Willibald Alexis
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
Vaterländischer Roman

1. Kapitel. Die Kindesmörderin

[1] Erstes Kapitel.
Die Kindesmörderin.

»Und darum eben,« schloß der Geheimrath.

In seiner ganzen Würde hatte er sich erhoben und gesprochen. Charlotte hatte ihn nie so gesehen. Der Zorn strömte über die Lippen, bis vor dem Redefluß des Kindermädchens die allzeit fertige Zunge verstummte. Sie war erschrocken zurückgetreten, bis sie sich selbst verwundert an der Thüre fand; aber der Geheimrath schritt noch in der Stube auf und ab.

Charlotte hatte leise zu weinen angefangen: »Aber Herr Geheimrath, um solche Kleinigkeit!«

»Eine Kleinigkeit, die Angst besorgter Eltern um ihre Kinder! – Fünf Stunden von Hause fort ohne eine Sterbenssylbe mir zurückzulassen, und die Kleinen mitgenommen, ohne um Erlaubniß zu fragen!«

»Herr Geheimrath,« schluchzte sie, »haben nie nach gefragt, ich weiß auch gar nicht warum jetzt!«

»Schweige Sie!« fuhr der Hausherr fort. »Sie hat kein Einsehen, keine Moralität. Sie mißbraucht meine Güte. Sie muß aus meinem Hause. Es haben sich schon Viele gewundert, daß ich Sie noch behielt. Aber Sie schlägt mit Ihrer Unverschämtheit den Boden aus dem Faß. Versteht Sie mich! Ein Glück noch, daß wir vom Viertelkommissar erfuhren, daß Sie zur Excekution hinaus war, wir hätten sonst gar nicht gewusst, wo Sie geblieben war.«

»Wenn das die selige Frau Geheimräthin wüsste,« schluchzte das Mädchen, »das war eine seelensgute Frau. Und wie oft hat sie gesagt: wenn wir nicht wären, mein Mann kümmert sich gar nicht um die Kinder. Ja das hat sie gesagt, nicht einmal, hundertmal. Und haben Herr Geheimrath jetzt auch nur einmal nach den Kindern gefragt? Das eben aber sagten die selige Frau Geheimräthin: er hat kein Herz für sie! und es war eine Frau, so sanft wie die himmlische Güte, und viel zu gut für diese Welt, und wer nur ihre stillen Thränen gesehen hat, die sie Nachts vergoß, [1] und darum nahm der liebe Gott sie zu sich, und sie würde sich im Sarge umdrehen, wenn sie wüsste, daß der Herr Geheimrath mir darum solchen Affront anthun.«

Charlotte musste die schwache Seite des Hausherrn kennen. Er wandte sich um, und fuhr mit dem Taschentuche über das Auge, ob, um eine Thräne abzuwischen oder die Verlegenheit zu verbergen, laß ich ungesagt. An der Wand hing das Bild der Verewigten, in sehr abgeblassten Wasserfarben gemalt, ein eben so abgeblasster Immortellenkranz darum. Darunter hing eine andere Schilderei, eine Urne, mit einer Trauerweide. Ein Genius senkte eine Fackel. Das Bild war auf Pappe gezogen, und wenn man näher hinzusah, bemerkte man, daß in der Urne ein Medaillon angebracht war, in welchem einige blonde Haare zu einem Namenszuge sich verschlangen. Der Geheimrath nahm es heraus und drückte es an seine Lippen.

»O du Unvergessliche!« sagte er, noch einmal mit dem Tuch über die Augen fahrend. Sein Zorn war gewichen; in weicherem Tone fuhr er fort: »Aber Charlotte, wie oft habe ich Ihr gesagt, Sie soll mich nicht daran erinnern. Ein Mann in meiner Stellung darf sich nicht den Gefühlen hingeben. Aber Sie weiß das wohl, Sie braucht mich nur an die selige Gute zu erinnern, so tritt mir's in die Augen. Sie führt sich auf, als wenn Sie die Hausfrau wäre – und ist doch nur eine – Sie ist eine –«

Dem Geheimrath war jetzt wirklich etwas in die Augen getreten, was er daraus fortzuwischen suchte, und darüber in Heftigkeit gerieth. Es war der dicke Staub aus der Schilderei, als er das Medaillon mit Gewalt wieder in seine Umfassung zu drücken bemüht war. Je mehr er im Aerger darauf schlug, so dichter puderte es ihm ums Gesicht. »Aus dem Haus muß Sie, daß Sie's weiß,« schloß er, mit den Augen beschäftigt, aus denen jetzt wirkliche Thränen, aber der Rührung, sich pressten.

»Ja, Herr Geheimrath, das werde ich auch, sobald Sie es befehlen,« sagte Charlotte, die ihrerseits die Ruhe wieder gewonnen hatte. »Denn ich kenne meine Schuldigkeit. Aber erst werde ich vors Hallesche Thor gehen, aufs Grab der seligen Frau Geheimräthin, und die Kinder nehme ich mit. Da werde ich mit ihnen weinen, und sie sollen die kleinen Hände falten und ihre Mutter bitten, daß sie ihnen einen lieben Engel vom Himmel schickt, der sie in Schutz nimmt. Denn wissen Sie noch, Herr Geheimrath, wie die selige Frau Geheimräthin auf dem Todtenbette lagen! Kreideweiß das Gesicht! Ach Jesus, was wird aus meinen Kindern! ja das hat sie gesagt!«

»Charlotte!« sagte der Geheimrath, »Sie weiß, daß ich meine selige Frau innigst geliebt habe, aber die Welt gehört den Lebendigen, sagt der Dichter, und die Todten soll man ruhen lassen.«

[2] »Die selige Frau Geheimräthin sollen wohl Ruhe haben, wenn sie aus dem Grabe sehen, wie's hier oben zugeht! Die Frau Geheimräthin, Ihre Schwägerin, kommt auch nicht so oft ins Haus. Aber ich werde mich wohl hüten, und mir die Zunge verbrennen wie damals und sagen was ich denke. Aber was die selige Frau Geheimräthin denkt, wenn die Geheimräthin Schwägerin den Kleinen Zuckerbrod bringt und sie über den Kopf streichelt, das weiß ich.«

»Meine Schwägerin ist eine sehr respektable Frau, Charlotte.«

»I Herr Jesus, wer redet denn auch gegen sie? Aber den Blick vergeß ich nicht, auf ihrem Todtenbett, wie die selige Frau zurückschauderte: Ach wie sieht sie die Kinder an! sagten sie, nämlich die Frau Geheimräthin auf dem Todtenbett. Und so riß sie die Kinder an sich und dann sagte sie: Ach sie hat so spitze Finger!«

»Das waren Visionen, sie war im hitzigen Fieber.«

»Aber die Frau Geheimräthin Schwägerin verknifften ordentlich den Mund und sagten: Mein Gott, als ob ich mich um die Bälger risse! Und dann sagte die Sterbende, und da war sie nicht mehr im Fieber: die Charlotte, die hat wenigstens ein weiches Herz! – und da hatte die Selige recht, und ich habe die Kinder lieb gehabt, als wenn's meine eigenen wären, und wenn's nicht die Kinder wären, i da wäre ich ja schon längst aus dem Hause, wo man so mit mir umgeht.«

Dem Geheimrath schien unangenehm zu Muthe zu werden, da Charlotte in einen Thränenstrom ausbrach, der nicht mehr zu stillen schien.

»Es war ja auch nicht so gemeint,« sagte er endlich, – »Sie soll ja nicht auf der Stelle fort, ich meinte nur –«

»Es werden sich schon Andere finden, – o das weiß ich, – ich weiß auch wer. Und wenn die Selige das von oben sieht, wie die Schwägerin mit ihren spitzen Fingern die Kleinen liebkost, dann wird sie Nachts vor des Geheimraths Bette treten, und was sie ihn dann fragen wird –«

»Halte Sie doch das Mau –! Charlotte – liebe Charlotte, Sie ist echauffirt.«

Das Kindermädchen war echauffirt, es ließ sich nicht in Abrede stellen. Es waren auch Gründe dafür.

Aber der Geheimrath liebte nichts Echauffirtes, nämlich wenn es ihn in seiner Ruhe inkommodirte. Er suchte sie zu beruhigen; er erklärte die Kündigung für eine Aufwallung, ein Echauffement. Indem er sagte, solche Dinge müsse man bei kaltem Blute überlegen, schob er den Stein des Anstoßes etwas weiter auf den Weg.

Da schien ein Friede geschlossen, wenigstens ein Waffenstillstand; Charlotte weinte nur noch still, der Geheimrath seufzte und mochte [3] wieder an Anderes denken, als er sich erkundigte, was denn die Kinder machten? Gleich darauf fiel ihm noch etwas anderes ein.

»Aber, Charlotte, sage Sie, wie kam Sie nur darauf, und mit den Kindern! vors Thor zu laufen, dahin! Eine Hinrichtung ist ein unmoralisches Vergnügen, habe ich Ihr das nicht oft vorgestellt, es ist gegen die Humanität, ein Schauspiel, woran nur der rohe Pöbel Vergnügen finden kann.«

»Sie haben schon ganz Recht, Herr Geheimrath, aber Sie hätten die Person sehen sollen, die Marianne; ganz schlooseweiß war sie, vom Kopf bis zum Fuß, und wie sie die Augen niederschlug, die Hände hielt sie so vor sich gefaltet! Und der Herr Prediger saß neben ihr, und noch oben sprach er mit ihr, und dann küsste sie ihm die Hand und knixte noch einmal vorher gegen uns Alle. Und die vornehmsten Herren in Thränen. Ach Herr Geheimrath, es war Ihnen etwas, ich sage Ihnen, es ging einem durch Mark und Bein, und Manche dachten, ach wenn du doch auch so sterben könntest, so den Herrn Prediger neben sich und ganz weiß, und Blumen, und die Putzmacherin, Mamsell Guichard an der Stechbahn, hatte ihr ein Tuch mit Spitzen geschenkt und die vornehmsten Personen weinten. Und ich habe sie auch gekannt die Marianne, und eyedem war sie keine schlechte Person.«

»Sie hat mir davon erzählt. Aber nun ist sie eine Kindesmörderin.«

»Und das ist schlecht von ihr, Herr Geheimrath; das wird auch kein Mensch abstreiten. Und wir haben's ihr alle vorhergesagt. An solchen Kerl sich zu hängen! Er war noch nicht einmal königlicher Stallknecht, da konnte er noch lange dienen. Und wenn er's geworden, ob er sie dann geheirathet hätte! Wenn's denn doch einmal sein sollte, wär's nur ein anständiger Herr gewesen, sagte ihre Tante. Der hätte doch fürs Kind bezahlt, und wenn er nicht wollte, da ist das Stadtgericht! Das weiß ich ja von meiner Cousine. Heirathen oder bezahlen! sagten der Herr Präsident. Da hat er auch gezahlt jeden Ersten, der Herr Hoflackirer, und wenn's bis zum Dritten nicht da war, auf der Stelle Exekution, jeden Monat. Beim zweiten hat er sich gar nicht erst verklagen lassen. Gleich gezahlt, o 's ist ein sehr reputirlicher Herr, das muß man ihm nachsagen, und wenn's dritte kommt, wer weiß, ob sie dann nicht schon unter der Haube ist. Denn seine Alte wird's ja nicht mehr lange machen, die hat er nur mit dem Geschäft geheirathet. Und warum sollte er sie nicht ins Haus nehmen? Ist ja sein purer Profit. Er kommt viel wohlfeiler fort, als wenn er Alimente zahlen muß. Aber ein Begräbniß wird er seiner Alten ausrichten – na, da könnte sich mancher Geheimrath schämen. Nein, das muß man ihm nachsagen, lumpen lässt sich der Herr Hoflackirer nicht; [4] ist ein sehr reputabler Herr. – Und, wie gesagt, hübsch war die Marianne, so blaß und schön, und das Kind, blutroth hat's wie 'ne Schnur um den Hals gehabt.«

»Und meine Kinder hat sie mitgenommen. Die unschuldigen Würmer! Sie Person Sie!«

»Aber Herr Geheimrath, ich weiß auch nicht, wie Sie mir vorkommen. Es ist ja nur, daß die Kinder es einmal gesehen haben. Das ist ja fürs ganze Leben. So was kriegen sie nicht wieder zu sehen. Es soll ja kein Mensch mehr hingerichtet werden.«

»Wer hat Ihr das wieder vorgeschwatzt?«

»Sie können's mir ganz gewiß glauben, Herr Geheimrath. Das ist die letzte Hinrichtung, hat der König gesagt. Und sie haben ihn beinah zwingen müssen, daß er nur die Feder in die Hand nahm. Die junge schöne Königin hat geweint. Und da hat er sie gefragt: Aber Louise, warum weinst Du denn? Denn unter sich sagen sie immer du! und es kommt Einer zum Andern, ohne daß die Kammerherren anklopfen und sie melden, und darüber ist die Hofmarschallin, die alte Gräfin Voß, ganz aufgebracht. Aber das thut nun nichts. Es wird Alles noch ganz anders werden, sagen sie; und gar nicht wie beim Dicken. Die Livreen werden auch anders. Und alle Menschen sollen Brüder sein, und alle Frauenzimmer Schwestern ...«

Der Geheimrath intonirte, wie durch eine Erinnerung geweckt, plötzlich das Lied, indem er mit den Fingern auf dem Knie den Takt schlug:


»Wir Menschen sind ja alle Brüder.

Vereinigt durch ein heilig Band,

Du Schwester mit dem Leinwandmieder,

Du Bruder mit dem Ordensband!«


Das Kindermädchen warf einen schlauen Blick: »Gestern hinterm Gitterfenster auf dem Hofe – da sangen's Herr Geheimrath viel lauter.«

Die Erwähnung schien dem Geheimrath unangenehm: »Das versteht Sie nicht. Es ist allerdings gegen die Humanität, einen Menschen ums Leben zu bringen. Aber, wie gesagt, das versteht Sie noch nicht, und das ist nur unter uns, und wie sollten wir denn die Spitzbuben los werden und die atrocen Menschen. Laß Sie sich also so was nicht einbilden, und die Königin –«

»Ja, Herr Geheimrath, die Königin, das weiß ich expreß von Jemand, der es weiß, vom Commissar die Köchin, die hat beim Doktor, der die Hoflakaien kurirt, vorher gedient, und da hat sie's von der Mamsell, die beim Hofmarschall ist, mit eigenen Ohren gehört, zum König hat sie's gesagt, die Königin, sie könnte ihm ja keinen Kuß geben, weil seine Hände voll Blut wären, und nur [5] diesmal, hat er gesagt, hätte er's thun müssen, weil's eine Kindesmörderin wäre, nämlich von wegen des Beispiels, weil's sonst Alle thäten. Aber dann soll Keiner mehr geköpft werden, und dies ist das letzte Mal, und darum verdienten's wohl die Kinder, daß ich sie hinführte, denn es soll auch gar kein Blut mehr fließen, und kein Krieg mehr sein, auf der ganzen Welt nicht, und der König hat's gesagt.«

»Aber sage Sie mal, Sie ist doch eine vernünftige Person« – der Hausherr war aufgestanden, um ihr zu beweisen, daß sie diesmal unvernünftig sei. Das ist überall eine schwierige Aufgabe, wo die Person, welcher man es beweisen will, sich für vernünftig hält. Sie musste überdem eine gute Royalistin sein; denn auf die Vorstellung des Geheimrathes, daß so etwas gar nicht in des Königs Macht stehe, ja nicht in des Kaisers, auch nicht in der Macht des großen Feldherrn und Konsuls der Franzosen, erklärte sie, wozu denn ein König wäre, wenn er das nicht mal könne! Der König könne aber noch weit mehr, wenn er nur wolle; es gäbe aber Personen, die viel klüger sein wollten, als der König, und alles besser wissen und machen, und sie wisse auch, was sie gehört, und könnte manches sagen was Mancher nicht gern hörte. Und wer nur gestern Abend sein Ohr aufgehabt hätte im hintersten Hofe und unterm Gitterfenster gehorcht, was die Gefangenen gesungen. Davon könnte manches Vögelchen Lieder singen, die Manchermann gar hässlich klingen würden!

»Sie unverschämtes – ich glaube gar, Sie hat getrunken!«

»Ich getrunken! Habe ich das um den Herrn Geheimrath verdient, als ich gestern Abend gar nicht sah, wie Sie die Treppe herauskamen, die kleine Hintertreppe, und nicht wussten, wo die Thür war? Ich getrunken! Ein Glas Weißbier setzten mir der Herr Wachtmeister von Prinz Louis-Dragonern vor, und das trank ich, der Kinder wegen, denn wir waren außer Athem, weil die Leute so grausam drängten, und so hob der Herr Wachtmeister die Kinder über die Lyceumshecke, und ich quetschte mich durch die Hecke, und da sagte der Wachtmeister, ich sollte erst einen Pomeranzen mit ihm über die Lippen nehmen, weil ich so echauffirt wäre. Das kann der Wirth im blauen Himmel bezeugen; der sagte, wir zerträten ihm seine Hecke und er war betrunken. Aber wo wären wir alle, und die lieben Kinder, die schrien, daß es ein Gotts Erbarmen war; aber der Wachtmeister gab's dem Wirth, daß er mäuschenstill ward. Ich hätt's nicht gerathen, mit dem anzufangen. Er hat die Rheincampagne mitgemacht und trägt noch eine Kugel in der Schulter, Alles für seinen König! sagt er, und wenn Friede bleibt, kriegt er eine Civilanstellung.«

Es war eine Veränderung in dem Geheimrath vorgegangen. [6] Von Zorn keine Spur mehr in seinem Gesichte, als er aus der emaillirten Dose ein lange Prise Spaniol nahm, und mit dem Battisttuch den Tabak, der sich ausgestreut, von den Kleidungsstücken abklopfte, und »Ja, ja, so geht's in der Welt!« sagte. Man sah, zwischen Beiden hatte ein langer Verkehr eine Verständigung hervorgebracht, die gewissermaßen in hieroglyphischen Ausdrücken sich Luft machte. Und Jeder verstand den Andern. Offenbar war er an etwas erinnert worden, was er nicht liebte, und ebenso offenbar, daß Charlotte auf einen andern Gegenstand übergesprungen war, entweder, um ihm die Verlegenheit abzukürzen, oder weil dieser Gegenstand für sie einen Zweck hatte.

Und doch schien der Geheimrath nicht recht zu wissen, was er sagen sollte, indem er mit einem Finger um den andern ein Rad schlug. »Ja, sieht Sie, Charlotte,« sagte er, »wer das wüsste, ob Friede bleibt, oder's wieder losgeht. – Und hat Sie auch das bedacht, ein Kavallerist riecht immer nach dem Stall« – wollte er sagen, oder hatte es gesagt –

2. Kapitel. Die Geheimräthin mit den spitzen Fingern

Zweites Kapitel.
Die Geheimräthin mit den spitzen Fingern.

– Als die Seitenthür aufging, und die Geheimräthin Schwägerin hereinrauschte.

Rauschte, sage ich, denn ihr hellseidenes Kleid, obgleich die Schleppe abgeschnitten, bauschte noch immer in reichen Falten hinter ihr.

»Ich hoffe doch nicht zu derangiren,« sagte die Dame, als der Geheimrath in einiger Verlegenheit aufsprang, und die Spanioldose auf die Erde fiel. Wenn sich Charlotte in Verlegenheit gefühlt, fand sie Gelegenheit, sie zu verbergen, indem sie die Dose auflangte, und mit dem zusammengefegten Tabak in der Schürze das Zimmer verließ.

»Wie kann meine theure Frau Schwägerin mich überraschen!« sagte der Ueberraschte.

»Die Ueberraschung ist nicht ganz meine Schuld, denn der Herr Schwager hörten in dem konfidentiellen Gespräch, was ich zu meinem Bedauern stören musste, nicht mein Klopfen. Da musste ich endlich, ohne auf die Invitation zu warten, eintreten, denn ich liebe nicht das Lauschen.«

Er drückte in verbindlicher Weise ihre Finger an die Lippen und führte sie auf das Canapé.

Ob die Finger besonders spitz waren, kann ich für jetzt nicht sagen, denn sie waren in Tricothandschuhen versteckt, und während [7] die eine Hand an den Lippen des Geheimraths ruhte, umfasste die andere den Fächer, um das Spiel zu beginnen, was bei einer Konversation auf dem Canapé nothwendig ist.

Aber das ganze Gesicht war, was man spitz nennt. Vielleicht hätte man auch die kleine Gestalt der Dame so nennen mögen, indeß war ein Etwas darin, entweder nenne ich es Anmuth oder Elasticität, was diesen Eindruck verwischte, Alabasterarbeit hätte ein Dichter oder Künstler gesagt, der erst der Hauch des Gedankens oder Gefühls Farbe und Bewegung giebt. Weder jung noch alt, weder schön, noch eigentlich hübsch, konnten doch ihre dunkeln kleinen beweglichen Augen, wenn sie aus den blonden Augenbrauen besondere Blicke schossen, anziehen. Es war schwer zu sagen, wovon diese Blicke sprachen, ob von Verstand, Gefühl, Sinnlichkeit, ob sie stachen, suchten, lockten, ob sie aus einer beglückten oder zerissenen Brust kamen. Sie konnten einen sehr verschiedenen Glanz annehmen, nur nicht den der ursprünglichen Wahrheit, jenen Glanz, der auf den ersten Blick einnimmt und überzeugt. Man sah in diesen Augen, daß sich die Gedanken und Gefühle erst sammeln mussten, um ihrem Blick den Ausdruck zu geben, den sie wollte. Es war überhaupt etwas Besonderes in der Frau; es lag in ihrem Wesen Ruhe und Unruhe. Man konnte sie in diesem Augenblick für sehr bedeutend, im nächsten für ein gewöhnliches Weib halten. Ihre Kleidung war einfach aber gesucht; zwischen der zu Grabe getragenen Rokokomode und dem griechischen Ideal, das Mode geworden. Kurze eng anschmiegende Aermel, ein weit ausgeschnitten Kleid mit kurzer Taille, die eine rosaseidne Schärpe noch mehr hervorhob, aber ein Ueberwurf um die Schultern und die langen Handschuhe suchten die Entfaltung der griechischen Nacktheit wieder zu verbergen.

Der Geheimrath entschuldigte sich wegen seiner Toilette. Er hatte Ursache. Die Geheimräthin sagte lächelnd, sie hätte für dieses Aeußerliche keinen Sinn. Aber während er seine Füße in den Pantoffeln zu verstecken suchte, ohne sich doch der Bemerkung enthalten zu können, daß er sich von ihnen nicht trennen könne, weil sie noch von seiner seligen Frau gestickt wären, verbarg die Geheimräthin keineswegs ihre sehr zierlichen Füße auf dem Schemel, als sie mit der sanften, fast süßen Stimme, durch die nur zuweilen ein seiner, schneidender Ton fuhr, sagte:

»Man muß gestehen, daß der Herr Schwager die Treue gegen die selige Geheimräthin bis zum Exceß kultiviren.«

»Und wie geht es denn meinem theuern Bruder, dem Geheimrath?« seufzte er. »Wir haben uns so lange nicht gesehen. Ach Gott, wir Geschäftsmänner!«

»Er ist in seinen Büchern vergraben.«

»Er kultivirt nicht das Leben,« fiel der Hausherr ein. »Ich [8] hatte immer gehofft, daß eine so spirituelle Frau ihm einen Elan geben würde.«

»Passons là-dessus,« sagte die Geheimräthin, mit einer eigenthümlichen Bewegung des Fächers. »Ich begreife freilich zuweilen nicht, warum eigentlich die Männer auf der Welt sind, die sich nichts aus ihr machen. Aber ich bin gewissermaßen in seinem Auftrage hier.«

»Von einem Gelehrten wie er weiß ich diese Attention zu schätzen. Warum musste er aber neulich wieder ablehnen? Zu einer einfachen Suppe, à la fortune du pot, ein Paar gute Freunde nur.«

»Lupinus sagt, er verdirbt sich bei Ihnen immer den Magen.«

»Scherz, Scherz! Spanische Suppen kann ich freilich nicht vorsetzen, auch ist mein Malaga, mein Hochheimer, kein Falerner. Nichts als was ein armer Mann bieten kann. Müssen uns alle nach der Decke strecken, aber herzlich gegeben und – gut gekocht.«

»Wenn Ihre Charlotte will, kocht sie trefflich,« sagte die Geheimräthin mit einem jener Blicke, von denen wir sprachen – »Sie werden sich schwer von ihr trennen können,« setzte sie langsam hinzu. »Sie wer den sich vielleicht nie von ihr trennen wollen.«

Der Blick und die Beobachtung hatten für den Geheimrath etwas, was ihn aus seiner Ruhe brachte.

»Liebste Schwägerin, in meiner Lage – in meinen Dienstverhältnissen, begreifen Sie, muß ich dann und wann kleine Diners arrangiren – man muß sich Freunde – man muß die Gönner warm halten. Einer hilft dem Andern. Es geht einmal nicht anders.«

»Das begreife ich vollkommen,« sagte die Schwägerin mit dem gedehnteren Tone, »aber zu Ihren Diners bestellen Sie ja die Schüsseln beim Koch Corsika.«

»Das wohl, in der Regel wenigstens, – indessen –«

»Essen Sie auch gern zu Hause gut. Und damit Sie immer gut gekocht bekommen, ist Ihnen darum zu thun, daß Charlotte immer bei guter Laune ist. Der Kalkul ist richtig, nur verdenken Sie es Ihrer Familie nicht, wenn sie einen andern macht –«

»Welchen, meine verehrteste Schwägerin?«

»Mon beau-frère,« sagte die Geheimräthin, mit dem Fächer einige kurze bedeutungsvolle Schläge durch die Luft führend, »die Familie hofft, daß Sie ihr nicht den Chagrin anthun werden, die Person zu heirathen.«

Der Geheimrath wurde roth, aber nicht sehr, er klatschte mit beiden flachen Händen auf die Kniee und seufzte: »Ja – man wird doch auch mit jedem Jahr älter. Und eine Pflege wie ich sie nur wünschen kann.«

»Herr Geheimrath, aber eine Mesalliance!«

[9] »Mais, ma belle soeur! Adam war unser Aller Vater. Neulich am Klavier, ich hätte meine Schwester embrassiren mögen, Sie sangen es zu allerliebst:


Als Adam grub und Eva spann

Wer war denn da – der erste Geheimrath?«


Er begleitete es durch ein angenehmes Gelächter.

»Es ist also vollkommener Ernst!«

»Ernst, theuerste Schwägerin! Ich hielt' es für einen deliciösen Scherz, wenn es von der Kanzel stürzte: Der königliche Herr Geheimrath Lupinus mit der ehrsamen Jungfrau Charlotte Philippine, Katharine, Tochter des ehrbaren –, was weiß ich, wer ihr Vater war, wenn sie einen hat. Ma belle soeur, wie hätten sie die Köpfe zusammen gesteckt, wie wären sie aus dem Dom gestürzt! Diese Gruppen unter den Pappeln, Nachmittags die Kaffeeklatsche. Und nun denken Sie sich, Schwägerin, Charlotte und ich im Wagen und unsre Vorfahrvisiten! Vierzehn Tage kein ander Gespräch. Und das Hochzeitmenuett! Sanft gebannt – an ihre Hand – durchs Leben – schweben!«

Die Dame war sehr ruhig geworden: »Mais, mon beau-frère, warum haben Sie es aufgegeben?«

»Mon Dieu, wer sagt Ihnen, daß ich es aufgab!«

»Ein witziger Einfall, über den man nachdenkt, ist keiner mehr.«

»Es geht doch nichts über einen sublimen Verstand. Ich werde mich hüten, sie zu heirathen.«

»Ich bin jetzt ganz getröstet, wenn Sie es thun. Wirklich, lieber Schwager. Die Person hat gute Eigenschaften und Ihre Erziehung –«

»Wenn ich sie heirathe, ist die Erziehung aus,« zischelte er ihr laut ins Ohr. »Sobald der Hochmuthsteufel in sie schießt, kocht sie nicht mehr, pflegt mich nicht mehr. Kurzum sie ist nicht mehr was sie ist, und darum müsste mich ja der – Excus! wenn ich meine gute Charlotte aufgäbe, um eine schlechte Geheimräthin draus zu machen. – Man wirft so gemüthliche Redensarten hin, möglich, es könnte sein – wenn nur nicht das und das wäre, wünscht ihr den besten Mann, aber klopft ihr auf die Schulter, sich nicht zu übereilen, es würde sich wohl noch alles anders und besser finden, als Mancher denkt. Et caetera.«

Nach einer Pause, während sie auf ihre spitzen Finger gesehn, sagte die Geheimräthin: »Aber die Person ist auch klug. Sie merkt es. Lieber Schwager, kein Mann ist so klug, daß nicht eine Frau, die er beständig um sich hat, ihm die schwache Stunde abmerkt. Schlingen sind nun einmal die Waffen unserer Schwäche; es ist [10] in der Natur. Entweder entschließen Sie sich und heirathen sie, oder brechen Sie schnell.«

»Das kann ich nicht, c'est absolument impossible! 'S ist wahr, Corsika kocht gut, 's kocht keiner so in Berlin. Das heißt en general – mais –! Was hilft mir das, wenn die Gäste fortgehen und sagen: es war alles recht fein, aber man weiß von nichts besonderm zu sprechen, nichts hat einen Eindruck hinterlassen. Das ist gleichsam ein verlorener Tag. In der Charlotte, verzeihen Sie mir, ist ein Genie. 'S ist nicht zu leugnen, Manches verdirbt sie, aber plötzlich mit einem Elan hat sie eine Komposition gefunden, parbleu! Erinnern Sie sich noch des Rebhühnerfricassés mit farcirten Trüffeln! Da war doch nur eine Stimme. Noch acht Tage drauf, als wir bei Excellenz Schulenburg-Kehnert am Tisch saßen, sprach Lombard davon. Sein Koch hat's versucht, der Englische Gesandte auch, es schickten noch mehrere ihre Köche. Warten Sie – ça ne fait rien. Es hat's Keiner rausgekriegt. Und wär's auch nur um Lombards Willen. Es war ein glücklicher Tag, als er mir beim Abschied die Hand drückte. Ich weiß es, Lombard hat viele Feinde, aber in der Freundschaft und – und in gewissen Ideen hat er eine gewisse constance, persévérance. Man kann wohl sagen, 's ist ein Mann von einem nobeln Esprit, ein Mann comme il faut.«

»Schade, daß Lombard verreist ist,« sagte die Geheimräthin, »ich meine schade für Sie.«

Es war wieder ein so eigener Ton, eiskalt und bitter wie der Blick, der den Geheimrath traf – und sie brach so scharf ab, daß die Wärme und Gemüthlichkeit, welche die Erinnerung der Trüffeln und Rebhühner angeregt, plötzlich gedämpft war.

»Mein Gott, belle soeur, Sie kommen –«

»Von meinem Mann geschickt. Was ist denn das mit den Gefangenen in der Vogtei, und den eingeschmissenen Fensterscheiben? Mein Mann hofft, daß Sie dabei außer dem Spiele sind.«

Wir wissen, daß diese Erinnerung für den Geheimrath zu den unangenehmen gehörte. Die Rosenlinien der Freude verzogen sich auf seinem Gesicht in graue Runzeln. Er schlug auch etwas die Augen nieder.

»Ma belle-soeur wissen, daß ich immer ein Herz habe für die Leiden der Menschheit. Was an mir ist, thue ich, um das Schicksal der armen Gefangenen zu erleichtern.«

»Sie sollen unerhörte Freiheiten genießen. Neulich bei Präsident Kircheisen ward behauptet, sie kämen Abends frei zusammen und spielten Hazardspiele, ja Einer hielte förmlich Bank.«

»Um die Humanität zu fördern drücke ich ein Auge zu. Die inneren Thüren lassen sie sich zuweilen aufschließen. Es ist nicht [11] gut, daß der Mensch allein sei, und unter Gottes Himmel sind wir Alle –«

»Und zwischen den Mauern der Vogtei!« fiel die Geheimräthin ein. »Gestern Abend –«

»Sehn Sie, theuerste Schwägerin, da hatte ich eine rechte Freude. Sie schickten eine Deputation an mich mit der Bitte, ihnen eine kleine, gewissermaßen religiöse Celebration zu gestatten. Da morgen, als heute, ein menschliches Mitwesen, eine irrende Schwester, gewaltsam aus dieser Welt gerissen werden sollte, wollten sie den Abend nicht ohne stille, ich möchte sagen sympathetische Betrachtung hingehen lassen. Ich war wirklich gerührt über dieses Zeichen edler Empfindung unter meinen Kindern, wie ich sie gern nenne.«

»Sie waren also selbst bei dem – sogenannten Festin?«

»Sie erzeigten mir die Ehre mich einzuladen. Ach, aber so bescheiden. Und ich versichere Sie, ich fand eine Stimmung, die einer Kirche Ehre gemacht. Und die Arrangements so sinnreich und einfach. Der Regimentsquartiermeister, der bei der Lichtenau da im Marmorpalais als Dekorateur und Maschinist gearbeitet hatte – ein unglücklicher Mensch, er mag geirrt haben, wer irrt nicht! – konnte um lumpige 10,000 Thaler die Quittungen nicht aufweisen! Lieber Gott, wenn man für Alles Quittungen verlangte, was zur Zeit der Comteß Lichtenau ausgegeben ist! Ein charmanter Mann sonst, sage ich Ihnen, von so philosophischer Ruhe. – Das kleine Zimmer war griechisch drapirt, et aussi un peu gothique. Hinten ein Opferaltar; in Spiritus brannten die Flammen empor zu dem Triangel, aus welchem das Auge der Allwissenheit auf uns herabblickte. Der Rendant vom Salzsteueramt –«

»Der in Hamburg ergriffen ward, als er sich einschiffen wollte?«

»Ein Opfer der Mißverständnisse. Er hatte die beste Absicht, von London aus den kleinen Irrthum auszugleichen, – sonst ein Mann von Charakter, sublimen Ideen, ist auch Maçon. In einem weißen Talar, eine Binde um die Stirn, hielt er eine Rede; ich wünschte, Sie hätten sie gehört; wie ließ er die irrende Schwester beten! Ach aber, wie das kleine Kind, das der Mutter voraufgegangen, die Arme ausbreitete und im Namen der Allmacht sprach: Mutter, Dir ist vergeben! die Seligen warten auf Dich! – da blieb kein Auge trocken.«

»Und nachher haben sie getrunken?«

»Die Gesellschaft hatte einige Flaschen besorgt. Das Herz schloß sich unwillkürlich auf. Man durfte sich doch nicht lumpen lassen. Ich ließ ein Dutzend Hochheimer bringen. Ich sage Ihnen, diese Empfindungen, die sich da aufschlossen! Da war doch kein böser Gedanke, nichts als die reinste, allgemeine Menschenliebe, und wäre nicht der verlorene Mensch, der Sohn des Geheimraths Bovillard, [12] dazwischen gekommen, so wäre auch alles ganz gut abgelaufen.«

»Lässt ihn der Vater noch immer einsperren?«

»Nein, er sitzt jetzt wegen des letzten Skandals mit dem Gensdarmerie-Offizier. Dieser Taugenichts verdirbt mir eigentlich die Harmonie in meiner Gesellschaft. Indessen man hat doch Rücksichten wegen des Vaters.«

»Gewiß, und sehr ernste.«

»Und unser Hofrath Süßring, Sie kennen den exzentrischen Kopf. – Bös ist er nicht, nur wenn er etwas im Kopfe hat. Ich vergaß Ihnen zu sagen, man war so froh geworden, man sah das Opferfeuer brennen. Man wollte sich daran wärmen. Man machte den Vorschlag, an der Flamme das Getränk der Freiheit zu brauen, das aromatische der Engländer, das unser Schiller so herrlich besungen hat –


Vier Elemente, innig gesellt!«


»Man kochte eine Bowle Punsch, das weiß ich auch, und sehr starken.«

»Süßring, der eigentlich in Glatz sitzen soll, aber er ist kränklich und kann die freie Bergluft nicht vertragen. Belle-soeur wissen ja, durch welche Konnexionen – und er ist auch eigentlich unschuldig. Es war nur der Punsch. Sprang er plötzlich auf den Tisch –«

»Und hielt eine seiner bekannten republikanischen Reden.«

»Es sollten keine Kerker und Festungen mehr sein, die Eisenstäbe sollte man zerbrechen und die Schwerter auch, und als er das Lied sang und wir einfielen:


Allen Sündern soll vergeben

Und die Hölle nicht mehr sein!«


»Da schmissen sie mit den Gläsern die Fenster ein.«

»Nein, da sprang Bovillard erst auf den Tisch. Den eigentlichen Zusammenhang weiß ich wirklich nicht mehr, aber in seiner Barocksprache rief der tolle junge Mensch: wenn wir die Hölle zerstörten, wo wir denn bleiben wollten! Nun, ich sage Ihnen, einen Gallimathias plein de romantique, daß uns Hören und Sehen verging.«

»Ich glaube Ihnen wirklich, daß Sie beides nicht mehr konnten.«

»Durch die Unart dieses einen einzigen Menschen ward uns ein Abend gestört – meine Schwester, das Menschenleben ist nicht reich an solchen Abenden voll Harmonie der Seelen. Und der Mond stand draußen und schien so friedlich durchs Gitterfenster.«

»Der Mond wird auch vermuthlich stehen geblieben sein,« [13] sagte die Geheimräthin aufstehend, »wo blieben denn aber der Herr Schwager?«

Sie machte Miene zum Gehen und er beugte sich, um wieder ihre Hand an die Lippen zu führen: »Homo sum, nil humani a me alienum puto, sagt Terenz, theuerste Schwägerin. Fragen Sie meinen Bruder, was das heißt. Im Uebrigen – abgeschüttelt!«

»Meinen Sie, Geheimrath? In der Stadt ist man anderer Meinung. Man spricht davon, daß Sie die Ihnen obliegende surveillance über die Gefangenen schlecht beobachtet.«

»Man hat schon viel über mich gesprochen. Qu'importe!«

»Wenn man aber auch bei Hofe davon spricht. Auch im Palais. Auch wenn der König entrüstet ist. Auch wenn Kabinetsrath Beyme auf der Stelle an den Justizminister schreiben müssen, daß die Sache untersucht wird. Herr Schwager, es ist kein Spaß, warum ich hier bin, es handelt sich um Ihre Existenz.«

Der Geheimrath war zusammengefahren wie die Sinnpflanze bei der menschlichen Berührung. Sein Gesicht war blaß, seine Vollmondswangen schienen wie welk herabgesunken. Er öffnete die Lippen und wollte sprechen, aber die Zähne, die in eine unwillkürliche Berührung geriethen, stammelten nur die Formel: »Mein allerdurchlauchtigster König, mein allergnädigster König und Herr!«

»Ist eine Natur, die wir Alle eigentlich noch nicht kennen, aber in gewissen Dingen hat er sich außerordentlich streng gezeigt.« So sagte die Geheimräthin Schwägerin, die ruhig vor dem Zerknickten stand.

Der Geheimrath stammelte noch etwas von geheimen Feinden, und nachdem er einige Schritte gethan, fiel er auf seinen Armsessel.

»Von Feinden weiß ich nichts,« sagte die Schwägerin, »im Gegentheil, Sie haben sich viele Freunde durch Ihre Diners gemacht, und es trifft sich nur sehr unglücklich, daß Lombard nach Frankreich ist. Aber sich in den Sorgenstuhl zu werfen, ist nicht Zeit, mon beau-frère! Ihre Freunde können wenig, Sie müssen selbst etwas thun, und auf der Stelle. Ihr Zopf ist noch gut, die Frisur passirt für den Abend. Werfen Sie sich in Ihr Habillement.«

»Mein Gott, doch nicht zu Seiner Majestät!« rief er aufspringend und rang die Hände.

»Auch nicht zum Justizminister. Ich rathe Ihnen auch nicht, Haugwitz zu inkommodiren. Aber zu Bovillard müssen Sie. Schnell, schnell, Herr Geheimrath. Er vertritt Lombard beim Minister Mein Mann hat schon etwas vorgearbeitet.«

»Zu Bovillard! ja, zu Bovillard! Aber, mein Gott, was wird er sagen!«

»Wenn Sie von seinem Sohne sprechen, wenn Sie auf ihn die Schuld schieben wollen, würden Sie alles verderben. Sie [14] müssen ihn ganz ignoriren. Verstehen Sie mich; diese Schonung kann nur den Vater gewinnen, denn Vater bleibt er. Daß er von ihm erfahren soll, überlassen Sie Andern. Sie exkulpiren sich nur für sich. Das Wie überlaß ich Ihrem Genie, wie Sie jetzt Ihrer Toilette.«

Sie war hinausgerauscht und der Geheimrath wankte nach seinem Kleiderschrank.

3. Kapitel. Eine Heimfahrt

Drittes Kapitel.
Eine Heimfahrt.

Die Geheimräthin stieg die Hintertreppe hinab, auf der sie gekommen. Sie ging langsam, oft, schien es, in Gedanken versinkend.

Auf dem Podest blieb sie stehen, von wo man einen Blick durch ein Wandfenster in die Küche hat. Charlotte spielte mit den Kindern, oder vielmehr die Kinder spielten mit Charlotte. Sie zupften sie vom Herde fort. Malwine wollte ihr etwas ins Ohr sagen, derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den Herd und schüttete die Salzmetze in die Kasserolle. Malwine fing plötzlich an zu lachen und ätschte das Mädchen aus, Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf ihrem Rücken und umschlang ihren Nacken mit den Armen. Sie sträubte sich, schimpfte und suchte den Alp los zu werden, die Kinder tobten, sie schlug.

Eine charmante Erziehungsscene, dachte die Geheimräthin und unwillkürlich entschlüpfte es ihren Lippen: »Es wäre eigentlich nicht so übel, wenn der liebe Gott die Kinder zu sich nähme!«

»Warum den inkommodiren!« sagte eine Stimme dicht hinter ihr. Ein Fremder, in seinen Mantel geschlungen, der vom Regen triefte, stand auf der Stufe neben ihr. Sie hatte ihn nicht bemerkt, als er vom Hofe die Treppe heraufkam. Auch erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht, das Gesicht zu sehen, als er im Vorbeigehen den Hut lüftete. Es lag etwas Unheimliches für sie in der Begegnung. Wer lässt sich gern in seinen Gedanken belauschen.

»Wenn nur keine schädliche Substanz in dem Gefäß war,« setzte der Fremde hinzu.

»Wie meinen Sie das?«

»Der Muthwille der Kinder könnte unschuldige Personen in Verdacht bringen.«

»Das einzige Unglück wäre doch nur, daß er heut Abend eine versalzene Suppe auf den Tisch bekommt,« bemerkte die Geheimräthin, die, schnell zu sich gekommen, ihre Unruhe nicht merken ließ.

[15] »So treffe ich den Geheimrath zu Hause, was mir sehr angenehm ist,« entgegnete der Fremde, noch einmal den Hut anfassend, um die Treppe hinaufzusteigen.

»Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm,« konnte die Geheimräthin sich nicht enthalten zu bemerken. »Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung, um sich melden zu lassen.«

»Meine Botschaft kommt wohl gelegener über die Hintertreppe.«

»Auch wenn er zu Hause wäre, zweifle ich, daß ihm überhaupt Besuch gelegen kommt, da er selbst im Begriff ist, einen zu machen.«

»Ich weiß es,« entgegnete der Fremde, »und wenn auch nicht mein Besuch, wird ihm doch mein Rath nicht ungelegen kommen. Ich habe die Ehre, mich der Frau Geheimräthin gehorsamst zu empfehlen!«

»Seltsam!« sprach die Geheimräthin für sich, als der Fremde mit sichern, leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war. »Er kennt mich. Wer ist er? Er kommt gewiß in der Angelegenheit – was kann er aber für Rath bringen!«

»An der Hofthür stürzte ihr ein gewaltiger Platzregen entgegen. Ihre Kutsche hielt auf der Straße vor der Hausthür. Sie überlegte, ob sie einen Versuch machen sollte, durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen trockneren Weg nach dem großen Hausflur zu suchen, als ihr Bedienter mit einem Regenschirm ihr entgegen trat. Auf ihr Befremden darüber, da sie beim Ausfahren keinen mitgenommen, antwortete der Diener, der fremde Herr, welcher eben durchgegangen, habe ihm den seinen zurückgelassen, mit der Bemerkung, ihn für die Frau Geheimräthin zu benutzen, damit sie über den Hof in ihren Wagen könne.«

»Kennt Er den Herrn?« fragte sie beim Einsteigen.

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Seltsam!« wiederholte die Geheimräthin nachdenkend. Nicht alle Gedanken drücken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus, und in einer dunklen Kutsche, nur erhellt von einem ungewissen Laternenlicht, wenn der Regen gegen die Fenster schlägt, lässt sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen. Dem Dichter ist es indeß zuweilen vergönnt, eine andere Sonde in die Brust zu senken, wie er ja auch Geister und Träume citirt, wo er der Vermittler zwischen dem Reich des Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf.

Sie sann dem Fremden nach. Seine äußeren Umrisse waren ihr verwischt, nur war es ein blasses Gesicht mit scharfen, tiefliegenden Augen, dessen konnte sie sich entsinnen. Sie hatte ihn noch nie gesehen. Doch es waren damals viele Fremden in Berlin; auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Ausländisches. Aber was wollte er bei ihrem Schwager? Wirklich einen guten Rath geben? [16] Wenn auch der Geheimrath nicht eben persönliche Feinde hatte waren doch Viele, die auf sein einträgliches Amt lauerten. Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fühlen, gerade ihrem Schwager zu helfen! Aber sie vertiefte sich im Aufzählen, wer wohl ihm auf den Dienst lauern könnte, bis ein leises Gelächter aus ihren feinen Lippen brach.

Die Geheimräthin fragte sich, woher denn ihr eigener Antheil an dem Geschick des Geheimrathes kam? – Achtete sie ihn? liebte sie ihn? Oder weil er der Bruder ihres Mannes war? Was war ihr ihr Mann? – Ein Mann, der sich in seiner Bücherstube vergrub, wo die Welt umher für ihn lachte!

Man hätte jetzt eine Röthe sehen können über ihr blasses Gesicht steigen. Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung, darum Intriguen, damit eines ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme! Sie kam sich selbst in dem Augenblick so ordinair vor.

Die Kutsche hielt vor ihrem Hause. Der Diener öffnete den Schlag. Er schien aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen. Sie warf einen Blick auf die erleuchteten Fenster: »Herr Geheimrath erwarten Frau Geheimräthin zum Piquet.« – Sie hatte schon einen Fuß auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick stehen, als thue der Regen, der in unverminderter Heftigkeit fiel, ihr wohl, dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl: »In die Komödie!«

Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage. Es war seit lange keine Hinrichtung vorgefallen. Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus den Schenken zurück, es gab mancherlei Unruhe, kleine Aufläufe, Verhaftungen. Der Kutscher zog es, der tobenden Menschenschwärme wegen, vor, durch eine der Quergassen zu fahren, welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden. Auch hier stopften sich die Fuhrwerke, und die Dame hatte Gelegenheit, durch die Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten, was Frauen ihres Standes sonst nicht aufsuchen – an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der kleinen Häuser die Schönheiten, welche sich den Vorübergehenden zur Schau stellen.

Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab. Sie fühlte auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen: Sie schlürfen des Lebens Gluth in vollen Zügen, aus einem Taumel in den andern gestürzt, kaum dazwischen erwachend, bis sie verwelken und man sie fortwirft. Und das ist unser Aller Loos – ob früher, ob später? Was kommt es darauf an. Wer nur sagen kann: er hat sein Leben genossen!

Das Komödienhaus war nicht gefüllt. Die Geheimräthin saß allein in ihrer Loge. Ihr schien das Haus dunkel. Es war nicht dunkler als gewöhnlich. Die Talglichter, die der Lampenputzer vor [17] den Augen des Publikums ansteckte, duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut. Man sah wohl damals schärfer, denn man sah mehr, aber das Licht kam aus der Darstellung, versichern uns Die, welche aus jener Zeit das deutsche Theater kennen. Für die Geheimräthin aber blieb es dunkel, obgleich Fleck als Odoardo seine ganze adlige Kraft entfaltete, die spätere Händel-Schütz als Orsina das Publikum entzückte. Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen, das sie sich nicht erklären konnte; der jungen Schauspielerin, welche die Emilie zum ersten Male gab, hätte sie nachhelfen mögen. Wenn sie sich Rechenschaft gab, war es aber nicht die Schauspielerin, sondern sie hätte ihrer Rolle, ihrem Charakter eine andere Richtung geben mögen. Ihre Phantasie beschäftigte sich, eine welche andere Rolle Emilie spielen können, selbst glücklich und beglückend, glänzend und Glanz um sich verbreitend, wenn sie den Pulsen folgte, die für den Prinzen schlugen. Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der stolzen Orsina, vermöge ihres Liebreizes, ihrer geistigen Vorzüge. Sie hatte es in ihrer Macht, auch dieses Prinzen Wankelmuth zu fesseln, und Tausende, ein ganzes Land glucklich zu machen. Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoß, der alle unglücklich macht und – die Thörin bat selbst darum!

Die Geheimräthin war gewohnt, in ihrer Loge Besuche zu empfangen. Entweder zeigte sich heut kein Bekannter, oder sie hielten sich entfernt. In einer Loge gegenüber, wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf saß, hörte das Klappern der Logenthür nicht auf. Ihr war diese Störung unangenehm, das Schauspiel fing an sie zu langweilen. Sie besann sich, daß sie zwar die Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen, aber auch nicht abgelehnt hatte. Sie hatte nur gesagt, sie fürchte einer Migraine wegen nicht erscheinen zu können. Sie hatte, oder wollte jetzt keine Migraine haben und verließ die Loge.

Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit. »Er zittert ja.«

Sie hätte kaum nöthig gehabt, sich nach dem Grund zu erkundigen, der Bediente war ja noch in denselben ganz durchnässten Kleidern, in welchen er auf dem langen Doppelwege aufgestanden. Der zugigte Korridor hinter den Logen war nicht geeignet, die Naßkälte zu vertreiben. Johann sagte, das Fieber sei noch immer nicht ganz fort. Die Geheimräthin erwiderte nicht unfreundlich, er müsste endlich etwas dazu thun.

Der Regen goß noch immer in Strömen, als sie wieder in die Kutsche stieg und Johann hinten auf. Der arme Mensch! dachte die Geheimräthin. Seltsam, daß es so sein muß! Es musste so sein; über diesen Damm kam sie nicht hinweg, ja sie lächelte über [18] den närrischen Gedanken, daß sie Johann auffordern könnte, sich in den Wagen zu setzen. Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach. Er litt nicht vom Regen, sondern an einer inneren Krankheit, deren gelegentliche Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten. Sie glaubte etwas von der Arzneikunde zu verstehen und den Schluß ziehen zu dürfen, daß er nie vollständig genesen werde. Was wird nun aus solchem Menschen? Eine Zeitlang hält man es noch mit ihm aus. Wenn er aber immer wieder zurückfällt, muß man ihn entlassen. Dann findet er wohl noch einen Dienst. Aber auf wie lange? Die neuen Herrschaften werden nicht so lange Geduld mit ihm haben. Er wandert ins Krankenhaus, vielleicht ins Spital, vielleicht auf die Gasse. Und wäre es ihm nicht besser, wenn er durch einen Blutsturz, eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände? Er ist auch eine verfehlte Existenz!

Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen, dem die Ausdrücke fehlten, bis der Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt.

4. Kapitel. Hier politisch, dort poetisch

Viertes Kapitel.
Hier politisch, dort poetisch.

Der Eintritt der Geheimräthin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen Aufstand; es schien ein froher. Man hatte sie nicht mehr erwartet. Die Wirthin und einige Damen embrassirten sie; die älteren Herren bemühten sich, ihr die Hand zu küssen: »Nein das ist hübsch und liebenswürdig von Ihnen, uns doch noch zu überraschen!« – »Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau Geheimräthin,« sagte der Wirth. Ein Dritter: »Je später der Abend, so schöner die Gäste.« Es war eine ansehnliche, aber etwas bunte Gesellschaft, vielleicht eine, wo die Wirthe auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben, welche sonst sagen konnten: »Zu so etwas werdenwir nicht eingeladen!« Die Geheimräthin war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit. Man konnte auf den ersten Blick annehmen, daß sie, wenn nicht an Stand und Vermögen, doch von Natur und Bildung von feinerer Art, ein Wesen war, was man so gewöhnlich ein höheres nennt, wenn es in Kreise tritt, die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewusst sind. Der Neid, den es hervorruft, zeigt sich in der Regel erst dann, wenn dies vornehme Wesen seine Eigenschaften geltend machen will. Dies war bei der Geheimräthin nicht der Fall. Sie konnte nicht liebenswürdiger, bescheidener, gewissermaßen harmonischer zur Gesellschaft auftreten; sie bedauerte so sehr den Aufstand, den sie erregt.

