[3] Jugendklänge

Guter Rath

Still mußt du werden, pochend Herz,
Still wie der Stern am Himmelszelt,
Wie er, mußt unberührt du steh'n
Vom nicht'gen Treiben dieser Welt.
Still mußt du werden wie der Fels,
An dem sich wild die Brandung bricht;
Ob auch ein Schifflein jach zerschellt
An seinem Fuß, er fühlt es nicht.
Still mußt du werden wie der Schwan,
Der lautlos schwimmt den See dahin,
Wie einsam er die Fluth zertheilt,
Mußt du des Lebens Kreise zieh'n.
So stolz mußt steh'n du, so allein,
Dann wirst du froh und glücklich sein./
[3]
Doch ach! du seufzest leise: nein,
Nicht froh, nicht glücklich werd' ich sein!
O, ich versteh' dich, glühend Herz,
Zu heiß liebst du das Leben noch,
Trotz seinen Schmerzen, seiner Qual,
Trotz seiner Noth liebst du es doch.
So schlag' in Menschenleid und Lust,
So dulde denn und klage nicht,
Sei einsam eher nicht und kalt,
Nicht still, als bis der Tod dich bricht!

[4] Erinnerung

Hier will ich sitzen und ruhen
An diesem lieblichen Ort,
Will schweifen lassen das Auge
In's Weite von Ort zu Ort.
Will stille sitzen und denken
An Alles was ich geliebt,
Will Alles, Alles vergessen,
Was mich verletzt und betrübt.
Und kann ich es denn verbannen,
Woran ich nicht denken will?
Wie bleibt es beim frohen Erinnern
Im Herzen so öd' und so still!
Es sind so innig verbunden
In mir die Freuden und Weh'n,
Daß nur vereint sie entschlummern,
Vereinigt nur aufersteh'n!

[5] Ein Traum

Wenn oft ich einsam saß und allein,
Dann wiegte der lieblichste Traum mich ein,
Sein weicher Arm mich liebend umschlang,
Sein Mund die süßesten Lieder sang.
Er legt' auf's Herz sich erfrischend und mild,
Wie Thau auf dürstende Blumen quillt,
Er säuselt' um mich wie im Schilfe der Wind
Und kühlte die brennende Stirne lind.
Er war so heiter, so golden schön,
Wie die Sonne strahlt um der Berge Höh'n,
Wenn sie noch einmal aus Wolken bricht,
Eh' in Nacht versinket ihr glänzend Licht.
Umwoben von seinem Zauberband
Vergaß ich des Lebens Schmerz und Tand,
War reich von seliger Ahnung erfüllt,
Wie einst sich des Herzens Räthsel enthüllt.
Und wenn ich traurig und müde war,
Dann schloß ich zum Traume mein Augenpaar,
Und träumte Frieden mir in die Brust,
Bis nicht mehr des Schmerzes ich war bewußt,
[6]
Bis Himmelswonne die Seele durchzog –
Ach! daß der grausame Traum nur log;
Er ist dahin, das Erwachen war schwer,
Herz, mein Herz, o, träume nicht mehr!

Frühlingsgruß

Nur düstre Wolken seh' ich geh'n und kommen,
Und ewig droht der Winter fortzuwähren –
Die Seele war so trüb mir und beklommen,
Ich rief den Frühling, ach! er will nicht kommen,
Sie und des Himmels Stirne aufzuklären.
Und durch des Gartens Gänge dichtverschlungen
Ging ich – doch sieh, was hat sich dort begeben!
Schneeglöcklein sind der kalten Erd' entsprungen,
Sie haben siegend sich hervorgerungen,
Erweckt von eines Sonnenkusses Leben.
Nun stillt ihr, Frühlingsboten, mein Verlangen!
Ihr woll't in's Herz mir neues Leben senken!
Wie gläubig euer Kelch ist aufgegangen,
Weil er der Sonne einz'gen Kuß empfangen,
So soll mir Frühling euer Anblick schenken!

[7] Frühling

Du schöner Frühling, o, wie lieb' ich dich!
Mehr als der Bräutigam die holde Braut;
Er weiß, sie wird ihm einstens angetraut,
Doch ich muß lieben dich mit Furcht und Beben,
Kaum da, fliehst du mit Windesschnelle mich
Und nimmst mir mit, das kaum erweckte Leben –
Du schöner Frühling, o, wie lieb' ich dich!
Du schöner Frühling, sei, o sei mir hold!
Spiel' um die Stirne mir mit süßem Hauch,
Und küsse mir den Thau vom müden Aug'!
Im Winter wächst die Qual bedrängter Herzen,
Des Lebens Schatten steh'n in seinem Sold;
Du kommst, ein Lächeln – es entflieh'n die Schmerzen,
Du schöner Frühling, sei, o sei mir hold!
Du schöner Frühling, meiner Seele Lust!
Mein schauernd Herz will ewig dir sich weih'n,
Es blieb dies Herz stets einsam und allein.
Nie mocht' ein Menschenauge mich beglücken
So tief in Lieb' und seligem Entzücken,
Als ich in deines Himmels Bläue seh'!
[8]
O, nimmer täuschest du! du kehrest wieder
Und neue Schönheit, neu erwachte Lieder
Verscheuchen jedes Leid und jedes Weh!
Zum Himmel wirst du immer neu mich heben,
In ew'ger Jugend werd' ich mit dir leben,
Verblich der Locke Braun auch längst in Schnee!
Du schöner Frühling, ewig lieb' ich dich!

[9] Am Baume

Am Baum' hab' ich gestanden,
Der war so hoffnungsgrün,
Nicht lange mehr kann's dauern
Und freudig wird er blüh'n.
Ein Zweiglein nur streckt trauernd
Die Arme nach mir aus,
Es ist so kahl und dürre,
Schlägt nirgends knospend aus.
O, Zweiglein! was erwachest
Du nicht im Frühlingshauch?
Die Sonne küßt die Fluren,
Sie küsset dich ja auch!
Lockt nicht des Himmels Bläue,
Der lauen Lüfte Weh'n,
Dich, wie die Nachbarzweige
Im Blüthenschmuck zu steh'n?
Laß deine Rinde schwellen
Von frischem Lebenssaft –
Doch, Zweiglein, ach! ich sehe
Dir fehlt die inn're Kraft!
[10]
Dein Mark, ach! ist erstorben,
Vom Winterfrost verzehrt,
Dein zartes Leben haben
Die Stürme rauh zerstört.
Für dich scheint keine Sonne,
Weht keine Frühlingsluft,
Dir sind die Lenzgefilde
Nur eine Todtengruft. –
Ich gehe still von dannen,
Und denk' an dich zurück,
Und an so mancher Herzen
Dahin gewelktes Glück.
In deren zarte Blüthe
Auch drang so eisig Weh'n,
Daß unter den Lebend'gen
Sie wie Gestorb'ne steh'n!

[11] »Die Glockenstimmen erschallen«

Die Glockenstimmen erschallen,
Mild leuchtet der Abendstern,
Und feierlich kündet ihr Hallen
Die Auferstehung des Herrn.
Ihr hellen Osterglocken,
Ich hört' euch schon manches Jahr,
Bald unter Scherz und Frohlocken,
Bald wenn ich in Thränen war.
Heut' tönt mir euer Läuten
So trüb' und so ahnungsvoll,
Nicht weiß ich, was mir bedeuten
Das ernste Hallen soll.
Wie mög't ihr mir wohl erklingen,
Wenn wieder ein Jahr hinab?
Wie Weinen, wie fröhlich Singen,
Oder auf meinem Grab?

[12] An Marie

Ob ich dich liebe, wolltest du mich fragen –
Und was ich liebe, will ich treu dir sagen:
Das Blümchen lieb' ich, das die würz'gen Düfte
Ausstreuet in die lauen Frühlingslüfte,
Und doch sich tief verbirgt im dunklen Moos –
Kein Auge sieht der Heimath stillen Schooß.
Den See auch lieb' ich, deß krystallner Quell
Dem Blick sich öffnet bis zum Grunde hell,
Auf dessen Spiegel sich in sanftem Licht
Getreu des Himmels milder Abglanz bricht.
So lieb' ich auch der Jungfrau still Gemüth,
Das nur für Schönes, Heiliges erglüht.
Das fromme Herz, das muschelfest umschließt
Den reinen Kern, dem Reines nur entsprießt. –
Nun weißt du was ich liebe, denke nach,
Ob ich, Marie, dich wohl lieben mag.

[13] Sanfter Trost

Einer Freundin.


Geschieden ist die Sonne,
Kein Blümlein mehr mag blüh'n,
Und nur des Epheus Blätter
Schmückt noch ein sanftes Grün.
Und freudig uns're Seele
Darauf die Hoffnung baut,
Daß es nach ödem Winter
Den Frühling wieder schaut. –
So wird der bangen Seele
Die tiefer Schmerz erfüllt,
Im Lebensgrün der Hoffnung
Ein neuer Trost enthüllt.
Ein Frühling lacht ihr wieder,
Und Blumen pflückt die Hand,
Fällt manche Wehmuthsthräne
Auch auf des Kelches Rand.
Und wie der Epheu innig
Sich Rank' an Ranke schmiegt,
So wird die Seele stiller
An Freundes Herz gewiegt.

[14] Jugendträume

Kalt ist, wer nicht Liebe suchet,
Spricht der Menschen große Zahl,
Elend ist, wer nie empfunden
Ihre Lust und ihre Qual!
Und das Letzte was sie sagen,
O, ich glaub' es ihnen wohl,
Aber niemals kann ich fassen,
Daß man Liebe suchen soll.
Liebe muß sich auf uns senken
Wie ein schöner, gold'ner Traum,
Ahnungslos muß sie durchdringen
Unsres Herzens tiefsten Raum.
Und wenn dann wir leis' erwachen,
Steht sie da als Königin,
Und vor ihrem Strahlenblicke
Sinken machtlos wir dahin.
So muß uns die Liebe nahen,
Soll sie heil'ge Liebe sein,
Denn der Schlaf schützt reine Herzen,
Himmlisches nur läßt er ein.
[15]
Wollte Gott mir leuchten lassen
Solcher Liebe Himmelslicht,
Knieend wollt' ich sie empfangen,
Doch sie suchen kann ich nicht!

Stille Frage

Es quillt des Abendsterns
Geheimnißvoller Schein,
So nah' und auch so fern,
Mir in das Herz hinein.
Drin glüht ein and'res Licht,
So nah' und auch so fern,
Das Herz umschließt es dicht –
Doch weit ist's wie der Stern.
Du gold'ner Liebesstrahl,
Geh', frage deinen Stern,
Bleibt er zu deiner Qual,
Dir ewig, ewig fern?

[16] Vergebens

Du weißt es wohl, ich bin kein starker Geist,
Der frei für sich erschafft ein eig'nes Leben,
Kein mächt'ger Baum, sich selbst genug, der wagt
Sein stolzes Haupt hoch in die Luft zu heben.
Ich kann nicht geh'n in selbstgezognen Gleisen,
Und brauche Sterne, die den Pfad mir weisen.
Du weißt es wohl, ich bin kein starkes Herz,
Das einsam kann durch's dunkle Leben ziehen,
Zu Etwas muß es gläubig aufwärts schau'n,
Für Etwas schlagen, zittern und erglühen.
Der Rebe gleicht's, die nur im Aufwärtsringen
Empor sich kann zu Licht und Leben schwingen.
Doch weißt du wohl, wie sehr dies Herz auch braucht
Der starken Hand – sie wird ihm ewig fehlen,
Und wie der Geist auch noch so heiß sich sehnt
Nach seinem Stern – er muß umsonst sich quälen,
Bis gleich der müden Flamme letztem Blinken
Sie todesmatt in sich zusammensinken!

[17] »Hoffe doch nicht«

Hoffe doch nicht – du mußt es bezahlen
Mit der Enttäuschung bittersten Qualen,
Wiege dich Hoffnung auch noch so schön,
Tückisch wird sie doch untergeh'n!
Wünsche auch nicht – dir ist niemals gewähret,
Was deine brennende Sehnsucht begehret:
Ob auch aus weinender Seele er quillt,
Nie sich der rettende Wunsch erfüllt. –
Weine auch nicht – es stillen die Thränen
Nimmer dein heißes Bangen und Sehnen,
Wehr' ihres Strom's unbänd'ger Gewalt,
Geh' deines Weges ruhig und kalt.
Trotze auch nicht – dein Herz ist kein Felsen,
D'rauf du voll Groll dein Leid kannst wälzen,
Vor seiner Schwere dein Stolz sinkt hin,
Brich' du ihn selbst mit duldendem Sinn!
Dulden und Schweigen nur – ist uns beschieden,
Bis uns umschwebet der ewige Frieden;
Ob auch das Leid dich erdrücken will –
Dulde du, schweig' und halte dich still!

[18] Duldung

Schwarzes Eisen, kalt und spröde,
Schelten möchte ich dich nicht,
Weil es dir an Lebenswärme
Und an Biegsamkeit gebricht.
Bist du doch in Feuersgluthen
Zischend einst emporgewallt,
Eh' du unter Hammerschlägen
Mußtest werden starr und kalt.
Und, so sollt auch ihr nicht schelten,
Wenn ihr seht ein kaltes Herz,
Sollt ihm heißes Mitleid zollen,
Weil es gleicht dem todten Erz.
Wißt ihr denn, ob es nicht glühend,
Zischend einst emporgewallt,
Bis es unter Schicksalsschlägen
Ward wie Eisen starr und kalt?

[19] Wahrhaftigkeit

Dies war mir oft ein Trost im Leben,
Ein Glück, das Keiner rauben wird –
Daß sich noch niemals eine Seele
In meinem Wesen hat geirrt.
Verrathen manchmal, oft betrogen,
Kenn' ich es tief, dies bitt're Leid,
Doch daß ich niemals selbst gelogen,
Bleibt Balsam mir für alle Zeit! –
Ich gleiche nicht der Sonne Schimmer,
Bin nicht so reich an Glanz und Licht,
Ein Sternlein nur, deß schwacher Flimmer,
Ein kleines, enges Rund umflicht.
Doch, wie die Stolze mitteninnen
Glänzt wandellos am Himmelszelt,
So steh' ich fest in meinem Sinnen,
Und ohne Trug kennt mich die Welt.
Und wer mit liebendem Vertrauen
Zu mir, dem kleinen Sterne, blickt,
Der darf in gläub'ger Ruhe schauen,
Denn er bleibt fest und unverrückt.
[20]
Getreu und wahr zu allen Stunden,
Verwirrt und blendet nie sein Licht –
Der Täuschung Qual hab' ich empfunden,
Allein ich täuschte And're nicht!

Schönes Bild

Wie bist du schön, o Rose,
Und hold in deiner Pracht,
Vom ersten Sonnenstrahle
Geküßt nach thau'ger Nacht;
Von Thränen übergossen
Dein leuchtend Angesicht,
Stehst lächelnd du im Schimmer
Des Lichts, das dich umflicht.
O Mädchen, so bist lieblich
Du wie der Rose Bild,
Wenn sich dein dunkles Auge
Mit süßen Tropfen füllt,
Die Wangen sanft sich röthen
In stiller, heil'ger Gluth
Vom Sonnenstrahl der Liebe,
Der schimmernd auf dir ruht!

[21] Die Rosen

In dunkler Gartenlaube ein bleiches Mädchen stand,
Sie hielt zwei duft'ge Rosen in ihrer weißen Hand;
Und in den Kelch der rothen schaut sie mit trübem Schmerz:
So glühte und so prangte auch einst mein junges Herz;
So trank's in heißen Zügen des Lebens Morgenluft,
So quoll aus seinem Innern der Liebe süßer Duft.
Jetzt gleicht's der weißen Rose, so kalt ist es und mild,
Wohl ruht darin geborgen manch' liebes, theures Bild,
Doch ist sein Feu'r erloschen, sein Klopfen fühl' ich kaum,
Bald werd' im Grab vergessen ich ganz der Jugend Traum.
Und wenn auf meinem Hügel dann weiße Rosen blüh'n,
So laßt an ihrer Seite auch rothe Knospen glüh'n,
Den Schläfer einst zu nennen, des Denksteins braucht es nicht,
Mein Hoffen und Entsagen aus ihren Kelchen spricht!«

[22] Herbstesschwere

Trüb' die Sonne hinter Wolken steht,
Feucht der Westhauch über Stoppeln weht,
Herbstesöde ruht auf dem Gefild,
Herbstesöde – meiner Seele Bild!
Müßt ihr Fluren auch entlaubet steh'n,
Einen Frühling habt ihr doch geseh'n,
Eines Sommerkusses Gluth gefühlt,
Eh' euch kalter Todeshauch durchwühlt.
Ach! mir hat kein Frühling noch gelacht,
Keine Blüth' entsproß des Herzens Nacht,
Und es naht kein heißer Sommertag,
Der mit glüh'ndem Kuß sie lichten mag.
Frühling kehrt zurück mit jungem Grün,
Blumen über Gräbern neu erblüh'n;
Frühling! heil' des müden Herzens Noth,
Glückesblüthen gib' ihm, oder Tod!

