, sah man die Kohlenglut im Kamin; vor der Uhr stand ein Kästchen mit Silberschließen. Hier und dort lagen intime Gegenstände: eine Puppe mitten auf dem Kanapee, ein Tuch auf der Rücklehne eines Stuhls, und auf dem Nähtisch ein baumwollenes Strickzeug, von dem zwei Elfenbeinnadeln mit den Spitzen nach unten herabhingen. Es war alles in allem ein friedlicher, trauter, hübscher Raum.

Arnoux kam wieder herein, und unter der andern Portiere erschien Madame Arnoux. Da der Schatten auf sie fiel, unterschied er anfangs nur ihren Kopf. Sie trug ein Kleid von schwarzem Samt und im Haar ein langes, algerisches Netz aus Maschen von roter Seide, das, um ihren Kamm geschlungen, auf ihre linke Schulter herabfiel.

Arnoux stellte Frédéric vor.

»O! ich erkenne den Herrn wieder,« sagte sie.

Dann kamen alle Gäste fast zu gleicher Zeit. Dittmer, Lovarias, Burrieu, der Komponist Rosenwald, der Dichter [54] Théophile Lorris, zwei Kunstkritiker, Kollegen Hussonnets, ein Papier-Fabrikant, und endlich der berühmte Pierre-Paul Meinsius, der letzte Repräsentant der monumentalen Malerei, der an seinem Ruhm dasselbe Vergnügen hatte wie an seinen achtzig Jahren und seinem dicken Bauch.

Als man ins Speisezimmer ging, nahm Madame Arnoux seinen Arm. Ein Stuhl war für Pellerin leergeblieben. Arnoux mochte ihn gern, obwohl er ihn ausbeutete. Überdies fürchtete er seine scharfe Zunge – so sehr, daß er, um ihn zu besänftigen, in der Kunsthandlung sein Porträt, von den übertriebensten Lobsprüchen begleitet, veröffentlicht hatte; und Pellerin, der empfänglicher für Ruhm war als für Geld, erschien ganz atemlos gegen neun Uhr. Frédéric glaubte sie längst wieder ausgesöhnt.

Die Gesellschaft, die Speisen, alles gefiel ihm. Der Saal, einem mittelalterlichen Raum ähnlich, war in gedämpftem Kupfer gehalten. Eine holländische Etagère stand vor einem Tschibukständer, und die verschiedenen böhmischen Gläser rund um den Tisch wirkten inmitten der Blumen und Früchte wie eine Garten-Illumination.

Er konnte unter zehn Senfsorten wählen. Er aß Daspachio, Curry, Ingwer, Amseln aus Corsika, römische Lerchen; er trank seltene Weine, Lip-fraoli und Tokayer. Arnoux setzte seinen Stolz darein, gut zu bewirten. Mit Rücksicht auf die Delikatessen stellte er sich gut mit allen Postbeamten und stand mit den Köchen großer Häuser in Verbindung, die ihm Saucen lieferten.

Aber besonders gefiel Frédéric die Unterhaltung. Seinem Geschmack an Reisen kam Dittmer entgegen, der vom Orient erzählte; seine Neugierde in Theaterangelegenheiten wurde durch Anhören von Rosenwalds Plaudereien über die Oper befriedigt, und die schreckliche Existenz der Bohème erschien ihm komisch durch Hussonnets Fröhlichkeit, der in pittoresker Weise erzählte, wie er sich einen ganzen Winter nur von Holländer Käse ernährt hatte. Durch eine Diskussion über die florentinische Schule zwischen Lovarias und Burrieu lernte er Meisterwerke kennen; es eröffneten [55] sich ihm neue Horizonte, und er vermochte schwer seine Begeisterung zurückzuhalten, als Pellerin rief:

»Lassen Sie mich in Ruh mit Ihrer abscheulichen Realistik! Was will das sagen, Realistik? Die einen sehen schwarz, die andern blau, die Menge sieht einfältig. Es gibt nichts weniger Realistisches als Michel-Angelo, nichts Gewaltigeres! Die Sorge um die äußere Wahrheit kennzeichnet unsern heutigen Tiefstand, und alle Kunst wird, wenn man so fortfährt, was weiß ich zu welchem Kram, handele es sich um Religion oder Poesie, um Politik oder öffentliche Interessen. Man erreicht ihren Zweck, ja, ihren Zweck! – der darin besteht, uns eine unpersönliche Exaltation zu verschaffen, nicht mit kleinen Werken, trotz aller ihrer Feinheiten in der Ausführung. Da sind zum Beispiel die Bilder von Bassolier: sie sind hübsch, kokett, sauber und nicht plump! Die kann man in die Tasche stecken, auf die Reise mitnehmen! Liebhaber kaufen sie für zwanzigtausend Francs; es sind nicht für einen Groschen Ideen darin; allein ohne Idee nichts Großes, ohne Größe nichts Schönes! Der Olymp ist ein Berg! Das stolzeste Monument werden immer die Pyramiden sein! Üppigkeit ist mehr wert als Geschmack, die Wüste mehr als ein Trottoir und ein Wilder mehr als ein Haarkünstler.«

Frédéric betrachtete Madame Arnoux, während er diese Dinge anhörte. Sie fielen in seine Seele wie Erzstücke in einen Schmelzofen, verstärkten seine Leidenschaft und erweckten seine Liebe.

Er saß drei Plätze weit von ihr, auf derselben Seite. Zuweilen neigte sie sich ein wenig vor, indem sie den Kopf wandte, um einige Worte an ihr Töchterchen zu richten, und wenn sie dabei lächelte, bildete sich ein Grübchen in ihrer Wange, was ihrem Antlitz einen Ausdruck noch zarterer Güte verlieh.

Bei den Likören verschwand sie. Die Unterhaltung wurde sehr frei; Monsieur Arnoux glänzte darin, und Frédéric war erstaunt über den Cynismus dieser Männer. Indessen bildete ihre ausschließliche Beschäftigung mit den [56] Frauen etwas wie einen Ausgleich zwischen ihnen und ihm, und das hob ihn in der eigenen Achtung.

Als er wieder in den Salon zurückgekehrt war, nahm er, um seine Fassung wiederzugewinnen, eins der Alben, die auf dem Tisch lagen. Die großen Künstler der Zeit hatten es mit Zeichnungen geschmückt, hatten Prosa, Verse oder einfach ihren Namenszug hineingeschrieben; unter den berühmten Namen fanden sich viele Unbekannte, und die seltensten Gedanken zeigten sich unter einer Flut von Albernheiten. Alle enthielten eine mehr oder weniger direkte Huldigung für Madame Arnoux. Frédéric hätte sich gescheut, eine Zeile dazuzuschreiben.

Sie ging in ihr Boudoir, um das Kästchen mit den Silberschließen zu holen, das er auf dem Kamin bemerkt hatte. Es war ein Geschenk ihres Mannes, eine Arbeit aus der Zeit der Renaissance. Die Freunde Arnoux' machten ihm Komplimente, seine Frau dankte ihm; von Rührung ergriffen, gab er ihr vor allen einen Kuß.

Man plauderte in Gruppen, hier und dort; der gute Meinsius saß mit Madame Arnoux in der Nähe des Kamins auf einer Polsterbank; sie neigte sich zu seinem Ohr, wobei ihre Köpfe sich berührten; – und Frédéric hätte für einen berühmten Namen und weiße Haare gern hingenommen, taub, häßlich und hinfällig zu sein, nur, um in die Lage zu kommen, die ihn zu gleicher Intimität berechtigte. Er verwünschte seine Jugend und überließ sich seiner Qual.

Aber dann kam sie in die Ecke des Salons, wo er stand, und fragte ihn, ob er einige der Gäste kenne, ob er die Malerei liebe und wie lange er in Paris studiere. Jedes Wort aus ihrem Munde schien Frédéric etwas Neues, etwas, das ausschließlich zu ihrer Person gehöre. Er betrachtete aufmerksam die Fransen ihres Kopfputzes, die ihre nackten Schultern mit den Spitzen liebkosten, und er wandte seine Augen nicht mehr davon ab, versenkte den Blick in dieses blendende Fleisch, allein er wagte nicht, seine Lider zu heben, um ihr gerade ins Antlitz zu schauen.

Rosenwald unterbrach sie, indem er Madame Arnoux [57] bat, etwas zu singen. Während er präludierte, wartete sie, ihre Lippen öffneten sich und ein weicher, langgezogener Ton stieg empor.

Frédéric verstand nichts von den italienischen Worten. Es begann mit einem ernsten Rhythmus, wie ein Kirchengesang, dann sich crescendo belebend, vermehrten sich die sonoren Töne und verhallten allmählich, und mit getragenem, vollem Klang wiederholte sich die liebliche Melodie.

Sie stand neben dem Klavier, die Arme herabhängend, mit verlorenem Blick. Zuweilen beugte sie sich etwas vor und kniff die Lider für einen Moment zusammen, um die Noten zu lesen. Ihre volle Altstimme nahm in der Tiefe einen düsteren Klang an, der erschütterte, und ihr schöner Kopf mit den langen Brauen neigte sich dann auf die Schulter; ihre Brust hob sich, sie breitete die Arme aus, ihr Hals, dem die Läufe entströmten, bog sich weich wie unter leisen Küssen, zurück; sie schmetterte drei hohe Töne heraus, dem noch ein höherer folgte, und schloß dann nach einer Pause mit einer Fermate.

Rosenwald verließ den Flügel nicht. Er fuhr fort, für sich selber zu spielen. Von Zeit zu Zeit verschwand einer der Gäste. Um elf Uhr, als die letzten sich verabschiedeten, ging Arnoux mit Pellerin, unter dem Vorwand, ihn begleiten zu wollen, fort. Er gehörte zu denen, die sich krank dünken, wenn sie nach Tisch nicht ihren Spaziergang gemacht haben.

Madame Arnoux war in das Vorzimmer getreten. Dittmer und Hussonnet verabschiedeten sich, sie reichte ihnen die Hand. Auch Frédéric reichte sie die Hand, und er fühlte, wie es jede Pore seiner Haut durchströmte.

Er verließ seine Freunde, es drängte ihn, allein zu sein. Sein Herz floß über. Warum diese dargebotene Hand? War es eine unüberlegte Bewegung oder eine Ermutigung? »Dummheit! Ich bin ein Narr!« Was lag übrigens daran, da er sie jetzt ganz nach Belieben besuchen, in ihrer Atmosphäre leben durfte.

Die Straßen waren öde. Zuweilen kam ein schwerer [58] Karren vorüber, der das Pflaster erschütterte. Die Häuser mit ihren grauen Fassaden und geschlossenen Fenstern reihten sich aneinander; und er dachte verächtlich an alle diese menschlichen Wesen, die hinter den Mauern schliefen und existierten, ohne sie zu kennen, von denen nicht einer ahnte, daß sie lebte! Er hatte weder Bewußtsein von Ort noch Raum, noch von irgend etwas; und müßig weiterschlendernd, indem er mit dem Stock die Rolljalousien der Läden streifte, ging er aufs Geratewohl, erregt und überwältigt, immer geradeaus. Eine feuchte Luft hüllte ihn ein, und er fand sich am Rande des Quais.

Die Gaslampen leuchteten unbestimmt in zwei geraden Linien, und lange rote Flammen flackerten in der Tiefe des Wassers. Es hatte die Farbe des Schiefers, während zu beiden Seiten des Flusses der klarere Himmel sich auf große Schattenmassen senkte. Gebäude, die man nicht unterschied, vertieften die Dunkelheit. Ein leuchtender Dunst schwebte über den Dächern drüben; alle Geräusche verloren sich in einem einzigen Gesumm; es wehte ein leiser Wind.

Er war mitten auf dem Pont-Neuf stehen geblieben und atmete mit bloßem Kopf und nackter Brust die Luft ein. Währenddem fühlte er tief in sich ein Unbezwingbares, eine Welle von Zärtlichkeit aufsteigen, die ihn überwältigte wie jene ruhelosen dort unten. Eine Kirchenuhr schlug eins, ganz langsam, wie eine Stimme, die ihn rief.

Da ergriff ihn einer jener seelischen Schauer, die uns in höhere Sphären heben. Er fühlte Fähigkeiten in sich, deren Wesen er noch nicht kannte. Er fragte sich ernsthaft, ob er ein großer Dichter oder ein großer Maler werden solle; – und er entschied sich für die Malerei, da diese ihn Madame Arnoux nähern müsse. Er hatte also seinen Beruf gefunden! Sein Lebensziel war ihm jetzt klar und die Zukunft gewiß.

Als er seine Tür geschlossen hatte, hörte er jemand in dem dunklen Kabinett neben dem Zimmer schnarchen. Es war der andere. Er hatte nicht mehr an ihn gedacht.

Zufällig sah er sein Gesicht im Spiegel. Er fand sich schön; – und er blieb eine Minute stehen, sich zu betrachten.

[59] 5.

Am nächsten Vormittag hatte er sich einen Farbenkasten, Pinsel und eine Staffelei gekauft. Pellerin willigte ein, ihm Unterricht zu geben, und Frédéric führte ihn in seine Wohnung, um zu sehen, ob an seinen Mal-Utensilien nichts fehle.

Deslauriers war zurückgekommen. Ein junger Mann saß auf dem zweiten Sessel. Der Schreiber sagte, auf ihn weisend:

»Das ist er! da ist er nun! Sénécal!«

Dieser junge Mensch mißfiel Frédéric ... Die Stirn trat unter seinem ganz kurz geschorenen Haar noch mehr hervor. Etwas Hartes, Kaltes stach aus seinen grauen Augen; und sein langer schwarzer Überrock, sein ganzes Kostüm verriet den Pädagogen, den Geistlichen.

Anfangs sprach man über Tagesereignisse, unter anderm von Rossinis Stabat; Sénécal, danach gefragt, erklärte, er gehe niemals ins Theater. Pellerin öffnete den Farbenkasten.

»Ist das alles für dich?« sagte der Schreiber.

»Aber selbstverständlich!«

»Ach was! welch eine Idee!«

Und er neigte sich über den Tisch, wo der Hilfslehrer der Mathematik in einem Bande von Louis Blanc blätterte. Er hatte ihn selber mitgebracht und las mit leiser Stimme Stellen daraus, während Pellerin und Frédéric zusammen die Palette, den Spachtel, die Tuben untersuchten, worauf sie anfingen, sich über das Diner bei Arnoux zu unterhalten.

»Der Kunsthändler?« fragte Sénécal. »Netter Herr, wahrhaftig!«

»Weshalb denn?« sagte Pellerin.

Sénécal erwiderte:

»Ein Mann, der aus politischen Schandtaten Geld herausschlägt!«

Und er fing an von einer bekannten Lithographie zu [60] erzählen, auf der die ganze königliche Familie bei erbaulichen Beschäftigungen dargestellt war: Louis Philippe hielt ein Gesetzbuch, die Königin ein Gebetbuch, die Prinzessinnen stickten, der Herzog von Nemours gürtete sich einen Säbel um; Monsieur de Joinville zeigte seinen jüngeren Brüdern eine Landkarte; im Hintergrund bemerkte man ein zweischläfriges Bett. Dieses Bild, »Eine gute Familie« betitelt, war das Entzücken der Bürger gewesen, aber der Kummer der Patrioten. Pellerin erwiderte in einem ärgerlichen Ton, als wäre er selbst der Urheber, daß doch alle Meinungen von gleichem Wert seien. Sénécal widersprach. Die Kunst sollte ausschließlich die Moralisierung der Massen im Auge haben! Es müßten nur Stoffe wiedergegeben werden, die tugendhafte Handlungen darstellten; die andern wären schädlich.

»Aber das hängt doch von der Ausführung ab!« rief Pellerin aus. »Ich kann Meisterwerke schaffen!«

»Dann um so schlimmer. Man hat nicht das Recht ...«

»Wie?«

»Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, mich für Dinge zu interessieren, die ich mißbillige! Wozu brauchen wir diese mühseligen Nichtigkeiten, aus denen unmöglich ein Nutzen zu ziehen ist, diese ewige Venus zum Beispiel, mit all euern Landschaften? Ich sehe darin keine Belehrung für das Volk! Zeigt uns dann lieber sein Elend! Begeistert uns für seine Opfer! Ach, mein Gott, an Gegenständen fehlt es nicht: die Felder und Wiesen, die Werkstätte ...«

Entrüstet und in dem Glauben, ein Argument gefunden zu haben, stammelte Pellerin:

»Und Molière, lassen Sie den gelten?«

»Meinetwegen,« sagte Sénécal. »Ich bewundere ihn als Vorboten der französischen Revolution.«

»Ah! die Revolution! Welch eine Kunst! Nie gab es eine kläglichere Epoche!«

»Keine größere, mein Herr!«

Pellerin kreuzte die Arme und blickte ihm ins Gesicht:

[61] »Sie sind wohl einer der berühmten Nationalgardisten!«

Sein Gegner, der an Diskussionen gewöhnt war, erwiderte ihm:

»Das nicht! und ich verabscheue sie ebenso wie Sie. Aber mit solchen Prinzipien verdirbt man die Menge! Übrigens aber rechnet die Regierung damit, sie wäre nicht so stark ohne die Mitschuld eines Haufens von Narren wie diese.«

Der Maler übernahm die Verteidigung des Kaufmanns, denn die Ansichten Sénécals brachten ihn auf. Er ging sogar so weit, zu behaupten, daß Jacques Arnoux ein Herz von Gold habe, seinen Freunden ergeben sei und seine Frau zärtlich liebe.

»Wer weiß! Wenn man ihm eine schöne Summe böte, würde er sich nicht weigern, sie als Modell herzugeben.«

Frédéric wurde bleich.

»Er hat Ihnen wohl großes Unrecht getan?«

»Mir? nein! Ich habe ihn nur einmal mit einem Freunde im Café gesehen. Das ist alles!«

Sénécal sprach die Wahrheit. Aber er fühlte sich täglich durch die Reklamen der Kunsthandlung peinlich berührt. Arnoux war für ihn der Repräsentant einer Welt, die er als unheilvoll für die Demokratie betrachtete. Als strenger Republikaner hielt er jede Vornehmheit für verdächtig, da er selber keine Bedürfnisse hatte und von unbeugsamer Gradheit war.

Es war schwer, die Unterhaltung wieder anzubahnen. Der Maler erinnerte sich bald seiner Verabredung, der Lehrer seiner Schüler; und als sie gegangen waren, stellte Deslauriers nach langem Schweigen verschiedene Fragen über Arnoux.

»Du führst mich dort später ein, nicht wahr, alter Junge?«

»Gewiß,« sagte Frédéric.

Darauf berieten sie ihre Einrichtung. Deslauriers hatte ohne Mühe eine Stelle als zweiter Schreiber bei einem [62] Anwalt erhalten, hatte sich bei der Juristischen Fakultät immatrikulieren lassen, unentbehrliche Bücher gekauft – und das Leben, das so lange erträumte, begann.

Es war herrlich, dank der Schönheit ihrer Jugend. Da Deslauriers von einer Übereinkunft in Geldsachen nichts gesagt hatte, sprach Frédéric auch nicht davon. Er bestritt alle Ausgaben, sorgte für Ordnung, nahm sich des Haushalts an; aber wenn der Hausmeister einmal heruntergemacht werden sollte, so nahm der Schreiber es auf sich und fuhr fort, wie auf dem Gymnasium, die Rolle des Beschützers und des Älteren zu spielen.

Den ganzen langen Tag hindurch getrennt, fanden sie sich abends wieder zusammen. Jeder nahm seinen Platz am Kamin ein und setzte sich an seine Arbeit, aber sie zögerten nicht, sie zu unterbrechen. Es kamen Ergüsse ohne Ende, Fröhlichkeit ohne Grund, und zu weilen Streitigkeiten wegen einer Lampe, die qualmte, oder wegen eines verlegten Buches, Zornesausbrüche einer Minute, die unter Lachen verstummten.

Die Tür zu der Kammer blieb offen, und sie plauderten in ihren Betten.

Morgens spazierten sie in Hemdsärmeln auf ihrer Terrasse hin und her, die Sonne ging auf, leichte Nebel wallten über den Fluß, man hörte ein Kreischen vom Blumenmarkt nebenan; – und der Rauch ihrer Pfeifen wirbelte in der reinen Luft, die ihre noch verquollenen Augen erfrischte; sie atmeten sie ein und empfanden eine unermeßliche Hoffnungsfreudigkeit.

Sonntags gingen sie, wenn es nicht regnete, zusammen aus, und schlenderten Arm in Arm durch die Straßen. Fast immer überkam sie gleichzeitig dieselbe Nachdenklichkeit, oder sie plauderten, ohne etwas um sich her zu sehen. Deslauriers strebte nach Reichtum als Mittel zur Macht über die Menschen. Er hätte viele Leute in Bewegung setzen, viel Lärm machen, drei Sekretäre zu seiner Verfügung haben und einmal wöchentlich ein politisches Diner geben mögen. Frédéric richtete sich in Gedanken ein Palais in [63] maurischem Stil ein, um sich, auf Kaschmirdiwans hingestreckt, beim Geplätscher eines Springbrunnens, von Negerpagen bedienen zu lassen; – und diese erträumten Dinge standen schließlich so deutlich vor ihm, daß er untröstlich war, als hätte er sie verloren.

»Wozu von alledem reden,« sagte er, »da wir es doch niemals haben werden.«

»Wer weiß?« sagte Deslauriers.

Trotz seiner demokratischen Ansichten schlug er ihm vor, Dambreuse nochmals zu besuchen. Frédéric wandte seine früheren Versuche ein.

»Ach was! Geh nur wieder hin! Sie laden dich schon ein!«

Gegen Mitte März erhielten sie unter anderen hohen Rechnungen diejenige des Speisewirts, der ihnen ihr Essen schickte. Frédéric, der nicht mehr die genügende Summe hatte, lieh von Deslauriers hundert Taler; vierzehn Tage später wiederholte er dieselbe Bitte, und der Schreiber schalt ihn wegen der Ausgaben, die er bei Arnoux machte.

Er kannte darin tatsächlich kein Maß. Eine Ansicht von Venedig, eine von Neapel und eine andere von Konstantinopel nahmen die Mitte der drei Wände ein, da und dort Reiterstudien von Alfred de Dreux und eine Gruppe von Pradier auf dem Kamin, Nummern der Kunsthandlung auf dem Piano und Mappen in den Ecken und auf dem Boden überfüllten ihre Wohnung derart, daß man kaum Platz hatte, ein Buch fortzulegen und die Arme zu bewegen. Frédéric behauptete, alles das für seine Malerei zu brauchen.

Er arbeitete bei Pellerin. Aber oft war Pellerin unterwegs, – er hatte die Gewohnheit, allen Leichenbegängnissen und Ereignissen, die von den Zeitungen erwähnt wurden, beizuwohnen; – und Frédéric verbrachte ganze Stunden allein im Atelier. Die Ruhe dieses großen Raumes, wo man nur das Rascheln der Mäuse vernahm, das von der Decke herabfallende Licht, ja, selbst das Knistern im Ofen, alles versenkte ihn anfangs in eine Art geistigen [64] Wohlbefindens. Dann schweiften seine Augen, wenn er von der Arbeit aufblickte, über die Wände, die Nippsachen auf der Etagere, die Torsi, auf denen der angesammelte Staub wie Samtfetzen lag; und wie ein Reisender, der sich mitten im Walde verirrt hat, wo alle Wege immer auf denselben Platz zurückführen, fand er auf dem Grunde jedes Gedankens die Erinnerung an Madame Arnoux.

Er bestimmte Tage, an denen er zu ihr gehen wollte; in der zweiten Etage, vor ihrer Tür angelangt, zögerte er zu klingeln. Und näherten sich Schritte, wurde geöffnet, so war es bei den Worten: »Madame ist ausgegangen,« wie eine Befreiung, eine Last war ihm vom Herzen genommen.

Schließlich traf er sie aber doch an. Das erste Mal waren drei Damen bei ihr; an einem Nachmittag kam der Schreiblehrer der kleinen Marthe dazu. Übrigens machten die Herren, die bei Madame Arnoux verkehrten, ihr keine Besuche. Seine Zurückhaltung verbot auch ihm, wieder hinzugehen.

Aber um zu den Donnerstag-Diners eingeladen zu werden, versäumte er nicht, sich regelmäßig jeden Mittwoch in der Kunsthandlung einzufinden; und er blieb länger als alle andern, länger als Regimbart, bis zur letzten Minute, indem er tat, als betrachte er eine Gravüre, als blättere er in einer Zeitung. Schließlich sagte Arnoux zu ihm: – »Sind Sie morgen abend frei?«

Er nahm an, ehe der Satz ausgesprochen war. Arnoux schien Zuneigung zu ihm zu fassen. Er lehrte ihn die Kunst, Weine zu prüfen, Punsch abzubrennen und Schnepfenragout zu bereiten; Frédéric befolgte gelehrig seine Ratschläge, – er liebte alles, was in Zusammenhang mit Madame Arnoux stand, ihre Möbel, ihre Dienstboten, ihr Haus und ihre Straße.

Er sprach nicht viel während dieser Diners; er betrachtete sie nur. Sie hatte rechts, an der Schläfe, ein kleines Schönheitsfleckchen; ihre tiefen Scheitel waren schwärzer als ihr übriges Haar und immer wie ein wenig feucht am Rande; sie strich bisweilen nur mit zwei Fingern [65] darüber hin. Er kannte die Form eines jeden ihrer Nägel, es war ihm ein Genuß, das Rauschen ihres Seidenkleides zu hören, wenn sie durch die Türen schritt, er sog verstohlen den Duft ihres Taschentuchs ein; ihr Kamm, ihre Handschuhe, ihre Ringe waren für ihn merkwürdige Dinge, bedeutend wie Kunstwerke, fast beseelt wie Personen; alles fesselte sein Herz und vermehrte seine Leidenschaft.

Er hatte nicht die Kraft gehabt, sie vor Deslauriers zu verbergen. Wenn er von Madame Arnoux kam, weckte er ihn wie aus Versehen, um von ihr reden zu können.

Deslauriers, der in der kleinen Kammer schlief, gähnte laut. Frédéric setzte sich ans Fußende seines Bettes. Erst sprach er vom Diner, darauf erzählte er tausend unbedeutende Einzelheiten, in denen er Zeichen von Verachtung oder Zuneigung sah. Einmal zum Beispiel hatte sie seinen Arm zurückgewiesen, um den Dittmers' zu nehmen, und Frédéric war untröstlich.

»Ach! was für Dummheiten!«

Oder sie hatte ihn einmal ihren »Freund« genannt.

»So gehe doch hin und sei vergnügt!«

»Aber ich wage es nicht,« sagte Frédéric.

»Schön, dann denke nicht mehr daran! Gute Nacht!«

Deslauriers kehrte sich zur Wand und schlief ein. Er begriff nichts von dieser Liebe, die er als letzte Jugendtorheit ansah; und da Frédéric seine Freundschaft offenbar nicht mehr genügte, nahm er sich vor, ihre gemeinsamen Freunde einmal in der Woche einzuladen.

Sie kamen am Sonnabend gegen neun Uhr. Die drei algerischen Vorhänge waren sorgfältig vorgezogen; die Lampe und vier Kerzen brannten; mitten auf dem Tisch stand der Tabakskasten voll Pfeifen zwischen Bierflaschen, dem Teegeschirr, einer Flasche Rum und kleinem Gebäck. Man diskutierte über die Unsterblichkeit der Seele, zog Vergleiche zwischen den Professoren.

Hussonnet führte eines Abends einen großen jungen Mann in einem viel zu kurzärmeligen Überrock und verlegener Haltung ein. Es war der Bursche, gegen dessen [66] Verhaftung sie im vorigen Jahre auf der Wache Einspruch erhoben hatten.

Da er seinem Meister den im Getümmel verlorenen Karton mit Spitzen nicht hatte wiedergeben können, hatte dieser ihn des Diebstahls bezichtigt und mit den Gerichten bedroht; jetzt war er Angestellter in einem Fuhrgeschäft. Hussonnet war ihm morgens an einer Straßenecke begegnet und führte ihn her, denn Dussardier wollte aus Dankbarkeit gern den »andern« sehen.

Er reichte Frédéric die noch gefüllte Zigarrentasche, die er, in der Hoffnung, sie wiederzugeben, gewissenhaft bewahrt hatte. Die jungen Leute forderten ihn auf, wiederzukommen. Er versäumte es nicht.

Alle sympathisierten miteinander. Vor allem stand ihr Haß gegen die Regierung als unbestrittenes Dogma obenan. Martinon allein versuchte Louis Philippe zu verteidigen. Man stürmte mit Gemeinplätzen aus den Zeitungen auf ihn ein: die Befestigung von Paris, die Septembergesetze, Pritchard, Lord Guizot – so daß Martinon in der Furcht, jemand zu verletzen, verstummte. In den sieben Jahren auf dem Gymnasium hatte er keine Strafarbeit bekommen, und auf der Universität wußte er den Professoren zu gefallen. Er trug meist einen groben Überrock von Mastixfarbe und Gummischuhe; aber eines Abends erschien er wie zu einer Hochzeit gekleidet in langer Samtweste, weißer Kravatte und Goldkette.

Das Erstaunen verdoppelte sich, als man erfuhr, daß er von Monsieur Dambreuse kam. Die Sache war die, daß der Bankier Dambreuse von dem Vater Martinons einen beträchtlichen Posten Holz gekauft hatte; und als der gute Mann ihm seinen Sohn vorstellte, hatte er sie beide zum Diner eingeladen.

»Gab es viele Trüffeln?« fragte Deslauriers, »und hast du zwischen zwei Türen seine Frau um die Taille gefaßt, sicut decet?«

Dann drehte sich die Unterhaltung um die Frauen. Pellerin bestritt, daß es schöne Frauen gebe, (er zog die [67] Tiger vor); überdies sei der weibliche Mensch ein inferiores Geschöpf in der ästhetischen Rangordnung.

»Was euch betört, ist hauptsächlich das, was sie als Begriff degradiert; ich meine den Busen, das Haar ...«

»Indessen,« warf Frédéric ein, »langes schwarzes Haar und große schwarze Augen ...«

»Ah! kennt man!« rief Hussonnet. »Genug von Spanien und Kastanien! Das Antike? Ich danke! Denn schließlich, Scherz beiseite! eine Lorette ist amüsanter als die Venus von Milo! Laßt uns doch Gallier sein, zum Donnerwetter, und flott, wenn wir können!


Fließe, guter Wein, ein Lächeln, ihr Frauen!


Man muß von den Braunen zu den Blonden übergehen! – Wie denken Sie darüber, alter Dussardier?«

Dussardier antwortete nicht. Alle drängten ihn, um seinen Geschmack kennen zu lernen.

»Wohlan!« sagte er errötend, »ich, ich würde immer dieselbe lieben!«

Es wurde in solcher Weise gesagt, daß einen Moment Schweigen entstand; die einen waren überrascht von dieser Treuherzigkeit, die anderen entdeckten darin vielleicht das geheime Verlangen ihrer Seele.

Sénécal stellte seinen Bierschoppen auf das Fensterbrett und erklärte lehrhaft, daß, da die Prostitution eine Tyrannei und die Ehe eine Unsittlichkeit sei, die Enthaltsamkeit das beste wäre. Deslauriers betrachtete die Frauen als eine Zerstreuung, nichts weiter. Monsieur de Cisy hatte in bezug auf sie allerlei Befürchtungen.

Unter den Augen einer frommen Großmutter erzogen, fand er die Gesellschaft dieser jungen Leute lockend wie einen verrufenen Ort und lehrreich wie die Sorbonne. Man sparte nicht mit Lehren für ihn, und er zeigte sich voll Eifer, so daß er sogar rauchen wollte trotz der Übelkeit, die ihn regelmäßig danach quälte. Frédéric überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten. Er bewunderte die Nüance seiner Kravatte, das Futter seines Paletots und besonders seine Stiefel, die dünn wie Handschuhe waren und unverschämt [68] sauber und fein; sein Wagen wartete unten auf der Straße.

Eines Abends, als er eben gegangen war und es zu schneien begann, fing Sénécal an, seinen Kutscher zu bemitleiden. Darauf zog er gegen die gelben Handschuhe her, gegen den Jockeyklub. Ein Arbeiter sei mehr wert als diese Herren.

»Ich arbeite wenigstens! ich bin arm!«

»Das sieht man,« sagte Frédéric endlich ungeduldig.

Der Lehrer trug ihm für dieses Wort seinen Groll nach.

Als aber Regimbart einmal sagte, daß er Sénécal ein wenig kenne, und Frédéric einem Freunde Arnoux' eine Aufmerksamkeit erweisen wollte, bat er ihn, zu den Sonnabend-Vereinigungen zu kommen, und die Begegnung war beiden Patrioten willkommen.

Indessen, ihre Meinungen gingen auseinander.

Sénécal – der ein spitzfindiger Kopf war – zog nur Systeme in Betracht. Regimbart dagegen sah in den Tatsachen nichts als Tatsachen. Was ihn hauptsächlich beunruhigte, war die Rheingrenze. Er behauptete, sich auf Geschütze zu verstehen, und ließ sich seine Anzüge bei dem Schneider der Polytechnischen Hochschule machen.

Am ersten Tage, als ihm Kuchen angeboten wurde, zuckte er verächtlich die Achseln und sagte, daß das etwas für Frauen sei; und er war die folgenden Male nicht viel liebenswürdiger. Sobald die Gedanken sich in einer etwas höheren Sphäre bewegten, brummte er: »Nur keine Utopien, keine Träume!« In Kunstfragen waren seine Ansichten (obwohl er die Ateliers besuchte, wo er zu weilen eine Stunde Fechtunterricht gab) weniger überlegen. Er verglich den Stil von Monsieur Marast mit dem von Voltaire und Mademoiselle Vatnaz mit Madame de Staël, um einer Ode auf Polen willen, »in der Herz war«. Regimbart ärgerte alle, besonders aber Deslauriers, denn der Citoyen war ein Vertrauter Arnoux'. In der Hoffnung, nützliche Bekanntschaften zu machen, strebte der Schreiber jedoch danach, in dessen Haus zu verkehren.

»Wann führst du mich dort ein?« fragte er. Arnoux[69] wäre mit Geschäften überladen, oder er befinde sich auf Reisen, erwiderte Frédéric, darum sei es nicht der Mühe wert, denn die Diners würden jetzt eingestellt.

Wenn er für seinen Freund das Leben hätte aufs Spiel setzen müssen, würde Frédéric es getan haben, aber da ihm daran lag, sich so vorteilhaft wie möglich zu zeigen, er soviel auf seine Sprache, seine Manieren, seine Kleidung gab, daß er immer mit tadellosen Handschuhen in der Kunsthandlung erschien, fürchtete er, daß Deslauriers mit seinem alten, schwarzen Anzug, seiner Haltung eines kleinen Beamten und seinen vermessenen Reden Madame Arnoux mißfallen könnte, was ihn selber kompromittieren und ihn in ihren Augen herabsetzen würde. Er ließ alle anderen gelten, aber gerade er hätte ihn ungemein geniert. Der Schreiber merkte, daß er sein Versprechen nicht halten wollte, und Frédérics Schweigen schien ihm umso beleidigender.

Er wollte ihn unbedingt leiten, ihn sich nach dem Ideal ihrer Jugend entwickeln sehen, und sein Müßiggang empörte ihn wie ein Ungehorsam oder ein Verrat. Außerdem sprach Frédéric, voll von Gedanken an Madame Arnoux, oft von ihrem Mann; und Deslauriers verfiel auf eine unerträgliche Neckerei, die darin bestand, seinen Namen hundertmal des Tages am Schluß jedes Satzes auszusprechen, wie in einer idiotischen Manier. Klopfte es an seine Tür, antwortete er: »Herein, Arnoux!« Im Restaurant forderte er einenFromage de Brie »à la Arnoux!« und nachts tat er, als ob ein Alb ihn bedrücke und weckte seinen Gefährten mit dem Gebrüll: »Arnoux! Arnoux!« Schließlich sagte Frédéric eines Tages mit kläglicher Stimme:

»Aber laß mich doch in Ruhe mit Arnoux.«

»Niemals,« erwiderte der Schreiber.


»Immer er! immerzu! ...

Das Bild von Arnoux ...«


»So schweige doch!« rief Frédéric und hob die Faust. Dann fuhr er leise fort:

»Es ist mir peinlich, das weißt du doch!«

[70] »O! Pardon, mein Lieber,« erwiderte Deslauriers und verneigte sich sehr tief, »die Nerven von Mademoiselle sollen hinfort geschont werden. Bitte nochmals um Verzeihung; tausendmal um Entschuldigung!«

So nahm der Scherz ein Ende.

Aber drei Wochen später sagte er eines Abends zu ihm:

»Nun habe ich Madame Arnoux aber gesehen.«

»Wo denn?«

»Im Justizpalast, mit Balandard, dem Rechtsanwalt; eine brünette Frau, nicht wahr, von mittelgroßer Figur?«

Frédéric machte ein Zeichen der Zustimmung. Er wartete, daß Deslauriers spreche. Bei dem kleinsten Wort der Bewunderung hätte er sein Herz ganz ausgeschüttet, wäre bereit gewesen, ihn innig zu lieben; der andere schwieg noch immer; schließlich hielt er es nicht mehr aus und fragte ihn, was er von ihr denke.

Deslauriers fand sie »nicht übel, ohne doch etwas Besonderes zu haben«.

»Findest du?« sagte Frédéric.

Es kam der Monat August, die Zeit seines zweiten Examens. Nach der allgemeinen Ansicht sollten vierzehn Tage genügen, um sich dazu vorzubereiten. Frédéric, der an seiner Fähigkeit nicht zweifelte, verschlang gleich im Anfang die vier ersten Bände der Prozeßordnung, die drei ersten des Strafgesetzbuches, mehrere Stücke Strafprozeßordnung und einen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches mit den Erläuterungen von Poncelet. Am Abend vorher ging Deslauriers noch einmal alles mit ihm durch, was sich bis zum Morgen hinzog, und um die letzte Viertelstunde noch auszunutzen, fuhr er fort, unterwegs im Gehen Fragen an ihn zu stellen.

Da gleichzeitig mehrere Prüfungen stattfanden, waren viele Leute anwesend, unter anderen Hussonnet und de Cisy; man versäumte nicht, diesen Prüfungen beizuwohnen, wenn es sich um Kameraden handelte. Frédéric legte die traditionelle schwarze Robe an, darauf trat er, von der Menge [71] gefolgt, mit drei anderen Studenten in einen großen Raum, der von gardinenlosen Fenstern erhellt und mit Bänken längs der Wände ausgestattet war. In der Mitte stand, von Lederstühlen umgeben, ein Tisch, mit grünem Tuch bekleidet. Er trennte die Kandidaten von den Herren Professoren in roten Roben; sie trugen alle Hermelinstreifen auf den Achseln und goldbetreßte Baretts.

Frédéric befand sich als vorletzter in der Reihe, ein schlechter Platz. Bei der ersten Frage über den Unterschied zwischen einer Übereinkunft und einem Kontrakt verwechselte er eins mit dem andern; und der Professor, ein freundlicher Mann, sagte zu ihm: – »Regen Sie sich nicht auf, mein Herr, fassen Sie sich!« dann, nachdem er noch zwei leichte Fragen gestellt hatte, auf die unbestimmte Antworten folgten, ging er endlich zum Vierten über. Frédéric wurde mutlos durch diesen kläglichen Anfang. Deslauriers machte ihm, gegenüber, unter dem Publikum Zeichen, daß noch nicht alles verloren sei; und bei der zweiten Frage über das Strafrecht zeigte er sich leidlich. Allein, nach der dritten, das testamentum mysticum betreffend, verdoppelte sich seine Angst, da der Examinator immer gleich kaltblütig geblieben war und Hussonnet die Hände zusammenlegte, wie um zu applaudieren, während Deslauriers die Achseln zuckte. Endlich kam der Moment, wo er über die Zivilprozeßordnung befragt wurde. Es handelte sich um den Einspruch eines Dritten. Der Professor, entrüstet über Theorien, die den seinen widersprachen, fragte ihn in barschem Ton:

»Und Sie, wie ist Ihre Ansicht darüber? Wie bringen Sie den Grundsatz von Artikel 1351 des Bürgerlichen Gesetzbuches mit diesem außerordentlichen Anklageverfahren in Einklang?«

Frédéric empfand heftiges Kopfweh, da er die Nacht ohne Schlaf verbracht hatte. Ein Sonnenstrahl, der durch die Ritze einer Jalousie fiel, traf sein Gesicht. Hinter seinem Stuhl stehend, wankte er hin und her und drehte an seinem Schnurrbart.

[72] »Ich warte noch immer auf Ihre Antwort!« fing der Mann mit dem Goldbarett wieder an.

Und da Frédérics Geberde ihn offenbar reizte, fuhr er fort:

»In Ihrem Bart werden Sie sie nicht finden.«

Dieser Hohn brachte die Zuhörer zum Lachen; der Professor fühlte sich geschmeichelt und schmunzelte. Er richtete noch zwei Fragen über Vorladung und Zwangsverfahren an ihn und neigte dann den Kopf zum Zeichen der Zustimmung; der öffentliche Akt war beendet. Frédéric trat ins Vestibül zurück.

Während der Diener ihm die Robe abnahm, um sie unmittelbar darauf einem andern anzulegen, umringten ihn seine Freunde, die ihn vollends mit ihren widersprechenden Ansichten über das Resultat des Examens einschüchterten.

Am Eingang des Saals wurde bald mit sonorer Stimme ausgerufen: »Der Dritte ist – zurückgestellt!«

»Futsch!« sagte Hussonnet, »laßt uns gehen!«

Vor der Loge des Hausmeisters trafen sie Martinon, rot, bewegt, mit einem Lächeln in den Augen und dem Nimbus des Triumphs auf der Stirn. Er hatte eben ohne Hindernis sein letztes Examen bestanden. Nun blieb nur noch die Dissertation übrig. In vierzehn Tagen würde er Lizenziat sein. Seine Familie war bekannt mit einem Minister, eine schöne Karriere stand ihm bevor.

»Der übertrifft dich doch,« sagte Deslauriers.

Nichts ist demütigender, als zu sehen, wie Dummköpfen Unternehmungen gelingen, an denen man selber scheitert. Frédéric erwiderte ärgerlich, daß er sich nichts daraus mache. Seine Ansprüche gingen höher; und als Hussonnet Miene machte, zu gehen, nahm er ihn beiseite, um ihm zu sagen:

»Selbstverständlich kein Wort davon bei Arnoux!«

Es war leicht, es geheim zu halten, da Arnoux am nächsten Tage eine Reise nach Deutschland unternahm.

Abends bei seiner Rückkehr fand der Schreiber seinen Freund seltsam verändert: er tänzelte, pfiff, und als Deslauriers [73] sich über diese Laune wunderte, erklärte Frédéric, daß er nicht zu seiner Mutter ginge, sondern die Ferien zum Arbeiten benutzen wolle.

Bei der Nachricht von Arnoux' Abreise überkam ihn große Freude. Er konnte sich jetzt dort einstellen, ganz nach Belieben und ohne Furcht, bei seinen Besuchen gestört zu werden. Das Bewußtsein einer absoluten Sicherheit würde ihm Mut verleihen. Endlich würde er nicht fern, nicht getrennt von ihr sein! Stärker als durch eine eiserne Kette war er an Paris gefesselt, eine innere Stimme rief ihm zu, zu bleiben.

Hindernisse stellten sich ihm entgegen. Er überwand sie, indem er seiner Mutter schrieb; er gestand ihr zunächst seine Schlappe, die durch Änderungen im Programm verursacht worden – durch einen Zufall, eine Ungerechtigkeit – übrigens wären alle großen Advokaten (er zitierte ihre Namen) im Examen durchgefallen. Aber er hätte die Absicht, sich im November nochmals zu melden. Da er jedoch keine Zeit zu verlieren habe, käme er in diesem Jahre nicht nach Haus und bitte außer um das Quartalsgeld um zweihundertundfünfzig Francs für die sehr nützlichen Repetitionen in der Rechtskunde, – das ganze mit Bedauern, Trauer, Schmeicheleien und Beteuerungen kindlicher Liebe verbrämt.

Madame Moreau, die ihn am nächsten Tage erwartete, war doppelt bekümmert. Sie hielt den Mißerfolg ihres Sohnes geheim und antwortete ihm, er möge dennoch kommen. Frédéric gehorchte nicht. Ein Streit entspann sich. Am Ende der Woche jedoch erhielt er das Quartalsgeld, wie auch die für die Repetitionen bestimmte Summe, die dazu diente, eine perlgraue Hose, einen weißen Filzhut und ein tomatenrotes Spazierstöckchen zu bezahlen.

Als all dieses in seinem Besitz war, dachte er:

»Ich habe da vielleicht eine rechte Friseur-Idee gehabt.«

Und eine große Unerschrockenheit erfaßte ihn.

Um zu wissen, ob er zu Madame Arnoux gehen sollte, warf er dreimal Geldstücke in die Luft. Jedesmal war [74] das Vorzeichen günstig. Also, das Schicksal selbst gebot es. Er nahm eine Droschke und fuhr nach der Rue Choiseul.

Lebhaft stieg er die Treppen hinauf und zog an der Klingelschnur; es läutete nicht; eine leise Schwäche überkam ihn.

Dann riß er wütend an der schweren, roten Seidenquaste. Eine Glocke ertönte, verstummte allmählich, und es war wieder nichts zu hören. Frédéric wurde ängstlich.

Er drückte sein Ohr an die Tür; kein Laut! Er legte das Auge ans Schlüsselloch, bemerkte aber im Vorzimmer nichts als zwei Schilfspitzen zwischen Papierblumen an der Wand. Schließlich wollte er umkehren, besann sich aber eines besseren. Diesmal klingelte er nur ganz leise. Die Tür öffnete sich und auf der Schwelle erschien mit zerzaustem Haar, karmoisinrotem Gesicht und verdrießlicher Miene Arnoux selbst.

»Was, zum Teufel, führt Sie her? Treten Sie ein!«

Er führte ihn hinein, aber nicht in das Boudoir oder sein Zimmer, sondern in den Speisesaal, wo auf dem Tisch eine Champagnerflasche und zwei Gläser standen, und in barschem Ton sagte er:

»Sie wollen mich etwas fragen, lieber Freund?«

»Nein, nichts! nichts!« stotterte der junge Mann und suchte nach einem Vorwand für seinen Besuch.

Schließlich sagte er, daß er gekommen wäre, um von ihm zu hören, da er ihn nach einem Bericht von Hussonnet auf einer Reise in Deutschland wußte.

»Keineswegs!« erwiderte Arnoux. »Welch ein Strohkopf ist dieser Bursche, alles verkehrt zu hören!«

Um seine Unruhe zu verbergen, ging Frédéric von rechts nach links durch den Saal. An den Fuß eines Stuhles stoßend, warf er einen Sonnenschirm herunter, der darauf lag; der Elfenbeingriff zerbrach.

»Mein Gott!« rief er, »wie bedauere ich, Madame Arnoux' Sonnenschirm zerbrochen zu haben.«

Bei diesen Worten hob der Kaufmann den Kopf mit [75] einem seltsamen Lächeln. Frédéric benutzte die Gelegenheit von ihr zu sprechen und sagte schüchtern:

»Könnt ich sie nicht sehen?«

Sie war in ihrer Heimat, bei ihrer kranken Mutter.

Er wagte nicht, über die Dauer ihrer Abwesenheit Fragen zu stellen. Er erkundigte sich nur, welches die Heimat Madame Arnoux' war.

»Chartres! Das überrascht Sie?«

»Mich? Nein! Warum? Nicht im geringsten!«

Sie hatten sich nun absolut nichts mehr zu sagen. Arnoux, der sich eine Zigarette gedreht hatte, ging pustend um den Tisch herum. Frédéric stand am Ofen, betrachtete die Wände, die Etagere, das Parkett, und reizende Bilder zogen in seiner Erinnerung, fast an seinen Augen vorüber. Endlich ging er.

Ein Stück Zeitungspapier, zu einer Kugel zusammengeballt, lag im Vorzimmer auf dem Boden. Arnoux nahm es auf, hob sich auf die Zehen und steckte es in die Klingel, um seine unterbrochene Siesta fortzusetzen, wie er erklärte. Dann sagte er mit einem Händeschütteln:

»Sagen Sie, bitte, dem Hausmeister, daß ich nicht hier bin!«

Und heftig schloß er dicht hinter ihm die Tür.

Frédéric stieg Schritt für Schritt die Treppe hinunter. Der Mißerfolg dieses ersten Versuchs entmutigte ihn im voraus für die anderen. Nun begannen drei Monate der Langeweile. Da er keine Arbeit hatte, steigerte der Müßiggang seine Schwermut.

Er verbrachte Stunden damit, von seinem Balkon oben auf den Fluß hinunterzuschauen, der von Ort zu Ort zwischen graufarbigen geschwärzten Quais dahin floß, über die Rinnen der Abflußröhren, einen am Ufer verankerten Wäscherinnenkahn, worin Gassenjungen sich zuweilen damit belustigten, in einer Wanne einen Pudel baden zu lassen. Sein Blick streifte links die Steinbrücke von Notre-Dame, richtete sich aber immer wieder auf den Quai aux Ormes, auf eine Gruppe alter Bäume, die den Linden im Hafen [76] von Montereau glichen. Der Turm Saint-Jacques, das Stadthaus, Saint-Gervais, Saint-Louis, Saint-Paul erhoben sich vor ihm zwischen einem Gewirr von Dächern, – und der Genius der Juli-Säule glänzte im Osten wie ein großer goldener Stern, während an der andern Seite der Dom der Tuilerien seine schwere blaue Masse scharfumrissen auf den Himmel zeichnete. Dahinter, auf dieser Seite mußte das Haus Madame Arnoux' liegen.

Er trat in sein Zimmer zurück; dann, auf seinen Diwan hingestreckt, überließ er sich einem unklaren Nachdenken über Arbeitspläne, Vorsätzen für sein Verhalten, Zukunftsträumen. Schließlich ging er aus, um sich von all dem zu befreien.

Zufällig kam er durch das sonst so lärmende, zu dieser Zeit aber, da die Studenten zu ihren Familien gereist waren, verödete Quartier latin. Die hohen Mauern der Institute hatten, wie durch die Stille verlängert, ein noch viel düstereres Aussehen. Man vernahm allerlei friedliche Geräusche, Flügelschlag in Vogelkäfigen, das Knarren einer Drehbank, den Hammer eines Schuhflickers; und die Kleiderhändler mitten auf der Straße sandten vergebens fragende Blicke zu jedem Fenster hinauf. Hinten in den einsamen Cafés gähnten die Büffetdamen an der Kasse zwischen ihren gefüllten Flaschen, die Zeitungen blieben geordnet auf dem Tisch der Lesezimmer; in den Plättstuben fröstelte die Wäsche bei den kühlen Windstößen. Zuweilen blieb er vor der Auslage eines Antiquars stehen; ein Omnibus, der im Vorüberfahren das Trottoir streifte, veranlaßte ihn, umzukehren, und vor dem Luxembourg angelangt, ging er nicht weiter.

Einigemal trieb ihn die Hoffnung auf eine Zerstreuung auf die Boulevards. Durch dunkle Gäßchen, die eine feuchte Frische ausdünsteten, gelangte er auf große, öde, von Licht geblendete Plätze, wo die Monumente am Rande des Pflasters schwarzes Schattenzackenwerk zeichneten. Aber die Karren, die Läden kehrten wieder, und die Menge betäubte ihn – zumal des Sonntags – wenn von der [77] Bastille bis zur Madeleine ein ungeheurer Strom inmitten von Staub und ununterbrochenem Getöse auf dem Asphalt dahinflutete; er fühlte sich angewidert von der Gemeinheit der Gesichter, der Albernheit der Gespräche, des einfältigen Behagens, das auf den schweißigen Stirnen stand. Allein das Bewußtsein, mehr zu gelten als diese Menschen, verminderte seine Qual, sie zu sehen.

Er ging täglich in die Kunsthandlung; und um zu erfahren, wann Madame Arnoux zurückkehren werde, erkundigte er sich umständlich nach ihrer Mutter. Die Antwort Arnoux' blieb immer die gleiche, »die Besserung schreite fort, seine Frau würde mit der Kleinen in der nächsten Woche zurückkommen«. Je länger sie zögerte, heimzukehren, desto mehr Unruhe verriet Frédéric, so daß Arnoux ihn, von soviel Liebe gerührt, fünf- oder sechsmal ins Restaurant zum Essen mitnahm.

Frédéric erkannte in diesen langen Zwiegesprächen, daß der Kunsthändler nicht sehr geistreich war. Doch Arnoux konnte diese Abkühlung bemerken; so benutzte er denn die Gelegenheit, seine Aufmerksamkeiten zu erwidern.

Da er seine Sache sehr gut machen wollte, verkaufte er bei einem Trödler all seine neuen Anzüge für die Summe von achtzig Francs, und nachdem er hundert dazu gelegt hatte, die ihm noch geblieben waren, ging er zu Arnoux, um ihn zum Diner einzuladen. Regimbart war gerade bei ihm, und sie gingen in die Trois-Frères-Provençaux.

Der Citoyen legte seinen Überrock ab, und der Willfährigkeit der beiden anderen gewiß, stellte er den Speisezettel zusammen. Aber obwohl er sich in die Küche begab, um selber mit dem Küchenchef zu sprechen, in den Keller hinunterstieg, wo er jeden Winkel kannte, den Wirt des Etablissements heraufkommen ließ, dem er einen Rüffel gab, war er weder mit den Speisen, den Weinen, noch mit der Bedienung zufrieden! Bei jeder neuen Platte, bei jeder weiteren Flasche ließ er beim ersten Bissen, beim ersten Schluck seine Gabel fallen oder stieß sein Glas weit von sich; dann schrie er, sich mit der ganzen Länge seiner [78] Arme auf das Tischtuch stützend, daß man in Paris nicht mehr dinieren könne! Schließlich bestellte sich Regimbart, der nicht mehr wußte, was er für seinen Gaumen ausdenken sollte, Bohnen in Öl, »ganz einfach«, die ihn, halbwegs gelungen, ein wenig besänftigten. Darauf hatte er mit dem Kellner ein Gespräch, das sich um alte Kellner der »Provençaux« drehte: »Was ist aus Antoine geworden? Und aus einem namens Eugène? Und Théodore, dem Kleinen, der immer unten bediente? Damals war die Kost hier immer ausgezeichnet und es gab Kalbskopf in Burgunder, wie man ihn niemals wiedersehen wird!«

Darauf kam die Rede auf den Wert von Terrains im Vorort, eine unfehlbare Spekulation Arnoux'. Im Abwarten verlor er allerdings seine Zinsen. Da er nicht zu jedem Preis verkaufen wollte, sollte Regimbart ihm jemanden ausfindig machen, und die beiden Herren machten bis zum Ende des Desserts mit einem Bleistift Berechnungen.

Dann gingen sie in die Passage du Saumon, in ein Wirtshaus im Zwischenstock, um den Kaffee zu nehmen. Frédéric wohnte stehend endlosen, von unzähligen Schoppen befeuchteten Billard-Partien bei; – und er blieb bis Mitternacht da, ohne zu wissen warum, aus Feigheit, aus Dummheit, in der dunklen Hoffnung irgendeines seiner Liebe günstigen Ereignisses.

Wann würde er sie wiedersehen? Frédéric war in Verzweiflung. Aber eines Abends, gegen Ende November, sagte Arnoux zu ihm:

»Meine Frau ist gestern zurückgekehrt!«

Am nächsten Tage, um fünf Uhr, trat er bei ihr ein.

Er fing damit an, sie ihrer Mutter wegen zu beglückwünschen, deren Krankheit so ernst gewesen war.

»Aber nein! Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Arnoux!«

Ihr entschlüpfte ein kleines »ah«, dann fügte sie hinzu, daß sie anfangs ernste Befürchtungen gehegt, die jetzt geschwunden seien.

[79] Sie saß dicht am Kamin auf dem gestickten Lehnsessel, er mit dem Hut zwischen den Knien auf dem Sofa, und die Unterhaltung war mühsam, sie ließ ihn jede Minute im Stich; er fand nicht die Gelegenheit, seine Gefühle auszudrücken. Aber als er sich beklagte, Rechtsverdrehung studieren zu müssen, erwiderte sie: »Ja ... ich verstehe ... Geschäfte ...!« indem sie, plötzlich in Nachdenken versunken, das Gesicht senkte.

Ihn verlangte danach, ihre Gedanken zu kennen, und er dachte an nichts anderes mehr. Die Dämmerung verdichtete den Schatten um sie her.

Sie erhob sich, da sie einen Gang zu machen hatte, erschien dann wieder in einer Samtkapuze und einem schwarzen, mit Grauwerk verbrämten Mantel. Er wagte, ihr seine Begleitung anzubieten.

Man konnte nicht mehr sehen; das Wetter war kalt, und ein dichter Nebel, der die Fassaden der Häuser verwischte, verpestete die Luft. Frédéric atmete sie mit Wollust, denn er fühlte durch die Wattierung des Mantels die Form ihres Armes; und ihre Hand in einem zweiknöpfigen Wildlederhandschuh, ihre kleine Hand, die er mit Küssen hätte bedecken mögen, stützte sich auf seinen Arm. Auf dem schlüpfrigen Pflaster glitten sie ein wenig aus; ihm war, als würden sie beide inmitten einer Wolke vom Winde gewiegt.

Der Glanz der Lichter auf dem Boulevard versetzte ihn in die Wirklichkeit zurück. Die Gelegenheit war günstig, die Zeit drängte. Er verschob es bis zur Rue de Richelieu, seine Liebe zu erklären. Aber bald darauf blieb sie mit einemmal vor einem Porzellangeschäft stehen, indem sie zu ihm sagte:

»Da sind wir, ich danke Ihnen! Auf Donnerstag, nicht wahr, wie gewöhnlich?«

Die Diners begannen wieder, und je öfter er Madame Arnoux besuchte, desto stärker wurde sein Sehnen.

Der Anblick dieser Frau entnervte ihn wie der Gebrauch eines zu starken Parfüms. Sein ganzes Wesen war [80] davon erfüllt, es wurde fast zu einer Manie, einem neuen Lebensinhalt.

Die Prostituierten, denen er beim Licht der Gasflammen begegnete, die Sängerinnen, die ihre Läufe herausschmetterten, die Reiterinnen auf ihren galoppierenden Pferden, die Bürgerinnen zu Fuß, die Grisetten an ihren Fenstern, alle Frauen erinnerten ihn durch Ähnlichkeiten oder starke Gegensätze an die eine. Er sah sich in den Läden die Kaschmirs, die Spitzen und die Ohrgehänge von Juwelen an, indem er sie sich um ihre Hüften geschlungen, an ihr Mieder genäht, in ihrem schwarzen Haar funkelnd vorstellte. In den Blumenläden entfalteten sich die Blüten nur, um im Vorübergehen von ihr gewählt zu werden. Die kleinen Seidenpantöffelchen, mit Schwanenpelz umrändert, in den Auslagen der Schuhhändler schienen nur auf ihren Fuß zu warten; alle Straßen führten zu ihrem Hause. Die Wagen standen nur auf den Plätzen, um schneller hinzugleiten; ganz Paris bezog sich aufihre Person, und die große Stadt mit all ihren Stimmen umbrauste wie ein ungeheures Orchester nur sie.

Ging er in den Jardin des Plantes, so versetzte der Anblick einer Palme ihn in ferne Länder. Sie reisten miteinander auf dem Rücken von Dromedaren, unter Zelten, die von Elefanten getragen wurden, in der Kabine einer Yacht durch ein blaues Inselmeer, oder Seite an Seite auf zwei schellentragenden Maultieren, die auf dem Gras über zertrümmerte Säulen stolperten. Zuweilen blieb er im Louvre vor alten Bildern stehen, und da seine Liebe zu ihr selbst entschwundene Jahrhunderte umfaßte, identifizierte er sie mit Personen der Bilder. Mit einem spitzen Frauenkopfputz betete sie auf den Knien hinter in Blei gefaßten Scheiben. Als Edeldame von Kastilien oder Flandern saß sie mit steifer Halskrause und dicken Troddeln an der Schnürbrust da. Dann stieg sie inmitten von Senatoren unter einem Baldachin von Straußenfedern in einem Brokatgewande eine hohe Porphyrtreppe herab. Ein andermal träumte er, wie sie in gelbseidenen Pantalons [81] auf den Polstern eines Harems saß; – und alles Schöne, das Funkeln der Sterne, gewisse Melodien, der Klang eines Satzes, ein Kontur, lenkte unvermittelt und unvermerkt seine Gedanken auf sie hin.

Denn sie zu seiner Geliebten zu machen, war sicher ein vergebliches Bemühen.

Eines Abends küßte sie Dittmer, der gekommen war, auf die Stirn; Lovarias tat es ebenfalls mit den Worten:

»Sie gestatten doch, nicht wahr, in anbetracht des Privilegiums der Freunde?«

Frédéric stammelte:

»Ich denke, wir alle sind Freunde?«

»Nicht alle alte!« erwiderte sie.

Das hieß ihn indirekt von vornherein zurückstoßen.

Aber was sollte er tun? Ihr sagen, daß er sie liebe? Sie würde ihn ohne Zweifel abweisen oder ihn entrüstet aus dem Hause jagen! So zog er der furchtbaren Aussicht, sie nicht mehr zu sehen, alle Qualen vor.

Er beneidete die Pianisten um ihr Talent, die Soldaten um ihre Narben. Er wünschte sich eine gefährliche Krankheit in der Hoffnung, dadurch ihr Interesse zu wecken.

Eines wunderte ihn: daß er nicht eifersüchtig auf Arnoux war; und er konnte sie sich nicht anders als angekleidet vorstellen, – so natürlich schien ihre Schamhaftigkeit, die ihr Geschlecht in ein geheimnisvolles Dunkel hüllte.

Indessen träumte er von dem Glück, mit ihr zu leben, sie zu duzen, mit der Hand langsam über ihre Scheitel zu streichen oder, vor ihr auf der Erde kniend, den Arm um ihre Taille, ihr die Seele aus den Augen zu trinken! Dazu aber hätte er das Schicksal zwingen müssen, und unfähig, etwas zu tun, lästerte er Gott, zieh sich der Feigheit und wand sich in seinem Verlangen, wie der Gefangene in seiner Zelle. Eine beständige Angst erstickte ihn. Stundenlang saß er unbeweglich, oder er brach in Tränen aus; und eines Tages, als er nicht die Kraft hatte, sich zusammenzunehmen, fragte ihn Deslauriers:

»Himmeldonnerwetter! was hast du denn?«

[82] Frédéric schob alles auf seine Nerven. Deslauriers glaubte nicht daran. Vor einem solchen Schmerz fühlte er seine Liebe zu ihm wieder erwachen und er tröstete ihn. Ein Mann wie er sollte verzagen, welche Torheit! Das ginge noch in der Jugend hin, später aber hieße das seine Zeit verlieren.

»Du gehst mir zu Grunde, Frédéric! Sei wieder der alte! Immer dieselbe Geschichte! Früher gefielst du mir besser! Komm, rauche deine Pfeife, alter Junge! Raffe dich auf, du bringst mich zur Verzweiflung!«

»Es ist wahr,« sagte Frédéric, »ich bin ein Narr!«

Der Schreiber fuhr fort:

»Ach, du alter Troubadour, ich weiß wohl, was dich betrübt. Das Herzchen? Gestehe es! Ach was! Eine verloren, vier gewonnen! Über die tugendhaften Frauen tröstet man sich mit den anderen. Willst du, daß ich dich mit Weibern bekannt mache? Du brauchst nur in die Alhambra zu kommen.« (Es war ein kürzlich oben in den Champs-Elysées eröffnetes öffentliches Ballhaus, das durch einen für diese Art von Etablissements verfrühten Luxus schon in der zweiten Saison einging.) »Man amüsiert sich dort, wie es scheint. Laß uns hingehen! Du nimmst deine Freunde mit, wenn du willst; ich gestatte dir selbst Regimbart!«

Frédéric lud den Citoyen jedoch nicht ein. Deslauriers verzichtete auf Sénécal. Sie nahmen nur Hussonnet, de Cisy und Dussardier mit; und dieselbe Droschke setzte alle fünf an der Tür der Alhambra ab.

Zwei maurische Galerien zogen sich parallel nach rechts und links hin. Die Wand eines Hauses nahm den ganzen Hintergrund ein, und die vierte Seite (die des Restaurants) stellte ein gotisches Kloster mit bunten Scheiben dar. Eine Art chinesisches Dach schützte die Estrade, wo die Musikanten spielten; der Boden ringsum war asphaltiert, und an Pfosten hängende venetianische Laternen bildeten, von weitem gesehen, an den vier Abteilungen vielfarbige Lichtkronen. Ein Postament hier und da trug eine Steinschale, [83] aus der ein dünner Wasserstrahl emporstieg. In dem Laubwerk bemerkte man Gips-Statuen, Heben und Cupidos, ganz klebrig von Ölfarbe; und die zahlreichen Alleen, mit sehr gelbem, sorgfältig geharktem Sand bedeckt, ließen den Garten noch größer erscheinen, als er schon war.

Studenten spazierten mit ihren Mädchen; Kommis in Mode-Neuheiten spreizten sich mit einem Stöckchen zwischen den Fingern; Schüler rauchten Regalias; alte Hagestolze strichen behaglich ihre fahlen Bärte mit einem Kamm; man sah dort Engländer, Russen, Südamerikaner, drei Orientalen im Turban. Loretten, Grisetten und Mädchen waren in der Hoffnung gekommen, einen Gönner, einen Liebhaber, ein Goldstück zu finden, oder einfach um des Tanzvergnügens willen; und ihre Kleider mit wassergrünen, blauroten oder violetten Überwürfen bewegten sich, glitten zwischen Ebenholzbäumen und Fliederbüschen vorüber. Fast alle Männer trugen karierte Stoffe, einige weiße Beinkleider trotz der Frische des Abends. Die Gasflammen wurden angezündet.

Hussonnet kannte durch seine Beziehungen zu den Zeitungen und kleineren Theatern viele Damen; er warf ihnen Kußhände zu und verließ von Zeit zu Zeit seine Freunde, um mit ihnen zu plaudern.

Deslauriers wurde eifersüchtig auf dieses Gebaren. Er redete eine große, in Nanking gekleidete Blondine an. Nachdem sie ihn mit mürrischer Miene betrachtet hatte, sagte sie: »Nein, dir trau' ich nicht, mein Lieber!« und kehrte ihm den Rücken.

Er versuchte es von neuem bei einer vollen Braunen, die offenbar verrückt war, denn sie prallte beim ersten Wort zurück und drohte die Polizei zu holen, wenn er sie weiter belästigte. Deslauriers zwang sich zu lachen; dann forderte er ein junges Mädchen, das er abseits unter einer Gaslaterne sitzen sah, zu einem Kontretanz auf.

Die auf der Estrade wie Affen hockenden Musikanten kratzten und bliesen ungestüm. Der Dirigent schlug stehend in automatenhafter Weise den Takt. Man drängte, [84] amüsierte sich; aufgeknüpfte Hutbänder streiften die Krawatten; Stiefel verirrten sich unter die Röcke; alle hüpften im Takt. Deslauriers drückte das junge Mädchen an sich und bewegte sich, von dem Delirium des Cancans angesteckt, bei der Quadrille wie eine große Marionette. Cisy und Dussardier setzten ihre Promenade fort; der junge Aristokrat lorgnettierte die Mädchen, wagte aber trotz Dussardiers Ermahnungen nicht, sie anzusprechen, da er sich einbildete, daß diese Frauen immer »einen Mann mit einer Pistole bei sich im Schrank verborgen halten, der daraus hervorkommt, um einen zur Unterschrift von Wechseln zu zwingen«.

Sie gingen zu Frédéric zurück; Deslauriers wollte nicht mehr tanzen und alle fragten sich, wie sie den Abend beschließen sollten, als Hussonnet ausrief:

»Seht! die Marquise d'Amaëgui!«

Es war eine blasse Frau mit Stülpnase, bis zum Ellbogen reichenden Halbhandschuhen und langen, schwarzen Locken, die zu beiden Seiten der Wangen wie zwei Pudelohren herabhingen. Hussonnet sagte zu ihr:

»Wir möchten ein kleines Fest bei dir veranstalten, einen orientalischen Rout. Versuche, einige deiner Freundinnen für diese französischen Kavaliere aufzutreiben. Nun, was hält dich davon ab? Erwartest du deinen Hidalgo?«

Die Andalusierin senkte den Kopf, da sie die ein wenig verschwenderischen Gewohnheiten ihres Freundes kannte und fürchtete, für die Bewirtung aufkommen zu müssen. Bei dem von ihr hingeworfenen Worte Geld bot de Cisy endlich fünf Napoleons, seine ganze Börse, an; die Sache war geordnet. Aber Frédéric war nicht mehr da.

Er hatte geglaubt, die Stimme Arnoux' zu erkennen, hatte einen Frauenhut bemerkt und war schnell in das Bosket nebenbei eingetreten.

Mademoiselle Vatnaz befand sich allein mit Arnoux.

»Verzeihung! Ich störe wohl?«

»Nicht im allergeringsten!« erwiderte der Kaufmann.

Bei den ersten Worten ihrer Unterhaltung begriff Frédéric, daß er in die Alhambra geeilt war, um mit[85] Mademoiselle Vatnaz eine dringende Sache zu besprechen; und Arnoux war offenbar noch nicht ganz beruhigt, denn er sagte mit besorgter Miene zu ihr:

»Sie sind ganz sicher?«

»Ganz sicher! Sie werden geliebt! Ach! welch ein glücklicher Mann!«

Und sie schnitt ihm, ihre vollen, fast blutroten Lippen vorschiebend, ein Gesicht. Aber sie hatte wundervolle, malvenfarbige Augen mit einem Goldpunkt in den Pupillen, voll Geist, Liebe und Sinnlichkeit. Sie erhellten den etwas gelben Teint ihres mageren Gesichts wie eine Flamme. Arnoux schien Gefallen an ihren Mätzchen zu finden.

»Sie sind nett, geben Sie mir einen Kuß.«

Sie nahm ihn bei beiden Ohren und küßte ihn auf die Stirn.

In diesem Augenblick hörte der Tanz auf; und auf dem Platz des Dirigenten erschien fett und wachsbleich ein schöner junger Mann. Er trug langes, nach Christusmanier geordnetes, schwarzes Haar, eine Weste von azurblauem Samt mit goldenen Palmen und sah stolz wie ein Pfau und dumm wie ein Truthahn aus. Als er das Publikum begrüßt hatte, stimmte er ein Lied an, das von einem Dörfler handelte, der seine Reise in die Hauptstadt beschreibt; der Künstler sprach das Platt der Normandie und spielte den Betrunkenen; der Refrain:


Ah! j'ai t'y ri, j'ai t'y ri,

dans ce gueusard de Paris!


rief einen Sturm der Begeisterung hervor, und der Charaktersänger Delmas war zu schlau, sie abkühlen zu lassen. Man reichte ihm schnell eine Guitarre, und er säuselte eine Romanze mit dem Titel »der Bruder des Albanesen«. Die Worte erinnerten Frédéric an das Lied, das der zerlumpte Mensch auf dem Dampfboot gesungen hatte. Unwillkürlich hefteten seine Augen sich auf den Saum des Kleides, das vor ihm ausgebreitet lag. Nach jeder Strophe [86] kam eine lange Pause, – und das Rauschen des Windes in den Bäumen glich dem Geräusch der Wellen.

Indem sie Zweige eines Ligusterbusches auseinanderbog, die ihr die Aussicht auf die Estrade verdeckten, betrachtete Mademoiselle Vatnaz mit geblähten Nasenflügeln und zusammengezogenen Brauen unverwandt den Sänger, wie verloren in aufrichtiger Freude.

»Jetzt begreife ich, warum Sie heute abend in der Alhambra sind!« sagte Arnoux. »Delmas gefällt Ihnen, meine Liebe.«

Sie wollte es nicht eingestehen.

»Mein Gott! welche Scheu!«

Und auf Frédéric weisend:

»Ist es seinetwegen? Da tun Sie unrecht. Es gibt keinen diskreteren jungen Mann!«

Ihren Freund zu suchen, kamen die anderen in den Gartensaal. Hussonnet stellte sie vor. Arnoux reichte Zigarren herum und bewirtete die Gesellschaft mit Sorbet.

Mademoiselle Vatnaz war errötet, als sie Dussardier bemerkte. Sie erhob sich sogleich, reichte ihm die Hand und sagte:

»Sie erinnern sich meiner nicht, Monsieur Auguste?«

»Woher kennen Sie sie?« fragte Frédéric.

»Wir arbeiteten zusammen in demselben Hause!« erwiderte er.

Cisy zupfte ihn am Ärmel und sie gingen; kaum waren sie verschwunden, als Mademoiselle Vatnaz eine Lobrede auf Dussardiers Charakter begann. Sie fügte sogar hinzu, daß er das Genie des Herzens habe.

Darauf wurde von Delmas gesprochen, der als Schauspieler Erfolg auf der Bühne haben könnte; und so entspann sich eine Diskussion, in die Shakespeare, die Zensur, der Stil, das Volk, die Einnahmen von Porte-Saint-Martin, Alexandre Dumas, Victor Hugo und Dumersan hineingezogen wurden.

Arnoux hatte mehrere berühmte Schauspielerinnen gekannt, und die jungen Leute neigten sich vor, um ihm zuzuhören. [87] Aber seine Worte wurden von den Musikern erstickt; und sobald die Quadrille oder Polka beendet war, ließen sich alle an Tischen nieder, lachten und riefen nach dem Kellner. Im Gebüsch hörte man Flaschen mit Bier und Brauselimonade knallen. Frauen kreischten wie Hühner; ein paarmal wollten zwei Herren sich schlagen; ein Dieb wurde verhaftet.

Im Galopp stürmten die Tänzer durch die Alleen. Keuchend, lächelnd, mit roten Gesichtern, zogen sie in einem Wirbel vorüber, daß die Kleider und die Rockschöße flogen. Die Posaunen dröhnten stärker; der Tanz wurde immer wilder; hinter dem mittelalterlichen Kloster hörte man es prasseln; Petarden zersprangen, Sonnen drehten sich; der Schein von smaragdgrünem bengalischen Licht erhellte für eine Minute den ganzen Garten; – und bei der letzten Rakete stieg ein tiefes Seufzen aus der Menge auf.

Sie verlief sich langsam. Eine Wolke von Pulver schwebte in der Luft. Frédéric und Deslauriers gingen Schritt vor Schritt mitten durch das Gedränge, als sie plötzlich auf Martinon stießen. Er ließ sich an der Ausgabestelle der Regenschirme Geld wechseln und begleitete darauf eine häßliche Frau in den Fünfzigern, die prachtvoll gekleidet war und von problematischem sozialen Rang zu sein schien.

»Dieser Schelm«, sagte Deslauriers, »ist nicht so schüchtern, wie man annimmt. Aber wo ist denn de Cisy?«

Dussardier zeigte auf das Rauchzimmer, wo sie den Abkömmling tapferer Ritter vor einem Punschglas in Gesellschaft eines rosa Hutes erblickten.

Hussonnet, der für fünf Minuten fortgegangen war, erschien im selben Augenblick.

Ein junges Mädchen stützte sich auf seinen Arm, indem es ihn ganz laut »mein Kätzchen« nannte.

»Nicht doch!« sagte er zu ihr. »Nicht öffentlich! Nenne mich lieber Vicomte! Dabei denkt man an einen Kavalier aus der Zeit Ludwigs XIII. und an Jagdstiefel, die mir gefallen.«

[88] »Ja, meine Lieben, eine alte Flamme! Ist sie nicht nett?« Er faßte sie unters Kinn. – »Ihr Diener, meine Herren! das sind alle Söhne von Pairs von Frankreich! ich verkehre mit ihnen, damit sie mich zum Gesandten ernennen!«

»Wie ausgelassen Sie sind!« seufzte Mademoiselle Vatnaz. Sie bat Dussardier, sie bis zu ihrer Tür zu begleiten.

Arnoux sah sie sich entfernen und wandte sich dann an Frédéric:

»Gefiel Ihnen die Vatnaz? Übrigens sind Sie darin nicht aufrichtig. Ich glaube, Sie verheimlichen Ihre Liebschaften?«

Frédéric wurde bleich und beteuerte, daß er nichts zu verbergen habe.

»Es ist nur, weil man keine Geliebte von Ihnen kennt,« fuhr Arnoux fort.

Frédéric hatte Lust, irgendeinen Namen zu nennen. Aber die Sache konnte ihr wiedererzählt werden. Er erwiderte, daß er tatsächlich keine Geliebte habe.

Der Kaufmann schalt ihn dafür aus.

»Heute abend war eine gute Gelegenheit! Warum machten Sie es nicht wie die anderen, die alle eine Frau mitnahmen?«

»Nun, und Sie?« sagte Frédéric, durch diese Hartnäckigkeit ungeduldig geworden.

»Ach, ich! mein Junge! das ist etwas anderes! Ich kehre zu meiner Frau zurück.«

Er rief ein Kabriolet heran und verschwand.

Die beiden Freunde gingen zu Fuß. Ein Ostwind blies. Weder einer noch der andere sprach. Deslauriers bedauerte, nicht vor einem Zeitung-Redakteur »geglänzt« zu haben, und Frédéric gab sich seinem Schmerze hin. Schließlich sagte er, daß er den ganzen Rummel stumpfsinnig finde.

»Und wer hat Schuld? Wenn du uns nicht um deinen Arnoux im Stich gelassen hättest!«

[89] »Ach was! alles, was ich hätte tun können, wäre nutzlos gewesen!«

Aber der Schreiber hatte Theorien. Um Dinge zu erlangen, genüge es, sie nachdrücklichst zu wünschen.

»Und du selber hast doch eben ...«

»Ich mache mir nichts daraus!« entgegnete Deslauriers, der klaren Anspielung ausweichend. »Soll ich mich mit Weibern einlassen?«

Und er zog gegen ihre Ziererei, ihre Dummheiten los; kurz, sie mißfielen ihm.

»Verstelle dich doch nicht!« sagte Frédéric.

Deslauriers schwieg. Dann plötzlich sagte er:

»Willst du hundert Francs wetten, daß ich die erste, die vorübergeht, ›stelle‹?«

»Ja, angenommen!«

Als erste ging eine häßliche Bettlerin vorüber, und sie gaben die Hoffnung auf eine Gelegenheit auf, als sie mitten in der Rue de Rivoli ein großes Mädchen mit einem kleinen Karton in der Hand bemerkten.

Deslauriers sprach sie unter den Arkaden an. Sie wandte sich rasch nach der Seite der Tuilerien, bald hatte sie die Place du Caroussel erreicht und blickte nach allen Seiten. Sie lief hinter einer Droschke her, Deslauriers holte sie ein. Er ging neben ihr und sprach mit ausdrucksvollen Geberden auf sie ein. Endlich nahm sie seinen Arm, und sie gingen am Quai entlang weiter. Dann, auf der Höhe des Châtelet, spazierten sie wenigstens zwanzig Minuten auf dem Trottoir auf und ab wie zwei Seeleute, die Wache haben. Allein plötzlich überschritten sie den Pont au Change, den Blumenmarkt, den Quai Napoléon. Frédéric kam hinter ihnen her. Deslauriers gab ihm zu verstehen, daß er sie stören würde und nur ihrem Beispiel zu folgen brauche.

»Wieviel hast du noch?«

»Zwei Goldstücke und hundert Sous.«

»Das genügt! Gute Nacht!«

Frédéric war erstaunt, wie man es ist, wenn man einen [90] Spaß gelingen sieht: »Er macht sich über mich lustig,« dachte er. »Ob ich hinaufgehe?« Glaubte Deslauriers etwa, daß er ihn um diese Liebe beneide? »Als ob ich nicht eine hätte, eine, die hundertmal seltener, edler, stärker ist!« Eine Art Zorn trieb ihn vorwärts. Er langte vor der Tür von Madame Arnoux an.

Keines der äußeren Fenster gehörte zu ihrer Wohnung. Indessen blieb er stehen, die Augen auf die Fassade geheftet, – als glaube er durch diese Blicke die Mauern zu spalten. Jetzt ruhte sie ohne Zweifel still wie eine schlafende Blume mit ihrem schönen, schwarzen Haar, die Lippen halb geöffnet, das Haupt auf dem Arm, in den Spitzen ihres Kissens.

Er sah Arnoux' Kopf vor sich. Dieser Vision zu entfliehen, entfernte er sich.

Deslauriers' Rat kam ihm in Erinnerung; er fürchtete sich davor. Da wanderte er ziellos in den Straßen umher.

Kam ihm ein Fußgänger entgegen, so versuchte er seine Züge zu unterscheiden. Von Zeit zu Zeit fiel ihm ein Lichtstrahl zwischen die Beine und beschrieb einen immensen Viertelkreis am Rande der Straße; und aus dem Dunkel tauchte ein Mann mit seiner Kiepe und Laterne auf. An einigen Stellen rüttelte der Wind an dem Rohr eines Schornsteins; von fern erklangen Töne, die sich mit dem Dröhnen in seinem Kopf mischten, und er glaubte in den Lüften die vagen Klänge des Kontretanzes zu hören. In der Bewegung des Gehens hielt dieser Rausch an; er befand sich auf dem Pont de la Concorde.

Da erinnerte er sich wieder jenes Abends im vergangenen Winter, – wo er zum erstenmal von ihr gekommen war und hier hatte stehen bleiben müssen, so schnell schlug damals das Herz unter dem Bann seiner Hoffnungen. Jetzt waren sie alle tot.

Dunkle Wolken glitten über das Antlitz des Mondes. Er betrachtete sie und dachte an die Unendlichkeit des Raumes, das Elend des Lebens und seine Nichtigkeit. Der Tag erwachte, seine Zähne klapperten, und halb im Schlaf, [91] vom Nebel durchnäßt und nahe am Weinen, fragte er sich: warum nicht ein Ende machen? Nichts als eine Bewegung war nötig! Die schwere Stirn zog ihn nieder, er sah sich als Leichnam auf dem Wasser schwimmen; Frédéric beugte sich hinab. Die Brüstung war ein wenig breit, und nur seine Müdigkeit hinderte ihn, hinunterzuspringen.

Entsetzen ergriff ihn. Er ging auf die Boulevards zurück und sank auf eine Bank. Überzeugt, daß er »gebummelt« hatte, weckten ihn Polizisten.

Er schickte sich wieder an, weiterzugehen. Aber da er großen Hunger verspürte und alle Restaurants geschlossen waren, ging er in eine Kneipe in der Halle, um etwas zu essen. Darauf schlenderte er, da er es noch für zu früh hielt, bis um ein Viertel nach acht in der Umgebung des Stadthauses umher. –

Deslauriers hatte seine Schöne längst verabschiedet und schrieb am Tisch mitten im Zimmer. Gegen vier Uhr kam Cisy zu ihm.

Auf Dussardiers Veranlassung hatte er sich am vorhergehenden Abend mit einer Dame verabredet und sie sogar mit ihrem Mann im Wagen bis an die Schwelle ihres Hauses begleitet, wo sie ein Rendezvous mit ihm verabredet hatte. Er kam daher. Man kannte dort ihren Namen gar nicht.

»Was wollen Sie, daß ich dabei tue?« sagte Frédéric.

Da begann der Junker von allem möglichen zu reden; er sprach von Mademoiselle Vatnaz, der Andalusierin und all den anderen. Schließlich, nach vielen Umschweifen erklärte er den Zweck seines Besuches: im Vertrauen auf die Verschwiegenheit seines Freundes bäte er ihn, ihm in einer Sache beizustehen, in der er sich entschieden als Mann zeigen würde, und Frédéric schlug es ihm nicht ab. Er erzählte dann Deslauriers die Geschichte, ohne zu verraten, was ihn persönlich dabei betraf.

Der Schreiber fand, daß »er sich jetzt ganz gut mache«. [92] Dies Annehmen seiner Ratschläge erhöhte noch seine gute Laune.

Durch diese hatte er Mademoiselle Clémence Daviou, Goldstickerin für Militärausrüstungen, das süßeste Wesen von der Welt und schlank wie ein Schilfrohr, mit großen, immer verwunderten blauen Augen, vom ersten Tage ab bezaubert. Der Schreiber nutzte ihre Arglosigkeit so weit aus, sie glauben zu machen, er sei dekoriert; er schmückte seinen Überrock bei ihren Zusammenkünften mit einem roten Bande, versagte sich aber, es öffentlich zu tun, um seinen Vorgesetzten nicht zu demütigen, wie er sagte. Im übrigen hielt er sie sich fern, ließ sich liebkosen wie ein Pascha und nannte sie lachend »Tochter des Volkes«. Sie brachte ihm jedesmal kleine Veilchensträuße. Frédéric hätte eine solche Liebe nicht gemocht.

Wenn sie aber Arm in Arm ausgingen, um bei Barillon oder Pinson zu essen, empfand er eine seltsame Traurigkeit. Frédéric wußte ja nicht, wie sehr Deslauriers seit einem Jahre jeden Donnerstag gelitten hatte, wenn er sich die Nägel bürstete, ehe er in die Rue Choiseul zum Diner ging.

Eines Abends, als er sie eben von seinem Balkon oben hatte fortgehen sehen, gewahrte er Hussonnet von weitem auf dem Pont d'Arcole. Der Bohémien machte ihm Zeichen, herunterzukommen, und als Frédéric seine fünf Stockwerke herabkam, sagte er:

»Die Sache ist nämlich die! Am nächsten Samstag, dem 24., ist der Namenstag von Madame Arnoux.«

»Aber sie heißt doch Marie?«

»Auch Angèle, was tut das übrigens? Er wird in ihrem Landhaus in Saint-Cloud gefeiert; ich bin beauftragt, Sie davon zu benachrichtigen. Sie finden um drei Uhr ein Fuhrwerk vor der Redaktion! Also abgemacht! Verzeihung, daß ich Sie herunter bemüht habe. Aber ich habe so viele Gänge!«

Kaum hatte Frédéric sich umgewandt, als der Portier ihm einen Brief übergab:

[93] »Monsieur und Madame Dambreuse geben sich die Ehre, Monsieur F. Moreau am Sonnabend, den 24. zum Diner einzuladen. – U.A.w.g.«

»Zu spät,« dachte er.

Nichtsdestoweniger zeigte er Deslauriers den Brief.

»Ah! endlich!« rief dieser aus. »Aber du scheinst nicht zufrieden zu sein. Warum?«

Etwas zögernd sagte Frédéric, daß er für denselben Tag eine andere Einladung habe.

»Tu mir den Gefallen und bleib mir mit der Rue Choiseul vom Halse! Keine Dummheiten! Ich werde für dich antworten, wenn es dir unangenehm ist.«

Und der Schreiber schrieb in der dritten Person eine Zusage.

Da er die Welt nie anders als durch das Fieber seiner Begierden gesehen hatte, stellte er sie sich wie eine künstliche Schöpfung vor, die auf Grund mathematischer Gesetze funktionierte. Eine Einladung zum Diner, die Begegnung mit einem Staatsbeamten, das Lächeln einer hübschen Frau konnte durch eine Reihe aufeinander folgender Handlungen gigantische Folgen haben. Gewisse Pariser Salons waren für ihn wie Maschinen, die den Stoff im Rohzustand aufnehmen und ihn hundertfältig an Wert wiedergeben. Er glaubte an Kourtisanen, die Diplomaten beeinflussen, an reiche Heiraten, die durch Intriguen zustande kommen, an das Genie von Galeerensklaven, die Gefügigkeit des Schicksals unter starken Händen. Kurz, er hielt den Umgang mit den Dambreuses für so nützlich und sprach so gut, daß Frédéric nicht mehr wußte, wozu er sich entschließen sollte.

Da es der Namenstag von Madame Arnoux war, konnte er nicht unterlassen, ihr ein Geschenk zu machen; er dachte natürlich an einen Sonnenschirm, um seine Ungeschicklichkeit wieder gut zu machen. Er entdeckte auch einen Knick-Schirm von taubengrauer Seide mit einem kleinen chinesischen Griff von geschnitztem Elfenbein. Aber er kostete fünfundsiebzig Francs, und er hatte nicht einen Sou, lebte schon auf Kredit des nächsten Quartals. Allein er wollte [94] ihn haben, ihm lag daran, und wenn auch widerwillig nahm er seine Zuflucht zu Deslauriers.

Deslauriers erwiderte ihm, daß er kein Geld habe.

»Aber ich brauche es,« sagte Frédéric, »brauche es sehr notwendig!«

Als der andere dieselbe Entschuldigung mehrmals wiederholt hatte, wurde er hitzig:

»Du könntest wohl bisweilen ...«

»Was denn?«

»Nichts!«

Der Schreiber hatte verstanden. Er nahm von seinen Ersparnissen die gewünschte Summe und sagte, als er Stück für Stück hinlegte:

»Ich verlange keine Quittung von dir, da ich auf deine Kosten lebe!«

Frédéric warf sich ihm mit tausend zärtlichen Einwendungen in die Arme, aber Deslauriers blieb kalt. Dann, als er am nächsten Morgen den Schirm auf dem Piano bemerkte, sagte er:

»Ach so! Also war es dafür!«

»Ich schicke ihn vielleicht hin,« sagte Frédéric feige.

Der Zufall half ihm, denn er erhielt abends einen schwarz geränderten Brief, in dem Madame Dambreuse ihm den Verlust eines Oheims anzeigte und sich entschuldigte, das Vergnügen, seine Bekanntschaft zu machen, auf später hinausschieben zu müssen.

Er kam gegen zwei Uhr in das Bureau der Redaktion. Anstatt ihn zu erwarten, um ihn in seinem Wagen mitzunehmen, war Arnoux, der dem Bedürfnis nach frischer Luft nicht widerstehen konnte, schon am Tage vorher hinausgefahren.

Jedes Jahr im ersten Grün brach er, mehrere Tage hintereinander, morgens auf, machte weite Wege durch die Felder, trank auf den Pachthöfen Milch, tändelte mit den Bäuerinnen, erkundigte sich nach den Ernten und brachte in seinem Taschentuch Salatköpfe mit nach Haus. Schließlich [95] hatte er sich, um einen alten Traum zu verwirklichen, ein Landhaus gekauft.

Während Frédéric mit dem Kommis sprach, kam Mademoiselle Vatnaz dazu und war enttäuscht, Arnoux nicht zu treffen. Er würde vielleicht noch zwei Tage fortbleiben. Der Kommis riet ihr, »dorthin« zu fahren, aber sie konnte nicht; oder einen Brief zu schreiben; doch sie hatte Furcht, der Brief könne verloren gehen. Frédéric bot sich an, ihn selbst mitzunehmen. Sie schrieb ihn schnell und beschwor Frédéric, ihn ohne Zeugen abzugeben.

Vierzig Minuten später landete er in Saint-Cloud.

Das Haus lag hundert Schritt hinter der Brücke, auf halber Höhe des Hügels. Die Gartenmauern waren durch zwei Reihen Linden verdeckt, und ein breiter Grasplatz führte bis zum Ufer des Flusses hinunter. Die Gittertür stand offen, Frédéric trat ein.

Arnoux spielte auf dem Rasen ausgestreckt mit einem Wurf kleiner Kätzchen. Diese Zerstreuung schien ihn unendlich zu fesseln. Der Brief von Mademoiselle Vatnaz riß ihn aus seiner Versunkenheit.

»Zum Teufel! den Teufel auch! das ist fatal! Ja, sie hat recht. Ich muß zurück!«

Dann, nachdem er das Schreiben in seine Tasche geschoben hatte, machte er sich das Vergnügen, sein Besitztum zu zeigen. Er zeigte alles, den Stall, den Wagenschuppen, die Küche. Der Salon lag rechts und ging auf der Seite von Paris auf einen von Klematis überrankten Gitter-Vorbau. Von oben, über ihrem Kopfe ertönte ein Triller: Madame Arnoux, die sich allein glaubte, vertrieb sich die Zeit mit Singen. Sie sang Tonleitern, Koloraturen, Glissandi. Lange Töne schienen sich schwebend zu halten, andere fielen, sich überstürzend, wie Tropfen einer Kaskade, und ihre Stimme drang durch die Jalousie, unterbrach die tiefe Stille und stieg zum blauen Himmel empor.

Als Monsieur und Madame Oudry, zwei Nachbarn, sich einfanden, hörte sie plötzlich auf.

Darauf erschien sie oben auf der Freitreppe, und als [96] sie die Stufen hinabschritt, sah er ihren Fuß. Sie trug kleine, niedrige Schuhe aus goldkäferfarbigem Leder mit drei Querspangen, die ein Goldgitterwerk auf ihre Strümpfe zeichneten.

Die Geladenen langten an. Außer Monsieur Lefaucheur, dem Advokaten, waren es die Donnerstag-Gäste. Jeder hatte ein Geschenk mitgebracht. Dittmer eine syrische Schärpe, Rosenwald ein Romanzen-Album, Burrieu ein Aquarell, Sombaz seine eigene Karikatur und Pellerin eine Kohlezeichnung, die eine Art Totentanz darstellte, eine schauderhafte Phantasie in mittelmäßiger Ausführung. Hussonnet hatte kein Geschenk für sie.

Frédéric wartete, um das seine zuletzt anzubieten.

Sie dankte ihm erfreut darüber. Darauf sagte er:

»Aber ... es ist fast eine Schuld! Ich war so ärgerlich.«

»Worüber denn?« fragte sie. »Ich verstehe nicht!«

»Zu Tisch!« rief Arnoux, ihn beim Arm fassend, wobei er ihm ins Ohr flüsterte: »Sie sind sehr boshaft!«

Nichts konnte hübscher sein als der Speisesaal, der in seegrüner Farbe gehalten war. An dem einen Ende tauchte eine Nymphe ihre Zehe in ein muschelförmiges Bassin. Durch die geöffneten Fenster sah man den ganzen Garten und den langen Rasenplatz mit einer alten, zum größten Teil kahlen schottischen Kiefer daneben und von ungleichen Blumenbeeten unterbrochen. Und drüben, jenseits des Flusses, dehnte sich in einem weiten Halbkreis das Bois de Boulogne, Neuilly, Sèvres, Meudon. Gegenüber vor dem Gitter lavierte ein Segelboot.

Man sprach zuerst von der Aussicht, die man hier hatte, darauf von der Landschaft im allgemeinen; und die Diskussionen begannen, als Arnoux seinem Diener den Auftrag gab, den Wagen gegen einhalb zehn Uhr anzuspannen. Ein Brief seines Kassierers riefe ihn zurück.

»Willst du, daß ich mit dir zurückkehre?« sagte Madame Arnoux.

»Aber gewiß!« und mit einer tiefen Verbeugung fügte [97] er hinzu: »Sie wissen, Madame, daß man ohne Sie nicht leben kann.«

Alle beglückwünschten sie zu einem solchen Manne.

»Ach, das gilt nicht mir allein!« erwiderte sie sanft, auf ihr Töchterchen weisend.

Dann, als die Unterhaltung auf die Malerei gekommen war, wurde von einem Ruysdaël gesprochen, für den Arnoux eine beträchtliche Summe zu erhalten erwartete; und Pellerin fragte ihn, ob es wahr sei, daß der berühmte Saul Mathias aus London ihm im vorigen Monat dreiundzwanzigtausend Francs dafür geboten habe.

»Nichts ist wahrer!« und zu Frédéric gewendet: »Das ist derselbe Herr, den ich neulich in der Alhambra umherführte, wider meinen Willen, versichere ich Sie, denn diese Engländer sind nicht amüsant.«

Frédéric, der in dem Brief von Mademoiselle Vatnaz eine Weibergeschichte argwöhnte, hatte die Gewandtheit bewundert, mit der Arnoux einen schicklichen Vorwand gefunden, um sich aus dem Staube zu machen; aber seine neue, absolut überflüssige Lüge öffnete ihm die Augen.

Der Kaufmann fügte unbefangen hinzu:

»Wie heißt doch dieser große junge Mann, Ihr Freund?«

»Deslauriers,« sagte Frédéric lebhaft.

Und um das Unrecht wieder gut zu machen, dessen er sich ihm gegenüber schuldig fühlte, rühmte er ihn wie ein höheres Wesen.

»Ach! wirklich? Aber er scheint nicht ein so guter Kerl zu sein wie der andere, der Kommis aus dem Fuhrgeschäft.«

Frédéric verwünschte Dussardier. Sie mußte glauben, daß er mit gewöhnlichen Leuten umgehe.

Darauf war die Rede von Verschönerungen der Hauptstadt, von neuen Stadtteilen, und der gute Oudry nannte Monsieur Dambreuse unter den großen Spekulanten.

Frédéric ergriff die Gelegenheit, sich zur Geltung zu bringen und sagte, daß er ihn kenne. Aber Pellerin fiel in einer stürmischen Rede über die Krämer her, Kerzenhändler [98] oder Geldwechsler, er sah darin keinen Unterschied. Rosenwald und Burrieu unterhielten sich über Porzellan; Arnoux sprach über Gärtnerei mit Madame Oudry; Sombaz, ein Spaßmacher der alten Schule, belustigte sich damit, ihren Gatten aufzuziehen; er nannte ihn Odry, nach dem Schauspieler, erklärte, daß er von d'Oudry, dem Hundemaler, abstammen müsse, denn der Tierhöcker sei auf seiner Stirn sichtbar. Er wollte sogar seinen Schädel betasten, allein der andere weigerte sich wegen seiner Perücke und das Dessert endete unter lautem Lachen.

Nachdem man unter den Linden rauchend den Kaffee getrunken sowie einige Rundgänge im Garten ge macht hatte, wurde ein Spaziergang den Fluß entlang unternommen.

Die Gesellschaft blieb vor einem Fischer stehen, der in einem Fischkasten Aale reinigte. Die kleine Marthe wollte sie sehen. Er leerte seinen Kasten auf den Rasen, und das kleine Mädchen warf sich auf die Knie, um sie zu fangen, lachte vor Vergnügen und schrie zugleich vor Schreck. Sie waren alle fort, Arnoux bezahlte sie.

Dann hatte er die Idee, eine Bootfahrt zu machen.

Eine Seite des Horizonts begann zu verblassen, während sich auf der andern eine tiefe Orange-Farbe weit über den Himmel verbreitete, die sich über den völlig schwarz gewordenen Gipfeln der Hügel mehr purpurn rötete. Madame Arnoux saß mit diesem Feuerschein hinter sich auf einem großen Stein. Die anderen schlenderten umher. Hussonnet warf unten am Ufer Kiesel flach über das Wasser.

Arnoux kam mit einer alten Schaluppe zurück, und trotz aller Vorstellungen der Vorsichtigen packte er seine Gäste hinein. Sie kenterte und es mußte gelandet werden.

In dem dunkelblau tapezierten Salon mit Kristall-Armleuchtern an den Wänden brannten schon alle Kerzen. Mutter Oudry schlummerte sanft in einem Fauteuil, und die anderen hörten Monsieur Lefaucheur zu, der sich über die Zierden der Advokatur ausließ. Madame Arnoux stand allein am Fenster; Frédéric trat zu ihr.

[99] Sie plauderten über allerlei. Sie bewunderte die Redner; er aber zog den Ruhm der Schriftsteller vor. Man müßte, fuhr sie fort, einen viel stärkeren Genuß empfinden, selbst direkt Einfluß auf die Menge auszuüben und die Gefühle der eignen Seele auf sie übertragen zu können. Diese Triumphe lockten Frédéric nicht, der gar keinen Ehrgeiz besaß.

»Ach! warum?« sagte sie. »Man muß ein wenig ehrgeizig sein!«

Sie standen dicht nebeneinander in der Fensternische. Die Nacht vor ihnen spannte sich wie ein ungeheurer, silbergewirkter, dunkler Schleier. Zum erstenmal sprachen sie nicht von nichtssagenden Dingen. Er lernte sogar ihre Antipathie und ihren Geschmack kennen: gewisse Parfüms widerten sie an, Bücher über Geschichte interessierten sie, sie glaubte an Träume.

Er berührte das Kapitel der sentimentalen Abenteuer. Sie beklagte das Unheil der Leidenschaft, war aber empört über schmachvolle Heuchelei. Und diese Geradheit des Geistes stimmte so gut mit der regelmäßigen Schönheit ihres Antlitzes überein, daß sie davon abhängig schien.

Zuweilen lächelte sie, indem sie ihre Augen eine Minute auf ihm weilen ließ. Dann fühlte er ihre Blicke seine Seele durchdringen wie jene starken Sonnenstrahlen, die bis auf den Grund des Wassers hinabtauchen. Er liebte sie ohne Hintergedanken, ohne Hoffnung auf Gegenliebe, unumschränkt; und in dieser stummen Verzückung, die einer lebhaften Dankbarkeit glich, hätte er ihre Stirn mit einer Flut von Küssen bedecken mögen.

Allein eine innere Regung hob ihn über sich selbst hinaus; es war ein Verlangen, sich zu opfern, ein Bedürfnis unmittelbarer Hingabe, die um so stärker war, als er es nicht stillen konnte.

Er ging nicht mit den anderen fort, Hussonnet ebenfalls nicht. Sie sollten mit dem Wagen zurückkehren, und als dieser am Fuß der Freitreppe wartete, ging Arnoux in den Garten hinunter, um Rosen zu pflücken. Dann, nachdem [100] er den Strauß, aus dem die Stiele ungleich hervorragten, mit einem Faden umwunden hatte, suchte er in seiner mit Papieren gefüllten Tasche, nahm aufs Geratewohl eins heraus, umhüllte sie damit, befestigte sein Werk mit einer starken Nadel und bot es seiner Frau mit einer gewissen Gerührtheit an.

»Nimm, meine Liebe, verzeih', daß ich dich vergessen habe!«

Aber sie stieß einen kleinen Schrei aus; die Nadel, ungeschickt hineingesteckt, hatte sie verwundet, und sie ging in ihr Zimmer hinauf. Es wurde fast eine Viertelstunde auf sie gewartet. Endlich erschien sie wieder, hob Marthe in die Höhe und stieg rasch in den Wagen.

»Und dein Strauß?« sagte Arnoux.

»Ach, es lohnt der Mühe nicht!«

Frédéric lief, um ihn zu holen; sie rief ihm zu:

»Ich will es nicht!«

Aber er brachte ihn doch und sagte, daß er ihn eben wieder in die Hülle getan hätte, da er die Blumen auf der Erde gefunden. Sie steckte sie unter die Lederschutzdecke an dem Sitz, und sie fuhren ab.

Frédéric, der neben ihr saß, bemerkte, daß sie furchtbar zitterte. Dann, als sie die Brücke passiert hatten und Arnoux nach links wendete, rief sie:

»Nicht doch! du irrst dich! dorthin, rechts!«

Sie schien gereizt; alles störte sie. Schließlich, als Marthe die Augen geschlossen hatte, zog sie den Strauß heraus und schleuderte ihn über den Wagenschlag hinaus, faßte darauf Frédéric am Arm und machte ihm dabei ein Zeichen mit der andern Hand, niemals davon zu sprechen.

Darauf drückte sie ihr Taschentuch an die Lippen und regte sich nicht mehr.

Die beiden anderen auf dem Bock unterhielten sich über Druckereien und Abonnenten. Arnoux, der unaufmerksam kutschierte, verirrte sich mitten im Bois de Boulogne. Da mußten sie Nebenwege einschlagen. Das Pferd ging im [101] Schritt; die Zweige der Bäume streiften das Verdeck. Frédéric sah in der Dunkelheit nichts von Madame Arnoux als die beiden Augen; Marthe lag ausgestreckt auf ihren Knien, und er stützte ihr den Kopf.

»Sie belästigt Sie!« sagte die Mutter.

Er erwiderte:

»Nein! O nein!«

Langsam wirbelte der Staub auf; sie kamen durch Auteuil; alle Häuser waren geschlossen; hier und dort erhellte eine Gaslaterne einen Mauerwinkel, dann tauchte man wieder in die Finsternis; einmal bemerkte er, daß sie weinte.

Waren das Gewissensbisse? ein Wunsch? was mochte es sein? Dieser Kummer, den er nicht kannte, interessierte ihn wie etwas, das ihn persönlich betraf; jetzt gab es zwischen ihnen ein neues Band, eine Art Mitschuld; und er sagte mit einer so liebevollen Stimme, wie er konnte:

»Sie leiden?«

»Ja, ein wenig,« erwiderte sie.

Der Wagen rollte weiter, und Geißblatt und Jasmin fluteten über die Gartenzäune und entsandten erschlaffende Düfte in die Nacht. Die zahlreichen Falten ihres Kleides bedeckten seine Füße. Und er fühlte sich mit ihrer ganzen Person im Zusammenhang, weil das Kind zwischen ihnen ausgestreckt lag. Er beugte sich zu dem kleinen Mädchen hinab, und indem er seine hübschen braunen Haare zur Seite schob, küßte er es sanft auf die Stirn.

»Sie sind gut,« sagte Madame Arnoux.

»Warum?«

»Weil Sie Kinder lieben.«

»Nicht alle!«

Er fügte nichts hinzu, streckte aber weitgeöffnet die linke Hand nach ihrer Seite hin aus, – indem er sich einbildete, sie würde es vielleicht machen wie er, und ihre Hand würde die seine berühren. Dann schämte er sich und zog sie wieder zurück.

Bald kamen sie auf die Straße. Der Wagen fuhr[102] schneller, man sah mehr Gaslaternen, es war Paris. Vor dem »Gardes-Meubles« sprang Hussonnet vom Bock herunter. Frédéric wartete mit dem Aussteigen bis sie auf dem Hof waren; dann stellte er sich an der Ecke der Rue Choiseul auf die Lauer und sah Arnoux langsam auf die Boulevards zugehen. –

Vom nächsten Tage an begann er mit aller Kraft zu arbeiten.

