Ludovico Ariosto
Der rasende Roland
(L'Orlando furioso)

[1] Erster Gesang

1.
Die Ritter, Fraun, Großtat der Hochgemuten,
Lieb', Edelart zum Sang ich mir erkor,
Wie sie die Welt sah, da durch Meeresfluten
Nach Frankreich fuhr aus Afrika der Mohr,
Treu seines Herrschers jugendlichen Gluten,
Des Königs Agramant, der sich verschwor,
Den stolzen Sinn des Kaisers Karl zu brechen
Und schwer an ihm den Tod Trojans zu rächen.
2.
Von Roland gilt es Unerhörtes sagen,
Was weder Reim noch Prosa je gekannt:
Wie er, so weise sonst in allen Tagen,
Durch Liebe ward vom Wahnsinn übermannt;
Wenn sie, die fast wie ihn mich hat geschlagen,
So daß mir schier mein bißchen Witz entschwand,
Von diesem Rest so viel mir will vergönnen,
Daß ich Versprochnes werde schaffen können.
3.
Hochherz'ger Sproß aus Herkules' Geschlechte,
Du Schmuck und Glanz der Zeit, nimm gnädig an,
Ippolito, was dir von deinem Knechte
Gegeben wird, wie er es geben kann:
Mit Schreibwerk zahl' ich und mit Reimgeflechte
Zum Teil zurück, was ich durch dich gewann.
Der Kargheit Vorwurf trifft mich keinenfalles,
Denn geb' ich wenig, geb' ich doch mein Alles.
[1] 4.
Es tritt mit andern auserlesnen Degen,
Die hoch zu preisen dieser Sang erklingt,
Auch Roger, ja, der Ahnherr, dir entgegen,
Von dem des Hauses hehrer Stamm entspringt.
Sein Wert und, was er tat auf Heldenwegen,
Wenn du's verstattest, dir zu Ohren dringt:
Den Flug des Geistes senk' ein wenig nieder,
Hinaufzunehmen meine schlichten Lieder.
5.
Graf Roland, für Angelika entglommen,
Gewohnt, für sie die Gegner hinzumähn,
Erfocht im Inderreich zu ihrem Frommen,
Bei Medern und Tataren Kriegstrophän;
Nach Westen war er jetzt mit ihr gekommen,
Dort, wo am Fuß der schroffen Pyrenän
Für Frankreichs Heer und das aus deutschen Landen
Auf Karls Befehl die Lagerzelte standen,
6.
Daß vor Verdruß sich selbst ins Antlitz schlügen
Marsilius und König Agramant:
Der schickte ja nach Nord in langen Zügen,
Wer nur mit Schwert und Lanze war bekannt;
Und jener sah die Hoffnung ihn betrügen,
Mit der ganz Spanien ward ausgesandt.
So traf denn Roland ein zu guten Stunden;
Doch Freude drüber ist ihm bald geschwunden.
7.
Denn seine Dame sieht er sich entrissen
– Entfernt ist Wähnen oft von Wirklichkeit! –:
Die er von Ost trotz tausend Hindernissen
Gen Abend hat geführt nach langem Streit,
Die soll er mitten unter Freunden missen,
In seinem Land, den Degen in der Scheid'!
Um schweren Brand zu löschen, als ein Weiser
Hinweggenommen hatte sie der Kaiser.
[2] 8.
Vor kurzem schuf ein Zwist dem Herrscher Leiden:
Rolands und seines Vetters, des Rinald,
Da jähe Glut im Busen dieser beiden
Entbrannt war für die liebliche Gestalt.
Karl sann darauf, den Anlaß auszuscheiden,
Der Schwächung drohte seiner Heergewalt:
Er nahm die Schöne fort, den Streit zu enden,
Und ließ sie in des Bayernherzogs Händen.
9.
Zum Lohn soll der von ihnen sie behalten,
Der mehr der Feinde habe umgebracht;
Der mächt'ger werde Kriegerkraft entfalten
Und Kaisers Dank verdienen in der Schlacht.
Doch anders sollte sich das Ding gestalten,
Denn fliehen mußte der Getauften Macht.
Der Herzog ward, mit vielen noch, gefangen,
Und jeder konnt' ins leere Zelt gelangen.
10.
Rasch ist die schöne Maid dort aufgesprungen,
Die nach der Schlacht des Siegers sollte sein,
Hat vor Entscheid sich auf ihr Roß geschwungen
Und sprengt mit allen Kräften querfeldein.
Sie ahnt, Herrn Karl ist heut der Tag mißlungen,
Und feind das Glück des Christenvolkes Reihn.
Ein Hain umfängt sie; dort auf engen Wegen
Kommt ihr, zu Fuß, ein Rittersmann entgegen.
11.
Helm auf dem Haupt, das gute Schwert zur Seiten,
Gepanzert und am Arm den Schildesrand,
Lief er doch leichter durch des Waldes Weiten,
Als nackt ein Bauer nach dem roten Band.
Ein Hirtenkind, sieht es die Schlange gleiten,
Hebt flinker nicht das Füßchen aus dem Sand,
Als hier Angelika die Zügel wandte,
Sobald den Nahenden ihr Aug' erkannte:
[3] 12.
Den Haimonssohn! – es bleichten ihre Wangen –
Den Paladin und Herrn von Montalban!
Gar seltsam war sein Roß ihm durchgegangen,
Bajard, und lockt ihn her auf diese Bahn.
Als hin zur Dame seine Blicke drangen,
Hat er – der Himmel wird ihm aufgetan! –
Vor sich die süße Huldgestalt gefunden,
Die ihn mit starkem Liebesnetz umwunden.
13.
Die Dame läßt den Zelter rückwärts jagen,
Verhängt die Zügel, stets in vollem Lauf;
Fragt nicht, ob guten Weg sie eingeschlagen,
Ob dicht der Wald, ob dünn; sie schaut nicht auf.
Nein, zitternd, außer sich, läßt sie sich tragen
Vom Tiere, wie es will; bergab, bergauf
Schweift sie umher auf rauhem Waldespfade
Und kommt zuletzt zu einem Flußgestade.
14.
Am Ufer dort war Ferragu zu finden,
Beschmutzt und schweißbedeckt mit staub'gem Schuh.
Vom Schlachtgewühl ließ zeitig ihn entschwinden
Brennender Durst und Wunsch nach etwas Ruh'.
Da mußt' ein Zufall an den Ort ihn binden;
Denn als er gierig trank, ließ Ferragu
Vom Haupt den Helm ins Wasser sich entwischen,
Und nicht gelang's noch, ihn herauszufischen.
15.
Schreiend, im tollsten Jagen kommt mit Bangen
Das Mädchen; – hei, wie jetzt sie neu erschrickt!
Ans Ufer springt der Heide voll Verlangen:
Bei dieser Stimme hat er aufgeblickt.
Sind auch vom Schreck entstellt und blaß die Wangen,
Er weiß doch, wen sein guter Stern ihm schickt:
Von der er viele Tage ohne Kunde,
Angelika schickt ihm die Gunst der Stunde!
[4] 16.
Vielleicht so hitzig wie die Vettern eben,
Und weil ein edles Herz ihm ward beschert,
Eilt er, zu ihrem Schutz den Arm zu heben,
So kühn, als sei er ganz mit Stahl bewehrt,
Und wo Rinald steht – wahrlich ohne Beben! –,
Hin läuft er drohend mit gezücktem Schwert.
Die beiden kannten sich, und unvergessen
War ihnen, daß im Kampf sie sich gemessen.
17.
Beide, zu Fuß jetzt, nur die Schwerter hatten:
Ein grimmig Hämmern alsobald begann.
Nicht Schuppenkleider oder Panzerplatten,
Ja selbst kein Ambos schützte hier den Mann.
Derweil die zwei mit Hieben sich ermatten,
Verstohlen fängt das Pferd zu laufen an;
Denn jene jagt mit aller Kraft der Spornen
Das Tier ins Feld durch Dickicht und durch Dornen.
18.
Lang mühten sich umsonst die beiden Degen,
Den Gegner hinzustrecken in den Sand;
Denn keiner war dem andern überlegen,
Geschickt des Heiden wie des Christen Hand.
Rinald begann zuerst den Mund zu regen
Und sprach, dem span'schen Ritter zugewandt,
Wie einer, der von innern Gluten so brennt,
Daß ihm das Wort fehlt und er lichterloh brennt:
19.
»Nur mich zu treffen, ist ja dein Verlangen;
Allein dir selbst auch fügst du Schaden zu.
Gesetzt, daß ich dir bis zum Morgenprangen
Hier zu verweilen den Gefallen tu,
Ob ich dann tot bin oder bin gefangen,
Bei alledem, sprich, was erlangst denn du?
Das alles wird dir nicht die Maid gewinnen;
Derweil wir säumen, flieht sie ja von hinnen.
[5] 20.
Gescheiter wär's, du ständest mir zur Seite,
Liebst du sie auch; der Weg sei ihr verwehrt,
Rasch, eh sie noch verschwinde dort ins Weite!
Hübsch zu verweilen, werde sie belehrt!
Wenn wir sie haben, wohl! – in blut'gem Streite,
Wem sie gehör', entscheide dann das Schwert.
Ich sehe nicht, was auf der Säumnis Pfaden
Sich sonst für uns ergeben kann als Schaden.«
21.
Dem Mohr gefällt, was man ihm vorgeschlagen:
Seht, aufgeschoben ist der Zweikampf schon!
Die Gegner haben derart sich vertragen
(Haß scheint vergessen und der Zorn entflohn),
Daß, als des Mohren Roß den Herrn soll tragen,
Er nicht zu Fuße läßt den Haimonssohn.
Er lädt ihn ein, den Sitz mit ihm zu teilen,
Und hinterm Fräulein drein die Ritter eilen.
22.
O Trefflichkeit der Ritter alter Zeiten!
Als Nebenbuhler, grimmig aufgebracht,
Verschiednen Glaubens, während noch vom Streiten
Manch harter Hieb am Leib sich fühlbar macht,
Ohn' alle Furcht auf gleichem Rosse reiten
Sie krummen Pfad entlang durch Waldesnacht!
Vier Sporen fühlend, kommt gleich einem Pfeile
Das Pferd hin, wo der Weg geht in zwei Teile.
23.
Und weil sie beide nun in Zweifel stehen,
Wohin sich wohl das schöne Kind gewandt –
Denn hier wie dort ist neue Spur zu sehen,
Und keiner hat ein Zeichen sonst erkannt –,
Beschließt ein jeder auf gut Glück zu gehen,
Der eine rechts, der andre linker Hand.
Im Wald Herr Ferragu die Kreuz und Quer ritt,
Und schließlich war er wieder, wo er herritt.
[6] 24.
Am Flusse steht er, wo der Strömung Schnelle
Ihm seinen Helm vom Haupt hinunterzog.
Noch einmal will er prüfen hier die Welle,
Weil Hoffnung auf das Fräulein ihn betrog.
Wo ihm der Helm entfiel, an gleicher Stelle
Taucht er hinunter in das Flutgewog!
Da hat der Helm sich in den Sand gegraben:
Wohl Mühe kostet's, ihn zurückzuhaben!
25.
Aus einem zugestutzten glatten Zweige
Schnitzt er sich eine mächtig große Stang'
Und reizt den Fluß, daß er den Helm ihm zeige,
Und stochert auf und ab und tastet lang';
Er sucht und sucht, der Tag geht auf die Neige,
Des Eifers Hitze rötet ihm die Wang',
Als einen, bis zur Brust von Flut umgeben,
Er aus dem Strom sich dräuend sieht erheben.
26.
Der steckt – bis an den Kopf – im Eisenkleide,
Und einen Helm trägt seine rechte Hand.
Es ist der gleiche Helm, um den der Heide
Umsonst so viele Müh' hat aufgewandt.
»Treuloser Schurke,« spricht er zornig, »leide,
Daß ich behalte, was mir Gott gesandt!
Den Helm zu lassen will dir Schmerz bereiten,
Den du mir schuldest doch seit langen Zeiten!?
27.
Besinne dich: als damals du erstochen
Den Bruder – ich war's – der Angelika,
Den andern Waffen nach hast du versprochen
Zu werfen in den Fluß den Stahlhelm da.
Hält das Geschick den Eid, den du gebrochen,
Füg' dich, kein Grund zu jammern ist das ja.
Reg' dich nicht auf, und willst du auf dich regen,
Je nun, so tu's, ich habe nichts dagegen!
[7] 28.
Trägst du nach einem schönen Helm Verlangen,
Such' einen andern dir; trag ihn mit Ehr'!
In solchem Helm kommt Roland hergegangen;
Rinaldos gilt so viel, vielleicht noch mehr.
Man sah Mambrin darin und Almont prangen:
Von jenen hole dir doch einen her,
Weil diesen hier du hübsch mir lassen solltest,
Wie deinem Wort nach du ihn lassen wolltest
29.
Dem Mohren sträubte sich das Haar vor Schrecken,
Als jäh der Schatten stieg aus Stromesflut;
Die Stimme blieb ihm in der Kehle stecken,
Und aus den Wangen wich zurück das Blut.
Er hörte sich mit Schmach von ihm bedecken
(Einst Argalia hieß der Kämpe gut,
Den er erstach); als der ihn treulos nannte,
Vor Scham und Zorn er inn und außen brannte.
30.
Es fehlte Zeit, um Antwort ihm zu geben;
Auch wußt er wohl, daß jener Wahrheit sprach.
So blieb das Wort ihm auf den Lippen schweben,
Doch grub sich tief ins Herz ihm ein die Schmach,
Und heilig schwur er – bei Lanfusas Leben –,
Das Haupt beschütz' hinfort kein ander Dach
Als jener Helm, den einst bei Aspramonte
Roland gewann vom trotzigen Almonte.
31.
Und treuer sollt' er stehn zu diesem Eide,
Als er vordem des andern hat gedacht.
Er zieht davon, das Herz beschwert von Leide,
Und härmt und grämt sich lange, Tag und Nacht.
Den Paladin zu finden strebt der Heide,
Sucht hier und dort nach ihm mit aller Macht.
Rinald, der sich indessen fortbegeben,
Sollt' andre Abenteuer noch erleben.
[8] 32.
Er geht noch gar nicht lang, da sieht er springen
Bajard nicht weit vor sich, sein stolzes Tier:
»Halt, Bajard, halt! Du willst mir Schaden bringen!«
So ruft er laut, »gar sehr ja fehlst du mir!«
Er sieht das Roß nur immer weiter dringen,
Als ob es taub wär', in das Waldrevier.
Nun eilt er nach, in Zornesflammen, brennenden;
Doch folgen wir Angelika, der rennenden.
33.
Sie flieht dahin durch dunklen Waldes Weiten,
Einöden menschenleer und grauenvoll,
Wo Blätter wiegen, wo sich Schatten breiten
Von Ulmen, Eichen, Buchen – da wie toll
Muß sie auf einmal pfadlos seitwärts reiten,
Hier-, dorthin, weil die Furcht im Busen schwoll.
Bei jedem Schatten fängt sie an zu traben:
Stets glaubt sie hinter sich Rinald zu haben.
34.
So wie das Zicklein oder Reh, das junge,
Das unter Buschwerk sah im heim'schen Hain
Des Pardels Wut zerreißen Brust und Lunge
Der lieben Mutter, und mit flinkem Bein
Von Wald zu Wald flieht in entsetztem Sprunge,
Zitternd vor Angst, in Dunkelheit hinein –
Bei jedem Knistern, jedes Zweiges Knacken
Fühlt es das grimme Tier in seinem Nacken –:
35.
Den Tag, die Nacht, vom nächsten Tag noch Stunden
Schweift sie – wo, weiß sie selber nicht – umher,
Bis einen Waldeshag sie hat gefunden,
Von frischer Luft bewegt und düfteschwer;
Von zartem Gras und Blumen hold umwunden,
Zwei Bächlein drängen murmelnd nach dem Meer,
Und lieblichem Gesang glaubt man zu lauschen,
Da leise plätschernd durchs Gestein sie rauschen.
[9] 36.
Sicher zu sein scheint dieser Ort der Wonnen,
Rinald entfernt wohl manche weite Meil';
Von Hitz' und Mühen viel ist sie gesonnen
Hier auszuruhen eine kleine Weil'!
Und unter Blumen steigt sie ab am Bronnen,
Das Pferd nimmt, zügelfrei, am Rasten teil:
Es schweift vergnügt umher im kühlen Raume,
Der frische Gräser beut an seinem Saume.
37.
Ganz nahe, sieh! ein schön Gebüsch sich breitet,
Wo Blütendorn bei roten Rosen sprießt,
Sich hold im Wasser spiegelnd, das da gleitet;
Der Sonn' ein Eichendach den Platz verschließt.
Die Mitte drinnen zum Gemach sich weitet,
Durch das erfrischend dichter Schatten fließt,
Blattwerk und Zweige kunstvoll sich verschlingen –
Selbst Phöbus' Blick vermag nicht durchzudringen.
38.
Ein zartes Gras lädt ein die müden Glieder,
Wes Augen immer diese Ruhstatt sahn;
Die Schöne läßt sich in der Mitte nieder
Und gleich vom Arm des Schlummergotts umfahn.
Jedoch nach kurzer Frist erwacht sie wieder:
Sie glaubt zu hören, daß sich Tritte nahn.
Leis steht sie auf, Gewißheit sich zu schaffen –
Und sieht am Bächlein einen Mann in Waffen.
39.
Ob Freund, ob Feind es ist? Sie kann's nicht sagen:
Bald ist sie hoffnungsfroh, bald wieder bang
Und mag den Hauch nicht eines Seufzers wagen:
Sie wartet auf das End' vom Liede lang.
Zum Fluß hinab ihn jetzt die Schritte tragen:
Dort bleibt er, auf den Arm gestützt die Wang',
Und in Gedanken steht er tief, alleine,
Ganz wie erstarrt zu regungslosem Steine.
[10] 40.
Gesenkten Hauptes stand mit seinem Harme
Der Ritter stundenlang am Bachesdamm;
So weich zu klagen drauf begann der Arme,
So schmelzend süß, von seiner Liebesflamm',
Als gelt' es, Herr, daß sich ein Stein erbarme,
Ein Tigertier sich wandle in ein Lamm.
Sein Seufzer scheint aus Ätnas Grund zu dringen;
Als wär's ein Wasserfall, die Tränlein springen.
41.
»Gedanke,« sprach er, »der mich glutentglommen
Und eisig macht, du drückst das Herz mir wund!
Was soll ich tun? Ich bin zu spät gekommen:
Ein andrer pflückt die süße Frucht jetzund.
Kaum einen Blick, ein Wort hab' ich bekommen,
Ein andrer die Trophäen, Herz und Mund.
Kann weder Frucht noch Blüte mich beglücken,
Was soll ich mir um sie den Sinn bedrücken?
42.
Die Jungfrau ist der Rose zu vergleichen,
Die sich im Garten auf dem Stengel wiegt,
Eh Hirtenhand und Herde sie erreichen,
Im Schoß der Ruhe still geborgen liegt:
Wind, Frührot neigen sich der Anmutreichen
Und Land und Flut, von ihrer Huld besiegt;
Burschen und Mägdlein mit verliebten Wangen
Lassen an Schläfen sie und Busen prangen.
43.
Doch sieht man sie nicht mehr am Strauch sich heben,
Ward sie getrennt vom mütterlichen Stamm, –
Was ihr bei Gott und Menschen Wert gegeben,
Anmut und Schönheit, schwindet allzusamm.
Das Mädchen, das nicht mehr als Licht und Leben
Zu hüten weiß die Blüte wundersam,
Verliert, wenn einer dieses Gut verletzte,
Den Preis, den jeder über alles schätzte.
[11] 44.
Andern verhaßt, sei sie nur lieb dem einen,
Den sie mit ihrem Selbst so reich beglückt.
Grausames Los! Wie muß ich dich beweinen!
Reich sah ich andre, mich von Not bedrückt.
Ist's möglich: unhold will sie mir erscheinen?
Mein Leben selbst, es wäre mir entrückt?
Ach, lieber wär' ich heute tot geblieben,
Als daß ich sie nicht fürder sollte lieben!«
45.
Fragt jemand: wer mag innen also brennen?
Hat so viel Tränen nach dem Fluß gesandt? –
So muß ich euch Zirkassiens König nennen:
Er ist's: der liebeskranke Sakripant.
Und wollt ihr seines Leides Ursach' kennen?
Mit seiner Lieb' ist alles schon genannt.
Zu den Verehrern zählt er jener Schönen,
Und sie erkannt' ihn gleich in seinem Stöhnen.
46.
Um sie allein war er in Liebesgrillen
Gekommen aus dem fernsten Orient;
Denn er vernahm, daß sie um Rolands willen
Von Indien ging weithin zum Okzident;
Daß Karl in Frankreich dann, den Streit zu stillen,
Im Zelt sie hielt von andern abgetrennt
Und dem zum Lohn versprach, der im Gefechte
Den Lilien den größten Nutzen brächte.
47.
Er war im Lager, sah die Niederlage,
Die dort erlitt des Christenkönigs Schar.
Umsonst irrt er umher seit jenem Tage,
Daß er von der Entschwundnen Kund' erfahr'.
Ihr wißt es nun, warum mit Liebesklage
Die Zährenflut zum Bach geflossen war
Und er so rührend Worte ließ erklingen,
Schier um die Sonn' aus ihrer Bahn zu bringen.
[12] 48.
Zum Quell die Augen wandelnd, liebentzündet
In Schmerz und Leid der Ärmste sich verlor.
Derweil er spricht, was nicht die Muse kündet –
Denn andre Dinge hat zur Zeit sie vor –
Fügt sich's – o seht! – daß Glück sich ihm verbindet,
Denn jeder Laut dringt zu der Holden Ohr.
Was er mit einemmal jetzt soll erreichen,
Drob könnten tausend Jahre sonst verstreichen.
49.
Auf jedes Wort des Ritters, Art und Wesen
Gibt unsre schöne Dame sorglich acht.
In seinem Herzen hat sie längst gelesen,
Daß er nach nichts als ihrer Liebe tracht'.
Allein voll Härte ist sie stets gewesen,
Kalt, ohne Mitleid, wie aus Stein gemacht,
Als schätze sie die ganze Welt geringe
Und keinen würdig solch erlesner Dinge.
50.
Zum Führer aber denkt sie ihn zu nehmen,
Nun sie verlassen durch die Wälder schweift:
Es muß zum Gnadenruf sich wohl bequemen,
Wem an die Lippen schon das Wasser streift!
Wer weiß, ob jemals bessre Helfer kämen,
Wenn sie nicht die Gelegenheit ergreift!
Sie hatte ja schon in gar manchem Falle
Den Fürsten treu befunden, mehr als alle.
51.
Doch will sie nicht den Armen wirklich letzen,
Zu seines Kummers, seiner Treue Lohn,
Das lange Leid durch Seligkeit ersetzen,
Die jedem Jüngling aller Freuden Kron' –
Nein, nur in Wahn und Irrtum ihn versetzen,
Damit in seiner Brust das Hoffen wohn'
Und er als Werkzeug ihr ein Weilchen diene,
Dann wieder zu begegnen harter Miene.
[13] 52.
Auftauchend plötzlich aus des Haines Schweigen,
Wird sie, die Göttergleiche, nun erblickt –
So mag Diana sich, so Venus zeigen,
Wenn ihrer Schönheit Glanz den Wald erquickt –
Und »Friede dir!« spricht sie mit holdem Neigen,
»Vom Himmel wirst du mir als Hort geschickt,
Und sicherlich wird er nicht weiter dulden,
Daß du mich so verkennst ohn' mein Verschulden.«
53.
Die Mutter zeigt nicht solch ein freudig Beben,
Wenn sie den Sohn schaut, den sie tot geglaubt,
Des sie mit Weinen noch gedacht soeben
Als eines, den der Kriegsgott ihr geraubt,
Wie sich die Blicke Sakripants erheben
Zur edelen Gestalt, dem Engelshaupt,
Den zarten Gliedern dieser Hulderscheinung,
Der herrlichsten der Welt nach seiner Meinung.
54.
In holder Glut, vom süßen Trieb bezwungen,
Zu seiner Herrin, Göttin eilt er her.
Sie hält um seinen Hals den Arm geschlungen,
Was in Katai wohl nicht geschehen wär',
In ihr ist plötzlich Sehnsucht aufgesprungen:
Die Heimat winkt, bleibt ihr zur Seite der.
Durch ihn belebt sich Hoffnung und Vertrauen,
Bald wiederum ihr reiches Schloß zu schauen.
55.
Ausführlich läßt sie den Bericht ihn kosten,
Von jenem Tag an, da sie ihn gesandt
Zum Serikanerkönig dort im Osten,
Und wie für sie die Sache schließlich stand;
Wie Roland treulich blieb auf seinem Posten
Und Schmach und Tod von ihr hat abgewandt;
Sie trag' auch unverletzt, was edlem Weibe
Der höchste Schatz ist, wie vom Mutterleibe.
[14] 56.
So war's vielleicht, allein der Fall wird rar sein
(Wer klaren Kopf hat, urteilt so zumeist):
Für Sakripant muß dieses alles wahr sein,
Weil er in noch viel größrem Irrtum kreist.
Was man nicht sieht, das läßt uns Amor klar sein,
Der Deutliches als unsichtbar erweist.
Nun, jener glaubt: was lieblich ist zu glauben,
Das läßt sich ja der Mensch nicht gerne rauben.
57.
»Ließ recht als Tor sich zimperlich verwehren
So leckern Schmaus der Ritter von Anglant –
Der Schad' ist sein; das Glück will nicht bescheren
Ein zweites Mal, was einmal ward verkannt:
Ich werde nicht mich an sein Beispiel kehren!«
So sprach bei sich im stillen Sakripant.
»Entgehen mir zu lassen solchen Bissen,
Hätt' ich in Ewigkeit auf dem Gewissen.
58.
Die jugendfrische Rose will ich pflücken,
Bevor – wie bald! – die Zeit den Duft verjagt:
Ein Dirnlein kann nichts Süßeres beglücken,
Ziert auch ein wenig sich die gute Magd.
Und scheint es noch so sehr sie zu bedrücken,
Und ob sie weint und voll Verzweiflung klagt,
Es soll kein Zorn, kein Widerstand mich rühren;
Was ich mir vornahm, denk' ich auszuführen!«
59.
Er spricht's. Zum süßen Ansturm vorzugehen
Schickt er sich an: – da tönt gewalt'ger Schall
Im nahen Wald; er muß sich wohl verstehen,
Zu lassen, ob erbost, vom Überfall.
Er nimmt den Helm – mit Wehr sich zu versehen,
War er ja längst gewohnt für jeden Fall.
Er geht zum Renner, legt ihm an die Zügel,
Ergreift den Sporn und setzt den Fuß in Bügel.
[15] 60.
Ein Ritter sprengt hervor aus wald'gen Auen,
Dem Aussehn nach gar stolz und kampfbereit.
Die Zier am Helm ist weiß wie Schnee zu schauen,
Und weiß wie Schnee ist auch sein Waffenkleid.
Der König aber steht mit finstern Brauen:
Daß unterbrochen werde, was zur Zeit
So hohe Lust verspricht, stimmt ihn nicht heiter;
Voll Groll und Ingrimm blickt er auf den Reiter.
61.
Leicht aus dem Sattel denkt er ihn zu heben
Und fordert ihn zum Zweikampf auf der Stell';
Und jener, der – mir scheint – zu schaffen geben
Wird dem Zirkassier wohl auf alle Fäll',
Spornt seinen Renner, läßt die Lanze schweben
Und unterbricht das stolze Drohen schnell.
Herr Sakripant kehrt um wie Ungewitter.
Und aufeinander jagen beide Ritter.
62.
Nie trafen sich gewaltig gleich dem Blitze
Die Stiere und die Löwen in der Schlacht,
Wie die zwei Krieger hier in Kampfeshitze:
Die Schilde bersten durch des Stoßes Macht.
Vom üpp'gen Tal bis hin zur kahlen Spitze
Von dem Zusammenprall die Erde kracht.
Die Panzerkleider waren gut zum Glücke;
Sonst gingen beide Leiber wohl in Stücke.
63.
Auch keinen Umweg machten ihre Pferde:
Sie stießen sich, wie Widder tun im Zorn.
Tot blieb das Roß des Heiden auf der Erde,
Und in der Zahl der besten stand es vorn!
Auch jenes fällt: daß es lebendig werde,
Besorgt in seine Flank' ein Druck des Sporn.
Das andre Tier muß sich am Boden strecken
Und mit der vollen Last den Herrn bedecken.
[16] 64.
Der Fremde, der im Sattel fest geblieben,
Schaut seinen Gegner unterm Pferd, besiegt.
Doch rüstet er sich nicht zu Schwerteshieben,
Weil ihm an einem neuen Kampf nichts liegt.
Man sieht nur, daß er, wie vom Sturm getrieben,
Geraden Wegs im Wald von dannen fliegt.
Eh aus der Klemme kommt der andre Streiter,
Ist er ein Stündchen fern, vielleicht noch weiter.
65.
So wie der Pflüger, wenn vorbei das Wetter,
Sich stumpf erhebt, betäubt, vom Schlag erschreckt –
Geteilt das Los schier um ein Härchen hätt' er
Der Rinder, die der Blitzstrahl hingestreckt;
Die Fichte schaut er ohne Kron' und Blätter,
Die er vorher von weitem hat entdeckt –
So sucht der Heide wieder aufzustehen ...
Und alles das muß seine Dame sehen.
66.
Er seufzt und stöhnt – nicht etwa, daß ein Arm ihm,
Ein Fuß gebrochen sei, verrenkt vom Schlag;
Die Wange wird aus Schamgefühl nur warm ihm,
Wie nie zuvor an einem Erdentag.
Nicht daß er fiel – daß sie aus solchem Harm ihm,
Die Last abwälzend, half, ist seine Klag'.
Ich glaub', er wär' am Ende stumm geblieben,
Hätt' ihn zum Sprechen jene nicht getrieben.
67.
»Herr,« sprach sie, »laßt Euch dieses nicht beschweren:
Nicht Euch trifft Schuld, wenn Ihr gefallen seid;
Nein, bloß den Renner: Speis' und Ruhe wären
Ihm dienlicher gewesen als der Streit.
Nicht prahle jener mit den Siegesehren;
Er brachte sich ja schnell in Sicherheit!
Seht, wer das Feld räumt – das gilt allerwegen –
Der zeigt, daß er im Kampfe unterlegen.«
[17] 68.
Derweil sie ihn zu trösten Müh' verwandte,
Kommt ein berittner Mann dahergejagt,
Mit Tasch' und Horn versehn; der Unbekannte
(Ein müder Bote schien's, von Gram geplagt)
Kehrt sich zum nächsten, das ist Sakripante:
»Kam nicht gerad mit weißem Schilde – sagt! –
Und weißem Federbusch auf Helmes Mitten
Durch diesen Wald ein Kriegersmann geritten?«
69.
Sprach Sakripant: »Den du zu sehn beflissen,
Vom Pferd hier warf er mich und ist enteilt;
Und weil ich seinen Namen nicht will missen,
Sag' mir, wer ist's, der solche Schläg' erteilt?«
Der Bote drauf: »Was dich verlangt zu wissen,
Von mir erfahren sollst du's unverweilt;
Erwarbst du Ruhm, verdunkelt ist dein Name:
Dich hob vom Sattel eine edle Dame!
70.
Sie hat durch Kühnheit hohen Ruhm gefunden,
Durch Schönheit mehr; den Namen künd' ich dir:
Die Heldin Bradamant hat dir entwunden,
Was du gewannst an Ehr' auf Erden hier.«
Der Bote sprach's und war im Wald verschwunden.
Den Sarazen will Groll verzehren schier:
Ratlos und wortlos steht er da, befangen;
Es röten sich in Flammenglut die Wangen.
71.
Nachdem er lange, was sich zugetragen,
Vergeblich hat erwogen und zum Schluß
Sich sieht von einem Mägdelein geschlagen
(Je mehr er's denkt, je größer sein Verdruß!),
Nimmt er das Fräulein, ohn' ein Wort zu sagen,
Aufs Roß und festigt in dem Reif den Fuß,
Mit ihr zu besserm Spiel davonzureiten
An stillerm Ort in spätern günst'gen Zeiten.
[18] 72.
Sie reiten nicht zwei Meilen, als ein Tönen
Und mächtiges Gelärm im Hain erschallt,
Der sie umgibt, ein Krachen und ein Dröhnen,
Als woll' erbeben rings der weite Wald,
Und einen reich mit Gold geschmückten, schönen
Und stolzen Renner sehn sie nahen bald,
Der über Busch und Bach setzt, Bäum' entblättert,
Und alles, das im Weg ist, niederschmettert.
73.
»Täuscht trübe Luft und dichtverschlungne Zweige«,
So sprach die Dame, »jetzt mein Auge nicht,
Will mich bedünken, daß sich Bajard zeige,
Der so mit Lärmen durch das Dickicht bricht.
Gewiß, er ist's; will, daß man ihn besteige:
Wie gut er doch versteht, was uns gebricht!
Ein einzig Roß für zwei würd' unbequem sein:
Er bringt uns Gutes: laß es uns genehm sein!«
74.
Der Fürst steigt ab; er will den Renner rufen,
Ergriffe gern den Zaum mit seiner Hand:
Doch Bajard gibt die Antwort mit den Hufen;
Schnell wie der Blitz hat er sich umgewandt,
Mit Stößen, die jedoch kein Unheil schufen –:
Weh, träfen volle Schläge Sakripant!
Wollte der Huf die ganze Kraft beweisen,
Zertrümmert hätt' er einen Berg von Eisen.
75.
Sie sahn das Roß sich sanft zur Dame wenden,
Fast menschengleich, voll Demut: wie vorm Herrn
Des Hündleins frohe Sprünge gar nicht enden,
Wenn der Gebieter heimkehrt aus der Fern'.
Bajard erkannte sie: aus ihren Händen
Nahm er sein Futter in Albrakka gern,
Als für Rinald in Liebesglut sie brannte,
Der damals grausam ihr den Rücken wandte.
[19] 76.
Den Zügel nun erfaßt sie mit der Linken
Und klopft und streichelt ihm den Bug in Huld:
Das kluge Tier, gehorsam ihren Winken,
Ist zahm und gut, ein Lämmchen an Geduld.
Da schwingt sich Sakripant mit einem flinken
Aufsprung hinauf, sitzt in der Sattelmuld':
Angelika hat seinen Platz bekommen;
Die Doppellast ist nun dem Tier genommen.
77.
Aufblickend dann, erschaut sie einen Recken,
Der stolz und waffenklirrend naht in Hast:
Es ist Rinald – kann sie sich nicht verstecken?
O wie bei seinem Anblick Zorn sie faßt!
Wie vor dem Aar das Huhn, flieht sie voll Schrecken,
Und er verfolgt sie ohne Ruh' und Rast.
Einstmals hat er von ihr nichts wissen wollen,
Sie liebte ihn – so tauschten sie die Rollen.
78.
Als Ursach' muß ich euch zwei Quellen nennen;
Zwiefache Wirkung hat der beiden Flut
(Sie stehn einander nah, in den Ardennen):
Die eine füllt mit Liebe heiß den Mut;
Wer von der andern trinkt, kann nicht entbrennen:
In Eis verwandelt sie die Liebesglut.
Aus jener trank Rinald – und Liebe faßt ihn –
Aus der Angelika: sie flieht und haßt ihn.
79.
Der Bronnen ließ geheimes Gift sie trinken:
Statt holder Triebe fühlt sie Haß sogleich,
Wenn dieser Held erscheint, und Schleier sinken
Auf heitrer Augen lichterfülltes Reich.
Sie fleht zu Sakripant – die Tränen blinken,
Die Stimme bebt, die Wangen werden bleich –:
Schnell auf die Flucht mit ihr sich zu begeben,
Fern von dem Krieger, der genaht soeben.
[20] 80.
»Hab' ich nicht schon Vertraun bei Euch besessen?«
Sprach jener, »bin ich nutzlos und gering,
Unfähig, mich mit jenem dort zu messen,
Daß ohne Schwertschlag ich von dannen ging?
Habt Ihr Albrakka und die Nacht vergessen,
Als ich allein – fürwahr kein kleines Ding! –
Vor Agrikan und Scharen auserlesen
Bin ohne Waffen Euer Schild gewesen?«
81.
Sie weiß nicht, was sie tun soll, steht verlegen
Und schweigend, denn Rinald ist fast schon da:
Er hält dem Sarazen die Faust entgegen;
Sein Pferd, das dieser nahm, erkennt er ja;
Erkennt auch sie, für die auf allen Wegen
Sein Herz in Lohe steht, ob fern, ob nah.
Wie weiter nun die Dinge sich gestalten,
Das sei dem nächsten Sange vorbehalten.

[21] Zweiter Gesang

1.
Launischer Amor, sprich, warum fast nimmer
Im schönen Einklang stehen Herz und Herz?
Warum geschieht es, daß so oft, du Schlimmer,
Der Seelen Widerstreit für dich ein Scherz?
Du gönnst mir nicht die Flut mit hellem Schimmer,
Ziehst mich zur dunklen tief hinab, zum Schmerz;
Die meine Lieb' ersehnt, die soll ich lassen,
Und lieben, die mir abgewandt voll Hassen!
2.
Du machst Angelika dem Jüngling teuer,
Den sie für arg und widerwärtig hält:
Als einst für ihn die Schöne stand in Feuer,
Da haßt er sie wie nichts auf dieser Welt.
Nun härmt er sich, in Leiden ungeheuer;
Vergolten ward ihm gleich mit gleich; der Held
Ist ihr ein Greuel jetzt – sich ihm verbinden? –
Nein, eher dann den Weg zum Tode finden!
3.
»Dieb, steig von meinem Pferd!« so schrie den Heiden
Mit großem Hochmut an der Haimonssohn.
»Daß man mein Pferd nimmt, pfleg' ich nicht zu leiden,
Und wer es tut, bekommt von mir den Lohn.
Auch will ich dich von dieser Dame scheiden;
Sie dir zu lassen, wäre Schmach und Hohn.
Unwürdig scheint es mir, daß einem Diebe
Solch edles Fräulein, solches Roß verbliebe.«
[22] 4.
»Nur als ein Lügner magst du Dieb mich schelten,«
Spricht drauf, nicht minder stolz, Fürst Sakripant:
»Das Wort kann eher von dir selber gelten,
Nach dem, was in der Welt von dir bekannt.
Es zeigt sich, wenn Entscheid die Schwerter fällten,
Wer mehr mit Recht sich hat den Herrn genannt.
Indes von ihr muß ich dir zugestehen:
Man kann nichts Edleres auf Erden sehen.«
5.
Wie Hunde wohl, bevor sie sich zerstücken
(Ob Haß, ob Neid und Mißgunst sie bewegt),
Mit Zähnefletschen aufeinanderrücken,
Wie jeder, schielen Augs, die Glieder regt,
Vor Wut dann schäumend, mit zerzaustem Rücken,
Den scharfen Zahn in seinen Gegner schlägt –
So ging's, nachdem genug sie schrien und schalten,
Zwischen den beiden jetzt ans Schädelspalten.
6.
Zu Fuß ist der, und jener sitzt zu Pferde.
Meint Ihr, daß drum der Heide Vorteil hab'? –
O nein! Nur Schaden; hilflos von Gebärde,
Sitzt er, als wär's ein unerfahrner Knab':
Es schafft der Hengst dem Herren nicht Beschwerde,
Weil seltenen Instinkt Natur ihm gab.
Ob mit der Hand der Reiter lenkt – mit Sporen,
's ist alles an dem störr'schen Tier verloren!
7.
Soll stehn der Hengst, beginnt er fortzujagen,
Dann rasch zum Kreisel wird er ganz und gar:
Er bockt, soll er den Reiter vorwärts tragen,
Bäumt sich, schlägt aus, beut alle Tücken dar.
Der Heide sieht, die Stund' hat nicht geschlagen,
Zu bändigen ein Tier so wunderbar,
Stützt auf den Sattelbogen sich zum Schwunge
Und steht auf Füßen jetzt nach raschem Sprunge.
[23] 8.
Als sich der Heide durch sein leichtes Springen
Hat von des Tiers verbißner Wut befreit,
Hei, da beginnt ein Ansturm und ein Ringen,
Wert eines Paars so hochbewährt im Streit!
Bald singen hoch, bald summen tief die Klingen;
Vulkans Gehämmer wäre Langsamkeit
Dagegen in der Höhle, wo beschieden
Ihm war, den Blitz des Jupiter zu schmieden.
9.
Mit langen Hieben, Finten, kurzen Streichen
Zeigt jeder sich als Meister: bald gereckt
Stehn beide aufrecht, bald geduckt dann schleichen
Sie, Blöße gebend, und darauf gedeckt;
Sie rücken vor, um rasch zurückzuweichen,
Parieren, meiden, locken vorgestreckt,
Drehn sich: wo Platz der eine hat gelassen,
Will gleich der Fuß des andern Posto fassen.
10.
Mit voller Wucht zu hauen und zu pochen,
Gibt jetzt Rinald sich hin mit einemmal;
Der Fürst hält seinen Schild vor, der – aus Knochen –
Mit Platten ist versehn von feinem Stahl:
Fusberta hat den starken doch durchbrochen;
Weit dröhnend seufzt der Wald und klingt das Tal.
Wie Eis zersplitternd Stahl und Knochen sprangen,
Betäubten Arm läßt der Zirkassier hangen.
11.
Als nun das scheue Mädchen solch Verderben
Entspringen sah dem Hiebe fürchterlich –
Gleichwie dem armen Sünder, geht's ans Sterben,
Ihr aus den Wangen alles Blut entwich.
's ist Zeit zu fliehn, als Beute sonst erwerben
Wird sie der Ritter ja, so sagt sie sich,
Den sie verabscheut mit des Hasses Triebe,
Wie er ihr zugetan ist voller Liebe.
[24] 12.
Sie schwenkt das Roß, läßt es von dannen jagen
Auf engem, rauhem Pfad durch Waldesmitt';
Oft blickt sie scheu zurück mit Furcht und Zagen,
Im Wahn, sie höre der Verfolgung Tritt.
Noch hat das Tier sie nicht gar weit getragen,
Da kam im Tal daher ein Eremit,
Dem floß der Bart bis auf die Brust hernieder,
Ehrwürdig schien er ihr und fromm und bieder,
13.
Von Fasten mitgenommen und von Jahren;
Ein Eselein, bedächtig, schaukelt ihn.
Man meint, es sei vor andren Menschenscharen
Ein fein und zart Gewissen ihm verliehn.
Als er die Holde sah mit Rabenhaaren
Und Rosenwangen durch die Büsche fliehn,
Da rief sie gleich – wiewohl sie etwas schwach ihm
Und schüchtern schien – die Menschenliebe wach ihm.
14.
Sie möchte nun von ihm den Weg erkunden,
Der sie zu einem Hafen bring' am Meer;
Denn gern aus Frankreich wäre sie verschwunden,
Daß von Rinald nicht mehr die Rede wär'.
Der Mönch – er war der schwarzen Kunst verbunden –
Müht sehr sich ab, daß er ihr Trost bescher';
In kurzem, sagt er, werde Fährnis enden –
Flink aus der Tasche hat er was in Händen.
15.
Es war ein Buch – das wirkte große Sachen!
Er las darin noch keine Seite aus,
Als, auf des Herrn Befehl, sich aufzumachen,
In Dienerform ein Geist erscheint daraus;
Hin geht er, wo sich Aug' in Aug' bewachen
Die Ritter noch nach halbvollbrachtem Strauß.
Im Wald, doch nicht in Kühle, beide fand er,
Und mutig zwischen ihnen plötzlich stand er.
[25] 16.
Er sprach: »Ihr Herrn, wollt mit Verlaub mir sagen,
Was nutzt es euch, daß ihr einander fällt?
Was habt ihr wohl von allen euren Plagen,
Nachdem die Schlacht zu End' ist, wenn der Held
Roland, ohn' einen einz'gen Hieb zu schlagen,
Ohne daß nur ein Schuppenring zerschellt,
Hin nach Paris das Fräulein führt als Beute,
Das Ursach' war für euren Zweikampf heute?
17.
Ich fand ihn mit Angelika, der schönen –
Zur Seine geht die Reise – hier ganz nah
Und hörte sie mit Kichern euch verhöhnen,
Daß euer Kämpfen ohne Frucht geschah.
Jetzt ihnen noch den Spott abzugewöhnen,
Das wäre klug, solange sie noch da.
Hält Roland in Paris sie erst geborgen,
Läßt sich das Wiedersehn wohl schlecht besorgen.«
18.
O, säht ihr den Verdruß der beiden Ritter,
Wie starr das Paar bei dieser Kunde stand!
Blind, taub und sinnlos schalt sich jeder bitter,
Als er von Roland so verhöhnt sich fand.
Und Herr Rinald! – Davon mit Seufzern ritt er
(Die kamen, schien's, aus einem Feuerbrand);
Fand' er den Grafen, schwört er sich verstohlen,
Das Herz ihm aus der Brust herauszuholen.
19.
Wo Bajard seiner harrt auf Waldespfaden,
Schwingt er sich auf und sprengt im Sturm dahin,
Zu sich aufs Roß den Ritter einzuladen,
Der noch zurück ist, kommt ihm nicht in Sinn.
Das Pferd, vom Herrn gespornt, bringt allem Schaden,
Was es im Lauf berührt im Busche drin.
Nicht Dornen, Strom und Felsen will's gelingen,
Von seiner Bahn den Renner abzubringen.
[26] 20.
Mag sein, o Herr, daß gegen mich der Schein ist,
Sag' ich, daß jetzt Rinald den Renner ritt,
Nach dem er tagelang schon hinterdrein ist,
Und der nicht leiseste Berührung litt.
Das Pferd – bedenkt, daß Menschengeist ja sein ist! –
Aus Tücke nicht so rasch vorüberglitt:
Ihn führen wollt' es, weil den Weg es kannte,
Zu ihr, für die sein Herz voll Sehnsucht brannte.
21.
Als sie entschlüpft war aus des Zeltes Banden,
Sah sie und folgt' ihr nach das gute Pferd,
Dem leer gerad die Sattelbogen standen,
Weil Herr Rinald zu Fuß focht mit dem Schwert
In einem Ehrenhandel, ihm entstanden
Durch einen Rittersmann, im Kampf bewährt.
Den Spuren ging der Renner nach vom weiten,
Begierig, sie zu seinem Herrn zu leiten.
22.
Vom Wunsch erfüllt, die Maid zurückzubringen,
Verlegt er ihr den Weg geschickt im Wald;
Sie darf sich nicht in seinen Sattel schwingen:
Die Sache nähme andere Gestalt.
Es schien Rinald ein-, zweimal zu gelingen,
Ihr nah zu sein, doch er verlor sie bald:
Erst war dazwischen Ferragu gekommen,
Dann Sakripant, wie Ihr es hier vernommen.
23.
Auch Bajard glaubt, was jener Geist verkündet,
Der nun Rinald auf falsche Bahnen führt;
Nicht ahnend, daß er sich dem Trug verbündet,
Folgt er dem Herrn, so wie es sich gebührt.
Fort gen Paris jagt dieser, liebentzündet,
Sturmgleich, weil auch der Haß die Flamme schürt.
Mit Sehnsucht, der kein Renner je geschwind scheint,
Fliegt er dahin, und langsam ihm der Wind scheint.
[27] 24.
Kaum bleibt genug der Nacht, um hinzureiten,
So meint Rinald, zum Ritter von Anglant; –
Ach, daß er sich vom Boten ließ verleiten,
Den ihm der schlaue Magier hat gesandt!
Er reitet früh und abends, bis vom weiten
Vor seinen Blicken jene Stätte stand,
Wohin der Kaiser seit dem Unglückstage
Zurück sich zog nach schwerer Niederlage.
25.
Und weil Belagrungsnot und neue Schlachten
Vom Mohrenkönig jetzt in Aussicht stehn,
Ist Volk zu sammeln und Proviant sein Trachten,
Auch mit der Wälle Schutz sich zu versehn.
Was man zur Abwehr dienlich mag erachten,
Das zu beschaffen, läßt er Boten gehn
Und Kriegsvolk ziehn aus Albions Gefilden,
Mit ihrer Zahl ein neues Heer zu bilden.
26.
Nochmals will er ins Feld mit seinen Scharen
Und sehn, ob sich das Kriegsglück nicht gewandt.
Flugs soll Rinald hin nach Britannien fahren,
Britannien, das nun England ist genannt.
Der möchte gern die Reise sich ersparen:
Nicht etwa, daß er haßte dieses Land,
Nein, weil ihn augenblicklich Karl entsendet
Und auch nicht einen Tag ihm Ruhe spendet.
27.
Rinald ist ob des Auftrags recht verdrießlich,
Der fern ihn führt von jenem holden Weib;
Denn ihr zu nahen ist nun unersprießlich,
Die ihm das Herz entführt hat aus dem Leib.
Allein, um zu gehorchen, meint er schließlich,
Daß jetzt ihm nur sofort'ger Aufbruch bleib'.
Er hat Calais erreicht in wen'gen Stunden
Und alsogleich ein Schiff zur Fahrt gefunden.
[28] 28.
Auf Heimkehr brennend, stößt er ab verwegen,
Warnt auch davor der Schiffer noch so sehr,
Und ob sich schon in raschen Wogenschlägen
Unwetter drohend künd' auf finstrem Meer.
Der Wind, empört, schickt Sturm dem Boot entgegen
Und läßt die Wogen wirbeln ringsumher.
Er wühlt die See auf, daß sie voller Wut schäumt
Und bis zum Mastkorb oben wild die Flut schäumt.
29.
Die klugen Schiffer, die die Segel reffen,
Gedenken wieder umzudrehn nach Haus,
Um in demselben Hafen einzutreffen,
Aus dem sie recht zur Unzeit fuhren aus:
»Nein,« spricht der Wind, »die Aussicht soll euch äffen;
Für eure Frechheit kommt ihr nicht heraus!«
Und bläst und heult, läßt drohend Schiffbruch blicken,
Wenn sie nicht gehn, wohin er sie will schicken.
30.
Nie ruht er, läßt die Schrecken neu beginnen;
Von vorn, darauf von hinten stürmt er an.
Ins weite Meer so treiben sie von hinnen,
Bescheidne Segel spannend dann und wann.
Doch viele Fäden hab' ich auszuspinnen,
Von denen nichts beiseite bleiben kann.
So mag der Sturm Rinald von dannen tragen!
Ich will euch jetzt von Bradamante sagen.
31.
Ich meine sie, der edlen Jungfraun Blume,
Die den Zirkassier hinwarf auf den Grund,
Erblüht – des Bruders wert an Heldentume –
Herrn Haimons und Beatrix' Ehebund.
Der Kaiser freute sich an ihrem Ruhme,
Der rings erscholl durch aller Franken Mund
– Sie sahn gar oft schon ihre hohen Werke –,
Nicht minder als Rinalds gewalt'ge Stärke.
[29] 32.
Ergeben dieser Dame war in Treuen
Ein Held – er kam mit König Agramant;
Als Vater konnt' ein Roger sein sich freuen,
Die Mutter war ein Kind des Agolant.
Das Fräulein, das ja nicht von Bär und Leuen
Entsprang, hat ihm den Rücken nicht gewandt.
Das Glück ließ einmal beide sich erblicken,
Um dann sie weit getrennt hinwegzuschicken.
33.
Ihn aufzufinden, war des Fräuleins Streben,
Der nach dem großen Vater Roger hieß.
So sicher, wie von Kriegerschar umgeben,
Ging sie allein; Geleit sie von sich wies.
Nachdem sie Sakripant den Lohn gegeben
Und ihn die Mutter Erde küssen ließ,
Durch einen Wald, sodann bergaufwärts ritt sie,
Und nun an eine schöne Quelle tritt sie.
34.
Die lief durch eine Wiese; kühlen Schatten
Von alten Bäumen bot ein trauter Hain:
Hier käme Rast den Wandrern wohl zustatten,
Das sanfte Murmeln lud zu trinken ein,
Wobei die Ruhnden links noch Hügel hatten,
Um vor der Mittagsglut geschützt zu sein.
Die schönen Augen schweifen lassend, stand sie,
Und einen Rittersmann dort ruhend fand sie.
35.
Sie sah im Schatten dichtbewachsner Hecken,
An grün-, weiß-, rot- und gelbgeschmücktem Saum,
Einsam beim Quelle sitzend, einen Recken;
Nachdenklich, stumm blickt er zum Himmelsraum.
Es hingen Schild und Helm vorm Wasserbecken
Beim angebundnen Pferd am Buchenbaum:
Die Augen feucht, der Ausdruck trüb und bitter –
Sehr traurig schien und müde dieser Ritter.
[30] 36.
Verlangen, das wir all im Busen tragen,
Nach andrer Menschen Angelegenheit,
Bewog das Fräulein, jenen Herrn zu fragen,
Was doch die Ursach' sei von seinem Leid:
Und er war willig, alles ihr zu sagen,
Gewonnen von des Wortes Artigkeit
Und stolzem Wesen, das ihm einen Helden,
Und einen kühnen wahrlich, schien zu melden.
37.
Er sprach: »Ich führte Fußvolk, Herr, und Reiter
Und zog dahin, wo Karl, dem Heer gesellt,
Des Feindes harrte: ging Marsil nun weiter,
Fand er beim Niederstieg ihn aufgestellt.
Ein Mädchen hatt' ich bei mir, schön und heiter,
In Liebe war mein Herz für sie geschwellt –
Da seh' ich einen Mann ein Roß mit Flügeln –
Bewaffnet war er – nah der Rhone zügeln.
38.
Sobald der Kerl – ob Mensch, ob Ungeheuer,
Verdammter Geist, der sich der Höll' entwand –
Das Fräulein sah, mein Liebchen schön und teuer,
Dem Falken gleich, wenn er ein Opfer fand,
Fiel er und stieg – rasch wie ein Blitz von Feuer –
Und, die betäubte Maid im Arm, verschwand.
Noch eh ich sah, was Stoß und Angriff seien,
Hört' ich die Holde in den Lüften schreien.
39.
So schießt aufs Küchlein bei der Gluck' hernieder
Der gier'ge Geier, der nach Beute lechzt:
Gern hätte wohl die Henn' ihr Junges wieder,
Zu dem umsonst hinauf sie piepst und krächzt.
Ich fliege nicht – 's ist der Natur zuwider –
Felswänd' empor, daran mein Rößlein ächzt:
Das ist gar müd; nur langsam kann es schreiten
Den rauhen Pfad abschüss'ger Bergesseiten.
[31] 40.
Als einer, der es lieber säh' geschehen,
Zerrissen ihm den Busen Hieb und Stich,
Ließ ich ohn' Hilf und Rat von dannen gehen,
Wo es verlassen blieb, mein zweites Ich,
Und zog den Weg, da steile Höhen stehen
Mit grausen Schluchten; Liebe führte mich,
Dort ist, so schien es mir, in üblen Stunden
Mein Frieden mit dem Räuber fortgeschwunden.
41.
Sechs Tage ritt ich bis zum Abendgrauen
Durch Felsgestein, vorbei an Kluft und Schlund.
Es war kein Weg, es war kein Pfad zu schauen,
Nicht eine Spur gab Menschenwesen kund.
Ich kam dann in ein ödes Tal voll Grauen,
Sah nichts als Klippen, Höhlen, wilden Grund
Und mitten drin ein Schloß auf Felsen ragen –
Wie schön und fest, vermag ich nicht zu sagen.
42.
Es blitzt wie heller Flamme Licht vom weiten,
Ist nicht aus Lehm gemacht und nicht aus Stein.
Ein Werk erscheint es, wenn wir näherschreiten,
So herrlich dürfte kaum ein zweites sein.
Dämonen, hört' ich, mußten es bereiten,
Durch Zauberspruch gebannt und Räucherein.
Sie haben ganz den Bau mit Stahl umschlossen,
Um den der Hölle Flut und Feuer flossen.
43.
Nichts gegen ihn vermögen Rost und Flecken,
Er steht, von glattem Stahl, in lichter Pracht.
Der schlaue Wicht pflegt hier sich zu verstecken,
Wenn er das Land durchschweift hat Tag und Nacht;
Denn nichts auf Erden braucht ihn hier zu schrecken;
Ohnmächt'ge Wut und Fluch wird nur verlacht.
Dort sitzt mein Lieb, nein, sitzt mein Herz gefangen,
Und nimmer – nimmer – hoff ich's zu erlangen.
[32] 44.
Was kann ich tun, ach, als die Blicke senden
Zum Fels, der sie verschließt, voll Angst, ergrimmt?
Der Füchsin gleich, die hoch von glatten Wänden,
Vom Adlerhorst, des Sohnes Ruf vernimmt?
Sie irrt umher: wo soll sie hin sich wenden?
Der Flügel fehlt, der sie zur Höhe nimmt.
Ach, daß der Fels, und auch das Schloß, so steil ist:
Hinauf kommt nur, wer Vogel oder Pfeil ist.
45.
Zwei Ritter, die ein Zwerglein führt – erscheinen
Des Wegs daher, derweil ich säume dort,
Die, Hoffen sei bereits Erfüllung, meinen;
Ach Wunsch und Hoffnung – beide schwinden fort.
Zwei Krieger sind's, die Mut mit Kraft vereinen:
Gradaß, der Fürst, gepriesen allerort,
Und Roger, dieser Stolz des Rittertumes;
Am Mohrenhof genoß er hohen Ruhmes.
46.
›Sie kommen‹, sprach der Zwerg, ›sich zu erproben
Mit ihrer Kraft am Schloßherrn, jenem Mann,
Der auf behuftem Vogel von dort oben –
's ist unerhört! – kommt durch die Luft heran.‹
›Erbarmt euch, Herrn!‹ sprach ich, die Händ' erhoben,
›Nehmt meines herben Falls euch gütig an!
Wenn ihr als Sieger – will es hoffen – lebet,
Bitt' ich, daß ihr mein Lieb zurück mir gebet!‹
47.
Und ich erzählte, wie es ihr ergangen,
Mit Tränen viel, die mir der Kummer gab;
Erfüllen wollten jene mein Verlangen
Und stiegen drauf den Felsenpfad hinab. –
Von fern zum Schlachtfeld meine Blicke drangen;
Von Gott den Sieg fleht' ich für sie herab.
Es war ein Platz vorm Schloß, so groß, ich meine,
Wie, zweimal fortgeschleudert, fliegen Steine.
[33] 48.
Wie sie zum Fuß des hohen Felsens dringen,
Will jeder erster sein für das Duell:
Es ist Gradaß – wollt es das Los ihm bringen?
Entsagte Roger seinem Anspruch schnell? –
Der Kämpfer läßt sein Horn mit Macht erklingen:
Es dröhnt der Fels mitsamt dem Stahlkastell.
Heraus tritt aus der Tür der andre Streiter:
Der auf dem Flügelroß, der Panzerreiter.
49.
Aufwärts ein wenig fing er an zu schweben,
So wie wir's an dem fremden Kranich sehn,
Der anfangs schreitet, um sich dann zu heben,
Daß ein, zwei Ellen Zwischenraum entstehn.
Wenn er sich ganz der Luft hat übergeben,
Dann läßt er erst mit Wucht die Flügel gehn.
So flügelschlagend jetzt der Zaubrer aufsteigt
In Ätherhöhn, wo kaum der Aar hinaufsteigt.
50.
Mit einem Male dreht das Roß er wieder,
Senkrecht wie Blei kommt er herab im Fall –
So stürzt der Falk herab, sieht aus dem Ried er
Die Ente, ausgesucht für seine Krall';
Er saust, den Speer gefällt, im Flug hernieder,
Die Lüfte spaltend mit gewalt'gem Schall.
Ein Stich von hinten macht Gradaß gewahren
Den Zaubrer, den er kaum sah niederfahren.
51.
Des Magiers Speer zerbrach bei diesem Stechen,
Worauf des Gegners Hieb die Luft nur schlägt,
Und, statt den Flügelschlag zu unterbrechen,
Der Flieger rasch sich weiter fortbewegt.
Des Mohren Tier – nie kannt' es früher Schwächen –
Hat flink zuvor ein Stoß ins Gras gelegt.
Gradassos Pferd war ein' Alfana-Stute,
Die beste, drauf wohl je ein Sattel ruhte.
[34] 52.
Der Flieger schien zum Sternenland zu gehen;
Dann dreht' er sich und schoß in Eil' herab,
Stach Roger, der sich dessen nicht versehen,
Weil er nur auf Gradasso Achtung gab.
Fast konnt' er nicht dem Stoße widerstehen:
Er weicht zurück und lenkt ihn etwas ab.
Als er dem Magier eins versetzte gerne,
Ist der schon wieder oben in der Ferne.
53.
Bald den, bald den – an Brust und Stirn und Beinen
Und Rücken trifft er und wo sonst noch mehr!
Er ist so flink, kaum sieht man ihn erscheinen;
Der Gegner Stöße sind umsonst und leer.
Und droht er diesem, wird er jenen meinen,
Und dreht sich stets im Kreise hin und her.
Die Augen sind den beiden so geblendet,
Daß sie nicht sehen, wer die Hiebe sendet.
54.
Bis zu den Stunden währt der Krieger Ringen
– Zwei unten, einer sich in Lüften hält –,
Die unsrer Erde dunkle Schleier bringen,
So daß, was schön ist, farblos dar sich stellt.
Zu sprechen wag' ich kaum von diesen Dingen,
Die ich doch sah – ich lüg' nicht um die Welt.
s' ist, wie ich sprach: doch freilich mehr der Lüge
Trägt dieses Wunder als der Wahrheit Züge.
55.
Ich sah den Zaubrer an dem Arme tragen
Den Schild, von schönem Seidentuch verdeckt.
Warum er ihn so lang verhüllt? Zu sagen
Vermag ich nicht, was er damit bezweckt.
Denn wer ihn offen sieht, der wird geschlagen
Mit Blindheit gleich; sein Auge Dunkel deckt,
So daß er fällt, wie tote Körper fallen,
Und hilflos bleibt er in des Zaubrers Krallen.
[35] 56.
Der Schild glänzt wie Pyropus, doch vergleichen
An Kraft läßt sich kein Glanz mit diesem Licht.
Zu Boden stürzt, wes Augen ihn erreichen,
Bewußtlos, mit geblendetem Gesicht.
Auch mich, so fern, faßt Ohnmacht – es verstreichen
Wohl Stunden, bis ich wieder aufgericht't. –
Ich sehe nichts von Kriegern, nichts vom Zwerge;
Leer ist das Feld, im Dunkel Tal und Berge.
57.
So meint' ich denn, es trug mit einem Male
Der Zaubrer jene beiden auf sein Schloß:
Er nahm die Freiheit ihnen mit dem Strahle
Und mir der Hoffnung Quell, der noch mir floß.
Ich schied darauf von dieser Burg aus Stahle,
Die all mein Gut, mein ganzes Herz umschloß. –
Sagt, kann ein hartes Los an dieses reichen?
Kann Liebesleid dem meinen sich vergleichen?«
58.
Der Ritter sinkt zurück in stummes Trauern,
Als er den Grund genannt hat seiner Pein:
Graf Pinabel ist's, der sich läßt bedauern,
Anselms von Haut'rives Sohn, aus Mainz am Rhein.
Von jenen Schelmen, die auf Untat lauern,
Wollt' er nicht wacker bleiben ganz allein.
Er kam nicht ihnen gleich an Lastern greulich,
Nein, übertraf sie alle, falsch, abscheulich.
59.
Wechselnden Schein der Dame Züge nahmen,
Als still sie lauschte dieses Manns Bericht,
Denn wie sie klingen hörte Rogers Namen,
Vor Freude hell erglänzt' ihr Angesicht.
Doch als dann später seine Leiden kamen,
Verstört von Mitleid folgt sie der Geschicht';
Auch kann sie manches Mal sich's nicht versagen,
Den Einzelheiten nochmals nachzufragen.
[36] 60.
Sie meint nach einer Zeit, sie sei im klaren,
Und spricht: »Herr Ritter, gönne jetzt dir Ruh'!
Aus meiner Ankunft magst du Heil erfahren;
Daß nur das Glück jetzt auch das Seine tu!
Hin zu der Stätte will ich mit dir fahren,
Die du ja sahst als reicher Schätze Truh';
Ob unser Mühn vielleicht belohnt sich findet,
Wenn freundliches Geschick sich uns verbindet?«
61.
Der Ritter sprach: »Ich soll den Weg dir zeigen?
Die Höhen überschreiten jetzt aufs neu?
Weil alles ich verlor, was einst mein eigen,
Fern sei es, daß ich Zeit und Mühe scheu'.
Du aber willst hinauf zum Kerker steigen
Den Felsenpfad? Es schafft vielleicht dir Reu'.
Nicht über mich dann darfst du dich beklagen:
Ich warnte dich; du willst es dennoch wagen.«
62.
Er spricht's und hat sich auf sein Pferd geschwungen
Und gibt der kühnen Jungfrau das Geleit;
Wo sie Gefahr für Roger sieht, den jungen,
Schreckt sie Gefängnis nicht noch andres Leid.
Auf einmal schallt es »Halt!« aus vollen Lungen:
Der Bote naht in größter Schnelligkeit,
Der dem Zirkassierkönig dort entdeckt hat,
Wer's sei, der in das Gras ihn hingestreckt hat.
63.
Er bringt dem Fräulein Nachricht über Fälle
In Montpellier, Narbonne; und wie der Strand
Von Aiguesmortes zu Kastilien sich geselle
Und alles lodre von des Aufruhrs Brand;
Marseille, bedrängt, weil sie nicht mehr zur Stelle,
Ihm Schutz zu bringen, halte kaum noch stand:
Es harr' auf der Gebieterin Befehle
Durch diesen Mann – womit es sich empfehle.
[37] 64.
Die Stadt – und wo das Meer noch manche Meile
Rings zwischen Rhon' und Var die Wellen schlägt –
Ward durch Herrn Karl dem Haimonskind zuteile,
Zu dem er lange schon Vertrauen hegt.
Sein Blick verfolgt sie staunend eine Weile,
Wenn sie vor ihm sich kühn im Kampf bewegt.
Nun kam der Bote, wie gesagt, geritten,
Um für Marseille um Beistand sie zu bitten.
65.
Die Jungfrau läßt das Köpfchen zweifelnd hangen,
Und zwischen Ja und Nein noch schwankt ihr Mut:
Die Pflicht und Ehre hierhin sie verlangen,
Und dorthin treibt sie heiße Liebesglut.
Zuletzt ist sie den Weg vorangegangen,
Roger zu holen aus des Zaubrers Hut:
Und kann sie nicht ihm helfen in die Weite,
Gefangen bleibt sie an des Liebsten Seite.
66.
Zum Boten spricht sie drauf in einer Weise,
Daß froh er hört, was sie ihm anvertraut.
Dann geht es rüstig weiter mit der Reise;
Nur Pinabel ist wenig drob erbaut.
Stammt jene doch aus eines Hauses Kreise,
Für den er eitel Haß hegt leis und laut.
Schon malt er sich im Geist die künft'gen Schrecken,
Wenn sie ihn je als Mainzer sollt' entdecken.
67.
Clermont und Mainz! Des Hasses Wogen flossen
Noch stark aus alten Zeiten rauh und wild,
In Strömen ward der Gegner Blut vergossen;
Gar oft zerhieb man noch einand den Schild.
Arglosem Mädchen – doch dem Feind entsprossen! –
Die Tücke jetzt des falschen Mannes gilt:
Kann er nur die Gelegenheit erfassen,
Will er entwischen und allein sie lassen.
[38] 68.
Er ließ sich grübelnd von dem Rosse tragen –
Furcht, Zweifel stieg und alter Haß empor –;
So kam's, daß er, vom rechten Weg verschlagen,
In einem dunklen Haine sich verlor.
Drin sieht er einen Bergesgipfel ragen,
Ganz kahl und steinig, aus dem Grün hervor.
Dem Reiter folgt die Haimonstochter immer,
Bleibt ihm im Rücken und verläßt ihn nimmer.
69.
Als sich der Mainzer fand im Walde drinnen,
Regt sich in ihm die Lust, davonzugehn.
Er spricht: »Eh noch das Dunkel mag beginnen,
Wär's rätlich, sich nach Herberg umzusehn.
Jenseits des Bergs – glaub' ich mich zu entsinnen –
Muß ein vortrefflich Schloß im Tale stehn.
Du warte hier, derweil vom Felsenrücken
Ich Umschau halte: hoffentlich wird's glücken.«
70.
Bergaufwärts läßt er nun den Renner springen
Zum Gipfel hin mit Wänden schroff und jäh,
Und um von seiner Spur sie abzubringen,
Aufmerkt er, ob er einen Weg erspäh'.
Da sieht er eine Höhl' ins Innre dringen
Des Felsens dreißig Ellen, in der Näh',
Und, wohl mit Pick' und Meißel zubehauen,
Senkt sie sich rechts, läßt eine Pforte schauen.
71.
Man schritt durch diese Tür zu einem Zimmer,
Das hoch und sehr geräumig war, hinein.
Daraus hervor, aufleuchtend, kam ein Schimmer –:
Es könnten Lichter wohl von Fackeln sein.
Stumm blickt, verblüfft, der Schelm auf das Geflimmer.
Das Fräulein, das von ferne hinterdrein,
Die Spur nicht zu verlieren, ist gegangen,
Muß ebenfalls zur Höhle jetzt gelangen.
[39] 72.
Der Schurke sah, daß es mit seinen Tücken,
So wie er sich's zurechtgelegt, nicht ging,
Und meint, es werd' auf andre Weise glücken,
Ob er sie lasse, ob ums Leben bring'.
Er führt das Mädchen aufwärts, wo in Stücken,
Klaffend und hohl, ein loser Felsen hing:
Ein Fräulein, sagt er, jung, von holden Mienen,
Sei dort ihm auf dem Höhlengrund erschienen.
73.
Sie sei gewiß auch edlem Stamm entsprossen,
Das zeig' ihr Aussehn und ihr reiches Kleid;
Und mit Gewalt wohl sei sie eingeschlossen,
Ihr Trübsinn zeig' es, ihre Traurigkeit.
Und weil er gern das Rätsel hätt' erschlossen,
Sei er hinabgestiegen, ziemlich weit.
Da sei vom Innern her ein Mann gekommen,
Der habe wütend sie hineingenommen.
74.
So arglos wie beherzt, glaubt Bradamante
Dem Märchen, das ihr auftischt jener Schuft,
Und eifrig sinnt sie, um die Unbekannte
Zu retten, wie sie eindring' in die Gruft:
Ein Ulmbaum, sieh, als jetzt den Blick sie wandte,
Hob einen langen Zweig dort aus der Kluft.
Der wird geschwind vom Schwert herabgehauen:
Ihm kann sie für die Tiefe sich vertrauen.
75.
Festhalten soll nun Pinabel den Stecken
Am abgehaunen End'; sie hängt daran;
Zuerst die Füße sich hinunterstrecken,
Bis sie an beiden Armen schweben kann.
Der Mainzer lächelt, fragt: »Wird Springen schmecken?«
Er öffnet weit die beiden Hände dann
Und spricht: »Wär' alles hier von deinem Samen!
Auslöschen möcht' ich gern den ganzen Namen!«
[40] 76.
Nicht, wie er wünschte, sollt' es sich gestalten,
Nicht solches war der edlen Jungfrau Los.
Hinunterfallend – mocht' er auch zerspalten!
Kam auf den Grund zuerst der Stecken bloß.
Ob er nun brach, er konnte doch sie halten:
Sie ward vorm Tod gerettet durch den Stoß.
Das Fräulein lag betäubt, wohl etwas lange;
Ich meld' es Euch im folgenden Gesange.