[23] Zu einem »Lied ohne Worte«

Ich fleh' zu dir, o, lausche meinen Tönen,
Die sanfte Luft zu deinem Ohre trägt,
Lass' sagen meines Liedes heißes Sehnen,
Was lange schon mein volles Herz bewegt.
Du lauschst ja auch der Aeolsharfe Klingen,
Wenn sanfter Wind durch ihre Saiten zieht,
Und lächelst fröhlich bei der Lerche Singen –
So lächle jetzt auch freundlich meinem Lied.
Denn, um das Herz dir schmeichelnd zu erschließen,
Hab' ich manch' süßen Ton hineingebannt,
Und, die vom Himmel sich zur Erd' ergießen,
Die Melodieen der Natur entwandt.
Der Nachtigall lauscht' ich im dunklen Hain,
Sog ihren vollsten Ton in's Herz hinein,
Ich hörte, was bei'm sanften Sternenlicht
Geheim die Lilie zu der Rose spricht.
Ich lag im Wald am mos'gen Felsenhang,
Aus dessen Brust ein Bächlein murmelnd sprang,
Des Rieselns Sinn hab' ich ihm abgelauscht,
Und wie's ihm Antwort durch die Zweige rauscht. –
Sein Nachtgebet das letzte Vöglein sang,
Zur Ruhe mahnt der Abendglocke Klang,
Nur leise summt noch die Cikade dort,
Die Glocke schweigt in zitterndem Accord,
[24]
Ein Seufzer noch – dann hört mein Ohr mit Beben
Des Tages letzten Laut in Nacht verschweben.
Auf ging der Mond, und neue Melodie'n
Begannen durch die stille Nacht zu zieh'n;
Der Erd' entströmten süße Liebesklagen,
Die milde Lüfte hoch gen Himmel tragen,
D'raus leise tröstend Töne niederwallen,
Wie droben sie von Engelsharfen schallen.
Der Erde Leid, des Himmels sel'ge Lust –
Die Töne strömen dir aus meiner Brust.
Und Blumensprach' und Nachtigallensang
Und Bachesmurmeln, Abendglockenklang,
Dies Alles ist in meinem Lied erklungen,
Ich hab' dir's zitternd, bebend vorgesungen.
Dein dunkles Auge eine Thräne füllt,
Ein Seufzer deinen Lippen sanft entquillt,
Mein flehend Lied, es hat dein Herz erweicht,
Des Lebens höchstes Ziel, es ist erreicht!
Da wollt' ich jubeln wie der Wasserfall,
So sollte donnern meiner Töne Schall,
Da wollt' ich jauchzen, wie die junge Welt,
Wenn Sonnenkuß nach langer Nacht sie hellt.
Hin ist die Kraft – mir blieb ein einz'ger Ton,
Wie betend Engelslippen er entfloh'n!

[25] An Auguste

Als du gestorben, hab' um's Haupt ich dir
Den letzten Schmuck gewunden,
Aus Rosen, Myrthen und Cypressengrün
Von meiner Hand gebunden.
Sanft wirst du ruh'n in deiner stillen Gruft,
Ich aber weine, weine,
Auf Blatt und Blüthe fallen Thränen hell
Wie thau'ge Edelsteine.
Die Rosen, nimm' sie alle mit hinab,
Ich will sie dir nicht neiden,
Die Myrthen auch, es wird ihr sanfter Schmuck
Nie meine Stirne kleiden.
Hier oben will ich Eines nur für mich
Behalten an dem Herzen;
Von dir, Cypresse, nur den düstren Zweig,
Du Bild der Trennungsschmerzen.
So düster ist, wie du, die Seele mir,
Die Leid und Nacht erfüllet,
So blüthenlos, wie du, des Lebens Pfad
Sich meinem Blick enthüllet!

[26] Sonette

1.

Wie oft gedenkt mein Herz der schönen Sage
Von Phaëthon's Schwestern, welche – voll Erbarmen
Mit der Verzweiflung und dem Schmerz der Armen –
Der Götter Einer schuf zum Baum der Klage,
Zur Trauerweide, endend ihre Plage.
Es sprießen Zweige aus den schönen Armen,
Mitleid'ge Rinde zieht sich um die warmen
Gequälten Herzen, und die laute Klage
Wird leises Flüstern, melancholisch Klingen.
Wir müssen menschlich unsren Schmerz bezwingen,
Kein Schwesterherz darf mehr so süß vergeh'n!
O, wollt's ein Gott! wie möcht' auch ich so gerne
Auf einem theuren Grab in weiter Ferne
Als stille Trauerweide ewig steh'n!

[27] 2.

Wollt' ich vom Herzen fort den Felsen rollen,
Sein tiefgeheimstes Inn're mir erschließen,
Zum Stein erstarren müßt' ich dann vor diesen
Medusen, die es schmerzlich wild umgrollen.
Hätt' ich in Klagen mich erleichtern wollen,
Sie müßten wie ein Strom sich laut ergießen,
Es müßt' in bitt'ren Thränen mir entfließen
Des Lebens beste Kraft und höchstes Wollen.
Nein, wie ein Räthsel fast soll mich umschweben,
Was so mich drückt und peinigt ohne Schuld –
Wie könnt' ich sonst mich je zum Glück noch heben?
Blind, taub und schweigend, will ich weiter schreiten,
Und über Alles kalt und ruhig breiten
Die starre Leichendecke der Geduld!
[28]

Spätere Tage

[29][31]

Ein Liebesbote

Wie du fliegst auf meine Hand,
Bunter Schmetterling,
Bist du wohl ein Gruß von ihr,
Eh' sie weiter ging?
Süßer Gruß, und doch so herb,
Daß es überquillt,
Dieses Aug', das ahnend sieht
Drin der Liebsten Bild.
Wenn nun, gleich dem Schmetterling,
Heute sie mir naht,
Morgen flieht – o, armes Herz,
Weißt du dir dann Rath?

[31] »Willst ruhig du durch's Leben geh'n«

Willst ruhig du durch's Leben geh'n –
So frage nie, was es dir nahm,
Wie oft der Tod dir nahe kam,
Wie oft dich Täuschung überkommen.
Du warst ein frischer, junger Baum,
Die Zeit ging drüber wie ein Traum,
Hat alle Blätter mitgenommen!
Willst ruhig du durch's Leben geh'n –
O, frage nie, wieviel dir's gab!
O, sieh' nicht auf der Knospen Grab,
Die schon gestorben im Entfalten!
Lass' sinken deine leere Hand,
Die sich voll Sehnsucht ausgespannt,
Die reichsten Kränze festzuhalten.
Willst ruhig du durch's Leben geh'n –
O, frage nie, wie wird es sein?
Die Hoffnung ist nur Lügenschein,
Die dich verlocket in die Ferne,
Was du geträumt, ersehnt, begehrt,
Bleibt dir – dies wardst du oft gelehrt –
So unerreichbar wie die Sterne!

[32] Die Mondesbrücke

Schweigend ruht des Rheines Spiegel,
Golden schwebt der Mond darüber,
Senket aus den blauen Höhen
Eine Strahlenbrücke nieder.
Und sie taucht die lichten Pfeiler
In die tiefe, dunkle Welle,
Daß vor Wonne leise bebet
Glanzumwoben ihre Schwelle.
Dampfumhüllet, schwarz und nächtig,
Kommt das Schiff einhergeflogen,
Schneidet brausend mitten innen
Durch der Brücke goldnen Bogen.
Die so stille und so prächtig
Festgezimmert hat gestanden,
Ist zertrümmert, ist zerborsten
In unzählige Demanten.
Zuckend fliegen sie wie Blitze
Ueber die bewegten Fluthen,
Wo der heit're Bau sich wölbte,
Wogt ein wildes Meer von Gluthen.
[33]
Ach! so zieht durch eine Seele
Oft das Schicksal schwarz und mächtig,
Das in's Leben schlug die Brücke
Auch so golden, froh und prächtig!
Aber sieh – das Schiff enteilet,
Ruhe deckt die Wasser wieder,
Und auf's Neue hell und golden
Senket sich die Brücke nieder.
Wie versöhnet, ihre Strahlen
Wieder in einander rinnen,
Ahnet Niemand, daß sie eben
War zerschnitten mitten innen.
Armes Herz! dem so gewaltsam
Ward der goldne Bau zersplittert,
Daß es mild erbebend schläget,
Von dem tiefsten Weh durchzittert;
Reicher, goldner als die Brücke
Strahlest du nach deinen Wunden,
Hast versöhnt und ganz dich wieder
In dir selbst zurecht gefunden!

[34] Frühlingslied

Es kam der Frühling mit Herrschermacht,
Da wollt' ich ein Lied ihm singen;
Er strahlte so hold in lieblichster Pracht –
Wie sollt' es da nicht gelingen?
Ich sah mir die Blüthenbäume an,
Dran alle Knospen gesprungen,
Sie waren gleich Bräuten angethan,
Von Schleier und Myrth' umschlungen.
Es nickten Blumen an jedem Steg,
Als ob sie selber sich streuten
Den schlanken Bräuten auf ihren Weg,
Beim Maienglockenläuten.
Die grünen Blätter im Buchenhain,
Umhaucht von weißem Gefieder,
Sie flüstern in alle Welt hinein
Die süßesten, wonnigsten Lieder.
Es lauschet den Tönen die Lerch' im Feld,
Es lauschen die Nachtigallen,
Aus Blüthensträuchern, vom Himmelszelt
Klingt wieder das fröhliche Schallen.
[35]
O, Frühling! Frühling! so hold und licht!
Fast will mir das Herz zerspringen!
Du – selbst der Schöpfung höchstes Gedicht,
Wer könnte dich würdig besingen?

[36] Die Buche

Allein steht eine Buche
Entfernt vom Waldesplan,
Von Sträuchern nur umgeben
Zu klein, sie zu erstreben,
An die sie sich nicht lehnen kann.
Doch wie sie so alleine
Dort wurzelt stolz und stark,
Verkünden Wuchs und Krone,
Daß tief im Innern wohne
Ein kräftiges und edles Mark.
Es mag der Sturm umpeitschen
Und wild umtoben sie;
Er mag die Zweige knicken,
Die Blitze sie umzücken,
Den Wipfel beugt sie feige nie!
Doch unter diesem Wipfel
Hängt sicher manches Nest,
Zur Blüthe Knospen streben,
Hebt sich zu höh'rem Leben
Am Stamm empor der Epheu fest.
[37]
O, Baum, in deiner Höhe,
Wie glücklich scheinst du mir!
Die Starke bei den Schwachen,
Darfst du sie stolz bewachen
Und Alles schaut hinauf zu dir!
Da reget sie die Zweige
Und flüstert leis' und lind:
»Wohl schön ist's, daß ich ihnen,
Den Schwachen, hier kann dienen,
Doch bin ich drum nicht frohgesinnt.
Wie ich allein hier stehe
Ganz auf mich selbst gestellt,
Wär' unter meinem Dache
Ich lieber doch die schwache
Feldblume, die mein Schutz erhält.
Wär' lieber selbst das Vöglein,
Das süß mir Lieder singt,
Am liebsten wohl der warme
Epheu, der seine Arme
In Lieb' und Treue um mich schlingt!«

[38] Am Rheine

Abend sinkt mit seinem Frieden
Auf die Berge, in das Thal –
Holdes Bild! das mir beschieden
Ist, im letzten Tagesstrahl!
An den blauen, duft'gen Höhen
Dehnt sich glühend dort im West –
Eines Grußes letztes Wehen –
Noch des Abendgoldes Rest.
Und des Stromes glatte Bahnen
Kaum die Welle mehr bewegt,
Läßt die ew'ge Macht nur ahnen,
Die ihn rastlos weiter trägt!
An des Himmels fernsten Räumen
Selbst die Wolke zögert still,
Harrend, ob mit goldnen Säumen
Sie das Mondlicht kränzen will.
Friede! süßes Glück von Oben!
Welch' ein Zauber dich umflicht!
Hemmst des Stromes wildes Toben,
Bannst in Ruhe Luft und Licht.
[39]
Und mein Herz, es wird so milde,
Wird so stille, wie noch nie,
Fühlt sich mit dem sanften Bilde
Ganz in reinster Harmonie.
Wenn so jeder Wunsch kann schweigen,
In der Brust, die menschlich fühlt,
Jede Sehnsucht muß erbleichen
Von der Ruhe Glück umspielt.
Darf nur einen Wunsch entbieten
Noch des reichen Herzens Schlag:
Daß es stets in gleichem Frieden
Solch ein Bild genießen mag!

[40] Einsamkeit

Ich bin allein – wie oft mit kaltem Schauer
Trifft mich dies Wort, mit namenloser Trauer –
Ob sich auch laut das Leben um mich regt;
Allein – mit meinem Streben und Bemühen,
Allein – wenn eine andre Brust durchglühen
Ich möcht', mit dem, was Meine schön bewegt.
O, so allein ist nicht des Südens Pflanze,
Die einzeln steht in nord'scher Blumen Kranze,
Es grüßt sie hier wie dort der Sonne Kuß;
So einsam nicht auf weitem Feld die Eiche,
Das sehnsuchtsvolle Rauschen ihrer Zweige,
Erwiedert hold der Vögel lauter Gruß.
Wohl einmal auch, zwei kurze schöne Stunden,
Hab' ich der Seele süßen Hauch empfunden,
Die geistverwandt mit mir die Schwinge regt;
Doch sie entschwand in endlos weite Ferne,
Ich schau' ihm nach, dem glänzend schönen Sterne,
Von milder Schwermuth wundersam bewegt.
So flieht mein Leben einsam still von hinnen,
Ein Quell, der bang im Sande muß verrinnen,
Und nie in einen stolzen Strom sich gießt;
Ein Epheu, der bestaubt am Boden lieget:
Kein Baum, daran er sich vertrauend schmieget,
Um den er liebend seine Arme schließt!

[41] Todte Freundschaft

Es ist vorbei – auch dieser Traum ist aus,
Auch diesen Kelch hat leer das Herz getrunken,
Auch dieser Stern ist in den Staub gesunken –
Hinweg, hinweg – es führt in dieses Haus
Kein Gott mich mehr zurück! Weh' euren Banden –
Ihr habt mich nie geliebt und nie verstanden!
Warum denn locktet ihr mich falsch hinein,
Warum habt meine Seele ihr gebettet
Auf des Vertrauens Pfühl, bis sie gekettet
Sich an euch fest mit ihrem ganzen Sein?
Warum? Da eure Zungen dann bekannten –
Daß ihr mich nie geliebt und nie verstanden!
War ich ein Spielzeug nur in eurer Hand,
Ein Zeitvertreib, den Geist euch zu ergetzen?
Ihr labtet euch an meines Herzens Schätzen,
Dann warfet achtlos ihr es in den Sand;
Sprecht, ob von Schaam nicht eure Stirnen brannten –
Die ihr mich nie geliebt und nie verstanden!
Ich gehe – nimmer mißt zurück mein Fuß
Die Straße – gehe sonder Muth und Glaube;
Entrüstung hebt empor mich aus dem Staube,
Allein es starb der Freundschaft Genius.
Euch ist nur Wahn, was Andre wahr empfanden –
Mich habt ihr nie geliebt und nie verstanden!

[42] Ein Felsenherz

Als Moses in der Seele höchstem Zagen,
Um Hülfe flehend, an den Fels geschlagen,
Da fühlte Mitleid selbst mit ihm der Stein;
Er öffnete des Busens starre Rinde,
Und segensreich entströmte voll und linde
Den Schmachtenden die Quelle frisch und rein. –
Ein andrer Moses, hab' ich auch geschlagen
An einen Fels, mit banger Furcht und Zagen,
Was aus dem Innern mir entgegenquillt;
Voll Inbrunst hab' ich heiß mit ihm gerungen,
Ich redete mit Mensch- und Engelzungen –
Es lag vor ihm der Seele ganzes Bild!
Doch kalt und stumm blieb er bei meinen Fragen,
Taub und verschlossen meinen heißen Klagen,
Ihn rührte nicht der Seele wahrster Schmerz;
Kein Quell hat lindernd sich aus ihm ergossen,
Kein Seufzer wehte, keine Thränen flossen –
Du, mehr als Stein – du warst ein Menschenherz!

