Charles Dickens
Die Lebensgeschichte, Abenteuer, Erfahrungen und Beobachtungen David Copperfields des Jüngeren
(The Personal History, Adventures, Experience, and Observation of David Copperfield the Younger)

Erster Band

Erstes Kapitel

Ich komme zur Welt.


Ob ich mich in diesem Buche zum Helden meiner eignen Leidensgeschichte entwickeln werde, oder ob jemand anders diese Stelle ausfüllen soll, wird sich zeigen.

Um mit dem Beginn meines Lebens anzufangen, bemerke ich, daß ich, wie man mir mitgeteilt hat, und wie ich auch glaube, an einem Freitag um Mitternacht zur Welt kam. Es heißt, daß die Uhr zu schlagen begann, gerade als ich zu schreien anfing.

Was den Tag und die Stunde meiner Geburt betrifft, so behaupteten die Kindsfrau und einige weise Frauen in der Nachbarschaft, die schon Monate zuvor, ehe wir noch einander persönlich vorgestellt werden konnten, eine lebhafte Teilnahme für mich gezeigt hatten,

erstens: Daß es mir vorausbestimmt sei, nie im Leben Glück zu haben, und

zweitens: Daß ich die Gabe besitzen würde, Geister und Gespenster sehen zu können. Wie sie glaubten, hingen diese beiden Eigenschaften unvermeidlich all den unglücklichen Kindern beiderlei Geschlechts an, die in der Mitternachtsstunde eines Freitags geboren sind.

Über den ersten Punkt brauche ich nichts weiter zu sagen, weil ja meine Geschichte am besten zeigen wird, ob er eingetroffen ist oder nicht.

Was den zweiten anbelangt, will ich nur feststellen, daß ich bisher noch nichts bemerkt habe. – Vielleicht habe ich schon als ganz kleines Kind diesen Teil meiner Erbschaft angetreten und aufgebraucht. Ich beklage [3] mich auch durchaus nicht, falls mir diese schöne Gabe vorenthalten bleiben sollte. Und wenn sich irgend jemand anders ihrer vielleicht bemächtigt hat, mag er sie in Gottesnamen behalten.

Ich kam in einem Hautnetz zur Welt, das später um den niedrigen Preis von fünfzehn Guineen in den Zeitungen zum Verkauf ausgeschrieben wurde. Ob damals die Seereisenden gerade knapp bei Kasse waren oder schwach im Glauben und daher Korkjacken vorzogen, weiß ich nicht; ich weiß bloß soviel, daß nur ein einziges Angebot einlief und zwar von einem Anwalt der zugleich Wechselagent war und zwei Pfund bar und den Rest in Sherry geben wollte und es entschieden ablehnte, um einen höhern Preis diese Garantie gegen das Ertrinken zu erwerben. Die Annonce wurde zurückgezogen – denn was Sherry anbelangte, so wurde meiner armen lieben Mutter eigner Sherry gerade damals versteigert.

Das Hautnetz wurde zehn Jahre später in unserer Gegend in einer Lotterie unter fünfzig Personen ausgeknobelt; je fünfzig Bewerber zahlten eine halbe Krone per Kopf, und der Gewinner hatte noch fünf Schillinge daraufzulegen. Ich selbst war gegenwärtig und erinnere mich, wie unbehaglich und verlegen mir zu Mute war, als ein Teil meines eignen Selbsts auf diese Weise veräußert wurde. Ich weiß noch, daß eine alte Dame mit einem Handkorb das Netz gewann und die ausgemachten fünf Schillinge in lauter Halfpennystücken zögernd herausholte.

Es fehlten damals noch zwei und ein halber Penny, was man ihr nur mit einem großen Aufwand an Zeit und Arithmetik begreiflich machen konnte. Tatsache ist, daß die alte Dame wirklich nie ertrank, sondern triumphierend im Bette starb; zweiundneunzig Jahre alt.

Ich ließ mir erzählen, daß sie sich bis an ihr Ende außerordentlich damit brüstete, in ihrem ganzen Leben niemals auf dem Wasser gewesen zu sein, höchstens auf einer Brücke, und daß sie bei ihrem Tee, dem sie sehr zugetan war, stets ihre Entrüstung über die Gottlosigkeit der Seeleute aussprach, die sich auf dem Meere »herumtrieben«.

Es war vergebens, ihr vorzustellen, wie viele Annehmlichkeiten wir, den Tee zum Beispiel mit inbegriffen, dieser [4] Unsitte verdanken. Stets erwiderte sie mit noch größerm Nachdruck und mit instinktivem Bewußtsein von der Gewalt ihres Einwandes: »Man hat sich trotzdem nicht herumzutreiben.«

Um mich aber nicht selbst herumzutreiben und abzuschweifen, will ich wieder zu meiner Geburt zurückkehren.

Ich erblickte in Blunderstone in Suffolk oder daherum, wie man in Schottland sagt, das Licht der Welt. Ich bin ein nachgebornes Kind. Meines Vaters Augen schlossen sich sechs Monate früher, als die meinigen sich öffneten.

Es liegt etwas Seltsames für mich in dem Gedanken, daß mein Vater mich niemals gesehen hat, und noch Seltsameres in der schattenhaften Erinnerung aus meiner ersten Kinderzeit an den weißen Grabstein auf dem Kirchhof. Ich empfand unsäglichen Kummer, daß er dort draußen allein liegen mußte in der dunklen Nacht, während unser kleines Wohnzimmer warm und hell war von Feuer und Licht und das Tor unseres Hauses – fast grausam kam es mir manchmal vor – für ihn verriegelt und verschlossen.

Eine Tante meines Vaters, folglich eine Großtante von mir, von der ich bald mehr zu erzählen haben werde, galt als die angesehenste Person in unserer Familie. Miß Trotwood oder Miß Betsey, wie meine arme Mutter sie immer nannte, wenn sie ihre Angst vor dieser schrecklichen Persönlichkeit so weit überwand, sie überhaupt zu erwähnen, war verheiratet gewesen mit einem Manne, der jünger als sie selbst und sehr hübsch war. Allerdings nicht in dem Sinn des Sprichworts, »hübsch ist, wer sich hübsch beträgt,« – denn er stand stark in dem Verdacht, daß er Miß Betsey durchzuprügeln pflegte und einmal sogar wegen einer strittigen Unterstützungsfrage schnelle, aber entschlossene Vorbereitungen getroffen hätte, sie aus einem Fenster im zweiten Stock hinauszuwerfen.

Diese offenkundigen Beweise unverträglicher Gemütsart bewogen schließlich Miß Betsey ihn mit Geld abzufertigen und eine Scheidung auf gegenseitige Übereinkunft durchzusetzen.

Er ging mit dem Kapital nach Indien und wurde dort nach einer wilden Legende in unserer Familie einmal auf einem Elefanten reiten gesehen in Gesellschaft eines [5] Babu. Es wird wohl ein Pavian gewesen sein – oder eine Begum! Wie dem auch sei, ehe zehn Jahre um waren, kam aus Indien die Kunde von seinem Tod.

Wie meine Tante es aufgenommen hat, weiß niemand. Gleich nach der Scheidung nahm sie ihren Mädchennamen wieder an, kaufte sich ein Häuschen in einem Weiler weit draußen an der Seeküste und lebte dort mit einer einzigen Dienerin in unerbittlicher Zurückgezogenheit.

Mein Vater mußte einst ihr Liebling gewesen sein, aber seine Heirat hatte sie tödlich beleidigt, da meine Mutter nach ihrer Ansicht nur eine »Wachspuppe« war. Sie hatte meine Mutter wohl nie gesehen, wußte aber, daß sie sehr jung war – noch nicht zwanzig.

Mein Vater und Miß Betsey sahen einander nie wieder. Er war doppelt so alt als meine Mutter, als er sie heiratete, und von zarter Gesundheit. Ein Jahr darauf starb er; wie ich schon gesagt habe, sechs Monate, ehe ich zur Welt kam.

So lagen die Dinge an jenem, wie ich wohl sagen darf, ereignisvollen und wichtigen Freitag. Ich weiß natürlich über sie nichts aus eigner Anschauung und stütze meine Erinnerungen auch nicht auf eigne Sinneswahrnehmung.

Meine Mutter saß am Feuer, körperlich schwach und geistig sehr niedergedrückt, schaute, die Augen voll Tränen, in das Feuer und sann trübe nach über das Schicksal des vor der Geburt verwaisten Kindes, dessen Ankunft binnen kurzem erwartet wurde, und über ihre eigene Zukunft.

Es war ein heller, windiger Herbstnachmittag, und sie saß betrübt und niedergeschlagen da und von bangen Zweifeln erfüllt, ob sie wohl glücklich die zu erwartende schwere Stunde überstehen werde, als sie, ihre Augen trocknend, aufblickte und durch das gegenüberliegende Fenster eine fremde Dame in den Garten hereinkommen sah.

Beim zweiten Blick hatte meine Mutter schon die sichere Ahnung, daß es Miß Betsey wäre. Die untergehende Sonne schien über den Gartenzaun auf die fremde Dame, und diese schritt auf die Türe zu mit[6] einer so unbeugsamen Strenge in Gesicht und Haltung, daß es niemand anders sein konnte.

Als sie das Haus erreichte, lieferte sie noch einen andern Beweis ihrer Identität. Mein Vater hatte oft erwähnt, daß sie sich selten wie ein gewöhnlicher Christenmensch benehme; und nun trat sie wirklich, anstatt die Glocke zu ziehen, an das nächste Fenster und drückte ihre Nase mit solcher Energie gegen das Glas, daß diese im Augenblick ganz platt und weiß wurde, wie meine Mutter oft erzählte.

Sie bekam darüber einen solchen Schrecken, daß ich es meiner Überzeugung nach nur Miß Betsey zu danken habe, wenn ich an einem Freitag zur Welt kam.

Meine Mutter war in ihrer Aufregung aufgestanden und hinter den Stuhl in eine Ecke getreten. Miß Betsey sah sich durch die Scheiben langsam und forschend im Zimmer um, wobei sie am andern Ende der Stube anfing, und wendete automatenhaft wie ein Türkenkopf auf einer Schwarzwälderwanduhr das Gesicht, bis ihre Blicke auf meiner Mutter haften blieben. Dann zog sie die Brauen zusammen und winkte wie jemand, der zu befehlen gewohnt ist, daß man ihr die Türe aufmachen solle. Meine Mutter gehorchte.

»Mrs. David Copperfield vermutlich,« sagte Miß Betsey mit einer Emphase, die sich wahrscheinlich auf die Trauerkleider meiner Mutter und auf ihren Zustand bezog.

»Ja,« antwortete meine Mutter schüchtern.

»Haben Sie schon von Miß Trotwood gehört?« fragte die Dame.

Meine Mutter entgegnete, sie habe das Vergnügen gehabt, hatte aber dabei das unangenehme Gefühl, nicht darnach auszusehen, als ob es ein überwältigendes Vergnügen gewesen wäre.

»Jetzt steht sie vor Ihnen,« sagte Miß Betsey. Meine Mutter verbeugte sich und bat die Dame, einzutreten.

Sie gingen in das Wohnzimmer, aus dem meine Mutter gekommen, denn das Besuchzimmer auf der andern Seite des Ganges war nicht geheizt und nicht geheizt gewesen seit meines Vaters Leichenbegängnis. [7] Als sie beide Platz genommen hatten, Miß Betsey aber nichts sprach, fing meine Mutter, nach einem vergeblichen Bemühen sich zu fassen, zu weinen an.

»O still, still, still!« sagte Miß Betsey hastig. »Nur das nicht. Laß das, laß das!«

Meine Mutter aber konnte sich nicht helfen, und ihre Tränen flossen, bis sie sich ausgeweint hatte.

»Nimm deine Haube ab, Kind,« sagte Miß Betsey, »damit ich dich sehen kann.«

Meine Mutter war viel zu sehr eingeschüchtert, um dieses seltsame Verlangen abzuschlagen, selbst, wenn sie gewollt hätte. Daher entsprach sie dem Wunsche und tat es mit so zitternden Händen, daß ihr Haar, das sehr reich und schön war, sich löste und auf ihre Schultern herabfiel.

»Gott bewahre!« rief Miß Betsey, »du bist ja noch ein wahres Wickelkind.«

Allerdings sah meine Mutter selbst für ihre Jahre noch sehr jugendlich aus. Sie ließ den Kopf hängen, als ob es ihre Schuld wäre, und sagte schluchzend, daß sie auch fürchte, sie sei ein wahres Kind von einer Witwe und werde auch ein Kind von einer Mutter sein, wenn sie am Leben bliebe.

In der kurzen Pause, die darauf folgte, kam es ihr fast vor, als ob Miß Betsey ihr Haar berührte und zwar nicht mit unsanfter Hand; aber wie sie schüchtern hoffend aufblickte, hatte sich die Dame mit aufgeschürztem Kleid bereits hingesetzt, die Hände über ein Knie gefaltet, die Füße auf das Kamingitter gestützt, und starrte grimmig ins Feuer.

»Um Gotteswillen?« fragte Miß Betsey plötzlich. »Warum eigentlich Krähenhorst?«

»Sie meinen das Haus, Madame?«

»Warum Krähenhorst?« fragte Miß Betsey. »Hühnerhof wäre passender gewesen, wenn ihr beide einen Begriff vom praktischen Leben gehabt hättet.«

»Mr. Copperfield hat ihm den Namen gegeben,« erwiderte meine Mutter. »Als er das Haus kaufte, meinte er, es müßte hübsch sein, wenn Krähen darin nisten würden.«

Der Abendwind fegte in diesem Augenblick so gewaltig durch die alten hohen Ulmen im Garten, daß[8] sowohl meine Mutter wie Miß Betsey unwillkürlich hinaussahen. Als sich die Bäume zueinander neigten wie Riesen, die sich Geheimnisse zuflüsterten, und gleich darauf in heftige Bewegung gerieten und mit ihren zackigen Armen wild in der Luft herumfuhren, als ob diese Geheimnisse zu gräßlich für ihre Seelenruhe wären, wurden ein paar alte, vom Sturm zerzauste Krähennester auf den höchsten Zweigen wie Wracks auf stürmischer See hin und hergeworfen.

»Wo sind die Vögel?« verhörte Miß Betsey.

»Was?« Meine Mutter hatte an etwas anderes gedacht.

»Die Krähen, – wo sie hingekommen sind?«

»Es waren überhaupt nie welche da, seit wir hier gelebt haben,« sagte meine Mutter. »Wir dachten, – Mr. Copperfield dachte, es sei ein großer Krähenhorst, aber die Nester waren alt und von den Vögeln längst verlassen.«

»Echt David Copperfield,« rief Miß Betsey. »David Copperfield, wie er leibt und lebt! Nennt das Haus Krähenhorst, wo gar keine Krähe da ist, und nimmt die Vögel auf guten Glauben, weil er die Nester sieht.«

»Mr. Copperfield ist tot,« gab meine Mutter zur Antwort, »und wenn Sie sich unterstehen, unfreundlich über ihn zu sprechen, –«

Ich glaube, meine arme, liebe Mutter hatte einen Augenblick die Absicht, sich an der Tante tätlich zu vergreifen. Diese hätte sie wohl leicht mit einer Hand bezwungen, selbst wenn meine Mutter in einer bessern Verfassung für einen solchen Kampf gewesen wäre als an diesem Abend. Aber es blieb bei einem schüchternen Aufstehen. Dann setzte sich meine Mutter wieder schwach nieder und fiel in Ohnmacht.

Als sie wieder zu sich kam, sah sie Miß Betsey am Fenster stehen. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, und so undeutlich sie einander unterschieden, hätten sie doch auch das nicht ohne den Schein des Feuers können.

»Nun?« fragte Miß Betsey und trat wieder zu dem Stuhl, als hätte sie bloß einen Blick aus dem Fenster geworfen, »und wann erwartest du – – –?«

[9] »Ich zittere am ganzen Leibe,« stammelte meine Mutter. »Ich weiß nicht, was es ist, ich sterbe sicherlich.«

»Nein, nein, nein,« sagte Miß Betsey; »trink eine Tasse Tee!«

»Ach Gott, ach Gott, meinen Sie, daß mir das gut tun wird?« rief meine Mutter in hilflosem Tone.

»Selbstverständlich!« sagte Miß Betsey. »Es ist alles bloß Einbildung. Wie heißt denn das Mädchen?«

»Ich weiß doch nicht, ob es ein Mädchen sein wird, Madame,« sagte meine Mutter unschuldsvoll.

»Gott segne dieses Kind!« rief Miß Betsey aus, unbewußt den Sinnspruch auf dem Nadelkissen in der Schublade des obern Stocks anführend, aber nicht mit Anwendung auf mich, sondern auf meine Mutter. »Das meine ich doch nicht. Ich meine doch das Dienstmädchen.«

»Peggotty,« sagte meine Mutter.

»Peggotty!« wiederholte Miß Betsey entrüstet. »Willst du damit sagen, Kind, daß ein menschliches Geschöpf in eine christliche Kirche gegangen ist und sich hat Peggotty taufen lassen?«

»Es ist ihr Familienname,« sagte meine Mutter schüchtern. »Mr. Copperfield nannte sie so, weil ihr Taufname derselbe ist wie meiner.«

»Heda, Peggotty!« rief Miß Betsey und öffnete die Zimmertür. »Tee! Deine Herrschaft ist ein bißchen unwohl, aber rasch!«

Nachdem sie diesen Befehl so gebieterisch ausgesprochen, als wäre sie von jeher Herrin dieses Hauses, und aus dem Zimmer hinausgespäht hatte, um nach der erstaunten Peggotty zu sehen, die bei dem Klang einer fremden Stimme mit einem Licht den Gang entlang kam, schloß sie die Tür wieder und setzte sich nieder wie zuvor, die Füße am Kamingitter, das Kleid aufgeschürzt und die Hände über ein Knie gefaltet.

»Du meintest, es werde ein Mädchen werden,« sagte Miß Betsey. »Ich zweifle keinen Augenblick daran. Ich habe ein Vorgefühl, daß es ein Mädchen wird. Nun, Kind! Von dem Moment der Geburt dieses Mädchens an – –«

»Vielleicht ists ein Knabe,« erlaubte sich meine Mutter, sie zu unterbrechen.

[10] »Ich sagte dir bereits, ich habe das Vorgefühl, daß es ein Mädchen ist,« entgegnete Miß Betsey. »Widersprich mir nicht immer. Also von dem Augenblick der Geburt dieses Mädchens an werde ich seine Freundin sein, Kind. Ich will seine Patin sein, und sie hat Betsey Trotwood-Copperfield zu heißen. Mit dieser Betsey Trotwood-Copperfield soll es im Leben glatt gehen. Mit ihren Gefühlen darf nicht gespielt werden. Armes Kleines. Sie muß gut erzogen und in acht genommen werden, daß sie ihr Vertrauen nicht auf törichte Weise jemand schenkt, der es nicht verdient. Das laß meine Sorge sein.«

Bei jedem dieser Sätze zuckte Miß Betsey mit dem Kopf, als ob das erlittene Unrecht vergangener Zeiten in ihr wieder lebendig würde und sie einen deutlicheren Hinweis darauf nur mit Überwindung unterdrückte. So vermutete wenigstens meine Mutter, als sie sie beim schwachen Schimmer des Feuers beobachtete, aber zu sehr von ihrem Wesen erschreckt war und innerlich viel zu unruhig und zu verwirrt, um überhaupt irgend etwas klar beobachten zu können.

»Und war David gut gegen dich, Kind?« fragte Miß Betsey, nachdem sie eine Weile geschwiegen und die Bewegung ihres Kopfs allmählich aufgehört hatte. »Habt ihr euch gut vertragen?«

»Wir waren sehr glücklich,« sagte meine Mutter. »Mr. Copperfield war viel zu gut zu mir.«

»Er hat dich also verzogen?«

»Allein und verlassen zu sein und ohne Stütze in dieser rauhen Welt dazustehen,« schluchzte meine Mutter, »dazu hat er mich wohl nicht erzogen.«

»Gut. Weine nicht,« sagte Miß Betsey. »Ihr paßtet eben nicht zusammen, Kind, – zwei Menschen können überhaupt nicht zusammenpassen – deshalb fragte ich. Du warst eine Waise, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und Gouvernante?«

»Ich war Bonne in einer Familie, die Mr. Copperfield häufig besuchte. Mr. Copperfield war sehr freundlich und aufmerksam gegen mich und machte mir zuletzt einen Heiratsantrag. Und ich sagte ja. Und [11] so wurden wir Mann und Frau,« sagte meine Mutter einfach.

»Ha! Armes Kind!« murmelte Miß Betsey und sah immer noch grimmig ins Feuer. »Verstehst du etwas?«

»Ich bitte um Verzeihung, Madame?« stammelte meine Mutter.

»Von der Wirtschaft zum Beispiel,« sagte Miß Betsey.

»Ich fürchte, nicht viel. Nicht so viel, wie ich möchte. Aber Mr. Copperfield unterrichtete mich, –«

»Weil er selber so viel davon verstand,« warf Miß Betsey hin.

»– und ich glaube, ich hätte bald Fortschritte gemacht, denn ich war eifrig im Lernen und er ein sehr geduldiger Lehrer, wenn nicht das große Unglück – –,« meine Mutter verlor wieder die Fassung und konnte nicht weitersprechen.

»Schon gut, schon gut,« sagte Miß Betsey.

»Ich führte mein Wirtschaftsbuch regelmäßig und schloß es mit Mr. Copperfield pünktlich jeden Abend ab,« rief meine Mutter mit einem neuen Ausbruch des Schmerzes.

»Schon gut, schon gut,« rief Miß Betsey. »Hör endlich auf zu weinen.«

»Und es war nie ein Wort des Streites dabei oder der Uneinigkeit, außer wenn Mr. Copperfield tadelte, daß meine Dreier und Fünfer einander zu ähnlich sähen, oder daß ich meinen Siebnern und Neunern krause Schwänze gäbe,« begann meine Mutter von neuem und wieder von einer Tränenflut unterbrochen.

»Du wirst dich krank machen,« sagte Miß Betsey, »Du weißt doch, daß das weder für dich noch für mein Patenkind gut ist. Komm, du mußt das bleiben lassen.«

Dieses Argument trug einigermaßen dazu bei, meine Mutter zum Schweigen zu bringen, obgleich ihr zunehmendes Übelbefinden die Hauptursache sein mochte. Eine längere Stille trat ein, die nur unterbrochen wurde von einem gelegentlichen »Ha!« Miß Betseys, die immer noch mit den Füßen auf dem Kamin dasaß.

[12] »David hat sich mit seinem Geld eine Leibrente gekauft,« sagte sie endlich, »und wie hat er für dich gesorgt?«

»Mr. Copperfield,« sagte meine Mutter mit Anstrengung, »war so vorsichtig und gut, mir die Anwartschaft auf einen Teil davon zu sichern.«

»Wieviel?« fragte Miß Betsey.

»Hundertundfünf Pfund jährlich.«

»Er hätte es noch schlimmer machen können,« sagte meine Tante.

Das Wort paßte gut für den Augenblick. Meiner Mutter ging es soviel schlimmer, daß Peggotty, die eben mit dem Teebrett und Lichtern hereinkam und auf den ersten Blick sah, wie krank sie war, – Miß Betsey hätte es schon eher sehen können, wenn es hell genug gewesen wäre, – sie so rasch wie möglich in die obere Stube hinaufbrachte und sofort Ham Peggotty, ihren Neffen, der seit einigen Tagen ohne Wissen meiner Mutter als Bote für unvorhergesehene Fälle im Hause verborgen gehalten wurde, nach der Hebamme und dem Doktor schickte.

Diese verbündeten Mächte, die sich im Verlauf weniger Minuten zusammenfanden, waren sehr erstaunt, eine fremde Dame von strengem Aussehen vor dem Feuer sitzen zu sehen, den Hut am linken Arm hängend, und sich die Ohren mit Juwelierbaumwolle zustopfend.

Da Peggotty nichts über sie wußte und meine Mutter nichts über sie hatte fallen lassen, blieb sie ein ungelöstes Rätsel in der Wohnstube, und der Umstand, daß sie ein Baumwollenmagazin in der Tasche trug und sich die Watte auf besagte Weise in die Ohren stopfte, raubte ihr nichts von ihrem Ansehen.

Nachdem der Doktor oben gewesen und wieder heruntergekommen war und offenbar vermutete, daß er mit der unbekannten Dame einige Stunden würde zusammenbleiben müssen, bemühte er sich, höflich und gesellig zu erscheinen. Er war der sanfteste seines Geschlechts, der mildeste aller kleinen Männer. Er drückte sich beim Ein- und Ausgehen seitwärts durch die Türen, um möglichst wenig Raum einzunehmen. Er ging so leise wie der Geist des Hamlet aber noch viel langsamer. [13] Er trug den Kopf auf eine Seite geneigt, teils aus Bescheidenheit, teils aus Entgegenkommen. Es wäre zu wenig gesagt, daß er nicht einmal für einen Hund ein böses Wort gehabt hätte. Er hätte nicht einmal einem tollen Hund ein böses Wort sagen können. Höchstens ein sanftes oder ein halbes oder ein Bruchstück davon, – denn er sprach so langsam, wie er ging, – aber er würde nicht grob gegen ihn gewesen sein. Nicht einmal ein rasches, nicht um alles in der Welt.

Mr. Chillip sah also meine Tante, den Kopf auf die Seite geneigt, sanft an, machte eine kleine Verbeugung und sagte, auf die Watte anspielend, indem er sein linkes Ohr berührte:

»Lokale Reizung, Madame?«

»Was?« fragte meine Tante und zog die Baumwolle wie einen Kork aus einem Ohr.

Mr. Chillip erschrak so sehr über ihr barsches Wesen, wie er später meiner Mutter erzählte, daß es noch ein Glück war, daß er die Fassung nicht verlor. Er wiederholte sanft:

»Lokale Reizung, Madame?«

»Unsinn!« antwortete meine Tante und verstopfte sofort das Ohr wieder.

Mr. Chillip konnte nun weiter nichts tun, als Platz nehmen und sie schüchtern ansehen, wie sie so dasaß und ins Feuer starrte, bis er wieder hinaufgerufen wurde.

Nach viertelstündiger Abwesenheit kehrte er wieder zurück.

»Nun?« fragte meine Tante und nahm die Watte aus dem ihm am nächsten liegenden Ohre.

»Nun, Madame,« antwortete Mr. Chillip, »wir – wir machen langsam Fortschritte.«

»Ba-a-ah,« sagte meine Tante, den verächtlichen Ausruf förmlich hervorstoßend, und verstopfte sich wieder wie vorhin.

In der Tat – in der Tat, Mr. Chillip war geradezu bestürzt, – wie er später meiner Mutter gestand; – natürlich bloß vom ärztlichen Gesichtspunkt aus. Aber trotzdem starrte er Miß Betsey fast zwei Stunden lang an, bis er von neuem gerufen [14] wurde. Nach längerer Abwesenheit kehrte er wiederum zurück.

»Nun?« fragte meine Tante und nahm abermals die Watte aus dem gleichen Ohr.

»Nun, Madame,« antwortete Mr. Chillip, »wir – wir machen langsam Fortschritte, Madame.«

»Ja-a-a,« knurrte meine Tante Mr. Chillip derart an, daß er es fürwahr nicht länger mehr aushalten konnte. Es war fast darnach angetan, ihm allen Mut zu nehmen, äußerte er später.

Darum ging er lieber hinaus und setzte sich draußen im Dunkeln auf die zugige Treppe, bis man wie der nach ihm schickte.

Ham Peggotty, der in die Volksschule ging und wie ein Drache über seinem Katechismus zu sitzen pflegte und deshalb sicher als glaubwürdiger Zeuge gelten kann, erzählte am nächsten Tag, er hätte eine Stunde später zur Stubentür hereingeguckt und wäre sogleich von Miß Betsey, die in großer Erregung auf- und abgegangen, erspäht und gepackt worden, ehe er die Flucht habe ergreifen können. Er berichtete ferner, daß man zuweilen das Geräusch von Fußtritten und Stimmen in den obern Zimmern gehört hätte, das wahrscheinlich die Watte nicht ganz abhielt, wie er aus dem Umstande schloß, daß ihn die Dame wie ein Opfer festhielt und an ihm ihre überströmende Aufregung ausließ, wenn die Geräusche am lautesten waren. Sie hätte ihn am Kragen gepackt gehalten und in der Stube auf- und »abgeführt« (als ob er zuviel Laudanum genossen), hätte ihn geschüttelt, ihm die Wäsche zerzaust und die Ohren verstopft, als ob es ihre eignen gewesen wären, und ihn auf andere Weise mißhandelt. Sein Bericht wurde zum Teil von Peggotty bestätigt, die ihn um halb ein Uhr, kurz nach seiner Befreiung, noch ganz rot gesehen hatte.

Der sanfte Mr. Chillip konnte niemand böse sein und wenn überhaupt je, so am allerwenigsten in solcher Stunde. Er drückte sich deshalb in das Wohnzimmer, sobald er abkommen konnte und sagte zu meiner Tante in seinen mildesten Tönen:

»Madame, es freut mich, Sie beglückwünschen zu können.«

[15] »Wozu?« fragte Miß Betsey mit Schärfe.

Mr. Chillip, wiederum verwirrt durch die außerordentliche Schroffheit meiner Tante, machte ihr eine kleine Verbeugung und lächelte sie an, um sie zu besänftigen.

»O dieser Mensch, was er nur macht,« rief meine Tante ungeduldig, »kann er denn nicht sprechen!«

»Beruhigen Sie sich, meine teuere Madame,« sagte Mr. Chillip mit seinen weichsten Lauten. »Es ist nicht länger Ursache zur Besorgnis mehr vorhanden, Madame. Beruhigen Sie sich.«

Man hat es später für ein Wunder angesehen, daß meine Tante ihn nicht schüttelte, um das, was er zu sagen hatte, aus ihm herauszuschütteln. Was sie schüttelte, war nur der Kopf, den aber so drohend, daß es den Doktor erzittern machte.

»Nun, Madame,« begann Mr. Chillip von neuem, sobald er wieder Mut gefaßt, »es freut mich, Sie beglückwünschen zu können. Alles ist nun vorbei, Madame, und glücklich vorbei.«

Während der fünf Minuten, die Mr. Chillip zu dieser Rede brauchte, sah ihn meine Tante lauernd und scharf an.

»Wie befindet sie sich?« fragte meine Tante und verschränkte ihre Arme, an deren einem immer noch der Hut hing.

»Nun, Madame, sie wird bald wieder ganz wohl sein, hoffe ich,« antwortete Mr. Chillip, »so wohl, wie wir es von einer jungen Mutter unter so getrübten häuslichen Verhältnissen nur erwarten können. Wenn Sie sie sogleich sehen wollen, steht dem nichts im Wege, Madame. Vielleicht tut es ihr sogar gut.«

»Und sie? Wie geht es ihr?«

Mr. Chillip neigte seinen Kopf noch ein bißchen mehr auf die Seite und sah meine Tante an wie ein liebenswürdiger Vogel.

»Das Baby?« sagte meine Tante, »wie geht es ihr?«

»Madame,« erwiderte Mr. Chillip. »Ich nahm an, Sie wüßten es schon. Es ist ein Knabe.«

Meine Tante sprach kein Wort, nahm ihren Hut an den Bändern wie eine Schleuder, führte einen Streich[16] damit gegen Mr. Chillips Kopf, stülpte ihn aufs Haupt, schritt hinaus und kam niemals wieder.

Sie verschwand, wie eine unzufriedene Fee oder wie eins jener übernatürlichen Wesen, die ich nach dem Volksglauben berechtigt war, sehen zu können; ging hin und ward nicht mehr gesehen.

Ich lag in meiner Wiege und meine Mutter im Bett. Betsey Trotwood-Copperfield aber blieb für immer im Lande der Träume und Schatten, in jener grauenvollen Region, die ich jüngst durchwandert. Und das Licht unseres Zimmers schien hinaus auf das irdische Ziel aller Wanderer aus dieser Region: auf den Hügel über der Asche und dem Staube dessen, der einst hienieden geweilt, und ohne den ich nie geworden wäre.

Zweites Kapitel

Ich beobachte.


Die ersten Gegenstände, die bestimmte Umrisse von mir annehmen, wenn ich weit zurück in die Leere meiner Kindheit blicke, sind meine Mutter mit ihrem schönen Haar und den jugendlichen Formen und Peggotty mit überhaupt gar keiner Form und mit so dunkeln Augen, daß sie ihre Umgebung im Gesicht dunkel zu machen scheinen, und mit Armen und Backen so rot, daß ich mich stets wunderte, warum die Vögel nicht lieber an ihnen statt an den Äpfeln herumpickten.

Ich glaube, mich noch daran erinnern zu können, wie die beiden Frauen in kleiner Entfernung voneinander auf dem Boden knieten, und ich unsicher von einer zur andern wankte. Ich habe auch noch eine dunkle Erinnerung an Peggottys Zeigefinger, der von der Nadel so rauh war wie ein Taschenmuskatnußreibeisen.

Das mag Einbildung sein, aber ich glaube, daß das Gedächtnis der meisten Menschen weiter in die Kinderzeit zurückreicht, als man gewöhnlich annimmt;[17] ebenso glaube ich, daß die Beobachtungsgabe bei vielen kleinen Kindern an Schärfe und Genauigkeit ganz wunderbar ist. Ich glaube sogar, daß man von den meisten Erwachsenen, die in dieser Hinsicht bemerkenswert sind, viel eher sagen könnte, sie hätten diese Fähigkeit nicht verloren, als, sie hätten sie erst später erworben; um so mehr, als solche Menschen überdies eine gewisse Frische und Sanftmut und eine Fähigkeit, sich über irgend etwas zu freuen, besitzen, lauter Eigenschaften, die sie ebenfalls aus der Kindheit mit herübergenommen haben.

Wenn ich also, wie gesagt, in die Leere meiner frühesten Jugend zurückblicke, sind die ersten Gegenstände, deren ich mich entsinnen kann, und die aus dem Wirrwarr der Dinge hervorstechen, meine Mutter und Peggotty. Was weiß ich sonst noch? Wollen mal sehen.

Es scheidet sich aus dem Nebel unser Haus in seiner mir in frühester Erinnerung vertrauten Gestalt. Im Erdgeschoß geht Peggottys Küche auf den Hinterhof hinaus; da sind: in der Mitte ein Taubenschlag auf einer Stange, aber ohne Tauben; eine große Hundehütte in einer Ecke, aber kein Hund darin, und eine Anzahl Hühner, die mir erschrecklich groß vorkommen, wie sie mit drohendem und wildem Wesen herumstolzieren. Ein Hahn fliegt auf einen Pfosten, um zu krähen, und scheint sein Auge ganz besonders auf mich zu richten, wie ich ihn durch das Küchenfenster betrachte; und ich zittere vor Furcht, weil er so bös ist. Von den Gänsen außerhalb der Seitentür, die mir mit langausgestreckten Hälsen nachlaufen, wenn ich vorbeigehe, träume ich die ganze Nacht, wie ein Mann, den wilde Tiere umgeben, von Löwen träumen würde.

Dann ist ein langer Gang da, – für mich eine endlose Perspektive – der von Peggottys Küche zum Haupttor führt. Eine dunkle Vorratskammer mündet auf diesen Gang; – so recht ein Ort, um des Nachts daran scheu vorbeizulaufen –, denn ich weiß nicht, was zwischen diesen Tonnen und Krügen und alten Teekisten stecken mag –, wenn sich nicht gerade jemand mit einem brennenden Licht in der Kammer befindet. Eine dumpfige Luft, mit der sich der Geruch von Seife, Mixed-Pickles, [18] Pfeffer, Kerzen und Kaffee vermischt, strömt heraus. Dann sind die beiden Wohnzimmer da: Das eine, in dem abends meine Mutter, ich und Peggotty sitzen, – denn Peggotty leistet uns Gesellschaft, wenn wir allein sind, und sie ihre Arbeit gemacht hat, – und das Empfangszimmer, wo wir Sonntags sitzen, prunkvoll, aber nicht so traulich. Für mich hat dieses Zimmer etwas Schwermütiges, denn Peggotty hat mir erzählt, – ich weiß zwar nicht mehr, wann, aber es muß lange her sein – als mein Vater begraben wurde, wären die Trauergäste drin mit schwarzen Mänteln umhergegangen. Dort liest jeden Sonntag abends meine Mutter Peggotty und mir vor, wie Lazarus von den Toten auferweckt wurde. Und ich ängstige mich so sehr darüber, daß sie mich dann aus dem Bette herausnehmen und mir aus dem Schlafzimmerfenster den stillen Kirchhof zeigen müssen, wo die Toten im feierlichen Mondlicht in ihren Gräbern ruhen.

Auf der ganzen Welt, soviel ich weiß, ist nirgends das Gras nur halb so grün, wie auf diesem Kirchhof, nirgends sind die Bäume halb so schattig, und nichts ist so still, wie die Grabsteine. Die Schafe weiden dort, wenn ich früh morgens in dem kleinen Bett in dem Alkoven hinter meiner Mutter Schlafzimmer kniee und hinausschaue, und ich sehe das rötliche Licht auf die Sonnenuhr scheinen und denke bei mir: Freut sich die Sonnenuhr, daß sie die Zeit angeben kann?

Dann ist unser Betstuhl in der Kirche da. Was für ein hochrückiger Stuhl! Daneben ist ein Fenster, von dem aus man unser Haus sehen kann. Und oftmals während des Morgengottesdienstes blickt Peggotty hinaus, um sich zu vergewissern, ob nicht eingebrochen oder etwas in Brand gesteckt wird. Wenn sie selbst auch ihre Augen umherwandern läßt, so wird sie doch böse, wenn ich dasselbe tue, und winkt mir zu, wenn ich auf dem Sitz stehe, daß ich den Geistlichen anblicken solle. Aber ich kann ihn doch nicht immerfort ansehen – ich kenne ihn doch sowieso auch ohne das weiße Ding, das er umhat, und fürchte immer, er könne plötzlich wissen wollen, warum ich ihn so anstaune, und vielleicht gar den Gottesdienst unterbrechen, um [19] mich darüber zu befragen, – und was sollte ich dann tun?

Es ist etwas Schreckliches, zu gähnen. Aber irgend etwas muß ich doch machen. Ich blicke meine Mutter an, aber sie tut, als ob sie mich nicht sähe. Ich schaue einen Jungen im Seitenschiff an; er schneidet mir Gesichter. Ich sehe auf die Sonnenstrahlen, die durch die offne Tür hereinfallen, und da erblicke ich ein verirrtes Schaf, – ich meine nicht – einen Sünder, sondern einen Hammel, der Miene macht, in die Kirche zu treten. Ich fühle, daß ich nicht länger hinschauen kann, denn ich könnte in Versuchung kommen, etwas laut zu sagen, und was würde dann aus mir werden. Ich blicke auf die Gedächtnistafeln an der Wand und versuche, an den verstorbenen Mr. Bodgers zu denken, und welcher Art wohl Mrs. Bodgers Gefühle gewesen sein mögen, als ihr Mann solange krank lag und die Kunst der Ärzte vergebens war. Ich frage mich, ob sie auch Mr. Chillip vergeblich gerufen haben und wenn, ob es ihm recht ist, daran jede Woche einmal erinnert zu werden. Ich schaue von Mr. Chillip in seinem Sonntagshalstuch nach der Kanzel hin und denke, was für ein hübscher Spielplatz das sein müßte, und was das für eine feine Festung abgeben würde, wenn ein anderer Junge die Treppen heraufkäme zum Angriff, und man könnte ihm das Samtkissen mit den Troddeln auf den Kopf schmeißen. Und wenn sich nach und nach meine Augen schließen, und ich anfangs den Geistlichen in der Hitze noch ein schläfriges Lied singen höre, vernehme ich bald gar nichts mehr. Dann falle ich mit einem Krach vom Sitze und werde mehr tot als lebendig von Peggotty hinausgetragen.

Und dann wieder sehe ich die Außenseite unseres Hauses, und die Fensterläden des Schlafzimmers stehen offen, damit die würzige Luft hineinströmen kann, und im Hintergrund des Hauptgartens hängen in den hohen Ulmen die zerzausten Krähennester. Jetzt bin ich in dem Garten hinter dem Hof mit dem leeren Taubenschlag und der Hundehütte – ein wahrer Park für Schmetterlinge – mit seinem hohen Zaun und seiner Türe mit Vorhängeschlössern, und das Obst hängt dick [20] an den Bäumen, reifer und reicher als in irgendeinem andern Garten, und meine Mutter pflückt die Früchte in ein Körbchen, während ich dabeistehe und heimlich ein paar abgezwickte Stachelbeeren rasch in den Mund stecke und mich bemühe, unbeteiligt auszusehen.

Ein starker Wind erhebt sich und im Handumdrehen ist der Sommer weg. Wir spielen im Winterzwielicht und tanzen in der Stube herum. Wenn meine Mutter außer Atem ist und im Lehnstuhl ausruht, sehe ich ihr zu, wie sie ihre glänzenden Locken um die Finger wickelt und sich das Leibchen glatt zieht, und niemand weiß so gut wie ich, daß sie sich freut, so gut auszusehen, und stolz ist, so hübsch zu sein.

Das sind so einige von meinen frühesten Eindrücken. Das und ein Gefühl, daß wir beide ein bißchen Angst hatten vor Peggotty und uns in den meisten Fällen ihren Anordnungen fügten, gehört zu den ersten Schlüssen, – wenn ich so sagen darf, – die ich aus dem zog, was ich sah.

Peggotty und ich saßen eines Abends allein in der Wohnstube vor dem Kamin. Ich hatte Peggotty von Krokodilen vorgelesen. Ich muß wohl kaum sehr deutlich gelesen haben, oder die arme Seele muß in tiefen Gedanken gewesen sein, denn ich erinnere mich, als ich fertig war, hatte sie so eine Idee, Krokodile wären eine Art Gemüse. Ich war vom Lesen müde und sehr schläfrig, aber da ich die besondere Erlaubnis bekommen hatte, aufzubleiben, bis meine Mutter von einem Besuch nach Hause käme, wäre ich natürlich lieber auf meinem Posten gestorben als zu Bett gegangen. Ich war bereits auf einem Stadium von Schläfrigkeit angekommen, wo Peggotty mir immer größer und größer zu werden schien. Ich hielt meine Augen mit den beiden Zeigefingern offen und sah sie ununterbrochen an, wie sie auf ihrem Stuhle saß und arbeitete, betrachtete dann das kleine Stückchen Wachslicht, mit dem sie ihren Zwirn wichste, – wie alt es aussah mit seinen Runzeln kreuz und quer – das Hüttchen mit dem Strohdach, worin das Ellenmaß wohnte, das Arbeitskästchen mit dem Schiebedeckel und einer Ansicht darauf von der St. Paulskirche mit einer purpurroten Kuppel, den messingnen Fingerhut und sie selbst, die mir ungemein [21] schön vorkam. Ich war so müde, daß ich fühlte, ich würde einschlafen, wenn ich nur einen Augenblick meine Augen abwendete.

»Peggotty,« sagte ich dann plötzlich: »Bist du einmal verheiratet gewesen?«

»Herr Gott, Master Davy!« erwiderte Peggotty, »wie kommst du nur aufs Heiraten?«

Sie antwortete so überrascht, daß ich ganz wach wurde. Dann hielt sie inne in ihrer Arbeit und sah mich an, den Faden in seiner ganzen Länge straffgezogen.

»Aber du warst doch einmal verheiratet, Peggotty?« fragte ich. »Du bist doch wunderschön, nicht wahr?« Ich hielt sie allerdings für eine andere Stilart als meine Mutter, aber nach einer andern Schule von Schönheitsbegriff gesehen, kam sie mir als vollkommenes Muster vor. In unserm Empfangszimmer war ein rotsamtenes Fußbänkchen, auf das meine Mutter einen Blumenstrauß gemalt hatte. Dieser Samt und Peggottys Haut schienen mir ganz gleich. Die Fußbank war glatt und weich und Peggotty rauh, aber das machte keinen Unterschied.

»Ich, schön, Davy!« sagte Peggotty. »O Gott, nein, mein liebes Kind. Aber wie kommst du aufs Heiraten?«

»Ich weiß nicht. – Du darfst nicht mehr als einen auf einmal heiraten, nicht wahr, Peggotty?«

»Gewiß nicht,« sagte Peggotty mit größter Entschiedenheit.

»Aber wenn du einen Mann heiratest und er stirbt, dann geht's, nicht wahr, Peggotty?«

»Es geht schon, wenn man will, liebes Kind,« sagte Peggotty. »Das ist dann eben meine Sache.«

»Aber was ist deine Meinung,« fragte ich.

Bei dieser Frage blickte ich sie neugierig an, weil sie mich so seltsam musterte.

»Meine Meinung ist,« sagte Peggotty, als sie nach kurzem Zögern ihre Augen von mir abgewendet und wieder zu arbeiten begonnen hatte, »daß ich selbst niemals verheiratet gewesen bin, Master Davy, und daß ich auch nicht daran denke. Das ist alles, was ich von der Sache weiß.«

[22] »Du bist doch nicht böse, Peggotty?« fragte ich, nachdem ich eine Weile still gewesen.

Ich glaubte es wirklich, so kurz hatte sie mich abgefertigt, mußte aber wohl im Irrtum sein, denn sie legte ihr Strickzeug weg, öffnete ihre Arme, nahm meinen lockigen Kopf und drückte mich fest an sich. Daß sie mich derb an sich preßte, wußte ich, denn da sie sehr beleibt war, so pflegten stets, wenn sie angekleidet war, bei jeder kleinen Anstrengung ein paar Knöpfe hinten an ihrem Kleid abzuspringen. Und ich erinnere mich, daß zwei Stück in die entgegengesetzte Zimmerecke flogen, als sie mich umarmte.

»Nun lies mir noch etwas von den Krorkingdilen vor,« sagte Peggotty, die in diesem Namen noch nicht recht sattelfest war, »ich habe noch lange nicht genug von ihnen gehört.«

Ich konnte nicht recht begreifen, warum Peggotty so wunderliche Augen machte und durchaus wieder von den Krokodilen hören wollte. Mit großem Eifer meinerseits kehrten wir jedoch wieder zu den Ungeheuern zurück und ließen die Sonne ihre Eier im Sande ausbrüten, rissen vor ihnen aus und entrannen ihnen durch plötzliches Umkehren, was sie ihres ungeschlachten Baues wegen nicht so rasch nachmachen konnten, verfolgten sie als Eingeborene ins Wasser und steckten ihnen scharfgespitzte Holzstücke in den Rachen, kurz, ließen sie förmlich Spießruten laufen. Ich wenigstens tat es, hatte aber betreffs Peggottys so meine Zweifel, denn ich sah, wie sie sich die ganze Zeit über in Gedanken versunken mit der Nadel in verschiedene Teile ihres Gesichts und ihrer Arme stach. Wir hatten endlich die Krokodile erschöpft und begannen eben mit den Alligatoren, als die Gartenglocke läutete. Wir gingen hinaus und fanden da meine Mutter, die mir ungewöhnlich hübsch vorkam, und bei ihr stand der Herr mit schönem, schwarzem Haar und Backenbart, der schon am letzten Sonntag mit uns aus der Kirche nach Hause gegangen war.

Als meine Mutter mich auf der Schwelle in ihre Arme nahm und mich küßte, sagte der Herr, ich sei glücklicher als ein König – oder etwas Ähnliches –; ich fühle wohl, daß mir mein späteres Verständnis hier zu Hilfe kommt.

[23] »Was heißt das?« fragte ich ihn über ihre Schulter hinweg.

Er klopfte mich auf den Kopf, aber ich konnte ihn und seine tiefe Stimme nicht leiden und war eifersüchtig, daß seine Hand die meiner Mutter berührte, und ich stieß ihn weg, so gut ich konnte.

»Aber Davy,« ermahnte mich meine Mutter.

»Der liebe Junge,« sagte der Herr. »Ich kann mich über seine Liebe nicht wundern.«

Noch nie hatte ich meiner Mutter Gesicht so schön rot gesehen. Sie schalt mich milde aus wegen meiner Unhöflichkeit und sprach, indem sie mich fest an sich drückte, ihren Dank dem Herrn aus, der so freundlich gewesen, sie nach Hause zu begleiten. Sie reichte ihm ihre Hand hin bei diesen Worten, und als er sie nahm, kam es mir vor, als ob sie mich anblickte.

»Jetzt wollen wir uns gute Nacht wünschen, mein hübscher Junge,« sagte der Herr zu mir, als er sein Gesicht, wie ich wohl bemerkte, auf meiner Mutter kleinen Handschuh neigte.

»Gute Nacht,« sagte ich.

»Wir müssen noch die besten Freunde von der Welt werden,« lachte der Herr, »gib mir die Hand.«

Meine rechte Hand lag in meiner Mutter Linken und so gab ich ihm die andere.

»Aber das ist ja die falsche, Davy,« sagte er wieder lachend.

Meine Mutter zog meine rechte Hand hervor, aber ich war entschlossen, sie ihm nicht zu geben und tat es auch nicht. So reichte ich ihm die andere und er schüttelte sie und sagte, ich sei ein braver Junge, und ging fort.

Und noch jetzt seh ich ihn, wie er sich im Garten umdrehte und uns einen letzten Blick aus seinen unangenehmen, schwarzen Augen zuwarf, ehe er das Tor schloß.

Peggotty, die kein Wort gesprochen und keinen Finger gerührt hatte, schob sofort die Riegel vor, und wir gingen alle in das Wohnzimmer. Anstatt sich wie gewöhnlich in den Lehnstuhl neben dem Kamin zu setzen, blieb meine Mutter am andern Ende des Zimmers und sang vor sich hin.

[24] »– hoffe, Sie haben einen angenehmen Abend verlebt, Ma'am,« sagte Peggotty, die mit einem Leuchter in der Hand steif wie eine Tonne mitten im Zimmer stand.

»Danke schön, Peggotty,« erwiderte meine Mutter sehr aufgeräumt. »Ich habe einen sehr angenehmen Abend verbracht.«

»Eine neue Bekanntschaft ist immer eine angenehme Abwechslung,« bemerkte Peggotty.

»Eine sehr angenehme Abwechslung,« erwiderte meine Mutter.

Peggotty blieb regungslos in der Mitte des Zimmers stehen, meine Mutter fing wieder zu singen an, und ich schlief ein, wenn auch nicht so fest, daß ich nicht noch hätte Stimmen hören können, ohne aber zu verstehen, was sie sagten. Als ich aus diesem unbehaglichen Schlummer halb erwachte, sah ich, daß meine Mutter und Peggotty beide weinten und in großer Aufregung miteinander sprachen.

»So einer wie dieser hätte Mr. Copperfield nicht gefallen,« sagte Peggotty. »Das ist meine Meinung und die beschwör ich.«

»Gott im Himmel!« rief meine Mutter. »Du wirst mich noch wahnsinnig machen. Wurde jemals ein armes Mädchen von seinen Dienstboten so mißhandelt. Warum füge ich mir das Unrecht zu und nenne mich ein Mädchen? War ich vielleicht niemals verheiratet, Peggotty?«

»Gott weiß, daß Sie es waren, Ma'am,« erwiderte Peggotty.

»Wie kannst du es dann wagen,« sagte meine Mutter, – »du weißt, ich meine nicht, wie du es wagen kannst, Peggotty, sondern wie du es übers Herz bringen kannst, – mich so zu verstimmen und mir so böse Worte zu sagen, wo du doch recht gut weißt, daß ich außer dem Hause nicht einen einzigen guten Freund habe.«

»Um so mehr Grund für mich, Ihnen zu sagen, daß es nicht geht,« entgegnete Peggotty. »Nein, es geht nicht, nein, um keinen Preis. Nein!« Ich dachte schon, Peggotty würde den Leuchter wegwerfen, so energisch schwang sie ihn.

[25] »Wie kannst du es nur so aufbauschen,« sagte meine Mutter und fing von neuem an zu weinen, »und so ungerecht sein. Du tust so, als wenn alles schon abgemacht wäre, Peggotty, und ich sage dir doch immer und immer wieder, du grausames Ding, daß außer den gewöhnlichsten Höflichkeiten nichts vorgefallen ist. Du sprichst von Bewunderung. Was kann ich dafür, wenn die Leute so albern sind, solchen Gefühlen nachzugeben, ist das meine Schuld? Was soll ich denn tun, frage ich dich? Willst du vielleicht, daß ich mir die Haare schneiden oder das Gesicht schwärzen oder mich durch einen Brandfleck oder heißes Wasser oder sonst etwas Ähnliches verunstalten soll? Ich glaube, du wärst es imstande, Peggotty. Ich glaube, du würdest dich sogar drüber freuen.«

Peggotty schien sich diese Zumutung sehr zu Herzen zu nehmen, wie mir vorkam.

»Und mein lieber Junge,« schrie meine Mutter, kam zu mir in den Lehnstuhl und liebkoste mich. »Mein einziger kleiner Davy! Lasse ich es vielleicht an Liebe für mein Herzblatt fehlen? Für den allerbesten kleinen Jungen, den es je gegeben hat?«

»Kein Mensch hat das behauptet,« sagte Peggotty.

»Ja du, Peggotty,« gab meine Mutter zurück, »du weißt es ganz gut. Was soll ich denn anderes aus deinen Worten schließen, du unfreundliches Geschöpf, wo du doch recht gut weißt, daß ich mir bloß seinetwegen keinen neuen Sonnenschirm gekauft habe, obwohl der alte, grüne ganz abgeschoben ist und gar keine Fransen mehr hat. Du weißt es, Peggotty, und kannst es nicht leugnen.« Dann wandte sie sich wieder zärtlich zu mir, legte ihre Wange an meine. »Bin ich dir eine nichtsnutzige Mama, Davy? Bin ich eine hartherzige, grausame, selbstsüchtige, schlechte Mama? Sag Ja, mein Kind, und Peggotty wird dich lieben, und Peggottys Liebe ist viel besser als meine, Davy. Ich liebe dich gar nicht, nicht wahr?«

Darüber fingen wir alle an zu weinen. Ich glaube, ich war der lauteste von ihnen, aber ich weiß sicher, wir meinten es alle gleich aufrichtig. Ich war tief un glücklich und habe, fürchte ich, in der ersten Aufwallung [26] verletzter Zärtlichkeit Peggotty ein »Biest« genannt. Ich erinnere mich noch, das ehrliche Geschöpf geriet in die tiefste Betrübnis und muß bei dieser Gelegenheit ganz knopflos geworden sein, denn eine ganze Salve dieser Geschosse flog ab, als sie vor meinem Stuhle niederkniete, um sich mit meiner Mutter und mir zu versöhnen.

Wir gingen sehr niedergeschlagen zu Bett. Mein Weinen hielt mich lange wach, und wenn mich ein besonders heftiges Schluchzen in die Höhe riß, sah ich, daß meine Mutter auf dem Bettrand saß und sich über mich beugte. Dann schlummerte ich in ihren Armen fest ein.

Ob schon am folgenden Sonntag der Herr wieder kam, oder ob ein längerer Zeitraum dazwischen lag, ist mir nicht mehr erinnerlich. In der Zeitrechnung bin ich meiner nicht ganz sicher. Aber er war in der Kirche und begleitete uns dann nach Hause.

Er trat auch zu uns herein, um ein schönes Geranium anzusehen, das im Fenster stand. Es kam mir nicht so vor, als ob er es besonders beachtete, aber ehe er ging, bat er meine Mutter, ihm eine Blüte davon zu geben. Sie bat ihn, sich selbst eine auszusuchen, aber das wollte er nicht, – warum, war mir unbegreiflich –, und so pflückte sie ihm denn eine Blüte und gab sie ihm in die Hand. Er sagte, er werde sich niemals im Leben davon trennen, und ich dachte mir, er müsse sehr dumm sein, weil er nicht wisse, daß die Blätter in ein oder zwei Tagen ausfallen würden.

Peggotty fing an, uns abends weniger oft Gesellschaft zu leisten als früher. Meine Mutter gab ihr in sehr vielen Dingen nach, mehr noch als gewöhnlich, wie mir schien, und wir blieben alle drei die allerbesten Freunde.

Aber doch war es zwischen uns anders geworden, und es war uns nicht mehr so behaglich zu Mute. Manchmal kam es mir so vor, als ob Peggotty nicht recht zufrieden wäre, wenn meine Mutter die schönen Kleider anzog, die sie im Schrank hängen hatte, und so oft die Nachbarn besuchen ging. Aber ich war ganz froh, daß ich mir keine Gedanken darüber zu machen brauchte.

[27] Allmählich gewöhnte ich mich daran, den Herrn mit dem schwarzen Backenbart zu sehen. Er gefiel mir nicht besser als am Anfang, und ich fühlte immer noch dieselbe unbestimmte Eifersucht. Aber wenn ich außer einem instinktiven, kindlichen Widerwillen und dem Gedanken im allgemeinen, daß Peggotty und ich vollkommen ausreichen müßten, meine Mutter ohne weitern Beistand glücklich genug machen zu können, noch einen andern Grund dafür hatte, war es doch gewiß nicht der, den ich im reifern Alter für meine Abneigung herausgefunden hätte. Nichts Derartiges fiel mir ein. Ich konnte wohl stückweise beobachten, aber aus solchen Fäden ein Netz zu machen und darin jemand zu fangen, das ging und geht noch jetzt über mein Können hinaus.

An einem Herbstmorgen stand ich mit meiner Mutter in dem Vorgarten, als Mr. Murdstone, ich kannte jetzt seinen Namen, vorbeigeritten kam. Er hielt sein Pferd an, um meine Mutter zu begrüßen, und sagte, er ritte nach Lowestoft, um einige Freunde zu besuchen, die dort eine Jacht hätten, und machte den lustigen Vorschlag, mich vor sich auf den Sattel zu nehmen, wenn ich reiten wollte.

Das Wetter war so wunderschön, und das Pferd schnaubte und stampfte so munter vor der Gartentür, daß ich große Lust dazu hatte. Meine Mutter schickte mich daher zu Peggotty hinauf zum Anziehen, und mittlerweile stieg Mr. Murdstone ab und schritt, die Zügel über dem Arm, langsam vor der Rosenhecke auf und ab, während meine Mutter an der innern Seite neben ihm herging. Ich erinnere mich noch, wie Peggotty und ich aus dem kleinen Fenster hinabsahen, erinnere mich auch noch, wie eifrig meine Mutter und Mr. Murdstone die Rosenhecke zwischen sich zu betrachten schienen, während sie daran entlangschlenderten, und wie Peggotty, die vorher in wahrer Engelslaune gewesen, plötzlich ganz ärgerlich wurde und mein Haar wütend gegen den Strich bürstete.

Mr. Murdstone und ich waren bald unterwegs und trabten auf dem grünen Rasen neben der Landstraße dahin. Er hielt mich leicht mit einem Arm, und ich glaube nicht, daß ich besonders unruhig war. Aber ich [28] konnte mich nicht enthalten, von Zeit zu Zeit den Kopf zu wenden und ihm ins Gesicht zu sehen.

Er hatte jene Art seichter schwarzer Augen, – ich finde keinen bessern Ausdruck dafür, –, die, wenn sie nachsinnen, durch irgendeine sonderbare Lichtbrechung zu schielen scheinen. Verschiedene Male, wenn ich ihn ansah, bemerkte ich das mit einer Art Scheu und hätte gern gewußt, worüber er wohl so tief nachdenke. Sein Haar und sein Bart waren in der Nähe noch schwärzer und dichter, als ich geglaubt. Das starke Kinn und die schwarzen Punkte, die von dem sorgfältig rasierten Barte übrig blieben, erinnerten mich an eine Wachsfigur, die vor einem halben Jahr in unserer Gegend gezeigt worden war. Dieses, seine regelmäßigen Augenbrauen und das reiche Weiß, Schwarz und Braun seines Teints, – verwünscht sei sein Teint und verwünscht sein Andenken – machten, daß ich ihn trotz meiner Abneigung für einen schönen Mann hielt. Ich zweifle nicht, daß meine arme, liebe Mutter ganz derselben Meinung war.

Wir gingen in ein Gasthaus am Meere, wo zwei Herren in einem Zimmer Zigarren rauchten. Jeder von ihnen lag auf mindestens vier Stühlen und hatte eine weite zottige Jacke an. In einer Ecke lagen auf einem Haufen übereinander Röcke und Bootsmäntel und eine Flagge. Beide Herren richteten sich schwerfällig auf, als wir eintraten, und riefen: »Hallo, Murdstone! Wir dachten schon, du wärest tot.«

»Noch nicht,« sagte Mr. Murdstone.

»Was ist das für ein Gelbschnabel?« fragte einer der Gentleman und faßte mich am Arm.

»Das ist Davy,« antwortete Mr. Murdstone.

»Was für ein Davy?« fragte der Herr Jones.

»Copperfield,« sagte Mr. Murdstone.

»Was? Der himmlischen Mrs. Copperfield Beigabe? Der reizenden kleinen Witwe?«

»Quinion,« sagte Mr. Murdstone, »nimm dich in acht, man ist schlau.«

»Wer denn?« fragte der Gentleman lachend.

Ich blickte rasch auf, denn ich hätte es auch gern gewußt.

[29] »Bloß Brooks von Sheffield,« sagte Mr. Murdstone.

Ich fühlte mich ordentlich erleichtert, daß es bloß Brooks von Sheffield sei, denn anfangs hatte ich wirklich geglaubt, man meine mich.

Mr. Brooks von Sheffield mußte wohl jemand sehr Komisches sein, denn die beiden Gentlemen lachten herzlich, als sein Name fiel, und Mr. Murdstone war auch sehr belustigt. Nach längerem Lachen sagte der Herr, der Quinion hieß: »Und wie ist Mr. Brooks' von Sheffield Meinung in betreff des geplanten Geschäftes.«

»Hm, ich weiß nicht, ob Brooks vorderhand viel davon versteht,« entgegnete Mr. Murdstone, »aber ich glaube, im allgemeinen ist er ihm nicht besonders günstig.«

Darüber wurde noch viel mehr gelacht, und Mr. Quinion sagte, er wolle nach Sherry klingeln, um auf Brooks Gesundheit zu trinken. Das tat er dann, und als der Wein kam, gab er mir ein wenig davon und ein Biskuit, und bevor ich trank, stand er auf und sagte: »Verwirrung komme über Brooks von Sheffield.«

Der Toast wurde mit großem Beifall und so herzlichem Gelächter aufgenommen, daß ich selbst mitlachen mußte, worüber sie dann noch mehr lachten. Kurz, es war sehr lustig.

Wir gingen hierauf an den Klippen des Strandes spazieren und setzten uns ins Gras und schauten durch ein Fernrohr –; ich konnte nichts sehen, als sie es mir vor das Auge hielten, behauptete aber, ich könnte es, – und dann gingen wir zurück in das Hotel, um zeitig zu Mittag zu essen.

Während unseres Spazierganges rauchten die beiden Herren unaufhörlich, was sie – nach dem Geruch ihrer zottigen Röcke zu schließen – wohl seit dem ersten Tage an gemacht haben mußten, seit sie sie vom Schneider bekommen hatten. Ich darf nicht vergessen, daß wir auch an Bord der Jacht gingen, wo sie alle drei in die Kajüte hinunterstiegen und sich eifrig mit verschiedenen Papieren beschäftigten. Ich sah sie angestrengt arbeiten, wenn ich durch das offene Lukenfenster hinunterblickte.

[30] Die ganze Zeit über ließen sie mich in Gesellschaft eines sehr netten Mannes mit einem großen Kopf voll roter Haare und einem sehr kleinen lackierten Hut. Er hatte ein buntgestreiftes Hemd an, mit dem Worte »Feldlerche« in großen Buchstaben quer über die Brust. Ich dachte, es sei sein Name und er schreibe ihn auf die Brust, weil er auf dem Schiffe wohnte und kein Haustor hatte, worauf er ihn hätte anschlagen können. Als ich ihn aber Mr. Feldlerche nannte, sagte er, das Schiff hieße so.

Den ganzen Tag über bemerkte ich, daß Mr. Murdstone ernster und verschlossener war als die beiden andern Herren. Diese waren sehr lustig und ungezwungen, scherzten miteinander, aber selten mit ihm. Er kam mir gescheiter und kühler vor als sie, und sie mochten ziemlich meiner Meinung sein. Ich bemerkte nämlich, daß Mr. Quinion ein oder zweimal, wenn er sprach, Mr. Murdstone von der Seite ansah, wie um sich zu überzeugen, ob ihm nicht irgend etwas mißfiele, und daß er einmal, als Mr. Paßnidge, der andere Herr, besonders ausgelassen war, diesem auf den Fuß trat und ihm heimlich mit den Augen zuwinkte, auf Mr. Murdstone zu achten, der stumm und verdrossen dasaß. Ich erinnere mich auch nicht, daß Mr. Murdstone den ganzen Tag über einmal gelacht hätte, außer über den Sheffield-Witz, den er ja übrigens selber gemacht hatte.

Wir gingen abends zeitig nach Hause. Es war ein sehr schöner Abend, und meine Mutter und Mr. Murdstone gingen wieder an der Rosenhecke auf und ab, während ich hineingeschickt wurde, um meinen Tee zu trinken.

Als er weggegangen war, fragte mich meine Mutter aus über die Tageserlebnisse. Ich erzählte, was sie über sie geäußert hatten, und sie lachte und sagte, es seien unverschämte Burschen, die Unsinn schwatzten, aber ich merkte ganz gut, daß es ihr gefiel. So genau, wie ich es jetzt weiß. Ich benutzte die Gelegenheit, sie zu fragen, ob sie einen gewissen Brooks aus Sheffield kenne, sie erwiderte, nein, aber es müsse ein Messer-und Gabelfabrikant sein.

Kann ich von ihrem Gesicht, so sehr es sich später veränderte, so verblüht ich es weiß, – sagen, es sei nicht mehr, wenn es hier in diesem Augenblick so deutlich [31] mir vor Augen tritt, wie jedes beliebige Gesicht, das auf belebter Straße an mir vorbeigeht? Kann ich von ihrer unschuldsvollen, mädchenhaften Schönheit sagen, sie sei verwelkt und dahin, wenn ihr Atem jetzt meine Wange berührt, wie er es an jenem Abend tat? Kann ich sagen, sie habe sich jemals verändert, wenn meine Erinnerungen sie nur mit diesen Zügen ins Leben zurückrufen?

Ich schildere sie genau so, wie sie war, als ich nach dieser Unterhaltung zu Bett gegangen und sie zu mir kam, um mir gute Nacht zu sagen. Sie kniete neben meinem Bett nieder, legte ihr Kinn auf ihre Hände und fragte lachend:

»Was sagten sie, Davy? Sag es noch einmal. Ich kann's nicht glauben.«

»Der himmlischen – – – –« fing ich an.

Sie legte mir die Hand auf den Mund.

»Himmlisch gewiß nicht,« sagte sie lachend. »Himmlisch kann es nicht gewesen sein, Davy. Jetzt weiß ichs, daß es nicht wahr ist.«

»Doch! Der himmlischen Mrs. Copperfield,« wiederholte ich standhaft, »und der reizenden – –«

»Nein, nein, reizend gewiß nicht. Nicht reizend,« unterbrach mich meine Mutter und legte mir wieder die Finger auf die Lippen.

»Ja, es war so. Der reizenden kleinen Witwe.«

»Was für närrische, unverschämte Menschen!« rief meine Mutter lachend und bedeckte ihr Gesicht, »was für alberne Burschen, nicht wahr, mein lieber Davy?«

»Jawohl, Mama.«

»Sag Peggotty nichts. Sie könnte böse drüber wer den. Ich bin auch sehr böse drüber, aber es ist besser, Peggotty erfährt nichts davon.«

Ich versprach es natürlich, und wir küßten uns noch viele Male, und bald lag ich in festem Schlaf.

Nach der langen, inzwischen vergangenen Zeit kommt es mir jetzt so vor, als ob mir bereits am Tage darauf Peggotty den sonderbaren Vorschlag machte, von dem ich sogleich erzählen will, – aber wahrscheinlich lagen zwei Monate dazwischen.

Wir saßen wieder eines Abends, als meine Mutter[32] auf Besuch war, in Gesellschaft des Strumpfes, des Ellenmaßes, des Wachsstückchens, des Kastens mit der St. Paulskirche und des Krokodilbuchs beisammen, Peggotty und ich, als sie (nachdem sie mich mehrmals angeblickt und den Mund aufgerissen, als wollte sie sprechen, – ich hielt es für bloßes Gähnen, sonst hätte es mich beunruhigt, –) endlich mit einschmeichelnder Stimme sagte: »Master Davy, wie wäre es, wenn du mit mir auf vierzehn Tage meinen Bruder in Yarmouth besuchtest? Wär das nicht fein?«

»Ist dein Bruder ein angenehmer Mann?« fragte ich vorsichtig.

»O was für ein angenehmer Mann!« rief Peggotty und streckte die Hände in die Höhe. »Und dann ist das Meer da und die Boote und die Schiffe und der Strand und Ham zum Spielen.«

Ham war Peggottys Neffe, wie bekannt. Ich war ganz aufgeregt über die in Aussicht gestellten Freuden von Yarmouth und erwiderte, daß es freilich herrlich sein müßte, aber was wohl die Mutter dazu sagen würde.

»Ich möchte eine Guinee wetten, daß sie uns die Erlaubnis dazu gibt. Wenn du willst, frage ich sie, sobald sie nach Hause kommt. Abgemacht.«

»Aber was wird sie anfangen, wenn wir fort sind?« fragte ich und legte meine Ellbogen auf den Tisch, um die Sache gründlich zu besprechen. »Sie kann doch nicht allein bleiben?«

Wenn Peggotty ganz plötzlich jetzt nach einem Loche in der Strumpfferse spähte, muß es wahrhaftig ganz klein und des Stopfens nicht wert gewesen sein.

»Peggotty! Hör doch. Sie kann doch nicht allein bleiben.«

»Ach Gott, richtig,« sagte Peggotty und sah mich endlich wieder an. »Weißt du es noch nicht? Sie geht auf vierzehn Tage auf Besuch zu Mrs. Grayper. Mrs. Grayper bekommt eine Menge Gäste.«

Da die Sache so stand, war ich ganz bereit zur Reise. In größter Ungeduld wartete ich, bis meine Mutter von Mrs. Grayper, unsrer Nachbarin, nach Hause kam, um sie zu fragen, ob sie mit dem großen[33] Plan einverstanden sei. Gar nicht so überrascht, wie ich vermutet hatte, ging meine Mutter bereitwillig darauf ein, und die Sache wurde diesen Abend noch abgemacht und Wohnung und Kost für mich für die vierzehn Tage bezahlt.

Der Tag unserer Abreise kam bald heran. Er war so nahe angesetzt, daß er selbst für mich bald kam, wo ich doch förmlich vor Erwartung fieberte und immer fürchtete, ein Erdbeben oder ein feuerspeiender Berg oder eine andere große Katastrophe könnte alles hinausschieben.

Wir sollten mit einem Fuhrmann reisen, der diesen Morgen nach dem Frühstück aufbrach. Ich würde etwas darum gegeben haben, wenn man mir erlaubt hätte, mich schon über Nacht in den Mantel wickeln und mit Hut und Stiefeln schlafen zu dürfen. Es erschüttert mich jetzt noch, wenn ich es so leichthin erzähle und bedenke, wie ungeduldig ich mich von dem glücklichen Heim wegsehnte, ohne zu ahnen, was ich für immer verließ.

Es steht wie eine frohe Erinnerung vor mir, als der Wagen vor der Türe hielt und meine Mutter mich küßte, und ich freue mich, daß ich vor zärtlicher Liebe zu ihr und dem alten Hause, das ich noch nie verlassen, weinen mußte, freue mich über die Erinnerung, daß auch meine Mutter weinte und ich ihr Herz an meinem schlagen fühlte.

Und als der Wagen davonfuhr, da kam meine Mutter noch einmal zur Gartentür heraus und ließ halten, um mich noch einmal zu küssen. Ich verweile gern in Gedanken bei der Innigkeit und Liebe, mit der sie mir ins Gesicht blickte und mir noch einen letzten Abschiedskuß gab.

Als sie mitten auf der Straße stand und uns nachsah, trat Mr. Murdstone zu ihr und schien ihr Vorstellungen wegen ihrer großen Rührung zu machen. Ich sah um die Wagenplachte herum zurück und war mir nicht klar darüber, was ihn denn eigentlich die ganze Sache anginge.

Peggotty, die auf der andern Seite herausschaute, schien nichts weniger als zufrieden zu sein, wie ihr Gesicht verriet, als sie den Kopf wieder zurückzog.

[34] Ich saß eine Zeitlang stumm neben ihr in Träumerei versunken über die Lösung der Frage: ob ich, ähnlich wie der Däumling im Märchen, wohl imstande sein würde, mit Hilfe ihrer Knöpfe wieder heimzufinden.

Drittes Kapitel

Eine Veränderung.


Das Pferd des Fuhrmanns war das faulste Pferd der Welt, kam mir vor. Es trottete mit gesenktem Kopf die Straße entlang, als gefiele es ihm, die Leute, denen es Pakete brachte, möglichst lange warten zu lassen. Ich bildete mir ein, es manchmal deutlich kichern gehört zu haben, aber man sagte mir, es hätte bloß Husten.

Der Fuhrmann ließ ebenfalls den Kopf hängen wie sein Gaul und nickte schläfrig beim kutschieren, die Arme auf das Knie gestützt. Ich sage »kutschieren«, aber es scheint mir, der Wagen wäre ebensogut ohne ihn nach Yarmouth gekommen, denn das Pferd besorgte es ganz allein. Und was die Unterhaltung betrifft, so konnte er nichts als pfeifen.

Peggotty hatte einen Korb mit Eßwaren auf dem Knie, die reichlich bis London gelangt hätten. Wir aßen viel und schliefen viel.

Peggotty schlief immer mit dem Kinn auf dem Korbhenkel, den sie nie losließ. Ich würde nie geglaubt haben, wenn ich es nicht selbst gehört hätte, daß ein einziges schutzloses Weib soviel zusammenschnarchen könne.

Wir machten Umwege und brauchten solange Zeit damit zu, eine Bettstelle in einem Wirtshaus abzugeben und an verschiedenen Orten vorzusprechen, daß ich ganz müde und sehr froh war, als Yarmouth in Sicht kam.

Es sähe schwammig und vollgesogen aus, meinte ich, als ich meine Augen über die große, langweilige Einöde jenseits des Flusses schweifen ließ; ich [35] konnte mir nicht helfen, aber ich staunte, wie das Geographiebuch behaupten konnte, die Welt sei wirklich so rund, wenn ein Teil derselben so flach war. Dann überlegte ich mir, daß Yarmouth möglicherweise an einem der beiden Pole liegen könnte, und gab mich mit dieser Erklärung zufrieden.

Als wir etwas näher kamen und die ganze Landschaft wie eine gerade niedrige Linie unter dem Himmel liegen sahen, bemerkte ich zu Peggotty, daß ein kleiner Hügel oder dergleichen verschönernd wirken müßte, und daß es hübscher wäre, wenn das Land etwas deutlicher von der See geschieden und die Stadt und die Flut nicht so sehr untereinander gemischt wie Mehl und Wasser sein würden. Aber Peggotty sagte mit größerem Nachdruck als gewöhnlich, daß wir die Dinge eben nehmen müßten, wie wir sie fänden, und daß sie ihrerseits stolz sei, ein »Hering von Yarmouth« zu sein.

Als wir in die Straße einbogen und den Fisch-, Pech-, Werg- und Teergeruch einsogen und die Seeleute umhergehen, und die Karren über die Steine schwanken sahen, fühlte ich, daß ich einem so geschäftigen Orte Unrecht getan hatte. Ich gestand es Peggotty ein, die meine Ausdrücke des Entzückens sehr wohlgefällig aufnahm und mir sagte, es sei allgemein bekannt (wahrscheinlich unter denen, die das große Glück haben, geborene Yarmouth-Heringe zu sein), daß Yarmouth überhaupt die schönste Stadt der Erde sei.

»Da ist mein Ham«, schrie sie plötzlich auf, »in Gelehrsamkeit aufgewachsen.«

Wirklich erwartete Ham uns beim Gasthause und erkundigte sich nach meinem Befinden wie ein alter Bekannter. Anfangs schien es mir nicht, als ob ich ihn so gut kenne, wie er mich, weil er seit der Nacht, als ich geboren wurde, nicht in unser Haus gekommen war.

Begreiflicherweise hatte er in dieser Hinsicht einen Vorsprung vor mir. Aber unsere Vertraulichkeit wuchs sehr, als er mich auf den Rücken nahm und nach Hause trug. Er war jetzt ein großer, starker Bursche von sechs Fuß Höhe, entsprechender Breite und massiven Schultern, aber einem Dummenjungengesicht, und krausem hellen Haar, das ihn etwas schafartig aussehen machte. Sein [36] Anzug bestand aus einer Segeltuchjacke und einem Paar so steifer Hosen, daß sie ganz allein hätten aufrecht stehen können. Daß er einen Hut trüge, hätte niemand so recht behaupten dürfen. Es schien eher ein altes Haus mit ein wenig Pech darauf zu sein.

Ham trug mich auf dem Rücken und unsere kleine Schachtel unter dem Arm, während Peggotty einen Handkoffer schleppte. So gingen wir durch schmale Gäßchen, die mit Abfall von Zimmerholz und kleinen Sandhäuschen bedeckt waren, an Gasanstalten, Seilerstätten und Werften, wo Schiffe und Boote gebaut, zerlegt, kalfatert und aufgetakelt wurden, an Schmieden und Kalköfen vorbei, bis wir auf die öde Fläche kamen, die ich schon von weitem gesehen hatte. Da rief Ham: »Dats unser Hus, Masr Davy.«

Ich sah mich nach allen Seiten um und ließ meine Augen über die öde Ebene, über das Meer und den Fluß hinschweifen, aber nirgends konnte ich ein Haus entdecken. Nicht weit von uns auf einer kleinen Anhöhe erblickte ich wohl ein schwarzes Boot, eine Art ausgedienter Barke, aus dem ein Stück eisernes Rohr als Schornstein herausragte und sehr gemütlich rauchte, aber sonst war nichts da, was nach einer Wohnung ausgesehen hätte.

»Es ist doch nicht das dort?« fragte ich. »Das Ding, das wie ein Schiff aussieht?«

»Djewoll, Masr Davy,« antwortete Ham.

Ich glaube, wenn es Aladins Palast gewesen wäre oder das Ei des Vogels Roc, hätte ich nicht entzückter sein können, als über den romantischen Gedanken, hier wohnen zu dürfen.

In die Seitenwand war eine köstliche Tür geschnitten, mit einem Dach darüber, und kleine Fenster sahen heraus; aber der wunderbarste Reiz für mich lag darin, daß es ein wirkliches Boot war, das gewiß hundertmal auf dem Wasser geschwommen und niemals dazu bestimmt gewesen war, auf festem Lande zur Wohnung zu dienen. Das fesselte mich ganz und gar. Wenn es jemals von Anfang an hätte ein Haus sein sollen, würde es mir vielleicht klein der unbequem oder einsam vorgekommen sein. So aber erschien es mir vollkommen in jeder Art.

[37] Innen war alles außerordentlich reinlich und so hübsch wie möglich.

Ein Tisch und eine Schwarzwälder Wanduhr und eine Kommode, und auf der Kommode stand ein Teebrett, darauf war eine Dame mit einem Sonnenschirm gemalt, und neben ihr spazierte ein militärisch aussehendes Kind mit einem Reifen. Das Teebrett wurde durch eine Bibel am Herunterfallen gehindert und hätte, wenn es abgerutscht wäre, eine Menge Tassen und eine Teekanne, die alle um das Buch herumstanden, zerschlagen. An der Wand hingen ein paar roh gemalte Bilder aus der Heiligen Schrift, wie ich sie seitdem nie in Trödelläden sehen kann, ohne daß nicht sofort das ganze Innere jenes Hauses klar vor meinen Augen steht. Ein roter Abraham im Begriff einen blauen Isaak zu opfern, und ein Daniel in gelb unter grüne Löwen geworfen, stachen am meisten hervor.

Über dem Kaminsims hing ein Bild des Luggers »Sarah Jane«, in Sunderland gebaut, mit einem wirklichen kleinen, hölzernen Schiffshinterteil daran, ein Kunstwerk, das Gemälde und Zimmermannsarbeit vereinigt zeigte und mir als eines der neidenswertesten Besitztümer der Welt erschien. Im Deckbalken staken ein paar Haken, deren Bestimmung mir rätselhaft war, und einige Schiffskisten und Koffer standen umher und dienten als Stühle.

Dies alles übersah ich auf den ersten Blick, wie es nach meiner Ansicht Kinder zu tun pflegen; dann öffnete Peggotty eine kleine Tür und zeigte mir mein Schlafzimmer. Es war das vollkommenste und wünschenswerteste Schlafzimmer, das ich jemals gesehen habe, im Hinterteil des Schiffes mit einem kleinen Fenster, – da, wo früher das Steuer durchgegangen, – mit einem kleinen Spiegel, gerade in der rechten Höhe für mich an die Wand genagelt und mit Austernschalen eingerahmt, einem kleinen Bett und gerade genug Platz davor, um hinaussteigen zu können, und einem Strauß von Seegras in einem blauen Krug auf dem Tisch. Die Wände waren so weiß getüncht wie Milch. Die Bettdecke, aus Flecken kunterbunt zusammengesetzt, blendete meine Augen fast durch ihre Farbenpracht.

Ganz besonders gefiel mir in diesem herrlichen Hause der Fischgeruch, der so durchdringend war, daß mein [38] Taschentuch, als ich es einmal herauszog, gerade so roch, als ob ein Hummer darin eingewickelt gewesen wäre. Als ich diese Entdeckung Peggotty anvertraute, belehrte sie mich, daß ihr Bruder mit Hummern, Krabben und Krebsen handelte.

Später fand ich heraus, daß ein Haufen dieser Geschöpfe in wunderbarer Verknäuelung, in der sie nicht wieder losließen, was sie einmal mit ihren Scheren gefaßt hatten, draußen in einem kleinen hölzernen Schuppen, in dem Töpfe und Kessel hingen, aufbewahrt wurden.

Eine sehr höfliche Frau mit weißer Schürze, die ich schon draußen in der Türe hatte knixen sehen, als ich auf Hams Rücken noch eine Viertelmeile vom Hause entfernt war, empfing uns. Desgleichen ein sehr schönes, kleines Mädchen – so kam sie mir wenigstens vor, – mit einem Halsband aus blauen Glasperlen.

Die Kleine ließ sich nicht küssen, als ich sie dazu aufforderte, sondern rannte fort und versteckte sich. Später, als wir ein prächtiges Mittagessen, bestehend aus gekochten Fischen, geschmolzener Butter und Kartoffeln, sowie einer Hammelrippe für mich, zu uns genommen hatten, kam ein stark behaarter Mann mit sehr gutmütigem Gesicht nach Hause. Er nannte Peggotty »Mächen« und gab ihr einen herzhaften Schmatz auf die Wange, woraus ich bei der sonstigen Züchtigkeit ihres Wesens schloß, daß es ihr Bruder sein müßte. Er war es auch und wurde mir als Mr. Peggotty, der Herr des Hauses, vorgestellt.

»Freut mich, Sie zu sehen, Sir,« sagte Mr. Peggotty »– werden uns rauh finden, aber stets bereit.«

Ich dankte ihm und gab zur Antwort, daß ich mich an so einem angenehmen Ort gewiß wohlbefinden würde.

»Wie geits to Hus, Sir?« fragte Mr. Peggotty, plötzlich in seinen Schifferdialekt verfallend. »Haben Sie Ihre Mama frisch und munter verlassen?«

Ich teilte Mr. Peggotty mit, daß sie so munter und frisch sei, wie ich nur wünschen könnte, und daß sie sich ihm empfehlen ließe, was eine kleine, höfliche Lüge meinerseits war.

»Ick bünn Ehr sehr verbunnen,« antwortete Mr. Peggotty. »Wenn Sej et hier fortein Dag uthollen könt mit der da,« er nickte seiner Schwester zu, »und Ham und lütt Emly, sünn wi stolz op Ehr Gesellschaft.«

[39] Nachdem Mr. Peggotty in so gastfreundlicher Weise die Honneurs seines Hauses gemacht hatte, ging er mit der Bemerkung, kaltes Wasser richte gegen Dreck nichts aus, hinaus, um sich warm zu waschen.

Er kehrte bald zurück und sah viel besser aus, aber so gerötet, daß ich mich des Gedankens nicht erwehren konnte, sein Gesicht habe mit den Hummern und Krebsen das eine gemein, daß es schwarz in das warme Wasser hinein und rot wieder herauskomme.

Als nach dem Tee die Tür fest zugemacht war, – denn die Nächte waren kalt und neblig, – erschien mir das Haus als die prächtigste Unterkunft, die menschliche Einbildungskraft ersinnen kann. Den Wind draußen auf dem Meere brausen zu hören, zu wissen, daß der Nebel sich über die trostlose Ebene ausbreitete, in das Feuer zu sehen und zu denken, daß kein Haus weit und breit außer diesem da sei, und daß dieses eine ein Schiff war, wirkte wie Zauberei.

Emly hatte ihre Scheu überwunden und saß neben mir auf der niedrigsten und kleinsten der Schiffskisten, die, gerade groß genug für uns beide, genau in die Ofenecke paßte.

Mrs. Peggotty in ihrer weißen Schürze strickte auf der andern Seite des Feuers. Peggotty selbst war bei ihrer Arbeit ebenso zu Hause, wie mit der St. Paulskirche und dem Stückchen Wachslicht, als hätte sie nie eine andere Wohnung gekannt. Ham versuchte mit schmutzigen Karten wahrzusagen und prägte jedem Blatt, das er aufschlug, die fischigen Abdrücke seines Daumens auf. Mr. Peggotty rauchte seine Pfeife.

Ich fühlte die Zeit zu vertraulicher Unterhaltung gekommen:

»Mr. Peggotty!«

»Sir?«

»Haben Sie Ihren Sohn Ham genannt, weil er in einer Art Arche wohnt?«

Mr. Peggotty schien das für einen tiefsinnigen Gedanken zu halten und antwortete:

»Nein, Sir. Ich hew jem nie keenen Namen nich gewen.«

»Wer hat ihm denn diesen Namen gegeben?« forschte ich, Frage Nummero 2 aus dem Katechismus Mr. Peggotty vorlegend.

[40] »Nun, Sir, sien Vadder hett em den Namen gewen,« sagte Mr. Peggotty.

»Ich dachte, Sie wären sein Vater?«

»Mien Bruder Joe war sien Vadder.«

»Tot, Mr. Peggotty?« fragte ich nach einer respektvollen Pause.

»Ertrunken,« sagte Mr. Peggotty.

Ich war sehr erstaunt, daß Mr. Peggotty nicht Hams Vater war, und hätte gern Genaues über seine Verwandtschaft zu den andern Anwesenden gekannt. Ich brannte so darauf, daß ich beschloß, es herauszukriegen.

»Die kleine Emly,« sagte ich mit einem Blick auf das Mädchen, »Sie ist Ihre Tochter, nicht wahr, Mr. Peggotty?«

»Nein, Sir. Mien Schwager Tom war ihr Vadder.«

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten:

»Tot, Mr. Peggotty?« fragte ich zögernd, wieder nach einer vorsichtigen Pause.

»Ertrunken,« sagte Mr. Peggotty.

Ich fühlte die Schwierigkeit der Sachlage, aber es war noch nicht alles ergründet, und so mußte ich doch weiter forschen.

»Haben Sie keine Kinder, Mr. Peggotty?«

»Nein, Master«, antwortete er mit kurzem Lachen. »Ick bünn een Junggesell.«

»Junggesell?« fragte ich ganz verwundert. »Wer ist denn das, Mr. Peggotty?« und ich wies auf die Frau mit der weißen Schürze.

»Das is Mrs. Gummidge.«

»Gummidge, Mr. Peggotty?«

Aber hier machte Peggotty – ich meine meine eigene Peggotty – so deutliche Gebärden, ich solle nicht weiter fragen, daß ich nichts mehr tun konnte als die schweigsame Gesellschaft ansehen, bis es Zeit war, zu Bett zu gehen. Dann in der Zurückgezogenheit meiner eigenen kleinen Kabine teilte sie mir mit, daß Ham und Emly beide Waisen seien, die ihr Bruder in frühester Kindheit zu sich genommen hatte, und daß Mrs. Gummidge die Witwe seines ehemaligen Bootteilhabers sei, der sehr arm gestorben war. Peggotty selbst sei nur ein [41] armer Mann, aber echt wie Gold und treu wie Stahl. Das waren meiner Kindsfrau eigene Vergleiche. Das einzige, sagte sie mir, worüber er je heftig werden könnte bis zum Fluchen, wäre, wenn man auf sein gutes Herz anspiele. Wenn man nur davon spräche, schlüge er so furchtbar auf den Tisch, – er hätte ihn bei einer solchen Gelegenheit oft schon zerbrochen, – und schwüre einen entsetzlichen Eid, daß er »gormet« sein wollte, wenn er nicht in die weite Welt ginge, sobald noch jemand davon anfinge. Auf meine Nachfragen stellte sich heraus, daß niemand wußte, was unter diesem schrecklichen Wort »gormet« zu verstehen sei; aber alle stimmten darin überein, daß es ein höchst feierlicher Schwur wäre.

Ich war natürlich sehr gerührt von der Gutherzigkeit meines Wirtes und hörte in einer sehr behaglichen Gemütsstimmung, die durch meine Schläfrigkeit noch vermehrt wurde, wie die weibliche Hälfte der Bewohnerschaft in einer zweiten kleinen Kajüte am andern Ende des Schiffes zu Bett ging, und wie er und Ham für sich zwei Hängematten an den früher erwähnten Haken im Deckbalken befestigte.

Während der Schlaf mich allmählich überwältigte, hörte ich draußen auf dem Meer den Wind so heulen und so gewaltig über die Einöde hinbrausen, daß mich halb im Traum die Furcht überkam, das Meer könnte während der Nacht das Land überfluten. Aber ich beruhigte mich damit, daß ich doch in einem Schiff wohnte, und daß Mr. Peggotty keine üble Person an Bord sei, wenn etwas geschehen sollte.

Aber es passierte nichts Schlimmeres, als daß der Morgen kam. Sobald er seine Strahlen auf den Austernschalenrahmen meines Spiegels warf, war ich aus dem Bette und mit der kleinen Emly draußen am Strand und suchte Muscheln.

»Du bist gewiß schon ein vollendeter Seemann,« sagte ich zu Emilie. Ich glaubte selbst nicht, was ich sagte, aber ich hielt es für galant, etwas derartiges zu äußern, und ein schimmerndes Segel dicht neben uns spiegelte sich so hübsch in ihrem hellen Auge, daß mir diese Worte gerade einfielen.

[42] »Nein,« antwortete Emly und schüttelte den Kopf, »ich habe Angst vor dem Meere.«

»Angst?« sagte ich und machte selbst ein kühnes Gesicht und sah mutig auf den mächtigen Ozean hinaus. »Ich nicht!«

»O, es ist sehr grausam,« sagte Emly, »ich habe es sehr grausam gesehen gegen unsere Leute. Ich habe gesehen, wie es ein Schiff, so groß wie unser Haus, in lauter Stücke zerbrach.«

»Das war doch hoffentlich nicht das Schiff, das –«

»in dem der Vater ertrank?« fragte Emly. »Nein, das nicht. Das hab ich nicht gesehen.«

»Auch ihn nicht?« fragte ich.

Die kleine Emly schüttelte den Kopf. »Kann mich nicht erinnern.«

Hier lag ein Fall vor wie der meine. Ich erging mich sogleich in Erzählungen, daß auch ich meinen Vater niemals gesehen hätte, und wie meine Mutter und ich stets allein in der größten Zufriedenheit gelebt, die man sich denken könnte, und noch so lebten und immer so leben wollten, und daß meines Vaters Grab auf dem Kirchhof nicht weit von unserm Hause läge, beschattet von einem Baum, unter dessen Zweigen ich an manchem schönen Morgen dem Gesang der Vögel gelauscht hätte.

Aber zwischen Emlys Waisenschaft und meiner bestand doch noch ein kleiner Unterschied. Sie hatte ihre Mutter vor dem Vater verloren, und ihres Vaters Grab kannte niemand. Sie wußte nur, daß er irgendwo in den Tiefen des Meeres ruhte.

»Und dann,« sagte Emly, während sie nach Muscheln und Kieseln ausschaute, »war dein Vater ein Gentleman und deine Mutter eine Lady; mein Vater war nur ein Fischer und meine Mutter eine Fischerstochter und mein Onkel Dan ist ein Fischer.«

»Dan ist Mr. Peggotty, nicht wahr?« fragte ich.

»Onkel Dan – dort –« antwortete Emly und nickte nach dem Schiffe hin.

»Ja, den meine ich. Er muß sehr gut sein, nicht?«

»Gut? – Wenn ich einmal eine Lady werden sollte, schenke ich ihm einen himmelblauen Rock mit diamantnen Knöpfen, Nankinghosen, eine rote Samtweste, [43] einen Federhut, eine große goldne Uhr, eine silberne Pfeife und einen Koffer voll Geld.«

Ich sagte, ich sei überzeugt, daß Mr. Peggotty alle diese Schätze wohl verdiene. Ich muß gestehen, daß es mir schwer fiel, mir ihn in ruhigem Behagen in dem Anzuge vorzustellen, den seine dankbare kleine Nichte ihm zudachte, besonders hatte ich so meine Bedenken wegen des Federhutes, aber ich behielt diese Gedanken für mich.

Die kleine Emly hatte in ihrer Beschäftigung inne gehalten und zum Himmel aufgeblickt bei der Aufzählung aller dieser Gegenstände, als wären sie eine Vision. Dann fingen wir wieder an Muscheln und Kieseln zu suchen.

»Du möchtest wohl gern eine Lady sein?« fragte ich.

Emly sah mich an, lachte und nickte, »ja.«

»Das möcht ich wohl gern. Wir würden dann alle vornehme Leute sein. Ich und der Onkel und Ham und Mrs. Gummidge; es wäre uns gleich, wenn es stürmte, – unsertwegen meine ich, wegen der armen Fischer wärs uns nicht gleich, und wir würden ihnen Geld geben, wenn sie zu Schaden kämen.«

Das erschien mir als ein befriedigendes und daher durchaus nicht wahrscheinliches Bild. Ich drückte meine Freude darüber aus und das ermutigte Emly zu der schüchternen Frage: »Glaubst du jetzt nicht, daß du Angst vor dem Meere hast?«

Die See war in diesem Augenblick zu ruhig, um mir Besorgnis einzuflößen, aber ich bin überzeugt, wenn nur eine mäßig große Welle dahergebraust gekommen wäre, ich hätte mich bei dem schrecklichen Gedanken an Emlys ertrunkene Verwandten sofort davon gemacht. Für alle Fälle sagte ich nein, und fügte hinzu: »Du scheinst dich auch nicht so sehr davor zu fürchten, wie du sagst.« Sie ging so nahe am Rande eines alten hölzeren Hafendamms, daß ich Angst hatte, sie könnte hinunterfallen.

»So fürchte ich mich nicht,« sagte sie. »Aber ich bleibe wach, wenn es stürmt, und denke mit Zittern und Angst an Onkel Dan und Ham, und immer kommt es mir vor, als ob sie um Hilfe riefen. Deshalb [44] möcht ich gern eine Lady sein. Aber so fürcht ich mich nicht. Nicht ein bißchen. Schau mal her.«

Sie rannte von mir weg und lief einen gekerbten Balken entlang, der ohne Geländer ziemlich hoch über das Meer hinausragte.

So deutlich steht der Vorfall noch vor meinem Gedächtnis, daß ich es malen könnte, wäre ich ein Zeichner –, wie die kleine Emly ihrem Untergang – so erschien es mir, – mit einem weit auf das Meer hinausgerichteten Blick, den ich nie vergessen habe, entgegeneilte. Ihre leichte, kühne, flatternde kleine Gestalt kehrte um und gelangte wieder glücklich bis zu mir, und bald darauf lachte ich über meine Angst und den Schrei, den ich – in jedem Falle ganz nutzlos, denn es war niemand in der Nähe, – ausgestoßen hatte.

Oft noch später habe ich darüber nachgesonnen, konnte es nicht vielleicht eine von den uns verborgenen Möglichkeiten gewesen sein, daß der plötzlichen Tollheit des Kindes eine Verlockung zur Gefahr, ein unhörbarer Ruf ihres toten Vaters zugrunde lag, der an jenem Tage barmherzig ihr Leben enden wollte?

Es kam einmal eine Zeit, wo ich mich fragte, ob ich damals einen Finger zu ihrer Rettung hätte rühren sollen, wenn sich mir ihr späteres Leben in einem Blick geoffenbart hätte? Es kam einmal eine Zeit, wo ich mir einen Augenblick die Frage vorgelegt habe, würde es nicht besser für die kleine Emly gewesen sein, wenn das Meer sie an diesem Morgen vor meinen Augen verschlungen hätte? – – –

Wir schlenderten noch eine Weile spazieren und lasen Dinge auf, die uns merkwürdig vorkamen, und setzten ganz sorgsam ein paar gestrandete Seesterne wieder ins Wasser – ich kenne die Lebensgewohnheiten dieser Tiere zu wenig, um zu wissen, ob wir ihnen damit einen Gefallen taten, – und kehrten dann nach Mr. Peggottys Wohnung zurück.

Unter dem Schatten des Schuppens, wo die Krebse lagen, blieben wir stehen, gaben uns einen unschuldigen Kuß und gingen vor Gesundheit und Freude strahlend hinein zum Frühstück.

»Wie zwei Amseln,« sagte Mr. Peggotty, und ich nahm das als Kompliment auf.

[45] Natürlich war ich in die kleine Emly verliebt. Ich bin überzeugt, ich liebte das Kind so wahrhaftig, so zärtlich, und reiner und selbstloser, als man selbst im besten Falle in späteren Zeiten lieben kann. Ich weiß, daß meine Phantasie dieses blauäugige Kind mit einem Glorienschein umwob, der einen wahren Engel aus ihm machte. Wenn Emly an einem sonnigen Morgen mit paar kleinen Schwingen vor meinen Augen weggeflogen wäre, so glaube ich kaum, daß ich darin etwas Außergewöhnliches gesehen hätte.

Stundenlang gingen wir auf der öden Fläche um Yarmouth in liebender Eintracht spazieren. Die Tage eilten an uns vorüber, als ob die Zeit selbst noch ein Kind wäre und immer mit uns spielte.

Ich sagte Emly, daß ich sie anbetete, und wenn sie nicht gestünde, daß sie mich ebenfalls anbetete, so müßte ich mich mit einem Schwert selber töten. Und sie sagte, sie liebte mich, und ich zweifle nicht, daß es so war.

An Ungleichheit und zu große Jugend oder andere Schwierigkeiten dachten wir nicht, denn über die Zukunft zerbrachen wir uns nicht den Kopf.

Wir waren ein Gegenstand der Bewunderung für Mrs. Gummidge und Peggotty, die sich abends, wenn wir so zärtlich auf der Schiffskiste saßen, zuflüsterten: »O Gott, ist das ein hübsches Paar.« Hinter seiner Pfeife hervor lächelte uns Mr. Peggotty an. Ham grinste den ganzen Abend und tat sonst nichts.

Ich bemerkte bald, daß sich Mrs. Gummidge nicht immer so angenehm machte, als man nach den Verhältnissen, unter denen sie bei Mr. Peggotty wohnte, hätte erwarten dürfen.

Sie war etwas empfindlicher Natur und jammerte oft mehr, als für die andern Mitglieder eines so kleinen Haushaltes angenehm war. Sie tat mir wohl sehr leid, aber es gab Augenblicke, wo ich dachte, daß es wohl besser wäre, wenn sie sich in ihr eigenes Zimmer zurückziehen wollte, um sich ihrem Schmerz zu überlassen.

Mr. Peggotty ging manchmal in ein Wirtshaus, das den Namen »Der gute Vorsatz« führte. Ich merkte es an seiner Abwesenheit bereits am zweiten oder dritten [46] Tag meines Besuchs und daran, daß Mrs. Gummidge zwischen acht und neun Uhr immer nach der Schwarzwälderuhr hinaufsah und sagte, er sei dort, und sie habe es bereits am Morgen vorausgesehen.

Sie war schon den ganzen Tag sehr trüb gestimmt gewesen und in Tränen ausgebrochen, als der Ofen rauchte. »Ich bin ein armes, verlassenes Wesen,« hatte sie dabei gesagt, »und alles geht mich die Quere.«

»Ach, es wird ja bald vorbei sein!« hatte Peggotty – meine nämlich – gesagt, »und außerdem ist es dir auch nicht unangenehmer als uns.«

»Ich fühl es mehr,« hatte Mr. Gummidge geantwortet.

Es war ein kalter Tag und der Wind wehte scharf und heftig. Mrs. Gummidges Ecke am Ofen schien mir die wärmste und gemütlichste in der Stube zu sein und ihr Stuhl war sicherlich der bequemste, aber sie befand sich heute nicht wohl darin. Sie jammerte beständig über die Kälte, daß es ihr immer in den Rücken bliese, und endlich vergoß sie Tränen und sagte wieder, sie sei ein armes, verlassenes Wesen, und alles ginge ihr der Quere.

»Es ist recht kalt,« bestätigte Peggotty, »das fühlt gewiß jeder.«

»Ich fühl es mehr als andere Leute,« klagte Mrs. Gummidge.

Ebenso war es bei Tisch, wo Mrs. Gummidge immer unmittelbar nach mir dran kam, weil ich als vornehmer Gast den Vorzug hatte. Die Fische waren klein und mager und die Kartoffeln ein wenig angebrannt. Wir gaben alle zu, daß das nicht besonders angenehm sei, aber Mrs. Gummidge sagte, sie fühle es mehr als wir, und weinte wieder und gab ihre frühere Erklärung mit großer Bitterkeit zum besten.

Als Mr. Peggotty gegen neun Uhr nach Hause kam, strickte die unglückliche Mrs. Gummidge in jämmerlicher Stimmung in ihrer Ecke. Peggotty hatte fröhlich ihre Arbeit getan, Ham ein paar große Wasserstiefel ausgebessert, und ich hatte ihnen, neben Emly sitzend, vorgelesen. Mrs. Gummidge hatte nur zuweilen geseufzt und seit dem Tee die Augen nicht aufgeschlagen.

[47] »Nun, Stüerlüt,« sagte Mr. Peggotty und setzte sich. »Wie geit dat?«

Wir alle antworteten freundlich mit Wort oder Blick, nur Mrs. Gummidge schüttelte den Kopf über ihrem Strickstrumpf.

»Wo fehlts?« fragte Mr. Peggotty, »Kopf hoch, Mutting!« Mrs. Gummidge aber schien nicht imstande zu sein, sich aufzumuntern. Sie zog ein altes, schwarzseidenes Taschentuch hervor und wischte sich die Augen, anstatt es jedoch wieder in die Tasche zu stecken, behielt sie es in der Hand und wischte sich nochmals die Augen und legte es neben sich, um es immer bereit zu haben.

»Wo fehlts, Alte?« fragte Peggotty.

»Nichts,« entgegnete Mrs. Gummidge. »Du kommst aus dem ›guten Vorsatz‹, – Danl?«

»Nun, ja, ich machte einen Abstecher heute abends in den ›guten Vorsatz‹,« sagte Mr. Peggotty.

»Es tut mir leid, daß ich dich immer dorthin treibe,« sagte Mrs. Gummidge.

»Treiben! Bei mir brauchts kein Treiben,« erwiderte Peggotty lachend. »Ich geh nur zu gern hin.«

»Sehr gern,« sagte Mrs. Gummidge, schüttelte den Kopf und wischte sich die Augen. »Ja, ja, sehr gern. Es tut mir leid, daß ich dran schuld bin.«

Mr. Peggotty sagte weiter nichts, sondern bat bloß Mrs. Gummidge noch einmal, den Kopf hochzuhalten.

»Ich bin nicht, wie ich sein möchte,« sagte Mrs. Gummidge. »Ich fühle mein Unglück und das macht mich unangenehm. Ich wollte, es wäre anders, aber ich fühle nun einmal so. Ich wollte, ich könnt es vergessen, aber es geht nicht. Ich mache das ganze Haus ungemütlich. Ich habe schon den ganzen Tag lang deiner Schwester das Leben sauer gemacht und Master Davy dazu.«

Ich wurde sofort gerührt und rief in großem Seelenschmerz ein lautes »nein, sicher nicht, Mrs. Gummidge.«

»Es ist gar nicht recht von mir,« fuhr sie fort, »ich sollte lieber ins Armenhaus gehen und sterben. Wenn mich alles die Quere geht, und ich allen der Quere bin, so will ich auch der Quere in meine Heimat[48] gehen. Danl, besser ich ginge ins Armenhaus und stürbe; dann seid ihr mich los.«

Mit diesen Worten begab sich Mrs. Gummidge zu Bett. Als sie fort war, sah uns Mr. Peggotty, der bei jedem Wort nur die tiefste Teilnahme gezeigt hatte, der Reihe nach an, nickte mit dem Kopf und flüsterte: »Sej hett an ehrn Olen dacht.«

Ich verstand nicht recht, an was für einen Alten Mrs. Gummidge gedacht haben sollte, bis mir Peggotty, als sie mich zu Bett brachte, erklärte, daß es der selige Mr. Gummidge wäre, und daß ihr Bruder es stets bei solchen Gelegenheiten als ausgemachte Wahrheit annähme und es stets einen rührenden Eindruck auf ihn machte.

Noch in der Hängematte hörte ich ihn zu Ham sagen: Sej hett an ehrn Olen dacht! Und wann immer sich Mrs. Gummidge in ähnlicher Stimmung befand, hatte er für sie immer dieselbe Entschuldigung und immer dasselbe aufrichtige Mitleid.

So gingen die vierzehn Tage rasch dahin ohne andere Veränderung, als den Wechsel von Ebbe und Flut, der auch die Stunden, wo Mr. Peggotty und Ham gingen und kamen, verschob.

Hatte Ham nichts zu tun, begleitete er uns manchmal an den Hafen und zeigte uns die Boote und Schiffe, und ein- oder zweimal ruderte er uns spazieren. Ich weiß nicht, wie es kommt, warum so oft gerade ein unbedeutsames Bild immer an einem Namen am längsten haften bleibt. Nie höre oder lese ich den Namen Yarmouth, ohne an einen gewissen Sonntagmorgen am Strande erinnert zu werden, wo die Glocken in der Kirche läuteten, die kleine Emly sich auf meinen Arm stützte, Ham nachlässig Steine ins Wasser warf, und die Sonne draußen über dem Meer mühselig durch den dicken Nebel drang, und die Schiffe sich uns so undeutlich zeigten, als wären sie ihre eignen Schatten.

Endlich kam der Tag der Heimreise. Die Trennung von Mr. Peggotty und Mrs. Gummidge konnte ich noch verwinden. Aber der Abschied von der kleinen Emly zerriß mir das Herz. Wir gingen Arm in Arm nach dem Wirtshaus, wo der Fuhrmann anspannte und [49] unterwegs versprach ich ihr zu schreiben. Dieses Versprechen löste ich später mit einem Aufwand von Buchstaben ein, die größer waren als die, mit denen man Mietanzeigen zu schreiben pflegt. Wir fühlten uns ganz vernichtet durch den Abschied, und wenn ich je in meinem Leben in meinem Herzen eine unbeschreibliche Leere empfunden habe, so war es an jenem Tag.

Die ganze Zeit meines Besuchs über war ich undankbar gegen mein mütterliches Haus gewesen und hatte wenig oder nicht daran gedacht. Aber kaum wendete ich meine Stritte ihm wieder zu, so wies auch schon vorwurfsvoll mein jugendliches Gewissen mit standhaftem Finger dorthin, und ich fühlte trotz der Bangigkeit des Abschieds, daß es meine Heimat und Mutter, meine Trösterin und Freundin war. Je näher wir dem Ziele kamen und je vertrauter mir die Umgebung wurde, desto stärker wuchs meine Sehnsucht, in ihre Arme zu eilen. Peggotty, anstatt diesen Drang zu teilen, suchte ihn, wenn auch sanft, in mir eher zu hemmen, und sah verlegen und verstimmt drein.

Trotz der Langsamkeit und Launenhaftigkeit des Pferdes langten wir doch endlich in Krähenhorst-Blunderstone an. Ich sehe noch den kalten, grauen Nachmittag mit dem dunkeln, regnerischen Himmel vor mir.

Die Tür ging auf und ich erwartete, halb lachend, halb weinend vor Erregtheit meine Mutter zu sehen. Aber nicht sie, sondern eine mir fremde Dienerin trat heraus.

»Ach, Peggotty!« sagte ich traurig. »Ist sie noch nicht wieder zu Hause?«

»Ja, ja, Master Davy,« sagte Peggotty, »wart ein bißchen, Master Davy, und ich werde dir etwas sagen.«

Teils aus Aufregung, teils aus natürlichem Ungeschick machte Peggotty beim Heraussteigen aus dem Wagen die seltsamsten Manöver, aber ich fühlte mich zu entmutigt und betroffen, um ihr etwas darüber zu sagen. Als sie glücklich draußen war, nahm sie mich bei der Hand, führte mich zu meiner Verwunderung in die Küche und schloß die Tür.

»Peggotty,« sagte ich, heftig erschrocken, »was ist denn?«

[50] »Du meine Güte, nichts ist, mein lieber Davy,« antwortete sie und setzte eine möglichst heitere Miene auf.

»Es ist etwas geschehen, ich weiß es, wo ist Mama?«

»Wo Mama ist, Davy?« wiederholte Peggotty.

»Ja. Warum ist sie uns nicht entgegengekommen? Und weshalb sind wir hier hereingegangen? Ach Peggotty!«

Meine Augen standen voll Tränen und mir war zum umsinken.

»Mein Gott, der gute Junge!« rief Peggotty und hielt mich aufrecht. »Was ist dir? Sprich, mein Herzblatt!«

»Sie ist doch nicht tot? Nicht tot? Peggotty?«

»Nein,« schrie Peggotty mit erstaunlicher Kraft in der Stimme. Dann setzte sie sich nieder, fing an zu keuchen und sagte, ich hätte sie fürchterlich erschreckt.

Um das wieder gutzumachen, fiel ich ihr um den Hals, stellte mich dann vor sie hin und sah sie mit banger Erwartung an.

»Ja, schau, Liebling, ich hätte dirs schon früher sagen sollen, aber ich fand keine Gelegenheit dazu. Ich hätte es längst tun sollen, aber ich konnte mich partuh« – das war immer der Stellvertreter in Peggottys Wörterheer für »durchaus« – »nicht dazu entschließen.«

»Weiter Peggotty,« sagte ich noch mehr erschreckt als vorher.

»Master Davy,« sagte Peggotty und knüpfte ihr Hutband mit zitternden Händen auf – sie war ganz außer Atem: –

»Was meinst du? Du hast einen Papa bekommen.«

Ich fuhr zusammen und wurde blaß. Ein Etwas – ich weiß nicht was –, das mit dem Grab auf dem Kirchhof und der Auferstehung der Toten zusammenhing, schien mich wie ein giftiger Hauch zu streifen.

»Einen neuen,« sagte Peggotty.

»Einen neuen?« wiederholte ich.

Peggotty schluckte, als ob ihr etwas Hartes im Halse stecken geblieben wäre, reichte mir die Hand und sagte:

[51] »Komm, du mußt ihn sehen –«

»Ich will ihn nicht sehen.«

»– und deine Mama.«

Ich widerstand nicht länger, und wir gingen sogleich in das Empfangszimmer, wo sie mich verließ.

An der einen Seite des Kamins saß meine Mutter, an der andern Mr. Murdstone. Meine Mutter ließ ihre Arbeit sinken und stand rasch auf, aber, wie es mir schien, furchtsam.

»Liebe Klara,« sagte Mr. Murdstone, »denke daran! Beherrsche dich, immer beherrsche dich! Davy, mein Junge, wie geht es dir?«

Ich gab ihm die Hand. Nach einem Augenblick der Unentschlossenheit ging ich zu meiner Mutter und küßte sie; sie küßte mich wieder, klopfte mich sanft auf die Schulter und nahm wieder ihre Arbeit zur Hand. Ich konnte ihn nicht ansehen, ich konnte sie nicht ansehen, ich wußte bestimmt, daß er uns beide ansah, und ich ging ans Fenster und blickte hinaus auf ein paar Stauden, die ihre Köpfe in der Kälte hängen ließen.

Sobald ich mich wegdrücken konnte, schlich ich die Treppe hinauf. Mein liebes, altes Schlafzimmer war ganz anders geworden, und ich mußte weit hinten schlafen. Ich ging wieder hinunter, um irgend etwas zu finden, das sich nicht verändert hätte, so fremd schien mir alles, – und trat auf den Hof hinaus. Schnell schreckte ich zurück, denn die leere Hundehütte war jetzt von einem großen Hund bewohnt, der eine tiefe Stimme und schwarze Haare hatte, – wie er, – und grimmig an seiner Kette riß, um über mich herzufallen.

[52] Viertes Kapitel

Ich falle in Ungnade.


Wäre das Zimmer, wo damals mein Bett stand, ein fühlendes Wesen, möchte ich es heute – wer wohl jetzt darin schlafen mag – zum Zeugen anrufen, wie schwer mir das Herz war, als ich eintrat.

Wie ich die Treppe hinaufging, hörte ich den Hund hinter mir dreinbellen; und drinnen sah ich die Stube mit ebenso fremden Augen an wie sie mich. Ich setzte mich hin, die kleinen Hände gefaltet, und dachte nach.

Ich dachte an die seltsamsten Dinge, an die Form des Zimmers, an die Sprünge in der Decke, an die Tapeten an den Wänden, an die Rippen und Flecken im Fensterglas, hinter denen sich die Gegenstände draußen verzerrten und verschoben, an den Waschtisch, der auf drei Beinen wackelte, etwas Unzufriedenes hatte und mich an Mrs. Gummidge erinnerte.

Ich weinte die ganze Zeit über, dachte aber keinen Augenblick darüber nach, warum ich weinte. Ich empfand nur das Gefühl der Kälte und Niedergeschlagenheit. In meiner Einsamkeit fing ich an, mir auszumalen, wie schrecklich verliebt ich in die kleine Emly sei, und daß man mich von ihr gerissen habe, während sich hier niemand um mich kümmerte. Das machte mich derart unglücklich, daß ich mich in einen Zipfel der Bettdecke wickelte und mich in Schlaf weinte.

Hörte dann jemand sagen, »hier ist er,« und wachte auf mit glühheißem Kopf. Meine Mutter und Peggotty hatten mich aufgesucht, und eine von beiden mußte die Worte gesprochen haben.

»Davy,« sagte meine Mutter, »was fehlt dir?«

Ich fühlte es als etwas sehr Sonderbares, daß sie mich noch fragen konnte, und antwortete: »Nichts.« Ich legte mich aufs Gesicht, damit sie meine zitternden Lippen nicht sähe, die ihr bessere Auskunft gegeben hätten.

[53] »Davy,« sagte meine Mutter. »Davy, mein Kind!«

Keine Worte hätten mich mehr rühren können, als daß sie mich ihr Kind nannte. Ich verbarg meine Tränen in den Kissen und drängte meine Mutter weg, als sie meinen Kopf aufheben wollte.

»Das ist dein Werk, Peggotty, du grausames Ding!« schrie meine Mutter. »Ich zweifle gar nicht daran. Wie kannst du es mit deinem Gewissen vereinbaren, meinen eignen Jungen gegen mich oder irgend jemand, den ich lieb habe, aufzuhetzen? Was soll das heißen, Peggotty?«

Die arme Peggotty erhob Hände und Augen zum Himmel und antwortete nur mit einer Art Paraphrase des Tischgebets, das ich nach dem Essen herzusagen pflegte: »Gott vergebe Ihnen, Mrs. Copperfield, was Sie in dieser Minute gesagt haben. Mögen Sie es niemals ernstlich bereuen!«

»Es ist zum Verrücktwerden!« rief meine Mutter, »noch dazu in meinen Flitterwochen, wo man denken sollte, mein erbittertster Feind müßte Erbarmen haben und mir nicht das bißchen Ruhe und Glück neiden. Davy, du nichtsnutziger Junge! Peggotty, du wildes Geschöpf! Ach Gott, ach Gott!« rief sie in ihrer kindischen Art. »Wie ist die Welt doch widerwärtig, grade wenn man so viel Angenehmes von ihr erwartet!«

Ich fühlte die Berührung einer Hand, der ich sogleich anmerkte, daß sie weder meiner Mutter noch Peggotty gehörte, und sprang rasch aus dem Bett. Es war Mr. Murdstones Hand, der meinen Arm faßte. Ich hörte, wie er sagte:

»Was ist das, liebe Klara, hast du vergessen? Festigkeit! meine Liebe!«

»Es tut mir recht leid, Edward,« sagte meine Mutter. »Ich habe mir alle Mühe gegeben, aber mir ist so unbehaglich.«

»Wirklich!« antwortete er. »Sobald schon. Das ist ja recht schlimm, Klara.«

»Es ist recht bitter, daß es mich jetzt so treffen muß,« sagte meine Mutter schmollend. »Sehr, sehr bitter, nicht wahr!«

[54] Er zog sie an sich, flüsterte ihr etwas ins Ohr und küßte sie. Als ich sah, wie meine Mutter ihren Kopf an seine Schulter lehnte und ihren Arm um seinen Nacken schlang, da begriff ich damals so gut wie jetzt, daß er ihrem weichen Charakter jede beliebige Gestalt geben konnte.

»Geh hinunter, meine Liebe,« sagte er. »David und ich wollen auch hinunterkommen.«

»Meine Gute,« fuhr er mit einem finstern Gesicht zu Peggotty fort, als er meine Mutter an die Tür begleitet und mit einem Nicken und einem Lächeln verabschiedet hatte. »Sie kennen doch den Namen Ihrer Herrin!«

»Sie war lange genug meine Herrin, Sir,« antwortete Peggotty, »als daß ich ihn nicht kennen sollte.«

»Das ist richtig,« antwortete er, »aber mir schien es, wie ich die Treppe heraufkam, als ob Sie sie mit einem Namen anredeten, der nicht der ihrige ist. Sie wissen doch, daß sie meinen angenommen hat. Vergessen Sie das nicht.«

Mit einigen besorgten Blicken auf mich knixte Peggotty sich aus dem Zimmer heraus, ohne zu antworten. Sie begriff, daß sie gehen sollte, und fand keinen Vorwand, um dazubleiben. Als wir beide allein waren, machte er die Türe zu, setzte sich auf einen Stuhl, stellte mich vor sich hin, während er mich immer noch am Arm festhielt, und sah mir unverwandt in die Augen. Ich fühlte meinen Blick fest an ihn gebannt. Wenn ich mir vorstelle, wie wir uns da mals Auge in Auge gegenüberstanden, kommt es mir vor, als hörte ich wieder mein Herz schneller und lauter schlagen.

»David,« sagte er und preßte seine Lippen ganz dünn zusammen, »wenn ich einen eigensinnigen Gaul oder Hund vor mir habe, was glaubst du wohl, tue ich dann mit ihm?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich prügle ihn!«

Ich hatte ihm mit einem atemlosen Geflüster geantwortet, aber in meinem Schweigen fühlte ich, daß mein Atem noch kürzer wurde.

»Ich haue ihn, daß er sich windet vor Schmerz. [55] Ich sage mir, ich will den Burschen bezwingen, und wenns ihm alles Blut im Leibe kosten sollte. Was hast du im Gesicht?«

»Schmutz,« sagte ich.

Er wußte so gut wie ich, daß es Tränenspuren waren. Aber wenn er mich zwanzigmal gefragt hätte, jedesmal mit zwanzig Hieben, so glaube ich doch, mein Kinderherz wäre eher gebrochen, ehe ich ihm das eingestanden hätte.

»Du bist recht gescheit für dein Alter,« sagte er mit dem ernsten Lächeln, das ihm eigen war. »Und ich sehe, du hast mich ganz gut verstanden. Wasche dir das Gesicht und komme mit mir herunter.«

Er deutete auf den Waschtisch, der mir wie Mrs. Gummidge vorkam, und machte eine Bewegung mit dem Kopf, ich solle sofort gehorchen. Ich zweifelte damals nicht und jetzt noch viel weniger, daß er mich ohne das geringste Erbarmen zu Boden geschlagen haben würde, wenn ich gezögert hätte.

»Meine liebe Klara,« sagte er, als er mit mir in das Wohnzimmer trat, immer noch meinen Arm festhaltend, »ich hoffe, du wirst jetzt keinen Verdruß mehr haben. Wir werden unsre jugendlichen Launen schon ablegen und uns bessern.«

Gott helfe mir, ich hätte für mein ganzes Leben gebessert werden können, ich wäre ein ganz andrer Mensch geworden durch ein einziges freundliches Wort damals. Ein Wort der Ermutigung und Erklärung und des Mitgefühls für meine kindliche Unwissenheit, des Willkomms in der Heimat, eine Versicherung, daß das alte mütterliche Haus noch ganz dasselbe sei, hätten mich zu einem gehorsamen Sohn gemacht, anstatt daß ich jetzt Gehorsam heuchelte, – hätten mich ihn achten gelehrt anstatt hassen.

Mir kam es so vor, als ob es meiner Mutter leid täte, mich so scheu und fremd im Zimmer stehen zu sehen. Und daß sie mir mit sorgenvollen Blicken folgte, als ich nach meinem Stuhle schlich. Das Wort aber wurde nicht gesprochen, und die Zeit dazu war vorüber.

Wir speisten alle drei allein am Tisch. Er schien meine Mutter sehr gern zu haben, – ich fürchte fast, er [56] war mir deshalb nicht weniger zuwider, – und sie war sehr zärtlich zu ihm. Aus seinen Reden merkte ich, daß eine ältere Schwester von ihm ankommen sollte und bei uns bleiben. Ich weiß nicht mehr, ob ich schon damals oder erst später erfuhr, daß er einen Geschäftsanteil an einer Weinhandlung in London besaß, – schon von Großvaters Zeiten her, – an der seine Schwester in gleicher Weise beteiligt war; jedenfalls kann ich es gleich hier bemerken.

Nach dem Essen, als wir vor dem Feuer saßen und ich darüber nachsann, wie ich zu Peggotty flüchten könnte, dabei aber nicht den Mut hatte, zu entschlüpfen, fuhr ein Wagen an der Gartentür vor, und er ging hinaus, um den Besuch zu empfangen.

Meine Mutter folgte ihm. Ich ging schüchtern hinter ihr drein, da drehte sie sich in der Stubentür um, drückte mich im Dunkeln ans Herz, wie früher, und flüsterte mir zu, ich solle meinen neuen Vater lieben und ihm gehorsam sein.

Sie tat das so hastig und geheimnisvoll, als ob es ein Unrecht wäre, aber mit großer Zärtlichkeit. Dann zog sie mich hinter sich her in den Garten, wo er stand. Dort ließ sie mich wieder los und legte ihren Arm in den seinen.

Miß Murdstone war angekommen, eine finster aussehende Dame, schwarz wie ihr Bruder, dem sie in Gesicht und Stimme sehr glich. Sie hatte starke, buschige Augenbrauen, die über ihrer großen Nase fast zusammenstießen, als wollten sie den Backenbart ersetzen, den ihr Geschlecht ihr versagt hatte.

Sie brachte ein paar unnachgiebige, schwarze Koffer mit, auf deren Deckeln mit harten Messingnägeln ihr Monogramm stand. Um den Kutscher zu bezahlen, holte sie ihr Geld aus einer harten, stählernen Börse. Sie trug die Börse in einem wahren Kerker von Strickbeutel, der ihr an einer schweren Kette am Arm hing und wie ein Gebiß schloß. Ich hatte bis dahin noch nie eine so durch und durch metallische Dame gesehen wie Miß Murdstone.

Sie wurde mit vielen Zeichen des Willkommens in die Stube geführt, und dort erkannte meine Mutter sie in aller Form als neue nahe Verwandte an.