Er sah sich vor einem Schwurgericht, an einem Winterabend, am Schluß der Plaidoyers, wo die Geschworenen bleich sind und die atemlose Menge die Schranken im Gerichtssaal einzudrücken droht, sah sich schon seit vier Stunden sprechen, alle seine Beweise kurz zusammenfassen, neue entdecken, und fühlte bei jeder Frage, bei jedem Wort, jeder Geste das hinter ihm schwebende Fallbeil der Guillotine sich heben; dann sah er sich auf der Tribüne in der Kammer als Redner, an dessen Lippen das Heil eines ganzen Volkes hängt, der seine Gegner durch seine zündende Rede überwältigt, mit einer schnellen Antwort, mit dröhnenden Worten oder wohltuendem Klang in der Stimme vernichtet, ironisch, pathetisch, hingerissen, erhaben; und sie würde da sein, irgendwo, mitten unter den anderen, würde die Tränen der Begeisterung unter ihrem Schleier verbergen; dann würden sie sich wiederfinden; – und die Entmutigungen, die Verleumdungen und Beleidigungen würden ihm nichts anhaben, wenn sie ihm mit ihren sanften Händen über die Stirn striche und sagte: »Ah! das war schön!«

Diese Bilder strahlten wie Leitsterne am Horizonte seines Lebens. So angefeuert wurde sein Geist viel freier und stärker. Bis zum August schloß er sich ein und wurde dann zu seinem letzten Examen zugelassen.

Deslauriers, den es soviel Mühe gekostet hatte, ihm Ende Dezember nochmals das zweite und Ende Februar das dritte einzupauken, überraschte sein Eifer. Nun erwachten die alten Hoffnungen wieder. In zehn Jahren würde Frédéric Deputierter sein; in fünfzehn Minister; [103] warum nicht? Mit seinem Erbteil, das ihm bald zur Verfügung stehen würde, konnte er zuerst ein Blatt gründen, als Debut; dann würde man weiter sehen. Was ihn selbst anbetraf, so strebte er immer noch nach einer Professur an der juristischen Fakultät; und er verfocht seine These für das Doktorat in so bemerkenswerter Weise, daß es ihm Komplimente von den Professoren eintrug.

Frédéric machte sein Examen drei Tage später. Ehe er zu den Ferien abreiste, wollte er zum Abschluß der Sonnabend-Vereinigungen ein Picknick veranstalten.

Er war in heiterer Stimmung. Madame Arnoux war jetzt bei ihrer Mutter in Chartres. Aber bald würde er sie wiedersehen und schließlich ihr Geliebter werden.

Deslauriers, der am selben Tage zum Diskutierklub d'Orsay zugelassen worden war, hatte mit vielem Beifall eine Rede gehalten. Obwohl er mäßig war, berauschte er sich und sagte beim Dessert zu Dussardier:

»Du bist ehrlich! Wenn ich reich werde, setze ich dich als Verwalter ein.«

Alle waren glücklich. Cisy wollte sein Rechtsstudium nicht beenden; Martinon seine kommissarische Anstellung in der Provinz beibehalten, wo er zum Substituten ernannt werden sollte; Pellerin arbeitete an einem großen Bilde, »der Geist der Revolution«; Hussonnet sollte dem Direktor der Déclassements den Entwurf zu einem Stück vorlesen, an dessen Erfolg er nicht zweifelte.

»Denn die Bühnengewandtheit des Dramas gesteht man mir zu, Leidenschaften, ich habe mich genug herumgetrieben, um mich darauf zu verstehen, und was den Witz anbetrifft, so ist das mein Metier!«

Er machte einen Sprung, fiel auf beide Hände zurück und marschierte eine Weile mit den Beinen in der Luft um den Tisch herum.

Aber dieser Jungenstreich heiterte Sénécal nicht auf. Er sollte aus seiner Pension verjagt werden, weil er den Sohn eines Aristokraten geschlagen hatte. Da seine Not sich noch verschlimmerte, griff er die soziale Ordnung an, [104] er schmähte die Reichen und schüttete Regimbart, der immer mehr enttäuscht, verbittert, angewidert war, sein Herz aus. Der Citoyen kam jetzt auf Budgetfragen zu sprechen und beschuldigte die Kamarilla, Millionen in Algier zu vergeuden.

Da er nicht schlafen konnte, ohne die Wirtschaft Alexandre aufgesucht zu haben, verschwand er gegen elf Uhr. Die übrigen gingen später, und Frédéric erfuhr, als er sich von Hussonnet verabschiedete, daß Madame Arnoux am vorhergehenden Abend hatte zurückkehren sollen.

Er ging daher zur Post, um seinen Platz für den nächsten Tag einzutauschen, und begab sich zu ihr. Der Hausmeister teilte ihm mit, daß ihre Rückkehr um acht Tage verschoben sei. Frédéric aß allein und schlenderte auf den Boulevards umher.

Rosige Wolken in Gestalt von breiten Bändern dehnten sich über den Dächern; die Sonnenzelte vor den Läden wurden in die Höhe gezogen; Sprengwagen schütteten einen Regen auf den Staub, und eine unerwartete Frische mischte sich mit den Ausdünstungen der Cafés, durch deren offene Türen man zwischen Silbergerät und Vergoldungen Blumensträuße sah, die sich in den hohen Scheiben widerspiegelten. Die Menge schob sich langsam vorwärts, Gruppen von Männern standen plaudernd mitten auf dem Trottoir; und Frauen gingen vorüber mit einer Mattigkeit in den Augen und jenem Kamelien-Teint, den erschlaffende große Leidenschaften weiblichem Fleische verleihen. Etwas Unfaßbares lag über allem, hüllte die Häuser ein. Niemals war ihm Paris so schön erschienen. Er sah in der Zukunft nichts als eine unendliche Reihe von Jahren der Liebe.

Vor dem Theater Porte Saint-Martin blieb er stehen, um die Zettel zu lesen, und nahm aus Langeweile ein Billet.

Es wurde eine alte Zauberposse gegeben. Die Zuschauer waren nur spärlich, und durch die Dachfenster des Olymps fiel das Licht in kleinen, blauen Vierecken, während [105] die Lampen an der Rampe eine einzige Linie von gelben Flammen bildeten. Die Bühne stellte einen Sklavenmarkt zu Peking dar, mit Glockenspiel, Tamtam, Sultanen, spitzen Hüten und Spaßvögeln. Dann, als der Vorhang gefallen war, irrte er einsam in den Foyers umher und bewunderte auf dem Boulevard, am Fuß der Freitreppe, einen grünen Landauer mit zwei Schimmeln davor, die ein Kutscher in Kniehosen hielt.

Als er wieder auf seinem Platz anlangte, traten ein Herr und eine Dame in die Proszeniumsloge des ersten Ranges. Der Mann, von jenem eisigen Aussehen, das den Diplomaten kennzeichnen soll, mit der Rosette der Offiziere der Ehrenlegion, hatte ein blasses, von einem grauen Bart umrahmtes Gesicht.

Seine Frau, die mindestens zwanzig Jahre jünger, weder groß noch klein, weder häßlich noch hübsch war, trug ihr blondes Haar auf englische Art in langen, gedrehten Locken, ein Kleid mit glatter Taille und einen großen, schwarzen Spitzenfächer. Wenn Leute dieser Kreise zu dieser Jahreszeit das Schauspiel besuchten, mußte man annehmen, daß ein Zufall oder die Unlust, ihren Abend im Tête-â-tête zu verbringen, sie dazu veranlaßte. Die Dame nagte an ihrem Fächer und der Mann gähnte. Frédéric konnte sich nicht erinnern, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte.

Im nächsten Zwischenakt, als er einen Gang durchschritt, begegnete er den beiden; bei seinem flüchtigen Gruß erkannte ihn Monsieur Dambreuse, sprach ihn an und entschuldigte sich wegen seiner unverzeihlichen Nachlässigkeit. Das war eine Anspielung auf die zahlreichen Visitenkarten, die er auf den Rat des Schreibers geschickt hatte. Jedoch verrechnete er sich in der Zeit und glaubte, Frédéric stehe erst im zweiten Jahr seines Rechtsstudiums. Er beneidete ihn um seine Reise aufs Land. Auch er habe das Bedürfnis nach Ruhe, aber die Geschäfte hielten ihn in Paris zurück.

Madame Dambreuse neigte, auf seinen Arm gestützt, leicht das Haupt; und die geistvolle Anmut ihres Gesichts [106] stimmte gar nicht mit dem vorher so mürrischen Ausdruck darin überein.

»Man findet hier doch angenehme Zerstreuungen,« sagte sie bei den letzten Worten ihres Gatten. »Wie dumm dieses Stück ist, nicht wahr?« Und alle drei blieben stehen, und sprachen über Theater und neue Stücke.

Frédéric, der an das Gebaren der Provinzdamen gewöhnt war, hatte noch bei keiner Frau eine solche Gewandtheit der Manieren, diese Einfachheit gesehen, die ein Raffinement ist, das naive Leute für den Ausdruck augenblicklicher Sympathie nehmen.

Sie rechneten nach seiner Rückkehr auf ihn; Monsieur Dambreuse trug ihm Grüße für Vater Roque auf. Zu Haus verfehlte Frédéric nicht, Deslauriers von dieser Aufnahme zu erzählen.

»Famos!« erwiderte der Schreiber, »aber laß dich von deiner Mama nicht einschüchtern. Komm sofort zurück.«

Am Morgen nach seiner Ankunft, nach dem Frühstück, führte Madame Moreau ihren Sohn in den Garten.

Sie pries sich glücklich, ihn in einem Beruf zu sehen, denn sie waren nicht so reich wie man annahm; der Boden hatte wenig Ertrag, die Pächter zahlten schlecht; sie war sogar gezwungen, ihren Wagen zu verkaufen. Kurz, sie schilderte ihm ihre Lage. In den ersten Verlegenheiten ihres Witwentums hatte Monsieur Roque, der sehr verschlagen war, ihr Gelddarlehen gewährt, die wider ihren Willen erneuert und prolongiert wurden. Plötzlich war er gekommen, sie zurückzufordern, und sie war auf seine Bedingungen eingegangen, indem sie ihm das Gut Presles zu einem Spottpreise abtrat. Zehn Jahre später sei ihr Kapital bei dem Bankrott eines Bankhauses in Melun verloren gegangen. Als Vater Roque sich von neuem meldete, hatte sie aus Furcht vor Hypotheken und wegen der Zukunft ihres Sohnes den nützlichen äußeren Schein zu wahren, nochmals auf ihn gehört. Doch jetzt wäre sie schuldenfrei und es blieben ihnen etwa zehntausend Francs [107] Rente, wovon zweitausenddreihundert als sein Erbteil ihm gehörten.

»Das ist nicht möglich!« rief Frédéric.

Sie machte eine Kopfbewegung, die andeutete, daß es sehr möglich sei.

Aber sein Oheim würde ihm doch etwas hinterlassen?

Noch war nichts sicher.

Und schweigend machten sie einen Gang durch den Garten. Dann zog sie ihn an ihr Herz und sagte mit tränenerstickter Stimme:

»Ach, mein armer Junge! Ich habe viele Träume aufgeben müssen!«

Er setzte sich auf die Bank im Schatten einer hohen Akazie.

Sie riet ihm, Gehilfe des Anwalts Monsieur Prouharam zu werden, der ihm seine Praxis übergeben würde; wenn er sie dann recht in die Höhe brächte, könnte er sie wieder verkaufen und eine gute Partie machen.

Frédéric hörte nicht mehr zu. Mechanisch blickte er über die Hecke in den andern Garten gegenüber.

Ein kleines rothaariges Mädchen von etwa zwölf Jahren befand sich ganz allein darin. Es hatte sich Ohrringe von Ebereschenbeeren gemacht, sein Leibchen von grauer Leinwand ließ die von der Sonne leise goldig gebräunten Schultern frei, das weiße Röckchen hatte Obstflecke; und über der ganzen Gestalt lag die Anmut eines jungen, wilden, nervösen und zugleich zarten Tieres. Die Gegenwart eines Unbekannten überraschte es offenbar, denn es war mit seiner Gießkanne in der Hand plötzlich stehen geblieben und heftete seine hellen, grünlichblauen Augäpfel auf ihn.

»Das ist die Tochter von Monsieur Roque,« sagte Madame Moreau. »Er hat seine Haushälterin geheiratet und sein Kind anerkannt.«

[108] 6.

Ruiniert, mittellos, verloren!

Wie von einem Schlag betäubt, war er auf der Bank sitzen geblieben. Er fluchte dem Schicksal, hätte jemand schlagen mögen; und seine Verzweiflung steigerte sich noch dadurch, daß er eine Art Schmach, eine Entehrung auf sich lasten fühlte; – denn Frédéric hatte angenommen, daß sein väterliches Vermögen eines Tages bis zu fünfzehntausend Francs Zinsen anwachsen würde, und es Arnoux in indirekter Weise zu verstehen gegeben. Er würde als Prahler, als Betrüger, als ein elender Lump angesehen, der sich in der Hoffnung auf irgend welchen Nutzen bei ihnen eingeführt hatte! Und sie, Madame Arnoux, wie konnte er sie jetzt wiedersehen?

Das war übrigens, da er nur dreitausend Francs Rente hatte, vollkommen unmöglich! Er konnte nicht immer im vierten Stock wohnen, sich vom Hausmeister bedienen lassen, sich in armseligen, schwarzen, an den Spitzen bläulichen Handschuhen, einem fettigen Hut, und das ganze Jahr hindurch in demselben Überrock zeigen. Nein, nein! niemals! Allein ohne sie war das Dasein unerträglich. Es lebten doch viele, ohne Vermögen zu haben, Deslauriers unter anderen; – er nannte sich feige, untergeordneten Dingen eine solche Wichtigkeit beizulegen. Vielleicht verhundertfachte das Elend seine Fähigkeiten. Er begeisterte sich bei dem Gedanken an große Männer, die in Dachstuben arbeiteten. Eine Seele wie die der Madame Arnoux mußte bei diesem Anblick bewegt werden, und sie würde gerührt sein. So war diese Katastrophe schließlich sein Glück; wie jene Erdbeben, die Schätze enthüllen, hatte sie ihm den verborgenen Reichtum seiner Natur entdeckt. Aber es gab in der Welt nur einen einzigen Ort, ihn zur Geltung zu bringen: Paris! Denn seiner Meinung nach konnten die Kunst, die Wissenschaft und die Liebe (diese drei Antlitze Gottes, wie Pellerin einmal gesagt hatte) nur in der Hauptstadt allein gedeihen.

[109] An demselben Abend erklärte er seiner Mutter, daß er dahin zurückkehren werde. Madame Moreau war überrascht. Er täte besser, ihrem Rat zu folgen, das heißt, in ihrer Nähe eine Stellung anzunehmen. Frédéric zuckte die Achseln: »Genug davon!« Er fühlte sich durch diesen Vorschlag beleidigt.

Da wandte die gute Dame eine andere Methode an. Mit zärtlicher Stimme und leisen Seufzern begann sie von ihrer Einsamkeit zu sprechen, von ihrem Alter, den Opfern, die sie gebracht. Jetzt, wo sie so unglücklich wäre, verließe er sie. Dann spielte sie auf ihr nahes Ende an.

»Mein Gott, ein wenig Geduld nur! bald wirst du frei sein!«

Diese Lamentationen wiederholten sich drei Monate lang zwanzigmal des Tages; und gleichzeitig verwöhnten ihn die Annehmlichkeiten der Häuslichkeit. Er genoß es, ein weicheres Bett und Handtücher ohne Risse zu haben, so daß er sich, mürbe gemacht, entnervt und durch die schreckliche Macht der Güte besiegt, eines Tages zu Herrn Prouharam führen ließ.

Er zeigte dort weder Wissen noch besondere Fähigkeiten. Man hatte ihn bis dahin für einen hochbegabten jungen Mann gehalten, der die Zierde des Departements werden würde. Es war eine allgemeine Enttäuschung.

Anfangs hatte er sich gesagt: »Madame Arnoux muß benachrichtigt werden,« und eine Woche lang hatte er über dithyrambischen Briefen, kurzen Billets in erhabenem Lapidarstil gegrübelt. Die Scheu, seine Lage einzugestehen, hielt ihn zurück. Dann dachte er, es sei besser, an ihren Mann zu schreiben. Arnoux kannte das Leben und würde verstehen. Schließlich, nach vierzehntägigem Zaudern sagte er sich:

»Ach was! ich darf sie ja nicht wiedersehen; mögen sie mich vergessen! Wenigstens werde ich in ihrer Erinnerung nicht gesunken sein. Sie wird mich tot glauben, mich bedauern ... vielleicht.«

Da übertriebene Entschlüsse ihn wenig kosteten, hatte [110] er sich geschworen, niemals nach Paris zurückzukehren, selbst sich nie nach Madame Arnoux zu erkundigen.

Allein er vermißte es bis auf den Gasgeruch und den Lärm der Omnibusse. Er träumte von jedem Wort, das sie zu ihm gesprochen, von dem Klang ihrer Stimme, dem Glanz ihrer Augen, – und da er sich als ein Toter vorkam, tat er nichts mehr, absolut nichts.

Er stand sehr spät auf und blickte durch sein Fenster auf die Gespanne der Fuhrleute, die vorüberkamen. Besonders die ersten sechs Monate waren fürchterlich.

An gewissen Tagen aber überkam ihn eine Entrüstung über sich selber. Dann ging er aus. Er wanderte über die Wiesen, die während des Winters durch den Übertritt der Seine bis zur Hälfte überschwemmt sind. Pappelreihen unterbrechen sie. Hier und dort erhebt sich eine kleine Brücke. Er strich bis zum Abend umher, schritt über gelbe Blätter, atmete den Nebel ein und sprang über Gräben; je nachdem es stärker in seinen Adern pochte, riß ihn der rasende Wunsch zu handeln mit sich fort; er wollte Trapper in Amerika werden, in den Dienst eines Pascha im Orient treten, sich als Matrose einschiffen; und er machte seiner Melancholie in langen Briefen an Deslauriers Luft.

Dieser mühte sich, vorwärts zu kommen. Die Trägheit seines Freundes und seine ewigen Jeremiaden schienen ihm albern. Ihre Korrespondenz hörte bald ganz auf; Frédéric hatte Deslauriers, der seine Wohnung behielt, alle seine Möbel gegeben. Seine Mutter sprach von Zeit zu Zeit von diesen; eines Tages endlich gestand er das Geschenk ein, und sie schalt ihn darum, als er einen Brief erhielt:

»Was ist es denn?« sagte sie, »du zitterst?«

»Es ist nichts!« erwiderte Frédéric.

Deslauriers teilte ihm mit, daß er Sénécal aufgenommen habe und sie seit vierzehn Tagen zusammen hausten. Also Sénécal machte sich jetzt mitten unter den Sachen breit, die von Arnoux herrührten! Er konnte sie verkaufen, Bemerkungen darüber machen, darüber scherzen! Frédéric fühlte sich bis in die Seele hinein verletzt. Er [111] ging in sein Zimmer hinauf. Das Leben war ihm vergällt.

Seine Mutter rief ihn, um ihn wegen einer Anpflanzung im Garten um Rat zu fragen.

Dieser Garten, in der Art der englischen Parks, war in der Mitte durch einen Zaun von Pfählen geteilt, und die Hälfte gehörte dem alten Roque, der noch einen Gemüsegarten am Ufer des Flusses besaß. Die beiden entzweiten Nachbarn vermieden es, sich zur selben Zeit darin aufzuhalten. Aber seit Frédérics Rückkehr ging der gute Mann öfters darin spazieren und ließ es dem Sohn Madame Moreaus gegenüber nicht an Höflichkeiten fehlen. Er bemitleidete ihn, weil er in einer kleinen Stadt wohnen mußte. Eines Tages erzählte er, daß Monsieur Dambreuse sich nach ihm erkundigt hätte. Ein andermal sprach er über die Sitten in der Champagne, wo der Adel sich auf die direkten Nachkommen vererbe.

»Damals wären Sie ein Edelmann gewesen, da Ihre Mutter de Fouvens hieß. Und man hat gut reden, sage ich Ihnen! Ein Name ist doch etwas! Indessen«, fügte er hinzu und blickte ihn schmunzelnd dabei an, »das hängt vom Justizminister ab.«

Diese Vorliebe für die Aristokratie stand in sonderbarem Gegensatz zu seiner Person. Da er klein war, schien die Länge seines Oberkörpers durch seinen weiten, kastanienbraunen Überrock übertrieben. Wenn er seine Mütze abnahm, sah man ein fast weibliches Gesicht mit einer ungemein spitzen Nase; sein gelbes Haar glich einer Perücke; er grüßte die Leute sehr tief, indem er sich dabei dicht an die Mauer drückte.

Bis zu seinem fünfzigsten Jahre hatte er sich mit den Diensten von Cathérine, einer sehr blatternarbigen Lothringerin seines Alter, begnügt. Aber im Jahre 1834 brachte er aus Paris eine schöne Blondine mit einem Schafsgesicht und der Haltung einer Königin mit.

Bald sah man sie sich mit großen Ohrringen spreizen, und alles erklärte sich durch die Geburt eines Mädchens, [112] das unter dem Namen Elisabeth Olympe Louise Roque angemeldet wurde.

Cathérine nahm sich in ihrer Eifersucht vor, dieses Kind zu verabscheuen. Aber sie liebte es im Gegenteil. Sie überhäufte es mit Sorgfalt, Aufmerksamkeiten und Liebkosungen, um ihm seine Mutter zu ersetzen und sie ihm widerwärtig zu machen; ein leichtes Unternehmen, denn Madame Eleonore vernachlässigte die Kleine vollständig und zog es vor, bei den Krämern zu schwatzen. Am Tage nach ihrer Hochzeit machte sie einen Besuch in der Unter-Präfektur, duzte ihre Dienstboten nicht mehr und glaubte des guten Tones halber streng gegen ihr Kind sein zu müssen. Sie wohnte dem Unterricht bei; der Lehrer, ein früherer Beamter aus der Mairie, wußte sich nicht dabei zu benehmen. Die Schülerin wurde aufsässig, erhielt Ohrfeigen und lief hinaus, um auf Cathérines Knien zu weinen, die ihr unentwegt recht gab. Darauf zankten sich die beiden Frauen, bis Monsieur Roque sie zum Schweigen brachte. Er hatte sich aus Zärtlichkeit für seine Tochter verheiratet und wollte nicht, daß sie gequält würde.

Oft trug sie ein zerrissenes weißes Kleid und mit Spitzen verzierte Höschen; und an großen Festtagen ging sie wie eine Prinzessin gekleidet aus, um die Bürgersleute ein wenig zu ärgern, die ihren Kleinen wegen der illegitimen Geburt verboten, mit ihr zu verkehren.

Sie lebte allein in ihrem Garten, sie schaukelte sich, lief hinter den Schmetterlingen her und blieb dann plötzlich stehen, um Käfer zu betrachten, die sich auf die Rosensträucher setzten. Diese Eigenheiten waren es offenbar, die ihrem Gesicht einen Ausdruck von Kühnheit und Träumerei zugleich verliehen. Sie war zudem von der Größe Marthes, ihr so ähnlich, daß Frédéric sie beim zweiten Zusammensein fragte:

»Erlauben Sie mir, Sie zu küssen, kleines Fräulein?«

Die kleine Person hob den Kopf und erwiderte:

»Das will ich gern!«

Aber der Zaun trennte sie voneinander.

[113] »Man muß hinübersteigen,« sagte Frédéric.

»Nein, heben Sie mich in die Höhe!«

Er beugte sich über den Zaun und hob sie an den Armen empor, wobei er sie auf beide Augen küßte; dann setzte er sie auf die gleiche Weise wieder ab und machte es die folgenden Male ebenso.

Mit der geringen Zurückhaltung eines vierjährigen Kindes stürzte sie sich ihm entgegen, sobald sie ihn kommen hörte, oder sie verbarg sich auch hinter einem Baum, wo sie ein Gekläff ausstieß wie ein Hund, um ihn zu erschrecken.

Eines Tages, als Madame Moreau ausgegangen war, ließ er sie in sein Zimmer heraufkommen. Sie öffnete alle Parfüm-Fläschchen und pomadisierte sich reichlich das Haar; dann legte sie sich ganz unbefangen auf das Bett, wo sie vergnügt liegen blieb.

»Ich denke mir, daß ich deine Frau bin,« sagte sie.

Am nächsten Morgen fand er sie ganz in Tränen. Sie gestand, daß sie »über ihre Sünden weine«, und als er eine nähere Erklärung verlangte, erwiderte sie mit gesenkten Augen:

»Frage mich nicht weiter!«

Die erste Kommunion nahte; sie war am Morgen zur Beichte geführt worden.

Das Sakrament machte sie nicht sonderlich verständiger. Sie verfiel zuweilen in wahrhafte Wutanfälle, und Frédéric mußte herbeigeholt werden, um sie zu beruhigen.

Oftmals nahm er sie mit auf seine Spaziergänge. Während er im Gehen vor sich hinträumte, pflückte sie Mohnblumen am Rande der Kornfelder, und wenn sie ihn trauriger sah als gewöhnlich, versuchte sie ihn durch freundliche Worte zu trösten. Sein der Liebe beraubtes Herz klammerte sich an diese Kinder-Freundschaft; er zeichnete ihr Männchen, erzählte ihr Geschichten und begann ihr vorzulesen.

Er fing mit den Annales romantiques an, einer damals berühmten Sammlung von Versen und Prosa. Dann, da ihre Intelligenz ihn entzückte, so daß er ihr Alter [114] ganz vergaß, las er nacheinander Atala, Cinq-Mars, les Feuilles d'Automne. Aber in einer Nacht (nach demselben Abend, als sie Macbeth in der einfachen Übersetzung von Letourneur gehört hatte), erwachte sie mit dem Schrei: »Der Fleck! der Fleck!« Ihre Zähne schlugen aufeinander, sie zitterte, und ihre entsetzten Augen auf die rechte Hand heftend, rieb sie diese und schrie: »Immer ein Fleck!« Endlich kam der Arzt, der jede Erregung zu vermeiden vorschrieb.

Die Spießbürger sahen darin nur ein ungünstiges Anzeichen ihrer Sitten. Man sagte, der junge Moreau wolle später eine Schauspielerin aus ihr machen.

Bald war die Rede von einem anderen Ereignis, nämlich der Ankunft des Oheims Barthélemy. Madame Moreau überließ ihm ihr Schlafzimmer und trieb ihren Eifer so weit, daß sie an den Fasttagen Fleisch auftischte.

Der alte Mann war nicht sonderlich liebenswürdig. Er machte fortwährend Vergleiche zwischen Havre und Nogent, wo er die Luft dumpf, das Brot ungenießbar, die Straßen schlecht gepflastert, das Essen mittelmäßig und die Einwohner faul fand. – »Welch einen armseligen Handel habt ihr!« Er tadelte die Extravaganzen seines verstorbenen Bruders, während er selbst siebenundzwanzigtausend Francs Rente angesammelt hatte! Endlich reiste er am Ende der Woche ab und ließ auf dem Wagentritt die wenig beruhigenden Worte fallen: »Es ist mir sehr lieb, euch in einer so guten Lage zu wissen.«

»Du wirst nichts bekommen!« sagte Madame Moreau, als sie wieder in den Saal trat.

Der Oheim war nur auf ihre Bitten gekommen, und sie hatte acht Tage hindurch vielleicht allzu deutlich eine Erklärung herbeizuführen gesucht. Sie bereute diese Handlungsweise und blieb gesenkten Hauptes mit zusammengepreßten Lippen in ihrem Lehnstuhl sitzen. Frédéric, ihr gegenüber, beobachtete sie; und beide schwiegen, wie vor fünf Jahren bei seiner Rückkehr von Montereau. Diese [115] Übereinstimmung erweckte die Erinnerung an Madame Arnoux.

In diesem Augenblick hörte man Peitschenknallen unter dem Fenster und zugleich eine Stimme, die ihn rief.

Es war Vater Roque, allein in seinem Wagen. Er sollte den ganzen Tag in Fortelle bei Monsieur Dambreuse zubringen und forderte Frédéric freundschaftlich auf, ihn zu begleiten.

»Mit mir brauchen Sie keine Einladung; seien Sie ohne Sorge!«

Frédéric hatte Lust, anzunehmen; aber wie sollte er seinen definitiven Aufenthalt in Nogent erklären? Er hatte keinen passenden Sommeranzug; was würde seine Mutter sagen? Er lehnte es ab.

Von da an zeigte der Nachbar sich weniger freundschaftlich. Louise wuchs heran; Madame Eléonore erkrankte gefährlich; und die Beziehungen lösten sich zur großen Freude von Madame Moreau, die für die Niederlassung ihres Sohnes den Umgang mit solchen Leuten fürchtete.

Sie träumte davon, die Anwalt-Praxis für ihn zu erwerben. Frédéric wies diese Idee nicht ganz zurück. Jetzt begleitete er sie zur Messe, spielte abends eine Partie Karten, er gewöhnte sich an die Provinz, versenkte sich hinein, – und selbst seine Liebe hatte eine traurige Süßigkeit, einen betäubenden Reiz angenommen. Da er seinen Schmerz in Briefen ergossen hatte, ihn mit seiner Lektüre vermischt, ihm überall auf seinen Spaziergängen nachgehangen, hatte er ihn fast erschöpft, und Madame Arnoux war für ihn fast wie eine Tote, deren Grab nicht zu kennen ihn überraschte, so ruhig und resigniert war diese Neigung geworden.

Eines Tages, am 12. Dezember 1845, gegen neun Uhr morgens, brachte die Köchin einen Brief auf sein Zimmer. Die mit großen Buchstaben geschriebene Adresse war von unbekannter Hand; und Frédéric, noch verschlafen, beeilte sich nicht, ihn zu entsiegeln. Endlich las er:


[116] »Justice de Paix du Havre, III. Arrondissement.

Mein Herr!

Da Monsieur Moreau, Ihr Oheim, ab intestat verstorben ist ...«


Er erbte!

Wie wenn eine Feuersbrunst hinter der Wand nebenan ausgebrochen wäre, sprang er im Hemd, mit nackten Füßen aus dem Bett; er strich sich mit der Hand übers Gesicht, traute seinen Augen nicht, glaubte noch zu träumen, und um sich der Wirklichkeit zu versichern, öffnete er ganz weit das Fenster.

Es war Schnee gefallen; die Dächer waren weiß; – und auf dem Hof erkannte er sogar einen Waschzuber, über den er gestern abend gestolpert war.

Er las den Brief dreimal hintereinander; wirklich wahr? das ganze Vermögen des Oheims! Siebenundzwanzigtausend Francs Rente! – und eine unsinnige Freude über den Gedanken, Madame Arnoux wiederzusehen, brachte ihn außer Fassung. Mit der Klarheit einer Halluzination sah er sich bei ihr, neben ihr, mit einem Geschenk in Seidenpapier, während vor der Tür sein Tilbury, nein, lieber ein Coupé, mit einem Diener in brauner Livree wartete; er hörte sein Pferd wiehern und das Geräusch der Kinnketten sich mit dem Seufzen ihrer Küsse vermischen.

Das würde sich alle Tage wiederholen, unbegrenzt. Er wird sie bei sich empfangen, in seinem Hause; der Speisesaal wird in rotem Leder sein, das Boudoir in gelber Seide, überall Diwans! und was für Wandbretter, was für chinesische Vasen! welche Teppiche! Diese Bilder stürmten so heftig auf ihn ein, daß ihm ganz schwindelig wurde. Dann erinnerte er sich seiner Mutter; er ging hinunter, den Brief hielt er noch immer in der Hand.

Madame Moreau suchte ihre Bewegung zu beherrschen und fiel in Ohnmacht. Frédéric nahm sie in die Arme und küßte sie auf die Stirn.

[117] »Du gute Mutter kannst jetzt deinen Wagen wieder zurückkaufen; lache doch, weine nicht mehr, sei glücklich!«

Zehn Minuten später war die Nachricht bis in die Vorstädte gedrungen. Madame Benoist, Monsieur Gamblin, Monsieur Chambion, alle Freunde eilten herbei. Frédéric entschlüpfte eine Minute, um an Deslauriers zu schreiben. Andere Besuche kamen dazu. Der Nachmittag verstrich mit Beglückwünschungen. Man vergaß Frau Roque gänzlich, mit der es indessen »sehr schlecht« stand.

Abends, als sie beide ganz allein waren, sagte Madame Moreau ihrem Sohne, daß sie ihm rate, sich als Advokat in Troyes niederzulassen. Da er in seiner Heimat bekannter sei als in anderen Gegenden, könne er dort viel leichter eine vorteilhafte Partie machen.

»Nein, das ist zu stark!« rief Frédéric.

Kaum hatte er das Glück in Händen, als man es ihm rauben wollte. Er erklärte ihr seinen ausdrücklichen Wunsch, in Paris zu wohnen.

»Um dort was zu tun?«

»Nichts!«

Überrascht von seinem Wesen, fragte Madame Moreau ihn, was er werden wolle.

»Minister!« erwiderte Frédéric.

Er versicherte, durchaus nicht zu scherzen, daß er vorhabe, sich auf die Diplomatie zu werfen, daß seine Studien und seine Gefühle ihn dorthin trieben. Er würde zuerst mit der Protektion von Monsieur Dambreuse in den Staatsrat eintreten.

»Du kennst ihn also?«

»Allerdings! durch Monsieur Roque!«

»Das ist sonderbar,« sagte Madame Moreau.

Er hatte die alten ehrgeizigen Träume in ihrem Herzen wieder erweckt. Sie überließ sich ihnen vollständig und sprach von keinen anderen mehr.

Hätte er seiner Ungeduld gehorcht, so wäre er augenblicklich abgereist. Am nächsten Morgen waren alle Plätze [118] auf der Post besetzt; er mußte sich bis zum nächsten Tage sieben Uhr abends gedulden.

Sie setzten sich zu Tisch, als von der Kirche drei langsame Glockenschläge ertönten; und das eintretende Dienstmädchen verkündete, daß Madame Eleonore soeben gestorben wäre.

Dieser Tod war übrigens für niemand ein Unglück, nicht einmal für ihr Kind. Das junge Mädchen würde es später dadurch nur besser haben.

Da die beiden Häuser aneinander stießen, hörte man ein lebhaftes Kommen und Gehen, ein Stimmengewirr; und der Gedanke an den Leichnam in ihrer Nähe warf etwas Düsteres auf ihre Trennung.

Madame Moreau trocknete sich zwei- oder dreimal die Augen. Frédéric war beklommen ums Herz.

Nach beendeter Mahlzeit hielt Cathérine ihn zwischen Tür und Angel auf. Mademoiselle wollte ihn absolut sehen. Sie erwarte ihn im Garten. Er ging hinaus, stieg über den Zaun und schlug, sich ein wenig an den Bäumen stoßend, den Weg zu Monsieur Roques Haus ein. In einem Fenster des zweiten Stockwerks brannte Licht; dann erschien eine Gestalt in der Dunkelheit und eine Stimme flüsterte:

»Ich bin es!«

Sie erschien ihm, offenbar ihres schwarzen Kleides halber, viel größer als sonst. Da er nicht wußte, mit welchen Worten er sie anreden sollte, begnügte er sich damit, ihre Hände zu fassen und zu seufzen:

»Ach, meine arme Louise!«

Sie antwortete nicht, nur schaute sie ihn lange an. Frédéric fürchtete, den Wagen zu verfehlen; er glaubte fern ein Rollen zu vernehmen, und begann, um ein Ende zu machen:

»Cathérine sagte mir, du hättest mir etwas ...«

»Ja, es ist wahr! ich wollte Ihnen sagen ...«

Dieses Sie überraschte Frédéric, und da sie noch schwieg, sagte er:

»Nun was?«

[119] »Ich weiß es nicht mehr. Ich habe es vergessen! Ist es wahr, daß Sie abreisen?«

»Ja, jetzt gleich!«

Sie wiederholte:

»Ach! jetzt gleich? ... für immer? ... werden wir uns nicht wiedersehen?«

Schluchzen erstickte sie.

»Adieu! Adieu! Küsse mich doch! ...«

Und sie warf sich ihm leidenschaftlich in die Arme.

Zweiter Teil

1.

Als er im Innern des Wagens seinen Platz eingenommen hatte und die Post, von den fünf gleichzeitig davontrabenden Pferden gezogen, sich in Bewegung setzte, fühlte er sich wie von einen Rausch benommen. Wie ein Architekt, der Pläne zu einem Palast ausarbeitet, entwarf er im voraus sein Leben. Er erfüllte es mit Kostbarkeit und Glanz; es wuchs ins Unendliche, zeigte eine verschwenderische Fülle der Dinge; und die Betrachtung nahm ihn so in Anspruch, daß alles ringsum verschwand.

Am Fuß der Anhöhe von Sourdun erkannte er die Gegend wieder, in der sie sich befanden. Sie waren nicht mehr als fünf Kilometer gefahren, höchstens! Er war entrüstet. Er ließ das Fenster herab, um den Weg zu sehen, fragte den Kutscher mehrmals, um welche Zeit sie ankommen würden. Schließlich beruhigte er sich und saß mit offenen Augen in seiner Ecke.

Die Laterne, die über dem Sitz des Postillons hing, beleuchtete die Kruppen der Gabelpferde. Davor konnte er nur die Mähnen der anderen Pferde erkennen, die sich wie weiße Wogen leise bewegten; ihr Atem bildete Nebel zu beiden Seiten des Gespanns; die Eisenketten klirrten; die Scheiben zitterten in ihren Rahmen, und der schwere Wagen rollte in gleichmäßiger Fahrt über das Pflaster. Hier und dort erkannte man eine Scheunenmauer, wohl auch ein ganz einsames Wirtshaus. Auf dem Wege durch die Dörfer sahen sie mitunter den Ofen eines Bäckers Feuergluten ausstrahlen, und dann glitt die ungeheure Silhouette der Pferde über das gegenüberliegende Haus. Auf den Poststationen entstand, nachdem man ausgespannt [121] hatte, für eine Minute tiefe Stille. Oben, unter der Schutzdecke stampfte jemand mit den Füßen, während eine Frau, die auf der Türschwelle stand, ihre Kerze mit der Hand schützte. Dann schwang der Kutscher sich auf den Tritt, und der Wagen fuhr wieder weiter.

In Mormans hörte man es ein Viertel nach eins schlagen.

»Also heute,« dachte er, »heute, bald!«

Allein seine Hoffnungen, seine Erinnerungen, Nogent, die Rue de Choiseul, Madame Arnoux, seine Mutter, alles ging allmählich wirr durcheinander.

Ein dumpfes Geräusch weckte ihn, sie fuhren über die Planken der Brücke von Charenton: das war Paris. Darauf nahmen seine beiden Reisegefährten, der eine seine Mütze, der andere sein seidenes Schnupftuch ab, setzten ihre Hüte auf und fingen an, sich zu unterhalten. Der erstere, ein dicker, roter Mensch in einem Samtrock, war ein Handelsmann, der andere kam zur Hauptstadt, um einen Arzt zu konsultieren – und in dem peinlichen Gefühl, ihn während der Nacht belästigt zu haben, entschuldigte Frédéric sich aus eigenem Antriebe bei ihm, so zartfühlend hatte das Glück ihn gemacht.

Da der Bahndamm offenbar überschwemmt war, fuhren sie geradeaus weiter und kamen wieder ins offene Land. In der Ferne rauchten die Fabrikschlote. Dann wandten sie sich nach Ivry. Sie fuhren eine Straße hinauf, plötzlich erblickte er die Kuppel des Panthéon.

Die Unebenheiten des Geländes glichen Ruinen. Der Gürtel der Festungswerke bildete eine horizontale Erhöhung, und auf den Fußwegen, die an die Straße grenzten, standen kleine, zweiglose Bäumchen, von genagelten Latten umzäunt. Auf Fabriken chemischer Produkte folgten Zimmerplätze der Holzhändler. Hohe Tore, wie man sie auf Bauerngehöften hat, ließen durch ihre weitgeöffneten Flügel das Innere unsauberer Höfe voll Kehricht und schmutzigen Wasserlachen in der Mitte sehen. An langen rotgestrichenen Wirtshäusern sah man am ersten Stockwerk [122] zwischen den Fenstern kreuzweise übereinandergelegt zwei Billardqueues in einem Kranz von gemalten Blumen; hier und dort stand verlassen eine alte, halbfertige Baracke. Dann wurde die doppelte Häuserreihe nicht mehr unterbrochen, und von den nackten Fassaden hob sich zuweilen eine riesenhafte Zigarre von weißem Eisenblech ab, um einen Tabakladen zu bezeichnen. Auf Schildern von Hebammen waren Matronen in Hauben abgebildet, die einen pausbäckigen Säugling in spitzenbesetztem Steckkissen hätschelten. Plakate bedeckten die Mauerecken und flatterten zum größten Teil als Fetzen im Winde. Arbeiter in Blusen, Bierwagen, Wäschekarren, Schlächtergefährte kamen vorüber; ein feiner Regen fiel, es war kalt und der Himmel blaß, aber zwei Augen, die ihm mehr galten als die Sonne, strahlten hinter dem Nebel.

An der Barriere wurden sie lange aufgehalten, denn Geflügelhändler, Fuhrleute und eine Hammelherde hemmten den Verkehr. Der Posten ging mit heruntergelassener Kapuze vor seinem Schilderhaus auf und ab, um sich zu erwärmen. Der Zollbeamte kletterte auf das Wagendach, und die Fanfare eines Hornisten ertönte. In schnellem Trab, doch mit klappernden Ortscheiten und flatternden Zügeln ging es den Boulevard hinunter. Die lange Peitschenschnur knallte in der feuchten Luft. Der Kutscher ließ seinen Ruf: »Vorsicht, ho, he!« ertönen, und die Straßenkehrer traten zur Seite, die Fußgänger sprangen zurück, der Schmutz spritzte gegen die Scheiben, sie kreuzten Karren, Kabrioletts und Omnibusse. Endlich begann das Gitter des Jardin des Plantes.

Das gelbliche Wasser der Seine berührte fast die Zugklappen der Brücken. Es atmete Frische aus. Frédéric sog sie mit voller Kraft ein und genoß diese köstliche Pariser Luft, die von dem Duft der Liebe und geistigem Leben erfüllt scheint; er war gerührt beim Anblick der ersten Droschken. Und er liebte alles bis zu der mit einer Strohmatte bedeckten Schwelle des Weinhändlers, den Schuhputzern mit ihren Kasten, den Ladenjungen, die ihre Kaffeetrommeln [123] schüttelten. Frauen trippelten unter ihren Regenschirmen daher; er neigte sich vor, um ihre Züge zu unterscheiden; ein Zufall konnte Madame Arnoux zum Ausgehen veranlaßt haben.

Läden reihten sich aneinander, die Menge wuchs an, der Lärm wurde stärker. Nach dem Quai Saint-Bernard, dem Quai de la Tournelle und dem Quai Montebello ging es über den Quai Napoléon; er wollte seine Fenster sehen, aber sie waren zu sehr entfernt. Dann fuhren sie bei dem Pont-Neuf über die Seine bis zum Louvre hinunter, und durch die Straßen Saint-Honoré, Croix-des-Petits-Champs und Bouloi erreichten sie die Rue Coq-Héron und langten auf dem Hof des Gasthauses an.

Um sein Vergnügen auszukosten, kleidete Frédéric sich so langsam wie möglich an und begab sich sogar zu Fuß auf den Boulevard Montmartre; er lächelte bei dem Gedanken, jetzt gleich auf der Marmorplatte den geliebten Namen wiederzusehen; – er blickte auf. Keine Schaufenster, keine Gemälde, nichts!

Er eilte nach der Rue Choiseul. Monsieur und Madame Arnoux wohnten dort nicht mehr, und eine Nachbarin hütete die Loge des Hausmeisters; Frédéric wartete auf ihn; endlich erschien er, es war nicht mehr der nämliche. Er kannte ihre Adresse gar nicht.

Frédéric ging in ein Café und schlug, während er frühstückte, in einem Handels-Adreßbuch nach. Es gab dreihundert Arnoux, aber keinen Jacques Arnoux! Wo wohnten sie nur? Pellerin mußte es wissen.

Er begab sich ganz oben in das Faubourg Poissonnière, in dessen Atelier. Da an der Tür weder eine Klingel noch Klopfer war, schlug er mit der Faust stark dagegen und rief laut. Gähnende Leere antwortete ihm.

Dann fiel ihm Hussonnet ein. Aber wo einen solchen Menschen auffinden? Einmal hatte er ihn bis zum Hause seiner Geliebten in der Nähe der Rue de Fleurus begleitet. Als Frédéric dort ankam, merkte er jedoch, daß er den Namen des Mädchens nicht wußte.

[124] Er nahm Zuflucht zur Polizei-Präfektur. Er irrte Treppe auf, Treppe ab, von Bureau zu Bureau. Die Auskunftei wurde geschlossen. Man bestellte ihn auf den nächsten Tag.

Darauf ging er zu allen Kunsthändlern, die er entdecken konnte, um zu erfahren, ob niemand Arnoux kenne. Monsieur Arnoux führte dieses Geschäft nicht mehr.

Schließlich kehrte er entmutigt, erschöpft, elend in sein Hotel zurück und ging schlafen. In dem Augenblick, da er sich unter seinen Bettüchern ausstrecken wollte, schnellte er unter einem Einfall empor.

»Regimbart! Welch ein Dummkopf ich war, nicht gleich an ihn zu denken!«

Am nächsten Morgen um sieben Uhr langte er vor einer kleinen Weinstube an, wo Regimbart seinen Weißwein zu trinken pflegte. Sie war noch nicht geöffnet; Frédéric machte einen Spaziergang in der Umgebung und stellte sich nach Verlauf einer halben Stunde abermals dort ein. Regimbart hatte sie eben verlassen. Frédéric stürmte auf die Straße. Er glaubte sogar von fern seinen Hut zu erkennen; ein Leichenwagen und Trauerkutschen kamen zwischen sie. Nachdem das Hindernis vorüber war, hatte er ihn aus dem Gesicht verloren.

Glücklicherweise erinnerte er sich, daß der Citoyen alle Tage pünktlich um elf Uhr bei einem kleinen Gastwirt auf der Place Gaillon frühstückte. Es hieß sich also gedulden; und nach einem endlosen Umherstreifen von der Börse zur Madeleine, und von der Madeleine zum Gymnase trat Frédéric, sicher, Regimbart zu finden, pünktlich um elf Uhr in das Gasthaus auf der Place Gaillon.

»Kenn' ich nicht!« sagte der Gastwirt in schroffem Ton.

Frédéric ließ nicht nach.

»Ich kenne ihn nicht mehr, mein Herr!« erwiderte er mit majestätischem Stirnrunzeln und einem Kopfschütteln, das ein Geheimnis andeutete.

Aber bei ihrem letzten Zusammensein hatte der Citoyen von der Wirtschaft Alexandre gesprochen. Frédéric verschlang [125] ein Weißbrot, sprang in ein Kabriolett und erkundigte sich bei dem Kutscher, ob es nicht irgendwo auf den Höhen von St. Geneviève ein gewisses Café Alexandre gebe. Der Kutscher fuhr ihn Rue des Francs-Bourgeois-Saint-Michel in ein Etablissement dieses Namens, und bei seiner Frage: »Ist Monsieur Regimbart hier?« erwiderte der Wirt mit einem extra liebenswürdigen Lächeln:

»Wir haben ihn noch nicht gesehen, mein Herr,« und wechselte mit seiner Frau, die an der Kasse saß, einen Blick des Einverständnisses.

Und sich nach der Uhr umwendend:

»Aber ich hoffe, wir werden ihn in zehn Minuten hier haben, spätestens in einer Viertelstunde. – Celestin, schnell die Zeitungen! – Was wünscht der Herr zu nehmen?«

Obwohl Frédéric gar kein Bedürfnis hatte, etwas zu genießen, stürzte er erst ein Glas Rum, dann ein Glas Kirsch, darauf einen Curaçao und mehrere kalte und warme Grogs hinunter. Er las das ganze »Siècle« vom Tage, las es noch einmal; er prüfte die Karikaturen des »Charivari« bis auf das Korn des Papiers; zuletzt wußte er die Annoncen auswendig. Von Zeit zu Zeit ertönten Schritte auf dem Trottoir; war er's? oder die Umrisse einer Gestalt zeigten sich auf den Scheiben; aber immer ging sie vorüber!

Um sich zu zerstreuen, wechselte Frédéric den Platz; er setzte sich hinten, dann rechts, dann links und blieb dann, beide Arme ausgebreitet, mitten auf der gepolsterten Bank sitzen. Aber eine Katze, die leise auf der Samtlehne angeschlichen kam, erschreckte ihn, indem sie plötzlich einen Sprung machte, um die Syrup-Flecken auf dem Tablett abzuschlecken; und das Kind des Hauses, eine unerträgliche Range von vier Jahren, spielte auf den Stufen der Kasse mit einer Klapper. Seine Mutter, eine kleine blasse Frau mit schlechten Zähnen, lächelte stupide. Was war nur mit Regimbart geschehen? In tiefer Verstimmung wartete Frédéric auf ihn.

Der Regen prasselte wie Schlossen auf das Verdeck des Kabrioletts. Durch einen Spalt der Musselinvorhänge sah [126] er den armen Gaul unbeweglicher als ein Holzpferd auf der Straße stehen. Der Rinnsteinbach flutete, ungeheuer angewachsen, zwischen zwei Radspeichen; und der Kutscher schlummerte, unter der Decke Schutz suchend; aber in der Furcht, sein Fahrgast könne sich davonmachen, öffnete er von Zeit zu Zeit wassertriefend die Tür; – und wenn Blicke die Gegenstände abnutzen könnten, hätte Frédéric die Uhr zerstören müssen, so unablässig waren seine Augen darauf geheftet. Doch sie ging weiter. Dieser Alexandre schritt indessen hin und her und wiederholte immer von neuem: »Er wird kommen, sage ich Ihnen, er wird kommen,« und um ihn zu zerstreuen, hielt er ihm Reden, sprach von Politik. Er trieb seine Höflichkeit sogar so weit, ihm eine Partie Domino vorzuschlagen.

Endlich um halbfünf Uhr erhob sich Frédéric, der seit zwölf da war, mit einem Satz und erklärte, nicht länger warten zu wollen.

»Ich begreife es selber nicht,« entgegnete der Wirt mit treuherziger Miene, »es ist das erste Mal, daß Monsieur Ledoux ausbleibt.«

»Wie, Monsieur Ledoux?«

»Freilich, mein Herr!«

»Ich sagte Regimbart!« rief Frédéric aufgebracht.

»Ach, bitte tausendmal um Verzeihung! Sie irren sich! Nicht wahr, Madame Alexandre, der Herr sagte: Monsieur Ledoux?« Und zum Kellner gewandt:

»Sie haben es doch auch gehört wie ich?«

Offenbar um sich an seinem Herrn zu rächen, begnügte der Kellner sich mit einem Lächeln.

Unwillig über die verlorene Zeit, wütend auf den Citoyen, dessen Gegenwart er erflehte wie die eines Gottes, und fest entschlossen, ihn aus der Tiefe der entferntesten unterirdischen Räume zu Tage zu fördern, ließ Frédéric sich auf die Boulevards zurückfahren. Sein Wagen ärgerte ihn; er schickte ihn fort: seine Gedanken verwirrten sich, und dann sprudelten alle Namen von Cafés, die er von diesem Dummkopf nennen gehört, auf einmal aus seinem Gedächtnis [127] hervor wie tausend Stücke eines Feuerwerks: Café Gascard, Café Grimbert, Café Halbout, Wirtschaft Bordelais, Havanais, Boeuf à la Mode, Deutsches Bierhaus, Mère Morel; und er begab sich der Reihe nach in alle. Aber eines hatte Regimbart eben verlassen, in ein anderes sollte er vielleicht kommen, in dem dritten habe man ihn seit sechs Monaten nicht gesehen, in einem andern hatte er gestern für Sonnabend eine Hammelkeule bestellt. Schließlich, als er bei dem Limonaden-Händler Vautier die Tür öffnete, stieß Frédéric auf den Kellner:

»Kennen Sie Monsieur Regimbart?«

»Wie, ob ich ihn kenne? Ich habe ja die Ehre, ihn zu bedienen. Er ist oben; er hat eben gespeist!«

Und die Serviette unterm Arm näherte sich der Wirt selbst.

»Sie wünschen Monsieur Regimbart, mein Herr? Er war diesen Augenblick noch hier.«

Frédéric stieß einen Fluch aus, aber der Wirt versicherte ihm, daß er ihn unfehlbar bei Bouttevilain finden würde.

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! er ist ein wenig früher gegangen als gewöhnlich, denn er hat eine geschäftliche Zusammenkunft mit einigen Herren. Aber Sie treffen ihn, wie ich schon sagte, bei Bouttevilain, Rue St. Martin 92, zweiter Aufgang links, im Hof, Zwischenstock, Tür rechts.«

Endlich entdeckte er ihn durch den Tabaksqualm allein im Hinterstübchen bei dem Billard, einen Schoppen vor sich, das Kinn gesenkt, in nachdenklicher Haltung.

»Ach! Ich suche Sie schon so lange!«

Ohne sich zu regen, reichte Regimbart ihm nur zwei Finger, und als hätten sie sich gestern gesehen, sagte er ein paar nichtssagende Worte über die Eröffnung der Sitzungen.

Frédéric unterbrach ihn und fragte mit möglichst natürlicher Miene:

»Arnoux geht es gut?«

[128] Die Antwort ließ lange auf sich warten, da Regimbart gemächlich sein Getränk schlürfte.

»Ja, nicht schlecht!«

»Wo wohnt er denn jetzt?«

»Nun ... Rue Paradis-Poissonnière,« erwiderte der Citoyen erstaunt.

»Welche Nummer?«

»Siebenunddreißig, Donnerwetter, Sie sind komisch!«

Frédéric erhob sich:

»Wie, Sie gehen?«

»Ja, ja, ich habe einen Gang, eine Besorgung, die ich vergessen habe. Adieu!«

Frédéric ging von dem Restaurant zu Arnoux wie von einem lauen Winde getragen, und mit der wunderbaren Leichtigkeit, die man im Traum empfindet.

Bald stand er im zweiten Stockwerk vor einer Tür, deren Glocke läutete; ein Dienstmädchen erschien, eine zweite Tür öffnete sich; Madame Arnoux saß am Feuer. Arnoux sprang auf und umarmte ihn. Sie hatte einen etwa dreijährigen kleinen Knaben auf den Knien; ihre Tochter, jetzt so groß wie sie selbst, stand an der andern Seite des Kamins.

»Erlauben Sie mir, Ihnen diesen Monsieur da vorzustellen,« sagte Arnoux, indem er seinen Sohn unter die Achseln faßte und aufhob.

Und er belustigte sich einige Minuten damit, ihn hoch in die Luft zu werfen und ihn an seinen Armen wieder aufzufangen.

»Du wirst ihn töten, mein Gott! höre doch auf damit!« rief Madame Arnoux.

Aber Arnoux versicherte, daß es keine Gefahr habe, und fuhr damit fort, während er ihm zärtliche Worte im Marseiller Dialekt, seiner Muttersprache, zuflüsterte. – »Mein tapferer Bub, mein Goldeselchen!« Dann fragte er Frédéric, warum er ihnen so lange nicht geschrieben, was er dort unten angefangen und was ihn zurückgeführt habe.

»Ich, mein lieber Freund, bin jetzt Fayence-Händler. Aber reden wir jetzt von Ihnen!«

[129] Frédéric schützte einen langen Prozeß und die Gesundheit seiner Mutter vor; um sich interessant zu machen, verweilte er lange dabei. Er sei fest entschlossen, diesmal definitiv in Paris zu bleiben; von der Erbschaft erwähnte er nichts, – aus Furcht, seinen früheren Eindruck zu schädigen.

Die Vorhänge waren wie die Möbel aus kastanienbraunem Wolldamast; an der Rücklehne lagen dicht nebeneinander zwei Kissen; ein Kessel kochte über dem Kohlenfeuer, und der Lampenschirm auf der Lampe am Rande der Kommode verdunkelte das Zimmer. Madame Arnoux trug ein Hauskleid von dunkelblauem Merino. Den Blick auf das Feuer gerichtet und eine Hand auf der Schulter des kleinen Knaben, löste sie mit der andern das Schnürband seines Leibchens; der Knirps im Hemd weinte und kraute sich den Kopf dabei, genau wie der Sohn des Monsieur Alexandre.

Frédéric hatte erwartet, daß die Freude ihn überwältigen werde, und da er Madame Arnoux nicht in der vertrauten Umgebung fand, vermißte er etwas an ihr, schien sie wie erniedrigt, kurz, nicht mehr dieselbe zu sein. Die Ruhe seines Herzens verblüffte ihn. Er erkundigte sich nach alten Freunden, unter anderen nach Pellerin.

»Ich sehe ihn nicht oft,« sagte Arnoux.

Sie fügte hinzu:

»Wir empfangen nicht mehr wie früher!«

Geschah es, um ihm anzukündigen, daß er keine Einladung erhalten würde? Aber Arnoux machte ihm in herzlicher Weise Vorwürfe, daß er nicht ohne weiteres zum Essen gekommen sei, und erklärte ihm, warum er sein Gewerbe gewechselt hatte.

»Was soll man machen in einer Zeit des Verfalls wie die unsrige? Die große Malerei ist aus der Mode gekommen. Überdies kann man die Kunst überall hineinbringen. Sie wissen, ich liebe das Schöne! Ich muß Sie in diesen Tagen einmal in meine Fabrik führen.«

[130] Und er wollte ihm sogleich einige seiner Erzeugnisse in seinem Magazin im Zwischenstock zeigen.

Schüsseln, Terrinen, Teller und Schalen bedeckten den Fußboden. An den Wänden lehnten groß, viereckige Kacheln mit mythologischen Sujets im Stil der Renaissance für Badestuben und Toilettenzimmer, während in der Mitte ein doppeltes Regal, das bis zur Decke reichte, mit Spiegelvasen, Blumentöpfen, Kandelabern, kleinen Jardinièren und großen polychromen Statuetten besetzt war, die etwa eine Negerin oder eine Schäferin in Pompadour-Kostüm darstellten. Die Erklärungen Arnoux' langweilten Frédéric, der fror und hungrig war.

Er eilte ins Café Anglais, aß dort vortrefflich und sagte sich:

»Wie dumm war ich mit meinem Schmerz da zu Haus! Kaum, daß ich sie wieder erkannte! Welch eine Spießbürgerin ist sie doch!«

Und in einem jäh aufquellenden Lebensgefühl faßte er egoistische Entschlüsse. Er fühlte sein Herz steinhart werden wie den Tisch, auf den er sich stützte. Jetzt konnte er sich also ohne Furcht mitten ins Leben stürzen. Ihm fielen die Dambreuses ein, er wollte sie ausnutzen; dann erinnerte er sich Deslauriers'. »Ach, Donnerwetter, ich kann mir nicht helfen!« Indessen schickte er ihm durch einen Dienstmann ein Billet mit der Einladung, am nächsten Tage im Palais-Royal mit ihm zu frühstücken.

Deslauriers war das Glück nicht hold gewesen.

Er hatte sich mit einer Dissertation über das Recht des Erblassers zur Mitbewerbung um die Professur gemeldet und dabei die Ansicht vertreten, daß man es so viel wie möglich einschränken müsse; – und als ihn sein Gegner so reizte, daß er sich hinreißen ließ, Dummheiten zu behaupten, geschah es, ohne daß die Examinatoren Einspruch erhoben. Dann hatte der Zufall gewollt, daß er als Gegenstand der Aufgabe die Verjährung loste. Da hatte Deslauriers klägliche Theorien entwickelt, behauptete, daß verjährte Rechtsansprüche wie neue behandelt werden müßten;[131] warum sollte der Eigentümer seiner Habe beraubt werden, weil er die Urkunden nach vollendeten dreißig Jahren nicht beibringen kann? Das hieße ja, die Sicherheit des ehrlichen Mannes dem Erben des Diebes, der sich bereichert hatte, zusprechen. Alle Ungerechtigkeiten wären durch eine Erweiterung jenes Rechts, das Tyrannei und ein Mißbrauch der Macht sei, gutgeheißen. Er hatte sogar ausgerufen:

»Schaffen wir es ab; und die Franken werden nicht länger die Gallier bedrücken, die Engländer nicht die Irländer, die Yankees nicht die Rothäute, die Türken nicht die Araber, die Weißen nicht die Neger, die Polen ...«

Der Präsident hatte ihn unterbrochen:

»Gut! gut! mein Herr! Wir haben mit Ihren politischen Ansichten nichts zu schaffen, Sie werden sich später nochmals stellen.«

Deslauriers hatte sich nicht wieder melden wollen. Aber dieser unglückliche Artikel XX des dritten Bandes des Bürgerlichen Gesetzbuches war für ihn zu einem Gebirge von Verdruß geworden. Er verfaßte eine große Arbeit über »die Verjährung als Grundlage des Zivilrechts und des natürlichen Rechts der Völker« und hatte sich in Dunod, Rogérius, Balbus, Merlin, Vazeille, Savigny, Troplong und andere bedeutende Werke vertieft. Um sich ihnen besser widmen zu können, hatte er seine Stellung als Bureauvorsteher aufgegeben. Er lebte von Repetitionsstunden und Ausarbeitung von Dissertationen; und bei den Sitzungen des Disputierklubs erschreckte er durch seine Heftigkeit die konservative Partei, – lauter Doktrinäre, aus der Schule Monsieur Guizots hervorgegangen, – so sehr, daß er in gewissen Kreisen eine Art Berühmtheit genoß, die aber doch einiges Mißtrauen gegen seine Person in sich schloß.

Er erschien zu der Zusammenkunft in einem dicken, mit rotem Flanell gefütterten Paletot, wie der frühere von Sénécal war.

Die Scheu vor den Vorübergehenden hinderte sie, sich lange zu umarmen, und sie gingen Arm in Arm, strahlend [132] vor Vergnügen, im Auge eine Träne, bis zu Véfour. Dann, als sie allein waren, rief Deslauriers:

»Sapperlot, nun wollen wir es uns schön damit einrichten!«

Frédéric gefiel diese Art, sich gleich als Teilhaber seines Vermögens zu fühlen, gar nicht. Sein Freund bezeigte zuviel Freude für sie beide, nicht genug für ihn allein.

Darauf erzählte Deslauriers von seiner Niederlage und nach und nach von seinen Arbeiten, seiner Existenz, indem er von sich stoisch und von den anderen mit Bitterkeit sprach. Alles mißfiel ihm. Es gab keinen Menschen, der nicht ein Kretin oder eine Kanaille war. Wegen eines schlecht gespülten Glases schimpfte er auf den Kellner, und auf den sanften Vorwurf Frédérics erwiderte er:

»Als ob ich mich vor solchen Kerlen genieren würde, die jährlich bis zu sechs- und achttausend Francs verdienen, die vielleicht Wähler sind, vielleicht gar gewählt werden! O, nein, nein!«

Dann fuhr er heiterer fort:

»Aber ich vergesse, daß ich zu einem Kapitalisten spreche, zu einem Krösus, denn du bist jetzt ein Krösus.«

Und auf die Erbschaft zurückkommend, äußerte er die Ansicht: daß die Erbfolge in der Seitenlinie (an sich eine Ungerechtigkeit, obwohl er sich hier darüber freue), bei der nächsten Revolution bald abgeschafft sein werde.

»Glaubst du?« sagte Frédéric.

»Verlaß dich darauf!« erwiderte er. »Das kann nicht so bleiben! man leidet zuviel! Wenn ich ein Elend sehe wie das Sénécals ...«

»Immer dieser Sénécal!« dachte Frédéric.

»Was gibt's übrigens Neues? Bist du noch verliebt in Madame Arnoux? Das ist wohl vorbei, wie?«

Frédéric, der nicht zu antworten wußte, schloß die Augen und senkte den Kopf. Deslauriers teilte ihm mit, daß Arnoux' Blatt jetzt Hussonnet gehörte, der es umgewandelt hatte. Es hieße jetzt »Die Kunst, literarisches Institut, Aktiengesellschaft, hundert Francs jede Aktie, gemeinsames [133] Kapital: vierzigtausend Francs«, mit dem Recht für jeden Aktionär, seine Arbeiten dort anzubringen, denn, ›der Zweck der Gesellschaft sei, Werke von Anfängern zu veröffentlichen, Talenten, vielleicht Genies, empfindliche Krisen zu ersparen, die verbittern etc.‹ ... »Du siehst den Schwindel! Es wäre indessen etwas zu machen, das heißt den Ton besagten Blattes zu heben, dann plötzlich, unter Beibehaltung derselben Redakteure und dem Versprechen einer Fortsetzung des Feuilletons, den Abonnenten eine politische Zeitung zu bieten; der Vorteil würde zwar nicht so enorm sein.«

»Wie denkst du darüber? Willst du dich daran beteiligen?«

Frédéric wies den Vorschlag nicht zurück. Aber er mußte die Regelung seiner Angelegenheiten abwarten.

»Übrigens, wenn du etwas brauchst ...«

»Danke, mein Lieber!« sagte Deslauriers.

An das Samtpolster am Fensterrand gelehnt, rauchten sie dann Importen. Die Sonne schien, die Luft war mild, flatternde Vogelscharen ließen sich im Garten nieder; die Bronze- und Marmorstatuen glänzten, vom Regen gewaschen; Kindermädchen mit Schürzen saßen plaudernd auf den Stühlen, und man vernahm Kinderlachen und das fortwährende Plätschern der Wasserstrahlen des Springbrunnens.

Deslauriers' Bitterkeit hatte Frédéric verstimmt; aber unter der Wirkung des Weines, der in seinen Adern kreiste, halb im Schlaf, benommen, die volle Sonne im Gesicht, empfand er nichts als ein ungeheures, wollüstig stumpfsinniges Wohlbehagen – wie eine von Hitze und Feuchtigkeit gesättigte Pflanze. Deslauriers blickte mit halbgeschlossenen Lidern unbestimmt in die Ferne. Seine Brust hob sich, und er sagte:

»Ach! das war schöner, als Camille Desmoulins dort unten auf einem Tisch stehend das Volk ausstachelte, die Bastille zu stürmen! In jener Zeit lebte man, konnte man sich betätigen, seine Kraft beweisen! Simple Advokaten [134] kommandierten Generale, Barfüßer schlugen Könige, während jetzt ...«

Er schwieg, dann rief er plötzlich:

»Aber die Zukunft ist doch groß!«

Und den Marsch auf die Scheiben trommelnd, deklamierte er die Verse von Barthélemy:


Elle reparaîtra, la terrible Assemblée

dont, après quarante ans, votre tête est troublée,

colosse qui sans peur marche d'un pas puissant.


»Den Schluß weiß ich nicht mehr! Aber es ist spät, wollen wir gehen?«

Und auf der Straße fuhr er fort, seine Theorien auseinanderzusetzen.

Frédéric betrachtete, ohne ihm zuzuhören, für seine Einrichtung passende Stoffe und Möbel in den Schaufenstern; und vielleicht wars der Gedanke an Madame Arnoux, der ihn bestimmte, bei der Auslage eines Antiquitätenhändlers vor drei Fayencetellern stehen zu bleiben. Sie waren mit gelben Arabesken von metallischem Glanz geschmückt, und jeder kostete hundert Taler. Er ließ sie für sich zurückstellen.

»Ich an deiner Stelle kaufte mir lieber Silberzeug,« sagte Deslauriers und verriet durch diese Vorliebe für Prunk den Mann von niedriger Herkunft.

Als er allein war, begab Frédéric sich zu dem berühmten Pomadère, wo er sich drei Paar Beinkleider, zwei Röcke, einen Pelzmantel und fünf Westen bestellte; darauf zum Schuhhändler, einem Wäschelieferanten, einem Hutmacher und befahl überall, sich möglichst zu beeilen.

Drei Tage später, bei seiner Rückkehr aus Havre, abends, fand er seine vollständige Garderobe zu Haus; und ungeduldig, sich ihrer zu bedienen, entschloß er sich sogleich, einen Besuch bei Dambreuse zu machen.

Allein es war zu früh, kaum acht Uhr.

»Ob ich zu den anderen gehe?« fragte er sich.

Arnoux war allein und im Begriff, sich vor einem Spiegel zu rasieren. Er schlug ihm vor, ihn an einen Ort [135] zu führen, wo er sich amüsieren würde, und als er den Namen Dambreuse hörte, sagte er:

»Ah, das trifft sich gut! Sie werden dort Freunde von ihm sehen; kommen Sie! das wird spaßhaft!«

Frédéric entschuldigte sich, Madame Arnoux erkannte seine Stimme und sagte ihm durch die Wand guten Tag, da ihre Tochter nicht wohl und sie selber leidend war; und man hörte das Klirren eines Löffels gegen ein Glas und das leise Geräusch vorsichtig berührter Gegenstände, wie es in einem Krankenzimmer üblich ist. Dann verschwand Arnoux, um sich von seiner Frau zu verabschieden. Er hatte eine Menge Gründe!

»Du weißt wohl, daß es wichtig ist! Ich muß hingehen! es ist notwendig, ich werde erwartet ...«

»Geh, mein Lieber, amüsiere dich!«

Arnoux rief eine Droschke herbei.

»Palais Royal! Galerie Montpensier, 7.«

Und auf die Polster sinkend, sagte er:

»Ach, wie bin ich müde, mein Lieber! Ich komme noch dabei um! Übrigens kann ich es Ihnen wohl sagen.«

Er neigte sich zu seinem Ohr und flüsterte geheimnisvoll:

»Ich versuche, das Kupferrot der Chinesen wiederzufinden.«

Und er erklärte ihm, was Glasur und was langsames Feuer sei.

Bei Chevet angelangt, brachte man ihm einen großen Korb, den er in die Droschke stellen ließ. Darauf wählte er für »seine arme Frau« Weintrauben, Ananas, verschiedene Leckerbissen und ordnete an, daß sie ihm am nächsten Morgen zeitig geschickt würden.

Dann gingen sie in eine Maskengarderobe, denn es handelte sich um einen Ball. Arnoux wählte eine blaue Samthose, ebensolche Weste, eine rote Perücke; Frédéric einen Domino; und sie stiegen Rue de Laval vor einem Hause ab, dessen zweite Etage mit farbigen Laternen beleuchtet war.

Schon unten an der Treppe hörte man den Lärm.

[136] »Wohin, zum Teufel, führen Sie mich?«

»Zu einem guten Mädchen, fürchten Sie nichts!«

Ein Groom öffnete ihnen die Tür, und sie traten in das Vorzimmer, wo Paletots, Mäntel und Schals haufenweise auf Stühle geworfen lagen. Eine junge Dame im Kostüm eines Dragoners aus der Zeit Ludwigs XV. durchschritt es in diesem Augenblick. Es war Mademoiselle Rose-Annette Brou, die Herrin des Hauses.

»Nun?« sagte Arnoux.

»Es ist geschehen!« erwiderte sie.

»Ah! danke, mein Engel!«

Und er wollte sie küssen.

»Sieh dich vor, Dummkopf. Du verwischst meine Schminke.«

Arnoux stellte Frédéric vor.

»Treten Sie nur dort ein, Monsieur, seien Sie willkommen!«

Sie schlug hinter sich eine Portiere auseinander und rief feierlich:

»Der Küchenjunge Herr Arnoux und der Fürst, einer seiner Freunde!«

Frédéric war vom Licht anfangs geblendet; er sah nichts als beim Klange eines von Pflanzen verdeckten Orchesters, zwischen Wänden, die mit gelber Seide ausgeschlagen und mit Pastellporträts hier und da und Kristall-Wandleuchtern im Stile Ludwigs XVI. geschmückt waren, ein Wogen von Seide, Samt, nackten Schultern, eine Menge von Farben. Hohe Lampen, deren matte Glocken Schneebällen glichen, überragten Blumenkörbe in den Ecken, die auf Konsolen standen, – und vor ihm, hinter einem kleineren Zimmer, unterschied man in einem dritten ein Bett auf Säulentorsen, mit einem venetianischen Spiegel am Kopfende.

Der Tanz hörte auf, und beim Anblick Arnoux', der mit seinem Korb voll aufgehäufter Eßwaren auf dem Kopf daherkam, erhob sich ein Beifallsklatschen, ein Freudenlärm. – »Vorsicht, der Kronleuchter!« Frédéric blickte auf: [137] es war der Meißner Kronleuchter, der den Laden der Kunsthandlung geschmückt hatte; die Erinnerung an alte Tage kam ihm in den Sinn; aber ein Infanterist der Linie in der Interimsuniform mit jener albernen Miene, die für Rekruten traditionell ist, pflanzte sich vor ihm auf, breitete, um sein Erstaunen zu bezeichnen, beide Arme aus, und er erkannte trotz des schrecklichen, schwarzen, gedrehten Schnurrbarts, der ihn entstellte, seinen alten Freund Hussonnet. Ihn mit Oberst anredend, überhäufte der Bohémien ihn mit Begrüßungen in halb elsässischem, halb Neger-Kauderwelsch. Durch all diese Personen aus der Fassung gebracht, wußte Frédéric nichts zu erwidern. Ein Bogen klopfte auf ein Pult, und Tänzer und Tänzerinnen begaben sich auf ihre Plätze.

Es waren etwa sechzig an der Zahl, die Frauen meist als Bäuerinnen oder Marquisen, die Männer, fast alle reiferen Alters, im Kostüm von Fuhrleuten, Schiffslastträgern oder Matrosen.

Frédéric sah, an die Wand gelehnt, der Quadrille vor ihm zu.

Ein schöner Alter, als venetianischer Doge gekleidet, mit langem Talar von purpurroter Seide, tanzte mit Rosanette, die einen grünen Rock, Trikothose und Jagdstiefel mit goldenen Sporen trug. Das Paar gegenüber bestand aus einem Arnauten, mit Yatagans beladen, und einer blauäugigen Schweizerin, weiß wie Milch und rund wie eine Wachtel, in Hemdärmeln und rotem Mieder. Um ihr Haar, das bis in die Kniekehlen herabfiel, zur Geltung zu bringen, war eine große Blondine, Statistin bei der Oper, als Wilde erschienen. Über ihrem braunfarbigen Trikot trug sie nichts als einen Lederschurz, Glasarmbänder und ein Diadem aus Flittern, aus dem ein Büschel Pfauenfedern hervorragte. Vor ihr schlug ein Hanswurst in einem grotesk weiten Frack mit dem Ellbogen den Takt auf seiner Tabatière. Ein kleiner Watteau-Schäfer, himmelblau und silbern wie Mondenschein, schlug mit seinem Hirtenstab gegen den Thyrsus einer Bacchantin, die, mit Trauben umkränzt, [138] ein Pantherfell um die linke Hüfte und Sandalen mit goldenen Bändern trug. Von der anderen Seite schwenkte eine Polin in hellrotem Samtspencer ihr Gazeröckchen über ihren perlgrau seidenen Strümpfen, die in rosa, mit weißem Pelzwerk verbrämten Stiefelchen steckten. Sie lächelte einem dickbäuchigen Vierziger zu, der, als Chorknabe verkleidet, sehr hohe Sprünge machte und dabei sein Chorhemd aufhob, während er mit der andern Hand die rote Hose festhielt. Aber die Königin, der Stern war Mademoiselle Loulou, die berühmte Tänzerin der öffentlichen Bälle. Da sie jetzt reich war, trug sie einen Spitzenkragen auf ihrer Jacke von schwarzem, glattem Samt, und ihre breiten, hinten eng anliegenden und in der Taille von einer Kaschmirschärpe zusammengehaltenen Pluderhosen aus hochroter Seide waren längs der ganzen Nähte mit kleinen weißen frischen Kamelien besteckt. Ihr blasses, etwas aufgeschwemmtes Gesicht mit der Stumpfnase schien noch kecker durch die struppige Perücke, auf der ein grauer Männerfilzhut saß, den ein Fauststoß aufs rechte Ohr gedrückt hatte, und bei den Sprüngen, die sie machte, berührten ihre Tanzschuhe mit Diamantenschnallen fast die Nase ihres Nachbarn, eines großen, ältlichen Barons, der ganz in einer eisernen Rüstung steckte. Auch ein Engel war da mit goldenem Schwert in der Hand und zwei Schwanenflügeln am Rücken, der hin und her laufend fortwährend seinen Kavalier, einen Ludwig XIV. verlor, der nichts von den Figuren verstand und den Kontretanz in Verwirrung brachte.

Beim Anblick dieser Menschen überkam Frédéric ein Gefühl der Verlassenheit, ein Mißbehagen. Er dachte wieder an Madame Arnoux und ihm schien, daß er an etwas ihr Feindlichem teilnehme.

Als die Quadrille beendet war, trat Rosanette zu ihm. Sie war ein wenig außer Atem, und ihr spiegelblankes Halsschild hob sich leicht unter dem Kinn.

»Und Sie, mein Herr,« sagte sie. »Sie tanzen nicht?«

Frédéric entschuldigte sich, er könne nicht tanzen.

[139] »Wirklich nicht? Aber mit mir? Sicher nicht?«

Und auf eine Hüfte gestützt, das andere Knie etwas zurückgedrückt, betrachtete sie ihn eine Minute mit halb bittender, halb spöttischer Miene, während sie mit der linken Hand den Perlmuttergriff ihres Degens streichelte. Schließlich sagte sie »Guten Abend«, drehte sich auf den Hacken um und verschwand.

Unzufrieden mit sich selber, wußte Frédéric nichts anzufangen und irrte im Ballsaal umher.

Er trat in das Boudoir, das in blaßblauer, mit Feldblumenbouquets durchwirkter Seide ausgeschlagen war, wo an der Decke in einem vergoldeten Holzkranz aus einem azurblauen Himmel hervortauchende Amoretten auf Wolken tändelten, die Federkissen glichen. Diese Eleganz, die heute für Damen vom Schlage der Rosanette armselig anmuten würde, blendete ihn, und er bewunderte alles: die künstliche Schlingpflanze, die den Spiegelrahmen schmückte, die Kaminvorhänge, den türkischen Diwan und in einer Wandnische eine Art Zelt mit weißem Musselin über rosa Seide austapeziert. Schwarze Möbel mit Kupfereinlagen statteten das Schlafzimmer aus, wo sich auf einer mit Schwanenpelz bedeckten Estrade das große Bett mit einem straußenfederngeschmückten Baldachin erhob. In einem Nähkissen steckten Nadeln mit Edelsteinknöpfen, auf Schalen lagen Ringe, und im Dunkel bei dem Schein, den eine an drei Kettchen hängende böhmische Ampel verbreitete, unterschied er Medaillons an Goldstreifen und silberne Kästchen.

Durch eine kleine, halbgeöffnete Tür sah man ein Treibhaus, das die ganze Breite des Altans einnahm mit einer Volière am andern Ende.

Dieses Milieu war wohl dazu angetan, ihm zu gefallen. In einer Anwandlung von jugendlicher Auflehnung schwor er sich, zu genießen, zu wagen; dann kehrte er zum Eingang des Saales zurück, in dem jetzt viel mehr Leute waren (alles bewegte sich in einer Art leuchtendem Staub), blieb stehen, um den Quadrillen zuzuschauen, wobei er die Augen zukniff, um besser sehen zukönnen – und atmete den weichen [140] Frauenduft ein, den sein Körper wie einen einzigen, unermeßlichen Kuß empfand.

In seiner Nähe, an der andern Seite der Tür, sah er Pellerin; – Pellerin in großer Toilette, den rechten Arm in der Brust, hielt er mit der linken Hand neben seinem Hut einen zerrissenen weißen Handschuh.

»Es ist lange her, seit man Sie gesehen hat! Wo, zum Teufel, waren Sie denn? Auf Reisen, in Italien? Schablonenhaft Italien, wie? nicht so toll, wie man sagt? Einerlei! bringen Sie mir doch dieser Tage Ihre Skizzen!«

Und ohne seine Antwort abzuwarten, fing der Künstler an, von sich selbst zu sprechen.

Er hätte große Fortschritte gemacht, indem er nun definitiv den Unsinn der Linie erkannt habe. Man sollte bei einer Arbeit nicht so sehr auf Schönheit und Einheit sehen als auf den Charakter und die Mannigfaltigkeit der Dinge.

»Denn alles existiert in der Natur, also ist alles berechtigt, alles plastisch. Es handelt sich nur darum, den Ton zu treffen, das ist es. Ich habe das Geheimnis entdeckt, sehen Sie! Schauen Sie sich also einmal diese kleine Frau mit der Sphinx-Frisur an, die mit einem russischen Postillon tanzt, das ist einfach, klar, bestimmt, alles in Halbflächen und grellen Tönen. Indigo unter den Augen, ein Zinnoberfleck auf der Wange, Nußbraun an den Schläfen; piff, paff!« Und er zeichnete mit dem Daumen wie mit Pinselstrichen in der Luft. – »Während die Dicke da unten,« fuhr er, auf eine Fischhändlerin weisend, fort, die ein kirschrotes Kleid, ein goldenes Kreuz um den Hals und ein im Rücken verschlungenes Tuch von Linon trug, – »nichts als Rundungen; die Nasenflügel blähen sich wie die Flügel ihrer Haube, ihre Mundwinkel heben sich, das Kinn senkt sich, alles ist fett, verschmolzen, massig, ruhig und sonnig, ein wahrer Rubens! Beide aber sind vollkommen! Wo ist also der Typus?« Er ereiferte sich: »Was ist eine schöne Frau? Was ist das Schöne? Ah! das Schöne! werden Sie sagen ...« Frédéric unterbrach ihn, um zu erfahren, [141] wer der Pierrot mit dem Ziegenbock-Profil wäre, der mitten in einer Pastourelle alle Tänzer zu segnen anfing.

»Gar nichts! ein Witwer, Vater von drei Knaben. Er läßt sie zerrissen herumlaufen, verbringt den Tag im Klub und schläft mit dem Dienstmädchen.«

»Und jener dort, im Kostüm eines Dorfschulzen, der in der Fensternische mit einer Marquise à la Pompadour spricht?«

»Die Marquise ist Madame Vandaël, eine ehemalige Schauspielerin des Gymnase, die Geliebte des Dogen, Grafen de Palazot. Es sind jetzt zwanzig Jahre, daß sie miteinander leben, man weiß nicht warum. Hatte diese Frau einst schöne Augen! Der Citoyen neben ihr heißt Hauptmann d'Herbigny, ein Veteran der alten Garde, der nichts besitzt als sein Ehrenkreuz und seine Pension, dient den Grisetten bei Feierlichkeiten als Oheim, arrangiert Duelle und läßt sich zum Essen einladen.«

»Ein Lump also?« fragte Frédéric.

»Nein, ein ehrlicher Kerl!«

»Ah!«

Der Künstler nannte ihm noch andere, und als er einen Herrn bemerkte, der wie Molières Ärzte ein langes, aber von oben bis unten weit offenes Gewand aus schwarzer Serge trug, um alle seine Berlockes zu zeigen, erklärte er:

»Dieser hier ist der Doktor des Rogis, der um jeden Preis berühmt sein wollte und daher ein medizinisches Buch über Pornographie geschrieben hat; er leistet der vornehmen Welt gern Dienste und ist sehr diskret; die Damen schwärmen für ihn. Er und seine Gattin (die magere Burgfrau dort im grauen Kleide) sind zusammen an allen öffentlichen und anderen Orten zu sehen. Trotz der Dürftigkeit ihres Haushalts haben sie ihren ›Jour‹, an dem Verse vorgetragen werden. – Achtung!«

In der Tat trat der Doktor zu ihnen; und bald bildeten die drei am Eingang des Saales eine Gruppe von Plauderern, zu der sich Hussonnet, augenblicklich der Geliebte der Wilden, ein junger Dichter, der unter einem kurzen [142] Mantel à la Franz I. die armseligsten Gliedmaßen aufwies, und endlich ein geistvoller, als Türke verkleideter junger Mann gesellte. Aber sein mit gelben Tressen besetztes Wams war vom Quacksalbern im Umherziehen so sehr abgenutzt, seine faltigen Pluderhosen hatten ein so verblichenes Rot, der wie ein Tartarenwulst zusammengerollte Turban war so jämmerlich und sein ganzes Kostüm endlich so erbärmlich und eben darum so echt, daß die Frauen ihren Abscheu nicht verhehlten. Der Doktor tröstete ihn darüber mit großen Lobreden über das Kostüm seiner Geliebten. Dieser Türke war der Sohn einer Bankiers.

Zwischen zwei Quadrillen lenkte Rosanette ihre Schritte nach dem Kamin, wo sich in einem Sessel ein kleiner beleibter Greis in kastanienbraunem Rock mit goldenen Knöpfen niedergelassen hatte. Trotz seiner welken Wangen, die auf die hohe weiße Kravatte herabhingen, gaben ihm seine noch blonden, wie eine Pudelmähne gekräuselten Haare etwas Übermütiges.

Zu seinem Gesicht herabgeneigt, hörte sie ihm zu. Dann reichte sie ihm ein Glas Likör, und nichts konnte winziger sein als ihre Hände in den Spitzenärmeln unter den Aufschlägen des grünen Rockes. Nachdem der Alte getrunken hatte, küßte er sie.

»Aber das ist ja Monsieur Oudry, der Nachbar Arnoux'!«

»Den hat er verloren,« sagte Pellerin lachend.

»Wie?«

Ein Postillon von Lonjumeau faßte sie um die Taille, ein Walzer begann. Darauf erhoben sich schnell alle Frauen nacheinander, die rings um den Saal auf Bänken saßen, und ihre Röcke, ihre Schärpen und ihr Kopfputz begannen sich zu drehen.

Sie walzten so dicht an ihm vorüber, daß Frédéric die Tröpfchen auf ihren Stirnen unterscheiden konnte; – und diese immer lebhaftere und regelmäßigere, schwindelerregende Bewegung versetzte ihn in eine Art Taumel und löste andere Vorstellungen in ihm aus, während alle in [143] tollem Wirbel vorüberzogen und eine jede Schönheit ihre besondere Wirkung übte. Die Polin, in einer gewissen schmachtenden Hingabe, weckte die Lust in ihm, sie an sein Herz zu drücken und mit ihr im Schlitten durch eine verschneite Landschaft zu fahren. In wonnigem Frieden stieg am Ufer eines Sees das Bild einer Sennhütte vor ihm auf bei den Tanzschritten einer Schweizerin, die in gerader Haltung mit gesenkten Augen walzte. Dann plötzlich lockte die Bacchantin, die ihren braunen Kopf zurückwarf, Träume von verzehrender Glut in gewitterdunklen Oleanderhainen beim wilden Rasseln der Tambourins hervor. Die Fischhändlerin lachte, von dem schnellen Takt außer Atem gebracht, laut auf, und er hätte in den Porcherons gern mit ihr getrunken und mit derben Händen ihr Brusttuch gelockert, wie in alter, guter Zeit. Aber die Lastträgerin, die leichtfüßig kaum den Fußboden berührte, schien in der Geschmeidigkeit ihrer Glieder und dem Ernst ihres Gesichtes alle Raffinements moderner Liebe zu vereinen, einer Liebe, die die Schärfe einer Wissenschaft und die Beweglichkeit eines Vogels hat. Die Hand auf der Hüfte, drehte sich Rosanette; ihre auf den Kragen herabreichende Zipfel-Perücke streute Iris-Puder um sie; und bei keiner Tour verfehlte sie, Frédéric mit den Spitzen ihrer goldenen Sporen zu streifen.

Bei den letzten Klängen des Walzers erschien Mademoiselle Vatnaz. Sie hatte ein algerisches Tuch um den Kopf gewunden, auf der Stirn eine Reihe von Münzen, und die Augenränder waren mit Antimon gefärbt; sie trug eine Art Paletot von schwarzem Kaschmir über einem hellen, silberdurchwirkten Rock und hielt ein baskisches Tambourin in der Hand.

Hinter ihr schritt ein großer junger Mann im klassischen Dante-Kostüm, der (sie machte jetzt kein Hehl mehr daraus) der ehemalige Sänger aus der Alhambra war und Auguste Delamare hieß, sich aber anfänglich Anténor Dellamare, dann Delmas, darauf Belmar und schließlich Delmar nennen ließ, und somit seinem wachsenden Ruhm [144] gemäß seinen Namen änderte und vervollkommnete; denn er hatte die Kneipe mit dem Theater vertauscht und eben als Gaspardo le Pêcheur im Ambigu rauschend debutiert.

Als Hussonnet ihn bemerkte, runzelte er die Stirn. Seitdem sein Stück zurückgewiesen worden war, verabscheute er die Schauspieler. Man könne sich die Eitelkeit dieser Herren, besonders dieses da nicht vorstellen! – »Welch ein Poseur das ist, sehen Sie nur!«

Nachdem er Rosanette nachlässig begrüßt hatte, lehnte Delmar sich an den Kamin, wo er die Hand auf dem Herzen, den linken Fuß vorgestreckt, die Augen gen Himmel, mit seinem Kranz von vergoldetem Lorbeer über der Kapuze, unbeweglich stehen blieb, indem er sich bemühte, in seinen Blick viel Poesie zu legen, um die Damen zu blenden. In einiger Entfernung bildete sich ein großer Kreis um ihn.

Nachdem die Vatnaz Rosanette innig geküßt hatte, kam sie zu Hussonnet, um ihn zu bitten, ein Werk über Erziehung: la Guirlande des jeunes Personnes, Beiträge zur Literatur und Moral, die sie veröffentlichen wollte, auf den Stil hin durchzusehen. Der Schriftsteller versprach seine Hilfe. Dann fragte sie ihn, ob er nicht in einem der Blätter, die ihm zur Verfügung ständen, ihren Freund ein wenig herausstreichen lassen könnte und ihm später vielleicht eine Rolle anvertrauen. Hussonnet vergaß darüber, ein Glas Punsch zu nehmen.

Arnoux hatte ihn selber zubereitet, und den Groom des Grafen neben sich, der ein leeres Tablett trug, bot er allen mit Genugtuung davon an.

Als er eben an Monsieur Oudry vorübergehen wollte, hielt Rosanette ihn an.

»Nun, und Ihre Angelegenheit?«

Er errötete ein wenig; endlich wandte er sich an den Alten.

»Unsere Freundin sagte mir, daß Sie die Gefälligkeit haben würden ...«

»Aber Herr Nachbar, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«

[145] Der Name Dambreuse wurde erwähnt; da sie sich halblaut unterhielten, verstand Frédéric sie nur undeutlich; er begab sich an die andere Ecke des Kamins, wo Rosanette und Delmar plauderten.

Der Komödiant hatte gewöhnliche Züge, die man wie Theaterdekorationen nur aus der Ferne betrachten darf, dicke Hände, große Füße, schwere Kinnbacken; und er riß die berühmtesten Schauspieler herunter, behandelte die Dichter von oben herab, sagte: »Mein Organ, meine Erscheinung, meine Mittel,« und schmückte seine Rede mit Vorliebe durch ihm selbst wenig verständliche Ausdrücke, wie »Morbidezza«, »analog« und »homogen« aus.

Rosanette hörte ihm mit leisem, zustimmendem Kopfnicken zu. Man sah die Bewunderung unter der Schminke in ihren Zügen aufleuchten, und ein feuchter Glanz glitt wie ein Schleier über ihre hellen Augen von unbestimmter Farbe. Wie konnte ein solcher Mann ihr gefallen? Frédéric redete sich innerlich in noch größere Verachtung gegen ihn hinein, vielleicht um eine Art Neid, den er ihm gegenüber empfand, zu verscheuchen.

Die Vatnaz stand jetzt neben Arnoux; und während sie von Zeit zu Zeit laut lachte, warf sie einen Blick auf ihre Freundin, die Monsieur Oudry nicht aus den Augen ließ.

Dann verschwanden Arnoux und die Vatnaz; der Alte sprach leise mit Rosanette.

»Jawohl, ja, es bleibt dabei! Lassen Sie mich in Ruhe!«

Und sie bat Frédéric, in die Küche zu gehen, um nachzusehen, ob Monsieur Arnoux nicht dort sei.

Ein Bataillon von halb gefüllten Gläsern bedeckte den Fußboden; und in den Kasserollen, Töpfen, Pfannen und im Backofen schmorte es. Arnoux kommandierte die Dienstboten, duzte sie, rührte die Remoulade, kostete die Sauce, schäkerte mit den Mädchen.

»Schön,« sagte er, »melden Sie ihr: Ich lasse anrichten.«

Es wurde nicht mehr getanzt, die Frauen hatten sich [146] wieder gesetzt, die Männer gingen umher. Mitten im Salon blähte sich einer der Fenstervorhänge im Winde, und trotz der Bemerkungen der anderen setzte die Sphinx ihre schweißfeuchten Arme dem Luftzuge aus. Wo war denn Rosanette? Frédéric suchte sie überall, selbst im Boudoir und im Wohnzimmer. Einige, die allein oder zu zweien sein wollten, hatten sich dorthin geflüchtet. Das Dunkel mischte sich mit dem Geflüster. Man vernahm leises Lachen hinter dem Taschentuch und vermeinte am Rande der ausgeschnittenen Mieder das Rascheln der Fächer zu hören, das lind und sanft war wie das Flattern verwundeter Vögel.

Als er in das Treibhaus trat, sah er Delmar unter den breiten Blättern einer Caladiumpflanze neben dem Springbrunnen platt auf dem Bauche auf dem leinenüberzogenen Sofa liegen. Rosanette, die neben ihm saß, strich mit der Hand durch sein Haar, und sie blickten einander an. Im selben Augenblick trat Arnoux von der andern Seite durch die Volière ein. Delmar erhob sich mit einem Satz und ging dann, ohne sich umzusehen, ruhigen Schrittes hinaus, blieb sogar in der Nähe der Tür stehen, um eine Hibiscusblüte zu pflücken, mit der er sein Knopfloch schmückte. Rosanette senkte das Gesicht, Frédéric, der sie im Profil sah, merkte, daß sie weinte.

»Nun! was hast du denn?« sagte Arnoux.

Sie zuckte die Achseln, ohne zu antworten.

»Ist es seinetwegen?« fragte er.

Sie schlang die Arme um seinen Hals, küßte ihn auf die Stirn und sagte langsam:

»Du weißt doch, daß ich dich immer lieben werde, Dickerchen! Wir wollen nicht mehr daran denken. Laß uns soupieren!«

Ein Messingkronleuchter mit vierzig Kerzen erhellte den Saal, dessen Wände unter alten Fayencen verschwanden, die dort hingen; und das von oben herabfallende grelle Licht machte eine riesenhafte Steinbutte noch weißer, die zwischen Nebengerichten und Früchten die Mitte der Tafel einnahm, während eine Reihe mit Bouillon gefüllter Teller sie umrahmte. [147] Mit raschelnden Kleidern setzten die Frauen sich nebeneinander und rafften ihre Röcke, Schärpen und Ärmel zusammen; die Männer ließen sich in den Ecken nieder. Pellerin und Monsieur Oudry saßen neben Rosanette, Arnoux gegenüber. Palazot und seine Freundin gingen eben fort.

»Glückliche Reise!« sagte sie, »greifen wir zu!«

Und der Chorknabe, ein drolliger Mensch, machte Zeichen des Kreuzes und stimmte das Benedicite an.

Die Damen waren entrüstet, besonders die Fischhändlerin, die eine Tochter hatte, aus der sie eine anständige Frau machen wollte. Arnoux »liebte dergleichen ebenfalls nicht«, er fand, man müsse die Religion achten.

Eine deutsche Kuckucksuhr schlug zwei und erregte mit ihrem Kuckuck ungeheures Vergnügen. Allerlei Gespräche schwirrten durcheinander: Wortspiele, Anekdoten, Prahlereien, Wetten, Lügen, die für Wahrheiten gehalten wurden, unwahrscheinliche Behauptungen, ein Wirrwarr von Worten, der sich bald in einzelne Unterhaltungen auflöste. Weine wurden herumgereicht, die Gerichte folgten einander, und der Doktor tranchierte. Man warf sich von weitem eine Orange, einen Korken zu und verließ seinen Platz, um mit anderen zu plaudern. Rosanette wandte sich häufig an Delmar, der unbeweglich hinter ihr stand; Pellerin schwatzte, Monsieur Oudry lächelte. Mademoiselle Vatnaz verspeiste fast ganz allein die Krebspyramide, und die Schalen krachten unter ihren langen Zähnen. Der Engel saß auf dem Klaviersessel (dem einzigen Platz, wo seine Flügel ihm zu sitzen gestatteten) und kaute still und ununterbrochen.

»Welch eine Leistung!« wiederholte der Chorknabe verblüfft, »welch eine Leistung!«

Und die Sphinx trank Branntwein, schrie aus vollem Halse, gebärdete sich wie ein Dämon. Plötzlich entfärbten sich ihre Wangen, und da sie das Blut, das sie zu ersticken drohte, nicht länger zurückdrängen konnte, führte sie ihre Serviette an die Lippen und warf sie dann unter den Tisch.

[148] Frédéric hatte es gesehen.

»Es ist nichts!«

Und auf seine inständige Bitte, fortzugehen und sich zu schonen, entgegnete sie langsam:

»Ach was! wozu? lieber dies als etwas anderes! Das Leben ist nicht so lustig.«

Da erschauerte er unter eisiger Traurigkeit, als hätte er Welten von Elend und Verzweiflung gesehen, eine Kohlenpfanne neben einem armseligen Bett und die Leichen der Morgue in ihren Lederschürzen, mit dem Hahn, aus dem kaltes Wasser über ihr Haar fließt.

Der Wilden zu Füßen hockend, kreischte Hussonnet indessen mit heiserer Stimme, um den Schauspieler Grassot nachzuahmen:

»Sei nicht grausam, o Celuta! Dieses kleine Familienfest ist reizend! Berauscht mich mit Sinnenlust, meine Schönen! Laßt uns lustig sein! laßt uns lustig sein!«

Und er fing an, die Frauen auf die Schultern zu küssen. Sie schauerten zusammen, von seinem Schnurrbart gekitzelt. Dann tat er, als wolle er einen Teller an seinem Kopf zerschlagen, indem er leicht daraufstieß. Andere machten es ihm nach; die Porzellanstücke flogen umher wie Dachschindeln bei Sturm, und die Lastträgerin rief:

»Geniert euch nicht, es kostet nichts! Der Mann, der sie fabriziert, stellt sie uns zur Verfügung!«

Aller Augen wandten sich auf Arnoux. Er erwiderte:

»Jawohl! aber auf Rechnung, wenn Sie erlauben!«

Offenbar um nicht oder nicht mehr als Liebhaber der Rosanette zu gelten.

Zwei wütende Stimmen erhoben sich plötzlich:

»Dummkopf!«

»Gassenjunge!«

»Ich stehe zu Ihrer Verfügung!«

»Gleichfalls!«

Es waren der mittelalterliche Ritter und der russische Postillon, die sich stritten; dieser hatte behauptet, daß Rüstungen Tapferkeit unnötig machten, und der andre hatte [149] das für eine Beleidigung gehalten. Er wollte sich schlagen, alle legten sich ins Mittel, und mitten in dem Tumult versuchte der Hauptmann, sich Gehör zu verschaffen.

»Meine Herren, hören Sie mich! ein Wort! Ich habe Erfahrung, meine Herren!«

Rosanette schlug mit dem Messer an ihr Glas und erlangte dadurch schließlich Ruhe; dann wandte sie sich an den Ritter, der seinen Helm aufbehielt und darauf an den Postillon mit einer langhaarigen Mütze:

»Stecken Sie vor allem Ihren Bratspieß ein! das regt mich auf! – und Sie da, herunter mit dem Wolfskopf. – Wollen Sie mir wohl gehorchen, zum Donnerwetter! Seht meine Epaulettes! Ich bin eure Marschallin!«

Sie bequemten sich dazu, und alle applaudierten mit dem Ruf:

»Es lebe die Marschallin! es lebe die Marschallin!«

Darauf nahm sie aus dem Kübel eine Flasche Champagner und schenkte ihn hoch von oben in die Schalen, die ihr gereicht wurden. Da der Tisch zu groß war, kamen alle Gäste, besonders die Frauen an ihre Seite, hoben sich auf den Fußspitzen, über die Stuhllehne, wodurch sich eine Minute eine Pyramide von Kopfbedeckungen, nackten Schultern, ausgestreckten Armen, vorgeneigten Körpern bildete, – und dazwischen leuchteten lange Strahlen von Wein, denn Arnoux und der Pierrot ließen an zwei Ecken des Saales jeder eine Flasche auslaufen und bespritzten die Gesichter. Die kleinen Vögel aus der Volière, deren Tür man offen gelassen hatte, erfüllten den Saal und flatterten erschreckt um den Kronleuchter oder schlugen mit den Köpfen gegen die Scheiben und die Möbel; und einige, die sich auf die Köpfe gesetzt hatten, sahen mitten im Haar wie große Blumen aus.

Die Musikanten waren fortgegangen. Das Piano aus dem Vorzimmer wurde hereingezogen. Die Vatnaz setzte sich daran, und von dem Chorknaben, der das Tambourin schlug, begleitet, begann sie einen ungestümen Kontretanz, wobei sie auf die Tasten schlug wie ein stampfendes Pferd [150] und den Körper wiegte, um den Takt besser anzugeben. Die Marschallin zog Frédéric mit sich, Hussonnet schlug Rad, die Lastträgerin verrenkte den Körper wie ein Clown, der Pierrot geberdete sich wie ein Orang-Utang, die Wilde ahmte mit ausgebreiteten Armen die Schwankungen einer Schaluppe nach. Schließlich konnten alle nicht mehr; sie hielten inne, und man öffnete ein Fenster.

Der helle Tag schien mit der Frische des Morgens herein. Ein Ausruf des Staunens ertönte, darauf Stille. Die gelben Flammen der Kerzen flackerten, wobei zuweilen ihre Lichtmanschetten aufleuchteten. Bänder, Blumen, Perlen bedeckten den Fußboden, die Konsolen klebten von Likör und Punschflecken, die Tapeten waren bespritzt, die Kostüme zerknittert, verstaubt; Haarsträhnen hingen auf die Schultern herab und von Schweiß aufgelöste Schminke enthüllte fahle Gesichter mit blinzelnden geröteten Lidern.

Die Marschallin allein hatte, frisch wie nach einem Bade, rosige Wangen und glänzende Augen. Sie warf ihre Perücke weit von sich, und ihre Haare fielen wie ein Vlies um sie, so daß von ihrem ganzen Anzug nichts als die Kniehose zu sehen war, was einen komischen und zugleich reizenden Anblick bot.

Die Sphinx, deren Zähne aufeinander schlugen, brauchte einen Schal.

Rosanette eilte ins Zimmer, um ihn zu holen, und als die andere ihr folgte, schlug sie ihr die Tür heftig vor der Nase zu.

Der Türke bemerkte ganz laut, daß man Monsieur Oudry nicht habe fortgehen sehen. Niemand beachtete diese Bosheit, so ermüdet waren alle.

Dann, während auf die Wagen gewartet wurde, wickelten sich alle in ihre Mäntel und Kapuzen. Es schlug sieben Uhr. Der Engel saß noch immer vor einer Schüssel mit Butter und Sardinen im Saal, und die Fischhändlerin rauchte neben ihm Zigaretten und gab ihm dabei Ratschläge für das Leben.

Endlich waren die Droschken gekommen, und die Gäste [151] gingen. Hussonnet, der als Korrespondent für die Provinz angestellt war, mußte vor seinem Frühstück dreiundvierzig Zeitungen lesen; die Wilde hatte eine Probe am Theater, Pellerin ein Modell, der Chorknabe drei Rendezvous. Aber der Engel konnte sich, von den ersten Symptomen eines verdorbenen Magens befallen, nicht erheben. Der mittelalterliche Baron trug ihn bis zur Droschke.

»Gib acht auf ihre Flügel!« schrie die Lastträgerin durch das Fenster.

Auf dem Flur sagte Mademoiselle Vatnaz zu Rosanette:

»Adieu, meine Liebe! dein Abend war sehr schön.« Dann neigte sie sich zu ihrem Ohre:

»Behalte ihn!«

»Bis auf bessere Zeiten,« erwiderte die Marschallin langsam und wandte sich um.

Arnoux und Frédéric gingen zusammen, wie sie gekommen waren. Der Fayencehändler hatte ein so düsteres Aussehen, daß Frédéric glaubte, er sei nicht wohl.

»Ich? Nicht im geringsten!«

Er kaute an seinem Schnurrbart, runzelte die Brauen, und Frédéric fragte ihn, ob seine Geschäfte ihm Sorge machten.

»Keineswegs!«

Dann plötzlich sagte er:

»Sie kennen ihn, den alten Oudry, nicht wahr?«

Und in einer Anwandlung von Groll:

»Er ist reich, der alte Lump!«

Darauf sprach er von einem wichtigen Brennen, das heute in seiner Fabrik beendet werden sollte. Er wollte es sehen. Der Zug ging in einer Stunde. »Ich muß aber erst meine Frau begrüßen.«

»Ach, seine Frau!« dachte Frédéric.

Dann legte er sich mit einem unerträglichen Schmerz im Hinterkopf zu Bett und trank eine Karaffe Wasser, um seinen Durst zu löschen.

Es erwachte ein anderer Durst in ihm, der Durst nach Weibern, nach Luxus und allem, was das Pariser Leben [152] mit sich bringt. Er fühlte sich ein wenig benommen, wie ein Mensch, der ein Schiff verläßt; und in der Halluzination des ersten Schlafes sah er fortwährend die Schultern der Fischhändlerin, die Lenden der Lastträgerin, die Waden der Polin, das Haar der Wilden an sich vorüberziehen. Dann erschienen ihm zwei große schwarze Augen, die nicht auf dem Balle waren; und leicht wie Schmetterlinge, feurig wie Fackeln, kamen sie und gingen, flatterten, stiegen bis zur Decke empor und herab bis zu seinem Munde. Frédéric strengte sich an, diese Augen zu erkennen, ohne daß es ihm gelang. Aber schon hatte der Traum ihn umfangen; ihm war, als ob er mit Arnoux an die Deichsel einer Droschke gespannt wäre und die Marschallin, die rittlings auf ihm saß, ihn mit ihren goldenen Sporen ritzte.