[19] »Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen? Wir sind ihm zwar unendlich verbunden, daß er sich entschlossen, unsere Frau Geheimräthin uns zu gönnen, aber es wäre doch hübsch gewesen, wenn er sich selbst entschlossen. Das hätte erst unsere Freude vollkommen gemacht.«

»Sie thun meinem Manne Unrecht,« entgegnete die Angekommene. »Wenn es nach ihm gegangen, wäre ich längst hier. Er kann es nicht sehen, wenn ich ein Vergnügen seinetwegen entbehre. Aber liebe Frau Geheimräthin,« – die Wirthin nämlich war auch eine Geheimräthin – »Sie glauben nicht, wie er jetzt mit Arbeiten überhäuft ist, und ich sehe mit wahrer Angst, wie er sich dabei anstrengt, daß sein Kopfleiden wieder heraustritt. So machte ich mir ein Gewissen daraus, ihn heut zu verlassen. Aber er hatte keine Ruhe. Wir wollten Piquet spielen; da legte er mit dem freundlichen Blicke, dem man nicht widerstehen kann, die Karten weg, streichelte mir über die Backe und sagte: Liebe Ulrike, ich werde viel mehr Ruhe haben, wenn ich Dich in heiterer, lieber Gesellschaft weiß. Du musst Dich aufheitern nur um meinetwillen. Da kann man denn nicht widerstehen.«

»Man muß gestehen, unsere Frau Geheimräthin Lupinus ist das Muster einer Hausfrau,« sagte der Wirth, »und diese Ehe eine exemplarische. Man wird nicht viele in Berlin so finden.«

»Mit Ausnahme jedoch!« sagte die Geheimräthin Wirthin, und die Geheimräthin Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter: »Ich kenne eine Ausnahme. Was unsere Ehe betrifft, so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen, daß wir uns so innig verstehen, ohne es auszusprechen. Wir gehen eigentlich Jeder seinen eigenen Weg, was gewiß zu Mißdeutungen Anlaß giebt, aber Jeder fühlt für den Andern mit, er verfolgt ihn still in den Gedanken, Jeder ist unsichtbar beim Andern. Wir wissen oft nicht, woher diese Sympathie kommt, doch sie ist da. So in diesem Augenblick. Das Vergnügen, in dieser liebenswürdigen Gesellschaft zu sein, ist mir gestört, weil ich weiß, mein Mann hat nicht die Augen geschlossen und ruht nicht, wie er mir versprach, im Lehnstuhl aus, sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen, er vergleicht zwei alte Handschriften, er bückt sich über, er drückt die Feder, während der Angstschweiß ihm von der Stirne träuft, weil er sich die Abweichung einer Lesart nicht erklären kann. Ich sehe das Alles so deutlich vor mir, wie den Pique-As in Ihrer Hand –«

Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck, den ihre Rede gemacht. Dabei kam ihr zu Sinn, daß die Gesellschaft ja durch sie vom Spieltisch zurückgehalten werde. Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer unzeitigen Herzenseröffnung.

»Was kann eine schöne Seele Schöneres thun, als Andere [20] ihre Empfindungen mitempfinden lassen,« lispelte eine Seele, die sich wohl selbst für schön hielt.

»Nennen Sie es lieber eine Schwäche,« schüttelte die Geheimräthin den Kopf. »Die Welt will nicht, daß wir uns geben, wie wir sind, und die Welt hat im Grunde Recht.«

Nun aber hatte sie auch keine Ruhe, als bis die Herrschaften sich niedergesetzt. Ein heiteres Vergnügen zu stören, erschien ihr immer wie eine Todsünde.

Sie hatte Recht. Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält, lässt sich ungern stören, am wenigsten durch Hergensergüsse einer schönen Seele.

Einige hatten die Geheimräthin schon immer für eine Clairvoyante gehalten; die Clairvoyance war in der Mode. Andere meinten, sie sei nur von einer außerordentlich reizbaren nervösen Complexion. Man bedauerte sie, es gab wohl auch Andere, die sie darum beneideten. Hier lobte man sie, wie schonend sie das Verhältniß zu ihrem Ehemann darzustellen wisse, da Jedermann bekannt sei, ein wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrath wäre. Sie sei gewissermaßen eine Märtyrerin ihres feinen Sentiments. Er bereite und gönne ihr kein Vergnügen, was sie sich nicht abstehle. Eine Andere rief: »Und wie unrecht von ihm, denn von ihr kommt doch das Geld!«

Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höheren Kreisen des mittleren Lebens. Aber man muß an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts ebensowenig den Maßstab des Glanzes von heut legen, als an die Komödienhäuser von damals den unserer Theater. Der Vergleich geht vielleicht noch weiter. Die Kleiderstoffe und Geschirre waren kostbarer, gediegener und dauerhaltiger, aber im künstlichen Ausbeuten und geschickten Zerlegen des Stoffes, damit jeder Theil seine Wirkung, erhalte, haben wir es weiter gebracht. Trifft das vielleicht auch auf die Unterhaltung zu? – Aber gar keinen Vergleich duldeten die Räumlichkeiten. Unsere Bürgerhäuser werden Paläste. Diese hohen Räume, die gewaltigen Fenster und Flügelthüren, welche den Zimmern die Wände stehlen, fand man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Häusern der nenen Stadt. Die vornehmen Bürgerhäuser in den Vierteln der Friedrichsstadt aus Friedrichs Zeit haben zum Theil anspruchsvolle Façaden, im Innern ist alles klein und zugemessen. Die niedrigen Zimmer liefen eines in das andere; dennoch blieb der Wohnung etwas wohnliches, weil Flügelthüren und Fenster nicht die Räume unnatürlich verkürzten und der Mensch Platz für sich und seine Sachen an den Wänden fand, und trauliche Winkel, sich zu verlieren.

Wovon man sich unterhielt? – Wer fasst die zückenden Irrlichter [21] zusammen, die von Mund zu Munde hüpfen. Und in einer gemischten Gesellschaft!


Hier politisch, dort poetisch,

Regelrecht wie ein Lineal,

Philosophisch und Aesthetisch

Krümmend hier sich wie der Aal,

Sprudelnd wie der Dampf vom Theetisch,

Aber überall trivial.


hat ein späterer Dichter sie beschrieben.

Ob die Geheimräthin sie auch so fand? Sie wechselte oft die Gruppen. Hier der ewige Streit, ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter, sei? In diesen Kreisen war es längst entschieden. Welcher Mann von Bildung hätte zarten Lippen widersprochen, welche dem Dichter, der gesungen:


Ehret die Frauen, sie flechten und weben

Himmlische Rosen ins irdische Leben.


den Preis zuerkannten! Es war nur seltsam, daß der Streit trotz der Entscheidung, immer wieder von Neuem aufgeworfen werden konnte. Eine Geheimräthin – es war aber eine dritte Geheimräthin – stellte sogar die Behauptung auf, während jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment enthalte, wisse sie keine einzige Sentenz in Goethe, welche die Seele rührt und erhebt. Dies fand doch Widerspruch, und man citirte aus der Iphigenie die Verse:


Wehe dem, der fern von Eltern und Geschwistern,

Ein einsam Leben führt, ihm zehrt der Gram

Das nächste Glück von seinen Lippen weg.

Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken

Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne

Zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo

Sich Mitgeborne spielend fest und fester

Mit sanften Banden aneinander knüpften.


Ein junger Mann mit blassem, ernstem aber etwas eingefallenem Gesicht recitirte die Verse mit Ausdruck. Man schwieg eine Weile. Als die Geheimräthin sie schön fand, drückten Alle ihre Bewunderung aus. Eine Dame hatte bis da geglaubt, sie rührten von Schiller her, sie hatte die Erhabenheit des Gefühls Goethe nicht zugetraut. Doch bemerkte sie, die Verse ründeten sich nicht so wie bei Schiller, und bei aller Schönheit fehle ihnen der schmeichelhafte Klang des Gefühls. »Aber er liegt in unserer Seele, und fühlt das Weh, das uns in der einsamen Brust verzehrt,« hatte die Geheimräthin gesagt, als sie sich abwandte. Man schien sich zu fragen, was sie damit meine? Ein alter Hofrath antwortete seiner etwas schwerhörigen Nachbarin: »Sie ist eine Adlige von Geburt, und mag's nun doch [22] nicht recht verschnupfen, daß sie einen Bürgerlichen geheirathet hat. Darum hält sie wohl das von ›seines Vaters Hallen‹ auf sich anzüglich. Aber Schloß Wustenau stand schon 1762 sub hasta und sie ist auch gar nicht mal drin geboren; sie bildet sich's nur ein.« – Die Dame, vor Kurzem erst nach Berlin gekommen, war zufällig selbst eine adlige Offiziersdame, was der Hofrath vermuthlich nicht gewusst. »Wenn er ihr ein Sort gemacht hätte,« erwiderte sie, »das passirt wohl, aber wie ich höre, ist das Vermögen von ihr, et voilà qui est bien curieux.« – »Ja meine gnädige Frau,« erklärte der Hofrath, »als sie ihn heirathete, war sie ein blutarmes Fräulein, man hielt's für ein großes Glück, daß sie ihn kriegte. Erst nachher machte sie die große Erbschaft.« – »Ah! c'est ça,« sagte die gnädige Frau, und sagte nichts weiter.

»Wie kommt es, daß man den Einsiedler einmal in Gesellschaft sieht,« sagte die Geheimräthin im Vorübergehen zu dem jungen Manne der die Verse gesprochen. »Und noch mehr, wie kommt es, daß Sie Goethe noch für werth achten, ihn auswendig zu lernen? Wer so in transcendentalen Regionen der neuen Poesie schwebt, gäbe auf die alten Dichter, dachte ich, nichts mehr. Aber nehmen Sie sich in Acht, daß mein Mann nichts davon erfährt, Herr van Asten! Für ihn, wie Sie wissen, sind ja schon Goethe und Schiller Neuerer.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie vorübergeschwebt. In einem Kreise, wo man über Politik sprach, stritten sie sich, wer ein größerer Feldherr gewesen; Moreau oder Napoleon Bonaparte? Die Parteien standen scharf gesondert. Der Geheimräthin kam das sonderbar vor; den Grund wusste sie sich nicht recht anzugeben. Das Gespräch ward ihr langweilig.

Es gab aber noch einen andern Gegenstand. Man berührte ihn nicht in ihrer Gegenwart. Die Geheimräthin sah nicht allein in die Ferne, sie konnte auch dahin hören. Sie wusste genau, was gesprochen wurde, und daß sie, ihr Mann, dessen Bruder, das fatale Ereigniß der vorigen Nacht, den Stoff abgab. Vielleicht, daß sie eben darum die Gesellschaft besucht hatte, um zu zeigen, daß sie ohne Besorgniß war, oder – darüber hinweg.

Aber es gefiel ihr nicht länger, daß das Gespräch verstummte, wo sie sich näherte. Wer spielt gern die Vogelscheuche! Bei einer Whistpartie fehlte durch einen Zufall der vierte Mann. Sie zeigte sich bereitwillig, die Karte zu übernehmen. Man erkannte das ganze Opfer, welches sie brachte. Sie versicherte, wenn sie durch ihr schlechtes Spiel das Vergnügen ihrer Mitspieler störe, so sei ihre Schuld doch nicht so groß als ihre Genugthuung, in so angenehmer Gesellschaft eine Stunde zu verbringen.

Das Spiel prosperirte in der That nicht durch ihren Eintritt, [23] aber wie die Mücken um den hellsten Lichtschein, sammelte sich um diesen Tisch die ambulirende Gesellschaft. Wer fühlte sich nicht geehrt der Geheimräthin Rath zu geben, die bei ihren Fragen vielleicht mehr Unschlüssigkeit verrieth, als in ihrem Charakter lag. Und wie liebenswürdig nahm sie ihn hin. »Sie ist die charmanteste Frau!« flüsterten die Andern. Die Geheimräthin zankte auch nicht um die Points.

»So aufgeräumt, Herr v. Dohleneck?« sagte sie, die Karten prämelirend, zu einem Kavallerieoffizier, der sich neben ihr etwas brüsk auf einen Stuhl warf, den ein Civilist eben für eine junge Frau hingestellt zu haben schien. Die Dame warf dem Offizier einen bösen Blick zu, den er aber nicht bemerkte, oder bemerken wollte, und der Civilist beeilte sich, ihr einen andern Stuhl hinzusetzen, den sie aber nicht annahm, sondern ins Nebenzimmer eilte. »Sie irrten sich,« sagte die Dame, »ich wollte mich gar nicht setzen, ich suchte meinen Mann.«

Möglich, daß nur zwei Augen, vermittelst einer vorgehaltenen Lorgnette, diesen Auftritt bemerkt, der wie ein Lüftchen über den Wasserspiegel der Societät hinkräuselte, um am Ufer zu verschwinden. Aber am Ufer trieb und wühlte das Lüftchen weiter im aufgelockerten Sande.

Der ihn bemerkte, war ein Herr etwas über die mittleren Jahre hinaus, welcher eben eingetreten war und mit der Lorgnette die Gesellschaft erst zu mustern schien, ehe er sich ihr zeigte. Wir werden ihn näher kennen lernen.

Der sich auf den Stuhl warf, war – nur ein Abdruck von Hunderten oder von Tausenden. Das wohlgeformte, volle Modell eines Kriegsgottes, den man vielleicht hätte schön nennen können, wenn die Ueberfülle der Gesundheit und Kraft in dem beinahe sechsfüßigen Körper etwas mehr Elasticität, und das volle rothe Gesicht unter den blonden Haaren und dem blonden Stutzbart weniger Sorglosigkeit und weniger Gutmüthigkeit verrathen hätte. Er war ein Mann, der seinen Mann stand, aber der militärische Grimm, der auch den Mann herausfordert, welcher Miene macht, nicht stehen zu wollen, fehlte ihm.

»'S ist um sich todt zu lachen, wenn Federfuchser über Dinge schwatzen, die nicht in ihren Büchern stehn.«

»Besser todt lachen, als todt ärgern, lieber Rittmeister!« bemerkte die Geheimräthin. »Was hat Sie denn in die Rage gebracht?«

Der Offizier kam aus der politisirenden Ecke.

»Stellen Sie sich vor, schöne Frau, der Professor da, oder was er ist, Sie kennen ihn ja wohl« – er zeigte auf den jungen Mann von vorhin, jedoch mehr durch ein Augenblinzeln, indem er sich den [24] Schnurrbart strich – »der junge Herr meint, wenn's mit den Franzosen los geht, wäre es doch sehr zweifelhaft, wer Sieger bleibt.«

Man blickte verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder auf die glücklicherweise entfernte Gestalt des Mannes in Rede.

»Na, auf Ehre, 's ist wahr,« setzte der Offizier hinzu. »Er raisonnirt von Bonaparte's Genie als Feldherr; nun, das mag er haben, wir lassen's ihm. Und 's wäre auch zweifelhaft, ob selbst Friedrichs Genie im Stande wäre, ihm überall zu pariren, wie er Daun und Laudon gethan. Nu, darüber kann man nur lachen. Aber als ich ihn fragte, was er denn zu unserer Armee meinte, wissen Sie, was er sagte –«

»Es ist mir etwas ganz Neues, daß Herr van Asten sich mit Politik beschäftigt.«

»Ich dachte, er würde nach der Rheincampagne retiriren, da hätte ich ihm mit 'ner Antwort gedient. Nein, er sagte, hören Sie, ich hab's des Spaßes wegen behalten: uns stehe ein Heer gegenüber, das aus dem jugendlichen Volksbewusstsein stets neue Kräfte schöpft, wie der heidnische Riese, ich weiß nicht, wie der Kerl heißt, der zu jedem neuen Kampfe seine Mutter Erde küsste. Ob wir denn mit unsern geschlossenen Phalangen von altem Ruhme, aber ohne den Genius, der ewig zeugt, uns getrauten eine Kraft zu werfen, die ewig neu wächst? Ich sage Ihnen, es war zum Bersten. Gut, daß keiner meiner Kameraden es gehört. Ich sagte ihm nur: Mein lieber Herr, wer die Erde küsst, macht sich das Maul schmutzig, und hol' mich Der und Jener, wenn wir unseren Soldaten nicht die Propreté eingefuchtelt haben.«

Der Verlegenheit, über die Rede zu lächeln oder sich zu äußern, wurden die Zuhörer durch den Wirth überhoben, der plötzlich mit einer Stimme, die eher auf die Kanzel als an den Whisttisch gehörte, laut sprach:

»Aber, meine verehrte Herren und Damen, Gott sei Dank, daß wir der Beantwortung dieser Frage durch die Weisheit unserer Staatsmänner überhoben sind, welche es nicht dahin kommen lassen werden, daß der Degen des großen Friedrich aus der Gruft geholt wird, um mit dem Degen des großen Mannes sich zu kreuzen, und die es nicht dulden werden, daß die beiden ruhmwürdigen und erleuchteten Nationen in andern Streit gerathen, als den, aus welchem für die Civilisation die schönsten Früchte entspringen. Wozu also dieser Dispüt, der uns nichts angeht? Die weisen und humanen Männer, denen unsere Regierung anvertraut ist, werden immer für unser Bestes sorgen, und was sie ersinnen, ist gut und wird zu unsrer Aller Ruhe beitragen.«

[25]

5. Kapitel. Der vornehme Gast

Fünftes Kapitel.
Der vornehme Gast.

Der Grund dieser seltsamen Anrede war, daß der Wirth in dem Augenblicke den Gast in der Thür bemerkt hatte, welcher vorhin mit der Lorgnette die Gesellschaft musterte und jetzt mit einer raschen Vorwärtsbewegung den nächsten Gruppen zueilte. Und doch schien er, als der Geheimrath Bovillard ihn im Vorübergehen mit einem freundlichen Händedruck begrüßte, von dieser unerwarteten Gegenwart nicht wenig überrascht und erschreckt.

»MesdamesMessieurs!« sagte der wirkliche Geheimrath mit einer verbindlichen Neigung gegen den Spieltisch, »ich hoffe, daß sich Niemand derangiren lässt,« und war durch die nächste Gruppe, auch durch eine zweite und dritte, ohne sich um die Personen zu kümmern, geeilt, bis er die Wirthin fand, deren Hand er an die Lippen führte, und seine verspätete Erscheinung mit vielen schmeichlerischen Worten und einer höchst wichtigen Konferenz entschuldigte.

Es war ein Funke in die Gesellschaft gefahren, die zu ermatten anfing; und der Funke hatte gezündet. Einen liebenswürdigeren, einen freundlicheren Mann, als diesen vornehmen Gast, konnte man sich nicht denken. Wie wusste er Jedem, der ihm vorgestellt ward, etwas Angenehmes zu sagen, wie wandte er sich mit Theilnahme und Herablassung zu ganz unbedeutenden Personen. Für Jeden hatte er ein verbindliches Wort.

Die Tasse in der einen Hand, den Biscuit in der andern, wie gerieth er plötzlich ins Feuer und erzählte mit hinreißender Lebendigkeit irgend ein gleichgültiges Ereigniß, das er am Hofe erlebt. Der subalterne Zuhörerkreis war in Entzücken über die Vertraulichkeit eines so hochgestellten Mannes. Ebenso plötzlich konnte er freilich einen Andern am Arm ergreifen, und ohne sich zu kümmern um Die, welche er eben an seine Fersen gebannt und um sich als Trabanten gezaubert, ihn mit einem: à propos wissen Sie schon? beiseit ziehen. Er flüsterte ihm etwas ins Ohr, er setzte die Tasse fort, die Hand vor dem Munde sprach er noch leiser, aber mit faunischem Lächeln; nein, er lächelte nicht mehr, er lachte, er kicherte, wenn sich das für einen wirklichen Geheimrath geschickt hätte. Der Andere natürlich lächelte auch, er lachte, er versuchte zu kichern.

Die Lorgnette am Auge, und das Gesicht halb über die Schulter gewandt, konnte man glauben, daß er nach dem Gegenstande suche, den sein beißender Witz eben getroffen. Aber er lorgnettirte nur ein hübsches Gesicht und sprach seine Admiration aus, daß die Kleine, die er nannte, sich so ausgewachsen; er hätte es nicht erwartet. Wenn man ihm bescheiden bemerkte, daß er die Personen verwechsele, fand [26] er sich nicht in Verlegenheit, sondern stellte das Paradoxon auf: die Liebe solle zwar nicht wechseln, aber alle wahre Liebe bestände aus Verwechseln: »Unsere Phantasie schafft sich ein Ideal. Das lieben wir. Je öfter wir nun in einer beauté dies Ideal wiederzufinden glauben, um so glücklicher sind wir, und um so mehr Andere beglücken wir. Nicht wahr, Herr Geheimrath, die Fabel vom Amphitryo ist das Chef d'Oeuvre in der Mythologie?«

Der in den Kreis getretene Geheimrath war nicht allein ein ernsthafter Mann, sondern er stand auf einer amtlichen Stufe die der eines wirklichen sehr nahe kam. Es hatte sich die Nachricht in der Gesellschaft verbreitet, daß ein Kourier, der heut Nachmittag wichtige Nachrichten gebracht, den Geheimrath so lange zurückgehalten. Er glaubte ein Recht zu haben, sich bei diesem danach zu erkundigen.

»Bester Freund,« sagte letzterer in der Fensternische, wohin sie sich zurückgezogen, »wann verging ein Tag, wo nicht ein Kourier an einen Minister kam, und wenn ich ihre Wichtigkeit, nämlich unserer Minister, danach abwägen sollte, so wüsste ich wirklich nicht, wo vor Respekt bleiben. – Aber Gott weiß, mich hat nie danach gelüstet, ihre Geheimnisse früher zu erfahren, als sie an den Tag kamen. Denn was hilft mir's, ob der Kurfürst von Hessen seiner jüngsten Maitresse einen so kostbaren Hut geschenkt hat, daß die nächstältere darüber in einen Wuthkrampf verfallen ist. Oder wenn die Fetzen des heiligen Römischen Reichs sich darüber streiten, ob der Professor Fichte ein Deist ist oder keiner? Und diese Bagatellen, Sie glauben nicht, wie man uns damit überschüttet. Diese Geschichte mit« .... ... er flüsterte einen Namen, »Sie kennen sie doch? der halbe Mulatte aus Holland, – wie hieß er doch gleich! – ließ ihm auf dem Sopha zwei Rollen, jede mit hundert Friedrichsd'or, zurück. Als unser Freund es sah, rief er ihn zurück: Sie haben etwas vergessen! Unterstehen Sie sich nicht, mir noch einmal vor die Augen zu treten. Konnte der Graf nobler handeln? – Eine Woche darauf kommt der Baron, der in Batavia, wie Sie wissen, einmal Gouverneur war, zu ihm, und fragt ihn, ob er nicht seine Schimmel verkaufen wolle! Sie erinnern sich doch der Wagenschimmel? Blind und lahm, ein wahrer Scandal, ein Spott der Kutscher. Unser Freund sagt Nein. Wie kommen Sie darauf? Excellenz, sagt Der, ich zahle jeden Preis. Ich muß sie haben. Ein verrückter Lord hat seinen Sinn darauf gesetzt, ein Achtgespann gerade von solchen Thieren zu besitzen. Einem Thoren und Nabob kommt es nicht aufs Geld an. Ich habe alle Roßtäuscher in der Provinz in Acquisition gesetzt; sie können mir nur fünf auftreiben, und mir geht dadurch ein großer Gewinn verloren. Ich sähe es daher als eine große Gefälligkeit von Ew. Exellenz an, wenn Sie mir zu Hülfe kämen. – Ich bin kein Kaufmann, sagte unser Freund, weiß keinen Preis zu[27] setzen, lassen wir die Sache fallen. – Der Baron überschlägt sich: Hundertfünfzig Friedrichsd'or für jedes kann ich geben, Summa dreihundert, Zug um Zug. Mein Kutscher wartet unten. Unser Freund sah ihn ernst an: Man soll auch zuweilen den Narren gefällig sein; aber Ihnen soll der Reukauf frei bleiben. – Nun gesteh' ich Ihnen zu, der Schinder gab nicht zwanzig Thaler für beide Bestien, – nun, wir haben es Alle verstanden, es war ein Witz, nichts als ein Witz! Aber können sie glauben, liebster Geheimrath, wie man uns bombardirt mit anonymen Denunciationen. Wir sollten Lärm schlagen, dem Könige die Sache hinterbringen. Soll man sich um solche Bagatellen die Finger verbrennen! Beyme schmunzelte neulich: Ich hätte die Pferde wohl nicht verkauft, aber Sie wissen doch, der Pferdehandel unterliegt andern Gesetzen, als die im Landrecht stehen. Darin soll der Bruder dem Bruder nicht trauen. Und, ich bitte Sie, der König hat für andre Dinge zu sorgen. Haugwitz sagte: sollen wir etwa darum Einen verlieren, der sich nicht um Politik kümmert. Sehen Sie, liebster Geheimrath, je weniger wir sind, die sich um die Dinge nach außen kümmern, um so besser wird alles gehen.«

Der Geheimrath wusste nun wenigstens, daß Bovillard ihm nicht sagen wollte, was er wusste. Doch wusste er darum noch nicht, ob er etwas wusste.

Seltsam derselbe vornehme Mann ging gleich darauf mit einem angesehenen Kaufmann aus der Brüderstraße Arm in Arm durch die Zimmer, und wenn wir recht gehört, vertraute er demselben, was er dem Geheimrath nicht für gut gefunden, mitzutheilen:

»Sie kennen meine Amtspflicht, aber einem Freunde, wie Ihnen, kann ich die Versicherung geben, unsere Sachen stehen gut. Phantasten, unpraktische Köpfe, Schwärmer, die an Krieg denken! Idealisten, liebster Splittgerber! Vor denen müssen wir uns vor allem hüten. Es taucht jetzt hier solche Klasse von jungen Strudelköpfen auf, die von Deutschland, deutschem Wesen, deutscher Sprache, Art, sprechen. Man kann darüber lachen, aber man muß Achtung geben. Die Ideen können viel Unheil in der Welt anrichten. Erinnern Sie sich an Frankreich! Da ist hier der junge Professor Fichte! O, es sind ihrer mehrere. Ein sublimer Kopf – aber sie sehen den Wald vor den Bäumen nicht. Auf das Praktische, auf das, was uns Noth thut, den Sinn gerichtet! Das Hemde ist uns näher als der Rock. Der Kaufmann ist eigentlich der wahre Philosoph für die Welt. Er weiß, was uns Noth thut. Sie geben mir Recht, lieber Splittgerber. Wenn wir ein Trauerjahr vor uns haben, werden Sie nicht Cochenille verschreiben. Das heilige Römische Reich, als es existirte, brauchte freilich vielerlei Nürnberger Waare, unter anderm auch einen Kaiser. Brauchen wir das? Wir sind das Reich [28] du grand Frédéric! Sie werden mir darin Recht geben. Eine Weltkatastrophe hat alle Verhältnisse umgeworfen. Was sind Nationalitäten? – Irrlichter! Laterna-Magicabilder! Wenn man eine anders gefärbte Glasscheibe vorschiebt, sehen sie anders aus. Wie Preußen sich selbst gefunden hat in seinem großen Könige, so haben die Franzosen sich in Bonaparte gefunden. Wie Friedrich das Genie der Franzosen erkannte, erkennt Napoleon den Genius der in unserer Monarchie lebt. Sie glauben garnicht, wie man uns erkannt! Wir sind, wie bestimmt von dem Geist über dem Sternenzelt, brüderlich, Hand in Hand im Völkerbunde neben einander zu schreiten. Und da wollen Querköpfe eine tudesque Idee dazwischen schieben. Ich bitte Sie, ich wiederhole es, was sind Nationalitäten? Fragen Sie, wenn Sie Pfeffer kaufen, von wem Sie ihn kaufen? Der billigste Verkäufer ist der beste, Und wenn Sie verkaufen, wer den höchsten Preis dafür zahlt, der ist der beste Käufer: nicht, ob er Italiener ist, Franzos oder Russe.«

Dem Kaufmann aus der Brüderstraße schien der Ideengang des Staatsmannes denn doch nicht ganz geläufig. Er handelte nicht mit Pfeffer: »Herr Geheimrath beliebten von einem Kourier zu sprechen –«

Bovillard legte die Hand auf seinen Arm und mäßigte die Stimme: »Nur Ihnen, und unter dem Siegel des tiefsten Geheimnisses.« Bovillards Gesicht glänzte – »alle Mißverständnisse gehoben, alle Schwierigkeiten ausgeglichen, der König und unser Vaterland können sich glücklich schätzen, daß sie Diplomaten haben, welche es verstehen, Krieg zu führen ohne den Degen zu ziehen.«

An der Thürpfoste gelehnt, lorgnettirte der Geheimrath noch einmal ins Zimmer, nur stand neben ihm nicht mehr der Kaufmann aus der Brüderstraße, sondern ein Herr mit dem Kammerherrnschlüssel und einem Krückstock.

»Parbleu, comme elle est belle – et bête! N'est-ce pas?«

Die Bemerkung galt der Dame, welcher der Rittmeister vorher den Stuhl vor der Nase fortgenommen. Eine fast junonische Gestalt, aber mit ausdruckslosem Gesicht, stand sie in der Mitte des andern Zimmers – zufällig allein.

»Ist denn Niemand da, ihr die Cour zu machen?«

»Hier!« sagte der Kammerherr, mit verächtlichem Blick sich umsehend.

»Wir befinden uns allerdings in einer etwas gemischten Gesellschaft. N'en parlons pas! Wer ist denn sonst ihr Amoroso?«

»Wissen Sie denn nicht, Bovillard,« sagte der Kammerherr verwundert, »sie ist ohne Passionen.«

»Tant mieux! so müsste man sie ihr einjagen. Ich bitte Sie, [29] Kammerherr, sehen Sie diese Formen an! Vielleicht ein Tugenddrache! Liebt sie ihren Mann?«

»Sie sind sechs oder acht Jahre verheirathet.«

»Der Baron spielt, sie stellt sich neben ihn!«

»Um eine Position zu haben.«

»Wie sie den Arm aufhebt! Sehen Sie – sehen Sie, ganz die Attitüde der Lichtenau! Die Lichtenau war auch nicht immer, was sie ist –«

»Sie wollten sagen, was sie war.«

»Wäre die Lichtenau nicht in Paris erzogen worden – Sehen Sie jetzt wieder – täuschend! Aus der Baronin kann etwas werden.«

»Nur keine Lichtenau,« seufzte der Kammerherr. »Diese Zeiten sind vorüber.«

»Les temps changent, mais pas les hommes. Mon cher baron, die Welt ist rund, et tout ça reviendra. Aber das Leben entflieht, die Jugend verblüht, es wäre wirklich ein mildthätiges Werk, die schöne Frau verliebt zu machen. Schaffen Sie mir einen Gegenstand, ich unternehme es.«

»Ich will Prinz Louis noch einmal aufmerksam machen; er scheint aber nicht darauf zu reflectiren.«

»Was, Prinzen! Den ersten besten, es gilt ja nur die Gaben der schönen Frau an den Mann bringen. Wir wollen sie etwas ins Gebet nehmen, und sehen, wo in der Conversation der Stahl den Feuerstein berührt.«

Als sie sich der Thür näherten, schwenkte indeß der Geheimrath, den Kammerherrn unterfassend, schnell wieder zurück. Die Dame in Rede stand hinter dem Stuhle ihres Gatten, und diesem gegenüber saß unsere Bekannte, welche uns in diese Gesellschaft geführt.

»Ein Andermal!« sagte Bovillard leis' zu seinem Begleiter. »Da sitzt die Geheimräthin.«

»Die Lupinus! – Sind Sie Feinde, oder – es ist doch keine alte Liaison?«

»Bewahre mich der Gottseibeiuns. Ich weiß nicht, die Frau hat für mich etwas – je ne sais quoi. Lombard lacht mich immer aus. Aber wer kann für Sympathieen und Antipathieen?«

»Sie ist eine gescheidte Frau.«

»Gewiß, aber heut muß ich doppelt ihre Distance wünschen. Habe mich zwei Mal vor ihrem Schwager verleugnen lassen. Was diese verdammten Kindesmörderinnen für Anhängsel haben!«

[30]

6. Kapitel. Der späte Gast

Sechstes Kapitel.
Der späte Gast.

Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel. Der Spieltisch, an dem die Geheimräthin Lupinus saß, war sehr einsam geworden! die Vögel, die nach dem Licht flackerten, blieben aus, seit das Licht des wirklichen Geheimrathes durch die Zimmer flackerte.

»Aber meine beste Frau Geheimräthin!« rief ihr Partner, der Ehemann der schönen Frau, »wir hätten die Trics gewiß gemacht, wenn –«

»Die schönen Augen der Frau Baronin haben mich geblendet, – Sie haben da eine Hülfe bei sich, Baron, die eigentlich unerlaubt ist.«

Die Geheimräthin war am Geben. Sie vergab sich. Es war der Augenblick, wo sie den wirklichen zur Thür hereinblicken und sich rasch wieder entfernen sah.

»Die Frau Geheimräthin sind wohl unpässlich,« bemerkte die schöne Frau.

»Ich! meine liebe Baronin? – Ach nein. Die Seele muß immer Herr sein über den Körper. Das sagt mein guter Lupinus so oft. Dadurch erhält er sich in seinen anstrengenden Arbeiten. Und ich –«

Sie hatte sich wieder vergeben.

Die andern Partner sahen sich verlegen an. Der Baron zeigte die Karten seiner Frau: »Jammerschade, daß man solches Spiel fortwerfen muß.« Die Lupinus hielt sich das Taschentuch aus Gesicht: »Es ist nichts, nur ein heftiges Herzklopfen, es wird gleich vorüber sein. Wirklich, liebe Baronin,« sagte sie zu dieser, welche von Hoffmannstropfen gesprochen – »der Schmerz ist gar nichts, wenn nur der Verdruß nicht wäre, daß mein Unwohlsein die Gesellschaft stört. – Sehen Sie, jetzt habe ich nicht vergeben. Was ist Atout, wenn ich fragen darf? Coeur oder Pique? Es flimmert mir nur vor den Augen.«

– »Frau Geheimräthin haben kein Atout mehr.« Sechs Augen starrten die Spielerin in gläserner Verwirrung an. Die schöne Baronin öffnete ihre Lippen weiter als nöthig war, um ihre Perlenzähne bewundern zu lassen. Die Spielerin hatte noch eine Hand voll Trumpf.

Stumm hatte die Geheimräthin die Karten niedergelegt. »Sie sind ein Engel voll Güte,« sagte sie zur Baronin, als diese die Karten nahm. »Und nun um Gotteswillen kein Derangement.«

Sie entschlüpfte – nur um einen Augenblick sich zu erholen. »Ein Glas Wasser wird es thun.« Aber die Wirthin betraf sie, als sie ihr Umschlagetuch nahm, um fortzugehen.

[31] »Liebste Geheimräthin, Sie werden uns das nicht anthun. Ich führe Sie in die Schlafstube, ein halb Stündchen Ruhe, ich kenne ja Ihre Seelenstärke, und Sie haben sich erholt, wenn Sie uns gut sind.«

»Beste Geheimräthin,« erwiderte die Lupinus, »ich erkenne Ihre himmlische Güte, aber glauben Sie mir, die Luft erdrückt mich.«

»Im Speisesaal ist sie ganz anders. Es ist gedeckt. Wir warten nur auf den interessanten Fremden, den Legationsrath v. Wandel, Sie haben doch schon von ihm gehört, er ist sehr begütert in Thüringen. Mein Mann sagt, ein Mann von eminenten Gaben. Ich hatte es mir so hübsch vorgestellt, er sollte Sie zu Tisch führen. Wo konnte ich ihm eine geistreichere Nachbarin verschaffen. Er ist nur zu einer Audienz bei Prinz Louis Ferdinand ganz plötzlich beschieden, aber er muß den Augenblick hier sein.«

»Ich einen Mann von Geist unterhalten! Sie spotten meiner. Ach aber es ist nicht das. – Mein armer Mann – er sitzt noch bei der Studirlampe – ich sehe ihn wieder, verzeihen Sie, theuerste Freundin, es presst mich, es sprengt mir die Brust – ja, mir ist, als wenn jetzt ein großes Unglück zu Hause geschähe. Nicht mir, meines guten Mannes wegen verzeihen Sie die Störung.«

»Es ist recht schade, daß die Frau Geheimräthin an Visionen leidet,« bemerkte die Hofräthin am Spieltisch, der man die Zufriedenheit ansah, daß die Baronin die Karten übernommen hatte. »Es ist doch mit dem Nervensystem etwas Singuläres. Und es stört mancherlei.«

»C'est le temps!« bemerkte Bovillard, der inzwischen hinzugetreten. »Un peu mystique, un peu clair-obscur, un peu clairvoyance et un peu de vérité, voilà tout. Es ist wie mit dem Schnupfen. Man glaubt ihn los zu sein, da kommt er wieder.«

»Herr Jemine,« rief die Baronin, als sie ausspielen sollte. »Ich kann ja nicht, ich habe meinem Manne seine Karten gesehen.«

Das sah Jeder ein. Die Hofräthin öffnete vor Schreck den Mund, fast wie vorhin die junonische Frau. Die Partie war wirklich zerstört. Da übernahm der wirkliche Geheimrath die Karten. Er blieb der Gott des Abends. Man sprach noch nach Wochen in den Kreisen von der Liebenswürdigkeit dieses Staatsmannes. – Er ist später gestürzt; die Hofräthin hielt fest am Glauben. Sie versicherte noch nach langen Jahren, es sei nur die schwärzeste Kabale, die einen solchen Mann stürzen können.

Unten im Hausflur wartete Johann. Er zitterte noch immer. Indem er der Geheimräthin die Enveloppe umgab, ging die Hausthür auf, ein verspäteter Gast trat ein. Als er den Mantel abwarf und seinem Diener Anweisungen wegen des Abholens gab, erkannte sie in ihm den Fremden, dem sie vorhin auf der Hintertreppe begegnet [32] war. Die Blässe seines Gesichts war durch die schwarze, seine Hoftracht nicht gemindert. Ein Mann in mittleren Jahren und stattlicher Figur, stieg er leicht mit den Bewegungen vornehmer Sicherheit die Treppe hinauf. Ein Ordensband und Kreuz schien unter der Halsbinde versteckt. Ein Band am Knopfloch deutete auf ein anderes Ehrenzeichen.

Der Fremde hatte die Geheimräthin, die im Schatten der aufgehenden Thür stand, nicht gesehen. Einen Augenblick schien sie im Zweifel, ob sie nicht umkehren solle. Sie fühlte sich wieder wohl. Die frische Luft im Flur hatte wahrscheinlich gut gewirkt. Aber – es schickte sich nicht.

Sie saß im Wagen. Die Thür schlug zu. Sie lehnte sich in die Ecke und – weinte. Weil es sich nicht schickte! – Darum? – »Und das heißt leben,« fuhr sie auf, »unter diesen langweiligen, nüchternen, abgeschmackten Puppen wandeln, sich kleiden, sprechen, die Gefühle und Gedanken zusammenhalten, damit ja nichts entschlüpft, was sich nicht schickt. Und darum leben wir!«

Der Herr Geheimrath sind noch auf, hörte sie, im Hause angelangt, aber Sie haben befohlen, es soll Sie Niemand stören, Sie sind in einer wichtigen Untersuchung.

Zum ersten Mal, seit wie langer Zeit! fühlte die Geheimräthin ein Verlangen, ihren Mann zu sehen. Er war doch etwas anders, als die Larven in der Gesellschaft. Er liebte die Menschen in seinen Büchern; im Vergleich mit Jenen war er ein freier Mann, denn von dem Gesetz des Sichschickens, was diese tyrannisirte, hatte er sich losgemacht. Hatte er doch auch, als sie vor langen Jahren nach Italien reisten, geschwärmt, wie er es konnte, wenn nicht für Kunst und Natur, doch in dem reichen Trümmerlande für die Wege, welche Horaz geschildert, für die Ruinen, welche die Sage nach ihm nennt.

Das waren nun längst vergangene Dinge. Die Geheimräthin schwärmte nicht mehr für Italien. Sie wäre einmal gern nach London oder Paris gereist; jetzt auch vielleicht nicht mehr. Berlin war ihr unausstehlich, aber sie wusste nicht, wohin sich wünschen.

Sie wollte ihren Mann sehen, irgend etwas mit ihm sprechen, was sie nicht an die Gesellschaft erinnerte. Vielleicht traf sie doch auf einen Ton, wo ihre Seelen zusammenklangen.

Er sah nicht auf, als sie eintrat. Er hörte auch nicht die leis geöffnete Thüre, nicht das Rauschen ihres Kleides. Den Lichtschirm vor den Augen, die Feder im Munde, saß er zwischen zwei Folianten, in denen seine Finger als Zeichen lagen, um die Varianten in jedem Augenblick aufschlagen zu kennen, und seine Augen flogen von der einen zur andern Stelle. Sie trat näher; auch da keine Regung. Mit unterschränkten Armen betrachtete sie ihn. – Ist das ein Mensch oder eine Pagode? – Sie schritt langsam im Kreis um ihn, ohne [33] sich zu sehr Mühe zu geben leis aufzutreten; aber die mit Heu dicht unterstopfte Decke verrieth sie nicht. In einem Moment war es ihr, als ob sie auflachen müsse; im nächsten, als müssten die Thränen ihr aus den Augen stürzen. Sollte sie ihn anreden? Das hieße einen Nachtwandler aus seinem Traum aufrufen. Erst als sie sich wandte, um hinauszugehen, wehte er mit der Hand. Es war als ob instinktartig eine Ahnung ihn überkommen, daß ein Wesen in der Nähe sei, das ihn stören könnte.

Leise hatte sie die Thür wieder zugedrückt. Durch das Flurfenster schien der Mond auf die Rumpelkammer, durch die der Weg nach ihrem Schlafzimmer führte. Die wunderlichen Ecken und Spitzen der alten Möbeln starrten sie im Mondenlicht eigenthümlich an. Es überfuhr sie ein Schauer, sie lachte, um sich Luft zu machen, hell auf. Aus den Winkelu schien es ihr zu antworten.

Die Jungfer hatte die Nachtlampe in ihrer Schlafstube hingestellt. Der Geheimräthin war es zu dunkel. Sie musste die Kerzen auf dem Armleuchter anzünden. Sie war beim Entkleiden ungehalten, sie behauptete, die Jungfer verfahre mit Absicht ungeschickt. Sogar entfuhr der sanften Frau der Vorwurf: sie steche sie aus Bosheit. Die Jungfer weinte. Die Geheimräthin hielt ihr eine ernste Vorhaltung, ob das ein Grund sei, um Thränen zu vergießen? Sie erinnerte sie an die vielen leidenden Kreaturen, denen der Schöpfer nicht einmal eine Stimme gegeben, um zu klagen. Wenn Jeder klagen wollte, was ihn drückte, ob es in der Welt vor Gewimmer und Thränen auszuhalten sei! Die Geheimräthin fragte sie mit Würde, ob sie glaube, daß die armen Mädchen mehr litten als die vornehmen Damen, die ihre Schmerzen verhalten müssten? Sie ermahnte sie zur Duldung, zum Gehorsam, zur Tugend, und entließ sie.

Die moralische Vorhaltung schien auf die Predigerin selbst keine Rückwirkung geübt zu haben. Sie saß entkleidet an ihrem Bett, das Gesicht im Ellenbogen gestützt, und starrte in die Lichtschnuppen der Kerze. Da fiel ihr Auge, den Lichtstrahlen folgend, auf ein Spinnengewebe am Winkel der Zimmerdecke. Es war Freitag. Das Reinigungsgeschäft sollte erst am Sonnabend erfolgen. Die dicke Spinne, die sie heut nicht zum ersten Male bemerkt, lag schlafend in der Mitte des Raubnetzes, das sie ausgespannt, gesättigt und erschlafft, schien es, von dem Mordgeschäft, worauf die todten Fliegen im Netz deuteten. Die Geheimräthin stand auf und nahm den Armleuchter. Ihre Augen waren scharf, ihr Arm aber reichte nicht bis an die Decke. Ein Kitzel, die Nemesis zu spielen, überkam sie. Die Bäume im Hofe, vom Winde bewegt, schlugen gegen das Fenster. Das war doch keine warnende Stimme! Es war ja kein Unrecht, ein solches mörderisches Ungeziefer zu vertilgen, das selbst seine Netze ausspannt zur Vertilgung seiner Mitgeschöpfe. Sie holte [34] einen Stuhl. Auch der war zu niedrig. Sie schleppte mit Anstrengung einen Tisch heran. Warum that sie es mit angehaltenem Athem, warum bemühte sie sich, ja kein Geräusch zu machen? Warum schlich sie auf den Zehen, da sie schon in bloßen Füßen ging? Warum pochte ihr Herz, als sie auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch stieg? Die Spinne regte sich nicht. Nur das Gewebe schaukelte etwas, wie eine Hängematte vom Hauch des Lichtes angeregt. Draußen rauschten wieder die Aeste. Hätten sie die Spinne geweckt, vielleicht hätte die Geheimräthin sie geschont. Was schonen! Morgen vollbrachte es der Besen der Magd.

Wer ihr ins Gesicht gesehen, wie die Augen glänzten, die Lippen sich krampfhaft verzogen! Jetzt war's geschehen. Ein Knistern. Die Spinne, zusammenglühend, schien sich einmal zu krümmen, dann flackerte das Netz in leichten Flammen auf und der verkohlende Körper schwebte nieder. Die Geheimräthin schloß, krampfhaft zurückfahrend, die Augen, als sie einen heftigen Schmerz empfand. Die schief gehaltene Kerze hatte einen heißen Wachstropfen auf ihren bloßen Fuß gespritzt.

Die Aeste rauschten zum dritten Mal. Es war der Grabesgesang. »Die hat ausgelitten! Sie empfindet keinen Schmerz mehr! Und wie leicht und schnell!« sagte die Geheimräthin. Ihr Fuß musste ja noch morgen bei der zarten Komplexion ihres Körpers empfindlich schmerzen.

Jetzt aber schmerzte er sie nicht. Sie empfand ein Wohlbehagen, das der Empfindung eines Rausches verwandt war. Sie hatte eine Kreatur, die doch zum Tod verdammt war, rascher aus der Welt geschafft, als es morgen der stumpfe Besen der gefühllosen Magd gethan hätte. Und im Schlaf! Sie hatte ihr einen seligen Tod bereitet.

Sie suchte noch mehr Spinnen; aber im Zimmer war keine mehr zu entdecken. Dagegen hingen an den Wänden unzählige Fliegen, die der regnerische Tag hineingetrieben. Noch vorsichtiger schlich sie auf den Zehen heran, und es glückte ihr, die erste, zweite, auch eine dritte durch das schnell angehaltene Licht zu tödten. Morgen würden sie langsam, unter furchtbaren Qualen am Fliegenstock verenden; jetzt im Lichtschein, im Taumel, waren sie einen Augenblick erwacht und verglüht.

So musste auch Semele in einem Moment glückselig und todt sein, angeleuchtet von Zeus' Lichtglanz und verbrannt von der Wonne – dachte die Geheimräthin.

Aber nicht alle Fliegen wollten diesen seligen Tod sterben. Als sie der einen die Flügel angesengt, und das Insect summend aufflog, löste sich allmälig der Schwarm von den Wänden. Sie summten um das Licht, um ihren Kopf, und die Geheimräthin stand[35] wieder athemlos in der Mitte des Zimmers, mit dem freien Arm die aufgestörten Thiere abwehrend. In dem Augenblick war ihr nicht wohl zu Muthe. Die Thiere wurden so groß und schwarz und mit feurigen Augen; sie kamen ihr wie die Erynnien vor. In dem Augenblick wünschte sie, sie hätte nicht angefangen.

Sie wollte das Licht auslöschen, sich ins Bett vergraben und die Decke über den Kopf ziehen, aber sie fürchtete sich ohne Licht. Da hörte sie die Stimme ihres Mannes, der draußen die Thüre öffnete: »Johann, ich will zu Bett gehen.« Aber Johann hörte nicht, auch nicht auf den wiederholten, verstärkten Ruf. Johann hatte sich auf ihr Geheiß zu Bett gelegt, um zu schwitzen. Es war ihr lieb, daß Johann nicht hörte; er schlief also wahrscheinlich. »Dem thut es mehr Noth,« dachte sie, »und Lupinus kann sich selbst helfen.«

Der Geheimrath schlug brummend die Thür zu, und musste sich wohl selbst geholfen haben. Sie hörte nichts mehr. Auch die Fliegen hatten sich wieder zur Ruhe begeben. Aber nach einer Weile schellte sie nach der Jungfer. Sie schellte immer stärker und die Jungfer musste aus dem Bette.

Als sie ins Zimmer kam, war die Geheimräthin eigentlich in Verlegenheit. Sie wusste nicht, warum sie nach ihr verlangt.

»Befehlen Frau Geheimräthin vielleicht Cremor Tartari? Oder soll ich Kamillenthee kochen?«

»Nein, mir ist ganz wohl,« sagte die Geheimräthin. Aber im nächsten Augenblick sagte sie, morgen früh solle zum Hofrath Heym geschickt werden: »Und ganz früh. Hört Sie, Lisette. Damit Sie ihn noch zu Hause treffen. Und ich ließe ihn dringend ersuchen, mich zu besuchen, ehe er zur Prinzeß Ferdinand fährt. Die hält ihn immer so lange auf. Ja, hört Sie, es soll ihm recht dringend gemacht werden, denn ich fühle, ich werde sehr krank werden. Und er kann auch für den Johann gleich ein Recept verschreiben, die Sache muß doch endlich zu Ende kommen.«

Wenn ängstliche Träume ein Zeichen der Ungesundheit sind, musste die Geheimräthin sehr krank sein. Es waren nicht mehr Fliegen und Spinnen, sondern lauter Marionetten, die ihr keine Ruhe ließen. Da kam der fieberkranke, blasse Johann und sprang mit zusammengehaltenen Beinen und fragte sie, ob es nun nicht bald mit ihm zu Ende ginge? Dann füllte sich die Schlafstube mit der ganzen Gesellschaft vom vorigen Abend, lauter Gliederpuppen, die an Drähten vom Schornstein aus geführt wurden. Sie tanzte und das Holz klappte unangenehm. Wenn sie am Bette vorbeikamen, gähnten sie und fragten: ob es nicht bald Schlafenszeit wäre? Gern hätte die Geheimräthin gesehen, wer den Draht führte, aber sie konnte, wie sie auch sich anstrengte, den Kopf nicht in den Schornstein [36] zwängen, und wenn es ihr einmal gelang, schoß eine neue Figur herunter und schreckte sie zurück. Dazu klappte ihr Mann als Pantaleone immerfort durch die Stube, und hauchte sich in die Hände und sagte, ihn fröre, und wer ihn nur heiß machen könne! Da rief eine Stimme aus dem Schornstein, deren sie sich nicht entsann, aber gehört hatte sie dieselbe schon ein Mal: Wenn's weiter nichts ist, man braucht ja nur alle die Puppen zu verbrennen, das giebt ein gutes Kaminfeuer. Und dann war es ihr, als ob alles um sie her verbrenne. Sie gerieth in Angst, daß sie mit verbrennen könne und hüllte sich in ihr Bette, bis eine wohlthätige Transpiration ihrer Natur zu Hülfe kam, und sie in einen tiefen, ruhigen Schlaf einhüllte, der so lange andauerte, daß sie erst aufwachte, als das freundliche Gesicht des Hofrath Heym mit den durchdringenden blauen Augen sie anschaute und er mit seiner etwas kreischenden Stimme ihr den Morgengruß bot: »Na, da leben Sie ja noch, Frau Geheimräthin; hab' ich doch wirklich nicht anders geglaubt, wie das Mädchen reinstürzte, als Sie wären schon maustodt.«

7. Kapitel. Der Staatsmann

Siebentes Kapitel.
Der Staatsmann.

Wir führen unsere Leser in die Wohnung und die Geschäftszimmer des vornehmen Mannes, dessen flüchtige Bekanntschaft wir in der Gesellschaft gemacht. In seinem Hause, unter seinen Untergebenen, war der wirkliche Geheimrath ein anderer Mann. Man könnte sagen, er sei um einige Zoll gewachsen; der von den vielen huldreichen Verbeugungen gekrümmte Rücken war hier gerade geworden. Er war aber um deswillen kein großer und auch kein gerader Mann.

Im Vorzimmer warteten Expectanten. Die trüben Mienen verriethen, daß nicht Jeder Hoffnung hatte, vorgelassen zu werder. Sie wandten sich an die durchpassirenden Beamten. Wie viele große Männer hätte ein Neuling da zu entdecken geglaubt, wenn sie freundlich zuhörten, sich an der Binde zupften oder die Schultern zuckten. Und doch waren es nur Schreiber und Boten. Ob einer von ihnen sich in den Winkel ziehen und zu einer vertraulicheren Verständigung hinreißen ließ, will ich nicht verrathen haben.