Dann blickte mich Miß Murdstone an und sagte:

[57] »Ist das dein Junge, Schwägerin?«

Meine Mutter bejahte.

»Im allgemeinen«, sagte Miß Murdstone, »kann ich Jungen nicht leiden. Wie gehts dir, Junge?«

Unter diesen ermutigenden Umständen antwortete ich, daß es mir gut ginge und ich dasselbe von ihr hoffte, aber mit so wenig Wärme, daß Miß Murdstone mich mit den zwei Worten abfertigte:

»Keine Manieren.«

Nachdem sie dies mit großer Bestimmtheit ausgesprochen, wünschte sie auf ihr Zimmer geführt zu werden, das von der Zeit an für mich zu einem Ort des Grauens und der Furcht wurde, weil die beiden schwarzen Koffer stets verschlossen dort standen und eine Menge kleiner Stahlfesseln und Kettchen, mit denen sich Miß Murdstone zu verschönern pflegte, in furchtgebietenden Reihen über dem Spiegel hingen.

Soviel ich herausbekommen konnte, war sie in der Absicht gekommen, Gutes zu stiften, und sie trug sich nicht mit dem Gedanken, jemals wieder wegzugehen. Schon am nächsten Morgen fing sie an, meiner Mutter zu »helfen«, und ging den ganzen Tag in der Vorratskammer aus und ein, um alles zurechtzusetzen und die alte Ordnung umzustürzen.

Ihre hervorstechendste Eigenschaft schien mir die zu sein, daß sie beständig argwöhnte die Dienstmädchen hielten irgendwo im Hause einen Mann verborgen. Von diesem Wahn besessen, tauchte sie zu den ungewöhnlichsten Zeiten in den Kohlenkeller und öffnete fast nie die Tür dunkler Schränke, ohne sie zugleich wieder zuzuschlagen, im Glauben, daß sie »ihn« erwischt hätte.

Obgleich durchaus nichts Luftiges sonst an Miß Murdstone war, glich sie doch in puncto Frühaufstehen einer Lerche. Sie war auf den Beinen, wie ich heute noch glaube, um nach dem Mann zu suchen, ehe sich noch irgend etwas im Hause regte. Peggotty huldigte der Ansicht, daß sie stets nur mit einem Auge schliefe. Ich konnte mich diesem Glauben nicht anschließen, seit ich selbst versucht und herausgefunden hatte, daß so etwas nicht möglich ist.

Schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft stand sie früh auf und klingelte beim ersten Hahnenschrei. Als [58] meine Mutter zum Frühstück herunterkam, gab ihr Miß Murdstone eine Art Schnabelhieb auf die Wange – das war bei ihr die kußähnlichste Bewegung – und sagte: »Nun, liebe Klara, du weißt, ich bin hergekommen, um dir alles abzunehmen. Du bist viel zu hübsch und gedankenlos,« – meine Mutter errötete, lachte aber und schien diese Charakterisierung nicht übel zu nehmen – »als daß dir Pflichten auferlegt werden dürfen, die ich erfüllen kann. Wenn du so gut sein willst, mir die Schlüssel zu übergeben, meine Liebe, so will ich alles das in Zukunft selber besorgen.«

Von dieser Zeit an behielt Miß Murdstone die Schlüssel den Tag über in ihrem Beutel und die Nacht über unter ihrem Kopfkissen; meine Mutter hatte nicht mehr damit zu tun, als ich selbst.

Meine Mutter ließ sich ihre Herrschaft nicht rauben, ohne vorher einen leisen Versuch von Widerstand zu machen. Eines Abends, als Miß Murdstone ihrem Bruder gewisse Haushaltungspläne entwickelt hatte und er seine Zustimmung gab, fing meine Mutter plötzlich an zu weinen und sagte, man hätte sie doch wohl auch zu Rate ziehen können.

»Klara,« sagte Mr. Murdstone streng, »Klara, ich bin erstaunt über dich!«

»Du hast gut von erstaunt sein sprechen, Edward,« rief meine Mutter, »und von Festigkeit, aber das würdest du dir auch nicht gefallen lassen.«

Festigkeit, muß ich bemerken, war die große Eigenschaft, auf der beide, Mr. und Miß Murdstone, fußten. Ich weiß nicht, welchen Namen ich damals dafür gewählt hätte, aber ich begriff genau, daß es nur eine andre Bezeichnung für Tyrannei war und für eine gewisse finstere, anmaßende, teuflische Laune, die in den beiden steckte. Das Glaubensbekenntnis, würde ich jetzt mich ausdrücken, Mr. Murdstones lautete: Ich bin fest, niemand soll in der Welt so fest sein wie ich, niemand überhaupt fest, und alles soll sich vor meiner Festigkeit beugen. Miß Murdstone war die eine Ausnahme. Sie durfte fest sein, aber nur aus verwandtschaftlichen Rücksichten und in einem untergeordneten und tributpflichtigen Grad. Meine Mutter war die zweite Ausnahme. Sie [59] konnte und durfte fest sein und mußte es, aber nur im Ertragen der Festigkeit der beiden andern.

»Es ist sehr hart,« sagte meine Mutter, »daß ich in meinem eignen Hause –«

»In meinem eignen Hause?!« wiederholte Mr. Murdstone. »Klara!«

»Unserm eignen Hause, meine ich,« stotterte meine Mutter ganz erschrocken, – »ich hoffe, du weißt, was ich meine, Edward, – es ist sehr hart, daß ich in deinem eignen Hause nicht ein Wort über häusliche Angelegenheiten sagen darf. Ich habe sicher sehr gut hausgehalten, ehe wir heirateten. Ich habe Beweise,« setzte sie schluchzend hinzu. »Frag nur Peggotty, ob es nicht recht gut ging, als man mir nicht dreinredete.«

»Edward,« sagte Miß Murdstone, »machen wir der Sache ein Ende. Ich reise morgen ab!«

»Jane Murdstone!« donnerte Mr. Murdstone, »wirst du schweigen! Was unterstehst du dich!«

Miß Murdstone zog ihr Taschentuch aus dem Kerker und hielt es vor die Augen.

»Klara,« fuhr er fort, »du setzest mich in Erstaunen! Ja. Ich fand Befriedigung in dem Gedanken, eine unerfahrene und harmlose Person zu heiraten und ihren Charakter zu bilden und ihr etwas von der Festigkeit und Entschiedenheit zu geben, die ihr fehlen. Aber wenn Jane Murdstone so gütig ist, mir darin beizustehen, und meinetwegen eine Stellung gleich der einer Haushälterin übernimmt und dafür so schlechten Dank erntet, –«

»O bitte, bitte, Edward!« rief meine Mutter. »Sag nicht, daß ich undankbar bin. Ich bin sicher nicht un dankbar, das hat mir noch niemand gesagt. Ich habe viele Fehler, aber nicht diesen. Bitte, sage das nicht, Liebling!«

»Wenn Jane Murdstone, sage ich,« fuhr er fort, nachdem er meine Mutter hatte ausreden lassen, »dafür Undank erntet, so fühle ich meine Gefühle erkalten.«

»Liebling, bitte, sag das nicht,« flehte meine Mutter kläglich. »O bitte, Edward, ich kann das nicht ertragen. Wie ich auch immer sein mag, ich bin nachgiebig und dankbar. Ich weiß, ich bin es, bin nachgiebig und [60] dankbar. Ich würde es nicht sagen, wenn ich es nicht gewiß wüßte. Frag nur Peggotty. Sie wird es gewiß bestätigen.«

»Bloße Schwäche fällt bei mir nicht ins Gewicht, Klara,« entgegnete er. »Du verschwendest nur deine Worte.«

»Komm, laß uns wieder gut sein,« sagte meine Mutter. »Ich könnte nicht leben in Kälte und Unfreundlichkeit um mich herum. Es tut mir so herzlich leid. Ich habe sehr viele Fehler, ich weiß, und es ist sehr gut von dir, Edward, daß du mit deinem starken Charakter dir Mühe gibst, mich zu bessern. Jane, ich will dir nicht mehr widersprechen. Es würde mir das Herz brechen, wenn du nur daran dächtest, uns zu verlassen –« meine Mutter konnte nicht weiter sprechen vor lauter Rührung.

»Jane Murdstone,« sagte Mr. Murdstone zu seiner Schwester, »harte Worte sind zwischen uns selten. Es ist nicht meine Schuld, daß heut abends ein so ungewöhnliches Ereignis stattgefunden hat. Ich wurde von jemand anders dazu gebracht. Aber es ist auch nicht deine Schuld, auch dich hat jemand in eine schiefe Lage gebracht. Wir wollen beide trachten, es zu vergessen. Und da dies,« fügte er nach diesen großmütigen Worten hinzu, »kein passendes Bild ist für den Knaben, so geh zu Bett, David.«

Ich konnte kaum die Türe finden, so voll Tränen standen meine Augen. Ich fühlte meiner Mutter Schmerz so tief mit; ich schlich hinaus und tappte im Dunkeln die Treppe hinauf in mein Zimmer, ohne nur das Herz zu haben, Peggotty gute Nacht zu sagen oder mir eine Kerze von ihr geben zu lassen. Als sie vielleicht eine Stunde später nach mir sah, wachte ich auf, und sie sagte mir, meine Mutter sei sehr betrübt zu Bett gegangen, und Mr. und Miß Murdstone säßen noch unten allein.

Am nächsten Morgen ging ich etwas früher als gewöhnlich hinunter und hörte, wie drinnen meine Mutter Miß Murdstone demütigst um Verzeihung bat. Die Dame verzieh ihr, und es fand eine vollständige Aussöhnung statt. Nie wieder später hörte ich meine Mutter über irgend etwas eine Meinung äußern, ehe [61] sie sich nicht zuvor an Miß Murdstone gewendet oder in sichre Erfahrung gebracht hatte, was ihre Ansicht sei; und nie wieder sah ich Miß Murdstone in übler Laune nach dem Beutel greifen, als ob sie die Schlüssel herausnehmen und sie meiner Mutter zurückgeben wollte, ohne daß diese nicht in die schrecklichste Angst geraten wäre.

Das dunkle Blut, das in den Adern der Murdstones floß, gab auch ihrer Religion etwas Finsteres und Strenges. Ich habe seitdem oft darüber nachgedacht, ob diese Eigenschaft nicht eine notwendige Folge war von Mr. Murdstones Festigkeit, die ihm niemals erlauben wollte, irgend jemand von der strengsten Strafe freizusprechen. Sei dem, wie es wollte, ich kann mich noch recht gut der finstern und ernsten Gesichter erinnern, mit denen wir zum Gottesdienst zu gehen pflegten, und des veränderten Eindrucks, den die Kirche auf mich machte.

Wieder kommt der gefürchtete Sonntag, und ich marschiere zuerst in den alten Betstuhl, wie ein bewachter Sträfling zu einem Gefangenengottesdienst. Dicht hinter mir folgt Miß Murdstone in einem schwarzen Samtkleid, das aus einem Leichentuch gemacht zu sein scheint. Dann kommt meine Mutter, dann ihr Gatte. Peggotty geht nicht mehr mit wie früher. Wieder höre ich Miß Murdstone die Responsorien murmeln und auf alle drohenden Worte mit grausamem Behagen besondern Nachdruck legen. Wieder sehe ich ihre dunklen Augen in der Kirche umherschweifen, wenn sie sagt »elende Sünder«, als wenn sie die ganze Gemeinde in diesem Namen einschließen wolle. Wieder werfe ich verstohlene Blicke auf meine Mutter, die ihre Lippen schüchtern flüsternd bewegt, während das Summen der beiden in ihren Ohren brummt wie fernes Donnergrollen. Dann überkommt mich eine plötzliche Furcht, ob nicht vielleicht Mr. und Miß Murdstone recht haben und unser guter Pfarrer unrecht, und daß alle Engel im Himmel Racheengel sein könnten. Wenn ich einen Finger rühre oder eine Muskel meines Gesichts schlaff wird, stößt mich Miß Murdstone mit ihrem Gebetbuch, daß mich die Seite schmerzt.

Und auf dem Heimweg bemerke ich, wie die Nachbarn [62] mich und meine Mutter ansehen und uns nachblicken und miteinander flüstern. Und wie die drei Arm in Arm gehen und ich allein hinter ihnen drein, folge ich diesen Blicken und frage mich, ob meiner Mutter Gang wirklich nicht mehr so leicht ist und ob das heitere Glück ihrer Schönheit nicht schon ganz trüb geworden. Ich frage mich, ob die Nachbarn wohl auch daran denken, wie wir beide früher nach Hause gingen, und ich zerbreche mir den Kopf darüber den ganzen langsam sich hinschleppenden trüben Tag.

Von Zeit zu Zeit war davon die Rede gewesen, mich in eine Kostschule zu schicken. Mr. und Miß Murdstone hatten es angeregt, und meine Mutter hatte natürlich beigestimmt. Nichtsdestoweniger kam es vorläufig noch nicht dazu. Vorläufig hatte ich zu Hause Lehrstunden.

Werde ich diesen Unterricht wohl je vergessen? Dem Namen nach stand ihm meine Mutter vor, in Wirklichkeit aber Mr. Murdstone und seine Schwester, die immer zugegen waren und darin eine günstige Gelegenheit sahen, meiner Mutter Lektionen in der Festigkeit zu erteilen, die unser beider Leben vergiftete.

Ich glaube, nur das war der Grund, weshalb ich vorläufig zu Hause behalten wurde. Ich hatte gut und willig gelernt, als meine Mutter und ich noch allein miteinander lebten. Ich kann mich noch undeutlich erinnern, wie ich auf ihrem Schoß das Alphabet lernte. Noch heute, wenn ich auf die fetten, schwarzen Buchstaben in einer Fibel sehe, tritt mir die verwirrende Neuheit ihrer Gestalten und die behäbige Gemütlichkeit des »O, Q und S« ganz so vor die Augen wie damals. Aber sie erinnern mich an kein Gefühl des Widerwillens oder des Ekels. Im Gegenteil, es ist mir, als ob ich auf einem Blumenpfad bis zum Krokodilbuch gewandelt sei, und als ob mich die sanfte Weise und Stimme meiner Mutter auf dem ganzen Wege gestärkt hätten.

Aber der feierliche Unterricht, der später kam, steht vor mir, wie der Tod meines Seelenfriedens, wie eine tägliche, jämmerliche Plage und kummervolles Elend.

Die Lektionen waren sehr lang, sehr zahlreich, sehr schwer – einige vollkommen unverständlich für mich – [63] und verwirrten mich meistens ebenso sehr, wie vermutlich meine Mutter.

Ich will einmal in der Erinnerung so einen Morgen durchgehen:

Ich trete nach dem Frühstück mit meinen Büchern, einem Schreibheft und einer Schiefertafel ein. Meine Mutter sitzt an ihrem Schreibtisch und ist bereit für mich, aber nicht halb so bereit wie Mr. Murdstone in seinem Lehnstuhl am Fenster (wenn er auch vorgibt, ein Buch zu lesen) oder wie Miß Murdstone, die in der Nähe meiner Mutter sitzt und Stahlperlen aufreiht.

Der bloße Anblick der beiden wirkt auf mich, daß ich merke, wie die Worte, die ich mir mit so unendlicher Mühe eingeprägt habe, mir alle entfallen und gehen, ich weiß nicht wohin. Nebenbei gesagt, möchte ich übrigens wirklich gerne wissen, wo sie eigentlich hingehen.

Ich reiche das erste Buch meiner Mutter. Es ist eine Grammatik, vielleicht ein Geschichts- oder Geographiebuch. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die Seite, wie ein Ertrinkender, während ich ihr das Buch hinhalte, und fange an im Galopp aufzusagen, um fertig zu werden, so lange ich noch alles frisch im Kopfe habe.

Ich stocke bei einem Wort, Mr. Murdstone blickt auf.

Ich stocke bei einem andern Wort, Miß Murdstone blickt auf.

Ich werde rot, werfe ein halbes Dutzend Worte verwirrt durcheinander und bleibe stecken. Ich fühle, meine Mutter würde mir das Buch zeigen, wenn sie es wagte, aber sie wagt es nicht und sagt sanft:

»O Davy, Davy!«

»Klara,« sagt Mr. Murdstone, »sei fest mit dem Jungen. Sag nicht Davy, Davy! Das ist kindisch. Entweder kann er seine Lektion oder er kann sie nicht.«

»Er kann sie nicht,« fällt Miß Murdstone mit grauenerregendem Nachdruck ein.

»Ich fürchte wirklich, er kann sie nicht,« sagte meine Mutter.

»Nun dann, Klara,« erwidert Miß Murdstone, »solltest du ihm das Buch zurückgeben und ihm das sagen.«

»Ja, gewiß,« stimmt meine Mutter bei. »Das wollte ich [64] tun, liebe Jane. Also Davy, versuch es noch einmal und mach es gut.«

Ich gehorche dem ersten Teil der Ermahnung und versuche es noch einmal; mit dem zweiten Teil bin ich nicht so glücklich, denn ich mache es sehr schlecht. Ich bleibe stecken, früher noch als vorhin, an einer Stelle, die ich eben noch gut kannte, und halte inne, um nachzudenken. Aber ich kann nicht an die Aufgabe denken, ich muß daran denken, wie viel Ellen Spitzen auf Miß Murdstones Haube sein mögen oder was Mr. Murdstones Schlafrock kostet oder an andere alberne Dinge, die mich nichts angehen! Mr. Murdstone macht die ungeduldige Bewegung, die ich schon lange erwartet habe. Miß Murdstone tut dasselbe. Meine Mutter blickt unterwürfig nach ihnen hin, klappt das Buch zu und legt es beiseite als einen Rückstand, der nachgeholt werden muß, wenn die andern Aufgaben beendet sind.

Bald liegt ein ganzer Stoß solcher Rückstände da und wächst an wie eine Lawine. Je höher er wird, um so vernagelter werde ich. Der Fall ist so hoffnungslos, daß ich das Gefühl habe, in einem tiefen Sumpf von Unsinn herumzuwaten, und jeden Gedanken wieder herauszubekommen aufgebe und mich meinem Schicksal überlasse. Die verzweifelte Angst, mit der meine Mutter und ich einander ansehen, ist wirklich trübselig. Aber der Hauptschlag kommt, wenn meine Mutter sich unbeobachtet glaubt und mir das Stichwort durch eine Bewegung der Lippen zu verraten sucht. In diesem Augenblick sagt Miß Murdstone, die bloß darauf gewartet hat, mit tiefer warnender Stimme:

»Klara!«

Meine Mutter fährt zusammen, wechselt die Farbe und lächelt schüchtern. Mr. Murdstone steht von seinem Stuhl auf, wirft mir das Buch an den Kopf oder schlägt es mir um die Ohren und schiebt mich bei den Schultern zur Tür hinaus.

Wenn die Stunden aus sind, kommt erst das Schlimmste in Gestalt eines entsetzlichen Rechenexempels. Das ist für mich besonders erfunden und wird mir durch Mr. Murdstone mündlich überliefert. Es fängt an:

[65] »Wenn ich in einen Käseladen gehe und kaufe fünftausend doppelte Gloucesterkäse zu vier und einem halben Penny – augenblicklich zahlbar« – Miß Murdstones Züge werden überglücklich bei dieser Wendung – und so weiter und so weiter. Bis Mittag brüte ich über diesen Käsen ohne Resultat oder Erleuchtung, und wenn ich dann durch Abwischen der mit Schiefer beschmutzten Finger an meinem schweißtriefenden Gesicht einen Mulatten aus mir gemacht habe, bekomme ich ein Stückchen Brot ohne Butter zu meinen Käsen und bin für den Abend in Ungnade gefallen.

Nach so vielen Jahren scheint es mir, als ob meine unglücklichen Studien immer denselben Verlauf genommen hätten. Ich wäre sehr gut vorwärts gekommen ohne die Murdstones, aber ihr Einfluß auf mich war wie der bannende Blick, den zwei Schlangen auf einen armen kleinen Vogel richten.

Selbst wenn ich ziemlich gut durch die Morgenarbeiten kam, hatte ich nicht viel mehr gewonnen als die freie Zeit des Mittagessens, denn Miß Murdstone konnte mich nie unbeschäftigt sehen; und wenn ich unvorsichtigerweise merken ließ, daß ich gerade nichts zu tun hatte, so lenkte sie ihres Bruders Aufmerksamkeit auf mich, indem sie sagte: »Liebe Klara, es geht nichts über die Arbeit, – gib deinem Jungen etwas auf.« Und das hatte stets zur Folge, daß ich sofort über eine neue Arbeit geduckt wurde. Von Zerstreuungen mit andern Kindern meines Alters war kaum die Rede, denn dem finstern Puritanismus der Murdstones erschienen alle Kinder wie eine Brut kleiner Vipern. Als ob niemals ein Kind in die Mitte der Jünger gestellt worden wäre!

Die natürliche Folge dieser vielleicht sechs Monate oder noch länger fortgesetzten Behandlungsweise war, daß ich ganz stumpf, verstockt und schwer von Begriffen wurde. Nicht wenig trug dazu bei, daß ich mich täglich mehr meiner Mutter entfremdet fühlte. Ich glaube, wenn mir nicht ein glücklicher Umstand geholfen hätte, ich wäre blödsinnig geworden.

Und das war folgender. Mein Vater hatte eine kleine Büchersammlung in einer Dachstube neben meinem Schlafraum, um die sich niemand kümmerte, hinterlassen. [66] Aus diesem gesegneten kleinen Stübchen kamen Roderick Random, Peregrine Pickle, Humphrey Clinker, Tom Jones, der Landprediger von Wakefield, Don Quixote, Gil Blas und Robinson Crusoe – eine glorreiche Schar – zu mir, um mir Gesellschaft zu leisten. Sie erhielten meine Phantasie lebendig – und meine Hoffnung auf etwas über diesen Ort und diese Zeit hinaus; sie und Tausendundeine Nacht und die persischen Märchen brachten mir keinen Schaden, denn was in einigen von ihnen Schädliches sein mochte, war für mich nicht da; ich verstand nichts davon. Es ist mir nur unbegreiflich, woher ich inmitten meines Hockens und Brütens über schwierigere Themen die Zeit nahm alle diese Bücher zu lesen. Es ist mir jetzt wunderbar, wie es für mich in meinen kleinen und doch so großen Leiden tröstlich sein konnte, daß ich die Rollen meiner Lieblingscharaktere in diesen Geschichten auf mich übertrug und Mr. und Miß Murdstone mit allen schlechten bedachte. Eine ganze Woche lang war ich Tom Jones in Kindergestalt. Die Rolle Roderick Randoms habe ich wohl einen Monat lang gespielt.

Ich fraß förmlich ein paar Bände Reisebeschreibungen, ich weiß nicht mehr, welche, und tagelang bin ich in der obern Region des Hauses heimlich umhergestreift, bewaffnet mit dem Mittelstück eines alten Stiefelholzes, als Kapitän soundso von der königlich britischen Flotte, der von Wilden bedroht war und sein Leben so teuer wie möglich verkaufen wollte. Niemals verlor der Kapitän seine Würde, wenn ihm die lateinische Grammatik um die Ohren geschlagen wurde. Ich litt wohl darunter, der Kapitän aber blieb Kapitän und ein Held trotz aller Grammatiken, aller lebenden und toten Sprachen.

Das bildete meinen einzigen und beständigen Trost. Wenn ich daran denke, steht mir ein Sommerabend vor Augen, wo die Kinder draußen auf dem Kirchhof spielten und ich auf dem Bette saß und auf Tod und Leben drauf – los – las. Jede Scheune in der Nachbarschaft, jeder Stein in der Kirche, jeder Fußbreit des Friedhofs standen in meiner Seele in Verbindung mit diesen Büchern und vertraten die Stelle eines in ihnen [67] berühmt gewordnen Ortes. Ich habe gesehen, wie Tom Pipes den Kirchtum hinaufkletterte, habe Strab mit dem Schnappsack auf dem Rücken beobachtet, wie er an der Gitterpforte am Zaun ausruhte, und ich weiß, daß Commodore Trunnion seine Klubsitzung mit Mr. Pickle in der Gaststube unserer kleinen Dorfschenke abhielt. So war ich damals geartet, als das Ereignis eintrat, von dem ich jetzt berichten will.

Eines Morgens, als ich mit meinen Büchern in das Wohnzimmer trat, bemerkte ich, daß meine Mutter sehr ängstlich aussah und Miß Murdstone sehr fest, während Mr. Murdstone etwas um das untere Ende eines Rohrstockes wickelte. Es war ein geschmeidiges und schmächtiges Rohr, das er in der Hand wippte und durch die Luft sausen ließ, als ich hereinkam.

»Ich sage dir doch, Klara,« bemerkte Mr. Murdstone, »ich selbst bin oft durchgehauen worden.«

»Gewiß, selbstverständlich,« sagte Miß Murdstone.

»Gewiß, liebe Jane,« stammelte meine Mutter demütig. »Aber – aber meinst du, daß es Edward gut getan hat?«

»Glaubst du, daß es Edward geschadet hat, Klara?« fragte Mr. Murdstone ernst.

»Das ist der springende Punkt,« sagte seine Schwester.

»Gewiß, liebe Jane,« weiter sagte meine Mutter nichts mehr.

Mich beschlich das Gefühl, daß sich das Zwiegespräch auf mich bezöge. Und ich suchte und begegnete Mr. Murdstones Blick.

»Nun, David?« sagte er und sein Auge blitzte. »Du mußt dich heute viel mehr in acht nehmen, als gewöhnlich.« Er hieb wieder mit dem Rohr durch die Luft, und nachdem er diese Vorbereitung beendigt hatte, legte er es mit ausdrucksvollem Blick neben sich hin und nahm ein Buch zur Hand.

Nur für den Beginn war dies eine gute Auffrischung meiner Geistesgegenwart. Dann fühlte ich, wie die Worte mir beim Aufsagen entschwanden,[68] nicht einzeln oder zeilenweise, sondern gleich ganze Seiten lang. Ich versuchte meine Gedanken wieder einzufangen, aber es war, als ob sie Schlittschuhe an hätten und mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit wegglitten.

Wir fingen schlecht an und fuhren noch schlechter fort. Ich war hereingekommen mit dem Bewußtsein, daß ich mich heute sogar auszeichnen würde, denn ich glaubte recht gut vorbereitet zu sein, aber es stellte sich als vollständiger Irrtum heraus. Ein Buch nach dem andern vermehrte den Haufen der Rückstände, und Miß Murdstone wandte die ganze Zeit über den Blick nicht von uns. Und als wir endlich zu den fünftausend Käsen kamen, – er machte an diesem Tage Rohrstöcke daraus, – fing meine Mutter zu weinen an.

»Klara!« sagte Miß Murdstone mit warnender Stimme.

»Ich fühle mich nicht ganz wohl, meine liebe Jane, glaube ich,« sagte meine Mutter.

Ich sah Mr. Murdstone feierlich seiner Schwester zuwinken, als er aufstand, das Rohr nahm und sagte:

»Nun, Jane, wir können kaum erwarten, daß Klara mit unerschütterlicher Festigkeit den Ärger und die Qual trägt, die David ihr heute verursacht hat. Das würde stoisch sein. Klara hat sich sehr gefestigt und ist viel stärker geworden, aber wir können kaum so viel von ihr erwarten. David, wir wollen jetzt beide hinaufgehen.«

Als er mich aus der Türe zog, rannte meine Mutter auf uns zu. Miß Murdstone sagte: »Klara! Bist du denn ganz närrisch!« und trat dazwischen. Ich sah, wie sich meine Mutter die Ohren zuhielt, und hörte sie weinen.

Er führte mich in mein Zimmer, langsam und feierlich; ich weiß bestimmt, es machte ihm Freude, die Exekution so förmlich zu gestalten, – und als wir oben angekommen waren, klemmte er plötzlich meinen Kopf unter seinen Arm.

»Mr. Murdstone! Sir!« schrie ich auf. »O bitte, schlagen Sie mich nicht. Ich habe mir solche Mühe[69] beim Lernen gegeben, Sir, aber ich kann es nicht aufsagen, wenn Sie und Miß Murdstone dabei sind. Ich kann es wirklich nicht!«

»Kannst du es wirklich nicht, David?« fragte er. »Wir wollens mal versuchen.«

Er hielt meinen Kopf fest wie in einem Schraubstock. Aber ich entwand mich doch noch, und es gelang mir, ihn einen Augenblick aufzuhalten. Nur einen Augenblick, denn gleich darauf versetzte er mir einen heftigen Schlag. In demselben Augenblick erhaschte ich seine Hand mit meinem Mund und biß sie durch und durch. Es zuckt mir jetzt noch in den Zähnen, wenn ich daran denke.

Er schlug mich dann, als ob er mich totpeitschen wollte. Durch all den Lärm, den wir machten, hörte ich die andern die Treppe heraufrennen und aufschreien – ich hörte meine Mutter aufschreien – und Peggotty. Dann war er fort, und die Tür war von außen verschlossen. Und ich lag fieberheiß und zerrissen und wund auf dem Boden und raste in ohnmächtiger Wut.

Ich weiß mich gut zu erinnern, welch unnatürliche Stille im ganzen Hause herrschte, als ich wieder ruhig wurde. Ich kann mich gut entsinnen, als Schmerz und Leidenschaft sich legten, wie schlecht ich mir vorkam.

Ich saß lange Zeit lauschend da, aber es war kein Laut zu vernehmen Ich raffte mich vom Boden auf und sah mein Gesicht im Spiegel so verschwollen und entstellt, daß ich mich entsetzte. Die Striemen waren wund und hart, und ich mußte aufschreien, wenn ich mich rührte. Aber sie waren nichts gegen mein Schuldbewußtsein. Es lastete schwer auf meiner Brust, wie wenn ich der schlimmste Verbrecher gewesen wäre.

Es fing an zu dunkeln, und ich machte das Fenster zu, – ich hatte die ganze Zeit über mit dem Kopf auf dem Fensterbrett gelegen und abwechselnd geweint, halb geschlafen oder gedankenlos hinausgesehen, – als sich der Schlüssel herumdrehte und Miß Murdstone mit Brot, Fleisch und Milch hereintrat. Ohne ein Wort zu sprechen, setzte sie es auf den Tisch und starrte mich [70] währenddessen ununterbrochen mit größter Festigkeit an, entfernte sich dann und schloß die Türe hinter sich zu.

Noch lange saß ich im Dunkeln da und grübelte, ob sonst noch jemand kommen werde. Als das für diesen Abend unwahrscheinlich wurde, zog ich mich aus und ging zu Bett und fing an, mich furchtsam zu fragen, was jetzt wohl mit mir geschehen würde. War es ein Verbrechen, das ich begangen hatte? Würde man mich verhaften und ins Gefängnis stecken, mich am Ende gar hängen?!

Ich werde nie das Erwachen am nächsten Morgen vergessen: Im ersten Augenblick froh und heiter, war ich plötzlich durch die erwachende Erinnerung wie niedergeschmettert. Miß Murdstone erschien wieder, ehe ich mich erhob, sagte mir mit kurzen Worten, daß ich eine halbe Stunde, aber nicht länger, spazieren gehen dürfte, und verschwand. Sie ließ diesmal die Türe offen, damit ich von der Erlaubnis Gebrauch machen könnte.

Ich tat es und jeden folgenden Morgen meiner Gefangenschaft, die fünf Tage dauerte. Wenn ich meine Mutter allein hätte sehen können, wäre ich vor ihr auf die Kniee gefallen und hätte sie um Verzeihung gebeten, aber ich bekam niemand zu Gesicht, außer Miß Murdstone. Eine Ausnahme bildete nur die Zeit des Abendgebetes in der Wohnstube; dorthin führte mich Miß Murdstone, und ich mußte wie ein junger Sträfling an der Tür stehen bleiben, während alle ihre Plätze einnahmen; und ehe sie sich erhoben, führte mich meine Kerkermeisterin mit großer Feierlichkeit wieder ins Gefängnis. Ich bemerkte, daß meine Mutter, am allerweitesten von mir entfernt, ihr Gesicht von mir abgewandt hielt, und daß Mr. Murdstones Hand mit einem großen leinenen Tuch verbunden war.

Wie entsetzlich lang mir diese fünf Tage wurden, kann ich nicht beschreiben. Sie nehmen in meiner Erinnerung den Raum von Jahren ein. Die Spannung, mit der ich allen Vorkommnissen im Hause lauschte, das Klingeln, das Öffnen und Schließen von Türen, das Murmeln von Stimmen, die Schritte auf den Treppen; das Lachen, Pfeifen und Singen draußen, das mir in meiner Einsamkeit und Verstoßenheit furchtbarer[71] erschien, als alles andere, das ungewisse Schleichen der Stunden, besonders des Nachts, wenn ich in dem Glauben aufwachte, es sei schon Morgen, während die Familie noch nicht zu Bett gegangen war und ich noch die ganze lange Nacht vor mir hatte, – die quälenden Träume mit ihrem Alpdrücken, – die Wiederkehr von Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend, wo die Jungen draußen auf dem Kirchhof spielten, und ich sie vom Hintergrund des Zimmers aus beobachtete, weil ich mich schämte, mich wie ein Gefangener am Fenster zu zeigen, – das fremdartige Gefühl, daß ich mich nie sprechen hörte, – die flüchtigen Pausen schnell entschwindender Erleichterung, die mit dem Essen und Trinken kam und wieder ging, der Regen eines Abends mit seinem frischen Duft, wie er immer dichter und dichter wurde zwischen mir und der Kirche, bis er und die hereinbrechende Nacht mich in einer Finsternis von Furcht und Reue zu ersticken drohten, – alles das scheint Jahre statt Tage gedauert zu haben, so lebendig und tief hat es sich mir eingeprägt.

In der letzten Nacht meiner Haft wachte ich auf und hörte meinen Namen flüstern. Ich richtete mich im Bett auf, breitete meine Arme im Dunkeln aus und fragte:

»Bist dus, Peggotty?«

Es kam nicht sogleich eine Antwort. Aber nicht lange darauf hörte ich wieder meinen Namen in einem so geheimnisvollen und schaurigen Ton, daß ich vor Schrecken wahrscheinlich ohnmächtig geworden wäre, hätte ich nicht plötzlich begriffen, daß er durch das Schlüsselloch kommen müsse.

Ich tappte mich zur Tür, legte den Mund an das Schlüsselloch und flüsterte:

»Bist dus, liebe Peggotty?«

»Ja, mein einziger lieber Davy. Sei so leise wie eine Maus, sonst hört uns die Katze.«

Ich verstand sogleich, daß Miß Murdstone gemeint war, und fühlte die Notwendigkeit der Vorsicht, denn ihr Zimmer stieß dicht an meines.

»Was macht Mama, liebe Peggotty? Ist sie sehr böse auf mich?«

[72] Ich konnte hören, daß Peggotty leise vor der Tür weinte, – wie ich, – ehe sie antworten konnte:

»Nein, nicht sehr.«

»Was wird mit mir geschehen, liebe Peggotty? Weißt du es?«

»Schule. Bei London,« war Peggottys Antwort. Sie mußte es noch einmal wiederholen, denn sie hatte es das erstemal in meinen Hals hineingesprochen, weil ich vergaß, den Mund vom Schlüsselloch wegzunehmen und das Ohr daranzulegen. Ihre Worte kitzelten mich sehr, aber verstehen konnte ich sie nicht.

»Wann? Peggotty.«

»Morgen.«

»Hat deshalb Miß Murdstone meine Kleider aus der Kommode genommen?«

»Ja,« sagte Peggotty. »Koffer.«

»Werde ich Mama nicht mehr wiedersehen?«

»Ja,« sagte Peggotty. »Morgen früh.« Dann legte sie ihre Lippen dicht an das Schloß und sprach die folgenden Worte so gefühlvoll und innig, wie sie wohl nie durch ein Schlüsselloch mitgeteilt worden sind, und stieß jeden Satz abgebrochen mit einem krampfhaften kleinen Ruck hervor:

»Lieber Davy, – wenn ich jetzt nicht ganz so herzlich – mit dir bin, wie früher, – so ists nicht, weil ich dich nicht – sehr und noch mehr liebe, mein liebes Herzenspüppchen, – sondern bloß weil ich glaube, es ist besser für dich – und für jemand anders. Davy, mein Liebling, hörst du mich? Kannst du hören?«

»Ja–a–a–a, Peggotty,« schluchzte ich.

»Du mein Herzenskind,« flüsterte Peggotty mit unendlichem Mitleid. »Ich will dir nur sagen, du darfst mich niemals vergessen. Auch ich will dich niemals vergessen. Und ich will deine Mama, Davy, so in acht nehmen, wie ich dich in acht genommen habe. Und ich werde sie nie verlassen. Der Tag wird noch kommen, wo sie gern ihren armen Kopf ihrer dummen, mürrischen, alten Peggotty wieder auf den Arm legen wird. Ich werde dir schreiben, mein Liebling. Wenn ich auch kein Gelehrter bin, und ich will – ich will –«[73] Peggotty fing an, das Schlüsselloch zu küssen, da sie mich nicht küssen konnte.

»Ich danke dir, meine liebe Peggotty,« sagte ich. »Ich danke, danke dir. Willst du mir nur eins versprechen, Peggotty? Wirst du Mr. Peggotty und der kleinen Emly und Mrs. Gummidge und Ham sagen, daß ich nicht so schlecht bin, wie sie vielleicht denken, und daß ich sie alle von Herzen grüßen lasse, besonders die kleine Emly? Willst du so gut sein, Peggotty?«

Die gute Seele versprach mirs, und wir küßten beide das Schlüsselloch mit der größten Zärtlichkeit, – ich streichelte es mit der Hand, entsinne ich mich noch, als ob es ihr ehrliches Gesicht gewesen wäre, – und trennten uns. Seit dieser Nacht wuchs in mir ein Gefühl für Peggotty, das ich nicht recht beschreiben kann. Sie ersetzte mir nicht meine Mutter, niemand hätte das können, aber sie füllte eine Leere in meinem Herzen aus, die sich über ihr schloß, und ich fühlte etwas für sie, was ich nie für ein anderes menschliches Wesen empfunden habe. Es mischte sich das Gefühl des Komischen wohl unter meine Zärtlichkeit, und dennoch kann ich mir nicht vorstellen, wie ich den Schmerz ertragen hätte, wenn sie gestorben wäre.

Frühmorgens erschien Miß Murdstone wie gewöhnlich und sagte mir, daß ich in die Schule geschickt würde, was mich durchaus nicht so überraschte, wie sie wohl angenommen hatte. Sie sagte mir auch, daß ich hinunterkommen sollte in die Wohnstube zum Frühstück. Dort fand ich meine Mutter sehr blaß und mit roten Augen. Ich lief ihr in die Arme und bat sie aus tiefbewegter Seele um Verzeihung.

»O Davy!« sagte sie, »daß du jemand weh tun konntest, den ich liebe. Versuche dich zu bessern, bete darum, daß du besser werdest. Ich verzeihe dir, aber ich bin voll Kummer, Davy, daß du ein so böses Herz hast.«

Sie hatten ihr eingeredet, daß ich ein verworfenes Geschöpf wäre, und das schmerzte sie mehr als mein Fortgehen. Auf mich machte es einen tiefen Eindruck.

Ich versuchte mein Abschiedsfrühstück zu essen,[74] aber die Tränen tröpfelten auf mein Butterbrot und in meinen Tee.

Ich sah, wie meine Mutter mich von Zeit zu Zeit anblickte und dann auf Miß Murdstone sah und die Augen niederschlug oder wegschaute.

»Ist Master Copperfields Koffer da?« fragte Miß Murdstone, als draußen der Wagen vorfuhr. Ich sah mich nach Peggotty um, aber weder sie noch Mr. Murdstone erschien. Mein alter Bekannter, der Fuhrmann, stand an der Tür, nahm den Koffer und hob ihn auf den Wagen.

»Klara!« sagte Miß Murdstone in warnendem Ton.

»Ich bin bereit, liebe Jane,« sagte meine Mutter. »Leb wohl, Davy, du gehst zu deinem eignen Besten. Leb wohl, mein Kind, du wirst in den Feiertagen nach Hause kommen und ein besserer Junge sein.«

»Klara!« wiederholte Miß Murdstone.

»Gewiß, meine liebe Jane,« antwortete meine Mutter und hielt meine Hand noch immer fest. »Ich verzeihe dir, mein lieber Junge. Gott segne dich!«

»Klara!« wiederholte Miß Murdstone. Sie hatte die Güte, mich zum Wagen zu führen und mir unterwegs zu sagen, sie hoffe, ich würde in mich gehen, ehe es ein schlimmes Ende mit mir nähme, und dann stieg ich in den Wagen, und das faule Pferd trottete mit mir davon.

Fünftes Kapitel

Man schickt mich fort.


Wir waren kaum eine Viertelstunde gefahren, und mein Taschentuch war ganz durchnäßt, als der Kutscher plötzlich anhielt.

Als ich hinaussah, brach zu meinem Erstaunen Peggotty aus einer Hecke hervor und kletterte in den Wagen. Sie schloß mich in die Arme und preßte mich derartig an [75] ihren Schnürleib, daß mir die Nase wehtat. Nicht ein einziges Wort sprach Peggotty. Sie ließ mich mit dem einen Arm los, griff bis an den Ellbogen in ihren Rock und holte ein paar in Papier gewickelte Kuchen hervor, die sie mir in die Tasche stopfte. Einen Geldbeutel drückte sie mir in die Hand. Sie sprach dabei kein Wort.

Sie preßte mich noch ein letztesmal an ihren Schnürleib, stieg aus und lief davon, wie ich glaube und stets geglaubt habe, ohne einen einzigen Knopf an ihrem Kleid. Ich hob einen der vielen, die herumrollten, auf und bewahrte ihn lange Zeit als ein teures Andenken.

Der Fuhrmann sah mich fragend an, ob sie zurückkäme. Ich schüttelte den Kopf und sagte, ich dächte nicht. »Also los,« rief er seinem faulen Pferde zu, das sich daraufhin in Bewegung setzte.

Da ich mich ordentlich ausgeweint hatte, fing ich jetzt an zu überlegen, daß Tränen doch nichts nützten, um so mehr, als weder Roderick Random, noch jener Kapitän der englischen Flotte jemals in schwierigen Lagen geweint hatten, soviel ich mich entsinnen konnte. Als der Fuhrmann mich so gefaßt sah, schlug er mir vor, mein Taschentuch zum Trocknen dem Pferd auf den Rücken zu legen. Ich dankte ihm und gab es ihm, und merkwürdig klein sah es aus, als es dort lag.

Ich hatte jetzt Muße, die Börse zu untersuchen. Es war ein steifer Lederbeutel mit einem Schloß und drin befanden sich drei glänzende Schillinge, die Peggotty mit Putzpulver poliert hatte, damit es mich noch mehr freuen sollte. Aber sein kostbarster Inhalt bestand aus zwei halben Kronen in einem Stück Papier, worauf mit meiner Mutter Handschrift stand: »Für Davy. Mit herzlichem Gruß.« Ich war davon so gerührt, daß ich den Fuhrmann bat, mir wieder mein Taschentuch hereinzureichen, aber er meinte, es ginge wohl auch so, und so wischte ich meine Augen mit dem Rockärmel und bezwang mich.

Es gelang mir, wenn mich auch noch hier und da das Schluchzen riß. Nach einer Weile Trottes fragte ich den Fuhrmann, ob er die ganze Reise mache.

[76] »Welche Reise?« fragte er.

»Dahin,« sagte ich.

»Wo, dahin?« fragte der Fuhrmann.

»Nun bei London,« sagte ich.

»Das Pferd,« sagte der Fuhrmann und schlenkerte mit dem Zügel, statt hinzudeuten, »wäre töter als Schweinfleisch, ehe wir noch halb hinkämen.«

»Sie fahren also nur bis Yarmouth?« fragte ich.

»Stimmt,« sagte der Fuhrmann. »Dort bringe ich Sie zur Postkutsche und die bringt Sie nach – wos eben ist.«

Da das für den Fuhrmann, der Mr. Barkis hieß, bei seinem phlegmatischen und wenig gesprächigen Temperament eine sehr lange Rede war, bot ich ihm als Zeichen meiner Erkenntlichkeit einen Kuchen an, den er auf einen Bissen verschlang, gerade wie ein Elefant, und der auf sein breites Gesicht nicht mehr Eindruck machte, als er auf das eines Elefanten gemacht hätte.

»Hat sie den gebacken?« fragte Mr. Barkis, der immer vorwärts gebeugt auf seinem Sitze hockte, auf jedes Knie einen Arm gestützt.

»Peggotty, meinen Sie, Sir?«

»Hm,« sagte Mr. Barkis. »Sie.«

»Ja, sie backt alle unsere Kuchen und kocht für uns.«

»Wahrhaftig!«

Er spitzte den Mund, als wollte er pfeifen, aber er pfiff nicht. Er saß da und zielte nach den Ohren des Pferdes, als sähe er dort etwas ganz Besonderes. So saß er eine geraume Zeit. Endlich sagte er: »Keine Schätze?«

»Sagten Sie Plätzchen, Mr. Barkis?« Ich dachte, er wollte noch etwas zu essen haben und hätte auf diese Art Erfrischung angespielt.

»Schätze,« sagte Mr. Barkis. »Schätze! Niemand geht mit ihr?«

»Mit Peggotty?«

»Hm. Mit ihr.«

»O nein, sie hat niemals einen Schatz gehabt.«

»Wahrhaftig!?«

Wieder spitzte er den Mund zum Pfeifen, aber [77] wieder pfiff er nicht, sondern zielte nach den Ohren des Pferdes.

»Sie macht also die Äpfeltorten und besorgt die Küche, was?« fragte er nach einer langen Pause des Nachdenkens.

Ich bejahte.

»Gut. Ich will Ihnen was sagen; schreiben Sie ihr 'leicht?«

»Ich schreibe jedenfalls an sie.«

»Hm,« sagte er und wandte mir langsam seine Augen zu. »Gut. Wenn Sie ihr schreiben, sagen Sie ihr, daß Barkis will. Ja?«

»Daß Barkis will?« fragte ich unschuldig. »Ist das alles?«

»Jawoll,« sagte er nachdenklich. »Jawoll. Barkis will.«

»Aber Sie sind doch morgen wieder zurück in Blunderstone, Mr. Barkis,« sagte ich, und meine Stimme bebte ein wenig bei dem Gedanken, daß ich dann so weit fort sein würde, »und könnten Ihre Botschaft doch selber viel besser ausrichten.«

Da er aber diesen Vorschlag mit einem Ruck seines Kopfes zurückwies und seinen ersten Wunsch mit tiefstem Ernst wiederholte: »Barkis will,« übernahm ich bereitwillig den Auftrag. Später nachmittags, während wir im Gasthof in Yarmouth auf die Postkutsche warteten, ließ ich mir einen Bogen Papier und ein Tintenfaß bringen und schrieb folgenden Brief an Peggotty: »Meine liebe Peggotty. Ich bin hier glücklich angekommen. Barkis will. Viele herzliche Grüße an Mama. Dein getreuer Davy. Nachschrift. Es ist mir nochmals aufgetragen worden: Barkis will.«

Als ich Mr. Barkis noch im Wagen mein Versprechen gegeben hatte, verfiel er wieder in sein tiefes Schweigen, und ich, ganz ermattet von den letzten Ereignissen, legte mich auf einen Sack im Wagen und schlief ein. Ich schlief gesund, bis wir in Yarmouth ankamen, das mir von dem Gasthof aus, vor dem wir hielten, so neu und seltsam vorkam, daß ich sogleich die stille Hoffnung aufgab, hier jemand von Mr. Peggottys Familie oder vielleicht gar die kleine Emly selbst zu treffen.

Die Postkutsche stand, über und über glänzend, im[78] Hofe, aber noch waren keine Pferde vorgespannt, und sie sah in diesem Zustande aus, als wäre nichts unwahrscheinlicher, als daß sie je nach London fahren könnte. Ich fragte mich, was wohl aus meinem Koffer werden sollte, den Mr. Barkis auf das Pflaster gesetzt hatte, und aus mir, als eine Frau aus einem Bogenfenster, an dem Geflügel und Fleischstücke aufgehangen waren, heraussah und fragte:

»Ist das der junge Herr aus Blunderstone?«

»Ja, Maam,« sagte ich.

»Wie heißen Sie?« fragte die Frau.

»Copperfield, Maam,« sagte ich.

»Stimmt nicht. Für Copperfield ist nichts bestellt.«

»Vielleicht für Murdstone,« sagte ich.

»Wenn Sie Master Murdstone sind, warum sagen Sie da zuerst einen andern Namen?«

Ich erklärte ihr den Zusammenhang, worauf sie eine Glocke zog und rief: »William, bring ihn ins Frühstückszimmer.« Aus der Küche am andern Ende des Hofes kam ein Kellner herausgerannt und schien sehr erstaunt, als er bloß mich sah.

Es war ein sehr geräumiges Zimmer mit verschiedenen großen Landkarten an den Wänden. Ich setzte mich scheu mit der Mütze in der Hand auf die Ecke des Stuhles, der der Tür am nächsten stand, und als der Kellner für mich einen Tisch deckte, muß ich ganz rot vor Bescheidenheit geworden sein.

Er brachte mir einige Koteletten mit Gemüse und nahm den Deckel in so heftiger Weise herunter, daß ich glaubte, ich hätte ihn irgendwie beleidigt. Aber ich beruhigte mich wieder, als er mir den Stuhl an den Tisch schob und sehr leutselig sagte: »Nun, Sechsfußhoch, kommen Sie her.«

Ich dankte ihm und setzte mich an den Tisch, fand es aber sehr schwer, mit Messer und Gabel zu hantieren, ohne mich zu bespritzen. Währenddessen stand er mir gegenüber und wandte kein Auge von mir und machte mich immer schrecklich erröten, wenn ich seinem Blick begegnete.

Nachdem er mir bis zum zweiten Kotelett zugesehen, sagte er:

[79] »Es ist auch eine halbe Pinte Ale für Sie bestellt. Wollen Sie sie jetzt haben?«

Ich dankte und sagte: »Ja.« Hierauf goß er das Bier aus einem Krug in ein großes Glas und hielt es gegen das Licht.

»Meiner Seel,« sagte er, »es scheint eine ganze, ganze Menge, was?«

»Ja, es scheint eine ganze Menge,« antwortete ich lächelnd, denn ich war ganz entzückt, daß er zu mir so freundlich war. Er war ein Mann mit zwinkernden Augen und sinnigem Gesicht, und das Haar stand ihm zu Berge. Wie er den Arm in die Seite gestemmt hatte und das Glas gegen das Licht hielt, sah er jedoch ganz gemütlich aus.

»Gestern war ein Gentleman hier,« fing er wieder an, »ein großer, starker Gentleman, der hieß Oberniedersäger. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Nein,« sagte ich, »ich glaube nicht.«

»Kurze Hosen und Gamaschen, breitkrempigen Hut, scheckiges Halstuch,« sagte der Kellner.

»Nein,« sagte ich gedrückt. »Ich habe nicht das Vergnügen.«

»Er kehrte hier ein,« sagte der Kellner und sah immer noch durch das Glas, »bestellte auch Ale, trotzdem ich ihm abriet, trank es und war tot auf der Stelle. War zu alt für ihn. Es sollte nicht ausgeschenkt werden. Das ist die Sache.«

Der tragische Vorfall machte mich ganz bestürzt und ich sagte, ich würde ein Glas Wasser vorziehen.

»Ja, sehen Sie,« sagte der Kellner, immer noch mit dem einen Auge durch das Glas spähend, das andere hatte er zugemacht, »unsre Leute sehens nicht gern, wenn etwas bestellt wird und stehen bleibt. Nehmens übel. Aber ich wills trinken, wenn Sie erlauben. Bin dran gewöhnt und Gewohnheit kann alles. Ich glaube nicht, daß es mir schadet, wenn ich den Kopf zurücklege und es rasch hinuntergieße. Was?«

Ich erwiderte, ich wäre ihm sehr verpflichtet, wenn er es tränke und es ihm nicht schaden würde. Sonst aber möge er es ja nicht tun. Als er den Kopf zurücklegte und es rasch hinuntergoß, erfaßte mich eine schreckliche [80] Angst, er könnte das Schicksal des bedauernswerten Mr. Oberniedersäger teilen und tot zu Boden fallen. Aber es tat ihm nichts. Im Gegenteil, es schien ihn nur erfrischt zu haben.

»Was haben wir denn da?« sagte er und fuhr dann mit einer Gabel in meine Schüssel. »Doch nicht Koteletten?«

»Koteletten,« sagte ich.

»Gott bewahre!« rief er aus. »Ich wußte gar nicht, daß es Koteletten sind. Ein Kotelett ist das beste gegen das Bier. Ist das ein Glück, was?«

Damit nahm er ein Kotelett, den Knochen in die eine Hand und eine Kartoffel in die andere, und verschlang beide zu meiner größten Befriedigung mit außerordentlichem Appetit. Dann nahm er noch ein Kotelett und noch eine Kartoffel und noch ein Kotelett und noch eine Kartoffel. Hierauf brachte er mir einen Pudding, setzte ihn auf den Tisch und schien ein paar Augenblicke ganz in Gedanken zu versinken.

»Wie ist die Pastete?« fragte er, wie aus einem Traum erwachend.

»Es ist Pudding,« gab ich zur Antwort.

»Pudding?« rief er aus. »Gott bewahre! Wirklich!« und genauer hinblickend: »Es ist doch nicht etwa Blätterpudding?«

»Ja, es ist Blätterpudding.«

»Was? Blätterpudding?« sagte er und nahm einen Eßlöffel. »Das ist ja mein Lieblingspudding. Ist das nicht ein Glück? Komm, Kleiner, wollen mal sehen, wer das meiste kriegt.«

Er bekam wirklich das meiste. Er bat mich mehr als einmal, ich möchte mich doch dazu halten, aber das Mißverhältnis seines Eßlöffels zu meinem Teelöffel, seiner Fertigkeit zu meiner, seines Appetits zu meinem Appetit bewirkten, daß ich schon bei den ersten Bissen weit zurückblieb und keine Aussicht mehr hatte, ihn wieder einzuholen. Ich glaube, ich habe niemals jemand einen Pudding mit so viel Genuß essen sehen; und er lachte, als er fertig war, als ob seine Freude noch fortdauerte.

Da er so freundlich und gefällig war, bat ich ihn um Feder, Tinte und Papier, um an Peggotty zu schreiben.

[81] Er brachte es nicht nur sogleich, sondern war auch so freundlich, mir über die Achsel zu sehen, während ich schrieb. Als ich fertig war, fragte er mich, wo ich zur Schule ginge.

Ich sagte: »Bei London,« denn ich wußte weiter nichts.

»Gott bewahre!« sagte er und schaute sehr traurig drein. »Das tut mir leid.«

»Warum?« fragte ich ihn.

»Ach mein Gott,« sagte er und schüttelte den Kopf, »das ist die Schule, wo sie dem Jungen die Rippen zerbrachen. Zwei Rippen. Es war ein kleiner Junge. Er war etwa – warten Sie mal – wie alt sind Sie ungefähr?«

Ich sagte ihm: »Zwischen acht und neun Jahre.«

»Das ist grade sein Alter. Er war acht Jahre und sechs Monate, als sie ihm die erste Rippe brachen, acht Jahre und acht Monate alt, als sie ihm die zweite zerbrachen. Und dann war es aus mit ihm.«

Ich konnte weder mir noch dem Kellner verhehlen, daß das ein recht unangenehmer Vorfall sei, und forschte, wodurch es denn geschehen wäre. Seine Antwort klang durchaus nicht ermutigend für mich, denn sie bestand aus zwei schrecklichen Worten: »Durch Strixe.«

Das Blasen des Posthorns auf dem Hof veranlaßte mich, aufzustehen, und mit einem aus Stolz und Ängstlichkeit gemischtem Gefühl, im Besitz einer Börse zu sein, fragte ich, ob noch etwas zu bezahlen wäre.

»Ein Bogen Briefpapier,« sagte er. »Haben Sie schon einmal einen Bogen Briefpapier gekauft?«

Ich konnte mich nicht erinnern.

»Ist sehr teuer. Von wegen die Steuer,« sagte er. »Drei Pence. So werden wir hier besteuert! Sonst weiter nichts. Bloß der Kellner noch. Die Tinte kostet nichts, bei der setze ich zu.«

»Was möchten Sie – was soll ich – wieviel hätte ich – was gibt man wohl dem Kellner, bitte?« stammelte ich und wurde rot.

»Wenn ich keine Familie besäße und die Familie nicht die Pocken hätte,« sagte der Kellner, »würde ich nicht sechs Pence nehmen. Wenn ich keinen alten[82] Vattern nicht hätte und eine lübliche Schwester« – hier wurde der Kellner sehr aufgeregt – »möchte ich keinen Pfennig nicht nehmen. Wenn ich eine gute Stelle hätte hier und gut behandelt würde, würde ich selbst Trinkgeld geben anstatt eins zu nehmen, aber ich lebe von Abfall und schlafe auf Kohlen –,« hier brach er in Tränen aus. Mich ergriff seine unglückliche Lage sehr und ich fühlte, daß ein Trinkgeld von weniger als neun Pence eine wahre Brutalität und Herzenshärte wäre. Daher gab ich ihm einen meiner drei blanken Schillinge, den er mit großer Demut und Ehrerbietung entgegennahm und gleich darauf mit dem Daumennagel auf seine Echtheit untersuchte.

Ich geriet einigermaßen in Verlegenheit, als ich beim Einsteigen in die Postkutsche bemerkte, daß ich im Verdacht stand das ganze Mittagessen allein aufgegessen zu haben. Ich hörte nämlich die Frau aus dem Bogenfenster zu dem Schaffner sagen: »Nehmen Sie das Kind in acht, Georg, sonst platzt es.« Und die Dienstmädchen kamen heraus, staunten mich an und bekicherten mich wie ein junges Naturwunder.

Mein unglücklicher Freund, der Kellner, der sich von seiner Betrübnis vollständig erholt hatte, teilte, ohne im geringsten verlegen zu scheinen, die allgemeine Verwunderung. Wenn ich einigermaßen Verdacht gegen ihn faßte, so entstand es wahrscheinlich dadurch. Aber ich glaube, daß ich bei meiner jugendlichen Arglosigkeit und der natürlichen Achtung, die ein Kind vor höherem Alter hat, selbst damals kein ernstes Mißtrauen gegen ihn hegte.

Immerhin ärgerte ich mich ein bißchen, daß ich so, ohne es zu verdienen, zur Zielscheibe des Spottes zwischen dem Postillon und dem Schaffner wurde. Sie sagten, daß die Kutsche hinten zu schwer würde, wenn ich dort säße, und es wäre vorteilhafter, wenn ich in der Gepäckabteilung reiste. Als die Fabel von meinem Appetit unter den Außenpassagieren ruchbar wurde, machten auch sie ihre Späße über mich und fragten mich, ob in der Schule für mich für zwei oder für drei Brüder bezahlt würde, ob ein besonderer Kontrakt abgeschlossen worden sei, oder ob ich wie jeder andere bezahlte, und noch dergleichen vergnügliche Fragen mehr.

[83] Aber das Schlimmste an der Sache war, daß ich wußte, ich würde mich schämen, bei der nächsten Haltestelle etwas zu essen, und daß ich mit dem sehr knappen Mittagessen im Magen die ganze Nacht würde hungern müssen, zumal ich in der Eile meine Kuchen im Gasthof vergessen hatte.

Meine Befürchtungen trafen ein. Als wir abends an einem neuen Wirtshaus anhielten, konnte ich es nicht über mich bringen, am Nachtessen teilzunehmen, obgleich ich großen Appetit hatte, sondern setzte mich an den Kamin und sagte, ich äße nichts. Aber auch das rettete mich nicht vor Späßen, denn ein heiserer Herr mit einem rohen Gesicht, der unterwegs die ganze Zeit über aus einer Butterbrotschachtel gegessen hatte, außer wenn er gerade aus einer Flasche trank, verglich mich mit einer Riesenschlange, die auf einmal soviel verschlingt, daß es lange Zeit vorhält. Bei diesen Worten machte er einen heftigen Angriff auf das gekochte Rindfleisch.

Wir waren um drei Uhr nachmittags von Yarmouth abgefahren und sollten in London um acht Uhr am nächsten Morgen ankommen. Es war Hochsommerwetter und ein sehr schöner Abend. Als wir durch ein Dorf fuhren, malte ich mir aus, wie die Häuser wohl innen aussähen und was für Leute drin wohnten. Und als die Jungen hinter uns herliefen und sich eine Strecke weit an den Wagen klammerten, hätte ich sie gern gefragt, ob wohl ihre Väter noch lebten und sie zu Hause glücklich wären.

Viel ging mir im Kopf herum und nicht am wenigsten die Schule, in die ich eintreten sollte. Von Zeit zu Zeit dachte ich auch an die Heimat und an Peggotty und trachtete, mir meine Empfindungen vorzustellen, ehe ich noch Mr. Murdstone gebissen hatte. Ich kam damit nicht zurecht; es schien mir seitdem eine Ewigkeit vergangen zu sein.

Die Nacht war nicht so schön wie der Abend, es wurde kühl. Und da man mich zwischen zwei Herren – den mit dem rohen Gesicht und einen andern – gesetzt hatte, damit ich nicht herunterfiele, so erstickten mich die beiden fast, wenn sie einschliefen und mich ganz zudeckten. Sie quetschten mich manchmal so sehr, daß ich mir nicht mehr helfen konnte und rufen mußte: »Ach, bitte, bitte,« [84] was ihnen gar nicht angenehm war, weil es sie aufweckte. Mir gegenüber saß eine ältliche Dame in einem großen Pelzmantel, die im Finstern wie ein Heuschober aussah. Diese Dame hatte einen Korb bei sich und wußte lange Zeit damit nichts anzufangen, bis sie herausfand, daß er wegen meiner kurzen Beine unter meinen Sitz gehöre. Er belästigte mich so sehr, daß ich ganz unglücklich darüber war, aber wenn ich mich nur ein bißchen rührte, und das Glas, das im Korb lag, klappern machte, stieß sie mich heftig mit dem Fuß und sagte: »So sitz doch still. Deine Knochen sind jung genug, sollte ich meinen.«

Endlich ging die Sonne auf, und jetzt fingen meine Gefährten an ruhiger zu schlafen. Von den Schwierigkeiten, unter denen sie sich die ganze Nacht mit schrecklichem Ächzen und Schnarchen hindurchgekämpft hatten, kann man sich keinen Begriff machen. Als die Sonne höher stieg, wurde ihr Schlaf leiser, und endlich wachte einer nach dem andern auf. Ich mußte mich sehr wundern, daß niemand eingestehen wollte, er hätte geschlafen, sondern mit großer Entrüstung diesen Vorwurf zurückwies. Ich kann es noch heute nicht begreifen, weshalb wir von allen menschlichen Schwächen die am wenigsten zugeben wollen, in einem Wagen eingeschlafen zu sein.

Wie wunderbar kam mir London vor, als ich es in der Entfernung erblickte, mir vorstellte, daß Abenteuer wie die meiner Lieblingshelden dort täglich vorkämen, und mir dunkel ausmalte, daß es reicher an Wundern und Verbrechen sein müßte, als jeder andere Ort der Welt. Wir näherten uns der Stadt allmählich und langten zur richtigen Zeit an einem Gasthaus in Whitechapel an, von dem ich nicht mehr weiß, ob es der »Blaue Ochse« oder der »Blaue Eber« war. Irgendein blaues Etwas war es und sein Abbild war auf die Rückseite der Kutsche gemalt.

Als der Schaffner herunterstieg, fiel sein Blick auf mich, und er fragte zum Fenster des Einschreibebureaus hinein:

»Wartet hier jemand auf einen Knaben namens Murdstone aus Blunderstone in Suffolk?«

[85] Niemand antwortete.

»Bitte, Sir, versuchen Sie es mit Copperfield,« sagte ich und sah ratlos hinab.

»Wartet hier jemand auf einen Knaben namens Murdstone aus Blunderstone in Suffolk, der sich aber zu dem Namen Copperfield bekennt und abgeholt werden soll?« fragte der Schaffner. »Heda! Ist niemand da?«

Nein. Es war niemand da. Ich sah mich ängstlich um, aber auf niemand der Umstehenden machte die Nachfrage den geringsten Eindruck, außer höchstens auf einen einäugigen Mann in Gamaschen, der den Rat gab, mir ein Messinghalsband anzulegen und mich im Stalle anzubinden.

Man brachte eine Leiter, und ich stieg erst nach der Dame hinunter, die einem Heuschober ähnlich sah, da ich mich nicht zu rühren wagte, bis sie ihren Korb weggenommen hatte. Der Wagen war jetzt leer von Reisenden. Die Gepäckstücke waren bald heruntergeholt, die Pferde ausgespannt, und die Kutsche wurde von ein paar Hausknechten zur Seite geschoben.

Noch immer erschien niemand, um den staubbedeckten Knaben aus Blunderstone in Suffolk abzuholen. Noch verlassener als Robinson, dem wenigstens niemand zusah, als er einsam war, begab ich mich in die Schreibstube, verfügte mich auf die Einladung des Kommis hinter den Ladentisch und setzte mich auf die Gepäckwage. Während ich hier saß und Pakete und Kisten und Bücher musterte und den Stallgeruch einatmete, begann eine Prozession der beängstigendsten Betrachtungen in meiner Seele. Was, wenn mich niemand abholen würde? Wie lange würden sie mich dann hier behalten? Wie lange würden meine sieben Schillinge reichen? Müßte ich des Nachts mit dem andern Gepäck in einem der hölzernen Fächer schlafen und mich am Morgen unter dem Brunnen im Hofe waschen oder würde man mich jede Nacht hinausjagen und dürfte ich erst am nächsten Morgen bei der Eröffnung des Bureaus wiederkommen, bis man mich abholte? Was, wenn es gar kein Irrtum wäre, und Mr. Murdstone hätte sich bloß den Plan ausgedacht, um mich auf die Art los zu werden? Was sollte ich dann tun? Wenn sie mich auch da ließen, bis meine [86] sieben Schillinge zu Ende sein würden, konnte ich doch nicht hoffen, bleiben zu dürfen, wenn ich anfinge, zu verhungern. Das wäre doch den Kunden unbequem und unangenehm gewesen und hätte dem blauen Soundso Begräbniskosten verursacht; und wenn ich gleich ginge, um zu Fuß nach Hause zurückzukehren, hätte ich den Weg finden können? Vorausgesetzt, daß mich dort überhaupt jemand – außer Peggotty vielleicht – aufgenommen hätte. Wenn ich zu der ersten besten Behörde ginge und mich als Soldat und Matrose anböte, würden sie wahrscheinlich einen so kleinen Jungen wie mich nicht nehmen. Solche und hundert andere Gedanken machten, daß mir der Kopf glühte und ich vor Angst und Sorge ganz schwindlig wurde. Als ich auf dem Höhepunkt meines Fiebers angelangt war, trat ein Mann ein und sagte etwas leise zu dem Kommis. Dieser schob mich von der Wage und zu dem Manne hin, als ob ich gewogen, gekauft, abgeliefert und bezahlt wäre.

Als ich Hand in Hand mit dem neuen Bekannten das Bureau verließ, warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Er war ein hagerer, bleicher, junger Mann mit hohlen Wangen und einem Kinn, das fast so schwarz aussah wie Mr. Murdstones Kinn; aber damit hörte die Ähnlichkeit auf, denn sein Backenbart war abrasiert und das Haar fuchsig und trocken, statt glänzend schwarz. Er trug einen schwarzen Anzug, der auch fuchsig und trocken und an Armen und Beinen etwas zu kurz war. Außerdem hatte er ein weißes, nicht besonders reines Tuch um den Hals. Ich nahm nicht an, daß dieses Halstuch die einzige Wäsche ausmachte, die er trug, jedenfalls konnte ich sonst keine bemerken.

»Du bist der neue Junge?«

»Ja, Sir,« gab ich zur Antwort.

»Ich bin einer der Lehrer von Salemhaus,« sagte er.

Ich verbeugte mich und fühlte mich sehr eingeschüchtert. Ich schämte mich so sehr von etwas so Alltäglichem wie meinem Koffer einem Gelehrten und Lehrer von Salemhaus gegenüber zu sprechen, daß wir schon eine Strecke weit weg waren, als ich ihn daran erinnerte.

Wir kehrten auf meine demütige Vorstellung hin,[87] daß mir der Koffer vielleicht später nützlich sein möchte, um, und er sagte dem Kommis, daß der Fuhrmann alles nachmittags abholen werde.

»Erlauben Sie, Sir,« fragte ich nach einer Weile, »ist es weit?«

»Es ist nicht weit von Blackheath,« sagte er.

»Ist das weit, Sir?«

»Ein hübsches Stück. Wir werden mit der Post fahren. Es sind so sechs Meilen.«

Ich war so müde und matt, daß noch sechs Meilen aushalten zu müssen mir unerträglich schien. Ich faßte mir ein Herz und gestand, daß ich seit gestern mittag nichts gegessen hatte. Ich würde ihm sehr dankbar sein, wenn er mir erlauben wollte, daß ich mir etwas zu essen kaufte.

Er schien sich darüber sehr zu wundern, – ich sehe ihn noch still stehen und mich ansehen –, und nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, sagte er, er wollte eine alte Frau, die nicht weit weg wohnte, aufsuchen, und das beste werde sein, wenn ich unterwegs Brot oder was ich sonst brauchte kaufte und bei ihr, wo wir Milch bekommen könnten, frühstückte.

Wir traten also in einen Bäckerladen, und nachdem ich nacheinander fast alles, was schwer verdaulich war, hatte kaufen wollen, und er mir abgeraten, entschieden wir uns endlich für einen netten kleinen Laib Schwarzbrot, der drei Pence kostete. Dann kauften wir bei einem Höckler ein Ei und eine Schnitte Schinken; und da mir von meinem zweiten Schilling noch recht viel Kleingeld übrig blieb, kam mir London alsein sehr billiger Ort vor.

Mit unsern Einkäufen fertig, gingen wir durch entsetzlichen Lärm und großes Getöse, das meinen Kopf unbeschreiblich verwirrte, über eine Brücke, – ich glaube, er nannte sie Londonbrücke, – und ich war halb eingeschlafen, als wir bei dem Hause der alten Frau anlangten, das zu einem Teil eines Armenasyls gehörte, wie ich aus einer Überschrift auf der Tür entnahm, die besagte, daß es für fünfundzwanzig arme Frauen eingerichtet war. Der Schulmeister von Salemhaus öffnete eine der kleinen schwarzen Türen, die alle ganz gleich aussahen und neben denen sich ein paar kleine [88] Fenster aus geripptem Glas befanden, und wir traten in das Häuschen einer dieser armen Personen, die gerade ein Feuer anblies, um einen kleinen Napf zum Kochen zu bringen. Als die Alte den Schullehrer eintreten sah, ließ sie den Blasebalg sinken und sagte etwas, das wie »Mein Charley« klang. Als sie dann auch mich bemerkte, rieb sie sich die Hände und knixte verlegen ein wenig.

»Kannst du diesem jungen Herrn vielleicht sein Frühstück kochen?« fragte der Schulmeister von Salemhaus.

»Ob ich kann? Natürlich kann ich.«

»Wie gehts Mrs. Fibbitson?« fragte der Schullehrer und sah eine andere alte Frau an, »die in einem großen Stuhl beim Ofen saß und in so viel Kleidern versteckt war, daß ich bis heute noch froh bin, mich nicht irrtümlich auf sie gesetzt zu haben.«

»Ach jämmerlich,« sagte die erste alte Frau. »Sie hat heute ihren ganz schlechten Tag. Wenn das Feuer zufällig ausginge, glaube ich wirklich, sie würde auch ausgehen und nicht mehr zu sich kommen.«

Als sie Mrs. Fibbitson ansahen, folgte ich ihrem Beispiel. Obgleich es ein warmer Tag war, schien diese Frau doch an nichts als an das Feuer zu denken. Ich glaube, sie gönnte selbst dem Napf sein Plätzchen nicht, und vermute, sie nahm es mir sehr übel, daß die Pfanne durch das Kochen meines Frühstücks noch länger in Anspruch genommen werden sollte. Ich sah nämlich mit meinen eignen müden Augen, wie sie mir während des Kochens mit der Faust drohte, als einmal niemand acht gab. Der Sonnenschein strömte zu dem kleinen Fenster herein, aber sie saß mit Stuhl und Rücken dagegen und schützte das Feuer, als wolle sie es eifersüchtig warm halten, anstatt daß es sie warm hielt, und bewachte es aufs argwöhnischste. Als die Vorbereitungen für mein Frühstück beendet waren und das Feuer frei wurde, freute sie sich so außerordentlich, daß sie laut auflachte; wie ich gestehen muß, sehr unmelodisch.

Ich setzte mich nieder zu meinem Schwarzbrot, dem Ei und dem Schinken und einem Napf mit Milch und hatte ein köstliches Mahl. Während ich noch in vollem [89] Genusse schwelgte, sagte die erste Alte zu dem Schullehrer: »Hast du deine Flöte bei dir?«

»Ja,« antwortete er.

»Mach einen Blaser drauf,« sagte die alte Frau schmeichelnd, »bitte.«

Draufhin faßte der Lehrer mit seiner Hand unter seine Rockschöße und brachte eine Flöte in drei Stücken hervor, die er zusammenschraubte, worauf er zu blasen begann.

Nach langen Jahren der Überlegung muß ich doch immer noch bei der Meinung beharren, daß es niemals einen Menschen auf der Welt gegeben haben kann, der schlechter blies. Er brachte die gräßlichsten Töne hervor, die ich jemals auf natürliche oder künstliche Weise hatte erzeugen hören. Ich weiß nicht, was es für Melodien waren, – wenn es überhaupt Melodien waren, was ich sehr bezweifle, – aber auf mich übten sie die Wirkung aus, daß mir plötzlich alle meine Sorgen wieder einfielen und ich kaum meine Tränen zurückhalten konnte. Dann raubten sie mir den Appetit und schließlich machten sie mich so schläfrig, daß ich meine Augen nicht mehr offen halten konnte. Ich habe jetzt noch einen Drang zu nicken, wenn ich daran denke, und wieder steigt das kleine Stübchen vor mir auf mit dem offnen Wandschrank in der Ecke, den Stühlen mit den hohen Lehnen, der kleinen Winkeltreppe, die in die obere Stube führte, und den drei Pfauenfedern über dem Kaminsims. Gleich, als ich eingetreten war, hätte ich gerne gewußt, was sich wohl der Pfau gedacht haben würde, wenn er geahnt hätte, was aus seinem Federschmuck noch einmal werden sollte.

Das Bild verschwimmt langsam in Nebel und ich nicke und schlafe. Die Flöte wird unhörbar, und ich höre statt dessen die Räder der Postkutsche und bin wieder auf Reisen. Der Wagen stößt, ich wache mit einem Ruck auf, und die Flöte ist wieder da, und der Schulmeister von Salemhaus sitzt mit verschlungnen Beinen da und bläst kläglich, während die alte Frau verzückt vor sich hinschaut. Sie zergeht wieder in Nebel und er zergeht und alles zergeht, es ist keine Flöte mehr da, kein Salemhaus, kein David Copperfield, sondern nichts als tiefer, fester Schlaf.

[90] Ich träumte, kam mir vor, daß die alte Frau in ihrer Verzückung immer näher und näher zu ihm gekommen sei dicht hinter seinen Stuhl, und den Arm zärtlich um seinen Hals schlänge, was dem Flöteblasen für einen Augenblick ein Ende machte. In dieser Pause hörte ich in einem Zustand von Halbschlaf die alte Frau Mrs. Fibbitson fragen, ob es nicht köstlich sei, worauf Mrs. Fibbitson antwortete, »Eijei ja« und dem Feuer zunickte, dem sie wahrscheinlich die Entstehung der Musik zuschrieb. Ich muß ziemlich lange geschlafen haben. Der Schulmeister von Salemhaus schraubte schließlich seine Flöte wieder in drei Stücke auseinander, steckte sie wieder ein und führte mich fort. Der Omnibus stand nicht weit und wir stiegen auf das Dach. Ich war fest eingeschlafen, als wir unterwegs einmal anhielten und man mich innen sitzen hieß, weil keine Passagiere mehr drin waren. Endlich fuhr der Wagen unter einem grünen Laubdach im Schritt einen steilen Hügel hinan. Dann hielt er und wir befanden uns am Ziel.

Wenige Schritte brachten den Schulmeister und mich an das Salemhaus, das, von einer hohen Ziegelmauer umgeben, sehr öde aussah. Über der Tür hing ein Brett mit der Inschrift »Salemhaus«, und durch ein Gitterfenster in der Tür musterte uns, nachdem wir geklingelt hatten, ein mürrisches Gesicht, das, wie ich nach dem Öffnen der Türe sah, einem dicken Mann mit einem Stiernacken, einem hölzernen Bein, hervorstehenden Schläfen und gleichmäßig um den ganzen Kopf verschnittenen Haaren gehörte.

»Der neue Junge,« sagte der Lehrer.

Der Mann mit dem Holzbein musterte mich von oben bis unten, wozu er sehr lange brauchte, schloß die Türe hinter uns und zog den Schlüssel ab. Wir gingen unter ein paar großen Bäumen auf das Haus zu, als er den Schulmeister zurückrief:

»Hallo.«

Wir sahen uns um, und der Mann stand in der Tür des Pförtnerhauses und hielt ein paar Stiefel in der Hand: »He! Der Schuhflicker war da und sagte, er könne sie nicht mehr flicken. Er sagte, es wäre kein[91] Stück mehr ganz, – er möchte gerne wissen, was Sie eigentlich wollten.«

Mit diesen Worten warf er die Stiefel Mr. Mell – so hieß der Lehrer – vor die Füße, und dieser hob sie auf und betrachtete sie mit betrübtem Blick, als wir weiter gingen. Ich bemerkte jetzt zum erstenmal, daß seine Schuhe sich in einem sehr schlechten Zustand befanden, und daß an einer Stelle der Strumpf hervorlugte wie eine Knospe.

Salemhaus, ein viereckiges Gebäude aus roten Ziegeln mit einem Flügel auf jeder Seite, sah öde und leer aus. Überall war es so totenstill, daß ich zu Mr. Mell sagte, die Schüler seien wohl ausgegangen. Er schien sich zu wundern, daß ich nicht wußte, daß jetzt in den Ferien die Schüler alle nach Haus gereist wären. Mr. Creakle, der Eigentümer, sowie Mrs. und Miß Creakle befänden sich im Seebad, und man habe mich zur Strafe für meine Missetat während der Ferien hierhergeschickt.

Die Schulstube erschien mir als der ungemütlichste und traurigste Ort, der mir jemals vorgekommen. Ein langes Zimmer mit drei langen Reihen Pulten und sechs Reihen Bänken und rundherum Haken zum Aufhängen der Hüte und Schiefertafeln. Ausgerissene Blätter aus alten Schreib- und Lehrbüchern lagen auf dem schmutzigen Boden verstreut. Einige Käferhäuschen aus demselben Material lagen auf den Pulten, zwei elende, kleine, weiße Mäuse mit roten Augen, von ihren Besitzern zurückgelassen, liefen in ihren kleinen Käfigen hin und her und schnupperten in den Ecken nach Nahrung herum. Ein Vogel in einem Bauer hüpfte traurig auf und nieder, sang und zwitscherte aber nicht. Das ganze Zimmer durchdrang ein merkwürdiger, dumpfer Geruch, wie von schimmligem Tuch, faulen Äpfeln und modrigen Büchern. Wenn das Haus von Anfang an dachlos gewesen wäre, und der Himmel hätte das ganze Jahr hindurch Tinte geregnet, gehagelt, geschneit und gestürmt, hätte die Stube nicht verspritzter sein können. Mr. Mell hatte mich allein gelassen, während er seine unflickbaren Stiefel hinauftrug, und ich ging unterdessen leise an das andere Ende des Zimmers. Als ich an den Tisch des Lehrers [92] kam, fand ich einen Pappendeckel mit der schön geschriebnen Inschrift: »Acht geben. Er beißt.«

Ich kletterte unverzüglich auf das Pult hinauf, denn ich fürchtete, es sei unten ein großer Hund versteckt. So vorsichtig ich mich auch umsah, konnte ich doch nichts entdecken. Ich blickte immer noch mit ängstlichen Augen umher, als Mr. Mell zurückkam und mich fragte, was ich da oben mache.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir. Ich suche den Hund.«

»Hund?« fragte er. »Welchen Hund?«

»Es ist kein Hund da, Sir?«

»Was für ein Hund denn?«

»Vor dem man sich in acht nehmen soll, weil er beißt.«

»Nein, Copperfield,« sagte der Lehrer ernst, »das ist kein Hund, das ist ein Knabe. Ich habe den Befehl, Copperfield, diesen Zettel auf deinem Rücken zu befestigen. Es tut mir leid, daß ich so mit dir anfangen muß, aber ich muß es tun.«

Damit zog er mich vom Pulte herunter und band mir das zu diesem Zweck sinnreich vorbereitete Plakat wie einen Tornister auf den Rücken und von nun an hatte ich den Trost, es, wo ich ging, mit mir herumtragen zu müssen.

Was ich unter diesem Plakat zu leiden hatte, kann sich niemand vorstellen. Ob mich jemand sehen konnte oder nicht, immer bildete ich mir ein, jeder müßte es lesen. Es war mir keine Erleichterung, wenn ich mich umdrehte und niemand da war; ich konnte den Gedanken nie los werden, immer jemand hinter meinem Rücken stehen zu wissen. Der grausame Mensch mit dem Holzbein vermehrte noch meine Leiden. Er hatte zu befehlen, und wenn er sah, daß ich mich an einen Baum oder an eine Wand oder an das Haus lehnte, brüllte er mir aus seinem Häuschen zu: »Heda, Copperfield! Laß nur das Ehrenzeichen sehen oder ich zeig dich an.«

Der Spielplatz war ein kahler, mit Sand bestreuter Hof vor den Fenstern der Küche und Gesindestube, und ich wußte, daß die Dienerschaft, der Fleischer und der Bäcker den Zettel lasen. Mit einem Wort, wer früh, wenn ich auf [93] dem Spielplatz sein mußte, im Hause kam oder ging, mußte lesen, daß man sich vor mir in acht zu nehmen hätte, weil ich bisse. Ich fing mich vor mir selbst zu fürchten an, wie vor einem wilden Jungen, der wirklich beißt. Auf dem Spielplatz war eine alte Tür, bedeckt von Namen, die die Schulknaben dort eingeschnitten hatten. In meiner Furcht vor dem Ende der Ferien und der Rückkunft der Schüler konnte ich keinen Namen lesen, ohne mich zu fragen, in welchem Tone wird der oder jener sagen: »Acht geben! Er beißt.« Da war besonders einer, J. Steerforth, der seinen Namen sehr oft und sehr tief eingeschnitten hatte, und der, wie ich mir vorstellte, das Plakat mit sehr lauter Stimme vorlesen und mich immer an den Haaren zupfen würde. Dann ein anderer, Tommy Traddles, von dem ich fürchtete, er werde Späße treiben und sich stellen, als ob er sich entsetzlich vor mir fürchtete. Von einem dritten, George Demple, glaubte ich, er werde die Inschrift singen.

Ich, das kleine, eingeschüchterte Geschöpf, hatte so oft die Tür angesehen, bis die Träger aller dieser Namen – wie mir Mr. Mell sagte, waren fünfundvierzig Schüler da – mich auf allgemeinen Beschluß in Verruf zu tun schienen, wobei jeder in seiner eignen Weise ausrief: »Acht geben! Er beißt.« Ebenso verhielt es sich mit den Plätzen vor dem Pulte und den Bänken. Ebenso mit den Reihen verlassner Bettstellen, wenn ich aus meinem Lager heraus einen Blick auf sie warf. Ich erinnere mich, daß ich eine Nacht nach der andern träumte, ich sei wieder bei meiner Mutter, wie früher, oder auf Besuch bei Mr. Peggotty oder reise als Außenpassagier mit der Postkutsche oder speise wieder mit meinem unglücklichen Freunde, dem Kellner, und überall wunderten sich die Leute, wenn sie bemerkten, daß ich nichts anhatte, als mein kleines Nachthemd und das Plakat auf dem Rücken.

In der Einförmigkeit meines Lebens und in beständiger Furcht vor dem Schulbeginn bereitete es mir unerträgliche Leiden. Ich hatte jeden Tag lange Lektionen bei Mr. Mell, da aber Mr. und Miß Murdstone nicht anwesend waren, kam ich gut weg. Vor- und nachher mußte ich spazieren gehen, überwacht von dem [94] Mann mit dem Holzbein. Wie lebhaft ich mich an die Feuchtigkeit rings um das Haus erinnere, an die grünen, zersprungnen Steine im Hof, das alte lecke Wasserfaß und die verwaschnen Stämme der düstren Bäume, die mehr als andere Gewächse im Regen getröpfelt und weniger in der Sonne geblüht zu haben schienen. Um ein Uhr aßen wir zu Mittag, Mr. Mell und ich, an dem obern Ende eines langen kahlen Eßzimmers, das voll war von hölzernen Tischen und stark nach Fett roch. Dann arbeiteten wir wieder bis zum Tee, den Mr. Mell aus einer blauen Tasse und ich aus einem Zinntopf tranken. Den ganzen Tag lang bis abends sieben oder acht war Mr. Mell angestrengt an seinem besondern Pult im Schulzimmer mit Feder, Tinte, Lineal, Büchern und Schreibpapier betätigt. Er zog die Rechnungen aus für das vergangene halbe Jahr. Wenn er seine Sachen für die Nacht aufgeräumt hatte, zog er seine Flöte hervor und blies, bis ich glaubte, er müßte allmählich sein ganzes Ich am obern Ende hineingeblasen und sich durch die Klappen verflüchtigt haben.

Ich stelle mir mein eignes kleines Ich vor, wie ich in dem schwach erhellten Zimmer, den Kopf in die Hand gestützt, sitze und der kläglichen Musik Mr. Mells zuhöre und die Aufgaben für den nächsten Tag lerne. Ich sehe mich, wie ich die Bücher weggelegt habe und immer noch den kläglichen Melodien Mr. Mells lausche, und ich höre darin, was mir früher das mütterliche Haus war, höre den Wind wehen über die Dünen von Yarmouth und fühle mich bedrückt und einsam. Ich sehe, wie ich zu Bette gehe in dem ungastlichen Zimmer und mich auf das Bett setze und mich mit Tränen nach einem tröstenden Wort von Peggotty sehne. Ich sehe mich, wie ich früh die Treppe herunterkomme und durch ein Gangfenster auf dem Dache eines Häuschens draußen die große Schulglocke betrachte mit einer Wetterfahne darüber, und wie ich mich vor der Zeit fürchte, wo sie J. Steerforth und die übrigen zur Arbeit rufen wird, was an Schrecklichkeit nur von dem Zeitpunkt übertroffen wird, wo der Mann mit dem Holzbein das rostige Tor aufschließen und den furchtbaren Mr. Creakle einlassen wird. Ich glaube nicht, daß ich in meiner Phantasie[95] mir gefährlich vorkam, aber ich trug doch die Warnung auf dem Rücken!

Mr. Mell sprach niemals viel mit mir, aber er war niemals rauh gegen mich. Ich glaube, wir leisteten einander gute Gesellschaft, auch ohne miteinander zu sprechen. Manchmal redete er mit sich selbst, lachte vor sich hin, ballte die Faust, knirschte mit den Zähnen und raufte sich die Haare in gar nicht zu schildernder Weise. Er hatte nun einmal diese Eigentümlichkeiten. Erst flößten sie mir Furcht ein, aber bald gewöhnte ich mich daran.

Sechstes Kapitel

Ich erweitere den Kreis meiner Bekanntschaft.


So hatte ich ungefähr einen Monat gelebt, als der Mann mit dem hölzernen Bein, mit dem Besen und dem Wassereimer herumzuhumpeln begann, woraus ich schloß, daß man sich auf den Empfang Mr. Creakles und Schüler vorbereitete. Ich hatte mich nicht geirrt. Es dauerte nicht lange, so kam der Besen in die Schulstube und verdrängte Mr. Mell und mich. Ein paar Tage lang mußten wir uns im ganzen Hause herumdrücken und waren beständig zwei oder drei Mädchen, die ich vorher nie gesehen hatte, im Wege und fortwährend so in Staub gehüllt, daß ich immerfort niesen mußte, als ob Salemhaus eine einzige große Schnupftabaksdose gewesen wäre.

Eines Tags sagte mir Mr. Mell, daß Mr. Creakle abends ankommen werde. Nach dem Tee hörte ich, daß er da war. Vor dem Schlafengehen holte mich der Mann mit dem hölzernen Bein zu ihm. Mr. Creakles Teil des Hauses sah viel angenehmer aus als der unsere, hatte einen kleinen Garten, der sich sehr hübsch ausnahm verglichen mit dem staubigen Spielplatz, der so sehr eine Wüste in Miniatur war, daß sich bloß ein Kamel oder ein Dromedar darin hätten wohl fühlen[96] können. Ich getraute mich kaum, alles das anzublicken, als ich zitternd durchging. Ich war so verschüchtert, daß ich kaum Mrs. Creakle oder Miß Creakle bemerkte oder überhaupt etwas anderes sah als Mr. Creakle, einen dicken Herrn mit einer mächtigen Uhrkette und Berloques daran, der in einem Lehnstuhl saß und Glas und Flasche neben sich stehen hatte.

»So,« sagte Mr. Creakle, »das ist also der junge Herr, dem die Zähne abgefeilt werden müssen! Dreh ihn um.«

Der Mann mit dem hölzernen Bein drehte mich um und zeigte das Plakat. Dann, als Mr. Creakle es gelesen, drehte er ihm wieder mein Gesicht zu und stellte mich neben ihn. Mr. Creakles Gesicht glühte förmlich, und seine kleinen Augen lagen tief im Kopf. Er hatte dicke Adern auf der Stirn, eine kleine Nase, ein großes Kinn, eine Glatze und spärliches, feucht aussehendes Haar, das anfing, grau zu werden, und so von den Schläfen nach oben gebürstet war, daß sich die Enden auf dem Scheitel begegneten. Was mir am meisten auffiel, war, daß er mit flüsternder Stimme sprach. Die Anstrengung, die ihn das kostete, oder das Bewußtsein, nicht lauter reden zu können, machten sein zorniges Gesicht noch zorniger, und die dicken Adern noch dicker beim Sprechen, so daß ich mich nicht wundere, wenn dieser Zug seines Äußern am lebendigsten in meiner Erinnerung fortlebt.

»Was ist von dem Knaben zu melden?« fragte er.

»Es liegt noch nichts gegen ihn vor,« erwiderte der Mann mit dem Stelzfuß. »Es hat sich noch keine Gelegenheit ergeben.«

Mr. Creakle schien enttäuscht zu sein. Mrs. und Miß Creakle hingegen, die ich jetzt zum erstenmal ansah, und die beide hager und dünn waren, durchaus nicht.

»Komm her,« sagte Mr. Creakle und winkte mir.

»Komm her,« sagte der Mann mit dem Stelzfuß und wiederholte die Geberde.

»Ich habe das Glück, deinen Stiefvater zu kennen,« flüsterte Mr. Creakle und nahm mich beim Ohr. »Er ist ein würdiger Mann und ein Mann von starkem[97] Charakter. Er kennt mich und ich kenne ihn. Kennst du mich auch? He?« und er zwickte mich mit grausamer Scherzhaftigkeit ins Ohr.

»Noch nicht, Sir,« sagte ich, vor Schmerz zurückweichend.

»Noch nicht? He?« wiederholte Mr. Creakle. »Aber du wirst es bald. He?«

»Wirst bald!« wiederholte der Mann mit dem Stelzfuß.

Ich fand später heraus, daß er mit seiner starken Stimme als Mr. Creakles Sprachrohr den Knaben gegenüber auftrat.

Ich war ganz verschüchtert und sagte, ich hoffte es, wenn er erlaubte.

Mir war die ganze Zeit über, als ob mein Ohr in Flammen stünde, so fest hatte er mich gekniffen.

»Ich will dir sagen, was ich bin,« flüsterte Mr. Creakle und kniff mich noch einmal zum Abschied, daß mir das Wasser in die Augen trat. »Ich bin ein Eisenschädel.«

»Ein Eisenschädel,« sagte der Mann mit dem hölzernen Bein.

»Wenn ich sage, ich will etwas tun, so tue ich es, und wenn ich sage, es soll etwas geschehen, so muß es geschehen.«

»Soll etwas geschehen, so muß es geschehen,« wiederholte der Mann mit dem Stelzfuß.

»Ich bin ein unbeugsamer Charakter. Das bin ich. Ich tue meine Pflicht. Die tue ich immer. Mein eignes Fleisch und Blut – er sah bei diesen Worten Mrs. Creakle an – ist nicht mehr mein Fleisch und Blut, wenn es sich mir widersetzt. Ich verstoße es. Ist der Kerl wieder dagewesen?« fragte er dann den Mann mit dem hölzernen Bein.

»Nein,« war die Antwort.

»Nein,« sagte Mr. Creakle. »Er weiß, warum. Er kennt mich. Er soll sich vor mir hüten. Ich sage, er soll sich vor mir hüten.« Und Mr. Creakle schlug mit der Faust auf den Tisch und sah Mrs. Creakle an. »Denn er kennt mich. Jetzt hast du angefangen, mich[98] auch kennen zu lernen, junger Freund. Du kannst gehen. Führ ihn fort.«

Ich war sehr froh, gehen zu dürfen, denn Mrs. und Miß Creakle wischten sich beide die Augen und ich fühlte mich ihretwegen noch unbehaglicher als meinethalben, aber ich hatte eine Bitte auf dem Herzen, die mich so drückte, daß sie heraus mußte, obgleich ich mich selbst über meinen Mut wunderte.

»Verzeihen Sie, Sir.«

Mr. Creakle flüsterte: »Ha, was ist das!« und bohrte seine Augen in meine, als ob er mich verbrennen wollte.

»Verzeihen Sie, Sir,« stotterte ich, »wenn Sie mir erlauben wollten, Sir, – ich bereue doch so sehr, was ich getan habe, – den Zettel mit der Schrift abzulegen, ehe die Knaben zurückkommen –«

Ob Mr. Creakle Ernst machte oder nur so tat, um mich zu erschrecken, weiß ich nicht. Aber er sprang mit solcher Heftigkeit von seinem Stuhle auf, daß ich eilig retirierte, ohne die Begleitung des Mannes mit dem Stelzfuß abzuwarten, und erst wieder in meinem Schlafzimmer Halt machte. Als ich mich nicht verfolgt sah, ging ich zu Bett und lag zitternd und bebend ein paar Stunden da.

Am nächsten Morgen kehrte Mr. Sharp zurück. Mr. Sharp war erster Lehrer und stand über Mr. Mell. Mr. Mell aß mit den Schülern, er hingegen an Mr. Creakles Tisch. Er war ein schmächtiger, zart aussehender Mann mit einer großen Nase und einer Art, den Kopf auf der Seite zu tragen, als ob er ihm ein wenig zu schwer wäre. Sein Haar war sehr weich und gelockt. Der erste Schüler, der zurückkam, sagte, es wäre eine Perücke, – eine »abgelegte«, wie er es nannte, und Mr. Sharp ginge jeden Samstagnachmittag aus, um sie sich brennen zu lassen.

Es war niemand anders als Tommy Traddles, der mir dies verriet. Er war der erste Knabe, der zurückkehrte. Er stellte sich mir mit den Worten vor, sein Name stünde in der rechten Ecke des Tors auf dem obersten Querbalken.

»Traddles?« fragte ich, worauf Tommy erwiderte:[99] »Derselbige.« Und dann forderte er von mir volle Auskunft über mich und meine Familie ab.

Ein Glück für mich, daß Traddles zuerst zurückgekommen war. Ihm machte das Plakat so viel Spaß, daß er mich aus einer großen Verlegenheit rettete, indem er mich jedem einzelnen Jungen mit den Worten vorstellte: »Schau her, das ist ein Jux.« Ein weiteres Glück war, daß der größte Teil der Schüler sehr niedergeschlagen zurückkehrte und sich auf meine Kosten nicht so viel Späße erlaubte, als ich gefürchtet hatte. Einige tanzten allerdings um mich herum, wie wilde Indianer; die meisten konnten der Versuchung nicht widerstehen, zu tun, als ob ich ein Hund wäre, und mich zu streicheln und zu besänftigen, damit ich nicht bisse, und zu sagen: »Schön legen« und mich Schnapsel zu nennen. Das war natürlich unter so viel Fremden unangenehm und kostete mich manche Träne, aber im ganzen großen lief es viel besser ab, als ich mir vorgestellt hatte.

In aller Form in die Schule aufgenommen galt ich jedoch nicht eher, als bis J. Steerforth ankam. Vor diesen Knaben, der für ungemein gelehrt galt und sehr hübsch aussah und mindestens ein halbes Dutzend Jahre älter war als ich, führte man mich wie vor einen Richter. Unter einem Schutzdach auf dem Spielplatz befragte er mich über die Einzelheiten meiner Strafe und geruhte seine Meinung dahin auszusprechen, daß das eine Affenschande sei und ein Riesenjux, wofür ich ihm für alle Zeit dankbar blieb.

»Wie viel Geld hast du mit, Copperfield?« fragte er, als er nachher mit mir beiseiteging und die Angelegenheit mit besagten Ausdrücken erledigt hatte.

Ich sagte ihm, ich hätte sieben Schillinge.

»Es ist besser, du gibst sie mir zum Aufheben. Übrigens kannst du das tun, wenn du willst. Du brauchst es auch nicht zu tun, wenn du nicht willst.«

Ich beeilte mich, seinem freundlichen Wink zu folgen, öffnete Peggottys Börse und schüttete sie in seine Hand aus.

»Willst du jetzt etwas davon ausgeben?« fragte er mich.

[100] »Nein, ich danke,« entgegnete ich.

»Du kannst, wenn du Lust hast. Du brauchst es nur zu sagen.«

»Nein, ich danke,« wiederholte ich.

»Vielleicht möchtest du ein paar Schillinge an eine Flasche Johannisbeerwein wenden,« meinte Steerforth. »Du gehörst doch zu meinem Schlafraum, nicht?«

Es war mir vorher nichts dergleichen eingefallen, aber ich sagte: »Ja, das möchte ich.«

»Sehr gut,« sagte Steerforth. »Und einen Schilling vielleicht in Mandelkuchen.«

»Ja, auch das.«

»Und einen Schilling für Biskuits und einen für Obst, nicht wahr?« sagte Steerforth. »Copperfield, du machst dich.«

Ich lächelte, weil er lachte. Aber innerlich fühlte ich mich doch ein wenig beunruhigt.

»Gut,« sagte Steerforth, »wir müssen sehen, daß es recht lang reicht, nur darauf kommts an. Ich will alles tun, was in meiner Macht steht. Übrigens kann ich ausgehen, wann ich will, und werde den Plunder schon hereinschmuggeln.«

Mit diesen Worten steckte er das Geld in die Tasche und sagte mir gütig, ich solle mich nicht grämen, er werde schon alles in die Hand nehmen.

Er hielt Wort; innerlich kam es mir wie ein Unrecht vor, daß ich meiner Mutter beide halbe Kronen so unnütz verschwendete. Das Stück Papier aber, in dem das Geld eingewickelt gewesen, bewahrte ich auf wie einen kostbaren Schatz. Als wir zu Bette gingen, wickelte er aus, was er für die ganzen sieben Schillinge gekauft hatte und legte es im Mondschein auf das Bett und sagte:

»So, kleiner Copperfield, ein königliches Mahl hast du bekommen.«

So lang er anwesend war, konnte ich bei meinem Alter nicht daran denken, die Honneurs des Festes zu machen. Bei dem bloßen Gedanken daran zitterte mir die Hand. Ich bat ihn, den Vorsitz zu übernehmen, und da die andern Schüler im Schlafzimmer meinen Wunsch unterstützten, gab er nach und nahm auf meinem [101] Kopfkissen Platz. Er teilte die Lebensmittel aus; ich muß sagen, vollkommen unparteiisch, und ließ den Johannisbeerwein in einem kleinen Glase ohne Fuß, das ihm gehörte, herumgehen. Ich saß zu seiner Linken, und die übrigen hatten sich auf die nächsten Betten und auf dem Fußboden um uns herum gruppiert.

Wir saßen da zusammen und sprachen flüsternd miteinander. Oder besser gesagt, die andern sprachen, und ich hörte ehrerbietig zu. Das Mondlicht fiel ins Zimmer und malte ein bleiches Fenster auf den Fußboden; die meisten von uns saßen im Dunkeln, nur Steerforth tauchte zuweilen ein Zündhölzchen in die Phosphorbüchse, wenn er etwas auf dem Tische suchen wollte, was jedesmal einen blauen Schein über uns ergoß, der gleich wieder erlosch. Ein Gefühl des Geheimnisvollen, hervorgerufen durch die Dunkelheit, die Heimlichkeit des Gelages und den flüsternden Ton, in dem sich alle unterhielten, beschleicht mich wieder, und ich höre allen zu mit einem dunklen Gefühl der Ehrfurcht und des Grauens, das mich froh sein läßt, daß sie alle so nahe sind. Und wenn ich auch tue, als lache ich, so klopft mir doch das Herz, wenn Traddles ein Gespenst in der Ecke zu sehen behauptet. Ich höre allerlei Geschichten über die Schule und was mit ihr zusammenhängt, höre, daß Mr. Creakle nicht ohne Grund ein Eisenschädel zu sein behauptet, daß er der strengste aller Lehrer sei und jeden Tag schonungslos und unbarmherzig über die Knaben herfalle und um sich schlüge; – daß er weiter nichts könne, als die Kunst des Prügelns und, wie J. Steerforth sagte, unwissender sei, als der letzte in der Schule und vor vielen, vielen Jahren ein kleiner Hopfenhändler in einem Marktflecken gewesen sei und das Schullehrergeschäft erst angefangen habe, als er in Hopfen Bankrott gemacht und Mrs. Creakles Vermögen verbraucht habe. Ich erfuhr noch vielerlei der Art und staunte, daß sie so viel wußten.

Ich hörte, daß der Mann mit dem Stelzfuß, der Tongay hieß, ein hartherziger Barbar, früher auch im Hopfengeschäft gewesen und mit Mr. Creakle zum Schulfach übergegangen sei, weil er das Bein in [102] Mr. Creakles Dienst gebrochen und mancherlei schmutzige Geschäfte für ihn verrichtet hatte und um alle seine Geheimnisse wüßte, hörte, daß Tongay mit Ausnahme Mr. Creakles die ganze Anstalt, Schullehrer und Knaben, als seine natürlichen Feinde betrachte, und daß es die einzige Freude seines Lebens sei, mürrisch und boshaft zu sein. Ich hörte, daß Mrs. Creakle einen Sohn habe, den Tongay nicht hatte ausstehen können, und der einmal als Unterlehrer in der Schule seinem Vater Vorstellungen über die zu grausame Züchtigung eines Knaben gemacht und gegen die Art, wie Creakle seine Gattin behandelte, protestiert hätte. Ich hörte, daß Mr. Creakle ihn deswegen verstoßen hätte, und daß Mrs. und Miß Creakle darüber sehr bekümmert seien.

Das Wunderbarste aber war, daß ein Knabe in der Schule sei, an den Mr. Creakle niemals wagte, die Hand anzulegen, nämlich J. Steerforth. Steerforth selbst bestätigte das und sagte, er möchte es gern einmal sehen, wenn Creakle so was probieren wollte. Als ein kleiner schüchterner Junge fragte, was er in so einem Fall denn tun würde, brannte er ein Zündholz an, wie um einen hellen Schein über seine Antwort zu verbreiten, und sagte, er würde ihn zuerst einmal mit der schweren Tintenflasche, die immer auf dem Kamin stand, zu Boden schlagen. Eine Zeitlang saßen wir dann atemlos im Dunkeln da.

Ich vernahm, daß Mr. Sharp und Mr. Mell vermutlich beide sehr schlecht bezahlt würden, und daß, wenn warmes und kaltes Fleisch auf Mr. Creakles Tafel stünde, man beim Mittagessen von Mr. Sharp stets erwarte, er werde kaltes vorziehen, was wiederum von Steerforth, der allein an der Tafel des Vorstehers aß, bestätigt wurde. Ich vernahm, daß Mr. Sharp seine Perücke nicht genau passe, und daß er damit gar nicht so groß zu tun – aufzudrehen – wie es einer nannte – brauchte, da man ganz deutlich sehen könnte, wie sein rotes Haar darunter hervorschaue. Ich hörte ferner, daß ein Schüler, der Sohn eines Kohlenhändlers, da wäre in Gegenrechnung für bezogene Kohlen, und daß man ihn deshalb Wechsel- oder Tauschgeschäft, welche Bezeichnung aus dem Arithmetikbuch [103] stammte, benannte. Ich hörte, daß das Tischbier eine an den Eltern verübte Räuberei und der Pudding eine Unverschämtheit wäre. Ich hörte, daß man in der Schule allgemein annehme, Miß Creakle sei verliebt in Steerforth, und wenn ich im Dunkeln saß und an seine gewinnende Stimme, sein feines Gesicht, die ungezwungenen Manieren und sein lockiges Haar dachte, hielt ich es für sehr wahrscheinlich.

Ich erfuhr, daß Mr. Mell kein übler Mensch wäre, aber keinen Sixpence besäße, um sich etwas leisten zu können, und daß die alte Mrs. Mell, seine Mutter, so arm sei wie Hiob. Ich mußte an mein damaliges Frühstück denken und an das, das wie »Mein Charley« geklungen hatte, aber ich schwieg darüber mäuschenstill.

Die Erzählung dieser und vieler anderer Sachen dauerte viel länger als das Festmahl. Der größere Teil der Gäste ging schlafen, als das Essen und Trinken vorbei war, und wir, die wir halb entkleidet in flüsterndem Gespräch noch aufgeblieben, verfügten uns endlich auch ins Bett..

»Gute Nacht, kleiner Copperfield,« sagte Steerforth. »Ich werde dich unter meinen Schutz nehmen.«

»Sie sind sehr freundlich,« erwiderte ich dankbar. »Ich bin Ihnen außerordentlich verpflichtet.«

»Du hast wohl keine Schwester?« fragte dann Steerforth gähnend.

»Nein,« antwortete ich.

»Das ist schade,« meinte Steerforth. »Wenn du eine hättest, müßte es ein kleines, schüchternes, hübsches Mädchen mit hellen Augen sein, glaube ich. Ich müßte sie kennen lernen. Gute Nacht, kleiner Copperfield.«

»Gute Nacht, Sir,« antwortete ich.

Ich mußte sehr viel an ihn denken, als ich dann im Bette lag, und richtete mich manchmal auf, um ihn anzusehen, wie er im Mondschein dalag, das schöne Gesicht aufwärts gewendet und den Kopf auf dem Arme ruhend. Meine Gedanken beschäftigten sich so viel mit ihm, weil er in meinen Augen eine Person von [104] großer Macht bedeutete. Keine ungewisse Zukunft umschimmerte ihn trüb im Mondlicht und keine dunkle Spur hinterließen seine Tritte in dem Garten, in dem zu wandeln ich die ganze Nacht träumte.

Siebentes Kapitel

Mein erstes Semester in Salemhaus.


Die Schule fing am nächsten Morgen allen Ernstes an. Es machte einen tiefen Eindruck auf mich, wie der laute Lärm in der Klasse plötzlich zur Totenstille wurde, als Mr. Creakle nach dem Frühstück eintrat, in der Türe stehen blieb und sich umsah, wie der Riese im Märchenbuch, wenn er seine Gefangenen betrachtet.

Tongay stand dicht neben Mr. Creakle. Ich dachte mir, er hat doch gar keine Ursache, so grimmig »Ruhe« zu rufen. Alle Schüler saßen sowieso stumm und regungslos da.

Jetzt sah man Mr. Creakle sprechen, und Tongay wiederholte laut seine Worte.

»Also, ihr Jungen, es ist ein neues Semester angegangen. Nehmt euch in acht in diesem neuen Semester. Seid bei der Hand bei euern Aufgaben, rate ich euch, denn ich werde rasch bei der Hand mit den Strafen sein. Ich werde nicht nachgeben. Es wird euch nichts nützen, wenn ihr euch reibt. Ihr werdet die Striemen nicht wegreiben, die ich euch versetzen werde. Jetzt macht euch an die Arbeit, jeder einzelne.«

Als diese schreckliche Eingangsrede vorüber und Tongay wieder hinausgehumpelt war, kam Mr. Creakle an meine Bank und sagte mir, daß, wenn ich auch gut beißen könnte, er darin noch viel berühmter sei. Er zeigte mir dabei das spanische Rohr und fragte mich, was das wohl für ein Zahn wäre. »Ist es ein scharfer Zahn, he? Ist es ein Doppelzahn, he? Hat er eine gute Schneide, he? Beißt er, he? Beißt er wirklich?« Bei [105] jeder dieser Fragen versetzte er mir einen Hieb, daß ich mich wand und bald in Salemhaus mündig gesprochen war, wie Steerforth es nannte, und auch sehr bald in Tränen schwamm.

Nicht etwa, daß diese Behandlung eine besondere Auszeichnung bedeutet hätte. Im Gegenteil. Bei der großen Mehrzahl der Knaben, besonders bei den Kleinen, machte sich Mr. Creakle auf dieselbe Art bemerkbar, wenn er die Runde im Zimmer machte.

Die halbe Klasse weinte und krümmte sich vor Schmerzen, ehe das Tagewerk begann. Wieviel Unglückliche noch dazu kamen, bevor die Stunde zu Ende ging, getraue ich mich gar nicht anzugeben, um nicht der Übertreibung beschuldigt zu werden.

Ich glaube, es kann nie einen Menschen gegeben haben, den sein Beruf mehr freute, als Mr. Creakle. Seine Wonne, die Jungen schlagen zu können, kam der Befriedigung nagenden Hungers gleich. Ich bin fest überzeugt, da er sich pausbäckigen Jungen gegen über nicht halten konnte, daß darin für ihn etwas von starker Anziehungskraft lag und ihm keine Ruhe ließ, bis er nicht den Betreffenden für den Tag gezeichnet hatte. Ich war selbst pausbäckig und muß es wissen. Wenn ich jetzt an diesen Menschen denke, wallt mein Blut, und alles empört mich um so mehr, weil ich jetzt weiß, daß er noch dazu ein unfähiger Schuft war und kein größeres Recht auf den Vertrauensposten, den er bekleidete, hatte, als auf den Posten eines ersten Admirals oder eines Feldmarschalls. Nur hätte er dort wahrscheinlich weniger Unheil angerichtet.

Wie demütig wir elenden kleinen Hasenfüße gegen ihn, diesen erbarmungslosen Götzen, waren! In welchem Licht erscheint mir jetzt dieser Stapellauf ins Leben angesichts solcher Demut und Untertänigkeit vor einem Mann von solchem Unwert!

Hier sitze ich wieder in der Bank und beobachte sein Auge; – voll Unterwürfigkeit beobachte ich ihn, wie er ein Rechenbuch für ein anderes Opfer liniert, das mit dem Lineal eben eins auf die Hand bekommen hat und die Schwiele mit dem Taschentuch reibt. Ich hätte vollauf zu tun. Ich beobachte sein Auge jedoch nicht, weil ich [106] müßig bin, sondern weil es mich unnatürlich anzieht, – mich mit dem schrecklichen Wunsch erfüllt, zu erraten, was er in der nächsten Minute tun wird. Ob er wohl über mich herfallen wird oder über einen andern?

Eine Reihe kleiner Jungen hinter mir beobachtet ihn mit demselben Interesse. Ich glaube, er weiß es und verstellt sich nur. Er schneidet furchtbare Grimassen, während er das Rechenbuch liniert. Und jetzt wirft er einen Seitenblick auf uns, und wir alle lassen den Blick auf die Bücher sinken und fangen an zu zittern. Einen Augenblick später starren wir ihn schon wieder an. Ein Unglücklicher, der seine Aufgabe schlecht gemacht hat, wird herausgerufen. Er stammelt Entschuldigungen und verspricht, es morgen besser zu machen. Mr. Creakle reißt einen Witz, ehe er ihn prügelt, und wir lachen darüber. Wir elenden, kleinen Hunde lachen darüber, mit aschfahlen Gesichtern und Herzen, die uns in die Hosen gefallen sind.

Hier sitze ich wieder in der Bank an einem schläfrigen Sommernachmittag. Ein Surren und Summen rings um mich her, als seien die Jungen lauter große Fliegen. Ein dumpfer Druck lastet nach dem lauen, fetten Mittagessen her auf mir, und mein Kopf ist so schwer wie Blei. Ich würde eine Welt darum geben, wenn ich schlafen dürfte. Mein Auge ist auf Mr. Creakle gerichtet, und ich blinzle ihn an wie eine junge Eule; der Schlaf überwältigt mich eine Minute, er verschwimmt vor meinen Augen, wie er die Rechenhefte liniert – – –; leise schleicht er sich hinter mich, und ich erwache mit einem roten Striemen auf dem Rücken wieder zu klarer Wahrnehmung.

Dann bin ich auf dem Spielplatz, wo mein Auge immer noch von ihm gebannt ist, obgleich ich ihn nicht sehen kann. Das Fenster nicht weit von dem Orte, wo er zu Mittag ißt, vertritt ihn, und ich beobachte es immer an seiner Statt. Wenn sein Gesicht dahinter erscheint, nimmt das meine einen flehentlichen und unterwürfigen Ausdruck an. Wenn er durch die Scheiben heruntersieht, bricht auch der Verwegenste – nur Steerforth ausgenommen – mitten in einem Ruf oder Schrei ab und wird nachdenklich. Einmal wirft Traddles, der [107] größte Pechvogel von der Welt, zufällig das Fenster mit einem Ball ein. Noch jetzt überläuft es mich eiskalt, wie ich es geschehen sehe, und begreife, daß der Ball Mr. Creakles geheiligtes Haupt getroffen hat.

Armer Traddles! In seinem engen, himmelblauen Anzug, der seine Arme und Beine wie Würste oder Teigrollen erscheinen ließ, war er der Lustigste und zugleich Unglücklichste unter den Schülern. Er wurde immer mit dem spanischen Rohr gehauen, ich glaube, jeden Tag im ganzen Semester, mit Ausnahme eines Montags, wo er nur mit dem Lineal eines über beide Hände bekam. Und immer stand er im Begriff, deshalb an seinen Onkel zu schreiben, und immer unterließ er es wieder. Wenn er den Kopf eine Weile auf das Pult gelegt hatte, wurde er wieder lustig, fing an zu lachen und zeichnete auf seine Schiefertafel Gerippe, ehe noch seine Augen ganz trocken waren. Ich konnte mir lange Zeit nicht erklären, welchen Trost Traddles im Zeichnen dieser Gerippe finden mochte, und sah in ihm eine Art Einsiedler, der sich durch solche Symbole der Sterblichkeit vor Augen halten will, daß auch Prügel nicht ewig dauern können. Aber jetzt glaube ich, er zeichnete sie nur, weil sie so leicht waren und er ihnen keine Gesichter zu machen brauchte.

Traddles war sehr ehrenhaft und betrachtete es als eine heilige Pflicht der Schüler, einander beizustehen. Er hatte oft darunter zu leiden und besonders einmal, als Steerforth während des Gottesdienstes gelacht hatte, und der Kirchendiener glaubte, es wäre Traddles gewesen, und diesen hinausführte. Ich sehe ihn jetzt noch vor mir, wie er von dem Diener gepackt hinausging, verabscheut von der ganzen Gemeinde. Er verriet nie den eigentlichen Täter, obgleich er den ganzen nächsten Tag dafür büßen mußte und solange eingesperrt war, daß er einen ganzen Kirchhof voll Gerippen in seinem lateinischen Wörterbuch mit herausbrachte.

Dann bekam er aber auch seinen Lohn. Steerforth nämlich sagte, in Traddles sei auch keine Spur von einem Mucker, und wir alle fühlten, daß das das höchste Lob bedeutete, das es geben konnte. Ich für meinen Teil hätte viel erdulden mögen, um solchen Lohn zu verdienen, [108] obgleich ich lange nicht so tapfer war wie Traddles und nicht annähernd so alt.

Steerforth Arm in Arm mit Miß Creakle in die Kirche gehen zu sehen, war für mich ein überwältigender Anblick. Ich konnte Miß Creakle der kleinen Emly hinsichtlich Schönheit nicht an die Seite stellen, – ich liebte sie nicht – ich wagte es nicht –, aber sie erschien mir als eine junge Dame von ungewöhnlichen Reizen und von unübertrefflicher Eleganz. Wenn Steerforth in weißen Hosen ihr den Sonnenschirm trug, war ich stolz, ihn zu kennen, und glaubte, daß sie nicht anders könnte, als ihn von ganzem Herzen anzubeten. Mr. Sharp und Mr. Mell waren wohl in meinen Augen alle beide sehr beachtenswerte Persönlichkeiten, aber gegen Steerforth verbleichten sie wie Sterne gegenüber der Sonne.

Steerforth blieb mein Beschützer und erwies sich mir als ein sehr nützlicher Freund, da niemand einem Knaben, der in seiner Gunst stand, etwas zu tun wagte. Er konnte mich gegen Mr. Creakle nicht schützen, oder wenigstens tat er es nicht, aber wenn mich Mr. Creakle noch härter als gewöhnlich gestraft hatte, sagte er mir stets, es fehlte mir ein wenig von seinem Mute, und daß er an meiner Stelle es sich nicht hätte gefallen lassen. Damit wollte er mich trösten, und ich fand das sehr freundlich von ihm.

Einen einzigen Vorteil nur hatte Mr. Creakles Strenge: Das Plakat auf meinem Rücken war ihm im Wege, wenn er mir im Vorbeigehen eins versetzen wollte. Aus diesem Grunde wurde es entfernt, und ich sah es nie wieder.

Ein Zufall befestigte das vertrauliche Verhältnis zwischen Steerforth und mir in einer Weise, die mich mit Befriedigung und Stolz erfüllte, wenn es auch mancherlei Beschwerlichkeit mit sich brachte. Als er mir nämlich einmal die Ehre erwies, auf dem Spielplatz mit mir zu sprechen, geschah es, daß ich die Bemerkung wagte, irgend jemand oder etwas passe auf »Peregrine Pickle«. Er sagte nichts; aber als wir zu Bett gingen, fragte er mich, ob ich das Buch besäße. Ich sagte Nein und erzählte ihm, wieso ich es gelesen, und erwähnte auch die andern Bücher.

[109] »Und erinnerst du dich noch auf alles?« fragte Steerforth.

»O ja,« gab ich zur Antwort. Ich hätte ein gutes Gedächtnis und glaubte, noch alles fast auswendig zu wissen.

»Ich will dir etwas sagen, kleiner Copperfield,« meinte Steerforth daraufhin, »Du kannst sie mir erzählen. Ich mag abends sowieso nicht so bald zu Bett gehen und wache gewöhnlich zu früh auf. Wir wollen sie alle nacheinander durchgehen. Wir werden regelmäßige arabische Nächte einführen.«

Ich fühlte mich außerordentlich geschmeichelt, und wir fingen noch am selben Abend an. Welche Sünden ich im Verlauf meiner Erzählungen an meinen Lieblingsdichtern beging, weiß ich nicht mehr, aber ich hatte einen unerschütterlichen Glauben an sie und eine einfache Art, zu erzählen, und damit kamen wir recht weit. Die Kehrseite der Medaille war nur, daß ich mich abends oft schläfrig oder verstimmt oder nicht aufgelegt fühlte, die Geschichte fortzusetzen, und dann kostete es ein schweres Stück Arbeit. Aber es mußte geschehen.

Steerforths Erwartung zu täuschen oder ihm die Freude zu verderben, ging natürlich nicht an. Auch früh, wenn ich gern noch eine Stunde geschlummert hätte, war es recht fad, wie die Sultanin Scheherazade aufgeweckt und zum Erzählen einer langen Geschichte gezwungen zu werden, ehe die große Schulglocke läutete. Aber Steerforth bestand darauf, und da er mir dafür bei meinen Rechenaufgaben und Aufsätzen half, wenn sie zu schwer waren, verlor ich nichts bei dem Geschäft. Ich muß gerecht sein, es bewegte mich kein selbstsüchtiges Motiv und auch nicht Furcht vor ihm. Ich bewunderte und liebte ihn; sein Beifall war mir genug.

Steerforth konnte auch fürsorglich für mich sein und bewies das bei einer Gelegenheit auf so halsstarrige Art, daß er dem armen Traddles und den übrigen damit Tantalusqualen bereitete. Peggottys versprochener kostbarer Brief kam an, ehe noch einige Wochen des Semesters verstrichen waren und mit ihm ein Kuchen in einem wahren Nest von Orangen und zwei Flaschen Obstwein [110] dabei. Diese Schätze legte ich pflichtgemäß Steerforth zu Füßen und bat ihn, sie zu verteilen.

»Ich will dir was sagen, kleiner Copperfield,« meinte er. »Der Wein wird aufgehoben, um dir die Zunge anzufeuchten, wenn du Geschichten erzählst.«

Ich wurde rot und bat ihn bescheiden, doch nicht daran zu denken. Aber er meinte, ich würde manchmal etwas heiser und jeder Tropfen müsse für mich bleiben. Also schloß er den Wein in seinen Koffer und labte mich mit ihm vermittelst einer im Kork angebrachten Federspule, wenn ich seiner Meinung nach einer Erfrischung bedurfte. Zuweilen war er so gütig und preßte Pomeranzensaft hinein, um den Saft zu verbessern, rührte Ingwer hinein, oder löste ein Pfefferminzzeltchen darin auf. Obwohl ich nicht behaupten kann, daß das Getränk dadurch wesentlich besser wurde oder abends vor dem Einschlafen und früh nüchtern genossen besonders magenstärkend gewesen wäre, trank ich es doch dankbar und war gerührt von Steerforths Aufmerksamkeit.

Wir hatten wohl wochenlang mit Peregrine Pickle und mehrere Monate mit den andern Geschichten zugebracht. Mangel an Stoff trat nie ein, und der Wein hielt fast so lange an, wie der Stoff. Der arme Traddles, ich kann nie an diesen Jungen denken, ohne Tränen in den Augen und zugleich eine komischen Neigung, zu lachen, wirkte gewöhnlich verstärkend wie ein Chor und tat bei den lustigen Stellen, als ob er sich vor Heiterkeit nicht lassen könnte und bei den beunruhigenden, als ob er ganz vor Angst verginge. Das brachte mich manchmal ganz aus der Fassung. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit den Zähnen zu klappern, sobald in den Abenteuern des Gil Blas von Alguazil die Rede war, und ich erinnere mich, daß der arme, als Gil Blas dem Räuberhauptmann in Madrid begegnete, die Rolle des tötlich Entsetzten so lebhaft spielte, daß ihn Mr. Creakle, der auf den Gängen herumlauerte, hörte und wegen Störung im Schlafzimmer am andern Morgen ordentlich durchwichste. Was an Neigung zum Romantischen und Träumerischen in mir lag, wurde durch dieses Erzählen im Dunkeln sehr gestärkt, und in dieser Hinsicht mag es nicht besonders von Vorteil für mich [111] gewesen sein. Aber das Gefühl, daß ich im Schlafsaal wie eine Art Spielzeug behandelt wurde, und das Bewußtsein, auch bei den andern Knaben meiner Fähigkeiten wegen ein gewisses Ansehen zu genießen, trotzdem ich der Jüngste war, munterte mich sehr auf.

In einer Schule, die von bloßer Grausamkeit beherrscht wird, wird nie viel gelernt, ob ihr jetzt ein Dummkopf vorsteht oder nicht. Ich glaube, unsere Schüler waren so unwissend wie nur möglich. Sie wurden viel zu sehr gepeinigt und herumgestoßen, um etwas lernen zu können. Es hatte für sie keinen Zweck, sich zu bemühen in einem Leben voll beständiger Qual und Mühsal. Aber meine bißchen Eitelkeit und Steerforths Hilfe trieben mich an und machten mich, wenn es mir auch keine Strafen ersparte, zu einer Ausnahme unter den übrigen, indem ich wenigstens einige Brosamen Kenntnisse auflas.