[43] Charfreitag

Charfreitag ist's – da trauert
Die ganze Christenheit,
Ich traure mehr als die Andern,
Mein Herz trägt doppelt Leid.
An diesem Tag der Schmerzen
Ein theures Herz mir starb,
Das beste und das treuste,
Das ich im Leben erwarb.
O, Christenheit, du trauerst
Nach heilig-frommem Brauch,
Weil dich noch sanft umwehet
Des Einz'gen Geisteshauch.
Wie aber muß ich klagen,
Die ich den Stern geseh'n,
Die Blumie, die so frühe
Zur Ruhe mußte geh'n;
Die ich den Geist vernommen,
Der von den Lippen quoll,
Die ich dies Herz besessen
Der reinsten Liebe voll.
[44]
Ein Stück von meiner Seele
Mit ihr zu Grabe zog,
Ein Stück von meinem Geiste
Mit ihr von dannen flog,
Ein Stück von meinem Herzen
Deckt wieder dunkles Land,
Weil sie allein von Allen
Es ganz und gar verstand.
Charfreitag – düstrer Freitag,
Bei deinem Glockenklang
Mag manches Herz erbeben
Und schlagen schwer und bang,
Mag manche Thräne fließen,
Und mancher Seufzer weh'n,
Doch Niemand kann dir trüber
Als ich in's Antlitz seh'n!

[45] »Im schmerzlichsten Gefühle«

Im schmerzlichsten Gefühle
Schwankt in mir Sinn und Denken,
Und spottet aller Kühle,
Die sich, wie es auch blutet,
Dies Herz hat zugemuthet.
Wohin soll es sich lenken?
Wo ist der Wahrheit Helle,
Die jene Zauberstelle,
Der Freud' und Weh' entstammt,
Ihm zeigt in ganzer Klarheit,
Ob Trug dort, oder Wahrheit
Verderbend oder segnend flammt?
So bricht des Zweifels Schwüle
Der Seele ganze Kraft,
Die zum Vertrau'n geboren;
Im schmerzlichsten Gewühle
Fühlt sie sich selbst entrafft
Und wie zum Tod erkoren! –
So schwankte Phaëthon's Wagen
Auf seiner irren Bahn:
Bald stürmt' er ohne Zagen,
Vertrauend himmelan,
[46]
Bald reißet ihn zurücke
Der Erde kalter Neid,
Sie hat in ihrer Tücke
Für ihn den Tod bereit;
In namenlosem Schmerze
Ruft er herbei ihn laut –
O, Herz, mein armes Herze!
Hast du dein eigen Bild geschaut?

[47] Liebesklage

O, dürft' er dir's doch laut gesteh'n,
Wie er dich liebet tief und bang,
Und sollst dies scheue Herz du seh'n
Denn niemals ohne Hehl und Zwang?
So lauscht der Alpenrose Gluth
Verborgen unter'm Schneegefild,
Ein Sonnenblick gibt ihr den Muth,
Hervorzubrechen frei und mild.
Wo heute Alles starr und weiß,
Da strahlt's schon morgen rosenroth;
Den Zauber nur zu deuten weiß,
Dess' Herz gefühlet gleiche Noth.
Du ahnst vielleicht, doch weißt es nicht,
Wenn kalt dies Auge auf dich sieht,
Daß dir im Innern hell und licht
Ein ganzer Rosenhimmel blüht.
O, nur ein Sonnenblick, ein Hauch
Von eines bess'ren Frühlings Weh'n,
Und sichtbar deinem theuren Aug'
Sollt' es in Gluth und Flammen steh'n!

[48] »So tief verwundet ist dies Herz«

So tief verwundet ist dies Herz –
Es möchte sich in Nacht versenken,
Nicht sehen, hören und nicht denken,
Nur fühlen seinen bitt'ren Schmerz!
So kostet' es ihn bis zum Grund,
Es müßte langsam sich verbluten,
Und aus den ausgebrannten Gluthen
Erhöb' es sich vielleicht gesund.
Nun aber wird der laute Tag,
Der ihn geschäftig will zerstören,
Des Herzens Qual nur noch vermehren,
Nicht stark es machen, sondern schwach.
Doch sei's getragen – nach dem Wie
Nicht fragt der Selbstbeherrschung Wille;
Nur Aug' und Lippe, haltet stille,
Das inn're Leid verrathet nie!

[49] Treue

Ihr müßt dies Herz nicht schelten,
Das sich so schwer ergiebt,
Könnt' schneller es gesunden,
Dann hätt' es nie geliebt.
Es gliche dann sein Fühlen
Ja nur dem Morgenthau,
Den eine Sonnenstunde
Hinwegküßt von der Au.
Dann wär' es wie die Welle,
So leicht und schnell erregt,
Und wie der Sommerfaden,
Den jeder Hauch bewegt.
Doch ach! es gleicht dem Felsen,
Der sich nicht beugen läßt;
Wie er am Schooß der Erde,
Hält es sein Fühlen fest.
Weil man darauf kann bauen,
Wie auf den Felsengrund,
Weil es ein Starkes, Festes,
Wird es so schwer gesund!

[50] Trauer

Traurig, traurig, o das bist du sehr,
Armes Herz, so freudenlos und schwer!
Doch warum, warum darf ich nicht fragen,
Keine Antwort weißt du mir zu sagen.
Weiß der Himmel, warum über ihn
Düstre Wolkenschleier trauernd zieh'n,
Und die Blume, die erst aufgesprossen,
Warum sie der Tod so schnell geschlossen?
Weiß der lächelnd heit're, junge Tag,
Der nur Glück und Freude spenden mag,
Warum kraftlos er muß still erbleichen,
Wenn sich nächt'ge Schatten auf ihn neigen?
Weiß die Erde, die in Frühlingspracht,
Wie ein Kind so hold und lieblich lacht,
Warum bald in Winters eis'gem Wehen
Ihre süße Schönheit muß vergehen?
Armes Herz und willst du mehr denn sein,
Als der Frühling und der Sonnenschein?
Alles Heitre sinkt zum frühen Sterben,
Allem Schönen nahet das Verderben.
[51]
Ew'ge Trauer ist Gesetz der Welt,
Nur im Wechsel ist ihr Lust gesellt,
Und je mehr zum Schönen du erkoren,
Um so tiefer wird sie dich durchbohren!

[52] Zweifel

Es spricht dein Blick, es spricht so manches Wort:
Ich liebe dich! und dennoch treibt mich's fort.
Du willst nicht lügen, nein, doch was mich quält,
Ist, ob nicht selber dir die Klarheit fehlt?
Ich weiß, dein Herz ist gut und warm und reich,
Allein, bleibt sich dies Herz auch immer gleich?
Gleicht's nicht der Wolke, die sich wechselnd malt,
Je nach dem Lichte, welches sie umstrahlt?
Sie trägt nicht Schuld an diesem Wechselschein,
In ihrem Wesen liegt es, so zu sein.
Drum schelt' ich dich ja nicht, wenn du ihr gleich,
Trifft mich dies Wort auch wie ein Todesstreich;
Macht's mich auch selbst zur Wolke, düstergrau,
Die auf sich löst in bitt'rer Thränen Thau!

[53] Weiser Vorsatz

Ich will nicht dein gedenken,
Sollst nicht mehr bei mir sein
In allem meinem Denken,
In meinem ganzen Sein.
Die Rose wird gepflücket
Vom Sturm, an einem Tag,
Den Felsen selbst zerstücket
Ein einz'ger Donnerschlag.
So will ich's auch erringen,
Dem Alles ist geweiht –
Schnell soll dies Herz erzwingen
Sich die Vergeßlichkeit!
Nicht, wie ja Alles müde
Zu Grabe endlich schwankt,
Nein, wie die Ros' verblühte,
Und wie der Felsen wankt.
So flieh mit einem Schlage
Du Leid, so herb gesinnt,
Dich tödt' an einem Tage,
Vernunft, der rauhe Wind!
[54]
Umsonst, umsonst ihr Mühen,
Es trotzt ihr jede Stund –
Nie wird des Herzens Glühen
Besiegt vom weisen Mund!

[55] Den Kranken

Im Griechenlande, bei den großen Alten,
Den geistig freien, pries man als beglückt
Den Mann, dem von des Schicksals ernstem Walten
Ein Leid voll Segen ward auf's Haupt gedrückt.
Nicht war dies kranke Lust an Schmerz und Wunden –
Wo blühte schöner heitrer Sinn und Geist?
Nein, Weisheit war es, welche tief empfunden,
Wie ernst, bedeutsam, was da Leben heißt.
Nicht feig erliegen, selbstbewußt es tragen,
Wie eine Freude nach der andern weicht,
Kann er's, der nie geübt sich im Entsagen,
Dem Blüthen nur das Glück stets dargereicht?
Ein hoher Segen aber ruht auf Schmerzen,
Und, wie die Perl' im dunklen Meeresschacht
Sich formt und bildet, wächst im Menschenherzen
Ein edler Schatz aus finstrer Leidensnacht.
Der Seele Ruhe, die sich still begnügend
Nicht mehr, als ihr beschiednes Theil begehrt,
Der freie Geist, der nie sich selbst belügend,
Ein jedes Ding ermißt nach ächtem Werth,
[56]
Und auch ein Herz voll Demuth und voll Liebe
Und voll Geduld für sie, die schwächer sind,
O, Perle reinster Menschlichkeit, wer bliebe
Gern frei von Leid, wenn so man dich gewinnt?
O, Allen diesen Trost, die schwere Stunden
Zu den Gesellen einer Noth gemacht:
Wie manches Herz hat sich zurückgefunden
Aus lautem Tag in stiller Leidensnacht.
Von allen Kronen, die die Erde schmücken
Ist eine einz'ge nur von ächtem Werth,
Lass' sie geduldig auf das Haupt dir drücken,
Die Dornenkrone, die im Schmerz verklärt!

[57] Der Liebestempel

O, ihre Liebe war ein stolzer Bau –
Der Freude Flagge weht' auf seinen Zinnen,
Und Kränze, feucht von süßer Thränen Thau,
Sie schmückten ihn von außen und von innen.
Vertrauen, stärker noch als Marmorstein,
Als Säule trug die Kuppel in der Mitten,
Das Fenster prangt' im reinsten Demantschein,
Aus ächter Treue festem Stoff geschnitten.
Und süßes, heitres Himmelslicht ergoß
Des Herzens Reinheit durch die klare Scheibe,
Wie Heil'genschein sein Inn'res ganz umfloß,
Was Liebe Gutes, Schönes weckt im Weibe.
So stand gebaut er für die Ewigkeit;
Weh' daß das Heut' ihn schon in Trümmern findet –
Ihn stürzte nicht die allgewalt'ge Zeit,
Ach, nein! er war auf losen Sand gegründet!
Er selbst hat ihn gebrochen und zerstört,
Den stolzen Bau, in dem sie ihn verehret,
Von seiner eignen Schwäche überthört,
Hat er ihn selbst mit frevler Hand verheeret.
[58]
Erst sank die Flagge von der Kälte Hauch,
Die Kränze welkten bei der Launen Spiele,
Die Säule bröckelte am Ende auch –
Im Staub erst, sah ihr Glaube sich am Ziele.
Die Treue nur prangt noch im Demantschein,
Kann sie so schnell den theuren Tempel lassen?
Der Gram wie bleiches Mondlicht fällt hinein
Und findet nirgends, nirgends Raum zum Hassen! –
Wer weiß, wenn er dereinst die Straße geht
Und ihres Baues Trümmer vor ihm ragen,
Ob dann voll Trauer er nicht stille steht,
Voll bitt'rer Reue, daß er ihn zerschlagen!

[59] Dichtersegen

Nichts rührt die Seele an so göttlich schön,
Als sich in einem Andern selbst zu fühlen,
Gedanken, die gestaltlos in uns wühlen,
In edler Form verkörpert vor uns seh'n.
Den Dichter hat dein Auge nie erblickt,
Und plötzlich steht, ein Freund, er dir zur Seite,
Und manchem Zweifel, manchem stillen Leide
Hat deinen Geist auf einmal er entrückt.
Du irrest nicht – denn sieh! so denkt er auch,
Dein Herz spricht wahr – im Seinen ist erklungen
Derselbe Ruf, der dich so tief durchdrungen,
Und deine Thräne füllte einst sein Aug'!
Er hat gekämpft wie du – und vor dir her
Fliegt hoch sein Geist, das Rechte dir zu zeigen,
Wie stiller Segen will sich's auf dich neigen
Und aufwärts stiegst du eine Stufe mehr!

[60] »Es trat Alltäglichkeit«

Es trat Alltäglichkeit
Zur Poesie:
»Gib mir dein buntes Kleid!«
Sprach herrisch sie,
»Gib aus den Locken mir
Den gold'nen Kranz,
Nur die poet'sche Zier
Verleiht dir Glanz.«
Die Gute, mild und zart,
In ihre Hand
Gab mit der holden Art
Kranz und Gewand;
Die Andre hüllt sich d'rein
Mit eck'ger Hast –
Wie Blei zum Edelstein
Es für sie paßt.
Dann sprach noch weiter sie:
»Nimm du den Pflug!
Ich hatte Plag' und Müh'
Jetzt lang' genug;
[61]
Reich mir die Leier her,
Arbeite du –
Zu singen ist nicht schwer
In guter Ruh!«
Sie rührt die Saiten an
Mit rauher Hand,
Gefild und Waldesplan
Erstarrend stand,
Der Vogel fliegt erschreckt
Vom Ast empor,
Der Hirtenbube deckt
Sein lauschend Ohr.
Doch sieh', die Himmelsmaid
Voll Majestät,
Mit Blicken strahlend weit,
Jetzt vor ihr steht,
Sie spricht: »Alltäglichkeit,
Erkenne dich!
Dich macht nicht Kranz noch Kleid
Zu dem, was ich.
Dein Thun veracht' ich nie,
Es braucht die Welt
Uns beide; bleib' wo sie
Dich hingestellt!
[62]
Du denkst im Müßiggang
Ging' träg' ich her –
Mein Weg ist schwer und lang,
Wie keiner mehr.
Ich baue früh und spat
Des Geistes Feld,
Der Zukunft gold'ne Saat
Mein Fleiß bestellt.
Und, wenn ich träumend geh',
Ein Schattenbild,
Für tausendfaches Weh
Mir Trost entquillt.
Und meiner Seele Leid
Das ahnst du nie,
Weil du Alltäglichkeit,
Ich Poesie!«
Dann hob ihr Flügelpaar
Sie leise auf,
Wo ihre Heimath war,
Schwebt sie hinauf.

[63] An Viele

Eines weiß ich, ob ihr mir auch grollt,
Daß ich stets das Beste nur gewollt!
Sprecht, warum war ich euch denn einst lieb,
Welch ein Reiz war's, der euch zu mir trieb?
Schönheit blieb mir fern und Reichthum fehlt,
Witz und Geist ist Andern mehr erwählt,
Doch ein treues Herz und fester Muth
Für das Rechte und der Wahrheit Gut,
Liebe zu der Menschheit, die da klagt,
Und ein Geist, der nicht vor Mächt'gen zagt –
Dies allein ist's, was mich liebenswerth
Machen konnte und zum Freund begehrt!
Und nun wundert ihr euch, daß ich heiß
Glühe für des Lebens höchsten Preis,
Und ihr scheltet, wenn ich laut und frei
Rede gegen Lüg' und Tyrannei,
Scheltet, wenn mein Herz von Gram bewegt
Für der Menschheit ew'ge Rechte schlägt,
Wenn es mitkämpft in dem heil'gen Krieg
Für der wahren Liebe großen Sieg! –
Was als Wahrheit ich erkannte rein,
Muß in's Leben tragen ich hinein,
Künden dürfen, wie der Lerche Lied
Morgenfrisch zum freien Himmel flieht!
Wendet euch denn von mir – sonder Scheu
Steh' ich einsam, doch mir selbst getreu!