Das Zimmer, wo der Geheimrath empfing, war geräumig, halb mit Aktentischen und Repositorien, halb mit den Bequemlichkeiten und dem Luxus eines reichen Lebens ausgestattet. Auf den Fauteuils und kleinen Tischen lagen zerstreut in elegantem Einband die neusten Werke der französischen Literatur. Am Ende des Aktentisches [37] saß ein jüngerer Rath, in den eingegangenen Schriftstücken blätternd und sie zum Vortrag ordnend. Im entfernteren Winkel stand der Geheimrath und hatte einer Dame Audienz ertheilt, die sich sehr bescheiden in der Ecke zwischen Fenster und Hinterthür hielt. Es war eine Tapetenthür, durch welche sie auch vermuthlich der Kammerdiener eingelassen, denn nach Beendigung der Audienz schlich sie durch diese Thür hinaus. Ihre vielen Ringe, eine Garderobe, aus den kostbarsten und auffällig modernen Stücken, und der prachtvolle Shawl darum schienen ihr eher ein Anrecht aus einen Platz auf dem Sopha zu geben, wenn nicht die Haltung der sehr wohlbeleibten Frau verrathen hätte, daß die Hülle nicht recht zum Körper, oder der Körper zur Hülle sich schickte. Einem Psychologen hätte vielleicht schon ein Blick auf ihre groben Füße angezeigt, daß die feine Kleidung ihr nicht angeboren war. Wer ihr aber ins Gesicht sah, wo trotz aller Sanftmuth und Glätte die ursprüngliche Gemeinheit sich nicht verbergen konnte, begriff, warum der Geheimrath in einer Art ihr Audienz gab, wie es in der Regel auch ein noch vornehmerer Mann keiner Dame gegenüber übers Herz bringen würde. Er stand, die Hände in den Seitentaschen, halb seitswärts, halb ihr den Rücken kehrend, wodurch sie freilich Gelegenheit gewann, ihr Anliegen auf dem nächsten Wege ihm ins Ohr zu flüstern. Sie sprach leise. Er hatte mehrmals den Kopf geschüttelt. Dann sprach er, gleichfalls mit gedämpfter Stimme: »Gedulden Sie sich also bis Lombard kommt; er kann die Sache allein arrangiren. Und bis dahin hüten Sie sich, daß keine Klage einläuft. Keinen Skandal! In dem Fall wollen wir die Sache schon hinhalten.«

Die Supplikantin verbeugte sich tief. Er klopfte ihr freundlich auf die Schultern. Sie wollte ihm die Hand küssen. Das litt er nicht.

Der junge Rath las von einem Zettel den Namen der nächst zur Audienz aufgeschriebenen Person. Der Geheimrath machte eine Bewegung mit der Hand und warf sich, die Beine übereinander, aufs Sopha, ein Zeichen, daß er sich erholen wolle; vielleicht glaubte der Vortragende darin eines für sich zu erkennen, daß Bovillard sich über die vorige Audienz auszulassen Lust hatte.

»Was wollte denn die Schubitz?« fragte er, zwischen den Papieren kramend. »Eine Eingabe von ihr ist nicht da.«

»Man will sie in der Behrenstraße nicht länger dulden. Sie soll ihr Haus verlegen – in eine minder anständige Straße,« setzte der Geheimrath mit sarkastischer Miene hinzu.

»Wer will denn das, wenn ich fragen darf?«

»Erinnern Sie sich, was le grand Frédéric dem alten Spalding antwortete? Der beklagte sich auch über eine Nachbarschaft, die ihn in seinen Meditationen störte, und Friedrich schrieb nur auf den [38] Rand des Memorials: Mon cher Spalding, ni vous ni moi .... pourquoi donc gêner d'autres .... Unter Friedrich hätte die Behrenstraße petitioniren können, bis sie aschgrau ward.«

»Auch unter –« der Rath verschluckte es, denn der Geheimrath unterbrach ihn.

»Das muß man Wöllnern lassen. Er wusste christlich ein Auge zuzudrücken, wenn – es die Schwäche seines Nächsten galt.« Er betonte die letzten Worte.

Der junge Rath hatte vorhin die Aufforderung zum Lächeln übersehen. Er lächelte jetzt. »Aber wer kann es sein?«

»Wer! Wer? Mon cher! Haugwitz vielleicht, oder Lucchesini, Schulenburg, oder Beyme, der Cato Censorinus. Vielleicht ist auch Prinz Louis Ferdinands sittliches Gefühl beleidigt.«

Der Geheimrath gefiel sich so, daß er aufstand und mehrmals durch die Stube schritt: »Ja, ja, es hat sich so manches in Preußen geändert.«

»Und wird noch manches anders werden,« setzte der Rath hinzu.

»Gewiß, wenn man uns in Ruhe lässt, wenn man verständig denkt und handelt; wenn man auf die Kläffer nicht hört, wenn, wenn – was liegt noch vor, lieber Rath?«

»Herr Geheimrath ließen gestern fallen, daß Ihnen eine Notiz im Hamburger Unpartheiischen, bezüglich auf Lombards Depesche, nicht unangenehm wäre. Wir wurden unterbrochen. Meine Feder und mein Wille stehen zu ihrer Disposition.«

Bovillard setzte sich halb auf den Tisch, indem er vertraulich den Arm auf die Schulter des Rathes legte; die Runzeln seines Gesichtes verzogen sich in ein wohlgefälliges Lächeln:

»Mich hat seit lange kein Brief so erquickt!«

»Lombard muß Wichtiges berichtet haben,« bemerkte der Beamte. »Nach den Aeußerungen des Herrn Geheimraths gestern zu mehreren Geschäftsmännern herrscht unter den Kaufleuten eine sehr frohe Stimmung.«

»Dürfte ich Ihnen den Brief zeigen! Bonaparte hat ihn empfangen nicht wie einen Abgesandten, sondern wie einen alten lieben Bekannten, den er endlich von Angesicht zu Angesicht sieht. Er saß auf dem Sopha und las. Was denken Sie? Den Ossian. Nachdem er Lombard die Hand gereicht, recitirte er ihm eine Stelle voll der tiefsten Empfindung für Menschenwohl. Er fragte ihn, ob er Ossians Gefühle theile? Lombard war nicht ganz vertraut, da las er ihm selbst die Scene vor, wo Malvine im Mondenschein über das Schlachtfeld eilt, und süße Betrachtungen ausgießt darüber, daß Mord und Schlachten die Geschicke der Menschheit reguliren. Bonaparte schlug das Buch zu und wandte sich schnell ab, um seine eigene Bewegung zu verbergen. Und diesen Mann gefallen sich unsere Fanatiker einen [39] Blutmenschen zu nennen! Wer gebietet der Parteienwuth! Das warf auch Bonaparte im Gespräch hin. Sire, erwiderte Lombard, Europa kennt den Sieger des 18ten Brumaire. Der Kaiser schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf: Ach, das war für die Straßen von Paris, für Frankreich vielleicht, aber der Genius muß noch geboren werden, der Europa wieder in seine Fugen richtet. Lombard citirte eine Stelle aus einer Schrift des jungen Ancillon. Napoleon schien sie zu kennen, aber mit einem schlauen Augenaufschlag fiel er ein: Mich dünkt, der Sinn ist weit schlagender in den Worten ausgedrückt, – Und was citirte er? Eine Stelle aus einem von Lombards Traité'

»Sollte Bonaparte Lombards Schriften gelesen haben?« rief der junge Rath mit einem ungläubigen Lächeln.

»Dieselbe Frage stellte Lombard, natürlich nur mit andern Worten, und sein Gesicht mag auch dabei geglänzt haben, denn, wir wollen es nicht leugnen, er ist etwas eitel. Eitel sind wir Alle, lieber Fuchsius. Napoleon sah ihn mit seinen schönen klugen Augen vielsagend an, und griff dann nach einem Buche, das neben ihm auf dem Tische lag. Es war Pariser Druck und Band, Sie werden es sehen. Kaum, daß er darin geblättert, schlug er eine Seite auf und reichte sie dem Gesandten. Es war Lombards Dictum. Unverdiente Ehre, wenn mich ein französischer Schrifsteller citirt hat. – Sie sind es ja selbst, lächelte Napoleon und wies ihn auf den Titel. Kurzum, es waren Lombards Traité's, in einer Pariser Ausgabe, prachtvoll gedruckt. Und mit einem Wort, es kam heraus: Der Kaiser hat Lombards Abhandlungen, weil sie ihm so sehr zusagen, in einer Prachtausgabe für sich und seine vertrauten Freunde drucken lassen. Napoleon Bonaparte, sage ich Ihnen, der Genius des Jahrhunderts, kann sich von Lombards Schriften nicht trennen, er führt sie mit sich in seinem Feld-Necessaire, er blättert täglich, er findet Zerstreuung, Erholung, Erquickung darin, wenn die Sorgen ihn drücken. Mit französischer Artigkeit bat er ihn um Entschuldigung wegen des Nachdrucks, den er in seinem Reiche streng bestrafen würde, denn jeder Arbeiter müsse die Früchte seiner Arbeit genießen können. Aber die deutsche Typographie sei noch so weit zurück, es thue seinen Augen wehe, einen schönen Gedanken grob auf deutschem Papier zu sehen. Ach, fügte er hinzu, was könnte aus Deutschland, ich meine aus Ihrem Preußen werden, wenn ein Genius die Industrie belebte! Lombard erwiderte in galanter Weise die Artigkeit: er fühle sich in seinem Interesse durch den Nachdruck so lädirt, daß er auf eine große Entschädigung Anspruch mache. Er fordere nicht weniger als das Exemplar, welches durch des Kaisers Hand geweiht sei. Ich gebe es ungern, es ist mir lieb geworden, sagte der Kaiser, aber Sie sind im Recht, und nun ist es nicht mehr meines. Er [40] hatte rasch seinen Namen mit einer verbindlichen Zeile hinein geschrieben.«

Der Geheimrath war nach dem verschlossenen Schrank geeilt, von wo er einen in saubere Hüllen verschlossenen Band holte, und auf dem Tische enthüllte: »Lombard hat ihn voraus geschickt. Doch das ist nur für uns. Um Himmels Willen davon keine Mittheilungen. – Da ist sein Name. Schöne, feste Züge, der Charakter des Genius. Ex ungue leonem. – Hier ist auch mein Bericht, den Lombard die Güte hatte in seinem Traité aufzunehmen, mit abgedruckt.«

Der Geheimrath umhüllte das Buch wieder mit einer Geschickslichkeit, die einem Buchbinder Ehre gemacht, und stellte es auf einen Ort zurück: »Was sagen Sie nun. Ist der Mann, wie seine enragirten Feinde ihn uns darstellen wollen?«

»Das sind allerdings überraschende Kombinationen.«

»Sie haben an eine Atrappe gedacht. Sehen Sie, wie Sie sich durch Ihr Vorurtheil täuschen ließen. Ueberhaupt, da war nichts Affektirtes in Bonaparte's Benehmen, nichts von der Herablassung eines Emporkömmlings. Er verhandelte mit unserm Freunde wie der Gleiche mit dem Gleichen. Lombard wollte diplomatisch Schritt um Schritt mit seinen Missionen herausrücken. Napoleon unterbrach ihn rasch: Ich bin Frankreich, die Welt fängt an es zu erkennen, und Sie sind Preußen, die Welt erkennt es noch nicht, aber ich. Ueberlassen wir doch das Anderen, sich untereinander zu täuschen, setzte er mit dem durchdringend freundlichen Blicke hinzu. – Das bleibt natürlich unter uns, und Lombard that natürlich das Seinige, dagegen zu protestiren und auf seine untergeordnete Stellung zu weisen. – Wie Sie wollen, sagte Napoleon lächelnd, ich nehme die Menschen wie sie sind, respektire aber auch den Schein, den sie hervorzukehren für nöthig halten. – Und nun floß das Gespräch anmuthig hin, wie zwischen Zweien, die, wie Schiller sagt, auf der Menschheit Höhen stehen, und parteilos und affektlos das Getriebe tief unter sich betrachten.«

»Und bei dem Gespräche blieb es?«

»Lombard kann nicht genug sein Entzücken über den reichen Geist ausdrücken. Er schüttete seine Anschauungen über die Weltverhältnisse wie eine Fee aus ihrem Füllhorn. Unser Freund sagt, er hat in dieser einen Stunde viel gelernt.«

»Dazu ward er indeß nicht hingeschickt. – Und noch gar keine positiven Resultate?«

»Wir können ganz beruhigt sein. Bonaparte hegt eine Achtung vor Preußen, die mich wirklich überrascht hat. Wenn er von Friedrich spricht – nun das versteht sich von einem Genius, wie seiner von selbst. Er malte seine Schlachten; als er die von Hochkirch[41] schilderte, gerieth er in eine wahre Begeisterung: Die gewonnenen Schlachten wolle er dem großen Todten lassen, rief er aus, aber er gebe drei seiner eigenen Siege für den Rückzug von Hochkirch.«

»Lombards Mission war aber doch nicht eigentlich, sich Unterricht über den siebenjährigen Krieg geben zu lassen?«

»Spötter! wissen Sie, was Napoleon über den Baseler Frieden sagte?«

»Die erste Wunde unserer Ehre!« seufzte der Rath.

»Das gab er selbst zu. Erkennen Sie die Größe des Mannes. Aber nach diesem Frieden sei es Preußens Aufgabe gewesen, die demarkirten Theile von Deutschland, die unter seinem Schutz gegeben waren, sich zu unterwerfen. Ein kleines Unrecht, rief er, kann in der Politik nur gut gemacht werden durch ein großes Unrecht. Was wäre Preußen jetzt, es stände da, eine europäische Macht, die nicht nöthig hätte, Sie, mein lieber Lombard, zu mir zu schicken, um mich zu sondiren. Es wäre an mir gewesen, zu Ihnen zu schicken, ich hätte aber freilich schwer einen Lombard gefunden. Er that einige Schritte im Zimmer auf und ab. Aber es thut nichts, hub er wieder an. Preußen ist ohnedem was es ist. Der Genius Friedrichs schwebt über ihm, und die Fittiche seines Adlers rauschen stark genug, daß sich so leicht kein Feind heranwagt.«

»Und weiter berichtet Lombard nichts?«

»Sie bleiben ein ungläubiger Thomas. Der Kaiser ist nicht allein weit entfernt von einer feindlichen Absicht, sondern eine innige Verbindung mit uns wäre sein Wunsch. Wohl verstanden, eine Alliance, welche die Zügel der Welt in die Hand nimmt. Civilisation, Kultur, wahre Aufklärung, das Glück des Menschengeschlechts und ewiger Friede wären ihr Ziel. Wer zwingt ihn denn immerfort, das Schwert wieder zu ziehen, als die Manövres des Herrn Pitt, der jetzt Oesterreich, jetzt Neapel, nun Rußland, Schweden, und die Kleinen, warum nicht auch Spanien und die ganze Welt aufhetzt. Was sind diese Subsidien, die das monopolisirende England verschwenderisch auswirft, als das Blutgeld, womit es den Ruin der Länder erkauft, die sich verführen lassen? England wäre es recht, wenn der ganze Kontinent zur Wüste würde, wenn er nur damit der Markt wird, wo die Bettelvölker, um ihre Blöße zu kleiden, seine schlechtesten Waaren kaufen müssen. Das ist sein Ziel, und jedesmal, wenn Bonaparte seinen Degen gegen einen neuen Feind ziehen muß, thut er es mit Seufzen; er weiß, er kriegt nicht gegen die armen Neapolitaner, Hessen und Schwaben, die sind nur die Schlachtopfer; seine eigentlichen Gegner, die reichen Kaufleute an der Themse, sitzen ruhig hinter ihren Wollsäcken und trinken ihren Ostindischen Thee, derweil die mit ihren Taschengeldern zu ihrem Vergnügen, zu ihrer Spekulation erkauften Völker in die französischen [42] Kanonen getrieben werden. Darum ist sein Grimm gegen Pitt und die Andern unbeschreiblich. Wenn ihm die Landung gelänge, wenn er England seinen Degen ins Herz bohrte, so würde er vielleicht der Blutmensch, den man aus ihm macht. Aber seine Vernunft regelt seine Begierden. Seine Pläne sind andre. Könnte er den ganzen Kontinent mit einem Netz gegen die fremde Waare umspannen, daß kein Ballen ihrer Manufacte eindringt, könnte er den Gewerbfleiß unter den Kontinentalen anstacheln, daß wir gezwungen würden für uns selbst zu erfinden und zu schaffen, könnte er die Brtten aushungern, daß sie sich den Tod essen an ihren Schlauderwaaren, dann hätte er gesiegt, wie er wünscht, nicht für sich, für die ganze europäische Menschheit. Dann würde wir alle reiche, glückliche, selbstständige Völker. Aber er allein, ein wie großes Genie auch, kann das nicht. Er braucht einen Bundesgenossen. Rußland kann es nicht sein, Oesterreich ist des Gedankens nicht fähig, Preußen allein steht auf der Höhe der Civilisation und Intelligenz, mit Preußen Hand in Hand könnte er den Weltgedanken ausführen. Begreifen Sie nun, warum es in seinem Interesse ist mit uns Freund zu bleiben?«

»Lombard hat die Propositionen zur Alliance vermuthlich schon in der Tasche?«

»Bonaparte kennt uns, und darum giebt er fast die Hoffnung auf. Er kennt die Hindernisse. Ich versichere Sie, mit erschreckender Genauigkeit kennt er die Coterien an unserem Hofe, er weiß, was bei der Radziwill, in den Kreisen der Prinzeß Wilhelm über ihn gesprochen, wie er titulirt wird. Er weiß die Ausdrücke, das Treiben in den Umgebungen des Prinzen Louis Ferdinand auf ein Haar, ja er liest die Gedanken, die der Prinz unterdrücken muß. Die Discourse in unsern Wachtstuben, die freien Unterhaltungen unsrer Garde du Corps liegen aufgezeichnet in seinen Akten. Soll ihm das Vertrauen und Hoffnung auf uns einflößen?«

Der Rath war ernsthaft geworden. »Das ist schlimm. Man sagt, seine Spione kosten ihm viel. Preußen soll ihm überhaupt viel kosten, und das ist noch schlimmer.«

»Ich sage Ihnen, jene Phantasten und Gelehrten sind Bagatell; diese sogenannte Kriegspartei aber wird uns ruiniren. Die bohrt und drängt und stürmt, bis ein Mal der Widerstand der wahren Staatsmänner zu schwach wird, und das gute Herz des Königs nach giebt.«

»Und wir ständen allein,« fiel der Rath ein.

»Prenez garde, mon cher, das auszusprechen. Man muß diesen Fanatikern gegenüber vorsichtig sein. Es freut mich, daß Sie den Wahn nicht theilen, als wären wir allein stark genug, gegen den Strom zu schwimmen. Doch besser, daß man dies für sich behält. Um so mehr, als, denken Sie, auch Napoleon zweifelt. Wie [43] hübsch er das auffasst. Ich bin ja nicht so thöricht, sagte er zu Lombard, um nicht zu wissen, daß, wenn Preußen bei Valmy, Pirmasens, wenn es am Rhein ernstlich gewollt hätte, Frankreich nicht mein Frankreich, und ich nicht ich wäre. Das ist nun allerdings zu viel Artigkeit, indessen ersehen Sie daraus, wie hoch er auch unsre Armee schätzt. Ich weiß, sagte er, Ihres Königs Herz schlägt für Menschen- und Völkerglück, wie nur meines, aber ich würdige vollkommen seine Lage, er ist jung, befangen, zu gewissenhaft, er weiß sich nicht zu helfen zwischen den guten und bösen Rathgebern. Zu viel Blutsbande verknüpfen ihn mit den Ungestümen, Rasenden, und man kann sich keines Augenblicks versehen, daß nicht eine Mine auffliegt und die Feinde der Humanität siegen.«

»Und wird Mortier Hannover räumen?« fragte der Rath mit scharfer Betonung. »Wird die Sperrung der Weser- und Elbemündungen, worauf Preußen bestehen muß, aufgehoben werden? Unser Handel geht zu Grunde, wenn das nicht geschieht. Das ist schlimm, aber es giebt Schimmeres. Wir verfeinden uns England. Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Ganz Deutschland blickt sehnsüchtig und erwartend auf Preußen, als die einzige Macht, die ungebrochen da steht, frei noch von Frankreichs Einfluß, als die einzige Macht, welche die Ehre des Vaterlandes retten, der übermüthigen Gewaltthat eine Schranke entgegensetzen kann. Wenn wir diese Aufgabe nicht erfüllen, nicht rettend einschreiten, attestiren wir unsere Ohnmacht, und wir laden die Schmach auf uns, daß eine Koalition fremder Mächte, die nicht ausbleiben kann, diese Aufgabe übernimmt. Ich wiederhole nur, was die Tausende täglich sagen, die man Biedermänner nennt, mich selbst, wie sich versteht, jedes Urtheils begebend.«

»So!« sagte der Geheimrath gedehnt. »Diese Biedermänner werden sich gedulden müssen, bis Lombard aus Brüssel zurück ist. Die Spezialitäten seines Auftrages wird er mündlich Sr. Majestät vortragen.«

Die Geschichte und auch die Memoiren der Zeit erzählen nichts von diesem Gespräch und dem, was es hervorrief; der Dichtung aber ist es erlaubt, auch aus der Tradition zu schöpfen, wo sie noch die Worte lebendiger Zeugen belauscht hat, die es glaubten. Was einmal geglaubt ward, ist ein Faktum, das auch der Geschichte angehört. Uebrigens mag der Geheimrath Bovillard Verhandlungen und Gespräche anders aufgefasst haben, als die, welche gesprochen und verhandelt hatten; er war ein Mann von lebhafter Imagination.

»Und der Artikel für den Hamburger Korrespondenten?« sagte nach einer Weile der Rath Fuchsius.

»Sie werden das selbst am besten kombiniren. Ihre feine Feder weiß die Fäden zu verschlingen, daß man nicht ahnt, woher es kommt. [44] De haut en bas etwas, mit einem gelinden Achselzucken die kriegerischen Herren behandelt. Es versteht sich, die hohen Personen, die ich nannte, bleiben unverwähnt, auch die Generale, namentlich Rüchel, Blücher. Nur mit der höchsten Distinttion von ihnen gesprochen! Zu ihrer Einsicht habe das Publikum die feste Zuversicht, daß sie die verderblichen Rathschläge von des Königs Ohr abhalten würden. Die Seitenhiebe werden Sie eben so geschickt appliciren. Es bleibt, wie gesagt, ganz Ihrem Ermessen überlassen. Es ist Ihr Dafürhalten.«

»Dann bleiben nur die Gensd'armerie-Offiziere übrig.«

»Mit diesen Herren komm' ich nicht gern in Konflikt. Man begegnet sich doch täglich in Gesellschaften.«

»So könnten nur die deutschen Gelehrten, die Romantiker, die Zielscheibe sein.«

»Ganz richtig.«

»Die Herr Geheimrath für unschädlich erklärt!«

»Sie verführen die Anderen mit ihren abstracten Ideen. Ja, setzen Sie es recht ins Licht, die Lächerlichkeit dieser Theoretiker, die sich einbilden, über Dinge mitsprechen zu können, von denen sie nichts verstehen. Geben Sie's ihnen recht stark, legen Sie auch Napoleon einige pikante Phrasen in den Mund über die deutsche Ideologen. Sie wären das einzige Hinderniß des Friedens, nach dem alle Welt sich sehnt. Ich weiß, sie sind es nicht. Darauf kommt es aber nicht an. Sie schlägt man, die Kriegspartei meint man. Die Herren vom Miliär erfreut es inniglich, wenn man gegen die Professoren- und Schreiberweisheit loszieht. Sie schlucken die Invectiven mit Heißhunger herunter und merken nicht, daß es Schläge für sie selbst waren. – A propos, wenn Sie auch einige scharfe Seitenhiebe gegen den Herrn von Stein geschickt anbringen könnten –«

»Rechnen Herr Geheimrath den Freiherrn zu den Ideologen, zu den Romantikern oder der Kriegspartei?«

»Qu'importe!«

»Viele richten ihre Blicke gerade jetzt auf ihn.«

»Um so schlimmer, der Mann wäre im Stande –«

Der Geheimrath hielt plötzlich, wie durch eine Erinnerung gestört, inne.

Ein Secretair unterbrach das Gespräch in einem Augenblick, wo der Geheimrath selbst im Begriff stand, es zu enden, vielleicht, weil ihm Gedanken aufstiegen, für die Fuchsius ihm nicht der geeignete Vertraute schien.

»Ich kann heut Niemand mehr empfangen,« rief er dem Sekeretair zu: »Mein Gott, wenn man doch wüsste, wie ich überlaufen bin. Ich kann mich doch nicht verdoppeln und verdreifachen.«

[45] Der Sekretär nannte einen Namen. Das Gesicht des Wirklichen verzog sich merklich in die Länge.

»Diesmal werden Herr Geheimrath ihn wohl nicht abweisen können,« sagte der Rath. »Sie ließen ihn durch mich auf diese Stunde bescheiden.«

Aufgähnend und mit einer französische Phrase fand sich der Geheimrath in sein Schicksal.

Der Rath beurlaubte sich, das nächste Gespräch wurde wohl – besser ohne Zeugen geführt.

8. Kapitel. Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrath

Achtes Kapitel.
Der wirkliche und der nichtwirkliche Geheimrath.

Auch Lupinus war ein anderer in seinem Hause, als – wir ihn hier wieder sehen. Die süßesten Falten glätteten sein volles Gesicht und die Glätte ging über die sanft gepuderte Stirn bis an den Schopf. Lächelnd der Mund, das Auge, den Hut in der Hand, hatte er an der Thür seine respektvolle Verbeugung gemacht, um, den Dreiecker an die Brust gedrückt, mit einer Bewegung, welche an die der Maus erinnern konnte, auf den Wirklichen zu sich in Bewegung zu setzen:

»Mein theuerster Gönner!«

Der Wirkliche hatte die Bewegung vorausgesehen und vor dem Händedruck, der ihm drohte, sich hinter einem Lehnstuhl verschanzt, den er mit der Linken fasste und bewegte, um sich gelegentlich darauf zu stützen, während er mit der Rechten sich auch gelegentlich bewegte. Der Wirkliche schien während dieses Auftritts um einen Kopf größer als der andere Geheimrath. Ob er es war, lass' ich ungesagt:

»Mein Herr Geheimrath, ich hatte nicht erwartet, daß wir uns so begegnen sollten.«

Lupinus war um einen Schritt zurückgeprallt. Den Hut noch fester an die Brust drückend, verneigte er sich noch tiefer: »Mein Herr Geheimrath, wer hat keine Feinde!«

»Um das kurz abzuschneiden, von Ihren Feinden weiß ich nichts, aber ich weiß doch Alles. Ich bin nicht Ihr Richter, das wissen Sie. Wie Sie sich vor dem weiß brennen wollen, ist Ihre Sache, zu mir kommen Sie aus andern Gründen. Einem Advokaten muß man Alles sagen.«

»Soll ich sagen, daß mich diese edle Gesinnung überrascht? Nein! Iustice et humanité, voilà le patrimoine de la famille de Bovillard! Si mon ami Bovillard est mon advocat, je suis l'homme le plus heureux.«

[46] »Herr, rasen Sie! Von Ihrer Kassation ist die Rede! Um des Himmels Willen, plagte Sie denn der Teufel! Lauern uns denn nicht genug auf den Dienst, wissen Sie nicht, wie man uns auf die Finger sieht, wie man die unschuldigsten Handlungen verdächtigt, und Sie müssen uns mit solchen Stänkereien kommen! Herr Geheimrath, Sie verdienten ja schon darum –«

»Meine Intentionen waren die reinsten von der Welt –«

»Zum Geier mit Ihren Intentionen. Wissen Sie, wie der König die Lippen biß, wie die Königin blaß ward, wie ein Jemand, den ich nicht nennen will, die Achseln zuckte und zu Ihrer Majestät flüsterte: das sind die Freunde des Herrn Lombard! wie Seine Majestät, die Hände auf dem Rücken, stumm durchs Zimmer gingen: das muß anders werden! – heißt das Ordnung! Das nennt man Humanität, daß man Gottes Ordnung umkehrt und die Verbrecher Saufgelage feiern lässt. – Es muß, es soll anders werden! schlossen Seine Majestät. Beyme hat ihn noch nie so gesehen. Die Kabinetsordre an den Justizminister war ihm noch nicht stark genug, er musste sie umschreiben. Was sagen Sie nun?«

Lupinus wusste nichts zu sagen. Er kaute mit den trockenen Lippen und rieb mechanisch die Hände über den Hut, bis der Wirkliche ihm zu Hülfe kam: »Erleichtern Sie Ihr Herz und schenken mir reinen Wein, aber verstehen Sie, ganz reinen, und bis auf den Grund.«

Ob der Wein ganz rein war, lassen wir auf sich beruhen. Es war so ziemlich derselbe, den wir in Lupinus' Gespräch mit seiner Schwägerin gekostet. Nur blieb der tolle Sohn des Geheimraths aus dem Spiele. Der Zuhörer, welcher besonders am Schluß aufmerksam den Kopf wiegte, schien einigermaßen befriedigt, denn er sagte, als der Andere zu Ende war: »Können Sie nun mit gutem Gewissen behaupten, daß Sie nichts hinzugethan, noch davon genommen haben: ich meine, daß, wenn Sie vor dem Richter stehen, Sie ebenfalls nichts mehr, noch weniger aussagen wür den?«

»Wir sind Menschen, Herr Geheimrath, wir sind alle Menschen, und unser Loos ist irren.«

»Beamte sind aber eine besondere Klasse von Menschen, die nicht irren sollen; sonst jagt man sie fort.«

»Seine Majestät der König kennt gewiß meine Loyalität.«

»Der Hochselige kannte sie freilich durch Herrn Rietz. Ich möchte Ihnen nicht rathen, sich darauf zu berufen. Ueberhaupt scheinen mir Ihre Erinnerungen und Kenntnisse etwas antediluvianischer Art. Wenn man ein Beamter ist Ihres Ranges, die gebildete Gesellschaft besucht, ist erste Pflicht, daß man sich um die Verhältnisse und Ansichten kümmert. Vielleicht liegt das in Ihrer Familie –«

»Herr Geheimrath meinen, meinen Bruder in der Jägerstraße. Ja, um die Dehors kümmert er sich allerdings wenig. Sollte er [47] sich vielleicht bei irgend einer Gelegenheit einen Verstoß haben zu Schulden kommen lassen! Gott, er hat ein gewissermaßen kindliches Gemüth, er kann kein Wasser trüben. Aber Gelehrte – Gelehrte, mein theuerster Gönner, ach, der Vers ist wie auf ihn gemacht:


Er weiß, wie man in Rom gegessen

Und zu Athen sich gab den Kuß;

Darüber hat er ganz vergessen,

Wie man die Gabel halten muß.


Wie oft habe ich freundschaftlich mit dem Trefflichen gesprochen, daß er sich doch etwas in die Verhältnisse schicken möchte.«

»Hätten Sie sich die Predigt doch lieber selbst gehalten!« fiel der Wirkliche wieder verdrießlich ein. »Mein Herr Geheimrath, es ist ganz unbegreiflich, wie Sie die Veränderungen übersehen haben, die sich in unsern Sitten zutrugen. Ja, ja, in unsern Sitten! Sehen Sie denn nicht ein, daß und wie sich alles geändert hat. Ein junger tugendhafter König ist unser Staatsoberhaupt, eine ebenso tugendhafte und sittsame junge Königin an seiner Seite. Ihr Haushalt ist ein wahres Exempel von Moralität, von wirklich rührender Häuslichkeit. Fühlen Sie denn nicht, wie dies Beispiel schon auf das Publikum einwirkt? Anfangs war man etwas frappirt, man verstand es nicht, daß es dauern könne, man sah mehr darin ein idyllisches Schauspiel. Manche fürchteten sogar, daß die Königliche Autorität verlieren würde, ohne Gold und Silberapparat. Aber es war anders. Wird dieser König weniger geliebt, als der höchstselige? Ja, ich wage zu behaupten, der große Friedrich ward nicht so venerirt. Wenn dieser jugendliche Monarch mit zwei Rappen, die schöne Königin an seiner Seite, durch die Linden kutschirt, wie schlagen alle Herzen! Hören Sie die Bemerkungen der Leute. Das sind Symptome, mein Lieber, auf die man achten muß. Bemerken Sie denn nicht, wie die Dinge in Berlin schon jetzt ein anderes Ansehen gewinnen? Man muß sich fügen, mein Lieber, man muß mit dem Strome schwimmen, man muß sich kleiden wie die Andern, wenn uns auch die Mode nicht gefällt. Ou voulez-vous être un original, qui ne se désoriginalisera jamais? Glauben Sie mir, es gefällt Manchem am Hofe nicht, ich muß manche Klage hören, aber man fügt sich. Manche Liaisons sind stadtkundig, wer hatte bisher Arges daran, aber – man genirt sich jetzt, man fährt nicht mehr zusammen in den Thiergarten. Ich könnte Ihnen – aber n'en parlons pas à propos – man sagt mir, Sie besuchen noch immer das Haus der Schubitz.«

Der Nichtwirkliche blickte ihn verwundert an.

»Mein hochverehrtester Gönner, auch das« – Offenbar wollte er, was man nennt mit etwas herausplatzen, vielleicht aus der Defensive in die Offensive übergehen, aber rasch sich besinnend, fuhr er in dem vorigen süß flötenden Tone fort:

[48] »Wenn ich sagen dürfte, wie anständig es dort hergeht! Ich kann betheuern, daß alles Unmoralische davon entfernt ist. In den untern Zimmern versammelt sich abendlich, gelegentlich eine Gesellschaft von frohen Menschen. Man trinkt Thee, man lässt sich eine Bowle brauen; in heitern Gesprächen vergehen die Stunden. Wie mancher Geschäftsmann, erdrückt von der Last des Tages, der keine Familie hat, oder in ihrem Kreise nicht das rechte Soulagement findet, sucht die Zerstreuung, die nothwendige Erholung, um sich wieder zu erfrischen für die Sorgen und die Arbeit des nächsten Tages. Der Staat fordert von uns ungeheure Opfer, er muß uns doch auch etwas Erholung gönnen. Einige machen auch ein Spielchen, die Räume sind so gemüthlich und hell. Muß man denn immer Arges denken! Diese leichten anmuthigen Kinder der Natur – ich will im entferntesten nicht für ihrevertu sonst einstehen – aber in diesen Reunions, wenn doch auch nur einmal etwas Unsittliches vorgefallen wäre! Hüpfende Gazellen, Hebes mit der rauchenden Schaale, mischen sie sich in das Gespräch, man hält sie fest, wenn sie entschlüpfen wollen, man richtet Fragen an sie, und freut sich ihrer schalkhaften Antworten. Sie wissen oft den Nagel auf den Kopf zu treffen. Ich will auch nicht dafür einstehen, daß man nicht einmal, überrascht von einer naiven Antwort, den losen Schalk auf den Schooß zieht, und ihn dafür mit einem Kuß auf die Lippen belohnt oder bestraft. Aber, wie gesagt, il n'y a rien là d'immoral, Monsieur le conseiller! Man findet immer achtungswerthe Gesellschaft, die höchstachtungswertheste zuweilen. – Herr Geheimrath würden erstaunen, wenn Sie hörten, welche Equipagen vor dem Hause halten – oft die ganze Behrenstraße hinauf bis zur Friedrichsstraße. Man trifft sich auch mit den Künstlern, den Genies unserer Stadt. Wie oft hat Herr Friedrich Gentz seine brillantesten Gedanken in diesen Kreisen zuerst saillant ausgespritzt. Da ist der berühmte Bildhauer, das Genie, – wie heißt er doch gleich – der macht Studien zum Basrelief für das neue Schauspielhaus. Der tiefsinnige Herr Adam Müller, ce génie mystique, las den Damen aus seinen Schriften vor, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi, pour les convertir. Reine psychologische Studien! Der Herr Hofrath Hirt versichert, bei den Bewegungen der einen Nymphe würde er doch immer erinnert an ein pompejanisches Wandgemälde, was der Lichtenau so gefallen hatte, er hat es im Marmorpalais contrefeien müssen. Da sagte auch neulich Fleck – doch das erinnern sich Herr Geheimrath, – von der Auguste könnte die Schick agiren lernen, wenn sie die Dido singt. Enfin, je vous assure, mon génie protecteur, on n'y va que pour faire ses études artistiques, philosophiques, psychologiques –«

»Et physiologiques,« unterbrach Bovillard. »Und was studirten Sie, Herr Geheimrath?«

[49] »Menschenkenntniß, Herr Geheimrath. Lernt man in der Schwäche sich nicht selbst am besten kennen?«

»Das will ich gelten lassen. Darum schickte ein gewisser Jemand auch wohl seine Pantoffeln in das Haus.«

Der Geheimrath senkte den Blick: »So viel mir bekannt, sind diese schon vor Monaten wieder abgeholt.«

»Das ist sehr klug von dem Jemand gehandelt. Denn, merken Sie noch etwas, eine Polizeiordre ist unter der Feder, in diesen Häusern soll künftig eine Präsenzliste geführt werden. Wer aus- und eingehet, muß seinen Namen einschreiben. An jedem Morgen wird der Polizeipräsident wissen, wer sie besucht hat, und die Beamten werden höheren Orts gemeldet.«

Die beiden Geheimräthe sahen sich unwillkürlich mit einem wunderbaren Blicke an. Es entstand eine Pause. Eine vertraulichere Stimmung schien zwischen dem Wirklichen und dem Nichtwirklichen eingetreten, als jener nach einem kurzen Ambuliren seine verschanzte Stellung im Stich lassend, sich mit überkreuzten Beinen auf das Sopha setzte. Der Nichtwirkliche nahm bescheiden in der andern Ecke Platz.

»Und dann, warum müssen Sie mit jeder Schürze auf der Straße Konversation anfangen, und jedes hübsche Dienstmädchen in die Backen kneifen?«

»Mon Dieu, auch das ein Verbrechen, wenn das Herz uns treibt, unsere Mitmenschen zu uns zu erheben! Je vous proteste, ce n'est rien que l'inspiration d'un coeur humain.«

»Genialität, mon ami! Ces beaux temps sont passées. Sie werden mich gewiß nicht zu den Rigorosen rechnen, aber man muß doch auch mit einem gewissen Ernst, der unserer Stellung und unserm Alter ziemt, die Verhältnisse betrachten. Es musste anders werden. Das sittliche Gefühl des jungen Monarchen war durch so viel Affröses verletzt. Man hätte sich nicht wundern dürfen, wenn er selbst mit rigoroser Strenge dazwischen fuhr. Aber in seiner milden, bescheidenen Weise zieht er es vor, nur durch sein Beispiel zu wirken. Und es ist überraschend, wie es schon gewirkt hat. Wie menagiren sich jetzt die Damen am Hofe! Hört man noch das disgustirende Geplauder von sonst! Ein Wort, ein strafender Blick der Königin, und wie der Nebel bei Sonnenschein wird es rein – die chocquirenden Konfidenzen verstummen. Kennen Sie die alte Voß wieder? Ganz die Airs einer würdigen Matrone! Wenn es auch noch nicht überall einklingt, so macht man doch Efforts. Selbst Comteß Laura, geht sie wohl noch so ausgeschnitten wie sonst? Und wenn man auch noch die Redouten in Bergers Saal besucht, mit welcher Decenz geschieht es. Da kennt Keine die Andere, so tief maskirt! Ihre Wagen lassen sie schon an der Ecke [50] der Dorotheenstraße zurück. Nein, die Progressen in der öffentlichen Moral sind unverkennbar. Und die Minister! Was kann denn erhebender sein, als wie der unsere den Glanz des Weltmannes von sich abgestreift hat, und wie ein Patriarch unter den Seinen lebt. Die Frau Ministerin, wenn sie das schlichte Häubchen auf dem Kopf, die Schürze vor, als Hausfrau in Küch' und Keller waltet! Ein Fremder könnte glauben, daß er in eine gewöhnliche Bürgerwirthschaft geräth. Ein herzlicher Händedruck würde ihn begrüßen, ein Trunk Bier steht immer auf dem Tische.« –

»Trinken Excellenz jetzt Bier?« fiel Lupinus rasch ein. – »Wahrscheinlich von dem, was mein Freund, der Hofrath Fredersdorf in Spandow braut. Ein treffliches Bier, aber sollte es ganz nach Excellenz Geschmack sein?«

»Das thut wohl nichts zur Sache. Ich meinte nur –«

»Vielleicht nur des Magens wegen – Excellenz leiden an Indigestionen – da würde ein bitteres Magenbier, zum Exempel das Zerbster – der Magen eines Ministers ist etwas kostbares für das Land – ich habe da eine gute Quelle. Meinen Herr Geheimrath vielleicht, daß Excellenz es nicht ungütig nehmen würden, wenn ich mir erlaubte, ein Fässchen –«

»Sorgen Sie lieber für Ihren eigenen Magen,« sagte Bovillard aufstehend, »denn Sie haben viel Verdorbenes gut zu machen!« Aber der Alp auf der Brust des Geheimrath Lupinus schien sich doch allmälig gelöst zu haben, als er die Theilnahme seines Gönners bemerkte. Die Sache war nicht durch einen Scherz zu beseitigen. Man sprach auch von einem Dritten, der seine Vermittlung schon angeboten. »Wenn man dem nur ganz trauen kann,« sagte Lupinus. Der Wirkliche lächelte leichthin: »Das zu prüfen ist meine Sache. Ihre: Anstand, Ernst, Moralität zu zeigen – und vorsichtig zu sein. Denn mir ist gar nichts darum zu thun, daß Sie mit blauem Auge davonkommen und durch eine Hinterthür schlüpfen, sondern Ihre Ehre soll ganz fleckenlos dastehen. Verstehen Sie mich, mein Herr Geheimrath? Es handelt sich um Ihre vollkommene Rechtfertigung, weil unser Interesse damit zusammenhängt. Verstehen Sie mich! Wissen Sie auch, daß der Justizminister schon einen Kandidaten für Ihren Posten in petto hat?«

»Womit habe ich das verdient!« Beinahe entfiel ihm der Hut, als er mit der Hand über die Stirn fuhr.

»Das machen Sie mit sich selbst aus. Dann kann ich Ihnen auch nicht verbergen, daß das Verhältniß mit Ihrer Köchin Seine Majestät choquirt. Sie thäten besser, sie wegzuschicken, oder wieder zu heirathen.«

»Wenn ich die Ungnade Seiner Majestät damit abwenden könnte – mein Gott, ich bin ja zu allem bereit – jeden Augenblick.«

[51] »Warten Sie's doch noch ab,« – entgegnete der Wirkliche, wirklich von diesem Zeichen der Devotion überrascht. »Es kann sich manches wieder ändern. Ueberhaupt müssen wir warten,« setzte er hinzu, »denn ich besinne mich, daß der Minister morgen wegen des Geburtstags Seiner Majestät nicht zu sprechen ist.«

Mit etwas erleichtertem Herzen nahm Lupinus seinen Rückzug. Bovillard schien schon einer Reihe anderer Gedanken gefolgt, als er, die Hand an der Thür, ihm ein à propos nachrief:

»A propos, wissen Sie nicht, was aus der Jenny geworden ist!«

Lupinus, halb schon aus der Thür, war im Augenblick zurückgeschnellt, und mit derselben Elasticität verklärte sich sein Gesicht zu einem Ausdruck, der das grade Gegenstück zu dem während dieser peinlichen Unterhaltung war. Es war die allmächtige Natur, welche die Folterbande gesprengt hatte.

»Die ging ja nach Leipzig – nach dem Vorfall –«

»Das weiß ich. Aber von da?«

»Man sagte, nach Paris. Ah! ces souvenirs!« Der Geheimrath von der Vogtei küsste seine Finger.

»Wie eine Gazelle,« sagte der Wirkliche.

»Und eine Taille!«

»Quand elle pirouettait autor d'elle-même –«.

»En petit comité viel ravissanter, als hinter den Lampen. Diese Grazie!«

»Augen wie eine étincelle.«

»Et sont esprit!«

»Witzig! Sie konnte fünf Mann todt machen.«

»Et ses délicieux petits pieds! Erinnern sich Herr Geheimrath noch an jenen Abend, wie sie auf den Tisch sprang?« –

»N'en parlons pas!« Bovillard wehrte mit der Hand. Mit einem eigentümlichen Blick setzte er hinzu. »Mon cher conseiller, c'est à vous taire – et surtout à présent!«

»A moi!« Lupinus senkte die Augen, die Hand auf der Brust. »D'ailleurs ces souvenirs dureront plus que ma vie.«

»Ja, sie hat manche Erinnerungen hinterlassen,« schmunzelte Bovillard.

»Und man kann sie ordentlich historisch verfolgen,« setzte der Andere hinzu. »So was kommt doch nicht wieder. Sind Herr Geheimrath nicht auch der Meinung, es verschlechtert sich Alles in der Welt.«

»Es kann aber auch Einiges besser werden,« sagte Bovillard. Noch einmal rief er dem Scheidenden nach: »Also, un peu plus de morale et – de modération.«

[52]

9. Kapitel. Der dritte August

Neuntes Kapitel.
Der dritte August.

Der dritte August fing in Berlin an ein Feiertag zu werden. Die Bürger freuten sich, daß sie einen guten König hatten. Sie hatten lange keinen guten König gehabt; denn der alte Fritz war wohl ein großer König, aber er war ein Fürst gewesen, den eine tiefe Kluft des Respekts von seinem Volk trennte. Es verehrte, es bewunderte ihn, aber den Bürger schauerte, wenn er dachte, daß er mit ihm auf einer Diele, unter einem Dache stehen sollte. Der Müller von Sanssouci war ein einzelner Mann. Und zuletzt war der alte Fritz sehr alt geworden und grämlich, und seine Kaffeeriecher drangen in die Häuser und die Hütten. Wenn er durch die Linden ritt auf seinem alten Schimmel, liefen ihm die Kinder nach und schrieen und waren glücklich, wenn sie die Sohle seines Stiefels, den Saum seines Rockes anfassen konnten, auch leuchtete sein Auge noch immer groß und durchdringend, und die Bürger erstarrten in Ehrfurcht vor dem großen Könige, aber Liebe hat der matte Strahl des großen Auges nicht mehr geweckt.

Und als der große Mann im Sterben lag, durchschauerte es auch wohl die guten Bürger, daß so ein großer Mann wie der kleinste unter ihnen von dieser Welt scheiden müsse. Aber an seine großen Schlachten und, was noch größer, seine Thaten für den Staat, und daß er die Seele dieses Staates gewesen, und ob eine andre Seele und welche in diesen verlassenen Körper fahren werde, daran dachten sie nicht. Den guten Bürgern fiel es überhaupt nicht ein, daß der Staat ein Leib sei, der eine Seele braucht. Sie dachten vielmehr – ganz still – wenn der Alte todt ist, hören die Kaffeeriecher auf, und vielleicht auch die Tabaksregie. Unter diesen Gefühlen der guten Bürger, die man später die Gutgesinnten nannte, entschlief der größte Mann seines Jahrhunderts. Wenn er's gewusst, vielleicht hätte sein letzter Seufzer geklungen: das hatte ich nicht verdient! Und darum jubelten die guten Bürger dem neuen, gütigen Könige entgegen, der auch wirklich die Kaffeeriecher fortjagte, aber später und sehr bald ward er kein guter König. – Er starb in seinem Marmorpalais am heiligen See, einsamer als der große Friedrich in Sanssouci. Die Kluft war noch tiefer geworden zwischen dem Könige und dem Volke.

Und nun hatte man wirklich einen guten König. Durch viele Jahre war er derselbe geblieben; es war Friede im Lande, keine Kaffeeriecher, den Tabak kaufte man zu müßigen Preisen, die Geisterbanner und Frömmler waren fortgeschickt, Handel und Gewerbe blühten, die Soldaten waren zwar noch Soldaten, aber man [53] konnte sich ja vor ihnen hüten, und der König und die schöne Königin fuhren so bürgerlich geschmückt, so herzlich und zutraulich durchs Volk. Keine Läufer, selten ein Vorreiter, oft in einer einfachen zweispännigen Kutsche. Das Volk fing an, diese Annäherung zu verstehen und zu würdigen, und – es liebte seinen König.

Darum war bald der dritte August, des Königs Geburtstag, ein Feiertag geworden. Sie gingen vors Thor, in die Schenkgärten, sie strömten aufs Land, in die Dörfer, die glücklichen Familien, welche die Sorgen abwerfen konnten, um einen sorgenfreien Tag unter Gottes freiem Himmel zu feiern.

Auf dem Hochplateau, südlich von Berlin, lag damals ein ländliches Dorf mit hohen schönen, dicht umwipfelten Bäumen, mit moosbewachsenen Schilfdächern und einer alten gothischen Kirche von Granitquadern. Nur eine halbe Meile von der Stadt, versank doch das Dorf fast unter den hohen Kornfeldern, wo die Aehre im Lehmboden üppig wucherte. Von all dem ist nur die Kirche von Granit geblieben, einst eine Besitzung der Tempelherrn, von denen das Dorf den Namen trägt. Diese sind vor alten Zeiten schon von der märkischen, und von der Erde überhaupt verschwunden, und das Feuer, das ihre Edelsten verschlang, hat auch allmälig die schönen Linden und Ulmen der Dorfstraße versengt und die Schilfdächer der Häuser verzehrt.

Heut sieht das Dorf aus wie eine mit Bäumen untersprengte Stadt. Aber auf den üppigen Rasen, unter den prachtvollen Baumreihen war zu unsrer Zeit noch ein Spielplatz für ländliche Lust, wie man ihn nur wünschen mochte. Wo konnte man freiere Luft athmen, wo, hingestreckt im Grün, dem Spiel des Laubes, dem Gesang der Vögel ungestörter lauschen! Wo wölbte sich ein prächtigeres Dach von Aesten, um den Mittagstisch darunter aufzuschlagen! Noch prangten die Dörfer um die Stadt nicht mit blauen und goldenen Wirthshausschildern, noch lauerten die Kellner nicht am Eingang der Gitter mit der Speisekarte. Die Schenke war eine Trinkstube und Kegelbahn, weiter nichts, die Familien kehrten bei den Bauern ein, die sie vom Markte kannten. Und noch strömte nicht Alles hinaus, was an Sonn- und Feiertagen die Werkstätte schließt, um das Geräusch der Straßen draußen durch neuen Lärm in ersetzen und den Staub, den sie hinter sich gelassen, durch wilde Spiele wieder aufzuwühlen.

Es war eine Pilgerfahrt der Familien. Sie brachten eine sonntägliche Stimmung mit. Man hatte sie lang' vorher besprochen. Man freute sich, einmal unter Gottes freiem Himmel einen Tag zu feiern. Wie Wenige waren gereist und hatten schönere Gegenden gesehen, und wie Viele hatten die Dichter gelesen und konnten auswendig ihre Lieder zum Preise der schönen Natur. Auch wer das [54] Theater besuchte, was damals in den gebildeten Mittelständen viel häufiger geschah als jetzt, hörte und sah, wenn er es glauben wollte, daß die Menschen in den Dörfern andere und bessere wären, als die in der Stadt, weil sie Gott und seiner Natur näher sind. Wenn auch nicht bei den Schäfern, doch in der Hütte, die der Fliederstrauch überschattet, sollte der Friede und das Glück des Lebens zu suchen sein. Bei aller Blasirtheit der vornehmen Welt konnte sie dieser Stimmung durch Spott nicht wehren, ja sie erwehrte sich selbst ihrer nicht. Man musste idyllisch sein.

Wir sehen eine solche glückliche Familie den langen, beschwerlichen Weg hinaus wandern. Sie steigen über den Sand des Templower Berges, dann suchen sie den festeren Fußsteig, der neben der durchwühlten Straße, fast baumlos nach dem Dorfe führt. Die Sonne brennt am wolkenlosen Himmel, und ihre Schritte sind nicht leicht; außer der Sonntagsstimmung bringen sie ja in Körben und Pompaduren mit, was zur Erheiterung dieser Stimmung dienen soll. Oft muß der Familienvater das Taschentuch herausziehen, um den Schweiß zu trocknen und oft hält er still und sieht, ob die Andern nachkommen. Da verstummt wohl das Gespräch, aber sie bleiben heiter. Unter den schattigen Ulmen, welche die Avenue des Dorfes bilden, hält endlich die Mutter und setzt ihren Beutel nieder, während der Vater sich umsieht: »Aber wo ist denn Adelheid?« – »Ach du mein,« ruft die Mutter, »da trägt das Kind doch den schweren Korb der Jette. Hab' ich's ihr nicht verboten?« Die Adelheid aber hüpft heran und setzt den Korb zu ihren Füßen nieder: »Mütterchen, er war gar nicht schwer.« Die Gluthröthe, die ihr Gesicht überzieht, straft sie Lügen. Sie steht einen Augenblick athemlos. »Aber englisches Mädchen, wie konntest Du das thun!« Der Vater schüttelte den Kopf. Aber als ihre Röthe verschwindet, weist die Tochter auf das Mädchen, das noch röther gefärbt herankeucht: »Die Jette konnte ja nicht mehr.« Der Vater murmelte: »Dafür ist sie im Dienst,« doch es schien ihm nicht Ernst; er klopfte die Tochter auf die leuchtenden Schultern: »Knüpfe Dein Tuch zu, Du bist echauffirt, und wir sind gleich im Dorf.« Der Wind wehte in die alten Ulmen, als wollte er die kleine Disharmonie weghauchen; die Jette nimmt wieder den schweren Korb auf die Hüfte und im Schatten der Bäume geht der Zug munter weiter.