[41] Dritter Gesang

1.
Wer leiht die Stimme mir und wer die Worte,
Die sich geziemen für so hohen Plan?
Wer gibt mir Flügel, mich der Himmelspforte,
Aufsteigend wie mein Gegenstand, zu nahn?
Jetzt müssen Gluten ganz besondrer Sorte,
Begeistrungsflammen mir die Brust umfahn:
Denn dieses Lied wird meinem Herrn gesungen;
Die Ahnen künd' ich, denen er entsprungen.
2.
Wie viele Herrscher, Menschentun zu leiten,
Vom Himmel kamen her in unsre Welt,
Nie durch die Erde, Phöbus, sahst du schreiten
Ruhmvollern Stamm im Frieden und im Feld,
Der seinen Adel führt aus fernern Zeiten
Und führen wird (wenn wahrhaft mich erhellt
Dein Licht, das mir die späte Zukunft weiset),
Solang um seinen Pol der Himmel kreiset.
3.
Wollt ihren Wert ich voll zu künden trachten,
Statt meiner Leier braucht ich jene dann,
Die du gebrauchtest nach Gigantenschlachten:
Auf ihr ja stimmtest du dein Danklied an.
Wenn jemals deine Gaben mich bedachten
Mit beßrem Werkzeug, will ich, was ich kann,
In edlem Stein die Bilder zu vollenden,
Mein ganzes Mühn, all meinen Geist verwenden.
[42] 4.
Aufnehmend jetzt die ersten groben Stücke,
Hab' ich den stumpfen Meißel hier benützt
Voll Hoffnung, daß Vollkommneres mir glücke,
Wenn tiefres Studium einst mich unterstützt. –
Zurück zu ihm nun, dem ob seiner Tücke
Nicht Mut, nicht Panzerkleid den Busen schützt.
Ich sagte, wie der Mainzer Mörderbube
Die Jungfrau töten wollte in der Grube.
5.
Zerschmettert liegend wähnt der Schandgeselle
Das Mädchen unten auf dem Felsengrund;
Von der durch ihn mit Schmach bedeckten Schwelle
Eilt er davon mit schreckensbleichem Mund
Und wendet sich zur Flucht mit aller Schnelle.
Und weil er mit der ganzen Höll' im Bund
Und gar kein Maß in Schuld und Sünden kannte,
Nahm er das Roß hinweg von Bradamante.
6.
Mag er für andrer Tod die Ränke weben,
Dieweil er nur den Tod sich selber spann! –
Wir wollen uns zur Jungfrau jetzt begeben,
Die fast den Tod – das Grab zugleich – gewann.
Sie konnte sich, noch halb betäubt, erheben
– Denn unsanft kam sie auf dem Boden an –
Und schritt durch jene Pforte wie im Traume
Hin nach dem zweiten, größren Höhlenraume.
7.
Viereckig, hoch, als würdige Kapelle
Wird gleich vom Aug' der hehre Ort erkannt;
Auf Alabastersäulen schlank und helle
Sich wohlgegliedert das Gewölbe spannt:
Inmitten ein Altar an rechter Stelle,
Vor dessen Stufen einer Lampe Brand.
Und reiches Licht für alle beiden Zimmer
Bot dieser reinen Flamme klarer Schimmer.
[43] 8.
In frommer Demut in der Stätte Mitten,
Der göttlich hohen, blieb das Mädchen stehn;
Um Beistand Gott mit Herz und Mund zu bitten,
Sank sie auf ihre Knie mit stillem Flehn.
Da kam mit offnem Haar dahergeschritten
– Sie hörte knarrend sich ein Pförtchen drehn –
In losem Kleide, barfuß, eine Dame,
Von deren Lippen klang des Mädchens Name:
9.
»Vieledle Bradamant! Mit Himmels Segen«,
Rief sie, »und seinem Willen trittst du ein.
Merlins Prophetengeist sah dir entgegen
Schon manchen Tag: du werdest seinem Schrein,
So sprach er, nahn auf wunderbaren Wegen,
Zu grüßen fromm sein heiliges Gebein.
Geblieben bin ich hier, dir zu enthüllen,
Was sich – der Himmel will's – dir soll erfüllen.
10.
Dies ist die alte, weitverehrte Halle,
Die sich Merlin der Weise ließ erbaun.
Hier, wo – du kennst die Mär in jedem Falle –
Getäuscht ihn hat die schlaueste der Fraun.
Sein Fleisch verzehrt sich unten im Verfalle:
Bestrebt, ihr zu gehorchen, voll Vertraun
In ihren Rat, legt' er sich lebend nieder;
Dort sind im Tod geblieben seine Glieder.
11.
Tot ist der Leib, der Geist in ihm doch lebet,
Bis einst des Engelchors Posaun' erklingt,
Die ihn hinabstößt oder ihn erhebet,
Ob er als Rab', als Taube fort sich schwingt.
Die Stimme lebt – und jeder Hörer bebet,
Wie klar sie aus dem Marmorgrabe dringt.
Denn allen will er, die ihn drum befragen,
Das Künftige wie das Vergangne sagen.
[44] 12.
Zur Stätte hier, wo Grabesschauer wehen,
Aus fernen Landen bin ich hergeeilt,
Um meiner Kunst Mysterien zu verstehen,
Darob die Kunde nur Merlin erteilt;
Und weil es dann mich drängte, dich zu sehen,
Hab' ich noch einen Monat mehr verweilt:
Für heut versprach – nie trügen seine Worte –
Merlin dein Kommen diesem heil'gen Orte.«
13.
Stumm steht die Haimonstochter und beklommen,
Aufmerksam, still erwägend den Bericht,
Und solches Staunen hat sie überkommen:
Ob jetzt sie wacht, ob träumt, sie weiß es nicht.
Gesenkt die Lider, ganz von Scham benommen,
Errötend in Bescheidenheit sie spricht:
»Was hat in mir denn solch Verdienst begründet,
Daß ein Prophet mein Nahn vorausverkündet?«
14.
Und fröhlich über solch ein Abenteuer,
Hin geht sie mit der Fremden im Verein
Zu jenem Mausoleum hehr und teuer,
Allwo des Zaubrers Geist ruht und Gebein:
Der Sarkophag erglänzt wie rotes Feuer
(Glatt war er und von lichtem, hartem Stein).
Von ihm nur ins Gemach der helle Schein drang,
Weil nie ein Sonnenstrahl von außen eindrang.
15.
Ist's manchem Marmor wie den Fackeln eigen,
In helles Licht zu wandeln Dunkelheit?
War's Räucherung? War es der Sterne Reigen?
War's Zauber, den ein Magierspruch verleiht? –
Dies glaub' ich selbst und will es nicht verschweigen –
Kurz, reichen Schmuck voll Pracht und Herrlichkeit,
Aus Farben teils und teils in Stein gehauen,
Ließ jener Glanz in dem Gemache schauen.
[45] 16.
Kaum hat nun Bradamant den Fuß erhoben
Hin nach dem Grabesraume von der Schwell',
Als aus der toten Hülle dringt nach oben
Lebend'gen Geistes Stimme klar und hell:
»Du keusche, tugendreiche Maid da droben,
O daß dir ewig sich das Glück gesell'!
Du sollst uns reichen Samen ja bescheren,
Italien und der ganzen Welt zu Ehren.
17.
Das alte Troerblut fließt in zwei Bronnen:
In dir sie strömen künftig ineinand
Und bringen alle Blüte, Zier und Wonnen
Des Menschenstamms, den von des Indus Rand
Bis hin zum Tajo schaut das Licht der Sonnen,
Und fern vom Nil bis an der Donau Strand.
Reich schmücken dein Geschlecht der Ehren Reiser:
Markgrafen mächtig, Herzöge und Kaiser!
18.
Die Kapitän und Ritter draus entspringen,
Die mit des Geistes Kraft und blanker Wehr
Dem ehmals unbesiegten Lande bringen
Den alten Kriegsruhm und die alte Ehr'.
Und edle Herrscher ihre Zepter schwingen,
Ob es Augustus oder Numa wär'.
Einmal noch läßt ihr weis und mildes Walten
Sich ferner Vorzeit goldne Zeit gestalten.
19.
Daß sich in dir erfülle nun hienieden
Des Himmels Wille, der in seiner Gnad'
Jung Roger als Gemahl dir hat beschieden,
Verfolge guten Mutes deinen Pfad!
Kein Hindernis mag stören deinen Frieden.
Damit nicht Sorge dir das Herz belad'!
Es wird beim ersten Ansturm überwunden
Der Räuber, der dein Liebstes hält gebunden.«
[46] 20.
So spricht Merlin und sinkt zurück in Schweigen
Und überläßt der Magierin das Feld,
Die Bradamant soll jeden Apfel zeigen,
Der künftighin von ihrem Baume fällt.
Zum Dienst war ihr ein Geisterheer zu eigen. –
Ob aus der Höll'? Nicht weiß ich's um die Welt.
Die wurden all an einem Ort gehalten
In mancherlei Gewanden und Gestalten.
21.
Zur Kirche lenkt die Zauberin die Schritte,
Ein Kreis war dort gezogen schon vorher;
Der faßte Bradamant in seiner Mitte,
Ganz ausgestreckt, und eine Spanne mehr.
Daß sie nicht Unbill durch die Geister litte,
Gab sie ein Pentagon ihr noch zur Wehr
Und hieß sie zuschaun, nie sie unterbrechen;
Zur Geisterschar begann sie dann zu sprechen.
22.
Die kommt vom ersten Höhlenraum geschossen
Und will in jenen heil'gen Kreis hinein;
Doch als ihr dort der Eingang ist verschlossen,
Wie wenn es Mauern oder Graben sei'n,
Hin drängt sie, wo, von schöner Gruft umschlossen,
Ruht des Propheten heiliges Gebein.
Dorthin verloren sich die dunklen Schatten,
Als sie den Kreis dreimal umwandelt hatten.
23.
»Soll ich die Namen dir von allen sagen,
Die hier durch Geister«, sprach die Zauberin,
»Beschworen sind vor ihren Lebenstagen,
So reicht dafür die eine Nacht nicht hin.
Nicht weiß ich, traun, wann wird die Stunde schlagen,
Da ich mit allen diesen fertig bin.
Nur einige vermag ich auszuwählen
Und will davon nach Schicklichkeit erzählen.
[47] 24.
Mit schönen Zügen, freundlicher Gebärde,
Dir selber ähnlich, sieh den Ersten hier:
Bestimmt ist's, daß des Hauses Haupt er werde,
Erzeugt von Rogers Samen und von dir.
Mit Ponthieus Blute rötet er die Erde
Und wird – die ferne Zukunft zeigt es mir –
Sich blutig rächen und mit Heldentaten
An denen, die den Vater ihm verraten.
25.
Durch ihn wird Desider verlassen stehen,
Der König auf der Langobarden Thron.
Für dies Verdienst wird er vom Reich versehen
Mit Lehn von Este und von Calaon.
Nach ihm wird als des Landes Hort erstehen
Im Kranz des Waffenruhms dein Enkelsohn.
Er wird gar oft der heil'gen Kirche nützen
Und gegen die Barbaren sie beschützen.
26.
Sieh Albert hier: er läßt die Tempel prangen
Von Kriegstrophäen, unbesiegt im Streit.
Hugo, sein Sohn, der das Panier der Schlangen
Nach Mailand bringen wird, gibt ihm Geleit.
Azzo ist jener, der das Reich erlangen
Wird der Insubrer nach des Bruders Zeit.
Dort Albertazzo (durch sein klug Beginnen
Weicht Berengar, mit ihm der Sohn, von hinnen),
27.
Wert, daß von Kaiser Otto er empfange
Der Tochter Alda, der Prinzessin, Hand.
Ein andrer Hugo! Schöne Reihe, lange,
Die väterlichen Ruhm vermehrt im Land!
Hier dieser wehrt der Römer Überschwange
Und löscht zu Recht des stolzen Mutes Brand.
Den Kaiser und den Papst aus ihren Händen
Wird er befrein und die Belagrung enden.
[48] 28.
Sieh Folco jetzt: dem Bruder wird er geben,
Was in Italien sein, und in die Welt
Hinaus, bis tief nach Deutschland wird er streben,
Wo er ein großes Herzogtum erhält.
Durch ihn wird Sachsen wieder sich erheben,
Wenn es schon ganz auf eine Seite fällt.
Als mütterlicher Erbe wird er walten
Und es durch seinen Nachwuchs aufrecht halten.
29.
Ein zweiter Azzo kommt (nicht hold den Kriegen,
Ein Freund von feiner Höflichkeit ist der)
Mit Söhnen Albertazz und Berthold; siegen
Wird einer ob des zweiten Heinrich Heer.
Von deutschem Blute rot wird Parma liegen
Und seine sonn'gen Fluten rings umher.
Der andre nimmt zur Gattin sich Mathilde,
Die weise, mit des Ruhmes blankem Schilde.
30.
Er macht sich würdig solcher Ehebande:
Für jene Zeit acht' ich das Lob nicht klein,
Mit fast der Hälfte der ital'schen Lande
Des ersten Heinrich Enkelkind zu frein.
Von dieses Berthold teurem Liebespfande,
Rinald dort, wird der Ruhm errungen sein,
Aus Friedrich Barbarossas Hand, des bösen,
Rettend die heil'ge Kirche zu erlösen.
31.
Ein andrer Azzo! Zu Verona walten
Wird er des Herrscheramts und weit im Land
Und auch als Markgraf in Ancona schalten,
Vom Kaiser und vom Papst dazu ernannt.
Lang währt es, wollt' ich alle dir entfalten,
Die Romas Banner tragen in der Hand,
Aus deinem Blut entstammt, und Kunde bringen,
Was sie dereinst dem heil'gen Stuhl erringen.
[49] 32.
Obizzo, Folco, Azzos, Hugos; beide
Heinriche, Sohn und Vater, sind gesellt.
Zwei Welfen –: der, in Umbrien, im Herrscherkleide
Das Herzogszepter zu Spoleto hält.
Italia errettet er vom Leide,
Denn Wunden heilt und Freude bringt der Held.
Azzo der Fünfte hier, er hilft aus Nöten
Und fängt den Ezzelin und läßt ihn töten.
33.
Der Ezzelin, der schlimmste der Tyrannen
(Ihn halten viele für des Teufels Sohn),
Trägt einst Ausoniens Herrlichkeit von dannen,
Schindend und marternd, aller Welt zum Hohn,
Daß mild erscheint, was früher schon ersannen
Ein Sulla, Nero, Cajus und Anton.
Der Kaiser auch, der Friederiche zweiter,
Wird überwunden einst von diesem Streiter.
34.
Die Stadt wird dann sein Zepter glücklich preisen –
Sie zieht sich anmutvoll den Fluß hinab –,
Wo Phöbus rief mit trauervollen Weisen
Den Sohn, als er vom Wagen stürzt' ins Grab,
Und Ambra quoll in vielen Tränen, leisen,
Und Cygnus sich mit weißem Flaum umgab.
Für tausend Dienste wird sie ihm zum Lohne
Vom Hirten auf dem apostol'schen Throne.
35.
Wo bleibt Aldobrandin der Bruder? Dienen
Wird er dem Papst: er eilt, ihm beizustehn
Im Kampf mit Otto und den Ghibellinen;
Die sind schon nah beim Kapitol zu sehn,
Und ringsumher ist alles Land mit ihnen,
Gebändigt liegen Umbrien und Pizen.
Weil ohne Gold kein Beistand kann gelingen,
So geht er, solches aus Florenz zu bringen.
[50] 36.
Kann er nicht Kleinod und Juwelen geben,
So läßt er seinen Bruder dort als Pfand.
Siegreich die Banner wird er dann erheben
Und Krieger schlagen aus dem deutschen Land;
Er setzt den Papst ein, straft für arges Streben
Die von Celano mit gerechter Hand;
Dient, daß er treu den höchsten Hirt behüte,
Und stirbt in seiner Jahre schönster Blüte.
37.
Pisaurum läßt er und Anconas Auen
Dem Bruder und was sonst er sein noch nennt
An Städten, die vom Apennin zu schauen
Bis zum Isaur, am Ufer des Troent.
Er wird viel mehr auf Seelengröße bauen
Als Gold und Edelstein, so viel man kennt:
Die gibt das Glück und läßt sie wieder schwinden:
Bestand ist nur in Trefflichkeit zu finden.
38.
Sieh dort Rinald! Nicht minder wird er scheinen,
Der nie den hohen Wert des Stamms vergißt:
Doch wie sich neidisch gegen ihn vereinen,
Ach, Mißgeschick und Tod, kein Mensch ermißt!
Von hier bis nach Neapel wird man weinen,
Wo er die Geisel für den Vater ist. –
Obizzo kommt: der Lenze wird er zählen
Noch wen'ge, wenn sie ihn zum Fürsten wählen.
39.
Durchs rauhe Modena, Reggio das schöne,
Fügt er zum Prachtbesitz hinzu noch mehr.
Einstimmig will das Volk, daß diesen kröne
Ob seines Werts im Staat die höchste Ehr'.
Azzo der Sechste, einer seiner Söhne,
Wird von dem heil'gen Kreuz Gonfalonier'.
Karl von Sizilien wird sein Kind ihm geben
Und ihn zum Herzog Andrias erheben.
[51] 40.
Schau die vereint in freundschaftlichem Ringe!
Die herrlichsten der Fürsten bilden ihn:
Albert, an Milde reich und guter Dinge,
Niccol, Zoppo, Obizz, Aldobrandin.
Zu melden, wie Faenza man erringe,
Laß ich; auch, langer Weile zu entfliehn,
Wie Adria sie festigen; bekannt ist,
Daß es nach salz'ger Wogenflut benannt ist.
41.
Dazu die Stadt, die nach dem Rosensegen
Den Namen hat mit holdem griech'schen Klang,
Und jene, ganz im Fischesumpf gelegen,
Um die der Po die Doppelhörner schlang.
Daß wacker Wind und Wellen dort sich regen,
Verlangt das Volk und wilden Sturmgesang.
Ich lass' Argenta, Flecken und Kastelle,
Lugo und andre Städt' an dieser Stelle.
42.
Sieh Niccolò, den schon als zarten Knaben
Das Volk zum Herren seines Landes macht!
Tideo wird durch ihn das Nachsehn haben;
Gern hätt' er Bürgerkrieg hervorgebracht.
Als kindlich Spiel wird dies den Kleinen laben:
Schwitzen in Stahl und Müh' bei Tag und Nacht.
Aus früher Zeiten Plag' erwächst die Blume
Von hoher Ritterschaft und Heldentume.
43.
Er macht zunicht rebellisches Gebaren,
Für den zum Schaden, der Empörung sann.
In Kriegeslisten ist er so erfahren,
Daß ein Betrug ihn schwerlich täuschen kann.
Zu spät wird Oto Terzo das erfahren,
Von Reggio und von Parma der Tyrann:
Von ihm besiegt, muß der verlorengeben
Zu gleicher Zeit die Herrschaft und das Leben.
[52] 44.
Ein stetig Wachstum ist dem Reich beschieden,
Weil nie der Herrscher wankt vom rechten Pfad:
Andre zu schädigen, das wird vermieden,
Wenn keiner Unheil bringt durch Missetat.
Der Dinge Lenker ist damit zufrieden
Und gönnt ihm froh Gedeihen früh und spat.
Wachsende Wohlfahrt wird ihm niemals mangeln,
Solang die Welt sich dreht in ihren Angeln.
45.
Sieh Lionel! Und Borso sieh, den hehren,
Ruhm seiner Zeit, zuerst im Herzogshut.
Er sitzt in Frieden: und das Glück zu mehren
Mit friedlichen Triumphen, weiß er gut.
Er wird dem Mars das Tageslicht verwehren,
Und fest schnürt er den Arm der blinden Wut.
Vortrefflich ist, was immer er begonnen,
Was er nur plant – drum lebt sein Volk in Wonnen.
46.
Kommt, halbverbrannt den Fuß, man sieht ihn schwanken,
Ercol; er naht und wirft dem Nachbar vor:
Er stützte wahrlich nicht des Heeres Wanken
Bei Budrio, das schon die Schlacht verlor,
Damit durch Krieg ihm jener möge danken
Und ihn verfolge bis an Barcos Tor.
Bei diesem Herren wird nicht leicht entschieden:
Ist er im Kriege größer oder Frieden?
47.
Apuliern, Kalabresen und Lukanen
Wird sein Gedächtnis unvergeßlich sein.
Durch Zweikampf mit dem Herrn der Katalanen
Schon tritt er in des Ruhmes Tempel ein:
Manch ein Triumph wird bei den Kapitanen,
Den unbesiegten, ihm den Platz verleihn,
Und er erringt das Reich durch Geistesgaben,
Das er vor dreißig Jahren sollte haben.
[53] 48.
Was eine Stadt für gütig fürstlich Walten
An Dank nur hat, das wird ihm zuerkannt:
Nicht, weil sich blühnde Felder dort entfalten,
Wo er Moraste nur und Sümpfe fand;
Nicht, weil den Ort er fester wird gestalten,
Mit Mauern und mit Graben wohl umspannt,
Mit Kirchen, schmucken Schlössern, freien Plätzen,
Theatern – was das Herz nur kann ergetzen;
49.
Nicht, weil er vor den Klaun des Flügelleuen
Die Stadt beschützen wird mit kühnem Mut;
Nicht, weil, wenn Gallierfackeln rings bedräuen
Italias Fluren mit Vernichtungsglut,
Sie ganz allein des Friedens kann sich freuen,
Sicher und frei von jeglichem Tribut –
Für diese nicht sowohl und andre Gaben
Wird Herkules sein Volk als Schuldner haben –,
50.
Als, weil er ihm Alfonso den Gerechten
Und Hippolyt den Gütigen beschert;
Die werden sein, wie wenn sie wieder brächten,
Was vom Geschlecht des Schwans die Sage lehrt:
Daß, um den Bruder zu befrein aus Nächten,
Der Bruder wechselweis der Sonn' entbehrt.
Genug an Stärk' und Willen beide hätten,
Durch ew'gen Tod den Bruder zu erretten.
51.
Die Liebe, die das schöne Paar empfindet,
Gewährt dem Volke größre Sicherheit,
Als selbst ein Stahlwerk, das Vulkan erfindet,
Doppelt den Wall umschließend, sie verleiht.
Alfons mit Weisheit Güte so verbindet,
Daß man einst wähnen wird in spätrer Zeit,
Asträa kehr' aus Himmelsregionen
Dahin zurück, wo Hitz' und Kälte wohnen.
[54] 52.
Der Klugheit, wahrlich, darf er sehr sich freuen,
Und Kühnheit, drin er ganz dem Vater gleicht:
Denn – selber schwach – sieht er von dorther dräuen
Venedigs Flotte, die durch Fluten streicht,
Und, ach, die Mutter hat er hier zu scheuen
– Stiefmutter sagt man richtiger vielleicht –;
Wenn aber Mutter, ist sie nicht gelinder
Als Progne und Medea für die Kinder.
53.
So oft er aufbricht, sei's bei Nacht, bei Tage,
Mit seiner treuen Heeresmacht vom Strand,
Bringt er den Feinden Flucht und Niederlage,
Hier auf den Wasserfluten, dort zu Land.
Romagnas Volk, noch jüngst zum Schwertesschlage
Vereint mit ihm und Freunde da genannt,
Erfährt es, wenn von Blut die Felder fließen,
Die Po, Santern und Zanniol umschließen.
54.
Davon wird ferner dort zu sagen wissen
Der span'sche Mietling in des Papstes Lohn:
Er hat dem Herzog die Bastei entrissen,
Erschlägt den Schloßvogt, der gefangen schon;
Zur Strafe müssen all' das Leben missen,
Vom Söldner bis zum obersten Patron;
Nach Rom von der Erobrung zu berichten
Und von der Mordtat, gilt es zu verzichten.
55.
Er hat durch Kraft des Schwerts und der Gedanken
Auf der Romagna Feld die hohe Ehr',
Erlesnen Siegesruhm zu leihn den Franken,
Entgegen Julius' und Spaniens Heer.
Man sieht in Menschenblut bis an die Flanken
Die Hengste schwimmen auf der Flur umher.
Kaum wird man Platz um zu bestatten haben
Italer, Griechen, Spanier, Franken, Schwaben.
[55] 56.
Der im Prälatenkleid und Purpurhute
Auf heil'gen Locken – das ist er zumal,
Ippolito, der Edelmüt'ge, Gute,
Der röm'schen Kirche großer Kardinal.
Zu Vers und Prosa leiht der Hochgemute
In allen Sprachen Stoffe sonder Zahl.
Ein Maro gibt dem Herrlichen Geleite,
Wie dem August ein andrer ging zur Seite.
57.
Er wird der Glanz des schönen Stammes werden,
So wie den Weltenbau die Sonne schmückt;
Verdunkeln wird er jedes Licht auf Erden,
So wie von ihr wird Mond und Stern erdrückt.
Er zieht mit wenig Fußvolk, wen'gen Pferden
Bekümmert fort und kehrt nach Haus beglückt.
Fünfzehn Galeeren, hingeschleppt in Banden,
Und tausend Boot' als Beute sind vorhanden.
58.
Und dort! Zwei Sigismunde kannst du sehen!
Fünf Prinzen dort: Alfonsos Söhneschar.
Ihr großer Ruhm wird übern Erdball gehen,
Kein Berg, kein Meer kann widerstehn fürwahr.
Der zweite Herkules ist ausersehen
Zum Eidam Frankreichs; weiter stellt sich dar
Herr Hippolyt, um keinen zu vergessen,
Der mit dem Ohm sich kann an Glanze messen.
59.
Franz ist der dritte, die zwei nächsten tragen
Den Namen Alfons. Du vernahmst zuvor:
Zeigt' ich dir alle Zweige, wie sie ragen
Vom edlen Stamm in Herrlichkeit empor,
Es müßte, mehrmals nachten dann und tagen,
Eh ich das Ganze brächte vor dein Ohr.
Doch schweigen möcht' ich jetzt, will's dir gefallen;
Zeit ist es, daß zurück die Schatten wallen.«
[56] 60.
Als Bradamant damit war einverstanden,
Die weise Frau ihr Zauberbuch verschloß,
Und all die Geister nach dem Raum entschwanden
In Eile, der Merlins Gebein umschloß.
Weil ihr zu sprechen jetzt war zugestanden,
Die Dame so den holden Mund erschloß:
»Wer sind die Traurigen – möcht' ich erfahren –,
Die zwischen Hippolyt und Alfons waren?
61.
Gesenkt die Augen, seufzend kamen beide,
Als sei geschwunden Mut und kühner Sinn;
Als ob sie von den Brüdern etwas scheide,
Sie schritten fremd und fern den andern hin.«
Bei dieser Frage wurde blaß vor Leide
Und weinend sprach die gute Zauberin:
»Unselige, zum Weh euch muß sich's wenden,
Daß ihr euch ließt durch böses Volk verblenden!
62.
O Sproß des Herkules, laß nicht bezwingen
Durch beider Schuld den edlen, güt'gen Mut!
Mitleid statt Recht mag ihnen Gnade bringen:
Die Armen sind ja doch von eurem Blut!«
Sie fügt hinzu – ganz leis die Worte klingen –:
»Davon noch mehr zu sagen, ist nicht gut.
Du solltest Süßigkeit im Munde schmecken;
Ich will sie nicht durch Bitternis verdecken.
63.
Erstrahlt am Himmelsrand die erste Helle,
Geradenweges brichst du auf alsbald
Zum Felsen mit dem leuchtenden Kastelle,
Wo Roger weilt in fremden Manns Gewalt.
Als Führerin ich selbst mich dir geselle,
Bis du herauskommst aus dem rauhen Wald.
Das Weitre werd' ich auf dem Meer erzählen:
Du kannst den Weg von dort nicht mehr verfehlen.«
[57] 64.
Weil über Nacht die kühne Maid hier weilte,
Besprach sie vieles in der Stunden Lauf
Noch mit Merlin, der ihr den Rat erteilte,
Sie suche gleich den edlen Roger auf,
Wenn sie vom Höhlengrund von dannen eilte.
In Flammen steigt der Morgen schein herauf,
Da führt ein dunkler Weg sie in die Weite;
Stets schreitet ihr die weise Frau zur Seite. –
65.
Durch öden Grund, den Berge rings umschließen,
Unnahbar mächt'ge, wilde, ziehn sie fort.
Tagsüber, ohne Ruhe zu genießen,
Vorbei an Strom und Abgrund geht es dort.
Damit des Weges Mühn sie nicht verdrießen,
So plaudern sie mit manchem trauten Wort
Von wichtigen und angenehmen Dingen,
Daß sie die langen Stunden schön verbringen.
66.
Ermahnt wird Bradamant, zu überlegen,
Sorglich und wohlbedacht auf ihre Hut;
Mit List und Vorsicht solle sie sich regen,
Dann meine sie's mit Roger wirklich gut.
»Trittst du als Mars, als Pallas ihm entgegen
Und mit dir größre Heere voller Mut,
Als Karl besitzt, zu kriegen mit den Mohren,
Gegen den Zaubrer bist du doch verloren.
67.
Nicht nur, daß unersteiglich hoch sich heben
Aus Stahl die Wände dort am Felsenschloß,
Nicht nur, daß er durch Lüfte rennen, schweben
Und springen kann auf seinem Flügelroß,
Ist ihm auch noch der Wunderschild gegeben;
Der dringt, enthüllt, ins Aug' wie ein Geschoß,
Und blendet es, daß alle Sinne schwinden
Und die Getroffnen sich wie tot befinden.
[58] 68.
Und wenn du meinst, der Angriff könne glücken,
Wenn man beim Streiten dort die Augen schließt,
Du wüßtest nicht: wann gilt es vorzurücken,
Wann ihn zu meiden, falls er niederschießt.
Dich rettet eins nur vor des Lichtes Tücken,
Daß du dem ganzen Zauber dich entziehst,
Den er verübt, geschickt auf eine Weise:
Und diesen einz'gen Schutz ich jetzt dir weise.
69.
Herr Agramant hat einen Ring erhalten,
Den man in Indien einer Fürstin stahl:
Er läßt damit jetzt einen Diener schalten,
Brunel; der reitet unfern hier im Tal.
Es kann sich keine Zauberkraft entfalten,
Trägt man den Ring am Finger allzumal.
Brunel versteht, was Schlich' und Listen seien,
Wie Rogers Kerkermeister Zaubereien.
70.
Nun will der Dieb – so schlau und so verschlagen,
Wie schon gesagt – mit seiner Meisterschaft
(Der König hat ihm dieses aufgetragen)
Und unterstützt von jenes Ringes Kraft,
Die Fesseln Rogers auf dem Fels zerschlagen:
Er hat geprahlt, er löse seine Haft,
Und also hat er's seinem Herrn geschworen,
Dem Roger mehr gilt als die andern Mohren.
71.
Daß Roger nur von dir die Rettung habe
Und nicht verpflichtet sei dem Agramant
Für die Befreiung aus dem Zaubergrabe,
Geb' ich dir hier ein Mittel an die Hand.
Drei Tage lang am Strand des Meeres trabe –
Es wird sich gleich dir zeigen – durch den Sand,
Bis dich der Abend an ein Gasthaus bringe,
Wo auch der andre sein wird mit dem Ringe.
[59] 72.
Sein Wuchs – dies mag dir zum Erkennen dienen –
Sechs Spannen kaum, der Kopf ist schwarzbehaart
Und wollig, braun die Haut und bleich die Mienen,
Mit einem struppigen und wilden Bart;
Die Augen scheel, geschwollen, über ihnen
Die Brauen dick; die Nase platter Art.
Sein Rock ist kurz – daß ich ihn ganz beschreibe –
Und liegt, wie bei Kurieren, knapp am Leibe.
73.
Du kannst dich leicht zum Plaudern ihm gesellen
Und sprechen von dem Spuk – das wird wohl gehn –
Und dich, wie du es bist, begierig stellen,
Dem Hexenmeister dort im Kampf zu stehn.
Doch schweigen sollst du ganz in allen Fällen
Vom Ring, vor dem der Zauber muß vergehn.
Er bietet dann sich an, mit dir zu reiten
Und dich nach jenem Felsen zu geleiten.
74.
Du gehe hinter ihm, bis daß vom weiten
Die Wände jenes Schlosses sichtbar sind;
Dann töt' ihn: Mitleid darf dich nicht verleiten!
Damit, was ich dir sag', Erfüllung find',
Laß dir kein Zeichen deines Plans entgleiten:
Verdecken würd' ihn sonst der Ring geschwind.
Dir zu verschwinden, wird ihm leicht gelingen,
Wenn er den Ring kann an die Lippen bringen.«
75.
So sprechend kamen sie, wo sich dem Meere
Dort die Garonne bei Bordeaux verband.
Da schieden nun, nicht ohne manche Zähre,
Die beiden Weggenossen voneinand.
Daß sie dem Teuren Freiheit bald beschere,
Strebt ohne Säumen vorwärts Bradamant
Und geht, bis sie in abendlichen Stunden
Das Gasthaus mit Brunel hat vorgefunden.
[60] 76.
Und sie erkennt ihn an Gestalt und Zügen,
Denn die Beschreibung hat sie gut im Sinn.
Sie fragt: woher? wohin? Und zu belügen
Sucht sie der andre gleich von Anbeginn.
Jedoch, gewarnt, läßt sie sich nicht betrügen,
Hält ihn geschickt mit Flunkereien hin,
Ob Stamm und Namen bunte Mären flickend
Und oft dabei ihm auf die Hände blickend,
77.
Mit Vorsicht öfter blickend auf die Hände,
Vor seinen Diebesfertigkeiten bang.
Sie ließ ihn nicht ihr nahn, denn wie behende
Er Sachen stahl, das wußte sie nun lang.
So standen sie, als ein Gelärm ohn' Ende
Den beiden häßlich in die Ohren drang.
Was Ursach', Herr, der Unruh' war im Hause,
Erzähl' ich noch; – jetzt schickt sich eine Pause.

[61] Vierter Gesang

1.
Wohl ist's verwerflich meist, sich zu verstellen,
Wird oft ein Zeichen niedrer Seele sein;
Doch bietet Heuchelei in vielen Fällen
Unstreitig einen Nutzen, der nicht klein,
Und kann vor Schaden, Tod uns sicherstellen.
Verkehrt man doch mit Freunden nicht allein
Im Erdenleben, wo mehr Nacht als Licht ist
Und mancher, ach, auf Neid und Haß erpicht ist!
2.
Zur Not nach langer Prüfung mag's gelingen
Zu finden, den du Freund nennst ohne Scheu,
Dem du dein Herz vertraust in allen Dingen
Und ohne Schleier zeigest stets aufs neu;
Doch soll Vertraun die Freundin Rogers bringen
Jenem Brunel, der weder rein noch treu?
Der sie durch Lug und Schändlichkeit empörte,
Nach dem, das von der Zauberin sie hörte?
3.
So heuchelt denn auch sie – was kann sie machen?
Denn allen Truges Vater ist Brunel.
Und ihre Blicke seine Hand bewachen –:
Ha, wahre Geierklaun hat der Gesell!
Da trifft ein Lärm ihr Ohr, ein Dröhnen, Krachen:
»O Himmelsherr! Maria, Gnadenquell!«
Ihr Ruf erklingt: »Was ist das für ein Toben?«
Hin eilt sie, wo der Lärm sich hat erhoben,
[62] 4.
Und sieht den Wirt mit allen, jung und alten,
Empor zum Himmel richten Aug' und Braun
Innen und draußen –: will sich dort gestalten
Verfinsterung? Ist ein Komet zu schaun?
Sie sieht ein holdes Wunder sich entfalten
(Daran zu glauben, mag sie kaum sich traun):
Ein mächtig Flügelroß im Äther schweben
Und einen Ritter in die Lüfte heben.
5.
Vielfarbig und gewaltig sind die Schwingen,
Und mittendrin, gewappnet, sitzt ein Mann;
Von seiner Eisenrüstung Strahlen dringen,
Nach Westen zu kommt er im Flug heran.
Er sinkt – und ferne Höhen ihn verschlingen,
's ist – sagt der Wirt, der keine Lüg' ersann –
Ein Zauberer, der also pflegt zu schweifen
Und nah und fern die Gegend zu durchstreifen.
6.
Jetzt zu den Sternen hebt er sich im Fluge,
Jetzt streift er hin am Boden, fast im Staub,
Und mit sich nimmt er, was er auf dem Zuge
An Schönen nur erraffen kann zum Raub,
So daß ein armes Kind, ob es mit Fuge,
Ob nur im Wahn sich eine Venus glaub'
(Es kommt auf eins heraus – er nimmt sie alle!),
Die Sonne meiden muß in jedem Falle.
7.
»Sein Schloß steht in den Pyrenän; da sprangen«,
Der Wirt sagt, »Mauern auf durch Zaubermacht;
Leuchtend und schön in hellem Stahl sie prangen,
Nie schien die Sonn' auf eine größre Pracht.
Gar viele Ritter sind dorthin gegangen,
Doch keiner hat den Weg zurückgemacht.
Drum hab' ich, Herr, als glaublich dies erachtet:
Im Kerker sind sie – oder abgeschlachtet.«
[63] 8.
Die Dame hört's und hört es frohbetroffen;
Denn fortzuraffen all den Zaubergraus
Mit ihrem Ring, darf sie ja sicher hoffen,
Den Magier selber und sein Wunderhaus.
Sie spricht zum Wirt: »Die Wege stehen offen;
Ein kund'ger Diener führe mich hinaus!
Ich brenne heiß – der Ruh' muß ich vergessen –
Mit jenem Hexenmeister mich zu messen.«
9.
»Nicht fehlen«, sprach Brunel, »soll der Begleiter:
Ich selber will mit dir als Führer gehn.
Den Wegplan hab' ich und noch manches weiter,
Das als Gesellen mich macht gern gesehn.«
Vom Ringe wollt' er sprechen, doch gescheiter
Hält er das Schweigen, nicht geprellt zu stehn.
Sie spricht: »Du bist genehm mir zur Gesellschaft«
Und meint. – Jawohl, weil mir's den Ring zur Stell' schafft.
10.
Was nützen kann, das sagt sie; was ihr schaden
Mag bei Brunel, verschweigt sie mit Bedacht.
Der Wirt besaß ein Roß: zu Wanderpfaden
Vortrefflich schien ihr's wie zu Krieg und Schlacht.
Sie kauft es. Als im Morgentaue baden
Die Fluren früh, man auf den Weg sich macht.
Durch enge Felsschlucht sie von dannen reitet;
Brunel, bald vorn, bald hinten, sie begleitet.
11.
Von Berg zu Berg, von Wald zu Wald sie ziehen
Zum Pyrenäengipfel hoch und hehr,
Von wo zu schauen, wenn die Nebel fliehen,
Frankreichs und Spaniens Doppelküste wär',
Wie ob Camaldoli ein Blick verliehen
Vom Apennin ist auf ein zwiefach Meer.
Mühsam und steil, an schroffen Felsenschlünden
Vorüber ging's zu tiefen Tales Gründen.
[64] 12.
Inmitten sieht man einen Felsen ragen;
Stahlmauern kränzen kriegerisch sein Haupt.
Des Himmels Wolken, scheint es, will er tragen,
Die Berge rings man seine Diener glaubt.
Wer Flügel hat, kann hinzudringen wagen;
Sonst ist für Botschaft Hoffnung ganz geraubt.
»Sieh!« sprach Brunel, »du kannst den Ort betrachten,
Wo in der Haft die Fraun und Ritter schmachten!«
13.
Viereckig zubehaun und glatt die Wände
Des Felsens, lotgerecht wie nach der Schnur!
Auf keiner Seite Halt für Fuß und Hände,
Von Stufen oder Treppen keine Spur!
Daß dort ein Tier wohl seine Höhle fände,
Meint man, doch ein Geschöpf mit Flügeln nur.
Das Fräulein sieht, 's ist Eile jetzt vonnöten,
Den Ring zu nehmen und Brunel zu töten.
14.
Bloß mit des Schelmen Blut sich zu beflecken,
Des waffenlosen, sehr ihr widerstrebt.
Auch so wohl geht's, den Ring sich anzustecken
Und zu erlauben, daß er weiterlebt!
Ohn' Argwohn ist Brunel; da – welch ein Schrecken!
Gebunden war er und wie festgeklebt
An eine Tann': am Stamme hilflos hing er;
Allein zuvor nahm sie den Ring vom Finger.
15.
Vergebens seine Klagen, seine Bitten;
Ihn freizugeben sinnt sie keinesfalls.
Sie steigt zu Tal mit langsam festen Schritten,
Bis sie am Fuß ist jenes Felsenwalls.
Zum Kampfe laden aus des Schlosses Mitten
Soll jetzt den Zaubrer Kraft des Hörnerschalls.
Sie bläst, und hinterdrein mit drohndem Schreien
Entbietet sie zum Streit ihn hier im Freien.
[65] 16.
Nachdem das Horn erschallt ist und die Stimme,
Läßt in der Luft der Flügelhengst sich schaun
Auf sie zu, die ein Mann erscheint voll Grimme.
Von vornherein gleich wächst ihr das Vertraun;
Geringen Schaden, meint sie, tut der Schlimme,
Vor diesem Reiter braucht ihr nicht zu graun.
Nicht Spieß noch Keul' und Schwert sieht man ihn halten,
Den Harnisch zu zerschmettern und zu spalten.
17.
Nichts trägt er als den Schild in seiner Linken,
Rotseiden Tuch darum als Decke weht,
Und rechts ein Buch, o seht nur: auf sein Winken,
Dieweil er liest, ein Wunder draus entsteht:
Bald zeigt sich, wie man glaubt, ein Lanzenblinken
(Davon der Atem manchem Held vergeht),
Und bald ein Tanz von Knüppel oder Keule;
Fort ist er dann, ganz ohne Wund' und Beule.
18.
Der Hengst, von Greif und Pferdestut' entsprungen,
Ein wirklich Wesen und kein Zauber war:
Das Vatertier gab Federn seinem Jungen,
Den Schnabel, Vorderfüß' und Schwingenpaar.
Der Mutter war das übrige gelungen;
Der Name »Hippogryph« macht solches klar.
In Nordlandsbergen kommen, freilich selten,
Dergleichen Wesen aus den Eismeerwelten.
19.
Er bracht' ihn her von dort in Zauberbanden;
Ihn abzurichten war er dann bedacht,
Bis er den Hengst, nachdem vier Wochen schwanden,
Für Zaum und Zügel fügig hat gemacht.
Das Tier gehorcht in Luft und Menschenlanden,
Wenn er es tummelt, völlig seiner Macht.
Nicht Zauberlisten hier, wie sonst, betören,
Man kann das alles wirklich sehn und hören.
[66] 20.
Zu täuschen war der Zaubrer sonst nicht träge:
Was gelb ist, sieht das Aug' in Rot verkehrt.
Doch bei dem Fräulein hat das gute Wege,
Weil ja der Ring jedweder Täuschung wehrt.
Und doch gibt sie dem Winde Schläg' auf Schläge
Und wirft sich hierhin, dorthin mit dem Pferd.
Sie tummelt sich, tut alles, heiß die Wangen,
Wie sie die Unterweisung hat empfangen.
21.
Ein Weilchen läßt sie so den Renner springen
Und steigt dann ab, zu Fuß mit klugem Sinn
Bequemer noch das andre zu vollbringen,
Was ihr gesagt ward von der Seherin.
Unmöglich hält der Magier ein Mißlingen
Und schleudert seinen stärksten Zauber hin:
Den Schild enthüllt er und vermeint, sie werde
Vom Zauberlicht hinstürzen auf die Erde.
22.
Gleich konnt' er ja die Hülle ziehn vom Schilde,
Den Kämpfer schonend, eh er niederfiel;
Doch hatt' er seine Lust am schönen Bilde:
Wie Schwert und Lanze träfen hübsch das Ziel.
Er glich der Katze hier, die, scheinbar milde,
Sich mit der Maus ergötzt zu ihrem Spiel;
Wird ihr das Spaßen dann zum Überdrusse,
So beißt sie zu und gibt den Tod zum Schlusse.
23.
Ich sagt': er war der Katze zu vergleichen,
Und wer ihm gegenüberstand, der Maus.
Doch muß das Gleichnis jetzt sein End' erreichen,
Seit jene mit dem Ringe kommt zum Strauß.
Gespannt verfolgt sie seiner Absicht Zeichen;
Nach Wunsche schlägt es ihm wohl schwerlich aus.
Als sie die Hülle sieht herniederwallen,
Schließt sie das Aug' und läßt sich niederfallen;
[67] 24.
Nicht, weil der Blitz des leuchtenden Metalles,
Wie allen andern, Schaden ihr gebracht,
Nein, bloß, damit beim Anblick ihres Falles
Der Feind vom Pferde steige unbedacht.
Und wie's ersonnen war, so glückt ihr alles:
Kaum lag sie da, so kam, mit aller Macht
Die Schwingen regend, in gewalt'gem Bogen
Der luft'ge Reiter auf sie zugeflogen.
25.
Den Schild, verhüllt, läßt er am Sattel hangen
Und kommt zu Fuß zum Mädchen her in Hast:
Das gleicht verstecktem Wolf, der voll Verlangen
Im Dickicht lauernd auf den Rehbock paßt;
Und als er nah ist, nimmt sie ihn gefangen,
Indem sie rasch mit Armen ihn umfaßt,
Vergessen hat der Arme, Unbedachte
Das Buch, das sonst für ihn die Kämpfe machte.
26.
Man sieht ihn eine Kette bei sich tragen,
Damit er seine Opfer stets umwand;
Vermeint er doch, es geh' ihr an den Kragen;
Die Arme wollt' er binden aneinand.
Zu Boden jetzt hat ihn die Maid geschlagen:
Er wehrt sich nicht – was ich begreiflich fand.
Er liegt – so wollte sich das Blättlein wenden –
Ein schwacher Greis, in starker Jungfrau Händen!
27.
Das Haupt ihm abzuhaun, hat sie im Sinne:
Die Siegerhand erhebt sie zum Gericht.
Doch in das Antlitz schauend, hält sie inne;
Die Rache scheint gemein, sie will sie nicht.
Ein Greis, ehrwürdig, weißen Bart am Kinne,
Blickt zu ihr auf mit traurigem Gesicht;
An seinen Runzeln und am weißen Haare
Sieht man, er zählt wohl an die siebzig Jahre.
[68] 28.
»Bei Gott, o Jüngling, nimm, o nimm mein Leben!«
Verzweifelt rief der Greis in Zorn und Groll.
Doch ist, es loszuwerden, sein Bestreben,
Meint jene, daß er's noch behalten soll,
Und sie verlangt, er möge Kunde geben,
Was all der Zauber hier besagen woll':
Warum die Burg gebaut an diesem Orte
Und er drin hause, aller Welt zum Torte.
29.
»Weh, nicht aus Bosheit, nicht aus Aberwitze,«
Erwidert unter Zähren ihr der Greis,
»Macht' ich die schöne Burg auf Felsenspitze;
Von Raub und Habsucht, ach, mein Herz nichts weiß.
Nein, Liebe treibt mich, vor der Jugendhitze
Gefahr zu retten edler Ritter Preis.
Der Himmel zeigt, er muß nun bald verderben
Und – durch Verrat – als Christ und gläubig sterben.
30.
Die Sonne nicht – vom Nord zu Südpols Ferne –
So schönen, wackren Jüngling hat gekannt.
Sein Nam' ist Roger; ach, ich hab' ihn gerne! –
Ich, Atlas, der ihn als ein Kindlein fand,
Bis ihn die Ehr' und seines Schicksals Sterne
Nach Frankreich führten gegen Agramant.
Mehr als mein Kind ihn liebt' ich; ihn hier drinnen,
Von Frankreich fern, zu bergen, war mein Sinnen.
31.
Den Jüngling zu behüten vor Gefahren,
Hab' ich allein die schöne Burg erbaut;
Ich fing ihn ein (du kennst nun das Verfahren,
Mit dem auch dich zu fassen ich vertraut).
Hier sammelt' ich, die hoch und edel waren,
Ritter in Waffen kühn und Damen traut,
Damit er, ging es nicht nach seinem Willen,
Doch in Gesellschaft weile sonder Grillen.
[69] 32.
Läßt er den einen Wunsch der Rückkehr fahren,
Wird hier kein' andre Lust der Welt entbehrt;
Was nur zu finden ist bei Menschenscharen
Des Erdenrunds, das wird ihm dort gewährt.
Sang, Speisen, Spiel, Gewänder, schöne Waren,
Was sich der Mund ersehnt, das Herz begehrt.
Gesät war gut, die Ernte will gelingen,
Doch du erscheinst, um Unheil mir zu bringen.
33.
O möge doch dein Herz dem Antlitz gleichen!
Mein Sinn ist redlich; laß mein Streben mir!
Nimm hin den Schild und nimm als Friedenszeichen
Das durch die Luft sich schwingt, das Flügeltier.
Bleib fern der Burg und laß mit dir entweichen
Zwei, drei der Freunde noch vom Schlosse hier!
Ja, nimm sie alle – nicht werd' ich dich hassen,
Willst du mir einen, willst du Roger lassen!
34.
Und mußt du grausam dennoch ihn behalten,
O dann, eh du ihn führst zum Frankenland,
Löse die Seele mir, dem schwachen Alten,
Die fast aus morscher Hülle schon entschwand!« –
»Schwatzend und klagend magst du weiter schalten;
Ich lös' ihm,« sprach die Maid, »das Fesselband.
Es sollen Schild und Roß mich nicht betören,
Die alle beide ja mir schon gehören!
35.
Und könntest du sie nehmen oder geben,
Ich würde doch zum Tausch mich nicht verstehn.
Du willst für Roger, sagst du, Unheil heben,
Damit er schlimmen Sternen könn' entgehn?
Nicht weißt du, was die Himmel für ihn weben,
Und wüßtest du's, es müßte doch geschehn.
Dein Unglück siehst du nicht, das doch so nah ist,
Wie willst du sehn, was lange noch nicht da ist?
[70] 36.
Fleh' nicht, daß ich dich gleich ins Jenseits sende:
Vergebens wär's! Ist Sterben dein Begehr –
Verweigern auch die Menschen dir das Ende,
Den Weg zum Tod versperrt man nimmermehr.
Doch eh vom Fleisch dich lösen deine Hände,
Gib erst in Freiheit die Gefangnen her.«
So sprach das Fräulein, und dem Fels entgegen
Hieß sie den Zaubrer sich voran bewegen.
37.
Der Zaubrer geht, in eigner Kette Banden:
Das Fräulein neben ihm hat aufgepaßt:
Noch ist nicht recht Vertraun in ihr vorhanden,
Scheint er auch jetzt ergeben und gefaßt.
Als sie den Spalt nach wen'gen Schritten fanden,
Der aufwärts stieg im Zickzack zum Palast,
Auf Stufen, die in Bogenform sich schlangen,
Sind sie zum Tor der Burg hinaufgegangen.
38.
Ein Felsenstück mit Zeichen, nicht geheuer,
Nimmt von der Schwelle dort der Nekromant.
Darunter qualmen von verborgnem Feuer
Beständig Töpfe (»Olle« zubenannt).
Der Greis zerbricht sie –: fort ist das Gemäuer!
Ungastlich, öde steht die Felsenkant',
Und nirgends sind zu sehen Türm' und Wände,
Als wär's unmöglich, daß ein Schloß hier stände.
39.
Der Zaubrer hat der Dame sich entwunden
(So mag die Drossel sich vom Netz befrein),
Und mit ihm plötzlich ist sein Schloß verschwunden:
Frei zeigen sich die Gäste jetzt, allein
Nicht mehr in Sälen haben sich befunden
Die Herrn und Damen alle, nein, im Frein.
Auch waren viele drob, fürwahr, in Trauer;
Denn groß Vergnügen gab's im Vogelbauer.
[71] 40.
Hier steht Gradaß, dort König Sakripante
Und weiterhin der edle Held Prasild
(Der mit Rinaldo kam aus der Levante);
Bei ihm Irold – der Freundschaft echtes Bild!
Nun sieht auch ihn die schöne Bradamante,
Roger, dem ihres Herzens Sehnen gilt.
Und kaum hat sie sein Auge wahrgenommen,
Gar hold und freudig heißt er sie willkommen.
41.
Mehr als am Augenlicht, am Blut und Leben
Sein Herz an dieser stolzen Schönen hing,
Seit er sie sah den Helm vom Haupte heben
Für ihn, so daß sie jene Wund' empfing.
Ich kann nicht sagen hier, wer die gegeben,
Wie er, wie sie durch Wälder schweifend ging,
Wie Tag und Nacht sie suchten, auf und nieder,
Und niemals noch – bis jetzt – sich fanden wieder.
42.
Nun er sie sieht und hört, dies hehre Wesen
Hab' ihn gerettet aus der Burg von Stahl,
Gesegnet nennt er sich, vom Glück erlesen,
Das Herz verklärt von heller Freude Strahl.
Zum Platze, wo sie Siegerin gewesen,
Geht es hinunter jetzt, ins Felsental.
Dort haben sie den Flügelhengst gefunden;
Den Schild, bedeckt, trug er zur Seit' gebunden.
43.
Die Dame griff nach seinem Zaum: die Glieder
Erst rührt er nicht, als er sie kommen sah;
Dann flog er auf in heitre Luft, und nieder
Zu Boden senkt er sich, nicht weit von da.
Sie folgt ihm nach: er regt die Schwingen wieder,
Läßt sich herab und bleibt, bis sie ganz nah;
So wie die Kräh' in trocknem Sande tänzelt,
Wenn jagend hinter ihr ein Hündlein schwänzelt.
[72] 44.
Roger, Gradaß und Sakripant, sie liefen,
Wie alle, denen Freiheit ward gebracht,
Bergauf, bergunter nach dem Hippogryphen,
Weil jeder ihn zu fassen war bedacht;
Als dieser nun den Weg nach sumpf'gen Tiefen
Und der nach Bergeshöhen hat gemacht,
Auf steile Spitzen ist hinaufgedrungen,
Da kommt der Hengst zu Roger hingesprungen.
45.
Ein Mittel war's, das Atlas schlau verwandte,
Der stets voll Sorgfalt, zärtlich überaus,
Roger aus der Gefahr zu ziehen brannte.
Nur dies bekümmert' ihn tagein, tagaus.
Den Hippogryphen drum er jetzt entsandte,
Roger zu tragen in die Fern' hinaus.
Als der zum Renner kommt, um ihn zu fassen,
Sträubt sich das Tier, will sich nicht lenken lassen.
46.
Erzürnt ließ Roger dem Frontin die Zügel
(Den Namen führte dieses gute Roß)
Und schwang sich in des Flügeltieres Bügel,
Reizt ihm den stolzen Mut durch Sporenstoß:
Es lief ein Weilchen, regte dann die Flügel,
Bis es in leichtem Schwung zur Höhe schoß.
Kein Falk, der hutlos sich der Freiheit freute,
Stieß schneller auf den Reiher, seine Beute.
47.
Das Fräulein, das den Liebsten sah entweichen
In so gefährlich mächt'ge Höhn empor,
Ließ in Betäubung eine Zeit verstreichen,
Darin sie das Bewußtsein schier verlor:
Will ihn das Schicksal Ganymeds erreichen,
Den für den Himmel Zeus sich einst erkor?
Sie meint nun, dies erneut sich, all und jedes:
Ist er doch lieb und schön wie Ganymedes.
[73] 48.
Gespannten Augs zum Himmel muß sie schauen,
Solang sie sehn kann; als er allzuweit
Und gänzlich bald verschwunden ist im Blauen,
Gibt ihm noch ihre Seele das Geleit.
Nun darf sie Klag' und Seufzern sich vertrauen,
Die bleiben ihr fortan für alle Zeit.
Als Roger ihr entführt ist vom Geschicke,
Treffen den Hengst Frontin der Dame Blicke,
49.
Und sie beschließt, für sich ihn zu behalten
(Vom ersten besten würd' er ja geraubt),
Bis Roger werd' als sein Gebieter schalten,
Weil an ein Wiedersehn bestimmt sie glaubt. –
Der Vogel steigt; des Zügels kann nicht walten
Der Reiter –: tief versinkt der Höhen Haupt;
Sie werden kleiner, und mit einem Mal ist
Nicht mehr zu schauen, was Gebirg, was Tal ist.
50.
Roger ist hoch (als Punkt mag er erscheinen
Den Leuten, die ihn von der Erde sehn)
Und steuert hin, wo Sol sich senkt, um seinen
Wagen fortan im Krebsesbild zu drehn.
Es fahr' ein Schifflein, möchte man vermeinen,
In dessen Segel günst'ge Winde wehn.
So geh' er denn – wir wünschen gute Reise!
Und von Rinald erklinge jetzt die Weise.
51.
Zwei Tage fuhr er hin durch Meereswogen
Gewalt'ge Strecken, von dem argen Wind
Nach Westen bald und bald zum Bär gezogen,
Und Tag und Nacht im wilden Sturm verrinnt.
So kam er auch zum Schottenland geflogen,
Wo Kaledonias Wald und Rasen sind.
Sie hören durch die alten schatt'gen Eichen
Oft Klang von Waffen und von mächt'gen Streichen.
[74] 52.
Britanniens Ritterschaft und ihre Leiter,
Die kampfbereiten, alle sind darin,
Von nah und ferne viel erlesne Streiter
Mit Deutschlands, Frankreichs, Nordlands Heldensinn.
Wem Kraft gebricht, der gehe lieber weiter,
Denn, sucht er Ruhm, wird Tod nur sein Gewinn.
Galaß, Galvan und Lancelot vollbrachten
Mit Artur, Tristan Wunderwerk in Schlachten.
53.
Dazu der Tafelrunde Kampfgesellen,
Der alten und der neuen, wie bekannt.
Es künden ihren Ruhm an manchen Stellen
Denkmäler und Trophäen weit ins Land.
Rinald fand Waffen, Bajard auch, den schnellen,
Und fährt von dannen nach dem Nebelstrand,
Befiehlt dort seinem Schiffer, zu verschwinden
Und später sich in Berwick einzufinden.
54.
Allein, auch ohne Knappen, zog der Ritter
Hin durch den weiten, ungeheuren Wald:
Ob sich ein Abenteuer träfe, ritt er
Bald diesen Weg und wieder jenen bald.
Da fand er sich vor eines Klosters Gitter,
Das guten Teil von seinem Unterhalt
Hingab, im Klosterbau die Herrn und Damen
Gut zu bewirten, die des Weges kamen.
55.
Der Paladin wird höflich aufgenommen
Und fragt beim Abt und bei den Mönchen an
(Doch nicht, bevor am leckren Mahl der Frommen
Er für den Magen Stärkung sich gewann),
Wie einer, der in diesen Wald gekommen,
Wohl solch ein Abenteuer finden kann,
Wo sich bewähren mag des Menschen Adel
Und ob mit Recht er Preis verdien', ob Tadel.
[75] 56.
Die Antwort ist: es gäbe dort im Freien
Seltsamer Abenteuer wohl genug,
Allein der Ort und Vorgang dunkel seien,
Weil keiner aus dem Walde Kunde trug.
»Auf, suche,« sprachen sie, »ob in den Reihen
Der Helden man dich preisen darf mit Fug
Und Ruhm sich schließt an Mühen und Gefahren,
Um dauernd deinen Namen zu bewahren.
57.
Und willst du deine Tapferkeit bekunden,
Zur schönsten Tat ist jetzt Gelegenheit,
Und keine beßre wurde noch gefunden,
Sei's in der alten, sei's in neuer Zeit:
Des Königs Tochter braucht in diesen Stunden
Verteidigung und Schutz vor Schändlichkeit
Eines Barons – Lurcan ist er geheißen –
Der sucht ihr Ehr' und Leben zu entreißen.
58.
Es hat – vielleicht mit Unrecht und aus Hasse –
Beim Vater selbst sie angeklagt Lurcan,
Gesehn hab' er, wie nachts sie zu sich lasse
Und hoch zum Söller ziehe den Galan.
Wenn keiner kommt, der ihre Sach' erfasse,
Den Todesweg zum Holzstoß tritt sie an.
In Monatsfrist – die Zeit wird nächstens enden –
Muß er die Lüge auf den Kläger wenden.
59.
Rauh, gottlos, strenge, will die Satzung eben,
Daß jede Frau, wie hoch sie stehen mag,
Die andrem als dem Gatten sich ergeben,
Den Tod erleide nach erhobner Klag'.
Und nichts auf Erden rettet ihr das Leben,
Als daß ein Krieger zum bestimmten Tag
Erschein' und mit dem Schwert den Satz verfechte:
Unschuldig sei sie, stürbe nicht zu Rechte.
[76] 60.
Der König, sinnend, wie sein Kind er rette
(Ginevra heißt die Tochter hold und gut),
Ließ künden durch die Schlösser und die Städte:
Wer, sie verteidigend mit Kraft und Mut,
Erstickt die schändliche Verleumdung hätte,
Solle sie freien (wenn aus edlem Blut),
Auch reiches Gut empfangen, Land und Habe,
Wie solcher Maid geziem' als Morgengabe.
61.
Sie stirbt, wenn kein Verteid'ger will erscheinen,
Auch, wenn der Sieg im Kampf nicht wird erreicht.
Ein solches Werk frommt besser, sollt' ich meinen,
Als daß man irrend durch die Wälder streicht.
Und Ehr' und Ruhm dem Namen sich vereinen,
Daß nimmermehr der lichte Glanz erbleicht;
Dazu die lieblichste der schönen Frauen,
So viel von hier bis Indien sind zu schauen,
62.
Und einen Reichtum ferner, deinem Leben
Behaglichkeit auf immer zu verleihn;
Machst du des Hauses Ehre neu sich heben,
So ist des Königs Huld und Gnade dein.
Die Unschuld zu beschützen mußt du streben
Vor Niedertracht, aus Ritterpflicht allein.
Das Mädchen ist nach aller Stimmen Einheit
Das Urbild aller Tugend, aller Reinheit.«
63.
Nachdenklich stand Rinald; dann sprach er: » Sterben
Soll eine junge Maid ohn' andre Schuld,
Als daß in ihrem Arm von Qualen, herben,
Den Liebsten sie erlösen wollt' in Huld?
Wer solch Gesetz gab, mög' er stracks verderben,
Verderben jeder Feige, der es duld'!
Gebührend stirbt, wer grausam Liebe wehret;
Nicht, wer des Liebsten Wonn' und Leben mehret.
[77] 64.
Nicht kümmert's mich, ob sie zu süßem Minnen
Einlaß dem Freund gewähr', ob nicht gewähr',
Und sie zu loben könnt' ich gleich beginnen,
Wenn nur der Fall geheim geblieben wär'.
Ihr Hort zu sein, danach steht all mein Sinnen;
Nun bitt' ich: gebt mir einen Führer, der
Den Kläger zeig' und mich zu ihm geleite;
Ihr Kummer, hoff ich, sucht nun bald das Weite.
65.
Ich sage nicht: die Tat sei zu verneinen;
Unkundig, ging ich leicht ja falschen Weg;
Ich sage dies: verkehrt will mir erscheinen,
Daß man auf solche Dinge Strafe leg',
Und wer die Satzung gab, der, sollt' ich meinen,
War bös und reif, daß ihn ein Tollhaus heg'.
Als schädlich schaffe man sie aus dem Lande,
Und neue mache man mit mehr Verstande!
66.
Wenn gleiche Glut, just mit dem gleichen Triebe,
Geschlecht sowie Geschlecht bezwingt und lenkt
Zu jenem letzten süßen Ziel der Liebe,
Daran im Volk man wie an Sünde denkt,
Wie käm's, daß für die Frau Verbrechen bliebe,
Wenn ein, zwei Freunden sie dasselbe schenkt,
Was wir beliebig tun und unbeachtet,
Jawohl, gelobt sogar und nicht verachtet?
67.
Den Fraun ist Unrecht im Gesetz geschehen,
Steht solche Strafe dort für sie bereit;
Und bald, ich hoff es, laß die Welt ich sehen,
Daß man die Unbill trug zu lange Zeit.«
Und zu Rinald die Mönche sämtlich stehen,
Daß sich die Alten aller Billigkeit
Entschlugen, als sie dieses ließen gelten;
Der König auch, der's zuläßt, sei zu schelten.
[78] 68.
Als weiß und rot empor der Morgen gleitet
Und hell und freudig naht am Himmelsrand,
Sieht er Rinald, der zu dem Hengste schreitet;
Ein Knapp' auch aus dem Kloster ist zur Hand.
Viel Stunden, Meilen hat ihn der begleitet,
Stets durch des Waldesdickichts grause Wand.
Hin nach der Gegend beide Reiter streben,
Wo um die Maid der Kampf sich soll erheben.
69.
Sie wählten, abzuschneiden von dem Wege,
Ein schmales Pfädchen, das sich seitwärts schlingt.
Da – horch! – tönt eine Klage durchs Gehege,
Die jammervoll zu ihren Ohren dringt.
Rinald voran, der andre auch nicht träge,
Eilen dem Tal zu, draus der Ruf erklingt:
Zwei Kerle stehn, ein Mädchen zwischen ihnen,
Nach Ansehn war es jung und schön von Mienen.
70.
Verzweiflung, Schmerz der Armen Züge tragen,
Wie sie nur je ein Mädchenantlitz bot;
Und schon gezückt die grimmen Eisen ragen,
Bereit, das Gras zu färben blutigrot.
Um Aufschub fleht sie, weinend und mit Klagen,
Das Paar bleibt ungerührt von ihrer Not.
Rinald erscheint, erblickt sie mit den Zweien
Und stürzt herbei mit lautem Drohn und Schreien.
71.
Die Missetäter waren gleich entwichen;
Kaum wurden sie der Nahenden gewahr,
Als tief hinab ins dunkle Tal sie schlichen.
Rinald verfolgte nicht das Mörderpaar:
Er wollte hören, was zu Schwerterstichen
Der beiden Schelme wohl der Anlaß war.
Zum Knappen setzt er – Zeit ja gilt's gewinnen! –
Die Maid; zum Pfad zurück geht es von hinnen.
[79] 72.
Wie schön sie war und artig, sah genauer
Rinald, als er an ihrer Seite ritt,
Wiewohl sie noch erschöpft durch Todesschauer
Und all den Schrecken war, von dem sie litt.
Aufs neu befragt, was Ursach' ihrer Trauer
Und Leiden sei, erfüllt sie seine Bitt'
Und sagt mit leiser Stimme jetzt dem Helden,
Was, mit Verlaub, ein neuer Sang soll melden.

[80] Fünfter Gesang

1.
All andre Tiere auf des Erdrunds Weiten,
Ob sie nun Eintracht halten wohlgemut,
Ob sie sich jagen, beißen und sich streiten,
Sie halten doch ihr Weibchen stets in Hut.
Im Wald selbander Bär und Bärin schreiten,
Beim Löwen sicher seine Löwin ruht.
Die Wölfin mag zum Wolf sich ruhig strecken,
Die Jungkuh fühlt vorm Stiere keinen Schrecken.
2.
Welch böse Pest, welch eine Furie gräßlich
Nun in den Menschenbusen Wohnung nimmt,
Daß immer Ehmann, ach, und Frau sich häßlich
Mit Schelten überschütten, arg ergrimmt?
Zerkratztes Antlitz färbt sich schwarz und bläßlich,
Von Tränen selbst das traute Lager schwimmt.
Und nicht bloß Zähren sind darin geflossen:
Oft hat auch blinder Zorn dort Blut vergossen.
3.
Nicht nur ein schlimm, ein unerhört Betragen,
Mit Gott und der Natur im Widerstreit,
Zeigt, wer das Antlitz einer Frau kann schlagen
Oder nur tun, was Schmerz ihr bringt und Leid,
Und wer mit Gift, mit Strick, mit Dolch zu jagen
Die Seele sticht aus ihrem Erdenkleid,
Ich glaube nicht, er sei ein Mensch zu nennen:
Nein, Teufel nur ihn als Genossen kennen.
[81] 4.
Dergleichen waren wohl die Mordgesellen,
Die Herr Rinald traf mit der Schönen an;
Sie war geschleppt an jene dunklen Stellen,
Daß ihre Spur entschwinde jedermann.
Wir ließen sie, als sie von Wechselfällen
Ihres Geschicks dem Paladin begann,
Dem freundlichen, zu künden die Geschichte.
So hört, was nach dem Mädchen ich berichte.
5.
»Ich habe«, sprach sie, »mehr in meinem Leben
An ausgesuchter Grausamkeit gesehn,
Als in Mykene, Argos oder Theben
Und schlimmem Orten jemals ist geschehn.
Mag hier die Sonne mindre Wärme geben
Als sonst, läßt sie die Strahlen ferner stehn,
So will sie, mein' ich, nur zu sehn vermeiden,
Was Menschen hier durch Bösewichte leiden.
6.
Daß man mit seinen Feinden grausam schalte,
Das zeigen wohl Exempel jeder Zeit;
Doch ihn, der sinnt, wie deines Glücks er walte,
Morden, ist Gipfel doch der Schändlichkeit.
Und daß sich klar und deutlich dir entfalte,
Wie man hier ohne Recht mich arme Maid
Umbringen wollt' in meinen Blütetagen,
Will ich vom Anfang an dir alles sagen.
7.
Der Königstocher, edler Herr, zu dienen
In früher Jugend kam ich hin zum Schloß,
Wuchs mit ihr auf, die Großen freundlich schienen,
So daß ich Ehr' und Gunst bei Hof genoß.
Doch Amor, grausam, stand mit neid'schen Mienen:
Zur Sklavin machte mich, ach, sein Geschoß!
Mir wollte von den Herrn und Junkern allen
Der Herzog von Albanien wohlgefallen.
[82] 8.
Als ich ihn drauf mir Liebe hörte schwören,
Mit eins ward ihm mein ganzes Herz zuteil.
Das Antlitz kann man sehn, die Rede hören,
Allein die Brust? – da hat es gute Weil'!
Liebend und glaubend, ließ ich mich betören:
Ich gab mich – und nicht merkt' ich in der Eil',
Daß wir uns just zu trauten Liebesbanden
In meiner Herrin Leibgemach befanden;
9.
Dort weilte sie bei ihren liebsten Dingen,
Dort war es auch, wo sie gewöhnlich schlief.
Man konnte hier zu einem Söller dringen,
Der von der Mauer aus ins Freie lief.
Den Liebsten ließ ich dort hinauf sich schwingen,
So oft ihn meine Sehnsucht zu mir rief.
Ich selber warf vom Söller ihm die Leiter,
Die hänfne, zu: auf ihr stieg er dann weiter.
10.
Und jedes einz'ge Mal ließ ich ihn kommen,
Sobald es ging, weil in gar mancher Nacht
Ihr Bett die Herrin wechselt, wenn beklommen
Sie schlimmer Nebel oder Hitze macht.
Stets ungesehn ist er hinaufgeklommen,
Weil jener Schloßteil altem Häuserschacht,
Zerfallnem, gegenüber ist gelegen,
Wo Tag und Nacht sich niemals Menschen regen.
11.
So mochten Tag' und Monde viel vergehen,
Seit wir genossen heimlich Minnespiel.
Die Liebe wuchs, ließ mich in Flammen stehen;
Ich brannt' im Innern ohne Maß und Ziel
Und war wie blind! Nicht wollt' und wollt' ich sehen,
Er liebe wenig nur und heuchle viel.
Und doch verrieten sich in tausend Zügen
Schon unverkennbar seine schnöden Lügen.
[83] 12.
Da stand er eines Tags in hellen Flammen
Für die Prinzessin; mir ist nicht bewußt,
Ob jene Gluten dieser Zeit entstammen,
Ob er sie früher schon trug in der Brust.
Gewachsen war mit ihm mein Ich zusammen;
Mich zu beherrschen hat er so gewußt,
Daß er mir's eingestand ohn' ein Bedenken
Und bat, ich solle selbst ihm Beistand schenken.
13.
Nicht unsrer Liebe, sagt' er, zu vergleichen
Sei jener Handel, den er neu begann;
Er heuchle nur mit der Verliebtheit Zeichen,
Damit er sie Gemahlin nenne dann.
Vom König könn' er alles leicht erreichen,
Woll' ihn Ginevra nur zum Ehemann,
Da er an edlem Blut und hohem Stande
Gleich nach dem König komme hier im Lande.
14.
Er setzt' hinzu: wenn's ihm durch mich gelinge,
Und sei er seines Herren Schwiegersohn
(Ich müsse sehn, ihm sei die Müh' geringe,
Wie keiner hochzusteigen, nah zum Thron),
Vergess' er nie das Opfer, das ich bringe,
Und spende mir zum Danke solchen Lohn:
Höher als Weib und Freund werd' er mich setzen
Und ewig mich als Heißgeliebte schätzen.
15.
Ich, nur bedacht, zufrieden ihn zu stellen,
Verstand, o weh, das Nein auf keine Weis',
Für mich begann der Tag sich erst zu hellen,
Hatt' ich ihm zu gefallen den Beweis.
So oft sich's machen läßt, in allen Fällen,
Find' ich Gelegenheit zu Lob und Preis,
Versuche alles, mühe mich voll Treue,
Daß sich Ginevra meines Liebsten freue.
[84] 16.
So tu ich, was ich kann: mit ganzer Seele
– Der Himmel weiß – wirk' auf mein Ziel ich hin;
Allein so sehr ich auch den Herrn empfehle,
Bei ihr bring' ich dem Herzog nicht Gewinn;
Und zwar – daß ich dir nicht den Grund verhehle –
Weil einem galt ihr Denken und ihr Sinn,
Der, artig, herrlich, schön gleich einem Sterne,
In Schottland war erschienen aus der Ferne.
17.
Er kam mit seinem Bruder, dem noch jungen,
Zum Königshofe aus Italiens Gaun,
Hat als ein Held sich bald emporgeschwungen
(Kein stärkrer war im Britenland zu schaun)
Und auch des Königs Lieb' und Huld errungen;
Der schenkt' ihm als Beweis für sein Vertraun
Kastelle, Burgen, Städte seiner Krone
Und hob ihn hoch im Kreise der Barone.
18.
Der Tochter noch viel teurer als dem Vater
Ward dieser Rittersmann Arïodant;
Nicht nur im Kampfe wahre Wunder tat er,
Als ihr ergeben auch ward er erkannt.
Nicht des Vesuv und nicht des Ätna Krater,
Nicht Troja so in hellen Flammen stand
Wie sie, als sie erfuhr, daß im Gemüte
Arïodant getreu für sie erglühte.
19.
Die Liebe, die sie für den Fremdling hegte,
Aufricht'gen Herzens, inniglich und treu,
Abneigung für den Herzog nur erregte:
Sie gab mir keine Antwort, die mich freu'.
Und als ich weiter mich aufs Bitten legte
– Sie umzustimmen sucht' ich stets aufs neu –,
Begann sie tadelnd ihn gering zu schätzen
Und feindlich immer mehr herabzusetzen.
[85] 20.
So mußt' ich denn in meinen Liebsten dringen,
Nicht länger auf verkehrtem Pfad zu gehn;
Die Maid sei nicht auf andern Weg zu bringen,
Sie werde treu zum Auserwählten stehn.
Wie nach dem Helden ihre Wünsche gingen,
Das sei, so zeigt' ich ihm, doch klar zu sehn.
Um auszulöschen solch gewalt'ge Flamme,
Gleiche das Meereswasser einem Gramme.
21.
Dem Polineß (so hieß, den ich erkoren)
Schon zu verschiednen Malen sagt' ich das;
Als er nun selber merkt' mit Aug' und Ohren,
Daß sie zum andern hält ohn' Unterlaß,
Hat er der Leidenschaft nicht abgeschworen,
Nein, Ärger plagt ihn nur und wilder Haß,
Daß ihm, dem Stolzesten der weiten Erde,
Ein andrer Ritter vorgezogen werde.
22.
Und jene beiden sinnt er voller Tücken
In Zwietracht zu verstricken und in Streit;
Feindschaft soll ihre Liebe niederdrücken:
Die soll nicht währen für die Ewigkeit.
Ginevras Stirn soll unter Schmach sich bücken,
Davon kein Leben und kein Tod befreit.
Doch von dem Plan, so niedrig sich zu rächen,
Wollt' er mit mir nicht noch mit andern sprechen.
23.
›Dalinda,‹ sprach er (so bin ich geheißen),
›Du weißt, fällt man im Wald durch Beileshieb
Den Baum, den man dem Boden will entreißen,
Noch an der Wurzel zeigt er weitern Trieb;
Also ergeht es jetzo meiner heißen,
Durch Schicksalsschläge hingestreckten Lieb':
Auch sie keimt fort, will nimmer von mir weichen
Und muß zuletzt des Wunsches Ziel erreichen.
[86] 24.
Ich will's, nicht weil ich Lust so sehr begehre,
Nein, weil Gefühl des Sieges wohl mir tut.
Drum, das ich in der Wirklichkeit entbehre,
Das zeige mir der Wahn, das hohe Gut.
O nimm, wenn ich demnächst hier wiederkehre
Und die Prinzessin schon im Bette ruht,
Die Kleider all, die ihr zur Hülle dienen,
Und schmücke selber deinen Leib mit ihnen!
25.
Wie sie sich schmückt, das Haar pflegt zu bereiten,
Das ahme sorglich nach und gleiche ihr,
So sehr du kannst; laß dann die Leiter gleiten:
Ich klimm' empor zum Söller, hin zu dir.
Verstellung wird dann sie zu dir geleiten,
Von der das Kleid du trägst, sie winke mir!
So hoff' ich denn, mich selbst zu hintergehen
Und meine Leidenschaft geschwächt zu sehen.‹
26.
Er sprach's. Ich, wie von Sinnen, traumbefangen,
Hab' all die offnen Lügen nicht erkannt,
Daß Fallstrick war sein dringendes Verlangen
Und auf Betrug sein ganzes Sinnen stand.
Im Kleid Ginevras von dem Söller hangen
Ließ ich die Stufen, die er oft schon fand.
Nicht eh'r vermocht' ich all den Trug zu sehen,
Als bis das ganze Unheil war geschehen.
27.
Der Herzog hatt' an einem jener Tage
Dies Wort gerichtet an Arïodant
(Sie waren Freunde, das stand außer Frage,
Eh um Ginevra war der Streit entbrannt):
Mich wundert, sprach er, eines, und ich sage,
Daß du, für den ich Liebe nur empfand,
Der du im Herzen obenan mir throntest,
Recht übel meine Freundschaft nun belohntest.
[87] 28.
Ich meine fest, es ist dir nicht entgangen:
Mich und Ginevra knüpft ein Liebesbund,
Und sie als Ehegattin zu erlangen,
Geh' ich zum König noch in dieser Stund'.
Soll nun dein Herz an ihr vergeblich hangen?
Was störst du mich? Gibst dich als Gegner kund?
Ich würde wahrlich Rücksicht dir erzeigen,
Wäre dir mein Fall und mir deiner eigen.'
29.
Ich muß noch mehr verwundert mich bekennen',
Sprach jener drauf mit hochgehobnen Braun;
,Ihren Getreuen dürft' ich schon mich nennen,
Eh sie dein Auge mochte noch erschaun.
Nicht heißer könnte unsre Liebe brennen.
Das ist dir auch bewußt; ich mag drauf baun.
Mein Weib zu werden, ist ihr ganzes Sehnen;
Daß sie dich liebe, kannst du nimmer wähnen.
30.
Warum nicht selbst die Rücksicht üben wollen
(Da wir doch Freundschaft hegen für einand),
Die du verlangst, ich würde sie dir zollen,
Hätt' ihre Liebe sich auf dich gewandt?
Nicht deine Schätze, traun, mich schrecken sollen,
Bist du der Reichre schon in diesem Land.
Beim König unser Wert der gleiche bliebe,
Doch mir allein gehört der Tochter Liebe.'
31.
›Du ließt‹, sprach der, ›vom Wahne dich umkrallen,
Durch tolle Liebesglut, das ist mir klar.
Du wähnest dich, ich mich geliebt vor allen;
Gewißheit bieten nur die Früchte dar:
Den Schleier lasse dein Geheimnis fallen;
So mach' ich dir auch meines offenbar.
Und wem von ihr ward kleinre Gunst erwiesen,
Lasse den Sieger freie Bahn erkiesen.
[88] 32.
Ich bin bereit, dir, wenn du willst, zu schwören,
Kein Mensch vernimmt, was ich von dir erfuhr;
Du schwörst: von dem, was deine Ohren hören,
Verrät dein Mund auf ewig keine Spur.‹
Drauf einzugehn ließ jener sich betören,
Und auf die Bibel taten sie den Schwur,
Den Pakt zu halten, Treubruch zu vermeiden.
Arïodant als erster sprach von beiden.
33.
Und er begann dem andern darzulegen,
Wie zwischen ihm und ihr die Sache stand:
Sie schwur ihm – mündlich, schriftlich, allerwegen –,
Sie kenne niemals andres Liebesband;
Und stelle sich der König dem entgegen,
Dann weise sie den Ehbund von der Hand.
Sie werde, wie die Ritter immer hießen,
Ihr Leben einsam, unvermählt beschließen.
34.
Er selber hoffe nun, im Lauf der Zeiten
Durch Waffentaten, die er oft vollbracht
(Daß sie dem Reich auch Ehr' und Ruhm bereiten,
Sei er dem Herrn zu zeigen noch bedacht),
In seines Königs Gunst so vorzuschreiten,
Daß er ihn schließlich doch für würdig acht',
Als Ehgemahl die Tochter heimzuführen,
Säh' er ihn heiß bemüht, ihr Herz zu rühren.
35.
Das ist der Punkt, wo ich mich jetzt befinde‹,
Sprach er, ›und wo gewiß noch keiner stand.
Nicht such' ich mehr, und von dem holden Kinde
Erwünsch' ich mir kein klarer Liebespfand.
Auch möcht' ich nichts, bevor die Eh' uns binde,
Von dem, was Gott für sie uns zugestand.
Mehr heischen wär' umsonst in jedem Falle;
Denn weit an Tugend überstrahlt sie alle.‹
[89] 36.
Wie er der Mühen Lohn hofft zu ersiegen,
Tut so der Rittersmann dem Herzog kund;
Und dieser plant in seiner Brust verschwiegen,
Bald zu durchkreuzen beider Liebesbund,
Und spricht: ›Du ließest weit dich überfliegen!
Und zugestehen soll's dein eigner Mund.
Sieh meiner Freude Wurzel und bekenne,
Daß ich allein mit Recht mich glücklich nenne!
37.
Sie heuchelt, weiht dir nicht die zarten Triebe,
Da sie mit Hoffnung dich und Worten speist:
Spricht sie – vernimm! – mit mir von deiner Liebe,
Ihr das nur Kinderei und Dummheit heißt.
Ganz andre Sicherheit, traun, mir verbliebe,
Als Kleinigkeiten, die man dir erweist.
Ich will – bei deinem Eide – dir es zeigen,
Wiewohl sich mehr geziemte, hier zu schweigen.
38.
Kein Mond vergeht, daß nicht sechs, sieben Nächte
Und manchmal zehn vielleicht in ihrem Arm
Ich in der Liebeslust mit ihr verbrächte,
Die heiß begehrt wird vom verliebten Schwarm.
Wer ist nun, sprich, der nicht gering hier dächte
Von dem, das dir ward? Ists nicht dürftig, arm?
Räume den Platz, such' sonst dich zu versehen,
Da du nicht leugnen kannst, mir nachzustehen.‹
39.
›Ich kann‹, spricht jener, ›dem nicht Glauben schenken:
Ein Lügner, mein' ich, hat dies vorgebracht:
Hast dich bemüht, dies alles auszudenken,
Weil du dem Handel gern ein End' gemacht,
Versuchst auf sie Verleumdung nun zu lenken;
Dein Wort jetzt zu vertreten sei bedacht:
Hier auf der Stelle zeig' ich, Missetäter,
Nicht Lügner bist du bloß, nein, auch Verräter.‹
[90] 40.
Der Herzog sprach: ›Nicht recht wärs, muß ich sagen,
Sollten wir darum aufeinander haun,
Was ich als Wahrheit so will vor dich tragen,
Daß deine eignen Augen es erschaun!‹
Verwirrt steht nun der Ritter und mit Zagen,
Durch sein Gebein schleicht ihm ein kaltes Graun.
Hätt' er die Wahrheit fest geglaubt zu sehen,
So war es um sein Leben jetzt geschehen.
41.
Er sprach mit schwerem Herzen, bleichen Wangen,
Bebender Stimm', im Munde Bitterkeit:
›Läßt du zu solcher Wahrheit mich gelangen,
Und gibt der Augenschein mir Sicherheit,
Nicht länger wird mein Herz an jener hangen,
Die mich läßt fasten, alles dir verleiht.
Doch denke ja nicht, daß ich dir vertraue,
Bevor ichs nicht mit eignen Augen schaue.‹
42.
›Nachricht erhältst du, wenn das Ding beschlossen‹,
Sprach Polineß und ließ ihn dann allein.
Zwei Nächte, glaub' ich, waren kaum verflossen,
Da kam Befehl zum nächsten Stelldichein.
Er hält bereit, was er an Truggeschossen
Zu schleudern denkt, lädt nachts den Ritter ein
Und heißt ihn warten in den Häusertrümmern,
Um die gar niemals Menschen sich bekümmern.
43.
Es ist ein Ort, vor dem Balkon gelegen,
Zu dem schon oft der Aufstieg ward gemacht.
Nun wollt' im Ritter der Verdacht sich regen,
Man hab' an den entlegnen Ort gedacht
(Gewählt, so schien's, des Hinterhaltes wegen),
Um aus der Welt ihn fortzuschaffen sacht,
Heuchelnd, man werde dort ihn schauen lassen,
Was von Ginevra nimmer war zu fassen.
[91] 44.
Und er beschloß, an jenen Platz zu gehen,
Gerüstet aber gegen ihrer viel:
So brauch' er nicht in Furcht des Tods zu stehen,
Auch für den Fall, daß man ihn überfiel.
Als Held – kein beßrer war am Hof zu sehen –
Sein Bruder galt, berühmt im Waffenspiel.
Er hieß Lurcan; mehr schätzt er sein Geleite,
Als hätt' er sonst ein Dutzend sich zur Seite.
45.
In Waffen hieß er den sich ihm gesellen
Und nahm ihn mit sich nachts an jenen Ort,
Ohn' aber das Geheimnis aufzuhellen;
Ihm, wie den andern, sagt' er nicht ein Wort.
Der mußte sich in Steinwurfsweite stellen;
Und nur auf Anruf sollt' er nahn sofort.
Auch ward ihm eingeschärft – bei seiner Liebe –,
Daß, wenn kein Ruf scholl, er am Platze bliebe.
46.
›Geh‹, sprach Lurcan, ›verfolge deine Zwecke!‹
Und zum Gelasse ging der Ritter hin;
Er barg sich in der stillen Lauscherecke,
Dort vor dem Söller in der Straße drin.
Und bald erscheint der trügerische Recke,
Ginevras Schande plant sein arger Sinn.
Das Zeichen, das vorher von ihm bestimmte,
Gibt mir, die nicht den Trug ahnt, der Ergrimmte.
47.
Und ich, in weißem Kleid mit goldnen Streifen,
Die vorn und rings am Leibchen gehn entlang
(Ein Netz aus reinem Gold, mit roten Schleifen
Und schönen Quasten um das Haupt sich schlang –
Ginevra ganz allein trug diese Reifen,
Sonst niemand mehr –), tret', als der Laut erklang,
Hinaus auf den Balkon, der solch ein Bau ist,
Daß vorn und nach den Seiten man zur Schau ist.
[92] 48.
Lurcan, ob von Besorgnis jetzt befallen,
Sein Bruder sei schon in Gefahr gebracht,
Ob jener Wunsch, der ja gemein uns allen,
Geheimnis zu erspähn, in ihm erwacht,
War der Versuchung schließlich doch verfallen
Und hielt sich nur voll Vorsicht in der Nacht.
Noch nicht zehn Schritt von seines Bruders Klause
Blieb er verborgen in dem gleichen Hause.
49.
In dieser Tracht – ich wähnt' uns ganz alleine –
Stellt' ich auf offenem Balkon mich dar
(Ich ging dorthin ja früher mehr als eine
Und als zwei Nächt' ohn' Nachteil und Gefahr).
Hell leuchtete das Kleid im Mondenscheine;
In Wuchs und in den Zügen selber war
Ich von der Herrin gar nicht allzuferne;
Man konnte uns verwechseln gut und gerne,
50.
Zumal vom Söller und des Schlosses Mauer
Ein großer Raum war bis zum öden Haus.
So legen beide Brüder, auf der Lauer,
Sich alles nach des Herzogs Willen aus.
Bedenke, wie des Ritters Herz voll Trauer
Sich wild zusammenpreßt in Schmerz und Graus!
Der Herzog nahm, die ich ihm bot, die Leiter
Und stieg auf ihr hinauf zum Söller weiter,
51.
Wo meine Arme ihn sogleich umschlangen;
Nicht ahn' ich, daß mich fremde Augen sehn:
Ich küß ihn auf den Mund und auf die Wangen,
Wie stets bei seinem Kommen war geschehn.
Den Trug erhöhend, hält er mich umfangen,
Läßt längre Zeit als sonst dabei vergehn.
Er, der als Zeuge kam des schnöden Falles,
Steht elend dort und schaut von fernher alles.
[93] 52.
Vernichtet steht er –; daß er sterben werde,
Scheint einz'ger Trost im übermächt'gen Schmerz:
Er setzt den Knauf des Schwertes auf die Erde
Und gibt der Spitze Richtung auf das Herz.
Lurcan, der wohl mit staunender Gebärde
Sah einen Menschen klimmen söllerwärts,
Doch, wer es sei, nicht konnte unterscheiden,
Kommt, als der Bruder kürzen will sein Leiden.
53.
Er hält ihn ab, daß er mit eignen Händen
In blinder Wahnsinnswut sein Mörder sei;
Stand er entfernter, wär's nicht abzuwenden,
Und kam er später – wär' es schon vorbei.
›Unsel'ger‹, rief er, ›laß die Torheit enden!
Ward dein Verstand denn ganz zur Raserei?
Kannst du nicht Treubruch einer Frau verwinden?
O, schwänden sie wie Nebel vor den Winden!
54.
Laß jene sterben, die verdient zu sterben!
Für beßre Sache spare deinen Tod!
Als du nicht Falschheit sahst, war's Zeit zu werben;
Jetzt wird für dich ein starker Haß Gebot.
Dein Auge ließ Gewißheit dich erwerben,
Daß sie verbuhlt ist; die wird nicht mehr rot!
Das Schwert, statt gegen dich es zu erheben,
Bewahre, ihres Trugs Beweis zu geben!‹
55.
Als der Betrübte sah den Bruder kommen,
Stellt' er sein blutiges Beginnen ein;
Doch sollte, was er still sich vorgenommen,
Flucht in den Tod, nicht aufgegeben sein,
Er ging davon, das Herz nicht bloß beklommen,
Nein, wie durchbohrt von Schmerz und tiefer Pein.
Vorm Bruder stellt er sich, als sei geschwunden
Der grimme Haß, den er noch just empfunden.
[94] 56.
Geführt von der Verzweiflung wilden Trieben,
In aller Stille war er morgens fort.
Wohin er sich gewandt, wo er geblieben,
Blieb unbekannt noch viele Tage dort.
Was aus dem Land ihn habe weggetrieben,
Das wußten jene beiden nur am Ort.
Im Königshaus ward dies und das gesprochen;
Ganz Schottland hat sich drob den Kopf zerbrochen.
57.
Acht Tag' und mehr am Hofe so vergingen,
Den Weg ein Waller zu Ginevra fand;
Er brachte Kunde von gar üblen Dingen:
Ertrunken lag im Meer Arïodant.
Der eigne Wille sollte Tod ihm bringen,
Kein Boreas, kein Wind vom Morgenland.
Weit ragt ins Meer ein Fels wie Landeszungen:
Kopfüber war er da hinabgesprungen.
58.
Der Fremde sprach: ›Von mir am Weg gefunden,
Sagt er, bevor die Untat noch geschehn:
Was du Ginevra später sollst bekunden
Als Bote, komm, es jetzt mitanzusehn.
Sag' ihr, mich hab' ein Anlaß nur gebunden,
Das hier zu tun, was jetzt wird vor sich gehn:
Zuviel Erblicktes wollte mir nicht taugen,
Und glücklich wär' ich, hätt' ich keine Augen.
59.
Wir waren grad, wo Irland gegenüber
Hoch Capobaß sich streckt ins Meer hinaus:
Als er gesprochen, sah ich ihn kopfüber
Vom Felsen springen in der Wogen Graus.
Ich ließ ihn in der See und lief hinüber,
So bring' ich gleich die Botschaft dir ins Haus.‹ –
Ginevra, wie verwirrt, mit bleichen Wangen
Blieb zitternd zwischen Tod und Leben hangen.
[95] 60.
Gott, welchen Jammer mußte sie erst tragen,
Als sie allein war in dem Schlafgemach!
Wie sie das Kleid zerriß, die Brust zu schlagen!
Den goldnen Haaren tat sie Schimpf und Schmach,
Und immer mußte sie das Wort sich sagen,
Das der Geliebte vor dem Sterben sprach:
Gekommen sei das Leid, der Tod des Trauten,
Kurz alles nur vom Allzuvielgeschauten.
61.
Am ganzen Hofe ging von ihm die Märe,
Der sich aus großem Schmerz das Leben nahm.
Der König unterdrückte nicht die Zähre
Und auch kein Rittersmann und keine Dam'.
Der Bruder aber fast gestorben wäre,
In bittrem Leid ertränkt und tiefem Gram.
Schon nach dem Dolche tasteten die Hände,
Damit er bald den teuren Bruder fände.
62.
Und immer wieder sagt' er sich im stillen:
Ginevra nur hat ihm den Tod gebracht;
Zum Sterben führte Gram und Widerwillen
Ob dessen, was er sah in jener Nacht.
So blind verrannt' er sich in wilde Grillen,
Von Schmerz und Kümmernis wie toll gemacht,
Daß es ihm gleich galt, alle Huld zu missen,
Von Volk und König sich gehaßt zu wissen.
63.
Und vor den König, als im Saale drinnen
Der ganze Hof war, trat er hin und sprach:
›Herr, wisset, wenn mein Bruder kam von Sinnen
Und sich den Tod gab, weil das Herz ihm brach,
's ist eurer Tochter schändliches Beginnen:
Denn solch ein Schmerz ihn in die Seele stach,
Als er sie sah der Keuschheit sich begeben,
Daß Tod ein größrer Freund ihm war als Leben.
[96] 64.
Er liebte sie; weil all sein Streben offen
Und ehrlich war, enthüll' ich alles gern.
Zur Frau sie zu gewinnen durft' er hoffen
Durch treuen Dienst, geleistet seinem Herrn.
Da hat er einen auf dem Baum getroffen,
Der mit dem Duft ihn labte nur von fern;
Die heißersehnte Frucht sieht er sich rauben,
Die nur für ihn bestimmte (mocht' er glauben).‹
65.
Ginevra zeigt er dann, hab' er gesehen
Ein Seil entsendend von des Söllers Rand:
Ein Mensch begann darauf hinaufzugehen,
Doch ward er von Lurcanio nicht erkannt;
Denn jener hatte gut sich vorgesehen,
Das Haar verdeckt, verändert das Gewand.
In seinem Schwerte den Beweis er trage,
Daß alles Wahrheit sei, was hier er sage.
66.
Denk, welche Qual den Vater elend machte,
Als er sein liebes Kind beschuldigt hört'!
Ach, er vernahm, was er unmöglich dachte
Und was ihm völlig seinen Sinn verstört.
Dem Wahnsinn nahe ein Gedank' ihn brachte:
Will keiner, ob der Niedertracht empört,
Lurcan der Lüge mit dem Schwerte zeihen,
Muß ja sein Urteilsspruch dem Tod sie weihen!
67.
Herr, das Gesetz, vermein ich, wirst du kennen:
Es kündigt Todesstrafe jeder an,
Mädchen wie Frau, hört man sie Buhle nennen,
Weil sie sich andrem gab als ihrem Mann.
Will keiner als ihr Kämpe sich bekennen,
Stirbt sie, sobald ein Monat nur verrann:
Ein Sieger muß Beweis der Unschuld geben
Und zeigen, daß mit Recht sie dürfe leben.
[97] 68.
Der König will, die Arme zu befreien,
Weil sie unmöglich schuldig heißen kann,
Es soll – mit großer Mitgift – der sie freien,
Durch dessen Waffen Klag' und Schimpf zerrann.
Es zeigt sich keiner aus der Krieger Reihen;
Unschlüssig sehen sie einander an:
Lurcan hat großen Ruhm, mit ihm sich schlagen,
Will keiner von den andern Rittern wagen.
69.
Auch fügt's das Schicksal, grausam ohnegleichen:
Zerbin, der kühne Bruder, fehlt der Maid.
Er soll seit Monden durch die Ferne streichen,
Die Fama kündet seine Tapferkeit.
Wär' er zu finden in den Nachbarreichen,
Wo ihm die Botschaft naht in kurzer Zeit,
Unfehlbar würd' er für die Schwester fechten,
Wenn ihm entsandte Diener Kunde brächten.
70.
Durch andres noch, als Waffen, zu erkunden
War mittlerweil' der König sehr erpicht,
Ob die Beschuld'gung wahr sei, ob erfunden,
Ob sie den Tod verdiene oder nicht.
So rief er denn bereits nach ein paar Stunden
Der Fürstin Frauen vor sein Angesicht.
Ich sah voraus, wenn nun auch mich sie fingen,
Werd' es Gefahr mir und dem Herzog bringen.
71.
Noch in der Nacht entschlüpft' ich leis dem Bette,
Worauf ich fern vom Hof zum Herzog schlich;
Ich zeigt' ihm, nötig sei's, daß er mich rette;
Um unser beider Leben handl' es sich.
Er lobt mich, spricht von einer sichren Stätte:
Dahin, für ihn zur Freude, send' er mich.
Und einer Burg, nicht weit von hier gelegen,
Schickt er durch zwei der Diener mich entgegen.
[98] 72.
Du weißt es, Herr, wie alle meine Triebe
Hinzielten auf des Herzogs Glück fürwahr;
Und daß er auch noch dann mein Schuldner bliebe,
Wenn er mich liebt' und ehrte, das ist klar.
Sag' mir, was ich empfing für meine Liebe
Und was der Lohn für meine Dienste war?
Kann irgendeine von uns armen Frauen,
Liebend, das Glück, geliebt zu werden, schauen!
73.
Besorgt ist dieser Böse, Ungetreue,
Am Ende könne wanken doch mein Mut,
So daß ich aufzudecken mich nicht scheue
Den wölfischen Betrug und seine Wut.
Er sagt, bis sich des Königs Sinn erneue
Aus Grimm und Zorn, woll' er mich bergen gut
Und mich dorthin zu seinem Schlosse senden –
In Wahrheit aber zu des Todes Händen.
74.
Dem Führer hatt' er heimlich aufgetragen,
Sobald wir hier im dunklen Walde sei'n,
Zu meiner Treue Lohn mich zu erschlagen.
Und wärst du nicht erschienen auf mein Schrei'n,
Hätt' alles dies sich wirklich zugetragen.
So lohnt die Liebe, die ihr Treue weihn!«
Dies der Bericht Dalindas, herb und bitter,
Den sie, des Weges reitend, macht dem Ritter.
75.
Dem aber kommt es überaus gelegen,
Daß an die Maid ihn hier der Zufall band,
Durch die mit einemmal dem jungen Degen
Der Zweifel an Ginevras Unschuld schwand.
War sein Entschluß schon, helfend sich zu regen,
Wenn er das Königskind auch schuldig fand,
Erneut er mit noch größrer Wärme diesen,
Nachdem Verleumdung offenbar erwiesen.
[99] 76.
Zur Stadt Sankt-Andres, wo am Königsherde
Ein jedes Glied des hehren Hauses weilt,
Harrend, daß noch der Held erscheinen werde,
Der dort im Kampf den Ruf der Tochter heilt,
Ist jetzt Rinald mit aller Macht der Pferde
Auf etwa eine Meil' herangeeilt.
Der Stadt schon naht er, als er frische Kunde
Am Weg vernimmt aus eines Knappen Munde:
77.
Ein fremder Ritter hat sich eingefunden,
Ginevras Kämpe will er sein im Streit;
Nichts läßt sich durch die Waffenzier erkunden:
Still und verschlossen hält er sich beiseit;
Verhüllt ist sein Gesicht zu allen Stunden;
Entschleiert sah ihn keine Tageszeit.
Sein Knappe schwört, daß er den Herrn nicht kenne:
Er wisse nicht, wie man den Ritter nenne.
78.
Sie reiten, bis sie an den Mauern stehen;
Dalinda schliche gerne jetzt sich fort;
Sie fürchtet sich und will nicht weitergehen,
Doch folgt sie noch Rinaldos Trosteswort. –
Verschloßne Tür! – Als sie den Pförtner sehen,
Fragt, ihn Rinald: »Sag' an, was gibt es dort?«
Gegangen – heißt's, sind Männer sowie Frauen,
Das ganze Volk, den Zweikampf anzuschauen,
79.
Den grad am andern End' ein fremder Streiter
Zu dieser Zeit bestehe mit Lurcan,
Wo Rasen sei, ein ebener und breiter;
Im Gang schon sei der Kampf auf jenem Plan.
Der Pförtner öffnet drauf für unsre Reiter,
Dann wird das Gitter wieder zugetan.
Durch öde Straßen trabt Rinald geschwinde;
Er ließ im ersten Gasthaus schon Dalinde.
[100] 80.
Sie werde, sprach er, Sicherheit dort haben,
Er reit' allein ein Weilchen jetzt fürbaß;
Und nach dem Kampfplatz sah sie rasch ihn traben,
Wo jene beiden noch ohn' Unterlaß
Angriffs- und Antworthieb' einander gaben.
Lurcan ist ganz erfüllt von tiefem Haß
Auf die Prinzessin; treu sie zu beschützen,
Will jener alle Kraft mit Eifer nützen.
81.
Sechs andre Ritter noch zu Fuße halten
Mit Schwert und Harnisch um das Kämpferpaar.
Nach dem Befehl des Herzogs hier sie schalten;
Der stellt sich stolz auf edlem Renner dar.
Als Reichsmarschall muß er des Platzes walten
Und nimmt an diesem Tag die Ordnung wahr.
Froh ist sein Herz, hochmütig seine Brauen,
In solcher Not Ginevra hier zu schauen.
82.
Rinald dringt vorwärts zwischen Meng' und Menge;
Platz schafft ihm Bajard, sein erlesnes Roß.
Nicht lahm und säumig, sei es noch so enge,
Ist, wer sein Dröhnen hört im Menschentroß.
Hoch ragt Rinald empor aus dem Gedränge;
Man sieht es wohl: das ist ein Heldensproß.
Er hält am Königssitze vor dem Ringe:
Ein jeder lauscht, was wohl der Ritter bringe.
83.
»Erlauchter Herr,« sprach er, gehört von allen,
»Hör' mich, laß hier den Kampf nicht weitergehn!
Denn wer von diesen beiden möge fallen,
Ein Unrecht wär' mit seinem Tod geschehn.
Ehrlich ist der und doch dem Trug verfallen,
Lügt nicht und muß auf Falschem doch bestehn:
Zum falschen Kläger ihn der Irrtum machte,
Der schon vorher Tod seinem Bruder brachte.
[101] 84.
Dem andern selbst ist dunkel sein Gebaren;
Was ihn – in Todes Nähe – zog herbei,
Hochsinn allein und eitel Güte waren,
Daß solcher Liebreiz nicht des Todes sei.
Der Unschuld bring' ich Rettung aus Gefahren,
Das Gegenteil wird der Verräterei.
Doch erst befiehl, den Zweikampf einzustellen;
Dann gib Gehör mir, alles aufzuhellen!«
85.
Des fremden Ritters Hoheit ohnegleichen
– Er schien ein Held, ein würdiger, fürwahr –
Macht Eindruck auf den König, und das Zeichen
Gibt er, das Halt gebeut dem Kämpferpaar.
Vor ihm, dem ganzen Volk, den Arm und Reichen,
Der Ritterschaft, legt Herr Rinald nun dar,
Wie Polineß versuchte, schnöd' mit Lügen
Den Ritter ob Ginevras zu betrügen.
86.
Die Waffen sollen zum Beweise dienen,
Daß man die lautre Wahrheit hat gehört.
Geholt wird Polineß: – er ist erschienen,
Jedoch – man sieht's – im Antlitz ganz verstört.
Indes er leugnet mit verbißnen Mienen.
»Nun«, spricht Rinald, »Beweis dem Schwert gehört.«
Gewaffnet sind sie, und der Platz bereit ist,
Daß kein Verzug mehr für den blut'gen Streit ist.
87.
Wie König nun und Volk vom Wunsche brennen:
Ginevras Unschuld zeige das Gefecht!
Durch Gott, so hoffen sie, wird man erkennen:
Man zieh sie schwerer Sünde ungerecht.
Und grausam, stolz, falsch und verworfen nennen
Die Stimmen rings den Herzog, bös und schlecht.
Ein Wunder schien' es keinem, wenn die Märe
Von dem Betrüger rein erfunden wäre.
[102] 88.
Bleich steht der Herzog – seine Lippen beben –.
Das Antlitz starr und dumpf das Herz und schwer,
Beim dritten Schall sieht man die Lanz' ihn heben:
Da stürmt Rinald in vollem Lauf daher.
Er zielt und will, ihm gleich den Rest zu geben,
Durchbohren den Verräter mit dem Speer.
Und also kam es – sieh, dem bösen Recken
Blieb in der Brust der Spieß zur Hälfte stecken.
89.
Am Schaft gespießt, fliegt Polineß vom Pferde
Sechs Ellen weit: so mächtig war der Stoß.
Rinald springt ab, packt, eh er von der Erde
Aufstehe, seinen Helm und knüpft ihn los.
Doch jener kämpft nicht mehr: mit Angstgebärde,
Demütig, bittet er um Gnade bloß;
Und er bekennt – vorm Hof, vor aller Ohren –
Den Trug, durch den das Leben er verloren.
90.
Mitten im Sprechen noch – eh er kann enden –
Ihm Stimm' und Leben schon geschwunden sind.
Den König, der des grimmen Todes Händen
Und üblem Ruf entrungen sieht sein Kind,
Hört man zum Himmel Freudenrufe senden,
Als ob er jetzt die Krone wiederfind',
Die er dem Haupte sah bereits entrissen:
Drum soll Rinald von Ehren keine missen.
91.
Er sieht, als das Visier emporgeschoben,
Den Helden, ihm von früher schon bekannt;
Und streckt die Hand zum Himmel, Gott zu loben,
Der solchen Schutz in Not ihm hat gesandt.
Der andre Ritter, der den Arm erhoben,
Als Unglück auf Ginevra sich gewandt,
Und unbekannt eintrat für sie zum Streite,
Sieht alles dies, doch steht er still beiseite.
[103] 92.
Der König bittet ihn, sich kund zu geben
Oder auch nur im offnen Helm zu stehn,
Weil er und alle hier des Wunsches leben,
Sein' edle Absicht recht belohnt zu sehn.
So muß er denn den Helm vom Haupte heben
Nach langem Bitten, und – was sonst geschehn,
Das möcht' ich für den nächsten Sang verschieben,
Will weiter zuzuhören Euch belieben.

