[241] Das Grosse und Kleine

Auf eines grünen Hügels Haupt,
Der über alle Bäume rag'te,
Und ein sehr fern Gesicht erlaubt',
Stund Licidas, noch eh' es tag'te,
Und sah, mit Andachts-voller Brust
Und Ehrfurcht untermischter Lust,
Des Firmamentes hohle Weite,
Grund- Maaß- und Grentzen-lose Breite
Vom Ost bis West, vom Süden bis zum Norden,
So weit den schnellen Blick das Auge tragen kann,
Mit rund-gedrehtem Haupt' und scharfen Blicken, an.
Welch Anblick denn, da er den Raum erwog,
Sein Hertz auf die Gedancken zog:
Tiefer Raum, Bild der Unendlichkeit,
Alles begreifendes, geistiges Wunder-Meer!
Aller unmeßbar- unzählbarer Sterne Herr
Zeigt, doch im Schatten nur, Deine Beschaffenheit.
Welch' unbegreiflich- tiefe Höhe!
Welch' ungeheure Gröss' und Ferne,
Die ich, mit leiblichen, doch mehr mit Seelen-Augen
Und ausgedehntem Geiste, sehe!
Die Weite, die von hier bis an die Sterne,
Ob gleich sie weder Witz noch Blick zu fassen taugen,
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Kann dennoch nicht an jene Weite reichen,
Die über dem Gestirn,
Und ist mit ihr durchaus nicht zu vergleichen.
Dieß zeigt uns, daß die Sterne, wie es lässt,
Nicht an dem blauen Teppich fest,
Nein, daß sie, wie die Welt, worauf wir leben,
Von einer hohlen Tief' und weitem Raum umgeben,
Von allen Seiten frey, sich selbst bewegend, schweben.
Dein Abgrund ohne Grund, die Weite sonder Schrancken,
Die Ründe sonder Kreis, die Ferne sonder Ziel,
Ist ein unendlich Grab der forschenden Gedancken.
Ein eintz'ger Punct von dir ist unserm Geist zu viel;
Ein Sternchen, dessen Schein so klein,
Schliesst eine Gröss' verschied'ner Welten ein,
Und dennoch will ich GOTT, der Grösse HERRN, zum Preise,
Noch mehr von dieser Grösse dencken,
Und Blick und Geist in diese Tiefe sencken.
Er schwang hierauf, durch's Auge, seinen Sinn,
Jedoch nur Staffel-weise,
Zuerst von seinem Stand bis an die Wolcken hin.
Von da schwang sich des Geists und Blickes schneller Lauf
Bis an des Mondes Kreis hinauf.
Nicht gnug, er eilte weiter fort,
Und stieg nach dem verklärten Ort,
Wo er der Venus Glantz, und nahe
Bey ihrem Schein, Mercur, ersahe.
Von da stieg er bis an das Licht,
Und dacht' an unsrer Sonne Gläntzen.
Er flog noch die entleg'nen drey,
Mars, Jupiter, Saturn, vorbey,
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Ja legt', in einem Augenblick,
Viel tausend Millionen Meilen,
Bis an das Fix-Gestirn, zurück.
Noch nicht genug. Er wollte weiter eilen;
Er that's; sah von der Sternen-Sonnen Schaaren
Die, so am tiefsten noch entfernet waren.
Er sah der Milch-Weg's-Sterne Schein,
Die sichtbar und zugleich unsichtbar seyn.
Hier waren endlich nun die Schrancken,
Das Ziel, so weit die Augen gehn,
Und dennoch blieb sein Geist hier noch nicht stehn.
Es fiengen erstlich hier die flüchtigen Gedancken
Die schnelle Reis', im Dunckeln, an,
Und alles, was das Aug' im Sehn gethan,
Schien ihnen nicht einmahl der Müh' sich zu verlohnen.
Des Geistes schrecklich-schneller Flug
Macht' aus den ungezählt-unzählbar'n Millionen,
Durch die der rasche Blick geflogen,
Nur einen eintz'gen Punct, und dacht' er allezeit:
Noch eins so weit! noch eins so weit!
Hier stutzt' er, als sein Geist sich in sich selbst gezogen,
Und dachte: Wenn ein Geist stets also stehen bliebe,
Und sein: noch eins so weit!
Beständig bis in Ewigkeit,
Mit ungetrenntem Dencken, triebe;
Würd' er dennoch die Tiefen nicht ergründen,
Und nie ein Ziel, weil er Gott immer fünde, finden.