Nun fängt der Festtag an. Die Hunde klaffen, als sie das leichte Gitterthor in der Lyciumhecke geöffnet. Adelheid kennt sie, und sie kennen Adelheid; sie streichelt sie und sie wedeln zu ihren Füßen. Aber es ist tiefstill im Gehöft. Die Flurthür ist nicht verschlossen, doch auch im Innern des Hauses kein menschliches Wesen. Nur der graue Kater springt über den Herd, und im [55] Zimmer schnattert der Staar in seinem Käfig, indeß die Wanduhr monoton tickt. – Ach sie sind Alle auf dem Felde! Und das Feld ist weit. – Dadurch scheint die Lustbarkeit gestört. Soll man die Jette wieder im Sonnenbrande hinausschicken? Nein, der graue Kater, der vor den Eindringlingen durch die angelehnte Kammerthür entflohen ist, zeigt ihnen ein anderes Auskunftmittel. Da liegt ja die alte Großmutter im Bette. Sie ist schon etwas närrisch und kann kaum mehr sprechen, aber Adelheid hat es ja neulich zu Pfingsten verstanden, ihr Töne und Verständniß zu entlocken. Ja, die Alte liegt noch da, stumpfsinnig lächelt sie, wie zu allem, auch den Eintretenden zu, ihre Anrede ist ihr nichts anderes, als das Ticken der Uhr. Aber sie gafft Adelheids Gesicht an, ihr Grinsen wird zum Lächeln; sie muß sich neben sie setzen, sie streichelt ihre Locken mit der dürren Hand und wie durch die Berührung allmälig elektrisirt, kommen Töne hervor, minder kreischend. Es leuchtet auch etwas wie Besinnung im Auge. Sie verständigen sich, ein Wort, ein Blick und sie wissen, daß die Hausfrau im Kuhstall ist.

Bald fährt Frau Brösike vom Melken auf, denn ein seltsames Kikeriki schallt ihr aus der Wandluke. »Wetter! Wo kommen denn die Hühner her!« und als sie sich umwendet, blitzen ihr zwei wunderblaue Augen entgegen unter einer blonden Lockenfülle, und die kirschrothen Lippen öffnen sich, um zwei Reihen Perlenzähne zu zeigen und ein: »Angeführt mit Löschpapier, Frau Brösike!« ihr zuzurufen. »I, so soll doch!« ruft die Bäuerin und lässt den Melkeimer fallen, aber ihre Ueberraschung ist keine unangenehme: »Ach, die seelenhübsche Mamsell Adelheid vom Gensd'armenmarkt!« Auf dem Hofe aber hat eine andere Ueberraschung Platz gegriffen, die nicht so angenehmen Eindruck hinterlässt. Das Dienstmädchen hatte eben vom Schöpfbrunnen den vollen Eimer an die durstigen Lippen gesetzt, als eine heftige Ohrfeige, die aus der Luft zu schwirren schien, ihre brennenden Backen noch röther machte. Der Eimer schnellte aus ihrer Hand, und das Wasser, das sie nicht trinken sollte, überschüttete sie aus den Lüften. »Es geht doch nichts über die Unvernunft solcher Leute. Zu trinken wenn sie erhitzt sind!« – Das Mädchen weint, aber sie beklagt sich nicht. Der Hausherr hat das Recht. Auch die Hausfrau widerspricht nicht: nur flüstert sie ihrem Alten zu: »Alter! Solchen Leuten schadet es nicht. Das liebe Vieh trinkt auch, wenn es Lust hat und frägt nicht, ob's die Doktoren verboten haben.«

Nun ist alles helle Thätigkeit inner und außer dem Hause. Jeder hilft mit, denn mitarbeiten an der Herrichtung der Tafel zum Mittagstisch, ist ein Theil der Freude. Jeder, nur der Vater nicht. Ihm wird der erste Schemel unter die Linde gesetzt, daß er in Ruhe [56] seine Pfeife rauchen kann. Die Bäuerin will dem Herrn Kriegsrath selbst die Kohle bringen, aber Adelheid nimmt ihr die Zange ab. Und nachdem er mit dem Finger nachgestopft, und einige Züge versucht, kräuselte es sanft aus dem Meerschaumkopf, und aus den Lippen schießen Rauchwirbel regelmäßig hervor. Die Pfeife zieht, alles ist in Ordnung, der Vater nicht freundlich der Tochter zu, und sie flieht vergnügt ins Haus.

Was soll man zuerst ergreifen! Die Bäuerin eilt aus Heck, auf den kleinen Hügel, und pfeift durch die hohle Hand nach dem Felde. Sie mussten es wohl gehört haben, denn bald wimmelt es von kleinen Semmelköpfen in Flur und Küche, die ihr zur Hand sind. Da knarrt der Ziehbrunnen, das Reisig prasselt auf dem Herde, bald lodern und knallen auch die Scheite frischen Holzes, die der älteste Knab' noch eben im Hofe gespalten, und die Mutter aus der Stadt packt in der Stube aus den Körben und Beuteln und vertheilt und bespricht mit der Hausfrau. Aber eben so schnell tragen die Knaben und die Magd Tisch, Schemel und Bänke aufs Grüne unter die Linde. Es fügt und schichtet sich, wenn auch nicht ganz regelrecht. Wie kann ein winklich gezimmerter Tisch grad auf der Erde stehen, die ja rund ist! Das Tischtuch fliegt hinauf, die irdenen Schüsseln und Teller halten es fest, wenn ein Luftzug die Zipfel überschlagen will, und die Schüsseln füllen sich schon, nicht vom Reis, der noch über dem Feuer siedet, aber von den Lindenblüthen, die der Zephyr von den Zweigen schüttelt.

Es war ein goldiger Tag. Die Hitze war nicht gering, aber auf den Körper des Familienvaters, der ausruhen sollte von der Arbeit einer Woche, schien sie wie ein Balsam sich zu senken. Seine Frau zog sich einen Schemel neben ihn. Drinnen war alles geordnet, sie konnte es den andern überlassen, und den Strickstrumpf vorholen, um auch der Ruhe zu pflegen.

»Es hat Dich aufgeheitert. Du warst heut Morgen anders,« sagte sie; »noch als wir zum Thor hinausgingen, sahst Du vor Dich hin, daß ich wunders dachte, was es wäre.«

»Und Du eiltest so aus dem Thor, daß ich auch dachte, wunders was es wäre.«

Sie ließ den Strickstrumpf sinken: »Ja, sieh mal, ich hätte es nicht gern gehabt, wenn uns Einer begegnet wäre. Denn eigentlich, es ist doch nicht, was sich für uns schickt, ich meine nämlich für Dich. Ja, als Du noch Subalterner warst – aber nun, und wer weiß, was Du noch wirst, da der Justizminister es mit Dir so gut meint.«

Der Ehemann blies einen langen Dampf in die Luft und ließ die Pfeife am Fuße ruhen: »Das ist nicht immer ein Glück. – [57] Schickt sich Gottes Natur nur für die Subalternen, für die Vornehmen aber nicht?«

»Wie Du wieder bist, Mann! Ist nicht Gottes Natur auch in den Zelten und im Hofjäger? – Ins Freie raus ist recht hübsch, ja, und ich sage gar nichts dagegen, aber so zu Fuß mit Sack und Pack! – Das schickt sich doch nicht mehr.«

Er war bei guter Laune: »Nächstes Mal wollen wir einen Wagen nehmen.«

Sie nahm die gute Laune wahr: »Es ist mir auch schon recht, daß Du lieber hier raus wolltest, als nach Charlottenburg, denn da sind immer unterwegs die Soldaten und die Gensd'armenoffiziere flankiren in den Gärten nach hübschen Gesichtern, und Du hast schon recht, hier heraus kommen sie nicht geritten, weil's zu sandig ist und die vornehmen Equipagen nicht herfahren, aber sieh mal, unsre Kinder werden doch jetzt größer, besonders die Adelheid – Was siehst Du denn so besonders dahin?«

»Ich freue mich, daß die Adelheid so groß geworden ist.«

»Ist Dir sonst was Besonderes?«

»Ja, ich habe Lust nach was Besonderm,« nickte er, »denn ich bin durstig.«

Die Erklärung des Besonderen schwebte schon heran. Adelheid kam aus dem Kruge mit einem Glase Weißbier. Wer ein Glas Weißbier, das berliner große Glas, welches in der populären Sprache nicht mit Unrecht eine Stange heißt, gesehen hat, wie der Schaum, wenn es gut eingegossen, noch einige Zoll über den Rand steht, und der Porzellandeckel mit seinem Knopf am Rande des Glases schweben muß; – und wer die Unebenheit des Weges und die Entfernung erwägt vom Kruge bis zur Linde, der konnte sich über Adelheids Geschicklichkeit wundern, ein Künstler aber würde sich gefreut haben, mit welcher Grazie sie das Glas trug.

Die schönen Formen des Mädchens entwickelten sich bei jedem Schritt, und mit jedem trat sie, zuerst vorsichtig ausschreitend, sicherer auf. Als sie aber, die Anhöhe unterm Baume hinaufsteigend, das Glas mit beiden Armen erhob und dem Vater zulächelte, glich sie doch dem Meisterwerk eines griechischen Meißels, der Hebe, die den Göttern die Schaale reicht.

»Daß Dir's gut bekommt, Papachen!«

Der Vater setzte an und leerte ein gutes Viertel in einem Zuge. Er reichte es der Tochter, weil sie als Botenlohn das nächste Recht habe. Sie nippte und reichte das Glas der Mutter.

»Ich mag nichts,« die Mutter musste ja stricken.

»Alte, trinke. Schluck runter, was Dich verdrießt.«

Sie durstete auch. Sie wollte nur gezwungen nippen, aber [58] sie trank. – Den Unmuth hatte sie nicht ganz hinuntergeschluckt, als sie das Glas zurückgab.

»Die Adelheid in den Krug zu schicken! Das ging wohl an, so lange sie die Flechten im Nacken trug. Und weißt Du denn, ob nicht Soldaten im Kruge sind!«

Der dritte August, oder die warme Sonne, oder das Spiel des Lindenlaubs musste auf der Brust des Kriegsraths das Erz geschmolzen haben. Er fuhr die Frau nicht an, worauf sie doch gefasst war, er sagte nicht, sie solle sich um das bekümmern, was sie anginge, – er gab ihr Recht. Aussprach er es nicht, aber er zupfte der Lieblingstochter am Ohr: »Die Clara soll das Glas nachher zurückbringen und das Pfand einlösen.«

»Vater, es sind im Krug keine Soldaten. Aber den alten Major Rittgarten traf ich da mit dem steifen Beine. – Der lässt Dir sagen, nach Tisch will er uns auf eine Tasse Kaffee besuchen. Er freute sich, mich zu sehen, und freut sich noch mehr, mit Dir ein halb Stündchen zu plaudern.«

»Ich will gar nichts damit gesagt haben, Alter, daß Du durstig warst und mal einen guten Trunk Dir machen wolltest,« sagte die Frau, als die Tochter fortgehüpft war, »auch meinethalben mochtest Du sie schicken, aber thue doch die Augen auf; sie wächst ja aus den Kleidern raus, und wir thun noch immer, als ob sie ein Kind wäre.«

»Ist geboren in der Nacht, wo der Gensd'armenthurm einstürzte,« sagte der Kriegsrath. »Das vergißt sich nicht und lässt sich leicht ausrechnen.«

»Nun ja, siehst Du, für uns kann sie immer noch ein Kind sein, aber was sollen die Leute draußen sagen! Die kurzen Röckchen, das passt doch wirklich nicht mehr.«

Nach einer kurzen Pause sagte der Vater: »Soll andere Kleider bekommen, hab's schon in meinem Etat mir zurecht gelegt.«

In solcher nachgiebigen Laune war er seit Jahren nicht gewesen. Ein Eisen muß man schmieden, so lange es heiß ist.

»Sie spricht auch noch manchmal wie ein Kind.«

»Ist Dir das wieder nicht Recht? Soll ich das auch anders machen?«

»Du nicht, Alter, nein, aber die Erziehung. Die Nähschule und die andere, nun ja, so lange ging es. aber wir sind doch nun was anderes. Das Bischen Französisch, das ist ja gar nichts. Sieh mal des Inspektors Töchter, die über uns wohnen, wie parliren die schon! Und wovon sprechen sie nicht, wenn sie in Gesellschaft sind, von römischer Geschichte und Bonaparte und Afrika, und von dem Dichter Schiller wissen Dir die Tischlertöchter drüben ganze Gedichte auswendig. Mir ist da oft zu Muthe, als müsste ich mich verkriechen, [59] weil ich davon nichts gelernt. Nun, ich bin eine alte Frau, oder werde's doch werden, aber um die Adelheid thut's mir oft in der Seele weh, wenn sie so gar nicht mitsprechen kann. Nicht einmal einen Roman hat sie gelesen und ein einziges Mal ist sie in der Komödie gewesen. Gott sei Dank, sie hat Mutterwitz, daß sie's ihnen geben kann, und darum behält sie Respekt. Aber, lieber Mann, französisch muh sie lernen und ein Bischen auf dem Klavier klimpern und vor allem tanzen.«

Der Vater passte drei Mal heftig, und schlug sich auf den Schenkel: »Tanzen soll sie nicht lernen! Und Romane und französisch parliren und klimpern auch nicht. Daß Dich! Ich werf's zum Fenster hinaus, wenn ich was attrapire. Und – in die Tanzschule schicke ich sie absolut nicht.«

Sie ließ ihn sich erholen: »Da hast Du auch ganz recht, Alter,« hub sie, ihre Maschen zählend, wieder an, »und sie wird schon ohnedem tanzen lernen, denn sie hat ein Geschick dazu, und wenn sie nur erst in einem guten Hause ist. Aber sie wird doch älter und ein Mal wird sie heirathen müssen. Der Sohn vom Hofbronceur, der möchte sie gern haben. Die Eltern sind reich. Nun ja, wenn Du sie dem geben willst, da braucht sie nicht mehr zu lernen.«

Der Vater schwieg wieder: »Sie konnte ihn ja nie leiden.«

»Und weißt Du, was die Jette sagt? Sie hätte doch bei vielen Herrschaften gedient. Aber eine solche Mamsell wäre ihr noch nicht vorgekommen. Die stäche manches Fräulein aus; auch manche Gräfin hätte nicht so seine Art. Du bist doch nun einmal Kriegsrath, und wir müssen in Gesellschaften. Sollen wir die Adelheid immer zu Haus einschließen? Du siehst es freilich nicht, wie sie zu uns rauf gaffen, wenn sie am Fenster strickt, und ich hab's Dir nicht sagen wollen, vom Bäcker nebenan, oben auf dem Boden, kann man in unsere Schlafstube sehen. Da steigen die jungen Herren vom Kammergericht, die Referendare, die beim Bäcker wohnen, hinauf und sehen runter, wenn wir Licht anmachen. Seit ich's weiß, darum hab' ich Dir die dicken Vorhänge abgeschwatzt. Aber willst Du sie immer behüten?«

Der Kriegsrath antwortete nicht.

»Du hast schon ganz recht. Wenn wir sie in Gesellschaft führen, da wird's ein großes Gaffen geben, und die Herren werden um sie schwenzeln. Aber ich weiß doch nicht Alter, ob sie da besser dran ist, wenn sie nicht französisch kann und nicht Klavier spielen, und wenn die Leute endlich merken, sie ist ein Gänschen, mit der kann man schon was aufstellen, oder, –«

Der Kriegsrath war aufgestanden. Die Pfeife stellte er an den Baum, seine Frau nahm er unter den Arm. Sie gingen [60] unter den Linden langsam auf und ab, und er klopfte ihr auf den Arm: »Du bist schon eine kluge Frau.« Sie hatte gesiegt. Sie waren einig, daß Adelheid eine Erziehung erhalten müsse, um in der Welt aufzutreten. Weniger einig waren sie über das wie? »Davon ein ander Mal,« sagte der Kriegsrath. Aber sie hielt plötzlich inne und sah ihn groß an: »Alter, dahinter steckt noch was andres. Gestern Abend kamst Du nachdenklich nach Haus und Du fragtest nach der Pfeife und hieltest sie schon zwischen den Beinen und heute Morgen auch, Alter, da ist was los. Sonst hättest Du auch nicht so schnell nachgegeben.«

Der Kriegsrath sah seine Frau scharf an, aber nicht unfreundlich: »Christine, es ist was los, – eigentlich soll man Frauen so was nicht sagen, bis es gewiß ist, aber ich weiß, Du plauderst nicht. Der Geheimrath Lupinus von der Voigtei –«

»Wird kassirt,« fiel sie ein, »weil die Gefangenen die Fensterscheiben eingeschlagen haben.«

»Es ist möglich, daß er sein Amt verliert, oder seine Entlassung nehmen muß,« korrigirte der Kriegsrath. »In diesem Falle gedenkt seine Excellenz, der Herr Justizminister –«

»Dir – Dir, Mann!« rief sie verwundert. »Siehst Du wohl, was Konnexionen machen! Ich weiß es von mehr als Einem, wie Dir der Herr Justizminister gewogen sind.«

»Ich verdanke ihm meine Stellung, das weiß ich. Eigentlich wäre das nun nicht meines Amtes, noch ist's meine Karriere; aber Excellenz haben die gute Meinung von mir, daß ich der rechte Mann wäre, um dort die Zucht und Ordnung herzustellen.«

»Und Du nimmst sie doch an?«

»Still!« gebot ein fast drohender Blick. »Die Sache mit Lupinus ist noch nicht entschieden. Und wenn, soll ich mir wieder neue Neider und Feinde machen? Denn wie Viele, Würdigere, würden um mich zurückgesetzt!«

Die Frau Kriegsräthin wusste sehr viele Gründe, warum er annehmen müsse; sie wusste, daß er ganz zu dem Posten befähigt sei, denn daran zweifeln, hieße ja an der Autorität seines hohen Vorgesetzten zweifeln, der werde es doch am besten wissen, wozu er tauge. Und um die Andern kümmere sie sich gar nicht. »Und,« schloß sie, »Du würdest dann auch Geheimer –« Sie erschrak und verschluckte das Wort. »Aber –«

Aber einig wurden sie doch. Die Adelheid sollte französisch lernen, und ein Lehrer im Hause angenommen werden, für Geographie und Geschichte und was sonst so nöthig ist, damit man nicht dumm in der Gesellschaft ist. Dazu gab der Vater die Einwilligung. Klavierspielen – auch das – aber Aesthetik! Ja, Gellert und auch Bürger und vor allem der treffliche Gleim! Er konnte alle seine [61] Preußenlieder auswendig. – »Mann! Mann!« sagte die Mutter, »da lächeln sie über uns. Sie sprechen immer nur über Schiller und Goethe und Tiedge! Die muß sie kennen lernen.« Gegen Schiller hatte der Kriegsrath nichts einzuwenden; die Königin liebte diesen Dichter, und er hatte erfahren, daß auch der König sich einmal günstig über ihn geäußert. Und Goethe ließ er passiren, sein Götz von Berlichingen hatte ihm wunderbar ums Herzl geklungen. »Solche eiserne Hand thäte unserer Zeit noth!« Aber Tiedge, der sollte ja extravagante Ideen, und die ganze junge Schule unsittliche Grundsätze predigen. Darüber wusste die Mutter nicht Auskunft zu geben, sie hatte nur gehört, daß er ein frommes und himmlisches Gedicht geschrieben, was Orania heißt, und ein anderes, was die Verkehrte Welt heißt. Das wäre nicht so gut; dafür wäre er aber der Verfasser von sehr hübschen und moralischen Kindermärchen. Im Uebrigen, meinte sie, was sich für junge Mädchen schickt, werde wohl der Lehrer am besten wissen.

Damit war auch der Vater einverstanden, auch daß Adelheid in bessere Gesellschaft gebracht werden sollte. Nur über die Familien, wo man sie einführen sollte, war man in Streit. Endlich schloß der Vater: »Meinethalben, wo Du willst, denn Du kennst die Frauen besser als ich; nur nicht, wo sie Romane findet und Offiziere.«

10. Kapitel. Die alte Zeit

Zehntes Kapitel.
Die alte Zeit.

Mit einem Schlag auf die Schulter, rief eine Stimme hinter ihm: »Und warum keine Offiziere, alter Schwede! – Willst am Ende auch mit mir nicht mehr umgehen? Meinst, ich könnte Deine Tochter verführen! So seid Ihr Menschen am grünen Tisch und hinter den Büchern, lasst Euch einen Schreck vom ersten Besten einblasen und weil Ihr nicht die Augen aufzuschlagen wagt, um dem Ding in's Gesicht zu sehen, vermeint Ihr, es sei Wunder was. Ich sage Dir, wer nicht der Gefahr entgegen geht, der ist schon halb verloren. Was wäre Preußen, wenn wir abgewartet hätten, bis die Oesterreicher und die Franzosen und Russen den siebenjährigen Krieg anfingen? Daß wir nicht die Hände in den Schoß legten, daß wir nicht abwarteten, bis der liebe Gott es so schickte, daß wir in ihr Gespinnst drein schlugen, eh's zum Netze ward, das hat uns Glück gegeben, uns stark gemacht und groß. Wäre der alte Fritz ein Duckmäuser gewesen, und hätte gewartet und gelauert, bis die Anderen angegriffen, dann hätte der liebe Gott ihm auch [62] nicht beigestanden, und was aus unserm Preußen geworden, das weiß der Teufel.«

Ein herzlicher Händeschlag folgte dem Schulterschlag. Auch mit der Frau Kriegsräthin: »Reden Sie meinem Manne nur ein Bischen ins Gewissen rein, Herr Major, 's thut zuweilen Noth, wenn er gar zu zipp ist. Sonst ist's ein guter Mann. Und zu Tisch bleiben Sie doch unser lieber Gast? Es wird gleich angerichtet.«

»Dante schönstens, Frau Kriegsräthin, habe meinen Speckeierkuchen schon im Kruge verzehrt, aber ein Gläschen Wein, da ich so was im Korbe flimmern sehe, und auf des Königs Gesundheit, das schlägt ein guter Soldat und Unterthan niemals aus.«

Der Invalide konnte doch nicht lange stehen, zum einen Schemel unter der Linde war ein zweiter gerückt, und als die Wirthin sich empfahl, um in der Küche nachzusehen, dampften schon zwei Pfeifen.

»Es kann doch nicht Dein Ernst sein,« sagte der Kriegsrath. »Denn wer kennt besser unsere Offiziere als Du!«

»Freilich kenne ich sie, ich habe sie jedoch auch gekannt, als sie noch andere waren. Aber das weiß ich auch, je mehr Ihr Euch von ihnen zurückzieht, um so schlimmer wird's. Auch die Soldaten waren nicht so arg, als Friedrichs Auge noch über sie wachte. Doch das thut's nicht allein. Wenn Ihr nicht vor ihrem Anblick liefet und die Thüren zuschlügt, wo einer nur von fern sich blicken lässt, wenn Ihr ihnen offen entgegenträtet, ein ernst Wort mit ihnen sprächet, so würdet Ihr manches anders finden, als Ihr denket. Sie sind auch Menschen, aber wenn Ihr sie nur als Vogelscheuche betrachtet, das macht sie wild und boshaft.«

»Aber Du giebst mir doch recht, daß man ein junges Frauenzimmer vor den Offizieren wahren muß. Vor allem eines, das noch unerfahren ist?«

»Da schlägst Du Dich selbst. Ein junges Frauenzimmer, das sich zu benehmen weiß, läuft weit weniger Gefahr, als eins, das schon vor Schrecken aufschreiet, wenn's einen Federbusch sieht, weil die Mama ihm gesagt, es soll sich davor in Acht nehmen, wie vor einem Raubthiere. Denn das sind unsere jungen Offiziere, wenn's auch nicht mehr dieselben, doch nicht. Ich sag's grad heraus, Ihr Herren von der Feder und die anderen, Ihr habt sie verderben helfen. Warum macht Ihr ihnen überall Platz und weicht vor ihnen zurück, wo Ihr's nicht nöthig hattet. Ist's nicht eine Schande, wenn ein alter Kriegsrath oder ein ehrenwerther Kaufmann mit grauem Haar vor einem Lieutenant oder gar einem Fähnrich ausweicht? Wo steht's denn geschrieben, daß es so sein soll? Wenn Ihr ihnen nicht immer das Feld ließet, und das Maul schlösset, [63] sondern grab 'raus den jungen Herrchen die Wahrheit sagtet, nun je Einer oder der andere würde ein Mal anlaufen, aber im Ganzen würde es anders, wenn sie wüssten, daß sie unter den Civilisten auch ihren Mann fänden. Darum dominiren jetzt die Uniformen, wo sie mit den Fracks zusammen kommen, und die trennen sich immer mehr, die doch bestimmt sind, zusammen zu halten als Brüder und Glieder eines Volkes.«

»Es ist seltsam, einen alten Offizier so reden zu hören.«

»Es war nicht alles gut unter dem großen König, aber es war anders. Sein Auge war ein Etwas, was das träge Blut in Bewegung brachte. Es war überall, wenn er auch nicht zugegen war. Man stellte sich vor, wenn man etwas that oder unterließ, daß der König es gesehen haben könnte, man fragte sich, was er wohl dazu gesagt, wie er geurtheilt hätte, und das gab eine Disziplin, die kein Kommando macht. Er war ungerecht. O ja, er ist es oft gewesen. Aber wer von ihm litt, der setzte einen Stolz darin, daß er litt; er dachte sich, eigentlich weiß es wohl Friedrich jetzt, daß er dir unrecht gethan, aber er kann's oder mag's nicht ändern, um der Autorität willen, oder aus Eigensinn. Das Gefühl that dann wohl, wie das pour le mérite-Kreuz auf der Brust. Man litt um seinen König und durch seinen König, und der König weiß es auch, und trägt vielleicht noch schwerer daran.«

»Den Orden trägst Du auch.«

»Den, daß ich ein Bürgerlicher war. Ein Leiden lässt sich schon tragen, was viele Hunderte mit uns tragen.«

»Bei Torgau war es ja wohl!«

»Da fiel der Major, der mein Regiment kommandirte, und schon der dritte, der mir vorgezogen war. Fiel auf den ersten Schuß. Ich kommandirte, es war nun mal kein Anderer da, und nahm das Fichtenwäldchen. Die Herren gratulirten mir schon: diesmal komme ich doch nicht zu früh, Herr Major? sagte der alte Ziethen, der an mir vorüber ritt. Kam doch zu früh. Der junge Kapitän – was soll ich in meinem Groll einen Ehrenmann nennen! – der noch Page beim König war kurz vor Ausbruch des Krieges, ward Major auf dem Schlachtfeld, und erhielt nachher als Obrist das Regiment, hatte es gewiß verdient, und was konnte er dafür, daß die Uebermacht auf ihn fiel und ihn aus der Schanze trieb. Friedrich wusste es, hatte ihn vom Pferde stürzen sehen, überreiten und wieder aufsitzen; so war er blutend und zu den Seinen zurückgekehrt.«

»Jedermann giebt Dir das Zeugniß, daß Du es auch verdient hattest, Rittgarten. Ich habe viele brave Offiziere gesprochen.«

»Wer sagt denn, daß es Friedrich nicht auch dachte. Aber er hatte mich zwei Mal übergangen. Wenn er es nun zum dritten [64] Mal anders machte, strafte er sich ja selbst. So wird der König gedacht haben, und darum avancirte ich nicht auf dem Schlachtfeld und erhielt nicht das Regiment. Er ließ mich nachmalen fragen, ob ich nicht ein paar Freibataillons kommandiren wolle, die sich damals über der Elbe bildeten; und hatte wohl die Absicht, daß ich dann avanciren sollte. Ich ließ gehorsamst mich bedanken für die gnädige Attention, mein ganzes Leben aber wäre regulär gewesen, und so möcht' ich's auch gern zu Ende bringen. Da hat Friedrich gelacht, ich weiß es, und hat gesagt! ›Der ist ein Starrkopf, so soll er's haben!‹ – Siehst Du, das war so viel für mich als ein Orden! – Nachher hat er mich wohl vergessen. Aber ich habe noch einen Orden von ihm.«

»Du!«

»Es war sein Sterbejahr. Mir ahnte es. Da hatte ich keine Ruhe mehr. Wenn ich ihn noch einmal sehen könnte! Hatte längst meinen Abschied, wie Du weißt. Jetzt war ich Major, ein Invalidenmajor. Reiste nach Potsdam und ging nach Sanssouci hinaus. Das Glück wollte mir wohl. Ein alter Kammerdiener, den ich kannte, ließ mich auf die Terasse. Es war ein sonniger, schöner Nachmittag, wie heut; nur noch schöner, es spielte so was wie Duft in den Orangenbäumen, die Sperlinge zwitscherten. Der König saß an der offenen Glasthür in seinem Lehnstuhl, den Pelz übergedeckt. Sie wollten ihn zum letzten Mal die Luft dieser Erde recht frisch kosten lassen. Vor sich sah er nun, was er geschaffen hatte, und darüber hinaus den blauen Himmel, den der liebe Gott geschaffen hat. Die Kieferwälder in der Ferne bewegten sich. Mir war's, als hätte ich beten mögen. Und ich muß auch wohl die Hände gefaltet haben. Wollte stehen bleiben da in dem Winkel, wo die Hunde begraben liegen. Da klopfte der Wachthabende, der's mir wohl ansah an dem blauen Ueberrock, daß ich auch Soldat gewesen – oder hatte es ihm der Kammerdiener gesagt? – er klopfte mir leis auf die Schulter: ›Gehen Sie nur immer vor, und sehen sich Ihren König noch einmal au, er schläft fest. Wer weiß, ob er wieder erwacht.‹ Er stieß mich sanft vor. – Das war ein eigen Gefühl. Mir klopfte das Herz, wie da ich zum ersten Mal ins Feuer kam; aber zugleich war mir so ruhig, so sonntäglich zu Muth. – Nun stand ich vor ihm, nicht zehn Schritt entfernt, die Sonne wollte hinter die Bäume sinken. Gott weiß, was ich dachte! Einmal war's mir, als würde er, wenn sie sinke, auch die Augen schließen, und dann würde es Nacht werden, und Alles, was er geschaffen, mit ihm untersinken. – Und das Gesicht des Schlafenden! – Was lag darin! Herr du mein Gott, was konnte Einer darin lesen! Die Lippen bewegten sich ganz leise, als spräche er im Traume. Nun schlug er plötzlich das große Auge auf. Er sah [65] mich. Ich stand wie eingewurzelt, den Hut presste ich in der Hand, und hätte mögen in die Erde versinken. Da öffnete er die Lippen: ›Ihn kenne ich auch – bei Torgau – vergeß er mich nicht‹ Sah mich wohl, wie auch im Traum, der vor ihm gaukelte, denn er schloß sie wieder. Nur die Finger machten eine leise Bewegung. War's ein Wink für mich, oder was war es? Da hub das Glockenspiel in Potsdam an, die Sonne war hinter die Bäume gesunken, der Schatten fiel auf den großen König, und ich weiß nicht mehr, wie ich fortkam.«

Der alte Major hatte etwas mit dem Finger am Auge zu thun; der Kriegsrath ebenfalls. Es entstand eine Pause. Auch schienen ihre Pfeifen in Unordnung gerathen, denn beide Herren zogen sehr eifrig, und benutzten den Rest der Pause dazu, dicke Wolken in die Luft zu blasen. Und dann war alles wieder in Ordnung.

»Einem außerordentlichen Manne muß man schon Manches nachsehen,« hub der Major an, »was man einem gewöhnlichen Menschen nicht verziehe. Dafür ist er ein großer Mann. Und wenn Friedrich heut lebte, so würde er wohl anders urtheilen, und nicht noch weinen, daß ein Bürgerlicher nur unter den Husaren gut ist, nur unter der Artillerie zum Offizier taugt. – Und daß er dem jungen Herrn, der sein Page gewesen, mein Regiment gab, daran hat er ganz recht gethan, oder meinst Du anders? Ist er nicht ein General geworden, der dem Staat Ehre gebracht hat? Warum ward der Bonaparte ein großer Feldherr, warum hat er um sich eine Schule guter Generale? Weil er's mit der Anciennität nicht genau nimmt, weil er die Tüchtigen sich herausgreift, wo er sie findet, weil er auf dem Schlachtfelde avanciren lässt, wie's ihm grade zu Muth ist. Da ist Salz, da ist Blut im Heere, er fragt nicht nach Glauben und Herkommen und alten Ansprüchen. Jeder hat Aussicht, daß er's bis zum General bringt, und noch weiter, wenn er seine Schuldigkeit thut, oder noch mehr. Wenn das nicht gute Soldaten machen muß! Fort mit den Steifen und Alten, in die Magazine und in den Train; vorwärts mit den Jungen!«

Der Kriegsrath sah ihn verwundert an: »Damit tadelst Du ja Friedrich; er that es nicht.«

»Der alte Fritz wusste, was sich schickte und was er brauchte. Er hatte es mit einem Daun zu thun, und seine Ziethen und Seidlitze wusste er wohl zu brauchen, wo andere Feinde sich zeigten. Und wie ich Dir sagte, es war sein Auge, seine Presence, die das Blut wieder umrührte, wo es stockig ward. Seitdem ist's schrecklich stockig geworden, sonst wären wir nicht im Lehm festgeklebt in der Champagne, und seit dem Baseler Frieden ist's noch ärger.«

Der alte Major wollte noch mehr sagen, aber er that's nicht [66] mit Worten, er klopfte mit dem Meerschaumkopf so stark gegen seinen hohen Stiefel, daß die Pfeife ausging. Es war auch nicht mehr Zeit zum Rauchen und zur Konversation, die Magd trug, begleitet von den jubelnden Kleinen, die rauchende Schüssel Milchreis auf den Tisch. Clara sprach das Gebet, und die Mutter streute einen Staubregen von Zimmt und Zucker über die Schüssel. Ein Ah! der Verwunderung und Freude ging durch den Kreis der Kleinen: »Das ist ein Sonntag! Das ist Festtag!« Sie blickten den Major verwundert an, nicht einmal Milchreis mit Zucker und Zimmt wollte er genießen!

Als die Bauerfrau mit beiden Armen einen Napf mit dampfenden Kartoffeln in der Schaale auf den Tisch trug, die, aufgesprungen, ihre würzige weiße Fülle entfalteten, ward das Ah! noch lauter. Aber wie erschrocken blickten sie auf den Vater, als dieser plötzlich die Hand auf die Schüssel legte: »Halt, Kinder! Ist es denn schon polizeilich erlaubt? Mich dünkt, das ist erst vom fünfzehnten August ab.«

Die Bäuerin gab die Versicherung, sie dürften jetzt schon vom ersten August ab frische Kartoffeln zu Markte bringen, und sie meinte, es werde künftig noch früher erlaubt werden, weil die Kultur fortschreite.

»Dann schreiten wir doch in einem Ding fort!« sagte lächelnd der Major. »Hab's mir auch so gedacht, wenn ich bedenke, wie sie jetzt die Kriege führen. Ach, die Küchenwagen, die wir mitschleppen mussten, und die Magazine, die der große Friedrich anlegte! Das kostete ein Heidengeld, und ein Fuhrwesen! Der Bonaparte bestellt seine Magazine in Feindes Land, ohne daß es ihm einen Groschen kostet, und eher fängt er den Krieg nicht an, als bis sie fertig sind.«

»Wie meinst Du das?«

»Er lässt nicht früher ausmarschiren, als bis die Kartoffeln reif werden. Da finden seine Soldaten ihre Magazine überall auf dem Felde. Aber sie buddeln und kochen sie auch im Juli, ja, wenn sie Hunger haben, schon im Juni. Kriegsrath! nicht wahr, das ist abscheulich, so gegen die Polizeiordnung zu handeln, wenn man hungert.«

»Ich finde es nur einem guten Patrioten kontrair, Herr Obristwachtmeister, wenn man immer den Feind im Munde hat und ihn lobt.«

»Was, Feind! Kriegsrath! Er ist unser Alliirter, bedenke das Landrecht, da steht was von Landesverrath drin, wenn man gegen alliirte Mächte raisonnirt. Und ein wie großmüthiger Alliirter! Fordert nichts von uns, sie sagen, er schickt sogar recht viel ins Land. Und rings um uns her stäubt er und fegt, und macht uns [67] los von anderen lästigen Alliancen, bis wir mutterseelenallein auf der Welt dastehen. Da wird er uns dann aus Herz fallen und drücken: Du liebes Preußen, nun hindert mich nichts mehr Dir zu sagen, wie ich Dich so recht herzinnig und ganz besonders geliebt habe!«

Der Frau Kriegsräthin ward bange bei dem Gespräch. Sie verstand es nicht, aber der Instinkt sagte ihr, es sei anders gemeint, als gesprochen, und sie sah eine häßliche Falte auf der Stirn ihres Mannes. Da sah sie auch plötzlich die Bienen, die sie übrigens viel früher hätte sehen können, denn sie summten unverschämt um Gläser und Teller: »Jemine, Herr Obristwachtmeister, da ist sie in Ihrem Glase. Schütten Sie aus, das ganze Glas – frisch zu – Sie müssen mit reinem Wein des Königs Gesundheit trinken.«

»Der schöne alte Franzwein!« sagte der Major, als er das Gläschen auf die Erde tröpfeln ließ. »Der gährte gewiß schon im Faß, als ich bei Roßbach die Schärpe verdiente.« Er hielt plötzlich inne, als er die Wespe mit dem Finger hinausgeworfen. »Alter Freund! ein frisch Glas auf den jungen König, aber jetzt stoß an mit dem Restchen: daß Preußen noch einmal ein Roßbach erlebt!«

Es war die Versöhnung. Der Kriegsrath verstand es, er fuhr aber so heftig gegen das Glas des Majors, daß es einen Sprung bekam: »Thut nichts! Ein neues Roßbach, wenn ich's auch nicht erlebe.«

Um nicht aus einem gesprungenen Glase des Königs Gesundheit zu trinken, musste ein neues herbeigeschafft werden. Dazu kamen andere Unterbrechungen. Die Jette trug lachend eine verhüllte Schüssel auf. Die Mutter hob das Tuch, und als die Kirschkuchen sichtbar wurden, war die Ordnung am Tische nicht mehr zu erhalten. »Gieb ihnen die Kuchen und laß sie laufen,« sagte der Vater, »sie haben doch keine Geduld mehr, und stören uns nur.« Dazu erschallte Trompeten- und Paukenmusik von einem Dorfende. Es war lebhafter im Dorfe geworden, Equipagen fuhren vor, aus der Schenke tönte militärische Musik!

»Mein alter Dessauer!« sagte der Major. »Verzeihung, meine Freunde, wenn ich da zu meinen alten Kameraden muß.«

»Aber vorerst das Glas auf den König, Alter.«

Der Major erhob sich. Er sammelte sich zu einem Spruch, indem er in die Wipfel sah. Es strahlte nicht mehr das Gold der Mittagssonne im Laube. Eine schwarze Wolke fuhr gerade über den Horizont. Es war sehr heiß, der helle Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Indem er ihn abtrocknete, verweilte er an den Augen. Er mußte auch da etwas zu trocknen haben.

»Du helle Sonne, die Du auf ihn schienst, den Einzigen, [68] Herr Gott, wenn Du untergesunken wärst mit dem Licht seiner Augen, und es wäre wirklich Nacht geworden. –«

Er sprach's mit feierlicher, aber zitternder Stimme; es war nicht, was er sprechen wollte. Darum hielt er wohl inne, das Glas in seiner Hand zitterte. Der Kriegsrath sah ihn ängstlich an, die Kriegsräthin nach der Flasche, ob er zu viel getrunken.

Da schmetterte heiter und lustig das Reiterlied aus dem Kruge. Er fuhr fort:

»Nein – nein – es wird wieder Tag werden. Das alles kann nicht untergegangen sein – es kann nicht, es kann nicht. Es schläft nur eine Weile. Und wir werden aufwachen, und andere Augen werden strahlen. Unser junger, lieber, bürgerfreundlicher König, meine Freunde, daß die Sonne Preußens vor ihm aufgehe, daß sein Auge hell aufgehe, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, daß sein Sinn sich kräftige und stählern werde gegen die Rathschläge der Weichherzigen, der Schmeichler und Bösen, unser guter junger König soll leben hoch in aller Preußen Herzen.«

Man stieß an, und die Gläser klangen auch ziemlich hell, aber die innere Bewegung des Invaliden hatte sich den Andern mitgetheilt, es war kein fröhlicher Gläserklang, wo man den Becher mit vollem Herzen anstößt. Auch ward es laut im Dorfe; eine spanische Reitermusik mischte schon ihre bizarren Töne mit den schmetternd kecken des Dessauer Marsches. So ward eine kleine Disharmonie.

Der Major nahm kurz mit einem Händedruck Abschied, die Bäuerin deckte rasch den Tisch ab. Es konnte ein Gewitter kommen, und es war eine Reiterbande im Dorf. Man musste sich vorsehen.

Im Staube sah man auch schon eine bunte Fahne schwingen, und ein Reiter im sogenannten spanischen Kostüm ritt mit einem Trompeter durch das Dorf, in gebrochenem Deutsch zu einem nie gesehenen Schauspiel, expreß zu Ehren Sr. Majestät des Königs einladend, und umwogt von einer zahllosen Menge großer und kleiner Zuschauer trottete ein Kameel heran, einen Affen mit rother Jacke auf dem Sattel, und ein Bär in Ketten marschirte hinterher, zum unendlichen Jubel der Jugend, dann und wann sich aufrichtend und im Kreise sich wirbelnd.

11. Kapitel. Die Frau Obristin

Elftes Kapitel.
Die Frau Obristin.

»Herr Gott, wo sind die Kinder!«

Kaum aber war der Angstruf heraus, als die Verschwundenen schon unter den Bäumen zum Vorschein kamen; doch nicht allein. [69] Eine fremde Dame führte Clara an der Hand, zwei junge Mädchen die andern beiden Kinder dem Tische der Familie zu.

»Da sind gewiß die lieben Eltern,« rief schon von fern eine Dame halb im Reisekleide, aber doch in einer sehr geschmackvollen Toilette. »Entschuldigen Sie nur, meine Herrschaften, daß ich mich so unangemeldet eindränge. Aber die englischen Kleinen gingen mir ans Herz, und ich weiß, was ein Mutterherz leidet, wenn es in Angst ist um seine Kinder. Da, liebe Kleinen, sind Eure Eltern. Habt sie nun auch recht lieb, und lauft ihnen nie mehr fort.«

»Mein Gott, was ist es!« rief die Kriegsräthin.

Die fremde Dame gab eine Erklärung, die wir kurz zusammenfassen. Sie war von einer Reise mit ihren Nichten zurückgekehrt und hatte am Eingange des Dorfes die ihr schon sonst bekannte Reiterbande getroffen. Um nicht mit solchen Menschen zusammen zu kommen und auch des gräßlichen Staubes wegen, war sie ausgestiegen und auf einem Fußwege durch die Felder ins Dorf gegangen, aber sie traf doch wieder auf der Dorfstraße die Gesellschaft und hatte mitten im Gedränge der Zuschauer die allerliebsten Kinder, die offenbar von guten Eltern waren, bemerkt. Da war es ihr wie durch's Herz geschossen, daß die Kleinen sich verlieren und den Reitern nachlaufen könnten, und einer der Reiter hatte die Clara gefragt, ob sie zu ihm auf's Pferd wollte, und da hätte sie es für Gewissenspflicht gehalten, das Kind an sich zu reißen und die anderen auch, um sie nach ihren Eltern zu fragen, und da sie's erfahren, hätte sie dem lieben Gott gedankt, daß sie noch zu rechter Zeit hinzugekommen, um die Kinder vor der Gefahr zu retten und ihren lieben Angehörigen zuzuführen.

Die Kleinen aber schienen anderer Ansicht. Der jüngste Knabe namentlich zankte mit dem hübschen jungen Mädchen, welches ihn an der Hand noch immer festhielt und schrie, er wollte zu den Affen.

Der Kriegsrath hatte sich von seinem Schreck erholt und freute sich, daß es nichts weiter auf sich habe.

»Ach, mein sehr geehrter Herr, den ich noch nicht die Ehre habe zu kennen,« sagte die Dame, »aber gewiß sind Sie ein Patriot, denn das sehe ich an den Weingläsern, und wer unseres guten Königs Geburtstag trinkt, den erlauben Sie mir schon, daß ich ihn als meinen Freund ansehe. Aber Sie meinen, das hätte nichts auf sich! Die Reiter stehlen ja die Kinder wie die Raben. Man kann sich vor ihnen nicht genug in Acht nehmen. O du mein Gott, ich könnte Ihnen davon Geschichten erzählen, daß einem das Haar zu Berge steht. Sehen Sie, ich fuhr mit meinen Nichten nach Leipzig, damit sie ihren Vater sehen sollten. Wir haben ihn [70] nicht mehr getroffen. Nun, das schadet nichts, der Wille war doch gut, und Leipzig ist eine schöne Stadt, und zur Messe. Sie hätten die Freude der Kinder sehen sollen bei den tausend bunten schönen Sachen. Na, ich gönnte sie den armen Dingern. Und als wir zurückfuhren, brach ein Rad am Wagen. Ich sagte zum Kutscher, der sonst ein recht verständiger Mensch ist, i, kann er's nicht zusammenbinden, daß wir noch nach Berlin kommen vor Königs Geburtstag? Er sagte partout nein. Der Wagen müsste zum Schmied, wir riskirten sonst, auf der Landstraße liegen zu bleiben. Nun können Sie denken, das wollte ich doch auch nicht, drei einzelne Frauenspersonen, und so kamen wir in das Dorf drüben, wie heißt es doch gleich, wo die Schmiede ist. Ja, da hieß es, machen könnte er ihn, aber nicht vor heute früh, und wir hätten auf der Streu liegen müssen in der Schenke, unter all dem Bauernvolk in der Wirthsstube. Nun, Sie können meinen Schreck denken, wenn nicht der Herr Prediger davon gehört und der invitirte uns in sein Haus. Sage ich Ihnen, war das ein charmanter Mann, und sagte: ›Unglücklichen helfen ist Christenpflicht!‹ Und die Frau Predigerin und ihre Töchter. Es ward uns heut Morgen recht schwer, uns von ihnen zu trennen, und die Töchter und meine Nichten, die konnten gar nicht von einander los und haben Brüderschaft getrunken. Im Himbeersaft nämlich. Gott bewahre, daß Sie denken sollten in Wein! Die Herren Prediger auf dem Lande haben auch wohl immer einen Weinkeller! Lieber Gott, sie sind recht schlecht gestellt. Ja, wenn man so über alle Ungerechtigkeit in der Welt machdenken wollte! Aber ein Mann wie ein Mann Gottes! An den Augen sah er uns alles ab. Und wie wir heut schon im Wagen saßen, brachten sie der Jülli und der Caroline die Vergißmeinnichtsträuße, die sie am Herzen tragen. Sage ich doch, man findet in der Welt überall gute Menschen, und wo man gute Menschen findet, ist die Welt gut. Wir werden uns auch wiedersehen, und vielleicht sehr bald. Denn der Herr Prediger hat vom Könige eine Vokation nach Berlin. Der König hat ihn mal predigen gehört, wo war es doch, – auf einem Schlosse, und hat gesagt: das ist ein Mann, der zum Herzen predigt, solche Prediger möchte ich in meiner Residenz haben, die nicht das Wort Gottes auslegen, wie's ihnen gefällt, sondern wie's in der Bibel steht. Ja, wir haben schon einen frommen König, der alle Menschen glücklich machen will, und der vorige hatte auch ein frommes Gemüth, wer ihn nur gekannt hatte, und das sind eigentlich neidische und schlechte Gemüther, die ihn schlecht machen. Mein König ist mein König, und das sage ich grade raus, wer das nicht sagt, der ist nicht mein Mann. Sehen Sie, mein Herr Geheimrath oder was Sie sind –«

»Kriegsrath,« sagte der Kriegsrath.

[71] »O, Sie werden auch noch Geheimrath werden, das sehe ich Ihnen an der Stirne an. Also, mein Herr Kriegsrath, sind Sie nicht auch der Meinung, daß die jetzigen jungen Leute gar nicht mehr sind wie sonst? Nein, was raisonniren sie, und Alles wollen sie besser wissen. Ich bin eine gute Royalistin, ich liebe meinen König und sein Haus, und wer das nicht thut, der kann mir zu Hause bleiben. Da waren wir doch ein Herz und eine Seele, der Herr Prediger und ich, alle Obrigkeit kommt von Gott, und wenn er nach Berlin kommt, wird er bei mir logiren. Und wie gern wäre ich gestern schon rein gefahren, denn man richtet doch gern sein Haus ein zu solchem Festtage. Nun schadet es aber nicht. Wir tranken schon gestern bei Predigers auf seine Gesundheit und nun ward mir wieder das Glück, unter solcher charmanten, lieben Familie diesen schönsten Festtag für jeden Preußen zuzubringen.«

Der Kriegsrath war anfänglich nicht ganz gut gestimmt; diese Stimmung war überwunden. Er pfropfte die letzte Flasche auf: »Erlauben Sie mir auch, meine verehrte Madame, ehe der Kaffee kommt, mit Ihnen anzustoßen auf die Gesundheit Seiner Majestät.«

»Mein Herr Kriegsrath sind die Gütigkeit selbst. Wie sollte ich das ausschlagen.«

»Wenn ich auch nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, wird es mir doch zur Ehre gereichen, mit einer solchen Patriotin ein Gläschen zu leeren.«

»Obristin Malchen,« sagte die Dame, »Mein Mann ist in holländischen Diensten und steht in Batavia. Ein grausam heißes Land, er wird aber heut hierher denken. Ach, er ist ein Patriot.«

»Und doch in fremden Diensten?«

»Ja sehen Sie, Verehrtester Herr Kriegsrath, da ließe sich mancherlei von sagen. Er war auch in preußischen Diensten ehedem, aber Sie glauben nicht, was draußen die preußischen Militärs in Respekt stehen. Und unsre Disziplin, und der große Friedrich. Wenns heißt, der hat unter ihm gedient! Nu, lieber Gott, Schwächen haben wir Alle, da werden mir Herr Kriegsrath Recht geben, aber sonst ist er – und hat mir erst voriges Jahr ein rothseiden Umschlagetuch geschickt, wag die Mamlucken oder Malayen weben, ich sage Ihnen, von Berlin rede ich gar nicht, aber auch in Leipzig hat's kein Mensch für möglich gehalten.«

»Die gnädige Frau werden uns doch die Ehre auf eine Schaale Kaffee erzeigen,« sagte die Kriegsräthin, die wohl Lust hatte, das rothe Umschlagetuch zu sehen, aber es war tief im Wagen verpackt.

Der Kaffee dampfte in der großen braunen Bunzlauer Kanne, wie sie vom Feuer gekommen, auf dem Tisch, aber die Kinder dampften auch – vor Ungeduld. Die Beckenmusik dröhnte verführerisch [72] aus dem Kruge herüber, und die Kleinen blickten erwartungsvoll bald auf den Vater, bald auf die Mutter.

»Das ist ein Kaffee, so schön, wie nur mein Mann ihn mir mal geschickt hat, direkt aus Batavia,« sagte die Obristin.

»Die Cichorien sind auch aus Herrn Rimpler seiner Fabrik,« sagte die Mutter. Aber die Kleinen wurden weder vom batavischen Kaffee, noch von den Cichorien aus Herrn Rimplers Fabrik gelockt. Der kleine Junge schrie vielmehr: »Ich will zu den Affen!«

Die Mutter warf einen fragenden Blick auf den Vater. Die Frau Obristin fing ihn auf: »Um Gottes Willen, Sie werden doch nicht!« Der Kriegsrath meinte: ob denn in einem bevölkerten Orte, und wo so viel anständige Leute beisammen, Gefahr sei? und die Mutter setzte hinzu: wenn sie die Kinder an der Hand führten?