[104] Sechster Gesang

1.
Dem Frevler wehe, der da meint, es werde
Die Missetat bedeckt für alle Zeit!
Wenn alles schweigt, so spricht die Luft; die Erde,
Wo sie verscharrt ist, in die Weite schreit.
Verschiebt auch Gott dem Sünder die Beschwerde,
Er lenkt die Schuld, der er die Kraft verleiht,
Daß sie den Täter muß von selber zwingen,
Den Frevel unversehns ans Licht zu bringen.
2.
Der Unglücksel'ge war im Wahn befangen,
Die Untat sei begraben ganz und gar,
Und dachte fortzuleben ohne Bangen:
Nur in Dalinda sah er die Gefahr.
Dem ersten Frevel weitre so entsprangen;
Beschleunigt ward, was noch gekommen war.
Vielleicht aufschieben könnt' er's und vermeiden
Und fügt nun selbst, daß er den Tod muß leiden.
3.
Freund', Güter, Leben werden ihm genommen,
Dazu die Ehre – Schlimmres gibt es nicht. –
Als man den Fremden bat (Ihr habt's vernommen),
Daß er das Antlitz biete frei dem Licht,
Hebt er den Helm, und sieh: zum Vorschein kommen
Bekannte Züge, ein geliebt' Gesicht:
Arïodant ist's, den im Grab man meinte,
Der Edle, den das ganze Land beweinte.
[105] 4.
Arïodant, um den Ginevra klagte
Und König, Hof und Volk in Trauer stand,
Der als ein Turm der Rittertugend ragte
Und teuer war rings allem Schottenland.
So war es falsch, was jener Bauer sagte?
Noch hielt den Edlen nicht des Todes Hand?
Nein, Wahrheit sprach er; denn den Hochgemuten
Sah er vom Fels sich stürzen in die Fluten.
5.
Doch wie es geht: man ruft den Tod vom weiten,
Willkommen scheint er uns in hohem Maß;
Sieht man ihn aber wirklich näherschreiten,
So hat man bald genug von solchem Spaß.
Als um ihn Wasser floß von allen Seiten,
Da sehnt der Ritter sich nach fester Straß'.
Und kühn, geschickt, entreißt er sich dem Bade
Und schwimmt voll Kraft zurück nach dem Gestade.
6.
Er schilt sich töricht jetzt und schier von Sinnen,
Zu scheiden aus dem Dasein freundlich hell;
Durchweicht und triefend macht er sich von hinnen
Und kommt gemach zu einer Klausnerzell'.
Er denkt, in aller Stille nun hierinnen
Zu weilen, bis man hör' an dieser Stell',
Ob sich Ginevra des Geschehnen freue,
Ob sie vielleicht Betrübnis zeig' und Reue.
7.
Zunächst vernimmt er, daß sie, schmerzzerrissen,
Dem Tode nahe sei, gebeugt vom Gram
(Davon zu reden, war man so beflissen,
Daß kaum die Red' im Land auf andres kam):
Es stimmt zu allem, das er glaubt zu wissen
– Ach, ihm zum Jammer! –, freilich wundersam.
Dann hört er, daß Lurcan, so wie man sagte,
Ginevra bei dem Vater selbst verklagte.
[106] 8.
Zorn auf den Bruder regt sich, ein so grimmer,
Wie er für sie vor Liebe will vergehn,
Denn nichts erscheint ihm grausamer und schlimmer,
Wiewohl er weiß, es ist für ihn geschehn.
Darauf erfährt er, daß die Schranken nimmer
Den Kämpen für Ginevra werden sehn
(Lurcanios Taten waren unvergessen,
Daß jeder Scheu trug, sich mit ihm zu messen).
9.
Als klug ihn und besonnen zu erheben,
Hat keiner, der ihn kannte, noch verfehlt:
Derart gefährden würd' er nicht sein Leben,
Wenn unwahr wäre, was der Held erzählt!
Drum die Verteid'gung lieber aufzugeben,
Hat als das Klügste jedermann erwählt.
Arïodant nach langem Überlegen
Beschließt, er stellt dem Bruder sich entgegen.
10.
»Vor meinem Ende jene sehen sterben«,
Sprach er bei sich, »es würde schrecklich sein;
Erlitte sie um mich den Tod, den herben,
Das machte meinen Tod zu bittrer Pein.
Um andre Herrin könnt' ich nimmer werben:
Sie bleibt mir Göttin, meiner Jugend Schein.
Mit Recht und Unrecht muß ich, sie zu retten,
Im Kampf für sie mich zu den Toten betten.
11.
Mit Unrecht, gut! – So muß ich dem willfahren.
Ich sterbe – wohl! Doch eins schafft bittre Not:
Ich schütze sie dadurch nicht vor Gefahren;
Erst recht vielmehr bringt der Verlauf ihr Tod.
Den einen Trost mag ich im Sterben wahren:
Daß Polineß, der ihr doch Liebe bot,
Nicht im geringsten – deutlich muß sie's sehen –
Den Fuß nur regt, der Holden beizustehen.
[107] 12.
Ich aber, dem das Herz sie wollte brechen,
Mich sieht sie sterben, auf ihr Heil bedacht!
Am Bruder werd' ich dann zugleich mich rächen,
Der diesen Brand hat grausam angefacht:
In seinem Herzen wird die Reue sprechen,
Sieht er zu solchem Ziel sein Tun gebracht,
Daß er dem Bruder, den er rächen wollte,
Mit eigner Hand Verderben bringen sollte.«
13.
Als die Gedanken zum Entschlusse reifen,
Ein' andre Rüstung und ein Pferd er fand,
Ein schwarz Gewand auch; schwarzen Schild mit Streifen
Grüngelber Farbe nahm er drauf zur Hand.
Und einen fremden Knappen sah er schweifen;
Den nahm er, weil ihn niemand kannt' im Land.
So stellte sich – wo keiner ihn erkannte –
Dem Bruder dann zum Kampf Arïodante.
14.
Wie's weiter ging, habt Ihr bereits erfahren,
Und was nach der Erkennung noch geschah:
Der lieben Tochter Rettung aus Gefahren
Den König nicht in größerm Jubel sah.
Sie finde, meint er, nie so treuen, wahren,
So edeln Ehgemahl wie diesen da:
Die, wie er wähnt, ihn tödlich hat beleidigt,
Gegen den Bruder hat er sie verteidigt!
15.
Und wie der Held ihm selber hat gefallen
Und weil's dem ganzen Hofe gut erschien,
Und weil Rinald es wollte so, vor allen
Als Eidam grüßt er ihn mit froher Mien'.
Ein Herzogtum, Albanien, heimgefallen
Von Polineß, kam grade recht für ihn,
Fiel ihm anheim zur besten Zeit im Leben:
Er konnt' es seinem Kind zur Mitgift geben.
[108] 16.
Dalinda – durch Rinald – erhielt Verzeihen;
Frei ging sie aus, die große Sünderin.
Der Welt entsagen, künftig Gott sich weihen
Und Frieden finden, darauf stand ihr Sinn.
Sie schied aus Schottland: in der Nonnen Reihen
Zu büßen ging sie, weit nach Dazien hin. –
Nun ist es Zeit, nach Roger auszuschauen,
Der auf dem Flügeltier hinfährt im Blauen.
17.
Man sieht ihn oben keineswegs erblassen:
Er ist ein kühner Held – allein ich glaub',
Es mag doch größrer Schauer ihn erfassen,
Als man bemerken kann am Espenlaub.
Europa hat er hinter sich gelassen
Und macht sich immer weiter aus dem Staub.
Das Zeichen ist weit unter ihm geblieben,
Das Herkules hat Schiffern vorgeschrieben.
18.
Der Hippogryph, ein Vogel nur zum Teile,
Führt ihn dahin auf Flügeln alsoschnell:
Des Blitzes Träger käm' erst eine Weile
Nach ihm, vermein' ich, an dieselbe Stell'.
Es gibt kein Tier, das fliegend ihn ereile
Oder an Schnelligkeit sich ihm gesell'.
Auch Pfeile, glaub' ich, – selbst die Blitze dringen
Vom Himmel kaum herab mit raschern Schwingen.
19.
Nachdem der Vogel weiten Raum durchflogen
(Im Zickzack nie, gradaus ohn' Unterlaß),
Senkt er sich leis, von Luft nun vollgesogen,
Im Kreise auf ein Inselland wie das,
Wo Arethusa vor dem Gott der Wogen,
Den sie, gar spröd, geplagt in ihrem Haß,
Nach unterseeisch dunklem Weg voll Schrecken
Vergebens lange sann sich zu verstecken.
[109] 20.
Er schaut, was Liebliches die Welt kann schenken
– Nichts Ähnliches hat noch sein Flug gesehn –;
Sollt' er die Erde zu durchsuchen denken,
Doch würde unerreicht das Eiland stehn,
Zu dem des Vogels Schwingen jetzt sich senken;
Bedächtig läßt er sie im Kreise drehn –.
Bebautes Land, der Hügel sanft Gefälle,
Wiesen und schatt'ger Strand und Bächlein helle:
21.
Sieh dort des sanften Lorbeers Büsche prangen!
Und Myrten hold und Palmen rings im Hag!
Zitronen und Orangen golden hangen
Und Frucht und Blüten, was es geben mag;
Der Blätter Dächer bieten Schutz: sie fangen
Den Sonnenstrahl am heißen Sommertag,
Und im Gezweige hüpfend läßt erschallen
Sein schmelzend Lied ein Chor von Nachtigallen.
22.
Rotröselein und Lilie weiß der Heiden,
Frisch in den Lüften schmeichelnden und laun,
Sehn Hasen und Kaninchen sicher weiden
Und Hirsche stolz und ernst auf grünen Aun,
Die sonder Furcht, Verfolgung zu erleiden,
Die Gräser rupfen oder wiederkaun.
Damwild und Böcke fliegen hin in Sätzen;
Gar zahlreich sind sie dort an stillen Plätzen.
23.
Als sich der Erde nahn des Tieres Schwingen,
Daß man wohl einen Sprung darf wagen hier,
Alsbald vom Sattel muß sich Roger schwingen –
Weich fiel er in ein blumiges Revier.
Die Zügel fest noch in der Hand ihm hingen,
Daß nicht das Roß sich in die Luft verlier'.
An eine Myrte fesselt er's durch Bande
Grad zwischen Ficht' und Lorbeerbaum am Strande.
[110] 24.
Dann legt er, wo sich nah um eine Quelle
Zitronenbäum' und hohe Palmen reihn,
Handschuh und Schild an eine grüne Stelle,
Vom Helm darauf die Stirne zu befrein:
Er blickt zum Berg, auf Wogen, blaue, helle,
Und Kühlung frische Lüfte ihm verleihn,
Die um die mächt'gen Wipfel raunend weben
Und Tann' und Buche lassen wohlig beben.
25.
Nunmehr in klaren, frischen Fluten kühlt er
Die trocknen Lippen, und im Händebad
Aus seinen Adern fort die Gluten spült er,
Die ihm der Harnisch brachte nachgerad.
Kein Wunder, diesen ganz empfindlich fühlt er:
Was er vollbracht, war keine Promenad'!
In ganzer Rüstung, ohne je zu weilen,
Hat er zurückgelegt dreitausend Meilen.
26.
Da sieh, der Renner, den er dort gelassen,
Wo dichtes Blattwerk frischen Schatten bringt,
Bäumt auf, zu fliehn, als woll' ihn Schrecken fassen
Durch etwas, das aus jenen Büschen dringt;
Zerrt an der Myrte, beugt sie übermaßen,
Daß er mit Zweigen sich den Fuß umschlingt;
Die Blätter fallen und die Äste krachen;
Doch nicht gelingt es ihm, sich frei zu machen.
27.
Wie in dem Klotze, hohl und marklos innen,
Den man ans Feuer brachte auf dem Herd,
Nachdem die Luft, die dumpfe, die ihn drinnen
Erfüllte, ward durch Hitze aufgezehrt,
Ein Sieden und Rumoren mag beginnen,
Bis schließlich sich die Wut nach außen kehrt,
So zischt und murrt, als ob sie Zorn empfinde,
Die Myrte: sieh, da öffnet sich die Rinde,
[111] 28.
Und eine Stimme klingt in flehnden Klagen,
Und deutlich fügt es sich zu Worten gar:
»Bist du so gut und edel«, hört man's sagen,
»Wie es die schönen Züge stellen dar,
Wolle dies Tier von meinem Baume jagen!
Was schon mich peinigt, das genügt fürwahr!
Nicht weitre Schmerzen, traun, braucht man zu wählen,
Um auch von außenher mich noch zu quälen.«
29.
Beim ersten Ton sprang Roger auf und wandte
Sich nach der Richtung, wo er das vernahm;
Versteinert blieb er stehn, als er erkannte,
Wie aus dem Baum heraus die Stimme kam.
Nachdem er rasch von dort das Pferd entspannte
(Die Wangen fingen an zu glühn vor Scham),
Sprach er: »Wer du auch sein magst, was ich fehle,
Verzeih, Waldgöttin oder Menschenseele!
30.
Daß hier ein Geist sich barg, nicht konnt' ich's denken,
Als ich das schöne Laubhaar dir verwirrt,
Und daß in knorr'ger Rind' er sei zu kränken;
So schuf ich Unheil der lebend'gen Myrt'.
Der Bitte wolle nun Erfüllung schenken:
Sprich, wer hat sich in strupp'gen Leib verirrt,
Daß er, mit Stimm' und Seele, lebend leide? –,
So wahr des Himmels Hagel dich vermeide!
31.
Und fügt es sich, daß ich für mein Vergehen
Ersatz dir leisten kann zu einer Zeit,
So soll es – heilig schwör' ich's dir – geschehen;
Bei jener, der mein beßres Teil geweiht,
Mit Worten und mit Taten, sollst du sehen,
Erring' ich dann von dir Zufriedenheit.« –
Als so der Ritter hat geendet eben,
Sieht man den Baum vom Fuß zum Wipfel beben.
[112] 32.
Die Rinde schwitzt, wie Holz aus Waldgehegen,
Das frisch geschlagen ward in seinem Saft,
Der Feuerglut setzt Widerstand entgegen
Und sich vergebens wehrt mit aller Kraft.
Es klingt darauf: »Du zwingst mich darzulegen
Und zu entdecken, wer ich vor der Haft,
Gewesen bin und wer mich hier zum Baume
Verwandelt hat am schönen Meeressaume.
33.
Ich hieß Astolf, war Paladin, mich kannte
Frankreich als wohlbewährt im Kriegesspiel.
Rinald und Roland waren mir Verwandte,
Sie, deren Ruhm nicht Ende hat noch Ziel.
England, das mich des Reiches Erben nannte,
War mein, wenn Otto dem Geschick verfiel.
Schön war ich auch, stand bei den Fraun in Gnaden
Und schuf doch schließlich mir allein den Schaden.
34.
Heim kehrt' ich von den fernen Inselstranden,
An die von Ost die Meerflut Indiens floß.
Rinald und ich mit andern, wir befanden
Uns in dem Kerkerraum, der uns umschloß.
Da brachte Rettung aus den schnöden Banden
Mit seiner Riesenkraft der Milonsproß,
Worauf wir westwärts längs der Küste fuhren,
Die oft des Nordwinds Wüten schon erfuhren.
35.
Das Schicksal will, daß wir auf unsern Wegen,
Als wir uns in der Früh' am Strand ergehn,
Ein Schloß, hübsch nach dem Meere zu gelegen
– Der Hex' Alcina war's gehörig –, sehn.
Wir finden sie, – nicht in den Burggehegen,
Nein, einsam am Gestad' des Meeres stehn,
Und ohne Netz und ohne Angel brachte
Sie Fisch' ans Land, so viel ihr Freude machte.
[113] 36.
Da huschen flinke Haufen von Delphinen;
Mit offnem Maule kommt der dicke Thun,
Walroß und Robben mit den greisen Mienen,
Emporgeschreckt aus ihrem faulen Ruh'n:
Lachs, Barbe, Butt und Meeraal, und zu ihnen
Die größten aus der Herde des Neptun,
Wal, Pottfisch, Butzkopf, Narwal sich gesellen;
Die Riesenrücken ragen aus den Wellen.
37.
Da ist ein Wal, der mächtigste von allen,
Die je gesehen wurden in dem Meer;
Fettlagen dick um seinen Hals sich ballen,
Die Schulter ragt elf Schritt empor und mehr;
So daß wir insgesamt dem Wahn verfallen,
Wir kommen hier zu einem Eiland her:
Es stand; man sah's sich rühren nicht noch wenden;
Groß war der Zwischenraum der beiden Enden.
38.
Die Fische lassen ihre nassen Bahnen,
Sobald die Hex' ein Wort, ein Sprüchlein sagt.
Sie kam zur Welt als Schwester von Morganen,
Ob früher, später – hab' ich nicht erfragt.
Alcina sah mich an – schon mocht' ich ahnen
(Nach ihrem Antlitz), ich hab' ihr behagt;
Mich schlau hinwegzulocken, zu berücken,
Sann sie mit List; zu gut nur sollt' es glücken.
39.
Sie trat heran mit Anstand edler Sitten,
Anmutig, höflich und mit heitrem Wort;
Sie sprach: ›Ihr werten Herrn, darf ich euch bitten:
Nehmt Herberg' heut bei mir an diesem Ort!
Ich zeig' euch, was die Jagd aus Meeres Mitten
Mir brachte, schöne Fische jeder Sort';
An schupp'gen, weichen, rauhen ein Gewimmel
Und mehr, als oben Sterne sind am Himmel!‹
[114] 40.
Eine Sirene drauf uns anzusehen,
Die Stürme stillt mit süßen Melodie'n,
Zum anderen Ufer wir hinübergehen,
Wo sie zu dieser Stunde stets erschien,
Als wir mit einemmal vorm Walfisch stehen,
Der, wie gesagt, ein kleines Eiland schien.
Fürwitzig stets – wie sollt' ich es beklagen! –
Mußt' ich hinüber auf den Fisch mich wagen.
41.
Und ob Rinald mir Warnerzeichen machte,
Dudo desgleichen, half es mir nicht mehr;
Alcina ließ – hei, wie die Hexe lachte! –
Die andern, sprang geschwinde zu mir her.
Gleich regte sich der auf sein Amt bedachte
Walfisch und schwamm hinaus ins salz'ge Meer.
Jetzt reuten mich wohl meiner Torheit Bande,
Doch allzuweit schon waren wir vom Strande.
42.
Rinald war, mich zu retten, nachgeschwommen
Und hätte selbst sich fast den Tod gebracht,
Denn wütend war ein Sturm heraufgekommen,
Der Meer und Himmel hüllte tief in Nacht.
Was aus ihm ward, ich hab' es nicht vernommen.
Alcina war auf meinen Trost bedacht.
Mitten im Meer, ans Ungetüm gebunden,
Hielt sie mich Tag und Nacht, viel bange Stunden,
43.
Bis wir zuletzt hier an das Ufer steigen;
Der Zaubrerin gehört zumeist das Land,
Das einer Schwester war vom Vater eigen,
(Eh sie es nahm mit räuberischer Hand),
Weil die als echtes Kind sich konnte zeigen,
Derweil (ich hab's von einem, dem bekannt
Die weitren Einzelheiten allzusammen)
Die beiden andern vom Inzeste stammen.
[115] 44.
Und wie in Schand' und Sünden diese leben
Und voll sind jedes Lasters auf der Welt,
Hat jene Maid, der Keuschheit hingegeben,
Auf hohe Tugend ihren Sinn gestellt.
Doch als die zwei sich gegen sie erheben
Und Heer auf Heer entsandten in das Feld,
Sind mehr als hundert Schlösser ihr entrissen;
Sie zu verjagen, sind sie jetzt beflissen.
45.
Und jene, die sie Logistilla nennen,
Besäße kaum mehr einen Fuß breit Land,
Wär' hier nicht ein Gebirg', das wen'ge kennen,
Und dort ein Meeresgolf die Scheidewand,
So wie das Schottenreich von England trennen
Die Bergeshöhen und der Meeresstrand.
Doch auch das Wenige, das ihr geblieben,
Zu rauben, ist das Ziel von jenen Dieben.
46.
Weil lasterhaft das Paar ist, muß es hassen
Sie, die voll Züchten stets und heilig war.
Doch will ich diesen Gegenstand nun lassen;
Wie ich zur Pflanze wurde, werde klar.
Alcine ließ mich schwelgen übermaßen
Und stand in Liebesfeuer ganz und gar.
Sie selber, schön und artig anzusehen,
Ließ bald auch mich für sie in Flammen stehen.
47.
Sie gönnet mir der zarten Glieder Wonnen;
Ich bin es, der in vollem Zug genießt,
Was Menschenkindern beut der Glückesbronnen,
Der stets nur spärlich, niemals reichlich fließt.
Frankreich und alles sonst ist wie zerronnen;
Ich hang' am Antlitz, das mein Heil umschließt.
Sie ist das Ziel – dort endigt Tun und Trachten –,
Der Grenzstein, den ich nimmer kann mißachten.
[116] 48.
Und so geliebt ward ich von ihrer Seite;
Sie kümmert nimmer sich um andre mehr:
Die sonst'gen Buhlen schickt sie in die Weite
(Denn früher waren freilich andre mehr).
Mich als Berater will sie stets zur Seite,
Mich als Gebieter ob der andren Heer,
Mir glaubte sie, ich war ihr der Vertraute,
So daß sie nie nach einem andern schaute.
49.
Warum, ach, rühr' ich an die alten Wunden,
Wo keine Hoffnung für den Schmerz bereit?
Der Lust gedenkend, die dahingeschwunden,
Derweil ich dulde hier unsäglich Leid?
Ich wähnte schon das Glück an mich gebunden
Und ihre Liebe größer allezeit,
Als sich ihr Herz auf einmal von mir wandte
Und neu in Glut für einen andren brannte.
50.
Gleichzeitig – spät erkannt' ich's – war das Lieben
Und Nimmerlieben ihrem Flattersinn:
Als ich zwei Monde war im Land geblieben,
Schloß einen neuen Bund die Buhlerin.
Mich hat sie schmählich von sich fortgetrieben;
All ihre Gunst und Huld war nun dahin.
Behandelt hatte sie mit gleichem Spiele,
Hört' ich, ohn' Anlaß, schon der Buhlen viele.
51.
Zögen die Abgesetzten nun von dannen,
So hörte ja die Welt den argen Brauch,
Drum werden sie verwandelt hier in Tannen,
Ölbäume oder Palmen, Zedern auch,
Und wieder andre läßt sie grausam bannen,
Wie mich du siehst, in grünen Myrtenstrauch,
In Quellen andre oder wilde Tiere,
Wie's grad der Zaubrin paßt, im Waldreviere.
[117] 52.
Du aber, der auf ungewohnten Wegen,
Herr, in dies Unglückseiland dringst herein,
Daß irgendein Galan um deinetwegen
Verwandelt werd' in Wasser oder Stein,
Nimm Reich und Zepter eine Weil' entgegen,
Um mehr als alle Menschen froh zu sein;
Allein auch du trittst dann auf alle Fälle
In Holz, in Fels, in Tier ein oder Quelle.
53.
Ich habe gerne dir Bescheid gegeben,
Wenn's auch nicht grad von Nutzen für dich ist;
Gut ist es stets, gewarnt voranzustreben:
Denk, daß du nun des Brauches kundig bist.
Wenn das Gesicht verschieden ist im Leben,
Mag auch Verstand verschieden sein und List:
Dem Schaden, den die andern nicht vermieden,
Vielleicht ist ihm zu trotzen dir beschieden.«
54.
Roger, dem Astolf, seiner Dame Vetter,
Schon längst bekannt vom Hörensagen war,
Betrübte sich, als er in Holz und Blätter
Ein Antlitz sah verwandelt ganz und gar.
Und Bradamant zuliebe gerne hätt' er
(Wär' ihm dabei das Wie nur offenbar!)
Ihm Beistand hier geleistet; doch zur Stunde
Konnt' er nichts tun als trösten mit dem Munde.
55.
Er tat's nach Kräften, um sodann zu fragen,
Ob nicht ein Weg – durch Tal, durch Berge – sei
Zum Reiche Logistillas einzuschlagen,
Am Lande der Alcina hübsch vorbei.
Wohl gäb' es den, hört' er die Myrte sagen,
Doch nur durch eine stein'ge Wüstenei;
Ein wenig rechtshin mög' er sich bewegen,
Aufwärts, dem Alpengipfel dann entgegen.
[118] 56.
Doch leicht geschäh' es, daß Gefahr ihm drohte,
Zög' er auf diesem einen Wege fort;
Denn wilde Menschen, rechte Schlagetote,
Und eine böse Sippschaft hausen dort.
Sie stehn der Fee statt Mauern zu Gebote,
Wenn einer fliehen wolle von dem Ort.
Roger hat seinen Dank dem Baum entrichtet
Und scheidet dann, belehrt und unterrichtet.
57.
Er geht zum Pferd, löst es und nimmt die Zügel,
Geht selbst zu Fuß, das Roß trabt hinten sacht.
Denn nicht wie früher steigt er in die Bügel:
Leicht hätt' es ihn zu anderm Ort gebracht.
Auf sichren Wegen über Tal und Hügel
Dem Reiche dort zu nahn ist er bedacht.
Und fest vor Augen hat er eins vor allen:
Nicht in die Macht der Zaubrerin zu fallen.
58.
Er dachte freilich sich aufs Roß zu schwingen
Zu neuem Ritte durch das Luftrevier,
Doch könnte dies ihm größres Übel bringen,
Denn allzu störrisch war das Flügeltier.
»So werd' ich mit Gewalt das Ding erzwingen«,
Sprach er bei sich – doch anders kam es hier.
Zwei Meilen weit kaum ging er an der Küste,
Als ihn die schöne Stadt Alcinens grüßte.
59.
Fern sieht er eine lange Mauer scheinen,
Die in der Runde vieles Land umspannt;
Sie will an Höh' dem Himmel sich vereinen
Und ist aus Gold von unten bis zum Rand.
Wenn jemand, andrer Ansicht als der meinen,
Es Messing nennt – ob minder sein Verstand,
Ob mehr als mir ihm die Minerva hold ist –,
Weil es so glänzt, behaupt' ich, daß es Gold ist.
[119] 60.
Als Roger näherkommt der großen Mauer,
Der in der Welt der erste Platz gebührt,
Läßt er den breiten Weg, der in genauer
Gerader Richtung zu den Toren führt;
Rechts strebt der sichre Pfad empor an rauher
Felswand: er ist es, den der Held erkürt.
Bald aber tauchen auf die Waldgesellen,
Die sich mit Wüten in den Weg ihm stellen.
61.
Nie sah man noch so wunderliche Fratzen,
Bildungen seltsam, scheußlich und verzwickt:
Köpfe von Affen hier und dort von Katzen,
Abwärts vom Hals man Menschenleib erblickt.
Bocksfüße stampfen hier, dort Bärentatzen,
Kentauren gibt es, hurtig und geschickt,
Und Burschen frech und stumpfe alte Leute,
Die nackt, die greulich eingehüllt in Häute.
62.
Der reitet, zügellos, gleich Blitzesstrahle,
Langsam auf Ochs und Esel dort ein Paar;
Der springt auf den Kentaur mit einem Male,
Und viele reiten Kranich, Strauß und Aar;
Der setzt ein Horn ans Maul, der eine Schale,
Hier ist ein Mann, hier Frau, hier beides gar.
Der trägt den Haken, der die Leiterseile,
Stemmeisen jener, der die stille Feile.
63.
Dickbackig kam ihr Hauptmann angeritten,
Dem war als Zier ein fetter Wanst geschenkt;
Er saß auf einer Schildkröt' in der Mitten,
Die gar bedächtig ihre Schritte lenkt'.
Zwei, rechts und links, um ihn zu halten, schritten:
Er war berauscht und trug den Kopf gesenkt;
Einer hat Stirn und Kinn ihm abzuwischen,
Einer muß fächeln, um ihn zu erfrischen.
[120] 64.
Ein Ungetüm mit Menschenfuß und -leibe,
Doch Hundehals und -ohr und -schädelstück,
Bellt gegen Roger an und meint, es treibe
Ihn zu der schönen Zauberstadt zurück.
Da ruft der Ritter: »Nimmermehr, ich bleibe,
Solange dies noch mein zum guten Glück!«
Und zeigt sein gutes Schwert und droht dem Wichte,
Die Spitze scharf vor dessen Angesichte.
65.
Nun eilt der Unhold, seinen Speer zu schwingen,
Doch plötzlich stürzt der Ritter auf ihn los,
Und in den Wanst läßt er das Eisen dringen,
Heraus zum Rücken ragt es händegroß.
Den Schild am Arm will Roger vorwärts springen –
Ja, hätt' er Raum sich zu bewegen bloß!
Der sticht ihn vorn, der fällt ihm in den Rücken –
Er wehrt sich wild, schlägt alles rings in Stücken.
66.
Durchschnitten bis zum Maul muß der erkalten,
Zerhaun liegt jener bis aufs Brustgebein,
Denn alles mag die gute Klinge spalten,
Helm, Schild und Panzer haut sie kurz und klein.
Doch wird der Held so eingeengt gehalten,
Daß, fortzuscheuchen all der Feinde Reihn
Und Raum zu schaffen im verruchten Schwarme,
Mehr nötig wären als Briareus' Arme.
67.
Ja, wenn des Schilds er jetzt gedenken wollte,
Des herrlichen vom alten Nekromant!
Der Blendung gab, wenn man das Tuch entrollte,
Und den am Sattel ließ des Atlas Hand!
Wie rasch er das Gesindel zwingen sollte!
Blind würden alle stürzen miteinand!
Vielleicht war grade dies ihm widerwärtig:
Kraft bringe, nicht Betrug, die Siegtat fertig!
[121] 68.
Sei's, wie es sei, er hat sich Tod geschworen,
Müßt' er so niedren Volks Gefangner sein –
Doch sieh, da kommen aus der Mauer Toren
(Hell leuchtend, wie gesagt, in Goldes Schein)
Zwei Mägdlein hold, voll Anstand auserkoren,
Auch nach der Kleidung hochgestellt und fein;
Erwachsen nicht in dürft'ger Hirtenklause,
Nein, wonniglich in stolzem Königshause.
69.
Auf einem Einhorn weiß wie Hermeline
Gelagert beide, zogen sie heran,
So reich geschmückt und von so holder Miene,
Fremdartig hoheitsvoll, daß einem Mann
Es Aufgab' eines Götterauges schiene,
Zu sagen, welche hier den Preis gewann.
Wenn Reiz und Schönheit jemals leibhaft walten
Und Anmut, wär's in diesen Huldgestalten.
70.
Wie beide zu der Wiese nun gelangen,
Wo Roger im Gedräng des Haufens stand
(Der Schwarm war rasch auf und davon gegangen),
Da boten sie dem Ritter fein die Hand.
Ihm färbten rosenrot sich jetzt die Wangen,
Als für die Huld er Dankesworte fand.
Dann, ihnen einen Wunsch nicht zu verwehren,
Willigt er ein, zum Tor zurückzukehren.
71.
Zum Schmuck des Architraves sich vereinen
– Überm Portal ragt er ein wenig vor –
Endlose Zahl von seltnen Edelsteinen,
Wie nur das Morgenland sie bringt hervor.
Aus eitel Demant dicke Säulen scheinen,
Die an vier Seiten tragen dieses Tor.
Ob das nun unecht oder ob es echt ist,
Für höchste Augenlust es just so recht ist.
[122] 72.
Über die Schwelle hin und Säulenhallen
Gehn üpp'ge Mädchen scherzend aus und ein;
Wollt' ihnen Züchtigkeit nur mehr gefallen,
So könnten sie vielleicht noch schöner sein.
Grünfarbne Kleider sieht man schier an allen,
Die Häupter tragen frische Kränzelein.
Entgegenkommend, nett in jeder Weise,
Führen sie Roger nach dem Paradeise.
73.
Denn also kann man wohl den Ort begrüßen,
Wo Amor, mein' ich, seine Heimat hat;
Und Tanz und Spiel der Stunden Flucht versüßen,
Der frohen Feste wird man niemals satt.
Grauhaar'ge Weisheit und der Wunsch zu büßen –
Die haben in den Herzen keine Statt.
Nicht Mangel naht hier mit den leeren Händen,
Nur Überfluß will stets sein Füllhorn spenden.
74.
Hier, mit der Stirne heiter stets und helle,
Für ewig, scheint's, lacht lieblicher April,
Sind Jünglinge und Frauen; nah der Quelle
Süßinnig der sein Liedchen singen will;
Der unterm Baum, am Berg, an schatt'ger Stelle
Spielt oder tanzt, vergnügt wohl auch sich still;
Und der, den andern fern, vertraut dem Herzen
Des Freundes seines Liebesleides Schmerzen.
75.
Wo Buchen hoch und Pinienwipfel wiegen,
Und bei dem Lorbeer strupp'ge Tannen stehn,
Hold tändelnd junge Liebesgötter fliegen:
Der hat ein Herz für seinen Pfeil ersehn,
Und jener triumphiert nach schnellen Siegen;
Der zielt, und diesen sieht man Schlingen drehn;
Im Bach Geschosse härtet jener Kleine,
Und der da spitzt sie zu auf glattem Steine.
[123] 76.
Man führt für Roger einen feurig flinken,
Gewalt'gen Hengst – ein Brauner ist's – herbei;
An dem Geschirre Prachtjuwelen blinken
Und pures Gold in schöner Stickerei.
Und einen Knaben holen sie durch Winken,
Daß er des Flügeltieres Hüter sei;
Hinter dem Helden, mit geringrer Eile,
Am Zaum gehalten, trabt es alleweile.
77.
Die beiden Holden, die entweichen machten
Den wilden Haufen dort am Bergesrand
Und Ungetüme, die den Weg bewachten,
Der rechts hin weiterführte durch das Land,
Sie sprachen: »Edler Ritter, die vollbrachten
Großtaten deines Arms sind uns bekannt;
Drum bringen wir die Bitte dir entgegen,
Auch uns jetzt beizustehn mit deinem Degen.
78.
In zwei getrennte Teile, wirst du sehen,
Scheidet die Ebne hier ein sumpf'ger Spalt;
Dort pflegt das Weib Eriphyle zu stehen
Und sperrt da stets mit Tücke und Gewalt
Die Brücke allen, die hinübergehen;
Und eine Riesin ist sie von Gestalt,
Mit langen Zähnen, gift'gem Biß und Tatzen,
Scharfen, die ganz wie Bärenklauen kratzen.
79.
Und dieses nicht allein muß uns empören,
Daß sie gesperrt die freie Straße hält;
Auch in den Garten läuft sie, zu zerstören
Bald dies, bald das, was in die Hand ihr fällt.
Und denk, als Kinder viele ihr gehören
Vom Schwarm, der dir sich in den Weg gestellt.
Ihr folgen alle, sind gleich ihr abscheulich,
Ungastlich, räuberisch, kurzum ganz greulich.«
[124] 80.
Sprach Roger: »Nicht, daß eine Schlacht ich schlage,
Nein, hundert möchte ich für euch bestehn.
Ich und was Gutes nur man von mir sage,
Soll, wie ihr wollt, euch ganz zu Diensten stehn;
Wenn ich als Ritter Schien' und Harnisch trage,
Will ich nicht Geld und Gut errungen sehn,
Nein, lediglich den andern Beistand leisten
Und schönen Frauen so wie euch am meisten.«
81.
Wie sich's geziemt genüber hohem Degen,
Ward jetzt anmut'ger Dank ihm ausgedrückt;
So plaudernd gingen sie dem Ort entgegen:
Sie fanden dort die Ufer überbrückt.
Schon sahen sie das Mannweib sich bewegen
In goldner Rüstung, edelsteingeschmückt.
Ob Roger hat mit dieser angebunden,
Das wird im nächsten Sange vorgefunden.

[125] Siebenter Gesang

1.
Wer weit von Hause geht, begegnet Dingen
Verschieden vom Gewohnten ganz und gar,
Und Glauben findet er daheim geringen;
Ein Lügner heißt er, aller Wahrheit bar.
Denn weiter kann's das dumme Volk nicht bringen,
Sieht es nicht selber alles klipp und klar.
Unwissenheit wird jetzt, besorg' ich bange,
Auch wenig Glauben schenken meinem Sange.
2.
Ob sie mir Glauben schenken oder keinen,
Mir gilt der dummen Leute Meinung gleich;
Euch, weiß ich, Herr, wird's Lüge nicht erscheinen,
Ihr seid an Weisheit und Verständnis reich.
All meine Kraft will ich dahin vereinen,
Daß Euch gefalle meines Schaffens Reich.
Zur Brücke nun, wohin ich grad Euch brachte,
An der Eriphyle voll Grimme wachte.
3.
Zu feinen Panzers Schmuck hat sie genommen
Buntfarbig glänzend herrliches Gestein:
Smaragden grün, und rot Rubinen glommen,
Dann wieder Chrysolith mit gelbem Schein.
Sie war beritten – nicht zu Pferd – gekommen:
Statt dessen muß ein Wolf ihr Schlachtroß sein,
Ein Wolf ihr Schlachtroß an des Wassers Rande,
Mit Sattelzeug, wie's keiner kennt im Lande.
[126] 4.
So großen gibt's nicht in Apuliens Auen,
Hoch wie ein Stier, die Knochen stark und fest;
Kein Zügel, dran des Rachens Zähne kauen;
Weiß selber nicht, wie er sich lenken läßt.
Ein Kleid von sand'ger Farbe ist zu schauen
Über dem Harnisch dieser Höllenpest,
Dem ähnlich, von der Farbe abgesehen,
Darin Prälaten jetzt zu Hofe gehen.
5.
Auf ihrem Helm sitzt, ebenso im Schilde,
'ne Kröte, die sich giftgeschwollen bläht.
Die Damen zeigen ihrem Held die Wilde,
Die drüben, kampfgerüstet, schilt und schmäht
Und höhnend sperrt den Eingang ins Gefilde,
Wie sie's zu tun gewohnt ist früh und spät.
Zurückzuweichen schreiend jetzt gebeut sie;
Jung Roger nimmt den Speer auf und bedräut sie.
6.
Ihm sprengt die Riesin kühn und rasch entgegen;
Spornend den Wolf, sitzt sie im Sattel schwer;
Er sieht sie halben Laufs die Lanze legen –
Bei ihrem Nahn erdröhnt der Grund umher.
Doch nicht vom Feld soll sie sich fortbewegen,
Denn unterm Helm trifft sie des Ritters Speer
So wuchtig, daß die ungeheuren Glieder
Sechs Ellen weit nach hinten fallen nieder.
7.
Den Kopf, den trotzigen, ihr abzuschlagen,
Hat nun der Held bereits das Schwert gezückt
(Vollbringen konnt' er's, ohne was zu wagen;
Im Gras ja lag sie, schon der Welt entrückt),
Jedoch »Genug,« hört er die Damen sagen,
»Begnüge dich, daß dir der Sieg geglückt!
Steck' ein den Degen, ritterlicher Streiter;
Die Brück' ist frei: so gehen wir denn weiter!«
[127] 8.
Mitten durch ein Gehölz am Bergesraine,
Ein wenig rauh und mühsam ging die Bahn;
Nicht eng nur war der Pfad und voller Steine,
Auch kerzengrade stieg er himmelan.
Doch oben, bei dem Ausgang aus dem Haine,
Bald einer breiten Wiesenflur sie nahn,
Und dort vor ihren Augen steht der beste
Und lieblichste der irdischen Paläste.
9.
Alcine war vorm ersten Tor erschienen,
Wo sie dem Ritter hold entgegentrat
Und grüßte ihn mit hoheitsvollen Mienen,
Umringt von ihres Hofes stolzem Staat.
Das neigt und beugt sich, und dem Held zu dienen,
Das Menschenmögliche ein jeder tat,
An Ehren könnte gar nicht mehr geschehen,
Und ließe sich der Herrgott selber sehen.
10.
Nicht weil an Glanz es alles überwindet,
Muß dieses Schloß weit über andern stehn,
Nein, weil man hier die nettsten Leute findet,
Die feinsten, artigsten, die man kann sehn,
Und die ein gleiches Alter hübsch verbindet
Und Jugend, Schönheit, blühndes Wohlergehn.
Alcine Königin der Huld und Wonn' ist,
Wie über alle Sterne schön die Sonn' ist.
11.
So muß das Urbild aller Reize prangen,
Wie's zu erfassen sucht des Malers Fleiß,
Mit blonden Haaren, schön verschlungnen, langen
(So leuchtet nicht des Goldes Strahlenkreis);
Und lieblich mischt sich auf den zarten Wangen
Der Rosen Rot und des Ligusters Weiß.
Es gleicht die heitre Stirn dem Elfenbeine,
Ist keine allzu hohe noch zu kleine.
[128] 12.
Unter zwei schwarzen, allerfeinsten Brauen
Zwei schwarze Augen, nein, zwei Sonnen sind,
Langsam beweglich, die voll Mitleid schauen,
Und um sie scherzt und spielt das Flügelkind.
Dort leert er seinen Köcher, möcht' ich trauen,
Und stiehlt von dort die Herzen sich geschwind.
Dort ins Gesicht senkt sich der Nase Adel –
Da findet selbst der Neid nicht einen Tadel.
13.
Darunter, von zwei Tälern klein umschlossen,
Das Rot des Mündleins, dem Zinnober gleich:
Darin zwei Schnüre Perlen, glanzumgossen;
Die zeigt und schließt die Lippe schön und weich,
Von der so oft die holden Worte flossen,
Die jedes Herz ziehn in der Liebe Reich,
Heimat von Schalkheit und von süßem Lachen,
Die uns die Welt zum Paradiese machen.
14.
Milch ist die Brust, der Hals Schnee, frisch gefallen,
Breit jene, dieser wie ein rundes Band.
Von Elfenbein zwei herbe Äpfel wallen
Hinauf, hinab gleichwie die Well' am Strand,
Wenn Meer und linde Luft in Zwist gefallen.
Mehr wird dem Argus selber nicht bekannt,
Doch meint man, was man sieht, wird wohl sich reimen
Mit jenem, das verborgen im geheimen.
15.
Die Arme bieten ganz die rechte Weite,
Es zeigt sich oft das Händchen weiß und fein,
Länglich gestreckt und nur von schmaler Breite;
Kein Knötchen sichtbar und kein Äderlein!
Zuletzt stellt diesen Reizen sich zur Seite
Das liebe Füßchen, zierlich rund und klein.
Nie wird sich dieser Himmelsreize Fülle
Verbergen lassen unter einer Hülle.
[129] 16.
Stets spannt sie Schlingen, jemand einzufangen,
Ob sie nun geht, ob singt und lacht und spricht:
Kein Wunder ist's, bleibt Roger darin hangen,
Ihm hat es angetan ihr hold Gesicht.
Die Warnung, die er jüngst erst hat empfangen
Von ihrer List und Tücke, nützt ihm nicht.
Er kann sich's einmal nicht begreiflich machen,
Daß Trug vereinbar sei mit solchem Lachen.
17.
Er glaubte lieber, daß dort an der Küste
Astolf um eigne Schuld verwandelt sei
Und er darum mit Recht so schmerzlich büßte
Als Undankbarer, für Verräterei,
Auch alles dies gesprochen haben müßte
Aus Rach' und Haß in eitel Heuchelei;
Und Mißgunst nur und Neid hab' ihn bewogen
Zu seiner Rede – alles sei erlogen.
18.
Aus seinem Herzen ist die Maid geschwunden,
Die schöne, die bisher es hat bewegt;
Durch Zauber hat ihm, was er einst empfunden,
Alcina vom Gedächtnis fortgefegt;
Ihr Bild allein ist ihm in diesen Stunden
Und ihre Liebe nur ihm eingeprägt.
Entschuldigung drum darf man Roger gönnen;
Er hat nicht treu und standhaft bleiben können.
19.
Bei Tische fehlt, die Freude zu verschönen,
Das Spiel von Zithern, Harfen, Lauten nie;
Und noch von vielen andern holden Tönen
Erbebt die Luft in süßer Harmonie.
Ein kund'ger Mund, die Wonne recht zu krönen,
Preist Liebeslust in Lied und Poesie,
Und mit Erfindungen und Melodien
Ruft er empor willkommne Phantasien.
[130] 20.
Kann sich ein Mahl bei Ninus wohl, dem Zecher
(Oder wer nach ihm kam in Ninive),
Kann, das Kleopatra gab Romas Rächer,
Kann irgend eines sich vergleichen je
Dem üpp'gen Prunkmahl, dran vor seinem Becher
Der Paladin saß bei der Zauberfee?
Es gibt kein solches Mahl, zurück steht jedes;
Selbst, wo dem Zeus den Trank reicht Ganymedes.
21.
Als dann die Speisen waren abgetragen,
Saß man im Kreis und spielt' ein fröhlich Spiel:
Ein jedes mußt' ins Ohr dem andern sagen
Etwas Geheimes, wie es ihm gefiel;
Ist's für Verliebte doch ein groß Behagen,
Liebe gestehen ohne Zeugen viel.
Zuletzt zu dem Beschluß sie sich verbinden,
In dieser Nacht zusammen sich zu finden.
22.
Ein Ende wurde bald dem Spiel bereitet
(So früh war's für gewöhnlich noch nicht aus):
Blutjunger Pagen Fackellicht verbreitet
Sich bald und jagt die Finsternis hinaus.
Von freundlichsten Genossen schön geleitet,
Trat Roger aus dem hohen Saal heraus,
In einer Kammer, schön und kühl gehalten,
– Die allerbeste war es – Ruh' zu halten.
23.
Backwerk und guten Feuerwein beginnen
Sie neu zu bieten, wie es Brauch im Land,
Dann, tief sich neigend, gehen sie von hinnen,
In seine Kammer jeder, wo sie stand.
Auch Roger schlüpft hinein in duft'ge Linnen,
Gewoben, schien es, von Arachnes Hand,
Doch hält er weiter noch, in frohem Hoffen,
Sie nahn zu hören, seine Ohren offen.
[131] 24.
Mag irgendwo das kleinste sich bewegen,
Hebt er den Kopf und denkt: »Jetzt ist sie nah!«
Er meint: »Da regt sichs!« – Ach, nichts will sich regen!
Aufseufzt er nun, ein Irrtum war es ja!
Jetzt hebt er sich vom Bett, der Tür entgegen,
Und blickt hinaus – vergebens, nichts ist da.
Er flucht wohl tausendmal dem Gang der Stunde:
Sie schleicht doch allzu säumig in der Runde!
25.
Oft sagt er sich: »Jetzt ist sie schon im Gange!«
Und rechnet, wie viel Schritt es mögen sein,
Bis sie von ihrer Schwell' an die gelange,
Die sie betreten muß zu ihm herein!
So, eh die Dame kommt, verfällt er bange
In die verschiedensten Phantasterein
Und fürchtet, daß ein Hindernis sich finde,
Das ihm die Frucht noch aus der Hand entwinde.
26.
Nachdem die Fee hat lange Zeit verschwendet,
Zu duften von den feinsten Spezerein,
Scheint's, daß im Hause die Bewegung endet,
Und aus dem Zimmer schlüpft sie fort allein.
Und auf geheimem Wege, leise, wendet
Sie sich dahin, wo zwischen Glück und Pein
Der Ritter harrend muß die Zeit verbringen,
In dessen Seele Furcht und Hoffnung ringen.
27.
Kaum daß die lächelnden, die hellen Sonnen
Astolfs Ersatzmann in der Näh' erschaut,
Loht es in Adern wie aus Schwefeltonnen:
Ihm ist, es duld' ihn nicht in seiner Haut.
Bis zu den Augen hoch im Meer der Wonnen
Schwimmt er ob all der Dinge süß und traut.
Er springt vom Lager: ohn' ihr Zeit zu lassen,
Sich zu entkleiden, muß er sie umfassen,
[132] 28.
Wenn sie auch weder Reifrock trägt noch Mieder:
Nichts als ein leichter Zindel hüllt sie ein;
Darunter wallt ein Hemdchen um die Glieder,
Gewoben weiß wie Schnee, unsagbar fein.
Wie Roger sie umarmt, da gleitet nieder
Der Mantel, und der Schleier bleibt allein,
Der deckt nicht mehr vom Reiz der Tadellosen,
Als Glas verbirgt die Lilien und die Rosen.
29.
Kein Efeu hält den Baum so fest umschlossen,
Um den er sich mit zähen Wurzeln schlingt,
Als sich umfahn die liebenden Genossen:
Ein süßrer Hauch von Mund zu Munde dringt
Als Duft, der Indiens Blumen ist entsprossen
Oder dem Sand von Saba sich entringt.
Wie sie genossen – fragt sie selbst um Kunde:
Sie haben mehr als eine Zung' im Munde.
30.
Verhohlen blieben – oder doch so galten –
Die Dinge, die da trieb das junge Paar:
Des Mundes Lippen hübsch gepreßt zu halten,
Ein Fehler nie, doch oft schon Tugend war.
Für Roger alles freundlich zu gestalten,
Befliß sich eifrig jene schlaue Schar.
Ihm neigt sich und ihm huldigt jede Miene,
Denn so gefiel's der liebenden Alcine.
31.
Fern bleibt dem Liebesnest nicht ein Behagen,
Nicht eine Lust; schier alle sind sie hier.
Zwei-, dreimal täglich frisch Gewand sie tragen,
Nach dieser bald und bald nach der Manier.
Stets eilt man von den Festen zu Gelagen,
Zu Schauspiel, Ringen, Bädern, Tanz, Turnier.
Man liest am Quell, in schattig kühlem Grunde,
Wie Dichter geben von der Liebe Kunde.
[133] 32.
Man folgt im Tal, in fröhlichen Gehegen
Durchs Hügelland des scheuen Hasen Lauf;
Man schreckt mit klugem Hund auf Feldeswegen
Dumme Fasanen unter Lärmen auf;
Dann geht man, im Wacholderduft zu legen
Leimrut' und Schlinge für der Drosseln Hauf –
Oder man holt die Angeln und die Netze,
Dem Fisch zu stören seine stillen Plätze.
33.
So lebt man denn in Freuden unermessen,
Derweil sich abmühn Karl und Agramant;
Sie wollen wir nun auch nicht ganz vergessen,
So wenig wie die gute Bradamant,
Die Tage lang voll Kummer unterdessen
Den Freund beweint, der ihr so rasch entschwand
Und vor den Augen ward davongetragen;
Wohin des Weges, weiß sie nicht zu sagen.
34.
Vernehmt von ihr zuerst aus meinem Munde,
Daß sie vergebens suchte tagelang
Auf offnen Feldern und in schatt'gem Grunde,
In Dorf und Stadt, im Tal, am Bergeshang;
Ach, von dem Liebsten ward ihr keine Kunde,
Der allzu weit ja sich von hinnen schwang!
Im Mohrenheer besucht sie Kriegerscharen,
Doch über Roger kann sie nichts erfahren,
35.
Befragt tagtäglich mehr als hundert Streiter,
Ohne daß jemals sie Bescheid erhält;
Von Lagerplatz zu Lager geht sie weiter,
Durchsucht nach Roger Hütten und Gezelt.
Wohl kann sie's tun; durch Fußvolk und durch Reiter
Hinschreitet sie, sobald es ihr gefällt:
Hat sie den Ring nur in den Mund genommen,
Wird sie von keinem Menschen wahrgenommen.
[134] 36.
Er lebt noch, glaubt sie – glaubt es ohn' Bedenken:
Denn schwände solch ein großer Name fort,
Zu hören wär' es von des Indus Bänken
Bis wo die Sonne sucht der Ruhe Port.
Nur weiß sie nicht zu sagen noch zu denken,
Wohin er ging; betrübt von Ort zu Ort
Geht sie und sucht, und ihre Weggesellen
Sind Seufzer, herbe Pein und Tränenquellen.
37.
Zurückgehn will sie, hin, wo die Gebeine
Merlins des Weisen jene Grotte hegt,
Will schreien dort so lang an seinem Steine,
Bis Mitleid sich im kalten Marmor regt:
Lebt Roger? Oder ruht er schon im Schreine,
Früh vom Verhängnis in das Grab gelegt?
Dort wird es kund – dann läßt sich erst beginnen,
Was man als besten Ratschluß mag ersinnen.
38.
Mit diesem Plane sucht sie nun die Wege
Nach Pontier hin und seiner Waldesnacht,
Wo in dem düstren bergigen Gehege
Des Zaubrers Stimme noch im Grabe wacht.
Doch jene Magierin, die allerwege
Auf Bradamantes Wohlfahrt ist bedacht,
Sie mein' ich, die ihr in der Felskapelle
Gezeigt hat künftgen Stammes Wechselfälle,
39.
Die Zauberin voll Weisheit und voll Güte,
Die Sorge trägt um diese eine bloß –
Daß sie vor Ungemach die Ahnin hüte
Siegreicher Helden und Heroen groß,
Verfolgt ihr Tun und Lassen im Gemüte
Und wirft an jedem Tag für sie das Los.
Wie Roger frei ward und sich dort verrannte,
Erfuhr sie so, daß sie schon alles kannte.
[135] 40.
Sie sah ihn und das Roß, das ungezäumte,
Das er nicht lenken konnte, ganz genau,
Wie sie durch grause Pfade, nie geträumte,
Hinflogen weithin, weit durchs Ätherblau;
Sie weiß, daß er mit Spiel die Zeit versäumte,
Weichlich und schwelgerisch, bei jener Frau,
Daß er den Herrn ganz aus dem Sinn verloren
Und Ehr' und Dame, die er sich erkoren.
41.
So hätte in der Blüte seiner Jahre
Sich solcher Held verzehrt in Lässigkeit,
Nicht nur den Leib bereitet für die Bahre,
Nein, auch die Seele selbst dem Tod geweiht;
Und jener Duft, der einzig bleibt, der wahre
(Weil alles andre schwindet mit der Zeit)
Und der uns aus dem Grab zieht als Heroen,
Wäre geschwächt, vielleicht auch ganz entflohen.
42.
Doch jene Magierin, die mehr beflissen
Als Roger selber seines Heiles schien,
Denkt durch ein Leben hart und schmerzzerrissen
Zur Tugend wider Willen ihn zu ziehn:
Ein guter Arzt muß ja zu heilen wissen
Mit Eisen, Feuer, gift'ger Medizin;
Ob er im Anfang quält den armen Kranken,
Er heilt ihn doch, und jener wird ihm danken.
43.
Sie will nicht, daß der Held zu weich sich bette:
Von solcher Affenliebe ist sie frei;
Atlas sinnt nur, wie er das Leben rette.
An andres denkt er kaum so nebenbei;
Daß er auf Ehr' und Ruhm verzichtet hätte,
Wenn Roger vor Gefahr nur sicher sei;
Kein Jährlein hätt' er vom bequemen Leben
Für allen Preis der Welt dahingegeben.
[136] 44.
Das Waffenwerk am Hofe zu vergessen,
Hätt' er ihn dort zum Eiland hingebracht,
Und durch Magie, die er vollauf besessen
Und trefflich anzuwenden war bedacht,
Alcine auf den Ritter ganz versessen,
Auch solchen Knoten um ihr Herz gemacht,
Daß nichts ihn lösen könnt' auf dieser Erden,
Und sollte Roger alt wie Nestor werden.
45.
Und nun zu ihr, die alle Zukunft kannte!
Vernehmet denn: in kurzem war sie dort,
Geraden Weges, wo ihr Bradamante
Begegnen mußte, schritt sie weiter fort:
Als auf die Magierin ihr Blick sich wandte,
Zu froher Hoffnung wird die Pein sofort.
Doch Roger sei Alcinens Gast, die Kunde
Hört jetzt die Arme aus der Freundin Munde.
46.
Vom Tode fühlt die Jungfrau sich umfangen,
Als sie erfährt, wie fern ihr Liebster weilt,
Und Wolken schwer auf ihrer Liebe hangen,
Wenn starke Hilfe nicht zur Rettung eilt;
Doch Trost bringt nun die Magierin der Bangen
Und reicht das Pflaster, das die Wunde heilt:
In wenig Tagen wird, sie kann's beschwören,
Nun Roger kommen und ihr angehören.
47.
»Versehen bist du«, sprach sie, »mit dem Ringe,
Vor dem der Zauberspuk verliert die Kraft;
Ich meine wohl, wenn ich dorthin ihn bringe,
Wo jetzt Alcine all dein Glück entrafft,
Daß ihren Plan zu stören mir gelinge:
Dein süßer Trost wird dir herbeigeschafft.
Ich gehe, wenn des Tages Glut verglommen,
Nach Indien mit dem Morgenrot zu kommen.«
[137] 48.
Des weitern legt sie dar, worauf sie baute,
Daß glücken möge der gefaßte Plan
Und, aus dem weib'schen Bann befreit, der Traute
Dem Frankenlande wieder könne nahn;
Worauf die Maid den Ring ihr anvertraute.
Sie hätte gern viel mehr dazu getan:
Herzblut und Leben würde sie verschenken,
Um Roger auf den Rettungspfad zu lenken.
49.
Sie gibt den Ring und eilt, sich zu empfehlen,
Empfiehlt ihr auch den jungen Ritter fein,
Noch tausend Grüße läßt sie ihm befehlen;
Drauf zur Provence schlägt sie die Richtung ein.
Die Magierin will andren Weg sich wählen;
Daß sie dafür gesattelt möge sein,
Ein Roß ihr für den Abend zu Gebot ist,
Das rabenschwarz, an einem Fuß nur rot ist.
50.
War's ein Alchin, den sie der Höll' entzogen?
Ein Farfarell? Nicht weiß ich's selbst fürwahr.
Sie schwang sich barfuß in den Sattelbogen
Und gürtellos; frei wallt ihr offnes Haar.
Den Ring nahm sie vom Finger wohlerwogen,
Ihr Zauber wäre sonst der Wirkung bar.
Nun gings voran, so eilig, daß am Morgen
Sie auf dem Inselland sich fand geborgen.
51.
Gleich fing sie an, sich selbst umzugestalten:
Sie wuchs an Höhe eine Spanne weit;
Entsprechend dann die Glieder sich entfalten,
Sie werden massiger und derb und breit:
Jetzt kann man schon sie für den Zaubrer halten,
Der solche Liebe Roger hat geweiht;
Es runzelt sich die Haut, die Stirn, die Wangen,
Von denen lange Barteshaare hangen.
[138] 52.
An Zügen, Worten und an äußern Zeichen
Ihn so zu treffen, herrlich sie verstand,
Um ganz und gar dem Zauberer zu gleichen.
Darauf verbarg sie sich und stand und stand,
Bis sie Alcine sah von Roger weichen
Und nun den Jüngling ohne Hexe fand.
Das war ein Glück, denn ihren Schatz zu meiden
Auch nur ein Stündchen, konnte die nicht leiden.
53.
Den frischen, heitern Morgen zu genießen,
Ging er, wie sie's gewünscht, dahin allein,
Wo talwärts eines Bächleins Wellen fließen,
Lieblich und klar, in einen See hinein.
Er atmet Üppigkeit: den Leib umschließen
Gewänder köstlich, Stoffe weich und fein,
Die ihm Alcine, zart aus Gold und Seide,
Kunstvoll mit eignen Händen wob zum Kleide.
54.
Ein Halsschmuck, herrlich, ganz aus reichen Steinen,
Ihm tief bis auf die Brust herniederhing;
Die beiden Arme (männlich gleich den Beinen)
Mit lichtem Glanz je eine Spang' umfing;
Die Ohren sind durchbohrt mit zierlich kleinen
Goldfäden in der Form von einem Ring,
Daran zwei große Perlen hangend schweben,
Wie es in Indien keine hat gegeben.
55.
Vom lock'gen Haare Wohlgerüche kamen,
Das Köstlichste, das sich nur denken läßt.
Verweichlicht schien er, wie gewohnt, den Damen
Zu dienen in Valencia beim Fest.
Gesund an ihm war nichts bis auf den Namen,
Verdorben, mehr als faul, der ganze Rest.
Also der Jüngling seines Weges wandelt,
Durch Zauberkunst im Innersten verwandelt.
[139] 56.
Mit einem Mal tritt ihm die Fee entgegen:
Sie bietet sich dem Aug' als Atlas dar
Und weiß den würd'gen Ausdruck anzulegen,
Den Roger stets mit Ehrfurcht ward gewahr;
Unwill' und Zorn im dräunden Blick sich regen,
Der ihm als Knaben oft so furchtbar war.
Sie sprach: »Soll Schweiß und Mühe langer Zeiten
Mir dieses als ersehnte Frucht bereiten?
57.
Ließ ich mit Leun- und Bärenmark dich laben
Als erster Nahrung für die Heldenbahn?
Und grausen Schluchten dich und Höhlengraben,
Schlangen zu würgen, schon als Kindlein nahn,
Dem Panther, Tiger ihre Klauen gaben?
Lebend'gem Eber nahmst du seinen Zahn,
Um nach der besten Zucht auf dieser Erden
Ein Atys und Adon der Fee zu werden?
58.
Ist das, was mir die Sterne offenbarten?
Die heil'ge Maserung, die Punkt-Figur,
Orakel, Traum, Augurien, alle Arten
Von Zeichen, ausgespäht in der Natur,
Die mir seit deiner Kinderzeit, der zarten,
Verhießen: kämen diese Jahre nur,
Das Allerhöchste werdest du erreichen
Durch Waffentaten völlig ohnegleichen?
59.
Fürwahr der herrlichste Beginn auf Erden!
Ein Alexander, Julius, Scipio,
Das seh' ich deutlich -mußt du sicher werden!
Wer hätt' – o weh! – geglaubt, dich jemals so
Zu sehn als Sklav' Alcinens dich gebärden?
Und daß kein Zweifel sei noch irgendwo,
Mußt du an Hals und Arm die Kette zeigen,
Dran sie nach Laune führt, wer ganz ihr eigen!
[140] 60.
Und wenn der eigne Ruhm dich nimmer rühret,
Nicht die von Gott dir auferlegte Tat,
Was raubst du, ach, das deinem Stamm gebühret,
Das Glück, das ich verkündet früh und spat?
Was schließest du, den Gott für dich erküret,
Den Schoß, der tragen soll nach seinem Rat
Heroenblut, das in des Ruhmes Kränzen
Einst heller als die Sonne selbst wird glänzen?
61.
O gönne doch den adeligsten Seelen,
Die ewiger Idee entsprungen sind,
Von Zeit zu Zeit sich einen Leib zu wählen,
Der da in dir des Stammes Wurzel find'!
O laß der Welt nicht tausend Siege fehlen,
Womit, nach Leid und Schicksal ungelind,
Die Söhn' und Enkel einst und ihre Erben
Italiens frühsten Glanz zurückerwerben!
62.
Doch dich zu weihn dem herrlichen Beginnen,
Brauchst du so vieler schönen Seelen kaum,
Die glorreich, unbesiegt und hoch von Sinnen
Entblühen sollen deinem reichen Baum:
Ein einzig Paar schon müßte dich gewinnen:
Alfons und Hippolyt; der Erde Raum
Vermag wie sie nur wenige zu zeigen,
Die alle Stufen auf zur Größe steigen.
63.
Mehr mußt' ich dir von diesen beiden sagen
Als von den andern Deinen miteinand;
Teils weil an Ruhm sie über alle ragen
(So hoch an Tugend noch kein dritter stand),
Teils weil dir selbst sie mehr am Herzen lagen,
Als wen ich sonst aus deinem Samen fand:
Dich freute, daß dir Enkel werden sollen,
Heroen, denen Menschen Ehrfurcht zollen.
[141] 64.
Was hat nun die, daß Vorzug sie verdiene
Vor tausend andern Dirnen dieser Welt?
Sie, die so vielen schon war Konkubine
(Du weißt, wie das Beglücken ihr gefällt)?
Damit du siehst, wie's stehe mit Alcine,
Und dir vom Aug' des Truges Schleier fällt,
Den Ring am Finger, sollst du zu ihr gehen;
Wie schön sie wirklich ist, wirst du dann sehen.«
65.
Roger stand schamerfüllt, stumm und beklommen;
Zu Boden schauend, lang kein Wort er sprach.
Sein kleiner Finger hatte hingenommen
Melissas Ring, da ward der Jüngling wach,
Und als er völlig zu sich war gekommen,
Sah er sich so bedrängt von Schimpf und Schmach,
Daß er versinken möchte tausend Ellen,
Um keinem vor die Augen sich zu stellen.
66.
Mit eignen Zügen, als ihr Wort verklungen,
Die Magierin nun plötzlich vor ihm stand;
Nachdem der Sieg so glänzend war errungen,
Atlas zu sein sie nicht mehr nötig fand.
Melissa (was mir früher nicht gelungen
Euch mitzuteilen) war sie zubenannt.
Und Roger hörte nun aus ihrem Munde
Von dem, was her sie brachte, treue Kunde.
67.
Wie jene von so großer Lieb' Entbrannte,
Die ihn ersehnt, nicht von ihm lassen kann,
Ihn aus dem Netz zu lösen, sie entsandte,
Das, ihn zu halten, Zauberkunst ersann;
Wie sie des Atlas Züge dann verwandte,
Ihn besser zu befrein aus jenem Bann;
Nun aber, da Vernunft zurückgekehrt sei,
Einsicht in alles ihm nicht mehr verwehrt sei:
[142] 68.
»Die edle Jungfrau, dir so ganz ergeben,
Die deiner Liebe also würdig ist,
Der du verdankst, in Freiheit jetzt zu leben,
Von ihr gerettet – ob du's wohl vergißt? –,
Schickt diesen Ring, der Zauberspuk kann heben.
Sie hätt' ihr Herz entsandt zu dieser Frist,
Wär' in dem Herzen jene Kraft erschienen,
Wie sie der Ring hat, deinem Heil zu dienen.«
69.
Sie zeigt ihm, welche Liebe stets getragen
Ihm Bradamante hat und weiter trägt,
Und weiß den Ton des Loblieds anzuschlagen,
Soweit mit Freundschaft Wahrheit sich verträgt,
Auch alles dies aufs trefflichste zu sagen,
Wie kluger Botin wohl ist auferlegt,
Und macht den Jüngling derart jene hassen,
Wie böse Dinge nur sich hassen lassen.
70.
Ja, hassen – mocht' er noch so sehr sie lieben
Vor dieser Stunde; staunet nicht fürwahr,
Daß Liebe, ihm durch Zauber eingetrieben,
Sobald der Ring erschien, ohnmächtig war.
Auch daß ein Schein Alcines Reize blieben,
Erborgt und fremd, es ward jetzt offenbar,
Nicht eigen, nein, erborgt vom Fuß zur Schläfe:
Die Schönheit schwand, und übrig blieb die Hefe.
71.
So wie ein Kind, das Früchte ging verwahren
Und dann (wenn es vom Platz sich wandte fort)
Vergißt, wo die geliebten Schätze waren,
Nach langer Zeit zurückkommt an den Ort
Und muß verfault nun und verschrumpft gewahren,
Verändert ganz, was es geborgen dort,
Und, was es einst bewundernd hat betrachtet,
Jetzt haßt, verschmäht und wegwirft und verachtet –
[143] 72.
So fand der Jüngling, als zurück er kehrte
Zur Fee, wie das ihn ja Melissa hieß
(Mit jenem Ring, der allem Zauber wehrte,
Solange man ihn nur am Finger ließ),
Nicht jene Schönheit mehr, die heißbegehrte,
Die er doch erst vor kurzer Zeit verließ,
Vielmehr ein Weib, so alt, verschrumpft und häßlich –
Nichts auf der weiten Welt schien ihm so gräßlich.
73.
Fahl, runzlig, dürr und widrig anzuschauen
Im Antlitz, kaum sechs Spann hoch, stand sie da
Mit borst'gen Haaren, spärlichen und grauen;
Nicht einen einz'gen Zahn im Mund man sah.
So alt nicht waren jemals Erdenfrauen,
Kumäs Sibylle nicht und Hekuba.
Doch Kunst, uns unbekannt, war ihr zu eigen,
Trotzdem als schön und lieblich sich zu zeigen.
74.
Ja, lieblich wußte sie sich darzustellen
Und täuschte schon damit der Ritter viel;
Da kam der Ring, um alles aufzuhellen,
Die wahren Karten und ihr falsches Spiel.
Kein Wunder, wenn dem Jüngling nach der schnellen
Verwandlung der Gedanke ganz entfiel,
Sie noch zu lieben, nun er sie gefunden,
Nachdem ihr alle Zauberkraft geschwunden.
75.
Doch ohne nur die Wimper zu bewegen,
Hielt er sich ruhig, nach Melissas Rat,
Bis sich von Kopf zu Fuß der junge Degen
Mit allen Waffen wohl gerüstet hat
Und um nicht ihren Argwohn zu erregen,
Deucht ihm ein bißchen Heuchelei probat:
Ob er nicht dick geworden, müss' er sehen
Und drum ein Weilchen voll gerüstet gehen.
[144] 76.
Er nimmt die scharfe Balisarda, bindet
Sie um, es ist sein gutes Schwert gemeint,
Bei der zugleich sich jener Schild befindet,
Der mit der Augenblendung dies vereint,
Daß er der Seele ihre Kraft entwindet
Und daß sie plötzlich wie betäubt erscheint.
Mit Zindelstoff, wie immer, ganz umwunden,
Trug er den Schild um seinen Hals gebunden.
77.
Im Stalle einem Renner, schwarz wie Raben,
Legt' er den Sattel und die Zügel an;
Melissa riet's; sie weiß ja, wie er traben
Und leichten Laufes pfeilschnell fliegen kann.
Und »Rabikan« soll er als Namen haben;
Den Renner hatte mit dem Rittersmann,
Den jetzt am Meeresstrand die Winde plagen,
Der Walfisch einst an diesen Ort getragen.
78.
Wohl konnt' er auch den Hippogryphen nehmen,
Der neben Rabikan gebunden war;
Doch warnend spricht die Fee: »Das Tier zu zähmen
Ist schwer, unlenkbar scheint es ganz und gar!«
Und fügt hinzu, sie wolle sich bequemen
Zu zeigen – und am nächsten Tage zwar –
(Dort, wo man sich die rechte Ruhe gönne),
Wie man ihn zäumen und dann lenken könne.
79.
Auch werd' er also nicht Verdacht erregen,
Daß er den Plan geheimer Flucht gefaßt.
Roger tat alles dies Melissas wegen,
Die unsichtbar ihm beistand ohne Rast.
Drauf, sich verstellend, auf verschwiegnen Wegen
Mied er der Vettel üppigen Palast.
Und konnte still nach einem Tor entweichen,
Zum rechten Weg nach Logistillas Reichen.
[145] 80.
Urplötzlich fiel er auf die Wächterscharen,
Sein gutes Schwert brach ihm die blut'ge Bahn:
Und jene tot und die verwundet waren.
Er sprengte von der Brücke dann bergan;
Und eh Alcine noch die Flucht erfahren,
War eine große Strecke schon getan.
Bald hört ihr, welchen Weg er eingeschlagen
Zu Logistill, und was sich zugetragen.