2.

Frédéric fand an der Ecke der Rue Rumfort eine kleine Wohnung und kaufte sich gleichzeitig ein Coupé, ein Pferd, Möbel und von Arnoux zwei Jardinièren, die er zu beiden Seiten der Tür in seinem Salon aufstellte. An diesen schloß sich ein Zimmer und ein Kabinett. Ihm kam der Gedanke, Deslauriers dort einzuquartieren. Aber wie würde er dann sie, seine zukünftige Geliebte, empfangen? Die Gegenwart eines Freundes würde stören. Er ließ die Zwischenwand entfernen, um den Salon zu vergrößern, und machte aus dem Kabinett ein Rauchzimmer.

Er kaufte die Dichter, die er liebte, Reisebeschreibungen, Atlanten, Wörterbücher, denn er hatte Arbeitspläne ohne Zahl; er drängte die Handwerker, lief in den Läden umher, und in seiner Ungeduld, zu genießen, nahm er alles ohne zu feilschen.

Infolge der Rechnungen der Lieferanten merkte Frédéric, daß er in kurzem etwa vierzigtausend Francs [153] auszugeben haben würde, die Abgaben für die Erbschaft, die siebentausend Francs überstiegen, nicht mit inbegriffen; da sein Vermögen meist in Grundstücken bestand, beauftragte er seinen Notar in Havre, einen Teil davon zu verkaufen, damit er sich von seinen Schulden befreien und etwas Geld zur Verfügung haben konnte. Dann, um endlich dieses vage, schillernde, undefinierbare Etwas, das man »Welt« nennt, kennen zu lernen, fragte er mit einem Billet bei den Dambreuses an, ob sie ihn empfangen könnten. Madame Dambreuse antwortete, daß sie am folgenden Tage auf seinen Besuch hofften.

Es war ihr Empfangstag. Wagen standen im Hof. Zwei Diener stürzten unter dem Schutzdach hervor, und ein dritter oben auf der Treppe schritt ihm voran.

Er ging durch ein Vorzimmer, einen zweiten Raum, darauf einen Saal mit hohen Fenstern, wo auf einem monumentalen Kamin eine Stutzuhr in Gestalt einer Himmelskugel nebst zwei ungeheuren Porzellanvasen stand, in denen zwei Bündel Lichthülsen wie goldene Büschel starrten. An der Wand hingen Gemälde in der Manier des Spagnoletto; majestätisch wallten die schweren gestickten Portieren herab, und die Fauteuils, die Konsolen, die Tische, das ganze Mobiliar hatte etwas Imposantes, Gediegenes. Frédéric lächelte unwillkürlich vor Vergnügen.

Endlich gelangte er in einen ovalen, mit Rosenholz getäfelten und mit winzigen Möbeln vollgepfropften Raum, der nur durch ein einziges Fenster, das auf den Garten ging, erhellt wurde. Madame Dambreuse saß neben dem Kamin, etwa ein Dutzend Personen bildeten einen Kreis um sie. Mit einem liebenswürdigen Wort forderte sie ihn auf, Platz zu nehmen, aber ohne zu zeigen, daß sie überrascht war, daß sie ihn so lange nicht gesehen hatte.

Als er eintrat, rühmte man die Beredsamkeit des Abbé Coeur. Dann klagte man anläßlich eines von einem Kammerdiener begangenen Diebstahls über die Korruption der Dienstboten, und das Geplauder nahm seinen Gang. Die alte Madame de Sommery habe einen Katarrh, Mademoiselle [154] de Turvisot verheirate sich, die Montcharrons würden vor Ende Januar nicht wiederkommen, Bretancourts ebenfalls nicht; diese Armseligkeit der Unterhaltung wurde durch den Luxus der Gegenstände ringsum noch erhöht; aber was gesagt wurde, war weniger geistlos als die Art, zwecklos ohne Zusammenhang und ohne Interesse zu plaudern. Es waren dabei Männer unter ihnen, die sich im Leben bewährt hatten, ein ehemaliger Minister, der Pastor einer großen Gemeinde, zwei oder drei hohe Regierungsbeamte; doch sie hielten sich alle an die abgedroschensten Gemeinplätze. Einige schienen gleichgiltige vornehme Witwen, andere hatten das Gebaren von Hochstaplern; und Greise begleiteten ihre Frauen, als deren Großväter sie gelten konnten.

Madame Dambreuse empfing alle mit Anmut. Sprach man von einem Kranken, so zog sie die Brauen schmerzlich zusammen und nahm eine heitere Miene an, wenn von Bällen und Soireen die Rede war. Sie würde bald gezwungen sein, sich solche zu versagen, denn sie wollte eine Nichte ihres Mannes, eine Waise, aus der Pension zu sich nehmen. Man pries ihre Aufopferung, das hieße sich als wahre Familienmutter zeigen.

Frédéric beobachtete sie. Die matte Haut ihres Gesichts schien gespannt und von einer Frische ohne Schmelz, wie die einer konservierten Frucht. Aber ihr Haar, auf englische Art in langen, spiralförmigen Locken, war feiner als Seide, ihre Augen von glänzendem Azurblau, alle ihre Bewegungen zart. Auf der Causeuse im Hintergrund sitzend, strich sie über die roten Quasten eines japanischen Wandschirmes, offenbar um ihre Hände, lange, schmale, ein wenig magere Hände mit hochgebogenen Fingerspitzen, zur Geltung zu bringen. Sie trug ein hohes Kleid aus grauem Moiré wie eine Puritanerin.

Frédéric fragte sie, ob sie in diesem Jahr nicht nach la Fortelle käme. Madame Dambreuse wußte es nicht. Er könne das übrigens verstehen: Nogent müsse sie ja langweilen. Die Besucher wurden zahlreicher. Es war ein [155] fortwährendes Rauschen von Kleidern auf den Teppichen; die auf dem Rande der Stühle sitzenden Damen lächelten, sagten zwei oder drei Worte und gingen nach Verlauf von fünf Minuten mit ihren jungen Töchtern wieder fort. Bald war es unmöglich, der Unterhaltung zu folgen, und Frédéric verabschiedete sich, als Madame Dambreuse zu ihm sagte:

»Jeden Mittwoch, nicht wahr, Monsieur Moreau?« und diese Phrase wog die Gleichgültigkeit wieder auf, die sie vorher gezeigt hatte.

Er war zufrieden. Nichtsdestoweniger atmete er auf der Straße tief auf; und in dem Bedürfnis nach einem weniger künstlichen Milieu erinnerte er sich, daß er der Marschallin einen Besuch schuldig war.

Die Tür des Vorzimmers war offen. Zwei Havaneser Hündchen liefen herbei. Eine Stimme rief:

»Delphine! Delphine! – Sind Sie es, Felix?«

Er blieb stehen und die beiden Hündchen kläfften. Endlich erschien Rosanette, in einen spitzenbesetzten Pudermantel von weißem Musseline gehüllt, die nackten Füße in Pantoffeln.

»Ach! verzeihen Sie! Ich hielt Sie für den Friseur. Eine Minute. Ich komme sofort!«

Und er blieb allein im Eßzimmer.

Die Vorhänge waren geschlossen. Frédéric schaute sich um und erinnerte sich des Lärms damals in der Nacht, als er mitten auf dem Tisch einen Herrenhut, einen alten, fettigen, unsaubern, verbeulten Filzhut, bemerkte. Wem gehörte wohl dieser Hut? Er zeigte unverschämt das abgetrennte Hutfutter, als wollte er damit sagen: »Daraus mache ich mir nichts! Ich bin hier der Herr!«

Die Marschallin kam zurück. Sie nahm ihn, öffnete das Treibhaus, warf ihn hinaus, schloß die Tür wieder (gleichzeitig wurden andere Türen geöffnet und geschlossen), und führte Frédéric durch die Küche in ihr Ankleidezimmer. Man sah sofort, daß dies der meist benutzte Raum des Hauses war, höchstwahrscheinlich sein eigentlicher Mittelpunkt. [156] Die Wände, Sessel und der breite Divan waren mit dunkelblauem, großgeblümtem Tuch bezogen, auf einem weißen Marmortisch standen zwei Waschbecken aus blauer Fayence; das Kristallwandbrett darüber war mit Flaschen, Bürsten, Kämmen, Schminkbüchsen und Puderschachteln vollgestellt; das Feuer spiegelte sich in einem hohen Stehspiegel; über der Badewanne hing ein Handtuch, und ein Geruch von Mandeln und Benzoë-Paste verbreitete sich.

»Sie werden die Unordnung entschuldigen! Ich bin heute abend ausgebeten.«

Und als sie sich umwand, hätte sie beinahe eins der Hündchen zertreten. Frédéric fand sie reizend. Sie hob beide auf und hielt ihm die schwarzen Schnauzen hin.

»Nun, macht schön, gebt dem Herrn einen Kuß!«

Ein Mann in schmutzigem Überrock mit Pelzkragen trat lärmend herein.

»Felix, mein Guter,« sagte sie. »Sie erhalten Ihr Bild bestimmt am nächsten Sonntag.«

Der Mann begann sie zu frisieren. Er brachte ihr Neuigkeiten von ihren Freundinnen. Madame de Rochegune, Madame de Saint-Florentin, Madame Lombard, alle waren vornehm wie im Hotel Dambreuse. Dann sprach er vom Theater; abends würde im Ambigu eine Sondervorstellung gegeben.

»Gehen Sie hin?«

»Nein, sicher nicht! Ich bleibe zu Haus!«

Delphine erschien und wurde gescholten, weil sie ohne Erlaubnis ausgegangen war. Sie schwor, daß sie vom Einkaufen zurückgekommen sei.

»Gut, bringen Sie mir Ihr Buch! – Sie erlauben, nicht wahr?«

Und halblaut das Heft durchlesend, machte Rosanette Bemerkungen über jeden Gegenstand. Es war falsch zusammengerechnet.

»Geben Sie mir vier Sous wieder!«

Delphine tat es, und als sie entlassen war, klagte sie:

[157] »Ach! Heilige Jungfrau! Was hat man doch zu leiden mit diesen Leuten!«

Frédéric störte diese Äußerung. Sie erinnerte ihn zu sehr an die der anderen und schuf zwischen den beiden Häusern gewissermaßen eine unliebsame Übereinstimmung.

Delphine, die wieder hereingekommen war, näherte sich der Marschallin, um ihr ein Wort ins Ohr zu flüstern.

»Ach nein, ich will nicht!«

Delphine erschien abermals.

»Madame, sie besteht darauf.«

»Ach, wie widerwärtig! Wirf sie doch hinaus!«

Im selben Augenblick öffnete eine alte, schwarz gekleidete Frau die Tür. Frédéric sah nichts, verstand nichts; Rosanette war zu ihr ins Zimmer gestürzt.

Als sie zurückkam, hatte sie rote Flecke auf den Wangen, ohne zu sprechen setzte sie sich in einen Fauteuil. Eine Träne rollte über ihre Wange, dann sagte sie sanft, zu dem jungen Manne gewandt:

»Wie ist Ihr Vorname?«

»Frédéric.«

»Ach! Frédéric! Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie so nenne?«

Und sie sah ihn einschmeichelnd, fast verliebt an. Plötzlich stieß sie beim Anblick der Vatnaz einen Freudenschrei aus.

Diese geschäftige Frau hatte keine Zeit zu verlieren, da sie pünktlich um sechs Uhr ihrem Mittagstisch vorstehen sollte, und sie war außer Atem, konnte nicht mehr. Zuerst zog sie aus ihrem Beutel eine Uhrkette mit einem Papier, dann verschiedene Gegenstände, lauter Einkäufe.

»Du mußt wissen, daß es Rue Joubert prachtvolle Schweden zu sechsunddreißig Sous gibt! Dein Färber bittet noch um acht Tage Zeit. Wegen der Guipure würde wieder angefragt werden, sagte ich. Bugneaux hat die Rechnung erhalten. Das ist wohl alles? Du schuldest mir hundertundfünfundachtzig Francs!«

Rosanette holte aus einem Schubfach zehn Napoléons. [158] Keine von beiden hatte Kleingeld, Frédéric bot ihnen welches an.

»Ich gebe es Ihnen wieder!« sagte die Vatnaz, die fünfzehn Francs in ihren Beutel steckend. »Aber Sie sind ein Bösewicht. Ich mag Sie nicht mehr leiden, Sie haben neulich nicht ein einziges Mal mit mir getanzt! – Ach! meine Liebe, ich habe am Quai Voltaire in einem Laden einen Rahmen mit ausgestopften Kolibris gesehen, die entzückend sind. An deiner Stelle würde ich sie mir kaufen. Sieh! wie findest du das?«

Und sie zeigte einen alten Rest rosa Seide, die sie im Temple gekauft hatte, um ein mittelalterliches Wams für Delmar daraus zu machen.

»Er ist heute hiergewesen, nicht wahr?«

»Nein!«

»Das ist sonderbar!«

Und eine Minute darauf fügte sie hinzu:

»Wohin gehst du heute abend?«

»Zu Alphonsine,« sagte Rosanette; es war die dritte Version über die Art, wie sie den Abend verbringen würde.

Die Vatnaz erwiderte:

»Und was gibt es Neues von dem Alten vom Berge?«

Durch ein lebhaftes Augenzwinkern gebot die Marschallin ihr zu schweigen; und sie begleitete Frédéric bis ins Vorzimmer, um zu erfahren, ob er Arnoux bald sehen werde.

»Bitten Sie ihn doch, zu kommen; nicht vor seiner Frau, natürlich!«

Oben an der Treppe stand ein Regenschirm, neben ein Paar Überschuhen an die Wand gelehnt.

»Die Gummischuhe der Vatnaz,« sagte Rosanette. »Welch ein Fuß, was? Meine kleine Freundin ist kräftig!«

Und mit einem melodramatischen Ton, wobei sie den zweiten Buchstaben rollen ließ, fuhr sie fort:

»Der ist nicht zu trrrauen!«

Durch diese Art Vertrauen kühn gemacht, wollte Frédéric sie auf den Hals küssen. Sie sagte kalt:

[159] »Oh! tun Sie es nur. Es kostet nichts!«

Ihm war leicht zu Mute, als er fortging, und er zweifelte nicht, daß die Marschallin bald seine Geliebte werden würde. Doch dieser Wunsch erweckte einen andern; und trotz einer Art von Groll, den er gegen sie hegte, verlangte es ihn, Madame Arnoux zu sehen.

Übrigens mußte er wegen des Auftrags der Rosanette hingehen.

»Aber jetzt«, dachte er (es schlug sechs Uhr), »jetzt ist Arnoux sicher zu Haus.«

Er verschob seinen Besuch auf den folgenden Tag.

Sie saß in derselben Stellung wie das erste Mal und nähte an einem Kinderhemdchen. Der kleine Knabe spielte zu ihren Füßen mit einer Menagerie aus Holz. Etwas weiter fort saß Marthe und schrieb.

Er machte ihr Komplimente über ihre Kinder. Sie antwortete ohne die geringste Übertreibung mütterlicher Eitelkeit.

Das Zimmer machte einen friedlichen Eindruck. Heller Sonnenschein fiel durch die Scheiben, daß die Kanten der Möbel glänzten, und da Madame Arnoux am Fenster saß, durchleuchtete ein breiter Sonnenstrahl, der die Nackenlöckchen streifte, ihre Bernstein-Haut mit einem Strom von Gold. Er sagte:

»Diese junge Dame hier ist in den drei Jahren sehr groß geworden! – Erinnern Sie sich, Mademoiselle, wie Sie im Wagen auf meinen Knien schliefen?« Marthe erinnerte sich nicht. »Eines Abends bei der Rückkehr von St. Cloud?«

Madame Arnoux blickte seltsam traurig. War es, um jede Anspielung auf ihre gemeinsame Erinnerung abzuweisen?

Ihre schönen schwarzen Augen mit den glänzenden Augäpfeln bewegten sich leicht unter ihren ein wenig schweren Lidern, und tief in ihrem Blick lag eine unendliche Güte. Eine grenzenlose Liede, stärker denn je, ergriff ihn wieder. Es war ein Anblick, der ihn betäubte. Aber er wehrte sich [160] dennoch dagegen. Wie sich zur Geltung bringen? durch welche Mittel? Und nachdem er lange gesucht hatte, fand Frédéric nichts Besseres als das Geld. Er begann damit, vom Wetter zu sprechen, das in Havre weniger kalt sei.

»Sie sind dort gewesen?«

»Ja, wegen einer – Familienangelegenheit – einer Erbschaft.«

»Ah! das freut mich sehr,« erwiderte sie mit einem Ausdruck so wahren Vergnügens, daß er davon gerührt war wie von einem großen Opfer.

Dann fragte sie ihn, was er tun wolle, ein Mann müsse sich doch mit etwas beschäftigen. Er erinnerte sich seiner Lüge und sagte, daß er hoffe, durch den Deputierten Monsieur Dambreuse in den Staatsrat zu kommen.

»Sie kennen ihn vielleicht?«

»Nur dem Namen nach.«

Dann fuhr sie mit leiser Stimme fort:

»Er hat Sie neulich auf den Ball geführt, nicht wahr?«

Frédéric schwieg.

»Das wollte ich nur wissen, danke.«

Darauf stellte sie zwei, drei diskrete Fragen über seine Familie und seine Provinz an ihn. Es wäre sehr liebenswürdig, daß er sie nach so langer Abwesenheit nicht vergessen habe.

– »Aber ... konnte ich denn?« erwiderte er. »Zweifelten Sie daran?«

Madame Arnoux erhob sich.

»Ich glaube, daß Sie wahre, offene Freundschaft für uns hegen. – Adieu, ... auf Wiedersehn!«

Und sie reichte ihm freimütig und herzlich die Hand. War das nicht eine Aufforderung, ein Versprechen? Frédéric empfand wahre Freude am Leben; er mußte sich zurückhalten, um nicht zu singen, er hatte das Bedürfnis, sich zu betätigen, Wohltaten und Almosen zu spenden. Er blickte um sich, ob nicht jemand da war, dem er helfen könnte. Kein Bettler kam vorüber, und seine Anwandlung [161] von Aufopferung schwand hin, denn er war nicht der Mann, die Gelegenheit in der Ferne zu suchen.

Dann erinnerte er sich seiner Freunde. Der erste, an den er dachte, war Hussonnet, der zweite Pellerin. Die untergeordnete Stellung Dussardiers gebot natürlich Zurückhaltung; was Cisy anbetraf, freute er sich, ihn sein Vermögen ein wenig sehen zu lassen. Er lud daher alle vier am nächsten Sonntag pünktlich um elf Uhr zu einem Einweihungsschmaus ein und beauftragte Deslauriers, Sénécal mitzubringen.

Der Hilfslehrer war aus seiner dritten Pension entlassen worden, weil er keine Verteilung von Preisen mehr zuließ, einen Brauch, den er für die Gleichheit als unheilvoll betrachtete. Er war jetzt bei einem Maschinenbauer und wohnte seit sechs Monaten nicht mehr bei Deslauriers.

Ihre Trennung hatte nichts Peinliches gehabt. Sénécal hatte in der letzten Zeit Männer in Blusen empfangen, lauter Patrioten, lauter Arbeiter und brave Leute, deren Gesellschaft dem Advokaten aber langweilig erschien. Überdies mißfielen ihm gewisse, als Kriegswaffen vortreffliche Ideen seines Freundes. Er schwieg aus Ehrgeiz, wollte ihn schonen, um ihn zu leiten, denn er erwartete mit Ungeduld einen großen Umsturz, wobei er rechnete, sein Schäfchen ins Trockne zu bringen, eine Stellung zu finden.

Die Denkweise Sénécals war uneigennütziger. Jeden Abend, wenn seine Arbeit beendet war, suchte er seine Mansarde auf und forschte in den Büchern nach einer Rechtfertigung seiner Ideen. Er hatte Anmerkungen zum »Contrat social« gemacht. Er verschlang die »Revue Indépendante«. Er kannte Mably, Morelly, Fourier, Saint-Simon, Comte, Cabet, Louis Blanc, den ganzen Haufen sozialistischer Schriftsteller, diejenigen, die das Niveau der Kasernen für die Menschheit fordern, die sie in einem Bordell belustigen wollen oder an ein Kontor gewöhnen; und aus einer Mischung all dessen hatte er sich ein Ideal tugendreicher Demokratie zurecht gemacht mit der [162] doppelten Aussicht auf ein kleines Pachtgut und eine große Spinnerei, einer Art von amerikanischem Lacedämonien, wo das Individuum nur existiert, um der Gesellschaft zu dienen, die viel allmächtiger, absoluter, unfehlbarer und göttlicher ist als die großen Lamas und Nebukadnezars. Er zweifelte nicht an der baldigen Verwirklichung dieses Planes; und alles, was er für feindlich hielt, griff Sénécal mit mathematischen Schlüssen und dem festen Glauben des Forschers an. Adels-Titel, Orden, Federbüsche und besonders Livreen, selbst zu volltönende Namen empörten ihn, – um so mehr, als seine Studien wie seine Leiden täglich seinen gründlichen Haß gegen jede Auszeichnung oder irgendwelche Vorrechte auffrischten.

Als Deslauriers das Billet Frédérics übergab, sagte er:

»Welche Verpflichtung habe ich eigentlich, höflich gegen diesen Herrn zu sein? Wenn er mich haben will, mag er zu mir kommen!«

Deslauriers zog ihn mit sich fort.

Sie fanden ihren Freund in seinem Schlafzimmer. Stores, doppelte Vorhänge, venetianische Spiegel, nichts fehlte; Frédéric in einer Samtjoppe saß in einem Sessel zurückgelehnt und rauchte Zigaretten von türkischem Tabak.

Sénécal machte eine finstere Miene wie ein Mucker, den man an einen Vergnügungsort bringt. Deslauriers umfaßte alles mit einem einzigen Blick; dann sagte er, sich tief verneigend:

»Euer Gnaden, ich bringe Euch meine Hochachtung dar!«

Dussardier fiel ihm um den Hals.

»Sie sind also jetzt reich? Ach, umso besser, Donnerwetter, umso besser!«

Cisy erschien mit Flor um seinen Hut. Seit dem Tode seiner Großmutter erfreute er sich eines beträchtlichen Vermögens und gab weniger darauf, sich zu amüsieren, als sich von den anderen zu unterscheiden, nicht wie alle Welt zu sein, kurz, »Schliff« zu haben, wie sein Wahlspruch war.

Es war jetzt indessen zwölf Uhr und alle gähnten. Frédéric [163] erwartete noch jemand. Bei dem Namen Arnoux schnitt Pellerin eine Grimasse. Er betrachtete ihn als Renegat, seit er der Kunst abtrünnig geworden war.

»Wenn man auf ihn verzichtete? Was meinen Sie dazu?«

Alle stimmten zu.

Ein Diener in hohen Gamaschen öffnete die Tür, und man sah den Speisesaal mit seinem hohen Eichengetäfel in erhabenem Gold und den beiden mit Geschirr beladenen Anrichtetischen. Die Weinflaschen wurden auf dem Ofen angewärmt; die Klingen der neuen Messer blinkten neben den Austern; in dem milchigen Ton der feinen Gläser war etwas Einladen des, und die Tafel verschwand unter Wildbret, Früchten und erlesenen Dingen. Für alles das hatte Sénécal keinen Blick.

Er verlangte vor allem einfaches Brot (so hart wie möglich) und sprach bei dieser Gelegenheit von den Mordtaten Buzançais und der Lebensmittelkrise.

Es wäre niemals so weit gekommen, wenn man den Ackerbau mehr unterstützte, wenn nicht alles der Konkurrenz, der Anarchie, dem erbärmlichen Grundsatz des »laissez faire, laissez passer« überliefert wäre! So kam die Geldherrschaft ans Ruder, die schlimmer ist als jede andere. Aber man müsse auf der Hut sein! Das Volk wird es schließlich müde werden und könnte die Kapitalisten ihre Leiden, sei es durch blutigen Zwang oder Plünderung ihrer Häuser, entgelten lassen.

Wie unter einem Wetterleuchten sah Frédéric einen Strom von Männern mit bloßen Armen in den großen Saal von Madame Dambreuse eindringen und die Spiegel mit Pikenstößen zertrümmern.

Sénécal fuhr fort: in Anbetracht der unzulänglichen Löhne sei der Arbeiter unglücklicher als der Helot, der Neger und der Paria, zumal wenn er Kinder habe.

»Soll er sie ersticken, wie es ihm ich weiß nicht welch englischer aus der Schule von Malthus hervorgegangener Arzt rät?«

[164] Und zu Cisy gewendet, fuhr er fort:

»Sollen wir zu den abscheulichen Lehren des Malthus zurückkehren?«

»Cisy, der von der Trostlosigkeit und selbst von der Existenz des Malthus nichts wußte, erwiderte, daß man dennoch vielem Elend abhelfen könnte, und daß die höheren Klassen ...«

»Ach! die höheren Klassen!« sagte hohnlachend der Sozialist. »Erstens gibt es keine höheren Klassen; nur das Herz adelt! Wir wollen keine Almosen, verstehen Sie? sondern Gleichheit, gerechte Verteilung der Produkte.«

Was er fordere, sei, daß der Arbeiter Kapitalist werden könne wie der Soldat Oberst. Die Zünfte wenigstens verhinderten durch die Einschränkung der Zahl der Lehrlinge einen allzugroßen Zudrang von Arbeitern, und das Gefühl der Brüderlichkeit würde durch Innungsfeste und Banner erhalten bleiben.

Hussonet als Dichter bedauerte das Verschwinden der Banner, Pellerin ebenfalls; die Vorliebe dafür war ihm im Café Dagneaux gekommen, als er von der Phalanstère hatte reden hören. Er erklärte Fourier für einen großen Mann.

»Ach was!« sagte Deslauriers. »Ein alter Tropf! der im Sturz des Kaiserreichs die Wirkung göttlicher Rache sieht! Das ist gerade wie der Herr Saint-Simon und seine Kirche mit dem Haß auf die französische Revolution: ein Haufen Possenreißer, die uns den Katholizismus gern wieder mundgerecht machen wollen!«

Monsieur de Cisy sagte kleinlaut, offenbar um sich aufzuklären oder eine gute Meinung von sich zu erwecken:

»Diese beiden Gelehrten teilen also nicht die Ansicht Voltaires?«

»Den überlasse ich Ihnen!« erwiderte Sénécal.

»Wie? ich, ich glaubte ...«

»O nein! er liebte das Volk nicht!«

Dann kam das Gespräch auf zeitgenössische Ereignisse: die spanischen Heiraten, die Verschwendungen Rocheforts, [165] das neue Stift von Saint-Denis, das eine Verdoppelung der Angaben herbeiführen würde. Nach Sénécals Ansicht zahlte man deren schon genug.

»Und wofür, mein Gott! Um den Affen vom Museum neue Paläste zu erbauen, auf unseren Plätzen einen glänzenden Regimentsstab paradieren zu lassen oder unter den Schloßbedienten eine altfränkische Etikette aufrechtzuerhalten.«

»Ich habe in ›la Mode‹ gelesen,« sagte Cisy, »daß am St. Ferdinandstag beim Tuilerienball alle als Harlekins verkleidet kamen.«

»Wenn das nicht erbärmlich ist,« sagte der Sozialist mit verächtlichem Achselzucken.

»Und das Museum von Versailles!« rief Pellerin. »Sprechen wir einmal von dem! Diese Dummköpfe haben einen Delacroix verstümmelt und einen Gros angeflickt. Im Louvre wurden alle Gemälde so gut restauriert, abgekratzt und verschmiert, daß vielleicht in zehn Jahren nicht eines mehr übrig sein wird. Was die Irrtümer im Katalog betrifft, so hat ein Deutscher ein ganzes Buch darüber geschrieben. Die Fremden machen sich über uns lustig, mein Wort darauf!«

»Ja, wir sind das Gespött Europas,« sagte Sénécal.

»Und zwar, weil die Kunst vollständig in der Gewalt der Krone ist.«

»Solange Ihr nicht das allgemeine Stimmrecht habt ...«

»Erlauben Sie!« rief der Künstler, der seit zwanzig Jahren von allen Salons zurückgewiesen wurde und entrüstet über die Regierung war. »Man soll uns in Frieden lassen! Ich für mein Teil verlange nichts weiter! Nur sollten die Kammern für die Interessen der Kunst etwas festsetzen. Es müßte ein Lehrstuhl für Ästhetik errichtet werden, dessen Professor, einem praktischen und zugleich philosophischen Manne, es hoffentlich gelingen würde, die Menge zu leiten. – Sie täten gut, Hussonnet, es mit einem Wort in Ihrem Blatt zu erwähnen.«

»Sind die Zeitungen denn frei? Sind wir es denn?«[166] sagte Deslauriers aufbrausend. »Wenn man bedenkt, daß beinahe achtundzwanzig Formalitäten notwendig sind, ein kleines Flußschiff einzurichten, bekomme ich Lust, bei den Menschenfressern zu leben! Die Regierung verschlingt uns! Alles gehört ihr, die Philosophie, das Recht, die Kunst, Gottes freie Luft! Und Frankreich röchelt unter dem Tritt der Gendarmen und der Soutane der Pfaffen.«

So schüttete der zukünftige Mirabeau seine Galle gründlich aus. Endlich ergriff er sein Glas, erhob sich, und die Hand in die Seite gestemmt, sagte er mit glühenden Augen:

»Ich trinke auf die vollständige Zerstörung der gegenwärtigen Zustände, das heißt alles dessen, was man Privilegium, Monopol, Direktion, Hierarchie, Autorität, Staat nennt!« und mit erhobener Stimme: »die ich zerschmettern möchte wie dieses!« wobei er ein schönes Fußglas auf den Tisch schleuderte, daß es in tausend Stücke zersprang.

Alle applaudierten, besonders Dussardier.

Die Vorstellung all der Ungerechtigkeiten brachte ihn außer sich. Er beunruhigte sich wegen Barbès; er gehörte zu denen, die sich unter den Wagen warfen, um gestürzten Pferden zu Hilfe zu kommen. Seine Gelehrsamkeit beschränkte sich auf zwei Werke, das eine »Verbrechen der Könige« betitelt, das andere »Geheimnisse des Vatikans«. Er hatte dem Advokaten mit offenem Munde, mit Wollust zugehört. Schließlich konnte er sich nicht mehr halten:

»Was ich Louis-Philippe vorwerfe, ist, daß er Polen im Stich gelassen hat.«

»Einen Augenblick!« erwiderte Hussonnet. »Erstens existiert Polen nicht mehr; das ist eine Erfindung von Lafayette! Fast alle Polen stammen aus dem Faubourg Saint-Marceau, da die echten mit Poniatowski ertrunken sind.« Kurz, es gebe dort keine mehr, dahinter wäre er längst gekommen! Es wäre wie mit der Seeschlange, der Aufhebung des Edikts von Nantes und jenem alten Märchen von der Bartholomäusnacht.

[167] Sénécal nahm, ohne die Polen zu verteidigen, die letzten Worte des Literaten auf. Man hätte die Päpste verleumdet, die immerhin das Volk verteidigt haben, und er nannte die Liga »das Morgenrot der Demokratie, eine große Gleichheitsbewegung gegen den Individualismus der Protestanten«.

Frédéric war ein wenig erstaunt über diese Ideen. Sie langweilten Cisy wahrscheinlich, denn er brachte das Gespräch auf die lebenden Bilder des Gymnase, die damals viele Leute anzogen.

Sénécal bedauerte es. Derartige Schauspiele verderbten die Töchter des Proletariats; man sähe sie danach einen unerhörten Luxus entfalten. Er gab auch den bayerischen Studenten recht, die die Lola Montès beschimpft hatten. Wie Rousseau machte er mehr Aufhebens von der Frau eines Köhlers als von der Maitresse eines Königs.

»Sie unterschätzen die Trüffeln!« entgegnete Hussonnet würdevoll. Und er übernahm die Verteidigung dieser Damen zugunsten der Rosanette. Dann, als er von ihrem Ball und dem Kostüm Arnoux' sprach, sagte Pellerin:

»Man behauptet, daß es mit ihm unsicher stehe.«

Der Kunsthändler hätte eben einen Prozeß wegen seiner Grundstücke in Belleville gehabt und gehöre augenblicklich mit anderen Galgenvögeln seiner Art zu einer Kaolin-Gesellschaft in der Nieder-Bretagne.

Dussardier wußte mehr darüber, denn sein Chef, Monsieur Moussinot, hatte bei dem Bankier Oskar Lefebvre Erkundigungen über Arnoux eingezogen, dieser hatte erwidert, daß er ihn für wenig solid halte, da er einige seiner Neugründungen kannte.

Das Dessert war beendet, man ging in den Salon, der wie jener der Marschallin in gelbem Damast im Stile Ludwigs XVI. gehalten war.

Pellerin tadelte Frédéric, daß er nicht lieber den Empire-Stil gewählt hatte; Sénécal rieb Streichhölzer an den Tapeten an; Deslauriers machte keine Bemerkungen. [168] Er tat es aber in der Bibliothek, die er eine Bibliothek für junge Mädchen nannte. Die Mehrzahl der zeitgenössischen Schriftsteller waren darin zu finden. Es war unmöglich, von ihren Werken zu sprechen, denn Hussonnet erzählte gleich Anekdoten über ihre Persönlichkeit, kritisierte ihre Gesichter, ihre Sitten, ihr Kostüm, indem er die Geister fünfzehnter Klasse pries, die erster Klasse verleumdete und selbstverständlich den modernen Verfall beklagte. Ein Volksliedchen enthalte allein mehr Poesie als alle Lyrik des 19. Jahrhunderts; Balzac würde überschätzt, Byron wäre zerrüttet, Hugo verstehe nichts vom Theater und so weiter.

»Warum«, sagte Sénécal, »haben Sie denn nicht die Werke unserer Arbeiter-Dichter?«

Und Monsieur de Cisy, der sich mit Literatur beschäftigte, wunderte sich, auf Frédérics Tisch nicht einige jener neuen Physiologien zu sehen, wie »Physiologie des Rauchers, des Anglers, des Zollbeamten«.

Sie reizten ihn schließlich derartig, daß er Lust hatte, sie bei den Schultern zu nehmen und hinauszuwerfen. »Aber ich werde toll!« Dann nahm er Dussardier beiseite und fragte ihn, ob er ihm mit etwas helfen könne.

Der brave Bursche war gerührt. Mit seinem Gehalt als Kassierer brauchte er nichts.

Darauf führte Frédéric Deslauriers in sein Zimmer, nahm zweitausend Francs aus seinem Schreibtisch und sagte:

»Nimm, mein Lieber, steck ein! Das ist der Rest meiner alten Schulden.«

»Aber – und die Zeitung?« sagte der Advokat.

»Ich habe Hussonnet davon gesagt, wie du wohl weißt!« Und als Frédéric erwiderte, »er befände sich augenblicklich ein wenig in Verlegenheit«, hatte der andere ein böses Lächeln.

Nach den Likören wurde Bier getrunken; nach dem Bier Grog; man rauchte wieder Pfeifen. Endlich, um fünf Uhr abends, gingen alle; und sie schritten, ohne zu sprechen, [169] einer hinter dem andern her, als Dussardier plötzlich sagte, daß Frédéric sie ausgezeichnet aufgenommen hätte. Alle stimmten darin überein.

Hussonet erklärte sein Frühstück für ein wenig zu schwer. Sénécal tadelte die Seichtheit seiner Einrichtung. Cisy dachte ebenso. Es fehlte absolut jede »Eigenart«.

»Ich finde,« sagte Pellerin, »er hätte gut ein Bild bei mir bestellen können.«

Deslauriers schwieg, da er in seiner Hosentasche die Banknoten hatte.

Frédéric war allein geblieben. Er dachte an seine Freunde und fühlte zwischen sich und ihnen eine tiefe, dunkle Kluft, die sie trennte. Er hatte ihnen doch die Hand entgegengestreckt, und sie hatten die Freimütigkeit seines Herzens nicht erwidert.

Er erinnerte sich der Bemerkungen Pellerins und Dussardiers über Arnoux. Es war ohne Zweifel eine Erfindung, eine Verleumdung. Aber warum? Und er sah Madame Arnoux vor sich, ruiniert, weinend, im Begriff, ihre Möbel zu verkaufen. Dieser Gedanke peinigte ihn die ganze Nacht; am nächsten Tage sprach er bei ihr vor.

Da er nicht wußte, wie er es anfangen sollte, ihr mitzuteilen, was er gehört hatte, fragte er sie gesprächsweise, ob Arnoux noch seine Terrains in Belleville besäße.

»Ja, noch immer.«

»Ich denke, er ist jetzt in einer Kaolin-Gesellschaft in der Bretagne?«

»Das ist wahr.«

»Seine Fabrik geht sehr gut, nicht wahr?«

»Ja ... ich vermute es.«

Und als er zögerte, fragte sie:

»Was haben Sie denn? Sie ängstigen mich!«

Er erzählte ihr die Geschichte der neuen Gründungen. Sie senkte den Kopf und sagte:

»Ich vermutete es!«

In der Tat hatte Arnoux, um eine gute Spekulation zu machen, sich geweigert, seine Terrains zu verkaufen, [170] hatte viel Geld darauf geliehen und, da er keine Käufer fand, sich durch die Gründung einer Fabrik wieder aufzuhelfen geglaubt. Die Kosten hatten die Anschläge überstiegen. Mehr wußte sie nicht; er wiche jeder Frage aus und versicherte stets, daß »es sehr gut ginge«.

Frédéric versuchte, sie zu beruhigen. Es wären vielleicht nur momentane Verlegenheiten. Übrigens, wenn er etwas erführe, wolle er es ihr mitteilen.

»Ach ja! nicht wahr?« sagte sie, mit einer reizend flehenden Miene beide Hände faltend.

Er konnte ihr also nützlich sein. Nun nahm er einen Platz in ihrem Dasein, in ihrem Herzen ein!

Arnoux erschien.

»Ah! wie nett, mich zum Diner abzuholen!«

Frédéric schwieg.

Arnoux sprach von gleichgiltigen Dingen, teilte dann seiner Frau mit, daß er sehr spät zurückkommen werde, da er eine Zusammenkunft mit Monsieur Oudry habe.

»Bei ihm?«

»Aber gewiß, bei ihm.«

Als sie die Treppe hinuntergingen, gestand er, daß sie, da die Marschallin frei sei, zusammen einen schönen Abend im Moulin-Rouge verleben wollten; und da er immer jemand brauchte, dem er sein Herz ausschütten konnte, ließ er sich von Frédéric bis zur Tür begleiten.

Anstatt einzutreten ging er auf dem Trottoir auf und ab, indem er die Fenster der zweiten Etage beobachtete. Plötzlich teilten sich die Vorhänge.

»Ah! bravo! Vater Oudry ist nicht mehr da. Guten Abend!«

So wurde sie also von dem alten Oudry unterhalten? Frédéric wußte nicht, was er davon denken sollte. Von diesem Tage an war Arnoux noch herzlicher als ehedem; er lud ihn zum Diner zu seiner Geliebten ein, und bald ging er in beiden Häusern aus und ein.

Bei Rosanette amüsierte er sich. Man ging dort abends nach dem Klub oder dem Theater hin; man trank [171] eine Tasse Tee, spielte eine Partie Lotto; am Sonntag wurden Charaden aufgeführt; Rosanette, ausgelassener als die anderen, zeichnete sich durch drollige Einfälle aus, wie auf allen Vieren zu laufen oder sich mit einer Kattunkappe zu vermummen. Um zum Fenster hinaus auf die Passanten zu sehen, trug sie einen Hut von gelbem Leder, sie rauchte aus einem Tschibuk und sang Tiroler-Lieder. Am Nachmittag schnitt sie zum Zeitvertreib Blumen aus einem Stück persischer Leinwand, klebte sie selber auf ihre Scheiden, schminkte ihre kleinen Hündchen, ließ Räucherkerzen verbrennen oder legte sich die Karten. Unfähig, sich einen Wunsch zu versagen, versteifte sie sich auf eine Nippsache, die sie gesehen, schlief nicht darüber, lief hin, um sie zu kaufen, tauschte sie gegen eine andere ein und verschleuderte Stoffe, verlor ihre Kleinodien, vergeudete ihr Geld, hätte ihr Hemd für eine Proszeniumloge verkauft. Oftmals bat sie Frédéric um die Erklärung eines Wortes, das sie gelesen, hörte aber nicht auf seine Antwort, denn sie sprang schnell zu einer andern Idee über und hatte immer neue Fragen. Nach Ausbrüchen von Fröhlichkeit kam es zu kindlichen Zornesszenen; oder sie träumte auch vor dem Kamin am Boden sitzend, den Kopf gesenkt, das Knie in beiden Händen, regungsloser als eine erstarrte Natter. Ohne sich an ihn zu kehren, kleidete sie sich vor ihm aus, zog gemächlich ihre seidenen Strümpfe an, wusch sich dann mit viel Wasser das Gesicht, wobei sie sich hintenüber beugte wie eine fröstelnde Najade, und das Lachen ihrer weißen Zähne, das Funkeln ihrer Augen, ihre Schönheit, ihr Frohsinn blendeten Frédéric und peitschten seine Nerven.

Madame Arnoux fand er fast immer dabei, ihren kleinen Jungen lesen zu lehren, oder hinter Marthes Stuhl, die Tonleitern auf ihrem Klavier übte; arbeitete sie einmal an einer Näherei, so war es für ihn ein großes Glück, zuweilen ihre Schere aufheben zu dürfen. Alle ihre Bewegungen waren von einer ruhigen Majestät; ihre kleinen Hände schienen dazu geschaffen, Almosen zu spenden, Tränen zu trocknen; und ihre Stimme, von Natur etwas [172] gedämpft, hatte einen zärtlichen Klang, sanft wie ein Windhauch.

Sie begeisterte sich gar nicht für Literatur, aber ihr Geist bezauberte durch einfache, eindringliche Worte. Sie liebte Reisen, das Rauschen des Windes im Walde und ging gern mit bloßem Kopf im Regen. Frédéric hörte diesen lieblichen Dingen zu und glaubte eine Unbezwungenheit zu bemerken, die jetzt begann.

Der Umgang mit diesen beiden Frauen brachte in sein Leben zweierlei Musik: die eine mutwillig, wild, unterhaltend, die andere ernst, fast religiös; und gleichzeitig erklingend, tönten sie verstärkt und verschmolzen ineinander; – denn sobald Madame Arnoux ihn nur mit dem Finger berührte, zeigte das Bild der andern sich sogleich seinem Verlangen, weil er von dieser Seite mehr Aussichten hatte, – und in der Gesellschaft der Rosanette dachte er, sobald er innerlich bewegt war, an seine große Liebe.

Diese Verwirrung entstand durch Ähnlichkeiten zwischen den beiden Wohnungen. Eine der Truhen, die vormals am Boulevard Montmartre zu sehen gewesen, schmückte jetzt den Speisesaal der Rosanette, die andere den von Madame Arnoux. In beiden Häusern war das gleiche Tafelgeschirr, und man fand alles bis auf dieselben Samtschutzdecken, die auf den Lehnsesseln lagen; eine Menge kleiner Geschenke, Ofenschirme, Kästchen, Fächer kamen und gingen von der Maitresse zur Gattin, denn ohne sich den geringsten Zwang anzutun, nahm Arnoux oft zurück, was er einer gegeben, um es der andern zu schenken.

Die Marschallin lachte mit Frédéric über seine schlechten Manieren. Eines Sonntags nach Tisch führte sie ihn hinter die Tür und zeigte ihm in seiner Paletottasche eine Düte mit Kuchen, die er von der Tafel beiseite geschafft hatte, offenbar um damit seine kleine Familie zu traktieren. Arnoux' Eulenspiegeleien streiften zuweilen dicht an Gaunerei. Für ihn war es eine Pflicht, beim Zoll zu schmuggeln; er ging niemals für Geld ins Schauspiel, verstand es immer, mit einem Billet für den zweiten Rang in den ersten[173] zu gelangen, und erzählte es wie einen ausgezeichneten Spaß, daß er bei den kalten Bädern die Gewohnheit hätte, in die Wärterbüchse einen Hosenknopf anstatt eines Zehnsousstücks zu werfen, was aber die Marschallin durchaus nicht hinderte, ihn zu lieben.

Allein eines Tages, als sie von ihm sprach, sagte sie:

»Ach! er langweilt mich schließlich! Ich habe genug von ihm! Mein Gott, ich kann mir nicht helfen, ich finde schon einen andern!«

Frédéric glaubte, »der andere« sei schon gefunden und hieße Monsieur Oudry.

»Nun,« sagte Rosanette, »was tut das?«

Dann fuhr sie mit Tränen in der Stimme fort:

»Ich verlange doch gewiß wenig von ihm, allein er will nicht, der Esel! Er will nicht! Im Versprechen, o! das ist etwas anderes!«

Er hatte ihr sogar ein Viertel seines Gewinns an den berühmten Kaolin-Minen versprochen; es war aber kein Gewinn zu sehen, ebensowenig der Kaschmir, mit dem er sie seit sechs Monaten hinhielt.

Frédéric dachte sofort daran, ihr damit ein Geschenk zu machen. Arnoux aber konnte es für einen Tadel nehmen und sich ärgern.

Doch er war sehr gutmütig, seine Frau selber sagte es. Aber so töricht! Anstatt Gäste zum Diner zu sich einzuladen, bewirtete er seine Bekannten jetzt täglich im Restaurant. Er kaufte vollkommen unnütze Dinge, wie goldene Ketten, Uhren, Wirtschaftsgegenstände.

Madame Arnoux zeigte Frédéric im Flur sogar einen enormen Vorrat an Kochkesseln, Schüsselwärmern und Samowars. Endlich gestand sie eines Tages ihre Unruhe. Arnoux hatte sie einen Wechsel, an die Ordre von Monsieur Dambreuse gestellt, unterschreiben lassen.

Allein Frédéric betrachtete es sich selbst gegenüber als eine Art Ehrensache, bei seinen literarischen Plänen zu bleiben. Er wollte eine Geschichte der Ästhetik schreiben, das Resultat seiner Gespräche mit Pellerin, darauf verschiedene [174] Epochen der französischen Revolution dramatisieren und, durch Deslauriers und Hussonnet angeregt, eine große Komödie verfassen. Mitten bei der Arbeit zog oft das Antlitz der einen oder der andern an ihm vorüber; er kämpfte gegen die Lust, sie zu sehen, säumte nicht, ihr nachzugeben; und war noch niedergeschlagener, wenn er von Madame Arnoux zurückkam.

Eines Morgens, als er schwermütig in der Kaminecke brütete, trat Deslauriers ein. Die aufrührerischen Reden Sénécals hatten den Maschinenbauer, in dessen Hause er war, beunruhigt, und er befand sich wieder einmal ohne alle Hilfsquellen.

»Was soll ich dabei machen?« sagte Frédéric.

»Nichts! ich weiß, du hast kein Geld. Aber das wird dich nicht hindern, ihm eine neue Stellung zu verschaffen, sei es durch Monsieur Dambreuse oder auch Arnoux?«

Dieser konnte in seinem Etablissement Ingenieure gebrauchen. Frédéric kam eine Idee: Sénécal konnte ihn von der Anwesenheit des Gatten benachrichtigen, Briefe besorgen, ihm bei tausend Gelegenheiten helfen, die sich bieten würden. Unter Männern leistete man sich immer solche Dienste. Überdies könnte er Mittel finden, ihn zu benutzen, ohne daß er es ahnte. Der Zufall bot ihm ein Hilfsmittel, es war günstig, er mußte zugreifen; und Gleichgültigkeit heuchelnd, erwiderte er, daß die Sache sich vielleicht machen ließe und er sich damit beschäftigen wolle.

Er tat es sofort. Arnoux gab sich mit seiner Fabrik viel Mühe. Er suchte das Kupferrot der Chinesen; aber seine Farben verdunsteten beim Brennen. Um das Springen seines Porzellans zu vermeiden, mischte er seinen Ton mit Kalk; aber die meisten der Stücke platzten, das Email seiner Malereien auf dem Ungebrannten warf Blasen, und seine großen Platten warfen sich; und da er seine Mißerfolge der schlechten Ausrüstung seiner Fabrik zuschrieb, wollte er sich neue Reibemühlen, andere Trockenkammern einrichten lassen. Frédéric entsann sich einiger dieser Dinge und ging zu ihm, um ihm mitzuteilen, daß er einen[175] sehr tüchtigen Menschen entdeckt hätte, der fähig wäre, sein berühmtes Rot zu finden. Arnoux sprang auf, und als er ihn gehört hatte, erwiderte er, daß er niemand brauche.

Frédéric pries die erstaunlichen Kenntnisse Sénécals, der Ingenieur, Chemiker und Rechner zugleich wäre, da er ein Mathematiker ersten Ranges sei.

Der Fabrikant willigte ein, ihn zu sehen.

Beide stritten sich wegen des Gehalts. Frédéric legte sich ins Mittel und brachte es am Ende der Woche dahin, daß sie einen Vergleich schlossen.

Aber die Fabrik lag in Creil, Sénécal konnte ihm in nichts helfen. Diese sehr einfache Erwägung entmutigte ihn wie ein Mißgeschick.

Er dachte, je mehr Arnoux sich von seiner Frau abwandte, desto mehr Aussichten hätte er bei ihr. Dann fing er an, Rosanette fortwährend zu verteidigen; er stellte ihm all sein Unrecht ihr gegenüber vor, erzählte von den unbestimmten Drohungen neulich und sprach sogar von dem Kaschmir, ohne zu verschweigen, daß sie ihn des Geizes beschuldigte.

Arnoux, der verletzt war und außerdem Verdacht schöpfte, brachte Rosanette den Kaschmir, schalt sie aber, weil sie sich bei Frédéric beklagt hatte; als sie sagte, daß sie ihn hundertmal an sein Versprechen erinnert hätte, behauptete er, sich dessen nicht zu entsinnen, da er sehr beschäftigt sei.

Am nächsten Tage fand Frédéric sich bei ihr ein. Obwohl es zwei Uhr war, lag die Marschallin noch im Bett; und an dem Kopfende verspeiste Delmar, vor einem Tischchen sitzend, eine Scheibe Gänseleberpastete. Sie rief ihm von weitem zu: »Ich habe ihn, ich habe ihn,« dann nahm sie ihn bei den Ohren, küßte ihn auf die Stirn, dankte ihm vielmals, duzte ihn, wollte ihn sogar auf ihrem Bett sitzen haben. Ihre schönen, sanften Augen funkelten, ihr feuchter Mund lächelte, ihre beiden runden Arme sahen aus ihrem Hemd hervor, das keine Ärmel hatte; und ab [176] und zu fühlte er durch den Battist die festen Umrisse ihres Körpers. Delmar saß dabei und rollte die Augen.

»Aber, meine Liebe, meine Liebe!« ...

Ebenso war es die folgenden Male. Sobald Frédéric eintrat, stieg sie auf ein Kissen, damit er sie besser küssen konnte, nannte ihn ihren Liebling, ihren Schatz, steckte ihm eine Blume ins Knopfloch, ordnete seine Krawatte; diese Zärtlichkeiten verdoppelten sich stets, wenn Delmar zugegen war.

War das ein Entgegenkommen? Frédéric nahm es an. Galt es, einen Freund zu betrügen, so hätte Arnoux sich an seiner Stelle auch nicht geniert! Und er hatte wohl das Recht, mit seiner Geliebten nicht tugendhaft zu sein, wie er es immer bei seiner Frau gewesen; denn er glaubte es gewesen zu sein oder hätte es sich wenigstens gern eingeredet, um seine unglaubliche Feigheit zu rechtfertigen. Trotzdem fand er sich einfältig und war entschlossen, bei der Marschallin nun mutig zuzufassen.

Da, eines Nachmittags, als sie sich vor ihrer Kommode bückte, näherte er sich ihr mit einer so deutlichen Geberde, daß sie sich ganz purpurrot erhob. Er wiederholte es noch einmal, da brach sie in Tränen aus und sagte, daß sie sehr unglücklich sei, das aber wäre kein Grund sie zu verachten.

Er erneuerte seine Versuche. Da schlug sie eine andere Tonart an und lachte jedesmal. Er hielt sich für schlau, wenn er im selben Ton erwiderte und ihn übertrieb. Aber er zeigte sich viel zu lustig, als daß sie ihn für aufrichtig halten konnte; und ihre Kameradschaft war ein Hindernis für eine Annäherung wahrhaft ernster Natur. Endlich erwiderte sie eines Tages, daß sie sich nicht mit dem begnüge, was eine andere übrig ließe.

»Welche andere?«

»Nun ja! geh doch zu Madame Arnoux zurück!«

Denn Frédéric sprach oft von ihr, und Arnoux hatte ebenfalls diese Manie; es machte sie schließlich ungeduldig, immer diese Frau rühmen zu hören; und ihre Anspielung war eine Art Rache.

[177] Frédéric grollte ihr darum.

Außerdem begann sie ihn stark zu erregen. Manchmal sprach sie, sich als Sachverständige aufspielend, von der Bitterkeit der Liebe mit einem so skeptischen Lächeln, daß es ihn reizte, sie zu ohrfeigen. Eine Viertelstunde darauf erklärte sie sie für das einzige, was es auf Erden gab, und die Arme auf der Brust kreuzend, wie um jemand an sich zu pressen, murmelte sie mit halbgeschlossenen Lidern und fast trunken vor Wonne: »Oh! das ist schön! das ist so schön!« Es war unmöglich, klug aus ihr zu werden, zum Beispiel zu wissen, ob sie Arnoux liebte, denn sie machte sich über ihn lustig und schien eifersüchtig auf ihn. Ebenso auf die Vatnaz, die sie eine Elende nannte, ein andermal ihre beste Freundin. Endlich lag über ihrer ganzen Person bis zum Zurückwerfen ihres Haares etwas Unaussprechliches, das einer Herausforderung glich; – und er begehrte sie hauptsächlich aus dem Verlangen, sie zu bezwingen und zu beherrschen.

Wie aber dazu gelangen? denn oft schickte sie ihn ohne Umstände fort, erschien eine Minute zwischen zwei Türen um zu flüstern: »Ich bin beschäftigt, bis heute abend!« oder er traf sie auch in Gesellschaft von einem Dutzend Menschen; und waren sie allein, so hätte man eine Wette eingehen können, daß ein Hindernis dem andern folgte. Er lud sie zum Diner ein, sie schlug es ab; einmal nahm sie es an, kam aber nicht.

Eine hinterlistige Idee kam ihm in den Sinn.

Da er durch Dussardier wußte, daß Pellerin sich über ihn beklagt hatte, dachte er daran, bei ihm das Porträt der Marschallin zu bestellen, ein Porträt in Lebensgröße, das viele Sitzungen erforderte; er würde nicht eine einzige verfehlen; die Unpünktlichkeit des Künstlers würde ihr intimes Zusammensein erleichtern. Er forderte daher Rosanette auf, sich malen zu lassen, um ihrem lieben Arnoux ihr Bild zu schenken. Sie willigte ein, denn sie sah sich bereits mitten im großen »Salon« auf dem Ehrenplatz, von [178] einer Menge umringt, die Zeitungen würden davon reden, und sie mit einem Schlage »gemacht« sein.

Pellerin ging natürlich begierig auf den Vorschlag ein. Dieses Porträt sollte einen großen Mann aus ihm machen, sollte ein Meisterwerk werden.

Er ließ im Geiste alle Meister-Porträts, die er kannte, an sich vorüberziehen und entschied sich schließlich für einen Tizian, der durch den Prunk eines Veronese noch gehoben werden sollte. Er wollte das Bild dann ohne künstliche Schatten anlegen, in vollem Licht, das das Fleisch in einem einzigen Ton erhellte und die Nebensachen aufleuchten ließ.

»Ob ich«, dachte er, »ein Gewand aus rosa Seide mit einem orientalischen Burnus für sie wähle? Aber, nein! zum Teufel mit dem Burnus! oder ob ich sie lieber in blauen Samt kleide, auf grauem, sehr farbigem Hintergrund? Man könnte ihr auch einen weißen Guipure-Kragen, einen schwarzen Fächer geben und einen scharlachroten Vorhang dahinter!«

Und indem er so überlegte, wurden seine Entwürfe zu seinem Erstaunen täglich zahlreicher.

Ihm klopfte das Herz, als Rosanette, von Frédéric begleitet, zur ersten Sitzung zu ihm kam. Er wies ihr mitten im Raume eine Art Tritt an, und indem er sich über das Licht beklagte und den Verlust seines alten Ateliers bedauerte, ließ er sie zuerst an einen Sockel gelehnt stehen, setzte sie dann in einen Fauteuil, und sich abwechselnd von ihr entfernend und sich ihr wieder nähernd, um mit einem Griff die Falten ihres Kleides zu ordnen, betrachtete er sie mit halbgeschlossenen Lidern und fragte Frédéric um seinen Rat.

»Nein, nein!« rief er. »Ich komme auf meine Idee zurück! Ich mache Sie zur Venetianerin!«

Sie müßte ein Gewand aus hochrotem Samt mit einem goldgeschmiedeten Gürtel haben, und der breite, mit Hermelin verbrämte Ärmel sollte ihren nackten Arm sehen lassen, der sich auf die Balustrade einer hinter ihr aufsteigenden Treppe stützte. Zu ihrer Linken würde eine [179] große Säule bis zur Höhe der Lein wand gehen und sich der Architektur anschließen, die einen Bogen beschrieb. Darunter bemerkte man vage massive, fast schwarze Orangenbäume, von denen sich ein blauer, von weißen Wolken durchzogener Himmel scharf abzeichnen sollte. Auf der mit einem Teppich bedeckten Balustrade müßte eine silberne Schale mit einem Blumenstrauß, einem Rosenkranz aus Bernstein, einen Dolch stehen und ein Kästchen aus altem, etwas vergilbten Elfenbein, das mit Goldmünzen angefüllt war; einige davon sollten, auf den Boden gerollt, eine Reihe glänzender Flecken bilden, um das Auge auf die Spitze ihres Fußes zu lenken, denn er sollte in vollem Licht in natürlicher Bewegung auf der vorletzten Stufe ruhen.

Er holte eine Bilderkiste herbei, die er auf den Tritt stellte, um die Stufe darzustellen; darauf legte er auf einen Schemel, der die Balustrade vorstellen sollte, seine Joppe, einen Schild, eine Sardinenbüchse, einen Federbusch, ein Messer, und nachdem er vor Rosanette ein Dutzend blanke Sous verstreut hatte, bat er sie, ihre Stellung einzunehmen.

»Stellen Sie sich vor, daß die Dinge Reichtümer, kostbare Geschenke seien. Den Kopf ein wenig nach rechts! Ausgezeichnet! und rühren Sie sich nicht! Diese majestätische Stellung paßt gut zu Ihrer Art von Schönheit.«

Sie trug ein schottisches Kleid mit breitem Muff und hielt an sich, um nicht zu lachen.

»In den Kopfputz nehmen wir eine Perlenschnur: das gibt immer einen guten Effekt in rotem Haar.«

Die Marschallin sagte entrüstet, sie habe kein rotes Haar.

»Lassen Sie's gut sein! Das Rot der Maler ist nicht das der Spießbürger!«

Er begann die Anordnung der Massen zu skizzieren; und die großen Künstler der Renaissance beschäftigten ihn so sehr, daß er von ihnen zu sprechen anfing. Eine Stunde lang träumte er laut von diesen herrlichen Existenzen voll Genie, Ruhm und Pracht, von ihren Triumph-Einzügen [180] in den Städten und Festen bei Fackelschein inmitten halbnackter, göttlich schöner Frauen.

»Sie wären wie geschaffen, in jener Zeit zu leben. Ein Wesen wie Sie hätte einen Fürsten verdient!«

Rosanette fand seine Komplimente reizend. Der Tag der nächsten Sitzung wurde festgesetzt; Frédéric übernahm es, das Zubehör zu besorgen.

Da die Ofenwärme sie ein wenig erschöpft hatte, kehrten sie zu Fuß durch die Rue du Bac zurück und kamen auf den Pont Royal.

Das Wetter war frisch und schön. Die Sonne ging unter; einige Fenster an den Häusern in der Stadt glänzten in der Ferne wie Goldplatten, während sich dahinter rechts die Türme von Notre Dame schwarz auf dem blauen Himmel abzeichneten und am Horizont weich, in grauem Dunst verschwanden. Ein Wind wehte; und da Rosanette erklärt hatte, daß sie hungrig sei, traten sie in eine englische Kuchenbäckerei ein.

Junge Frauen aßen mit ihren Kindern stehend an dem Marmor-Büffet, auf dem dicht gedrängt die Teller mit kleinen Kuchen standen. Rosanette verschlang zwei Crême-Törtchen. Der Streuzucker bildete in ihren Mundwinkeln zwei kleine Schnurrbärte. Von Zeit zu Zeit zog sie, um sie abzuwischen, ihr Taschentuch aus dem Muff, und ihr Gesicht glich unter ihrer grünseidenen Kapotte einer aufgeblühten Rose in ihren Blättern.

Sie setzten ihren Weg fort; in der Rue de la Paix blieb sie vor dem Laden eines Goldschmieds stehen, um ein Armband zu betrachten; Frédéric wollte ihr ein Geschenk damit machen.

»Nein,« sagte sie, »behalte dein Geld.«

Diese Worte verletzten ihn.

»Was hat mein Junge? Bist du traurig?«

Und nachdem die Unterhaltung wieder angeknüpft war, kam es wie gewöhnlich wieder zu Liebesbeteuerungen.

»Du weißt doch, daß es unmöglich ist!«

»Warum?«

[181] »Ach, weil ...«

Sie gingen dicht nebeneinander, sie auf seinen Arm gestützt, und die Falbeln ihres Kleides schlugen an seine Beine. Da erinnerte er sich einer Dämmerstunde im Winter, wo auf demselben Trottoir Madame Arnoux an seiner Seite gegangen war; und die Erinnerung beschäftigte ihn dergestalt, daß er Rosanette nicht mehr bemerkte und nicht an sie dachte.

Sie blickte vor sich ins Leere, indem sie sich wie ein träges Kind ein wenig ziehen ließ. Es war die Stunde, wo man vom Spaziergang zurückkehrt, und Equipagen fuhren in schneller Fahrt auf dem trocknen Pflaster vorüber. Offenbar kamen ihr die Schmeicheleien Pellerins ins Gedächtnis, sie stieß einen Seufzer aus.

»Ach! es gibt Glückliche! Ich bin entschieden für einen reichen Mann geschaffen.«

Er erwiderte in brutalem Ton:

»Sie haben ja einen!« denn Monsieur Oudry galt für einen dreifachen Millionär.

Sie hatte keinen größeren Wunsch, als ihn los zu werden.

»Wer hindert Sie daran?«

Und er erging sich in bitteren Scherzen über diesen alten Spießbürger mit seiner Perücke, erklärte ihr, daß ein solches Verhältnis unwürdig wäre und daß sie es lösen müsse!

»Ja,« erwiderte die Marschallin, wie zu sich selber sprechend. »Das werde ich schließlich sicher auch tun!«

Frédéric war entzückt von dieser Uneigennützigkeit. Sie gingen langsamer, er glaubte, sie sei ermüdet. Sie schlug es ab einen Wagen zu nehmen und verabschiedete sich dann vor ihrer Tür von ihm, indem sie ihm eine Kußhand zuwarf.

»O! wie schade! Und zu denken, daß Dummköpfe mich für reich halten!«

Er war verstimmt, als er zu Haus anlangte.

Hussonnet und Deslauriers erwarteten ihn.

Der Bohémien zeichnete, an einem Tisch sitzend, Türkenköpfe, [182] und der Advokat schlief mit schmutzigen Stiefeln auf dem Diwan.

»Ah! endlich,« rief er. »Aber welch finsteres Gesicht! Kannst du mich anhören?«

Sein Ruf als Hilfslehrer nahm ab, denn er pfropfte seine Schüler für das Examen mit ungeeigneten Theorien voll. Er hatte zwei- oder dreimal plaidiert, hatte verloren, und jede neue Enttäuschung trieb ihn immer stärker zu seinem alten Traum zurück: ein Blatt zu gründen, in dem er sich betätigen, sich rächen, seine Galle und seine Ideen ausfließen lassen konnte. Ansehen und Vermögen würden folgen. Auf diese Hoffnung hin hatte er den Bohémien für sich zu gewinnen gesucht, da Hussonnet ein Blatt besaß.

Augenblicklich ließ er auf rosa Papier drucken; er erfand schnurrige Geschichten, verfaßte Rebusse, versuchte Polemiken einzuleiten und wollte sogar (obwohl der Raum fehlte) Konzerte veranstalten: das Jahresabonnement »gewährte das Recht auf einen Orchesterplatz in einem der Haupttheater von Paris, die Redaktion übernahm es, den verehrlichen Fremden alle wünschenswerten künstlerischen und anderen Auskünfte zu erteilen«. Jedoch der Drucker drohte, man schuldete dem Hauseigentümer die Miete für drei Quartale, allerlei Verlegenheiten häuften sich; und Hussonnet hätte »Die Kunst« ohne die Ermahnungen des Advokaten, der ihm täglich Strafpredigten hielt, eingehen lassen. Er hatte ihn mitgenommen, um seinem Vorgehen mehr Nachdruck zu geben.

»Wir kommen wegen der Zeitung,« sagte er.

»Wie, du denkst noch daran?« entgegnete Frédéric in zerstreutem Tone.

»Gewiß denke ich daran!«

Und er setzte seinen Plan von neuem auseinander. Durch Börsenberichte würden sie mit Geldleuten in Verbindung kommen und so die notwendigen hunderttausend Francs Kaution erhalten. Aber um das Blatt in eine politische Zeitung umzuwandeln, sei es notwendig, vorher einen großen Leserkreis zu haben und sich darum zu einigen [183] Ausgaben zu entschließen, um die Kosten des Papiers, der Druckerei, der Büros zu bestreiten, kurz, eine Summe von fünfzehntausend Francs zu haben.

»Ich habe kein Vermögen,« sagte Frédéric.

»Und wir?« sagte Deslauriers, die Arme kreuzend.

Durch diese Geste verletzt, entgegnete Frédéric:

»Kann ich dafür?«

»Ah! Sehr gut! Sie haben Holz in Ihrem Kamin, Trüffeln auf Ihrem Tisch, ein gutes Bett, eine Bibliothek, Wagen, alle Annehmlichkeiten! Daß aber einem andern unterm Schieferdach die Zähne klappern, er zu zwanzig Sous zu Mittag speist, wie ein Sträfling arbeitet und im Elend verkommt! ist das Ihre Schuld?«

Und er wiederholte dieses »ist das Ihre Schuld?« mit einer ciceronianischen Ironie, die nach dem Gerichtshof schmeckte. Frédéric wollte sprechen.

»Übrigens begreife ich, man hat ... aristokratische Bedürfnisse; denn ... irgendeine Frau ... ohne Zweifel ...«

»Nun, und wenn dem so wäre? Bin ich nicht frei?«

»O! sehr frei!«

Und nach einer Minute des Schweigens:

»Sie sind so bequem, die Versprechungen.«

»Mein Gott, ich leugne sie nicht!« sagte Frédéric.

Der Advokat fuhr fort:

»Im Gymnasium schwört man, eine Gemeinschaft zu gründen, es den ›Dreizehn‹ des Balzac gleichzutun! Dann, wenn man sich wiedertrifft: Guten Abend, alter Junge, geh zum Teufel! Denn, der dem andern dienen könnte, behält sorgsam alles für sich allein.«

»Wie?«

»Jawohl, du hast uns nicht einmal bei den Dambreuses eingeführt!«

Frédéric sah ihn an; mit seinem armseligen Überrock, seinen trüben Brillengläsern, dem bleichen Gesicht machte er den Eindruck eines richtigen Schulfuchses, so daß Frédéric ein verächtliches Lächeln auf den Lippen nicht unterdrücken konnte. Deslauriers bemerkte es und errötete.

[184] Er hatte bereits den Hut auf, um zu gehen. Hussonnet versuchte voll Unruhe, ihn durch flehende Blicke zu besänftigen, und als Frédéric ihm den Rücken zukehrte, sagte er:

»Hören Sie, mein Lieber! Seien Sie unser Mäcen! Beschützen Sie die Kunst!«

In einem plötzlichen Gefühl von Resignation nahm Frédéric ein Blatt Papier und reichte es ihm, nachdem er einige Zeilen darauf gekritzelt hatte. Das Gesicht des Bohémien erhellte sich. Dann gab er den Brief an Deslauriers weiter und sagte:

»Bitten Sie ab, mein Herr!«

»Ihr Freund beauftragte seinen Notar, ihm so schnell wie möglich fünfzehntausend Francs zu schicken.«

»Ah! daran erkenne ich dich wieder!« sagte Deslauriers.

»Auf Ehre!« fügte der Bohémien hinzu, »Sie sind gut, man sollte Sie in die Galerie der Wohltäter aufnehmen!«

Der Advokat fuhr fort:

»Du wirst nichts dabei einbüßen, die Spekulation ist ausgezeichnet.«

»Bei Gott!« rief Hussonnet, »ich würde meinen Kopf dafür aufs Schafott legen.«

Und er brachte so viele Torheiten hervor, versprach so viele Wunder (an die er vielleicht selber glaubte), daß Frédéric nicht wußte, ob es geschah, um sich über die anderen oder über sich selbst lustig zu machen.

An diesem Abend erhielt er einen Brief von seiner Mutter.

Sie wunderte sich, ihn noch nicht als Minister zu sehen, und neckte ihn ein wenig damit. Dann sprach sie von ihrer Gesundheit und teilte ihm mit, daß Monsieur Roque jetzt bei ihr verkehre. »Seitdem er Witwer ist, halte ich es nicht für unpassend, ihn zu empfangen. Louise hat sich sehr zu ihrem Vorteil verändert.« Und eine Nachschrift: »Du sagst mir nichts von deiner angenehmen Bekanntschaft mit Monsieur Dambreuse; an deiner Stelle würde ich sie ausnutzen.«

Warum nicht? Seine intellektuellen Bestrebungen[185] hatte er aufgegeben, und sein Vermögen war (er sah es wohl) unzureichend; denn wenn seine Schulden bezahlt waren und die versprochene Summe den anderen eingehändigt, würden seine Einkünfte sich wenigstens um viertausend Francs verringern! Außerdem fühlte er das Bedürfnis, diese Existenz aufzugeben, sich an etwas anzuklammern. Am nächsten Tage, als er bei Madame Arnoux speiste, sagte er, daß seine Mutter ihn dränge, einen Beruf zu ergreifen.

»Aber ich glaubte,« entgegnete sie, »daß Monsieur Dambreuse Ihnen dazu verhelfen wollte, in den Staatsrat einzutreten? Das würde sehr gut für Sie passen.«

Sie wollte es also. Er gehorchte.

Der Bankier saß wie das erste Mal an seinem Schreibtisch und bat ihn mit einer Geberde, einige Minuten zu warten, da ein Herr, der den Rücken der Tür zukehrte, ernste Dinge mit ihm zu besprechen hätte. Es handelte sich um Steinkohlen und um eine Fusion verschiedener Gesellschaften.

Die Bildnisse des Generals Foy und Louis-Philippes hingen als Pendants zu beiden Seiten des Spiegels; Schubfächer stiegen an dem Getäfel bis zur Decke empor, und es standen sechs Rohrstühle da, denn Monsieur Dambreuse brauchte für seine Geschäfte kein schöneres Zimmer; ebenso wie in dunklen Küchen oft die größten Schmausereien zubereitet werden. Besonders fielen Frédéric zwei ungeheure Geldschränke auf, die in einer Wandnische aufgestellt waren. Er fragte sich, wie viele Millionen sie wohl fassen könnten. Der Bankier öffnete den einen, die Eisenplatte hob sich und ließ von dem Inhalt nichts als Hefte in blauem Umschlag sehen.

Endlich ging der andere Herr an Frédéric vorüber. Es war der alte Oudry. Beide grüßten sich errötend, was Monsieur Dambreuse zu überraschen schien. Übrigens zeigte er sich sehr liebenswürdig. Nichts sei leichter, als seinen jungen Freund dem Justizminister zu empfehlen. Man würde froh sein, ihn zu haben; und er schloß seine [186] Höflichkeiten damit, daß er ihn zu einer Abendgesellschaft einlud, die er in einigen Tagen geben wollte.

Frédéric bestieg ein Coupé, um sich dahin zu begeben, als ein Billet der Marschallin eintraf. Beim Laternenschein las er:

»Lieber, ich habe Ihren Rat befolgt. Ich habe meinen Unhold soeben verabschiedet. Von morgen abend ab Freiheit! Sagen Sie, ob ich nicht tapfer bin.«

Weiter nichts! Aber das war eine Aufforderung für ihn, den vakanten Platz einzunehmen; ein Ausruf entfuhr ihm, er steckte das Billet in die Tasche und machte sich auf den Weg.

Zwei Polizisten zu Pferde hielten auf der Straße. Eine Reihe von Lämpchen brannte in den beiden Torwegen; und die Diener im Hof riefen den Wagen zu, bis zum Fuß der Freitreppe unter das Schutzdach vorzufahren. Dann verstummte der Lärm plötzlich im Vestibül.

Große Topfgewächse füllten das Treppenhaus, Porzellanglocken verbreiteten ein Licht, das sich wie weißer Seidenmoiré auf der Wand wellte.

Frédéric stieg schnell die Stufen hinan. Ein Diener rief seinen Namen; Monsieur Dambreuse reichte ihm die Hand; fast gleichzeitig erschien Madame Dambreuse. Sie trug ein malvenfarbiges, mit Spitzen garniertes Kleid, eine reichere Fülle von Locken als sonst und kein einziges Schmuckstück.

Um irgend etwas zu sagen über seine seltenen Besuche, machte sie ihm Vorwürfe. Die Gäste kamen, beim Grüßen bogen sie ihren Oberkörper seitwärts, verbeugten sich oder neigten nur das Gesicht; dann ging ein Ehepaar vorüber oder eine Familie, und alle zerstreuten sich in dem bereits gefüllten Saal.

Unter dem Kronleuchter, in der Mitte, stand auf einem enormen Puff eine Jardiniere, deren Blumen sich wie Federbüsche über die Köpfe der ringsherumsitzenden Frauen neigten; andere saßen auf Polsterbänken, die zwei gerade Reihen bildeten, von hohen, hellroten [187] Samt-Fenstervorhängen und vergoldeten Rahmen symmetrisch unterbrochen.

Die auf dem Parkett stehende Gruppe der Herren mit ihren Hüten in der Hand schien von weitem eine einzige schwarze Masse, die Ordensbänder hier und da wie rote Punkte unterbrachen, die aber durch die monotone Weiße der Krawatten noch düsterer schien. Außer den ganz jungen Leuten mit keimendem Bart schienen sich alle zu langweilen; einige Dandys wippten mit verdrießlicher Miene auf den Hacken; graue Häupter und Perücken waren zahlreich; ab und zu leuchtete ein Kahlkopf hervor; und die Gesichter, mochten sie purpurrot oder bleich sein, verrieten in ihrer Welkheit eine ungeheure Ermüdung, – denn die Anwesenden gehörten alle der Politik oder der Geschäftswelt an. Monsieur Dambreuse hatte auch einige Gelehrte, Beamte zwei oder drei berühmte Ärzte eingeladen und wehrte in bescheidener Haltung die Schmeicheleien über den Abend und die Anspielungen auf seinen Reichtum ab.

Überall gingen goldbetreßte Bediente umher. Die großen Wandleuchter entfalteten sich wie Flammensträuße auf den Tapeten und wiederholten sich in den Spiegeln; und im Hintergrunde des Speisesaals, den eine Jasminhecke schmückte, glich das Büffet dem Hochaltar einer Kathedrale oder einer Ausstellung der Goldschmiedekunst, – so viele Schüsseln, Deckel, Bestecke und Löffel von Silber und Gold standen mitten unter geschliffenem Kristall, das irisierende Lichter über die Speisen streute. Die drei übrigen Salons strotzten von Kunstgegenständen: Landschaften berühmter Meister an den Wänden, Elfenbein und Porzellan auf den Tischen, chinesische Kunstsachen auf den Konsolen; Lackwandschirme breiteten sich vor den Fenstern aus, Büschel von Kamelien standen auf den Kaminen; und eine leise Musik ertönte von fern wie Bienengesumm.

Es wurden nicht viele Quadrillen getanzt, und nach der lässigen Art zu urteilen, mit der sie ihre Füße nachschleppten, schienen die Tänzer nur eine Pflicht zu erfüllen. Frédéric vernahm Fragen wie diese:

[188] »Waren Sie auf dem letzten Wohltätigkeitsfest im Hotel Lambert, mein Fräulein?«

»Nein, mein Herr!«

»Es ist jetzt hier eine Hitze!«

»Oh! es ist wahr, zum Ersticken!«

»Von wem ist doch diese Polka?«

»Ich weiß es nicht, Madame!«

Und hinter ihm flüsterten sich drei alte Soldaten, die in der Türöffnung standen, obscöne Bemerkungen zu; andere sprachen über Eisenbahn und Freihandel; ein Sportsmann erzählte eine Jagdgeschichte; ein Legitimist stritt mit einem Orleanisten.

Von Gruppe zu Gruppe irrend, gelangte er in den Spielsaal, wo er in einem Kreise ernster Männer Martinon erkannte, der jetzt im Dienste der Staatsanwaltschaft der Hauptstadt stand.

Sein volles, wachsfarbenes Gesicht füllte angemessen seine Halsbinde aus, die ein wahres Wunder war, so gleichmäßig liefen die schwarzen Fäden des Stoffes; und die Mitte zwischen der Eleganz, die durch sein Alter bedingt war und die seine Stellung erforderte, einhaltend, steckte er nach Brauch der Stutzer den Daumen in die Achselhöhle und darauf den Arm nach Art der Politiker in die Weste. Obwohl er übermäßig blanke Stiefel trug, waren seine Schläfen doch rasiert, um sich eine Denkerstirn zu geben.

Nach einigen kühl hingeworfenen Worten wandte er sich wieder seinen Genossen zu. Ein Hausbesitzer sagte:

»Das ist eine Klasse von Menschen, die von dem Umsturz der Gesellschaft träumen!«

»Sie fordern Organisation der Arbeit!« fiel ein anderer ein. »Ist das zu begreifen?«

»Was wollen Sie!« sagte ein Dritter, »wenn man Monsieur de Genoude dem ›Siècle‹ die Hand reichen sieht!«

»Und die Konservativen, die sich selbst fortschrittlich nennen! Um was für uns herbeizuführen? Die Republik! Als ob sie in Frankreich möglich wäre!«

[189] Alle erklärten, daß die Republik für Frankreich unmöglich sei.

»Tut nichts,« bemerkte ein Herr ganz laut. »Man beschäftigt sich zuviel mit der Revolution; es werden darüber eine Unmasse von Geschichten, von Büchern veröffentlicht!«

»Ohne zu bedenken,« sagte Martinon, »daß es vielleicht viel ernstere Stoffe zum Studium gibt!«

Ein Ministerial-Beamter fing an, von Theater-Skandalen zu reden:

»So übersteigt zum Beispiel das neue Drama ›La Reine Margot‹ wirklich alle Grenzen! Wozu braucht man uns von den Valois zu sprechen? Das alles zeigt uns das Königtum in ungünstigem Licht! Es ist damit wie mit Ihrer Presse! Man hat gut sagen, die September-Gesetze seien viel zu milde! Ich für mein Teil bin für Kriegsmaßnahmen, um die Journalisten zum Schweigen zu bringen! Bei der geringsten Unverschämtheit vor das Kriegsgericht! sage ich Ihnen.«

»O! Hüten Sie sich, mein Herr, hüten Sie sich!« sagte ein Professor, »greifen Sie nicht unsere kostbarsten Errungenschaften von 1830 an! respektieren wir unsere Freiheiten. Es wäre eher notwendig, zu dezentralisieren, den Überschuß der Städte auf das Land zu verteilen.«

»Aber sie sind verderbt!« rief ein Katholik. »Sorgt dafür, daß die Religion wieder gefestigt werde!«

Martinon beeilte sich zu sagen:

»Das ist tatsächlich ein Hemmnis!«

»Das ganze Übel besteht in dem modernen Gelüst, sich über seine Klasse zu erheben, im Luxus zu leben.«

»Allein«, warf ein Industrieller ein, »der Luxus begünstigt den Handel. Ich stimme auch dem Herzog von Nemours bei, der Kniehosen für seine Soiréen fordert.«

»Monsieur Thiers ist in langen Beinkleidern hingegangen. Kennen Sie seine Bemerkung darüber?«

»Ja, famos! Aber er wird demagogisch, und seine Rede in der Frage der Unvereinbarkeit ist nicht ohne Einfluß auf das Attentat vom 12. Mai gewesen.«

[190] »Ach was!«

»Ja, ja!«

Der Kreis mußte sich öffnen, um einen Diener mit einem Präsentierbrett durchzulassen, der versuchte, in den Spielsaal einzutreten.

Unter dem grünlichen Licht der Wachskerzen bedeckten Reihen von Karten und Goldstücken den Tisch. Frédéric blieb vor einem derselben stehen, verlor fünfzehn Napoléons, die er in der Tasche hatte, drehte sich um und befand sich auf der Schwelle des Boudoirs, in dem er Madame Dambreuse damals angetroffen hatte. Es war voll von Damen, die dicht nebeneinander auf Sitzen ohne Lehne saßen. Ihre langen, bauschigen Röcke glichen Wogen, aus denen ihr Oberkörper emportauchte, und die Busen in den Ausschnitten der Mieder boten sich den Blicken dar. Fast alle hatten ein Veilchenbukett in der Hand. Der matte Ton ihrer Handschuhe hob das Weiß ihrer Arme hervor; Fransen und Gräser hingen ihnen von den Schultern herab, und man glaubte zuweilen, wenn ein Frösteln sie überlief, daß das Kleid herabfallen würde. Aber die Zurückhaltung der Gesichter milderte das Herausfordernde der Kostüme; einige zeigten sogar eine fast animalische Gelassenheit, und diese Ansammlung halb-nackter Frauen gemahnte an das Innere eines Harems; dem jungen Manne kam sogar ein gröberer Vergleich in den Sinn. In der Tat fanden sich hier alle Arten von Schönheit: Engländerinnen mit dem Profil »keepsake«, eine Italienerin, deren schwarze Augen blitzten wie ein Vesuv, drei blaugekleidete Schwestern, drei Normanninnen, frisch wie Apfelblüten im April, eine große Rothaarige mit einem Amethystenschmuck; – und das weiße Glitzern der Diamantnadeln, die in den Haaren zitterten, die leuchtenden Punkte der über die Busen verstreuten Edelsteine, der sanfte Glanz der Perlen, verbunden mit dem der Gesichter, vermischte sich mit dem Flimmern der goldenen Ringe, der Spitzen, dem Puder, den Federn, dem Zinnoberrot der zarten Mündchen und dem Schmelz der Zähne. Die Decke, wie eine Kuppel [191] gerundet, gab dem Boudoir die Form eines Korbes; und ein Strom parfümierter Luft verbreitete sich durch das Fächeln.

Frédéric, der sich mit dem Monocle im Auge hinter sie gestellt hatte, prüfte nicht alle diese tadellosen Schultern; er dachte an die Marschallin, was sein Verlangen zurückdrängte oder ihn darüber tröstete.

Indessen betrachtete er Madame Dambreuse, und er fand sie reizend trotz ihres etwas zu großen Mundes und ihrer zu weiten Nasenlöcher. Sie hatte eine eigene Grazie. Ihre Locken gaben ihr etwas Schmachtendes und Leidenschaftliches, und ihre alabasterweiße Stirn schien vielerlei zu bergen und verriet Überlegenheit.

Sie hatte die Nichte ihres Mannes, eine junge, ziemlich häßliche Person neben sich gesetzt. Von Zeit zu Zeit stand sie auf, um die Eintretenden zu empfangen; und das zunehmende Gemurmel weiblicher Stimmen glich Vogelgezwitscher.

Es war die Rede von tunesischen Gesandten und ihren Sitten. Eine Dame hatte der letzten Akademiesitzung beigewohnt; eine andere sprach von Molières Don Juan, der kürzlich am Français aufgeführt worden war. Ihre Nichte mit einem Blick streifend, legte Madame Dambreuse einen Finger an ihre Lippen, aber ein Lächeln, das ihr entschlüpfte, hob die Strenge wieder auf.

Plötzlich erschien Martinon gegenüber in der andern Tür. Sie erhob sich. Er bot ihr den Arm. Um ihn seine Galanterien fortsetzen zu sehen, ging Frédéric an den Spieltischen vorüber und schloß sich ihnen im großen Salon an; Madame Dambreuse verließ ihren Kavalier alsbald und unterhielt sich vertraulich mit ihm.

Sie begriff, daß er nicht spielte, nicht tanzte.

»In der Jugend ist man schwermütig!« Darauf fuhr sie mit einem Blick auf die Gäste fort:

»Übrigens ist dies alles nicht zum Lachen; wenigstens für gewisse Naturen nicht!«

Und dann blieb sie vor einer Reihe Fauteuils stehen [192] und streute hier und da ein liebenswürdiges Wort ein, während die alten Herren mit ihren Brillen herankamen, um ihr den Hof zu machen. Sie stellte Frédéric einigen vor. Monsieur Dambreuse berührte ihn leise am Ellbogen und führte ihn auf die Terrasse hinaus.

Er hatte den Minister gesprochen. Die Sache wäre nicht leicht. Bevor man als Auditeur beim Staatsrat angestellt werde, müsse man ein Examen machen. Von einem unerklärlichen Selbstvertrauen beseelt, erwiderte Frédéric, daß er die Materie beherrsche.

Der Geldmann war nach den Lobreden, die Monsieur Roque über ihn gehalten hatte, nicht erstaunt darüber.

Bei diesem Namen sah Frédéric die kleine Louise, sein Haus, sein Zimmer wieder vor sich; und er erinnerte sich ähnlicher Nächte, da er am Fenster gestanden und auf die Fuhrleute gehört hatte, die vorüberkamen.

Die Erinnerung an sein Leiden lenkte seine Gedan ken auf Madame Arnoux. Schweigend fuhr er fort, auf der Terrasse hin und her zu gehen. Die Fenster sahen inmitten der Dunkelheit aus wie lange rote Platten; der Lärm des Balles verstummte, die Wagen begannen davonzufahren.

»Warum eigentlich«, fing Monsieur Dambreuse wieder an, »wollen Sie in den Staatsrat?«

Und er versicherte im Ton eines Liberalen, daß Beamtentätigkeit zu nichts führe, er wisse etwas davon; Geschäfte seien wertvoller. Frédéric wandte die Schwierigkeit ein, sie zu erlernen.

»Ach! in kurzer Zeit würde ich Sie einführen!«

Wollte er ihn an seinen Unternehmungen beteiligen?

Der junge Mann sah wie in einem Blitz ein ungeheures Vermögen, das kommen würde.

»Lassen Sie uns wieder hineingehen,« sagte der Bankier. »Sie speisen mit uns, nicht wahr?«

Es war drei Uhr, die meisten brachen auf. Im Speisesaal erwartete ein gedeckter Tisch die Intimen.

Monsieur Dambreuse bemerkte Martinon, näherte sich seiner Frau und sagte leise:

[193] »Hast du ihn eingeladen?«

Sie erwiderte trocken:

»Gewiß!«

Die Nichte war nicht da. Es wurde viel getrunken und laut gelacht; und gelegentliche Witze wurden von niemand beanstandet; alle empfanden die Erleichterung, die einem etwas langwährenden Zwange folgt. Nur Martinon blieb ernst; er weigerte sich, Champagner zu trinken, war sonst aber zugänglich und sehr höflich, denn als Monsieur Dambreuse, der engbrüstig war, über Beklemmungen klagte, erkundigte er sich wiederholt nach seinem Befinden; dann richtete er seine bläulichen Augen auf Madame Dambreuse.

Sie fragte Frédéric, welche von den jungen Damen ihm gefallen hätte. Er hätte keine beachtet, erwiderte er, und zöge überdies dreißigjährige Frauen vor.

»Das ist vielleicht gar nicht so dumm!« entgegnete sie.

Dann, als sie die Paletots und Pelze anzogen, sagte Monsieur Dambreuse zu ihm:

»Besuchen Sie mich an einem dieser Tage, wir reden dann miteinander!«

Martinon zündete am Fuße der Treppe eine Zigarre an, und er bot, als er daran zog, ein so massiges Profil, daß sein Gefährte ausrief:

»Du hast einen guten Kopf, auf mein Wort!«

»Er hat ihn schon so manchem verdreht!« erwiderte der junge Beamte selbstbewußt und ärgerlich zugleich.

Beim Schlafengehen überdachte Frédéric den Abend nochmals. Zuerst seine Toilette (er hatte sich mehrmals im Spiegel beobachtet), die vom Schnitt seines Rockes bis zur Schleife seiner Tanzschuhe nichts zu wünschen übrigließ; er hatte mit bedeutenden Männern gesprochen, hatte reiche Frauen in der Nähe gesehen, Monsieur Dambreuse war liebenswürdig gewesen, Madame Dambreuse fast verbindlich. Er wägte jedes einzige ihrer Worte, ihrer Blicke, tausend unanalysierbare und doch ausdrucksvolle Dinge. Es mußte herrlich sein, eine solche Geliebte zu haben![194] Warum übrigens nicht? Er galt genau so viel wie ein anderer! Vielleicht war sie gar nicht so anspruchsvoll? Dann fiel ihm Martinon ein; und beim Einschlafen lächelte er mitleidig über den guten Jungen.

Der Gedanke an die Marschallin weckte ihn; die Worte in ihrem Billet: »Von morgen abend ab«, bedeuteten ja ein Rendezvous für diesen Tag. Er wartete bis neun Uhr und eilte dann zu ihr.

Jemand, der vor ihm die Treppe hinaufging, schloß oben die Tür. Er zog die Glocke; Delphine öffnete und versicherte, daß Madame nicht zu Haus sei.

Frédéric ließ sich nicht abweisen. Er habe ihr etwas sehr Ernstes mitzuteilen, ein Wort nur. Endlich gab ein Fünffrankstück den Ausschlag, und das Mädchen ließ ihn im Vorzimmer allein.

Rosanette erschien. Sie war im Hemd das Haar aufgelöst, und den Kopf schüttelnd, machte sie von weitem mit beiden Armen eine Gebärde, die ausdrückte, daß sie ihn nicht empfangen könne.

Frédéric ging langsam die Treppe hinunter. Diese Laune überstieg alle anderen. Er begriff es nicht.

Vor der Portierloge hielt die Vatnaz ihn an:

»Sie hat Sie empfangen?«

»Nein!«

»Sie wurden fortgeschickt?«

»Woher wissen Sie?«

»Man sieht es! Aber kommen Sie! Lassen Sie uns hinausgehen! Ich ersticke!«

Sie führte ihn auf die Straße. Sie keuchte. Er fühlte ihren mageren Arm auf dem seinen zittern. Plötzlich rief sie aus:

»O! der Elende!«

»Wer denn?«

»Aber er ist es! er! Delmar!«

Diese Eröffnung demütigte Frédéric; er erwiderte:

»Sind Sie dessen gewiß?«

[195] »Aber wenn ich Ihnen sage, daß ich ihm gefolgt bin!« rief die Vatnaz, »ich sah ihn hineingehen! Begreifen Sie jetzt? Ich hätte übrigens darauf gefaßt sein müssen; ich selber habe ihn in meiner Dummheit bei ihr eingeführt; und wenn Sie wüßten, mein Gott! Ich habe ihn aufgenommen, ihn ernährt, gekleidet; und alle meine Bemühungen mit den Zeitungen! Ich liebte ihn wie eine Mutter!« Dann mit Hohnlächeln: »Aber der Herr wünscht jetzt Samtkleider zu haben! eine Spekulation von ihm! wissen Sie! Und sie! Wenn man bedenkt, daß ich sie als Konfektioneuse in einem Wäschegeschäft gekannt habe! Ohne mich wäre sie mehr als zwanzigmal in den Kot geraten. Aber ich werde sie hineinstoßen! Jawohl! Ich will, daß sie im Spital verkommt! Alles sollen Sie erfahren!«

Und wie ein Strom von Spülwasser, der den Kehricht mit sich reißt, wühlte ihre Empörung die Schändlichkeiten ihrer Rivalin vor ihm auf.

»Sie hat mit Jumillac geschlafen, mit Flacourt, mit dem kleinen Allard, mit Bertineaux und Saint-Valery, dem Blatternarbigen. Nein! mit dem andern! Es sind zwei Brüder, na, ganz gleich! Und wenn sie in Verlegenheit war, ordnete ich alles. Was war mein Gewinn? Sie ist so geizig! Und dann, Sie werden verstehen, war es eine große Gefälligkeit, mit ihr umzugehen, denn wir gehören nicht denselben Kreisen an! Bin ich eine Dirne? Verkaufe ich mich! und obendrein ist sie stockdumm! Sie schreibt Kategorie mit einem th. Übrigens passen sie gut zusammen, sie sind doch ebenbürtig, obwohl er sich Künstler nennt und sich für ein Genie hält! Aber, mein Gott, wenn er Intelligenz besäße, hätte er nicht eine solche Infamie begehen können! Man verläßt nicht eine gebildete Frau um einer Dirne willen! Schließlich mache ich mir nichts daraus. Er wird häßlich werden! Ich verabscheue ihn! Wenn ich ihm begegne, würde ich ihm wahrhaftig ins Gesicht speien!« Sie spie aus. »Ja, so werde ich es machen! Und Arnoux? Ist es nicht abscheulich? Er hat ihr so oft verziehen! Man kann sich keine Vorstellung von seiner Aufopferung machen! [196] Sie müßte ihm die Füße küssen! Er ist so großmütig, so gut!«

Frédéric tat es wohl, Delmar verleumden zu hören. Mit Arnoux hatte er sichs gefallen lassen. Diese Falschheit der Rosanette jedoch schien ihm unnatürlich, unrecht; und von der Erregung des alten Mädchens betroffen, hatte er fast Mitleid mit ihm. Plötzlich befand er sich vor Arnoux' Tür; die Vatnaz war mit ihm, ohne daß er es merkte, das Faubourg Poissonnière hinuntergegangen.

»Da sind wir,« sagte sie. »Ich kann nicht mit hinaufgehen. Aber Sie, Sie hindert nichts!«

»Um was zu tun?«

»Um ihm alles zu sagen, mein Gott!«

Wie aus dem Schlafe auffahrend, erkannte Frédéric, zu welcher Gemeinheit er getrieben wurde.

»Nun?« fragte sie.

Er blickte zur zweiten Etage empor. Die Lampe Madame Arnoux' brannte. Nichts in der Tat hinderte ihn daran, hinaufzugehen.

»Ich warte hier auf Sie. So gehen Sie doch!«

Dieser Befehl kühlte ihn gänzlich ab und er sagte:

»Ich werde lange oben bleiben. Sie täten besser, umzukehren. Ich komme morgen zu Ihnen.«

»Nein, nein,« erwiderte die Vatnaz, mit dem Fuße aufstampfend. »Bringen Sie ihn mit! führen Sie ihn hin! Mag er sie überraschen!«

»Aber Delmar wird nicht mehr dort sein!«

Sie senkte den Kopf.

»Ja, das ist vielleicht richtig!«

Und sie blieb, ohne zu sprechen, mitten auf der Straße zwischen den Wagen stehen; dann heftete sie die Wildkatzenaugen auf ihn:

»Ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr? Es ist abgemacht zwischen uns beiden! Tun Sie es. Auf morgen!«

Frédéric hörte, als er den Korridor durchschritt, zwei Stimmen. Madame Arnoux sagte:

[197] »Lüge nicht! so lüge doch nicht!«

Er trat ein. Sie verstummten.

Arnoux schritt auf und ab, Madame saß auf dem kleinen Stuhl am Kamin; sie war außerordentlich blaß, das Auge starr. Frédéric machte eine Bewegung, wie um sich zurückzuziehen. Arnoux ergriff seine Hand, glücklich über die Hilfe, die ihm kam.

»Aber ich fürchte ...«, sagte Frédéric.

»Bleiben Sie doch!« flüsterte Arnoux ihm ins Ohr. Madame Arnoux erwiderte:

»Sie müssen nachsichtig sein, Monsieur Moreau! Das sind Dinge, die in Familien zuweilen vorkommen.«

»Das heißt, man bringt sie hinein,« sagte Arnoux schalkhaft. »Die Frauen haben manchmal Einfälle! Diese hier zwar ist nicht schlecht. Nein, im Gegenteil! Aber sie macht sich seit einer Stunde das Vergnügen, mich mit einer Menge Geschichten zu quälen!«

»Sie sind wahr!« erwiderte Madame Arnoux ungeduldig. »Denn du hast ihn doch gekauft.«

»Ich?«

»Ja, du selbst! im Perser-Bazar!«

»Der Kaschmir!« dachte Frédéric.

Er fühlte sich schuldig und ward unsicher.

Sie fügte darauf hinzu:

»Es war im vorigen Monat, ein Sonnabend, der vierzehnte!«

»Ah! An dem Tage gerade war ich in Creil! Da siehst du also!«

»Durchaus nicht! Denn wir waren am 14. bei den Bertins zu Tisch.«

»Am 14 ...?« fragte Arnoux und blickte auf, wie um sich auf ein Datum zu besinnen.

»Und der Kommis, der ihn dir verkaufte, war blond.«

»Wie soll ich mich denn des Kommis erinnern!«

»Aber er hat nach deinem Diktat doch die Adresse: 18, Rue de Laval, geschrieben.«

»Woher weißt du das?« fragte Arnoux bestürzt.

[198] Sie zuckte die Achseln.

»O, das ist sehr einfach: Ich war dort, um meinen Kaschmir reparieren zu lassen, und der Leiter der Abteilung teilte mir mit, daß soeben ein gleicher an Madame Arnoux geschickt worden sei.«

»Kann ich dafür, daß in der Straße auch eine Madame Arnoux wohnt?«

»Ja! aber nicht Jacques Arnoux,« erwiderte sie.

Da begann er auszuweichen, seine Unschuld zu beteuern. Es sei ein Irrtum, ein Zufall, eines dieser unerklärlichen Dinge, wie sie vorkommen. Man dürfe niemand auf den bloßen Argwohn, auf Anzeichen hin verdammen, und er zitierte das Beispiel des unglücklichen Lesurques.

»Kurz, ich versichere dich, du täuschest dich! Willst du, daß ich dir mein Ehrenwort gebe?«

»Das ist nicht der Mühe wert!«

»Warum?«

Sie sah ihm, ohne etwas zu sagen, ins Gesicht; dann streckte sie die Hand aus, nahm das silberne Kästchen vom Kamin und reichte ihm eine offene Rechnung.

Arnoux wurde rot bis über die Ohren, und seine entstellten Züge verzerrten sich.

»Nun?«

»Aber ...«, erwiderte er langsam, »was beweist das?«

»Ah!« sagte sie mit seltsamem Klang voll Schmerz und Ironie in der Stimme. »Ah!«

Arnoux behielt die Rechnung in den Händen und drehte sie, indem er die Augen nicht davon wandte, nach allen Seiten, als hoffe er darin die Lösung eines großen Problems zu finden.

»O, ja, ja, ja, ich erinnere mich,« sagte er endlich. »Es war ein Auftrag. – Sie müßten es noch wissen, Frédéric?« Frédéric schwieg. »Ein Auftrag, der mir gegeben wurde ... von ... Vater Oudry.«

»Und für wen?«

»Für seine Geliebte!«

[199] »Für die deine!« schrie Madame Arnoux, sich gerade aufrichtend.

»Ich schwöre dir ...«

»Fange nicht wieder damit an. Ich weiß alles!«

»Ah! sehr gut! Also, mir wird nachspioniert!«

Sie erwiderte kalt:

»Das verletzt vielleicht dein Zartgefühl?«

»Von dem Augenblick an, wo man sich hinreißen läßt,« entgegnete Arnoux, seinen Hut suchend, »nützt es nichts, weiter zu reden!«

Dann sagte er mit einem tiefen Seufzer:

»Heiraten Sie nicht, mein Freund, nein, glauben Sie mir!«

Und er ging fort, um Luft zu schöpfen.

Ein tiefes Schweigen entstand darauf, und alles im Zimmer schien unbeweglich. Ein leuchtender Kreis erhellte die Decke über der Lampe, während der Schatten sich in den Ecken wie übereinandergelegte schwarze Gaze verbreitete; man vernahm das Ticktack der Uhr und das Prasseln des Feuers.

Madame Arnoux hatte sich an der andern Seite des Kamins in den Fauteuil gesetzt; die Zähne schlugen zusammen, sie nagte an den Lippen; ihre beiden Hände hoben sich, ein Seufzer entrang sich ihr, sie weinte.

Er setzte sich auf den kleinen Stuhl und sagte mit zärtlicher Stimme, wie einer Kranken gegenüber:

»Sie zweifeln doch nicht daran, daß ich nicht dabei beteiligt bin?«

Sie erwiderte nichts, fuhr aber laut in ihren Betrachtungen fort:

»Ich gebe ihm doch Freiheit. Er brauchte nicht zu lügen!«

»Gewiß,« sagte Frédéric.

»Das ist ohne Zweifel die Folge seiner Gewohnheiten, er hatte nicht daran gedacht, und in ernsteren Dingen vielleicht ...«

»Was gibt es denn Ernsteres?«

[200] »Ach, nichts!«

Frédéric verneigte sich mit einem gehorsamen Lächeln. Arnoux besäße trotz allem aber gewisse Eigenschaften; er liebte seine Kinder.

»Ach! und tut alles, sie zu ruinieren!«

Das käme von seiner zu leichten Gemütsart; er sei doch ein guter Mensch.

Sie rief:

»Aber was will denn das sagen, ein guter Mensch!«

So verteidigte er ihn auf diese unbestimmte Art, und während er sie beklagte, war er im Grunde seiner Seele erfreut und beglückt. Aus Rache oder dem Bedürfnis nach Liebe flüchtete sie sich zu ihm. Seine übermäßig gesteigerte Hoffnung erhöhte seine Liebe.

Niemals war sie ihm so fesselnd, so unergründlich schön erschienen. Ab und zu hob ein Atemzug ihre Brust; ihre beiden starren Augen schienen durch eine innere Vision erweitert, und ihr Mund blieb stumm, um ihre Seele reden zu lassen. Zuweilen preßte sie das Taschentuch fest darauf; er hätte dieses Stückchen von Tränen getränkter Battist sein mögen. Wider Willen sah er auf das Bett im Hintergrunde des Alkovens und stellte sich ihren Kopf auf dem Kissen vor; und er sah ihn so deutlich, daß er sich zurückhalten mußte, um sie nicht in die Arme zu schließen.

Matt und ergeben schloß sie die Lider. Da näherte er sich ihr und betrachtete, über sie gebeugt, begehrlich ihr Gesicht. Ein Geräusch von Tritten ertönte im Flur, es war der andere. Sie hörten ihn die Tür seines Zimmers schließen. Frédéric fragte Madame Arnoux durch ein Zeichen, ob er hinausgehen solle.

Sie erwiderte auf dieselbe Weise »ja«; und dieser stumme Gedankenaustausch war wie ein Einverständnis, ein Beginn von Ehebruch.

Arnoux, im Begriff schlafen zu gehen, knöpfte seinen Rock auf.

»Nun, wie geht es ihr?«

»O, besser!« sagte Frédéric. »Es wird vorübergehen.«

[201] Aber Arnoux war bedrückt.

»Sie kennen sie nicht! Sie hat jetzt Nerven ...! Dieser Esel von Kommis! Das kommt davon, wenn man zu gut ist! Hätte ich Rosanette diesen verwünschten Schal nicht geschenkt!«

»Bedauern Sie es nicht! Man kann nicht dankbarer sein, als sie Ihnen ist!«

»Glauben Sie?«

Frédéric zweifelte nicht daran. »Der Beweis dafür ist, daß sie Vater Oudry hat laufen lassen.«

»Ach, armes Ding!«

Und im Übermaß seiner Bewegung wollte Arnoux zu ihr eilen.

»Es hat keinen Zweck! Ich komme von ihr. Sie ist krank!«

»Um so mehr!«

Eilig zog er den Rock wieder an und nahm seinen Wachsstock. Frédéric verwünschte seine Dummheit und stellte ihm vor, daß er anstandshalber diesen Abend bei seiner Frau bleiben müsse. Er dürfe sie nicht verlassen, es wäre sehr falsch.

»Frei heraus gesagt, Sie täten unrecht! Nichts drängt dort! Sie werden morgen hingehen! Hören Sie, tun Sie es um meinetwillen.«

Arnoux stellte den Wachsstock wieder hin und sagte, ihn umarmend:

»Sie sind ein guter Kerl!«

3.

Nun begann eine elende Zeit für Frédéric. Er wurde Parasit des Hauses.

War jemand unwohl, so kam er dreimal des Tages, um sich zu erkundigen, ging zum Klavierstimmer, erfand tausend Vorwände, und ertrug mit ergebener Miene die [202] Neckereien Mademoiselle Marthes und die Liebkosungen des kleinen Eugène, der ihm immer mit seinen schmutzigen Händen ins Gesicht fuhr. Er nahm an Mahlzeiten teil, bei denen die beiden Gatten, ohne ein Wort zu wechseln, einander gegenübersaßen oder Arnoux seine Frau durch abgeschmackte Bemerkungen reizte. Nach der Mahlzeit spielte er im Wohnzimmer mit seinem Sohn, versteckte sich hinter den Möbeln oder trug ihn auf allen Vieren kriechend auf dem Rücken. Endlich ging er; und sie begann sofort mit ewig derselben Klage: Arnoux.

Es war nicht sein ungehöriges Benehmen, das sie verletzte, aber sie schien in ihrem Stolz zu leiden und zeigte ihren Widerwillen gegen diesen Mann ohne Zartgefühl, ohne Würde, ohne Ehre.

»Oder er ist vielmehr ein Narr!« sagte sie.

