Eine Parabel

Es war eine Zeit, wo die Menschen sich mit dem, was die Natur brachte, behelfen, und von Eicheln und andrer harter und schlechter Kost leben mußten. Da kam ein Mann, mit Namen Osiris, von ferne her und sprach zu ihnen: Es gibt eine bessere Kost für den Menschen, und eine Kunst sie immer reichlich zu schaffen; und ich komme, euch das Geheimnis zu lehren. Und er lehrete sie das Geheimnis, und richtete einen Acker vor ihren Augen zu, und sagte: »Seht,das müßt ihr tun! Und das übrige tun die Einflüsse des Himmels!« Die Saat ging auf und wuchs und brachte Frucht, und die Menschen waren des sehr verwundert und erfreuet, und baueten den Acker fleißig und mit großem Nutzen. In der Folge fanden einige von ihnen den Bau zu simpel, und sie mochten die Beschwerlichkeiten der freien Luft und Jahrzeiten nicht ertragen. »Kommt«, sprachen sie, »laßt uns den Acker regelrecht und nach der Kunst mit Wand und[362] Mauern einfassen und ein Gewölbe darüber machen, und denn da drunter mit Anstand und mit aller Bequemlichkeit den Ackerbau treiben; die Einflüsse des Himmels werden so nötig nicht sein, und überdem sieht sie kein Mensch.« »Aber«, sagten andere, »Osiris ließ den Himmel offen, und sagte: ›Das müßt ihr tun! Und das übrige tun die Einflüsse des Himmels!‹« »Das tat er nur«, antworteten sie, »den Ackerbau in Gang zu bringen; auch kann man noch den Himmel an dem Gewölbe malen.« Sie faßten darauf ihren Acker regelrecht und nach der Kunst mit Wand und Mauern ein, machten ein Gewölbe darüber und malten den Himmel daran. – Und die Saat wollte nicht wachsen! Und sie bauten, und pflügten, und düngten, und ackerten hin und her – Und die Saat wollte nicht wachsen! Und sie ackerten hin und her.

Und viele von denen, die umherstanden und ihnen zusahen, spotteten über sie! Und am Ende auch über den Osiris und sein Geheimnis.


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TextGrid Repository (2012). Claudius, Matthias. Eine Parabel. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-5583-3