Denn Gott ist dort so groß, als hier,
Und alles, welches wir
Von diesen ungemess'nen Höhen
Bisher gedacht, bisher gesehen,
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Ist, auf ein' alle Kraft des Geist's verzehr'nde Weise,
Nichts, als ein Mittel-Punct von einem Kreise.
Denn wär' Unendlichkeit nicht auch in Gottes Wercken
Unwidersprechlich zu bemercken;
So folgte dieß daraus, daß unsrer Seelen Kraft
Sich weiter, als des Höchsten Macht, erstreckte.
Dieß aber wäre ja gewiß ein' Eigenschaft,
Drin was verkleinerlichs für unsern Schöpfer steckte.
Indessen brach Auroren Rosen-Schein,
Und gleich darauf der Sonnen Gold, herein,
Verjag'te die geschwärtzten Schatten,
Die aller Creaturen Heer
So Farb' als Form geraubet hatten,
Und schencket' ihm aufs neu so Farb' als Formen wieder.
Es sahe Licidas, durch diesen Glantz gerührt,
Bald vor bald hinter sich, und endlich ungefehr,
Mit scharfen Blicken, vor sich nieder,
Und ward gewahr, wie in geschwinder Eil'
Ein kleiner rother Wurm, auf seiner Hand,
Mit unsichtbaren Beinen, rannt'.
Hierüber fiel ihm folgend's ein;
Mein Gott, wie groß war erst mein Vorwurf! wie so klein
Ist dieser! welch ein Punct! Es scheint ein Nichts zu seyn,
Und dennoch läuft und rennt, bewegt und dreht es sich.
Es fliegen, wie es scheint, die unsichtbaren Glieder
Aufs schnellste hin und wieder.
Er setzte sich darauf ins Gras,
Die grosse Kleinheit zu betrachten,
Nahm sein Vergröss'rungs-Glas,
Das unserm Augen-Strahl
Jedweden Vorwurf funfzig mahl
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Vergrössert zeiget,
Und fand, daß dieser Wurm so klein,
Daß er, auch durch des Glases Schein,
Die Grösse kaum vom Sand-Korn übersteiget.
Hierüber fiel ihm ferner ein,
Was er vor kurtzer Zeit gelesen,
Daß nemlich unsers Pfeffers Wesen
Nichts, als nur Würmchen, könnten seyn,
Die denn ja tausendmahl so klein,
Als dieses, welches, wenn man's misst,
Noch funfzig mahl so klein, als wie ein Sand-Korn, ist.
Bedencke nun ein Mensch derselben Kleinheit Grösse,
Fuhr er, erstaunet, fort: Ein solches Thierchen hat
Unstreitig Muskeln, Blut-Gefässe,
Unstreitig Adern, Nerven, Augen,
Die Augen ihre Feuchtigkeit.
Soll solch ein Thier sich fortzupflanzen taugen;
So überleg't einst die Beschaffenheit
Der Samen- und der Zeugungs-Glieder!
Hier stutzt' er abermahl, stund auf, gieng hin und wieder,
Hub endlich wieder an:
Wer ist, der dieß begreifen kann?
Wer, der des Schöpfers Macht und Wunder-Werck ermisst?
Da GOTT im Grossen nicht allein,
Nein, sondern auch in Dingen, welche klein,
Unendlich groß und herrlich ist.
Die Himmel und ein Staub sind beyde Wunder-Wercke,
Und beyde zeigen sie des Schöpfers Lieb' und Stärcke.
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Hieraus nun fliesst ein Trost, den aller Erden Schätze
Zu zahlen nicht vermögend seyn.
Denn wäre GOTT allein im Grossen groß,
Und nicht auch GOTT in dem, was klein:
Wie könntest du, o armer Erden-Kloß,
Der du, nur im Vergleich mit einer Welt, verschwindest,
Zu nichts wirst, und dich selbst nicht findest,
Von Gottes Vater-Lieb' und Huld versichert seyn!
Hier aber findest du
In Gottes Wercken selbst Versich'rung deiner Ruh,
Da ja so wohl im niedrigen und kleinen,
Als im unendlichen, der Allmacht Strahlen scheinen.

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TextGrid Repository (2012). Brockes, Barthold Heinrich. Gedichte. Irdisches Vergnügen in Gott. Das Grosse und Kleine. Das Grosse und Kleine. Digitale Bibliothek. TextGrid. https://hdl.handle.net/11858/00-1734-0000-0002-4539-E