»Meine allerbeste Frau Kriegsräthin, erlauben Sie mir zu sagen, ich weiß davon. Solche Bande ist ärger als der Gott sei bei uns. Die stibitzen ihnen die Kinder vor den Augen weg und Sie merken es nicht. Hinter die Ecke, ein Pechpflaster schnell aufs Gesicht, und dann, wenn sie's in der Scheune haben, beschmieren sie's, und färben's und ziehn ihm Lumpen an, und in einer Viertelstunde kennt's die eigene Mutter nicht wieder. Ja, was ich Ihnen sagen wollte, im Dorfe beim Herrn Prediger, da hatte der Oberst der gottvergessenen Bande einer Wittwe Sohn, ein hübsches Kind, gefragt, ob er nicht mit ihnen wollte, er sollte eine bunte Jacke kriegen und auch immer auf dem Pferde sitzen, und der Junge hatte Lust, aber sie haben ihn gottsjämmerlich geprügelt, der Schulz und die Bauern, da ist ihm die Lust vergangen. Solche Bande sind ja gar keine Christenmenschen nicht, das sind Zigeuner und Juden und Spanier, und wo kriegten sie denn ihre Leute her, wenn sie nicht Christenkinder stählen! Eltern können gar nicht genug vorsichtig sein, denn Sie glauben nicht, wie sie die Kinder maltraitiren. Hungern lassen sie die Kleinen und dursten und Schläge kriegen sie, daß Gott im Himmel sich erbarmen müsste, und ihre Glieder werden gereckt, daß sie die Purzelbäume schießen lernen. Und Nachts, mit Respekt zu melden, sperren sie sie in den Stall zu den Affen und Kameelen, wo eine Unreinlichkeit ist, die erschrecklich ist. Nein, für Reinlichkeit bin ich, das ist die erste Tugend, und erhält den Körper gesund. Wer reinlich ist und seine Mitmenschen liebt und den Armen Almosen giebt, der ist ein guter Mensch und Gott wohlgefällig, das sage ich oft meinen Nichten. Aber wie die Bären werden sie abgerichtet, und lernen Vater und Mutter vergessen. Wenn ich so einen armen Jungen sehe oben krabbeln an der Stange wie 'ne Fliege an der Decke, nein, meine Herrschaften, sagen Sie, was Sie wollen, das kann ich nicht ansehn, [73] das heißt ja die unsterbliche Seele verlieren, und was mich nur wundert, ist, daß die Könige solche Seelenverkäufer dulden. Die müssten mir alle auf die Festung und ins Zuchthans, und mit der Peitsche aus dem Lande gepeitscht, denn es sind alles Ausländer und Spione.«

»Ist's die Möglichkeit!« sagte die Mutter, die es kalt überrieselte.

»Nun bitte ich Sie, allerbeste Frau Kriegsräthin, wenn Sie einmal so einen Pajazzo sehen, wenn er auf dem Strick springt und die Fahne schwenkt, und Sie erkennten, daß er Ihr kleiner Theodor wäre, alles andere ist ja gar nichts, pure Spielerei, gegen eine solche Empfindung. O du mein himmlischer Vater, wer möchte eine solche Mutter sein!«

Die Kriegsräthin nahm ihren Knaben von der Hand des jungen Mädchens auf den Schooß: »Lieber Theodor, das wirst Du mir nie anthun!« Der Junge aber schrie nach wie vor, er wolle zu den Affen.

»Und mit den Jungens ginge es noch,« fuhr die Frau Obristin fort, »aber bei der Bande ist auch ein Frauenzimmer, eine ganz hübsche junge Person, ungefähr so groß, wie – ich habe doch die Ehre, Ihr Fräulein Tochter vor mir zu sehen.«

»Wir sind nicht von Adel,« sagte der Kriegsrath. »Meine Tochter Adelheid!«

»Nein, du mein himmlischer Vater, wenn ich dächte, daß so ein himmlisches Mädchen mit den Bären tanzen sollte und dem Vieh einen Kuß geben! Und dann springt sie aufs Pferd, in Hosen und Stiefelchen, und reitet, nicht sitzend, sondern sie steht, und in Carrière, die Zügel so in der Hand, und die Röcke flattern nur so. Nein, wie die Polizei das zugeben kann! Das, erlauben Sie mir, ist ganz unweiblich.«

Darm waren Vater und Mutter einig. Auch darin, daß man nicht zu den Seiltänzern gehen sollte, worüber aber nicht allein die Kleinen unglücklich, sondern auch die Nichten der Obristin nicht ganz zufrieden waren. Jene suchte die Obristin durch Zuckerbrode zu beschwichtigen, die sie aus dem Pompadour holte, und erklärte, sie hätte sie für artige Kinder aus Leipzig mitgebracht. Karoline schien aber gar nicht zu begreifen, warum sie das hübsche Schauspiel nicht mit ansehen solle, und auch die ernstere Julie sah diechère tante verwundert an, warum sie grad heut so strenge war.

»Mes chères nièces,« sagte sie, »weil man nicht weiß, wen man im Gedränge findet. Wer wird immer nach Vergnügungen aus sein, wenn die Eltern sagen, daß es sich nicht schickt! Da seht Euch die Mamsell Kriegsräthin an, und nehmt Euch an der [74] ein Muster. Sie sähe auch gern die Reiter springen, aber wo fällt's ihr ein, darum zu bitten; sie sieht, daß ihre lieben Eltern es für unanständig halten. Ja, die Predigerstöchter stürzten mit Euch nach der Schenke, das sind gute Mädchen, aber wilde Hummeln. Nein, Mamsell Adelheid ist ein sittsam Kind, wie es sein muß, die ihren Eltern Freude macht. Der könnt Ihr Vieles absehn. Seht nur, wie sie ganz roth wird. Ach, wenn Ihr auch noch so roth werden könntet!«

Die Mädchen senkten die Köpfe. Adelheid war schnell zwischen beide gesprungen und umfasste sie traulich, sie sollten nicht darauf hören. Die Tante scherze nur. Sie selbst wäre auch manchmal eine wilde Hummel und würde auch recht gern die Seiltänzer sehen, aber es wäre auch sonst viel hübsches im Dorf und im Freien, was sie zusammen besehen könnten, und sie hoffte, daß sie noch hier bleiben, und die Tante ihnen erlaube, mit ihr spazieren zu gehen. Dabei könnten sie plaudern, singen, Blumen pflücken und Kränze winden. Vor allem aber würde sie sich freuen, wenn sie ihr von Leipzig erzählen wollten und den tausend schönen Sachen, die sie da gesehen. Das wären alles Wunderdinge für sie, denn sie sei noch mit keinem Fuß aus Berlin gewesen. Papa und Mama hätten wohl davon gesprochen, einmal eine Reise nach Potsdam zu machen, aber es sei immer etwas dazwischen gekommen, und sie glaube auch gar nicht, daß es noch dahin kommen werde, denn der Gedanke sei doch gar zu schön.

Die Obristin sagte, Mamsell Adelheid sei ein prächtiges Mädchen und ihre Eltern würden viele Freude an ihr erleben, und um der guten Gesellschaft willen, wolle sie noch bis Abend bleiben; dann hoffte sie, die beiden Familien könnten Compagnie machen in ihrem Wagen. Die Kriegsräthin, der das längere Beisammensein mit einer so vornehmen Dame natürlich nur schmeichelhaft war, fand sich doch etwas dadurch in Verlegenheit, von der wir nachher reden wollen.

Einstweilen riß die Obristin sie daraus, die aufstand, um die Jugend, wie sie sagte, eine Strecke zu begleiten. Sie wollte die Spiele der Kinder arrangiren, damit sie nichts Unschickliches trieben, und zusehen, ob die Gegend auch sicher wäre. Der Lärm und die Menschenmenge hatte sich aber nach dem andern Theil des Dorfes gezogen.

Die Kinder fanden bald auf den grünen Rainen den herrlichsten Platz zu ihren Spielen, denen die freundliche Obristin rathgebend zusah, bis es ihr zu heiß ward, die drei jungen Mädchen aber verloren sich in den hohen Kornfeldern.

[75]

12. Kapitel. Schwanenjungfrauen

Zwölftes Kapitel.
Schwanenjungfrauen.

In den hohen Kornfeldern wuchs nicht überall Korn. Der ebene Boden wird noch jetzt durch viele Vertiefungen unterbrochen, ehemals waren es Seen, dann wurden es Moräste; seit die Cultur vorgerückt sind es nur noch Tümpel geblieben. Doch ladet ein heller klarer Wasserspiegel wohl zum Baden ein. Der Bauer, der Dich trifft, warnt Dich aber, denn der Sage nach sind einige dieser trichterförmig sich senkenden Löcher unergründlich. Außerdem gab es ehemals eine Britzer Haide, ein übelberüchtigter Wald, dessen Buschwerk gesprenkelt in die Kornfelder hinein wuchs. Und endlich schnitten viele Wege und Fußsteige durch diese Felder. Das Auge aus der Ferne sah nichts von den Unterbrechungen, es dünkte ihm eine unermeßliche goldene Aehrenfläche, darin die Korblumen und der rothe Mohn über die Einsamkeit klagten.

An einem dieser kleinen Seen lag auf dem grünen abschüssigen Rande ein junger Mann auf dem Rücken hingestreckt. Er hatte sich gebadet. Ob das Wasser unergründlich, danach hatte er nicht gefragt, es auch wohl nicht untersucht; er war ein guter Schwimmer, der sich im Wasser nach Lust getummelt. Er ruhte jetzt von der Anstrengung und um die Kühle abzuwarten, vielleicht auch um sich mit der Einsamkeit zu unterhalten. Nach der Wasserseite zu verbarg ihn ein großer Hagebuttenstrauch. Die Hände unterm Kopf sah er dem Zuge der Wolken nach, der Flucht der Vögel; vielleicht horchte er auch auf die Lieder, welche die rauschenden Aehren ihm sangen.

Ein Geräusch, was sich näherte, störte ihn auf. Den Fahr- oder Reitweg, der in einer Krümmung eine Seite des Tümpelrandes berührte, hatte er beim Herkommen durch die Felder nicht bemerkt. Ein schaumbedecktes Pferd schoß aus dem Aehrenfelde. Noch zwei Sätze und es konnte sich auf dem abschüssigen Rande nicht mehr halten und stürzte sich und den Reiter in die Tiefe. Dieser sah die Gefahr nicht, er ließ dem Roß die Zügel; der Instinkt des Thieres bewahrte beide. Im Augenblick, wo es galt, bäumte es und warf den Reiter ab, oder er gleitete aus Sattel und Bügel, die er längst verloren, denn er strauchelte nur etwas und stand gleich wieder auf seinen Füßen. Vielleicht aus seinem Traum erwachend, denn ohne sich um das Pferd zu kümmern, das seinen eigenen Weg suchte, stand er und hielt sich mit den Händen das Gesicht.

[76] Entweder ein Rasender oder ein Betrunkener, hatte der Liegende geschlossen, denn durchgegangen war das Pferd nicht. Es war ein ihm wohlbekannter friedfertiger Gaul aus dem Stall eines Pferdeverleihers. Der Reiter hatte nachlässig, aber sicher gesessen, und die blutenden Seiten des Thieres verriethen deutlich genug die Behandlung, welche es außer sich gebracht. Walter war an dieser Gesellschaft gar nichts gelegen, aber die seltsame Stellung des Ankömmlings fiel ihm auf. Durch die Hände schielte er auf das Wasser und seine dunklen Augen glänzten seltsam.

»Plagt Dich – – wenn Du's bist?« Er hatte die Hand auf die Schulter des Reiters gelegt. Dieser war nicht sehr erschrocken, als er sich umsah und den Andern erkannte:

»Vielleicht – eigentlich aber nicht. Ich dachte nur an ein Bad. – So aus dem Gluthofen in die kühle Tiefe.«

»Was hier dasselbe wäre!« entgegnete der zuerst Dagewesene, und fasste heftig seinen Arm. »Kommst Du aus dem Gefängniß, Louis? Ward'st Du heut entlassen?«

»Um meine Freiheit zu genießen, jagte ich den Gaul fast todt, und ward selbst wieder unfrei und matt wie eine Fliege. Und wenn ich wieder aufflattere, steht doch tausend gegen eins, daß ich wieder gegen etwas anstoße. Wär's nun nicht ein wunderschönes Ende, um gar keinen Anstoß mehr zu geben, wenn ich, erhitzt, durstend, an eines Felsens Rand in der Mittagssonne eine Flasche Champagner auf einen Zug ausstürzte und dann kopfüber ins Meer! – Uebrigens gebe ich Dir mein Wort, es war kein Ernst, wenigstens hätte ich mir eine andere Pfütze ausgesucht. 'S war nur ein aufsteigender Gedanke.«

»Aber keine Lerche, die in den Aether steigt,« sagte Walter, als Beide sich auf dem Rasen gelagert. Der Ankömmling sog, hingestreckt, die Luft ein.

»Nur nichts vom Aether in diesem Schwefeldampfe,« sagte er nach einer Weile. »Wenn die Welt bestimmt wäre unterzugehen, ich glaube nicht mehr, daß es in Feuer oder Wasser geschieht, sondern Gott Vater läßt sie ersticken in den Dünsten ihrer eigenen Gemeinheit. Es wäre eigentlich ein recht passendes Ende für sie.«

»Mitgebrachte Gefängnißgedanken!«

»Grillen, Schrullen oder Ungeziefer, wenn Du willst, denn als ein vernünftiger Mensch glaubst Du doch nicht, daß ich in dieser Societät eximirter Lumpen einen Gedanken aufgefangen hätte. Ja, hätten sie mich an eine Karre geschmiedet, unter den Baugefangenen giebt's vielleicht noch Menschen.«

»Du solltest ins Gebirge, Dich baden in der Morgenluft, im Felsbach – Du solltest auf lange Zeit aus der Stadt.«

[77] »Alles Selbsttäuschung, Betrug, Walter! Freilich wenn Tieck uns Abends in dem verschlossenen halbdunkeln Kämmerchen seine Märchen vorlas, mochte ich den Waldduft herunter schlürfen, der Nixe mit den langen Haaren um den Nacken fallen, und die Allmutter Natur an meine Brust pressen; aber in natura ist's anders. – Bin ich nicht umhergestürmt! Die Sohlen habe ich mir abgelaufen, aber keine Nixe, nicht mal eine Hexe gefunden. Beim Morgenroth rufst Du Ah, und findest Dich in Odenstimmung, und Abends wirst Du empfindsam und könntest Matthisson mit seinem Zopf an die Brust drücken. Alles Illusionen! Sei redlich gegen Dich selbst. – Die Wahrheit sucht man doch, wo die Sonne am höchsten steht, und ich habe sie gesucht, rechtschaffen. Schlürfte alle Aussichten und meine Ansichten wurden immer enger. Am Ende kamen mir die zackigen Felsen da hinter Dresden, die wir Beide einmal bewunderten, nicht anders vor, als die gepuderten Köpfe unserer Kriegsräthe. Und mehr haben sie anch nicht zu schaffen mit dem Weltgeist, als daß sie roth werden im Morgenlicht und Abends Schatten werfen. Roth werden können unsere Puderköpfe freilich nicht mehr, aber wenn sie uns im Lichte stehen kann man sie wegschuppfen. Diese verfluchten todten Felsen bleiben aber immer stehen. Nein, Theuerster, die Romantik in Ehren, die Menschen bleiben doch wenigstens Puppen, mit denen man Schach spielen kann.«

»Wenn wir nur stiegen könnten! Wenigstens so hoch wie die Lerche.«

»Und ich möchte sie immer mit dem Pustrohr runter blasen. Da fliegt das Biest hinauf, schmettert uns Wunderklänge vor und kommt doch nie weiter als ins leere Blaue. – Ja, Walter, wenn man's recht besieht, kommen wir auch noch zum Schluß, daß die Natur nicht mehr ist als eine alte Vettel, Morgens und Abends geschminkt. Und weil sie sich bei Tage nicht besehen lassen will, sticht und brennt die Sonne.«

»Nur daß die Schminke immer frisch bleibt, heut wie am Tag der Schöpfung.«

»Wer sagt Dir das! Es hat Keiner gelebt, als Gott Vater auf den Einfall kam, diesen Spielball Erde zu erschaffen, und in das Uhrwerk Universum zu schleudern, damit er zu Ehre des Höchsten seinen Parademarsch um die Sonne kreist.«

Der Ankömmling zog mechanisch die Gräser und Kräuter, die seine Hand ablangte, mit der Wurzel aus.

»Suchst Du nach der Alraunwurzel?«

»Könnte ich sie finden! Den allertiefsten Schmerz aus der Tiefe [78] herausziehen, vielleicht würden uns die andern Schmerzen dann wie Bagatellen erscheinen.«

»Der tiefste Schmerz müsste doch tödten. Darum verbarg ihn die Natur. Was wühlen wir denn nun tiefer und tiefer –«

»Und spielen nicht lieber am Bach mit Vergißmeinnicht und Veilchen! Nicht wahr, das ist viel gescheiter. Wollen wir nicht etwa nach Halberstadt zum Vater Gleim, im Freundschaftstempel uns gegenseitig anräuchern und anfingen, Du mein Anakreon, ich Dein Tibull?«

»Der höchste Schmerz wäre Selbstvernichtung, und zum Selbstmord schuf uns nicht die Natur!« rief Walter, ohne auf den Spott des Freundes zu achten.

Louis hatte sich aufgerichtet und verbarg wieder das Gesicht in beiden Händen: »Ein Stück von der Alraunwurzel zog ich doch schon raus. – Wenn ich nur wüßte, ob dieser Wunsch Sünde wäre?«

»Welcher?«

»Wäre meine Mutter keine tugendhafte Frau gewesen!«

Es folgte eine Pause: »Dein Vater ist nicht schlimmer als Tausende.«

»Ist das ein Trost, daß ich eine Partikel bin von einer Partikel aus der allgemeinen Erbärmlichkeit.«

»Er läßt Dir Freiheit.«

»Er läßt aller Wett die Freiheit, so niederträchtig zu sein, wie sie Lust hat, damit er nicht schamroth zu werden braucht.«

»Das ist ein hartes Wort,« dachte Walter, und auch Louis mußte es denken, denn er war rasch aufgesprungen und reichte dem Freunde die Hand: »Adieu!«

Walter umfasste seinen Arm, er wollte ihn in der Aufgeregtheit nicht von sich lassen: »Du verwünschest Dich selbst. Ich bin nicht zum Moralprediger geboren, aber – Du warst es zu besserem.«

»Was kann man denn besseres thun in dieser Gesellschaft, als sich selbst verwüsten! Trinken, und wenn man erwacht, wieder trinken. Sind nicht alle Edleren dazu bei uns verdammt? Tadelst Du den Prinzen, daß er den Schaumbecher nicht von der Lippe läßt, daß er wenigstens den Jammer nicht mit ansehen will, wo er nicht helfen darf? Lieber doch berauscht untertauchen und rasch, als nüchtern zusehen, wie wir Zoll für Zoll im Morast versinken. Oder wo ist denn die Kraft, die nach Besserem ringt, wo nur ernster Wille? Der gute, zahme, bescheidene da, der sich nicht mehr ganz von den Schlechten von ehemals will leiten lassen, aber auch nicht ganz mit ihnen zu brechen wagt? Die beschrankte, duckmäuserige Tugend, die sich den Himmel malt an ihre vier Wände, [79] aber der Himmel draußen ist ihr zu frisch und kühl. Sturmwind ringsum, nur aufspannen, nur zusteuern brauchten wir, und mit vollen Segeln triebe das Kriegsschiff – prost Mahlzeit! Man kettet das Steuer an, umwickelt die Ruder und lavirt. Das ist eine berauschende Kunst. Soll ich mich auch anlernen lassen? Bei wem? Bei meinem Vater? Staatsdienst! Herrliche Menschenbestimmung! Dein Vater predigt es Dir ja wohl auch täglich: lass Dich anstellen. Wollen wir uns polnische Krongüter schenken lassen? Die sind schon weggeschnappt. Wollen wir mit den Juden und Domainenräthen die Guter taxiren und Hypotheken verschreiben, die ihren Werth im Monde haben? 'S ist auch schon zu viel drin gepfuscht. Lieferanten für die Armee, aber es giebt keinen Krieg! Oder uns üben, solche süßgänseschmalz-honigduftenden Cabinets-und Humanitätsdecrete schreiben, die beweisen, daß Gott, der König, seine Minister und Regierungsräthe alles mit Weisheit und Verstand gemacht haben? Himmel und Hölle! wem nun anderes Blut in den Adern pulst! – Die schönen Verse, die hochedlen Charaktere des großen Dichters auf der Menschheithöhen! Schlugen wir ihnen nicht oft in mitternächtlicher Lust den Schädel ein und sahen, daß es nur Masken waren! Gieb, zeig, schenke mir was, wofür ich mich begeistern, was ich ans warme Herz drücken kann, wofür es in Flammen aufschlägt, wofür ich mich in die Schanze oder in den Tod stürze. Fähndrich Pistol ist mein Philosoph, wenn er die Welt doch noch für eine Auster hält. Leider fehlt aber das Schwert jetzt sie zu öffnen. Lass' mich rasen.«

»Ich hätte gar nichts dagegen, wenn Du ein rasender Roland würdest und Dich einmal zum Tollwerden verliebtest. Du bedarfst einer Radikalkur.«

Louis Bovillard lachte: »In diese Mücken! – Schaffe mir was anderes. Schaffe mir ein Vaterland. Das, das! Vielleicht war ich ein anderer!«

Er spuckte, und ohne sich noch einmal umzudrehen ging er sein Pferd suchen, das gemüthlich im Kornfelde seinen verzehrenden Meditationen nachhing.

»Ein Vaterland!« wiederholte Walter. Es war ein Funken, der viele Gedanken zündete, aber es waren nicht die Gedanken, um die er heut die Einsamkeit gesucht. Er stand mit unterschlagenen Armen, seine Augen schienen die Würmer im Grase zu verfolgen, und er hörte nicht, wie sein Freund zurückgekehrt war, diesmal den Gaul am Halfter, und ihn vorsichtig um den Rand des Sees führte. Er hörte erst, als Louis seinen Namen rief:

»Was sinnst Du? Bei Dir hat die Romantik noch nicht einmal ganz durchgeschlagen, während ich sie abschüttele. Du weißt [80] den Zerbino auswendig, und ich wette, Du schwärmst wieder für den Kieferbusch drüben auf dem Sandhügel.«

»Und warum nicht? Tieck hat Unrecht, wenn er die Lust schilt, die sich auch aus dem Unbedeutenden Nahrung sucht. Gerade das führt uns zur Vaterlandsliebe, die Du suchst. Aber was führt Dich zurück?«

»Der Anblick einiger Herren von der Gensd'armerie, die mein scharfes Auge vom Gaule aus in der Ferne entdeckte. Um nicht ihnen zu begegnen, stieg ich ab, und will mich durch einen Fußsteig schlängeln. Auch auf die Gefahr hin, daß der Bauer uns pfändet. Nun, bewunderst Du nicht meine Vernunft?«

»Wenn ich nicht wüsste, daß Du bei nächster Gelegenheit doch wieder mit ihnen zusammenstößest.«

»Das ist mein Fatum. Konnte Mercutio für seine Natur?«

»Wenigstens spielt wieder Humor auf Deiner Stirn.«

»Und in Deinen Augen glänzt ein Gedicht.«

»Ich habe das Versmachen verschworen. Du weißt es.«

»Aber, Walter, in solcher Natur! Ich müsste Dich ja nicht kennen. Ein tiefer See mit romantischen Ufern! Vielleicht kommen die Schwanenjungfrauen angeflogen, entkleiden sich, ihre Schleier hängen sie an die Hagebutten. Husch hast Du einen weggestohlen, und erwartest als frommer Siedler im Korn die Schöne, die als mediceische Venus um Gottes Willen um ein Stückchen Bekleidung bittet.«

»Wir irrrten darin, das wir das Wunderbare immer in der Ferne suchten:


Willst Du immer weiter schweifen,

Sieh' das Gute liegt so nah!

Lerne nur das Glück ergreifen,

Denn das Glück ist immer da.«


»Wie schon Goethes anderer guter Mann, der nach Schätzen gräbt:

Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.«


»Wer den Sinn für sie mitbringt, dem schwebt ihr Geist entgegen auch vom Thautropfen, der am Grashalm hängt, er wiegt sich in den Aehren, über die der Wind hinspielt.«

»Er glitzert auch im Mistkäfer, warum gähnt er nicht auch in dem Frosch, der da unvernünftig weit über der Mummel das Maul aufsperrt. Sieh ihn an, welche tiefe Weisheitssprüche die Padde krächzt. – Und welche Weisheit bläht sich eben auf Deiner Brust. Es muß heraus, ich sehe es, und Du brauchst einen Zuhörer. Frisch losgelegt! Gleichviel, ob die Naturandacht als Predigt oder als Rhapsodie rausbricht. Die Gensd'armen sind noch im weiten Felde. Heraus denn, ein verschluckter Gedanke ist Gift.«

[81] Walter van Asten schien wirklich nur der Aufforderung zu bedürfen, den Gedankenstrom, der in ihm arbeitete, auszugießen:

»Weil wir zu viel tranken, und seine üblen Wirkungen empfanden, sollen wir darum den Wein selbst ausgießen? Sollen wir zur Nüchternheit, zur Korrektheit zurückkehren? Thut der Gärtner recht, der lauter exotische Gewächse in seinem Garten ziehen wollte, und sie kamen nur zum Theil oder verkrüppelt fort, der darum alle ausreutet, und meint, der Boden tauge nur zu Kartoffeln? Legen wir doch das Geständnis ab, daß wir im Uebermuth, gelangweilt, und aus Verdruß über die ekle Schaalheit der Poesie, wie sie getrieben wird, uns in kecker Laune oft auf den Kopf stellten, und vom Publikum verlangten, es solle es mit uns thun. Wir fanden Anhänger und es ging eine Weile, wie alles Neue. Nun finden sie die Stellung unbequem. Ist das zu verwundern? Sollen wir aber alles darum als Visionen fahren lassen, was wir in der Begeisterung, in dem seeligen Rausche sahen? Hörten wir die Wälder, die Bäche nicht anders rauschen, als der Prediger in Werneuchen, blieben uns nicht andere Anschauungen in Natur und Kunst zurück, nicht die Schauer der Ahnung, das Wesen der Wunder, welche die Welt erfüllen? Wir kommen nicht fort ohne den Glauben daran, auch wenn wir uns mathematisch beweisen, daß es keine Hexenmeister giebt und keine Gespenster um die Grüfte schweben. Haben wir nicht Geister citirt, von denen unsere Väter nichts wussten? Wie anders, lebensfrisch schauen uns jetzt die Alten an, als die Philologen mit den Perrücken sie sahen? Lebt nicht der brittische Riese unter uns, ein geharnischter Geist, der unsere Theatermisère zertritt! Citirten wir nicht Dante, nicht Calderon aus seinem vergessenen Grabe? Diese können sie nie wieder todt machen, sie werden leben, und noch vieles mit ihnen, und wir mit Stolz sagen, wir wurden ihre zweiten Väter!«

»Das ist alles recht schön,« entgegnete Louis. »Wenn die Geister nur Mark und Bein bekämen, wenn sie unseren Geheimräthen und Ministern einen Rippenstoß geben könnten, und einen Feuerhauch durch die Seelen unserer Philister jagen. Da es aber nicht ist, bin ich doch der Meinung Deines Gärtners, daß unser Boden nur zu Kartoffeln taugt. Sind sie nicht ein herrliches vaterländisches Gewächs, und Vetter Michel ein dito Mensch? Er grämt sich nicht, er schämt sich nicht, erträgt Fußtritte und Prügel wie der Esel, wenn er nur Kartoffeln hat, und item:


Sag' mir nichts von gutem Boden,

Nichts vom Magdeburger Land,

Selig ruhen uns're Todten

In dem leichten kühlen Sand.«


[82] »Vaterländisch!« fuhr Walter auf. »Und hat die Schule nicht gerade auch unsere eigensten, zertretenen, vergessenen Schätze deutscher Vorzeit aus dem Staub und Rost ans Licht gezogen? Was kannten wir davon! Einzelne Aeolsharfentöne der Minnesänger. Ging nicht eine deutsche Urwelt uns auf im Nibelungenliede? Du lächelst weil die Thoren lachen. Wir erfuhren, unser Volk hat gelebt, wie die Griechen durch die Iliade wussten, daß sie gelebt, daß ihre Väter groß und herrlich waren, ehe es eine Geschichte gab. Das wussten wir nun auch, daß Krimhilden und Siegfriede, daß Günther und Hagen unserer Geschichte voran gingen. O welchen Born der Sage die Romantik uns erschloß! Jetzt verstehen wir erst, nicht aus den nüchternen Chronisten, welch ein Volk wir waren unter den Hohenstaufen. Im alten Kyffhäuser schläft nur der Kaiser seiner Herrlichkeit, und die Raben krächzen um seine Trümmer, und die Geister warten auf seine Erweckung. Das, Louis, hat uns die Romantik enthüllt, der Du einen Fußtritt geben willst, weil sie nur Trugbilder zeigt, und Du willst Realitäten. Was hatten die Juden mehr von Palästina als ein Traumbild? Das Traumbild weckte einen Moses. Laß einen Moses erweckt sein, und wir haben wieder ein deutsches Volk, eine deutsche Herrlichkeit. – Vielleicht, daß wir's darin versahen,« schloß der Aufgeregte, »wir machten aus der ungeheuren Sage nur für uns ein Spielzeug; aber Andere mögen nach uns kommen, die unserm Volke diese gewaltigen Bilder anders hinhalten, einen kolossalen Spiegel vor dem unsere Erbärmlichkeit erschrickt – und sie können sich ermannen, können besser werden, wenn –«

»Wenn ein Moses geboren wird!« fiel Louis ein, drückte rasch Waltern die Hand und riß sein Pferd in den Fußsteig. »Da liegt es!« tönte noch seine Stimme aus dem Korn. »Einen Moses! Nur ein Moses! Die Juden und die Ziegelstreicherknechte sind immer da.«

Walter lag wieder in der Hagebutte.

»Wenn er einen anderen Vater hätte, ein anderes Vaterland!« Waren das nicht Streiflichter des ewigen Schmerzes, für den es keine Heilung giebt? Waller starrte auf den Wasserspiegel. Auch die Frösche lagen wie matt von der Hitze auf den breiten Blättern der Wasserlilie, regungslos. »Ein Moses!« Wo sollte der Moses herkommen, wenn auch über den Wassern nicht mehr der Athem Gottes schwebte? Wenn die Verstockung auf dem Element, das die Erde umgürtet, sich niedersenkt? Nein, es war nur die schwüle Luft. Die Augen fielen ihm zu, und die Natur übte ihren beschwichtigenden Zauber über die finsteren Gedanken. Die Falten verzogen sich um seine Brauen, der Mund fing wieder an zu lächeln, [83] und man konnte denken, daß Traumbilder aus einer glückseligen Welt um seine Schläfen spielten.

Waren das auch Erscheinungen seiner Phantasie, die blühenden Mädchenköpfe im Korn? Schossen Elfen auf zwischen den Aehren? Der Hagebuttenstrauch im Korn, der grüne Rain, der die Felder trennt, ist ja ihr Spielplatz. Hier führen sie Reigentänze, hier stampfen ihre zierlichen Füßchen die Ringelkreise, die der Landmann am Morgen findet, und der Abendthau fiel noch auf frisches Gras. Aber schnell, wenn ein Späherauge sie entdeckt, verschrumpfen sie, hängen sich an den Ginsterstrauch, sie klettern in die Hagebutte. Der Wind scheint in den Blättern und Zweigen zu spielen, aber es sind ihre leichten Körper, die sich daran schaukeln.

Diese verschwanden nicht.

Die Eine, eine schmächtige Brünette von dunkeln, aber etwas umflorten Augen, mit einem getrübten Blick. Die rothen Mohnblumen, die ihre losen Blätter im schwarzen Haar flattern ließen, passten zu der Gestalt, dem melancholischen Gesicht. Eine Else, die den Einen unwiderstehlich anziehen mochte, den Andern zurückstoßen. Die andere, kleinere, rundliche, ein nußbraunes Mädchen, mit Schelmengrübchen um die Wangen und lachenden Schelmenaugen; wie wohl stand ihr der Kranz von Kornblumen, Aehren und Mohn im Haar.

Aber die Dritte, die Elfenkönigin, Wie frei schaute ihr blaues Auge, blau wie die Kornblumen, blau wie der Himmel, aus der freien Stirn. Wie leicht bewegte sie sich, wie anders athmete sie die Luft ein; nicht als gehöre die Welt ihr, aber als nehme sie freudig ihren Tribut hin von Licht und Luft, von Farbe und Athem. Und wie hatten die andern, das konnte sie nicht selbst gethan haben, die Felder geplündert, um die eine auszustatten! Ein dichter Kornblumenkranz war auf ihr blondes Lockenhaar gedrückt, und eine Mohnblume, aber keine rothe, die hätte nicht hierher gepasst, eine seltene volle weiße, glänzte als Diamant über ihrer Stirn. Eine andere Guirlande von Kornblumen hing wie eine Schärpe um ihren Nacken, und auch den Abwurf des Kleides hatten sie mit allen bunten Blumen, die als scheckiges Unkraut zwischen den Aehren blühen, besetzt. Eine Hochzeit mit der Natur?

So traten die Elfen aus dem Korn auf den kleinen freien grünen Platz, drüben am Rande. »Ach wie hübsch!« rief die Königin. »Da ist Wasser!« und breitete die Arme aus, indem sie sich Luft nach der Brust fächelte. Das nußbraune Mädchen umfasste sie plötzlich und ergriff die Hand der Brünette: »Fass' sie an, hier wollen wir tanzen – Ringel-Ringel-Rosenkranz.«

Die Elfen schwebten im Ringeltanz bis es ihnen zu heiß ward. [84] Sie lagerten sich auf den Abhang, die Königin in der Mitte. Sie scherzten und plauderten wie neckische Kinder.

»Ich muß mich eigentlich schämen,« sagte die Königin, »wie habt Ihr mich ausgeputzt, und ich bin's doch nicht werth.«

»Schäme Dich nicht!« sagte die schmächtige Else mit dem schwarzen Haar, die ganz auf dem Boden ausgegossen lag, und drückte die Hand der Königin an ihre Lippen.

»Herr Gott,« rief die Königin, »Du küssest mir die Hand, und ich glaube gar Du weinst.« Sie zog erschrocken die Hand zurück.

Die Nußbraune lachte auf: »Die Jülli ist immer närrisch, und ich bin immer lustig. So sind wir, wir bleiben aber doch gute Freunde. Nicht wahr?«

»So wollen wir's alle drei sein,« sagte die Königin. »Ich komme mir nur so dumm unter Euch vor, Ihr seid in Leipzig gewesen. Das will mir gar nicht aus dem Kopf. Und Euer Onkel ist ein Offizier und gar in Indien. So was hätte ich in meinem Leben nicht geträumt.«

Die Schwarzbraune schüttelte den Kopf: »Der ist nicht mein Onkel.«

»Na, meiner auch nicht,« lachte die Nußbraune.

Die Elfenkönigin bat die Gespielinnen nun, ihr Wort zu halten und ihr recht viel, so viel sie könnten, von Leipzig zu erzählen. Die Nußbraune hatte auch Lust dazu, nur brachte sie die Herrlichkeiten, die sie gesehen, etwas konfus heraus, und man wusste oft nicht, ob sie von den Menschen oder von den Waaren sprach. Aber Alles war herrlich dort gewesen, die Affen und die Seiltänzer, die Komödianten und die Buden auf den Straßen. Ueber die Griechen und polnischen Juden und die Türken hätte sie sich bucklicht lachen mögen, und vor ihren langen Bärten hätte sie sich zuerst grausam gefürchtet, aber dann hätte sie gesehen, daß es alle reiche und generöse Herren wären, mancher hätte mit den Dukaten um sich geworfen, wie mit Zahlpfennigen, und alle hätten gesagt, solche gute Messe hätten sie lange nicht erlebt und sie wünschten alle ihre Lebtage auf der Leipziger Messe zu sein.

Die Schwarzbraune senkte ihren Kopf: »Mir ist's hier viel lieber. Hier ist's hübsch.«

»Wenn man nur Gesellschaft hätte!« rief die Nußbraune.

Ein stummer Blick der anderen schien sie zu strafen. Auch die Königin sah sie verwundert an und sagte: »Sind wir uns nicht genug? Wir plaudern ja so allerliebst zusammen; wenn's nur nicht so heiß wäre!«

»Wir könnten uns baden!« rief plötzlich die Muntere. »Ja baden, baden! Kinder, das ist prächtig!«

Der Gedanke zückte wie ein Blitz. Der Ort war so still und [85] einsam, ein tiefer Kessel, geschützt durch einen Rand von über Manneshöhe, und darüber stand noch wie eine Ringmauer das Aehrenfeld. Wo sollte da ein Lauscherblick herkommen? Selbst die Vögel flogen nicht mehr. Im Strauche regten sich die Blätter, die Kornähren wiegten sich durch ihre Schwere.

Die Karoline war plötzlich aufgeschnellt und machte eine Bewegung, als wolle sie mit einem Ruck ihre Kleider abwerfen. Jülli, die Schwarzbraune, sah fragend auf die Elfenkönigin, ob sie Lust habe? – Lust hatte sie wohl, aber – aber sie machte die Bemerkung, man wisse ja nicht, ob das Wasser nicht zu tief sei? Darauf wandte Karoline ein, sie wollten am Rande bleiben, und es zuerst versuchen. Adelheid erröthete jetzt, sie fühlte, daß sie nicht ganz die Wahrheit gesagt, sie wusste nicht und zweifelte sogar, ob ihre Eltern es erlauben würden. Jülli sagte: »So lassen wir es lieber; wer weiß, ob es chère tante auch recht ist!«

»Wer wird denn ma chère tante fragen, wenn sie nicht bei ist!« lachte Karoline, aber der Blick, den ihr Jülli zuwarf, schien sie doch unschlüssig zu machen.

Man unterhandelte und kam überein, daß man sich nur die Strümpfe ausziehen wolle, und ein wenig die Füße baden, das gebe Erfrischung für den ganzen Leib, und sei auch gar nicht gefährlich. Die Füße sich waschen, ohne die Eltern zu fragen, sei doch wohl erlaubt, dachte Adelheid. Nur ihren kleinen Bruder hatte die Mutter einmal geohrfeigt, als er sich beim Regen die Strümpfe ausgezogen und durch den ausgetretenen Rinnstein gewatet war. Die Züchtigung hatte er indeß ausdrücklich nur erhalten, weil das die Straßenjungen thäten, weil es sich in einer Stadt nicht schicke, und weil der Rinnstein ein schmutziges Wasser sei.

Diese drei Gründe griffen ja hier nicht Platz. Die Strümpfe und Schuhe flogen auf den Rasen und sechs zierliche Füße plätscherten im Wasser. Die Mädchen fassten sich an, um die Kühlung gemeinschaftlich zu genießen. Karoline zog die Anderen unmerklich etwas weiter: »Hier können wir bis am Knie stehen, ach das thut wohl!« – »Herr Gott, Karoline, was willst Du?« rief Jülli, die sah, daß Karoline Miene machte, ihre Kleider abzustreifen und aufs Ufer zu werfen. – »Ich bin ja vom Kietz in Spandau, ich ertrinke nicht.«

In dem Augenblicke fuhr ein Ton durch die Luft. War's das Gekreisch eines Reihers, war's ein Pfeifen, der Warnungsruf einer menschlichen Stimme? Erschrocken sahen die Mädchen sich um, das war ein Moment. Im nächsten waren sie es, die laut aufschrieen, und, mit einem Sprunge am Ufer, nach Schuh und Strümpfen griffen. Ein dritter Moment: ein helles Gelächter vieler Männerstimmen, Säbel klirrten in der Scheide, Pferde wieherten. [86] Mehrere Cavallerieoffiziere preschten durch den Feldweg und Einer rief: »Hussei, richtig gesehen! Badende Mädchen; da wollen wir helfen!« Zwei machten Miene vom Roß zu springen, während der vorderste sich zwischen Rand und Kornfeld einen Weg zu bahnen suchte, ohne dabei besonders auf die Aehren Acht zu haben. Aber das Pferd scheute vor einer Unebenheit, und die Elfen gewannen den Vorsprung. Sie kletterten, sprangen, schwebten in athemloser Hast um den Rand des Sees, nach einem Ausweg suchend. Der, auf dem sie gekommen, war ihnen schon durch den Reiter versperrt. Sie fanden ihn in der Nähe des Hagebuttenstrauches. Den Lauscher hinter dem Busche hatten sie nicht entdeckt, aber die Unordnung in den schwankenden Aehren verrieth noch lange die Richtung, in der sie verschwunden waren.

»Echappirt!« rief der vorderste Reiter, die Terrainschwierigkeiten als guter Cavallerist erwägend, und ließ den Daumen und Mittelfinger in die Luft knallen.

»Wollen wir schwenken, nachpreschen, Dohleneck?« fragte der Zweite.

»Müssten ein ganzes Kornfeld niederreiten,« sagte der Rittmeister, »und das käme wieder zu des Königs Ohren. Ihr wisst, wie er die Bauern protegirt.«

»Jammerschade!« Der Zweite schlug. vor, abzusitzen, die Pferde anzubinden, und ihnen zu Fuß nachzueilen.

»Die sind fix wie der Wind.«

»Aber barfuß. Die Füßchen würden ihnen doch zu weh thun, so über Stock und Block. Und werden sie mit blanken Beinen ins Dorf laufen zu Papa und Mama? Irgendwo im Korn verpusten sie sich und ziehen die Strümpfe an, da attrapiren wir sie, und probiren, ob sie die Strumpfbänder nicht zu fest binden. Das ist schädlich, sagt Hufeland.«

Der Rittmeister strich den Bart und sagte: »Meine Maxime sei, nie was suchen, aber die Ueberraschung hinnehmen. Das ist soldatisch. Und wenn wir sie bei nahe besehen, wer weiß, ob wir uns nicht schämen, ihnen nachgelaufen zu sein.«

Hexen wären es nicht, meinte der Zweite, und der Dritte: er müsse die eine schon gesehen haben; auch die andere kam ihm bekannt vor, aber er wusste nicht, wo sie hinbringen. Man beschloß endlich, beim Rückwege durchs Dorf zu reiten, wo man sie doch wohl wieder zu Gesicht kriegen wird.

Sie sprengten fort. –

Es war still wie vorher. »War's ein Traum?« dachte Walter, der sich hinter dem Strauch aufrichtete und über die Stirn fuhr. Die eingeknickten Aehren sprachen dagegen. Unfern von der Stelle, wo er gelegen, lagen Kornblumen, die sich von einem Strauß aufgelöst. [87] »Das hatte sie an der Brust.« Er raffte die Blumen rasch auf. An einer halb geknickten Aehre flatterte ein blauseidenes Strumpfband. »Das hatte sie verloren.« Er ergriff es und schlang es um die Kornblumen zum Bouquet.

»Und die Thoren wollen sagen, es gebe keine Romantik!«

Er blieb zaudernd stehen. Sollte er auch ins Dorf? »Die Erscheinung war so schön, warum denn die Wirklichkeit aufsuchen, welche in einem Augenblick vielleicht den ganzen Zauber löst.« Dazu erinnerte er sich, daß er dem Geheimrath Lupinus versprochen, ihm bei der Collationirung zweier Manuskripte heute Abend zu helfen. Und Lupinus hatte gesagt, daß er ihm einige Privatstunden verschaffen zu können hoffe.

Walter schlug vergnügt den Rückweg ein. Er war es, der bei Annäherung der Reiter das Warnungszeichen aus dem Busche gegeben, welches die jungen Mädchen vor einer Scene bewahrt, in der er unmöglich den stillen Lauscher spielen durfte. Aber welche Rolle hätte er spielen sollen!

13. Kapitel. Das Gewitter

Dreizehntes Kapitel.
Das Gewitter.

Auch die Sonne hat Flecken, und auch in der glücklichsten Ehe giebt es Familienscenen.

»Ach, daß ein so schöner Tag so ausgehen muß!« seufzte die Hofräthin, aber der Kriegsrath blieb unerbittlich. Es war doch wie vom Himmel gefügt, daß sie mit einer so vornehmen, liebenswürdigen und freundlichen Dame Bekanntschaft gemacht. Die Herzensgüte sah man ihr an den Augen ab. Was konnte ihre Tochter davon profitiren! Sie war ganz gewiß, daß die Obristin Adelheid zu sich einladen würde, und wer weiß, wenn die Nichten mit ihr Freundschaft schlössen, ob sie nicht an ihren Privatstunden Theil nehmen könnte. Ja, es wäre wohl möglich, daß die Obristin ihre Tochter ins Haus nähme, in Pension wollte sie gar nicht sagen, denn sie hätte wohl bemerkt, mit welchem Wohlgefallen sie die Adelheid immer angesehen. Und alle diese Vortheile und Aussichten wolle er muthwillig von sich stoßen. Und warum?

»Weil wir keine Equipage halten können,« recapitulirte der Kriegsrath.

»Wie Du auch bist, Mann! Wer redet denn davon. Aber den Christian von der Brösike könnten wir heimlich in die Stadt schicken, daß er uns eine Lohnkutsche holt von Herrn Verdrieß, dem Fuhrmann, er wohnt ja gleich am Halleschen Thor. Für [88] einen Groschen thut's der Junge, ach er thut's umsonst aus Plaisir, daß er zurückkutschiren kann. Dann fährt der Kutscher vor, wir kommen mit Anstand in die Stadt zurück, und sie denken, es ist unser Wagen.«

»Sie sollen nichts denken, was nicht wahr ist.«

»Alter, verstehe mich nur, 's ist ja auch nicht darum, daß wir was scheinen, was wir nicht sind. Für'nen Registrator schickte sich's auch, aber – wenn Du nun Geheimrath wirst!«

»Kommt Zeit, kommt Rath.«

»Und bis dahin kommst Du ins Gerede, und wirst am Ende gar nicht Geheimrath.«

»Dann bleibe ich Kriegsrath.«

»Und Deine Tochter bleibt sitzen. Sie kommt ins Gerede. Wenn wir nun mit Sack und Pack unter'm Arm trotten, liebster, bester Mann, und die Obristin kommt gerollt in der schönen Equipage, und die Adelheid trägt wohl gar wieder den Korb – ach, wird sie denken, das sind solche Leute! Und Du bist's, der das Glück Deiner Kinder verscherzt hat, aus Eigensinn!«

»Da können wir ja gleich die Obristin fragen.«

Sie kam. Und ehe noch das Wort: »Du wirst doch nicht?« von ihren Lippen war, musste die arme Frau hören, was sie doch nicht von einem Manne, der auf Reputation hält, für möglich gehalten. Er musste entweder sehr bös, oder bei sehr guter Laune sein.

»Ach Du meine Güte!« rief die Obristin. »Liebe Frau Kriegsräthin, mein Mann war auch nicht immer Obrist. Und ich habe auch nicht immer den Mantel von Sammet getragen. Ein Korb am Arm, auch ein großer Korb, ist keine Schande; wenn man sich nur nicht mit Jedem abgiebt, der gelaufen kommt, da kann man auch im blauen Kattunspencer ein honetter Mensch sein. Es ist schon recht, daß man auf Distinktion hält, und ich halte gewiß darauf, davon können Ihnen meine Niecen was erzählen; aber pfui, wenn man darum einen Menschen nicht ästimiren wollte, wenn er nicht mit Vieren fährt! Ich könnte Ihnen von Prinzen erzählen, haben den Stall voll Kutschenpferde und gehen zu Fuß aus, im Surtout bis über die Ohren zugeknöpft, und wenn sie anklopfen, man hört das gleich raus. So treten sie in die Hütten der Armuth, und wie Mancher, der hungert, wird von ihnen satt. Strecke Jeder sich nach seiner Decke, das ist meine Maxime. Wer seine Nebenmenschen nicht achtet, den achte ich auch nicht. Meine liebe Frau Kriegsräthin, was ist aller Glanz dieser Erde! Eitelkeit, sagt der Herr Prediger, und wer solide handelt, der kommt noch am besten fort in diesem irdischen Jammerthal. Und wenn ich nur Platz hätte in meinem Wagen, mein Gott, ich würde es [89] mir ja zur größten Ehre rechnen, wenn ich eine so solide Familie mitnehmen könnte. Einen Platz haben wir noch, der stuckert aber so sehr. Und als wir Abschied nahmen, so legte der Herr Prediger die Hand auf meine Schultern und sagte: ›Eigentlich wollte ich bei Keinem einkehren in dieser gottlosen Stadt; aber Sie sind eine rechtschaffene, solide Frau, Frau Obristin, zu Ihnen komme ich, bis ich mir ein Quartier gemiethet habe‹. Na, den Herrn Prediger sollen Sie kennen lernen, wenn Sie mir die Ehre erzeigen, auf eine Schale Kaffee. In seiner Jugend hat er in Leipzig studirt, da haben wir geplaudert von – ich sage Ihnen, ein charmanter Mann.«

Der Kriegsrath seufzte: »Ach Leipzig! Sie wissen nicht, was mich das gekostet hat.«

»Ja 's ist theures Pflaster, und gar in der Messe. Na, das freut mich aber, daß Herr Kriegsrath auch da waren.«

»Mich gar nicht, liebe Frau Obristin,« sagte der Kriegsrath, der gemüthlich seine Pfeife ausklopfte. »Es kostet mich meine Karriere. Ich ließ mich, da ich in Halle studirte, verführen, mit andern meiner älteren Kommilitonen einmal nach Leipzig hinüber zu reiten. Nur einen Tag; am nächsten kehrten wir zurück. Als mein Vater es erfuhr, bekam ich einen Brief. Das war ein Brief, nicht mit Dinte, mit Feuer geschrieben und Pech und Schwefel darauf! Der verlorne Sohn in der Bibel wird keinen solchen Brief erhalten haben, sonst wäre er nicht verloren gegangen. Ich musste auf der Stelle zurück. Da standen schon die Pedelle, vom Rektor geschickt, und brachten mich auf die Post, und der Herr Postverwalter hatte mir einen Platz bestellt, neben dem Schirrmeister, daß er auf mich Acht habe. Und als ich nun ins elterliche Haus kam! Meine arme Mutter in Thränen und meine Schwestern! Acht Tage ward ich in eine Kammer gesperrt, fast bei Wasser und Brod und musste die Psalmen auswendig lernen. Aber das war noch gar nichts dagegen, wie mein Vater mir da am achten Tage selbst die Thür öffnete, und mich so mit untergeschlagenen Armen ansah, ein Blick, daß mir das Herz im Leibe zu Stein ward, und mir ankündigte, daß es nun mit meinem Studiren aus sei. Nun versuche, Du ungerathener Sohn, sprach er, ob Du durch Dein ferneres Leben es wieder gut machen kannst, daß Du Deines Vaters Schweiß und Deiner Mutter und Schwester saure Händearbeit zu solchen Extravaganzen vergeudet hast. Der Bauerwagen stand vor der Thür, der mich in eine kleine Stadt brachte, wo ich als unterster Schreiber in einer Packkammer meine neue Carrierr anfangen musste. Sehn Sie, das kostet mich Leipzig!«

Die Kriegsräthin war erstaunt, aber nicht ganz unzufrieden, daß ihr Mann durch die Obristin zu solchen vertraulichen Mittheilungen [90] sich hinreißen ließ. Diese machte ihm ein Compliment: »wer weiß, wozu es gut gewesen. Die Studirten kämen oft nicht weiter, und wer klein anfinge, der hörte oft groß auf.«

»Mein Vater war ein strenger Mann, aber ein braver Mann, und er hatte Recht,« sagte der Kriegsrath. »Denn meine Eltern mussten sich's schwer verdienen, daß sie nur durchkamen. Und was hatte ich in Leipzig zu suchen!«

Das gefiel der Kriegsräthin wieder nicht, daß er zu erzählen anfing, wie knapp es in seinem älterlichen Hause zugegangen. Die Obristin horchte aber sehr theilnehmend.

Jetzt kamen auch die jungen Mädchen zurück. Sie hatten unter sich ausgemacht, nichts von dem Abenteuer zu erwähnen. Jülli und Karoline sprangen, als wäre nichts vorgefallen, Adelheid ging langsamer und bückte sich oft. Schlug ihr das Gewissen, daß sie etwas nicht Erlaubtes gethan, oder daß sie darauf eingegangen, es zu verschweigen? Die Aufforderung, für das Abendessen zu sorgen, war ihr willkommen. Im Hause schlüpfte sie rasch in die dunkle Hinterkammer und setzte den Fuß auf den Schemel, um mit einigen Flachsfäden aus dem Spinnrocken den Strumpf fest zu binden. War es die alte Wanduhr oder ihr Herz, das so laut schlug? Ein heiseres Gelächter schallte plötzlich hinter ihr. Die Alte hatte sich aufgerichtet und stierte sie mit dem unheimlichen Gesichtsausdruck an: »Verloren – Strumpfband verloren! – hi! hi! hi! Das bedeutet was. – Der's fand, wird sich freuen. Hi, hi, hi!« – Das junge Mädchen floh, wie vor dem Spottgesang böser Geister.

Die Satte mit dicker Milch fand kein so frohes Publikum um sich versammelt, als der Milchreis zu Mittag. Die Kinder waren müde, die jungen Mädchen in Gedanken, die Aelteren hatten sich ausgesprochen. Alle drückte die Schwüle des Tages, der zum Abend geworden.

Aus dem Kruge schallte Tanzmusik. Reiter gallopirten auf dem Fahrwege heran, es waren Gensd'armerieoffiziere. Sie hielten plötzlich an, und lorgnettirten die Gesellschaft. Mit einem hässlichen Gelächter gab der eine ein Zeichen. Die Frauen schrieen, sie glaubten, die Reiter wollten den Tisch umreiten; sie ritten nur um den Tisch, einer hinter dem andern im Kreise, oft so nahe, daß die Pferde die Stuhllehnen berührten. Die Kriegsräthin ward blaß vor Schreck, der Kriegsrath vor Unwillen, die jungen Mädchen senkten die Köpfe, die Kinder waren ängstlich vor den Pferden. Die Obristin fasste den Arm des Kriegsraths unter dem Tisch und flüsterte ihm zu: »es sind junge Leute.« Die jungen Leute aber beugten sich seltsam im Sattel, sie warfen Kußhände zu mit den Fingern, mit beiden Händen, sie miauten, schnalzten, krähten. Endlich waren sie wie der [91] Sturmwind verschwunden, nachdem sie ein: »Auf Wiedersehen, allerliebste Engelchen!« der Gesellschaft zugerufen.