[146] Achter Gesang

1.
Wie viele Zaubrer, ach, und Zaubrerinnen
Sind unter uns, von denen man nichts weiß!
Die mit Betrug ein liebend Herz gewinnen,
Mit falschem Antlitz schüren Gluten heiß!
Sie fördern nicht durch Geister ihr Beginnen,
Erkunden nicht der Sterne Lauf mit Fleiß,
Derweil sie mit Verstellung, List und Lügen
Ums Herz die Bande, unzerreißbar, fügen.
2.
Wer mit dem Zauberring, vielmehr dem Ringe
Der Einsicht stünde, wohl wär' ihm verliehn,
Bis auf den Grund zu schauen, weil die Dinge
Nicht Trug und Täuschung hätten mehr für ihn.
Dann zeigte schlecht sich mancher und geringe,
Der da, geschminkt, ganz schön und gut erschien.
Für Roger war's ein glückliches Geschehen,
Daß ihn der Ring ließ also Wahrheit sehen.
3.
Verstohlen trabt – so sagt' ich – unser Reiter
Auf seinem Rabikan zum Tore her:
Nichts ahnt die Wache, und der junge Streiter
Fährt unter sie, haut um sich kreuz und quer,
Zerschlägt das Brückentor und reitet weiter
(Den läßt er tot und den getroffen schwer)
Und sprengt zum Wald, als ihm auf seinen Wegen
Ein Diener der Alcine tritt entgegen.
[147] 4.
Ein Habicht auf der Faust gab ihm Geleite,
Mit dem er alle Tage jagen ging,
Bald nah dem See, bald durch des Feldes Weite,
Wo jederzeit sich etwas Beute fing;
Der Hund, sein Jagdgenoß, trabt' ihm zur Seite;
Der Klepper, drauf er ritt, war nur gering.
Gleich denkt er sich, der Ritter woll' entfliehen,
Als er so rasch ihn sieht des Weges ziehen.
5.
Mit drohnder Miene tritt er ihm entgegen
Und fragt ihn barsch, warum er eile doch.
Antworten wollt' ihm nicht der gute Degen;
Das macht dem Knecht die Flucht gewisser noch:
Er schickt sich an, den Weg ihm zu verlegen,
Und spricht, den linken Arm erhoben hoch:
»Was meinst du, wenn du jetzt dir Ruhe gönntest
Und diesem Vogel nicht entfliehen könntest?«
6.
Auf fliegt der Vogel, regt so schnell die Flügel,
Daß Rabikan nicht seines Siegs gewiß.
Herab nun springt der Jäger aus dem Bügel
Und löst dem Renner Zügel und Gebiß.
Der gleicht dem Wind und Blitz, befreit vom Zügel,
Furchtbar durch seine Hufe und durch Biß.
Und hinterdrein muß nun der Diener jagen,
So schnell, als hätte Feuer ihn am Kragen.
7.
Nun will der Hund auch nicht dahinten bleiben:
Mit solcher Hast verfolgt er Rabikan,
Wie da im Wald die Panther Hasen treiben.
Da wandelt Scham zu fliehn den Helden an:
Den Mann zu Fuß gilt es zuerst vertreiben;
Den sieht er rüstig mit dem Stecken nahn,
Von ihm gebraucht, um Hunde abzurichten;
Das Schwert zu ziehn, will Roger da verzichten.
[148] 8.
Der Knecht beginnt mit Kraft den Stock zu schwingen,
Ins linke Bein des Ritters beißt der Hund,
Derweil des Kleppers Hufe Nöte bringen,
Der dreimal ausschlägt, und nach rechts jetzund.
Der Vogel kreist herum in tausend Ringen,
Und seine Klauen schlagen manche Wund';
Auch macht sein Schrei des Helden Rappen scheuen,
Daß Sporn und Zügel ihn umsonst bedräuen.
9.
Nun doch zum Schwert greift Roger in der Enge,
Und ob des Unfugs, der ihn so beschwert,
Wird auf den Kerl, den Hund, des Vogels Fänge
Der Waffe Schneid' und Spitze jetzt gekehrt.
Der Schwarm bringt immer mehr ihn ins Gedränge
Und hält ihm allerorts den Weg verwehrt.
Schon sieht der Jüngling Schimpf und Schaden kommen,
Wird nicht das Hindernis bald weggenommen.
10.
Macht man ihm nur ein Weilchen noch zu schaffen,
Hat er auf Fersen die von unten all:
Er hört den Lärm schon, wie sie auf sich raffen,
Den Glocken-, Trommel- und Trompetenschall.
Jetzt gegen Hund und Bauer ohne Waffen
Das Schwert ziehn, wär' ein zu fataler Fall;
Eins wird den Zweck viel kräftiger erfüllen:
Den Zauberschild des Atlas zu enthüllen.
11.
So ließ er frei den roten Schleier wallen,
Der viele Tage schon den Schild umschloß;
Die Wirkung war dieselbe wie bei allen,
In deren Augen sich das Licht ergoß:
Bewußtlos sieht er gleich den Jäger fallen,
Des Vogels Schwinge fällt wie Hund und Roß;
Nicht in der Luft mehr kann der Habicht schweben:
Sie liegen da, dem Schlaf dahingegeben.
[149] 12.
Alcine, die inzwischen hat erfahren,
Daß dem geliebten Mann die Flucht geglückt
Und viele tot von ihren Wächterscharen,
Fühlt bis zum Sterben sich vom Schmerz zerstückt,
Zerreißt die Kleider, wühlt in ihren Haaren
Und schilt sich selber töricht und verrückt.
Dann ruft sie rasch das Kriegsvolk zu den Waffen,
Den flüchtgen Ritter ihr herbeizuschaffen.
13.
Zwei Teile macht sie und entsendet einen
Auf jenem Wege, drauf der Ritter flieht;
Am Hafen muß der andre sich vereinen,
Von wo zu Schiff er in die Weite zieht;
Das Meer wird schwarz vor all den Segeln scheinen,
Mit denen die Verfolgung jetzt geschieht.
Von Sehnsucht läßt die Fee sich so erfassen,
Daß sie die Stadt hat ohne Schutz gelassen.
14.
Das Schloß sogar war völlig ohne Wachen,
So daß Melissa, die auf Lauer stand,
Die leidvoll dort Gebannten freizumachen
Von solcher Tyrannei, nun leicht es fand,
Mustrung zu halten in den vielen Sachen,
Sorglich zu prüfen jeden Gegenstand,
Siegel zu lösen, Bilder zu verbrennen
Und Schlingen, Knoten, Schleifen aufzutrennen.
15.
Sie eilt hinaus durch Felder und durch Haine
Und gibt den Liebenden, auf weiter Flur
In Fels verwandelt, Holz, Quell, Tiere, Steine,
Zurück die alte menschliche Natur.
Sie folgten (und zwar schleunig, wie ich meine)
Zu Logistilla Ritter Rogers Spur
Und kehrten heim sodann zum Griechenstrande,
Zum Perser-, Skythen- oder Inderlande.
[150] 16.
Sie ziehn nach Haus, entlassen von Melissen,
Mit einer Dankesschuld, die ewig währt.
Astolf zuerst war, seinem Baum entrissen,
In menschlicher Gestalt zurückgekehrt.
Blutsfreunde haben, für sein Wohl beflissen,
Mit Roger manches Gute ihm beschert.
Damit die Fee noch mehr ihm Hilfe bringe,
Beschenkt sie Roger noch mit seinem Ringe.
17.
So ließ sie denn zurück ins Leben führen
Den Paladin; er geht wie sonst umher.
Doch mehr will, meint Melissa, sich gebühren,
Jetzt gilt es eins: die Waffen müssen her:
Zumal, der aus dem Sattel beim Berühren
Den Gegner schleudert, jener goldne Speer
Des Argalia, dann des Astolf Lanze,
Die viel in Frankreich tat zu beider Glanze.
18.
Melissa wußte diesen Speer zu finden,
Verborgen von der Fee im Schlosse hier,
Und was der Herzog sonst noch sah entschwinden
Zuvor in diesem übelen Quartier;
Bestieg des Zaubrers Renner, den geschwinden,
Gönnt' einen Platz Herrn Astolf hinter ihr:
Vor Roger eine Stunde war die Weise
Bei Logistilla schon nach schneller Reise.
19.
Der Jüngling ging der guten Fee entgegen
Durch Felsgestein und dorniges Gefild',
Von Höh' zu Höhen und von Steg zu Stegen,
Ungastlich all und einsam, rauh und wild,
Bis er zuletzt nach mühevollen Wegen
In Mittagsglut auf einem Plane hielt,
Der, frei nach Süden, zwischen Berg und Strand war
Und öd und nackt, unfruchtbar und verbrannt war.
[151] 20.
Prall liegt die Sonn' auf nahem Hügelraine,
Und solche Hitze strömt das Feld entlang
Und macht die Luft erglühen, Sand und Steine –
Glas schmelzen könnte man an jenem Hang;
Reglos im Schatten sitzen Vögel, kleine,
Und nur der Grill' eintöniger Gesang
Betäubt in dichter Sträucher Laubgewimmel
Die Täler und die Berge, Meer und Himmel.
21.
Auf sandgem Wege mühsam hinzureiten,
Mit Durst nur und mit Hitze als Genoß,
Will unserm Ritter wenig Lust bereiten,
Und Rogers Ungemach ist wahrlich groß.
Doch ziemt es nicht, stets einen zu begleiten,
Von einer Sache zu erzählen bloß,
So lassen wir jetzund den Helden schwitzen
Und schaun: wo mag Rinald in Schottland sitzen?
22.
Rinald war bei dem König hochwillkommen,
Auch bei der Tochter und beim ganzen Land.
Er macht den Grund, weshalb er hergekommen,
Sobald ihm Muße wurde, dort bekannt:
Gern würde Hilfe von ihm mitgenommen
Für Karl, aus Schottland und aus Engelland;
Des Kaisers Bitten nicht nur zu verkünden
Wußt er, nein, auch gewichtig zu begründen.
23.
Der König zögert nicht, Bescheid zu sagen:
Nach Kräften werd' er folgen dem Begehr
Und immer sich zu Reich und Kaiser schlagen;
Sein Nutzen heische dies und auch die Ehr';
Von seinen Reitern soll' in wenig Tagen
Gewappnet stehn ein möglichst großes Heer;
Und wär' er selbst nicht gar so hoch an Jahren,
Als Feldherr würd' er mit zu Felde fahren.
[152] 24.
Doch auch das Alter nicht könnt' ihn, den Alten,
Zu gehen hindern, wäre nicht sein Sohn
Besonders würdig, solchen Amts zu walten,
Stark, hochbegabt und aller Tugend Kron'!
Und würd' er jetzt noch fern dem Reich gehalten,
So müss' er kommen doch beizeiten schon,
Um jenen vor der Fahrt sich zu gesellen
Und an des Heeres Spitze sich zu stellen.
25.
Schatzmeister hat der Herrscher in die Weite
Nach Pferden und nach Mannschaft ausgesandt.
Er ließ die Schiffe rüsten vor dem Streite
Und eilig sammeln Geld und Proviant.
Rinald dann gab er höflich das Geleite,
Als dieser Abschied nahm nach Engelland:
Von Berwick erst wollt' er nach Hause kehren;
Er hatte, als er schied, im Auge Zähren.
26.
Rinald steigt ein, wünscht wohl zu leben allen,
Und günst'gen Windes Hauch die Segel bläht:
Schon ist das Tau vom Halteblock gefallen,
Und flott die Fahrt bis hin zur Mündung geht.
Wo salziger der Themse Wogen wallen,
Die Meeresflut gerad im Wachsen steht;
Und Wind und Ruderkraft die Schiffe treiben,
Bis London kommt und sie vor Anker bleiben.
27.
Von Karl und Otto war Rinald befohlen
(Als eingeschlossen in Paris die zwei),
Zu melden an den Prinz von Wales verstohlen
Durch Vollmacht und durch Briefe der Kanzlei:
Was man in jener Gegend könne holen,
An Pferd und Leuten, rasch zu sammeln sei
Und übers Meer hin nach Calais zu schaffen,
Zum Heil für Kaiser Karl und Frankreichs Waffen.
[153] 28.
Es ehrt der Prinz, der als Regent gelassen
Am Herrschersitz von König Otto war,
Rinald den Helden über alle Maßen
Und mehr als seinen eignen Herrn sogar.
So ließ er, um nichts unerfüllt zu lassen,
Entbieten alle waffenfäh'ge Schar
Britanniens und der Inseln in der Runde
Zum Meeresstrand zur festgesetzten Stunde.
29.
Bedenkt, o Herr, in Huld, daß mein Beginnen
Dem klugen Saitenspieler gleichen soll:
Er läßt die Weisen durcheinanderrinnen;
Spielt jetzt in Dur und gleich darauf in Moll.
Derweilen nach Rinald ging all mein Sinnen,
Erscheint Angelika mir vorwurfsvoll:
Sie hatte durch die Flucht sich ihm entwunden
Und jenen Klausner unterwegs gefunden.
30.
So folgen wir ihr jetzt, wenn auch nicht lange:
Gesagt hab' ich, wie sie in Sorge schwebt,
Daß sie zum Strand des Meeres hingelange;
Dies zu durchkreuzen ist, was sie erstrebt,
Weil vor Rinaldo ihr zum Sterben bange,
So daß sie nie im Westen ruhig lebt.
Allein der Klausner sucht sie hinzuhalten:
Bei ihr zu sein, behagte diesem Alten,
31.
Dem ihre Schönheit Herzensglut entfachte:
Ins kalte Mark ein Feuerfünkchen dringt;
Doch als er merkte, daß sie sein nicht achte,
Und daß ihm, sie zu halten, nicht gelingt,
Kam's, daß den Esel er zu spornen dachte,
Doch ohne daß er ihn zur Eile bringt:
Schritt nur ganz wenig, Trab noch wen'ger geht er,
Und sich zu strecken ganz und gar verschmäht er.
[154] 32.
Das Mädchen war schon weit vorausgeritten;
Als er beinah schon ihre Spur verlor,
Mußt er sich Hilfe von der Höll' erbitten
Und ließ Dämonen kommen, schier ein Korps.
Drauf wählt' er einen aus des Schwarmes Mitten
Und schrieb ihm, was er machen solle, vor.
Er muß ins Pferd hinein die Straße finden,
Denn auf dem Renner will sein Herz entschwinden.
33.
So wie ein Hund, gewohnt im Berg zu jagen,
Wo er gar oft die Füchs' und Hasen hetzt,
Sieht er nach dieser Seit' ein Wild sich schlagen,
Nach jener geht, die Spur geringe schätzt
Und unversehns die Beute hat am Kragen
Und ihr den Leib aufreißt und sie zerfetzt,
So muß die Dame, wie sie auch geritten,
Begegnen jedenfalls des Klausners Schritten.
34.
Ich kann's begreifen, was der Kerl noch planet,
Und nenn' Euch später noch des Argen Ziel.
Angelika, die nichts von allem ahnet,
Ritt Tag für Tag, bald wenig und bald viel.
Im Pferd der Geist sich sacht die Wege bahnet,
Verborgen, wie's dem Feuer oft gefiel,
Bevor es aufloht in so mächt'gen Flammen,
Daß nichts es löscht und alles sinkt zusammen.
35.
Die Jungfrau wählt sich ihren Weg am Strande
Des Meers, das den Gascognern bietet Gruß,
Und hält den Renner dicht am Uferrande,
Wo Feuchtigkeit gibt festern Grund dem Fuß:
Da zieht der Geist das Roß hinweg vom Sande
Ins Wasser tief, daß es drin schwimmen muß.
Die Schöne weiß nicht Rat für ihr Verhalten,
Als nur recht fest im Sattel sich zu halten.
[155] 36.
Sie mag die Zügel ziehen nach Gefallen,
Der Hengst drängt weiter nach der Tiefe vor:
Aufwärts muß sie das Kleid zusammenballen
– Sonst taucht es ein – und zieht den Fuß empor;
Über die Schultern frei die Haare wallen,
Drin lüstern spielt der losen Lüfte Chor.
In stummer Schau die größern Winde schweigen,
Als müßten solcher Schönheit sie sich neigen.
37.
Die tränenfeuchten schönen Augen flogen
– Vergebens, ach – hinüber nach dem Strand:
Des Ufers Linien fern und ferner zogen,
Undeutlich ward es, bis es ganz verschwand.
Da trug der Zelter rechts hin durch die Wogen
Die Maid nach langer Schwimmfahrt an das Land,
Das düstrer Fels und Höhlen furchtbar machten,
Derweil es mählich schon begann zu nachten.
38.
Einsam in diese Wüste hier verschlagen,
Grausig zu sehen schon und schauerlich,
Zur Stunde just, da Phöbus mit dem Wagen,
Fern dunkler Erd' und Luft, ins Meer entwich,
Da blieb sie stehn – man wußte nicht zu sagen
(Wenn einer sie mit Späherblick beschlich),
Ob sie ein Menschenkind aus Fleisch und Bein sei,
Ob sie ein Bildwerk aus bemaltem Stein sei.
39.
Die Haare wirr und fliegend im Genicke,
Stand regungslos und starr die junge Maid,
Sah mit gerungnen Händen, trübem Blicke
Und stummem Mund zum Himmel still und weit,
Als klage sie dem Lenker der Geschicke,
Daß er ihr nichts gesandt als Weh und Leid,
Stand wie betäubt, nach einer Weil' erschlossen
Die Lippen sich dem Schmerz, die Augen flossen.
[156] 40.
Sie sprach: »Was kannst du, Schicksal, wohl noch finden,
Zu sätt'gen dich an mir, zu schänden dich?
Du ließest alles, das ich hatte, schwinden,
Nur nicht mein Leben; was verschmähst du's? Sprich!
Was mußtest du dem Meer es jetzt entwinden,
Verlängerst meine Tage freventlich? –
Nur daß, bevor der Tod mich soll erwählen,
Noch weiter dir vergönnt sei, mich zu quälen.
41.
Zwar Schlimmeres vermagst du nicht zu bringen,
Als was mir Böses schon dein Haß ersann:
Heimat und Thron durch dich verlorengingen;
Ach, daß ich nie sie wiedersehen kann!
Das Höchste willst du mir, die Ehr' entringen:
Denn focht mich Sünde gleich noch niemals an,
So mag die Welt doch sagen, weil ich flüchtig
Und heimatlos, so sei ich auch nicht züchtig.
42.
Was nützt den Mädchen Gutes, sprach man ihnen
Die Tugend ab und rechte Züchtigkeit?
Jung bin ich, ach, und vielen schön erschienen;
Sei's wahr, sei's falsch, mein Fluch ist's allezeit.
Zur Freude kann das Gottgeschenk nicht dienen,
Denn nur von ihm ja rührt mein ganzes Leid,
Und auch dem Bruder mußte Tod es schaffen,
Denn wenig halfen ihm die Zauberwaffen.
43.
Darum war einst mein Vater Galafrone
Verdrängt vom Tatarkönig Agrikan,
Er, dessen Indien war und Katais Throne,
Und ich bin angelangt auf solcher Bahn,
Daß ich des Nachts an andrer Stätte wohne
Als tags. Freund', Ehr' und Gut sind abgetan:
Sprich, welchem Schmerz noch du mich aufbewahrt hast,
Nachdem du mir bisher kein Leid erspart hast?!
[157] 44.
Genügt's dir nicht, im Meer mich zu ersticken,
Ich will bereit für größre Qualen sein:
Magst eine wilde Bestie zu mir schicken!
Verschlingt sie mich, so endigt meine Pein.
Bringt sie nur Tod, soll Marter mich erquicken;
Ich will dir Dankbarkeit für Qualen weihn.«
So sprach die Jungfrau unter großem Weinen
Als sie den Klausner sah vor ihr erscheinen.
45.
Er hatt' hinabgeblickt vom höchsten Rande
Turmhohen Felsens auf Angelika:
Verwirrt und ganz verzweifelt dort am Strande
Am Fuß der Klippen er sie stehen sah.
Ihn trug sechs Tag' vorher zum Küstenlande
Ein Dämon (der hat schnelle Wege ja).
Mit frommer Mien' ihr jetzt entgegen trat er,
Wie Sankt Hilarion oder sonst ein Pater.
46.
Als ihn Angelika sieht näher schleichen
– Sie hat ihn nicht erkannt –, so schöpft sie Mut,
Die schweren Ängste fühlt sie langsam weichen,
Bleibt auch die Wange jetzt noch ohne Blut.
Sie spricht: »Gar üblen Port mußt' ich erreichen;
Erbarme dich, nimm mich in deine Hut!«
Und schluchzend gab sie und mit bleichem Munde
Von dem, was ihm gar wohlbekannt war, Kunde.
47.
Der Klausner spendet biedern Trost der Bangen
Mit schönen frommen Reden allerhand,
Und auf den Busen und die feuchten Wangen
Legt er, dieweil er spricht, die freche Hand.
Zum Kuß dann, sichrer, sucht er zu gelangen,
Doch sie, entrüstet, leistet Widerstand,
Stößt ihn zurück, als ob er Unbill böte,
Und in das Antlitz steigt ihr keusche Röte.
[158] 48.
In eine Tasche griff er auf der Stelle,
Zog draus ein Fläschchen Flüssigkeit hervor,
Und in die Augen, die als Fackel helle,
Als schönste Leuchte Amor sich erkor,
Leichthin ein kleines Tröpfchen spritzt er schnelle,
Davon das Augenlid die Kraft verlor:
Schon liegt die Schöne schlafend da im Staube,
Des gier'gen Alten Lüsternheit zum Raube.
49.
Er küßt sie und berührt sie nach Gefallen;
Sie schläft und ist zur Abwehr nicht bereit.
Er küßt die Brust, er küßt des Munds Korallen,
Und keiner sieht's in dieser Einsamkeit.
Doch bei dem Treffen ist sein Hengst gefallen,
Es bleibt das Fleisch ja hinterm Wunsche weit:
Er hat die Krankheit vorgerückten Lebens,
Und plagt man ihn, so plagt man ihn vergebens.
50.
Alles versucht er, daß er aufrecht schreite,
Doch ohne daß der faule Klepper springt.
Ob er den Zügel schüttle, abarbeite,
Den Kopf er ihm nicht in die Höhe bringt.
Einschläft er schließlich an der Dame Seite,
Auf die schon andres, neues Unheil dringt.
Ein bißchen will Fortuna nicht genügen,
Gewährt ihr, uns zu quälen, ein Vergnügen.
51.
Um deutlich zu erzählen und zum besten,
Schweif' ich ein wenig aus dem Pfad heraus.
Im Nordmeer ist gelegen, gegen Westen,
Noch über Irland eine Streck' hinaus,
Ebuda, eine Insel, nur mit Resten
Von einem Volke, weil die Orka graus
Und Meergetier, das Proteus zugehörte,
Den Gott zu rächen, jenes Land zerstörte.
[159] 52.
Ob wahr, ob falsch – die alten Mären künden,
Daß dort einmal ein mächt'ger König war:
In seiner Tochter sah man sich verbünden
Anmut und Schönheit so, daß sie fürwahr
Im Wasser drin den Proteus konnt' entzünden,
Bot sie dem Blick sich auf der Salzflut dar.
Einmal, als sie allein ist auf dem Anger,
Ergreift sie der und macht das Mädchen schwanger.
53.
Entsetzlich, unerträglich schien die Sache
Dem Vater, der gar wild und ungerecht:
Was für Entschuldigung man geltend mache,
Er kennt nicht Mitleid, bleibt des Zornes Knecht.
Auch nicht ihr Zustand sänftigt seine Rache;
Er schiebt nichts auf, die Tat wird streng gerächt:
Das Enkelkind, das keine Sünde kannte,
Eh es geboren, in den Tod man sandte.
54.
Proteus, der Hirte jener wilden Herde
Neptuns, des Herrschers in dem Meerrevier,
Fühlt ob des Liebchens bittere Beschwerde
Und bricht im Zorn Gesetz und Ordnung schier:
Walroß und Robben schickt er auf die Erde
Mit einemmal, das ganze Seegetier,
Und nicht nur Vieh, auch Stadt und Land und Bürger,
Sie werden Opfer dieser grimmen Würger.
55.
Die kommen oft bis an die Städtemauern
Und drohn zu den Belagerten hinein.
Die Leute, müd und matt, in Schreckensschauern,
Müssen bei Tag und Nacht bewaffnet sein;
Verlassen ist das Land von allen Bauern.
Sie gehn, um von der Last sich zu befrein,
Zuletzt noch das Orakel zu befragen,
Und solche Antwort läßt es ihnen sagen:
[160] 56.
Man suche eine auserlesne Schöne,
So lieblich wie die andre ungefähr:
Ob man den Gott vielleicht durch sie versöhne.
Die schaffe man zum Meergestade her;
Wenn die Erfüllung dann die Wünsche kröne,
Behalt' er sie und wüte dann nicht mehr.
Mißfällt sie, gilt es andere zu bringen,
Bis endlich die Versuche doch gelingen.
57.
Zuerst sind jene in der schlimmen Falle,
Auf deren Wang' am hellsten Schönheit lacht,
Denn bis dem Proteus eine wohlgefalle,
Wird täglich ihm ein Mägdlein dargebracht.
Die erste starb, und dann die andern alle,
Denn stets am Leibe packte sie mit Macht
Ein Untier, wachend an den Uferwogen,
Derweil die andern waren abgezogen.
58.
Ob das mit Proteus wahr ist, ob nur Sage,
Ich weiß es nicht und laß davon die Hand:
Ein alt Gesetz, das in so üble Lage
Die Mädchen brachte, wirklich dort bestand,
So daß ein scheußlich Walroß alle Tage
In Mädchenfleisch am Strande Nahrung fand.
Ein Weib sein, ist ja Unglück jedenfalles,
Es hier zu sein, ein Unglück über alles.
59.
Den Mädchen wehe, wenn da böse Sterne
Zum Volk sie führen, das den Strand bewohnt!
Nach Jungfraun schaut das Volk dort in die Ferne,
Die sie zu opfern lange schon gewohnt;
Und sterben lassen sie die fremden gerne,
Denn eigne Kinder werden dann verschont.
Allein nicht jeder Wind bringt ihnen Beute,
Drum suchen überall danach die Leute.
[161] 60.
Hin durch die ganze weite Meerflut gleiten
Die Boote, Kähne, Schiffe jeder Art
Und bringen aus der Nähe und vom weiten
Erleichterung der Not mit ihrer Fahrt:
Teils müssen sie mit Waffen Fraun erstreiten,
Teils wirkt das Gold, mit Schmeichelei gepaart.
Gefangne aus verschiedensten Regionen
Des Landes Türm' und Kerker stets bewohnen.
61.
So fuhr ein Kreuzer aus von Land zu Landen
Und kam auch an den stillen Uferort;
Es schlummert auf dem Gras in Schlaftrunks Banden
Angelika, die Unglücksel'ge, dort.
Ein paar Matrosen dieses Fahrzeugs landen
Und tragen Holz und frisches Wasser fort,
Bis sie das lieblichste von schönen Kinden
Im Arme jenes frommen Vaters finden.
62.
O Beute, allzu hoch und allzu teuer
Für solche wilde Menschen, wie da nahn!
Wer sollte glauben, daß du so das Steuer,
Fortuna, führst auf dieser Erdenbahn,
Daß du zur Speise gibst dem Ungeheuer
Die Schönheit, derentwillen Agrikan
Halb Skythien hieß den Heereszug beginnen
Nach Indien hin, den Tod nur zu gewinnen!
63.
Der hohe Reiz, um den Fürst Sakripante
Die Ehre hingab und sein schönes Reich,
Die Schönheit, die dem Ritter von Anglante
Den Ruhm getrübt hat und den Geist so reich,
Die Schönheit, die kopfüber die Levante
Aufbäumen ließ und zähmte alsogleich,
Hat niemand jetzt – so ändern sich die Dinge –,
Der auch mit Worten nur ihr Hilfe bringe.
[162] 64.
Das holde Kind, von tiefem Schlaf umfangen,
Es wird gefesselt, eh sie noch bei Sinn.
Der Bruder Hexenmeister, mitgefangen,
Liegt bei der finstren Schar im Boote drin.
Die Segel, die am hohen Mastbaum hangen,
Führen das Schiff zur Schreckensinsel hin:
Die Königstochter bannen Kerkerwände,
Bis zu dem Tag, da sich ihr Los vollende.
65.
Das wilde Volk zum Mitleid zu erregen,
Gelang nun freilich ihrer Schönheit Macht,
Und viele Tage wurde ihretwegen
Dem Tod ein sonstig Opfer dargebracht;
Solang noch Hilfe war auf andern Wegen,
Ward dieser Engelsschönheit nicht gedacht.
Zuletzt bringt man sie doch dem Tier als Beute,
Und weinend hinterdrein gehn alle Leute.
66.
Wer ist, der all das Schluchzen, Klagen künde?
Das Jammern dringt zum Himmel schier hinein:
Nicht staun' ich, öffnen sich die Felsengründe,
Wie sie in Ketten steht auf kaltem Stein,
Daß alle Not den Schrecken sich verbünde,
Um herbem, grausem Tode sie zu weihn.
Ich sag' es nicht, bin, ganz von Schmerz durchdrungen,
Ein andres Lied zu singen jetzt gezwungen
67.
Und Klänge minder düster anzustimmen,
Bis neue Kraft gewinnt mein müder Sinn;
Es könnten schleim'ge Drachen nicht, die grimmen,
Und nicht in höchster Wut die Tigerin
Und nicht, was in Ägypten schleicht an schlimmen
Und gift'gen Tieren durch die Wüste hin,
Sehn oder denken ohne Herzenswunden
Angelika an nackten Fels gebunden.
[163] 68.
O hätte dies ihr Roland doch erfahren,
Der nur um sie war nach Paris gereist,
Und jene, die getäuscht hat das Gebaren
Des schlauen Alten mit dem Höllengeist!
Sie wären, ihr zu helfen in Gefahren,
Herbeigeeilt durch tausend Tode dreist.
Allein wenn sie auch wirklich Kunde hätten,
Wie könnten sie von fern die Holde retten?
69.
Paris inzwischen dem Belagrungsringe
Von Trojans tapfrem Sohne widerstand,
Und mißlich schienen eines Tags die Dinge:
Beinah schon fiel die Stadt in Feindes Hand;
Da stieg zum Himmel des Gebetes Schwinge,
Und dunkler Regen ward von Gott gesandt;
Durch Mohrenwaffen sonst ein Ende nahmen
Das heil'ge Reich und Frankreichs großer Namen.
70.
Der höchste Schöpfer wendet Gnadenblicke
Auf Karls, des alten, Klageruf hinab,
Schickt Regen, der die Feuersbrunst ersticke,
Wo keine Menschenmacht mehr Hilfe gab.
Heil, wer vertraut dem Lenker der Geschicke!
Er ist in aller Not der beste Stab.
Und dankbar gläubig König Karl erkannte,
Daß Gott es sei, der ihm die Hilfe sandte.
71.
Die Nacht hat Roland flüchtige Gedanken
Dem läst'gen Pfühl vertraut in großer Zahl,
Faßt sie zusammen jetzt, läßt dann sie schwanken,
Hierhin und dorthin – ruhn kein einzig Mal:
Wie Zwitterlicht des Wassers wohl, des blanken,
Vom Mond getroffen oder Sonnenstrahl,
Das weite Dach entlang in raschem Lauf hüpft,
Nach rechts und links und hoch und niedrig aufhüpft.
[164] 72.
Zur Liebsten hat sein Geist den Weg gefunden
(Von ihr geschieden war er noch gar nie):
Die Glut erwacht aufs neu in nächt'gen Stunden,
Der leisen Schlummer nur der Tag verlieh.
Er hatte als Genoß sich ihr verbunden,
Fern in Katai – und hier verlor er sie
Und konnte keine Spur mehr von ihr finden,
Seit bei Bordeaux sich Karl ließ überwinden.
73.
Das schmerzte Roland sehr; mit bittern Klagen
Bereut' er jetzo seinen Unverstand:
»Mein Herz, wie konnt' ich nur mich so betragen!«
Sprach er bei sich. »Obwohl bei mir es stand
– Denn deine Güte wollt' es nicht versagen –,
Dich Tag und Nacht zu schauen unverwandt,
Ließ ich in Naims' Hand dich, du Holde, legen,
Statt gegen solches Unrecht mich zu regen.
74.
War's nicht mein Recht, dagegen anzuringen?
Karl hätt' am End den Wunsch mir nicht verwehrt –
Und wenn verwehrt, wer könnte wohl mich zwingen?
Wer mir entreißen, was mein Sinn begehrt?
Ließe das Herz man aus dem Leib mir springen,
Mußt' ich nicht ihnen trotzen mit dem Schwert?
Nicht hätten Karl und alle seine Leute
Je mit Gewalt dich fortgeschleppt als Beute.
75.
Ließ er sie wenigstens – behütet – leben,
Sei's in Paris, sei's sonst in guter Wacht!
Doch daß er jenem Naims sie hat gegeben,
Zeigt mir, ich werde ganz um sie gebracht.
Der beste Wächter wär' ich selber eben:
Drum, was geziemte bis zur Todesnacht? –
Daß ich sie mehr als Herz und Augen schützte!
Weh, daß ich nicht die rechte Zeit benützte!
[165] 76.
Ach, ohne mich wo bist du, süßes Leben,
Geblieben, du so jung und hold und schön?
Dem Lämmchen gleich, das, wenn die Schatten weben,
Verlassen irrt umher in wald'gen Höhn,
Das hofft, dem Hirten Kunde noch zu geben,
Und hierhin, dorthin schickt sein Klaggetön,
Bis angelockt zuletzt die Wölf' erscheinen
Und nun umsonst der arme Hirt muß weinen.
77.
Wo bist du, meine Hoffnung, hingeschwunden?
Irrst du umher, weil ich dich ließ im Stich?
Hat dich vielleicht der grimme Wolf gefunden?
Wenn nicht dein Roland, ach, wer schützte dich?
Hat sein Gebiß die Blume dir entwunden?
Die höbe zu den hohen Göttern mich!
Doch dir zu trüben nicht dein keusch Gemüte,
Bewahrt' ich unversehrt die hehre Blüte.
78.
O weh mir! Weh! Verzweifelt muß ich enden,
Nahm man der schönen Blume ihren Schein!
Eh das geschieht, Allgüt'ger, wolle senden
All andres Herzeleid und jede Pein!
Sonst taugt mir Tod nur von den eignen Händen,
Und in Verdammnis muß die Seele sein.«
Weinend und seufzend aus dem tiefsten Herzen
Sprach Roland so bei sich in bittren Schmerzen.
79.
Gesunken war die süße Ruhe nieder
Rings auf die müden Seelen allzumal,
Löst hier auf Federn, dort auf Stein die Glieder,
Dem unterm Baum, dem auf dem Gras im Tal.
Du aber, Roland, schlossest kaum die Lider,
So sucht dich heim der Nachtgedanken Qual.
Nicht einmal diesen kurzen, flücht'gen Schlummer
Gönnt man dir ganz, um auszuruhn von Kummer!
[166] 80.
Wo duft'ge Blumen – schien es Roland – stehen
In Pracht verstreut auf grünem Uferrand,
Gebild' aus Elfenbein glaubt er zu sehen
Und Purpur, den gemalt hat Amors Hand;
Zwei Sterne hell – vor Wonne will vergehen
Die Seele, die des Amor Netz umwand –:
Die Züge mein' ich und die lichten Strahlen,
Die mitten aus der Brust das Herz ihm stahlen.
81.
Die höchste Wonne will ins Herz ihm schleichen,
Die sich von Treuverliebtem fühlen läßt:
Da plötzlich kommt ein Sturmwind ohnegleichen,
Der Blumen knickt und Büsche zaust und preßt.
Nicht pflegt an diese Wucht fürwahr zu reichen,
Was sonst noch weht von Nord und Ost und West.
Ihm ist, er irre jetzt zum Schutz des Lebens
Durch eine weite Wüste hin vergebens.
82.
Mit einemmal verliert er seine Dame
Im Nebelgrau – er weiß nicht, wie sich's trifft –,
Ob, laut gerufen, auch der schöne Name
Ringsum weckt Widerhall in Wald und Trift.
Und wie er »Weh mir!« klagt in seinem Grame,
»Wer wandelt meine Süßigkeit in Gift?« –
Ist ihm, als ob sein eigner Nam' ertöne
Und ihn um Hilfe flehe seine Schöne.
83.
Rasch in der Richtung, draus die Rufe hallen,
Schafft er sich Bahn und sucht, von wo man spricht.
O welche Schmerzen in der Brust ihm wallen:
Er sieht nicht jener Augen süßes Licht!
Da hört er eine andre Stimme schallen:
»Genießen sollst du sie auf Erden nicht!«
Bei diesem Schreckruf ist der Traum verflossen –
Der Held wacht auf, von Tränen übergossen.
[167] 84.
Er fragt nicht, ob vielleicht ein Trug ihn necke,
Durch Sehnsucht oder Furcht hervorgebracht;
Nur daß in Nöten seine Dame stecke,
Nur dieser einz'gen Sorge hat er acht.
Blitzschnell von seinem Lager springt der Recke,
Nimmt Waffen, ist auch auf ein Roß bedacht,
Auf Güldenzaum, und steht bereit zur Reise;
Der Knappen Dienst will er in keiner Weise.
85.
Um nun beliebig Pfade einzuschlagen,
Die seine Würde sonst vielleicht verbot,
Galt es, sein ruhmvoll Wappen sich versagen,
Bekannt mit seinen Farben Weiß und Rot,
Und lieber jetzt ein schwarzes Zeichen tragen,
Vielleicht weil's ähnlich seiner Herzensnot.
Er hatt' es einem Amostant genommen,
Der einst durch seine Hand war umgekommen.
86.
Um Mitternacht macht er sich auf in Schweigen,
Grüßt nicht und gönnt dem Ohm kein Abschiedswort,
Will nicht einmal sich Brandimarte zeigen,
Der ihm so teuer doch, der Freundschaft Hort.
Doch als mit goldnem Haar die Sonne steigen
Die Rosse läßt vom Haus des Titon fort,
Und feuchte Schatten fliehen vor der Helle,
Merkt Karl, der Paladin ist nicht zur Stelle.
87.
Er hört mit tiefem Groll, es ist verschwunden
Sein Neffe ganz verstohlen in der Nacht,
Der ihm zu helfen, traun, doch war gebunden:
O, wie dem schweren Grimme Luft er macht!
Manch bittres Wort zeigt seiner Seele Wunden,
Des Frevlers wird mit hellem Zorn gedacht.
Es dröhnt: »Kehrt nicht zurück der Ungetreue,
So wird man sorgen, daß es ihn gereue.«
[168] 88.
Auch Brandimart beschließt davonzueilen,
Der Roland ja sein ganzes Herz geweiht:
Will er das Schicksal seines Freundes teilen?
War ihm das Tadeln und das Schelten leid?
Man sah ihn grad so lange noch verweilen,
Bis sich der Tag geneigt zur Dunkelheit.
Und Flordelis verschwieg er ganz die Sache,
Daß sie dem Plan nicht Schwierigkeiten mache.
89.
So hieß ein Fräulein, dem getreu zu dienen
Ihm Wonne war, kaum ließ er sie allein –
Voll Anmut, Sitte und von holden Mienen,
Mit hellem Geist begabt und klug und fein;
Und war er jetzt nicht auch vor ihr erschienen,
Geschah's, weil er zurück noch wollte sein
Am selben Tag; doch sollten Dinge walten,
Ihn länger, als er dachte, aufzuhalten.
90.
So war ein Monat etwa hingegangen,
Sie saß noch immer seiner harrend dort,
Da wurde Sehnsucht mächtig und Verlangen:
Ohn' einen Führer zog die Dame fort
Und suchte den geliebten Mann voll Bangen,
Wie die Geschichte zeigt am rechten Ort.
Von diesen beiden sag' ich hier nichts weiter:
Mehr kümmert jetzt mich von Anglant der Streiter.
91.
Der hat ein neues Wappen sich erkoren,
Statt Almonts Schild, und sich zum Tor gewandt:
»Ich bin der Graf«, so raunt er in die Ohren
Dem Hauptmann leise, der dort Wache stand.
Man ließ die Brücke nieder vor den Toren,
Und auf dem Weg, den er als nächsten fand
Dem Feind zu, in gerader Linie ritt er.
Der nächste Sang sagt Weitres von dem Ritter.

[169] Neunter Gesang

1.
Was kann ein Herz noch tun, ward es bezwungen
Von jenes bösen, falschen Amors Macht,
Hat sie sogar die Lehenstreu' entrungen
Dem Ritter Roland aus des Busens Schacht?
Er, weise sonst, von Ehrfurcht ganz durchdrungen,
Stets auf der heil'gen Kirche Schutz bedacht,
Er macht sich jetzt – durch eitle Lieb' ein Blinder –
Aus Karl und sich nicht viel, aus Gott noch minder.
2.
Doch ich begreif' ihn und bin frohen Mutes,
Daß nicht mir Toren der Genoß gebricht:
Auch ich bin krank und schwächlich für mein Gutes,
Doch auf mein Böses ganz robust erpicht. –
Der, schwarz gekleidet, reitet schweren Blutes
– Freunde zu lassen, das bedrückt ihn nicht –
Hin, wo die Zelte der aus Spaniens Landen
Und Afrika gekommnen Scharen standen.
3.
Was sag' ich Zelte! – Durch den Regen blieben
Sie unter Bäumen und wo sonst was deckt,
Zu zehn, zu zwanzig, vier, zu acht, zu sieben,
Der weiter fort, der in der Näh' versteckt.
Ein jeder schläft, zermürbt und aufgerieben,
Der auf die Hand gestützt, der ausgestreckt.
Man schläft –: er könnte viel ins Jenseits senden,
Doch nimmt er nicht die Durendal zu Händen.
[170] 4.
Roland ist edel: er kann nicht erschlagen,
Wer waffenlos ist und vom Schlaf gebannt.
Nun geht er, den und jenen Ort befragen
Nach einer Spur von ihr, die ihm entschwand.
Und trifft er einen wachend, dann mit Klagen
Beschreibt er die Gestalt und das Gewand,
Vom Mohren sich die Richtung zu erbitten,
In der die Dame sei davongeschritten.
5.
Als klar und leuchtend es begann zu tagen,
Das Mohrenheer durchforscht' er weit und breit,
Bedacht, ein Sarazenenkleid zu tragen;
So kann er's tun in aller Sicherheit.
Es kommt dazu: er kann die Sache wagen,
Weil er in fremden Sprachen weiß Bescheid
Und, Afrikanisch sprechend, wird verstanden,
Als ob er selber stamm' aus jenen Landen.
6.
Drei Tage bleibt er – nicht zu andern Zwecken –,
Und aus dem Suchen kommt er nicht heraus,
Sucht dann in Stadt und Dorf, sie zu entdecken,
Durchs Frankenland und drüber noch hinaus
Und sucht danach, bis auf den fernsten Flecken,
Auvergne und Gascogne ein und aus;
Er sucht von der Provence zu den Bretonen,
Von den Picarden bis wo Spanier wohnen.
7.
Es war Oktober, wenn die Blätter schwinden,
Und der November zog gemach heran,
Wenn nackend sich der Pflanze Glieder finden,
Weil sie das Kleidchen nicht mehr tragen kann,
Und Vögel sich zu enger Schar verbinden –
Da trat die Liebesfahrt Graf Roland an
Und ließ nicht ab von ihr an Winters Grenze
Und auch noch nicht in nächsten Jahres Lenze.
[171] 8.
So zieht er eines Tages auch von dannen
Von einem Land ins andre, wie er pflegt:
Nun trennt ein Fluß Bretonen von Normannen,
Der sonst sich still zum nahen Meer bewegt;
Jetzt aber hoch und wild die Wogen rannen,
Von Schnee und Bergesfluten aufgeregt:
Die Brücke, von des Wassers Wucht durchstochen,
War fortgeschwemmt, der Zugang unterbrochen.
9.
Er späht hinüber, was da wohl zu machen,
Blickt auf und ab dann wieder diesen Strand,
Wie er (was Fische- sind und Vogelsachen)
Hinkomme nach dem andern Uferrand:
Da sieh: ganz unversehens naht ein Nachen,
Das Steuer führet eines Fräuleins Hand:
Sie winkt, als komme sie des Ritters wegen,
Doch scheint sie nicht gesonnen, anzulegen.
10.
Sie landet nicht, vielleicht hat sie Bedenken,
Man bring' am Ende ungebetne Fracht.
Nun winkt der Graf, das Boot heranzulenken:
Er wäre gern zum andren Strand gebracht.
Sie sprach: »An meinen Kahn darf keiner denken,
Der nicht zuvor mir hat den Schwur gemacht,
Den Kampf zu kämpfen, den ich fordern werde,
Den besten und gerechtesten der Erde.
11.
Und seid Ihr, mein Herr Rittersmann, gesonnen,
Dem andern Uferrand zu nahn durch mich,
Versprecht, daß Ihr, wenn dieser Mond verronnen,
Und eh der folgende noch ganz entwich,
Die Fahrt zu Irlands König habt begonnen:
Ein wackres, schönes Heer bereitet sich,
Denn eines gilt: Ebuda geh' zugrunde,
Die schlimmste Insel auf dem Erdenrunde.
[172] 12.
Vernehmt: weit hinter Irland ist gelegen
Ebuda (viele Inseln gibt es hier),
Wo die Bewohner noch des Raubes pflegen
Nach alter Satzung rings am Strandrevier,
Und was sie dann von Frauen finden, legen
Sie vor zur Speise einem Wassertier.
Das kommt tagtäglich, und auf alle Fälle
Ist dort ein Fräulein, eine Frau zur Stelle.
13.
Denn Händler haben solche und Korsaren
Im Vorrat stets, und von den schönsten zwar.
Ihr könnt nun zählen, welche Frauenscharen
– Tagtäglich eine! – sterben Jahr für Jahr.
Herr Ritter, habt Ihr Amors Macht erfahren
Und seid im Herzen nicht des Mitleids bar,
Ihr werdet zu den Edlen Euch begeben,
Die solch ein wohlgefällig Werk erstreben.«
14.
Kaum ließ sie Roland bis zu Ende sprechen;
Er schwur sogleich, als erster sei er da:
Wo er von Unbill hört, muß er sie rächen;
Davon nur zu vernehmen, schmerzt ihn ja.
Zudem will die Besorgnis Bahn sich brechen,
Dort sei gefangen auch Angelika;
Denn lang' hat er gesucht auf vielen Wegen,
Und nirgends trat ihm eine Spur entgegen.
15.
So nahm ihn der Gedanke jetzt gefangen,
Und frühre Plän' entschwanden seinem Sinn,
In aller Eile sucht' er zu gelangen
Nach jenem Eiland der Barbaren hin.
Eh noch die nächste Sonn' ins Meer gegangen,
Saß er bei Sankt Malo im Schiffe drin,
Das er gefunden; ließ die Segel spannen,
Und um Sankt Michels Berg fuhr er von dannen.
[173] 16.
Brieuc und Landriglier läßt er zur Linken,
Fährt längs dem mächtigen Bretagnestrand
Dann hin, von wo die weißen Klippen winken,
Nach denen England Albion ist genannt.
Allein der Südwind fängt nun an zu sinken,
Und ein Nordwest, ein starker, ist zur Hand;
Er zwingt, die Segel rasch herabzulassen
Und ihm das Steuern selbst zu überlassen.
17.
Zurück in einem Tage flog mit Schnelle
Das Schiff, wie es in vieren fuhr heran;
Damit es nicht am Strand wie Glas zerschelle,
Hielt es in offner See der Steuermann.
Der Wind, vier Tag' ein wütender Geselle,
Stimmt an dem fünften andre Liedchen an;
Das Schiff kann sonder Mühe hingelangen,
Wo Meereswelln Antwerpens Strom empfangen.
18.
Der müde Schiffer war dort eingefahren
Mit dem zerzausten Schiff und dicht am Strand,
Da kam vom Flusse rechts, wo Felder waren,
Ein hochbejahrter Mann zum Uferrand
(Recht alt, man sah es an den weißen Haaren).
Der hat sich höflich an den Graf gewandt.
Mit Bücklingen, wie vor dem Oberhaupte,
Das er in Roland hier zu sehen glaubte,
19.
Sprach er, ein Fräulein werd' er recht verbinden:
Das bitt' um sein Erscheinen ihn gar sehr.
Er werde nicht nur schön, auch hold sie finden;
Es gäbe solchen Liebreiz fast nicht mehr.
Sonst mög' er sich zu warten überwinden,
Dann komme sie zum Schiffe selber her.
Er werd' ihr ganz gewiß nicht säum'ger dienen
Als viele Ritter, die vor ihm erschienen.
[174] 20.
Von allen, die bisher des Weges gingen,
Zu Land, zu See und auch den Fluß hinauf,
Versäumte keiner, Rat ihr darzubringen,
Sie halfen ihr in ihren Nöten auf.
Roland vernimmt's, er eilt, ans Land zu springen,
Und geht ohn' Aufenthalt in schnellem Lauf,
Wie's einem art'gen Ritter mag gebühren,
Wohin der Greis bestrebt ist ihn zu führen.
21.
Im Landgut tritt er, stets dem Greis zu Seiten,
Ein in ein Schloß, geht dort die Trepp' hinan
Und läßt zu einer Dame sich geleiten:
Nicht nur ihr Antlitz kündet Trauer an,
Auch schwarze Decken, die im Haus sich breiten,
So weit man Säl' und Zimmer sehen kann.
Sie grüßt ihn fein, lädt ihn zum Sitzen drinnen,
Um dann mit trübem Tone zu beginnen:
22.
»Dem Graf von Holland, Herr, bin ich entsprossen:
Der liebte mich (blieb ich auch nicht allein,
Denn noch zwei Brüder hatt' ich zu Genossen),
Er konnte gar nicht liebevoller sein.
Nie hat er meinen Bitten sich verschlossen;
Für meine Wünsche kannt' er nicht das Nein.
Als mir in Frohsinn so die Tage schwanden,
Erschien ein Herzog hier in unsern Landen.
23.
Herzog von Seeland war er, und sein Sinnen
Ging, nach Biskaya in den Krieg zu ziehn.
Ich ließ durch Jugend, Schönheit mich gewinnen:
Sie machten zur Gefangnen mich für ihn.
Auch ihm erwachte Glut im Herzen drinnen,
So daß es nach den äußern Zeichen schien
(Ich glaubt' und glaub's und glaub', ich glaube richtig):
Er liebte mich und liebt mich noch aufrichtig.
[175] 24.
Ans Haus gebannt durch üble Wetterlage
(Übel für ihn, für mich war gut der Wind) –
Mir schien's ein Nu, den andren vierzig Tage,
So flog die Zeit auf Schwingen pfeilgeschwind –
Beschließen wir, wir wollen ohne Frage,
Sobald zu End' die Kriegesfahrten sind,
Uns zur Vermählung hier zusammenfinden
Und feierlich zum ew'gen Bund verbinden.
25.
Kaum war Biren nun fort auf seinen Wegen
(So ist mein treuer Liebster zubenannt),
Als dort aus Friesland, das so nah gelegen,
Wie sich die Mündung dieses Stromes spannt,
Vom König Boten kamen, meinetwegen,
Für seinen einz'gen Sohn zu werben, den Arbant;
Die Höchsten aus des fries'schen Adels Reihen
Sollten bei meinem Vater um mich freien.
26.
Ich könnte nie mein Wort dem Freunde brechen.
(Er gab mir seines; wie betrög' ich ihn?);
Und könnt' ich's, würd' es Amor schleunig rächen,
Hätt' er so schnöden Undanks mich geziehn.
Um das Geschäft auf einmal abzubrechen,
Das schon im Gang war, fast zu End' gediehn,
Sagt' ich dem Vater, sollt' er fort mich geben
Nach Friesland hin, so würd' ich nimmer leben.
27.
Mein Väterlein, das stets tat, was ich wollte,
Und nur auf meine Freude war bedacht,
Hat, mir zum Trost, als meine Träne rollte,
Drauf der Verhandlung gleich ein End' gemacht;
Der stolze Friese war empört, er grollte
Und, voller Haß, in helle Wut gebracht,
Trug er nach Holland seine blut'gen Waffen,
Die all mein Haus von hinnen sollten raffen.
[176] 28.
Er ist nicht nur an Kraft so übermächtig,
Daß kaum sich einer mit ihm messen kann;
Nein, auch im Bösetun so niederträchtig,
Es kann nicht Mut noch List an ihn heran:
Er hat ein Waffen, das noch niemals, dächt' ich,
In alter Zeit und neuer trug ein Mann;
Ein Eisen schwarz von zweier Arme Länge;
Und Blei und Pulver jagt er durch die Enge
29.
Mit Feuer, wo die Röhre hinten endet,
Und irgendwo dort eine Spalte sitzt;
Die braucht er so, wie sie der Arzt verwendet,
Wenn er dem Kranken eine Ader ritzt.
Mit solchem Krachen wird der Ball entsendet,
Daß man vermeint, es donnert und es blitzt,
Und was er trifft – dem Blitz gleich, wenn es wettert –,
Verbrennt, zerschlägt, zerstört er und zerschmettert.
30.
Zweimal durchbrach er unsre Heeresglieder
Und hat die Brüder in den Tod gesandt:
Beim erstenmal streckt er den einen nieder
(Das Herz durchbohrend durch das Stahlgewand),
Kam bald darauf zum andern Male wieder
Und schoß den zweiten, der zur Flucht gewandt.
Von fern traf ihn die Kugel in den Rücken,
Ging durch den Leib und riß die Brust in Stücken.
31.
Als sich darauf mein Vater hinter Toren
Der Burg, die ihm allein geblieben ist
(Denn alles andre ging ihm schon verloren),
Sich wehrt, da mordet ihn die gleiche List;
Denn als er grad den Wachtdienst sich erkoren
Und zeigt, was nottut zu derselben Frist –
Zwischen die Braun hat er den Ball bekommen
Von dem, der ihn von fern zum Ziel genommen.
[177] 32.
Der Insel Holland Erbin nun gelassen,
Durch meiner Lieben Tod, war ich allein:
Der Friesenfürst, gewillt dort Fuß zu fassen
Und in dem Reiche sichrer Herr zu sein,
Verkündet mir und auch den Volkesmassen,
Er würde Ruh' und Frieden jetzt verleihn,
Wollt' ich zur Zeit, was früher nicht ich wollte:
Daß Prinz Arbant mein Gatte werden sollte.
33.
Nicht darum nur, weil ich den Haß will tragen,
Haß auf den Friesen und sein arges Haus,
Der Brüder mir und Vater hat erschlagen,
Mein Heim verwandelt hat in Brand und Graus –
Nein, weil ich nicht dem Liebsten will entsagen
(Er nahm ja meinen Schwur mit sich hinaus,
Daß ich nicht früher eines andren wäre,
Bis er von Spanien nimmer wiederkehre),
34.
Sagt' ich: Eh'r will ich hundert Tode kennen;
Man mag mit allen Qualen mich bedräun,
Man mag mich töten, lebend mich verbrennen
Und meine Asche in die Winde streun! –
Mein Volk sucht von dem Vorsatz mich zu trennen;
Ich hör' ihr Flehen stürmisch sich erneun,
Mich und das Reich in seine Hand zu legen,
Daß nicht das Land verderbe meinetwegen.
35.
Als sie ihr Drängen ganz vergeblich sehen
Und mich so felsenfest im Widerstand,
Die Meinen all zum Friesenkönig stehen
Und geben Reich und mich in seine Hand.
Ohn' irgend weitre Unbill zu begehen,
Versichert er mir Leben so wie Land,
Damit ich alten Abscheu überwinde
Und in die Heirat mit Arbant mich finde.
[178] 36.
Zum Tode will ich meine Zuflucht nehmen,
Um so verhaßtem Zwange zu entgehn;
Vorher mich rächen; – sonst würd' ich mich grämen
Mehr als um alles, das mir noch geschehn.
Auch der Verstellung darf ich nicht mich schämen,
Einzig in ihr ja kann ich Hilfe sehn:
Verliebtheit heuchl' ich, bitt' ihn, zu verzeihen,
Scheinbar voll Sehnsucht jetzt, Arbant zu freien.
37.
Von all den vielen, die im Dienste standen
Des Vaters noch, wählt' ich zwei Brüder aus,
In denen Mut und hoher Sinn sich fanden
(Die Treue ragte drüber noch hinaus),
An mich gekettet durch der Jugend Banden,
Mit mir erzogen beid' im Königshaus
Und also mein: – sie würden gern ihr Leben
Für meine Wohlfahrt mir zum Opfer geben.
38.
Den zwein vertrau' ich mich in diesen Zeiten,
Und sie versprechen Hilfe mir sofort:
Der geht nach Flandern hin die Fahrt bereiten,
Der andre bleibt bei mir zurück am Ort.
Derweil nun für die Hochzeit Boten reiten
Und Fremd' und Heim'sche laden hier und dort,
Vernimmt man, daß Biren in Spanien rüste;
Er bring' ein Kriegesheer nach Hollands Küste.
39.
Nach jener Schlacht, in der das Heer geschlagen
Ward und den Tod mein lieber Bruder fand,
Hatt' ich, die Kunde zu Biren zu tragen,
Nach Spanien einen Boten abgesandt.
Derweil sie dort sich mit der Rüstung plagen,
Kommt meines Reiches Rest in Feindeshand.
Biren, dem noch hiervon die Nachricht fehlte,
Zu unsrer Hilf' indes die Schiffe wählte.
[179] 40.
Als drob der Friese Meldung hat empfangen,
Gibt er die Hochzeit in des Sohnes Hand
Und ist mit seinem Heer zu See gegangen:
Des Herzogs Flotte ward besiegt, verbrannt,
Er selbst nach Schicksals Willen, ach, gefangen;
Doch davon wurd' uns damals nichts bekannt.
Der Jüngling freit mich: nach der Sonne Schwinden
Denkt er die Lagerstatt bei mir zu finden.
41.
Verborgen war und ohne sich zu regen
Mein treuer Helfer hinterm Bettverhang:
Als er den Gatten sah sich herbewegen,
Mit starken Armen eine Axt er schwang
– Arbant fand nicht die Zeit, sich hinzulegen –,
Und auf dem Hinterkopf der Hieb erklang,
Der ihm die Stimme raubte und die Seele –
Schnell sprang ich auf und schnitt ihm durch die Kehle.
42.
Gleichwie die Ochsen in den Schlachthaushallen,
Fiel der unsel'ge Jüngling auf den Grund,
Cimosk zum Trutz, dem Schändlichsten von allen
(Den bösen Friesen nenn' ich dir jetzund),
Durch den all meine Treuen sind gefallen
Und der mich zwang zu diesem Ehebund,
Um seiner Herrschaft größern Halt zu geben,
Nachher wohl doch nach meinem Tod zu streben.
43.
Wir nehmen rasch, eh Störung uns ereile,
Was nicht viel wiegt und gute Dienste tut;
Dann läßt mich mein Genosse rasch am Seile
Hinab vom Fenster auf die Meeresflut,
Wo in dem Boot aus Flandern mittlerweile
Sein Bruder wartet mit gespanntem Mut:
Ins Meer die Ruder, Segel in die Winde! –
Und Gott gefall's, daß jeder Rettung finde!
[180] 44.
Ob Rachewut, ob Schmerzen größer waren
Des Königs um den Sohn, konnt' ich nicht sehn;
Er kam am nächsten Tage, zu gewahren,
Was ihm zum Hohne Grausiges geschehn.
Stolz war er heimgekehrt mit seinen Scharen,
Stolz auf den Sieg, den Fang auch des Biren;
Zu Fest und Hochzeit glaubt' er zu erscheinen,
Nun fand er alles dunkel und zum Weinen.
45.
Schmerz um den Sohn, ein Haß wild zum Erschrecken
Auf mich verläßt ihn nicht bei Tag und Nacht.
Doch weil die Klagen Tote nicht erwecken,
Die Rache aber Luft dem Hasse macht,
Soll nicht in Seufzer sich das Leid verstecken,
Auf eines, nach dem Wehruf, sei's bedacht:
Auf einen Bund mit grenzenlosem Hassen –:
Mich finden gilt es und mich büßen lassen!
46.
Wer mir verknüpft war mit der Freundschaft Banden
Und wem für die Genossen schlug das Herz,
Die zu dem Werk mir hatten beigestanden,
Beraubt', erschlug er, trieb sie anderwärts.
Biren auch wollt' er töten mir zu Schanden;
Das gäbe ja für mich den größten Schmerz;
Doch lebend – deucht ihn -bild' er wohl die Schlinge
In seiner Hand, darin auch ich mich finge.
47.
Mit einem Vorbehalte, einem schlimmen,
Bleib' er am Leben bis auf Jahresfrist;
Sodann verfall' er doch dem Tod, dem grimmen,
Geläng' ihm durch Gewalt nicht oder List,
Verwandte oder Freunde zu bestimmen,
Daß sie mich, wenn es zu erreichen ist,
Einliefern: also wird für ihn mein Sterben
Der einz'ge Weg, nicht selber zu verderben.
[181] 48.
Ich tue, was für ihn nur kann geschehen
(Bloß, daß ich selbst mich nicht dem Tod gestellt);
Sechs Schlösser geb' ich, die in Flandern stehen,
Und lasse für das so gelöste Geld
Teils hin zum Feind erfahrne Späher gehen,
Die Wache zu bestechen, die ihn hält,
Und teils verwend' ich's zu des Friesen Schaden,
Engländer oder Deutsche herzuladen.
49.
Ob dieses nicht vermocht die Mittler haben,
Ob sie nicht taten, was sie doch gesollt –
Ich weiß nur, daß sie nichts als Worte gaben;
Sie höhnen noch, nun eingesteckt das Gold.
Und jetzt, zu spät, ach, kämen Heer und Gaben,
Denn jenes Jahr der Frist ist hingerollt,
Und rings die weite Welt kein Mittel hätte,
Das meinen Liebsten vor dem Morde rette.
50.
Für ihn bin ich aus meinem Reich vertrieben,
Für ihn sind Brüder mir und Vater tot;
Für ihn das Wen'ge, das mir noch geblieben,
Daß mir gesichert wär' ein täglich Brot –
Es ward, ihn zu befreien, aufgerieben,
Und jetzt steht weiter nichts mir zu Gebot,
Als mich zu geben in die Hand des bösen,
Grausamen Feindes, um ihn auszulösen.
51.
Drum sollt' es keine Hilfe weiter geben
Und stellt sich nichts zu seiner Rettung ein
Als dies mein Leben, nun, so wird dies Leben
Mir ihm zu opfern nicht zu teuer sein.
Doch eine einz'ge Sorge macht mich beben:
Wie treff ich wohl den Pakt so klar und rein,
Daß er mich sichre vor des Wütrichs Lügen,
Der, bin ich sein, noch leicht mich kann betrügen?
[182] 52.
Ich fürchte, wenn mich seine Hände fassen
Und alle Todesqualen mir geschahn,
So wird er doch darum Biren nicht lassen,
Daß der mir danke freie Lebensbahn;
Meineidig, voller Wut in seinem Hassen,
Ist ihm mit meinem Tod nicht gnug getan:
Mit meiner Qual wird er sich nicht bescheiden
Und läßt die gleiche dann Biren erleiden.
53.
Bring' ich der Lage Bild nun Euch entgegen
Und ihnen, die noch sonst am Ufer hin
Als edle Herren ziehn und kühne Degen,
So geht mir der Gedanke durch den Sinn:
Ich höre so von Mitteln wohl und Wegen,
Zu hindern, wenn ich des Tyrannen bin,
Daß er doch hinterdrein Biren behalte
Und wie mit mir so auch mit ihm noch schalte.
54.
So manchen bat ich schon, mich zu geleiten,
Wenn ich mich liefre an den Friesen dort,
Und jenen Austausch derart einzuleiten
– Versprechen müss' er dies mit seinem Wort –
Daß ich mich gebe – doch zu gleichen Zeiten
Frei sei Biren; verfall' ich dann dem Mord,
Getröstet werd' ich sterben und zufrieden,
Daß ihm mein Tod das Leben hat beschieden.
55.
Noch keiner wollte mir sein Wort verpfänden,
Daß er, führt man zum Friesenkönig mich,
Wenn der nicht gleich Biren auch will entsenden,
Hierher zurück mich bring' unweigerlich
Und nicht mich lasse in des Feindes Händen;
So fürchtet jeder vor der Waffe sich,
Der gegenüber nicht es hilft, sich rüsten,
Mag man sich auch im stärksten Panzer brüsten.
[183] 56.
Wenn Will' und Mut in Euch im Einklang stehen
Mit trutz'gem Antlitz und herkul'scher Kraft
Und Ihr vermeint zu kommen – und zu gehen
Mit mir, sobald der Friese Falsches schafft,
So mögt Ihr mich in seinen Händen sehen!
Ich sorge nicht –: denn, bin ich auch in Haft,
So weiß ich doch, muß ich schon selbst verderben,
Es wird, seid Ihr bei ihm, mein Herr nicht sterben.«
57.
Des Fräuleins Rede, vielfach unterbrochen
Von Tränen und von Seufzern, fand hier Schluß.
Roland, der sich noch niemals hat verkrochen
Und, gilt es Gutes tun, nie zeigt Verdruß,
Sagt kurz, als sie zu Ende hat gesprochen
(Er ist kein Freund von langem Redefluß):
Mehr als sie wünsche werd' erfüllt sie finden,
Darauf woll' er mit seinem Wort sich binden.
58.
Daß sie dem Leben für den Freund entsage,
Schwebt keineswegs ihm jetzt als Absicht vor:
Er rettet beide wohl mit einem Schlage,
Wenn er sein Schwert hat und nicht Kraft verlor.
Sie reisen ab, noch an demselben Tage,
Gut ist der Wind und hell das Himmelstor.
Der Graf hat Eile, denn er fühlt Verlangen,
Zum Eiland jenes Untiers zu gelangen.
59.
Hierhin und dorthin lenkt von Land zu Lande
Durch manchen tiefen Teich der Steuermann;
Die Inseln Seelands zeigen ihre Strande:
Jetzt schwindet die, und jene rückt heran.
Am dritten Tag steht er auf Hollands Sande,
Doch, die den Friesen haßt, nicht kommen kann:
Der Graf will, daß sie von dem Schiff aus sehe,
Wie es dem Wüterich durch ihn ergehe.
[184] 60.
Auf einen Renner, einen schwärzlich-grauen,
Steigt er am Strand, gerüstet, nach der Fahrt;
Ein Däne war's, genährt in Flanderns Auen,
Und mehr von starker als von leichter Art.
Denn als der Held ging sich dem Schiff vertrauen,
In der Bretagne ward sein Roß verwahrt,
Der Güldenzaum, an den kein Pferd kann reichen
Und der sich fast mit Bajard mag vergleichen.
61.
Nach Dortrecht kam er, sah am Tore Wachen
Und daß es angefüllt von Kriegern war,
Teils, weil sich Herrscher immer Sorgen machen
(Wenn ihre Herrschaft noch ein Neuling gar!),
Teils, weil gemeldet waren neue Sachen:
Von Seeland sei zur Fahrt mit einer Schar
Erlesner Krieger und mit vielen Schiffen
Ein Vetter des gefangnen Herrn begriffen.
62.
Graf Roland läßt darauf dem König sagen,
Gekommen sei ein Ritter vor die Stadt,
Mit ihm den Kampf auf Lanz' und Schwert zu wagen:
Doch die Bestimmung finde vorher statt:
Der Ritter liefre, werd' er selbst geschlagen,
Die Dam' aus, die Arbant getötet hat;
An nahem Orte sei sie gut verborgen;
Er selbst könn' ihr Erscheinen stets besorgen.
63.
Der König aber soll sein Wort verpfänden,
Im Fall der Ritter siege, den Biren
Sofort in voller Freiheit zu entsenden,
Daß er des Weges sicher möge gehn.
Der Bote eilt, zum König sich zu wenden,
Doch er, den keiner ehrlich je gesehn,
Er kennt im Augenblick nur dies Beginnen:
Auf Trug, Verrat und Hinterlisten sinnen.
[185] 64.
Er denkt, hab' er den Ritter in der Schlinge,
So hab' er – falls der Bote recht vernahm,
Daß jener Held die Dame mit sich bringe –
Auch sie, die Schmach ihm angetan und Gram.
Ein Trupp, gebietet er, von dreißig dringe
Aus anderm Tor, als jener Ritter kam,
Zum Platz hinaus und falle dort mit Tücken
Nach langem Umweg jenem in den Rücken.
65.
Der Falsche hält ihn hin mit leerem Worte,
Bis Roß und Reiter in dem Hinterhalt
Sind angelangt; dann sprengt er aus der Pforte,
Mit Mannschaft rings umgeben, dergestalt,
Wie wohl das Wild von jedem Zufluchtsorte
Der kund'ge Jäger sperren mag im Wald,
Und wie dort im Volano mit den Netzen
Die Fischer jeden Wasserplatz besetzen.
66.
So hat der König mit den Kriegermassen,
Daß jener nicht entfliehe, sorglich acht;
Er will ihn lebend, und nicht anders, fassen
Und hat sich dieses Ding so leicht gedacht,
Daß er den ird'schen Blitz zu Haus gelassen,
Mit dem er schon so viele umgebracht;
Denn dieser scheint ihm heute nicht vonnöten,
Wo es zu greifen gilt und nicht zu töten.
67.
Wie Vogelsteller lassen Schlingen hangen,
Lebend zu haschen ein paar Vögelein
(Mit ihrem Ruf und ihrem Zirpen fangen
Sie ja die andern vielen hinterdrein),
So ist jetzt dieses Friesenherrn Verlangen:
Doch Roland will kein solcher Vogel sein,
Der da sich greifen läßt beim ersten Zuge:
Er reißt die Schlinge durch mit starkem Fluge.
[186] 68.
Den Speer gesenkt, wo sie am dichtsten reiten,
Hin sprengt der Ritter von Anglant in Hast:
Er spießt den einen auf und gleich den zweiten,
Den dritten, vierten – Semmeln scheint es fast.
So läßt er bis zu sechs den Schaft durchgleiten,
Und weil die eine Lanze mehr nicht faßt,
Ist draußen nun der nächste Mann geblieben,
Doch, schwer getroffen, stirbt auch Nummer sieben.
69.
So sehn wir Frösche – will's dem Jäger glücken –
Aus Gräben und Kanälen an dem Strand
Vom Schützen aufgespießt in Seit' und Rücken
Wohl angereiht, gar viele nacheinand;
Er pflegt vom Pfeil nicht einen abzupflücken,
Eh er gefüllt von vorn bis hinten stand.
Der Speer flog fort, der solcherart beschwerte,
Und Roland schritt zum Kampfe mit dem Schwerte.
70.
Zur Klinge griff er nach dem Lanzenbrechen,
Die niemals ein vergeblich Werk begann:
Es fiel bei jedem Hauen, Schneiden, Stechen
Ein Mann zu Fuß, sonst auch zu Pferd ein Mann;
Wo's traf, da färbte sich von roten Bächen,
Was man zuvor als blau, weiß, gelb sah an.
Der Friese weiß vor Wut sich nicht zu fassen,
Daß er sein Feuerrohr zu Haus gelassen.
71.
Er ruft mit lautem Drohn, man soll es bringen,
Doch die erschreckten Krieger hören nicht;
Denn jedem, der zurück zur Stadt kann dringen,
Der Mut, aufs neu herauszugehn, gebricht.
Der König sah, wie alle rückwärts gingen,
Und war auf eigne Rettung nun erpicht:
Die Brücke aufzuziehn, eilt er zur Pforte,
Doch allzuschnell ist auch der Graf am Orte.
[187] 72.
Umkehrend läßt der König Tor und Brücken
Nun völlig frei dem grimmen Rittersmann,
Läßt fliehend alle Mannschaft hinterm Rücken,
Dieweil sein Pferd am besten laufen kann.
Nach niederm Volk will Roland nicht sich bücken,
Nur auf den Tod des Schurken kommt's ihm an;
Doch wenig taugt sein Tier zum raschen Rennen:
Man könnt' es lahm, das dort geflügelt nennen.
73.
Verschwunden – just als ob ihn Nacht bedecke –
Ist er dem Ritter; doch nach kurzer Weil'
Kommt er mit neuen Waffen, denn ein Recke
Hat ihm das Feuerrohr gebracht in Eil'.
Er drückt sich lauernd dicht an eine Ecke
Und harrt, so wie mit Hunden, Spieß und Pfeil
Der Jäger wildem Eber harrt entgegen,
Den er verheerend hört im Wald sich regen
74.
Und Steine wälzen und die Zweige knicken:
Ein Berg – so scheint's – sich in Bewegung setzt;
Läßt sich der stolze Kopf des Tieres blicken,
Meint man, es werde rings der Wald zerfetzt.
Cimosk steht lauernd, und am Zeug zu flicken
Denkt er dem übermüt'gen Grafen jetzt.
Der kommt –: das Feuer in dem Spalt am Rohr blitzt,
Worauf der Schuß im Augenblick hervorblitzt.
75.
Von hinten leuchtet's auf wie beim Gewitter,
Und vorne kracht's, entsendend Donnerknall.
Der Boden schwankt, als ob er beb' und zitter',
Der Himmel oben dröhnt vom grausen Schall.
Der glühnde Pfeil (es sinkt vor ihm in Splitter,
Was er nur trifft, und sei's ein Felsenwall),
Er saust und zischt; doch sollt' er Unheil bringen
Nach Wunsch des Mörders, wollt' es nicht gelingen.
[188] 76.
War's Eile oder daß zu sehr er glühte,
Roland zu töten, was ihn fehlen ließ?
War's, daß, wie Blätter bebend, sein Gemüte
Zugleich auch Arm und Hände beben hieß?
War's, daß den treuen Held die ew'ge Güte,
Die noch ihn brauchte, nicht in Not verließ? –
Der Schuß drang in den Leib hinein dem Pferde
Und, nie sich zu erheben, fiel's zur Erde.
77.
Es stürzt das Roß, es stürzt der Reiter nieder,
Doch jenes bleibt, und dieser, leicht und frei,
Springt auf geschickt und regt so frisch die Glieder,
Ob Atem ihm und Kraft gewachsen sei.
Wie sie gedoppelt kam Antäus wieder
Vom Boden dort in Libyens Wüstenei,
So schien's, daß bei Berührung mit der Erde
Roland die Stärke neu gegeben werde.
78.
Wer je das Feuer sah vom Himmel fahren,
Von Zeus mit solchem Krachen ausgesandt,
Hinkommen, wo die Menschen aufbewahren
Salpeter, Schwefel, Kohlen, allerhand
(Wie leicht auch die Zusammenstöße waren,
So steht doch Erd' und Himmel gleich in Brand;
Hartes Gestein zerreißt, die Mauern springen,
Und Felsenstücke zu den Sternen dringen),
79.
Der denke: also hob sich von der Erde,
Die er berührt, Roland der Paladin;
Mit solcher wilden, schrecklichen Gebärde,
Daß Mars im Himmel drob zu zittern schien.
Umwandte sich der Friese mit dem Pferde,
Entsetzt und schaudernd, jäh davonzufliehn;
Doch Roland hinterdrein mit größrer Eile
Als, fortgeschnellt vom Bogen, rasche Pfeile!
[189] 80.
Was er vorher umsonst versucht, beritten,
Das führt er aus, nun er auf Füßen steht:
Er folgt so rasch und mit so mächt'gen Schritten,
Ihr glaubt es nicht, wenn Ihr's nicht selber seht.
Er holt ihn ein, und auf des Helmes Mitten
Schwingt er das Schwert, und durch das Eisen geht
Die Klinge, haut hinab bis auf die Kehle –
Der Friese haucht am Boden aus die Seele.
81.
Da hört man neuen Waffenlärm erklingen
Und neu Getümmel drinnen in der Stadt:
Die Krieger sind's und wollen Hilfe bringen,
Die hergeführt Birenos Vetter hat.
Sie können durch die offnen Tore dringen,
Und durch die Straßen geht der Durchzug glatt;
Sie dürfen ohne Schwertstreich sie durchlaufen:
So bang vor Roland sind die Bürgerhaufen:
82.
Die fragen nicht – sie fliehen voller Eile –,
Wer jene seien und was ihr Begehr;
Doch merkt an Sprache mancher mittlerweile
Und an dem Kleid, sie sind aus Seeland her,
Sagt: Friede werde dieser Schar zuteile,
Stellt auch sich zur Verfügung wohl dem Heer
Und will ihm beistehn gegen jene Friesen,
Die seinem Herzog grausam sich bewiesen.
83.
Feind ist dem Friesenkönig und den Seinen
Das ganze Volk geblieben immerdar,
Weil alle noch den frühern Herrn beweinen,
Und weil der Friese hart und räubrisch war.
Roland versteht die zwei Partein zu einen,
Zeigt sich als Freund so der wie jener Schar.
Man duldet keinen Friesen mehr im Lande:
Man tötet oder schlägt sie all in Bande.
[190] 84.
Am Boden liegen die Gefängnispforten,
Zertrümmert, einen Schlüssel braucht man nicht.
Biren an Roland mit beredten Worten
Den Dank für Rettung vor dem Tode spricht.
Zusammen gehn sie, wo im Schiffe dorten
Olympia harrt mit bangem Angesicht.
Dies ist der Name, den die Dame führte,
Der jenes Inselreich mit Recht gebührte,
85.
Sie, die den Grafen nach dem Eiland brachte,
Nur um ihr den Verlobten zu befrein,
Die niemals noch an solche Lösung dachte,
Auf seine Rettung sinnend ganz allein.
Wie auch das Volk ihr Anblick glücklich machte –
Zu lange würd' es Euch zu schildern sein,
Und wie sich beide in die Arme sanken,
Dann stets aufs neue Roland heiß zu danken.
86.
Als dann zum Treueschwur die Bürger gingen,
Erhielt die Fürstin wiederum ihr Land.
Sie eilt, Biren – an den mit ew'gen Schlingen
Stahlharter Kette Liebe fest sie band –
Nebst ihrem Reich sich selber darzubringen.
Und er, nun andern Sorgen zugewandt,
Gibt seinem Vetter alle Reichsgewalten
Und läßt der Burgen ihn und Güter walten:
87.
Zurück nach Seeland, sagt er, woll' er reisen
(Dort führ' er auch die treue Gattin hin),
Erproben, ob das Kriegsglück hold sich weisen
In Friesland werde, lieg' in seinem Sinn;
Ein Pfand soll' ihm dort seine Kraft beweisen,
Und dieses Pfand halt' er in Händen drin:
Des Königs Kind, gefangen mit den vielen,
Die bei der Beut' ihm in die Hände fielen.
[191] 88.
Dem Bruder möcht' er gerne sie vermählen,
Der jünger noch an Jahren war, zu Haus.
Den gleichen Tag will Roms Senator wählen
Zum Abschied, da Bireno fuhr hinaus.
Soviel man konnte Beutestücke zählen,
Nahm er für sich ein einziges heraus:
Das Marterrohr, mit dem, wie wir gesehen,
Unheil wie durch den Blitzstrahl mag geschehen.
89.
Der Waffe sich zum Schutze zu bedienen,
Das war es nicht, worauf der Ritter sann,
Denn immer war es ihm als feig erschienen,
Wenn einen Vorteil nahm im Kampf ein Mann.
Wo keinem Menschen schaden Mordmaschinen,
Da soll es ruhn für alle Zeit fortan.
Auch Pulver nahm er, Kugeln und was alles
Dazugehören mochte allenfalles.
90.
Drum als er mit dem Schiff nun weit vom Lande
Ins tiefe Meer hinausgefahren war
(Nicht von dem rechten, nicht vom linken Strande
Bot sich vom Lande mehr ein Zeichen dar),
Nahm er's und sprach: »Du seist nicht mehr imstande
Zu krönen schlechten Mann, des Mutes bar!
Daß echte Rittertugend nicht verschwinde,
Bleibe du hier, wo keiner mehr dich finde.
91.
Arges Gerät, abscheulich, gottverlassen,
Das aus dem Tartarus der Teufel gab!
Dich brachte Beelzebub mit tück'schem Hassen
Den Menschen zu Verderben, Tod und Grab.
Laß von der Höll' aufs neue dich erfassen!«
Er sprach's und warf das Feuerrohr hinab.
Zur Greuel-Insel trieb indes geschwinde
Das Schiff mit vollen Segeln vor dem Winde.
[192] 92.
Den Grafen treiben vorwärts Sehnsuchtsflammen
(Er brennt zu hören, was man von ihr weiß;
Sie liebt er mehr als alle Welt zusammen;
Ihr fern, lockt ihn kein Glück, nicht laut, nicht leis),
Drum läßt er Irland liegen, denn entstammen
Kann neuer Aufenthalt ja dieser Reis',
Und mit der Klage wird vielleicht geendet:
›Ach, hätt' ich doch die Schritte fortgewendet!‹
93.
In England auch verbot er anzulegen
Und wo ein Ufer sonst gesehen ward.
Doch lassen wir ihn ziehen meinetwegen,
Wohin da führt des nackten Schützen Art!
Ich möchte jetzt nach Holland mich bewegen
Und lad' auch Euch mit ein zu dieser Fahrt.
Denn so wie mich würd' es wohl Euch verdrießen,
Sollte die Festzeit ohne uns verfließen.
94.
Schön ist die Hochzeit wohl, zu der wir steuern,
Indes so schön und glänzend nicht jetzund,
Wie die in Seeland noch sich soll erneuern.
Doch feiern wir nicht mit den neuen Bund;
Denn Unheil will mit frischen Abenteuern
Ihn stören. Alles sonst wird später kund;
Im nächsten Sange will ich es erzählen,
Wenn mir zum nächsten Sang nicht Hörer fehlen.