Frédéric entlockte ihr geschickt ihre Bekenntnisse. Bald kannte er ihr ganzes Leben.

Ihre Eltern waren kleine Bürgersleute in Chartres. Eines Tages, als Arnoux am Ufer des Flusses zeichnete (er hielt sich damals für einen Maler), hatte er sie bemerkt, als sie aus der Kirche kam, und um sie geworben; seines Vermögens wegen hatte man nicht gezögert. Übrigens liebte er sie glühend. Sie fügte hinzu:

»Mein Gott, er liebt mich noch! auf seine Weise!«

Sie waren die beiden ersten Monate in Italien gereist. Arnoux hatte trotz seiner Begeisterung für die Landschaft und die Meisterwerke nichts getan, als über den Wein geschimpft und, um sich zu zerstreuen, mit Engländern Picknicks veranstaltet. Einige gut wiederverkaufte Bilder hatten ihn in den Kunsthandel getrieben. Dann hatte er sich auf eine Fabrikation von Fayencen eingelassen. Augenblicklich lockten ihn noch andere Spekulationen, und er wurde immer gewöhnlicher und nahm kostspieligere und gröbere Gewohnheiten dabei an. Sie habe ihm weniger seine Laster als seine Handlungsweise vorzuwerfen. Eine Änderung sei bei ihm unmöglich und ihr Unglück unabwendbar.

[203] Frédéric versicherte, daß seine Existenz ebenfalls eine verfehlte sei.

Er wäre doch noch sehr jung. Warum verzweifeln? Und sie gab ihm gute Ratschläge: »Arbeiten Sie! Heiraten Sie!« Er antwortete mit einem bittern Lächeln; denn anstatt den wahren Grund seines Kummers zu gestehen, heuchelte er einen andern, erhabenen, spielte ein wenig den Werther, den Ausgestoßenen, – was übrigens seinem Gedankengang nicht ganz widersprach.

Für gewisse Menschen ist der Entschluß um so unausführbarer, je stärker das Verlangen ist. Das Mißtrauen gegen sich selbst setzt sie in Verlegenheit, die Furcht zu mißfallen erschreckt sie; übrigens gleichen tiefe Neigungen den anständigen Frauen: sie fürchten sich, entdeckt zu werden, und gehen gesenkten Blicks durchs Leben.

Obwohl er mit Madame Arnoux nun vertrauter stand (vielleicht aus diesem Grunde), war er noch feiger als vorher. Jeden Morgen schwor er sich, kühn zu sein. Eine unbesiegliche Scheu hinderte ihn daran; und er konnte sich nach keinem Vorbild richten, da sie sich von allen andern unterschied. Kraft seiner Träume hatte er sie über alles Menschliche hinausgehoben. Er fühlte sich neben ihr unbedeutender auf Erden als die Seidenschnipsel, die ihrer Schere entfielen.

Nun kam er auf absurde, ungeheuerliche Dinge, wie daß er sie nachts mit narkotischen Mitteln und falschen Schlüsseln überraschen werde – alles schien ihm leichter, als sich ihrer Geringschätzung auszusetzen.

Überdies bildeten die Kinder, die beiden Dienstmädchen, die Anordnung der Zimmer unübersteigliche Hindernisse. Er mußte also, um sie für sich allein zu besitzen, fern, in der Einsamkeit mit ihr leben; er überlegte sogar, welcher See blau genug, welch Gestade mild genug wäre, ob es Spanien, die Schweiz oder der Orient sein sollte; und indem er gerade die Tage wählte, an denen sie besonders erregt war, sagte er ihr, daß sie da heraus müsse, ein Mittel ersinnen, und daß er kein anderes als das der Scheidung sehe. Aus [204] Liebe zu ihren Kindern, sagte sie, würde sie niemals zu einem solchen verzweifelten Entschluß kommen. Soviel Tugend erhöhte noch seine Achtung.

Seine Nachmittage vergingen mit der Erinnerung an den Besuch des vorigen Abends und dem Verlangen nach dem nächsten. Wenn er nicht mit ihnen speiste, stellte er sich gegen neun an die Straßenecke, und sobald Arnoux die Haustür geschlossen hatte, stieg er schnell die beiden Stockwerke hinauf und fragte das Mädchen mit unbefangener Miene:

»Ist der Herr zu Haus?«

Dann stellte er sich überrascht, ihn nicht zu treffen.

Oft kehrte Arnoux unvorhergesehen zurück. Dann mußte er ihn in ein kleines Café in der Rue Sainte Anne begleiten, wo Regimbart jetzt verkehrte.

Der Citoyen begann damit, eine neue Beschwerde gegen die Krone vorzubringen. Dann plauderten sie, indem sie sich freundschaftlich Grobheiten sagten; der Fabrikant hielt Regimbart für einen Denker von hohem Range, er bedauerte, so viel Begabung verloren zu sehen, und warf ihm seine Faulheit vor. Der Citoyen sah in Arnoux einen Mann von Herz und Phantasie, fand ihn aber viel zu unmoralisch; er behandelte ihn auch ohne jede Nachsicht und weigerte sich selbst bei ihm zu speisen, weil »die Zeremonie ihn langweile«.

Zuweilen, im Moment des Abschieds, wurde Arnoux von einem Heißhunger befallen. Er »mußte« eine Omelette oder Bratäpfel essen; und da die Speisen in dem Lokal niemals zu haben waren, ließ er sie holen. Man wartete darauf. Regimbart ging nicht fort und aß auch schließlich brummend.

Aber er war verstimmt und saß oft stundenlang mit demselben halbgefüllten Glas vor sich. Da die Vorsehung die Dinge keinesfalls nach seinen Ideen lenkte, wurde er zum Hypochonder, wollte nicht einmal mehr die Zeitungen lesen und geriet bei dem bloßen Namen England in Wut. [205] Bei einer Gelegenheit, als der Kellner ihn schlecht bediente, rief er aus:

»Haben wir nicht schon genug Kränkungen durch das Ausland!«

Abgesehen von diesen Anfällen verhielt er sich schweigend und dachte über einen unfehlbaren Coup nach, »die ganze Bude in die Luft zu sprengen«.

Während er in Nachdenken vertieft war, erzählte Arnoux mit monotoner Stimme und etwas verglasten Augen unglaubliche Anekdoten, in denen er dank seines sichern Auftretens immer geglänzt hatte, und Frédéric empfand (ohne Zweifel infolge großer Ähnlichkeit) eine gewisse Begeisterung für seine Person. Er machte sich Vorwürfe über diese Schwäche, da er ihn im Gegenteil doch hätte hassen müssen.

Arnoux beklagte sich bei ihm über die Stimmung seiner Frau, ihren Eigensinn, ihre ungerechten Beschuldigungen. Sie wäre früher nicht so gewesen.

»An Ihrer Stelle«, sagte Frédéric, »würde ich ihr eine Pension aussetzen und allein leben.«

Arnoux erwiderte nichts und fing einen Augenblick später an, sie zu loben. Sie wäre gut, aufopfernd, intelligent, tugendhaft; und auf ihre körperlichen Vorzüge übergehend, erging er sich in Enthüllungen mit einer Unbesonnenheit wie Leute, die ihre Schätze in den Herbergen ausbreiten.

Eine Katastrophe brachte ihn aus dem Gleichgewicht.

Er war als Mitglied des Aufsichtsrats in eine Koalin-Gesellschaft eingetreten. Da er sich auf alles verließ, was man ihm sagte, hatte er ungenaue Berichte unterzeichnet und ohne Prüfung die jährlichen Inventuren, die ein betrügerischer Geschäftsführer aufgestellt hatte, gutgeheißen. Nun aber war die Gesellschaft eingegangen, und Arnoux, nach bürgerlichem Recht verantwortlich, war eben zusammen mit den anderen zum Schadenersatz mit Zinsen verurteilt worden, was für ihn einen Verlust von ungefähr [206] dreißigtaußend Francs bedeutete, durch die Begründung des Urteils noch verschärft.

Frédéric las dies in einer Zeitung und stürzte in die Rue de Paradies.

Er wurde in dem Zimmer von Madame Arnoux empfangen. Es war zur Zeit des ersten Frühstücks. Kaffeeschalen standen unordentlich auf einem Tischchen neben dem Kamin. Niedergetretene Schuhe lagen auf dem Teppich umher, Kleider auf den Sesseln. Arnoux, in Unterhosen und Trikotweste, hatte rote Augen und zerzaustes Haar, der kleine Eugène, der den Ziegenpeter hatte, weinte und knabberte dabei doch an seiner Brotschnitte; seine Schwester aß gelassen; Madame Arnoux, ein wenig bleicher als sonst, bediente alle drei.

»Nun,« sagte Arnoux und stieß einen tiefen Seufzer aus, »Sie wissen wohl schon?« Und als Frédéric eine Gebärde des Mitgefühls gemacht: »Da sehen Sie's! Ich war ein Opfer meiner Leichtgläubigkeit!«

Dann schwieg er; und seine Niedergeschlagenheit war so stark, daß er das Frühstück zurückwies. Madame Arnoux blickte mit einem Achselzucken auf. Er strich sich mit der Hand über die Stirn.

»Schließlich bin ich nicht schuldig. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Es ist ein Unglück! Man muß es abschütteln. Mein Gott! Ich kann mir nicht helfen!«

Und den Bitten seiner Frau nachgebend, schnitt er eine Butterstulle an.

Abends wollte er allein mit ihr im Chambre-separée des Maison d'or speisen. Madame Arnoux hatte durchaus kein Verständnis für diese Herzensregung und verbat es sich, wie eine Lorette behandelt zu werden; obwohl es von Arnoux im Gegenteil als ein Beweis von Zärtlichkeit gemeint war. Dann ging er, da er sich langweilte, zur Marschallin, um sich zu zerstreuen.

Bisher hatte man ihm dank seinem gutmütigen Charakter vieles durchgehen lassen. Sein Prozeß stellte ihn auf [207] eine Stufe mit anrüchigen Leuten. Sein Haus wurde gemieden.

Frédéric meinte sie anstandshalber öfter besuchen zu müssen als zuvor. Er mietete eine Parterreloge in der Italienischen Oper und führte sie jede Woche dorthin. Jedoch befanden sie sich in jener Periode zerstörter Ehen, wo eine unüberwindliche Gleichgültigkeit durch die Zugeständnisse entsteht, die man sich gegenseitig gemacht hat, und das Dasein unerträglich wird. Madame Arnoux hielt sich zurück, um nicht in Tränen auszubrechen, und Arnoux war verstimmt; der Anblick dieser beiden Unglücklichen betrübte Frédéric.

Da er ihr Vertrauen besaß, hatte sie ihn beauftragt, über ihre Angelegenheit Erkundigungen einzuziehen. Aber er schämte sich, er litt darunter, Arnoux' Diners anzunehmen, während er seine Frau begehrte. Nichtsdestoweniger tat er es, indem er sich damit entschuldigte, sie beschützen zu müssen, und daß sich eine Gelegenheit bieten könne, ihr nützlich zu sein.

Acht Tage nach dem Ball hatte er Monsieur Dambreuse seinen Besuch gemacht. Der Finanzier hatte ihm zwanzig Aktien seines Kohlen-Unternehmens angeboten. Frédéric war nicht wieder hingegangen. Deslauriers schrieb ihm mehrere Briefe; er ließ sie unbeantwortet. Pellerin hatte ihn mehrere Male aufgefordert, das Porträt anzusehen, er schlug es immer ab. Aber Cisy, der ihn bestürmte, ihn mit Rosanette bekannt zu machen, gab er nach.

Sie empfing ihn sehr liebenswürdig, jedoch ohne ihm um den Hals zu fallen wie sonst. Sein Begleiter war glücklich, bei einer Verworfenen Zutritt zu haben und zugleich mit einem Schauspieler plaudern zu können, denn Delmar war gerade bei ihr.

Ein Drama, in dem er einen Bauern dargestellt hatte, der Ludwig XIV. gute Lehren gibt und 89 prophezeit, hatte ihn so in den Vordergrund gerückt, daß man nun immer dieselbe Rolle für ihn fabrizierte; und seine Aufgabe bestand jetzt darin, die Monarchen aller Länder zu verhöhnen. [208] Als englischer Bierwirt schmähte er Karl I., verfluchte als Student von Salamanka Philipp II. oder entrüstete sich als gefühlvoller Vater über die Pompadour, das war das schönste! Die Gassenbuben erwarteten ihn am Ausgang der Bühne, um ihn zu sehen, und seine Biographie, die in den Zwischenakten verkauft wurde, schilderte ihn, wie er seine alte Mutter pflegte, das Evangelium las, den Armen beistand, kurz, in der Beleuchtung eines heiligen Vincent de Paul, vermischt mit Brutus und Mirabeau. Man sagte: »Unser Delmar.« Er hatte eine Mission, er wurde ein Christus.

Alles das hatte Rosanette geblendet; und sie hatte sich, da sie nicht habsüchtig war, von dem alten Oudry befreit, ohne sich die geringste Sorge zu machen.

Arnoux, der sie kannte, hatte es sich lange Zeit zunutze gemacht, um sie ohne große Kosten zu unterhalten. Dann war der alte Mann gekommen, und sie trugen alle drei Sorge, nicht zu offen gegen ihn zu sein. Darauf hatte Arnoux, indem er sich einbildete, daß sie den andern nur um seinetwillen verabschiedet hatte, die Pension erhöht. Aber ihre Forderungen erneuten sich mit einer unerklärlichen Häufigkeit, denn sie führte eine viel weniger kostspielige Lebensweise; sie hatte sogar den Kaschmirschal verkauft, um sich von alten Schulden zu befreien, wie sie sagte; und er gab immer wieder, sie bestrickte ihn, nutzte ihn mitleidlos aus. Rechnungen und gestempelte Papiere regneten ihm ins Haus. Frédéric ahnte eine nahe Krise.

Eines Tages kam er, um Madame Arnoux zu besuchen. Sie war ausgegangen! Arnoux arbeitete unten im Magazin.

In der Tat versuchte Arnoux mitten unter seinen Porzellangefäßen Neuvermählten, Bürgersleuten aus der Provinz, etwas aufzuschwatzen. Er sprach von Drehen und Drechseln, vom Tupfen und von Glasur; die anderen, die nicht verraten wollten, daß sie nichts davon verstanden, stimmten allem zu und kauften.

Als die Kunden draußen waren, erzählte er, daß er morgens mit seiner Frau eine kleine Auseinandersetzung [209] gehabt habe. Um ihren Bemerkungen über seine Ausgaben zuvorzukommen, hatte er versichert, daß die Marschallin nicht mehr seine Geliebte sei.

»Ich habe ihr sogar gesagt, daß sie die Ihre wäre.«

Frédéric war entrüstet, da aber Vorwürfe ihn verraten konnten, stammelte er:

»Das war unrecht von Ihnen, sehr unrecht!«

»Was tut das?« sagte Arnoux. »Seit wann ist es eine Schande, als ihr Liebhaber zu gelten? Ich bin es doch, ich! Würden Sie sich nicht geschmeichelt fühlen, es zu sein?«

Hatte sie es verraten? War das eine Anspielung?

Frédéric beeilte sich, zu erwidern:

»Nein! durchaus nicht! im Gegenteil!«

»Nun, also?«

»Ja, es ist wahr; es macht nichts.«

Arnoux fuhr fort:

»Warum kommen Sie nicht mehr hin?«

Frédéric versprach, es wieder zu tun.

»Ah! ich vergaß! Sie müssen ... indem Sie von Rosanette sprechen ... meiner Frau gegenüber ein Wort fallen lassen ... ich weiß nicht wie, aber Sie werden schon etwas finden ... etwas, sie zu überzeugen, daß Sie ihr Liebhaber sind. Ich bitte Sie um diesen Dienst, ja?«

Der junge Mann machte statt jeder Antwort eine unbestimmte Geberde. Durch diese Verleumdung war er verloren. Er ging noch am selben Abend zu ihr und beteuerte, daß Arnoux' Angaben falsch wären.

»Wirklich?«

Er schien aufrichtig zu sein; und nach einem tiefen Seufzer sagte sie mit reizendem Lächeln: »Ich glaube Ihnen,« dann senkte sie den Kopf, und fügte hinzu, ohne ihn anzusehen:

»Übrigens, niemand hat ein Recht auf Sie!«

Sie ahnte also nichts und verachtete ihn, da sie nicht glaubte, daß er sie genug lieben könnte, um ihr treu zu bleiben! Frédéric, der seine Versuche der andern gegenüber vergessen hatte, fand diese Billigung kränkend.

[210] Dann bat sie ihn, zuweilen »zu dieser Frau« zu gehen, um zu sehen, wer dort war.

Arnoux kam herein und wollte ihn fünf Minuten später zu Rosanette mitschleppen.

Die Situation wurde unerträglich.

Ein Brief von seinem Notar, der ihm am nächsten Morgen fünfzehntausend Francs schicken sollte, lenkte ihn davon ab; und um seine Nachlässigkeit Deslauriers gegenüber wieder gut zu machen, ging er zu ihm, um ihm diese gute Nachricht mitzuteilen.

Der Advokat wohnte Rue des Trois-Maries, im fünften Stockwerk nach dem Hof. Seine Kammer, ein viereckiger, kalter Raum mit graufarbener Tapete, hatte als Hauptschmuck eine goldene Medaille, sein Doktordiplom, in einem Ebenholzrahmen vor dem Spiegel. Ein Mahagonibücherschrank barg hinter Glasscheiben etwa hundert Bände. Der Schreibtisch, mit braunem Leder bezogen, nahm die Mitte des Zimmers ein. Vier alte grüne Samtsessel standen in den Ecken; und es flammten Späne im Kamin, wo immer ein Reisigbündel bereit lag, um beim Klang der Glocke angezündet zu werden. Es war seine Sprechstunde; der Advokat trug eine weiße Krawatte.

Bei der Ankündigung der fünfzehntausend Francs (er hatte zweifellos nicht mehr darauf gerechnet) grinste er vor Vergnügen.

»Das ist schön, mein Lieber, das ist schön, sehr schön!« Er warf Holz ins Feuer, setzte sich wieder und sprach sofort von der Zeitung. Vor allen Dingen müßte man suchen, Hussonnet loszuwerden. – »Dieser Kretin langweilt mich! Wenn es gilt, eine Meinung zu vertreten, ist es meiner Ansicht nach das beste und klügste, gar keine zu haben.«

Frédéric schien verwundert.

»Aber in allem Ernst. Es ist Zeit, die Politik wissenschaftlich zu behandeln. Die Alten des XVIII. Jahrhunderts begannen damit, als Rousseau und die Literaten zur großen Freude der Katholiken die Philanthropie, die Poesie und anderes unnützes Zeug hineingebracht hatten; eine natürliche [211] Mischung übrigens, da die modernen Reformatoren (ich kann es beweisen) alle an die Offenbarung glauben. Aber singt ihr Messen für die Polen, nehmt ihr an Stelle des Gottes der Dominikaner, der ein Henker war, den Gott der Romantiker, der ein Tapezierer ist, habt ihr endlich keine größere Vorstellung vom Absoluten als eure Vorfahren, so wird die Monarchie unter euren republikanischen Formen durchdringen, und eure rote Mütze wird nie etwas anderes sein als eine Priesterkappe! Nur wird die Einzelhaft die Folter, die Beschimpfung der Religion ihre Entheiligung, das europäische Konzert die Heilige Allianz ersetzt haben, und in diesem schönen Zustand, den man bewundert, aus Trümmern der Zeit Ludwigs XIV. und Voltaires entstanden, mit kaiserlichem Kitt und Fragmenten der englischen Verfassung übertüncht, wird man die Munizipalräte versuchen sehen, den Maire zu chikanieren, die Generalräte ihren Präfekten, die Kammern den König, die Presse den Staat und die Verwaltung alle Welt! Aber die guten Seelen sind ja begeistert von dem bürgerlichen Gesetzbuch, ein Werk, das, wie man sagt, in einem kleinlich tyrannischen Geiste verfaßt ist, denn anstatt seine Aufgabe zu erfüllen, was so viel bedeutet, wie die Sitten zu regeln, hat der Gesetzgeber behauptet, die Gesellschaft zu modeln wie ein Lykurg! Warum beschränkt das Gesetz den Familienvater in Testamentsangelegenheiten? Warum hindert es Zwangsverkauf von Grund und Boden? Warum straft es die Landstreicherei, die nicht einmal eine Übertretung sein sollte, als Vergehen? Und anderes mehr! Ich kenne das! ich werde aber nun auch einen kleinen Roman mit dem Titel ›Geschichte des Rechtsbegriffs‹ schreiben, der spaßhaft sein wird! Aber ich habe einen schauderhaften Durst! und du?«

Er beugte sich aus dem Fenster und rief dem Hausmeister zu, er solle Grog aus dem Wirtshaus holen.

»Kurz, ich sehe drei Parteien ... nein! drei Gruppen, – von denen keine mich interessiert: die etwas haben, die nichts mehr haben, und die versuchen, etwas zu haben. [212] Aber alle stimmen in der einfältigen Vergötterung der Autorität überein! Beispiele: Mably empfiehlt, die Philosophen an der Veröffentlichung ihrer Lehrsätze zu verhindern. M. Wronsky, Professor der Geometrie, nennt die Zensur in seiner Sprache ›kritische Unterdrückung der spekulativen Willkür‹; der alte Enfantin segnet die Habsburger dafür, ›eine wuchtige Hand über die Alpen ausgestreckt zu haben, um Italien im Zaume zu halten‹; Pierre Leroux will, daß man euch zwinge, einen Redner anzuhören, und Louis Blanc neigt zu einer Staatsreligion, eine solche Sucht, beherrscht zu werden, hat dieses Volk von Vasallen! Indessen ist nicht einer gerecht, trotz all ihren Prinzipien. Aber da Prinzip Ursprung bedeutet, muß man immer wieder eine Revolution ins Auge fassen, einen Gewaltakt, eine durchgreifende Tat. So ist unser Prinzip die Volkssouveränität in parlamentarischer Form, obwohl das Parlament es nicht einräumt! Aber wodurch wird die Souveränität des Volkes heiliger als das göttliche Recht? Eins wie das andere sind schließlich Fiktionen!! Genug von Metaphysik, keine Phantome mehr! Es sind keine Dogmen nötig, um die Straßen kehren zu lassen. Man wird sagen, ich stürze die Gesellschaft! Meinetwegen! Wo steckt denn das Übel? Sie ist wirklich sauber, deine Gesellschaft!«

Frédéric hätte ihm vielerlei darauf erwidern können. Aber da er ihn weitab von Sénécals Theorien sah, war er voll Nachsicht. Er begnügte sich damit, zu entgegnen, daß ein solches System allgemeinen Haß hervorrufen würde.

»Im Gegenteil, da wir jeder Partei einen Grund des Hasses gegen ihren Nachbarn gegeben hätten, würden alle zu uns stehen. Auch du wirst dich daran beteiligen und uns überlegene Kritiken liefern.«

Es müßten die überlieferten Ideen angegriffen werden, die Akademie, die Normalschule, das Konservatorium, die Comédie-Française, alles, was einer Institution glich. Damit würden sie ihrer Revue eine einheitliche Richtung [213] geben. Dann, wenn sie erst sehr gut eingeführt sein wird, müßte das Blatt plötzlich täglich erscheinen und sich mit Persönlichkeiten beschäftigen.

»Und man wird uns respektieren, verlaß dich darauf!«

Deslauriers kam auf seinen alten Traum zurück. Chef einer Redaktion, das heißt das unaussprechliche Glück, andere zu leiten, ihre Artikel nach Belieben zu beschneiden, sie zu bestellen, sie abzulehnen. Seine Augen funkelten hinter der Brille, er ereiferte sich und goß mechanisch ein Glas nach dem andern hinunter.

»Du mußt einmal wöchentlich ein Diner geben. Das ist unerläßlich, selbst wenn die Hälfte deiner Einnahmen daraufgeht! Man wird sich dazu drängen, es wird ein Mittelpunkt für die anderen, ein Hebel für dich sein; und wenn wir in jeder Hinsicht die Führung haben, werden wir, ehe sechs Monate um sind, was Literatur und Politik betrifft, in Paris an der Spitze stehen, das wirst du sehen.«

Frédéric überkam beim Zuhören ein Gefühl von Verjüngung; ihm war zumute wie jemand, der nach langem Aufenthalt im Zimmer ins Freie gebracht wird. Dieser Enthusiasmus nahm ihn gefangen.

»Ja, ich bin ein Faulenzer gewesen, ein Narr, du hast recht!«

»Gott sei Dank!« rief Deslauriers; »nun erkenne ich meinen Frédéric wieder!«

Er hielt ihm die Faust unters Kinn:

»Ah! wie ich durch dich gelitten habe! Aber schadet nichts! ich hab dich doch lieb.«

Sie standen da und sahen einander an, beide gerührt und nahe daran, sich zu küssen, als ein Frauenhut auf der Schwelle des Vorzimmers erschien.

»Was führt dich her?« sagte Deslauriers.

Es war Mademoiselle Clémence, seine Geliebte.

Sie antwortete, daß sie beim zufälligen Vorübergehen an seiner Wohnung dem Wunsch, ihn wiederzusehen, nicht habe widerstehen können; und um gemeinsam einen kleinen [214] Imbiß zu nehmen, bringe sie Kuchen für ihn mit, die sie auf den Tisch legte.

»Gib acht auf meine Papiere!« rief der Advokat barsch. »Übrigens ist es das dritte Mal, daß ich dir verbiete, während meiner Sprechzeit zu kommen.«

Sie wollte ihn küssen.

»Laß das! Geh! fort mit dir!«

Er stieß sie zurück, sie seufzte tief.

»Ach, du langweilst mich, mach ein Ende!«

»Ich liebe dich doch!«

»Ich verlange nicht, daß man mich liebt, sondern daß man mir gehorcht!«

Bei diesen harten Worten versiegten Elémences Tränen. Sie stellte sich ans Fenster und blieb dort reglos stehen, die Stirn an die Scheibe gedrückt.

Ihre Haltung und ihr Schweigen reizten Deslauriers.

»Wenn du fertig bist, bestellst du einen Wagen, nicht wahr?«

Sie wandte sich auffahrend um:

»Du schickst mich fort?«

»Allerdings!«

Sie heftete ihre großen blauen Augen auf ihn; es war offenbar eine letzte Bitte, schlug dann die beiden Enden ihres schottischen Tuches übereinander, wartete noch eine Minute und ging.

»Du solltest sie zurückrufen,« sagte Frédéric.

»Laß uns gehen!«

Und da er gern fort wollte, ging Deslauriers in die Küche, die sein Toilettenzimmer war. Er hatte dort auf den Fliesen neben einem Paar Stiefel die Reste eines mageren Frühstücks stehen, und eine Matratze war mit einer Decke in einem Winkel auf der Erde zusammengerollt.

»Dies hier beweist,« sagte er,»daß ich keine Marquisen empfange! Man verzichtet leicht darauf, weißt du! und auf die andern auch. Die nichts kosten, nehmen einem Zeit, das ist Geld in einer andern Form, und ich bin nicht reich! [215] Und dann sind sie alle so dumm! so dumm! Kannst du dich mit einer Frau unterhalten?«

Sie trennten sich an der Ecke des Pont Neuf.

»Also, abgemacht! du bringst es mir morgen, sobald du es hast!«

»Abgemacht!« sagte Frédéric.

Am folgenden Morgen erhielt er beim Erwachen durch die Post einen Scheck von fünfzehntausend Francs auf die Bank.

Dieser Papierfetzen repräsentierte für ihn fünfzehn dicke Geldbeutel; und er sagte sich, daß er mit einer solchen Summe: erstens seinen Wagen auf drei Jahre behalten könnte, anstatt ihn zu verkaufen, wozu er künftig gezwungen sein würde, oder sich zwei schöne damaszierte Rüstungen kaufen, die er am Quai Voltaire gesehen hatte, dann noch eine Anzahl anderer Dinge, Gemälde, Bücher und wie viele Blumensträuße und Geschenke für Madame Arnoux! Alles schließlich schien ihm besser, als so viel Geld aufs Spiel zu setzen oder an dieser Zeitung zu verlieren! Deslauriers erschien ihm anmaßend, seine Gefühllosigkeit am vorigen Tage kühlte ihn gegen ihn ab, und Frédéric überließ sich seiner Reue, als er zu seiner Überraschung Arnoux eintreten sah, – der sich bedrückt wie ein mutloser Mensch auf den Rand seines Lagers setzte.

»Was gibt's denn?«

»Ich bin verloren!«

Er sollte am nämlichen Tage im Büro Beauminets, Notar in der Rue Saint-Anne, achtzehntausend Francs einzahlen, die er von einem gewissen Vanneroy geliehen hatte.

»Es ist ein unerklärliches Mißgeschick! Ich habe ihm eine Hypothek gegeben, die ihn hätte beruhigen können! Aber er droht mir mit einer Klage, wenn ich es nicht sogleich heute nachmittag zahle!«

»Und dann?«

»Dann, nun das ist sehr einfach. Er wird meine Grundstücke expropriieren. Sobald es bekannt wird, bin ich [216] ruiniert, das ist alles! Ah! wenn ich jemand fände, der mir diese verwünschte Summe vorschießen könnte, er nähme die Stelle von Vanneroy ein, und ich wäre gerettet! Sie könnten es zufällig nicht?«

Der Scheck war auf dem Nachttisch neben seinem Buche liegen geblieben. Frédéric hob den Band auf, legte ihn darauf und erwiderte:

»Mein Gott, nein, lieber Freund!«

Aber es wurde ihm schwer, es Arnoux abzuschlagen.

»Finden Sie denn niemand, der ...?«

»Niemand! und wenn man bedenkt, daß ich heute in acht Tagen Zahlungen erwarte! Man schuldet mir etwa ... fünfzigtausend Francs bis Ende des Monats!«

»Könnten Sie Ihre Schuldner nicht bitten, das Geld vorzustrecken ...?«

»Ach, was glauben Sie!«

»Aber Sie haben doch wohl irgendwelche Werte, Wechsel?«

»Nichts!« –

»Was ist da zu tun?« sagte Frédéric.

»Das frage ich mich eben,« fuhr Arnoux fort.

Er verstummte und ging im Zimmer hin und her.

»Es ist nicht meinetwegen, mein Gott! sondern für meine Kinder, für meine arme Frau!«

Dann fuhr er fort und stieß jedes Wort abgerissen hervor:

»Schließlich ... ich werde stark sein ... ich lasse alles im Stich ... und werde irgendwo mein Glück versuchen ... ich weiß nicht wo!«

»Unmöglich!« rief Frédéric.

Arnoux erklärte ruhig:

»Wie wollen Sie, daß ich jetzt in Paris lebe?«

Es entstand eine lange Pause.

»Wann würden Sie das Geld zurückgeben?« Nicht daß er es hätte; im Gegenteil! Aber es hindere ihn nichts, Freunde aufzusuchen, Schritte zu tun. Und er klingelte seinem Diener, um sich anzukleiden. Arnoux dankte ihm.

[217] »Es sind achtzehntausend Francs, die Sie brauchen, nicht wahr?«

»O, ich würde mich mit sechzehntausend begnügen! denn ich werde für mein Silberzeug wohl zweitausendfünfhundert bis dreitausend erhalten können, wenn Vanneroy mir bis morgen Zeit läßt; und ich wiederhole Ihnen, Sie können dem Geldgeber versichern, daß das Geld in acht Tagen, vielleicht sogar in fünf oder sechs Tagen zurückgezahlt wird. Überdies, die Hypothek bürgt dafür. Also keine Gefahr, Sie verstehen?«

Frédéric versicherte, daß er verstehe und sich gleich aufmachen würde.

Er verwünschte Deslauriers und blieb zu Haus, denn er wollte sein Wort halten und doch Arnoux gefällig sein.

»Wenn ich mich an Monsieur Dambreuse wendete? Aber unter welchem Vorwand Geld leihen? Es ist vielmehr an mir, ihm welches für seine Kohlenaktien zu bringen! Ach, mag er seine Aktien behalten! Ich brauche sie nicht!«

Und Frédéric pries seine Unabhängigkeit, als hätte er Monsieur Dambreuse soeben einen Dienst abgeschlagen.

»Also,« sagte er sich endlich, »da ich jetzt hier einen Verlust habe, denn ich könnte mit fünfzehntausend Francs hunderttausend verdienen! An der Börse kommt das zuweilen vor ... Wenn ich es mir nun entgehen lasse, bin ich nicht frei? ... Außerdem, wenn Deslauriers wartete! – Nein, nein, das geht nicht, ich muß hingehen!«

Er sah nach der Uhr.

»Ach, es eilt nicht! Die Bank schließt erst um fünf Uhr.«

Und um halb fünf Uhr, als er sein Geld einkassiert hatte, sagte er sich:

»Jetzt ist es nutzlos! Ich treffe ihn nicht. Ich werde abends hingehen!« Er gab sich so die Möglichkeit, auf seinen Entschluß zurückzukommen, denn es bleibt in unserm Gewissen immer etwas von den Sophismen zurück, die man [218] hineingestreut hat; es behält einen Nachgeschmack davon wie von schlechtem Likör.

Er spazierte auf den Boulevards umher und aß allein im Restaurant. Dann hörte er einen Akt im Vaudeville, um sich zu zerstreuen. Aber seine Banknoten genierten ihn, als hätte er sie gestohlen. Es würde ihn nicht bekümmert haben, wenn er sie verloren hätte.

Als er nach Haus zurückkehrte, fand er einen Brief, der diese Worte enthielt:


»Wie steht es?
Meine Frau schließt sich mir in der Hoffnung an, usw.

Ihr«


Dann ein Schnörkel als Namenszug.

»Seine Frau! sie bittet mich!«

Im selben Augenblick erschien Arnoux, um zu hören, ob er die notwendige Summe erhalten.

»Hier ist sie!« sagte Frédéric.

Und vierundzwanzig Stunden später sagte er zu Deslauriers:

»Ich habe noch nichts bekommen!«

Der Advokat kam drei Tage hintereinander zu ihm. Er drang in ihn, an den Notar zu schreiben, er bot sich sogar an, die Reise nach Havre zu machen.

»Nein, das ist unnötig! ich will selber hin!«

Am Ende der Woche erinnerte Frédéric Arnoux schüchtern an seine fünfzehntausend Francs.

Arnoux vertröstete ihn auf morgen, dann auf übermorgen. Frédéric wagte sich erst bei hereinbrechender Nacht hinaus, weil er fürchtete, von Deslauriers überrascht zu werden.

Eines Abends stieß ihn jemand an der Ecke der Madeleine an. Er war es.

»Ich gehe es holen,« sagte Frédéric.

Und Deslauriers begleitete ihn bis zur Tür eines Hauses im Faubourg Poissonnière.

»Warte auf mich!«

Er wartete. Endlich, nach dreiundvierzig Minuten,[219] kam Frédéric mit Arnoux heraus und machte ihm ein Zeichen, sich noch etwas zu gedulden. Der Fayencehändler und sein Begleiter gingen Arm in Arm die Rue Hauteville hinauf und bogen dann in die Rue de Chabrol ein.

Die Nacht war dunkel, es wehte ein lauer Wind. Arnoux ging langsam und sprach von den Geschäftsgalerien: einer Reihe von gedeckten Passagen, die vom Boulevard Saint-Denis bis zum Châtelet führen sollten, einer großartigen Spekulation, an der sich zu beteiligen er große Lust hatte; und von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um an den Schaufenstern der Läden das Gesicht einer Grisette zu betrachten, dann setzte er seinen Vortrag fort.

Frédéric vernahm die Schritte Deslauriers hinter sich wie Vorwürfe, wie Schläge, die an sein Gewissen pochten. Aber aus falscher Scham und in der Furcht, daß es unnütz sein möchte, wagte er nicht, seine Forderung auszusprechen. Der andere näherte sich. Er entschloß sich zu fragen.

Arnoux sagte leichthin, daß er, da seine Zahlungen nicht eingegangen wären, die fünfzehntausend Francs jetzt nicht wiedergeben könne.

»Sie brauchen sie doch nicht, denke ich?«

In diesem Augenblick sprach Deslauriers Frédéric an und zog ihn beiseite:

»Sag offen, hast du es, ja oder nein?«

»Nun wohl, nein!« sagte Frédéric, »ich habe es verloren.«

»So, und wobei?«

»Im Spiel!«

Deslauriers erwiderte kein Wort, grüßte sehr tief und ging. Arnoux hatte die Gelegenheit benutzt, sich in einem Tabakladen eine Zigarre anzuzünden. Er kam zurück und fragte, wer der junge Mann wäre.

»Ach! ein Freund!«

Dann, drei Minuten später, vor der Tür der Rosanette sagte Arnoux:

»Kommen Sie doch herauf, sie wird sich freuen, Sie zu sehen. Wie menschenscheu Sie jetzt sind!«

[220] Eine Straßenlaterne gegenüber beleuchtete ihn; und mit seiner Zigarre zwischen den weißen Zähnen und der fröhlichen Miene hatte er etwas Unerträgliches.

»Übrigens, mein Notar war heute morgen bei dem Ihrigen, wegen der Überweisung der Hypothek. Meine Frau hatte mich daran erinnert.«

»Eine Frau von Verstand,« sagte Frédéric mechanisch.

»Das will ich meinen!«

Und Arnoux begann wieder ihr Lob zu singen. Sie hätte, was Geist, Herz, Sparsamkeit anbelangte, nicht ihresgleichen; dann fügte er mit leiser Stimme, die Augen rollend, hinzu:

»Und als Frauenkörper!«

»Adieu!« sagte Frédéric.

Arnoux machte eine Bewegung.

»Warten Sie! warum?«

Und ihm die Hand halb entgegenstreckend, ganz verblüfft über sein zorniges Gesicht, blickte er ihn prüfend an.

Frédéric wiederholte trocken:

»Adieu!«

Wie ein Stein, der ins Rollen kommt, schritt er mechanisch die Rue de Bréda hinunter, gebrochen, verzweifelt; und wütend auf Arnoux, tat er das Gelübde, ihn niemals wiederzusehen, auch sie nicht. Anstatt des Bruches, den er erwartet hatte, fing der andere nun an, sie im Gegenteil zärtlich zu lieben, von den Enden ihres Haars bis zum Grunde der Seele. Die Gewöhnlichkeit dieses Mannes empörte ihn. Alles gehörte ja ihm! Er sah ihn wieder vor sich auf der Schwelle zu dem Hause der Lorette, und der Ärger über ihn vereinte sich mit der Wut über seine Ohnmacht. Zudem demütigte ihn Arnoux' Anständigkeit, ihm eine Garantie für sein Geld anzubieten; er hätte ihn erdrosseln mögen; und über seinem Kummer lastete drückend in seinem Gewissen das Gefühl der Feigheit seinem Freunde gegenüber. Tränen erstickten ihn.

Deslauriers kam die Rue des Martyrs herunter und fluchte laut vor Entrüstung; denn sein Projekt erschien [221] ihm jetzt, wie ein umgestürzter Obelisk, von außerordentlicher Größe. Er glaubte sich bestohlen, meinte einen großen Schaden erlitten zu haben. Seine Freundschaft für Frédéric war erloschen, und er empfand Freude darüber; das war ein Ausgleich! Ein Haß gegen die Reichen überkam ihn. Er neigte sich den Ansichten Sénécals zu und nahm sich vor, sich ihrer zu bedienen.

Arnoux saß indessen bequem in einem Lehnsessel am Feuer, schlürfte seine Tasse Tee und hielt die Marschallin auf den Knien.

Frédéric ging nicht wieder zu ihnen; und um sich in seiner unheilvollen Stimmung zu zerstreuen, ergriff er den ersten Stoff, der sich ihm bot, und beschloß, eine Geschichte der Renaissance zu schreiben. Er stapelte auf seinem Tisch Werke der Humanisten, der Philosophen und Dichter auf, alles durcheinander; er ging ins Kupferstichkabinett, die Gravuren Marc-Antons zu sehen; er versuchte, sich in Macchiavel zu vertiefen. Allmählich beruhigte ihn der Friede der Arbeit. Indem er sich in die Persönlichkeit anderer versenkte, vergaß er seine eigene, was vielleicht das einzige Mittel ist, nicht darunter zu leiden.

Eines Tages, als er in Ruhe seine Notizen machte, öffnete sich die Tür und der Diener meldete Madame Arnoux.

Sie war es wirklich! allein? Nein, denn sie hatte den kleinen Eugène an der Hand, von seiner Bonne in einer weißen Schürze begleitet. Sie setzte sich und sagte nach einem Räuspern:

»Es ist lange her, seit Sie nicht mehr in unser Haus gekommen sind.«

Da Frédéric keine Entschuldigung einfiel, fuhr sie fort:

»Sie tun es aus Zartgefühl nicht!«

Er erwiderte:

»Zartgefühl, für wen?«

»Für Arnoux!« sagte sie.

[222] Frédéric machte eine Bewegung, die sagen wollte: »Was kümmert er mich! es geschah für Sie!«

Sie schickte ihr Kind in den Salon, dort mit seiner Bonne zu spielen. Sie wechselten zwei oder drei Worte über ihr Ergehen, dann stockte die Unterhaltung.

Sie trug ein Kleid aus brauner Seide, von der Farbe eines spanischen Weines, und einen schwarzen Samtpaletot mit Marder besetzt; dieses Perlwerk erweckte die Lust, mit der Hand darüber zu streichen, und ihre glatten Scheitel, sie mit den Lippen zu berühren. Aber erregt und verwirrt wandte sie die Augen der Tür zu:

»Es ist hier etwas warm!«

Frédéric verstand die vorsichtige Absicht ihres Blickes.

»Verzeihen Sie! Man braucht die beiden Flügel nur aufzustoßen.«

»Ach, das ist wahr!«

Und sie lächelte, wie um zu sagen: »Ich fürchte nichts.«

Er fragte sie, was sie hergeführt.

»Mein Mann«, erwiderte sie mit Anstrengung, »hat mich aufgefordert, zu Ihnen zu gehen, da er diesen Schritt selbst nicht wagt.«

»Und warum?«

»Sie kennen Monsieur Dambreuse, nicht wahr?«

»Ja, ein wenig!« – Sie schwieg.

»Einerlei! fahren Sie fort!«

Da erzählte sie, daß Arnoux am vorhergehenden Tage vier Wechsel über tausend Francs an die Ordre des Bankiers nicht habe zahlen können, die er von ihr hatte unterzeichnen lassen. Sie bereue, das Vermögen der Kinder aufs Spiel gesetzt zu haben. Aber alles sei besser als die Schande; und wenn Monsieur Dambreuse die Klage zurückziehen würde, könnte er sicher bald bezahlt werden, denn sie sei im Begriff, in Chartres ein kleines Haus zu verkaufen, das sie besaß.

»Arme Frau!« murmelte Frédéric. »Ich gehe zu ihm! rechnen Sie auf mich!«

»Danke!«

[223] Und sie erhob sich, um zu gehen.

»O! Sie haben es doch nicht so eilig!«

Sie blieb stehen, betrachtete die von der Decke herabhängende Trophäe von mongolischen Pfeilen, die Bibliothek, die Einbände, alle Schreibutensilien; sie hob die Bronzeschale in die Höhe, die die Federn enthielt; ihre Sohlen traten auf verschiedene Stellen des Teppichs. Sie war mehrmals bei Frédéric gewesen, aber immer mit Arnoux. Jetzt waren sie allein, – allein in seinem eigenen Hause; – es war ein außerordentliches Ereignis, fast ein unverhoffter Glückszufall.

Sie wollte sein Gärtchen sehen; er bot ihr den Arm, um ihr seinen Besitz zu zeigen, dreißig Fuß Boden, von Häusern eingeschlossen, mit Sträuchern in den Ecken und einem länglichen Blumenbeet in der Mitte geschmückt.

Es waren die ersten Tage des April. Der Flieder wurde schon grün, ein reiner Hauch durchwogte die Luft, und die kleinen Vögel zwitscherten, ihr Gesang wechselte mit dem fernen Geräusch ab, das eine Wagenschmiede verursachte.

Frédéric holte eine Kohlenschaufel, und während sie nebeneinander auf und ab wandelten, schaufelte das Kind Sandhaufen in der Allee.

Madame Arnoux glaubte nicht, daß es später viel Phantasie haben würde, aber es sei zärtlichen Gemüts. Seine Schwester dagegen habe einen angeborenen Starrsinn, der sie zuweilen verletzte.

»Das ändert sich,« sagte Frédéric. »Man muß nie verzagen!«

Sie wiederholte:

»Man muß nie verzagen!«

Diese mechanische Wiederholung seiner Worte schien ihm wie eine Art von Ermutigung; er pflückte eine Rose, die einzige im Garten.

»Erinnern Sie sich ... eines gewissen Rosenstraußes, im Wagen damals?«

[224] Sie errötete ein wenig und sagte im Tone scherzhaften Einverständnisses:

»Ach! ich war damals sehr jung!«

»Und diese Rose,« fuhr Frédéric mit leiser Stimme fort, »wird es ihr ebenso ergehen?«

Sie antwortete, indem sie den Stengel zwischen den Fingern drehte wie den Faden einer Spindel:

»Nein, ich werde sie aufbewahren!«

Sie winkte der Bonne, die das Kind auf den Arm nahm; dann, auf der Türschwelle an der Straße, atmete Madame Arnoux den Duft der Blume ein und neigte den Kopf dabei mit einem Blick auf die Schulter, der süßer war als ein Kuß.

Als er wieder in sein Zimmer kam, betrachtete er den Armstuhl, in dem sie gesessen, und alle Gegenstände, die sie berührt hatte. Ein Hauch ihres Wesens war geblieben. Der Reiz ihrer Gegenwart war noch zu spüren.

»Sie war wirklich hier!« sagte er sich.

Eine unendliche Zärtlichkeit erfüllte ihn.

Am folgenden Tage um elf Uhr fand er sich bei Monsieur Dambreuse ein. Er wurde im Speisezimmer empfangen. Der Bankier frühstückte mit seiner Frau. Ihre Nichte saß neben ihr und an der anderen Seite deren Erzieherin, eine stark blatternarbige Engländerin.

Monsieur Dambreuse forderte seinen jungen Freund auf, Platz zu nehmen, und sagte, als er es ablehnte:

»Womit kann ich Ihnen dienen?«

Frédéric gestand mit erkünstelter Gleichgiltigkeit, daß er mit einer Bitte für einen gewissen Arnoux gekommen sei.

»Ah! ah! der ehemalige Kunsthändler,« sagte der Bankier mit leisem Lächeln, bei dem sein Zahnfleisch sichtbar wurde. »Oudry garantierte früher für ihn. Dann haben sie sich erzürnt.«

Und er begann die Briefe und Zeitungen durchzusehen, die neben seinem Gedeck lagen.

Zwei Diener servierten geräuschlos; und der hohe Saal mit seinen drei gestickten Portieren und den beiden Fontainen [225] aus weißem Marmor, der Glanz der Schüsselwärmer, die Anordnung der Nebengerichte und selbst die steifen Falten der Servietten, dieser ganze luxuriöse Wohlstand riefen Frédéric den Gegensatz eines andern Frühstücks bei Arnoux in Erinnerung. Er wagte nicht, Monsieur Dambreuse zu unterbrechen.

Madame Dambreuse bemerkte seine Verlegenheit.

»Sehen Sie unsern Freund Martinon zuweilen?«

»Er kommt heute abend,« sagte das junge Mädchen lebhaft.

»Ah! du weißt es,« erwiderte ihre Tante mit einem kalten Blick auf sie.

Dann, als einer der Bedienten sich zu ihrem Ohr neigte:

»Deine Schneiderin, mein Kind! ... Miß John!«

Und die Erzieherin verschwand gehorsam mit ihrem Zögling.

Durch das Stühlerücken gestört, fragte Monsieur Dambreuse, was es gebe.

»Madame Regimbart ist da!«

»Halt! Regimbart! Den Namen kenne ich. Ich habe seine Unterschrift schon gesehen.«

Frédéric kam endlich auf die Angelegenheit; Arnoux verdiene Interesse; in dem einzigen Bestreben, seinen Verpflichtungen nachzukommen, wolle er sogar ein Haus seiner Frau verkaufen.

»Sie gilt für sehr hübsch,« sagte Madame Dambreuse.

Der Bankier fügte gutmütig hinzu:

»Sind Sie ihr – intimer Freund?«

Ohne direkt zu antworten, sagte Frédéric, daß er ihm sehr dankbar sein würde, wenn er Rücksicht darauf nehmen wolle ...

»Nun, da es Ihnen Freude macht, sei es! man kann ja warten! Ich habe noch Zeit. Gehen wir jetzt in mein Büro hinunter, was meinen Sie?«

Das Frühstück war beendet. Madame Dambreuse verneigte sich leicht mit einem seltsamen Lächeln voll Höflichkeit und Ironie zugleich. Frédéric hatte keine Zeit, darüber [226] nachzudenken, denn sobald sie allein waren, begann Monsieur Dambreuse:

»Sie haben Ihre Aktien nicht abgeholt.«

Und ohne ihm eine Entschuldigung zu gestatten, sagte er:

»Gut! gut! es ist ganz in Ordnung, daß Sie die Sache etwas besser kennen lernen wollen.«

Er bot ihm eine Zigarette an und begann:

Die allgemeine Union der »Französischen Kohlenwerke« sei begründet; es würde nur noch die Bestätigung erwartet. Die Tatsache der Fusion allein vermindere die Kosten der Verwaltung wie der Arbeitslöhne und vermehre die Einnahmen. Außerdem plane die Gesellschaft etwas Neues, und zwar die Arbeiter an dem Unternehmen teilnehmen zu lassen. Sie wolle ihnen Häuser bauen, gesunde Wohnungen, wolle Lieferantin für ihre Angestellten werden und ihnen alles zum Selbstkostenpreis liefern.

»Und sie werden dabei gewinnen; es ist tatsächlich ein Fortschritt, eine siegreiche Antwort auf ein gewisses republikanisches Geschrei! Wir haben in unserm Aufsichtsrat«, er zeigte den Prospekt, »einen Pair von Frankreich, einen Gelehrten der Akademie, einen höheren pensionierten Ingenieur-Offizier, lauter bekannte Namen! Derartige Elemente beruhigen ängstliche Kapitalisten und locken die intelligenten an.« Die Gesellschaft könne auf die Aufträge des Staats rechnen, dann auf die Eisenbahnen, die Dampfschiffahrt, die Metallgießereien, die Gasanstalten und die Kleinbürgerküchen. »So werden wir also heizen, beleuchten, bis zu den Öfen der bescheidensten Haushaltungen dringen. Aber wie können wir den Verkauf sichern, werden Sie mich fragen? Mit Hilfe von Schutzrechten, mein Herr, und die werden wir erhalten, das ist unsere Sache! Ich bin übrigens offener Anhänger des Einfuhrverbots! Das Vaterland über alles!« Er wäre zum Direktor ernannt, aber ihm fehle die Zeit, sich mit gewissen Kleinigkeiten, unter anderem in der Redaktion, zu beschäftigen. »Ich stehe mit meinen Autoren ein wenig auf Kriegsfuß, habe mein Griechisch vergessen! Ich werde jemand nötig [227] haben ... der meine Ideen übertragen kann.« Und plötzlich: »Wollen Sie dieser Mann mit dem Titel eines General-Sekretärs sein?«

Frédéric wußte nicht, was er antworten sollte.

»Nun, was hindert Sie?«

Seine Tätigkeit würde sich darauf beschränken, jedes Jahr einen Bericht für die Aktionäre zu schreiben. Er würde täglich in Beziehung zu den bedeutendsten Persönlichkeiten von Paris treten, müsse die Gesellschaft bei den Arbeitern repräsentieren, die ihn natürlich vergöttern würden. Und das könne ihm dazu verhelfen, später in den General-Rat zu kommen, Deputierter zu werden.

Frédéric klangen die Ohren. Woher kam dieses Wohlwollen? Er erschöpfte sich in Danksagungen.

Aber er brauche von niemand abhängig zu sein, sagte der Bankier. Das beste Mittel wäre, Aktien zu nehmen, »übrigens eine vortreffliche Anlage, denn Ihr Kapital ist eine Garantie für Ihre Stellung, wie Ihre Stellung für Ihr Kapital.«

»Wieviel müßte es etwa betragen?« sagte Frédéric.

»Mein Gott, soviel Sie wollen; vierzig- bis sechzigtausend Francs vermutlich.«

Diese Summe war so minimal für Monsieur Dambreuse und seine Autorität so groß, daß der junge Mann sich sofort entschloß, ein Pachtgut zu verkaufen. Er schlug ein. Monsieur Dambreuse bestimmte für einen der nächsten Tage eine Zusammenkunft, um ihre Maßnahmen zu treffen.

»Also darf ich Jacques Arnoux sagen ...?«

»Alles, was Sie wollen! der arme Kerl! Alles, was Sie wollen!«

Frédéric schrieb an Arnoux, daß er ruhig sein könne, und ließ den Brief von seinem Diener hintragen, der die Antwort brachte: »Sehr gut!«

Sein Verhalten hätte indessen anderes verdient. Er hatte einen Besuch erwartet oder einen Brief wenigstens. Er erhielt keinen Besuch. Es kam kein Brief.

War es Vergeßlichkeit oder Absicht? Was hinderte[228] Madame Arnoux, ihn wieder aufzusuchen, da sie doch schon einmal gekommen war? War das stillschweigende Einverständnis, das Geständnis, das sie ihm gemacht, nur ein Manöver, das sie aus Eigennutz ausgeführt hatte. »Haben sie mit mir gespielt? ist sie dabei mitschuldig?« Eine Art Scham hinderte ihn, trotz seines Verlangens, wieder zu ihnen zu gehen.

Eines Morgens (drei Wochen nach ihrer Zusammenkunft), schrieb ihm Monsieur Dambreuse, daß er ihn am selben Tage in einer Stunde erwarte.

Unterwegs fiel ihm Arnoux wieder ein, und da er keinen Grund für ihr Benehmen finden konnte, überkam ihn Angst, eine düstere Vorahnung. Um sich davon zu befreien, nahm er ein Kabriolett und ließ sich nach der Rue Paradis fahren.

Arnoux sei auf Reisen.

»Und Madame?«

»Auf dem Lande, in der Fabrik!«

»Wann kommt der Herr zurück?«

»Morgen jedenfalls!«

Er würde sie allein finden; der Augenblick war gegekommen. Gebieterisch rief etwas in ihm: »Fahre hin!«

Aber Monsieur Dambreuse? »Ach was, ich kann mir nicht helfen! Ich werde sagen, daß ich krank gewesen wäre.« Er eilte auf den Bahnhof; im Eisenbahnwagen dachte er dann: »Vielleicht tat ich unrecht? Ach was, einerlei!«

Zur Rechten und zur Linken dehnten sich grüne Gelände, durch die der Zug rollte; die Wärterhäuschen glitten vorüber wie Kulissen, und der Rauch der Lokomotive streute immer von derselben Seite seine dicken Flocken aus, die eine Weile auf dem Grase tanzten und dann verschwanden.

Allein auf seiner Bank, schaute Frédéric ihnen aus Langeweile zu, in jener Abspannung, die ein Übermaß der Ungeduld hervorruft. Aber nun erschienen Krahne, Lagerhäuser. Das war Creil.

Die Stadt, am Abhang zweier niedriger Hügel erbaut (von denen der eine kahl, der andere bewaldet war), mit [229] ihrem Kirchturm, ihren ungleichen Häusern, ihrer Steinbrücke, hatte für ihn etwas Heiteres, Verschwiegenes, Angenehmes. Ein großes, flaches Boot kam den Strom herunter, der, vom Winde gepeitscht, rauschte; Hühner pickten am Fuße des Hügels im Stroh; eine Frau ging vorüber, die nasse Wäsche auf dem Kopfe trug.

Hinter der Brücke gelangte er auf eine Insel, wo man zur Rechten die Ruinen einer Abtei erblickte. Eine Mühle drehte sich und versperrte in ihrer ganzen Breite den zweiten Arm der Oise, die über die Fabrik geleitet war. Der Wert dieser Anlage überraschte Frédéric in hohem Maße. Es erhöhte seinen Respekt vor Arnoux. Drei Schritte weiter bog er in ein Gäßchen ein, das am Ende durch ein Gitter abgeschlossen war.

Er war eingetreten; die Pförtnerin rief ihn zurück und fragte:

»Haben Sie die Erlaubnis?«

»Wozu?«

»Die Fabrik zu besichtigen!«

Frédéric erwiderte barsch, daß er Monsieur Arnoux besuchen wolle.

»Wer ist Monsieur Arnoux?«

»Der Chef, der Herr, der Besitzer natürlich!«

»Nein, mein Herr, dieses ist die Fabrik von Leboeuf und Milliet!«

Die gute Frau scherzte wohl. Arbeiter kamen; er redete zwei oder drei an; ihre Antwort war die gleiche.

Schwankend wie ein Betrunkener verließ Frédéric den Hof; seine Miene war so bestürzt, daß ein Mann auf der Fleischerbrücke, der seine Pfeife rauchte, ihn fragte, ob er etwas verloren habe. Dieser kannte die Fabrik von Arnoux. Sie befand sich in Montataire.

Frédéric erkundigte sich nach einem Wagen, es war nur auf dem Bahnhof einer zu haben. Er kehrte dorthin zurück. Eine wacklige Kalesche, bespannt mit einem alten Gaul, dessen zerrissenes Zaumzeug über die Deichsel hing, stand einsam vor dem Gepäckraum.

[230] Ein Gassenjunge erbot sich, »Vater Pilon« aufzusuchen. Nach Verlauf von zehn Minuten kam er zurück: Vater Pilon frühstückte. Frédéric verzichtete und ging. Aber die Barriere war geschlossen. Er mußte warten, bis zwei Züge vorüber gefahren waren. Endlich stürmte er davon.

In dem monotonen Grün glich die Landschaft einem ungeheuren Billardtuch. Eisenschlacken waren zu beiden Seiten des Weges wie Haufen von Kieselsteinen aufgeschichtet. Ein wenig weiter sah man einen Fabrikschlot nach dem andern rauchen. Vor ihm erhob sich auf einem runden Hügel ein kleines Schloß mit Türmchen und der viereckige Glockenturm einer Kirche. Darunter bildeten lange Mauern unregelmäßige Linien zwischen den Bäumen; und ganz unten dehnten sich die Häuser des Dorfes.

Sie bestehen aus einem Stockwerk mit einer Treppe von drei Stufen, die ohne Zement aus Quadern hergestellt sind. Dann und wann hörte man die Türglocke eines Krämers. Schwer sanken die Füße in den schwarzen Morast; ein feiner Regen fiel und zeichnete tausendfältig feine Striche auf den blauen Himmel.

Frédéric ging in der Mitte der Straße weiter; endlich traf er zur Linken, am Anfang eines Weges, auf einen großen hölzernen Torbogen, auf dem in goldenen Lettern stand: »Fayencen.«

Jacques Arnoux hatte nicht ohne Absicht die Nachbarschaft von Creil gewählt; indem er seine Fabrik so nahe wie möglich bei der andern (seit lange wohlangesehenen) errichtete, führte er das Publikum irre, um sich selbst zu nützen.

Der Hauptteil des Gebäudes grenzte an das Ufer eines Flusses, der die Wiesen durchschnitt. Das Haus des Eigentümers, von einem Garten umgeben, zeichnete sich durch seine Freitreppe aus, die mit vier Vasen geschmückt war, in denen Kakteen starrten. Haufen weißer Erde trockneten unter Schuppen, andere in freier Luft; und in der Mitte des Hofes stand Sénécal in seinem ewigen blauen, rot gefütterten Paletot.

[231] Der ehemalige Hilfslehrer reichte ihm seine kalte Hand.

»Kommen Sie zu dem Chef? Er ist nicht da!«

Aus der Fassung gebracht, erwiderte Frédéric einfältig:

»Ich wußte es.« Doch gleich verbesserte er sich:

»Es ist eine Angelegenheit, die Madame Arnoux betrifft. Kann sie mich empfangen?«

»Ich habe sie seit drei Tagen nicht gesehen,« sagte Sénécal.

Und er begann eine Litanei von Klagen. Als er die Bedingungen des Fabrikanten angenommen, war es abgemacht worden, daß er in Paris wohnen sollte und nicht sich auf dem Lande, fern von seinen Freunden und ohne Zeitungen, vergraben. Doch er hatte sich darüber hinweggesetzt! Aber Arnoux schien seine Verdienste gar nicht zu würdigen. Er war zudem beschränkt, rückschrittlich, unwissend wie kein anderer. Anstatt künstlerische Vervollkommnung zu erstreben, wäre es wertvoller gewesen, Kohlen- und Gasheizung einzuführen. Der Mann werde »hereinfallen«; Sénécal betonte dieses Wort. Kurz, seine Tätigkeit mißfiel ihm, und er forderte fast von Frédéric, zu seinen Gunsten zu sprechen, damit sein Gehalt erhöht würde.

»Warten Sie nur ab!« sagte der andere.

Auf der Treppe begegnete er niemand. Im ersten Stock steckte er den Kopf in einen leeren Raum; es war der Salon. Er rief ganz laut. Niemand antwortete; wahrscheinlich war die Köchin ausgegangen, die Bonne ebenfalls; endlich, im zweiten Stock angelangt, öffnete er eine Tür. Madame Arnoux stand allein vor einem Spiegelschrank. Der Gürtel ihres offenen Morgenkleides hing an ihrer Hüfte. Die Hälfte ihres Haares bildete eine schwarze Flut auf ihrer rechten Schulter; sie hatte beide Arme erhoben und hielt mit einer Hand ihren Nackenknoten, während sie mit der andern eine Nadel hineinsteckte. Sie stieß einen Schrei aus und verschwand.

Dann kam sie korrekt angekleidet wieder herein. Ihre Figur, ihre Augen, das Rascheln ihres Kleides, alles entzückte [232] ihn. Frédéric mußte an sich halten, um sie nicht mit Küssen zu bedecken.

»Ich bitte Sie um Verzeihung,« sagte sie, »aber ich konnte nicht ...«

Er hatte die Kühnheit, sie zu unterbrechen:

»Aber ... Sie sahen eben ... sehr gut aus!«

Sie fand das Kompliment ohne Zweifel ein wenig plump, denn ihre Wangen röteten sich. Er fürchtete, sie verletzt zu haben. Sie erwiderte:

»Welch glücklicher Zufall hat Sie hergeführt?«

Er wußte nichts zu antworten; nach einem verlegenen Lächeln, das ihm Zeit gab zu überlegen, sagte er:

»Wenn ich es Ihnen sagte, würden Sie mir glauben?«

»Warum nicht?«

Frédéric erzählte, daß er in der vorigen Nacht einen schrecklichen Traum gehabt hätte:

»Mir träumte, Sie wären ernstlich krank, dem Tode nahe.«

»O! weder ich noch mein Mann sind jemals krank gewesen!«

»Ich habe nur von Ihnen geträumt,« sagte er.

Sie blickte ihn ruhig an.

»Träume verwirklichen sich nicht immer.«

Frédéric stammelte, suchte nach Worten und stürzte sich schließlich in einer langen Periode auf die Seelenverwandtschaft. Es existiere eine Kraft, die zwei Menschen über weite Fernen miteinander in Verbindung setzen kann, ihnen mitteilen, was sie empfinden, und sie so vereint.

Sie hörte ihm mit gesenktem Kopf und ihrem reizenden Lächeln zu. Er beobachtete sie verstohlen voll Freude und ließ unter Vorschub eines Gemeinplatzes seiner Liebe freien Lauf. Sie schlug vor, ihm die Fabrik zu zeigen, und da sie darauf bestand, willigte er ein.

Um ihn zuerst durch etwas Unterhaltendes zu zerstreuen, ließ sie ihn eine Art von Museum sehen, das die Treppen schmückte. Die Stücke, die an die Wand gelehnt oder auf die Dielen gestellt waren, zeugten von den Bemühungen [233] und den unablässigen, hartnäckigen Versuchen Arnoux'! Nachdem er das Kupferrot der Chinesen gesucht hatte, wollte er Majoliken und Fayencen nach dem Etruskischen, dem Orientalischen herstellen und hatte schließlich einige der Vervollkommnungen versucht, die später auch glückten. In der Sammlung bemerkte man noch große Vasen mit Mandarinen darauf, Schalen von einer schillernden Goldkäferfarbe, Töpfe mit erhabenen arabischen Inschriften, Schenkkrüge mit zwei Figuren, die wie mit Rotstift in einer zierlichen, duftigen Art gezeichnet waren. Jetzt fabrizierte er Buchstaben für Schilder und Weinetiketten, aber er war nicht intelligent genug, um sich bis zur Kunst aufzuschwingen, und auch nicht spießbürgerlich genug, um ausschließlich den Nutzen im Auge zu behalten, so daß er, ohne jemand zu befriedigen, sich selbst ruinierte. Beide betrachteten diese Sachen, als Mademoiselle Marthe vorüberkam.

»Du erkennst ihn wohl nicht wieder?« fragte ihre Mutter sie.

»Freilich!« erwiderte sie ihn begrüßend, wobei ihr heller, argwöhnischer Blick altklug zu fragen schien: »Was hast du hier zu suchen?« und den Kopf ein wenig über die Schulter gedreht, stieg sie die Stufen hinan.

Madame Arnoux führte Frédéric auf den Hof und erklärte ihm ernsthaft, wie die Erde zermahlen, gereinigt und gesiebt wird.

»Das wichtigste ist die Zubereitung der Masse.« Und sie führte ihn in einen mit Bottichen angefüllten Saal, in denen sich eine senkrechte Achse mit horizontalen Armen um sich selbst drehte.

»Dies sind die Manschschaufeln,« sagte sie.

Er fand das Wort grotesk und unpassend in ihrem Munde.

Breite Riemen zogen sich von einem Ende der Decke zum andern, um sich auf Walzen aufzurollen, und alles ging unablässig und mit einer mathematischen Genauigkeit vor sich, die peinlich berührte.

Sie gingen nun hinaus und kamen an einer zerfallenen [234] Hütte vorüber, die ehemals dazu gedient hatte, Gartengeräte zu beherbergen.

»Sie wird nicht mehr benutzt,« sagte Madame Arnoux.

Er entgegnete mit zitternder Stimme:

»Das Glück könnte dort wohnen!«

Das Getöse der Dampfmaschine erstickte seine Worte, und sie traten in den Knet-Saal ein.

An einem schmalen Tisch saßen Männer und hatten vor sich auf einer Drehscheibe einen Klumpen der Masse; mit ihrer linken Hand formten sie das Innere, die rechte glättete die Oberfläche, und man sah Vasen emporwachsen wie Blumen, die sich entfalten.

Madame Arnoux ließ die Modelle der schwierigsten Arbeiten vorzeigen.

In einem andern Raum wurden die Verzierungen, die Hälse und die hervortretenden Linien gemacht, im oberen Stockwerk die Nähte entfernt und die kleinen Löcher, die die vorhergehenden Arbeiten hinterlassen hatten, mit der Masse verkittet.

Auf den Fenstersimsen, in den Ecken, mitten in den Gängen, überall standen reihenweise Töpfereien.

Frédéric fing an sich zu langweilen.

»Es ermüdet Sie vielleicht?« sagte sie.

In der Furcht, vielleicht seinen Besuch abkürzen zu müssen, stellte er sich im Gegenteil sehr begeistert. Er bedauerte sogar, sich nicht dieser Industrie gewidmet zu haben.

Sie schien überrascht.

»Wirklich! ich hätte in Ihrer Nähe leben können!«

Und als er ihren Blick suchte, nahm Madame Arnoux, um ihm auszuweichen, von einer Konsole eine Kugel der Masse, die von der Ausbesserung des Fehlerhaften übrig geblieben war, plattete sie zu einer flachen Scheibe ab und drückte ihre Hand darauf ab.

»Darf ich das mitnehmen?« sagte Frédéric.

»Sind Sie solch ein Kind, mein Gott!«

Er wollte antworten, als Sénécal eintrat.

Der Herr Sub-Direktor bemerkte schon auf der Schwelle [235] eine Übertretung der Vorschriften. Die Werkstätten sollten jede Woche gefegt werden; heute war Samstag, und da die Arbeiter es nicht getan hatten, erklärte Sénécal ihnen, daß sie eine Stunde länger zu bleiben hätten.

»Um so schlimmer für euch!«

Ohne Murren neigten sie sich über ihre Arbeit, aber man erriet ihren Zorn an ihren rauhen Atemzügen. Sie waren übrigens nicht leicht zu leiten, da man sie alle aus der großen Fabrik fortgejagt hatte. Der Republikaner behandelte sie streng. Als Mann der Theorie zog er nur die Massen in Betracht und war unbarmherzig gegen den Einzelnen.

Durch seine Gegenwart geniert, fragte Frédéric Madame Arnoux leise, ob es nicht möglich wäre, die Öfen zu sehen. Sie gingen ins Erdgeschoß, und sie war im Begriff, den Gebrauch der Brennkasten zu erklären, als Sénécal, der ihnen gefolgt war, sich zu ihnen gesellte.

Er fuhr selbst mit der Beschreibung fort, verbreitete sich über die verschiedenen Arten der Brennmaterialien, über das Einschieben in die Öfen, die Pyroskope, die Legierung, den Glanz und die Metalle, wobei er sich chemischer Ausdrücke wie Chlor, Sulfur, Borax, Carboneum bediente. Frédéric verstand nichts davon und wandte sich alle Augenblicke nach Madame Arnoux um.

»Sie hören nicht zu,« sagte sie. »Monsieur Sénécal ist sehr klar. Er weiß alle diese Dinge viel besser als ich.«

Durch dieses Lob geschmeichelt, schlug der Mathematiker vor, das Auftragen der Farben anzusehen. Frédéric sandte Madame Arnoux einen angstvoll fragenden Blick zu. Sie blieb kaltblütig, wollte wahrscheinlich weder mit ihm allein sein, noch ihn verlassen. Er bot ihr seinen Arm.

»Nein! danke sehr! die Treppe ist zu eng!«

Und als sie oben angelangt waren, öffnete Sénécal die Tür eines Raumes voll Frauen.

Sie hantierten mit Pinseln, Fläschchen, Muscheln und Glasplatten. An der Wand längs des Gesimses standen gravierte Platten, Fetzen dünnen Papiers flatterten umher; [236] und ein Schmelzofen strömte eine erdrückende Hitze aus, die sich mit dem Geruch von Terpentin vermischte.

Fast alle Arbeiterinnen hatten unsaubere Kleider. Doch war eine darunter, die eine Art Kopftuch aus indischem Mull und lange Ohrringe trug. Zart und voll zugleich, hatte sie große schwarze Augen und die fleischigen Lippen einer Negerin. Ihre volle Brust sprang unter dem Hemd hervor, das durch das Rockband um die Taille gehalten wurde, und einen Arm auf dem Werktisch, während der andere herabhing, blickte sie ungewiß ins Weite. Neben ihr stand eine Flasche Wein und etwas kaltes Fleisch.

Aus Rücksicht auf die Sauberkeit der Arbeit und die Gesundheit der Arbeiter verbot die Hausordnung, in den Werkstätten zu essen.

Aus Pflichtgefühl oder in dem Bedürfnis, den Despoten herauszukehren, rief Sénécal von weitem, indem er auf einen eingerahmten Anschlag wies:

»He! Sie da unten, Bordelaisin! lesen Sie einmal laut den Artikel 9.«

»Gut, und was dann?«

»Dann, mein Fräulein? Dann haben Sie drei Francs Strafe zu zahlen!«

Sie blickte ihm unverschämt ins Gesicht.

»Was kümmert mich das? Der Chef wird nach seiner Rückkehr die Strafe schon aufheben! Ich pfeif' auf Sie, mein Guter!«

Sénécal, der sich hinter dem Rücken die Hände rieb wie ein Aufsichtslehrer in der Schulklasse, begnügte sich damit, zu lächeln.

»Artikel 13, Verweigerung des Gehorsams, zehn Francs!«

Die Bordelaisin nahm ihre Arbeit wieder auf. Madame Arnoux sagte anstandshalber nichts, aber sie runzelte ihre Brauen, Frédéric murmelte:

»O! für einen Demokraten sind Sie sehr hart!«

Der andere erwiderte lebhaft:

»Demokratie heißt nicht Übergriff des Einzelnen. Sie [237] bedeutet Gleichheit vor dem Gesetz, gleiche Arbeitsteilung und Rangordnung.«

»Sie vergessen die Humanität,« sagte Frédéric.

Madame Arnoux nahm seinen Arm. Sénécal, über dieses stillschweigende Einverständnis vielleicht verletzt, ging fort.

Frédéric empfand eine ungeheure Erleichterung. Seit dem Morgen suchte er eine Gelegenheit, sich zu erklären; nun war sie gekommen. Zudem war ihm die spontane Bewegung Madame Arnoux' wie eine Verheißung erschienen, und er bat, in ihr Zimmer hinaufzugehen, um sich die Füße zu wärmen. Doch als er neben ihr saß, begann seine Verlegenheit von neuem; ihm fehlte der Anknüpfungspunkt. Glücklicherweise fiel ihm Sénécal ein.

»Nichts ist alberner,« sagte er, »als diese Strafe!«

Madame Arnoux erwiderte:

»Es gibt eine Strenge, die nicht zu umgehen ist.«

»Das sagen Sie, die so gut ist! Oder täusche ich mich, denn Sie lieben es ja, zuweilen leiden zu machen.«

»Ich verstehe keine Rätsel, mein Lieber.«

Und ihr strenger Blick hielt ihn noch mehr zurück als ihr Wort. Aber Frédéric war entschlossen, weiterzugehen. Ein Band von Musset lag zufällig auf der Kommode. Er blätterte ein paar Seiten um und fing dann an, von Liebe zu sprechen, von ihren Qualen, ihrer Wollust.

Nach Madame Arnoux' Ansichten war alles das sündhaft oder erkünstelt.

Der junge Mann fühlte sich durch diese Abweisung verletzt, und um sie zu widerlegen, nannte er als Beweis die Selbstmorde, von denen man in den Zeitungen las, und sprach begeistert von den großen Gestalten in der Literatur, Phädra, Dido, Romeo, Desgrieux. Dabei verwickelte er sich.

Das Feuer im Kamin brannte nicht mehr, der Regen peitschte gegen die Scheiben. Madame Arnoux saß, ohne sich zu regen, die Hände auf der Armlehne ihres Sessels. Die Enden ihres Häubchens fielen herab wie die Kopfbinde [238] einer Sphinx; ihr reines Profil hob sich hell von der Dunkelheit ab.

Er hatte Lust, sich ihr zu Füßen zu werfen. Es knarrte im Flur, er wagte es nicht.

Auch hinderte ihn eine Art religiöser Furcht. Dieses Kleid, das mit der Dunkelheit verschmolz, hatte für ihn Unendliches, Unantastbares, und gerade deshalb verdoppelte sich sein Verlangen. Aber die Furcht, nicht genug oder zu viel zu tun, nahm ihm alle Urteilskraft.

»Wenn ich ihr mißfiele,« dachte er, »müßte sie mich fortjagen. Wenn sie mich gern hat, müßte sie mich ermutigen!«

Seufzend sagte er:

»Also Sie geben nicht zu, daß man ... eine Frau lieben kann.«

Madame Arnoux erwiderte:

»Wenn sie nicht verheiratet ist, vermählt man sich mit ihr, gehört sie einem andern, zieht man sich zurück.«

»So ist also ein Glück unmöglich?«

»Nein! Aber man findet es nicht in Lügen, in der Unruhe und in Gewissensbissen.«

»Was tut das! wenn es durch himmlische Wonnen belohnt wird?«

»Das Wagnis ist zu groß!«

Er wollte sie mit Ironie angreifen.

»Tugend wäre demnach nichts als Feigheit?«

»Sagen Sie lieber Scharfsichtigkeit. Denen, die die Pflicht oder die Religion vergessen, kann der einfache, gesunde Verstand genügen. Der Egoismus gibt eine solide Basis für die Tugend.«

»Ach, was für spießbürgerliche Grundsätze Sie haben.«

»Aber ich rühme mich ja auch nicht, eine große Dame zu sein!«

In diesem Augenblick kam der kleine Knabe angelaufen.

»Mama, kommst du zum Mittagessen?«

»Ja, gleich!«

Frédéric erhob sich; zu gleicher Zeit erschien Marthe.

[239] Er konnte sich nicht entschließen, zu gehen, und sagte mit einem inständig bittenden Blick:

»Die Frauen, von denen Sie sprechen, sind also ganz unempfindlich?«

»Nein! aber taub, wenn es nötig ist!«

Sie blieb mit den beiden Kindern neben sich auf der Schwelle stehen. Er verneigte sich ohne ein Wort. Sie erwiderte schweigend seinen Gruß.

Seine erste Empfindung war eine maßlose Bestürzung. Diese Art, ihm das Vergebliche seiner Hoffnung zu verstehen zu geben, vernichtete ihn. Er fühlte sich verloren wie jemand, der in einen Abgrund gestürzt ist und weiß, daß er nicht gerettet werden kann und sterben muß.

So ging er nun, ohne etwas zu sehen, aufs Geratewohl; er stieß sich an den Steinen und schlug einen falschen Weg ein. Ein Geräusch von Holzschuhen klang an sein Ohr; es waren die Arbeiter aus der Gießerei. Da fand er sich zurecht.

Am Horizont zeichneten die Eisenbahnlaternen eine Flammenlinie. Er kam an, als ein Zug abging, ließ sich in ein Abteil drängen und schlief ein.

Eine Stunde später auf den Boulevards rückte der Taumel von Paris seine Reise plötzlich in weite Ferne. Er wollte stark sein und erleichterte sein Herz, indem er Madame Arnoux in beleidigenden Ausdrücken verhöhnte.

»Sie ist dumm, eine Pute, eine Gans. Ich will nicht mehr an sie denken.«

Zu Haus angekommen, fand er in seinem Zimmer einen Brief von acht Seiten auf glänzend blauem Papier mit den Initialen R.A.

Er begann mit freundschaftlichen Vorwürfen:

»Wie geht es Ihnen, mein Lieber? ich langweile mich.«

Aber die Schrift war so abscheulich, daß Frédéric das Ganze fortwerfen wollte, als er eine Nachschrift bemerkte:

»Ich rechne morgen auf Sie, um mich zum Rennen zu führen.«

Was bedeutete diese Einladung? War das wieder ein [240] Einfall der Marschallin? Aber man hält nicht zweimal ohne Grund denselben Menschen zum Narren; neugierig geworden, las er den Brief aufmerksam durch.

Frédéric entzifferte: »ein Mißverständnis ... falschen Weg eingeschlagen ... Enttäuschungen ... Wir armen Wesen! ... Gleich zwei Flüssen, die sich vereinigen! etc.«

Dieser Stil kontrastierte mit der gewöhnlichen Sprache der Lorette. Was für eine Veränderung war eingetreten?

Er betrachtete lange die Blätter in seiner Hand. Sie dufteten nach Iris; und in der Form der Buchstaben und dem ungleichen Zwischenraum der Zeilen war etwas wie Unordnung in der Kleidung, die ihn erregte.

»Warum nicht hingehen?« sagte er endlich. »Aber wenn Madame Arnoux es wüßte? Ach! mag sie es wissen! Umso besser! und mag sie eifersüchtig sein! das ist meine Rache!«

4.

Die Marschallin war bereit und erwartete ihn.

»Das ist hübsch von Ihnen!« sagte sie und sah ihn heiter und zärtlich zugleich mit ihren schönen Augen an.

Nachdem sie ihre Hutbänder zugeknüpft hatte, setzte sie sich aufs Sofa und schwieg.

»Gehen wir?« fragte Frédéric.

Sie sah auf die Uhr.

»O nein! erst in anderthalb Stunden!« als hätte sie ihrer Ungewißheit selbst diese Grenze gesetzt.

Endlich, als die Uhr schlug:

»Wohlan, andiamo, caro mio!«

Sie strich noch ein letztes Mal über ihren Scheitel und gab Delphine Verhaltungsmaßregeln.

»Kommen Madame zum Mittagessen?«

[241] »Wozu denn? Wir essen irgendwo zusammen, im Café Anglais oder wo Sie wollen!«

»Schön!«

Ihre kleinen Hündchen kläfften um sie her.

»Man kann sie mitnehmen, nicht wahr?«

Frédéric trug sie selbst bis zum Wagen. Es war eine Mietskutsche mit zwei Pferden und einem Kutscher; seinen Diener hatte er hinten aufsitzen lassen. Die Marschallin schien zufrieden über seine Zuvorkommenheit; dann, als sie Platz genommen hatte, fragte sie ihn, ob er kürzlich bei Arnoux gewesen sei.

»Seit einem Monat nicht,« sagte Frédéric.

»Ich habe ihn vorgestern gesehen, er wäre auch heute gekommen. Aber er hat allerlei Ungelegenheiten, wieder einen Prozeß, ich weiß nicht um was. Ein schnurriger Mensch!«

»Ja, sehr schnurrig!«

Frédéric fügte mit gleichgiltiger Miene hinzu:

»Apropos, sehen Sie noch ... wie hieß er doch? ... dieser ehemalige Sänger ... Delmar?«

Sie entgegnete trocken:

»Nein! das ist aus!«

Ihr Bruch war also gewiß. Frédéric faßte neue Hoffnungen.

Sie fuhren im Schritt das Quartier Breda hinunter; wegen des Sonntags waren die Straßen leer, und hinter den Fenstern erschienen die Gesichter der Bürger. Der Wagen nahm ein rascheres Tempo; bei dem Geräusch der Räder wandten die Vorübergehenden sich um, das Leder des zurückgeschlagenen Verdecks glänzte, der Diener saß in straffer Haltung, und die beiden Havaneser Hündchen nebeneinander sahen aus wie ein Hermelin-Muff, der auf dem Polster lag. Frédéric ließ sich von den Federn wiegen. Die Marschallin wandte den Kopf lächelnd nach rechts und links. Ihr Hut von glänzendem Stroh hatte eine Garnitur von schwarzen Spitzen. Die Kapuze ihres Umhanges flatterte im Winde, und sie schützte sich unter[242] einem Sonnenschirm von lila Atlas, der oben wie eine Pagode in eine Spitze auslief, vor der Sonne.

»Welche süßen kleinen Fingerchen!« sagte Frédéric und nahm sanft ihre andere Hand, die linke, die mit einem goldenen Armband in Gestalt einer Kette geschmückt war. »Das ist reizend; woher ist es?«

»O! ich habe es schon sehr lange,« sagte die Marschallin.

Der junge Mann wandte nichts gegen diese heuchlerische Antwort ein. Er wollte lieber »die Situation ausnutzen«. Und indem er ihr Handgelenk immer noch hielt, drückte er seine Lippen zwischen Handschuh und Manschette darauf.

»Lassen Sie das, man sieht uns noch!«

»Ach! was tut das!«

Hinter der Place de la Concorde bogen sie zum Quai de la Conférence und dem Quai de Billy ein, wo man eine Zeder in einem Garten sah. Rosanette glaubte, daß der Libanon in China liege; sie lachte selbst über ihre Unwissenheit und bat Frédéric, ihr Geographiestunden zu geben. Dann ließen sie den Trocadéro zur Linken liegen, fuhren über den Pont d'Jéna und hielten mitten auf dem Champ de Mars neben anderen Wagen, die schon an der Rennbahn standen.

Die Rasenhügel waren von kleinen Leuten besetzt. Man sah Neugierige auf dem Balkon der Militärschule; und die beiden Pavillons außerhalb des Rennplatzes, zwei Tribünen innerhalb desselben und eine dritte vor der des Königs waren mit einer eleganten Menge angefüllt, die durch ihre Haltung ein besonderes Interesse für dieses noch neue Vergnügen verriet. Das Publikum der Rennen, die zu jener Zeit etwas Besonderes waren, hatte ein weniger gewöhnliches Aussehen; es war die Epoche der Hosenstege, der Samtkragen und der weißen Handschuhe. Die Frauen, in leuchtende Farben gekleidet, trugen Kleider mit langen Taillen, und auf den Stufen der Estraden, wo sie saßen, sahen sie aus wie mächtige Blumenmassen, zwischen denen die dunkeln Anzüge der Herren hier und dort schwarze Tupfen bildeten. [243] Aber aller Blicke wandten sich dem berühmten Algerier Bou-Maza zu, der reglos zwischen zwei Stabsoffizieren auf einer besonderen Tribüne saß. Diejenige des Jockey-Klubs war ausschließlich von älteren Herren besetzt. Die größten Enthusiasten hatten unten an der Rennbahn Platz genommen, die durch zwei Reihen mit Stricken verbundener Pfähle geschützt war; in dem ungeheuren Oval, das diese Pfostenreihe beschrieb, ließen Lakritzenwasserhändler ihre Klappern rasseln, andere verkauften das Rennprogramm, wieder andere riefen Zigarren aus, ein vielstimmiges Gesumm erhob sich; die Polizisten gingen hin und her; eine Glocke, die an einem mit Zahlen bedeckten Pfahl hing, läutete. Fünf Pferde erschienen, und die Tribünen füllten sich wieder.

Allein schwere Wolkenmassen streiften die Wipfel der Ulmen vor ihnen. Rosanette fürchtete Regen.

»Ich habe Regenschirme,« sagte Frédéric, »und alles Nötige, sich zu zerstreuen,« fügte er hinzu und öffnete den Kasten, in dem sich der Korb mit Eßwaren befand.

»Bravo! wir verstehen uns!«

»Und werden uns bald noch besser verstehen, nicht wahr?«

»Es kann sein!« erwiderte sie errötend.

Die Jockeys in Seidenjacken versuchten ihre Pferde schnurgerade aufzustellen und hielten sie mit beiden Händen zurück. Eine rote Fahne wurde herabgelassen. Darauf neigten sich alle fünf über die Mähnen und trabten davon. Anfangs bildeten alle eine geschlossene Masse, aber bald schossen sie vorwärts und aneinander vorbei; der Jockey in der gelben Jacke wäre mitten im ersten Rennen beinahe gestürzt, lange schwankte es zwischen Filly und Tibi; dann kam Tom-Pouce an die Spitze; aber Clubstick, seit dem Start ganz hinten, holte sie ein und kam ihnen zuvor, indem er Sir Charles mit zwei Längen schlug; das war eine Überraschung; alles schrie durcheinander; die Bretterhallen erzitterten unter dem Geschrei und Gestampfe.

[244] »Wie amüsant das ist!« sagte die Marschallin, »ich liebe dich, mein Schatz.«

Frédéric zweifelte nicht länger an seinem Erfolg; dieses letzte Wort Rosanettes bestätigte es ihm.

Hundert Schritte von ihm erschien in einem vierrädrigen Kabriolett eine Dame. Sie bog sich über den Wagenschlag und sank rasch wieder zurück; das wiederholte sich mehrmals, doch Frédéric vermochte ihr Gesicht nicht zu erkennen. Ein Argwohn stieg in ihm auf, er meinte, es sei Madame Arnoux. Allein das war ja unmöglich! Warum sollte sie hier sein?

Unter dem Vorwand, sich auf der Rennbahn umschauen zu wollen, stieg er aus dem Wagen.

»Sie sind nicht sehr galant!« sagte Rosanette.

Er hörte nichts und ging weiter. Das Kabriolett wandte sich um und fuhr im Trabe davon.

Im selben Augenblick wurde Frédéric von Cisy erwischt.

»Guten Tag, Lieber! Wie geht es Ihnen! Hussonnet ist dort drüben. Hören Sie?«

Frédéric versuchte loszukommen, um das Kabriolett einzuholen. Die Marschallin aber machte ihm ein Zeichen, zu ihr zurückzukehren. Cisy bemerkte sie und wollte sie durchaus begrüßen.

Seitdem er die Trauer um seine Großmutter abgelegt hatte, suchte er sein Ideal zu verwirklichen und »Eigenart« anzunehmen. Schottische Weste, kurzer Rock, breite Bandschleifen auf den eleganten Schuhen und die Eintrittskarte im Hutband, es fehlte tatsächlich nichts an seinem »Chic«, wie er es selbst nannte, einem übertriebenen, englischen, flotten Chic. Er begann damit, sich über den Champ de Mars als einen erbärmlichen Turf zu beklagen, sprach dann von den Rennen von Chantilly und den Streichen, die man sich dort erlaubte, schwor, zwölf Glas Champagner während genau zwölf Minuten trinken zu können, schlug der Marschallin vor, zu wetten, und streichelte sanft ihre beiden Hündchen. Und den einen Ellbogen auf den Wagenschlag gestützt, breitbeinig, den Knopf seines Stockes im [245] Munde, fuhr er fort, seine Torheiten vorzubringen. Frédéric stand neben ihm und rauchte, während er zu entdecken suchte, was aus dem Kabriolett geworden war.

Als die Glocke ertönte, entfernte sich Cisy zur großen Freude von Rosanette, die er sehr langweilte, wie sie sagte.

Das zweite Rennen brachte nichts Besonderes, auch das dritte nicht, außer daß ein Mensch auf einer Tragbahre fortgebracht wurde. Das vierte, bei dem acht Pferde um den Preis der Stadt stritten, war interessanter.

Die Tribünenzuschauer waren auf die Bänke geklettert. Die andern folgten, in den Wagen stehend, mit Lorgnetten in den Händen, den Bewegungen der Jockeys, die man hintereinander als rote, gelbe, weiße und blaue Flecke längs der Menge sah, die die Bahn umschloß. Von fern machte ihre Schnelligkeit keinen besonderen Eindruck; am andern Ende des Champs de Mars schienen sie sich sogar zu verlangsamen und nur durch ein Gleiten weiterzukommen, wobei der Bauch der Pferde den Boden berührte, ohne daß ihre gestreckten Beine sich bogen. Als sie aber sehr schnell umkehrten, sahen sie größer aus; ihr Lauf durchschnitt die Luft, der Boden zitterte und die Kiesel flogen; der Wind, der sich in den Jacken der Jockeys fing, blähte sie wie Flügel; mit heftigen Peitschenhieben trieben sie ihre Tiere an, um den Pfahl zu erreichen, der das Ziel bezeichnete. Die Nummern wurden entfernt, eine andere ausgezogen; und mitten unter Beifallklatschen schleppte das siegreiche Pferd sich schweißtriefend mit steifen Gelenken und geneigtem Halse bis zum Wiegeplatz, während sein Reiter sich, wie in den letzten Zügen, im Sattel die Seiten hielt.

Ein Streit verzögerte das letzte Rennen. Die Menge langweilte und zerstreute sich. Männer plauderten in Gruppen unten an den Tribünen. Man redete ungeniert. Damen der guten Gesellschaft, über die Nachbarschaft von Loretten empört, fuhren davon.

Es waren auch Berühmtheiten der öffentlichen Bälle, Schauspielerinnen der Boulevardtheater anwesend; – und [246] es waren nicht immer die schönsten, denen die meisten Huldigungen dargebracht wurden. Die alte Georgine Aubert, die ein Verfasser von Vaudevilles den Ludwig XI. der Prostitution genannt hatte, lag furchtbar geschminkt und von Zeit zu Zeit eine Art grunzendes Lachen ausstoßend, lang ausgestreckt und wie mitten im Winter in einen Marderpelzkragen gehüllt, in ihrer langen Kalesche. Madame de Remoussot, durch ihren Prozeß in Mode gekommen, thronte in Gesellschaft von Amerikanern auf dem Bock eines Break, und Therese Bachelu, mit der Miene einer Madonna, füllte mit ihren Dutzenden von Falbeln das Innere des Wagens, der anstatt der Schutzdecke eine Jardiniere voller Rosen hatte. Die Marschallin war eifersüchtig auf diesen Glanz; um bemerkt zu werden, begann sie mit lebhaften Gebärden und sehr laut zu sprechen.

Einige Herren erkannten sie wieder und grüßten sie. Sie erwiderte die Grüße und nannte Frédéric ihre Namen. Es waren alles Grafen, Vicomtes, Herzöge und Marquis; es schmeichelte ihm, denn die Blicke jener verrieten einen gewissen Respekt vor seinem glücklichen Los.

Cisy sah in dem Kreise von würdigen Männern, der ihn umgab, nicht minder glücklich aus. Sie lachten nachsichtig, wenn sie sich über ihn lustig machten, schließlich reichte er dem Ältesten die Hand und ging auf die Marschallin zu.

Sie aß mit gezierter Gier eine Scheibe Leberpastete; Frédéric machte es ihr aus Gefälligkeit nach und hielt eine Flasche Wein auf den Knien.

Das Kabriolett erschien abermals, es war Madame Arnoux. Sie wurde außerordentlich blaß.

»Gib mir Champagner!« sagte Rosanette. Und ihr Glas möglichst hoch hebend, rief sie:

»Ein Hoch auf die anständigen Frauen, die Gattin meines Beschützers lebe hoch!«

Lachen ertönte um sie her; das Kabriolett verschwand. Frédéric zupfte sie am Kleide, er wollte aufbrausen. Aber Cisy stand in derselben Haltung da wie vorher, und in [247] wachsender Dreistigkeit lud er Rosanette zum selben Abend zum Diner ein.

»Unmöglich!« erwiderte sie. »Wir gehen zusammen ins Café Anglais.«

Frédéric blieb stumm, als hätte er nichts gehört, und Cisy verließ die Marschallin mit enttäuschter Miene.

Während er, am rechten Wagenschlag stehend, mit ihr sprach, war Hussonnet von der linken Seite gekommen und hatte das Wort Café Anglais aufgefangen.

»Das ist ein hübsches Etablissement! Ob man da wohl etwas essen soll?« sagte er.

»Wie Sie wollen,« sagte Frédéric, der, in die Ecke des Wagens gedrückt das Kabriolett am Horizont verschwinden sah und das Gefühl hatte, als wäre etwas Unersetzliches verloren und seine große Liebe für immer vorbei. Und da neben ihm saß die andere, fröhlich und leichtherzig! Aber abgespannt, voll widersprechender Wünsche, wußte er nicht mehr, was er wollte, und empfand nur eine maßlose Traurigkeit und Lebensüberdruß.

Ein lautes Geräusch von Schritten und Stimmen veranlaßte ihn, den Kopf zu heben; Straßenjungen stiegen über die Stricke der Rennbahn, um die Tribünen anzusehen, die man verlassen hatte. Einige Regentropfen fielen. Das Gedränge der Wagen wurde größer. Hussonnet war verschwunden.

»Um so besser!« sagte Frédéric.

»Du ziehst es vor, allein zu sein?« erwiderte die Marschallin und legte ihre Hand auf die seine.

Nun kam ein prachtvoller Landauer mit spiegelndem Kupfer und Stahl an ihnen vorüber, mit vier Pferden à la Daumont bespannt und von zwei Jockeys in Samtwämsern mit goldenen Fransen gelenkt. Madame Dambreuse saß neben ihrem Gatten, Martinon gegenüber auf dem andern Sitz; alle drei machten erstaunte Gesichter.

»Sie haben mich erkannt!« sagte sich Frédéric.

Rosanette wollte halten lassen, um das Vorbeifahren [248] der Wagen besser zu sehen. Aber Madame Arnoux konnte sich wieder zeigen. Er rief daher dem Kutscher zu:

»Vorwärts! Vorwärts! Weiter!«

Und der Wagen stürmte auf die Champs-Elysées zu, mitten zwischen den anderen Gefährten, Kaleschen, Britschkas, Tandems, Tilburys, Dog-carts, Kremsern mit Schutzleder, in denen Arbeiter lustig sangen, Einspännern, von Familienvätern mit Vorsicht selber gefahren. In offenen Wagen, mit Menschen vollgepfropft, ließen einige junge Leute, die auf den Füßen der anderen saßen, ihre Beine hängen. In großen Coupés mit Tuchsitzen fuhren vornehme Damen, nachlässig zurückgelehnt. Indessen wurde der Platzregen stärker. Regenschirme, Sonnenschirme, Gummimäntel wurden hervorgeholt, man rief sich von weitem zu: »Guten Tag!« – »Geht's gut?« – »Ja!« – »Nein!« – »Bis nachher!« und die Gesichter folgten einander mit einer Geschwindigkeit wie im chinesischen Schattenspiel. Frédéric und Rosanette unterhielten sich nicht mehr, da dieses unausgesetzte Vorüberrollen sie schließlich ermüdete.

Für Augenblicke mußten die Wagenreihen, allzusehr zusammengedrängt, anhalten. Dann blieb einer neben dem andern stehen, und man sah sich prüfend an. Über wappengeschmückte Wagenschläge hinweg fielen gleichgiltige Blicke auf die Menge; Augen voll Neid funkelten aus dem Innern der Droschken; verächtliches Lächeln antwortete auf hochmütige Gebärden; mit offenem Mund drückten andere einfältige Bewunderung aus, und hier und da sprang mitten auf der Landstraße ein Spaziergänger mit einem Satz zurück, um einem Reiter auszuweichen, der zwischen die Wagen galoppierte und wieder herauszukommen versuchte. Dann setzte sich alles wieder in Bewegung, die Kutscher lockerten die Zügel und senkten ihre langen Peitschen; die Pferde schüttelten neu belebt ihre Mähnen und warfen Schaum um sich, während die Kruppen und Geschirre in dem Wasserdunst dampften, den die Strahlen der untergehenden Sonne durchbrachen. Unter dem Arc de [249] Triomphe sammelte sich in Manneshöhe ein rötliches Licht, in dem die Radspeichen, die Wagengriffe, die Deichselspitze, die Sattelringe funkelten; und auf beiden Seiten der Avenue – einem Sterne gleich, auf dem Mähnen, Kleider, Menschenköpfe hinfluteten – erhoben sich die vom Regen schimmernden Bäume wie zwei grüne Mauern. Das Blau des Himmels droben, das hier und da hervorblickte, hatte die Zartheit von Atlas.

Frédéric erinnerte sich nun der fernen Tage, an denen er das unaussprechliche Glück ersehnt hatte, sich in einem dieser Wagen zur Seite einer dieser Frauen zu sehen. Jetzt besaß er dieses Glück und war darum nicht froher.

Der Regen hatte aufgehört. Die Fußgänger, die zwischen den Säulen des »Garde-Meubles« Zuflucht gesucht hatten, gingen weiter. Spaziergänger schlenderten von der Rue Royale den Boulevard hinauf. Auf den Stufen vor dem Auswärtigen Amt saß eine Reihe Müßiggänger.

Bei den chinesischen Bädern verlangsamte der Wagen seine Fahrt, da Löcher im Pflaster waren. Ein Mann in haselnußfarbenem Paletot ging dicht am Rande des Trottoirs. Etwas Straßenschmutz, der unter den Federn aufspritzte, traf ihn am Rücken. Der Mann drehte sich wütend um. Frédéric wurde bleich; er hatte Deslauriers erkannt.

An der Tür des Café Anglais schickte er den Wagen fort. Rosanette war vor ihm hineingegangen, während er den Kutscher bezahlte.

Er holte sie auf der Treppe wieder ein, wo sie mit einem Herrn plauderte. Frédéric nahm ihren Arm. Aber mitten im Korridor hielt sie ein zweiter Herr an.

»Geh nur!« sagte sie, »ich komme gleich nach!«

Und er trat allein in das Kabinett. Durch die beiden offenen Fenster sah man gegenüber Leute an den Fenstern der Häuser. Breite Wasserrinnen kräuselten sich auf dem trocknenden Asphalt, und eine Magnolia auf dem Rande des Balkons sandte balsamischen Duft ins Zimmer. Dieser Wohlgeruch und die Frische draußen beruhigten seine [250] Nerven; er sank auf den roten Diwan unter dem Spiegel.

Die Marschallin kam herein und küßte ihn auf die Stirn.

»Hast du Kummer, mein armer Junge?«

»Vielleicht!« erwiderte er.

»Du bist nicht der einzige, weißt du!« Was soviel heißen sollte: »Mag jeder den seinen in einer gemeinsamen Glückseligkeit vergessen!«

Dann steckte sie einen Blumenstengel zwischen die Lippen und bot sie ihm zum Kusse dar. Diese Bewegung von einer Grazie und fast lasziven Weichheit rührte Frédéric.

»Warum machst du mir Kummer?« sagte er und dachte an Madame Arnoux.

»Ich Kummer?«

Und vor ihm stehend, mit gerunzelten Brauen, die Hände auf seine Schultern gelegt, blickte sie ihn an.

All seine Tapferkeit, all sein Groll verwandelte sich in bodenlose Schwäche.

Er erwiderte:

»Weil du mich nicht lieben willst!« und zog sie auf seine Knie.

Sie ließ es geschehen, er umschlang ihre Taille mit beiden Armen; das Rascheln ihres Seidenkleides erregte ihn.

»Wo sind sie?« hörte man Hussonnet im Korridor fragen.

Die Marschallin erhob sich jäh und ging ans andere Ende des Zimmers, wo sie der Tür den Rücken zukehrte.

Sie verlangte Austern und sie setzten sich.

Hussonnet war nicht unterhaltend. Da er täglich über allerlei Dinge schreiben mußte, viele Zeitungen lesen, viele Diskussionen anhören und Paradoxe aufstellen, um zu verblüffen, hatte er schließlich das sichere Urteil verloren, da seine eigenen schwächlichen Sensationsnachrichten ihn verblendeten. Die Mühen eines früher bequemen, jetzt erschwerten Lebens hielten ihn in fortwährender Anspannung; und der Mangel an Erfolg, den er sich nicht eingestehen [251] wollte, machte ihn bissig und sarkastisch. Im Gespräch über ein neues Ballet »Ozaï« ereiferte er sich über den Tanz, und dann über die Oper, die Italiener, die jetzt durch eine Truppe spanischer Schauspieler ersetzt waren, »als ob man die Kastilier nicht satt hätte!« Frédéric mit seiner romantischen Liebe für Spanien verletzte das; und um die Unterhaltung abzubrechen, erkundigte er sich nach dem Collège de France, aus dem Edgar Quinet und Mickiewicz eben ausgestoßen waren. Aber Hussonnet, der ein Verehrer von de Maistre war, erklärte sich für die Autorität und den Spiritualismus. Dabei bezweifelte er die erwiesenen Tatsachen, bestritt die Geschichte und stellte die positivsten Dinge in Abrede, ging selbst so weit, bei dem Wort Geometrie auszurufen: »Welch ein Schwindel ist die Geometrie!« Und alles dies mit der Pose eines Schauspielers. Hauptsächlich war Sainville sein Modell. Diese Torheiten langweilten Frédéric tödlich. In einer ungeduldigen Bewegung traf er eins der Hündchen unter dem Tisch mit seinem Stock.

Alle beide begannen auf fürchterliche Art zu kläffen.

»Sie müssen Sie fortbringen lassen!« sagte er barsch.

Rosanette wollte sie niemand anvertrauen.

Da wandte er sich an den Bohémien.

»Nun, Hussonnet, opfern Sie sich!«

»Ach ja, mein Lieber! Das wäre sehr liebenswürdig!«

Hussonnet ging, ohne sich bitten zu lassen.

Wie sollte man seine Gefälligkeit belohnen? Frédéric dachte nicht weiter daran. Er begann sich wieder an dem tête-à-tête zu freuen, als ein Kellner eintrat.

»Madame, es wird nach Ihnen gefragt!«

»Wie! schon wieder?«

»Ich muß doch nachsehen!« sagte Rosanette.

Ihn dürstete, verlangte nach ihr. Dieses Verschwinden schien ihm wie eine Rücksichtslosigkeit, fast eine Roheit. Was sollte sie denn? war es nicht genug, Madame Arnoux beleidigt zu haben? Er bedauerte es übrigens nicht. Von jetzt an würde er alle Frauen hassen; und Tränen erstickten [252] ihn, weil seine Liebe verkannt und seine Begierde so ungestillt war.

Die Marschallin kam wieder herein und stellte ihm Cisy vor.

»Ich habe den Herrn eingeladen. Es ist doch recht, nicht wahr?«

»Wie denn! gewiß!« Mit dem Lächeln eines zum Tode Verurteilten forderte Frédéric den Edelmann auf, sich zu setzen.

Die Marschallin überflog die Speisekarte und verfiel auf die bizarrsten Namen.

»Ob wir einen ›Turban de Lapin à la Richelieu‹ essen und einen ›Pudding à la d'Orléans?‹«

»O! keinen Orléans!« rief Cisy, der Legitimist war und witzig zu sein glaubte.

»Wollen Sie lieber eine Steinbutte à la Chambord?« erwiderte sie.

Diese Liebenswürdigkeit empörte Frédéric.

Die Marschallin entschied sich für einen einfachen Tournedos, Krebse, Trüffeln, Ananas-Salat und Sorbet à la Vanille.

»Das Übrige wird sich finden. Gehen Sie nur! Ach! ich vergaß! Bringen Sie mir eine Wurst! aber ohne Knoblauch!«

Und sie nannte den Kellner »junger Mann«, schlug mit ihrem Messer ans Glas, warf Brotkrumen an die Decke. Sie wollte gleich mit Burgunder anfangen.

»Man trinkt ihn nicht zum Beginn,« sagte Frédéric.

»Zuweilen doch, wie der Vicomte sagt.«

»O nein! niemals!«

»Freilich, ich versichere Sie!«

»Ah! Siehst du!«

Der Blick, mit dem sie diese Worte begleitete, sollte sagen: »Das ist ein reicher Mann, höre auf ihn!«

Indessen öffnete die Tür sich jeden Augenblick, die Kellner lärmten, und auf einem fürchterlichen Piano in dem Nebenkabinett paukte jemand einen Walzer. Dann kamen [253] sie durch die Rennen auf die Reitkunst und ihre zwei entgegengesetzten Systeme zu sprechen. Cisy verteidigte Baucher, Frédéric den Comte d'Aure, bis Rosanette die Achseln zuckte und sagte:

»Genug, mein Gott! Er versteht sich besser darauf als du!«

Sie biß in einen Granatapfel, den Ellbogen auf den Tisch gestützt; die Kerzen in dem Kandelaber vor ihr flackerten im Luftzuge; das weiße Licht verlieh ihrer Haut schimmernde Töne, hauchte ihre Lider rosig an und machte ihre Augäpfel glänzen; die Röte der Frucht verschmolz mit dem Purpur ihrer Lippen, und ihre feinen Nasenflügel bebten; ihre ganze Person hatte etwas Trotziges, Trunkenes, Übermütiges, das Frédéric im höchsten Maße abstieß und dennoch die tollste Begierde in seinem Herzen weckte.