Mr. Mell, an den ich mit Dankbarkeit zurückdenke, legte stets eine gewisse Teilnahme für mich an den Tag und half mir darin sehr. Es schmerzte mich immer, daß Steerforth ihn mit Geringschätzung behandelte und selten eine Gelegenheit versäumte, ihn zu verletzen. Dies beunruhigte mich eine Zeitlang umsomehr, als ich Steerforth, dem ich ein Geheimnis ebensowenig vorenthalten konnte wie einen Kuchen oder sonst etwas Greifbares, von den beiden alten Frauen erzählt hatte, zu denen mich Mr. Mell mitgenommen. Immer fürchtete ich, Steerforth würde es verraten und ihn damit verhöhnen. Als ich an jenem Morgen mein Frühstück in dem Asyl gegessen und im Schatten der Pfauenfedern und bei dem Ton der Flöte eingeschlafen war, hätte wohl keiner der damals Anwesenden geahnt, welche Folgen der Besuch einer so unbedeutenden Person wie ich noch einmal haben würde.

Leider hatte er ganz unvorhergesehene Folgen und zwar in ihrer Art recht ernste. Eines Tages nämlich, als Mr. Creakle wegen Unpäßlichkeit das Zimmer hütete, was natürlich die lebhafteste Freude über die ganze Schule verbreitete, herrschte in der Morgenstunde viel Lärm. Alle benahmen sich so übermütig, daß kaum mit ihnen auszukommen war. Selbst als der gefürchtete Tongay [112] mit seinem Holzbein zwei- oder dreimal hereingestelzt kam und die Namen der ärgsten Übeltäter aufschrieb, machte es keinen Eindruck. Alle wußten, sie würden morgen sowieso gestraft, mochten sie tun oder lassen, was sie wollten, und hielten es deshalb für das Gescheiteste, sich wenigstens der Gegenwart möglichst zu freuen. Es war eigentlich ein halber Feiertag, nämlich Samstag, aber da der Lärm auf dem Spielplatz Mr. Creakle möglicherweise hätte stören können und das Wetter zum Ausgehen nicht günstig schien, mußten wir nachmittags bei einigen leichteren Aufgaben in der Klasse bleiben. Es war der Tag der Woche, an dem Mr. Sharp sich die Perücke kräuseln ließ, und daher fiel auf Mr. Mell das Amt, Schule zu halten. Wenn ich die Vorstellung von einem Stier oder einem Bären mit einer so sanften Person wie Mr. Mell überhaupt in Verbindung bringen könnte, so an diesem Nachmittag, als das Lärmen seine höchste Spitze erreichte, nur unter dem Bilde eines dieser Tiere, wenn es von tausend Hunden angefallen wird. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Kopf auf seine knochige Hand stützt und, über das Buch auf seinem Pult geneigt, sich vergeblich bemüht, mitten unter einem Lärm, der den Sprecher des Unterhauses schwindlig gemacht haben würde, seine anstrengende Arbeit fortzusetzen. Die Jungen haschten sich zwischen den Bänken, sie lachten, sangen, tanzten, heulten, scharrten mit den Füßen, andre sprangen um Mr. Mell herum, grunzten, schnitten Gesichter, äfften ihn nach – hinter dem Rücken und vor seinen Augen –, verspotteten seine Armut, seine Stiefel, seinen Rock, seine Mutter, kurz alles, was ihm gehörte und was sie hätten achten sollen.

»Ruhe!« schrie Mr. Mell, plötzlich aufspringend und mit dem Buch auf das Pult schlagend. »Was soll das heißen. Es ist nicht auszuhalten. Es ist zum Verrücktwerden. Wie könnt ihr mir das tun, Jungen!«

Er schlug mit meinem Buch auf das Pult, und wie ich so neben ihm stehend seinem Auge, das im Zimmer herumschweifte, folgte, sah ich, wie sie alle schwiegen; einige aus plötzlicher Überraschung, manche halb aus Angst, manche vielleicht aus Reue.

Steerforths Platz war am untern Ende der Schulstube. [113] Er hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt, die Hände in den Taschen, und sah Mr. Mell an, die Lippen zum Pfeifen gespitzt.

»Ruhe, Mr. Steerforth,« sagte Mr. Mell.

»Selbst Ruhe,« sagte Steerforth und wurde rot. »Mit wem sprechen Sie eigentlich?«

»Setzen Sie sich,« sagte Mr. Mell.

»Setzen Sie sich selber,« sagte Steerforth, »und kümmern Sie sich um Ihre Sachen.«

Man hörte ein Kichern und einige Beifallsrufe. Aber Mr. Mell war so bleich, daß es fast augenblicklich wieder still wurde, und ein Junge, der hinter ihn gesprungen war, um wieder Mr. Mells Mutter nachzuäffen, besann sich anders und gab vor, er möchte eine Feder geschnitten haben.

»Wenn Sie vielleicht glauben, Steerforth,« sagte Mell, »es wäre mir nicht bekannt, welche Macht Sie hier über jedes Gemüt ausüben können, –« er legte seine Hand, vielleicht ohne zu wissen, was er tat, auf meinen Kopf – »oder ich hätte nicht bemerkt, wie Sie vor wenigen Minuten Ihre jüngern Mitschüler in jeder Weise aufreizten, mich zu beschimpfen, so irren Sie sich.«

»Ich gebe mir überhaupt nicht Mühe, an Sie zu denken,« sagte Steerforth kaltblütig, »also irre ich mich zufällig gar nicht.«

»Und wenn Sie Ihre Stellung als Günstling hier mißbrauchen, Sir,« fuhr Mr. Mell mit bebenden Lippen fort, »um einen anständigen Menschen zu beleidigen.«

»Einen, was? – Wo ist er?« fragte Steerforth.

Hier rief jemand: »Pfui Steerforth, das ist gemein.«

Es war Traddles, den Mr. Mell augenblicklich zurechtwies, indem er ihm befahl, den Mund zu halten.

»– – jemand zu beleidigen, der nicht glücklich im Leben ist und Ihnen nie das geringste getan hat, und zugleich die vielen Gründe kennen, die Sie veranlassen sollten, es nicht zu tun, Gründe, die zu kennen Sie alt und klug genug sind,« sagte Mr. Mell, und seine Lippen zitterten immer mehr, »so begehen Sie damit eine niedrige und gemeine Handlung. Sie können sich jetzt setzen oder stehen bleiben, wie Sie wollen. Weiter, Copperfield.«

[114] »Kleiner Copperfield,« sagte Steerforth und kam ans Pult, »warte einen Augenblick. Ich will Ihnen was sagen, Mr. Mell, ein für allemal. Wenn Sie sich die Freiheit nehmen, mich niedrig oder gemein zu nennen oder einen ähnlichen Ausdruck zu gebrauchen, so sind Sie ein unverschämter Bettler. Sie sind überhaupt ein Bettler, das wissen Sie ja. Aber wenn Sie das tun, so sind Sie ein unverschämter Bettler.«

Ich war mir nicht klar, ob er nach Mr. Mell oder Mr. Mell nach ihm schlagen wollte, oder ob auf einer der beiden Seiten überhaupt eine solche Absicht vorhanden war. Ich sah die ganze Klasse wie versteinert dasitzen und Mr. Creakle plötzlich in unserer Mitte erscheinen und Tongay neben ihm und an der Tür Mrs. und Miß Creakle mit scheuen und erschrocknen Gesichtern. Mr. Mell, die Ellbogen auf das Pult und das Gesicht in die Hände gelegt, saß einige Augenblicke regungslos da.

»Mr. Mell!« sagte Mr. Creakle, den Schullehrer am Arme fassend und schüttelnd, und sein Flüstern war diesmal so laut, daß Tongay die Worte nicht zu wiederholen brauchte. »Sie haben sich doch nicht etwa vergessen?«

»Nein, Sir, nein,« erwiderte der Lehrer, wieder sein Gesicht zeigend und sich die Hände reibend. Er schüttelte in großer Aufregung den Kopf. »Nein, Sir, nein. Ich habe mich nicht vergessen. Ich – nein, Mr. Creakle, ich habe mich nicht vergessen. Ich – ich – ich – wünschte, Sie hätten etwas früher an mich gedacht, Mr. Creakle. Es – Es – wäre gütiger gewesen und gerechter, Sir. Es hätte mir etwas erspart, Sir.«

Mr. Creakle sah streng auf Mr. Mell, legte seine Hand auf Tongays Schulter, stieg auf eine Bank und setzte sich auf das Pult. Nachdem er von diesem Throne noch eine Weile Mr. Mell, der noch immer in größter Aufregung den Kopf schüttelte und sich die Hände rieb, streng angesehen hatte, wandte er sich zu Steerforth und sagte:

»Nun, Sir, da er sich nicht herabläßt, es mir zu sagen, was ist also?«

Steerforth wich der Frage eine Weile aus; er sah[115] seinen Gegner mit zornigem und wildem Gesicht an und blieb stumm. Selbst damals konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, wie nobel sein Aussehen war und wie gewöhnlich und dürftig sich Mr. Mell gegen ihn ausnahm.

»Was hat er eigentlich gemeint, als er von Günstlingen sprach?« sagte Steerforth endlich.

»Günstlinge?« wiederholte Mr. Creakle, und die Adern auf seiner Stirne schwollen plötzlich an. »Wer hat von Günstlingen gesprochen?«

»Er,« sagte Steerforth.

»Bitte, was haben Sie damit gemeint, Sir?« fragte Mr. Creakle und wandte sich voll Zorn an seinen Unterlehrer.

»Ich meinte, was ich sagte, Mr. Creakle,« erwiderte der Gefragte ruhig. »Daß kein Schüler das Recht hat, seine Günstlingsstellung zu benützen, um mich zu erniedrigen?«

»Sie zu erniedrigen? Ausgezeichnet. Aber Sie werden mir gestatten, zu fragen, Mr. Dingsda,« und Mr. Creakle verschränkte seine Arme mit dem Rohrstock auf der Brust und zog seine Brauen so zusammen, daß seine Augen fast verschwanden, – »ob Sie, als Sie von Günstlingen sprachen, mir damit die gehörige Achtung bezeigt haben. Mir, Sir,« fragte Mr. Creakle und schnellte plötzlich mit dem Kopf gegen Mr. Mell vor und zog ihn wieder zurück. »Mir, dem Prinzipal dieser Anstalt und ihrem Brotherrn!?«

»Ich gebe gern zu, daß es unüberlegt war,« sagte Mr. Mell, »ich würde es nicht getan haben, wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre.«

Hier fiel Steerforth ein:

»Und dann sagte er, ich wäre niedrig und gemein, und dann habe ich ihn einen Bettler genannt. Wenn ich bei kaltem Blute gewesen wäre, hätte ich ihn vielleicht keinen Bettler genannt. Aber ich tat es und nehme die Folgen auf mich.«

Ohne wahrscheinlich zu überlegen, ob ihn überhaupt Folgen treffen könnten, erglühte ich förmlich bei dieser mutigen Rede. Sie machte auch auf die Jungen Eindruck, und es entstand eine leise Unruhe unter ihnen, wenn auch keiner ein Wort sprach.

[116] »Ich bin erstaunt, Steerforth, obgleich Ihre Aufrichtigkeit Ihnen Ehre macht,« sagte Mr. Creakle. »Ja, gewiß, Ihnen Ehre macht, – ich bin erstaunt, Steerforth, muß ich schon sagen, daß Sie solch eine Bezeichnung für eine Person brauchten, die in Salemhaus angestellt ist und bezahlt wird, Sir.«

Steerforth lachte kurz auf.

»Das ist keine Antwort, Sir,« sagte Mr. Creakle, »auf meine Bemerkung. Ich erwarte mehr von Ihnen, Steerforth.«

Wenn Mr. Mell in meinen Augen gegenüber dem hübschen Knaben schon abstach, wäre es ganz un möglich gewesen, zu sagen, was Mr. Creakle für einen Eindruck machte.

»Er soll es ableugnen,« sagte Steerforth.

»Ableugnen, daß er ein Bettler ist, Steerforth? Aber wo bettelt er denn?«

»Wenn er nicht selbst ein Bettler ist, so ist es seine nächste Verwandte,« sagte Steerforth. »Das kommt doch auf dasselbe heraus.«

Er sah mich an, und Mr. Mells Hand klopfte mir sanft auf die Schulter. Ich blickte auf, Schamröte im Gesicht und Reue im Herzen. Aber Mr. Mells Augen ruhten auf Steerforth. Er fuhr fort, mich freundlich auf die Schulter zu klopfen, aber er blickte Steerforth an.

»Da Sie eine Rechtfertigung von mir verlangen, Mr. Creakle,« sagte Steerforth »und ich sagen soll, was ich meine, so sage ich, daß seine Mutter von Almosen in einem Armenhaus lebt.«

Immer noch sah ihn Mr. Mell an und klopfte mir immer noch freundlich auf die Schulter. Leise sagte er dann vor sich hin: »Ja, das habe ich mir gedacht.«

Mr. Creakle wandte sich an den Unterlehrer mit strengem Stirnrunzeln und erkünstelter Höflichkeit.

»Nun, Sie hören, was dieser Herr sagt, Mr. Mell. Haben Sie die Güte, seine Aussage vor der ganzen Schule gefälligst zu berichtigen.«

»Er hat vollständig Recht, Sir,« antwortete Mr. Mell inmitten der tiefsten Stille. »Was er gesagt hat, ist wahr.«

[117] »Wollen Sie dann so gut sein und öffentlich erklären,« sagte Mr. Creakle, legte den Kopf auf die Seite und rollte mit den Augen, »ob ich bis zu diesem Augenblick etwas davon in Erfahrung gebracht habe.«

»Ich glaube nicht direkt,« erwiderte Mr. Mell.

»Sie wissen, daß es nicht der Fall war,« sagte Mr. Creakle. »Oder wissen Sie es nicht, Mensch?«

»Ich nehme an, daß Sie wohl niemals meine Verhältnisse für sehr gut gehalten haben,« antwortete der Unterlehrer. »Sie wissen doch, wie meine Lage hier ist und immer war.«

»Ich nehme an,« sagte Mr. Creakle und seine Adern wurden noch dicker, »daß Sie wohl überhaupt in einer falschen Stellung hier gewesen sind und diese Anstalt vermutlich für eine Armenschule gehalten haben. Mr. Mell, wir werden uns trennen und je eher, desto besser.«

»Es ist keine Zeit besser als die gegenwärtige,« erwiderte Mr. Mell und stand auf.

»Für Sie, ja,« sagte Mr. Creakle.

»Ich nehme Abschied von Ihnen, Mr. Creakle und von euch allen,« sagte Mr. Mell, sah sich im Zimmer um und klopfte mir wieder sanft auf die Schulter.

»James Steerforth, der beste Wunsch, den ich Ihnen hinterlassen kann, ist, daß Sie sich eines Tags schämen mögen über das, was Sie heute getan haben. Heute möchte ich in Ihnen lieber alles andere sehen als einen Freund oder sonst jemand, für den ich ein Interesse fühle.«

Noch einmal legte er die Hand auf meine Schulter, dann nahm er seine Flöte und ein paar Bücher aus dem Pult, ließ den Schlüssel stecken für seinen Nachfolger und verließ die Klasse, seinen ganzen Besitz unter dem Arm.

Mr. Creakle hielt dann noch unter Tongays Assistenz eine Rede, in der er Steerforth dankte, daß er, wenn auch vielleicht ein wenig zu warm, das Ansehen von Salemhaus und seine Unabhängigkeit verteidigt hatte.. Er wand sich durch bis zu dem Punkte, wo er Steerforth die Hand schüttelte, während wir dreimal Hoch riefen, ich weiß nicht mehr für wen, aber ich glaube für Steerforth. Wenigstens rief ich mit, obwohl ich sehr niederschlagen war. Dann wichste Mr. [118] Creakle den kleinen Tommy Traddles durch, weil er über Mr. Mells Fortgehen geweint hatte, statt in das Hoch einzustimmen, und kehrte wieder zu seinem Sofa oder seinem Bett, oder wo er sonst hergekommen, zurück.

Wir waren uns jetzt selbst überlassen und sahen einander ratlos an. Ich empfand so viel Gewissensbisse und Reue über das Geschehene, daß nur die Furcht, Steerforth, der mich oft ansah, möchte es für unfreundschaftlich oder, besser gesagt, für pflichtwidrig halten, wenn ich weinte, meine Tränen zurückhielt. Er war sehr böse auf Traddles und sagte, es freue ihn, daß er es gekriegt habe.

Der arme Traddles, der schon wieder über das Stadium hinaus war, wo er den Kopf auf das Pult zu legen pflegte und seinem Verdruß wieder mit einem Haufen Gerippen Luft machte, sagte, es sei ihm ganz wurst, aber Mr. Mell sei Unrecht geschehen.

»Wer hat ihm Unrecht getan, du Mädchen?« fragte Steerforth.

»Wer denn sonst als du.«

»Was hab ich denn getan?« fragte Steerforth.

»Was du getan hast,« gab Traddles zur Antwort. »Du hast seine Gefühle verletzt und ihn um seine Stelle gebracht.«

»Seine Gefühle,« wiederholte Steerforth verächtlich. »Seine Gefühle werden sich schon wieder erholen, drauf will ich wetten. Seine Gefühle sind nicht wie deine, Fräulein Traddles. Und was seine Stelle betrifft, – die so glänzend war, was? – so werde ich doch natürlich nach Hause schreiben und dafür sorgen, daß er Geld bekommt, Polly.«

Uns kam dieser Vorsatz Steerforths, dessen Mutter, eine reiche Witwe, – ihm in allem nachgab, sehr hochherzig vor. Wir freuten uns alle, daß Traddles beschämt war, und hoben Steerforth in den Himmel, besonders, als er uns gnädigst erklärte, daß er alles nur unsertwegen getan und uns durch sein selbstloses Benehmen einen Riesendienst erwiesen hätte.

Aber ich muß gestehen, als ich abends im Dunkeln eine Geschichte erzählte, schien mir Mr. Mells Flöte[119] mehr als einmal traurig in den Ohren zu klingen und als endlich Steerforth schlief und ich in meinem Bette lag, machte mich der Gedanke, die Flöte werde jetzt wo anders gespielt, ganz elend.

Ich vergaß Mr. Mell bald über der Bewunderung Steerforths, der in leichter Dilettantenart und ohne Buch, denn er schien alles auswendig zu wissen, einige der Lehrstunden übernahm, bis der neue Lehrer erschien. Dieser kam aus einer Lateinschule und speiste, bevor er sein Amt antrat, bei dem Direktor um Steerforth vorgestellt zu werden.

Steerforth fand großen Gefallen an ihm und nannte ihn eine Leuchte. Wenn ich auch nicht begriff, was für ein Gelehrtentitel das wäre, brachte ich ihm doch große Ehrfurcht entgegen und zweifelte nicht im geringsten an seinen großartigen Kenntnissen, obwohl er sich nie solche Mühe mit mir gab, wie Mr. Mell; aber ich war ja auch gar nicht zu rechnen.

Noch ein ungewöhnliches Ereignis in diesem Semester machte einen tiefen Eindruck auf mich, der noch immer fortlebt, – aus verschiedenen Gründen fortlebt.

Eines Nachmittags, als wir alle in einem Zustand ärgster Verwirrung und Angst waren, weil Mr. Creakle so fürchterlich um sich schlug, kam Tongay herein und rief laut:

»Besuch für Copperfield.«

Mr. Creakle wechselte mit ihm ein paar Worte über den Rang des Besuchs und das Zimmer, in das man die Gäste weisen sollte, und sagte dann zu mir, – ich war wie üblich aufgestanden und ganz verblüfft vor Erstaunen – ich sollte die Hintertreppe hinaufgehen und einen reinen Kragen anziehen, ehe ich ins Speisezimmer ginge. Ich gehorchte in einer Aufregung, wie ich sie noch gar nicht gekannt hatte, und als ich an die Tür des Besuchszimmers kam und der Gedanke in mir aufblitzte, es könnte vielleicht meine Mutter sein, – bis dahin hatte ich nur an Mr. und Miß Murdstone gedacht – ließ ich die Klinke wieder los und blieb stehen und holte tief Atem, bevor ich eintrat.

Zuerst sah ich niemand. Aber da ich ein Hindernis an der Tür fühlte, blickte ich dahinter und erkannte zu [120] meinem Erstaunen Mr. Peggotty und Ham, die mit ihren Hüten in der Hand vor mir knixten und einander an die Wand drückten. Ich mußte lachen, aber mehr aus Freude, sie zu sehen, als über ihren Anblick. Wir schüttelten uns herzlich die Hände, und ich lachte und lachte, bis ich mein Taschentuch herausziehen und mir die Augen wischen mußte.

Mr. Peggotty, der während des ganzen Besuchs kein einziges Mal den Mund zumachte, legte große Teilnahme an den Tag, als er das sah, und gab Ham einen Rippenstoß, damit der etwas sagen sollte.

»All wedder lussig Masr Davy?« fragte Ham mit seinem gewohnten Grinsen. »Wat sünn Sej grot woren.«

»Bin ich gewachsen,« fragte ich und trocknete mir die Augen. Ich weinte über nichts Besonderes, nur das Wiedersehen mit den alten Freunden entlockte mir Tränen.

»Grot woren? Masr Davy! ob hej grot woren is!« sagte Ham.

»Ob hej grot woren is,« wiederholte Mr. Peggotty.

Sie lachten einander an, bis ich mitlachen mußte, und dann lachten wir alle drei, bis mir wieder die Tränen kamen.

»Wissen Sie, wie es Mama geht, Mr. Peggotty,« fragte ich. »Und meiner lieben, lieben, alten Peggotty?«

»Ungemein,« sagte Mr. Peggotty.

»Und der kleinen Emly und Mrs. Gummidge?«

»Un–gemein,« sagte Mr. Peggotty.

Es trat eine große Pause ein. Um sie zu beenden, holte Mr. Peggotty zwei ungeheure Hummern, eine riesige Krabbe und einen großen Segelleinwandbeutel voll Crevetten aus seinen Taschen und häufte sie auf Hams Armen auf.

»Weil Sie das gerne haben, wissen Sie,« sagte er, »haben wir uns die Freiheit genommen! Und die Alte hat se gekocht. Mrs. Gummidge hat se gekocht. Jawoll,« fügte er langsam hinzu, wie mir schien weil er von nichts anders zu reden wußte. »Wahrhaftig, Mrs. Gummidge hat se gekocht.«

Ich drückte ihm meinen Dank aus, und Mr. Peggotty fuhr fort, Ham hilfesuchend anblickend, der die Krebse [121] angrinste, ohne einen Versuch zu machen, ihn zu unterstützen:

»Wi kamen mit Flut und günstigen Wind in een von üns Yarmouthbooten nach Gravesend. Mien Schwester hett mich den Namen von dem Ort hier schrewen und schrewt, wenn ick nach Gravesend komme, soll ick heröwer kommen und nach Masr Davy fragen, un jem een schoin Gruß von ehr bringen un Gutes wünschen un seggen, daß sej ungemein gut geit. Lütt Emly soll an mien Schwester schriewen, wenn ick wedder to hus bün, dat ick Sej sehen heww und dat Sej woll sünn; un so war et en ganz lustigen Rundgang.«

Ich mußte erst ein wenig nachdenken, was Mr. Peggotty sagen wollte, dann dankte ich ihm herzlich und sagte, rot werdend, – wie ich fühlte, – die kleine Emly werde sich wohl auch verändert haben, seitdem wir zusammen Muscheln und Kiesel am Strande gesucht hatten.

»Is een grot Deeren woren; sej is,« sagte Mr. Peggotty. »Fragen Sie ihn.« Er meinte Ham, der wonnestrahlend über seinem Crevettenbeutel nickte und seine freudige Zustimmung ausdrückte.

»Ehr soit Gesicht!« sagte Mr. Peggotty und sein eignes glänzte wie ein Licht.

»Die Gelehrsamkeit,« sagte Ham.

»Ehr Handschrift,« sagte Mr. Peggotty. »Schwarz wie Kohle. Un so grot. Von witem to sehen.«

Es war wirklich eine Lust, welche Begeisterung über Mr. Peggotty kam, wenn er an seinen kleinen Liebling dachte. Er steht wieder vor mir mit seinem wetterharten haarigen Gesicht, strahlend vor freudiger Liebe und Stolz, daß es sich gar nicht beschreiben läßt. Seine ehrlichen Augen leuchteten auf und glänzten, als ob etwas Schimmerndes ihre Tiefen aufrührte. Seine breite Brust hob sich vor Entzücken. Seine großen starken Hände ballten sich unwillkürlich bei seinem Ernst zusammen, und er gab dem, was er sprach, Nachdruck durch Bewegungen seines Arms, der mir, dem Knirps, wie ein Schmiedehammer vorkam.

Ham meinte es ebenso ernsthaft. Ich glaube, sie würden noch mehr von ihr erzählt haben, wenn sie nicht durch das unvermutete Erscheinen Steerforths in Verlegenheit [122] geraten wären. Als mich dieser in einer Ecke mit zwei Fremden sprechen sah, brach er das Lied ab, das er eben laut sang, und sagte: »Ich wußte nicht, daß du hier bist, kleiner Copperfield –. Es war nicht das gewöhnliche Besuchszimmer;« und er wollte vorbeigehen.

Ich weiß nicht, ob es der Stolz war, einen Freund wie Steerforth zu besitzen, oder der Wunsch, ihm zu erklären, wie ich zu solchen Bekannten, wie Mr. Peggotty käme, was mich veranlaßte, ihn herbeizurufen.

»Bitte, Steerforth,« sagte ich, »hier sind zwei Schiffer von Yarmouth, so gute, liebe Leute, Verwandte meiner alten Kindsfrau, die von Gravesend gekommen sind, um mich zu besuchen.«

»O! O!« sagte Steerforth und drehte sich um. »Freut mich Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?«

Es lag etwas Ungezwungenes in seinem Wesen, – etwas Frisches, Munteres, aber gar nichts Anmaßendes, das immer bestrickend auf alle wirkte. Immer noch kommt es mir vor, als ob seine Haltung, seine Lebhaftigkeit, seine gewinnende Stimme, sein hübsches Gesicht und eine gewisse ihm innewohnende Anziehungskraft einen Zauber ausübten, dem nur wenige widerstehen konnten. Es entging mir nicht, wie sehr er ihnen gefiel und wie sich ihm im Augenblick ihre Herzen erschlossen.

»Sie müssen auch zu Hause sagen, Mr. Peggotty, daß Mr. Steerforth sehr freundlich zu mir ist, und daß ich ohne ihn gar nicht wüßte, was anfangen.«

»Unsinn,« lachte Steerforth. »So etwas dürfen Sie ihnen dort nicht sagen.«

»Und wenn Mr. Steerforth einmal nach Norfolk oder Suffolk kommt, Mr. Peggotty,« sagte ich, »und ich bin auch dort, so bringe ich ihn ganz gewiß mit nach Yarmouth, um ihm Ihr Haus zu zeigen. Du hast noch nie so ein Haus gesehen, Steerforth. Es ist aus einem Schiff gemacht.«

»Aus einem Schiff, wahrhaftig?« sagte Steerforth. »Das ist das richtige Haus für so einen tüchtigen Schiffer.«

»Jawoll, Sir, is er auch,« sagte Ham grinsend. »Haben recht, junger Genlmn. Masr Davy, der[123] Genlmn hat recht. N fixer Schipper. Jawoll. Dat is hej.«

Mr. Peggotty fühlte sich nicht weniger geschmeichelt als sein Neffe, wenn ihm auch seine Bescheidenheit verbot, ein persönliches Kompliment so laut auf sich zu beziehen.

»Woll, Sir,« sagte er mit einem Katzenbuckel und in sich hineinlachend und die Zipfel seines Taschentuchs verlegen in die Weste stopfend: »Schoin Dank, Sir, schoin Dank. Ick dau mien Schuldigkeit an Bord.«

»Auch der Beste kann nicht mehr, Mr. Peggotty,« sagte Steerforth, der sofort den Namen aufgefaßt hatte.

»Wette, Sej doons auch,« sagte Peggotty und schüttelte Steerforth die Hand, »und doons gehörich. – Ganz gehörich! Schoin Dank, Sir. Dank Ihnen, Sir, dat Sej mich so fründlich aufgenommen hewwen. Ick bün schlecht und recht, Sir, heißt, hoffe, bün recht, verstehen Sej? An mien Hus is nöch veel to sehn, Sir, aber Sej sün willkomm, wenn Sej eenmal mit Masr Davy kommn, ick bün wie een Pagütz, dat bün ick,« sagte Peggotty. Er meinte damit wahrscheinlich eine Schnecke und spielte auf seine Langsamkeit im Fortgehen an, denn er hatte nach jedem Satz versucht, fortzugehen, war aber immer wieder umgekehrt. »Äwer ick segg Sej beid Adjüs und wünsch Sej veel Glüch.«

Ham wiederholte diesen Gefühlsausbruch, und wir schieden von beiden auf das herzlichste. Ich fühlte mich an diesem Abend versucht, Steerforth von der hübschen kleinen Emly zu erzählen, aber ich fürchtete von ihm ausgelacht zu werden.

Ich erinnere mich, daß ich viel und unruhig über Mr. Peggottys Wort nachdachte, daß sie ein großes Mädchen geworden sei, verwarf aber diesen Gedanken später als Unsinn.

Wir schleppten die Krebse, »dat Tüch«, wie Peggotty es bescheiden benannt hatte, unbemerkt in unser Zimmer und hielten an diesem Abend ein großes Festessen. Traddles kam dabei nicht gut weg. Er war ein zu großer Pechvogel, als daß er sich eines Essens, das jedem andern Menschen bekam, lange hätte erfreuen können. Es wurde ihm in der Nacht schlecht – ganz[124] miserabel schlecht – nach der Krabbe, und nachdem er schwarze Tropfen und blaue Pillen in einer Menge geschluckt hatte, daß Demple, dessen Vater Arzt war, meinte, es wäre genug, um eines Pferdes Gesundheit zu untergraben, wurde er durchgehauen und bekam sechs Kapitel aus dem griechischen Testament auf, weil er sich zu beichten weigerte.

Den Rest des Semesters füllt ein Schwall von Erinnerungen aus an die ewigen Plagen und Mühseligkeiten unseres täglichen Lebens, an den schwindenden Sommer und den Wechsel der Jahreszeit, an die kühlen Morgen, wenn man uns aus den Betten läutete und den kalten, kalten Geruch der dunklen Nächte, wenn wir wieder ins Bett mußten, – an die schlecht beleuchtete und schlecht geheizte Abendschulstube und die Morgenklasse, die weiter nichts war als eine große Fröstelmaschine, – an die Abwechslung zwischen gekochtem Rindfleisch und Rinderbraten, gekochtem Hammelfleisch und Hammelbraten, an Butterbrote, Schulbücher mit Eselsohren, zerbrochene Schiefertafeln, Schreibhefte mit Tränenflecken, an spanische Rohr- und Linealhiebe, Ohrenbeuteln, regnerische Sonntage, Talgpuddings und die schmutzige Tintenatmosphäre, die alles umgibt.

Ich erinnere mich noch so recht an die ferne Hoffnung auf die Feiertage, die in all der langen Zeit wie der einzig feste Punkt erschien. Ein Punkt, der sich uns immer mehr näherte und beständig größer wurde, wie wir zuerst Monate, dann Wochen und dann nur mehr Tage zählten, wie ich dann anfing, zu fürchten, daß ich nicht würde nach Hause reisen dürfen, –indessen, wie Steerforth herausbrachte, schon zu Hause angemeldet war, – und dann von dunklen Ahnungen gequält wurde, ich könnte inzwischen das Bein brechen. Wie endlich der Tag der Abreise näher kam, von der zweitnächsten Woche auf die nächste, dann auf die gegenwärtige, auf übermorgen, morgen, heute, heute abend, – wo ich in der Postkutsche in Yarmouth sitze und nach Hause fahre.

Ich schlummere meilenweise in der Kutsche und habe einen zusammenhängenden Traum von allen diesen Dingen. Aber wenn ich manchmal aufwache, ist die Gegend draußen vor dem Fenster nicht der Spielplatz [125] von Salemhaus, und was in meine Ohren ruft, ist nicht Mr. Creakle, der eben Traddles prügelt, sondern der Kutscher, der die Pferde antreibt.

Achtes Kapitel

Meine Ferien. Ein glücklicher Nachmittag.


Als wir vor Tagesanbruch vor dem Gasthof hielten, aber nicht vor dem, wo mein Freund, der Kellner, diente, wies man mir ein kleines, hübsches Schlafzimmer zu, über dessen Thüre »Delphin« stand. Ich fror sehr trotz des heißen Tees, den sie mir unten vor einem großen Feuer eingeschenkt hatten, und legte mich gern in das Bett des »Delphins«, wickelte mich in die Bettdecke des »Delphins« und schlief ein.

Mr. Barkis, der Fuhrmann, sollte mich morgen früh um neun Uhr abholen. Ich stand um acht Uhr auf, ein wenig verschlafen nach dem kurzen Schlummer, und wartete auf ihn noch lange vor der Zeit. Er nahm mich auf, als ob seit unserm letzten Zusammensein nicht fünf Minuten verstrichen wären und ich bloß in den Gasthof gegangen sei, um Kleingeld einzuwechseln.

Sobald ich und mein Koffer im Wagen waren und er seinen Platz eingenommen hatte, setzte sich das faule Pferd in seinen gewohnten Trott.

»Sie sehen sehr gut aus, Mr. Barkis,« fing ich an.

Mr. Barkis rieb sich seine Backen mit dem Ärmel und sah dann hin, als ob er darauf die Blüte seines Gesichts abgefärbt zu sehen erwartete. Weiter gab er kein Zeichen der Anerkennung meines Kompliments von sich.

»Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet, Mr. Barkis,« sagte ich, »und an Peggotty geschrieben.«

»Hm,« meinte Mr. Barkis.

Er schien verdrießlich zu sein und antwortete sehr kurz.

»Wars nicht richtig, Mr. Barkis?« fragte ich nach einigem Zögern.

»Nun, nein,« sagte Barkis.

[126] »Falsch ausgerichtet?«

»Ausgerichtet wars schon gut,« sagte Mr. Barkis, »aber dann wars aus.«

Da ich nicht verstand, was er meinte, wiederholte ich fragend:

»Dann wars aus, Mr. Barkis?«

»Wurde nichts draus,« erklärte er und blickte mich von der Seite an. »Keine Antwort.«

»Sie erwarteten also eine Antwort, Mr. Barkis?« sagte ich und riß die Augen auf, denn das kam mir ganz überraschend.

»Wenn ein Mensch sagt, er will,« sagte Mr. Barkis und wendete seine Augen langsam wieder auf mich, »heißts doch soviel wie, man wartet auf Antwort.«

»Wirklich, Mr. Barkis?«

»Wirklich,« sagte Mr. Barkis und zielte mit den Augen nach den Pferdeohren. »Der Mensch wartet immer noch auf die Antwort.«

»Haben Sie ihr das gesagt, Mr. Barkis?«

»Hm,« brummte Mr. Barkis und dachte darüber nach. »Hab mich noch nicht entschlossen. Sprach noch keine sechs Worte mit ihr. Kanns ihr nicht sagen.«

»Soll ichs ihr vielleicht sagen, Mr. Barkis?« fragte ich schüchtern.

»Könnten s schon, wenn Sie wollten,« sagte Mr. Barkis wieder mit einem langsamen Blick zu mir. »Daß Barkis auf Antwort wartet. Hm, wie ist doch der Name?«

»Ihr Name?«

»Hm,« sagte Mr. Barkis mit einem Kopfnicken.

»Peggotty.«

»Taufname, Vorname?« fragte Mr. Barkis.

»Nein, das ist nicht ihr Taufname. Ihr Vorname ist Klara.«

»So,« sagte Mr. Barkis.

Meine Antwort schien ihn außerordentlich stark zum Nachdenken anzuregen, denn er saß lange grübelnd da und pfiff innerlich.

»Hm,« fing er endlich wieder an, »sagen Sie Peggotty: Barkis wartet; und sagt sie, worauf? sagen Sie: auf Antwort. Sagt sie: worauf? sagen Sie: Barkis will.«

[127] Diese außerordentlich knappe Erklärung begleitete Mr. Barkis mit einem freundschaftlichen Rippenstoß, daß mir die Seite weh tat. Darauf hockte er wieder wie gewöhnlich ruhig auf seinem Platz und blieb in dieser Stellung, bis er eine halbe Stunde später ein Stück Kreide aus der Tasche holte und innen an die Wagendecke schrieb: Klara Peggotty –. Offenbar als Privatnotiz.

Was für ein seltsames Gefühl, sich der Heimat zu nähern, die einem fremd geworden ist! Jeder Gegenstand, den man erblickt, erinnert einen an das alte, liebe Vaterhaus. Es kam mir alles wie ein Traum vor, den ich nie mehr wieder träumen könnte. Die Tage, wo meine Mutter, ich und Peggotty einander alles waren und noch niemand sich zwischen uns gedrängt hatte, erstanden unterwegs vor meinen Augen mit so traurigen Erinnerungen, daß ich am liebsten umgekehrt wäre und in Steerforths Gesellschaft vergessen hätte. Aber ich war jetzt angekommen und stand bald vor unserm Hause, wo die kahlen, alten Ulmen ihre vielen Hände in die kalte Winterluft hinausstreckten und Fetzen von den alten Krähennestern vom Winde fortgeweht wurden.

Der Fuhrmann lud meinen Koffer an der Gartentür ab und verließ mich. Ich ging den Fußsteig nach dem Hause zu, sah nach den Fenstern und fürchtete jeden Augenblick, Mr. oder Miß Murdstone zu erblicken. Es zeigte sich jedoch kein Gesicht, und ich trat leise und schüchtern ein.

Gott weiß, aus wie früher Kindheit die Erinnerung stammen mußte, die beim Klang der Stimme meiner Mutter wieder wach wurde, als ich den Fuß in den Flur setzte. Sie sang leise. Ich glaube, ich muß in ihren Armen gelegen und sie so singen hören haben, als ich noch ein Säugling war. Das Lied kam mir neu und doch so alt vor, daß es mein Herz zum Überströmen erfüllte. Es war mir wie ein alter Freund, der nach langer Abwesenheit zurückkehrt.

Aus der Weise, wie meine Mutter das Lied sang, schloß ich, daß sie allein sei, und ich trat leise ins Zimmer. Sie saß beim Feuer und säugte ein Kind,[128] dessen winzige Händchen an ihrem Halse ruhten. Ihre Augen hingen an seinem Gesicht und sie sang ihm etwas vor. Ich sah sofort, daß sie allein war.

Ich sprach sie an. Sie fuhr auf und stieß einen Schrei aus. Aber als sie mich erkannte, nannte sie mich ihren lieben Davy, ihr geliebtes Kind, kam mir entgegen, kniete vor mir nieder und küßte mich und legte meinen Kopf an ihre Brust neben das kleine Wesen, das sich an sie anklammerte, und legte seine Händchen an meine Lippen.

Ich wollte, ich wäre gestorben mit diesem Gefühl im Herzen. Ich hätte besser für den Himmel gepaßt, als jemals später.

»Es ist dein Brüderchen,« sagte meine Mutter und liebkoste mich. »Davy, mein hübscher Junge, mein armes Kind.« Dann küßte sie mich immer mehr und mehr und umschlang meinen Nacken. Dann kam Peggotty hereingelaufen, warf sich auf dem Boden neben uns hin und war eine Viertelstunde lang halb von Sinnen. Man hatte mich nicht so zeitig erwartet, und der Fuhrmann war früher angekommen als gewöhnlich. Mr. und Miß Murdstone befanden sich in der Nachbarschaft auf Besuch und würden, erfuhr ich, nicht vor Abend zurückkommen. Das hatte ich nicht zu hoffen gewagt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß wir drei würden wieder einmal ungestört beisammen sein können, und für dies eine Mal waren für mich die alten vergangnen Zeiten zurückgekehrt.

Wir speisten zusammen beim Kamin. Peggotty wollte uns bedienen, aber meine Mutter litt es nicht, und sie mußte sich mit zu Tisch setzen. Ich hatte meinen alten Teller wieder mit einem braunen Kriegsschiff unter vollen Segeln darauf, den Peggotty sorgfältig aufgehoben und für hundert Pfund nicht zerbrochen hätte, wie sie sagte. Ich hatte meinen alten Trinkbecher mit dem Namen »David« drauf und mein altes Besteck, das noch immer stumpf war.

Als wir bei Tische saßen, hielt ich es für den geeignetsten Moment, Mr. Barkis Auftrag auszurichten. Ehe ich damit zu Ende kam, fing Peggotty an zu lachen und hielt die Schürze vors Gesicht.

[129] »Peggotty,« sagte meine Mutter. »Was gibts denn?«

Peggotty lachte nur noch mehr und hielt ihre Schürze noch fester vors Gesicht, als meine Mutter sie wegziehen wollte. Sie saß da wie mit dem Kopf in einem Sack.

»Was hast du denn, du dummes Ding?« fragte meine Mutter lachend.

»Ach, der alberne Mensch,« rief Peggotty. »Er will mich heiraten.«

»Wäre das nicht eine ganz gute Partie für dich?« fragte meine Mutter.

»Ach, ich weiß nicht,« sagte Peggotty. »Fragen Sie mich nicht. Ich möcht ihn nicht haben, und wenn er von Gold wäre. Ich will überhaupt niemand haben.«

»Also warum sagst dus ihm nicht, du kindisches Ding?«

»Ihm sagen,« meinte Peggotty und sah unter ihrer Schürze hervor. »Er hat noch nie ein Wort davon erwähnt, er weiß ganz gut, warum. Wenn er sichs unterstehen würde, würd ich ihm eine Ohrfeige geben.«

Ihr Gesicht war röter als ich es je gesehen hatte. Sie deckte es gleich wieder zu und brach in ein heftiges Lachen aus; und nachdem sich dieser Anfall zwei-oder dreimal wiederholt hatte, aß sie ruhig weiter. Ich bemerkte, daß meine Mutter wohl lächelte, wenn Peggotty sie ansah, aber immer ernster und nachdenklicher wurde. Mir war gleich aufgefallen, wie sehr sie sich verändert hatte. Ihr Gesicht war immer noch sehr hübsch, aber es schien allzu zart und sehr vergrämt. Ihre Hand war so weiß und dünn, daß sie mir fast durchsichtig vorkam. Aber jetzt trat noch eine andere Veränderung dazu, wie mir auffiel. Sie schien nämlich sehr beklommen und aufgeregt. Endlich legte sie ihre Hand liebevoll auf die ihrer alten Dienerin und sagte: »Liebe Peggotty, du verheiratest dich jetzt nicht?«

»Ich, Maam,« erwiderte Peggotty und sah sie mit großen Augen an, »Gott bewahre, nein.«

»Jetzt noch nicht,« bat meine Mutter zärtlich.

[130] »Nie,« rief Peggotty aus.

Meine Mutter ergriff ihre Hand und sagte:

»Verlaß mich nicht, Peggotty; bleibe bei mir. Es wird vielleicht nicht mehr lang nötig sein. Was sollte ich ohne dich anfangen!«

»Ich dich verlassen, Herzblatt,« rief Peggotty. »Nicht um den ganzen Erdball und seine Frau. Wer hat das nur in das kleine törichte Köpfchen gesetzt?« Peggotty war aus alter Zeit her gewohnt, mit meiner Mutter manchmal wie mit einem Kinde zu sprechen.

Meine Mutter gab ihr keine Antwort außer einem einfachen »Dank dir.«

»Ich Sie verlassen? Das möcht ich sehen. Peggotty von Ihnen fortgehen, da möchte ich sie mir beim Kragen nehmen. Nein, nein,« und Peggotty schüttelte den Kopf und verschränkte die Arme. »Peggotty nicht, mein Schatz. Freilich sind ein paar Katzen da, die sich drüber freuen würden, aber sie sollen sich nicht freuen. Sie sollen sich nur ärgern. Ich bleibe bei Ihnen, bis ich ein altes buckliges Weib bin. Und wenn ich zu taub und zu lahm und zu blind bin und eine Mümmelgreisin ohne Zähne, so geh ich zu meinem Davy und bitte ihn, mich aufzunehmen.«

»Und ich, Peggotty,« sagte ich, »ich werde so froh sein, wenn du kommst, und werde dich empfangen wie eine Königin.«

»Gott segne das gute Herz!« rief Peggotty. »Ich weiß es ja.« Und sie küßte mich schon im voraus in dankbarer Erkenntlichkeit für meine künftige Gastfreundschaft. Dann deckte sie sich wieder das Gesicht mit der Schürze zu und lachte noch einmal über Mr. Barkis; nahm dann das Baby aus der Wiege und schaukelte es, räumte den Mittagstisch ab und kam in einer andern Haube herein mit ihrem Arbeitskästchen, dem Ellenmaß und dem Stückchen Wachslicht. Ganz wie ehemals.

Wir saßen beim Kamin und unterhielten uns köstlich. Ich erzählte ihnen von Mr. Creakles Strenge, und sie bedauerten mich sehr. Ich erzählte ihnen, was für ein famoser Bursche Steerforth sei und wie er mich in Schutz nehme, und Peggotty sagte, sie würde zwanzig [131] Meilen weit gehen, um ihn zu sehen. Ich nahm den Säugling, als er wieder aufwachte, auf meine Arme und wiegte ihn zärtlich. Als er wieder schlief, setzte ich mich dicht neben meine Mutter, wie ehemals, und schlang die Arme um ihren Leib, legte meine kleine rote Wange auf ihre Schulter und fühlte wieder ihr schönes Haar mich umwehen wie ein Engelsfittich und war sehr glücklich. Während ich so dasaß und ins Feuer blickte und allerhand Bilder in den glühenden Kohlen sah, kam es mir fast vor, als wäre ich niemals von Hause weg gewesen, und Mr. und Miß Murdstone erschienen mir wie Gestalten, die verschwinden müßten, wenn das Feuer ausginge, und von allen meinen Erinnerungen sei nichts wahr und wirklich, außer meiner Mutter, Peggotty und mir selbst.

Peggotty stopfte, so lange sie noch sehen konnte, und saß dann da, den Strumpf wie einen Handschuh über die linke Hand gezogen und die Nadel in der andern, bereit, sofort wieder anzufangen, sobald Licht kommen würde. Ich kann mir nicht erklären, wessen Strümpfe Peggotty eigentlich immer flickte, und woher diese Unmassen von notleidenden Strümpfen nur kamen.

»Ich möchte gerne wissen,« sagte Peggotty, über die manchmal ein Anfall seltsamen Wissensdurstes, ganz unerwartete Dinge betreffend, kam, »was aus Davys Großtante geworden ist.«

»Gott, Peggotty,« bemerkte meine Mutter und erwachte wie aus einem Traum, »was du für dummes Zeug redest.«

»Nun ja, aber ich möcht es doch gern wissen, Maam,« sagte Peggotty.

»Wie kann dir nur so jemand in den Kopf kommen? Kannst du dir niemand anders aussuchen?«

»Ich weiß nicht, wies kommt,« meinte Peggotty, »es liegt wahrscheinlich an meiner Einfältigkeit. Aber mein Kopf kann sich die Leute nicht aussuchen. Sie kommen und gehen und sie kommen nicht oder bleiben, gerade, wies ihnen gefällt. Ich möchte wirklich gerne wissen, was aus ihr geworden ist.«

»Wie albern du nur bist, Peggotty. Man sollte[132] wirklich meinen, du wünschtest wieder einen Besuch von ihr.«

»Gott sei vor,« rief Peggotty.

»Also sprich nicht von solchen lästigen Dingen,« sagte meine Mutter. »Miß Betsey sitzt gewiß in ihrem Häuschen am Meer und geht gar nicht aus. Jedenfalls wird sie uns schwerlich noch einmal heimsuchen.«

»Nein,« gab Peggotty nachdenklich zu, »nein, das ist nicht wahrscheinlich. Ich möchte nur wissen, ob sie Davy etwas vermacht, wenn sie stirbt.«

»Ach Gott im Himmel, Peggotty!« rief meine Mutter. »Was du für ein einfältiges Frauenzimmer bist. Du weißt doch selbst, wie übel sie es nahm, daß das liebe Kind geboren wurde.«

»Aber vielleicht würde sie es ihm jetzt verzeihen,« bemerkte Peggotty.

»Warum sollte sie es ihm gerade jetzt verzeihen?« fragte meine Mutter ein wenig gereizt.

»Nun, weil er jetzt einen Bruder bekommen hat,« meinte Peggotty.

Meine Mutter fing sofort an zu weinen und jammerte, daß Peggotty so etwas sagen könnte.

»Als ob das kleine Wesen in der Wiege dir oder sonst jemand etwas zuleide getan hätte, du eifersüchtiges Ding. Geh, heirate doch Mr. Barkis, den Fuhrmann. Warum tust du es denn nicht?«

»Ich würde Miß Murdstone glücklich machen, wenn ichs täte.«

»Was für einen schlechten Charakter du hast, Peggotty,« antwortete meine Mutter. »Du bist auf Miß Murdstone so eifersüchtig, wie es ein so albernes Ding nur sein kann. Du willst wohl selbst die Schlüssel haben und alles herausgeben, nicht wahr? Es würde mich nicht wundern, wenn es so wäre. Du weißt doch, daß sie es nur aus Güte und mit der besten Absicht tut. Das weißt du, Peggotty, – weißt es recht gut.«

Peggotty brummte etwas vor sich hin, das so klang wie: »Zum Teufel mit den besten Absichten.«

»Ich weiß schon, was du meinst, du verrücktes[133] Frauenzimmer. Ich durchschaue dich vollkommen, Peggotty. Du weißt, daß ich es tue, und wundere mich nur, daß du nicht feuerrot dabei wirst. Aber nehmen wir eins nach dem andern vor. Zuerst Miß Murdstone. Diesmal sollst du mir nicht entschlüpfen. Hast du nicht oft genug von ihr gehört, daß sie denkt, ich sei zu gedankenlos und zu – zu –«

»– hübsch,« ergänzte Peggotty.

»Nun meinetwegen,« gab meine Mutter lächelnd zu. »Und wenn sie töricht genug ist das zu sagen, kann man sie doch deswegen nicht tadeln.«

»Das tut doch niemand,« knurrte Peggotty.

»Nun, das will ich auch meinen,« entgegnete meine Mutter. »Hast du nicht immer und immer von ihr gehört, daß sie mir deshalb viele Arbeit ersparen will, für die sie mich für ungeeignet hält, und ich mich auch, du weißt, wie sie früh und spät auf den Beinen ist und beständig auf und ab läuft –. Und macht sie nicht jede Arbeit, – kriecht in allen Winkeln, in Kohlenkellern und Speisekammern umher, was doch nicht angenehm ist! Und willst du durch die Blume zu verstehen geben, daß darin etwas anderes als Aufopferung läge?«

»Ich gebe überhaupt nichts durch die Blume zu verstehen,« sagte Peggotty.

»Du tust es doch, Peggotty,« entgegnete meine Mutter. »Du tust nie etwas anderes. Außer deine Arbeit. Du sprichst immer durch die Blume. Du schwelgst darin. Und wenn du von Mr. Murdstones guten Absichten sprichst –«

»Von denen hab ich noch nie gesprochen,« unterbrach Peggotty.

»Nein, Peggotty,« erwiderte meine Mutter. »Aber du spielst auf sie an. Das ist doch, was ich sage. Das ist das Allerschlimmste an dir. Du willst durch die Blume sprechen. Ich habe dir eben gesagt, daß ich dich durchschaue, und du siehst, es ist so. Wenn du von Mr. Murdstones guten Absichten sprichst und sie zu unterschätzen vorgibst, – das kann übrigens nicht dein Ernst sein, Peggotty, – so mußt du doch ebenso wie ich einsehen, wie förderlich sie sind. Wenn er[134] manchmal barsch gegen irgend jemand ist, Peggotty, – du weißt natürlich und ich hoffe, auch Davy weiß es, daß ich nicht von Anwesenden spreche, – so geschieht es nur, weil er überzeugt ist, daß es zum Besten des Betreffenden ist. Er liebt natürlich den Betreffenden meinetwegen und handelt lediglich zu seinem Besten. Er kann das eben besser beurteilen als ich, denn ich weiß recht gut, daß ich ein schwaches, leichtsinniges, kindisches Geschöpf bin, während er ein fester, ernster Mann ist. Und er hat sehr viel mit mir auszustehen,« fuhr meine Mutter fort, und die Tränen, die ihrem liebebedürftigen Herzen entsprangen, rannen ihr die Wangen herab; »ich muß ihm sehr dankbar und selbst in meinen Gedanken sehr unterwürfig sein. Und wenn ich es nicht bin, Peggotty, so quält mich das, und ich verurteile mich selbst und mache mir Vorwürfe über mein schlechtes Herz und weiß nicht, was ich anfangen soll.«

Peggotty saß da, das Kinn auf die mit dem Strumpf überzogene Faust gestützt und blickte stumm ins Feuer.

»Also, liebe Peggotty,« sagte meine Mutter mit plötzlich ganz verändertem Ton, »seien wir wieder gut, denn ich könnte es nicht aushalten.«

»Ich weiß ja, du bist meine treueste Freundin, wenn ich auf der Welt überhaupt noch eine andere habe. Wenn ich dich ein einfältiges oder albernes Ding nannte, Peggotty wollte ich damit nur sagen, daß du meine treueste Freundin bist und warst, schon von jenem Abend an, als Mr. Copperfield mich zuerst hierherbrachte und du mir an der Gartentüre entgegenkamst.«

Peggotty ließ mit der Antwort nicht auf sich warten und besiegelte den Vertrag, indem sie mich mit einer ihrer kräftigsten Umarmungen beglückte.

Ich glaube, ich hatte damals schon eine leise Ahnung von dem wahren Sinn dieser Unterhaltung. Heute weiß ich ganz gewiß, daß die gute Person das Gespräch nur veranlaßte, um meiner Mutter durch kleine Widersprüche eine gewisse Erleichterung zu verschaffen. Die Wirkung war sichtlich, denn wie ich mich noch erinnere, schien meine Mutter den ganzen übrigen Tag viel heiterer [135] und Peggotty brauchte sie nicht mehr so sorgenvoll anzusehen.

Nachdem wir Tee getrunken, das Feuer geschürt und die Kerzen geputzt hatten, las ich Peggotty zur Erinnerung an alte Zeiten ein Kapitel aus dem Krokodilbuch vor, – sie hatte es aus der Tasche gezogen. Ob sie es immer darin getragen hatte? – Und dann sprachen wir von Salemhaus, was mich wieder auf Steerforth brachte, mein Lieblingsthema. Wir fühlten uns alle sehr glücklich, und dieser Abend, der letzte in seiner Art und bestimmt, diesen Band meines Lebens für immer zu schließen, wird nie aus meinem Gedächtnis entschwinden.

Es war fast zehn Uhr, als wir draußen einen Wagen halten hörten. Wir standen alle auf und meine Mutter sagte hastig, Mr. und Miß Murdstone sähen es gerne, wenn junge Leute früh zu Bett gingen, und es sei schon spät. Ich küßte sie und ging sogleich mit meiner Kerze hinauf. Mir war, als ob mit den beiden ein erkältender Lufthauch in das Haus käme und das alte, heimische, traute Gefühl wie eine Feder davonbliese.

Ich fühlte mich sehr unbehaglich am nächsten Morgen, als ich zum Frühstück hinuntergehen mußte. Hatte ich doch Mr. Murdstone seit jenem Tag, als ich das große Verbrechen an ihm begangen, nicht wieder gesehen. Aber einmal mußte es geschehen, und ich erreichte die Stubentür, nachdem ich zwei- bis dreimal auf den Fußspitzen wieder umgekehrt war. Endlich trat ich ins Zimmer.

Er stand mit dem Rücken zum Kamin, während Miß Murdstone den Tee bereitete. Er sah mich durchdringend an, als ich eintrat, gab aber kein Erkennungszeichen von sich. Nach einigen Augenblicken Verwirrung ging ich auf ihn zu und sagte: »Ich bitte Sie um Verzeihung, Sir. Was ich getan habe, tut mir außerordentlich leid, und ich hoffe, daß Sie es mir vergeben.«

»Es freut mich, daß es dir leid tut, David,« antwortete er.

Die Hand, die er mir reichte, war die, die ich gebissen hatte.

Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte die rote[136] Narbe eine Zeitlang ansehen. Aber sie war nicht so rot wie ich, als ich seinem falschen Blick begegnete.

»Wie befinden Sie sich, Maam,« sagte ich zu Miß Murdstone.

»Ach mein Gott!« seufzte Miß Murdstone und reichte mir den Teelöffel statt ihres Fingers. »Wie lang dauern die Ferien?«

»Einen Monat, Maam.«

»Von wann an?«

»Von heute an, Maam.«

»Na,« sagte Miß Murdstone. »Das wäre ja schon ein Tag weniger.«

Sie führte in dieser Art einen Ferienkalender und strich an jedem Morgen einen Tag. Anfangs schnitt sie ein trübes Gesicht, solange sie noch nicht beim zehnten war, aber ihre Mienen hellten sich auf, als die zweistelligen Zahlen erreicht waren, und wurden um so heiterer, je näher das Ende heranrückte.

Schon am ersten Tag hatte ich das Unglück, sie in einen Zustand größter Aufregung zu versetzen, trotzdem sie solchen Schwächen sonst nicht unterworfen war. Ich kam nämlich in das Zimmer, wo sie und meine Mutter saßen, und da der Säugling, der erst ein paar Wochen alt, auf meiner Mutter Schoß lag, nahm ich ihn höchst sorgsam in meine Arme.

Plötzlich stieß Miß Murdstone einen solchen Schrei aus, daß ich ihn fast hätte fallen lassen.

»Liebe Jane!« fuhr meine Mutter auf.

»Gott im Himmel, Klara! Siehst du nicht?« rief Miß Murdstone aus.

»Was denn, liebe Jane,« fragte meine Mutter. »Wo denn?«

»Er hat es!« rief Miß Murdstone. »Der Junge hat das Baby.«

Sie brach fast zusammen vor Entsetzen, richtete sich aber wieder auf, um auf mich loszustürzen und mir das Kind zu entreißen. Dann wurde ihr so schlecht, daß man ihr Kirschbranntwein geben mußte. Als sie sich wieder erholt hatte, untersagte sie mir auf das feierlichste, mein Brüderchen jemals wieder, unter welchem Vorwand immer, anzurühren, und meine Mutter bestätigte [137] demütig das Verbot, trotzdem sie mir anderer Meinung schien, und sagte: »Du hast gewiß recht, liebe Jane.«

Wiederum bei einer Gelegenheit, als wir beisammen saßen, war das Baby – ich hatte es lieb meiner Mutter wegen – wieder die unschuldige Ursache, die Miß Murdstone in heftigste Erregung versetzte. Meine Mutter sagte nämlich, nachdem sie die Augen des Säuglings in ihrem Schoße lange betrachtet hatte: »Davy, komm einmal her und laß mich deine Augen sehen.«

Ich bemerkte, wie Miß Murdstone ihre Stahlperlen hinlegte.

»Also ich erkläre,« sagte meine Mutter sanft, »daß sie vollkommen gleich sind. Ich glaube, es sind meine Augen. Sie haben dieselbe Farbe wie meine. Sie sind einander wunderbar gleich.«

»Wovon sprichst du, Klara?« fragte Miß Murdstone.

»Liebe Jane,« stammelte meine Mutter bestürzt durch den herben Ton dieser Frage, »ich finde, daß das Baby und Davy ganz dieselben Augen haben.«

»Klara,« sagte Miß Murdstone und stand zornig auf. »Manchmal bist du ganz verrückt.«

»Aber liebe Jane,« remonstrierte meine Mutter.

»Vollständig verrückt,« sagte Miß Murdstone. »Wie könntest du sonst meines Bruders Kind mit deinem Jungen vergleichen. Sie sind einander gar nicht ähnlich. Sie sind einander vollständig unähnlich. Unähnlich in jeder Hinsicht. Ich hoffe, sie werden es immer bleiben. Ich kann solche Vergleiche nicht ruhig mitanhören.« Damit stolzierte sie hinaus und pfefferte die Tür hinter sich zu.

Mit einem Wort, ich stand mit Miß Murdstone nicht auf gutem Fuß. Überhaupt mit niemand, nicht einmal mit mir selbst. Die mich lieb hatten, durften es nicht zeigen, und die mich nicht leiden konnten, zeigten es so deutlich, daß ich mich von dem immerwährenden Bewußtsein, duckmäuserisch, ungeschickt und mürrisch zu erscheinen, nicht befreien konnte.

Ich fühlte, daß ich ihnen so zur Last fiel, wie sie mir. Wenn ich in das Zimmer kam, wo sie gerade saßen und miteinander sprachen, und meine Mutter[138] schien heiter zu sein, umwölkte sich sofort ihr Gesicht. War Mr. Murdstone in seiner besten Laune, so kam ich als Störenfried. Und Miß Murdstones schlechteste steigerte ich noch. Ich bemerkte ganz gut, daß meine Mutter immer das Opfer war. Sie fürchtete sich, mit mir zu sprechen oder freundlich mit mir zu sein, um sich dadurch nicht einen Verweis zuzuziehen. Hauptsächlich aber nicht ihretwegen, sondern um mich bangte ihr. Und ängstlich bewachte sie die Blicke der Murdstones, wenn ich mich nur rührte. Deshalb beschloß ich, allen möglichst aus dem Wege zu gehen, und saß manche kalte Winterstunde in meinem einsamen Schlafzimmer und brütete, in meinen kleinen Überrock gehüllt, über einem Buch.

Des Abends leistete ich zuweilen Peggotty in der Küche Gesellschaft. Dort fühlte ich mich wohl und brauchte mich nicht zu genieren. Aber das fand im Wohnzimmer keine Billigung. Die dort herrschende Quälerlaune machte all dem bald ein Ende. Man hielt mich immer noch für ein unentbehrliches Hilfsmittel zur Erziehung meiner armen Mutter und konnte meine Anwesenheit nicht missen.

»David,« sagte Mr. Murdstone eines Tags nach dem Abendessen, als ich mich wieder drücken wollte, »ich bemerke zu meinem Leidwesen, daß du mürrischer Gemütsart bist.«

»Mürrisch wie ein Bär,« sagte Miß Murdstone.

Ich blieb stehen und ließ den Kopf hängen. »Ein mürrischer und verstockter Charakter, David,« sagte Mr. Murdstone, »ist das allerschlimmste.«

»Und der Junge ist das verstockteste, was ich jemals gesehen habe,« bemerkte seine Schwester. »Ich glaube, selbst du, liebe Klara, mußt es bemerken.«

»Ich bitte um Entschuldigung, liebe Jane,« sagte meine Mutter, »aber bist du auch wirklich sicher, – du wirst es gewiß entschuldigen, liebe Jane, – bist du sicher, daß du Davy verstehst.«

»Ich müßte mich wirklich schämen, Klara, wenn ich den oder jeden andern Knaben nicht verstünde,« antwortete Miß Murdstone. »Ich behaupte gewiß nicht, sehr tief zu sein, aber auf gesunden Menschenverstand kann ich doch Anspruch machen.«

[139] »Gewiß, liebe Jane,« antwortete meine Mutter, »bist du von sehr starkem Verstande.«

»O Gott, nein, bitte, sag das nicht, Klara,« unterbrach Miß Murdstone ärgerlich.

»Aber ich weiß, daß es der Fall ist,« fing meine Mutter wieder an, »und jeder weiß es. Ich selbst habe so mancherlei großen Nutzen davon, – oder sollte es wenigstens haben –, daß niemand mehr davon überzeugt sein kann, als ich, und deshalb äußere ich meine Meinung auch nur sehr schüchtern, meine liebe Jane, ich versichere es dir.«

»Also gut, ich verstehe den Jungen nicht, Klara,« sagte Miß Murdstone und ordnete die kleinen Fesseln an ihren Handgelenken. »Gut, wenn du willst, ich verstehe ihn also gar nicht. Er ist viel zu tief für mich. Aber vielleicht ist der Scharfblick meines Bruders durchdringend genug, Einsicht in diesen Charakter zu gewinnen. Und ich glaube, mein Bruder sprach gerade über dieses Thema, als wir ihn unschicklicherweise unterbrachen.«

»Ich glaube, Klara,« fiel Mr. Murdstone mit ernster Baßstimme ein, »es gibt bessere und unbefangenere Richter in dieser Frage als du bist.«

»Edward,« antwortete meine Mutter unterwürfig, »du bist natürlich in allen Fragen ein besserer Richter als ich und auch als Jane. Ich sagte nur –«

»Du sagtest nur etwas Schwaches und Unüberlegtes,« antwortete er. »Tue es nicht wieder, liebe Klara, und halte dich besser im Zaum.«

Die Lippen meiner Mutter bewegten sich, als ob sie antworteten: »Ja, lieber Edward.«

»Ich habe zu meinem Leidwesen bemerkt, David,« nahm Mr. Murdstone seine Rede wieder auf, »daß du von verstockter Gemütsart bist. Ich werde nicht ruhig zusehen, ohne nicht den Versuch zu machen, dich zu bessern. Du mußt dich anstrengen, anders zu werden, David. Wir müssen uns bemühen, dich anders zu machen.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir,« stotterte ich, »ich glaube nicht, verstockt gewesen zu sein seit meiner Rückkehr.«

»Nimm deine Zuflucht nicht zur Lüge,« herrschte er [140] mich so wild an, daß meine Mutter unwillkürlich ihre zitternde Hand ausstreckte, um mich zu schützen. »Du ziehst dich in deiner Verstocktheit auf dein eignes Zimmer zurück, du bleibst in deinem Zimmer, wenn du hier sein solltest. Ich sage es dir jetzt ein für allemal, daß ich dich hier und nicht dort zu sehen wünsche. Ferner, daß ich Gehorsam von dir verlange. Du kennst mich, David, ich will es.«

Miß Murdstone lachte spitzig auf.

»Ich will ein achtungsvolles, gehorsames und bereitwilliges Benehmen gegen mich, gegen Jane Murdstone und gegen deine Mutter sehen. Ich will nicht haben, daß ein Kind nach seinem Belieben dieses Zimmer scheut, als sei es verpestet. Setz dich.«

Er befahl mir wie einem Hund, und ich gehorchte wie ein Hund.

»Noch eins,« sagte er. »Ich bemerke, daß du einen Hang zu niedriger und gemeiner Gesellschaft zeigst. Du hast nicht mit Dienstboten umzugehen. In der Küche wirst du von den vielen Dingen, die dir noch fehlen, nichts lernen. Von dem Weib, das dir Vorschub leistet, schweige ich, da du selbst, Klara,« – er wandte sich etwas leiser zu meiner Mutter – »aus alter Erinnerung und langer Gewohnheit in bezug auf sie eine Schwäche an den Tag legst, die noch nicht überwunden ist.«

»Eine ganz unerklärliche Verblendung!« rief Miß Murdstone.

»Ich sage also,« fuhr er wieder zu mir gewendet fort, »daß ich es mißbillige, wenn du eine Gesellschaft wie Frau Peggotty vorziehst, und daß du sie daher aufzugeben hast. Jetzt verstehst du mich, David, und kennst die Folgen, die dir blühen, wenn du mir nicht wortwörtlich gehorchst.«

Ich zog mich also nicht mehr auf mein Zimmer zurück, suchte nicht mehr meine Zuflucht bei Peggotty und saß traurig Tag für Tag in der Wohnstube und sehnte mich nach der Nacht und dem Schlafengehen.

Unter welch peinlichem Zwang hatte ich zu leiden, wenn ich in derselben Stellung stundenlang dasitzen mußte und aus Angst nicht Arm oder Fuß rührte, damit nicht Miß Murdstone immerwährend über mein unruhiges [141] Wesen klagte; ich sah vor mich hin, um nicht einem Blick der Abneigung oder des Forschens zu begegnen und neuen Stoff zur Beschwerde zu geben. Welch unerträgliche Langeweile, dem Ticken der Uhr zuzuhören, zu sehen, wie Miß Murdstone die kleinen, glänzenden Stahlperlen aufreihte, – sich den Kopf zu zerbrechen, ob sie wohl jemals heiraten würde, und wenn, was für einen Unglücklichen wohl, – die Furchen im Kamin zu zählen und dann mit den Augen durch die labyrinthischen Verschlingungen der Tapete hinauf zur Decke zu schweifen.

Wie einsam waren meine Spaziergänge durch die schmutzigen Gassen bei dem schlechten Winterwetter. Ich schleppte das Bild des Wohnzimmers mit Mr. und Miß Murdstone darin in meinem Innern überall hin und mit mir herum: Eine ungeheure Last, die ich da trug, ein Alpdruck bei Tage, den ich nicht zu verscheuchen vermochte, ein Gewicht auf meinem Geist, das mich stumpf machte. Wie vielmal saß ich am Speisetisch stumm und verlegen da, immer mit dem Gefühl, daß ein Besteck zu viel da sei, und zwar das meine, ein Magen zu viel, nämlich der meine, ein Teller und ein Stuhl zu viel, und zwar der meine, und eine Person zu viel, nämlich ich.

Was waren das für Abende, wenn die Kerzen kamen, und ich mich beschäftigen mußte, und weil ich nicht wagte, ein unterhaltendes Buch zu lesen, mich über einen hartköpfigen und noch hartherzigeren arithmetischen Leitfaden hermachte. Maß- und Gewichtstabellen paßten sich Melodien an, wie »Rule Britannia« und »Weg mit den Grillen und Sorgen«, und gingen mir durch ein Ohr herein und aus dem andern wieder hinaus.

Oft konnte ich das Gähnen nicht mehr verbeißen und nickte trotz aller Vorsicht ein. Wie erschreckt fuhr ich dann aus dem heimlichen Schlummer wieder auf. Nur selten versuchte ich schüchterne Bemerkungen und erhielt niemals eine Antwort. Wie sehr kam ich mir wie eine Null vor, die niemand beachtete und die doch jedem im Weg stand, und immer war es mir eine Art Trost, wenn mir Miß Murdstone beim ersten Schlag Neunuhr befahl, zu Bett zu gehen.

[142] So schleppten sich die Ferien hin bis zu dem Morgen, wo Miß Murdstone sagte: »heute ist der letzte Tag um,« und mir für die Ferien die letzte Tasse Tee gab.

Der Abschied fiel mir nicht schwer. Ich war in einen Zustand von Stumpfheit verfallen, aus dem mir nur die Hoffnung auf Steerforth ein wenig heraushalf, wenn auch Mr. Creakle hinter ihm dräute. Wieder erschien Mr. Barkis an der Gartentür und wieder sprach Miß Murdstones warnende Stimme: »Klara!« als sich meine Mutter über mich beugte, um mir Lebewohl zu sagen.

Ich küßte meine Mutter und mein kleines Brüderchen und war sehr traurig. Nicht so sehr die Umarmung, die inbrünstiger war als sie sein durfte, lebt in meiner Erinnerung fort als das, was jetzt folgte.

Ich saß schon im Wagen, als meine Mutter mich noch einmal rief. Ich sah hinaus, und sie stand in der Gartentür allein und hielt den Säugling empor, um ihn mir zu zeigen. Die Luft war kalt und still und kein Haar auf ihrem Haupte, keine Falte ihres Kleides regte sich, als sie mich beredt ansah und ihr Kind in die Höhe hielt.

So verlor ich sie. So sah ich sie später in meinen Träumen in der Schule, – ein stumme Gestalt vor meinem Bett immer mit demselben beredten Gesicht und dem Säugling in den Armen.

Neuntes Kapitel

Ein denkwürdiger Geburtstag.


Ich übergehe alles, was sich in der Schule abspielte bis zu meinem Geburtstag im März. Außer daß Steerforth noch bewunderungswürdiger war als je, ist mir nichts im Gedächtnis geblieben. Er sollte am Ende des Semesters austreten und kam mir lebhafter und selbstständiger vor als je, und daher noch gewinnender. Sonst weiß ich nichts mehr. Das große Ereignis, [143] das diese Zeit für mich auszeichnet, scheint alle kleinen Erinnerungen verschlungen zu haben und allein übrig geblieben zu sein. Wie klar ich mich an den Tag erinnere! Ich rieche den Nebel, der das Haus umdunkelt, sehe die Gegenstände draußen wie gespenstische Schatten hindurchschimmern, ich fühle mein bereiftes Haar sich kalt und feucht an meine Wange kleben, ich blicke in die dämmerhafte Perspektive der Schulstube hinab, wo hie und da ein flackerndes Licht das trübe Zwielicht erleuchtet und der Atem der Schüler sich dampfend in die kalte Luft erhebt, wenn sie sich auf die Finger blasen, mit den Füßen auf dem Flur stampfend.

Wir waren nach dem Frühstück eben vom Spielplatz hereingekommen, als Mr. Sharp eintrat und sagte:

»David Copperfield soll zum Direktor kommen.«

Ich erwartete ein Geburtstagsgeschenk von Peggotty und mein Gesicht heiterte sich auf.

Einige Jungen um mich herum mahnten mich, ihrer bei der Verteilung der guten Dinge nicht zu vergessen, als ich sehr vergnügt von meinem Platze aufsprang.

»Eil dich nicht, David,« sagte Mr. Sharp. »Du hast Zeit genug, mein Kind. Eil dich nicht.«

Der warme Ton, mit dem er sprach, hätte mir auffallen müssen, aber ich achtete nicht darauf.

Ich eilte in das Wohnzimmer und sah dort Mr. Creakle beim Frühstück sitzen, Rohrstock und eine Zeitung neben sich. Er hielt einen offnen Brief in der Hand. Ein Geburtstagskorb war nicht da.

»David Copperfield,« sagte Mrs. Creakle und führte mich zum Sofa und setzte sich neben mich. »Ich habe etwas Besonderes mit dir zu reden. Ich habe dir etwas mitzuteilen, mein Kind.«

Mr. Creakle, zu dem ich natürlich hinschielte, schüttelte nur den Kopf, ohne mich anzusehen, und verschluckte einen Seufzer mit einem großen Stück Butterbrot.

»Du bist noch zu jung, um zu wissen, wie die Welt sich mit jedem Tag verändert,« sagte Mrs. Creakle, »und wie die Menschen dahingehen, aber wir alle müssen daran glauben, David, manche von uns in der Jugend, [144] manche im Alter. Manche haben es das ganze Leben vor Augen.«

Ich sah sie mit Spannung an.

»Befanden sich alle wohl, als du nach den Ferien von Hause wegreistest?« fragte Mrs. Creakle nach einer Pause. »War Deine Mama wohl?«

Ich zitterte, ohne recht zu wissen warum, sah sie immer noch mit großem Ernste an, konnte aber nicht antworten. Sie fuhr fort:

»Weil ich dir zu meinem größten Kummer sagen muß, daß deine Mutter sehr krank ist, wie ich heute morgen erfuhr.«

Ein Nebel bildete sich zwischen Mrs. Creakle und mir, und ihre Gestalt schien einen Augenblick zu schwanken. Dann stürzten mir die brennenden Tränen aus den Augen und ich sah sie wieder deutlich neben mir sitzen.

»Sie ist sehr gefährlich krank.« – – –

Jetzt wußte ich alles.

»Sie ist gestorben.«

Sie hätte es nicht auszusprechen brauchen. Ich hatte bereits einen verzweifelten Schmerzensschrei ausgestoßen und begriff, daß ich eine Waise war in der weiten Welt.

Mrs. Creakle benahm sich sehr gütig zu mir.

Sie behielt mich den ganzen Tag bei sich im Zim mer und ließ mich nur manchmal allein. Und ich weinte, bis ich vor Erschöpfung einschlief, und wachte auf und jammerte wieder. Als ich nicht mehr weinen konnte, fing ich an zu grübeln. Da wurde mir die Brust noch enger und mein Gram schwoll zu einem dumpfen Schmerz an, für den es keine Linderung gab.

Und doch flatterten meine Gedanken herum und blieben nicht fest an dem Unglück haften, das mich niederdrückte. Ich dachte an unser Haus, wie es nun verschlossen und öde wäre. Ich dachte an das kleine Kindchen, das, wie Mrs. Creakle sagte, seit einiger Zeit hinsiechte und wie man fürchte, wohl auch sterben würde. Ich dachte an meines Vaters Grab auf dem Kirchhof neben unserm Hause, und daß meine Mutter jetzt auch bald unter dem mir so bekannten Baume ruhen werde. [145] Ich stellte mich auf den Stuhl, als man mich allein gelassen, und blickte in den Spiegel, um zu sehen, wie rot meine Augen und bekümmert meine Züge seien. Ich fragte mich nach einigen Stunden, ob meine Tränen wirklich versiegt wären, wie es der Fall zu sein schien. Das schmerzte mich außer meinem Verlust am meisten, wenn ich an das Nachhausegehen dachte; – sollte ich doch dem Leichenbegängnis beiwohnen.

Dann hatte ich die Empfindung, als ob mich etwas von den übrigen Knaben auszeichne, und daß ich in meiner Betrübnis eine wichtige Person sei.

Wenn jemals ein Kind einen aufrichtigen Schmerz fühlte, so war ich es, aber ich erinnere mich, daß diese Wichtigkeit mir eine Art Trost gewährte, als ich nachmittags während der Schulstunden allein auf dem Spielplatz herumging. Wenn die Schüler aus dem Fenster nach mir herunterblickten, fühlte ich mich ausgezeichnet und sah noch gramvoller drein und ging langsamer. Als die Schule aus war und sie herauskamen und mich anredeten, rechnete ich es mir wie Güte an, daß ich mich nicht stolz gegen sie benahm und sie alle ebenso sehr beachtete, wie früher.

Ich sollte am nächsten Abend nach Hause fahren, aber nicht mit der Nachtpost, sondern mit der gewöhnlichen Postkutsche, die man den Landwagen nannte, weil sie meist von Bauern benutzt wurde, die nur kurze Strecken reisten. Das Geschichtenerzählen unterblieb für diesen Abend, und Traddles bestand darauf, mir sein Kissen zu leihen. Ich begriff nicht, was es mir helfen sollte. Aber der arme Kerl hatte sonst nichts herzugeben, außer einen Bogen Papier voll Gerippen, den er mir zum Abschied als Tröster für meinen Schmerz und zum Wiederherstellen meines Seelenfriedens schenkte.

Ich verließ Salemhaus nachmittags und ahnte nicht, daß ich nicht wieder zurückkehren sollte. Wir fuhren die ganze Nacht hindurch sehr langsam und erreichten Yarmouth erst um zehn Uhr morgens. Ich schaute nach Mr. Barkis aus, aber er war nicht da, und an seiner Stelle erschien am Kutschenfenster ein dicker, kurzatmiger, fröhlich aussehender kleiner alter Mann in [146] schwarzem Anzug, mit fadenscheinigen schwarzen Schleifen an den Kniehosen und einem breitkrempigen Hut und sagte:

»Master Copperfield?«

»Ja, Sir.«

»Wenn Sie mit mir kommen wollen, junger Herr,« und er öffnete die Tür, »so werde ich das Vergnügen haben, Sie heim zu bringen.«

Ich gab ihm meine Hand und hätte gern gewußt, wer er wäre. Dann gingen wir in einen Laden in einer engen Gasse, über dem geschrieben stand: Omer, Tuchhändler, Schneider, Hutmacher, Leichenbesorger usw. Es war ein kleiner, dumpfer Laden, voll von fertigen und halbfertigen Kleidern aller Art; am Fenster hingen Filzhüte und Mützen. Wir traten in ein kleines Stübchen hinten, wo drei junge Mädchen eine große Menge schwarzen Stoffes verarbeiteten, der über den ganzen Tisch ausgebreitet war, während kleine Schnitzel davon auf dem ganzen Fußboden verstreut lagen. Es brannte ein starkes Feuer im Ofen und ein erstickender Geruch von warmem schwarzem Krepp erfüllte die Luft.

Die drei Mädchen, die sehr munter und fleißig zu sein schienen, hoben einen Augenblick ihre Köpfe und nähten dann weiter. Gleichzeitig tönte aus einem Arbeitsschuppen auf einem kleinen Hof vor dem Fenster ein taktmäßiges Hämmern herein; rat-tat-tat, rat-tat-tat, rat-tat-tat, – ohne Unterbrechung.

»Nun,« sagte mein Führer zu einem der drei Mädchen. »Wie weit bist du, Minnie?«

»Wir werden schon rechtzeitig zum Anprobieren fertig sein,« antwortete die Gefragte munter, ohne aufzublicken. »Hab keine Angst, Vater.«

Mr. Omer nahm den breitkrempigen Hut ab, setzte sich nieder und keuchte. Er war so dick, daß er einige Zeit brauchte, ehe er sagen konnte: »Da bin ich froh.«

»Vater,« sagte Minnie lustig, »du wirst dick wie eine Robbe.«

»Ich weiß auch nicht, wies kommt, aber es ist so.«

»Du bist zu bequem, da siehst dus. Du nimmst die Dinge zu leicht.«

[147] »Es hat keinen Zweck, sie anders zu nehmen, mein Herz,« meinte Mr. Omer.

»Nein, wahrhaftig nicht,« gab seine Tochter zur Antwort. »Wir sind alle fröhlich hier, Gott sei Dank, nicht wahr, Vater?«

»Hoffentlich, mein Kind. Da ich jetzt wieder Luft gekriegt habe, will ich diesem jungen Gelehrten Maß nehmen. Wollen Sie so gut sein und mit mir in den Laden kommen, Master Copperfield?«

Ich ging vor Mr. Omer her; nachdem er mir ein Stück Tuch gezeigt hatte, das, wie er sagte, extra superfein sei und für alles andere als für Trauer um Eltern zu fein wäre, nahm er mir Maß und schrieb es in ein Buch.

Während er die Zahlen notierte, wies er auf sein Warenlager und auf gewisse Moden, die eben »aufgekommen« und andere, die wieder »abgekommen« waren.

»Und dabei verlieren wir oft viel Geld,« sagte er. »Die Moden sind wie die Menschen, sie kommen und gehen und niemand weiß, wann, warum und wieso. Meiner Meinung nach ist alles wie das Leben, wenn man es von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet.«

Mir war viel zu kummervoll zumute, als daß ich mich auf das Gespräch, das wohl auch unter andern Umständen über mein Begriffsvermögen gegangen wäre, hätte einlassen können. Mr. Omer führte mich wieder keuchend zurück in die Stube. Dann rief er eine kleine Treppe hinab: »Bringt den Tee herauf und Butterbrot,« was nach einiger Zeit, währenddessen ich mich umgeschaut und nachgegrübelt, dem Nähen in der Stube zugesehen und dem Hämmern im Hof draußen zugehört hatte, auf einem Präsentierbrett erschien und für mich bestimmt war.

»Ich kenne Sie schon lange, mein junger Freund,« sagte Mr. Omer, während er mir beim Frühstück zusah, von dem ich nur wenig genießen konnte, weil mir die schwarze Umgebung jeden Appetit benahm.

»Wirklich, Sir?«

»Seit Sie auf der Welt sind, fast noch länger. Ich kannte doch Ihren Vater. Er war fünf Fuß neuneinhalb [148] Zoll hoch und liegt fünfundzwanzig Fuß tief in der Erde.«

»Rat-tat-tat, rat-tat-tat, rat-tat-tat,« klang es draußen im Hofe.

»Er liegt fünfundzwanzig Fuß tief in der Erde,« sagte Mr. Omer aufgeräumt. »Entweder auf sein oder auf ihr Verlangen, ich weiß es nicht mehr genau.«

»Wissen Sie, was mein kleiner Bruder macht, Sir?« fragte ich.

Mr. Omer schüttelte den Kopf.

Rat-tat-tat, rat-tat-tat, rat-tat-tat.

»Er liegt in seiner Mutter Armen,« sagte er endlich.

»Ach armer, kleiner Junge, ist er tot?«

»Grämen Sie sich nicht mehr, als Sie müssen,« sagte Mr. Omer. »Das Kind ist tot.«

Meine Wunde brach von neuem auf. Ich schob das kaum berührte Frühstück zurück, stand auf und legte den Kopf auf den andern Tisch in einer Ecke des kleinen Zimmers. Minnie räumte hastig auf, damit ich die Trauersachen nicht mit meinen Tränen benetze. Sie schien ein hübsches, gutherziges Mädchen zu sein und strich mir mit sanfter freundlicher Hand das Haar aus dem Gesicht, aber sehr heiter, weil sie fast mit ihrer Arbeit fertig war, und so ganz anders als ich.

Jetzt hörte das Hämmern auf, und ein junger, hübscher Bursche kam über den Hof ins Zimmer. Er hatte einen Hammer in der Hand und den Mund voll kleiner Nägel, die er herausnehmen mußte, ehe er reden konnte.

»Nun, Joram,« sagte Mr. Omer, »bist du auch fertig?«

»Allright,« sagte Joram, »fertig, Sir.«

Minnie wurde ein wenig rot, und die andern beiden Mädchen lächelten.

»Du hast also gestern bei Licht gearbeitet, was? Als ich im Klub war, nicht wahr?« fragte Mr. Omer und kniff ein Auge zu.

»Ja,« nickte Joram. »Da Sie sagten, wir wollten einen kleinen Ausflug machen und zusammen hinüberfahren, wenn wir fertig würden, Minnie und ich und Sie – –«

[149] »So! Ich dachte schon, du wolltest mich ganz weglassen,« sagte Mr. Omer und lachte, bis er husten mußte.

»– da Sie so gut waren, das zu sagen,« fuhr der junge Mann fort, »hab ich mich eben ordentlich dazu gehalten. Wollen Sie sichs einmal ansehen?«

»Ja,« sagte Mr. Omer und stand auf. »Master,« und er wandte sich an mich. »Wollen Sie vielleicht Ihrer –«

»Nein Vater,« unterbrach ihn Minnie.

»Ich dachte, es wäre ihm vielleicht angenehm,« sagte Mr. Omer, »aber du hast ganz recht, mein Schatz.«

Ich weiß nicht, wieso ich erriet, daß er sich meiner lieben Mutter Sarg ansehen wollte. Ich hatte noch nie einen zimmern hören, aber ich begriff langsam, was das Hämmern von vorhin bedeutete; und als der junge Mann wieder eintrat, wußte ich ganz bestimmt, woran er gearbeitet hatte.

Da die Arbeit jetzt fertig war, bürsteten die beiden andern Mädchen die Schnitzel und Fäden von ihren Kleidern und gingen in den Laden hinaus, um aufzuräumen und auf Kunden zu warten.

Minnie blieb zurück, um die fertig gewordne Arbeit zusammenzufalten und in zwei Körbe zu packen. Sie kniete dabei und summte ein munteres Lied. Joram, in dem ich ohne Mühe ihren Geliebten erkannte, kam herein und raubte ihr einen Kuß und sagte, ihr Vater sei nach dem Wagen gegangen, und er müsse sich auch reisefertig machen. Dann ging er wieder hinaus, und sie steckte einen Fingerhut und eine Schere in die Tasche und eine Nadel mit schwarzem Zwirn in ihren Brustlatz und machte sich dann schön vor einem kleinen Spiegel hinter der Tür, in dem ich ihr fröhliches Gesicht sehen konnte.

Alles dies bemerkte ich, während ich an dem Tisch in einer Ecke saß, den Kopf in die Hand gestützt, im Geiste ganz anderswo. Der Wagen fuhr bald vor, und nachdem man zuerst die Körbe und dann mich hineingehoben, stiegen die drei andern ein. Ich erinnere mich, es war halb ein Korb- halb ein Möbelwagen,[150] dunkel angestrichen und von einem Rappen mit langem Schweif gezogen.

Ich glaube, ich habe niemals eine so seltsame Empfindung gehabt, wie auf dieser Fahrt, wenn ich mir vor Augen hielt, woran sie gearbeitet hatten und wie sie sich jetzt über die Reise freuten. Ich hegte keinen Groll gegen sie, scheute mich vor ihnen wie vor Wesen, die keine Gemeinschaft mit mir hatten. Sie waren alle bester Laune. Der Alte saß auf dem Kutschbock, und die beiden jungen Leute saßen hinter ihm, und wenn er etwas sagte, beugten sie sich links und rechts von seinem pausbäckigen Gesicht vor und kümmerten sich sehr um ihn. Sie würden wohl auch mit mir gesprochen haben, wenn ich mich nicht scheu in eine Ecke zurückgezogen hätte, ganz entsetzt über ihre Liebelei und ihre Fröhlichkeit, die zwar nicht lärmend war, mich aber doch in eine Art Staunen versetzte, daß der Himmel keine Strafe für ihre Herzenshärte herabsandte. Wenn sie anhielten, um das Pferd zu füttern, und selbst aßen und tranken und sich vergnügten, konnte ich nichts anrühren, und blieb nüchtern.

Als wir unser Haus erreichten, schlüpfte ich so schnell wie möglich hinten aus dem Wagen, um nicht in ihrer Gesellschaft vor diese geweihten Fenster treten zu müssen, die mich anblickten wie geschlossene Augen, die einst hell geglänzt. Ach, wie wenig Ursache hatte ich zu sorgen, daß ich keine Tränen mehr haben würde, als ich die Fenster meiner Mutter sah und hinter ihnen das Zimmer, das in bessern Zeiten auch das meine gewesen war!

Ich lag in Peggottys Armen, ehe ich noch zur Tür kam, und sie brachte mich in das Haus. Ihr Schmerz brach heftig aus, als sie mich erblickte, aber bald bezwang sie sich und sprach flüsternd und ging auf den Zehen, wie um die Tote nicht zu stören.

Sie war seit langem nicht ins Bett gekommen. Sie wachte jetzt noch jede Nacht. Solange ihr armer, süßer Liebling über der Erde weilte, sagte sie, wollte sie ihn nicht verlassen.

Mr. Murdstone nahm keine Notiz von mir, als ich in die Wohnstube trat. Er saß in seinem Lehnstuhl[151] neben dem Kamin und weinte still vor sich hin. Miß Murdstone, die emsig an dem mit Briefen und Papieren bedeckten Tische schrieb, reichte mir ihre eisigen Fingernägel und fragte mich mit kaltem Flüstern, ob mir die Trauerkleider angemessen worden wären.

Ich sagte: »Ja.«

»Und hast du deine Wäsche mitgebracht?«

»Ja, Maam. Ich habe alle meine Kleider mitgenommen.«

Das war der ganze Trost, den sie mir in ihrer Festigkeit spendete. Ich glaube, daß sie ein besonderes Vergnügen daran fand, ihre sogenannte Selbstbeherrschung, Festigkeit und Charakterstärke und das ganze übrige höllische Repertoir ihrer unliebenswürdigen Eigenschaften bei dieser Gelegenheit zu offenbaren. Besonders stolz schien sie auf ihre Geschäftskenntnis zu sein und bewies sie, indem sie alles zu Papier brachte und sich von nichts rühren ließ. Den ganzen Tag und noch den nächsten Morgen bis zum Abend saß sie an diesem Schreibtische, kratzte unbeirrt mit einer harten Feder, sprach zu jedermann mit dem gleichen teilnahmlosen Geflüster, und keine Muskel ihres Gesichts und kein Ton ihrer Stimme milderte sich einen Augenblick.

Ihr Bruder nahm manchmal ein Buch vor, aber las nicht darin. Er öffnete es und sah hinein, als ob er läse. Eine ganze Stunde lang wendete er kein Blatt um, legte es dann wieder hin und ging im Zimmer auf und ab. Ich saß meist da mit gefalteten Händen, beobachtete ihn stundenlang und zählte seine Schritte. Er sprach sehr selten mit seiner Schwester und nie mit mir. Er schien außer den Uhren das einzig ruhelose Wesen in dem ganzen totenstillen Haus zu sein.

In diesen Tagen vor dem Begräbnis bekam ich Peggotty nur selten zu Gesicht. Bloß wenn ich die Treppe hinauf und hinunterging, fand ich sie immer in unmittelbarer Nähe des Zimmers, wo meine Mutter und ihr Kind lagen. Und jeden Abend kam sie an mein Bett und blieb bei mir, bis ich einschlief. Ein oder zwei Tage vor dem Leichenbegängnis nahm sie mich mit in das Zimmer. Ich erinnere mich nur noch, daß unter einem weißen Laken auf dem Bett, das wundervoll rein und [152] frisch aussah, die Verkörperung der feierlichen Stille, die im Hause herrschte, zu liegen schien, und daß ich, als sie das Tuch sanft wegziehen wollte, schrie: »nein, nein,« und ihre Hand zurückhielt.

Wenn das Begräbnis gestern gewesen wäre, könnte ich mich seiner nicht besser erinnern. Das Aussehen des Besuchzimmers, als ich hineintrat, der helle Schein des Feuers, der glänzende Wein in den Karaffen, die Muster der Gläser und Teller, der schwache, süße Duft der Kuchen, der Geruch von Miß Murdstones Anzug und unsern Trauerkleidern, alles steht wieder vor mir.

Mr. Chillip ist anwesend und spricht mich an.

»Und wie gehts denn Master David?« fragt er freundlich.

Ich kann ihm doch nicht sagen, gut! Ich gebe ihm meine Hand und er hält sie fest.

»Mein Gott,« und er lächelt schüchtern, und etwas glänzt in seinen Augen, »unsere kleinen Freunde wachsen in die Höhe um uns her. Wir verlieren sie fast aus den Augen, Maam.« Das sagt er zu Miß Murdstone, bekommt aber keine Antwort. »Wir haben große Fortschritte gemacht, Maam!«

Miß Murdstone antwortet mit einem Stirnrunzeln und einem steifen Knix. Mr. Chillip geht verschüchtert in eine Ecke und zieht mich zu sich und tut den Mund nicht mehr auf.

Ich bemerke das, weil ich alles bemerke, was geschieht. Nicht weil ich meinetwegen acht gebe, oder es seit meiner Ankunft getan hätte. Und jetzt fängt die Totenglocke zu läuten an und Mr. Omer und ein anderer Mann kommen und ordnen uns. Wie mir Peggotty vor langer Zeit erzählt hat, haben sich die Leidtragenden, die schon meinem Vater zum Grabe folgten, in demselben Zimmer geordnet.

Der Leichenzug besteht aus Mr. Murdstone, Mr. Grayper, Mr. Chillip und mir. Wie wir zur Türe heraustreten, sind die Träger mit ihrer Bürde schon im Garten und schreiten vor uns her den Steig entlang an den Ulmen vorbei und durch das Gartentor zum Friedhof, wo ich so manchen Sommermorgen die Vögel habe singen hören.

[153] Wir stehen um das Grab herum. Der Tag scheint mir anders als jeder andre Tag und das Licht hat seine Farbe verloren. Dann herrscht die feierliche Stille, die wir herausgetragen haben mit dem, was jetzt in der Erde ruht. Wir stehen entblößten Hauptes da, und ich höre die Stimme des Geistlichen hier im Freien, so fern und doch so deutlich klingen: »Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr.« Dann höre ich schluchzen; ich stehe gesondert von den übrigen und sehe die gute und treue Dienerin, die ich von allen Menschen auf Erden am meisten liebe, und zu der, wie mein kindliches Herz fest überzeugt ist, der Herr eines Tages sagen wird: »Du hast wohlgetan.«

Es sind viele bekannte Gesichter da in der kleinen Menge, die ich von der Kirche her kenne, Gesichter, die meine Mutter noch kannten, als sie in ihrer Jugendblüte in das Dorf gekommen war. Ich kümmere mich nicht um sie, ich kümmere mich nur um meinen Schmerz und doch sehe ich sie und kenne sie alle und sehe selbst weit im Hintergrund Minnie zuschauen und auf ihren Schatz blicken, der in meiner Nähe steht.

Es ist vorbei, und das Grab ist zugeschüttet, und wir wenden uns wieder heimwärts. Vor uns steht unser Haus, so schmuck und unverändert, so fest verknüpft in meiner Seele mit dem Jugendbild derer, die nicht mehr ist. All mein Schmerz ist nichts gegen den, den ich jetzt fühle. Aber sie führen mich fort, und Mr. Chillip redet mir zu, und wie wir daheim sind, benetzt er meine Lippen mit Wasser, und als ich ihn um Erlaubnis bitte, auf mein Zimmer gehen zu dürfen, entläßt er mich mit der Zärtlichkeit einer Frau. Alles das kommt mir vor, als wäre es gestern geschehen. Ereignisse einer spätern Zeit sind fortgeweht an jene Küste, wo alles Vergessene dereinst wiederkommt. Doch dieses ragt vor mir wie ein hoher Fels im weiten Meer.

Ich wußte, daß Peggotty in mein Zimmer kommen würde. Die Sabbatstille tat uns beiden wohl. Sie setzte sich neben mich auf mein kleines Bett, nahm meine Hand, drückte sie von Zeit zu Zeit an ihre Lippen und streichelte sie, wie sie wohl mein kleines Brüderchen[154] gestreichelt haben mochte, und erzählte mir in ihrer schlichten Art, wie alles gekommen war.

»Sie fühlte sich seit langer Zeit gar nicht mehr recht wohl,« sagte Peggotty. »Sie fühlte sich nicht glücklich. Als das Kleine zur Welt kam, dachte ich, es würde mit ihr besser werden. Aber sie war angegriffener als je und schwand dahin mit jedem Tage. Vor der Geburt des Kindes pflegte sie viel allein zu sitzen und dann weinte sie; aber später sang sie ihm vor so leise, daß ich manchmal dachte, es sei wie eine Stimme in der Luft, die langsam verklingt.

Ich glaube, sie wurde in der letzten Zeit immer verschüchterter und furchtsamer, und ein hartes Wort war für sie ein Schlag, aber gegen mich blieb sie immer die gleiche. Sie wurde nie anders gegen ihre einfältige Peggotty, mein süßes Mädel.«

Hier hielt Peggotty inne und klopfte mir ein Weilchen sanft die Hand.

»Das letzte Mal, wo sie ganz wieder schien wie früher, war an jenem Abend, wo du nach Hause kamst, mein Liebling. Und am Tag, als du fortgingst, sagte sie zu mir: ›Ich werde meinen Herzensliebling nie mehr wiedersehen. Eine Stimme sagt es mir und ich weiß, daß sie die Wahrheit spricht.‹ Sie versuchte dann heiter zu erscheinen und manchmal, wenn sie zu hören bekam, sie wäre gedankenlos und leichtsinnig, tat sie so, als ob sies wäre, aber es war schon alles vorbei. Sie sagte ihrem Manne nichts. Bis eines Abends, kaum eine Woche, ehe sie starb, da sagte sie zu ihm, ›ich glaube, ich sterbe bald.‹«

»Jetzt hab ichs vom Herzen herunter, Peggotty,« sagte sie dann zu mir, als ich sie an diesem Abend zu Bett brachte. »Es wird ihm in den wenigen Tagen, die ich noch zu leben habe, deutlicher und deutlicher werden, dem Armen. Und dann ists vorbei. Ich bin sehr müde. Wenn es nur Schlaf ist, so bleibe bei mir sitzen und verlaß mich nicht. Gott segne meine beiden Kinder. Gott beschütze und behüte meinen vaterlosen Jungen.«

»Seitdem hab ich sie nicht mehr verlassen,« sagte Peggotty. »Sie sprach oft mit den beiden da unten,[155] denn sie liebte sie. Sie konnte nicht anders, sie mußte jeden lieben, der in ihrer Nähe war. Aber wenn sie von ihrem Bette weggegangen waren, da mußte ich kommen, als ob nur Ruhe sein könnte, wo Peggotty war, und nie konnte sie anders einschlafen.«

»Am letzten Abend küßte sie mich und sagte, ›wenn das Baby mit mir sterben sollte, Peggotty, so sollen sie es mir in die Arme legen und uns zusammen begraben. Und mein lieber Sohn soll zu meinem Grabe gehen,‹ sagte sie, ›erzähle ihm, daß ich ihn, als ich hier lag, nicht einmal, sondern tausendmal gesegnet habe.‹«

Wieder folgte eine Pause des Schweigens, und Peggotty klopfte mir wieder sanft die Hand.

»Es war schon spät in der Nacht, da verlangte sie zu trinken, und als sie getrunken hatte, da lächelte sie mich so geduldig und lieb und schön an.«

»Der Tag brach an und die Sonne ging eben auf, als sie mir erzählte, wie gütig und rücksichtsvoll Mr. Copperfield immer gegen sie gewesen war, wie er mit ihr Geduld gehabt und ihr immer, wenn sie an sich selbst zweifelte, versichert hatte, daß ein Herz voll Liebe besser und stärker sei als alle Weisheit, und daß ihn ihre Liebe glücklich mache. ›Liebe Peggotty,‹ sagte sie dann, ›lege mich näher an dich heran,‹ – so schwach war sie schon – ›lege deinen lieben Arm unter meinen Kopf und wende mein Gesicht dir zu, denn deine Züge gehen immer weiter von mir weg und ich will dir so nahe sein.‹ Ich tat, wie sie verlangte, und ach, Davy, die Zeit war gekommen, wo das wahr wurde, was ich dir einmal gesagt habe, sie war froh, ihren armen Kopf auf den Arm ihrer einfältigen, mürrischen, alten Peggotty legen zu können. Sie starb wie ein Kind, das einschläft.«

So endigte Peggottys Erzählung. Von dem Augenblick an, wo ich den Tod meiner Mutter erfuhr, war das Bild, das ich mir zuletzt von ihr machte, verschwunden. Von dem Augenblick an erinnerte ich mich ihrer bloß als der jungen Mutter meiner frühesten Kindheit, die ihre glänzenden Locken um ihre Finger zu wickeln und im Zwielicht mit mir im Zimmer herumzutanzen pflegte. Mit ihrem Tode schwebte ihr Bild [156] zurück in ihre ruhige, ungestörte Jugendzeit, und alles übrige war ausgelöscht.

Die Mutter, die im Grabe ruht, ist die Mutter meiner Kindheit, das kleine Wesen in ihren Armen ist, wie ich einst gewesen war, und liegt an ihrem Busen eingelullt auf ewig.

Zehntes Kapitel

Ich werde vernachlässigt und man – bringt mich unter.


Das erste, was Miß Murdstone am Tag nach dem Begräbnisse tat, war, daß sie Peggotty für den kommenden Monat kündigte. So sehr Peggotty eine solche Stelle mißfallen mußte, so hätte sie sie doch um meinetwillen jeder andern auf der Welt vorgezogen.

Was mich betraf und meine Zukunft, fiel kein Wort, und es geschah auch nichts. Sie wären wahrscheinlich froh gewesen, wenn sie mir auch hätten monatlich kündigen können. Ich faßte mir einmal ein Herz und fragte Miß Murdstone, wann ich wieder in die Schule gehen werde, und sie antwortete: »wahrscheinlich überhaupt nicht mehr.« Weiter erfuhr ich nichts. Ich hätte nur zu gerne gewußt, was man mit mir vorhabe, aber weder Peggotty noch ich konnten das geringste herausbekommen. Meine Lage hatte sich, was die Gegenwart betrifft, zwar viel angenehmer gestaltet, würde mir aber, wenn ich die Folgen hätte gehörig ermessen können, für die Zukunft viel Sorgen gemacht haben. Der mir früher auferlegte Zwang hatte ganz aufgehört. Miß Murdstone zwang mich nicht mehr wie früher, meinen langweiligen Posten in der Wohnstube beizubehalten, und wies mich mehr als einmal mit finsterm Blick aus dem Zimmer. Ich durfte ruhig mit Peggotty verkehren, wenn ich nur nicht Mr. Murdstone vor die Augen kam. [157] Anfangs fürchtete ich, er oder seine Schwester würden mich wieder zu unterrichten anfangen, aber ich fand bald, daß meine Besorgnis unbegründet war und ich weiter nichts als Vernachlässigung zu gewärtigen hatte.

Diese Entdeckung verursachte mir damals nicht viel Schmerz. Noch immer ganz betäubt von dem Tod meiner Mutter war mir alles andere recht gleichgültig. Wohl dachte ich mir zuweilen, ob ich nicht zu einem schäbigen mürrischen Mann, der im Dorfe sein Leben in Nichtstun verlungern würde, heranwachsen müßte, wenn ich so gar keinen Unterricht mehr empfinge. Ich weiß noch, ich habe einmal überlegt, ob ich nicht wie der Held eines Romans davonlaufen sollte, um mein Glück zu machen, aber alles das waren Träume am helllichten Tag, die an der Wand meines Zimmers vorüberschwebten und nur die leere Wand zurückließen.

»Peggotty« sagte ich, gedankenvoll flüsternd, eines Abends, als ich meine Hände am Herdfeuer wärmte, »Mr. Murdstone hat mich noch weniger gern als früher. Er hat mich nie gern gehabt, Peggotty. Aber jetzt möchte er mich am liebsten gar nicht mehr sehen.«

»Vielleicht hat er Kummer,« sagte Peggotty und strich mir die Haare glatt.

»Ich bin gewiß auch voll Trauer, Peggotty,« erwiderte ich, »wenn es nur sein Gram wäre, würde ich weiter gar nicht darüber nachdenken. Aber das ists nicht, o nein, das ists nicht.«

»Woher weißt du denn das?« fragte Peggotty nach einer Pause.

»O, Kummer ist es nicht; jetzt wo er mit seiner Schwester am Kamin sitzt, hat er wohl Kummer. Aber wenn ich hineinginge, Peggotty, würde er sogleich anders werden.«

»Wie denn?« fragte Peggotty.

»Zornig,« antwortete ich und machte unwillkürlich sein Stirnrunzeln nach. »Wenn es nur Gram wäre, würde er mich doch nicht so ansehen. Ich gräme mich auch, aber das macht mich nur freundlicher gegen andere.«

Peggotty sagte nichts mehr darauf, und ich wärmte meine Hände stumm wie sie.

»Davy,« sagte sie endlich.

[158] »Ja, Peggotty.«

»Ich habe alles mögliche versucht, mein liebes Kind, hier in Blunderstone einen passenden Dienst zu bekommen, aber ich konnte keinen finden.«

»Und was gedenkst du zu tun, Peggotty?« und ich sah sie forschend an, »willst du fortgehen und dein Glück anderwärts versuchen?«

»Ich werde wohl nach Yarmouth gehen müssen,« sagte Peggotty.

»Du hättest noch weiter fortgehen und so gut wie verloren für mich sein können,« sagte ich ein wenig erleichtert. »So kann ich dich manchmal besuchen, meine gute, alte Peggotty! Du bist doch dort nicht am Ende der Welt, nicht wahr?«

»Ganz im Gegenteil, so Gott will,« rief Peggotty mit großer Lebhaftigkeit. »So lang du hier bist, mein Herzblatt, komme ich dich jede Woche besuchen. Jede Woche einmal, solange ich lebe.«

Dies Versprechen nahm mir einen Stein vom Herzen. Aber Peggotty fuhr noch fort. »Schau mal, Davy, ich gehe zuvörderst einmal auf vierzehn Tage zu meinem Bruder auf Besuch, um mich ein bißchen umzusehen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen; da hab ich mir gedacht, da sie dich hier sowieso nicht brauchen können, lassen sie dich vielleicht mit mir gehen?«

Jedenfalls war dieser Plan das einzige, was mich in meiner damaligen Gemütsstimmung irgendwie aufhellen konnte. Der Gedanke, wieder auf diesen ehrlichen Gesichtern einen Willkommengruß lesen zu können, wieder den Frieden des stillen Sonntagmorgens zu genießen, wenn die Glocken läuten, die Schiffe Schatten gleich aus dem Nebel brechen, – wieder Steine ins Wasser werfen zu können, mit der kleinen Emly herumzustreifen, ihr meine Leiden zu erzählen und ein Zaubermittel dagegen in den Muscheln und Kieseln am Strande zu finden, erfüllte mein Herz mit besänftigender Ruhe. Freilich wurde sie schon im nächsten Augenblick von dem Gedanken zerstört, daß Miß Murdstone schwerlich einwilligen werde. Aber noch während wir sprachen, kam Miß Murdstone plötzlich heraus, um etwas aus der [159] Vorratskammer zu holen, und Peggotty brachte die Angelegenheit mit einer Kühnheit, die mich in Erstaunen versetzte, sogleich zur Sprache.

»Der Junge wird dort herumlungern,« sagte Miß Murdstone und spähte in einen Krug mit Essiggurken, »und Nichtstun ist die Wurzel alles Bösen. Aber freilich hier wird er auch nichts tun – und anderwärts auch nicht.«

Peggotty hatte eine heftige Antwort auf der Zunge, aber sie schluckte sie herunter um meinetwillen und schwieg.

»Hm,« meinte Miß Murdstone dann und spähte immer noch in den Essigkrug. »Es ist wichtiger als alles andere, – es ist sogar von außerordentlicher Wichtigkeit, – daß mein Bruder nicht gestört und belästigt wird. Es ist wohl am besten, ich willige ein.«

Ich bedankte mich bei ihr, ohne meine Freude zu verraten, damit sie nicht etwa ihre Erlaubnis zurückzöge, und mir kam das sehr klug vor, als sie mich jetzt wieder mit einem so sauern Gesicht ansah, als hätte sie mit ihren schwarzen Augen den ganzen Inhalt des Essigkrugs ausgesogen. Die Erlaubnis war gegeben und wurde auch nicht zurückgezogen. Und als der Monat um war, standen Peggotty und ich zur Abfahrt bereit.

Mr. Barkis kam ins Haus, um Peggottys Koffer abzuholen. Soviel ich weiß, hatte er noch nie die Schwelle der Gartentür überschritten, aber bei dieser Gelegenheit kam er bis ins Haus. Und als er den größten Koffer auf seine Schultern lud und hinausging, warf er mir einen so vielsagenden Blick zu, wie es sein Gesicht überhaupt vermochte.

Peggotty war natürlich sehr betrübt über ihren Abschied von dem Orte, wo sie so lange Jahre mit meiner Mutter und mir zugebracht hatte. Sie war schon in aller Frühe auf dem Kirchhof gewesen, und als sie im Wagen saß, hielt sie sich das Taschentuch vor die Augen.

So lange sie so blieb, gab Mr. Barkis kein Lebenszeichen von sich. Er saß auf seinem gewohnten Platz und in seiner bekannten Haltung wie eine große, [160] ausgestopfte Puppe. Aber als sie das Taschentuch einsteckte und mit mir zu sprechen anfing, nickte er mehrere Male und grinste. Ich hatte nicht den leisesten Begriff, was er damit sagen wollte.

»s ist ein schöner Tag, Mr. Barkis,« begann ich aus purer Höflichkeit.

»Nicht schlecht,« meinte Mr. Barkis, der gewöhnlich seine Worte sehr abwog und seine Meinung nie offen heraussagte.

»Peggotty hat sich schon wieder ganz erholt, Mr. Barkis,« bemerkte ich.

»So. Hm,« sagte Mr. Barkis.

Nachdem er mit schlauer Miene nachgedacht hatte, sah er Peggotty an und sagte:

»Ists Ihnen schon hübsch behaglich?«

Peggotty lachte bejahend.

»Aber wirklich und wahrhaftig? verstehen Sie? Wirklich?« brummte Mr. Barkis und rutschte auf der Bank näher an sie heran und gab ihr einen Stoß mit dem Ellbogen. »Wirklich? Wirklich und wahrhaftig, ganz behaglich? Wirklich? He?« Bei jeder dieser Fragen rutschte Mr. Barkis näher zu ihr und gab ihr jedesmal einen Stoß mit dem Ellbogen, bis wir zuletzt alle in der linken Ecke des Wagens eingeklemmt saßen und ich kaum mehr atmen konnte.

Peggotty machte ihn darauf aufmerksam, worauf er sogleich etwas Platz machte und nach und nach wieder zurückrückte. Ich sah ihm an, daß er zu glauben schien, er sei auf ein prächtiges Mittel verfallen, sich ohne viel Worte angenehm, fein und deutlich auszudrücken. Eine Zeitlang lachte er vor sich hin. Dann wandte er sich wieder langsam nach Peggotty um und wiederholte: »Also wirklich behaglich?« und fing das alte Manöver wieder an, bis ich abermals keinen Atem bekam. Nicht lange darauf wiederholte sich dasselbe noch einmal mit denselben Folgen. Dann stand ich immer auf, wenn ich ihn heranrücken sah, und tat, als ob ich mir die Gegend ansähe, und kam viel besser dabei weg.

Er war so höflich, nur unsertwegen an einem Wirtshaus anzuhalten und uns mit Hammelbraten und [161] Bier zu bewirten. Aber selbst einmal, als Peggotty gerade trank, bekam er einen seiner alten Anfälle und brachte sie fast zum Ersticken. Je mehr wir uns unserm Reiseziel näherten, desto mehr mußte er aufpassen und desto weniger Zeit fand er für Galanterien. Und als wir erst auf dem Pflaster von Yarmouth durcheinandergeschüttelt wurden, bot sich gar keine Gelegenheit mehr.

Mr. Peggotty und Ham erwarteten uns auf dem alten Platze. Sie empfingen mich und Peggotty in herzlicher Weise und schüttelten Mr. Barkis die Hand, der mit weit zurückgeschobenem Hut, ein verschämtes Lächeln auf den Zügen und weit ausgespreizten Beinen einen möglichst dummen Eindruck zu erwecken bemüht war. Jeder von den beiden Fischern nahm einen von Peggottys Koffern, und wir wollten eben fortgehen, als mir Mr. Barkis feierlich mit dem Zeigefinger winkte, mit ihm unter einen Tor weg zu treten.

»Also,« brummte er dann, »alles in Ordnung.«

Ich sah ihn an und antwortete mit einem Versuch, ein möglichst gescheites Gesicht zu machen: »O! o!«

»Damals wars noch nicht abgemacht,« fuhr er mit vertraulichem Nicken fort. »Alles in Ordnung.«

Wieder antwortete ich: »O!«

»Sie wissen, wer wollte! Er! Barkis! aber nur Barkis!«

Ich nickte beistimmend.

»Alles in Ordnung,« sagte Mr. Barkis wieder und schüttelte mir die Hand. »Wir sind Freunde. Sie habens in Ordnung gebracht. Alles in Ordnung.«

In seinem Bestreben besonders klar zu sein wurde mir Mr. Barkis immer rätselhafter. Ich hätte ihm eine Stunde ins Gesicht sehen können, ohne von ihm mehr zu erfahren als von dem Zifferblatt einer Uhr, die stillsteht. Endlich rief mich Peggotty weg. Unterwegs fragte sie mich, was er gesagt habe, und ich wiederholte seine Worte: »Alles in Ordnung.«

»Ist das eine Unverschämtheit,« sagte sie, »aber es macht nichts. Lieber Davy, was meinst du wohl, wenn ich mich verheiratete?«

»Nun, du würdest mich doch ebenso lieb haben wie jetzt, Peggotty?« erwiderte ich nach einigem Nachdenken.

[162] Zum größten Erstaunen der Vorübergehenden und der beiden Peggottys vor uns blieb die gute Seele stehen und umarmte mich unter vielen Beteuerungen ihrer unwandelbaren Liebe.

»Sag mir also, was du meinst, Liebling?« fragte sie, als sie damit fertig war und wir unsern Weg fortsetzten.

»Wenn du dich mit Mr. Barkis verheiratest, Peggotty?«

»Ja.«

»Ich glaube, es wäre sehr gut, dann hättest du immer das Pferd und den Wagen umsonst und könntest mich immer besuchen kommen.«

»Was das Kind gescheit ist!« rief Peggotty. »Das hab ich doch auch immer den ganzen Monat lang gedacht. Ja, mein Goldkind, und ich wäre viel unabhängiger, siehst du. Und es würde sich mir in meinem eignen Haus viel leichter arbeiten, als sonstwo. Ich weiß gar nicht, ob ich mich zum Dienstmädchen bei Fremden jetzt noch eigne, und ich wäre immer in der Nähe der Ruhestätte meines schönen Lieblings,« fügte sie nachdenklich hinzu. »Ich könnte sie sehen, wann ich wollte, und wenn ich mich einmal zur Ruhe lege, wärs nicht weit von meinem lieben Mädel.«

Wir schwiegen beide eine Weile.

»Aber ich würde nicht ein einziges Mal wieder dran denken,« sagte Peggotty fröhlich, »wenn mein Davy irgend etwas dagegen hätte, und wenn ich auch dreißigmal dreimal in der Kirche gefragt würde und den Ring mein Lebtag in der Tasche herumtragen müßte.«

»Schau mich an, Peggotty,« erwiderte ich, »und sieh selbst, ob ich mich nicht wirklich von ganzer Seele darüber freue!«

»Liebes Herz,« sagte Peggotty und drückte mich an sich, »ich habe Tag und Nacht darüber nachgedacht und in jeder Weise und ich glaube in der rechten, aber ich will es mir noch einmal überlegen und mit meinem Bruder darüber sprechen und unterdessen wollen wir die Sache für uns behalten, Davy. Barkis ist ein einfacher guter Kerl, und wenn ich meine Pflicht an[163] seiner Seite tue, glaube ich, wäre es meine Schuld, wenn ich nicht – wenn ich mich nicht behaglich befände,« sagte Peggotty und lachte herzlich.

Über diesen Ausspruch von Mr. Barkis mußten wir immer wieder lachen, und wir waren sehr heiterer Laune, als Mr. Peggottys Häuschen in Sicht kam.

Es sah genau so aus wie früher, nur schien es in meinen Augen jetzt ein wenig kleiner zu sein. Mrs. Gummidge wartete in der Tür, als ob sie seit damals immer noch dortstünde. Innen war alles unverändert bis zum Seegras hinab in dem blauen Krug in meinem Schlafzimmer. Ich ging in den Seitenschuppen, um mich ein wenig umzusehen und wieder war ein verworrener Haufen von Hummern, Krabben und Krebsen da, alle von demselben Verlangen, die ganze Welt zu zwicken, beseelt.

Aber keine kleine Emly war zu sehen, und so fragte ich Mr. Peggotty nach ihr.

»Is in der Schule, Sir,« sagte Mr. Peggotty und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Dann sah er nach der Wanduhr, »kommt all in zwanzig oder dreißig Minuten. Wir vermissen sie alle, ach Gott.«

Mrs. Gummidge seufzte.

»Kopf hoch, Mächen,« mahnte Mr. Peggotty.

»Ach,« sagte Mrs. Gummidge, »ich bin n einsam verlassenes Geschöpf und sie war die einzige, die mich nicht die Quere ging.«

Sie schüttelte tränenden Auges den Kopf und blies das Feuer an. Mr. Peggotty sah uns an, während sie so beschäftigt war, und flüsterte leise hinter seiner Hand hervor: »De Olsch.«

Daraus schloß ich ganz richtig, daß seit meinem letzten Besuch in Mrs. Gummidges Gemütszustand keine wesentliche Veränderung eingetreten sein konnte. Alles war so reizvoll wie früher, aber dennoch machte es einen ganz andern Eindruck auf mich. Ich fühlte mich fast ein wenig enttäuscht. Vielleicht trug die Abwesenheit der kleinen Emly die Schuld. Da ich wußte, welchen Weg sie kommen mußte, ging ich ihr entgegen.

Es dauerte auch nicht lange, da tauchte in der [164] Ferne eine Gestalt auf, und ich erkannte bald Emly, die immer noch ein kleines Geschöpfchen war, trotzdem sie gewachsen schien. Aber als sie näher kam und ich sah, wie ihre blauen Augen noch blauer und ihr Gesicht mit den Grübchen noch heiterer, hübscher und schelmischer geworden, überkam mich ein ganz seltsames Gefühl und ich tat, als ob ich sie nicht kennte, und ging vorbei, als ob ich weit draußen in der Ferne etwas erblickte. Ich habe dergleichen, mir scheint, auch später noch im Leben getan!

Die kleine Emly kümmerte sich gar nicht um mich. Sie sah mich recht gut, anstatt sich aber umzudrehen und mich zu rufen, lief sie lachend fort. Das zwang mich, ihr nachzurennen. Aber sie lief so schnell, daß ich sie erst knapp vor dem Häuschen einholen konnte.

»Ach so, du bists?«

»Aber du wußtest doch, wers ist, Emly,« sagte ich.

»Und du vielleicht nicht?«

Ich wollte sie küssen, aber sie hielt sich die Hand auf ihre Kirschenlippen und sagte, sie sei kein kleines Kind mehr, lief ins Haus und lachte noch viel mehr.

Es schien ihr Spaß zu machen, mich zu necken, – eine Veränderung, über die ich mich sehr wunderte. Der Teetisch war gedeckt, und unser kleiner Koffer stand auf dem alten Fleck. Aber anstatt sich neben mich zu setzen, leistete sie der alten brummigen Mrs. Gummidge Gesellschaft, und als Mr. Peggotty nach dem Grund fragte, bedeckte sie sich das Gesicht mit den Haaren und wollte nicht aufhören zu lachen.

»Eine kleine Spielkatze,« sagte Mr. Peggotty und tätschelte sie mit seiner großen Hand.

»Dat is se. Dat is se,« rief Ham, »Masr Davy, woll, dat is se« und er saß da und lachte sie lange an mit einem brennroten Gesicht, auf dem sich Bewunderung und Entzücken spiegelten.

Die kleine Emly wurde in jeder Hinsicht verzogen und von niemand mehr als von Mr. Peggotty, dem sie alles abschmeicheln konnte, wenn sie nur zu ihm ging und ihre Wangen an seinen struppigen Seemannsbart legte. So schien es mir wenigstens, als ich es sah, und ich gab Mr. Peggotty vollkommen recht. [165] Sie war so zärtlich und herzig und dabei so neckisch und schüchtern zugleich, daß sie mich mehr gefangen nahm als je.

Sie war auch sehr weichherzig, denn als wir nach dem Tee um den Ofen saßen und Mr. Peggotty eine Andeutung über den Verlust, den ich erlitten hatte, fallen ließ, traten ihr die Tränen in die Augen, und sie sah mich über den Tisch hinüber so freundlich an, daß ich ihr sehr dankbar war.

»Ja,« sagte Mr. Peggotty, indem er ihre Locken wie Wasser durch seine Finger laufen ließ. »Hier ist auch eine Waise, Sir, und hier,« und er klopfte Ham mit dem Handrücken auf die Brust, »hier s noch einer, wenn mans ihm auch nöch anmerkt.«

»Wenn ich Sie zum Vormund hätte, Mr. Peggotty,« sagte ich, »würd ichs wohl auch nicht sehr fühlen.«

»Schoin seggt, Masr Davy, woll,« schrie Ham entzückt, »hurra. Schoin seggt, Masr Davy, woll, hört, hört.« Er gab den Schlag mit dem Handrücken zurück und die kleine Emly stand auf und küßte Mr. Peggotty.

»Und was macht Ihr Freund, Sir?« fragte mich Mr. Peggotty.

»Steerforth?«

»Woll, woll,« rief Mr. Peggotty und wandte sich zu Ham. »Ich wußte, sien Nam hett mit unserm Beruf zu tun.«

»Du hest Rudderford seggt,« bemerkte Ham lachend.

»Jawoll,« antwortete Mr. Peggotty, »un du ›stüerst‹ mit en Rudder, nöch? Dat s nöch veel anners. Wie gehts ihm, Sir?«

»Als ich fortging, sehr gut, Mr. Peggotty.«

»Dat s n Freund,« sagte Mr. Peggotty und reckte seinen Arm mit der Pfeife in die Höhe. »Dat s n Freund, wenn Sie von Freunden sprechen! Gott soll mich nicht leben lassen, wenns nicht ne Freude ist, den anzusehen.«

»Er ist sehr hübsch, nicht wahr?« sagte ich und mein Herz schlug höher bei dem Lobe.

[166] »Hübsch!« rief Mr. Peggotty. »Er steht vor einem, wie – wie ein – – na, wie soll ich nur sagen, wie er vor einem steht? Er ist so keck.«

»Ja, so ist auch sein ganzer Charakter,« sagte ich, »er ist mutig wie ein Löwe, und Sie können sich gar nicht vorstellen, Mr. Peggotty, wie freimütig er ist.«

»Und ich vermute,« sagte Mr. Peggotty und sah mich durch den Rauch seiner Pfeife hindurch an, »daß er in der Buchgelehrsamkeit höher im Wind liegt als alle andern.«

»Ja,« sagte ich freudig, »er weiß alles. Er ist erstaunlich gescheit.«

»Dat s n Freund,« murmelte Mr. Peggotty mit ernstem Wiegen des Kopfes.