Der Schemel hinter ihm fiel auf die Erde, als der Kriegsrath aufsprang und der Aufbruch war damit gemacht. »Gerechter Gott!« rief er, den Stock auf die Erde stampfend, »wann wird das endlich mal ein Ende nehmen! Giebt's denn keinen Fleck auf der Erde, wo man seine Tochter ruhig hinführen kann! Giebt's denn Niemand, der dem Könige das sagt, denn er ist gütig und gerecht.«

Die Frau Kriegsräthin wehrte still die Obristin ab, die beruhigende Worte auf der Lippe hatte, von Jugend und Tugend. »Um Gottes Willen, Frau Obristin, jetzt keine Sylbe, sonst bricht es los.«

Es schien aber schon jetzt loszubrechen, wenn auch nicht in Worten, als er den Hut aufstülpte, den Rock zuknöpfte und rief: »Nun marsch nach Haus!«

Wir sehen die Familie auf dem Marsche. Es hatte Jeder seine eigenen Gedanken, darum war es heut Abend so still als es an manchem laut gewesen. Vergnügt war eigentlich nur die Kriegsräthin. Sie baute Schlösser in die Zukunft, und war ihr Wunsch nicht erfüllt, als ihr Mann der Obristin die Hand gedrückt und gesagt hatte: »Sie sind eine brave und praktische Frau. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.« Eigentlich war das etwas unschicklich zu einer so vornehmen Frau gesprochen, aber sie hatte es nicht übel genommen. Sie hatte die Hoffnung auf nähere Bekanntschaft ausgesprochen, aber nicht in der ordinären Weise, daß sie gleich zum Kaffee gebeten, sondern sie hatte gesagt, das würde sich ja schon alles finden und der liebe Gott es fügen, daß die zusammen kämen, die zusammen gehörten. Aber beim Abschied – denn sie wollte noch am Krug vorfahren und einen Blick hinein thun, weil sie Freunde ihres Mannes unter den Offizieren zu sehen geglaubt – hatte sie noch von dem rothen Umschlagtuch aus Malaya ein Wort fallen lassen, und daß sie nur wünsche, daß die Mamsell Adelheid es einmal um die Schulter nehme. Das Tuch würde ihr doppelt lieb sein, wenn es dem englischen Kinde gut stände.

Der Weg ward so schwer, die Luft so drückend. Die Kinder waren müde. Nur der Kriegsrath schritt stramm voran. Da ging ein Lüftchen durch die Ulmen, aber kein erfrischendes; es war der Vorbote eines nahenden Sturmes. Vom Templower Berge kamen dicke Gewitterwolken. »Wenn uns das noch träfe!« sagte die Kriegsräthin. Es fielen die ersten Tropfen, einzelne, aber sehr schwere. »Herr Jesus, Mann, ob's nicht besser wäre, wenn wir umkehren ins Dorf? Die Stadt erreichen wir nicht mehr.« – Der Kriegsrath wies schweigend mit dem Stock zurück: »Ich kehre nicht um.« Hinter ihnen war die dunkle Wetterwand aufgestiegen, von Blitzen [92] schon durchzuckt und am sternenflimmernden Horizont näherte sich die Wand den beiden Wolken. »Wenn das zusammenstößt!« – »Wenn das uns träfe.« – »Es trifft uns schon!« Der erste Donner rollte dumpf über die Fläche. Der zweite, dritte war schon näher. Jetzt tröpfelte es nicht mehr, es prasselte. »Unter die Bäume! Dicht unter die Bäume!« rief die Mutter. Die Bäume halfen wenig, und bald hatten sie die letzte der breitwipfligen Ulmen erreicht, von wo ab das freie, weite Bachfeld vor ihnen lag, und kein Schutz vor dem Regen, der nicht mehr strömte, es schoß und goß.

Sie standen unter der letzten Ulme, die dicht um ihren Stamm noch ein Wetterdach vor dem Wolkenbruch von oben gewährte, aber nicht vor dem Regen, den der Wind heranschlug. Sie standen auf den vom Erdreich losgespülten Wurzeln, um nicht im puren Wasser zu stehen, das schon über den Boden wallte; Jette hatte sich im Gehen Strümpfe und Schuhe abgestreift, ihr Sonntagszeug nicht zu verderben. Die Frauen schürzten ihre Kleider; schickte es sich aber auch für sie, die Schuhe auszuziehen? – »Die Kinder aufgenommen!« rief der Vater. Jette hatte den Kleinsten auf die Schulter gepackt, Adelheid dafür den von ländlichen Einkäufen schweren Korb aufgenommen. Der Vater wollte die Clara aufheben, das Wasser, das aus seinem dreieckigen Hute, wie aus einer Rinne goß, überschüttete das Kind. Das dritte nahmen sie zwischen sich.

Es waren furchtbare Minuten. Das Wasser klatschte, mit blauen Blitzstrahlen gemischt, auf die Erde, vor ihnen nur ein wellender Spiegel vom Winde gepeitscht. Ein Todtenschweigen, nur durch das Gewimmer der Mutter einmal unterbrochen: »Und alles das, um acht Groschen zu sparen. Du rechnest auch nicht, was die verdorbenen Kleider werth sind!« Die Antwort des Vaters übertäubte ein Aufschrei aus Aller Munde. Der Regen von den höher gelegenen Feldern zur Rechten ergoß sich in einen Graben, der in der Regel ganz trocken und verschüttet war. Das aufschwellende Wasser brach den Damm und wühlte, ein breiter Bach, den Fußsteg auf, dicht vor der Ulme, und ein immer tieferer und rauschender Strom schnitt der Familie den Weg nach der Stadt ab.

»Seht nicht in die Blitze, das verdirbt die Augen!« rief der Vater. »Wenn's nur nicht so gräßlich donnerte!« jammerte die Magd. »Und unsere besten Sonntagskleider sind hin!« – »Uns erwartet ein trocknes Haus und warme Betten,« sagte der Vater. »Denk' Dir unsere armen Soldaten im Kriege, die haben kein Haus und keinen Mantel.« – »Aber ihre Monturen muß der König bezahlen,« entgegnete die Kriegsräthin. »Wer bezahlt der Adelheid das neue Kleid? Und wenns sie's Fieber kriegt!« – »O Gott, wir gehen alle unter,« schluchzte wieder die Magd, als ein stärkster[93] Donnerschlag dicht über der Erde hinzurollen schien. »Wär' ich doch nie in den Dienst gegangen!«

Da schien das stärkste Gewitter sich entladen zu haben. Die zusammengekeilten Wolken brachen. Es rauschte noch vom Himmel und er schien sein blaues Licht niederzugießen, aber man hörte auch schon wieder die Bäume rauschen und der Donner ward dumpfer. Man hörte auch einen Wagen. Die Pferde stampften im Wasser. Es war die Obristin mit ihren Nichten. Ein heller, lang andauernder Blitz – ein Schrei der Freude und des Schreckens.

Hätte die Frau Kriegsräthin doch mögen in die Erde versinken, als der Kutscher hielt. Ach es war weder Zeit, sich zu schämen, noch Toilette zu machen. Die gute Obristin hätte so gern Alle mitgenommen! Was an Platz war in der Kutsche, sie sollten nur kommandiren; die Kleinen wollten sie schon auf den Schooß nehmen. »Mann, um Gottes Willen, Du wirst doch jetzt nicht Bedenklichkeiten machen!« Hinsichts der drei Kinder machte er auch keine, sie waren rasch hineingeschoben. Aber wer sollte den leeren Eckplatz einnehmen! Die Kriegsräthin hätte sich ja nimmermehr hineingedrängt. Sie war so stark und naß, und in solchem Aufzuge! »Väterchen Du,« rief Adelheid. Konnte er Mutter und Tochter allein in Nacht und Regen lassen? »Kommen Sie Adelheidchen, Sie erkälten sich ja ganz die Füßchen,« rief die Obristin. »Wenn für die Kinder gesorgt ist, für die Eltern sorgt der liebe Gott.« Der Kutscher entschied in letzter Instanz über alle Bedenklichkeiten. Er ließ mit einem »Donnerwetter, wenn's nicht bald wird!« die Peitsche knallen, und ich glaube, er hätte sein Wort gehalten.

14. Kapitel. Wie es im Hause aussieht

Vierzehntes Kapitel.
Wie es im Hause aussieht.

Weshalb der Kriegsrath endlich nachgab, war, daß er in der Ferne die Gensd'armerieoffiziere gallopiren hörte. Aber die Wagenthür klappte noch in der Luft, sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen, als die Räder schon durch den fluthenden Gießbach rollten.

Entweder wollte er die Wagenthür zuschlagen, oder war es, um seiner Tochter Anweisungen zu geben, weshalb der Vater nachstürzte. »Der Herr Kriegsrath ertrinken!« schrie die Jette; aus der Kutsche wehten sie, er möge zurückbleiben.

»An den Tag werden wir lange denken!« entfuhr es dem Kriegsrath. Seine Frau drückte verstohlen seine Hand, er drückte [94] sie wieder. »Und Mamsell Adelheid werden auch bald warm werden,« tröstete die Jette, »sie sitzen so eng zusammen.«

Die Offiziere ritten vorüber, ohne von der Familie Notiz zu nehmen. Das Wasser war schon im Ablaufen und man versuchte die Passage. Sie gelang endlich nach der richtigen strategischen Maßregel, daß ein Fluß leichter an der Quelle als am Ausströmen zu forciren ist. Forcirt musste er aber doch werden; und man versank nicht allein im Moor und Wasser, sondern auch im trockenen Sande, da ein Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat, daß er nur die Oberfläche durchnässt.

Die Sterne schienen wieder auf einen langen sauren Weg. Der Kriegsrath ging, Arme und Stock auf dem Rücken, vorauf, er schien in die Sterne zu sehen.

Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd. Sie gingen eine Weile neben einander, ohne zu sprechen; ihre Gedanken schienen sich zu begegnen: »Wir kennen sie eigentlich nicht.« – »Wenn Du nur gefragt hättest, wo sie wohnt?« sagte nach einer Pause die Frau. »Aber die Adelheid weiß, wo wir wohnen, und sie ist ja kein Kind mehr.«

Eine neue Pause. Sie näherten sich schon dem Thore: »Wenn wir sie nun nicht zu Hause finden!«

Die Kriegsräthin hatte keine Antwort darauf. Es presste sie etwas auf der Brust. Sie strengte sich an, mit ihrem Manne Schritt zu halten. Da musste am Thor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Thorschreiber den Korb der Jette untersuchen. Der Kriegsrath musste seine Börse ziehen, um einige Groschen Accise zu zahlen, und die Sohlen brannten ihnen unter den Füßen. Selbst über den schönen Stern in der Mitte des Platzes, der seine Strahlen von großen und kleinen Pflastersteinen ausgießt, eilten sie, ohne einen Blick dahin zu werfen, was der Jette unbegreiflich schien, denn es war doch die größte Merkwürdigkeit von Berlin, die jeder Handwerksbursche gesehen haben musste; sonst war er nicht in Berlin gewesen.

Der schöne Stern ist längst verschwunden. Auf seinem Kernpunkt steht die Friedensgöttin, die man aufgerichtet, als der Friede anfing aufzuhören. Auf einer spitzen Säule flattert sie in die Luft, wie der Vogel, der mit einem Fuß auf der Dachfirste Posto gefasst, und sich umschaut, ob es drüben geheuer ist.

Die große Friedrichsstraße war ihnen nie so lang vorgekommen; und doch eilten sie, daß der Kriegsräthin der Athem verging. Die Jette dachte mit dem schweren Korb: Ich bin doch auch ein Mensch! – An den Fenstern zählten sie die Lichter. Würden sie ihre Wohnung dunkel finden? »Wenn's um diese Ecke, das Haus da, hell ist,« sagte sich die Mutter, »dann finden wir's auch bei uns hell.« [95] Einmal war es dunkel, dann wieder hell. Man muß an ein Orakel nicht zu oft dieselbe Frage stellen. Der Vater dachte an die Schwalben, die Schüsse gehört und Brannstgeruch gerochen, und mit gestreckten Flügeln schießen, ob sie ihr Nest noch finden. Aber er hatte keinen Schuß gehört, und keinen Brannstgeruch empfunden. Die Frau Kriegsräthin beruhigte sich auch: wie schrecklich hatte nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt, denen die Seiltänzer ihre Kinder stehlen.

Beide sagten sich, sie wären beruhigt, aber Beider Herz klopfte, daß Jeder das des Andern hätte können schlagen hören, als sie um die letzte Ecke zum Gensd'armenmarkt bogen. – Zwei Herzen und ein Schlag, ein freudiges Ah! Ihre Fenster waren hell, sehr hell. – Die Hausthür offen. Die Magd des Wirthes kam ihnen entgegen: »Na, Gott sei Dank, daß Sie da sind. Die Mamsell und die Kinder haben sich schon zu Tode geängstigt.« – Auf der halben Treppe sprang ihnen Adelheid entgegen: »Ach, mein lieber Vater, meine liebe Mutter! Gott sei Dank.« – Der Vater drückte sie an seine Brust, die Mutter riß sie an sich. »Ach, und Ihr seid ganz durchnässt. Schnell, schnell, oben liegt Alles schon bereit.« Die Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern. »Das hat Alles die Adelheid gethan!« – »Nicht alles, Mütterchen, die Jülli und die Karoline halfen, ach die gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter.«

»Hat Euch im Wagen hergebracht?«

»Und war auch so naß und müde von der Reise. Aber Gott bewahre! Anvertrautes Gut muß man eher zurückliefern, als man an seines denkt, sagte sie. Und Euer Vater ist ein guter Diener seines Königs. Und der König geht vor allem, und heut ist sein Geburtstag. Denkt Euch, als wir ausgestiegen waren, wollte sie die Kutsche zurückschicken, um Euch holen zu lassen. Aber der Kutscher war ein garstiger Mensch. Er fluchte, um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch seine Pferde ruiniren. Die gute Obristin wurde ganz erschrocken, und steckte ihm noch Geld zu, daß er nur ruhig wäre, denn es wäre ja des Königs Geburtstag und darauf sollte er trinken.«

»Unverschämtes Volk!« rief der Kriegsrath, seinen Stock erhebend.

»O, das ist noch nicht Alles,« sagte Adelheid, »kommt nur herein und seht!«

Sie traten in das helle Zimmer. Eine Punschbowle dampfte über einem Kohlenbecken.

»Das hat alles die Obristin für Euch besorgt, damit Euch die Erkältung nichts schadet. Die Karoline musste selbst zum Kaufmann, die Citronen und den Rum kaufen, und die Gustel unten [96] kochte das Wasser, und dann erst gingen sie, und wollten nicht bleiben, um Euch nicht zu stören. Und so herzliche Grüße haben sie mir aufgetragen, daß ich sie gar nicht bestellen kann.«

Mann und Frau saßen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber, der Kriegsrath in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln, die Kriegsräthin in ihrer Dormeuse. Die Kinder waren längst im Bett, die Bowle bis auf einen kleinen Rest geleert. Den goß der Kriegsrath, redlich theilend, in die Gläser: »Es wird zu viel, Alter!« sagte die Frau.

»Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstoßen!«

Der Mann setzte die Pfeife fort.

»Mann, da sieht man, wie man sich täuschen kann.«

»Aber 's ist gut, wenn man's wieder gut machen kann.«

Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein, aber die Herzen klangen. Der Kriegsrath ging sehr vergnügt, aber nicht so kerzengrad wie am Tage, nach seinem Bett. Die Kriegsräthin leerte noch den Rest ihres Glases im Stillen. Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten, die sich mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten. »Uns kommt alles unverhofft!« sagte sie und wischte eine Thräne der Rührung aus dem Auge. Im Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen, was sie thun müssten, um es der Obristin zu vergelten, Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten gezeigt, die in Güte beigelegt werden sollten, aber man hörte bald nur eine vollkommene Harmonie – im Schnarchen.

Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen, aber etwas abgekühlt. Gestern wollte der Kriegsrath, sobald er aufgestanden, der Obristin seine Aufwartung machen. Heute fand die Frau, daß eine Visite so früh am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke. Der Mann aber dachte, daß er ja ins Bureau müsse, und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor, sagen die Geschäftsmänner. Es war aber noch ein Grund, weshalb es nicht ging; sie wussten ja nicht, wo die Obristin wohnte. Wohnungsanzeiger gab es noch nicht. Der Kriegsrath wollte sich im Bureau danach erkundigen.

Der Kriegsrath kam heute spät nach Hause. Seine Nachforschungen nach der Obristin waren nicht glücklich gewesen. Man glaubte wohl den Namen gehört zu haben, wusste aber nichts Gewisses. Uebrigens hatte das nichts Auffallendes, denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf. Da wäre eine russische Fürstin hier, und Damen und Herren vom höchsten Stande aus Frankreich und England, von denen man wohl wisse, daß sie andere Namen führten, als ihnen zukämen, aber die Polizei kümmere sich nicht um ihr Incognito, oder drücke ein Auge [97] zu, weil sie mit dem Hofe und den Ministern ins Geheim verkehrten, damit andre Mächte nicht aufmerksam würden, und plötzlich würde aus Einem oder dem Andern, der in einer Winkelgasse wohnt, der außerordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten. Denn ganz Europa blickte jetzt erwartungsvoll auf Preußen, »und wie es sich jetzt entscheidet, das giebt den Ausschlag.«

Die Kriegsräthin hatte mit sichtlicher Ungeduld, ihm auch etwas mitzutheilen, zugehört, aber die Nachricht schien sie einzuschüchtern: »Ach Gott, das wäre ja viel zu vornehm für uns!«

»Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten.«

»Ja, und das war sie,« brach es heraus, »ihr Gesicht strahlte von Freude. Männchen, wir sind glücklicher gewesen als Du. Als wir eben dasaßen, die Adelheid und ich, und überlegten, was wir anziehen sollten, wenn wir sie besuchten, klingelte es, und wer trat ein? – Sie selbst. Wir waren Beide einig, daß wir uns nicht sehen lassen konnten, aber sie sagte, sie müsste uns sehen, und sie hätte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt, ob's uns auch bekommen wäre? Ich sage Dir, nein, es war eine Liebenswürdigkeit, als wenn wir alte Freunde wären.«

»Da seid Ihr gewiß schon heut zum Kaffee invitirt!«

»Nein, das bedauerte sie eben so sehr, daß sie uns in den ersten Tagen nicht bei sich sehen könnte, denn sie hätte das Haus voll Unruhe gefunden. Nichts wäre gemacht, wie sie's bestellt und sie müsste Tapeten runter reißen lassen und Gott weiß was.«

»Aber wo wohnt sie?«

»Wir sollen's gar nicht wissen, bis sie in Ordnung ist. Aber bei uns wird sie ein Mal ansprechen und mit 'ner Tasse Kaffee verlieb nehmen. Doch ganz unter uns, wie wir sind, ohne Umstände, und wir sollten Niemand dazu bitten. Oder sie wird auch mal vorfahren und anfragen, ob einer von uns mit ihnen spazieren fahren will? Alter, weißt Du, sie meint, Du säßest zu viel, Du müsstest Dir mehr Bewegung machen. Solche gute Staatsdiener wie Du, müssten sich ihrem Könige erhalten, das wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit, und sie hätte so viel zu Deinem Lobe gehört, was sie in der Seele erfreut, und sie wisse auch schon, daß Dein Avancement vor der Thür steht.«

»Da hat sie zu viel gehört,« unterbrach der Kriegsrath und ging auf und ab. »Damit ist es vorbei. Ich hörte –«

»Hat sie auch gehört, Du solltest Dir aber keine grauen Haare darum wachsen lassen. Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz, oder was er ist, der möchte den Geheimrath Lupinus aus der Patsche ziehen, und es soll ihm schon gelungen sein, daß er die andern Gefangenen dazu rum gekriegt eine Schrift zu unterschreiben, daß sie schuld wären und nichter

[98] »Und im Grunde soll's mir auch lieb sein,« sagte der Kriegsrath, »von wegen seines Bruders in der Jägerstraße. Die Brüder Lupinus lieben sich zwar nicht sehr, es wäre aber doch immer hässlich, wenn es hieße, daß ich ihn aus dem Dienst verdrängt. – Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn Geheimrath gesprochen. – Er ist ein junger Mann, aber wir sollten uns daran nicht stoßen, sagte der Geheimrath. Er kennt ihn seit Jahren, und er hilft ihm bei seiner Bibliothek. Ein Mann von admirablen Kenntnissen, und treibe gerade das, was ein junges Mädchen braucht, um in den Gesellschaften nicht den Mund zuzuhalten. Und wir würden schon zufrieden sein. Er wird sich heute Nachmittag uns präsentiren.«

Diese Erwartung gab in der stillen Häuslichkeit wieder einige Unruhe. Adelheid hatte die meiste Besorgniß, sie fürchtete das erste Examen, und daß sie der Lehrer doch gar zu dumm finden würde.

Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu. »Die Adelheid stellt sich wirklich vor,« sagte die Mutter, »als würde er sie mit dem Lineal auf die Finger klopfen.«

Endlich klingelte es, kurz vor der Dämmerstunde, der Lehrer trat ein. Den Eindruck, den er auf den Vater machte, war ein guter. Er hatte sich einen excentrischen jungen Mann gedacht, laut und viel sprechend, wie ihm die jungen Männer von der Schule geschildert worden, zu der er gehören sollte. Aber er war von bescheidenem, ernstem, gehaltenem Wesen. An seinem Benehmen sah man, daß er die Welt kannte. Seine Anrede war bestimmt, fest und kurz. Auch der Mutter mißfiel er nicht, aber die Frau Kriegsräthin glaubte sich doch einem solchen bloßen Privatlehrer gegenüber ein Air geben zu müssen, und sie fragte ihn, womit er seine Lektionen anzufangen denke?

»Dazu gehört, daß ich meine künftige Schülerin kenne,« entgegnete er, die Handschuhe leicht in den Hut werfend, um den Stuhl einzunehmen, den der Vater ihm präsentirt.

Aber die Schülerin präsentirte sich schon selbst. Adelheid, die bei seinem Eintritt abwärts gestanden, war unbefangen vorgetreten, und ohne die Vorstellung der Mutter abzuwarten, sprach sie, sich leicht neigend: »Ihre Schülerin ist schon hier, ich bin es.«

Die Mutter wunderte sich über die plötzliche Dreistigkeit ihrer Tochter; aber sie bemerkte, daß der Lehrer erschrak. Er wich einen halben Schritt zurück und erröthete. Adelheid meinte später, die Mutter könne sich wohl getäuscht haben, da es schon anfing, dunkel zu werden. Als die Jette das Licht gebracht, setzte man sich, und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt. Man sprach über dies und jenes, Tagesereignisse und Naturerscheinungen, [99] man ward über die Stunden einig, über die Bedingungen war man es schon vorher durch den Geheimrath. Er hatte gar nicht examinirt und doch sagte er beim Abschied zur Mutter: er wisse nun genau, wo er anfangen solle. Adelheid nahm das Licht vom Tisch und leuchtete ihm hinaus. Vom Treppengeländer aus wünschte sie ihm eine gute Nacht.

Die Mutter begriff ihre Tochter nicht; noch eben so bang und plötzlich so unbefangen. Adelheid erklärte, der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein Lehrer vor, sondern wie ein gewöhnlicher Mensch. Er spräche ja so, daß ein Kind ihn verstehen könnte. – Das aber gerade machte die Mutter bedenklich, ob ihr Mann auch an den rechten gerathen. Sie hatte Achtung gegeben, ob er nicht einmal einen Dichter oder einen berühmten Schriftsteller citiren werde. Aber wenn sie das Gespräch darauf lenkte, brach er ab, oder vielmehr er lenkte es auf Dinge, die Jedem geläufig, und wenn nicht, gab er solche Erklärungen davon, daß sie Jedem verständlich wurden. Ein Lehrer muß doch da sein, um zu belehren, und doch wenigstens zuweilen in schönen Redensarten sprechen, dachte sie, die nicht Jedermann versteht, die aber so schön klingen, daß man neugierig wird und zum Lernen Lust bekommt. Ihr Mann meinte, wenn die Stunden anfingen, werde er wohl gelehrter sprechen. Die Kriegsräthin aber wollte ihre Freundin, die Obristin, bitten, einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein, um ihr aufrichtig zu sagen, ob der neue Lehrer was tauge.

Nur über eins war sie beruhigt. Bei diesem Manne war für ihre Tochter keine Gefahr, auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wäre. Er war ja viel älter, als sie gedacht und blaß und hatte auch einige Pockennarben, und tanzen konnte er gewiß nicht. Sie meinte, es ginge ihm wohl kümmerlich, obschon sie sich entsann, daß er einen feinen Rock trug; und, um ihm etwas Gutes zu erzeigen, dachte sie daran, ihm einen Freitisch anzubieten.

»Das würde sich nun nicht schicken,« sagte der Kriegsrath, der andern Tages von Erkundigungen heim kam, die er im Interesse seines Kindes eingezogen. Zuerst hatten ihn die gescheitesten Leute versichert, der Herr van Asten wisse mehr, als in tausend Büchern steht, aber er habe den Tik, daß er das Sprüchwort zu schanden machen wolle: der spricht ja wie ein Buch. Das wäre überhaupt jetzt Mode, daß die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten, daß sie gelehrt wären.

Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsräthin, als sie erfuhr, Herr van Asten habe einen angesehenen Vater, den Prinzipal des alten Handlungshauses in der Spandauer Straße. Weil er jedoch zu der jungen ästhetischen Schule halte, die man Romantiker nennt, habe er sich mit seinem Vater überworfen, und sei aus dessen Hause [100] gezogen, und nehme keine Unterstützung von ihm an, sondern er habe sich vorgesetzt, sich selbst fortzuhelfen. So knapp es ihm gehe, schlage er sich durch, und es könne ihm Niemand etwas nachsagen, als daß er stolz sei und andere nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse.

Die Kriegsräthin sah den jungen Mann schon ganz anders an, als er zur ersten Stunde kam. Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen. Nur gefiel es ihr auch heute nicht, daß er die Adelheid so viel sprechen ließ und selbst wenig sprach. Sie nahm sich vor, nachher ihrer Tochter zu rügen, daß sie ihre Unwissenheit so blos gegeben, aber wie war sie verwundert, als van Asten sie beim Fortgehen versicherte, daß Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse, als er geglaubt, und daß sie sich selbst am besten unterrichten werde. Der Lehrer brauche nur wenig hinzuzuthun.

Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand: »Auf Wiedersehen, Herr van Asten!« Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich. Adelheid sah sie aber groß an: »Wenn ich ihm nun gut bin, soll es sich nicht schicken, daß ich ihm die Hand schüttele?«

Die Stunden hatten ihren Fortgang und Adelheid reichte jedes Mal beim Abschied dem Lehrer die Hand, als an einem schönen Tage die Obristin mit ihren Nichten vorfuhr, und die Mutter oder die Adelheid auffordern ließ, mit ihnen einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen. Die Kriegsräthin entschied auf der Stelle für Adelheid. Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen, indem die letzte fragte, ob es sich auch schicke, während die erste sagte, wenn ihre Tochter ein Vergnügen habe, sei es als ob sie selbst es genossen, und was sie denn für Bedenken haben könne?

Als Adelheid am Abend zurückkehrte, waren alle Bedenken verschwunden. In der Aufregung der Freude flossen ihre Lippen über. Liebenswürdiger konnten Nichten und Tante nicht sein. Wie anmuthig war die Unterhaltung geflossen während der Spazierfahrt, wie rasch der Wagen dahin gerollt durch den Thiergarten. Als sie nach Hause fuhren, hatten die Nichten sie so dringend gebeten, einen Augenblick bei ihnen hinaufzuspringen. Die Tante meinte, es sei noch nicht alles eingerichtet. Aber die Nichten sagten: »Chère tante, sie muß doch Dein rothes Shawl sehen.« Und oben die Zimmerchen, es war so niedlich und fein, wie sie es nie gesehen, man fühlte den Fußboden nicht, solche weichen Decken lagen, und Sophas an allen Wänden, und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel, daß sie vor der Zeit Licht anzünden mussten. Keine Talglichte, sondern eine Lampe mit gedämpftem Glase, die an der Decke hing. Da hätte das Zimmer erst wunderbar schön [101] ausgesehen. Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten, wo das rothe Tuch lag, und die Tante hatte gemeint, sie müsse es zuerst ein Mal bei Tage sehen, weil die Farben bei Licht ganz andere würden. Auch war ein Besuch gerade eingetreten, ein vornehmer Herr, vor dem es doch nicht schicklich war, Toilette zu machen. Der Herr hatte ihr zuerst gar nicht sehr gefallen, er war klein und hüftenlahm, und ging an einem Stock, der ihm als Krücke diente. Auch sein geröthetes Gesicht mit vielen Pickeln war hässlich. Aber sie hätte auch da bald eingesehen, wie der Schein trügen kann. Er war ein Kammerherr vom Hofe, der Herr von St. Real, den sie schon nennen gehört, der eine gelegentliche Vorfuhrvisite bei der Obristin machte. Er war die Artigkeit selbst gegen die Damen und auch gegen sie. Er sprach so fein und verbindlich, wie sie noch keinen Herrn sprechen gehört, und schien alles zu wissen, denn er lächelte fein zu Allem, was sie sagte, und machte dann eine Bemerkung, woraus sie sah, daß er die Sache kannte. Sie hatte nie geglaubt, daß die vornehmen Herrn so freundlich gegen Bürgerliche wären.

Er hatte sich erkundigt, ob sie Klavier spiele und singen könne, und was ihre Lektüre sei, was sie zuerst nicht verstanden. Dann hätte er ihre Eltern sehr gelobt, daß sie ihr keine Romane in die Hände gaben, denn das sei alles nicht wahr, was darin stehe und verwirre die Phantasie.

»Und denkt Euch,« fuhr sie auf, »er kennt auch Herrn van Asten! Denn er fragte, bei wem ich Unterricht hätte? Und als ich ihn nannte, sagte er, er hätte von ihm gehört, daß er ein sehr verständiger junger Mann wäre. Und den Beweis sähe er jetzt vor Augen. Ich wurde roth. Aber er fuhr fort: das Gute kommt doch wohl nicht alles vom Lehrer, sondern das Beste von den Eltern. Ich war wie übergossen, als er Deinen Namen nannte, Väterchen, und in meiner Verlegenheit fragte ich ihn, ob er Dich denn kenne? Ich selbst habe nicht die Ehre, antwortete er, aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohl bekannt und sehr gut angeschrieben.«

Sie sprang auf, und fiel dem Vater um den Hals: »Väterchen, man kennt Dich bei Hofe!«

Die Mutter wischte eine Thräne aus dem Auge. Der Vater meinte, man müsse auch nicht alles glauben, was die Leute uns ins Gesicht sagen.

Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen, so höflich und fast respektvoll, daß sie sich wieder geschämt, denn gegen die Nichten war er gar nicht so fein. Er hoffe sie ein andermal wieder zu sehen, und die Obristin hatte gesagt, das solle nächstens geschehen, auf eine Tasse Chokolade, wenn ihre Wohnung erst ganz in Ordnung sei, und darauf war sie mit dem Kammerherrn fortgefahren in die [102] Oper. Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen, aber die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen, sie selbst zu begleiten. Der Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen, denn sie wären oft angesprochen worden von unverschämten jungen Männern. Aber die Nichten hätten sie schön zurecht gewiesen: »Schämen Sie sich nicht, anständige Damen zu attaquiren?« Da hätten die Herren gelacht, aber die Nichten hätten sie um Gottes Willen gebeten, es der Tante nicht wieder zu sagen, denn sie würde sehr böse sein, weil sie die Adelheid wie ihren Augapfel liebte, aber sie hätten es auch ja nur gethan, weil sie sie noch mehr lieb hätten.

Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und in ihrer Freude, daß ihr Vater bei Hofe bekannt sei, das Haus und die Straße vergessen. So wusste man noch immer nicht, wo die Frau Obristin wohnte.

15. Kapitel. Auch eine Idylle

Fünfzehntes Kapitel.
Auch eine Idylle.

Der Minister saß in seiner Laube. Die Laube hatte die Aussicht auf den sehr großen Garten, von dem nur der kleinere Theil von Gärtners Hand in Blumenbeete und Weingelände geordnet war. Auf durchschnittenen Wiesen weideten Kühe mit Schweizergeläut.

Vor dem Minister stand ein Tisch mit Akten und Schreibzeug. Neben ihm saß die Frau Ministerin.

Der Minister saß in einer hellen linnenen Jacke und groben Haus- oder Gartenschuhen. Das Aktenstück lag schon lange aufgeschlagen vor ihm, die Dinte in der Feder war eingetrocknet, und der Kanzleibote hinter der Laube wartete eine halbe Stunde auf die Unterschrift des Citissime – denn der Minister horchte, den Kopf im Arm, auf das Schweizergeläut.

Die Ministerin, in einem so einfachen Hauskleide, daß man sie für eine einfache Bürgerfrau gehalten hätte, wenn nicht ihre Haube mit Brüsseler Spitzen besetzt gewesen, und ein Mullumwurf den bloßen Hals bedeckte, strickte eifrig. Sie strickte blauwollene Strümpfe, und erzog ihre Kleinen, die an der Laube spielten. Wenn sie sich mit Sand warfen, sollte sie den Streit schlichten, und doch dabei auch auf die älteste Tochter horchen, die auf ihrem Knie Vossens Louise ihr vorlesen musste. Das Kind kam mit den Hexametern selten zurecht und gähnte oft.

Der Minister richtete respirirend den Blick aufwärts nach den reifenden Trauben am Laubendach.

[103] »Du hast wohl recht schwer zu arbeiten,« sagte die Ministerin. »Du solltest Dich schonen.«

»Mir war es eben, als wäre ich noch in Florenz. So schwebten auch die Trauben von unserer Veranda. Und dieser Wiesenhauch! Als wehte es von Fiesole her, und der Arno plätscherte unter mir.«

»Ich weiß nicht, ob mir nicht dieser Heugeruch lieber ist, als der Duft der Orangen. Ist es überhaupt Recht, daß Du so oft dahin zurückdenkst? Solche Vergleiche stören die Heiterkeit der Seele. Wir sind doch einmal in diesem Lande, es ist auch hier schön, und wir sind zufrieden und glücklich, und –«

»Und,« fiel er ein, ihr die Hand reichend:


»Süße heilige Natur

Laß uns gehn auf deiner Spur,

Leite uns an deiner Hand

Wie ein Kind am Gängelband.«


Die Ministerin accompagnirte die Stollberg'schen Verse durch eine stumme Lippenbewegung, indem sie andächtig in die Luft schaute. Dann zählte sie die Maschen, sie hatte eine verloren. Der Kanzleidiener räusperte sich umsonst. Das Ehepaar war in sein stilles Glück versunken, und in Betrachtungen, warum Leopold Stollberg katholisch geworden.

Die Frau Ministerin wusste diesmal nicht, warum der Minister respirirend schwer den Blick nach den Trauben gerichtet, warum er das Citissime drei Mal durchlesen hatte, ohne zu wissen, was darin stand, warum er wie ein Träumer auf das Schweizergeläut hörte, kurz, warum er in der elegischen Stimmung war.

Vor einer Stunde hätte man ihn in seinem Arbeitszimmer in einer ganz anderen gefunden. Eine Nachricht hatte ihn aus seiner Ruhe gebracht! Er hatte laut für sich gerufen: »Dann ist Alles aus! Dann gehen wir Alle unter!« Er hatte nach seinem Kammerdiener und Jäger geschellt: »Anspannen und ankleiden!« Er wollte an den Hof fahren, selbst der Majestät die dringendsten Vorstellungen zu Füßen legen. Er hatte schon die Hofbeinkleider an und der Kammerdiener nestelte die Schnallen, als er ihn wieder hinaus schickte; er wollte sich einen Augenblick ausruhen. Auf das Sopha sich niederlassend, löste er unwillkürlich die Bandschnalle. Es war so heiß! »Wozu sich denn auch persönlich den Aerger bereiten!« Es wäre doch möglich, daß er mit dem Könige aneinander gerieth. Das fruchtet ja zu nichts! Er konnte schriftlich seine Gründe aufsetzen, warum der Mann, dessen Name ihn so erschreckt, nicht zum Minister tauge.

Er hatte wieder geklingelt, und der Kammerdiener ihn entkleiden müssen. »Und die Equipage, Excellenz?« – »Ausspannen!« Der Sekretär hatte die Schreibmaterialien zurecht legen müssen, der beste[104] und fertigste Kopist in Bereitschaft stehen. Der Kopist hatte eine Stunde mit eingetauchter Feder bereit gestanden, es standen aber erst zwei und eine halbe Zeile auf dem Konzeptbogen.

Der Minister saß auch gar nicht mehr am Schreibtisch, er saß zurückgelehnt auf dem Sopha. »Entweder es ist, oder es ist nicht,« dachte Seine Excellenz. »Wenn es nicht so ist, so ist es gut, wenn es ist, so ist es vielleicht auch gut,« – gähnte er, von der Hitze im Zimmer übermannt – »dann ist doch das Ende vom Liede, daß wir unsere Entlassung nehmen müssen.« Weshalb sich für diese Eventualität noch mit einem schwierigen und kitzlichen Memoire befassen, es kann der Griff in ein Wespennest werden, und an stechenden Insekten fehlte es ohnedies nicht. Eine unverschämte Bremse schwirrte unermüdlich um seine heiße Stirn.

Der Sekretär hatte sich lächelnd von der Thür, an der er gelauscht, an sein Pult begeben, und der Kopist auch lächelnd seine Feder ausgewischt, als man den Minister endlich sah, mit dem Battisttuch sich Luft wedelnd, sich ins Freie zu begeben. Beim Durchgehen hatte er verordnet, die Akten ihm in die Laube zu tragen.

Die stille Scene glücklicher Häuslichkeit, in welcher die Sorgen von vorhin schon verschwunden schienen, hatte aber noch einen Beobachter. Der Geheimrath Bovillard stand unfern von dem Eingang der Laube, den Hut im Arm und die Arme gekreuzt. Eine Pause benutzend, trat er mit einigem Geräusch vor.

»Sie haben uns wohl belauscht, lieber Bovillard,« sagte die Ministerin. »Das ist nicht recht; wer zur Familie gehört, der muß nie zu stören fürchten.«

Er wollte ihre Hand an die Lippen führen, sie zog sie unwillig zurück: »Wir sind Deutsche. Einen ehrlichen Handschlag.«

»Ich bewundere Ihren Fleiß, Excellenz.«

»Häusliche Angelegenheiten,« sagte die Excellenz, »gehen der Freundschaft vor. Halte mir mal Deinen Fuß her, lieber Christian.«

Sie probirte den Strumpf am Fuße des Ministers. »Sie lächeln wohl über mich, Bovillard? Das genirt mich aber gar nicht. Ehe wir's uns versehen, kommt der Winter ins Haus, und da muß eine gute Hausfrau bei Zeiten gesorgt haben. Setzen Sie sich, und plaudern mit meinem Mann von Staats- und gelehrten Dingen, ich werde Sie nicht stören.«

»Und keinen Handschlag für mich?« sagte der Minister, seine Hand über den Tisch ihm entgegenhaltend.

»Frauendienst geht vor Herrendienst.«

Der Geheimrath nahm mit anscheinender Behaglichkeit Platz auf dem Gartenschemel. Lieber hätte er in einem Fauteuil gesessen.

»Ach, wer auch eine Frau hätte, die uns Strümpfe strickte!«

[105] »Ist Ihre Schuld, Bovillard. Warum haben Sie nicht wieder geheirathet?«

»Wo jetzt Frauen finden, die wie Excellenz nur für das Glück ihres Mannes leben?«

»Wenn man sie suchte, würde man sie schon finden.«

»Alles will jetzt ästhetisch sein.«

»Und Sie, wenn Sie eine Frau hätten, die Ihnen Strümpfe strickte, würden französische Spottverse auf sie machen. Im Ernst, Geheimrath, bessern Sie sich ein Bischen.«

»Soll ich katholisch werden, wie Graf Stollberg? Wenn Excellenz befehlen tout à vos ordres.«

»Pfui über den Spötter und Atheisten! Da sitzen Sie nun wieder mit dem Rücken gegen die Natur.«

»Ich kann Excellenz doch nicht den Rücken kehren.«

»Sinn für Häuslichkeit einem so eingefleischten Admirateur der französischen Literatur beizubringen, müssen wir wohl aufgeben, aber rührt Sie denn gar nicht die Natur, hat nie eine Nachtigall Sie ergriffen?«

»Nein Excellenz! Aber ich hätte beinahe mal eine ergriffen. Sie flatterte nur wieder fort.«

»Inkorrigibler Flattergeist! Sehen Sie, meine Angelique lass' ich Vossens Louise lesen und freue mich, wie das Kind immer mehr Sinn dafür bekommt.«

»Ach, wer wieder ein Kind werden könnte!«

»Und wer kein Staatsmann geworden wäre!« seufzte der Minister. »Ich war eigentlich zum Herrnhuter geboren. Warum musste man mich hinausreißen an die Höfe, ins Feld der Intriguen? Ich hätte ein Vater unter meinen Unterthanen gelebt, sie beglückend, selbst beglückt.«

»Und nun beglücken Excellenz ein ganzes Volk.Voilà la différence.«

»Das mich verunglimpft, weil ich – solche gute Freunde habe.«

»Wer wollen uns Alle bessern, Excellenz! Diese Laube sei der Tempel der Tugend, wo wir ihr Gehorsam geloben, und die Frau Ministerin die erhabene Priesterin, welche unsere Schwüre empfängt.«

»A propos,« hub die Ministerin an, »wissen Sie denn den Vorfall von gestern bei Hofe?«

Der Geheimrath kannte ihn noch nicht.

»Der König und die Königin hatten eine Landpartie verabredet nach Pichelswerder. Sie laden die alte Voß ein, daran Theil zu nehmen. Aber ganz ländlich heißt es. Wird das unserer lieben Gräfin auch anstehen? Sie fühlt sich unendlich geehrt, an einem Vergnügen Theil zu nehmen, was Ihro Majestäten nicht[106] verschmähen, und in voller Galla rauscht sie die Treppen hinunter, worüber die Majestäten schon kaum ihre Lust zurückhalten. Denn mit Schrecken sieht die Gräfin die Mütze des Königs, und die Königin in dem Morgenrock, der ihr so reizend steht. Aber unten im Charlottenburger Hofe! Was steht vor der Thür? Ein Leiterwagen mit Stroh! – Sie fragt nach der königlichen Kutsche. – Dies ist sie, sagt der König, wir werden uns etwas behelfen müssen; ländlich, sittlich. Die alte Voß ist erstarrt, aber noch entsetzter, als sie sieht, wie der König die Königin hinaufhebt. Die anderen Hofdamen helfen sich selbst. Der König bietet endlich der alten Dame seine Dienste an, aber sie erklärt feierlich: so lange sie ihr Amt als Ober-Ceremonienmeisterin nicht verwirkt oder verloren werde und könne sie sich dazu nicht entschließen. Und, setzte sie hinzu, wenn ich auch so unglücklich wäre, darüber die Gnade Ihro Majestäten zu verlieren. – Der König sagte freundlich: Um des Himmels willen, liebe Voß, wenn Sie nicht mit wollen, bleiben Sie zurück, aber meine volle Gnade bleibt bei Ihnen. Und hinauf sprang er, und der Wagen rollte fort.«

Der Geheimrath schnalzte auf: »Délicieux! die alte Voß allein am Thor, wie die Henne am Teich!«

»Ich glaube, Komteß Laura,« fuhr die Ministerin fort, und zog ihren Strumpf – »ich glaube, die hat auch nicht sehr vergnügte Mienen auf dem Leiterwagen gemacht. Es ist erschrecklich, welche Airs sie sich giebt.«

»Ich finde sie nicht mal schön,« sagte Bovillard am Halstuch zupfend. Er fand sie nicht schön, weil auf dem Gesicht der Ministerin etwas stand, was ihm sagte, daß die Ministerin eine solche Findung wünschte.

»Sie fischt ihn auch nicht weg,« sprach der Minister.

»Und wenn, meine weisen Herren –« fiel die Ministerin ein, »was hätten Sie gewonnen? Hat sie den Esprit, um ihn zu gouverniren? So wenig als die Fromm, die Pauline und die andern. Er ist zu impetuös. Ueberdies, erlauben Sie mir, ich finde es von so klugen Leuten unverantwortlich, eine solche Person in ihre Confidence zu ziehen.«

»Der Minister meinte, sie hätte wohl neulich beimthé dansant zu scharf gesehen. Als Frau sei die Komteß ein gutmüthiges Geschöpf.«

»Daß sie sich mir da vordrängte, will ich ihr vergeben haben,« sagte die Ministerin, »sie hat keinen Takt; aber ich bitte Sie, wenn auch Komteß Laura sich unterstehen will, das Mulltuch um den Hals zu binden, wie unsere tugendhafte Königin, so finde ich das rebutant, ja geradezu rebutant, meine Herren, und ich wenigstens mit meinem schwachen Verstande begreife nicht, wie man das hingehen [107] lasien kann. Aber die Herren werden wohl Gründe dafür haben. – Die Herren haben auch zu sprechen, was ich nicht hören soll,« setzte sie, das Strickzeug weglegend, hinzu, »und ich will Sie nicht stören. Aber das sage ich Ihnen, ich bin keine Freundin von Intriguen. Schlicht und grad, damit kommt man am weitesten. Geben Sie es auf, den Prinzen einzufangen. Er bricht durch alle Ihre Netze. Und was hätten Sie am Ende gefangen? Er hat eine Partei, aber diese Partei wird nie ans Ruder kommen, so lange er und der König ihre Natur nicht changiren, und die klugen Herren klug handeln. Umstellen Sie Seine Majestät, seien Sie auf der Hut, daß keine zweifelhafte Person in seiner Nähe sich festnistet, lassen Sie ihm alle Extravaganzen des Prinzen zu Ohren kommen, auch immerhin seine genialen Streiche, die in einem gewissen Publikum so viele Bewunderer finden. Desto besser, der König kann nun einmal geniale Streiche nicht leiden. Das Uebrige macht sich dann schon von selbst.«

Der Minister hatte seine Gemahlin umarmt: »Mir aus der Seele gesprochen. Nichts von Intriguen! Den geraden Weg.«

Der Geheimrath und der Minister hatten allerdings ein Geschäft.

»Excellenz hatten die Eingabe vor sich, wie ich zu sehen glaubte,« sagte der Geheimrath, als sie durch ein Weinspalier gingen, wo der Minister die Trauben mit Lust befühlte, und weit mehr Lust zu haben schien, ein naturhistorisches Gespräch zu führen, als über die Angelegenheit, um die der Begleiter gekommen war.

»Und gelesen,« seufzte der Minister, als er nicht mehr ausweichen konnte. »Aber ich bitte Sie, Freund, Sie lasen sie doch auch.«

»Ich finde die Angelegenheit sehr klar dargestellt.«

»Ja, klarer kann es kaum sein, daß man die Gefangenen beschwatzt hat, etwas zu unterschreiben, was ein handgreifliches Märchen ist. Sie attestiren, daß sie unter sich, in der Freude ihres Herzens zur Vorfeier des königlichen Geburtstages einen ungebührlichen Lärm gemacht, daß sie dadurch den Voigt in ihr Gefängniß gelockt, daß sie die Thür hinter ihm verschlossen, und ihn gezwungen, an ihrem Gelage Theil zu nehmen, bis es ihm zu arg geworden. Ich bitte Sie, was konstatirt denn selbst aus dieser Erzählung! Selbst wenn die Fabel Wahrheit wäre, hat ein Mensch, der so wenig seine Autorität zu erhalten weiß, sein Amt verwirrt. – Wer ist dieser Herr von Wandel?« fragte er mit verändertem Tone. »Warum interessirt sich dieser Legationsrath so lebhaft für die Sache?«

»Es ist nicht die erste, Excellenz.«

»In die er sich mischt. Ich weiß es. Er tritt auf wie der ›Alte überall und nirgends.‹ Diese Geflissentlichkeit, sich in Dinge zu mischen, die ihn nichts angehen, gefällt mir nicht.«

»Was kann er davon haben, daß Lupinus los kommt? – [108] Excellenz halten ihn für einen Aventurier. Aber er spielt nicht, macht keinen übermäßigen Aufwand, er beschäftigt sich mit Naturwissenschaften.«

»Darum kommt man wohl jetzt nach Berlin! Darum drängt man sich in alle Gesellschaften, macht den Affairirten, weiß um alle Secrets, macht sich bei Prinzen und Damen beliebt, spielt hier den Weisen, dort den Liebenswürdigen, und für uns Alle den Rätselhaften.«

»Er ist ein Mann des Friedens,« lächelte Bovillard.

»Aber unseres Friedens! Er ist zu klug, um zu schwärmen, also was will er? Ich liebe nicht die rätselhaften Menschen. Wäre er nur ein Kundschafter, ein Agent von Napoleon oder Kaiser Alexander, von wem es sei, gleich viel, ich wüsste mich mit ihm zu stellen, aber der Abgesandte einer unbekannten Puissance, der hat etwas – bleiben Sie mir mit ihm vom Leibe, ich gestehe, mir wird unwohl, wenn ich in das gläserne Gesicht sehe.«

Bovillard lächelte nicht, er erlaubte sich zu lachen: »Excellenz! er ist ein Schwärmer. Zudem ein Philosoph. Er hat ein System. Männer mit Ideen pflegt keine Puissance zu Spionen zu wählen.«

Der Einwand frappirte dem Minister: »Jedenfalls muß man mit solchen Menschen vorsichtig sein.«

Er blieb am Ausgange der Weinallee stehen: »Bovillard, wozu denn der Embarras, um einen Menschen zu retten, der sein Schicksal verdient hat? Seine Diners sind doch, dünkt mich, zu ersetzen.«

»Excellenz, ein Ring heraus und eine Kette ist entzwei. Seine Familienverbindungen!«

»Man darf nicht schonen, wo es an den eigenen Ruf geht. Sie haben es nicht zu vertreten, aber ich, wenn es am Hofe heißt: das ist Einer von der Lombard'schen Klique! Gerade wenn wir ihn springen lassen, befestigen wir unsern Ruf.«

»Er hat mir so aufrichtig Besserung gelobt.«

Der Minister sah ihn mit kaum unterdrücktem Lächeln an. »Und dann der König! Es geht nicht, er ist diesmal selbst Partei.«

»Ich weiß, ich weiß. – Indessen sollten Excellenz – ich meine, wenn Sie sich der Sache annehmenwollten, wenn Sie das Loos der armen Kinder des Geheimraths mit aller Ihrer Humanität erwögen, sollte es Excellenz nicht möglich sein, vor der königlichen Huld und Gnade die Sache in einem Lichte – aber – mein Gott, wie schön ist die Aussicht! Welch ein wunderbares Licht!«

Sie waren aus dem Weingang ins Freie getreten, und der Geheimrath blieb wie versunken in der Anschauung stehen. Ein Eisen muß man schmieden, wenn es heiß ist, aber an eine Thür, [109] die man verschlossen findet, nicht klopfen bis das Haus in Aufruhr geräth. Wenn man wartet, öffnet sie sich wohl von selbst.

»In dieser Verdure glaubt man doch die Alpenfrische wieder zu sehen. Wie geschickt Excellenz die Stadtmauer da mit Gebüsch versteckt haben.«

»Der Garten war sehr morastig, als ich das Grundstück kaufte, es war mein Vergnügen, das Wasser in Gräben zu leiten, die sich aber wie natürliche Bäche schlängeln. Hält man die schilfigte Krümmung dort wohl für gegraben?«

Der Geheimrath fand, die Lorgnette im Auge, nichts als Natur: »Da auch Mummeln im Teich – ich wollte sagen in dem kleinen See. Il faut avouer, que c'est plus qu'imiter la nature. C'est la nature prise sur le fait.«

Er wollte sich auf einen abgehauenen Baumstamm am Ufer des künstlichen Baches stellen, um sich im Wasser zu spiegeln. Der Minister hielt ihn am Rockschoß zurück; »Um Gottes Willen, er kippt über. Mein Gärtner hat ihn erst heute Morgen aus Treptow eingefahren.«

»En vérité!« sagte der Geheimrath, »die Täuschung ist mir lieb, denn ich wollte schon mit Ihnen zürnen, einen solchen Kernbaum umzuhauen!«

»Wo sollte ein Baum von solchen Dimensionen auf diesem Boden fortkommen,« entgegnete der Minister, über die Täuschung doch nicht ganz unzufrieden. »Wenn ich auf etwas mir zu Gute thue, ist es nächst meinem Weinbau, von dem Sie ja wohl schon gelesen haben werden,« setzte er lächelnd hinzu, »auf meine Kühe. Es ist holsteinische Zucht. Beyme will in Steglitz auch den Versuch machen, ich zweifle aber, daß sie ihm fortkommen. – Und mit welchen Vorurtheilen ich zu kämpfen hatte! Zwei Kuhhirten musste ich entlassen. Der eine hielt das Schweizergeläut den Kühen für schädlich! Wohin sehen Sie dort?«

»Was ist das blendende Weiß da?«

»Meinen Sie das Stückchen Stadtmauer, worauf die Sonne scheint? Der Theil ist neu geweißt.«

»Sollt' ich mich so getäuscht haben! – Richtig! Sie springt da gerade über die Büsche. Wissen, Excellenz, es ist eine Thorheit – aber die Phantasie geht oft mit uns durch – in dem Augenblick dachte ich an Schnee. Man könne der Illusion zu Hülfe kommen. Ich meine –«

Der Minister fiel ein, er sei kein Freund der Spielereien im Wörlitzer Styl: »die Natur und nichts als die Natur! Da hatte ich auch einen Wasserfall angelegt, ich habe aber die Steine wieder herausnehmen lassen. Man erreicht weder ihre Größe, noch ihre Einfachheit.«

[110] Der Geheimrath empfand in dem Augenblick eine unangenehme Berührung auf dem Rücken. Der Minister zuckte sogar schmerzlich zusammen, denn eins der Kieselsteinchen, mit denen beide beworfen wurden, hatte ihn in dem Nacken getroffen.