[193] Zehnter Gesang

1.
Von allen, die getreu dem edlen Triebe
Und festen Herzens je die Welt erfand;
Von allen, die als Muster hoher Liebe
Standhaft in Freud' und Leiden man gekannt –
Der erste Platz (eh'r als der zweite) bliebe
Olympia: nimmt sie nicht höhern Stand,
So sag' ich dies: es braucht bei alt und neuen
Nicht ihre Liebe den Vergleich zu scheuen.
2.
Davon hat sie Biren Beweis gegeben
So unumstößlich sicher und so klar:
Kein Weib tat jemals mehr in ihrem Leben,
Böt' ihre Brust sich auch geöffnet dar.
Wenn nun ein Herz, so treu, so hingegeben,
Jemals der Gegenliebe würdig war,
So ist für den Biren es vorgeschrieben:
Er muß sie wie sich selbst, nein, mehr noch lieben;
3.
Nicht nur sie niemals um ein Weib verlassen,
Und wär' es selber jene Helena,
Anlaß von Asiens und Europas Hassen,
Und falls die Welt noch eine Schönre sah –
Nein, von der Sonne scheidend, selbst erblassen
Und alles opfernd für Olympia,
Atem und Ruhm, und was man sonst erdenken
Wohl könnt' an allerköstlichsten Geschenken.
[194] 4.
Ob ihr Biren die Treue hat gehalten
So wie sie ihm, ob er ihr zugewandt
Liebreich wie sie, – nie Segel zu entfalten
Gedachte hin nach einem andern Land –
Oder ob ihre Opfer nichts ihm galten,
Ob gegen Lieb' und Treu' er grausam stand,
Das sollt ihr jetzt mit Staunen selber schauen,
Gepreßt die Lippen und gewölbt die Brauen.
5.
Und hört ihr von der Niedertracht mit Grauen,
Die für so vieles Gute ihr geschieht,
Es tut nicht gut, bedenkt es wohl, o Frauen!
Gläubig zu lauschen des Verliebten Lied!
Denn der, bedacht nur, sich am Ziel zu schauen,
Vergißt, daß Gott doch alles hört und sieht,
Und hat gar leicht zu Schwüren sich verstiegen,
Die nachher bald in alle Winde fliegen.
6.
Schwur und Versprechen werden fortgetragen,
Verweht und in die Luft gestreut vom Wind,
Sobald die Wünsche, die Verliebte plagen,
Gestillt, erloschen ihre Gluten sind.
Drum wenn die Männer bitten oder klagen,
Nehmt's nicht für bare Münze zu geschwind!
Dies, werte Damen, ist der Weisheit Pfosten:
Gewitzt zu werden auf der andern Kosten!
7.
Seid auf der Hut vor Männern in der Blüte
Der Jugend, mit den Mienen schön und glatt!
Strohfeuer lodert ihnen im Gemüte,
Das kommt und stirbt; bald wird die Flamme matt.
Wie nach dem Hasen erst der Jäger glühte
Bei Hitz' und Frost und, wenn er dann ihn hat,
Nun den erlegten nicht mehr pflegt zu schätzen,
Weil's nur erfreut, dem fliehnden nachzusetzen –
[195] 8.
So machen es genau die jungen Leute:
Abstoßend zeigt euch, spröd' und kalt und hart,
So lieben und verehren sie euch heute,
Nach wohlerzogner, treuer Werber Art.
Doch rühmen sie sich erst der sichern Beute,
Bald aus der Herrin eine Sklavin ward,
Und ihre Lieb' ist euch mit eins entzogen –
Die falsche ist wo anders hingeflogen.
9.
Nicht will ich euch die Liebe drum verleiden;
Das wär' verkehrt; schwurst du der Liebe ab,
Mußt du von Lust dich wie die Rebe scheiden,
Die nicht zur Stütz hat Pflanzen oder Stab.
Nur jene grüne Jugend sollt ihr meiden,
Schwankend und unbeständig, stets im Trab!
Pflückt lieber Frucht, die sauer nicht noch hart ist,
Wofern sie nur nicht überreifer Art ist. –
10.
Ich sagt' euch, in der Beute wird gefunden
Des Friesenkönigs schönes Töchterlein;
Sie soll, man hört es allgemein bekunden,
Die Gattin von Birenos Bruder sein;
Doch – grad heraus! – ihm selber will sie munden,
Zu lecker ist der Bissen doch und fein!
Und Klugheit würde jener Rücksicht fehlen,
Die andern gibt, was sie für sich kann stehlen.
11.
Das Fräulein hatte noch nicht überschritten
Die Vierzehn, war ein schönes, frisches Ding,
Ein knospend Röslein, das aus Buschesmitten
Vorbricht, sobald die Sonne höher ging.
Biren hat nicht nur Liebesqual erlitten,
Nein, Zunder nie derartig Feuer fing;
Kein Feuer je so blitzschnell Nahrung fände
Im reifen Korn, geschürt durch neid'sche Hände,
[196] 12.
Wie er sich von den Flammen ließ erfassen
Und Feuer drang bis tief ins Mark hinein,
Als er beim Tod des Vaters dort erblassen
Und weinen sah das holde Mägdelein;
Und wie des Wassers Glut pflegt nachzulassen,
Sobald sich neues, frisches mischt hinein,
Die Liebe zu der Gattin, ach, sich kühlte,
Als er die neue Lieb' im Herzen fühlte.
13.
Gleichgültig nicht, sie ist ihm widerwärtig,
So daß er jetzt sie kaum noch sehen kann,
Und für die andre brennt er gegenwärtig;
Wenn es noch lange währt, stirbt er daran.
Doch bis zum Tag, an dem er alles fertig
Für seine Pläne hofft, strengt er sich an:
In heißer Liebe scheint er zu vergehen
Und nur, was ihr gefiel, selbst gern zu sehen.
14.
Liebkost der junge Mann die gute Kleine
(Und mehr, als grade nötig, er es tut),
So wirft man drob auf ihn nicht etwa Steine,
O nein, man nennt ihn mitleidsvoll und gut;
Denn dem Gefallnen hilft man auf die Beine,
Und gar nun so betrübtem jungem Blut,
Das war nie tadelnswert, war vielfach rühmlich
Und einem edlen Herzen eigentümlich.
15.
Gott, wie verkehrt ist oft der Menschen Schalten!
Wie oft ein Schleier ihren Sinn umwand!
Für fromm und gut die Zärtlichkeiten galten,
Und ruchlos war und böse doch die Hand! –
Sieh da! Die Schiffer schon die Ruder halten,
Und vorwärts geht es, fort vom sichern Strand:
Hin durch das Salzgewässer fröhlich fahren
Der Herzog und die sonst noch mit ihm waren.
[197] 16.
Die Küsten Hollands schwanden in die Weite,
Und bald erkennt das Auge sie nicht mehr.
Friesland zu meiden, nach der linken Seite
Hielt man sich etwas mehr nach Schottland her,
Als ihnen starker Wind gibt das Geleite,
Der sie drei Tag' lang irren läßt im Meer.
Am dritten kommen sie – es dunkelt mählich –
Zu einer Insel öd und wüst, trübselig.
17.
Olympia stieg ans Land (zum Ankern hatten
Sie eine Bucht gewählt), zufrieden mit der Welt
Speist sie mit ihrem ungetreuen Gatten,
Und kein Verdacht in ihre Freude fällt.
Fürs Lager kam ein hübscher Ort zustatten;
Da geht sie mit ihm schlafen unterm Zelt.
Die andern wandten sich zum Wasser wieder
Und streckten sich auf ihren Schiffen nieder.
18.
Seekrankheit und die Furcht im Schiff, dem schwanken,
Hatten sie wach gehalten manchen Tag;
Am sichern Ufer alle Sorgen sanken,
Und das Gefühl, daß sie geborgen lag,
Und daß nichts mehr von quälenden Gedanken,
Weil sie ja ihn hat, sie bedrängen mag,
Versenkt sie gleich in Schlaf und in so tiefen,
Daß Murmeltier und Bär nie fester schliefen.
19.
Als sie der Falsche schlummern sieht (denn wachen
Ließ ihn sein böser, ränkevoller Sinn),
Leis, leis schlüpft er vom Bette (seine Sachen
– Er zieht nichts an – hat er im Bündel drin);
Er läßt das Zelt und eilt – denn Flügel machen
Ihm seine Wünsche – zu den Leuten hin
Und weckt sie: ohne einen Laut zu geben,
Vom Ufer weg ins offne Meer sie streben.
[198] 20.
Die Arme bleibt zurück – und das Gestade ...
Olympia schläft, ist früher nicht erwacht,
Bis auf die Erd' hinab vom goldnen Rade
Aurora streut des eis'gen Reifes Pracht
Und bis Alcyone vom Meeresbade sie
Des alten Leids in Klagen hat gedacht.
Halb wach, halb schlafend jetzt das Händchen streckt
Biren zum Kuß – doch niemanden erweckt sie.
21.
Niemand! Sie hat die Hand zurückgezogen,
Und jetzt aufs neue tastet sie umher,
Den Arm gestreckt und jenen Arm gebogen,
Und sucht mit Fuß und Fuße – alles leer!
Sie schaut sich um; Schlaf ist vor Furcht verflogen;
Niemand ist da – nun hält sie nimmermehr
Ihr leer, verwitwet Bett: gleich einem Pfeile
Fliegt sie heraus und läßt das Zelt in Eile.
22.
Die Wangen sich zerfleischend, nach dem Rande
Des Meeres läuft sie – Unglück ist ihr klar –,
Blickt auf und ab (der Mond liegt auf dem Sande)
Und schlägt die Brust und rauft sich wild das Haar:
Ob nichts dem Blick sich bietet außerm Strande? –
Und außerm Strande bietet nichts sich dar.
Sie rief Biren – zurück die Rufe kamen
Aus mitleidvollen Höhlen – mit dem Namen.
23.
Es ragt ein Fels am äußersten Gestade;
Die Wogen hatten ihn durch Anprall schwer
So ausgehöhlt wie einen Bogen grade,
Und oben hing er über nach dem Meer.
Sie klomm in Eil' hinan auf steilem Pfade
(Es spornte Herzensangst sie ja so sehr),
Und vollgeblähte Segel sieht sie gleiten
Und ihren Falschen fliehn in ferne Weiten.
[199] 24.
Sie sieht ihn oder glaubt doch, ihn zu sehen,
Denn völlig hell war noch der Morgen nicht:
Da stürzt sie hin und will vor Schmerz vergehen,
Blasser als kalter Schnee im Angesicht.
Doch als sie wieder konnt' auf Füßen stehen,
Rief sie, zur Bahn des Schiffes hin gericht't,
Mit allen Kräften, die die Lungen hatten,
Mehrmals den Namen ihres bösen Gatten
25.
Und weint – die schwache Stimme will nicht reichen –
Und schlägt die Händ' zusammen immerfort:
»Grausamer, sprich, wohin willst du entweichen?
Dein Schiff hat nicht die rechte Last an Bord!
Nicht schwerer wird es durch die Fluten streichen,
Führt es auch mich: die Seel' ist ja schon dort!«
Und macht mit Kleidern Zeichen und mit Händen,
Daß doch das Schiff zur Umkehr möge wenden.
26.
Allein die Winde, die von dannen tragen
Den Ungetreuen und das Schifflein gut,
Sie tragen auch davon der Armen Klagen
Und ihre Tränen und verstörten Mut.
Sie sprang dreimal, den Tod sich zu erjagen,
Hinab vom Strand, kehrt gegen sich die Wut;
Dann hört sie auf, zu starren auf die Fluten,
Und geht zurück, hin, wo des Nachts sie ruhten.
27.
Sie liegt, das Antlitz abwärts, auf dem Bette;
In heißen Tränen badet sie's und spricht:
»Du warst uns zweien abends Ruhestätte;
Warum sind zwei wir heut beim Aufstehn nicht?
O weh, Biren! O wehe mir! Und hätte
Mich nie gesehen doch des Tages Licht!
Was soll ich tun? Was kann ich tun alleine?
Wer steht mir bei? Wer tröstet, wenn ich weine?
[200] 28.
Es will kein Mensch, kein Menschen werk sich zeigen,
Und nichts verrät mir, daß hier Menschen sei'n.
Ich sehe auch kein Schiff, daraufzusteigen
Und mich aus dieser Öde zu befrein.
Ich sterb' in Angst: wer wird sich zu mir neigen,
Das Aug' zu schließen, wer Bestattung weihn?
Falls nicht vielleicht das Grab mir Wölfe geben
In ihrem Leib, die hier im Walde leben.
29.
Ich steh' in Angst und wähne schon zu schauen,
Wie Löw' und Bär aus diesem Dickicht nahn,
Tiger und andre Tiere, die mit Klauen
Natur bewaffnet hat und scharfem Zahn.
Doch könnte mir vor schlimmrem Tode grauen,
Als den du, wildes Tier, mir angetan?
Sie bringen einmal mir den Tod, den herben;
Du aber, weh, läßt tausendmal mich sterben!
30.
Doch falls ich wirklich einen Schiffer sehe,
Der fort mich nimmt und Mitleid fühlt mit mir,
Daß ich dem Leid, der Todesqual entgehe
Und Wolf und Bär und anderem Getier –
Bringt er mich wohl nach Holland, wenn dort, wehe!
In Burg und Hafen deine Wächter stehn?
Muß ich nicht weiter dann die Heimat missen,
Wenn du sie mit Betrug mir hast entrissen?
31.
Du nahmst, von Freundschaft sprechend, meine Habe;
Schütztest Verwandtschaft vor, du falscher Hort!
Rasch deinen Leuten botest du die Gabe;
So sichertest du dir die Herrschaft dort.
Geh' ich nach Flandern? Was mir blieb, das habe
Ich doch verkauft; das Wen'ge ging ja fort,
Dir beizustehn, dich aus dem Turm zu retten!
Wohin, ach, geh' ich arme Frau mich betten?
[201] 32.
Fahr' ich nach Friesland hin? Dort könnt' ich schalten
Als Königin – ich weigert' es um dich!
Drum mußten Vater, Brüder mir erkalten,
Und darum ließ ich Hab und Gut im Stich!
Nicht dir zu zeigen, nicht dir vorzuhalten
Braucht's, Undankbarer, was geschah durch mich.
Denn was ich alles tat, du weißt es eben,
Wie ich – und diesen Lohn willst du mir geben!
33.
Warum, ach, faßten, die als Räuber streifen,
Mich nicht als Sklavin für den Marktverkauf!
Wolf, Bär und Löwe mögen eh'r mich greifen
Und Tiger und der andern Bestien Hauf,
Und mögen mich zur Höhle blutig schleifen,
Zerfleischt von Krallen und zermalmt darauf!« –
Sie ruft's – und auf zum Haupt die Hände fahren
Und zerren grausam an den goldnen Haaren.
34.
Zum Küstenrande läuft sie hin aufs neue
Und reckt den Hals, zerzaust im Wind das Haar;
Wie hirnverbrannt, als jage und bedräue
Ein Teufel sie, – nein, eine ganze Schar,
Wie Hekuba schien wütend wie ein Leue,
Als Polydoros eine Leiche war.
Von einem Felsen auf das Meer sie starrte,
Leblos, als ob sie selbst zum Fels erstarrte.
35.
Wir lassen sie in ihres Kummers Bande;
Von Roger nun zu sprechen ist mein Sinn,
Der in der höchsten Mittagsglut am Strande,
Müd und erschöpft, mühselig trabt dahin.
Prall liegt die Sonne auf dem Hügelrande,
Von unten kocht's im feinen Sande drin.
Am Leib die Rüstung, drauf die Strahlen sprühen,
Ist nahezu, wie er sie trägt, im Glühen.
[202] 36.
Derweilen Durst und Müh', voranzuschreiten
Einsam auf tiefem Sand und ödem Pfad,
Ihn durch den offnen Plan dahingeleiten
(Der sowie die ein schlechter Kamerad),
Sieht er in eines Turmes Schattenseiten,
Der aus dem Meer ragt unweit vom Gestad',
Drei Damen von dem Hofe der Alcine,
Die er sofort erkennt an Tracht und Miene.
37.
Auf Decken Alexandrias da lagen
Sie, und sie sogen kühle Seeluft ein,
Genossen feines Backwerk mit Behagen,
Und für den Durst bereit stand edler Wein.
Vom Strand, wo neckend sich die Wellen jagen,
Ein schmuckes Boot winkt, will bestiegen sein,
Sobald ein Hauch die Segel wird beleben;
Denn nicht ein einzig Lüftchen regt sich eben.
38.
Als sie den Reiter sahn des Weges kommen
Und mühsam traben durch den schwanken Sand,
Mit schweißbedecktem Antlitz, trüb, beklommen
– Auf seinen Lippen Durst geschrieben stand –,
Da riefen sie ihm zu, er sei willkommen,
Wenn nicht auf seine Reise ganz verrannt;
Er möge nicht die Rast verschmähn im Schatten,
Erquickung tauge seinem Leib, dem matten.
39.
Die eine winkt ihm, sich vom Pferd zu schwingen,
Und will beim Abstieg ihm behilflich sein;
Die zweite kommt, kristallnes Glas zu bringen
(Wie wächst sein Durst!) mit schaumgekröntem Wein,
Doch mag er nicht nach dieser Pfeife springen:
Denn, läßt er nur auf kurze Rast sich ein,
Kann's leicht geschehen, daß Alcine da ist,
Die hinterdrein kommt und zur Zeit schon nah ist.
[203] 40.
So lodert, gluterfaßt, in jähem Feuer
Nicht reiner Schwefel und Salpeter auf;
So rast das Meer nicht, wild und ungeheuer,
Wenn schwarzer Sturm mit Drohen steigt herauf,
Wie (da sie sieht, daß Roger nur noch scheuer
Am Strande hinlenkt in geradem Lauf
Und daß er alle drei verschmäht zusammen)
Die dritte wütend anfängt aufzuflammen.
41.
Laut kreischend also fing sie an zu schmälen:
»Du bist kein Ritter und kein Edelmann!
Du stahlst die Waffen, und das Pferd zu stehlen,
Darauf kam dir's vermutlich auch nicht an,
So daß man dich – und darauf magst du zählen –
Bald auf dem Rabensteine sehen kann,
Gevierteilt dort, verbrannt, gepfählt zu werden,
Du größter Lump, Halunke, Dieb auf Erden!«
42.
Dem Munde der erbosten Frau entgleiten
Schimpfreden so wie diese noch viel mehr:
Antwort gibt Roger nicht; aus solchem Streiten,
So niedrigem, erwüchs' ihm wenig Ehr'.
Die drei gehn in das Boot, um ihm zu Seiten
Am Ufer hinzufahren auf dem Meer:
Mit hurt'gen Ruderschlägen geht es weiter,
Die Augen stets gerichtet auf den Reiter.
43.
Dem Lästermund sich Fluch auf Fluch entwindet,
Der Stoff geht gar nicht aus – und Schmähn und Drohn,
Bis Roger sich an jenem Sunde findet,
Wo da beginnt der guten Fee Region.
Ein alter Fährmann an dem Ufer bindet
Ein Fahrzeug drüben los, als ob er schon
Dort auf den Ritter warte, denn die Kunde,
Daß Roger komme, machte schon die Runde.
[204] 44.
Der Fährmann löst, wie Roger naht, den Nachen,
Ihn froh zu führen in ein beßres Land;
Darf man die Schlüsse nach dem Antlitz machen,
So ist er herzensgut und voll Verstand.
In Roger Dank an Gott und Freud' erwachen,
Als er im Kahn ist, und zum andern Strand
Fährt er durch stille Fluten mit dem Greise,
Der an Erfahrung reich ihm scheint und weise.
45.
Der lobt ihn, daß er aus Alcinens Schlinge
Sich habe recht zur Zeit noch losgemacht,
Bevor sie jenen Zauberbecher bringe,
Der allen andern sonst war zugedacht.
Wenn er zu Logistilla weiterdringe,
So find' er hoher, ew'ger Schönheit Macht
Und Huld unendlich, Sitten ohne Fehle,
Was niemals sättigt, immer nährt die Seele.
46.
»Wem ihre Züge«, sprach er, »kund sich machten,
Ehrfürchtig Staunen in das Herz sie senkt:
Such' immer eifriger sie zu betrachten,
Daß keines weitern Guts dein Sinn gedenkt.
Wenn andre stets nur Furcht und Hoffnung brachten,
Viel Besseres dir ihre Liebe schenkt:
Nicht mehr Verlangen will das Herz bewegen,
Nur Glück, sie anzuschaun, es mild erregen.
47.
Und beßre Dinge läßt sie dich erstreben
Als Speisen, Tanz und Spiel und süßen Duft,
Daß die Gedanken höher sich erheben,
Als sonnenwärts der Aar steigt durch die Luft,
Und daß der Sel'gen Wonne man im Leben
Schon hier genießt in dieser Erdengruft.«
So sprechend lenkt der Schiffer zum Gestade,
Wiewohl noch fern vom sichren Felsenpfade.
[205] 48.
Da lassen auf dem Meer sich Schiffe sehen
(Und alle sind dem Nachen zugewandt),
So viel Alcine zu Gebote stehen,
Auch viele Mannschaft hat sie ausgesandt
– Der Staat mag, und sie selber, untergehen –,
Den Teuern einzuholen, der entschwand.
Anlaß von allem ist gewiß die Liebe,
Doch Kränkung auch, Verdruß und Rachetriebe.
49.
Nie mußte sie so schweren Ärger spüren
Wie den, der ihr jetzund am Herzen nagt:
So eilig läßt sie alle Ruder führen,
Daß schäumend auf das Deck die Woge jagt.
Im großen Lärme Meer und Strand sich rühren,
Von allen Seiten her das Echo klagt.
»Laß auf dem Schild nicht mehr den Schleier hangen,
Sonst bist du tot; wenn nicht, mit Schimpf gefangen!«
50.
Also der Greis. Bevor sein Wort geendet,
Zerreißt die Hülle, die den Schild umflicht,
Und rasch wird dieser auf den Feind gewendet,
Daß hell und frei hinausstrahlt all sein Licht.
Der Zauberglanz, den jetzt der Schild entsendet,
Benimmt den Gegnern derart das Gesicht,
Daß sie vom Schiffe vorn und hinten fallen:
Geblendet sind die Augen ihnen allen.
51.
Ein Späher hat vom Mast am Felsenrande
Alcine mit den Schiffen auch erblickt,
Und seine Glocke wird gehört im Lande,
Das schleunigst Beistand an den Hafen schickt:
Aus Wurfmaschinen hagelt's her vom Strande
Auf ihn, der Roger was am Zeuge flickt,
Und allerseits die Helfer sich erheben,
Daß er die Freiheit rette und das Leben.
[206] 52.
Vier Damen kommen zu den Strandtribünen,
Und ausgesendet hat sie Logistill:
Phronesia, klug und hochbegabt, die kühne
Andronika, die redliche Dikill,
Die überlegte, keusche Sophrosyne,
Die mehr noch als die andren schaffen will.
Das Heer, schier unerreicht auf Erdenweiten,
Verläßt die Burg, am Meer sich auszubreiten.
53.
In vieler großen Schiffe stillem Schoße
Stand unterhalb der Burg die Schar bereit
– Beim ersten Laut, beim ersten Hörnerstoße –
Zum Kampf bei Tag und Nacht in jeder Zeit.
Und so begann das Ringen denn, das große,
In Land und Meer der fürchterliche Streit:
Kopfüber ging Alcinens Reich in Stücke,
Das sie der Schwester einst entriß mit Tücke.
54.
O wie so oft ist doch bei großen Schlachten
Der Ausgang anders, als man sich gedacht!
Alcine hat trotz allem heißen Trachten
Den teuren Buhlen nicht zurückgebracht.
Und von den Schiffen, die unsichtbar machten
Des Meeres Fläche durch der Segel Pracht,
Ist nur ein Boot der Feuersbrunst entgangen,
Auf dem sie kläglich jetzt enteilt voll Bangen.
55.
Sie floh, und ihre Mannschaft überwunden,
Ertrunken und verbrannt der Gegner sah.
Sie hat Verlust des Teuren mehr empfunden,
Als was ihr sonst noch Schmerzliches geschah.
Seufzend bei Tag und Nacht endlose Stunden,
Mit Tränen in den Augen sitzt sie da
Und möchte sich der bittern Qual entziehen
Und klagt, daß sie nicht aus der Welt kann fliehen.
[207] 56.
Solange Sonne sich und Sterne drehen,
Ist es unmöglich, daß sie sterbe je;
Sonst würde Klotho selbst voll Mitleid stehen
Und kürzen mild den Faden dieser Fee;
Wie Dido könnte sie dem Leid entgehen
Und, wie die Herrscherin des Nils, vor Weh
Sich retten tief hinab in Todesschlummer;
Doch Feen sterben nie – das ist ihr Kummer.
57.
Zurück zu ihm, dem ruhmeswerten Degen
Roger – Alcine klage weiter dort!
Er also sieht sich kaum auf sichren Wegen
Dem Boot entschlüpft, da dankt er Gott sofort,
Daß, was er plante, alles nun zum Segen
Erfüllt ist, schreitet dann vom Meere fort
Mit eil'gem Fuß zur Burg auf trocknem Pfade,
Die dort emporsteigt unweit vom Gestade.
58.
So festes Schloß und herrlich anzuschauen
Kein Menschenauge je auf Erden fand:
Kostbarer sind die Wände, darf man trauen,
Als wenn Pyrop es wär' und Diamant.
Nie nahm man solche Steine noch zum Bauen;
Wer's sehen will, besuche dort das Land.
Sonst nirgends, ob er um die Erde ginge,
Vielleicht im Himmel, gibt es solche Dinge.
59.
Daß weit zurückstehn andre Prachtjuwelen,
Macht dieses: Sehn die Menschen hier hinein,
So schaun sie deutlich ihre eignen Seelen
Und was darin mag gut und böse sein:
Gleichgültig, wenn gehäßge Tadler schmälen,
Sind sie gefeit nun gegen Schmeichelein;
Sie können bald sich klug und weise nennen,
Denn dieser Spiegel lehrt sich selbst erkennen.
[208] 60.
Das helle Licht weicht nur dem Sonnenscheine,
Und solche Klarheit schickt es in die Welt,
Daß ohne Phöbus dir die Kraft der Steine
Den Tag kann schaffen, wenn es dir gefällt.
Und wunderbar ist nicht nur dies alleine;
Mit edlem Stoffe, den der Bau enthält,
Ringt höchste Kunst: es wäre schwer zu sagen,
Was von den beiden hier mag überragen.
61.
Auf mächt'gen Bogen, die wie Pfosten stehen,
Geholt vom Jenseits, aus dem Himmel her,
In weiten Gärten kann man sich ergehen,
Wie's unten kaum zu schaffen möglich wär',
Und durch die lichten Zinnen sind zu sehen
Grüner Gebüsche viele, düfteschwer,
Die stets, in Sommer- und in Wintertagen
So Blütenflor wie reife Früchte tragen.
62.
Von solchen edlen Bäumen kann man keinen
Wo anders als in diesem Garten ziehn;
Auch solche Rosen nirgends sonst erscheinen
Und Veilchen, Lilien, Amarant, Jasmin.
Und sieht man sonst am selben Tag, dem einen,
Entstehn und leben, wieder sinken hin
Und ihren leeren Stiel als Witwer lassen
Die Blume, die verschiedne Winde fassen,
63.
So pflegte hier das Grünen nie zu enden,
Der Blumen Schönheit währte immerdar;
Nicht etwa, daß Natur mit güt'gen Händen
Hier mild zu herrschen stets beflissen war;
Nein, Logistilla wußt' es so zu wenden
(Den andern schien's unmöglich ganz und gar),
Durch Sorgfalt, ohne höhrer Mächte Walten,
Für ewig ihren Frühling festzuhalten.
[209] 64.
Vernommen hatte sie mit frohen Mienen,
Welch edlen Herrn das Schicksal ihr gebracht,
Und gleich befohlen, eifrig ihm zu dienen,
Ihn hoch zu ehren, sei man recht bedacht.
Astolf war lange schon vorher erschienen
– O wie sein Anblick Roger fröhlich macht –,
Drauf alle andern auch, die von Melissen
Entzaubert waren und der Fee entrissen.
65.
Als ein, zwei Tage ruhevoll vergingen,
Trieb es jung Roger, zu der Fee zu gehn
Mit Herzog Astolf, der vor allen Dingen
Den Westen gleichfalls wollte wiedersehn.
Melissa müht sich, in die Fee zu dringen
Und sie mit rechter Demut anzuflehn,
Den beiden Rittern Hilfe zu gewähren,
Daß sie imstande seien, heimzukehren.
66.
»Wohl,« sprach die Fee, »ich will es überlegen!
Und in zwei Tagen geb' ich sie dir frei.«
Sie geht mit sich zu Rate Rogers wegen,
Dann auch um Astolfs willen nebenbei,
Und sagt, daß Aquitanien entgegen
Zuerst der Flügelhengst zu schicken sei,
Doch vorher müss' er ein Gebiß erhalten,
Um ihn zu lenken und ihn aufzuhalten.
67.
Roger erfährt, wie man es macht, wann steigen
Das Tier soll, nach den Wolken hingewandt,
Wann schnell sich regen, wann zu Tal sich neigen
Wann wieder ruhn, die Flügel ausgespannt.
In allen Künsten, wie sie Reiter zeigen
Auf mut'gen Rennern wohl in ebnem Land,
Übt Roger sich, daß er ein Meister werde,
Durch Luft zu reiten auf dem Flügelpferde.
[210] 68.
Als alle Dinge für ihn fertig waren,
Schied von der edlen Fee der Rittersmann
(Getreue Liebe sollt' er ihr bewahren
Für immerdar) und zog davon sodann.
Zuerst von ihm noch müßt Ihr jetzt erfahren,
Von Englands Prinzen fang' ich später an,
Wie langsam und in mühevoller Weise
Zurück zum großen Karl ging seine Reise.
69.
Herr Roger nahm den Weg nicht, den er machte,
Als widerwillig durch die Luft er zog,
Und selten über Land der Greif ihn brachte,
Der stets nur über Meeresfluten flog.
Nun er ihn senken konnte, wenn er dachte,
Hierhin und dorthin, wie er es erwog,
Wählt' er – wie die drei Könige gerade
Beim Rückweg von Herod – jetzt andre Pfade.
70.
In Indien war er, um das Land zu finden
– An Spanien in geradem Strich vorbei –,
Wo sich des Ostmeers Uferlinien winden
Und sich in Haaren lagen Fei und Fei.
Jetzt schaut er gerne, wo mit seinen Winden
Gott Äolus ein wenig milder sei:
Den Rundgang um die Erde möcht' er enden
Und wie die Sonne seinen Kreis vollenden.
71.
Katai erschien, darauf kam Mangitanien,
Und auch Quinsai, die große Stadt, er sah,
Flog über den Himavus, Serikanien
Zur Rechten lassend; und von Skythia
Abbiegend nach den Fluten von Hyrkanien,
Zu den Sarmaten kam er dann und da,
Wo nun Europa anfing, zu den Russen,
Zu den Ruthenen, Pommern und den Prussen.
[211] 72.
Wohl wünschte Roger seine Bradamante,
Die hehre Jungfrau, möglichst bald zu sehn;
Doch weil er jetzt die Lust zu schweifen kannte
Durch weite Welt, blieb er dabei nicht stehn:
Auch zu den Polen und den Ungarn wandte
Den Flug er, zu den Deutschen dann zu gehn
Und was im wilden Norden sonst mag stecken;
Zuletzt kam England dran in fernsten Ecken.
73.
Denkt nicht, o Herr, daß er die ganze Weile
Auf seinem Flügeltiere sich befand:
Ein Gasthaus ward ihm abendlich zuteile;
Auf gute Auswahl wurde Müh' verwandt,
Und Tag' und Monde flohen hin in Eile;
So lieblich war es, schauen Meer und Land.
Bei London eines Morgens war der Flieger,
Und langsam nach der Themse nieder stieg er.
74.
Auf Wiesen bei der Stadt in schönen Scharen
Sah er, gereiht mit Fußvolk, Reiterei
Herziehn bei Trommelklang und Kriegsfanfaren,
Voran der Ritter Krone frank und frei,
Rinald, der dort – Ihr habt es schon erfahren,
Ich sagte ja darüber mancherlei –
Von Karl entsandt, bemüht war, Leut' und Waffen
Zur Hilfe seines Kaisers zu beschaffen.
75.
Herr Roger kam gerade zu der Stunde,
Um anzuschaun die stolze Heerschau hier;
Noch mehr zu hören, bat er jetzt um Kunde
Den Ritter, stieg zuvor von seinem Tier,
Und artig meldet jener: aus der Runde,
Von Schottlands, Irlands, Engellands Revier
Und von den Inseln seien hergezogen
Die Kriegesbanner, die so lustig flogen:
[212] 76.
»Und nach der Musterung wird dort am Strande
Der Heeresmacht Verteilung vor sich gehn:
Das Meer zu pflügen bis zum festen Lande,
Die Schiff' im Hafen schon gerüstet stehn.
Die Franken, bald nun ledig ihrer Bande,
Im Zuzug hoffnungsvoll die Retter sehn.
Doch um noch sichrer jetzt dich zu belehren,
Will ich die ganze Streitmacht dir erklären.
77.
Das große Banner muß ins Aug' dir fallen,
Das mit der Lilie dort den Pardel führt:
Der Feldherr läßt es in die Lüfte wallen,
Und alle folgen, wie das Schiff sich rührt.
's ist Leonel, der Tapferste von allen
(Der hohe Ruhm ihm ganz mit Recht gebührt),
Ein Mann, ob man im Rat, im Krieg ihn treffe,
Herzog von Lancaster, des Königs Neffe.
78.
Dabei das nächste (es beginnt den Reigen),
Das flatternd nach dem Berg hin sich bewegt
– Im grünen Feld drei Flügel weiß sich zeigen –,
Die Farben Richards, Grafen Warwick, trägt.
Dem Herzog Gloster dann ist jenes eigen,
Das ein Geweih mit halber Stirne hegt.
Für Herzog Clarence sieh die Fackel brennen!
Den Herzog York kannst du am Baum erkennen.
79.
Die Lanze schau', dreifach geknickt vom Schlage:
Der Herzog Norfolk ist damit gemeint.
Der Blitz ist Kent, ein Held ohn' alle Frage,
Im Greif der Graf von Pembroke dir erscheint;
Suffolk, der Herzog, führt im Feld die Wage.
Zwei Schlangen sind, von einem Joch vereint:
Der Herzog Essex ist es – die Girlande
Im blauen Feld gebührt Northumberlande.
[213] 80.
Graf Arundel zeigt einen Kahn auf Wogen:
In Sturmesnot versinkt er auf dem Meer.
Von Barclay dann der Markgraf kommt gezogen,
Der Graf von March, Richmond mit seinem Heer: der.
Gespaltnen Berg führt Barclay, weiß; im Bogen
Schwenkt March die Palm: ein schwimmend Boot hat
Und Graf von Dorset, Graf von Hampton tragen
Der eine Kron' und jener einen Wagen.
81.
Der Falk, des Schwingen auf das Nest sich neigen,
Des Grafen Raimund ist von Devonshire.
Derby und Oxford Hund und Bären zeigen,
Winchester bringt ein schwarz und gelb Panier.
Kristallnes Kreuz ist dem Prälaten eigen
Von Bath, dem reichen Herrn, als Wappenzier.
Wo Ariman von Somerset der Held ist,
Die Fahn' ein Stuhl, zerstückt, in grauem Feld ist.
82.
Wohl zweiundvierzigtausend sind der Reiter,
Lanzen und Schützen hier vereint zur Schau.
Zweimal so stark erblickst du die Begleiter,
Das Fußvolk, bis aufs Hundert fast genau.
Sieh grau und grün und gelb die Zeichen weiter;
Ein andres folgt: gestreift ist's schwarz und blau.
Als Führer Gottfried, Heinrich, Hermann gehen
Und Edward; jeder läßt sein Fähnlein wehen.
83.
Von Buckingham den Herzog sieh dort schalten
Voraus; Heinrich ist Graf von Salisbury.
Burgh hat als Herren Hermann dort, den Alten,
Und Edward ist der Graf von Schrewsbury.
Die weiter gegen Osten hin sich halten,
Engländer sind es. Nun nach Westen sieh:
Wo dreißigtausend Mann dort stehn in Rotten,
Da führt Zerbin, des Königs Sohn, die Schotten.
[214] 84.
Den Löwen sieh – zwei Einhorn' an den Seiten –
Er hat das Schwert von Silber in den Klaun:
Dies Banner führt das Schottenvolk zum Streiten;
Zerbin, den Prinzen, kannst du dort erschaun,
Schön wie kein andrer, der ihn mag geleiten:
Ihn schuf Natur, die Form dann zu zerhaun.
Herzog von Roß ist er; niemand im ganzen Heere
An Huld und Kraft ihm zu vergleichen wäre.
85.
Sieh dort von Ottonley den Grafen führen
Den goldnen Balken auf azurnem Grund!
Ein Pardel in der Falle will gebühren
Von Mar dem Herzog: dieser kommt jetzund.
Den wackern Alkabrun schau hier: es rühren
Sich Vögel auf dem Schild in Farben bunt.
Nicht Herzog ist er und nicht Graf zu nennen,
Doch als den ersten ihn die Seinen kennen.
86.
Den Herzog Stafford sieh den Vogel zeigen,
Der frei die Augen nach der Sonne hält!
Lurcan, dem Grafen Angus, ist zu eigen
Der Stier, dem sich ein Doggenpaar gesellt.
Von Albany der Herzog hat den Reigen
Der Farben Weiß und Blau in seinem Feld.
Graf Buchan läßt den grünen Drachen tragen,
Den Geier sieht man drein die Klauen schlagen.
87.
Armand, der Starke, pflegt in Forbes zu schalten;
Sein Banner, weiß und schwarz, ist dort zu sehn.
Zu seiner Rechten sieh Graf Ferrol halten
Und dort die Kerz' in grünem Felde stehn!
Daneben will sich Irlands Volk entfalten,
Zwei Scharen: mit Kildare, dem Grafen, gehn
Der einen Leute; Desmond führt die zweite
Von rauhen Bergeshöhn herab zum Streite.
[215] 88.
Desmond führt weißes Feld mit rotem Streifen,
Und bei Kildare steht eine Ficht' in Brand.
Für Kaiser Karl die Waffen jetzt ergreifen
Nicht Schottland bloß, Irland und Engelland –
Norweger, Schweden auch die Schwerter schleifen,
Thule und Island, der entfernte Strand;
Kurz, alle Länder, denen stets, den Frieden
Zu hassen, ist von der Natur beschieden.
89.
Wohl an die sechzehntausend, sollt' ich meinen,
Sind angekommen so, aus Höhl' und Wald:
Haar im Gesicht, auf Brust, Seit', Arm und Beinen
Und Rücken, fast wie Tiere an Gestalt;
Es wächst ein Wald vom Boden, will es scheinen,
Aus Speeren, der ums weiße Banner wallt.
Ihr Hauptmann trägt's; der hat es sich erkoren,
Es rot zu färben mit dem Blut der Mohren.«
90.
Derweilen Roger mustert all die Streiter,
Die da sich rüsten, Frankreich beizustehn,
Und die verschiednen Zeichen, um dann weiter
Der brit'schen Herren Namen durchzugehn,
Kommt einer nach dem andern, diesen Reiter
Mit seinem Wundertiere anzusehn:
Sie laufen starrend und mit offnem Munde,
Und bald geschlossen ist um ihn die Runde.
91.
Zu schaun noch mehr von staunender Gebärde
– Und auch des Scherzes willen eigentlich –,
Schüttelt der Held den Zaum dem Flügelpferde,
Und leise gibt sein Sporn ihm einen Stich:
Auffliegt es himmelwärts, weit von der Erde,
Und läßt betäubt die andern unter sich.
Roger beschaut sich England nach Belieben
Und hat den Greif dann Irland zugetrieben.
[216] 92.
Hibernien sah er, jenes Land der Sagen,
In dem des guten Heil'gen Grotte steht,
Wo solche große Gnad' ist zu erfragen,
Daß schuldbefreit heraus der Sünder geht.
Den Weg zum Meer dann hat er eingeschlagen,
Wo Kleinbritannien liegt, vom Wind umweht,
Und, abwärts schauend, plötzlich dort gefunden
Angelika, an nackten Fels gebunden!
93.
An nackten Fels im Tränenland alleine!
Denn jene Insel hieß das Tränenland,
Wo, grausam, wild, hartherzig wie die Steine,
Sich jene rohe Völkerschaft befand,
Die – ihr entsinnt Euch deren, wie ich meine –
Bewaffnet zog umher von Strand zu Strand,
Zu fangen schöne Fraun auf jede Weise,
Dem Untier dort zur greuelvollen Speise.
94.
Gebunden harrte sie an Meeres Borden,
Verschluckt zu werden von dem grausen Tier;
Täglich ja kam das Scheusal, um zu morden
Und zu der grauenhaften Atzung hier.
Ich sagt' Euch, wie sie Beute war geworden
Der Menschen, die sie schlafend, und bei ihr
Den alten Klausner, am Gestade fanden,
Der sie bezwungen hielt in Zauberbanden.
95.
Die unbarmherzig roh' und wilde Bande
Die holde Jungfrau nackt der Bestie bot,
Wie sie geschaffen war; am Uferrande
Wird sie vom argen Ungetüm bedroht:
Verhüllt von keinem Schleier noch Gewande
Ist jener Lilien Weiß, der Rosen Rot,
Die, ausgestreut, den feinen Leib umwallen
Und nicht im Juli und Dezember fallen.
[217] 96.
Ein Bildwerk dürft' es Roger fast erscheinen
Aus Alabaster oder Marmelstein,
Das dort durch Künstlerfleiß, so könnt' er meinen,
Sei aufgestellt am harten Felsenrain,
Säh' er das Aug' nicht eine Träne weinen
(Sie glitt in Rosen und in Schnee hinein
Und lag als Tau auf herbem Apfelpaare,
Derweil der Windhauch spielt im goldnen Haare).
97.
Und als er in die schönen Augen schaute,
Gedachte Roger seiner Bradamant,
Und aus der Wimper fast die Zähre taute.
Von Mitleid und von Liebe übermannt,
Mit sanfter Stimme grüßte er die Traute
(Den Flug des Greifen hemmte seine Hand):
»O Jungfrau, der die Kette nur gebühret,
In deren Haft die Seinen Amor führet,
98.
Unfähig bist du, Böses zu vollbringen:
Wer ist der Wütrich, dessen Machtgebot
Das Elfenbein der Hände durfte zwingen
Der Schönen – schnöden Neids – in solche Not?«
Und heiße Gluten in das Antlitz dringen,
Das gleicht dem Elfenbein, gefärbt mit Rot,
Weil, ach, die Körperteile unbedeckt sind,
Die sonst, ob schön, in Sittsamkeit versteckt sind.
99.
Sie möchte das Gesicht mit Händen schließen –
Die sind gekettet an den Felsen an;
Mit Tränen nur – die darf sie ja vergießen –
Benetzt sie's reich und neigt sich, wie sie kann.
Mit Schluchzen endlich ein paar Worte fließen,
In müdem Ton zu sprechen sie begann –
Sie kam nicht weit, und was die Rede störte,
War großer Lärm, den von der See man hörte.
[218] 100.
Da kommt das Ungetüm! Halb in den Wogen
Verborgen ist es, halb ragt es heraus,
So wie ein Schiff im Nordwind kommt geflogen
Und nach dem Hafen eilt im Sturmgebraus:
So wird von seiner Mahlzeit angezogen
Das Scheusal –: seht, gleich speit das Meer es aus.
Die Jungfrau ist halbtot vor Furcht und Schrecken,
Kein Trosteswort kann ihren Mut erwecken.
101.
Frei schwingt der Held – und legt nicht ein – die Lanze,
Über die Hand hin sticht er nach dem Tier:
Ich weiß nicht, nennt man wirklich so das Ganze?
Nur wüste Masse dreht und wälzt sich hier;
Nichts Tierisches zeigt sich vom Kopf zum Schwanze,
Dem Schwein nur gleichen Zähn' und Augen schier.
Der Stoß geht mitten hin, wo Augen scheinen,
Und prallt zurück, als wär's von Stahl und Steinen.
102.
Als es dem ersten Stoß nicht will gelingen,
Kehrt Roger um: der zweite macht's wohl gut.
Das Tier sieht Schatten von den großen Schwingen
So hin- und widerfahren auf der Flut;
Am Strand die Fleischgerichte sicher hingen,
Drum folgt es diesen neuen jetzt voll Wut:
Man siehts mit Drehn und Wälzen ab sich hetzen:
Flink kommt der Held, ihm Hiebe zu versetzen.
103.
So wie der Adler aus der Ätherweite,
Wenn er die Schlang' im Grase schleichend schaut
(Oder ob sie auf nacktem Fels hingleite,
Drauf sie geleckt hat ihre bunte Haut),
Den Angriff nicht beginnt an jener Seite,
Wo zischt und pfeift des Gifttiers drohnder Laut,
Nein, dies von hinten packt und schlägt die Schwingen,
Daß es nicht drehn sich kann und Unheil bringen,
[219] 104.
So will hier Roger Speer und Schwert verwenden:
Nicht, wo des Rachens Zahn ihn treffen kann,
Nein, in die Ohren gilt's den Stoß zu senden;
Im Rückgrat und am Schwanze greift er an.
Dreht sich das Tier, so muß auch er sich wenden,
Steigt auf und ab, kommt hier und dort heran –
Für Jaspis möchte man die Bestie halten,
Die harte Schuppenhaut ist nicht zu spalten.
105.
So mag sich zwischen Mück' und Hund erheben
Der heiße Kampf im staubigen August
(Und in den Nachbarmonden auch daneben,
Dem reich an Ähren, dem an Weineslust):
Sie weiß die Stiche Aug' und Maul zu geben,
Läßt ihn nicht los und schwirrt um Hals und Brust.
Aufs neu stets muß er nach dem Surren schnappen –
Doch aus ist alles, läßt sie sich ertappen.
106.
Schier himmelhoch gepeitscht die Wellen springen,
So mächtig schlägt die Bestie und so schwer,
Roger weiß nicht, sind in der Luft die Schwingen
Oder da unten schwimmend auf dem Meer.
Gern möcht' er wohl sich jetzt ins Trockne bringen,
Denn dauert dieses Wasserspiel noch mehr
Und wird des Greifen Fittich immer nässer –
Nicht Kahn noch Schwimmblas' hilft aus dem Gewässer.
107.
Er sinnt – und beßrer Rat ist jetzt zu Händen,
Wenn es dem Untier obzusiegen gilt:
Man muß es mit dem Zauberscheine blenden,
Der eingeschlossen ist im Wunderschild.
Er eilt zum Strand, um Unheil abzuwenden,
Und steckt, der Jungfrau nahend zart und mild,
Den Ring ihr an, den Zauberkunstbezwinger,
So daß sie fest ihn trägt am kleinen Finger.
[220] 108.
Ich meine jenen Ring, den Bradamante,
Um Roger zu befrein, nahm von Brunel
Und durch Melissa hin nach Indien sandte,
Um Rogers Geist zu machen stark und hell,
Melissa, die zum Guten ihn verwandte,
Wie ihr vernommen habt an frührer Stell'
Und den der Jüngling dann zu allen Tagen,
Wie eben noch, am Finger hat getragen.
109.
Er gibt ihn jetzt Angelika gerade,
Weil sonst der Schild ja gar nicht blitzen kann,
Und auch, daß nichts den schönen Augen schade
(Er zappelt, ach, bereits in ihrem Bann).
Das halbe Meer bedeckend, ans Gestade
Kommt nun der ungeheure Fisch heran.
Roger, bereit, läßt rasch das Tuch sich heben,
Ein zweites Sonnenlicht der Welt zu geben.
110.
Ins Auge traf des Zauberlichtes Helle
Das Ungetüm und zeigte seine Macht:
So wie den Fluß hinab treibt die Forelle,
Den erst mit Kalk der Bauer trüb gemacht,
So, scheußlich umgekehrt, am Strandgefälle,
Im Schaum'gen lag die Bestie ungeschlacht.
Roger versucht, ihr Wunden beizubringen,
Doch nirgends will der Stahl die Haut durchdringen.
111.
Da fleht die Jungfrau, doch ein End' zu machen:
»O müh' an harten Schuppen dich nicht mehr,
Binde mich los, rasch, eh es kann erwachen –
Um Gott!« So rief sie weinend zu ihm her.
»O laß mich nicht in garst'gen Fisches Rachen;
Nimm mich mit dir und wirf mich dann ins Meer!«
Gerührt von ihrer Angst, löst er die Bande
Der Jungfrau, führt sie weg sodann vom Strande.
[221] 112.
Er spornt den Hengst, der spornt den Sand mit Füßen,
Worauf der Renner in die Luft entwich,
Den Reiter auf dem Rücken mit der Süßen,
Der Roger gab ein Plätzchen hinter sich.
Er zwang den Fisch, die Mahlzeit einzubüßen,
Für den ja viel zu fein und wonniglich.
Er wendet sich, und unserm Helden taugen
Der Küsse viel auf junge Brust und Augen.
113.
Nicht, wie er anfangs wollte, rings um Spanien
Nahm er auf seinem Greifen jetzt den Flug:
Wo in die See hinein ragt Kleinbritannien,
Zum nächsten Ufer ihn der Renner trug.
Ein schatt'ger Hain von Eichen und Kastanien,
Wo allzeit Philomele klagend schlug,
Barg manchen stillen Hügel grün und helle
Und in der Mitte Rasenplatz mit Quelle.
114.
Hier stieg der glühnde Reiter aus dem Bügel,
Nach stürm'schem Ritt; zum Rasen hin er drang;
Er ließ den Gaul jetzt einziehn seine Flügel,
Nur den nicht, der sie immer höher schwang.
Er stieg vom Pferd und hielt sich kaum im Zügel,
Ein andres zu besteigen; doch umschlang
Die Rüstung ihn: sie gilt es abzulegen,
Denn Schranken setzt sie seinem Wunsch entgegen.
115.
Verwirrt und eilig riß er von den Waffen
Bald hier, bald wieder dort ein Stück herab.
Wie hat es lang gewährt, sie wegzuraffen:
War auf ein Knoten, es zwei neue gab. –
Doch schon zu lang macht Euch der Sang zu schaffen,
Herr; zuzuhören müht vielleicht Euch ab.
Darum verschieb' ich jetzo die Geschichte,
Bis Euch genehmer sei, daß ich berichte.