»Alles geht ihm spielend von der Hand,« sagte ich. »Er kann seine Aufgabe, wenn er nur auch nur einen Blick drauf wirft. Er ist der beste Kricketter, den ich kenne. Beim Damenbrett gibt er Ihnen so viel Steine vor, wie Sie wollen, und schlägt Sie mühelos.«

Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopf, als wollte er sagen: »Selbstverständlich!«

»Und ein Redner ist er,« fuhr ich fort, »daß er jeden überzeugen kann, Sir. Und gar erst ihn singen zu hören!«

Mr. Peggotty nickte wieder mit dem Kopf, als wollte er sagen: »Ich zweifle keinen Augenblick daran.«

»Und dann ist er ein so prächtiger, feiner, nobler Bursche,« sagte ich, ganz hingerissen von meinem Lieblingsthema, »daß es kaum möglich ist, ihn so zu loben, wie er es verdient. Ich kann ihm nie genug dankbar sein für die Hochherzigkeit, mit der er mich, der ich viel jünger bin und in der Schule weit unter ihm saß, beschützte.«

Mitten in meinem Eifer fielen meine Augen auf die kleine Emly, die mit angehaltenem Atem über den Tisch gebeugt dasaß und mit größter Aufmerksamkeit zuhörte. Ihre blauen Augen glänzten wie Edelsteine und das Blut stieg ihr in die Wangen. Sie sah so wunderbar ernst und hübsch aus, daß ich erstaunt abbrach, und alle schauten sie daraufhin an und lachten.

[167] »Emly gehts wie mir,« sagte Peggotty. »Sie möchte ihn sehen.«

Emly war ganz verlegen geworden, weil wir sie alle ansahen, errötete noch mehr und schlug die Augen nieder. Als sie wieder aufsah und bemerkte, daß wir noch immer keinen Blick von ihr wenden konnten, wurde sie ganz verwirrt, lief fort und blieb weg, bis es fast Schlafenszeit war.

Ich legte mich in das alte kleine Bett im Hintersteven des Bootes, und der Wind strich klagend über die Dünen wie einstmals. Ich konnte mir nicht helfen, es schien mir, als klage er um die, die dahingegangen. Ich mußte an die Wellen des Schicksals denken, die, seitdem ich dieses Heulen zuletzt vernommen, mein glückliches Heim weggespült hatten. Kein Gedanke kam mir mehr wie damals, daß der Ozean draußen über seine Ufer treten könnte und unser Boot fortschwemmen. Ich erinnere mich noch, wie Wind und Wogen allmählich schwächer in meinen Ohren klangen, als ich meinem Abendgebet den Satz hinzufügte: Gott möchte mich groß werden lassen, damit ich die kleine Emly heiraten könnte. Dann sank ich verliebt in Schlummer.

Die Tage vergingen so schnell wie früher, doch nur selten mehr konnte ich mit der kleinen Emly am Strande spazieren gehen. Sie mußte Aufgaben lernen und nähen und konnte einen großen Teil des Tags nicht zu Hause sein. Aber auch ohnedies wären diese alten Wanderungen nicht mehr so wie früher gewesen. So wild und voll kindischer Launen Emly war, so war sie doch schon viel mehr Jungfrau, als ich glaubte. Sie schien in mehr als einem Jahr viel älter als ich geworden zu sein. Sie hatte mich gern, aber lachte mich aus und quälte mich, nahm einen andern Weg, wenn ich sie abholen ging, und empfing mich lachend an der Tür, wenn ich dann verstimmt heimkam. Meine besten Zeiten waren, wenn sie vor der Tür stillsitzen mußte und arbeitete, während ich ihr auf der Schwelle vorlas.

Es kommt mir jetzt so vor, als ob ich niemals wieder soviel Sonnenschein erlebt hätte, wie an jenen schönen Aprilnachmittagen, niemals mehr eine so sonnige kleine Gestalt gesehen, als damals an der Tür des [168] alten Schiffes, niemals mehr einen solchen Himmel, solches Wasser, und so herrliche Schiffe in die goldig flimmernde Luft hinaussegeln.

Schon am ersten Abend nach unserer Ankunft erschien Mr. Barkis mit einem sehr einfältigen Gesicht und sehr linkischer Haltung und mit einer Anzahl Orangen in einem Schnupftuch. Da er nichts über dieses Bündel fallen gelassen, glaubten wir, er habe es wahrscheinlich vergessen, als er wegging, bis Ham, der ihm nacheilte, mit der Nachricht zurückkam, es sei für Peggotty bestimmt. Von jenem Tag an erschien Barkis pünktlich um dieselbe Stunde jeden Abend und immer mit einem kleinen Bündel, von dem er nie sprach, und das er regelmäßig hinter die Tür stellte und dort liegen ließ.

Diese Liebesgaben waren der verschiedensten und exzentrischsten Art. Einmal ein paar Schweinsfüße, dann ein ungeheures Nadelkissen, ein halber Eimer Äpfel, ein Paar Jetohrringe, ein Bündel spanische Zwiebeln, ein Dominospiel, ein Kanarienvogel samt Käfig oder eine gepökelte Schweinskeule.

Auch seine Liebeswerbung war ganz eigentümlicher Art. Er sprach selten ein Wort und konnte stundenlang in derselben Stellung wie im Wagen beim Feuer sitzen und Peggotty anglotzen.

Eines Abends machte er, wahrscheinlich von Liebe begeistert, einen Vorstoß auf das Wachslicht, mit dem sie immer ihren Faden wichste, steckte es in die Westentasche und nahm es mit. Von da an bereitete es ihm ein Hauptvergnügen, den Stumpf, wenn er gebraucht wurde, aus der Tasche zu holen, was nicht ganz leicht war, da er, unterdessen halb geschmolzen, regelmäßig am Taschenfutter festklebte.

Er schien sich bei uns sehr wohl zu fühlen, aber durchaus nicht veranlaßt zu sehen, irgend etwas zu sprechen. Selbst wenn er Peggotty auf der Ebene spazieren führte, machte er sich keine Sorgen darüber. Er fragte sie nur zuweilen, ob sie sich »behaglich fühle«, und Peggotty hielt sich dann, wenn er fort gegangen, die Schürze vors Gesicht und konnte halbe Stunden lang lachen. Auch wir freuten uns alle mehr oder weniger, ausgenommen höchstens die unglückliche Mrs. Gummidge, [169] deren Brautstand von ganz ähnlicher Art gewesen sein mußte, da sie sich immer an den »Alten« erinnerte.

Als meine Besuchszeit ihrem Ende entgegenging, hieß es eines Tages, daß Peggotty und Mr. Barkis einen Festausflug machen wollten und Emly und ich sie begleiten sollten. In Erwartung des großen Vergnügens, Emly einen ganzen Tag für mich zu haben, konnte ich die Nacht vorher schon kaum schlafen. In aller Frühe waren wir auf den Beinen, und während wir noch beim Frühstück saßen, wurde Mr. Barkis in der Ferne sichtbar, eine Kutsche auf den Gegenstand seiner Neigung zulenkend.

Peggotty trug wie gewöhnlich ihre sauber stille Trauerkleidung, aber Mr. Barkis strahlte in einem neuen blauen Rock, den der Schneider so reichlich angemessen, daß die Ärmel im kältesten Wetter Handschuhe überflüssig gemacht hätten, während der Kragen so hoch war, daß Barkis Haare auf dem Hinterkopf wegstanden. Die blanken Knöpfe waren von der größten Gattung. Ausgestattet mit hellen Beinkleidern und einer gelben Weste schien mir Mr. Barkis ein Wunder von Vornehmheit zu sein.

Als wir alle reisefertig vor der Tür standen, bemerkte ich, daß Mr. Peggotty mit einem alten Schuh bewaffnet war, der als Glückszeichen hinter uns hergeworfen werden sollte, und daß Mr. Peggotty ihn Mrs. Gummidge zu diesem Zweck hinhielt.

»Nein, lieber soll es jemand anders tun, Daniel,« wehrte Mrs. Gummidge ab. »Ich bin ein einsames, verlassenes Geschöpf, und alles, was mich ans Gegenteil erinnert, geht mich der Quere.«

»Komm, Alte,« rief Mr. Peggotty, »nimms nur und wirf ihn.«

»Nein, Daniel,« wehrte Mrs. Gummidge ab und schüttelte tränenden Auges das Haupt. »Wenn ich weniger fühlte, könnte ich mehr tun. Du fühlst nicht wie ich, Daniel. Die Sachen gehen dich nicht der Quere und du ihnen nicht, s ist besser, du tusts selber.«

Aber hier rief Peggotty, die in großer Eilfertigkeit von einem zum andern gegangen war und alle geküßt hatte, aus dem Wagen heraus, daß Mrs. Gummidge [170] es unbedingt tun müßte. So tat es denn Mrs. Gummidge und warf auch leider zugleich einen traurigen Schatten auf den festlichen Charakter unseres Ausflugs, indem sie in Tränen ausbrach und ganz gebrochen Ham mit den Worten in die Arme sank, daß sie aller Welt eine Last sei und am besten auf der Stelle ins Armenhaus ginge. Schade nur, daß Ham es nicht zur Ausführung brachte.

Nun ging es weiter auf unserm Festpfad und das erste, was wir taten, war, daß wir vor einer Kirche anhielten, wo Mr. Barkis das Pferd an ein Gitter band und mit Peggotty hineinging, während Emly und ich allein zurückblieben. Ich benutzte diese Gelegenheit, meinen Arm um Emlys Taille zu legen und ihr vorzuschlagen, da ich ja bald fort müsse, wollten wir uns recht gut sein und uns den ganzen Tag so glücklich wie möglich gestalten. Da die kleine Emly zustimmte und mir erlaubte, sie zu küssen, kam ich ganz aus der Fassung. Ich sagte ihr, ich könnte nie eine andere lieben und wäre bereit, jeden umzubringen, der sich um sie zu bewerben wagte.

Wie sich die kleine lustige Emly darüber lustig machte! Mit einer Miene, als sei sie unendlich viel gescheiter und älter als ich! Sie sagte, die kleine Hexe, ich sei ein kindischer Junge, und lachte dann so entzückend, daß ich den Schmerz über die demütigende Benennung über der bloßen Freude, sie ansehen zu dürfen, vergaß.

Mr. Barkis und Peggotty blieben ziemlich lang in der Kirche, kamen aber endlich wieder heraus. Dann fuhren wir hinaus ins Land. Unterwegs wendete sich Mr. Barkis nach mir um und sagte, indem er listig ein Auge zukniff:

»Was fürn Namen hab ich in den Wagen geschrieben?«

»Klara Peggotty,« antwortete ich.

»Was fürn Namen müßt ich jetzt anschreiben, wenn ein Dach da wäre?«

»Nicht wieder Klara Peggotty?« fragte ich.

»Klara Peggotty-Barkis!« erwiderte er und brach in ein Gelächter aus, daß die ganze Chaise wackelte.

Kurz, sie waren verheiratet und waren zu keinem[171] andern Zweck in die Kirche gegangen. Peggotty hatte gewünscht, daß es in aller Stille geschähe, und hatte keine Zeugen zu der Feierlichkeit eingeladen. Sie wurde etwas verlegen, als Mr. Barkis mit dieser Mitteilung herausplatzte, und konnte mich nicht genug umarmen, um mir ihre unveränderte Liebe zu zeigen. Bald beruhigte sie sich wieder und sagte, sie sei froh, daß alles vorbei wäre.

Wir hielten dann an einem kleinen Wirtshaus, wo wir erwartet wurden und ein sehr gutes Mittagessen einnahmen und den Tag sehr angenehm zubrachten. Wenn Peggotty täglich einmal in den letzten zehn Jahren geheiratet haben würde, hätte sie nicht unbefangener sein können. Sie war ganz wie sonst und machte mit der kleinen Emly und mir vor dem Tee einen kleinen Spaziergang, während Mr. Barkis philosophisch seine Pfeife rauchte, offenbar damit beschäftigt, sich sein künftiges Glück auszumalen. Das schien seinen Appetit anzuregen, denn ich erinnere mich genau, daß er zum Tee noch eine ziemliche Menge kalten Schinken zu sich nahm, trotzdem er schon zu Mittag ziemlich viel Schweinebraten und Gemüse gegessen und dann mit ein oder zwei jungen Hühnern noch nachgeholfen hatte.

Ich habe seitdem oft daran denken müssen, was für eine seltsame unschuldige und ungebräuchliche Art Hochzeit das damals war.

Bald nach Dunkelwerden stiegen wir wieder in den Wagen und fuhren gemütlich zurück und betrachteten die Sterne und sprachen über sie. Ich führte hauptsächlich die Konversation und klärte Mr. Barkis Geist in ganz erstaunlicher Weise auf. Er hätte wahrscheinlich alles geglaubt, was ihm zu erzählen mir eingefallen wäre, denn er empfand die größte Hochachtung vor meiner Gescheitheit und sagte seiner Frau, ich sei der reinste »Roeshus«. Damit meinte er ein Wunderkind.

Als wir das Thema Sterne erschöpft hatten, oder besser gesagt, als ich die geistigen Fähigkeiten Mr. Barkis erschöpft hatte, nahmen die kleine Emly und ich ein altes Umschlagtuch als gemeinsamen Mantel um und blieben so während der ganzen Rückfahrt sitzen. Ach, wie sehr ich sie liebte! Welche Seligkeit, dachte ich, [172] wenn wir verheiratet wären und hinaus in die weite Welt gehen könnten, um unter den Bäumen und in den Feldern zu leben, – wenn wir niemals älter und klüger zu werden brauchten, immer Kinder, Hand in Hand im Sonnenschein über blumige Wiesen wandeln und abends im Schlummer der Unschuld und des Friedens das Haupt aufs weiche Moos legen dürften; welche Seligkeit, dereinst von den Vögeln des Himmels begraben zu werden, wenn wir stürben. Solche Traumbilder, lichtstrahlend wie unsere Unschuld, unerreichbar wie die Sterne über unsern Häuptern, gaukelte mir mein Geist vor den ganzen Weg. Es freut mich, daß zwei so unschuldvolle Herzen wie Emly und ich Peggottys Hochzeit verschönten.

Wir kamen noch beizeiten zu dem alten Boot; dort nahmen Mr. und Mrs. Barkis Abschied von uns und fuhren gemächlich nach Hause in ihr eignes Heim. Da fühlte ich das erstemal, daß ich Peggotty verloren hatte. Unter jedem andern Dache als hier, wo ich die kleine Emly bei mir wußte, wäre ich mit blutendem Herzen zu Bett gegangen.

Mr. Peggotty und Ham sahen mir an, worunter ich litt, hielten ein Abendessen bereit und setzten ihre gastlichsten Gesichter auf, um mir meine traurigen Gedanken zu vertreiben. Die kleine Emly saß neben mir auf dem Koffer, – das erste Mal, seit ich hier weilte, und es war ein wundervoller Schluß für einen herrlichen Tag.

Diese Nacht war Flut. Und bald, nachdem wir uns schlafen gelegt, fuhren Mr. Peggotty und Ham zum Fischen aus. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt, in dem einsamen Haus als Beschützer Emlys und Mrs. Gummidges zurückgelassen zu sein, und wünschte mir nur, daß ein Löwe oder eine Schlange oder ein anderes bösartiges Ungeheuer uns überfallen möchte, damit ich es vernichten und mich mit Ruhm bedecken könnte. Aber da nichts dieser Art auf den Dünen von Yarmouth herumstreifte, ließ ich mir, um diesem Mangel abzuhelfen, bis zum Morgen von Drachen träumen.

Am Morgen kam Peggotty und rief mich wie gewöhnlich ans Fenster, als ob Mr. Barkis, der Fuhrmann, von Anbeginn an nur ein Traum gewesen wäre. Nach dem Frühstück nahm sie mich mit sich nach Hause. [173] Sie bewohnten ein wunderschönes kleines Heim. Von allen Möbeln darin machte mir ein alter Schreibtisch aus dunklem Holz im Empfangszimmer, dessen Deckel aufgeschlagen ein Pult bildete, worauf eine große Quartausgabe von Fox »Buch der Märtyrer« lag, den tiefsten Eindruck. Als Wohnstube diente eine mit Ziegelsteinen gepflasterte Küche. Das kostbare Buch, von dem ich keine Silbe mehr weiß, entdeckte und studierte ich sogleich; nie wieder später besuchte ich das Haus, ohne auf das Pult zu klettern und es zu verschlingen. Am meisten erbauten mich die vielen Bilder, die alle Arten von Martern darstellten; die Märtyrer und Peggottys Haus sind seitdem in meiner Seele unzertrennlich miteinander verknüpft.

Ich nahm an diesem Tage von Mr. Peggotty und Ham und der kleinen Emly Abschied und schlief in der Nacht bei Peggotty in einem Dachstübchen, – das Krokodilbuch lag in einem Fach zuhäupten des Bettes – das immer mein Zimmer sein und immer für mich hergerichtet bleiben sollte.

»Solange ich lebe, lieber Davy, und unter diesem Dache wohne,« sagte Peggotty, »sollst du dieses Zimmer vorfinden, als ob ich dich jede Minute erwartete. Ich will es jeden Tag bereit halten, wie dein früheres altes kleines Zimmer, und wenn du selbst nach China gingst, soll es die ganze Zeit, wo du abwesend bist, auf dich warten.«

Ich fühlte von ganzem Herzen die Wahrheit aus diesen Worten meiner lieben alten Kindsfrau heraus und dankte ihr, so gut ich vermochte. Es fiel nicht sehr überschwänglich aus, denn sie gab mir ihre Versicherung, die Hände um meinen Hals gelegt, erst an dem Morgen, als ich mit ihr und Mr. Barkis nach Hause fuhr. Sie verließ mich am Gartentor in Blunderstone.

Es war ein bedrückender Anblick für mich, den Wagen mit Peggotty fortfahren zu sehen, während ich unter den alten Ulmen vor dem Hause stand, in dem kein Blick von Liebe oder Zuneigung mehr auf mir ruhen sollte.

Von diesem Zeitpunkt an verfiel ich in einen Zustand des Verlassenseins, auf den ich ohne Ergriffenheit nicht zurückblicken kann. Gänzlich vernachlässigt, ohne [174] Gesellschaft von Knaben meines Alters, war ich, ohne jede Ansprache, allein gelassen mit meinen eignen trüben Gedanken, die selbst jetzt noch, wo ich dies schreibe, ihren Schatten auf das Papier zu werfen scheinen.

Was würde ich darum gegeben haben, wenn man mich wieder in eine Schule geschickt hätte, – und wäre sie noch so streng gewesen –, mich auch nur das Geringste gelehrt hätte. Keine Hoffnung lag vor mir. Man konnte mich nicht leiden, sah hartnäckig und mürrisch an mir vorbei. Ich glaube, Mr. Murdstone besaß damals wenig Mittel, aber das tut wenig zur Sache. Er konnte mich nicht ausstehen, und ich glaube, er wollte meine Ansprüche an ihn vergessen, indem er mich vernachlässigte.

Ich wurde nicht tätlich mißhandelt. Man schlug mich nicht und tadelte mich nicht. Aber das Unrecht, das ich litt, war ohne Unterbrechung und wurde mir in systematischer leidenschaftsloser Weise zugefügt. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat wurde ich kalt vernachlässigt. Was sie wohl mit mir angefangen hätten, wenn ich krank geworden wäre? Ob mich jemand gepflegt hätte oder ob sie mich in meinem einsamen Zimmer einfach hätten verschmachten lassen!?

Wenn Mr. und Miß Murdstone zu Hause waren, nahm ich meine Mahlzeit mit ihnen ein. In ihrer Abwesenheit aß und trank ich allein. Zu allen Zeiten trieb ich mich unbeachtet im Hause und in der Nähe herum. Sie gaben nur eifersüchtig acht, daß ich mit niemand Freundschaft schlösse, wahrscheinlich, damit ich mich nicht beklagen könnte.

Wohl aus demselben Grunde war es mir fast nie erlaubt, mit Mr. Chillip einen Nachmittag zu verleben, trotzdem er mich sehr oft einlud. Nur selten durfte ich ihn besuchen. Ebenso selten die ihnen so verhaßte Peggotty. Ihrem Versprechen getreu kam die gute Seele einmal in der Woche zu mir, oder wir trafen uns in der Nähe, und nie kam sie mit leeren Händen. Aber wie viele, viele Male täuschte ich mich bitter in der Hoffnung, Erlaubnis zu bekommen, sie in ihrer Wohnung besuchen zu dürfen. Hie und da wurde es mir gestattet, und bei einer solchen Gelegenheit brachte ich [175] heraus, daß Mr. Barkis eigentlich ein Geizhals, oder wie sie es nannte, ein bißchen knickerig war, und viel Geld in einem Koffer unter seinem Bette versteckt hielt, der angeblich voll Kleider und Hosen sein sollte. Mit solcher Zähigkeit verbarg Barkis seine Schätze, daß auch die kleinste Summe nur durch List aus ihm herausgelockt werden konnte. Peggotty mußte jedesmal eine wahre Pulververschwörung anzetteln, um Samstags ihr Haushaltungsgeld zu bekommen.

Während dieser langen Zeit fühlte ich allmählich jede Hoffnung schwinden und empfand die vollständige Vernachlässigung so tief, daß ich ohne meine alten Bücher ganz und gar elend gewesen wäre. Sie bildeten meinen einzigen Trost, und ich war ihnen so treu, wie sie mir, und ich las sie, ich weiß nicht mehr, wie viele Male durch.

Ich komme jetzt zu einem Zeitabschnitt meines Lebens, den ich nie vergessen kann und dessen Erinnerung mir oft ungerufen wie ein Gespenst erschienen ist und glücklichere Zeiten getrübt hat.

Ich schlenderte wie gewöhnlich eines Tags zwecklos und träumerisch wie immer umher, da stieß ich, um eine Ecke biegend, unvermutet auf Mr. Murdstone, der sich in Begleitung eines Herrn befand. Ich wollte mich verlegen vorbeidrücken, als der Herr rief: »Hallo, Brooks.«

»Nein, Sir, David Copperfield,« sagte ich.

»Sei still, du bist Brooks von Sheffield,« sagte der Herr, »das ist dein Name.«

Bei diesen Worten sah ich mir den Gentleman genauer an und erkannte in ihm Mr. Quinion, der damals bei meinem und Mr. Murdstones Besuch in Lowestoft so gelacht hatte.

»Und was machst du und wo gehst du in die Schule, Brooks?« fragte Mr. Quinion. Er legte mir die Hand auf die Schulter und zog mich mit. Ich wußte nicht, was ich antworten sollte, und blickte fragend auf Mr. Murdstone.

»Er ist jetzt zu Hause,« sagte Murdstone. »Er geht überhaupt nicht in die Schule. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll. Es ist ein schwieriger Fall.«

Sein alter falscher Blick ruhte eine Weile auf mir,[176] dann runzelte er die Brauen und wandte sich mit Widerwillen von mir ab.

»Hum,« sagte Mr. Quinion und sah uns beide an. »Schönes Wetter.«

Eine Pause trat ein, und ich überlegte, wie ich mich am besten von ihm losmachen könnte und meines Weges gehen, als er sagte:

»Ich glaube, du bist doch ein ziemlich flinker Bursche, was, Brooks?«

»Ja, er ist flink genug,« sagte Mr. Murdstone ungeduldig. »Laß ihn doch gehen, er wird dirs nicht Dank wissen, daß du ihn festhältst.« Auf seinen Wink ließ mich Mr. Quinion los, und ich beeilte mich, wegzukommen. Als ich mich im Garten umdrehte, sah ich, daß Mr. Murdstone, am Kirchhof stehengeblieben, mit Mr. Quinion unterhandelte. Sie sahen mir beide nach, und ich merkte, daß sie von mir sprachen.

Mr. Quinion blieb die Nacht über bei uns. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen wollte ich eben das Zimmer verlassen, als mich Mr. Murdstone zurückrief. Er ging dann feierlich an den Schreibtisch seiner Schwester; Mr. Quinion schaute, die Hände in den Taschen, zum Fenster hinaus, und ich stand da und sah von einem zum andern.

»David,« begann Mr. Murdstone, »für die Jugend ist dies eine Welt der Tat, aber keine zum Brüten und Faulenzen.«

»Wie du es machst,« fügte seine Schwester hinzu.

»Jane Murdstone, überlasse das gefälligst mir! – Also ich sage dir, David, für die Jugend ist dies eine Welt der Tat und nicht ein Feld zum Brüten und Faulenzen, ganz besonders nicht für einen Jungen von deinem Charakter, der der Zucht bedarf und dem man den größten Dienst leistet, wenn man ihn zwingt, die Wege der arbeitenden Welt zu betreten, um ihn zu ducken und zu brechen.«

»Mit Trotz ist hier nichts auszurichten,« warf seine Schwester dazwischen, »dein Trotz muß gebrochen werden. Er soll und muß gebrochen werden.« Mr. Murdstone warf ihr einen halb abweisenden, halb billigenden Blick zu und fuhr fort:

[177] »Ich glaube, du weißt, David, daß ich nicht reich bin. Jedenfalls weißt dus jetzt. Du hast eine beachtenswerte Erziehung genossen. Erziehung kostet Geld. Aber selbst, wenn das nicht der Fall wäre, würde ich es doch für vorteilhaft halten, dich nicht mehr in die Schule zu schicken. Was vor dir liegt, ist der Kampf mit der Welt, und je eher du damit anfängst, um so besser!«

Ich glaube, daß ich ihn in meiner eignen armseligen Art wohl schon lange begonnen hatte.

»Du hast wohl schon von dem Comptoir gehört?« fuhr Mr. Murdstone fort.

»Vom Comptoir, Sir?«

»Von Murdstone & Grinbys Weinhandlung.«

Ich muß vermutlich ein verwirrtes Gesicht gemacht haben, denn er sagte ungeduldig: »Das Comptoir, das Geschäft, der Keller, das Lager, kurz und gut.«

»Ich glaube, ich habe davon gehört, Sir, aber ich weiß nicht mehr wann.«

»Das ist schließlich gleichgültig,« antwortete er. »Mr. Quinion führt das Geschäft.«

Ich blickte den Gentleman, der immer noch aus dem Fenster schaute, ehrerbietig an.

»Mr. Quinion meint, daß er noch ein paar Jungen beschäftigen kann und keinen Grund sieht, warum er dich nicht auch unter denselben Bedingungen anstellen sollte.«

»Wenn Brooks schon sonst keine andern Aussichten hat, Murdstone,« ließ Mr. Quinion halblaut fallen und sah sich nach uns um.

Ohne zu beachten, was er sagte, fuhr Mr. Murdstone ungeduldig, fast ärgerlich fort:

»Die Bedingungen sind, daß du soviel verdienst, daß du Essen, Trinken und Taschengeld hast. Deine Wohnung, die ich dir aussuchen werde, bezahle ich, ebenso deine Wäsche.«

»Die ich aussuchen werde,« sagte Miß Murdstone.

»Für deine Kleider wird auch gesorgt werden, da du für die erste Zeit sie dir nicht selbst wirst beschaffen können. Du gehst also jetzt mit Mr. Quinion nach London, David, um ein Leben auf eigne Rechnung zu beginnen.«

[178] »Kurz, du bist versorgt,« bemerkte Miß Murdstone »und wirst gefälligst deine Pflicht tun.«

Ich verstand ganz gut, daß man mich nur loswerden wollte, weiß aber nicht mehr recht, ob ich mich darüber freute oder traurig war. Ich glaube, ich fühlte mich so verwirrt, daß ich zwischen beiden Empfindungen hin und her schwankte. Es blieb auch nicht viel Zeit, mir darüber klar zu werden, da Mr. Quinion am nächsten Morgen abreisen sollte.

Ich sehe mich an jenem Morgen in einem alten abgetragnen weißen Hut mit einem schwarzen Trauerflor, in einer schwarzen Jacke und ein paar harten steifen Manchesterhosen, die Miß Murdstone vermutlich als die beste Rüstung im Kampfe mit der Welt, den ich jetzt beginnen sollte, ausgesucht hatte. In diesem Aufzug, alle meine Habseligkeiten in einem kleinen Koffer, ganz allein, »einsam und verlassen«, wie Mrs. Gummidge gesagt hätte, saß ich auf dem Wagen, der Mr. Quinion zur Londoner Post nach Yarmouth brachte.

Kleiner und kleiner wurden das Haus und die Kirche in der Ferne, das Grab unter dem Baum verschwand hinter den Häusern. Dann sehe ich den Kirchturm nicht über meinem alten Spielplatz mehr ragen, und der Himmel ist öde und leer.

Elftes Kapitel

Ich beginne ein Leben auf eigne Faust und finde keinen Gefallen daran.


Ich kenne die Welt jetzt gut genug, um mich fast über nichts mehr zu wundern, aber dennoch muß ich selbst heute noch staunen, wie man mich damals in einem solchen Alter derartig leichtfertig hinausstoßen konnte. Daß sich niemand eines Kindes von so vortrefflichen Fähigkeiten und mit so großer Beobachtungsgabe, so schnell von Begriffen, lernbegierig, [179] körperlich und geistig so leicht verletzbar wie ich, annahm, klingt fast wunderbar. Aber niemand tat es, und so wurde ich in meinem zehnten Jahr ein kleiner Laufbursche bei Murdstone & Grinby.

Murdstone & Grinbys Magazin lag am Wasser unten in Blackfriars. Neubauten haben die Gegend verändert, aber damals war es das letzte Haus in einer engen Straße, die sich zum Fluß hinabschlängelte; am Ende mit ein paar Stufen, wo ein Boot anlegte. Es war ein baufälliges altes Haus mit einem eignen Ladeplatz, der während der Flut im Wasser und während der Ebbe im Schlamm stand und von Ratten wimmelte. Die getäfelten Zimmer, schwarz von Schmutz und Rauch von hundert Jahren wohl, die verfaulten Fußböden und Stiegen, das Quieken und Pfeifen der alten Ratten im Keller, der Schmutz und die Fäulnis des Ortes, alles das steht jetzt noch so deutlich vor meinen Augen, wie beim erstenmal, als ich an Mr. Quinions Hand zitternd eintrat.

Murdstone & Grinby hatten mit allen möglichen Bevölkerungsschichten zu tun. Das Hauptgeschäft bestand darin, gewisse Lastschiffe mit Wein und Branntwein zu versorgen. Ich weiß nicht mehr, was es für Lastschiffe waren, aber einige derselben fuhren nach Ost- und Westindien. Eine große Menge leerer Flaschen bildete eine Begleiterscheinung dieser Geschäftstätigkeit, und eine Anzahl Männer und Knaben mußten diese Flaschen gegen das Licht halten, die beschädigten weglegen und die übrigen ausspülen. Wenn die leeren Flaschen zu Ende gingen, mußten die gefüllten mit Zetteln beklebt, zugekorkt, versiegelt und in Kisten gepackt werden. Das war auch meine Beschäftigung.

Wir waren unser drei oder vier Knaben. Mein Platz befand sich in einer Ecke des Lagerhauses, wo Mr. Quinion mich sehen konnte, wenn er sich auf das unterste Querholz seines Stuhls im Comptoir aufstellte und über das Pult hinweg zum Fenster hinausblickte.

Am ersten Morgen meiner so aussichtsvoll anhebenden Lebensbahn wurde der älteste der angestellten Knaben herbeigerufen, um mir meine Arbeit zu zeigen. Er hieß Mick Walker und trug eine zerrissene Schürze und eine Mütze aus Papier. Sein Vater war, wie er mir sagte, Schutenführer [180] und ging mit schwarzem Samtbarett im jährlichen Festzuge des Lord-Mayor. Unser Vorarbeiter, ebenfalls ein Knabe, wurde mir unter dem sonderbaren Namen Mehlkartoffel vorgestellt. Wie ich später herausfand, war der Jüngling nicht auf diesen Namen getauft, sondern hatte ihn wegen seiner blassen mehligen Gesichtsfarbe bekommen. Er hieß auch kurz Mehlig, und sein Vater war Themseschiffer und außerdem Feuerwehrmann in einem großen Theater, wo Mehligs kleine Schwester Kobolde in Pantomimen spielte.

Worte können meine geheime Seelenqual nicht beschreiben, als ich zu dieser Gesellschaft herabsank, diese jetzt tägliche Umgebung mit meiner glücklichen Kindheit verglich, – nicht zu reden von dem Umgang mit Steerforth, Traddles und den andern Knaben, – und alle meine Hoffnungen, zu einem angesehenen gebildeten Menschen heranzuwachsen, vernichtet fand. Unbeschreiblich war meine Hoffnungslosigkeit, die Scham über meine Lage, das Elend in meinem jungen Herzen, von Tag zu Tag mehr und mehr vergessen zu müssen, was ich gelernt, gedacht und mir ausgemalt hatte. So oft Mick Walker an diesem Vormittag fortging, mischten sich meine Tränen mit dem Wasser, in dem ich die Flaschen spülte, und ich schluchzte, als ob mir das Herz brechen wollte.

Die Comptoirglocke zeigte halb eins, und alles machte sich zum Mittagessen bereit, als Mr. Quinion ans Fenster klopfte und mich hereinrief. Ich gehorchte und fand drinnen einen starken Mann von mittlern Jahren in einem braunen Überzieher, mit schwarzen Hosen und Schuhen, mit einem Kahlkopf, der so glatt war wie ein Ei, und einem vollen breiten Gesicht. Seine Kleider waren schäbig, dafür hatte er einen ungeheuern Hemdkragen. Er trug einen ehemals glänzend gewesenen Stock mit ein paar großen, abgegriffnen, schwarzen Quasten und an der Brust eine Lorgnette. Diese, wie ich später herausfand, bloß als Schmuck, denn er sah selten hindurch und konnte nichts erkennen, wenn er sie vors Auge hielt.

»Das ist er,« sagte Mr. Quinion und deutete auf mich.

»Also das ist Master Copperfield,« sagte der Fremde [181] mit einer gewissen affektierten Herablassung in Stimme und Benehmen und einer Vornehmtuerei, die mir außerordentlich imponierte.

»Sie befinden sich doch wohl, Sir?«

Ich sagte: »Außerordentlich,« und hoffte das gleiche von ihm. Mir war entsetzlich zumute, weiß der Himmel, aber es lag nicht in meiner Natur zu klagen.

»Dem Himmel sei Dank,« sagte der Fremde, »mir geht es recht gut. Ich habe einen Brief von Mr. Murdstone empfangen, in dem ich ersucht werde, in einem Zimmer im Hintertrakte meines Hauses, das augenblicklich leer steht und – und –« platzte er plötzlich in einem Anfall von Vertraulichkeit lächelnd heraus – »als Schlafstube vermietet werden soll, den jungen Anfänger aufzunehmen, den ich jetzt das Vergnügen habe, zu –« er schwenkte die Hand und steckte das Kinn in den Hemdkragen.

»Das ist Mr. Micawber,« sagte Mr. Quinion zu mir.

»Ahem,« sagte der Fremde, »das ist mein Name.«

»Mr. Micawber,« sagte Mr. Quinion, »ist Mr. Murdstone bekannt. Er sammelt Aufträge für uns, das heißt, wenn er welche bekommen kann. Er erhielt von Mr. Murdstone wegen deiner Wohnung einen Brief und wird dich zu sich nehmen.«

»Meine Adresse ist Windsor Terrasse, City Road – kurz,« sagte Mr. Micawber in derselben vornehmen Miene wie bei Beginn, und dann plötzlich in vertraulichen Ton umschlagend, »kurz, ich wohne dort.«

»Ich stehe unter dem Eindruck,« fuhr er fort, »daß Ihre Wanderungen in dieser Metropole bisher wohl noch nicht so ausgedehnt gewesen sein können, daß es Ihnen nicht einigermaßen Schwierigkeiten bereiten dürfte, in die Verborgenheiten des modernen Babylon bis in die Richtung der City Road vorzudringen, – kurz –,« er verfiel wieder in plötzliche Vertraulichkeit –, »daß Sie sich verlaufen könnten. Ich werde so frei sein, Sie diesen Abend abzuholen und in die Kenntnis des kürzesten Weges einzuweihen.«

Ich dankte von ganzem Herzen, denn es war freundlich von Mr. Micawber, daß er sich erbot, soviel Mühe auf sich zu nehmen.

[182] »Zu welcher Stunde soll ich?« fragte Mr. Micawber.

»Gegen acht,« sagte Mr. Quinion.

»Gegen acht,« wiederholte Mr. Micawber. »Ich erlaube mir, Ihnen einen guten Tag zu wünschen, Mr. Quinion, ich will nicht länger stören.«

Damit setzte er seinen Hut auf und ging hinaus, den Stock unter dem Arm, kerzengerade, und begann ein Liedchen zu pfeifen, als er das Comptoir hinter sich hatte.

Mr. Quinion engagierte mich sodann in aller Form für das Lagerhaus von Murdstone & Grinby als »Bursche für alles« mit einem Salär von, ich weiß nicht mehr, sechs oder sieben Schillingen wöchentlich. Er bezahlte mir eine Woche voraus –, aus seiner Tasche, glaube ich, und ich gab davon Mehlig sechs Pence, damit er abends meinen Koffer nach der Windsor Terrasse bringe, der, wenn auch noch so klein, dennoch für meine Kraft zu schwer war. Weitere sechs Pence zahlte ich für mein Mittagessen, das aus einer Fleischpastete und einem Schluck Brunnenwasser bestand, und verbrachte die freie Mittagsstunde auf der Straße herumschlendernd.

Abends zur festgesetzten Zeit erschien Mr. Micawber wieder. Ich wusch mir seinetwegen Hände und Gesicht, und wir gingen nach unsrer Wohnung. Mr. Micawber machte mich auf die Straßennamen und die Merkmale der Eckhäuser aufmerksam, damit ich am andern Morgen den Weg wieder zurückfinden könnte.

In seinem Hause in der Windsor Terrasse, das auch so auf äußern Schein hielt und dabei ebenso schäbig war wie er selbst, stellte er mich Mrs. Micawber vor, einer magern verwelkten Dame, die nicht mehr jung mit einem Kind an der Brust in der Wohnung im Parterre saß. Der erste Stock war überhaupt nicht möbliert und die Rouleaux waren herabgelassen, um die Nachbarn zu täuschen. Der Säugling gehörte zu einem Zwillingspaar und während meiner ganzen Bekanntschaft mit der Familie sah ich niemals die Mutter ohne einen der beiden an der Brust. Einer von beiden hatte immer Hunger.

Noch zwei andere Kinder waren da. Master Micawber, ungefähr vier Jahre, und Miß Micawber etwa drei alt. Dazu kam noch ein junges, dunkelhäutiges[183] Dienstmädchen, das beständig schnaufte und, wie sie es nannte, ein »Waisling«, aus dem benachbarten St. Lukas-Armenhause stammte. Mein Zimmer sah unter dem Dache nach dem Hof hinaus, war klein, mit einem weißblauen Semmelmuster bemalt und sehr dürftig möbliert.

»Ich hätte nie gedacht,« sagte Mrs. Micawber, als sie mit den beiden Zwillingen hinaufging, um mir das Zimmer zu zeigen, und sich niedersetzte, um Atem zu schöpfen, »ich hätte nie geglaubt, ehe ich heiratete und noch bei Papa und Mama lebte, daß ich noch einmal an fremde Leute würde vermieten müssen. Aber da Mr. Micawber momentan in Verlegenheiten ist, müssen alle selbstsüchtigen Bedenken fallen.«

Ich sagte: »Jawohl, Madame.«

»Mr. Micawbers Bedrängnisse sind augenblicklich fast erdrückender Art,« fuhr Mrs. Micawber fort, »und ob es möglich sein wird, ihn hindurchzubringen, weiß ich nicht. Als ich noch zu Hause bei Papa und Mama lebte, hätte ich Papas Lieblingsausdruck Experientia docet kaum so verstanden, wie ich es jetzt tue.«

Ich weiß nicht mehr recht, ob sie mir sagte, daß Mr. Micawber Marinebeamter gewesen war, oder ob ich es mir bloß einbildete. Augenblicklich war er eine Art Platzreisender für verschiedene Häuser, machte aber wenig oder gar keine Geschäfte.

»Wenn Mr. Micawbers Gläubiger nicht warten wollen,« sagte Mr. Micawber, »müssen sie selbst die Folgen tragen. Je eher sies zu einem Ende bringen, desto besser. Blut läßt sich aus keinem Stein pressen und noch weniger kann Mr. Micawber jetzt etwas auf Abschlag zahlen, – die Gerichtskosten gar nicht zu erwähnen.«

Ich weiß nicht, ob sie meine frühreife Selbständigkeit über mein Alter irre machte oder ob die Angelegenheit sie derart erfüllte, daß sie sie sogar den beiden Zwillingen erzählt haben würde, wenn niemand anders dagewesen wäre. Jedenfalls schlug sie diese Tonart an und redete darin weiter, solange ich sie kannte.

Die arme Mrs. Micawber! Sie habe sich keine Mühe verdrießen lassen, sagte sie; und daran zweifle ich nicht. Die Haustüre war halb verdeckt von einer[184] großen Messingplatte mit der Aufschrift: »Mrs. Micawbers Erziehungsheim für junge Damen.« Aber ich erfuhr nie, daß eine junge Dame Unterricht genommen hätte oder angemeldet worden wäre. Die einzigen Besucher, die ich sah, waren Gläubiger. Sie pflegten den ganzen Tag zu kommen und einige von ihnen benahmen sich furchtbar wild. Ein Mann mit einem schmutzigen Gesichte, ich glaube, er war Schuster, klemmte sich jeden Morgen schon um sieben Uhr früh zur Haustüre herein und rief die Treppe hinauf Mr. Micawber zu: »No, Sie sind noch nicht fort, weiß schon. Werden Sie endlich zahlen? Verstecken Sie sich nicht. Das ist gemein! Ich möchte nicht so gemein sein, wenn ich Sie wäre. Zahlen Sie endlich, ja? Werden Sie nicht endlich zahlen, was! No?« Da er nie eine Antwort bekam, pflegte er sich in seiner Wut zu Worten wie Schwindler und Räuber zu versteigen und als auch das nie half, lief er zuweilen sogar auf die Straße hinaus und brüllte zu den Fenstern des zweiten Stocks hinauf, wo sich Mr. Micawber aufhielt, wie er wußte.

Bei solcher Gelegenheit pflegte Mr. Micawber vor Ärger außer sich zu geraten und Todesgedanken zu bekommen, und es kam manchmal so weit, daß er, wie mir das Schreien seiner Frau stets verriet, mit dem Rasiermesser eine Bewegung nach seinem Halse machte. Eine halbe Stunde später putzte er sich jedoch immer wieder mit großer Sorgfalt die Schuhe und ging pfeifend mit vornehmerer Miene als je aus.

Mrs. Micawber war ähnlich elastischer Natur. Ich habe sie bei Präsentierung der königlichen Steuertaxe um drei Uhr in Ohnmacht fallen sehen, und schon um vier Uhr verzehrte sie Lammkoteletten und Warmbier, was von dem Erlös der im Leihhaus versetzten zwei Teelöffel angeschafft worden war. Einmal, als eben eine Exekution vollstreckt wurde und ich zufällig um sechs Uhr nach Hause kam, lag sie mit zerrauftem Haar, selbstverständlich mit einem Zwilling, ohnmächtig neben dem Kamin. Aber nie habe ich sie lustiger gesehen als noch am selben Abend bei einem Kotelett am Herdfeuer, wo sie mir Geschichten von Papa und Mama und ihren Gesellschaften erzählte.

[185] In diesem Hause und mit dieser Familie verbrachte ich meine freie Zeit. Mein Frühstück, aus einem Pennybrot und einem Schluck Milch bestehend, verschaffte ich mir selbst. Ein zweites Brot und ein Käserest waren für mich in einem besondern Fach eines Schrankes aufgehoben, wenn ich abends nach Hause kam. Das machte ein Loch in die sechs oder sieben Schillinge, und ich war den ganzen Tag über im Magazin und mußte mich eine volle Woche von dem Gelde erhalten. Von Montag früh bis Samstag Abend hatte ich weder Rat, Ermutigung, Trost, Beistand oder Unterstützung von irgend jemand, so wahr mir Gott helfe.

Ich war so jung und so kindisch und so wenig geeignet, – wie hätte es auch anders sein können – die ganze Sorge für meine Existenz zu tragen, daß ich oft früh, wenn ich zu Murdstone & Grinby ging, der Versuchung nicht widerstehen konnte und mir die zum halben Preis im Fenster des Bäckers ausgestellten altbackenen Pasteten kaufte und dafür das Geld ausgab, das für mein Mittagessen bestimmt war.

Wenn ich einmal regelrecht zu Mittag speiste, kaufte ich mir eine Roulade und ein Pennybrot oder eine Portion rotes Rindfleisch für vier Pence oder eine Portion Käse und Brot und ein Glas Bier in einem elenden Wirtshaus, unserm Geschäft gegenüber, das »der Löwe« hieß.

Einmal, ich erinnere mich noch, trug ich mein Brot, das ich von zu Hause mitgenommen hatte, in Papier gewickelt wie ein Buch unter dem Arm und ging in eine der bekannteren Speisehäuser hinter Drury Lane und bestellte mir eine kleine Portion Rindsbraten. Was sich der Kellner beim Anblick der seltsamen kleinen Erscheinung, die ganz allein hereintrat, dachte, weiß ich nicht, aber er starrte mich an während des ganzen Essens und rief auch den andern Kellner herbei. Ich gab einen halben Penny Trinkgeld und wünschte, er hätte ihn nicht genommen.

Wir hatten eine halbe Stunde zur Pause frei. Wenn ich Geld besaß, kaufte ich mir eine halbe Pinte zusammengegossenen Kaffee und ein Stück Butterbrot. Wenn ich keins hatte, betrachtete ich mir eine Wildbrethandlung in Fleet-Street oder lief bis Covent-Garden-Market [186] und starrte die Ananasse an. Mein Lieblingsspaziergang erstreckte sich bis in die Nähe des Adelphi-Theaters, weil es mit seinen dunkeln Bogen ein so geheimnisvoller Ort war. Ich sehe mich noch, wie ich eines Abends aus einem dieser Bogen hervorkam und vor mir dicht am Fluß ein kleines Wirtshaus erblickte mit einem freien Platz davor, wo ein paar Kohlenträger tanzten. Ich setzte mich auf eine Bank und sah ihnen zu. Ich möchte wissen, was sie wohl von mir gedacht haben.

Ich war noch so sehr Kind und so klein, daß, wenn ich in ein fremdes Wirtshaus trat und ein Glas Ale oder Porter verlangte, man es mir kaum zu geben wagte. Ich weiß noch, wie ich an einem warmen Abende an den Ausschank eines Bierhauses trat und zu dem Wirte sagte: »Was kostet ein Glas vom besten, aber vom allerbesten Ale?« Es war eine besonders festliche Gelegenheit. Vielleicht mein Geburtstag.

»Zweieinhalben Penny,« sagte der Wirt, »kostet das echte Stunning-Ale.«

»Also,« sagte ich und legte das Geld hin, »geben Sie mir ein Glas mit recht viel Schaum.«

Der Wirt sah mich über den Schenktisch vom Kopf bis zu den Füßen mit erstauntem Lächeln an, anstatt aber das Bier einzuschenken, beugte er sich hinter den Verschlag und sagte etwas zu seiner Frau. Diese trat mit einer Arbeit in der Hand hervor und gesellte sich zu ihm, um mich ebenfalls zu betrachten. Ich sehe uns drei noch, der Wirt in Hemdärmeln lehnt am Fensterrahmen, seine Frau blickt über die kleine Halbtür, und ich schaue außerhalb der Scheidewand verwirrt zu ihnen auf. Sie fragten mich allerlei aus, wie ich hieße, wie alt ich wäre, wo ich wohnte, was ich für eine Beschäftigung hätte und wie ich dazu gekommen. Auf alles erfand ich mir, um niemand zu kompromittieren, passende Antworten. Sie gaben mir das Ale, – wie ich vermute, war es nicht das echte, – und die Frau des Wirtes öffnete den Schenkverschlag, gab mir mein Geld zurück und küßte mich, halb bewundernd, halb mitleidig, aber jedenfalls recht mütterlich.

Ich weiß, ich übertreibe nicht, auch nicht unabsichtlich, die Dürftigkeit meiner Mittel oder die Bedrängnisse [187] meines Lebens. Ich weiß, daß, wenn Mr. Quinion mir einmal einen Schilling schenkte, ich ihn immer nur für Tee oder ein Mittagessen ausgab. Ich weiß, daß ich als ärmliches Kind mit gewöhnlichen Männern und Knaben von früh bis spät mich abarbeitete. Schlecht und ungenügend genährt, schlenderte ich in meinen freien Stunden durch die Straßen. Wie leicht hätte aus mir ein kleiner Dieb oder Vagabund werden können.

Immerhin nahm ich bei Murdstone & Grinby eine gewisse Stellung ein. Mr. Quinion tat, was ein so viel beschäftigter und im ganzen großen so gedankenloser Mann, der überdies mit einem so außergewöhnlichen Auftrag betraut worden war, tun konnte, um mich anders als die übrigen zu behandeln. Überdies verschwieg ich meinen Gefährten, wie ich an diesen Ort gekommen war und äußerte nie das mindeste, daß ich mich darüber bekümmert fühlte. Daß ich im geheimen litt und auf das tiefste, das wußte nur ich. Und wie sehr ich litt, kann ich gar nicht beschreiben. Aber ich behielt meinen Schmerz für mich und verrichtete meine Arbeit.

Ich fühlte gleich am Anfang, daß ich mich vor Geringschätzung nicht würde schützen können, wenn ich meine Arbeit nicht so gut machte wie die übrigen. Ich wurde bald so geschickt und flink wie die beiden andern Jungen. Obgleich auf bestem Fuß mit ihnen, unterschieden sich doch mein Benehmen und meine ganze Art und Weise von ihresgleichen, und es blieb immer eine Kluft zwischen uns bestehen. Sie und die erwachsenen Arbeiter nannten mich meist den »kleinen Gentleman« oder den »jungen Suffolker.«

Der Vormeister unter den Packern, namens Gregory, und ein andrer, der Kärrner, namens Tipp, der eine rote Jacke anhatte, nannten mich zuweilen David, aber es geschah nur, wenn gerade eine sehr vertrauliche Stimmung herrschte und ich mich bemüht hatte, sie während der Arbeit mit einigen Überresten aus meiner Lesezeit, die immer mehr aus meinem Gedächtnis schwanden, zu unterhalten. Mehlkartoffel lehnte sich einmal dagegen auf, daß ich so ausgezeichnet wurde, aber Mick Walker brachte ihn sofort zum Schweigen.

[188] Die Hoffnung auf eine Erlösung aus diesem Dasein hatte ich ganz aufgegeben. Ich fand mich nie in meiner Stellung zurecht und fühlte mich höchst unglücklich, aber ich ertrug es, und selbst Peggotty entdeckte ich teils aus Liebe, teils aus Scham in keinem Brief, obgleich ich ihr viele schrieb, die Wahrheit.

Mr. Micawbers Bedrängnisse vermehrten noch die Last, die ich innerlich zu tragen hatte. In meiner Verlassenheit war ich der Familie sehr anhänglich geworden und ging immer herum, beschäftigt mit Mr. Micawbers Sorgen und beschwert von der Last seiner Schulden.

Jeden Samstagabend, der immer ein Fest für mich bedeutete, teils, weil es etwas Großes war, mit sechs oder sieben Schillingen nach Hause zu gehen, in die Läden zu blicken und zu denken, was man sich da alles kaufen könnte, teils, weil das Geschäft zeitlicher geschlossen wurde, machte mir Mrs. Micawber die herzzerreißendsten Mitteilungen. Auch Sonntag früh, wo ich die Portion Tee oder Kaffee, die ich mir am Abend zuvor gekauft hatte, in einem kleinen Rasiertopf wärmte und lange beim Frühstück schwelgte.

Durchaus nicht ungewöhnlich war es, daß Mr. Micawber bei Beginn unserer Samstagabend-Unterhaltung noch heftig schluchzte und gegen Ende ein lustiges Matrosenlied sang. Ich habe ihn zum Abendessen nach Hause kommen sehen mit einer Flut von Tränen und der Erklärung, es bliebe nichts mehr übrig als das Schuldgefängnis, und dann schlafen gehen mit einer Berechnung beschäftigt, was es kosten würde, das Haus mit Bogenfenstern zu versehen, im Falle »eine glückliche Wendung eintreten« sollte, wie sein Lieblingsausdruck lautete. Und Mrs. Micawber war genau so.

Ich genoß eine merkwürdige freundschaftliche Gleichstellung, die, wie ich vermute, eine Folge unserer in gewisser Beziehung ähnlichen Verhältnisse war, bei diesen Leuten, trotz unseres lächerlichen Altersunterschiedes, ließ mich aber nie bewegen, eine der vielen Einladungen, mit ihnen zu essen und zu trinken, anzunehmen, denn ich wußte recht gut, wie schlecht sie mit Bäcker und Fleischer standen, und daß sie oft nicht genug für sich selbst hatten, bis Mrs. Micawber mich eines [189] Tags ganz ins Vertrauen zog. Das tat sie in folgender Weise:

»Master Copperfield,« sagte sie, »ich betrachte Sie nicht wie einen Fremden und zögere daher nicht, Ihnen zu gestehen, daß Mr. Micawbers Bedrängnisse sich zu einer Krisis zuspitzen.«

Das betrübte mich sehr, und ich sah Mrs. Micawbers verweinte Augen mit größter Teilnahme an.

»Mit Ausnahme der Kruste von einem Holländer Käse, die den Bedürfnissen einer jungen Familie nicht angemessen ist,« sagte Mrs. Micawber, »ist auch nicht ein Bissen mehr in der Speisekammer. Als ich noch bei Papa und Mama war, hatte ich noch die Gewohnheit von einer Speisekammer zu sprechen. Jetzt gebrauche ich das Wort eigentlich ganz gedankenlos. Was ich sagen will, ist, daß wir nichts mehr zu essen im Hause haben.«

»O Gott!« rief ich sehr beunruhigt.

Ich besaß noch zwei oder drei Schillinge von meinem Wochenlohn, es muß also wohl Mittwoch gewesen sein, und ich zog sie eilfertig aus der Tasche und bat Mrs. Micawber mit aufrichtiger Rührung, sie als ein Darlehen anzunehmen. Aber sie küßte mich nur und sagte, daß daran gar nicht zu denken sei.

»Nein, lieber Master Copperfield! Das sei ferne von mir! Aber Sie sind sehr diskret für Ihre Jahre und können mir einen andern Dienst erweisen, wenn Sie wollen, den ich mit Dank annehmen würde.«

Ich bat Mrs. Micawber, ihn mir zu nennen.

»Das Silberzeug habe ich selbst fortgeschafft,« sagte sie, »sechs Tee-, zwei Salz- und ein paar Zuckerlöffel habe ich nach und nach insgeheim selber versetzt, aber die Zwillinge sind ein großes Hindernis, überdies sind für mich mit meinen Erinnerungen an Papa und Mama derlei Transaktionen sehr schmerzlich. Ich habe noch ein paar Kleinigkeiten da, die wir entbehren können. Mr. Micawber würden seine Gefühle niemals erlauben, so etwas selber zu besorgen, und Clickett – das war das Mädchen aus dem Armenhaus – ist eine ordinäre Person und würde sich Frechheiten herausnehmen, [190] wenn man sie einweihte. Master Copperfield! wenn ich Sie daher bitten dürfte –«

Ich verstand jetzt Mrs. Micawber und bat sie, ganz über mich zu verfügen. Schon am Abend fing ich an, die am leichtesten tragbaren Gegenstände fortzubringen, und machte fast jeden Morgen, bevor ich zu Murdstone & Grinby ging, ähnliche Expeditionen.

Mr. Micawber hatte ein paar Bücher auf seiner kleinen Kommode stehen, die er die Bibliothek nannte; diese kamen zuerst an die Reihe. Ich trug eins nach dem andern zu einem Antiquar in der City Road, die damals zumeist aus Buchläden und Vogelhandlungen bestand, und verkaufte sie um jeden Preis. Der Antiquar, der in einem kleinen Hause unweit seines Standes wohnte, pflegte sich jeden Abend zu betrinken und wurde dann am Morgen von seiner Frau heftig ausgezankt. Mehr als einmal, wenn ich zeitig früh hinging, traf ich ihn noch im Bett mit einer Wunde an der Stirn oder einem blauen Auge, – Erinnerungen an seine nächtlichen Ausschweifungen – und er suchte dann mit zitternder Hand die nötigen Schillinge in den verschiedenen Taschen seiner Kleider, die auf dem Boden herumlagen, während sein Weib in niedergetretenen Schuhen, ein Kind auf dem Arm, ununterbrochen weiterkeifte. Manchmal schien er sein Geld verloren zu haben und dann hieß er mich wiederkommen. Aber seine Frau besaß immer ein paar Schillinge – wahrscheinlich hatte sie sie ihm während der Trunkenheit aus der Tasche genommen – und schloß den Handel heimlich auf der Treppe ab, wenn wir zusammen hinuntergingen.

Beim Pfandleiher wurde ich bald sehr bekannt. Der Hauptschreiber, der hinter dem Ladentisch amtierte, schenkte mir viel Beachtung und ließ mich oft, während sich meine Geschäfte abwickelten, ein lateinisches Substantiv oder Adjektiv deklinieren oder ein Verbum konjugieren. War ein solches Leihgeschäft besorgt, gab Mrs. Micawber meistens ein bescheidenes Abendessen, und solche Feste hatten für mich immer einen ganz besonderen Reiz.

Endlich kam es in Mr. Micawbers Verhältnissen zu einer Krisis, und er wurde eines Morgens von der [191] bevorstehenden Verhaftung verständigt und sollte sich in dem Kings-Bench-Gefängnis im Borrough einfinden. Als er fortging, sagte er zu mir, daß der Gott des Tages jetzt für ihn versunken sei. Ich dachte wirklich, ihm (und auch mir) sei jetzt das Herz gebrochen. Später hörte ich, daß er vor Mittag noch ganz fidel eine Partie Kegel geschoben hatte.

Am ersten Sonntag nach seiner Verhaftung sollte ich ihn besuchen und bei ihm essen. Ich sollte den Weg nach dem und dem Platze erfragen. Von dem Platze aus würde ich einen andern Platz sehen und dicht hinter diesem einen Hof und über diesen sollte ich geradeaus gehen, bis ich einen Schließer sähe. Alles das befolgte ich, und als ich den Schließer zu Gesicht bekam, armer kleiner Junge, der ich war, und dabei an den Mann dachte, der – als Roderick Random im Roman im Schuldgefängnis saß – nichts als eine alte Decke anhatte, verschwamm seine Gestalt undeutlich vor meinen nassen Augen und es klopfte mir das Herz.

Mr. Micawber erwartete mich an der Tür, und wir gingen hinauf in sein Zimmer im vorletzten Stock unter dem Dach und weinten sehr. Er beschwor mich feierlich, mir an seinem Schicksal ein Beispiel zu nehmen und nie zu vergessen, daß ein Mann mit zwanzig Pfund Jahreseinkommen glücklich ist, wenn er neunzehn Pfund, neunzehn Schilling und sechs Pence ausgibt, aber elend wird, wenn er einen Schilling mehr verzehrt. Dann borgte er sich einen Schilling von mir für Bier aus, gab mir eine geschriebene Anweisung an Mrs. Micawber über diesen Betrag, steckte sein Taschentuch ein und war wieder heiter.

Wir setzten uns vor ein kleines Feuer, das der Ersparnis wegen durch zwei Ziegelsteine abgetrennt auf einem alten Rost brannte, und warteten, bis ein anderer Schuldgefangener, Mr. Micawbers Stubengenosse, mit einer gebratenen Schöpsenkeule, die unsere Mahlzeit auf gemeinsame Kosten bilden sollte, aus dem Bratladen kam. Dann wurde ich hinauf geschickt in das Zimmer gerade über uns zu »Kapitän Hopkins« mit Empfehlungen von Mr. Micawber, ich sei sein junger Freund und er [192] ließe »Kapitän Hopkins« bitten, mir Messer und Gabel zu leihen.

»Kapitän Hopkins« lieh mir Messer und Gabel mit vielen Empfehlungen an Mr. Micawber. In seinem kleinen Zimmer befanden sich noch eine sehr schmutzige Frau und zwei blasse Mädchen mit furchtbar wirren Frisuren – seine Töchter. Ich dachte bei mir, es sei besser, »Kapitän Hopkins« Gabel und Messer auszuleihen, als seinen Kamm.

Der Kapitän selbst war auf der letzten Stufe von Schäbigkeit angelangt, trug lange Koteletten und einen uralten braunen Überzieher ohne jedes Unterkleid. Sein Bett lag in einer Ecke zusammengerollt, und auf einem Brett stand, was er an Geschirr besaß. Ich erriet, Gott weiß wie, daß die beiden Mädchen mit den zerzausten Haaren wohl »Kapitän Hopkins« Töchter waren, die schmutzige Frau aber nicht seine Gattin. Ich stand nicht länger auf der Schwelle als höchstens ein paar Minuten, hatte aber alles sofort durchschaut und wußte alles so sicher, wie daß ich Messer und Gabel in der Hand hielt.

Das Mittagessen hatte etwas angenehm Zigeunerhaftes.

Ich brachte »Kapitän Hopkins« Messer und Gabel nachmittags wieder zurück und ging nach Hause, um Mrs. Micawber mit einem Bericht zu beruhigen. Sie wurde ohnmächtig, als sie mich zurückkommen sah, und bereitete dann einen kleinen Eierpunsch zu unserer Tröstung.

Ich weiß nicht, wie und von wem später die Möbel verkauft wurden. Von mir nicht, das ist sicher. Verkauft wurden sie und mit Ausnahme des Bettes, einiger Stühle und des Küchentisches führte man sie in einem Wagen weg. Mit diesen Besitztümern kampierten wir so gut es ging in zwei Zimmern des ausgeräumten Hauses auf der Windsor-Terrasse; Mrs. Micawber, die Kinder, der »Waisling« und ich wohnten darin Tag und Nacht. Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauerte, aber es scheint eine ziemliche Zeit gewesen zu sein.

Endlich beschloß Mrs. Micawber auch in das Gefängnis zu ziehen, wo Mr. Micawber sich ein eignes Zimmer durchgesetzt hatte. Ich trug die Schlüssel des Hauses zu ihrem Besitzer, der sehr froh war, als er sie bekam, und die Betten wurden nach Kings-Bench geschickt; [193] meines, für das wir ein kleines Stübchen in der Nähe des Gefängnisses mieteten, ausgenommen. Mit dieser Anordnung war ich sehr zufrieden, denn die Micawbers und ich hatten uns aneinander zu sehr gewöhnt, um uns trennen zu können. Der Waisling wurde ebenfalls mit einer billigen Wohnung in unsrer Nähe bedacht. Ich bekam eine stille Dachstube hinten hinaus mit der angenehmen Aussicht auf einen Bauhof, und als ich einzog mit dem Gedanken, daß Mr. Micawbers Sorgen nun endlich zu einer Krisis gekommen seien, erschien es mir wie ein wahres Paradies.

Die ganze Zeit über arbeitete ich bei Murdstone & Grinby in der gewohnten Weise mit denselben Gefährten und dem unveränderten Gefühl einer unverdienten Erniedrigung, wie anfangs. Aber – gewiß zu meinem Glück, – machte ich niemals eine Bekanntschaft und sprach nie mit einem der vielen Knaben, die ich auf dem täglichen Weg ins Lagerhaus oder bei meinem Herumlungern auf der Straße von Zeit zu Zeit zu Gesicht bekam. Ich führte immer das gleiche innerlich unglückliche Leben in immer derselben einsamen selbstgenügsamen Weise. Die einzigen Veränderungen, deren ich mir bewußt wurde, waren erstens, daß ich mir noch mehr herabgekommen zu sein schien, und zweitens, daß die Sorgen Mr. und Mrs. Micawbers weniger auf mir lasteten; einige Verwandte oder Freunde unterstützten sie, und sie lebten jetzt besser im Gefängnis, als in der letzten Zeit außerhalb.

Infolge irgend eines Arrangements durfte ich bei ihnen frühstücken. Wann die Tore des Gefängnisses früh geöffnet wurden, weiß ich nicht mehr, ich erinnere mich nur, daß ich immer darauf wartete – am liebsten auf der alten London-Brücke – und mich immer auf die Steinbänke setzte und die vorübergehenden Leute beobachtete, oder über die Balustrade auf das in der Sonne glitzernde Wasser schaute. Hier traf ich öfter den Waisling und erzählte ihm einige erstaunliche Geschichten von den Werften und vom Tower, von denen ich weiter nichts sagen kann, als daß ich hoffe, ich habe sie selbst geglaubt. Abends besuchte ich meistens wieder das Gefängnis, ging mit Mr. Micawber auf dem Hofe auf und ab, [194] spielte mit Mrs. Micawber Casino und hörte ihren Reminiszensen an Papa und Mama zu. Ob Mr. Murdstone wußte, wo ich mich befand, kann ich nicht sagen. Ich erzählte nie etwas bei Murdstone & Grinby.

Obgleich Mr. Micawbers Angelegenheiten jetzt über die Krise hinaus waren, so schienen sie doch noch sehr verwickelt zu sein wegen eines gewissen Kontraktes, von dem ich immer sehr viel hörte, und der wahrscheinlich eine frühere Vereinbarung mit den Gläubigern gewesen sein mag. Vielleicht war es auch eines jener gewissen Teufelspakte auf Pergament, die einmal vor Zeiten in Deutschland so verbreitet gewesen sein sollen. Endlich schien dieses Dokument irgendwie aus dem Wege geräumt worden zu sein, wenigstens hörte es auf, den Stein des Anstoßes zu bilden, und Mrs. Micawber teilte mir mit, daß »ihre Familie« beschlossen habe, Mr. Micawber müsse sich unter den Schutz des Bankrottgesetzes stellen, was seine Befreiung in etwa sechs Wochen in Aussicht rücken würde.

»Und dann,« sagte Mr. Micawber, »werde ich mit Gottes Hilfe in der Welt wieder vorwärts kommen und ein ganz neues Leben beginnen, wenn – – die große Veränderung eintritt.«

Ich darf nicht zu berichten versäumen, daß Mr. Micawber auch eine Petition an das Unterhaus einreichte, und darin um eine Abänderung der Schuldhaftgesetze bat. – – –

Es gab einen Klub im Gefängnis, in dem er als Gentleman in großem Ansehen stand. Er hatte die Grundidee zu seiner Petition dem Klub bekannt gegeben, und dieser hatte sie gebilligt. Darauf machte sich Mr. Micawber, der außerordentlich gutherzig war und in allen Angelegenheiten, nur in seinen eignen nicht, ungemein tätig war und sich glücklich fühlte, wenn er etwas tun konnte, was ihm nicht den geringsten Nutzen einbrachte, über die Petition her, faßte sie ab, schrieb sie auf einen ungeheuern Bogen Papier, breitete sie auf dem Tisch aus und setzte die Zeit fest, wo der ganze Klub und alle Gefangenen, die dazu Lust hätten, heraufkommen und sich unterzeichnen sollten.

Als ich von der bevorstehenden Feierlichkeit hörte,[195] fühlte ich ein so lebhaftes Interesse, jeden einzelnen heraufkommen zu sehen, daß ich mir bei Murdstone & Grinby eine Stunde Urlaub erwirkte und in einer Ecke des Zimmers Posten faßte.

Die Oberhäupter des Klubs standen in dem kleinen Zimmer herum und »Kapitän Hopkins«, der sich zu Ehren des Festes gewaschen hatte, stand neben Mr. Micawber bereit, die Petition vorzulesen. Dann wurde die Tür geöffnet und in langen Reihen kamen die übrigen Bewohner des Gefängnisses herein. Mehrere warteten draußen, während immer einer vortrat, unterschrieb und wieder hinausging. Jeden einzelnen fragte »Kapitän Hopkins«: »Haben Sie es gelesen? – Nein! – Soll ich es Ihnen vorlesen?« Wenn der Betreffende widerstandslos genug war, auch nur den Schein einer Neigung, es zu hören, an den Tag zu legen, las »Kapitän Hopkins« mit lauter sonorer Stimme Wort für Wort vor. Wenn es zwanzigtausend Leute hätten hören wollen, einer nach dem andern, der Kapitän würde es zwanzigtausendmal vorgelesen haben. Ich weiß noch, mit welchem Wohlbehagen er gewisse Phrasen, wie: »Die im Parlament versammelten Vertreter des Volks,« oder »die Bittsteller nahen sich demütigst Ihrem hochansehnlichen Hause,« »Eurer huldreichen Majestät unglückliche Untertanen,« zerkaute, als ob diese Worte in seinem Munde zu etwas Realem von köstlichem Geschmacke würden, während Mr. Micawber mit ein bißchen Autoreneitelkeit und nicht allzu strengem Blick die eisernen Spitzen des gegenüberliegenden Gefängnisgitters betrachtete.

[196] Zwölftes Kapitel

Da mir das Leben auf eigene Faust nicht gefällt, fasse ich einen großen Entschluß.


Mr. Micawbers erste Bittschrift wurde günstig erledigt, und das Gericht ordnete zu meiner großen Freude seine Freilassung an. Seine Gläubiger zeigten sich nicht unversöhnlich, und Mrs. Micawber erzählte mir, daß selbst der rachedürstende Schuster vor Gericht erklärt habe, er hege weiter keinen Groll, wünsche aber bezahlt zu sein, wenn man ihm Geld schulde. Er habe gesagt, er glaube, das sei menschlich.

Mr. Micawber kehrte nach Kings-Bench zurück, als sein Fall erledigt war, denn es mußten noch einige Kosten bezahlt und einige Formalitäten erfüllt werden, ehe er freigelassen wurde. Der Klub empfing ihn mit Begeisterung und veranstaltete an diesem Abend ihm zu Ehren eine musikalische Feier, während Mrs. Micawber und ich uns privatim an einem Lammsbraten erfreuten, umgeben von der schlafenden Familie.

»Bei dieser Gelegenheit will ich mit Ihnen, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »mit einem frischen Glas Flip – wir hatten schon einige getrunken – auf das Wohl von Papa und Mama trinken.«

»Sind sie tot, Madame?« fragte ich, nachdem ich mit meinem Weinglas angestoßen hatte.

»Mama schied aus diesem Leben, bevor Mr. Micawbers Drangsale begannen oder wenigstens noch nicht so schlimm waren. Mein Papa lebte noch, um mehrere Male für Mr. Micawber Bürgschaft zu leisten, und hauchte dann seinen Geist aus, beweint von einem zahlreichen Kreis.«

Mrs. Micawber schüttelte den Kopf und ließ eine Träne auf den Zwilling, der gerade bei der Hand war, fallen.

[197] Da ich schwerlich eine günstigere Gelegenheit zu der Frage, die mir sehr am Herzen lag, finden konnte, sagte ich zu Mrs. Micawber:

»Darf ich fragen, Maam, was Sie und Mr. Micawber zu tun gedenken, wenn Ihr Herr Gemahl aus seinen Verlegenheiten heraus und wieder in Freiheit ist? Haben Sie schon einen Entschluß gefaßt?«

»Meine Familie,« sagte Mrs. Micawber, die diese Worte immer mit einer großen Geste aussprach, obgleich ich nie herausbekommen konnte, wer eigentlich darunter zu verstehen sei, »meine Familie ist der Meinung, daß Mr. Micawber London den Rücken kehren und seine Talente in der Provinz verwerten solle. Mr. Micawber ist ein Mann von großem Talent, Master Copperfield!«

Ich sagte, daß ich daran nicht zweifle.

»Von großem Talent,« wiederholte Mrs. Micawber. »Meine Familie ist der Meinung, daß mit ein wenig Fürsprache für einen Mann von seinen Fähigkeiten etwas beim Zollamt getan werden könnte. Da der Einfluß meiner Familie nur lokaler Art ist, ist es ihr Wunsch, daß Mr. Micawber nach Plymouth hinunterkommen solle. Sie halten es für unerläßlich, daß er sich an Ort und Stelle begibt.«

»Um bereit zu sein?« fragte ich.

»Ganz richtig,« wiederholte Mrs. Micawber. »Um bereit zu sein, – falls eine glückliche Wendung eintritt.«

»Und Sie gehen auch mit, Maam?«

Die Ereignisse des Tages, die Mitwirkung der Zwillinge und vielleicht auch der Flip hatten Mrs. Micawber sehr hysterisch gestimmt, und sie vergoß Tränen, als sie antwortete:

»Ich werde Mr. Micawber nie verlassen! Mr. Micawber hat mir vielleicht zu Anfang seine Bedrängnisse verheimlicht, aber sein sanguinisches Temperament mag ihn zu der Ansicht verleitet haben, er werde sie bald überwinden können. Das Perlenhalsband und die Armbänder, die ich von Mama geerbt habe, sind um den halben Wert verschleudert worden. Und der Korallenschmuck, den mir Papa zur Hochzeit schenkte, fast [198] für nichts. Aber ich werde Mr. Micawber nie verlassen! Nein!« rief Mrs. Micawber mit noch größerer Rührung als vorher, »ich werde das nie tun. Ich lasse mich nicht überreden!«

Ich fühlte mich sehr unbehaglich, da Mrs. Micawber zu glauben schien, ich hätte sie zu einem solchen Schritt verleiten wollen, und sah sie sehr beunruhigt an.

»Mr. Micawber hat seine Fehler, ich leugne nicht, daß er unbedacht ist. Auch nicht, daß er mit Geld nicht umzugehen weiß und mich über seine Mittel und seine Schulden in Unkenntnis gelassen hat,« fuhr sie, den Blick auf die Wand gerichtet, fort, »aber ich werde niemals Mr. Micawber verlassen!«

Da sich ihre Stimme jetzt zu lautem Kreischen gesteigert hatte, war ich so erschreckt, daß ich ins Klubzimmer davonlief und Mr. Micawber, der an einem langen Tisch präsidierte, in dem Chorgesang:

»Hühü, Dobbin,
Hüho, Dobbin,
Hühü, Dobinn,
Hühü und hüho–o–«

den er eben leitete, mit der Nachricht störte, daß sich Mrs. Micawber in einem sehr beängstigenden Zustand befände, worauf er sofort in Tränen ausbrach und mit mir forteilte, die Westentasche voll Krevetten, mit denen er sich gerade beschäftigt hatte.

»Emma, mein Engel,« rief er, als er ins Zimmer stürzte, »was ist geschehen?«

»Ich werde dich niemals verlassen, Micawber!« rief sie aus.

»Mein Leben,« sagte Mr. Micawber und schloß sie in die Arme. »Davon bin ich vollständig überzeugt.«

»Er ist der Vater meiner Kinder, der Erzeuger meiner Zwillinge, er ist der Gatte meines liebenden Herzens,« rief Mrs. Micawber schluchzend, »ich werde Mr. Micawber nie–mals – ver–las–sen.«

Mr. Micawber war so tief gerührt durch diesen Beweis von Anhänglichkeit, – ich zerfloß selbstverständlich in Tränen –, daß er sich leidenschaftlich über [199] seine Gattin beugte und sie anflehte, aufzusehen und sich zu beruhigen. Je mehr er sie aber anflehte, aufzublicken, um so mehr starrten ihre Augen ins Leere, und je mehr er sie anflehte, sich zu fassen, desto weniger tat sie es. Schließlich war Mr. Micawber selbst so erschüttert, daß er seine Tränen mit ihren und meinen mischte und mich bat, mir einen Stuhl auf die Treppe hinauszunehmen, während er sie zu Bett brächte. Ich wollte mich für den Abend verabschieden, aber er mochte davon nichts hören, ehe nicht die Fremdenglocke geläutet habe. So saß ich denn an einem Treppenfenster, bis er mit dem zweiten Stuhl nachkam und mir Gesellschaft leistete.

»Wie befindet sich jetzt Mrs. Micawber, Sir?« fragte ich.

»Sehr geschwächt,« sagte Mr. Micawber und schüttelte den Kopf. »Reaktion! O, was war das für ein schrecklicher Tag! Wir stehen jetzt allein, alles ist von uns gegangen.«

Er drückte mir die Hand, stöhnte und vergoß Tränen. Ich war sehr ergriffen und auch enttäuscht, denn ich hatte erwartet, daß wir bei dieser glücklichen langersehnten Gelegenheit recht heiter sein würden. Mr. und Mrs. Micawber hatten sich an ihre alten Bedrängnisse so gewöhnt, glaube ich, daß sie sich ganz schiffbrüchig vorkamen, als sie jetzt von ihnen erlöst waren. Die ganze Elastizität war von ihnen genommen, und ich hatte sie nie auch nur halb so elend wie an jenem Abend gesehen. Als die Glocke läutete und Mr. Micawber mich bis zum Türschließer begleitete und dort mit einem Segensspruch von mir Abschied nahm, bangte mir fast, ihn allein zu lassen, so unglücklich sah er aus.

Aber trotz all der Verwirrung und Bedrücktheit, die sich unserer Gemüter so unerwartet bemächtigt hatte, fühlte ich deutlich, daß mir ein Abschied von den Micawbers bevorstand. Auf meinem Nachhauseweg in jener Nacht und den schlaflosen Stunden, die darauf folgten, kam mir zuerst der Gedanke, der später zu einem festen Entschluß werden sollte.

Ich hatte mich so an die Micawbers gewöhnt und[200] war mit ihren Bedrängnissen so vertraut geworden und stand so ohne jeden Freund da, wenn sie mir fehlten, daß mir die Aussicht, abermals unter fremde Leute gehen zu müssen, unerträglich schien. Der Gedanke an all die Scham und das Elend, das in meiner Brust lebte, wurde mir bei dem Gedanken daran noch peinigender, und ich sah keine Hoffnung an Entrinnen, wenn ich nicht aus eignem Entschluß einen Versuch wagte.

Ich hatte selten von Miß Murdstone gehört und niemals mehr von ihrem Bruder, außer, daß hie und da ein Paket neuer oder ausgebesserter Kleider für mich an Mr. Quinion gekommen war, immer mit einem Zettel dabei, auf dem J.M. hoffte, daß D.C. in seinem neuen Beruf fleißig und gehorsam sei. Nie die geringste Andeutung, daß ich auf eine Änderung in meinem Schicksal hoffen dürfte und je etwas anderes als ein gewöhnlicher Taglöhner werden würde, zu welcher Stufe ich immer mehr herabsank.

Schon der nächste Tag zeigte mir, daß Mrs. Micawber nicht ohne guten Grund von ihrem Weggehen gesprochen hatte. Die Familie mietete sich in dem Hause, wo ich wohnte, für eine Woche ein, um sich nach Ablauf dieser Zeit nach Plymouth zu begeben. Mr. Micawber kam nachmittags aufs Kontor, um Mr. Quinion zu sagen, daß er mich vom Tage seiner Abreise an verlassen müsse, und zollte mir ein hohes Lob, das ich gewiß auch verdiente. Mr. Quinion rief Tipp, den Kärner, der verheiratet war und ein Zimmer zu vermieten hatte, herein, und quartierte mich im voraus bei ihm ein. Aber mein Entschluß stand fest.

Ich verlebte meine Abende mit Mr. und Mrs. Micawber, so lange wir noch unter einem Dache wohnten, und wir gewannen einander noch lieber, je mehr die Zeit verging.

Am letzten Sonntag luden sie mich zum Mittagessen ein und wir bekamen Schweinsbraten, Apfelmus und Pudding. Ich hatte den Abend vorher ein geschecktes Holzpferd als Abschiedsgeschenk für den kleinen Wilkins Micawber und eine kleine Puppe für die kleine Emma gekauft.

[201] Ich schenkte auch einen Schilling dem Waisling, der jetzt entlassen werden sollte.

Wir verlebten einen recht vergnügten Tag, wenn wir auch wegen unserer nahe bevorstehenden Trennung sehr weich gestimmt waren.

»Ich werde nie an die Zeit von Mr. Micawbers Bedrängnis zurückdenken, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ohne mich Ihrer zu erinnern. Ihr Benehmen war immer von der zartfühlendsten und verbindlichsten Art. Sie sind uns nie ein Mieter gewesen, sondern immer ein Freund.«

»Meine Liebe,« sagte Mr. Micawber, »Copperfield – so nannte er mich in der letzten Zeit – hat ein Herz für die Leiden seiner Mitmenschen, das mitfühlt, wenn die Wolken des Unheils über ihnen hängen, einen Kopf, der fühlt – eine Hand, die – – – kurz, er versteht es, alles verfügbare Eigentum, wenn es nötig ist, zu Geld zu machen.«

Ich drückte meine Erkenntlichkeit für dieses Lob aus und sagte, wie leid es mir täte, daß wir uns trennen müßten.

»Mein lieber, junger Freund, ich bin ein Mann von gewisser Lebenskenntnis und – kurz und gut, ich bin in der Not erfahren. Gegenwärtig und bis die glückliche Wendung eintritt, die ich jetzt stündlich erwarte, kann ich Ihnen leider nichts als einen guten Rat geben. Doch ist er insofern wert, befolgt zu werden, als – – – kurz, ich habe ihn selbst nie befolgt und bin der elende Wicht, den Sie vor sich sehen.« Mr. Micawber, der bis zu den letzten Worten mit strahlendem Gesicht dagesessen hatte, machte eine Pause und nahm eine sehr düstere Miene an.

»Lieber Micawber,« flehte seine Gattin.

»Ich sage also,« fuhr Mr. Micawber fort, vergaß sich ganz und lächelte wieder, »der elende Wicht, den Sie vor sich sehen. Mein Rat ist: verschieben Sie nie auf morgen, was Sie heute tun können. Aufschub ist der Dieb der Zeit. Fassen Sie ihn beim Kragen.«

»Meines armen Papas Grundsatz,« bemerkte Mrs. Micawber.

[202] »Mein Herz,« sagte Mr. Micawber, »dein Papa war vortrefflich in seiner Art, und Gott sei vor, daß ich ihn je herabsetzen sollte. Aber nehmen wir ihn alles in allem – – kurz, wohl niemand hatte in seinem Alter so stattliche Waden für Gamaschen und konnte ohne Brille die kleinste Schrift lesen wie er. Leider wandte er seinen Grundsatz auch auf unsere Hochzeit an, meine Liebe, und wir schlossen sie demzufolge so vorzeitig und schnell, daß ich mich bis heute noch nicht von den Unkosten erholt habe.«

Er sah seine Gattin von der Seite an und fügte hinzu: »Nicht daß es mich etwa gereute! Ganz im Gegenteil, meine Liebe!«

Hierauf beobachtete er ein paar Minuten tiefstes Stillschweigen.

»Meinen zweiten Rat,« fuhr er fort, »kennen Sie bereits, Copperfield. Jährliches Einkommen: zwanzig Pfund. Jährliche Ausgaben: neunzehn Pfund, neunzehn Schilling sechs Pence. Resultat: Wohlergehen. Jährliches Einkommen: zwanzig Pfund, jährliche Ausgaben: zwanzig Pfund sechs Pence. Resultat: Elend. Die Blüte ist dahin, das Laub verwelkt, der Gott des Tages geht unter über einem traurigen Schauspiel und – – – kurz, Sie sind im Saft. Wie ich.«

Um das Bild noch eindrucksvoller zu machen, trank Mr. Micawber mit einer Miene großer Befriedigung ein Glas Punsch aus und pfiff den »lustigen Kupferschmied«.

Ich unterließ nicht, ihm mit Worten zu versichern, daß ich mir seine Vorschriften sehr zu Herzen nehmen wollte, – unnötigerweise – denn ich war sichtlich gerührt.

Am nächsten Morgen traf ich die ganze Familie in der Landkutsche und sah sie mit trostlosem Herzen ihre Plätze einnehmen.

»Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »Gott segne Sie! Ich kann es nie vergessen, glauben Sie mir, und möchte es nicht, selbst wenn ich könnte.«

»Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »leben Sie wohl! Glück und Wohlergehen! Wenn ich mich im Lauf der dahinrollenden Jahre überzeugen könnte, daß [203] mein verlornes Leben eine Warnung für Sie gewesen ist, würde ich fühlen, daß ich nicht vergebens meinen Platz auf Erden ausgefüllt habe. Falls eine glückliche Wendung eintritt, wovon ich fest überzeugt bin, werde ich mich außerordentlich glücklich schätzen, wenn es in meiner Macht steht, Ihre Aussichten zu verbessern.«

Ich glaube, wie Mrs. Micawber mit den Kindern hinten auf dem Wagen saß und ich so klein auf der Straße stand und sehnsüchtig zu ihnen aufsah, da fiel der Schleier von ihren Augen und sie sah, was für ein winziges Geschöpf ich in Wirklichkeit war. Ich glaube es, weil sie mich plötzlich mit einem ganz veränderten Gesicht und mit mütterlichem Ausdruck in den Zügen heraufsteigen hieß und mich umarmte und mich küßte, wie ihr eignes Kind. Ich hatte kaum Zeit, wieder herunterzukommen, da fuhr die Kutsche fort. Ich konnte die Familie vor lauter Taschentücherschwenken kaum mehr sehen. In einer Minute waren sie verschwunden. Der Waisling und ich standen in der Mitte der Straße und sahen einander mit leeren Blicken an, dann schüttelten wir uns die Hand und nahmen Abschied von einander; sie ging ins St. Lukas-Armenhaus zurück, wahrscheinlich, und ich an mein trauriges Tagewerk bei Murdstone & Grinby.

Aber ich hatte die Absicht, nicht mehr lange dort auszuhalten. Nein. Ich hatte mir vorgenommen, wegzulaufen, – so oder so, – um auf irgend eine Weise die einzige Verwandte, die ich noch auf der Welt besaß, meine Tante, Miß Betsey, aufzusuchen und ihr mein Leid zu klagen.

Ich habe schon erzählt, daß ich nicht weiß, wie mir dieser verzweifelte Gedanke eingefallen war. Aber einmal entstanden blieb er und setzte sich in mir fest, wie kaum jemals im Leben später irgendein anderer. Ich war durchaus nicht überzeugt, daß ich große Hoffnungen hegen durfte. Aber ich war fest entschlossen, meinen Plan auszuführen.

Immer und immer wieder seit jener schlaflosen Nacht, wo mir der Gedanke durch den Kopf gefahren, hielt ich mir die alte Geschichte bei meiner Geburt vor Augen, die ich schon in den schönen, alten Zeiten meine [204] Mutter hatte so gern erzählen hören und fast auswendig wußte. Meine Tante kam in diese Geschichte hineingeschritten und schritt wieder hinaus, wie eine Furcht und Grauen einflößende Gestalt; aber an einen ganz kleinen Zug ihres Benehmens erinnerte ich mich so gern, und er gab mir einen winzigen Schatten von Ermutigung. Ich konnte nicht vergessen, daß meine Mutter geglaubt, sie hätte gefühlt, wie die Tante ihr schönes Haar nicht mit unsanfter Hand berührte. Und wenn es vielleicht eine bloße Einbildung meiner Mutter gewesen sein mochte, so machte ich mir doch daraus ein kleines Bild von meiner schrecklichen Tante, auf dem sie milder gestimmt von dem mädchenhaften Eindruck meiner Mutter, die doch so gut und lieblich gewesen, dreinsah. Wohl möglich, daß mir all das lange im Kopf herumgespukt und dazu beigetragen hatte, nach und nach meinen Entschluß zu befestigen.

Da ich nicht einmal wußte, wo Miß Betsey lebte, schrieb ich einen langen Brief an Peggotty und fragte sie so nebenbei, ob sie sich nicht erinnern könnte. Ich gab vor, ich hätte von einer Dame dieses Namens in einer Stadt, die ich aufs Geratewohl nannte, gehört und möchte gerne wissen, ob es meine Tante wäre. In demselben Brief sagte ich Peggotty, daß ich eine halbe Guinee zu einem Zweck, den ich ihr später mitteilen würde, brauchte und bat sie recht sehr, mir diese Summe zu leihen.

Peggottys Antwort ließ nicht lange auf sich warten und war wie gewöhnlich voll Zärtlichkeit. Sie legte die halbe Guinee bei, ich fürchte, sie mußte unendliche Schwierigkeiten gehabt haben, sie aus Mr. Barkis Koffer herauszubekommen – und teilte mir mit, daß Miß Betsey in der Nähe von Dover wohne, ob aber in Dover selbst, Hythe, Sandgate oder Folkstone könne sie nicht sagen. Einer unserer Leute bei Murdstone & Grinby klärte mich darüber auf, und ich erfuhr, daß alle diese Orte dicht beieinander lägen. Daher beschloß ich, mich gegen Ende der Woche auf den Weg zu machen.

Da ich ein sehr ehrlicher kleiner Kerl war und bei Murdstone & Grinby nicht gern ein schlechtes Andenken zurücklassen wollte, blieb ich bis Samstag Abend, da mir der Wochenlohn immer vorausbezahlt worden war. Die [205] halbe Guinee hatte ich mir ausgeborgt, um ein wenig Reisegeld zu haben.

Als der Samstagabend kam, schüttelte ich Mick Walker die Hand und bat ihn, wenn die Reihe an ihn käme bei Auszahlung der Löhnung, Mr. Quinion zu sagen, daß ich fortgegangen sei, um meinen Koffer zu Tipp zu bringen.

Mein Koffer stand in meiner alten Wohnung, und ich hatte auf die Rückseite einer der Adreßkarten, die wir auf die Fässer nagelten, geschrieben: Master David Copperfield, Landpostbureau Dover. Diesen Zettel trug ich in der Tasche, um ihn auf dem Koffer zu befestigen. Dann sah ich mich nach jemand um, der mir das Gepäck ins Einschreibebureau bringen könnte.

Nicht weit von dem Obelisken in Blackfriars Road fiel mein Blick auf einen langbeinigen Burschen vor einem niedrigen, mit einem Esel bespannten Karren. Als wir einander ansahen, nannte er mich »schuftiges Kleingeld« und fragte mich, ob ich mir vielleicht sein Gesicht für einige Jahre einprägen wollte, – wahrscheinlich, weil ich ihn so anstarrte. Ich versicherte ihm, daß ich ihn nicht beleidigen wollte und nur gern gewußt hätte, ob er mir nicht eine kleine Besorgung machen möchte.

»Wat for ne Besorjung?« fragte der langbeinige Bursche.

»Einen Koffer fortzuschaffen,« antwortete ich.

»Wat for nen Koffer?«

Ich sagte ihm: meinen Koffer, der in der nächsten Straße abzuholen sei, und den er mir für sechs Pence nach dem Bureau der dover Landkutsche bringen möchte.

»Abjemacht, for n Sixpence,« sagte der langbeinige Bursche, sprang auf seinen Karren, der nichts als eine große Holzmulde auf Rädern war, und rasselte dann in solchem Trab davon, daß ich laufen mußte, was ich konnte, um mit dem Esel Schritt zu halten.

Der Bursche hatte etwas Abstoßendes in seinem Wesen, besonders in der Art, wie er an Stroh kaute, während er mit mir sprach, was mir nicht gefiel. Da aber der Handel abgeschlossen war, trugen wir den Koffer zusammen herunter und legten ihn auf den Karren. Um nicht bei [206] meinen Wirtsleuten aufzufallen, wollte ich die Adresse hier nicht befestigen und sagte deshalb dem Burschen, er solle einen Augenblick an der Gefängnismauer von Kings-Bench halten. Kaum waren diese Worte über meine Lippen gekommen, rasselte er davon, als ob er, der Karren, der Esel – alle miteinander – verrückt geworden seien. Ich war ganz außer Atem von Rufen und Hinterherrennen, als ich ihn an dem bezeichneten Ort einholte.

In meiner Aufregung riß ich die halbe Guinee mit aus der Tasche, als ich die Karte hervorholte. Ich nahm sie der Sicherheit wegen zwischen die Zähne, und obgleich meine Hände sehr zitterten, hatte ich die Karte eben zu meiner Zufriedenheit befestigt, als der langbeinige Bursche mich heftig unter das Kinn stieß und ich meine halbe Guinee in seine Hand fliegen sah.

»Wat,« sagte der junge Mann, mich mit einem entsetzlichen Grinsen am Kragen packend, »dat jehört for de Polizei. Wolltest ausrücken, was? Komm uff de Polizei, du Jewürm. Komm mit nach de Polizei.«

»Bitte, geben Sie mir mein Geld zurück,« sagte ich erschreckt, »und lassen Sie mich los.«

»Komm nach de Polizei,« sagte der Bursche. »Mußt et vor die Polizei beweisen.«

»Geben Sie mir doch meinen Koffer und mein Geld?« rief ich und brach in Tränen aus.

Der Bursche rief immer noch: »Uff de Polizei!« und zerrte mich zu dem Esel hin, als ob das der Polizeirichter wäre, dann besann er sich plötzlich, sprang auf den Karren und raste mit den Worten »Ick fahre nach de Polizei« auf und davon. Ich rannte ihm nach, so schnell ich konnte, hatte aber keinen Atem mehr, ihm nachzurufen, und würde es wohl auch kaum gewagt haben. Wohl zwanzigmal in einer Viertelstunde entging ich knapp dem Überfahrenwerden. Jetzt verlor ich ihn aus den Augen, dann sah ich ihn wieder, verlor ihn nochmals, dann versetzte mir jemand einen Peitschenhieb, ein anderer schrie mir nach; jetzt lag ich unten in der Gosse, war wieder aufgestanden, stürzte jemand in die Arme und rannte schließlich gegen einen Pfahl. Endlich gab ich, ganz außer mir vor Aufregung und Furcht, [207] halb London könnte schon zu meiner Verfolgung auf den Beinen sein, meinen Koffer und mein Geld auf und machte mich keuchend und weinend, aber nicht einen Augenblick still stehend, auf den Weg nach Greenwich, der ersten Station nach Dover, wie ich gehört hatte. Ich nahm wenig mehr aus der Welt mit, als ich meine Tante aufsuchen ging, als ich an jenem Abend, wo ihr meine Ankunft so viel Ärger bereitet, in die Welt mitgebracht hatte.

Dreizehntes Kapitel

Die Folgen meines Entschlusses.


Als ich die Verfolgung des Burschen aufgab, mochte ich wohl die Absicht gehabt haben, den ganzen Weg nach Dover zu laufen. Sehr bald aber machte ich Halt in Kent-Road vor einem kleinen Hause mit einem winzigen Teich davor, in dessen Mitte eine große geschmacklose Bildsäule, die auf einer Muschel blies, stand. Hier setzte ich mich auf eine Türstufe, ganz erschöpft und so atemlos, daß ich nicht einmal über den Verlust meines Koffers und meiner halben Guinee weinen konnte.

Es war bereits dunkel, und ich hörte die Uhren zehn Uhr schlagen. Zum Glück war eine Sommernacht und schönes Wetter. Als ich wieder zu Atem gekommen, das erstickende Gefühl in meiner Kehle heruntergewürgt hatte, ging ich wieder weiter. Ich dachte nicht einen Augenblick daran, umzukehren.

Es beunruhigte mich sehr, daß ich nur dreieinhalb Pence besaß, wunderbar genug, daß ich an einem Samstagabend überhaupt noch soviel in der Tasche hatte. Ich sah mich schon in der Zeitung unter einer Hecke tot aufgefunden und schleppte mich elend, doch so schnell wie möglich, fort, bis ich an einem kleinen Laden vorbeikam, wo aus der Überschrift zu schließen, Damen- und Herrengarderobe gekauft und der höchste Preis für Lumpen, Knochen und [208] Küchenabfall gezahlt wurde. Der Inhaber des Ladens saß in Hemdärmeln vor der Tür und rauchte. Viele Röcke und Hosen hingen von der niedern Decke herab, und nur zwei trübe Kerzen erhellten das Innere des Ladens. Der Mann sah aus wie ein Rachegeist, der alle seine Feinde aufgehenkt hat und sich nun in Gemütsruhe ihres Anblicks freut.

Die bei Mr. und Mrs. Micawber erworbne Erfahrung sagte mir, daß sich mir hier ein Mittel bieten könnte, um den Hungertod noch ein wenig hinauszuschieben. Ich ging in das nächste Seitengäßchen, zog meine Weste aus, nahm sie sauber zusammengerollt unter den Arm und kehrte wieder zu der Ladentür zurück.

»Sir,« sagte ich, »ich soll dies um einen anständigen Preis verkaufen.«

Mr. Dolloby – diesen Namen führte das Firmaschild – nahm die Weste, lehnte die Pfeife an den Türpfosten, trat vor mir in den Laden, schneuzte die beiden Lichter mit den Fingern, breitete die Weste auf dem Ladentisch aus und betrachtete sie, hielt sie gegen das Licht und sagte endlich:

»Was nenne Sie denn einen Preis für das kleine Westchen?«

»O, das wissen Sie wohl am besten,« erwiderte ich bescheiden.

»Ich kann nicht Käufer und Verkäufer zugleich sein,« sagte Mr. Dolloby. »Nennen Sie einen Preis.«

»Würden achtzehn Pence – –?« sagte ich nach einigem Zögern.

Mr. Dolloby rollte die Weste wieder zusammen und gab sie mir zurück. »Ich würde meine Familie berauben,« sagte er, »wenn ich neun Pence dafür böte.«

Das war eine unangenehme Art, zu handeln, weil sie mich – einen ganz Fremden – in die unangenehme Lage versetzte, von Mr. Dolloby zu verlangen, daß er meinetwegen seine Familie berauben sollte.

Da meine Not so groß war, sagte ich, ich wollte neun Pence nehmen.

Nicht ohne Gebrumm gab Mr. Dolloby die neun Pence. Ich wünschte ihm gute Nacht und verließ den Laden reicher um diese Summe und ärmer um eine[209] Weste; aber wenn ich die Jacke zuknöpfte, fühlte ich es nicht sehr.

Ich sah mit ziemlicher Bestimmtheit kommen, daß meine Jacke demnächst würde denselben Weg gehen müssen, und daß ich wohl gezwungen sein würde, den größten Teil meines Wegs nach Dover in Hemd und Hosen zurückzulegen, und mich noch glücklich schätzen dürfte, wenn es mir gelänge, noch in solchem Aufzug hinzukommen. Trotzdem machte ich mir nicht allzuviel daraus.

Es war mir ein Plan eingefallen, wie ich die Nacht verbringen könnte, und ich machte mich daran, ihn zur Ausführung zu bringen. Ich wollte mich hinter die Rückmauer meiner alten Schule in eine Ecke, wo früher ein Heuschober stand, legen. Ich bildete mir ein, es wäre eine Art Gesellschaft, wenn ich die Schüler und das Schlafzimmer, in dem ich immer soviel Geschichten erzählt, in der Nähe wüßte, wenn auch niemand drin etwas von meiner Anwesenheit ahnte.

Ich hatte einen langen Marsch hinter mir und war ganz abgehetzt, als ich endlich auf die Ebene von Blackheath hinauskam. Ich fand nach langer Mühe Salemhaus, fand auch den Heuschober in der Ecke und legte mich nieder, nachdem ich vorher um die Mauer herumgegangen, nach den Fenstern gesehen und alles finster und still gefunden hatte. Nie werde ich das Gefühl von Verlassenheit vergessen, das ich empfand, als ich mich das erstemal ohne ein Dach über meinem Haupt, nur den Himmel über mir, niederlegte.

Aber der Schlaf kam zu mir, wie er zu den Verstoßenen kommt, denen die Haustüren verschlossen sind, und die von den Hunden angebellt werden. Ich träumte, ich läge in meinem alten Schulbett und fand mich einmal aufrecht sitzend mit Steerforths Namen auf der Zunge und wild nach den Sternen starrend, die über mir schimmerten. Als mir dann klar geworden, wo ich mich zu dieser ungewöhnlichen Stunde befand, überlief mich ein merkwürdiges Gefühl, das mich bewog, aufzustehen und herumzugehen. Der mattere Schimmer der Sterne und das Dämmern im Osten beruhigten mich. Da ich noch sehr schläfrig war, legte ich mich [210] wieder hin und schlummerte ein und fühlte im Schlaf, wie kalt es war, bis mich die warmen Strahlen der Sonne und die Frühglocke von Salemhaus weckten. Ich wußte, daß Steerforth fort sein mußte, sonst hätte ich vielleicht auf ihn gewartet. Möglicherweise war Traddles noch da, doch ich hatte nicht genug Vertrauen auf seine Verschwiegenheit, um ihm meine Lage anvertrauen zu können, so sehr ich mich auf sein gutes Herz hätte verlassen dürfen. So schlich ich mich fort von der Mauer, als Mr. Creakles Jungen aufstanden, und schlug die staubige Straße nach Dover ein.

Wie verschieden war dieser Sonntagmorgen von jenem damals in Yarmouth. Ich hörte die Kirchenglocken läuten, als ich mich langsam hinschleppte, begegnete den sonntäglich gekleideten Leuten, kam an eine oder zwei Kirchen vorbei, in denen der Gottesdienst abgehalten wurde, während der Büttel im kühlen Schatten des Eingangs saß oder unter dem Eibenbaum stand und mir mißtrauisch nachsah. Friede und Ruhe des Sonntagmorgens überall, nur nicht in mir. Ich kam mir so verkommen vor in meinem Schmutz, so bestaubt und mit wirrem Haar. Ohne das stille Bild meiner Mutter in Jugend und Schönheit, wie sie weinend beim Feuer sitzt und meine Tante weich wird ihr gegenüber, im Herzen, hätte ich kaum den Mut gehabt, noch bis zum nächsten Tag auszuhalten. Aber es schwebte immer vor mir her, und ich ging hinter ihm drein.

Ich legte an diesem Sonntag dreiundzwanzig englische Meilen auf der Landstraße zurück und es fiel mir nicht leicht, denn ich war das Wandern nicht gewöhnt. Ich sehe mich bei hereinbrechendem Abend über die Brücke von Rochester gehen, müde, mit wunden Füßen und das Brot verzehrend, das ich mir zum Abendessen gekauft. Ein oder zwei kleine Häuser mit der Aufschrift »Nachtquartier für Reisende« hatten mich wohl gelockt, doch ich fürchtete, die paar Pence, die ich noch besaß, auszugeben, und empfand noch mehr Angst vor den verdächtigen Blicken der Strolche, denen ich unterwegs begegnet. Ich suchte mir daher kein anderes Dach als den Himmel, und als ich Chatham erreichte, das bei Nacht aussieht, wie ein Traum voll Mauern, [211] Zugbrücken und mastlosen Schiffen mit Verdecken, wie Archen, kroch ich auf eine alte grasbewachsene Schanze, vor der eine Schildwache auf und ab ging. Hier legte ich mich neben eine Kanone und schlief gesund bis zum Morgen, glücklich, von weitem die Schritte der Schildwache zu hören.

Am nächsten Morgen war ich ganz steif, und das Trommelwirbeln und der Schritt der marschierenden Truppen, die mich ringsum einzuschließen schienen, als ich nach der langen schmalen Straße hinabging, betäubten mich förmlich. Ich fühlte, daß ich diesen Tag nur eine kurze Strecke würde zurücklegen können, wenn ich mir noch etwas Kraft für den letzten Teil meiner Reise aufsparen wollte. Ich beschloß daher vor allem den Verkauf meiner Jacke ins Auge zu fassen. Ich zog also meine Jacke aus, um mich daran zu gewöhnen, ohne sie auszukommen, nahm sie unter den Arm und sah mich nach Trödlerläden um.

Es war ein sehr geeigneter Ort für den Verkauf einer Jacke, denn die »Händler in alten Kleidern« waren sehr zahlreich und schauten in ihren Ladentüren nach Kunden aus. Aber da bei den meisten ein oder zwei Offiziersuniformen mit Epauletten im Ladenfenster hingen, schreckte mich der vornehme Charakter dieser Geschäfte ab, und ich lief lange Zeit herum, ohne jemand meine Ware anzubieten.

Meine Aufmerksamkeit lenkte sich vornehmlich auf die Seemannsläden und solche, wie Mr. Dollobys, und endlich fand ich einen, der mir vielversprechend aussah, an der Ecke eines schmutzigen Gäßchens, das an einen eingezäunten grünen Fleck voller Brennesseln stieß. An dem Zaune hingen ein paar alte Matrosenanzüge, einige Hängematten, rostige Flinten und Südwester und vor dem Laden standen mehrere Mulden mit soviel verrosteten Schlüsseln in allen Größen, daß man sämtliche Türen der Welt hätte damit aufsperren können.

In diesen Laden, der niedrig und klein und eher verdunkelt als erhellt durch ein mit Kleidern verhangenes Fensterchen war, stieg ich mit klopfendem Herzen einige Stufen hinab. Meine Bangigkeit wuchs noch, als ein grauenhafter alter Mann, dessen untere[212] Gesichtshälfte ganz von einem struppigen grauen Bart bedeckt war, aus einer schmutzigen Höhle im Hintergrund hervorstürzte und mich bei den Haaren packte. Es war ein schrecklich anzusehender alter Mann in einer schmutzigen Flanellweste. Er roch entsetzlich nach Rum. Seine Bettstelle, mit einer zerknüllten und zerlumpten Flickendecke zugedeckt, stand in der Höhle, aus der er herausgekommen war. Durch ein zweites kleines Fenster konnte man noch ein Brennesselfeld und einen lahmen Esel sehen.

»O was brauchst du?« greinte der alte Mann mit einem wilden eintönigen Gewinsel, »Gott über meine Augen ünd Glieder, was brauchst du? O über meine Lunge ünd Leber, was brauchst du? O goru, o goru!«

So sehr brachten mich diese Worte und besonders die Wiederholung des letzten mir ganz unbekannten Lautes, der wie ein tiefes Röcheln in seiner Kehle klang, aus der Fassung, daß ich gar nicht antworten konnte. Immer noch hielt mich der alte Mann bei den Haaren und wiederholte:

»O was brauchst du, Gott über meine Augen ünd Glieder, was brauchst du? O über meine Lunge ünd Leber, was brauchst du. O goru!« Er röchelte die Worte mit solcher Energie aus sich heraus, daß ihm die Augen aus den Höhlen traten.

»Ich wollte fragen,« sagte ich zitternd, »ob Sie eine Jacke kaufen möchten?«

»O laß die Jacke sehen,« schrie der alte Mann, »o, mei Herz brennt wie Feuer. Laß sehen die Jacke. Gott über meine Augen ünd Glieder, zeig her die Jacke.«

Damit ließen seine zitternden Hände, die den Klauen eines großen Vogels glichen, meine Haare los, und er setzte eine Brille auf, die seine entzündeten Augen durchaus nicht verschönte.

»O wieviel für die Jacke?« schrie er, nachdem er sie genau betrachtet hatte. »O goru, wieviel für die Jacke?«

»Eine halbe Krone,« sagte ich und faßte wieder langsam Mut.

»O über meine Lunge ünd Leber,« schrie der alte Mann. »Nix! O über meine Augen. Nix! Gott über meine Glieder. Nix! Achtzehn Pence! Goru!« [213] Jedesmal wenn er diesen Ausruf hören ließ, quollen seine Augen aus ihren Höhlen, und jeder Satz, den er sprach, hatte eine Art Melodie, immer dieselbe. Sie glich einer Art Windesgeheul, das leise anfängt, ansteigt und abnimmt. Ich kann es mit nichts anderem auf der Welt vergleichen.

»Gut,« sagte ich, froh, den Handel abgeschlossen zu haben, »ich will achtzehn Pence nehmen.«

»Gott über meine Leber!« schrie der alte Mann und warf die Jacke in ein Fach, »raus aus dem Laden. Ach Gott meine Lunge. Raus aus dem Laden. Ach meine Augen ünd Glieder! Goru! Kein Geld. Mach mer en Tausch.«

Nie in meinem Leben bin ich so erschrocken gewesen, aber ich sagte schüchtern, daß ich Geld brauchte, und daß mir nichts anderes nützen könnte. Daß ich jedoch seinem Wunsch gemäß draußen darauf warten wollte und keine Eile hätte. Ich ging also hinaus und setzte mich in eine Ecke in den Schatten. Und ich saß dort so viele Stunden, daß der Schatten Sonnenschein und der Sonnenschein wieder Schatten wurde, – und immer noch auf mein Geld warte.

Ich glaube, so einen betrunkenen Verrückten gibt es in diesem Geschäftszweig nicht wieder. Daß er in der Nachbarschaft wohl bekannt war und in dem Ruf stand, sich dem Teufel verkauft zu haben, erfuhr ich bald durch die Gassenjungen, die fortwährend um den Laden herumsprangen, ihm das zubrüllten und ihn aufforderten, sein Gold zu zeigen.

»Du bist gar nicht arm, Charley, wie du dich stellst! Zeig dein Gold her. Zeig das Gold her, für das du dich dem Teufel verkauft hast. Komm doch, s ist in der Matratze eingenäht, Charley! Schneid sie auf und zeig uns das Gold!« Dies und viele Anerbietungen, ihm ein Messer zu leihen, brachten den Trödler dermaßen auf, daß der ganze Tag eine Reihenfolge von Ausfällen seinerseits war, auf die die Jungen stets die Flucht ergriffen. Manchmal hielt er mich in seiner Wut für einen der Jungen und stürzte schäumend auf mich los, als wollte er mich in Stücke reißen. Rechtzeitig besann er sich aber immer wieder und zog sich schleunigst in den Laden zurück und warf sich auf sein [214] Bett, wie ich aus dem Klang seiner Stimme schloß, wenn er in seiner dem Windesgeheul ähnlichen Melodie wie irrsinnig das Lied von Nelsons Tod brüllte, mit einem »O« vor jeder Strophe und unzähligen Gorus dazwischen.

Als wäre das noch nicht schlimm genug für mich, brachten mich die Jungen wegen meiner Geduld und Ausdauer in irgendeine Verbindung mit dem Etablissement, zumal ich nur halb angezogen war, bewarfen mich mit Steinen und mißhandelten mich den ganzen Tag über.

Der alte Mann machte viele Versuche, mich zu bewegen, in einen Tausch einzuwilligen. Einmal kam er mit einer Angelrute heraus, dann mit einer Fiedel, mit einem Schlapphut und endlich mit einer Flöte. Aber ich widerstand allen seinen Angeboten und blieb in Verzweiflung sitzen. Jedesmal flehte ich ihn mit den Tränen in den Augen um mein Geld oder meine Jacke an. Endlich fing er an, mich halbpennyweise zu bezahlen und brauchte so zwei volle Stunden zu einem Schilling.

»O meine Augen ünd Glieder!« schrie er dann nach einer langen Pause in grauenhafter Art aus dem Laden herausschielend. »Willst du für zwei Pence mehr gehen?«

»Ich kann nicht,« sagte ich, »ich muß verhungern.«

»O meine Lunge ünd Leber. Willst du für drei Pence gehen?«

»Ich würde umsonst gehen,« sagte ich, »wenn ich könnte. Aber ich brauche das Geld jämmerlich nötig.«

»O go–ru!« Es war ganz unbeschreiblich, wie er dieses letzte Röcheln hervorstieß, als er jetzt hinter der Türpfoste hervorlugte, daß man nur den alten schlauen Kopf sehen konnte. »Willst du für vier Pence gehen?«

Ich war so hungrig und müde, daß ich einwilligte und das Geld nicht ohne Zittern aus seiner Klaue nahm. Dann ging ich kurz vor Sonnenuntergang hungriger und durstiger als ich je gewesen meines Weges. Für drei Pence stärkte ich mich bald vollkommen und hinkte, jetzt besserer Laune, sieben Meilen weiter.

Mein Bett in dieser Nacht war wieder ein Heuschober, ich wusch mir die Füße in einem Bach und verband sie, so gut es ging, mit ein paar kühlenden Blättern. Den nächsten Morgen führte mich der Weg durch Hopfenfelder [215] und Obstanlagen. Die Jahreszeit war schon so weit vorgerückt, daß überall reife Äpfel hingen, und an einigen Orten standen die Pflücker schon bei der Arbeit. Ich fand alles wunderschön und beschloß, die Nacht in dem Hopfengarten zu schlafen. Die langen Reihen von Stangen mit den anmutig sich windenden Blättern kamen mir wie eine gemütliche Gesellschaft vor.

Die Landstreicher schienen an diesem Tage gefährlicher als je und flößten mir einen Schrecken ein, daß ich heute noch daran denken muß. Einige von ihnen, wild aussehende Raufbolde, die mich beim Vorbeigehen anstarrten, blieben manchmal stehen und riefen mir zu, umzukehren, und warfen mir, wenn ich ausriß, Steine nach. Ich erinnere mich noch an einen jungen Burschen, nach seinem Felleisen und Kohlenbecken zu schließen, ein Kesselflicker, der ein Frauenzimmer bei sich hatte. Er stierte mich an und rief mir dann mit so fürchterlicher Stimme nach, zurückzukommen, daß ich stehen blieb und mich umsah.

»Komm her, wenn man dich ruft,« sagte der Kesselflicker, »oder ich schlitze dir deinen jungen Bauch auf.«

Ich hielt es für das Beste, umzukehren. Als ich näher kam und den Kesselflicker durch freundliche Blicke zu besänftigen suchte, bemerkte ich, daß das Weib ein blaugeschlagenes Auge hatte.

»Wo gehst du hin,« fragte der Kesselflicker und packte mich mit seiner geschwärzten Hand an der Brust.

»Ich gehe nach Dover.«

»Wo kommst du her?« fragte er weiter und packte mich noch fester.

»Ich komme von London.«

»Was hast du für ein Handwerk? Bist du ein Dieb?«

»N–ein,« sagte ich.

»Nicht? Bei G–? Wenn du mit Ehrlichkeit bei mir prahlen willst,« sagte der Kesselflicker, »haue ich dir das Dach ein!«

Mit seiner freien Hand machte er eine Bewegung, als wollte er mich niederschlagen, und musterte mich dann vom Kopf bis zu den Füßen.

»Hast du Geld für eine Kanne Bier bei dir? Wenn dus hast, heraus damit, bevor ich mirs hole.«

[216] Ich würde es gewiß herausgeholt haben, hätte ich nicht den Blick der Frau bemerkt, die hinter ihm kaum merklich den Kopf schüttelte und ihre Lippen zu einem »Nein« verzog.

»Ich bin sehr arm,« sagte ich mit einem Versuch zu lächeln, »und habe kein Geld.«

»Was soll das heißen?« sagte der Kesselflicker und sah mich so scharf an, daß ich schon fürchtete, er sähe das Geld in meiner Tasche.

»Herr!« stammelte ich.

»Was soll das heißen,« sagte der Kesselflicker, »daß du meines Bruders Seidenhalstuch trägst! Her damit!« und schon hatte er es mir vom Halse gerissen und es der Frau zugeworfen.

Das Weib brach in ein Gelächter aus, als ob sie das für einen Spaß hielte und warf es mir wieder hin und nickte wieder und verzog ihre Lippen zu dem Worte: »Fort.«

Ehe ich noch gehorchen konnte, riß mir der Kesselflicker das Tuch mit solcher Gewalt aus der Hand, daß ich zur Seite flog wie eine Feder. Dann wandte er sich mit einem Fluch zu der Frau und schlug sie zu Boden. Ich sehe sie jetzt noch vor mir, wie sie rücklings auf die Steine hinstürzt und dort liegt, den Hut vom Kopf gerissen und das Haar ganz weiß vom Staub. Wie ich mich aus der Ferne umschaue, sitzt sie am Straßenrand und wischt sich mit dem Zipfel ihres Schals das Blut aus dem Gesicht, während der Kesselflicker unbekümmert weitergeht.

Dieses Abenteuer entsetzte mich so, daß ich später mich immer versteckte, wenn ich Leute solchen Schlages kommen sah und oft ein Stück zurücklaufen mußte, was meine Reise sehr verlängerte. Aber in diesen und andern Bedrängnissen auf meiner Wanderung hielt mich das Fantasiebild von meiner Tante und meiner Mutter aufrecht. Nie wich es von mir. Ich sah es zwischen den Hopfenstangen, als ich mich niederlegte; es stand bei mir früh am Morgen und blieb bei mir den ganzen Tag.

Es hat sich seitdem für immer mit der sonnig hellen Straße von Canterbury und seinen alten Häusern und Toren und seiner alten grauen Kathedrale in meiner Seele verbunden.

[217] Als ich endlich auf die öden weiten Dünen bei Dover kam, vergoldete es mir den einsamen Anblick der Gegend mit einem Hoffnungstrahl, und erst, als ich das große Ziel meiner Reise erreicht und am sechsten Tag nach meiner Flucht wirklich den Fuß in die Stadt setzte, wich es von mir. Dann, – seltsam genug, – als ich mit zerrissenen Schuhen, staubig, sonnverbrannt und nur halb bekleidet in der so langersehnten Stadt stand, schien es wie ein Traumgesicht zu verschwinden und ließ mich hilflos und entmutigt allein.

Ich erkundigte mich nach meiner Tante zuerst bei den Schiffern und erhielt die verschiedensten Auskünfte. Der eine sagte, sie wohne auf dem südlichen Leuchtturm und hätte sich dort den Backenbart verbrannt, ein anderer, sie sei an der großen Boje draußen vor dem Hafen angebunden, und man könne sie nur bei Stauwasser besuchen. Ein dritter, daß sie wegen Kinderdiebstahl im Maidstonekerker eingesperrt sei. Ein vierter, sie sei während des letzten Sturms auf einem Besen nach Calais geritten. Die Droschkenkutscher, bei denen ich mich dann erkundigte, waren ebenso spaßig und wenig respektvoll, und die Ladeninhaber, denen mein Aussehen nicht gefiel, antworteten meistens, ohne überhaupt meine Frage anzuhören, sie hätten nichts für mich.

Ich fühlte mich unglücklicher und entmutigter als jemals, seit ich fortgelaufen. Mein Geld war zu Ende, ich hatte nichts mehr zu verkaufen, war hungrig, durstig und erschöpft und schien meinem Ziel ferner zu sein als in London.

Der Morgen war über meinen Nachfragen vergangen, und ich saß auf den Stufen vor einem leeren Laden an einer Straßenecke und ging mit mir zu Rate, ob ich nach den andern Orten, die mir Peggotty geschrieben hatte, wandern sollte, als ein Droschkenkutscher vorbeifuhr und seine Pferdedecke verlor. Ich reichte sie ihm auf den Bock, und etwas Gutmütiges in dem Gesicht des Mannes ermutigte mich, ihn zu fragen, ob er nicht wisse, wo Miß Trotwood wohne. Ich hatte die Frage schon so oft gestellt, daß sie mir fast auf den Lippen erstarb.

»Trotwood?« sagte er. »Laß mal sehen. Ich kenne doch den Namen! Alte Dame?«

[218] »Ja,« sagte ich, »ziemlich.«

»Ziemlich steif im Rücken,« sagte er und setzte sich sehr gerade.

»Ja,« sagte ich, »ich glaube wohl.«

»Trägt einen Strickbeutel? Strickbeutel mit viel Platz drin. Ist mürrisch und fährt einen scharf an?«

Ich ließ den Mut sinken ob dieser Schilderung, die unzweifelhaft auf meine Tante paßte.

»Also hör mal,« sagte er, »wenn du dort hinaufgehst,« er wies mit seiner Peitsche nach dem Hügel, »und rechts hinaufgehst bis zu ein paar Häusern am Meer, kannst du Genaueres über sie erfahren. Ich glaube nicht, daß sie etwas gibt. Da ist ein Penny für dich.«

Ich nahm die Gabe dankbar an und kaufte mir Brot dafür. Ich aß es unterwegs und ging in der Richtung, bis ich an die Häuser kam. Ich trat in einen kleinen Laden und bat, ob man nicht so gut sein wollte, mir zu sagen, wo Miß Trotwood wohne. Ich wendete mich an einen Mann hinter dem Ladentisch, der eine Tüte Reis für ein Mädchen abwog, da drehte sich dieses um.

»Meine Herrschaft? Was willst du bei ihr?«

»Ich möchte mit ihr sprechen, bitte.«

»Das heißt, du willst sie anbetteln,« entgegnete das Mädchen.

»Nein,« sagte ich, »wahrhaftig nicht.« Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich doch eigentlich zu keinem andern Zweck kam, schwieg verwirrt und fühlte, wie ich rot wurde.

Die Zofe meiner Tante, denn das mußte sie wohl sein, legte den Reis in ein kleines Körbchen und verließ den Laden, mit der Weisung, ich solle ihr folgen, wenn ich wissen wolle, wo Miß Trotwood wohne. Ich war so aufgeregt, daß mir die Kniee schlotterten.

Ich folgte dem jungen Mädchen, und wir kamen sehr bald zu einem sehr hübschen Häuschen mit entzückenden Bogenfenstern. Davor lag ein kleiner Garten voll Blumen, sorgfältig gepflegt und herrlich duftend.

»Hier wohnt Miß Trotwood,« sagte das Mädchen. »Jetzt weißt dus. Weiter kann ich dir nichts sagen.«

Mit diesen Worten eilte sie ins Haus, wie um die Verantwortlichkeit für mein Erscheinen abzuschütteln, und ließ mich am Gartentor stehen. Ich sah trostlos auf [219] das Wohnzimmerfenster hin, wo ein halb zurückgezogner Musselinvorhang, ein großer runder grüner Schirm oder Fächer auf dem Fensterbrett, ein kleiner Tisch und ein Armstuhl mich ahnen ließen, daß meine Tante in diesem Augenblick in großer Strenge dort saß.

Meine Schuhe befanden sich in einem kläglichen Zustand. Die Sohlen waren stückweise losgelöst, und das Oberleder bald hier, bald dort geplatzt, hatte die Form eines Schuhes verloren. Mein Hut, der mir auch als Nachtmütze gedient, war so zerdrückt und verbogen, daß es jede alte stillose Pfanne auf einem Misthaufen erfolgreich mit ihm aufgenommen hätte. Mein Hemd und meine Hosen schmutzig und fleckig, von Hitze, Tau, Gras und dem kentischen Kalkboden, auf dem ich geschlafen, und außerdem zerrissen, wären imstande gewesen, eine Vogelscheuche in meiner Tante Garten abzugeben.

So stand ich in der Türe. Mein Haar hatte, seit ich London verlassen, weder Kamm noch Bürste gesehen. In Gesicht, an Hals und Händen hatten mich Luft und Sonne dunkelbraun gebrannt. Von Kopf bis zu den Füßen mit Kalk und Staub weiß gepudert, sah ich aus, als ob ich aus einem Kalkofen käme. In diesem Aufzug, und meines Aussehens mir sehr wohl bewußt, sollte ich mich also meiner gestrengen Tante vorstellen.

Die andauernde Ruhe hinter dem Wohnstubenfenster ließen mich schließen, daß sie nicht drinnen sei. Ich wendete meine Augen zu den Fenstern im ersten Stock und sah einen freundlich aussehenden Herrn mit blühendem Gesicht und grauem Haar, der auf komische Weise ein Auge zukniff, mir mehrere Male mit dem Kopf zunickte, mich anlachte und wieder verschwand.

Ich war schon sowieso außer Fassung genug, aber dieses Benehmen raubte mir den letzten Rest von Mut. Ich stand eben im Begriff, mich wieder fortzuschleichen und mir zu überlegen, was am besten zu tun sei, als eine Dame, über ihre Mütze ein Taschentuch gebunden, mit Gartenhandschuhen, einer Gartenschürze und in der Hand ein großes Messer aus dem Hause trat. Ich erkannte in ihr sofort Miß Betsey nach der Art, wie sie aus dem Haus stelzte. Genau so war sie nach der [220] Erzählung meiner Mutter auch in unserm Garten herumstolziert.

»Fort!« sagte Miß Betsey und schüttelte den Kopf und fuhr mit dem Messer durch die Luft, als ob sie ein Kotelett herausschneiden wollte.

»Fort! Keine Jungen hier!«

Ich sah ihr zu, das Herz auf der Zunge, wie sie in eine Ecke des Gartens ging und sich bückte, um etwas auszugraben. Dann ohne einen Funken Mut in mir, aber mit desto mehr Verzweiflung, trat ich leise ein, stellte mich neben sie und berührte sie mit dem Finger.

»Wenn Sie gestatten würden, Maam,« fing ich an.

Sie fuhr zusammen und blickte auf.

»Wenn Sie gestatten würden, Tante!«

»Eh,« rief Miß Betsey mit einem Ton des Erstaunens aus, wie ich nie einen ähnlichen gehört hatte.