Auf einmal fragte sie mit ruhiger Stimme, wem der große Landauer mit den kastanienbraunen Livreen gehöre.

»Der Komtesse Dambreuse,« erwiderte Cisy.

»Sie sind sehr reich, nicht wahr?«

»O! sehr reich! obwohl Madame Dambreuse, die ein ganz einfaches Fräulein Boutron, Tochter eines Präfekten, war, nur ein mäßiges Vermögen besaß.«

Ihr Mann dagegen würde mehrere Erbschaften machen. Cisy zählte sie auf; da er bei den Dambreuses verkehrte, kannte er ihre Verhältnisse.

Frédéric konnte nicht unterlassen, ihm zu widersprechen, um ihn zu ärgern. Er behauptete, daß Madame Dambreuse de Boutron heiße und verbürgte ihren Adel.

»Gleichviel! Aber ihre Equipage hätte ich gern!« sagte Rosanette und lehnte sich in ihren Fauteuil zurück.

Der Ärmel ihres Kleides, der ein wenig heraufglitt, enthüllte an ihrem linken Handgelenk ein Armband, das mit drei Opalen geschmückt war. Frédéric bemerkte es.

»Ei, sieh doch! aber ...«

Sie sahen sich alle drei an und erröteten.

Die Tür öffnete sich diskret, der Rand eines Hutes erschien, darauf das Profil Hussonnets.

[254] »Verzeihung, wenn ich euch störe, ihr Verliebten!«

Aber erstaunt, Cisy zu sehen, der seinen Platz ein genommen hatte, hielt er inne.

Es wurde noch ein Gedeck gebracht; und da er großen Hunger hatte, nahm er aufs Geratewohl von den Resten der Mahlzeit, Fleisch von einer Schüssel, eine Frucht aus dem Obstkorbe, trank mit einer Hand und bediente sich mit der andern und erzählte dabei von seiner Mission. Die beiden Wauwaus wären nach Haus gebracht. Nichts Neues sei dort passiert. Er hätte die Köchin mit einem Soldaten gefunden, eine Lüge, die er nur erfunden hatte, um Eindruck zu machen.

Die Marschallin riß ihren Hut von dem Garderobenhalter herab. Frédéric stürzte sich auf die Klingel und rief dem Kellner von weitem zu:

»Einen Wagen!«

»Ich habe meinen,« sagte der Vicomte.

»Aber!«

»Indessen!«

Sie sahen sich in die Augen, beide bleich und mit zitternden Händen.

Endlich nahm die Marschallin Cisys Arm und sagte, auf den Bohémien am Tisch weisend:

»Geben Sie acht auf ihn! er erstickt. Ich möchte nicht, daß seine Aufopferung für meine Köter ihm den Tod bringt.«

Die Tür fiel zu.

»Nun?« sagte Hussonnet.

»Nun, was?«

»Ich glaubte ...«

»Was glaubten Sie?«

»Wollten Sie nicht ...?«

Er vervollständigte seinen Satz durch eine Geberde.

»O nein, nie im Leben!«

Hussonnet drang nicht weiter in ihn. Er hatte ein Ziel verfolgt, als er sich zum Diner einlud. Sein Blatt, das nicht mehr l'Art hieß, sondern le Flambard mit dem Motto: [255] »Kanoniere, an eure Geschütze!« ging gar nicht, er hatte Lust, es in eine wöchentliche Revue umzuwandeln, aber allein, ohne Deslauriers Beihilfe. Er fing an von dem alten Projekt zu sprechen und setzte seinen Plan von neuem auseinander.

Frédéric, der ohne Zweifel nichts davon verstand, gab unbestimmte Antworten. Hussonnet raffte ein paar Zigarren vom Tisch, sagte: »Adieu! mein Lieber!« und verschwand.

Frédéric forderte die Rechnung. Sie war lang; und der Kellner wartete, die Serviette unterm Arm, auf sein Geld, als ein zweiter kam, ein fahler Mensch, der Ähnlichkeit mit Martinon hatte, und sagte:

»Verzeihung, im Kontor ist vergessen worden, die Droschke mitanzuschreiben.«

»Welche Droschke?«

»Die der Herr eben für die kleinen Hunde genommen hatte.«

Und der Kellner machte ein langes Gesicht, als bedauere er den armen jungen Mann. Frédéric hatte Lust, ihn zu ohrfeigen. Er ließ die zwanzig Francs, die er herausbekam, als Trinkgeld zurück.

»Danke, gnädiger Herr!« sagte der Kellner mit der Serviette mit einer tiefen Verbeugung.

Frédéric verbrachte den folgenden Tag damit, über seinen Zorn und seine Demütigung zu grübeln. Er machte sich Vorwürfe, Cisy nicht geohrfeigt zu haben. Die Marschallin schwor er, nicht wiederzusehen; es fehlte nicht an anderen, die ebenso schön waren; und da man Geld brauchte, um diese Frauen zu besitzen, wollte er an der Börse mit dem Erlös seines Landguts spielen; er würde reich werden und mit seinem Luxus die Marschallin und jedermann ausstechen. Als der Abend gekommen war, überraschte es ihn, daß er nicht an Madame Arnoux gedacht hatte.

»Umso besser! wozu auch?«

Am nächsten Tage, um acht Uhr, besuchte ihn Pellerin. [256] Er begann mit Lobpreisungen auf seine Einrichtung und mit Schmeicheleien. Dann fragte er barsch:

»Sie waren Sonntag zum Rennen?«

»Ja, leider!«

Da fing der Maler an, über die Anatomie der englischen Pferde herzuziehen, pries die Pferde des Géricault und die Pferde des Parthénon. »Rosanette war mit Ihnen?« Und er begann schlau ihr Lob zu singen.

Die Kälte Frédérics brachte ihn aus der Fassung. Er wußte nicht, wie er es anfangen sollte, von dem Porträt zu sprechen.

Seine erste Absicht war gewesen, es im Stile Tizians zu malen. Allein nach und nach hatten ihn die verschiedenen Fleischtöne seines Modells verlockt, und er hatte frisch darauf los gearbeitet, Farbe auf Farbe, Licht auf Licht aufgesetzt. Rosanette war anfangs entzückt; durch ihre Zusammenkünfte mit Delmar aber wurden die Sitzungen unterbrochen und so Pellerin in seiner Verblendung bestärkt. Dann, nachdem die Begeisterung sich etwas gelegt hatte, fragte er sich, ob es seiner Malerei nicht an Größe fehle. Er hatte sich die Tizians wieder angesehen, sah den Unterschied ein und erkannte seinen Fehler, worauf er einfach begann, seine Konturen zu ändern. Darauf hatte er versucht, die Härten zu mildern und die Töne des Kopfes in die des Hintergrundes überfließen und sich verlieren zu lassen; und so hatten das Gesicht an Ausdruck, die Schatten an Tiefe gewonnen; alles erschien viel kräftiger. Dann endlich war die Marschallin wiedergekommen. Sie hatte sich sogar Einwendungen erlaubt, wogegen der Künstler sich natürlich verwahrte. Nach heftigen Ausbrüchen über ihren Unverstand hatte er sich gesagt, daß sie vielleicht recht haben könne. Und wieder kam eine Zeit der Zweifel und Unruhe über ihn, die Magenverstimmungen, Schlaflosigkeit, Fieber, Überdruß hervorriefen; er hatte es gewagt, zu ändern, aber ohne Lust und in dem Gefühl, daß seine Arbeit schlecht sei.

Er beklagte sich, daß er vom Salon zurückgewiesen worden [257] war, und machte Frédéric dann Vorwürfe, daß er nicht gekommen war, sich das Bild der Marschallin anzusehen.

»Ich mache mir nichts aus der Marschallin!«

Eine solche Erklärung ermutigte ihn.

»Wollen Sie glauben, daß dieses Luder es nicht mehr will?«

Was er nicht sagte, war, daß er tausend Taler von ihr verlangt hatte. Die Marschallin habe sich gar nicht darum gekümmert, wer es bezahlen sollte, und da sie vorzog, Arnoux für dringendere Dinge heranzuziehen, ihm nicht einmal davon gesprochen.

»Nun, und Arnoux?« sagte Frédéric.

Sie hatte es ihm zugeschickt. Der ehemalige Bilderhändler aber wußte mit dem Porträt nichts anzufangen.

»Er bleibt dabei, daß es der Rosanette gehört.«

»Allerdings gehört es ihr.«

»Und gerade sie ist es, die mich zu Ihnen schickt!« entgegnete Pellerin.

Hätte er sein Bild für vorzüglich gehalten, so wäre es ihm vielleicht nicht eingefallen, es auszubeuten. Aber eine Summe (und eine beträchtliche Summe) würde ein Gegenbeweis der Kritik sein und eine Ermutigung für ihn. Um die Sache los zu sein, erkundigte Frédéric sich höflich nach seinen Bedingungen.

Die übertriebene Höhe der Zahl empörte ihn, er erwiderte:

»Nein, o nein!«

»Sie sind aber doch ihr Liebhaber, Sie haben das Bild bei mir bestellt!«

»Erlauben Sie, ich war der Vermittler!«

»Aber es kann mir doch nicht auf dem Halse bleiben!« Der Künstler war entrüstet.

»Ah! ich hielt Sie nicht für so geldgierig!«

»Noch ich Sie für so geizig! Ihr Diener!«

Eben war er gegangen, als Sénécal sich einstellte.

Frédéric war verstimmt und machte eine ungeduldige Bewegung.

[258] »Was gibt's?«

Sénécal erzählte seine Geschichte.

»Am Sonnabend gegen neun Uhr hatte Madame Arnoux einen Brief erhalten, der sie nach Paris rief; da zufällig niemand da war, einen Wagen aus Creil zu holen, wollte sie gern, daß ich es tun sollte. Ich habe mich geweigert, denn das gehört nicht zu meinen Obliegenheiten. Sie ist fortgefahren und Sonntag abend zurückgekehrt. Gestern morgen erscheint Arnoux plötzlich in der Fabrik. Die Bordelaisin hat sich beklagt. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen vorgeht, aber er hat vor allen andern ihre Strafe aufgehoben. Wir haben heftige Worte miteinander gewechselt. Kurz, er hat mich entlassen, und hier bin ich!«

Dann fügte er mit Nachdruck hinzu:

»Übrigens bereue ich es nicht; ich habe meine Pflicht erfüllt. Es geschah Ihretwegen.«

»Wie?« rief Frédéric in der Furcht, Sénécal könnte ihn durchschaut haben.

Sénécal hatte nichts durchschaut, denn er erwiderte:

»Das heißt, daß ich ohne Sie vielleicht Besseres gefunden hätte.«

Frédéric empfand eine Art Gewissensbisse.

»Womit kann ich Ihnen jetzt helfen?«

Sénécal verlangte irgendeine Beschäftigung, eine Stellung.

»Das ist Ihnen ein leichtes. Sie kennen so viele Leute, Monsieur Dambreuse unter anderen, wie mir Deslauriers gesagt hat.«

Diese Zumutung Deslauriers' war Frédéric unangenehm. Es lag ihm nach der Begegnung auf dem Champ de Mars nicht sehr viel daran, wieder zu Dambreuse zu gehen.

»Ich bin nicht intim genug in dem Hause, um jemand zu empfehlen.«

Der Demokrat nahm diese abschlägige Antwort stoisch auf und sagte nach einer Minute des Schweigens:

[259] »Alles dies kommt sicher durch diese Bordelaisin und auch Ihre Madame Arnoux.«

Dieses Ihre nahm Frédéric den Rest guten Willens, den er noch im Herzen bewahrte. Aus Zartgefühl indessen holte er den Schlüssel zu seinem Schreibtisch.

Sénécal kam ihm zuvor.

»Danke!«

Dann vergaß er sein Mißgeschick und sprach über die Zustände im Lande, die Ehrenkreuze, die am Geburtstage des Königs so verschwenderisch verliehen wurden, einen Kabinettswechsel, den Prozeß Drouillard und Bénier, von Skandalen des Tages, schimpfte über die Bürger und prophezeite eine Revolution.

Eine japanische Waffe, die an der Wand hing, zog seine Blicke auf sich. Er nahm sie, versuchte den Griff und warf sie dann mit einer Miene von Geringschätzung auf den Diwan.

»Also, leben Sie wohl! Ich muß nach Notre-Dame de Lorette.«

»So! Wozu?«

»Heute ist die Jahresfeier für Godefroy Cavaignac. Er ist für das Werk gestorben. Aber noch ist nicht alles verloren! ... Wer weiß?«

Und Sénécal reichte ihm entschlossen die Hand.

»Wir sehen uns vielleicht nie wieder! Leben Sie wohl!«

Dieses zweimal wiederholte »Leben Sie wohl«, die düstere Miene, als er den Dolch betrachtete, seine Resignation und vor allem seine Feierlichkeit machten Frédéric nachdenklich, bald aber vergaß er es wieder.

In derselben Woche sandte ihm sein Notar aus Havre die Summe für sein Landgut, hundertvierundsiebzigtausend Francs. Er teilte sie, legte die eine Hälfte in Staatspapieren an und brachte die andere zu einem Wechselmakler, um an der Börse damit zu spekulieren.

Er aß in den gesuchtesten Restaurants, ging häufig ins Theater und bemühte sich, sich zu zerstreuen, als Hussonnet ihm einen Brief sandte, in dem er lustig erzählte, daß die [260] Marschallin Cisy am Tage nach dem Rennen wieder verabschiedet habe. Frédéric freute sich darüber, ohne zu überlegen, warum der Bohémien ihm das mitteilte.

Der Zufall wollte, daß er Cisy drei Tage später begegnete. Der Gentleman verlor seine Fassung nicht und lud ihn sogar für den folgenden Mittwoch zum Diner ein.

Am Morgen dieses Tages erhielt Frédéric vom Gerichtsboten eine Zustellung, in der Monsieur Charles-Jean-Baptiste Oudry ihm mitteilte, daß er nach Gerichtsbeschluß Besitzer einer zu Belleville gelegenen Besitzung geworden sei, die dem Herrn Jacques Arnoux gehöre, und daß er bereit sei, die zweihundertzwanzigtausend Francs als Betrag des Verkaufspreises zu zahlen. Wie jedoch aus denselben Akten hervorgehe, übersteige die Summe der Hypotheken, da das Grundstück belastet sei, den Kaufpreis, und somit sei Frédérics Schuldforderung vollständig verloren.

Das ganze Unheil käme daher, daß er nicht rechtzeitig eine hypothekarische Eintragung vorgenommen habe. Arnoux habe diese Sache übernommen, sie aber dann vergessen. Frédéric war über ihn aufgebracht, doch als sein Ärger verrauchte:

»Übrigens ... meinetwegen! Wenn es ihn retten kann, um so besser! ich sterbe nicht daran! pfeifen wir darauf!«

Aber als er seine Papiere von dem Tische nahm, fiel ihm Hussonnets Brief wieder in die Hände, und er bemerkte die Nachschrift, die er das erste Mal ganz übersehen hatte. Der Bohémien bat ihn geradeheraus um fünftausend Francs, um die Zeitungsangelegenheit in Gang zu bringen.

»Ah, der Mensch ist widerwärtig!«

Und er schlug es schroff in einem lakonischen Billet ab. Darauf kleidete er sich an, um sich in die Maison-d'or zu begeben.

Cisy stellte seine Gäste vor, indem er mit dem ehrwürdigsten, einem dicken Herrn mit weißem Haar, begann:

»Marquis Gilbert des Aulnays, mein Pate. Monsieur Anselme de Forchambeaux,« sagte er darauf (dieser war ein junger, blonder, schmächtiger, bereits kahlköpfiger Mann); [261] dann auf einen Vierziger von einfachen Manieren weisend: »Joseph Boffreu, mein Vetter; und hier mein alter Professor Monsieur Vezou,« der halb wie ein Fuhrmann, halb wie ein Seminarist aussah, mit starkem Backenbart und einem langen Rock, der unten mit einem einzigen Knopf geschlossen war.

Cisy erwartete noch jemand, den Baron de Comaing, »der vielleicht noch kommt, doch ist es nicht sicher«. Alle Augenblicke ging er hinaus, schien unruhig; endlich, um acht Uhr, gingen sie in einen Saal, der prächtig erleuchtet, aber für die Zahl der Gäste viel zu geräumig war. Cisy hatte ihn eigens seiner Pracht halber gewählt.

Ein silberner Tafelaufsatz, mit Blumen und Früchten beladen, nahm die Mitte der Tafel ein, die nach altem französischen Brauch mit Silbergerät reich besetzt war; längliche Schüsseln mit Radieschen, Eingesalzenem und Gewürzen umrahmten sie; Krüge mit rosenrotem Wein, in Eis gekühlt, standen in gleichen Abständen voneinander; fünf Gläser von verschiedener Höhe reihten sich vor jedem Gedeck mit allerlei wunderlichen Dingen, tausend sinnreichen Speisegeräten, deren Gebrauch man nicht kannte. Als ersten Gang gab es: Störkopf in Champagner; Yorker Schinken in Tokayer, gebackene Krammetsvögel, gebratene Wachteln, eine Pastete Béchamel, ein Ragout von Rebhühnern und dazu noch Kartoffeln mit Trüffeln vermischt. Ein Kronleuchter und Kandelaber erhellten den Raum, der in rotem Damast gehalten war. Vier Diener in schwarzem Frack standen hinter den Saffianfauteuils. Bei diesem Anblick sprachen die Gäste, besonders der Hofmeister, laut ihre Bewunderung aus.

»Unser Gastgeber hat sich selbst überboten, auf mein Wort! Das ist zu schön!«

»Dies?« sagte der Vicomte de Cisy, »ach, gehen Sie!«

Und nach dem ersten Löffel:

»Nun, mein alter des Aulnays, sind Sie schon im Palais Royal gewesen, um Père Portieret zu sehen?«

[262] »Du weißt doch, daß ich keine Zeit habe!« erwiderte der Marquis.

Seine Vormittage waren von einem Kursus über Baumzucht in Anspruch genommen, seine Abende durch einen landwirtschaftlichen Verein und alle seine Nachmittage durch Studien in den Fabriken für Ackerbaugeräte. Er wohnte drei Viertel des Jahres in la Saintonge und benutzte seine Reisen in die Hauptstadt, um sich zu unterrichten; und sein breitkrempiger Hut, der auf einer Konsole lag, war mit Broschüren angefüllt.

Cisy bemerkte, daß Monsieur de Forchambeaux den Wein zurückwies.

»Trinken Sie doch, zum Donnerwetter! Für Ihr letztes Junggesellenmahl sind Sie nicht flott genug!«

Bei diesem Wort verneigten sich alle und beglückwünschten ihn.

»Und die junge Dame«, sagte der Hofmeister, »ist sicherlich reizend!«

»Gewiß!« rief Cisy. »Er hat aber doch unrecht; es ist so töricht zu heiraten!«

»Du sprichst leichtfertig, mein Freund!« entgegnete Monsieur des Aulnays, dem bei der Erinnerung an seine verstorbene Frau eine Träne im Auge schimmerte.

Und Forchambeaux wiederholte mehrmals höhnisch:

»Sie kommen auch noch dahin, Sie kommen auch noch dahin!«

Cisy protestierte. Er zöge es vor, sich zu amüsieren, »ausschweifend zu sein«. Er wollte das Boxen erlernen, um die Gaunerkneipen der Stadt zu besuchen, wie Prinz Rudolf in den »Geheimnissen von Paris«. Er zog eine kleine Pfeife aus der Tasche, fuhr die Diener an, trank übermäßig; und um zu imponieren, tadelte er alle Gerichte. Er schickte sogar die Trüffeln zurück, und der Hofmeister, der sich daran delektierte, sagte boshaft:

»Das wiegt die geschlagenen Eier Ihrer Frau Großmutter nicht auf!«

Dann fing er wieder an, sich mit seinem Vetter, dem [263] Landwirt, zu unterhalten, der in dem Landaufenthalt viele Vorteile sah, wären es auch nur die, seine Töchter in einfachem Geschmack erziehen zu können. Der Hofmeister pflichtete diesen Ideen bei und schmeichelte ihm in unwürdiger Weise, da er vermutete, daß er Einfluß auf seinen Schüler ausüben könne, dessen Verwalter zu werden er heimlich hoffte.

Frédéric war verstimmt zu Cisy gekommen! jedoch seine Albernheit hatte ihn entwaffnet. Aber seine Gebärden, sein Gesicht, seine ganze Person, die ihn an das Diner im Café Anglais erinnerten, reizten ihn mehr und mehr; und er hörte den unfreundlichen Bemerkungen zu, die der Vetter Joseph, ein braver Bursche ohne Vermögen, Jagdliebhaber und Stipendiat, mit halber Stimme machte. Cisy nannte ihn scherzend einigemal »Dieb«, dann plötzlich rief er:

»Ah! der Baron!«

Ein lustiger Patron von dreißig Jahren, mit einer gewissen Roheit in den Zügen und geschmeidigen Gliedern, den Hut auf dem Ohr und eine Blume im Knopfloch, trat herein. Er war das Ideal des Vicomte, der entzückt war, ihn dazuhaben, und durch seine Anwesenheit angeregt, versuchte er sogar ein Wortspiel zu machen, als ein Coq de Bruyère gereicht wurde.

»Dies ist der beste aller ›Charaktere‹ von la Bruyère.«

Er richtete eine Menge Fragen über der Gesellschaft unbekannte Personen an Monsieur de Comaing, dann sagte er, wie wenn ihm plötzlich etwas einfiele:

»Sagen Sie, haben Sie an mich gedacht?«

Der andere zuckte die Achseln.

»Sie haben nicht das Alter, mein Junge, unmöglich.«

Cisy hatte ihn gebeten, ihn in seinen Klub aufnehmen zu lassen. Aber der Baron schien Mitleid mit seiner Eigenliebe zu haben:

»Ah! ich vergaß! Tausend Glückwünsche zu Ihrer Wette, mein Lieber!«

»Welcher Wette?«

[264] »Die Sie beim Rennen machten, an demselben Abend zu jener Dame zu gehen.«

Frédéric hatte ein Gefühl wie von einem Peitschenschlag. Er beruhigte sich jedoch beim Anblick von Cisys fassungslosem Gesicht.

In der Tat hatte die Marschallin es am nächsten Tag bereut, als Arnoux, ihr erster Liebhaber, sich am selben Tag einfand. Alle beide hatten dem Vicomte zu verstehen gegeben, daß er »störe«, und hatten ihn ohne große Umstände an die Luft gesetzt.

Er tat, als habe er nichts gehört. Der Baron fuhr fort:

»Wie geht's ihr, der guten Rose? ... hat sie noch so schöne Beine?« und gab durch diese Bemerkung zu verstehen, daß er sie intim kannte.

Frédéric ärgerte diese Entdeckung.

»Da ist nichts zu erröten,« begann der Baron wieder, »es ist eine gute Sache!«

Cisy schnalzte mit der Zunge.

»Ach! nicht weit her!«

»Aber nein!«

»Mein Gott ja! Erstlich finde ich sie nicht besonders, und dann kann man von dieser Sorte haben, soviele man will, denn schließlich ... ist sie ja käuflich!«

»Nicht für jedermann!« entgegnete Frédéric scharf.

»Er hält sich für besser als andere,« fiel Cisy ein, »sehr gut!«

Lachen ertönte ringsum.

Frédéric fühlte sein Herz zum Ersticken klopfen. Er stürzte zwei Glas Wasser hintereinander hinunter.

Aber der Baron hatte Rosanette noch in gutem Andenken.

»Lebt sie noch immer mit einem gewissen Arnoux?«

»Ich weiß nichts davon,« sagte Cisy. »Ich kenne diesen Herrn nicht!«

Nichtsdestoweniger behauptete er, daß er eine Art Betrüger sei.

»Bitte!« rief Frédéric.

[265] »Ganz gewiß! Er hat sogar einen Prozeß gehabt.«

»Das ist nicht wahr!«

Frédéric begann Arnoux zu verteidigen. Er stand für seine Rechtschaffenheit ein, glaubte schließlich selber daran, erfand Zahlen, Beweise. Der Vicomte, der entrüstet und außerdem betrunken war, hielt an seiner Behauptung fest, so daß Frédéric ernst zu ihm sagte:

»Wollen Sie mich damit beleidigen, mein Herr?«

»O! durchaus nicht! Ich gebe selbst zu, daß etwas sehr Gutes an ihm ist: seine Frau.«

»Sie kennen sie?«

»Mein Gott! Sophie Arnoux, jedermann kennt sie doch!«

»Was Sie sagen!«

Cisy, der sich erhoben hatte, wiederholte stammelnd:

»Jedermann kennt sie doch!«

»Schweigen Sie! Sie gehört nicht zu den Damen, mit denen Sie verkehren!«

»Ich schmeichle mir ...«

Frédéric warf ihm seinen Teller ins Gesicht.

Er flog wie ein Blitz über den Tisch, warf zwei Weinflaschen um, zertrümmerte eine Kompotschüssel und traf, am Tafelaufsatz in drei Stücke zerbrechend, den Vicomte.

Alle erhoben sich, um ihn zurückzuhalten. Er sträubte sich, von einer Art Raserei ergriffen. Monsieur des Aulnays wiederholte:

»Beruhigen Sie sich! Hören Sie, liebes Kind!«

»Aber das ist ja abscheulich!« schrie der Hofmeister zornig.

Forchambeaux wurde erdfahl und zitterte; Joseph lachte schallend; die Kellner wischten den Wein auf, sammelten die Scherben vom Boden, und der Baron schloß das Fenster, denn der Lärm konnte trotz des Wagengerassels auf dem Boulevard gehört werden.

Da alle in dem Augenblick, als der Teller geschleudert wurde, durcheinander sprachen, war es unmöglich, die Ursache dieser Beleidigung zu entdecken, ob es sich um Arnoux, [266] Madame Arnoux, Rosanette oder einen andern gehandelt hatte. Gewiß war nur die unqualifizierbare Brutalität Frédérics; er weigerte sich entschieden, die geringste Reue darüber zu zeigen.

Monsieur des Aulnays versuchte ihn zu besänftigen, ebenso der Vetter Joseph, der Hofmeister, selbst Forchambeaux. Der Baron tröstete indes Cisy, der infolge einer nervösen Schwäche Tränen vergoß. Frédéric wurde im Gegenteil immer gereizter, und sie wären bis zum Morgen dageblieben, wenn der Baron nicht, um ein Ende zu machen, gesagt hätte:

»Der Vicomte wird Ihnen morgen seine Sekundanten schicken, mein Herr.«

»Um welche Zeit?«

»Mittags, wenn es Ihnen recht ist.«

»Vollkommen.«

Draußen angelangt, atmete Frédéric tief auf. Zu lange schon hatte er sich Zwang angetan. Endlich durfte er sich gehen lassen; er empfand etwas wie Mannesstolz, eine Überfülle innerer Kraft, die ihn berauschte. Er brauchte zwei Sekundanten. Der erste, an den er dachte, war Regimbart, und er begab sich sogleich in eine Wirtschaft in der Rue Saint-Denis. Die Ladentür war geschlossen. Aber hinter einer Scheibe über dem Eingang leuchtete es hell.

Sie öffnete sich, und indem er sich tief unter das Schutzdach bückte, trat er ein.

Eine Kerze am Rande des Zahltisches erhellte den leeren Raum. Alle Stühle waren mit den Füßen in der Luft auf die Tische gestellt. Der Wirt und die Wirtin nahmen mit dem Kellner ihre Abendmahlzeit in einem Winkel neben der Küche ein – und Regimbart, den Hut auf dem Kopf, teilte ihr Mahl und belästigte den Kellner, der gezwungen war, sich bei jedem Bissen ein wenig zur Seite zu wenden. Nachdem Frédéric ihm die Sache kurz erzählt hatte, bat er ihn um seinen Beistand. Der Citoyen antwortete anfangs nichts; er rollte die Augen, schien zu überlegen, ging mehrmals durch den Saal und sagte endlich:

[267]

»Ja, gern!«

Und ein teuflisches Lächeln erhellte seine Züge, als er erfuhr, daß der Gegner ein Adliger sei.

»Wir werden ihn mit Sang und Klang abziehen lassen, seien Sie ruhig! Vor allem ... auf Degen ...«

»Aber vielleicht,« warf Frédéric ein, »habe ich nicht das Recht ...«

»Ich sage Ihnen, Sie müssen Degen wählen!« entgegnete der Citoyen barsch. »Können Sie fechten?«

»Ein wenig!«

»Aha! ein wenig! so sind sie alle! Und dann haben Sie die Tollwut, anzugreifen? Welchen Zweck hat der Fechtboden? Hören Sie mich an: halten Sie sich stets in der richtigen Distanz und weichen Sie aus, weichen Sie aus, das ist gestattet! Ermüden Sie ihn! Dann machen Sie getrost einen Ausfall! Und sonst keine Hinterlist, keine Stöße à la Fougère! nein! einfach eins, zwei, die Klinge los! So, sehen Sie?« Und er drehte die Faust, wie um ein Schloß zu öffnen. – »Vater Vauthier, geben Sie mir Ihren Stock! So, der genügt!«

Er ergriff den Stab, der zum Anzünden der Gasflammen diente, bog den linken Arm rund, krümmte den rechten und begann Ausfälle gegen die Wand zu machen. Er stampfte mit dem Fuß auf, wurde hitzig, tat, als hätte er Schwierigkeiten zu überwinden, wobei er rief: »Da hast du's! Da hast du's!« und seine ungeheure Silhouette mit dem Hut, der bis an die Decke zu reichen schien, zeichnete sich auf der Wand ab.

Der Wirt rief von Zeit zu Zeit: »Bravo! Sehr gut!« Seine Frau bewunderte ihn, obwohl sie sehr aufgeregt war, ebenso; und Théodore, ein alter Soldat, der überdies für Regimbart schwärmte, saß wie angenagelt vor Staunen.

Früh am nächsten Morgen eilte Frédéric in das Magazin Dussardiers. Nach einer Flucht von Räumen, mit Stoffen angefüllt, die in Regalen oder quer über die Tische ausgebreitet lagen, während hier und da Schals auf Holzständern hingen, bemerkte er ihn in einem vergitterten, [268] käfigartigen Raum, wo er, mitten unter Konto-Büchern stehend, an einem Pulte schrieb. Der brave Bursche verließ sofort seine Arbeit.

Die Sekundanten kamen am Vormittag. Frédéric glaubte aus Taktgefühl nicht an der Besprechung teilnehmen zu dürfen.

Der Baron und Monsieur Joseph erklärten, sich mit den einfachsten Entschuldigungen begnügen zu wollen. Regimbart aber, der das Prinzip hatte, niemals nachzugeben und darauf bestand, die Ehre Arnoux' zu verteidigen (Frédéric hatte nur davon gesprochen), forderte, daß der Vicomte sich entschuldige. Monsieur de Comaing war empört über diese Anmaßung. Der Citoyen aber wollte nicht davon abstehen. Da eine Versöhnung unmöglich war, sollten sie sich schlagen.

Andere Schwierigkeiten kamen dazu, denn die Wahl der Waffen stand rechtmäßig Cisy als dem Beleidigten zu. Aber Regimbart behauptete, daß er nach der Kartellordnung als der Beleidiger gelte. Cisys Sekundanten erhoben Einspruch, da eine Ohrfeige die grausamste aller Beleidigungen wäre. Der Citoyen widersprach dieser Ansicht, da ein Stoß keine Ohrfeige sei. Schließlich kamen sie überein, sich bei einigen Militärs zu erkundigen, und die vier Sekundanten gingen, um sich in irgendeiner Kaserne mit Offizieren zu beraten.

Sie entschieden sich für die am Quai d'Orsay. Monsieur de Comaing setzte zwei Rittmeistern, die er angesprochen hatte, den Streit auseinander.

Durch die Zwischenbemerkungen des Citoyens verwirrt, verstanden die Rittmeister nicht das geringste. Sie rieten den Herren, alles zu Protokoll zu bringen, wonach sie sich entscheiden wollten. Alle begaben sich nun in ein Café, und um die Angelegenheit geheim zu halten, bezeichneten sie Cisy durch ein H und Frédéric durch ein K.

Dann kehrten sie in die Kaserne zurück. Die Offiziere waren ausgegangen. Sie kamen wieder und erklärten, daß die Wahl der Waffen offenbar Monsieur H zustehe. [269] Alle gingen wieder zu Cisy. Regimbart und Dussardier blieben auf der Straße.

Als der Vicomte den Ausgang erfuhr, geriet er in eine so heftige Bestürzung, daß er ihm mehrmals wiederholt werden mußte; und als Monsieur de Comaing die Forderungen Regimbarts erwähnte, murmelte er ein »aber weshalb« und war nahe daran, ihm beizustimmen. Dann ließ er sich in einen Fauteuil fallen und erklärte, daß er sich nicht schlagen werde.

»Wie?« sagte der Baron.

Da überließ Cisy sich einer Flut von wirren Reden. Er wollte sich auf Blunderbüchsen mit ihm schlagen, ganz nahe, auf einmaligen Kugelwechsel.

»Oder man könnte auch Arsenik in ein Glas tun, das ausgelost wird. Das geschieht zuweilen, ich habe es gelesen!«

Der Baron verlor natürlich die Geduld und fuhr ihn barsch an:

»Diese Herren erwarten Ihre Antwort. Das wird ja schließlich unanständig. Was wählen Sie also? Den Degen?«

Der Vicomte antwortete »ja« mit einem Kopfnicken, und das Rendezvous wurde für den folgenden Tag am Tor Maillot pünktlich um sieben Uhr festgesetzt.

Da Dussardier genötigt war, in sein Geschäft zurückzukehren, ging Regimbart, Frédéric zu benachrichtigen.

Man hatte ihn den ganzen Tag ohne Bescheid gelassen, seine Ungeduld war unerträglich geworden.

»Sehr gut!« rief er.

Der Citoyen war zufrieden mit seiner Haltung.

»Man verlangte Entschuldigungen von uns, wollen Sie es glauben? Fast nichts, ein einfaches Wort! Aber ich habe sie gut abfallen lassen! wie ich mußte, nicht wahr?«

»Zweifellos,« sagte Frédéric, wobei er dachte, er hätte besser getan, sich einen andern Sekundanten zu wählen.

Dann, als er allein war, wiederholte er sich mehrmals ganz laut:

[270] »Ich werde mich also schlagen. Also ich werde mich schlagen! Wie drollig!«

Und als er durchs Zimmer schritt und am Spiegel vorbeikam, bemerkte er, daß er bleich war.

»Habe ich etwa Furcht?«

Eine grenzenlose Angst überkam ihn bei dem Gedanken, auf dem Kampfplatz Furcht zu zeigen.

»Wenn ich nun aber getötet werde? Mein Vater ist auf dieselbe Art gestorben. Ja, ich werde getötet werden!«

Und plötzlich sah er seine Mutter in schwarzem Kleide vor sich; unzusammenhängende Bilder zogen im Geiste an ihm vorüber. Seine eigne Feigheit brachte ihn auf. Ihn überkam ein Paroxismus von Tapferkeit, ein gieriger Blutdurst. Ein Bataillon hätte ihn nicht zurückgeschreckt. Nachdem dieses Fieber sich gelegt hatte, fühlte er zu seiner Freude seinen Vorsatz unerschütterlich. Um sich zu zerstreuen, ging er in die Oper, wo ein Ballet gegeben wurde. Er hörte die Musik, betrachtete die Tänzerinnen durch sein Glas und trank im Zwischenakt ein Glas Punsch. Doch wieder nach Haus zurückgekehrt, überfiel ihn beim Anblick seiner Möbel, seines Zimmers, wo er sich vielleicht zum letztenmal befand, eine Schwäche.

Er ging in seinen Garten hinunter. Die Sterne funkelten; er betrachtete sie. Der Gedanke, sich für eine Frau zu schlagen, erhöhte ihn in seinen Augen, adelte ihn. Dann legte er sich ruhig schlafen.

Mit Cisy verhielt es sich nicht so. Nach dem Fortgehen des Barons hatte Joseph versucht, seine moralische Kraft wieder auffrischen, und sagte, als der Vicomte gleichgiltig blieb:

»Aber, mein Lieber, wenn du es vorziehst, davon abzustehen, werde ich hingehen und es sagen.«

Cisy wagte nicht es zuzugeben, aber er zürnte seinem Vetter, daß er ihm den Dienst nicht leistete, ohne davon zu sprechen.

Er wünschte, Frédéric möchte in der Nacht an einem Schaganfall sterben oder daß durch einen unvermuteten [271] Aufruhr am nächsten Morgen genug Barrikaden da wären, um die Zugänge zum Bois de Boulogne zu versperren, oder daß ein Zufall einen der Sekundanten verhinderte, sich dahin zu begeben, denn dann würde das Duell ohne Sekundanten nicht statt finden können. Er wäre am liebsten mit einem Expreßzug irgendwohin geflohen. Er bedauerte, nicht genug von Arzneikunde zu wissen, um etwas einzunehmen, das, ohne sein Ende zu gefährden, seinen Tod glaubhaft machte. Er ging so weit, daß er sich wünschte, ernstlich krank zu sein.

Um einen Rat, eine Hilfe zu haben, schickte er nach Monsieur des Aulnays. Der vortreffliche Mann war infolge einer Depesche, die ihn von der Erkrankung einer seiner Töchter benachrichtigte, nach Saintonge zurückgekehrt. Das schien Cisy von schlimmer Vorbedeutung. Glücklicherweise besuchte ihn sein Hofmeister Monsieur Vezou. Dem schüttete er sein Herz aus.

»Was fang' ich an, mein Gott! Was fang' ich an?«

»Ich an Ihrer Stelle, Herr Graf, bezahlte einen Lastträger, um ihm eine Tracht Schläge aufzuzählen.«

»Er würde sofort wissen, woher das kommt!« entgegnete Cisy.

Und er seufzte von Zeit zu Zeit und sagte dann:

»Aber ist es denn erlaubt, sich zu duellieren?«

»Es ist ein Überbleibsel von Barbarei! Was ist dabei zu tun!«

Aus Gefälligkeit lud der Pädagoge sich selbst zum Mittagessen ein. Sein Schüler aß nichts und fühlte nach der Mahlzeit das Bedürfnis, einen Spaziergang zu machen. Als sie an einer Kirche vorüberkamen, sagte er:

»Ob wir ein wenig hineingehen ... um zuzusehen?«

Monsieur Vezou war sogleich bereit und reichte ihm sogar selbst das Weihwasser.

Es war der Marienmonat, Blumen bedeckten den Altar, Stimmen sangen, die Orgel tönte. Aber es war ihm unmöglich, zu beten, der Pomp dieser Religion erweckte [272] in ihm die Vorstellung von Leichenbegängnissen; er meinte, die Klänge des De profundis zu vernehmen.

»Lassen Sie uns gehen! Ich fühle mich nicht wohl!«

Sie verbrachten die ganze Nacht mit Kartenspiel. Der Vicomte bemühte sich, zu verlieren, um das Unglück zu bannen, und Monsieur Vezou nahm seinen Vorteil wahr. Schließlich bei Morgengrauen sank Cisy, der nicht mehr konnte, auf das grüne Tuch hinab und fiel in einen Schlaf voll unangenehmer Träume.

Wenn Mut aber darin besteht, seine Schwäche zu beherrschen, war der Vicomte mutig; beim Anblick seiner Sekundanten, die ihn abholten, raffte er sich mit aller Kraft auf, da seine Eitelkeit ihm deutlich sagte, daß er bei einem Rückzug verloren wäre. Monsieur de Comaing machte ihm Komplimente über seine gute Haltung.

Doch unterwegs entkräftete ihn das Schwanken der Droschke und die Hitze der Morgensonne. Seine Energie hatte ihn wieder verlassen. Er unterschied nicht einmal mehr, wo sie sich befanden.

Der Baron belustigte sich damit, seine Angst zu erhöhen, indem er von der »Leiche« sprach und der Art, sie heimlich in die Stadt zu bringen. Joseph unterstützte ihn dabei; da beide die Sache lächerlich fanden, waren sie überzeugt davon, daß sie sich arrangieren lassen würde.

Cisy hielt den Kopf auf die Brust gesenkt; er hob ihn langsam und machte darauf aufmerksam, daß man keinen Arzt mitgenommen hatte.

»Es ist unnötig,« sagte der Baron.

»Also hat es keine Gefahr?«

Joseph erwiderte in ernstem Ton:

»Hoffen wir es!«

Und keiner in dem Wagen sprach mehr.

Um sieben Uhr zehn Minuten gelangten sie vor dem Tor Maillot an. Frédéric und seine Sekundanten, alle drei schwarz gekleidet, waren schon da. Regimbart trug anstatt der Kravatte eine Halsbinde wie ein Soldat und hatte eine Art langen Violinkasten speziell für diese Art [273] von Abenteuern mit. Kalt wurde ein Gruß gewechselt. Dann gingen sie auf dem Wege nach dem Restaurant de Madrid tiefer in das Bois de Boulogne hinein, um dort einen passenden Platz zu finden.

Regimbart sagte zu Frédéric, der zwischen ihm und Dussardier ging:

»Wie steht es mit der Angst? Wenn Sie etwas wünschen, genieren Sie sich nicht, ich kenne das! Die Furcht ist etwas Natürliches bei den Menschen!«

Dann fügte er mit leiser Stimme hinzu:

»Rauchen Sie nicht, das macht schlapp!«

Frédéric warf seine Zigarre fort, die ihm lästig war, und ging festen Schrittes weiter. Der Vicomte folgte, auf den Arm seiner beiden Sekundanten gestützt, hinter ihnen.

Vereinzelte Fußgänger begegneten ihnen. Der Himmel war blau, und zuweilen hörte man Kaninchen vorüberhuschen. An der Biegung eines Weges plauderte eine Frau mit einem Mann in einer Bluse, und in der großen Avenue unter den Kastanienbäumen ließen Diener in Leinenkitteln ihre Pferde traben. Cisy rief sich die glücklichen Tage zurück, wo er, das Glas im Auge, auf seinem Fuchs neben dem Schlag der Kaleschen geritten war; diese Erinnerungen erhöhten seine Angst; ein unerträglicher Durst quälte ihn; das Summen der Fliegen vermischte sich mit dem Pochen in seinen Adern, seine Füße versanken im Sande, und er hatte das Gefühl, schon seit endloser Zeit zu marschieren.

Die Sekundanten spähten, ohne sich aufzuhalten, nach beiden Seiten der Straße; sie beratschlagten, ob sie zum Kreuz von Catelan oder unterhalb der Mauern von Bagatelle gehen sollten. Endlich bogen sie nach rechts und entschieden sich für eine Art Kreuzweg unter den Kiefern.

Die Stelle wurde so gewählt, daß die Oberfläche des Terrains für beide Teile gleich war. Die beiden Plätze, wo die Gegner stehen sollten, wurden bezeichnet. Dann öffnete Regimbart den Kasten. Er enthielt auf einem Polster von rotem Leder vier wundervolle, in der Mitte gekreuzte Degen mit durchbrochenen Griffen. Ein leuchtender [274] Strahl, der das Laub durchbrach, fiel darauf; und sie schienen Cisy zu glänzen wie silberne Schlangen auf einer Blutlache.

Der Citoyen zeigte, daß sie von gleicher Länge waren; er nahm den dritten für sich selbst, um die Kämpfenden zu trennen, wenn es nötig sein sollte. Monsieur de Comaing trug einen Stock. Schweigen herrschte. Man betrachtete einander. Alle Gesichter hatten etwas Verstörtes oder Grausames.

Frédéric hatte seinen Rock und seine Weste abgelegt; Joseph half Cisy, das Gleiche zu tun; als er seine Kravatte abgenommen hatte, bemerkte man eine geweihte Münze an seinem Halse. Das entlockte Regimbart ein mitleidiges Lächeln.

Dann versuchte Monsieur de Comaing, Schwierigkeiten zu machen (um Frédéric noch einen Moment der Überlegung zu lassen). Er forderte das Recht, einen Handschuh anzuziehen und den Degen seines Gegners mit der linken Hand zu fassen; Regimbart, der es eilig hatte, verweigerte es nicht. Schließlich wandte der Baron sich an Frédéric:

»Alles hängt von Ihnen ab! Es ist durchaus keine Schande, seine Fehler einzugestehen!«

Dussardier stimmte ihm mit einer Gebärde bei. Der Citoyen war entrüstet.

»Glauben Sie, wir sind hier, um Maulaffen feilzuhalten, zum Donnerwetter? ... Vorwärts! ...«

Die Gegner standen sich gegenüber, ihre Sekundanten zu beiden Seiten. Er gab das Kommando:

»Los!«

Cisy wurde erschreckend bleich. Seine Klinge zitterte an der Spitze wie eine Reitpeitsche. Sein Kopf fiel zurück, seine Arme breiteten sich aus und er fiel ohnmächtig auf den Rücken. Joseph hob ihn auf, und indem er ihm ein Flacon unter die Nase hielt, schüttelte er ihn tüchtig. Der Vicomte öffnete die Augen wieder und stürzte sich plötzlich wie ein Rasender auf seinen Degen. Frédéric hatte den [275] seinen behalten, und er erwartete ihn mit festem Blick und erhobener Hand.

»Halt, halt!« rief eine Stimme, die zugleich mit dem Geräusch eines galoppierenden Pferdes vom Wege kam, während das Verdeck eines Kabrioletts die Zweige streifte. Ein Mann, der sich herausneigte, winkte mit seinem Taschentuch und rief fortwährend: »Halt! halt!«

Monsieur de Comaing, der an ein Einschreiten der Polizei glaubte, erhob seinen Stock:

»Hören Sie doch auf! der Vicomte blutet!«

»Ich?« rief Cisy.

Er hatte sich beim Sturz in der Tat den Daumen der linken Hand verletzt.

»Aber das geschah im Fallen,« fügte der Citoyen hinzu.

Der Baron tat, als höre er nicht.

Arnoux war aus dem Kabriolett gesprungen.

»Ich komme zu spät! Nein! Gott sei Dank!«

Er schloß Frédéric in die Arme, streichelte ihn, bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Ich kenne den Grund; Sie wollten Ihren alten Freund verteidigen! Das ist schön von Ihnen, wirklich sehr schön! Das vergesse ich Ihnen nie! Wie gut Sie sind! Mein lieber Junge!«

Er betrachtete ihn strahlend vor Freude und vergoß Tränen dabei. Der Baron wandte sich zu Joseph.

»Ich glaube, wir sind überflüssig bei diesem kleinen Familienfest. Es ist zu Ende, nicht wahr, meine Herren? Vicomte, legen Sie Ihren Arm in die Binde; da, hier ist mein Taschentuch.« Dann sagte er gebieterisch: »Gehen wir! Keinen Groll mehr! Das muß sein!«

Die beiden Gegner schüttelten sich warm die Hände. Der Vicomte, Joseph und Monsieur de Comaing verschwanden nach einer Seite, und Frédéric ging mit seinen Freunden nach der andern.

Da das Restaurant de Madrid nicht weit war, schlug Arnoux vor, dort ein Glas Bier zu trinken.

»Man könnte selbst frühstücken,« sagte Regimbart.

[276] Da aber Dussardier keine Zeit hatte, begnügten sie sich mit einer Erfrischung im Garten. Alle empfanden jenes Wohlbehagen, das eine Folge glücklicher Lösungen ist. Der Citoyen indessen war ärgerlich, daß man das Duell im besten Augenblick unterbrochen hatte.

Arnoux hatte durch einen gewissen Compain, Regimbarts Freund, Kenntnis davon erhalten und war in einer Herzensregung herbeigeeilt, um es zu verhindern, da er die Ursache dazu zu sein glaubte. Er bat Frédéric, ihm einige Details darüber anzugeben. Gerührt durch die Beweise seiner Zärtlichkeit, trug Frédéric Bedenken, ihn in seiner Illusion zu bestärken.

»Um Himmelswillen, sprechen wir nicht mehr davon!«

Arnoux fand diese Zurückhaltung sehr zartfühlend. Dann ging er mit seiner gewohnten Leichtigkeit auf etwas anderes über.

»Was gibt's Neues, Citoyen?«

Sie fingen an, von Handel und Terminen zu sprechen. Um noch bequemer flüstern zu können, gingen sie abseits an einen andern Tisch.

Frédéric unterschied die Worte: »Sie werden es unterschreiben. – Ja! aber selbstverständlich ... – Ich habe ihn endlich für dreihundert erstanden! – Schöner Auftrag, meiner Treu!« Kurz, es war klar, daß Arnoux und der Citoyen mit allerlei dunkeln Sachen zu tun hatten.

Frédéric dachte daran, ihn an seine fünfzehntausend Francs zu erinnern. Aber sein Verhalten eben verbot jeden, auch den sanftesten Vorwurf. Überdies fühlte er sich ermüdet und der Ort war auch nicht dafür geeignet. Er verschob es auf einen anderen Tag.

Arnoux, der im Schatten eines Ligusters saß, rauchte mit heiterer Miene. Er blickte zu den Türen der Kabinetts empor, die alle auf den Garten gingen, und sagte, daß er früher sehr oft dort gewesen sei.

»Nicht allein wahrscheinlich?« entgegnete der Citoyen.

»Bei Gott! Das will ich meinen!«

[277] »Welch ein Durchgänger Sie sind! ein verheirateter Mann!«

»So, und Sie?« erwiderte Arnoux und sagte mit einem nachsichtigen Lächeln: »Ich bin sicher, daß selbst dieser Schlingel da irgendwo ein Zimmer hat, wo er kleine Mädchen empfängt.«

Der Citoyen gestand mit einem einfachen Emporziehen der Brauen ein, daß es wahr sei.

Dann ließen sich diese beiden Herren über ihren Geschmack aus: Arnoux zog jetzt die Jugend vor, die Arbeiterinnen. Regimbart verabscheute die »Zierpuppen« und war vor allem für das Derbe. Zum Schluß behauptete der Fayence-Händler, daß man die Frauen nicht ernst nehmen könne.

»Dennoch liebt er seine!« dachte Frédéric, als er sich wieder zu ihnen gesellte, aber er hielt ihn für einen unzuverlässigen Menschen. Er zürnte ihm wegen dieses Duells, als hätte er sein Leben soeben um seinetwillen gewagt.

Aber er war Dussardier dankbar für seine Aufopferung; der Kommis kam auf seine dringenden Bitten bald jeden Tag zu ihm.

Frédéric lieh ihm Bücher: Thiers, Dulaure, Barante, »Die Girondisten« von Lamartine. Der gute Junge hörte ihm andächtig zu und nahm seine Ansichten wie die eines Lehrmeisters an.

Eines Abends kam er ganz verstört zu ihm. Morgens auf dem Boulevard war ein Mann, der außer Atem angelaufen kam, gegen ihn angerannt, und als er einen Freund von Sénécal in ihm erkannte, hatte er zu ihm gesagt:

»Er wurde eben verhaftet, ich bringe mich in Sicherheit.«

Es war nur zu wahr. Dussardier hatte den Tag damit verbracht, Erkundigungen einzuziehen. Sénécal war hinter Schloß und Riegel, eines politischen Attentats verdächtig.

Als Sohn eines Werkführers in Lyon geboren, hatte er zum Lehrer einen alten Schüler von Chalier und ließ sich bei seiner Ankunft in Paris in der Familien-Genossenschaft [278] aufnehmen; seine Gewohnheiten waren bekannt; die Polizei überwachte ihn. Er hatte in dem Gefecht vom Mai 1839 mitgekämpft und hielt sich seitdem im Hintergrunde, doch, immer schwärmerisch begeistert für Alibaud, vermengte er seinen Groll gegen die Gesellschaft mit dem des Volks gegen die Monarchie und erwachte jeden Morgen in der Hoffnung auf eine Revolution, die in den nächsten vierzehn Tagen oder einem Monat die Welt umwandeln würde. Schließlich hatte er sich, angewidert durch die Energielosigkeit seiner Genossen, außer sich über die Hemmnisse, die man seinen Träumen entgegenstellte, und verzweifelnd an seinem Vaterland, als Chemiker an dem gefährlichen Bombenattentat beteiligt, und man hatte ihn beim Transport von Pulver überrascht, das er als äußerstes Mittel, die Republik zu begründen, auf dem Montmartre versuchen wollte.

Dussardier war nicht weniger begeistert dafür, denn sie bedeutete, wie er meinte, Befreiung und allgemeines Glück. Eines Tages hatte er – fünfzehn Jahre alt – in der Rue Transnonain vor dem Laden eines Gewürzkrämers Soldaten mit blutgeröteten Bajonetten gesehen, an deren Kolben Haare klebten; seit jener Zeit sah er die Regierung als Verkörperung der Ungerechtigkeit an: Mörder und Gendarmen waren für ihn fast gleichbedeutend; ein Spitzel war in seinen Augen einem Vatermörder gleich. Alles Übel auf Erden schrieb er einfach der Regierung zu; und sein Haß gegen sie war so tief und anhaltend, daß er ihn ganz erfüllte und seine Empfindlichkeit noch steigerte. Die Schimpfreden Sénécals hatten ihn geblendet; mochte er schuldig sein oder nicht und sein Vorhaben hassenswert, was schadete es! Von dem Augenblick ab, wo er das Opfer der Behörden war, mußte man ihm helfen.

»Die Pairs werden ihn verurteilen! Er wird in einem Zellenwagen abgeführt werden wie ein Sträfling, und man wird ihn ins Mont-Saint-Michel stecken, wo die Regierung sie verkommen läßt: Austen wurde irrsinnig! Steuben hat sich getötet! Und Barbès hat man an den Haaren, an den [279] Beinen in die Zelle gezogen. Sie traten ihn mit Füßen, und sein Kopf schlug die ganze Treppe hinunter bei jedem Schritt auf. Welch ein Greuel! Diese Elenden!«

Ein zorniges Schluchzen erstickte ihn, und er ging, wie von einer großen Angst ergriffen, im Zimmer hin und her. – »Es muß etwas geschehen! Doch ich weiß nicht, was! Ob wir versuchen, ihn zu befreien? Während er ins Luxembourg geführt wird, könnte man sich in den Gängen auf die Bedeckung stürzen! Ein Dutzend entschlossene Männer genügen schon!«

Seine Augen flammten so, daß Frédéric zitterte.

Sénécal erschien ihm größer als bisher. Er erinnerte sich seiner Leiden, seines harten Lebens; ohne den Enthusiasmus Dussardiers für ihn zu teilen, empfand er dennoch jene Bewunderung, die jeder Mensch, der sich ganz einer Idee opfert, einflößt. Er sagte sich, daß es Sénécal nicht so ergangen wäre, wenn er ihm beigestanden hätte; und die beiden Freunde suchten eifrig nach einem Auskunftsmittel, ihn zu retten.

Es war unmöglich für sie, bis zu ihm zu gelangen.

Frédéric unterrichtete sich in den Zeitungen über sein Geschick und besuchte drei Wochen lang häufig die Lese-Hallen.

Eines Tages fielen ihm mehrere Nummern des »Flambard« in die Hände. Der Leitartikel war unverändert dem Herrunterreißen einer berühmten Persönlichkeit gewidmet. Dann kamen Neuigkeiten aus der Welt, Klatsch und spöttische Bemerkungen über das Odéon, über Carpentras, die Fischzucht und die zum Tode Verurteilten, falls es solche gab. Das Verschwinden eines Postschiffes lieferte für ein Jahr Stoff zu Witzen. In der dritten Spalte wurden in einer Kunst-Korrespondenz in Gestalt von Anekdoten Ratschläge, Schneider-Reklamen, Berichte über Abendgesellschaften, Verkaufsanzeigen, Arbeitsanalysen gebracht und in einem Atem ein Band Verse und ein Paar Stiefel besprochen. Der einzig ernsthafte Teil war die Kritik der kleinen Theater, in der man sich auf zwei, drei [280] Direktoren stürzte; und unter dem Vorwand von Kunstinteressen wurde die Ausstattung einer Seiltänzergesellschaft oder einer Liebhaberin der »Délassements« besprochen.

Frédéric war im Begriff, das Blatt fortzulegen, als seine Blicke auf einen Artikel mit dem Titel: Une poulette entre trois cocos fielen. Es war die Geschichte seines Duells in einem übermütigen, derben Stil erzählt. Er erkannte sich leicht, denn er war wiederholt in spöttischem Ton, als »Ein junger Mann aus der Hochschule der Intelligenz« bezeichnet, »an der es ihm selber mangele«. Man stellte ihn sogar als einen armen Teufel aus der Provinz hin, einen obskuren Einfaltspinsel, der versuchte, mit vornehmen Herren in Verkehr zu kommen. Der Vicomte dagegen spielte eine dankbare Rolle, zuerst beim Souper, zu dem er sich mit Gewalt eingeführt hatte, dann bei der Wette, da er die Dame erobert haben sollte, und schließlich auf dem Kampfplatz, wo er sich wie ein Edelmann benahm. Die Tapferkeit Frédérics wurde zwar nicht direkt bestritten, aber man gab zu verstehen, daß eine Mittelsperson, der »Gönner« selbst gerade zur rechten Zeit dazwischengekommen war. Das Ganze schloß mit dem äußerst boshaften Satz:

»Woher kommt also ihre Zuneigung? Problem! und wie Bazile sagt, wer zum Teufel wird hier betrogen?«

Dies war ohne den geringsten Zweifel eine Rache Hussonnets gegen Frédéric wegen seiner Verweigerung der fünftausend Francs.

Was war da zu tun? Wenn er Rechenschaft von ihm verlangte, würde der Bohémien seine Unschuld beteuern, und er gewänne nichts dabei. Am besten war es, das Ganze stillschweigend herunterzuschlucken. Niemand las ja übrigens den »Flambard«.

Als er die Lesehalle verließ, bemerkte er Leute vor dem Laden eines Bilderhändlers. Sie betrachteten das Bild einer Frau, unter dem in schwarzen Buchstaben stand: »Mademoiselle Rose-Annette Bron, Eigentum des Monsieur Frédéric Moreau aus Nogent.«

[281] Sie war es – wenigstens beinahe, – en face gesehen, der Busen entblößt, das Haar aufgelöst und in der Hand einen roten Samtbeutel, während hinter ihr ein Pfau mit dem Schnabel ihre Schulter berührte und die Wand mit seinem großen Federfächer verdeckte.

Pellerin hatte diese Ausstellung veranstaltet, um Frédéric zum Zahlen zu zwingen, in der Überzeugung, daß er berühmt genug sei und ganz Paris lebhaften Anteil an dieser unseligen Sache nehmen werde.

War das eine Verschwörung? Hatten der Maler und der Journalist die Sache gemeinsam abgekartet?

Sein Duell hatte also nichts genützt. Er wurde lächerlich gemacht, alle Welt machte sich lustig über ihn.

Drei Tage später hatte er, da die Nordbahn-Aktien Ende Juni um fünfzehn Francs gestiegen waren und er im vorigen Monat zwei Tausend davon gekauft hatte, einen Gewinn von dreißigtausend Francs. Diese Gunst des Glücks gab ihm wieder Vertrauen zu sich selbst. Er sagte sich, daß er niemand brauche, daß alle seine Verlegenheiten nur seiner Schüchternheit und seiner Unschlüssigkeit zuzuschreiben wären. Er hätte bei der Marschallin gleich brutal auftreten, Hussonnet gleich am ersten Tage abweisen müssen, sich mit Pellerin nicht einlassen dürfen; und um zu beweisen, daß alles das ihn nicht geniere, begab er sich an einem ihrer üblichen Abende zu Madame Dambreuse.

Mitten im Vorzimmer begegnete er Martinon, der zur selben Zeit gekommen war.

»Wie, du kommst hierher, du?« sagte er mit erstaunter Miene und selbst ärgerlich, ihn zu sehen.

»Warum nicht?«

Und indem er noch nach der Ursache seines Benehmens forschte, ging er in den Salon.

Es war nicht sehr hell trotz der Lampen, die in den Ecken standen; denn die weit geöffneten drei Fenster bildeten nebeneinander drei große, dunkle Schattenvierecke. Unter den Gemälden standen in Manneshöhe Jardinieren an den Wänden; und eine silberne Teemaschine mit einem [282] Samowar spiegelte sich im Hintergrund in einem Spiegel wider. Ein Gemurmel leiser Stimmen erhob sich. Man hörte die Lackschuhe auf dem Teppich knarren.

Er unterschied schwarze Röcke, dann einen runden Tisch, von einem großen Lampenschirme erhellt, sieben oder acht Damen in Sommertoiletten, und ein wenig weiter Madame Dambreuse in einem Schaukelstuhl. Ihr Kleid aus lila Taffet hatte geschlitzte Ärmel mit Bauschen von Musseline, deren weicher Ton mit der Nuance ihres Haares verschmolz; und sie saß etwas hintenüber gelehnt, die Fußspitze auf einem Kissen, – reglos wie ein zartes Kunstwerk, wie eine seltsame Blume.

Monsieur Dambreuse und ein Greis mit weißem Haar schritten die ganze Länge des Saales auf und ab. Einige unterhielten sich hier und da auf kleinen Diwans; die anderen bildeten stehend in der Mitte einen Kreis.

Sie sprachen von Abstimmungen, von Amendements, Unteramendements, von der Rede Monsieur Grandins, der Erwiderung Benoists. Die Mittelpartei ginge entschieden zu weit! Das linke Zentrum hätte ein wenig mehr an seinen Ursprung denken sollen! Auf das Ministerium würden ernste Angriffe gemacht! Was dennoch beruhigte, wäre, daß man keinen Nachfolger dafür sähe. Kurz, die Lage sei vollkommen übereinstimmend mit der von 1834.

Da diese Dinge Frédéric langweilten, näherte er sich den Damen. Martinon stand neben ihnen, den Hut unterm Arm, das Gesicht etwas zur Seite geneigt und so zart, daß er einer Figur von Sèvreporzellan glich. Er nahm ein Heft der »Revue des Deux-Mondes«, die zwischen einer »Imitation« und einem »Gothaer Almanach« auf dem Tisch lag, kritisierte verächtlich einen berühmten Dichter und erzählte dann, daß er die Vorlesungen von Saint-François besuche. Er klagte über seinen Kehlkopf, schluckte von Zeit zu Zeit eine Pastille, sprach dabei über Musik und spielte den Angenehmen. Mademoiselle Cécile, die Nichte von Monsieur Dambreuse, die an einem Paar Manschetten stickte, sah ihn von unten mit ihren etwas blaßblauen Augen [283] an; und Miß John, die plattnasige Erzieherin, hatte ihre Stickerei fallen lassen; alle beide schienen innerlich auszurufen:

»Wie schön er ist!«

Madame Dambreuse wandte sich zu ihm.

»Reichen Sie mir doch meinen Fächer dort von der Konsole. Sie irren sich, den andern!«

Sie erhob sich; und da er zurückkam, begegneten sie sich mitten im Salon; sie richtete lebhaft einige Worte an ihn, Vorwürfe vermutlich, nach dem hochmütigen Ausdruck ihres Gesichts zu urteilen; Martinon versuchte zu lächeln; dann mischte er sich unter die Versammlung älterer Herren. Madame Dambreuse nahm ihren Platz wieder ein und sagte, sich auf die Lehne ihres Fauteuils stützend, zu Frédéric:

»Ich habe vorgestern jemand gesehen, der von Ihnen gesprochen hat, Monsieur de Cisy; Sie kennen ihn, nicht wahr?«

»Ja ... ein wenig.«

Plötzlich rief Madame Dambreuse:

»Herzogin, o! welch ein Vorzug!« Und sie ging bis zur Tür, einer kleinen alten Dame entgegen, die ein Kleid von hellbraunem Taffet und ein Guipure-Häubchen mit langen Enden trug. Als Tochter eines Gefährten des Grafen von Artois im Exil und Witwe eines Marschalls des Kaiserreichs, der 1830 zum Pair von Frankreich ernannt worden war, hielt sie zum alten wie zum neuen Hof und hatte großen Einfluß. Plaudernde, die dort standen, traten zur Seite und nahmen die Unterhaltung dann wieder auf.

Jetzt war die Rede vom Pauperismus, dessen Schilderungen nach der Meinung der Herren stark übertrieben waren.

»Indessen«, warf Martinon ein, »das Elend besteht, das müssen wir zugeben! Aber das Heilmittel hängt weder von der Wissenschaft noch von der Regierung ab. Es ist eine rein individuelle Frage. Wenn die niederen Klassen [284] sich von ihren Lastern lossagen wollten, würden sich ihre Bedürfnisse verringern. Mag das Volk moralischer sein, dann wird es weniger arm sein!«

Nach der Ansicht von Monsieur Dambreuse war ohne einen Überfluß von Kapital kein Aufstieg zu erreichen. Das einzig mögliche Mittel wäre also, »die Sache des Fortschritts, wie es übrigens auch die Saint-Simonisten wollen (mein Gott, sie hatten ihr Gutes! man muß gegen alle gerecht sein), denen anzuvertrauen, anzuvertrauen, sage ich, die das öffentliche Vermögen vermehren können«. Unmerklich kam man nun auf große industrielle Unternehmungen, Eisenbahnen, die Kohlenfrage. Und Monsieur Dambreuse sagte, zu Frédéric gewendet, ganz leise:

»Sie sind wegen unserer Angelegenheiten nicht gekommen.«

Frédéric schützte eine Krankheit vor; da er aber fühlte, daß die Entschuldigung zu ungeschickt war, fügte er hinzu:

»Überdies brauchte ich mein Geld.«

»Um einen Wagen zu kaufen?« warf Madame Dambreuse ein, die mit einer Tasse Tee in der Hand an ihnen vorüberging; und, den Kopf ein wenig über die Schultern geneigt, betrachtete sie ihn eine Minute.

Sie hielt ihn für den Liebhaber Rosanettes; die Anspielung war deutlich. Frédéric schien es sogar, als blickten von fern alle Damen flüsternd zu ihm hin. Um besser zu sehen, was sie dachten, näherte er sich ihnen nochmals.

An der andern Seite des Tisches blätterte Martinon neben Mademoiselle Cécile in einem Album. Es waren Lithographien, Vorlagen spanischer Kostüme. Er las ganz laut die Unterschriften: »Frau aus Sevilla, – Gärtner aus Valencia, – andalusischer Pikador;« und als er einmal bis ans Ende der Seite kam, fuhr er in einem Atem fort:

»Jacques Arnoux, Herausgeber. – Einer deiner Freunde, nicht?«

»Jawohl,« sagte Frédéric, durch seine Miene verletzt. Madame Dambreuse bemerkte:

»Freilich, Sie kamen ja eines Morgens ... wegen ...[285] eines Hauses, das seiner Frau gehörte.« (Das sollte bedeuten: »Das ist Ihre Geliebte.«)

Er wurde rot bis über die Ohren; und Monsieur Dambreuse, der im selben Augenblick zu ihnen trat, fügte hinzu:

»Sie schienen sich sogar sehr für sie zu interessieren.«

Diese letzten Worte brachten Frédéric gänzlich aus der Fassung. Seine Verwirrung, die man sah, würde, wie er meinte, den Verdacht bestärken. Monsieur Dambreuse sagte, ganz nahe bei ihm, mit ernster Stimme:

»Sie machen doch vermutlich keine Geschäfte mit ihm zusammen?«

Er wies es durch wiederholtes Kopfschütteln von sich, ohne die Absicht des Kapitalisten, der ihm einen Rat geben wollte, zu begreifen. Er hatte Lust, fortzugehen. Die Furcht, feige zu erscheinen, hielt ihn zurück. Ein Diener räumte die Teetassen ab; Madame Dambreuse plauderte mit einem Diplomaten in blauem Rock; zwei junge Mädchen steckten die Köpfe zusammen und betrachteten einen Ring; die anderen, im Halbkreis auf Sesseln sitzend, bewegten leise ihre weißen, von blondem oder schwarzem Haar umrahmten Gesichter; um ihn kümmerte sich niemand. In langen Zickzackwindungen hatte er fast die Tür erreicht, als er im Vorbeigehen auf einer Konsole zwischen einer chinesischen Vase und der Holztäfelung ein zusammengefaltetes Blatt bemerkte. Er zog es ein wenig hervor und las die Worte: »Le Flambard.«

Wer hatte ihn hergebracht? Cisy! Kein anderer augenscheinlich. Was machte es übrigens! Sie würden alle dem Artikel glauben oder glaubten vielleicht bereits daran. Wozu diese Erbitterung?

Eine leise Ironie bemächtigte sich seiner. Er fühlte sich verloren wie in einer Einöde. Aber die Stimme Martinons erhob sich plötzlich:

»Bei Arnoux übrigens fällt mir ein, ich habe unter den Angeklagten des Bomben-Attentats den Namen[286] Sénécal, eines seiner Angestellten, gelesen. Ist das der, den wir kennen?«

»Er ist es,« sagte Frédéric.

Martinon wiederholte sehr laut:

»Wie, unser Sénécal! unser Sénécal?«

Darauf fragte man ihn nach dem Komplott; in seiner Stellung als Hilfsarbeiter bei der Staatsanwaltschaft mußte er Aufschluß darüber geben können.

Er beteuerte, nichts zu wissen. Zudem kenne er den Menschen sehr wenig, habe ihn nur zwei-, dreimal gesehen, er hielte ihn entschieden für einen ziemlich schlimmen Gesellen. Frédéric rief entrüstet:

»Durchaus nicht! er ist ein sehr anständiger Mensch!«

»Aber, mein Herr,« sagte ein Gutsbesitzer, »man ist kein anständiger Mensch, wenn man konspiriert!«

Die meisten der anwesenden Männer hatten wenigstens vier Regierungen gedient; und sie hätten Frankreich verkauft oder die Menschheit, um ihr Vermögen zu sichern, sich ein Unbehagen, eine Verlegenheit zu ersparen oder auch einfach aus Schlechtigkeit, in instinktiver Anerkennung der Macht. Alle erklärten politische Verbrechen für unentschuldbar. Viel eher müßten solche verziehen werden, die aus Not verübt wurden! Und sie verfehlten nicht, das ewige Beispiel des Familienvaters anzuführen, der das ewige Stück Brot bei dem ewigen Bäcker stahl. Ein Administrator rief sogar:

»Ich, mein Herr, wenn ich erführe, daß mein Bruder an einer Verschwörung teilnähme, ich würde ihn denunzieren!«

Frédéric berief sich auf das Recht der Auflehnung; und da er sich einiger Phrasen erinnerte, die ihm Deslauriers gesagt hatte, zitierte er Desolmes, Blackstones, die Rechtsbill in England und den Artikel 2 der Konstitution von 91; auf Grund dieses Gesetzes hatte man sogar die Absetzung Napoleons proklamiert; es war 1830 anerkannt worden, in der Verfassungsurkunde obenan verzeichnet.

[287] »Wenn übrigens der Herrscher wider den Vertrag handelt, will die Justiz, daß er gestürzt werde.«

»Aber das ist abscheulich!« rief die Frau eines Präfekten.

Alle anderen verstummten in vagem Schrecken, als hätten sie das Geräusch der Kugeln schon vernommen. Madame Dambreuse wiegte sich in ihrem Sessel und hörte ihm lächelnd zu.

Ein Industrieller, früherer Carbonaro, versuchte ihm zu beweisen, daß die Orleans eine vornehme Familie seien; sie hätten zwar Fehler ...

»Nun wohl, also?«

»Aber man darf sie nicht nennen, lieber Herr! Wenn Sie wüßten, wie all dieses Gezänk der Opposition den Geschäften schadet!«

»Ich kümmere mich nicht um Geschäfte!« erwiderte Frédéric.

Die niedrige Gesinnung dieser Älteren empörte ihn; und von jener Kühnheit hingerissen, die zuweilen die Schüchternsten überkommt, griff er die Geldleute, die Deputierten, die Regierung, den König an, übernahm er die Verteidigung der Araber und sagte viele Dummheiten. Einige ermutigten ihn ironisch: »Weiter! fahren Sie fort!« indes andere murmelten: »Teufel auch! welche Überspanntheit!« Endlich hielt er es für angemessen, sich zurückzuziehen; und als er ging, sagte Monsieur Dambreuse zu ihm, indem er auf die Sekretärstelle anspielte:

»Noch ist nichts beschlossen! Aber beeilen Sie sich!«

Und Madame Dambreuse sagte:

»Bald auf Wiedersehen, nicht wahr?«

Frédéric fühlte aus ihren Abschiedsworten einen leisen Spott heraus. Er war entschlossen, niemals wieder in dieses Haus zu kommen, mit allen diesen Leuten nicht mehr umzugehen. Er glaubte, sie verletzt zu haben, denn er wußte nicht, welchen hohen Grad von Gleichgültigkeit die Welt besitzt! Die Frauen besonders empörten ihn. Keine einzige, die ihn unterstützt hätte, nicht einmal mit einem Blick. Es [288] ärgerte ihn, daß er nicht verstanden hatte sie aufzurütteln. Und Madame Dambreuse fand er etwas schmachtend und trocken zugleich, das machte es schwer für ihn, sie richtig zu beurteilen. Hatte sie einen Liebhaber? Und welchen? War es dieser Diplomat oder ein anderer? Martinon vielleicht? Unmöglich! Und doch empfand er eine gewisse Eifersucht auf ihn, und ihr gegenüber eine unerklärliche Feindseligkeit.

Dussardier, der an diesem Abend wie gewöhnlich gekommen war, erwartete ihn. Frédéric war schwer ums Herz; er teilte sich ihm mit, und seine Kümmernisse, wenn auch unbestimmt und schwer zu verstehen, betrübten den braven Kommis; Frédéric beklagte sich sogar über seine Einsamkeit. Dussardier schlug etwas zögernd vor, Deslauriers aufzusuchen.

Frédéric ergriff beim Namen des Advokaten das dringendste Bedürfnis, ihn wiederzusehen. Seine geistige Vereinsamung war sehr groß und die Gesellschaft Dussardiers ungenügend. Er überließ es ihm, alles zu verabreden, wie er wollte.

Ebenso empfand Deslauriers seit ihrer Verfeindung eine Lücke in seinem Leben. Er ging ohne Widerstreben auf sein herzliches Entgegenkommen ein.

Beide umarmten sich, und dann begannen sie von gleichgültigen Dingen zu reden.

Die Zurückhaltung Deslauriers rührte Frédéric, und um ihm eine Art Genugtuung zu geben, erzählte er ihm am nächsten Morgen von seinem Verlust der fünfzehntausend Francs, ohne zu sagen, daß diese fünfzehntausend ursprünglich für ihn bestimmt waren. Nichtsdestoweniger zweifelte der Advokat nicht daran. Dieses Mißgeschick, das ihm in seinem Vorurteil gegen Arnoux recht gab, entwaffnete seinen Groll gänzlich, und er sprach nicht wieder von dem alten Versprechen.

Frédéric glaubte, durch sein Schweigen getäuscht, daß er es vergessen hätte. Einige Tage später fragte er ihn, [289] ob es kein Mittel gebe, wieder zu seinem Eigentum zu gelangen.

Man konnte die vorher aufgenommenen Hypotheken beanstanden, Arnoux als Grundstückschwindler angreifen, eine Klage gegen die Frau anstrengen.

»Nein! nein! nicht gegen sie!« rief Frédéric; und auf die Fragen des früheren Schreibers gestand er ihm die Wahrheit. Deslauriers war überzeugt, daß er sie nicht ganz sagte, wahrscheinlich aus Zartgefühl; und dieser Mangel an Vertrauen verletzte ihn.

Trotzdem waren sie befreundet wie ehemals und hatten ein solches Vergnügen daran, wieder beisammen zu sein, daß die Gegenwart Dussardiers sie störte. Unter dem Vorwand einer Verabredung gelang es ihnen allmählich, sich von ihm zu befreien. Es gibt Menschen, die unter den anderen nur die Mission haben, als Vermittler zu dienen; man schreitet über sie hinweg wie über eine Brücke und geht weiter.

Frédéric verbarg nichts vor seinem alten Freunde. Er erzählte ihm von der Kohlen-Affäre und von dem Vorschlag des Monsieur Dambreuse. Der Advokat wurde nachdenklich.

»Das ist merkwürdig! für diese Stellung brauchte man jemand, der beschlagen genug in der Rechtskunde ist!«

»Aber du könntest mir helfen,« erwiderte Frédéric.

»Ja ... wahrhaftig! gewiß!«

In derselben Woche zeigte er ihm einen Brief von seiner Mutter.

Madame Moreau klagte sich an, Monsieur Roque falsch beurteilt zu haben, da er für seine Handlungsweise befriedigende Erklärungen gegeben hätte. Dann sprach sie von seinem Vermögen und der Möglichkeit einer späteren Heirat mit Louise.

»Das wäre vielleicht gar nicht dumm!« sagte Deslauriers.

Frédéric wies es weit von sich; Vater Roque wäre[290] übrigens ein alter Gauner. Das hatte nach der Meinung des Advokaten nichts zu sagen.

Ende Juli trat eine unerklärliche Baisse in den Nordbahn-Aktien ein. Frédéric hatte die seinen nicht verkauft; er verlor mit einem Schlage sechzigtausend Francs. Seine Einkünfte waren dadurch empfindlich vermindert. Er mußte entweder seine Ausgaben einschränken, einen Beruf ergreifen oder eine gute Heirat eingehen.

Da sprach Deslauriers wieder von Mademoiselle Roque. Nichts hinderte ihn, die Verhältnisse einmal selbst anzusehen. Frédéric fühlte sich ein wenig matt; die Provinz und das mütterliche Haus würden ihn auffrischen. Er reiste ab.

Der Anblick der Straßen von Nogent, die er im Mondschein durchschritt, weckte alte Erinnerungen in ihm, und er empfand eine Art bange Furcht wie einer, der nach langen Reisen heimkehrt.

Bei seiner Mutter war alles beim alten geblieben: Die Herren Gamblin, Heudras und Chambrion, die Familie Lebrun, »die Fräulein Auger«; außerdem Vater Roque und Madame Moreau gegenüber an einem Spieltisch, Mademoiselle Louise, die jetzt erwachsen war. Sie erhob sich mit einem Schrei. Alle standen auf. Sie blieb reglos stehen, und die Flammen der vier silbernen Armleuchter auf dem Tisch erhöhten ihre Blässe. Als sie wieder zu spielen begann, zitterte ihre Hand. Diese Erregung schmeichelte Frédéric, dessen Stolz krankhaft war, über alle Maßen; er sagte sich: »Du wirst mich lieben!« Und aus Rache für die Verdrießlichkeiten, die er hatte durchmachen müssen, begann er jetzt, den Pariser zu spielen, den Salon-Löwen, brachte Neuigkeiten über die Theater, erzählte Anekdoten aus der vornehmen Welt, die kleinen Zeitungen entnommen waren, und blendete so seine Landsleute.

Am nächsten Morgen erging sich Madame Moreau über die Eigenschaften Louisens und zählte dann die Wälder [291] und Güter auf, die sie besitzen würde. Das Vermögen Monsieur Roques war beträchtlich.

Er hatte es durch Geld-Anlagen für Monsieur Dambreuse erworben; denn er lieh Personen, die gute hypothekarische Sicherheit bieten konnten, Geld, und das berechtigte ihn, Provisionen zu fordern. Das Kapital lief, dank der sicheren Verwaltung, keine Gefahr. Außerdem schrak der alte Roque niemals vor einer Pfändung zurück; er kaufte dann zu niedrigem Preise die verpfändeten Güter, und da Monsieur Dambreuse seine Gelder eingehen sah, hielt er seine Geschäfte für sehr gut geleitet.

Aber diese nicht gesetzlichen Manipulationen verpflichteten ihn seinem Verwalter gegenüber, dem er nichts abschlagen konnte. Unter diesen Verhältnissen sah er sich auch genötigt, Frédéric so gut aufzunehmen.

In der Tat hegte Vater Roque im Grunde seiner Seele einen Ehrgeiz. Er wollte, daß seine Tochter Gräfin werde; um das zu erreichen, ohne das Glück seines Kindes aufs Spiel zu setzen, wußte er keinen andern jungen Mann als Frédéric.

Durch die Protektion von Monsieur Dambreuse würde man ihm den Titel seiner Vorfahren verschaffen, da Madame Moreau die Tochter eines Grafen von Fouvens und außerdem mit den ältesten Familien der Champagne, wie den Lavernades und d'Etrignys, verwandt war. Was den Namen Moreau anbetraf, so sprach eine gothische Inschrift in der Nähe der Mühlen von Villeneuve-Archevêque von einem Jakob Moreau, der sie im Jahre 1596 wieder aufgebaut hatte; und das Grab seines Sohnes, Pierre Moreau, erster königlicher Stallmeister unter Ludwig XIV., befand sich in der Kapelle Saint-Nicolas.

Soviel Ansehen blendete Monsieur Roque als Sohn eines ehemaligen Bedienten. Wenn die gräfliche Krone nicht zu erlangen war, wollte er sich mit etwas anderem darüber trösten, denn Frédéric konnte Deputierter werden, wenn Monsieur Dambreuse zur Pairswürde erhoben wurde, und ihm dann bei seinen Angelegenheiten helfen, [292] ihm Lieferungen und Konzessionen verschaffen. Der junge Mann persönlich gefiel ihm. Und schließlich wollte er ihn zum Schwiegersohn haben, weil er sich schon seit langem mit dieser Idee trug, die immer fester Wurzel faßte.

Jetzt besuchte er häufig die Kirche; – und er hatte Madame Moreau besonders durch die Hoffnung auf den Titel bestochen. Sie hatte sich indessen gehütet, eine definitive Antwort zu geben.

Acht Tage später galt Frédéric daher, ohne daß eine Verlobung stattgefunden hatte, als »der Zukünftige« von Mademoiselle Louise, und der alte Roque ließ sie unbedenklich öfter allein.

5.

Deslauriers hatte von Frédéric eine Abschrift der Subrogationsurkunde nebst einer wohl formulierten Vollmacht mitgenommen, die ihm freies Verfügungsrecht zuerkannte; doch als er seine fünf Stockwerke erstiegen hatte und in seiner trübseligen Kammer allein in seinem Ledersessel saß, widerte ihn der Anblick der gestempelten Formulare an.

Er war seiner ganzen Umgebung, der Restaurants zu zweiunddreißig Sous, der Fahrten im Omnibus, seiner Armut, seiner Mühen überdrüssig. Er nahm die Papiere nochmals vor, andere lagen dabei; es waren die Prospekte der Kohlengruben-Gesellschaft mit der Liste der Minen und den Einzelheiten ihres Gehaltes, die Frédéric ihm überlassen hatte, um seine Ansicht darüber zu hören.

Ihm kam eine Idee: sich bei Monsieur Dambreuse vorzustellen und um die Stelle des Sekretärs zu bitten. Sicherlich war diese Stellung nicht ohne Ankauf einer gewissen Anzahl von Aktien zu haben. Er erkannte die Torheit seines Vorhabens und sagte sich:

[293] »Nein, nein! das wäre gemein!«

Dann dachte er darüber nach, wie die fünfzehntausend Francs wiederzuerlangen wären. Eine solche Summe galt Frédéric nichts! Aber wenn er sie gehabt hätte, welch ein Hebel wäre das für ihn! Und der ehemalige Schreiber war empört darüber, daß das Vermögen des andern so groß war.

»Er macht einen erbärmlichen Gebrauch davon. Er ist ein Egoist. O, mir liegt nichts an seinen fünfzehntausend Francs!«

Warum hatte er sie verliehen? Wegen der schönen Augen von Madame Arnoux. Sie war seine Geliebte! Deslauriers zweifelte nicht daran. »Das sind auch Dinge, zu denen man das Geld braucht!« Gehässige Gedanken stiegen in ihm auf.

Er dachte an Frédérics Persönlichkeit. Sie hatte immer einen fast weiblichen Reiz auf ihn ausgeübt; und schließlich mußte er ihn wegen eines Erfolges bewundern, dessen er sich nicht fähig fühlte.

Aber ist der Wille nicht das Hauptelement aller Unternehmungen? und da man mit ihm über alles triumphiert ...

»Ah! das wäre spaßhaft!«

Doch er schämte sich dieser Hinterlist, und eine Minute später sagte er sich:

»Ach was, fürchte ich mich denn?«

Er stellte sich Madame Arnoux, von der er so viel hatte reden hören, als etwas Außerordentliches vor. Die Beständigkeit dieser Liebe reizte ihn wie ein Problem. Seine ein wenig theatralische Strenge ärgerte ihn jetzt. Überdies blendete die Frau von Welt (oder was er darunter verstand) den Advokaten als das Symbol und der Inbegriff von tausend ungekannten Freuden. Da er arm war, gelüstete es ihn nach Luxus in seiner äußersten Form.

»Übrigens, falls er sich ärgert, ist das seine Sache! Er hat sich zu schlecht gegen mich benommen, als daß ich mich zu genieren brauchte! Nichts gibt mir die Sicherheit, daß sie seine Geliebte ist! Er hat es geleugnet, also bin ich frei!«

[294] Der Wunsch, sein Vorhaben auszuführen, verließ ihn nicht mehr. Er wollte damit einen Beweis seiner Kraft geben; – darum putzte er plötzlich eines Tages seine Stiefel, kaufte weiße Handschuhe und machte sich auf den Weg, indem er sich an Frédérics Stelle versetzte und sich durch eine gewaltsame Begriffsübertragung, die gemischt war aus Rache und Sympathie, Nachahmung und Kühnheit, fast einbildete, dieser zu sein.

Er ließ sich als »Doktor Deslauriers« melden. Madame Arnoux war erstaunt, da sie keinen Arzt hatte rufen lassen.

»O! Bitte tausendmal um Vergebung! ich bin Doktor der Rechte. Ich komme im Interesse von Monsieur Moreau.«

Dieser Name schien sie zu verwirren.

»Um so besser!« dachte der ehemalige Schreiber; »da sie ihn begehrte, wird sie auch mich wollen!« und die Überzeugung, daß es leichter sei, einen Liebhaber zu ersetzen als einen Ehemann, ermutigte ihn.

Er hatte schon einmal das Vergnügen gehabt, ihr im Justizpalast zu begegnen; er nannte sogar das Datum. Dieses Gedächtnis überraschte Madame Arnoux. Er fuhr mit süßlichem Tone fort:

»Sie hatten doch ... einige Unannehmlichkeiten ... in Geschäften!«

Sie erwiderte nichts, also war es wahr! Er begann von allerlei zu sprechen, von der Wohnung, der Fabrik; dann, als er neben dem Spiegel Bilder bemerkte:

»Ah! Familienporträts wahrscheinlich!«

Ihm fiel das einer alten Frau, der Mutter von Madame Arnoux, auf.

»Sie muß eine vortreffliche Dame sein, ein südlicher Typus.«

Und auf die Einwendung, daß sie aus Chartres sei:

»Chartres, eine hübsche Stadt!«

Er rühmte ihre Kathedrale und ihre Pasteten; dann kam er auf das Bild zurück, in dem er Ähnlichkeiten mit [295] Madame Arnoux fand, und sagte ihr indirekt Schmeicheleien. Sie nahm keinen Anstoß daran. Er faßte Mut und sagte, daß er Monsieur Arnoux seit langem kenne.

»Er ist ein braver Mensch, aber er kompromittiert sich! Mit dieser Hypothek zum Beispiel, diese unglaubliche Unbesonnenheit ...«

»Ja, ich weiß,« sagte sie achselzuckend.

Dieser unfreiwillige Beweis von Verachtung veranlaßte Deslauriers fortzufahren:

»Seine Kaolin-Geschichte mußte eine schlimme Wendung nehmen, Sie wissen es vielleicht nicht, und selbst sein Ruf ...«

Ein Stirnrunzeln unterbrach ihn.

Nun wandte er sich wieder Allgemeinem zu und beklagte die armen Frauen, deren Männer ihr Vermögen vergeuden ...

»Aber es gehört ja ihm, ich selbst besitze nichts!«

»Tut nichts! Man könne nicht wissen ... Eine erfahrene Person könnte helfen.« Er bot sich untertänigst an, übertrieb seine eignen Verdienste und sah ihr durch seine blanken Brillengläser gerade ins Gesicht.

Eine starre Ratlosigkeit kam über sie, doch plötzlich sagte sie:

»Bleiben wir bei der Sache, bitte!«

Er zeigte die Akten.

»Dies ist die Vollmacht Frédérics, ein solches Schriftstück in den Händen eines Gerichtsvollziehers, der mit dem Zahlungsbefehl kommt, nichts ist einfacher: in vierundzwanzig Stunden ...« (Sie blieb reglos, er änderte sein Verhalten.) »Übrigens begreife ich nicht, was ihn veranlaßt, diese Summe zurückzufordern, denn er braucht sie doch schließlich nicht!«

»Aber! Monsieur Moreau hat sich doch immer so gütig gezeigt ...«

»O! gewiß!«

Und Deslauriers begann, ihn zu loben; dann allmählich [296] ihn zu verleumden, er stellte ihn als unzuverlässig, eigensüchtig, als geizig hin.

»Ich glaubte, er wäre Ihr Freund?«

»Das hindert mich nicht, seine Fehler zu sehen. So ist er ... wie soll ich sagen? sehr wenig erkenntlich für das Interesse ...«

Madame Arnoux wandte die Blätter des dicken Heftes um. Sie unterbrach ihn, um sich ein Wort erklären zu lassen.

Er neigte sich über ihre Schulter und so dicht über sie, daß er ihre Wange streifte. Sie errötete; dieses Erröten entflammte Deslauriers; er küßte ihr begehrlich die Hand.

»Was tun Sie, mein Herr?«

Und an die Wand gelehnt, wies sie ihn erzürnt mit einem Blick ihrer großen, schwarzen Augen zurück.

»Hören Sie mich an! Ich liebe Sie!«

Sie brach in lautes Lachen aus, ein schrilles, verzweifeltes, grausames Lachen. Erstickende Wut überkam Deslauriers. Er bezwang sich und bat mit der Miene eines Unterlegenen um Gnade:

»Ach! Sie tun mir unrecht! Ich gehe nicht so weit wie er ...«

»Von wem sprechen Sie denn?«

»Von Frédéric!«

»O! Um Monsieur Moreau kümmere ich mich wenig, wie ich Ihnen schon sagte!«

Dann mit scharfer Stimme und in langgedehnten Sätzen fuhr er fort:

»Ich glaubte sogar, daß Sie sich genügend für seine Person interessierten, um mit Vergnügen zu hören ...«

Sie wurde ganz bleich. Der ehemalige Schreiber fuhr fort:

»Er wird sich verheiraten.«

»Er!«

»In einem Monat oder später, mit Mademoiselle Roque, der Tochter des Verwalters des Monsieur Dambreuse. Er ist allein deswegen nach Nogent gereist.«

[297] Sie legte die Hand aufs Herz, wie von einem schweren Schicksalsschlag erschüttert, aber gleich darauf zog sie an der Klingel. Deslauriers wartete nicht darauf, daß man ihn vor die Tür setzte. Als sie sich wieder umwandte, war er verschwunden.

Madame Arnoux war dem Ersticken nah. Sie trat ans Fenster, um Luft zu schöpfen.

An der andern Seite der Straße, auf dem Trottoir, nagelte ein Packer in Hemdsärmeln eine Kiste zu. Droschken fuhren vorüber. Sie schloß das Fenster und setzte sich wieder. Da die hohen Nachbarhäuser die Sonne absperrten, fiel ein kaltes Licht ins Zimmer. Ihre Kinder waren ausgegangen, nichts regte sich um sie her. Sie fühlte sich unendlich verlassen.

»Er wird sich verheiraten! ist es möglich?«

Und ein nervöses Zittern überlief sie.

»Warum nur? liebe ich ihn denn?« Dann plötzlich:

»Freilich, ich liebe ihn! ... ich liebe ihn!«

Sie schien in eine Tiefe hinabzusinken, die endlos war. Die Uhr schlug drei. Sie vernahm das Verhallen ihrer Schläge. Und sie blieb auf dem Rand ihres Sessels und blickte mit starrem Lächeln vor sich hin. – –

Am selben Nachmittag, im selben Augenblick wandelten Frédéric und Mademoiselle Louise in dem Garten des Monsieur Roque am Ende der Insel. Die alte Cathérine bewachte sie von fern; sie gingen nebeneinander, und Frédéric begann:

»Erinnern Sie sich, wie ich Sie aufs Feld hinaus mitnahm?«

»Wie gut Sie zu mir waren!« erwiderte sie. »Sie halfen mir Kuchen aus Sand formen, meine Gießkanne füllen und schaukelten mich!«

»Was ist aus all Ihren Puppen geworden, die sämtlich Namen von Königinnen und Marquisen hatten?«

»Das weiß ich wirklich nicht!«

»Und Ihr Köter Moricaud!«

»Er ist ertrunken, der Ärmste!«

[298] »Und der ›Don Quichotte‹, dessen Bilder wir zusammen antuschten?«

»Den habe ich noch!«

Er erinnerte sie an den Tag ihrer ersten Kommunion und wie hübsch sie beim Vesper-Gottesdienst ausgesehen hätte mit ihrem weißen Schleier und der großen Wachskerze, als sie alle um den Chor schritten, während die Glocke läutete.

Diese Erinnerungen hatten für Mademoiselle Roque zweifellos wenig Reiz; sie wußte nichts zu antworten, und nach einer Minute sagte sie:

»Sie Bösewicht! mir nicht einmal Nachricht von sich zu geben!«

Frédéric schützte seine vielen Arbeiten vor.

»Was tun Sie denn?«

Die Frage setzte ihn in Verlegenheit, dann sagte er, daß er Politik studiere.

»Ah!«

Und ohne weiter zu fragen fuhr sie fort:

»Das nimmt Sie in Anspruch, aber ich! ...«

Dann erzählte sie ihm die Leere ihres Daseins, da sie niemand besuchen konnte, nicht das geringste Vergnügen, die geringste Zerstreuung hatte! Sie wollte gern reiten!

»Der Vikar behauptet, es sei unschicklich für ein junges Mädchen; wie albern sind diese Schicklichkeitsbedenken! Früher ließ man mich alles tun, was ich wollte; jetzt nichts mehr!«

»Ihr Vater liebt Sie trotzdem!«

»Ja, aber ...«

Sie stieß einen Seufzer aus, der sagen sollte: »Das genügt nicht zu meinem Glück.«

Dann schwiegen sie. Sie vernahmen nichts als das Knirschen des Sandes unter ihren Füßen und das Rauschen des Wasserfalls; denn die Seine teilt sich oberhalb von Nogent in zwei Arme. Der eine, der die Mühlen treibt, ergießt an dieser Stelle die große Überfülle seiner Fluten, um sich weiter unten wieder mit dem natürlichen Flußlauf [299] zu vereinen; und wenn man von der Brücke kommt, bemerkt man rechts am andern Ufer eine Rasenböschung, von einem weißen Hause überragt. Zur Linken ziehen sich Pappeln auf der Wiese hin, und der Horizont gegenüber ist von einer Biegung des Flusses begrenzt; er war glatt wie ein Spiegel; große Insekten schossen über das stille Wasser. Schilf- und Binsengruppen säumten ihn ein, allerlei Arten von eben erblühten Pflanzen entfalteten dort ihre goldenen Knospen, ließen gelbe Dolden herabhängen, streckten Büschel amarantroter Blüten empor und bildeten ein wildes grünes Gewirr. In einer Bucht des Flußufers blühten Seerosen, und eine Reihe alter Weiden, die die Fuchseisen verdeckten, bildeten an dieser Seite die ganze Schutzwehr des Gartens.

Mitten darin schlossen vier mit Schiefer gedeckte Mauern den Gemüsegarten ein, wo eben umgegrabene Erd-Vierecke braune Flecke bildeten. Melonenglocken leuchteten reihenweise auf ihren schmalen Beeten; Artischocken, Bohnen, Spinat, Karotten, Tomaten folgten abwechselnd bis zu einer Spargelpflanzung, die einem kleinen Federwalde glich.

Dieses ganze Terrain war unter dem Direktoire eine Gartenanlage gewesen. Die Bäume waren seitdem übermäßig gewachsen. Klematis überwucherte die Wege, die Alleen waren mit Moos bedeckt und überall wuchs dichtes Brombeergestrüpp. Verstümmelte Statuen zerbröckelten im Grase. Im Gehen verfing man sich in einem Gewirr von Eisendrähten. Von dem Pavillon war nichts geblieben als zwei Zimmer im Erdgeschoß mit Fetzen blauer Tapete. Vor der Fassade dehnte sich ein italienisches Spalier, auf dessen Backsteinpfeilern sich ein Lattengitter mit Weinreben erhob.

Sie standen beide darunter, und da das Licht durch die ungleichen Lücken des Laubes fiel, beobachtete Frédéric, der mit Louise sprach, von der Seite den Schatten der Blätter auf ihrem Gesicht.

In dem Knoten ihres roten Haares steckte eine Nadel mit einer Glaskugel, die einem Smaragd glich; und sie trug [300] trotz ihrer Trauerkleidung (so naiv war ihr schlechter Geschmack), Strohpantoffeln mit rosa Atlas garniert, eine ländliche Kuriosität, die sie wahrscheinlich auf irgendeinem Jahrmarkt erstanden hatte.

Er bemerkte sie und machte ihr spöttische Komplimente darüber.

»Machen Sie sich nicht lustig über mich!« erwiderte sie.

Dann betrachtete sie ihn von oben bis unten, von seinem grauen Filzhut bis herab zu seinen seidenen Strümpfen.

»Wie hübsch Sie sind!«

Darauf bat sie ihn, ihr Werke zum Lesen zu nennen. Er nannte mehrere, und sie sagte:

»O! wie gelehrt Sie sind!«

Ganz klein hatte sie jene Kinderliebe erfaßt, die himmlische Reinheit mit der Heftigkeit einer Leidenschaft vereint. Er war ihr Kamerad gewesen, ihr Bruder, ihr Lehrer, hatte ihren Geist geweckt, ihr Herz erregt und unbewußt in ihrem tiefsten Innern eine geheime Trunkenheit erweckt, die nicht mehr wich. Dann hatte er sie gerade an einem tragischen Wendepunkt verlassen, wo ihre Mutter kaum gestorben war und die Verzweiflung über beides sie erfaßte. Die Abwesenheit hatte ihn in ihrer Erinnerung idealisiert, nun kam er wieder, von einer Art Glorienschein umgeben; sie überließ sich harmlos der Freude, ihn zu sehen.

Zum erstenmal in seinem Leben fühlte Frédéric sich geliebt; und dieses neue Glück, das die Grenzen eines angenehmen Gefühls nicht überschritt, schwellte ihm die Brust, so daß er beide Arme ausbreitete und den Kopf zurückwarf.

Eine schwere Wolke zog am Himmel hin.

»Sie steuert auf Paris zu,« sagte Louise. »Sie möchten ihr wohl gern folgen, nicht wahr?«

»Ich! warum?«

»Wer weiß?«

Sie streifte ihn mit einem scharfen Blick:

»Vielleicht haben Sie dort ... (sie suchte nach dem Wort) irgendeine Neigung?«

»Ich habe keine Neigung!«

[301] »Wirklich?«

»Wirklich, Fräulein Louise, wirklich!«

In weniger als einem Jahre war mit dem jungen Mädchen eine außerordentliche Veränderung vor sich gegangen, die Frédéric überraschte. Nach einer Minute des Schweigens fuhr er fort:

»Wir wollen uns duzen wie früher, wollen Sie?«

»Nein.«

»Warum?«

»Darum! ...«

Er bestand darauf. Sie senkte den Kopf und erwiderte:

»Ich wage es nicht.«

Sie waren bis zum Ufer des Livon am Ende des Gartens gekommen. Frédéric begann aus Übermut Kieselsteine flach auf das Wasser zu werfen. Sie forderte ihn auf, sich zu setzen. Er gehorchte und sagte, indem er den Wasserfall betrachtete:

»Das ist wie der Niagara!«

Er begann von fernen Gegenden und weiten Reisen zu sprechen. Schon der Gedanke daran entzückte sie. Sie würde sich vor nichts fürchten, weder vor Stürmen noch vor Löwen.

Nebeneinander sitzend, nahmen sie händevoll Sand auf und ließen ihn dann während des Plauderns durch die Finger rieseln; – und der heiße Wind, der über die Ebene kam, trug ihnen stoßweise Lavendelduft und den Teergeruch einer Barke hinter der Schleuse herüber. Die Sonne brannte auf die Kaskaden; die grünlichen Blöcke der kleinen Mauer, über die das Wasser floß, lagen wie unter einem Silberflor, der sich beständig aufrollte. Unten fiel ein langer Schaumstreifen im Takt immer wieder zurück. Und es bildeten sich Strudel, Wirbel, tausend Gegenströmungen, die sich schließlich zu einer einzigen Wasserfläche vereinigten.

Louise sagte, daß sie die Fische um ihr Dasein beneide.

»Es muß so wundervoll sein, sich da nach Herzenslust treiben zu lassen, zärtlich vom Wasser umspült.«

[302] Und sie erschauerte unter Bewegungen voll sinnlicher Lässigkeit.

Doch eine Stimme rief:

»Wo bist du?«

»Ihr Mädchen ruft Sie!« sagte Frédéric.

»Gut! gut!«

Louise ließ sich nicht stören.

»Sie wird böse werden,« entgegnete er.

»Das ist mir gleichgültig! und übrigens ...« Sie machte ihm durch eine Gebärde verständlich, daß das Mädchen ihr ganz ergeben sei.

Sie erhob sich jedoch und klagte über Kopfweh. Und als sie an einem großen Schuppen, der Reisig enthielt, vorüberkamen, fragte sie:

»Gangen wir da hinein, zum Spaß?«

Er tat, als verstehe er diese im Dialekt gesprochenen Worte nicht und neckte sie mit ihrer Mundart. Da zog sie die Mundwinkel herab, biß sich in die Lippen und entfernte sich schmollend.

Frédéric holte sie ein, versicherte, daß er sie nicht habe kränken wollen und daß er sie sehr lieb habe.

»Ist das wahr?« rief sie und sah ihn mit einem Lächeln an, das ihr ganzes, ein wenig sommersprossiges Gesicht verklärte.

Er konnte diesem Gefühls-Ausbruch, der Frische ihrer Jugend, nicht widerstehen und erwiderte:

»Warum sollte ich dich belügen? ... zweifelst du daran ... wie?« und legte den linken Arm um ihre Taille.

Ein Schrei, lieblich wie das Girren einer Taube, entrang sich ihrer Kehle; ihr Kopf sank hintenüber und sie wurde ohnmächtig; er stützte sie. Seine zaghaften Bedenken waren unnötig; die Hingabe dieses unberührten Mädchens flößte ihm Furcht ein. Sanft half er ihr einige Schritte weiter. Er hielt seine zärtlichen Worte zurück, wollte nur noch von unbedeutenden Dingen mit ihr reden und sprach von Personen der Nogentiner Gesellschaft.

[303] Plötzlich stieß sie ihn zurück, und mit bitterem Ton rief sie ihm zu:

»Du würdest nicht den Mut haben, mich zu entführen!«

Er blieb reglos mit erstaunter Miene stehen. Sie brach in Schluchzen aus und barg den Kopf an seiner Brust:

»Kann ich denn leben ohne dich?«

Er versuchte, sie zu beruhigen. Sie legte beide Hände auf seine Schultern, um ihm besser ins Gesicht zu sehen, und tauchte ihre grünen, blitzenden Augen in die seinen.

»Willst du mein Mann sein?«

»Aber ...« erwiderte Frédéric, nach einer Antwort suchend. »Natürlich ... mir wäre nichts lieber.«

In diesem Moment tauchte die Mütze von Monsieur Roque hinter einem Fliederbusche auf.

Er nahm seinen »jungen Freund« für zwei Tage auf eine kleine Reise in die Umgegend, auf seine Besitzungen mit; und Frédéric fand, als er zurückkehrte, drei Briefe bei seiner Mutter vor.

Der erste war ein Billet von Monsieur Dambreuse mit der Einladung, am vorhergehenden Dienstag dort zu speisen. Weshalb diese Aufmerksamkeit? Hatte man ihm also seine Kühnheit verziehen?

Der zweite war von Rosanette. Sie dankte ihm dafür, daß er sein Leben für sie aufs Spiel gesetzt hatte; Frédéric verstand anfangs nicht, was sie damit sagen wollte; schließlich, nach vielen Umschweifen, beschwor sie ihn »auf den Knien«, wie sie sagte, indem sie sich auf ihre Freundschaft berief, im Vertrauen auf sein Zartgefühl, in dringender Notwendigkeit und wie man um Brot bittet, ihr mit fünfhundert Francs auszuhelfen. Er beschloß sogleich, sie ihr zu schicken.

Der dritte Brief, der von Deslauriers war, sprach von der Vollmacht und war lang und dunkel. Der Advokat hatte noch keinen Entschluß gefaßt. Er forderte ihn auf, sich nicht stören zu lassen: »Es ist unnötig, daß du zurückkommst!« Er legte sogar mit auffallender Beharrlichkeit Nachdruck darauf.

[304] Frédéric verlor sich in allerlei Vermutungen und hatte Lust, zurückzukehren, denn diese Anmaßung, sein Verhalten zu beeinflussen, empörte ihn.

Außerdem begann das Heimweh nach den Boulevards sich zu regen; und dann drängte ihn seine Mutter zu sehr, Monsieur Roque machte sich so viel um ihn zu schaffen und Louise liebte ihn so innig, daß er nicht länger bleiben konnte, ohne sich zu erklären. Er mußte überlegen und würde die Dinge aus der Ferne besser beurteilen können.

Um seine Reise zu motivieren, erfand er eine Geschichte; er reiste ab und sagte, daß er bald zurückkehren werde, was er selbst auch glaubte.

6.