[64] »Warum o armes Herz«

Warum, o armes Herz,
Willst du so tief versenken
Dich in Erinnerungsschmerz,
Und weinend nur gedenken
An Alles, was du je
Geliebet und besessen,
Kannst der Enttäuschung Weh
Denn niemals du vergessen?
O, sieh auf's Leben frei,
Als wär' es eine Bühne:
Am bunten Mancherlei
Zu freuen dich erkühne;
Warum willst du allein
Die Treue stets bewahren?
Mach' es wie Andre fein,
Lass' hin, lass' hin sie fahren!
Pflück' heute dieses Blatt,
Und jene Blume morgen,
Und bist du ihrer satt,
Dann wirf' sie ohne Sorgen
[65]
Hinweg, so hat man dich
Ja weise auch belehret –
Ein Thor nur fraget sich,
Ob er ein Herz verheeret!
Genieße, spricht die Welt,
Genieße rasch das Neue,
Wenn's nicht mehr dir gefällt,
Geh' von ihm ohne Reue!
Und wahrlich, sie hat Recht,
Drum werde klug mein Herze –
Sei wen'ger warm und ächt,
Verlache und verschmerze!

[66] Eine trübe Stunde

Das hab' ich wohl erfahren
In manchen bitt'ren Jahren,
Es giebt für mich kein Glück!
Wo Andre Rosen brechen,
Mich nur die Dornen stechen:
So will es mein Geschick.
Nie streckt' ich meine Hände
Nach reichster Glückesspende,
Ich brauche wenig nur:
Ein freundliches Verstehen,
Ein geistiges Umwehen,
Und Trösterin Natur.
Allein: »du sollst entbehren,
Entbehrend dich verzehren!«
So sprach das Leben hart.
Was nützet eitle Klage,
Was nützet mir die Frage,
Warum dies Loos mir ward?
Ich gehe ruhig weiter,
Geduld ist mein Begleiter,
Ein kalter, trockner Freund;
[67]
Regt sich mein Geist zum Kämpfen,
Wird er den Aufschwung dämpfen,
Daß er sich selbst verneint!
Hebt Phantasie die Schwingen,
Entzückung mir zu bringen,
Die meine Sehnsucht stillt;
Flieh' ich zurück zur Wahrheit
Und seh' in bitt'rer Klarheit,
Es war ein täuschend Bild.
Ist's wahr, daß solche Seelen,
Die sich nichts mehr verhehlen,
Schon sind des Todes Raub –
Muß bald mein Geist entschweben,
Dies täuschungsleere Leben
Hinsinken in den Staub!

[68] Segen der Natur

Es giebt so stille Feierstunden
Der Seele, wo sie Alles trägt,
Wo sie trotz allen ihren Wunden
Des Friedens Athem nur bewegt.
Wie blieb er lange mir so ferne,
Der Ruhe stiller Zauberkreis,
Wo, gleich dem wandellosen Sterne,
Man nichts von Schmerz und Sehnsucht weiß.
Natur, mit deinem milden Segen,
Du bist's, die mich so sanft umfängt!
Die heute mir auf allen Wegen
Nur Lebensmuth entgegen drängt.
Es rauscht der Bach zu meinen Füßen
Mir Ruhe! Ruhe! leis' in's Ohr;
Die blauen Berge freundlich grüßen,
Die Bäume flüstern süßen Chor.
Und wie die Sonne strahlend lächelt,
Auf jedem Blatt sich glänzend bricht,
Scheint sie von heitrer Lust umfächelt,
Wie hold ein Kinderangesicht. –
[69]
O bleibe fest in meinem Herzen,
Moment – vom Grame unentweiht;
Sei mir ein Schild für alle Schmerzen,
Ein Balsam jedem ferner'n Leid!

[70] Höchstes Leid

Hart ist's an dem Grab zu steh'n
Derer, die du heiß geliebet,
Hart auch, wie am Fels der Zeit
Traum um Traum in Nichts zerstiebet.
Bittrer als des Todes Raub,
Und was kalt die Zeit entwendet,
Ist's, wenn du dein best Gefühl
An Unwürdige verschwendet.
Wie ein Bettler stehst du da,
Der sein Alles hingegeben,
Dem nichts blieb von seinem Schatz,
Als das nackte, arme Leben.
Wie, von roher Hand gestürzt,
Liegt ein Götterbild im Staube,
Also ist ein Trümmerhauf'
Deines Herzens schönster Glaube!
Neue Rosen bringt die Zeit,
Frisches Grün das Grab umkleidet,
Aber öd' bleibt dieser Platz
Und kein Thau drauf niedergleitet!

[71] Rechtes Streben

Der Schläfer, der im Grase träumend liegt,
Bis hoch am Himmel schon der Sonnenwagen,
Er kann, wenn dann empor sein Auge fliegt,
Des Lichtes helle Klarheit nicht ertragen,
Es blendet ihm wie Fackellicht die Augen,
Die, weggewandt, nicht mehr zum Sehen taugen.
Nicht so der Andre, der vom Morgengrau'n
Mit wachem Auge folgt des Lichtes Spuren,
Ihn blendet's nicht, er kann es offen schau'n,
Wenn rings sein Schimmer strahlt auf allen Fluren;
Am Quell des Lichtes darf er furchtlos hangen,
Der nie verwirrt, wer stets ihm nachgegangen.
O du, der Wahrheit und Erkenntniß sucht,
So streb' ihr nach vom ersten Tagesgrauen,
Daß nach und nach dir reift der Klarheit Frucht,
Daß aus dir selber wächst die Kraft zum Schauen!
Denn Wahrheit, die die Geister selbst erwerben,
Wird nie zum Unheil ihnen und Verderben!

[72] Herbstlied

Es liegt der Herbst auf allen Wegen,
In hundert Farben prangt sein Kleid,
Wie seine Trauer, seinen Segen
Er um sich streut zu gleicher Zeit.
Es rauscht der Fuß im welken Laube,
Was blüht' und grünte, ward ein Traum –
Allein am Stocke winkt die Traube
Und goldne Frucht schmückt rings den Baum.
So nimmt und gibt mit vollen Händen
Der Herbst, ein Dieb und eine Fee;
Erfüllung kann allein er spenden,
Doch sie umfängt ein tiefes Weh! –
O, Herbst der Seele! deine Früchte,
Sind auch Gewinn sie, oder Raub?
Der Wünsche Blüthe ist zunichte,
Der Hoffnung Grün ein welkes Laub.
Zu schwer erkauft, um zu beglücken,
O, Seelenherbst, ist deine Zier!
Der Saft der Traube kann entzücken,
Doch keine Wonne strömt aus dir.
[73]
Die Weisheit, wie die Frucht sie nennen,
Sie preßt mir bittre Thränen aus,
Und ihres Kernes herbem Brennen
Entkeimet nie ein Frühlingsstrauß!

[74] Am See

Leise wie ein Traumgesicht
Hält Erinn'rung mich umfangen,
Leise, wie die Morgenluft
Mir umspielet Stirn und Wangen.
Und der klare, blaue See
Blickt mich an wie Menschenaugen,
Daß ich möchte tief hinab
Mich in seine Fluthen tauchen.
Und der Alpenspitzen Glanz
Blickt mich an wie Menschenherzen,
Die so schroff und eisig kalt
Lohnen dem mit tausend Schmerzen,
Der sich ihnen froh genaht,
Da im ros'gen Alpenglühen
Sie, von fremdem Licht umstrahlt,
Schienen lebenswarm zu blühen.
O, Erinn'rung! flieh' hinweg
Von den falschen Alpenhöhen,
Wasche in der blauen Fluth
Dich gesund von allen Wehen!
[75]
Such' in ihrem feuchten Glanz
Jener Augen treue Klarheit,
Die du frei noch lieben kannst,
Und die stets dir blickten Wahrheit!

[76] »Wenn der ein Dichter ist«

Wenn der ein Dichter ist,
Dem, wenn der Mai erblühet,
Die Seele in der Brust
In Sehnsucht fast verglühet,
Der seine holde Pracht,
Den Jubel in den Hainen
Nur leis erwiedern kann
Mit schmerzlich süßem Weinen;
Wenn der ein Dichter ist,
Den Ehrfurcht tief durchbebet,
Wo schwindelnd groß vor ihm
Sich die Natur erhebet;
Dem fast der Athem stockt
Und wankt des Fußes Stärke,
Vor eines Genius
Erhab'nem Schöpferwerke;
Wenn der ein Dichter ist,
Dess' Herz in Flammen lodert,
Wo Unterdrückung herrscht
Und Unbill Rechte fodert,
Dem nach der Feder zuckt
Die Hand, wie nach dem Schwerte,
Daß das Gemeine tief
Von ihm gezüchtigt werde;
[77]
Wenn der ein Dichter ist,
Den jede Menschenklage,
Den jedes fremde Leid
Trifft wie mit eignem Schlage,
Der keine Thräne sieht,
Die er nicht mit muß weinen,
Und dem der eigne Schmerz
Stets doppelt wird erscheinen;
Wenn der ein Dichter ist,
Dem heiß die Wange brennet,
Wenn man des Vaterlands
Geliebten Namen nennet,
Dem das entzückte Herz
In Wonne wollt' vergehen,
Wenn einmal könnte noch
Er frei und groß es sehen!
Wenn der ein Dichter ist –
O, Gott – nicht kann ich spüren,
Ob ich in edler Form
Weiß fremdes Herz zu rühren,
Ob Geister mächt'gen Schwungs
Mein Geist empor kann raffen –
Doch meine Seele hast
Zum Dichter du geschaffen!

[78] Am Grab des Bruders

Nach langem, langem Sehnen
An deinem Grab ich stand,
Nach vielen, bitt'ren Thränen
Sah ich dies Stückchen Land,
Das Alles kalt bedecket,
Woran voll Zärtlichkeit,
Seit Leben ihm erwecket,
Das Kind hing allezeit!
Das Kind – o, Schmerz! ich habe
Dich anders nicht gekannt,
Stiegst jetzt du aus dem Grabe,
Du hätt'st mich kaum erkannt.
Doch wie ich so hier stehe,
Wird Eins mir wunderbar,
Trotz allem Schmerz und Wehe,
Im tiefsten Innern klar.
Zu früh mir hingeschwunden
Warst du mein Lebensstern,
Nach dem in allen Stunden
Ich sah zum Himmel gern;
Sein Strahl ward meine Leuchte,
Zog meinem Geist voran,
Zum Guten, Schönen zeigte,
Zur Wahrheit mir die Bahn.
[79]
Und daß in ew'ger Treue
Ihm stets gefolgt mein Herz,
Daß hier ich steh' ohn' Reue,
Dies sänftigt meinen Schmerz;
Daß tief mir im Gemüthe
Dasselbe Feuer wacht,
Das deine Brust durchglühte
Mit seltner Liebesmacht.
So fühl' ich mit Entzücken,
Stünd'st eben du vor mir,
Als Geistesschwester drücken
Würd'st du an's Herz mich dir!
Die Hände segnend breiten
Auf meine Stirne bleich,
Mich wie in Kinderzeiten
Anlächeln mild und weich. –
Muß wieder von ihm gehen,
Dem schmerzlich theuren Ort,
Doch was mir dort geschehen,
Wirkt muthig in mir fort!
Daß so du in mir lebest
Für alle Ewigkeit,
Zum Höchsten mich erhebest –
Dies ist Unsterblichkeit!

[80] Die Zürcher Glocken

O, du wunderbarer grüner
See, im schönen Schweizerland,
Wie so lieblich sich die stolze
Zürich schmiegt an deinen Rand!
Hüben sanfte Rebenhügel
Hingestreut wie ein Idyll,
Drüben majestät'sche Alpen,
Schneebedecket, ernst und still.
Wie ein Mann ruhst du dazwischen,
Dem ein Zaub'rer Alles lieh,
Tiefsten Ernst und Morgenfrische,
Frohe, starke Poesie.
Lächelst in so holder Schöne –
Fast Vergessen mich umstrickt,
Daß mir von den grünen Höhen
Auch ein Grab entgegen blickt.
Weh', da tönen Glockenklänge,
Schneiden mir in's tiefste Herz,
Niemals wachte so gewaltig
In mir auf der erste Schmerz!
Weh', das sind dieselben Glocken,
Welche bebten durch die Luft,
Als man deine theure Hülle
Senkte in die kühle Gruft!
[81]
Alles Andre ist vergangen,
Selbst den Schmerz bethört' die Zeit,
Aber diese Glocken sprechen
Noch so laut, als wär es heut',
Daß der besten Geister einem,
Ganz erfüllt vom höchsten Drang,
Daß dem treusten, wärmsten Herzen
Sie getönt den Grabgesang!

[82] Lieder

1.

Kam die Liebe in mein Herz gezogen,
Kam nicht wie ein heitrer Sommertag,
Kam nicht wie das junge Grün im Walde,
Wie die duft'ge Blume auf der Halde,
Kam wie Noth und bitt'res Ungemach.
Wohl ist wie ein Sommertag sie kommen,
Aber ganz von Staub und Gluth erfüllt;
Wie das Grün vom nächt'gen Frost verheeret,
Wie die Blume, die der Wurm verzehret,
Eh' die Knospe sich noch ganz enthüllt!
Anders, anders ahnte sie die Seele,
Anders hoffte sie mein pochend Herz;
Aber, ob sie mir im Festgeschmeide
Sei erschienen, ob im Trauerkleide,
Nimmer tausch' ich meinen süßen Schmerz!

[83] 2.

Das hab' ich nicht gedacht,
Als Blatt und Blüthe sproßten,
Und ich voll Fröhlichkeit:
Daß mich die Sommerzeit
Mein ganzes Glück soll kosten.
Das hab' ich nicht gedacht –
Wie sollt' ich es auch meinen?
Als diese Haide grün,
Daß bis zu ihrem Blüh'n
Ich so viel müßte weinen.
Das hab' ich nicht gedacht,
Es gäb' noch tief'res Leide,
Als sonst mein Herz empfand,
Wenn rings das ganze Land
Sich barg im Winterkleide.
O, Freude, gute Nacht!
Wie ich's auch mag bedenken,
Meine Lust ist all' dahin –
Mag's schneien oder blüh'n,
Mich kann jetzt nichts mehr kränken!

[84] 3.

Wenn diese Stirne trüb der Gram umdüstert,
Und unter Thränen nur die Stimme flüstert,
Wer fragt darnach?
Wer fragt darnach, warum dem bleichen Munde
Kein Lächeln mehr entlockt die frohe Stunde,
Nur Seufzer schwach?
Die Schmerzen, die dies arme Herz durchbeben,
Der Täuschung Qualen, die den Busen heben,
Wer fragt darnach?
Wer sucht der Trauer dunklen Blick zu deuten,
Der ohne Wort enthüllt der Seele Leiden,
Wen kümmert's, ach?
Wenn sich der Tod auf diese Augen breitet,
Die lang' das Herz um seinen Tod beneidet,
Wer fragt darnach?
Mit einmal schwindet bei des Morgens Schauer
Der Sterne Heer – wer blickte je voll Trauer
Dem Einen nach?

[85] 4.

Weiche Luft, nach Sonnenbrande
Hältst die Erde du umfangen!
Spielst um sie wie Mutterlächeln,
Kühlest ihre heißen Wangen.
Weiche Luft, bei deinem Hauche
Athmet Alles neues Leben,
Wie im ersten Frühlingswehen
Baum und Blüthe froh sich heben.
Weiche Luft, du gleichst der Ruhe,
Die der kranken Seele fächelt,
Wenn nach letztem, heißem Kampfe
Ihr ein neuer Friede lächelt.
Weiche Lüfte, weiche Ruhe,
Wieget Erd' und Seele leise,
Stärkt die Welt zu neuem Blühen,
Und das Herz zur Weiterreise!
[86]

Erzählende und Gelegenheits-Gedichte.

[87][89]

Das Kind an der Quelle

Zu einem Bilde.


Schon sinkt die Sonne hinter dem Haag,
Wo nur mein Mütterlein bleiben mag?
Sie ging in die große Stadt hinein
Und wollte zurück vor Abend sein,
Doch schon wird's dunkel im grünen Wald,
Mütterlein lieb, kommst du bald?
Mütterlein sprach: Hier warte mein,
Spiel' an der Quelle silberrein,
Quelle, Blumen und Vöglein gut
Nehmen dich fromm in ihre Hut,
Sicher umfängt dich der grüne Wald,
Fürchte dich nicht, ich komme bald!
Und mit den Blümlein hab' ich gespielt,
Mich an der frischen Quelle gekühlt,
Habe den Vöglein zugehört,
Im Busche manch' Häschen aufgestört,
War so froh in dem grünen Wald,
Dachte fast, Mütterlein käm' zu bald!
[89]
Doch jetzt sind sie alle zur Ruh',
Den Blumen fielen die Aeuglein zu,
Vöglein schläft auf dem Zweige fest,
Häschen suchte sein weiches Nest;
Mich auch schläfert im grünen Wald,
Mütterlein lieb, kommst du bald?
Alle ließen sie mich allein,
Nur nicht die Quelle silberrein,
Sie erfüllet treulich dein Wort,
Murmelt und rauschet immerfort,
Wacht bei mir in dem grünen Wald –
Warte nur, Mütterlein kommt jetzt bald!