»Wenn Sie gestatten würden, Tante, ich bin Ihr Neffe!«

»O, Gott!« sagte meine Tante und setzte sich mitten im Gartenweg hin.

»Ich bin David Copperfield aus Blunderstone in Suffolk, wo Sie an dem Abend, als ich geboren wurde, meine liebe Mutter besuchten. Ich bin seit ihrem Tode sehr unglücklich gewesen. Man hat mich vernachlässigt und nichts gelehrt, ich war auf mich selbst angewiesen und wurde zu einer Arbeit verwendet, die gar nicht für mich paßte. Deswegen bin ich fortgelaufen zu Ihnen. Gleich am Anfang wurde ich beraubt und mußte den ganzen Weg zu Fuß gehen und habe in keinem Bett geschlafen, seit ich auf der Reise bin.«

Hier war es mit meiner Fassung zu Ende und mit einer Handbewegung, mit der ich ihre Aufmerksamkeit auf meinen zerlumpten Zustand lenken wollte, als Beweis, was ich gelitten, brach ich in ein bitterliches Weinen aus.

Meine Tante, aus deren Gesicht jeder andere Ausdruck als Verwunderung gewichen war, saß, mich groß anstarrend, auf dem Kiesweg, bis ich zu weinen anfing. Dann stand sie in großer Hast auf, packte mich beim Kragen und schleppte mich in das Wohnzimmer. Ihr erstes war hier, einen hohen Schrank aufzuschließen, [221] verschiedene Flaschen herauszunehmen und mir aus jeder etwas in den Mund zu gießen. Sie muß blind drauflos gegriffen haben, denn ich weiß gewiß, daß ich Aniswasser, Anchovissauce und Salatessig geschmeckt habe. Als ich selbst nach dem Genuß dieser Stärkungsmittel noch immer ganz außer Fassung war und von Schluchzen geschüttelt wurde, legte sie mich auf das Sofa, steckte mir einen Schal unter den Kopf, das Taschentuch von ihrem Kopf unter meine Füße, damit ich nicht den Überzug beschmutzen konnte, und setzte sich hinter den bereits erwähnten grünen Schirm. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, ich hörte nur, wie sie von Zeit zu Zeit einige »Gott sei uns gnädig!« wie Flintenschüsse hervorstieß.

Nach einer Weile klingelte sie.

»Janet,« sagte sie, als das Mädchen hereinkam. »Geh hinauf, empfiehl mich Mr. Dick und sage ihm, ich möchte ihn gerne sprechen.«

Janet machte erstaunte Augen, als sie mich ganz steif auf dem Sofa liegen sah, denn ich getraute mich nicht, eine Bewegung zu machen, um nicht meine Tante zu erzürnen, – und ging dann hinaus, um ihren Auftrag auszuführen. Meine Tante marschierte, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und ab, bis der Herr, der mich aus dem obern Fenster angezwinkert hatte, lachend hereintrat.

»Mr. Dick,« sagte meine Tante, »seien Sie jetzt kein Narr. Niemand kann gescheiter sein als Sie, wenn Sie wollen. Also bitte, nur so vernünftig wie möglich!«

Der Gentleman machte sogleich ein ernstes Gesicht und sah mich an, als wollte er mich bitten, nur ja nichts von der Szene vorhin am Fenster zu verraten.

»Mr. Dick,« fuhr meine Tante fort, »Sie haben mich einmal David Copperfield erwähnen hören. Tun Sie jetzt nicht, als ob Sie kein Gedächtnis hätten, denn Sie und ich wissen das besser.«

»David Copperfield,« sagte Mr. Dick, der sich meiner trotzdem nicht zu erinnern schien, »David Copperfield? Ach ja, richtig. David. Stimmt.«

»Also,« sagte meine Tante, »dies ist sein Sohn. [222] Er wäre seinem Vater so ähnlich wie möglich, wenn er nicht seiner Mutter so gliche.«

»Sein Sohn,« sagte Mr. Dick, »Davids Sohn? Wirklich?«

»Ja,« fuhr meine Tante fort, »er hat hübsche Sachen angestellt. Er ist davongelaufen. Ach, seine Schwester, Betsey Trotwood, wäre nie davongelaufen.«

Meine Tante schüttelte mit Entschiedenheit den Kopf voll Vertrauen auf den Charakter und das Betragen des Mädchens, das nie geboren worden war.

»O Sie glauben, sie wäre nie davongelaufen?« sagte Mr. Dick.

»Ach Gott, der Mann!« rief meine Tante ärgerlich. »Was er wieder redet. Ich weiß doch, daß sie es nie getan haben würde, sie würde mit ihrer Patin beisammen gewesen sein, und wir hätten einander sehr lieb gehabt. Von wo, zum Kuckuck, hätte seine Schwester, Betsey Trotwood, fortlaufen sollen und wohin denn?«

»Nirgends,« sagte Mr. Dick.

»No also,« erwiderte meine Tante, durch die Antwort besänftigt. »Wie können Sie so zerstreut sein, Dick, wo Ihr Verstand so scharf ist, wie die Lanzette eines Chirurgen. Jetzt sehen Sie hier den jungen David Copperfield, und die Frage, die ich Ihnen vorlege, ist, was soll ich mit ihm anfangen?«

»Was Sie mit ihm anfangen sollen,« fragte Mr. Dick verlegen und kratzte sich hinter den Ohren. »Anfangen sollen?«

»Ja,« sagte meine Tante mit einem ernsten Blick und den Zeigefinger in die Höhe haltend. »Ich brauche einen vernünftigen Rat.«

»Hm, wie wäre es,« sagte Mr. Dick nachdenklich und mich mit leerem Blick ansehend, »ich würde –« mein Anblick schien ihm plötzlich einen Gedanken einzuflößen – und er ergänzte rasch: »ich würde ihn waschen.«

»Janet,« sagte meine Tante und drehte sich mit einem stillen Triumph, den ich damals noch nicht verstand, um, »Mr. Dick hat immer recht. Heize das Bad.«

Obgleich ich das größte Interesse an dem Gespräch hatte, konnte ich mich doch nicht enthalten, während[223] desselben meine Tante, Mr. Dick und Janet genau zu beobachten und mich im Zimmer umzusehen.

Meine Tante war eine große Dame mit strengen Zügen, aber durchaus nicht bös aussehend. Es lag eine Unbeugsamkeit in ihrem Gesicht, in ihrer Stimme, ihrem Anzug und in ihrer Haltung, daß ich mir den Eindruck erklären konnte, den sie auf ein so sanftes Geschöpf, wie meine Mutter gewesen, gemacht hatte. Aber ihre Züge schienen eher hübsch als häßlich, wenn auch hart und streng; besonders fiel mir ihr lebhaftes blitzendes Auge auf. Ihr Haar, schon ziemlich ergraut, war unter einer unter dem Kinn zugebundnen Art Nachtmütze in zwei gleiche Teile geteilt. Ihr Kleid, lavendelfarbig und äußerst sauber, war knapp geschnitten, als wünschte sie so wenig wie möglich von ihm behindert zu sein. Es schien mir eigentlich ein Reitkleid zu sein, von dem man die Schleppe abgeschnitten hatte. Sie trug an der Seite eine goldne Herrenuhr, nach Form und Größe zu schließen und der Kette und den Siegeln daran, um den Hals einen Leinenstreifen wie einen Hemdkragen und an den Handgelenken Dinger wie Manschetten.

Mr. Dick hatte graues Haar und ein blühendes Gesicht, wie bereits erwähnt. Den Kopf trug er sonderbar gebeugt, aber nicht wegen des Alters, und seine großen Augen standen weit hervor und hatten einen eigentümlichen wässerigen Glanz, was mich zusammen mit seinem zerstreuten Wesen, seiner Unterwürfigkeit gegen meine Tante und seiner kindischen Freude, wenn sie ihn lobte, auf den Gedanken brachte, er müsse ein wenig verrückt sein, obgleich ich mir dann nicht erklären konnte, wie er hierher kam. Er war wie ein schlichter Gentleman mit weitem grauen Morgenrock, Weste und weißen Hosen bekleidet, trug seine Uhr und sein Geld lose in der Tasche und klimperte damit, als ob er sehr stolz darauf wäre.

Janet, ein hübsches frisches Mädchen, etwa neunzehn oder zwanzig Jahre alt, schien ein wahres Muster von Nettigkeit zu sein. Später erfuhr ich, daß sie eine aus der Reihe der weiblichen Schützlinge war, die meine Tante nach und nach mit der Absicht in Dienst [224] genommen, Männerfeindinnen aus ihnen zu machen, die aber am Schluß gewöhnlich Bäcker geheiratet hatten.

Das Zimmer sah ebenso sauber aus wie Janet und meine Tante. Wenn ich nur einen Augenblick daran denke, rieche ich wieder die Seeluft, vermischt mit dem Dufte der Blumen, sehe die altmodischen und glänzend polierten Möbel meiner Tante, ihren geweihten Tisch und Stuhl, den großen runden Schirm im Bogenfenster daneben, den mit Läufern bedeckten Teppich, die Katze, den Kesselständer, die zwei Kanarienvögel, die Punschbowle, gefüllt mit trocknen Rosenblättern, den hohen Schrank mit seinen Flaschen und Töpfen und wundervoll gegen alles abstechend mein staubiges Ich auf dem Sofa.

Janet war fortgegangen, um das Bad zu heizen, als zu meinem größten Schrecken meine Tante plötzlich ganz starr vor Entrüstung wurde und nach Luft schnappend aufschrie:

»Janet! Esel!«

Sofort kam Janet die Treppe heraufgesprungen, als ob das Haus in Flammen stünde, stürzte auf einen kleinen Rasenfleck vor dem Haus hinaus und verscheuchte zwei von Damen gerittene Esel, die gewagt hatten, ihre Hufe auf den Rasen zu setzen, während meine Tante ihr auf dem Fuß folgte, den Zaum eines dritten Esels, auf dem ein Kind saß, ergriff, das Tier umdrehte, es zur Seite zog und dem unglücklichen Jungen, der den Esel geführt und die heilige Stelle zu entweihen sich unterstanden hatte, eins hinter die Ohren gab.

Bis heute weiß ich nicht, ob meine Tante ein Recht auf diesen Rasenfleck besaß, aber jedenfalls hatte sie es sich in den Kopf gesetzt, und das genügte ihr. Es war in ihren Augen eine große Untat, die nach beständiger Ahndung verlangte, wenn ein Esel diesen jungfräulichen Fleck betrat. Mochte sie in welcher Beschäftigung immer begriffen und die Unterhaltung noch so interessant sein, der Anblick eines Esels gab dem Gang ihrer Gedanken sofort eine andere Richtung und unverzüglich stürzte sie auf ihn los. Krüge voll Wasser und Töpfe standen an geheimen Plätzen bereit, um die Führer der Esel zu begießen, [225] Stöcke lauerten hinter den Türen, Ausfälle wurden zu allen Stunden gemacht und ununterbrochen wütete der Krieg. Vielleicht war alles das eine angenehme Unterhaltung für die Jungen, und wahrscheinlich machte es den Klügern unter den Eseln, die die Sache durchschauten, in der ihnen eignen Hartnäckigkeit eine besondere Freude, gerade deshalb diesen Weg zu betreten.

Dreimal, ehe das Bad fertig war, wurde Lärm geschlagen und beim letzten und verzweifeltsten geriet meine Tante in ein Gefecht mit einem fünfzehnjährigen Burschen mit sandgelbem Haar, den sie mit dem Kopf an die Gartentür stoßen mußte, ehe er zu begreifen schien, worum es sich handelte. Diese Unterbrechungen kamen mir umso lächerlicher vor, als sie mir gerade Fleischbrühe einflößte, – sie hatte sich offenbar eingeredet, ich stünde dicht vor dem Hungertode und dürfte anfangs nur in kleinen Quantitäten Nahrung zu mir nehmen. In Erwartung des Löffels hielt ich noch den Mund offen, da legte sie das Besteck auf den Teller, rief: »Janet! Esel!« und eilte hinaus zum Kampfe.

Das Bad war eine wahre Erquickung für mich. Das Schlafen im Freien hatte mir Gliederschmerzen gemacht, und ich fühlte mich so matt, daß ich kaum fünf Minuten hintereinander wach bleiben konnte. Als ich mich gebadet, zog ich, das heißt, sie zogen mir – nämlich meine Tante und Janet – ein Hemd und ein Paar Hosen Mr. Dicks an und wickelten mich in zwei oder drei große Schals. Ich sah wie ein Paket aus und es war mir schrecklich heiß. Da mich überdies ein Gefühl von Mattigkeit und Schläfrigkeit überwältigte, schlummerte ich bald auf dem Sofa ein. Vielleicht träumte ich wieder von dem Bilde; ich erwachte mit der Vorstellung, daß meine Tante sich über mich gebeugt, mir das Haar aus dem Gesicht gestrichen, meinen Kopf bequemer gelegt und mich dann lange betrachtet hätte. Die Worte »hübscher Junge« oder »armer Junge« schienen mir auch noch in den Ohren zu klingen, aber sonst war bei meinem Erwachen nichts da, das mich hätte glauben machen können, meine Tante hätte gesprochen, denn sie saß unbeweglich am Bogenfenster und blickte hinter dem grünen Schirm hervor aufs Meer hinaus.

[226] Wir aßen, bald nachdem ich erwacht war, zu Mittag. Ein gebratenes Huhn und ein Pudding kamen auf den Tisch; ich selbst sah auch aus wie ein tranchierter Vogel und konnte meine Arme nur mit großer Schwierigkeit bewegen. Aber da meine Tante mich selbst eingewickelt hatte, durfte ich mich doch nicht beklagen! Die ganze Zeit über lag es mir sehr am Herzen, zu erfahren, was sie mit mir anzufangen gedenke. Aber sie nahm ihre Mahlzeit in tiefstem Schweigen ein, nur manchmal sah sie mich an und rief aus »Gott erbarme sich unser!« Und das war gar nicht geeignet, meine Besorgnisse zu verscheuchen.

Nachdem das Tischtuch entfernt war, kam Sherry, und ich erhielt auch ein Glas. Meine Tante schickte wieder nach Mr. Dick, der uns dann Gesellschaft leistete und so klug dreinsah, wie er nur konnte, als sie ihn aufforderte, meiner Geschichte zuzuhören, die sie durch eine Reihe von Fragen aus mir herauslockte. Während meiner Erzählung wandte sie kein Auge von Mr. Dick, der, wie ich glaube, sonst eingeschlafen wäre. Wenn er sich verleiten ließ, zu lächeln, wies ihn ein Stirnrunzeln meiner Tante in seine Schranken zurück.

»Was nur dem armen unglücklichen Baby eingefallen sein muß, daß sie noch einmal heiratete,« sagte meine Tante, als ich fertig war. »Ich kann es nicht begreifen.«

»Vielleicht hat sie sich in ihren zweiten Mann verliebt,« meinte Mr. Dick.

»Verliebt?« wiederholte meine Tante. »Was reden Sie da? Zu welchem Zweck?«

»Vielleicht,« simpelte Mr. Dick, nachdem er ein wenig nachgedacht, »vielleicht tat sie es zu ihrem Vergnügen.«

»Zu ihrem Vergnügen! Natürlich! Ein Mordsvergnügen für das arme Baby, ihr schlichtes Herz einem Schweinehund zu schenken, der sie in jeder Art enttäuschte. Was hat sie sich eigentlich dabei gedacht, möchte ich gern wissen? Sie hatte doch schon einen Mann gehabt, hatte David Copperfield begraben, der von Kindheit an Wachspuppen nachlief, besaß ein Kind – was brauchte sie mehr?«

[227] Mr. Dick schüttelte geheimnisvoll den Kopf, als könne er sich über diesen Punkt nicht klar werden.

»Sie brachte es nicht einmal fertig ein Kind zu kriegen wie andere Leute,« sagte meine Tante. »Wo ist dieses Kindes Schwester Betsey Trotwood geblieben? Kam einfach nicht! Reden Sie nichts!«

Mr. Dick schien ganz erschrocken zu sein.

»Der kleine Doktor mit dem seitwärts geneigten Kopf, Jellips oder wie er sonst hieß, wozu war er denn da? Er konnte nichts, als wie ein Rotkehlchen, das er übrigens ist, sagen: s ist ein Knabe. Ein Knabe! Ha, über die Dummheit dieses ganzen Geschlechts!«

Über die Heftigkeit dieses Ausrufs erschrak Mr. Dick außerordentlich und, wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich ebenfalls.

»Und dann, noch nicht genug damit, und als ob sie dieses Kindes Schwester Betsey Trotwood noch nicht genügend im Licht gestanden hätte,« sagte meine Tante, »heiratet sie zum zweitenmal, geht hin und heiratet einen Mörder – oder so etwas dergleichen – und steht diesem Kind auch noch im Licht. Die natürliche Folge ist, was jeder, bloß ein Baby nicht, hätte voraussehen können, daß der Junge herumvagabundiert. Er ist noch, bevor er aufwächst, einem Kain so ähnlich wie möglich.«

Mr. Dick sah mich hart an.

»Und dann ist das Frauenzimmer mit dem heidnischen Namen da,« sagte meine Tante, »die muß natürlich auch heiraten. Weil sie noch nicht genug von dem Unglück gesehen hat, das bei so etwas herauskommen muß. Sie heiratet auch, wie das Kind erzählt. Ich hoffe bloß, – meine Tante schüttelte den Kopf, – daß ihr Gatte einer von der Prügelsorte ist, von denen man immer in der Zeitung liest, und sie ordentlich verhaut.«

Das konnte ich von meiner alten Kindsfrau nicht mit anhören und versicherte meiner Tante, daß sie sich bestimmt irre, Peggotty sei die beste, treueste, hingebendste und aufopferndste Freundin und Dienerin von der Welt. Ich sagte, daß sie immer mich und meine Mutter von Herzen geliebt, – meiner Mutter sterbendes Haupt gestützt habe, und daß meine Mutter ihren letzten dankbaren [228] Kuß auf ihr Gesicht drückte. Und da mich die Erinnerung an die beiden so sehr erschütterte, konnte ich nicht ausreden und erzählen, wie Peggottys Haus auch mein Haus sei, daß alles, was sie besäße, mein sei, und daß ich nur mit Rücksicht auf ihre bescheidene Stellung und aus Furcht, ihr Ungelegenheiten zu machen, nicht bei ihr Schutz gesucht habe. Tränen erstickten meine Stimme, und ich legte mein Gesicht auf den Tisch.

»Schon gut, schon gut,« sagte meine Tante, »das Kind hat ganz recht, wenn es zu denen hält, die ihm beigestanden haben. – Janet! Esel!«

Ich bin überzeugt, ohne das Dazwischentreten dieser unglückseligen Esel wären wir jetzt zu einer Aussprache gekommen, denn meine Tante hatte mir die Hand auf die Schultern gelegt, und ich war eben im Begriffe, dadurch ermutigt, sie zu umarmen und ihren Schutz anzuflehen. Aber die Unterbrechung und die Aufregung, in die sie durch den Kampf draußen geriet, machten vor der Hand allen sanfteren Gefühlen ein Ende und veranlaßten meine Tante, sich in höchster Entrüstung gegen Mr. Dick über ihren Entschluß auszulassen, bei den Landesgesetzen Hilfe zu suchen und sämtliche Eselseigentümer von Dover zu verklagen.

Nach dem Tee setzten wir uns ans Fenster, – wie ich aus dem gespannten Gesicht meiner Tante schloß – um auf neue Eindringlinge zu lauern. Dann als es dämmrig wurde, brachte Janet Lichter und ein Pochbrett und ließ die Vorhänge herunter.

»Jetzt Mr. Dick,« sagte meine Tante mit ernstem Blick und emporgehobenem Zeigefinger, »will ich Ihnen eine andere Frage vorlegen. Sehen Sie das Kind an.«

»Davids Sohn?« fragte Mr. Dick mit aufmerksamem und bestürztem Gesicht.

»Ganz richtig,« entgegnete meine Tante, »Davids Sohn. Was würden Sie jetzt mit ihm machen?«

»Mit Davids Sohn machen?« fragte Mr. Dick.

»Ja,« erwiderte meine Tante, »mit Davids Sohn.«

»O,« sagte Mr. Dick. »Ja. Mit ihm machen – ich würde ihn zu Bett bringen.«

»Janet!« rief meine Tante mit derselben triumphierenden Miene, die ich schon einmal an ihr entdeckt[229] hatte. »Mr. Dick rät uns immer das Beste. Wenn das Bett fertig ist, wollen wir David hinaufbringen.« Auf Janets Äußerung, daß alles bereit sei, wurde ich hinaufgeführt, freundlich, aber wie eine Art Gefangener. Meine Tante ging voraus, und Janet beschloß den Zug.

Der einzige Umstand, der mir Hoffnung einflößte, war, daß Janet auf die Frage meiner Tante, woher plötzlich so ein brandiger Geruch komme, antwortete, sie habe unten in der Küche aus meinem Hemd Zunder gebrannt. Überdies lagen in meinem Zimmer sonst keine Kleider außer den verrückten Sachen, in die man mich eingewickelt hatte. Als man mich mit einer kleinen Kerze, die, wie mir meine Tante sagte, genau fünf Minuten brennen würde und nicht länger, allein gelassen, hörte ich, wie sie draußen die Türe zuschlossen. Ich dachte darüber nach und kam zu dem Schluß, daß meine Tante mich wahrscheinlich im Verdacht hatte, es sei eine üble Gewohnheit von mir, davonzulaufen, und dagegen Vorkehrungen traf.

Das Zimmer, außerordentlich freundlich, lag oben im Hause mit der Aussicht auf das Meer hinaus, auf das der Mond jetzt glänzend schien. Ich sagte mein Nachtgebet her und blieb, als die Kerze ausgebrannt war, noch sitzen und blickte auf das mondbeschienene Wasser hin, als könnte ich darin mein Schicksal lesen oder meine Mutter mit ihrem Kind auf den Lichtstrahlen vom Himmel herabsteigen und mich mit ihrem lieblichen Antlitz, wie einst, anblicken sehen.

Das feierliche Gefühl wich allmählich einer Empfindung der Dankbarkeit und der Ruhe, die mir der Anblick des weißverhangenen Bettes und vielmehr noch die Rast in dem weißen Pfühl mit den schneeweißen Leinen einflößte. Ich erinnere mich, daß ich an alle die einsamen Orte dachte, wo ich unter dem Nachthimmel geschlafen, und betete, Gott möge mich nie wieder obdachlos werden und nie der Obdachlosen vergessen lassen. Ich erinnere mich, wie ich dann auf dem silbernen Dämmerschimmer des Mondlichtes in die Welt der Träume hinüberglitt.

[230] Vierzehntes Kapitel

Meine Tante kommt zu einem Entschluß über mich.


Als ich früh herunterkam, saß meine Tante in so tiefem Sinnen am Frühstückstisch, die Ellbogen auf das Teebrett gestützt, daß sie gar nicht bemerkte, daß der Teekessel übergelaufen war und das ganze Tischtuch unter Wasser gesetzt hatte. Bei meinem Erscheinen kam sie wieder zu sich. Überzeugt, daß sie meinetwegen nachgedacht habe, wünschte ich nichts sehnlicher, als zu wissen, was sie mit mir vorhatte. Doch ich wagte nicht zu fragen, aus Angst, sie zu beleidigen.

Meine Augen jedoch, die ich nicht so im Zaume halten konnte wie meine Zunge, fühlten sich während des Frühstücks sehr oft zu meiner Tante hingezogen. Ich konnte sie kaum ein paar Augenblicke hintereinander ansehen, ohne daß sie mich nicht ebenfalls anblickte und zwar in einer seltsamen nachdenklichen Art, als ob ich in unendlich weiter Ferne säße und nicht an der andern Seite des kleinen runden Tisches.

Als sie mit dem Frühstück fertig war, lehnte sie sich sehr gedankenvoll in ihren Stuhl zurück, zog die Brauen zusammen, verschränkte die Arme und betrachtete mich mit so unablässiger Aufmerksamkeit, daß ich vor Verlegenheit mir gar nicht mehr zu helfen wußte. Ich war mit meinem Frühstück noch nicht zu Ende und versuchte, durch Essen meine Verlegenheit zu verbergen. Aber mein Messer stolperte über die Gabel, die Gabel warf das Messer um, ich schnellte ein Stückchen Schinken in überraschende Höhe in die Luft empor, anstatt es zurechtzuschneiden, und der Tee kam mir so oft in die unrechte Kehle, daß ich es zuletzt ganz aufgab und errötend still saß und mich mustern ließ.

»Hallo!« sagte meine Tante nach einer langen Zeit.

Ich blickte auf und begegnete mit ehrerbietiger Miene ihren scharfen glänzenden Augen.

»Ich habe an ihn geschrieben,« sagte meine Tante.

»An –?«

[231] »An deinen Stiefvater,« sagte meine Tante. »Ich habe ihm einen Brief geschrieben, er möge hierherkommen, oder er bekäme es mit mir zu tun.«

»Weiß er, wo ich bin, Tante?« fragte ich sehr beunruhigt.

»Ich habe es es ihm geschrieben,« nickte meine Tante.

»Wird er – soll er – nimmt er mich wieder mit?« stotterte ich.

»Ich weiß nicht, was er tun wird,« sagte meine Tante. »Wir werden sehen.«

»Ach, ich darf gar nicht daran denken!« rief ich aus. »Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, wenn ich wieder zu Mr. Murdstone zurückkehren muß.«

»Ich auch nicht,« sagte meine Tante und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es auch nicht. Wir werden sehen.«

All mein Mut verließ mich bei diesen Worten, und ich wurde ganz niedergeschlagen und schweren Herzens. Ohne anscheinend darauf zu achten, band sich meine Tante eine große Schürze vor, die sie aus einem Schrank nahm, wusch die Teetassen eigenhändig aus, stellte sie dann auf das Teebrett, faltete das Tischtuch zusammen und klingelte Janet. Dann zog sie ein paar Handschuhe an, kehrte mit einem kleinen Besen die letzten Krumen weg, bis auch kein mikroskopisches Fleckchen mehr auf dem Tisch zu sehen war, staubte ab und ordnete das Zimmer auf das Sorgfältigste. Als alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt schien, legte sie Handschuhe und Schürze wieder ab, faltete sie zusammen, legte sie an ihren Platz im Schranke, stellte ihr Arbeitskörbchen auf den Tisch am offnen Fenster und setzte sich nieder, den grünen Schirm zwischen sich und das Licht gerückt.

»Du könntest hinaufgehen,« sagte sie, als sie dann ihre Nadel einfädelte, »mich Mr. Dick bestens empfehlen und ihn fragen, wie er mit seiner Denkschrift vorwärts kommt.«

Ich sprang auf, um den Auftrag auszuführen.

»Ich vermute,« sagte meine Tante und sah mich so scharf an wie vorhin die Nadel beim Einfädeln, »du denkst dir, Mr. Dick ist ein sehr kurzer Name.«

»Er kam mir gestern abends ein wenig kurz vor.« gestand ich.

[232] »Du brauchst nicht zu glauben, daß er keinen längern zur Verfügung hätte, wenn er wollte,« sagte mein Tante, mit einer großartigen Geste. »Babley – Mr. Richard Babley – ist dieses Gentlemans wirklicher Name.«

Ich wollte im Bewußtsein meiner Jugend, und um die Respektlosigkeit, deren ich mich schuldig gemacht zu haben glaubte, wieder gut zu machen, eben bescheiden bemerken, daß ich Mr. Dick von jetzt an seinen vollen Namen wolle zukommen lassen, als meine Tante fortfuhr:

»Aber nenne ihn bei Leibe nicht so! Er kann den Namen nicht ausstehen. Das ist eine seiner Eigenheiten. Es ist bei Licht betrachtet vielleicht nichts Sonderbares dabei! Verwandte, die denselben Namen tragen, haben ihn schlecht genug behandelt, so daß sein tödlicher Widerwille wohl gerechtfertigt erscheint. Also nimm dich in acht, Kind, daß du ihn nicht anders als Mr. Dick nennst.«

Ich versprach es und ging mit meiner Botschaft hinauf. Unterwegs dachte ich, Mr. Dick müßte wohl mit seiner Denkschrift gut vorwärts kommen, wenn er immer so eifrig an ihr arbeitete, wie ich es heute früh beim Vorbeigehen durch die offne Tür gesehen.

Bei meinem Eintritt schrieb er immer noch höchst eifrig, und sein Kopf lag fast auf dem Papier. Er war so in seine Arbeit vertieft, daß ich Zeit genug hatte, mir einen großen Papierdrachen in einer Ecke, eine Menge beschriebenes Papier in Bündeln und vor allem die in Dutzenden herumstehenden dicken Tintenkrüge anzusehen, ehe er meiner gewahr wurde.

»Ha! Phöbus!« sagte er dann, die Feder weglegend. »Wie gehts in der Welt?«

»Ich will dir was sagen,« setzte er leiser hinzu, »aber du mußt es für dich behalten,« – er winkte mir und legte seine Lippen dicht an mein Ohr – »es ist eine verrückte Welt, verrückt wie ein Irrenhaus, mein Sohn!« Dann nahm er eine Prise aus einer großen runden Tabaksdose, die auf dem Tische stand, und lachte herzlich.

Ohne mir eine Meinungsäußerung zu erlauben, richtete ich meinen Auftrag aus.

[233] »Gut,« antwortete Mr. Dick. »Bitte, ebenfalls meine Empfehlungen, und ich – ich hätte einen tüchtigen Ansatz gemacht!« Er fuhr mit der Hand durch sein graues Haar und warf einen keineswegs zuversichtlichen Blick auf sein Manuskript.

»Hast du die Schule besucht?«

»Ja, Sir,« erwiderte ich, »kurze Zeit.«

»Kannst du dich an das Datum erinnern,« fragte Mr. Dick, sah mich ernst an und nahm eine Feder, um meine Antwort aufzuschreiben, »wann König Karl I. enthauptet wurde?«

Ich sagte, ich glaubte, es sei das Jahr 1649 gewesen.

»Hm,« entgegnete Mr. Dick, indem er sich mit der Feder hinter dem Ohre kratzte und mich voll Zweifel ansah. »Das sagen die Bücher, aber ich sehe nicht ein, wie das stimmen kann. Wenn das solange her ist, warum haben da die Leute das Versehen begangen, ein paar Sorgen aus seinem Kopf, nachdem sie ihm ihn abgeschnitten, in meinen zu stecken?«

Ich war sehr verblüfft durch diese Frage, konnte aber keine Antwort finden.

»Es ist sehr sehr seltsam,« meinte Mr. Dick mit einem verzagten Blick auf seine Papiere und sich wieder mit der Hand durch die Haare fahrend, »daß ich nie damit ins reine kommen kann! – – – Aber schadet nichts, schadet nichts,« sagte er vergnügt und wieder Mut fassend. »Ich habe ja Zeit genug. Meine Empfehlungen an Miß Trotwood und ich käme recht gut vorwärts.«

Ich wollte hinausgehen, als er meine Aufmerksamkeit auf den Drachen lenkte.

»Was sagst du zu diesem Drachen?« fragte er.

Ich antwortete, er sei sehr schön. Man sollte meinen, er müßte sieben Fuß hoch sein.

»Ich habe ihn selbst gemacht, wir wollen ihn mal zusammen steigen lassen. Schau einmal her.«

Er zeigte mir, daß der Drache über und über beschrieben war und zwar so deutlich, – wenn auch in kleinster Schrift – daß ich beim Überfliegen der Zeilen [234] an ein paar Stellen Anspielungen auf König Karls des Ersten Kopf zu lesen glaubte.

»Die Schnur ist sehr lang,« sagte Mr. Dick, »und wenn er hoch fliegt, nimmt er die Tatsachen weit fort. Das ist so meine Art, sie zu verbreiten. Ich weiß nicht, wo sie niederfallen, – das hängt von den Umständen und vom Winde ab –, aber ich treffe meine Vorkehrungen darnach.«

Sein gesundes und frisches Gesicht war so sanft und freundlich und hatte etwas so Ehrwürdiges an sich, daß ich vermutete, er treibe einen fröhlichen Scherz mit mir. Daher lachte ich, und er lachte auch, und wir schieden als die besten Freunde.

»Nun, Kind,« fragte meine Tante, als ich die Treppen herunterkam, »was ists mit Mr. Dick heute morgen?«

Ich richtete ihr aus, daß er sich empfehlen lasse und recht gute Fortschritte mache.

»Was hältst du von ihm?« forschte meine Tante.

Ich wollte der Frage dadurch ausweichen, daß ich sagte, er sei ein sehr gewinnender Gentleman. Aber meine Tante ließ sich nicht so leicht abfertigen; sie legte ihre Arbeit in den Schoß, verschränkte die Arme und sagte:

»Schau! Deine Schwester Betsey Trotwood würde mir ohne Ausflüchte gesagt haben, was sie denkt. Sei doch deiner Schwester ähnlich und sprich ganz offen!«

»Ist er – ist Mr. Dick – ich frage, weil ich es nicht wissen kann, Tante, – ist er nicht recht bei Sinnen?« stotterte ich, denn ich fühlte, daß ich mich auf einem gefährlichen Gebiet bewegte.

»O durchaus nicht,« sagte meine Tante.

»O wirklich,« bemerkte ich schüchtern.

»Wenn es irgend jemand in der Welt nicht ist,« sagte meine Tante mit großer Entschiedenheit, »so ist es Mr. Dick.«

Ich wußte nichts besseres zu erwidern, als abermals ein schüchternes »O wirklich.«

»Man hat wohl behauptet, er sei verrückt,« sagte meine Tante. »Mir macht es ein besonderes Vergnügen, daß das geschehen ist, denn ich hätte sonst nicht die [235] Freude seiner Gesellschaft und seines Rates genossen seit den letzten zehn Jahren, oder so. Kurz seit deine Schwester Betsey Trotwood mich im Stiche gelassen hat.«

»Solange schon,« sagte ich.

»Und nette Leute waren es, die die Frechheit besessen haben, ihn für verrückt zu erklären,« fuhr meine Tante fort. »Mr. Dick ist eine Art entfernter Verwandter von mir; es ist gleichgültig, in welchem Grade. Wäre ich nicht dazwischen getreten, so hätte ihn sein eigner Bruder zeitlebens eingesperrt. So steht die Sache.«

Ich fürchte, es war heuchlerisch von mir, daß ich ein teilnehmendes Gesicht machte, aber ich tat es, weil meiner Tante die Sache offenbar sehr zu Herzen ging.

»Ein hochmütiger Narr dieser Bruder! Weil Mr. Dick ein bißchen eigentümlich ist, – noch lange nicht so eigentümlich wie viele andere Leute – mag er ihn nicht um sich sehen und schickt ihn in ein Privat-Irrenhaus, trotzdem er ihm von seinem Vater, der ihn auch für närrisch hielt, auf dem Totenbett ausdrücklich zur Pflege auf die Seele gebunden worden war. Muß auch ein weiser Mann gewesen sein, der Vater! Offenbar selber verrückt.«

Da meine Tante sehr überzeugt dreinschaute, bemühte ich mich, ein gleiches Gesicht zu machen.

»Darum mischte ich mich hinein,« fuhr meine Tante fort, »und machte ihm ein Anerbieten. Ich sagte, Ihr Bruder ist vernünftig, hoffentlich viel vernünftiger als Sie sind oder jemals sein werden. Geben Sie ihm sein kleines Einkommen, dann mag er zu mir ziehen. Ich schäme mich seiner nicht, ich bin nicht hochmütig und nehme ihn gern unter meine Obhut. Ich werde ihn auch nicht mißhandeln, wie es gewisse Leute getan haben. Nach einer langen Balgerei bekam ich ihn, und seitdem ist er hier. Er ist das freundlichste und gefügigste Wesen, das es gibt. Und was für ein Ratgeber! Aber niemand außer mir kennt seine Befähigung.«

»Er hatte eine Lieblingsschwester,« fuhr sie fort, »ein sanftes Geschöpf, die sehr gut zu ihm war. Aber sie tat, was sie eben alle tun –, sie nahm einen Mann. Und ihr Mann tat, was sie alle tun: Er machte sie unglücklich. [236] Das brachte auf Mr. Dick einen derartigen Eindruck hervor, daß er – die Furcht vor seinem Bruder und das Gefühl, immer unfreundlich behandelt zu werden kam noch dazu, – in ein heftiges Fieber verfiel. Das geschah, bevor er hierher zog. Aber die Erinnerung daran bedrückt ihn immer noch. – – – – Sagte er dir etwas über König Karl den Ersten, Kind?«

»Ja, Tante.«

»Ach,« sagte meine Tante und rieb sich ein wenig verlegen die Nase, »das ist nur so eine allegorische Art von ihm sich auszudrücken. Seine Krankheit erinnert ihn natürlich an große Aufregungen und Wirrsale, und darum wählt er dieses Bild oder Gleichnis. Warum sollte er auch nicht, wenn er es für gut findet!?«

»Gewiß, Tante.«

»Es ist keine allgemein übliche Ausdrucksweise,« fuhr meine Tante fort, »ich weiß das recht wohl, und deshalb bestehe ich auch darauf, daß kein Wort davon in seine Denkschrift kommen darf.«

»Handelt seine Denkschrift von seiner eignen Lebensgeschichte, Tante?«

»Ja, mein Kind!« Meine Tante rieb sich wieder die Nase. »Er verfaßt eine Bittschrift an den Lordkanzler oder den Lord Dingskirchen, jedenfalls an einen der Männer, die bezahlt werden, um Denkschriften entgegenzunehmen. Ich glaube, er wird nächstens damit fertig sein. Bis jetzt hat er immer wieder sein Gleichnis hineingebracht. Aber das schadet nichts. Er hat wenigstens eine Beschäftigung.«

Tatsächlich fand ich später heraus, daß Mr. Dick sich schon länger als zehn Jahre bemüht hatte, König Karl den Ersten aus der Denkschrift fernzuhalten, aber diese fixe Idee war beständig wieder hineingeraten und befand sich auch jetzt wieder darin.

»Ich sage nochmals, niemand außer mir kennt dieses Mannes Begabung, und er ist das umgänglichste und freundlichste Geschöpf von der Welt. Wenn er manchmal einen Drachen steigen läßt, was tut das? Franklin ließ auch Drachen steigen. Und der war Quäker oder so etwas Ähnliches, wenn ich nicht irre. [237] Und wenn ein Quäker einen Drachen steigen läßt, ist das noch viel lächerlicher, als wenn es ein anderer Mensch tut.«

Wenn ich hätte annehmen können, daß meine Tante mir diese Einzelheiten als einen Beweis ihres Vertrauens erzählte, würde ich mich sehr ausgezeichnet gefühlt und auf meine Zukunft sehr günstig geschlossen haben. Aber leider entging es mir nicht, daß sie nur so viel sprach, um sich selbst zu beruhigen.

Ihre Großmut gegenüber dem armen harmlosen Mr. Dick jedoch erfüllte mein junges Herz nicht nur mit Hoffnung, sondern zog es auch zu ihr hin. Ich begann zu begreifen, daß meine Tante bei allen ihren Wunderlichkeiten und Launen Eigenschaften besaß, die man sehr hoch anschlagen mußte. Sie war heute gerade so schroff wie gestern, machte wieder die Ausfälle auf die Esel und geriet in fürchterliche Entrüstung, als ein junger Bursche im Vorbeigehen Janet ansah, eines der ernstesten Vergehen, deren man sich in den Augen meiner Tante schuldig machen konnte, aber sie schien mir mehr Ehrfurcht und weniger Angst einzuflößen.

Meine Furcht in der Zwischenzeit, die bis zum Eintreffen einer Antwort von Mr. Murdstone verlaufen mußte, war außerordentlich, aber ich versuchte, mich zu beherrschen und mich auf stille Art meiner Tante und Mr. Dick so angenehm wie nur möglich zu machen. Er und ich hätten gern den großen Drachen steigen lassen, aber ich besaß keine andern Kleider, als diejenigen, in die man mich am ersten Tage meines Hierseins eingehüllt hatte, und die mich beständig an das Haus fesselten, außer eine Stunde nach Dunkelwerden, wo meine Tante mit mir aus Gesundheitsrücksichten auf der Klippe draußen spazieren ging.

Endlich traf die Antwort Mr. Murdstones ein, und meine Tante teilte mir zu meinem größten Schrecken mit, daß er morgen selbst kommen werde.

Am nächsten Tag saß ich, immer noch in meine sonderbare Bekleidung gehüllt, herum und zählte die Minuten, aufgeregt, in sinkender Hoffnung und immer mehr steigender Angst, und jede Sekunde gewärtig, von dem Anblick des finstern Gesichtes meines Stiefvaters erschreckt zu werden.

[238] Meine Tante sah noch gebieterischer und strenger drein als gewöhnlich, sonst aber konnte ich nicht bemerken, daß sie sich auf den Empfang des von mir so gefürchteten Besuchs irgendwie vorbereitete. Bis ziemlich spät am Nachmittag saß sie im Fenster und arbeitete und ich neben ihr, mir in Gedanken alle möglichen und unmöglichen Resultate von Mr. Murdstones Besuch ausmalend.

Unser Mittagessen war auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben worden; aber es wurde so spät, daß eben gedeckt werden sollte, als meine Tante den plötzlichen Alarmruf Esel! ausstieß, und ich zu meiner Bestürzung Miß Murdstone kaltblütig über den heiligen Rasenfleck reiten und vor dem Hause halten sah.

»Marsch fort!« schrie meine Tante und drohte mit der Faust am Fenster. »Sie haben da nichts zu suchen! Wie können Sie sich unterstehen, meinen Rasenfleck zu betreten! Marsch fort! Sie Ding da mit dem frechen Gesicht!«

Meine Tante war so erbost über die Kaltblütigkeit, mit der Miß Murdstone um sich schaute, daß sie nicht imstande war, ein Glied zu rühren und nach ihrer Gewohnheit hinauszustürzen. Ich benutzte die Gelegenheit, um ihr zu sagen, wer es sei, und daß der Herr, der jetzt nachkam, Mr. Murdstone selbst wäre.

»Kümmert mich wenig, wers ist,« rief meine Tante und schüttelte immer noch den Kopf und schnitt nichts weniger als freundliche Gesichter hinter dem Bogenfenster. »Es wird hier nicht herumgeritten. Ich erlaube es nicht. Marsch, fort! Janet dreh ihn herum! Führ ihn fort!«

Ich lugte hinter meiner Tante hervor und gewahrte eine wahre Schlachtszene. Der Esel, die vier Füße fest in den Boden gestemmt, widerstand hartnäckig jedermanns Bemühungen. Janet versuchte ihn mit dem Zaum aus der Richtung zu bringen, Mr. Murdstone ihn anzutreiben, Miß Murdstone schlug mit dem Sonnenschirm auf Janet los, und mehrere Jungen, die als Zuschauer herbeigeeilt waren, jauchzten vor Lust. Als meine Tante unter ihnen plötzlich den jungen Verbrecher erspähte, unter dessen Obhut der Esel stand, und der [239] einer ihrer hartnäckigsten Feinde war, stürzte sie hinaus, fiel über ihn her, fing ihn ein und schleppte ihn in den Garten, daß er, die Jacke über den Kopf gezogen, mit seinen Absätzen Furchen in den Erdboden pflügte. Dort hielt sie ihn fest und befahl Janet, die Polizei und die Richter zu holen, damit er auf der Stelle verhört und abgeurteilt werde. Ihre Freude dauerte jedoch nicht lange. Der junge Bösewicht, in allerlei Listen und Ränken erfahren, von denen meine Tante keine Ahnung hatte, riß sich geschickt los und suchte johlend das Weite, in den Blumenbeeten tiefe Spuren seiner benagelten Schuhe zurücklassend und den Esel im Triumph mit sich nehmend.

Miß Murdstone war gegen Ende des Kampfes abgestiegen und wartete jetzt mit ihrem Bruder vor der Haustür, bis es meiner Tante gefällig wäre, sie zu empfangen. Meine Tante, durch die Schlacht ein wenig aufgeregt, ging mit großer Würde an ihnen vorbei ins Haus und nahm von beiden keine Notiz, bis sie von Janet angemeldet wurden.

»Soll ich hinausgehen, Tante?« fragte ich zitternd.

»Nein, mein Kind, gewiß nicht.« Und damit schob sie mich in eine Ecke neben sich und stellte einen Stuhl vor, daß es aussah wie eine Gerichtsschranke. In dieser Ecke blieb ich während der ganzen Unterredung, und von hier aus sah ich jetzt Mr. und Miß Murdstone in das Zimmer treten.

»O,« nahm meine Tante das Wort. »Ich wußte anfangs nicht, gegen wen ich das Vergnügen hatte, einzuschreiten. Aber ich erlaube niemand, über diesen Rasenfleck zu reiten. Ich mache keine Ausnahme. Ich gestatte es niemand.«

»Ihre Maßnahme ist etwas beschwerlich für Fremde,« entgegnete Miß Murdstone.

»Wirklich?« bemerkte meine Tante.

Mr. Murdstone schien eine Erneuerung der Feindseligkeiten zu befürchten und sagte vermittelnd:

»Miß Trotwood.«

»Ich bitte um Verzeihung,« bemerkte meine Tante mit einem schneidenden Blick. »Sie sind der Mr. Murdstone, der die Witwe meines seligen Neffen,[240] David Copperfield, von Blunderstone-Krähenhorst geheiratet hat? Warum eigentlich Krähenhorst, weiß ich nicht.«

»Der bin ich,« sagte Mr. Murdstone.

»Sie werden mir die Bemerkung nicht übel nehmen, Sir,« fuhr meine Tante fort, »aber ich glaube, es hätte sich besser und glücklicher gefügt, wenn Sie das arme Kind in Ruhe gelassen hätten.«

»Ich stimme insofern mit Miß Trotwood überein,« fiel Miß Murdstone gereizt ein, »daß unsere viel beklagte Klara in allen wesentlichen Punkten wirklich das reinste Kind war.«

»Es ist ein Trost für uns beide, Maam,« sagte meine Tante, »die wir in die Jahre kommen und schwerlich unserer persönlichen Reize wegen unglücklich gemacht werden können, daß niemand dasselbe von uns sagen kann.«

»Allerdings,« erwiderte Miß Murdstone, wie mir schien, nicht sehr freudig beistimmend. »Sie haben ganz recht, es wäre besser und glücklicher für meinen Bruder ausgefallen, wenn er diese Ehe nie geschlossen hätte. Ich war immer dieser Meinung.«

»Sie gewiß, das glaube ich,« sagte meine Tante. Dann klingelte sie. »Janet, richte meine Empfehlungen an Mr. Dick aus, ich lasse ihn bitten, herunterzukommen.«

Bis er kam, saß meine Tante kerzengerade da und sah mit gerunzelter Stirn die Wand an. Als er eintrat, stellte sie ihn vor.

»Mr. Dick. Ein alter und vertrauter Freund, auf dessen Urteil,« sie sah Mr. Dick, der an seinem Zeigefinger kaute und ziemlich blöde dreinschaute, mit einem ermahnenden Blick an, »ich mich verlasse.«

Mr. Dick nahm auf diesen Wink den Finger aus dem Mund und stand mit ernstem und aufmerksamem Gesicht unter der Gruppe. Meine Tante verneigte sich gegen Mr. Murdstone, der daraufhin fortfuhr:

»Miß Trotwood, beim Empfang Ihres Briefes hielt ich es, teils um meinen Standpunkt besser vertreten zu können, teils aus Rücksicht für Sie, für besser –«

[241] »Danke,« warf meine Tante hin, Mr. Murdstone unablässig fixierend, »ich beanspruche keine.«

»– trotz der Unannehmlichkeit einer Reise lieber persönlich als brieflich zu antworten. Dieser unglückselige Junge, der von seinen Freunden und seiner Beschäftigung fortgelaufen ist, –«

»– und dessen äußere Erscheinung,« unterbrach Miß Murdstone, auf meinen unbeschreiblichen Anzug hindeutend, »eine Schmach und ein wahrer Skandal ist –«

»Jane Murdstone, sei so gut und unterbrich mich nicht! Dieser unglückselige Junge also, Miß Trotwood, hat uns viel häusliches Ungemach und Leidwesen verursacht. Während der Lebzeiten meines verstorbenen geliebten Weibes und nachher. Er hat einen mürrischen, trotzigen Charakter, ein gewalttätiges Temperament und ein verstocktes störrisches Wesen. Meine Schwester wie ich haben uns bemüht, seine Laster ihm abzugewöhnen, aber vergeblich. Darum hielt ich es für das beste, oder vielmehr, wir beide hielten es für das beste, – meine Schwester besitzt mein vollständiges Vertrauen – Sie dieses ernste und unparteiische Urteil aus unserem eigenen Munde hören zu lassen.«

»Ich habe wohl nicht nötig, was aus meines Bruders Mund kommt, noch zu bestätigen,« sagte Miß Murdstone. »Aber ich bitte zu bemerken, daß ich meinerseits ihn von allen Jungen auf der Welt für den allerschlechtesten halte.«

»Stark!« sagte meine Tante kurz.

»Durchaus nicht zu stark den Tatsachen gegenüber,« erwiderte Miß Murdstone.

»Ach was!« sagte meine Tante. »Weiter, Sir!«

»Ich habe meine eignen Ansichten über die beste Art, ihn zu erziehen,« fuhr Mr. Murdstone fort, dessen Gesicht immer finsterer wurde, je mehr meine Tante und er sich gegenseitig fixierten, was mit großer Gewissenhaftigkeit geschah; – »sie gründen sich zum Teil auf meine Kenntnis seines Wesens, teils richten sie sich nach Maßgabe meiner eignen Mittel und Hilfsquellen. Ich bin mir darüber selbst verantwortlich, handle danach und sage deshalb nichts weiter darüber. Es genügt, [242] daß ich diesen Knaben unter die Obhut eines meiner Freunde in ein achtbares Geschäft brachte. Ihm hingegen gefällt das nicht. Er läuft fort, treibt sich als Vagabund herum, bis er endlich in Lumpen zu Ihnen kommt, Miß Trotwood, um sich an Sie zu wenden. Ich möchte Sie ganz offen auf die Folgen, soweit ich diese überblicken kann, aufmerksam machen, die auf Sie fallen, falls Sie seinen Bitten Gehör schenken.«

»Reden wir erst einmal von dem gewissen achtbaren Geschäft,« sagte meine Tante. »Sie hätten wohl Ihren eignen Sohn auch dorthin gebracht?!«

»Meines Bruders eigner Sohn würde einen andern Charakter gehabt haben,« fiel Miß Murdstone ein.

»Wenn seine Mutter, das arme Kind, noch am Leben wäre, hätten Sie ihn dann auch in dieses achtbare Geschäft gegeben?« fragte meine Tante.

»Ich glaube,« sagte Mr. Murdstone und neigte den Kopf ein wenig, »daß Klara keine Maßnahme bestritten hätte, die ich und meine Schwester Jane Murdstone für die beste würden gehalten haben.«

Miß Murdstone bestätigte es mit einem vernehmbaren Murmeln.

»Hm,« sagte meine Tante, »unglückseliges Geschöpf!«

Mr. Dick, der die ganze Zeit über mit seinem Gelde geklimpert hatte, klimperte jetzt so laut damit, daß meine Tante ihm einen ermahnenden Blick zuwerfen mußte, bevor sie fortfuhr:

»Des armen Kindes Leibrente hörte mit ihrem Tode auf?«

»Hörte mit ihrem Tode auf,« bestätigte Mr. Murdstone.

»Und es fand sich keine testamentarische Bestimmung vor, in der der kleine Besitz, das Haus und der Garten – der Krähenhorst ohne Krähen – dem Knaben zufallen sollte?«

»Ihr erster Gatte hatte ihr das Grundstück ohne alle Einschränkung hinterlassen,« wollte Mr. Murdstone seine Rede beginnen, als meine Tante ihn mit größter Heftigkeit und Ungeduld unterbrach.

[243] »Herrgott, Mensch, das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen. Ohne Einschränkungen hinterlassen! Ich kann mir David Copperfield vorstellen, wie er an Einschränkungen irgendeiner Art denkt, trotzdem sie ihm vor der Nase liegen. Natürlich war das Grundstück ohne Einschränkungen vererbt worden. Aber als sie sich wieder verheiratete, – den höchst unglücklichen Schritt tat, sich mit Ihnen zu verheiraten,« sagte meine Tante, »kurz und gut, hat damals niemand ein Wort für den Knaben eingelegt?«

»Meine selige Gattin liebte ihren zweiten Mann, Maam,« sagte Mr. Murdstone, »und verließ sich unbedingt auf ihn.«

»Ihre selige Gattin, Sir, war ein höchst unpraktisches, höchst gutmütiges, höchst unglückliches Kind,« entgegnete meine Tante und schüttelte drohend den Kopf. »Das war sie. Und was haben Sie noch weiter vorzubringen?«

»Nur noch eines, Miß Trotwood. Ich bin hier, um David mit mir zu nehmen. Ihn ohne Bedingung mit mir zu nehmen und über ihn zu verfügen, wie ich es für gut finde. Ich bin nicht hier, um irgend jemand ein Versprechen zu geben oder irgendwelche Verpflichtung zu übernehmen. Sie haben möglicherweise die Absicht, Miß Trotwood, ihm wegen seines Fortlaufens oder in irgend welchen Beschwerden gegen mich die Stange zu halten. Ihr Benehmen, das, ich muß es gestehen, mir nicht versöhnlich erscheint, veranlaßt mich, das zu glauben. Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen, daß, wenn Sie ihm einmal die Stange halten, Sie es damit für immer tun. Wenn Sie sich zwischen ihn und mich stellen, Miß Trotwood, so müssen Sie das für alle Zeiten tun. Ich kann nicht paktieren und habe keine Lust dazu. Ich bin einmal hergekommen, um ihn mitzunehmen, und tue es ein zweites Mal nicht mehr. Ist er bereit, mitzugehen? Wenn ers nicht ist, und nach Ihren Angaben ist ers nicht, aus welchem Grunde ist mir gleichgültig, so bleibt ihm meine Tür für alle Zeit verschlossen. Ihre, nehme ich an, wahrscheinlich geöffnet.«

Dieser Rede hatte meine Tante mit gespanntester[244] Aufmerksamkeit zugehört. Sie saß kerzengerade da, die Hände über ein Knie gefaltet, und sah den Sprecher grimmig an. Als er fertig war, wandte sie ihre Augen mit einem befehlenden Blick auf Miß Murdstone, ohne ihre Stellung zu verändern.

»Nun, Maam? Haben Sie noch etwas zu bemerken?«

»Alles, Miß Trotwood, was ich sagen könnte, hat mein Bruder bereits so gut gesagt, und alles, was ich weiß, so klar dargelegt, daß ich weiter nichts hinzuzufügen habe, als – – meinen Dank für Ihre Höflichkeit. Für Ihre so außerordentliche Höflichkeit,« sagte Miß Murdstone mit einem Hohn, der meine Tante reizen sollte, sie jedoch so ruhig ließ, wie mich damals die Kanone, neben der ich in Chatham geschlafen hatte.

»Und was sagt der Junge dazu?« wandte sich meine Tante an mich. »Willst du mitgehen, David?«

Ich antwortete: »Nein!« und bat flehentlich, mich nicht fortzuschicken. Ich sagte, daß weder Mr. noch Miß Murdstone mich je geliebt hätten oder freundlich zu mir gewesen wären. Daß sie meine Mutter, die mich immer von Herzen lieb gehabt, meinetwegen unglücklich gemacht hätten, wie ich ganz gut wüßte und Peggotty auch. Ich sagte, daß es mir elender ergangen, als man sich angesichts meiner Jugend vorstellen könnte. Und ich bat und flehte meine Tante an, mich um meines Vaters willen zu beschützen und sich meiner anzunehmen.

»Mr. Dick?« fragte meine Tante, »was soll ich mit diesem Kind anfangen.«

Mr. Dick überlegte, schwankte und sagte dann strahlend:

»Lassen Sie ihm sogleich einen Anzug anmessen.«

»Mr. Dick,« sagte meine Tante triumphierend, »geben Sie mir die Hand. Ihr gesunder Menschenverstand ist unschätzbar.« Nachdem sie ihm herzlich die Hand gedrückt, zog sie mich zu sich und sprach zu Mr. Murdstone:

»Sie können jetzt gehen, wenn Sie Lust haben, ich will es mit dem Knaben versuchen. Wenn er wirklich[245] derart ist, wie Sie ihn schildern, kann ich immer noch soviel für ihn tun, wie Sie getan haben. Übrigens glaube ich Ihnen natürlich kein Wort.«

»Miß Trotwood,« entgegnete Mr. Murdstone, stand auf und zuckte die Achseln, »wenn Sie ein Mann wären –«

»Bah! Dummes albernes Geschwätz!« sagte meine Tante. »Kommen Sie mir nicht mit so was.«

»Unendlich höflich!« rief Miß Murdstone aus und stand ebenfalls auf. »Überwältigend. In der Tat!«

»Glauben Sie vielleicht,« sagte meine Tante zu Mr. Murdstone, ohne seine Schwester zu berücksichtigen, »ich weiß nicht, was für ein Leben das arme unglückliche verblendete Kind mit Ihnen geführt hat! Glauben Sie vielleicht, ich weiß nicht, was für ein Unglückstag es für das sanfte kleine Wesen war, als Sie ihr das erstemal begegneten und sie anfeixten und unschuldige Augen machten, als ob Sie zu einer Gans nicht papp sagen könnten!«

»Ich habe noch nie eine so feine Sprache gehört, wahrhaftig,« rief Miß Murdstone.

»Glauben Sie, ich durchschaue Sie nicht?« fuhr meine Tante fort. »Ich sehe und höre Sie, als ob ich dabei gewesen wäre. Ich spreche mit Ihnen ganz frei von der Leber weg, wenn es mir auch kein Vergnügen ist. Gott steh uns bei, wer war so glatt und seidenweich, wie Mr. Murdstone zuerst! So einen Mann hat die arme, weichherzige Unschuld noch niemals gesehen. Er bestand nur aus Süßigkeit und betete sie an. Er schwärmte für ihren Knaben, ach, wie zärtlich! Er wollte ihm ein zweiter Vater sein, und sie würden alle zusammen in einem Rosengarten leben! Nicht wahr? Pfui Teufel, gehen Sie mir.«

»So eine Person habe ich noch in meinem ganzen Leben nicht gesehen!« rief Miß Murdstone.

»Und als Sie das arme kleine Närrchen ganz sicher gemacht hatten,« fuhr meine Tante wieder fort, »Gott verzeih mir, daß ich sie so nennen muß, nachdem sie dahingegangen ist, wohin Sie gewiß nicht besonders schnell kommen werden – mußten Sie sie, weil Sie ihr und den ihrigen noch nicht genug Unheil zugefügt[246] hatten, noch ganz brechen, sie abrichten wie einen armen eingesperrten Vogel und sie ihr armes enttäuschtes Leben hinsiechen lassen, damit sie noch zu allem Ihr Lob singen lerne.«

»Sie ist entweder verrückt oder betrunken,« schrie Miß Murdstone in wahrer Verzweiflung, daß sie dem Strom der Beredsamkeit meiner Tante nicht auf sich ablenken oder ihn hemmen konnte, »sie muß betrunken sein.«

Ohne die Unterbrechung im mindesten zu beachten, fuhr Miß Betsey fort, bloß zu Mr. Murdstone zu sprechen.

»Mr. Murdstone,« sie deutete mit dem Finger auf ihn, »Sie waren ein Tyrann gegen das unschuldige Kind und – haben ihr das Herz gebrochen. Sie hatte ein liebebedürftiges Herz, das weiß ich und wußte es viele Jahre, bevor Sie sie noch gesehen hatten. Und wegen des besten Teils ihrer Schwächen gaben Sie ihr die Wunden, an denen sie starb. Das ist die Wahrheit zu Ihrer Erbauung. Mag es Ihnen gefallen oder nicht. Und Sie und Ihr Werkzeug können sich getroffen fühlen.«

»Erlauben Sie mir die Frage,« unterbrach Miß Murdstone, »wen Sie in einer Sprache, an die ich nicht gewöhnt bin, mit dem Werkzeug meinen?«

Stocktaub ihr gegenüber und vollständig unbeirrbar setzte Miß Betsey ihre Rede fort. »Es war mir lange klar, schon Jahre, bevor Sie sie sahen, daß das arme, weichherzige, kleine Geschöpf zu irgendeiner Zeit jemand heiraten würde. Warum gerade ihre Wahl so schlecht ausfiel, warum sie Ihnen nach dem unerforschlichen Willen der Vorsehung begegnen mußte, das zu begreifen ist dem Menschen unmöglich. Ich wußte es um die Zeit, wo sie diesen Knaben gebar, das arme Kind. Dieser arme Junge mußte Ihnen später dazu dienen, die unglückliche Mutter zu quälen. Darin liegt eben für Sie die peinliche Erinnerung und das macht Ihnen den Anblick des Knaben verhaßt. – – – Ja, ja, zucken Sie nur, ich weiß auch ohnedies, daß es wahr ist.«

Mr. Murdstone hatte die ganze Zeit über in der Tür gestanden und mit verzerrtem Gesicht gelächelt. Jetzt sah ich, wie das Lächeln und zugleich die Farbe einen Augenblick auf seinem Gesicht wichen und er nach Atem rang.

[247] »Guten Tag, Sir, und recht glückliche Reise! Auch Ihnen empfehle ich mich, Maam,« – wandte sich meine Tante plötzlich an Miß Murdstone – »und wenn ich Sie noch einmal auf einem Esel über meinen Rasenfleck reiten sehe, haue ich Ihnen den Hut vom Kopf und zertrete ihn, so wahr Sie dastehen.«

Nur ein sehr geschickter Maler hätte das Gesicht meiner Tante bei diesem unerwarteten Ausfall und das Miß Murdstones malen können. Der Ton meiner Tante und ihr Benehmen waren so heftig, daß Miß Murdstone, ohne ein Wort zu sagen, den Arm ihres Bruders nahm und mit hochmütiger Miene das Haus verließ. Meine Tante blieb beim Fenster stehen und schaute ihnen nach, ohne Zweifel bereit, ihre Drohung sofort auszuführen, falls der Esel sich wieder zeigen sollte.

Da jedoch jede Herausforderung unterblieb, verschwand allmählich der strenge Ausdruck ihres Gesichtes und wurde so freundlich, daß ich mir ein Herz faßte, sie küßte und mich bei ihr bedankte. Ich tat es mit größter Herzlichkeit und schlang beide Arme um ihren Hals. Dann schüttelten Mr. Dick und ich uns die Hand und er hörte gar nicht wieder auf und begrüßte die glückliche Beendigung der Angelegenheit mit fröhlichem Gelächter.

»Sie haben sich jetzt mit mir zusammen als Vormund dieses Kindes zu betrachten, Mr. Dick,« sagte meine Tante.

»Es soll mich freuen,« sagte Mr. Dick, »der Vormund von Davids Sohn zu sein.«

»Also, das wäre abgemacht. Wissen Sie, Mr. Dick, daß ich auf den Gedanken gekommen bin, ihn Trotwood zu nennen?«

»Sehr gut, sehr gut. Nennen Sie ihn Trotwood,« stimmte Mr. Dick bei, »Davids Sohn Trotwood.«

»Trotwood-Copperfield, glauben Sie?«

»Ja. Allerdings. Ja, Trotwood-Copperfield,« gab Mr. Dick etwas beschämt zu.

Meine Tante griff diesen Gedanken mit solcher Lebhaftigkeit auf, daß einige noch an diesem Nachmittag für mich fertig gekaufte Kleidungsstücke von ihr mit eigner Hand und mit unverlöschlicher Tinte sofort Trotwood-Copperfield [248] gezeichnet wurden, und man den Beschluß faßte, die andern Kleider, die für mich gemacht werden sollten, – an diesem Nachmittag wurde eine ganze Aussteuer für mich bestellt – in gleicher Weise zu zeichnen.

So begann ich ein neues Leben mit einem neuen Namen, und alles war neu rings um mich her. Jetzt, wo jeder Zweifel vorbei, kam ich mir Tage hindurch wie ein Träumender vor. Ich konnte gar nicht mehr ordentlich klar denken. Nur zweierlei stand mir als Gewißheit vor der Seele –, daß das alte Leben in Blunderstone weit in die Ferne gerückt erschien, und daß für immer ein Vorhang über meine Stellung bei Murdstone & Grinby gefallen war.

Niemand hat seitdem diesen Vorhang wieder gehoben. Ich selbst tat es in dieser Erzählung nur mit widerstrebender Hand, um ihn gern wieder fallen zu lassen.

Die Erinnerung an dieses Leben ist für mich mit solchem Schmerz verknüpft, mit so viel Seelenleid und Hoffnungslosigkeit, daß ich nie den Mut gehabt habe, genau nachzurechnen, wie lange diese Zeit gedauert hat. Ob ein Jahr, ob länger oder kürzer, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß es einst gewesen ist und aufgehört hat, zu sein. Das habe ich geschrieben und lasse es stehen.

Fünfzehntes Kapitel

Ich fange wieder von vorn an.


Mr. Dick und ich wurden bald die besten Freunde und gingen, wenn sein Tagewerk vollendet war, zusammen hinaus und ließen den großen Drachen steigen. Tag für Tag beschäftigte Mr. Dick sich mit seiner Denkschrift, die trotzdem nicht den geringsten Fortschritt machte. Immer geriet König Karl I. hinein, manchmal später, manchmal früher. Dann wurde die Arbeit beiseite geworfen [249] und eine neue angefangen. Die Geduld und Hoffnung, mit der der alte Herr das wiederholte Mißlingen ertrug, leise ahnen, daß in seinem Kopf etwas nicht ganz richtig sein müsse, die schwachen Versuche, König Karl I. auszuschalten, und die Sicherheit, mit der er sich immer wieder einstellte und die Denkschrift verdarb, machten einen tiefen Eindruck auf mich.

Wozu die Denkschrift überhaupt dienen, und an wen sie abgeschickt werden sollte, wußte Mr. Dick wohl ebensowenig wie sonst irgend jemand. Es hatte für ihn auch gar keinen Zweck, sich mit solchen Fragen zu quälen, denn wenn irgend etwas sicher war unter der Sonne, so war es das, daß diese Denkschrift nie fertig werden würde.

Es war ein rührender Anblick, ihn zu sehen, wenn der Drachen hoch in der Luft schwebte. Was er mir in seinem Zimmer erzählt hatte, über seinen Glauben an die Verbreitung der darauf geklebten Tatsachen, die nichts als alte Blätter mißgeborner Denkschriften waren, mochte wohl manchmal zu Hause in seiner Einbildung spuken, niemals aber draußen, wenn er zu dem Drachen in den Wolken aufsah und ihn an seiner Hand ziehen und reißen fühlte. Zu keiner andern Zeit sah er so heiterselig aus. Ich bildete mir immer ein, wenn ich abends auf dem grünen Rasen neben ihm saß und ihn den Drachen oben in der stillen Luft beobachten sah, daß dieser seinen Geist aus aller Verwirrung emporzöge, – ihn in den Himmel hinauftrüge, wie ich mir in meiner kindlichen Vorstellung dachte. Wenn dann die Schnur aufgewunden wurde und der Drachen tiefer und tiefer aus dem schönen Licht herabsank, dann am Boden hinflatterte und zuletzt wie ein toter Gegenstand dalag, da pflegte Mr. Dick allmählich wie aus einem Traum zu erwachen, wenn er ihn aufhob, und sich so verwirrt umzublicken, als ob er mit ihm zusammen herabgefallen wäre, daß ich ihn von ganzem Herzen bedauern mußte.

Während ich täglich mit Mr. Dick befreundeter und vertrauter wurde, machte ich auch in der Gunst meiner Tante keine Rückschritte. Sie gewann mich so lieb, daß sie nach Verlauf von wenigen Wochen meinen Adoptivnamen Trotwood in Trot abkürzte und mich sogar hoffen [250] ließ, daß ich, wenn ich so fortfahre, in ihrem Herzen bald auf gleicher Stelle mit meiner Schwester Betsey Trotwood stehen würde.

»Trot,« sagte sie eines Abends, als Janet wie gewöhnlich das Pochbrett für sie und Mr. Dick hinsetzte. »Wir dürfen deine Erziehung nicht vergessen.«

Das war noch die einzige Sorge, die mir auf dem Herzen lag, und ich war sehr erfreut, daß sie darauf zu sprechen kam.

»Möchtest du in die Schule von Canterbury gehen?« fragte sie.

Ich antwortete, daß ich es sehr gerne möchte, da ich dann in ihrer Nähe bliebe.

»Gut. Willst du morgen gehen?«

Ich wußte, wie schnell entschlossen meine Tante sein konnte, und darum war ich nicht weiter überrascht und sagte ja.

»Gut. Janet! Bestelle für morgen um zehn Uhr das graue Pony und den Wagen und packe sofort Master Trotwoods Sachen ein!«

Ich war sehr erfreut über diese Anordnungen, fühlte jedoch einen Stich im Herzen wegen meiner Selbstsucht, als ich den Eindruck auf Mr. Dick bemerkte. Er war so niedergeschlagen und spielte infolgedessen so schlecht, daß meine Tante, nachdem sie ihm verschiedne ermahnende Klapse mit dem Würfelbecher auf die Finger gegeben, das Brett zumachte und nicht weiter spielen zu wollen erklärte. Er lebte erst wieder auf, als er von meiner Tante vernahm, daß ich Samstags zuweilen herüberkommen und er mich manchmal Mittwochs besuchen dürfte –, und gelobte, zur Feier dieser Tage einen neuen Drachen, weit größer als den jetzigen, anzufertigen.

Am andern Morgen war er sehr niedergeschlagen und wollte sich damit trösten, daß er mir all sein Gold und Silber schenkte, aber meine Tante hielt ihn ab und schränkte das Geschenk auf fünf Schillinge ein, die später auf seine ernstesten Vorstellungen auf zehn vermehrt wurden.

Wir schieden am Gartentor von einander in der herzlichsten Weise, und Mr. Dick kehrte erst in das Haus zurück, als wir seinen Blicken entschwunden waren.

[251] Meine Tante, der öffentlichen Meinung gegenüber vollständig gleichgültig, kutschierte das graue Pony in meisterhafter Weise durch Dover; sie saß kerzengrade und steif da wie ein Herrschaftskutscher, ließ das Pferd nicht einen Augenblick aus den Augen und schien ihren Ehrgeiz darin zu suchen, ihm nie freien Willen zu lassen.

Als wir auf die Landstraße kamen, ließ sie die Zügel ein wenig lockerer und sah auf mich herab, der ich in einem Tal von Kissen versunken neben ihr saß, und fragte mich, ob ich mich glücklich fühle.

»Sehr glücklich, ich danke dir so sehr, Tante,« gab ich zur Antwort.

Das freute sie ungemein, und da sie beide Hände voll hatte, klopfte sie mir mit der Peitsche auf den Kopf.

»Ist es eine große Schule, Tante?« fragte ich.

»Ich weiß es noch nicht,« sagte meine Tante, »wir gehen zuerst zu Mr. Wickfield.«

»Hat er eine Schule?« fragte ich.

»Nein, Trot. Er hat eine Kanzlei.«

Ich fragte nicht weiter nach Mr. Wickfield, da sie nichts weiter erwähnte, und wir sprachen über andere Sachen, bis wir nach Canterbury kamen. Es war gerade Markttag, und so bot sich meiner Tante viel Gelegenheit, das graue Pony zwischen Körben, Karren, Gemüsen und Höcklerwaren sicher hindurchzulenken. Die knappen Wendungen, die wir machten, zogen uns eine Menge nicht immer schmeichelhafter Bemerkungen zu, aber meine Tante fuhr höchst unbekümmert herum, und ich glaube, sie wäre ebenso gleichgültig durch ein feindliches Lager kutschiert.

Endlich hielten wir vor einem sehr alten Hause, das in die Straße vorsprang und lange, schmale, vergitterte Fenster hatte und Balken mit geschnitzten Köpfen, die ebenfalls vorragten, so daß es aussah, als beugte sich das ganze Gebäude vor, um zu sehen, was unten auf dem schmalen Pflaster vorgehe.

Es war sehr rein und vollkommen fleckenlos. Der altmodische messingne Klopfer an der niedrigen mit ausgeschnitzten Blumen- und Fruchtguirlanden verzierten Bogentür funkelte wie ein Stern. Die zwei steinernen Stufen beim Eingang waren so weiß, wie mit Leinwand [252] bedeckt, und alle Winkel und Ecken, die Schnitzereien und Verzierungen und die kleinen sonderbaren Glasscheiben und die noch wunderlicheren alten Fenster sahen trotz ihres hohen Alters so rein wie frischgefallner Schnee aus.

Als der Ponywagen vor der Türe hielt und ich das Haus musterte, sah ich hinter einem kleinen Fenster im Erdgeschoß in einem kleinen runden Turm, der die eine Seite des Hauses bildete, ein leichenhaftes Gesicht erscheinen und rasch wieder verschwinden. Dann öffnete sich die niedrige Bogentür und das Gesicht kam heraus. Es sah genau so leichenhaft aus, wie hinter dem Fenster, und hatte den leisen rötlichen Schein, der dem Teint rothaariger Leute eigen ist. Es gehörte einem rotköpfigen Menschen, einem Jüngling von ungefähr fünfzehn Jahren, der aber viel älter aussah. Das Haar war kurz geschoren, die Augenbrauen fehlten ganz, und die wimperlosen Lider ließen die rötlichbraunen Augäpfel so unbeschützt und unbeschattet, daß ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie der junge Mann einzuschlafen imstande wäre. Er war hochschultrig und hager, ganz in Schwarz gekleidet, bis oben zugeknöpft, trug eine schmale, weiße Halsbinde und hatte lange, schmale, hagere Hände, die mir besonders auffielen, als er bei dem Pony stand und, sich das Kinn reibend, zu uns auf den Wagen hinaufsah.

»Ist Mr. Wickfield zu Hause, Uriah Heep?« fragte meine Tante.

»Mr. Wickfield ist zu Hause, Maam,« antwortete Uriah Heep. »Wollen Sie gefälligst hier eintreten,« und er wies mit seiner Skeletthand ins Haus.

Wir stiegen aus und traten in ein langes, niedriges Zimmer, von dem aus ich die Straße sehen konnte und Uriah Heep erblickte, wie er dem Pony in die Nüstern blies und sie dann mit der Hand zudeckte, als ob er einen Zauber über das Tier verhängen wollte.

Dem hohen alten Kamin gegenüber hingen zwei Porträts. Das eine stellte einen Herrn dar mit grauem Haar und schwarzen Augenbrauen, über eng mit rotem Band zusammengebundene Papiere gebeugt, das andere eine Dame mit einem sehr stillen, lieblichen Gesicht. Ich sah mich unwillkürlich um, ob nicht auch ein Bild von Uriah Heep dahinge, als sich eine Tür am andern Ende [253] des Zimmers öffnete und ein Herr erschien, bei dessen Eintritt ich unwillkürlich nach dem ersten Porträt blickte, um mich zu versichern, ob es nicht aus dem Rahmen herausgetreten sei. Aber es hing noch dort, und als der Herr näher kam, sah ich, daß er einige Jahre älter schien, als zu der Zeit, wo er gemalt worden war.

»Miß Betsey Trotwood,« sagte der Gentleman, »bitte, treten Sie ein. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich war für den Augenblick beschäftigt. Sie kennen mein Lebensziel. Ich habe nur eines, Sie wissen.«

Miß Betsey dankte ihm, und wir traten in sein Zimmer, das als Kanzlei eingerichtet, mit Büchern, Papieren, Zinnbüchsen usw. ausgestattet war. Die Fenster gingen auf den Garten hinaus, und ein eiserner Geldkasten stak eingemauert in der Wand, so knapp über dem Kaminsims, daß ich verwundert darüber nachdenken mußte, wie die Schornsteinfeger wohl darum herumkämen, wenn sie den Rauchfang kehrten.

»Nun, Miß Trotwood?« sagte Mr. Wickfield, der Rechtsanwalt war und die Güter eines reichen Grundbesitzers in der Grafschaft verwaltete, »was führt Sie zu mir? Nichts Unangenehmes hoffentlich?«

»Nein,« antwortete meine Tante, »ich komme nicht in Prozeßsachen.«

»Das ist recht, Maam,« sagte Mr. Wickfield. »Es ist besser, wenn es etwas anderes ist.«

Seine Haare waren bereits ganz weiß, seine Augenbrauen jedoch immer noch schwarz. Er hatte ein sehr angenehmes Gesicht und erschien mir schön. Es lag eine gewisse Üppigkeit in seinem Aussehen, die ich nach Peggottys Belehrung in früheren Jahren mit Portwein in Verbindung brachte. Auch aus dem Klang seiner Stimme und seiner beginnenden Korpulenz schloß ich auf dieselbe Ursache. Außerordentlich sorgfältig gekleidet, trug er einen blauen Frack, eine gestreifte Weste und Nankinghosen. Sein fein gefälteltes Hemd und Batisthalstuch sahen so ungewöhnlich weich und weiß aus, daß ich an das Gefieder einer Schwanenbrust denken mußte.

»Das ist mein Neffe,« stellte mich meine Tante vor.

»Wußte nicht, daß Sie einen hatten, Miß Trotwood,« entgegnete Mr. Wickfield.

[254] »Eigentlich mein Großneffe.«

»Wußte nicht, daß Sie einen Großneffen hatten. Mein Ehrenwort,« sagte Mr. Wickfield.

»Ich habe ihn adoptiert,« sagte meine Tante mit einer Handbewegung, die andeuten sollte, daß sein Wissen oder Nichtwissen ihr vollkommen gleichgültig sei, »und habe ihn mitgebracht, um ihn in eine Schule zu tun, wo er sehr guten Unterricht und gute Behandlung findet. Sagen Sie mir, wo eine solche Schule sich befindet, wie sie beschaffen ist und was sonst damit zusammenhängt.«

»Bevor ich Ihnen einen geeigneten Rat geben kann,« sagte Mr. Wickfield, »muß ich die alte Frage stellen. Was ist Ihr Beweggrund?«

»Gott, dieser Mensch!« rief meine Tante aus. »Immer schnüffelt er nach Beweggründen, während sie doch auf der Hand liegen. Nun, ich will das Kind glücklich machen und zu etwas Nützlichem erziehen.«

»Es muß ein gemischter Beweggrund sein,« meinte Mr. Wickfield, schüttelte den Kopf und lächelte ungläubig.

»Ein gemischter Pappenstiel,« entgegnete meine Tante. »Sie selbst geben bei allem, was Sie tun, an, nur einen einfachen Beweggrund zu haben. Sie sind doch wohl nicht der einzige auf der Welt.«

»Ja, aber ich habe überhaupt nur einen Lebenszweck, Miß Trotwood. Andere haben Sie dutzend-und hundertweise. Ich habe nur einen. Das ist der Unterschied. Doch das gehört nicht hierher. Die beste Schule? Ohne Rücksicht auf den Beweggrund? Sie wollen wirklich die beste wissen?«

»Ja!«

»In unserer besten,« sagte Mr. Wickfield nachdenklich, »könnte Ihr Neffe jetzt nicht Wohnung und Kost bekommen.«

»Aber ich könnte ihn doch wo anders wohnen lassen!?«

Mr. Wickfield meinte, das ginge wohl. Nach einem kurzen Gespräch schlug er meiner Tante vor, sie nach der Schule zu bringen, damit sie selbst urteilen könnte, und ihr auch einige Häuser, wo ich wohnen könnte, zu [255] zeigen. Meine Tante nahm den Vorschlag an, und wir wollten schon alle drei zusammen ausgehen, als er stehen blieb und sagte:

»Unser junger Freund könnte vielleicht einen Beweggrund haben, gegen unsere Entschlüsse Einwendung zu erheben. Ich glaube, es ist besser, wir lassen ihn hier.«

Meine Tante schien nicht abgeneigt zu widersprechen; um die Sache aber zu erleichtern, sagte ich, ich würde gerne zurückbleiben, wenn sie es wünschten, kehrte in Mr. Wickfields Kanzlei zurück und nahm meinen alten Platz wieder ein.

Dieser Stuhl stand zufällig einem schmalen Gange gegenüber, an dessen Ende das kleine runde Zimmer lag, wo ich Uriah Heeps bleiches Gesicht vorhin am Fenster bemerkt hatte. Uriah, der mittlerweile das Pony in einen Stall geführt, arbeitete jetzt wieder in diesem Zimmer an einem Pult, an dem ein Messingstab, um Papiere darauf zu hängen, entlang lief.

Da sein Gesicht, obwohl mir zugekehrt, sich hinter dem Schreibtisch befand, glaubte ich, er könnte mich nicht sehen, aber als ich aufmerksam hinblickte, machte es einen beängstigenden Eindruck auf mich, daß hie und da seine schlummerlosen Augen wie zwei rote Sonnen hinter dem Tisch hervorlugten und mich minutenlang verstohlen anstarrten, ohne daß seine Feder deshalb stillgestanden wäre. Ich machte mehrere Versuche, den Blicken auszuweichen. Einmal stieg ich auf einen Stuhl, um mir eine Karte an der Wand anzusehen, dann vertiefte ich mich in die langen Spalten einer kentischen Zeitung, aber immer wieder zog es mich auf meinen alten Platz zurück. Und wenn ich meine Augen den beiden roten Sonnen zuwandte, so waren sie sicherlich entweder im Aufgehen oder im Untergehen begriffen.

Endlich kehrten, sehr zu meiner Erleichterung, nach ziemlich langer Abwesenheit meine Tante und Mr. Wickfield zurück. Ihr Gang war nicht so erfolgreich gewesen, wie ich gehofft, denn, obgleich die Vorzüge der Schule unleugbar wären, hatte sich doch kein passendes Kosthaus gefunden.

»Es ist recht unangenehm,« sagte meine Tante. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Trot.«

[256] »Es ist in der Tat unangenehm,« meinte Mr. Wickfield, »aber ich wüßte, was Sie tun könnten, Miß Trotwood.«

»Was denn?« forschte meine Tante.

»Lassen Sie Ihren Neffen vorderhand hier. Er scheint ein stiller Junge zu sein und wird mich nicht im geringsten stören. Das Haus eignet sich trefflich zum Studieren. Es ist so still wie ein Kloster und fast so geräumig. Lassen Sie ihn doch hier!«

Meiner Tante gefiel das Anerbieten offenbar sehr, aber das Zartgefühl verbot ihr, es anzunehmen. Eben so ging es mir.

»Schlagen Sie ein, Miß Trotwood!« redete ihr Mr. Wickfield zu. »Damit kommen wir aus aller Schwierigkeit heraus. Es ist ja nur für kurze Zeit. Wenn es einer der beiden Parteien nicht paßt, kann Ihr Neffe ja ohne Umstände wieder ausziehen. Mittlerweile wird sich schon ein besserer Platz für ihn finden. Es ist das gescheiteste, Sie lassen ihn vorderhand hier.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden,« sagte meine Tante, »und wie ich sehe, würde es auch ihm passen, aber –«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ich will Ihnen keine Gefälligkeit aufdrängen, Miß Trotwood. Sie können ja für ihn bezahlen, wenn Sie durchaus wollen. Über die Bedingungen werden wir schon einig werden.«

»Unter dieser Voraussetzung,« sagte meine Tante, »wenn das auch meine Verpflichtung durchaus nicht vermindert, würde ich ihn recht gern hier lassen.«

»Nun, so kommen Sie zu meiner kleinen Haushälterin,« sagte Mr. Wickfield.

Wir stiegen eine wundervolle alte Treppe hinauf, mit einem Geländer so breit, daß man fast ebenso leicht auf ihm hätte hinaufgehen können, und traten in ein schattiges altes Besuchszimmer, erhellt von drei oder vier der seltsamen Fenster, die ich schon von der Straße aus bemerkt hatte. In den Nischen standen alte Eichensitze, wie es schien, von denselben Bäumen stammend wie die glänzende Eichenflur und die großen Balken an der Decke. In dem hübsch ausgestatteten [257] Zimmer bemerkte ich ein Piano und rot und grün überzogne Möbel und einige Blumen. Es schien ganz voll alter Winkel und Ecken zu sein, und in jeder Ecke und in jedem Winkel stand ein seltsames Tischchen, ein Schrank, ein Büchergestell, ein Sessel oder irgend etwas anderes.

Alles wies denselben Anstrich von Zurückgezogenheit und Reinlichkeit auf wie die Außenseite des Hauses.

Mr. Wickfield klopfte an eine Tür in der getäfelten Wand, und sogleich trat ein Mädchen, etwa in meinem Alter, heraus und küßte ihn. Auf ihrem Gesicht erkannte ich sofort den stillen lieblichen Ausdruck des Bildes, das ich unten gesehen. Es kam mir vor, als wäre das Bild zum Weibe herangewachsen und das Original ein Kind geblieben. Das Gesicht blickte freundlich und glücklich, und dennoch lag in ihm und der ganzen Gestalt eine stille friedliche Gelassenheit.

Das war Mr. Wickfields kleine Haushälterin, seine Tochter Agnes. Aus der Art, wie er ihre Hand festhielt, erriet ich, was das eine Ziel seines Lebens war.

Sie trug ein kleines Schlüsselkörbchen an der Seite und sah so gesetzt und ernsthaft aus, wie es das alte Haus von einer so niedlichen Haushälterin nur verlangen konnte. Als ihr Vater von mir sprach, hörte sie mit vergnügter Miene zu und schlug dann meiner Tante vor, ihr mein Zimmer zu zeigen. Wir gingen alle hinauf; sie vor uns her!

Es war ein herrliches altes Zimmer mit noch mehr Eichengebälk und glitzernden Scheiben. Das breite Treppengeländer führte bis hinauf.

Ich kann mich nicht erinnern, wo und wann ich in meiner Kindheit ein gemaltes Kirchenfenster gesehen hatte, und doch erinnerte ich mich an ein solches, als sie sich oben in dem feierlichen Dämmerlicht der alten Treppe umdrehte, um auf uns zu warten. Seit jener Zeit brachte ich es mit seinem ruhigen Glanz stets in Verbindung mit Agnes Wickfield.

Meine Tante war über das getroffene Arrangement ebenso glücklich wie ich, und wir gingen sehr befriedigt wieder in das Besuchszimmer hinunter. Da sie aus Furcht, zu spät nach Hause zu kommen, nicht zum Essen [258] bleiben wollte, und Mr. Wickfield sie wahrscheinlich zu gut kannte, um ihr lange zuzureden, so wurde ihr ein Lunch serviert, und Agnes kehrte zu ihrer Gouvernante und Mr. Wickfield in seine Kanzlei zurück. So konnten wir, ohne gestört zu sein, von einander Abschied nehmen.

Meine Tante sagte mir, daß Mr. Wickfield alles für mich besorgen würde, und daß es mir an nichts fehlen sollte, redete mir freundlich zu und gab mir die besten Ratschläge.

»Trot,« sagte sie am Schluß, »mache dir, mir und Mr. Dick Ehre, und der Himmel sei mit dir!«

Ich war sehr ergriffen und konnte ihr nur immer und immer wieder danken und sandte Mr. Dick die herzlichsten Grüße.

»Sei niemals und bei keiner Gelegenheit niedrig, unwahr oder grausam,« sagte meine Tante. »Meide diese drei Sünden, Trot, und ich kann immer Hoffnung auf dich setzen.«

Ich versprach von ganzem Herzen, daß ich ihre Güte nie mißbrauchen und ihre Ermahnungen nie vergessen würde.

»Das Pony wartet, und ich muß fort. Bleib!«

Mit diesen Worten umarmte mich meine Tante hastig, verließ das Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick war ich über diese schnelle Trennung betroffen und fürchtete fast, sie verletzt zu haben, aber als ich durch das Fenster blickte und sie niedergeschlagen in den Wagen steigen und, ohne den Kopf zu heben, wegfahren sah, da verstand ich sie besser.

Um fünf Uhr, Mr. Wickfields Speisestunde, hatte ich wieder frischen Mut gefaßt. Der Tisch war nur für uns beide gedeckt, aber Agnes wartete in dem Besuchszimmer, ging mit ihrem Vater hinunter und setzte sich ihm gegenüber. Ich glaube nicht, daß er ohne sie hätte essen können. Später blieben wir nicht im Speisezimmer, sondern gingen wieder in den Salon hinauf. In einer traulichen Ecke stellte Agnes für ihren Vater Gläser und eine Karaffe Portwein hin. Ich glaube, es hätte dem Wein die Blume gefehlt, wenn andere Hände ihn hingestellt haben würden.

[259] Dann blieb Mr. Wickfield zwei Stunden lang sitzen und trank seinen Wein und zwar ziemlich viel, während Agnes Klavier spielte, arbeitete oder zuweilen mit uns plauderte. Er war meistens gesprächig und heiter. Nur zuweilen ruhten seine Augen mit nachdenklichem Blick auf Agnes, und dann verstummte er. Das Mädchen bemerkte das immer sehr rasch, wie mir vorkam, und erweckte ihn aus seinem Brüten stets mit einer Frage oder einer Liebkosung. Dann riß er sich von seinem Gedanken los und trank noch mehr Wein.

Agnes bereitete den Tee und machte die Wirtin. Die Stunden nachher wurden verbracht wie nach dem Essen, bis sie zu Bett ging. Dann umarmte und küßte sie ihr Vater und ließ sich Kerzen ins Bureau kommen. Ich ging ebenfalls zu Bett.

Im Lauf des Abends trat ich noch ein wenig auf die Straße hinaus, um die alten Häuser und die graue Kathedrale anzusehen und darüber nachzudenken, wie ich auf meiner Wanderung durch die alte Stadt an demselben Haus, in dem ich jetzt wohnte, vorüber ging. Als ich zurückkehrte, schloß Uriah Heep die Kanzlei zu, und da ich mich gegen jedermann freundlich gestimmt fühlte, trat ich zu ihm und sprach mit ihm und gab ihm zum Abschied die Hand.

Was war das für eine kalte und feuchte Hand! Ihre Berührung so gespenstisch wie sein Anblick! Ich rieb meine Finger noch lange, um sie zu erwärmen und das Gefühl wegzureiben.

So widerlich war mir seine Hand, daß die Erinnerung an ihre feuchte Kälte noch nicht von mir weichen wollte, als ich in mein Zimmer hinaufstieg. Wie ich mich zum Fenster hinausbog und einen der Köpfe an den Balkenenden mich von der Seite anblicken sah, bildete ich mir ein, es müßte Uriah Heeps Gesicht sein und machte rasch das Fenster zu.

[260] Sechzehntes Kapitel

In mehr als einer Hinsicht bin ich ein Neuling in der Schule.


Am nächsten Morgen nach dem Frühstück begann das Schulleben für mich. Begleitet von Mr. Wickfield ging ich nach dem Schauplatz meiner künftigen Studien, einem ernsten, von einem Hof umgebenen Gebäude von gelehrtem Aussehen, zu dem sehr gut die Krähen und Dohlen paßten, die von den Türmen des Doms herabgeflogen kamen, um mit magisterhafter Haltung auf dem Rasenfleck herumzustolzieren. Sodann wurde ich meinem Lehrer Dr. Strong vorgestellt.

Dr. Strong sah in meinen Augen fast so rostig aus wie die hohen Eisengitter und Pforten vor dem Hause und fast so steif und gewichtig wie die großen Urnen, die neben dem Eingangstor und ringsherum auf der Ziegelsteinmauer wie steingewordne Kegel zum Spielen für den Geist der Zeit standen.

Dr. Strong befand sich in seiner Bibliothek, die Kleider nicht besonders gut gebürstet, das Haar nicht besonders glatt gekämmt, die Hosen an den Knieen nicht zugebunden, die langen, schwarzen Gamaschen aufgeknöpft und die Füße ohne Schuhe, die statt dessen auf dem Kaminteppich lagen und wie zwei Höhlen gähnten.

Er blickte mich mit glanzlosen Augen, die mich an ein längst vergessenes blindes altes Pferd auf dem Kirchhof von Blunderstone erinnerten, an und sagte, er freue sich, mich kennen zu lernen. Dann gab er mir seine Hand, mit der ich nichts anzufangen wußte, da sie selbst nichts mit sich anfing.

Nicht weit von Dr. Strong saß eine sehr hübsche junge Dame, die er Ännie nannte, und die ich für seine Tochter hielt. Sie kniete jetzt nieder, um ihm die Schuhe anzuziehen und die Gamaschen zuzuknöpfen,[261] was sie sehr fröhlich und flink verrichtete. Als sie fertig war und wir in die Schulstube gehen wollten, überraschte es mich sehr, als Mr. Wickfield sie als Mrs. Strong ansprach, und ich grübelte nach, ob sie wohl Mr. Strongs oder vielleicht dessen Sohns Gattin sei. Ein Gespräch Dr. Strongs klärte mich darüber auf.

»Übrigens, Wickfield,« sagte er nämlich, in einem Gange stehenbleibend, die Hand auf meine Schulter gelegt, »haben Sie noch keine passende Versorgung für den Vetter meiner Frau gefunden?«

»Nein,« sagte Mr. Wickfield. »Nein. Noch nicht.«

»Ich wäre froh, wenn es möglichst bald geschehen könnte, denn Jack Maldon ist bedürftig und arbeitet nicht gern und so etwas endet oft schlimm. Doktor Watts sagt schon,« fuhr er fort, indem er mich ansah und den Kopf nach dem Rhythmus des Verses bewegte: »Mit Unbeschäftigten stets weiß Satan Unheil zu schaffen.«

»Na, Doktor,« entgegnete Mr. Wickfield, »wennDr. Watts ein Menschenkenner gewesen wäre, hätte er grade so gut sagen können: Mit Geschäftigen stets weiß Satan Unheil zu schaffen. Die geschäftigen Leute richten ihren Teil Unheil in der Welt schon an, darauf können Sie sich verlassen. Was haben die angestiftet seit ein paar Jahrhunderten, immer mit Jagd nach Reichtum oder Macht beschäftigt. Vielleicht kein Unheil?«

»Jack Maldon wird in keiner dieser beiden Richtungen besonders tätig sein,« sagte der Doktor, sein Kinn gedankenvoll reibend.

»Vielleicht nicht,« meinte Mr. Wickfield. »Übrigens kommen wir wieder zur Sache! Also, ich habe noch nichts für Mr. Jack Maldon tun können. Ich glaube,« setzte er nach einigem Zögern hinzu, »ich durchschaue Ihren Beweggrund und das erschwert die Sache.«

»Mein Beweggrund ist der Wunsch, für einen Vetter und Jugendgespielen Ännies eine passende Versorgung zu finden.«

»Ja, ich weiß schon,« sagte Mr. Wickfield, »hier oder im Ausland.«

[262] »Jawohl,« entgegnete der Doktor, anscheinend überrascht durch den Nachdruck, den Mr. Wickfield auf seine Worte legte. »Im Inland oder im Ausland.«

»Ganz wie Sie sagen,« wiederholte Mr. Wickfield. »Oder im Ausland.«

»Ja, ja,« gab der Doktor zur Antwort, »gewiß ja. Eins oder das andere.«

»Eins oder das andere? Geben Sie keinem von beiden den Vorzug, Doktor Strong?«

»Nein.«

»Nein?« fragte Mr. Wickfield nicht ohne Verwunderung.

»Nicht im geringsten.«

»Keinen Beweggrund, Doktor Strong, das Ausland dem Inland vorzuziehen?«

»Nein.«

»Ich muß Ihnen natürlich glauben,« sagte Mr. Wickfield, »und tue es auch. Die Sache wäre aber viel einfacher gewesen, wenn ich das früher gewußt hätte. Ich gestehe, ich hatte andere Vermutungen.«

Dr. Strong betrachtete ihn mit einem bestürzten und fragenden Blick, der fast unmittelbar darauf in ein Lächeln überging, das mich sehr angenehm berührte. Es war voller Liebenswürdigkeit und Güte und es lag eine Schlichtheit darin, wie überhaupt im ganzen Wesen des Doktors, wenn die gelehrte, frostige Hülle durchbrochen war, die außerordentlich gewinnend und für einen so jungen Schüler wie mich sehr vielversprechend war.

Immer »nein und nicht im mindesten« und ähnliche Äußerungen wiederholend, ging Dr. Strong in einem seltsam ungleichen Schritt vor uns her, und wir folgten, Mr. Wickfield mit ernstem Blick und den Kopf schüttelnd.

Die Klasse war ein ziemlich großer Saal auf der stillsten Seite des Hauses. Gegenüber sahen stolz etwa ein halbes Dutzend der großen Urnen auf ein Eckchen des alten stillen Gartens, der dem Doktor gehörte, und wo Pfirsiche an der Sonnenseite reiften, herab. Zwei große Aloes in Kübeln auf dem Rasen vor dem Fenster, die breiten, harten Blätter wie aus lackiertem Blech, erschienen mir später immer wie Symbole des Schweigens und der Zurückhaltung.

[263] Ungefähr fünfundzwanzig Knaben waren eifrig mit ihren Büchern beschäftigt, als wir eintraten. Sie standen auf, um dem Doktor Guten Morgen zu wünschen, und blieben stehen, als sie Mr. Wickfield und mich erblickten.

»Ein neuer Schüler, ihr jungen Herrn,« sagte der Doktor. »Trotwood-Copperfield.«

Ein gewisser Adams, der der Erste in der Klasse war, verließ seinen Platz und begrüßte mich. Er sah in seiner weißen Halsbinde wie ein junger Geistlicher aus, war aber sehr liebenswürdig und freundlich. Er wies mir meinen Platz an und stellte mich den Lehrern vor, alles in einer so noblen Weise, daß es eigentlich jeden Druck hätte von mir nehmen sollen.

Ich war solange nicht unter Knaben meines Alters mit Ausnahme Mick Walkers und Mehlkartoffels gewesen, daß ich mich höchst verlegen fühlte. Ich hatte soviel Lebensszenen durchgemacht, die meinen jetzigen Kameraden fremd waren und Erfahrungen gemacht, die so gar nicht für mein Alter, mein Äußeres und meine gegenwärtige Lage paßten, daß es mir fast wie Betrug vorkam, mich als einfacher Schulknabe hier einzudrängen. Bei Murdstone & Grinby jeglicher Spiele entwöhnt, fühlte ich, ich würde in allem, was meinen Kameraden hier selbstverständlich scheinen mußte, linkisch und unerfahren sein. Was ich früher gelernt hatte, war mir unter den drückenden Sorgen des Lebens vollständig verloren gegangen, so daß ich jetzt bei der Prüfung nichts mehr wußte und in die unterste Bank kam.

So peinlich mir das Gefühl meiner Ungeschicklichkeit im Spiel und meine Unwissenheit waren, so quälte mich doch der Gedanke noch vielmehr, daß ich gerade durch das, was ich wußte, meinen Kameraden noch ferner gerückt war, als durch das, was ich nicht wußte.

Was würden sie sich wohl denken, wenn sie von meinen guten Bekannten in Kings-Bench-Gefängnis wüßten? Ob sie mir wohl etwas anmerkten von mei nem Verkehr mit der Familie Micawber, von dem Versetzen, dem Zugeldmachen und den Abendessen hinterher!? Gesetzt, einer oder der andere hätte mich müde und zerlumpt durch Canterbury gehen sehen! Was würden sie, die mit dem [264] Geldausgeben so bei der Hand waren, sagen, wenn sie wüßten, wie ich meine Halfpence hatte zusammenhalten müssen, um mir ein ärmliches Mittagessen kaufen zu können! Wie würde es sie, die so wenig vom londoner Straßenleben wußten, berühren, wenn sie erführen, wie gut ich leider die tiefsten Seiten dieses Lebens kannte?

Alles das ging mir am ersten Tage so sehr im Kopf herum, daß ich jeden meiner Blicke und alle meine Gebärden mißtrauisch bewachte und mich scheu in mich selbst zurückzog, wenn einer meiner neuen Schulkameraden sich mir näherte. Unmittelbar nach Schluß der Lehrstunde eilte ich davon, aus Furcht, mich durch eine Antwort auf eine freundliche Annäherung zu verraten.

Aber Mr. Wickfields altes Haus machte auf mich einen so beruhigenden Eindruck, als ich die Schulbücher unter dem Arm an die Türe klopfte, daß ich alle Beklemmung in mir schwinden fühlte. Beim Hinaufgehen in mein luftiges altes Zimmer schien der ernste Schatten der Treppe auch auf meine Sorgen und Zweifel zu fallen und die Vergangenheit zu verwischen. Ich studierte emsig bis zur Mittagszeit – die Schule war um drei Uhr aus – und ging hinunter, Hoffnung im Herzen, mit der Zeit noch einmal ein ganz leidlicher Schüler werden zu können.

Agnes wartete im Besuchszimmer auf ihren Vater, der in der Kanzlei von jemandem aufgehalten wurde. Sie kam mir mit freundlichem Lächeln entgegen und fragte mich, wie es mir in der Schule gefallen habe. Ich sagte ihr, sehr gut, nur käme ich mir noch etwas fremd vor.

»Du bist nie in der Schule gewesen?« fragte ich.

»O ja. Täglich.«

»Ja, aber du meinst hier im Hause?«

»Papa konnte mich doch nicht weglassen,« antwortete sie und schüttelte lächelnd den Kopf. »Seine Haushälterin muß natürlich daheim bleiben.«

»Er hat dich gewiß recht lieb?« fragte ich.

Sie nickte, ja, und ging nach der Türe, um zu sehen, ob ihr Vater noch nicht komme, und ihm entgegenzugehen. Aber er kam noch nicht, und sie kehrte wieder zurück.

[265] »Mama ist schon seit meiner Geburt tot,« erzählte sie mir in ihrer ruhigen Weise. »Ich kenne nur ihr Bild unten. Ich bemerkte, wie du es gestern betrachtetest. Errietest du, wer es ist?«

Ich sagte ja; – weil es ihr so ähnlich sähe.

»Papa sagt das auch,« bestätigte Agnes, der die Antwort offenbar gefiel. »Horch. Jetzt kommt Papa.«

Ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie Mr. Wickfield entgegenging und mit ihm Hand in Hand hereintrat.

Er begrüßte mich herzlich und sagte mir, ich würde mich bei Dr. Strong, der einer der sanftesten Menschen sei, sicherlich sehr wohlfühlen.

»Es gibt wohl Leute, die seine Güte mißbrauchen,« sagte er. »Tue du das niemals, Trotwood! Er ist das argloseste aller Menschenkinder, und ob das jetzt ein Vorzug oder ein Fehler ist, jedenfalls muß man darauf Rücksicht nehmen, wenn man mit ihm verkehrt.«

Er sagte das, wie mir vorkam, mit einem Ausdruck der Verstimmtheit, aber ich dachte nicht weiter darüber nach.

Es wurde gemeldet, daß aufgetragen sei, und wir gingen hinunter in das Speisezimmer.

Kaum hatten wir uns gesetzt, als Uriahs roter Kopf und seine magere Hand an der Tür erschienen.

»Mr. Maldon möchte ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir.«

»Ich bin Mr. Maldon doch eben erst los geworden,« sagte Mr. Wickfield.

»Ja, Sir,« antwortete Heep, »aber Mr. Maldon ist umgekehrt und wünscht noch ein Wort mit Ihnen zu reden.«

Als Uriah die Tür mit der Hand offen hielt, beobachtete er mich, Agnes und den gedeckten Tisch und jeden einzelnen Gegenstand im Zimmer, – wenigstens kam es mir so vor – und doch schien er nicht hinzublicken; er tat, als ob er die ganze Zeit seine roten Augen respektvoll auf seinen Herrn richte.

»Ich bitte um Entschuldigung,« bemerkte eine Stimme hinter Uriah, dessen Kopf sofort verschwand und einem andern Platz machte. »Ich wollte nur noch bemerken, – [266] bitte, entschuldigen Sie, wenn ich störe, – da mir sonst keine Wahl bleibt, ist es wohl am besten, ich gehe ins Ausland, sobald wie möglich. Meine Kusine Ännie sagte zwar, als wir darüber sprachen, daß sie ihre Freunde lieber in der Nähe hätte, als sie in der Verbannung zu wissen, und der alte Doktor –«

»Doktor Strong meinen Sie,« unterbrach Mr. Wickfield ernst.

»Natürlich Doktor Strong. Ich nenne ihn den alten Doktor. Das ist doch dasselbe –«

»Das finde ich nicht,« bemerkte Mr. Wickfield.

»Nun also meinetwegen, Doktor Strong,« sagte der andere. »Doktor Strong war derselben Meinung, glaube ich, aber seitdem Sie mit ihm gesprochen haben, scheint er andern Sinnes geworden zu sein, deshalb reise ich wohl am besten sobald wie möglich ab. Ich bin umgekehrt, um es Ihnen zu sagen. Wenn man ins Wasser springen muß, hat es keinen Zweck, erst lange am Ufer zu warten.«

»Sie sollten es so wenig wie möglich hinausschieben, Mr. Maldon,« sagte Mr. Wickfield.

»Dank schön. Sehr verbunden. Man soll einem geschenkten Gaul nicht ins Maul sehen! Es schickt sich nicht, sonst möchte ich sagen, meine Kusine Ännie hätte es leicht anders arrangieren können. Ich glaube, Ännie hätte bloß zu dem alten Doktor sagen brauchen – –«

»Sie meinen wohl, Mrs. Strong hätte nur zu ihrem Gatten sagen brauchen – verstehe ich recht?« sagte Mr. Wickfield.

»Sehr recht. Hätte nur zu sagen brauchen, daß sie das so und so zu haben wünsche, und es wäre selbstverständlich so und so ausgefallen.«

»Und warum selbstverständlich, Mr. Maldon?« fragte Mr. Wickfield, ruhig weiter essend.

»Nun, weil Ännie ein entzückendes junges Mädchen ist, und der alte Doktor – Dr. Strong meine ich – kein entzückender junger Mann,« antwortete Mr. Jack Maldon lachend. »Ich will niemand beleidigen, Mr. Wickfield. Ich meine nur, daß bei einer derartigen Ehe ein gewisser Ausgleich recht und billig ist.«

[267] »Ein Ausgleich zugunsten der Dame, Sir?« fragte Mr. Wickfield ernst.

»Zugunsten der Dame, Sir,« erwiderte Mr. Jack Maldon und lachte. Als er bemerkte, daß Mr. Wickfield mit derselben unbeweglichen Miene zu essen fortfuhr und keine Hoffnung vorhanden war, er würde auch nur eine Muskel seines Gesichts verziehen, – setzte er hinzu:

»Ich habe also gesagt, was ich sagen wollte, und bitte wegen der verursachten Störung um Entschuldigung. Ich werde natürlich die Angelegenheit als lediglich zwischen Ihnen und mir abgemacht betrachten, da sie vor dem Doktor nicht zur Sprache kommen soll.«

»Haben Sie schon gespeist?« fragte Mr. Wickfield mit einer Handbewegung nach dem Tisch.

»Dank schön. Ich esse bei meiner Kusine Ännie. Adieu.«

Mr. Wickfield blickte ihm, ohne aufzustehen, gedankenvoll nach. Mir kam Mr. Malton wie ein ziemlich oberflächlicher junger Mann mit hübschem Gesicht, schneller Redeweise und dreister zuversichtlicher Miene vor.

Nach dem Mittagessen gingen wir wieder hinauf, und alles verlief genau so, wie am Tag vorher. Agnes setzte die Gläser und Karaffen in dieselbe Ecke, und Mr. Wickfield setzte sich hin und trank ziemlich viel. Agnes spielte ihm auf dem Klavier vor, setzte sich neben ihn, arbeitete und plauderte und spielte dann einige Partien Domino mit mir. Später bereitete sie den Tee, und als sie uns dann verlassen hatte, gab ich Mr. Wickfield die Hand, um ebenfalls zu gehen. Er hielt mich aber fest und fragte: »Möchtest du bei uns bleiben, Trotwood, oder wo anders wohnen?«

»Hier bleiben,« erwiderte ich rasch.

»Weißt du das sicher?«

»Ja! Wenn ich bleiben darf.«

»Ich fürchte nur, wir führen hier ein zu eintöniges Leben für dich, mein Junge.«

»Es ist nicht eintöniger für mich als für Agnes, Sir. Es ist durchaus nicht eintönig.«

»Als für Agnes,« wiederholte er, ging langsam[268] nach dem Kamin und lehnte sich an das Sims. »Als für Agnes!«

Er hatte diesen Abend so viel getrunken, daß seine Augen ganz gerötet aussahen. Ich konnte sie jetzt nicht beobachten, denn sie waren zu Boden gesenkt und er hielt sich die Hand davor, aber ich hatte es kurz vorher bemerkt.

»Ich möchte gerne wissen,« murmelte er, »ob meine Agnes meiner müde ist. Wann würde ich ihrer je müde sein! Aber das ist etwas anderes. Etwas ganz anderes.«

Er sprach dies nachdenklich vor sich hin, deshalb schwieg ich. »Ein ödes altes Haus,« fuhr er fort mit sich zu reden, »und ein eintöniges Leben! Aber ich muß sie in meiner Nähe haben. Ich muß sie um mich haben. Wenn der Gedanke, daß ich sterben könnte und meinen Liebling verlassen müßte, oder daß mein Liebling sterben und mich verlassen könnte, – wie ein Gespenst kommt und mir die glücklichste Stunde trübt, und nur zu ertränken ist in – –«

Er vollendete nicht, ging langsam an den Tisch, griff mechanisch nach der leeren Karaffe und wollte einschenken, dann schritt er wieder auf seinen Platz zurück.

»Wenn man es schon kaum ertragen kann, während sie hier ist, wie würde es erst werden, – nein, nein, nein, ich kann das nicht versuchen!«

Er lehnte sich wieder an den Kamin und brütete so lange, daß ich mich nicht entschließen konnte, wegzugehen, weil ich fürchtete, ihn zu stören. Endlich raffte er sich auf und sah sich im Zimmer um, bis er meinen Augen begegnete.

»Also bei uns bleiben, Trotwood,« sagte er in seiner gewohnten Art, und als ob er auf das, was ich eben gesagt, antworte. »Das freut mich. Da haben wir beide ein wenig Gesellschaft. Es ist gut für uns, wenn wir dich hier haben. Gut für mich, gut für Agnes, gut vielleicht für uns alle.«

»Für mich ist es gewiß gut, Sir,« sagte ich. »Ich bin so gern hier.«

»Ein braver Junge,« sagte Mr. Wickfield, »solange es dir hier gefällt, kannst du hier bleiben.« Er schüttelte mir die Hand, klopfte mir auf die Schulter und sagte, [269] wenn ich abends etwas zu tun hätte oder etwas zur Unterhaltung zu lesen wünschte, sollte ich nur in sein Zimmer kommen, wenn er dort sei und ich Lust fühlte, und ihm Gesellschaft leisten. Ich dankte ihm für die Erlaubnis. Da er später hinunterging und ich nicht müde war, ging ich ebenfalls hinunter, nahm ein Buch zur Hand, um für eine halbe Stunde von seiner Erlaubnis Gebrauch zu machen.

Da ich aber in der kleinen runden Stube Licht sah und mich zu Uriah Heep, der fast eine Art Zauber auf mich ausübte, gezogen fühlte, trat ich dort hinein.

Uriah las in einem dicken Buch mit solch offenkundiger Aufmerksamkeit, daß sein magerer Zeigefinger Zeile um Zeile verfolgte, feuchte Spuren wie eine Schnecke auf dem weißen Papier zurücklassend. So kam es mir wenigstens vor.

»Sie arbeiten heute abend lange, Uriah,« sagte ich.

»Ja, Master Copperfield.«

Als ich mich auf den Stuhl gegenübersetzte, um besser mit Uriah Heep reden zu können, fiel es mir auf, daß er nie lächeln konnte, sondern statt dessen nur den Mund öffnete und zwei tiefe schmale Falten auf den beiden Backen sehen ließ.

»Ich mache keine Bureauarbeit, Master Copperfield,« sagte er.

»Was denn?«

»Ich vermehre meine juristischen Kenntnisse, Master Copperfield. Ich studiere Tidds Praktik. O wie herrlich Mr. Tidd schreibt, Master Copperfield.«

Mein Stuhl war wie ein Beobachtungsturm, und wie ich sah, las Heep nach diesem begeisterten Ausruf weiter und folgte den Zeilen mit seinem Zeigefinger. Seine Nasenlöcher, scharf und schmal geschnitten, hatten eine sonderbare häßliche Art, sich auszudehnen und zusammenzuziehen. Sie schienen zu zwinkern anstatt seiner Augenlider, die sich nie bewegten.

»Sie sind wohl ein sehr großer Jurist,« sagte ich, nachdem ich ihm eine Zeitlang zugesehen hatte.

»Ich, Master Copperfield?« sagte Uriah, »ach nein; ich bin sehr eine niedrige Person.« Er drückte häufig die Flächen seiner Hände aneinander, als wollte er sie[270] trocknen und wärmen, und oft wischte er sie verstohlen an seinem Taschentuch ab. Ich hatte mir also doch nichts eingebildet.

»Ich bin mir wohl bewußt, daß ich die geringste Person auf der Welt bin,« sagte Uriah Heep bescheiden. »Mögen andere Leute sein, was sie wollen. Meine Mutter is auch sehr eine niedrige Person. Mir leben in einer ganz schlechten Wohnung, Master Copperfield, aber mir haben dafür dankbar zu sein. Meines Vaters Gewerbe früher war sehr gering. Er war Totengräber.«

»Was ist er jetzt?« fragte ich.

»Er ist jetzt Anteilhaber am himmlischen Ruhm, Master Copperfield,« sagte Uriah Heep, »und mir haben alle Ursache, dafür dankbar zu sein. Wie sehr muß ich dankbar sein, daß ich bei Mr. Wickfield bin.«

Ich fragte Uriah, ob er schon lange bei Mr. Wickfield sei.

»S geht jetzt ins vierte Jahr, Master Copperfield,« sagte Uriah und machte das Buch zu, nachdem er sich vorher sorgfältig angezeichnet, wo er stehen geblieben war. »Seit einem Jahr nach meines Vaters Tod. Wie sehr muß ich dankbar sein für Mr. Wickfields gütige Absicht, mir die Unterrichtskosten zu schenken, die meiner Mutter und meine eignen bescheidnen Mittel nie nicht erschwingen könnten.«

»Wenn Ihre Lehrzeit vorüber ist, werden Sie wohl ein richtiger Advokat sein, nicht wahr?« fragte ich.

»Mit dem Segen der Vorsehung, Master Copperfield!« entgegnete Uriah.

»Vielleicht werden Sie einmal Teilhaber in Mr. Wickfields Kanzlei?« sagte ich, um Uriah etwas Angenehmes zu sagen. »Das würde dann heißen Wickfield & Heep, oder Heep vorm. Wickfield.«

»O Gott, nein, Master Copperfield,« entgegnete Uriah und schüttelte den Kopf. »Ich bin viel zu gering für so was.«

Er sah wahrhaftig dem geschnitzten Gesicht an dem Balkenkopf vor meinem Fenster außerordentlich ähnlich, als er so dasaß in seiner Unterwürfigkeit und mich von der Seite anschielte, den Mund offen und die Falten in den Backen.

[271] »Mr. Wickfield ist ein außerordentlich hervorragender Mann, Master Copperfield,« sprach Uriah weiter. »Da Sie ihn schon solange kennen, wissen Sie es selbst viel besser, als ich es Ihnen sagen könnte.«

Ich erwiderte, daß ich davon überzeugt sei aber Mr. Wickfield noch nicht lange kenne, und daß er ein Freund meiner Tante sei.

»Wirklich, Master Copperfield?« forschte Uriah. »O Ihre Tante ist eine entzückende Dame, Master Copperfield!«

Er hatte eine scheußliche Art, sich zu winden, wenn er Begeisterung ausdrücken wollte, und ich beachtete das Kompliment, das er meiner Tante machte, nicht, weil ich durch die schlangenhaften Bewegungen seiner Kehle und seines Körpers ganz abgelenkt war.

»O eine entzückende Dame, Master Copperfield! Sie hegt eine große Bewunderung für Miß Agnes, Master Copperfield, nicht wahr?«

Ich sagte keck, ja, obgleich ich keine Ahnung davon hatte.

»Ich hoffe, Sie auch, Master Copperfield, gewiß Sie auch.«

»Wohl jedermann,« entgegnete ich.

»O ich danke Ihnen, Master Copperfield, für dieses Wort,« sagte Uriah Heep. »Es ist so wahr! Eine niedrige Person wie ich bin, weiß ich doch, es ist so wahr. O tausend Dank, Master Copperfield.«

Er wand sich förmlich in seiner Verzückung vom Stuhle herunter und traf dann Anstalten, nach Hause zu gehen.

»Mutter wird auf mich warten,« sagte er, warf einen Blick auf seine abgegriffne unansehnliche Taschenuhr und wurde unruhig. »Wenn mir auch sehr niedrige Leute sind, Master Copperfield, so hängen mir doch sehr aneinander. Wenn Sie uns einmal nachmittags in unserer armseligen Wohnung besuchen und eine Tasse Tee bei uns trinken wollten, so würde Mutter ebenso stolz auf Ihren Besuch sein wie ich.«

Ich sagte, ich würde gerne kommen.

»Tausend Dank, Master Copperfield!« erwiderte Uriah und legte das Buch in ein Fach. »Ich vermute, Sie bleiben einige Zeit hier, Master Copperfield?«

[272] Ich sagte, ich würde hier wohnen bleiben, solange ich die Schule besuchte.

»Ach wirklich!« rief Uriah aus. »Ich glaubte, Sie würden mit der Zeit ins Geschäft eintreten, Master Copperfield?«

Ich beteuerte, daß weder ich noch sonst irgend jemand an dergleichen dächte, aber auf alle meine Versicherungen antwortete Uriah sanft: »O doch, Master Copperfield, ich glaube bestimmt, Sie werden es noch tun.« Immer und immer wieder.

Als er endlich zum Fortgehen bereit war, fragte er mich, ob es mir passen würde, daß er das Licht ausbliese, und als ich bejahte, tat er es auf der Stelle. Dann gab er mir die Hand. Sie fühlte sich im Dunkeln an wie ein Fisch. Er öffnete das Tor ganz wenig, schlüpfte hinaus und schloß sie sofort wieder, so daß ich mich im Finstern aus dem Zimmer tappen mußte, und dabei über einen Stuhl fiel.

Das war wohl die Ursache, daß ich dann fast die ganze Nacht von Uriah träumte. Unter anderm, daß er Mr. Peggottys Haus mit einer schwarzen Flagge, und der Inschrift: »Tidds Praktik« an der Mastspitze, flott gemacht und einen Piratenzug angetreten habe und mich und die kleine Emly ins Meer hinausschleppte, um uns zu ertränken.

Am nächsten Tag kam ich schon etwas weniger gedrückt in die Schule, und es wurde immer besser, so daß ich mich in kaum zwei Wochen unter meinen neuen Schulkameraden bereits ganz wohl fühlte.

Ich war bei den allgemeinen Spielen linkisch genug und im Lernen sehr zurück, aber ich hoffte, daß Übung und Fleiß beides bald bessern würde. So ging ich ordentlich an die Arbeit und erntete großes Lob. In sehr kurzer Zeit trat das Leben bei Murdstone & Grinby für mich so in weite Ferne und mein gegenwärtiges wurde mir so vertraut, daß ich den Zeitabschnitt in London zuweilen kaum mehr als Wirklichkeit empfand.

Die Schule Dr. Strongs war vortrefflich und so verschieden von Mr. Creakles, wie gut und böse. Überall herrschte ernste und zielbewußte Ordnung und ein [273] gesundes System. In allen Dingen appellierte man an das Ehrgefühl und den guten Willen der Knaben und rechnete solang mit dem Vorhandensein solcher Eigenschaften, als sich nicht direkt das Gegenteil herausstellte. Und das wirkte Wunder. Wir fühlten alle, daß wir ein Interesse daran hatten, den Ruf der Schule und ihr Ansehen aufrecht zu erhalten, und hingen mit warmer Liebe an ihr. Von mir wenigstens kann ich es sagen, und ich lernte während der ganzen Zeit nicht einen einzigen Knaben kennen, von dem man das Gegenteil hätte behaupten können.

Nach den Lehrstunden hatten wir schöne Spiele und viel Freiheit und standen dennoch im besten Ruf in der Stadt und machten selten durch unser Benehmen oder Aussehen Dr. Strong und seiner Schule Unehre.

Einige der ältern Schüler waren in des Doktors Haus in Pension, und durch sie erfuhr ich gewisse Einzelheiten über Mr. Strongs Geschichte. Zum Beispiel, daß er noch nicht ein Jahr mit der schönen jungen Dame, die ich im Studierzimmer gesehen, verheiratet sei, und sie aus Liebe genommen habe, denn sie besäße keinen Sixpence. Statt dessen sei aber ein Haufen armer Verwandten da, die ihn am liebsten von Haus und Hof verdrängen möchten. Ferner daß an des Doktors nachdenklichem Wesen hauptsächlich seine Forschungen nach griechischen Wurzeln Schuld wären. Ich hielt das in meiner Unschuld und Unwissenheit für eine botanische Manie des Doktors, um so mehr, als er beim Spazierengehen immer auf den Boden sah, bis ich dahinter kam, daß sie Wurzeln von Wörtern meinten, und daß er sich mit der Idee, ein neues Wörterbuch herauszugeben, trug.

Adams, der Erste in der Klasse, der eine Vorliebe für Mathematik besaß, hatte einmal ausgerechnet, daß, wenn der Doktor mit seiner gegenwärtigen Schnelligkeit fortarbeite, er bis zur Vollendung des Wörterbuchs von seinem zweiundsechzigsten Geburtstage an gerechnet, 1649 Jahre brauchen müßte.

Der Doktor selbst war der Abgott der ganzen Schule, wie auch nicht anders möglich bei seiner unendlichen Herzensgüte und einer Gemütseinfalt, die selbst[274] die steinernen Herzen der Urnen auf der Mauer hätte rühren müssen.

Wenn er auf dem Teil des Hofs, der an der andern Seite des Hauses lag, auf und ab ging, während die Krähen und Dohlen ihm mit schlau seitwärts gelegten Köpfen nachsahen, als ob sie recht gut wüßten, wieviel gescheiter sie in irdischen Dingen seien als er, war jeder Vagabund, der ihm nahe genug kommen konnte, um auch nur einen Satz seiner Leidensgeschichte vorzubringen, für die nächsten zwei Tage ein gemachter Mann. Das war in der Schule so bekannt, daß die Unterlehrer und ältesten Schüler immer Sorge trugen, unverschämte Bettler, noch ehe sie sich dem Doktor bemerklich machen konnten, zu vertreiben; und das geschah oft in seiner unmittelbarsten Nähe, und ohne daß er, vertieft auf- und abschreitend, das Geringste davon merkte.

Außerhalb der Schule und unbewacht war er ein verlorner Mann. Er hätte die Gamaschen von den Beinen weg verschenkt. Tatsächlich soll er sie einmal vor einigen Jahren an einem kalten Wintertag einer Bettlerin geschenkt haben, die in der Nachbarschaft später damit Ärgernis erregte, indem sie ein hübsches Kind in diese Gamaschen gewickelt von Haus zu Haus trug. Jedermann in der ganzen Umgebung erkannte natürlich die Gamaschen als die des Doktors, bloß er selbst erkannte sie nicht, als sie später an der Tür eines Trödelladens, der nicht in besonders gutem Rufe stand, und wo derlei Sachen gegen Branntwein eingetauscht wurden, hingen. Er soll sie wohl mit beifälligen Blicken betrachtet und an ihnen eine merkwürdige Neuheit des Musters bewundert und sie für viel besser als seine eignen gehalten haben, – aber er erkannte sie nicht.

Ein Vergnügen war es, den Doktor mit seiner jungen, hübschen Frau gehen zu sehen. Er hatte eine väterliche wohlwollende Art, seine Liebe zu ihr an den Tag zu legen, die an und für sich schon den guten Menschen verriet. Ich sah sie oft im Garten bei den Pfirsichen neben einander wandeln. Sie schien mir sehr fürsorglich zu dem Doktor zu sein und ihn sehr gern zu haben, wenn sie sich auch nicht sehr lebhaft für [275] das Wörterbuch zu interessieren schien, von dem er immer sehr umfangreiche Fragmente in den Taschen und im Hutfutter trug und sie ihr bei den Spaziergängen erklärte.