Seine Rückkehr nach Paris machte ihm keine Freude; es war ein Abend Ende August, der Boulevard schien leer, die Passanten gingen mit verdrossenen Mienen hinter einander her, hier und da rauchte ein Asphaltkessel, an vielen Häusern waren die Jalousien herabgelassen. Er kam nach Haus; Staub bedeckte die Wände; und als er ganz allein aß, wurde Frédéric von einem seltsamen Gefühl der Verlassenheit ergriffen. Da dachte er an Mademoiselle Roque.

Der Gedanke, sich zu verheiraten, schien ihm nicht mehr so außergewöhnlich. Sie würden reisen, nach Italien gehen, nach dem Orient! Und er sah sie vor sich, auf einem Hügel, die Landschaft betrachten, oder auch, auf seinen Arm gestützt, in einer florentinischen Galerie vor den Bildern. Welche Wonne es sein würde, dieses gute, kleine Geschöpf die Herrlichkeiten der Kunst und Natur genießen zu sehen! Fern von ihrer Umgebung, würde sie in kurzer Zeit eine reizende Gefährtin abgeben. Außerdem lockte ihn das Vermögen von Monsieur Roque. Indessen widerstrebte ihm ein solcher Entschluß als eine Schwäche, als seiner unwürdig.

[305] Aber er war fest entschlossen, ein anderes Leben zu beginnen, das heißt, sein Herz nicht mehr an unfruchtbare Leidenschaften zu verlieren, und er zögerte daher, den Auftrag auszuführen, den Louise ihm gegeben hatte. Er bestand darin, bei Arnoux für sie zwei große polychrome Negerstatuetten, wie die auf der Präfektur von Troyes, zu kaufen. Sie kannte das Warenzeichen des Fabrikanten, wollte sie nicht von einem andern. Frédéric aber fürchtete, wenn er zu Arnoux zurückkehrte, noch einmal seiner alten Liebe zu verfallen.

Diese Überzeugungen beschäftigten ihn den ganzen Abend; und er war im Begriff, schlafen zu gehen, als eine Dame eintrat.

»Ich bin es,« sagte lachend Mademoiselle Vatnaz. »Ich komme auf Veranlassung von Rosanette.«

»Sie haben sich also wieder versöhnt?«

»Mein Gott, ja! Ich bin nicht boshaft, das wissen Sie wohl. Übrigens, das arme Mädchen ... Es würde zu lange währen, Ihnen das zu erzählen!«

Kurz, die Marschallin wünsche, ihn zu sehen, sie erwarte eine Antwort, da ihr Brief von Paris nach Nogent gewandert sei. Mademoiselle Vatnaz wußte nicht, was er enthielt. Da erkundigte Frédéric sich nach der Marschallin.

Sie »ging« jetzt mit einem sehr reichen Mann, einem Russen, dem Fürsten Tzernoukoff, der sie im vorigen Sommer bei den Rennen auf dem Champ de Mars gesehen hatte.

»Man hat drei Wagen, ein Reitpferd, Livree, einen Groom in englischem Chic, ein Landhaus, eine Loge in der italienischen Oper, und noch einen Haufen anderer Dinge dazu. Da haben Sie's, mein Lieber.«

Und die Vatnaz sah, als hätte sie einen Vorteil aus diesem Glückswechsel gezogen, viel heiterer und ganz glücklich aus. Sie zog ihre Handschuhe aus und betrachtete die Möbel und Nippsachen im Zimmer. Sie schätzte ihren Preis ab wie ein Trödler. Er hätte sie zu Rate ziehen [306] sollen, um sie billiger zu erhalten; und sie beglückwünschte ihn zu seinem guten Geschmack.

»Ah! das ist allerliebst, außerordentlich hübsch! Nur Sie haben solche Ideen.«

Dann, als sie an einer Seite des Alkovens eine Tür bemerkte:

»Da läßt man die kleinen Mädchen wohl hinaus?«

Und freundschaftlich griff sie ihm unters Kinn. Er zitterte bei der Berührung ihrer langen, mageren und zugleich weichen Finger. Sie hatte einen Spitzenbesatz um das Handgelenk und auf der Taille ihres grünen Kleides Schnüre wie ein Husar. Ihr schwarzer Tüllhut mit herabfallendem Rand verdeckte ein wenig ihre Stirn; ihre Augen leuchteten darunter hervor; ein Duft von Patchouli entströmte ihren Scheiteln; die Lampe auf einem Tischchen beleuchtete sie von unten wie vor einer Theaterrampe und ließ ihre Kinnladen hervortreten; – und plötzlich empfand Frédéric gegenüber dieser häßlichen Frau mit den pantherartigen Bewegungen eine rasende Begierde, ein tierisches Wollustverlangen.

Sie bat mit einer sanften Stimme, indem sie drei Papierzettel aus ihrem Portemonnaie zog:

»Sie werden das doch nehmen?« Es waren drei Plätze für eine Vorstellung zu Delmars Benefiz.

»Wie! er?«

»Gewiß!«

Mademoiselle Vatnaz fügte, ohne weiteres zu erklären, hinzu, daß sie ihn mehr vergöttere denn je. Der Schauspieler gehöre jetzt entschieden zu den »Sternen seiner Zeit«. Und er stellte nicht etwa diese oder jene Persönlichkeit dar, sondern den Genius Frankreichs selbst, das Volk! Er war ein »Menschenfreund, er trat für das Heilige in der Kunst ein!« Um ihre Lobpreisungen nicht mehr anhören zu müssen, gab Frédéric ihr das Geld für die drei Plätze.

»Nicht nötig, daß Sie bei ihr davon sprechen! – Wie spät ist es, mein Gott! Ich muß fort. Ah! ich vergaß die Adresse: Rue Grange-Batelière 14.«

[307] Und auf der Schwelle rief sie ihm zu:

»Adieu, geliebter Mann!«

»Von wem geliebt?« fragte sich Frédéric. »Eine sonderbare Person!«

Und er entsann sich, daß Dussardier ihm eines Tages in bezug auf sie gesagt hatte: »O! es ist nichts Besonderes an ihr,« als spiele er auf wenig ehrenhafte Geschichten an.

Am nächsten Morgen begab er sich zur Marschallin. Sie bewohnte ein neues Haus, dessen Jalousien alle nach der Straße gingen. Auf jedem Treppenabsatz war ein Spiegel an der Wand, ein ländlicher Blumenständer vor den Fenstern, die ganzen Stufen hinauf ein Leinenläufer; und wenn man von draußen kam, erquickte die Kühle des Treppenhauses.

Ein Bedienter öffnete, ein Lakai in roter Weste. Im Vorzimmer warteten auf einer Bank eine Frau und zwei Männer, augenscheinlich Lieferanten, wie im Vestibül eines Ministers. Zur Linken sah man hinter der angelehnten Tür des Speisezimmers leere Flaschen auf dem Büffet, Servietten auf den Stuhllehnen, und rings zog sich eine Galerie hin, an der vergoldete Stäbe ein Rosenspalier stützten. Unten im Hofe putzten zwei Burschen mit nackten Armen einen Landauer. Ihre Stimmen stiegen zugleich mit dem regelmäßigen Geräusch eines Striegels empor, der gegen einen Stein aufstieß.

Der Bediente kam zurück. »Madame lassen den Herrn bitten!« und er führte ihn durch ein zweites Vorzimmer, dann durch einen großen Saal, in gelbem Brokat gehalten, mit gewundenen Schnüren in den Ecken, die sich an der Decke trafen und sich in dem Laubwerk des Kronleuchters fortzusetzen schienen. Man hatte die vorige Nacht augenscheinlich gefeiert. Zigarrenasche war auf den Konsolen liegen geblieben.

Endlich trat er in eine Art Boudoir, das durch farbige Scheiben matt erleuchtet war. In Holz geschnitzte Kleeblattkreuze schmückten die Türgesimse; hinter einer Balustrade ein Diwan mit drei Purpurpolstern, über dem der [308] Schlauch einer Wasserpfeife aus Platina hing. Auf dem Kamin stand anstatt des Spiegels eine pyramidenförmige Etagere, auf deren Absätzen eine ganze Sammlung von Kuriositäten zu sehen war: alte silberne Uhren, böhmisches Glas, Juwelen-Agraffen, Steinknöpfe, Emaillen, Porzellanaffen, eine kleine byzantinische Jungfrau in rot vergoldetem Mantel; und all dies verschmolz in einer goldigen Dämmerung mit dem bläulichen Ton des Teppichs, dem Perlmutterreflex der Taburetts und dem fahlen Ton der Wände, die mit kastanienbraunem Leder bespannt waren. In den Ecken standen auf Sockeln Bronzevasen mit Blumensträußen, die betäubenden Duft ausströmten.

Rosanette erschien in einer Weste aus rosa Atlas, mit weißen Kaschmir-Pantalons, einem Piasterhalsband und rotem Käppchen, das ein Jasminzweig umwand.

Überrascht wandte Frédéric sich um, dann sagte er, daß er »die bewußte Sache« bringe, und überreichte ihr die Banknote.

Sie blickte ihn ganz verdutzt an, und da er den Schein immer noch in der Hand hielt und nicht wußte, wohin er ihn legen sollte, sagte er:

»Nehmen Sie doch!«

Sie tat es und sagte, nachdem sie ihn auf den Diwan geworfen hatte:

»Sie sind sehr liebenswürdig.«

Sie brauchte es, um damit die Jahresrate für ein Grundstück in Bellevue zu bezahlen. Diese Ungeniertheit verletzte Frédéric. Übrigens umso besser! das entschädigte ihn für die Vergangenheit.

»Setzen Sie sich!« sagte sie, »da, näher.« Und in ernstem Ton fuhr sie fort: »Vor allem, mein Lieber, habe ich Ihnen dafür zu danken, daß Sie Ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt haben.«

»O! das ist nichts!«

»Es war aber sehr schön!«

Und die Marschallin bezeigte ihm eine Dankbarkeit, die ihm peinlich war; denn sie mußte glauben, daß er sich ausschließlich [309] für Arnoux geschlagen hatte, der es sich jedenfalls einbildete, als er dem Verlangen, es zu erzählen, nachgab.

»Vielleicht macht sie sich über mich lustig,« dachte Frédéric.

Er hatte nun nichts weiter zu tun, schützte eine Verabredung vor und erhob sich.

»Ach nein. Bleiben Sie!«

Er setzte sich wieder und machte ihr Komplimente über ihr Kostüm.

Sie erwiderte mit niedergeschlagener Miene:

»Ich tue es, weil der Fürst mich so liebt! Und ich muß aus solchen Maschinen rauchen,« fügte Rosanette hinzu, indem sie auf die Wasserpfeife deutete. »Ob wir es einmal versuchen? Wollen Sie?«

Es wurde Feuer gebracht; aber da der Tabak sich schwer entzündete, stampfte sie vor Ungeduld mit den Füßen. Dann überkam sie eine Mattigkeit, und mit einem Kissen unter der Achselhöhle, den Körper ein wenig gedreht, ein Knie gebogen, das andere Bein ganz gerade, saß sie unbeweglich auf dem Diwan. Die lange saffianrote Schlange, die Ringe auf dem Boden bildete, rollte sich an ihrem Arm zusammen. Sie drückte das Bernstein-Mundstück an die Lippen und blickte Frédéric mit halbgeschlossenen Lidern durch den Rauch an, der ihn in Wolken einhüllte. Ihre Atemzüge machten das Wasser gurgeln, und sie murmelte von Zeit zu Zeit:

»Der arme kleine Kerl! armer Kerl!«

Er versuchte, einen angenehmen Unterhaltungsstoff zu finden; die Vatnaz fiel ihm ein. Er sagte, daß sie ihm sehr elegant vorgekommen wäre.

»Das will ich meinen! O! die ist sehr froh, mich zu haben!« erwiderte die Marschallin, ohne ein Wort hinzuzufügen, so wortkarg waren sie in ihrem Gespräch.

Alle beide empfanden einen Zwang, ein Hemmnis. In der Tat hatte das Duell, dessen Ursache Rosanette sich glaubte, ihrer Eigenliebe geschmeichelt. Dann war sie sehr erstaunt gewesen, daß er nicht herbeieilte, um seine Handlungsweise [310] auszunutzen; und um ihn zum Wiederkommen zu zwingen, hatte sie die Schuld von fünfhundert Francs erfunden. Wie kam es, daß Frédéric als Lohn nicht ein wenig Zärtlichkeit forderte! Es war ein Raffinement, das sie aufs höchste verwunderte, und in einer Herzensregung sagte sie:

»Wollen wir zusammen ins Seebad gehen?«

»Wer sind wir?«

»Ich und mein Alter; ich führe Sie als meinen Vetter ein, wie in den alten Komödien.«

»Danke sehr!«

»Sie nehmen dann eine Wohnung in unserer Nähe.«

Der Gedanke, sich vor einem reichen Mann zu verstecken, schien ihm erniedrigend.

»Nein! das ist unmöglich!«

»Wie Sie wollen!«

Rosanette wandte sich mit einer Träne an den Wimpern ab. Frédéric bemerkte es, und um ihr seine Teilnahme zu zeigen, sagte er, daß er sich freue, sie in ausgezeichneter Lage zu sehen.

Sie zuckte die Achseln. Was betrübte sie denn? Ob sie vielleicht nicht geliebt werde?

»O ich, ich werde immer geliebt!« Sie fügte hinzu:

»Es kommt nur darauf an, auf welche Art.«

Indem sie sich beklagte, vor Hitze zu ersticken, öffnete die Marschallin ihre Weste, und ohne ein anderes Kleidungsstück um die Hüften als ihr seidenes Hemd, lehnte sie den Kopf mit der Miene einer Sklavin herausfordernd an seine Schulter.

Ein Mann mit weniger vorsichtiger Überlegung hätte nicht daran gedacht, daß der Vicomte, Monsieur de Comaing oder ein anderer dazwischen kommen könnte. Aber Frédéric war zu oft schon von diesem Blicke getäuscht worden, um sich jetzt einer neuen Demütigung auszusetzen.

Sie wollte seine Verbindungen kennen, seine Vergnügungen; fragte ihn sogar nach seinen Geschäften und [311] bot ihm Geld an, falls er dessen bedurfte. Völlig gleichgültig geworden, nahm Frédéric seinen Hut.

»Also, meine Liebe, viel Vergnügen da unten, auf Wiedersehen!«

Sie sah ihn groß an und sagte dann in trockenem Ton:

»Auf Wiedersehen!«

Er ging durch den gelben Salon und das zweite Vorzimmer zurück. Auf dem Tisch stand zwischen einer Schale mit Visitenkarten und einem Schreibzeug ein ziseliertes, silbernes Kästchen. Es war das von Madame Arnoux! Da überkam ihn eine Rührung und Entrüstung zugleich über diese Profanation. Er hatte Lust, es zu berühren, es zu öffnen, aber er fürchtete, bemerkt zu werden, und ging.

Frédéric blieb standhaft. Er ging nicht wieder zu Arnoux.

Er schickte seinen Diener, die beiden Neger zu kaufen, nachdem er ihm alle notwendigen Weisungen gegeben hatte, und die Kiste ging am selben Abend nach Nogent ab. Am nächsten Morgen, als er sich zu Deslauriers begab, sah er sich an der Ecke der Rue Vivienne und dem Boulevard plötzlich Madame Arnoux gegenüber.

Ihre erste Bewegung war ein Ausweichen; dann trat beiden dasselbe Lächeln auf die Lippen und sie näherten sich einander. Eine Minute lang sprach keiner von beiden.

Sie stand in voller Sonne; – und ihr ovales Gesicht, ihre langen Wimpern, ihr schwarzer Spitzenschal, der sich den Formen ihrer Schultern anschmiegte, ihr Kleid von taubengrauer Seide, das Veilchenbukett an der Seite ihres Hutes, alles schien ihm von unvergleichlicher Pracht. Unendliche Milde strahlte aus ihren schönen Augen, und stotternd kamen die ersten Worte, wie sie ihm gerade einfielen:

»Wie geht es Arnoux?« sagte Frédéric.

»Ich danke!«

»Und Ihren Kindern?«

»Es geht ihnen sehr gut!«

[312] »Ach! – ach! – was für schönes Wetter wir haben, nicht wahr?«

»Sie machen einen Ausgang?«

»Ja!«

Und mit leichter Kopfneigung sagte sie:

»Adieu!«

Sie hatte ihm nicht die Hand gereicht, hatte nicht ein herzliches Wort gesagt, ihn nicht einmal zu sich eingeladen, und dennoch, er hätte diese Begegnung nicht für das schönste Abenteuer hingegeben und genoß die Süßigkeit davon auf seinem ganzen Wege.

Überrascht, ihn zu sehen, verbarg Deslauriers seinen Verdruß, – denn er bewahrte hartnäckig noch einige Hoffnung auf Madame Arnoux; und er hatte Frédéric geraten, fortzubleiben, um freier in seinem Vorhaben zu sein.

Er sagte indessen, daß er sich ihr vorgestellt hätte, um zu erfahren, ob ihr Heiratskontrakt Gütergemeinschaft einschließe: man hätte sich sonst an die Frau halten können; »und sie hat ein drolliges Gesicht gemacht, als ich von deiner Heirat sprach.«

»Wie! welch eine Idee!«

»Es mußte sein, um zu zeigen, daß du dein Geld brauchst! Wenn es ihr gleichgültig gewesen wäre, hätte nicht eine Art Ohnmacht sie befallen.«

»Wahrhaftig?« rief Frédéric.

»Ah! du Halunke, du verrätst dich! Sei aufrichtig! Scherz beiseite!«

Eine namenlose Feigheit ergriff den Verehrer von Madame Arnoux.

»Nicht doch! ... ich versichere dich! ... mein Ehrenwort!«

Dieses schwache Leugnen überzeugte Deslauriers vollends. Er machte ihm Komplimente und bat ihn um »Details«. Frédéric erzählte ihm keine und widerstand sogar der Lust, welche zu erfinden.

Hinsichtlich der Hypothek bat er ihn, nichts zu unternehmen, [313] sondern abzuwarten. Deslauriers fand, daß er unrecht täte und wurde sogar in seinen Ermahnungen ganz brutal.

Er war übrigens finsterer und jähzorniger denn je. Wenn das Glück sich binnen einem Jahre nicht wandte, würde er sich nach Amerika einschiffen oder eine Kugel durch den Kopf schießen. Schließlich geriet er in eine solche Wut gegen alles und in einen so absoluten Radikalismus, daß Frédéric sich nicht enthalten konnte, ihm zu sagen:

»Du bist ja wie Sénécal.«

Bei dieser Gelegenheit sagte ihm Deslauriers, daß dieser aus Sainte-Pélagie entlassen sei, da die Untersuchung nicht genügende Beweise erbracht habe, um ihn zu verurteilen.

Vor Freude über diese Befreiung wollte Dussardier »einen Punsch spendieren« und bat Frédéric »mitzumachen«, indem er ihm jedoch ankündigte, daß er Hussonnet dabei treffen werde, der sich vorzüglich gegen Sénécal benommen hätte.

Tatsächlich hatte der »Flambard« sich neben ein Geschäftsbüro eingerichtet, das sich auf den Prospekten als Winzer-Kontor – Annoncen-Annahmestelle – Auskunfts- und Eintreibungs-Büro und so weiter empfahl. Der Bohémien fürchtete aber, daß seine Tätigkeit seinem literarischen Ansehen Abbruch tun könnte, und hatte den Mathematiker angestellt, um die Bücher zu führen. Obwohl es eine mittelmäßige Stellung war, wäre Sénécal ohne sie verhungert. Da Frédéric den braven Dussardier nicht verletzen wollte, nahm er seine Einladung an.

Schon drei Tage vorher hatte Dussardier die roten Fliesen seiner Dachkammer selber gewachst, den Lehnstuhl geklopft und den Kamin abgestaubt, wo unter einer Glasglocke eine Alabasteruhr zwischen einem Stalaktit und einer Kokosnuß stand. Da seine zwei Leuchter und sein Wachsstock nicht ausreichten, hatte er vom Hausmeister zwei Armleuchter geliehen, und diese fünf Lichtspender leuchteten auf der Kommode, die mit drei Servietten bedeckt war, damit [314] sich Makronen, Biskuits, ein Stollen und ein Dutzend Flaschen Bier besser ausnahmen. Gegenüber enthielt ein kleiner Mahagonibücherschrank an der gelbtapezierten Wand die »Fabeln von Lachambeaudie«, »die Geheimnisse von Paris« und den »Napoléon« von Norvins; – und mitten im Alkoven lächelte in einem Rahmen von Palisander das Antlitz Bérangers!

Die Gäste waren (außer Deslauriers und Sénécal) ein Apotheker, der eben zugelassen war, aber nicht die nötigen Mittel besaß, sich zu etablieren, ein junger Angestellter »seines« Hauses, ein Weinhändler, ein Architekt und ein Versicherungsagent. Regimbart hatte nicht kommen können. Man bedauerte es.

Sie empfingen Frédéric mit großer Sympathie, da alle durch Dussardier sein Auftreten bei Monsieur Dambreuse kannten. Sénécal begnügte sich damit, ihm mit würdiger Miene die Hand zu reichen.

Er stand am Kamin. Die anderen saßen mit der Pfeife im Munde und hörten seine Auseinandersetzung über das allgemeine Wahlrecht an, aus dem sich der Triumph der Demokratie, die Anwendung der Grundsätze des Evangeliums ergeben würde. Übrigens, der Moment komme; die Versammlungen der Reformisten vermehrten sich in den Provinzen; Piemont, Neapel, Toscana ...

»Es ist wahr,« sagte Deslauriers, ihm kurz das Wort abschneidend, »es kann nicht mehr lange so bleiben!«

Er begann, ein Bild der Lage zu entwerfen.

»Wir haben Holland geopfert,« um von England die Anerkennung Louis-Philippes zu erlangen; und diese berühmte englische Allianz sei dank der spanischen Heiraten dahin! In der Schweiz erhalte Guizet im Schlepptau des Österreichers die Verträge von 1815 aufrecht. Preußen mit seinem Zollverein bereite uns Verlegenheiten, und die Orientfrage bleibe noch offen.

»Es ist kein Grund, Rußland zu vertrauen, weil der Großherzog Konstantin Monsieur d'Aumale Geschenke sendet. Was die inneren Zustände betrifft, so hat man [315] niemals soviel Verblendung, soviel Dummheit gesehn! Nicht einmal ihre Majorität hält sich mehr! Überall schließlich die alte Geschichte, nichts! nichts! nichts! und bei soviel Schmach«, fuhr der Advokat, die Fäuste in die Seite stemmend, fort, »geben sie sich zufrieden!«

Die Anspielung auf eine berühmte Abstimmung rief Beifall hervor. Dussardier entkorkte eine Flasche Bier; der Schaum bespritzte die Gardinen, er achtete nicht darauf, er stopfte die Pfeifen, zerschnitt das Gebäck und bot davon an, einige Male war er hinuntergegangen, um zu sehen, ob der Punsch nicht käme. Und alle stimmten überein in dem Haß gegen die Ungerechtigkeit und der Entrüstung über die Regierung, warfen aber berechtigte Beschwerden mit den törichtesten Vorwürfen durcheinander.

Der Apotheker schimpfte über den jammervollen Zustand der Flotte. Der Versicherungsagent wollte die beiden Schildwachen des Marschalls Soult nicht dulden. Deslauriers klagte die Jesuiten an, die sich eben öffentlich in Lille installiert hatten. Sénécal verabscheute Monsieur Cousin; denn der Eklektizismus, der lehrt, aus dem Anerkannten das Wahre zu folgern, entwickele Egoismus und zerstöre die Solidarität; der Weinreisende, der wenig von diesen Materien verstand, bemerkte lärmend, daß er wohl diese Niederträchtigkeit vergesse:

»Der königliche Wagen auf der Nordbahn kostete achtzigtausend Francs! Wer bezahlt das?«

»Ja, wer bezahlt's?« wiederholte der Handlungsgehilfe entrüstet, als hätte man das Geld aus seiner Tasche genommen.

Dann folgten Beschuldigungen gegen die habgierigen Wucherer der Börse und die Korruption der Beamten. Sénécal meinte, man müßte viel höher hinauf und vor allem die Fürsten anklagen, die die Sitten der Regierungszeit Philipps von Orléans wieder aufleben ließen.

»Sahen Sie neulich nicht die Freunde des Herzogs von Montpensier aus Vincennes zurückkommen, berauscht [316] ohne Zweifel, und die Arbeiter des Faubourg Saint-Antoine durch ihre Lieder in Aufruhr bringen?«

»Man schrie sogar: Nieder mit den Dieben!« sagte der Apotheker. »Ich war dabei, ich habe mitgeschrien!«

»Um so besser! das Volk beginnt seit dem Prozeß Teste-Cubières endlich aufzuwachen.«

»Ich bin traurig über diesen Prozeß,« sagte Dussardier, »weil er einen alten Soldaten entehrt.«

»Wissen Sie,« fuhr Sénécal fort, »daß man bei der Herzogin von Praslin entdeckt hat ...«

Plötzlich wurde die Tür mit dem Fuße aufgestoßen. Hussonnet trat ein.

»Seien Sie mir gegrüßt, meine Herren!« sagte er und setzte sich aufs Bett.

Es wurde keine Anspielung auf seinen Artikel gemacht, den er übrigens bereute, denn die Marschallin hatte ihn deswegen tüchtig gescholten.

Er kam aus dem Theater, wo er den »Chevalier de Maison-Rouge« von Dumas gesehen hatte, den er »langweilig« fand.

Ein solches Urteil überraschte die Demokraten, – da dieses Drama durch seine Tendenz, mehr noch durch seine Ausstattung ihren Leidenschaften schmeichelte. Sie widersprachen. Sénécal fragte, um ein Ende zu machen, ob das Stück der Demokratie diene.

»Ja ... vielleicht; aber es hat einen Stil ...«

»Einerlei, es ist also gut; was ist Stil? auf die Idee kommt es an!«

Und ohne Frédéric zu Worte kommen zu lassen, fuhr er fort:

»Ich behauptete also, daß in der Affaire Praslin ...« Hussonnet unterbrach ihn.

»Ah! das ist wieder so abgedroschenes Zeug! Es langweilt mich!«

»Und andere auch!« erwiderte Deslauriers. »Nicht weniger als fünf Zeitungen haben sich dessen bemächtigt! Hören Sie diese Notiz.«

[317] Und nachdem er sein Taschenbuch hervorgezogen hatte, las er:

»Wir haben seit der Gründung der besten der Republiken zwölfhundertneunundzwanzig Preßprozesse überstanden, bei denen sich für die Schriftsteller dreitausend hunderteinundvierzig Jahre Gefängnis nebst der kleinen Summe von sieben Millionen hundertzehntausendfünfhundert Francs Geldstrafen ergaben. – Niedlich, was?«

Alle lachten bitter. Erregt wie die anderen rief Frédéric:

»Die Democratie pacifique hat einen Prozeß wegen ihres Feuilletons, einem Roman mit dem Titel ›Der Anteil der Frauen‹.«

»Sehr gut!« sagte Hussonnet. »Wenn man uns unsern Anteil an den Frauen auch noch verbietet!«

»Aber was wird nicht alles verboten!« rief Deslauriers. »Es ist verboten, im Luxembourg zu rauchen, verboten, die Hymne auf Pius IX. zu singen!«

»Und das Bankett der Buchdrucker wird untersagt!« fiel eine dumpfe Stimme ein.

Es war die des Architekten, der bis jetzt schweigend im Schatten des Alkovens versteckt gesessen hatte. Er fügte hinzu, daß man in der vorigen Woche einen gewissen Rouget wegen Majestätsbeleidigung verurteilt hatte.

»Rouget ist futsch!« sagte Hussonnet.

Diese Äußerung schien Sénécal so unpassend, daß er ihm vorwarf, »den Jongleur des Stadthauses, den Freund des Verräters Dumouriez«, zu verteidigen.

»Ich? Im Gegenteil!«

Er fand Louis-Philippe altmodisch wie einen Nationalgardisten, spießbürgerlich und schlafmützig wie nur einen. Und die Hand aufs Herz drückend, gab der Bohémien diese feierlichen Sätze zum besten: »Immer mit neuem Vergnügen ... – Die polnische Nationalität wird nicht untergehen ... – Unsere großen Werke werden verfolgt ... Gebt mir Geld für meine Kleinen ...« Alle lachten sehr und nannten ihn einen köstlichen Kerl voll Geist; das Vergnügen [318] verdoppelte sich beim Anblick der Punschbowle, die ein Schankwirt brachte.

Die Glut des Alkohols und die der Kerzen machten das Zimmer bald warm; und das Licht der Mansarde, das über den Hof fiel, erhellte gegenüber den Rand eines Daches mit einem Schornstein, der sich schwarz gegen die Nacht abhob. Sie sprachen sehr laut, alle durcheinander; sie hatte ihre Röcke ausgezogen, schlugen auf die Möbel, stießen mit den Gläsern an.

Hussonnet rief:

»Laßt vornehme Damen heraufkommen wie in der›Tour de Nesle‹, Lokalfarbe, rembrandtsch, zum Kuckuck!«

Und der Apotheker, der unaufhörlich den Punsch umrührte, stimmte aus voller Brust an:


»Ich hab' im Stall zwei große Ochsen,

zwei große, weiße Ochsen ...«


Sénécal legte ihm die Hand auf den Mund, er liebte den Lärm nicht; und die Mieter waren, überrascht durch das ungewohnte Gepolter in der Wohnung Dussardiers, schon an ihren Fenstern erschienen.

Der brave Bursche war glücklich und sagte, daß ihn dies an ihre kleinen Abende früher am Quai Napoleon erinnere; mehrere fehlten jedoch, »wie z.B. Pellerin ...«

»Wir können ihn entbehren,« erwiderte Frédéric.

Deslauriers erkundigte sich nach Martinon.

»Was ist aus diesem interessanten Herrn geworden?«

In seinem Groll gegen ihn griff Frédéric alsbald seinen Verstand, seinen Charakter, seine falsche Eleganz, den ganzen Menschen an. Das sei ein echter Typ des emporgekommenen Bauern! Die neue Aristokratie, die Bourgeoisie komme der alten, dem Adel nicht gleich. Die Demokraten stimmten seiner Behauptung bei, – als ob er zu der einen gehörte und sie mit der andern häufig in Berührung kämen. Sie waren entzückt von ihm. Der Apotheker verglich ihn sogar mit Monsieur d'Alton-Shée, der die Sache des Volkes verteidigte, obwohl er Pair von Frankreich war.

Die Stunde des Abschieds war gekommen. Alle[319] trennten sich mit kräftigem Händeschütteln; Dussardier begleitete aus Rührung Frédéric und Deslauriers. Unten auf der Straße schien der Advokat zu überlegen und sagte nach einem Moment des Schweigens:

»Du zürnst Pellerin also sehr?«

Frédéric machte kein Hehl aus seinem Groll.

Allein der Maler hatte das berüchtigte Bild aus dem Schaufenster zurückgezogen. Man müsse sich nicht um solcher Lappalien willen entzweien! Wozu sich einen Feind machen?

»Er hatte einer augenblicklichen Laune nachgegeben, das ist bei einem Menschen, der keinen Sou hat, zu entschuldigen. Du kannst das natürlich nicht begreifen!«

Und da Deslauriers mit heraufgekommen war, ließ der Kommis Frédéric nicht mehr los; er forderte sogar von ihm, daß er das Bild kaufe. Denn Pellerin hatte, als er die Hoffnung aufgeben mußte, ihn einzuschüchtern, die jungen Leute für sich gewonnen, damit Frédéric um ihretwillen das Bild nehme.

Deslauriers fing jetzt wieder davon an. Die Ansprüche des Künstlers seien berechtigt.

»Ich bin sicher, daß mit fünfhundert Francs vielleicht ...«

»Na, meinetwegen! hier, da hast du sie,« sagte Frédéric.

Am selben Abend wurde das Bild gebracht. Es schien ihm noch scheußlicher als das erste Mal. Die Halbtöne und Schatten waren durch zu zahlreiche Retouchen bleiern geworden und schienen im Gegensatz zu den Lichtern, die hier und da hervorleuchteten, zu dunkel.

Frédéric rächte sich durch herben Tadel für den Kauf. Deslauriers stimmte seinen Worten bei, denn er hatte immer noch den Ehrgeiz, eine Vereinigung zu gründen, deren Leiter er sein sollte; gewisse Menschen haben Freude daran, ihre Freunde zu Dingen zu veranlassen, die ihnen unangenehm sind.

Indessen war Frédéric nicht wieder zu den Dambreuses gegangen. Ihm fehlten die Kapitalien. Es wäre zu endlosen [320] Erklärungen gekommen; er schwankte, sich zu entscheiden. Ob er wohl recht tat? Nichts war jetzt sicher, die Sache mit den Kohlengruben ebensowenig wie eine andere; er mußte alles dies aufgeben; schließlich brachte Deslauriers ihn von dem Unternehmen ab. Aus Haß wurde er gerecht, und außerdem liebte er Frédéric mehr in mittelmäßigem Wohlstand. Er wurde so seinesgleichen und im Verkehr viel intimer mit ihm.

Der Auftrag für Mademoiselle Roque war sehr schlecht ausgeführt worden. Ihr Vater teilte es ihm mit, fügte die genaueste Beschreibung bei und schloß seinen Brief mit dem Scherz: »Auf die Gefahr hin, Ihnen eine Negerkrankheit zu verschaffen.«

Frédéric blieb nichts anderes übrig, als wieder zu Arnoux zu gehen. Er ging in das Magazin hinauf und fand niemand. Da das Geschäft einging, nahmen die Angestellten sich die Nachlässigkeit ihres Herrn zum Muster.

Er schritt an dem langen, mit Fayencen beladenen Gestell vorbei, das von einem Ende zum andern die Mitte des Raumes einnahm; dann, hinten vor dem Kontor angelangt, trat er fester auf, um gehört zu werden.

Die Portiere wurde zurückgeschoben und Madame Arnoux erschien.

»Wie, Sie sind hier! Sie!«

»Ja,« stammelte sie ein wenig verstört. »Ich suchte ....«

Er bemerkte ihr Taschentuch auf dem Pult und erriet, daß sie zu ihrem Manne heruntergekommen war, um Rechenschaft zu fordern.

»Aber ... Sie brauchen vielleicht etwas,« sagte sie.

»Eine Kleinigkeit nur.«

»Diese Kommis sind unerträglich; sie sind nie zu finden.«

Man sollte sie nicht tadeln. Im Gegenteil, er beglückwünsche sich zu diesem glücklichen Zufall.

Sie betrachtete ihn ironisch.

»Nun, und die Heirat?«

»Welche Heirat?«

»Ihre!«

[321] »Meine? Nie im Leben!«

Sie machte eine ungläubige Miene.

»Und wenn es übrigens so wäre? Man flüchtet zum Mittelmäßigen, weil man hoffnungslos an dem Schönen verzweifelt, von dem man geträumt!«

»Doch nicht alle Ihre Träume waren wohl so rein!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Wenn Sie mit solchen ›Damen‹ zu den Rennen fahren ...«

Er verwünschte die Marschallin. Eine Erinnerung kam ihm.

»Aber Sie selbst haben mich doch früher gebeten, sie im Interesse Arnoux' zu besuchen!«

Sie erwiderte mit mißbilligendem Kopfschütteln:

»Und Sie benutzten es, sich zu amüsieren.«

»Mein Gott, vergessen wir diese Dummheiten.«

»Das ist richtig, da Sie sich verheiraten wollen!«

Und sie unterdrückte einen Seufzer, indem sie sich in die Lippen biß.

Da rief er aus:

»Aber ich wiederhole Ihnen, daß ich es nicht tue! Können Sie glauben, daß ich mit meinen geistigen Bedürfnissen, mit meinen Gewohnheiten mich in der Provinz begraben würde, um Karten zu spielen, Maurer zu beaufsichtigen und in Holzschuhen zu gehen! Zu welchem Zweck denn? Man hat Ihnen erzählt, daß sie reich ist, nicht wahr? O! ich mache mir aus dem Gelde nichts! Sollte ich, nachdem ich das Schönste, Zarteste, Bezauberndste, ein Paradies auf Erden ersehnt und da ich es endlich fand, dieses Ideal, da diese Vision alles andere in Schatten stellt ...«

Und er nahm ihren Kopf in seine beiden Hände, küßte ihre Lider und wiederholte:

»Nein! nein! nein! niemals werde ich mich verheiraten! nie! nie!«

Da nahm sie überrascht und vor Entzücken erstarrt seine Zärtlichkeit hin.

[322] Die Tür des Magazins an der Treppe fiel zu. Sie fuhr zusammen und blieb mit ausgestreckter Hand stehen, wie um ihm Schweigen zu gebieten. Schritte näherten sich. Dann sagte draußen jemand:

»Ist Madame Arnoux da?«

»Herein!«

Sie stützte den Ellbogen auf den Schreibtisch und rollte gelassen eine Feder zwischen den Fingern, als der Buchhalter die Portiere öffnete.

Frédéric erhob sich:

»Madame, ich habe die Ehre. Das Service wird fertig sein, nicht wahr? ich kann darauf rechnen?«

Sie erwiderte nichts. Aber bei diesem stillschweigenden Einverständnis erglühte ihr Antlitz, als begehe sie einen Ehebruch.

Am nächsten Tage ging er wieder zu ihr, er wurde empfangen; und um seinen Vorteil wahrzunehmen, begann Frédéric sogleich, ohne Umschweife sich wegen der Begegnung auf dem Champ de Mars zu rechtfertigen. Der Zufall allein habe ihn mit dieser Frau zusammengeführt. Er gebe zu, daß sie hübsch sei (was sie eigentlich nicht war), wie könnte sie aber auch nur einen Augenblick seine Gedanken fesssseln, da er eine andere liebte!

»Sie wissen es wohl, ich habe es Ihnen gesagt.«

Madame Arnoux senkte den Kopf.

»Ich bin böse, daß Sie es mir gesagt haben.«

»Warum?«

»Der einfachste Anstand erfordert jetzt, daß ich Sie nicht mehr wiedersehe!«

Er beteuerte die Reinheit seiner Liebe. Die Vergangenheit müsse ihr für die Zukunft bürgen; er habe sich selbst gelobt, ihre Existenz nicht zu zerstören, sie nicht mit Klagen zu bestürmen.

»Doch gestern, da floß mein Herz über.«

»Wir dürfen an diesen Augenblick nicht mehr denken, mein Freund!«

[323] Aber was ist denn Schlimmes daran, wenn zwei arme Wesen ihren Kummer vereinen?

»Denn Sie sind auch nicht glücklich! O, ich kenne Sie, Sie haben niemand, der Ihrem Verlangen nach Zärtlichkeit, nach Hingebung entspricht; ich werde alles tun, was Sie wollen! Ich werde Sie nicht verletzen! ... ich schwöre es Ihnen!«

Und er sank auf die Knie, wider seinen Willen von einer inneren, zu schweren Last niedergedrückt.

»Stehen Sie auf!« sagte sie, »ich will es!«

Und sie erklärte ihm gebieterisch, daß, wenn er nicht gehorche, er sie niemals wiedersehen würde.

»Das werden Sie mir nicht antun!« erwiderte Frédéric. »Was bleibt mir dann auf dieser Welt? Andere streben nach Reichtum und Ruhm und Macht! Ich, ich habe keinen Beruf, Sie allein füllen mein ganzes Wesen aus. Sie sind mein ganzes Glück, das Ziel, der Mittelpunkt meines Daseins, meiner Gedanken. Ich kann ohne Sie nicht leben, ebensowenig wie ohne Himmelsluft! Fühlen Sie denn nicht das Sehnen meiner Seele nach der Ihren, nicht, daß sie sich vereinen müssen, daß ich daran sterbe?«

Madame Arnoux begann an allen Gliedern zu zittern.

»O, gehen Sie, ich bitte Sie darum!«

Der verstörte Ausdruck ihres Gesichts hielt ihn zurück. Dann machte er einen Schritt auf sie zu. Aber sie wich ihm aus, indem sie die Hände faltete.

»Lassen Sie mich! Um Gottes willen! Barmherzigkeit!«

Und Frédéric liebte sie so sehr, daß er ging. Bald zürnte er sich selber, nannte sich einen Dummkopf, und vierundzwanzig Stunden später kam er wieder.

Madame Arnoux war nicht da. Er blieb auf dem Treppenabsatz stehen, außer sich vor Wut und Entrüstung. Arnoux erschien und teilte ihm mit, daß seine Frau an diesem Morgen abgereist sei, um sich in einem kleinen Landhaus einzurichten, das sie in Auteuil gemietet hatten, da sie das in Saint-Cloud nicht mehr besaßen.

[324] »Das ist wieder eine ihrer Launen! Schließlich, wenn es ihr paßt, und mir übrigens auch; umso besser! Essen wir heute abend zusammen?«

Frédéric schützte ein dringendes Geschäft vor, dann eilte er nach Auteuil.

Madame Arnoux entschlüpfte ein Freudenschrei. All sein Groll schwand hin.

Er sprach gar nicht von seiner Liebe. Um ihr mehr Vertrauen einzuflößen, übertrieb er sogar seine Zurückhaltung; und als er fragte, ob er wiederkommen dürfe, antwortete sie: »Aber selbstverständlich!« indem sie ihm die Hand reichte, die sie aber gleich wieder zurückzog.

Von nun an wurden Frédérics Besuche immer häufiger. Er versprach dem Kutscher reiche Trinkgelder. Doch oft machte die Langsamkeit des Pferdes ihn ungeduldig und er stieg aus; dann kletterte er außer Atem in einen Omnibus; und wie musterte er verächtlich die Leute darin, die nicht zu ihr fuhren!

Schon von fern erkannte er ihr Haus an einem mächtigen Caprifolium, das an einer Seite die Dachbalken völlig verdeckte; es war eine Art Schweizerhaus, rot gestrichen, mit einem Balkon ringsum. Im Garten standen drei alte Kastanienbäume, und in der Mitte, auf einer Anhöhe, ein schirmförmiges Strohdach, von einem Baumstamm gehalten. An der Mauer hingen schlecht befestigte Weinranken wie zerfaserte Stricke. Die Glocke am Gitter, ein wenig schwer zu ziehen, läutete lange, und es währte immer eine Weile, ehe geöffnet wurde. Jedesmal empfand er eine Angst, eine unbestimmte Furcht.

Endlich hörte er auf dem Sande die Pantoffeln des Mädchens; oder auch Madame Arnoux selbst zeigte sich. Eines Tages trat er hinter sie, als sie, auf den Rasenplatz gebückt, Veilchen suchte.

Die launische Gemütsart ihrer Tochter hatte sie genötigt, sie ins Kloster zu geben. Ihr Junge verbrachte den Nachmittag in einer Schule, Arnoux frühstückte häufig lange [325] mit Regimbart und dessen Freund Compaing im Palais-Royal. Kein Lästiger konnte sie überraschen.

Es war selbstverständlich, daß sie sich nicht angehören durften. Diese Übereinkunft, die sie vor Gefahr bewahrte, erleichterte ihren Verkehr.

Sie sprach von ihrem früheren Leben in Chartres, bei ihrer Mutter, von ihrer Frömmigkeit bis zu ihrem zwölften Jahre dann von ihrer Musikleidenschaft, wie sie bis in die Nacht hinein in ihrem kleinen Zimmer, von wo aus man die Wälle übersah, gesungen hatte. Er erzählte ihr von seiner Melancholie auf der Schule, und wie an seinem poetischen Himmel ein Frauenantlitz geleuchtet, so deutlich, daß er es, als er sie das erste Mal erblickte, in ihr wiedererkannte.

Diese Gespräche umfaßten gewöhnlich nur die Jahre ihrer Bekanntschaft. Er erinnerte sie an unbedeutende Kleinigkeiten, an die Farbe eines Kleides zu einer bestimmten Zeit, an Personen, die eines Tages gekommen waren, an Worte, die sie zu anderen Malen gesagt hatte; und sie erwiderte, aufs höchste verwundert:

»Ja, ich erinnere mich!«

Ihr Geschmack, ihre Urteile waren die gleichen. Oft rief der, der dem andern zuhörte, aus:

»Ich auch!«

Und der andere wiederholte:

»Ich auch!«

Dann kamen endlose Klagen über die Vorsehung:

»Warum hatte der Himmel es nicht gewollt! Wären wir uns begegnet! ...«

»Ach! wenn ich jünger wäre!« seufzte sie.

»Nein, ich ein wenig älter!«

Und sie stellten sich ein Leben vor, das ausschließlich der Liebe geweiht war, reich genug, um die tiefste Einsamkeit auszufüllen, alle Freuden zu überwiegen, allem Kummer zu trotzen, darin die Stunden in ununterbrochener gegenseitiger Hingabe schwanden, und das strahlend und erhaben war wie das Flimmern der Sterne.

Fast immer hielten sie sich im Freien oben auf dem[326] Altan auf; die herbstlich gilbenden Baumwipfel wölbten sich ungleichmäßig vor ihnen bis zum Rande des blassen Himmels; oder sie gingen auch bis zum Ende der Allee in einen Pavillon, in dem als einziges Möbel ein graues Leinensofa stand. Schwarze Punkte befleckten die Scheiben; die Wände strömten einen Geruch von Schimmel aus! – und sie saßen dort, plauderten mit Entzücken von sich, von anderen, von irgend etwas. Zuweilen fielen die Sonnenstrahlen durch die Jalousien wie Saiten einer Lyra von der Decke bis zum Fußboden, Staubkörnchen wirbelten in den leuchtenden Streifen. Es machte ihr Spaß, sie mit der Hand zu durchschneiden; – Frédéric ergriff sie sanft und betrachtete die verschlungenen Adern, die Poren ihrer Haut, die Form ihrer Finger. Jeder ihrer Finger war für ihn mehr als ein Gegenstand, fast ein Wesen für sich.

Sie schenkte ihm ihre Handschuhe, eine Woche darauf ihr Taschentuch. Sie nannte ihn »Frédéric«, er sie »Marie«, er vergötterte diesen Namen, der, wie er meinte, eigens dazu geschaffen war, in Verzückung hingehaucht zu werden, der, wie mit Rosen bestreut, Wolken von Weihrauch auszuströmen schien.

Sie kamen überein, den Tag seiner Besuche vorher festzusetzen, und indem sie wie zufällig ausging, kam sie ihm auf dem Wege entgegen.

Verloren in der Sorglosigkeit, die ein großes Glück kennzeichnet, tat sie nichts, seine Liebe anzufeuern. Während des ganzen Sommers trug sie ein Hauskleid von brauner Seide, mit Samt von gleicher Farbe besetzt, ein weites Gewand, das gut zu der Weichheit ihrer Bewegungen und dem Ernst ihres Gesichtes paßte. Überdies näherte sie sich dem Spätsommer der Frauen, jener Zeit der Überlegung und Innigkeit zugleich, wo mit Beginn der Reife der Blick ein tieferes Feuer ausstrahlt, die Glut des Herzens sich mit der Lebenserfahrung eint, und wo am Ende seiner Entfaltung das vollkommene Wesen in der Harmonie seiner Schönheit von Reichtum überfließt. Nie war sie anmutiger und milder. In der Sicherheit, sich nicht zu[327] vergessen, überließ sie sich einem Gefühl, auf das sie durch ihren Kummer ein Recht erworben zu haben meinte. Es war überdies so schön, so neu! Welch ein Abgrund zwischen der Derbheit Arnoux' und Frédérics Verehrung!

Er bangte, durch ein Wort alles zu verlieren, was er gewonnen zu haben glaubte, und sagte sich, daß man eine Gelegenheit immer ergreifen, aber eine Dummheit niemals wieder Gut machen könne. Er wünschte, daß sie sich gebe, aber nicht, sie zu nehmen. Die Beteuerung ihrer Liebe entzückte ihn wie ein Vorgeschmack des Besitzes, und dann berührte der Reiz ihrer Persönlichkeit mehr sein Herz als die Sinne. Es war eine unendliche Glückseligkeit, ein solcher Rausch, daß er darüber die Möglichkeit eines absoluten Glückes fast vergaß. Fern von ihr jedoch verzehrte ihn rasende Begierde.

Bald gab es bei ihren Gesprächen lange Pausen des Schweigens. Zuweilen ließ eine sexuelle Scham einen vor dem andern erröten. Alle Vorsicht, ihre Liebe zu verbergen, enthüllte sie immer mehr; je stärker sie wurde, desto zurückhaltender wurde ihr Benehmen. Unter dem Zwang einer solchen Lüge steigerte sich ihr Empfinden. Sie genossen den köstlichen Duft des feuchten Laubes, sie litten unter dem Ostwind, sie kamen ohne Ursache in gereizte Stimmung, hatten düstere Vorahnungen; das Geräusch von Schritten, ein Knacken im Getäfel verursachte ihnen Schrecken, als wären sie Schuldige; sie glaubten sich an einen Abgrund gedrängt; Gewitteratmosphäre umhüllte sie; und wenn Frédéric Klagen entschlüpften, gab sie sich selbst die Schuld.

»Ja, ich tue unrecht! ich bin wie eine Kokette! Kommen Sie nicht mehr!«

Dann wiederholte er dieselben Beteuerungen, die sie jedesmal mit Freuden anhörte.

Ihre Rückkehr nach Paris und die Unruhe des Neujahrsfestes unterbrachen ihre Zusammenkünfte ein wenig. Als er wiederkam, hatte er in seinem Auftreten etwas Kühneres. Sie ging jeden Augenblick hinaus, um Befehle [328] zu erteilen, und empfing trotz seiner Bitten alle Leute, die sie besuchten. Man unterhielt sich dann über Léotade, Monsieur Guizot, den Papst, den Aufstand von Palermo und das Bankett des XII. Arrondissements, das Beunruhigung einflößte. Frédéric entschädigte sich damit, daß er auf die Regierung schimpfte; denn er wünschte, wie Deslauriers einen allgemeinen Umsturz, so verbittert war er jetzt. Madame Arnoux ihrerseits war verstimmt.

Ihr Mann, der zu Extravaganzen neigte, unterhielt eine Fabrikarbeiterin, dieselbe, die man die Bordelaisin nannte. Madame Arnoux selbst teilte es Frédéric mit. Er wollte ihr hierdurch beweisen, daß sie betrogen wurde.

»O, ich kümmere mich nicht darum,« sagte sie.

Diese Erklärung schien ihm ihre Intimität vollkommen zu bestätigen. Argwöhnte Arnoux etwas?

»Nein, jetzt nicht!«

Sie erzählte ihm, daß er sie eines Abends allein gelassen hatte, dann wiedergekommen sei und hinter der Tür gehorcht hatte, wie sie beide über ganz gleichgültige Dinge sprachen; seit dieser Zeit lebte er in voller Sicherheit.

»Mit Recht, nicht wahr?« sagte Frédéric bitter.

»Ja, freilich!«

Sie hätte besser getan, nicht ein solches Wort zu riskieren.

Eines Tages war sie zu der Stunde, da er gewöhnlich kam, nicht zu Haus. Das war für ihn wie ein Verrat.

Er ärgerte sich, daß die Blumen, die er brachte, in ein Glas Wasser gestellt wurden.

»Wo wollen Sie sie denn haben?«

»Ach, nicht dort! Übrigens haben sie es da aber weniger kalt als an Ihrem Herzen.«

Einige Zeit darauf machte er ihr Vorwürfe, daß sie am vorigen Tage in der Italienischen Oper gewesen sei, ohne ihn davon zu benachrichtigen, andere hatten sie gesehen, bewundert, vielleicht geliebt; Frédéric klammerte sich nur an seine Zweifel, um mit ihr zu zanken, sie zu quälen; denn [329] er begann sie zu hassen, und es war wohl nicht zu viel, wenn sie einen Teil seiner Leiden trug!

Eines Nachmittags (gegen Mitte Februar), traf er sie sehr erregt an. Eugène klagte über Halsweh. Zwar hatte der Arzt gesagt, es sei nichts als ein starker Katarrh, eine Grippe. Frédéric war erstaunt über das fieberische Aussehen des Kindes. Nichtsdestoweniger beruhigte er die Mutter, zählte als Beispiel verschiedene kleine Kinder auf, die an ähnlichen Anfällen gelitten und schnell gesund geworden waren.

»Wirklich?«

»Freilich, ganz gewiß!«

»Ach, wie gut Sie sind!«

Und sie reichte ihm die Hand. Er preßte sie in der seinen.

»Ach! Lassen Sie das!«

»Was tut es, es ist doch der Tröster, dem Sie sie reichen! ... Sie glauben mir in diesen Dingen, und Sie zweifeln an mir ... wenn ich Ihnen von meiner Liebe spreche!«

»Ich zweifle nicht daran, mein armer Freund!«

»Warum dieses Mißtrauen, als ob ich ein Elender wäre, fähig, Mißbrauch zu treiben! ...«

»O nein!«

»Wenn ich nur einen Beweis hätte! ...«

»Welchen Beweis?«

»Den man dem ersten besten geben würde, den Sie mir selbst einmal gegeben haben.«

Und er erinnerte sie daran, wie sie einmal an einem Winterabend bei Nebelwetter zusammen ausgegangen waren. Das alles lag jetzt so fern! Wer hinderte sie denn, sich an seinem Arm zu zeigen, vor aller Welt, ohne Furcht von ihrer Seite, ohne Hintergedanken von der seinen, da niemand sie belästigen konnte.

»Es sei!« sagte sie mit einer tapferen Entschiedenheit, die Frédéric zuerst verblüffte. Aber er erwiderte lebhaft:

[330] »Wollen Sie, daß ich Sie an der Ecke der Rue Tronchet und der Rue de la Ferme erwarte?«

»Mein Gott, mein Freund ...« stammelte Madame Arnoux.

Ohne ihr Zeit zur Überlegung zu geben, fügte er hinzu:

»Am nächsten Dienstag, schlage ich vor?«

»Dienstag?«

»Ja, zwischen zwei und drei Uhr!«

»Ich werde dort sein!«

Und beschämt wandte sie ihr Gesicht ab.

Frédéric drückte seine Lippen auf ihren Nacken.

»O! das ist nicht schön,« sagte sie. »Sie zwingen mich, es zu bereuen.«

Er ging aus Furcht vor der bekannten Veränderlichkeit der Frauen. Dann auf der Schwelle murmelte er leise, als spreche er von einer verabredeten Sache:

»Auf Dienstag!«

Sie senkte die Augen, zurückhaltend und resigniert.

Frédéric hatte einen Plan.

Er hoffte, sie in Regen oder Sonnenschein unter einer Tür aufhalten zu können, und einmal in der Tür, würde sie auch ins Haus eintreten. Die Schwierigkeit bestand darin, ein passendes zu finden.

Er machte sich also ans Suchen, und etwa mitten in der Rue Tronchet las er von weitem auf einem Schild: »Möblierte Zimmer.«

Der Diener, der seine Absicht verstand, zeigte ihm im Zwischenstock ein Zimmer und ein Kabinett mit zwei Ausgängen. Frédéric nahm sie für einen Monat und bezahlte im voraus.

Dann ging er in drei Geschäfte, um die seltensten Parfümerien zu kaufen; er verschaffte sich ein Stück unechter Guipure anstatt der furchtbaren rotbaumwollenen Bettdecken und wählte ein Paar blauer Atlas-Pantöffelchen; allein in der Furcht, plump zu erscheinen, beschränkte er seine Einkäufe; er kam damit an, – und andächtiger als man einen Altar schmückt, stellte er die Möbel um, drapierte [331] er selbst die Vorhänge, stellte Ginster auf den Kamin und Veilchen auf die Kommode; er hätte das Zimmer ganz mit Gold pflastern mögen. »Morgen,« sagte er sich, »ja, morgen! ich träume nicht.« Und er fühlte sein Herz unter dem Rausch seiner Hoffnung in harten Schlägen hämmern; dann, als alles bereit war, nahm er den Schlüssel an sich, als könne das Glück, das dort schlief, sonst entfliehen.

Ein Brief seiner Mutter erwartete ihn zu Haus:

»Warum eine so lange Abwesenheit? Dein Betragen beginnt lächerlich zu erscheinen. Ich begreife, daß du anfangs gewissermaßen vor dieser Verbindung gezögert hast; doch überlege dir's!«

Und sie schilderte die Sachlage genau: Fünfundvierzigtausend Francs Rente. Überdies »man sprach davon«, und Monsieur Roque erwartete eine definitive Antwort. »Was die junge Person anbetrifft, so ist ihre Lage wahrhaft mißlich. Sie liebt dich sehr!«

Frédéric warf den Brief hin, ohne ihn zu Ende zu lesen, und öffnete einen andern, ein Billet von Deslauriers:

»Mein lieber Alter.

Die Sache ist reif. Deinem Versprechen gemäß rechnen wir auf dich. Zusammenkunft morgen bei Tagesgrauen, Place du Panthéon. Komme ins Café Soufflot. Ich muß dich vor der Manifestation sprechen.«

»O, ich kenne sie, ihre Manifestationen. Danke schön! ich habe ein angenehmeres Stelldichein.«

Und am folgenden Tage um elf Uhr machte Frédéric sich auf den Weg. Er wollte noch einen letzten Blick auf die Vorbereitungen werfen; denn, wer weiß, sie konnte durch irgendeinen Zufall früher da sein? Als er aus der Rue Tronchet trat, hörte er hinter der Madeleine einen großen Lärm; er ging weiter und bemerkte hinten auf dem Platz zur Linken Arbeiter und Bürger.

In der Tat hatte ein in den Zeitungen veröffentlichtes Manifest alle Teilnehmer der Reformisten an dieser Stelle zusammenberufen. Das Ministerium hatte es unmittelbar darauf durch einen Erlaß verboten. Am gestrigen Abend [332] hatte daher die parlamentarische Gegenpartei darauf verzichtet; aber die Patrioten, die von diesem Beschluß der Führer nichts wußten, waren, von einer großen Menge Neugieriger gefolgt, zu der Zusammenkunft gekommen. Eine Deputation der Hochschulen hatte sich sogleich zu Odillon Barrot begeben. Sie war jetzt im Ministerium des Äußern; und man wußte nicht, ob das Bankett stattfinden würde, ob die Regierung ihre Drohung verwirklichen, die Nationalgarden sich einstellen würden. Man ärgerte sich über die Deputation wie über die Regierung. Die Menge wuchs mehr und mehr an, als plötzlich der Refrain der Marseillaise in der Luft zitterte.

Es war die Kolonne der Studenten, die anlangte. Sie marschierten im Schritt, in zwei Reihen, in bester Ordnung, erregt, mit bloßen Händen, und alle riefen von Zeit zu Zeit:

»Es lebe die Reform! nieder mit Guizot!«

Die Freunde Frédérics waren sicher dabei. Sie würden ihn bemerken und veranlassen, mitzugehen; und er flüchtete sich schnell in die Rue de l'Arcade.

Als die Studenten zweimal um die Madeleine gegangen waren, schritten sie zur Place de la Concorde. Sie war voller Menschen, und die gedrängte Menge glich von fern einem schwarzen, wogenden Ährenfeld.

Im selben Augenblick ordneten sich links von der Kirche Linien-Soldaten zum Angriff.

Die Gruppen blieben indessen auf ihrem Platz. Um ein Ende zu machen, ergriffen Polizeibeamte in Zivil die Widerspenstigen und führten sie gewaltsam auf die Wache. Frédéric blieb trotz seiner Entrüstung stumm; man hätte ihn mit den anderen fortführen können, und er hätte dann Madame Arnoux verfehlt.

Kurz darauf erschienen die Helme der Munizipalgardisten. Sie schlugen mit flachem Säbel um sich. Ein Pferd stürzte; man lief herbei, um ihm Hilfe zu bringen; und als der Reiter wieder im Sattel saß, flohen alle.

Nun trat eine tiefe Stille ein. Der feine Regen, der[333] den Asphalt angefeuchtet hatte, fiel nicht mehr. Die Wolken schwanden, von dem Ostwind weggefegt.

Frédéric durcheilte die Rue Tronchet, indem er vor und hinter sich blickte.

Endlich schlug es zwei Uhr.

»Ah! jetzt!« sagte er sich, »jetzt geht sie von Hause fort, sie kommt,« und eine Minute später: »Sie könnte schon hier sein.« Bis drei Uhr versuchte er ruhig zu sein. »Nein, sie verspätet sich nicht, ein wenig Geduld!«

Und zum Zeitvertreib musterte er die wenigen Läden: eine Buchhandlung, eine Sattlerei, ein Trauer-Magazin. Bald wußte er die Namen aller Werke, aller Ledergeräte, aller Stoffe. Die Kaufleute, die ihn fortwährend hin und her gehen sahen, waren anfangs erstaunt, dann erschrocken und schlossen ihre Schaufenster.

Ohne Zweifel war sie verhindert worden und litt auch darunter. Aber welche Wonne hernach! – Denn sie würde kommen, das war gewiß! »Sie hat es mir doch versprochen!« Allein eine unerträgliche Angst überkam ihn.

In einer unsinnigen Anwandlung ging er wieder ins Hotel zurück, als ob sie dort sein könnte. In demselben Augenblick trat sie vielleicht in die Straße. Er stürzte hin. Niemand! Und wieder begann er auf und ab zu gehen.

Er betrachtete die Spalten im Pflaster, den Ausfluß der Dachrinnen, die Laternen, die Hausnummern über den Türen. Die winzigsten Gegenstände wurden zu Gefährten für ihn oder eher zu spöttischen Zuschauern; und die regelmäßigen Fassaden der Häuser schienen ihm unbarmherzig. Er litt unter der Kälte an den Füßen, fühlte sich erschöpft vor Ermattung, und die rückwirkende Erschütterung seiner Schritte spürte er im Gehirn.

Als er auf seiner Uhr sah, daß es vier war, überkam ihn ein Schwindel, ein Schrecken. Er versuchte, sich Verse zu wiederholen, irgend etwas zu berechnen, eine Geschichte zu ersinnen. Unmöglich! er war besessen von dem Bilde Madame Arnoux'. Am liebsten wäre er ihr entgegengelaufen. [334] Aber welchen Weg wählen, um sich nicht zu verfehlen?

Er hielt einen Dienstmann an, drückte ihm fünf Francs in die Hand und beauftragte ihn, nach der Rue de Paradis zu gehen, zu Jacques Arnoux, um beim Portier zu fragen, ob Madame zu Haus sei. Dann stellte er sich an der Ecke der Rue de la Ferme und der Rue Tronchet auf, so daß er gleichzeitig alle beide übersehen konnte. In der Ferne auf dem Boulevard glitten unruhige Mengen vorüber. Er unterschied zuweilen den Federbusch eines Dragoners oder einen Frauenhut; und er strengte seine Augen an, um sie zu erkennen. Ein zerlumptes Kind, das ein Murmeltier in einem Käfig zeigte, bat ihn lächelnd um ein Almosen.

Der Mann mit der Samtweste erschien wieder. Der Portier hatte sie nicht ausgehen sehen. Was hielt sie zurück? Wenn sie krank wäre, hätte man es gesagt! War es ein Besuch? Nichts leichter, als ihn nicht zu empfangen. Er schlug sich an die Stirn.

»Ach, ich bin dumm! Es war der Aufruhr!« Diese natürliche Erklärung erleichterte ihn. Dann plötzlich sagte er sich: »Aber ihr Viertel ist ruhig.« Und ein abscheulicher Verdacht ergriff ihn. »Wenn sie nicht käme? wenn sie ihr Versprechen nur gab, um mich los zu werden? Nein! nein!« Sicherlich hinderte sie ein außerordentlicher Zufall, eines jener Ereignisse, die jede Voraussicht zunichte machen. In diesem Fall aber hätte sie geschrieben. Und er schickte den Diener aus dem Hotel in seine Wohnung, Rue Rumfort, um zu hören, ob dort kein Brief sei?

Es war kein Brief gebracht worden. Dieses Ausbleiben einer Nachricht beruhigte ihn wieder.

Aus der Zahl der Geldstücke, die er zufällig in die Hand bekam, aus der Physiognomie der Vorübergehenden, der Farbe der Pferde las er Vorbedeutungen; und wenn das Zeichen das Gegenteil verkündete, zwang er sich, nicht daran zu glauben. In seinen Wutanwandlungen gegen Madame Arnoux schalt er sich mit halblauter Stimme. [335] Dann kamen Schwächeanfälle zum Umsinken, und plötzlich wieder erneutes Hoffen. Sie wird kommen. Sie war da, hinter ihm. Er drehte sich um: Nichts! Einmal bemerkte er etwa dreißig Schritt entfernt eine Frau von gleicher Gestalt, in gleichem Kleide. Er holte sie ein; sie war es nicht! Es war fünf Uhr! fünfeinhalb! sechs Uhr! Das Gas wurde angezündet. Madame Arnoux war nicht gekommen.

Sie hatte die vorhergehende Nacht geträumt, daß sie lange auf dem Trottoir der Rue Tronchet ging. Sie erwartete dort etwas Unbestimmtes, doch Bedeutungsvolles, und ohne zu wissen, warum, hatte sie Furcht, bemerkt zu werden. Aber ein verwünschter kleiner Hund, den man auf sie gehetzt, biß sich an dem Saum ihres Kleides fest. Er war ganz darauf versessen und bellte immer lauter. Madame Arnoux erwachte. Das Bellen des Hundes hörte nicht auf. Sie lauschte. Es kam aus dem Zimmer ihres Sohnes. Sie stürzte mit nackten Füßen hinein. Es war das Kind, welches hustete. Es hatte glühende Hände, das Gesicht war rot und die Stimme rauh. Die Atembeschwerden verschlimmerten sich von Minute zu Minute. Sie blieb bis zum Morgen über seine Decke gebeugt, um ihn zu beobachten.

Um acht Uhr kam der Tambour, Monsieur Arnoux zu benachrichtigen, daß seine Freunde ihn erwarteten. Er kleidete sich schleunigst an und ging, indem er versprach, sofort bei ihrem Arzt, Monsieur Colot, vorzusprechen. Als er um zehn Uhr noch nicht gekommen war, schickte Madame Arnoux ihr Mädchen. Der Arzt war verreist, auf dem Lande, und der junge Mann, der ihn vertrat, war fortgegangen.

Eugène hielt den Kopf seitwärts auf dem Kopfkissen; er zog die Brauen empor und die Nasenflügel weiteten sich, sein armes kleines Gesichtchen wurde fahl in den Betttüchern; und aus seinem Kehlkopf kam bei jedem Atemzug ein immer kürzeres, trockeneres und metallisches Pfeifen. Sein Husten glich dem Geräusch jenes barbarischen Mechanismus, der künstliche Hunde zum Bellen bringt.

[336] Madame Arnoux erschrak. Sie stürzte zur Klingel und schrie um Hilfe.

»Einen Arzt! einen Arzt!«

Zehn Minuten später erschien ein alter, wohlgestalteter Herr in weißer Krawatte mit grauem Backenbart. Er stellte viele Fragen über die Gewohnheiten, das Alter und die Gemütsart des kleinen Kranken, untersuchte dann seinen Hals, legte den Kopf an seinen Rücken und schrieb eine Verordnung. Die gelassene Miene des Mannes war unerträglich. Sie hätte ihn schlagen mögen. Er sagte, daß er abends wiederkommen würde.

Bald fingen die schrecklichen Hustenanfälle wieder an. Zuweilen richtete das Kind sich plötzlich auf. Konvulsivische Zuckungen erschütterten seinen Brustkorb, und beim Atmen höhlte sein Leib sich nach innen, als ersticke er, wie nach zu starkem Laufen. Dann fiel der Kopf mit weit offenem Munde zurück. Mit unendlicher Vorsicht versuchte Madame Arnoux ihm den Inhalt der Flaschen, Brechwurzelsirup und einen anderen Trank, einzuflößen. Aber mit schwacher Stimme stöhnend, stieß er den Löffel zurück. Man hätte meinen können, er hauche die Worte.

Von Zeit zu Zeit las sie die Verordnung wieder durch. Der Inhalt des Rezepts beunruhigte sie; vielleicht hatte der Apotheker sich geirrt! Ihre Ohnmacht brachte sie zur Verzweiflung. Dann kam der Assistent des Doktors.

Es war ein junger Mann von bescheidenen Manieren, neu in seinem Beruf, der seine Erregung nicht verbarg. Er war anfangs unentschieden, aus Furcht, sich zu kompromittieren, und verordnete schließlich Eisumschläge. Es währte lange, das Eis herbeizuschaffen. Die Blase, die das Eis enthielt, barst. Das Hemd mußte gewechselt werden. Diese Störung verursachte einen noch schrecklicheren Anfall.

Das Kind riß sich das Zeug vom Halse, wie um das Hindernis, das es erstickte, zu entfernen, und es kratzte an den Wänden, griff in die Vorhänge seines Bettes, als wolle es einen Stützpunkt suchen, um atmen zu können. [337] Sein Gesicht war jetzt bläulich, und der ganze Körper, feucht von kaltem Schweiß, schien abgemagert. Seine verstörten Augen hefteten sich angstvoll auf seine Mutter. Es schlang die Arme um ihren Hals, klammerte sich verzweifelt daran fest; und ihr Schluchzen erstickend, stammelte sie zärtliche Worte.

»Ja, mein Liebling, mein Engel, mein Schatz!«

Dann kamen Momente der Ruhe. Sie holte Spielzeug, einen Hanswurst, ein Bilderbuch, und breitete alles auf dem Bette aus, um ihn zu zerstreuen. Sie versuchte sogar zu singen.

Sie begann ein Lied, das sie ihm früher vorgesungen hatte, wenn sie ihn beim Wickeln auf ebendemselben gestickten Stühlchen einwiegte. Aber er zitterte am ganzen Körper wie Wasser unter einem Windstoß; seine Augäpfel quollen hervor; sie glaubte, er liege im Sterben und wandte sich ab, um es nicht zu sehen.

Einen Augenblick später fand sie die Kraft, ihn anzusehen. Er lebte noch. Die Stunden gingen hin, schwer, dumpf, endlos, voll Verzweiflung; und sie zählte nur noch die Minuten des fortschreitenden Todeskampfes. Die Erschütterungen seiner Brust warfen ihn nach vorn, als wollten sie ihn zerbrechen; schließlich brach er etwas Seltsames aus, das einer Pergamentröhre glich. Was war das? Sie glaubte, er hätte ein Stück seiner Eingeweide hergegeben. Aber er atmete tiefer, regelmäßig. Dieses anscheinende Wohlbefinden erschreckte sie mehr als alles übrige; sie stand wie versteinert, mit herabhängenden Armen, starren Augen, als Monsieur Colot eintrat. Das Kind war seiner Meinung nach gerettet.

Sie begriff es anfangs nicht und ließ sich den Satz wiederholen. War es nicht nur ein Trost, wie er bei Ärzten üblich ist? Der Doktor ging mit ruhiger Miene fort. Da war ihr, als würden die Stränge gelöst, die ihr Herz zusammenschnürten.

»Gerettet! Ist es möglich?«

Plötzlich stand ihr Frédéric klar und unerbittlich vor [338] Augen. Das war eine Warnung der Vorsehung. Aber der Herr hatte sie in seiner Gnade nicht zu hart strafen wollen! Welche Buße später, wenn sie in dieser Liebe verharrte! Ohne Zweifel würde man den Sohn ihretwegen beschimpfen; und Madame Arnoux sah ihn als jungen Mann in einem Duell verwundet, sterbend auf einer Bahre hergebracht. Plötzlich stürzte sie auf die Knie; und mit einem Aufwand ihrer innersten Seelenkraft bot sie Gott von ganzem Herzen das Opfer ihrer ersten Leidenschaft, ihrer einzigen Schwäche, als Sühne dar. – –

Frédéric war nach Haus zurückgegangen. Er setzte sich in seinen Sessel, selbst zu kraftlos, sie zu verurteilen. Eine Art Schlaf überkam ihn; und durch seinen quälenden Traum vernahm er das Fallen des Regens, glaubte noch immer dort auf dem Trottoir zu stehen.

Am folgenden Tage sandte er in einem letzten Anfall von Feigheit einen Boten zu Madame Arnoux.

Sei es nun, daß der Savoyarde die Bestellung nicht ausrichtete, oder daß sie zu vielerlei zu sagen hatte, um sich mit einem Wort zu erklären, es kam keine Antwort. Diese Rücksichtslosigkeit ging zu weit! Eine stolze Entrüstung ergriff ihn. Er schwor sich selbst, kein Verlangen mehr zu haben; und wie ein Blatt, vom Sturm davongetragen, schwand seine Liebe. Er empfand zuerst eine Erleichterung, eine stoische Freude, dann das Verlangen nach ungestümer Betätigung; und er ging aufs Geratewohl auf die Straße.

Vorstadtleute, mit Flinten und alten Säbeln bewaffnet, kamen vorüber, einige trugen rote Mützen, und alle sangen die »Marseillaise« oder »les Girondins«. Hier und da eilte ein Nationalgardist vorüber, sein Quartier zu erreichen. Trommeln waren von fern zu hören. Man schlug sich am Tor Saint-Martin. In der Luft lag etwas Mutwilliges, Kriegerisches. Frédéric schritt immer weiter. Die Unruhe der großen Stadt stimmte ihn heiter.

Auf der Höhe von Frascati bemerkte er die Fenster der Marschallin; eine tolle Idee kam ihm, ein jugendlicher Übermut. Er überschritt den Boulevard.

[339] Der Torweg wurde geschlossen; und Delphine, die Kammerfrau, im Begriff, mit Kohle daraufzuschreiben: »Waffen abgegeben!« sagte lebhaft zu ihm:

»Ach! Madame ist in einem schönen Zustand! Sie hat heute morgen ihren Groom fortgeschickt, der sie beschimpfte. Sie glaubt, daß überall geplündert wird! Sie vergeht vor Angst! umsomehr, als der Herr verreist ist!«

»Welcher Herr?«

»Der Fürst!«

Frédéric trat in das Boudoir. Die Marschallin erschien im Unterrock, das Haar aufgelöst im Rücken und ganz fassungslos.

»Ach! Du kommst mich zu retten! das ist das zweite Mal! aber du forderst niemals deinen Lohn!«

»Verzeihung!« sagte Frédéric und umfaßte sie mit beiden Händen.

»Wie? was tust du?« stammelte die Marschallin, über seine Art überrascht und belustigt zugleich.

Er erwiderte:

»Ich mache die Mode mit, ich reformiere mich.«

Sie ließ sich auf den Diwan niederfallen und fuhr fort, unter seinen Küssen zu lachen.

Sie verbrachten den Nachmittag damit, von ihren Fenstern das Volk auf der Straße zu betrachten. Dann führte er sie zum Diner in die Trois-Frères-Provençaux. Das Mahl währte lange. Sie gingen zu Fuß zurück, da kein Wagen zu haben war.

Bei der Nachricht eines Ministerwechsels hatte Paris sich verändert. Alle Welt war voll Freude; Spaziergänger bewegten sich hin und her, und Lampions in jedem Stockwerk verbreiteten eine Helle wie am lichten Tage. Die Soldaten kehrten langsam, erschöpft und mit niedergeschlagener Miene in ihre Kasernen zurück. Man begrüßte sie mit dem Ruf: »Es lebe die Linie!« Aber sie gingen weiter, ohne zu antworten. Die Offiziere der Nationalgarde dagegen schwangen glühend vor Begeisterung ihre Säbel und schrien laut: »Es lebe die Reform!« und dieses Wort brachte [340] die beiden Liebenden jedesmal zum Lachen. Frédéric scherzte übermütig, er war sehr munter.

Durch die Rue Duphot gelangten sie auf die Boulevards. Venetianische Laternen an den Häusern bildeten Feuergirlanden. Ein wirres Gewühl bewegte sich darunter; inmitten dieser Schatten blitzten an manchen Stellen die blanken Bajonette auf. Ein großes Getöse erhob sich. Die Menge war zu dicht, ein Umkehren unmöglich; und sie bogen in die Rue Caumartin ein, als plötzlich hinter ihnen ein Lärm entstand, ähnlich dem kreischenden Ton eines ungeheuren Stückes Seide, das auseinandergerissen wird. Es war das Knattern der Gewehre auf dem Boulevard des Capucines.

»Ach! man erschießt ein paar Bürger,« sagte Frédéric gelassen, denn es gibt Situationen, in denen der gutmütigste Mensch von allem so losgelöst ist, daß er einen Menschen ohne Herzklopfen sterben sehen könnte.

Die Marschallin klammerte sich zähneklappernd an seinen Arm. Sie erklärte sich unfähig, noch zwanzig Schritte weiter zu gehen. Da führte er sie in einem heimtückischen Haß und um Madame Arnoux in seinem Herzen noch mehr zu verletzen, in das Hotel in der Rue Tronchet, in das Zimmer, das für die andere hergerichtet war.

Die Blumen waren noch nicht verblüht. Die Guipure war über das Bett gebreitet. Er nahm die kleinen Pantoffeln aus dem Schrank. Rosanette fand diese Aufmerksamkeit sehr zart.

Gegen ein Uhr erwachte sie durch ein fernes Rollen; und sie sah ihn schluchzen, den Kopf in den Kissen vergraben.

»Was hast du denn, mein Lieber?«

»Es ist das Übermaß des Glücks,« sagte Frédéric. »Ich habe dich zu lange begehrt!«

Dritter Teil

1.

Der Lärm eines Gewehrfeuers riß ihn jäh aus seinem Schlaf; und trotz der inständigen Bitten Rosanettes wollte Frédéric durchaus fort, um nachzusehen, was vorging. Er schritt die Champs-Elysées hinunter, von wo die Schüsse gekommen waren. An der Rue de Saint-Honoré begegneten ihm Arbeiter und riefen:

»Nein! nicht dort! im Palais-Royal!«

Frédéric folgte ihnen. Man hatte die Gitter von l'Assomption niedergelassen. Weiterhin bemerkte er drei Haufen von Pflastersteinen in der Mitte der Straße, der Beginn einer Barrikade ohne Zweifel, dann Flaschenscherben und Ballen von Eisendraht, um die Berittenen abzusperren, als plötzlich aus einem Gäßchen ein langer, blasser junger Mensch stürzte, dessen schwarzes Haar, von einem farbig getupften Band zusammengehalten, über seine Schultern floß. Er hielt ein langes Soldaten-Gewehr und lief, einem Nachtwandler gleich und geschmeidig wie ein Tiger, auf den Zehen. Von Zeit zu Zeit hörte man eine Detonation.

Am vorhergehenden Abend hatte der Anblick des Wagens mit fünf Leichen, die mit anderen von dem Boulevard des Capucines fortgeschafft worden waren, die Haltung des Volkes verändert; und während in den Tuilerien die Adjutanten einander folgten, Monsieur Molé, der ein neues Kabinett bilden sollte, nicht zurückkehrte, Monsieur Thiers versuchte, ein anderes zusammenzubringen, der König chikanierte, zauderte, dann Bugeaud das General-Kommando übergab und ihn zugleich hinderte, es auszuüben, [342] gestaltete sich der Aufstand furchtbar, wie durch einen einzigen Arm geleitet. Männer von frenetischer Beredsamkeit hielten an den Straßenecken Ansprachen an das Volk; andere läuteten in den Kirchen mit aller Kraft die Sturmglocke; man goß Kugeln, rollte Patronen; die Bäume der Boulevards, die öffentlichen Bedürfnisanstalten, Bänke, Gitter, Gasbrenner, alles wurde abgerissen, umgestürzt. Paris war am Morgen mit Barrikaden bedeckt. Der Widerstand hielt nicht vor, überall griff die Nationalgarde ein, – so daß das Volk sich um acht Uhr gütlich oder mit Gewalt in Besitz von fünf Kasernen, fast aller Mairien, der sichersten strategischen Punkte gesetzt hatte. Ganz von selbst, ohne den leisesten Anstoß sank die Monarchie in rapider Auflösung in sich zusammen; und jetzt wurde der Posten von Château-d'Eau angegriffen, um fünfzig Gefangene zu befreien, die gar nicht dort waren.

Frédéric war gezwungen, am Eingang des Platzes stehen zu bleiben. Bewaffnete Gruppen füllten ihn, Linientruppen besetzten die Straßen Saint-Thomas und Fromanteau. Eine enorme Barrikade versperrte die Rue de Valois. Der Rauch, der über der Schanze schwebte, zerteilte sich, Männer mit lebhaften Geberden stiegen hinüber und verschwanden; dann begann die Beschießung wieder. Der Posten erwiderte sie, ohne daß man im Innern jemand erblickte; die Fenster, durch Eichenläden geschützt, waren von Geschossen durchlöchert; und das Gebäude mit seinen zwei Stockwerken, seinen beiden Flügeln, seiner Fontäne und der kleinen Tür in der Mitte bedeckte sich unter dem Anprall der Kugeln allmählich mit weißen Flecken. Die Freitreppe von drei Stufen blieb leer.

Neben Frédéric stritt ein Mann in der Freiheitsmütze, die Patronentasche quer über seiner gestrickten Weste, mit seiner Frau, die ein Tuch auf dem Kopfe trug. Sie sagte zu ihm:

»So komm doch zurück! komm doch!«

»Laß mich in Ruhe!« erwiderte der Mann. »Du kannst die Loge gut allein überwachen. Ich frage Sie,[343] Citoyen, ist das richtig? Ich habe überall meine Pflicht getan, 1830, 32, 34 und 39! Heute kämpft man! Ich muß mitkämpfen! – Geh!«

Und die Hausmeisterin gab schließlich seinen und den Vorstellungen eines etwa vierzigjährigen Nationalgardisten neben ihnen nach, dessen gutmütiges Gesicht von einem blonden Bart umrahmt war. Er lud seine Waffe und schoß, indem er sich ruhig mit Frédéric unterhielt, so gelassen mitten in dem Aufruhr wie ein Gärtner in seinem Garten. Ein junger Mann in grober Leinwandschürze schmeichelte ihm Zündhütchen für seine Flinte, einen schönen Jagd-Karabiner ab, den ein Herr ihm gegeben hatte.

»Halte dich hinter mir,« sagte der Bürger, »und verbirg dich, du wirst dich töten lassen!«

Die Trommeln wirbelten zum Sturm. Gellende Schreie und triumphierende Hurras ertönten. Ein ununterbrochenes Gewoge hielt die Menge in Bewegung. Zwischen zwei feste Massen geklemmt, überdies außerordentlich gefesselt und belustigt, rührte Frédéric sich nicht von der Stelle. Verwundete, die fielen, Tote, die hingestreckt lagen, sahen gar nicht wie wirklich Verwundete, wirklich Tote aus. Er meinte, einem Schauspiel beizuwohnen.

Mitten im Gewühl über den Köpfen bemerkte man einen Greis in schwarzer Kleidung auf weißem Pferde mit Samtsattel. In einer Hand hielt er einen grünen Zweig, in der andern ein Papier, das er beständig schwenkte. Schließlich, als er es aufgeben mußte, gehört zu werden, zog er sich zurück.

Die Linientruppe war verschwunden und die Munizipalgardisten blieben allein zurück, um die Posten zu verteidigen. Eine Menge Unerschrockener stürmte die Freitreppe; sie stürzten, andere kamen; und das Tor dröhnte, von den Stößen der Eisenstangen erschüttert, aber die Polizei wich nicht. Nun wurde ein Heuwagen, der wie eine Riesenfackel brannte, an die Mauer gezogen. Schnell trug man Reisig, Stroh und eine Branntweintonne herbei. Das Feuer stieg an den Steinen empor; das Gebäude fing an zu qualmen [344] wie eine Schwefelgrube, und oben zwischen den Balustraden der Terrasse drangen mächtige Flammen mit prasselndem Geräusch hervor. Das erste Stockwerk des Palais-Royal hatte sich mit Nationalgardisten gefüllt. Aus allen Fenstern des Platzes wurde geschossen, die Kugeln pfiffen, das Wasser der geborstenen Fontaine mischte sich mit dem Blut und bildete Lachen auf dem Boden; man glitt in dem Schmutz auf Kleidern, Tchakos und Waffen aus; Frédéric fühlte etwas Weiches unter seinem Fuß; es war die Hand eines Sergeanten in grauer Kapuze, der mit dem Gesicht im Rinnstein lag. Fortwährend langten neue Volksmengen an und drängten die Kämpfenden an den Posten heran. Das Schießen wurde heftiger. Die Weinkneipen waren geöffnet; man ging von Zeit zu Zeit hinein, um eine Pfeife zu rauchen oder einen Schoppen zu trinken, dann kehrte man zum Kämpfen zurück. Ein verlaufener Hund heulte. Das erregte Lachen.

Frédéric wankte unter dem Anprall eines Mannes, der mit einer Kugel in der Seite röchelnd auf seine Schulter fiel. Dieser Schuß, der vielleicht auf ihn gezielt war, empörte ihn, und er drängte sich vorwärts, als ein Nationalgardist ihn anhielt:

»Es ist zwecklos! der König ist eben geflohen. Wenn Sie mir nicht glauben, gehen Sie hin und sehen Sie selbst nach!«

Eine solche Versicherung beruhigte Frédéric. Die Place du Carrousel hatte ein ruhiges Aussehen. Das Hôtel de Nantes stand immer noch ungefährdet, und die Häuser dahinter, die Kuppel des Louvre gegenüber, die lange Holzgalerie zur Rechten und die weite, hügelige Strecke, bis zu den Krämerbuden hin, war wie in graue Luft getaucht, wo sich fernes Gemurmel in dem Nebel verlor, während am andern Ende des Platzes ein grelles Licht aus einem Wolkenspalt auf die Fassade der Tuilerien fiel und alle Fenster hell aufleuchten ließ. Neben dem Arc de Triomphe lag ausgestreckt ein totes Pferd. Hinter den Gittern plauderten Gruppen von fünf, sechs Personen. Die Tore[345] des Schlosses standen offen, die Diener auf der Schwelle ließen den Eintritt zu.

Unten standen in einem kleinen Saal Schalen mit Milchkaffee. Einige Neugierige setzten sich scherzend mit an den Tisch; die anderen blieben stehen, und unter diesen ein Droschkenkutscher. Er griff mit beiden Händen ein mit Streuzucker gefülltes Gefäß, warf einen scheuen Blick nach rechts und links und fing dann, die Nase in die enge Öffnung tauchend, gierig an, davon zu essen. Am Fuß der großen Treppe schrieb jemand seinen Namen in ein Register. Frédéric erkannte ihn von hinten.

»Sieh da, Hussonnet!«

»Freilich,« erwiderte der Bohémien. »Ich führe mich bei Hofe ein. Eine schöne Posse das, he?«

»Ob wir hinaufgehen?«

Sie traten in den Saal der Marschälle. Die Porträts dieser Erlauchten waren alle intakt geblieben, bis auf das Bugeauds, das mitten durchbohrt war. Sie standen da auf ihre Säbel gestützt, eine Lafette hinter ihnen, in drohender Haltung, die schlecht zu den Umständen paßte. Eine große Standuhr zeigte ein Uhr zwanzig Minuten.

Plötzlich ertönte die Marseillaise. Hussonnet und Frédéric neigten sich über die Rampe. Es war das Volk. Es stürzte sich auf die Treppen, und bloße Köpfe, Mützen, rote Kappen, Bajonette, Schultern wogten so ungestüm durcheinander, daß einzelne in dieser wimmelnden Masse verschwanden, die unter einem unwiderstehlichen Drang stetig anwuchs, brausend wie ein vom Herbststurm angeschwellter Fluß. Oben zerstreuten sie sich, und der Gesang verstummte.

Man hörte nichts weiter als das Stampfen all der Sohlen und Gesurr der Stimmen. Die harmlose Menge begnügte sich damit, sich umzuschauen. Doch dann und wann drückte sich ein Ellbogen, allzusehr eingeengt, in eine Scheibe; oder auch eine Vase, eine Statuette rollte von einer Konsole auf den Boden. Das zusammengedrückte Getäfel krachte. Alle Gesichter waren rot, der Schweiß [346] rann in großen Tropfen herab; Hussonnet machte die Bemerkung:

»Die Helden riechen nicht gut!«

»Ach! Sie sind boshaft,« erwiderte Frédéric.

Wider Willen vorwärts gestoßen, traten sie in einen Raum, wo an der Decke ein Baldachin von rotem Samt hing. Auf dem Thron dahinter saß ein Proletarier mit schwarzem Bart, das Hemd offen, mit vergnügtem Gesicht und stupide wie ein Affe. Andere erkletterten die Estrade, um sich auf seinen Platz zu setzen.

»Welch eine Mythe!« sagte Hussonnet. »Das ist das souveräne Volk!«

Der Sessel wurde am Ende der Armlehnen emporgehoben und schwankend durch den ganzen Saal getragen.

»Sapperlot! wie er dahin segelt! Das Staatsschiff schaukelt auf stürmischem Meer! Wie es Cancan tanzt! Wie es Cancan tanzt!«

Man war an eines der Fenster gekommen, und unter lautem Gejohle warf man ihn hinaus.

»Armes altes Gestell!« sagte Hussonnet, als er ihn in den Garten fallen sah, wo man ihn an sich riß, um ihn gleich zur Bastille zu bringen und zu verbrennen.

Da brach ein frenetischer Jubel los, als sähen sie an Stelle des Thrones die Zukunft in unbegrenztem Glück! Und der Pöbel zertrümmerte und zerriß, weniger aus Rache, als um seinen Besitz zu betonen, Spiegel und Vorhänge, Kronleuchter, Kandelaber, Tische, Stühle, Taburetts, alle Möbel bis zu Albums mit Zeichnungen und den Handarbeitskörben. Da man Sieger war, mußte man sich doch amüsieren. Das Gesindel putzte sich spottend mit Spitzen und Kaschmirs. Goldene Franzen sahen aus den Blusenärmeln hervor, Hüte mit Straußenfedern schmückten die Köpfe von Grobschmieden, Bänder der Ehren-Legion wurden Gürtel für Prostituierte. Jeder gab seiner Laune nach, die einen tanzten, andere zechten. Im Gemach der Königin glättete eine Frau sich mit Pomade das Haar; hinter einem Wandschirm wurde Karten gespielt; Hussonnet [347] zeigte Frédéric ein Individuum, das, auf den Balkon aufgestützt, einen Stummel rauchte; und die Raserei steigerte sich bei dem unausgesetzten Gepolter von zerbrochenem Porzellan und Kristall, das wie das Klirren einer Glasharmonika klang.

Dann nahm das Toben ab. Eine obscöne Neugierde trieb sie, alle Kabinette, alle Schlupfwinkel zu durchstöbern, alle Schubfächer aufzuziehen. Sträflinge wühlten in den Betten der Prinzessinnen und wälzten sich darin, zum Trost dafür, daß sie sie nicht vergewaltigen konnten. Andere, mit viel finstereren Gesichtern, schlichen schweigend umher und suchten etwas zu stehlen. Aber die Menge war zu groß. Durch die Türöffnungen erblickte man in der Flucht der Zimmer nichts als zwischen den Vergoldungen die dunkle Masse des Volkes in einer Wolke von Staub. Alle keuchten beim Atmen. Die Hitze wurde immer drückender, und aus Furcht zu ersticken eilten die beiden Freunde hinaus.

Im Vorzimmer stand auf einem Kleiderhaufen ein Freudenmädchen in der Haltung der Freiheits-Statue, – unbeweglich, mit weit geöffneten Augen, ein erschreckender Anblick.

Sie waren draußen drei Schritte gegangen, als ein Haufe Munizipalgardisten in Mänteln auf sie zukam, ihre Mützen zogen und alle zugleich ihre ein wenig kahlen Köpfe entblößten, das Volk sehr tief grüßten. Bei diesem Beweis von Achtung warfen die zerlumpten Sieger sich in die Brust. Hussonnet und Frédéric konnten auch nicht umhin, ein gewisses Vergnügen zu empfinden.

Begeisterte Stimmung erfaßte sie. Sie kehrten zum Palais-Royal zurück. Vor der Rue Fromanteau lagen Haufen von Soldatenleichen auf Stroh. Sie gingen kaltblütig daran vorbei, waren sogar stolz darauf, daß sie eine gute Haltung bewahrten.

Das Palais war von Menschen überfüllt. Im inneren Hof brannten sieben Holzstöße. Man warf Pianos, Kommoden, Uhren durch die Fenster. Feuerspritzen spien Wasser bis auf die Dächer. Strolche versuchten die Schläuche mit [348] ihren Säbeln zu zerschneiden. Frédéric forderte einen Polytechniker auf, sich ins Mittel zu legen. Der Polytechniker aber schien dumm zu sein und verstand ihn nicht. Ringsherum in den beiden Galerien überließ sich der Pöbel, jetzt Herr der Weinkeller, einer fürchterlichen Völlerei. Der Wein floß in Strömen auf den Boden, und Strolche, die aus den Flaschen tranken, schwankten und tobten laut.

»Laß uns fort von hier,« sagte Hussonnet, »dieses Volk widert mich an.«

Die ganze Galerie d'Orléans entlang lagen Verwundete auf Matratzen am Boden, mit Purpurvorhängen zugedeckt; und kleine Bürgerinnen aus dem Viertel brachten ihnen Bouillon und Wäsche.

»Tut nichts!« sagte Frédéric; »ich finde das Volk köstlich.«

Das große Vestibül war von einem Gewimmel rasender Leute angefüllt, Männer wollten in die oberen Stockwerke hinauf, um die Zerstörung zu vollenden; Nationalgardisten bemühten sich, sie zurückzuhalten. Der Unerschrockenste war ein Jäger mit bloßem Kopf, zerzaustem Haar, das Lederzeug zerrissen. Sein Hemd bildete zwischen Rock und Hose einen Bausch, und er kämpfte erbittert mitten unter den anderen. Hussonnet, der ein scharfes Auge hatte, erkannte von fern Arnoux.

Nun gingen sie in den Tuilerien-Garten, um freier atmen zu können. Sie setzten sich auf eine Bank und blieben einige Minuten mit geschlossenen Augen, so benommen, daß sie nicht die Kraft hatten, zu sprechen! Vorübergehende redeten sie an. Die Herzogin von Orléans sei zur Regentin ernannt; alles wäre zu Ende; und sie empfanden jenes Wohlbehagen, das rapiden Entwickelungen folgt, als an jedem der Mansardenfenster des Schlosses Bediente erschienen, die ihre Livreen zerrissen. Sie warfen sie als Zeichen der Abdankung in den Garten. Das Volk verhöhnte sie, und sie zogen sich zurück.

Die Aufmerksamkeit Frédérics und Hussonnets wurde durch einen großen Burschen abgelenkt, der sich mit einem [349] Gewehr über der Schulter zwischen den Bäumen näherte. Ein Patronengürtel schnürte in der Taille seine rote Joppe zusammen, und ein Taschentuch umwand unter der Mütze seine Stirn. Er wandte den Kopf. Es war Dussardier; er warf sich in ihre Arme:

»Ach! welch ein Glück, meine Lieben!« weiter konnte er nichts sagen, so erschöpft war er vor Freude und Müdigkeit.

Seit achtundvierzig Stunden war er auf den Beinen. Er hatte mit an den Barrikaden im Quartier Latin gearbeitet, in der Rue Rambuteau gekämpft, hatte drei Dragoner gerettet, war mit der Abteilung Dunoyer in die Tuilerien eingerückt und dann nach der Kammer und dem Stadthaus geeilt.

»Ich komme von dort! alles geht gut! das Volk triumphiert! Arbeiter und Bürger umarmen sich! ach! wenn ihr wüßtet, was ich gesehen habe! was für tapfere Leute! wie ist das schön!«

Und ohne zu bemerken, daß sie keine Waffen hatten, fuhr er fort:

»Ich war sicher, euch hier zu treffen! Es ging hart her einen Augenblick, tut nichts!« Ein Tropfen Blut rann ihm über die Wange, und auf die Fragen der anderen erwiderte er:

»O, nichts! der Ritz eines Bajonettes!«

»Sie müssen sich aber noch schonen.«

»Ach! ich bin kräftig! was tut das? Die Republik ist proklamiert! jetzt wird man glücklich sein! Journalisten, die eben mit mir sprachen, sagten, daß man Italien und Polen befreien werde. Keine Könige mehr! begreift ihr! Die ganze Erde frei! die ganze Erde frei!«

Und den ganzen Horizont mit einem einzigen Blick umfassend, breitete er in triumphierender Haltung die Arme aus. Aber eine lange Reihe von Menschen lief auf die Terrasse, ans Ufer.

»Ach! Donnerwetter! ich vergaß! Die Forts sind besetzt! Ich muß hin! adieu!«

[350] Er wandte sich, das Gewehr schwingend, um und rief ihnen zu:

»Es lebe die Republik!«

Aus den Schornsteinen des Schlosses wirbelten Massen schwarzen Rauches mit Funken vermischt. Das Läuten der Glocken wirkte von fern wie erschrockenes Stöhnen. Und rechts und links, überall feuerten die Sieger ihre Waffen ab. Obwohl kein Krieger, fühlte Frédéric sein gallisches Blut aufwallen. Das Feuer der enthusiastischen Menge hatte ihn erfaßt. Wollüstig sog er die Gewitterluft voll Pulverdampf ein; und dabei erschauerte er unter dem Fluidum einer grenzenlosen Liebe, einer außerordentlichen, allgemeinen Rührung, als schlüge das Herz der ganzen Menschheit in seiner Brust. Hussonnet sagte gähnend:

»Es wäre vielleicht an der Zeit, die Bevölkerung zu belehren!«

Frédéric begleitete ihn in sein Büro an der Place de la Bourse; und er begann für die Zeitung von Troyes in lyrischem Stil einen Bericht über die Ereignisse zu verfassen, ein wahres Kunstwerk, – das er mit seinem Namen unterzeichnete. Dann aßen sie zusammen in einer Kneipe. Hussonnet war nachdenklich; die Exzentrizitäten der Revolution übertrafen doch noch die seinigen.

Nach dem Kaffee, als sie sich ins Stadthaus begaben, um Neues zu erfahren, hatte seine natürliche Schelmenlaune wieder die Oberhand gewonnen. Er kletterte auf die Barrikaden wie eine Gemse und antwortete den Wachen mit patriotischen Scherzen.

Sie hörten bei Fackelschein die provisorische Regierung proklamieren. Endlich, um Mitternacht, erreichte Frédéric todmüde seine Wohnung.

»Nun,« sagte er beim Auskleiden zu seinem Diener, »bist du zufrieden?«

»Ja, gewiß, Herr! Aber was mir nicht gefällt, ist das Volk dabei!«

Am folgenden Morgen beim Erwachen dachte Frédéric [351] an Deslauriers. Er eilte zu ihm. Der Advokat war eben abgereist, da er zum Kommissar in der Provinz ernannt war. Am Abend des vorhergehenden Tages war er bis zu Ledru-Rollin vorgedrungen und hatte ihn im Namen der Hochschulen bestürmt, ihm eine Stellung zu verschaffen. Übrigens, sagte der Portier, wolle er in der nächsten Woche schreiben, um seine Adresse anzugeben.

Hierauf machte Frédéric der Marschallin einen Besuch. Sie empfing ihn verstimmt, denn sie zürnte ihm wegen seiner Vernachlässigung. Ihr Groll schwand unter den wiederholten Versicherungen, daß wieder Friede sei. Alles wäre jetzt ruhig, kein Grund zur Furcht mehr; er küßte sie; und sie erklärte sich für die Republik, – wie es schon der Erzbischof von Paris getan hatte, und wie es dann mit wunderbarer Geschwindigkeit und Eifer der Magistrat, der Staatsrat, die Akademien, die Marschälle von Frankreich, alle Bonapartisten, alle Legitimisten und eine Anzahl bedeutender Orléanisten taten.

Der Sturz der Monarchie war so rasch gekommen, daß die Bürger, nachdem die erste Bestürzung vorüber war, es wie ein Wunder empfanden, noch zu leben. Die summarische Exekution einiger Diebe, die ohne Urteil erschossen worden waren, betrachtete man als eine gerechte Sache. Man wiederholte sich einen Monat lang den Satz Lamartines über die rote Fahne, »die nur auf dem Champ de Mars erschienen war, während die Tricolore und so weiter«, und alle steckten sich unter ihren Schutz, doch jede Partei sah von den drei Farben nur die ihrige – und gelobte sich fest, die beiden anderen zu entfernen, sobald sie die stärkste sein würde.

Da die Geschäfte stockten, lockten Unruhe und Neugierde jedermann von Hause fort. Die Nachlässigkeit in der Kleidung verminderte den Unterschied zwischen den sozialen Klassen, der Haß verbarg sich, Hoffnungen entfalteten sich, die Menge war voll Sanftmut. Der Stolz eines eroberten Rechts leuchtete auf den Gesichtern. Es herrschte eine Karnevalsfröhlichkeit, ein Biwakleben; es gab nichts Amüsanteres[352] als den Anblick von Paris in diesen ersten Tagen.

Frédéric nahm den Arm der Marschallin, und sie schlenderten zusammen durch die Straßen. Die Rosetten in allen Knopflöchern, die Standarten, die aus allen Fenstern hingen, die Plakate in allen Farben, mit denen die Mauern beklebt waren, belustigten sie, und sie warfen hier und da einige Münzen in die Büchsen für die Verwundeten, die mitten auf der Straße auf einen Stuhl gestellt waren. Dann blieben sie vor den Karikaturen stehen, die Louis-Philippe als Pastetenbäcker, als Seiltänzer, als Hund, als Blutegel darstellten. Aber die Leute Caussidières mit ihren Säbeln und Schärpen erschreckten sie ein wenig. An anderen Stellen wurde ein Freiheitsbaum gepflanzt: Die Herren Geistlichen wetteiferten mit feierlichem Gepränge untereinander, indem sie, von goldbetreßten Dienern geleitet, die Republik segneten; und die Menge fand es sehr schön. Das häufigste Schauspiel war das irgendeiner Deputation, die im Stadthaus etwas fordern wollte; – denn jedes Gewerbe, jede Industrie erwartete von der Regierung das radikale Ende ihrer Not. Einige von ihnen zwar begaben sich nur dahin, um ihr zu raten, sie zu beglückwünschen oder ihr ganz einfach einen kleinen Besuch abzustatten und die Maschine arbeiten zu sehen.

Gegen Mitte März, als er an einem Tage den Pont d'Arcole überschritt, um im Quartier Latin eine Besorgung für Rosanette zu machen, sah Frédéric einen Trupp von Leuten mit bizarren Hüten und langen Bärten ankommen. An der Spitze marschierte als Trommelschläger ein Neger, ein ehemaliges Modell, und der Mann, der das im Winde flatternde Banner mit der Inschrift »Kunstmaler« trug, war kein anderer als Pellerin.

Er machte Frédéric ein Zeichen, zu warten und erschien fünf Minuten später wieder, denn er hatte Zeit, da die Regierung augenblicklich die Steinmetze empfing. Er wollte mit seinen Kollegen die Einrichtung eines Kunstforums fordern, einer Art Börse, wo über künstlerische Interessen verhandelt werden sollte; es würden bei gemeinsamer [353] genialer Arbeit erhabene Werke erstehen. Paris würde dann bald mit riesenhaften Denkmälern bedeckt sein; er wollte sie ausschmücken; er hatte schon eine Figur der Republik angefangen. Einer seiner Kameraden holte ihn, denn die Deputation der Geflügelhändler war ihnen dicht auf den Fersen.

»Welch eine Torheit!« brummte eine Stimme in der Menge. »Immer unnützes Geschwätz! Nichts Kraftvolles!«

Es war Regimbart. Er grüßte Frédéric nicht, benutzte aber die Gelegenheit, seiner Entrüstung freien Lauf zu lassen.

Der Citoyen wandte seine Tage dazu an, in den Straßen umherzustreifen, wobei er sich den Schnurrbart strich, die Augen rollte und unheilkündende Nachrichten einzog und ausstreute; er hatte nur zwei Redensarten: »Hütet euch, man treibt uns in die Enge!« oder auch: »Aber Donnerwetter! man eskamotiert die Republik!« Er war mit allem unzufrieden und besonders darüber, daß man die natürlichen Grenzen nicht wieder zurückgenommen hatte. Schon bei dem Namen Lamartine allein zuckte er die Achseln. Er fand Ledru-Rollin »ungeeignet für das Problem«, erklärte Dupont (de l'Eure) für zopfig; Albert für einen Idioten; Louis Blanc für einen Utopisten, Blanqui für einen äußerst gefährlichen Menschen; und als Frédéric ihn fragte, was hätte getan werden müssen, erwiderte er, seinen Arm schüttelnd, als wolle er ihn zerbrechen:

»Den Rhein nehmen, sage ich Ihnen, den Rhein nehmen! Donnerwetter!«

Dann schimpfte er über die Reaktion.

Sie zeige sich wieder in ihrer wahren Gestalt. Die Plünderung der Schlösser von Neuilly und Suresne, die Feuersbrunst von Batignolles, die Unruhen in Lyon, all die Exzesse, alle Schäden, alles wurde jetzt übertrieben; dazu kam nun noch das Zirkular Ledru-Rollins, der erzwungene Kurs der Banknoten, die auf sechzig Francs gefallene Rente, schließlich als äußerste Ungerechtigkeit, als letzter Coup, als Höhepunkt des Schreckens, die Abgabe von fünfundvierzig [354] Centimes! Obwohl über diese Theorien, die ebenso neu seien wie das Gänsespiel, seit vierzig Jahren soviel gestritten wurde, daß man damit Bibliotheken füllen könnte, erschreckten sie die Bürger wie ein Hagel von Meteorsteinen, und entfachten jenen Haß, den das Auftreten jeder Idee herausfordert, weil sie eine Idee ist, ein Abscheu, der ihr später zum Ruhme gereicht, und die Ursache ist, daß ihre Gegner sich nie zu ihr aufschwingen können, so mittelmäßig sie auch sein mag.

So stehe das Eigentum im Ansehn auf gleichem Niveau mit der Religion und werde selbst eins mit Gott. Jeder Angriff auf den Besitz käme einer Schändung gleich, fast einem Kannibalismus. Trotz der humansten Gesetzgebung, die je bestanden, erschiene das Gespenst von 93 abermals, und das Fallbeil der Guillotine verkünde schwirrend in tausend Silben das Wort Republik; was nicht hinderte, daß man sie ihrer Schwäche wegen verachtete. Frankreich, das keinen Herrn mehr fühle, beginne vor Bestürzung zu schreien wie ein Blinder ohne Stock, wie ein kleiner Junge, der seine Wärterin verloren hat.