16. Kapitel. Von Urmenschen und großen Menschen im Schlafrock

Sechszehntes Kapitel.
Von Urmenschen und großen Menschen im Schlafrock.

»Verfluchter Junge!« entschlüpfte es ihm, indem er sich umdrehend die Hand erhob. »Jean, oder warst Du es, Jacques! Du siehst doch, ich bin nicht allein.«

Statt der Antwort flog ein neuer Steinhagel. Er kam aus den Aesten einer der Ulmen, die in einiger Entfernung durch ein seichtes Wasser von ihnen getrennt in einer Gruppe Buschwerk standen. Bovillards Lorgnette entdeckte in den Aesten einen der Knaben des Ministers, einen andern am Ufer als wilder Mann kostümirt. Dieser schrie, auf seine Keule gestützt, in unartikulirten Tönen, deren leicht verständlicher Sinn war, daß sie Riesen oder Waldmenschen wären, denen dieser Wald gehöre, und daß kein Fremdling aus der feigen, schwächlichen Menschenrace sich in ihr Territorium ungestraft verirren dürfe.

»Da werden wir wohl unterhandeln müssen, lieber Bovillard.«

»Ah, Dero Herren Söhne – spielen Ritter.«

»Die Passion ist vorbei, sie wollen nichts als Menschen, Urmenschen sein. Na, Jean, Jacques, sagt, was wollt Ihr denn von uns?«

»Jean! Jacques! Sind Ihnen Ihre Taufnamen Hugo und Busso nicht urmenschlich genug?«

»Eine Passion meiner Frau.« Der Minister verneigte sich: »Also Ihr großmächtigen Herren der Insel und Gebietiger des Waldes, was fordert Ihr von uns armen Menschenkindern, damit wir unter Eurer Gnade einen ungehinderten Durchweg haben?«

Während die Knaben dies »freche Ansinnen,« wie sie es nannten, in Ueberlegung ziehen wollten, und dazu der eine Waldmensch vom Baume herabrutschte, hatte Bovillard Zeit, die Insel zu betrachten, von deren Existenz er noch nichts wusste. Sie war sichtlich erst vor Kurzem gegraben, so wie die künstliche Höhle, aufgeschüttet von Erdreich, Aesten und Moos, mit rohem Tisch und Bänken, und ein schadhaftes Bärenfell, das am Eingang hing, verrieth an seiner Furnitur, daß es von irgend einem Liebhabertheater stammte.

Der Riese, indem er den Blätterkranz auf der Stirn zurecht rückte, während der Andere das Bärenfell auf die Erde breitete und [111] sich in malerischer Position hinwarf, stellte nun in einer schwulstigen Knabenrede an die jämmerlichen Wichte und elenden Kreaturen der Civilisation seine Forderungen und Vorstellungen: daß sie, die auf Lotterbetten lägen und den Gaumen kitzelten mit feinen Weinen und Speisen, ihnen, den Waldmenschen, die auf Wurzeln schliefen und von Eicheln lebten, ihr Trank das klare Quellwasser, ihr Becher die Hand, nicht einmal ihr letztes Asyl, die Waldwildniß gönnten. Wohl kennten sie, die Urmenschen, die Arglist ihrer Verfolger, die ihnen die Erde entrissen, und sie wilde Männer schalten, und daß sie nur kämen, um sie auszukundschaften und durch gleisnerische Worte zu betrügen. Eigentlich sollten sie nun zu ihrer Rettung die verrätherischen Spione der Kulturmenschen vernichten, aber die Waldmenschen wären großmüthiger, sie wollten ihre Hände nicht mit ihrem Blute besudeln, denn Allvater rausche in den Eichen über ihnen: Lasst sie noch diesmal laufen! Darum möchten sie noch diesmal laufen, mit geduckten Köpfen, die Hände auf dem Rücken, laufen, was sie könnten, denn wenn sie bis zwölf gezählt, würden sie Felsstücke auf ihre Schädel nachschleudern.

»C'est bien joli!« sagte der Geheimrath und klopfte den Staub von den Füßen, als sie außer Athem die Büsche erreicht.

»Ein prächtiger Junge!«

»Aber wie kamen sie auf die Idee?«

»Ganz ihre eigene. Das ist es eben, was mich freut. Auf einem Spaziergange im Thiergarten sprach meine Frau beim Anblick der Rousseau-Insel einige gefühlvolle Worte. Die Jungen schnappten es auf: wir mussten ihnen erklären, wer Rousseau gewesen, es kam dazu, daß sie vor Kurzem den Robinson gelesen – kurz die Jungen wollten als Einsiedler auf einer Insel leben. Sie glauben nicht, mit welchem Scharfsinn sie argumentirten. Wir riskirten, daß die Kinder uns eines Morgens fortliefen und nach der Rousseau-Insel wateten. Um den Skandal zu verhindern, ließ ich ihnen diese hier graben. Es gab eine angenehme Beschäftigung, und jetzt muß ich wirklich ihre Perseverance admiriren, mit der sie sich auf der Insel –«

»Ennuyiren,« fiel der Geheimrath ein.

Es trat eine Pause ein. Der Minister hub wieder an: »Ich gebe Ihnen zu, Bovillard, wir erscheinen als Kinder, indem wir dies unterstützen. Ich gebe Ihnen noch mehr zu, meine ganze in einer großen Stadt hervorgezauberte Ländlichkeit ist auch nur ein Kinderspiel; wer aber hielte es aus ohne ein Spiel der Phantasie! Nur darin ist der Unterschied, daß die Einen es wie ein joujou de la Normandie in die Hand nehmen, um es aufzurollen und wieder fallen zu lassen. Wir Andere vertiefen uns, glücklich wenn wir in dem Spiel uns selbst vergessen.«

[112] »Die Tiefe Ihres Sentiments, Excellenz, wird Ihnen Niemand abstreiten.«

»Sagen Sie lieber Innigkeit, Zärtlichkeit, wie Sie wollen. Ich empfinde es tiefer als Viele, was uns Alle ermattet. Wie es um uns her grau ist, abgelebt aussieht, wie auf einem Stoppelfelde! Was ging nicht unter! Unsere Adelsherrlichkeit, unsere Schlösser und Burgen! Der Lüster unserer Salons! Das heilige Römische Reich folgte unserem Glauben an seine Herrlichkeit. Was ist unsere Philosophie, unsere Gelehrsamkeit, selbst unsere Poesie und Literatur, die kaum aufgeblühten, die kaum das Ausland zu observiren schien – ils sont passés ces jours de fête, denn selbst dem vergötterten Schiller zupfen die jungen Romantiker seine Schwanenfedern aus.«

»Excellenz, ein anderer Mathisson! Elegieen auf die Ruinen einer verfallenen Welt!«

»Durchrieselt uns nicht Alle das Gefühl eines inneren Zerfalls der Dinge! Unsere Kultur, unsere Industrie, Politik, vielleicht selbst unsere Population, alle zuweit getrieben, schmachten nach einer Rekreation.«

Durch den Buschweg, den sie nach dem Hause einschlugen, kam ihnen der Kammerdiener mit einem verdeckten Korbe entgegen: »Ah, Rekreationen, die uns die Frau Ministerin schickt!« rief Bovillard, der hungrig geworden, und schlug die Serviette zurück. Die frischen Kirschkuchen und das Gelée in Gläsern blickten ihm nicht unangenehm entgegen, aber der Kammerdiener zog den Korb entschieden zurück: »Verzeihn Sie gnädiger Herr, das ist für die Herren Urmenschen auf der Insel. Ich habe mich etwas verspätet.«

»Gedulden Sie sich etwas, lieber Bovillard. Für Ihren Geschmack sind doch nicht diese idyllschen Fruchtgenüsse. Aber ich will Ihnen eine allerliebste kleine Straßburgerin vorsetzen,« lächelte die Excellenz. »Wenn auch nicht ganz Unschuld, doch sehr pikant, und eben frisch angekommen.«

»Die Damen bleiben doch die Blüthen der Natur,« entgegnete der Geheimrath, »ich meine aber die in der Mitte zwischen Gänseblumen und verwelkten Tulpen.«

Bei einer Oeffnung der Büsche hatten die Spaziergänger einen Blick auf die Rückseite der sogenannten Insel. Der Kammerdiener hatte auf einer Stange den Erfrischungskorb hinüber gereicht. Die Urmenschen hielten es für naturgemäß, sich darum zu balgen. Der stärkere stemmte den Kopf gegen den Bauch des andern und hob ihn durch einen gymnastischen Schwung auf die Schultern.

Bovillard lachte, der Minister glaubte eine Erklärung oder Entschuldigung geben zu müssen. Die Kinder glaubten nur, es den wilden Thieren nachthun zu müssen, wenn ihnen das Fressen [113] vorgeworfen wird; übrigens liebten sie sich als Brüder und würden nachher schon gerecht theilen.

»Ich lache nicht darüber, mir kam nur eine Szene bei Rietz in den Sinn.«

»Bei Rietz,« wiederholte der Minister nachsinnend.

Um des Geheimrathes Lippen schwebte ein faunisches Lächeln: »Excellenz werden sich vielleicht noch der Jenny erinnern. Sie sang uns da die Marseillaise entzückend schön. Während wir klatschten, rief sie mit einem Mal: ça ira! und mit einem Satz vom Stuhl auf den Tisch! Schenkt ein! rief das delicieuse Wesen, und nur auf einem Zeh schwebend, hob sie das schäumende Glas: Vive la liberté! Ohne einen Tropfen zu vergießen, trank sie's aus. Eine Grazie, wie eine Göttin, wie sie zwischen den Flaschen schwebte, das leichte Mousselinkleid in antiken Falten, den Rosazephyr um ihren Nacken, und ihr Teint von der Freude, vom Wein angeröthet. So tanzte sie, nein, es war kein Tanz, es war doch ein Hinsäuseln der ätherischen Freude über die Tafel. Kein Glas fiel um. Die ganze Gesellschaft außer sich, wir mussten ihre Füße küssen.« Der Minister hatte unwillkürlich den Kopf gesenkt. Bovillard fuhr fort: »Einer unserer verehrten Freunde, erinnere ich mich noch sehr wohl, war so benommen von olympischer Lust, daß er sich die Weste aufriß und das Füßchen an sein pochendes Herz drückte. Darüber verlor die Grazie das Uebergewicht, und ehe wir's uns versahen, umfasste er sie und trug sie fort.«

Bovillard sah nicht, wie der Minister mit der Hand abwehrend winkte. »Wie die Najade sich schalkhaft sträubte, ihr Zephyr flatterte, eine Attitüde, Excellenz, ich wünschte, Sie hätten es sehen können. Das war doch ein Jubel, eine Admiration! ›Der Sabinerinnen Raub!‹ wie aus einem Munde scholl's. ›Ein leibhafter Johann von Bologna!‹«

»Was öffnen Sie die Gräber der Vergangenheit, Bovillard! Ich ward ein schlichter Hausmann.«

»War's denn was Böses?«

»Eine Verirrung doch wohl, liebster Freund. Das müssen wir zugeben, aber die edelsten Empfindungen lagen zum Grunde. Es war mir oft so wie in der Brüdergemeinde. Aller Schein, aller Standesunterschied, das Drückende unsrer Verhältnisse sinkt wie ein Schleier. Der Bruder- und Schwesterkuß drückt das Siegel der Humanität, der edlen Gleichheit auf unsre Lippen, und nun fallen mit den Titeln alle beengenden Rücksichten fort. Man fühlt sich wieder in der Natur, dem Ursprünglichen näher gerückt, das Herz geht auf, man schließt es unwillkürlich weiter auf, vielleicht weiter als man sollte – aber es ist ja eben dieser Drang, der uns glücklich macht.«

[114] Der Geheimrath blieb einen Augenblick stehen: »Ich besorge, daß Excellenz an jenem Abend Ihr Herz zu weit aufgeschlossen haben. Die Jenny war ein pfiffiges Ding.«

»Ich wüsste doch nicht –«

»Das glaube ich gern. Der Champagner bei Rietz war immer première qualité. Aber erinnern sich Excellenz, daß damals die hannöversche Geschichte spielte – man schickte einen Courier nach, um eine gewisse Depesche coûte que coûte zurückzuholen. Die Jenny, wenn sie noch lebt, wird das freilich längst vergessen haben, aber –«

»Wem könnt' ich sonst –«

»Nicht Excellenz, aber die Jenny. Als sie nach Hause fuhren, stahl sich Lupinus zu ihr. Ich bin nicht bei ihrer Entrevue gewesen, noch habe ich, Gott bewahre, mein Ohr ans Schlüsselloch gelegt, aber ich weiß nur, daß auch sie von allen beengenden Rücksichten sich frei, sich wieder in der Natur fühlte, dem Ursprünglichen näher gerückt, daß sie ihr Herz auch aufschloß –«

»Dem Lupinus, Pfui!«

»Der Schwesterkuß drückte das Siegel der edlen Gleichheit Allen auf. Ich will auch nicht verschwören, daß nicht die undankbare Schelmin Ew. Excellenz etwas raillirt hat. Der Sillery hatte sie, wie gesagt, auch animirt, und statt die Mysterien der süßen Stunde in ihrer Brust zu verschließen, machte sie sich über den Minister lustig, der ihr zu Füßen gestürzt, ihre Knie umfasst, und geschworen hatte, vor solcher Huld und Grazie etwas Geheimes auf der Brust zu behalten, wäre Sünde. Wie die Sonne die Knospe entfalte, müsse das Herz sich erschließen vor der Schönheit. – Excellenz, solche Geschöpfe sind launenhaft, unberechenbar. Sie hatte sich vielleicht bei den politischen Herzensergießungen etwas ennuyirt. Nun musste sie gegen den ersten, besten, den sie sah, auch ihr Herz und ihr Lachen ausschütten. Wie gesagt, was die Jenny betrifft, sie hat alles ausgeschüttet, aber – ich weiß nur aus manchen gelegentlichen Redensarten, daß der Geheimrath manche dieser Reminiscenzen eingeschachtelt hat.«

Es folgte eine lange Pause, in welcher im Minister Vielerlei vorging. Sie setzten sich auf eine beschattete Bank, mit der Aussicht auf einen Wiesenplan und das Haus. Ihr Gespräch war noch nicht zu Ende; das fühlte sich von beiden Seiten heraus, wenn gleich Jeder den Anfang zu machen scheute. Der Minister saß nachdenkend, den Kopf im Arm gestützt.

»Bovillard,« hub er endlich an, »will Ihr Protegé sich rächen, vergessene Dinge ausplaudern, so trifft es nur mich! Was ist der Einzelne dem Staat gegenüber!«

[115] »Excellenz, auf der Goldwaage, auf der Lupinus zu leicht wiegt, müssten Viele springen.«

»Und wer sagt ihnen, daß sie nicht springen werden, – wenn ein Changement eintritt.«

Bovillard sah den Minister groß an: »Nach Lombards Depeschen! Die Radziwill hat sich vor Aerger krank melden lassen, die schöne Prinzeß Wilhelm schreitet wie eine heilige Katharina in stummem Zorn durch ihre Gemächer, die Garde du Corps – was weiß ich, was sie thun. Prinz Louis hat, glaube ich, ein Pferd todt geritten, und bei der Mamsell Rahel Levin ein Collegium Philosophikum aus Verzweiflung sich bestellt.«

»Sind damit Ihre Novitäten zu Ende?«

»Der Einfluß der auswärtigen Mächte ist damit paralysirt.«

»Wer denkt an das! – Im Innern droht der Feind, Bovillard – Stein wird ins Ministerium treten.«

»Der Freiherr von Stein!«

»Stein vom Stein!«

Der Geheimrath war ein Mann, der sich nicht leicht aus der Fassung bringen ließ. Der Minister konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er sein verlängertes Gesicht sah.

»Wer hätte es noch vorgestern erwartet! Man hat dem Könige seine außerordentlichen Verdienste in Westphalen, seine Rechtschaffenheit, seinen graden Sinn, seine hohe Geburt unterbreitet, man hat –«

»Wer?«

»Ein guter Freund von uns, Bovillard. Wer anders als Beyme.«

»Ist Beyme toll?«

»Man sagt, er hätte zuweilen Gewissensskrupel, daß er sich uns so unbedingt anschließt.«

»Die Schrullen vom Kammergericht. Was habe ich mir Mühe gegeben, ihn davon los zu bringen.«

»Es ist mit den Juristen, wie mit Ihren Puppen und Vogelscheuchen, Bovillard. In der Regel sind sie trefflich zu nutzen, wenn man ihr Formelwesen sich zum Panzer ajustirt, wenn sie aber widerborstig werden, sind sie Stacheln in unserm Fleisch. Beyme hat den Vortrag an den König aufgesetzt.«

»Und hinter ihm diktirte –? Wer, bester Freund, könnte unsere Aufmerksamkeit so getäuscht haben! Hardenberg?«

»Wird ihn vielleicht nicht grade wünschen, aber noch mehr fürchten, daß er ihn zu fürchten scheinen könnte. Hardenberg ist ein Spekulant auf die Zukunft, der sich um deßwillen den Genuß der Gegenwart nicht will trüben lassen. Er möchte gern aus der Vogelperspektive die Dinge betrachten, um, wenn seine Zeit gekommen, [116] auf seine Beute herabzuschießen. Daß die Zeit jetzt für ihn noch nicht da ist, sieht er ein.«

»Aber wer in aller Welt steckt hinter Beyme?«

»Wir müssen höher suchen. Einer sehr tugendhaften Frau am Hofe sind wir nicht tugendhaft genug, lieber Bovillard.«

»Der wird der Hecht im Karpfenteich,« rief der Geheimrath.

»Ja, wenn er hier agirt wie in seinem Westphalen! Ich bestreite durchaus nicht Steins Verdienste. O, er hat charmant administrirt, was Steine anbetrifft und Wege und Metalle. Nur mit den Menschen hat er eine eigenthümliche Art umzugehen.«

»Der Herr Oberpräsident waren ja ein kleiner König von Westphalen.«

»Und er wird sich hier nicht degradiren wollen. Ich sehe schon, wie er sein Bureau reformirt; das möchten wir ihm immerhin lassen, aber von seinem Finanz-Kastell aus wird er Invektiven, Aggressionen, Blitze nach allen Seiten schleudern. Der Hitzkopf kann nun einmal nicht aus seiner Natur.«

»Mit dem feinen Ton unserer Societé ist's aus. Wie war der Brief an den Herzog von Nassau, an ein regierendes Haupt! Excellenz, ich weiß Geschichten von seiner Grobheit.«

»Ich kenne sie auch und seinen Ungestüm. Er wird mit dem Könige selbst aneinander gerathen!«

»Desto besser!«

»Sagen Sie das nicht, Bovillard. Der König hält allerdings auf seine Würde. Es ist aber eben so möglich, daß er sich in seine Art fügt. Hat er sich einmal darin gefunden, eine gewisse Estime für seinen Charakter empfangen, und sieht er, daß das Staatsschiff so leidlich dabei fortsteuert, so kennen Sie ja des Monarchen Natur, die vor jeder durchgreifenden Aenderung eine Scheu hat. Selbst ihm unliebsame Personen lässt er in ihren Aemtern und am Ende gewöhnt er sich auch an das Toben seines Premiers; denn daß Stein das wird, wenn er erst einen Fußtritt im Ministerium hat, können Sie glauben.«

»Was haben wir da zu thun?« fragte der Geheimrath aufspringend.

Der Minister erhob sich langsam, es schien wie von einer schweren Sitzung.

»Wir! Nichts, Bovillard, Wir fügen uns als Philosophen in das was nicht zu ändern ist. Mich persönlich kümmert es nicht. Bedarf der König meiner Dienste nicht mehr, so danke ich ihm aufrichtig für das mir so lange geschenkte Vertrauen und singe mit ebenso aufrichtigem Herzen mein: beatus ille, qui procul negotiis und die paterna rura sollen mir doppelt willkommen sein.«

»Aber der Staat, Excellenz!«

[117] Der Minister sah ihn mit einem schlauen Blick unter den herabgezogenen Augenbrauen an: »I, der wird wohl auch ohne uns bestehen.«

Es trat eine neue Pause ein; sie gingen langsam dem Hause zu.

»Sie, und unsre Freunde allein thun mir leid. Er ist jeder Zoll ein Reichsfreiherr. Seiner Majestät Diener wird er empfinden lassen, daß ein Unterschied ist zwischen Dienern und Dienern. Er hat gar kein Hehl, daß er Lombard nicht leiden kann; ja, er hat eine recht reichsfreiherrliche Verachtung gegen den Sohn des Perrückenmachers.«

»Da werden sich ja unsre kurmärkischen Edelleute die Hände reiben.«

»Ich zweifle, ob ihnen mit dem Changement gedient ist. So ein ehemals Reichsunmittelbarer sieht mit einer eignen Verachtung auf unsre wendischen Krautjunker herab. Ich sage Ihnen, in dem Mann ist alles Aristokrat, und die Autorität, die er am Rhein verloren, muß er suchen, an der Havel wieder zu gewinnen. Von der Illusion lassen Sie ab, daß das Kabinet bleibt, was es war. Die Fiction, daß die bürgerlichen Herren Kabinetsräthe die Volkstribunen sind, wird er mit einem Hagelwetter auseinander treiben. Er kann sein gewesenes Deutschland auch als Preuße nicht vergessen, er wird eingreifen, durchgreifen, reformiren, bis – doch ich mache keine Ansprüche auf Clairvoyance. Aber, lieber Bovillard, Sie sehen ein, der Augenblick, wo Stein ans Ruder kommt, ist nicht angethan, um Ihren Geheimrath zu retabliren.«

17. Kapitel. Das Citissime

Siebzehntes Kapitel.
Das Citissime.

»Scheint doch einem Staatsmann auch kein Augenblick ruhiger Naturgenuß vergönnt!« seufzte der Minister, als der Kanzleibote mit seinem Citissime ihnen wieder entgegenkam. – Zugleich meldete ein Diener den Kammerherrn von St. Real. Man hörte den Wagen in den Hof fahren.

»Unterzeichnen Sie für mich, lieber Bovillard, hier gleich in der Laube. Im Auftrag, es wird genügen –«

»In welcher Angelegenheit?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Der Kammerherr versprach mir im Vorüberfahren vom Palais anzusprechen, wenn etwas Neues passirt. Auf Wiedersehen im Pavillon – bei der Straßburgerin.«

[118] Der Geheimrath ließ die schon eingetauchte Feder fallen, als er einen Blick in die Reinschrift geworfen. Er durchlas sie mit gekniffenen Lippen – ein Bericht des Ministeriums auf Spezialanfrage im Belang des den Königlichen Geheimrath Lupinus betreffenden Amtsvergehens. Der Minister ertheilt sein Gutachten dahin, daß nach seinem besten Ermessen der Fall mit unnachsichtiger Strenge zu behandeln sei, und daß jede Schonung zum unverwindlichen Schaden des königlichen Dienstes ausschlagen müsse. Er drang selbst im Interesse des Staatsdienstes auf eine strenge Ahndung und augenblickliche Suspension des Angeschuldigten.

Es war nicht in Bovillards Art, alles, was er unterschrieb, durchzulesen. Er las diese Schrift zwei Mal und murmelte: »Sieh da die Feder meines jungen Freundes. Nicht zu verkennen. Ei, ei, Herr von Fuchsius, wollen Sie sich schon so wichtig machen und unentbehrlich! Und auch diese feinen Anspielungen auf uns! Daran wollen wir uns gelegentlich erinnern.«

Der Kanzleidiener hätte noch lange auf die Unterschrift warten müssen, wenn ihm der Geheimrath nicht die Weisung gab, die Sache bedürfe noch einer Regulirung mit Seiner Excellenz. Die Regulirung schien aber dem Geheimrath selbst einige Sorge zu machen, denn den Kopf im Arm, stierte er lange in die Luft, bis allmälig ein sardonisches Lächeln über seine Lippen spielte, und er mit einem ganz eigenthümlichen Blick ausrief: »Wenn es denn doch einmal sein muß, wollen wir es etwas gründlicher anfassen.«

Er schrieb sehr schnell. Zwei Seiten waren gefüllt, mit Schmunzeln überlas er das Konzept: »hätte ich doch selbst kaum gedacht, daß der Mensch so verworfen ist!« Und dieser Schluß: ›Demnächst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer königlichen Majestät zu Füßen zu legen, die Angelegenheit nur von dem angegebenen höheren Gesichtspunkte zu betrachten, und den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen höchst Ihr Herz so gern sich erschließt, diesmal nicht nachzugeben. Ja, ich muß für strengste Handhabung der Gerechtigkeit nicht allein im Interesse des allgemeinen Staatswohles und zur Erhaltung der Moralität unter Dero Dienern stimmen, sondern auch in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Eure Majestät Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Leider steht die betreffende pflichtvergessene Person durch entfernte Verwandtschafts-und frühere gesellschaftliche Bande mit einem oder einigen dieser gedachten Männer in einer gewissen Relation, und es ist gewissen ihrer Feinde und Neider eine willkommene Aufgabe, aus diesem zufälligen Annex Verdächtigungsgründe zu schöpfen, ich wiederhole es, gegen Männer, die der Verdacht nicht berühren kann, weil ihr Charakter und ihr Verdienst von [119] Euer Majestät gewürdigt sind. Desto mehr wird es zur Pflicht, gerade im Interesse des Thrones, auch vor dem Publikum diese Männer zu schützen. Eure Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung gewähren, als wenn Sie das Recht, und nur das Recht walten lassen. Was ist ein Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt, dem erhabenen Exempel, welches sein Oberhaupt dem Lande und Volke täglich giebt.‹

»Wunderschön!« Es entfuhr unwillkürlich den Lippen des Geheimraths und er steckte das Konzept in die Brusttasche. »Die Excellenz wird sich wenigstens eingestehen müssen, daß sie Räthe um sich hat, die auf ihre Ideen einzugehen wissen. Das kann man auch dem Herrn von Stein unter die Nase halten.«

Welcher Glanz leuchtete auf der Stirn des Ministers. St. Real stand hinter dem Lehnsessel und wiegte sich in Wohlbehagen, während der Hausherr auf und ab ging. Als er den Geheimrath eintreten sah, hielt er ihm die Hand entgegen: »Wissen Sie schon, Bovillard?«

»Nichts, Excellenz, als daß Ihre Ansichten mich überführt haben.«

»Lassen Sie sich's von St. Real sagen.« Er warf sich in den Fauteuil, überschlug die Beine und rieb die Hände.

»Seine Majestät haben in Gnaden die Anstellung des Herrn von Stein abgelehnt.«

»Stein wird nicht Finanzminister,« wiederholte der Minister.

»Da fällt uns also ein Stein vom Herzen!«

Bovillard's Bonmot, so leicht es war, fand empfängliche Herzen. Gut, daß kein Lauscherauge in den Pavillon drang. Es hätte Mienen, Bewegungen und Gesten gesehen, schwer verträglich mit der ministeriellen Autorität eines Großstaates. Nur der Geheimrath hatte rasch eine Flasche entkorkt, um ein Glas hinunterzustürzen, aber die Physiognomien erinnerten einen Augenblick an die faunischen Gesichter, welche Rubens' Pinsel so unvergleichlich auf die Leinwand warf. Belauschte Augenblicke der kanibalischen Natur im Menschen, die nun ewig geworden sind durch die Kunst. Wenn Jemandem, wem darf man es weniger verargen als einem Staatsmann, wenn er im unbelauschten Augenblick die geglättete Maske fallen lässt, um einmal wenigstens in der ursprünglichen sich vor sich selbst zu sehen.

»Nun heraus! Wie war's?« rief der Geheimrath am Tische, indem er einen tief aushöhlenden Schnitt in die Leberpastete that. Ich vergaß zu sagen, daß man die Thüren vorher verschlossen, und auch noch die Gardinen vor die mit Weinreben fest umrankten Fenster gezogen, – der Kühlung wegen, hieß es. Es war allerdings [120] ein sehr heißer Tag geworden! Vorher aber war der Haushofmeister auf besondere Ordre des Ministers selbst in die Keller gestiegen, und ein Korb mit Flaschen, staubig, kalkigt, mit Spinneweben umwoben, stand in Folge dessen am Tische. Auf demselben hatten sich aber neben der Straßburgerin noch Schüsseln des verschiedensten Inhalts aus verschiedenen Weltgegenden eingefunden, »ein Frühstück, wie's ein schlichter Mann guten Freunden eben vorsetzt, die nach dem Herzen sehen, nicht auf den Werth«, hatte der Minister gesagt. Was bedurfte es der Aufwartung unter ein paar traulich beisammensitzenden Freunden! Darum sollte Niemand gemeldet, Niemand eingelassen werden, und der gütige Wirth selbst nahm den Pfropfenzieher zur Hand.

»Die Geschichte ist eigentlich sehr einfach,« sagte St. Real. »Gestern Abend war der König noch dafür gestimmt. So nahmen wir's wenigstens an. Sie mögen sich das Geflüster in den Vorzimmern denken, die Fragen, die man hören musste. Die Damen wollten wissen, ob der Herr von Stein noch ein junger Mann wäre? Ob er ein Haus mache? Ob er ästhetisch ist? Ob er lieber Jean Paul liest oder Lafontaine, und Schiller oder Goethe vorzieht? Die Herren steckten die Köpfe zusammen. Es wusste eigentlich Niemand, woher der Wind blies, denn, wenn man auch sagte, Beyme hat Lombards Abwesenheit benutzt, so erklärte das wieder nicht, warum Beyme gegen seinen Freund intriguiren sollte. Andere kalkulirten gar, die ganze Sache ginge von Lombard selbst aus, er wünsche solchen Mauerbrecher in des Königs Nähe, entweder um Andre damit aus dem Weg zu räumen, oder er wünsche, daß die höchste Person es einmal empfinde, wie unangenehm der Umgang mit einem deutschen Degenknopf ist.«

»Thorheit!« sagte der Minister.

»Und doch vielleicht nicht übel spekulirt.«

»Nichts, meine Freunde,« entgegnete Jener, »lernt sich leichter an Höfen, als das Vergessen ehemaliger Freunde. Nur die Kränkungen vergisst man dort nie.«

»Die alte Voß ließ für mich keinen Zweifel,« fuhr St. Real fort. »Sie rühmte gegen Komteß Laura die alte Familie der Stein; von Männern solcher Abkunft könne man sich versprechen, daß sie wieder die nöthigen Dehors auch an den Hof bringen werden.«

»Charmant!« Man ließ bei Gläserklang die alte Voß leben. Der weiße, prickelnde Burgunder schärft die Zunge, man schärfte die Darstellung von Anekdoten, die Jeder kannte, aber Jeder gern wiederhörte, bis sie für den haut goût appretirt waren, und unter allen guten Eigenschaften ihnen nur eine abging, die Wahrheit.

»Aber wir kommen von der Sache ab. Was erfuhren Sie von Ihr?«

[121] »Nicht mehr, als sie mich errathen ließ, und ich eigentlich schon wusste, daß die Königin dahinter steckte. Geben Sie nur Acht, flüsterte sie mir zu, wenn Ihro Majestät herauskommt.«

»Und?«

»Ihro Majestät kamen bald heraus.«

»Und?«

»S' ist doch eine wunderschöne Frau! Ihr schwarzes Atlaskleid rauschte über die Schwelle, und, war's Zufall oder Absicht, die Thüre klappte hinter ihr, daß mir's noch ins Ohr gellt. Die Oberlippe ein Bischen eingekniffen, Keinen von uns ansehend, raus war sie, und winkte nur der Berg, ihr zu folgen.«

»Und das ist Alles?«

»Mich dünkt, genug.«

»Man kann sich täuschen.«

»Meine Ohren, Excellenz, sind sehr scharf. Wenn ich im blauen Saal die Stiefeln Sr. Majestät im rothen Zimmer knarren höre, weiß ich, was die Glocke geschlagen hat.«

»Ging also unruhig auf und ab?«

»Wir sahen uns an und dankten Gott, daß nur ein Stein gefallen war.«

»Er ist also?«

»Ist! Bald kam Beyme heraus, dann auch Köckeritz. Beyme fragte nach der Berg. Da sie fort war, wandte er sich an die Voß und zuckte die Achseln:›Madame, j'ai fait mon possible!‹ Zwischen den Zähnen murmelte er: ›ultra posse nemo obligatur.‹ Nachher schenkte uns Köckeritz reinen Wein ein.«

»Excellenz,« rief Bovillard bei einer neuen Flasche, »dieser St. Peray ist gewiß reiner.«

»Hatte die Radziwill zu stark urgirt, ein neuer Geniestreich des Prinzen ihn verdrossen?« Der Minister setzte hinzu: »Ehe ich die Motive nicht kenne, bezweifle ich doch das Faktum.«

»Was bedarf es der Motive! Natur, rien que de la nature! Er hatte sich beschmeicheln lassen, unter Händedrücken das halbe Versprechen gegeben. Dann gereute es ihn. War schon gestern Abend umhergegangen, die Hände auf dem Rücken. Die Berg hatte ein Selbstgespräch belauscht: ›Man will mir auch meine Minister machen!‹ Leider hatte sie nicht mehr Gelegenheit, die Königin davon zu avertiren. Heute Morgen muß ihm ein Blatt in die Hände fallen, worin die Kindesmörderin eine irrende Schwester genannt wird, ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es war mit etwas Emphase ihre Geschichte erzählt. Resultat: Sie waren aigrirt, sehr aigrirt. Ob die gelehrten Herren auch die expressen Worte Gottes fortkorrigiren wollten: Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden? Man antwortete, der [122] Verfasser sei kein Gelehrter, sondern eines von den jungen Genies. – ›Die eine verkehrte Welt machen wollen!‹ brach es nun heraus. ›Will aber keine verkehrte Welt aus meinem Reiche machen; soll Alles in der Ordnung bleiben. Leute waren doch sonst mit mir zufrieden. Schöne Wirthschaft, würden die Herren Genies anfangen, alles auf den Kopf zu stellen. Kindermörderinnen am Ende noch belohnen!‹ Während sie sich nun noch so expektorirten, kommt Beyme zum Vortrag, der wirklich nichts davon wusste, und indem er die Gründe für Steins Anstellung resumirt, entfährt ihm unglücklicherweise der Ausdruck: vor seinem Genie würden auch die und die Vorurtheile sich beugen. Da war's um ihn geschehen! Der König sagte, er brauche keine Genies, er wolle keine Genies und – das Uebrige können Sie sich selbst erzählen.«

Bovillard goß den Rest der zweiten Flasche in das Glas und erhob es: »Angestoßen, Freunde! Auf das Andenken der Kindesmörderin! Seelige verirrte Schwester, dieser Tropfen sei Dir geweiht, daß Du Preußen vor Ministern bewahrt hast, die Genies sind! – Was stiert Excellenz Christian ins Glas und trinkt nicht? Suchst Du im Wein nach einem untergegangenen Genie? Verlorne Mühe. Ertrunkenes lebt nicht wieder auf.«

»Mir kommt nur der Gedanke,« sagte der Minister nach einer Pause, »ob eine Regierung denn überhaupt der Genies bedarf. Unser Minos vom Kammergericht fertigte neulich einen Bekannten, der ihm einen genialen Juristen für das Kollegium empfahl, mit den Worten ab: ›Ich brauche nur zwei für die knifflichen Sachen, für die andern sind Ochsen ausreichend.‹«

»Ochsen mögen eine Weile die Tretmühle treiben, wie Exzellenz das selbst am besten wissen, im Uebrigen meine ich, daß Ochsen noch nie eine Mühle in Gang gebracht haben.«

»Woran ging Josephs II. Schöpfung unter?« fuhr die Excellenz fort. »Und was meint Ihr, daß aus unserm Staat würde, wenn irgend ein Zufall Prinz Louis Ferdinand auf den Thron brächte?«

Nach einer kleinen Pause hob der Geheimrath an, den Weinrest in seinem Glase schüttelnd:

»Ich meine, zuerst würde er unsern verehrten Wirth zur Thür hinaus komplimentiren. Dann ging's an Lombard, Beyme, Lucchesini, an uns Alle. Es würde aufbrausen wie tausend auf ein Mal entkorkte Champagnerflaschen. Da man sie aber nicht alle auf ein Mal austrinken kann, würde der Wein bald schaal werden. Und wie er seiner Maitressen satt wird, würde er's auch der Genies. Dann kämen die unermüdlichen Geschöpfe dran, die man nun Zuträger nennen kann, oder Sykophanten, oder Gelegenheitsmacher, Kuppler, oder auch Ochsen, wie man will, die immer für neue Stoße in Wein, Ideen und Liebe sorgen. Diese bleiben endlich [123] seine Gesellschaft, eben weil sie sich zur Thür hinauswerfen lassen und immer wieder kommen. Endlich gewöhnt man sich an sie, weil man ihrer bedarf, weil sie zu Allem zu brauchen, man verachtet sie, aber sie bleiben doch unser Umgang, weil sie immer gefällig, unsere Freunde, weil wir keine besseren finden, und schließlich – es blieb auch unter Louis Ferdinand Alles beim Alten. Christian, wir blieben auch!«

Der Minister drohte mit dem Finger.

»Ach was! wir sind unter uns. Wein und Wahrheit. Betrachten wir hier unseren würdigen Kammerherrn. Verzog er die Miene, ward er nur einmal roth, als ich von Kupplern sprach?«

»St. Real kann ja nicht mehr roth werden.«

»Excellenz! Dieser echte Philosoph beschämt uns. Sein purpurn Antlitz brennt, wenn er so viel Flaschen aussticht wie nur Fleck und der Prinz, nicht röther, als wenn er eine Tasse Thee nippt. Wenn wir wankend aufstehen, sagen sie: er hinkt ja immer. Er kennt die Liebe nicht mehr, aber sein liebebedürftiges Gemüth schafft sie für Andere. Wir kamen überein, daß er, ohne Schmeichelei, unter uns das Minimum von Verstand hat, aber wie weiß er den Ueberfluß an Mangel zu cachiren, daß Jemand, der jetzt durchs Fenster sähe, doch schwören könnte, er hätte die meiste Raison. Und, Excellenz, sehen Sie seine Lippen und Manchetten, er hat immer noch etwas in petto uns zu überraschen.«

»Nein; er scheint mir melancholisch, weil er die Laura beim Prinzen nicht anbringen kann.«

»A propos, St. Real, wie ist's mit der junonischen Gans?«

»Aha, der schönen Eitelbach,« sagte der Minister.

Der Kammerherr schüttelte den Kopf: »Geben Sie die Hoffnung auf, meine Herren. Königliche Hoheit exprimirten sich in drastischer Kürze: ich sollte die Tugend nicht der Versuchung aussetzen. Uebrigens wisse ich ja, daß Sie Gänsebraten nicht liebten.«

Glich der muntere Frühstückstisch doch auch auf Augenblicke einem Secirtisch. Alle Qualitäten der schönen Frau wurden von Experten zergliedert und abgewogen, wobei der Witz die leichte Vergleichung mit den Ingredienzien der Pastete nicht verschmähte. Das Resultat war, daß man alles in ihr fand, nur keine Seele, keinen Verstand und keine Passionen. Ja es sei Hopfen und Malz verloren, erklärte der Kammerherr, ihr eine Inklination beizubringen. »Es ist nichts unmöglich,« trumpfte Bovillard.

Der Minister bemerkte, daß seine Augen von einem eignen Feuer strahlten. Das könnte allerdings vom Weine sein, er goß schon die fünfte Flasche an, als er die Stimme erhob:

»Jeder Humanitätsbürger hat die Pflicht das Seine zu thun zur Vervollkommnung des Menschengeschlechts, und ist ein Weib, [124] meine Freunde, vollkommen, hat es eine andere Bestimmung als die Liebe! Seid Ihr denn Kannibalen, oder habt Ihr Herzen von Stein, daß Euch das schöne Weib nicht rührt, daß in ungeheurer Langenweile mit ihrer bête noire von Mann ihre Rosentage verträumt? Christian, und Sie, St. Real, waren unsere Vorfahren nicht Ritter, die ihre Lanze für die gefangene Schönheit einlegten? Und ist sie nicht gefangen, gleichviel ob von einem brutalen Ungeheuer, oder von einem Alp von Apathie! Welche Schätze liegen da wüst in dem schönen Tempel, und Ihr wollt zaudern Hand anzulegen! Nein, Ihr Ritter, Schatzgräber, Maurer, sinnt auf ein Zauberwort, das ihren Bann löst. Angefasst, gehämmert, Funken geschlagen bis wir das innere Feuer in der schönen Bildsäule entzündet! Seht doch den dicken Iffland auf der Scene, wenn er als Pygmalion Leben in seine Galathee schwatzt und klopft. Was, sollen wir ungeschickter sein? Gluth soll durch ihre Adern strömen, sterblich soll sie sich verlieben, interessant werden, rührend, sie soll uns Thränen entlocken! Kinder könnt Ihr Euch denn ein pikanteres Schauspiel vorstellen, als die Eitelbach in rasender Leidenschaft?«

»Bovillard rast!«

»Du willst sie doch nicht selbst in Dich verliebt machen?« sagte der Minister.

»Nichts davon, es muß etwas ganz Absonderliches dabei sein.« Er zog den Rock aus und warf ihn auf die Erde. Auch das Halstuch folgte. Die Toilette des Ministers entsprach allerdings diesem Negligé, nur der Kammerherr blieb zugeknöpft.

»Unser Geheimrath ist im Zustand der Divination.«

»Etwas Frappantes,« rief Bovillard, »daß man drei Tage vor lautem Gelächter die Glocken nicht hört. – Wenn's irgend einen berühmten Kanzelredner gäbe –«.

»Warum nicht gar!«

»Du hast Recht! Da machte man sie zu einer Schwärmerin. Es muß gar keine Erklärung für die Neigung geben. Etwas Originelles, ein Flügelmann von der Garde oder ein Zwerg. Ein grundhässlicher Kerl, ein Bucklichter, ein Weiberfeind, ein Trunkenbold, ein Weiser. Wenn der alte Gundling noch lebte, oder Moses Mendelssohn.«

»Ich schlage Johannes Müller vor.«

»Er müsste sich doch auch in sie verlieben können.«

»Und am Ende hieße es, sie hätte sich nur in seine Schweizergeschichte verliebt,« sagte der Minister, und mit niedergeschlagenen Augen flüsterte er: »Ich wüsste schon Jemand –«

Das stille Gelächter, die verkniffenen Lippen, die blinzelnden Augen der Anderen bekundeten, daß der Minister verstanden war. In jovialen Kreisen solcher Freunde versteht man sich an Zeichen. [125] Ein »Schade, schade!« ging wie der Hauch des Abendwindes über ein Aehrenfeld.

»Da uns hier eine höhere Magie entgegenarbeitet, bescheide ich mich, wiewohl ich das Verdienstliche des Vorschlags vollkommen würdige,« schmunzelte Bovillard.

St. Real schüttelte den Kopf: »Es kann doch nicht immer so dauern.«

»Das Reich der Tugend! Hört den grauen Sünder, der es nicht mal von dem göttlichen Schiller weiß: Und die Tugend sie ist kein leerer Wahn. Sein Himmel hängt nicht voll Geigen, sondern voll lauter Pompadoure. Er ist ein Kryptokatholik, sein Heiligenkalender fängt an mit der Sanct Agnes Sorel und hört auf mit der heiligen Baranius.«

»Bovillard merkt nicht, daß St. Real einen Einfall hat.«

»Wenn wir den Witz ausgeschüttet, kraucht ihn immer einer an. Heraus damit! Sollten wir etwa Namen aufschreiben und würfeln? Auch das; ich parire jede Wette; wen das Loos trifft, in den will ich die Eitelbach verliebt machen.«

Der Kammerherr spiegelte sich im Glase, das er dicht ans Gesicht hielt: »Herr von Bovillard, ich zweifle, wenn ich den nenne, der mir eben einfiel.«

»Nenne den Namen, ich will ihn beschwören.«

»Daß er davon läuft, das will ich glauben, er hat mehr Schulden als Haare auf dem Kopf.«

»Nein, auch er soll kleben wie eine Klette. Und sie verliebt sein, wie – ein verliebter Maikäfer. Das ist das Einzige, was mir aus einer tollen Tragödie kleben blieb, aus der Iffland uns neulich Abends zum Jokus vorlas, von dem verrückten Kleist.«

»Auch in den Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck? Getrauen Sie sich auch mit dem eine Liaison zu Stande zu bringen?«

Der Geheimrath sprang auf: »Was gilt die Wette?«

»Bovillard, sein Sie nicht unsinnig,« sagte der Minister.

»Ich frage, wer wettet!« fuhr der Erhitzte fort. »Aber dazu andern Wein, feurigern!« Er schleuderte das Glas hinter sich. »Vom Spanischen her, einen Pedro Ximenes! Die Eitelbach und Dohleneck, eineliaison tragique, eine liaison dangereuse, ein Turtelpärchen, was Ihr wollt! Wer hält die Wette, auf was es sei! Christian parire!«

»Bovillard weiß nicht –«

»Alles weiß ich, daß sie wie Katze und Hund sind, eine Aversion fühlen, eine gegenseitige Idiosynkrasie, die stadtkundig ist. Desto besser; je schwieriger die Aufgabe, so ehrenvoller der Succeß. Va-t-en, Christian, wettest Du?«

»Meinethalben.«

[126] »Auf was? Nicht Geld, nicht Champagner, etwas Abnormes, was den Appetit reizt.«

»Excellenz könnten eine Geliebte abtreten,« kicherte der Kammerherr.

»Ich und eine Geliebte!«

»So sinne etwas Sinnreiches aus, was Du gegen Dein Gewissen thust.«

»Ich will Gentz' hinterlassene Schulden bezahlen.«

»Accedo! Und ich eine Abhandlung schreiben zum Lobe des Herrn von Stein. Daß er uns unentbehrlich ist, laß ich drucken. Ein Schelm giebt nur was er kann. Ich habe mehr eingesetzt. Topp, eingeschlagen!«

Der Kammerherr hielt seinen Arm dazwischen. »Wozu Krieg, meine Herren, Depensen, die keinen Vortheil bringen? Warum denn überhaupt eine Wette, warum nicht eine Allianz?«

»Was meinst Du, Christian?«

»Ich bin doch immer ein Mann des Friedens.«

»Topp! Alle drei eingeschlagen, Männer des Friedens, einen Rütlibund! Wir Alle gemeinschaftlich an das Werk. Aber Theilung der Arbeit! Du nimmst den Rittmeister auf Dich und sträubt sich die Excellenz dagegen, wird der Kammerherr zum Dienstthuenden. Ich weiß schon meinen Helfershelfer für die Baronin, übrigens Jeder hilft dem Andern, und bei dem erhabenen Geiste, der aus diesen Flaschenmündungen noch duftet, geloben wir Todesverschwiegenheit.«

Während sie sich die Hände reichten, klopfte es.

»'S ist nichts; ein Hund schlug an die Thür,« beruhigte der Wirth.

»Wer würde sich auch unterstehen, wenn wir in Staatsangelegenheiten beisammen, Excellenz zu stören! Oder ist's keine Staatsangelegenheit? Womit sollten wir uns amüsiren, da nun Friede bleibt? Das Leben muß einen Zweck haben. Auch die besten Kräfte ermatten ohne ein Ziel. Mit Hindernissen zu kämpfen ist unsere Bestimmung. Je schwieriger, um so elastischer streckt sich unser Geist. Darum, gerade im Staatsinteresse, wir müssen unsere Kräfte an subtilen Aufgaben üben, um zuverlässig zu sein in der Stunde, die da kommt.«

Es klopfte wieder: »Laß die Geister pochen, wir antworten mit diesem Gläserklang. Auf den Amandus und die Amanda!«

»Bravo, Einer, der da lieben soll und muß!«

»Noch etwas: wenn etwa in Folge dieses schönen Seelenbundes ein Weltbürger das Licht der Welt erblicken sollte, so –«

Ein klirrender Schall unterbrach sie. Es pochte Jemand mit Heftigkeit ans Fenster. »Es brennt!«

Alle waren aufgesprungen. Der Kammerherr schien am festesten [127] auf seiner Krücke zu stehen. Der Geheimrath machte eine Bewegung nach seinem Rocke, die damit endete, daß er auf den Stuhl zurücksank. Der Minister hatte seinen geschleudert, und mit der Hand am Tische, machte er die Geste des Riechens. Aber die wohlbekannte Stimme seines Privatsekretärs rief draußen: »Halten zu Gnaden, Excellenz, das Citissime! – Das Citissime, das Gutachten des Ministeriums an Seine Majestät den König. Herr Geheime Kabinetsrath Beyme haben schon zwei Expressen ge schickt. Heute Abend um sechs ist Vortrag bei Seiner Majestät; sämmtliche Gutachten der Ministerien sind in des Herrn Kabinetsraths Händen, nur unseres fehlt noch. Der Bote steht auf Kohlen.«

Bovillard hatte mit einem glücklichen Griff seinen Rock erfasst und warf die Papiere auf den Tisch: »Da Excellenz – ein Bischen schmutzig. Schadet nichts, die Sache ist's auch. Unterschreibe –«

»Zwei Papiere?«

»Ist gleichgültig, er muß doch springen.«

»Muß er absolut?«

»Ist sehr gesund für sein Podagra.«

Der Minister war in einen Sessel gesunken: »Muß er denn? Wir sitzen so fröhlich beisammen – und Stein kommt ja nicht.«

»Hätt's beinahe vergessen! Mais, c'est bon!«

»Wozu Rigorosität gegen einen Mitmenschen, der uns nichts gethan hat,« sprach St. Real.

»Also


Allen Sündern soll vergeben

Und die Hölle nicht mehr sein.«


»Bovillard, Ihnen fließt es ja von den Fingern. Da an der Ecke auf dem Schreibtisch, ein anderes Gutachten. Kurz nur. Wegen der Förmlichkeit weiß ja Beyme wie wir's halten. Trinken Sie ein Glas Champagner um sich aufzuheitern.«

»Nicht nöthig Excellenz. Hier das Konzept, brauche nur ein paar Striche zu ändern.«

Mit Sekretär und Bote war man in Ordnung, natürlich, nachdem man es einigermaßen mit der Toilette geworden, zwei Krystallflaschen mit frischem Brunnenwasser standen auf dem Tisch und der Geheimrath schrieb an der Ecke, während der Minister ein Gespräch mit dem Kammerherrn führte. St. Real hatte sichtlich am wenigsten von dem süßen Traubensaft genossen, oder es darin zu einer Virtuosität gebracht, daß man die Wirkungen nicht merkte. Der Minister hörte ihn, im Armstuhl zurückgesunken, mit einiger Anstrengung an, während der Kammerherr halb vor ihm stand, halb auf dem Tisch saß. Wir hören, da das Gespräch halb laut geführt wird, nur einiges heraus.