Ich sah Mrs. Strong ziemlich häufig, teils weil sie von meinem ersten Besuch an Gefallen an mir gefunden hatte und immer freundlich gegen mich war, teils weil sie Agnes sehr liebte und uns alle Augenblicke besuchte. Zwischen ihr und Mr. Wickfield, vor dem sie sich zu fürchten schien, bestand etwas Gezwungenes, das nie verschwand. Wenn sie abends zu uns kam, lehnte sie stets seine Heimbegleitung ab und lief lieber mit mir fort. Manchmal, wenn wir lustig über den Domhof sprangen, stießen wir ganz unerwartet auf Mr. Maldon, der jedesmal sehr überrascht war, uns zu sehen.

Mrs. Strongs Mutter war eine Dame, mit der ich sehr viel Spaß hatte. Sie hieß Mrs. Markleham, aber unsere Jungen nannten sie den »General«, wegen ihres Feldherrntalents und der Geschicklichkeit, mit der sie große Heere von Verwandten gegen den Doktor zu führen verstand. Sie war eine kleine Frau mit lebhaften Augen und trug, wenn sie sich in großem Staat befand, immer denselben mit künstlichen Blumen und ein paar künstlichen, schwebenden Schmetterlingen verzierten Hut. Es ging die Sage, der Hut sei aus Frankreich und könne nur aus den Werkstätten dieser erfinderischen Nation stammen. Gewiß ist, daß er abends immer erschien, wo sich Mrs. Markleham im großen Staate zeigte, daß sie ihn zu geselligen Zusammenkünften immer in einem Bastkörbchen trug, und daß die Schmetterlinge die Gabe hatten, rastlos zu zittern.

Ich beobachtete den »General« besonders genau an einem Abend, der mir noch durch einen andern Vorfall erinnernswert geworden ist.

Es war während einer kleinen Gesellschaft beim Doktor anläßlich der Abreise Jack Maldons nach Ostindien. Mr. Wickfield hatte nämlich die Angelegenheit endlich in Ordnung gebracht. Zugleich war auch des Doktors Geburtstag. Wir hatten frei bekommen, ihm Geschenke am Morgen gebracht und bei der [276] Ehrenrede des ersten Schülers so lange Hoch gerufen, bis wir heiser waren – – und Dr. Strong weinte. Jetzt abends waren Mr. Wickfield, Agnes und ich zum Tee geladen.

Mr. Jack Maldon war schon da. Mrs. Strong in weißem Kleid mit kirschroten Bändern saß am Klavier, als wir eintraten, und er hatte sich über sie gebeugt, um die Blätter umzuwenden.

Die blühende Farbe ihres Gesichts war nicht so lebhaft wie gewöhnlich. So schien es mir wenigstens, als sie sich umdrehte. Aber sie sah sehr hübsch aus, wunderbar hübsch.

»Ich habe vergessen, Doktor,« sagte Mrs. Strongs Mama, als wir uns gesetzt hatten, »Ihnen meine Komplimente anläßlich des heutigen Tages abzustatten. Obgleich sie, wie Sie mir gewiß glauben werden, von meiner Seite nicht bloße Komplimente bedeuten. Erlauben Sie mir, Ihnen also recht häufige Wiederkehr des heutigen Tages zu wünschen.«

»Ich danke Ihnen, Maam,« erwiderte der Doktor.

»Recht, recht, recht häufige Wiederkehr,« sagte der »General«. »Nicht nur Ihretwegen, sondern auch wegen Ännie und Jack Maldon und mancher anderer. Es ist mir noch wie gestern, Jack, als du noch ein kleiner Knabe warst, einen Kopf kleiner noch als Master Copperfield, und Ännie hinter den Stachelbeerbüschen deine Liebe gestandest.«

»Liebe Mama,« sagte Mrs. Strong. »Laß das doch sein.«

»Ännie, sei nicht einfältig! Wenn du jetzt erröten willst als alte verheiratete Frau, wann willst du dann bei so etwas nicht mehr erröten!«

»Alt?« rief Mr. Jack Maldon aus. »Ännie, hörst du?«

»Ja, Jack,« antwortete der »General«. »Wirklich eine alte verheiratete Frau, wenn auch nicht den Jahren nach alt. Wann hätte ich je ein Frauenzimmer von zwanzig Jahren den Jahren nach alt genannt! Aber deine Kusine ist doch die Frau des Doktors und als solche eine alte Frau. Und wie gut ist es für dich, Jack, daß deine Kusine die Frau des Doktors ist! Du[277] hast in ihm einen einflußreichen und gütigen Freund gefunden, der gewiß noch mehr für dich tun wird, wenn du dich dessen würdig zeigst. Ich habe keinen falschen Stolz und gestehe offen zu, daß in unserer Familie manche Mitglieder sind, die einen Freund sehr nötig haben. Du selbst warst eins davon, ehe der Einfluß deiner Kusine dir einen solchen verschaffte.«

Der Doktor winkte in seiner Herzensgüte abwehrend mit der Hand, um Mr. Jack Maldon mit einer weiteren Erwähnung dieser Sache zu verschonen. Aber Mrs. Markleham verließ ihren Stuhl, setzte sich neben ihn, legte ihren Fächer auf seinen Arm und sagte: »Nein, wirklich, lieber Doktor, Sie müssen es mir schon zugute halten, wenn ich immer wieder darauf zurückkomme, denn ich fühle es so tief innerlich. Es ist geradezu meine Monomanie, dieses mein Lieblingsthema. Sie sind ein wahrer Segen für uns! Ein Geschenk des Himmels!«

»Dummes Zeug, dummes Zeug,« sagte der Doktor.

»Nein, nein, ich bitte um Verzeihung,« gab der »General« zur Antwort. »Da niemand zugegen ist, außer unserm lieben vertrauten Freund, Mr. Wickfield, kann ich mich nicht so abspeisen lassen. Wenn Sie so weiter machen, werde ich mein Privilegium als Schwiegermutter geltend machen und Sie ausschelten. Ich bin eine offene Natur und spreche immer gerade heraus. Was ich sagen will, ist, was ich immer schon sagte, als Sie mich damals in so großes Erstaunen versetzten, – Sie wissen, wie überrascht ich war, – und um Ännie anhielten. Nicht, daß etwas Erstaunliches dabei gewesen wäre, wenn jemand um Ännie anhielt – so etwas zu sagen, wäre lächerlich – sondern weil Sie es waren. Sie haben doch schon ihren seligen Vater und sie selbst in einem Alter von sechs Monaten gekannt. Wie konnte ich da in Ihnen einen Bewerber erwarten!«

»Ja, ja,« erwiderte der Doktor gutmütig, »denken Sie nicht mehr daran.«

»Aber ich denke doch daran,« sagte der »General« und legte ihm den Fächer auf die Lippen. »Ich erinnere an diese Sachen nur, damit man mir widersprechen kann, wenn ich unrecht habe. Gut. Ich sprach also mit Ännie und erzählte ihr den Vorfall. Liebes [278] Kind, sagte ich, Dr. Strong ist dagewesen und hat um deine Hand angehalten. Habe ich ihr im geringsten zugeredet? Nein! Ännie, sag mir die Wahrheit, sagte ich, ist dein Herz frei? Mama, sagte sie weinend, ich bin noch so jung, – und das war doch wahr – ich weiß es nicht. Dann kannst du dich darauf verlassen, sagte ich, daß es frei ist. Jedenfalls, liebes Kind, muß Dr. Strong eine Antwort erhalten, da er sich in einem erregten Gemütszustand befindet. Man darf ihn in einer solchen Spannung nicht lassen. Mama, sagte dann Ännie, noch immer weinend, wäre er ohne mich unglücklich? Wenn es der Fall ist, so achte und ehre ich ihn zu sehr, als daß ich nicht ja sagen sollte. So war die Sache abgemacht. Und dann und nicht früher sagte ich zu Ännie: Ännie, sagte ich, Dr. Strong wird nicht nur dein Gatte sein, sondern er wird auch deinen seligen Vater vertreten, wird das Haupt unserer Familie sein, die Weisheit, Position, ich möchte sagen, das Vermögen unserer Familie repräsentieren, kurz, mit einem Wort, er wird ein Segen für uns sein.

Ich brauchte damals die Worte und brauche sie heute wieder. Wenn ich ein Verdienst habe, so liegt es nur in meiner Beharrlichkeit!«

Die Tochter hatte während dieser Rede ganz stumm und die Augen zu Boden gesenkt dagesessen. Ihr Vetter stand neben ihr und schlug ebenfalls die Augen nieder. Sie sagte dann sehr leise mit bebender Stimme:

»Mama, ich hoffe, du bist jetzt endlich fertig.«

»Nein, meine teure Ännie,« gab der »General« zur Antwort, »ich bin noch nicht ganz zu Ende. Da du mich fragst, so erwidere ich: Nein. Ich beklage mich, daß du ein wenig rücksichtslos gegen deine Familie bist. Und da das Klagen bei dir nichts hilft, werde ich mich bei deinem Gatten beschweren.«

»Sehen Sie einmal, lieber Doktor, Ihre kleine kindische Frau an!«

Als der Doktor sein freundliches Gesicht mit harmlosem und gütigem Lächeln Ännie zuwandte, da ließ sie den Kopf noch mehr sinken.

Ich bemerkte, daß Mr. Wickfield Mrs. Strong scharf beobachtete.

[279] »Als ich dem nichtsnutzigen Ding am nächsten Tag sagte,« fuhr die Mutter fort und drohte ihrer Tochter scherzhaft mit dem Fächer, »daß sie Ihnen in einer gewissen Familienangelegenheit einen Wink geben könnte, meiner Meinung nach sogar zu geben verpflichtet sei, – da sagte sie, einen solchen Wink geben, hieße eine Gunst verlangen, und sie weigerte sich, eben weil Sie zu großherzig wären, ihr irgend einen Wunsch abzuschlagen.«

»Ännie, mein Herz!« sagte der Doktor. »Das war unrecht. Da hast mich einer Freude beraubt.«

»Das sind doch fast dieselben Worte, die ich brauchte!« rief die Mutter triumphierend aus. »Aber wirklich, wenn ich wieder etwas weiß, was sie Ihnen sagen könnte, aber doch nicht tut, habe ich große Lust, lieber Doktor, es Ihnen selbst vorzutragen.«

»Das soll mich sehr freuen,« sagte der Doktor.

»Darf ich wirklich?«

»Gewiß.«

»Nun. Dann will ichs tun,« sagte der »General«. »Abgemacht!« Da sie vermutlich ihren Zweck erreicht hatte, tippte sie mehrere Male mit ihrem Fächer, den sie zuerst geküßt hatte, auf die Hand des Doktors und kehrte siegesbewußt auf ihren Platz zurück.

Da jetzt mehr Gäste kamen, unter ihnen die zwei Lehrer und Adams, wurde die Unterhaltung allgemein und drehte sich naturgemäß um Mr. Jack Maldon und seine Fahrt, sein Reiseziel, seine verschiedenen Pläne und Aussichten. Er wollte noch am Abend nach dem Essen mit der Post nach Gravesend zum Schiff und sollte eine ziemliche Anzahl Jahre fortbleiben, falls er als Kadett keinen Urlaub erhielte. Ich erinnere mich noch, daß es hieß, Indien sei ganz fälschlicherweise übel beleumundet; außer ein paar Tigern und ein bißchen Hitze zu Mittag habe es keinerlei Mängel. Ich für meinen Teil sah in Mr. Jack Maldon einen modernen Sindbad und stellte mir ihn bereits als Busenfreund aller Radschas des Orients, unter Baldachinen, ungeheure Pfeifen rauchend, vor.

Mrs. Strong konnte sehr hübsch singen, wie ich genau wußte, denn sie sang oft, wenn sie allein war. Ob sie aber vor Leuten nicht gerne sang oder diesen[280] Abend nicht bei Stimme war, jedenfalls konnte sie es heute gar nicht. Sie versuchte einmal mit ihrem Vetter Maldon ein Duett, brachte es aber nicht über den Anfang hinaus. Und als sie es später allein versuchte, fing sie zwar herrlich an, brach aber plötzlich verwirrt ab und blieb, den Kopf traurig gesenkt, am Piano sitzen. Der gute Doktor sagte, sie sei nervös, und schlug, um sie aufzuheitern, ein allgemeines Kartenspiel vor, von dem er so viel verstand wie von der Kunst des Posaunenblasens.

Ich bemerkte, daß der »General« ihn sofort unter seine Obhut nahm und sich als ersten Schritt in der neuen Lehre von ihm alles Silbergeld, das er in der Tasche hatte, geben ließ.

Das Spiel gestaltete sich sehr lustig, besonders infolge der Fehler des Doktors, deren er unzählige beging, trotz der Wachsamkeit der Schmetterlinge und zum großen Ärger ihrer Besitzerin.

Mrs. Strong spielte nicht mit, weil sie sich nicht ganz wohl fühlte, und Mr. Maldon entschuldigte sich auch, weil er zu packen hatte.

Als er damit fertig war, kam er wieder, und sie sprachen miteinander.

Von Zeit zu Zeit trat sie an den Spieltisch und sah dem Doktor in das Blatt und riet ihm, was er spielen sollte. Sie sah sehr blaß aus, und wenn sie auf die Karten wies, kam es mir vor, als ob ihre Finger zitterten. Aber der Doktor war ganz glücklich über ihre Aufmerksamkeit und bemerkte es nicht.

Beim Essen waren wir schon nicht mehr so heiter. Jeder fühlte, daß ein Abschied eine unangenehme Sache ist, die immer unangenehmer wird, je mehr die Zeit vorrückt.

Mr. Jack Waldon bemühte sich, möglichst gesprächig zu sein, aber es gelang ihm nicht, und er machte die Sache nur noch schlimmer. Auch der »General« verbesserte sie dadurch nicht, daß er Geschichten aus Mr. Jack Maldons Jugend aufwärmte.

Nur der Doktor merkte nichts, war frohen Mutes und lebte in der Meinung, daß alle in der heitersten Stimmung wären.

»Liebe Ännie,« sagte er endlich, sah nach der Uhr[281] und füllte sein Glas. »Es ist jetzt Zeit für deinen Vetter Jack, und wir dürfen ihn nicht länger aufhalten, da die Zeit und die Flut – mit beiden muß er rechnen – auf niemand warten. Mr. Jack Maldon, Sie haben eine lange Reise und ein fremdes Land vor sich. Aber vielen Menschen ist es schon so gegangen und vielen wird es noch so gehen. Der Wind, dem Sie sich anvertrauen wollen, hat viele Tausende schon dem Glück entgegengetragen und Tausende schon glücklich zurückgebracht.«

»Es ist rührend,« bemerkte Mrs. Markleham, wie man es auch immer betrachtet, »s ist rührend, wenn ein hübscher junger Mann, den man schon von Kindheit an gekannt hat, ans andere Ende der Welt geht, alle zurückläßt und nicht weiß, was ihm die Zukunft bringt. Ein junger Mann, der solcher Opfer fähig ist,« setzte sie mit einem Blick auf den Doktor hinzu, »verdient Unterstützung und ständige Hilfe.«

»Die Zeit wird Ihnen schnell vergehen, Mr. Jack Maldon,« fuhr der Doktor fort, »und uns auch. Mancher von uns wird, wie es in der Natur der Dinge liegt, Ihre Rückkehr kaum erwarten können. Das Beste, was wir tun können, ist beständig darauf zu hoffen, und das tue auch ich. Ich will Sie nicht mit guten Ratschlägen langweilen. Sie haben solang in Ihrer Kusine Ännie ein so gutes Beispiel vor Augen gehabt. Ahmen Sie ihrem Vorbild nach, so sehr wie Sie können.«

Mrs. Markleham fächelte sich und nickte mit dem Kopf.

»Leben Sie wohl, Mr. Jack,« sagte der Doktor und stand auf, und wir alle folgten seinem Beispiel. »Eine glückliche Reise, ein erfolgreiches Wirken da drüben und glückliche Wiederkehr!«

Wir alle tranken den Toast und schüttelten Mr. Jack Maldon die Hand, worauf dieser hastig von den anwesenden Damen Abschied nahm und zur Türe eilte. Als er in den Wagen stieg, wurde er von den Schülern, die sich vor dem Hause versammelt hatten, mit einem donnernden Hoch empfangen. Ich eilte unter sie und stand nahe beim Wagen, als er fortfuhr.

Inmitten des Lärms und des Staubes kam es mir vor, als sähe ich Mr. Jack Maldon mit sehr aufgeregtem [282] Gesicht und etwas Kirschrotes in der Hand wegfahren.

Nach einem zweiten Hoch für den Doktor und einem für seine Frau zerstreuten wir uns, und ich ging in das Haus zurück, wo die Gäste den Doktor umstanden und über die Abreise Mr. Jack Maldons sprachen. Mitten in der Unterhaltung rief Mrs. Markleham: »Wo ist Ännie?«

Ännie war nicht da, und niemand antwortete, als man nach ihr rief. Als sich alle erregt zur Türe hinausdrängten, um sie zu suchen, fand man sie bewußtlos in der Vorhalle liegen. Anfangs herrschte große Bestürzung, bis man sah, daß sie nur ohnmächtig war und sich nach den gewöhnlichen Mitteln bald erholte. Der Doktor hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt, strich ihr die Locken aus dem Gesicht und sagte:

»Die arme Ännie. Sie ist so weichherzig und anhänglich! Der Abschied von ihrem alten Gespielen und Freund – ihrem Lieblingsvetter – ist schuld daran. Ach, sie tut mir so sehr leid.«

Als Mrs. Strong die Augen wieder aufschlug und sah, daß wir alle um sie herumstanden, erhob sie sich mit Hilfe der andern und legte den Kopf an des Doktors Brust. Ich weiß nicht, ob sie es nicht tat, um ihr Gesicht zu verbergen. Wir begaben uns in das Gesellschaftszimmer, um sie mit ihrem Gatten und ihrer Mutter allein zu lassen, aber sie sagte, es sei ihr schon viel besser, und sie wolle lieber bei uns bleiben. So brachten sie sie denn herein, – wie mir schien, sehr blaß und angegriffen, – und setzten sie auf ein Sofa.

»Liebe Ännie,« sagte ihre Mutter und machte sich an ihrem Kleide etwas zu schaffen. »Schau nur, du hast eine Schleife verloren. Möchte nicht jemand so gut sein und nach dem Band suchen? Es ist ein kirschrotes Band.«

Es war das, was sie vorher an der Brust getragen hatte. Wir suchten alle danach – ich selbst habe genau überall nachgesehen – aber finden konnte es niemand.

»Erinnerst du dich, wo du es zuletzt gehabt hast, Ännie?« fragte die Mutter.

[283] Es kam mir vor, als ob Mrs. Strong rot und blaß würde, als sie sagte, sie habe es vor einer Weile noch gehabt, aber es sei nicht der Mühe wert, danach zu suchen.

Dennoch wurde es gesucht, aber nicht gefunden. Sie bat, man möge sich doch nicht weiter bemühen. Aber trotzdem sah man sich zuweilen danach um, bis sie sich ganz erholt hatte und die Gäste sich verabschiedeten.

Mr. Wickfield, Agnes und ich gingen sehr langsam nach Hause. Agnes und ich bewunderten den Mondschein, nur Mr. Wickfield sah kaum vom Boden auf.

Als wir an unsere Haustür kamen, bemerkte Agnes, daß sie ihre Tasche vergessen hatte. Erfreut, gefällig sein zu können, lief ich zurück, um sie zu holen.

Ich trat zuerst in das Speisezimmer. Es war finster und leer. Eine Tür, die in das Studierzimmer des Doktors führte, stand jedoch offen, und ich bemerkte dort Licht. Ich ging hinein, um zu sagen, was ich suche, und um eine Kerze zu holen.

Der Doktor saß in seinem Lehnstuhl am Kamin und seine junge Frau auf einem kleinen Sessel zu seinen Füßen. Mit vergnügter Miene las ihr der Doktor aus einem Manuskript einen Abschnitt aus dem Wörterbuch vor, und sie sah zu ihm hinauf. Aber mit einem Gesicht, wie ich es noch nie gesehen habe. Es war so schön in seinen Linien, so aschfahl und ganz geistesabwesend und voll von einem wilden traumverlorenen Entsetzen, daß ich gar nicht wußte, was ich mir dabei denken sollte. Ihre Augen standen weit offen, und ihr braunes Haar fiel in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und ihr weißes Kleid herab, das durch den Verlust der Schleife in Unordnung gebracht war.

Ich sehe noch deutlich ihren Blick vor mir und kann doch nicht sagen, was er eigentlich ausdrückte. Reue, Ergebenheit, Scham, Stolz, Liebe und Vertrauen und unter all dem jenes gewisse unbestimmte Entsetzen.

Mein Eintreten weckte sie auf. Ich störte auch den Doktor, und als ich zurückkehrte, um das Licht wieder auf seinen alten Platz zu stellen, streichelte er [284] ihr gerade in seiner väterlichen Weise das Haar und sagte, es sei unbarmherzig von ihm, sich so von ihr zum Weiterlesen verleiten zu lassen, und sie möchte doch zu Bett gehen.

Aber sie bat ihn in hastiger, dringlicher Weise, sie dazulassen. Er möge ihr immer wieder sagen, daß er ihr vertraue. Als ich das Zimmer verließ, sah ich, daß sie ihre Hände auf seinen Knieen gefaltet hatte, und mit demselben, nur etwas ruhiger gewordnen Ausdruck im Gesicht zu ihm aufblickte, wie er wieder zu lesen anfing.

Es machte einen tiefen Eindruck auf mich und fiel mir wieder ein bei einer Gelegenheit, von der ich später einmal erzählen werde.

Siebzehntes Kapitel

Ein Mann taucht auf.


Gleich nach meiner Aufnahme in Dover hatte ich natürlich Peggotty einen Brief geschrieben und dann später noch einen zweiten und ganz ausführlichen, als mich meine Tante endgültig unter ihren Schutz genommen hatte. Als ich zu Dr. Strong in die Schule kam, schrieb ich ihr nochmals und setzte ihr meine glückliche Lage und meine guten Aussichten auseinander.

Nichts hätte mir mehr Freude machen können, als daß ich durch das Geldgeschenk Mr. Dicks in den Stand gesetzt war, die halbe Guinee mit der Post an Peggotty zurückschicken zu können. Bei dieser Gelegenheit erzählte ich ihr auch die Geschichte von dem Burschen mit dem Eselskarren.

Auf alle diese Briefe antwortete Peggotty so rasch, wenn auch nicht so umständlich wie ein Kaufmann.

Sie hatte alle ihre Fähigkeiten, ihren Gefühlen mit Tinte Ausdruck zu geben, bei dem Versuch angewandt, mir ihren Seelenzustand beim Lesen meines Reiseberichts [285] zu schildern. Vier Seiten unzusammenhängender und mit Ausrufen beginnender Satzanfänge, die stets mit Klecksen endeten, hatten ihr noch keine Erleichterung gebracht. Aber die Kleckse sprachen für mich deutlicher, als der beste Satzbau hätte können; bewiesen sie mir doch, daß Peggotty den ganzen langen Brief hindurch geweint hatte.

Ich fand ohne Schwierigkeiten heraus, daß sie noch immer nicht recht mit meiner Tante ausgesöhnt war.

»Wir kennen uns nie in einem Menschen ganz aus,« schrieb sie, »aber zu denken, daß Miß Betsey so ganz anders ist, als man sich vorgestellt hat, das ist eine ›Moral‹.« Das waren ihre eignen Worte.

Sie fürchtete sich offenbar immer noch vor Miß Betsey, denn sie ließ sich ihr schüchtern als ihre gehorsame und dankbare Dienerin empfehlen und schien immer noch ein wenig ängstlich zu sein, ich könnte doch vielleicht noch einmal ausreißen. Ich merkte es daran, daß sie mir wiederholt versicherte, ich könne jederzeit das Fahrgeld nach Yarmouth von ihr bekommen, falls ich es einmal brauchte.

Was mich sehr schmerzlich berührte, war die Nachricht, daß die Möbel in unserm alten Haus verkauft worden seien. Mr. und Miß Murdstone waren fortgezogen und das Haus sollte vermietet oder verkauft werden. Ich hatte, weiß Gott, keinen Anteil daran haben dürfen, so lange sie dort waren, aber es tat mir weh, mir das liebe alte Haus ganz verlassen, den Garten mit Unkraut und die Wege mit welkem, feuchtem Laub bedeckt, vorstellen zu müssen. Ich malte mir aus, wie die Winterstürme es umheulten, wie der kalte Regen an das Fenster schlagen und der Mond Gespenster an die Wände der leeren Zimmer malen würde.

Ich mußte wieder an das Grab unter dem Baume denken und mir war, als ob das Haus jetzt ebenfalls gestorben und alles, was mich an Vater und Mutter erinnerte, entschwunden sei.

Sonst brachten mir Peggottys Briefe nichts Neues. Sie schrieb, Mr. Barkis sei ein vortrefflicher Ehemann, wenn auch immer noch ein bißchen knickerig; doch wir hätten alle unsere Fehler und sie besonders eine ganze [286] Menge (ich kann mich auf keinen besinnen) und er lasse mich grüßen und mir sagen, mein kleines Schlafzimmer stünde immer für mich bereit. Mr. Peggotty befinde sich wohl und Ham desgleichen und Mrs. Gummidge soso, und die kleine Emly wolle mich nicht grüßen lassen, aber Peggotty dürfte es für sie tun.

Alle diese Nachrichten teilte ich gewissenhaft meiner Tante mit und unterließ nur, die kleine Emly zu erwähnen, zu der sie sich, wie ich instinktiv fühlte, nicht sehr zärtlich hingezogen fühlen würde.

Anfangs, als ich mich in Dr. Strongs Schule noch unbehaglich und fremd fühlte, kam meine Tante mehrere Male nach Canterbury mich besuchen und zwar stets zu ungewöhnlicher Stunde, wahrscheinlich, um mich zu überraschen.

Da sie mich aber stets beschäftigt fand und Gutes über mich hörte und von allen Seiten erfuhr, daß ich in der Schule Fortschritte machte, stellte sie bald diese Besuche ein. Ich ging alle drei oder vier Wochen Samstags zu ihr nach Dover, während ich Mr. Dick jeden zweiten Mittwoch sah, wo er mittags mit der Landkutsche ankam und bis zum nächsten Morgen blieb.

Bei solchen Gelegenheiten reiste Mr. Dick nie ohne eine Schreibmappe mit Papier und die Denkschrift, die er jetzt besonders dringlich hielt und mit deren Vollendung er eifriger als je beschäftigt schien.

Mr. Dick war dem Laster des Pfefferkuchengenusses außerordentlich ergeben. Um ihm seine Besuche bei mir angenehmer zu gestalten, hatte mich meine Tante beauftragt, ihm bei einem Konditor eine laufende Rechnung zu eröffnen, mit der Einschränkung, daß nie mehr als für einen Schilling für den Tag gekauft werden dürfte. Dies und der Umstand, daß alle seine kleinen Rechnungen in dem Wirtshaus, wo er übernachtete, meiner Tante eingeschickt werden mußten, bevor sie bezahlt wurden, erweckten in mir den Verdacht, daß er mit seinem Gelde bloß klimpern, es aber nicht ausgeben dürfte.

Meine Vermutung bestätigte sich insofern, als wirklich zwischen ihm und meiner Tante die Vereinbarung bestand, daß er ihr über alle seine Ausgaben[287] Rechenschaft ablegen mußte. Da er nicht im entferntesten daran dachte, sie zu hintergehen, und immer danach trachtete, ihr Wohlgefallen zu erregen, so wurde er dadurch sehr vorsichtig in seinen Ausgaben. Hinsichtlich dieses Punktes, sowie auch aller andern möglichen Punkte war Mr. Dick überzeugt, daß Miß Trotwood die weiseste und wunderbarste aller Frauen sei, wie er mir oft ganz geheimnisvoll und stets im Flüsterton verriet.

»Trotwood,« fragte er mich eines Mittwochs, als er mir das eben wieder anvertraut hatte, mit geheimnisvoller Miene, »wer ist der Mann, der sich immer in der Nähe unseres Hauses versteckt hält und sie erschreckt?«

»Meine Tante erschreckt?«

Mr. Dick nickte. »Ich dachte, nichts könnte sie erschrecken, denn sie ist, sag es nicht weiter, – er fing an zu flüstern – die weiseste und wunderbarste aller Frauen.« Nachdem er dies gesagt hatte, trat er zurück, um die Wirkung dieser Worte auf mich zu beobachten.

»Das erstemal kam er – warte einmal – im Jahre 1649 wurde Karl I. hingerichtet –, du sagtest doch 1649?«

»Ja, Sir.«

»Ich weiß gar nicht, wie das sein kann,« sagte Mr. Dick ganz verdutzt und schüttelte den Kopf. »Ich kann doch nicht so alt sein!«

»Ist der Mann in diesem Jahr erschienen, Sir?« fragte ich.

»Ich weiß nicht, wieso es in diesem Jahr gewesen sein könnte, Trotwood! Du weißt doch die Jahreszahl aus der Geschichte?«

»Ja, Sir.«

»Die Geschichte lügt niemals, nicht wahr?« fragte Mr. Dick mit einem Strahl von Hoffnung im Gesicht.

»Ganz gewiß nicht, Sir,« antwortete ich ganz entschieden.

Ich war vertrauensvoll und jung und glaubte es wirklich.

»Ich kann nicht daraus klug werden,« meinte Mr. Dick, den Kopf schüttelnd. »Etwas ist da nicht in[288] Ordnung. Jedenfalls war es aber nicht lange nach der Zeit, wo sie aus Versehen einen Teil der Sorgen aus König Karls I. Kopf in meinen steckten, als der Mann das erstemal kam. Ich ging nach Dunkelwerden mit Miß Trotwood spazieren, und da trafen wir ihn dicht bei unserm Hause.«

»Er ging dort herum?« fragte ich.

»Ob er herumging?« wiederholte Mr. Dick. »Laß mich einmal nachdenken. N–nein, nein. Er ging nicht spazieren.«

So fragte ich denn, um am schnellsten zum Ziel zu kommen, was er denn eigentlich getan habe.

»Er war eigentlich vorher gar nicht da,« sagte Mr. Dick, »aber plötzlich stand er hinter ihr und flüsterte ihr etwas zu. Da drehte sie sich um und wurde fast ohnmächtig. Und ich stand still und sah ihn an, und er ging fort. Daß er sich aber seit der Zeit immer versteckt gehalten hat, unter der Erde oder sonstwo, ist das allermerkwürdigste.«

»Hat er sich wirklich immer versteckt gehalten seitdem?«

»Ganz gewiß,« entgegnete Mr. Dick und nickte ernst mit dem Kopf. »Kam nie heraus, bis in der letzten Nacht. Wir gingen abends miteinander spazieren, da stand er plötzlich wieder hinter ihr, und ich erkannte ihn sofort.«

»Und erschreckte er wieder meine Tante?«

»Bis zum Entsetzen,« sagte Mr. Dick, »so!« und er machte mit den Zähnen klappernd meine Tante nach. »Sie hielt sich am Geländer und schrie, – – Trotwood komm einmal her.« Er zog mich dicht an sich heran, um ganz leise flüstern zu können. »Warum gab sie ihm dann beim Mondschein Geld?«

»Er war vielleicht ein Bettler.«

Mr. Dick schüttelte den Kopf, als wolle er diese Vermutung entschieden zurückweisen, und nachdem er mit größter Zuversicht und sehr oft hintereinander »kein Bettler, kein Bettler, kein Bettler, Sir,« wieder holt hatte, fuhr er fort zu berichten, daß er von seinem Fenster aus gesehen habe, wie meine Tante spät nachts beim Mondschein draußen vor der Gartentür dem Unbekannten [289] Geld gab. Der Mann sei sodann verschwunden, wahrscheinlich wieder in die Erde, während meine Tante rasch und verstohlen wieder in das Haus gegangen und zu Mr. Dicks größter Sorge noch am andern Tag sehr aufgeregt gewesen sei.

Ich zweifelte anfangs nicht im mindesten, daß jener Unbekannte nur in Mr. Dicks Einbildung lebe und vielleicht ein Nachkomme jenes unglücklichen Regenten sei, der seiner Phantasie so viel zu schaffen machte. Aber nach einigem Nachdenken kam ich zur Erwägung, ob nicht vielleicht ein Versuch oder die Androhung eines solchen, den armen Mr. Dick wieder dem Schutze meiner Tante zu entziehen, stattgefunden, und ob sie sich nicht – kannte ich doch ihre große Zuneigung zu ihrem Schützling – veranlaßt gesehen haben könnte, seine Sicherheit mit Geld zu erkaufen.

Da ich schon damals sehr an Mr. Dick hing und mir sein Schicksal sehr am Herzen lag, so bekümmerten mich meine Befürchtungen seinetwegen sehr und lange konnte ich den Mittwoch kaum erwarten. Aber stets erschien er auf seinem gewohnten Platz auf dem Kutschbock, grauköpfig, lachend und glücklich, und nie wieder wußte er etwas von dem Mann zu berichten.

Diese Mittwochstage waren die glücklichsten in Mr. Dicks Leben, und auch ich freute mich immer sehr auf sie. Er wurde bald mit den Knaben der Schule bekannt, und obgleich er niemals an einem Spiel außer am Drachensteigen tätigen Anteil nahm, zeigte er doch an allem ein ebenso großes Interesse, wie wir selbst. Wie oft habe ich ihn atemlos vor Spannung zuschauen sehen, wenn wir eine Partie Murmeln oder Kreisel spielten. Wie oft während des Jagdspiels habe ich ihn auf einem kleinen Erdhügel stehen, uns zujauchzen und in gänzlichem Vergessen König Karls und seiner Hinrichtung den Hut über dem grauen Kopf schwenken sehen. Wie manche Sommerstunde verging ihm wie eine glückliche Minute auf dem Cricketplatz. Wie manchen Wintertag stand er bei Schnee und Ostwind mit blauer Nase da und sah die Jungen die lange Bahn hinabrodeln und klatschte entzückt Beifall mit seinen wollenen Handschuhen.

[290] Er war der allgemeine Liebling. Seine Erfindungsgabe in Kleinigkeiten grenzte ans Wunderbare. Er konnte Orangen in Figuren schneiden, die keiner von uns herausgebracht hätte, er konnte aus allem ein Boot machen, sogar aus Spagat. Aus Hühnerbrustknochen schnitzte er Schachfiguren, aus Spielkarten baute er römische Triumphwagen, aus Spulen Speichenräder und Vogelkäfige aus altem Draht. Am größten war er aber in der Herstellung von Gegenständen aus Bindfaden und Stroh und konnte alles machen, wie wir fest glaubten, was Menschenhände überhaupt herzustellen imstande waren.

Sein Ruhm blieb nicht lange auf unsern Kreis beschränkt. Nach einigen Wochen erkundigte sich Dr. Strong bei mir nach ihm, und ich erzählte alles, was ich über ihn wußte. Das nahm den Doktor so sehr für Mr. Dick ein, daß er mich bat, ihm ihn beim nächsten Besuche vorzustellen. Es geschah, und der Doktor forderte ihn auf, immer in die Schule zu kommen und dort zu warten, bis die Stunden zu Ende wären, anstatt immer auf der Post meiner zu harren.

Dies wurde Mr. Dick später zur Gewohnheit, und er pflegte immer auf dem Schulhof Mittwochs auf mich zu warten. Bei einer solchen Gelegenheit machte er die Bekanntschaft der schönen, jungen Frau des Doktors, die uns jetzt seltner zu Gesicht kam, bleicher war als früher, nicht mehr so heiter, aber deswegen nicht weniger schön. Schließlich kam er sogar bis in die Klasse. Er saß dann immer in einer besondern Ecke auf einem besondern Stuhl, der nach ihm »Dick« hieß, und lauschte, das graue Haupt vorgebeugt, aufmerksam und voll tiefster Ehrfurcht auf alle die Gelehrsamkeiten, die selbst zu erringen er nicht fähig war.

Seine Verehrung dehnte er auf den Doktor aus, den er für den scharfsinnigsten und vollendetsten Philosophen aller Zeiten hielt. Es dauerte lange, ehe er anders als barhaupt mit dem Doktor sprach, und selbst, als sie miteinander Freundschaft geschlossen hatten und stundenlang an der Seite des Hofs spazieren gingen, legte er seine Ehrfurcht vor den Wissenschaften [291] dadurch an den Tag, daß er von Zeit zu Zeit grundlos den Hut abnahm.

Wieso der Doktor dazu kam, ihm auf diesen Spaziergängen Bruchstücke aus dem berühmten Wörterbuch vorzulesen, weiß ich nicht. Vielleicht tat er es anfangs nur aus Zerstreutheit. Später wurde es Gewohnheit, und Mr. Dick, der immer mit einem vor Stolz und Freude glänzenden Gesicht zuhörte, hielt im Innersten seines Herzens das Wörterbuch für das herrlichste Werk der Welt.

Agnes wurde ebenfalls bald mit Mr. Dick befreundet, und da er oft zu uns ins Haus kam, machte er auch mit Uriah Bekanntschaft.

Unsere Freundschaft nahm beständig zu. Während er offiziell kam, um als Vormund nach mir zu sehen, zog er mich in Wirklichkeit immer zu Rate, wenn ihm hie und da ein Zweifel aufstieg. Immer ließ er sich von meinen Ratschlägen leiten, da er nicht nur eine hohe Achtung vor meinem angebornen Scharfsinn hegte, sondern auch glaubte, daß ich einiges von meinen Gaben von meiner Tante geerbt hätte.

Eines Donnerstag morgens, als ich Mr. Dick nach der Poststation begleitete, begegnete ich Uriah auf der Straße, der mich bei dieser Gelegenheit an mein Versprechen, zu ihm und seiner Mutter zum Tee zu kommen, erinnerte. Er wand sich dabei wieder und sagte: »Ich erwartete ja auch niemals, daß Sie Wort halten würden, Mr. Copperfield, sin mir doch so niedrige Leute.«

Ich war mir wirklich bisher noch nicht vollkommen klar darüber geworden, ob ich Uriah gern hätte oder ihn verabscheute, und wie er da auf der Straße vor mir stand und ich ihm ins Gesicht sah, schwankte ich in meinen Gefühlen. Da ich es aber geradezu als Beleidigung empfand, für hochmütig gehalten zu werden, sagte ich, man brauchte mich nur einzuladen.

»O, wenn das alles ist, Master Copperfield, und wenn wirklich unsere niedrige Stellung Sie nicht abhält, würden Sie da nicht diesen Abend schon kommen? Aber wenn unsere Niedrigkeit Sie abstößt, Master Copperfield, dann bitte sagen Sie es nur ganz offen, mir sin uns unserer Stellung wohl bewußt.«

[292] Ich sagte, ich wolle Mr. Wickfield um Erlaubnis bitten und dann mit Vergnügen kommen. Um sechs Uhr abends – die Kanzlei wurde gerade zeitig geschlossen – meldete ich Uriah, daß ich zu kommen bereit sei.

»Mutter wird wahrhaftig stolz sein,« sagte er, als wir zusammen fortgingen, »vielmehr sie würde stolz sein, wenn das nicht sündhaft wäre, Master Copperfield.«

»Und doch muteten Sie mir heute morgen noch zu, daß ich stolz wäre,« sagte ich.

»O Gott nein, Master Copperfield,« entgegnete Uriah. »Glauben Sie das nicht. So ein Gedanke wäre mir nie in den Sinn gekommen. Ich hätte es niemals als Stolz angesehen, wenn Sie uns für viel zu niedrig angesehen hätten. Mir sin doch gar so sehr niedrige Leute.«

»Haben Sie in der letzten Zeit wieder fleißig die Gesetze studiert?« fragte ich, um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben.

»Ach, Master Copperfield,« entgegnete er mit einer Miene voll Selbstverleugnung, »mein Lesen ist kaum ein Studium zu nennen. Ich habe abends manchmal ein oder zwei Stunden in Gesellschaft von Herrn Tidd verbracht.«

»Es ist wohl recht anstrengend?«

»Für mich ist es wohl manchmal schwer,« antwortete Uriah. »Aber ich weiß nicht, wie es für einen begabten Menschen sein mag.«

Nachdem er im Weitergehen mit zwei Fingern seiner rechten Skeletthand ein Weilchen auf seinem Kinn getrommelt hatte, fuhr er fort:

»Sehen Sie, Master Copperfield, es gibt da lateinische Worte und Phrasen bei Herrn Tidd, die für einen Leser von meinen geringen Kenntnissen Hemmnisse sind.«

»Wollen Sie Lateinisch lernen?« fragte ich rasch. »Ich würde Ihnen mit Vergnügen ein wenig darin behilflich sein.«

»O, ich danke Ihnen, Master Copperfield, es ist sicher sehr freundlich von Ihnen, es mir anzubieten, aber ich bin eine viel zu geringe Person, um es annehmen zu können.«

[293] »Aber dummes Zeug, Uriah!«

»Ach, Sie müssen mich wirklich entschuldigen, Master Copperfield! Ich bin Ihnen unendlich verbunden und würde es außerordentlich gern annehmen, aber ich bin eine viel, viel zu geringe Person. Es gibt sowieso schon Leute genug, die mich in meiner Niedrigkeit mit Füßen treten, ohne daß ich ihre Gefühle durch Besitz von Gelehrsamkeit beleidige. Gelehrsamkeit ist nichts für mich! Eine Person wie ich darf nicht hoch streben. Sie muß, wenn sie im Leben vorwärts kommen will, es auf die bescheidenste Art tun, Master Copperfield!«

Ich sah Uriahs Mund noch nie so weit offen und die Falten in seiner Wange so tief, wie während dieser Rede, die er mit Kopfschütteln und unterwürfigen Krümmungen begleitete.

»Ich glaube, Sie haben unrecht, Uriah,« sagte ich. »Ich glaube, ich könnte Ihnen so manches lehren, wenn Sie es nur lernen wollten.«

»O, daran zweifle ich nicht, Master Copperfield,« antwortete er. »Nicht im geringsten. Aber da Sie selbst keine niedrige Person sind, können Sie vielleicht nicht richtig urteilen über solche, die es sind. Ich will Leute, die besser sind als ich, nicht durch Wissen verletzen. Ich bin eine viel zu geringe Person! – Hier ist meine bescheidene Wohnung, Master Copperfield.«

Wir traten unmittelbar von der Straße in ein niedriges altmodisches Zimmer und fanden dort Mrs. Heep, Uriahs Ebenbild in kleinerem Maßstabe.

Sie empfing mich mit der größten Unterwürfigkeit und bat mich um Verzeihung, daß sie ihren Sohn küßte, mit dem Bemerken, wenn sie auch niedrigen Standes wären, so hätten sie doch auch natürliche Gefühle, die hoffentlich andre nicht verletzen würden.

Es war ein ganz anständiges Zimmer, halb Wohnstube, halb Küche, aber in keiner Hinsicht gemütlich. Das Teezeug stand auf dem Tisch, und der Kessel kochte über dem Feuer. Ich bemerkte eine Kommode mit einem Schreibpult darauf für Uriah. Er las dort abends oder schrieb. Seine blaue Aktentasche lag darauf und spie förmlich Papiere. Ich sah seine Bücher, angeführt [294] von Mr. Tidd, dann einen Schrank in der Ecke und den üblichen Hausrat.

Ich könnte nicht sagen, daß irgendein Gegenstand besonders kahl oder ärmlich ausgesehen hätte, aber das Ganze machte den Eindruck.

Es gehörte wahrscheinlich mit zu Mrs. Heeps Unterwürfigkeit, daß sie immer noch Trauer trug, obschon ihr Gatte bereits sehr lange Zeit tot war. Nur in der Haube war eine Art Kompromiß zu entdecken, aber sonst trug sie noch ebenso tiefe Trauer wie beim Leichenbegängnis.

»Es ist ein denkwürdiger Tag heute, Uriah,« sagte Mrs. Heep, während sie den Tee bereitete, »weil uns Master Copperfield die Ehre seines Besuchs erweist.«

»Ich sagte gleich, auch du würdest es so auffassen, Mutter,« bestätigte Uriah.

»Wenn ich den seligen Vater aus einem Grunde zurückwünschte,« sagte Mrs. Heep, »so wäre es aus dem, daß er unsern Gast diesen Nachmittag sehen könnte.«

Mich setzten diese Komplimente in Verlegenheit, andrerseits empfand ich es auch als schmeichelhaft, daß ich als so geehrter Gast empfangen wurde, und Mrs. Heep erschien mir deshalb als eine recht angenehme Frau.

»Mein Uriah,« sagte Mrs. Heep, »hat diese Stunde lang ersehnt, Sir! Er befürchtete, unsere Niedrigkeit sei ein Hindernis, und ich stimmte mit ihm überein. Niedrig sind mir, niedrig waren mir und niedrig werden mir bleiben.«

»Gewiß haben Sie keine Veranlassung, es zu sein, Maam,« sagte ich, »wenn Sie es nicht selbst wollen.«

»Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Mrs. Heep. »Aber wir kennen unsre Stellung und müssen dankbar dafür sein.«

Es fiel mir auf, daß Mrs. Heep langsam näher rückte und Uriah allmählich mir gegenüber zu sitzen kam, während sie mir ehrerbietig die besten Bissen zuschoben. Freilich war keine besondere Auswahl da, aber ich nahm den guten Willen für die Tat.

Sie fingen dann an, von Tanten zu sprechen, und[295] dann erzählte ich ihnen von meiner Tante; Mrs. Heep begann von Stiefvätern zu sprechen, und ich erzählte von meinem, hörte jedoch bald auf, da meine Tante mir geraten hatte, über diesen Punkt gegen jedermann zu schweigen. Aber ein weicher, junger Kork hätte nicht mehr Chancen gegenüber ein paar Pfropfenziehern gehabt, ein zarter junger Milchzahn nicht weniger Sicherheit vor ein paar Zahnärzten, als ich in den Händen Uriahs und Mrs. Heeps.

Sie machten mit mir, was ihnen gefiel, zogen Dinge aus mir heraus, die ich gar nicht verraten wollte, und zwar um so leichter, als ich in meiner kindlichen Arglosigkeit mir etwas darauf einbildete, so freimütig zu sein, und mir meinen beiden ehrerbietigen Wirten gegenüber gönnerhaft vorkam.

Sie liebten einander sehr, das lag auf der Hand. Wahrscheinlich brachte das eine gewisse natürliche Wirkung auf mich hervor. Aber die Geschicklichkeit, mit der sie einander in die Hände arbeiteten, war ein Kunsttrick, dem ich noch viel weniger zu widerstehen vermochte.

Als nichts mehr aus mir herauszulocken war, – denn über das Leben bei Murdstone & Grinby und über meine Reise war ich stumm wie das Grab, – fingen sie von Mr. Wickfield und Agnes an. Uriah warf den Ball Mrs. Heep zu. Mrs. Heep fing ihn auf und warf ihn Uriah zurück. Uriah spielte eine Zeitlang mit ihm und sandte ihn dann wieder seiner Mutter zu, und so ging es hinüber und herüber, bis ich gar nicht mehr wußte, wer ihn hatte, und ganz verwirrt war.

Der Ball selbst nahm auch stets eine andere Form an. Bald war er Mr. Wickfield, bald Agnes, – bald Mr. Wickfields vortrefflicher Charakter, bald meine Bewunderung für Agnes, – dann Mr. Wickfields Kanzlei und Vermögen, unser häusliches Leben nach dem Essen, dann der Wein, den Mr. Wickfield trank, der Grund, warum er ihn trank, und der Jammer, daß er soviel tränke –, bald das, bald jenes –, dann wieder alles auf einmal. Und die ganze Zeit stand ich unter dem Eindruck, daß ich gar nicht viel spräche und sie nur immer ein wenig ermuntere, aus Furcht, sie würden sonst wieder [296] in Unterwürfigkeit ersterben. Dann ertappte ich mich plötzlich, daß ich etwas ausgeplaudert, was ich hätte verschweigen sollen, und merkte die Wirkung davon an dem Zwinkern von Uriahs scharfgeschnittenen Nasenflügeln.

Es wurde mir langsam unbehaglich, und der Wunsch regte sich in mir, den Besuch abzubrechen, als jemand an der Türe, die wegen der Schwüle offen stand, vorüberging, wieder umkehrte, hereinsah und mit dem Ausruf: »Copperfield, ja, ists denn möglich!« hereintrat.

Es war Mr. Micawber.

Mr. Micawber mit seiner Lorgnette, seinem Spazierstock, seinem Hemdkragen, seiner vornehmen Miene und dem herablassenden Rollen in seiner Stimme, wie er leibte und lebte.

»Mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber und streckte mir die Hände hin, »dies ist in der Tat eine Begegnung, die geeignet ist, den Geist mit dem Gefühle der Ungewißheit und Wandelbarkeit alles Menschlichen zu erfüllen, – kurz, es ist eine außerordentliche Begegnung. Ich gehe auf der Straße herum, gerade über die Wahrscheinlichkeit einer überraschenden Schicksalswendung – meine Hoffnung in dieser Hinsicht ist jetzt sehr lebhaft – nachdenkend, da stoße ich auf einen jungen, aber geschätzten Freund, der zur ereignisreichsten Periode meines Lebens in engster Verbindung steht, fast möchte ich sagen, mit dem Wendepunkt meines Schicksals. Mein lieber Copperfield, wie geht es Ihnen?«

Ich kann nicht sagen, daß ich gerade ihn hier sehr gern sah, aber doch freute es mich, ihn wiederzusehen, und ich schüttelte ihm herzlich die Hand und fragte nach dem Befinden seiner Gattin.

»Ich danke,« sagte Mr. Micawber mit seiner alten Handbewegung und sein Kinn in seinem Hemdkragen vergrabend. »Sie ist leidlich in der Genesung begriffen. Die Zwillinge ziehen nicht länger ihre Nahrung aus den Quellen der Natur, kurz, – er bekam wieder einen seiner alten Vertraulichkeitsausbrüche – sie sind entwöhnt, und Mrs. Micawber ist zur Zeit meine Reisegefährtin. Sie wird sich glücklich schätzen, Copperfield, die Bekanntschaft mit jemand zu erneuern, der sich in [297] jeder Hinsicht als würdiger Priester an dem geheiligten Altar der Freundschaft erwiesen hat.«

Ich sagte, ich würde mich außerordentlich freuen, sie zu sehen.

»Sie sind sehr gütig!« Mr. Micawber lächelte, vergrub wieder sein Kinn und sah sich um.

»Ich habe meinen Freund Copperfield,« sagte er höflich, ohne dabei jemand anzublicken, »nicht in der Einsamkeit gefunden, sondern bei einem geselligen Mahl in Gesellschaft einer verwitweten Dame und eines jungen Mannes, der wahrscheinlich ihr Sprößling –, kurz und gut, ihr Sohn ist. Den Herrschaften vorgestellt zu werden, würde ich mir zur Ehre anrechnen.«

Ich konnte in dieser Lage nicht umhin, Mr. Micawber mit Uriah Heep und seiner Mutter bekannt zu machen. Da sich die beiden Heeps sehr unterwürfig benahmen, nahm Mr. Micawber einen Stuhl an und machte seine vornehmsten Handbewegungen.

»Jeder Freund meines Freundes Copperfield,« sagte er, »hat auch einen persönlichen Anspruch auf mich.«

»Mir sind viel zu niedrige Leute, Sir,« sagte Mrs. Heep, »ich und mein Sohn, um Master Copperfields Freunde sein zu dürfen. Er ist so gütig gewesen, seinen Tee bei uns zu trinken, und mir sind ihm so dankbar für seine Gesellschaft und auch Ihnen, Sir, daß Sie uns beachten.«

»Maam,« erwiderte Mr. Micawber mit einer Verbeugung. »Sie sind sehr liebenswürdig! Und was machen Sie, Copperfield? Immer noch im Weingeschäft?«

Es lag mir außerordentlich viel daran, Mr. Micawber fortzubringen, und erwiderte, den Hut in der Hand und wahrscheinlich mit sehr rotem Gesicht, daß ich ein Schüler Mr. Strongs sei.

»In der Schule,« sagte Mr. Micawber und zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. »Es freut mich außerordentlich, das zu hören. Obgleich ein Talent, wie mein Freund Copperfield, – er wandte sich zu Uriah und Mrs. Heep – nicht jener Ausbildung bedarf, die er ohne seine Kenntnisse der Menschen und menschlichen Verhältnisse vielleicht notwendig hätte, so ist doch ein reicher Boden immerhin fruchtbar und geeignet [298] für noch schlummernde Keime, kurz« – er verfiel wieder in seine Vertraulichkeit – »Copperfield ist ein Talent, fähig, es mit den Klassikern aufzunehmen.«

Uriah machte, seine dünnen Hände langsam reibend, eine gespenstische Windung mit dem Oberleib, um seiner Hochachtung für mich den gewünschten Ausdruck zu verleihen.

»Wollen wir zu Mrs. Micawber gehen, Sir?« fragte ich, um loszukommen.

»Wenn Sie ihr diese Gunst erweisen wollen, Copperfield,« erwiderte Mr. Micawber und stand auf. »Ich nehme keinen Anstand, hier in Gegenwart unserer Freunde zu erklären, daß ich ein Mann bin, der mehrere Jahre unter dem Drucke materieller Schwierigkeiten stand.« – Wußte ich doch, daß so etwas noch herauskommen würde! Er pflegte von jeher gern mit seinen Schwierigkeiten zu prahlen. »Manchmal habe ich mich über meine Verlegenheiten siegreich erhoben, manchmal haben meine Verlegenheiten obgelegen. Sie haben – – kurz, ich war untendurch. Manchmal habe ich nicht ohne Erfolg ihnen ins Gesicht gesehen, oft wurden sie zu zahlreich für mich, und ich gab es auf und sagte zu Mrs. Micawber mit Catos Worten: ›Plato, wohl hast du recht, es ist vorbei, nicht länger vermag ich zu ringen.‹ Aber zu keiner Zeit meines Lebens habe ich eine höhere Genugtuung empfunden, als damals, wo ich meinen Kummer, wenn ich ein paar Verlegenheiten, die lediglich durch Exekutionsdekrete und Sichtwechsel entstanden, Kummer nennen darf, – in den Busen meines Freundes Copperfield ausschütten konnte.«

Mr. Micawber schloß diese schöne Rede mit den Worten: »Mr. Heep, guten Abend! Mrs. Heep, Ihr ganz ergebenster Diener!« Dann ging er in seiner elegantesten Art mit mir hinaus, knarrte möglichst laut mit seinen Schuhen und summte eine Melodie vor sich hin.

Mr. Micawber war in einem kleinen Gasthaus abgestiegen und bewohnte darin ein kleines Zimmer, das von dem allgemeinen Gastzimmer abgeteilt, aus diesem Grunde stark nach Tabaksrauch roch.

Es mußte wohl über der Küche liegen, denn durch die Fugen des Fußbodens drang ein warmer Fettgeruch, [299] und die Wände waren mit einer speckigen Ausdünstung überzogen. Der Ausschank konnte auch nicht weit sein, wie ein Duft von Spirituosen und beständiges Gläsergeklirr verrieten.

Hier lag auf einem kleinen Sofa, unter der Abbildung eines Rennpferdes, mit der Fußspitze nach dem Senftopf auf dem stummen Diener zielend, Mrs. Micawber, der ihr Mann mein Kommen mit den Worten ankündigte: »Meine Liebe, gestatte mir, daß ich dir einen Schüler des Doktor Strong vorstelle.«

Mrs. Micawber war erstaunt, aber sehr erfreut, mich zu sehen. Ich war ebenfalls sehr erfreut, und nach einer freundschaftlichen Begrüßung von beiden Seiten nahm ich neben ihr auf dem kleinen Sofa Platz.

»Meine Liebe,« sagte Mr. Micawber, »wenn du Copperfield über unsre gegenwärtige Lage, die er gewiß gern wissen wird wollen, aufklären möchtest, werde ich unterdessen daneben die Zeitungen lesen und nachsehen, ob sich unter den Ankündigungen nichts findet.«

»Ich dachte, Sie wären in Plymouth, Maam,« sagte ich zu Mrs. Micawber, als er fort war.

»Mein lieber Master Copperfield,« antwortete sie, »wir gingen damals nach Plymouth.«

»Um an Ort und Stelle zu sein,« ergänzte ich.

»Jawohl,« sagte Mrs. Micawber, »aber wie sich herausstellte, sehen sie beim Zollamt Talent nicht gern. Der lokale Einfluß meiner Familie reichte nicht hin, für einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten eine Anstellung in diesem Fach durchzusetzen. Man zog vor, einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten abzulehnen. Die mangelhafte Begabung der andern würde gegen seine zu sehr abgestochen haben. Und außerdem möchte ich Ihnen, mein lieber Master Copperfield, nicht verhehlen, daß der Zweig meiner Familie, der in Plymouth seinen Wohnsitz hat, uns nicht mit der Wärme aufnahm, die wir so kurz nach unserer Befreiung hätten erwarten können, als er wahrnahm, daß außer Mr. Micawber und mir noch der kleine Wilkins und seine Schwester, sowie die beiden Zwillinge auf der Welt sind. Mit einem Wort,« Mrs. Micawber dämpfte ihre Stimme, – »es muß das unter uns bleiben –, unsere Aufnahme war kühl.«

[300] »O mein Gott,« sagte ich.

»Ja, es ist wahrhaft schmerzlich, die Menschheit in solchem Lichte sehen zu müssen, Master Copperfield –, aber unsre Aufnahme war ausgesprochen kühl! Zweifellos kühl! Ja, der Zweig meiner Familie, der seinen Wohnsitz in Plymouth hat, wurde vor Ablauf einer Woche direkt persönlich gegen Mr. Micawber.«

Ich sagte, daß sie sich schämen sollten.

»Aber es war einmal so. Was konnte unter solchen Umständen ein Mann von Mr. Micawbers Charakter tun? Nur ein Ausweg blieb übrig: Von diesem Zweig unserer Familie das Geld zur Rückkehr nach London ausborgen und um jeden Preis zurückfahren.«

»Und dann kehrten Sie alle zurück, Maam?«

»Wir kehrten zurück. Seitdem habe ich andre Zweige meiner Familie um Rat gefragt wegen der Laufbahn, die Mr. Micawber am förderlichsten sein würde, – denn ich bestehe darauf, er muß eine Laufbahn einschlagen, Master Copperfield,« sagte Mrs. Micawber mit Entschiedenheit. »Es ist klar, daß eine Familie von sechs Köpfen, den Dienstboten abgerechnet, nicht von der Luft leben kann.«

»Gewiß nicht, Maam,« sagte ich.

»Die Meinung dieser andern Zweige meiner Familie ist, daß Mr. Micawber seine Aufmerksamkeit sofort auf die Kohlen richten solle.«

»Auf was, Maam?«

»Auf den Kohlenhandel! Mr. Micawber kam nach näherer Erkundigung auf den Gedanken, daß für einen Mann von seinen Talenten im Medway-Kohlenhandel etwas zu holen wäre. Wie Mr. Micawber sehr richtig sagte, galt es nun, den ersten Schritt zu tun, nämlich, die Medway zu besichtigen, und wir traten die Reise an und besichtigten die Medway. Ich sage: wir, Master Copperfield,« fügte Mrs. Micawber ergriffen hinzu, »denn ich werde meinen Gatten nie verlassen.«

Murmelnd gab ich meiner Bewunderung und Zustimmung Ausdruck.

[301] »Wir kamen an und sahen die Medway. Mein Urteil über den Kohlenhandel auf diesem Fluß ist, daß zu ihm vielleicht Talent, vor allem aber Kapital nötig ist. Talent besitzt Mr. Micawber, Kapital hingegen nicht. Wir haben den größten Teil der Medway besichtigt, und ich bin zu diesem individuellen Schluß gelangt. Da wir hier so nahe waren, meinte Mr. Micawber, sei es leichtsinnig, eine Gelegenheit, uns die Kathedrale anzusehen, zu versäumen. Erstens, da sie wirklich sehenswert ist, und dann, weil sich möglicherweise in einem Erzbistum wie Canterbury leicht etwas finden könnte. Bisher hat sich noch nichts gefunden, und wir warten jetzt auf Geld aus London, um unsern pekuniären Verpflichtungen in diesem Gasthaus nachkommen zu können. Bis zur Ankunft dieses Geldes,« sagte Mrs. Micawber gefühlvoll, »bin ich von meinem Heim in Pentonville, von meinem Knaben und meinem Mädchen und meinen Zwillingen isoliert.«

Ich hegte das größte Mitgefühl für Mr. und Mrs. Micawber in dieser bedrängten Lage, sprach dies auch gegen Mr. Micawber, der jetzt zurückkehrte, aus und setzte hinzu, daß ich nur wünschte, ich besäße das Geld, um es ihnen leihen zu können.

Mr. Micawbers Antwort verriet seinen Gemütszustand. Er schüttelte mir die Hand und sagte: »Copperfield, Sie sind ein wahrer Freund, aber wenn das Schlimmste kommt, so ist ein Mensch noch nicht ganz verlassen, solange er noch ein Rasiermesser besitzt.«

Bei diesem schrecklichen Wink schlang Mrs. Micawber die Arme um ihres Gatten Hals und bat ihn, sich doch zu beruhigen. Mr. Micawber fing an zu weinen, erholte sich aber gleich wieder soweit, daß er dem Kellner klingeln und einen heißen Nierenpudding und einen Teller voll Krevetten zum Frühstück bestellen konnte.

Als ich Abschied nahm, drangen sie so sehr in mich, mit ihnen zu dinieren, ehe sie wieder abreisten, daß ich es unmöglich abschlagen durfte. Da ich aber am nächsten Tag nicht abkommen konnte, versprach Mr. Micawber zu Dr. Strong in die Schule zu kommen und mich für den nächsten Tag auszubitten – er hätte eine [302] Ahnung, daß das Geld übermorgen eintreffen würde, – falls es mir dann besser passen sollte.

Wirklich wurde ich am übernächsten Tag aus der Klasse gerufen und fand Mr. Micawber im Sprechzimmer. Das Essen sollte also am nächsten Tage stattfinden. Auf meine Frage, ob das Geld gekommen sei, drückte er mir die Hand und ging.

Als ich an diesem Abend aus unserm Fenster schaute, sah ich zu meiner Verwunderung und nicht ohne Unruhe Mr. Micawber und Uriah Heep Arm in Arm vorbeigehen. Uriah, ganz niedergedrückt im Bewußtsein der Ehre, die ihm widerfuhr, Mr. Micawber, strahlend vor Freude, Uriah seine Gönnerschaft angedeihen lassen zu können. Noch mehr war ich am nächsten Tage erstaunt, als ich zu Tisch ins Gasthaus kam, zu vernehmen, daß Mr. Micawber Uriah sogar nach Hause begleitet und dort Brandy mit Wasser getrunken hatte.

»Ich will Ihnen etwas sagen, lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber. »Ihr Freund Heep ist ein junger Mensch, der Staatsanwalt sein könnte. Wenn ich diesen jungen Mann zu der Zeit, als sich meine Verhältnisse zur Krise zuspitzten, gekannt hätte, würden meine Gläubiger wahrscheinlich mürber geworden sein, als es der Fall war.«

Ich konnte mir das nicht recht vorstellen, da Mr. Micawber sie ja überhaupt nicht bezahlt hatte. Aber ich wollte nicht fragen. Ich wollte auch nicht fragen, ob er nicht am Ende zu mitteilsam gegen Uriah gewesen und von mir zuviel gesprochen habe. Ich scheute mich, Mr. Micawbers und besonders Mrs. Micawbers Gefühle zu verletzen. Aber unbehaglich war mir zumute, und ich mußte nachher oft daran denken.

Wir hatten ein sehr gutes, kleines Diner. Einen ausgezeichneten Fisch, Kalbsnierenbraten, Bratwürste, ein Rebhuhn und einen Pudding. Wir tranken Wein und starkes Ale, und nach dem Essen bereitete uns Mrs. Micawber eigenhändig eine Bowle heißen Punsch.

Mr. Micawber war ungewöhnlich aufgeräumt. Ich sah ihn noch niemals so gut aufgelegt. Sein Gesicht war vom Punsch so erhitzt, daß es wie lackiert aussah. Er war ganz gerührt über die Stadt und trank auf ihr [303] Gedeihen und ließ dabei fallen, daß Mrs. Micawber und er sich hier außerordentlich wohl befunden hätten und nie die in Canterbury verlebten angenehmen Stunden vergessen würden. Dann brachte er einen Toast auf mich aus, und wir unterhielten uns alle drei über unser früheres Zusammentreffen, bei welcher Gelegenheit wir das ganze Besitztum der Familie im Geiste nochmals verkauften.

Dann ließ ich Mrs. Micawber leben oder sagte vielmehr bescheiden: »Wenn Sie mir gestatten würden, Maam, möchte ich mir erlauben, auf Ihre Gesundheit zu trinken.«

Sodann hielt Mr. Micawber eine Lobrede auf seine Gattin und hob hervor, sie wäre ihm immer als Führer, Philosoph und Freund zur Seite gestanden, und wenn ich einmal heiratete, so empfehle er mir, eine solche Frau zu nehmen, falls noch eine zu finden sei.

Als der Punsch zu Ende ging, wurde er noch gemütlicher und heiterer. Auch sie wurde lebhafter, und wir sangen das alte schottische Lied: »Auld lang Seyne« und vergossen Tränen dabei.

Kurz, ich sah nie jemand so fidel wie damals Mr. Micawber bis zu dem Augenblick, wo ich von ihm und seiner liebenswürdigen Frau herzlich Abschied nahm.

Um so verwunderter war ich, nächsten Morgen um sieben Uhr folgende Mitteilung zu erhalten, datiert halb zehn Uhr abends, eine Viertelstunde nach unserm Scheiden:


Mein lieber junger Freund!

Der Würfel ist gefallen – und alles vorbei. Als ich den nagenden Gram unter der künstlichen Maske der Heiterkeit verbarg, sagte ich Ihnen nicht, daß auf Geld nicht zu hoffen ist. Unter solchen Verhältnissen, die zu ertragen mitanzusehen und zu erzählen gleich demütigend sind, habe ich meine Rechnung hier getilgt mit einer Schuldverschreibung, vierzehn Tage zahlbar nach Ausstellung in meinem Domizil in Pentonville-London.

Bei Verfall wird sie nicht eingelöst. Die Folge davon ist der Untergang. Die Axt ist gehoben, und der Baum muß fallen.

Möge der Unglückliche, der Ihnen jetzt schreibt,[304] mein lieber Copperfield, Ihnen eine Warnung für das ganze Leben sein. Er schreibt in dieser Absicht und von dieser Hoffnung erfüllt. Wenn er glauben könnte, noch in dieser einen Hinsicht nützlich sein zu dürfen, so könnte vielleicht ein lichter Strahl in das freudlose Kerkerdunkel seiner Zukunft dringen, obgleich ihm zur Zeit ein hohes Alter außerordentlich problematisch erscheint (gelinde angedeutet).

Dies ist die letzte Mitteilung, mein lieber Copperfield, die Sie empfangen von Ihrem

an den Bettelstab gebrachten ausgestoßnen

Wilkins Micawber.


Ich war so bestürzt durch den Inhalt dieses herzzerreißenden Briefes, daß ich unverzüglich nach dem kleinen Gasthof eilte, um zu versuchen, Mr. Micawber ein wenig zu trösten.

Unterwegs begegnete ich der Londoner Landkutsche. Auf dem Rücksitz saßen Mr. und Mrs. Micawber, – ersterer ein Bild friedvollen Genießens. Er hörte lächelnd Mrs. Micawber zu, knackte Nüsse aus einer Papierdüte und hatte eine Flasche in der Brusttasche stecken. Da sie mich nicht bemerkten, hielt ich es für das beste, mich nicht sehen zu lassen. So lenkte ich mit erleichtertem Herzen in eine Seitenstraße, die am kürzesten zur Schule führte, ein und fühlte mich im ganzen großen sehr befreit, daß sie fort waren, trotzdem ich sie immer noch sehr gern hatte.

Achtzehntes Kapitel

Ein Rückblick.


O Schulzeit! Stilles Dahingleiten meines Daseins, unsichtbares, unfühlbares Vorrücken des Lebens – von der Kindheit in das Jünglingsalter. Ich blicke zurück auf diesen einst so munter strömenden Fluß, der jetzt nur mehr ein mit gefallenem Laub bestreutes Strombett ist. Ich will nach einigen Zeichen suchen an seinem Ufer, um alte Erinnerungen zu wecken.

[305] Ich sitze wieder auf meinem Platz in der Kathedrale, wohin wir jeden Sonntagmorgen gehen, nachdem wir uns in der Schule versammelt haben. Der Erdgeruch, die sonnenlose Luft, das Gefühl, von der Welt abgeschlossen zu sein, das Brausen der Orgel durch die schwarzweißen Gewölbe der Galerien und des Kirchenschiffs sind Schwingen, die mich zurücktragen und über diesen Tagen in halbwachem Traume schweben lassen.

Ich bin nicht der letzte mehr in der Schule. In wenigen Monaten habe ich mehrere Schüler überholt. Aber der erste in der Anstalt erscheint mir noch als ein machtvolles Wesen in schwindelnder Höhe. Ich kann ihn nicht erreichen. Agnes sagt: nein, ich aber: ja. Und ich erzähle ihr, sie ahne nicht, welche Schätze von Wissen sich dieses wunderbare Wesen angeeignet hat. Sie hingegen sieht mich schon an seiner Stelle. Er ist nicht mein Freund und Gönner wie Steerforth einst, aber ich sehe zu ihm auf mit ehrfurchtsvollem Schauer. Ich beschäftige mich viel mit dem Gedanken, was er sein wird, wenn er einmal Dr. Strongs Anstalt verläßt, und was die Menschheit tun wird, sich ihm gegenüber zu behaupten.

Wer taucht da vor mir auf? Miß Shepherd ists, die ich liebe.

Miß Shepherd ist in der Pension bei Misses Nettingall. Ich bete Miß Shepherd an. Es ist ein kleines Mädchen mit einem Spenser, mit rundem Gesicht und lockigem Flachshaar.

Die jungen Damen aus der Pension der Misses Nettingall kommen ebenfalls in die Kirche. Ich kann nicht mehr in das Gebetbuch sehen, weil ich Miß Shepherd anschauen muß. Wenn der Chor singt, höre ich Miß Shepherd. Im Gottesdienst schiebe ich im Geiste Miß Shepherds Namen ein – mitten unter die königliche Familie. Zu Hause in meinem Zimmer fühle ich mich manchmal gedrängt, in Liebesverzückung auszurufen: O Miß Shepherd!

Eine Zeitlang bin ich über Miß Shepherds Gefühle im unklaren. Aber das Schicksal will uns endlich wohl, und wir treffen uns in der Tanzstunde. Miß Shepherd ist meine Tänzerin. Ich berühre Miß Shepherds Handschuhe und fühle ein Zittern in meinem rechten Jackenärmel emporsteigen und zu den Haaren wieder hinausfahren. [306] Ich sage Miß Shepherd nicht ein einziges zärtliches Wort, und doch verstehen wir einander. Miß Shepherd und ich leben nur, um ein Paar zu sein.

Warum schenke ich Miß Shepherd zwölf Paranüsse? Sie drücken keine Liebe aus, lassen sich schlecht in ein anständiges Päckchen wickeln, sind schwer aufzuknacken selbst zwischen Stubentüren, schmecken ölig, und doch finde ich, daß sie für Miß Shepherd passen. Auch weiche Biskuits schenke ich Miß Shepherd und unzählige Orangen. Einmal küsse ich Miß Shepherd in der Garderobe. O welche Wonne! Wie groß ist mein Schmerz und meine Entrüstung am nächsten Tag, als das Gerücht zu mir dringt, daß sie bei Misses Nettingall hat in der Ecke stehen müssen, weil sie einwärts gegangen ist.

Wie kommt es, daß ich mit Miß Shepherd breche, trotzdem sie mir Tag und Nacht im Kopfe steckt? Ich kann es nicht begreifen. Miß Shepherd und ich werden kühl gegeneinander. Ein Gerücht kommt mir zu Ohren, Miß Shepherd habe gesagt, sie könnte es nicht leiden, daß ich sie immer so anstarre, und sie zöge Master Jones vor. – Jones! Einen Knaben ohne alle Verdienste. Die Kluft zwischen Miß Shepherd und mir wird immer größer. Endlich begegne ich ihr eines Tages, wie sie aus der Schule geht, und sie schneidet mir ein Gesicht im Vorbeigehen und lacht ihren Begleiter an. Alles ist aus! Die Verehrung eines ganzen Lebens, so kommt es mir vor, ist vorbei. Miß Shepherd wird aus dem Morgengebet gestrichen, und die königliche Familie hat mit ihr nichts mehr zu tun.

Ich bin in der Klasse aufgestiegen und niemand stört mehr meinen Frieden. Ich bin jetzt gar nicht mehr höflich gegen Misses Nettingalls junge Damen und würde ihnen keine Beachtung mehr schenken, und wenn ihrer noch zweimal so viel wären und jede zwanzigmal so hübsch. Die Tanzstunde kommt mir langweilig vor, und ich möchte wissen, warum die Mädchen nicht allein tanzen und uns ungeschoren lassen. Ich erstarke in lateinischen Versen und vernachlässige meine Schnürstiefel. Dr. Strong erwähnt mich öffentlich als einen vielversprechenden Schüler. Mr. Dick rast vor Freude, und meine Tante schickt mir mit der nächsten Post eine Guinee.

[307] Der Schatten eines Fleischerburschen steigt auf wie die Erscheinung des behelmten Hauptes in Macbeth. Wer ist dieser junge Fleischerbursche? Er ist der Schrecken der Jugend von Canterbury. Es geht die Sage, daß der Rindstalg, mit dem er sich die Haare schmiert, ihm übernatürliche Kraft verleiht, und daß er es mit einem Erwachsenen aufnehmen kann. Er hat ein breites Gesicht, einen Stiernacken, dicke rote Backen, ein böses Gemüt und eine Lästerzunge. Er macht von ihr Gebrauch, um Dr. Strongs junge Herren zu beschimpfen. Er sagt öffentlich, wenn sie etwas brauchten, wolle er es ihnen schon »geben«. Er bezeichnet einige von uns, darunter auch mich, über die er mit einer Hand Herr werden könne. Er lauert den kleinern Jungen auf, um ihnen eins auf den schutzlosen Kopf zu geben, und ruft mir auf offener Straße Herausforderungen nach. Aus allen diesen Gründen beschließe ich, mit dem Fleischerburschen einen Kampf auszufechten.

Es ist an einem Sommerabend in einem grünen Laubengang an der Ecke einer Mauer. Ich habe mich mit dem Fleischerburschen bestellt. Eine auserlesene Anzahl unserer Schüler begleiten mich. Den Fleischerburschen zwei andere, ein junger Wirt und ein Schornsteinfeger. Alle Vorbereitungen sind getroffen. Wir stehen einander gegenüber. Im Nu hat mir der Fleischerbursche zehntausend Funken aus meiner linken Augenbraue herausgeschlagen. In der nächsten Sekunde weiß ich nicht, wo ich bin, wo die Mauer ist oder überhaupt irgend jemand. Ich weiß überhaupt nichts mehr, so wütend balgen wir uns auf dem zertretenen Rasenplatze herum. Manchmal sehe ich den Fleischerburschen blutig aber zuversichtlich. Manchmal sehe ich gar nichts und sitze, nach Luft schnappend, auf dem Knie meines Sekundanten. Dann falle ich wieder wütend über den Fleischerburschen her und schlage mir die Knöchel an seinem Gesicht kaput, ohne daß das ihn im mindesten aus der Fassung bringt. Schließlich wache ich ganz wirr im Kopfe auf wie aus einem tiefen Schlaf und sehe den Fleischerburschen fortgehen, beglückwünscht von seinen Begleitern und im Gehen den Rock anziehend, und schließe daraus sehr richtig, daß er gesiegt hat.

[308] Ich werde in einer traurigen Verfassung nach Hause gebracht. Man legt mir Beefsteaks aufs Auge, reibt mich mit Essig und Branntwein ein, und auf meiner Oberlippe prangt eine große, weiße Quetschung, die unglaublich anschwillt. Drei oder vier Tage muß ich zu Hause bleiben, sehe schrecklich aus, trage einen grünen Augenschirm und würde mich fürchterlich langweilen, wenn nicht Agnes wie eine Schwester zu mir wäre und mich tröstete, mir vorläse und mir die Zeit vertriebe.

Agnes besitzt immer mein ganzes Vertrauen. Daher erzähle ich ihr die ganze Geschichte von dem Fleischerburschen und den Beleidigungen, die er mir zugefügt hat, und auch sie ist der Meinung, daß ich nicht umhin konnte, mich mit ihm zu boxen, während sie bei dem bloßen Gedanken daran schaudert und zittert.

Unmerklich ist die Zeit verstrichen, und Adams ist nicht mehr der Erste in den Tagen, die jetzt kommen, und ist es schon manchen und manchen Tag nicht mehr gewesen. Er ist schon so lange abgegangen, daß ihn außer mir nicht viele mehr kennen, als er wieder einmal den Doktor besucht. Adams steht im Begriff, Advokat zu werden und eine Perücke zu tragen. Mich wundert, daß er bescheidner auftritt, als ich angenommen hatte, und äußerlich weniger imponiert. Er hat auch die Welt noch nicht aus den Angeln gehoben, denn soweit ich erkennen kann, läuft sie ruhig weiter, als sei nichts geschehen.

Dann eine große Lehre, durch die die Helden der Dichtkunst und Geschichte in stattlichen Scharen, die kein Ende zu nehmen scheinen, vorbeiziehen. –

Und was kommt dann? Ich bin jetzt der Erste und sehe auf die Reihe der Knaben unter mir mit einer herablassenden Teilnahme für die herab, die mich an den Jungen erinnern, der ich war, als ich zuerst hierherkam. Dieser kleine Junge scheint mit mir nichts mehr gemein zu haben. Ich denke an ihn wie an etwas, das ich auf meinem Lebensweg hinter mir gelassen habe, denke an ihn fast wie an einen Fremden.

Und das kleine Mädchen, das ich am ersten Tag bei Mr. Wickfield sah? Auch verschwunden. An seiner Stelle lebt im Hause das vollkommene Ebenbild des Porträts. [309] Agnes, meine süße Schwester, – wie ich sie innerlich nenne, – mein Berater und Freund, der gute Engel aller, die mit ihrem stillen, guten, sich selbst verleugnenden Wesen in Berührung treten, ist zur Jungfrau herangereift.

Was für Veränderungen außer denen in meiner Größe und dem Aussehen und den Kenntnissen, die ich gesammelt, sind an mir zu bemerken?

Ich trage eine goldne Uhr mit Kette, einen Ring am kleinen Finger und einen langschößigen Rock und verbrauche sehr viel Pomade –, was in Verbindung mit dem Ring nichts Gutes bedeutet.

Bin ich schon wieder verliebt? Allerdings.

Ich bete die älteste Miß Larkins an. Die älteste Miß Larkins ist aber kein kleines Mädchen. Sie ist schlank, brünett, schwarzäugig, eine junonische Gestalt. Die älteste Miß Larkins ist kein Backfisch, selbst die jüngste Miß Larkins ist es nicht mehr und dabei drei oder vier Jahre jünger als ihre Schwester. Die älteste Miß Larkins mag so gegen dreißig sein. Meine Leidenschaft für sie übersteigt alle Grenzen.

Die älteste Miß Larkins ist mit Offizieren bekannt. Das ist kaum auszuhalten. Ich sehe sie auf der Straße mit ihnen sprechen. Sie kommen auf der Straße quer herüber zu ihr, wenn ihr Hut – sie trägt gern lebhafte Farben – auf dem Trottoir neben dem ihrer Schwester auftaucht. Sie lacht und plaudert mit ihnen und scheint Gefallen daran zu finden.

Den größten Teil meiner freien Zeit verbringe ich mit Spazierengehen, um ihr zu begegnen. Wenn ich sie einmal am Tage grüßen kann, fühle ich mich glücklich. Hie und da bekomme ich einen Gegengruß. Ich leide Qualen in der Nacht, wenn Wettrennball ist, wo sie mit den Offizieren tanzt. Wenn es eine Gerechtigkeit unter der Sonne gibt, muß mir das angerechnet werden.

Meine Leidenschaft raubt mir jeden Appetit, und ich trage beständig mein allerneuestes Seidenhalstuch. Mein einziger Trost ist, daß ich beständig meine besten Kleider anziehe und mir immer wieder die Stiefel putzen lasse. Ich komme mir dann der ältesten Miß Larkins würdiger vor.

Alles, was ihr gehört, was mit ihr in Verbindung steht, ist mir teuer.

[310] Mr. Larkins, ein brummiger, alter Gentleman mit einem Doppelkinn und einem unbeweglichen Auge flößt mir großes Interesse ein. Wenn ich seiner Tochter nicht begegnen kann, trachte ich wenigstens ihn zu treffen. Die Frage: Wie geht es Ihnen, Mr. Larkins. Sind Ihre Fräulein Töchter und die werte Familie ganz wohl? erscheint mir so anzüglich, daß ich rot werde.

Ich denke beständig über mein Alter nach. Wenn ich auch siebzehn bin und siebzehn sehr jung für die älteste Miß Larkins ist, was tut das? Überdies werde ich bald einundzwanzig sein! Ich streife abends um Mr. Larkins Haus herum, und es gibt mir jedesmal einen Stich ins Herz, wenn ich die Offiziere hineingehen sehe, oder sie oben im Besuchszimmer höre, wo die älteste Miß Larkins Harfe spielt. Ich umkreise sogar hie und da in krankhaft überspannter Stimmung das Haus, wenn die Familie zu Bett gegangen ist, und suche zu erraten, wo der ältesten Miß Larkins Schlafzimmer sein mag. Ich wünsche, daß ein Feuer ausbrechen möge. Ich dränge mich mit einer Leiter durch die entsetzt und ratlos dastehenden Zuschauer, rette Miß Larkins in meinen Armen, kehre dann noch einmal um, etwas Vergessenes zu holen, und finde in den Flammen den Tod. Denn ich bin meistens sehr uneigennützig in meiner Liebe und fühle mich nur befriedigt, wenn ich mich vor Miß Larkins hervortun und dann sterben kann.

Aber nicht immer.

Manchmal stehen anspruchsvollere Träume vor mir. Während ich mich zu einem großen Ball bei Larkins ankleide, was mich im Geist zwei Stunden kostet, spielt meine Phantasie mit lieblichen Bildern. Ich stelle mir vor, wie ich den Mut fasse, Miß Larkins meine Liebe zu erklären. Ich denke mir Miß Larkins, wie sie den Kopf auf meine Schultern sinken läßt und sagt: »Ach Mr. Copperfield. Darf ich meinen Ohren trauen?« Ich stelle mir vor, wie Mr. Larkins am nächsten Morgen zu mir kommt und sagt: »Mein lieber Copperfield, meine Tochter hat mir alles gestanden. Ihre Jugend ist kein Hindernis. Hier sind zwanzigtausend Pfund. Seid glücklich.« Ich sehe, wie meine Tante nachgibt und uns segnet, – und Mr. Dick undDr. Strong der Trauung [311] beiwohnen. Ich bin ein ganz vernünftiger Bursche und sehe mich auch noch als solchen, wenn ich heute zurückblicke, bin auch ganz bescheiden, – aber das verträgt sich alles damit.

Ich begebe mich in Wirklichkeit in das verzauberte Haus, nehme Lichterglanz wahr, Geplauder, Musik, Blumen, leider auch Offiziere, und die älteste Miß Larkins in strahlender Schönheit. Sie trägt ein blaues Kleid und blaue Blumen im Haar – Vergißmeinnicht! Als ob sie noch nötig hätte, Vergißmeinnicht zu tragen. Es ist die erste wirkliche große Gesellschaft, zu der ich eingeladen bin; ich fühle mich recht unbehaglich, denn ich scheine nirgends hinzugehören, und niemand scheint mir etwas Besondres mitteilen zu wollen. Nur Mr. Larkins fragt mich, was meine Schulkollegen machen, was er bleiben lassen könnte, da ich mit ihnen nicht verkehre, um von ihnen nicht beleidigt zu werden.

Nachdem ich einige Zeit an der Türe gestanden und im Anblick der Göttin meines Herzens geschwelgt habe, naht sie sich mir –, sie – die älteste Miß Larkins – und frägt mich freundlich, ob ich tanze. Ich stammle mit einer Verbeugung: »Mit Ihnen, Miß Larkins.«

»Nur mit mir?« fragt Miß Larkins.

»Es würde mir kein Vergnügen machen, mit jemand anders zu tanzen.«

Miß Larkins lacht und wird rot, das heißt, ich bilde mir ein, sie wird rot, und sagt: »Den nächsten Tanz habe ich noch frei.«

Die Zeit naht heran.

»Aber es ist ein Walzer,« bemerkt Miß Larkins und macht ein besorgtes Gesicht, als ich mich vorstelle. »Können Sie Walzer tanzen, sonst würde Kapitän Bailey –?«

Aber ich tanze Walzer und noch dazu ziemlich gut. Ich nehme Miß Larkins Arm und entführe sie unbarmherzig dem Kapitän Bailey. Er ist totunglücklich, ich zweifle nicht daran. Aber er ist mir Luft. Ich bin auch totunglücklich gewesen! Ich tanze den Walzer mit der ältesten Miß Larkins. Ich weiß nicht wohin und wie lang. Ich weiß nur, ich schwimme im Raum in einem Zustand seliger Trunkenheit mit einem blauen [312] Engel dahin, bis ich mich in einem kleinen Zimmer neben ihr auf einem Sofa wiederfinde. Sie bewundert eine Blume (rote Camellia japonica – Preis eine halbe Krone) in meinem Knopfloch. Ich reiche sie ihr mit den Worten:

»Ich fordere einen unschätzbaren Preis dafür: Miß Larkins.«

»In der Tat! Was wäre das?« fragt Miß Larkins.

»Eine Blume von Ihnen, um sie zu bewahren, wie ein Geizhals sein Geld.«

»Sie sind ein recht kecker junger Mann,« sagt Miß Larkins. »Da.«

Sie gibt mir eine Blume nicht unfreundlich. Ich drücke sie an meine Lippen und dann an meine Brust.

Miß Larkins lacht, reicht mir ihren Arm und sagt: »Aber jetzt führen Sie mich zu Kapitän Bailey.«

Ich bin noch ganz versunken in die Erinnerung, als sie wieder zu mir kommt am Arm eines biedern ältlichen Herrn, der die ganze Zeit Whist gespielt hat, und sagt:

»O, hier ist mein kecker junger Freund. Mr. Chestle möchte Sie kennen lernen, Mr. Copperfield.«

Ich fühle sofort heraus, daß er ein Freund der Familie ist und bin sehr geehrt.

»Ich bewundere Ihren Geschmack, Sir,« sagt Mr. Chestle. »Er macht Ihnen Ehre. Sie haben wahrscheinlich kein großes Interesse für Hopfen, aber ich selbst besitze in der Nachbarschaft von Ashford ziemlich umfangreiche Hopfengärten. Wenn Sie einmal bei uns vorbeikommen, wird es uns sehr freuen, Sie, solange es Ihnen gefällt, bei uns zu sehen.«

Ich drücke Mr. Chestle meinen warmen Dank aus und schüttle ihm die Hand. Ich lebe dahin wie im Traum. Ich tanze noch einmal mit der ältesten Miß Larkins einen Walzer, und sie sagt, ich tanzte sehr gut. Ich gehe in einem Zustand unaussprechlicher Wonne nach Hause und tanze die ganze Nacht hindurch im Traum, den Arm um die blaue Taille der angebeteten Göttin gelegt. Noch einige Tage später bin ich ganz in Reflexionen versunken, kann sie aber nirgends auf [313] der Gasse erblicken. Der Besitz des heiligen Pfandes, der verwelkten Blume, tröstet mich nur unvollkommen.

»Trotwood,« sagt Agnes eines Tages nach dem Diner, »wer glaubst du heiratet morgen? Jemand, den du verehrst!«

»Doch nicht am Ende du, Agnes?«

»O, ich nicht,« sagt sie und blickt fröhlich von den Noten auf, die sie abschreibt. »Hörst du, was er sagt, Papa? – – Die älteste Miß Larkins!«

»Mit Kapitän Bailey?« habe ich gerade noch Kraft genug zu fragen.

»Nein, mit keinem Kapitän. Mit Mr. Chestle, einem Hopfenzüchter.«

Ich bin ein oder zwei Wochen gräßlich niedergeschlagen. Ich lege meinen Ring ab, trage meine schlechtesten Kleider, verwende keine Pomade mehr und seufze häufig über der entschwundenen Miß Larkins verwelkten Blume. Dann habe ich dieses Leben gründlich satt, und da mich der Fleischerbursche von neuem reizt, werfe ich die Blume weg, trete mit ihm an und besiege ihn glorreich.

Dieser Vorfall und das Wiederanstecken meines Ringes, sowie ein maßvoller Gebrauch der Bären-Pomade sind die einzigen Merkzeichen, die mir von meinem Weg zum siebzehnten Geburtstag in der Erinnerung geblieben sind.

Neunzehntes Kapitel

Ich halte die Augen offen und mache eine Entdeckung.


Ich weiß nicht mehr, ob ich innerlich froh oder traurig war, als meine Schultage zu Ende gingen und die Zeit nahte, wo ich Dr. Strongs Anstalt verlassen sollte.

Ich war sehr glücklich dort gewesen, hatte eine große Zuneigung zu dem Doktor gefaßt und mir eine hervorragende und ausgezeichnete Stellung in jener kleinen Welt geschaffen. Deshalb schied [314] ich ungern; aus andern, recht unwesentlichen Gründen jedoch war ich froh. Dunkle Vorstellungen über die Wichtigkeit eines selbständig gewordenen jungen Mannes, über die wundervollen Dinge, die so ein hervorragendes Lebewesen vollbringen könnte, die großartigen Wirkungen, die es unfehlbar auf die Gesellschaft ausüben müßte, erfüllten mich ganz. So mächtig waren diese Träume in mir, daß es mir jetzt manchmal vorkommt, als müßte ich die Schule wohl ohne jeden Kummer verlassen haben. Der Abschied machte nicht den Eindruck auf mich, den man hätte erwarten können. Ich glaube, die Aussicht auf die Zukunft verwirrte mich vollständig. Das Leben schien mir wie das große Feenmärchen, das ich damals gerade las.

Meine Tante und ich pflogen manche ernste Beratung, welchen Beruf ich eigentlich einschlagen sollte. Länger als ein Jahr konnte ich keine genügende Antwort auf ihre so oft wiederholte Frage, was ich eigentlich werden wollte, finden. Ich konnte in mir keine besondere Vorliebe zu irgend einem bestimmten Beruf entdecken. Wenn ich mir mit einem Schlage die Kenntnis der nautischen Wissenschaften und das Kommando über ein schnell segelndes Expeditionsgeschwader hätte aneignen können, so würde ich durch die Aussicht auf die Triumphe großer Entdeckungsreisen, glaube ich, vollständig zufriedengestellt gewesen sein. Da aber etwas dergleichen voraussichtlich nicht geschehen konnte, hätte ich gern einen Beruf gewählt, in dem ich meiner Tante möglichst wenig auf der Tasche zu liegen brauchte.

Mr. Dick wohnte jederzeit mit nachdenklicher und überlegener Miene unseren Beratungen bei. Einmal machte er plötzlich einen Vorschlag und riet, ich sollte Kupferschmied werden. Meine Tante nahm aber diesen Vorschlag so ungnädig auf, daß er nie einen zweiten mehr wagte und sich von da an begnügte, sie gespannt anzusehen und mit seinem Gelde zu klimpern.

»Ich will dir etwas sagen, Trot, mein Liebling,« sagte meine Tante eines Morgens um die Weihnachtszeit. »Da diese schwierige Frage immer noch nicht gelöst ist und wir uns hüten müssen, voreilig einen Entschluß [315] zu fassen, ist es wohl am besten, wir warten noch ein wenig ab. Unterdessen mußt du dich bemühen, die Frage von einem andern Gesichtspunkt als dem eines Schülers aus zu betrachten.«

»Das will ich tun, Tante.«

»Es ist mir eingefallen, daß eine kleine Veränderung in den Verhältnissen und ein Blick auf das Leben draußen dir vielleicht nützlich sein können und dir helfen, zu einem richtigen Urteil zu kommen. Zum Beispiel eine kleine Reise. Wenn du etwa wieder in deine alte Heimat reistest und das sonderbare Weib mit dem heidnischen Namen besuchtest,« sagte meine Tante und rieb sich die Nase.

»Von allem auf der Welt wäre mir das das Liebste, Tante.«

»Also gut. Das ist schön und würde auch mir gut passen. Es ist natürlich und vernünftig, daß es dir lieb ist, und ich bin ganz überzeugt, Trot, daß du immer das Natürliche und Vernünftige tun wirst.«

»Das hoffe ich, Tante.«

»Deine Schwester Betsey Trotwood wäre stets das natürlichste und vernünftigste Mädchen auf Erden gewesen, und du wirst dich ihrer gewiß würdig zeigen, nicht wahr?«

»Ich hoffe, ich werde mich deiner würdig zeigen, Tante. Das genügt mir.«

»Aber was ich in dir zu sehen wünsche, Trot, ist ein tüchtiger Mensch. Ein braver, tüchtiger Mensch, der seinen eignen Willen hat. Und Entschlossenheit –« sie nickte mir energisch zu und ballte die Faust. »Und Entschiedenheit. Und Charakter, Trot! Einen starken Charakter, der sich außer mit gutem Grund von niemand und in keinerlei Weise bestimmen läßt. So möchte ich dich sehen. So hätten dein Vater und deine Mutter sein können, Gott weiß es, und es wäre besser für sie gewesen.«

Ich gab meiner Hoffnung Ausdruck, so zu werden, wie sie es wünschte.

»Damit du im kleinen anfängst, selbständig zu beobachten und zu handeln, lasse ich dich allein reisen. Ich hatte zuerst vor, dir Mr. Dick als Begleitung mitzugeben, [316] aber bei näherer Überlegung sehe ich, daß es besser ist, wenn er hier zu meinem Schutze bleibt.«

Mr. Dick sah einen Augenblick etwas unzufrieden drein, aber die hohe Ehre, der wunderbarsten Frau auf der Welt seinen Schutz angedeihen lassen zu dürfen, verbreitete bald wieder Sonnenschein auf seinem Gesicht.

»Außerdem,« sagte meine Tante, »ist ja die Denkschrift da.«

»Ja, natürlich,« stimmte Mr. Dick eilfertig bei. »Ich gedenke sie fertig zu machen, Trotwood. Das muß sofort geschehen, und dann wird sie eingereicht – weißt du, und dann –« er unterbrach und machte eine lange Pause – »kanns losgehen.«

So wurde ich denn von meiner Tante mit einer hübschen Summe Geldes ausgerüstet und zärtlich entlassen.

Sie gab mir beim Abschied viele gute Ratschläge und ebenso viele Küsse und sagte, ich solle mich in jeder Hinsicht ein bißchen umsehen, und empfahl mir zu diesem Zweck, auf der Hin- oder Herreise ein paar Tage in London zu bleiben. Kurz und gut, ich sollte drei oder vier Wochen tun und lassen, was ich wollte; nur mit der einen Bedingung, ich müßte meine Augen offen halten und dreimal in der Woche getreulich Bericht erstatten.

Zuerst begab ich mich nach Canterbury, um von Agnes, Mr. Wickfield und dem guten Doktor Abschied zu nehmen. Agnes freute sich sehr und sagte, ohne mich sei das Haus gar nicht mehr das alte.

»Ich bin auch nicht mehr der alte, wenn ich nicht hier bin,« sagte ich. »Mir ist, als fehlte mir die rechte Hand, wenn ich dich nicht habe. Jeder, der dich kennt, Agnes, zieht dich zu Rate und läßt sich von dir leiten.«

»Jeder, er mich kennt, verzieht mich, glaube ich,« gab sie lächelnd zur Antwort.

»Nein, es geschieht, weil du ganz anders bist als alle übrigen. Du bist so gut und so mild, du bist so sanft von Natur und hast immer recht.«

»Du sprichst,« sagte Agnes mit einem lieblichen Lächeln, »als ob ich die verblichene Miß Larkins wäre.«

[317] »Es ist gar nicht schön von dir, mein Vertrauen so zu mißbrauchen,« antwortete ich und errötete bei dem Gedanken an meine ehemalige blaue Gebieterin, »aber ich will dir trotzdem noch weiter vertrauen, Agnes; ich kann es mir nicht abgewöhnen. Wenn ich mich einmal verliebe, werde ichs dir immer wieder sagen. Selbst wenn ich mich in allem Ernste verliebe.«

»Aber du warst doch immer ernstlich verliebt,« sagte Agnes und lachte wieder.

»Ach, damals war ich noch ein Kind oder ein Schuljunge,« sagte ich, auch lachend, aber nicht ohne mich ein wenig zu schämen. »Die Zeiten haben sich verändert, und ich vermute, ich werde gelegentlich einmal entsetzlich Ernst machen. Was mich wundert, ist nur, daß du nicht selbst schon Ernst gemacht hast, Agnes.«

Agnes lachte wieder und schüttelte den Kopf.

»Ich weiß ja, daß es nicht der Fall ist, sonst hättest du es mir mitgeteilt. Oder wenigstens – ich bemerkte eine leichte Röte auf ihren Wangen – hättest du es mich erraten lassen. Aber ich kenne niemand, der verdiente, von dir geliebt zu werden, Agnes. Ein Mann von so edlem Charakter, daß er deiner würdig ist, muß erst kommen, bevor ich meine Einwilligung geben kann. Vorderhand werde ich ein scharfes Auge auf alle Bewunderer haben und an den Glücklichen sehr große Anforderungen stellen, das versichere ich dir.«

So hatten wir eine Zeitlang gesprochen halb im Scherz, halb im Ernst, wie wir es bei unserm Verhältnis von Kindheit an gewöhnt waren. Aber plötzlich sah mich Agnes an und sagte in ganz verändertem Ton:

»Trotwood, etwas möchte ich dich fragen und wollte es schon lang tun. Etwas, was ich sonst niemand gegenüber äußern könnte. Hast du nicht eine gewisse Veränderung an meinem Vater bemerkt?«

Ich hatte sehr wohl etwas bemerkt und mich oft innerlich gefragt, ob es ihr nicht auch auffiele. Ich muß mich durch mein Gesicht verraten haben, denn Agnes Augen standen sofort in Tränen.

»Sage mir, was es ist!« sagte sie mit leiser Stimme.

[318] »Ich glaube – kann ich ganz aufrichtig sein, Agnes? ich liebe ihn doch so sehr.«

»Gewiß.«

»Ich glaube, die Angewohnheit, die er damals schon hatte, als ich das erstemal herkam, tut ihm nicht gut. Er ist oft sehr nervös, oder kommt es mir nur so vor.«

»Es ist wirklich so,« bestätigte Agnes und nickte mit dem Kopf.

»Seine Hand zittert, er spricht undeutlich und sieht verstört aus. Ich habe auch bemerkt, daß gerade zu solchen Zeiten, und wenn er am wenigsten Herr seiner selbst ist, immer in Geschäftssachen nach ihm gefragt wird.«

»Von Uriah,« bestätigte Agnes.

»Ja. Und das Gefühl, der Arbeit nicht gewachsen zu sein oder sie vielleicht nicht richtig erfassen zu können oder seinen Zustand gegen seinen Willen verraten zu haben, scheint ihn so aufzuregen, daß es den nächsten Tag noch schlimmer geht und den nächsten noch schlimmer, bis er zuletzt ganz angegriffen und schwach wird. Beunruhige dich nicht zu sehr, Agnes, über das, was ich dir sage, aber in einem solchen Zustand sah ich ihn neulich abends. Er legte den Kopf auf das Pult und weinte wie ein Kind.«

Agnes legte ihre Hand plötzlich sanft auf meinen Mund und einen Augenblick später hatte sie ihren Vater an der Türe empfangen und lag an seiner Brust. Der Ausdruck ihres Gesichts, als sie mich beide ansahen, ergriff mich tief. Es lag darin eine so tiefe Zärtlichkeit, eine solche Dankbarkeit für alle seine Liebe und Sorgfalt, sie bat mich mit ihren Blicken so innig, selbst in meinen innersten Gedanken nicht unzart zu ihm zu sein, sie war so stolz auf ihn, so teilnahmsvoll bekümmert und voll Vertrauen zugleich, daß nichts einen tiefern Eindruck auf mich hätte machen können.

Wir waren bei Doktors zum Tee geladen. Wir gingen zur gewöhnlichen Stunde hin und fanden den Doktor, seine junge Frau und deren Mutter um den Kamin versammelt. Der Doktor, der von meiner Reise so viel Aufhebens machte, als ob ich nach China ginge, empfing mich wie einen Ehrengast und ließ einen Klotz [319] Holz auf das Feuer werfen, damit er bei dem roten Schein noch einmal das Gesicht seines alten Schülers sehen könnte.

»Ich werde nicht viel neue Gesichter mehr an Trotwoods Stelle sehen,« sagte der Doktor und wärmte sich die Hände über dem Feuer. »Ich werde müde und sehne mich nach Ruhe. Noch sechs Monate, dann werde ich von meinen jungen Leuten scheiden und ein ruhigeres Leben führen.«

»Das haben Sie schon zehn Jahre lang gesagt, Doktor,« entgegnete Mr. Wickfield.

»Aber jetzt will ich es wirklich ausführen. Mein erster Lehrer soll mein Nachfolger sein, – ich mache wirklich Ernst – und Sie werden bald die Kontrakte abzufassen und uns fest zu binden haben, wie zwei Halunken.«

»Und Sorge zu tragen haben, daß Sie nicht der Betrogne sind,« sagte Mr. Wickfield, »was unausbleiblich wäre, wenn Sie den Kontrakt allein machten.« »Na, ich bin bereit. Es gibt in meinem Beruf unangenehmere Arbeiten als diese.«

»Ich werde dann an weiter nichts zu denken haben, als an mein Wörterbuch,« sagte der Doktor mit einem Lächeln »und an den andern Kontraktpunkt – an Ännie.«

Als Mr. Wickfield Ännie, die mit Agnes am Teetisch saß, ansah, schien sie seinen Blick mit so besonderer Scheu zu vermeiden, daß er sehr aufmerksam wurde und sichtlich über etwas nachgrübelte.

»Es ist eine Post aus Indien gekommen, bemerke ich eben,« sagte er nach kurzem Schweigen.

»Ja, und Briefe von Mr. Jack Maldon,« sagte der Doktor.

»Wirklich!«

»Der arme gute Jack,« ergriff Mrs. Markleham das Wort und schüttelte den Kopf. »Dieses schreckliche Klima! Man lebt dort, sagt man mir, auf einem Sandhaufen unter einem Brennglas. Er sah kräftig aus aber nur scheinbar. Mein lieber Doktor, es war sein guter Wille und nicht seine Konstitution, die ihn das Wagnis unternehmen ließ. Liebe Ännie, du mußt sicherlich [320] noch wissen, daß dein Vetter niemals kräftig war. Nie robust, wie man sagt.«

Mrs. Markleham sprach mit großem Nachdruck und sah uns der Reihe nach an. »Schon damals nicht, als meine Tochter und er als Kinder den ganzen Tag lang Arm in Arm miteinander herumliefen.«

Ännie gab keine Antwort.

»Habe ich aus dem, was Sie sagen, Maam, zu entnehmen, daß Mr. Maldon krank ist?« fragte Mr. Wickfield.

»Krank!« wiederholte der »General«. »Er ist alles Mögliche, bester Herr.«

»Nur nicht wohl?«

»Nur nicht wohl, allerdings! Er hat einen schrecklichen Sonnenstich gehabt, Sumpffieber und, wer weiß, was sonst noch für Krankheiten. Was seine Leber betrifft,« sagte der »General« mit Resignation, »so hat er sie schon bei seiner Abreise von vornherein aufgegeben.«

»Das schreibt er alles?« fragte Mr. Wickfield.

»Schreiben? Bester Herr, Sie kennen meinen armen Jack Maldon schlecht, wenn Sie eine solche Frage tun. Er etwas sagen! Eher läßt er sich von vier wilden Pferden zerreißen.«

»Mama!« sagte Mrs. Strong.

»Liebe Ännie. Ein für allemal muß ich dich bitten, mich nicht zu unterbrechen, außer, wenn du bestätigen willst, was ich sage. Du weißt so gut wie ich, daß dein Vetter Maldon sich von jeder beliebigen Anzahl wilder Pferde zerreißen lassen würde, – warum sollte ich mich auf vier beschränken! Ich will mich nicht auf vier beschränken – acht, sechzehn, zweiunddreißig, ehe er etwas sagen würde, das des Doktors Plänen zuwiderliefe.«

»Wickfields Plänen,« verbesserte der Doktor, indem er sich das Kinn strich und seinen Ratgeber reuig ansah. »Das heißt unsern gemeinsamen Plänen. Ich sagte selbst im Inland oder im Ausland.«

»Und ich,« fügte Mr. Wickfield ernst hinzu, »im Ausland! Ich wirkte daraufhin, ihn ins Ausland zu schicken. Es geschah auf meine Verantwortung.«

[321] »O Verantwortung! Alles geschah in bester Absicht, liebster Mr. Wickfield, das wissen wir. Aber wenn der gute Junge dort nicht leben kann, so kann er dort nicht leben. Und wenn er dort nicht leben kann, so wird er lieber sterben, als den Plänen des Doktors zuwiderhandeln. Ich kenne ihn,« sagte der »General«, und fächelte sich in einer Art prophetischer Agonie, »und ich weiß, er wird dort eher sterben, als des Doktors Plänen zuwiderhandeln.«

»Nun, nun, Maam,« sagte Dr. Strong freundlich. »Ich bin auf meine Pläne nicht versessen und kann sie ja selbst umstoßen. Ich kann sie durch andere ersetzen. Wenn Mr. Jack Maldon wegen Krankheit zurückkommt, so müssen wir uns eben bemühen, ein besseres und passenderes Unterkommen hier für ihn zu finden.«

Mrs. Markleham war von diesem edeln Anerbieten so überwältigt, – natürlich hatte sie es nicht im entferntesten erwartet, geschweige denn veranlaßt, – daß sie nur sagen konnte, es sei des Doktors würdig. Und nachdem sie mehrere Male ihren Fächer geküßt hatte, klopfte sie ihm damit auf die Hand. Dann schalt sie Ännie sanft aus, weil sie ihre Dankbarkeit für solche ihretwegen einem alten Spielgefährten erwiesene Güte nicht lebhafter bezeige, und unterhielt uns mit einigen Einzelheiten über verschiedene verdienstliche Mitglieder ihrer Familie, die ebenfalls würdig wären, daß man ihnen auf die Beine hülfe.

Die ganze Zeit über sprach Ännie kein Wort und schlug kein einziges Mal die Augen auf. Ununterbrochen hielt Mr. Wickfield seinen Blick auf sie geheftet. Es schien mir, als ob er gar nicht bedächte, daß das jemand auffallen könnte. Er war so vertieft in seine Gedanken über sie, daß ihn nichts ablenken konnte. Er fragte jetzt, was Jack Maldon geschrieben habe, und an wen.

»Nun, hier,« sagte Mrs. Markleham und nahm einen Brief von dem Kaminsims. »Hier schreibt der gute Junge dem Doktor selbst – wo ists nur? ja: – Leider muß ich Sie benachrichtigen, daß meine Gesundheit ernst gelitten hat und ich befürchten muß, genötigt zu sein, als einzige Hoffnung auf Genesung, für [322] einige Zeit nach Hause zurückzukehren. – Armer Kerl! Das ist ziemlich deutlich. Einzige Hoffnung auf Genesung! Der Brief von Ännie spricht noch deutlicher. Ännie zeig einmal den Brief her!«

»Jetzt nicht, Mama,« bat Mrs. Strong leise.

»Meine Liebe, du bist unbedingt in manchen Dingen eine der lächerlichsten Personen in der Welt,« erwiderte die Mutter, »und in deinem Verhalten, wenn es die Ansprüche deiner eignen Familie gilt, direkt widernatürlich. Ich glaube, wir würden gar nichts von dem Brief erfahren haben, wenn ich nicht selbst danach gefragt hätte. Nennst du das auf Doktor Strong bauen, meine Liebe? Ich bin ganz überrascht.«

Ännie brachte zögernd den Brief, und ich sah, wie ihre Hand zitterte.

»Jetzt wollen wir suchen, wo es steht,« sagte Mrs. Markleham und hielt die Lorgnette vor die Augen: »– – – die Erinnerung an alte Zeiten, geliebteste Ännie – usw. – das ist es nicht. Der liebenswürdige alte Proktor – wer ist denn das? Mein Gott, Ännie, wie undeutlich dein Vetter Maldon schreibt, und wie einfältig ich bin. Doktor, heißts natürlich. – – Ja, wirklich liebenswürdig.« Sie küßte wieder ihren Fächer und warf die Küsse dem Doktor zu, der uns in stiller Zufriedenheit ansah. »Jetzt habe ich es gefunden. Du wirst nicht erstaunt sein, zu hören, Ännie, – nein gewiß nicht, da sie von jeher wußte, daß er nie robust war – sagte ich das nicht eben? – daß ich in diesem fernen Lande viel gelitten habe und daher entschlossen bin, es um jeden Preis zu verlassen – auf Urlaub wegen Krankheit, wenn es geht, und wenn der nicht zu erlangen ist, nach gänzlichem Aufgeben meines Postens. Was ich gelitten habe und hier noch leide, ist unerträglich. Ohne den schnellen Entschluß dieses besten aller Menschen,« fügte Mrs. Markleham hinzu, indem sie wieder mit dem Fächer telegraphierte und den Brief zusammenfaltete, »könnte ich es gar nicht aushalten, daran zu denken.«

Mr. Wickfield sagte kein Wort, obgleich die alte Dame von ihm eine Rede zu erwarten schien. Er beobachtete das strengste Schweigen und sah nicht vom[323] Boden auf. Als die Sache längst fallen gelassen war und wir uns über andere Themen unterhielten, saß er immer noch so da und blickte nur von Zeit zu Zeit einmal auf, um mit gedankenvollem finstern Blick seine Augen auf dem Doktor oder seiner Gattin ruhen zu lassen.

Der Doktor liebte Musik außerordentlich. Agnes sang sehr schön und ebenso Mrs. Strong. Sie sangen miteinander und spielten Duetten, und wir hatten ein ordentliches kleines Konzert.

Etwas fiel mir auf: Mr. Wickfield schien Agnes vertrautes Verhältnis zu Mrs. Strong gar nicht zu passen. Ich muß gestehen, auch in mir wurde die Erinnerung an das, was ich am Abend bei Mr. Maldons Abreise bemerkt hatte, wieder lebendig und zwar in einer Bedeutung, die mich jetzt beunruhigte. Die Schönheit Ännies erschien mir jetzt nicht mehr so unschuldsvoll wie früher, ich mißtraute der natürlichen Anmut ihres Benehmens, und wenn ich Agnes neben ihr ansah und dachte, wie gut und wahr sie war, da erwachte in mir ein Zweifel, ob es eine passende Freundschaft sei.

Der Abend schloß mit einem Vorfall, der mir noch deutlich vor Augen steht. Agnes wollte eben Ännie umarmen und küssen, als Mr. Wickfield wie zufällig dazwischen trat und seine Tochter rasch wegzog. Da sah ich auf Mrs. Strongs Gesicht wieder jenen Ausdruck von Entsetzen, der mir an jenem Abschiedsabend schon so einen tiefen Eindruck gemacht hatte.

Ich mußte die ganze Zeit beim Nachhausegehen an diesen Blick denken und hatte das Gefühl, als schwebe über des Doktors Heim eine dunkle Wolke. In das Gefühl meiner Ehrerbietung vor seinem grauen Haupt mischte sich das Mitleid mit seinem kindlichen Vertrauen auf Menschen, die ihn hintergingen, und Zorn gegen die, die ihm Leid antaten. Der drohende Schatten eines schweren Verhängnisses und einer tiefen Schmach, der nur noch keine bestimmte Form angenommen hatte, fiel wie ein Fleck auf das stille Haus, wo ich als Knabe gelernt und gespielt hatte, und entstellte es. Es machte mir keine Freude mehr, an die ernsten breitblättrigen Aloes zu denken und den sorgfältig gepflegten [324] Rasenfleck, an die steinernen Urnen und des Doktors Spaziergang und den so gut dazu passenden Klang der Domglocke. Es war, als ob das stille Heiligtum meiner Kinderzeit zerstört und sein Frieden und seine Ehre in alle Winde zerstoben seien.

Aber mit dem Morgen kam der Abschied von dem alten Haus, das Agnes mit ihrem stillen Wirken so erfüllte, und das beschäftigte mein Gemüt vollauf. Wenn ich auch wahrscheinlich bald wieder zu Besuch kommen würde, so wohnte ich doch nicht mehr dort, und die alte Zeit war vorbei. Wie ich meine Bücher und Kleider einpackte, war mir schwerer ums Herz, als ich Uriah Heep merken lassen wollte, der mir so dienstbereit half, daß ich schlecht genug war, zu glauben, er freue sich über meine Abreise.

Ich verabschiedete mich von Agnes und ihrem Vater mit anscheinender Gleichgültigkeit, die männlich aussehen sollte, und nahm meinen Platz auf dem Bock der Londoner Landkutsche ein.

Ich fühlte mich auf meinem Wege durch die Stadt so gerührt und voll Sanftmut, daß ich am liebsten meinem alten Feind, dem Fleischerburschen, zugenickt und ihm ein Fünfschillingstück als Trinkgeld hingeworfen hätte. Aber er sah so metzgermäßig drein, wie er im Laden den großen Holzblock rein schabte, und sein Aussehen hatte durch den Verlust des Schneidezahns, den ich ihm ausgeschlagen, so wenig gewonnen, daß ich lieber keine Aussöhnungsversuche machte.

Am meisten lag mir am Herzen, als wir erst draußen im Freien waren, dem Kutscher so alt wie möglich zu erscheinen und im tiefsten Baß zu sprechen. Letzteres gelang mir nicht ohne Anstrengung, aber ich hielt daran fest, weil es sich so erwachsen ausnahm.

»Sie fahren durch, Sir?« fragte der Kutscher.

»Ja, William,« sagte ich herablassend – ich kannte ihn nämlich – »ich reise nach London. Und dann gehe ich nach Suffolk.«

»Auf die Jagd, Sir?«

Er wußte so gut wie ich, daß in dieser Jahreszeit von Jagd ebensowenig die Rede sein konnte wie von Walfischfang. Aber ich fühlte mich doch geschmeichelt.

[325] »Ich weiß nicht,« sagte ich und stellte mich unentschlossen, »ob ich die Flinte zur Hand nehmen werde.«

»Die Rebhühner sind jetzt damisch scheu, höre ich,« sagte William.

»Vermutlich,« bestätigte ich.

»Sind Sie aus der Grafschaft Suffolk, Sir?«

»Ja,« sagte ich mit einiger Wichtigkeit. »Ich bin aus Suffolk.«

»Die Knödel sollen dort damisch fein sein, Mordstrümmer.«

Ich wußte es nicht, fühlte aber die Notwendigkeit, die Einrichtungen meiner Grafschaft in Ehren zu halten und mich mit ihnen vertraut zu zeigen.

Ich nickte daher mit dem Kopf, als wollte ich sagen »das will ich meinen!«

»Und die Ponys, das sind Viecher. Ein Suffolker Pony, wenns ein gutes is, is sein Gewicht in Gold wert. Haben Sie mal Suffolker Ponys gezüchtet, Sir?«

»N–nein, nein,« sagte ich, »nicht direkt.«

»Hier. Der Genlmn hinter mich, möcht ich wetten,« sagte William, »hat sie im großen gezüchtet.«

Der erwähnte Gentleman schielte verdächtig, hatte ein vorstehendes Kinn, auf dem Kopf einen hohen weißen Hut mit schmalem Rand und enganliegende helle Hosen, die außen von den Stiefeln an bis zur Hüfte hinauf zugeknöpft waren. Sein Kinn schob sich über des Kutschers Schulter so nahe zu mir hin, daß mich sein Atem am Hinterkopf kitzelte, und als ich mich umdrehte, schaute er mit seinem geraden Auge sehr sachkundig auf die Pferde.

»Oder nicht?« fragte William.

»Was, oder nicht?« fragte der Gentleman hinter mir.

»Suffolkponys im großen gezüchtet.«

»Das will ich meinen,« sagte der Gentleman. »Gibt kein Pferd nicht und keine Hunde nicht, was ich nicht gezüchtet hätt. Was die Pferd sind und die Hundsviecher, ists für viele ein Gaudium. Für mich sind sie Essen und Trinken, – Wohnung, Weib und [326] Kind, Lesen, Schreiben und Rithmetik –, Schnupfen, Zigarren und Schlaf.«

»So ein Mann sollte nicht hinter dem Kutschbock sitzen, nicht wahr?« flüsterte mir William ins Ohr.

Ich legte diese Bemerkung als die Andeutung des Wunsches aus, ich möchte dem andern meinen Platz überlassen und machte mich errötend dazu erbötig.

»Na, wenns Ihnen gleich ist, Sir,« sagte William, »ich glaube, es schickt sich so besser.«

Ich habe dies immer als meine erste Niederlage im Leben betrachtet. Als ich mich im Bureau einschreiben ließ, wurde hinter meinem Namen: »Sitz auf dem Kutschbock« vermerkt, und ich hatte dem Buchhalter extra eine halbe Krone gegeben. Ich hatte meinen besondern Überzieher und Schal genommen, um diesem Ehrensitz zu genügen, und war sehr stolz darauf gewesen, der Kutsche zur Zierde zu gereichen. Und jetzt, auf der ersten Station bereits, verdrängte mich ein schäbiger schielender Mensch, der weiter kein Verdienst beanspruchen konnte, als daß er nach Stall roch.

Mein Mißtrauen zu mir selbst, das mich im Leben bei mancherlei Anlässen schon befallen hatte, wurde durch diesen Vorfall im Postwagen noch verschlimmert.

Vergeblich nahm ich zu meiner Baßstimme meine Zuflucht.

Die ganze übrige Reise sprach ich tief wie ein Bauchredner, aber innerlich fühlte ich mich vollständig vernichtet und kam mir furchtbar jung vor.

Dennoch war es merkwürdig und interessant, als wohlerzogner gutgekleideter und reichlich mit Geld versehener junger Mann da oben hinter vier Pferden zu sitzen und Umschau nach allen den Plätzen zu halten, wo ich auf meiner mühseligen Wanderschaft einst gerastet hatte. Jedes auffällige Merkzeichen am Weg gab meinen Gedanken reichliche Nahrung. Wenn ich auf die Landstreicher herabblickte und die wohlbekannten Physiognomien dieser Klasse Menschen heraufschauen sah, war mir, als ob des Kesselflickers geschwärzte Hand mich wieder bei der Brust packte.

Als wir durch die engen Gassen von Chatham rasselten und ich im Vorbeifahren einen flüchtigen Blick[327] in das Gäßchen werfen konnte, wo ich meine Jacke verkauft hatte, steckte ich den Kopf vor, um einen Blick auf den Platz zu erhaschen, wo ich in der Sonne und im Schatten gewartet, ehe mir das alte Ungeheuer mein Geld gab. Und als wir endlich die letzte Station vor London erreichten und am Salemhaus vorbeifuhren, wo Mr. Creakle jähzornig den Stock geführt, da hätte ich alle meine Habe für das Recht hingegeben, hineingehen zu dürfen und ihn durchzuprügeln und alle die Knaben herauszulassen, wie gefangene Sperlinge.

Wir stiegen im »Goldnen Kreuz« in Charing Croß ab, das damals noch ein düsteres altes Haus in einer engen Gasse war.

Ein Kellner wies mich ins Frühstückszimmer und ein Stubenmädchen in meine Schlafkammer, die wie eine Lohnkutsche roch und dunkel war wie eine Familiengruft. Ich litt immer noch an dem qualvollen Bewußtsein meiner großen Jugend, denn niemand hatte Respekt vor mir. Das Stubenmädchen nahm nicht die mindeste Rücksicht auf meine Wünsche, und der Kellner benahm sich familiär und erlaubte sich mir gegenüber Ratschläge.

»Na,« sagte er in vertraulichem Ton. »Was möchten Sie wohl essen? Junge Herren essen gewöhnlich gern Geflügel. Also ein Huhn?«

Ich sagte ihm so majestätisch, wie mir möglich war, daß ich auf ein Huhn keinen Appetit hätte.

»So, so! Junge Herren haben Rinder- und Schöpsenbraten meist satt, also Kalbskotelett?«

Ich nahm diesen Vorschlag an, da mir nichts anderes einfallen wollte.

»Liegt Ihnen was an Kartoffeln?« fragte der Kellner mit einschmeichelndem Lächeln, den Kopf schief haltend. »Junge Herren haben sich meist an Kartoffeln überessen.«

Ich befahl mit meiner tiefsten Stimme, Kalbskoteletten mit Kartoffeln und Beilage zu bestellen und am Schenktisch zu fragen, ob Briefe da wären für Trotwood-Copperfield, Hochwohlgeboren. Ich wußte natürlich, daß das nicht der Fall sein konnte, aber es[328] kam mir erwachsener vor, wenn ich tat, als ob ich welche erwartete.

Er kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß keine da wären, – worüber ich mich sehr wunderte – und fing an, für mich den Tisch in einer Box zu decken. Während er damit beschäftigt war, fragte er mich, was ich trinken wolle, und nahm, als ich antwortete: »eine halbe Flasche Sherry,« – wie ich fürchte, die Gelegenheit wahr, den Wein aus den abgestandnen Resten mehrerer Karaffen zusammenzuschütten. Ich kam zu dieser Ansicht, weil ich, mit einer Zeitung beschäftigt, ihn hinter der Bretterwand, die seinen Privatraum vorstellte, sehr eifrig den Inhalt mehrerer Flaschen in eine zusammengießen hörte, wie einen Apotheker, der ein Rezept verfertigt. Als der Wein gebracht wurde, kam er mir schal vor, und es waren mehr Semmelbrösel englischer Abkunft darin, als sich mit einem vollkommen reinen ausländischen Wein vertrug; aber ich war blöd genug, ihn zu trinken und nichts zu sagen.

Da ich jetzt heiter gestimmt war, – woraus ich schließe, daß es auch ganz angenehme Vergiftungsmethoden gibt –, beschloß ich, ins Theater zu gehen. Ich wählte das Coventgarden-Theater und sah dort von einem Logenrücksitz »Julius Cäsar« und die neue Pantomime.

Alle diese vornehmen Römer lebendig und zu meiner Unterhaltung auf der Bühne auf- und abgehen zu sehen, während sie mir in der Schule immer nur wie finstere Lehrer erschienen waren, machte einen ganz neuen und wunderbaren Eindruck auf mich. Das Gemisch von Wirklichkeit und Märchen, die Bühne, die Poesie, der Kerzenglanz, die Musik, die Gesellschaft, der wunderbare Szenenwechsel, alles das wirkte so blendend auf mich und eröffnete mir eine so endlose Perspektive von Wonnen, daß es mir vorkam, wie ich um zwölf Uhr nachts auf die beregnete Straße trat, als ob ich aus einem romantischen Leben in Wolkenregionen herab in eine lärmende, plätschernde, regenschirmkämpfende, droschkenrüttelnde, absatzklappernde, schmutzige, erbärmliche, schwelende Welt fiele.

Ich blieb eine kleine Weile versonnen auf der[329] Straße stehen, als ob ich wirklich fremd auf Erden wäre, aber die rücksichtslosen, nüchternen Rippenstöße, die ich im Gedränge bekam, weckten mich bald wieder auf, und ich kehrte in das Hotel zurück, auf dem Weg noch erfüllt von der glänzenden Vision. Sie verließ mich auch nicht, als ich bei Porter und Austern um halb ein Uhr im Gastzimmer am Kamin saß. Das Schauspiel und die Vergangenheit – wie durch einen glänzenden Schleier schien mein früheres Leben mir hindurchzuschimmern – nahmen mich so in Anspruch, daß ich die Gestalt eines schönen jungen Mannes, der mit geschmackvoller Nachlässigkeit gekleidet war, nicht gleich bemerkte.