[90] Der Sclavin Teppich

1.

Der Morgen graut in jener fernen Zone,
Wo sich um Palmen die Liane schlingt,
Wo in dem Schatten grünender Bananen
Am klaren Quell das schlanke Lama trinkt;
Und aus des reichen Pflanzers offner Pforte
Zieht Paar um Paar der Schwarzen Schaar heraus,
Zu bringen heut' des Hanfes reiche Ernte
Dem weißen Manne in sein stattlich Haus.
Die letzt' im Zug, mit trüb gesenktem Auge,
Geht langsam eine junge Negerin,
Zum ersten Mal thut heut' sie Sclavendienste
Und blicket weinend auf die Halme hin:
»Wie euch, ihr Pflanzen, von der warmen Erde,
Der ihr entsprießt, jetzt löset meine Hand,
So riß man grausam unter tausend Thränen
Mich los von dem geliebten Vaterland!«
Am Mittag sitzt sie in der kühlen Halle,
Die Klag' auf's Neu' von ihren Lippen bebt,
Indess' sie aus des Hanfes zähen Fasern
Ein rauh' Geflecht mit fleiß'gem Finger webt:
[91]
»Sonst saß ich froh im Kreise der Gespielen,
Zu dienen, ach! ist jetzt mein traurig Loos,
Nicht mehr geachtet von den weißen Menschen,
Als dieses roh' Gespinnst in meinem Schooß.
Die Früchte, die dem fremden Land sie rauben,
Sie drin versenden in ihr heimisch Reich,
Wie ich hierher von ferner Meeresküste
Geschleppt bin, einer nied'ren Waare gleich!
O, dieses Tuch, dürft' es die Thränen künden,
Die hier ich wein' um mein verlor'nes Glück« –
Die Glocke tönt – der Hüter holt von dannen
Des schwarzen Mädchens erstes Sclavenstück!

2.

Der Morgen graut im heim'schen Abendlande,
Ein Kauffartheischiff naht dem sich'ren Port,
Des Kaffees Frucht von jenes reichen Pflanzers
Plantagen trägt es wohlverwahrt an Bord;
Gepackt in Säcke, die das arme Mädchen
Mit den Genossen trauernd hat gewebt,
An jedem eine bitt're Thränenquelle,
An jedem banger Schrei nach Freiheit klebt!
[92]
Und sieh, wie man auf Gräber Blumen pflanzet,
So, auf die rauhen Säcke, sonst verkannt,
Streut wie versöhnend tausend bunte Blüthen
De weißen Frauen kunstgeübte Hand. –
Der Thränen Spur, wohl ist sie auszutilgen,
Doch ach, ihr Quell rinnt stets noch unversiecht!
Soll das Geweb' nur sich mit Blumen schmücken,
Indess' im Sclavenbann der Weber liegt?
O, möchten Bürge diese Kränze werden,
Daß Allen bald der Freiheit Krone winkt,
Daß auf den Schätzen, die der West uns sendet,
Nicht mehr des Schwarzen bitt're Thräne blinkt,
Daß euch, ihr Frau'n, wenn eure Hand behende
Die Nadel führt, die bunten Farben wählt,
Dies rauh' Gespinnst mit leisen Geisterworten
Nicht mehr der schwarzen Schwestern Leid erzählt!
[93]

Schiller

Zum 10. November 1859.


»Das Höchste, was uns kann der Dichter geben,
Das ist sein Selbst – sein Wesen nur allein!
Vor denen, welche mit und nach ihm leben,
Sei dieses würdig, ausgestellt zu sein;
Zum reinsten Menschthum es empor zu heben,
Es ganz zu läutern, sei sein Ziel allein –
Denn höchste Gluth muß er erst in sich schüren,
Der 's wagen will, die Göttlichen zu rühren!«
So sprach der Dichter Schiller – und geblieben
Ist nicht für ihn ein leerer Schall das Wort,
Wo ihn das Innerste nicht angetrieben,
Erklang von seiner Leier kein Accord.
Nicht eine Zeile hat die Hand geschrieben,
Die nicht entquoll der tiefsten Seele Hort –
Was er auch schuf, voll sittlich reiner Klarheit,
Der Abglanz nur ist's seiner eignen Wahrheit!
Er, dem der Freiheit schönster Sang gelungen,
War selber frei in innerster Natur;
Nach einem edlen Weib nur hat gerungen
Der deutschen Frauen erster Troubadour;
[94]
Wie er der Freundschaft Ideal besungen,
War er voll Treu' ein Freund, wie Wen'ge nur –
So wissen kaum wir, wunderbar getrieben,
Ob mehr der Dichter – mehr der Mensch zu lieben!
Zum Menschen Schiller richte deine Blicke,
O, Jugend, die begeistert auf ihn lauscht!
Damit nicht nur dein Ohr sein Wort entzücke,
Sein Sang nicht nur die Phantasie berauscht;
Sein ganzes Bild der vollen Seele drücke
Dir ein, und sorg', daß nie die Zeit es tauscht,
Lass' es in's Herz dir wachsen, in das weiche,
Wie Heil'genbilder in den Stamm der Eiche!
Denn auf des Lebens wild verworr'nen Wegen,
Wo oft ein Sturm des Glaubens Baum entlaubt,
Ist's dem enttäuschten Herzen Himmelssegen,
Wenn's noch durch Einen an die Menschheit glaubt,
Wenn's noch ein Ideal darf in sich hegen,
Das nie der Täuschung kalte Hand ihm raubt:
Denn zweifellos, im reinsten Schönheitslichte,
Steht er auf ew'ge Zeit in der Geschichte.
Und auf den Menschen Schiller seht, ihr Dichter!
Nie sprach er: Was der Genius thut ist recht!
Nie wollt' er, daß die Welt ein mildrer Richter
Ihm sei, als einem staubgebornen Knecht.
[95]
Des Geistes Hoheit war ihm der Verpflichter,
Auch groß zu sein; wenn göttliches Geschlecht
Für sich verlangt der Genius, soll er zeigen,
Daß er auch kann als Mensch den Göttern gleichen!
Ihn trug das Leben nicht auf glatter Welle,
Sein Tod erst war's, der Kampf und Noth gestillt,
Doch keinen Fleck ließ es auf seiner Helle,
Nein, wie sein Tell – o, unvergänglich Bild –
Der Feinde Schiff geschleudert kühn und schnelle
Mit starkem Fuß in Fluth und Brandung wild,
So stieß er das Gemeine, das uns Alle
Bedrohet, von sich ab zu nächt'gem Falle.
Drum – wie wir auch die Dichter alle lieben,
Die Unsren – heißer doch die Wange brennt,
Das Herz fühlt sich zu höh'rem Schlag getrieben,
Wenn man den Namen unsres Schiller nennt;
Und daß er sich so tief hat eingeschrieben
In Aller Herzen – ist, weil Keiner kennt
Ein Größ'res, als »des Genius hohe Sendung
In Harmonie mit sittlicher Vollendung!«

[96] Zu einer goldnen Hochzeit

Schweift der Geist zurück in jene Tage
Alter Zeiten, Schön'res er nicht findet,
Als das Schicksal, welches eine Sage
Uns von Philemon und Baucis kündet.
Treuerprobt im Glücke und im Leide,
Wuchs ihr Leben so in Eins zusammen,
Daß – damit der Tod sie niemals scheide,
Ließ ein Gott aus ihnen Bäume stammen
Deren Zweige unauflöslich breiten
Sich zum Schattendache, und ein Tempel
Werden vielen Paaren, die voll Freuden
Nehmen dran ein liebendes Exempel.
Und mir däucht, es sei in diesem Paare
Philemon und Baucis neu erstanden –
Silberhell erglänzen ihre Haare,
Golden ihrer Treue feste Banden.
Treuerprobt im Glücke und im Leide,
Wuchs ihr Leben ganz in Eins zusammen,
Doch ein mild'rer Gott noch ließ für Beide
Höh're Freude, süß'res Glück entstammen.
[97]
Noch im Vollgenuß der Lebensfülle,
Frisch am Geiste, frisch des Herzens Triebe,
Feiern sie in edler Menschenhülle
Heut' das seltne Jubelfest der Liebe!
Wohl seh' ich zwei Bäume sich verschlingen,
Doch nur als Symbol von jener Sage –
Lass't es euch von treuen Freunden bringen,
Die sich mit euch freu'n an diesem Tage!

[98] Einer Jugendfreundin

Albumblatt.


Die Blume, die aus ihrem stillen Thale
Verpflanzt wird in ein fernes, fremdes Land,
Prangt dort wie hier in holder Anmuth Fülle,
Ist sie gepflegt von zarter Liebe Hand;
Und siehst an ihrem Kelch du manchmal hangen
Ein Tröpflein, drauf die Morgensonne scheint,
So denk' nicht, daß es Gramesthränen seien,
Die trübe sie in stiller Nacht geweint.
Wohl sind es Thränen, aber die nicht schmerzen,
Erinn'rung hat sie leise wach geküßt:
Wenn sanft ein Ton aus heimathlichen Fernen
Verwandten Klangs der Blume Seele grüßt,
Dann rinnt die Thräne, doch nicht herb und bitter,
Ein Opfer, der vergangnen Zeit geweiht,
Dann säuselt durch die Seele linde Wehmuth
Und sanfte Ruhe folgt dem süßen Leid.
So träumst gewiß auch du, wenn du geschieden,
Noch oft von deinem deutschen Vaterland,
[99]
Von deinen Kinder-, deinen Jugendtagen –
Bis dich verpflanzte zarter Liebe Hand;
Und wie ich hoffe, daß dem Angedenken
Es manchmal heiß von deiner Wange quillt,
So soll dich stets mein treuster Wunsch geleiten,
Daß andres Weinen nie dein Auge füllt!

[100] Bei Ueberreichung einer Turnerfahne

Hoch empor in blaue Lüfte,
Turner, laßt die Fahne wehen,
Hebt sie auf, daß weithin Alle
Ihre hohe Deutung sehen:
Wie ein Adler drauf erhebet
Sich zur Sonne stolz und groß,
Daß: frisch, fromm und frei und fröhlich
Ist des Turners hohes Loos.
Frisch und fromm und frei und fröhlich,
Was die tiefen Worte künden,
Diesen stolzen Sinn zu wahren
Woll't euch, Turner, treu verbünden;
Vor den Augen deutscher Frauen,
Die euch heut' die Fahne weih'n,
Schwöret Alle sie zu wahren
Unverfälschet, treu und rein!
Frisch, wie aus dem Felsenmunde
Sich ein kühler Quell ergießet,
Die Ermatteten zu trösten
Durch versengte Thäler fließet,
[101]
Also frisch zu jedem Werke,
Frisch zu jeder ächten That
Sei der Turner, doch vor allem,
Wo die Freiheit flehend naht.
Fromm, so heißt das Sprüchlein weiter,
Aber fromm nach rechter Weise,
Nicht ein Beter nur und Heuchler
In der Pharisäer Kreise,
Das Gesetz der Bruderliebe
Sei des Turners höchste Lehre –
Schaut euch um im deutschen Lande
Von den Alpen bis zum Meere,
Korn und Wein auf allen Fluren,
Eisen in der Berge Schachten,
Stolze Wälder, reiche Wiesen –
Und so viele doch, die schmachten!
Daß hinfort die deutsche Erde
Jedem ihren Segen spende,
Darum fromm zu jedem Opfer,
Das der Menschheit frommen könnte!
Fröhlich ist der Worte drittes,
Fröhlich seid vor allen Dingen,
Wo der volle Becher kreiset,
Wo sich muntre Paare schwingen
[102]
Bei Gesang und heitern Scherzen.
Doch das starke Turnerherz
Trage willig, frohen Muthes
Auch des Lebens herbsten Schmerz.
Frei, so endet sich das Sprüchlein –
Und die Herzen hör' ich schlagen,
Und die Augen seh' ich flammend
Zu dem Adler aufgeschlagen!
Ein Gedanke stolz und kräftig
Jede deutsche Brust durchbebet,
Aecht und unverfälscht vor allem
In des Turners Seele lebet:
Daß hinfort aus deutscher Erde
Eine stolze Eiche steige,
Deren grüne Blätterkrone
Ueber alle Lande reiche,
Deren Stamm sich ungespalten
Heb' empor, ein freier Mann,
Weil die hohe, heil'ge Freiheit
Nur in Einheit wurzeln kann.
Bis dies hohe Ziel errungen,
Freier Turner, raste nimmer,
Sieh, durch dunkle Wetterwolken
Leuchtet hell der Zukunft Schimmer,
[103]
Bis die deutsche Eiche grünet,
Bis im Staub die Feinde liegen,
Laßt zu jedem rechten Streite
Euch voran die Fahne fliegen!
Folgt ihr, wo es gilt zu schützen
Hof und Herd mit frohem Muthe,
Folgt ihr, wenn die junge Freiheit
Heischt von eurem bestem Blute:
Darum weiht euch diese Fahne
Eurer deutschen Schwestern Hand,
Sie auch fühlen, sie auch leben
Für's geliebte Vaterland!
Aber, wenn die Schlacht geschlagen,
Wenn sie steht, die stolze Eiche,
Hänget dann die treue Fahne
Auf an einem grünen Zweige,
Als ein Zeichen, daß die Deutung
Eures Spruchs erfüllet sei:
Daß nun jede deutsche Seele
Frisch und fröhlich, fromm und frei!

[104] Der erste Minnesänger

»Blanka, Blanka von Kastilien,
Herrscherin ob Frankreichs Lilien,
Rein wie sie und kalt wie Schnee!
Streng und ernst siehst du mein Minnen,
Keinen Blick selbst kann gewinnen
Meiner Liebe tiefes Weh!«
Thibaut von Navarra's Klagen
Sind's, die so allnächtlich tragen
Stille Lüfte durch die Au.
All' sein Sinnen, all' sein Streben
Hat er ihr dahin gegeben,
Dieser königlichen Frau.
Aber wie der Mond die Bahnen
Ziehet, ohne nur zu ahnen
Erdenleid, so geht sie her;
Lebt in Ludwig ganz, dem Sohne;
Den einst schmückt des Heilg'en Krone –
Und sein Lieben wird stets mehr!
[105]
Was dem Mann sonst dünkt das Beste,
Kriegsgetümmel, Schlacht und Feste
Flieht er wie ein scheues Wild;
Keine Wunde kann er schlagen,
Im Gefecht, beim wildsten Jagen
Steht vor ihm ihr süßes Bild. –
Sprach ein Greis zum Vielgetreuen:
»Soll dein Gram nicht sich erneuen,
Stets, so folge meinem Wort;
Liebe gleicht des Südens Blüthe,
Treibt im innersten Gemüthe
Unaufhaltsam, ewig fort!
Kannst sie nicht zum Tod bekämpfen,
Aber ihre Schmerzen dämpfen
In des Schönen Zauberreich;
Nimm den Griffel, nimm die Laute
Und, was dir dein Gram vertraute,
Ström' es aus in Liedern reich!
Nur zum Ruhm der Heldensprossen
Hat sich Wort und Ton ergossen,
Ungefügig oft und rauh.
Rühre du die sanft'ren Saiten,
Sing' der Seele Lust und Leiden,
Trag' dein Weh im Preis der Frau!«
[106]
Und Navarra's König lauschet,
Mit dem Schwert die Leier tauschet –
Ward gesund durch Lied und Ton.
Doch seitdem Gedicht und Singen,
Liebe wecken, Liebe bringen
Und ist Lieb' ihr schönster Lohn! –

[107] Petrarch und Tasso

Zu Laura's Preise schlug Petrarch die Leier,
Und all sein Denken war nur eine Feier
Für sie, der seine ganze Seele lebt;
Doch strebt' er nie nach irdischem Besitze,
Sie war die Göttin auf dem Wolkensitze,
Zu der kein Sterblicher die Wünsche hebt.
So strömte Tasso aus der Liebe Quelle
Der Dichtkunst heil'ge, segensreiche Welle,
Für Leonore sang sein Genius.
An ihrem Geiste durst' er sich entzünden,
Er war ihr nahe; ihre Blicke künden
Ihm manchen tiefen, ahnungsvollen Gruß.
Da sinkt er nieder vor dem hohen Weibe,
Und wird des Stolzes, wird der Rohheit Scheibe,
Weil menschlich er empfand der Liebe Schmerz –
Wohl mag ich staunend auf Petrarcha sehen,
Den Liebessänger, frei von ird'schen Wehen –
Zu Tasso aber fliegt mein ganzes Herz!