Von allen Franzosen am meisten zitterte Monsieur Dambreuse. Die neuen Verhältnisse bedrohten sein Vermögen, widerlegten aber vor allen Dingen seine Erfahrung. Ein so gutes System, ein so weiser König, war es möglich! Die Welt mußte zusammenstürzen! Gleich am folgenden Morgen entließ er drei Dienstboten, verkaufte seine Pferde, kaufte sich, um auf die Straße zu gehen, einen weichen Hut, dachte selbst daran, seinen Bart wachsen zu lassen; er blieb zu Haus, kleinlaut, und las erbittert immer wieder die Zeitungen, die seinen Ideen am feindlichsten gegenüberstanden, und wurde dadurch so verstimmt, daß die Scherze über die Pfeife von Flocon nicht einmal mehr die Kraft hatten, ihm ein Lächeln zu entlocken.

Als Stütze der letzten Regierung fürchtete er die Rache des Volks gegen seine Besitzungen in der Champagne, als die Abhandlung Frédérics ihm in die Hände fiel. Er bildete sich ein, daß sein junger Freund eine sehr einflußreiche [355] Persönlichkeit sei, die ihn, wenn auch nicht unterstützen, so doch wenigstens verteidigen könnte; daher stellte sich Monsieur Dambreuse, von Martinon begleitet, eines Morgens bei ihm ein.

Dieser Besuch, sagte er, hätte keinen andern Zweck, als ihn zu sehen und ein wenig mit ihm zu plaudern. Im ganzen genommen freue er sich über die Ereignisse und nehme von ganzem Herzen »unsere herrliche Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, da er im Grunde immer Republikaner gewesen sei«. Wenn er unter der früheren Regierung für das Ministerium gestimmt habe, war es einfach geschehen, um seinen unvermeidlichen Sturz zu beschleunigen. Er entrüstete sich sogar über Monsieur Guizot, »der uns in eine schöne Klemme gebracht hat, dar über sind wir doch einig«! Dagegen bewunderte er Lamartine sehr, der sich »prächtig benommen hat, auf mein Wort, besonders in bezug auf die rote Fahne ...«

»Ja, ich weiß« sagte Frédéric.

Dann erklärte er seine Sympathie für die Arbeiter.

»Denn schließlich, mehr oder weniger sind wir alle Arbeiter!« Und er trieb seine Unparteilichkeit so weit, anzuerkennen, daß Proudhon Logik besäße. »O! sehr viel Logik! Teufel auch!« Dann sprach er mit der Unbefangenheit einer höheren Intelligenz von der Kunstausstellung, wo er das Bild von Pellerin gesehen hatte. Er fand es originell, sehr gelungen.

Martinon unterstützte jedes seiner Worte mit beistimmenden Bemerkungen; auch er meinte, man müsse »sich offen der Republik anschließen« und er sprach von seinem Vater als Arbeiter, spielte sich als den Bauern, als Mann aus dem Volke auf. Man kam bald auf die Wahlen zur National-Versammlung und auf die Kandidaten des Bezirkes de la Fortelle. Der von der Gegenpartei hätte keine Aussichten.

»Sie sollten seinen Platz einnehmen!« sagte Monsieur Dambreuse.

Frédéric erhob Einspruch.

[356] »O! warum nicht?« Er würde die Stimmen der Ultras infolge seiner persönlichen Ansichten erhalten, die der Konservativen seiner Familie wegen. »Und vielleicht auch«, fügte der Bankier lächelnd hinzu, »ein wenig dank meinem Einflusse.«

Frédéric wandte ein, er wisse nicht, wie er es anfangen sollte. Nichts sei leichter, indem er sich den Patrioten des Aube-Departements durch einen Klub der Hauptstadt empfehlen lasse. Es handle sich darum, nicht ein Glaubensbekenntnis abzulegen, wie man es täglich höre, sondern eine Darlegung ernster Prinzipien zu geben.

»Bringen Sie es mir; ich weiß, was für diesen Bezirk paßt! Und Sie könnten, ich wiederhole es Ihnen, dem Lande, uns allen, mir selber große Dienste leisten.«

In solchen Zeiten müsse man sich gegenseitig helfen, und falls Frédéric etwas brauche, so würde er oder seine Freunde ...

»O! tausend Dank! Monsieur Dambreuse!«

»Auf Wiedervergeltung, wohl verstanden!«

Der Bankier war entschieden ein guter Mensch.

Frédéric konnte nicht umhin, über seinen Rat nachzudenken; und bald fühlte er sich von einer Art Schwindel ergriffen.

Die großen Gestalten des Konvents zogen an seinem Auge vorüber. Ihm schien, es breche eine herrliche Morgenröte an. Rom, Wien, Berlin im Aufstand; die Österreicher aus Venedig vertrieben; ganz Europa in Aufruhr. Es war an der Zeit, sich in die Bewegung zu stürzen, sie vielleicht zu beschleunigen; und dann lockte ihn das Kostüm, das die Deputierten tragen würden, wie man sagte. Er sah sich bereits in dem Wams, quer darüber eine dreifarbige Schärpe; und dieser Kitzel, diese Halluzination wurden so stark, daß er sich Dussardier anvertraute.

Der Begeisterung des braven Burschen war kein Ende.

»Gewiß, selbstverständlich! Lassen Sie sich aufstellen!«

Nichtsdestoweniger fragte Frédéric Deslauriers um Rat. Die idiotische Opposition, die den Kommissar in seiner [357] Provinz hemmte, hatte seinen Liberalismus noch gesteigert. Er gab ihm sofort strenge Verhaltungsmaßregeln.

Doch Frédéric hatte das Verlangen, auch von andern unterstützt zu werden, und vertraute die Sache eines Tages Rosanette an, als die Vatnaz eben bei ihr war.

Sie war eine jener Pariser unverheirateten Frauen, die jeden Abend, nachdem sie ihre Stunden gegeben oder versucht haben, kleine Zeichnungen zu verkaufen und armselige Manuskripte anzubringen, mit angeschmutztem Rockrand nach Haus kommen, ihr Mittag selbst zubereiten, es ganz allein verzehren, dann mit den Füßen auf einem Fußwärmer, beim Schein einer unsauberen Lampe von einer Liebe träumen, von einer Familie, einem eignen Herd, dem Glück, von allem, was ihnen fehlt. Auch sie hatte, wie viele andere, in der Revolution den Beginn der Vergeltung begrüßt; – und sie widmete sich einer zügellosen, sozialistischen Propaganda.

Die Befreiung des Proletariats war nach der Vatnaz nur möglich durch Befreiung der Frau. Sie verlangte ihre Zulassung zu allen Ämtern, la recherche de la paternité, ein anderes Gesetzbuch, Abschaffung oder allerwenigstens »eine vernünftigere Regelung der Ehe«. Dann sollte jede Französin verpflichtet sein, einen Franzosen zu heiraten oder sich einen alten Liebhaber anzuschaffen. Die Ammen und Hebammen sollten vom Staat besoldete Beamtinnen sein; es müßte eine Jury bestehen, um Frauenarbeiten zu prüfen, spezielle Verleger für Frauen geben, eine polytechnische Schule für Frauen, eine Nationalgarde für Frauen, kurz alles für die Frauen! Und da die Regierung ihre Rechte verkannte, müßten sie die Gewalt durch Gewalt besiegen. Zehntausend Bürgerinnen mit guten Gewehren könnten das Stadthaus erzittern machen!

Die Kandidatur Frédérics schien günstig für ihre Ideen. Sie ermutigte ihn, indem sie ihm den Ruhm in der Ferne zeigte. Rosanette freute sich, einen Geliebten zu haben, der in der Kammer sprechen würde.

»Und dann gibt man dir vielleicht eine gute Stellung.«

[358]

Frédéric als großer Schwächling wurde von dem allgemeinen Wahn angesteckt. Er verfaßte eine Rede und ging zu Monsieur Dambreuse, sie ihm zu zeigen.

Bei dem Geräusch des großen Tores, das zufiel, öffnete sich der Vorhang hinter einem Fenster; eine Frau zeigte sich dort. Er hatte keine Zeit, sie zu erkennen; aber im Vorzimmer hielt ihn ein Bild auf, das Bild Pellerins, augenscheinlich provisorisch auf einen Stuhl gestellt.

Es sollte die Republik darstellen oder den Fortschritt, oder die Zivilisation in der Gestalt von Jesus Christus, der eine Lokomotive führte, die durch einen Urwald fuhr. Nach einer Minute des Anschauens rief Frédéric:

»Wie schauderhaft ist das!«

»Nicht wahr?« sagte Monsieur Dambreuse, der bei diesem Wort dazutrat und meinte, es beziehe sich nicht auf die Malerei, sondern auf die in dem Bilde verherrlichte Idee. Im selben Augenblick kam Martinon. Sie gingen in das Kabinett hinüber, und Frédéric zog ein Papier aus der Tasche, als Mademoiselle Cécile, die plötzlich eintrat, mit unbefangener Miene fragte:

»Ist meine Tante hier?«

»Du weißt doch, daß sie nicht hier ist;« erwiderte der Bankier. »Aber schadet nichts! Tun Sie ganz wie zu Haus, mein Fräulein.«

»O danke! ich gehe wieder!«

Kaum war sie gegangen, als Martinon tat, als suche er sein Taschentuch.

»Ich habe es in meinem Paletot vergessen. Verzeihen Sie!«

»Bitte!« sagte Monsieur Dambreuse.

Offenbar überraschte ihn dieses Manöver nicht, er schien es sogar zu begünstigen. Warum? Doch bald erschien Martinon wieder, und Frédéric begann seine Rede. Bei der zweiten Seite, die das Übergewicht pekuniärer Interessen als eine Schande bezeichnete, machte der Bankier eine Grimasse. Dann, bei Erörterung der Reformen, verlangte Frédéric den Freihandel.

[359] »Wie? ... Aber erlauben Sie!«

Er hörte nicht und fuhr fort. Er forderte Vermögenssteuer, progressive Besteuerungsweise, einen europäischen Staatenbund, Belehrung des Volks, die weiteste Förderung der Schönen Künste.

Wenn das Land Männern wie Delacroix oder Hugo hunderttausend Francs Rente bewilligte, wäre das schlimm?

Das Ganze endigte mit Ratschlägen für die höheren Klassen.

»Spart nicht, ihr Reichen! gebt! gebt!«

Er hielt inne und blieb stehen. Seine beiden Zuhörer saßen und sprachen nicht; Martinon sperrte die Augen auf, Monsieur Dambreuse war ganz bleich. Schließlich verbarg er seine Erregung unter einem herben Lächeln und sagte:

»Ihre Rede ist vollendet!« Und er rühmte ihre Form, um nicht auf ihren Inhalt eingehen zu brauchen.

Diese Heftigkeit seitens eines harmlosen jungen Menschen erschreckte ihn, besonders als Symptom. Martinon suchte ihn zu beruhigen. Die konservative Partei würde in kurzem sicherlich Vergeltung üben; in mehreren Städten hatte man die Kommissare der provisorischen Regierung fortgejagt; die Wahlen wären erst für den 23. April festgesetzt, man hätte Zeit; kurz, Monsieur Dambreuse müsse sich selber in Aube aufstellen lassen; und von nun an verließ Martinon ihn nicht mehr, er wurde sein Sekretär und umgab ihn mit der Sorgfalt eines Sohnes.

Frédéric kam sehr zufrieden mit sich zu Rosanette. Delmar war dort und erzählte ihm, daß er sich »definitiv« als Kandidat der Seine-Wahlen aufstelle. In einem Aufruf, der »an das Volk« gerichtet war und in dem er es duzte, rühmte der Schauspieler sich, es zu verstehen, und sich zu seinem Heil der Kunst geopfert zu haben, so daß er nun deren Verkörperung sei, ihr Ideal; – er glaubte tatsächlich, einen enormen Einfluß auf die Massen zu haben, so daß er sich später in einem Büro des Ministeriums erbot, ganz allein einen Aufruhr zu unterdrücken; und nach [360] den Mitteln gefragt, die er anzuwenden dachte, gab er die Antwort:

»Fürchten Sie nichts! Ich zeige ihnen meinen Kopf!«

Um ihn zu kränken, kündigte Frédéric ihm seine eigene Kandidatur an. Von dem Augenblick, wo sein zukünftiger Kollege die Provinz ins Augenmerk nahm, erklärte der Komödiant, ihm zu Diensten zu stehen und erbot sich, ihn in den Klubs herumzuführen.

Sie besuchten sie alle oder fast alle, die roten und die blauen, die wilden und die zahmen, der Puritaner, der Bettler, der Mystiker und der Trunkenbolde, die, wo man den Tod der Könige dekretierte, und die, wo man den Lebensmittelwucher bekämpfte; und überall verwünschten die Mieter die Hausbesitzer, die Bluse hatte es auf den Rock abgesehen, und die Reichen verschworen sich gegen die Armen. Mehrere wollten Entschädigungen als frühere Opfer der Polizei, andere verlangten Geld, um Erfindungen in Gang zu bringen, oder es waren auch Pläne zu Siedlungshäusern, Projekte für Bezirks-Bazare, Systeme für das öffentliche Wohl; – dann hier und da ein Geistesblitz in diesem nebelhaften Unverstand, Zurufe, plötzlich wie ein Aufzischen, und Redeblüten im Munde eines Burschen, der das Wehrgehänge eines Säbels auf der bloßen Brust trug. Bisweilen trat auch ein Herr auf, ein Aristokrat von bescheidener Haltung, der plebejische Anschauungen verkündete, und der sich nicht die Hände gewaschen hatte, um sie rauh erscheinen zu lassen. Ein Patriot erkannte ihn wieder, die fanatischsten mißhandelten ihn, und er ging grollenden Herzens hinaus. Man mußte dem gesunden Menschenverstand zuliebe immer die Advokaten verachten und sich so oft wie möglich der Schlagworte: »seinen Stein zum Bau beitragen, – soziales Problem, – Werkstätte« bedienen.

Delmar verfehlte keine Gelegenheit, das Wort zu ergreifen; und wenn er nichts mehr zu sagen fand, war sein Hilfsmittel, daß er sich, mit der geballten Hand auf der Hüfte, den andern Arm in der Weste, plötzlich im Profil, [361] hinstellte, um auf diese Weise seinen Kopf zur Geltung zu bringen. Dann brach ein Beifallssturm los, von Mademoiselle Vatnaz im Hintergrund des Saales angeregt.

Frédéric wagte sich trotz der Unzulänglichkeit der anderen Redner nicht hervor. Alle diese Leute schienen ihm zu ungebildet oder zu feindlich gesinnt.

Aber Dussardier forschte nach und kündigte ihm an, daß in der Rue Saint-Jacques ein Klub existiere, der sich ›Klub der Intelligenz‹ nenne. Ein solcher Name erweckte gute Aussichten. Außerdem würde er Freunde hinbringen.

Er führte alle hin, die er damals zu einem Punsch eingeladen hatte: den Buchhalter, den Weinreisenden, den Architekten; selbst Pellerin war gekommen, und vielleicht würde auch Hussonnet noch kommen. Auf dem Trottoir vor der Tür hatte Regimbart sich mit zwei Individuen aufgestellt, von denen der eine sein getreuer Compain war, ein ziemlich stämmiger, blatternarbiger Mensch mit roten Augen, und der andere ein affenartiger Neger mit außerordentlich starkem Haarwuchs, den er nur als »einen Patrioten aus Barcelona« kannte.

Sie durchschritten einen Gang und wurden dann in einen großen Raum geführt, ohne Zweifel eine Schreinerwerkstatt, deren noch neue Wände nach Mörtel rochen. Vier nebeneinander gehängte Lampen gaben ein unangenehmes Licht. Auf einer Estrade im Hintergrund stand ein Schreibtisch mit einer Glocke, unten davor ein Tisch, der die Tribüne vorstellen sollte, und an jeder Seite zwei andere, niedrigere für die Sekretäre. Das Auditorium auf den Bänken war aus alten Farbenklecksern, Schullehrern und ungedruckten Schriftstellern zusammengesetzt. In den Reihen der Paletots mit fettigem Kragen sah man hier und da den Hut einer Frau oder den Kittel eines Arbeiters. Der Hintergrund des Saales war von Arbeitern angefüllt, die augenscheinlich zum Zeitvertreib hergekommen waren, oder die von Rednern eingeführt waren, um zu applaudieren.

Frédéric trug Sorge, zwischen Dussardier und Regimbart [362] zu kommen, der, kaum auf seinem Platz, die Hände auf seinen Stock stützte, das Kinn auf die Hände und die Lider schloß, während am andern äußersten Ende des Saales Delmar stehend die Versammlung überragte.

Am Tisch des Präsidenten erschien Sénécal.

Diese Überraschung, dachte der gute Kommis, würde Frédéric gefallen. Aber sie ärgerte ihn.

Die Menge bezeigte ihrem Präsidenten große Ehrerbietung. Er gehörte zu denen, die am 25. Februar die unmittelbare Organisation der Arbeiter verlangt hatten; am folgenden Morgen hatte er im Prado dafür gestimmt, das Stadthaus anzugreifen; und wie jeder sich nach einem Vorbild richtete, der eine kopierte Saint-Just, der andere Danton und einer Marat, versuchte er, Blanqui zu gleichen, der Robespierre nachahmte. Seine schwarzen Handschuhe und gedürsteten Haare gaben ihm ein strenges, sehr passendes Aussehen.

Er eröffnete die Sitzung mit der Erklärung der Menschenrechte und Bürgerrechte, dem üblichen Glaubensbekenntnis. Dann stimmte eine kräftige Stimme les Souvenirs du peuple von Béranger an.

Andere Stimmen erhoben sich.

»Nein! nein! nicht dies!«

»La Casquette!« fingen im Hintergrund die Patrioten an zu brüllen.

Und sie sangen im Chor das Lied des Tages:


Chapeau bas devant ma casquette,

à genoux devant l'ouvrier!


Auf ein Wort des Präsidenten verstummten alle. Einer der Sekretäre schritt zur Verlesung der Briefe.

»Junge Leute kündigen an, daß sie jeden Abend vor dem Panthéon eine Nummer der Assamplée nationale verbrennen, und fordern alle Patrioten auf, ihrem Beispiel zu folgen!«

»Bravo! angenommen!« erwiderte die Menge.

»Der Citoyen Jean-Jacques Langreneux, Typograph, [363] Rue Dauphine, möchte, daß ein Denkmal zum Andenken der Märtyrer des Thermidor errichtet werde.«

»Michel-Evariste-Népomucène Vincent, Ex-Professor, verlangt, daß die europäische Demokratie die Einheit der Sprache annehme. Man könnte sich einer toten Sprache bedienen, wie zum Beispiel des vervollkommneten Latein.«

»Nein! kein Latein!« rief der Architekt.

»Warum?« erwiderte ein Lehrer.

Und diese beiden Herren begannen eine Diskussion, in die andere sich hineinmischten, jeder warf ein Wort hinein, um zu verblüffen, wodurch es so langweilig wurde, daß viele fortgingen.

Doch ein kleiner Greis mit grünen Brillengläsern und einer außergewöhnlich hohen Stirn verlangte das Wort zu einer dringenden Mitteilung.

Es war eine Aufstellung über die Steuerveranlagung. Ein Strom von Zahlen, es nahm kein Ende! Die Ungeduld machte sich anfangs in Murren Luft, in Unterhaltungen; nichts störte ihn. Dann begann man zu pfeifen, zu zischen. Man rief zur Ordnung, Sénécal vermahnte das Publikum; der Redner fuhr fort wie eine Maschine. Man mußte ihn, um ihn aufzuhalten, beim Ellbogen fassen. Der gute Mann schien wie aus einem Traum zu erwachen und nahm gelassen seine Brillengläser ab:

»Um Verzeihung! Bürger! Verzeihung! Ich ziehe mich zurück! bitte tausendmal um Entschuldigung!«

Der Mißerfolg dieses Vortrags entmutigte Frédéric. Er hatte seine Rede in der Tasche, aber eine Improvisation wäre wertvoller gewesen. Endlich verkündete der Präsident, daß man zur Hauptsache überginge, zur Wahl-Frage. Es würde nicht über die großen republikanischen Listen diskutiert werden. Der »Klub der Intelligenz« hätte aber ebenso gut wie jeder andere das Recht, eine solche aufzustellen, »trotz der Herren Paschas im Stadthaus«, und die Bürger, die sich um das Volks-Mandat bewerben, könnten ihre Ansprüche geltend machen.

»Gehen Sie doch hin!« sagte Dussardier.

[364] Ein Mann in einer Soutane, kraushaarig und mit erregtem Gesicht, hatte bereits die Hand erhoben. Er erklärte stammelnd, daß er Ducretot heiße, Pastor und Agronom sei und Autor eines Werkes mit dem Titel »Dungmittel«. Man verwies ihn an einen Gartenbauverein.

Dann stieg ein Patriot in einer Bluse auf die Tribüne. Es war ein Plebejer, breitschultrig, mit vollem, sehr sanftem Gesicht und langem schwarzem Haar. Er schaute mit einem fast wollüstigen Blick auf die Versammlung, warf den Kopf zurück, und die Arme ausbreitend, begann er endlich:

»Ihr habt Ducretot zurückgestoßen, o, meine Brüder! und Ihr habt recht getan, aber es geschah nicht aus Gottlosigkeit, denn wir sind alle religiös.«

Viele hörten mit offenem Munde zu, mit der Miene von Konfirmanden und in ekstatischer Haltung.

»Es geschah auch nicht, weil er Priester ist, denn auch wir sind Priester! Der Arbeiter ist Priester, wie der Gründer des Sozialismus, unser aller Meister, Jesus Christus es gewesen ist!«

Der Augenblick sei gekommen, das Reich Gottes zu verkünden! Das Evangelium wiese geradezu auf 89 hin! Nach der Abschaffung der Sklaverei, Abschaffung des Proletariats. Das Zeitalter des Hasses sei vorüber, jetzt beginne das Zeitalter der Liebe.

»Das Christentum ist der Schlußstein des Gewölbes und das Fundament des neuen Gebäudes ...«

»Sie haben uns zum besten!« schrie der Schankwirt. »Hat man je einen solchen Pfaffen gesehen!«

Diese Unterbrechung verursachte großen Lärm. Fast alle stiegen auf die Bänke und schrien mit erhobenen Fäusten: »Atheist! Aristokrat! Kanaille!« während die Glocke des Präsidenten unausgesetzt läutete und die Rufe »Zur Ordnung!« sich wiederholten. Aber unerschrocken und überdies durch »drei Kaffees« gestärkt, die er vorher genommen hatte, verteidigte er sich mitten unter den anderen.

»Wie, ich ein Aristokrat? Geht doch!«

[365] Als man ihm endlich gestattete, sich zu erklären, setzte er ihnen auseinander, daß man mit den Priestern niemals Ruhe haben werde, und da man eben von zweckmäßigen Einrichtungen gesprochen, wäre es am besten, die Kirchen, die heilige Monstranz und schließlich den ganzen Gottesdienst abzuschaffen.

Jemand warf ihm vor, er gehe zu weit.

»Ja, ich gehe weit! Aber wenn ein Schiff vom Sturm überrascht wird ...«

Ohne das Ende des Vergleichs abzuwarten, entgegnete ein anderer:

»Zugegeben! Aber das heißt, mit einem Schlage alles zerstören, wie ein Maurer ohne Unterscheidungsvermögen.«

»Sie beleidigen die Maurer,« brüllte ein mit Mörtel bedeckter Bürger. Und in dem hartnäckigen Glauben, daß man ihn herausgefordert hatte, stieß er Schimpfworte aus, wollte sich schlagen und klammerte sich an seine Bank. Drei Mann waren notwendig, ihn hinauszubringen.

Doch der Arbeiter war immer noch auf der Tribüne. Die beiden Sekretäre forderten ihn auf, herunterzukommen. Er protestierte gegen diese Zurücksetzung.

»Sie werden mich nicht daran hindern, zu rufen: Ewig lebe unser teures Frankreich! ewig lebe die Republik!«

»Bürger!« sagte Compain darauf, »Bürger!«

Und als er auf den wiederholten Ruf »Bürger« etwas Ruhe erlangt hatte, stützte er seine beiden roten Hände wie zwei Stumpfe auf die Tribüne, beugte sich vornüber und kniff die Augen zu:

»Ich glaube, man müßte dem Kalbskopf eine viel größere Verbreitung geben.«

Alle schwiegen in dem Glauben, nicht recht verstanden zu haben.

»Ja! dem Kalbskopf!«

Dreihundertstimmiges Gelächter brach mit einem Schlage aus. Die Decke zitterte. Vor all diesen vor Vergnügen verzerrten Gesichtern wich Compaing zurück. Er erwiderte entrüstet:

[366] »Wie, Sie kennen den Kalbskopf nicht?«

Es war ein Paroxysmus, ein Delirium. Man hielt sich die Seiten. Einige fielen sogar auf die Erde unter die Bänke. Compain flüchtete sich neben Regimbart und wollte ihn mitziehen.

»Nein! ich bleibe bis zum Schluß!« sagte der Citoyen.

Diese Antwort brachte Frédéric zum Entschluß; und als er zu seiner Unterstützung rechts und links nach seinen Freunden suchte, bemerkte er Pellerin auf der Tribüne vor sich. Der Künstler betrachtete die Menge von oben herab.

»Ich möchte wissen, wo bleibt bei all diesem der Kandidat für die Kunst? Ich habe ein Bild gemalt ...«

»Wir haben nichts mit Bildern zu schaffen!« rief brutal ein hagerer Mensch mit roten Flecken auf den Backen.

Pellerin beschwerte sich über diese Unterbrechung.

Doch der andere fuhr mit tragischem Ton fort:

»Hätte die Regierung nicht schon längst durch ein Dekret die Prostitution und das Elend abschaffen müssen?«

Und da diese Worte ihm sofort die Gunst der Menge verschafften, donnerte er gegen die Verderbtheit der großen Städte.

»Schimpf und Schande! Man müßte die Bürger beim Herauskommen aus der Maison d'or erwischen und ihnen das Gesicht zerkratzen! Wenn wenigstens die Regierung nicht die Schlemmerei begünstigte! Aber die Zollbeamten benehmen sich gegen unsere Töchter und Schwestern dermaßen unanständig ...«

Eine Stimme rief von weitem:

»Das ist ja ein Spaßvogel!«

»Hinaus!«

»Man nimmt uns Steuern ab, um die Liederlichkeit zu bezahlen! Dann die großen Gehälter der Schauspieler ...«

»Mir das!« schrie Delmar.

Er stürzte auf die Tribüne, schob alle beiseite und nahm seine Pose ein; dann erklärte er, daß er so platte Beschuldigungen verachte, und verbreitete sich über die zivilisatorische Mission des Schauspielers. Da das Theater der [367] Herd nationaler Bildung sei, stimme er für die Reform der Theater; und vor allem keine Direktionen, keine Privilegien mehr!

»Ja! keinerlei!«

Das Gebaren des Schauspielers erhitzte die Menge, und es regnete umstürzlerische Anträge.

»Keine Akademien! Keine Institute!«

»Keine Missionen!«

»Keine Examina mehr!«

»Fort mit den Universitäts-Graden!«

»Behalten wie sie,« sagte Sénécal, »aber sie müssen durch allgemeine Abstimmung durch das Volk, diesen einzig gerechten Richter, verliehen werden!«

Das Wesentliche sei dies übrigens nicht! Man müsse vor allem erst einmal mit den Reichen aufräumen. Und er schilderte das verbrecherische Leben in ihren goldstrotzenden Palästen, während die Armen, die sich in ihren Dachkammern vor Hunger wanden, alle Tugenden pflegten.

Der Beifall wurde so stark, daß er eine Pause machen mußte. Während einiger Minuten stand er mit geschlossenen Augen da, den Kopf zurückgeworfen, wie eingewiegt von dieser Empörung, die er hervorgerufen hatte.

Dann begann er in lehrhaftem Ton, gebieterisch wie ein Gesetzgeber zu sprechen. Der Staat müsse sich der Banken und der Versicherungs-Anstalten bemächtigen. Erbschaften seien abzuschaffen. Ein Fonds für die Arbeiter sei zu stiften. Viele andere Maßnahmen wären in Zukunft noch notwendig. Dies genüge für den Augenblick; und auf die Wahlen zurückkommend, sagte er:

»Wir brauchen lautere Bürger, völlig neue Männer! wird sich jemand melden?«

Frédéric erhob sich. Ein beifälliges Gemurmel entstand, von seinen Freunden ausgehend. Aber Sénécal begann, indem er Fouquier-Tinville nachahmte, ihn nach seinen Namen, Vornamen, Vergangenheit, Lebensumständen und Gewohnheiten auszufragen.

Frédéric beantwortete kurz die Hauptsachen und biß [368] sich in die Lippen. Sénécal fragte, ob jemand Einwendungen gegen diese Kandidatur zu machen habe.

»Nein! nein!«

Aber er selbst hätte eine solche zu machen. Alle beugten sich und spitzten die Ohren. Dieser Citoyen habe eine gewisse Summe nicht gegeben, die er zu der Gründung einer demokratischen Zeitung versprochen hatte. Außerdem habe er am 22. Februar, obwohl genügend benachrichtigt, die Versammlung Place du Panthéon versäumt.

»Ich schwöre, daß er in den Tuilerien war!« rief Dussardier.

»Können Sie schwören, ihn im Panthéon gesehen zu haben?«

Dussardier senkte den Kopf. Frédéric schwieg; seine Freunde waren entrüstet und betrachteten ihn mit Unruhe.

»Vor allen Dingen,« fuhr Sénécal fort, »kennen Sie einen Patrioten, der uns für seine Prinzipien einsteht?«

»Ich!« sagte Dussardier.

»O! das genügt nicht! ein anderer!«

Frédéric wandte sich zu Pellerin. Der Künstler erwiderte ihm durch eine Reihe von Gebärden, die sagen sollten:

»Ach, mein Lieber, sie haben mich abgewiesen! Zum Teufel! was soll ich da?«

Da stieß Frédéric Regimbart mit dem Ellbogen an.

»Ja, es ist wahr! es ist Zeit! ich gehe!«

Und Regimbart stieg auf die Estrade; dann wies er auf den Spanier, der ihm gefolgt war:

»Erlaubt mir, Bürger, euch einen Patrioten aus Barcelona vorzustellen!«

Der Patriot verneigte sich tief, rollte die glänzenden Augen wie ein Automat, und sagte, die Hand auf dem Herzen:

»Ciudadanos! mucho aprecio el honor que me dispensais, y si grande es vuestra bondad mayor es vuestro atencion.«

»Ich bitte ums Wort,« rief Frédéric.

[369] »Desde que se proclamo la constitucion de Cadiz, ese pacto fundamental de las libertades espanolas, hasta la ultima revolucion, nuestra patria cuenta numerosos y heroicos martires.«

Frédéric wollte sich noch einmal Gehör verschaffen:

»Aber Bürger!«

Der Spanier fuhr fort:

»El martes proximo tendra lugar en la iglesia de la Magdelena un servicio funebre.«

»Das ist ja lächerlich! niemand versteht etwas!«

Diese Bemerkung empörte die Menge.

»Hinaus! Hinaus!«

»Wer? ich?« fragte Frédéric.

»Ja, Sie!« sagte Sénécal gebieterisch. »Hinaus!«

Er erhob sich, um hinauszugehen; und die Stimme des Iberiers verfolgte ihn:

»Y todos los espanoles descarian ver alli reunidas las deputaciones de los clubs y de la milica nacional. Une oracion funebre en honor de la libertad espanola y del mundo entero, sera prononciado por un miembro del clero de Paris en la sala Bonne-Nouvelle. Honor al pueblo frances, que llamaria yo el primero pueblo del mundo, sino fuese ciudadano de otra nacion!«

»Aristo!« brüllte ein Zuhälter und hob die Faust. Entrüstet stürmte Frédéric in den Hof.

Er bereute seine Aufopferung, ohne zu überlegen, daß die gegen ihn vorgebrachten Beschuldigungen richtig waren. Welch eine fatale Idee war doch diese Kandidatur! Und was für Esel, was für Cretins! Er verglich sich mit diesen Menschen und tröstete sich mit ihrer Dummheit über seinen verletzten Stolz.

Dann hatte er das Bedürfnis, Rosanette zu sehen. Nach soviel Widerwärtigkeit und Hohlheit mußte ihr liebenswürdiges Wesen eine Erholung sein. Sie wußte, daß er sich an diesem Abend in einem Klub hatte vorstellen sollen. Doch als er eintrat, fragte sie nicht einmal danach.

[370] Sie saß neben dem Kamin und trennte das Futter aus einem Kleide. Eine solche Arbeit überraschte ihn.

»Was machst du denn da?«

»Du siehst es ja,« sagte sie trocken. »Ich bessere meine Sachen aus! Das macht deine Republik!«

»Warum meine Republik?«

»Ist es vielleicht meine?«

Und sie begann, ihm über alles Vorwürfe zu machen, was seit zwei Monaten in Frankreich vorging, beschuldigte ihn, die Revolution angezettelt zu haben, die Ursache davon zu sein, daß man ruiniert war, daß die reichen Leute Paris verließen und sie selber bald im Spital sterben werde.

»Du mit deinen Renten hast gut reden! Übrigens, wenn es so weiter geht, wirst du sie nicht lange mehr haben, deine Renten!«

»Das kann sein,« sagte Frédéric, »die Aufopferndsten werden immer verkannt; und wenn man nicht sein gutes Gewissen hätte, würden die Esel, mit denen man sich einläßt, einem noch die eigene Selbstverleugnung verleiden.«

Rosanette sah ihn mit gerunzelten Brauen an.

»Was? Welche Selbstverleugnung? Der Herr hat keinen Erfolg gehabt, wie es scheint? Umso besser! das hast du davon, patriotische Schenkungen zu machen. O! lüge nicht! Ich weiß, daß du ihnen dreihundert Francs gegeben hast, denn sie läßt sich ja aushalten, deine Republik! Meinetwegen, amüsiere dich nur mit ihr, mein Guter!«

Diese Flut von Albernheiten bereitete Frédéric nach der einen Enttäuschung eine noch schwerere.

Er hatte sich in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen. Sie kam zu ihm.

»Sieh mal! In einem Lande ist ebenso wie in einem Hause ein Herr notwendig, sonst geht alles drüber und drunter. Erstlich weiß jedermann, daß Ledru-Rollin mit Schulden überladen ist! Was Lamartine anbetrifft, wie willst du, daß ein Dichter sich auf die Politik verstehe? Ah! du kannst wohl den Kopf schütteln und dich geistvoller dünken als die anderen, es ist dennoch wahr! Aber du bist [371] zu rechthaberisch, man kann kein Wort mit dir reden! Da ist zum Beispiel Fournier-Fontaine, von den Magazinen von Saint-Roch; weißt du, wieviel Schulden er hat? achthunderttausend Francs! Und Gomer, der Packer drüben, auch ein Republikaner, er zerbrach die Feuerzange auf dem Kopf seiner Frau und hat soviel Absinth getrunken, daß man ihn in ein Krankenhaus bringen muß. So sind sie alle, die Republikaner: Eine Republik zu zwölf aufs Dutzend! Ach, ja! prahle nur damit!«

Frédéric ging. Die Albernheit dieses Mädchens, die sich plötzlich in einer pöbelhaften Sprache enthüllte, widerte ihn an. Er fühlte sich sogar wieder ein wenig Patriot werden.

Rosanettes schlechte Stimmung steigerte sich immer mehr. Die Vatnaz reizte sie durch ihre Begeisterung. In dem Glauben, eine Mission zu erfüllen, hatte sie eine wahre Sucht, hochtrabende Reden zu halten, zu predigen, und da sie in diesen Dingen viel gewandter war als ihre Freundin, überhäufte sie sie mit Argumenten.

Eines Tages kam sie ganz entrüstet über Hussonnet, der sich im Frauenklub Zoten erlaubt hatte. Rosanette stimmte ihr bei und erklärte, daß sie selbst Männerkleidung anlegen wolle, um »ihnen den Standpunkt klar zu machen, ihnen allen, und sie zu peitschen«. Frédéric trat in diesem Augenblick ein.

»Du begleitest mich, nicht wahr?«

Und trotz seiner Gegenwart zankten sie sich weiter, indem eine die Bürgerin spielte, die andere die Philosophin.

Die Frauen waren nach Rosanette nur zur Liebe geboren und um Kinder zu erziehen oder einen Haushalt zu führen.

Nach der Vatnaz sollte die Frau ihren Platz im Staat haben. Ehemals gaben die Gallierinnen Gesetze, die Angelsächsinnen ebenfalls, die Frauen der Huronen bildeten einen Teil des Rats. Die zivilisatorische Arbeit sei eine allgemeine. Alle müßten dazu beitragen und der Egoismus müsse endlich der Brüderlichkeit weichen, der [372] Individualismus den Gemeinschaften, das Einzelinteresse der großen Kultur.

»Ausgezeichnet! Verstehst du dich jetzt auf Kultur?«

»Warum nicht? Übrigens, es handelt sich um die Menschheit, um ihre Zukunft!«

»Kümmere dich um deine!«

»Das ist meine Sache!«

Sie waren wütend aufeinander. Frédéric lenkte ein.

Die Vatnaz ereiferte sich und ging selbst so weit, den Kommunismus zu verteidigen.

»Welch ein Unsinn!« sagte Rosanette. »Kann es denn jemals dazu kommen?«

Die andere nannte als Beweis die Essäer, die Herrenhuter, die Jesuiten von Paraguay, die Familie Pingons in der Nähe von Thiers in der Auvergne; und da sie stark gestikulierte, verfing ihre Uhrkette sich an einem kleinen goldenen Schäfchen, das unter einer Menge anderer Berloques daran hing.

Plötzlich wurde Rosanette außerordentlich bleich.

Die Vatnaz fuhr fort, ihren Anhänger loszumachen.

»Gib dir nicht soviel Mühe,« sagte Rosanette, »jetzt kenne ich deine politischen Ansichten.«

»Wie?« erwiderte die Vatnaz, errötend wie ein junges Mädchen.

»O! du verstehst mich schon!«

Frédéric begriff nichts. Zwischen ihnen war augenscheinlich von etwas Wichtigerem, Intimerem die Rede als dem Sozialismus.

»Und wenn dem so wäre,« erwiderte die Vatnaz und richtete sich unerschrocken auf. »Es ist geliehen, meine Liebe, Pfand für eine Schuld!«

»Mein Gott, ich leugne meine Schulden nicht! Um ein paar tausend Francs, große Sache! Ich borge wenigstens, ich bestehle niemand!«

Die Vatnaz zwang sich zu lachen.

»O! ich lege meine Hand dafür ins Feuer.«

»Sieh dich vor! Sie ist dürr genug, um zu verbrennen.«

[373] Das alte Mädchen hielt ihr die rechte Hand gerade vors Gesicht:

»Aber einige von deinen Freunden finden doch Geschmack daran!«

»Andalusier also? als Kastagnetten?«

»Dirne!«

Die Marschallin verneigte sich tief.

»Man ist nicht mehr verlockend!«

Die Vatnaz erwiderte nichts. Schweißtropfen standen auf ihren Schläfen. Sie keuchte. Ihre Augen hefteten sich auf den Teppich. Endlich erreichte sie die Tür und rief, bevor sie sie heftig zuschlug:

»Guten Abend! Sie werden von mir hören!«

»Sehr angenehm!«

Ihre Beherrschung, zu der sie sich gezwungen, hatte Rosanette erschöpft. Sie warf sich bebend auf den Diwan, stammelte Beschimpfungen und vergoß Tränen. War es die Drohung der Vatnaz, die sie quälte? Ach nein, daraus machte sie sich nichts! Schuldete die andere ihr vielleicht Geld? Es handelte sich um das goldene Schäfchen, ein Geschenk; und mitten in ihren Tränen entschlüpfte ihr der Name Delmar. Also sie liebte den Schauspieler!

»Warum also hat sie mich genommen?« fragte sich Frédéric. »Woher kommt es, daß ihre Liebe wieder erwacht ist? Wer zwingt sie, mich zu behalten? Was ist der Sinn von alledem?«

Rosanette fuhr fort, leise zu schluchzen. Sie lag immer noch am Rande des Diwans auf der Seite, die rechte Wange auf beiden Händen, – und sah so zart aus, so unschuldig und voller Schmerz, daß er sich ihr näherte und sie leise auf die Stirn küßte.

Da überschüttete sie ihn mit Beteuerungen ihrer Liebe: der Fürst reiste ab, sie würden frei sein. Aber im Moment sei sie in Verlegenheit. »Du hast neulich ja selbst gesehen, wie ich mein altes Futter benutzte.« Keine Equipage mehr! Und das sei nicht alles; der Tapezierer drohte, die Möbel [374] aus dem großen Zimmer und dem Salon fortzunehmen. Sie wisse nicht aus noch ein.

Frédéric hatte Lust, zu antworten: »Beunruhige dich nicht! ich werde es bezahlen!« Aber die Dame konnte lügen. Die Erfahrung hatte ihn belehrt. Er beschränkte sich einfach darauf, sie zu trösten.

Die Befürchtungen Rosanettes waren nicht unberechtigt; die Möbel mußten zurückgegeben und die schöne Wohnung in der Rue Drouot verlassen wer den. Sie nahm eine andere auf dem Boulevard Poissonnière, im vierten Stock. Die originellen Einzelheiten ihres früheren Boudoirs genügten, um drei Räumen ein kokettes Aussehen zu geben. Da waren chinesische Stores, ein Zelt auf der Terrasse, im Salon ein fast noch neuer Teppich und Puffs von rosa Seide. Frédéric hatte reichlich zu diesen Erwerbungen beigesteuert; er empfand die Freude eines Neuvermählten, der endlich ein Haus, eine Frau sein eigen nennt; und da es ihm dort sehr gut gefiel, kam er fast jeden Abend hin, dort zu schlafen.

Eines Morgens, als er aus dem Vorzimmer trat, bemerkte er in der dritten Etage auf der Treppe den Tschako eines Nationalgardisten, der heraufkam. Wohin ging er wohl? Frédéric wartete. Der Mann stieg immer höher, den Kopf ein wenig gesenkt; da blickte er auf. Es war Arnoux. Die Situation war klar. Sie erröteten beide, von der gleichen Verlegenheit ergriffen.

Arnoux fand als der erste ein Mittel, sich davon zu befreien.

»Es geht ihr besser, nicht wahr?« wie wenn Rosanette krank wäre und er gekommen, um sich nach ihr zu erkundigen.

Frédéric benutzte diese Einleitung.

»Ja, gewiß! Ihr Mädchen hat es mir wenigstens gesagt,« er wollte zu verstehen geben, daß man ihn nicht empfangen hatte.

Dann blieben sie einander gegenüber stehen, beide unentschlossen und sich beobachtend. Es handelte sich darum, [375] wer von ihnen gehen würde. Arnoux behielt auch jetzt seine Geistesgegenwart.

»Ach was! ich komme später wieder! Wohin wollten Sie? Ich begleite Sie!«

Und als sie auf der Straße waren, plauderte er ebenso ungezwungen wie sonst. Augenscheinlich war er nicht eifersüchtig veranlagt, oder er war viel zu gutmütig, um sich zu ärgern.

Überdies nahm das Vaterland ihn völlig in Anspruch. Jetzt legte er die Uniform nicht mehr ab. Am 29. März hatte er die Büros der »Presse« verteidigt. Als man die Kammer angriff, hatte er sich durch seinen Mut ausgezeichnet und wurde zu dem Bankett eingeladen, das der Nationalgarde von Amiens gegeben wurde.

Hussonnet, der immer zu gleicher Zeit Dienst mit ihm hatte, sprach wie kein anderer seiner Flasche und seinen Zigarren zu, aber von Natur respektlos, gefiel er sich darin, ihm zu widersprechen, und tadelte den wenig korrekten Stil der Dekrete, die Konferenzen im Luxembourg, den Amazonenklub der Vesuvianerinnen, die Tiroler, selbst den Wagen des Ackerbaus, der von Pferden, anstatt von Ochsen gezogen und von häßlichen Mädchen begleitet war. Arnoux dagegen verteidigte die Regierung und träumte von der Fusion der Parteien. Indessen nahmen seine Geschäfte eine schlimme Wendung, aber er beunruhigte sich wenig darum.

Die Beziehungen Frédérics zu Rosanette hatten ihn nicht im geringsten gekränkt; denn diese Entdeckung berechtigte ihn (in seinem Gewissen) dazu, die Pension zurückzuziehen, die er ihr seit der Abreise des Fürsten wieder zahlte. Er schützte die verworrenen Verhältnisse vor, stöhnte viel, und die Marschallin war großmütig. Nun betrachtete Arnoux sich als Geliebten ihres Herzens, – was ihn in seiner eigenen Achtung hob und ihn verjüngte. Da er nicht daran zweifelte, daß Frédéric die Marschallin bezahlte, hielt er es »für einen gelungenen Scherz«, ging [376] selbst so weit, kein Hehl daraus zu machen, und räumte ihm das Feld, wenn sie sich begegneten.

Diese Teilung verletzte Frédéric, und die Höflichkeit seines Nebenbuhlers schien ihm ein zu weit geführter Spott. Doch wenn er sich entzweite, beraubte er sich dadurch jeder Aussicht auf eine Rückkehr zu der andern, und dann war es das einzige Mittel, von ihr zu hören. Der Fayence-Händler sprach aus Gewohnheit oder vielleicht Bosheit gern von ihr und fragte ihn sogar, warum er sie nicht mehr besuche.

Frédéric, der alle Ausreden erschöpft hatte, versicherte, daß er mehrmals vergeblich bei Madame Arnoux gewesen sei. Arnoux glaubte ihm, denn er hatte sich ihr gegenüber oft gewundert über die Abwesenheit seines Freundes und von ihr dann immer die Antwort erhalten, daß sie seinen Besuch verfehlt habe, so daß die beiden Lügen sich ergänzten, anstatt sich zu widersprechen.

Die Sanftmut des jungen Mannes und das Vergnügen, ihn zum besten zu haben, veranlaßten Arnoux, ihn noch mehr zu lieben. Er trieb die Vertraulichkeit nicht aus Geringschätzung bis zur äußersten Grenze, sondern weil er Vertrauen zu ihm hatte. Eines Tages schrieb er ihm, daß ein dringendes Geschäft ihn für vierundzwanzig Stunden in die Provinz rufe, und bat ihn, an seiner Stelle auf Wache zu ziehen. Frédéric wagte nicht, es abzuschlagen und begab sich auf den Posten des Caroussel.

Er mußte sich die Gesellschaft der Nationalgardisten gefallen lassen! und mit Ausnahme eines Fabrikarbeiters, eines drolligen Menschen, der unmäßig trank, schienen ihm alle unbedeutender als ihre Patronentaschen. Die Hauptunterhaltung drehte sich um den Ersatz des Lederzeugs durch Degengehänge. Andere entrüsteten sich über die National-Werkstätten. Es hieß: »Wohin wird das führen?« Der, an den die Frage gerichtet war, erwiderte, die Augen aufreißend wie am Rande eines Abgrunds: »Was soll daraus werden?« Dann rief ein kühnerer: »Das kann nicht so weiter gehen! es muß ein Ende nehmen!« [377] Und dieselben Reden wiederholten sich bis zum Abend. Frédéric langweilte sich tödlich.

Seine Überraschung war groß, als er um elf Uhr Arnoux erscheinen sah, der sagte, daß er sofort nach Beendigung seines Geschäfts herbeigeeilt sei, um ihn abzulösen.

Er hatte kein Geschäft gehabt. Es war eine Erfindung, um vierundzwanzig Stunden allein mit Rosanette zu verbringen. Aber der brave Arnoux hatte sich selbst zu viel zugetraut, und mit seiner Müdigkeit kamen Gewissensbisse. Er komme, um sich bei Frédéric zu bedanken, sagte er, um ihn zum Abendessen einzuladen.

»Tausend Dank! Ich bin nicht hungrig! Ich verlange nichts als mein Bett!«

»Ein Grund mehr, nachher zusammen zu frühstücken! Welch ein Schwächling Sie sind! Man geht jetzt nicht nach Haus! Es ist zu spät! Es wäre gefährlich!«

Frédéric gab abermals nach. Arnoux, den zu sehen man nicht erwartet hatte, wurde von seinen Waffenbrüdern, besonders von dem Fabrikarbeiter, sehr verwöhnt. Alle liebten ihn, und er war ein so guter Kerl, daß er die Abwesenheit Hussonnets bedauerte. Aber er mußte für eine Minute, eine Minute nur die Augen schließen.

»Setzen Sie sich zu mir,« sagte er zu Frédéric, indem er sich auf dem Feldbett ausstreckte, ohne sein Lederzeug abzulegen. Aus Furcht aufgerufen zu werden, behielt er dem Reglement zum Trotz sogar sein Gewehr bei sich, dann murmelte er ein paar Worte: »Geliebte! mein kleiner Engel!« und schlief sofort ein.

Die gesprochen hatten, verstummten, und bald herrschte auf der Wache eine tiefe Stille. Von Flöhen gepeinigt, sah Frédéric sich um. An der gelb getünchten Wand war in ihrer halben Höhe ein langes Brett angebracht, auf dem die Tornister eine Reihe kleiner Erhöhungen bildeten, während darunter die bleifarbenen Gewehre eins neben das andere gestellt waren; und man vernahm ein Schnarchen von den Gardisten her, deren Körper sich verschwommen im Dunkel abzeichneten. Eine leere Flasche und Teller [378] standen auf dem Ofen, drei Rohrstühle um den Tisch, auf dem ein Spiel Karten lag. Von einer Trommel mitten auf der Bank hing der Riemen herab. Der warme Wind, der von der Tür her kam, machte die Lampe qualmen. Arnoux schlief mit ausgebreiteten Armen; da sein Gewehr ein wenig schräg mit dem Kolben nach unten stand, reichte die Mündung der Waffe bis an seine Achselhöhle. Frédéric bemerkte es und erschrak.

»Ach was! es ist nichts zu befürchten! Doch wenn er stürbe ...«

Und eine Flucht von Bildern zog an ihm vorüber. Er sah sich mit »ihr«, nachts, in einem Postwagen, dann an einem Sommerabend am Ufer eines Flusses, und im Schein einer Lampe bei ihr, in ihrem Hause. Er war bereits bei Haushaltungsberechnungen angelangt, traf häusliche Bestimmungen, sah und fühlte schon sein Glück; – und um es verwirklicht zu sehen, brauchte sich nur der Hahn des Gewehrs zu heben! Man brauchte nur mit der Zehenspitze anstoßen, der Schuß würde losgehen, durch einen Zufall, weiter nichts!

Frédéric malte sich diese Idee aus wie ein Dramatiker, der einen Plan entwirft. Plötzlich schien sie ihm der Verwirklichung nahe, er selbst von dem Drang beseelt, dazu beizutragen, und ihn überfiel große Furcht. Mitten in diese Angst aber mischte sich die Freude, der er sich völlig überließ, während er mit Schrecken seine Bedenken schwinden sah; in dem Grauen seiner Träumerei erlosch die übrige Welt für ihn, und nur durch eine unerträgliche Beklemmung kam er zum Bewußtsein seiner selbst.

»Trinken wir Weißwein?« sagte der Fabrikarbeiter, der eben erwachte.

Arnoux sprang auf, und nach dem der Weißwein getrunken war, wollte er Frédéric ablösen.

Dann nahm er ihn zum Frühstück zu Parly, Rue de Chartres, mit; und da er das Bedürfnis hatte, sich zu stärken, bestellte er zwei Fleischgerichte, einen Hummer, eine Omelette mit Rum, einen Salat und so weiter, das [379] Ganze befeuchtet mit einem Sauterne 1819, einem Romané 42, ohne den Champagner und die Liköre zum Dessert zu rechnen.

Frédéric widersprach ihm in nichts. Er war befangen, als könnte der andere auf seinem Gesicht die Spuren seiner Gedanken entdecken.

Beide Ellbogen auf den Tischrand gestützt, weit vorgeneigt, und mit einem Blick, der ihn belästigte, vertraute Arnoux ihm seine Pläne an.

Er hatte Lust, alle Dämme der Nordbahnlinie zu pachten, um Kartoffeln darauf zu pflanzen, oder auch eine Monstre-Kavalkade auf den Boulevards zu organisieren, in der die »Berühmtheiten des Tages« figurieren sollten. Er wollte dann alle Fenster vermieten, was bei drei Francs durchschnittlich einen hübschen Gewinn abgeben würde. Kurz, er träumte, durch ein Massen-Geschäft einen großen Schlager zu machen. Dabei war er moralisch, verurteilte alle Ausschreitungen, jeden unsoliden Lebenswandel, sprach von seinem »armen Vater«, und sagte, daß er jeden Abend sein Gewissen prüfe, ehe er Gott seine Seele befahl.

»Ein wenig Curaçao, was?«

»Wie Sie wünschen!«

Was die Republik anbelange, so würden die Dinge sich schon ordnen, schließlich fühle er sich als der glücklichste Mensch auf Erden; und sich vergessend, rühmte er die Eigenschaften Rosanettes, verglich sie sogar mit seiner Frau. Das sei doch ganz etwas anderes. Man könne sich von so schönen Schenkeln gar keine Vorstellung machen!

»Aus Ihr Wohl!«

Frédéric stieß mit ihm an. Er hatte aus Gefälligkeit ein wenig zu viel getrunken; überdies blendete ihn die helle Sonne, und als sie zusammen die Rue Vivienne hinaufgingen, berührten ihre Epaulettes sich brüderlich.

Zu Haus schlief Frédéric bis sieben Uhr. Dann ging er zur Marschallin. Sie war mit jemand ausgegangen. Mit Arnoux vielleicht? Da er nichts anzufangen wußte, setzte er seinen Spaziergang auf den Boulevards fort, kam [380] aber nicht über das Tor Saint-Martin hinaus, so viele Leute hatten sich dort angesammelt.

In dem Elend war eine beträchtliche Anzahl von Arbeitern sich selbst überlassen, und sie kamen jeden Abend ohne Zweifel zur Musterung dorthin und in Erwartung eines Signals. Trotz des Verbots gegen die Zusammenrottungen vermehrten sich diese »Klubs der Verzweifelten« in erschreckender Weise, und viele Bürger fanden sich täglich aus Trotz oder weil es jetzt Mode war, dort ein.

Plötzlich bemerkte Frédéric drei Schritte weiter Monsieur Dambreuse mit Martinon; er wandte sich ab, denn er war aufgebracht über Monsieur Dambreuse, seit er sich zum Abgeordneten hatte ernennen lassen. Doch der Kapitalist hielt ihn an.

»Ein Wort, lieber Herr Moreau! Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig.«

»Ich verlange keine.«

»Bitte, hören Sie mich an.«

Es sei keineswegs seine Schuld gewesen. Man hätte ihn gebeten, gewissermaßen gezwungen. Martinon bekräftigte seine Worte: eine Deputation von Nogentinern hätte sich bei ihm vorgestellt.

»Überdies habe ich geglaubt, von dem Moment an frei zu sein ...«

Ein Gedränge von Menschen auf dem Trottoir zwang Monsieur Dambreuse, zurückzuweichen. Eine Minute später erschien er wieder und sagte zu Martinon:

»Sie haben mir da wirklich einen Dienst erwiesen! Sie werden es nicht bereuen!«

Alle drei lehnten sich an einen Laden, um bequemer plaudern zu können.

Von Zeit zu Zeit schrie man: »Es lebe Napoleon! es lebe Barbès! nieder mit Marie!« die zahllose Menge schrie durcheinander; – und all diese Stimmen, durch die Häuser zurückgeworfen, glichen der ununterbrochenen Brandung in einem Hafen. Mitunter verstummten sie und dann ertönte die Marseillaise. Unter den Torwegen boten Männer mit [381] geheimnisvollen Mienen Stockdegen an. Zuweilen blinzelten zwei Individuen, die aneinander vorübergingen, sich zu und entfernten sich darauf rasch. Gruppen von Gaffern nahmen das Trottoir ein, eine dichte Menge bewegte sich auf dem Pflaster. Ganze Trupps von Polizisten kamen aus den Gassen und verschwanden augenblicklich wieder. Kleine rote Fahnen glichen Flammen, die Kutscher gestikulierten lebhaft auf ihren hohen Böcken und kehrten dann um. Es war ein Gewühl, ein höchst sonderbares Schauspiel.

»Wie das alles Mademoiselle Cécile amüsiert hätte,« sagte Martinon.

»Meine Frau liebt es nicht, wie Sie wissen, daß meine Nichte mit uns geht,« erwiderte Monsieur Dambreuse lächelnd.

Man hätte ihn nicht wiedererkannt. Seit drei Monaten rief er: »Es lebe die Republik!« und hatte sogar für die Verbannung der Orléans gestimmt. Aber die Zugeständnisse sollten bald aufhören. Er war so aufgebracht, daß er selbst einen Totschläger in der Tasche trug.

Martinon hatte ebenfalls einen. Da die Unabsetzbarkeit der Richter aufgehoben war, hatte er sich von der Staatsanwaltschaft zurückgezogen und übertraf Monsieur Dambreuse noch an Ungestüm.

Der Bankier haßte besonders Lamartine (weil er Ledru-Rollin unterstützt hatte) und mit ihm Pierre Leroux, Proudhon, Considérant, Lamennais, alle diese Hirnverbrannten, alle Sozialisten.

»Denn was wollen sie schließlich? Man hat die Fleischsteuer aufgehoben und die Zwangsvollstreckung, jetzt studiert man das Projekt einer Hypotheken-Bank, neulich war es eine National-Bank! und da sind fünf Millionen im Budget für die Arbeiter! Aber glücklicherweise nimmt das dank Monsieur de Falloux ein Ende! Glückliche Reise! gingen sie nur!«

In der Tat hatte der Minister der öffentlichen Arbeiten, da er nicht wußte, wie die hundertdreißigtausend Menschen in den National-Werkstätten ernährt werden sollten, an [382] diesem Tage gerade einen Erlaß unterzeichnet, der alle Bürger zwischen achtzehn und zwanzig Jahren aufforderte, als Soldaten einzutreten oder in die Provinzen zu gehen, um dort Ackerbau zu treiben.

Diese Alternative empörte sie, da sie überzeugt waren, daß man die Republik vernichten wolle. Ein Leben fern von der Hauptstadt traf sie wie eine Verbannung; sie sahen sich schon am Fieber sterben in den unwirtlichen Gegenden. Viele, die eine feinere Arbeit gewöhnt waren, sahen außerdem im Ackerbau etwas wie eine Erniedrigung; es war ein Köder, ein Hohn, die formelle Verleugnung aller Versprechungen. Wenn sie Widerstand leisteten, würde man Gewalt anwenden, sie zweifelten nicht daran und bereiteten sich darauf vor, dem zuvorzukommen.

Gegen neun Uhr strömten Rotten, die sich vor der Bastille und dem Châtelet gebildet hatten, nach dem Boulevard. Vom Tor Saint-Denis bis zum Tor Saint-Martin sah man nichts als ein ungeheures Gewimmel, eine einzige Masse von einem dunkeln, fast schwarzen Blau. Die Männer, die man darin sah, hatten alle glühende Augen, eine blasse Hautfarbe, Gesichter, die vom Hunger abgemagert waren und durch die Ungerechtigkeit erregt. Währenddessen türmten sich die Wolken auf; der Gewitterhimmel steigerte die Spannung der Menge, die durcheinander wirbelte, ziellos wie das Wogen der Brandung, und man fühlte in ihren Tiefen eine unberechenbare Kraft, eine elementare Gewalt. Dann begannen alle zu rufen: »Lampions! Lampions!« Mehrere Fenster erhellten sich nicht, es wurden Kieselsteine an ihre Scheiben geworfen. Monsieur Dambreuse entschloß sich klüglich, zu gehen. Die beiden jungen Leute begleiteten ihn zurück.

Er sah ein großes Unheil voraus. Das Volk konnte noch einmal die Kammer angreifen; und bei dieser Gelegenheit erzählte er, wie er am 15. Mai ohne die Aufopferung eines Nationalgardisten ums Leben gekommen wäre.

»Doch ich vergaß, es ist ja Ihr Freund! Ihr Freund, der Facence-Fabrikant, Jacques Arnoux!« Die Aufrührer [383] hatten ihn umringt, da hatte dieser brave Bürger ihn in seine Arme genommen und fortgebracht. Seitdem bestand eine Art Beziehung zwischen ihnen. – »Wir müßten dieser Tage zusammen essen, und da Sie ihn oft sehen, versichern Sie ihn meiner Zuneigung. Er ist ein ausgezeichneter Mensch, verkannt, glaube ich, und er hat Geist, der Kerl! Also nochmals, grüßen Sie ihn von mir! guten Abend!«

Nachdem Frédéric Monsieur Dambreuse verlassen hatte, kehrte er zur Marschallin zurück und sagte ihr mit sehr düsterer Miene, daß sie zwischen ihm und Arnoux wählen müsse. Sie erwiderte sanft, daß sie nicht die Spur von »solchen Albernheiten« verstehe, daß sie Arnoux nicht liebe und ihr nichts an ihm liege. Frédéric sehnte sich, Paris zu verlassen. Sie wies die Idee nicht zurück, und am nächsten Tage reisten sie nach Fontainebleau.

Das Hotel, in dem sie wohnten, unterschied sich von den anderen durch einen Springbrunnen, der mitten im Hofe plätscherte. Die Türen der Zimmer gingen auf einen langen Gang wie in den Klöstern. Das man ihnen angewiesen hatte, war groß, mit guten Möbeln in Kattunüberzügen ausgestattet und ruhig, da Reisende nur spärlich waren. Längs der Häuser gingen müßige Bürgersleute vorüber; dann, als der Abend anbrach, begannen Kinder auf der Straße unter ihren Fenstern ein Fangspiel; – und nach dem Tumult in Paris erschien ihnen diese Stille wie ein Wunder, eine Beruhigung.

Früh morgens gingen sie, das Schloß zu besichtigen. Als sie durch das Gitter traten, übersahen sie seine ganze Fassade, die fünf Pavillons mit den spitzen Dächern und die eiserne Treppe zu beiden Seiten im Hintergrund des Hofes, den rechts und links niedrigere Gebäude begrenzen. Das Moos auf dem Pflaster nimmt von fern das fahle Rot der Ziegel an, und der ganze Palast, rostfarben wie eine alte Rüstung, hatte etwas streng Königliches, eine Art langweiliger und militärischer Größe.

Endlich erschien ein Diener mit einem Schlüsselbunde. Er zeigte ihnen zuerst die Gemächer der Königinnen, das [384] Oratorium des Papstes, die Galerie Franz' I., den kleinen Mahagonitisch, an dem der Kaiser seine Abdankung unterzeichnet hatte, und in einem der Räume die Stelle, wo Christine Monaldeschi ermorden ließ. Rosanette hörte dieser Geschichte aufmerksam zu; dann wandte sie sich zu Frédéric:

»Das geschah doch sicherlich aus Eifersucht? nimm dich in acht!«

Dann durchschritten sie den Rüstungssaal, den Saal der Garde, den Thronsaal, den Saal Ludwigs XIII. Durch die hohen gardinenlosen Fenster ergoß sich weißes Licht; Staub trübte leicht den Glanz der Fensterriegelgriffe und der Messingsüße, der Konsolen, große Leinwandbezüge bedeckten die alten Fauteuils, man sah über den Türen Jagdstücke Ludwigs XV. und hier und da auf Gobelins die Götter des Olymp, Psyche oder die Schlachten Alexanders dargestellt.

Wenn sie an Spiegeln vorüberkamen, blieb Rosanette eine Minute stehen, um ihr Haar zu glätten.

Über den Turmhof und die Kapelle Saint-Saturnin gelangten sie in den Festsaal.

Sie waren geblendet von der Pracht der in gleiche Achtecke geteilten Decke in erhabenem Gold und Silber, die reicher ziseliert ist als ein Edelstein, und von der Überfülle der Gemälde an den Wänden, von dem riesenhaften Kamin mit dem Wappen von Frankreich, von Köchern und Halbmonden umgeben, bis zur Musikertribüne, die am andern Ende die Breite des Saales einnimmt. Die zehn Bogenfenster standen weit offen. Die Gemälde glänzten in der Sonne, der blaue Himmel verschmolz mit dem Ultramarin der Bogen; und tief aus den Wäldern, deren dunstige Wipfel den Himmelsrand verdeckten, hallte es wie ein Echo des Halali, das Elfenbeintrompeten hinausschmetterten, und der mythologischen Ballets, die unter dem Laubwerk Prinzessinnen, als Nymphen und Waldgötter verkleidet, und vornehme Herren versammelten, – eine Zeit der Harmlosigkeit, glühender Leidenschaft und prachtliebender [385] Kunst, deren Ideal es war, die Welt zu einem Hesperidentraum umzugestalten, und in der die Maitressen der Könige sich mit Gestirnen verglichen. Die schönste dieser Heldinnen hatte sich malen lassen, rechts in der Gestalt der jagenden Diana und sogar als Diana der Hölle, ohne Zweifel, um ihre Macht bis jenseits des Grabes anzudeuten. Und in der Tat: alle diese Symbole zeugen von ihrem Ruhm, und es bleibt etwas von ihr zurück, ein unbestimmter Ton, ein Glanz, der nicht verblaßt.

Beim Betrachten dieser Dinge hatte Frédéric eine unbeschreibliche Begierde erfaßt. Um sein Verlangen abzulenken, betrachtete er Rosanette mit Zärtlichkeit und fragte sie, ob sie nicht diese Frau hätte sein mögen.

»Welche Frau?«

»Diane de Poitiers!«

Er wiederholte:

»Diane de Poitiers, die Maitresse Heinrichs II.«

Sie rief ein leises: »Ah!« das war alles.

Ihr Schweigen bewies deutlich, daß sie nichts von ihr wußte, nichts verstand, so daß er nachsichtig zu ihr sagte:

»Es langweilt dich vielleicht?«

»Nein, nein, im Gegenteil!«

Und mit erhobenem Kinn, während sie die Umgebung mit vagen Blicken musterte, warf Rosanette die Worte hin:

»Das ruft Erinnerungen wach!«

Jedoch merkte man ihren Anstrengungen an, guten Willen zu zeigen; und da dies ernste Aussehen sie noch hübscher machte, verzieh ihr Frédéric.

Der Karpfenteich machte ihr mehr Spaß. Eine Viertelstunde lang warf sie Brotstücke ins Wasser, um die Fische aufschnellen zu sehen.

Frédéric hatte sich neben sie unter die Linden gesetzt. Er dachte an all die Personen, die in diesen Mauern geweilt hatten: Karl V., die Valois, Heinrich IV., Peter den Großen, Jean-Jacques Rousseau und »die empfindsamen Schönen der ersten Rang-Logen«, Voltaire, Napoléon, Pius VII., Louis-Philippe; er fühlte sich von diesem Heer [386] von Toten umgeben, unter ihnen; eine solche Fülle von Bildern betäubte ihn, er fand aber dennoch einen Reiz darin.

Endlich gingen sie in den Garten hinunter, ein weites Rechteck, wo man mit einem einzigen Blick seine breiten gelben Alleen, seine Rasenvierecke, seine Buchsbaumhecken, seine Taxuspyramiden, seine niedrigen Gewächse und seine schmalen, länglichen Beete übersehen kann, in denen spärlich gesäte Blumen Flecke auf der grauen Erde bilden. Am Ende des Gartens dehnt sich ein Park, der in seiner ganzen Breite von einem langen Kanal durchschnitten wird.

Königliche Schlösser haben eine eigene Melancholie, zweifellos durch ihre zu große Ausdehnung für die kleine Anzahl ihrer Gäste, durch die Stille, die nach soviel Trompetengeschmetter überrascht, und ihren starren Luxus, der durch sein Alter von der Vergänglichkeit der Dynastien, dem ewigen Verfall aller Dinge zeugt, – und dieser Hauch von Jahrhunderten, lähmend und düster wie Mumiengeruch, machte sich selbst einfachen Seelen fühlbar. Rosanette gähnte unbändig. Sie kehrten ins Hotel zurück.

Nach dem Frühstück fuhr ein offener Wagen für sie vor. Sie verließen Fontainebleau in einem weiten Bogen, und dann ging es im Schritt einen sandigen Weg zu einem Tannenwäldchen hinan. Die Bäume wurden größer, und der Kutscher erklärte von Zeit zu Zeit: »Dies sind die Siamesischen Zwillinge, dort Pharamund, der Königs-Busch ...,« er vergaß keine der berühmten Stellen; zuweilen hielt er an, um sie bewundern zu lassen.

Sie kamen in den Hochwald von Franchard. Der Wagen glitt wie ein Schlitten über den Rasen; Tauben, die man nicht sah, girrten; plötzlich erschien ein Café-Kellner, und sie stiegen vor einer Gartenpforte ab, wo runde Tische standen. Dann schritten sie, die Mauern einer verfallenen Abtei zur Linken lassend, über große Felsen und erreichten bald den Boden der Schlucht.

Sie ist an einer Seite mit einem Gemisch von Sandstein und Wacholder bedeckt, während sich der Boden an [387] der andern fast kahl zur Talsohle neigt, wo ein Pfad im farbigen Heidekraut eine helle Linie bildet; und in der Ferne erblickt man einen abgeplatteten Bergkegel mit einer Reihe Telegraphenstangen dahinter.

Eine halbe Stunde später machten sie sich nochmals auf, um zu Fuß die Höhen von Aspremont zu erklimmen.

Der Weg führt im Zickzack zwischen stämmigen Tannen unter zerklüfteten Felsen hin; dieser ganze Waldwinkel hat etwas Erstickendes, ein wenig Verwildertes, Lauschiges. Man denkt an Eremiten, – Gefährten mächtiger Hirsche mit einem Feuerkreuz zwischen den Hörnern, – die mit väterlichem Lächeln die guten Könige von Frankreich aufnahmen, die vor ihrer Höhle knieten. Harzgeruch erfüllte die heiße Luft, Wurzeln verflochten sich wie Adern auf dem flachen Boden. Rosanette stolperte darüber, sie war verzweifelt, dem Weinen nahe.

Aber ganz oben war sie wieder vergnügt, als sie unter einem Dach von Zweigen eine Art Ausschank vorfand, wo Holzschnitzereien verkauft wurden. Sie trank eine Flasche Limonade, kaufte einen Stock aus dem Holz der Stechpalme, und ohne einen Blick auf die Landschaft zu werfen, die man von dem Plateau aus übersieht, trat sie mit einem Jungen, der eine Fackel vorantrug, in die Räuberhöhle.

Ihr Wagen erwartete sie in Bas-Bréau.

Ein Maler in blauem Kittel arbeitete, mit seinem Farbenkasten auf den Knien, am Fuße einer Eiche. Er hob den Kopf und schaute ihnen nach.

Als sie mitten auf der Anhöhe von Chailly waren, zwang sie eine Wolke, die sich entlud, das Verdeck herunterzulassen. Aber der Regen hörte gleich darauf wieder auf, und das Straßenpflaster glänzte in der Sonne, als sie in die Stadt zurückkehrten.

Reisende, die kürzlich zurückgekommen waren, erzählten ihnen, daß in Paris eine blutige Schlacht wüte. Rosanette und ihren Liebhaber überraschte das nicht. Dann gingen alle, und das Hotel wurde ruhig, das Gas ausgelöscht, und [388] sie schliefen beim Murmeln des Springbrunnens im Hofe ein.

Am folgenden Tage besuchten sie die Wolfsschlucht, den Elfensumpf, den langen Felsen und la Marlotte; am nächsten fuhren sie aufs Geratewohl aus, wie es ihrem Kutscher gefiel, ohne zu fragen, wo sie wären, und beobachteten oft nicht einmal die berühmtesten Punkte.

Sie fühlten sich so wohl in ihrem alten Landauer, der niedrig war wie ein Sofa und mit einer verblaßten, gestreiften Leinwand überzogen.

Die Gräben voller Gestrüpp zogen in sanfter, ununterbrochener Bewegung an ihren Augen vorüber. Weiße Strahlen schossen wie Pfeile durch die hohen Farren, bisweilen zeigte sich ein Pfad, der nicht mehr benutzt wurde, wie eine gerade Linie vor ihnen, und weiche Gräser schwankten hier und dort. An den Kreuzwegen streckte ein Wegweiser seine vier Arme aus, Pfähle neigten sich wie tote Bäume, und kleine gewundene Fußwege, die sich im Laub verloren, lockten, ihnen zu folgen; im selben Augenblick wandte sich das Pferd, und sie versanken im Morast; weiterhin wuchs Moos am Rande der tiefen Wagenfurchen.

Sie glaubten sich fern von allen anderen, ganz allein. Aber plötzlich kam ein Waldhüter mit seiner Flinte vorüber oder eine Bande zerlumpter Weiber, die große Reisigbündel auf ihren Rücken schleppten.

Wenn der Wagen anhielt, herrschte tiefe Stille. Man vernahm nur das Schnaufen des Pferdes und dann und wann einen ganz schwachen Vogelruf.

Das Licht erhellte an einzelnen Stellen den Waldrand und ließ die Tiefen im Schatten, oder es verbreitete, im Vordergrund zu einer Art Dämmerung abgeschwächt, in der Ferne auch wohl einen violetten Dunst, eine bleiche Klarheit. Mitten am Tage, wenn die Sonne senkrecht auf den weiten Grasweiden stand, die sie überflutete, hingen silberne Tropfen an den Spitzen der Zweige; sie zog Smaragdstreifen durch den Rasen und zeichnete goldene [389] Flecke auf die Schicht dürrer Blätter; bog man den Kopf zurück, so erblickte man den Himmel zwischen den Wipfeln der Bäume. Einige von unermeßlicher Höhe hatten das Aussehen von Patriarchen und Kaisern oder bildeten, sich an den Spitzen berührend, mit ihren hohen Stämmen Triumphbogen; andere, die schräg gewachsen waren, glichen Säulen, die im Begriff waren, umzustürzen.

Diese Menge großer vertikaler Linien teilte sich halb, und nun entrollten sich gewaltige grüne Wogen in ungleichen Anschwellungen bis zur Talsohle, wo die Gipfel anderer Hügel hervortraten und die lichten Ebenen überragten, die sich in der Ferne in unbestimmtem, fahlem Licht verloren.

Auf einer Anhöhe, wo sie nebeneinander standen, fühlten sie, den Wind einatmend, ihre Seele schwellen in stolzer Freude über dieses freie Leben, empfanden sie eine Überfülle von Kraft und grundloser Freude.

Die Mannigfaltigkeit der Bäume bot ein wechselndes Schauspiel. Die Buchen mit ihrer glatten, hellen Rinde verzweigten ihre Kronen; Eschen bogen weich ihr graugrünes Geäst; zwischen den Weißbuchenschößlingen starrten bronzeartige Stechpalmen; dann kam eine Reihe winziger, wehmütig geneigter Birken; und die Kiefern, symmetrisch wie Orgelpfeifen, schienen zu singen und wiegten sich hin und her. Da waren knorrige Rieseneichen, die krampfhaft verzerrt sich aus dem Boden reckten, einander umwanden, und diese Unbeugsamen und Verwitterten schleuderten sich mit ihren nackten Armen Verzweiflungsrufe, wütende Drohungen zu, wie eine in ihrem Zorn erstarrte Gruppe von Titanen. Wie eine dumpfe, matte Fieberstimmung lag es über den Weihern, deren Wasserfläche von Dornengebüsch durchschnitten wurde; die Moose an ihren Ufern, wohin die Wölfe zum Trinken kamen, waren schwefelfarben, wie versengt unter dem Schritt von Zauberinnen, und das ununterbrochene Quaken der Frösche antwortete auf das Krächzen der aufflatternden Krähen. Dann durchschritten sie eintönige Lichtungen, hier und da mit jungen Schonungen[390] bepflanzt. Ein Geräusch von Eisen ertönte, rasche und zahlreiche Schläge; es war eine Anzahl von Arbeitern, die an der Seite des Hügels Steine brachen. Sie sahen immer größere Mengen davon, und schließlich füllten sie die ganze Landschaft; haushohe Würfel, breite Platten stützten sich, hingen übereinander, lagen durcheinander wie ungeheuere Ruinen einer verschwundenen Stadt. Aber dieses gewaltige Chaos erweckt eher den Gedanken an Vulkane, an Sintfluten, an große, unbekannte Erdumwälzungen. Frédéric sagte, daß es dort seit Beginn der Welt so gewesen und bis zum Ende so bleiben werde; Rosanette wandte den Kopf ab, versicherte, daß dies sie verrückt machen würde, und ging, um Heidekraut zu pflücken. Seine kleinen violetten Blüten bildeten, nebeneinandergedrängt, ungleiche Flächen, und die darunter hervorsickernde Erde setzte schwarze Fransen an den Rand des Sandes, der mit Glimmer untermischt war.

Eines Tages kamen sie auf die halbe Höhe eines Sandhügels. Seine Oberfläche, von Schritten unberührt, war von symmetrischen Wellenlinien durchzogen; und wie Klippen in dem ausgetrockneten Bett des Ozeans erhoben sich hier und dort Felsen in der vagen Gestalt von Tieren, wie Schildkröten mit vorgestrecktem Kopf, kriechende Robben, Nilpferde und Bären. Nichts Lebendes. Kein Geräusch. Der Sand, auf den die Sonne fiel, blendete, – und plötzlich, in diesem zitternden Licht, schienen die Tiere sich zu bewegen. Sie kehrten schnell um und flohen fast erschrocken vor dem Spuk.

Die Stille des Waldes zog sie an, und sie verbrachten Stunden des Schweigens, wo sie, eingewiegt von dem Zauber, wie benommen in stille Trunkenheit versanken. Den Arm um ihre Taille, hörte er sie plaudern, während die Vögel zwitscherten. Er streifte dabei mit demselben Blick die schwarzen Trauben ihres Hütchens und die Beeren des Wacholders, die Falten ihres Schleiers und die Wolkengebilde; und wenn er sich zu ihr neigte, mischte sich die Frische ihrer Haut mit dem kräftigen Duft des Waldes. [391] Sie freuten sich an allem, zeigten sich wie eine Merkwürdigkeit die Sonnenfäden, die an den Büschen hängen blieben, Löcher, mit Wasser gefüllt mitten zwischen den Steinen, ein Eichkätzchen auf den Zweigen, den Flug zweier Schmetterlinge, die sich verfolgten; oder sie sahen zwanzig Schritte weiter unter den Bäumen eine Hirschkuh hoheitsvoll, ruhig, mit sanfter Miene dahinschreiten, ihr Junges neben sich. Rosanette hätte ihm nachlaufen mögen, es zu streicheln.

Einmal hatte sie wohl Furcht, als ein Mann, der plötzlich auftauchte, ihr drei Schlangen in einem Kasten zeigte. Sie eilte bestürzt zu Frédéric; – und er war glücklich, daß sie sich schwach zeigte und er stark genug war, sie zu beschützen.

An diesem Abend aßen sie in einem Wirtshaus am Ufer der Seine. Der Tisch stand nahe beim Fenster, Rosanette saß ihm gegenüber, und er betrachtete ihr feines weißes Näschen, ihre geschwellten Lippen, die klaren Augen, ihre kastanienbraunen, gepufften Scheitel, das hübsche ovale Gesicht. Ihr Kleid von sandfarbenem Foulard schmiegte sich an ihre etwas abfallenden Schultern, und ihre Hände, die aus ihren ganz glatten Manschetten hervorsahen, schnitten vor, schenkten ein und streckten sich über das Tischtuch. Man servierte ihnen ein Huhn, das Flügel und Beine von sich streckte, ein Fischgericht von Aal in einer irdenen Schale, zusammengeschüttete Weinreste, zu hartes Brot, gab ihnen schartige Messer. Alles dies erhöhte das Vergnügen, die Illusion. Sie glaubten sich fast mitten auf Reisen, in Italien, in ihrem Honigmond.

Bevor sie wieder zurückkehrten, machten sie einen Spaziergang am Ufer entlang.

Der zartblaue Himmel, wie eine Kuppel gewölbt, stützte sich am Horizont auf den zackigen Rand der Wälder. Gegenüber, am Ende der Wiese, sah man den Kirchturm in einem Dorf; und weiter, zur Linken, bildete das Dach eines Hauses einen roten Fleck auf dem Fluß, der in der ganzen Länge seiner Windung reglos schien. Doch neigten [392] sich Binsen darüber, und das Wasser bewegte leise die Stangen, die am Ufer zum Tragen der Netze eingerammt waren; eine Weidenreuse und zwei bis drei Schaluppen lagen da. Bei dem Wirtshaus zog ein Mädchen im Strohhut die Eimer eines Ziehbrunnens hoch; – jedesmal, wenn sie herauskamen, hörte Frédéric mit unaussprechlicher Freude das Rasseln der Kette.

Er zweifelte nicht daran, daß er bis ans Ende seiner Tage dieses Glück besitzen würde, das so natürlich, so unzertrennlich von seinem Leben und der Persönlichkeit dieser Frau war. Ein Verlangen trieb ihn, ihr Zärtlichkeiten zu sagen. Sie erwiderte sie mit reizenden Worten, kleinen Schlägen auf die Schulter, Liebkosungen, die ihn entzückten. Er entdeckte an ihr eine ganz neue Schönheit, die vielleicht nichts weiter war als ein Abglanz der Dinge ringsum, wenn nicht deren geheime Kraft sie zur Entfaltung gebracht hatte.

Wenn sie sich im Freien ausruhten, legte er den Kopf auf ihre Knie, in den Schutz ihres Sonnenschirms; – oder sie lagen auf dem Bauche mitten im Grase, einer dem andern gegenüber, schauten sich an, die Blicke ineinander getaucht, berauschten sich an sich selber, hingenommen, mit halbgeschlossenen Lidern, und dann sprachen sie nicht mehr.

Zuweilen vernahmen sie ganz in der Ferne Trommelwirbel. Es war der Generalmarsch, den man in den Dörfern schlug, um zur Verteidigung von Paris aufzufordern.

»Ach! der Aufruhr!« sagte Frédéric mit geringschätziger Verachtung, so erbärmlich schien ihm diese ganze Agitation im Vergleich zu ihrer Liebe und der ewigen Natur.

Und sie plauderten von irgend etwas, von Dingen, die sie genau wußten, von Personen, die sie nicht interessierten, von tausend Nichtigkeiten. Sie unterhielt ihn von ihrer Jungfer und ihrem Friseur. Eines Tages vergaß sie sich und nannte ihr Alter: Neunundzwanzig Jahre; sie wurde alt.

Mehrmals erzählte sie ihm, ohne es zu wollen. Einzelheiten [393] von sich selbst. Sie war »Fräulein in einem Geschäft« gewesen, hatte eine Reise nach England gemacht, mit Studien begonnen, um Schauspielerin zu werden; alles das ohne Übergänge, er vermochte nicht, sich ein Bild daraus zusammenzustellen. Sie er zählte mehr davon, als sie eines Tages unter einer Platane am Wiesenrain saßen. Unten am Rande des Weges ließ ein kleines Mädchen, die bloßen Füße im Staub, eine Kuh weiden. Als es ihrer ansichtig ward, kam es heran, um ein Almosen zu bitten; mit einer Hand hielt es sein zerlumptes Röckchen fest, kraute sich mit der andern in seinem schwarzen Haar, das wie eine Perücke à la Ludwig XIV. sein braunes, von prachtvollen Augen belebtes Gesicht umrahmte.

»Sie wird einmal sehr hübsch werden,« sagte Frédéric.

»Welche Aussicht für sie, wenn sie keine Mutter hat!« erwiderte Rosanette.

»Hm? Weshalb?«

»Nun ja; ich, ohne die meinige ...«

Sie seufzte und begann von ihrer Kindheit zu sprechen.

Ihre Eltern waren Hausweber in Croix-Rousse. Sie half ihrem Vater bei der Arbeit. Der arme Mann hatte sich aufreiben müssen, seine Frau überhäufte ihn mit Schimpfworten und verkaufte alles, um es zu vertrinken. Rosanette sah ihre Stube noch vor sich, mit Webstühlen, die der Länge nach vor die Fenster gestellt waren, den Kochtopf auf dem Ofen, das wie Mahagoni angemalte Bett, einen Schrank gegenüber und den dunklen Hängeboden, wo sie bis zu ihrem fünfzehnten Jahre geschlafen hatte. Schließlich war ein Herr gekommen, ein fetter Mann mit gelbem Gesicht und nach Art der Mucker in schwarzer Kleidung. Ihre Mutter und er hatten ein Gespräch miteinander und drei Tage darauf ... Rosanette hielt inne und sagte mit einem Blick, der schamlos war und bitter zugleich:

»Es war geschehen!«

Dann als Antwort auf eine Geberde Frédérics:

»Da er verheiratet war (er fürchtete, sich in seinem Hause zu kompromittieren), führte man mich in das Kabinett [394] eines Gasthauses und sagte mir, daß ich glücklich sein und ein schönes Geschenk erhalten würde.«

»Schon an der Tür war das erste, was mir auffiel, ein vergoldeter Kandelaber auf einem Tisch mit zwei Gedecken. Ein Spiegel an der Decke warf alles das zurück, und die Polsterung der Wände in blauer Seide gab dem Ganzen das Aussehen eines Alkovens. Ich war geblendet. Du begreifst, ein armes Ding, das niemals etwas gesehen hatte! Trotz meines Staunens hatte ich Furcht. Ich wollte fort. Ich bin aber doch geblieben.«

»Der einzige Sitz, den es gab, war ein Diwan vor dem Tisch. Er sank weich unter mir ein; der Öffnung der Heizung auf dem Fußboden entströmte heißer Atem, und ich saß da, ohne etwas anzurühren. Der Kellner, der dabei stand, forderte mich auf, zu essen. Er goß mir gleich ein großes Glas Wein ein; der Kopf drehte sich mir, ich wollte das Fenster öffnen, da sagte er: ›Nein, Fräulein, das ist verboten.‹ Und dann verließ er mich. Der Tisch war mit einer Menge von Dingen bedeckt, die ich nicht kannte. Nichts schmeckte mir. Dann machte ich mich über ein Glas mit eingelegten Früchten her und wartete weiter. Ich weiß nicht, was ihn verhinderte, zu kommen. Es war sehr spät, wenigstens Mitternacht, ich konnte nicht länger vor Müdigkeit; indem ich eines der Kissen fortschiebe, um mich besser auszustrecken, fühle ich unter meiner Hand eine Art Album, ein Heft; es waren obscöne Bilder ... Ich schlief darauf, als er eintrat.«

Sie senkte den Kopf und blieb nachdenklich.

Um sie her säuselten die Blätter, in einem Gewirr von Gräsern wiegte sich ein großer Fingerhut, über dem Rasen wogte das Licht, und die Stille wurde in kurzen Zwischenräumen von dem Grasrupfen einer Kuh unterbrochen, die man nicht sah.

Mit bebenden Nasenflügeln starrte Rosanette versonnen auf einen Fleck am Boden, drei Schritte vor sich. Frédéric nahm ihre Hand.

»Wie du gelitten hast, mein armes Lieb!«

[395] »Ja,« sagte sie, »mehr als du glaubst! ... So, daß ich ein Ende machen wollte; man hat mich wieder herausgefischt.«

»Wie?«

»Ach, denken wir nicht mehr daran! ... Ich liebe dich, ich bin glücklich! küsse mich.« Und sie entfernte die Disteln, die sich am Rande ihres Kleides festgehakt hatten, eine nach der andern.

Frédéric dachte besonders an das, was sie nicht gesagt hatte. Auf welche Art hatte sie dem Elend entgehen können? Welchem Liebhaber verdankte sie ihre Erziehung? Was war in ihrem Leben geschehen bis zu dem Tage, an dem er das erste Mal zu ihr gekommen war? Ihr letztes Geständnis schloß jede Frage aus. Er fragte sie nur, wie sie die Bekanntschaft von Arnoux gemacht hatte.

»Durch die Vatnaz!«

»Warst du es nicht, die ich einmal mit ihnen beiden im Palais Royal gesehen habe?«

Er nannte das genaue Datum. Rosanette dachte nach.

»Ja, es ist wahr! ... Mir war nicht froh zumute in dieser Zeit damals!«

Aber Arnoux hätte sich ausgezeichnet benommen. Frédéric zweifelte nicht daran; jedoch war ihr Freund ein sonderbarer Mensch, voll Fehler, und er trug Sorge, sie ihr in Erinnerung zu bringen. Sie gab es zu.

»Schadet nichts! Man liebt ihn trotzdem, dieses Kamel.«

»Noch jetzt?« sagte Frédéric.

Sie errötete, halb lachend, halb erzürnt.

»O nein! Das ist eine alte Geschichte. Ich verberge dir nichts. Und selbst wenn es so wäre, mit ihm ist es etwas anderes! Übrigens finde ich dich nicht nett gegen dein Opfer.«

»Mein Opfer!«

Rosanette faßte ihn am Kinn.

»Freilich!«

Und lispelnd in der Weise der Kinderfrauen:

[396] »Wir sind nicht immer artig gewesen! Sind mit seiner Frau in die Baba gegangen!«

»Ich, niemals im Leben!«

Rosanette lächelte. Er war verletzt durch ihr Lächeln, das er als einen Beweis von Gleichgültigkeit betrachtete. Aber sie erwiderte sanft und mit einem jener Blicke, die um eine Lüge flehen:

»Wirklich?«

»Gewiß!«

Frédéric schwor auf sein Ehrenwort, daß er niemals an Madame Arnoux gedacht habe, da er zu verliebt in eine andere war.

»In welche denn?«

»Aber in dich, du Schönste!«

»Ach! Mache dich nicht lustig über mich!«

Er hielt es für klug, eine Geschichte zu erfinden, eine Leidenschaft. Er erfand sogar Einzelheiten, die er umständlich schilderte. Diese Frau hätte ihn übrigens sehr unglücklich gemacht.

»Du hast entschieden kein Glück!« sagte Rosanette.

»O! o! vielleicht doch!« Er wollte von der Gunst verschiedener Frauen reden, um eine bessere Meinung von sich zu erwecken, ebenso wie Rosanette nicht alle ihre Liebhaber eingestand, damit er sie mehr achte; – denn mitten in den intimsten Geständnissen gibt es immer einen Vorbehalt aus falscher Scham, aus Rücksicht oder Mitleid. Man entdeckt bei dem andern oder sich selbst Abgründe oder Sümpfe, durch die man nicht mitkam; man fühlt überdies, daß man nicht verstanden werden würde, es ist so schwer, genau auszudrücken, um was es sich auch handeln mag; daher ist ein vollkommener Bund so selten.

Die arme Marschallin hatte es niemals so gut gehabt wie jetzt. Oft, wenn sie Frédéric anschaute, traten ihr Tränen in die Augen, dann blickte sie auf und richtete sie auf den Himmelsrand, als hätte sie ein neues Morgenrot, die Aussicht auf eine grenzenlose Glückseligkeit entdeckt. [397] Endlich eines Tages gestand sie den Wunsch, eine Messe zu hören, »die unserer Liebe Glück bringen soll«.

Woher kam es nur, daß sie ihm so lange widerstanden hatte? Sie wußte es selbst nicht. Er wiederholte seine Frage mehrmals, und sie antwortete, indem sie ihn in die Arme schloß:

»Weil ich fürchtete, dich zu sehr zu lieben, mein Geliebter!«

Am Sonntagmorgen las Frédéric in einer Zeitung in der Liste der Verwundeten den Namen Dussardiers. Er stieß einen Schrei aus, zeigte das Blatt Rosanette und erklärte, daß er sofort abreisen müsse.

»Um was zu tun?«

»Ihn zu sehen, ihn zu pflegen!«

»Du wirst mich doch nicht allein lassen, denke ich?«

»Komm mit mir!«

»Ach! mich in einen solchen Wirrwarr begeben! Danke schön!«

»Aber ich kann nicht ...«

»Ach was! Als ob es in den Spitälern an Krankenwärtern mangelte!« Und dann, was ging ihn denn das schließlich an? Jeder ist sich selbst der Nächste!

Er war entrüstet über diesen Egoismus und machte sich Vorwürfe, nicht bei den anderen zu sein. Soviel Gleichgültigkeit dem Unglück des Vaterlandes gegenüber hatte etwas Kleinliches, Spießbürgerliches. Seine Liebe lastete plötzlich wie ein Verbrechen auf ihm. Sie schmollten über eine Stunde miteinander.

Dann beschwor sie ihn, zu warten, sich nicht der Gefahr auszusetzen.

»Wenn man dich tötete!«

»So würde ich nur meine Pflicht getan haben!«

Rosanette sprang auf. Vor allem sei seine Pflicht, sie zu lieben. Er wolle zweifellos fort, weil er ihrer überdrüssig sei! »Es ist ein Unsinn! Welche Idee! Mein Gott!«

Frédéric klingelte, um die Rechnung zu fordern. Aber [398] es war nicht leicht, nach Paris zurückzukehren. Die Privatpost von Leloir war eben abgegangen, die Berlinen von Lecomte fuhren nicht, die Eilpost aus Bourbonnais kam erst spät in der Nacht vorüber und war vielleicht besetzt; man wußte nichts darüber. Nachdem er mit diesen Nachfragen viel Zeit versäumt hatte, kam ihm der Einfall, die Post zu nehmen. Der Postmeister weigerte sich, Pferde zu liefern, da Frédéric keinen Paß hatte. Schließlich mietete er eine Kalesche (die nämliche, in der sie spazieren gefahren waren), und gegen fünf Uhr langten sie in Melun vor dem Hotel de Commerce an.

Der Marktplatz war mit Waffenpyramiden bedeckt. Der Präfekt hatte den Nationalgardisten verboten, sich nach Paris zu begeben. Die nicht zu seinem Departement gehörten, wollten ihren Weg fortsetzen. Man lärmte. Im Gasthof herrschte großer Tumult.

Von Furcht erfüllt, erklärte Rosanette, daß sie nicht weiter wolle, und flehte ihn an, noch zu bleiben. Der Wirt und seine Frau schlossen sich ihr an. Doch ein biederer Mann, der dort aß, mischte sich hinein und versicherte, daß der Kampf in kurzem beendet sein würde; übrigens müsse man seine Pflicht tun! Das Schluchzen der Marschallin wurde heftiger. Frédéric war aufgebracht. Er gab ihr seine Börse, küßte sie flüchtig und verschwand.

In Corbeil auf dem Bahnhof angekommen, teilte man ihnen mit, daß die Insurgenten an vielen Stellen die Schienen aufgerissen hätten, und der Kutscher weigerte sich, weiterzufahren, da seine Pferde, sagte er, »total kaputt« seien.

Durch seine Fürsprache indessen erhielt Frédéric ein schlechtes Kabriolett, das ihn für die Summe von sechzig Francs, das Trinkgeld nicht mitgerechnet, bis an die Barrière d'Italie bringen sollte. Aber hundert Schritte vor der Barrière ließ sein Kutscher ihn aussteigen und kehrte um. Frédéric ging auf der Straße weiter, als eine Wache ihn plötzlich mit dem Bajonett aufhielt. Vier Mann packten ihn und schrien:

[399] »Das ist einer von ihnen! Achtung! Durchsucht ihn! Brigant! Kanaille!«

Und seine Verblüffung war so groß, daß er sich auf die Tor-Wache schleppen ließ, in das Rondell, wo die Boulevards des Gobelins und de l'Hôpital und die Straßen Godefrey und Mouffetard zusammenliefen.

Vier Barrikaden bildeten am Ende der vier Straßen Stein-Wälle; Fackeln knisterten hier und da; trotz des Staubs, der sich erhob, unterschied er Liniensoldaten und Nationalgardisten, alle mit schwarzen Gesichtern, nachlässig gekleidet und verstört. Sie hatten eben den Platz genommen, hatten mehrere Menschen erschossen, ihre Erregung dauerte noch an. Frédéric sagte, daß er von Fontainebleau komme, um einem verwundeten Kameraden zu helfen, der Rue Bellefond wohne; niemand wollte ihm anfangs Glauben schenken; man untersuchte seine Hände, schnüffelte selbst an seinen Ohren, um sich zu versichern, daß er nicht nach Pulver rieche.

Allein es gelang ihm dank der wiederholten Versicherung schließlich, einen Hauptmann zu überzeugen, der zwei Füsilieren befahl, ihn bis zum Posten am Jardin des Plantes zu führen.

Sie gingen den Boulevard de l'Hôpital hinunter. Es blies ein starker Wind. Das belebte ihn wieder.

Dann bogen sie in die Rue du Marché-aux-Chevaux ein. Der Jardin des Plantes zur Rechten bildete eine große schwarze Masse, während zur Linken die ganze Fassade von la Pitié mit all den erleuchteten Fenstern flammte wie eine Feuersbrunst und Schatten lustig über die Scheiben glitten.

Die beiden Begleiter Frédérics verließen ihn. Ein anderer brachte ihn bis zum Polytechnikum.

Die Rue Saint-Victor war völlig dunkel, ohne jede Gasflamme noch ein Licht in den Häusern. Vor zehn zu zehn Minuten wurde gerufen:

»Wache! Achtung!« Und dieser Ruf, in die Stille geworfen, [400] pflanzte sich fort wie der Widerhall eines Steines, der in einen Abgrund rollt.

Mitunter näherte sich ein Geräusch von schweren Schritten. Es waren Patrouillen von wenigstens hundert Mann; Geflüster und unbestimmtes Geklirr von Eisen drang aus dieser wirren Masse; dann verhallte der Gleichklang der Tritte und sie verschwanden in der Dunkelheit.

An den Straßenkreuzungen sah man überall Dragoner unbeweglich auf ihren Pferden halten. Von Zeit zu Zeit galoppierte ein reitender Eilbote vorüber, dann trat wieder Stille ein. In der Ferne hörte man das dumpfe, schreckliche Rollen der Kanonen auf dem Pflaster; das Herz zog sich zusammen bei diesen Geräuschen, die von allen gewohnten so verschieden waren. Sie schienen selbst die Stille zu erhöhen, die so tief war, so grenzenlos, – eine schwarze Stille. Männer in weißen Kitteln näherten sich den Soldaten, sprachen ein Wort mit ihnen und verschwanden wie Phantome.

Die Wache am Polytechnikum war überfüllt von Menschen. Frauen drängten sich an der Schwelle; sie verlangten ihre Söhne, ihre Männer zu sehen. Man schickte sie in das Panthéon, das zu einer Leichen-Halle umgewandelt war, – und Frédéric hörte man nicht an. Er wich nicht, schwor, daß sein Freund Dussardier ihn erwarte, daß er im Sterben liege. Man gab ihm schließlich einen Korporal mit, um ihn oben in die Rue Saint-Jacques, in die Mairie des XII. Arrondissements, zu führen.

Die Place du Panthéon war voll von Soldaten, die auf Stroh gelagert waren. Der Tag graute. Die Biwakfeuer erloschen.

Der Aufstand hatte in diesem Viertel schreckliche Spuren hinterlassen. Das Straßenpflaster war von einem Ende zum andern aufgerissen und zerwühlt. Auf den zerstörten Barrikaden waren Omnibusse, Gasröhren, Räder und Karren geblieben; kleine schwarze Lachen an einigen Stellen schienen Blut zu sein. Die Häuser waren von Geschossen durchlöchert, und ihr Gebälk zeigte sich unter den Mauerrissen; [401] Jalousien hingen an einem Nagel noch als Fetzen herab. Die Treppen waren eingestürzt, Türen standen weit geöffnet. Man sah das Innere der Zimmer mit ihren zerfetzten Tapeten. Kleinigkeiten waren mitunter erhalten geblieben, Frédéric entdeckte eine Uhr, eine Papageienstange, Kupferstiche.

Als er in die Mairie trat, schwatzten die Nationalgardisten unaufhörlich von dem Tode Bréas und Négriers, des Abgeordneten Charbonnel und des Erzbischofs von Paris. Man sagte, der Herzog d'Aumale sei in Boulogne angekommen, Barbès aus Vincennes entflohen, daß Artillerie von Bourges anrückte und Hilfstruppen aus der Provinz herbeiströmten. Gegen drei Uhr brachte jemand gute Nachrichten. Parlamentäre der Aufrührer seien bei dem Präsidenten der Nationalversammlung.

Darüber freuten sich alle; und da er noch zwölf Francs bei sich hatte, ließ Frédéric zwölf Flaschen Wein kommen in der Hoffnung, dadurch seine Befreiung zu beschleunigen. Plötzlich glaubte man, Schießen zu hören. Das Zechen wurde eingestellt; man betrachtete den Unbekannten mit mißtrauischen Blicken, es konnte Heinrich V. sein.

Um keinerlei Verantwortung zu tragen, transportierten sie ihn auf die Mairie des XI. Arrondissements, wo man ihn vor neun Uhr morgens nicht entließ.

Er eilte laufend bis zum Quai Voltaire.

An einem offenen Fenster sah ein Greis in Hemdsärmeln zum Himmel empor und weinte. Die Seine floß friedlich dahin. Der Himmel war ganz blau, in den Bäumen der Tuilerien sangen Vögel.

Frédéric überschritt die Place de Caroussel, als eine Tragbahre vorübergetragen wurde. Der Posten präsentierte sofort das Gewehr und der Offizier sagte, mit der Hand an seinem Tschako: »Ehre dem unglücklichen Tapferen!« Dieses Wort war fast obligatorisch geworden, und der es aussprach, schien immer feierlich bewegt. Eine Gruppe rasender Leute begleitete die Bahre und schrie:

»Wir werden euch rächen! wir werden euch rächen!«

[402]

Die Wagen fuhren auf dem Boulevard hin und her, und Frauen zupften vor den Türen Scharpie. Indessen war der Aufruhr, beinah wenigstens, unterdrückt; eine Proklamation Cavaignacs, die gerade angeschlagen wurde, verkündete es. Oben in der Rue Vivienne erschien ein Trupp Mobilgardisten. Da schrien die Bürger vor Begeisterung, sie schwenkten ihre Hüte, klatschten Beifall, tanzten, wollten sie umarmen, ihnen einen Trunk anbieten, – und Damen warfen Blumen von den Balkonen.

Endlich, um zehn Uhr, in dem Augenblick, wo die Kanonen dröhnten, um das Faubourg Saint-Antoine einzunehmen, langte Frédéric bei Dussardier an. Er fand ihn in seiner Mansarde, schlafend, auf dem Rücken ausgestreckt. Aus dem Nebenraum kam eine Frau mit unhörbaren Schritten, Mademoiselle Vatnaz.

Sie führte Frédéric beiseite und berichtete ihm, wie Dussardier verwundet worden war.

Am Samstag schrie ein Bursche, der in eine Trikolore eingehüllt war, von der Höhe einer Barrikade den Nationalgardisten zu: »Geht nur auf eure Brüder schießen!« Da hatte Dussardier sein Gewehr hingeworfen, die anderen beiseite geschoben, war mit einem Satz auf die Barrikade gesprungen und hatte den Aufrührer mit einem Fußstoß niedergeworfen, indem er ihm die Fahne entriß. Den Schenkel von einer Kupferladung durchbohrt, hatte man ihn unter den Trümmern wiedergefunden. Die Wunde mußte geschnitten werden, um das Geschoß daraus zu entfernen. Mademoiselle Vatnaz war an demselben Abend gekommen und hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen.

Sie bereitete geschickt alles Nötige zum Verbinden vor, gab ihm zu trinken, erriet seine geringsten Wünsche, kam und ging leiser als eine Fliege und betrachtete ihn mit liebevollen Blicken.

Frédéric ging zwei Wochen lang jeden Morgen zu ihm; eines Tages, als er von der Aufopferung der Vatnaz sprach, zuckte Dussardier die Achseln.

»Ach was! Sie tut's aus Eigennutz!«

[403] »Glaubst du?«

Er erwiderte: »Ich bin dessen sicher!« ohne sich weiter erklären zu wollen.

Sie überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten und brachte ihm Zeitungen, in denen man seine schöne Tat pries. Diese Huldigungen schienen ihn zu belästigen. Er gestand Frédéric sogar seine Gewissensunruhe.

Vielleicht hätte er sich auf die Seite der Arbeiter stellen müssen, denn schließlich hatte man diesen alles mögliche versprochen, das man nicht gehalten hatte. Ihre Besieger verabscheuten die Republik; und dann hatte man sich ihnen gegenüber sehr hart gezeigt! Sie hatten unrecht, zweifellos, allein nicht in allem; und der brave Bursche wurde von der Idee gepeinigt, daß er vielleicht die Gerechtigkeit bekämpft hatte.

Sénécal, der in den Tuilerien unter der Terrasse eingesperrt war, empfand nichts von diesen Ängsten.

Sie waren dort neunhundert Menschen, im Schmutz zusammengepfercht, bunt durcheinander, schwarz von Pulver und geronnenem Blut, zähneklappernd vor Fieber und schnaubend vor Wut; und man entfernte nicht einmal die Toten unter ihnen. Zuweilen, bei dem plötzlichen Geräusch einer Detonation, glaubten sie, daß man sie alle erschießen wolle; dann stürzten sie sich gegen die Mauern, fielen aber, vom Schmerz dermaßen abgestumpft, auf ihren Platz zurück, als wenn sie unter einem Alpdruck, in einer düstern Halluzination lebten. Die Lampe, die von dem Gewölbe herabhing, sah wie ein Blutfleck aus; und von der Ausdünstung des Kellers hervorgerufen, flackerten kleine grüne und gelbe Flämmchen. Aus Furcht vor Epidemien hatte man eine Kommission ernannt. Bei den ersten Schritten aber schreckte der Präsident voll Abscheu vor dem Geruch der Exkremente und Leichen zurück. Wenn die Gefangenen sich einer Kellerluke näherten, stießen Nationalgardisten, die draußen Posten standen, um sie daran zu verhindern, die Gitter zu erschüttern, mit Bajonetten aufs Geratewohl in den Haufen.