Endlich erhob ich mich, um zu Bett zu gehen, sehr zur Freude des verschlafenen Kellners, der fortwährend mit den Füßen scharrte und sich in seiner kleinen Speisekammer räkelte. Auf dem Weg nach der Tür ging ich an dem neuen Gast vorüber und sah ihn genauer bei dieser Gelegenheit. Ich kehrte sogleich um, ging zurück und sah ihn wieder an. Er erkannte mich nicht aber ich ihn augenblicklich.

Zu andern Zeiten hätte mir das Selbstvertrauen oder die Entschlossenheit gefehlt, ihn anzureden, und ich hätte es vielleicht auf den nächsten Tag verschoben und so die Gelegenheit versäumt. Aber in meiner damaligen Gemütsstimmung, noch frisch unter dem Eindruck des Theaterstücks, gedachte ich seiner frühern Beschützerrolle mit solcher Dankbarkeit, und meine alte Liebe zu ihm machte sich so mächtig Luft, daß ich mit klopfendem Herzen vor ihn trat und sagte:

»Steerforth. Kennst du mich nicht mehr?«

Er sah mich an, genau so, wie ers früher manchmal getan, aber ich sah kein Zeichen des Erkennens in seinem Gesicht.

»Ich fürchte, du kennst mich wirklich nicht mehr,« sagte ich.

»Mein Gott,« rief er plötzlich aus. »Es ist der kleine Copperfield.«

Ich ergriff seine beiden Hände und konnte sie gar nicht loslassen. Nur aus Scham und Furcht, sein Mißfallen zu erregen, fiel ich ihm nicht um den Hals.

[330] »Nie, nie, nie war ich so froh, lieber Steerforth! Ich bin ganz außer mir vor Freude, dich zu sehen.«

»Auch ich freue mich, dich wiederzusehen,« sagte er und schüttelte mir herzlich die Hand. »Copperfield, alter Junge, komm nur nicht ganz außer Rand und Band.« Trotz dieser Worte freute er sich sichtlich darüber, daß mich das Entzücken ihn wiederzuhaben so rührte.

Ich wischte die Tränen weg, die ich mit der größten Anstrengung nicht hatte zurückhalten können, und versuchte zu lachen, und wir setzten uns nebeneinander an den Tisch.

»Aber wie kommst du hierher?« fragte Steerforth und schlug mir auf die Achsel.

»Ich bin heute mit der Canterburykutsche angekommen. Meine Tante dort unten hat mich adoptiert, und ich habe eben meine Schulstudien absolviert. Aber was machst du hier, Steerforth?«

»Ach, ich bin, was man so einen Oxford-Studenten nennt,« erwiderte er, »das heißt, ich muß mich dort periodisch zu Tode langweilen und bin jetzt auf dem Weg zu meiner Mutter. Du bist ein verwünscht hübscher Bursche geworden, Copperfield! Ganz noch wie früher, wenn ich dich jetzt ordentlich ansehe. Nicht im mindesten verändert.«

»Ich habe dich sofort erkannt,« sagte ich, »aber dich vergißt man auch nicht so leicht.«

Er lachte, während er mit der Hand durch sein reichgelocktes Haar fuhr, und sagte fröhlich:

»Ja. Ich bin auf einer Pflichtreise begriffen. Meine Mutter wohnt in der Umgebung der Stadt, und da die Straßen in scheußlicher Verfassung sind und es bei mir zu Hause recht langweilig ist, beschloß ich, die Nacht über hier zu bleiben. Ich bin noch kaum sechs Stunden in der Stadt und habe mich bereits im Theater gräßlich geödet.«

»Ich war auch im Theater,« sagte ich, »im Covent-Garden. Was für eine herrliche, entzückende Unterhaltung, Steerforth!«

Steerforth lachte herzlich.

»Mein lieber junger Davy,« sagte er und schlug mir wieder freundschaftlich auf die Schulter. »Du bist [331] die reinste Daisy. Das reinste Gänseblümchen. Ein Gänseblümchen auf dem Feld bei Sonnenaufgang ist nicht frischer als du. Ich war doch auch im Covent-Garden und habe in meinem Leben noch nichts Schauderhafteres gesehen. Hallo, Kellner!«

Der Kellner, der unserer Erkennungsszene von weitem sehr aufmerksam zugesehen hatte, kam jetzt sehr ehrerbietig heran.

»Wo haben Sie meinen Freund Mr. Copperfield hingesteckt?«

»Bitte um Verzeihung, mein Herr?«

»Wo er schläft! Welche Nummer! Verstehen Sie mich denn nicht?« fragte Steerforth.

»Sehr wohl, Sir,« sagte der Kellner, sich entschuldigend. »Mr. Copperfield ist augenblicklich in 44, Sir.«

»Was zum Teufel soll das heißen,« entgegnete Steerforth, »daß Sie Mr. Copperfield in ein kleines Loch über dem Stall bringen?«

»Mein Herr, wir wußten doch nicht,« entschuldigte sich der Kellner ganz zerknirscht, »wer Mr. Copperfield ist. Wir können Mr. Copperfield Nummer 72 geben, wenn es gewünscht wird. Neben Ihnen, Sir.«

»Natürlich wird es gewünscht,« sagte Steerforth, »und zwar sofort.«

Der Kellner entfernte sich augenblicklich, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

Steerforth, dem es viel Spaß machte, daß sie mich in Nummer 44 gesteckt hatten, lachte wieder und klopfte mir auf die Schulter und lud mich zum Frühstück für nächsten Morgen um zehn Uhr ein, was ich mit Stolz und Freude annahm.

Da es schon ziemlich spät war, nahmen wir unsere Kerzen und gingen hinauf und trennten uns an der Türe mit größter Herzlichkeit. Mein neues Zimmer, viel schöner als mein erstes, war gar nicht dumpfig und hatte ein ungeheures Himmelbett, so groß wie ein kleines Landgut.

Hier in Kissen, die für sechs Personen genügt hätten, schlief ich bald ein und träumte vom alten Rom und von Steerforth und Freundschaft, und gegen früh, als die Landkutsche durch den Torweg rasselte, mischte sich in meinen Traum der Donner der Götter.

[332] Zwanzigstes Kapitel

Bei Steerforth.


Als das Stubenmädchen früh um acht Uhr an meine Tür klopfte, hereinkam und mir meldete, daß draußen warmes Wasser zum Rasieren für mich bereit stehe, empfand ich es schmerzlich, daß ich dessen nicht bedurfte und errötete darüber im Bett.

Der Argwohn, das Mädchen könnte darüber gelacht haben, quälte mich die ganze Zeit über beim Anziehen und verlieh mir ein scheues, schuldbewußtes Aussehen, als sie auf dem Weg zum Frühstück mir auf der Treppe begegnete. Ich war mir meiner Jugend so unangenehm bewußt, daß ich mich gar nicht entschließen konnte, unter so demütigenden Umständen an ihr vorüberzugehen, sondern, während sie unten kehrte, am Fenster stehen blieb und so lang durch ein Fenster die Reiterstatue König Karls, umgeben von einem Labyrinth von Fiakern und in dem feinen Regen und dunkelbraunen Nebel nichts weniger als majestätisch aussehend, betrachtete, bis mir der Kellner meldete, der Herr warte mit dem Frühstück auf mich.

Steerforth empfing mich nicht im Gastzimmer, sondern in einem hübschen separaten Zimmer mit roten Vorhängen und türkischen Teppichen, wo ein helles Feuer brannte und ein warmes Frühstück auf dem sauber gedeckten Tisch stand. Ein niedliches Miniaturbild des Zimmers, des Feuers, des Frühstücks und Steerforths und alles übrigen malte sich in dem kleinen runden Spiegel über dem Seitentische ab. Ich war ein wenig befangen am Anfang, weil Steerforth so selbstbewußt und elegant war und mir nicht nur an Jahren überlegen. Sein gefälliges, ungezwungnes Benehmen brachte jedoch bald alles ins Gleichgewicht, und ich fühlte mich wie zu Hause. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus, wie sehr sich das »Goldne Kreuz« – verglichen gegen gestern – verwandelt hatte.

[333] Die Familiarität des Kellners war verschwunden, als sei sie niemals dagewesen. Er bediente uns sozusagen in Sack und Asche.

»Nun, Copperfield?« fragte Steerforth, als wir allein waren. »Was treibst du eigentlich, welches Ziel hast du – – und so weiter. Ich weiß nicht, es kommt mir vor, als ob du mein Eigentum wärst.«

Glühend vor Vergnügen, daß er noch so viel Teilnahme an mir nahm, erzählte ich ihm, daß meine Tante mich zu dieser kleinen Reise veranlaßt habe, und daß Yarmouth mein Ziel sei.

»Da du also keine Eile hast,« sagte Steerforth, »so komm doch mit zu meiner Mutter nach Highgate und bleib ein oder zwei Tage bei uns. Meine Mutter wird dir gefallen, – sie ist ein bißchen eingebildet auf mich und spricht viel von mir, aber das darfst du ihr nicht übelnehmen. Und du wirst ihr auch gefallen.«

»Ich wollte, es wäre so, wie du sagst,« erwiderte ich lächelnd.

»O,« sagte Steerforth, »wer mich gern hat, hat ein Anrecht auch an sie und findet sicher Anerkennung.«

»Dann werde ich bei ihr allerdings in besonderer Gunst stehen,« sagte ich.

»Gut, komm und beweise es. Wir wollen uns ein paar Stunden in der Stadt umsehen. Es ist ordentlich eine Freude, sie einem Grünschnabel wie dir, Copperfield, zeigen zu können. Und dann fahren wir mit dem Wagen nach Highgate.«

Ich konnte mir nur mit Mühe klar machen, daß ich nicht träumte und nicht sogleich in Nummer 44 oder in der Box im Gastzimmer bei dem familiären Kellner aufwachen würde.

Nachdem ich an meine Tante über das glückliche Zusammentreffen mit meinem vielbewunderten Schulkameraden und die Einladung geschrieben, fuhren wir in einem Fiaker aus, und ich bewunderte das Panorama, das Museum und andre Sehenswürdigkeiten. Ich konnte dabei nicht umhin, zu bemerken, wie viel Steerforth über alle möglichen Dinge wußte, und wie gering er solches Wissen anzuschlagen schien.

»Du wirst dir gewiß einen hohen akademischen[334] Rang erwerben, Steerforth,« sagte ich, »wenn du ihn nicht schon besitzt. Sie müssen sehr stolz auf dich sein.«

»Ich einen Rang erwerben?« rief Steerforth. »Ich nicht, mein liebes Gänseblümchen. Du nimmst es doch nicht übel, wenn ich dich Daisy nenne?«

»Durchaus nicht,« sagte ich.

»Bist doch ein guter Junge! Mein liebes Gänseblümchen also, ich wünsche und beabsichtige nicht im mindesten, mich in dieser Hinsicht auszuzeichnen. Für meine Zwecke habe ich schon genug gelernt. Ich komme mir selber schon so ziemlich fad vor.«

»Aber der Ruhm –« fing ich an.

»Du romantisches Gänseblümchen,« sagte Steerforth und lachte noch herzlicher. »Soll ich mich vielleicht plagen, damit ein Dutzend dickköpfiger Kerle den Mund aufsperren und verwundert die Hände zusammenschlagen. Das mögen sie meinetwegen bei jemand anders tun.«

Ich war ordentlich beschämt, daß ich so fehlgegriffen hatte, und bemühte mich, die Rede auf etwas andres zu bringen. Das war zum Glück nicht schwer, denn Steerforth konnte immer mit einer ihm eignen Leichtigkeit und Gewandtheit von einem Gegenstand zum andern übergehen.

Während unserer Umschau in der Stadt nahmen wir den Lunch ein, und der kurze Wintertag verging so schnell, daß wir erst in der Dämmerung an einem alten steinernen Haus in Highgate oben auf der Höhe hielten.

Eine ältere Dame, wenn auch noch nicht sehr bei Jahren, von stolzer Haltung und mit schönen Zügen, stand in der Tür, als wir ausstiegen, und schloß Steerforth mit der Begrüßung: »Mein liebster James!« in die Arme.

Diese Dame wurde mir als Mrs. Steerforth vorgestellt, und sie bewillkommnete mich mit großer Freundlichkeit.

Das Haus war ein vornehmes, altmodisches Gebäude, sehr still und wohlgehalten. Von den Fenstern meines Zimmers aus sah ich in der Ferne London liegen wie eine große Dunstwolke, durch die hie und da die Lichter funkelten.

Während des Umziehens fand ich Gelegenheit,[335] einen Blick auf die soliden Möbel, die eingerahmten Stickereien – wahrscheinlich Jugendarbeiten von Steerforths Mutter – und ein paar Kreidezeichnungen, Damen mit gepudertem Haar im Reifrock darstellend, zu werfen, die an den Wänden sichtbar wurden und wieder verschwanden, wenn das frisch angezündete Feuer aufflackerte. Dann rief man mich zu Tisch.

Im Speisezimmer war noch eine zweite Dame anwesend von kleinerm Wuchs, dunklem Teint und nicht sehr angenehmem Äußern, wenn sie auch durch aus nicht häßlich war. Sie zog meine Aufmerksamkeit auf sich, vielleicht, weil ich nicht erwartet hatte, sie zu sehen, vielleicht weil ich ihr gegenüber saß, vielleicht auch, weil etwas Bemerkenswertes an ihr war.

Sie hatte schwarzes Haar, lebhafte schwarze Augen und eine Narbe auf der Lippe. Es war eine alte Narbe, eher ein schmaler weißer Strich quer über die Lippen bis herunter zum Kinn. In mir setzte sich sofort die Vorstellung fest, daß die Dame dreißig Jahre alt sei und sich einen Mann wünsche. Sie sah ein wenig verfallen aus, – wie ein Haus, das lange nicht bewohnt gewesen ist, doch hatte sie, wie schon gesagt, kein gerade häßliches Äußere. Ihre Hagerkeit schien die Folge eines verzehrenden Feuers in ihrem Innern zu sein, das sich noch deutlicher in ihren dunklen Augen offenbarte.

Sie wurde als Miß Dartle vorgestellt, und Steerforth und seine Mutter nannten sie Rosa. Ich erfuhr, daß sie im Hause wohnte und seit langem Mrs. Steerforths Gesellschafterin war. Sie sagte niemals etwas grade heraus, sondern deutete es immer bloß an und ließ es dadurch meist viel wichtiger erscheinen, als es in Wirklichkeit war. Als zum Beispiel Mrs. Steerforth bei Gelegenheit und mehr im Scherz als im Ernst die Befürchtung fallen ließ, ihr Sohn lebe an der Universität etwas allzu flott, sagte Miß Dartle:

»O wirklich? Du weißt, wie wenig ich das kenne, und daß ich bloß frage, um mich belehren zu lassen. Aber ist das nicht immer so? Ich habe immer geglaubt, das Leben auf der Universität sei immer – nicht?«

»Es ist die Vorbereitung zu einer sehr ernsten Laufbahn, [336] wenn du das meinst, Rosa,« antwortete Mrs. Steerforth ein wenig kühl.

»O ja. Das ist sehr wahr,« entgegnete Miß Dartle. »Aber ist es bei alledem nicht – –? Ich lasse mich gern belehren, wenn ich unrecht habe. Ist es wirklich nicht – –?«

»Was soll es denn wirklich sein,« fragte Mrs. Steerforth.

»O, wenn du meinst, so ist es also nicht – –,« erwiderte Miß Dartle. »O, es freut mich, das zu hören. Nun weiß ich, was ich zu tun habe. Das ist der Vorteil des Fragens. Ich werde nie mehr zugeben, daß die Leute das Universitätsleben verschwenderisch und liederlich nennen.«

»Da tust du sehr recht,« sagte Mrs. Steerforth. »Der Erzieher meines Sohnes ist ein gewissenhafter Herr, und wenn ich mich nicht schon unbedingt auf James verließe, so könnte ich doch ihm vollständig vertrauen.«

»Wirklich?« sagte Miß Dartle. »O Gott! Gewissenhaft ist er? Wirklich gewissenhaft?«

»Ja, ich bin davon überzeugt,« sagte Mrs. Steerforth.

»Ach, wie reizend! Wie angenehm! Wirklich gewissenhaft? Da ist er also nicht – aber natürlich kann ers ja nicht sein, wenn er wirklich gewissenhaft ist. Ach, ich werde ganz glücklich sein, da ich es jetzt weiß. Du kannst dir gar nicht denken, wie ihn das in meinen Augen hebt, daß er so gewissenhaft ist.«

Miß Dartle gab ihre Ansichten über jede Frage auf diese Weise zu verstehen und manchmal mit großem Nachdruck, auch wenn sie sich im Widerspruch mit Steerforth befand.

Ein Beispiel dieser Art kam noch während des Essens vor. Mrs. Steerforth sprach von meiner beabsichtigten Reise nach Suffolk, und ich sagte zufällig, wie sehr ich mich freuen würde, wenn ihr Sohn mit mir ginge.

Ich erzählte ihnen von meiner alten Kindsfrau und Mr. Peggottys Familie und erinnerte meinen Freund an den Schiffer, den er damals in der Schule gesehen hatte.

[337] »Aha, der rauhe Bursche!« sagte Steerforth. »Er hatte einen Sohn mit, nicht?«

»Nein. Es war sein Neffe,« gab ich zur Antwort, »den er aber als Sohn adoptiert hat. Er hat auch eine sehr hübsche kleine Nichte als Tochter angenommen. Mit einem Wort, sein Haus oder vielmehr sein Boot, denn er wohnt in einem solchen, auf trocknem Land, ist voll von Leuten, die sein Edelmut und seine Güte erhält. Du wirst entzückt sein, diese Häuslichkeit zu sehen.«

»Meinst du,« sagte Steerforth. »Ja, wenn du glaubst. – – Wir werden sehen, was sich tun läßt. Es wäre die Reise wert, – gar nicht zu reden von dem Vergnügen, mit dir zu reisen, Daisy, – einmal mitten unter Leuten dieses Schlages zu leben.«

Mein Herz schlug voll Hoffnung auf eine neue Freude. Sein Ton, mit dem er »von Leuten dieses Schlages« gesprochen hatte, veranlaßte jetzt Miß Dartle, deren glänzende Augen uns beobachtet hatten, einzufallen.

»O wirklich? Erzählen Sie. Sind sie wirklich – –?«

»Was sollen sie sein, und wer soll was sein?« fragte Steerforth.

»Leute dieses Schlages – sind sie wirklich Stöcke und Klötze und Geschöpfe anderer Art? Darüber möchte ich belehrt sein.«

»Nun es ist ein ziemlich großer Unterschied zwischen ihnen und uns,« sagte Steerforth gleichgültig. »Man kann doch nicht erwarten, daß sie so feinfühlig sind wie wir. Ihr Zartgefühl ist nicht so leicht zu verletzen. Sie sind entsetzlich tugendhaft, glaube ich, wenigstens behaupten das viele Leute, und ich will dem nicht widersprechen. Aber sie sind keine feinen Naturen und können dankbar dafür sein, daß sie wegen ihrer Dickfelligkeit nicht so leicht verwundbar sind.«

»Wirklich?« sagte Miß Dartle. »Nun, ich muß gestehen, es freut mich sehr, so etwas zu hören. Es ist so tröstlich! Es ist eine wahre Wonne, zu wissen, daß sies nicht fühlen, wenn sie leiden. Manchmal habe ich mir ordentlich Kummer gemacht um diese Art Leute. Aber von jetzt an werde ich jeden Gedanken an sie fallen lassen. Man lebt, um zu lernen. Ich gestehe, ich hatte meine Zweifel. Aber jetzt sind sie behoben. [338] Ich wußte es nicht, aber jetzt weiß ich es. Und das beweist, wie nützlich es ist, zu fragen, nicht wahr?«

Ich nahm an, Steerforth habe das, was er sagte, im Scherz gemeint oder um Miß Dartle aufzuziehen, und ich erwartete, er würde es mir sagen, als sie fort waren und wir beide allein am Kamin saßen. Aber er fragte mich bloß, was ich von ihr hielte.

»Sie ist sehr gescheit, nicht wahr?« fragte ich.

»Gescheit! Sie hält alles an einen Schleifstein,« sagte Steerforth »und macht es scharf, wie sie sich und ihr Gesicht seit Jahren scharf gemacht hat. Sie hat sich schon halb aufgebraucht durch beständiges Schärfen. Sie ist ganz Schneide.«

»Was für eine merkwürdige Narbe sie auf der Lippe hat,« sagte ich.

Steerforths Gesicht verfinsterte sich und, er schwieg einen Augenblick. »Hm,« sagte er dann, »an der bin eigentlich ich schuld.«

»Durch einen unglücklichen Zufall?«

»Nein. Ich war noch ein kleiner Junge, und sie brachte mich auf, und ich warf ihr einen Hammer ins Gesicht. Ein vielversprechender junger Engel muß ich gewesen sein.«

Es tat mir sehr leid, ein so peinliches Thema berührt zu haben, aber es ließ sich nicht mehr ändern.

»Sie hat die Narbe seit jener Zeit behalten, wie du siehst,« sagte Steerforth, »und wird sie mit sich ins Grab nehmen, wenn sie je in einem ruht. Ich kann kaum glauben, daß sie überhaupt jemals Ruhe finden wird. Sie war das mutterlose Kind eines Vetters meines Vaters. Als meine Mutter Witwe geworden war, nahm sie sie als Gesellschafterin zu sich. Sie hat ein paar tausend Pfund eigenes Vermögen und legt die Zinsen alljährlich auf das Kapital. Da hast du die Geschichte von Miß Rosa Dartle.«

»Sie liebt dich gewiß wie einen Bruder?« fragte ich.

»Hm,« entgegnete Steerforth und sah ins Feuer. »Manche Brüder werden nicht allzu sehr geliebt und manche lieben – aber schenk dir ein, Copperfield. Wir wollen auf die Gänseblümchen im Tale trinken, dir zu Ehren, – und auf die Lilien auf dem Felde, die nicht[339] säen und nicht ernten, mir zu Ehren und zur Schande.« Das trübe Lächeln, das auf seinem Gesicht gelegen, verschwand, als er diese Worte fröhlich sagte, und er war wieder ganz der alte, offene, gewinnende Steerforth.

Ich mußte mit peinlichem Interesse nochmals die Narbe betrachten, als wir beim Tee saßen. Ich bemerkte bald, daß es der empfindlichste Fleck des Gesichtes der Dame war; daß er sich zuerst veränderte, wenn sie die Farbe wechselte, und in seiner ganzen Länge einen bleifarbigen Streifen darstellte, der wie ein Zeichen mit sympathetischer Tinte geschrieben, wenn man es ans Feuer hält, aussah.

Es entstand ein kleiner Streit zwischen ihr und Steerforth beim Pochbrettspiel. Sie war einen Augenblick ganz wütend, und da wurde der Streif sichtbar wie die Schrift an der Mauer des Königs Belsazar.

Ich wunderte mich natürlich nicht, daß Mrs. Steerforth große Stücke auf ihren Sohn hielt. Sie zeigte mir sein Bild als kleines Kind in einem Medaillon mit einer abgeschnittenen Locke, sie zeigte mir sein Bild aus der Zeit, in der ich ihn zuerst kennen gelernt, und trug ihn, wie er jetzt war, auf der Brust. Alle seine Briefe, die er ihr je geschrieben, hatten ihr eignes Schränkchen am Kamin, und sie würde mir gewiß einige zu meiner Freude vorgelesen haben, wenn er sie nicht durch gute Worte von ihrem Vorhaben abgebracht hätte.

»Mein Sohn erzählte mir, Sie wären bei Mr. Creakle mit ihm bekannt geworden,« sagte Mrs. Steerforth, als wir uns beide an einem Tisch unterhielten, während James und Miß Dartle an einem andern ihr Pochbrett spielten. »Ich kann mich noch aus jener Zeit erinnern, daß er mir von einem jungen Schüler erzählte, an dem er Gefallen gefunden hatte, aber wie Sie sich wohl denken können, ist mir Ihr Name entfallen.«

»Er benahm sich damals sehr hochherzig und edel gegen mich, Maam,« sagte ich, »und ich hatte einen solchen Freund sehr nötig. Ich wäre ohne ihn zugrunde gegangen.«

»Er ist immer hochherzig und edel,« sagte Mrs. Steerforth mit Stolz.

Ich stimmte mit vollem Herzen ein, Gott weiß es.[340] Sie fühlte das, denn die Steifheit ihres Wesens fing an, etwas nachzulassen, außer wenn sie lobend von ihrem Sohn sprach, wobei sie stets eine stolze Miene aufsetzte.

»Es war eigentlich keine passende Schule für meinen Sohn,« fuhr sie fort. »Durchaus nicht; aber es kamen damals bei der Wahl besondere Umstände in Betracht. Meines Sohnes Feuergeist machte es notwendig, daß er mit einem Mann zusammenkam, der seine Überlegenheit fühlte und sich vor ihm beugte. Und wir fanden dort einen solchen Mann.«

Ich wußte das, da ich den Burschen kannte. Und dennoch verachtete ich ihn deshalb nicht noch mehr, sondern hielt es eher für einen Zug, der manches wieder gut machte. Überhaupt schien es mir ein Milderungsgrund für Creakle zu sein, daß er einem so unwiderstehlichen Menschen, wie Steerforth war, nicht hatte standhalten können.

»Die großen Fähigkeiten meines Sohnes,« fuhr Mrs. Steerforth in ihrem mütterlichen Stolz fort, »wurden von freiwilligem Wetteifer und selbstbewußtem Stolz angestachelt. Er würde sich gegen jeden Zwang empört haben, aber da er dort der Herr war, war er fest entschlossen, sich seiner Stellung würdig zu erweisen. Das sah ihm ganz ähnlich.«

Ich stimmte aus vollstem Herzen bei.

»So wählte mein Sohn aus eignem freien Willen ohne Zwang den Weg, auf dem er immer, wenn er will, jeden Mitbewerber überholen kann. Mein Sohn sagte mir, Mr. Copperfield, daß Sie ihn förmlich verehrt haben und ihn gestern, als Sie ihn trafen, mit Freudentränen im Auge anredeten. Es würde affektiert aussehen, wenn ich mich überrascht stellen sollte, daß mein Sohn solche Gemütsbewegungen hervorzurufen imstande ist. Aber ich kann gegen eine Person, die seine Verdienste so tief fühlt, nicht gleichgültig sein, und ich kann Ihnen nur versichern, daß auch er für Sie Gefühle ungewöhnlicher Freundschaft hegt, und daß Sie sich auf seinen Schutz verlassen können.«

Miß Dartle spielte genau so eifrig, wie sie alles an dere tat. Aber ich müßte sehr irren, wenn sie auch nur ein Wort von unserm Gespräch verloren hätte.

[341] Als der Abend ziemlich weit vorgerückt war, und Gläser und Flaschen hereingebracht wurden, versprach mir Steerforth, am Kamin sitzend, daß er allen Ernstes an die Reise nach Yarmouth denken wolle. Es habe weiter keine Eile damit, sagte er. In einer Woche sei auch noch Zeit genug, und seine Mutter wiederholte gastfreundlich dasselbe. Während des Gesprächs nannte er mich mehr als einmal »Daisy«, was Miß Dartle wieder anregte.

»Ist das nicht, Mr. Copperfield, ein Spitzname? Und warum nennt er Sie so? Vielleicht – vielleicht, weil er Sie für jung und unschuldig hält? Ich bin so dumm in solchen Dingen.«

Ich wurde rot, als ich antwortete, daß es nur deswegen sei.

»O,« sagte Miß Dartle, »wie freue ich mich, daß ich es weiß. Ich frage, um aufgeklärt zu werden, und bin froh, es zu wissen. Also er denkt, Sie sind jung und unschuldig! Sie sind also sein Freund. Ach, das ist ja entzückend!«

Sie ging bald darauf zu Bett und Mrs. Steerforth ebenfalls.

Nachdem Steerforth und ich noch eine halbe Stunde am Feuer gesessen und von Traddles und all den übrigen aus der alten Zeit geplaudert hatten, gingen wir zusammen hinauf. Steerforths Zimmer stieß an das meinige, und ich warf einen Blick hinein. Es war ein wahres Muster von Komfort, voller Lehnstühle, Kissen und Fußschemel, von seiner Mutter gestickt, und ausgestattet mit allem, was man nur wünschen konnte.

Mrs. Steerforths hübsches Gesicht sah von der Wand herab auf ihren Liebling, als wenn es ihr noch ein Genuß wäre, zu wissen, daß ihr Bildnis ihn während des Schlummers überwachen konnte.

Ein helles Feuer brannte in meinem Zimmer, und die weißen Gardinen an meinem Fenster und Bett gaben dem Raum ein sehr sauberes Aussehen. Ich nahm in einem großen Lehnstuhl vor dem Kamine Platz, um über mein Glück nachzudenken, und hatte mich eine Zeitlang in diesen Genuß versenkt, als ich bemerkte, daß ein Porträt Miß Dartles mit forschendem Blick vom Kaminsims auf mich herabsah.

[342] Das Bildnis war erschreckend ähnlich. Der Maler hatte die Narbe weggelassen, aber ich ergänzte sie mir, und da sah ich sie bald hervortreten, bald verschwinden, jetzt nur auf der Oberlippe, dann wieder in ganzer Länge dunkelfarbig erscheinend.

Es berührte mich unangenehm, daß Miß Dartles Bild grade in meiner Stube untergebracht war.

Um den Anblick loszuwerden, entkleidete ich mich rasch, blies das Licht aus und ging zu Bett. Aber noch vor dem Einschlafen mußte ich immer darüber nachdenken, ob sie mich nicht forschend ansehe: »Ists wirklich so? Ich möchte das wissen –«

Und wenn ich in der Nacht aufwachte, da kam mir zum Bewußtsein, daß ich im Traum allerlei Leute gefragt hatte, ob es wirklich so sei oder nicht, – ohne zu wissen, was ich eigentlich meinte.

[343][344][1]

Zweiter Band

Erstes Kapitel

Die kleine Emly.


In dem Hause von Steerforths Mutter befand sich ein Diener, der gewöhnlich zur Verfügung des jungen Herrn zu stehen hatte und von ihm auf der Universität aufgenommen worden war.

Dem Äußern nach war er ein Muster von Respektabilität. Ich glaube nicht, daß es in solcher Stellung einen respektabler aussehenden Mann geben konnte. Er trat leise auf, war äußerst still in seinem ganzen Wesen, ehrerbietig, aufmerksam, immer zur Hand, wenn er gebraucht wurde, und nie zu sehen, wenn man ihn nicht brauchte. Aber seine hervorstechendste Eigenschaft war, wie gesagt, seine Respektabilität.

Er hatte ein unbewegliches Gesicht, einen etwas steifen Nacken, einen runden, glatten Kopf mit kurzem an den Schläfen dicht anliegendem Haar, eine milde Sprechweise und eine eigentümliche Art, den Buchstaben S so deutlich zu lispeln, daß er ihn öfter als jeder andere Mensch zu gebrauchen schien. Aber auch diese Eigentümlichkeit trug nur zu seiner Respektabilität bei.

Selbst wenn seine Nase umgekehrt im Gesicht gestanden hätte, würde ihn dies wahrscheinlich noch respektabler gemacht haben. Er umgab sich mit einer Atmosphäre von Respektabilität und wandelte mit Sicherheit in ihr einher.

So durch und durch respektabel war er, daß ihn wegen irgend etwas im Verdacht zu haben, für jedermann [3] von vornherein ausgeschlossen schien. So respektabel war er, daß sich niemand unterstanden hätte, ihm eine Livree zuzumuten, noch viel weniger eine niedrige Arbeit. Und dessen waren sich die weiblichen Dienstboten des Hauses so sehr bewußt, daß sie sich solcher Arbeit stets aus freien Stücken unterzogen und das meistens, während er am Herdfeuer die Zeitung las.

Ich sah nie einen gesetzteren, zurückhaltenderen Menschen als ihn. Aber auch durch diese Eigenschaft erschien er noch respektabler. Sogar der Umstand, daß niemand seinen Taufnamen wußte, schien zur Hebung seiner Respektabilität beizutragen. Niemand hatte etwas einzuwenden, daß man ihn mit seinem Familiennamen Littimer rief. Ein Peter konnte gehenkt oder ein Tom deportiert werden, aber Littimer war höchst respektabel.

Ich glaube, die fast ehrwürdige Art seiner nahezu abstrakten Respektabilität war schuld, daß ich mir in seiner Gegenwart ganz besonders jung vorkam.

Wie alt er sein mochte, konnte ich nicht erraten. Und das kam ihm schon wieder zugute. Nach seiner Ruhe und Respektabilität zu schließen, konnte er ebenso gut fünfzig, wie dreißig Jahre sein.

Littimer brachte mir, ehe ich aufstand, das gewisse, auf mich wie ein Vorwurf wirkende Rasierwasser und meine Kleider. Als ich die Vorhänge zurückzog, um aus dem Bett zu schauen, sah ich ihn in einer gleichmäßigen Respektabilitätstemperatur, ungerührt von dem winterlichen Ostwinde draußen und in keiner Hinsicht fröstlig, meine Stiefel in die erste Tanzposition stellen und Stäubchen von meinem Rock blasen, den er so zärtlich, als wäre es ein Wickelkind, hinlegte.

Ich wünschte ihm guten Morgen und fragte ihn, wie spät es sei. Er zog eine höchst respektable Jagduhr heraus, ließ den Deckel nur halb aufspringen, spähte hinein, als ob er eine orakelfähige Auster zu Rate zöge, und sagte: »Wenn es beliebt, es ist halb neun. Mr. Steerforth wird sich freuen, zu hören, wie Sie geruht haben, Sir.«

»Ich danke,« antwortete ich, »vortrefflich. Befindet sich Mr. Steerforth wohl?«

»Ich danke Ihnen, Sir. Mr. Steerforth befindet [4] sich recht wohl.« Es war wieder eine von Littimers Eigenheiten, daß er nie von Superlativen Gebrauch machte. Immer der kühle, ruhige Mittelweg.

»Habe ich die Ehre, sonst noch etwas für Sie zu tun, Sir? Die Frühstücksglocke wird um neun Uhr läuten. Die Familie frühstückt um halb zehn.«

»Nichts sonst. Ich danke Ihnen.«

»Ich danke Ihnen, wenn Sie erlauben,« erwiderte Littimer; und mit diesen Worten und mit einer leichten Verbeugung, wie wenn er für seine Berichtigung um Verzeihung bitten wollte, ging er hinaus und schloß die Türe so zart, als ob ich eben in einen süßen Schlummer, von dem mein Leben abhing, gesunken wäre.

Jeden Morgen fand ein Gespräch dieser Art zwischen uns statt, niemals länger und niemals kürzer. So hoch ich mich infolge von Steerforths Gesellschaft, Mrs. Steerforths Vertrauen oder meiner Unterhaltung mit Miß Dartle dem Alter entgegen gereift wähnte, vor diesem so respektablen Mann wurde ich jedesmal wieder zum Kinde.

Er besorgte Pferde für uns, und Steerforth, der alles konnte, gab mir Reitstunden. Er besorgte uns Fleuretts, und Steerforth unterrichtete mich im Fechten – Handschuhe, und ich nahm Boxstunden. Es verletzte mich nicht, vor Steerforth als Neuling in allen diesen Künsten zu erscheinen, aber unerträglich war es mir, meinen Mangel an Geschicklichkeit vor dem so respektablen Littimer sehen zu lassen. Ich hatte gar keinen Grund, zu glauben, daß er selbst von allen diesen Dingen etwas verstünde. Nicht durch das geringste Zucken auch nur eines seiner respektabeln Augenlider ließ er so etwas ahnen. Aber wenn er nur bei unseren Übungen anwesend war, kam ich mir schon als der grünste und unerfahrenste aller Sterblichen vor.

Die Woche verstrich in der angenehmsten Weise. Ich lernte Steerforth noch besser kennen und aus tausend Gründen noch mehr bewundern. Seine ungenierte Weise, mich wie ein Spielzeug zu behandeln, war mir lieber als jedes andere Benehmen, das er mir hätte zeigen können. Es erinnerte mich an die Zeit unserer frühern Bekanntschaft, erschien mir als eine natürliche Folge [5] derselben, zeigte mir, daß er noch ganz der Alte war, und befreite mich von jedem unangenehmen Gefühl, das ein Nebeneinanderstellen seiner und meiner Eigenschaften hätte verursachen können. Vor allem aber war es seine vertrauliche, ungezwungene und herzliche Art, weil er sie gegen niemand sonst zur Schau trug, die mich annehmen ließ, er behandle mich, wie schon damals in der Schule, auch jetzt im Leben anders, als irgend einen seiner Freunde. Ich glaubte seinem Herzen näher zu stehen als alle andern und glühte vor Liebe zu ihm.

Er entschloß sich, mit mir auf das Land zu gehen, und der Tag unserer Abreise kam heran. Anfangs schwankte er, ob er Littimer mitnehmen solle oder nicht, entschied sich aber dann, ihn zu Hause zu lassen.

Der respektable Mann war selbstverständlich zu frieden und befestigte unsere Manteltaschen auf dem kleinen Wagen, der uns nach London bringen sollte, so sorgfältig, als müßten sie dem Sturm von Jahrhunderten trotzen, und nahm meine bescheiden hingehaltene Gabe mit unerschütterlicher Miene entgegen.

Wir sagten Mrs. Steerforth und Miß Dartle Adieu unter vielen Danksagungen meinerseits und vielen Freundschaftsbezeigungen von seiten Steerforths zärtlicher Mutter. Das letzte, was ich sah, war Littimers unbewegtes Auge. Es war voll der Überzeugung, wie ich mir einbildete, daß ich wirklich sehr jung sei.

Meine Empfindungen bei einer so glücklichen Rückkehr zu der alten trauten Umgebung will ich nicht zu beschreiben versuchen. Von London aus nahmen wir die Post. So sehr lag mir die Ehre von Yarmouth am Herzen, daß ich sehr erfreut war, als Steerforth während der Fahrt durch die dunklen Gassen nach dem Gasthof sagte, es sei ein gutes, verrücktes, abgelegenes Loch.

Wir begaben uns gleich nach der Ankunft zu Bett (ich bemerkte ein paar schmutzige Schuhe und Gamaschen, die meinem alten Freund, dem »Delphin« gehörten) und frühstückten spät am Morgen. Steerforth, der sehr gut aufgelegt war, hatte schon vorher einen Spaziergang am Strande gemacht und, wie er sagte, bereits die Hälfte der Fischer kennen gelernt. Er hätte bestimmt, wie er [6] sagte, in der Ferne Mr. Peggottys Haus mit dem rauchenden Ofenrohr gesehen und große Lust gefühlt, hinzugehen, die Türe zu öffnen und sich in meinem Namen vorzustellen.

»Wann willst du mich dort einführen, Daisy?« fragte er. »Ich stehe ganz zu deiner Verfügung. Arrangiere du.«

»Nun, Steerforth, ich denke, heute abends wäre die beste Zeit. Da sitzen sie alle um das Feuer. Ich möchte, daß du sie siehst, wenn es gerade am gemütlichsten ist.«

»Also gut, heute abends.«

»Ich werde ihnen natürlich nichts von unserm Hiersein sagen lassen. Wir müssen sie überraschen!«

»Natürlich,« sagte Steerforth. »Es wäre sonst kein Spaß dabei. Wir müssen die Eingebornen in ihrem Naturzustand sehen.«

»Obgleich sie – ein ›gewisser Schlag Leute sind,‹ wie du einmal sagtest,« bemerkte ich.

»Aha. Du erinnerst dich also an mein Geplänkel mit Rosa,« sagte er mit einem raschen Blick. »Verdammtes Frauenzimmer! Ich fürchte mich fast vor ihr. Sie verfolgt mich wie ein Kobold. Aber weg mit ihr! – – – Was gedenkst du jetzt zu tun? Wie ich vermute, willst du deine alte Kindsfrau besuchen.«

»Freilich wohl,« sagte ich, »Peggotty muß ich zuerst besuchen.«

»Gut,« antwortete Steerforth und sah auf die Uhr. »Genügt es dir, um dich auszuweinen, wenn ich dich ein paar Stunden allein lasse?«

Ich erwiderte lachend, ich glaubte bis dahin fertig sein zu können. Daß er aber auch kommen müßte, denn sein Ruhm sei ihm so voraus geeilt, daß er eine ebenso wichtige Person wäre wie ich.

»Ich werde kommen, wohin du willst, und alles Gewünschte vollbringen. Sage mir nur, wohin ich kommen soll, und in zwei Stunden werde ich mich in jedem gewünschten Zustand vorstellen, gleichgültig, ob sentimental oder humoristisch.«

Ich gab ihm genaueste Anweisungen, damit er die Wohnung Mr. Barkis – »Fuhrmann nach Blunderstone [7] und andern Orten« – auffinden könne, und ging dann allein aus.

Die Luft war scharf, die Erde trocken, die See gekräuselt und klar, die Sonne verbreitete reiches Licht, wenn auch wenig Wärme, und alles erschien munter und frisch. Ich selbst fühlte mich in meiner Freude, hier zu sein, so glücklich, daß ich am liebsten die Leute auf der Straße angehalten und ihnen die Hände geschüttelt hätte.

Die Straßen kamen mir natürlich eng und klein vor, wie es immer der Fall ist, wenn man in reiferem Alter die Umgebung der Kinderjahre wiedersieht. Aber ich hatte keinen Fleck vergessen und fand nichts verändert, bis ich an Mr. Omers Laden kam. Omer & Joram, stand, wo früher bloß Omer gestanden hatte, aber die Inschrift: »Tuchhändler, Schneider, Mützenmacher, Leichenbesorger usw.« war geblieben.

Im Hintergrund des Ladens erblickte ich eine hübsche Frau, die ein kleines Kind in ihren Armen schaukelte, während sich ein zweites, etwas größeres, an ihre Schürze klammerte. Unschwer erkannte ich in ihnen Minnie und deren Kinder. Die Glastür des Hinterzimmers stand nicht offen, aber aus dem Arbeitsschuppen klang in gedämpften Tönen die alte Weise, als ob sie nie aufgehört hätte.

»Ist Mr. Omer zu Hause?« fragte ich eintretend. »Ich möchte ihn gern einen Augenblick sehen.«

»O ja, Sir, er ist zu Hause,« sagte Minnie. »Bei solchem Wetter erlaubt ihm sein Asthma nicht auszugehen. Joe, ruf den Großvater.«

Der kleine Kerl an der Schürze stieß einen so lauten Ruf aus, daß er selbst sofort darüber ganz bestürzt war und sein Gesicht in den Kleidern der Mutter versteckte. Dann hörte ich ein Keuchen und Husten näherkommen, und bald darauf stand Mr. Omer, noch kurzatmiger als ehemals, aber nicht viel älter aussehend, vor mir.

»Diener, Sir,« sagte Mr. Omer, »womit kann ich Ihnen dienen, Sir?«

»Sie können mir die Hand schütteln, Mr. Omer,« sagte ich und streckte die meinige aus. »Sie waren einmal sehr freundlich zu mir, und ich glaube nicht,[8] daß ich damals meine Erkenntlichkeit gebührend an den Tag legte.«

»So. War ich das?« fragte der Alte. »Freut mich, es zu hören, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Wissen Sie auch gewiß, daß ich es war?«

»Ganz gewiß.«

»Ich glaube, mein Gedächtnis ist so kurz geworden wie mein Atem,« sagte Mr. Omer und sah mich kopfschüttelnd an. »Ich kann mich Ihrer nicht erinnern.«

»Wissen Sie nicht mehr, wie Sie auf meine Ankunft in der Postkutsche warteten? Wie ich dann hier frühstückte und wir zusammen nach Blunderstone hinüberfuhren? Sie und ich und Mrs. Joram und auch Mr. Joram, die damals noch nicht verheiratet waren!«

»Gott im Himmel!« rief Mr. Omer nach einem Hustenanfall überrascht. »Was Sie sagen! Minnie, mein Kind, erinnerst du dich? Lieber Himmel, ja. Es war eine Dame damals, glaube ich?«

»Meine Mutter,« bestätigte ich.

»O gewiß,« sagte Mr. Omer und tupfte mir mit dem Zeigefinger auf die Weste, »und ein kleines Kind war auch dabei. Sie wurden miteinander begraben. Drüben in Blunderstone, ganz echt. O Gott! Wie haben Sie sich seitdem immer befunden?«

»Sehr gut!« und ich sagte, ich hoffte dasselbe von ihm.

»Nun, ich kann mich nicht beklagen. Mein Atem wird kurz, aber daß er mit den Jahren nicht länger wird, ist begreiflich. Ich nehme es, wie es kommt und nehme es von der besten Seite. Das ist immer noch das Gescheiteste, nicht wahr?«

Er hustete wieder, weil er so hatte lachen müssen, und seine Tochter, die dicht neben ihm stand, stützte ihn und ließ ihr Kleinstes auf dem Ladentisch strampeln.

»Mein Gott! Freilich ja,« fuhr Mr. Omer fort. »Zwei auf einmal. Damals auf der Fahrt wurde der Hochzeitstag für meine Minnie festgesetzt. Bestimmen Sie den Tag, Mr. Omer, sagte Joram damals zu mir, und Minnie redete mir auch zu. Und jetzt ist er mit im Geschäft. Sehen Sie mal her: Das Jüngste!«

[9] Minnie lachte und strich sich das Haar an den Schläfen glatt, während ihr Vater dem strampelnden Kind einen seiner fetten Finger hinhielt.

»Zwei auf einmal, natürlich!« und er nickte gedankenvoll. »Ganz richtig. Und Joram arbeitet grade heute wieder an einem grauen mit Silbernägeln; ungefähr diese Größe,« und er deutete auf das strampelnde Kind auf dem Ladentisch.

»Aber wollen Sie nicht etwas genießen?«

Ich lehnte dankend ab.

»Warten Sie mal,« sagte Mr. Omer. »Barkis, dem Fuhrmann seine Frau, die Peggotty, hat sie nicht was mit Ihrer Familie zu tun? Sie stand doch bei Ihnen in Diensten, nicht?«

Ich bejahte, was ihn sehr befriedigte.

»Ich glaube wahrhaftig, mein Atem wird nächstens besser, da mein Gedächtnis sich so erholt! Denken Sie sich, Sir, wir haben hier bei uns in der Lehre eine junge Verwandte von ihr, die einen so feinen Geschmack in der Putzmacherei entwickelt, daß es eine Herzogin nicht mit ihr aufnehmen kann.«

»Doch nicht die kleine Emly?« fuhr es mir heraus.

»Emilie heißt sie,« sagte Mr. Omer, »und klein ist sie auch. Aber ich sage Ihnen, eine Larve hat sie, daß die Hälfte der Frauenzimmer in Yarmouth wütend ist.«

»Dummes Zeug, Vater!« rief Minnie.

»Meine Liebe,« sagte Mr. Omer, »ich meine doch nicht dich, – er zwinkerte mir zu – ich meine bloß eine Hälfte der Frauenzimmer von Yarmouth und fünf Meilen im Umkreis.«

»Sie hätte eben nicht groß tun sollen, Vater,« sagte Minnie »und den Leuten keinen Anlaß geben, von ihr zu reden, dann hätten sie es nicht tun können.«

»Hätten es nicht tun können!« entgegnete Mr. Omer. »Hätten es nicht tun können! Ist das deine Lebenserfahrung? Was könnte ein Frauenzimmer nicht tun, – besonders wenn es sich um das hübsche Gesicht einer andern handelt!«

Ich dachte schon, Mr. Omers letzte Stunde sei gekommen. Er hustete so stark und konnte so wenig Luft kriegen, daß ich jeden Augenblick erwartete, seinen [10] Kopf hinter dem Ladentisch verschwinden und seine kleinen schwarzen Beine mit den Schleifen am Knie im Todeskampf emporzappeln zu sehen. Endlich erholte er sich wieder, mußte sich aber erschöpft niedersetzen.

»Sehen Sie,« fing er atemlos wieder an und trocknete sich die Glatze ab. »Emly hat sich hier weder an Bekannte noch Freunde angeschlossen, geschweige denn sich einen Liebsten angeschafft. Natürlich heißt es gleich, sie wolle die vornehme Dame spielen. Bloß weil sie manchmal in der Schule gesagt hatte, wenn sie eine vornehme Dame sei, wolle sie ihrem Onkel das oder jenes kaufen.«

»Das hat sie mir tausendmal gesagt, als wir noch Kinder waren,« bestätigte ich eifrig.

Mr. Omer nickte und rieb sich das Kinn. »Ganz recht! Dann verstand sie, sich mit sehr geringen Mitteln viel besser zu kleiden, als andere sich mit großem Aufwand, und das machte die Sache ganz schlimm. Übrigens war sie ja ein wenig, was man eigensinnig nennen könnte. Hatte sich vielleicht nicht so ganz im Zaum, war ein bißchen verzogen und konnte am Anfang nicht recht still sitzen. Mehr kann man doch nicht gegen sie sagen, Minnie!«

»Nein, Vater,« bestätigte Mrs. Joram, »Schlimmeres gewiß nicht.«

»Als sie daher eine Stellung bekam und einer alten verdrießlichen Dame Gesellschaft leisten sollte, vertrug sie sich nicht mit ihr und blieb nicht. Schließlich kam sie zu uns auf drei Jahre in die Lehre. Zwei davon sind fast vorbei, und wir haben noch kein so gutes Mädchen gehabt. Sie wiegt sechs andere auf. Wiegt sie nicht sechs andere auf, Minnie?«

»Ja, Vater,« entgegnete Minnie, »ich sage ihr doch nichts Unrechtes nach.«

»Sehr gut,« sagte Mr. Omer, »so lasse ich mirs gefallen.«

»Und jetzt, junger Herr,« setzte er hinzu, nachdem er sich noch ein Weilchen das Kinn gerieben hatte, »damit Sie mich nicht für ebenso langatmig wie kurzatmig halten, rede ich weiter nichts mehr.«

Da das ganze Gespräch in leisem Ton geführt [11] worden war, bezweifelte ich nicht, daß Emly in der Nähe sei. Auf meine Frage nickte Mr. Omer bejahend und deutete nach der Tür des Hinterstübchens. Man hatte nichts dagegen einzuwenden, als ich einen Blick hineinwerfen zu dürfen bat, und so sah ich denn Emly durch die Glasscheibe bei ihrer Arbeit sitzen.

Sie war ein wunderliebes niedliches Geschöpf geworden, die klaren, blauen Augen, die einst so tief in mein Kinderherz geblickt hatten, jetzt lachend einem von Minnies Kleinen zugewandt, das in ihrer Nähe spielte. Es lag genug von dem alten Mutwillen in ihnen, um begreiflich erscheinen zu lassen, was ich eben gehört hatte. Aber nichts, was nicht von Güte und Glück sprach und auf ebensolche Lebensführung hinwies.

Die Weise vom Hof drüben, die nie aufgehört zu haben schien, – es war wohl eine Weise, die nie aufhört – hämmerte leise die ganze Zeit hindurch.

»Wollen Sie nicht hineingehen und mit ihr sprechen?« fragte Mr. Omer. »Tun Sies doch, Sir! Tun Sie doch, als ob Sie zu Hause wären.«

Ich war zu befangen dazu und fürchtete, Emly und mich in Verlegenheit zu bringen. Aber ich erkundigte mich nach der Stunde ihres Fortgehens, um die Besuchszeit bei ihren Verwandten danach einrichten zu können, und nahm Abschied von Mr. Omer, seiner hübschen Tochter und ihren kleinen Kindern. Dann machte ich mich auf den Weg zu meiner guten, alten Peggotty. – – –

In der mit Ziegelstein gepflasterten Küche stand sie und kochte das Mittagessen. Auf mein Klopfen hatte sie mir die Türe aufgemacht und fragte, was ich wünschte. Ich sah sie mit einem Lächeln an, aber ihre Miene blieb ganz verständnislos. Wohl hatte ich nie aufgehört, ihr zu schreiben, aber es waren fast sieben Jahre her, seit wir einander nicht gesehen.

»Ist Mr. Barkis zu Hause, Maam?« fragte ich mit verstellter lauter Stimme.

»Er ist zu Hause, Sir,« antwortete Peggotty, »aber er liegt an der Gicht.«

»Fährt er jetzt nicht nach Blunderstone?«

»Nur wenn er gesund ist.«

[12] »Fahren Sie manchmal hinüber, Mrs. Barkis?«

Sie sah mich aufmerksamer an, und ich bemerkte, wie ihre Hände unruhig wurden.

»Weil ich mich dort nach einem Hause erkundigen möchte, das sie – hm – wie heißt es nur – ›Krähenhorst‹ nennen.«

Sie trat einen Schritt zurück und streckte in ungewisser Angst die Hände aus, als wollte sie mich zurückhalten.

»Peggotty!« rief ich ihr zu.

Sie schrie auf. »Mein lieber, lieber Junge!« Wir brachen beide in Tränen aus und lagen uns in den Armen.

Peggotty wußte sich gar nicht zu lassen. Sie lachte und weinte abwechselnd vor Stolz und Freude. Wie sie jammerte, daß sie mich so lange nicht zärtlich ans Herz hatte schließen können, – kann ich nicht übers Herz bringen, zu erzählen. Nicht einen Augenblick quälte mich der Gedanke, es könnte kindisch aussehen, daß ich ihre Rührung teilte. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so gelacht und geweint, gern gestehe ich es ein, wie an diesem Morgen.

»Und Barkis wird sich freuen!« sagte sie und trocknete sich die Augen mit der Schürze, »es wird ihm mehr helfen, als ganze Töpfe voll Salbe. Kann ich hinaufgehen und ihm sagen, daß du hier bist? Willst du nicht mit hinaufkommen und ihn besuchen, mein Liebling?«

Natürlich wollte ich. Aber Peggotty brauchte sehr lange, denn so oft sie die Türe erreichte und sich nach mir umsah, fiel sie mir immer wieder lachend und weinend um den Hals. Endlich, um die Sache abzukürzen, ging ich selbst hinauf mit ihr und trat, nachdem ich ein wenig draußen gewartet hatte, um ihr Zeit zu lassen, Mr. Barkis auf mein Kommen vorzubereiten, in das Krankenzimmer.

Mr. Barkis nahm mich mit sichtlichem Entzücken auf. Er war zu gichtisch, um mir auch nur die Hand reichen zu können, und bat mich, statt dessen die Trottel an seiner Zipfelmütze zu schütteln, [13] was ich mit Herzlichkeit tat. Als ich an seinem Bette saß, sagte er, er fühle sich so wohl wie damals, als er mich mit der Kutsche nach Blunderstone gefahren hatte.

Er sah höchst wunderlich aus so zugedeckt im Bett, daß man bloß sein Gesicht sehen konnte.

»Was für einen Namen schrieb ich damals im Wagen an, Sir?« fragte er mit einem leisen rheumatischen Lächeln.

»Ach, Mr. Barkis, wir hatten schon damals eine sehr wichtige Unterhaltung über diesen Punkt, nicht wahr?« sagte ich.

»Ich ›wollte‹ lange Zeit, Sir.«

»Ja, ja, lange Zeit.«

»Und ich bereue es nicht,« sagte er. »Erinnern Sie sich noch, wie Sie einmal erzählten, daß sie alle Apfeltorten machte und das Kochen besorgte?«

»O, recht gut.«

»Es war so wahr, wie Kohlrübe,« sagte Mr. Barkis. »Es war so wahr,« und er schüttelte die Nachtmütze, – was seine höchste Begeisterung ausdrückte, »wie die Steuern, und nichts ist so wahr wie die.«

Er wandte mir seine Augen zu, als ob er meine Zustimmung erwartete. Ich gab ihm recht.

»Nichts ist so wahr und wirklich wie die Steuern,« wiederholte er. »Wenn ein Mann, so arm wie ich, im Bett liegen muß, dann findet er das bald heraus. Ich bin ein sehr armer Mann, Sir!«

»Es tut mir leid, das zu hören, Mr. Barkis.«

»Ein sehr armer Mann, ja, das bin ich!«

Er brachte jetzt langsam seine Hand unter der Bettdecke hervor und tastete nach einem Stock, der neben dem Bette hing. Damit tappte er eine Weile unter das Bett, während sich sein Gesicht auf die seltsamste Weise verzog, bis er auf einen Koffer stieß, dessen eines Ende ich längst hervorstehen sehen hatte. Dann glätteten sich seine Züge wieder.

»Alte Kleider,« sagte er.

»So, so!«

»Ich wollte, es wäre Geld, Sir.«

[14] »Ich wünschte es Ihnen auch,« gab ich zur Antwort.

»Aber es ist keins,« sagte Mr. Barkis und riß seine Augen, soweit er nur konnte, auf.

Ich versicherte ihm, daß ich dies vollkommen glaube, und er fuhr fort, indem er seine Frau mit freundlicheren Augen ansah:

»Sie ist die nützlichste und beste aller Frauen, C.P. Barkis! Alles Lob, das man C.P. Barkis nachsagen kann, verdient sie und noch mehr. Meine Liebe, du wirst heute für Gäste kochen. Was Gutes zu essen und zu trinken, was?«

Ich hätte gegen diesen unnötigen Ehrenbeweis Einwand erhoben, aber Peggotty machte ein so furchtbar ängstliches Gesicht und gab mir allerhand Zeichen, daß ich schwieg.

»Ich muß hier irgendwo ein bißchen Geld haben, meine Liebe,« sagte Mr. Barkis. »Ich bin recht müde jetzt. Wenn du mit Master David mich ein bißchen nicken lassen möchtest, will ich nachsehen, wenn ich aufwache.«

Wir verließen das Zimmer, wie er wünschte. Draußen erzählte mir Peggotty, daß er, jetzt noch ein bißchen knickeriger als früher, stets zu dieser List seine Zuflucht nähme, bevor er mit einem einzigen Geldstück aus seinem Schatz herausrücke. Er litte dabei unsägliche Schmerzen, weil er jedesmal ohne Beistand aus dem Bett kriechen müßte, um den unglückseligen Koffer aufzusperren.

Wirklich hörten wir ihn jetzt drinnen jämmerlich stöhnen, weil dieses einer Elster würdige Beginnen ihm sehr weh tat. Peggottys Augen standen voll Tränen aus Mitleid für ihn, aber sie meinte, seine Freigebigkeit würde ihm nur gut tun, und man trete ihm am besten nicht entgegen. So stöhnte er weiter, bis er wieder im Bett lag, schmerzensreich wie ein Märtyrer, und uns dann hereinrief und vorgab, soeben von einem erquickenden Schlummer erwacht zu sein und eine Guinee unter dem Kopfkissen gefunden zu haben. Seine Befriedigung, uns so hinters Licht geführt und das undurchdringliche Geheimnis des Geldkoffers so [15] glücklich vor uns bewahrt zu haben, schien ihn hinlänglich für die ausgestandnen Qualen zu entschädigen.

Ich bereitete Peggotty auf Steerforths Ankunft vor, die nicht lange auf sich warten ließ. Ich bin überzeugt, es war für meine alte Kindsfrau gleichbedeutend, ob er ihr Wohltäter oder mein Freund war; sie hätte ihn in beiden Fällen nicht mit größerer Dankbarkeit und Ergebenheit aufnehmen können. Seine heitere frische Laune, sein offnes Benehmen, sein liebenswürdiges Auge, seine Gabe, sich jeder Lage anzupassen, und wenn er wollte, jedes Herz zu erobern, gewann auch sie in weniger als fünf Minuten.

Schon sein Benehmen gegen mich würde ihr genügt haben. Er blieb mit mir zum Essen da – wenn ich sagte: bereitwillig, würde ich nur unvollkommen seine freudige Beistimmung ausdrücken. Er kam in Mr. Barkis Zimmer wie Luft und Licht und hellte es auf wie ein schöner Tag. Nicht die Spur Gezwungenes und Gewolltes lag in seinem Tun und Lassen. Alles an ihm war von unbeschreiblicher Leichtigkeit, so reizvoll, natürlich und angenehm, daß es noch heute in der Erinnerung einen überwältigenden Eindruck auf mich macht.

Wir verbrachten unsere Zeit fröhlich in dem kleinen Wohnzimmer, wo das Märtyrerbuch unberührt und aufgeschlagen wie damals auf dem Pulte lag, und ich betrachtete die schrecklichen Bilder. Als Peggotty von diesem Zimmer als von dem meinigen sprach, hatte ich kaum Zeit, Steerforth einen Blick zuzuwerfen, da hatte er schon die ganze Sachlage erfaßt. »Natürlich,« sagte er, »so lange wir in Yarmouth bleiben, schläfst du hier und ich im Gasthaus.«

»Dich zu einer so langen Reise bewogen zu haben, um dich dann allein zu lassen, scheint mir wenig freundschaftlich zu sein, Steerforth,« wandte ich ein.

»Aber um Gotteswillen! Wohin gehörst du von Rechts wegen?« sagte er »Was heißt das: ›es scheint?‹« Und damit war die Angelegenheit ein für allemal erledigt.

Er blieb unverändert liebenswürdig bis zum letzten Augenblick, wo wir uns – um acht Uhr – nach Mr.[16] Peggottys Boot auf den Weg machten. Seine Eigenschaften traten, je später es wurde, immer glänzender hervor, und schon damals schien es mir, als ob sein Wunsch zu gefallen, ihn mit einer vermehrten Sinnesschärfe ausstattete und in seinem Bestreben noch unterstützte.

Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß alles das nichts als ein glanzvolles Spiel sei, nichts als flüchtiges Vergnügen und gedankenlose Lust, ein Übergewicht an den Tag zu legen in bloßer leichtsinniger Sucht etwas zu gewinnen, was ihm wertlos schien und in der nächsten Minute weggeworfen werden sollte, – wenn mir jemand an diesem Abend so etwas gesagt haben würde, ich weiß nicht, in welcher Weise ich meiner Entrüstung Luft gemacht hätte. Wahrscheinlich würde es mein romantisches Gefühl von Treue und Freundschaft, mit dem ich jetzt neben ihm herging, über die winterlich dunkeln Dünen nach dem alten Boot, während der Wind noch klagender um uns pfiff als an jenem Abend, wo ich zuerst über Mr. Peggottys Schwelle trat, nur noch verstärkt haben.

»Es ist eine wilde Gegend, Steerforth, nicht wahr?« begann ich.

»Unheimlich genug in der Finsternis,« sagte er.

»Die See brüllt, als hungerte ihr nach uns – –. Ist dort das Boot, wo das Licht schimmert?«

»Es ist das Boot,« sagte ich.

»Es ist dasselbe, das ich heute früh schon sah. Ich ging aus Instinkt direkt darauf los, glaube ich.«

Wir schwiegen, als wir uns dem Lichte näherten, und gingen leise auf die Türe zu. Ich legte meine Hand auf die Klinke, Steerforth zuflüsternd, sich dicht an mich zu halten. Dann trat ich ein.

Ein Stimmengemurmel war bis heraus gedrungen, und im Augenblick unseres Eintritts hörten wir noch ein Händeklatschen. Ich war sehr erstaunt, als ich sah, daß dieses Geräusch von der sonst so trostlosen Mrs. Gummidge stammte.

Aber Mrs. Gummidge war nicht die einzige Person, die heute so ungewöhnlich erregt schien. Mr. Peggotty, dessen Gesicht von ungewöhnlicher Befriedigung[17] leuchtete, und der aus vollem Halse lachte, hatte seine sehnigen Arme weit geöffnet, um die kleine Emly darin aufzunehmen. Ham, mit einem Gemisch von Bewunderung, Entzücken und ungeschickter Befangenheit, die ihm sehr gut stand, hielt die Kleine an der Hand, wie wenn er sie Mr. Peggotty vorstellen wollte. Emly selbst, rot und verschämt, aber entzückt über Peggottys Freude, wie deutlich in ihren strahlenden Augen zu lesen war, hielt nur unser Eintritt ab (sie war die erste, die uns sah), sich an Mr. Peggottys Brust zu werfen. So stellte sich uns dieses Bild dar, als wir aus der dunklen kalten Nacht in die warme helle Stube traten, – mit Mrs. Gummidge im Hintergrund, die wie eine Verrückte in die Hände klatschte.

Das Bild löste sich bei unserm Eintritt so rasch auf, daß man an seinem frühern Vorhandensein hätte zweifeln können. Ich stand mitten unter der erstaunten Familie dicht vor Peggotty und hielt ihm die Hand hin. Da schrie Ham auf:

»Masr Davy. Es is Masr Davy.« Im nächsten Augenblick schüttelten wir uns die Hände, fragten einander, wie es uns ginge, beteuerten, wie froh wir wären, uns zu sehen, und sprachen alle durcheinander.

Mr. Peggotty war so stolz und überglücklich, daß er gar nicht reden konnte und mir in einem fort die Hand drückte, dann Steerforth und wieder mir. Dann wühlte er in seinem struppigen Haar und lachte so freudig und triumphierend, daß es eine Wonne war, ihn anzuschauen.

»Daß die beiden Genlmn, wirklich erwachsene Genlmn, grade heute abends kommen mußten!« sagte Mr. Peggotty, »so etwas ist ganz gewiß noch nicht in der Welt passiert. Emly, mein Liebling, komm her. Komm her, du kleine Hexe. Das ist Masr Davys Freund! Dat is der Herr, von dem du all hört hest, Emly! Er kommt und besucht dich mit Masr Davy an dem glücklichsten Abend, den dein Onkel jemals erlebt hat und erleben wird! Riemen platt und ein Hurra für ihn!«

Nachdem Mr. Peggotty alles das in einem Atem und mit außerordentlicher Lebhaftigkeit und Freude gesprochen, [18] nahm er das Gesicht seiner Nichte zwischen seine beiden Hände, küßte es wohl ein dutzendmal, legte es mit einem Ausdruck von zärtlichem Stolz und Liebe an seine Brust und streichelte es so mild, als wäre seine Hand eine Damenhand. Dann ließ er sie wieder los, und während sie sich in mein früheres kleines Schlafzimmer flüchtete, sah er uns alle ganz erhitzt und atemlos mit ungewöhnlicher Befriedigung an.

»Wenn Sie beide Genlmn, jetzt erwachsene Genlmn und solche Genlmn –,« begann er.

»Dat sün sej – dat sün sej,« rief Ham dazwischen, »gut seggt. Dat sün sej, Masr Davy, – erwachsene Genlmn – dat sün sej!«

»– – wenn Sie beide Genlmn –, erwachsene Genlmn,« sagte Mr. Peggotty, »mir auch vor übel nehmen, daß ich so unter vollen Segeln bin –, wenn Sie wüßten, – warum –, so muß ich Sie um Verzeihung bitten. Emly, lieber Schatz! – aha, sie merkt, daß ichs erzählen will,« – er hatte wieder einen Freudenausbruch – »und hat sich aus dem Staub gemacht. Willst du nicht so gut sein, nach ihr zu sehen, Mutting!«

Mrs. Gummidge nickte und verschwand.

»Wenn das nicht der schönste Abend meines Lebens ist,« sagte Mr. Peggotty und nahm bei uns vor dem Feuer Platz, »so will ich eine Krabbe sein und noch dazu eine gekochte, und mehr kann ich nicht sagen. Die kleine Emly da, Sir,« fügte er leise zu Steerforth hinzu, »die da so rot wird. – –« Steerforth nickte nur, aber mit einem so liebenswürdigen Ausdruck von Anteilnahme, daß Mr. Peggotty es wie eine Antwort auffaßte.

»So ist es! Das ist sie und so ist sie. Schoin Dank, Sir.«

Ham nickte mir mehrere Male zu, als ob er mir dasselbe sagen wollte.

»Üns lütt Emly,« fuhr Mr. Peggotty fort, »ist in unser Huus wesen, was nur ein klein helläugiges Geschöpf in einem Haus sein kann. – Is nich mien Kind, hatte nie eins. Aber ich könnte sie nicht lieber haben. Sie verstehen! – Könnte nich.«

[19] »Ich verstehe,« sagte Steerforth.

»Das weiß ich, Sir, und schoin Dank! Masr Davy weiß noch, was sie war. Sie selber können mit eignen Augen sehen, was sie jetzt ist. Aber keiner von Ihnen kann wissen, was sie meinem Herzen war, ist und noch sein wird. Ich bin rauh, Sir, rauh wie ein Seeigel, aber niemand, nur eine Frau vielleicht, kann wissen, was lütt Emly für mich ist. Und unter uns gesagt,« fügte er ganz leise hinzu, »die Frau, die das begriffe, ist nicht einmal Missis Gummidge, wenn sie auch bannich veel Verdienst hett.«

Er fuhr sich wieder mit beiden Händen durch die Haare und sprach weiter.

»Nun war da eine gewisse Person, die unsre Emly von der Zeit, als ihr Vater ertrank, kannte, und sie immer vor Augen gehabt hat. Als Baby, junge Deeren, als Weib. Nich von besonnern Ansehen, die Person. Etwa nach meiner Art. Rauh – n beeten Südwester, sehr salzig – aber im ganzen ein ehrlichen Kerl, und das Herz am rechten Fleck.«

Ich glaube, ich habe Ham noch nie so fürchterlich grinsen sehen wie damals.

»Und was tut diese gesegnete Teerjacke nun?« fuhr Mr. Peggotty fort, und sein Gesicht strahlte wie ein Vollmond vor Wonne, »verliert sien Herz an üns lütt Emly. Läuft ihr Tach und Nacht im Kielwasser, macht sich zu ihren Sklaven, verliert sien ganz Takelage und gesteht mir die Havarie. Natürlich hätt ich gern gesehen, daß unsre kleine Emly sich gut verheiratet. Hätte bei jedem Wetter einen ehrenhaften Mann, der ein Recht hat, sie in Schutz zu nehmen, neben ihr gesehen. Weiß doch nicht, wie lang ich lebe, und wie bald ich sterben kann! Aber ich weiß, wenn ich einmal nachts draußen im Sturm kentern könnte und die Lichter der Stadt zum letztenmal glänzen sähe über den Brechern, gegen die man sich nicht halten kann, so würde ich ruhiger sinken bei dem Gedanken: dort am Ufer ist ein Mann, der fest wie Eisen zur kleinen Emly hält, die Gott segnen möge, – und kein Unheil kann ihr zustoßen, solang dieser Mann lebt.«

Mr. Peggotty schwenkte den Arm, als ob er im[20] Ernst zum letztenmal den Lichtern der Stadt zuwinken wollte, und fuhr dann fort, Ham zunickend:

»Also ich rate ihm, mit Emly zu sprechen. Er ist lang genug, aber blöder, als ein kleiner Butt und will nicht. Red ich also mit ihr. ›Was? Ihn?‹ sagt Emly. ›Ihn, den ich so viele Jahre kenne und so gern habe? Ach, Onkel, kann ich doch nicht! Er ist so ein guter Junge.‹ Ich gebe ihr einen Kuß und sage: ›Liebes Kind, hast recht dich offen auszusprechen, sollst nach deinem Sinn wählen und frei sein wie ein Vögelchen.‹ Dann geh ich zu ihm und sage: ›Wollte, es wäre so gewesen, aber es geht nicht. Aber ihr sollt bleiben, wie ihr wart. Und wat ick di segg, is: bliew wie früher mit ihr und bliew een Mann.‹ Und er sagt zu mir und schüttelt mir die Hand: ›Will ich,‹ sagte er! Und hett dat dohn ehrlich und männlich zwei Jahre lang und wir waren zuhaus unter uns wie vordem.«

Mr. Peggottys Gesicht, dessen Ausdruck sich gemäß den verschiedenen Stadien seiner Erzählung lebhaft verändert hatte, leuchtete jetzt wieder ganz in dem früheren triumphierenden Entzücken auf, wie er eine Hand auf mein und die andere auf Steerforths Knie legte und folgende Rede zwischen uns teilte:

»Op eenmal hüt awend kommt lütt Emly von die Arbeit tohus und er mit ihr. Nicht viel Besondres bei, werden Sie sagen. Nein, is auch nich, weil er sie unter seine Obhut nimmt wie ein Bruder, by Dunkelweren und vor Dunkelweren und zu jeder Zeit. Aber diese Teerjacke nimmt mit eins ihre Hand und ruft mir ganz freudig zu: ›Dat soll mien lütt Fru weren‹; und sie sagt, halb keck, halb scheu und lachend und weinend zu mir: ›Ja, Onkel, wenn du erlaubst!‹ – Wenn ich erlaube!« schrie Mr. Peggotty mit einemmal auf und wackelte mit dem Kopf vor Freude bei dem bloßen Gedanken: »Herr, als ob ich etwas anderes tun könnte! – – – ›wenn du erlaubst, ich bin jetzt gesetzter und hab mirs noch einmal überlegt und will ihm eine so gute kleine Frau sein, wie mir nur möglich ist, denn er ist ein lieber, guter Mensch.‹ Und denn klatscht Missis Gummidge in die Hände wie im Theater, – – und Sie beide Genlmn traten herein. So, [21] jetzt ists draußen! Sie beide kommen also herein. Jetzt diese Stunde ists vorgefallen, und da steht der Mann, der sie heiraten wird, wenn sie aus der Lehre ist.«

Ham wankte, wie wohl begreiflich, unter dem Schlag, den ihm Mr. Peggotty in seiner unbegrenzten Freude jetzt als ein Zeichen des Vertrauens und der Freundschaft auf die Achsel gab.

Da er sich gedrungen fühlte, ebenfalls etwas zu sagen, sprach er unter vielem Stottern:

»Sie war nicht größer als Sie, Masr Davy, als Sie zuerst kamen – als ich schon dachte: wie schön sie heranwächst! Wuchs heran wie eine Blume! Ick giw mien Leben her – Masr Davy – und mit Freuden. Sie is mich mehr – als – – – sie is mich allens, was ich jemals brauchen kann – mehr als ick to seggen vermöchte. Ick – ich liebe sie wahr und wahramstig. Kein Genlmn auf den Land und op de See – kann sien Liewste mehr lieben, als ich sie, wenn schon mancher gemeine Mann – besser sagen würde –, was er meint.«

Mir kam es rührend vor, einen so handfesten Burschen wie Ham unter der Stärke seines Gefühls für das hübsche kleine Geschöpf, das sein Herz gewonnen hatte, ordentlich zittern zu sehen. Das schlichte Vertrauen, das Peggotty und er uns schenkten, rührte mich. Mich rührte überhaupt die ganze Geschichte.

Wie ich an meine Erinnerungen aus der Kindheit denken mußte, weiß ich nicht mehr. Ob noch eine leise Spur von Liebe zur kleinen Emly in mir lebte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß mich alles, was ich sah, mit Freude erfüllte. Anfangs mit einer Freude, so empfindsam, daß ein klein wenig mehr sie schon zum Schmerz gemacht hätte.

Hätte ich den richtigen Ton anschlagen müssen, würde es mir kaum gelungen sein. Aber diese Rolle fiel Steerforth zu, und er führte sie mit solchem Geschick durch, daß wir uns in wenigen Minuten so ungeniert und wohl fühlten, wie nur möglich.

»Mr. Peggotty,« sagte er, »Sie sind durch und durch ein guter Kerl und verdienen so glücklich zu sein, wie Sies heute abend sind! Meine Hand darauf! – – [22] Ham, mein Junge: ich freue mich. Geben Sie mir die Hand! Daisy, schür das Feuer an und machs mal prasseln. Und Mr. Peggotty, wenn Sie Ihre kleine Nichte absolut nicht bewegen können herzukommen, gehe ich lieber. Eine solche Lücke an einem Abend wie heute möchte ich in Ihren Familienkreis nicht um alle Schätze Indiens reißen.«

Mr. Peggotty eilte in mein ehemaliges kleines Schlafzimmer, um die kleine Emly einzufangen.

Erst wollte sie nicht kommen, und dann ging Ham zu ihr. Endlich brachten sie sie, – sehr scheu und verwirrt –, bald jedoch wurde sie sicherer, als sie merkte, wie rücksichtsvoll Steerforth mit ihr redete, wie geschickt er alles zu vermeiden wußte, was sie in Verlegenheit bringen konnte, wie er mit Mr. Peggotty von Booten und Schiffen, von Gezeiten und Fischen sprach, sich dann an mich wendete, als die Rede auf Mr. Peggottys Besuch in Salemhaus kam und leicht und sicher die Unterhaltung leitete. So bannte er uns alle allmählich in einen Zauberkeis, und unsere Gespräche nahmen den zwanglosesten Verlauf.

Emly sprach zwar wenig an diesem Abend, aber sie hörte aufmerksam zu. Ihr Gesicht war lebhaft und reizend hübsch.

Steerforth erzählte dann eine Geschichte von einem Schiffbruch so lebendig, als ob er sie vor sich sähe, und auch die Augen der kleinen Emly hingen an seinen Lippen, als ob auch sie das Schauspiel in Wirklichkeit miterlebte. Dann wieder kam er auf ein lustiges Abenteuer aus seinem Leben mit einer solchen Frische, als ob ihm die Geschichte so neu wäre wie uns, zu sprechen, und die kleine Emly lachte, daß das Boot von ihrer Lustigkeit widerhallte, und wir alle lachten mit, unwiderstehlich zu Steerforth hingezogen. Schließlich brachte er Mr. Peggotty dazu, zu singen oder vielmehr zu brüllen:

»Wenn die Stürme blasen, blasen, blasen usw.« und er selbst sang ein Schifferlied so ausdrucksvoll und schön, daß es mir schien, als ob selbst der Wind draußen mitzuhöre.

Was Mrs. Gummidge betrifft, so heiterte er dieses Opfer von Schwermut derartig auf, daß sie noch am nächsten Tag glaubte, behext gewesen zu sein.

[23] Als die kleine Emly freier wurde und mit mir von unsern alten Streifungen an den Gestaden sprach und vom Muschelsuchen, und ich sie fragte, ob sie noch wisse, wie sehr ich sie geliebt habe, und wir beide dann lachten und erröteten bei diesem Rückblick an die schönen, alten Zeiten, die sich jetzt fast wie ein Traum ausnahmen, schwieg er aufmerksam still und beobachtete uns gedankenvoll.

Sie saß den ganzen Abend auf der alten Kiste in ihrer Ecke neben dem Feuer, – und an ihrer Seite, wo sonst ich gesessen hatte, Ham. Ich konnte nicht herausbekommen, ob es eine kleine Koketterie oder mädchenhafte Scheu von ihr war, daß sie sich immer dicht an der Wand und von Ham entfernt hielt, aber ich bemerkte, daß es den ganzen Abend der Fall war.

Es schlug Mitternacht, als wir Abschied nahmen. Wir hatten zum Abendessen Zwieback und gedörrten Fisch gegessen. Steerforth hatte aus seiner Manteltasche eine Flasche Wacholderbranntwein geholt, die wir Männer – ich kann es jetzt ohne Erröten sagen – wir Männer geleert hatten. Wir schieden sehr lustig voneinander, und als sie alle in der Türe standen, um uns, soweit es ging, heimwärts zu leuchten, sah ich Emlys schöne blaue Augen hinter Ham hervorschauen und hörte ihre liebliche Stimme uns vor dem schlechten Weg warnen.

»Eine allerliebste kleine Schönheit!« sagte Steerforth und nahm meinen Arm. »Es ist wirklich ein kurioses Haus und nette Leute, und es ist eine ganz neuartige Empfindung, mit ihnen umzugehen.«

»Und wie famos,« entgegnete ich, »daß wir grade zu dieser Verlobung kommen mußten! Ich habe in meinem Leben noch nicht so glückliche Menschen gesehen. Es war ganz entzückend, an ihrer ehrlichen Freude teilnehmen zu können.«

»Es ist ein tölpelhafter Kerl für das Mädchen, was?« sagte Steerforth.

Er war so herzlich gegen Ham und gegen sie alle gewesen, daß mir diese unerwartete und kalte Bemerkung einen Ruck gab. Aber als ich ihn rasch anblickte und seine lachenden Augen sah, antwortete ich ganz erleichtert:

[24] »Ach, Steerforth. Du hast gut über die Armen scherzen. Miß Dartle kannst du wohl anführen oder deine Gefühle im Scherz vor mir zu verstellen suchen, ich aber weiß es besser. Wenn ich sehe, wie von Grund aus du sie verstehst, wie du auf das Glück dieser Fischer oder auf die Liebe meiner alten Kindsfrau eingehen kannst, weiß ich genau, daß Freude und Schmerz dieser Leute dir nicht gleichgültig ist. Und ich bewundere und liebe dich deshalb um so mehr, Steerforth.«

Er blieb stehen, sah mich an und sagte: »Daisy, ich glaube, du redest wirklich im Ernst. Du bist ein guter Kerl. Ich wollte, wir wären es alle.«

Im nächsten Augenblick sang er lustig Mr. Peggottys Lied, während wir raschen Schrittes nach Yarmouth zurückkehrten.

Zweites Kapitel

Alte Umgebungen und neue Menschen.


Steerforth und ich blieben länger als vierzehn Tage auf dem Lande. Natürlich waren wir viel beisammen, aber mitunter trennten wir uns auf ein paar Stunden. Er war ein guter Segler und ich ein recht mäßiger, und wenn er mit Mr. Peggotty, was ihm einen Hauptspaß machte, hinausfuhr, blieb ich meistens zu Haus.

Daß ich bei Peggotty wohnte, legte mir einen Zwang auf, von dem er frei war. Da ich wußte, wie sorgsam sie Mr. Barkis pflegte, wollte ich abends nicht lang wegbleiben, wogegen Steerforth es sich im Gasthaus einrichten konnte, wie er wollte. So kam es denn, wie ich hörte, daß er noch in der Nacht, wenn wir längst im Bette lagen, den Fischerleuten im Wirtshaus »zum guten Vorsatz« kleine Feste gab oder in Seemannskleidern ganze Mondnächte hindurch auf der See war und erst mit der Morgenflut zurückkam. Ich wußte, daß seine ruhelose Natur und sein Feuergeist sich ebenso gern [25] in schwerer Anstrengung bei bösem Wetter Luft machten, wie in jeder andern Art Aufregung, die sich ihm darbot. Deshalb überraschte mich sein Tun nicht.

Ein anderer Grund, weswegen wir uns manchmal trennten, war mein natürlicher Wunsch, die alte vertraute Umgebung von Blunderstone zuweilen zu besuchen. Selbstverständlich konnte Steerforth, nachdem er einmal dort gewesen war, kein besonderes Interesse an dem Orte haben, und so kam es, daß wir drei oder vier Tage hindurch einander nur ganz zeitig morgens beim Frühstück sahen und erst spät abends wieder. Ich hatte keine Ahnung, was er in der Zwischenzeit trieb, und wußte nur, daß er überall sehr beliebt war und zwanzig Mittel, sich die Zeit zu vertreiben, fand, wo ein anderer auch nicht eins entdeckt hätte.

Ich für meinen Teil beschäftigte mich auf meinen einsamen Spaziergängen damit, mir jeden Schritt des alten Wegs ins Gedächtnis zurückzurufen. Ich wurde nicht müde, alte bekannte Plätze aufzusuchen. Ich verweilte auf ihnen, wie ich es früher in Gedanken so oft getan hatte. Das Grab unter dem Baum, wo meine beiden Eltern ruhten, und bei dem ich einst so unglücklich und verlassen gestanden, als es meine gute Mutter und ihr Kind aufnahm, – den Hügel, den Peggottys zärtliche Fürsorge seitdem gepflegt und in ein Gartenbeet verwandelt hatte, war mir ein Ort, an dem ich oft stundenlang verweilte. Er lag ein wenig abseits vom Hauptwege in einer stillen Ecke, aber nicht so weit weg, daß ich nicht beim Auf- und Abgehen die Leichensteine hätte lesen können.

Manchmal schreckte ich aus meinen Gedanken auf, wenn die Kirchenglocke die Stunden schlug, aus meinen Gedanken, die sich immer Luftschlösser bauten, in denen ich große Rollen im Leben spielen und große Dinge vollbringen wollte. Immer malte ich mir dabei aus, daß meine Mutter noch am Leben sei.

In dem alten Haus war vieles anders geworden. Die alten verlassenen Krähennester waren fort und die Bäume, gestutzt und verschnitten, hatten ihre alte Gestalt verloren. Der Garten war verwildert, und die Hälfte der Fenster mit Laden verschlossen. Bewohnt[26] wurde es jetzt nur von einem armen, wahnsinnigen Herrn und seinen Wärtern. Er saß immer an meinem kleinen Fenster und sah auf den Friedhof hinaus, und ich hätte gern gewußt, ob seine wirren Gedanken sich wohl auch mit denselben Träumen beschäftigten, die mich einst an dem heitern Morgen erfüllten, wo ich aus demselben kleinen Fenster in meinem Nachtkleid herausschaute und im Schimmer der aufgehenden Sonne den friedlich weidenden Schafen zusah.

Unsere alten Nachbarn, Mr. und Mrs. Grayper, waren nach Südamerika ausgewandert, und der Regen hatte sich einen Weg durch das Dach ihres verlassenen Hauses gebahnt und die Mauern fleckig und schimmlig gemacht. Mr. Chillip war wieder mit einer langen, knochigen, großnasigen Frau verheiratet, und sie hatten ein kleines, schwächliches Kind mit einem schweren Kopf, den es nicht aufrecht halten konnte, und zwei Glotzaugen, die sich immer zu wundern schienen, warum es überhaupt auf der Welt sei.

Wenn ich auf dem nächsten Wege nach Yarmouth zurückkam, schnitt ich mit einer Fähre den beträchtlichen Umweg, den die Landstraße machte, ab. Da Mr. Peggottys Haus kaum hundert Yards vom Wege lag, stattete ich ihm im Vorbeigehen stets einen Besuch ab. Und immer wartete Steerforth dort auf mich, und dann gingen wir zusammen nach Hause.

An einem dunklen Abend – später als gewöhnlich fand ich ihn bei meiner Heimkehr von Blunderstone in Mr. Peggottys Haus in Gedanken versunken vor dem Feuer sitzen. Er war so vertieft, daß er mein Ankommen nicht bemerkte. Das hätte auch unter andern Umständen leicht stattfinden können, da der sandige Boden draußen das Geräusch der Schritte vollständig verschlang; aber selbst mein Eintritt weckte ihn nicht auf. Ich stand dicht neben ihm und sah ihn an, aber immer noch saß er in Gedanken verloren mit düsterer Miene da.

Er fuhr derart auf, als ich ihm meine Hand auf die Schulter legte, daß ich ordentlich erschrak.

»Du kommst fast über mich wie der Geist des Vorwurfs,« rief er beinahe ärgerlich aus.

[27] »Ich mußte mich doch auf irgend eine Weise bemerkbar machen,« entschuldigte ich mich. »Ich habe dich wohl aus allen Himmeln gerissen?«

»Nein,« antwortete er, »nein.«

»Habe ich dich gestört?« fragte ich und setzte mich neben ihn.

»Ich habe mir die Bilder im Feuer betrachtet.«

»Du zerstörst sie ja für mich,« sagte ich, als er die Flamme rasch mit einem Holzscheit schürte und eine Unmasse glimmender Funken emporschlugen und hinauf in die Esse prasselten.

»Du hättest sie doch nicht sehen können,« entgegnete er. »Mir ist diese Zwitterzeit, wo es weder Tag noch Nacht ist, verhaßt. Wie lange du ausbleibst! Wo warst du?«

»Ich habe von meinem alten Spazierweg Abschied genommen.«

»Und ich habe hier gesessen,« sagte Steerforth und sah sich im Zimmer um, »und mir bei dem öden Eindruck, den alles in dieser Stunde macht, gedacht, daß die Menschen, die wir am Abend nach unserer Ankunft hier so glücklich beisammen fanden, vielleicht bald auseinander gerissen, tot oder wer weiß zu welchem Schaden gekommen sein können. David, bei Gott, ich wollte, ich hätte in den zwanzig Jahren meines Lebens einen einsichtsvollen Vater gehabt!«

»Aber mein lieber Steerforth, was fehlt dir denn?«

»Ich wollte von ganzem Herzen, ich wäre besser geleitet worden!« rief er aus. »Ich wollte von ganzer Seele, ich könnte mich besser beherrschen!« Es lag eine so leidenschaftliche Niedergeschlagenheit in seinen Worten, daß ich ganz erstaunt war. Er schien mehr verändert, als ich es je für möglich gehalten hätte.

»Ich wäre lieber dieser arme Peggotty oder dieser Lümmel von seinem Neffen,« sagte er, indem er aufstand und sich mit finsterer Miene an den Kamin lehnte – »als ich, der zwanzigmal reicher und zwanzigmal klüger ist. Lieber das, als sich selbst zur Qual sein, wie ich es mir während der letzten halben Stunde in diesem verwünschten Boote gewesen bin.«

[28] Ich war derartig verblüfft durch sein verändertes Wesen, daß ich ihn anfangs nur stillschweigend beobachten konnte, wie er das Haupt auf die Hand gestützt trübe ins Feuer sah. Endlich bat ich ihn mit aller Aufrichtigkeit, mir zu sagen, was ihn in so ungewöhnlicher Weise bedrücke. Aber ehe ich noch ausgesprochen, fing er an zu lachen, erst ärgerlich, aber bald mit wiederkehrender Fröhlichkeit.

»Pah! Es ist nichts, Davy! Ich sagte dir doch schon in London, ich bin manchmal für mich ein öder Gesellschafter. Ich habe ein wenig Alpdrücken gehabt, das ist alles. Es gibt wunderliche Zeiten, wo einem die Ammenmärchen wieder einfallen, man weiß nicht, warum. Ich glaube, ich bin mir vorgekommen wie der böse Bube, der nicht folgen wollte und von Löwen gefressen wurde. Wahrscheinlich ist das ein grandioseres Bild für ›zum Teufel gehen.‹ Was alte Weiber einen Schauder nennen, hat mich von Kopf bis zu Fuß überlaufen. Ich habe mich vor mir selbst gefürchtet.«

»Das ist wohl das Einzige, vor dem du dich fürchtest, glaube ich!«

»Vielleicht! Und doch hätte ich manchmal Grund genug mich vor allerlei zu fürchten,« antwortete er. »Basta, jetzt ists vorbei. Es wird mich nicht noch einmal überlaufen, David. Aber ich sage dir nochmals, mein guter Junge, daß es für mich und andere gut gewesen wäre, wenn ich einen festen und einsichtsvollen Vater gehabt hätte.«

Sein Gesicht war immer ausdrucksvoll, aber ich hatte noch nie einen so düstern Ernst darin bemerkt wie jetzt, wo er, in das Feuer schauend, so sprach.

»Soviel drum,« und er schnippte mit den Fingern und machte eine Handbewegung, als ob er ein Bild in der Luft verjagen wolle.

»Jetzt, wo es fort ist, bin ich wieder Mann, wie Macbeth sagt, und jetzt zum Essen, Daisy!«

»Ich möchte nur wissen, wo sie alle stecken,« sagte ich.

»Gott weiß,« sagte Steerforth. »Nachdem ich an der Fähre auf dich gewartet hatte, trat ich hier ein und fand das Haus leer. Und dann fing ich an zu grübeln, und so fandest du mich hier.«

[29] Die Ankunft der Mrs. Gummidge mit einem Korbe erklärte, warum das Haus so lange leer gestanden. Sie war fortgegangen, um etwas zum Abendessen für Mr. Peggotty einzukaufen, wenn er mit der Flut zurückkehrte, und hatte für den Fall, daß Ham und die kleine Emly nach Hause kommen sollten, die Türe offen stehen lassen. Nachdem Steerforth Mrs. Gummidges Laune durch eine heitere Begrüßung und eine scherzhafte Umarmung sehr gehoben hatte, hängte er sich in mich ein und wir eilten fort.

Er war jetzt wieder guter Laune und unterhielt mich mit großer Lebhaftigkeit.

»Wir geben also morgen dieses Piratenleben auf, nicht wahr?« sagte er lustig.

»So haben wirs ausgemacht,« erwiderte ich, »und unsre Plätze in der Landkutsche sind schon bestellt.«

»Nun, dann kann man nichts mehr machen,« sagte Steerforth. »Ich habe fast vergessen, daß es noch etwas anderes auf der Welt zu tun gibt, als sich auf dem Meer draußen von den Wellen herumwerfen zu lassen. Ich wollte, es gäbe weiter nichts.«

»Solange die Sache neu ist,« sagte ich lachend.

»Leicht möglich,« erwiderte er, »obgleich für jemand, der so liebenswürdig und unschuldig ist wie mein junger Freund, die Bemerkung recht sarkastisch klingt. Ich weiß ja, ich bin ein launenhafter Mensch, David. Das weiß ich, aber solange das Eisen heiß ist, kann ich es auch tüchtig schmieden. Ich glaube, ich könnte schon ein ganz leidliches Examen als Lotse in diesen Gewässern ablegen.«

»Mr. Peggotty sagte, du wärest ein Wunder,« gab ich zur Antwort.

»Ein nautisches Phänomen, was!« lachte Steerforth.

»Freilich sagt er das und du weißt, mit welchem Recht, da du so eifrig betreibst, was du einmal angegriffen hast, und es so leicht bemeisterst. Was mich bei dir nur in Erstaunen versetzt, Steerforth, ist, daß du dich zufrieden gibst, deine Fähigkeiten so planlos zu verwenden.«

»Zufrieden?« antwortete er fröhlich. »Ich bin nie zufrieden, außer mit deiner Naivität, mein liebes Gänseblümchen. [30] Und was die Planlosigkeit anbetrifft, so habe ich nie die Kunst gelernt, mich an eines der Räder, an denen sich unsre Tage herumdrehen, festzubinden. Ich habe es in einer schlechten Lehrzeit vergessen und jetzt ists mir einerlei. Du weißt doch, daß ich hier ein Boot gekauft habe?!«

»Was du für ein merkwürdiger Mensch bist,« rief ich aus und blieb stehen, denn ich hörte jetzt das erstemal davon. »Du kommst vielleicht in deinem Leben nicht wieder hierher!«

»Das weiß ich nicht gewiß. Ich habe Gefallen an dem Orte gefunden. Jedenfalls,« fuhr er fort und schlug einen hastigen Schritt ein, »habe ich ein Boot gekauft, das zum Verkauf stand. Einen Kutter nennt es Mr. Peggotty, und er wird es während meiner Abwesenheit unter seine Obhut nehmen.«

»Jetzt verstehe ich dich, Steerforth,« sagte ich frohlockend. »Du tust, als hättest du es für dich angeschafft, willst ihm aber im Grunde ein Geschenk damit machen. Das hätte ich gleich wissen können. Das sieht dir wieder ähnlich. Mein lieber Steerforth, ich kann dir gar nicht sagen, wie mich dein Edelsinn rührt.«

»Still!« sagte er und wurde rot. »Je weniger du Worte machst, desto besser.«

»Wußte ichs nicht?« rief ich aus, »sagte ich nicht, daß Freud und Leid dieser ehrlichen Herzen dir nicht gleichgültig bleiben können?«

»Ja, ja, ja,« antwortete er. »Alles das hast du gesagt, aber jetzt hör endlich auf.«

Besorgt, ihn zu verletzen, wenn ich länger bei diesem Thema verweilte, beschäftigte ich mich bloß in Gedanken damit, während wir noch rascher als vorhin unsern Weg zurücklegten.

»Das Boot muß neu getakelt werden,« fing Steerforth wieder an. »Ich werde Littimer zur Aufsicht dalassen, bis es ganz fertig ist. Habe ich dir schon gesagt, daß Littimer angekommen ist?«

»Nein.«

»Er kam diesen Morgen mit einem Brief von mei ner Mutter.«

Als sich unsre Blicke begegneten, bemerkte ich, daß [31] Steerforth blaß bis in die Lippen war, obwohl er mich fest ansah. Ich fürchtete, ein Streit zwischen ihm und seiner Mutter habe die Stimmung veranlaßt, die ich an ihm vorhin gesehen. Ich spielte darauf an.

»Ach nein,« sagte er, schüttelte den Kopf und lachte leise auf. »Nichts derart. Ja. Er ist angekommen. Mein Bedienter. Mein Macher.«

»Immer der alte?« fragte ich.

»Ganz der alte,« sagte Steerforth. »Kalt und still wie der Nordpol. Er soll Sorge tragen, daß das Boot umgetauft wird. Es heißt jetzt ›Sturmvogel‹. Was kümmert sich Mr. Peggotty um Sturmvögel. Ich will es umtaufen lassen.«

»Wie soll es heißen?« fragte ich.

»Die kleine Emly.«

Da er mich wieder so fest ansah, hielt ich es für einen Wink, daß er nicht gelobt zu sein wünschte. Ich konnte nicht umhin, meine Freude darüber auszudrücken, machte aber wenig Worte. Da ließ er wieder, wie gewöhnlich, sein Lächeln sehen und schien erleichtert zu sein.

»Aber schau nur,« rief er. »Da kommt die kleine Emly selbst und der Bursche mit ihr. Meiner Seel, er ist der reinste Ritter. Er verläßt sie nie.«

Ham war Schiffszimmermann geworden und hatte sich in diesem Handwerk ein großes Geschick angeeignet. Er trug seinen Arbeitsrock, sah rauh genug aber doch sehr männlich aus und schien so recht ein passender Beschützer für das kleine blühende Wesen an seiner Seite zu sein. In seinem Gesicht lag eine Offenheit, eine Ehrlichkeit und sichtlicher Stolz auf seine Braut, die ihm besser standen als ein schönes Gesicht. Ich dachte mir, als sie näherkamen, wie gut sie zueinander paßten.

Emly entzog Ham schüchtern ihre Hand, als wir stehen blieben, um sie zu begrüßen, und errötete, als sie sie Steerforth und mir gab. Als sie dann wieder weitergingen, legte sie ihre Hand nicht wieder in Hams Arm, sondern ging schüchtern mit gezwungenem Wesen neben ihm her. Mir kam das alles sehr hübsch und anziehend vor, und Steerforth schien dasselbe zu denken, als [32] wir dem im Dämmerlicht des aufgehenden Mondes verschwindenden Paar nachsahen.

Plötzlich strich – offenbar jenen folgend – ein junges Weib an uns vorbei, dessen Näherkommen wir bisher nicht bemerkt hatten.

Sie war dünn angezogen, schäbig aufgeputzt und hatte ein hageres verlebtes Gesicht. Sie schien an weiter nichts zu denken, als jenen nachzugehen. Ebenso schnell wie die beiden andern war sie unsern Blicken in dem nebelhaften Dämmer entschwunden.

»Das ist ein schwarzer Schatten, der dem Mädchen da nachfolgt,« sagte Steerforth und blieb stehen. »Was bedeutet das?«

Er sprach mit so tonloser Stimme, daß es mich fast erschreckte.

»Sie wird sie anbetteln wollen,« sagte ich.

»Eine Bettlerin wäre nichts Absonderliches,« meinte Steerforth, »aber es ist seltsam, daß die Bettlerin heute abends gerade diese Gestalt annehmen muß.«

»Warum?«

»Ich mußte an ein ähnliches Gesicht denken, als sie vorbeiging,« sagte er nach einer Pause. »Wo zum Teufel mag sie hergekommen sein?«

»Wahrscheinlich aus dem Schatten dieser Mauer,« sagte ich, als wir auf einen Weg traten, an dem eine Mauer hinlief.

»Es ist vorbei,« sagte er, über die Schulter blickend, »und möge alles Böse damit vorbei sein. Und jetzt zu Tisch!« Aber er sah sich noch ein paarmal nach der in der Ferne schimmernden See um und äußerte in abgerissenen Worten seine Verwunderung über die Erscheinung. Erst als wir darauf in dem einfachen Zimmer bei Kerzenschein fröhlich bei Tisch saßen, schien er zu vergessen.

Littimer war auch da und übte seine gewöhnliche Wirkung auf mich aus. Als ich ihn nach dem Befinden von Mrs. Steerforth und Miß Dartle fragte, antwortete er ehrerbietig, sie befänden sich leidlich wohl und ließen sich mir empfehlen. Weiter fügte er nichts hinzu, und doch schien er mir ganz deutlich damit verstehen zu geben: Sie sind sehr jung, Sir; über alle Maßen jung.

[33] Wir hatten kaum das Diner beendet, als er an die Tafel herantrat und zu seinem Herrn sagte:

»Ich bitte um Verzeihung, Sir, Miß Mowcher ist hier.«

»Wer?« rief Steerforth ganz überrascht.

»Miß Mowcher, Sir.«

»Was, um Himmels willen, macht die hier?«

»Sie scheint aus dieser Gegend zu stammen, Sir. Sie sagte mir, sie mache jedes Jahr eine Geschäftsreise hierher. Ich traf sie heute nachmittags auf der Straße, und sie läßt fragen, ob sie sich die Ehre nehmen darf, Ihnen nach dem Essen ihre Aufwartung zu machen.«

»Kennst du die Riesin, Daisy?« fragte Steerforth.

Ich mußte leider gestehen und schämte mich wegen dieses Mangels vor Littimer, daß Miß Mowcher und ich einander nie vorgestellt worden waren.

»Dann sollst du sie kennen lernen. Sie ist eines der sieben Weltwunder. Wenn Miß Mowcher kommt, lassen Sie sie eintreten!«

Ich war sehr gespannt auf die Dame, besonders da Steerforth stets zu lachen anfing, wenn ich sie erwähnte, und sich entschieden weigerte, irgendeine Aufklärung zu geben. Ich war daher voller Erwartung, und wir saßen schon eine halbe Stunde beim Wein, als endlich die Türe aufging und Littimer in seiner gewohnten unerschütterlichen Ruhe meldete: »Miß Mowcher.«

Ich blickte nach der Türe und – – sah nichts. Ich dachte gerade, Miß Mowcher lasse recht lang auf sich warten, als zu meinem unendlichen Erstaunen um die Ecke eines bei der Tür stehenden Sofas eine Zwergin gewackelt kam, vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, mit sehr großem Kopf und Gesicht, verschmitzten grauen Augen und so außerordentlich kurzen Armen, daß sie, um ihren Finger, wie sie es zu lieben schien, schelmisch an ihre Stumpfnase legen zu können, als sie mit Steerforth liebäugelte, ihrer Hand mit dem Kopf entgegenkommen mußte. Ihr Doppelkinn war so fett, daß die Bänder ihres Hutes samt der Schleife darin verschwanden. Der Hals fehlte, die Taille gleichfalls und die Beine schienen nicht der Rede wert. Wenn auch ihr Körper [34] wie bei andern Menschen unten in ein paar Füße auslief, so war die Person doch so klein, daß sie vor einem gewöhnlichen Sessel wie vor einem Tische stand. In einem schlendrigen Stil gekleidet, den Zeigefinger an die Nase gelegt und eines der schlauen Augen zugekniffen, stand diese Dame eine Weile mit lustigem Gesicht noch vor uns und brach dann in einen Strom von Beredsamkeit aus.

»Was! Mein Blütenkind,« fing sie scherzend an und drohte Steerforth mit einem Schütteln ihres großen Kopfs. »Sie sind hier? So, so! O Sie nichtsnutziger Mensch, schämen Sie sich, was machen Sie so weit von Hause weg? Auf schlimmen Wegen, möcht ich wetten! O, Sie sind mir ein Spitzbube, Steerforth. Ja, das sind Sie, und ich bin auch so was, nicht wahr? Hahaha. Sie hätten hundert Pfund gegen fünf gewettet, daß Sie mich hier nicht sehen würden, nicht wahr? Aber ich sage Ihnen, mein Jüngelchen, ich bin überall. Ich bin hier und dann wieder dort und wieder nirgends, ganz so, wie der Taler des Zauberkünstlers im Taschentuch der schönen Dame. Da wir grade von Taschentüchern sprechen und von Damen: was für ein Segen Sie für Ihre liebe Mutter sind! Nicht wahr, mein lieber Junge?«

Miß Mowcher band jetzt ihren Hut ab, warf die Bänder über die Schultern und setzte sich atemlos auf einen Fußschemel vor dem Kamin; und der Speisetisch bildete eine Art Mahagonilaube für sie.

»O du lieber Gott,« fuhr sie fort und schlug sich mit den Händen auf ihre kleinen Kniee, mich listig von der Seite ansehend, »ich werde zu dick, das ist die Sache, Steerforth. Wenn ich eine Treppe hinaufsteige, wird mir jeder Atemzug so schwer wie ein Eimer Wasser. Wenn Sie mich aus einem Fenster im obersten Stockwerk herausblicken sehen, könnten Sie mich für eine schöne Frau halten, nicht wahr?«

»Ich würde Sie überall dafür halten,« antwortete Steerforth.

»Gehen Sie, Sie Schelm Sie,« rief das kleine Geschöpf und schlug nach ihm mit dem Taschentuch, mit dem sie sich eben das Gesicht abgewischt hatte, »und [35] seien Sie nicht unverschämt. Aber in allem Ernst und auf Ehrenwort, ich war letzte Woche bei Lady Mithers, – ja, das ist eine Frau! Wie die sich trägt! – Und Mithers selbst kam in das Zimmer, in dem ich auf sie wartete, – ja, das ist ein Mann! Wie der sich trägt! Und seine Perücke dazu. Er hat sie jetzt schon zehn Jahre! Und er fing auch an, mir solche Komplimente zu machen, daß ich wirklich schon dachte, ich müßte klingeln. Hahaha. Er ist ein angenehmer Schwerenöter, aber er hat keine Grundsätze.«

»Was hatten Sie bei Lady Mithers zu tun?« fragte Steerforth.

»Das hieße ausplaudern, mein kleines Engelchen,« gab Miß Mowcher zur Antwort, legte wieder den Finger an die Nase, kniff das eine Auge zu und zwinkerte mit dem andern uns an wie ein Kobold von übernatürlicher Schlauheit. »Das geht Sie nichts an. Sie möchten wissen, ob ich ihr Haar vor dem Ausfallen bewahre oder ob ich es färben muß oder ihren Teint und ihren Augenbrauen nachhelfe, nicht wahr? Sie sollens erfahren, mein Liebling, – – wenn ich es Ihnen sage. Wissen Sie, wie mein Urgroßvater hieß?«

»Nein,« sagte Steerforth.

»Aufsitzer hieß er, mein Herzblättchen,« erwiderte Miß Mowcher, »und er stammt von einer ganzen Reihe von Aufsitzern ab. Und von ihnen habe ich die Fähigkeit gelernt, die Leute aufsitzen zu lassen.«

Etwas Derartiges, wie Miß Mowcher das Auge zukniff, war mir noch nicht vorgekommen. Sie hatte eine wunderliche Art, den Kopf schlau auf eine Seite zu legen, wenn sie auf eine Antwort wartete, und das Auge nach oben zu drehen wie eine Elster. Ich war ganz außer mir vor Erstaunen und starrte sie, allen Gesetzen der Höflichkeit zuwider, ununterbrochen an.

Sie hatte jetzt den Stuhl an sich herangezogen und holte geschäftig aus einem Beutel eine Anzahl Fläschchen, Schwämme, Kämme, Bürsten, Flanelläppchen und Brenneisen hervor, jedesmal ihren kurzen Arm bis an die Schulter in den Sack tauchend, und häufte die Sachen auf dem kleinen Stuhl auf. Plötzlich hielt sie inne und sagte zu Steerforth zu meiner großen Verlegenheit:

[36] »Wie heißt Ihr Freund?«

»Mr. Copperfield,« sagte Steerforth. »Er möchte Sie gerne kennen lernen.«

»O das kann er! Er sah mir schon lang danach aus,« erwiderte Miß Mowcher und wackelte lächelnd auf mich zu. »Ein Gesicht wie ein Pfirsich!« Ich saß auf einem Stuhl, trotzdem mußte sie sich noch auf die Zehenspitzen stellen, um mich in die Wange zu kneifen. »Ordentlich verführerisch! Ich habe Pfirsiche sehr gern. Ich schätze mich glücklich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr. Copperfield!«

Ich sagte, daß das Glück nur meinerseits sei.

»O du meine Güte, wie höflich wir sind!« rief Miß Mowcher aus und machte einen komischen Versuch, ihr großes Gesicht mit ihrer kleinen Hand zu bedecken. »Es ist eine Welt voll blauen Dunstes, nicht wahr?«

Das galt uns beiden. Dann vergrub sie wieder ihren Arm in den Beutel.

»Wie meinen Sie das, Miß Mowcher?« fragte Steerforth.

»Hahaha! Was für eine erquickliche Sorte Schwindler wir sind, nicht wahr, mein Süßer,« erwiderte die Zwergin und kramte, den Kopf auf eine Seite geneigt, das eine Auge nach der Decke gerichtet, wieder in dem Strickbeutel herum. »Schauen Sie mal her.« Und sie nahm etwas heraus. »Schnitzel von den Nägeln des russischen Prinzen! Prinz ›A bis Z durcheinander,‹ nenne ich ihn, denn sein Name ist ein Mischmasch von allen Buchstaben.«

»Der russische Prinz ist Ihre Kundschaft, nicht wahr?«

»So ists, mein Herzblättchen. Ich halte ihm die Nägel in Ordnung. Zweimal die Woche. Finger und Zehen.«

»Hoffentlich zahlt er gut,« sagte Steerforth.

»Er bezahlt, wie er spricht, mein liebes Kind – durch die Nase –« entgegnete Miß Mowcher. »Das ist keiner von den glattrasierten, wie Ihr, der Prinz. Das würden Sie zugeben, wenn Sie seinen Schnurrbart sähen. Rot von Natur, schwarz durch die Kunst.«

[37] »Durch Ihre Kunst natürlich?«

Miß Mowcher nickte. »Mußte nach mir schicken. Konnte nicht anders. Das Klima veränderte seine Farbe. In Rußland gings noch, aber hier nicht. So einen rostigen Prinzen haben Sie Ihre Lebtag nicht gesehen. Wie altes Eisen.«

»Und deswegen nennen Sie ihn einen Schwindler?« fragte Steerforth.

»Sie wären mir der rechte,« antwortete Miß Mowcher und schüttelte heftig den Kopf. »Ich meinte doch, daß wir Schwindler sind, – wir Menschen im allgemeinen, – und zeigte Ihnen zum Beweis die Schnitzel von den Nägeln des Prinzen. Diese Nägel empfehlen mich bei den vornehmen Familien besser als alle meine Talente zusammengenommen. Ich trage sie stets bei mir. Sie sind die beste Empfehlung. Wenn Miß Mowcher dem Fürsten die Nägel schneidet, dann muß sie etwas können! Ich schenke sie den jungen Damen. Ich glaube wahrhaftig, sie legen sie in ihre Albums. Hahaha! Wahrhaftig, das ganze soziale System, wie es die Leute nennen, wenn sie Reden im Parlament halten, ist ein System aus Prinzennägeln,« sagte die winzige Frau und versuchte ihre kleinen Arme zu verschränken und nickte ernsthaft mit ihrem großen Kopf. Dann schlug sie sich auf die Kniee, stand auf und rief: »Das nenne ich nicht Geschäfte betreiben. Kommen Sie her, Steerforth, lassen Sie uns die Polarregionen untersuchen, und dann haben Sies überstanden.«

Sie suchte sich zwei oder drei ihrer kleinen Werkzeuge heraus und ein Fläschchen und fragte zu meinem Erstaunen, ob der Tisch sie wohl tragen würde. Auf Steerforths bejahende Antwort schob sie einen Stuhl daran und, die Hilfe meiner Hand erbittend, stieg sie rasch hinauf wie auf eine Bühne.

»Wenn einer von Ihnen meine Knöchel gesehen hat,« rief sie, als sie sicher oben stand, »so sagen Sie es, und ich gehe nach Hause und bringe mich um.«

»Ich habe nichts gesehen,« bekannte Steerforth.

»Ich auch nicht,« sagte ich.

»Also gut. Dann kann ich ja noch weiter leben,«[38] rief Miß Mowcher. »Nun komm, Hühnchen, zu Mrs. Strick und laß dich töten!«

Das war eine Einladung an Steerforth. Er setzte sich demgemäß mit dem Rücken gegen den Tisch, sein lachendes Gesicht mir zugewendet, und ließ sich den Kopf untersuchen, – offenbar zu keinem andern Zweck als zu unserer Unterhaltung. Übrigens Miß Mowcher auf dem Tisch stehen zu sehen, wie sie Steerforths reiches, braunes Haar durch ein großes rundes Vergrößerungsglas befestigte, war wirklich ein wunderlicher Anblick.

»Sie sind mir ein netter Junge,« sagte sie nach kurzer Untersuchung. »Wenn ich nicht wäre, hätten Sie in einem Jahr eine Glatze wie ein Mönch. Nur eine halbe Minute, junger Freund, und ich will Ihren Locken eine Frisur geben, die die nächsten zehn Jahre vorhält.«

Mit diesen Worten goß sie ein paar Tropfen auf ein Flanellfleckchen, rieb damit eine ihrer kleinen Bürsten ein, und fing an, Steerforths Kopf in der geschäftigsten Weise zu bearbeiten.

»Sie kennen doch Charley Pyegrave, den Sohn des Herzogs, nicht wahr?«

»Ein wenig,« sagte Steerforth.

»Das ist ein Mann! Der hat einen Backenbart! Können Sie sich vorstellen, der versucht es ohne mich – und ist noch dazu in der Garde!«

»Verrückt,« sagte Steerforth.

»Sollte man glauben. Aber verrückt oder nicht, er hats versucht. Wissen Sie, was er tut. Geht hin zu einem Parfümeur und verlangt eine Flasche Macassaröl.«

»Das tut Charley?« fragte Steerforth.

»Ja, Charley! Aber Sie haben kein Macassaröl.«

»Was ist das? – Etwas zu trinken?« fragte Steerforth.

»Zu trinken,« erwiderte Miß Mowcher und gab ihm scherzhaft einen Klaps auf die Hand. »Um seinem Schnauzbart damit aufzuhelfen! Das wissen Sie recht gut.«

»Im Laden war eine Frau, ein ältliches Frauenzimmer, fast schon ein Drache, die noch nie von so etwas[39] gehört hatte. ›Ich bitte um Entschuldigung,‹ sagt dieser Drache zu Charley, ›ist es nicht – nicht – nicht Schminke?‹ ›Was zum Teufel soll ich mit Schminke tun?‹ war die Antwort. ›Es war nicht bös gemeint,‹ sagte die Frau. ›Es wird bei uns unter so viel Namen danach gefragt, daß ich dachte, es könnte Schminke sein.‹ – – Sehen Sie, mein Kind, das ist wieder so ein Beispiel erquicklichen Humbugs! Ja, ja, hier herum frägt man nach solchen Dingen nicht viel. Das bringt mich wieder auf etwas. Ich habe kein hübsches Mädchen gesehen, seitdem ich hier bin, Jammy.«

»Nicht?« sagte Steerforth.

»Nicht den Schatten von einem,« erwiderte Miß Mowcher.

»Wir könnten ihr eine lebendige zeigen, glaube ich,« sagte Steerforth und drehte mir seine Augen zu, »nicht wahr, Daisy?«

»Allerdings,« gab ich zu.

»Aha!« rief das kleine Geschöpf und sah erst mich und dann Steerforth mit schlauem Blick an, »hüm!«

Der erste Ausruf klang wie eine Frage an uns beide, der zweite schien nur Steerforth zu gelten. Sie schien auf beide keine Antwort zu finden, sondern fuhr fort zu reiben, den Kopf auf eine Seite gelegt und ein Auge der Decke zugewandt, als ob sie von dort her eine Auskunft erhoffte.

»Eine Schwester von Ihnen, Mr. Copperfield?« fing sie nach einer kleinen Pause wieder an, »wie?«

»Nein,« sagte Steerforth, ehe ich antworten konnte, »nichts von der Sorte. Im Gegenteil! Mr. Copperfield war ein großer Bewunderer von ihr, wenn ich nicht irre.«

»So? Und ist es jetzt nicht mehr?« entgegnete Miß Mowcher. »Ist er unbeständig? O, pfui. Schwebt er von Blume zu Blume, bis Polly seine Zärtlichkeit erwidern wird? Heißt sie nicht Polly? Die koboldartige Schnelligkeit, mit der sie mich mit diesen Fragen überfiel, und ihr forschender Blick brachten mich für einen Augenblick ganz außer Fassung.«

»Nein, Miß Mowcher,« antwortete ich. »Sie heißt Emilie.«

[40] »Ah?« rief die Zwergin wie vorhin, »hem? Hem? Was für eine Plaudertasche ich bin, nicht wahr, Mr. Copperfield?«

In ihrem Blick und Ton lag etwas, was in Verbindung mit diesem Thema mir nicht paßte, deshalb sagte ich ernster, als bisher einer von uns gesprochen hatte:

»Sie ist ebenso schön wie tugendhaft und mit einem vortrefflichen Mann von gleichem Stande verlobt. Ich schätze sie wegen ihrer Verständigkeit ebenso sehr, wie ich ihre Schönheit bewundere.«

»Sehr gut gesagt,« rief Steerforth. »Hört, hört hört! Jetzt will ich die Neugier dieser kleinen Fatme, mein liebes Gänseblümchen, dadurch befriedigen, daß ich ihr nichts zu erraten übrig lasse; also: sie ist augenblicklich in der Lehre bei Omer & Joram, Mützenmacher und so weiter und so weiter, hier in der Stadt. Verstehen Sie wohl? Omer & Joram! Verlobt ist sie mit ihrem Vetter, Ham Peggotty, Beruf Schiffszimmermann, Aufenthalt Yarmouth. Sie wohnt bei einem Verwandten, Vorname unbekannt, Familienname Peggotty, Beruf Schiffer –; ebenfalls hier. Sie ist die hübscheste kleine Hexe von der Welt. Ich bewundere sie ebenso sehr wie Mr. Copperfield. Ich möchte nicht, weil es mein Freund nicht gern sieht, ihrem Bräutigam unrecht tun, aber mir scheint sie zu gut für ihn zu sein. Ich bin überzeugt, sie könnte einen bessern finden, und ich möchte schwören, sie ist zu einer vornehmen Dame geboren.«

Miß Mowcher hörte mit unveränderter Kopfhaltung genau zu. Dann fuhr sie mit wunderbarer Schnelligkeit fort zu plaudern: »O das ist alles?« und ihre kleine Schere blitzte in allen Richtungen um Steerforths Kopf. »Sehr, sehr gut! Eine lange Geschichte! Sollte eigentlich enden: und sie wurden glücklich für ihr ganzes Leben, was? Wie heißt es im Pfänderspiel: Ich liebe meine Geliebte mit einem E, weil sie ›E‹ntzückend ist, ich hasse sie mit einem E, weil sie ›E‹ingenommen ist (für einen andern), ich halte sie für die ›E‹inzige und ›E‹ntführe sie. Ihr Name ist ›E‹milie und sie wohnt zu ›E‹bner ›E‹rde. Hahaha,[41] Mr. Copperfield, was halten Sie von der Wankelmütigkeit?«

Sie sah mich mit ausnehmender Schlauheit an, wartete aber keine Antwort ab und fuhr in einem Atem fort:

»So! Wenn je ein Nichtsnutz wieder hergerichtet worden ist, so sind Sies, Steerforth. Wenn ich einen Kopf auf der Welt verstehe, ist es der Ihrige. Hören Sie genau, was ich Ihnen sage, mein Liebling: Ich verstehe den Ihren,« und sie spähte ihm ins Gesicht. »So, jetzt können Sie sich ›drücken‹, Jammy, wie wir bei Hof sagen. Und wenn Mr. Copperfield Platz nehmen will, so will ich ihn bearbeiten.«

»Was meinst du dazu, Daisy?« fragte Steerforth lachend und bot mir seinen Platz an. »Willst du dich herrichten lassen?«

»Ich danke Ihnen, Miß Mowcher, heute nicht!«

»Sagen Sie nicht nein,« entgegnete die kleine Frau und sah mich mit Kennermiene an. »Ein bißchen mehr Augenbrauen?«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich. »Ein andermal.«

»Ein Viertelzoll weiter nach den Schläfen zu,« sagte Miß Mowcher, »läßt sich in vierzehn Tagen machen.«

»Nein, ich danke Ihnen. Jetzt nicht.«

»Nur beim Ohrläppchen nehmen,« drang sie in mich, »nicht? Nun, so wollen wir den Grundstein zu einem Backenbart legen!«

Ich konnte nicht anders, ich mußte erröten, als ich es ausschlug, denn ich fühlte, daß sie meine schwache Seite berührt hatte.

Als Miß Mowcher sah, daß ich jetzt wenigstens von ihrer Kunstfertigkeit keinen Gebrach machen wollte und ungerührt von dem Anblick des kleinen Fläschchens blieb, das sie mir in ihrer Überredungskunst vor die Augen hielt, sagte sie, wir würden schon eines schönen Morgens anfangen, und bat mich, ihr vom Tische herabzuhelfen. Auf meine Hand gestützt sprang sie mit großer Gewandtheit herunter und band sich ihr Doppelkinn in ihren Hut.

»Das Honorar,« sagte Steerforth, »beträgt?«

»Fünf blanke,« erwiderte Miß Mowcher, »und es[42] ist spottbillig, mein Hühnchen. Bin ich nicht ein lockerer Zeisig, Mr. Copperfield?«

Ich antwortete höflich: »Durchaus nicht.« Aber ich dachte mirs doch, als sie die beiden halben Kronen in die Luft warf, wieder auffing und sie dann in die Tasche fallen ließ.

»Das ist die Kasse,« erklärte sie und schlug sich auf die Tasche, und dann steckte sie ihre sieben Sachen wieder in den Strickbeutel.

»Habe ich alle meine Fuchsfallen? Ich kann es doch nicht machen, wie der lange Ned Bedwood, als sie ihn in die Kirche schleppten, um ihn mit jemand zu trauen, und dabei die Braut vergaßen. Hahaha, ein böser Kerl, der Ned. Aber drollig. Nun, ich weiß schon, ich breche Ihnen jetzt das Herz, aber ich muß Sie verlassen. Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen und zusehen, wie Sies tragen können. Adieu, Mr. Copperfield! Hüten Sie sich, Jockey von Norfolk! Was habe ich nur alles zusammengeschwatzt?! Aber da seid ihr beiden Ungeheuer dran schuld. Ich verzeihe euch. ›Bob schwor‹, wie der Engländer sagte, stattBon soir nach der ersten französischen Lektion. ›Bob schwor‹ meine Hühnchen.«

Den Beutel über dem Arm wackelte sie hinaus, blieb aber noch einmal in der Türe stehen und fragte, ob sie uns nicht eine Locke zum Andenken da lassen sollte. Dann ging sie.

Steerforth lachte so sehr, daß ich mitlachen mußte, obwohl mir nicht danach zumute war. Dann erzählte er mir, daß Miß Mowcher einen großen Kundenkreis habe und sich vielen Leuten auf mancherlei Weise nützlich mache. Einige behandelten sie als ein bißchen verrückt, aber sie sei eine scharfe Beobachterin und ebenso weitblickend wie kurzarmig.

Ich wollte wissen, ob sie bösartig sei oder gutherzig. Aber da ich mich vergeblich bemühte, seine Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, ließ ich davon ab. Dagegen erzählte er mir mit großer Redelust von ihrem Geschick und ihren Einkünften, und daß sie das Schröpfen wissenschaftlich betriebe. Für den Fall, daß ich jemals ihrer Dienste bedürfen sollte!

[43] Sie bildete den Hauptgegenstand unserer Unterhaltung während des Abends, und als ich für die Nacht von ihm schied, rief er mir noch. ›Bob schwor‹, wie der Engländer sagte, nach.

Als ich Mr. Barkis Haus erreichte, fand ich zu meiner großen Verwunderung Ham vor demselben auf und abgehen und vernahm, daß die kleine Emly drin sei.

»Ja, sehen Sie, Masr Davy,« sagte Ham zögernd, »Emly möt drin mit jemand snaken.«

»Ich sollte meinen«, sagte ich lächelnd, »das wäre grade ein Grund für Sie, drin zu sein, Ham.«

»Im allgemeinen freilich, Masr Davy,« sagte er leise, »sollte woll sin. Ein Mächen, Sir, ein junges Mächen, das Emly mal kannte und eigentlich nicht mehr kennen sollte – –«

Bei diesen Worten fiel mir plötzlich die Gestalt ein, die ich vor ein paar Stunden hatte von der Mauer kommen sehen.