[108] Rodomonte

Graf Bojardo ritt zum Jagen
Aber nicht auf Hirsch' und Rehe,
Denn in seinem Innern nagen
Eines Dichters Gram und Wehe.
Er, der kühne Rolandsänger,
Sonst um Namen nicht verlegen,
Sucht just einen immer länger
Für den kecksten seiner Degen.
Denn der Name schien zur Sache
Wichtig ihm aus vielen Gründen;
Unter'm grünen Waldesdache
Hofft' er heute ihn zu finden.
Horch, da reißt vom Bergesstollen
Sich ein Fels mit einem Male,
Und mit ungestümem Rollen
Stürzt er donnernd in die Thale.
Hei! so wild, unbändig prächtig
Ist Bojardo's Held erfunden:
Aus den Träumen reißt's ihn mächtig,
Und – der Name ist gefunden!
[109]
»Rodomonte! Rodomonte
Jauchzt' er laut auf hohem Rosse
Und, so eilig als er konnte,
Sprengt' er heimwärts nach dem Schlosse.
Läßt mit seinen Glocken allen
Läuten, was man läuten konnte,
Durch Scandiano's weite Hallen,
Tönt sein jubelnd: »Rodomonte
Volk und Diener ängstlich flohen
Hier- und dorthin bei dem Läuten,
Doch – kein Feuer sieht man lohen,
Niemand weiß den Lärm zu deuten.
Wie nun Alles stand im Kranze
Und nicht g'nug sich wundern konnte,
Schrieb Bojard die erste Stanze
Von dem Helden Rodomonte!
Und, dieweil ein Stein' alleine
Schon bewirkte solche Thaten,
Nennt man Alles, was zum Scheine
Lärmen macht: Rodomontaden!

[110] Lorenzo di Medici

1.

Die niedren Hütten, wie die stolzen Hallen
Firenze's sind erfüllt von Gram und Schweigen,
Die schönste Jungfrau, edel sonder Gleichen,
Die dort gewohnet, ist dem Tod gefallen,
Zu ihrer Bahre Ströme Volkes wallen;
Ein Jeder will vor ihr die Kniee neigen,
Ihm däucht an dieser lieblichsten der Leichen,
Es sei der Schönheit Reich mit ihr zerfallen,
Denn, wie die Sonne, eh' sie niedergeht,
Noch ihre vollste Gluth der Erde sendet,
Im letzten Blick den höchsten Reiz verschwendet –
So hat im Leben selbst sie nie umweht
Ein solcher Zauber, solcher Schönheit Fülle,
Als schadenfroh der Tod leiht ihrer Hülle!

[111] 2.

Lorenzo folgt dem allgemeinen Drange,
Er tritt herein, er schaut die Engelreine,
Rings um sie her kein Auge, das nicht weine –
Da schlägt das Herz im Busen ihm so bange,
Und ihm wird klar, was er gesucht so lange!
Vor dieser todten Schönheit heil'gem Schreine,
Bei diesem Weh trifft's ihn mit Blitzesscheine,
Und seine Seele löst sich im Gesange.
Wie jach ein Stern hervorbricht aus der Nacht,
Wird Poesie sein unbestimmtes Träumen –
Ein Dichter zieht er fort aus diesen Räumen.
So unvergänglich ist des Schönen Macht,
So muß sein Anblick selber noch im Sterben
Zu neuem Leben neue Schönheit werben!
[112]

Vittoria Colonna

Wenn Neid das Zeichen nicht gemeiner Seelen,
Vor allen Frauen müßt' ich dich beneiden!
Du lebtest in des Geistes heil'gen Zeiten,
Da Poesie und Kunst sich neu vermählen;
Du durftest zwischen Myrth' und Lorbeer wählen,
Doch höchste Lebensfülle zu bereiten,
Wand dir die Muse einen Kranz aus beiden,
Damit der Gattin Wonne könnt' erzählen
Die Dichterin, die doppelt sie empfunden;
Und als er starb, dem sie sich treu verbunden,
Da war ihr Lied nur seinem Preis geweiht!
O herrlich Loos! erst Poesie zu nähren
An ird'scher Liebe, und dann hold verklären
Sie im Gesange zur Unsterblichkeit!

[113] Armin's Klage

Nach Ossian.


»Wissen willst du, was ich leise seufze,
Warum Trauer meine Stirn umhüllt?
Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer,
Meine Kinder ruh'n in Todesschlummer
Und von Schmerz ist meine Brust erfüllt!
Armin ist der Letzte seines Stammes,
Seine Glieder werden schwach und alt –
Finster ach! o Daura, ist dein Bette,
Tief dein Schlaf an kalter Grabesstätte,
Deiner Stimme Melodie verhallt.
Herbsteswinde, rauschet durch die Haide!
Bergesströme, brauset wild empor!
Stürme tobet in dem Haupt der Eichen,
Lass' dein Angesicht, o Mond, sich zeigen,
Tritt aus halb zerriss'nen Wolken vor!
Bring' die Trauernacht vor meine Blicke,
Die Arindal, Daura mir entriß –
Daura, weißer als des Schwanes Flügel,
Lieblich, wie das Mondlicht an dem Hügel,
Gleich dem Hauch der Frühlingslüfte süß.
[114]
Flüchtig war Arindal's Speer im Felde,
Rothe Wetterwolke war sein Schild,
Sanft sein Blick wie Nebel auf der Welle –
Armar kam, ein Krieger stark und schnelle,
Daura trug im Herzen tief sein Bild. –
Erath's Bruder Armar hat erschlagen,
Den zu rächen, Erath kam daher,
Kam, gekleidet wie des Meeres Söhne,
Weiß die Locke, sanft der Stimme Töne,
Leicht sein Nachen schaukelt auf dem Meer.
›Schönstes Mädchen, holde Daura«, sprach er,
Aus dem Meer hebt dort ein Felsen sich,
Rothe Frucht glänzt durch des Baumes Zweige,
Den er trägt – in meinen Nachen steige,
Dort harrt Armar, zu ihm führ' ich dich!‹
Und sie ging und rief nach ihm, doch Antwort
Nur das Echo gab, sie rang die Hand:
›Armar, was erfüllst du mich mit Zagen,
Daura, ruft dich, hör' ihr banges Klagen!‹ –
Erath, der Verräther, floh zum Land.
Sie erhob der Stimme Klagetöne,
Rief Arindal's, meine Hülfe an,
Von dem Felsen klang ihr Rufen wieder,
Von den Hügeln stieg Arindal nieder,
Rauh mit Jägerkleide angethan.
[115]
Fand den stolzen Erath an der Küste,
Fest er an der Eiche Stamm ihn band,
Laut sein Schmerzgeheul die Luft durchschneidet;
Durch die Fluth Arindal's Nachen gleitet,
Daura schnell zu führen an das Land.
Da kam Armar her in seinem Grimme,
Der beschwingte Pfeil vom Bogen flog,
Flog, dein Herz, Arindal, zu durchbohren,
Dein's an Erath's Statt, dem er erkoren –
Todesnacht dein treues Aug' umzog!
Ihm entsinkt das Ruder, an dem Felsen
Strebt' er noch empor – da bricht sein Herz!
Welches war, da du zu deinen Füßen
Sahst des Bruders Blut in Strömen fließen –
Welches war, o Daura, war dein Schmerz!
An den Klippen ist das Boot zerschmettert,
Armar stürzt sich in das wilde Meer,
Seine Daura will er kühn erretten,
Oder sich in dunkle Fluthen betten –
Weh! er sinkt und kehret nimmermehr!
Auf dem seeumwogten Felsen jammernd
Meine Tochter saß in ihrer Qual,
Sie zu retten war ich nicht im Stande,
Weilt' die ganze Nacht am Meeresstrande,
Sah sie bei des Mondes bleichem Strahl.
[116]
Kalter Regen peitscht der Berge Seiten,
Laut dazwischen heult des Nordens Wind,
Schwächer ward beim Morgenlicht ihr Weinen,
Schwand dahin, wie auf bemoosten Steinen
Leise seufzend stirbt der Abendwind.
Einer Blume gleich vom Sturm gebrochen,
So sank Daura schmerzbeladen hin,
Du, o Armin! bliebst allein von Allen!
Bei den Frauen ist mein Stolz gefallen,
Meine Macht im Kriege schwand dahin! –
Wenn in's Thal die Stürme niederbrausen
Und der Nord die Wogen wild erhebt,
Sitz' ich an dem donnernden Gestade,
Schau' hinüber nach dem Felsengrate,
Oft von meiner Kinder Geist umschwebt!
Still einträchtig wandlen sie zusammen,
Bleich der Mond ihr dämmernd Bild enthüllt –
Nicht gering, o Cormar, ist mein Kummer,
Meine Kinder ruh'n im Todesschlummer
Und mit Schmerz ist meine Brust erfüllt!«

[117] Die Ehekämpen

1.

Einst zu Turin am Hofe versammelte zum Feste
Der Herzog Karl der Dritte gar viele edle Gäste;
Man trank in vollen Zügen den rothen Veltlinwein
Und rings im Kreise scholl es von lust'gen Neckerei'n.
Um eine Tafel saßen sie alle in der Runde,
Die sich bereits ergeben dem süßen Ehebunde;
Um eine andre Alles, was jung und ledig war –
Ein Blumenbeet zu schauen ist nicht so frisch und klar.
Herüber und hinüber stritt man mit keckem Sinnen,
Ob's besser sei zu freien, ob besser nur zu minnen;
Es priesen Frau'n und Männer den schönen Ehestand,
Wenn's auch vielleicht im Herzen ein Mancher anders fand.
Herr Corsant de la Bresse, der jungen Ritter Blume,
Erhob das Glas und sprach: »Es gilt der Freiheit Ruhme!
Der Freiheit von dem süßen, doch läst'gen Ehejoch,
Sind's auch nur Rosenketten, so bleiben's Ketten doch!
»Wir weihen drum den Damen nicht minder heiße Triebe,
Doch nur vereint mit Freiheit kann preisen ich die Liebe!«
Die jungen Ritter riefen es ihm mit Jubel nach,
Es stießen an die Damen, jedoch ein wenig schwach.
[118]
Herr Simon von Blonay sprang auf mit edler Hitze,
Beglückt seit einem Jahre fühlt er sich im Besitze
Der schönsten Dame, die er so warm in Lieb' umfing,
Daß ihm die kecke Sprache tief durch die Seele ging.
»Dies Glas bring' ich der Ehe!« scholl seine Gegenrede,
»Und fordre einen jeden mit mir heraus zur Fehde,
Der es bezweifeln möchte, ein Ehegatte sei,
Weil er ein Weib genommen, nun minder stark und frei!
Und würdiger als Jungfrau'n sind diese wohl zu preisen,
Die Gattin wir und Mutter von unsern Kindern heißen,
Für deren Ruhm und Ansehn bin ich hier allezeit
Zu brechen eine Lanze mit jedem gern bereit!«
Da klatschten alle Männer, da nickten alle Frauen,
Es war der Herr von Blonay gar herrlich anzuschauen;
Er hielt die Hand am Schwerte, sein Auge blitzte voll,
Ein sieggewohntes Lächeln um seine Lippen quoll.
Im Kreis der jungen Ritter stand Corsant ganz so prächtig:
»Herr Simon von Blonay,« so rief er jetzo mächtig,
»Wir wollen Lanzen brechen mit Euch zu jeder Stund –
Ich für den Preis der Freiheit, Ihr für den Ehebund!«
Da schlugen in die Hände die jungen Ritter wieder,
Allein die jungen Damen, sie blickten schweigend nieder,
Von ihnen hätte jede es lieber wohl geseh'n,
Er möcht' mit ihr zur Kirche, statt zu dem Kampfe geh'n.
[119]
Der Herzog hatte stille dem lust'gen Streit gelauschet,
Und sah, daß nur zur Kurzweil man solche Fehde tauschet.
So mocht' er wohl erlauben, daß ohne Haß und Groll
Der Kampf der beiden Ritter sich bald vollziehen soll.
Er selber will bestimmen des muntern Kampfs Gesetze,
Der ihm und seinem Hofe soll dienen zum Ergötze –
Zweimal mit stumpfer Lanze zu rennen Mann gen Mann
Wird ihnen erst gestattet, und fünfzehn Gänge dann
Zu fechten mit dem Schwerte; wenn sich besiegt sollt' neigen
Der Streiter für die Ehe, muß er die Kniee beugen
Vor'm Fräulein von Savoyen und ihre Gnad' erfleh'n,
Dieweil sie noch bis jetzo ließ alle Freier steh'n,
Und vor noch einer Jungfrau, die darf der Sieger nennen,
Hat er als überwunden im Staub sich zu bekennen –
Doch, wenn besiegt sollt' werden der led'ge junge Fant
Hier durch des Ehekämpen geschickte, tapfre Hand,
Muß er, o harte Strafe! erst reuig niederfallen
Vor ihr, die wohl am meisten gefürchtet war von allen,
Zur Dame von Savoyen muß er um Gnade fleh'n –
Da möchte jeder lieber vor ihrer Tochter steh'n!
Dann mußte noch Herr Corsant, sollt' es so schlecht ihm glücken,
Sich, um Vergebung flehend, vor jener Dame bücken,
Der Simon von Blonay gereichet seine Hand
Und die er einst gefreiet im schönen Schweizerland.

[120] 2.