[222] Elfter Gesang

1.
Zwar hat ein schwacher Zaum schon, die Bewegung
Des mut'gen Pferds zu hemmen, oft die Kraft,
Doch selten ist's, daß des Verstandes Regung
Zur Umkehr bringt die tolle Leidenschaft,
Sobald Genuß im Spiel; wie die Erregung
Des Bären überm Honig nicht erschlafft,
Wenn der Geruch ihm aufsteigt in die Nase
Und er ein Tröpfchen hat geschmeckt am Glase.
2.
Was soll zurück den guten Roger halten,
Nach Wunsch des holden Mädchens froh zu sein,
Wo ihre Reize sich ihm frei entfalten
Hier im verschwiegnen und bequemen Hain?
Die sonst in seinem Herzen pflegt zu schalten,
Das Fräulein Bradamant, fällt ihm nicht ein.
Er wär' ein Narr – falls er an sie gedacht hätt' –,
Wenn er nicht jetzt auch dieser Schönen acht hätt',
3.
Bei der Xenokrates, so starr und bieder,
Ja selber, mein' ich, kaum noch hielte stand.
Roger entwaffnet ungestüm die Glieder,
Am Boden liegen Speer und Schild selband –
Da blickt die Schöne schamhaft vor sich nieder
Und hat am Finger jenen Ring erkannt,
Den teuern, den sie lange mußte missen,
Den in Albrakka ihr Brunel entrissen;
[223] 4.
Der Ring ists, dessen sie so viel gedachte
(Das erstemal nach Frankreich nahm sie ihn,
Als dorthin seine Lanz' ihr Bruder brachte,
Die dann an Astolf kam, den Paladin),
Der jenen Zaubertrug zunichte machte
Des Malegis am Steine des Merlin,
Mit dem sie Roland hatt' an jenem Morgen
Vor Dragontinas Sklaverei geborgen,
5.
Mit dem sie, unwahrnehmbar dem Gesichte,
Aus jenem Turm des argen Alten schlich –
Doch weiß ich nicht, warum ich das berichte,
Ihr wißt es alles ebenso wie ich.
Der Diebstahl glückte drauf Brunel dem Wichte;
Der König wollte ja den Ring für sich.
Seitdem ist ihr Fortuna feind geblieben
Und hat sie gar aus ihrem Reich vertrieben.
6.
Als sie am Finger nun den Ring sieht hangen,
Aufglüht in freud'gem Staunen ihr Gesicht;
In eitlen Träumen wähnt sie sich befangen,
Traut ihren Augen jetzt und Händen nicht.
Sie läßt vom Finger leis den Ring gelangen
Zum Mund – und plötzlich, gleich des Blitzes Licht,
Ist sie den Blicken Rogers fortgeschwunden
So wie die Sonne von Gewölk umwunden.
7.
Er hat, verblüfft, ringsum den Blick entsendet,
Er dreht wie närrisch sich herum im Kreis.
Als sein Gedanke zu dem Ring sich wendet,
Steht er beschämt, verwirrt und kreideweiß,
Und wie sein Vorwurf gegen sich nicht endet,
Klagt er das Mädchen an, das solcherweis
Undankbar für den Beistand, unfein, ohne
Rücksicht auf ihn, genoßne Hilfe lohne.
[224] 8.
»So willst du dies als Dank für mich erwählen,«
Rief er verzweifelt, »grausam Mägdelein?
Nimmst du denn lieber jenen Ring durch Stehlen
Als zum Geschenk? Er ist mit Freuden dein,
Und Schild und Roß soll als dein eigen zählen
Und ich dazu, ich will dein Sklave sein,
Nur daß du mir dein holdes Antlitz zeigest!
Ich weiß, du hörst mich, Böse, und du schweigest!«
9.
So spricht und ringsum tastend wankt der Arme,
Gleichwie ein Blinder, nach der Quelle hin.
Oft schließt er leere Luft in seine Arme
Und hofft, er fasse seine Schöne drin.
Die war schon fern auf ihrer Flucht vor Harme
Und immer weiter strebt die Wandrerin.
Da beut sich eine Höhle ihrem Blicke,
Groß und mit Vorrat, daß sie sich erquicke.
10.
Ein alter Hirt, der eine Herde Stuten
Zu hüten hatte, brauchte sie als Hort.
Die Fohlen weideten bei frischen Fluten
Die zarten Gräser ab im Tale dort
Und fanden mittags vor den heißen Gluten
In Ställen rechts und links geschützten Ort.
Angelika ließ viele Zeit vergehen
Mit ihrer Rast und ward noch nicht gesehen.
11.
So gegen Abend ist sie munter wieder
– Wie Nahrung stärkte, Ruhe wohl ihr tat! –
Und hüllt in rohe Röcke nun die Glieder,
Unähnlich freilich ihrem Kleiderstaat.
Sie hatte grün', gelb', rot' und blaue Mieder,
Von jedem Schnitte, schön und akkurat.
Doch, mag ihr Kleid jetzt niedrig sein zu nennen,
Als edles Fräulein ist sie doch zu kennen.
[225] 12.
Von Amaryllis, Phyllis und Neären
Und Galathee ihr füglich schweigen sollt:
Sie allzusammen nicht so reizend wären,
Ob Tityrus, ob Meliböus grollt.
Dann wählt sie eine von den vielen Mähren,
Die ihr am besten dort gefallen wollt'.
Jetzt kann sie dem Gedanken nicht mehr wehren,
Ins Morgenland allmählich heimzukehren.
13.
Als Roger lange Zeit, dahinzustreifen
Nach seinem Fräulein, hat umsonst verbracht,
Muß er zuletzt den Irrtum wohl begreifen
Und daß die Schöne sich davongemacht.
So kommt er denn zurück, sucht seinen Greifen
Und ist, ihn zu besteigen, just bedacht –
Da hat das Tier sich seinem Zaum entzogen
Und ist zur Freiheit in die Luft geflogen.
14.
Den Flügelhengst – nach Ärger und Beschwerden –
Zu missen, war ein recht empfindlich Ding;
Der Frauenlist zur Beute so zu werden,
Bedrückt ihn auch: doch was darüber ging
Und ihm erschien als Schmerzlichstes auf Erden,
War der Verlust von jenem Zauberring:
Nicht ob der Kraft möcht' er ihn gern erlangen,
Nein, weil er von der Trauten ihn empfangen.
15.
Er legt – verdrießlich, ach, im höchsten Grade –
Die Rüstung an und hängt sich um den Schild,
Sucht sich den Weg landein vom Meergestade
Nach einem breiten Tal durch Grasgefild,
Wo deutlicher die Spur von einem Pfade
Sich hinzieht durch die Waldung dicht und wild.
Er geht – und wo Gesträuch steht engverschlungen,
Ist laut Getöse an sein Ohr gedrungen.
[226] 16.
Getös' von Waffen, die zusammenschlagen,
Und als er eilig durch die Zweige bricht,
Da haben zwei im Kampfe sich am Kragen,
Auf engem Platz, wo Bäume stehen dicht,
Ohne nach Rücksicht irgendwie zu fragen,
Blutig zu rächen – was, das weiß man nicht:
Ein Riese, finster wie das Ungewitter,
Der andre scheint ein kühner, edler Ritter.
17.
Er kämpft mit Schwert und Schild, und auszubiegen
Weiß er, indem er hier- und dorthin springt,
Um nicht der schweren Keule zu erliegen,
Die jener Riese mit zwei Händen schwingt.
Am Wege tot sieht man den Renner liegen.
Roger bleibt stehn –; was wohl der Ausgang bringt?
Er stellt im Geist sich auf des Ritters Seite
Und wünscht, er möge Sieger sein im Streite.
18.
Nicht, daß er ihm zu helfen Anstalt machte:
Er hält sich abseits, sieht den Fall mit an.
Da mit dem Knüppel hieb der Ungeschlachte
Zweihändig auf den Helm den kleinern Mann,
Daß er ihn mit dem Schlag zu Boden brachte.
An den Betäubten trat er dann heran,
Schnallt ihm den Helm ab, ihm den Rest zu geben –
Und Roger sah den Eisenhut sich heben,
19.
Und im enthüllten Antlitz da erkannte
Er der Geliebten himmlische Gestalt:
Die schöne, o, die süße Bradamante
Will töten jener Unhold mißgestalt!
Auf ihn mit bloßem Schwerte Roger rannte
Und fordert ihn zum Streit mit lautem »Halt!«
Doch ohn' auf neuen Kampf sich einzulassen,
Eilt der, die Regungslose zu erfassen.
[227] 20.
Er packt sie auf; so schleppt hinweg vom Stalle
Der Wolf die Beut' aus einer Lämmerschar;
So trägt die Taube fort mit seiner Kralle –
Oder ein Vöglein sonst – der grimme Aar.
Eingreifen tut jetzt not in jedem Falle,
Und Roger eilt herbei, doch rasch fürwahr
Der Kerl davon mit seinem langen Bein kommt,
Daß kaum der Blick des Ritters hinterdrein kommt.
21.
Der läuft, und jener folgt mit raschen Schritten,
Bis sie zuletzt auf immer breiterm Pfad
Durch Dickicht und durch düstren Waldes Mitten
Sind einer großen offnen Au genaht.
Genug jetzt. – Nun zu Roland, möcht' ich bitten,
Der des Cimosco Feuerblitz gerad
Hinausgeschleudert hat in Meeresweiten,
Daß er der Welt entschwind' auf alle Zeiten!
22.
Doch wenig half's –; der Feind der Menschenkinder,
Dem ja das Unheilschaffen zugehört
(Er war recht eigentlich des Strahls Erfinder,
Der wie der Blitz vom Himmel her zerstört),
Er ließ, auf Weh und Leid bedacht (nicht minder,
Als da mit Trug einst Eva ward betört),
Noch einem Zaubrer jenen Fund gelingen,
Als unsre Ahnen hier auf Erden gingen.
23.
Das Höllenrohr, das auf dem Grund der Wogen
Versteckt gelegen viele Jahre lang,
Ans Licht herauf durch Zauberkraft gezogen,
Zuerst hin zu dem Volk der Deutschen drang,
Die das und dies versuchten und erwogen,
Bis ihnen, ach, zum Fluch für uns, gelang,
Geschärften Sinns durch Satans Unterstützung
Neu aufzufinden jenes Rohrs Benützung.
[228] 24.
Italien, Frankreich, all die andern Lande
Der Welt sind auf die grimme Kunst erpicht:
Der zwingt das Erz in hohler Formen Bande,
Das flüssig aus des Ofens Gluten bricht;
Der bohrt das Eisen, gibt die Form im Brande,
Bald klein, bald groß, von dem und dem Gewicht:
Der nennt es Mörser, jener nennt's Kartaune,
Kanone einfach, doppelt auch, nach Laune.
25.
Von Schlangen hör' ich, Falken, Kolubrinen,
Wie's just ihm einfällt, der das Ding beschert,
Das Stahl zerbricht, aus Burgen macht Ruinen
Und dem auf Erden nichts den Weg verwehrt.
Armer Soldat, wozu noch sollen dienen
Dir alle deine Waffen bis aufs Schwert?
Nimm auf die Schulter einen Donnerkasten!
Sonst ohne Löhnung, fürcht' ich, mußt du fasten.
26.
Erfindung, frevelhaft und tief zu hassen,
Was kamst du je in eines Menschen Sinn?
Durch dich muß aller Waffenruhm erblassen,
Durch dich sinkt ehrenlos das Kriegswerk hin;
Durch dich steht Mannheit jetzt und Mut verlassen,
Denn über Wert ist Feigheit Siegerin:
Nicht Heldenschaft, nicht Kühnheit, die man lobe,
Kommt in dem Kriegesfelde mehr zur Probe.
27.
Gegangen sind durch dich und werden gehen
Der Herrn und Ritter viel in Todesnacht,
Eh wir das Ende jenes Krieges sehen,
Der für Italien so viel Leid gebracht.
Ich sagt' es – und als wahr bleibt es bestehen:
So Greuliches ward niemals noch erdacht;
Es hat der schlimmste aller Menschengeister
Im Feuerrohrerfinder seinen Meister.
[229] 28.
Und Gott – so glaub' ich – wird im tiefsten Grunde,
Damit den Frevler dort die Straf' ereilt,
Einschließen die verdammte Seel' im Schlunde
Der Hölle, wo verflucht der Judas weilt. –
Doch folgen wir dem Ritter, der zur Stunde
Hin nach Ebuda voller Sehnsucht eilt,
Dem Eiland, wo man schöne zarte Frauen
Dem Ungeheuer vorsetzt zum Verdauen.
29.
Je mehr der Held strebt eilig in die Weite,
Nur um so wen'ger eilig hat's der Wind:
Ob er von rechts bläst, ob von linker Seite,
Ob hinterdrein – stets weht er so gelind,
Man wünscht nicht mehr, als daß das Schifflein gleite,
Weil manchmal gänzlich still die Lüfte sind.
Dann wieder bläst er stracks dem Lauf entgegen,
Daß man lavierend nur sich kann bewegen.
30.
Gott ließ ihn früher nicht zu Lande gehen,
Als bis Hibernias König weilte dort;
Sonst konnte alles das nicht leicht geschehen,
Wovon ihr bald erfahrt am rechten Ort.
Als sie vom Schiff das Eiland nahe sehen,
Spricht Roland zu dem Steurer: »Bleib am Bord;
Mir aber gib das Boot, daß ich zum Riffe,
Ohne Geleite sonst, hinüberschiffe!
31.
Auch Tau und Anker noch sollst du mir lassen,
Die allergrößten, die zu finden sei'n:
Du wirst den Grund, warum's geschieht, erfassen,
Laß ich in Kampf mich mit dem Untier ein.«
Das Boot mit allem, das zum Plan kann passen,
Wirft man dem Ritter in das Meer hinein.
Von seinen Waffen nimmt er nur den Degen
Und fährt allein dann jenem Riff entgegen.
[230] 32.
Er zieht die Ruder an die Brust, den Rücken
Gewendet nach dem Ziel am Uferrand;
Vergleichbar großem Krebs in allen Stücken,
Der aus dem Meer hinaufkriecht nach dem Strand.
Die Stund' ist's, wenn das goldne Haar, das schmücken
Aurora darf, der Sonn' ist zugewandt:
Halb ist's verdeckt, halb darf es sich entfalten,
Nicht sonder Ärger Titons wohl, des Alten.
33.
Als er so weit genaht dem Felsenraine,
Wie kräft'ge Hand den Kiesel schleudern kann,
Deucht ihn – und deucht auch nicht –, daß jemand weine,
So schwach und leise kam der Laut heran.
Nach links gewendet sucht er am Gesteine,
Zum Ufer blickend, wo die Welle rann; –
Gebunden war ein nacktes Weib zu sehen;
Die Füße, weiß und zart, im Wasser stehen.
34.
Sie ist noch fern und läßt das Antlitz hangen;
Drum kann er nicht erkennen, wer es sei.
Er regt die Ruder emsig, voll Verlangen,
Von ihr noch zu erkunden mancherlei,
Als plötzlich Wald und Schluchten rings erklangen;
So mächtig dröhnt des Ungetümes Schrei,
Auf schwillt die See, das Scheusal kommt gezogen
Und hält fast mit der Brust verdeckt die Wogen.
35.
So wie aus dunklen Tales feuchten Weiten
Aufsteigen Wolken sturm- und regenschwer,
Die sich ringsum als trübe Nacht verbreiten,
Erstickend – scheint's – des Tages Leuchte hehr,
So dehnt die Bestie sich nach allen Seiten;
Sie schwimmt und füllt dabei das ganze Meer.
Die Wogen beben. Roland, kalten Blutes,
Schaut auf das Untier festen Blicks und Mutes.
[231] 36.
Als einer, der sich klar mit seinen Sachen,
Durch raschen Griff dem Boot er Schwung verleiht:
Es gilt, die Frau zu schützen vor dem Rachen
Und anzugreifen in derselben Zeit.
Drum zwischen beide lenkt er seinen Nachen,
Das Schwert bleibt in der Scheide noch bereit;
Anker und Tau sind in die Hand genommen –
Nun, kühn gefaßt, läßt er das Scheusal kommen.
37.
Sobald der Fisch sieht, daß die Wellen bringen
Den Schiffer und den Kahn, naht er im Flug,
Aufsperrt er weit das Maul, sie zu verschlingen:
Für Roß und Reiter wäre Platz genug.
Roland stößt vor, weiß in den Schlund zu dringen
Mit Anker und dem Boote, das ihn trug
(Vernehm' ich recht), und keilt im raschen Schwunge
Den Anker zwischen Gaumen ein und Zunge,
38.
So daß von oben her sich nicht kann senken,
Von unten nicht sich hebt der Kiefer Macht;
Wie sie beim Eisengraben Stützen renken
Ins Erdreich, wenn man aushöhlt einen Schacht;
Damit nicht, während sie an Arbeit denken,
Ob ihrem Haupt der Bau zusammenkracht.
Groß ist von Zahn zu Zahn des Ankers Länge,
Daß Roland kaum im Sprung so hoch sich schwänge.
39.
Als fest der Halt ist und sich nicht bewegen
Noch schließen mehr des Untiers Rachen kann,
Zieht er das Schwert, und mit gewalt'gen Schlägen
Haut er und sticht im Dunklen drauf und dran.
Wie eine Burg sich wehrt, wenn man sich regen
Den Feind drin hört, der schon den Hof gewann,
So wehrt das Scheusal aus dem Meeresgrunde
Sich gegen diesen Mann in seinem Schlunde.
[232] 40.
Bald läßt der Schmerz es in die Höhe schießen
– Die Schulter kommt, der Schuppenkamm heraus –,
Bald möcht' es in die Tiefe sich verschließen,
Und Sand von unten wirft der Bauch hinaus.
Als Wassermengen gar zu reichlich fließen,
Flieht Roland schwimmend aus dem nassen Graus:
Er läßt den Anker fest und nimmt behende
Vom Ankerstricke jetzt das eine Ende,
41.
Und eilig schwimmt er mit der Kraft der Lungen
Der Klippe zu; dort stemmt er fest das Bein
Und zieht den Anker, der den Biß bezwungen,
Mit den zwei Zacken in den Schlund hinein.
Das Untier folgt dem Seile notgedrungen:
Vor dieser Kraft ist jede andre klein,
Der Kraft, durch die mit einem Ruck geschehn kann
Mehr, als durch einen Kran geschehn mit zehn kann.
42.
So wie ein wilder Stier, dem man die Schlingen
Warf unversehens um das mächt'ge Horn,
Hier-, dorthin taumelt, um sich loszuringen,
Umsonst sich wälzt und aufsteht voller Zorn,
So folgt der Fisch mit Zucken und mit Springen
Der Kraft, die ihn gewaltig zieht nach vorn;
Er kommt vom Strick nicht los trotz allem Rütteln,
Mag er sich drehn und zappeln, zerren, schütteln.
43.
Man könnte, traun, vom roten Meere sprechen;
So schießt der Blutstrom aus dem Schlund hervor;
Gepeitscht vom Untier, sich die Wogen brechen,
Sie teilen sich vom Meeresgrund empor,
So dicht, daß sie der Sonne Strahlen schwächen,
Und spritzen hoch hinauf zum Himmelstor,
Und von dem Krachen, dem Getös' und Dröhnen
Wälder und Höhn und ferner Strand ertönen.
[233] 44.
Jetzt auf den Fluten läßt sich Proteus sehen,
Der Lärm lockt aus der Grotte Tiefen ihn:
Als er nun Roland kommen sieht und gehen
In solchem Fisch und den zum Lande ziehn,
Erschreckt läßt er die Herde gehn und stehen,
Hinaus ins weite Meer davon zu fliehn.
Neptun spannt die Delphine vor den Wagen
Und läßt sich schleunigst nach Äthiopien tragen.
45.
Ino hält Melicertos bang umschlungen,
Gelösten Haars kommt der Neriden Heer,
Tritonen auch, die alten und die jungen,
Voll Angst, verzweifelt, rennen hin und her.
Roland ist mit dem Fisch ans Land gedrungen,
Braucht sich mit ihm nicht abzumühen mehr,
Denn, eh der Weg zum Strand noch ist beendet,
Liegt schon der Fisch vor Qual und Not verendet.
46.
Vom Eiland waren viele hergelaufen,
Um anzuschauen so besondre Schlacht,
Und was der Held getan, erschien dem Haufen
In falschem Wahn gottlos und unbedacht:
Sie meinten, Proteus werde neu sie raufen,
Denn wachsen müsse seines Zornes Macht,
Er sende wohl die ganze grause Herde,
So daß die Plage neu beginnen werde.
47.
Das Beste sei – um Unheil abzuwenden –,
Sie flehen jetzt den Gott um Gnade an;
Es gilt, als Opfer auch hinabzusenden
Zur Sühne diesen allzu frechen Mann.
Wie eine Fackel andre Feuer spenden
Und einen ganzen Ort entzünden kann,
So zündete von einem Herz zum andern
Der Schrei der Wut: er soll ins Wasser wandern!
[234] 48.
Der ging ein Schwert, der einen Spieß erraffen,
Schleudern nahm der, den Bogen der zur Hand;
Sie dringen auf ihn ein mit diesen Waffen
Von hinten, vorn, wie einer tunlich fand.
Solch schnöder Undank will Verwundrung schaffen
Dem Helden ob der Sitten in dem Land:
Er findet Unglimpf für die Tat gerade,
Für die er Ruhm erhofft und Huld und Gnade!
49.
Doch wie ein Bär geht ruhig durch die Gassen,
Wenn ihn ein Pole oder Russe führt
(Er wird sich vom Gebell nicht stören lassen,
Das kleiner Hunde läst'ger Hauf vollführt
– Nicht einmal hinzublicken will ihm passen –),
So wenig Furcht vor jenen Bauern spürt
Der Paladin; er brauchte nur zu blasen,
So lägen sie zerschmettert auf den Nasen.
50.
Und wohl verstand er auch, sich Platz zu machen:
Er wandte sich, nahm seine Durendal.
Es meinte jenes Volk (dumm schier zum Lachen),
Das Spiel mit ihm sei recht bequem, zumal
Ihm Harnisch ganz und Eisenschild gebrachen
Und was die Glieder sonst noch deckt an Stahl.
Allein ihm deckt – was jenen unbekannt ist –
Hornhaut den Leib, die hart wie Diamant ist.
51.
Was andre ihm zu tun ohnmächtig blieben,
Andern zu geben ist in seiner Hand;
Tot liegen dreißig von zehn Schwerterhieben
(Vielleicht, daß einer mehr dabei sich fand).
Der Strand ist leer, die Räuber all zerstieben,
Zur Schönen wollt' er an der Felsenwand,
Als neuer Lärm und Schreie zu ihm drangen
Und andre Teile des Gestads erklangen.
[235] 52.
Derweilen Roland so mit den Barbaren
Zu schaffen hatte dort am Meergetos',
Die Streiter Irlands angekommen waren,
Von allen Seiten, nicht am Ufer bloß;
Ohn' allen Widerstand rings auf die Scharen
Des Volks im ganzen Lande haun sie los.
War's Grausamkeit, war es Gefühl des Rechtes,
Sie schonten keines Alters noch Geschlechtes.
53.
Kaum widersetzten sich die Inselleute,
Teils weil der Angriff gar zu rasch geschah,
Teils weil die kleine Mannschaft sich zerstreute
Und weil kein Plan war für die Leitung da.
Die Habe fiel den Siegern zu als Beute,
Und Brand fuhr in die Häuser fern und nah:
Wo früher Mauern, war der Grund jetzt eben,
Und keine Menschenseele blieb am Leben.
54.
Roland, als ob er fern zu bleiben meine
Dem Lärmen, der Zerstörung, dem Geschrei,
Geht hin zu ihr, die man zum kahlen Steine
Als Speise schleppte für das Tier herbei.
Er schaut – und sieh, ihn deucht, er kennt die Kleine;
Je mehr er naht, deucht ihn, daß sie es sei:
Olympia – und Olympia ist's gewißlich,
Die für die Treue Lohn fand also mißlich!
55.
Die Ärmste! Zu der Liebe Mißgeschicken
Mußt' ihr ein feindlich Los voll Grausamkeit
Am gleichen Tage die Korsaren schicken,
Die da von hinnen schleppten jede Maid!
Als Roland sich am Felsen läßt erblicken,
Erkennt sie ihn; doch weil sie ohne Kleid,
Neigt sie das Haupt. Zu sprechen will nicht taugen,
Und zu erheben wagt sie nicht die Augen.
[236] 56.
Der Paladin fragt, welche Schicksalstücke
Sie nach der Insel habe hingebracht;
Er ließ sie doch beim Gatten, voll im Glücke,
Wie man ein größres hätte kaum gedacht.
»Des Dankes, daß man mich dem Tod entrücke,
Hab' ich vielleicht,« so sprach sie, »minder acht
Als Vorwurfs, daß man mir den Tod nicht gönnte,
Der heut mein ganzes Elend enden könnte.
57.
Euch danken kann ich nur für dieses eben,
Daß Ihr habt abgewandt die Todesart;
Daß ich dem Scheusal wür e hingegeben
Für seinen Bauch, zu greulich wär's und hart.
Doch kann ich Euch nicht danken für das Leben,
Weil nur der Tod das Elend mir erspart:
Wollt Ihr mich diesem Retter überweisen,
Der Leiden endet, will ich gern euch preisen.«
58.
Schluchzend erzählt sie, wie sie schnöd' betrogen
Ward von dem Gatten mit verruchter List;
Wie er sie schlafend ließ am Rand der Wogen,
Und Räuberschar sie nahm nach kurzer Frist.
Derweil sie sprach, stand sie zurückgebogen,
So wie Diana oft gemeißelt ist,
Wenn sie Aktäon straft, ihn mit den Wellen
Bespritzend, den fürwitzigen Gesellen.
59.
So viel sie kann, verhüllt sie Schoß und Büste,
Nimmt's mit den Lenden nicht mehr so genau.
Roland sein Schiff jetzt gern im Hafen wüßte,
Kleider zu schaffen für die schöne Frau,
Die nun der Ketten frei –, da auf der Küste
Zeigt sich der Herr von Irlands grüner Au,
Der König Hubert, er erfuhr gerade,
Tot liege jenes Untier am Gestade,
[237] 60.
Und einer sei geschwommen durch die Wogen,
Der keilte ihm den Anker in den Schlund,
Und hab' es hinter sich zum Strand gezogen,
Wie man ein Boot zieht nach dem Ufergrund.
Zu sehn, ob jener Mann ihn nicht belogen,
Der solche Wundermäre machte kund,
Kam Hubert selbst hierher, derweil vom weiten
Sein Heervolk sengt und brennt auf allen Seiten.
61.
Steht Roland gleich von Wasser übergossen,
Voll Schlamm und häßlich rot gefärbt von Blut,
Vom Blute rot, das um ihn her geflossen,
Als er vom Fisch herausschwamm durch die Flut,
Sieht Hubert gleich in ihm den Milonsprossen,
Zumal er selbst sich sagt, daß solchen Mut
Und solche Kraft kein andrer könne zeigen;
So hoher Wert sei nur dem Roland eigen.
62.
Als Edelknab' hatt' er am Hof gestanden,
Frankreich verlassen erst seit einem Jahr,
Krone zu tragen in den eignen Landen,
Nachdem sein Vater dort gestorben war.
Roland und er sich viel zusammenfanden,
Oft sprach er ihn dort in der Ritter Schar.
Den Stahlhelm hat er eilig abgenommen,
Begrüßt den Herrn und heißt ihn froh willkommen.
63.
Wie man den König sah sich Rolands freuen,
Ist diesem die Begegnung höchst genehm;
Gruß und Umarmung beide Herrn erneuen
Und wohl ein drittes Mal noch außerdem.
Roland erzählt dann, von der Frau, der treuen,
Wie sie verlassen wurde und von wem;
Dem Schuft Biren, der doch in jedem Falle
Dies wen'ger durfte als die andern alle.
[238] 64.
Er nennt die Proben, wie mit treuem Lieben
Sie zu dem Gatten hielt in jeder Zeit;
Wie ihr nicht Eltern mehr noch Gut geblieben
Und sie dem Tode sich für ihn geweiht.
Aufopfrung habe stets sie angetrieben;
Dies zu beweisen, sei er selbst bereit.
Indes er sprach, der Dame Tränen flossen
Und aus sonst heitren Augen sich ergossen.
65.
So glich ihr Antlitz einem schönen Morgen,
Wie ihn der junge Frühling manchmal bringt,
Wenn Regen fällt und Sonne, halb verborgen,
Den Nebelschleier hier und da durchdringt.
Und wie ihr süßes Lied dann ohne Sorgen
Die Nachtigall im grünen Busche singt,
So taucht in Zähren Amor seine Schwingen,
Froh, wenn vom Auge helle Strahlen dringen.
66.
In dieser Glut entzündet er behende
Den luft'gen Pfeil und löscht ihn in der Flut,
Die jetzt hinsinkt auf rosiges Gelände;
Auf dich, argloser Jüngling, zielt er gut,
Daß den gestählten er ins Herz dir sende –
Nicht Schuppenwerk noch Eisen frommt als Hut,
Du siehst im Augenpaar den Himmel offen,
Und eh du weißt, wieso? – bist du getroffen!
67.
Ihr sind ja Reize auserlesen eigen,
Die seltensten, wert hellsten Ruhmesschalls:
Stirn, Augen, Wangen hohe Schönheit zeigen,
Mund, Nase, Haar und Schultern auch und Hals;
Doch wenn wir niederwärts vom Busen steigen,
So ist, was sonst verhüllt wird, jedenfalls
So herrlich, daß wohl keinem Weib hienieden
Ein solcher Liebreiz jemals war beschieden:
[239] 68.
An Weiße gleich dem frischen Schnee, dem hellen;
Nicht Elfenbein kost also das Gefühl;
Die runden Brüstchen gleich der Milchflut quellen,
So wie sie einfließt aus den Binsen kühl.
Dazwischen einer Höhlung holde Stellen
Vergleichbar einem Tal an sanftem Bühl,
Anmutig, wenn der Lenz es eingehüllt hat
Und wenn, wie jetzt, es Winters Schnee gefüllt hat.
69.
Der Hüfte, Lenden Wölbungen und Flächen,
Der lichte Leib so glatt wie Spiegelwand,
Die weißen Schenkel, die ins Auge stechen,
Entstammen, scheint es, eines Phidias Hand.
Soll ich jetzt noch von jenen Teilen sprechen,
Die ihr Bemühen nicht dem Blick entwand?
Ich sage kurz: vom Kopf bis zu den Füßen
Vollkommne Reize den Beschauer grüßen.
70.
Falls sie dem Paris in des Ida Hagen
Erschienen wär' – ob Venus wohl (wer weiß!),
Wenn auch die beiden andern ihr erlagen,
Errungen hätte höchster Schönheit Preis?
Es wäre zu Amyklä nicht getragen
Der Frevel in des Hauses heil'gen Kreis;
Gesprochen hätte so der Hirt vom Ida:
»Bleib, Helena, zu Haus, ich nehme die da!«
71.
Und hätt' in Kroton ihrer wahrgenommen
Zeuxis, als es das Bild zu malen galt
(Das in der Juno Tempel sollte kommen)
Nach vielen Schönen, herrlich von Gestalt,
Um eine darzustellen ganz vollkommen,
Und er bald diese nahm und jene bald,
Er brauchte keine andre hier zu wählen,
Weil alle Reize sich in ihr vermählen.
[240] 72.
Bireno hatte niemals wohl, ich wette,
Den schönen Körper hüllenlos gesehn:
Denn nicht so grausam dort vom Strande hätte
Er ohne sie von dannen können gehn.
Hubert beweist's: gebannt an jene Stätte,
In hellem Liebesbrand sieht man ihn stehn;
Er tröstet sie und sucht sie aufzuheitern;
Gut werden dürfe alles noch des weitern.
73.
Er werde sich mit ihr nach Holland wenden
Und ein sie setzen in ihr Reich sodann.
Damit Gerechtigkeit und Rache fänden
Den ungetreuen, ehrvergeßnen Mann,
Strenge, die Sache möglichst rasch zu enden,
Sein Irland alle seine Kräfte an.
Und was an Kleidern war herbeizuschaffen,
Das ließ er aus dem Ort zusammenraffen.
74.
Man braucht fürwahr nicht Kleider zu verschreiben
Aus Orten ferne von dem Inselland:
Genug ja von den Mädchen übrig bleiben,
Die man dem Fisch zur Nahrung bot am Strand.
Hubert gelang's, in kurzem aufzutreiben
Von Röcken und von Kleidern allerhand.
Er ließ Olympia kleiden, doch er grollte,
Nicht kleiden sie zu können, wie er wollte.
75.
Allein so edles Gold, so feine Seide
Fertigt am Arno selber keiner an,
Und Stickerei zu andrer Frauen Neide
– Mühten sich auch die größten Künstler dran –,
Man findet's nicht, auch nicht das Prachtgeschmeide,
Und sei es von Minerva, von Vulkan,
Das würdig könnte jene Glieder schmücken,
Die stets sich neu ihm ins Gedächtnis drücken.
[241] 76.
Aus manchem Grund ist Roland wohlzufrieden,
Und es gefällt ihm diese Liebe sehr:
Nicht nur ist Strafe dem Biren beschieden
Für den Verrat und andre Falschheit mehr;
Es wird durch dieses Mittel auch vermieden
Für ihn ein Mißstand unbequem und schwer:
Nicht um Olympia, zu Schutz und Frommen
Der eignen Herrin ist er ja gekommen!
77.
Daß sie nicht da war, stand ganz außer Frage;
Nur ob sie dagewesen, war nicht klar:
Es gab hier keinen Menschen, der's ihm sage,
Weil keiner mehr vom Land am Leben war.
Er stach in See schon an dem nächsten Tage;
Von dannen zogen sie in einer Schar.
Mit jenen fuhr er Irland nun entgegen,
Denn auf dem Weg nach Frankreich war's gelegen.
78.
Aufhalten ließ er sich auf keine Weise,
Und einen Tag blieb er in Irland nur;
Dann schickt ihn Amor wieder auf die Reise,
Der gönnt nicht Rast ihm auf der Liebsten Spur.
Er geht; zuvor mahnt er den König leise
Noch an Olympia und gegebnen Schwur.
Unnötig war es; mehr, als er verpflichtet
Zu tun war, hat ja Hubert dann verrichtet.
79.
Als bald darauf ins Feld die Seinen gingen
Im Bund mit Schottland und mit Engelland,
Wußt' er dem Feind rasch Holland zu entringen
Und ließ ihm auch kein Stückchen friesisch Land,
Um dann zum Aufstand Seelands Volk zu bringen.
Nicht eher ruht das Schwert in seiner Hand,
Bis er Biren erschlägt; und dennoch stehen
Die Strafen noch zurück vor dem Vergehen.
[242] 80.
Als Hubert und Olympia sich vermählen,
Ward sie aus einer Gräfin Königin. –
Doch von dem Ritter gilt es zu erzählen,
Der Tag und Nacht fährt durch die Wogen hin,
Zuletzt den gleichen Hafenplatz zu wählen,
Von dem er früher nahm der Fahrt Beginn:
Auf Güldenzaum, den Hengst, steigt er geschwinde
Und läßt im Rücken salz'ge Flut und Winde.
81.
Wohl mein' ich, daß von meldenswerten Dingen
Noch manches andre dieser Winter sah;
Doch weil sie im verborgnen vor sich gingen,
Ist's meine Schuld nicht, steh' ich schweigend da.
Geneigter war ja Roland zu vollbringen
Als zu erzählen, was durch ihn geschah.
Wir wissen darum nichts von seinen Taten,
Als was die Zeugen uns davon verraten.
82.
So ist der Winter ruhig hingeschritten;
Man weiß nicht, was geschehn ist von Gewicht:
Doch als vom Tier, drauf Phryxus einst geritten,
Die Sonne sandt' auf unsre Welt ihr Licht
Und holder Lenz in junger Blüten Mitten
Durch Zephyr kam mit fröhlichem Gesicht:
Da kamen auch von Rolands Heldentume
Beweise staunenswert mit Gras und Blume.
83.
Von Tal zu Berg, von Feld zu Meereswellen
Voll Schmerz und Mühsal ritt er kreuz und quer –
Da hört er einen langen Wehruf gellen
Beim Eintritt ins Gehölz, vom Dickicht her;
Gleich spornt er nach der Richtung hin zu schnellen
Sprüngen das Roß und hält gezückt die Wehr –
Was dann geschah, werd' ich erzählen können
Ein andermal, wollt Ihr Gehör mir gönnen.

[243] Zwölfter Gesang

1.
Als Ceres von der Mutter wiederkehrte
Vom Ida, eilig, in das stille Tal
(Wo Ätnas Last den Enkelad beschwerte,
Nachdem ihn rächend traf der Himmelsstrahl)
Und nicht die Tochter fand, die heißbegehrte,
Die fern blieb jedem Pfad, hat sie vor Qual
Sich Wang' und Brust zerfleischt, des Leids beflissen,
Und Augen – dann zwei Fichten ausgerissen.
2.
Die ließ sie durch die Glut Vulkans entzünden,
Und Dauer gab sie ihnen, die nicht schwand,
Daß sie als Fackeln ihr in Händen stünden
Im Wagen, dran zwei Drachen sind gespannt,
Und sucht in Wald und Feld, Berg, Flur und Gründen,
In Teich und Fluß und Strom und Sumpfesland
Und Erd' und Meer – und als die Welt durchzogen,
Ist sie zum Tartarus hinabgeflogen.
3.
Könnt' an Vermögen Roland sich vergleichen
Der Göttin, wie er's kann an Sehnsuchtsglut,
Er würde wahrlich Berg und Tal durchstreichen,
Angelika zu suchen, Wald und Flut
Und Erd' und Himmel, und den Ort erreichen,
Wo tief das ewige Vergessen ruht.
Doch weil er keinen Wagen hat mit Drachen,
Muß er, wie's eben geht, die Sache machen.
[244] 4.
Er forscht, so plant er – Frankreich ist durchzogen –,
Italien jetzt, sodann auch Deutschland aus,
Kastilien neu und alt und (durch die Wogen
Des Spaniermeers) auch Libyens Wüstengraus.
Grad als er dies hat still bei sich erwogen,
Hört er den Klageruf vom Wald heraus.
Er sprengt hinzu, und wen'ge Schritte weiter
Sieht er auf mächt'gem Renner einen Reiter,
5.
Der vor sich auf dem Sattel hält in Armen
Gewaltsam ein verzweifelt Mägdelein:
Sie sträubt sich, weint; der Klageruf der Armen
Klingt herzbewegend, und mit lautem Schrein
Fleht sie den Herrn von Anglant um Erbarmen;
Der blickt sie an und meint, sie müss' es sein,
Gerade sie, nach der bei Nacht und Tage
Durch Frankreich hin und drum herum er jage.
6.
Ich sage nicht: sie war's – nur daß er glaubte,
Die Vielgeliebte sei's, Angelika.
Daß man ihm seine Herrin, Göttin raubte
Und daß vor seinen Augen es geschah –,
Darob vor Zorn und höchster Wut er schnaubte
Und schrie den Reiter an: »Du, halte da!«
Er schrie ihn dräuend an mit graus'ger Stimme
Und spornte Güldenzaum ihm nach voll Grimme.
7.
Stumm bleibt der Dieb, ist nicht zum Stehn zu bringen,
Und nur für seine Beute hat er Sinn:
Schwer käm' der Wind ihm nach mit seinen Schwingen,
So pfeilschnell jagt er durch die Zweige hin.
Der flieht, der folgt – die tiefen Wälder klingen
Vom Klageruf der schönen Dulderin.
So kommen sie auf eine große Wiese;
Ein Schloß, gar reich und prächtig, zieret diese.
[245] 8.
Aus Marmor mannigfaltig, stolz und heiter
Das Haus, kunstvoll gebaut, gen Himmel ragt.
Zur goldnen Tür hinein ritt nun der Reiter,
Im Arme hielt er jene schöne Magd.
Auf Güldenzaum erscheint ein Weilchen weiter
Graf Roland trutziglich und unverzagt.
Ringsum im Kreis läßt der die Augen gehen:
Jungfrau und Krieger sind nicht mehr zu sehen.
9.
Ab steigt er rasch und fliegt nach allen Seiten
Wie Wetterstrahl durchs Haus, der Tiefe nach,
Wo hierhin, dorthin sich die Zimmer breiten:
Kein Raum entgeht ihm, Kammer noch Gemach.
Zum Oberstock ihn nun die Stufen leiten,
Weil jeden Anhalts unten es gebrach.
Doch war's vergebens unten, ist's auch oben;
Umsonst die Müh' – sie sind wie fortgestoben.
10.
Mit Seid' und Gold geschmückt sieht er die Betten,
Doch nichts von Mauern, nichts von einer Wand;
Sie, und wo Füße sich zu setzen hätten,
Der Boden, sind mit Teppichen bespannt.
Treppauf, treppab durchsucht er alle Stätten,
Doch wird ihm nicht der Augentrost gesandt,
Das Mädchen oder jenen Dieb zu schauen,
Der fortgeschleppt die schönste aller Frauen.
11.
Wie er den Schritt so hierhin, dorthin wandte,
Erfüllt von Sorgen, in Gedanken schwer,
Sah er Gradaß, den König, Sakripante
Und Brandimarte mit noch andern mehr,
Und jeder so wie er vergebens rannte
Treppauf und -nieder in dem Haus umher,
Und alle auf den bösen, unsichtbaren
Schloßherrn gar aufgebracht und wütend waren.
[246] 12.
Sie klagen, also suchend, unverhohlen,
Geraubt sei ihnen dieses oder das:
Dem ist sein Roß und dem sein Lieb gestohlen;
Sie sind voll Wut – so geht's ohn' Unterlaß;
Dem fehlt was andres –, alle stehn auf Kohlen,
Denn auch kein Ausgang ist aus dem Gelaß,
Und viele sind, von dieser List gefangen,
Schon Wochen, Monde lang herumgegangen.
13.
Umsonst war Roland auf und ab geflogen,
Vier-, sechsmal durch das sonderbare Haus;
Da sagt er sich: »Hier werf' ich – wohlerwogen –,
Wenn ich verweile, Müh' und Zeit hinaus:
Mit ihr inzwischen ist schon abgezogen
Der Dieb aus andrer Tür vom Haus heraus.«
So ging er jenem Wiesengrün entgegen,
Das rings um den Palast her war gelegen.
14.
Das stille Haus beginnt er zu umschreiten,
Dabei zum Boden stets das Haupt gebückt,
Und späht nach rechts, nach links, nach allen Seiten,
Ob neue Spuren nicht sind eingedrückt.
Da hört er seinen Namen, nicht vom weiten:
Er hebt die Augen auf und hört beglückt
Die Stimme, sieht die Züge auserlesen,
Die teuren, die verwandelt all sein Wesen.
15.
Angelika mit flehenden Gebärden
Ruft weinend: »Komm, o hilf mir, komm zu mir!
Mein Magdtum, mir das Teuerste auf Erden,
Mehr als das Leben selbst, empfehl' ich dir;
Soll ich von Räubern denn bewältigt werden,
Vor Augen meines lieben Roland hier:
Dann laß mich eher rasch des Todes sterben
Von deiner Hand, als schmählich so verderben!«
[247] 16.
Er sucht, durchsucht aufs neu das Schloß, das schlimme,
Wobei er in ein jedes Zimmer dringt,
Mit viel Beschwerd' und Müh' und voller Grimme;
Und Linderung allein die Hoffnung bringt.
Stehn bleibt er manchmal und vernimmt die Stimme,
Und ganz wie von Angelika sie klingt,
Und ist er hier, so wird sie dort vernommen,
Und dunkel bleibt, woher sie wohl mag kommen.
17.
Zu Roger nun, den ich auf schatt'gem Pfade
Dem Riesen und der Maid nachjagen ließ,
Und der bei jenes Räubers Retirade
Vom Wald heraus auf eine Wiese stieß!
Dieselbe ist's, die Roland sah gerade,
Wenn mich mein Ortsgedächtnis nicht verließ.
Dem Ungeschlachten, der ins Tor hinein eilt,
Voll Eifer folgend Roger hinterdrein eilt.
18.
Als auf der Schwelle seine Füße stehen,
Blickt er den Hof und Säulengang entlang:
Jungfrau und Riese sind nicht mehr zu sehen,
Soweit ringsum sein suchend Auge drang;
Und mocht' er auf und ab die Treppen gehen,
Was er ersehnte, niemals ihm gelang;
Es war in keiner Weis' herauszufinden,
Wo jene beiden konnten hin verschwinden.
19.
Als auf und ab durch Zimmer, Säle, Gänge
Viermal und fünfmal er gelaufen war,
Durchsucht er nochmals jedes Winkels Enge,
Sucht unterhalb der Treppe noch sogar.
Zuletzt, daß nicht der Ries' im Wald entspränge,
Ging er hinaus – da hört er, um ein Haar
Wie Roland, seinen Namensruf erschallen,
Der ihn zurücktreibt in des Schlosses Hallen.
[248] 20.
Dieselbe Stimm' und nämliche Person ist's,
Die für Graf Roland war Angelika:
Für Roger jetzt die Dame von Dordon ist's,
Durch die er sich sein Ich entrissen sah;
Für alle just der Frauen Preis und Kron' ist's,
So viel der Ritter sind im Schlosse da;
Ein jeder als die Schöne sie erachtet,
Für die sein Herz gerad in Sehnsucht schmachtet.
21.
Das waren neue seltne Zauberdinge,
Die jener Atlas von Karena bot,
Daß Roger hier geschützt die Zeit verbringe
In Liebesmühen süßer Pein und Not,
Damit der Einfluß so vorüberginge,
Der böse Einfluß, der den Tod ihm droht,
Nichts half die Stahlburg und auch nichts Alcine:
Drum sucht er, ob ihm dieses Mittel diene.
22.
Die Helden, die empor am höchsten ragen
Im Frankenreich an Mut und Armeskraft,
Hätt' er, damit sie Roger nicht erschlagen,
Gern all in dieses Zaubernetz geschafft.
Und daß sie niemals über Hunger klagen,
Derweil sie drin erdulden solche Haft,
Ins Schloß so viele gute Dinge kamen,
Daß sich behaglich fühlen Herrn und Damen. –
23.
Nun zu Angelika, die dank dem Funde,
Dem rückerlangten wunderbaren Ring,
Unsichtbar ward, wenn sie ihn trug im Munde
Und, wenn am Finger, Zauberein entging!
Gefunden hatte sie im Höhlengrunde
Ein Kleid, ein Pferd und Speisen, manch ein Ding,
Des sie bedurft, und jetzt war all ihr Streben,
Nach Indien in ihr Heim sich zu begeben.
[249] 24.
Sie hätte Roland oder Sakripante
Nun gern auf ihrer Reise zum Genoß;
Nicht daß ihr Herz sich mehr zu einem wandte:
Für beide kalt ihr Blut in Adern floß.
Doch führte ja der Weg nach der Levante
Durch gar so manche Stadt und manches Schloß,
Da wäre wohl zu brauchen ein Begleiter;
Und zuverlässig schien ihr keiner weiter.
25.
Lang ist sie suchend hin und her gezogen,
Eh' sie von jenen eine Spur erhält;
In Städten, Dörfern ist die Zeit verflogen
Und, wo es sonst noch sei, in Wald und Feld.
Da schickt das Glück sie, das ihr jetzt gewogen,
Hin, wo mit Roger Roland weilt, der Held,
Und sich Gradaß und Sakripant befinden
Und andre, die in Atlas' Netz sich winden.
26.
Sie tritt hinein, vom Zaubrer ungesehen,
Durchsucht, versteckt vom Ring, das ganze Haus
Und sieht da: Sakripant und Roland gehen,
Um sie zu finden, immer ein und aus;
Sieht Atlas an den beiden Trug begehen
Mit ihrem Bild von Fenstern dieses Baus,
Sie sinnt, wer als Genoß ihr nützt von beiden
Am meisten, und sie kann sich nicht entscheiden.
27.
Ist Roland auszuwählen wohl gescheiter?
Oder Zirkassiens König stolz und hehr?
Roland mag freilich als der stärkre Streiter
Sie schirmen in Gefahren wohl noch mehr;
Doch hat sie einen Herrn, wenn er Begleiter,
Und ihn zu ducken wäre sicher schwer.
Was tun, wenn sie von ihm genug wird haben,
Und wünscht, er möge heim nach Frankreich traben?
[250] 28.
Fortschicken aber kann sie den Zirkassen,
Wann's ihr gefällt – bis in des Himmels Aun,
Drum als Begleiter scheint er ihr zu passen,
Und Eifer will sie zeigen und Vertraun.
Sie nimmt den Ring, und ihre Züge lassen
Vor Sakripant sich ohne Schleier schaun.
Allein zu sein glaubt sie mit diesem Degen,
Doch Roland ist und Ferragu zugegen.
29.
Zugegen sind sie. Gleichen Eifers sprangen
Treppauf und -ab im Hause diese zwei,
Innen und außen, dahin zu gelangen,
Wo ihre Schöne, ihre Göttin sei.
Nachdem der Spuk des Zaubers nun vergangen,
Hin zu der Dame stürzen alle drei
(Weil an den Finger sie den Ring genommen,
Hat einen Riß des Magiers Plan bekommen).
30.
Den Harnisch alle, Helm nur zwei hier tragen
Der Helden, denen dieser Sang geweiht.
Sie legten ihren Helm in all den Tagen,
Seit sie das Haus betraten, nicht beiseit.
Sie brauchen über Schwere nicht zu klagen,
Weil sie an ihn gewöhnt sind lange Zeit.
Gewappnet ist auch Ferragu als dritter,
Doch keinen Helm will tragen dieser Ritter
31.
Als jenen, der dem Bruder ward entrissen
Trojans durch Roland einst, den Paladin;
Er schwur's, als er vergebens war beflissen,
Vom Strom den Zauberhelm ans Land zu ziehn.
Daß Roland hier sei, konnt' er noch nicht wissen
Und legte drum noch keine Hand an ihn;
Unmöglich war es, im Palast beim Wandern
Zu unterscheiden einen von den andern.
[251] 32.
So ganz verhext ist in dem Haus hier alles:
Die andern zu erkennen fehlt die Macht.
Man trennt sich von dem Harnisch keinesfalles,
Auch nicht von Schwert und Schild bei Tag und Nacht,
Und für die Pferde ist statt eines Stalles
Ein Zimmer dicht am Ausgang angebracht;
Gesattelt stehn sie, ohne Zaumesbanden:
Und Stroh und Hafer, die sind stets vorhanden.
33.
Ohnmächtig, hindert Atlas nicht durch Klagen,
Daß rasch zu Pferde stieg die kleine Schar,
Hinter den Rosenwangen drein zu jagen,
Dem goldnen Haar und schwarzen Augenpaar
Der Jungfrau, die von ihrer Stute tragen
Sich ließ, weil ihr es unlieb war,
Daß drei sich ihr gesellten um die Wette,
Die Mann für Mann sie wohl genommen hätte.
34.
Als fern vom Schloß so viel des Wegs gemacht ist,
Daß weiter zu Besorgnis kaum ein Grund
Und jeder sicher vor des Zaubrers Macht ist,
Ersinnt sie eine neue List jetzund: –
Den Ring, durch den ihr Hilfe oft gebracht ist,
Verschließt sie plötzlich in den Rosenmund
Und ist im Augenblick den drein entschwunden,
Die, ganz verwirrt, schier Wahnsinn drob bekunden.
35.
Ihr Plan war wohl gewesen, fortzugehen
Mit Roland oder König Sakripant,
Bis sie die Heimat würde wiedersehen,
Das Reich des Galafron im Morgenland –
Doch alle beide jetzt ihr widerstehen;
So hat auf einmal sich ihr Sinn gewandt:
Nur mit dem Ring, um sich nicht sonst zu binden,
Gedenkt sie weiter ihren Weg zu finden.
[252] 36.
Die drei Geprellten drehn, als sie verschwunden,
Ein dumm Gesicht nach dem entwischten Schatz
Und gleichen ganz, fürwahr, verblüfften Hunden,
Wenn Hase, Fuchs nach fast geglückter Hatz
Mit einemmal hat ein Versteck gefunden
In Höhle, Graben oder Dickichtplatz.
Angelika sieht mit vergnügten Sinnen,
Die Böse, unsichtbar, was sie beginnen.
37.
Nur eine Straße geht durch Waldesmitten:
Vermeinend, daß die Flüchtige da vorn
Vor ihnen sei auf diesem Weg geritten
(Kein andrer sonst führt durch Gebüsch und Dorn),
Eilt Roland; Ferragu läßt sich nicht bitten,
Und Sakripant braucht Gerte frisch und Sporn.
Angelika vergönnt sich größre Weile
Und folgt, die Zügel straff, in mindrer Eile.
38.
Gekommen waren sie mit ihrem Jagen
Hin, wo im Wald der Pfad gemach verschwand,
Und gingen dran, das Gras jetzt zu befragen,
Ob dort sich eine Spur von Pferden fand,
Als Ferragu, der hoch die Nas' zu tragen
Am besten von den dreien wohl verstand,
Mit bösem Blick und klirrend mit den Waffen,
Ausrief: »Ihr zwei, was habt ihr hier zu schaffen?
39.
Kehrt schleunigst um, mir diesen Weg zu lassen,
Wollt ihr nicht hier des blassen Todes sein!
Nicht will ich mit Gesellschaft mich befassen,
Ich lieb' und folge meiner Dam' allein.«
»Was könnte der«, sprach Roland zum Zirkassen,
»Wohl mehr noch sagen, säh' er in uns zwein
Die kläglichsten und feigsten Schwätzerinnen,
Die nur vom Rocken ihre Wolle spinnen?«
[253] 40.
Darauf zu Ferragu: »Du Grobgeselle,
Hielte mich nicht, daß du des Helmes bar,
So zeigte sich's gleich hier auf dieser Stelle,
Ob, was du sprachest, gut gesprochen war.«
Der Heide: »Was mir recht für alle Fälle,
Warum doch fändest du darin ein Haar?
Gegen euch zwei und frei von Helmesschutze
Verfecht' ich, was ich sagte, euch zum Trutze.«
41.
»Willst du nicht mir zulieb den Helm ihm leihen?«
Roland zum König von Zirkassien sprach:
»Bis ihm die Schrullen ausgetrieben seien,
Denn diesen stehn wohl alle andern nach.«
»Dann wär' ich selbst der größte Narr von dreien«,
Die Antwort ist: »scheint dir's ein Ungemach,
So leih ihm deinen; ich muß drauf beharren:
Ich züchtige wie du wohl einen Narren.«
42.
Doch Ferragu fiel ein: »Als ob, ihr Toren,
Zu tragen einen Helm, bequem mir wär'!
Ihr hättet euren eignen schon verloren;
Ich hätt' ihn mir erkämpft mit meiner Wehr.
Allein, damit ihr's wißt: ich habs geschworen,
Drum ohne Helm stets geh' ich jetzt umher
Und werde gehn, bis ich den Helm mir raubte,
Den Roland trägt, der Graf, auf seinem Haupte.«
43.
Der Graf spricht lächelnd – und die Brauen heben
Sich voller Spott: »Barhäuptig denkst du da
Im Kampfe Roland so den Rest zu geben,
Wie's Agolantes Sohn durch ihn geschah?
Doch käm' er wirklich, würdest du erbeben,
Vermein' ich schier, von Kopf zu Füßen ja,
Und keine Helmsgelüste weiter zeigen,
Nein, ihm die Waffen geben, die dein eigen.«
[254] 44.
Der span'sche Prahler rief: »Schon oft bezwungen
Hab' ich den Roland hier mit dieser Hand
Und hätt' ihm leicht nicht nur den Helm entrungen,
Auch, was sich sonst von Waffen an ihm fand.
Und tat ich's nicht, ist's meiner Laun' entsprungen,
Es wechseln ja Gedanken miteinand:
Einst hatt' ich nicht, nun hab' ich das Verlangen
Und denke leicht den Helm mir zu erlangen!«
45.
Jetzt kam dem Grafen die Geduld abhanden:
»Du arger Schuft und Lügner,« rief er, »sprich!
Zu welchen Zeiten und in welchen Landen
Besiegtest du in einem Kampfe mich?
Der Paladin, der schlecht vor dir bestanden
Und den du fern geglaubt hast, der bin ich!
Sieh zu, ob du den Helm dir kannst verschaffen
Oder auch nur behältst die andern Waffen!
46.
Und keinen Vorteil will ich hier im Streite.«
Damit löst er des Helmes Schuppenband,
Hängt ihn an einen Buchenzweig zur Seite
Und nimmt zugleich die Durendal zur Hand.
Herr Ferragu sucht keineswegs das Weite:
Er zieht das Schwert und deckt sich recht gewandt,
Daß Schild und Schwert gleichwie ein Dach ihm nützen
Und dergestalt sein nacktes Haupt beschützen.
47.
Im Kreis sich hurtig drehend auf den Rossen,
Als flinke Reiter stellten sie sich dar:
Zu treffen galt es, wo zusammenschlossen
Die Fugen, und das Eisen dünner war.
Es fände schwerlich würdige Genossen
Rings auf dem Erdenrund dies Kämpferpaar;
An Kraft und Mut einander beide gleichen,
Und beide trotzen allen Schwertesstreichen.
[255] 48.
Kaum nötig ist es, Herr, daß ich Euch sage:
Gefeit war Ferragu gen Hieb und Stoß,
Nur da nicht, wo zuerst in sichrer Lage
Das Kind sich nährt, das noch im Mutterschoß.
Drum trug er hier bis zu dem letzten Tage,
Stets, wenn ihm zweifelhaft erschien sein Los,
Aus Stahl gehärtet, sieben starke Platten,
Weil Waffen da nur Kraft zu schaden hatten.
49.
Bis auf nur einen Punkt war gleichermaßen
Durchaus gefeit der Ritter von Anglant:
Unter den Sohlen bloß war er zu fassen,
Doch diese schützt' er eifrig und gewandt.
Hat uns die Wahrheit nicht im Stich gelassen,
War alles andre hart wie Diamant.
Gewappnet gingen mehr des Schmuckes wegen
Als aus Bedürfnis diese beiden Degen.
50.
Grausamer geht der Kampf und wilder weiter,
Des Schreckens voll und grauslich anzusehn:
Es schlägt und sticht drauflos der span'sche Streiter,
Und niemals fehl die grimmen Stöße gehn:
Platten und Schuppen bricht der fränk'sche Reiter,
Bei jedem Hieb muß eine Lück' entstehn.
Angelika, allein noch gegenwärtig,
Unsichtbar, wird mit Staunen nimmer fertig.
51.
Der König von Zirkassien glaubt indessen
Angelika ein Stückchen noch voraus;
Er sieht die beiden dort auf Kampf versessen
Und will auf gleichem Wege jetzt hinaus,
Den, wie er meint, das Fräulein hat durchmessen,
Da sie dem Blick verschwindend nahm Reißaus.
So kann die Tochter Galafrons das Hauen
Und Stechen als allein'ge Zeugin schauen.
[256] 52.
Wüst und entsetzlich findet sie dies Streiten;
Ein Weilchen schaut sie noch den Fall sich an,
Der ihr gefährlich dünkt für beide Seiten
Und ihre Seele nicht erfreuen kann.
Sie möchte neuen Scherz sich jetzt bereiten
Und nimmt den Helm fort, um zu sehn, was dann
(Er soll nicht lang in ihren Händen bleiben),
Wenn er entschwunden ist, die Kämpfer treiben.
53.
Wohl mag der Graf ihn noch zurückerlangen,
Doch erst, nachdem ihr kleiner Spaß vollbracht;
Sie läßt den Helm auf ihrem Schoße prangen,
Schaut noch ein Weilchen zu der Reiterschlacht,
Und ohne Abschiedswort ist sie gegangen.
Sie hat ein gut Stück Weges schon gemacht,
Eh einer noch des Falles wahrgeworden;
So sind sie voller Wut erpicht aufs Morden.
54.
Zuerst bemerkt Herr Ferragu die Sache;
Von Roland reißt er sich und ruft: »Fürwahr!
Als dumme Kerls behandelt uns, und schwache,
Der Ritter, der noch eben mit uns war.
Was meinst du, welcher Lohn dem Sieger lache,
Sind wir durch Diebstahl jenes Helmes bar?«
Roland schaut um, kann keinen Helm erblicken
Am Zweige dort – und will vor Wut ersticken.
55.
Er muß mit Ferragu die Meinung teilen
(Und lenkt sein Pferd herum in lichtem Zorn):
Der Ritter nahm den Helm, den man verweilen
Dort sah, – nun fühlt der Hengst den Sporn.
Sogleich beginnt der Mohr ihm nachzueilen,
Und wie die beiden dort am Wege vorn
Zu jener neuen Spur im Gras gelangen,
Wo sie und der Zirkassier sind gegangen,
[257] 56.
Nimmt links der Graf den Weg von dieser Stelle
Talein, wo hingeritten Sakripant,
Und Ferragu hält sich ans Berggefälle,
Den Pfad hin, wo Angelika verschwand.
Die Jungfrau kam indes an eine Quelle
Mit schattigem und anmutreichem Rand,
Die Wasser dort in kühlem Schatten winken:
Kein Wandrer gehe, ohne da zu trinken.
57.
Das Fräulein bleibt am klaren Wasser stehen
Und wähnt sich hier geschützt vor aller Welt;
Sie meint, es könn' ihr Übles nicht geschehen,
Weil sie der Zauberring verborgen hält.
Der grüne Rand ist mit Gebüsch versehen:
Dorthin hat sie sogleich den Helm gestellt
Und geht darauf, den kühlsten Platz zu finden
Und dort das Pferd zum Grasen festzubinden.
58.
Da kommt der Spanierstreiter hergeritten,
Der ihrer Spur gefolgt, zum Quell heran.
Als ihn das Mädchen sieht in Waldesmitten,
Verschwindet sie und treibt die Stute an.
Der Helm, der auf das Gras herabgeglitten,
Liegt fern, so daß sie ihn nicht fassen kann.
Kaum sieht Angelika der Mohrendegen,
So sprengt er voller Freude ihr entgegen.
59.
Doch sie verschwand, just als er sie erkannte,
Wie beim Erwachen flieht ein Traumgebild;
Er sah sie nicht, ob er die Augen wandte,
Die leiderfüllten, weithin durchs Gefild;
Und jetzt dem Makon und dem Trivigante,
All seinen Göttern flucht er laut und wild
Und kehrt darauf zurück an jene Stelle,
Wo noch der Helm im Gras liegt bei der Quelle.
[258] 60.
Im Innern hat er eine Schrift gefunden –
Daran erkannt' er ihn – am Helmesrand,
Besagend, wen der Graf einst überwunden
Und wann und wie und wem er ihn entwand.
Der Heide hat ihn sich ums Haupt gebunden,
Weil ihm die Gier nicht durch den Ärger schwand,
Den Schmerz, daß ihm die Maid zerfloß soeben,
So wie Gespenster in der Nacht entschweben.
61.
Als er den schönen Helm nun umgeschlungen,
Schien alles gut – es fehlt' ein einzig Ding:
Sie aufzufinden (wär' ihm das gelungen!),
Die wie der Blitz des Himmels kam und ging!
Tief in den Wald ist er hineingedrungen,
Und als er sah, die Hoffnung war gering,
Daß jemals noch von ihr sich Spuren fänden,
Wollt' er ins Lager nach Paris sich wenden.
62.
Wenn jener Holden Reize ihm entschwanden,
Und Stillung seines Sehnens fehl ihm schlug,
War nur ein Trost für seinen Schmerz vorhanden:
Daß er ja nun den Helm des Grafen trug. –
Als Roland merkte, wie die Sachen standen,
Ging er den Spanier suchen lang genug;
Doch nahm er ihm den Helm nicht eh'r vom Haupte,
Bis er sein Leben bei zwei Brücken raubte.
63.
Angelika, unsichtbar und verlassen,
Geht ihres Wegs mit traurigem Gesicht:
Daß sie den Helm hat bei dem Quell gelassen,
Zu eilig, das beschwert sie, und sie spricht:
»Mit fremden Dingen mußt' ich mich befassen
Und nahm ja Rolands Helm; das ziemte nicht!
Recht hübschen Lohn hat er bei mir gefunden,
Die ich so sehr zu Dank ihm bin verbunden!
[259] 64.
Wohlmeinend ja, weiß Gott, im Herzen drinnen
– Kam's anders auch und endet traurig nun –,
Nahm ich den Helm: es war mein einzig Sinnen,
Daß doch der Kampf der beiden möge ruhn,
Und nimmermehr wollt' ich durch mein Beginnen
Dem dummen Spanier nach Gefallen tun.«
So ritt sie ihres Wegs in bittern Klagen,
Daß sie den Helm des Grafen fortgetragen.
65.
Verstimmt und unzufrieden hin nach Morgen
Schlug sie die Richtung, die ihr gut schien, ein,
Teils sich den Menschen zeigend, teils verborgen,
So wie gerad die Leute mochten sein.
Gar manches Land durchstreifte sie voll Sorgen
Und kam zuletzt in einen Wald hinein;
Dort lag bei zwei Erschlagnen auf dem Grunde
Ein junger Knab', die Brust mit schwerer Wunde!
66.
Doch von Angelika sing' ich nicht weiter,
Mit ändern Dingen mach' ich Euch bekannt;
Auch kümmert uns nicht mehr der Mohrenreiter
Für lange Zeiten oder Sakripant.
Von ihnen holt mich fort ein andrer Streiter:
Ich künde von dem Ritter von Anglant,
Wie jene Sehnsucht Leid fand und Beschwerden,
Die nun fortan kein Ende nahm auf Erden.
67.
Er eilt, sich in dem ersten besten Flecken –
Denn unerkannt zu gehn ist er bedacht –
Das Haupt mit neuer Kappe zu bedecken;
Ob schwach, ob gut gestählt, hat er nicht acht.
Mag an Metallen drin, was wolle, stecken;
Er ist ja gegen Wunden fest gemacht.
So sucht er weiter fort auf seinen Wegen,
Sei's Tag, sei's Nacht, bei Sonnenschein und Regen.
[260] 68.
Die Stunde war's, da Phöbus' Rosse steigen
Mit Tau in Haaren aus dem Meer empor
Und rot und gelb sich Eos' Blumen zeigen,
Von ihr umhergestreut am Himmelstor;
Und schon beendet hatte seinen Reigen
Und scheidend sich verhüllt der Sterne Chor:
Als eines Tages wahre Wunderwerke
Tat Roland zu Paris mit seiner Stärke.
69.
Er traf zwei Feindesscharen: der bejahrte
Herr von Norizia ist's, der Sarazen,
Einst stolz und kühn, jetzund im weißen Barte
Durch Rat mehr als durch Taten angesehn;
Die andern mit der eigenen Standarte
Führt jener große Herr von Tremisen,
Der als erlesnen Helden sich erwiesen;
Alzirdo nannten seine Mohren diesen.
70.
Sie lagen mit den andern Heidenscharen
Bisher den ganzen Winter vor Paris,
Wo jene näher dran, die ferner waren,
Wie Dorf und Burg ein Obdach finden ließ,
Weil König Agramant, der längst erfahren,
Daß da zu stürmen nicht Erfolg verhieß,
Es mit Belagrung jetzt versuchen wollte,
Wenn noch die Stadt genommen werden sollte.
71.
Dafür besitzt er ungezählte Massen:
Nicht nur, was mit ihm selbst gekommen war,
Auch was Marsilius' Heeresreihn umfassen,
Von Spanien her die kriegerische Schar.
Aus Frankreich hat er viele kommen lassen,
Denn von Paris zum Strand von Arles, sogar
Mit Teilen der Gascogne – und den besten –
Besiegt ist alles bis auf wen'ge Festen.
[261] 72.
Als rasche Bäche nun in laue Wogen
Mählich verwandeln hartes, kaltes Eis
Und Wiesen stehn mit frischem Grün bezogen
Und auf dem Baume sproßt das junge Reis,
Hat Agramant das Heer herangezogen,
Das ihm gefolgt in seines Glückes Kreis,
Um Heerschau seiner Scharen abzuhalten
Und all das Seine besser zu gestalten.
73.
Wie nun die beiden sich dahin bewegen,
Um zeitig anzukommen auf dem Feld,
Wo es bald Rechenschaft gilt abzulegen,
Ob gut, ob schlecht es mit dem Heer bestellt,
Geschieht's, daß, wie gesagt, Roland der Degen
Urplötzlich auf den Schwarm der Mohren fällt
Bei seiner Suche, jene zu erlangen,
Die mit des Amors Netz ihn hält umfangen.
74.
Als diesen Grafen, der nicht seinesgleichen
An Heldenschaft hat auf dem Erdenrund,
Dem selbst der Kriegsgott – scheint es – müßte weichen,
Alzird, der junge Herrscher, sieht jetzund,
Bleibt er verblüfft bei solcher Größe Zeichen,
Dem stolzen Blick, dem grimmen, trutz'gen Mund:
Er fühlt: das ist ein Krieger, hoch zu loben,
Doch spürt er Lust, es selber zu erproben.
75.
Alzird war jung, zum Übermut verwegen,
Ob großer Kraft berühmt im ganzen Heer.
Dem Fremden spornt er rasch den Hengst entgegen –
O daß er in der Schar geblieben wär'! –
Durchs Herz gestoßen liegt der kühne Degen
Vom Ritter von Anglant beim Anprall schwer.
Voll Schrecken flieht der Hengst mit leerem Bügel:
Es lenkt ihm ja kein Reiter mehr die Zügel.
[262] 76.
Ein ungeheures Schreien hört man schallen,
Das weithin rings durch alle Lüfte klingt,
Wie man da sieht den jungen König fallen,
Und Blutstrom aus so reicher Ader springt.
Wutvolle Haufen sich um Roland ballen;
Ein Heer von Schwert und Lanzen ihn umringt,
Beschwingte Pfeile, schwarz wie Stürme, fliegen
Noch dichter, um dem Helden obzusiegen.
77.
So wie mit Lärm aus Bergen oder Auen
Die borst'ge Herde kreischend stürzt daher,
Wenn sich ein Wolf aus dunkler Schlucht ließ schauen
Oder vom Waldgebirg herab ein Bär
Mit einem zarten Ferklein in den Klauen,
Das mit Gegrunz und Quieken klagt gar sehr,
So lärmt's um Roland aus der Mohren Reihen,
Die alle wütend »Auf ihn! Auf ihn!« schreien.
78.
Der Harnisch hat an Pfeilen, Lanzenstücken
Und Schwertern tausend, ebenso der Schild:
Der schlägt ihn mit der Keule auf den Rücken,
Der droht von vorn, der von der Seite wild.
Doch ihn zu schrecken wollte niemals glücken;
Der wüste Heereshauf nicht mehr ihm gilt,
Als einem Wolfe gelten drin im Stalle
In Finsternis die vielen Schäflein alle.
79.
Das nackte Flammenschwert sieht man ihn tragen,
Das so viel Mohren schon hat Tod gebracht;
Drum wer hier Rechnung führen will und sagen,
Wie viel es sind, hat sich's nicht leicht gemacht.
Kaum faßt der Weg noch alle, die erschlagen;
Rot fließt ein Blutstrom durch den Leichenschacht.
Sturmhaube nicht und Tartsche können nützen,
Vor Durendal, der grimmigen, zu schützen,
[263] 80.
Nicht Baumwollkleid, nicht Leinwand, die in Falten
Sich um das Mohrenhaupt schlingt tausendfach.
Es fliegen Arm' und Köpfe rings, gespalten,
Und Schultern, nicht bloß Seufzer, Weh und Ach;
In vielen, lauter grausigen Gestalten
Zieht durch das Feld der Tod dem Schwerte nach
Und sagt sich: hundertmal will dies Gewaffen
Mehr Beute mir als meine Sensen schaffen.
81.
Fast eh ein Hieb sitzt, geht's an neues Morden;
Bald fliehn die Heiden all in wildem Graus;
Ihn zu verschlucken meinten diese Horden:
Er stellte ja sich ganz allein zum Strauß!
Ach, keiner fragt, was aus dem Freund geworden;
Und keiner wartet auf Geleit nach Haus.
Zu Pferd, zu Fuß den Fliehnden schlimm zumut ist,
Und niemand fragt, ob auch die Straße gut ist.
82.
Mochte die Tugend mit dem Spiegel gehen,
Das jedes Herzensfältchen macht bekannt,
Ein einz'ger Alter kam, hineinzusehen,
Dem Kraft, nicht Hochsinn, mit den Jahren schwand;
Statt sich zu retten und beschimpft zu stehen,
Reicht er dem Tode unverzagt die Hand:
Ich meine Manilart, der ohne Wanken
Den Speer hielt nach dem urgewalt'gen Franken.
83.
Er bricht ihn vorn am Schild des Feinds in Splitter,
Der bleibt im Sattel, gänzlich unbewegt.
Das nackte Schwert schwingt jetzt der Christenritter,
Der im Vorbeigehn nach dem König schlägt.
Doch sitzt der Hieb nicht scharf; durch Drehung glitt er
Und wurde auf die Seite so gelegt.
Man kann nicht immer nach dem Schnürchen hauen;
Doch außer Sattel ist der Mohr zu schauen.
[264] 84.
Betäubt am Boden streckt er seine Glieder.
Es wendet Roland nicht das Haupt um ihn;
Er spaltet, schneidet, säbelt, schmettert nieder;
Ein jeder meint, ihn sucht der Paladin,
Und flüchtet, wie mit ängstlichem Gefieder
Die Staare vor dem grimmen Falken fliehn.
Vernichtet ist der ganze Heereshaufen:
Sie ducken sich, sie fallen, und sie laufen.
85.
Des Schwertes Wüten wollte nimmer enden,
Bis leer das Feld von allem Leben stand.
Im Zweifel ist der Graf, wohin sich wenden,
Ob auch das ganze Land ihm wohlbekannt.
Mag er nach rechts, nach links die Blicke senden,
So bleibt das Herz dem Fortgehn abgewandt:
Es gilt, Angelika nicht zu verfehlen;
Er fürchtet immer, falschen Weg zu wählen.
86.
Stets fragend, Kunde von ihr zu erlangen,
Hielt er sich nun durch Felder hin und Wald:
Wie er sich selbst verloren war gegangen,
Den Weg verlor er und gelangte bald
Zu einem Berg; – wie flügelschlagend drangen
Lichter heraus aus einem Felsenspalt.
An diesen Felsen kommt heran der Recke,
Ob nicht Angelika sich dort verstecke.
87.
Wie man Wacholder in dem Waldgehege
Durchsucht und Stoppeln auch und freies Feld,
Wenn in durchwühlten Furchen ohne Wege
Man Jagd auf das erschrockne Häslein hält,
Zu jedem Busch geht, ob es drunter läge,
Und jeden Dornstrauch auf die Probe stellt –
So voller Mühe sucht der Graf und schreitet
Allüberall hin, wie die Hoffnung leitet.
[265] 88.
Eilig bewegt er sich und sieht, das Blitzen,
Das in den dunklen Wald sich dort ergießt,
Kommt just aus diesem Berg durch schmale Ritzen,
Der eine weite Höhle in sich schließt,
Und als ein Wall davor, mit scharfen Spitzen,
Wildes Gesträuch, wo Dorn und Dickicht sprießt
Zum Schutz für jene in der Höhle drinnen
Vor solchen, die von draußen Schaden sinnen.
89.
Am Tage hätte niemand sie gefunden,
Doch nachts zog dieses Licht den Blick hinein.
Gern Weitres möchte Roland nun erkunden,
Obwohl vermutend, was es möge sein.
Nachdem er Güldenzaum hat angebunden,
Tritt er ganz leise in die Höhl' hinein
Durch jene Öffnung mit dem Dorngezweige
Und ruft sich keinen, der den Weg ihm zeige.
90.
Die Gruft, in der sich Lebende begraben,
Stieg viele Stufen in den Grund hinab.
Herausgemeißelt aus dem Felsen, gaben
Wölbungen größre Weite diesem Grab.
Auch etwas Tageslicht wohl mocht' es haben,
Wiewohl der Eingang nur geringes gab.
Doch bot ein Fenster rechts an einer Stelle
Der Wand in einem Loch genügend Helle.
91.
Ein Mädchen sitzt in jener Höhle Mitten
Beim Feuer; Huld und Reiz war ihr verliehn:
Und kaum die Fünfzehn hat sie überschritten,
Meint auf den ersten Blick der Paladin.
Sie war so schön, das Antlitz fein geschnitten,
Daß dieser Ort ein Paradies erschien,
Blinkt gleich im Auge eine bittre Zähre,
Als ob groß Leid ihr widerfahren wäre.
[266] 92.
Ein altes Weib war da; wie Weiblein pflegen,
So saßen sie gerade streitend dort.
Jedoch zur Höhle steigt herab der Degen,
Und sieh, verstummt ist plötzlich Zwist und Wort.
Er tritt den zwein mit feinem Gruß entgegen,
Wie sich's zu Fraun gebührt an jedem Ort,
Worauf alsbald die beiden sich erheben,
Um freundlich ihm den Gruß zurückzugeben.
93.
Anfangs erbleichten sie ja wohl vor Schrecken,
Als unversehns erscholl die fremde Stimm'
Und sie gewappnet vor sich sahn den Recken:
Der schien ein mächt'ger Krieger, stark und grimm.
Er fragt: »Wer mag sich so mit Schmach bedecken,
Ein Wütrich grausam, ungerecht und schlimm,
Um ein Gesicht, dran sich die Augen laben,
In dieser finstern Höhle zu begraben?«
94.
Mühsam gab ihm Bescheid darauf die Traute,
Doch unterbrochen oft von Schluchzen heiß,
Das durch die süßen abgerißnen Laute
Aufstieg aus Perlen- und Korallenkreis.
Die Träne, bis kein Aug' sie mehr erschaute,
Hinab sie rann durch Ros' und Lilien weiß.
Vernehmt im nächsten Sang die weitern Sachen:
Zeit ist's, mit dieser hier ein End' zu machen.

[267] Dreizehnter Gesang

1.
Wohl hatten's gut die Ritter jener Tage,
Die ja mit einemmal im Felsenschlund,
In Höhlen fanden oder finstrem Hage,
Im Bären-, Löwen- oder Drachengrund,
Was doch dem Kenner von dem rechten Schlage
Sich kaum noch beut in stolzem Schloß jetzund:
Mägdlein in allerfrischsten Jugendjahren,
Die jedes Schönheitspreises würdig waren.
2.
Ich habe vorher schon davon gesprochen:
Graf Roland langte bei dem Fräulein an
Und fragte: Welch ein Schelm hat das verbrochen?
Fortfahrend meld' ich, daß die Dame dann,
Von mehr als einem Seufzer unterbrochen,
Mit süßer Stimme anmutsvoll begann
Dem Grafen ihren Kummer mitzuteilen,
Dabei bemüht, sich möglichst zu beeilen.
3.
Sie sprach: »Ich weiß, die Strafe wird nicht fehlen,
Sie bricht, sobald ich sprechen will, herein;
Denn diese hier wird alles gleich erzählen
Ihm, der mich schloß in diesen Kerker ein.
Und doch will ich die Wahrheit nicht dir hehlen,
Sollt' auch mein Leben drum vernichtet sein.
Denn als mein größtes Glück ich dieses fasse:
Daß er mich eines Tages sterben lasse.
[268] 4.
Ich heiße Isabell – in frühren Tagen
Des Königs von Galicien Kind ich war;
War‹ heißt's mit Recht, denn jetzt kann ich nur sagen:
Das Kind von Schmerz und Leid bin ich fürwahr.
An allem hat nur Amor Schuld getragen
Und seine Niedertracht, das seh' ich klar:
Beifällig, hold weiß er zuerst zu blicken,
Mit List und Trug uns heimlich zu umstricken.
5.
Wie lebt' ich einst so glücklich: hochgeboren
Und jung und schön dazu und brav und reich!
Arm bin ich nun, vom Unheil auserkoren:
Gibt es ein schlimmes Los, mich trifft es gleich.
Doch höre, was ich weiter noch verloren
Und was mich hergeführt in Unglücks Reich!
Mag mir zu helfen dir auch nicht gelingen,
So wird dein Mitgefühl mir Lindrung bringen.
6.
Mein Vater gab Bayona Ritterspiele,
Es mögen nunmehr wohl zwölf Monde sein,
Die Kunde zog der tapfern Kämpfer viele
Von ferne her in unser Land hinein.
Von allen (fügten solches Amors Ziele?
Leuchtet Verdienst schon durch sich selber ein?)
Gebührte, schien es mir, allein die Krone
Zerbin, des großen Schottenkönigs Sohne.
7.
Ich hatte Taten, die erstaunlich waren,
Dort in den Schranken ihn vollbringen sehn
Und fühlte Liebe, ohn' es zu gewahren;
Als ich es merkte, war's um mich geschehn.
Bin ich durch seine Lieb' auch schlimm gefahren,
Stets wird mir tröstlich in der Seele stehn:
Ich gab mein Herz, zu ruhn auf lautrem Grunde,
Dem Edelsten rings auf dem Erdenrunde.
[269] 8.
Mir war, als ob an Mut dahinten bliebe
Und Schönheit jeder aus der Herren Schar.
Er zeigte mir – und, glaub' ich, fühlte – Liebe;
Daß er wie ich erglühte, sah ich klar.
Auch fehlte nicht, wer Dolmetsch unsrer Triebe
Und eines wie des andern Bote war:
Wir waren noch getrennt von Mund zu Munde,
Vereinigt nur in unsrer Seelen Bunde.
9.
Denn heimwärts schied Zerbin aus unsern Mauern,
Die große Festlichkeit war ja vollbracht.
Weiß ich, was Lieb' ist, weiß ich auch – in Trauern
Blieb ich zurück, sein denkend Tag und Nacht –
Gewiß, in seinem Herzen werde dauern
Ganz ebenso die Glut, die ich entfacht.
Sein Sinnen ging nicht mehr nach kühnem Streite,
Nein, mich nur, mich wollt' er an seine Seite.
10.
Und weil unmöglich (seines Glaubens wegen:
Weil er ja Christ, ich Sarazenin bin)
Vom Vater mich erbitten kann der Degen,
Geht auf Entführung allgemach sein Sinn.
Von unserm Schloß hinaus, das hübsch gelegen
In grünen Auen nach dem Meere hin,
Zieht sich ein schöner Garten nach dem Strande
Mit Aussicht auf die See und Hügellande.
11.
Um doch, was Glaube wehrte, zu gestalten,
Erschien ihm sehr geeignet dieser Ort.
Er ließ mir seinen Plan darauf entfalten,
Ein Leben freudenreich zu führen dort.
Verborgen bei Sankt Martha ließ er halten
Ein heimlich Schiff mit Kriegesvolk an Bord,
Dem Odrich von Biscaya zugewiesen;
Zum Obersten des Heeres macht' er diesen.
[270] 12.
Da, selbst zu kommen, Möglichkeit ihm fehlte
(Weil für die Hilfsschar nach dem Frankenland
Sein alter Vater ihn als Führer wählte),
Ward jener Odrich von ihm hergesandt,
Den er zu seinen treusten Freunden zählte
Und dem sein Herz zumeist war zugewandt.
Er hätte treu sein müssen bis zum Sterben,
Wär's wahr, daß gute Taten Freunde werben.
13.
Er sollt' auf einem Kriegsschiff durch die Wogen
Mich schaffen zu der festgesetzten Zeit.
So kam der langersehnte Tag gezogen,
Im Garten stand ich für die Flucht bereit.
Mit seiner Mannschaft, kampferprobt, verwogen,
An einem Punkte von der Stadt nicht weit,
Gelang's dem Mann, die Landung zu vollbringen
Und leis zu meinem Garten vorzudringen.
14.
Bevor zur Stadt die Kunde noch gedrungen,
War ich auf dem geteerten Fahrzeug schon.
Vom waffenlosen Hausstand, alt' und jungen,
Fand mancher seinen Tod, und andre flohn;
Ein Teil, gefangen, ward aufs Schiff gezwungen.
So ließ ich Heimat, Haus und Nation;
Wie gern – möcht' ich zu sagen fast mich scheuen,
Voll Hoffnung, bald Zerbins mich zu erfreuen.
15.
Wir waren über Mongia dort zur Stelle,
Da zieht ein Sturm auf, von der Linken her;
Ein mächt'ger Windstoß trübt die heitre Helle
Und wirbelt hoch zum Firmament das Meer.
Der Mistral tanzt und häufet Well' auf Welle:
Er wächst und steigt, nimmt weiter überhand
Und wächst und steigt voll Wut und will nicht enden,
Und wenig nützt das Drehen und das Wenden.
[271] 16.
Vergebens refft man Segel, kappt man oben
Den hohen Mast, zerbricht man das Kastell –:
Wir treiben hin, wo, hoch vor uns erhoben,
Die scharfen Klippen dräuen von Rochelle.
Schickt jetzt nicht gnädig Hilfe Der von oben,
So bringt uns grauser Sturm zum Scheitern schnell.
Es jagt der schlimme Wind in größrer Eile
Als je vom Bogen fortgeschnellte Pfeile.
17.
Der von Biscaya sah die Not und wandte
Ein Mittel an, das oft mag trügrisch sein:
Er lief zum Boot, ließ es hinab und sandte
An Tauen mich hinunter mit noch zwein.
Ein andrer Haufe auch zu kommen brannte,
Doch ließen sie die ersten nicht hinein.
Sie hielten mit den Schwertern sie beiseite,
Lösten das Tau und suchten rasch das Weite.
18.
Wir sind ans Land geworfen, doch gelangen
Hinauf, die in das Boot gestiegen sind;
Die mit dem Schiff sind all zugrund gegangen,
Manch Waffenkleid ward Raub für Well' und Wind.
Empor zur ew'gen Lieb' und Güte drangen
Des Herzens Dankgebete, weil, gelind,
Sie mich in Sturmeswut nicht ließ vergehen,
Daß ich den Liebsten dürfe wiedersehen.
19.
Im Schiffe bleiben Kleider und Juwelen,
Kostbare Sachen und Kleinodien mehr;
Soll mir die Hoffnung auf Zerbin nicht fehlen,
Gönn' ich das andre alles gern dem Meer.
Kein Pfad ist von dem Ufer aus zu wählen,
Und keine Herberg zeigt sich ringsumher;
Nur Fels, um dessen Haupt die Winde gellen;
Den Fuß umtoben wilde Meereswellen.
[272] 20.
Doch Amor, der Tyrann, der bei Versprechen
Sich falsch erweist und Treue ganz vergißt
Und sich bemüht, zu hindern und zu brechen,
Wo ein vernünft'ger Plan entstanden ist,
Weiß sich für meine Freud' an mir zu rächen,
Verkehrt mir Glück in Leid durch Hinterlist:
Er, dem Zerbin vertraut in jeder Weise,
Entbrennt in Lust und wird als Freund zu Eise.
21.
Ob er an Bord schon fühlte die Gelüste
Und sie zu äußern nur den Mut nicht fand,
Ob erst der Wunsch an der entlegnen Küste,
Wo volle Muß' er hatte, jetzt entstand? –
Weil keiner wohl ihn jetzt zu hindern wüßte,
Wollt' er die Laune büßen unverwandt.
Nur säh' er gern den einen Mann verschwinden,
Von zweien, die sich noch im Boot befinden.
22.
Ein Mann war's, der Zerbin sich treu bewiesen,
Almonio hieß er, aus dem Schottenland,
Als wackrer Krieger sehr von ihm gepriesen
Damals, da er zu Odrich ward gesandt.
Ob es nicht schade sei, so fragt er diesen,
Wenn ich zu Fuße geh' am Klippenrand,
Und bat ihn, nach Rochelle vorauszugehen,
Nach einem Roß für mich sich umzusehen.
23.
Almonio, ohne irgendwas zu ahnen,
Geht augenblicks, um in den Wald hinein,
Der uns die Stadt verbirgt, sich Weg zu bahnen;
Es mochten kaum zwei kleine Stunden sein.
Und Odrich meint, jetzt in sein böses Planen
Auch jenen andern Schiffsmann einzuweihn,
Weil er kein Mittel weiß, ihn fortzubringen,
Und ihm vertrauen kann in allen Dingen.
[273] 24.
Der eine, der geblieben am Gestade,
Corebo von Bilbao war genannt.
Mit Odrich aufgewachsen, gleiche Pfade
Ging er mit ihm und immer Hand in Hand.
Sich zu enthüllen diesem Freund gerade,
Für ungefährlich der Verräter fand:
Er hofft, die Rücksicht werde überwiegen
Und mehr am Freund ihm als an Tugend liegen.
25.
Doch als Coreb der Brave voll Empören
Den Vorsatz des Genossen drauf vernimmt,
Verräter nennt er ihn und sagt, ihm stören
Werd' er den schnöden Handel ganz bestimmt;
Und nackter Schwerter Klirren läßt sich hören:
Sie schlagen aufeinander dort ergrimmt.
Erschrocken eil' ich, bei der Eisen Klingen
Ins Waldesdickicht fliehend zu entspringen.
26.
Weil Odrich Meister ward in vielen Kriegen,
Geschah's, daß er sogleich in Vorteil kam;
Corebo blieb für tot am Boden liegen.
Dem Schuft, der die Verfolgung unternahm,
Lieh, um mich einzuholen, wohl zum Fliegen
Amor die eignen Flügel wundersam
Und lehrt' ihn Schmeichelreden viel und Flehen,
Um seine Wünsche doch erfüllt zu sehen.
27.
Vergebens. Eh'r hätt' ich den Tod gelitten –
Entschlossen war ich – als ihm willig sein.
Da Drohung nicht verfängt und alles Bitten
So wenig Nutzen bringt wie Schmeichelein,
Ist er zur offenen Gewalt geschritten.
Umsonst mit Flehen dring' ich auf ihn ein,
Daß er der Treue zu Zerbin gedenke
Und mir, der ihm Vertrauten, Schonung schenke.
[274] 28.
Als mein vergeblich Bitten mich belehrte,
Daß keine Hilfe sonst zu hoffen mehr
(Nur immer lüsterner und schlimmer kehrte
Er sich zu mir, so gierig wie ein Bär),
Mit beiden Händen und mit Füßen wehrte
Ich mich und biß und kratzte um mich her,
Bis ich das Kinn ihm und die Haut zerkrallte,
Und schrie, daß es empor zum Himmel schallte.
29.
Ist's Zufall, ist's mein Schrein bei diesem Raufen,
Das eine Stunde weit gewiß wohl gellt,
Ist's, daß auch Leute sonst zum Strande laufen,
Wenn an den Klippen dort ein Schiff zerschellt –
Oben am Berg erscheint ein Menschenhaufen,
Der auf das Meer und uns die Richtung hält.
Als Odrich sieht, daß sie zum Strande ziehen,
Läßt er von mir und wendet sich zum Fliehen.
30.
Vor dem Verräter also war der Haufe
Mir wohl zum Schutz, o Herr; doch wie es geht:
Vom Regen kam ich tüchtig in die Traufe.
Dies Sprichwort, traun, zu gutem Recht besteht.
So schlimm zwar kam's nicht in der Dinge Laufe
(Nicht solcher Bosheit Opfer Ihr mich seht),
Daß sie Gewalt an meinen Körper legten;
Nicht, daß im Herz sie etwa Tugend hegten:
31.
Nein, weil sie so nur größern Vorteil haben:
Als Jungfrau bring' ich ihnen höhern Preis.
Acht Monde, bald sind's neun, bin ich begraben
Lebend'gen Leibes hier in solcher Weis'.
Nicht Hoffnung auf Zerbin mehr kann mich laben,
Denn wie ich aus erlauschten Reden weiß,
Will mich ein Händler jetzt von diesem Haufen
Für einen Sultan der Levante kaufen.«
[275] 32.
So, züchtig und bescheiden, sprach die Traute,
Und oft ein Schluchzen oder Seufzer schnitt
Ab die Musik der engelhaften Laute:
Es hätt' erbarmt wohl Vipern und Granit.
Derweil sie ihre Schmerzen ihm vertraute,
Vielleicht die Qualen lindernd, die sie litt,
An zwanzig Menschen in die Höhle drangen,
Versehn mit Waffen – Messern, Spießen, Stangen.
33.
Des ersten Antlitz, hart und wild zum Grauen,
Hatt' nur ein Aug', das schielend, finster stand;
Das andre ward durch einen Hieb zerhauen,
Durch den ein Stück von Wang' und Nas' entschwand.
Als sie den Ritter in der Höhle schauen,
Spricht jener, zu der Schar zurückgewandt:
»Ein neuer Vogel ist ins Netz gegangen
Von selbst, für den die Maschen gar nicht hangen!«
34.
Zum Grafen sagt er drauf: »Niemals im Leben
Sah ich gefälligern, bequemern Mann.
Hast du's geglaubt? Hat man dir Wink gegeben?
Zeigte man dir's durch einen Boten an,
Daß ich so leichtes braunes Röcklein eben
Und just so schöne Waffen brauchen kann?
Du kommst zur rechten Zeit in jedem Falle,
Um zu erfüllen meine Wünsche alle!«
35.
Roland sprang auf und gab mit bittrem Lachen
Die Antwort, nach dem Räuber hingewandt:
»In einer Münze sollst du Zahlung machen,
Wie sie noch nicht dem Handelsmann bekannt.«
Vom nahen Herd, daraus die Flammen brachen,
Riß er den glühnden rauch'gen Feuerbrand
Und traf durch Zufall da den Mordgesellen,
Wo zu der Nase sich die Braun gesellen.
[276] 36.
Der Brand verzehrte beide Augenlider,
Derweil er größern Schaden links verhieß:
Den unglücksel'gen Teil ja riß er nieder,
Der Sonnenlicht herein vom Himmel ließ;
Nicht nur geblendet hat den Räuber wieder
Der grimme Stoß – nein, zu den Geistern stieß
Er ihn, die Chiron dort mit seinesgleichen
Tief unten weilen läßt in glühnden Teichen.
37.
Ein mächt'ger Tisch auf einem kurzen Beine,
Zwei Spannen dick, tief in die Höhle dringt,
Dran mit der ganzen Sippe im Vereine
Der Diebsgesell die Essenszeit verbringt.
Und mit der Leichtigkeit, wie wohl der feine,
Gewandte Spanier dünne Rohre schwingt,
Schleudert der Graf den Tisch dem Ort entgegen,
Wo dichtgedrängt die Räuber sich bewegen,
38.
Zerschmettert dem die Brust, dem Arm und Hände,
Den Bauch dem, jenem fliegt das Hirn heraus;
Der stirbt, der bleibt ein Krüppel bis ans Ende;
Der, weniger getroffen, flieht hinaus.
So bricht ein starker Steinwurf Seit' und Lende,
Zermalmt die Knochen, leert die Schädel aus
Von Nattern, die nach Winterfrost voll Wonne
Sich glätten und sich ringeln in der Sonne.
39.
Gar viel verschiedne Fälle da erscheinen:
Die stirbt, und ohne Schwanz eilt jene fort;
Die möchte sich verkriechen hinter Steinen,
Das Hinterteil – umsonst – regt diese dort;
Mit jener will's ihr Heil'ger besser meinen:
Sie huscht ins Laub und schleicht an sichern Ort.
Erschrecklich war der Wurf und ohnegleichen;
Nicht wunderbar bei Rolands mächt'gen Streichen.
[277] 40.
Wer leicht verwundet oder heil geblieben,
Hat, sich zu retten, rasch den Fuß gewandt
(Turpin erzählt, es waren grade sieben);
Jedoch am Ausgang, ach, der Ritter stand:
Als sie zusammen waren all getrieben,
Mit einem Strick er ihre Hände band;
Mit einem Stricke wurden sie gebunden,
Den er im Waldhaus grade aufgefunden.
41.
Er bringt die Angeseilten, wo da breitet,
Ein' alte Esche knorriges Geäst;
Der Baum wird mit dem Schwerte zubereitet,
Da schnürt er sie als Rabenfutter fest.
Nicht Haken braucht's, als er zum Werke schreitet,
Die Welt zu säubern rasch von solcher Pest.
Wo aus dem Baum hervor viel Zacken sprangen,
Da ließ er allesamt am Halse hangen.
42.
Mit Heulen floh, die Hände in den Haaren,
Das alte Weib, der Räuber Helferin,
Sobald sie sah, daß tot die andern waren,
Durch Waldesdickicht und Gebüsche hin.
Als sie auf rauhem Weg so fortgefahren
Mit schwerem Schritt und furchterfülltem Sinn,
Traf sie am Flussesrande einen Streiter –
Doch wen, erfahren wir ein wenig weiter
43.
Und schaun nach ihr, die, nicht sie zu verlassen,
Den Paladin fleht gar beweglich an:
Sie woll' ihm folgen; höflich, sich zu fassen,
Ermahnt er sie und tröstet, wie er kann,
Und als, geschmückt mit hellen Rosenmassen,
Im Purpurkleid zu zeigen sich begann
Die weiße Eos und gewohnten Weg ging,
Sah sie, daß Roland mit der Dame weg ging.
[278] 44.
Sie zogen fort, und viele Tage schwanden,
Da nichts geschah, was des Berichtes wert,
Bis unterwegs sie einen Ritter fanden,
Der aus Gefangenschaft war heimgekehrt.
Wer's war, noch sag' ich; jetzt nimmt uns in Banden,
Von der zu hören ihr gewiß begehrt:
Die Tochter Haimons, die wir ja in Schmachten
Verließen und in sehnsuchtsvollem Trachten.
45.
Die Schöne harrt dort am Marseiller Strande
Umsonst auf ihres Rogers Wiederkehr;
Inzwischen macht sie jener Heidenbande,
Und zwar tagtäglich fast, das Leben schwer,
Die raubend auf und ab zog durch die Lande
Von Languedoc und um Provence umher.
Als Lenkerin und Kriegerin von Eisen
Verstand sie sich aufs beste zu beweisen.
46.
Verstrichen war der Zeitraum nun schon lange,
Da er versprach, zu ihr zurückzugehn,
Und als er gar nicht kam, da ward ihr bange,
Denn tausend Böses konnt' ihm ja geschehn.
So stand sie auch einmal mit nasser Wange,
Einsam für sich, da ließ sich jene sehn,
Die mit dem Ring dem Herzen Heilung brachte,
Als es der Hexe Zauber treulos machte.
47.
Wie sie nun ohne Roger hat gesehen –
Nach solcher Zeit! – die gute Magierin,
Erbleicht sie, kann kaum auf den Füßen stehen,
Und fiele um ein Haar vor Schrecken hin.
Doch jene macht, daß Sorgen bald vergehen
(Der Freundin Herz durchschaut ihr kluger Sinn),
Und tröstet sie mit freundlich heitrem Munde,
Gleich einer Trägerin von froher Kunde.
[279] 48.
»Nicht härme dich um Roger,« sprach sie, »Kleine!
Er ist gesund und frisch und liebt dich heiß;
Doch nicht in Freiheit ist er, denn die seine
Nahm, der dir feindlich ist bekannterweis.
Jetzt aber steigst du wohl zu Pferd, ich meine,
Und folgst, um ihn zu sehn, mir auf die Reis'.
Gehorchst du mir, will ich den Weg dir zeigen,
Drauf ihm die Freiheit wird durch dich zu eigen.«
49.
Und sie erzählt, mit welchen Zauberstücken
Der Magier ihn zu täuschen dort verstand
Und mit dem Bild der Jungfrau zu berücken,
Die sich in eines Riesen Armen wand;
Wie er ihn nach dem Schloß mit seinen Tücken
Fortzog und dann vor seinem Blick entschwand,
Und wie er sonst noch einfing Herrn und Damen
Auf gleiche Art, wenn sie des Weges kamen:
50.
Im Zaubrer meint ein jeder den zu schauen,
Den er gerad mit heißem Sehnen sucht:
Ihr Lieb die Ritter, ihren Freund die Frauen.
Wie Leidenschaft die Menschen grad versucht,
So suchen sie im Schlosse voll Vertrauen
Und mühn sich ab, doch ohne jede Frucht.
Und wird auch der Gesuchte nie getroffen,
Sie gehn nicht fort; so stark bleibt Wunsch und Hoffen.
51.
»Wenn deine Schritte«, sprach sie, »hin sich lenken
In die Umgebung beim verhexten Haus,
Gleich kommt dann – Roger sei es, wirst du denken,
Doch Atlas ist es selbst – zu dir heraus
Und zeigt, daß er in schlimmen Zauberränken
Als Meister über alle ragt hinaus,
Um dich als Helferin sich zu gewinnen
Und festzuhalten wie die andren drinnen.
[280] 52.
Damit dich seine Lügen nicht bestricken,
Wie schon so viele, höre wohl mich an:
Erscheint er gleich als Roger deinen Blicken,
Der ›Hilfe!‹ ruft und sich nicht retten kann –
Glaub's nicht und eil', ihn in den Tod zu schicken,
Kommt er an dich ein wenig nah heran!
Und wähne nicht, daß etwa Roger sterbe;
Nein, er, der so viel Plage schafft, verderbe!
53.
Ich weiß ja, töten, wer dir Rogers Züge
Zeigt, scheint wohl hart für dich und grausam schier;
Mißtrau' dem Auge, denke stets, es lüge,
Und Zauberkunst verhehle Wahrheit dir.
Nimm fest dir vor, daß nicht dein Wille trüge,
Bevor du hingehst in den Wald mit mir;
Für ewig hast du Roger aufgegeben,
Läßt deine Feigheit jenen Zaubrer leben!«
54.
Dem falschen Mann ein Ende zu bereiten
Entschlossen, schickt die tapfre Maid sich an,
Gewappnet jetzt Melissa zu begleiten;
Sie weiß, wie sehr sie ihr vertrauen kann.
Die drängt in Eil' durch Wald und Flurenweiten
Von früh zum Abend vorwärts drauf und dran,
Bemüht dabei, durch freundlich Unterhalten
Des Weges Mühn geringer zu gestalten
55.
Und namentlich ihr neu ans Herz zu legen:
Sie und ihr Roger sind von Gott bestellt,
Ahnen zu werden von erlesnen Degen,
Halbgöttern, Fürsten, Zierden dieser Welt.
Denn was Verborgnes ew'ge Götter hegen,
Vor ihrem Seherblicke sich erhellt,
Und alles weiß sie drum vorherzusagen,
Was einst geschehen wird in fernen Tagen.
[281] 56.
»O kluge Führerin, du hast vor Jahren«,
Sprach zu der guten Fee die edle Magd,
»Gar vieles schon von hoher Männer Scharen
Meines Geschlechtes mir vorausgesagt,
So möcht' ich jetzt von einer Frau erfahren
Aus meinem Stamm, die über andre ragt
Und, schön und gut, erringt die höchsten Preise.«
Und freundlich drauf erwiderte die Weise:
57.
»Hervor aus deinem Stamme sollen gehen
Königs- und Kaisermütter; keusche Fraun
Werden als Säulen großer Reiche stehen
Und neu erlauchte Häuser auferbaun,
Im Frauenkleid so würdig anzusehen,
Wie nur die hehrsten Ritter sind zu schaun:
Hochherzig, fromm, an Klugheit unerreichbar,
Voll Edelsinn und Tugend unvergleichbar.
58.
Sollt' ich von jeder Einzelnen erzählen,
Die dem erlauchten Stamm wohl Ehre macht,
Es wär' zu viel; denn keine würde fehlen,
Würdig, daß ihrer rühmend sei gedacht.
Ein paar nur unter tausend will ich wählen;
Sonst würde nie der Stoff zu End' gebracht.
Du fragtest in der Höhle nicht nach ihnen:
Sie wären dir im Bilde dort erschienen.
59.
Dem hehren Haus entsprießt an erster Stelle
Der hohen Werk' und Studien Schützerin
(Macht Huld und Schönheit mehr den Namen helle
Oder ein reiner und ein weiser Sinn?),
Die edle, die großherz'ge Isabelle,
Die lichten Glanz mit ihrem Geiste hin
Zum Land am Menzo-Ufer weiß zu ziehen,
Dem Ocnus' Mutter Namen hat verliehen;
[282] 60.
Wo sich ihr edler Wettstreit soll erheben
Mit ihm, dem ehrenreichen Ehgemahl,
Wer mehr an hoher Tugend glänz' im Leben
Und feine Sitte fördre allzumal.
Wenn er Italien hat am Tarus eben
Befreit von wüster Gallier Plag' und Qual,
Sagt sie: ›Weil keuschen Wandels stets beflissen,
Weicht nicht Penelope an Ruhm Ulyssen.‹
61.
Mein kurzes Wort vermag nur anzudeuten
Der Dame Wert, und ungesagt bleibt mehr
Von dem, was – als ich fortfloh von den Leuten –
Merlin mir kündete vom Steine her.
Durchführ' ich alle Flut, sie auszubeuten,
Dem Tiphys, traun, ich überlegen wär';
Und nun zum Schluß: was gut ist, wird auf Erden
Durch Gott und auch durch eigne Tugend werden.
62.
Ihr wird Beatrix Schwester sein, und schmücken
Wird sie der schöne Name stets mit Recht,
Ihr wird das höchste Gut in allen Stücken,
Das nur vergönnt dem irdischen Geschlecht.
Sie soll von allen Fürsten reich beglücken
Den Gatten, aber, ach, des Unglücks Knecht
Wird er, wenn sie die Erdenwelt verlassen
Und des Geschickes Arme ihn umfassen.
63.
Solange sie zu atmen ist imstande,
Werden Viscontis Schlangen furchtbar sein
Wie Moro Sforza, bis zum roten Strande
Vom Nord; – vom Indus in dein Meer hinein.
Stirbt sie, droht Knechtschaft dem Insubrerlande:
Auf ganz Italien dann bricht Not herein
Und Schmach und Pein; der höchsten Klugheit Walten
Wird – ohne sie – für Zufall nur gehalten.
[283] 64.
Gleichnam'gen andern soll noch Ruhm gebühren,
Die früher kommen um gar manches Jahr:
Pannoniens Krone wird die eine spüren
Als Königin auf dem gesalbten Haar,
Und eine wird der Heil'gen Namen führen,
Wenn sie entrückt ist in die sel'ge Schar,
Verehrt im Reich ausonischer Gefilde
Mit Weihrauch und gelobtem frommem Bilde.
65.
Lang ist – ich sagt's – die Reih': ich muß verschweigen
Die andern; Zeit fehlt, sie zu nennen all,
Ob jede wert auch sei, daß heller Reigen
Sie grüß' und der Trompeten lauter Schall.
Ich kann nicht alle die Lucrezien zeigen,
Konstanzen, Bianken, deren Ruhmeshall
Sie preisen wird durch ganz Italias Gauen
Als Herrscherinnen, Mütter, edle Frauen.
66.
Mehr als in andern Häusern sind die Deinen
Beglückt durch ihre Frauen hehr und traut;
Dein Haus soll hell nicht nur durch Töchter scheinen,
Auch durch die Gattin und die edle Braut.
Daß klar dir sei Merlins des Weisen Meinen,
Will ich von dem, was er mir anvertraut,
Vielleicht, um es dir weiter vorzutragen
– Und sehr verlangt mich dies –, noch etwas sagen:
67.
Zuerst Ricciarda nenn' ich, hoch zu preisen
Für edlen Sinn und standhaft festen Mut:
Jung Witwe, sieht sie grollend sich erweisen
Das Glück – oft leiden muß der Mensch, der wirklich gut –;
Die Kinder, die des Throns beraubten Waisen,
Geht sie besuchen, fern, in Feindes Hut –
Die zarten Sprossen in der Gegner Händen!
Doch schließlich wird ihr Leid in Glück sich wenden.
[284] 68.
Vom Stamm des alten Aragon verschweigen
Nicht darf ich die erlauchte Königin:
Die alten Bücher wissen kaum zu zeigen
Solch edle Griechin oder Römerin,
Und keiner will das Glück sich holder neigen;
Denn ihr entspringt nach Gottes gnäd'gem Sinn
Ein Dreiblatt, strahlend in des Ruhmes Helle:
Alfons mit Hippolyt und Isabelle.
69.
Lenore wird in eurem Glücksbaum bauen;
Die Hohe wird dem edlen Stamm vermählt.
Darf ich genug zu feiern mich getrauen
Die zweite Schnur und Erbin auserwählt,
Lucrezia Borgia, sie, die Zier der Frauen,
Der keine Schönheit, keine Tugend fehlt?
Stets wächst ihr Glück, wie eine junge Pflanze
Im lockern Erdreich wächst beim Sonnenglanze.
70.
Was Zinn ist vor dem Silber, Blech vor Golde,
Was vor dem Lorbeer ist die blasse Weid'
Und Ackermohn vor voller Rosendolde,
Glas vor des edlen Steines Herrlichkeit,
Ist einst vor dir, noch ungeborne Holde,
Jedwede Schöne, sei es Frau, sei's Maid,
Die jemals ward um Geist und Huld gepriesen,
Was sich auch Hohes hab' an ihr erwiesen.
71.
Doch was man immer mag an ihr erheben
Und was die Lebende, die Tote ehrt,
Am höchsten lobt man dies: sie weiß zu geben
Den Kindern fürstlich Wesen, Art und Wert
Und legt den Grund, daß glänzend sich im Leben
Im Frieden jeder wie im Krieg bewährt.
Mag ein Geruch in neuem Krug sich finden,
Gut oder schlecht – er wird nicht leicht verschwinden.
[285] 72.
Ich will dir nicht Renatas Ruhm verschließen,
Die man dereinst als Schnur der vor'gen kennt:
Dem zwölften Ludwig wird das Kind entsprießen
Und ihr, die man Bretagnens Glorie nennt.
Was Frauen ziert, seitdem die Ströme fließen
Dem Meere zu, seitdem das Feuer brennt,
Seitdem der Himmel kreist – wird sich vereinen,
Um als ein Schmuck Renatas hell zu scheinen.
73.
Gern spräch' ich noch von Alda von Sansogna
Und von der Gräfin von Celano hier,
Von der Prinzessin auch von Catalonia
Und von Siziliens Königstochter dir,
Auch von der schönen Lippa von Bologna
Und sonst noch andern; doch das hieße schier,
Wollt' ich berichten, was zu sagen wäre,
Ich führe hin auf uferlosem Meere.«
74.
So gab sie dem erfreuten Mädchen Kunde
Von künft'gem Stamm und hehrer Enkel Schar
Und machte nochmals mit beredtem Munde
Die Lage Rogers im Palaste klar.
Dann blieb sie stehn: die Landschaft in der Runde
Schon vom Bereich des alten Zaubrers war,
Und weiter nicht gedachte sie zu gehen;
Leicht hätte ja sonst Atlas sie gesehen.
75.
Sie mahnt, auf den gegebnen Rat zu bauen
Und alles, das sie oft ihr eingeprägt,
Dann geht sie. Bradamant hat durch die Auen
Und Wald zwei Meilen kaum zurückgelegt,
Da meint sie ihren Roger zu erschauen,
Und auf ihn ein mit grausen Hieben schlägt
Ein Riesenpaar, die mächt'gen Schwerter hebend,
Und schon erscheint er ihr mehr tot als lebend.
[286] 76.
Die Dame sah gefährdet, glückverlassen
Ihn, der ihr Rogers Antlitz zugewandt,
Da wollte fester Glaube ihr erblassen;
Mit eins ihr ganzer Plan und Vorsatz schwand.
Melissa, meint sie, müsse Roger hassen
Ob Kränkung und Beleid'gung unbekannt
Und suche nur in bösem Rachetriebe,
Daß sie jetzt töten solle, den sie liebe.
77.
Sie sprach bei sich: Ist das nicht Roger, wehe!
Den stets mein Herz schaut, jetzt die Augen schaun?
Wenn ich ihn jetzt nicht kenne, jetzt nicht sehe,
Wen zu erkennen soll ich mehr vertraun?
Will ich, daß andrer Wähnen höher stehe?
Soll ich nicht auf mein eigen Urteil baun?
Auch ohne Augen, nur durch sich alleine
Fühlt ja das Herz, ob nah, ob fern der eine!
78.
Da hört sie einen Hilferuf erklingen,
Und Rogers Stimme scheint es ihr zu sein;
Sie sieht ihn fortfliehn auf des Windes Schwingen,
Verhängten Zügels, in den Wald hinein,
Und jene beiden wilden Riesen dringen,
In vollem Lauf sich tummelnd, hinterdrein.
Das Fräulein reitet gleichen Weg mit Hast hin
Und kommt zu dem verzauberten Palast hin.
79.
Sobald sie eingetreten in die Pforte,
Bleibt jene Sinnverwirrung auch nicht aus:
Sie sucht gradaus und krumm, an jedem Orte,
Oben und unten, in und außerm Haus
Bei Tag und Nacht; denn starke Zauberworte
Sprach Atlas, und dabei lief's da hinaus,
Daß beide, scheint's, einander sprechen, sehen,
Doch ohn' Erkennen sich vorübergehen.
[287] 80.
Wir lassen sie – mög' Euch in keiner Weise
Betrüben, daß sie noch verbleibt im Bann,
Weil ich, wenn's Zeit ist, daß sie weiterreise,
Sie, und auch Roger dann, erlösen kann.
So wie den Appetit reizt neue Speise,
So darf ich, will mir scheinen, dann und wann
Abwechslung der Erzählung Euch bescheren,
Um böse Langeweile abzuwehren.
81.
Aus vielen Fäden muß ja das Gewebe,
Das ich bereite, fein gewoben sein;
So hoff' ich, daß man Einspruch nicht erhebe,
Wenn ich zur Zeit der Mohren Kriegerreihn
Und König Agramant hier Zutritt gebe,
Der – Drohung ist's ins Lilienheer hinein –
Zu neuer Heerschau lädt die Kämpfer alle,
Der Zahl gewiß zu sein in jedem Falle:
82.
Nicht nur vom Fußvolk viel und viele Reiter
Des ganzen Mohrenlandes fehlten ja,
Auch Führer, jene schlachterprobten Streiter
Von Spanien, Libyen und Äthiopia,
Und die Kolonnen standen ohne Leiter,
Die Völkerscharen ohne Feldherrn da.
Ordnung und Leitung überall zu schaffen,
Rief er zur Heerschau alles Volk in Waffen.
83.
Und wo er Lücken in dem Heer erkannte,
Von Schlachten oder sonst von Waffenstreit,
Da wurden viele frisch durch Abgesandte
Aus Afrika und Spanien eingereiht;
Wobei er jedem seine Truppe nannte
Und ihm den Führer wies zu gleicher Zeit.
Erlaubt mir, Herr, daß ich im nächsten Sange
Zur Schilderung der Heeresschau gelange.