Sie waren alle unbarmherzig. Die nicht gekämpft[404] hatten, wollten sich auszeichnen. Es war eine Schreckensherrschaft. Man rächte sich gleichzeitig an den Zeitungen, den Klubs, den Zusammenrottungen, den Doktrinen, an allem, was seit drei Monaten Empörung erweckte; und dem Siege zum Trotz manifestierte sich triumphierend die Gleichheit (wie als Züchtigung ihrer Verteidiger und zum Hohn ihrer Feinde), eine Gleichheit von viehischen Bestien, von blutigen Schandtaten, denn der Fanatismus der Interessen hielt den Delirien der Not das Gleichgewicht, die Aristokratie wütete wie der Pöbel, und die baumwollenen Mützen waren ebenso widerwärtig wie die roten. Die allgemeine Vernunft war gestört wie nach großen Umwälzungen in der Natur, und intelligente Leute wurden für ihr ganzes Leben zu Idioten.

Der alte Roque war sehr tapfer, fast verwegen geworden. Am sechsundzwanzigsten mit Nogentinern nach Paris gekommen, hatte er sich, anstatt mit ihnen zurückzukehren, der Nationalgarde angeschlossen, die in den Tuilerien kampierte; und er war sehr zufrieden, als Schildwache vor die Terrasse am Ufer gestellt zu werden. Hier wenigstens hatte er sie unter sich, diese Briganten! Er freute sich über ihre Niederlage, ihre Erniedrigung, und konnte es nicht unterlassen, sie mit Schmähungen zu überhäufen.

Einer von ihnen, ein Jüngling mit langem, blondem Haar, drückte sein Gesicht an das Gitter und bat um Brot. Monsieur Roque gebot ihm Schweigen. Aber der junge Mensch wiederholte mit kläglicher Stimme:

»Brot!«

»Habe ich denn welches!«

Andere Gefangene erschienen an den Kellerluken mit ihren zottigen Bärten, ihren flackernden Augen, alle stießen sich und heulten:

»Brot!«

Der alte Roque war sehr entrüstet, seine Autorität nicht anerkannt zu sehen. Um sie einzuschüchtern, legte er auf sie an; aber von der Menge, die ihn erstickte, bis an das [405] Gewölbe gehoben, schrie der junge Mann, den Kopf hintenübergeneigt, nochmals:

»Brot!«

»Der! habt ihr's!« rief der alte Roque und feuerte sein Gewehr ab.

Ein furchtbares Geheul ertönte, dann Stille. Am Rande der Luke war etwas Weißes geblieben.

Darauf kehrte Monsieur Roque in seine Wohnung zurück, denn er besaß Rue Saint-Martin ein Haus, in dem er sich ein Absteige-Quartier vorbehalten hatte; und die Schäden, die durch den Aufruhr an der Vorderseite seines Grundstücks entstanden waren, hatten nicht wenig dazu beigetragen, ihn in Wut zu bringen. Als er es wiedersah, schien ihm, daß er das Übel übertrieben hatte. Seine Handlungsweise eben beruhigte ihn wie eine Entschädigung.

Seine Tochter selbst öffnete ihm die Tür. Sie sagte, daß seine lange Abwesenheit sie beunruhigt hätte, sie habe ein Unglück gefürchtet, eine Verwundung.

Dieser Beweis kindlicher Liebe rührte Vater Roque. Er war erstaunt, daß sie sich ohne Cathérine auf den Weg gemacht hatte.

»Ich habe sie eben fortgeschickt, um eine Besorgung zu machen,« erwiderte Louise.

Und sie erkundigte sich nach seiner Gesundheit, nach allem möglichen; dann fragte sie ihn mit gleichgültiger Miene, ob er nicht zufällig Frédéric begegnet sei.

»Nein! keine Spur von ihm!«

Nur allein seinetwegen hatte sie die Reise unternommen.

Es ging jemand durch den Korridor.

»Ach! Entschuldige!«

Und sie verschwand.

Cathérine hatte Frédéric nirgends gefunden. Er war seit mehreren Tagen abwesend, und sein intimer Freund, Monsieur Deslauriers, lebte jetzt in der Provinz.

Louise kam, an allen Gliedern zitternd, ohne sprechen zu können, wieder herein. Sie stützte sich auf die Möbel.

»Was hast du? Was hast du denn?« rief ihr Vater.

[406]

Sie gab durch ein Zeichen zu verstehen, daß es nichts sei, und faßte sich mit großer Willensanstrengung.

Der Speisewirt gegenüber brachte die Suppe. Aber die Erregung war für Vater Roque zu heftig gewesen. »Er konnte nicht darüber hinweg«, und beim Dessert hatte er einen Ohnmachtsanfall. Man ließ schnell einen Arzt holen, der eine Medizin verschrieb. Dann, als er im Bett war, verlangte Monsieur Roque soviele Decken wie möglich, um zu schwitzen. Er stöhnte und ächzte.

»Danke, meine Cathérine! – Küsse deinen armen Vater, mein Täubchen! Ach! diese Revolutionen!«

Und als seine Tochter ihn schalt, daß er sich aus Angst um sie krank gemacht hatte, erwiderte er:

»Ja! du hast recht! Aber das geht über meine Kräfte! Ich bin zu weichherzig!«

2.

In ihrem Boudoir, zwischen ihrer Nichte und Miß John sitzend, hörte Madame Dambreuse Monsieur Roque zu, der von seinen militärischen Strapazen erzählte.

Sie biß sich in die Lippen und schien leidend zu sein.

»O! es ist nichts! das geht vorüber!« Und mit anmutiger Miene fügte sie hinzu:

»Wir werden einen Ihrer Bekannten, Monsieur Moreau, zum Diner hier haben.«

Louise zitterte.

»Dann noch einige Intime, Alfred de Cisy unter anderen.«

Und sie rühmte seine Manieren, sein Gesicht, und hauptsächlich seinen Lebenswandel.

Madame Dambreuse log weniger, als sie glaubte; der Vicomte dachte an Ehe. Er hatte es Martinon gesagt und hinzugefügt, daß er sicher sei, Mademoiselle Cécile zu [407] gefallen, und daß ihre Verwandten ihn nicht abweisen würden.

Um eine solche vertrauliche Mitteilung zu wagen, mußte er über die Mitgift günstige Auskunft erhalten haben. Nun argwöhnte aber Martinon, daß Mademoiselle Cécile die natürliche Tochter von Monsieur Dambreuse sei; und es wäre wahrscheinlich sehr klug gewesen, aufs Geratewohl um ihre Hand zu bitten. Diese Kühnheit aber bot Gefahren; und Martinon hatte bis jetzt daher vermieden, sich bloßzustellen, zumal da er nicht wußte, wie er die Tante loswerden sollte. Die Erwähnung Cisys bestimmte ihn nun; und er hatte dem Bankier seine Bitte vorgetragen, der eben, da er kein Hindernis sah, Madame Dambreuse davon unterrichtet hatte. Cisy erschien. Sie erhob sich und sagte:

»Sie vergessen uns ... Cécile, shake hands!«

Im selben Augenblick trat Frédéric ein.

»Ah! endlich findet man Sie wieder!« rief Vater Roque. »Ich bin in dieser Woche dreimal mit Louise bei Ihnen gewesen!«

Frédéric hatte sie sorgfältig gemieden. Er gab vor, jeden Tag bei einem verwundeten Kameraden zu verbringen. Seit langem hätten ihn außerdem auch noch eine Menge Dinge abgehalten, und er erfand allerlei Geschichten. Glücklicherweise kamen die Gäste: Zuerst Monsieur Paul de Grémonville, der Diplomat, den er auf dem Balle gesehen hatte; dann Fumichon, der Industrielle, dessen konservative Gesinnung ihn eines Abends so empört hatte; die alte Herzogin de Montreuil-Nantua folgte ihnen.

Zwei Stimmen erhoben sich im Vorzimmer.

»Ich bin dessen gewiß,« sagte die eine.

»Aber meine Teuerste, meine Teuerste!« erwiderte die andere, »bitte, beruhigen Sie sich!«

Es waren Monsieur de Nonancourt, ein alter Stutzer mit mumienhaft verschminktem Gesicht, und Madame de Larsillois, die Gattin eines Präfekten unter Louis-Philippe. Sie zitterte furchtbar, denn sie hatte eben auf einer Drehorgel eine Polka gehört, die ein Signal der Aufständischen [408] war. Viele Bürger hatten solche Einbildungen; man glaubte, daß von den Katakomben aus das Faubourg Saint-Germain in die Luft gesprengt werden sollte; es drang verworrenes Getöse aus den unterirdischen Gewölben, an den Fenstern geschahen verdächtige Dinge.

Es bemühten sich indessen alle, Madame de Larsillois zu beruhigen. Die Ordnung sei wiederhergestellt. Nichts mehr zu befürchten. »Cavaignac hat uns gerettet!« Als wären die Schrecken des Aufruhrs nicht zahlreich genug, übertrieb man sie noch. Es sollten dreiundzwanzigtausend Sträflinge auf Seiten der Sozialisten sein – nicht weniger!

Man zweifelte keineswegs daran, daß es vergiftete Lebensmittel gebe, daß Mobilgardisten zwischen zwei Planken zersägt wurden, und daß Inschriften auf Fahnen zu Plünderung und Brandstiftung aufforderten.

»Und noch mehr!« setzte die Ex-Präfektin hinzu.

»Ach! meine Liebe!« sagte Madame Dambreuse vorbeugend, indem sie mit einem Blick auf die drei jungen Mädchen wies.

Monsieur Dambreuse kam mit Martinon aus seinem Kabinett. Sie wandte den Kopf und erwiderte den Gruß Pellerins, der auf sie zukam. Der Künstler betrachtete unruhig die Wände. Der Bankier nahm ihn beiseite und gab ihm zu verstehen, daß er für den Augenblick sein revolutionäres Bild hätte verstecken müssen.

»Selbstverständlich!« sagte Pellerin, denn seine Schlappe im »Klub der Intelligenz« hatte seine Ansichten geändert. Monsieur Dambreuse fügte verbindlich hinzu, daß er andere Arbeiten bei ihm bestellen würde.

»Aber bitte! ... Ach! lieber Freund! welch eine Freude!«

Arnoux und Madame Arnoux standen vor Frédéric.

Ein Schwindel überkam ihn. Rosanette hatte ihn mit ihrer Bewunderung für die Soldaten den ganzen Nachmittag gereizt, und die alte Liebe erwachte wieder.

Der Haushofmeister meldete, daß angerichtet sei. Mit einem Blick befahl Madame Dambreuse dem Vicomte, [409] Cécile den Arm zu geben, sagte leise: »Elender!« zu Martinon, und man ging in den Speisesaal.

Unter den grünen Blättern einer Ananas mitten auf der Tafel streckte sich ein Goldkarpfen aus, dessen Maul an eine Rehkeule stieß, während sein Schwanz eine Krebspyramide berührte. Feigen, riesige Kirschen, Birnen und Weintrauben (Erstlinge der Pariser Kultur) häuften sich in alten Meißner Körben zu Pyramiden; Blumentuffs mischten sich in Abständen mit dem blanken Silberzeug. Vorhänge von weißer Seide vor den Fenstern gaben dem Raum ein sanftes Licht. Zwei Fontänen, in denen Eisstücke lagen, verbreiteten Kühle, und stattliche Diener in Kniehosen servierten. Alles dies schien nach den Aufregungen der vergangenen Tage von doppelt großem Wert. Man gab sich dem Genusse der Dinge wieder hin, die man zu verlieren gefürchtet, und Nonancourt gab dem allgemeinen Gefühl Ausdruck, indem er sagte:

»Ah! endlich gestatten uns die Herren Republikaner, zu speisen!«

»Trotz ihrer Brüderlichkeit!« fügte geistreich Vater Roque hinzu.

Diese beiden Ehrenmänner saßen zur Rechten und zur Linken von Madame Dambreuse, die ihren Mann zwischen Madame Larsillois mit dem Diplomaten neben sich und der alten Herzogin mit Fumichon als Nachbarn gegenüber hatte. Dann kamen der Maler, der Fayencenhändler, Mademoiselle Louise; und dank Martinon, der ihm seinen Platz fortgenommen hatte, um sich neben Cécile zu setzen, fand sich Frédéric an der Seite von Madame Arnoux.

Sie trug ein Kleid von schwarzer Barège, einen Goldreif um das Handgelenk und wie am ersten Tage, als er ihr gespeist hatte, etwas Rotes im Haar, einen Fuchsienzweig, der sich um ihren Haarknoten wand. Er konnte sich nicht enthalten, ihr zu sagen:

»Es ist lange her, seit wir uns gesehen haben!«

»O!« erwiderte sie kalt.

[410] Er begann wieder mit einer Sanftheit in der Stimme, die die Künheit seiner Frage milderte:

»Habe Sie zuweilen an mich gedacht?«

»Warum hätte ich das tun sollen?«

Frédéric war verletzt durch dieses Wort.

»Sie haben schließlich vielleicht recht.«

Doch bereute er es schnell und beteuerte, daß er keinen einzigen Tag verlebt habe, ohne von seiner Erinnerung gepeinigt zu sein.

»Ich glaube kein Wort davon, mein Herr.«

»Allein Sie wissen doch, daß ich Sie liebe!«

Madame Arnoux erwiderte nichts.

»Sie wissen, daß ich Sie liebe!«

Sie schwieg noch immer.

»Nun, mir soll's recht sein!« sagte sich Frédéric. Und aufblickend gewahrte er am andern Ende der Tafel Mademoiselle Roque.

Sie hatte es für vorteilhaft gehalten, sich ganz in Grün zu kleiden, eine Farbe, die grell von dem Ton ihres roten Haares abstach. Ihre Gürtelschnalle saß zu hoch, ihr Kragen zwängte sie ein; dieser Mangel an Eleganz hatte anfangs wohl zu Frédérics Kälte mit beigetragen. Sie beobachtete ihn neugierig von fern; und Arnoux neben ihr verschwendete seine Galanterien vergebens; er brachte nicht drei Worte aus ihr heraus, so daß er darauf verzichtete, zu gefallen, und der Unterhaltung zuhörte. Sie drehte sich jetzt um allerlei Klatsch aus dem Luxembourg.

Louis Blanc besaß nach Fumichon ein Haus Rue Saint-Dominique und weigerte sich, an Arbeiter zu vermieten.

»Was ich komisch finde,« sagte Nonancourt, »ist, daß Ledru-Rollin in den Krondomänen jagt!«

»Er schuldet einem Goldschmied zwanzigtausend Francs!« fügte Cisy hinzu, »und man behauptet sogar ...«

Madame Dambreuse unterbrach ihn.

»Ach! wie häßlich ist es, sich über Politik so zu ereifern! [411] Ein junger Mann, pfui! Beschäftigen Sie sich lieber mit Ihrer Nachbarin!«

Darauf griffen die gesetzteren Leute die Zeitung an.

Arnoux übernahm die Verteidigung, Frédéric mischte sich hinein, nannte sie Handelsfirmen wie andere auch. Ihre Mitarbeiter wären gewöhnlich Dummköpfe oder Prahler; er behauptete, sie zu kennen, und bekämpfte die edle Gesinnung seines Freundes mit Sarkasmen. Madame Arnoux sah nicht, daß dies eine Rache an ihr war.

Inzwischen strengte der Vicomte seinen Geist an, um Mademoiselle Cécile zu erobern. Zuerst entfaltete er künstlerischen Geschmack, indem er die Form der Kühleimer und die Gravierung der Messer tadelte. Dann sprach er von seinem Stall, seinem Schneider und seinem Hemdenlieferanten; schließlich kam er auf das Kapitel der Religion und gab zu verstehen, daß er all seinen Pflichten nachkomme.

Martinon fing es besser an. Er wandte keinen Blick von ihr und rühmte in monotoner Weise ihr Vogelprofil, ihr fades blondes Haar und ihre zu kurzen Hände. Das häßliche junge Mädchen beseligte diese Flut von Schmeicheleien.

Niemand vernahm etwas davon, da alle sehr laut sprachen. Monsieur Roque wünschte »einen Arm von Eisen, der Frankreich regieren sollte«. Nonancourt bedauerte sogar, daß das politische Schafott abgeschafft war. Man hätte alle diese Lumpen in Massen töten sollen!

»Es sind auch Feiglinge,« sagte Fumichon. »Ich sehe keine Tapferkeit darin, sich hinter Barrikaden aufzustellen.«

»Übrigens, erzählen Sie uns doch von Dussardier!« sagte Monsieur Dambreuse, zu Frédéric gewendet.

Der brave Kommis war jetzt ein Held, wie Sallesse, die Brüder Jeanson, die Péquillet und so weiter.

Frédéric erzählte, ohne sich bitten zu lassen, die Geschichte seines Freundes; es warf ja eine Art Glorienschein für ihn selbst ab.

Nun kam es natürlich dazu, daß verschiedene Züge von [412] Mut geschildert werden. Nach der Ansicht des Diplomaten war es nicht schwer, dem Tode die Stirn zu bieten, ein Beweis dafür wären die Duellanten.

»Man kann sich auf den Vicomte berufen,« sagte Martinon.

Der Vicomte wurde sehr rot.

Die Gäste sahen ihn an; und Louise, die erstaunter war als die anderen, murmelte:

»Was bedeutet denn das?«

»Er ist vor Frédéric ausgerückt,« erwiderte Arnoux ganz leise.

»Sie wissen etwas, mein Fräulein?« fragte alsbald Nonancourt; und er gab ihre Antwort an Madame Dambreuse weiter, die sich ein wenig vorneigte und Frédéric anblickte.

Martinon wartete nicht die Fragen von Cécile ab. Er sagte ihr, daß die Sache eine unqualifizierbare Person betreffe. Das junge Mädchen rückte leise ihren Stuhl ein wenig ab, wie um vor einer Berührung mit diesem Wüstling zu fliehen.

Die Unterhaltung hatte wieder begonnen. Starke Bordeaux-Weine wurden herumgereicht, man wurde lebhaft. Pellerin schimpfte auf die Revolution wegen des spanischen Museums, mit dem es nun entschieden vorbei war. Das kränkte ihn als Maler am meisten. Bei diesem Wort fragte ihn Monsieur Roque.

»Sind Sie nicht auch der Schöpfer eines sehr bemerkenswerten Bildes?«

»Vielleicht! Welches?«

»Es stellt eine Dame in einem ... ein wenig ... leichten Kostüm dar, mit einer Börse und einem Pfau hinter sich.«

Nun wurde Frédéric purpurrot. Pellerin tat, als höre er nicht.

»Aber es ist doch von Ihnen! Denn Ihr Name steht darunter, und eine Zeile auf dem Rahmen stellt fest, daß es Eigentum des Monsieur Moreau ist.«

[413] Eines Tages, als der alte Roque und seine Tochter in seiner Wohnung auf ihn warteten, hatten sie das Porträt der Marschallin gesehen. Der gute Mann hatte es sogar für ein »mittelalterliches Bild« gehalten.

»Nein!« sagte Pellerin grob; »es ist das Porträt einer Frau!«

Martinon fügte hinzu:

»Einer ›sehr lebenden‹ Frau! Nicht wahr, Cisy?«

»Ach, ich weiß nichts davon.«

»Ich glaubte, Sie kennten sie. Aber wenn es Ihnen peinlich ist, bitte tausendmal um Verzeihung!«

Cisy senkte die Augen und bewies durch seine Verlegenheit, daß er mit Bezug auf das Porträt eine klägliche Rolle gespielt haben mußte. Was Frédéric anbetraf, konnte dieses Modell nur seine Maitresse sein. Es war eine jener Überzeugungen, die sich sofort bilden, und die Gesichter der Gesellschaft bestätigten es deutlich.

»Wie er mich belogen hat!« sagte sich Madame Arnoux.

»Darum also hat er mich verlassen!« dachte Louise.

Frédéric glaubte, daß diese beiden Geschichten ihn kompromittieren würden, und als man in den Garten ging, machte er Martinon Vorwürfe darüber.

Der Liebhaber von Mademoiselle Cécile lachte ihm ins Gesicht.

»Ach! durchaus nicht! es wird dir nützen! Laß nur gut sein!«

Was wollte er damit sagen? Und dann, warum dieses Wohlwollen, das so ganz gegen seine Gewohnheiten war? Ohne es sich erklären zu können, ging er gegen den Hintergrund, wo die Damen saßen. Die Herren standen, und Pellerin entwickelte, mitten unter ihnen, seine Ideen. Am günstigsten für die Kunst sei eine einsichtsvolle Monarchie. Die moderne Zeit widere ihn an; »wenn es auch nur um der Nationalgarde willen wäre«, ersehnte er das Mittelalter zurück und Ludwig XIV.; Monsieur Roque beglückwünschte ihn zu seinen Ansichten, gestand sogar ein, daß sie all seine Vorurteile gegen die Künstler zerstreuten. Aber[414] von der Stimme Fumichons angelockt, entfernte er sich gleich wieder. Arnoux versuchte auseinanderzusetzen, daß es zwei Arten von Sozialismus gebe, einen guten und einen schlechten. Der Industrielle sah keinen Unterschied darin, bei dem Wort Eigentum geriet er sofort in Wut.

»Es ist ein Gesetz, das ist von der Natur vorgeschrieben! Die Kinder halten an ihrem Spielzeug fest, alle Völker denken wie ich, alle Tiere; selbst der Löwe würde sich, wenn er reden könnte, für das Eigentum erklären! Ich, meine Herren, habe mit fünfzehntausend Francs Kapital angefangen! Dreißig Jahre lang, wissen Sie, bin ich täglich um vier Uhr morgens aufgestanden. Ich war mit allen Teufeln gehetzt, um mein Vermögen zu machen! Und man wird nun kommen und behaupten, daß ich nicht der Herr davon bin, daß mein Geld nicht mein Geld ist, schließlich, daß Eigentum Diebstahl ist!«

»Aber Proudhon ...«

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrem Proudhon. Wäre er da, ich glaube, ich erdrosselte ihn!«

Er hätte ihn erdrosselt. Besonders nach den Likören. Fumichon kannte sich nicht mehr; und sein schlagflüssiges Gesicht war nahe daran, zu platzen wie eine Granate.

»Guten Tag, Arnoux,« sagte Hussonnet, der leichtfüßig über den Rasen kam.

Er brachte Monsieur Dambreuse die erste Nummer einer Broschüre, »Hydra« betitelt, darin der Bohémien als Vertreter der Interessen eines reaktionären Kreises auftrat, und der Bankier stellte ihn seinen Gästen als solchen vor.

Hussonnet erheiterte sie, indem er zuerst behauptete, daß die Talghändler dreihundertvierundzwanzig Gassenjungen bezahlten, um jeden Abend »Lampions!« zu schreien; dann, indem er sich über die Grundsätze von 89, über die Befreiung der Neger, die Redner der Linken lustig machte. Er trieb es selbst, vielleicht in einem Gefühl von Neid gegen diese Bürger, die so gut gespeist hatten, so weit, »Prudhomme auf einer Barrikade« darzustellen. Die Rolle [415] gefiel nur mittelmäßig, und ihre Gesichter wurden länger.

Dies war übrigens auch nicht der Moment, zu scherzen; Nonancourt sagte es, indem er an den Tod Seiner Hochwürden Monseigneur Affre und des Generals de Bréa erinnerte. Man berief sich immer auf sie, argumentierte mit ihnen. Monsieur Roque nannte den Tod des Erzbischofs: »das Erhabenste, was es gab«; Fumichon reichte dem Militär die Palme; und anstatt einfach diese beiden Mordtaten zu beklagen, stritten sie darum, welche von ihnen Anlaß zu stärkerer Entrüstung gebe. Darauf wurde ein zweiter Vergleich zwischen Lamoricière und de Cavaignac gezogen, wobei Monsieur Dambreuse Cavaignac pries und Nonancourt Lamoricière. Keiner von der Gesellschaft, außer Arnoux, hatte sie bei der Arbeit sehen können. Nichtsdestoweniger bildeten sich alle ein unwiderlegbares Urteil über ihr Vorgehen. Frédéric hatte sich für inkompetent erklärt und eingestanden, daß er nicht zu den Waffen gegriffen hatte. Der Diplomat und Monsieur Dambreuse nickten ihm beifällig zu. Den Aufruhr bekämpfen hieß in der Tat die Republik verteidigen. Das Resultat, obwohl günstig, befestigte sie, und jetzt, da man sich die Besiegten vom Halse geschafft hatte, wünschte man es auch mit den Siegern zu tun.

Kaum im Garten, hatte Madame Dambreuse Cisy vorgenommen und ihm Vorwürfe über seine Ungeschicklichkeit gemacht; als sie Martinons ansichtig wurde, verabschiedete sie ihn, sie wollte von ihrem zukünftigen Neffen den Grund zu seinen Späßen über den Vicomte wissen.

»Ich habe keinen.«

»Also alles das nur zum Ruhm von Monsieur Moreau! Zu welchem Zweck?«

»Zu keinem! Frédéric ist ein prächtiger Mensch! Ich habe ihn sehr gern!«

»Und ich auch! Er soll kommen! Holen Sie ihn!«

Nach zwei oder drei banalen Redensarten begann sie ihre Gäste ein wenig herabzusetzen und stellte ihn dadurch über sie. Er verfehlte nicht, die anderen Damen etwas [416] durchzuhecheln und ihr so auf eine geschickte Manier Komplimente zu sagen. Doch sie verließ ihn hin und wieder, da es ihr Empfangsabend war und einige Damen kamen; dann kehrte sie auf ihren Platz zurück, und die zufällige Anordnung der Sitze gestattete ihnen, ungehört zu bleiben.

Sie zeigte sich munter, ernst, melancholisch und vernünftig. Die Vorgänge des Tages interessierten sie nur wenig; für sie gäbe es ganz andere, weniger vergängliche Gefühlszustände. Sie beklagte sich über die Dichter, die die Wahrheit entstellten, dann hob sie die Augen zum Himmel und fragte ihn nach dem Namen eines Sternes.

Man hatte zwei, drei chinesische Lampions in die Bäume gehängt; der Wind bewegte sie, farbige Strahlen zitterten auf ihrem weißen Kleide. Sie saß, wie gewöhnlich, ein wenig zurückgelehnt in ihrem Fauteuil, vor dem ein Taburet stand; man gewahrte die Spitze ihres schwarzen Atlasschuhes, und mitunter entschlüpfte Madame Dambreuse ein lautes Wort, einige Male sogar ein Lachen.

Diese Koketterien drangen nicht bis zu Martinon, der mit Cécile beschäftigt war; aber sie trafen die kleine Roque, die mit Madame Arnoux plauderte. Diese war die einzige von allen Frauen, deren Manieren ihr nicht verächtlich erschienen. Sie hatte sich neben sie gesetzt und sagte dann, indem sie einem Mitteilungsbedürfnis nachgab:

»Spricht Frédéric Moreau nicht gut?«

»Sie kennen ihn?«

»O! sehr gut! Wir sind Nachbarn, er hat mit mir gespielt, als ich noch ganz klein war.«

Madame Arnoux schaute sie mit einem langen Blick an, der sagen sollte: »Sie lieben ihn doch nicht, hoffe ich?«

Der des jungen Mädchens erwiderte ohne Verwirrung: »Ja!«

»Sie sehen ihn also oft?«

»Ach nein! Nur wenn er zu seiner Mutter kommt. Seit zehn Monaten war er nicht dort! Und er hatte doch versprochen, früher zu kommen.«

[417] »Man muß den Versprechungen der Männer nicht zu sehr trauen, mein Kind.«

»Aber mich, mich hat er noch nicht getäuscht!«

»Wie andere!«

Louise zuckte zusammen: »Ob er ihr wohl auch etwas versprochen hat?« und ihr Gesicht verzerrte sich in Haß und Argwohn.

Madame Arnoux hatte fast Furcht davor; sie hätte ihre Worte zurücknehmen mögen. Dann schwiegen beide.

Da Frédéric gegenüber auf einem Klappsessel saß, betrachteten sie ihn, die eine verstohlen aus einem Augenwinkel, die andere freimütig, mit offenem Munde, so daß Madame Dambreuse zu ihm sagte:

»Drehen Sie sich ein wenig, damit sie Sie sehen kann.«

»Wer denn?«

»Die Tochter von Monsieur Roque dort.«

Und sie neckte ihn mit der Liebe dieser jungen Provinzialin. Er wehrte sich dagegen und versuchte darüber zu lachen.

»Ist das denkbar! ich bitte Sie! ein so häßliches Ding!«

Allein es schmeichelte seiner übermäßigen Eitelkeit. Er gedachte jenes Abends, da er, das Herz voller Demütigung, fortgegangen war, und atmete tief auf; jetzt fühlte er sich in seinem wahren Element, fast in seinem Gebiet, als ob alles, das Haus Dambreuse mit eingeschlossen, ihm gehörte. Die Damen bildeten einen Halbkreis um ihn und hörten ihm zu; um Eindruck zu machen, sprach er sich für die Wiedereinführung der Ehescheidung aus, durch die es leicht sein würde, einander zu verlassen und sich auf unbestimmte Zeit wieder zu vereinen, so oft man wollte. Einige widersprachen laut, andere flüsterten; man hörte leises Lachen im Schatten der mit Klematis überwachsenen Mauer. Es war wie ein fröhliches Hühner-Gegacker; und er entwickelte seine Theorie mit jener Sicherheit, die das Bewußtsein des Erfolges verleiht. Ein Bedienter brachte eine Platte mit Eis in die Laube. Die Herren kamen näher. Sie sprachen von Verhaftungen.

[418] Frédéric rächte sich jetzt an dem Vicomte, indem er ihn glauben machte, daß man ihn vielleicht als Legitimisten verfolgen werde. Der andere wandte ein, daß er sich nicht aus seinem Zimmer gerührt habe; sein Gegner jedoch übertrieb die drohende Gefahr in solcher Weise, daß die Herren, selbst Monsieur Dambreuse und de Grémonville, sich darüber amüsierten. Dann machten sie Frédéric Komplimente, bedauerten, daß er seine Fähigkeiten nicht zur Verteidigung der öffentlichen Ordnung anwandte, und schüttelten ihm herzlich die Hand, er könne in Zukunft auf sie rechnen. Endlich, als alle gingen, verneigte der Vicomte sich sehr tief vor Cécile:

»Mademoiselle, ich habe die Ehre, Ihnen guten Abend zu wünschen.«

Sie erwiderte trocken:

»Guten Abend!« Martinon aber lächelte sie zu.

Um seine Diskussion mit Arnoux fortzusetzen, schlug der alte Roque vor, ihn »ebenso wie Madame« zu begleiten, da ihr Weg der gleiche sei. Louise und Frédéric gingen voran. Sie hatte seinen Arm genommen und sagte, als sie von den anderen ein wenig entfernt waren:

»Ach! endlich! endlich! wie ich den ganzen Abend gelitten habe! Wie schlecht sind diese Frauen! Welch hochmütige Mienen!«

Er wollte sie verteidigen.

»Übrigens hättest du beim Hereinkommen wohl mit mir sprechen können, da du seit einem Jahr nicht gekommen bist!«

»Es ist noch kein Jahr her,« sagte Frédéric, glücklich, sie bei dieser Einzelheit zu fassen und allen anderen auszuweichen.

»Meinetwegen! mir ist die Zeit so lang vorgekommen. Aber während dieses schauderhaften Diners hätte man meinen können, du schämtest dich meiner! Ich verstehe schon, ich habe nicht, was man braucht, um zu gefallen wie jene.«

»Du irrst,« sagte Frédéric.

[419] »Wirklich! Schwöre mir, daß du keine von ihnen liebst!«

Er schwor es ihr.

»Liebst du nur mich allein?«

»Wahrhaftig!«

Diese Versicherung machte sie wieder froh. Sie hätte sich in den Straßen verirren mögen, um die ganze Nacht zusammen mit ihm umherzuwandern.

»Ich habe mich zu Haus so geängstigt! Man sprach von nichts als von Barrikaden! Ich sah dich auf dem Rücken liegen, mit Blut bedeckt! Deine Mutter lag zu Bett mit ihrem Rheumatismus. Sie wußte nichts. Ich mußte schweigen! Ich ertrug es nicht länger. Da nahm ich Cathérine mit.«

Und sie erzählte von ihrer Abreise, der ganzen Fahrt, und von der Lüge ihrem Vater gegenüber.

»Er nimmt mich in zwei Tagen mit zurück. Komm morgen abend wie zufällig und benutze es, um einen Heiratsantrag zu machen.«

Niemals hatte Frédéric der Gedanke an eine Heirat ferner gelegen. Überdies erschien ihm Mademoiselle Roque als ziemlich lächerliches Persönchen. Welch ein Unterschied gegen eine Frau wie Madame Dambreuse! Eine ganz andere Zukunft war ihm beschieden! Er hatte heute die Gewißheit davon erhalten; dies war nicht der Moment, sich aus Herzensgüte auf eine Entscheidung von solcher Wichtigkeit einzulassen. Er mußte jetzt besonnen sein; – und dann hatte er Madame Arnoux wiedergesehen. Allein Louisens Freimütigkeit brachte ihn in Verlegenheit. Er erwiderte:

»Hast du dir diesen Schritt wohl überlegt?«

»Wie« rief sie starr vor Überraschung und Entrüstung.

Er sagte, daß es tatsächlich eine Torheit wäre, sich zu verheiraten.

»Also willst du mich nicht?«

»Aber du mißverstehst mich!«

Und er erging sich in einem wüsten Wortschwall, um [420] ihr verständlich zu machen, daß er durch höhere Rücksichten zurückgehalten würde, daß er endlose Geschäfte hätte, selbst daß sein Vermögen bedroht wäre (Louise schnitt alles mit einem klaren Worte ab), endlich, daß politische Umstände sich in den Weg stellten. Das vernünftigste also wäre, sich eine Weile zu gedulden. Es würde sich schon alles ordnen, wenigstens hoffte er es; und da er keine weiteren Gründe mehr fand, tat er, als erinnere er sich plötzlich, daß er seit zwei Uhr hätte bei Dussardier sein müssen.

Dann, als er sich von den anderen verabschiedet hatte, verschwand er in der Rue Hauteville, ging bis zum Gymnase, kam auf den Boulevard zurück und eilte die vier Stockwerke zu Rosanette hinauf.

Monsieur und Madame Arnoux verließen Vater Roque und seine Tochter am Eingang der Rue Saint-Denis. Sie kehrten zurück, ohne zu sprechen; er war nicht mehr imstande zu schwatzen, und sie empfand eine große Müdigkeit; sie stützte sich sogar auf seine Schulter. Er war der einzige Mensch, der während des Abends ehrliche Gesinnungen gezeigt hatte. Sie war voller Nachsicht gegen ihn. Er aber war empört über Frédéric.

»Hast du seine Miene gesehen, als von dem Porträt die Rede war? Sagte ich dir nicht, daß er ihr Geliebter sei? Du wolltest mir nicht glauben!«

»Ja, ja, ich hatte unrecht!«

Zufrieden mit seinem Triumph, fuhr Arnoux fort:

»Ich glaube sogar, daß er uns eben verlassen hat, um sie aufzusuchen! Er ist jetzt bei ihr! Er verbringt die Nacht dort!«

Madame Arnoux hatte ihre Kapuze sehr tief herabgezogen.

»Aber du zitterst ja!«

»Weil mir kalt ist,« erwiderte sie.

Als ihr Vater eingeschlafen war, trat Louise in das Zimmer von Cathérine und rüttelte sie an der Schulter.

»Steh auf! ... schnell! ... schneller! und hole mir eine Droschke.«

[421] Cathérine sagte ihr, daß es zu dieser Stunde keine gebe.

»Dann mußt du mich also selbst hinbringen!«

»Wohin denn?«

»Zu Frédéric!«

»Nicht möglich! Wozu?«

Um ihn zu sprechen. Sie könne nicht warten. Sie wolle ihn sogleich sehen.

»Was denken Sie! Mitten in der Nacht so in einem Hause zu erscheinen! Jetzt schläft er übrigens!«

»Ich werde ihn wecken!«

»Aber das schickt sich nicht für eine junge Dame!«

»Ich bin seine Frau! Ich liebe ihn! Komm, nimm dein Tuch.«

Cathérine stand an ihrem Bett und überlegte. Schließlich sagte sie:

»Nein! ich will nicht!«

»Gut, dann bleibe hier! Ich gehe hin!«

Louise glitt wie eine Natter die Treppe hinunter. Cathérine stürzte ihr nach, holte sie auf dem Bürgersteig ein. Ihre Vorstellungen waren vergeblich, und so folgte sie ihr, indem sie noch ihre Jacke zuknöpfte. Der Weg schien ihr außerordentlich lang. Sie klagte über ihre alten Beine.

»Mein Gott! Wer weiß, worauf Sie hiernach noch verfallen können!«

Dann wurde sie gerührt.

»Armes Herz! Keine ist doch wie deine Käthe, siehst du!«

Von Zeit zu Zeit kamen ihr neue Bedenken.

»Ach! Sie lassen mich etwas Schönes machen! Wenn Ihr Vater nun aufwacht! Herr des Himmels! Wenn nur kein Unglück geschieht!«

Vor dem Theater des Variétés hielt eine Patrouille von Nationalgardisten sie an. Louise sagte sofort, daß sie mit ihrem Mädchen nach der Rue Rumfort ginge, um einen Arzt zu holen. Man ließ sie vorbei.

An der Ecke der Madeleine begegneten sie einer zweiten [422] Patrouille, und als Louise dieselbe Antwort gegeben, erwiderte einer der Bürger:

»Ist es für eine Krankheit von neun Monaten, mein Kätzchen?«

»Dummer Kerl!« rief der Hauptmann, »keine derartigen Zoten! – Gehen Sie weiter, meine Damen!«

Trotz des ausdrücklichen Befehls wurden weiter Witze gemacht:

»Viel Vergnügen!«

»Meine Empfehlungen an den Doktor!«

»Hütet euch vorm schwarzen Mann!«

»Sie lachen gern,« bemerkte Cathérine laut. »Das ist jugendlich!«

Endlich langten sie bei Frédéric an. Louise zog mehrmals kräftig an der Glocke. Die Tür öffnete sich und der Hausmeister antwortete auf ihre Frage:

»Nein!«

»Aber er muß doch zu Bett gegangen sein!«

»Ich sage Ihnen nein! Es sind fast drei Monate her, daß er nicht zu Haus schläft!«

Und das kleine Fenster der Loge fiel herab wie eine Guillotine. Sie blieben im Dunkeln unter dem Gewölbe stehen. Eine wütende Stimme schrie:

»Gehen Sie doch hinaus!«

Die Tür öffnete sich wieder; sie gingen.

Louise war genötigt, sich auf eine Schwelle zu setzen, und den Kopf in den Händen, weinte sie bitterlich. Der Tag graute, Karren kamen vorüber.

Cathérine führte sie zurück, indem sie sie stützte, sie küßte und ihr allerlei Ermutigendes sagte, das ihre Erfahrung ihr eingab. Man müsse sich nicht soviel Kummer um eines Liebhabers willen machen.

Wenn sie diesen nicht bekäme, würde sie schon andere finden!

[423] 3.

Als Rosanettes Begeisterung für die Mobilgardisten sich gelegt hatte, wurde sie wieder reizender denn je, und Frédéric nahm unmerklich die Gewohnheit an, mit ihr zu leben.

Das Beste von ihrem Tage war der Morgen auf ihrer Terrasse. Im Battistmieder und mit nackten Füßen in ihren Pantöffelchen ging und kam sie, reinigte den Käfig ihrer Kanarienvögel, gab ihren Goldfischen Wasser und gärtnerte mit einer Feuerschaufel in dem mit Erde gefüllten Kasten, aus dem ein Gitter mit Kapuzinerkresse ragte, das die Mauern schmückte. Dann betrachteten sie, auf ihren Balkon gestützt, miteinander die Wagen und die Vorübergehenden; sie wärmten sich in der Sonne und machten Pläne für den Abend. Er war höchstens auf zwei Stunden fort; dann nahmen sie eine Loge in irgendeinem Theater, und Rosanette hörte, mit einem großen Blumenstrauß in der Hand, auf die Instrumente, während Frédéric ihr lustige oder galante Dinge ins Ohr flüsterte. Ein andermal nahmen sie einen Wagen, der sie ins Bois de Boulogne führte, wo sie spät, bis Mitternacht spazieren gingen. Endlich kehrten sie über den Arc de Triomphe und die große Avenue zurück, sie sogen die Luft ein, sahen die Sterne über sich und die Gasflammen schnurgerade wie eine Doppelreihe leuchtender Perlen vor sich in der Ferne.

Frédéric mußte stets auf sie warten, wenn sie ausgehen wollten; sie brauchte lange Zeit, die beiden Kinnbänder ihre Hutes zu knüpfen, und lächelte sich selbst vor ihrem Spiegelschrank zu. Dann schob sie ihren Arm in den seinen und zwang ihn, sich neben ihr im Spiegel anzuschauen.

»Wir nehmen uns gut aus so nebeneinander! Ach, Liebster, ich könnte dich aufessen!«

Er war jetzt ihre Sache, ihr Eigentum. Ihr Gesicht hatte jetzt immer etwas Strahlendes, und zugleich schienen [424] ihr Wesen hingebender, ihre Formen voller; ohne sagen zu können worin, fand er sie verändert.

Eines Tages teilte sie ihm als eine sehr wichtige Neuigkeit mit, daß Arnoux einer früheren Arbeiterin seiner Fabrik ein Weißwarengeschäft eingerichtet habe; er käme jeden Abend hin, »gäbe sehr viel aus, hätte ihr erst in vergangener Woche eine Zimmereinrichtung aus Polisander geschenkt.«

»Woher weißt du es?« fragte Frédéric.

»O! ich weiß es ganz sicher!«

Delphine hatte, ihrem Auftrag folgend, Erkundigungen eingezogen. Sie liebte Arnoux also sehr, da sie sich so stark mit ihm beschäftigte! Er begnügte sich damit, ihr zu antworten:

»Was kümmert dich das?«

Rosanette sah überrascht aus bei dieser Frage.

»Aber die Kanaille schuldet mir doch Geld! Ist es nicht schauderhaft, daß er jetzt Dirnen unterhält!«

Dann fügte sie mit einem Ausdruck triumphierenden Hasses hinzu:

»Übrigens macht sie ihn hübsch zum Narren! Sie hat noch drei andere Liebhaber. Umso besser! Äße sie ihn nur bis zum letzten Heller auf, ich wär's zufrieden!«

Arnoux ließ sich in der Schlaffheit seniler Liebe tatsächlich von der Bordelaisin ausbeuten.

Seine Fabrik ging nicht mehr; seine ganze geschäftliche Lage war erbärmlich, so daß er, um sie wieder zu heben, anfangs daran dachte, ein Café chantant zu errichten, in dem nur patriotische Lieder gesungen werden sollten; hätte der Minister ihm eine Subvention bewilligt, wäre dieses Etablissement ein Mittelpunkt der Propaganda und eine Quelle des Gewinns zugleich geworden. Da aber ein Wechsel in der Regierung eingetreten war, wurde die Sache unmöglich. Jetzt träumte er von einer großen militärischen Mützenfabrik. Ihm fehlten aber die Mittel um anzufangen.

In seiner Häuslichkeit war er auch nicht glücklich. Madame Arnoux war ihm gegenüber weniger milde, zuweilen [425] selbst ein wenig rauh. Marthe stellte sich immer auf Seite des Vaters. Das erhöhte den Mißklang, und das Haus wurde ihm unerträglich. Oft ging er schon am Morgen fort, verbrachte den Tag mit weiten Ausflügen, um sich zu betäuben, und aß dann in einem ländlichen Gasthaus, wo er sich seinen Betrachtungen überließ.

Frédérics fortdauerndes Fernbleiben störte seine Gewohnheiten. Darum erschien er eines Nachmittags und bat ihn, zu kommen wie ehemals, was ihm auch versprochen wurde.

Frédéric wagte nicht, zu Madame Arnoux zurückzukehren. Er hatte das Gefühl, sie verraten zu haben. Aber sein Benehmen war sehr feige. Es gab keine Entschuldigung dafür. Er mußte einen Entschluß fassen! und eines Abends machte er sich auf den Weg.

Da es regnete, war er eben in die Passage Jouffroy eingetreten, als ihn im hellen Licht der Schaufenster ein kleiner dicker Mensch in einer Mütze ansprach. Frédéric hatte keine Mühe, Compain wiederzuerkennen, den Redner, dessen Antrag soviel Gelächter im Klub veranlaßt hatte. Er stützte sich auf den Arm eines Individuums in roter Zuavenmütze, mit sehr langer Oberlippe, gelbem Teint wie eine Orange und kleinem Kinnbart, der ihn mit großen Augen voller Bewunderung betrachtete.

Compain war zweifellos stolz auf ihn, denn er sagte:

»Ich stelle Ihnen diesen Halunken vor! Er ist Schuster, einer meiner Freunde, ein Patriot! Wollen wir etwas trinken?«

Als Frédéric dankte, wetterte er sofort über den Anschlag Rateau, den er ein Aristokraten-Manöver nannte. Um ein Ende zu machen, müsse man wieder mit 93 beginnen! Dann erkundigte er sich nach Regimbart und einigen anderen, wie Masselin, Sanson, Lecornu, Maréchal und einem gewissen Deslauriers, der in die Affäre der kürzlich in Troyes aufgegriffenen Karabiner verwickelt war.

Das alles war Frédéric neu. Mehr wußte Compain auch nicht. Er verließ ihn, indem er sagte:

[426] »Auf bald, nicht wahr, Sie gehören doch dazu?«

»Wozu?«

»Zum Kalbskopf!«

»Welchem Kalbskopf?«

»Ach, Sie Schelm!« erwiderte Compain und gab ihm einen Schlag auf den Bauch.

Und die beiden Terroristen verschwanden in einem Café.

Zehn Minuten später dachte Frédéric nicht mehr an Deslauriers. Er stand auf dem Trottoir der Rue Paradis vor einem Hause und betrachtete im zweiten Stockwerk hinter den Vorhängen den Schein einer Lampe.

Endlich stieg er die Treppe hinauf.

»Ist Arnoux zu Haus?«

Das Mädchen antwortete:

»Nein! aber bitte, treten Sie ein!«

Und plötzlich eine Tür öffnend, rief sie:

»Madame, Monsieur Moreau ist hier!«

Sie erhob sich, bleicher als ihr Kragen. Sie zitterte.

»Was verschafft mir die Ehre ... eines so ... unvorhergesehenen Besuchs?«

»Nichts als das Vergnügen, alte Freunde wiederzusehen!«

Und indem er sich setzte, fügte er hinzu:

»Wie geht es dem guten Arnoux?«

»Vortrefflich! er ist ausgegangen.«

»Ah! ich verstehe! immer noch seine alten Abendgewohnheiten; ein wenig Zerstreuung!«

»Warum auch nicht? Nach einem anstrengenden Geschäftstage hat der Kopf das Bedürfnis, auszuruhen!«

Sie rühmte ihren Mann sogar als Arbeiter. Dieses Lob irritierte Frédéric; und auf ein Stück schwarzen Tuches mit blauer Soutache-Näherei weisend, das auf ihren Knien lag:

»Was machen Sie da?«

»Eine Jacke, die ich für meine Tochter in Ordnung bringe.«

[427] »Übrigens, ich sehe sie nicht, wo ist sie denn?«

»In einer Pension,« erwiderte Madame Arnoux.

Tränen traten ihr in die Augen; sie hielt sie zurück, indem sie schnell ihre Nadel gebrauchte. Er hatte, um seine Fassung zu bewahren, eine Nummer der »Illustration« von einem Tischchen neben ihr genommen.

»Diese Karikaturen von Cham sind sehr drollig, nicht wahr?«

»Ja.«

Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen.

Ein Windstoß erschütterte plötzlich die Scheiben.

»Welch ein Wetter!« sagte Frédéric.

»Es ist in der Tat sehr liebenswürdig, bei diesem furchtbaren Regen zu kommen!«

»Ach, ich! ich mache mir nichts daraus! Ich bin nicht wie diejenigen, die er offenbar verhindert, zu einem Rendezvous zu gehen!«

»Zu welchem Rendezvous?« fragte sie naiv.

»Sie erinnern sich nicht?«

Ein Frösteln überlief sie, und sie senkte den Kopf.

Er legte ihr sanft die Hand auf den Arm.

»Ich versichere Sie, daß Sie mir großes Leid zugefügt haben!«

Sie erwiderte mit einem klagenden Ton in der Stimme: »Aber ich war in Angst um mein Kind!« Sie erzählte ihm von der Krankheit des kleinen Eugène und allen Ängsten dieses Tages.

»Haben Sie Dank! Ich zweifle nicht mehr! Ich liebe Sie wie immer!«

»Nein, nein! das ist nicht wahr!«

»Warum?«

Sie blickte ihn kalt an.

»Sie vergessen die andere! Die Sie zum Rennen führen! Die Frau, deren Porträt Sie haben, Ihre Geliebte!«

»Nun, ja!« rief Frédéric. »Ich leugne nichts! Ich bin ein Elender! hören Sie mich an!« Wenn er sie [428] gehabt, geschah es aus Verzweiflung, wie man einen Selbstmord begeht. Übrigens hatte er sie sehr unglücklich gemacht, um sich für seine eigene Schande an ihr zu rächen. »Welch eine Marter! Begreifen Sie das nicht?«

Madame Arnoux wandte ihm ihr schönes Gesicht zu und reichte ihm die Hand, und sie schlossen die Augen in süßer Trunkenheit, gewiegt von unendlicher Seligkeit. Dann blieben sie nebeneinander sitzen und schauten sich lange an.

»Konnten Sie denn glauben, daß ich Sie nicht mehr liebte?«

Sie antwortete mit leiser Stimme, voll Zärtlichkeit:

»Nein! trotz allem fühlte ich im Grunde meines Herzens, daß es unmöglich war und daß ein Tag kommen mußte, an dem das Hindernis zwischen uns beiden schwinden würde!«

»Ich auch! und ich hatte ein unsagbares Verlangen, Sie wiederzusehen.«

»Einmal«, erwiderte sie, »bin ich im Palais Royal an Ihnen vorübergegangen.«

»Wahrhaftig?«

Und er sprach von dem Glück, das er empfunden, als er sie bei Dambreuse wiedergesehen.

»Doch wie habe ich Sie an jenem Abend, als ich von dort wegging, verabscheut!«

»Armer Junge!«

»Mein Leben ist so traurig!«

»Und das meine! ... Wenn es nur der Kummer, die Unruhe, die Demütigungen wären, alles, was ich als Frau, als Mutter ertrage, wenn man daran stürbe, ich würde mich nicht beklagen; das Furchtbarste ist meine Einsamkeit, ohne einen Menschen ...«

»Aber ich bin doch da, ich!«

»O ja!«

Übermannt von Zärtlichkeit hatte sie sich schluchzend erhoben. Sie breiteten ihre Arme aus und umschlangen sich in einem langen Kuß.

[429] Es knackte auf dem Fußboden. Eine Frau stand neben ihnen, Rosanette. Madame Arnoux hatte sie wiedererkannt; die Augen weit geöffnet, blickte sie sie voll Überraschung und Entrüstung an. Endlich sagte Rosanette:

»Ich komme, um mit Monsieur Arnoux über eine geschäftliche Angelegenheit zu sprechen.«

»Er ist nicht hier, wie Sie sehen!«

»Ah! es ist wahr!« erwiderte die Marschallin, »Ihr Mädchen hatte recht! Bitte tausendmal um Vergebung!«

Und zu Frédéric gewendet:

»Du bist hier, du?«

Dieses Duzen vor ihr machte Madame Arnoux erröten wie ein Schlag ins Gesicht.

»Er ist nicht hier, ich wiederhole es Ihnen!«

Da sagte die Marschallin, die sich überall umsah, gelassen:

»Fahren wir nach Haus? Ich habe unten eine Droschke.«

Er tat, als habe er nichts gehört.

»Laß uns gehen! Komm!«

»Ja, ja! das trifft sich gut! Gehen Sie, gehen Sie!« sagte Madame Arnoux.

Die beiden gingen. Sie neigte sich über das Geländer, um ihnen noch nachzusehen; und ein spitzes, schneidendes Lachen traf sie oben von der Treppe. Frédéric schob Rosanette in die Droschke, setzte sich ihr gegenüber und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort.

Er selbst war schuld an dieser Gemeinheit, die beleidigend auf ihn zurückfiel. Er empfand die Schmach einer vernichtenden Demütigung zugleich mit dem Schmerz über sein Glück, das gerade, als er es endlich fassen sollte, unwiederbringlich, unmöglich geworden – und durch die Schuld dieser hier, dieses Mädchens, dieser Dirne. Er hätte sie erdrosseln mögen; er meinte zu ersticken. Zu Haus angelangt, warf er seinen Hut auf ein Möbel und riß sich die Krawatte herunter.

[430] »O! du hast eben etwas Sauberes vorgehabt, gestehe es!«

Sie pflanzte sich trotzig vor ihm auf.

»Nun? Und wenn? Wem schadet es?«

»Wie! Du spionierst mir nach?«

»Kann ich dafür? Wozu gehst du zu anständigen Frauen, um dich zu amüsieren?«

»Ganz gleich! Ich will nicht, daß du sie beleidigst.«

»Wodurch habe ich sie beleidigt?«

Er hatte nichts darauf zu erwidern und fuhr mit noch gehässigerem Ton fort:

»Neulich, auf dem Champ de Mars.«

»Ach, du langweilst einen mit deinen alten Flammen!«

»Elende!«

Er hob die Faust.

»Töte mich nicht! Ich bin schwanger!«

Frédéric wich zurück.

»Du lügst!«

»Aber so sieh mich doch an!«

Sie nahm eine Kerze und zeigte ihr Gesicht:

»Verstehst du dich darauf?«

Kleine gelbe Flecken bedeckten ihre Haut, die seltsam aufgedunsen war. Frédéric stellte die Tatsache nicht in Abrede. Er öffnete ein Fenster, machte ein paar Schritte auf und ab und sank dann in einen Lehnstuhl.

Dieses Ereignis war ein Mißgeschick, das zunächst ihren Bruch hinausschob, – und dann all seine Pläne umwälzte. Der Gedanke, Vater zu werden, erschien ihm überdies grotesk, unmöglich. Aber warum? Wenn an Stelle der Marschallin ...? Und er vertiefte sich so sehr in seine Träumerei, daß er eine Art Halluzination hatte. Er sah dort, auf dem Teppich vor dem Kamin, ein kleines Mädchen. Es glich Madame Arnoux und ein wenig ihm selbst; – brünett mit weißer Haut, schwarzen Augen und sehr langen Brauen, ein rosa Band in dem lockigen Haar! (O! wie er es geliebt hätte!) Und er meinte seine Stimme zu vernehmen: »Papa! Papa!«

[431] Rosanette, die sich eben entkleidet hatte, näherte sich ihm, sah eine Träne an seinen Wimpern und küßte ihn ernst auf die Stirn. Er erhob sich und sagte:

»Mein Gott! Morden wird man dieses Wurm ja nicht.«

Da fing sie an, lebhaft zu plaudern. Es würde ein Junge sein, sicherlich! Man wird ihn Frédéric nennen! Es müsse mit seiner Ausstattung begonnen werden; – und als er sie so glücklich sah, überkam ihn Mitleid. Da er keinen Zorn mehr empfand, wollte er nun den Grund ihres Benehmens wissen.

Weil Mademoiselle Vatnaz ihr an diesem selben Tage einen seit lange protestierten Wechsel geschickt hatte, war sie zu Arnoux geeilt, um das Geld zu erhalten.

»Ich hätte es dir geben können!« sagte Frédéric.

»Es war viel einfacher, dort zu nehmen, was mir gehört, und der Vatnaz ihre tausend Francs wiederzugeben.«

»Ist das wenigstens alles, was du ihr schuldest?«

Sie erwiderte:

»Gewiß!«

Am folgenden Tage um neun Uhr abends (der vom Hausmeister bezeichneten Stunde) begab sich Frédéric zu Mademoiselle Vatnaz.

Im Vorzimmer stieß er sich an aufgestapelten Möbeln. Aber ein Geräusch von Stimmen und Musik leitete ihn. Er öffnete eine Tür und geriet mitten in einen »Rout«. Vor dem Piano, wo eine Dame mit einer Brille spielte, stand Delmar, feierlich wie ein Oberpriester, und deklamierte eine menschenfreundliche Dichtung über die Prostitution, und seine Grabesstimme rollte, von den angeschlagenen Akkorden begleitet. Eine Reihe von Frauen, durchweg in dunkle Farben gekleidet, ohne Kragen und Manschetten, nahm eine Wand ein. Fünf oder sechs Männer, lauter Denker, saßen hier und da auf Stühlen; in einem alten Lehnstuhl ein ehemaliger Fabeldichter, eine Ruine, – und der scharfe Geruch zweier Lampen mischte sich mit dem Aroma der Schokolade, die in Schalen auf dem Spieltisch stand.

[432] Mademoiselle Vatnaz, mit einer orientalischen Schärpe um die Hüften, stand an einer Ecke des Kamins. Dussardier gegenüber, am andern Ende; er sah in dieser Situation etwas verlegen aus, außerdem schüchterte das künstlerische Milieu ihn ein.

War es aus zwischen der Vatnaz und Delmar? vielleicht nicht. Indessen schien sie eifersüchtig auf den braven Kommis. Nachdem Frédéric sie um eine kurze Unterredung gebeten, machte sie ihm ein Zeichen, mit ihnen in ihr Zimmer zu kommen. Als die tausend Francs aufgezählt waren, forderte sie noch die Zinsen.

»Das ist nicht der Rede wert!« sagte Dussardier.

»Sei doch still!«

Diese Feigheit eines sonst so mutigen Mannes war Frédéric angenehm, wie eine Rechtfertigung der seinen. Er brachte den Wechsel zurück und sprach nie wieder von dem ärgerlichen Auftritt bei Madame Arnoux. Aber ihm zeigten sich seitdem alle Mängel der Marschallin.

Sie hatte einen unverbesserlichen schlechten Geschmack, war von unbegreiflicher Faulheit, einer barbarischen Unwissenheit, die so weit ging, daß sie den Doktor Desrogis für sehr berühmt hielt und sehr stolz war, ihn und seine Gattin zu empfangen, weil sie »verheiratet« waren. In pedantischer Weise belehrte sie Mademoiselle Irma, ein armes, unbedeutendes Geschöpf mit einer kleinen Stimme, das einen »sehr guten« Herrn, Ex-Beamten in der Zollverwaltung und geschickt im Kartenspiel, zum Beschützer hatte, über Lebensfragen. Rosanette nannte ihn »mein Dickerchen«. Frédéric konnte auch die Wiederholung ihrer albernen Ausdrücke nicht ertragen, wie: »Ja, Kuchen! Hol' dich der Teufel! Hat man jemals wissen können« und so weiter; und sie bestand hartnäckig darauf, morgens ihre Nippsachen mit einem Paar alter weißer Handschuhe abzustauben! Besonders aber war er empört über ihr Benehmen gegen ihr Mädchen, – dessen Lohn unaufhörlich im Rückstand war, und von dem sie selbst Geld lieh. An den Tagen ihrer Abrechnungen keiften sie miteinander wie [433] zwei Marktweiber, und dann versöhnten sie sich wieder unter Küssen. Das Alleinsein mit ihr wurde lästig. Es war ihm eine Erleichterung, als die Abendgesellschaften von Madame Dambreuse wieder begannen.

Sie amüsierte ihn wenigstens! Sie kannte die Intriguen der Gesellschaft, die Veränderungen bei der Gesandtschaft, die persönlichen Beziehungen der Schneiderinnen; und wenn ihr Banalitäten entschlüpften, geschah es in so einnehmender Form, daß solch ein Satz für eine Liebenswürdigkeit oder eine Ironie gelten konnte. Man mußte sie unter zwanzig plaudernden Personen sehen, von denen sie keine übersah, wie sie Antworten erlangte, die sie wollte, und gefährliche Dinge vermied! Die einfachsten Dinge, von ihr erzählt, schienen vertrauliche Mitteilungen; ihr kleinstes Lächeln erweckte Träume; ihr Reiz endlich war wie das erlesene Parfüm, das sie immer benutzte, zusammengesetzt und undefinierbar. In ihrer Gesellschaft empfand Frédéric jedesmal eine Freude, als hätte er etwas Neues an ihr entdeckt, und dabei fand er sie stets in derselben Heiterkeit, die wie der Spiegel eines klaren Gewässers war. Aber warum nur war ihr Benehmen gegen ihre Nichte von solcher Kälte? Sie warf ihr zuweilen sogar seltsame Blicke zu.

Seit von der Heirat die Rede war, hatte sie Monsieur Dambreuse gegenüber die Gesundheit des »lieben Kindes« vorgeschützt und sie gleich ins Bad nach Balaruc geschickt. Nach ihrer Rückkehr wurden neue Einwände vorgebracht: der junge Mann besäße keine Stellung, die große Liebe scheine nicht ernsthaft, man riskierte nichts, wenn man wartete. Martinon hatte erwidert, daß er warten wolle. Er benahm sich vortrefflich. Er rühmte Frédéric. Er tat noch mehr: er gab ihm Auskunft über die Mittel, Madame Dambreuse zu gefallen, wobei er durchblicken ließ, daß er durch die Nichte die Gefühle der Tante kenne.

Weit entfernt Eifersucht zu zeigen, überschüttete Monsieur Dambreuse seinen jungen Freund mit Aufmerksamkeiten, fragte ihn in verschiedenen Dingen um Rat, machte [434] sich selbst Sorgen über seine Zukunft, so daß er ihm eines Tages, als von Vater Roque die Rede war, mit pfiffiger Miene ins Ohr sagte:

»Sie haben recht getan!«

Und Cécile, Miß John, die Dienstboten, der Portier, nicht einer, der in diesem Hause nicht liebenswürdig gegen ihn gewesen wäre. Er kam jeden Abend hin und vernachlässigte Rosanette. Ihre zukünftige Mutterschaft machte sie ernster, sogar ein wenig traurig, als quäle sie eine Unruhe. Auf alle Fragen antwortete sie:

»Du täuschest dich! Mir geht es gut!«

Es waren fünf Wechsel gewesen, die sie früher unterschrieben hatte, und da sie nicht wagte, es Frédéric nach der Bezahlung des ersten zu sagen, war sie zu Arnoux zurückgekehrt, der ihr schriftlich den dritten Teil seiner Einnahmen bei der Gas-Beleuchtung der Städte in Languedoc (einem wunderbaren Unternehmen!) versprochen hatte und ihr empfohlen, sich dieses Briefes nicht vor der Versammlung der Aktionäre zu bedienen; die Versammlung wurde von Woche zu Woche verschoben.

Allein die Marschallin brauchte Geld. Sie wäre lieber gestorben, als Frédéric darum zu bitten. Sie wollte keins von ihm. Es hätte ihre Liebe beeinträchtigt. Er bestritt zwar die Kosten des Haushalts; aber ein monatlich gemieteter, kleiner Wagen und andere Verpflichtungen, die unumgänglich notwendig waren, seit er die Dambreuse häufig besuchte, verhinderten ihn, mehr für seine Geliebte zu opfern. Zwei- oder dreimal, als er zu ungewöhnlicher Stunde heimkehrte, glaubte er den Rücken einer männlichen Gestalt durch die Türen verschwinden zu sehen, und sie ging oft aus, ohne sagen zu wollen, wohin. Frédéric machte keinen Versuch, die Dinge zu ergründen. Eines Tages würde er eine definitive Entscheidung treffen. Er träumte von einem andern Leben, das anregender sein würde und vornehmer. Ein solches Ideal machte ihn nachsichtiger gegen manches im Hause Dambreuse.

Es war jetzt eine geheime Versammlungsstätte in der [435] Rue de Poitiers. Er traf dort den großen M.A., den berühmten B., den bedeutenden C., den beredten Z., den mächtigen Y., die ehemals glänzendsten Zierden des linken Zentrums, die Paladine der Rechten, die Doktrinäre der Regierungspartei, die ewigen Komödianten. Er war entsetzt über ihre abscheuliche Sprache, ihre Kleinlichkeit, ihre Rachsucht, ihre Gewissenlosigkeit, – alle diese Leute, die für die Konstitution gestimmt hatten, bemühten sich jetzt, sie niederzureißen; – und sie waren in beständiger Bewegung, verbreiteten Manifeste, Pamphlete, Biographien; unter diesen war die Fumichons von Hussonnet ein Meisterwerk. Nonancourt beschäftigte sich mit der Propaganda auf dem Lande, Monsieur de Grémonville bearbeitete den Klerus, Martinon sammelte die neuen Bürger. Jeder betätigte sich nach seinen Gaben, selbst Cisy. Er beschäftigte sich jetzt den ganzen Tag lang mit ernsten Dingen und fuhr im Kabriolett für die Partei umher.

Monsieur Dambreuse zeigte wie ein Barometer zuverlässig die letzte Veränderung. Man konnte nicht von Lamartine sprechen, ohne daß er den Ausspruch eines Mannes aus dem Volke zitierte: »Genug der schönen Worte!« Cavaignac war in seinen Augen nur ein Verräter. Der Präsident, den er drei Monate lang bewundert hatte, begann in seiner Achtung zu sinken (da er in ihm nicht die »notwendige Energie« sah); und da er immer einen Retter brauchte, gehörte seine Anerkennung seit der Affäre des Konservatoriums Changarnier: »Gott sei Dank, Changarnier ... Hoffen wir, daß Changarnier ... O! es ist nichts zu befürchten, solange Changarnier ...«

Man pries vor allem Monsieur Thiers' Buch gegen den Sozialismus, in dem er sich ebenso als Denker wie als Schriftsteller gezeigt hatte. Man lachte ungeheuer über Pierre Leroux, der in der Kammer die Philosophen zitierte, machte Witze über die Folgen der Phalanstère. Man lobte die Foire aux Idées und verglich den Verfasser mit Aristophanes. Frédéric ging hin, wie die anderen!

Die politische Kannegießerei und das gute Leben[436] stumpften ihn moralisch ab. So minderwertig ihm diese Persönlichkeiten auch erschienen, so war er doch stolz, sie zu kennen, und wünschte sich im geheimen gesellschaftliches Ansehen. Eine Geliebte wie Madame Dambreuse würde ihm eine Stellung geben.

Er begann alles zu tun, was erforderlich dazu war. Er führte eine Begegnung auf ihren Spaziergängen herbei, versäumte es nicht, sie im Theater in ihrer Loge zu begrüßen; und da er die Stunde kannte, wo sie zur Kirche ging, stellte er sich in melancholischer Haltung hinter einen Pfeiler. Über den Nachweis von Raritäten, die Mitteilung über ein Konzert, den Austausch von Büchern und Zeitschriften wechselte er fortwährend kleine Billets mit ihr. Außer seinen Abendbesuchen machte er ihr mitunter einen andern am Nachmittag; und seine freudige Erregung steigerte sich, wenn er nacheinander durch das große Portal, über den Hof, durch das Vorzimmer und die beiden Salons endlich in ihr Boudoir gelangte, das verschwiegen war wie ein Grab und schwül wie ein Alkoven, wo man sich an den gepolsterten Möbeln stieß, die zwischen allerlei anderen Gegenständen standen, wie Schränkchen, Ofenschirme, Schalen und Tabletts aus Lack, Schildpatt, Elfenbein, aus Malachit, kostspielige Kleinigkeiten, die oft erneuert wurden. Es waren auch einfache Dinge darunter; drei Kieselsteine, die als Briefbeschwerer dienten, eine friesische Haube, die an einem chinesischen Wandschirm hing; alle diese Dinge aber stimmten dennoch zueinander; man war so überrascht von der Vornehmheit des Ganzen, und das war vielleicht der Höhe der Decke, der reichen Pracht der Vorhänge und den langen Seidenfransen an den vergoldeten Stäben der Taburetts zuzuschreiben.

Er fand sie meist auf einem kleinen Sofa neben dem Blumentisch, der die Fensternische schmückte. Am Rande eines Puffs sitzend, machte er ihr die schönsten Komplimente, und sie blickte ihn, den Kopf ein wenig auf der Seite, mit lächelndem Munde an.

Er las ihr Gedichte vor, in die er seine ganze Seele[437] legte, um Eindruck auf sie zu machen und sich bewundern zu lassen. Sie unterbrach ihn mit einer geringschätzigen Bemerkung oder einer nüchternen Beobachtung, und ihre Unterhaltung kam unablässig auf die ewige Frage der Liebe zurück! Sie fragten sich, was sie hervorrief, ob Frauen tiefer empfanden als die Männer und worin der Unterschied bestand. Frédéric versuchte, seine Ansichten zu äußern, ohne fade oder derb zu werden. Es entstand eine Art Kampf daraus, der bisweilen anregend, manchmal aber auch ziemlich langweilig wurde.

Er empfand an ihrer Seite nicht jenes überwältigende Entzücken wie Madame Arnoux gegenüber, noch den fröhlichen Uebermut, in den ihn Rosanette anfangs versetzt hatte. Aber er begehrte sie wie etwas Ungewöhnliches, schwer zu Erlangendes, weil sie vornehm war, weil sie reich war und fromm, – und er sich vorstellte, daß sie Zartheiten der Empfindung haben müsse, selten wie ihre Spitzen, Amuletts auf ihrer Haut trage und in der Verderbtheit schamhaft sei.

Er bediente sich der Erfahrungen seiner früheren Liebe. Er erzählte ihr alles, was Madame Arnoux ihn ehemals hatte empfinden lassen als stamme es von ihr: seine Sehnsucht, seine Befürchtungen, seine Träume. Sie nahm es auf wie jemand, der an solche Dinge gewöhnt ist, ohne ihn recht abzuweisen, gewährte ihm jedoch nichts; und es gelang ihm ebensowenig, sie zu verführen, wie Martinon, sich zu verheiraten. Um mit dem Liebhaber ihrer Nichte ein Ende zu machen, beschuldigte sie ihn, es nur auf das Geld abzusehen, und bat ihren Mann, ihn auf die Probe zu stellen. Monsieur Dambreuse erklärte also eines Tages dem jungen Mann, daß Cécile als Waise von armen Eltern weder »Aussichten« noch eine Mitgift hätte.

Martinon, der nicht daran glaubte oder zu weit gegangen war, um sich zurückzuziehen, oder in jener idiotischen Starrköpfigkeit, die mitunter genial sein kann, erwiderte, daß sein väterliches Erbe, fünfzehntausend Francs Rente, ihnen genüge. Diese unerwartete Uneigennützigkeit rührte [438] den Bankier. Er versprach ihm die Kautionssumme für einen Steuereinnehmer und verpflichtete sich, ihm die Stellung zu verschaffen; und so heiratete Martinon Mademoiselle Cécile im Mai 1850. Die jungen Leute reisten noch am selben Abend nach Italien. Frédéric machte Madame Dambreuse am nächsten Tage einen Besuch. Sie erschien ihm bleicher als sonst. Sie widersprach ihm mit Heftigkeit in zwei oder drei unwichtigen Dingen. Alle Männer wären übrigens Egoisten, meinte sie.

Es gebe doch aber opferwillige, wenn auch nur er es sei.

»Ach, Sie sind wie alle anderen!«

Ihre Lider waren gerötet, sie weinte. Dann zwang sie sich zum Lächeln:

»Entschuldigen Sie! Ich habe unrecht! Mir kam ein trauriger Gedanke!«

Er verstand nichts von allem.

»Was tut's! sie ist doch weniger stark, als ich glaubte,« dachte er.

Sie klingelte, um sich ein Glas Wasser bringen zu lassen, trank einen Schluck, schickte es zurück und beklagte sich, daß man sie schlecht bediene. Um sie zu erheitern, bot er sich als Diener an, behauptete, daß er verstehe, Teller herumzureichen, die Möbel abzustauben, Besuche anzumelden, selbst Kammerdiener oder besser Leibjäger zu sein, obwohl diese Mode vorüber sei. Er hätte mit einem Hut von Hahnenfedern hinten auf ihrem Wagen sitzen mögen.

»Und wie majestätisch ich Sie zu Fuß mit einem Hündchen auf dem Arm begleiten würde!«

»Sie sind lustig!« sagte Madame Dambreuse.

Sei es nicht eine Torheit, alles ernst zu nehmen? Es gebe schon genug Elend, ohne daß man noch etwas dazuzudichten brauche. Nichts sei der Qual eines Schmerzes wert. Madame Dambreuse zog die Brauen hoch als Zeichen ihrer Zustimmung.

Diese Gleichheit der Empfindung machte Frédéric kühner. Seine früheren Enttäuschungen verliehen ihm jetzt einen Scharfblick. Er fuhr fort:

[439] »Unsere Großväter wußten besser zu leben. Warum nicht dem Impuls folgen, der uns treibt!« Die Liebe sei ohnehin an sich keine wichtige Sache.

»Aber was Sie da sagen, ist ja unmoralisch!«

Sie hatte ihren Platz wieder auf dem kleinen Sofa eingenommen. Er setzte sich am Rande zu ihren Füßen nieder.

»Sehen Sie nicht, daß ich lüge? Denn um den Frauen zu gefallen, muß man die Harmlosigkeit eines Narren heucheln oder tragische Leidenschaft! Sie machen sich einfach lustig über uns, wenn man ihnen sagt, daß man sie liebt! Ich nenne diese Übertreibungen, die sie unterhalten, eine Entweihung der wahren Liebe; und man weiß nicht mehr, wie man sich geben soll, besonders vor denen ... die ... Geist haben.«

Sie betrachtete ihn durch halbgeschlossene Lider. Er senkte die Stimme und neigte sich zu ihrem Gesicht.

»Ja! Sie machen mir Angst! Ich beleidige Sie vielleicht? ... Verzeihung! ... Ich habe das alles nicht sagen wollen! Es ist nicht meine Schuld! Sie sind so schön!«

Madame Dambreuse schloß die Augen, und ihn überraschte die Leichtigkeit seines Sieges. Das leise Rauschen der großen Bäume im Garten verstummte. Reglose Wolken zogen lange, rote Streifen über den Himmel, und es schien eine allgemeine Ruhe über allem zu liegen. Da kamen ihm ähnliche Abende mit der gleichen Stille undeutlich wieder in Erinnerung. Wo war das nur gewesen? ...

Er kniete nieder, ergriff ihre Hand und schwor ihr ewige Liebe. Dann, als er fortging, rief sie ihn mit einem Wink zurück und sagte ganz leise:

»Kommen Sie zum Diner wieder! Wir werden allein sein!«

Als Frédéric die Treppe hinunterging, meinte er, daß er ein anderer Mensch geworden sei, daß balsamische Treibhausluft ihn umwogte, daß er nun endgültig in die Welt vornehmer Ehebrüche und stolzer Intriguen eingetreten [440] war. Um den ersten Platz darin zu behaupten, genügte ja eine Frau wie diese. Offenbar lüstern nach Macht und Betätigung, verheiratet mit einem mittelmäßigen Mann, dem sie ungeheure Dienste geleistet, sehnte sie sich wohl nach einer starken Natur, die sie leiten sollte? Nichts war jetzt mehr unmöglich!

Er fühlte sich fähig, zweihundert Meilen zu Pferde zu machen, mehrere Nächte hintereinander zu arbeiten, ohne zu ermüden; sein Herz schwellte vor Stolz.

Auf dem Trottoir vor ihm ging ein Mann in einem alten Paletot mit gesenktem Kopf und so bekümmerter Miene, daß Frédéric sich umwandte, um ihm nachzusehen. Der andere hob sein Gesicht. Es war Deslauriers. Er zögerte, Frédéric fiel ihm um den Hals.

»Ach! mein armer Junge! Wie! bist du es denn?!«

Und er schleppte ihn mit nach Haus und bestürmte ihn mit Fragen.

Der Ex-Kommissar Ledru-Rollins erzählte zuerst von den Qualen, die er erlitten. Wie, als er den Konservativen die Brüderlichkeit und den Sozialisten Achtung vor den Gesetzen gepredigt, die einen auf ihn geschossen hätten und die anderen einen Strick gebracht, um ihn zu hängen. Nach den Junitagen hätte man ihn brutal verlassen. Er hatte sich an einem Komplott beteiligt, wobei dann die Waffen in Troyes gefunden wurden. Man hätte ihn aus Mangel an Beweisen freigelassen. Dann hätte ihn das Exekutiv-Komitee nach London geschickt, wo er sich während eines Banketts mit seinen Genossen geohrfeigt hätte. Bei der Rückkehr nach Paris ...

»Warum bist du nicht zu mir gekommen?«

»Du warst immer abwesend! Dein Diener hatte eine geheimnisvolle Miene, ich wußte nicht, was ich denken sollte; und dann wollte ich nicht als Besiegter wiedererscheinen.«

Er hatte an die Türen der Demokratie geklopft, sich angeboten, ihr mit der Feder zu dienen, mit Reden, mit Taten; überall hatte man ihn abgewiesen; man mißtraute [441] ihm, und er hatte seine Uhr, seine Bibliothek, seine Wäsche verkaufen müssen.

»Es wäre besser gewesen, auf den Pontons von Belle-Isle mit Sénécal umzukommen!«

Frédéric, der gerade seine Krawatte knüpfte, schien bei dieser Nachricht nicht sehr bewegt.

»Ach! Er ist deportiert, der gute Sénécal?«

Deslauriers erwiderte mit einem neidischen Blick auf die Wände:

»Jeder hat nicht deine Chancen!«

»Entschuldige mich,« sagte Frédéric, ohne die Anspielung zu beachten, »aber ich bin ausgebeten. Für dich wird gedeckt, fordere, was du magst! Selbst mein Bett kannst du nehmen!«

Vor so aufrichtiger Herzlichkeit schwand Deslauriers' Bitterkeit.

»Dein Bett? Aber ... das wird dich stören!«

»O nein! Ich habe noch andere!«

»Ah! sehr gut,« erwiderte der Advokat lachend. »Wo dinierst du denn?«

»Bei Madame Dambreuse!«

»Ist sie ... etwa ... jetzt ...?«

»Du bist zu neugierig,« sagte Frédéric mit einem Lächeln, das diese Vermutung bestätigte.

Dann, als er nach der Uhr gesehen, setzte er sich wieder.

»Es ist nun einmal so! und man darf nicht verzweifeln, alter Volksverteidiger!«

»Daß sich Gott erbarm! Mögen andere sich damit abgeben!«

Der Advokat verabscheute die Arbeiter, unter denen er in seiner Provinz, einer Kohlengegend, soviel gelitten hatte. Jede Fördergrube hatte eine provisorische Behörde ernannt, die ihm Verhaltungsmaßregeln gab.

»Übrigens haben sie sich überall reizend benommen: in Lyon, in Lille, in Havre, in Paris! Denn nach dem Beispiel der Fabrikanten, die die Einfuhr ausländischer Produkte verbieten wollen, verlangen diese Herren, daß man [442] die englischen, die deutschen, die belgischen und savoyischen Arbeiter ausweise! Und was ihre Intelligenz anbelangt, wozu diente denn unter der Restauration ihre berühmte Genossenschaft? 1830 sind sie in die Nationalgarde eingetreten, ohne auch nur soviel Verstand zu haben, sie zu beherrschen! Sind die Zünfte nicht 1848 im Handumdrehen wieder mit ihren Fahnen erschienen? Sie verlangten sogar Volksvertreter für sich, die nur für sie sprechen sollten! Ganz wie die Deputierten für den Rübenbau sich um nichts kümmerten als um den Rübenbau! – Ach! ich habe genug von diesem Gesindel, das sich der Reihe nach anbetend vor dem Schafott von Robespierre, den Stiefeln des Kaisers, dem Regenschirm von Louis-Philippe niederwirft, diesem Lumpenpack, das stets dem ergeben ist, der ihm Brot in den Rachen wirft! Man schreit immer über die Bestechlichkeit Talleyrands und Mirabeaus; aber der Dienstmann dort unten würde das Vaterland für fünfzig Centimes verkaufen, wenn man ihm verspricht, den Tarif für seinen Weg auf drei Francs festzusetzen. Ach! wie dumm wir waren! Wir hätten Europa an allen vier Ecken anzünden sollen!«

Frédéric entgegnete ihm:

»Der zündende Funke fehlte! Ihr wart einfach Spießbürger, und die besten unter Euch Pedanten! Die Arbeiter allerdings, die können sich beklagen, denn wenn man eine Million ausnimmt, die von der Zivilliste gestrichen wurde und die Ihr ihnen mit der niedrigsten Speichelleckerei aufgedrungen habt, gabt Ihr ihnen nichts als Phrasen! Das Dienstbuch bleibt in den Händen des Meisters, und der Angestellte ist (selbst vor dem Gesetz) immer noch geringer als der Arbeitgeber, da man seinem Wort nicht glaubt. Endlich scheint mir die Republik veraltet. Wer weiß? Der Fortschritt ist vielleicht nur durch eine Aristokratie oder einen einzelnen Menschen zu erreichen? Die Initiative kommt immer von oben! Das Volk ist unmündig, was man auch behaupten mag!«

»Das ist vielleicht wahr!«

Nach Frédérics Ansicht strebte die große Masse der [443] Bürger nach Ruhe (er hatte im Hause Dambreuse profitiert), und die Konservativen hatten daher die besten Chancen. Dieser Partei indessen fehlte es an neuen Männern.

»Wenn du dich vorstelltest, ich bin sicher ...«

Er beendete den Satz nicht. Deslauriers verstand, strich sich mit beiden Händen über die Stirn und sagte dann plötzlich:

»Aber du? Nichts hindert dich? Warum solltest du nicht Abgeordneter werden? Infolge einer doppelten Wahl ist in Aube eine Kandidatur frei. Monsieur Dambreuse, der wiedergewählt war, gehörte zu einem andern Bezirk. Willst du, daß ich mich damit befasse?« Er kannte viele Gastwirte, Lehrer, Ärzte, Kanzlisten und ihre Vorgesetzten. »Außerdem kann man den Bauern aufbinden, was man will!«

Frédéric fühlte seinen Ehrgeiz wieder erwachen.

Deslauriers fügte hinzu:

»Du könntest mir gut eine Stellung in Paris verschaffen.«

»O! das wird sich durch Monsieur Dambreuse leicht machen lassen.«

»Da wir von Kohlen sprachen,« begann der Advokat wieder, »was wurde aus seiner großen Gesellschaft? Solch eine Beschäftigung wäre nach meinem Sinn! – und ich würde ihr nützen und dabei doch meine Unabhängigkeit bewahren.«

Frédéric versprach, ihn in drei Tagen zu dem Bankier zu führen.

Sein Abendessen im tête à tête mit Madame Dambreuse war etwas Köstliches. Sie lächelte ihm von der andern Seite des Tisches zu, über die Blumen hinweg, die in einem Korbe unter der Hängelampe standen, und da das Fenster offen stand, sah man die Sterne. Sie sprachen sehr wenig, wahrscheinlich, weil sie sich noch nicht sicher fühlten; aber sobald die Diener den Rücken kehrten, warfen sie sich Kußhände zu. Er sprach von seiner Kandidatur. Sie ermutigte [444] ihn dazu, erbot sich sogar, Monsieur Dambreuse zu veranlassen, dafür zu arbeiten.

Abends erschienen einige Freunde, um sie zu beglückwünschen und zu bedauern; sie müsse wohl traurig sein, ihre Nichte nicht mehr zu haben? Es wäre übrigens sehr richtig von den Neuvermählten, auf Reisen zu gehen, später kämen Hindernisse, die Kinder dazwischen! Aber Italien entspreche nicht der Vorstellung, die man sich davon mache. Doch sie wären im Alter der Illusionen! Und die Flitterwochen verschönten alles! Die beiden letzten, die blieben, waren Monsieur de Grémonville und Frédéric. Der Diplomat wollte nicht gehen. Endlich, um Mitternacht, erhob er sich. Madame Dambreuse machte Frédéric ein Zeichen, mitzugehen und dankte ihm für seinen Gehorsam mit einem Händedruck, der köstlicher war als alles andere.

Die Marschallin stieß einen Freudenschrei aus, als sie ihn wiedersah. Sie erwartete ihn seit fünf Uhr. Er gab als Entschuldigung einen notwendigen Gang im Interesse Deslauriers' an. Sein Gesicht hatte einen triumphierenden Ausdruck, einen Glanz, der Rosanette blendete.

»Es ist vielleicht wegen des schwarzen Anzugs, der dir gut steht; aber ich habe dich noch niemals so schön gefunden! Wie schön du bist!«

In einem Übermaß von Zärtlichkeit schwor sie sich, keinem andern mehr zu gehören, was auch kommen mochte, und wenn sie im Elend umkommen sollte.

Ihre schönen feuchten Augen funkelten von einer so übermächtigen Leidenschaft, daß Frédéric sie auf seine Knie zog und sich sagte: »Was für ein Lump ich bin!« und sich doch seiner Verderbtheit freute.

[445] 4.

Als Deslauriers sich vorstellte, dachte Monsieur Dambreuse daran, die große Kohlen-Affäre wieder aufzunehmen. Aber die Fusion aller Gesellschaften in eine einzige war ungern gesehen; man schrie über Monopole, als ob zu einem derartigen Betrieb nicht ungeheure Kapitalien notwendig wären!

Deslauriers, der eigens dazu die Arbeit von Gobet und die Artikel Monsieur Chappes im »Journal des Mines« gelesen hatte, kannte die Frage vollkommen. Er wies nach, daß das Gesetz von 1810 im Interesse der Konzessionierten ein unumstößliches Recht geschaffen hatte. Zudem könne man dem Unternehmen einen demokratischen Anstrich geben: den Kohlenring verhindern, hieße ein Attentat gegen das Prinzip der Association selber.

Monsieur Dambreuse vertraute ihm Notizen an, um einen Bericht abzufassen. Über die Art der Bezahlung seiner Arbeit machte er Versprechungen, die umso günstiger schienen, als nichts Genaues bestimmt wurde.

Deslauriers kam von dort zu Frédéric zurück und berichtete ihm über die Unterredung. Übrigens hatte er unten an der Treppe Madame Dambreuse gesehen, als sie ausging.

»Ich mache dir mein Kompliment, Donnerwetter!«

Dann sprachen sie von der Wahl. Es mußte etwas ausgeheckt werden.

Drei Tage später erschien Deslauriers mit einem Schriftstück, das für die Zeitungen bestimmt war und einen vertraulichen Brief enthielt, in dem Monsieur Dambreuse die Kandidatur ihres Freundes billigte. Von einem Konservativen unterstützt und einem Roten empfohlen, mußte es gelingen. Wie kam es aber, daß der Kapitalist eine solche Arbeit unterzeichnete? Der Advokat hatte sie ohne das geringste Bedenken aus eignem Antriebe Madame Dambreuse gezeigt, die sie sehr gut fand und das Weitere übernommen hatte.

[446] Dieser Schritt überraschte Frédéric, aber er billigte ihn; dann, da Deslauriers mit Monsieur Roque verhandeln wollte, erzählte er ihm von seiner Lage Louise gegenüber.

»Sage ihnen alles, was du willst, daß meine Angelegenheiten in Verwirrung sind, daß ich sie ordnen müsse; sie ist jung genug, um zu warten!«

Deslauriers reiste ab, und Frédéric hielt sich für etwas ganz Besonderes. Er empfand eine Befriedigung, eine tiefe Genugtuung. Seine Freude, eine reiche Frau zu besitzen, wurde durch keinen Kontrast getrübt, sein Gefühl stand im Einklang mit der Umgebung. Sein Leben war jetzt voll Harmonie.

Das Köstlichste war vielleicht, Madame Dambreuse in ihrem Salon im Verkehr mit andern zu betrachten. Bei der Förmlichkeit ihres Auftretens konnte er von anderen Situationen träumen; während sie in kühlem Tone plauderte, erinnerte er sich ihrer gestammelten Liebesworte; die allgemeine Hochachtung vor ihrer Tugend genoß er wie eine Huldigung, die ihm galt, und zuweilen wandelte ihn die Lust an, zu rufen: »Aber ich kenne sie besser als ihr! Sie ist mein!«

Ihr Verhältnis galt bald als eine abgemachte Tatsache. Madame Dambreuse schleifte Frédéric während des ganzen Winters in Gesellschaften mit.

Er traf meist vor ihr ein; und er sah sie eintreten mit nackten Armen, den Fächer in der Hand und Perlen im Haar. Sie blieb auf der Schwelle stehen (die Türeinfassung umgab sie wie ein Rahmen), und machte blinzelnd eine unschlüssige Bewegung, um zu entdecken, ob er da war. Sie nahm ihn in ihren Wagen mit, der Regen peitschte gegen die Scheiben, Passanten glitten wie Schatten in der Nässe vorüber, und aneinandergepreßt sahen sie all das undeutlich, mit stiller Geringschätzung. Unter verschiedenen Vorwänden blieb er noch eine gute Stunde in ihrem Zimmer.

Es war hauptsächlich Langeweile gewesen, die sie bestimmt hatte, nachzugeben. Aber dieser letzte Versuch sollte nicht [447] umsonst sein. Sie wollte die große Liebe und begann ihn mit Schmeicheleien und Zärtlichkeiten zu überhäufen.

Sie schickte ihm Blumen, stickte ihm einen Stuhl, sie schenkte ihm eine Zigarrentasche, ein Schreibzeug, tausend kleine Dinge zum täglichen Gebrauch, so daß er nichts vornehmen konnte, ohne an sie erinnert zu werden. Diese Aufmerksamkeiten entzückten ihn anfangs und erschienen ihm bald ganz natürlich.

Sie stieg in eine Droschke, schickte sie am Eingang einer Passage fort und ging am andern Ende wieder hinaus; dann glitt sie, mit einem Doppelschleier vor dem Gesicht, die Hauswände entlang und erreichte die Straße, wo Frédéric aufpaßte und ihren Arm nahm, um sie in seine Wohnung zu führen. Seine beiden Diener waren aus, der Hausmeister machte Gänge; sie sah sich um, nichts war zu befürchten! Und sie stieß einen Seufzer aus wie ein Verbannter, der sein Vaterland wiedersieht. Das Glück machte sie kühner. Ihre Zusammenkünfte wurden häufiger. Eines Abends erschien sie sogar plötzlich in großer Balltoilette. Diese Überraschungen konnten gefährlich sein, er tadelte ihre Unvorsichtigkeit, sie mißfiel ihm außerdem. Ihre ausgeschnittene Toilette enthüllte ihre magere Brust zu sehr.

Er erkannte nun, was er sich bisher nicht hatte eingestehen wollen, die Enttäuschung seiner Sinne. Er war darum nicht weniger bereit, starke Begierde zu heucheln, doch um sie zu empfinden, mußte er das Bild Rosanettes oder Madame Arnoux' heraufbeschwören.

Die Armseligkeit dieser Neigung hielt ihm den Kopf völlig frei, und mehr denn je trachtete er nach einer hohen Stellung. Da sie ihm nun diese Stütze bot, war es wohl das natürlichste, sich ihrer zu bedienen.

Gegen Mitte Januar trat Sénécal eines Morgens in sein Kabinett, und auf seinen überraschten Ausruf erwiderte er, daß er Deslauriers' Sekretär sei. Er brachte ihm sogar einen Brief. Dieser enthielt gute Nachrichten, aber auch einen Tadel wegen seiner Nachlässigkeit; er müsse sofort hinkommen.

[448] Der künftige Abgeordnete sagte, daß er übermorgen abreisen werde.

Sénécal äußerte keine Ansicht über diese Kandidatur. Er sprach von sich selbst, von den allgemeinen Zuständen.

So jämmerlich sie waren, er freute sich darüber, denn man steuere dem Kommunismus zu. Erstens führten die Behörden uns selbst dahin, und dann kämen täglich mehr Dinge dazu, die von der Regierung verwaltet würden. Und das Eigentum hatte die Konstitution von 48 trotz ihrer Schwächen nicht bedroht; im Namen des öffentlichen Wohles konnte der Staat hinfort nehmen, was ihm gut dünkte. Sénécal erklärte sich für die Autorität, und Frédéric merkte in diesen Reden die Übertreibung seiner eigenen Worte Deslauriers gegenüber. Der Republikaner wetterte selbst gegen die Unzulänglichkeit der Massen.

Robespierre führte, indem er das Recht einer Minderheit verteidigte, Ludwig XVI. vor den Konvent und rettete das Volk. Der Ausgang der Dinge macht sie rechtskräftig. Die Diktatur ist zuweilen unerläßlich. Es lebe die Tyrannei, vorausgesetzt, daß der Tyrann das Gute will.

Ihre Diskussion währte lange, und als er ging, gestand Sénécal (dies war vielleicht der Zweck des Besuches), daß Deslauriers wegen des Schweigens von Monsieur Dambreuse sehr beunruhigt sei.

Aber Monsieur Dambreuse war krank. Frédéric sah ihn alle Tage, da er als Intimer zu ihm vorgelassen wurde.

Die Absetzung des Generals Changarnier hatte den Kapitalisten außerordentlich erregt. Er bekam am selben Abend einen Fieberanfall und Beklemmungen, so daß er nicht zu liegen vermochte. Blutegel führten eine augenblickliche Erleichterung herbei. Der trockne Husten schwand, der Atem wurde ruhiger, und acht Tage später sagte er, als er eine Bouillon schlürfte:

»Ah! es geht besser! Aber ich hätte beinahe die große Reise gemacht!«

»Nicht ohne mich!« rief Madame Dambreuse, um mit diesem Wort anzudeuten, daß sie ihn nicht überleben wolle.

[449]

Anstatt zu antworten, schaute er sie und ihren Liebhaber mit einem eigenen Lächeln an, in dem Resignation, Nachsicht, Ironie und zugleich ein Anflug von Heiterkeit, etwas wie ein Hintergedanke lag.

Frédéric wollte nach Nogent abreisen, Madame Dambreuse widersetzte sich; und er packte seine Sachen je nach dem Wechsel der Krankheit aus und ein.

Plötzlich spie Monsieur Dambreuse übermäßig viel Blut. Die »Spitzen der Wissenschaft«, die zugezogen wurden, sahen nichts Neues darin. Seine Beine schwollen an, und die Schwäche nahm zu. Er hatte mehrmals den Wunsch geäußert, Cécile zu sehen, die mit ihrem Mann, der seit einem Monat zum Steuereinnehmer ernannt war, am andern Ende von Frankreich lebte. Er ordnete ausdrücklich an, sie kommen zu lassen. Madame Dambreuse schrieb drei Briefe und zeigte sie ihm.

Selbst der frommen Schwester vertraute sie ihn nicht an und verließ ihn nicht eine Sekunde; sie legte sich gar nicht mehr hin. Alle, die sich beim Hausmeister einschrieben, erkundigten sich voll Bewunderung nach ihr, und die Vorübergehenden waren beim Anblick der Menge Strohs, das unter den Fenstern auf der Straße lag, von Ehrfurcht ergriffen.

Am 12. Februar um fünf Uhr befiel ihn ein furchtbarer Bluthusten. Der Arzt erklärte ihn für gefährlich. Man eilte schnell zu einem Priester.

Während der Beichte von Monsieur Dambreuse betrachtete seine Frau ihn neugierig von fern. Danach legte der junge Arzt ein Zugpflaster auf und wartete.

Das Lampenlicht, das durch die Möbel verdeckt war, erhellte das Zimmer ungleichmäßig. Frédéric und Madame Dambreuse beobachteten am Fußende des Lagers den Totkranken. In der Fensternische sprachen der Arzt und der Priester leise miteinander; die Schwester lag auf den Knien und murmelte Gebete.

Endlich vernahm man ein Röcheln. Die Hände erkalteten, das Gesicht begann bleich zu werden. Zuweilen [450] holte er plötzlich tief Atem; es kam seltener und seltener, zwei, drei wirre Worte entschlüpften ihm, er hauchte einen leisen Seufzer aus, verdrehte gleichzeitig die Augen, und der Kopf fiel seitwärts auf das Kissen zurück.

Alle blieben eine Minute lang regungslos.

Madame Dambreuse näherte sich, und ohne Überwindung, mit der Selbstverständlichkeit einer Pflicht, drückte sie ihm die Augen zu.

Dann breitete sie die Arme aus, wand sich wie im Krampf verhaltener Verzweiflung und verließ, auf den Arzt und die Nonne gestützt, das Gemach. Eine Viertelstunde später ging Frédéric in ihr Zimmer hinauf.

Man atmete hier einen undefinierbaren Duft, den Duft der zarten Dinge, die es erfüllten. Auf dem Bett lag ausgebreitet ein schwarzes Kleid und hob sich scharf von der rosa Bettdecke ab.

Madame Dambreuse stand an der Ecke des Kamins. Ohne heftige Trauer bei ihr zu vermuten, glaubte er sie doch ein wenig betrübt, und fragte mit wehmütiger Stimme:

»Du leidest?«

»Ich? Nein, durchaus nicht!«

Als sie sich umwandte, bemerkte sie das Kleid und prüfte es; dann bat sie ihn, sich nicht zu genieren:

»Rauche, wenn du willst! Du bist hier bei mir!«

Und mit einem tiefen Seufzer fügte sie hinzu:

»Ah! Heilige Jungfrau! Welche Erlösung!«

Frédéric überraschte dieser Ausruf. Er küßte ihr die Hand und erwiderte:

»Wir waren doch immer frei!«

Die Anspielung auf die Ungezwungenheit ihrer Liebe schien Madame Dambreuse zu verletzen.

»Ach, du weißt nicht, was ich für ihn getan und in welchen Ängsten ich gelebt habe!«

»Wie?«

»Jawohl! War das eine Sicherheit, stets den Bastard um sich zu haben, ein Kind, das nach fünfjähriger Ehe ins [451] Haus gebracht wurde, und das ihn ohne mich sicherlich zu irgendeiner Dummheit verleitet hätte?«

Dann setzte sie ihm ihre Verhältnisse auseinander. Sie hatten unter Ausschließung der Gütergemeinschaft geheiratet. Ihr Erbe betrug dreihunderttausend Francs. Monsieur Dambreuse hatte ihr kontraktlich für den Fall, daß sie ihn überlebte, fünfzehntausend Francs Rente und das Haus als Eigentum zugesichert. Doch kurze Zeit darauf hatte er ein Testament gemacht, in dem er ihr sein ganzes Vermögen verschrieb; und sie schätzte es, soweit es sich jetzt beurteilen ließ, auf mehr als drei Millionen.

Frédéric machte große Augen.

»Das war der Mühe wert, nicht wahr? Ich habe übrigens dazu beigesteuert. Es war mein Gut, das ich verteidigte. Cécile hätte mich ungerecht ausgebeutet.«

»Warum ist sie nicht gekommen, ihren Vater zu sehen?« sagte Frédéric.

Bei dieser Frage sah Madame Dambreuse ihn prüfend an, dann sagte sie in trockenem Ton:

»Ich weiß es nicht! Mangel an Herz, augenscheinlich! O! ich kenne sie! Sie soll von mir aber auch keinen Heller haben!«

»Sie störte doch kaum, wenigstens seit ihrer Heirat.«

»Ach! ihre Heirat!« sagte Madame Dambreuse mit höhnischem Lächeln.

Und sie ärgerte sich, daß sie diese Person, die eifersüchtig, eigennützig, eine Heuchlerin war, zu gut behandelt hatte. »Alles Fehler ihres Vaters!« Sie verleumdete sie immer mehr. Keiner sei so falsch, dazu so unbarmherzig und hart wie ein Kieselstein, »ein schlechter Mensch, ein schlechter Mensch«.

Selbst die klügsten Leute machen Fehler. Madame Dambreuse tat es eben durch dieses Übermaß von Haß. Frédéric, ihr gegenüber in einem Schaukelstuhl, war innerlich entrüstet.

Sie erhob sich und setzte sich sanft auf seine Knie.

»Du allein bist gut! Nur dich liebe ich!«

[452] Bei seinem Anblick wurde sie weich, eine nervöse Reaktion trieb ihr Tränen in die Augen, und sie murmelte:

»Willst du mich heiraten?«

Er glaubte zuerst nicht verstanden zu haben. Dieser Reichtum betäubte ihn. Sie wiederholte lauter:

»Willst du mich heiraten?«

Endlich sagte er lächelnd:

»Zweifelst du daran?«

Dann überkam ihn eine Scham, und um dem Verstorbenen eine Art Abbitte zu tun, erbot er sich, bei ihm zu wachen. Da er sich jedoch dieser frommen Regung schämte, fügte er ungezwungen hinzu:

»Es wäre vielleicht schicklicher!«

»Ja, vielleicht,« sagte sie, »der Dienstboten wegen!«

Man hatte das Bett vollständig aus dem Alkoven gezogen. Die Nonne stand zu Füßen, und zu Häupten der Priester, ein anderer, ein großer hagerer Mensch mit spanischen, fanatischen Zügen. Auf dem Nachttisch, der mit einer weißen Serviette bedeckt war, brannten drei Kerzen.

Frédéric nahm einen Stuhl und betrachtete den Toten.

Sein Gesicht war strohgelb, etwas blutiger Schaum an seinen Mundwinkeln. Er trug ein seidenes Tuch um den Kopf, eine Trikot-Unterjacke, und ein silbernes Kreuz lag auf der Brust, zwischen den gekreuzten Armen.

Es war zu Ende, dieses Leben voll Aufregungen!

Wieviel Gänge hatte er wohl in die Büros gemacht, wieviel Zahlen aneinander gereiht, was für Geschäfte abgeschlossen und Berichte angehört! Wieviel Redensarten, Lächeln, Bücklinge! Denn er hatte Napoleon zugestimmt, den Kosaken, Ludwig XVIII., 1830, den Arbeitern, jeder Regierung, er huldigte der Macht in solchem Maße, daß er noch dafür gezahlt haben würde, sich ihr zu verkaufen.

Aber er hinterließ die Domäne de la Fortelle, drei Fabriken in der Picardie, den Wald von Crancé in l'Yonne, ein Gut in der Nähe von Orléans und bewegliche Habe von beträchtlichem Wert.

Frédéric wiederholte sich noch einmal den Umfang[453] seines Vermögens, und das sollte nun also ihm gehören! Er dachte zuerst daran, »was man sagen werde«, an ein Geschenk für seine Mutter, seine zukünftigen Gespanne, an einen alten Kutscher seiner Familie, den er zum Hausmeister machen wollte. Die Livree könnte natürlich nicht dieselbe bleiben. Er würde den großen Saal zum Arbeitszimmer nehmen. Nichts hinderte ihn, wenn er drei Wände niederreißen ließ, im zweiten Stock eine Bildergalerie einzurichten. Unten ließe sich vielleicht ein Saal zu türkischen Bädern umwandeln. Und das Büro von Monsieur Dambreuse, ein unangenehmer Raum, wozu könnte der dienen?

Der Priester, der sich schneuzte, oder die Schwester, die das Feuer schürte, unterbrachen jäh diese Phantasien. Aber die Wirklichkeit bestätigte sie; der Leichnam lag immer noch da. Seine Lider hatten sich wieder geöffnet, und die Pupillen hatten, obwohl völlig im Dunkeln, einen rätselhaften, unerträglichen Ausdruck. Frédéric glaubte darin etwas wie ein Urteil über sich zu sehen und empfand Gewissensbisse, denn er hatte sich über diesen Mann nie zu beklagen gehabt, im Gegenteil ... »Ach was! ein alter Gauner!« dachte er, und er betrachtete ihn näher, um sich wieder zu vergewissern, und rief ihm in Gedanken zu:

»Nun, was? Habe ich dich etwa getötet?«

Unterdessen las der Priester sein Brevier, die Nonne schlummerte unbeweglich; die Dochte der drei Kerzen wurden länger.

Seit zwei Stunden vernahm man das dumpfe Rollen der Karren, die zur Halle fuhren. Die Scheiben wurden heller, eine Droschke kam vorüber, dann eine Herde Eselinnen, die auf dem Pflaster trabten, Hammerschläge waren zu hören, die Rufe umherziehender Händler, Trompetenstöße; alles vereinigte sich schon zu der großen Stimme des erwachenden Paris.

Frédéric besorgte nun die notwendigen Gänge. Er begab sich zuerst zur Mairie, um die Anzeige zu machen; dann, als der Arzt einen Totenschein ausgefertigt hatte, kam er zur Mairie zurück, um zu sagen, welchen Friedhof [454] die Familie wählte, und um sich mit dem Beerdigungs-Institut zu verständigen.

Der Beamte zeigte ihm ein Verzeichnis und ein Programm, das eine gab die verschiedenen Beerdigungsklassen an, das andere alle Einzelheiten der Ausschmückung. Wünschte man einen Wagen mit Galerie oder einen Wagen mit Federbüschen, Flechten für die Pferde, Reiherbüschel für die Bedienten, Initialen oder ein Wappenschild, Trauer-Lampen, einen Mann, um die Ehrenzeichen zu tragen, und wieviele Wagen? Frédéric war freigebig; Madame Dambreuse hielt darauf, nichts zu sparen.

Dann ging er zur Kirche.

Der Vikar für Leichenbegängnisse begann damit, den Betrieb der Beerdigungs-Institute zu tadeln; so sei zum Beispiel der Beamte für die Ehrenabzeichen durchaus unnötig; viele Wachskerzen wären wünschenswerter! Sie entschieden sich für eine stille Messe mit darauffolgender Musik. Frédéric unterzeichnete, was abgemacht war, mit der solidarischen Verpflichtung, alle Kosten zu zahlen.

Er ging darauf ins Stadthaus, um über den Ankauf des Platzes zu verhandeln. Die Überlassung eines solchen von zwei Meter Länge und einem Meter Breite kostete fünfhundert Francs. Sollte es ein Vertrag auf fünfzig Jahre sein oder ein dauernder?

»O! ein dauernder!« sagte Frédéric. Er nahm die Sache ernst, gab sich viele Mühe. Im Hof des Hauses erwartete ihn der Steinmetz, um ihm Anschläge und Pläne für griechische, ägyptische, maurische Gräber zu zeigen. Aber der Architekt des Hauses hatte mit