Es war am zwölften Mai
Um funfzehnhundertvier,
Der Herold rief herbei
Die Herrn zu dem Turnier.
Vorm Schlosse zu Turin
Ließ man die Schranke bau'n,
Der ganze Hof erschien
Der Ritter Kampf zu schau'n.
Herr Simon saß gar schlank,
In schwarz und rothem Kleid,
Auf einem Schimmel blank
In edler Männlichkeit.
Reich war sein Roß geschmückt,
Von Kopf zu Fuß behängt
Mit Decken goldgestickt,
Von Wohlgeruch durchtränkt.
Herr Corsant sprengt herfür
Auf einem Rappen wild,
Er und sein edles Thier
Der kecken Jugend Bild.
[121]
Sein atlass'nes Gewand
War grau und carmoisin,
Die Lanze in der Hand
Er fast so schön erschien,
Als Lucifer, eh' er
Den Himmel einst verlor;
Manch' Auge stolz und hehr
Flog heiß zu ihm empor.
Geöffnet ist die Bahn,
Es stürmt auf seinem Roß
Ein jeder Kämp' heran –
Dann dröhnt der Lanzen Stoß.
Der Herr von Blonay ward
Getroffen auf die Brust,
Den Andern stieß er hart
Grad' auf das Herz mit Lust.
Die Lanzen brechen beid',
Die Ritter wanken nicht,
Zum zweiten Stoß bereit
Sind andre hergericht't.
Doch jetzt, o großes Weh!
Der Jugend geht es schlimm,
Herr Simon von Blonay
Rennt an mit solchem Grimm,
[122]
Daß bei dem ersten Stoß
Herr Corsant schon sogleich
Hin auf den Boden schoß
Mit Sattel und mit Zeug.
Da tönte mancher Schrei
Aus holdem Frauenmund –
Denn als ob todt er sei,
So schwer lag er am Grund.
Doch war's nicht ganz so schlecht;
Schnell sprang er wieder auf,
Greift dann zu dem Gefecht
An seines Schwertes Knauf.
Jedoch sein Kampfgenoß,
Ein ächter Held und Mann,
Läßt schnell ein ander Roß
Ihm führen auf den Plan.
Aufs Neu' der Streit entbrennt,
Die Klingen kreuzen sich,
Sie fechten so behend,
So stark und ritterlich,
Daß nicht zu zählen mehr
Ist ihrer Streiche Zahl,
Es klingt als ob ein Heer
Sich schlüge auf einmal.
[123]
Der Herzog winkt, es sei
Des Kampfes jetzt genug –
Da neigen sich die Zwei
Vor seinem Urtheilsspruch.
Er sprach: »Herr Simon, Ihr
Verdient des Tages Preis,
Es stritt für's Eh'panier
Wohl keiner noch so heiß.
Den schönsten Lohn Euch zollt
Dafür der rothe Mund
Der Dame süß und hold,
Mit der Ihr schloss't den Bund.
Und uns'rer Ritterschaft
Seid Ihr ein Vorbild heut',
Euch ziert nicht blos die Kraft,
Auch edle Biederkeit,
Die Ihr dem Feind bezeigt,
Dem kecken Jugendblut,
Das jetzt besiegt sich neigt
Für seinen Uebermuth.
Auch Ihr, Herr Corsant, traun,
Habt Euch als Held gezeigt,
Vor allen Herrn und Frau'n
Sei Euch dies laut bezeugt.
[124]
Und merkt es Euch nun fein:
Ein Ehemann so treu
Kann nicht besieget sein,
Weil in ihm kämpfen Zwei.
Werft schnell zu Füßen Euch
Der Dame von Blonay,
Ihr Lächeln anmuthreich
Bekehr' auch Euch zur Eh'.
Doch nach des Satzes Wort,
Wie wir's bestimmt genau,
Knie't erst an diesem Ort
Vor unsrer hohen Frau!«
Er winkte mit der Hand
Den Ritter gnädig her.
Herr Corsant ruhig stand,
Doch war das Herz ihm schwer.
Er soll im Staube knie'n
Vor einem Frauenbild,
Dem keiner noch den Sinn
Bis heut erweichte mild.
Er sah die Herzogin,
Sie saß so grad und lang,
Dort unterm Baldachin –
Es war ein saurer Gang.
[125]
Fest ist gepreßt ihr Mund,
Das Auge kalt und grau –
Er schwört im Herzensgrund:
Nie nehm' ich eine Frau!
Dann sinket er auf's Knie
Und fleht um Gnade lind
Sie, und die Damen, die
Schon all' vermählet sind.
Die strenge Herzogin
So stolz und imposant,
Sie reicht' zum Kusse hin
Ihm gnädig ihre Hand,
Und sagte: »Wir verzeih'n;
Ihr schmiegt am Ende doch
Euch noch geduldig ein
Ins läst'ge Ehejoch!«
Er neigt sich ohne Wort
Und denkt: Wir wollen sehn!
Dann möcht' er eiligst fort
Zur andern Feindin geh'n.
»Herr Simon, sagt mir schnell,
Wo Eure Gattin weilt,
Damit ich zu der Stell'
Kann eilen unverweilt.
[126]
Daß auch aus deren Mund
Verzeihung mich erhebt,
Die Euch den Ehebund
So zauberhaft gewebt!«
»Herr Ritter lieb und werth,«
Sprach Simon von Blonay,
»Es steht mein trauter Herd
Am blauen Lemansee.
Zwei Schlösser nenn' ich mein
In jenem Paradies,
Auf einem muß sie sein,
Doch sag' ich nicht gewiß,
Ob weilt im Chablais sie,
Ob sie schon überm See,
Verließ sie Meillerie,
Dann sucht sie in Blonay.
Dieweil ich fern von ihr,
Schenkt' sie mir einen Sohn,
Drum ist sie nicht bei mir,
Der Frauen Zier und Kron'.
Doch hat's so groß nicht Eil',
Herr Ritter ruht Euch aus;
In einer kleinen Weil'
Reit ich mit Euch nach Haus.«
[127]
Herr Corsant wiegt das Haupt,
Der Plan gefällt ihm nicht:
»Herr Simon, nein, erlaubt,
Daß ich erfüll' die Pflicht,
Die mir geboten ist,
Damit es schnell vorbei,
Es schlägt vor dieser Frist
Mir nicht das Herz mehr frei.
Erst dann mit frischem Muth
Ich neu mich freuen kann,
Daß ich ein junges Blut
Und noch kein Ehemann!« –
Vom Herzog ward in Huld
Der Abschied ihm gewährt,
Voll heißer Ungeduld
Schwang er sich schon auf's Pferd,
Als noch der Morgenstern
Am dunkeln Himmel stand,
Ein Diener nur von fern
Folgt' ihm ins fremde Land!

[128] 3.

Unwegsame, rauhe Pfade mußte nun Herr Corsant zieh'n,
Die Gigantenwelt der Alpen thürmt sich furchtbar um ihn hin,
Wo der alte Bergesriese geisterhaft das weiße Haupt
Kühn und trotzig bis zur Sonne beinah' zu erheben glaubt.
Neben ihm mit wildem Donner die Lawine niederkracht,
Brausend wälzet sich der Bergstrom durch den tiefen Felsenschacht,
Gletscher stürzen in die Thäler, die sich winden schmal und eng
Durch die schroffen Bergeswände und der Felsen wild Gedräng.
Tagelang zieh'n so sie weiter, seh'n von Menschen keine Spur,
Ganz allein im weiten Umkreis dieser mächtigen Natur,
Ganz allein auf Bergeshöhen, wo das Echo einzig spricht,
Und der Pfiff des Murmelthieres nur das Schweigen unterbricht.
Oft den nächsten Schritt verdeckend schwarz der Nebel sie umwallt,
Zu dem Abgrund lockt der Schwindel mit dämonischer Gewalt,
Trügerisch entweicht dem Fuße oft der Stein, auf dem er ruht –
Tausend Schrecken schickt die Wildniß ihrem Feind, der Menschenbrut.
Ei, Herr Corsant, einst so muthig mit dem Schwert und dem Pokal,
Hier zu überwinden gilt es auch Gefahren ohne Zahl,
[129]
Und das Naß, das lohnt dem Sieger, ist kein rother Feuerwein,
Der Krystall nur ist's der Quelle, sprudelnd aus dem Felsgestein.
Doch so keck, wie beim Gefechte, zieht er seinen Weg zumal,
Bald hinauf die steile Höhe, bald hinunter in das Thal,
Und wie liebt er bald die Reise, mehr als jede träge Ruh' –
Tausend ungekannte Freuden, Wildniß, schenkst dem Menschen du,
Der sich furchtlos deinem Herzen, deiner stolzen Schönheit naht.
Wie beredtsam ist dein Schweigen, wie entzückt dein wilder Pfad!
Eben bebte noch die Seele grauserfüllt vor dir zurück,
Und zum schönsten Bilde führest du im nächsten Augenblick.
Plötzlich tritt der Fuß auf Matten, mit Genzianen blau gestickt,
Eben sproßte noch kein Gräslein, jetzt die Alpenrose nickt
An den steilen Bergeswänden, die umgrenzen eng und schmal,
Eingefaßt von dunkeln Tannen, ein glückselig Alpenthal.
Buntgefleckte Kühe weiden würz'ge Kräuter voll von Duft,
Leise tönen ihre Glocken durch die frische, reine Luft,
Und des Sennen braune Hütte öffnet schon ihr Pförtchen weit,
Einen Wandrer zu empfangen, zu bewirthen gleich bereit.
Ew'ger Friede scheint zu wohnen in dem engen, stillen Thal,
Jede Sehnsucht scheint gestillet, überwunden jede Qual.
[130]
Ach! wie liegt die Welt so ferne, ihr Geräusch, ihr Kampf und Streit!
Selig ist's, sie zu entbehren in so holder Einsamkeit.
Und Herr Corsant springt vom Pferde, wirft sich auf den Rasen hin,
Fühlte nie so tief beweget sich in seinem spröden Sinn,
Alles möchte er vergessen, was ihn stürmisch sonst bewegt,
Nimmer mehr dies Thal verlassen, das den Frieden in sich trägt.
Rund um ihn in duft'ger Ferne ragt der Alpen Majestät,
Sie die Einz'gen auf der Erde völlig wandellos und stät,
Alles folgt des Wechsels Zuge, sie steh'n ewig weiß und rein, –
Sollen sie ein Bild des Todes, oder treuster Dauer sein?
Treuer als der Menschen Herzen, treuer als des Lebens Glück,
Strahlen seit dem Schöpfungstage sie der Sonne Gluth zurück,
Und wie jetzt sie rosig stehen, angehaucht von ihrem Kuß,
Sich Herr Corsant eine Thräne von der Wimper trocknen muß.

4.

Manchen Tag noch zog der wackre Reiter
Durch der Berge Labyrinth,
Bis sie öffnen weiter sich und weiter,
Und als einst die Nacht zerrinnt,
[131]
Als die Morgenlüste frischer schwellen,
Schaut er in das offne Land,
Wo die blauen, wundersamen Wellen
Rollt der Leman an den Strand.
Wie ein Traum voll Grausen und Entzücken
Hinter ihm die Müh' entweicht,
Eine Welt entrollt sich seinen Blicken,
Fast an Schönheit unerreicht:
Einen duft'gen Zauberschleier weben
Lorbeer- und Kastaniengrün,
Hinter dem die blauen Fluthen schweben,
Zitternd auf und niedersprüh'n.
Hat der See den Himmel eingetrunken,
Daß er strahlt in solchem Blau?
Zu der Erde scheint der hingesunken,
Huldigend der hohen Frau,
Welche hier an Majestät und Schöne
Gleicht der stolzen Juno, wie
Sie, damit der höchste Reiz sie kröne,
Sich der Anmuth Gürtel lieh.
So erhaben und so hold und süße,
Den entzückten Blick sie grüßt,
Rebenhügel kränzen ihre Füße
Und das Haupt die Sterne küßt.
[132]
Wie sie Segen giebt mit vollen Händen,
Zeigt des Menschen friedlich Haus,
Hingestreut an allen Hügelwänden,
Baumumschattet lugt's heraus. –
Doch nicht lang mag jetzt der Ritter schauen,
Auf springt er nach kurzer Rast.
Eilen muß er zu den holden Frauen,
Denn am Ziele ist er fast.
Wie der Adler stolz sein Nest nur klebet
An den Fels, in Tiefen nie,
So auf schroffer Bergwand dort erhebet
Sich das Schloß von Meillerie.
An der Pforte fraget er beklommen
Nach der Dame von Blonay,
Schlecht will ihm darauf die Antwort frommen,
Daß sie drüben überm See.
Kann er immer sich noch nicht entlasten
Von der auferlegten Schuld?
Einen Kahn sieht er am Strande rasten,
Springt hinein voll Ungeduld,
Faßt das Ruder an mit starken Händen,
Theilt die klare Zauberfluth;
Und hinüber nach den Rebgeländen
Steuert er sein Schifflein gut.
[133]
Lustig regt der Brise frisches Wehen
Rings ein stolzes Wellenheer,
Glänzend rieseln von den Wasserhöhen
Weiße Perlen zahllos her.
Wie von einem Traumgesicht umgaukelt,
Wo sich dränget Bild an Bild,
An dem Ufer er vorüberschaukelt,
Dem stets neuer Reiz entquillt.
Chillon, düstrer noch bei so viel Glanze,
Flieht vorbei, das Schattenhaus,
Freundlich winkt aus der Kastanien Kranze
Montreux's Kirchlein schon heraus.
Nun, Geduld noch eine kurze Weile –
Vevay's Thürme sind nicht weit,
Schon stürmt er heran in mächt'ger Eile,
Gönnt am Land sich keine Zeit.
Weiter, weiter geht es ohne Säumen
Nach dem Schlosse von Blonay,
Unterm Schatten von Kastanienbäumen
Liegt es droben auf der Höh'.

[134] 5.

Im Schatten dieser Bäume,
Auf weichem grünen Gras
Herrn Simon's schöne Gattin
Mit ihrer Base saß.
Sie hielt ihr junges Kindlein
Fest an der jungen Brust,
Das dunkle Auge blickte
Darauf in sel'ger Lust.
Und schwarze Locken wallen
Um ihren Nacken klar,
Es blühen ihre Lippen,
Ein thanig Rosenpaar.
Wie die der West umfächelt,
So übermüth'ger Scherz
Sie schalkhaft stets umlächelt,
Frisch, wie ihr frisches Herz.
Ihr ganzes Wesen funkelt,
Ein blitzender Demant –
Jolanthe ist der Perle
Anmuth'gem Schmuck verwandt.
[135]
Um ihre weiße Stirne
Lockt golden sich das Haar,
Es blickt ihr blaues Auge
So hell darein und klar.
So deutlich gab sein Schimmer
Die reinste Seele kund,
Wie man jed' Steinchen siehet
Tief auf des Sees Grund.
Mit fröhlichem Geplauder
Betrügen sie die Zeit –
Da rauscht es in den Büschen,
Herr Corsant ist nicht weit,
Er sieht die beiden Frauen –
Ein sonnenhelles Bild,
Umrahmt von grünen Zweigen,
Umkost von Lüften mild.
Das ist ein ander Schauen,
Als dort auf dem Turnei!
War es denn eine Buße,
Zu knie'n vor diesen Zwei?
Er mag es nicht erwägen
In dem erregten Sinn,
Schnell tritt er aus dem Schatten,
Knie't vor die Mutter hin.
[136]
Jolanthe springt erschrocken
Hin nach des Schlosses Thor,
Frau Bertha hebt gelassen
Das schöne Haupt empor.
Ihr kluges, dunkles Auge
Befraget, eh's erschrickt, –
So hat ihn oft beim Jagen
Ein Rehlein angeblickt.
»Gegrüßt seid, edle Dame,«
So sprach Herr Corsant nun,
»Verzeiht, daß ich Euch störe
In Eurem heitern Thun.
Allein, ein arg Verschulden
Führt mich zu Euch hierher –
Daß sie es selbst muß künden,
Das fällt der Zunge schwer.
Beim festlichen Gelage
Am Hofe zu Turin,
Da schmähte ich die Ehe
In übermüth'gem Sinn.
Mit Eurem edlen Gatten
Mußt' ich drum kämpfen gehn,
Mußt' mich im Staube lassen
Vor'm ganzen Hofe sehn.
[137]
Stark hat er mich besieget,
Beseelt durch Eure Huld –
Die Damen dort verziehen
Mir gnädig dann die Schuld.
Sie auch bei Euch zu sühnen,
Kreuzt' ich Gebirg und See.
O, wollet mir vergeben,
Frau Bertha von Blonay.
Daß ich verlacht die Ehe,
Wie es mir dort geschehn –
Nie hätt's mein Mund gewaget,
Wenn Euch das Aug' gesehn!«
Wie lachte da Frau Bertha,
Als ihr ward solches kund,
Daß so gesiegt ihr Gatte
Für seinen Liebesbund.
Wie schlug ihr Herz voll Freude
In heil'ger Wonn' und Lust,
Wie drückte sie das Knäblein
So glücklich an die Brust.
Ihm rann es durch die Adern
Gleich dunklem Feuerwein,
So hat auf ihn geblicket
Auch einst sein Mütterlein
[138]
Vor langen, langen Jahren,
In einer goldnen Zeit,
Die fast ihm war entschwunden
In dunkle Fernen weit.
Noch lag er auf den Knieen
Und sah zu ihr hinauf,
Da hob sie schalkhaft drohend
Den weißen Finger auf.
»Ihr seid ein schlimmer Ritter,«
So fing sie lachend an,
»Und Euch ist Recht geschehen,
Daß Euch besiegt mein Mann.
Doch wär' ich dort gewesen
An jener Tafelrund,
Noch härt're Strafe hätte
Verkündet Euch mein Mund.
Seid Ihr ein Frau'nverächter,
Soll's Euer Schade sein –
Ich hätt' Euch streng geboten
Im Leben nie zu frei'n,
Im Arme nie zu wiegen
Ein Kindlein liebewarm,
Zu leben und zu sterben
Am reichsten Glücke arm!«
[139]
Jolanthe, die zurücke
Gekehrt war an den Ort,
Erröthete und seufzte
Bei diesem letzten Wort.
Und auch Herrn Corsant fiel es
Gar schwer auf's leichte Herz:
»So grausam, edle Dame,
Seid Ihr wohl nur im Scherz.
Ich komme mit den Jahren
Auch noch zum Ehestand,
Der Väter Schloß und Erbe
Soll nicht in fremde Hand.
Doch dies noch muß ich melden,
Daß schon in kurzer Frist
Herr Simon, Euer Gatte,
Zu Euch gekehret ist.
Ich sollte mit ihm ziehen,
Allein voll Ungeduld
Kann ich es nicht erwarten,
Bis frei ich meiner Schuld.
Drum einmal noch um Gnade
Fleh' ich im Staub Euch an,
Wollt Ihr mir nicht vergeben,
Damit ich fürbaß kann?«
[140]
»Nein, nein, mein edler Ritter,
Bleibt hier nur auf der Stell',
Solch unerhört Verbrechen
Verzeiht man nicht so schnell.
Und meines Gatten Bote
Darf ungeehrt nicht geh'n;
Herr Simon würde schelten,
Ließ' solches ich gescheh'n.
Zwar kann ich Euch nicht laden
Ins Schloß zu süßer Rast, –
So lang mein Gatte ferne,
Herberg' ich keinen Gast.
Allein auf morgen will ich
Erbitten aus dem Land
Zum Mahl die Herr'n und Frauen,
Die unserm Blut verwandt.
So lang will ich's bedenken,
Ob man Euch kann verzeih'n;
Herr Ritter Felsenherze,
Ich lad' Euch höflichst ein!«
Herr Corsant sprang vom Boden,
Der Scherz war ihm schon recht:
»Ihr macht, wohledle Dame,
Vom Ritter mich zum Knecht.
[141]
Ich muß Euch wohl gehorchen,
Wie Ihr auch schnöde sprecht;
Die Damen an dem Hofe
Sind kein so spröd' Geschlecht.
Ihr lehret mich auf's neue,
Daß gegen Frauenlist
Und gegen Frauenwille
Nicht aufzukommen ist.
Zur Stund' wollt' ich noch kehren
Zum Hofe von Turin,
Nun muß ich freilich harren,
Bis Ihr mir habt verziehn!«
Dann neiget er sich grüßend,
Sein Auge aufwärts blitzt –
Gar lieblich stand Jolanthe,
Auf Bertha halb gestützt.
Mit eilig raschem Schritte
Er dann zum Geh'n sich dreht,
Noch einmal rückwärts schauend,
Eh' er dem Blick entgeht.
Und als er nun in Vevay
Sich endlich ruhte aus,
Da zogen holde Träume
Ihm durch die Sinne kraus.
[142]
Es schwamm ihm vor den Blicken
So wundersam und blau;
Sind es die Zauberwellen?
Sind's Augen einer Frau? –
Frau Bertha aber denket:
»Herr Ritter lieb und gut,
Du sollst mir schon entgelten
Noch deinen Uebermuth!«

6.