[288] Vierzehnter Gesang

1.
Gefallen waren in den Kampfestagen
Aus Spanien viel und viel aus Afrika;
Dem Wolf und Raben preisgegeben lagen
Und grimmem Geier ihre Leiber da.
Und waren die von Frankreich auch geschlagen
(Denn räumen mußten sie das Schlachtfeld ja),
So trauerten die Mohren schmerzzerrissen,
Daß ihnen manches Oberhaupt entrissen.
2.
Mit zu viel blut'gen Wunden war und Leichen
Erkauft der Sieg, um seiner sich zu freun.
Und lassen alten Dingen sich vergleichen,
Alfonso, unbesiegter Fürst, die neun,
Brauchst du mit deinem glanz- und ehrenreichen
Triumph Zusammenstellung nicht zu scheun;
Triumph, auf den mit schmerzgesenkten Brauen,
Beträntem Aug' Ravennas Bürger schauen.
3.
Als schon der Tag Picarden und Morinen,
Normannen, Aquitanier weichen fand
Und dort die span'schen Feinde Sieger schienen,
Drangst du zur Mitte, wo das Banner stand.
Dir nach die Heldenjugend; zu verdienen
Galt es an diesem Tag mit tapfrer Hand
Die hohen Ehrenzeichen auserkoren:
Den goldnen Degenknauf und goldne Sporen.
[289] 4.
Furchtlos – man zählte fast euch zu den Toten –,
Zum letzten End' gelangt schon um ein Haar,
Bracht ihr den Feldherrnstab, den gelb- und roten,
Zertrümmertet die Eicheln ganz und gar.
Der Lorbeer des Triumphs ward dir geboten,
Daß nicht gepflückt und welk die Lilie war.
Mit neuem Zweig die Stirne du dir schmücktest,
Als du Fabricius nach Rom entrücktest.
5.
Des röm'schen Namens Säule, groß vor allen,
Die du ergriffen hast und heil bewahrt,
Sie ehrt dich mehr, als wär' durch dich gefallen
Die Zahl der stolzen Krieger dichtgeschart,
Die auf Ravennas Feld als Dung sich ballen,
Und sie, die flohn von Fahnen und Standart'
Aus Aragon, Navarra und Kastilien;
Denn Spieß und Karren taten nichts den Lilien.
6.
Ein Trost war dieser Sieg; allein vergehen
Mußte der Jubel, denn auf uns lag schwer,
Der Freude gegenüber tot zu sehen
Den Feldherrn Frankreichs, Herrn vom ganzen Heer;
Auch ließ ein Sturm hinab zur Tiefe wehen
Der edlen Fürsten viel, erlaucht und hehr,
Die für ihr Land, aus ferner Lieben Mitten,
Die kalten Alpen hatten überschritten.
7.
Wohl unser Heil verdankten wir dem Siege,
Begannen unser Leben wie von vorn:
Ward doch verhindert, daß herniederstiege
Auf uns ergrimmten Jovis Rachezorn;
Doch Freude ward nicht laut nach diesem Kriege:
Zu reich an Schmerzen rann der Tränenborn
Der Witwen all: im dunklen Trauerkleide
Erfüllten sie das Frankenland mit Leide.
[290] 8.
Zu schaffen muß der König Ludwig schauen
Von neuen Führern viele für sein Heer,
Damit sie hauen auf die Räuberklauen,
Die schnöden, zu der Lilie Schutz und Ehr',
Die sich an Nonn' und Mönch, schwarz, weiß und grauen,
An Mutter, Frau und Kind vergingen schwer
Und Christus hinzustrecken nicht sich scheuten,
Um Silbertabernakel zu erbeuten.
9.
Armes Ravenna! Still des Siegers Schalten
Zu dulden würde besser dir gedeihn,
Und dir zum Spiegel Brescia vorzuhalten,
Statt Riminis, Faenzas Spiegel sein,
Schick', Ludwig, uns Trivulz, den guten Alten!
Er führe Mäßigung beim Kriegsvolk ein
Und zeige, daß für lockern Sinn gerade
Viel in Italien starben ohne Gnade!
10.
Wie Frankreichs König muß nach Feldherrn sehen,
Daß es im Heere sei nach Wunsch bestellt,
Marsil und Agramant zu Werke gehen:
Damit die Herde rechte Hut erhält,
Von dort, wo sie in Winterruhe stehen,
Zur Musterung entbeut er all ins Feld,
Auf daß, wo nur Bedürfnis sich entfalte,
Die rechte Zucht, die rechte Führung walte.
11.
Erst schickt Marsil und nach ihm Agramante
Sein Kriegervolk vorüber, Schar für Schar;
Die Katalanen vorne man erkannte
Am Banner, Dorifebo stellt sie dar.
Dann folgt, doch ohne König Fulvirante,
Der von Rinaldos Hand gefallen war,
Navarra; Isolier, den kühnen Streiter,
Gab Spaniens König diesem Trupp zum Leiter.
[291] 12.
Grandonio führt die aus Algarves Landen
Und Balugant die Männer von Leon.
Gewappnet die von Klein-Kastilien standen
Unter Marsilius' Bruder Falsiron.
Sodann mit Madarosso sich befanden,
Die aus des blüh'nden Cordovas Region,
Aus Malaga, Sevilla hergezogen,
Vom Meer von Gaues und des Bätis Wogen.
13.
Seht, wie zur Musterung die Scharen zeigen
Tessira, Bavicond und Stordilan!
Lisbon ist dem, Majorca diesem eigen,
Granada ist dem dritten untertan.
Lisbon muß jetzt sich dem Tessira neigen,
Nachdem Larbin verließ die Lebensbahn.
Galicien folgt, der Führer Serpentin ist;
Statt Marikolds ihm der Befehl verliehn ist.
14.
Die von Toledos, Calatravas Pfaden
(Wo Sinagon an ihrer Spitze war)
Mit allen, die sich im Guadiana baden
Und trinken aus den Fluten hell und klar,
Hat Matalist zur Kriegesfahrt geladen,
Und Blanzardin gebietet jener Schar,
Die Salamanc, Astorga mit Plagenza,
Avila schickt, Zamorra und Palenza.
15.
Die Leute Saragossas aufmarschieren,
Vom Hof Marsils, mit Ferragu zum Herrn:
Die starken Krieger gute Waffen zieren;
Dort sind auch Malgarin und Balinvern,
Morgant und Malzaris, und allen vieren
Beschied das Los, zu weilen in der Fern':
Als Gäste hatte sie Marsil erkoren,
Weil allesamt ihr eignes Reich verloren.
[292] 16.
Mit Doricont ist dort auch der bekannte
Bastard Marsils, Follicon, und Bavart,
Langiran, Argalif und Archidante,
Der Saguntiner Graf, und Analard,
Der kühne Held: dazu noch Lamirante
Und Malagur, dem große Schlauheit ward,
Und noch gar viele sonst; – kann es geschehen,
Laß ich Euch noch der Kämpfer Proben sehen.
17.
Als Mustrung über diese hat gehalten,
Die stolzen Reihen, König Agramant,
Des Orankönigs Scharen sich entfalten;
Der Führer selbst war groß wie ein Gigant.
Ein Zug kam leidvoll: seine Klagen galten
Dem Martasin, gefällt von Bradamant.
Sie trauern, daß ihr Herr, der gute Degen,
Der Garamant, ist einer Frau erlegen.
18.
Marmondas Schar als dritte ist erschienen;
Sie ließ Argost in der Gascogne tot.
Ein Führer fehlt ihr, dem sie könne dienen;
Der zweit' und vierten auch tut Leitung not.
Weil Führer fehlten, sann der König, ihnen
Zu helfen, und an ihre Spitz' entbot
Er Burald, Ormid, Argan für die Streiter
Und, wo es nötig war, noch andre weiter.
19.
Argan erhält das Volk der Libykanen,
Das trauernd seines Dudrinaß gedenkt.
Brunel geleitet seine Tingitanen,
Verstört das Antlitz und den Blick gesenkt;
Denn seit er dort in jene Felsenbahnen
Beim Schloß des Atlas hat den Schritt gelenkt
Und dann den Ring verlor an Bradamante,
In Ungnad' ist er bei Herrn Agramante.
[293] 20.
Sah ihn nicht Isolier am Baum gebunden,
Der Bruder Ferragus (um es darauf
Auch vor dem König selber zu bekunden),
So hängte man ihn längst am Galgen auf.
Schon war der Strick um seinen Hals gewunden,
Da ließ der König noch der Gnade Lauf,
Auf andrer Bitten, doch beim ersten Fehle
– Schwur er – sei doch der Strick für seine Kehle;
21.
So daß er Ursach' hat, mit trüber Miene
Und mit gebeugtem Nacken hier zu gehn.
Folgt Farurant mit Leuten der Maurine:
Fußvolk und Reiterei ist dort zu sehn.
Danach die Heeresmacht von Constantine:
Man sieht Liban, den neuen Fürsten, stehn.
Das Recht, mit Kron' und Zepter dort zu walten,
Hat er vom König Primador erhalten.
22.
Kommt Dorilon mit Settas Legionen;
Das Volk Hesperiens bringt Herr Soridan;
Ammonien Agrikalt; die Nasamonen
Erscheinen mit dem Fürsten Pulian;
Und Malufers führt jene, die bewohnen
Das Land von Fez; mit Finaduro nahn
Die von Kanariens Aun und von Marokko;
Balaster bringt, was hinterließ Tardokko.
23.
Arzill und Mulga kommen; mit dem alten
Gebieter naht das Heervolk von Arzill;
Mulga verlor den seinen: und erhalten
Soll's nun Corineus, ist des Königs Will'.
Er läßt den Kaïk, nach Tranfirion, walten
Über das Aufgebot von Almansill.
Das Volk Getuliens gab er Rimedonte.
Mit Coscas Scharen kommt dann Balinfronte.
[294] 24.
Die nächsten Truppen Bolgaleute waren,
Des Mirabald einst, jetzo des Clarind.
Kommt Baliverz – ich glaub', in allen Scharen
Man keine Schelmen so wie diesen find't –.
Vom ganzen Heeresvolke der Barbaren
Die mit Sobrin – mich dünkt – die Besten sind.
Kein sichrer Banner sah man noch entfalten;
An Weisheit gleicht kein Heidenfürst dem Alten.
25.
Bellamarinas Volk, sonst von Galschotte
Geführt, bringt jetzt der König von Algier,
Von Sarza Rodomont, und eine Rotte,
Zu Fuß, zu Roß, von Neuen zeigt er hier;
Denn als die Sonn' – als feuchte Wassergrotte –
Im Schützen stand und im gehörnten Tier,
Zum fernen Afrika man ihn entsandte;
Erst jüngst kam er zurück zu Agramante.
26.
Nicht ward im Afrikanervolk geboren
Ein stärkrer und ein kühnrer Sarazen;
Ihn scheuen mehr die bei Lutetias Toren
(Und haben Grund, vor ihm in Furcht zu stehn)
Als Agramant, Marsilius und die Mohren,
Die mit den zwein nach Frankreich wollten gehn.
Es war bei dieser Heerschau kein so schlimmer
Feind unsres heil'gen Glaubens und so grimmer.
27.
Kam König Prusio, der Alvarache,
Und Dardinel, Zumaras Fürst, nachher:
Weiß nicht, ob ihnen kund ein Käuzchen mache
Und wer noch Bot' ist sonst von Unheil schwer,
Krächzend auf Zweigen hier, dort auf dem Dache,
Welch Unglück dieser haben wird und der –
Daß andern Tags (die Stunde kennt der Himmel)
Der Tod sie beide trifft im Kampfgewimmel.
[295] 28.
Man harrte noch im Felde auf die Scharen
Von Tremisen und von Norizia:
Weder die Fähnlein dieser Führer waren
Noch eine Kunde nur von ihnen da.
Den Kopf zerbricht sich über dies Gebaren
Der König –: arge Faulheit wär' es ja!
Da kommt, vom Tremisenenfürst gesendet,
Ein Knappe an, der alle Zweifel endet.
29.
Er meldet: Manilard, Alzird, sie lagen
Mit vielen andern Kriegern tot im Feld:
»Der Ritter,« sagt er, »Herr, der dort erschlagen
Die Unsern hat, erschlüge schier die Welt,
Wär' säumiger das Heer, davon zu jagen,
Als ich (ums Haar erwischte mich der Held).
Zu Fuß und Roß die Streiter ihm erliegen
Wie vor dem Wolf die Schafe und die Ziegen.«
30.
Zum Lagerfeld des Mohrenkönigs wandte
Sich erst vor kurzer Zeit ein Kämpe gut:
Niemand im Westen und in der Levante
Ragt über ihn an Stärke und an Mut.
Viel Ehr' erwies ihm König Agramante
Als einem Königssohne aus dem Blut
Des Agrikan im Tatareigefilde –:
Er war geheißen Mandrikard der Wilde.
31.
Es war ihm manche Heldentat gelungen,
Sein Ruhm durch alle Lande sich ergoß:
Zum Höchsten aber hatt' er sich geschwungen,
Als bei der Fee von Soria im Schloß
Von ihm der hehre Harnisch ward errungen,
Der Hektors Leib – 's sind tausend Jahr – umschloß,
Mit Zwischenfällen, seltsam, ungeheuer:
Grausig zu melden ist das Abenteuer.
[296] 32.
Der also hört den Unglücksboten sprechen;
Er hebt empor das Heldenangesicht
Und ist sogleich entschlossen aufzubrechen:
Meint, jenes Kriegers Spur entgeh' ihm nicht.
Doch birgt er seinen Plan, den Schlag zu rächen,
Sei's, daß er denkt, es habe kein Gewicht,
Sei's, daß er fürchtet, wenn es andre hören,
Sie könnten rascher sein, den Plan ihm stören.
33.
Er ließ den Tremisener Knappen fragen:
Wie sah das Waffenkleid des Ritters aus?
Der sprach: »Schwarz hat er Kleid und Schild getragen,
Kein Zierat schaut aus seinem Helm heraus.«
Und, Herr, in Wahrheit konnt' er dieses sagen,
Denn Roland ließ sein Wappen ja zu Haus:
Er wollte, daß die Trauer seiner Seele
Auch nicht dem Äußern seiner Rüstung fehle.
34.
Ein Roß ward jenem von Marsil gegeben,
Kastanienbraun und schwarz an Mähn' und Bein,
Dem eine Friesenstute gab das Leben
Mit einem Spanierhengste im Verein.
Hinaufspringt der Tatar zu kühnem Streben;
In feurigem Galoppe geht's landein;
Er schwört, vom Heer so lange zu verschwinden,
Bis er den schwarzen Ritter werde finden.
35.
Ihm kamen viel entgegen, die mit Bangen
Geflohen waren vor des Grafen Hand:
Dem war der liebe Sohn zugrundgegangen,
Dem vor den Augen Tod der Bruder fand.
Der feige, trübe Sinn noch auf den Wangen
Des bleichen Angesichts geschrieben stand:
Vom ausgestandnen Schrecken wie von Sinnen,
Gedrückt und stumm und blaß gehn sie von hinnen.
[297] 36.
Er ritt nicht weit und langt an einem schlimmen,
Unmenschlich grauenvollen Schauspiel an,
Das aber Zeugnis gab von jenen grimmen
Schwerthieben, die berichtet hat der Mann.
Er sieht die Leichen und, um zu bestimmen
Der Wunden Maß, legt er die Hand daran
Und fühlt, seltsamen Neid muß er ihm tragen,
Der alle jene Krieger hat erschlagen.
37.
Wie Bulldogg oder Wolf da, wo gelassen
Die Bauern haben ein geschlachtet Rind,
Bei Hörnern, Klauen nur und Knochenmassen,
Dran Hund und Vogel schon gesättigt sind,
Vorm Schädel steht, der nicht zum Schmaus will passen,
So starrt der grimme Mohr hier in den Wind:
Zu spät zur Mahlzeit kommt er, und mit Neide,
Flucht er im stillen, toll vor Wut und Leide.
38.
Den Tag und noch ein Stück vom andern Tage
Schaut sich der Ritter nach dem Schwarzen um;
Da sieht er eine Wies' an schatt'gem Hage:
Es schlingt ein tiefer Fluß sich so darum,
Daß nur ein Zugang bleibt in freier Lage;
Ganz andrer Richtung folgt die Linie krumm.
Unweit Otriculi ein Platz sich findet,
Den ähnlich so der Tiberstrom umwindet.
39.
Versammelt auf dem Pfad nach jener Wiese
Hat er bewehrter Reiter viel erblickt;
Weshalb so zahlreich sind erschienen diese,
Erführ' er gern, und wer sie hergeschickt:
Der Hauptmann gibt Bescheid, ihn macht der Riese
Befangen: Haltung, Kleidung goldgestickt
Und reich geschmückt mit köstlichen Juwelen
Vom hohen Stande dieses Herrn erzählen:
[298] 40.
»Es ist des Königs von Granada Wille,
Daß wir der Tochter dienen zum Geleit;
Sie hat – die Kunde bleibt noch in der Stille –
Den Königsherrn von Sarza jüngst gefreit.
Wenn heute, die man jetzt vernimmt, die Grille
Im Feld verstummt so um die Abendzeit,
Wird sie zum Spanierheer gebracht in Eile,
Zum Vater hin; sie schläft nun mittlerweile.«
41.
Er, dem nach Laune alle Welt muß bluten,
Denkt: Lassen wir die Probe die bestehn,
Ob hier mit schlechten Wächtern, ob mit guten
Die Königin von Sarza sei versehn!
»Schön ist sie wohl«, sprach er, »man kann's vermuten,
Doch mich gelüstet, selber es zu sehn.
Sollst hin mich führen oder nach ihr senden,
Denn ich muß gleich nach anderm Ort mich wenden.«
42.
»Du bist fürwahr ein wackrer Narr zu nennen«,
– Und sonst kein andres Wort – der Hauptmann sprach,
Als der Tatar schon kam in vollem Rennen,
Den Speer gesenkt, und ihm die Brust durchstach,
Ohn' in dem Panzer Hindernis zu kennen,
So daß der Spanier tot zusammenbrach.
Der Ritter eilt, den Speer zurückzuraffen,
Sonst bleiben ihm zum Kämpfen keine Waffen.
43.
Er führt nicht Schwert noch Keule, müßt Ihr wissen:
Als er bekam, was Hektor trug zuvor,
Sollt' er dabei des Hektor Schwert vermissen
Und mußte schwören (und getreu er schwor),
Bis er das Schwert dem Roland hab' entrissen,
Zieh' er im Leben nie ein Schwert hervor;
Nur Durendal, von Hektor einst getragen,
Dem Almont teuer, mehr als man kann sagen.
[299] 44.
Gar vielen, ob im Nachteil, trat entgegen,
Erfüllt von hohem Mute, der Tatar.
Er ruft: »Wer will die Straße mir verlegen?«
Und stürzt sich mit der Lanze in die Schar:
Der senkt den Speer, und jener zieht den Degen,
Umschlossen ist er plötzlich ganz und gar.
Doch eine Menge hat er totgestochen,
Bevor ihm jene Lanze wird zerbrochen.
45.
Jetzt wußt' er noch den großen Stumpf zu fassen:
Hei, wie er den in beide Hände nahm!
So viele Krieger hat er sterben lassen,
Kaum sah man einen Kampf so wundersam.
Wie Simson die Philister ließ erblassen,
Als er den Backen in die Hand bekam,
Zerspellt er Schild und Helm; und Roß und Reiter
Erschlägt mit einem Streich der wilde Streiter.
46.
Zum Tod die Armen um die Wette streben:
Wer fällt, der fällt, von dannen keiner schleicht;
Dem Sterben hat noch Bitternis gegeben
– Deucht ihnen – wie der Mensch den Tod erreicht:
's ist unerträglich, wenn das süße Leben
So durch ein Stück zerbrochen Holz entweicht
Und sie durch Prügel in den Tod gelangen,
In Haufen, just wie Frösche oder Schlangen.
47.
Doch als auf ihre Kosten klar geworden,
Es sei vom Übel, so zu sterben dort
(Zwei Drittel hat schon hingerafft das Morden),
Begannen allesamt zu fliehn vom Ort.
Nun duldet nicht der Fürst der Heidenhorden
(Als trage man sein Eigentum ihm fort),
Daß irgendwelche vom entsetzten Haufen
Vor ihm von dannen mit dem Leben laufen.
[300] 48.
Wie Stoppeln, die aus dürrem Boden stammen,
Und Rohr aus trocknem Sumpfe stand nicht hält
Vor Feuersglut mit Boreas zusammen
(Die klüglich hat der Ackersmann gesellt –
Seht, durch die Furchen laufen hin die Flammen
Und knisternd, platzend fahren sie durchs Feld –),
So hatten gegen Mandrikardos Gluten
Geringen Widerstand die Schwachgemuten.
49.
Nun keine Wächter mehr am Eingang stehen,
Dem schlecht bewahrten, in das Innre dringt
Er, eilt, auf frischem Graspfad hinzugehen,
Wo ein Gejammer und ein Klagen klingt,
Um sich die Königstochter anzusehen,
Ob man mit Recht von ihrer Schönheit singt.
Er schreitet auf den Leibern all der Toten,
Wo Krümmungen des Flusses Zugang boten.
50.
Inmitten grüner Au, im Laubgemache,
Lehnt Doralis – so hieß die Spanierin –
An einem Eschenstamm mit schatt'gem Dache
Und gießt in Klagen aus den trüben Sinn.
Die Tränenflut gleich einem raschen Bache
Rann perlend nach dem schönen Busen hin.
Es schien, als ob – das zeigten ihre Züge –
Sie Furcht für sich und Leid um andre trüge.
51.
Die Furcht nimmt zu, als ihrem Blick sich zeigen
Die finstren Brauen, wild, befleckt mit Blut;
Zum Himmel auf die Jammerrufe steigen
Von ihr und ihrer Schar ob seiner Wut.
Denn auch noch andre waren ihr zu eigen
Außer den Wächtern, ihr bestellt zur Hut:
Gereifte Alte, Mädchen viel und Frauen
Granadas, und die schönsten, die zu schauen.
[301] 52.
Als der Tatar die Reize dieser einen,
Die unerreicht in Spanien ist, erblickt
Und sieht, wie sie in Amors Netz mit Weinen
(Wie wär's mit Lachen erst!) das Herz verstrickt,
Möcht' er sich schier im Paradiese meinen,
Wenn ihn als Siegeslohn nur der erquickt:
Gefangen sein in ihren lieben Händen!
O, daß zu solchem Ziel sich Wege fänden!
53.
Nun, so weit ging er doch nicht im Verehren,
Auf ausgestandner Mühe Lohn Verzicht
Zu leisten, mag sie, als ein Weib, sich wehren
Mit Tränen und mit traurigem Gesicht.
Voll Hoffnung, Leid in eitel Lust zu kehren,
Ist er sie fortzuführen ganz erpicht,
Hebt auf ein Roß sie, einen weißen Schotten,
Und setzt ihn drauf in Trab – und einen flotten.
54.
Mädchen und Fraun und andre Dienstbereite,
Die mit ihr kamen aus der Heimat her,
Entließ er gnädig also in die Weite:
»Sie braucht nicht andere Gesellschaft mehr.
Ich bin ihr Herr, Verwalter und Geleite
Und Magd dazu; lebt wohl, ich danke sehr.«
Zu widerstehn, das durften sie nicht wagen,
So gingen sie, mit Seufzern und mit Klagen,
55.
Und sagten unter sich: »Wie wird voll Schmerzen
Der Vater sein, wenn ihm das Kind entwich!
Wie fühlt nun erst der Gatte Wut im Herzen!
Er rächt sich blutig wohl und fürchterlich!
O, käm' er doch, die Scharte auszumerzen
– Noch keine andre Not hier dieser glich –,
Daß frei das Kind des Königs Stordilan sei,
Bevor noch weiter fort der Weg getan sei!«
[302] 56.
Zufrieden mit dem großen Beuteteile,
Den ihm das Glück beschied und Tapferkeit,
Hat der Tatar jetzt nicht mehr solche Eile,
Den aufzufinden mit dem schwarzen Kleid.
Erst ging's im Flug, jetzt hat es gute Weile,
Er sinnt, wo wohl ein Obdach sei bereit;
Bequeme Stätte könnt' er trefflich brauchen,
Sein mächtig Liebesfeuer auszuhauchen.
57.
Inzwischen tröstet er die schmerzensreiche
Verhärmte und verweinte Doralis:
Schon lange hör' er, daß ihr keine gleiche,
So flunkert er und fabelt das und dies.
Die Heimat hab' er (samt dem blühnden Reiche,
Das keinem sonst der Größe Namen ließ)
Verlassen, nicht um Frankreich zu betrachten,
Nein, ihre schönen Wangen anzuschmachten.
58.
»Wenn Liebe sich durch Liebe läßt erringen,
Verdien' ich es; denn längst schon liebt' ich dich;
Wenn durch den Stamm, – wer kann sich höher schwingen?
Der mächt'ge Agrikan erzeugte mich.
Durch Macht, – wer kann mehr Land und Schätze bringen?
Nur Gott hat größeren Besitz als ich.
Durch Mut, – so hab' ich's, denk' ich, heut bewiesen:
Geliebt zu sein, verdien' ich auch durch diesen.«
59.
Die Worte und was sonst für Liebeszeichen,
Aus Amors Mund geraunt, der Ritter bringt,
Das Herz gar sänftlich trösten und erweichen,
Das immer noch mit leisem Bangen ringt.
Es flieht die Furcht; der Schmerz beginnt zu weichen,
Der ihr zur Zeit die Seele noch durchdringt.
Geduldiger, scheint sie daran zu denken,
Dem neuen Werber ein Gehör zu schenken.
[303] 60.
Auch gütiger ihm Antwort zu erteilen
Beginnt nun allgemach das schöne Kind;
Sie gönnt die hellen Leuchter ihm zuweilen,
Die schon in Mitleid fast entglommen sind,
So daß der Heide, neu von Amors Pfeilen
Getroffen, draus die Sicherheit gewinnt,
Geschweige Hoffnung, daß nicht alle Tage
Die Dame seinen Wünschen sich versage.
61.
Vergnügt, mit der Gesellschaft höchst zufrieden,
Die ihm gar angenehm erscheint und gut
(Nun schon die Zeit naht, da im Abendfrieden
Die Kreatur, zur Nacht sich bettend, ruht) –
Den Sonnenball sieht er schon halb geschieden –,
Trabt er jetzt rascher zu mit frischem Mut,
Da klingt ein Pfeifen- und Schalmeienreigen,
Und Rauch aus Hof und Hütte sieht er steigen.
62.
Der Hirten Häuser sind es, recht bescheiden,
Doch schicklich, mehr bequem als schön und fein.
Er, der die Herde hütet auf den Weiden,
Läßt alles sich so angelegen sein:
Es scheinen ganz zufrieden diese beiden:
Denn nicht in Stadt und Burg und Schloß allein,
Nein, nette Menschen gibt's in vielen Fällen
In Hütten auch, in Böden und in Ställen.
63.
Was sonst im Dunklen dort wohl noch geschehen
Vom Sohn des Agrikan und Doralis,
Kann ich mit rechter Klarheit selbst nicht sehen;
Der Meinung eines jeden lass' ich dies.
Doch da sie früh vergnügt von dannen gehen,
Denk' ich, ins gleiche Horn das Pärchen blies;
Und Doralis bedankte sich beim Hirten
Für seine Freundlichkeit, sie zu bewirten.
[304] 64.
Wie drauf das Paar von Ort zu Orte reitet,
Beut sich zuletzt ein schöner Fluß ihm dar,
Der schweigend, langsam hin zum Meere gleitet;
Er stehe still, vermeint man um ein Haar.
Wenn Licht hineinblickt, bis zum Grund verbreitet
Es sich hinab, so hell ist er und klar.
Am Rand, mit schattigem Gebüsch bestanden,
Zwei Ritter und ein Fräulein sich befanden.
65.
Jetzt führt mich Phantasie, die einem Pfade
Allein mich nicht will folgen lassen, fort,
Hin, wo der Mohren Kriegesheer gerade
Frankreich betäubt mit Lärm und Schreien dort,
Und wo der Sohn Trojans sinnt, daß er lade
Zum heißen Kampf des heil'gen Reiches Hort,
Und Rodomont ihm prahlend gibt zu hören,
Er werde Rom und auch Paris zerstören.
66.
Es kam zu Ohren König Agramante,
Daß die von England gingen übers Meer:
Drum holten den Algarven Abgesandte,
Marsil auch und die andren Führer her.
Zu rüsten galt es kräftig; man erkannte,
Paris zu überwältigen sei schwer.
Und starken Zuzug brauche man vor allen,
Sonst werde überhaupt die Stadt nicht fallen.
67.
Ringsum läßt nun der König Leitern bringen
(Man schleppt davon unzählige herbei)
Und Bretter, Balken mit Gezweig verschlingen,
Denn nützlich kann es sein für mancherlei,
Für Schiff' und Brücken; und vor allen Dingen
Will er, daß für den Sturm gerüstet sei
Die erst' und zweite Schar: in deren Mitten
Komm' er dann selbst zum Sturme mitgeritten.
[305] 68.
Am Tag, bevor das Schlachten soll beginnen,
Hält man bei Karl im eingeschlossnen Kreis
Hochamt und Messen für die Scharen drinnen
Durch Priester, Brüder schwarz und grau und weiß.
Man hört die Beichte drauf, durch sie entrinnen
Wir ja dem Feind im Höllengrunde heiß,
Und alle, absolviert, kommunizieren,
Als gält' es, bald das Leben zu verlieren.
69.
Er selbst mit Paladinen und Baronen
Und Fürsten geht zum höchsten Tempel hin,
Um fromm der heil'gen Handlung beizuwohnen;
Sein Beispiel lenkt zugleich der andren Sinn.
Den Blick gewandt nach himmlischen Regionen,
Spricht er: »Ich weiß, Herr, daß ich Sünder bin;
Doch räch' es nicht in deiner Lieb' und Gnade,
Daß nicht mein Fehler deinem Volke schade!
70.
Und ist's unmöglich, daß dein Zorn sich wende,
Und muß es Strafe dulden – ach, gerecht! –,
Dann werde nicht durch deiner Feinde Hände,
Nein, später irgendwie, die Schuld gerächt.
Denn wenn der Heide uns erschlagen fände,
Die deine Diener heißen, im Gefecht,
Höhnt er: ihm könne nichts durch dich geschehen,
Weil du die Deinen lassest untergehen.
71.
Und wo dir einer Feindschaft hat getragen,
Da werden's hundert durch die Welt jetzund,
Bis Babel deinen Glauben wird verjagen
Und falsche Lehre richtet ihn zugrund.
Hilf deinem Volk und laß es nicht verzagen;
Es hat dein Grab gesäubert ja vom Hund,
Dem schlechten, und durch heil'ge Stellvertreter
Schützt es die Kirche gegen Missetäter.
[306] 72.
Unser Verdienst – ich weiß – kann nicht genügen:
Dem ›Soll‹ genüber ist es viel zu klein;
Wir können nicht mit Hoffnung uns belügen,
Betrachten wir hier unser Tun allein;
Doch will die Gnade noch dazu sich fügen,
Dann erst wird unsre Rechnung klar und rein.
Weil wir Erinnrung deiner Huld uns gönnen,
An deiner Hilfe wir nicht zweifeln können.«
73.
So sprach der fromme Kaiser schmerzzerrissen,
Mit trübem Herzen und zerknirschtem Mut.
Noch andres zu erflehn war er beflissen,
Der Not entsprechend, für des Reiches Hut.
Heißes Gebet soll nicht Erfüllung missen:
Sein bessrer Engel nimmt's und trägt es gut
Als Schutzgeist himmelwärts auf seinen Schwingen,
Es dem Erlöser oben darzubringen.
74.
Noch viel' in diesem Augenblick gelangen
Durch solche Boten hin zu Gottes Reich;
Als sie ans Ohr der lieben Sel'gen klangen,
Von Mitleid färbte sich ihr Antlitz bleich,
Worauf sie in den ew'gen Bräut'gam drangen
Und ihren Wunsch ihm zeigten alsogleich,
Daß doch dem Christenvolk dort auf der Erde
Die Bitt' erfüllt und ihm geholfen werde.
75.
Die ew'ge Güte, die noch stets erreichen
Gebete, treuen Herzens ausgesandt –
Mitleid'ge Augen hebend, macht ein Zeichen
Zum Engel Michael hin mit der Hand
Und spricht: »Zum Christenheer sollst du entweichen,
Vor Anker liegt es am Picardenstrand;
Zur Mauer von Paris sollst du's geleiten,
Von Feinden unbemerkt an seinen Seiten.
[307] 76.
Geh hin zunächst und sage du dem Schweigen,
Zu jenem Zuge soll es mit dir gehn;
Denn es vermag am besten ja zu zeigen,
Womit man sich am besten muß versehn.
Wenn das geschehn ist, sollst du niedersteigen
Und zu dem Aufenthalt der Zwietracht gehn;
Sie nehme Schwamm und Stein sogleich zusammen,
Im Mohrenheer das Feuer zu entflammen«
77.
Und unter just die Tapfersten von allen
Dort Zank zu streuen, Zwiste mancherlei,
Daß sie nicht fürder kämpfen, manche fallen
Und der verwundet, der gefangen sei
Und der das Feld verlass' in Zorneswallen;
Dann stehe bloß ein Teil dem König bei.
Der Engel, ohne nur ein Wort zu sprechen,
Beeilt sich, gleich vom Himmel aufzubrechen.
78.
Und wo der Bote mag die Schwingen breiten,
Da fliehn die Nebel, und der Himmel lacht;
Strahlen umringen ihn von allen Seiten,
So wie die Blitze leuchten in der Nacht.
Wo es geboten sei, hinabzugleiten,
Das zu bedenken hat der Engel acht,
Um sichrer, nach des ersten Auftrags Zwecken,
Den Feind gesprochner Worte zu entdecken.
79.
Wo wohnt, wo weilt er? – fragen die Gedanken,
Und diesen Schluß die Überlegung bringt:
Er muß sein Heim dem Priester, Mönch verdanken;
Im Kloster ihn zu finden wohl gelingt:
Dort setzt man dem Gespräch ja strenge Schranken,
Und überall, wo man die Psalter singt,
Auch wo man schläft und ißt, steht »Schweigen« immer,
Und »Schweigen« schließlich noch in jedem Zimmer.
[308] 80.
Dort such' ich, denkt der Engel, in den Zellen,
Und regt den Fittich eiliger jetzund;
Auch Friede, Ruhe, Liebe, sie gesellen
Mit Frömmigkeit sich jenem heil'gen Bund.
Doch kaum betritt er die geweihten Schwellen,
So sieht er sich enttäuscht, und aus dem Grund:
Hier weilt das Schweigen nicht; es ward vertrieben,
Wohl findet man es dort, doch nur – geschrieben!
81.
Er sieht nicht Ruhe, Demut nicht noch Frieden
Und sieht nicht Liebe, sieht nicht Frömmigkeit.
Sie waren einst, doch sind sie längst geschieden:
Vor Schlemmerei, Stolz, Grausamkeit und Neid,
Vor Faulheit und vor Zorn den Platz sie mieden.
Der Engel staunt, der Wechsel schuf ihm Leid.
Er schaut die arge Schar mit trüben Mienen
Und sieht nun auch die Zwietracht unter ihnen,
82.
Nach der er – den Befehl nicht zu vergessen,
Der ihm gegeben durch des Ew'gen Wort –
Den Weg hin zum Avernus wollte messen,
Im Wahn, sie sei bei den Verdammten dort:
Sie fand er hier bei heil'gem Amt und Messen
– Wer glaubt es nur! – an neuem Höllenort!
Wie seltsam schien's, daß er hier finden sollte,
Nach der er weite Wege machen wollte.
83.
Er kannte sie am Kleid aus Lappenflecken,
Ungleich sind hundertfarbig anzusehn,
Die bald den Körper zeigen, bald bedecken
(Sie sind zerfetzt), im Winde und beim Gehn.
Die Haare, die – man meint – sich feindlich necken,
Goldfarben, silbern, schwarz und graulich wehn;
Die sind als Flechten, die als Schopf gebunden,
Die frei um Schultern und um Hals gewunden.
[309] 84.
Von Klageschriften voll sind Brust und Hände;
Da gibt es Vollmacht, Ladung, Kommentar
Mit Protokollen, Bündeln ohn' ein Ende;
Rechtsglossen, Rat, Erklärung nimmt man wahr,
Daß kein Besitztum sich gesichert fände
Von armen Schelmen in der Bürgerschar.
Und vor ihr, hinten und zur Seite waren
Sachwalter, Advokaten mit Notaren.
85.
Der Engel ruft und heißt sie niedersteigen
Hin zu den Mächtigsten im Mohrenheer:
Dort möge sie Gelegenheiten zeigen,
Wo Zwist entbrenne mannigfach und schwer.
Drauf fragt er noch die Zwietracht nach dem Schweigen:
Vielleicht, weil sie so weithin schweif' umher,
Um hier und dort die Feuer zu entzünden,
Vermöge sie den Aufenthalt zu künden.
86.
Die Zwietracht sprach: »Ich sah's auf meinen Reisen,
Soweit ich mich besinn', an keinem Ort.
Wohl hört' ich's nennen oft und höchlich preisen
Als schlau, denn es vermeidet jedes Wort.
Vielleicht kann dir's der Unsern einer weisen,
Der ihm sich schon gesellt hat hier und dort,
Der Trug –«; sie läßt den Finger sich erheben
Und zeigt auf einen: »Diesen mein' ich eben.«
87.
Sein ehrbar Antlitz konnte schier bestechen:
Demüt'ger Augenaufschlag, würd'ger Gang!
Dazu so freundlich und bescheidnes Sprechen,
Wie Gabriels des Engels Gruß es klang.
Sonst war er häßlich, widrig, voll Gebrechen,
Doch barg er alles unterm Mantel lang,
Und immer unter diesem weiten Kleide
Trug er den Dolch vergiftet in der Scheide.
[310] 88.
Der Engel fragt: »Wie mag es sich verhalten
Wohl mit dem Weg zum Sitz des Schweigens hin?« –
»Es pflegte sonst«, sprach Trug, »sich aufzuhalten
Bei lauter Tugenden im Kloster drin,
Als noch Sankt Benediktus' Regeln galten;
Es ging nach ihm und nach Elias' Sinn;
Auch durch die Schulen sah man's früher schreiten,
Zu des Pythagoras, Archyta Zeiten!
89.
Seit Heiligkeit und Weisheit ward vertrieben
– Die hatten seines rechten Weges acht –,
Ist's bei der Ehrbarkeit nicht mehr geblieben,
Hat zum Verbrechen hin den Sprung gemacht:
Ging nachts mit Buhlen und sodann mit Dieben
Und übte schließlich jede Niedertracht;
So ist es dem Verrat vertraut geworden,
Und häufig sah ich's auch bei Menschenmorden.
90.
In dunklem Loche hält es sich verschlossen
Da, wo man falsches Geld zustande bringt,
Und ändert oftmals Wohnsitz und Genossen;
Nur wem Fortuna lächelt, zu ihm dringt.
Doch wenn, sobald die Mitternacht verflossen,
Dir Eingang in das Haus des Schlafs gelingt,
In dem es ruht, so kann ich mich verbinden,
Du wirst es dort ganz ohne Zweifel finden.«
91.
Wenn auch des Truges Reden meistens lügen,
Hielt Michael für Wahrheit jetzt sein Wort.
Nun schien es Zeit, daß ihn von dannen trügen
Die Schwingen mählich, von dem Kloster fort.
Den Flugschlag mäßigt er zu langen Zügen,
Dann winkt das Ziel zur rechten Stunde dort.
Er kannte längst des Schlafes stille Klause,
Dort, hört er, ist das Schweigen jetzt zu Hause.
[311] 92.
Von Stadt und Dörfern fern, in schöner Lage
Ruht in Arabien ein schönes Tal
In Bergesschatten und mit dichtem Hage
Von Tannen, Buchen stark und alt zumal.
Die Sonne kommt umsonst mit hellem Tage:
Nicht in das Dunkel dringt ihr lichter Strahl;
Der Weg ist ihr versperrt von vielen Zweigen,
Man muß zu einer Höhle niedersteigen
93.
Und tief in eine weite Grotte dringen,
Verdeckt von dunklem Wald am Felsenhang;
Schmiegsamen Efeus Ranken kraus sich schlingen,
Er kriecht gewundnen Schritts die Wand entlang.
Der Schlaf liegt hier, die Stunden zu verbringen,
Feist und behäbig sitzt der Müßiggang
Und, gegenüber, Faulheit auf der Erde
– Sie kann nicht gehn – mit lässiger Gebärde.
94.
Gedankenlos am Tor steht das Vergessen:
Keinen erkennt es, keinen läßt es ein;
Es kann nicht Botschaft noch Bericht ermessen;
Gleich ausgeschlossen muß ein jedes sein.
Das Schweigen spielt den Wächter unterdessen,
Filzschuhe sind und brauner Mantel sein.
Wen es nur trifft, dem winkt es schon vom weiten
Mit seinen Händen, nicht heranzuschreiten.
95.
Der Engel sagt ihm leise in die Ohren:
»Gott will, daß du Rinaldos Heeresmacht,
Die seinem Herrn zur Hilf' er hat erkoren,
Führst auf Paris zu noch in dieser Nacht,
Jedoch so still, daß keinem von den Mohren
Ruf oder Laut das Nahen kenntlich macht;
Fama zu holen, möge keinem glücken;
Dem Heere folge sie vielmehr im Rücken!«
[312] 96.
Als Antwort ward ein Nicken ihm zuteile;
Das hieß, es sei zum Werke schon bereit,
Die Picardie zeigt' sich nach einer Weile;
Der Engel gab dem Schweigen das Geleit.
Er schenkte dort den kühnen Scharen Eile:
Sie machen großen Weg in kurzer Zeit,
Daß sie an einem Tag Paris erreichen,
Und merken nicht das Wunder ohnegleichen.
97.
Das Schweigen ging und ließ nun über allen,
Den einzlen Haufen und der ganzen Schar,
Rings in der Runde tiefe Nebel wallen,
Derweil doch sonst ein klarer Tag es war;
Beim Nebel hörte man kein Hörnerschallen,
Kein Ruf, kein Ton bot sich dem Ohre dar.
Dem Heidenheer das Schweigen andres brachte,
Ich weiß nicht was, das taub und blind es machte.
98.
Indes Rinald sich so geschwind bewegte,
Daß man des Engels Führung gleich ersah,
So still, daß für die Heiden nichts sich regte
Und keiner ahnte, was beim Feind geschah,
War Agramant nicht träg; sein Fußvolk legte
Er bei Paris dem Fuß der Mauern nah.
Bis an der Gräben Rand schickt er die Leute,
Die Kräfte anzuspannen gilt es heute.
99.
Wer sagen will, wieviele ausgezogen
Sind an dem Tag mit König Agramant,
Der hat die Zahl der Halme, die da wogen
Auf wald'gem Kamm des Apennins, gekannt
Und weiß zu melden, wieviel Meereswogen
Des Atlas Fuß bespülen an dem Strand
Und wieviel Augen wach am Himmel bleiben,
Zu schaun, was nachts Verliebte heimlich treiben.
[313] 100.
Mit raschen Schlägen laut die Glocken schallen,
Erschreckend dröhnt ihr Hammer in der Rund';
Wo man nur hinblickt, in den Tempeln allen
Sieht man erhobne Hand und flehnden Mund.
Und könnten Schätze Gott so wohlgefallen,
Wie Unverstand es meint in mancher Stund',
So fände sich ein beßrer Tag mit nichten,
Sein golden Bildnis übrall zu errichten.
101.
Man hört die guten Alten jammernd weinen,
Verschont zu sein von solcher schweren Not;
Sie singen Lob den heiligen Gebeinen,
Die in der Erde viele Jahre tot,
Derweil's die rüst'gen Jungen anders meinen:
Die, nimmer ahnend, welch ein Unheil droht,
Der Ältern Weisheit leichten Sinns verachten
Und eil'gen Schrittes nach den Mauern trachten.
102.
Barone, Paladine sind mit denen,
Und Könige, Fürsten, Grafen, edle Herrn;
Einheimische und Bürger dicht bei jenen,
Die für Herrn Christus kamen aus der Fern'.
Sie wünschen Angriff auf die Sarazenen
Und senkten schon des Tores Brücken gern.
Der Kaiser freut sich, sie so kühn zu sehen,
Doch aus den Mauern läßt er keinen gehen.
103.
Die Wacht der nöt'gen Plätze gab er ihnen,
Und keinen Weg läßt er dem Feinde frei.
Genügend hier schon ein paar Leute schienen,
Und dort bedurft' es großer Kompanei.
Die schickt er zum Geschütz, und die bedienen
Maschinen, wie's gerade nützlich sei.
Nie steht er still, er schaut nach allen Dingen,
Hier Schutz zu spenden, Hilfe dort zu bringen.
[314] 104.
Paris ist einem ebnen Plan entsprossen,
Den Frankreichs Nabel, auch sein Herz man nennt.
Der Fluß hat durch die Mauern sich ergossen,
Sie zu verlassen an dem andern End'.
Ein Eiland wird vorher von ihm umflossen,
Das man als Stadtteil – und den besten – kennt.
Zwei andre – ihrer drei ja sind es – haben
Den Fluß als Grenze und sodann den Graben.
105.
Verschiedne Meilen streckt sich in die Weite
Die Stadt, die manchen Punkt zum Angriff beut,
Doch stürmen will der Mohr von einer Seite,
Weil er nicht gern die Kriegesmacht zerstreut:
Drum geht er übern Fluß zurück zum Streite;
Von dort her, aus dem Westen, stürmt er heut,
Denn bis nach Spanien gibt's nicht Land noch Städte,
Die er als feindlich noch im Rücken hätte.
106.
Was nur die großen Mauern rings umschließen,
Hat Karl mit starken Werken wohl bedacht:
Damit die Dämme keine Lücken ließen,
Sind Gänge drin und Bauten angebracht;
Wo Wellen münden und von dannen fließen,
Da halten Ketten allerstärkste Wacht.
Jedoch die größte Sorgfalt ließ er walten,
Wo irgend Stellen für gefährdet galten.
107.
Mit Argusaugen Karl sofort erkannte,
Wo Sturm und sonst ein Angriff etwa drohn,
Und keinen Plan ersann Fürst Agramante,
Dem nicht begegnet wäre früher schon.
Mit Ferragu, Grandon und Baligante,
Mit Serpentin, Isolier, Falsiron
Und denen, die aus Spanien kommen waren,
Hielt Herr Marsil zum Kampf bereit die Scharen.
[315] 108.
Sobrin mit Almont und Pulian indessen
Hält auf dem linken Strand der Seine sich
Mit Orans König, den sechs Ellen messen
Von Kopf zu Fuß, dem Riesen fürchterlich.
Was bin ich, ach, aufs Schreiben nicht versessen,
Wie jene Leute sind auf Hieb und Stich!
Denn laut flucht Sarzas Fürst mit wilder Stimme,
Er ist aus Rand und Band vor Wut und Grimme.
109.
Wie auf den Rest von süßen Speisestücken
Hinstürmen dicht an heißem Sommertag
Und auf des Hirten Töpfe läst'ge Mücken
Mit surrndem Ton und rauhem Flügelschlag,
Wie Stare auf den Weinberg, um zu pflücken,
Was sich an reifen Trauben finden mag,
Also zum Angriff wilde Mohren schwirren:
Der Himmel dröhnt von Schrein und Waffenklirren.
110.
Die Christen oben auf der Mauer wehren
Mit Stein und Feuer sich und Lanz' und Schwert.
Sie schützen ihre gute Stadt mit Ehren,
Und keiner an der Feinde Wut sich kehrt;
Wo einer fiel von Pfeilen oder Speeren,
Den Platz zu nehmen keiner feig verwehrt:
Viel Sarazenen in den Gräben blieben,
Hinabgestürzt von Stichen und von Hieben.
111.
Nicht Eisen nur, nein ganze Turmeszinnen,
Mächtige Klötz' und Steine braucht man gut,
Und Blöcke, losgelöst von Mauern drinnen,
Auch Mauerkranz und Dach hier Dienste tut.
Siedende Wasser, die herniederrinnen,
Schaffen den Mohren qualenvolle Glut,
Es will kein Schutz vor solchem Regen taugen;
Er dringt durch jeden Helm und trübt die Augen.
[316]
112.
Und dies noch schuf vielleicht den schlimmsten Schaden:
Was tun, wenn Kalk sich senkt als Nebelmeer?
Was tun, wenn glühnde Schalen sich entladen
Mit Öl und Pech und Harz und Schwefel schwer?
Kranzreifen rasten nicht: in ganzen Schwaden
Von Feuerflammen fliegen sie daher;
Hinabgeschleudert nach verschiednen Seiten,
O, wie sie bösen Kranz dem Feind bereiten!
113.
Der Fürst von Sarza unterdessen reitet
Hin zu der Mauer mit der zweiten Schar:
Von Burald wird er und Ormid begleitet
(Der Garamant, der aus Marmonda war).
Clarin wie Soridan zur Seit' ihm streitet,
Auch Settas König zeigt sich kühn fürwahr:
Marokkos Herr und der von Cosca zeigen,
Ein hoher Mut ist ihnen beiden eigen.
114.
Das rote Banner sieht man sich bewegen,
Das Rodomonts von Sarza Löwen bringt,
Der nicht verschmäht, die Zügel anzulegen,
Die seine Dam' ihm in den Rachen schlingt.
Mit diesem Löwen meinte sich der Degen.
Und mit der Dame, die ihn zäumt und zwingt,
Die schöne Doralis bezeichnen mocht' er,
Des Königs von Granada holde Tochter,
115.
Dieselbe, die Fürst Mandrikard begehrte –
Und an sich nahm, ich sagte, wo und wann –,
Die Rodomont so feurig liebt' und ehrte:
Er gäbe Krone, Reich und Augen dran,
Für die er hohe Ritterschaft bewährte –
Er ahnt nicht, daß ein andrer sie gewann.
Hätt' er's gewußt, so tat er – wehe, wehe! –
Was ich an diesem Tage tun ihn sehe.
[317] 116.
Dort an der Mauer tausend Leitern lehnen,
Auf jeder Staffel mindestens zwei Mann:
Der zweite treibt den ersten Sarazenen,
Derweil ihn selbst der dritte zwingt voran.
Den führt der Mut, und blasse Furcht führt jenen,
Und mit Gewalt klimmt jeder dort hinan:
Wo einmal einer wirklich zaudern konnte,
Da tötet ihn der grimme Rodomonte.
117.
So zwingt sich jeder Mann, emporzusteigen;
Durch Feuer und Vernichtung geht's hinauf.
Die andern all sich mehr behutsam zeigen
Und schaun: tut eine Lücke wohl sich auf?
Lust an Gefahr ist Rodomont nur eigen:
Er weilt, wo das Verderben dringt herauf;
Wo andre betend Gottes Hilfe suchen,
In schwerer Not, hört man ihn Gott verfluchen.
118.
Als starken, festen Panzer trägt er Lagen
Von eines Drachen schuppenreicher Haut,
Die einst um Brust und Rücken hat getragen
Der Ahnherr, der da Babel hat gebaut
Und Gott aus seinem goldnen Saal zu jagen
Und aus dem Sternenreich vermaß sich laut.
Vollkommen ließ zu diesem Zweck der Wilde
Den Helm sich schmieden samt dem Schwert und Schilde.
119.
Wie Nimrod kann man Rodomont hier sehen
Unbändig, wütend, stolz und unverzagt:
Zum Kampfe mit dem Himmel wird er gehen,
Sobald ihm einer nur die Straße sagt.
Ob ganz die Mauern, ob zerstückt sie stehen,
Ob tief die Flut, wird nie von ihm gefragt:
Er eilt, nein, fliegt zum Graben; auf dem Grunde
Im Schlamme geht er, Wasser bis zum Schlunde.
[318] 120.
Durchweicht und schmutzig, drängt er nach den Mauern
Durch Feuer und Geschoß von Pfeil und Stein,
Wie im Mallea-Sumpf zum Schreck der Bauern
Durchs Röhricht kommt gerast das wilde Schwein,
Das, wo es geht, mit Rüssel, Brust und Hauern
In alles mächt'ge Lücken reißt hinein.
Er sucht den Schild als Schutzdach zu verwenden,
Gott böt' er Trotz, geschweige Mauerwänden.
121.
Im Trocknen kaum, schon auf der Mauer Rücken
Und auf die Bauten dann klomm er hinauf,
Die für die Frankenscharen dort als Brücken
Am Wall, hoch und geräumig, strebten auf:
Zerspellt lag manche Stirne hier in Stücken,
Tonsuren schafft er einen ganzen Hauf;
Es fliegen Arm' und Köpfe mit dem Hut hin,
Und auf der Mauer rinnt die rote Flut hin.
122.
Er läßt den Schild – das Schwert in beiden Händen,
Dringt er jetzund auf Herzog Arnulf ein.
Der kam vom Land, wo in der Meerflut enden,
Der salzigen, die Wogen aus dem Rhein.
Er ist nicht stärker, Unheil abzuwenden,
Als gegen Feuer mag der Schwefel sein.
Er stürzt und haucht am Boden aus die Seele,
Das Haupt durchspalten tief herab zur Kehle.
123.
Der Heide fällt darauf mit einem Streiche
Adrad, Anselmo, Spinellotsch und Prand,
Dieweil sein Schwert hier Beute, überreiche,
Durch engen Platz und Menschenfülle fand.
Die eine Hälfte kam vom Vlamenreiche,
Die andre Hälfte vom Normannenstrand.
Orgett, der Mainzer, ist sodann zu schauen,
Vom Kopf zu Brust und Bauch hinab durchhauen.
[319] 124.
Moskin und Andropon wirft von den Zinnen
Er drauf hinab: ein frommer Priester der;
Der Wein nur ist des andern ganzes Sinnen,
Führt er den Krug zum Mund, ist er schon leer,
Vorm Wasser flieht er wie entsetzt von hinnen,
Als ob es giftig wie die Viper wär'.
Er stirbt; und bittrer macht den Tod dem Prasser,
Daß er sich sterben fühlt in schnödem Wasser.
125.
Der Provenzale Louis wird vom Riesen
Zerspalten, und durchbohrt sinkt hin Arnald.
Hubert von Tours, Claud, Hugo, Dionysen
Macht er die Seele frei, die Leiber kalt.
Vier aus Paris gesellten sich zu diesen,
Gautier, Satallon, Odo, Arobald,
Und andre viel durch ihn ums Leben kamen,
Ich kann nicht nennen aller Heim und Namen.
126.
Auf Leitern hinter Rodomonte dringen
Sie nun hinauf, an mehr als einem Ort.
Abwehr kann hier den Christen nicht gelingen,
Drum von der Mauer weichen sie jetzt fort.
Der Feind muß drinnen vieles noch vollbringen;
Fürwahr, kein Kinderspiel harrt seiner dort:
Denn zwischen Wall und zweitem Ringe haben
Die Mohren vor sich grausen, tiefen Graben!
127.
Nicht nur von unten kämpfen mittlerweilen
Die Unsern mutig, nach der Höh' gewandt,
Auch neue Scharen helfen jetzt, sie eilen
Hin nach des innern Abhangs steilem Rand
Und leisten brav mit Lanzen und mit Pfeilen
Der großen Menge draußen Widerstand.
Ich glaube wirklich, diese wär' erlegen
Ohne den Sohn Uliens, den grimmen Degen:
[320] 128.
Die Widerwill'gen macht er kampfbereiter
Und treibt durch Zuspruch sie und Scheltwort an:
Sieht er zur Flucht gewendet einen Streiter,
Kopf oder Brust zerhaut er dann dem Mann;
Er rückt und stößt sie vor, zu fechten weiter,
Reißt sie an Haaren, Hals und Arm voran
Und macht von Leichen solch ein dicht Gedränge:
Der Graben ist für alle schier zu enge.
129.
Derweil die Mohren hier hinunterdringen –
Nein, taumeln, stürzen auf den schlimmen Grund –
Mit Leitern suchen sie emporzudringen
Zum zweiten Kreis hin über diesen Schlund –,
Sieht man den Sarzakönig – ob ihm Schwingen
Allüb'rall wüchsen – vorn vom Rand jetzund
Trotz mächt'gen Leibes und so schwerer Waffen
Zum Sprunge übern Graben auf sich raffen.
130.
Hinüber sprang er, gleich geschmeid'gem Hunde
(Es waren dreißig Fuß so ungefähr),
Und lauter klang sein Fuß nicht auf dem Grunde,
Als ob es eine Sohl' aus Filze wär'.
Die drüben streckt er hin in dieser Stunde,
Als sei von schwachem Blech die Rüstung schwer
Oder aus Borke gar und nicht aus Eisen:
So mächtig Kraft und Waffen sich erweisen.
131.
Inzwischen haben unsre Krieger Fallen
In tiefem Höhlengrunde aufgespannt,
Versehn mit Reisigbündeln nach Gefallen,
Mit Pech geschmiert und sonst noch allerhand.
Doch merkt man äußerlich nichts von dem allen,
Obschon vom hohlen Innern bis zum Rand
Das Pech das Ganze füllt die Quer und Länge,
Und flacher Schalen haben sie die Menge
[321] 132.
Mit Öl, Salpeter, Schwefel – was es geben
An Stoffen mag, zu schaffen Feuers Graus.
Die Unsern sehen auf das tolle Streben –
Daß es den Mohren schlage übel aus
(Die suchten auf die Zinne sich zu heben
Mit vielen Leitern aus dem Sumpf heraus),
Läßt man, da Zeichen den Moment verkünden,
Auf einmal alle Feuer sich entzünden.
133.
Die Einzelfeuer schließen sich zusammen
Und zünden rings die beiden Ufer an
Und steigen hoch empor, daß an den Flammen
Der Mond den feuchten Busen trocknen kann*.
Und Nebel schwarz dem Glutenmeer entstammen,
Der Strahl der Sonne dringt umsonst heran –
In jähem Knall ein gräßlich Krachen, Schmettern,
Wie Donner bei den fürchterlichsten Wettern!
134.
Der Jammerrufe grauenvollem Schallen,
Dem Heulen und dem Kreischen schauerlich
Von jenen todgeweihten Armen allen,
Die ihres Führers Schuld vom Leben strich,
Vermählt, als stimm' es ein mit Wohlgefallen,
Mördrischer Flamme wildes Tönen sich. –
Genug, Herr! Laßt zum Schlusse mich gelangen:
Bin heiser schon und trag' nach Ruh' Verlangen.
[322][1]