»Is een armes Wurm, Masr Davy,« sagte Ham. »Wird von allen unner de Foit treten in der Stadt. In den Gräbern auf dem Kirchhof liegt keiner, vor dem sich die Leute mehr scheuten.«

»Bin ich ihr heut abends nicht begegnet, Ham, als wir euch trafen?«

»Woll möglich. Weiß es freilich nich, Masr Davy. Aber nich lange drauf kam sie zu Emly ans Fenster geschlichen und flüsterte: ›Emly, Emly, um Christi willen, hab ein weiblich Herz für mich. Ich war einst wie du!‹ Das waren feierliche Worte, Masr Davy!«

»Gewiß wohl, Ham. Und was tat Emly?«

Emly sagte: »Marta, bist dus? Marta, bist dus wirklich? Sie hatten manchen Tag bei Mr. Omer gearbeitet.«

»Ja, ich entsinne mich ihrer,« rief ich, denn ich erinnerte mich an eins der beiden Mädchen, die ich einst bei meinem ersten Besuch dort gesehen hatte. »Ich entsinne mich ihrer jetzt genau.«

»Marta Endell;« sagte Ham, »zwei oder drei Jahre älter als Emly. War ihre Schulfreundin.«

[44] »Ihren Namen kenne ich nicht,« sagte ich. »Ich wollte Sie nicht unterbrechen.«

»Was das betrifft, Masr Davy,« erwiderte Ham, »is allens mit den Worten gesagt: Emly, um Christi willen, hab ein weiblich Herz für mich. Ich war einmal so wie du! – –« Sie wollte mit Emly sprechen; Emly konnte nicht – dort, denn Onkel war nach Hause gekommen, und er wollte nicht – nein, Masr Davy, – so gut und weichherzig er ist, so konnte er doch nicht um alle Schätze, die im Meer liegen, die beiden nebeneinander sehen.

Ich fühlte, wie wahr das sei, und empfand es so deutlich wie Ham.

Emly schreibt also mit Bleistift einen Zettel und reicht ihn ihr durchs Fenster hinaus. »Zeig das meiner Tante, Mrs. Barkis, und sie wird dich aus Liebe zu mir aufnehmen, bis der Onkel ausgegangen ist und ich kommen kann.« Nach und nach erzählt sie mirs, Masr Davy, und bittet mich, sie herzubringen. »Was kann ich tun? Freilich sollte sie so eine nicht kennen, aber ich kann ihr nichts abschlagen, wenn sie weint.«

Er griff in die Brust seiner zottigen Jacke und zog sehr sorglich eine kleine, hübsche Börse hervor.

»Und wenn ichs ihr nicht abschlagen konnte, als ihr die Tränen im Auge standen, Masr Davy,« sagte Ham, »wie konnt ichs ihr abschlagen, als sie mir das zu tragen gab, – da ich doch wußte, wozu – son lütt Spielzeuch und so wenig Geld drin! Meine liebe Emly!«

Ich schüttelte ihm warm die Hand, – es tat mir wohler als Worte, – und wir gingen ein paar Minuten schweigend auf und ab. Da öffnete sich die Türe, und Peggotty winkte Ham, einzutreten. Ich wollte mich entfernen, aber sie kam mir nach und bat mich ebenfalls hereinzukommen. Da die Tür unmittelbar in die Küche führte, stand ich, eh ich mir dessen recht bewußt war, mitten unter ihnen.

Das Mädchen – dasselbe, das ich auf den Dünen gesehen, – kniete nicht weit vom Feuer auf dem Fußboden und hatte den Kopf und den Arm auf einen[45] Stuhl gelegt. Aus ihrer Stellung erriet ich, daß Emly eben erst aufgestanden war, und daß Kopf und Arm auf ihrem Schoße geruht hatten.

Ich konnte nicht viel von dem Gesicht des Mädchens sehen, denn es war halb von dem gelösten Haar bedeckt, das zerrauft aussah, als ob sie es sich zerwühlt hätte. Ich konnte nur erkennen, daß sie jung und blond war.

Peggotty hatte geweint. Die kleine Emly ebenfalls. Niemand sprach ein Wort. Die Schwarzwälderuhr schien in dem Schweigen doppelt so laut zu ticken wie gewöhnlich.

Emly redete zuerst.

»Marta möchte nach London gehen,« sagte sie zu Ham.

Er stand zwischen beiden und sah auf das knieende Mädchen mit einem Gemisch von Mitleid und Besorgnis, sie möchte in zu nahe Berührung mit ihr kommen, die er so liebte. Alle sprachen, als ob sie krank wäre, fast im Flüsterton.

»Besser dort als hier,« sagte eine dritte Stimme laut. Es war Marta; aber sie regte sich nicht dabei. »Niemand kennt mich dort. Hier kennt mich jeder.«

»Was will sie dort?« fragte Ham.

Das Mädchen hob den Kopf empor und sah einen Augenblick schmerzlich auf. Dann ließ sie ihn wieder sinken wie ein Weib im tiefsten Schmerz.

»Sie wird versuchen, ordentlich zu sein,« sagte die kleine Emly. »Du weißt nicht, wie sie zu uns gesprochen hat! Nicht wahr, Tante.«

Peggotty nickte mitleidig mit dem Kopf.

»Ich will es versuchen,« sagte Marta, »wenn Ihr mir von hier fort helft. Schlimmer als hier kann es nicht werden. Vielleicht wird es besser. O,« sagte sie mit angstvollem Schaudern, »bringt mich fort von diesen Straßen, wo die ganze Stadt von Kindheit an mich kennt.«

Als Emly Ham ihre Hand hinhielt, sah ich, wie er ihr einen kleinen Leinwandbeutel hineinlegte. Sie nahm ihn in der Meinung, es sei ihre Börse, bemerkte aber bald den Irrtum. »Is allens dien, Emly,« hörte ich ihn sagen. »Habe nichts in der Welt, was [46] nicht dein ist, mein Herz! Es macht mir nur deinetwegen Freude.«

Die Tränen traten Emly von neuem in die Augen, aber sie wandte sich ab und ging zu Marta hin. Was sie ihr gab, weiß ich nicht. Ich hörte sie nur flüsternd fragen: »Reicht es?«

»Mehr als genug,« sagte das Mädchen, ergriff Emlys Hand und küßte sie. Dann stand sie auf, nahm ihr Tuch zusammen, bedeckte sich das Gesicht damit und ging laut weinend nach der Türe. Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen, als wollte sie noch etwas sagen oder umkehren, aber kein Wort kam über ihre Lippen. In das Tuch schluchzend, ging sie hinaus. Als die Tür zufiel, sah die kleine Emly uns drei aufgeregt an, verbarg dann ihr Gesicht in den Händen und fing an zu schluchzen.

»Weine nicht, Emly,« sagte Ham und klopfte ihr milde auf die Schulter. »Du sollst nicht so weinen, liebes Herz.«

»Ach Ham,« rief sie immer noch bitterlich schluchzend aus, »ich bin nicht so, wie ich sein sollte. Ich bin manchmal nicht so dankbar, wie ich sein sollte.«

»Doch, doch, bist es immer, ich weiß es,« sagte Ham.

»Nein, nein, nein,« schrie die kleine Emly und schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht so gut, wie ich sein sollte!«

Und wieder weinte sie, als ob ihr das Herz brechen müßte.

»Ich mute deiner Liebe zu viel zu, ich weiß, daß ichs tue. Ich quäle dich oft und bin launisch gegen dich, immer, wenn ich ganz anders sein sollte. Du bist niemals so gegen mich. Warum kann ich nur so sein, wo ich doch an nichts weiter denken sollte, als wie ich mich dir dankbar zeigen und dich glücklich machen könnte.«

»Du machst mich immer glücklich, mein Herz!« sagte Ham. »Ich bin glücklich, wenn ich dich sehe. Ich bin den ganzen Tag glücklich, wenn ich an dich denke.«

»Weil du so gut bist!« rief sie aus. »Ach Ham! Es wäre besser für dich, wenn du eine andere liebtest,[47] eine, die beständiger und deiner würdiger ist als ich. Die ganz in dir aufginge und niemals launenhaft wäre wie ich!«

»Armes, kleines Weichherz!« sagte Ham leise. »Marta hat sie außer sich gebracht.«

»Bitte, Tante,« schluchzte Emly, »komm her und laß mich meinen Kopf auf deinen Schoß legen. Ach, ich bin heute sehr unglücklich, Tante. Ich bin nicht so gut, wie ich sein sollte. Noch lange nicht, ich weiß es wohl.«

Peggotty setzte sich auf den Stuhl neben das Feuer. Emly schlang ihre Arme um sie, kniete neben ihr nie der und sah ihr flehend ins Gesicht.

»Ach bitte, Tante, versuch, mir beizustehen. Lieber Ham, versuch mir beizustehen. Mr. David, der alten Zeiten wegen, bitte, helfen Sie mir. Ich muß besser werden! Ich muß hundertmal dankbarer werden, als ich jetzt bin. Ich muß mehr fühlen, welches Glück es ist, die Frau eines braven Mannes zu werden und ein friedvolles Leben zu führen. O Gott, o Gott, ach mein Herz, mein Herz!«

Sie verbarg ihr Gesicht an der Brust meiner alten Kindsfrau, hörte mit ihrer Klage, die in ihrem Schmerz etwas Kindliches hatte, auf und weinte stumm, während Peggotty sie zu beruhigen suchte, wie ein kleines Kind.

Allmählich wurde sie ruhiger, und dann sprachen wir ihr Trost zu, bis sie wieder aufblickte und mit uns redete. Dann unterhielten wir sie, bis sie wieder lächeln konnte und dann lachen, und sich zuletzt halb beschämt wieder aufrecht setzte, während Peggotty ihr die Locken zurecht strich, ihr die Augen trocknete und sie wieder hübsch machte, damit der Onkel beim nach Hause kommen nicht frage, warum sein Liebling geweint habe.

Sie tat heute etwas, was ich noch nie bei ihr gesehen hatte, sie küßte ihren Bräutigam unschuldig auf die Backen und drängte sich dicht an seine derbe Gestalt, als wäre er ihre beste Stütze. Als sie in dem matten Mondlicht zusammen fortgingen, und ich ihnen nachblickte und dabei an Marta denken mußte, sah ich, wie sie seinen Arm mit beiden Händen umklammerte und sich immer noch dicht an ihn drängte.

[48] Drittes Kapitel

Ich sehe, daß Mr. Dick recht hatte, und wähle einen Beruf.


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, dachte ich viel an die kleine Emly und große Aufregung gestern abends nach Martas Fortgehen. Ich hatte das Gefühl, daß es unrecht sei, Steerforth von der erlebten Szene etwas zu verraten. Gegen niemand fühlte ich eine zartere Empfindung als gegen das liebliche Geschöpf, das meine Gespielin gewesen und das ich auf das Hingebendste liebte. Etwas zu erzählen, was mir der Zufall und die Fülle ihrer Herzensregung offenbart, kam mir wie eine Roheit vor, unwürdig meiner selbst, unwürdig des Glanzes unserer reinen Kinderjahre, der immer noch ihr Haupt umgab. Ich faßte daher den Entschluß, es als Geheimnis in meiner Brust zu bewahren, und das verlieh Emlys Bild einen neuen Reiz.

Während wir frühstückten, erhielt ich einen Brief von meiner Tante, dessen Inhalt derart war, daß ich glaubte, Steerforth werde mir einen Rat erteilen können. So beschloß ich, mit ihm darüber während unserer Heimreise zu sprechen. Vorderhand nahm der Abschied von unsern Freunden genug Zeit in Anspruch. Mr. Barkis war in seinem Schmerz über unsere Abreise nicht der letzte. Ich glaube, er hätte seinen Geldkoffer noch einmal aufgesperrt und eine zweite Guinee geopfert, wenn er uns dadurch achtundvierzig Stunden in Yarmouth hätte zurückhalten können. Peggotty und ihre ganze Familie waren voll Schmerz über unsere Abreise. Das ganze Geschäft Omer & Joram stand unter der Türe, um uns Lebewohl zu sagen. So viel Schiffer waren zu Steerforth gekommen, um unsere Koffer an den Wagen zu bringen, daß das Gepäck eines ganzen Regiments hätte befördert werden können. Mit [49] einem Wort, wir reisten zum allgemeinen Bedauern ab und ließen viele Leute sehr betrübt zurück.

»Bleiben Sie lange hier, Littimer?« fragte ich, als der Wagen auf die Abfahrt wartete.

»Nein, Sir. Wahrscheinlich nicht sehr lange.«

»Er kann es jetzt noch nicht wissen,« bemerkte Steerforth leichthin. »Er weiß, was er zu tun hat, und wird es schon besorgen.«

»Davon bin ich überzeugt,« sagte ich.

Littimer griff bei meinem Kompliment an den Hut, und ich kam mir etwa acht Jahre alt vor. Er griff noch einmal an den Hut und wünschte uns glückliche Reise. Und wir sahen ihn noch von weitem auf dem Trottoir stehen, ein so ehrwürdiges Geheimnis wie eine ägyptische Pyramide.

Eine kleine Weile sprachen wir nicht. Steerforth war ungewöhnlich stumm, und ich hatte genug zu tun mit meinen Gedanken, die sich mit den alten Plätzen und den Veränderungen, die während meiner Abwesenheit vielleicht zu Hause vorgekommen sein mochten, beschäftigten. Schließlich wurde Steerforth plötzlich wieder fröhlich und gesprächig, wie das so seine Art war, faßte mich am Arm und fragte: »Sprich doch, David! Was ists mit dem Brief, den du heute beim Frühstück erwähntest?«

»Richtig,« sagte ich und griff in die Tasche. »Er ist von meiner Tante.«

»Und was schreibt sie? ist es von Belang?«

»Sie erinnert mich daran, daß der Zweck meiner Reise war, mich ein wenig umzusehen und ein wenig nachzudenken.«

»Was du natürlich getan hast.«

»Eigentlich nur zum Teil. Um die Wahrheit zu sagen, ich fürchte, ich habe es vergessen.«

»Nun so sieh dich jetzt um und hole das Versäumte nach,« sagte Steerforth. »Dort rechts hast du flaches Land und viel Sumpf darin, und links wirst du dasselbe sehen. Schau grade aus, und du wirst keinen Unterschied finden. Und hinter uns ists grade so.«

Ich lachte und erwiderte, daß ich aus dem Anblick solcher Einförmigkeit allerdings keinen Anhaltspunkt für einen geeigneten Beruf gewinnen könnte.

[50] »Was meint deine Tante weiter?« fragte Steerforth und blickte auf den Brief in meiner Hand. »Schlägt sie dir etwas vor?«

»O ja. Sie fragt mich, was ich davon halte, Proktor zu werden. Was hältst du davon?«

»Ach, ich weiß nicht,« antwortete Steerforth gleichgültig. »Du kannst, denke ich, das ebenso gut werden wie irgend etwas anderes.« Ich mußte wieder lachen, weil ihm alles so vollständig gleichgültig schien, und sagte es ihm.

»Was ist überhaupt ein Proktor, Steerforth?«

»Na. Das ist so eine Art mönchischer Anwalt. Er ist das bei einigen vermoderten Gerichtshöfen, in Doktors Commons – einem alten, stillen Winkel beim St. Paulskirchhof, was ein Solicitor beim gewöhnlichen Zivilgericht ist. Er bekleidet ein Amt, das von rechtswegen schon vor zwei Jahrhunderten hätte aufhören sollen. Ich kann dirs am besten erklären, wenn ich dir erzähle, was Doktors Commons ist. Es ist ein kleiner Ort in einem abgelegenen Winkel, wo sie nach sogenanntem Kirchenrecht vorgehen, allerhand Kniffe handhaben nach uralten Ungeheuern von Parlamentsakten, von denen drei Viertel der Welt überhaupt nichts weiß, während das andere Viertel der Meinung ist, man hätte sie bereits in fossilem Zustande ausgegraben. Es ist ein Ort, der ein altes Monopol hat für Rechtsstreitigkeiten über Erbschafts- und Heiratsangelegenheiten und Prozesse wegen Schiff- und Bootfahrt.«

»Dummes Zeug, Steerforth!« rief ich aus. »Zwischen Kirchenrecht und Seerecht besteht doch keine Verwandtschaft.«

»Gewiß nicht, mein Lieber, aber tatsächlich wird in beiden in Doktors Commons von ein und denselben Richtern geurteilt und entschieden. Wenn du erst einmal dort bist, wirst du sie über die Hälfte der nautischen Wörter in Youngs Marine Lexikon stolpern hören in Sachen der ›Nancy‹ gegen die ›Sarah Jane‹ wegen Beschädigung durch Zusammenstoß, oder weil Mr. Pegotty und die Schiffer von Yarmouth während eines Sturms dem Ostindienfahrer ›Nelson‹ mit Anker und [51] Rettungsleinen zu Hilfe gefahren sind. Und kommst du ein anderes Mal hin, wirst du sie vertieft finden in die Zeugenaussagen gegen einen wegen schlechter Führung angeklagten Geistlichen, und der Richter in dem Schiffsprozeß ist vielleicht Advokat in der Sache des Geistlichen oder umgekehrt. Sie sind wie die Schauspieler. Sind einmal Richter, einmal Advokaten, dann wieder gar nichts von beiden, aber immer ist es ein sehr angenehmes, rentables, kleines Privattheatergeschäft, das vor einer ungewöhnlich erlesenen Zuhörerschaft seine Vorstellung gibt.«

»Aber Advokat und Proktor sind doch nicht ein und dasselbe,« sagte ich etwas verwirrt, »oder doch?«

»Nein,« erwiderte Steerforth, »die Advokaten müssen auf der Universität den Doktor machen. Deshalb weiß ich auch von ihnen etwas. Die Proktoren sind von den Advokaten beschäftigt. Beide beziehen sehr hübsche Honorare und machen im allgemeinen recht gemütliche Geschäftchen miteinander. Ich möchte dir überhaupt anempfehlen, dich für Doktors Commons zu entscheiden, David. Sie brüsten sich dort mit ihrer Vornehmheit, wenn dir das etwas ausmacht.«

Ich zog bei dem etwas karikierten Bilde, das Steerforth eben entworfen hatte, seine Ansichten in gehörigen Betracht und fühlte mich, wenn ich an das altertümliche und würdevolle Aussehen dachte, das ich unwillkürlich mit dem alten, stillen Winkel nicht weit vom St. Paulskirchhof verband, gar nicht abgeneigt, auf den Plan meiner Tante einzugehen. Sie überließ mir übrigens ganz die Entscheidung und sagte mir ganz offen, daß es ihr kürzlich beim Besuch ihres Proktors, als sie ihr Testament zu meinen Gunsten habe umändern lassen, eingefallen sei.

»Es ist jedenfalls ein sehr löbliches Vorhaben deiner Tante,« sagte Steerforth »und verdient Aufmunterung. Daisy; mein Rat ist, daß du dich für Doktors Commons entscheidest.«

Mein Entschluß stand jetzt fest. Ich erzählte Steerforth weiter, daß mich meine Tante in der Stadt erwarte und sich auf eine Woche in einem Privathotel in Lincolns Inns Fields, das eine steinerne Treppe [52] und eine Eingangstür im Dach aufzuweisen habe, eingemietet hätte. Meine Tante war nämlich fest überzeugt, daß jedes Haus in London Nacht für Nacht von einer Feuersbrunst bedroht sei.

Wir vollendeten den Rest unserer Reise in größter Heiterkeit und kamen des Öftern auf Doktors Commons zu sprechen und versetzten uns im Geiste in ferne Zeit, wo ich einst Proktor sein würde, was Steerforth so drollig auszumalen wußte, daß wir beide sehr lustig waren. Als wir unser Reiseziel erreichten, versprach er mir, mich übermorgen zu besuchen, und ich fuhr nach Lincolns Inns Fields, wo mich meine Tante bereits mit dem Abendessen erwartete.

Wenn ich während der Zeit meiner Abwesenheit eine Reise um die Welt gemacht haben würde, hätten wir uns nicht freudiger begrüßen können. Meine Tante weinte fast, als sie mich umarmte, und sagte unter geheucheltem Lächeln, daß, wenn meine arme Mutter noch am Leben wäre, sie gewiß Tränen vergossen haben würde.

»Du hast also Mr. Dick zu Hause gelassen, Tante? Das tut mir leid! – – Ach, Janet, wie gehts?«

Als Janet mit einem Knix dankte, fiel mir auf, daß das Gesicht meiner Tante sehr lang wurde.

»Auch mir tut es sehr leid,« fuhr meine Tante fort und rieb sich die Nase. »Ich habe keine Ruhe gehabt, Trot, seit ich hier bin.«

Ehe ich noch fragen konnte, fuhr sie bereits fort:

»Ich bin überzeugt – sie legte die Hand in bekümmerter Entschlossenheit auf den Tisch –, daß Dicks Charakter nicht geeignet ist, die Esel fern zu halten. Es fehlt ihm an der nötigen Entschlossenheit. Ich hätte lieber Janet zu Hause lassen sollen und wäre dann vielleicht ruhiger gewesen. Wenn je ein Esel über meinen Rasen gegangen ist,« sagte sie mit Nachdruck, »dann war es heute nachmittags um vier Uhr. Ein kalter Schauder überfiel mich vom Scheitel bis zur Zehe, und ich weiß gewiß, es war ein Esel.«

Ich wollte es ihr ausreden, aber sie wies jeden Trost zurück.

[53] »Es war ein Esel,« sagte sie, »und es war der mit dem gestutzten Schweif, auf dem die ›Mordschwester‹ damals ritt, als sie zu uns kam.« – Sie nannte Miß Murdstone nie anders. – »Wenn es einen Esel in Dover gibt, dessen Frechheit ich am wenigstens ertragen kann, so ist es dieser,« und sie schlug auf den Tisch.

Auch Janet versuchte sie zu beruhigen und sagte, der betreffende Esel sei zur Zeit mit Sand- und Kiesfahren beschäftigt und somit keiner Übertretung fähig. Meine Tante aber wollte nichts hören.

Das Abendessen war gut und wurde ganz heiß serviert, obgleich die Zimmer meiner Tante sehr hoch lagen, – ich weiß nicht, ob sie für ihr Geld so viel steinerne Stufen wie möglich beanspruchte oder nur in nächster Nähe der Tür im Dache sein wollte, – und bestand aus einem Huhn, Beefsteak und Gemüse; alles war ausgezeichnet. Meine Tante hatte so ihre eignen Ansichten über londoner Lebensmittel und aß nur wenig.

»Ich glaube, dieses arme Huhn ist in einem Keller ausgekrochen,« sagte sie, »und nicht an die Luft gekommen außer auf einen Droschkenstand. Ichhoffe, das Beefsteak ist Rindfleisch, aber ich glaube es nicht. Nichts ist echt in dieser Stadt, nur der Schmutz.«

»Kann denn das Huhn nicht vom Lande sein, Tante?« fragte ich.

»Ausgeschlossen! Es würde einem londoner Kaufmann kein Vergnügen machen, etwas Echtes zu verkaufen.«

Ich wagte nicht, diese Meinung zu bestreiten, ließ mir jedoch das Abendessen gut schmecken, was meiner Tante sehr zur Befriedigung gereichte. Als der Tisch abgeräumt war, half ihr Janet das Haar aufstecken, damit sie ihre Nachtmütze aufsetzen konnte, die kleiner war als gewöhnlich – wegen der Möglichkeit einer Feuersbrunst. Dann nahmen wir am Kamin Platz. Nach gewissen feststehenden Regeln, von denen nicht die leiseste Abweichung geduldet wurde, bereitete ich ihr ein Glas weißen Glühwein und schnitt eine Scheibe Toast in lange dünne Streifen. Damit sollte der Rest des Abends vergehen. Sie saß mir gegenüber, [54] trank ihren Glühwein und tunkte die Röstschnitten hinein und sah mich unter dem Besatz ihrer Nachtmütze hervor wohlwollend an.

»Nun, Trot,« fing sie an, »was sagst du zu der Idee mit dem Proktor? Oder hast du noch nicht darüber nachgedacht?«

»Ich habe sogar sehr viel darüber nachgedacht, liebe Tante, und lange darüber mit Steerforth beraten. Ich finde sehr großen Gefallen daran. Ganz außerordentlichen Gefallen.«

»Aber das ist ja herrlich!«

»Nur ein Bedenken hätte ich, Tante.«

»Nur heraus damit, Trot.«

»Schau, ich möchte dich fragen, Tante, da es doch ein privilegierter Beruf ist, ob mein Eintritt nicht sehr teuer zu stehen kommen wird.«

»Dich einschreiben zu lassen, kostet gerade tausend Pfund.«

»Das macht mir wirklich viel Sorge,« sagte ich und rückte meinen Stuhl näher an sie heran. »Das ist sehr viel Geld. Du hast schon so viel für meine Erziehung ausgegeben und mich in jeder Hinsicht so freigebig ausgestattet, wie nur möglich. Es gibt gewiß manchen Beruf, den ich ohne besondere Auslagen anfangen könnte und in dem ich doch Aussicht hätte, es mit Fleiß und Ausdauer zu etwas zu bringen. Glaubst du nicht, daß es besser wäre, es auf diese Weise zu versuchen? Weißt du bestimmt, daß du so viel Geld auslegen kannst und daß es recht ist, es auf diese Weise auszugeben? Ich bitte dich, – dich, meine zweite Mutter, das wohl zu überlegen. Bist du dir darüber klar?«

Meine Tante aß die Röstschnitte, die sie angebissen hatte, zuerst ruhig zu Ende, wobei sie mich fest ansah, dann setzte sie das Glas auf den Kamin, faltete die Hände über ihr Knie und sagte:

»Trot, mein Kind, wenn ich einen Lebenszweck habe, so ist es der, dich zu einem glücklichen und verständigen Menschen zu machen. Ich habe es mir vorgenommen. Und auch Dick. Ich wünschte, gewisse Leute könnten Dicks Meinung über diese Sache hören. [55] Sein Scharfblick ist wunderbar. Aber kein Mensch außer mir weiß, was dieser Mann für einen Verstand hat.« Sie hielt einen Augenblick inne, um meine Hand zu ergreifen, und fuhr fort:

»Man soll nur an die Vergangenheit denken, wenn man daraus Nutzen für die Gegenwart ziehen kann. Vielleicht hätte ich mich mit deinem armen Vater besser vertragen können, vielleicht auch mit deiner Mutter, dem armen Kind, selbst damals noch, als sie mich mit deiner Schwester Betsey Trotwood so enttäuschte. Als du zu mir kamst, als kleiner fortgelaufner Junge, ganz staubig und die Füße vom Weg zerrissen, dachte ich es mir. Von dem Tag an bis heute, Trot, bist du immer mein Stolz und meine Freude gewesen. Niemand anders hat auf mein Vermögen Anspruch – wenigstens –« hier stockte sie zu meiner Verwunderung und wurde verlegen – »nein, niemand anders hat darauf Anspruch, und du bist mein Adoptivkind. Sei mir, wenn ich alt bin, ein liebevoller Sohn und nimm es mit meinen Launen nicht so genau, und du wirst mehr tun für eine alte Frau, deren beste Lebenszeit nicht so glücklich und zufrieden war, wie sie hätte sein können, – als diese Frau für dich tut.«

Es war das erste Mal, daß ich meine Tante von ihrer frühern Lebensgeschichte sprechen hörte. In der anspruchslosen Weise, wie sie es tat und dann schnell abbrach, lag eine Großherzigkeit, die meine Liebe und Verehrung zu ihr womöglich noch vermehrte.

»Wir sind also so weit einigt, Trot,« sagte sie, »und brauchen nicht weiter davon zu reden. Gib mir einen Kuß. Wir wollen morgen nach dem Frühstück zu Doktors Commons gehen.«

Wir plauderten noch lange beim Feuer, ehe wir zu Bett gingen.

Mein Schlafzimmer befand sich mit dem meiner Tante auf einem Flur, und es störte mich ein wenig, daß sie in der Nacht oft bei mir anklopfte, wenn Fiaker in der Ferne rollten, und mich fragte, ob ich die Feuerspritzen hörte. Aber gegen Morgen schlief sie fester und ließ mich in Ruhe. Mittags machten wir uns auf den Weg nach der Kanzlei der Herren [56] Spenlow & Jorkins in Doktors Commons. Meine Tante hatte noch eine andere vorgefaßte Meinung von London und sah in jedem Menschen einen Taschendieb. Deshalb gab sie mir ihre Börse mit zehn Guineen und etwas Silbergeld zum Tragen.

Wir waren fast am Ziel, als sie plötzlich ihre Schritte beschleunigte und ganz erschreckt aussah. Es fiel mir auf, daß ein ärmlich gekleideter, verdächtig aussehender Mann, der uns eine Weile aufmerksam angestarrt, jetzt schnell hinter uns herging, als wolle er meine Tante anrempeln.

»Trot, lieber Trot!« flüsterte sie mir erschrocken zu und preßte meinen Arm. »Ich weiß nicht, was ich tun soll!«

»Beunruhige dich nicht,« sagte ich. »Es ist kein Grund dazu. Tritt in einen Laden, und ich werde mit dem Burschen sehr schnell fertig sein.«

»Nein, nein, Kind,« entgegnete sie, »um alles in der Welt, sprich nicht mit ihm. Ich bitte dich, ich befehle es dir!«

»Aber lieber Himmel, Tante!« sagte ich. »Er ist nichts als ein frecher Bettler.«

»Du weißt nicht, wer er ist,« entgegnete meine Tante. »Du weißt nicht, was du sprichst.«

Wir waren mittlerweile in einen Torweg getreten, und der Mann war ebenfalls stehen geblieben.

»Sieh ihn nicht an,« sagte meine Tante, als ich mich zornig umdrehte. »Bitte besorge mir eine Droschke, mein Kind, und erwarte mich auf dem Paulskirchhof.«

»Dich erwarten?« wiederholte ich.

»Ja,« antwortete meine Tante. »Ich muß mit ihm gehen.«

»Mit ihm, Tante? Mit diesem Mann?«

»Ich bin vollständig bei Sinnen,« antwortete sie, »und ich sage dir, ich muß. Hole mir eine Droschke.«

So sehr mich ihr Benehmen in Erstaunen versetzte, fühlte ich doch, daß ich kein Recht hatte, einen so entschieden ausgesprochenen Wunsch abzuschlagen. Ich ging eilig ein paar Schritte und rief einen leer vorbeifahrenden Fiaker an. Ich hatte kaum Zeit, den Tritt herabzulassen, als meine Tante schon hineinstieg und[57] der Mann ihr folgte. Sie winkte mir mit der Hand so ernstlich, zu gehen, daß ich unwillkürlich sofort gehorchte. Ich hörte noch, wie sie zu dem Kutscher sagte: »Fahren Sie los, ganz gleichgültig, wohin!«

Es fiel mir wieder ein, was mir Mr. Dick erzählt und was ich damals für eine Sinnestäuschung von ihm gehalten hatte. Ohne Zweifel war der Unbekannte, von dem er gesprochen, derselbe, obgleich ich mir nicht im mindesten denken konnte, welcher Art sein Einfluß auf meine Tante sein mochte. Nach einer halben Stunde Wartens auf dem Kirchhof sah ich den Wagen wieder kommen, und meine Tante saß allein drin.

Sie hatte sich noch nicht genügend von ihrer Aufregung erholt, um den beabsichtigten Besuch sogleich machen zu können. Ich mußte zu ihr einsteigen, und wir fuhren eine Weile langsam die Straße auf und ab. Sie sagte weiter nichts als: »Mein liebes Kind, frage mich niemals, was eben geschehen ist, und sprich nicht davon.«

Als sie ihre Fassung endlich wiedergewonnen hatte, sagte sie, sie sei jetzt wieder ganz ruhig und wir könnten aussteigen. Als sie mir ihre Börse gab, damit ich den Kutscher bezahle, bemerkte ich, daß die Guineen nicht mehr drin waren; nur noch das Silbergeld.

Ein kleiner niedriger Torweg führte uns zu Doktors Commons. Schon nach ein paar Schritten schien mir das Geräusch der Stadt wie durch Zauber in weite Ferne gerückt. Ein paar stille Höfe und schmale Gänge brachten uns zu der Kanzlei von Spenlow & Jorkins, die Oberlicht hatte und in deren Vorzimmer drei oder vier Schreiber tätig waren. Einer derselben, ein kleiner vertrockneter Mann mit einer steifen, braunen Perücke, die wie aus Pfefferkuchen aussah, stand auf, um meine Tante zu begrüßen, und wies uns in Mr. Spenlows Zimmer.

»Mr. Spenlow ist bei Gericht, Maam,« sagte er, »er hat Tagfahrt im Archivgericht, aber es ist gleich daneben, und ich werde sofort um ihn schicken.«

Während wir warteten, benutzte ich die Gelegenheit, mich umzusehen. Das Mobiliar des Zimmers war altmodisch und verstaubt. Das grüne Tuch auf [58] dem Schreibtisch hatte die Farbe ganz verloren und sah welk und bleich aus wie ein Findelkind. Es lagen viele beschriebene Rollen darauf, einige bezeichnet mit Konsistorial-, andere mit Archivgericht, andere mit Prerogativ- und Admiralitätsgericht, noch andere mit Delegiertengericht, so daß ich mich erstaunt fragte, wie viel Gerichte es wohl überhaupt geben möge und wie lange es wohl dauern würde, bis ich das alles verstünde. Außerdem bemerkte ich mehrere außerordentlich dicke Bücher mit notariell aufgenommenen Zeugenaussagen, stark gebunden und in Reihen gestellt, immer eine Reihe für je einen Rechtsfall. Alles das sah sehr einträglich aus und gab mir einen angenehmen Begriff von den Geschäften eines Proktors. Ich musterte mit zunehmendem Wohlgefallen diese und andere ähnliche Gegenstände, als man draußen eilige Schritte hörte und Mr. Spenlow in einem schwarzen, mit weißem Pelz besetzten Talar hereintrat.

Er war ein kleiner, hellblonder Gentleman mit tadellosen Stiefeln und einem weißen Halskragen von der steifsten Sorte. Sehr knapp und sorgfältig zugeknöpft schien er sich sehr viel Mühe mit der Pflege seines sorgfältig gelockten Backenbarts gegeben haben. Seine goldne Uhrkette war so schwer, daß mich die spaßhafte Vermutung beschlich, ob er, um sie herauszuziehen, nicht auch einen so starken, goldnen Arm haben müßte, wie er über den Läden der Goldschmiede zu sehen ist. Er war so sorgfältig angezogen und so steif, daß er sich kaum verbeugen konnte, und wenn er ein paar Papiere auf seinem Pult ansehen wollte, sich aus der Hüfte heraus verneigen mußte wie eine Gliederpuppe.

Meine Tante stellte mich vor. Er begrüßte mich mit großer Höflichkeit und sagte dann:

»Sie gedenken also, Mr. Copperfield, sich unserm Beruf zu widmen. Ich erwähnte neulich zufällig Miß Trotwood, als ich das Vergnügen hatte, mit ihr zu sprechen – er machte eine höfliche Gliederpuppenverbeugung –, daß bei uns eine Stelle vakant sei. Miß Trotwood war so freundlich zu bemerken, daß sie einen Neffen habe, für den sie eine gute Stellung suche. [59] Diesen Neffen habe ich jetzt wahrscheinlich das Vergnügen?« – wieder Puppenverbeugung.

Ich verbeugte mich ebenfalls und erwiderte, meine Tante habe es mir mitgeteilt; ich könnte aber jetzt noch nicht sagen, wie es mir gefallen würde, ehe ich nicht mehr davon kennen gelernt hätte, und daß ich voraussetzte, ich würde sozusagen versuchsweise ein treten dürfen.

»O gewiß, gewiß!« sagte Mr. Spenlow. »Wir schlagen in unserm Geschäft immer einen Monat vor – einen Probemonat. Ich würde mich glücklich schätzen, zwei Monate oder drei oder eine unbestimmte Zeit anzubieten, aber ich habe einen Kompagnon, Mr. Jorkins.«

»Und die Gebühr beträgt tausend Pfund, Sir?« fragte ich weiter.

»Die Gebühr, Stempel eingerechnet, beträgt tausend Pfund. Wie ich schon zu Miß Trotwood erwähnte, werde ich nie von gewinnsüchtigen Rücksichten bestimmt oder gewiß weniger als die meisten Menschen. Mr. Jorkins hat jedoch seine Ansichten über die Sache, und ich halte es für meine Pflicht, Mr. Jorkins Meinung zu respektieren. Mr. Jorkins hält tausend Pfund sogar für zu wenig.«

»Ich nehme an,« sagte ich, immer noch in der Hoffnung, meiner Tante Ausgaben ersparen zu können, »daß Sie sicherlich einem eingeschriebenen Angestellten, wenn er sich besonders nützlich macht und seinen Beruf gründlich erfüllt – ich mußte erröten, denn es klang so sehr wie Selbstlob –, in den letzten Jahren seiner Lehrzeit –«

Mr. Spenlow beeilte sich, meinem Wort »Salair« zuvorzukommen, und hob mit großer Anstrengung seinen Kopf so weit über den Halskragen, um ihn schütteln zu können.

»Nein! Ich will nicht sagen, wie ich über diesen Punkt denken würde, wenn ich nicht gebunden wäre. Mr. Jorkins ist unerbittlich.«

Mir wurde ordentlich angst vor diesem schrecklichen Mr. Jorkins. Später fand ich, daß er ein sehr sanfter Mann von etwas trägem Temperament war, der im [60] Geschäft selbst stets unbemerkt im Hintergrund blieb, aber immer als der hartnäckigste und unbarmherzigste Mensch vorgeschoben wurde. Wenn ein Schreiber höheres Gehalt haben wollte, zeigte sich Mr. Jorkins unerbittlich. War ein Klient langsam im Bezahlen der Kosten, so bestand Mr. Jorkins hartherzig darauf, und so höchst unangenehm diese Sachen für Mr. Spenlows Gefühle sein mochten, – Mr. Jorkins bestand auf seinem Schein. Das Herz und die Hand des guten Engels Spenlow wären immer offen gewesen ohne den Dämon Jorkins. Im spätern Alter habe ich noch manche Kanzlei kennen gelernt, die nach dem Prinzip Spenlow & Jorkins vorging.

Es wurde vereinbart, daß ich meinen Probemonat anfangen sollte, sobald es mir beliebe, und daß bis zu seinem Ablauf meine Tante ruhig in Dover bleiben könne, da ihr der Kontrakt ohne Schwierigkeiten zur Unterschrift nach Hause geschickt werden würde. Als wir das abgemacht hatten, erbot sich Mr. Spenlow, mich im Gerichtshof herumzuführen. Ich nahm es sehr gerne an, und wir gingen fort, ließen aber meine Tante zurück, da sie sich, wie sie sagte, an solche Orte nicht wagte. Sie schien Gerichtshöfe für eine Art Pulvermühlen, die jeden Augenblick auffliegen könnten, zu halten.

Mr. Spenlow führte mich durch einen gepflasterten, von ernsten Ziegelsteingebäuden umgebenen Hof – nach den Schildern an den Türen und den Namen der Doktoren zu schließen, Amtswohnungen der studierten Advokaten, von denen Steerforth gesprochen, – und dann in einen großen dunkeln Saal linker Hand, der fast wie eine Kapelle aussah.

Der rückwärtige Teil des Raumes war durch ein Gitter abgesperrt. Drin saßen an beiden Seiten einer erhöhten Bühne in Hufeisenform auf altmodischen Speisezimmerlehnstühlen in roten Talaren und grauen Perücken die erwähnten Doktoren. In der Rundung des Hufeisens zwinkerte über einem kleinen Pult, das wie eine Kanzel aussah, ein alter Herr hervor, den ich, wenn er in einem Vogelkäfig gesessen hätte, für eine Eule gehalten haben würde, der aber nur, wie ich erfuhr, der vorsitzende [61] Richter war. Innerhalb des Hufeisens, etwas niedriger – sozusagen zu ebner Erde –, saßen verschiedne andere Herren von Mr. Spenlows Rang, wie er in schwarze, mit weißem Pelz verbrämte Amtstracht gekleidet. Ihre Kragen waren durchweg sehr steif und ihre Blicke sehr hochfahrend; aber in letzterer Hinsicht bemerkte ich, daß ich ihnen unrecht getan hatte, als zwei oder drei von ihnen aufzustehen und eine Frage des vorsitzenden Richters zu beantworten hatten. Noch nie sah ich etwas Schafsmäßigeres.

Das Publikum, bestehend aus einem Burschen mit einem langen Umhängtuch und einem schäbig eleganten Herrn, der heimlich Brotkrumen aus seinen Rocktaschen aß, wärmte sich an einem Ofen in der Mitte des Saales. Die schläfrige Stille des Ortes wurde nur durch das Knistern des Ofenfeuers oder die Stimme eines der Doktoren unterbrochen, wenn einer von diesen Herren langsam durch die ganze Bibliothek von Zeugenaussagen wanderte und nur unterwegs manchmal zur Equickung bei irgend einem kleinen Argument einkehrte.

Mein ganzes Leben lang habe ich nie einer so gemütlichen, schläfrigen, altmodischen, zeitvergessenen, kleinen Familiensitzung beigewohnt. Ich fühlte, es mußte auf jeden Mann beruhigend wie ein Opiat wirken, ausgenommen auf einen Klienten.

Sehr befriedigt von dem träumerischen Charakter des Ortes gab ich Mr. Spenlow zu verstehen, daß ich vorläufig genug gesehen hätte, und wir begaben uns wieder zu meiner Tante, mit der ich sodann Commons verließ. Noch beim Herausgehen bei Spenlow & Jorkins sah ich, wie die Schreiber einander anstießen und mit ihren Federn auf mich deuteten, was mir meine große Jugend wieder sehr lebhaft vor Augen führte.

Wir erreichten Lincolns Inns Fields ohne neue Abenteuer, außer daß wir einem unglücklichen Esel vor einem Obstkarren begegneten, der in meiner Tante peinliche Erinnerungen erweckte. Wir führten noch eine lange Unterhaltung über meine Zukunft, als wir in unserer Wohnung angekommen waren. Da ich wußte, wie sehr sie sich nach Hause sehnte und geplagt von [62] ihren wunderlichen Gedanken über Feuer, Taschendiebe und Nahrungsmittel sich keine halbe Stunde in London glücklich fühlen konnte, drang ich in sie, sich meinetwegen keine Sorge zu machen, sondern mich ruhig mir selbst zu überlassen.

»Ich habe auch schon dran gedacht, liebes Kind, und bin nicht umsonst eine Woche hier gewesen. Eine kleine möblierte Wohnung ist in Adelphi zu vermieten, Trot! Sie würde wunderbar für dich passen!«

Damit holte sie aus ihrer Tasche eine aus einer Zeitung sorgfältig herausgeschnittene Anzeige, daß in der Buckingham Straße in Adelphi einige möblierte Zimmer als elegante Wohnung für einen jungen Herrn der Rechtshörerschaft zu vermieten und gleich zu beziehen seien. Der Preis war billig, hieß es, und die Wohnung könnte auch für einen Monat überlassen werden.

»Ja, das ist das Wahre, Tante,« sagte ich, ganz erregt von der Aussicht, eine eigne Wohnung zu beziehen.

»Also komm,« erwiderte meine Tante und setzte sogleich wieder ihren Hut auf, den sie eben erst abgelegt hatte. »Wir wollens uns ansehen.«

Wir gingen aus. Die Anzeige wies uns an eine gewisse Mrs. Crupp, und wir zogen die Hausglocke. Erst nach drei- bis viermaligem Läuten konnten wir Mrs. Crupp in Gestalt einer beleibten Dame, deren flanellner Unterrock unter einem Nankingkleid hervorguckte, zu Gesicht bekommen.

»Bitte zeigen Sie uns Ihre Zimmer, Maam,« sagte meine Tante.

»Für diesen jungen Herrn?« fragte Mrs. Crupp und suchte in der Tasche nach dem Schlüssel.

»Ja, für meinen Neffen.«

»Is a wunderschöne Wohnung für so an Herrn,« sagte Mrs. Crupp.

Wir folgten ihr die Treppe hinauf.

Die Wohnung befand sich im obersten Stock des Hauses, ein großer Vorzug in den Augen meiner Tante – wegen der Feuersgefahr –, und bestand aus einem kleinen Eintrittszimmer, so dunkel, daß man kaum etwas sehen konnte, einem kleinen stockfinstern Vorratszimmer, [63] in dem man überhaupt nichts sehen konnte, einem Wohnzimmer und einer Schlafkammer. Die Möbel waren recht verschossen, aber gut genug für mich. Und unten floß der Fluß vorbei.

Da mir die Wohnung gefiel, zogen sich meine Tante und Mrs. Crupp in die Speisekammer zurück, um über die Bedingungen zu verhandeln, während ich im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen blieb und kaum an die Möglichkeit zu denken wagte, der Mieter eines so vornehmen Quartiers zu werden. Nach einem Zweikampf von einiger Dauer kehrten sie zurück, und ich las zu meiner Freude an ihren Gesichtern, daß die Sache abgemacht sei.

»Sind das die Möbel des letzten Mieters?« fragte meine Tante.

»Ja, Maam.«

»Was ist aus ihm geworden?«

Mrs. Crupp wurde von einem quälenden Husten befallen, zwischen dem sie mit großer Schwierigkeit hervorstieß: »Er wurde krank hier, Maam, und – und – uch, uch, uch, mein Gott, – er starb.«

»Ha! Woran starb er?«

»Er starb vom Trinken und vom Rauchen.«

»Rauchen? Sie meinen doch nicht Ofenrauch?« fragte meine Tante.

»Nein, Maam. Von Zigarren und Pfeifen.«

»Das ist wenigstens nicht ansteckend, Trot,« bemerkte meine Tante, sich zu mir wendend.

»Nein,« sagte ich, »allerdings nicht.«

Mit einem Wort, da meine Tante sah, wie sehr mir die Wohnung gefiel, nahm sie sie, vorläufig auf einen Monat, und wenn dann keine Kündigung erfolgen sollte, für das ganze Jahr. Mrs. Crupp hatte die Wäsche und das Kochen zu besorgen; alles andere war bereits abgemacht, und Mrs. Crupp verpflichtete sich ausdrücklich, daß sie mich stets wie einen Sohn lieben werde. Ich sollte übermorgen einziehen, und sie sagte, sie danke dem Himmel, daß sie wieder für jemand zu sorgen habe.

Auf dem Heimwege gab meine Tante der Hoffnung Ausdruck, das Leben, das ich jetzt zu beginnen im Begriffe [64] stehe, werde mir einen selbständigen und festen Charakter geben; weiter verlange sie nichts. Sie wiederholte das noch mehrere Male am folgenden Tag, während wir die Hersendung meiner Bücher und Sachen von Mr. Wickfield regelten. Ich schrieb bei dieser Gelegenheit einen langen Brief an Agnes, den meine Tante zu besorgen versprach.

Sie sorgte für alle meine möglichen Bedürfnisse während des Probemonats auf das reichlichste und freute sich schon auf die bevorstehende Demütigung der Esel in Dover. Zu ihrer und meiner großen Überraschung erschien Steerforth nicht und, als die Kutsche fort war, wandte ich mich dem Adelphi zu und mußte an die Tage denken, wo ich durch seine unterirdischen Bogengänge streifte, und an die glücklichen Veränderungen, die mich wieder ans Licht gebracht.

Viertes Kapitel

Meine erste Ausschweifung.


Es war etwas wunderbar Schönes, das hohe Schloß für mich allein zu haben und mich, wenn ich die Außentür zumachte, zu fühlen wie Robinson Crusoe, wenn er sich in seiner Festung befand und die Leiter hinter sich hinaufgezogen hatte. Es war etwas Zauberhaftes, mit dem Hausschlüssel in der Tasche in der Stadt herumzugehen und zu wissen, daß man jeden zu sich einladen könnte, ohne irgend jemand damit zu belästigen, als höchstens sich selbst; so wunderbar herrlich, kommen und gehen zu können, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen, und die keuchende Mrs. Crupp aus den Tiefen der Erde heraufzuläuten, wenn man sie brauchte – und sie Lust hatte zu kommen.

Alles das war wunderbar schön, aber eigentlich auch manchmal recht langweilig. Es war sehr hübsch besonders an einem schönen Morgen, frisch und lebendig [65] bei Tag und noch mehr bei Sonnenschein. Aber wenn der Tag sank schien das Leben ebenfalls unterzugehen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber es war selten gemütlich bei Kerzenschein. Ich hätte jemand haben mögen, um mich mit ihm zu unterhalten. Agnes fehlte mir. An ihrer Statt – die sie immer lächelnd meine Herzensergüsse aufgenommen – herrschte eine öde Leere.

Und bis zu Mrs. Crupp war ein recht weiter Weg.

Nach zwei Tagen und Nächten kam es mir vor, als hätte ich schon ein Jahr dort gewohnt und, da Steerforth immer noch nicht erschien und ich fürchtete, er könnte krank sein, machte ich am dritten Tag frühmorgens einen Abstecher nach Highgate. Mrs. Steerforth freute sich sehr, mich zu sehen, und sagte mir, er sei zu einem seiner oxforder Freunde auf Besuch nach Saint Albans gegangen, käme aber morgen zurück. Ich hatte ihn so gern, daß ich auf seine oxforder Freunde ordentlich eifersüchtig war.

Da man mich so dringend zum Essen einlud, mußte ich annehmen, und wir sprachen den ganzen Tag nur von ihm. Ich erzählte Mrs. Steerforth, wie gerne ihn die Leute in Yarmouth hätten, und was er für ein angenehmer Gesellschafter gewesen sei. Miß Dartle war wie gewöhnlich voller Andeutungen und geheimnisvoller Fragen, hörte aber mit so großem Interesse zu und fragte so oft: »wirklich, ist es wirklich – –?« bis sie alles erfahren hatte, was sie wissen wollte. Sie sah genau so aus wie bei meinem ersten Besuch, aber die Damengesellschaft erschien mir so angenehm, daß ich mich ein ganz klein wenig in Miß Dartle verliebte. Mehrmals am Abend und besonders, als ich nachts nach Hause ging, drängte sich mir der Gedanke auf, was für ein angenehmer Verkehr sie für mich in der Buckinghamstraße sein müßte.

Ich verzehrte am andern Morgen gerade meinen Kaffee mit Semmeln, – es war wunderbar, wieviel Kaffee Mrs. Crupp verbrauchte und wie schwach er dabei war, – als zu meiner grenzenlosen Freude Steerforth hereintrat.

»Lieber Steerforth!« rief ich aus. »Ich fing schon an zu glauben, ich würde dich nie mehr wiedersehen.«

[66] »Sie haben mich fast gewaltsam entführt,« sagte Steerforth, »gleich am nächsten Morgen nach meiner Rückkehr. Aber Daisy, du haust ja hier wie ein alter Junggeselle.«

Ich zeigte ihm die ganze Wohnung und sogar die Speisekammer voll Stolz, und er lobte alles sehr.

»Ich will dir was sagen, alter Junge,« fügte er dann hinzu. »Ich hätte Lust, das zu meinem Absteigequartier zu machen, bis du mir kündigst.«

Ich war entzückt. Ich sagte ihm, wenns auf die Kündigung ankäme, könnte er bis zum Jüngsten Tag warten.

»Aber du mußt doch etwas frühstücken,« sagte ich und griff nach der Klingel. »Mrs. Crupp soll dir frischen Kaffee kochen, und ich will dir auf meinem neuen Junggesellenherd ein wenig Schinken rösten.«

»Nein, nein,« sagte Steerforth, »klingle nicht. Ich kann nicht. Ich muß mit zwei Kollegen im Piazza- Hotel in Covent Garden frühstücken.«

»Dann kommst du aber doch zum Mittagessen?«

»Mein Wort, ich kann nicht! Nichts würde mir angenehmer sein, aber ich muß bei den beiden bleiben. Wir wollen alle drei morgen früh wieder fort.«

»Nun, dann bring sie mit hierher zu Tisch,« schlug ich vor. »Glaubst du, sie würden kommen?«

»O, gewiß sehr gerne,« sagte Steerforth, »aber wir würden dir Ungelegenheiten machen. Speise du lieber mit uns irgendwo.«

Damit wollte ich mich in keiner Weise einverstanden erklären. Ich konnte doch keine bessere Gelegenheit finden, ein kleines Antrittsfest zu geben. Ich war auf meine Wohnung noch einmal so stolz, nachdem Steerforth sie so gelobt hatte, und brannte vor Verlangen, sie alle Stücke spielen zu lassen. Er mußte mir daher auf das bestimmteste im Namen seiner Freunde für sechs Uhr abends zusagen.

Als er fort war, klingelte ich Mrs. Crupp und weihte sie in meinen verwegnen Plan ein. Sie sagte vorerst, selbstverständlich könne man von ihr nicht erwarten, daß sie bei Tisch bediene, aber sie kenne einen gewandten jungen Mann, der für fünf Schillinge [67] und ein kleines Trinkgeld vielleicht dazu bereit wäre. Ich bestellte natürlich diesen jungen Mann. Dann sagte Mrs. Crupp, sie könne selbstverständlich nicht an zwei Orten zugleich sein, was mir einleuchtete, und daß ein junges »Gschöpf« in der Speisekammer, um Teller zu waschen, unentbehrlich sei. Ich fragte, was so ein Mädchen kosten könne, und Mrs. Crupp sagte, achtzehn Pence würden mich kaum zugrunde richten. Das sah ich ein, und so war alles abgemacht. Dann sagte Mrs Crupp: »Jetzt also das Essen.« Es war ein Bemerkenswertes Beispiel von Gedankenlosigkeit seitens des Ofensetzers, daß Mrs. Crupps Küchenherd so gebaut war, daß man nur Hammelkoteletten und Kartoffelbrei darauf kochen konnte. Den Fischkessel, sagte sie, sollte ich nur einmal in der Küche ansehen. Weiter könne sie nichts sagen.

Warum sollte ich ihn ansehen! Da es doch nichts geholfen hätte, schlug ich es ab und sagte ihr: »Also kein Fischgericht!« Aber Mrs. Crupp meinte: »Sagen Sie das nicht, es gibt doch Austern! Warum wollen Sie die nicht nehmen?« Das war also auch abgemacht. Dann sagte Mrs. Crupp, sie würde folgendes empfehlen: »Ein paar gebratene Hühner – aus der Hotelküche; ein Gericht gedämpftes Rindfleisch mit Gemüse – aus der Hotelküche; zwei Zwischenspeisen – aus der Hotelküche; eine Pastete mit Bohnen – aus der Hotelküche; eine Torte mit Früchtengelee – aus der Hotelküche.« Das, meinte Mrs. Crupp, würde ihr volle Zeit lassen, ihre geistigen Fähigkeiten auf die Kartoffeln zu konzentrieren und den Käse und die Sellerie, so rasch wie ich es wünschte, servieren zu können.

Ich handelte nach Mrs. Crupps Rat und gab selbst in der Hotelküche die nötigen Aufträge. Als ich nachher am Strand entlang ging und in einem Fleischladen eine harte marmorierte Substanz mit der Aufschrift »Mockturtle« erblickte, ließ ich mir ein Stück abschneiden, das, wie ich später erfuhr, für fünfzehn Personen gereicht hätte. Nicht ohne einige Schwierigkeit verstand sich Mrs. Crupp dazu, das Präparat aufzuwärmen. Es schmolz aber in flüssigem Zustand so zusammen, daß es, wie Steerforth sagte, knapp ein »Happen« für vier war.

[68] Außerdem kaufte ich noch ein kleines Dessert auf dem Covent Garden Markt und gab einem Weinhändler in der Nachbarschaft einen namhaften Auftrag. Als ich nachmittags nach Hause kam und die Flaschen auf dem Fußboden der Vorratskammer im Viereck aufgeschichtet sah, kamen sie mir so zahlreich vor (obgleich zwei fehlten, was Mrs. Crupp sehr unangenehm war), daß ich geradezu darüber erschrak.

Der eine von Steerforths Freunden hieß Grainger, der andere Markham. Beide waren sehr fröhliche, lebenslustige junge Leute. Grainger war etwas älter als Steerforth, Markham sah jugendlich aus und konnte höchstens zwanzig sein. Es fiel mir auf, daß Markham stets von sich als der »Mensch« sprach und nie in der ersten Person.

»Der Mensch könnte sich hier sehr wohl befinden, Mr. Copperfield,« sagte Markham.

»Es ist keine schlechte Lage,« stimmte ich zu, »die Wohnung ist wirklich recht bequem.«

»Ich hoffe, ihr habt beide guten Appetit mitgebracht,« fragte Steerforth.

»Ehrenwort!« erwiderte Markham. »Der Mensch bekommt in der Stadt Appetit. Man ist den ganzen Tag hungrig. Man ißt in einem fort.«

Da ich ein wenig befangen war am Anfang und mir zu jung vorkam, um den Wirt zu spielen, bat ich Steerforth zu präsidieren und setzte mich ihm gegenüber. Alles war sehr gut, wir sparten keinen Wein, und er übertraf sich selbst, so gut hielt er alles in Gang, so daß keine Pause in unserm Fest eintrat. Ich konnte während des Essens kein so guter Gesellschafter sein, wie ich wünschte, denn mein Stuhl stand der Tür gegenüber, und meine Aufmerksamkeit wurde immer dadurch abgelenkt, daß der gewandte junge Mann sehr oft das Zimmer verließ und sein Schatten stets unmittelbar darauf mit einer Flasche am Mund an der Wand erschien.

Auch das junge »Gschöpf« machte mir einige Sorgen. Nicht so sehr, weil sie stets vergaß, die Teller zu waschen, sondern weil sie sie immer zerbrach. Da sie sehr wißbegierig zu sein schien und sich nicht auf die Vorratskammer beschränkt hielt, lugte sie beständig[69] durch die halboffene Tür herein, hielt sich jedesmal für entdeckt und zog sich in diesem Glauben des öftern auf die Teller zurück, mit denen sie sorgfältig vorher den Fußboden belegt hatte, und richtete dadurch viel Zerstörung an.

Immerhin waren das geringfügige Unannehmlichkeiten, die ich bald vergaß, als das Tischtuch weggenommen war und das Dessert auf der Tafel stand, um welche Zeit, nebenbei gesagt, der gewandte junge Mann kaum mehr lallen konnte. Ich bedeutete ihm, die Gesellschaft der Mrs. Crupp aufzusuchen und auch das junge »Gschöpf« mit hinunterzunehmen, und überließ mich ganz dem Vergnügen.

Es fing damit an, daß ich sehr heiter wurde; ich erzählte allerlei halbvergessene Dinge und wurde ungewöhnlich gesprächig. Ich lachte herzlich über meine eignen Witze und die der andern, rief Steerforth zur Ordnung, weil er den Wein nicht hatte herumgehen lassen, versprach des öftern nach Oxford zu kommen, erklärte, daß ich vorläufig jede Woche ein solches Diner geben würde, und nahm so furchtbar viel Schnupftabak aus Graingers Dose, daß ich mich in die Speisekammer zurückziehen und zehn Minuten lang niesen mußte.

Der Wein ging immer schneller und schneller herum, und ich öffnete immer mehr Flaschen, lange, bevor es nötig war. Ich sagte, Steerforth sei mein teuerster Freund, der Beschützer meiner Kindheit und der Gefährte meiner Jugend. Ich müsse auf seine Gesundheit trinken. Ich schulde ihm mehr, als ich ihm je vergelten könnte, und bewunderte ihn mehr, als ich mit Worten zu sagen vermöchte. Und dann schloß ich: »Steerforth soll leben! Gott segne ihn! Hurra!« Wir gaben ihm dreimal drei Hurras und dann noch eins und ein noch recht ordentliches, um das Maß vollzumachen. Ich zerbrach mein Glas, als ich um den Tisch ging, ihm die Hand zu schütteln, und sagte in zwei Worten: »Steerforth! dubistderleitsternmeineslebens.«

So ging es fort, da bemerkte ich plötzlich, daß jemand mitten im Singen eines Liedes begriffen war. Markham sang und zwar: »Wenn die Sorg das Menschenherz mit Gram beschwert.« Am Schluß sagte er, er [70] möchte die Weiber leben lassen. Ich erhob Einspruch dagegen und gestattete es nicht. Ich fand die Form nicht respektvoll genug und wollte niemand in meinem Hause erlauben, anders als auf die »Damen« zu trinken. Ich wurde sehr heftig gegen ihn, weil ich sah, daß Steerforth und Grainger mich auslachten – oder ihn – oder uns beide. Er sagte, »man« ließe sich nichts vorschreiben. Ich war damit nicht einverstanden. Er sagte, der »Mensch« dürfte nicht beleidigt werden. Und ich gab ihm recht. – Unter meinem Dache, wo die Laren und die Gesetze der Gastfreundschaft geheiligt seien, dürfe niemand beleidigt wer den. Er sagte, es wäre des Menschen nicht unwürdig zu bekennen, daß ich ein verteufelt guter Kerl sei. Ich ließ ihn sofort hochleben.

Es rauchte jemand. Alle rauchten. Ich rauchte auch und unterdrückte mühsam einen Schüttelfrost. Steerforth hielt eine Rede auf mich, die mich fast bis zu Tränen rührte. Ich dankte in einer Gegenrede und hoffte, die Anwesenden würden morgen bei mir speisen und übermorgen – jeden Tag um fünf Uhr, damit wir einen langen Abend vor uns hätten. Ich fühlte mich bewogen, einen Privattoast auszubringen. Ich ließ meine Tante leben. Miß Betsey Trotwood, die beste ihres Geschlechts.

Es lehnte sich jemand aus meinem Schlafstubenfenster und kühlte sich die Stirn an dem steinernen Sims. Das war ich. Ich redete mich als Copperfield an und sagte: warum hast du geraucht! Du hättest ja wissen können, daß du es nicht vertragen kannst. Dann sah sich jemand in den Spiegel. Das war ich. Meine Augen blickten stier, und mein Haar – nur mein Haar, sonst nichts – sah ganz betrunken aus.

Jemand sagte zu mir: »Wir wollen ins Theater gehen, Copperfield.«

Ich befand mich nicht mehr im Schlafzimmer, sondern wieder an dem mit Gläsern bedeckten Tische. Da stand die Lampe; Grainger saß zu meiner Rechten, Markham links, Steerforth mir gegenüber, – alle von einem Nebel umgeben und weit, weit weg. »Ins Theater? Natürlich. Also los!« Aber sie müßten mich entschuldigen, [71] wenn ich sie erst alle hinausließe und die Lampe abdrehte wegen der Feuersgefahr.

Die Finsternis verwirrte mich. Die Tür war verschwunden. Ich tappte nach ihr in den Fenstergardinen, als Steerforth mich lachend beim Arme faßte und hinausführte. Wir gingen die Treppe hinunter, einer nach dem andern. Auf einer der letzten Stufen stolperte jemand und kollerte hinunter. Eine Stimme sagte, es sei Copperfield. Ich ärgerte mich über die Unwahrheit, bis ich mich im Hausflur auf dem Rücken liegend fand und zu glauben anfing, es müßte doch etwas Wahres dran sein.

Draußen lag starker Nebel, und um die Straßenlaternen hingen große Ringe. Ich hörte so etwas wie, es sei feucht. Mir kam es kalt vor. Steerforth staubte mich unter einer Laterne ab und bog meinen Hut zurecht, den irgend jemand auf höchst rätselhafte Weise irgendwo gefunden hatte. Dann sagte er. »Ist dir schon besser, Copperfield?« und ich erwiderte: »Nie besserer.«

Ein Mann in einem Taubenschlag blickte aus dem Nebel und kassierte Geld von jemand ein und fragte, ob ich einer der Herren wäre, für die gezahlt worden sei. Gleich darauf befanden wir uns sehr hoch oben in einem sehr heißen Theater, und ich sah in ein großes Parterre hinab, das mir zu dampfen schien, so wenig konnte ich die Leute, die darin zusammengepfropft saßen, unterscheiden. Auch eine große Bühne sah ich, die im Vergleich mit der Straße sehr rein und glatt schien, und es waren auch Leute darauf, die unverständlich von irgend etwas sprachen. Ein Überfluß von Licht, Musik, Damen in den Logen, und ich weiß nicht, was sonst noch. Alles schien schwimmen zu lernen und benahm sich ganz unerklärlich, wenn ich es festzuhalten versuchte. Auf irgend jemandes Anregung hin beschlossen wir hinunter in die erste Rangloge zu den Damen zu gehen. Ein Gentleman in Gesellschaftsanzug saß auf einem Sofa. Er zog mit einem Opernglas in der Hand an meinem Blick vorüber. Ebenso mein eignes Bild im Spiegel. Dann führte man mich in eine der Logen, und ich setzte mich irgendwo nieder, sagte [72] etwas, und die Leute in meiner Nähe riefen jemand »Ruhe« zu.

Und die Damen sahen mich empört an und – –, ja, was ist denn das? Da sitzt Agnes in der Reihe vor mir neben einer Dame und einem Herrn, die ich nicht kenne. Ich sehe ihr Gesicht jetzt noch – besser als damals – mit einem auf mich gerichteten, unbeschreiblichen Blick voll Schmerz und Verwunderung.

»Agnes!« sagte ich mit schwerer Zunge. »Mein Gott, Agnes!«

»Still, ich bitte dich,« sagte sie. Ich konnte nicht begreifen, warum. »Du störst das Publikum! Schau auf die Bühne.«

Ich versuchte meinem Blick eine bestimmte Richtung zu geben und etwas von dem zu verstehen, was unten vorging, aber es war vergebens. Ich sah sie wieder an, und sie drückte sich scheu in ihre Ecke und hielt ihre Hand an die Stirn.

»Agnes!« lallte ich, »Ichfürchtubisnichwohl.«

»Ja, ja. Bitte, laß mich, Trotwood!« erwiderte sie. »Höre. Gehst du bald wieder?«

»Gehbalwier?« wiederholte ich.

»Ja.«

Ich hatte die törichte Absicht, ihr zu antworten, daß ich auf sie warten wollte, um sie die Treppe hinunterzuführen. Ich mußte es irgendwie herausgebracht haben, denn, nachdem sie mich eine Weile aufmerksam angesehen, sagte sie leise:

»Ich weiß, daß du mir folgen wirst, wenn ich dir sage, daß mir sehr viel daran liegt. Geh jetzt, Trotwood! Um meinetwillen, und bitte deine Freunde, daß sie dich nach Hause bringen!«

Sie hatte mich doch so weit zur Besinnung gebracht, daß ich, wenn auch ärgerlich auf sie, mich schämte und mit einem kurzen »Gura!«, das gute Nacht heißen sollte, aufstand und fortging. Meine Freunde folgten mir, und ich trat aus der Logentür unmittelbar in mein Schlafzimmer, wo bloß noch Steerforth bei mir blieb, mir beim Ausziehen half, wobei ich ihm wiederholt versicherte, Agnes sei meine Schwester, und ihn immerwährend bat, [73] den Korkzieher zu bringen, damit ich noch eine Flasche Wein aufmachen könnte.

Irgend jemand lag in meinem Bett und sagte und tat das immer wieder die ganze Nacht hindurch in einem Fiebertraum und in buntem Wirrwarr, während das Bett wie eine rauhe See niemals stille stand. Aus diesem Jemand wurde langsam ich mit fieberndem Durst in einer heißen, trocknen Haut, die mich umhüllte wie ein hartes Brett.

Meine Zunge war dem Boden eines leeren Kessels gleich, beschlagen von langem Dienst und über einem langsamen Feuer röstend; meine Handflächen Platten von glühendem Metall, die kein Eis kühlen konnte.

Aber erst die Seelenqual, die Reue und die Scham, als ich am Morgen wieder meiner bewußt wurde! Mein Entsetzen, tausend Beleidigungen begangen zu haben, die ich vergessen hatte und nicht mehr gut machen konnte, – die Erinnerung an Agnes unbeschreiblichen Blick, das quälende Gefühl der Unmöglichkeit, mich mit ihr auszusprechen, da ich weder wußte, wann sie nach London gekommen war, noch wo sie wohnte! Mein Ekel bei dem bloßen Anblick der Stube, wo das Gelage stattgefunden hatte, – der Kopfschmerz, – der Geruch von Zigarrenrauch, der Anblick der Gläser, die Unfähigkeit, aufzustehen, geschweige denn auszugehen. Ach Gott, was war das für ein Tag!

Und der Abend! als ich am Kamin saß mit einem Teller Hammelsuppe, die ganz in Fett schwamm! – Gequält von dem Gedanken, daß ich jetzt auf demselben Wege sei wie mein Vormieter und der Erbe seiner traurigen Geschichte, war ich halb und halb willens, stracks nach Dover zu eilen und alles zu beichten! Wie dann Mrs. Crupp hereinkam, den Suppenteller holte und eine Niere auf dem Käseteller als einzigen Überrest des gestrigen Gelages vorwies, und ich dabei wirklich Neigung fühlte, an ihre Nankingbrust zu sinken und in aufrichtigem Elend zu sagen: »O Mrs. Crupp, Mrs. Crupp, reden Sie nicht von Fleisch, mir ist so miserabel.«

Aber selbst in diesem Katzenjammer fühlte ich so etwas wie Zweifel, daß Mrs. Crupp eine Frau sei, der man vertrauen könne.

[74] Fünftes Kapitel

Gute und böse Engel.


Ich trat am Morgen nach jenem beklagenswerten Tag von Kopfschmerz, Übelkeit und Reue, und vollständig verwirrt über das Datum des von mir gegebenen Festes, das mir ein paar Monate in die Vergangenheit zurückgeschoben schien, als hätte ein Heer von Titanen den Hebel der Zeit verrückt, aus meiner Stube, als ich einen Dienstmann mit einem Brief in der Hand die Treppe heraufkommen sah. Er ging ganz langsam; kaum sah er mich aber oben auf der Treppe, verfiel er in Trab und blieb keuchend vor mir stehen, als ob er sich bis zur äußersten Erschöpfung angestrengt hätte.

»D. Copperfield, Hochwohlgeboren,« sagte er und berührte mit seinem kleinen Rohrstock seine Mütze.

Ich konnte mich kaum zu dem Namen bekennen, so bestürzt war ich bei dem Bewußtsein, daß der Brief von Agnes kam. Endlich sagte ich, daß ich D. Copperfield, Hochwohlgeboren, sei und nahm das Schreiben, das, wie der Dienstmann sagte, auf Antwort wartete. Ich ließ ihn vor der Türe stehen und trat mit einer solchen Aufregung in die Stube, daß ich den Brief erst auf den Tisch legen mußte, um mich mit seiner Außenseite etwas vertraut zu machen, ehe ich mich entschließen konnte, ihn aufzubrechen.

Dann fand ich ein paar sehr freundliche Zeilen, die nicht den geringsten Hinweis auf meinen Zustand im Theater enthielten. Sie sagten weiter nichts als: »Lieber Trotwood! Ich wohne hier in dem Hause von Papas Agenten, Mr. Waterbroock, Elyplatz, Holborn. Willst Du mich heute zu jeder beliebigen Stunde besuchen? Immer Deine Agnes.«

Ich brauchte zur Abfassung einer mich befriedigenden Antwort so viel Zeit, daß ich wirklich nicht weiß, was der Dienstmann draußen sich gedacht haben muß; – wahrscheinlich, ich lernte schreiben.

[75] Ich muß mindestens ein halbes Dutzend Briefe entworfen haben. Einer fing an. »Wie kann ich jemals hoffen, liebe Agnes, daß Du den widerlichen Eindruck vergessen kannst, –« das gefiel mir nicht und ich zerriß den Brief. Ich fing wieder an: »Shakespeare sagt, liebe Agnes, wie seltsam es ist, daß der Mensch im eignen Mund seinen Feind – –« Aber das erinnerte mich an Markham, und ich kam nicht weiter. Ich fing ein drittes Billet mit einer Zeile von sechs Silben an: »Gedenke, gedenke –« aber das erinnerte mich an den Beginn der Inschrift auf dem Tower, die von Aufruhr und Pulververschwörung handelt. Nach vielen vergeblichen Versuchen schrieb ich endlich: »Meine liebe Agnes! Dein Brief ist ganz wie Du selbst, und ich kann nicht mehr zu seinem Lobe sagen. Ich komme um vier Uhr. Mit aufrichtiger Zuneigung Dein bekümmerter D.C.« Mit diesem Brief, den ich wohl zwanzigmal zurücknehmen wollte, nachdem ich ihn kaum aus der Hand gegeben, trat der Dienstmann endlich den Rückweg an.

Wenn irgend einem der Berufsgentlemen in Doktors Commons der Tag nur halb so schrecklich vorkam wie mir, so hat er, glaube ich, genügend Buße für seinen Teil an diesem alten verrotteten kirchengesetzlichen Käse getan. Ich verließ die Kanzlei um halb vier, traf ein paar Minuten später vor Agnes Wohnung ein, und dennoch dauerte es eine volle Viertelstunde, ehe ich den verzweifelten Entschluß fassen konnte, an Mr. Waterbroocks Klingel zu ziehen.

Die Kanzlei für die laufenden Angelegenheiten Mr. Waterbroocks befand sich zu ebner Erde. Der vornehmere Teil der Berufsfragen wickelte sich im obern Teil des Hauses ab. Man führte mich in ein hübsches, aber kleines Gesellschaftszimmer, und hier saß Agnes und häkelte eine Börse.

Ihr Gesicht sah so gut und still aus und erinnerte mich so an die heitern, frischen Tage meiner Schulzeit in Canterbury und stach so sehr von dem betrunknen, durchräucherten Scheusal ab, das ich neulich gewesen, daß ich meiner Reue und Scham freien Lauf ließ und – kurz, mich wie ein Kind benahm. Ich kann nicht [76] leugnen, daß ich weinte. Bis zu dieser Stunde weiß ich noch nicht, ob es das Klügste oder das Lächerlichste war, was ich tun konnte.

»Wenn es irgend jemand anders gewesen wäre als du, Agnes,« sagte ich mit abgewandtem Gesicht, »würde es mich nur halb so grämen. Aber daß du grade mich so sehen mußtest! Ich wollte fast, ich wäre lieber gestorben.«

Sie legte ihre Hand – ihre Berührung war wie die keiner andern Hand – einen Augenblick auf meinen Arm, und ich fühlte mich so getröstet und beruhigt, daß ich sie dankbar an meine Lippen drückte.

»Setz dich doch,« sagte Agnes heiter. »Sei nicht unglücklich, Trotwood! Wenn du dich mir nicht anvertrauen kannst, wem denn sonst.«

»Ach, Agnes,« antwortete ich, »du bist mein guter Engel.«

Sie lächelte, wie mir schien, ziemlich trübe und schüttelte den Kopf.

»Ja, Agnes,« wiederholte ich, »mein guter Engel! Immer mein guter Engel!«

»Wenn ich das wirklich sein darf, Trotwood,« sagte sie, »dann kann ich dir auch sagen, daß mir etwas sehr am Herzen liegt.«

Ich sah sie forschend an, bereits mit einem Vorgefühl dessen, was kommen würde.

»Dich vor deinem bösen Engel warnen,« fuhr Agnes fort und sah mich fest an.

»Meine liebe Agnes, wenn du Steerforth meinst, –«

»Allerdings, Trotwood.«

»Dann tust du ihm sehr unrecht. Er mein oder irgend jemandes böser Engel! Er, der mir nie etwas anderes als ein Führer, eine Stütze und ein Freund gewesen ist. Liebe Agnes, ist es nicht ungerecht und deiner unwürdig, ihn nach dem, was du neulich abends sahst, zu beurteilen?«

»Ich beurteile ihn durchaus nicht danach,« gab sie ruhig zur Antwort.

»Wonach denn?«

»Nach mancherlei, an sich Kleinigkeiten, die mir[77] aber in einem andern Licht erscheinen, wenn ich sie zusammenhalte. Ich beurteile ihn teils nach dem, was du mir von ihm erzählt hast, Trotwood, teils nach deinem Charakter und dem Einfluß, den er auf dich ausübt.«

Es lag etwas in ihrer sanften Stimme, das in mir eine anklingende Seite zu berühren schien. Ihre Stimme war immer ernst, aber wenn sie sehr ernst war wie jetzt, übte sie einen überwältigenden Einfluß auf mich aus. Ich betrachtete Agnes, während sie stumm ihre Augen auf ihre Arbeit gesenkt hielt. Mir war es, als ob ich ihr noch immer zuhörte, und Steerforths Bild trat, trotz aller meiner Zuneigung zu ihm, durch ihren Ton wie in Dunkelheit zurück.

»Ich nehme mir sehr viel heraus,« sagte Agnes und blickte wieder auf, »wenn ich dir bei meiner geringen Weltkenntnis so zuversichtlich einen Rat gebe oder überhaupt eine so entschiedene Meinung äußere. Aber ich weiß, in welchen Gefühlen sie wurzelt, Trotwood; wie sie ihren Ursprung hat in der Erinnerung an unsere gemeinsam verlebte Jugend und in einer innigen Teilnahme an allem, was dich angeht. Das macht mich so sicher. Ich bin überzeugt, daß ich recht habe. Ich bin davon durchdrungen. Mir ist, als ob jemand anders durch mich spräche und nicht ich, wenn ich dich vor diesem gefährlichen Feinde warne.«

Wieder blickte ich sie an, wieder hatte ich die Empfindung, als ob sie noch spräche, während sie bereits schwieg, und wieder trat sein Bild in tiefen Schatten zurück.

»Ich erwarte nicht etwa,« begann Agnes abermals nach einer Weile, »daß du mit einem Schlag ein Gefühl, das dir bereits zur Überzeugung geworden ist, ausrotten kannst oder wirst; schon deswegen nicht, weil es seine Wurzeln in deinem vertrauenden Charakter hat. Du solltest das auch gar nicht versuchen. Ich bitte dich nur, Trotwood, wenn du an mich denkst – ich meine –,« sagte sie mit einem ruhigen Lächeln, denn ich wollte sie unterbrechen und sie wußte warum, – »so oft du an mich denkst, dich daran zu erinnern, [78] was ich dir eben gesagt habe. Verzeihst du mir alles das?«

»Ich werde dir verzeihen, Agnes,« erwiderte ich, »wenn du später einmal Steerforth Gerechtigkeit widerfahren läßt und ihn so gern haben wirst wie ich.«

»Erst dann?«

Ihr Gesicht umdüsterte sich einen Augenblick bei diesen Worten, aber sie erwiderte mein Lächeln, und wir waren wieder so rückhaltlos in unserer gegenseitigen Vertraulichkeit wie früher.

»Und wann wirst du mir den letzten Abend verzeihen, Agnes?«

»So oft ich mich daran erinnere!«

Sie wollte damit den Gegenstand fallen lassen, aber das Herz war mir zu voll davon, und ich beharrte darauf, ihr alles ausführlich zu erzählen und ihr auseinanderzusetzen, von welcher Kette zufälliger Umstände das Theater das letzte Glied gewesen war. Diese Erzählung und ein längeres Verweilen bei dem Dienst, den mir Steerforth an jenem Abend geleistet, gewährte mir eine große Erleichterung.

»Du darfst nicht vergessen,« sagte Agnes und lenkte, als ich ausgesprochen, die Unterhaltung ruhevoll auf ein anderes Thema, »daß du mir auch immer Bericht erstatten mußt, wenn du dich verliebst. Wer ist Miß Larkins Nachfolgerin geworden, Trotwood?«

»Niemand, Agnes.«

Agnes lachte und drohte mir mit dem Finger.

»Nein, Agnes, niemand. Auf mein Wort, niemand. Bei Mrs. Steerforth ist wohl eine Dame, die sehr gescheit ist und mit der ich mich gern unterhalte – Miß Dartle –, aber ich mache ihr gewiß nicht den Hof.«

Agnes lachte wieder über ihren Scharfblick und sagte, wenn ich ihr immer mein Vertrauen schenke, werde sie vielleicht ein kleines Register meiner heftigsten Neigungen anlegen, ähnlich den Tabellen über die Könige und Königinnen von England. Dann fragte sie mich, ob ich Uriah gesehen hätte.

»Uriah Heep? – Nein. Ist er denn in London?«

[79] »Er kommt täglich unten in die Kanzlei. Er fuhr schon eine Woche vor mir nach London. Ich fürchte wegen eines unangenehmen Geschäftes, Trotwood.«

»Ein Geschäft, das dir Unruhe macht, Agnes? Was kann das sein?«

Agnes legte ihre Arbeit weg, faltete ihre Hände und sah mich mit ihren schönen, sanften Augen nachdenklich an.

»Ich glaube, er will bei Papa ins Geschäft eintreten.«

»Was? Uriah? Dieser niedrige, kriecherische Kerl will sich in eine derartige Stellung drängen!« rief ich entrüstet. »Hast du denn dagegen gar keine Vorstellungen erhoben, Agnes? Bedenke doch, was das für eine Verbindung werden würde. Du mußt dich aussprechen darüber! Du darfst nicht dulden, daß dein Vater einen so wahnsinnigen Schritt tut. Du mußt es verhindern, so lange es noch Zeit ist!«

Agnes schüttelte den Kopf bei meinen Worten und lächelte ein wenig über meine Wärme, und dann erwiderte sie:

»Du erinnerst dich doch an unser letztes Gespräch wegen meines Vaters? Kaum einige Tage später ließ Papa mir gegenüber die erste Andeutung von dem fallen, was ich dir eben sagte. Es war ein trauriger Anblick, ihn mit dem Wunsch, mir es als eine Sache freier Wahl seinerseits vorzustellen, andererseits seine Unfähigkeit zu verbergen, daß ihm der Schritt aufgezwungen wurde, kämpfen zu sehen. Es schmerzte mich sehr.«

»Aufgezwungen, Agnes? Von wem?«

»Uriah hat sich Papa unentbehrlich gemacht,« fuhr sie nach einigem Schweigen fort. »Er ist schlau und wachsam. Er hat die Schwächen Papas durchschaut und sie ausgenützt, bis – kurz, Trot, – bis Papa ihn fürchtete.«

Es war ersichtlich, daß sie mehr hätte sagen können, mehr wußte oder wenigstens argwöhnte. Ich wollte ihr durch weiteres Fragen keinen Schmerz bereiten, denn ich wußte, daß sie es mir nur verschwieg, um ihren Vater zu schonen. Ich fühlte wohl, daß die Dinge allmählich [80] dieser Wendung entgegengereift sein mußten, und blieb stumm.

»Seine Macht über Papa ist sehr groß. Er stellt sich unterwürfig und bescheiden und dankbar, – vielleicht ist er es wirklich – ich will es wenigstens hoffen –, aber er hat eine sehr einflußreiche Stellung errungen und nützt seinen Einfluß aufs Äußerste aus.«

Ich sagte, er sei ein Hund, was mich für den Augenblick sehr befriedigte.

»Damals sprach Papa mit mir und sagte, Uriah wolle fort. Es täte ihm sehr leid, aber er habe bessere Aussichten. Papa war sehr niedergeschlagen und von Sorge gebeugter, als du und ich ihn jemals gesehen haben. Der Ausweg, Uriah als Teilhaber anzunehmen, schien ihn sehr zu erleichtern, wenn es auch seinen Stolz verletzte und er sich sehr deswegen zu schämen schien.«

»Und wie nahmst du es auf, Agnes?«

»Hoffentlich, Trotwood, tat ich das Richtige. Ich fühlte, daß das Opfer nötig war, Papas Ruhe wegen, und deshalb bat ich ihn, es zu bringen. Ich sagte ihm, es würde ihm die Last seines Lebens leichter machen – hoffentlich wird es das –, und es wäre mir noch mehr Gelegenheit gegeben, beständig um ihn zu sein. Ach, Trotwood!« Agnes bedeckte sich das Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus. »Mir ist es, als wäre ich meines Vaters Feind gewesen. Ich weiß, gegen wie viele Dinge er sich abgeschlossen hat bloß meinetwegen; wie seine Sorge um mich ihn ängstlich und schwach gemacht hat, weil er sich immer auf denselben Gedanken konzentrierte. Wenn ich das einmal wieder gutmachen könnte! Wenn ich ihn je wieder erheben könnte, so, wie ich jetzt unschuldigerweise die Ursache seines Verfalles bin.«

Ich hatte Agnes noch nie weinen sehen. Wohl hatte sie Tränen in den Augen gehabt, wenn ich immer wieder neue Ehren aus der Schule brachte, auch, als wir das letzte Mal von ihrem Vater sprachen; ich hatte gesehen, wie sie ihr liebliches Gesicht abwandte, als wir voneinander Abschied nahmen, aber nie war sie so schmerzlich erschüttert gewesen. Es berührte mich so[81] tief, daß ich nur in einer kindischen, hilflosen Weise sagen konnte: »Bitte, Agnes, weine nicht! Weine nicht! Meine liebe Schwester!«

Aber Agnes war mir zu sehr an Charakterfestigkeit und Willensstärke überlegen, wenn ich es auch damals noch nicht wußte, um meine Tröstungen nötig zu haben. Ihre schöne, ruhige Gelassenheit kehrte bald zurück wie heiterer Himmel über Wolken.

»Wir werden wohl nicht mehr lange allein bleiben,« sagte sie, »und so lange ich noch Zeit habe, laß mich dich ernstlich bitten, Trotwood, freundlich gegen Uriah zu sein. Stoß ihn nicht zurück. Sei nicht heftig gegen ihn, wenn du ihn unangenehm empfindest. Er verdient es vielleicht nicht, denn wir können ihm noch nichts Böses nachsagen. In jedem Fall denke zuerst an Papa und mich.«

Agnes konnte nichts weiter hinzufügen, denn die Türe ging auf und Mrs. Waterbroock kam hereingesegelt. Sie war eine große und breite Dame, die ein sehr weites Kleid trug. Vielleicht sah sie nur deswegen so aus. Ich entsann mich dunkel, sie im Theater gesehen zu haben wie in einer Zauberlaterne. Aber wie es schien, erinnerte sie sich meiner noch vollkommen und hatte mich noch immer im Verdacht, betrunken zu sein.

Als sie allmählich herausfand, daß ich nüchtern und ein ganz bescheidner, junger Mann sei, wurde sie viel milder gegen mich gestimmt und fragte mich vorerst, ob ich viel in der Gesellschaft verkehre. Auf meine Verneinung schien ich sehr in ihrer guten Meinung zu sinken, aber gnädig genug verbarg sie das und lud mich für den nächsten Tag zu Tisch ein. Ich nahm die Einladung an und nahm Abschied, suchte Uriah in der Kanzlei auf und ließ, da er abwesend war, meine Karte für ihn zurück.

Als ich tags darauf zum Essen kam, geriet ich beim Öffnen der Haustüre in ein Dampfbad von Schöpfenbratendunst und schloß daraus, daß ich nicht der einzige Gast sei.

Mr. Waterbroock war ein Mann in mittleren Jahren mit kurzem Hals und großem Kragen, und es [82] fehlte ihm zum Mops nur eine schwarze Nase. Er sagte mir, er schätze sich glücklich, die Ehre zu haben, meine Bekanntschaft zu machen. Und als ich mich vor ihm verbeugt hatte, stellte er mich mit großer Feierlichkeit einer ehrfurchtgebietenden schwarzsamtenen Dame in großem Velvethut vor, die mir wie eine nahe Verwandte Hamlets, etwa seine Tante, vorkam.

Sie hieß Mrs. Henry Spiker, und ihr Gatte – ein so frostiger Mann, daß sein grauer Kopf mit Reif bestreut zu sein schien, – war auch zugegen. Unendliche Ehren wurden den Henry Spikers erwiesen; wie mir Agnes sagte, weil Mr. Henry Spiker der Anwalt irgend jemandes war, der in entfernten Beziehungen zur königlichen Schatzkammer stand.

Uriah Heep traf ich auch in der Gesellschaft. Er war in einen schwarzen Anzug und tiefe Unterwürfigkeit gekleidet. Als ich ihm die Hand schüttelte, sagte er, er sei stolz, von mir beachtet zu werden, und fühle sich für meine Herablassung tief verpflichtet. Ich hätte lieber gesehen, er wäre mir weniger verpflichtet gewesen, denn er verfolgte mich wie ein Schatten den ganzen Abend hindurch, und so oft ich ein Wort zu Agnes sprach, sah er mit seinen wimperlosen Augen und seinem Leichengesicht gespenstisch auf uns hin.

Noch andere Gäste waren anwesend, alle in Eis eingekühlt gleich dem Wein. Einer zog meine Aufmerksamkeit besonders auf sich, ehe er noch hereintrat, da man ihn als Mr. Traddles anmeldete. Mit einem Schlag sah ich Salemhaus vor mir und dachte, »könnte das Tommy sein, der immer die Gerippe zeichnete?«

Ich brannte ordentlich auf Mr. Traddles Bekanntschaft. Er war ein stiller, gesetzt aussehender, junger Mann von zurückhaltendem Wesen und weit offenstehenden Augen und einem recht komischen Haarwuchs. Er versteckte sich so rasch in einem dunkeln Winkel, daß ich ihn nur mit Mühe wiederfinden konnte. Endlich gelang es mir, und entweder täuschten mich meine Augen oder es war wirklich der alte, unglückselige Tommy.

Ich bahnte mir einen Weg zu Mr. Waterbroock [83] und sagte, ich glaubte zu meinem großen Vergnügen, einen alten Schulkollegen hier gefunden zu haben.

»Wirklich?« sagte Mr. Waterbroock überrascht. »Sie sind doch viel zu jung, um mit Mr. Henry Spiker in der Schule gewesen zu sein.«

»O, den meine ich nicht, ich meine Mr. Traddles.«

»Ach so, ach so. Wirklich?« sagte mein Wirt mit merklich verminderter Teilnahme. »Schon möglich.«

»Wenn es wirklich derselbe ist, so waren wir in einem gewissen Salemhaus Kameraden, und er muß ein ganz vortrefflicher Mensch sein.«

»O ja, Traddles ist ein guter Kerl,« erwiderte mein Wirt und nickte mit duldsamer Miene. »Traddles ist ein recht guter Kerl.«

»Es ist ein seltsames Zusammentreffen.«

»Ja, wirklich,« stimmte mein Wirt bei. »Traddles wurde erst heute morgen eingeladen, als der Tischplatz, der für Mr. Henry Spikers Bruder bestimmt war, infolge seiner Unpäßlichkeit frei wurde. Mr. Henry Spikers Bruder ist ein sehr feiner Mann, Mr. Copperfield.«

Ich murmelte meine Zustimmung, trotzdem ich nichts von dem Betreffenden wußte, und fragte, was Mr. Traddles Beruf sei.

»Traddles steht vor der Advokatur. Hm, ja. Ja, er ist ein sehr guter Kerl, – hat niemand zum Feind als sich selber.«

»Er hat sich selbst zum Feinde?« sagte ich bedauernd, denn es tat mir leid, das zu hören.

»Nun ja.« Mr. Waterbroock spitzte den Mund und spielte in behäbiger, wohlwollender Art mit seiner Uhrkette. »Ich möchte sagen, er ist so einer von den Leuten, die sich selbst im Licht stehen. Ich möchte sogar sagen, daß er niemals mehr als fünfhundert Pfund wert sein wird. Traddles wurde mir von einem Geschäftsfreund empfohlen. Ach ja, er hat ein gewisses Talent, Rechtsfälle schriftlich klar auseinanderzusetzen. Ich kann ihm im Laufe des Jahres immerhin nicht Unbedeutendes zukommen lassen. O ja, ja.«

Die behäbige und zufriedene Art, mit der Mr.[84] Waterbroock sich in diesem kleinen Wort Ja ausließ, machte einen tiefen Eindruck auf mich. Es lag so viel darin. Mr. Waterbroock machte ganz den Eindruck eines Mannes, der, wenn auch nicht mit einem silbernen Löffel, so doch mit einer Leiter geboren worden war und alle Sprossen geschickt genommen hatte und jetzt mit dem Auge eines Philosophen und Gönners von oben auf die Leute herabsah.

Ich beschäftigte mich noch mit diesem Gedanken, als gemeldet wurde, es sei serviert. Mr. Waterbroock gab Hamlets Tante den Arm. Mr. Henry Spiker führte Mrs. Waterbroock. Agnes, die ich gern unter meine Obhut genommen hätte, bekam einen borniert lächelnden Menschen mit dünnen Beinen zum Tischherrn. Uriah, Traddles und ich schlossen als die jüngsten der Gesellschaft den Zug.

Ich verschmerzte das Mißgeschick, nicht neben Agnes sitzen zu dürfen, ein wenig dadurch, daß ich mich auf der Treppe Traddles zu erkennen geben konnte, der mich mit größter Wärme begrüßte, wobei Uriah sich so zudringlich vor lauter Unterwürfigkeit krümmte, daß ich ihn am liebsten über das Geländer geworfen hätte.

Traddles und ich wurden bei Tisch auseinander gesetzt und erhielten unsern Platz an zwei entgegengesetzten Ecken zugewiesen: er in dem Sonnenschein einer rotsamtnen Dame, ich in der düstern Nacht der Tante Hamlets.

Das Diner dauerte sehr lange, und die Unterhaltung drehte sich um Aristokratie und Vollblut. Mrs. Waterbroock sagte uns des Öftern, daß, wenn sie eine Schwäche besäße, es die für das Vollblut sei.

Es wäre viel gemütlicher gewesen, wenn wir uns nicht so vornehm benommen hätten. Wir taten so außerordentlich exklusiv, daß der Gesichtskreis in der Unterhaltung sehr eingeengt war. In der Gesellschaft befand sich ein Mr. Gulpidge mit Frau, der an zweiter Stelle mit den juristischen Geschäften der Bank zu tun hatte. So trug teils die Bank, teils das Schatzamt die Schuld, daß wir förmlich waren bis zum Äußersten. Dazu kam noch, daß Hamlets Tante den Erbfehler ihrer Familie hatte, viel Monologe [85] zu halten und über jedes Thema, auf das die Sprache kam, sich selbst eine Rede zu halten. Allerdings waren dieser Themen nur wenige, aber da wir immer wieder auf das Vollblut zurückkamen, so erschloß sich ihr ein ebenso weites Feld für abstrakte Spekulationen wie einst ihrem berühmten Neffen. Wir hätten ganz gut eine Gesellschaft von Werwölfen sein können, so blutig wurde allmählich die Unterhaltung.

»Ich gestehe, ich bin ganz Mrs. Waterbroocks Meinung,« sagte Mr. Waterbroock und hielt das Weinglas vor das Auge. »Jedes Ding hat seine gute Seite, aber das Blut ist die Hauptsache.«

»Ach,« fiel Hamlets Tante ein, »nichts gewährt so viel Befriedigung. Nichts entspricht in so hohem Grade dem beau idéal. Es gibt wohl – wenn auch zum Glück nicht viele – niedrige Kreaturen, die vor Dingen niederknieen, die ich Götzenbilder nennen möchte. Entschieden Götzenbilder! Vor Verdienst, Talent und dergleichen! Aber das sind unfaßbare Begriffe. Blut ist etwas anderes. Wir erkennen Blut an einer Nase. Wir sehen es an der Kinnbildung und sagen, da ist es. Da ist Vollblut. Es ist eine greifbare Sache. Wir können mit Fingern darauf zeigen. Es läßt keinen Zweifel zu.«

Der Simpel mit den dünnen Beinen, der neben Agnes bei Tisch saß, verteidigte die Sache noch viel entschiedener.

»Meine Herrschaften, äh, sie wissen,« sagte er und blickte mit dummem Lächeln herum, »wir können Vollblut nicht entbehren. Einige junge Leute, äh, sind vielleicht in Erziehung und Benehmen hinter ihrer Stellung zurückgeblieben und mögen ein bißchen auf falschem Weg sein, äh, und bringen sich und andere in Verlegenheit, aber auf Ehre, äh, es ist immer angenehm, zu denken, daß sie blaues Blut haben. Ich für meinen Teil möchte mich lieber von einem Mann, der blaues Blut hat, zu Boden schlagen, als von einem aufheben lassen, der keines hat.«

Dieser Ausspruch, der das Thema in eine Nußschale zusammenpreßte, erregte die größte Befriedigung und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen Herrn bis zu dem Moment, wo sich die Damen zurückzogen. [86] Als dies geschehen war, bemerkte ich, daß Mr. Gulpidge und Mr. Henry Spiker, die sich bis dahin sehr fern voneinander gehalten hatten, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen uns übrige schlossen und uns zur Schmach und Demütigung ein geheimnisvolles Gespräch über den Tisch hinüber eröffneten.

»Die Angelegenheit mit dem ersten Schatzschein über viertausendfünfhundert Pfund hat nicht den erwarteten Verlauf genommen,« sagte Mr. Gulpidge.

»Meine Sie die D. von A.s?« fragte Mr. Spiker.

»Die E. von B.s.«

Mr. Spiker zog die Augenbrauen in die Höhe und machte ein sehr betroffenes Gesicht.

»Als man sich wegen der Angelegenheit an Lord – Sie wissen schon,« sagte Mr. Gulpidge vorsichtig.

»Ich verstehe,« sagte Mr. Spiker: »N!«

Mr. Gulpidge nickte geheimnisvoll. – »Als man sich an ihn wendete, sagte er weiter nichts als: ›Geld, oder er kommt nicht los.‹«

»Gott im Himmel!«

»Geld, oder er kommt nicht los,« wiederholte Mr. Gulpidge fest.

»Der nächste an der Reihe! – Sie verstehen mich!«

»K.« sagte Mr. Spiker mit einem ominösen Blick.

»K. weigerte sich nun entschieden, zu unterzeichnen. Man erwartete ihn zu diesem Zweck in Newmarket, und er weigerte sich glatt, es zu tun.«

Mr. Spiker war förmlich versteinert.

»So steht die Sache jetzt noch,« sagte Mr. Gulpidge und warf sich in seinen Stuhl zurück. »Unser Freund Waterbroock wird mich entschuldigen, wenn ich mich wegen der Wichtigkeit der betreffenden Interessen nicht deutlicher erklären kann.«

Mir kam es so vor, als schätze sich Mr. Waterbroock nur zu glücklich, solche Interessen und solche Namen auch nur andeutungsweise an seinem Tisch erwähnen zu hören. Er nahm eine Miene wichtigtuender Mitwisserschaft an, obgleich ich überzeugt bin, daß er ebenso wenig von dem Gespräch verstand wie ich, und billigte höchlichst die von seinen Gästen beobachtete Zurückhaltung.

[87] Als Vergeltung für das ihm anvertraute Geheimnis fühlte Mr. Spiker natürlich ein Bedürfnis, seinem Freunde ebenfalls eins anzuvertrauen. Und so folgte auf das eben erzählte Gespräch ein anderes, in dem die Reihe des Erstaunens an Mr. Gulpidge kam, auf dieses wieder eins, das Mr. Spiker sehr verblüffte, und so ging es fort in bunter Abwechslung. Unterdessen litten wir, die Outsider, unter dem Druck der unermeßlichen Interessen, um die sich das Gespräch drehte, und unser Wirt sah uns als die Opfer heilsamen, ehrfurchtsvollen Grauens und Staunens mit Stolz an.

Ich freute mich sehr, daß ich endlich zu Agnes hinaufgehen, mich mit ihr in einer Ecke unterhalten und ihr Traddles vorstellen konnte, der scheu aber angenehm und immer noch dasselbe gutmütige Geschöpf wie früher war. Da er morgens früh die Stadt für einen Monat verlassen mußte, konnte ich leider nicht viel mit ihm sprechen, aber wir nahmen uns gegenseitig das Wort ab, gleich nach seiner Rückkehr miteinander zusammenzukommen. Es interessierte ihn sehr, daß ich Steerforth kannte, und er sprach von ihm mit so viel Wärme, daß ich ihn seine Äußerungen vor Agnes wiederholen ließ.

Aber Agnes sah dabei nur mich an und schüttelte bloß leise den Kopf. Da sie sich hier in Gesellschaft von Leuten befand, unter denen sie sich nach meiner Überzeugung unmöglich zu Hause fühlen konnte, freute es mich fast zu hören, daß sie in wenigen Tagen die Stadt verlassen wollte, so sehr es mir auch leid tat, sobald wieder von ihr scheiden zu müssen. Ich blieb, bis alle Gäste fort waren. Mich mit ihr zu unterhalten und sie singen zu hören, weckte in mir so angenehme Erinnerung an das Leben in dem ernsten, alten Haus, das sie so verschönt hatte, daß ich am liebsten die halbe Nacht geblieben wäre. Da ich aber keinen Vorwand zu längerm Bleiben finden konnte, als alle Lichter auf dem Tisch ausgelöscht wurden, empfahl ich mich sehr gegen meinen Willen.

Ich fühlte damals mehr als je, daß Agnes mein guter Engel sei.

Wenn ich sagte, alle Gäste seien schon fort gewesen, [88] hätte ich Uriah ausnehmen sollen, der sich immer in unserer Nähe herumgedrückt hatte. Er folgte mir auf dem Fuße, als ich die Treppe hinabging. Er schlich dicht neben mir, als ich mich vom Hause entfernte, und schob zögernd seine langen Knochenfinger in die noch längern Finger seiner Handschuhe.

Ich fühlte gar keine Neigung für seine Gesellschaft, aber ich mußte an Agnes Bitte denken und lud ihn ein, mit mir zu kommen und eine Tasse Kaffee zu trinken.

»Ach, Master Copperfield, ich bitte vielmals um Entschuldigung, Mister Copperfield, – das Master kommt mir immer so auf die Lippen – ich möchte nicht, daß Sie sich Ungelegenheiten machen, indem Sie eine so niedrige Person wie mich in Ihr Haus laden.«

»Es macht mir gar keine Ungelegenheiten,« sagte ich. »Wollen Sie?«

»Es würde mich sehr, sehr freuen,« entgegnete Uriah mit einer kriecherischen Verbeugung.

»Nun, so kommen Sie!«

Ich konnte mich nicht überwinden, ihn anders als ziemlich schroff zu behandeln, aber er schien es nicht zu merken. Wir schlugen den kürzesten Weg ein, ohne uns viel zu unterhalten, und er tat so unterwürfig, sogar seinen Vogelscheuchenhandschuhen gegenüber, daß er sie immer noch anzog und noch immer keine Fortschritte damit gemacht hatte, als wir bereits bei meiner Wohnung angekommen waren.

Ich führte ihn die dunkle Treppe hinauf, damit er sich nicht den Kopf anstieße, und seine feuchte kalte Hand lag wie ein Frosch in der meinigen, so daß ich sie am liebsten hätte fallen lassen und davongelaufen wäre. Der Gedanke an Agnes und die Pflichten der Gastfreundschaft behielten jedoch die Oberhand, und ich brachte ihn bis in meine Stube. Als ich Licht anzündete, geriet er in demütige Verzückung über das Zimmer, und als ich den Kaffee in dem einfachen Blechgefäß kochte, in dem Mrs. Crupp ihn am liebsten bereitete, wahrscheinlich, weil das Gefäß nicht dazu bestimmt war – es war ein Rasiertopf – und sie einen sehr teuern Patentkaffeetopf lieber in der Vorratskammer verschimmeln [89] ließ, legte er so viel Bewegung an den Tag, daß ich ihn am liebsten verbrüht hätte.

»Ach wirklich, Master Copperfield – ich meine Mister Copperfield – zu sehen, wie Sie mich so bedienen, das hätte ich nie erwartet. Aber auf allen Seiten geschehen so viele Dinge mit mir, die ich in meiner niedrigen Stellung nie hätte erwarten können, daß es ordentlich ist, als regnete es Segnungen herab auf mein Haupt. Sie haben gewiß etwas von der Veränderung in meinen Aussichten gehört, Mister Copperfield?«

Als er auf meinem Sofa saß, die magern Kniee unter der Kaffeetasse in die Höhe gezogen, Hut und Handschuhe auf dem Boden neben sich, mit dem Löffel immer langsam im Kreise rührend, die schlummerlosen rötlichen Augen, die aussahen, als ob ihnen die Wimpern weggesengt worden wären, mir zugewendet, ohne aber mich anzublicken, während die unangenehmen Schattierungen in seinen Nüstern mit seinem Atem kamen und gingen und die schlangenhaften Windungen seinen Körper vom Kinn bis zu den Stiefeln durchliefen, da empfand ich, daß ich ihn tief innerlich haßte. Das Bewußtsein, ihn als Gast bei mir zu haben, stimmte mich sehr unbehaglich. Ich war damals noch jung und verstand es nicht, starke Gefühle zu verbergen.

»Haben gewiß etwas von einer Veränderung in meinen Aussichten gehört, Master Copperfield, – ich wollte sagen, Mister Copperfield?« –

»Ja, so im allgemeinen.«

»Ah, ich dachte mir gleich, Miß Agnes müsse davon wissen. Ich bin so froh, zu hören, daß Miß Agnes davon weiß, – o, ich danke Ihnen, Master – Mister Copperfield.«

Ich hätte ihm am liebsten den Stiefelknecht, der vor mir auf dem Teppich stand, an den Kopf geworfen, weil er mich verleitet hatte, etwas über Agnes zu sagen, so unwesentlich es auch war. Aber ich trank ruhig meinen Kaffee weiter.

»Was für ein Prophet Sie gewesen sin, Mister Copperfield. Gott, was Sie für ein Prophet gewesen sin! Wissen Sie noch, wie Sie mir einmal gesagt [90] haben, daß ich vielleicht dereinst in Mr. Wickfields Geschäft eintreten und die Firma gar Wickfield & Heep heißen könnte? Sie besinnen sich vielleicht nicht mehr drauf, aber eine so niedrige Person, Master Copperfield, was ich bin, hütet so einen Ausspruch wie einen Schatz.«

»Ich erinnere mich, etwas der Art gesagt zu haben,« entgegnete ich, »wenn ich es damals auch selbst nicht für sehr wahrscheinlich hielt.«

»O, wer hätte das für wahrscheinlich gehalten, Mister Copperfield?!« stimmte Uriah voll Begeisterung ein. »Ich gewiß nicht! Ich weiß noch recht gut, wie ich mit eignem Munde sagte, daß ich dazu eine viel zu niedrige Person sei. Und das war wirklich und wahrhaftig mein Ernst.«

Er saß vor mir mit seinem hölzernen Grinsen und sah ins Feuer.

»Aber was die niedrigste Person is, Master Copperfield,« fuhr er sogleich wieder fort, »kann ein Werkzeug zum Guten werden. Wie froh bin ich, daß ich für Mr. Wickfield ein Werkzeug zum Guten gewesen bin und es noch weiter sein darf. O, was für ein würdiger Herr er gewesen is, Mister Copperfield, aber wie unvorsichtig!«

»Es tut mir sehr leid, das zu hören,« sagte ich. Ich konnte mich nicht zurückhalten, spitzig hinzuzufügen: »In jeder Hinsicht.«

»Sie haben ganz recht, Mister Copperfield,« erwiderte Uriah, »in jeder Hinsicht! Miß Agnes über alles! Sie erinnern sich wohl nicht mehr an Ihre beredten Äußerungen, Master Copperfield, wie Sie einmal sagten, daß jedermann sie bewundern müsse, und wie dankbar ich Ihnen dafür war? Sie haben das sicher vergessen, Master Copperfield.«

»Nein,« sagte ich trocken.

»O, wie mich das freut, zu denken, daß Sie der erste waren, der die Funken des Ehrgeizes in meiner niedrigen Brust weckte, und daß Sie es nicht vergessen haben. O, würden Sie erlauben, daß ich Sie noch um eine Tasse Kaffee bitte?«

Etwas in dem Nachdruck, den er auf das »Wecken[91] der Funken« legte, und der Blick, den er dabei auf mich warf, machte mich auffahren, als ob ich ihn plötzlich im Licht eines Blitzes vor mir hätte stehen sehen. Von seinem Ersuchen, das er in einem ganz andern Ton aussprach, wieder zur Besinnung gebracht, schenkte ich ihm ein, aber mit so unsicherer Hand und von dem Gefühl, daß ich ihm nicht gewachsen sei, und einer so bangen, argwöhnischen Angst vor dem, was er jetzt sagen werde, befallen, daß ich wohl fühlte, nichts von alledem könne seinem Scharfblick entgehen.

Er sagte gar nichts, er rührte seinen Kaffee um, nippte, betastete sein Kinn sanft mit seiner scheußlichen Hand, sah ins Feuer, sah sich im Zimmer um, wand sich in tiefster Demut, rührte und nippte und trank den Kaffee, aber er überließ mir die Fortsetzung des Gesprächs.

»Also Mr. Wickfield,« sagte ich endlich, »der fünfhundert Ihrer Sorte – oder meiner Sorte aufwiegt,« ich stockte leider vor den Worten »oder meiner« – »ist unvorsichtig gewesen, Mr. Heep?«

»O, sehr, sehr unvorsichtig, Master Copperfield,« bestätigte Uriah mit einem bescheidnen Seufzer. »O, wie sehr unvorsichtig! Aber ich möchte gern, daß Sie mich Uriah nennen. Es erinnert so an die alten Zeiten.«

»Nun gut, Uriah,« – ich brachte den Namen nur schwer heraus.

»Ich danke Ihnen!« erwiderte er mit Inbrunst. »Ich danke Ihnen Master Copperfield. Es ist wie das Wehen des alten Windes oder wie das Läuten alter Glocken, wenn Sie Uriah sagen. Ich bitte um Verzeihung, was hab ich doch gleich gesagt?«

»Sie sprachen von Mr. Wickfield.«

»Ja richtig. Ach, eine große Unvorsichtigkeit, Mister Copperfield! Zu irgend einem Fremden würde ich gar nicht von der Sache reden, selbst gegen Sie kann ich es nur andeutungsweise. Wenn in den letzten paar Jahren jemand anders an meiner Stelle gewesen wäre, so hätte er Mr. Wickfield ganz unter den Daumen bekommen. Unter den Dau–men,« betonte Uriah sehr langsam, streckte seine grausam aussehende Hand aus [92] und preßte sie geballt auf den Tisch nieder, daß er wackelte und das Zimmer erschütterte.

Wenn ich hätte zusehen müssen, wie er seinen breiten Fuß auf Mr. Wickfields Kopf legte, hätte ich ihn nicht mehr hassen können.

»O Gott, ja, Master Copperfield,« fuhr er mit einer sehr sanften Stimme fort, die seltsam zu seiner geballten Faust, die noch immer fest auf dem Tische lastete, abstach. »Daran ist kein Zweifel. Vermögensverlust, Schande, und wer weiß, was sonst noch, wäre das Ende gewesen. Mr. Wickfield weiß es. Ich bin das niedrige Werkzeug, das ihm demütig diente, und er stellt mich auf eine Höhe, die ich nie zu erreichen hoffte. Wie dankbar muß ich sein!« Als er ausgesprochen hatte, wandte er mir sein Gesicht zu, aber ohne mich anzusehen, und schabte langsam und gedankenvoll seinen eckigen Kinnbacken mit dem Daumen, als ob er sich rasierte.

Ich erinnere mich recht gut, wie mir das Herz vor Entrüstung schlug, als sich sein tückisches Gesicht, vom roten Licht passend beleuchtet, wieder zu etwas anderm vorbereitete.

»Master Copperfield,« fing er an, »aber ich halte Sie vom Schlafengehen ab?«

»Sie halten mich nicht ab, ich gehe meist spät zu Bett.«

»Vielen Dank, Master Copperfield! Ich habe mich aus meiner niedrigen Stellung erhoben, es ist wahr, aber ich bin immer noch demütig. Ich hoffe, ich werde nie anders sein als demütig und bescheiden. Werden Sie nicht von meiner Bescheidenheit schlechter denken, wenn ich Ihnen ein klein wenig mein Herz öffne, Master Copperfield?«

»O nein,« sagte ich mit Anstrengung.

»Vielen Dank!« Er zog sein Taschentuch heraus und fing an, sich die Handflächen abzuwischen. »Miß Agnes, Master Copperfield, –«

»Nun, Uriah?«

»O, wie angenehm ist es, daß Sie mich freiwillig Uriah nennen!« er schnellte sich wie ein Fisch. »Meinen Sie nicht auch, daß sie heute abends sehr schön war, Master Copperfield?«

[93] »Sie ist es immer, sie ist ihrer Umgebung in jeder Hinsicht überlegen.«

»O, ich danke Ihnen. Das ist so wahr,« rief er. »O, wie so dankbar bin ich Ihnen dafür!«

»Keine Ursache!« sagte ich kühl. »Sie haben gar keinen Grund, mir zu danken.«

»Das betrifft eben den Punkt, Master Copperfield, den ich mir eben die Freiheit nehmen wollte, zu berühren. So niedrig ich bin, –« er wischte seine Hände stärker ab und sah abwechselnd sie und das Feuer an – »niedrig, wie meine Mutter is, und so bescheiden unser armes, aber ehrliches Dach immer gewesen, hat doch das Bild von Miß Agnes – ich stehe nicht an, Ihnen mein Geheimnis anzuvertrauen, Master Copperfield, denn mein Herz floß immer gegen Sie über seit dem ersten Tag, wo ich das Vergnügen hatte, Sie in dem Ponywagen zu sehen, – hat das Bild von Miß Agnes seit Jahren schon in meinem Herzen gewohnt. Ach, Master Copperfield, mit welch reiner Zuneigung liebe ich den Boden, den Agnes betritt!«

Ich glaube, mich durchzuckte der wahnwitzige Gedanke, das rotglühende Schüreisen aus dem Kamin zu reißen und es Uriah durch den Leib zu rennen. Der Vorsatz verließ mich blitzschnell wieder, wie eine Kugel den Flintenlauf, aber Agnes Bild, durch die bloßen Worte dieses rotköpfigen Tieres geschändet, blieb vor meiner Seele stehen, während ich ihn gekrümmt vor mir sitzen sah, als ob seine gemeine Seele seinen Körper zusammendrückte, und machte mich schwindeln. Es war, als ob Uriah vor meinen Augen anschwölle und größer würde, als ob das Zimmer er füllt wäre von dem Widerhall seiner Stimme, und es bemächtigte sich meiner jenes gewisse seltsame Gefühl, das wohl keinem Menschen fremd ist, daß dieses alles vor einer unbestimmten Zeit schon einmal geschehen sei und daß ich genau wüßte, was er jetzt sagen werde. Noch zur rechten Zeit gewahrte ich das Machtbewußtsein, das in seinem Gesicht lauerte, und erinnerte mich an Agnes Bitte. Gefaßter, als ich es mir noch vor einer Minute zugetraut haben würde, fragte ich ihn, ob er Agnes seine Gefühle gestanden hätte.

»O nein, Master Copperfield,« antwortete er. »Ach[94] Gott, nein. Niemand anders als Ihnen. Sie sehen ja, ich trete soeben erst aus meiner niedrigen Stellung heraus. Ich hoffe so sehr, daß sie selbst gewahr wird, wie nützlich ich ihrem Vater bin, denn ich glaube wirklich, ich bin ihm sehr nützlich, und wie ich ihm die Sache bequem mache und ihm den Weg ebne. Sie liebt ihren Vater so sehr, Master Copperfield, – o, wie schön ist das von einer Tochter – daß ich glaube, sie wird zuletzt seinetwegen freundlich gegen mich sein.«

Ich durchschaute die Tiefe dieses schurkischen Plans und begriff sofort, warum er gerade mir ihn enthüllte.

»Wenn Sie die Güte haben wollen, mein Geheimnis zu bewahren, Master Copperfield, und nicht gegen mich sein wollen, so würde ich das als eine besondere Gunst betrachten. Sie werden gewiß – der Familie keine Unannehmlichkeiten verursachen wollen. Ich weiß, was Sie für ein gutes Herz haben, aber da Sie mich nur in meiner niedrigen Stellung haben kennen gelernt, – in meiner niedrigsten, sollte ich sagen, denn ich bin immer noch in einer sehr niedrigen, so könnten Sie, ohne es zu wissen, mir bei meiner Agnes entgegenwirken. Sie sehen, ich nenne sie ›mein‹, Master Copperfield. Es gibt ein Lied: ›Auf die Krone würde ich verzichten, auf meine Lieb mitnichten.‹«

Teuere Agnes, du viel zu gut und schön für irgendeinen, den ich mir ausdenken könnte, solltest zur Gattin eines solchen Scheusals bestimmt sein?!

»Die Sache hat noch keine Eile, Master Copperfield,« fuhr Uriah in seiner unterwürfigen Art fort, während ich, mit diesem Gedanken beschäftigt, ihn ansah. »Meine Agnes ist noch sehr jung, und Mutter und ich, mir müssen noch viel vorwärtskommen und noch manches einrichten, bis mir soweit sin. So werde ich Zeit genug haben, sie mit meinen Hoffnungen vertraut zu machen, bis sich Gelegenheit dazu findet. O, ich bin Ihnen so außerordentlich dankbar, daß Sie mir Gehör geschenkt haben. O, es ist eine solche Erleichterung, Sie können sich das gar nicht vorstellen, daß ich nun weiß, Sie kennen unsere Lage und werden gewiß nicht, um der Familie keine Unannehmlichkeiten zu machen, mir zuwiderhandeln wollen.«

[95] Er nahm meine Hand, die ich ihm nicht zu entziehen wagte und, nachdem er sie mit seinen kalten, feuchten Krallen gedrückt, zog er seine abgegriffene Uhr heraus.

»Mein Gott! Es ist halb zwei! Die Stunden vergehen wie Minuten, wenn man von alten Zeiten spricht, Master Copperfield.«

Ich antwortete, ich hätte es für später gehalten, nicht daß ich wirklich so dachte, sondern weil es mit meiner Unterhaltungsgabe ganz und gar zu Ende war.

»Mein Gott,« sagte er nachdenklich, »das Haus, wo ich drin wohne, eine Art Hotel garni, Master Copperfield, nahe beim New-River, ist gewiß schon seit zwei Stunden zu. Alles muß schon schlafen.«

»Es tut mir leid, daß ich hier nur ein Bett habe und daß ich –«

»O, sprechen Sie nicht von Betten, Master Copperfield,« fiel Uriah voll Entzücken ein und zog ein Bein in die Höhe. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich mich hier vors Feuer legte?«

»Wenn wir schon dabei halten, so nehmen Sie mein Bett und ich lege mich hier vors Feuer.«

Der Ton, mit dem er dies Anerbieten zurückwies, war im Übermaß seiner Überraschung und Unterwürfigkeit schrill genug, um bis zu den Ohren der Mrs. Crupp dringen zu können, die, wie ich vermute, um diese Zeit in einer entlegnen Kammer, etwa auf Grundwasserhöhe, schlummerte, eingelullt von dem Ticken einer unverbesserlichen Uhr, die, trotzdem sie jeden Morgen genau gestellt wurde, immer mindestens dreiviertel Stunden zu spät ging. Da keiner meiner Einwände ihn zu bewegen vermochte, sich in mein Schlafzimmer zu legen, so mußte ich, so gut es ging, Anordnungen treffen, daß er vor dem Feuer schlafen könnte. Die Matratze des Sofas, das zu kurz für seine lange Gestalt war, die Sofakissen, ein Bett und zwei Tischtücher und ein Überrock brachten für ihn ein Nachtlager zustande.

Nachdem ich ihm meine Schlafmütze geliehen, die er sofort über den Kopf zog, und in der er so entsetzlich aussah, daß ich sie seitdem nie wieder getragen habe, wünschte ich ihm gute Ruhe.

Ich werde diese Nacht nie vergessen. Ich werde [96] nie vergessen, wie ich mich im Bett herumwälzte, mich mit meinen Gedanken an Agnes und dieses Geschöpf abquälte, hin und her überlegte, was zu tun sei, und zu keinem andern Entschluß kommen konnte, als daß der beste Weg für ihren Frieden sei, nichts zu tun und, was ich gehört, für mich zu behalten. War ich einen Augenblick eingeschlafen, erschien mir Agnes und ihr Vater, den Blick zärtlich auf sie gerichtet, wie ich es so oft gesehen, beide mit flehenden Mienen, und erfüllten mich mit unbestimmtem Entsetzen. Wenn ich wieder erwachte, quälte mich der Gedanke, daß Uriah im nächsten Zimmer schlafe wie ein Alp, und lastete auf mir mit einem bleischweren Schrecken, als hätte ich einen Teufel zu Gaste.

Auch das Schüreisen drängte sich in meinen halbwachen Schlummer und wollte nicht wieder verschwinden. Zwischen Schlafen und Wachen kam es mir vor, ich hätte es ihm rot und glühend durch den Leib gerannt. Diese Vorstellung quälte mich so sehr, daß ich sie gar nicht abschütteln konnte und mich ins nächste Zimmer stahl, um ihn anzusehen. Da lag er auf dem Rücken, die Beine weit von sich gestreckt, und röchelte aus der Kehle heraus, und der Atem stockte ihm in der Nase, und den Mund hatte er offen wie ein Postbureau. Er übertraf an Scheußlichkeit so sehr alle meine Vorstellungen, daß ich aus wahrem Widerwillen jede halbe Stunde wieder einmal hinging und ihn ansehen mußte. Und die lange, lange Nacht blieb hoffnungslos wie der dunkle Himmel, an dem sich kein Dämmern des Tages zeigen wollte.

Als ich Uriah frühmorgens die Treppe hinabsteigen sah, – Gott sei Dank, er wollte nicht zum Frühstück bleiben, – war es mir, als ob mit ihm auch die Nacht hinwegginge. Als ich mich zu Doktors Commons verfügte, gab ich Mrs. Crupp besondern Befehl, die Fenster offen zu lassen, damit frische Luft durch mein Zimmer streichen und sie von seiner Gegenwart reinigen könne.

[97] Sechstes Kapitel

Ich gerate in Gefangenschaft.


Ich bekam Uriah Heep bis zu dem Tag, wo Agnes die Stadt verließ, nicht mehr zu Gesicht. Ich hatte mich an der Station eingefunden, um Abschied von ihr zu nehmen und sie wegfahren zu sehen, und er war richtig auch da, um mit demselben Wagen nach Canterbury zurückzukehren. Es gewährte mir eine kleine Befriedigung, seinen an den Ärmeln und an der Taille ausgewachsenen, hochschultrigen, maulbeerfarbenen Überrock mit einem Regenschirm, so groß wie ein Zelt, zusammengeschnallt auf dem Eckplatz des Hintersitzes auf dem Wagenverdeck liegen zu sehen, während Agnes natürlich innen in der Kutsche fuhr.

Die Qualen, die ich während meiner Bemühungen, freundlich zu ihm zu sein, solang Agnes zusah, ausstand, verdienten vielleicht diese kleine Belohnung. Auch jetzt wieder umlauerte er uns wie ein großer Geier und verschlang jede Silbe, die Agnes und ich miteinander sprachen. Während der unruhigen Stunden, die ich seinen Enthüllungen verdankte, hatte ich viel an die Worte denken müssen, die Agnes damals zu mir gesagt: »Hoffentlich tat ich Recht. Ich fühlte, daß das Opfer eine Notwendigkeit für den Frieden meines Vaters war, und bat ihn, es zu bringen.«

Eine quälende Ahnung, daß sie demselben Gefühl auch noch andere Opfer bringen könnte, hatte mich seitdem nie wieder verlassen. Ich wußte, wie sehr sie ihren Vater liebte, wußte, wie opferfähig ihr Charakter war. Ich hatte von ihren eignen Lippen gehört, daß sie sich für die unschuldige Ursache seiner Irrungen hielt und überzeugt war, sie schulde ihm unendlich viel und müsse alles tun, um das Geschehne wieder gut zu machen. Der Gedanke, daß sie so außerordentlich abstach von dem rothaarigen Scheusal in seinem maulbeerfarbenen Überzieher, war für mich kein Trost, denn ich fühlte, daß gerade in dem Unterschied, in der Selbstverleugnung ihrer reinen Seele und der gemeinen Niedrigkeit der [98] seinen die Hauptgefahr lag. Zweifellos wußte auch Uriah alles das recht gut und hatte sich in seiner List alles vortrefflich ausgerechnet.

Ich war so fest überzeugt, daß die bloße Aussicht auf ein solches Opfer Agnes Glück zerstören mußte, und erkannte so sicher aus ihrem Wesen, sie ahne noch nichts, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, sie vor dem ihr drohenden Schicksal zu warnen. So schied ich ohne weitere Erklärung.

Sie winkte mir mit der Hand und lächelte mir ein Lebewohl aus dem Wagenfenster zu, während ihr böser Geist auf dem Dache kauerte, als hätte er sie schon frohlockend in seinen Klauen.

Lange Zeit konnte ich die Abschiedsszene