»Zu leben und zu sterben am reichsten Glücke arm!«
Es füllt Jolanthens Seele dies Wort mit stillem Harm,
Es tönet in ihr weiter, wie eine Harfe bebet
Noch lange, wenn schon ferne die Hand, die sie belebet.
Sie steht am Bogenfenster, sieht in die stille Nacht:
Im Mondenstrahl erglänzet der Alpen hohe Wacht,
Der Mondenstrahl umwebet den See mit goldnen Säumen,
Er lockt das arme Herze zum Sehnen und zum Träumen.
Und leise, leise ziehet, wie ferner Geisterklang,
Jetzt durch des Schlosses Hallen gar lieblicher Gesang:
Frau Bertha auf den Knieen vor einem Bettlein lieget,
In Schlaf und süße Ruhe ihr holdes Kindchen wieget.
[143]
Jolanthe, o Jolanthe, sieh' nicht auf dieses Glück,
Und vor der Welt da draußen verschließe deinen Blick!
Dir kann in Klostermauern nicht die Erinn'rung frommen,
Wie selig eine Mutter und die Natur vollkommen. –
Sie hat kein Schloß und Erbe, allein, verwaist stand sie,
Kaum kannte sie den Vater und Mutterliebe nie, –
Die fromme Braut des Himmels, will sie den Schleier nehmen,
Sie konnt' es bis zur Stunde noch ohne Schmerz und Grämen.
Doch ach! mit einem Male scheint ihr die Welt so hold,
Der Freundin Muttername erwärmt wie Sonnengold
Der Jungfrau reines Herze – soll sie die nie erwerben,
Soll arm am reichsten Glücke sie leben so und sterben?

7.

Welch heitres Leben wogte auf dem Schlosse
Am andern Tag, ergötzlich war's zu schau'n;
Von allen Seiten kamen hoch zu Rosse
Herbei die Ritter und die Edelfrau'n.
Der Herr von Greyerz stolz, mit reichem Trosse
Von seiner Burg zu Oron kam er traun,
Der Castellan von Chillon ist erschienen,
Und Herr von Tavel selbst ist unter ihnen.
[144]
Frau Bertha, reich geschmücket zu dem Feste,
Umringt von Pagen in der Halle stand,
Mit holdem Gruß empfing sie ihre Gäste,
Mit heitrem Wort und warmem Druck der Hand;
Doch für Herr Corsant hob sie auf das Beste,
Zur Tafel durft' er führen sie galant,
Als Bote ihres Gatten, der bestellet
Bald seine Rückkehr, ward er vorgestellet.
Es ging der Becher fleißig durch die Runde,
Und neckisch scholl Gelächter rings und Wort,
Herr Corsant mußte geben manche Kunde
Vom Hofe und dem lust'gen Leben dort.
In raschem Flug entschwebte Stund' um Stunde,
Doch keiner rückte von der Tafel fort,
Als rosig schon der Sonne letztes Strahlen
Begann des Sees weites Rund zu malen.
Der Ritter war der Frohste wohl von allen,
Von seiner Schuld schwieg er wohlweislich schlau;
Auch sie ließ nicht ein einzig Wörtlein fallen –
Sie hat gewiß verzieh'n, die holde Frau –
Und seine Blicke oft hinüber wallen,
Wo strahlt Jolanthens Auge treu und blau,
Zu Bertha neigt er sich mit leiser Frage,
Daß sie ihm, wer die schöne Jungfrau, sage.
[145]
Frau Bertha sah ihn an mit ernster Miene:
»Jolanthe ist es, meine Muhme traut;
Zum letzten Mal ist sie bei mir erschienen,
Denn bald wird sie dem Himmel angetraut,
Bald wird sie ihm allein nur fromm noch dienen
Im Kloster d'Orbe als seine keusche Braut.
Schwer werd' ich dann die treue Freundin missen,
Die ach! auf immer meinem Arm entrissen.«
»Wie, edle Dame,« rief er mit Erschrecken,
»Wie könnt Ihr dulden solches Thun fürwahr?
Der Schleier sollte neidisch bald verdecken
Dies blaue Aug', die edle Stirne klar?
Es sollte sich die Scheere züngelnd strecken
Nach diesem weichen, goldnen Lockenhaar?
So holde Rose soll in Schmerz und Trauern
Verwelken hinter dumpfen Klostermauern?«
Frau Bertha hob die weißen Schultern leise
Und spottend zuckt es um den rothen Mund:
»Ihr sprecht, Herr Ritter, sehr gelehrt und weise,
Doch sagt, was führt Euch her zu dieser Stund'?
Warum schickt' Euch mein Gatte auf die Reise? –
Kämpft unsre Jugend gen der Ehe Bund,
Dann kann den Mägdlein Bess'res nicht geschehen,
Als daß sie ruhig in ein Kloster gehen!«
[146]
Der Ritter beißt sich auf die stolze Lippe,
Sie hatte Recht, Herrn Simon's klug Gemahl,
Fest sitzt er jetzt auf seiner eignen Klippe;
Er muß bereu'n, es bleibt ihm keine Wahl,
Sich selbst verklagen hier vor ihrer Sippe –
Schnell springt er auf und Allen dort im Saal
Hat er mit lauter Stimme dann verkündigt,
Warum er kam und wie er sich versündigt.
Da gab es Spott und Lachen ohne Ende;
Die Männer zwar geriethen fast in Streit,
Die Frauen aber klatschten in die Hände
Und priesen laut Herrn Simon's Tapferkeit.
Der Ritter aber, daß das Spotten ende,
Hielt noch einmal zum Reden sich bereit,
Er rief, den vollen Becher hoch erhoben:
»Geschlagen zwar, muß ich mein Schicksal loben!
Wie hätt' ich sonst der Ehre je genossen,
Zu sitzen hier an diesem Ehrenplatz?
Zu tafeln mit der Schweiz berühmten Sprossen –
Ist's meiner Schmach nicht reichlicher Ersatz?
Nie rühmt' ich mich so edler Tischgenossen
Und es bewährt sich meines Hauses Satz,
Der lautet: »Höher stets hinauf!« So steiget
Mein Ansehn jetzt durch das, was mich gebenget.
[147]
Und nur nach diesem will ich jetzt noch streben,
In kurzer Frist solch herrlich Weib zu frei'n,
Wie mein Besieger, daß mir sei vergeben,
Und ich so tapfer dann wie er kann sein!«
Er neigt vor Bertha sich, doch im Erheben
Blitzt auf Jolanth' sein Aug' in hellem Schein,
Daß ihre Wange purpurroth erglühet,
Wetteifernd mit der Pracht, die draußen blühet;
Die in ein Meer von Rosen hat getauchet
Der Berge Häupter und den blauen See,
Der Liebe Blick, der Liebe Kuß – er hauchet
Hier gleiche Gluth auf Alp- und Wangenschnee.
Wie fest sein Blick an diesem Glanz sich sauget –
Mit Lächeln sieht's die Dame von Blonay,
Dann spricht sie: »Wenn Ihr wollt nach solchem streben,
Herr Corsant de la Bresse, sei Euch vergeben!«
Er drückt auf ihre Hand des Dankes Zeichen,
Noch einmal leeret man die Becher dann,
Die Männer freundlich ihm die Hände reichen,
Die Damen seh'n ihn triumphirend an.
Doch bald die Sterne sich am Himmel zeigen,
Der Weg ist weit, zum Abschied rüstet man;
Herr Corsant nur allein noch zögernd steht, –
Gar viel hat er zu fragen, eh' er gehet!

[148] 8.

Frisch wie des Gletschers Quelle
Hervorspringt in das Thal,
Entzückt, daß ihre Welle
Begrüßt des Tages Strahl,
Und brausend nun zerschläget
Ihr Bett von Felsgestein,
Nachdem sie sich beweget
So lang in Nacht allein; –
So frisch und so urkräftig
Herrn Corsant es durchwallt,
So war in ihm geschäftig
Der Liebe Allgewalt;
Es sprenget ihre Quelle
Mit um so höh'rer Lust
Die eigensinn'ge Schwelle
Der kalten Felsenbrust.
Rasch wollt' er sich erretten
Aus seiner Buße Nacht,
Nun seufzet er nach Ketten,
Die er so oft verlacht.
Wo sind der Heimath Sorgen?
Was kümmert ihn Turin?
Mit jedem neuen Morgen
Sieht man zum Schloß ihn ziehn.
[149]
Dort unter jenen Bäumen,
Wo er zuerst sie sah,
Geht er in wachen Träumen,
Bis sie ihm wieder nah;
Bis sie lustwandelnd kommen,
Frau Bertha mit dem Kind,
Jolanthe zwar beklommen,
Das Herz doch frohgesinnt.
Zum Seufzen doch und Schmachten
Läßt Bertha ihm nicht Zeit,
Wollt' er die Lieb' verachten,
Fühl' er auch jetzt ihr Leid.
Er möcht' so gern ihr sagen,
Was tief sein Herz bewegt –
Mit tausend lust'gen Fragen
Sie stets zurück ihn schlägt.
Jolanthe zittert freilich,
Wie sie ihn neckt und plagt.
»Ihr hattet's doch so eilig,
Wann zieht Ihr heim denn, sagt?
Warum geht Ihr nicht holen
Am Hof des Herzogs dort,
Wie ich es doch befohlen,
Für Euch ein Weib sofort?«
[150]
»Weil ich nur hier will minnen«,
Herr Corsant drauf entbeut,
»Ich streb' mit allen Sinnen
Nach einer Schweizermaid.«
»Dann bleibet hier nicht stehen,
Sonst seid Ihr übel dran,
Sie will ins Kloster gehen,
Ich hab' schon einen Mann!«
»Und doch will hier ich freien,
Frau Bertha von Blonay,
Trotz Euren Schelmereien
Bleib' ich in Eurer Näh'!«
Er mochte schon vertrauen
Auf seinen Uebermuth,
Die Augen dort, die blauen,
Sie machen alles gut.
Sie sprechen so herzinnig
Von süßer Lieb' und Treu',
Und flehen doch so innig,
Voll zarter Mädchenscheu.
»O schweige noch, du Trauter,
Daß noch kein Hauch gesteht
Der Seele heil'gen Schauder,
Der wonnig uns durchweht.«
[151]
Er muß sich vor ihr neigen
In sel'ger Trunkenheit,
Dann bringt ihr banges Schweigen
Ihm neue Traurigkeit;
Aufs neue weilt voll Sorgen
Auf ihr sein Sehnsuchtsblick,
»Geduld, noch gibt's ein Morgen!«
Schaut lächelnd sie zurück.
O Knospe junger Liebe,
Die sich entfaltet still,
Und noch in sprödem Triebe
Den Kelch nicht öffnen will,
Du gleichst der Alpen-Frauen
Erhabner Majestät,
So hat bei deren Schauen
Ihn Ehrfurcht tief umweht!

9.

Und wieder wogt's geschäftig durch die Hallen
Des Schlosses, denn des Hauses Herr ist nah,
Noch einmal fast so fröhlich hört man schallen
Frau Bertha's helles, frisches Lachen da.
[152]
Voll Eifer eilet sie durch Schloß und Gänge
Noch ordnend dies und jenes schnell behend,
Herr Corsant stehet bei der Diener Menge
Und sieht, wie schön solch Weiberregiment.
Und sieht, wie lieblich auch Jolanthe waltet,
Kaum hat zu einem Blick sie für ihn Zeit,
Wie wird's erst sein, wenn sie als Hausfrau schaltet
Auf seinem Schloß so leer und öd' bis heut'.
Da tönt der Klang der Hörner durch die Räume;
»Herr Simon ist's!« ruft alles hochentzückt; –
Bald unterm Dach der alten, treuen Bäume
Hält Weib und Kind er an die Brust gedrückt.
Und hinter ihnen, purpurübergossen,
Jolanthe steht, Herrn Corsant an der Hand,
Fest hält er die in seine eingeschlossen,
Heut' bleibt er Sieger ohne Widerstand.
»Willkommen, Ritter,« ruft mit lautem Lachen
Herr Simon, »hier im Schlosse von Blonay,
Ihr habt vollführt die aufgetragnen Sachen
Schon bis zum Allerletzten wie ich seh'!«
Und Bertha drauf: »Noch tapfrer im Besiegen
Sind wir, mein Herr: Du warfst ihn in den Staub,
Doch wir erobern, und so hat verstiegen
Er sich sogar zu frechem Klosterraub!«
[153]
Herr Simon küßt Jolanthe auf die Wangen:
»Ei, Jungfräulein, was ficht dich plötzlich an,
Wie trugst du nach dem Kloster heiß Verlangen,
Jetzt nimmst du statt des Schleiers einen Mann?«
Der Ritter schaut frohlockend um im Kreise:
»Ihr seht, ich bin besieget nicht allein,
Doch, Heil der Schmach! Heil meiner weiten Reise,
Die her mich führt', solch' lieblich Kind zu frei'n.
Herr Simon, gebt zur Gattin mir Jolanthe,
Auf meinen Uebermuth seht nicht zurück!
Sie und Frau Bertha schnell den Sinn mir wandte,
Ich zweifle nicht mehr an der Ehe Glück!«
»Nun seht, wie trefflich ich an Euch gehandelt,
Daß ich Euch Arm und Beine fast entzweit;
So sei ein jeder Ketzer umgewandelt,
Der zweifelt an der Ehe Herrlichkeit!
Nehmt meinen Segen und, Jolanthe, flöße
Ihm immer solches Liebesfeuer ein,
Daß er beweise flugs durch Hieb und Stöße,
Wie schön es ist, ein gutes Weib zu frei'n,
Wenn wieder kommt ein Ritter, so ein kecker,
Der von des Hauses Glück nichts weiß und kann,
Zu Boden schlag' er erst den kühnen Necker
Und schick' ihn in der Frauen Schule dann!«
[154]
Noch einmal Bertha in den Arm er schließet,
Und auch Herr Corsant kann nichts Bess'res thun,
Ob auch der Thräne Perle hell ergießet
Sich aus Jolanthens schönem Auge nun.
Er küßt sie fort, die Zeichen süßer Wonne,
Daß bald es wieder lächelt hell und blau,
Wie heiß und durstig trinkt der Strahl der Sonne
Vom Kelch der Rose weg den Morgenthau.
Dann geht's hinein zur frohen Tafelrunde,
Doch nur ein einz'ger Trinkspruch wird gebracht,
Herr Simon rief ihn aus mit stolzem Munde –
Der Gattin galt's, die ihn so stark gemacht!
O hoffen wir, daß auch in unsern Zeiten
Noch so beglückend ist das Band der Eh',
Daß jedem, der es spöttisch will bestreiten,
Wird solch ein Feind wie Simon von Blonay!

Notes
Erstdruck: Berlin (Max Hirsch) 1862.
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TextGrid Repository (2012). Büchner, Luise. Frauenherz. Digitale Bibliothek. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-463B-2