Fünfzehnter Gesang

1.
's ist immer löblich, Sieg davonzutragen,
Ob man mit Geist ihn, ob durch Glück gewann,
Wobei, wenn viel Verlust ist zu beklagen,
Des Führers Ruhm sich freilich schmälern kann.
Der Sieg wird ewig über alle ragen
Und langt fürwahr bei Götterehren an,
Der ohne Schaden läßt die Seinen bleiben
Und doch den Feind weiß in die Flucht zu treiben.
2.
Herr, solch ein Ruhm ward Eurem Sieg gerade
Über den Leun, so grimmig auf dem Meer,
Der da besetzt hielt beide Po-Gestade
Bis an die See von Francolino her.
Wenn er nun künftig brüllt auf meinem Pfade,
Seh' ich nur Euch, so beb' ich nimmermehr.
Ihr zeigtet, wie man's halten muß in Kriegen:
Die Seinen schonen und den Feind besiegen.
3.
Der Heide hat, zu kühn, das nicht verstanden:
Er trieb die Seinen in den Schlund hinein,
Wo in gefräß'ger Flamme sie verschwanden
[1]
Alle – verschont konnt' auch nicht einer sein.
Nicht Raum im Graben alsoviele fanden,
Jedoch das Feuer machte bald sie klein
Und zog zu leerer Asche sie zusammen,
Daß sie dem Ort sich fügten in den Flammen.
[1] 4.
Dort in der rauchgeschwärzten Grotte liegen
Elftausend Krieger, zwanzig noch und acht,
Die widerwillig hier hinabgestiegen:
Des Führers Torheit zwang sie zu der Schlacht.
Gefräß'ge Flammen um die Armen wiegen,
Die fort vom Lichte schieden in die Nacht.
Das Unheil lag auf eines Manns Gewissen:
Er, Rodomont, blieb solcher Qual entrissen.
5.
Mit wunderbarem Sprung in Feindes Mitten
Ist er gelangt zum innern Ufer her.
Wär' er zur Tiefe mit hinabgeschritten,
Des Angriffs Ende dies gewesen wär'.
Als seine Blicke nach der Hölle glitten,
Hin, wo er lodern sah das Feuermeer,
Der Seinen Ruf vernahm, – den Himmel sucht er
Und ihm mit gräßlich wildem Schreie flucht er.
6.
Inzwischen richtet König Agramante
Gewaltig wucht'gen Angriff auf ein Tor.
Er hoffte, während dort die Schlacht entbrannte,
Wo reiche Beute sich der Tod erkor,
Daß man hierher nur wen'ge Wachen sandte,
Ausreichend sei da wohl sein kleines Korps.
Mit ihm Arzillas Herrscher Bambirag ist
Und Baliverz, der von gar bösem Schlag ist,
7.
Von Mulga Corineus und Prusio – wohnen
Tät dieser Fürst am sel'gen Inselstrand –,
Malabufers – er herrscht in den Regionen
Von Fez, wo niemals noch die Sonne schwand –
Und andre Herrn und sonstige Personen,
Trefflich bewaffnet und im Kampf gewandt,
Dazu viel wertlos Volk noch, nackte Wilde:
Ihr Herz zu wappnen reichten keine Schilde.
[2] 8.
Grad umgekehrt als es die Feinde wähnen
Hat aber sich die Sache hier gemacht:
Der Kaiser selbst stellt sich den Sarazenen
Mit seiner Paladinenschar zur Schlacht:
Mit Salamon, mit Holger auch, dem Dänen;
Zwei Angelin, zwei Guido halten Wacht.
Von Bayern Naims und Otto sind erschienen
Mit Berlinquier und Avol und Avinen.
9.
Sodann noch Leute von geringrem Schlage,
Lombarden, Franken, aus den deutschen Gaun.
Bemüht, vorm Herrn zu glänzen an dem Tage,
Sucht jeder Krieger wacker dreinzuhaun.
Erlaubt jedoch, daß ich es später sage,
Denn hin nach meinem Herzog muß ich schaun,
Der aus der Ferne nickt und winkt mit Schreien,
Ihn endlich aus der Feder zu befreien.
10.
's ist Zeit, zurückzugehn, wo ich verlassen,
Astolf, den fahrenden, aus Engelland,
Der die Verbannung jetzt begann zu hassen,
In Sehnsucht nach der Heimat heiß entbrannt.
Und Rückkehr hatt' ihn jene hoffen lassen,
Die in dem Kampf Alcine überwand.
Nun will sie alle Mühe drauf verwenden,
Auf sichrem, gutem Weg ihn zu entsenden.
11.
Eine Galeere soll zur Reise dienen –
Es fuhr noch keine beßre durch das Meer.
Voll Sorge, eine Störung von Alcinen
Bringe der Reise sonst wohl noch Beschwer,
Schickt sie mit Andronika Sophrosynen
Nebst einer Flotte und mit starkem Heer,
Bis ans Arab'sche Meer zu Persiens Golfen
Dem Herzog Astolf sei hinweggeholfen.
[3] 12.
Vorbei an Skythien soll das Schiff sich winden,
Inder- und Nabatäerstrand entlang,
Um Persien und das Rote Meer zu finden
Auf einer Wasserstraße, freilich lang.
Doch vor dem kurzen Weg mit bösen Winden,
Die dort im Sturmmeer drohen, ist ihr bang.
Der Sonn' auch muß man oft in jenen Meeren
Gar sehr, und ganze Monde lang, entbehren.
13.
Als sie nach Wunsch sah alles hergerichtet,
Gab jene weise Fee den Herzog frei,
Nachdem sie ihn belehrt, gewarnt, verpflichtet
Mit gutem Rat und Winken mancherlei;
Zum Schutz vor Zauber, der zugrunde richtet,
Bekommt er, daß er ganz geborgen sei,
Ein schön und nützlich Buch als Abschiedsgabe,
Damit er's ihr zuliebe bei sich habe.
14.
Wie man der Zauberkunst kann widerstehen,
Führt das von ihr geschenkte Büchlein aus;
Ob vorn die Sachen, ob sie hinten stehen,
Aus dem Verzeichnis findet man's heraus.
Dann noch mit einem Ding ward er versehen,
Das über alle Gaben ragt hinaus:
Ein Horn, des Töne gar erschrecklich klingen
Und jeden, der es hört, zum Fliehen bringen.
15.
Ich sage, wenn des Hornes Töne schallen,
Flieht männiglich entsetzten Angesichts;
Ertragen kann's kein einzig Herz von allen,
So weit da reicht der Strahl des Himmelslichts.
Erdbeben, Windgebrüll, des Donners Hallen
Ist im Vergleich zu diesem Horne nichts.
Der gute Herzog tät sich schön bedanken
Und schied von dannen auf des Schiffes Planken.
[4] 16.
Den Hafen lassend und die stillern Wogen,
Im günst'gen Wind die Segel straff gespannt,
An Städten reich ist er vorbeigeflogen,
Wie viele sind am duft'gen Inderstrand.
Und rechts und links derweil vorüberflogen
Viel tausend Inseln – bis Sankt Thomas' Land
Zuletzt erschien, von wo an Schiffes Borden
Der Lenker jetzt mehr Richtung nimmt gen Noroen.
17.
Den goldnen Chersonesus streifend grade
Die schöne Flotte durch die Meerflut zieht.
Sie gleitet hin am üppigen Gestade,
Wo man den Ganges weiß im Meere sieht,
Schaut Taproban, Cori am Meeresbade
Und, wie die Woge zwischen Küsten flieht.
Sie fuhren lange, bis Cochin sie fanden,
Und vorwärts ging's, hinweg aus Indiens Landen.
18.
Hinfahrend mit so trefflichem Geleite,
Fragt Astolf nun, der auf Belehrung brennt,
Fee Andronika, ob von jener Seite,
Die nach der Sonne Sinken sich benennt,
Ein Ruderschiff, eins, das da Segel breite,
Manchmal erschein' im Meer des Orient,
Und ob man, ohn' am Landsaum anzulegen,
Nach Frankreich könn' und England sich bewegen.
19.
Sie sprach: »So höre denn! An allen Stellen
Wird unsre Erde von dem Meer umringt,
Und ineinander fließen alle Wellen,
Wo kalt die Flut und wo sie kochend springt.
Doch weil da vornen sich entgegenstellen
Die Strecken, die das Mohrenland umschlingt,
Äthiopien unterm Mittag, hört man sagen,
Es dürfe sich Neptun nicht weiter wagen.
[5] 20.
Drum will kein Schiff sich nach Europa wenden
Vom Osten unsres Indien heraus,
Und von Europa will man keins verschwenden,
Das hier nach unsrer Gegend streb' hinaus.
Sie lassen immer sich nach Hause senden,
Denn jenes Land sieht wie ein Hemmnis aus:
Man meint, daß es, weil von so großer Länge,
Mit andrer Hemisphär' zusammenhänge.
21.
Doch fern aus West – ich seh's – nach vielen Jahren
Ein Typhys kommt und neue Heldenschar:
Sie werden eine Straße dann gewahren,
Die unbekannt am heut'gen Tage war;
Die einen seh ich Afrika umfahren
Der Küst' entlang des Volks mit Negerhaar,
Bis sie, den Steinbock lassend, jenes Zeichen,
Von wo die Sonn' uns wiederkehrt, erreichen
22.
Und so der langen Linie Ende sehen,
Wo man zu schauen meint der Meere zwei,
Und nach den Inseln rings und Ufern spähen,
Ob es Arabien, Indien, Persien sei;
Und andre fort von beiden Ufern gehen,
Die Herkules vor Zeiten legte frei,
Hinstrebend, an der Sonne Bahn gebunden,
Um neue Welt und Länder zu erkunden.
23.
Ich seh' das heil'ge Kreuz und seh' entfalten
Die Kaiserbanner an dem grünen Strand,
Seh' viele noch in Schiffen Wache halten,
Andre verwalten jenes neue Land;
Seh' zehn verjagen tausend, seh' die alten
Reiche bis Indien in der Spanier Hand
Und Karls des Fünften tapfre Kapitane
Aufpflanzen überall die Siegesfahne.
[6] 24.
Gott hielt den Weg in Zeiten, die vergangen,
Verhüllt, und lang noch wird verhüllt er sein;
Es soll auf ihm noch weiter Dunkel hangen,
Bis einst das achte Alter bricht herein.
Dann wird der Herrscher auf den Thron gelangen,
Dem Gott die Weltenherrschaft will verleihn,
Der weise Kaiser, hehr und auserlesen,
Der edelste, der seit August gewesen.
25.
Ich seh', am linken Rheine tritt ins Leben
Aus Österreichs und Aragoniens Blut
Ein Fürst, der – wen man sonst noch mag erheben –
Wird unvergleichlich sein an Wert und Mut:
Er wird den Thron Asträa wiedergeben,
Neu schenken ihr vielmehr des Lebens Gut;
Und Tugenden, die aus der Welt verschwanden,
Bringt er mit ihr zurück, befreit von Banden.
26.
Für solche Trefflichkeit zum hohen Lohne
Beut ihm die allerhöchste Güte dar
Nicht nur des großen Kaiserreiches Krone,
Die des August, Trajan und Marcus war,
Nein, auch von allen Ländern fernster Zone,
Daß nie die Sonn' ihr schwindet noch das Jahr,
Damit es unter ihm zur Wahrheit werde:
Ein Hirt allein und eine einz'ge Herde.
27.
Und daß nun alles leichter vorwärts schreite,
Was in des ew'gen Himmels Willen liegt,
Setzt ihm die höchste Weisheit noch zur Seite
Feldherrn auf Land und Meeren unbesiegt.
Ich seh' Ernando Cortez, wie er weite
Städt' unter seines Kaisers Zepter biegt.
Und so entfernt im Osten Reich und Land sind,
Daß sie uns selbst in Indien unbekannt sind.
[7] 28.
Colonna und Pescara sind zu sehen,
Ein junger Herr del Vast ist ihnen nah.
Zu teuer kommt durch diese drei zu stehen
Den goldnen Lilien Land Italia.
Zum Wettstreit kühn seh' ich den dritten gehen,
Um reichern Lorbeer als der beiden da,
Dem Renner gleich, der spät erst stürmt von hinnen,
Die andern einholt, schließlich zu gewinnen.
29.
So mutig seh' ich, treu und wohlerfahren
Alfons (denn diesen Namen führt der Held),
Daß er mit seinen sechsundzwanzig Jahren,
Dem Blütenalter, den Befehl erhält
Vom Kaiser über seine Kriegerscharen
Zum Wohl des Heers. Will dann die ganze Welt
Der Kaiser völlig zum Gehorsam bringen,
Mit solchem Feldherrn wird es ihm gelingen.
30.
So wie durch diese, wo man nur mag schreiten,
Das Reich sich stets an Macht gefördert sah,
Wird auf dem Meere, das nach zweien Seiten
Europa badet hier, dort Afrika,
Der Sieg in jeder Kriegsfahrt ihn begleiten;
Ist doch sein Freund Andrea Doria,
Der Doria, durch dessen Waffentaten
Das Wasser frei sein wird von Meerpiraten.
31.
Er ist Pompejus selbst noch überlegen,
Der auch Piraten schlug und sie vertrieb –
Denn nicht als gleiche traten die entgegen
Dem mächt'gen Reich, das übrall Herrin blieb,
Doch Doria wird rein die Meere fegen
Mit eigner Kraft, aus eignem Geist und Trieb.
Wo seines Namens Ruf sich mag erheben,
Von Calpe bis zum Nil, die Schiffe beben.
[8] 32.
Ich seh' in Schutz und sicheren Geleiten
Des Feldherrn, den ich dir gerad genannt,
Karl hin zur Krönung nach Italien reiten:
Dort öffnet ihm das Tor Andreas Hand.
Verdienten Lohn läßt der sodann beiseiten,
Ihn hinzugeben an das Vaterland:
Durch ihn soll Freiheit in dem Lande walten,
Das wohl ein andrer hätte selbst behalten.
33.
Und dieses sei ihm höher angeschrieben,
Als hätt' in Frankreich oder Spanien er
Oder in Afrika den Feind vertrieben
Oder bei Euch besiegt des Julius Heer.
Oktav und er, der sein Rival geblieben,
Anton, errangen nicht des Ruhmes mehr
Durch Waffentat: ward ihnen Lob, so schwand es,
Weil sie's gewonnen nur zum Druck des Landes.
34.
Wer an die Freiheit rührt mit Frevelhänden,
Der stehe schamrot, mit gesenkten Braun;
Hört er den Doria-Ruf zum Himmel senden,
Kann er sich aufzublicken nicht getraun.
Ich sehe Karl den Lohn vergrößert spenden:
Er gibt ihm jenes reichen Landes Aun
(Zu dem, was ohnedies er bieten wollte),
Das die Normannen mächtig machen sollte.
35.
Der edle Karl wird huldvoll sich erzeigen
Nicht nur dem einen großen Kapitan,
Nein, jedem einzelnen, den nicht als Feigen
Im Kaiserdienst die Herrscheraugen sahn.
Städte zu geben, ja ein Land zu eigen
Einem Getreuen, scheint ihm wohlgetan,
Und höher wird ihm diese Freude gelten
Als neue Reich' erwerben, neue Welten.«
[9] 36.
So ruft die weise Frau das Bild von Siegen,
Die später, einst, nach vieler Jahre Lauf,
Die Feldherrn Karls gewinnen in den Kriegen,
Dem jungen Herzog Astolf jetzt herauf
Und läßt den Morgenwind sich sanfter wiegen
Und zieht den Zaum ihm fester bald darauf:
Sie macht, daß dieser Wind, dann jener wehe,
Damit nach Wunsch die Fahrt vonstatten gehe.
37.
Inzwischen sahn sie fernehin sich breiten
Auf weitem Raume rings das Persermeer,
Bis sie zum Golf in wenig Tagen gleiten,
Der seinen Namen hat von Weisen her.
Dort landen sie, und an des Ufers Seiten,
Zur See gekehrt, ruhn ihre Schiffe leer.
Furcht vor Alcinen ist nunmehr geschwunden,
Und Astolf hat den Weg zu Land gefunden.
38.
Er zieht dahin durch Bergland und durch Tale,
Durch Wald und Feld, bald quer und bald gerad,
Wo oft im Dunklen, oft beim Sonnenstrahle
Vorn oder hinten Räuberschar ihm naht;
Sieht Löwen, gift'ge Drachen viele Male
Und andres Untier kreuzen seinen Pfad:
Doch führt er nur sein Wunderhorn zum Munde,
Da flieht voll Schrecken alles in der Runde.
39.
Das glückliche Arabien der Mohren
Sah er, an Myrrhen- reich und Weihrauchduft,
Das als sein Heim der Phönix hat erkoren
Von allen Landen, in des Himmels Luft;
Sah dann die Flut, die Gott heraufbeschworen
Zur Rettung Israels als Todesgruft,
Darin die Krieger Pharaos verschwanden,
Und kam zuletzt zu der Heroen Landen.
[10] 40.
Den Fluß Trajan entlang der Herzog reitet
Auf jenem Hengst, der einzig ist, einher,
Der mit so leichten Tritten läuft und schreitet,
Die Spur im Sand zu sehen wäre schwer,
Und keinen Druck dem Gras, dem Schnee bereitet;
Mit trocknen Füßen geht er auf dem Meer
Und fliegt beim Rennen hin in solcher Eile,
Daß nicht so schnell sind Wind und Blitz und Pfeile.
41.
Dies Roß hat Argalia einst besessen;
Es war erzeugt von Flamme und von Wind,
Nie hat es Hafer, niemals Heu gefressen;
Nur reine Lüfte seine Nahrung sind.
Der Herzog kommt, als weitrer Weg durchmessen,
Hin, wo der Fluß im Nilstrom Eingang findt.
Eh noch die Mündung seine Augen sahen,
Zeigte die Flut ein Schiff in raschem Nahen.
42.
Mit einem Klausner (auf die Brust hernieder
Wallte sein weißer Bart), der winkte bang
Astolf ins Boot, recht gütevoll und bieder:
»Wenn dir das Leben, lieber Sohn«, so klang
Es aus der Ferne, »nicht bereits zuwider,
Wenn nicht des Todes Sehnsucht dich bezwang,
So komm mit mir ans andere Gestade,
Denn dieser Weg führt dich zum Tod gerade.
43.
Du gehst auf ihm noch nicht zwei Stunden weiter,
So findest du das blutbefleckte Haus;
Dort wohnt ein Ries', ein grauslich wilder Streiter,
Ragt über Menschenmaß acht Fuß hinaus.
Kein Wandersmann kann hoffen und kein Reiter,
Er komme jemals lebend dort heraus.
Die Opfer häutet er und vierteilt, schindet,
Und mancher lebt, wenn er im Maul verschwindet.
[11] 44.
Nach solcher Grausamkeit pflegt er zu spaßen:
Er nimmt ein wohlgebautes Netz zur Hand;
Flach legt er's in den feinen Staub der Straßen,
Das End' ist oben an sein Dach gespannt.
Geschlungen wohl und zart ist's übermaßen,
Kein Mensch bemerkt's, dem nicht das Ding bekannt.
Die Fremden schreckt er dann mit lautem Brüllen
Und treibt sie hin, wo Maschen sie umhüllen.
45.
Die so Gefangnen schleppt er dann mit Lachen
Samt jenem Netz nach seinem Hause hin,
Nicht Mann, nicht Fräulein Unterschied ihm machen,
Ob sie von hohem oder niedrem Sinn.
Und Fleisch, Gehirn und Blut verschlingt sein Rachen,
Die Knochen läßt er in der Wüste drin.
Und grausig pflegt er rings sein Haus zu schmücken
Mit Menschenhaut in Fetzen und in Stücken.
46.
Geh hier, mein Sohn, o geh auf diesen Wegen,
Wo man zum Meere gut gelangen kann!« –
»Nimm, Vater, Dank für deinen Rat entgegen,«
Antwortet ihm der kühne Rittersmann;
»Gefahr mißacht' ich um der Ehre wegen;
Mehr als das Leben hält sie mich in Bann.
Du lockst umsonst zum anderen Gestade;
Das Ungetüm, das such' ich nun gerade.
47.
Das Fliehn erhielte mich ja wohl am Leben;
Doch Schmach ist schlimmer als der Tod für mich:
Ich sterbe – soll das Schlimmste sich begeben –,
Wo ja so mancher andre schon erblich.
Doch, will im Kampfe Gott mir Segen geben,
Daß jener stirbt und lebend bleibe ich
Können des Weges tausend sicher ziehen,
Der Vorteil ist im Kämpfen, nicht im Fliehen.
[12] 48.
Dem Tod des einen gegenüberstehen
Die vielen, deren Heil es könnte sein.« –
»Mein Sohn,« spricht der, »in Frieden sollst du gehen;
Der Herrgott schließ' in seinen Schutz dich ein
Und lasse Michaels Fittich um dich wehen!«
Er segnet ihn und steigt ins Boot hinein.
Astolf sprengt seinen Weg hin längs des Niles,
Hofft wenig nur vom Schwert, vom Horne vieles.
49.
Ein schmales Pfädchen, von dem Sumpf umfangen
Und von dem Fluß, geht durch den Ufersand:
Man kann auf ihm zum öden Haus gelangen,
Daraus Verkehr und Menschlichkeit verbannt.
Und allerwegen Köpf' und Glieder hangen
Der Armen dort, die fing des Riesen Hand.
Kein Vorsprung ist, und von den Fenstern keines,
Wo da zum mindesten nicht hinge eines.
50.
So wie in Alpendörfern und Kastellen
Der Jäger nach bestandener Gefahr
An Türen nagelt Schmuck von zott'gen Fellen
Und Bärenkopf und -tatzen bietet dar,
So pflegte dieser Riese hinzustellen,
Was ihm als Beut' ins Netz gegangen war;
Ringsum zerstreut sind Reste von Gebeinen,
Und voll von Menschenblut die Gräben scheinen.
51.
In seiner Tür stand grad Caligorante,
So hieß der mitleidlose Unhold ja,
Der Totenbein als Hausesschmuck verwandte,
Wie's sonst mit Gold und Messing wohl geschah,
Und jetzt vor Freude kaum sich selber kannte,
Als er von fern den Herzog kommen sah;
Zwei Monde waren es, man stand im dritten,
Daß keiner dieses Weges war geritten.
[13] 52.
Zum nahen Sumpf, dem dunklen, röhrichtreichen,
Sofort in größter Eile läuft er hin,
Denn sich im Bogen rasch herumzuschleichen
Hinter des Fremden Rücken, ist sein Sinn;
Er hofft, der werde nunmehr rückwärts weichen,
Bis er im staubbedeckten Netze drin,
Wie er's mit andern Fremden stets gemacht hat,
Die das Verhängnis jenen Weg gebracht hat.
53.
Als ihn der Ritter kommen sieht vom weiten,
Hält er das Roß an, nicht der Sorgen bar,
Daß dessen Füße in die Maschen gleiten,
Vor denen er gewarnt vom Alten war:
Jetzt, denkt er, sind fürs Horn die rechten Zeiten:
Er bläst, und mit gewohnter Wirkung zwar.
Das Herz des Riesen macht der Klang erbeben,
Er eilt entsetzt, von dannen sich zu heben.
54.
Der Herzog bläst, er weiß sich vorzusehen,
Weil gar zu leicht ihn sonst das Netz umflicht.
Der Unhold flieht und kann den Weg nicht sehen:
So wie das Herz, verlor er das Gesicht.
Die Furcht läßt ihn nicht, wie er möchte, gehen,
Er meidet seine eigne Falle nicht
Und kommt zum Netz –: im Nu ist er umwunden
Und auf dem Boden, hilflos und gebunden.
55.
Als Astolf sah die große Masse liegen,
Eilt er hinzu, nunmehr voll Sicherheit,
Und, Schwert in Hand, vom Roß herabgestiegen,
Zu rächen Tausende war er bereit.
Doch dann scheint ihm, Gefangnem obzusiegen,
Mehr feiger Sinn zu sein als Tapferkeit:
Denn jener ist gefesselt allerwegen,
Kann nicht den Hals, nicht Arm' und Beine regen.
[14] 56.
Denn von Vulkan ward jenes Netz gewunden,
Aus feinstem Stahl und solche Kunst verwandt:
Es wird auf Erden keine Kraft gefunden,
Zu lösen nur ein einz'ges Maschenband:
Dasselbe war es, das einmal gebunden
Der Venus und dem Mars so Fuß wie Hand
Und von Vulkan gemacht war zu dem Ende,
Daß man zusammen sie im Bette fände.
57.
Dem Schmiede stahl das Netz Merkur verwogen:
Er hätte gern an Chloris sich erfreut,
Ach, Chloris, die mit Eos kommt geflogen,
Eh uns die Sonne ihre Strahlen beut,
Und aus geschürzten Kleides Schoß in Bogen
Uns Lilien, Rosen, schöne Veilchen streut.
Lang lauert' er auf sie und ihre Schätze
Und fing sie in der Luft mit diesem Netze.
58.
Wo sich Äthiopiens Fluß zum Meere wandte,
Da nahm er's – scheint es – bei der Göttin Fang;
Worauf man's in Anubis' Tempel bannte
Fern zu Kanopus manch Jahrhundert lang,
Bis nach dreitausend Jahren der's entwandte,
Nachdem er raubend in den Tempel drang.
Dort packt der Wüterich das Netz zusammen,
Plündert den Tempel, setzt die Stadt in Flammen.
59.
Hier legt er's hin, daß es Gefangne bringe,
Denn wer von ihm gejagt wird, läuft hinein:
Berührt man's noch so leise – eine Schlinge
Umschließt sofort den Hals und Arm und Bein.
Ein Kettchen draus löst Astolf guter Dinge,
Schnürt hinten fest des Riesen Hände ein,
Um Fesseln auch noch Arm und Brust zu geben,
Unlösliche, und läßt ihn sich erheben,
[15] 60.
Nachdem er ihn befreit von andrer Bande,
Der wie ein Mägdlein sanft geworden war.
Nun nimmt ihn Astolf mit sich; auf dem Lande,
In Stadt und Schloß beut er zur Schau ihn dar.
Das Netz auch will er haben: nicht zustande
Bringt Feil' und Hammer ja ein Ding so rar.
Zum Saumtier macht er ihn: von Stätt' zu Stätte
Führt er ihn triumphierend an der Kette.
61.
Auch Helm und Schild noch gab er ihm zu tragen,
Wie einem Diener, und zog weiter fort.
Wo er sich zeigt, hört man voll Jubel sagen:
»Gesichert geht man nun von Ort zu Ort.«
Voran ritt Astolf, bis schon nahe lagen
Die Memphis-Gräber, jenes Memphis dort,
Das heilige, wo Pyramiden stehen.
Auch Kairos Volkesmassen konnt' er sehen.
62.
Das ganze Volk umringte bald den Degen
Und sah den ungefügen Riesen an:
»Wie ist es möglich,« rief man sich entgegen,
»Daß jenen großen band der kleine Mann?«
Kaum konnte Astolf vorwärts sich bewegen,
So drängen sie von jeder Seit' heran,
Und alles staunt, und alles ehrt den Reiter
Und preist ihn hoch als auserlesnen Streiter.
63.
Noch mochte Kairo jener Umfang fehlen,
Von dem man wohl in heut'gen Tagen spricht:
Man könne achtzehntausend Orte wählen –
Sie fassen alle die Bevölkrung nicht;
Und ob die Häuser schon drei Stockwerk' zählen,
Schläft auf der Straße doch manch armer Wicht.
Man sagt, ein Schloß ließ sich der Sultan bauen,
An Pracht und Reichtum wunderbar zu schauen,
[16] 64.
Und fünfzehntausend Mann hab' er als Wache,
Die alle Christenrenegaten sei'n,
Bei sich darinnen unter einem Dache
Mit Pferden und mit Fraun und Kinderlein.
Astolf will sehn, wie durch das Land, das flache,
Der Nil sich senkt und fließt ins Meer hinein
Bei Damiette: dort werde, hört er sagen,
Wer kommt, gefangen oder totgeschlagen.
65.
Der Mündung nahe sei am Nilgestade
Ein Kerl (Bewohner eines Turmesbaus),
Der arg den Bauern und den Wandrern schade;
Bis Kairo zieh' er plündernd jeden aus;
Nichts nütze Widerstand auf seinem Pfade,
Stets komm' er lebend vom Gefecht heraus,
Empfing er auch schon hunderttausend Wunden.
Kein Mittel sei für seinen Tod gefunden.
66.
»Der Parze Werk verhelf' ich wohl zum Ziele«,
Denkt Astolf, hat sich nach Damiette gewandt,
Dort auszublicken nach dem Kerl Orrile
(Denn also war der Räubersmann genannt),
Und beim Zusammenfluß von Meer und Nile
Sieht er den großen Turm an Flusses Rand,
Von jenem Zaubrer als sein Nest erkoren,
Den einem Elf hat eine Fee geboren.
67.
Er sieht im Gang ein Aufeinanderschlagen
Zwischen Orril und einem Kämpferpaar.
Die zwei sind im Gedränge, schon erlagen
Sie jenem bösen Zaubrer um ein Haar.
Doch einen hochberühmten Namen tragen
Die beiden Ritter in der Heldenschar;
Die Söhne Olivers das Erdrund kannte, –
Grifon ist weiß, und schwarz ist Aquilante.
[17] 68.
Ein großer Vorteil freilich stand im Streite
Dem bösen Hexenmeister zu Gebot:
Ein Untier nämlich gab ihm das Geleite,
Wie jene Gegend ganz allein es bot.
Es lebt im Fluß und an der Uferseite,
Und Leichen waren ihm sein täglich Brot:
Die armen Wanderer und Schifferleute,
Wenn unvorsichtig, fielen ihm zur Beute.
69.
Im Sande, nah dem Hafen, ist zu sehen
Das Tier, getötet durch der Brüder Hand;
Es war kein Unrecht an Orril geschehen,
Wenn einer mit dem andern sich verband.
Wird er zerstückt, wills nie ans Leben gehen;
Zerstückt auch, leistet er noch Widerstand:
Ob er um eine Hand, ein Bein gebracht sei,
Er knetet's neu, wie wenn's aus Wachs gemacht sei.
70.
Grifon hat bis zum Mund den Kopf durchhauen
Und Aquilant schlug bis zur Brust hinab –:
Er lacht des Hiebs, so groß ist sein Vertrauen;
Die wüten, denn sie mühn umsonst sich ab.
Wer je den Fluß des Silbers konnte schauen,
Dem die Chemie Merkur als Namen gab –
Er streut und sammelt alle seine Glieder –,
Dem kommt hierbei wohl die Erinnrung wieder.
71.
Er steigt vom Pferd, wenn er den Kopf verloren,
Und tastet rings umher nach ihm zu Fuß,
Nimmt ihn drauf an den Haaren oder Ohren:
Der Kopf hat auf dem Hals sogleich Verschluß.
Mit langem Arm packt Grifon nun den Mohren
Und wirft, es scheint umsonst, ihn in den Fluß;
Denn wie ein Fisch schwimmt jener bei dem Bade
Und kommt mit heilem Kopf an das Gestade.
[18] 72.
Ehrbar geschmückt, zwei Damen auserlesen,
Die eine weiß und die in schwarzem Kleid,
Die jenes Kampfes Ursach' sind gewesen,
Schauen am Ufer zu dem grimmen Streit.
Die Feen sind es, die zwei güt'gen Wesen,
Die sich den Söhnen Olivers geweiht,
Seit sie die beiden Knäblein, zart zu schauen,
Zwei großen Vögeln nahmen aus den Klauen.
73.
Gismonden ward das Kinderpaar entrissen,
Und weit mit ihnen fort die Vögel flohn.
Doch mehr zu sagen, bin ich nicht beflissen,
Denn alle Welt kennt die Geschichte schon
(Beim Autor muß man nur den Vater missen,
Den er vertauscht – warum wohl? – mit dem Sohn).
Wir sahn, wie brav die jungen Männer stritten;
Gehorsam folgten sie der Damen Bitten.
74.
In jener Gegend war der Tag geschwunden,
Noch auf Fortunas Inseln mocht' er sein;
Die Schatten hatten alles schon umwunden
Unter des Monds unsichrem Dämmerschein,
Als nach dem Turm Orril den Weg gefunden,
Denn beide Schwestern stimmten überein,
Es werde dieser bittre Kampf verschoben,
Bis neu am Himmel sich die Sonn' erhoben.
75.
Astolf, der Grifon dort und Aquilante
Am Wappen, mehr noch am gewalt'gen Hieb,
Von Anfang auf den ersten Blick erkannte,
Den Brüdern art'gen Gruß nicht schuldig blieb.
Als er sich nun den Pardelritter nannte,
Er, der den Riesen wie ein Lasttier trieb
(Am Hofe wurde Astolf so geheißen),
Sie gleicher Höflichkeit sich gern befleißen.
[19] 76.
Zur Ruhe führten dann die beiden Damen
Die Ritter nach dem nahen Schlosse hin;
Sie waren halben Weges schon, da kamen
Mit lichten Fackeln Knapp' und Dienerin.
Die Rosse Wartung durch den Knecht bekamen.
Man legt die Waffen ab; im Garten drin
Sehn sie das Mahl bereit bei einer Quelle,
Die lieblich sich dahinschlingt, frisch und helle.
77.
Den Riesen lassen sie im Frei'n bewahren
Mit einer andern Kette, dick und fest,
An einer Eiche, hart von vielen Jahren,
Die nicht durch Rütteln sich zerreißen läßt.
Zehn Mann noch wachen über den Barbaren,
Damit er nicht des Nachts den Platz verläßt,
Um sie zu schädigen und zu bekriegen,
Derweil sie ahnungslos im Schlaf sich wiegen.
78.
Bei Tisch mit vielen und erlesnen Speisen,
Drin des Vergnügens kleinster Teil bestand,
Ward auf Orril und seine Kampfesweisen,
Die wunderbaren, das Gespräch gewandt:
Man meint, es müsse sich als Traum erweisen,
Daß Kopf und Arm sich auf der Erde fand,
Und er sie holte, gleich sich neu bewehrte
Und wilder stets zum Kampfe wiederkehrte.
79.
Astolf hatt' in dem Buche schon gefunden
(Das zeigt, wie man sich gegen Zauber wehrt):
Man kann Orril nicht töten, nur verwunden,
Bleibt ihm ein einzig Kopfhaar unversehrt.
Doch wenn's verletzt ward oder ihm entwunden,
Trotz Sträubens aus dem Leib die Seele fährt.
Dies sagt das Buch, doch nicht, wie auf dem Kopfe
Das Haar man kenne bei so starkem Schopfe.
[20] 80.
Als hab' er schon des Sieges Palm' errungen,
So freut sich Astolf auf den nächsten Strauß;
Mit ein paar Hieben, hofft er, ist's gelungen:
Er reißt dem Zaubrer Haar und Seele aus.
Auf eigne Schultern hätt' er gern geschwungen,
Was sich ergeben möge, Last und Graus.
Durch ihn nur soll Orril den Tod erleiden,
Gestatten ihm zu kämpfen jene beiden.
81.
Die lassen gern ihm den Versuch, zu siegen,
Und meinen, ganz umsonst streng' er sich an.
Aurora war am Himmel aufgestiegen,
Da kam Orril herunter auf den Plan. –
Seht, wie die Schläge urgewaltig fliegen!
Der drängt mit Keule, der mit Schwert heran.
Astolf erhofft den Streich von tausend Streichen,
Der aus dem Fleisch die Seele macht entweichen.
82.
Die Faust mit ihrer Keule haut er nieder,
Bald diesen Arm, bald jenen, auf den Grund;
Quer durch den Harnisch schneidet er dann wieder,
Verstümmelt diesen Teil und den jetzund;
Doch stets vom Boden nimmt Orril die Glieder
Und setzt sie an und ist aufs neu gesund.
Und hätt' er ihn zerhaun in tausend Stücke –
Der schafft sich das Verlorene zurücke.
83.
Einen zuletzt schlug er von tausend Hieben,
Der zwischen Kinn und beide Schultern fiel.
Und losgelöst sind Kopf und Helm geblieben.
Vom Hengst springt Astolf schleunig, wie Orril,
Hat dann das Roß zur Eile angetrieben
Und fliegt mitsamt dem Kopfe hin zum Nil,
Den blut'gen Haarschopf um die Hand gewunden:
Nie werd' er wieder von Orril gefunden!
[21] 84.
Dem Toren ist dies unbemerkt geblieben,
Er tastet suchend in den Staub hinein.
Dann wird ihm klar, das Pferd ist fortgetrieben
Und trägt inzwischen seinen Kopf waldein:
Er geht zu seinem Gaul, springt auf, mit Hieben
Jagt er ihn hinterm Kopfesräuber drein.
Gern möcht er rufen: »Halt!« und »Wenden, wenden!«
Allein sein Mund ist in des Herzogs Händen.
85.
Nun faßt er Mut und braucht die Sporen weiter
Und folgt und drängt mit aller Macht heran,
Doch weit läßt hinter sich den Zauberreiter
Der wunderbare Renner Rabikan.
Derweil sucht auf der Kopfhaut Englands Streiter
(Bis zu den Brauen, von dem Nacken an),
Ob er vielleicht das eine Haar erkenne,
Mit dem Orril sich schier unsterblich nenne.
86.
Von all den Haaren, die gar nicht zu zählen,
Durch Krümmung, Länge keins dem Blick sich bot;
Wie sollte Astolf wohl das rechte wählen,
Es auszureißen zu des Räubers Tod?
»Nehm' ich sie alle,« sagt er, »kann's nicht fehlen!«
Rasierzeug stand ihm jetzt nicht zu Gebot,
So dacht' er's mit dem Schwerte zu probieren:
Das schnitt so gut, man nähm' es für Rasieren.
87.
Er hielt das Haupt nur an der Nas' im Schweben
Und schnitt es vorn und hinten rattenkahl.
Mit andern Haaren traf er jenes eben,
Und das Gesicht ward plötzlich bleich und fahl,
Der Blick verdreht, entflohen ist das Leben
– Die Zeichen machten's klar – mit einemmal.
Der Körper, dem der Kopf war abgeschnitten,
Fiel von dem Sattelplatz, drauf er geritten.
[22] 88.
Astolf kam hin, wo er die Herrn und Damen
Gelassen, mit dem Haupte in der Hand,
Auf das die Zeichen echten Todes kamen,
Und wies auch, wo den Rumpf man liegen fand.
Weiß nicht, ob es die Ritter gern vernahmen,
Wenn guter Ton zu Freundlichkeit sie band.
Neid, daß nicht sie den Sieg davongetragen,
Mochte den Brüdern doch am Herzen nagen.
89.
Auch, daß die Schlacht zu Ende so gediehen,
Den beiden Damen, glaub' ich, kaum gefiel.
Sie hatten, für die Brüder hinzuziehen
Des herben Schicksals unheilvolles Spiel
(Von Frankreich fern, konnt' ihm das Paar entfliehen),
Die Helden hergeleitet zu Orril,
Voll Hoffnung, sie so lange hier zu halten,
Bis nicht zu fürchten mehr der Sterne Walten.
90.
Damiettes Herr vernahm aus sichrem Munde,
Daß seinen Tod Orril, der Räuber, fand,
Und unverzüglich ward die frohe Kunde
Durch einer Taube Flügel ausgesandt:
Sie ging nach Kairo, und zur selben Stunde
Andre nach andrem Ort, wie's Brauch im Land.
So ward es ganz Ägypten kundgegeben
Auf einmal, daß Orril nicht mehr am Leben.
91.
Der Herzog riet nach dieses Handels Ende
Eindringlich jetzt dem edlen Brüderpaar
(Wohin von selbst schon ihre Neigung stände,
So daß ein Stachel gar nicht nötig war),
Daß es fürs röm'sche Reich die Kraft verwende
Und für der Kirche heiligen Altar:
Des Ostens Fehden sollten sie verachten
Und in dem Heimatland nach Ehre trachten.
[23] 92.
Von seiner Dame schied und in die Weite
Strebte wie Grifon Ritter Aquilant.
Ob es den Damen Leid und Schmerz bereite,
Es gab dagegen keinen Widerstand.
Auch Astolf scheidet nach der rechten Seite:
Wo Gott im Fleisch gelebt, im Heil'gen Land,
Da drängt es ihn, daß er die Stätten ehre,
Eh er zurück zum Frankenlande kehre.
93.
Man konnte links gehn auf bequemen Wegen,
Die hübsch und eben sind die ganze Zeit,
Und niemals sich vom Meere fortbewegen;
Doch wählen sie der Öde Furchtbarkeit,
Denn ging man da Jerusalem entgegen,
So hatte man sechs Tage minder weit.
Gras gab es, Wasser auch wohl allenfalles,
Allein von andern Dingen fehlte alles.
94.
Bevor sie drum sich auf die Reise wenden,
Wird angeschafft, was alles nötig war;
Man packt es auf den Riesen (seine Lenden
Und Rücken trügen einen Turm fürwahr).
Als dann die öden, rauhen Wege enden,
Da beut von hohem Berg dem Blick sich dar
Das Heil'ge Land, wo mit dem eignen Blute
Die Sünden Liebe wegwusch, uns zugute.
95.
Sie fanden, als sie grad im Tore waren,
Dort einen Jüngling, ihnen lieb und wert,
Aus Mekka, Samsonet, klug, wohlerfahren,
In allen Rittertugenden bewährt,
Durch Güt' und Trefflichkeit, ob jung an Jahren,
Berühmt und von den Leuten hoch verehrt.
Roland, der ihn zum Christentum bekehrte,
War's, dessen Hand ihn durch die Taufe ehrte.
[24] 96.
Der Jüngling legte gegen den Kalifen eben,
Den von Ägypten, eine Feste an
(Auch wollt' er den Kalvarienberg umgeben
Mit einem Walle von zwei Meilen dann).
Zwei helle Augen das »Willkommen« geben,
Wie innre Liebe nur es geben kann,
Und im Palast, zu dem er sie begleitet,
Wird ihnen Wohnung, königlich, bereitet.
97.
Der Kaiser ließ als Herrn im Land ihn schalten
(Bewahren sollt' er dort des Reiches Macht).
Der Herzog schenkt ihm jenen Ungestalten
Mit mächt'gem Leib und Gliedern ungeschlacht,
Der Lasten kann auf seinen Schultern halten,
Zehn Zugtier' hätten's nicht zustand gebracht
Den Riesen gibt ihm Astolf und daneben
Das Netz, das ihn in seine Hand gegeben.
98.
Und er erhielt von Samsonet dagegen
Ein Schwertgehänge, schön und reich genug,
Auch Sporen (an den Füßen anzulegen),
Von denen jeder Schnall' und Rädchen trug.
Einstmals gehörten sie, man sagt, dem Degen,
Der für die Jungfrau jenen Drachen schlug.
Aus Jaffa war der reiche Schmuck gekommen,
Als Samsonet die schöne Stadt genommen.
99.
Sie ließen Ablaß sich im Kloster geben,
Das im Geruche guten Beispiels stand,
Um dann sich zu den Tempeln zu begeben,
Wo Christi Passion Verkündung fand
Und die für Mohren jetzt zum Himmel streben,
Ach, zu der Christen ew'ger Schmach und Schand'.
In Waffen steht die Welt, Kriegsrufe schallen:
Die hehrsten Rufe ungehört verhallen.
[25] 100.
Derweil die Seele sich zur Andacht wandte,
Auf Schulderlaß und frommen Brauch bedacht,
Da hat ein Grieche, der Herrn Grifon kannte,
Ihm Nachricht, schwer und schmerzenreich, gebracht,
Die seinem Sinn ganz andre Wege sandte,
Als er ersehnt und schon im Geist gemacht,
Und solche Gluten seine Brust umfingen,
Daß Trieb und Lust zu Bittgesang vergingen.
101.
Das Unheil wollt' es, daß in Lieb' er diene
Gar schlimmer Dame, Orrigill genannt,
Und schöner, traun, als sie an Wuchs und Miene
Man unter tausend wohl nicht eine fand,
Doch untreu, schlecht –: so weit die Sonne schiene,
Vergebens suchtest du in Stadt und Land,
Auf fester Erd' und Inseln fern im Meere
Nach einer zweiten, die so niedrig wäre.
102.
Er ließ, von heißer Fieberglut umfangen,
Sie in der großen Stadt des Konstantin.
Sie nun zu sehn in ihrer Schönheit Prangen
Und zu genießen, lockte Hoffnung ihn;
Da hört er: nach Antiochien gegangen
Ist sie mit neuem Freund, weil, wie es schien,
Ganz unerträglich bei so frischen Jahren
Einsame Lagerstätten nachts ihr waren.
103.
Seit Grifon diese Kunde hat erhalten,
Seufzt er bei Nacht sowie bei Tage sehr.
Was andere für Lust und Kurzweil halten,
Verbittert seine Launen nur noch mehr.
Es weiß, wem jemals Amors Pfeile galten:
Gar scharf gespitzt, ach, fliegen sie daher.
Und was den Ritter über alles plagte,
War, daß vor Scham er's nicht zu sagen wagte,
[26] 104.
Weil tausendfach er aus Erfahrung kannte:
Dem Bruder war der Liebeshandel leid.
Oft schalt ihn drob der weise Aquilante
Und hätte gern ihn ganz von ihr befreit,
Die er die Greulichste von allen nannte,
Die je gelebt zu irgendeiner Zeit.
Grifon nimmt sie in Schutz vor seinen Rügen –:
Ach, eignes Urteil will gar oft betrügen.
105.
Doch sein Gedanke war, für sich verstohlen,
Ohne daß Aquilant davon gewußt,
Zu gehn und aus Antiochien sie zu holen,
Die ihm das Herz nahm mitten aus der Brust;
Auch ihn entdecken, der sie ihm gestohlen,
Und Rache üben recht nach Herzenslust.
Wie er das ausgeführt hat, will ich sagen
Im nächsten Sang, und was sich zugetragen.

[27] Sechzehnter Gesang

1.
Wer liebt, muß dulden viele Pein und Plage!
Es ward davon ein reichlich Teil auch mir:
Sie halten beide sich bei mir die Wage;
Drum kann ich sprechen als ein Fachmann schier.
Doch wenn ich sagte (was ich jetzt noch sage,
Teils mit der Stimme, teils auf Schreibpapier),
Daß ein Leid herb und schwer, ein andres leicht sei,
Glaubt mir und denkt, daß Kenner ich vielleicht sei.
2.
Ich sagt' und sag' und sag's solang ich lebe:
Wer immer in ein würdig Netz gebannt –
Ob seine Dame scheu sich von ihm hebe,
Ob sie sich seinen Wünschen abgewandt,
Ob er umsonst nach Huld und Gnade strebe,
Vergebens Zeit und Müh' hab' aufgewandt –
Ist hochgestellt sein Herz, darf sich entwinden
Kein Seufzer ihm, mag er den Tod drob finden.
3.
Der seufzt mit Recht, der schon als Sklav' gebunden
Durch schöne Locken, holder Augen Licht,
Darunter ward das Herz verderbt gefunden,
Mit Schlacken viel, doch reinem Golde nicht.
Er möchte fliehn, doch gleich dem Hirsch, dem wunden,
Wohin er geh', des Jägers Pfeil ihn sticht.
Er schämt sich seiner, schämt sich seiner Liebe,
Hofft Heilung und verbirgt des Herzens Triebe.
[28] 4.
Das war der Fall von Grifon nun, dem Jungen:
Er blieb beim Fehler, sah er ihn auch klar,
Sah niedre Neigung in sein Herz gedrungen
Zu Orrigill, so schlecht, der Treue bar;
Schon hat Gewohnheit die Vernunft bezwungen;
Kein Mühen hilft, Einsicht stellt schwach sich dar.
Und sei sie treulos, undankbar, verlogen,
Er muß sie suchen, kommt ihr nachgezogen. –
5.
Vernehmt nun, was darauf sich zugetragen:
Ganz im geheimen schleicht er aus der Stadt
(Ohne dem Bruder nur ein Wort zu sagen,
Der oftmal schon ihn ja getadelt hat),
Nach Rama links die Richtung einzuschlagen,
Nicht jenen Weg, der eben ist und glatt,
Damaskus nach sechs Tagen sah der Reiter,
Und auf Antiochien zu dann ging es weiter.
6.
Da kommt ihm jener Rittersmann entgegen,
Für den gerade Orrigille glüht,
Und nett ist, was die zwei gemeinsam hegen,
Wie ja die Blume auf dem Kraute blüht.
Die Herzen klopfen mit verwandten Schlägen:
Treulos ist ihr, verrätrisch sein Gemüt.
Und ihre Art verdecken alle beide
Durch hübsches Aussehn, zu des Nächsten Leide.
7.
Man sah in großem Pomp den Ritter reiten,
Sagt' ich; er sprengt auf mächt'gem Hengst daher,
Die ungetreue Orrigill zur Seiten,
In blauem Kleid, besetzt mit Golde schwer;
Zwei Knappen außerdem noch ihn geleiten,
Sie tragen seinen Helm und Schild und Speer.
Er kommt, als woll' er Heldenschaft, ihm eigen,
Dort zu Damaskus im Turniere zeigen.
[29] 8.
Ein herrlich Fest, das nächstens will begehen
Damaskus' König in der Hauptstadt drin,
Zieht Ritter, die im höchsten Ruhme stehen,
Die alleredelsten, in Scharen hin.
Sobald die Schöne Grifon hat gesehen,
Da bangt vor seinem Grimm der Buhlerin.
Sie weiß, ihr Liebster kann mit dem nicht ringen,
Es würde nur den sichern Tod ihm bringen.
9.
Doch da sie abgefeimt ist und verwogen,
Des Schreckens Zeichen unterdrückt sie schnell:
Zu freud'ger Miene das Gesicht verzogen,
Dabei mit fester Stimme, laut und hell,
Eilt sie (der Buhl' ist in die List gezogen)
– Scheinbar voll höchsten Jubels – auf der Stell'
Grifon mit ausgestrecktem Arm entgegen,
Hängt ihm am Hals und herzt und küßt den Degen.
10.
Liebesgebärd' und Schmeichelton vereinen
Kann sie gar wohl mit zärtlichem Gesicht:
»Ist dies der Lohn denn, Herr,« spricht sie mit Weinen,
»Für sie, der, dich verehren, süße Pflicht?
Einsam ein Jahr harrt' ich auf dein Erscheinen;
Ins zweite geht's, und du erbarmst dich nicht?
Wär' ich, bis daß du wiederkamst, geblieben,
Vielleicht schon in den Tod wär' ich getrieben.
11.
Ich harrte zu Nikosia voll Verlangen,
Daß du vom Hofe wiederkehrtest, lang,
Derweil ich, ach, von Fieber schwer umfangen,
Von dir verlassen, mit dem Tode rang;
Da hört' ich, daß nach Syrien du gegangen,
Was mir so schmerzlich in die Seele drang,
Daß ich mich fast (ich kannte deine Stätte
Ja nicht) mit eigner Hand getötet hätte.
[30] 12.
Doch, doppelt schenkend, zeigt zu meinem Segen
Das Glück die Sorge, die dir fehlt, um mich:
Den Bruder sandt' es, der als wackrer Degen
Mein Magdtum schützend, nimmer von mir wich.
Und nun – o heller Jubel will sich regen
Ob unverhoffter Wonne – schickt es dich.
Ach, höchste Zeit war's wahrlich, muß ich wähnen;
Sonst starb ich, lieber Herr, um dich vor Sehnen.«
13.
Und weiter weiß die Schelmin ihre Klagen
– Sie ist des Fuchses Meisterin vielleicht –
Mit solcher Schlauheit Grifon vorzutragen,
Daß aller Tadel ihn allein erreicht.
Und ihm erscheint – so ist er breitgeschlagen –,
Daß jener einem würd'gen Vater gleicht.
Sie webt das Netz – kein Mensch geschickter kann es –
Und scheint so wahr wie Lukas und Johannes.
14.
Und keinen einz'gen Vorwurf hat der Schwache
Für sie, die minder schön als lügenhaft,
Und nicht an jenem nimmt er blut'ge Rache,
Der mit der Ungetreuen Ehbruch schafft,
Nein – daß sie ihn allein nicht schuldig mache,
Dagegen wehrt er sich mit aller Kraft,
Und ganz, als ob's fürwahr ein Vetter wäre,
Tut er dem Falschen alle Lieb' und Ehre
15.
Und zieht mit ihm hin nach Damaskus' Toren
Des Weges weiter, und er hört dabei,
Ein glänzend Leben wird heraufbeschworen
Vom mächt'gen König dort, Spiel und Turnei,
Und jedem, welchen Glauben er erkoren,
Ob er ein Christ, ob er ein Heide sei,
Wird Sicherheit gewährt in jenen Mauern
Für all die Zeit, solang die Feste dauern.
[31] 16.
Allein so sehr bin ich nun nicht beflissen,
Zu künden Orrigills verderbten Mut,
Die an Verräterein auf dem Gewissen
Nicht eine hat, nein, viele tausend gut,
Daß ich zweihunderttausend sollte missen
Oder noch mehr, die unter Feuers Glut
Und Funkenregen sich zusammenstellen,
Gefahr zu bringen den Pariser Wällen.
17.
Ich ließ Euch, wie ein Walltor Agramante,
Im Wahn, er find' es gänzlich unbewacht,
Anstürmend mit gewalt'ger Kraft berannte;
Es war kein andrer Schutz dort angebracht,
Weil Karl persönlich Sorge drauf verwandte,
Mit ihm die Meister all von Krieg und Schlacht:
Zwei Guido, Angelin mit Angelieren,
Otto, Avin, Avol mit Berlingieren.
18.
Vor Karl und Agramant, auf beiden Seiten
Wird kühn und heldenhaft gekämpft fürwahr,
Wo hoher Ruhm und Huld mit jedem schreiten,
Der heute seine Pflicht tut ganz und gar.
Indes die Mohren mit der Kraft nicht streiten,
Die für des Schadens Hebung nötig war:
Zu viele sind bereits dem Tod verfallen,
Ein Spiegel tollen Muts den andern allen.
19.
Die Pfeile fliegen, ob sie Hagel seien,
Der auf den Feind von Mauerhöhe dringt.
Dem Himmel selbst wird bange von dem Schreien,
Das man einander dort entgegenbringt.
Doch mögen Karl und Agramant verzeihen:
Vom Mohren-Mars jetzund mein Lied erklingt,
Von Rodomont, der dort mit Zornesschnaufen,
Erschrecklich, durch die Stadt hin kommt gelaufen.
[32] 20.
Ich weiß nicht, Herr, könnt Ihr Euch recht besinnen
Auf jenes Sarazenen eignen Fall,
Der seine Leute tot im Feuer drinnen
Ließ zwischen erster Wand und zweitem Wall? –
Nie sah die Welt ein grausiger Beginnen –;
Verzehrt von gier'gen Flammen waren all'.
Mit einem Satz den Graben übersprang er
Und in das Innre dann der Hauptstadt drang er.
21.
Als man den Mohren sieht so grimmig toben
– Den man an Waff' und Schuppenfell erkennt –,
Wo schwacher Greise Hauf nach Kriegesproben
Ausschaut und horcht und auf Berichte brennt,
Hat sich ein Ruf, ein Wehgeschrei erhoben,
Das Händeschlagen klingt zum Firmament:
Was Beine hat, das flieht voll argem Schrecken,
In Kirche oder Haus sich zu verstecken.
22.
Allein nur selten will das Schwert es leiden,
Das rings um sich der starke Heide schwingt:
Hier muß vom Bein ein Fuß mit Wade scheiden,
Dort fliegt ein Kopf, der weit vom Rumpfe springt;
Man sieht ihn jenen drauf die Quer' durchschneiden,
Den spalten, daß der Hieb zur Hüfte dringt;
Wie viel' er tötet, trifft und jagt im Zorne,
Er zeichnet keinem das Gesicht von vorne.
23.
Was frommem Rind an Ganges' Uferwänden
Und in Hyrkaniens Aun der Tiger tut,
Was Zieg'n und Lamm der Wolf an den Geländen
Des Berges, der Typhäus hält in Hut,
Das tut der Heide mit den blut'gen Händen
– Den »Scharen« sag' ich nicht – der Menschenbrut,
Dem Pöbel, Volk: man hätte nichts verloren,
Wär' es gestorben, eh es ward geboren.
[33] 24.
Nicht einem kann er in das Antlitz sehen,
Ob er auch würgend häufe Leich' auf Leich'.
Wo man zur Michelsbrücke pflegt zu gehen,
Durch jene Straße voll und menschenreich,
Hinstürmt er – keiner sucht zu widerstehen –
Und führt im Kreis gewaltig Streich auf Streich:
Nicht Herrn und Diener trennt der Menschenschlächter,
Fragt nicht, wer Sünder ist, wer ein Gerechter.
25.
Den Priester kann nicht Frömmigkeit erhalten,
Und Unschuld rettet nicht das kleine Kind;
Der roten Wange, hellen Augs Gewalten
Kein Schutz für Mädchen oder Jungfrau sind;
Der Greis auch wird gejagt und muß erkalten,
Und nicht der kühne Sarazene find't
Sein Feld hier – wo allein des Blut'gen Reich ist,
Dem Rang, Geschlecht und Alter völlig gleich ist.
26.
Es läßt den Zorn mit rasendem Gebaren
Der Bösewicht nicht bloß an Menschen aus;
Auch Dächer müssen seine Wut erfahren:
Aus Haus und Kirche schlägt die Flamm' heraus,
Denn in Paris – so wird berichtet – waren
Zu jener Zeit aus Holz noch Haus um Haus.
Zu glauben ist es: sind doch heutzutage
Noch sechs von zehn gerad von diesem Schlage.
27.
Was immer brennen mag, es kennt sein Hassen
Nicht Sättigung und kennt nicht Hindernis.
Er legt ein Haus, wohin die Hand mag fassen,
In Schutt und Trümmer stets mit einem Riß.
In Padua habt Ihr Euch belagern lassen
Nie, Herr, mit der Zerstörungskraft gewiß,
Die eine Mauer fallen ließ durch Rütteln,
Wie Algiers Fürst es tut mit einem Schütteln.
[34] 28.
Wenn, als der Unmensch hier mit Flamm' und Sehwerte
Den Krieg so mächtig führte unverwandt,
Von draußen Agramant zur Stadt sich kehrte,
War an dem Tag verloren alles Land.
Doch Ruhe gab es nicht, denn die verwehrte
Der Paladin, genaht aus Engelland,
Führer der Angeln und der Schottenscharen,
Die mit dem Schweigen und dem Engel waren.
29.
Gott wollte, daß zur Zeit, als Rodomonte
Dort drinnen hatte solche Glut entfacht,
Ein Held erschien: die Blum' von Claramonte,
Rinald, mit ihm noch Englands ganze Macht.
Es ward, nachdem er Brücken schlagen konnte,
Zwei Stunden lang ein Umweg links gemacht,
Weil er die Heiden überraschen wollte
Und ihn des Stromes Flut nicht hindern sollte.
30.
Sechstausend Bogenschützen, wackre Streiter,
Gingen voraus mit Edwards stolzer Fahn';
Es folgten dieser Schar zweitausend Reiter,
Leichte, geführt vom kühnen Ariman;
Sie zogen all auf jenen Pfaden weiter,
Drauf vom Picardenmeer die Wandrer nahn,
Daß sie durch Sankt Denis und Martins Pforte
Zu Hilfe kämen dem bedrängten Orte.
31.
Die Wagen samt dem andern Feldgepäcke
Sind mit dem Heer auf gleichem Weg entsandt;
Er selbst ging weiter oben eine Strecke
Mit all den andern Scharen durch das Land.
Man hatte Schiff' und Brücken zu dem Zwecke
Des Übergangs zum andern Seinestrand.
Zerbrechen hieß er drauf die Brücken wieder,
Und gleich zusammen schlossen sich die Glieder.
[35] 32.
Zuvor doch ließ er Herrn und Kapitane
Zu sich entbieten all in voller Schar;
Vom Uferrand, hoch überm ebnen Plane,
Sprach er, wo gut sein Wort vernehmlich war:
»Gott ist's, ihr Herrn, an den ich jetzt euch mahne,
Der uns hierhergeführt hat wunderbar,
Um euch nach kurzen Mühen, wenn auch schweren,
Weit über jedes Volk hinaus zu ehren.
33.
Zwei Fürsten werden ja durch euch erhalten,
Nehmt ihr von ihnen der Belagrung Not!
Erst euer König dort: ihr seid gehalten,
Als Diener ihn zu schützen bis zum Tod;
Dann einen Kaiser, hehr und hochgehalten,
So herrlich, wie nur je die Welt ihn bot,
Und andre Herrscher, Ritter von den besten,
Herzöge, Grafen, Herrn aus Ost und Westen.
34.
Ihr werdet nicht Paris nur dankbar sehen,
Wenn euch die Rettung dieser Stadt gelang,
Wo sie nicht um sich selbst in Ängsten stehen,
Nein, tiefbetrübt, bekümmert sind und bang
Um das, was Fraun und Kindern wird geschehen,
Wenn gleiches Elend allesamt umschlang,
Und um die Jungfraun in den Klostermauern,
Wenn ihre frommen Schwüre nicht mehr dauern.
35.
Ich sage nicht, Paris nur wird euch danken,
Gelang es euch, die Hauptstadt zu befrein,
Nein, alle Völker rings ums Reich der Franken,
Und nicht die Nachbarn mein' ich hier allein.
Es gibt kein Land, von dem die Mauerschranken
Dort um die Stadt nicht Bürger schlössen ein.
Drum, sieht man jetzt die Feinde überwunden,
Weit mehr als Frankreich ist euch dann verbunden.
[36] 36.
Wenn einen Kranz die Alten jenem gaben,
Durch den ein Mann gerettet ward vom Tod,
Sagt, welchen Lohn verdient dann ihr zu haben,
So viele rettend aus der höchsten Not?
Doch wenn durch Neid, durch Feigheit wird begraben
Das heil'ge Werk, das euch zu sich entbot,
Glaubt mir, es wird, wenn jene Mauern sanken,
Das Reich von Deutschland wie Italien wanken
37.
Und alle Lande, wo sie ihn verehren,
Der da für uns am Kreuze litt die Pein.
Und ihr, glaubt nicht, des Feinds euch zu erwehren
Und durch das Meer vor ihm geschützt zu sein;
Denn fuhr er von Gibraltar auf den Meeren
Und Herkuls Säulen oft zu euch hinein,
Von euren Inseln Beute fortzutragen,
Was wird er erst als Herr von Frankreich wagen!
38.
Doch lockten Ruhm und alle Herrlichkeiten,
Die reizen können, zu dem Zuge nicht,
Uns, die wir unter einer Kirche streiten,
Einander helfen bleibt doch erste Pflicht.
Laßt euch den Zweifel Sorge nicht bereiten!
Wißt, daß des Feindes Stärke bald zerbricht:
Und macht ein schlecht geübtes Heer zu schaffen,
Das ohne Kraft ist, ohne Mut und Waffen?!«
39.
Also mit heller Stimme rief der Degen
Begeisterung durch packend Wort herauf;
Die edlen Herren wußt' er anzuregen
Und ebenso den kühnen Heereshauf;
Das heißt – das Sprichwort sagt – mit Sporenschlägen
Den Hengst antreiben, der in vollem Lauf.
Es mußten dann die Scharen, auf sein Mahnen,
Vorrücken leise, leise mit den Fahnen.
[37] 40.
Lautlos, geräuschlos gehen die drei Heere,
Sowie sie unterwiesen sind durch ihn,
Den Fluß entlang; des ersten Angriffs Ehre
Auf die Barbaren gab er Prinz Zerbin.
Die Krieger Irlands machten eine Kehre,
Um durch die ebne Landschaft hinzuziehn;
Das Fußvolk und die Reiter Englands stritten
Mit Lancaster, dem Edlen, in der Mitten.
41.
Als er sie all hat ihres Wegs gesendet,
Sprengt hin am Uferrand der Paladin:
Zunächst am ersten Heer vorbei, dann wendet
Er sich noch weiter vorwärts als Zerbin,
Bis daß sein Ritt bei Orans König endet
Mit dessen Leuten und mit Fürst Sobrin,
Die Ausguck hielten, von dem span'schen Teile
Entfernt wohl etwa eine halbe Meile.
42.
Nicht länger konnten jetzt die Christenscharen,
Die in des Schweigens und des Engels Hut
So treu und sicher hergeleitet waren,
Stumm unterdrücken ihren Kampfesmut:
Ein Schrei erklingt beim Anblick der Barbaren,
Und die Trompete dröhnt und weckt die Wut;
Das mächt'ge Lärmen hallt vom Himmel wider
Und sendet Grausen in der Mohren Glieder.
43.
Voraus den andern kommt Rinald geflogen,
Er legt die Lanze für den Angriff ein;
Fern sind die Schotten einen Schuß vom Bogen,
Aufschub des Kampfes würd' ihm lästig sein.
So wie ein Windstoß kommt dahergezogen,
Dem ein gewalt'ger Sturm folgt hinterdrein,
So sprengt voraus der Ritter vor dem Zuge
Auf Bajard, seinem Schlachtenhengst, im Fluge.
[38] 44.
Rinalds Erscheinen, sieht man, stört die Mohren:
Ein Zittern plötzlich geht durch ihre Reihn;
Die Lanze bebt, die Füße mit den Sporen,
Im Sattel bebt der Schenkel und das Bein.
Pulian nur hat die Farbe nicht verloren;
Er weiß nicht, wer der Reiter möge sein,
Und ahnungslos, was der versetzt an Schlägen,
Sprengt er dem Helden im Galopp entgegen
45.
Und stützt beim Reiten auf den Speer sich fester
Und rafft sich ganz zusammen unverzagt;
Die Zügel frei sodann dem Renner läßt er,
Die Sporen gebend, auf den Feind hin jagt
Der Mohr. Des andern Ruhm ist kein erpreßter:
Die Taten zeigen, was sein Name sagt.
Vollkommne Fechterkunst macht offenbar es:
Er ist der Sohn des Haimon – nein, des Ares!
46.
Im Zielen will der Mohr dem Christ nicht weichen:
Des Gegners Haupt trifft jeder von den zwein,
Die nicht in Kunst und Wehr einander gleichen;
Der Mohr blieb tot, fort ritt der Christ allein.
Der Wert bemißt sich, traun, nach andern Zeichen,
Als daß man hübsch die Lanze lege ein.
Vor allem aber muß man Glück noch haben;
Gar wenig helfen sonst die andern Gaben.
47.
Rinald, den Speer gefaßt zu neuem Rennen,
Sprengt auf den Orankönig an im Lauf.
Ein trauriger Gesell ist der zu nennen,
Doch Fleisch und Knochen ragen mächtig auf.
Man durfte seinen Stoß wohl anerkennen,
Ging er im Grund auch auf den Schild nur drauf.
Mög' es verzeihen, wer es nicht will loben;
Denn treffen konnt' er schwerlich weiter oben.
[39] 48.
Dem Stoße wehrt der Schild nicht, in den Magen
Zu dringen durch den Stahl hin, handbreit fast,
Und aus dem großen Leib herauszujagen
Die ungleich kleine Seel' in aller Hast.
Der Renner, der geglaubt, er müsse tragen
Den ganzen Tag hindurch so schwere Last,
Ist drob Rinald verbunden in Gedanken
Und möcht' ihm für ersparte Hitze danken.
49.
Zerbrochen liegt der Speer – nun wendet schnelle
Rinald das Roß, daß es beflügelt scheint,
Und stürmt zum Angriff mächtig nach der Stelle,
Wo dicht gedrängt sich Mohr mit Mohr vereint:
Im Kreise geht Fusberta blitzend helle,
Daß man von Glas die andern Waffen meint;
Vor ihr schützt Stahl und Eisen zu geringe,
Daß sie nicht durch zum warmen Fleische dringe.
50.
Das schneid'ge Schwert kann wenig Stahl erreichen:
Und auch ist Eisen selten nur zu schaun;
Wohl aber Tartschen, ledern und von Eichen,
Steppröcke, Tuch, gewunden um die Braun.
Da ist's denn klar, daß von Rinaldos Streichen,
Was er berührt, zerschellt wird und zerhaun.
Nichts kann sich seines Schwertes Wucht erwehren,
Wie Gras der Sichel und des Sturms die Ähren.
51.
Die erste Schar ist in die Flucht geschlagen,
Als Prinz Zerbin langt mit dem Vortrab an;
Den Reihn voraus sieht man den Ritter jagen;
Mit vorgestrecktem Speer kommt er heran.
Sein Volk, von gleicher Kampfbegier getragen,
Folgt seinem Fähnlein feurig Mann für Mann:
Im Sprung so Wölfe oder Löwen fliegen,
Wenn sie auf Schafe stürzen oder Ziegen.
[40] 52.
Gleichzeitig trieb, als sie sich nah befunden,
Sein Roß ein jeder nach dem Feind hinein:
Mit eins ist jetzt der kleine Raum geschwunden,
Der auseinanderhielt die beiden Reihn.
Nie ward ein tollrer Reigen noch gefunden;
Die Schotten schlugen nieder ganz allein,
Und töten ließen sich allein die Heiden,
Als seien sie gekommen, Tod zu leiden.
53.
Wie Eis so kalt die Heiden alle waren,
Die Schotten allesamt wie Feuer heiß.
Den Mohren, die Rinaldos Arm erfahren,
Ist jeder Christ ein Held von solchem Preis.
Rasch in Bewegung setzt Sobrin die Scharen,
Man braucht den Herold nicht für das Geheiß.
Die beste Schar war diese hier im Heere
An Führer, Tapferkeit und Wucht der Speere.
54.
Das Beste, wenn nicht Gutes, war zu sagen
Von denen noch, die Afrika gebracht.
Zurück ging Dardinel sogleich voll Zagen,
Sein Hauf war schlecht bewaffnet für die Schlacht;
Mocht' er auch selber lichten Helm jetzt tragen,
In Eisen prangend und in Schuppenpracht.
Die vierte Schar als beßre wohl daherkam,
Die hinterdrein mit König Isoljer kam.
55.
Trason derweil, der Herzog, mutentglommen,
Froh, wieder jetzt bei hohem Tun zu sein,
Heißt seine Reiter für den Kampf willkommen
Und lädt sie, Ruhm sich zu gewinnen, ein:
Er sieht von drüben her Navarra kommen,
Und Isoljer zieht in die Schlacht hinein.
Drauf in Bewegung setzt sich Arïodante,
Der jetzt sich Herzog von Albanien nannte.
[41] 56.
Der Klang der Hörner, die da rufen, höhnen,
Zimbeln und andre Mohrenmelodei,
Mit schwirrnder Bogen und der Schleuder Tönen,
Der Räder und Maschinen mancherlei
Und was noch mehr den Himmel läßt erdröhnen,
Getümmel, Seufzen, Klagen und Geschrei –
Zusammenstimmt in ein gewaltig Brausen,
Betäubend wie der Nileswogen Sausen.
57.
Was sich am Himmel hüllend rings für Schatten zeigen:
Die Pfeile sind's, die fliegen hin und her;
Der Staub, der Atem und der Schweißdunst steigen
Und bringen Flecken in das Nebelmeer.
Der Platz ist dem jetzt, später jenem eigen,
Vordringen sieht man und dann fliehn das Heer
Und manchen tot just an der Stelle liegen,
Wo er zuvor den Feind gefällt beim Siegen.
58.
Will Müdigkeit die eine Schar bezwingen,
Geht eine andre todesmutig vor,
Stets neue Krieger da wie dort sie bringen,
Jetzt Fußvolk hier und dort ein Reiterkorps.
Rot ist der Boden, wo die Heere ringen,
In blut'gem Kleide ragt das Grün empor.
Wo Blumen deckten, blau und gelb, die Erde,
Da liegen tote Menschen jetzt und Pferde.
59.
Zerbin der junge liefert Proben heute,
Wie's kaum ein Jüngling tat, von Heldenkraft:
Er macht das Heidenheer zur Todesbeute:
Seht, wie er einhaut und Zerstörung schafft!
Arïodant für seine neuen Leute
Zeigt sich als Urbild höchster Meisterschaft.
Die von Navarra und Kastilien schauen
Mit Furcht auf ihn, mit Staunen und mit Grauen.
[42] 60.
Chelind und Mosko, die zwei Bastardsprossen
Des toten Calabrun von Aragon,
Und einer, der durch Kühnheit Ruf genossen,
Der Held Calamidor von Barcelon,
Lassen die Fahn' und sprengen mit den Rossen
(Sie hoffen Sieg und hohen Ruhmes Kron')
Gegen Zerbin, den königlichen Recken;
Den Renner erst sie auf den Boden strecken.
61.
Tot lag das Tier, von Lanzen drei bezwungen,
Doch auf die Füße sprang Zerbin gewandt,
Von Wut der Rache gegen sie durchdrungen:
Sie legten an sein treues Pferd die Hand!
Mosko zuerst, dem unerfahrnen Jungen,
Der über ihm, um ihn zu greifen, stand,
Stieß in die Seit' er rasch des Schwertes Spitze
Und warf ihn kalt und bleich vom Sattelsitze.
62.
Als sich den Bruder wie von einem Diebe
Chelind entrissen sah, da voller Zorn
Abtun wollt' er Zerbin mit starkem Hiebe,
Doch dieser packt ihm seinen Hengst von vorn,
Reißt ihn zu Boden, daß ihm Lust und Liebe
Vergeht zu fressen Heu mehr oder Korn;
Denn also wuchtig schlägt der grimme Streiter,
Daß er den Renner tötet und den Reiter.
63.
Calamidor will rasch zur Flucht sich wenden
(Schreck bei dem Hiebe fuhr ihm ins Gebein),
Doch einen Streich weiß jener nachzusenden,
Rufend: »Halt ein, Verräter du, halt ein!«
Nicht, wie gedacht, zwar soll der Schwerthieb enden,
Mag er auch nahe seinem Ziele sein:
Den Mann erreicht er nicht, jedoch dem Pferde
Trifft er das Kreuz und streckt es auf die Erde.
[43] 64.
Der sucht auf allen vieren zu verschwinden,
Doch dem Beginnen ist kein Glück verliehn:
Zufällig muß der Herzog Traso finden,
Der überreitet und zerschmettert ihn.
Arïodante und Lurcan verbinden
Sich im Getümmel drinnen mit Zerbin.
Grafen und Ritter haben sie zu Händen,
Die für Zerbin gern einen Renner fänden.
65.
Wohl wußt' Arïodant das Schwert zu schwingen,
Und das verspürt Artalik und Morgan,
Doch Casimir und Etearch empfingen
Weit Schlimmres noch auf ihrer Kampfesbahn:
Verwundet jene zwei des Weges gingen,
Tot blieben diese beiden auf dem Plan.
Als echten Helden läßt Lurcan sich blicken,
Haut, sticht, zermalmt, weiß in den Tod zu schicken.
66.
Glaubt mir, o Herr, im freien Felde waren
Sie heiß wie hier am Flusse aneinand:
Es blieben nicht zurück die Heeresscharen,
Geführt von Lancasters, des Herzogs, Hand.
Stark griff er an die spanischen Barbaren,
Und dort so ziemlich gleich die Sache stand;
Denn Führer wußten, Fußvolk so wie Reiter,
Die Hand zu führen als geübte Streiter.
67.
Voran von York die Herrn und Gloster gehen,
Adrad mit jenen noch und Fieramont.
Richard von Warwick auch ist dort zu sehen
Und Heinrich, Herzog Clarence, in der Front.
Matlist und Follicon genüber stehen
Und was an Mannen folgt dem Baricond:
Dem ist Almeria, dem Granada eigen,
Den dritten als Majorcas Herrn sie zeigen.
[44] 68.
Die Schlacht scheint eine Zeitlang sich zu stellen:
Im Vorteil weder die noch jene sind;
Es kommt und geht in vielen Wechselfällen,
Dem schwanken Korne gleich im Maienwind
Oder am Meergestad' den flinken Wellen,
Die, auf und nieder, nahn und gehn geschwind.
Jedoch zuletzt, nach laun'schem Drehn und Wenden,
Ließ es das Glück schlimm für die Mohren enden.
69.
Der Herzog Gloster ganz zu gleichen Zeiten
Wirft aus dem Sattel Matalist jetzund,
Und Follicone läßt sich überreiten
Von Fieramont – ihm ist die Schulter wund.
Und beide scheiden aus vom scharfen Streiten,
Gefangne Englands zu derselben Stund',
Da Baricond den Geist hat aufgegeben:
Des Herzogs Clarence Hand nahm ihm das Leben.
70.
Darob die Heiden alsostark erschrecken,
Darob der Christen Kühnheit steigt und Wucht:
Bald gehn nur rückwärts noch die Mohrenrecken,
Die Reiter lösen sich gemach zur Flucht.
Das Christenheer erobert weite Strecken
Und metzelt nieder, was zu fliehen sucht.
Wenn keine Hilfe naht, ist für die Mohren
Der Tag nach dieser Seite hin verloren.
71.
Doch Ferragu, der, bei Marsil geblieben,
Dem königlichen Herrn stets nahe war,
Sah jetzt sein Heer zur Hälfte aufgerieben
Und schon zur Flucht gewendet jene Schar.
Er hat den Renner in die Schlacht getrieben,
Wo sie am heißesten; da nimmt er wahr,
Daß mit zerspaltnem Kopf vom Pferd gefallen
Olymp von Serra, der ihm lieb vor allen,
[45] 72.
Ein Jüngling, der sich rühmte, daß mit Singen
Und der geschweiften Leier Melodei
Er jedes Herz in Rührung wolle bringen,
Ob es auch härter als ein Felsen sei.
Heil ihm, begnügt' er sich mit solchen Dingen
Und ginge Bogen, Köcher, Schild vorbei,
Feindsel'gen Sinns, und krummem Schwert und Speeren,
Die ihm in Frankreich frühen Tod bescheren!
73.
Als dieses holden Jünglings Wangen bleichen,
Der seiner Seele Freude war und Licht,
Fühlt Ferragu ein Weh sein Herz beschleichen,
Wie über tausend andre Tote nicht,
Haut auf den Täter ein mit wilden Streichen
Und spaltet Helm ihm, Stirne und Gesicht:
Erst auf der halben Brust der Schwerthieb endet,
Der jenen tot hin auf den Boden sendet.
74.
Er rastet nicht, das Schwert im Kreise schwingt er.
Die Schuppe springt, und jeder Helm zerkracht;
Auf Stirnen hier, dort Wangen, Zeichen bringt er:
Kopflos wird der, zum Krüppel der gemacht,
Und Blut und Seel' aus ihren Leibern zwingt er
Und bringt zum Stehn an diesem Punkt die Schlacht,
Wo voll Entsetzen und im Angstgedränge
Ohn' Ordnung, blind, geworfen, floh die Menge.
75.
Zum Kampfe kam der König Agramante,
Dem Menschentöten jetzt am Herzen lag;
Mit Baliverz noch und mit Farurante,
Prusion und Soridan und Bambirag,
Dazu so viele andre, Unbekannte,
Von deren Blut ein See jetzt fließen mag,
Daß ich die Blätter leichter könnte zählen,
Die in der Herbstzeit an den Bäumen fehlen.
[46] 76.
Genommen hatte Fußvolk viel und Reiter
Fort von der Mauer König Agramant:
Die werden jetzt – mit dem von Fez als Leiter –
Rückwärts vom Heeresbanner ausgesandt,
Zu hemmen gilt's des Irenlandes Streiter,
Die dort in großer Eile unverwandt,
Nach vielen Windungen und weiten Bogen,
Jetzt feste Stellung einzunehmen zogen.
77.
Von Fez der König legt dies dar in Eile;
Geschadet hätte Säumnis ja hierbei.
Den Rest vereinigt Agramant derweile,
Ordnet und schickt zum Kampfe Reih' um Reih'.
Er geht zum Fluß; weil jetzt an diesem Teile,
So meint er, einzugreifen nötig sei;
Auch war von dort ein Bote hergeritten,
Um für Sobrin um Beistand ihn zu bitten!
78.
Mehr als die Hälfte von dem ganzen Heere
Führt er zurück: bloß vom Getös' und Schrein
Bebte das Schottenvolk, daß es die Ehre
Entsetzt im Stiche ließ und seine Reihn.
Gegen den Ansturm setzten sich zur Wehre
Zerbin, Lurcan, Ariodant allein.
Zerbin, zu Fuße, wäre fast erlegen;
Zum Glück sah seine Not Rinald der Degen.
79.
An hundert Fähnlein schon geflohen waren
In frührer Zeit vor seines Schwertes Wucht.
Sobald er nun die Kunde hat erfahren,
Wie schlimme Not Zerbin hat heimgesucht,
Den dort zu Fuß, umringt von Heidenscharen,
Die Seinen ließen auf der wilden Flucht,
Schnell wendet er den Renner nach der Seite,
Wo er die Schotten fliehen sieht ins Weite.
[47] 80.
Da, wo er fliehen sieht die Schottenleute,
Erscheint und: »Wohin geht ihr?« ruft der Held.
»Zeigt ihr euch denn von solcher Feigheit heute,
Daß ihr so niedrem Volke laßt das Feld?
Seht die Trophäen, seht die reiche Beute,
Die jede Schottenkirch' als Schmuck erhält!
O Lob! O Ruhm, den Königssohn zu lassen
Allein, zu Fuß, in solchen Feindesmassen!«
81.
Vom Knappen läßt er mächt'gen Speer sich geben,
Sieht Prusion und bricht zu ihm sich Bahn,
Den Alvaracken aus dem Sitz zu heben: –
Tot hingestreckt liegt jener auf dem Plan.
Dem Agribalt nimmt er danach das Leben
Und Bambirag, verwundet Soridan;
Auch dieser auf dem Platz geblieben wäre,
Allein beim Stoß zersprang der Schaft am Speere,
82.
Fusberta zieht er, als der Speer zerbrochen:
An Prusion vom Sterne geht's jetzund.
Gefeite Waffen trug er; undurchstochen,
Doch tot, vom Rosse fiel er auf den Grund.
So ward dem Schottenherzog Bahn gebrochen.
Ein großer, schöner Raum ringsum entstund.
Leicht mocht' er sich auf einen Renner schwingen
Von denen, die mit leeren Sätteln gingen.
83.
Heil ihm, daß er ein Pferd bestieg so schnelle,
(Wär' es dazu noch später Zeit? – wer weiß!)
Denn Agramant erschien mit Dardinelle,
Sobrin mit Fürst Balaster gleicherweis.
Doch er, beritten nun für alle Fälle,
Schwang voller Macht das Schwert um sich im Kreis:
Zur Hölle schickt er den und jenen Helden,
Um von modernem Leben dort zu melden.
[48] 84.
Als Herr Rinald, der stets vor Eifer brannte,
Die Schädlichsten zu finden bei dem Strauß,
Nun zu dem starken Herrscher selbst sich wandte,
Denn viel zu stolz und kühn sah der ihm aus
(Für tausend andre kämpfte Agramante),
Da spornt' er Bajard gegen ihn hinaus
Und traf ihn so, daß er mitsamt dem Pferde
Kopfüber niederstürzte auf die Erde.
85.
Derweil sie hier voll Wüten sind beflissen,
Einander hinzuwürgen in der Schlacht,
Hat Rodomont die Häuser eingerissen,
Gemordet rings und Feuersglut entfacht.
Karl sieht es nicht und kann es auch nicht wissen,
Weil er sich anderswo zu schaffen macht:
Mit Ariman und Edward kamen Briten:
Karl nahm sie auf in seiner Hauptstadt Mitten.
86.
Ein Knapp' erscheint; es beben seine Glieder,
Daß er den Atem kaum noch heben kann:
»Ach, Herr! Ach Herr!« so seufzt er immer wieder,
Bevor er andre Meldung machen kann,
»Das röm'sche Reich sinkt heut auf ewig nieder!
Christus verläßt sein Volk und sieht's nicht an.
Er soll in unsrer Stadt nicht länger bleiben:
Ein Geist kommt hergeschneit, ihn zu vertreiben.
87.
Satan will unsrer Stadt Vernichtung bringen
Und Untergang (er kann es sein allein!):
Sieh nur das Rauchgewölk empor sich schwingen!
Es hüllt die gier'gen Räuberflammen ein.
Höre das Jammern auf zum Himmel dringen!
Laß deines Knechtes Wort gesagt dir sein!
Ein einz'ger wütet dort mit Schwert und Flammen,
Und alles flieht, und alles stürzt zusammen!«
[49] 88.
Wie einer, der den Lärm erst hat vernommen
Und auch der heil'gen Glocken raschen Ton,
Eh er – nach andern – sieht die Glut entglommen,
Die ihn zumeist betrifft mit ihrem Drohn –
Hört Karl: ein neues Unheil ist gekommen,
Und mit den eignen Augen sieht er's schon.
Er lenkt den Kern von seinen Scharen allen
Hin, wo er Schrein hört und Getös' erschallen.
89.
Von Kriegervolk und Herrn, die niemand weichen,
Entbeut er eine auserlesne Schar;
Zum Marktplatz richtet er die Heereszeichen,
Weil Rodomont in jenem Teile war.
Karl hört den Lärm und sieht verstreut die Leichen,
Voll Grausamkeit zerstückelt ganz und gar. –
Nicht weiter jetzt: es möge wiederkehren,
Wer gerne mehr vernähme von den Mären.

[50] Siebzehnter Gesang

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