»Malchen – Malchen? Der Name kommt mir bekannt vor.«

[128] »Erinnern sich Excellenz vielleicht des Waldkindes, das der Höchstselige auf einer Promenade finden musste?«

»Das ist lange her – spielte sie nicht die Gurli? Die war freilich noch nicht geschrieben.«

»Einer der hübschesten Züge von der Lichtenau; wie überhaupt es war doch eine seltene Frau. Der Höchstselige hatte die ersten Brustbeklemmungen, und empfand eine Sehnsucht nach etwas Natürlichem und Frischem. Die Gräfin wusste auf der Stelle Rath – Im rothen Frießröckchen, bis an die Kniee aufgeschürzt, barfuß huckte das Kind im Revier und pflückte Erdbeeren, ohne sich umzusehen. Der König winkte uns Stille zu, er wollte sie überraschen. Er fuhr sie an, was sie in dem Walde zu thun, und drohte sie zu pfänden, denn das sei verboten. Das Mädchen spielte prächtig. Zuerst erschrak sie und bedeckte ihr Körbchen, dann lag sie auf den Knieen, der gestrenge Herr möchte sie nur diesmal noch gehen lassen. Der König befahl ihr barsch, die Erdbeeren und den Korb zurückzulassen. Da stürzten ihr die Thränen aus den Augen und sie bat um Gottes Willen, die möchte er ihr lassen für ihre arme Mutter, sie wollte es lieber dem gnädigen Herrn Förster abarbeiten, was sie Schaden gethan. Das befremdete ihn doch von solchen Leuten. Isst denn Deine Mutter so gerne Erdbeeren? Und er sprach von Abkaufen. Die Kleine wehrte schnell mit der Hand: Nichts verkaufen! Meine Mutter hat mir aufgetragen, die schönsten und reifsten Erdbeeren zu sammeln. Alles für den guten Herrn König. – Den König! rief der König, wie kommt der dazu? Für den König werden wohl Andere denken und sorgen, die ihm näher stehen. – Das ist's eben, was Mutter sagt, fiel das Mädchen ein, die denken und sorgen nicht so für ihn, wie er's verdient, und er ist so sehr gut und jetzt krank. Die frischen Walderdbeeren werden ihn wenigstens einen Augenblick erquicken, und jeder Augenblick, der dem guten König eine Erquickung schafft, sagt Mutter, das ist ein gesegneter vor dem Herrn.«

»Oh weh!« zuckte der Minister auf. »Da hätte er etwas merken können.«

»Nein, Excellenz, er merkte nichts. Er drückte die Thräne aus dem Auge: Lichtenau, ich werde doch geliebt! Die Lichtenau hatte ihm etwas den Rücken gedreht.«

»Richtig, ich sehe sie noch stehen.«

»Und wischte auch am Auge. Er streichelte sie sanft am Arm, und sagte in seiner Herzensgüte: Das Kind versteht es nicht. Es sind Viele um den König, die für ihn sorgen und ihn lieb haben. – Wie das Kind ihn da groß und unschuldig ansah: Der König hat Jeden lieb, sagt Mutter, und das wäre ein schlechter Mensch, der nicht sein Alles für ihn giebt. – Er musste schnell weiter gehen, [129] er fühlte sich erleichtert: Ich habe mal eine Stimme aus dem Volke gehört! Die Lichtenau sagte plötzlich: Ich wünschte, Eure Majestät hörten einmal die Stimme Ihres ganzen Volkes. – Ach die ist wohl anders! – Nein, Sire, sagte die Gräfin, das Tuch vor ihren gerötheten Augen. Ueberall dieselbe Liebe und Verehrung; nur uns traut man nicht zu, daß wir sie theilen. Es ist vielleicht recht gut so. – Ach es war ein kapitales Weib!«

»Es brachte ihr auch die Schenkung ein von dem Gute – wie heißt es doch gleich – über das noch der Prozeß ist. Aber die Malchen, jetzt entsinne ich mich ihrer ganz deutlich. Ein anstelliges Ding, leichtsinnig, aber wohl zu leiden. War sie nicht schon früher zu den Genien gebraucht worden, auch in den Kinderballets?«

»Und später bei den Geistererscheinungen. Sie war viel bei Bischofswerder und Hermes. Vielleicht erinnern sich Excellenz auch, daß sie nachher einen Unteroffizier von Larisch' Musketieren heirathete. Im Anfang ging's ihnen gut, aber der Mann trank, es gab Unrichtigkeiten mit dem Montirungsgeschäft im Lagerhause, die Frau konnte es nicht mehr ausgleichen, sie ward doch auch älter, und eines Nachts waren sie über Hals und Kopf verschwunden. Sonst ein braver Mann, auch sehr zu brauchen, und soll jetzt holländischer Werbeoffizier sein oder schon drüben in Ostindien. Genug, sie hat ihn avanciren lassen, was uns nichts angeht, und ist seit einigen Monaten als Frau Obristin in Berlin. Ich versichere, Excellenz, sie ist ein wahrer Trüffelhund.«

Der Minister griff tief in seine Spanioldose: »Wenn nur keine Klagen bei der Polizei eingehen! Sie wissen nicht, lieber St. Real, was uns diese Bagatellen oben zu schaffen machen.«

»Man sucht ihr ein gewisses Lüstre zu erhalten.«

»Der Name der neuen Schönheit?«

St. Real sprach leise ins Ohr des Ministers.

»Wie gesagt, durchaus keine beauté du diable, eine wie gemacht, um auf die Dauer zu fesseln, und eine Fraicheur, Excellenz, wie er es liebt.«

»Und ein halbes Kind?«

»Weil sie noch nicht erzogen ist. Aber mit einem Elan, einer Vivacité für alle neue Eindrücke.«

»Languissant?«

»Au contraire, eher un peu romantique, etwas Spirituelles, soit disant Schwärmerisches. Es kommt nur darauf an, ihrer Phantasie eine Richtung zu geben.«

»Hoffen Sie eine Maintenon oder eine Pompadour zu erziehen?«

»Warum nicht eine La Balliere!«

»Tugendhafte Maitressen helfen uns nichts. Uebrigens wünsche ich, daß Ihnen keinen Querstrich kommt.«

[130] Der Kammerherr drückte mit einiger Heftigkeit seine Krücke: »Das ist es eben. Zwar thun wir Alles, die Dehors zu beobachten, auch ist es nur ein ganz kleiner, höchst anständiger Societätskreis, der sich da zur Erholung zusammenfindet. Ganz anders als bei der Schubitz; un petit circle von Gewählten. Aber sie ist noch immer die alte; gutmüthig, leichtsinnig, unbesonnen zum Rasendwerden. Ihre Zunge geht mit ihr durch und um einen witzigen Einfall setzt sie ihre Existenz aufs Spiel. Habe ich das Wunderkind erst in einige Kreise entrückt, mag sie der Teufel holen, aber sie ist meine einzige Brücke jetzt. Stellen sich Excellenz vor, da hat sie den frommen Pfaffen, den Seine Majestät jetzt nach Berlin zieht, irgendwo auf einer Reise kennen gelernt, ihn zu sich invitirt, und jetzt hat sie die Unverschämtheit, ihn und seine Töchter bei sich einzulogiren. Bei sich in ihrem Hause! Ich erfuhr es erst beim Herfahren. Wenn das ruchbar wird, das giebt einen Skandal und ich zittere vor den Folgen.«

»So eilen Sie, St. Real, den Ruf des frommen Mannes zu retten.«

»Er ist gerettet!« rief Bovillard aufstehend, »da hören Sie nur den Schluß: ›Demnächst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer Königlichen Majestät zu Füßen zu legen, den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen Ihr Herz so gern sich erschließt, auch diesmal nachzugeben. Ja ich muß darauf dringen, in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Eure Majestät Höchstihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Weil der unglückliche Mann, der vielleicht in einem Augenblick aus zu großer Güte des Herzens gegen den Buchstaben des Gesetzes gefehlt – was aber noch keineswegs ermittelt ist – mit einem oder einigen jener gedachten Männer in einer gewissen Relation gestanden, ist es eine willkommene Gelegenheit für deren Feinde und Neider, Verdächtigungsgründe auch gegen sie, diese Männer, zu schöpfen, die freilich über den Verdacht hinaus sind, weil ihr Charakter und ihr Verdienst von Eurer Majestät gewürdigt sind, die aber eben um ihrer Pflichttreue und dieser besondern Verdienste willen auch vor dem Publikum gerechtfertigt zu erscheinen Anspruch haben. Eure Majestät können ihnen keine willkommere Rechtfertigung gewähren, als indem Sie über die Anschuldigungen des Hasses und des Neides mit stummer Verachtung wegsehend, Ihre Gnade walten lassen.‹«

»Bravo, bravo!« riefen die Zuhörer.

»O es kommt noch besser, dieser Schluß muß sein Herz erweichen: ›Was ist ein Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Unterthan und der Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt dem [131] erhabenen Exempel, das sein Oberhaupt dem Lande und dem Volke täglich giebt!‹«

»Bravissimo! Er ist gerettet!« Noch einmal wurden die Gläser gefüllt und erklangen auf den edlen Menschenfreund, der über die Kabale gesiegt. Das Konzept wanderte in die Kanzlei, wo man ein Citissime mit mehr Respekt behandelte und die Reinschrift kam, wie wir aus dem Erfolg annehmen, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle. Der Kammerherr woll te abfahren, der Minister aber L'hombre spielen. Der Kammerherr hatte Bedenken wegen des Predigers, alle Drei aber bedachten, daß man nach der Arbeit ausruhen muß. Erst in der Nacht wurden die Karten weggelegt. Der Minister und sein Geheimrath warfen sich in Surtouts um die Kühlung der Abendluft in den Straßen zu genießen.

18. Kapitel. Der rothe Shawl

Achtzehntes Kapitel.
Der rothe Shawl.

Karoline kam aus der Seitenkammer und drückte die Thür leise zu: »Er ist eingeschlafen.«

»Wenn er nur nicht aufwacht bis ma chère tante in die Komödie fährt.« sagte Jülli, die durchs Schlüsselloch sah.

»Er verdiente es schon,« meinte Karoline. »Ich liebe es gar nicht, wenn die Herren betrunken vom Frühstück kommen und glauben, sie thun uns noch eine Ehre an, wenn sie in ein anständig Haus poltern. Schmeißt sich da mir nichts dir nichts aufs Sopha, gähnt, und ehe man sich's versieht, ist er eingeschlafen. Da soll man sich wohl aus der Konversation bilden! Ma chère tante hat gut reden.«

»Die vornehmen jungen Herren thun's Alle so,« warf Jülli ein.

»Und er hat nie kein Geld, sagt ma chère tante,« fuhr die Andere fort, »und wenn sie nur gewusst, wie er mit seinem Vater steht, der ein sehr anständiger und vornehmer Herr ist, hätte sie ihn auch gar nicht ins Haus gelassen. Aber nun sie's weiß, soll er sich nicht mausig machen, und sie wird ihm mal den Stuhl vor die Thür setzen, daß er sich verwundern soll, hat sie gesagt. Und vollends jetzt, wo die Predigers oben sind. Still, sie kommt runter.«

Jülli drückte ihr Gesicht an eine Scheibe, Karoline hatte sich ans andere Fenster gesetzt und eine weibliche Arbeit schnell ergriffen. Die Tante schalt. Junge Frauenzimmer müssten nicht immer am Fenster sitzen. Das gäbe übel Gerede; die Stadt sei gottlos genug, daß sie immer an Schlimmes denkt. »Was hast Du Dir wieder die Nase platt gedrückt an der Scheibe?« fuhr sie Jülli an. »Siehst [132] Du, davon kommt die Thräne ins Auge, und das habe ich Dir gesagt, wenn eine erst anfängt, sich die Augen roth zu weinen dann ist's mit uns aus. Siehst Du etwa die Karoline weinen? Die lacht den ganzen Tag. Alles was recht ist. In der Kirche, vor unserm Herrgott soll man weinen, und das Gesicht lang ziehen, wenn der Prediger gerührt spricht, und Niemand kann mir nicht sagen, daß ich Euch nicht in die Kirche führe, und Keiner, daß Ihr nicht fein und anständig gekleidet seid, daß Ihr Euch mit Ehren sehen lassen könnt, aber zu Hause sollt Ihr nicht sein wie in der Kirche. Die hat der liebe Herrgott bauen lassen, daß man da traurig sein soll, aber die Welt daneben, daß man lustig sein soll. Und die Herrschaften, die zu uns kommen, die wollen's auch, sonst würden sie in die Kirche gehen und nicht zu uns.«

Karoline unterbrach die Rede, indem sie hell auf lachte. Wenn sie damit der eben ausgesprochenen Weisung nachkam, sündigte sie doch sogleich dagegen, indem sie das Fenster aufriß. Der Lärm und das Gelächter draußen rief indeß auch die Tante heran. An der Ecke war ein Fischmarkt, und es war nichts Ungewöhnliches, daß der altberühmte Witz der Fischweiber gegen Käufer und Neugierige eine Art Auflauf veranlasste. Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der Lustigkeit. Der ältliche Herr hatte mit den sämmtlichen Verkäuferinnen ein Geschäft angeknüpft, und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten Karpfen und Aale zeigen lassen, alle befühlt und mit allen ihren Besitzerinnen wegen des Preises unterhandelt. Wenn das schon nicht ohne beißende Bemerkungen von beiden Seiten abgegangen war, so steigerte sich das Gezänk in das, was man in Berlin ein »Aufgebot« nennt, als der Käufer sich endlich, wie sich von selbst verstand, für die Waare nur einer Verkäuferin entschied. Die übrigen erhoben sich und überschütteten mit einer Fluth nicht schmeichelhafter Namen den Käufer, der seinerseits einen nicht gewöhnlichen Muth zeigte, denn er harrte nicht allein aus, sondern haranguirte seine Feinde durch Gegenreden. Seine graziösen Gestikulationen bewiesen, daß er der Höflichere war, und man konnte bemerken, daß in das laute Gelächter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen einstimmten. Ein schärferer Beobachter hätte indeß darin keine Feindseligkeit, sondern nur ein Schauspiel entdeckt, das sich gewiß schon oft ereignet und zur gegenseitigen Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte. Diesmal mussten jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere Anzüglichkeiten eingemischt haben, welche die Köchin des ältlichen Herrn veranlassten, durch deutliches Zupfen am Aermel ihn zu einem frühzeitigeren Rückzug zu veranlassen, als ihm lieb schien. Eines der Weiber, ob nun im Scherz oder Ernst, hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung: das wolle [133] sie ihm schenken, damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine Gefangenen! Das Netz hatte unglücklicherweise seinen Kopf getroffen und die Perrücke heruntergerissen. Während die Köchin sich danach bückte, waren ihr die Fische aus dem Korb geglitten. Das Wiedereinfangen der Aale verursachte allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr, worüber man zuerst nicht bemerkte, daß sie ihm in der Hast die Perrücke verkehrt aufgestülpt hatte, was denn das Gelächter unwiderstehlich machte, und weder der Rückzug, noch die Adjustirung der Perrücke halfen vor dem Troß begleitender Gassenjungen und dem Gelächter der Neugierigen, welche der Lärm an die Fenster zog.

»Ach, der Herr Geheimrath Lupinus!« hatte die Tante ausgerufen. »Das ist ein spaßiger Mann! Wie niederträchtig er ist, auch gegen die gemeinsten Leute! Sieh mal, selbst dem Apfelweib wirft er 'ne Kußhand zu, und so gravitätisch, wie zum Menuet! Seht, Kinder, daran könnt Ihr Euch ein Exempel nehmen; so wird mancher rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bösen Feinden, aber 's giebt einen Gott im Himmel und einen König auf Erden, und wer ehrlich sein Brot erwirbt und ein gefühlvolles Herz hat für seine Nebenmenschen, der geht nicht zu Schanden.«

Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn Geheimrath zurufen wollte: »Warum tragen Sie nicht die Fische selbst?« drückte die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe: »Untersteh' Dich!« Das Fenster flog zu. Die Scene hatte sich verändert. Karoline weinte. Nur war sie keine so unterwürfige Zuhörerin.

»Und 's ist wahr, er hat immer die Fische vom Markt getragen, mit einem Kapaun unterm Arm hab' ich ihn selbst gesehen, und darum bin ich kein schlechtes Mädchen nicht. Und das ist Wahrheit.«

Die Obristin mäßigte sich. »Der Herr Geheimrath sei eine obrigkeitliche Person, und mit genialischen Herren müsse man's anders nehmen. Und wenn er keine Respektsperson wäre, und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte hätte, dann säße er jetzt Gott weiß wo. Und das einzige, was man ihm nachsagen könnte, sei seine Köchin. Gegen die Charlotte wäre schon sonst nichts zu sagen, denn sie wäre ein braves Mädchen, aber für einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht, so was im Hause zu haben. Außer dem Hause geht das Niemand was an, hatte ihr ein sehr tugendhafter und angesehener Herr gesagt. Daß er die Charlotte auf den Markt mitnehme, wolle sie nicht gerade gut heißen, aber der Mensch, der es Jedermann recht thäte, müsste erst erfunden werden.«

Die gute Tante hatte, je mehr sie ins Reden kam, desto mehr auszusetzen. Ja, die Predigerstöchter oben wären neugierig, wie [134] ein neugeboren Kalb, und wenn nur ein Wagen vorbeifährt, rutschten die Köpfe zum Fenster raus. Das habe sie sich nun einmal aufgebunden, weil sie ein so gutmüthig Herz habe. Aber ihre Nichten sollten doch bedenken, daß sie nicht aus dem Kuhstall wären, und auf sich was halten. »Wie ich so alt war als Ihr, da hielt man mich für 'ne Gräfin, und ich hätte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Straße, wie Ihr thut. Und an guten Exempeln fehlt es Euch doch nicht; in mein Haus kommen nur die feinsten Leute. Und wie sprecht Ihr mit dem Herrn Kammerherrn, der so gütig ist; ich werde manchmal purpurroth, wenn ich denke, daß er's am Hofe wieder erzählt. Merkt Ihr, dumme Liesen, denn nicht, wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsräthin sich unterhält, wenn die hier ist? Die weiß ihm zu antworten, daß er oft nicht weiß, was er sagen soll, so frappirt's ihn. Und das sage ich Euch, wenn sie heut zur Chokolade kommt, daß Ihr Euch nicht wieder das Maul verbrennt, Du vor allem, Karline. So ein Trampelthier merkt auch gar nicht, wie ich ihr neulich auf den Fuß trat. Denn sie ist zu ganz was anderm, weil sie ein feines sittsames Mädchen ist, und 's noch weit mehr werden wird, und Ihr könntet mal froh sein, wenn Ihr ihr die Schuhbänder zumachen dürft. Aber Mädchen, was hast Du Dir wieder die Schuhe schief getreten! Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft. Und wie breit der Fuß wird, das kommt davon, wie Du beim Tanzen ranzest. Die Jülli hat noch ein ganz schmales Füßchen; aber die hält auch auf Anstand. Und das neue Kleid, zu Weihnachten erst hast Du's gekriegt, und wie sieht's schon wieder aus, daß Gott erbarm!«

»Ma chère tante, wann krieg' ich das bombasin Kleid?«

»Ei was, lass' Dir's von den Herren schenken.«

»Die Herren sind nicht so generös.«

»Wenn sie Dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl, und so rekeln mit dem Ellenbogen über die Lehne, da sollen sie sich wohl Wunder was vorstellen, was Ihr seid. Zu meiner Zeit, sag' ich, kerzengrad saßen sie auf dem Stuhl, und so schlugen sie die Augen nieder, wenn ein Herr zu ihnen sprach, aber da verstanden sie auch zu bitten, und da waren die Herren auch generös.«

»Man soll die Herren nicht rupfen. Das haben ma chère tante immer gesagt. Na nu, ist's nu nicht wahr?«

»Sie unverschämtes Geschöpf! Was das für Reden sind in meinen Apartements! Wenn's Ihr nicht mehr gefällt, werd' ich Ihr 'nen Stuhl vor die Thür setzen. Dann mag Sie sehen, wo's Ihr besser gefällt. Denn überhaupt soll's anders werden bei mir. Ja, ja, meine Damen, das merken Sie sich, ich will keine Pension, wo das pöbelhafte Wesen nicht rausgeht. Ein Wort kostet mich's, und Sie wird nach Spandow zurückgeschafft, Mamsell Karline, da, [135] wo ich Sie herholte, auf den Kietz. Wird's Ihr besser gefallen, barfuß im Kahn und Plötzen schuppen, oder Winters beim Kienspahn Netze flicken? Ihre Finger sahen ja aus, mit Respekt zu sagen, wie Pfoten, roth und geborsten, und hab' ich das für meine Mühe, daß ich sie mit Mandelöl und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen ließ! Sag' ich doch, wer Dank säet, der wird Undank ernten.«

Es klingelte, der Chokoladengast stand im Zimmer. Ein Livreebedienter, der die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen repräsentirte, hatte Adelheid abgeholt.

»Nein, sage ich doch, nicht wie ein Fräulein, wie eine Prinzessin. Und mit jedem Tag, möcht' ich sagen, gewachsen!«

»Das kommt nur vom langen Kleide,« lächelte Adelheid, und war mit raschem, sicherm Schritt, nach einer flüchtigen Begrüßung der Tante, zu den Nichten geeilt, die sie mit der natürlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit küsste. Sie schalt und bedauerte, daß sie gar nicht zu ihr kämen; die Nichten waren verlegen. War's der scharfe Blick der Tante, war's die überwiegende Erscheinung des in der Fülle ihrer Schönheit strahlenden Mädchens. Aber der Strahl aus dem klaren Auge goß in die getrübten der unglücklichen Geschöpfe von seinem Licht. Sie fühlten sich in einer andern Atmosphäre, die etwas von ihrem heilenden Balsam auch auf sie träufelte.

Die Obristin hielt es für gut, allein das Wort zu führen. Ihre Lippen flossen über vom Lobe der braven Eltern, die wohl mehr zu thun hätten, als solchen Besuch zu empfangen. Sie wisse wohl, was der Herr Kriegsrath und die Frau Kriegsräthin für die Erziehung ihrer Tochter thäten, und da wäre es ja ausverschämt, sich aufdrängen wollen. Aber um so mehr schätze sie es und rechne die Ehre sich an, daß sie ihrem Lieblingskinde erlaubt, sich ein Stündchen in ihrem schlichten Hause zu gefallen. Sie wäre nun eigentlich in rechter Verlegenheit, worüber mit einer solchen feinen Dame sprechen, die so viel schon wisse, und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen würde.

Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit. Sie, was man nennt »kappte« die Obristin durch kurze natürliche Antworten, und schon vor der Chokolade war das Gespräch im lebendigsten Gange, denn es betraf das neue, feine Kleid, das der Vater ihr geschenkt und die größte Aufmerksamkeit der Nichten erregte. Das Zeug, der Laden, wo es gekauft, der Kaufmann, seine Waren, Preise, es ward alles ausführlich behandelt, die Krone der Verwunderung aber blieb, daß Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genäht, »und sitzt wie angegossen,« rief die Tante, »nu seht, wenn Ihr das könntet! Und Mamsell Kriegsräthin [136] thut's nur zum Plaisir. Denn ihr Herr Vater würde ihr ja gern den ersten Schneider ins Haus schicken, und später werden ihr ganz andere Leute Kleider machen lassen. Ja, ja!«

Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht, auch mißfiel ihr, daß die Tante immer, um sie herauszustreichen, ihre Nichten demüthigte. Ohne sie zu beachten, erbot sie sich deshalb gegen Jülli, wenn sie ein neues Kleid bedürfe, es ihr zuzuschneiden, auch, wenn sie es wünsche, ihr Unterricht im Schneidern zu geben, so gut sie es eben könne.

Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt, bei der Jülli könnte es vielleicht noch anschlagen, aber die Karline wäre gar zu faul: »Wer den Unterricht zu schätzen weiß, und was lernt, aus dem kann alles werden, und oft habe ich ihnen das gesagt. Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich. Ja, mein liebes Engelchen, – verzeihen Sie schon, Fräulein Adelheid, daß ich so zu Ihnen rede, aber ich kann gar nicht anders, wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe, – ja, das muß ich Ihnen auch sagen, seit ich die Ehre habe, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen. Ach, Sie haben einen vortrefflichen Lehrer.«

Adelheids Gesicht leuchtete auf: »Kennen Sie ihn?«

»Habe nicht die Ehre, aber ich wollte wetten, er heißt Cupido.«

»Nein, er heißt van Asten. Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden. Es plaudert sich so fort, und sind immer zu End', ehe wir es versehen. Ich schäme mich zuweilen, wenn er fort ist, daß ich so wenig aufgeschrieben habe, aber wenn ich mich hinsetze, um es niederzuschreiben dann muß ich oft einen ganzen Tag schreiben und noch mehr. Ich thue es nun gar nicht mehr, denn ich behalte doch alles auswendig.«

»Ist's die Möglichkeit!«

»Manchmal ist's mir wie einem Vogel zu Muthe, als schwebte ich hoch in die Luft, unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse. So weiß er das alles klar zu machen, wenn er erzählt. Da ist mir oft, als müßte ich das Umschlagetuch zusammenziehen, wenn er die kalten Länder beschreibt, wo ewiger Schnee liegt und Eis. Und wenn er die heißen schildert, da wird's mir so heiß, so heiß – ach, ich rede gewiß recht dummes Zeug, es ist nur gut, daß es Herr van Asten nicht hört.«

»Ach, liebe Seele, Engelchen, das versteh' ich. Wer das einmal gekostet hat, wie's draußen schön ist in der Welt, der möchte immerfort fliegen. Na nu versteht sich, fliegen kann keiner von uns, denn wir haben keine Flügel. Aber zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen, oder noch besser viere, Extrapost, und nun, Schwager, [137] ins Horn gestoßen und geknallt, über Berg und Thal, und Sonnenschein und überall geputzte und frohe Menschen. Das ist ein Leben, mein Engelchen. Berlin ist eine hübsche Stadt; aber, ach Gott, was giebt's noch für andere! Das zu sehen und sich erklären zu lassen! Und Herr van Asten müsste neben Ihnen im Wagen sitzen! Na, das wäre doch ein Leben wie alle Tage Sonntag. Ihnen gönne ich's. 'S kommt auch mal so. Was man sich wünscht, das kommt.«

Adelheid schwieg betroffen. Hatte sie sich denn das gewünscht? »Nein, liebe Frau Obristin, daran habe ich gar nicht gedacht. Neulich, da schämte ich mich fast, daß ich noch nicht in Potsdam gewesen, und daß Sie aus Leipzig kamen, aber jetzt – jetzt ist mir gar nicht, als wenn das nöthig wäre. Wenn Herr van Asten mir von den fremden Ländern erzählt, so brauche ich gar nicht zu reisen.«

»Ist das ein himmlisches Gemüth! – Und wie sie die Chokolade nippt, seht Euch mal das an. Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen, und wie Ihr immer schlürft. Die Schaale fasst sie doch an, als hätte sie's bei Hofe gelernt. – Nu müssen Sie auch mal in die Untertasse sehen, das ist ein Spiegel, da sieht Adelheidchen sich selbst.«

Adelheid ließ die Porzellantasse beinahe fallen. »Die Venus! das ist ja die Venus!« kreischten die Mädchen. Die Tante wollte über die Atrappe sich ausschütten vor Lachen, aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte, nahm sie rasch die Untertasse in die Hand, und meinte, da müsste sie sich vergriffen haben, denn sie habe noch eine Tasse, wo die Venus ein Umschlagetuch hat.

Adelheid hatte wohl von der Venus gehört, aber in der Mythologie und Geschichte sollte der Unterricht später anfangen, weil Herr van Asten sie zuvor die Erde und ihre Bewohner, wie sie ist und sind, habe kennen lernen wollen, ehe er zu den Menschen überginge, die vormals gelebt, und was sie geglaubt und sich vorgestellt. Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige Kenntniß und schien sie mit Vergnügen auszukramen. Sie wusste namentlich viel von Najaden und Dryaden, von den Metamorphosen, und sogar von Ovid, der ein charmanter Dichter gewesen, daß Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte. Sie hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen, wie man die Götter und Göttinnen anzog, und den Engeln Flügel anband.

»Da könnte ich wohl manches von erzählen, was Herr van Asten nicht wissen wird, denn er war nicht dabei. Liebes Kind, Sie müssen nur denken, die Leute waren damals spaßiger als jetzt, das wird auch Herr van Asten wissen, und Böses war nichts bei. [138] Denn die wurden blos so Heidengötter genannt, wir kannten uns ja Alle, als gute Christen, und alles Tricots, pfui, wenn Einer denken könnte, daß es was anders war. Der Herr Kammerherr könnte Ihnen davon erzählen – ich weiß auch gar nicht, wo er bleibt; er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe zur Chokolade bei mir ansprechen – nein, sag' ich Ihnen, der weiß die ganze Mythologie auswendig. Venus, das war die Mutter vom Cupido oder Amor, und ihr Vater war Jupiter und sie war aus Meeresschaum geboren, und die Kinder vom Amor waren Amoretten. Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog, das war zum Todtlachen; Kinderchens, nicht größer als so, mit Papierflügeln, einem Gürtel um den Leib, und Alle an einem langen Strick gebunden, der so hing, und wenn sie artig blieben, und nicht zappelten, kriegte Jede nachher einen Honigkuchen. Ich selbst war mal ein Cupido, na, Engelchen, das war eine Geschichte, wenn ich daran denke! Sehn Sie, so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn Jemand ins Herz stoßen, versteht sich nur von Pappe und Schaumsilber; aber wenn ich Ihnen den Jemand nennte, da würden sie Augen und Ohren aufsperren! Es war ein sehr reicher und vornehmer Herr, und wurde nachher noch vornehmer und reicher. Ach, und ein Herz und ein Gemüth, so gut wie ein Kind. Da gab ein Jeder gern sein Liebstes hin, wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah. Und wie generös! Da wurden die Goldstücke nicht gezählt; nur so in der Hand gewogen. Und einmal, es war nämlich in einer kleinen, engen Gasse, da neben der Spandauerstraße, zwei Stock hoch, in einem finstern Hause, Treppen so grade rauf, wie 'ne Leiter, und stockduster, daß man sich Hals und Bein bricht, da kommt der Herr eines Abends rauf. Gott bewahre, er wird nicht allein ausgehen, Einer in Livree vorauf, und zwei Herren begleiten ihn, Alle in großen Mänteln. Nämlich er hatte in Dresden ein Bild gesehen, von einem gewissen Titus oder Tilian, darauf kommt's nicht an. Es stellte eine Venus vor, die auf einem Kanapee ruht, und es hatte ihm so gefallen, daß er gar nicht die Augen wegkriegen konnte. Da hatte Jemand zu ihm gesagt: ›Gnädiger Herr, ich weiß in Berlin ein Original dazu; das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten.‹ Wie der vornehme Herr dazu den Kopf schüttelte und meinte, das halte er für ganz unmöglich, denn so was gebe es gar nicht lebendig, sagte der Andre: ›Wenn gnädigster Herr sich dafür interessiren, so käme es ja nur auf die Probe an. Ich weiß, der Mann, dem es gehört, würde es sich zur größten Ehre schätzen.‹ Sehen Sie, so war der Hergang.«

Adelheid wollte nach Hut und Handschuh greifen. Warum wusste sie nicht, aber sie war unruhig geworden. Die Obristin [139] fasste sie am Ann: »Engelchen, liebes, Sie ängstigen sich doch nicht? Das war nur, was sie lebende Bilder nennen, lassen Sie sich's nur von Herrn van Asten erklären, und der hat sie auch gar nicht gesehen, Gott bewahre, der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der silbernen Leuchter, denn darin hatte er's versehen. Die Stube sah Ihnen doch wie ein Paradies aus. Da hatte er Blumen und Bäume von Winkel-Bouchés bringen lassen, und Wachslichter hinter die Büsche, und oben hatte er sich vom Theater eine Lampe geborgt, ganz blaß, die sah wie Modenschein aus, und hinten war die rothe Gardine zum Zurückschlagen, und davor zwei große Bäume, das waren aber Tannen aus dem Thiergarten, und da huckten oben zwei Amoretten, sie waren angebunden, aber nicht ganz fest. Und Räucherpulver war auf ein Kohlenbecken gestreut, das war so verdeckt, daß es wie ein Altar aussah, und die kleine Stube roch Ihnen süß und schön. Ich musste nun dahinter kauern, und wenn er einträte, sollte ich vorspringen, und ihm den Pfeil auf die Brust halten, und die Worte sprechen:


O edler Menschenfreund, Dein tugendhaftes Herz,

Wenn dieser Pfeil es trifft, so sei es nicht zum Schmerz,

Wenn dies ihr Tempel war, ist er von jetzt ab Dein,

Und sei Du Phöbus nun in diesem Mondenschein.


Nu können Sie sich vorstellen, Engelchen, wie mein Herz schlug, als ich ihn die Treppe raufkommen hörte; Herr Jesus, ich glaubte doch, mir würde es in der Kehle stecken bleiben. Und der Mann von der Frau, der stand auch so und japste an der Thür; er war auch baumgroß mit einem Tressenrock, und weißseidenen Strümpfen. – Und die weißen Handschuhe zitterten nur so, wie er die Armleuchter hielt. Und wie der Herr draußen die letzte Treppe raufsteigt, – wir hörten ihn husten, – er nun, mit dem Fuß die Thür zurückgeschmissen, und raus, da sinkt er beinah in die Kniee und leuchtet runter: ›Mein gnädigster Herr, das ist zu viel Sonnenschein in mein armes Haus!‹ Der Herr nun, der nicht weiß wie ihm ist, hält den Arm vor's Gesicht, und stolpert just, wie er ruft: ›Verfluchter Kerl!‹ Das hab ich selbst gehört; das andre hab' ich nicht gesehen, das haben sie mir gesagt. Nämlich darüber hat er die Balance verloren, und drei Stufen rutschte er, und hätte ihn der Andre nicht gehalten, wäre er gefallen. Da schrie es: ›Lichter aus!‹ Aber da hatten sie schon auf den dritten gestoßen, der helfen kam, und der kriegte den Schuß. Das hörte ich poltern. Und da riefen sie von unten: ›Licht! Licht!‹ Aber dann schrien sie wieder: ›Nein, kein Licht!‹ Der Bediente aber, der oben gehuckt, war nun wie ein Satan zugesprungen, dem Mann hatte er die Kerzen ausgeblasen und stieß ihn, daß er in die Stube zurückfiel. Aber nun stellen Sie sich vor. Ich, wie ich meine, daß er reintreten [140] muß, war mit dem Pfeil aufgesprungen und stoße ein Bischen ans Kohlenbecken; derweil aber ist sie schon rausgesprungen, und eh' ich mich's versehe, krieg' ich's um die Ohren: Du – die Schimpfworte will ich gar nicht sagen – das ist ja zu früh! Darüber purzelt der Altar um, und die Kohlen kullern. Nu wär' noch alles gegangen, aber die kleinen Engelchen, nämlich die Amoretten, sind angestoßen von ihr, wie sie rausspringt, nämlich die großen Tannenbäume, und wo sie hinschlug, wuchs kein Gras. Diese Engelchen waren nun runter gerutscht vom Ast, aber weil sie angebunden sind, konnten sie doch nicht runter, also zappelten sie Ihnen und schrieen Ihnen gottserbärmlich.«

»Ach Gott, die armen Kinder!« rief Adelheid.

»Und im ganzen Hause schrieen sie, und das war ein Thürenklappen: Herr Gott, was ist denn los? – Da schreit's mit einem Mal Feuer, und der Nachtwächter tutet, und es war auch Feuer, denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen, und die brannte hell auf. Na, der Mann, das muß man ihm lassen, schnell wie der Wind, runter die Gardine, ausgetreten, aber auf der Straße hatten sie den Schein gesehen, und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde.«

»Aber die armen Kinder! Was ward aus denen?«

»I, die haben sie runter geschnitten und links, rechts ein Bischen, dann nach Haus. Ich kriegte auch 'nen Katzenkopf; da musste man schon nicht drauf sehn. Aber der Mann und die Frau, nein, ich sage doch, wenn gemeine Leute ohne Bildung in Rage sind! Einer auf den Anderen los, daß er's verdorben hätte. Mit dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht; sie hatte ihm aber vor den Bauch getreten, das muß man auch wissen. Todt geschlagen hätten sie sich und Gott weiß was, wenn nicht die Polizei kam; die riß sie auseinander.«

»Die Polizei!« Es überrieselte Adelheid, sie war schon aufgestanden. Sie hatte die Polizei nur auf dem Markte gesehen, oder wenn sie einen Dieb einbrachte, aber sie wusste doch, daß es etwas Schlimmeres war, wo die Polizei kam.

»Gott sei Dank, die kam aber erst, als der Herr fort war. Das war noch ein Glück. Aber der Bediente und der Andere konnten kaum den Einen fortschleppen, so war er auf die Hüfte gefallen. Hatte sich was gebrochen. Und der Herr trägt's heute noch –«

Sie verstummte plötzlich. Im Eifer der Erzählungslust hatte sie nicht bemerkt, daß der Kammerherr von St. Real im Zimmer stand.

Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid: »Verzeihen Sie, [141] mein Fräulein, wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe. Nur einige dringende Worte –«

Adelheid erklärte, sie wolle nicht stören, sie müsse nach Hause. Warum sie das musste, wusste sie selbst nicht, aber sie musste, das war ihr klar. Den eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefasst; ihre Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haften geblieben, die mit Stricken am Baume hingen. Sie dachte an die unglücklichen Geschöpfe, welche die Seiltänzer ihren Eltern stehlen und die auf immer verloren gehen. Wie herzergreifend hatte die Frau Obristin im Dorfe erzählt. Es war der Gedanke des Verlorengehens, die Vorstellung, daß ja ein ganz unschuldiger Mensch zufällig in dem Hause hätte sein können. Mein Gott, wenn auch sie Jemand dahin geführt hätte, um das Bild zu sehn, und dann der Feuerlärm, die Polizei! Es drückte sie centnerschwer. Die Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an, so herausfordernd, fast alles mythologische Darstellungen; sie hatte sie früher nicht genau betrachtet, jetzt schlug sie die Augen nieder. Wenn sie nur erst hinaus wäre, wollte sie die Mutter bitten, sie nie wieder in das Haus zu lassen.

»Ich kam in der Absicht,« sagte der Kammerherr, »das Fräulein um die Ehre zu ersuchen, Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurückfahren zu dürfen. Vorhin begegnete ich Ihrem Herrn Vater, dem Kriegsrath, und er erlaubte mir, diese Bitte an Sie zu richten. Wenn ich Ihre Zustimmung habe, vergönnen Sie mir nur einige Momente mit Ihrer würdigen Wirthin.«

Das Zwiegespräch in der Fensternische ward sehr leise geführt. Mit der süßesten Miene flötete St. Real der Frau ins Ohr: »Sie unverantwortliches Plappermaul! Jetzt, auf der Stelle, wiederhole ich Ihr, schaff' Sie die Predigerfamilie fort!« Wie zutraulich drückte er dabei ihre Hand, und wie war sie erfreut über dies Zeichen von Vertrauen, und bat ihn, ihr ja diese gütige Gesinnung zu bewahren. »Weiß Sie, was der König thut, wenn er's erfährt?« Dabei klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern. – »Nur bis morgen, gnädigster Herr, ich kann sie ja doch nicht auf die Straße schmeißen.« – »Durch den Büttel lässt er Sie aus der Stadt peitschen, und Sie hat's verdient, Sie unverschämtes Mensch!« – »Zu gütig!« – »Ihre Zunge müsste man Ihr mit glühenden Zangen ausreißen, denn sie geht mit Ihr durch, weiß Sie, bis wohin – bis zum Galgen, und Sie hat ihn verdient.« – »Nein, mein Herr Kammerherr sind doch die Obligeance selbst, und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsräthin entführen. Ganz nach Ihrem Kommando.«

»Man hat sich kaum gefreut, so soll die Adelheid schon wieder fort,« sagte Karoline. »Jülli aber sagte, es sei wohl gut, es scheine [142] ihr ein Gewitter aufzusteigen, daß sie das nicht noch überraschte. Sie sah dabei aber ängstlich nach der Thür zum Seitenzimmer. Der Kammerherr meinte, ein Gewitter wäre nicht im Anzuge, es sei dafür zu kühl, aber ein Sturm und Regen. Er fragte, ob Adelheid nur das dünne Umschlagetuch habe?« – »O, wir leihen ihr ein andres,« sagte Jülli. »Ach das rothseidne der chère tante!« rief Karoline. »Adelheid hat's ja noch nicht gesehen. Das ist ja wahr! – Wie prächtig wird sie darin aussehen. Und das hält warm! –«

Der Kammerherr nickte der Obristin zu, sie möge das Fräulein nur recht warm und schön anziehen. Dann ging er hinaus, um nach dem Wagen zu rufen, sagte er. Es mochte aber auch sein, um nicht bei der Toilette zu stören, oder um sich nach dem Lärm zu erkundigen, den man auf der Straße hörte. Ein Reiterregiment ritt vorüber, aber es schien, als ob sie Halt machten, und man hörte Gelächter und Rufen.

Die Obristin hatte das viel besprochene Tuch vom Malayenlande aus der Kommode geholt, als sie im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster warf: »Was das nun wieder ist! Sind doch die Herren Gensd'armen nur da, um Unfug mit ehrlichen Leuten anzufangen!« Sie breitete das Tuch aus, und es glänzte in so köstlichem duftendem Roth, daß Adelheid selbst ein unwillkürliches Ach! ausrief.

Man hing es ihr um, man zog sie vor den Spiegel. Zuerst als wallender Talar. Die Obristin schien darin wirklich geschickt: »Du meine Güte, wie eine Opferpriesterin!« – »Wie eine Königin!«

Der Lärm draußen wurde lauter; kein Aufruhr, aber ein wüstes Gelächter. Man rief Spottnamen hinauf; es schien, als ob von oben geantwortet würde. Darauf ein noch ausgelasseneres Gelächter, und einzelnes gellendes Pfeifen. Die Tante beschwor die Nichten, sich vom Fenster fern zu halten. Sie nahm das Tuch wieder ab, um es anders zu drapiren, als man Jemand die obere Treppe hastig herabkommen hörte, und die Thür aufklinkte. Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu erwarten, als das etwas ängstliche, welches zur halb aufgestoßenen Thür hereinsah. Die Päffchen über der schwarzen Weste verriethen einen Geistlichen. Der geblümte Schlafrock und die lange Pfeife, welche die halbzugehaltene Thür verbergen sollte, und doch nicht verbarg, hätten sich auch zu jedem guten Bürger geschickt, dem häusliche Behaglichkeit über alles geht.

»Haben Sie gehört, verehrteste Frau Obristin?«

»Ach, mein allerbester Herr Prediger!«

»Bitte tausend Mal um Vergebung, wenn ich derangire, insondern [143] wegen meiner Toilette. Aber das ist ja nicht zum Aushalten!«

»Ist Ihnen was arrivirt?«

»Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus, und meine Töchter neben mir, und rauche ganz in Frieden mein Pfeifchen, als Einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach mir weist, ich weiß noch nicht, warum, und darauf strecken Alle die Hälse und heben mit einem Aha! ein schallendes Gelächter an. Sagen Sie mir, was man da zu thun hat. Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet, sehr freundlich und zurechtweisend, sie antworteten mir aber nur durch unarticulirte Laute, nachahmend den Gesang der Hühner durch ein Kikeriki! oder noch unbegreiflicher durch ein sogenanntes Kukuksgeschrei.«

»Ist's die Möglichkeit!« rief die Obristin.

»Ja, von einem der Herren Offiziere, bei denen man doch Bildung annehmen sollte, hörte ich den unanständigen Ausdruck: ›Pfaff' und Pfäffchen!‹ Und Einer rief: ›Gefällt's Dir im Kukukssneste?‹ Wird mir doch in der That bange, denn der Pöbel fängt auch schon an mit zu krähen und die Nachbarn reißen die Fenster auf. Soll ich nun zur Polizei schicken oder erlauben Sie mir, daß ich hier ans Fenster trete, wo sie mich besser hören können, und ihnen recht eindringlich ins Herz rede, wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt, als der Residenzstadt unseres Königs?«

»– Sodom und Gomorrha! Da haben Sie recht, das ist das richtige Wort!« rief die Obristin, erfreut, an ein Wort sich klammern zu können, das sie für den Augenblick aus einer Verlegenheit riß, die, wie man an ihrem Zittern wahrnehmen konnte, schon peinlich geworden. Wie sie sich herausriß, war ihr gleichgültig. »Sodom und Gomorrha, Herr Prediger. O, Sie werden unsere Stadt noch anders kennen lernen. Aber um Gottes Willen nicht die Polizei! Nicht zehn rechtschaffene Menschen unter tausend. Aber nicht die Polizei. Wer sich die auf den Hals ladet, sehen Sie –« Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin- und hergewickelt, bis sie's Jülli zuwarf mit dem Befehl, es ordentlich zu legen, daß es das Fräulein umschlagen könne, und hatte damit schnell einen neuen Ausweg gefunden. – »Sehen Sie, Herr Prediger, das ist's, ein reines pures Mißverständnis. Sehen Sie, Herr Prediger, das Tuch hier, weil's so kokliko roth ist – hier giebt's nicht solche – müssen die Mädchen damit 'rum schmeißen, gegen's Fenster – das haben sie für 'nen Affront angesehen, die Herren Kavalleristen – warum, das weiß der liebe Himmel! Was sehn die nicht für 'nen Affront an, wenn ein ehrlicher Bürgersmann was thut – Sie wissen ja vom Lande, man darf kein roth Tuch aufhalten, dann fliegt das Federvieh [144] – und rothe Federbüsche haben sie – alles, lieber Herr Prediger, nur nicht die Polizei! Und die Herren Offiziere sind, im Grunde genommen, seelensgute Menschen. Nur Jugend! Jugend muß man austoben lassen. Aber nur nicht die Polizei! Soll Ihnen auch Keiner ein Haar krümmen, lieber Herr Prediger, jetzt erlauben Sie, will Sie in ein Dachstübchen schaffen, hinten raus, und Ihre Mamsell Töchter, die lieben Mädchen, wie mögen sich die erschrocken haben, da soll Sie auch keine Seele finden. Denn das Soldatenvolk ist grausam boshaft oft gegen die Herren Geistlichen, ach, und die Herren Offiziere auch, aber unser herzensguter König wird sie schon besser machen. Und heut Abend kommen sehr vornehme Herren vom Hofe her; da wollen wir Alles arrangiren, ganz nach Ihrem Belieben! Nur nicht die Polizei!«

Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentirt, er wusste so wenig warum, als Adelheid den Zusammenhang verstand, und noch weniger, warum die beiden Nichten, die mit ihr allein geblieben, in ein Kichern ausbrachen. Sie fragte nach dem Grunde. Karoline wollte vor Lachen platzen und drehte sich auf dem Hacken. Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte einen Kuß auf ihre Schultern: »Ach 's ist besser für Dich, daß Du das nie erfährst.« – Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise: »Das musst Du mir das nächste Mal sagen, wenn wir uns wiedersehen.« – Jülli drückte hastig einen Kuß auf die schönen Lippen: »Du darfst uns nie wiedersehen. Adieu auf immer!«

Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken geschlungen. Sie musste eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen. In antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter, während die Kleine mit verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog: »Nun sieh Dich in den Spiegel! Das ist Venus, wie sie leibt und lebt, da auf dem Bilde!«

Adelheid sah in den Spiegel und erröthete, als sie den kleinen Betrug entdeckt. Es war ein schöner Anblick, sie musste es sich selbst sagen. Sie hob eben die Hand, um ihren Anzug zu ordnen, als – sie noch etwas anderes im Spiegel sah.

19. Kapitel. Der Sturm bricht los

Neunzehntes Kapitel.
Der Sturm bricht los.

Eine Thür ging auf, und ein junger Mann trat ein. Sein wild schönes Auge, trüb und wüst, wie eines Trunkenen, der eben aus dem Schlaf erwacht, die Haare verstört. Die Halsbinde hing [145] ungeknotet über die Weste, den Rock hatte er nicht nöthig gefunden, anzuziehen. Er blieb auf der Schwelle stehen, und reckte die Arme, um den Schlaf zu vertreiben.

Dies Bild sah Adelheid im Spiegel. Sie blieb athemlos stehen.

Jetzt sah er sie; nur ihre Gestalt in der Wirklichkeit, ihr Gesicht im Glase. Sein Auge belebte sich, es schoß auch im Spiegel einen Blitz, vor dem sie erschrak.

»Was habt Ihr denn da für eine neue Tugend!«

Rasch mit drei festen Schritten war er vorgetreten, und ehe Adelheid ausweichen konnte, hatte er sie umfasst und wollte sie zu sich umdrehen: »Tugend, ich will Dir ins Gesicht sehen!«

»Louis, Du wirst –! Um Gottes Willen, Louis! sie ist nicht von hier!« hatte Jülli geschrieen, und riß vergebens an seinem Arm. »Eure Larven kenn' ich.« Im selben Augenblick war die andere Thür aufgeflogen, die Obristin hereingestürzt. Ihre sonst so gutmüthigen Augen funkelten: »Der wieder da! O, das musste noch kommen! Für einen verlorenen Sohn ist Die zu gut! Reißt sie dem Trunkenbold aus den Armen!« Es wäre nicht unmöglich gewesen, daß sie mit ihren Fingern einen Griff nach dem Gesicht des jungen Mannes versucht, wenn nicht Adelheid sich jetzt rasch umgewandt, die herabgefallenen Locken aus dem Gesicht gestrichen hätte und gerufen: »Mein Herr! So sehe ich aus.«

Es war etwas Ueberwältigendes in dem Blicke der äußersten Entrüstung, was man nicht vergisst, im Tone der Stimme ein Metall, das Keiner bis da gehört; es tönte durch das Zimmer und in den nächsten Sekunden hörte man nichts anderes.

Er hatte sie unwillkürlich losgelassen. Sie standen nicht einen Schritt von einander, und ihre Blicke begegneten sich. Sie wollte sprechen, aber die Stimme versagte ihr. Thränen wären eine Wohlthat geworden, es überstürzte sie nur eine krankhafte Hitze, der sogleich eine fieberhafte Kälte folgte. Sie wandte den Kopf ab, bedeckte das Gesicht, und, ein Schrei der gepressten Brust, stürzten die Worte heraus: »O, mein Gott, wo bin ich hingerathen! Was ist das mit mir!«

Sie wankte; aber sie schauderte vor der Obristin, die sie auffangen wollte, sie tappte mit aufgehobenen Armen, als der junge Mann eine Bewegung machte, war's, seine Beute wieder zu ergreifen, war's, der Ohnmächtigen beizustehen. Aber die Erscheinung eines andern fremden Mannes der ein: »Halt, mein Herr!« ihm entgegen rief, veränderte die Scene.

Es war ein hochgewachsener Mann von leichtem, vornehmem Anstande. In seinem blassen, ausdrucksvollen Gesicht, in dem man einen Philosophen, Staatsmann, wenigstens einen Denker erkennen[146] mögen, brannten auch zwei dunkle Augen, nicht groß, aber bedeutend durch den Ausdruck edlen Zornes, der in ihnen glühte. Ein Mann von mittleren Jahren, der aber durch die Entrüstung, den Stolz seiner Haltung, die Elasticität der Bewegung, um vieles jünger schien. Es war ohne Zweifel das bedeutendste, ausdruckvollste Gesicht im Zimmer, vielleicht, was man überhaupt in diesen Räumen gesehen, ein Mann, in dem jeder Muskelzug, jede Bewegung die Weltkenntniß und Erfahrung ausdrückten und ein Mann, der geboren schien, um zu imponiren. Den leichten Umwurfmantel, mit dem er ins Zimmer getreten, hatte er schon an der Thüre abgeworfen und stand im schwarzen Civilkostüm dem Andern gegenüber.

Auf dem Gesichte dieses Jüngern, dem die Leidenschaften viele Falten eingedrückt hatten, suchte man indeß umsonst nach einem Zuge, der eine Inklination verrieth, sich imponiren zu lassen. Mit einem verächtlichen Achselzucken: »Das geht Sie nichts an! Die Dame ist ohnmächtig!« wollte er an ihm vorüber. Ein: »Elender zurück!« donnerte ihm entgegen. »Ihr Arm darf die Unschuld nicht berühren.« Die Hand des Kavaliers hatte die Halsbinde des jungen Mannes gefasst, als dieser auch auf diese Worte nicht geachtet. Ein fürchterlicher Blick des Jüngeren, während seine Arme krampfhaft zitterten, sagte dem Kavalier, was er im nächsten Moment erwarten konnte, wenn er nicht zuvor kam. Louis war unzweifelhaft der Stärkere, aber er war in einer ungünstigen Stellung, des Angriffs nicht gewärtig, noch vom wüsten Traumschlaf ermattet. Der Kavalier war auf einen Angriff gefasst eingetreten, wahrscheinlich ein gewandter Fechter, der die Schwäche des Gegners zu nutzen weiß. Ihn kurz an sich ziehend, warf er ihn mit einem heftigen Stoß zurück: »Schlafen Sie Ihren Rausch aus!«

Louis fiel auf einen hinter ihm stehenden Stuhl; doch so heftig gegen die Lehne geschleudert, daß er einen Moment besinnungslos blieb. Ein fürchterlicher Moment. Heulen, Schreien, Lärm jeder Art.

Es polterte von oben, es stürmte die Treppen herauf, Leute waren eingedrungen ins Haus, schon sogar als ungerufene Zeugen ins Zimmer. Als Adelheid, an die Wand gelehnt, ihre Besinnung zurückkam, hatte auch der junge Mann sie wieder gewonnen. Es war der entsetzlichste Blick, den sie gesehen, eine Basiliskenblick, die Zornader glühte auf seiner Stirn und die Brust hob sich wie eine Meereswelle, als er aufsprang und nach einer Waffe griff. »Mord!« »Todtschlag!« »Polizei!« – »Blut!« schrieen verwirrte Stimmen. Dem Stuhle, den der Rasende wie eine Keule in der Luft schwang, hätte der Galanteriedegen, den der Andere rasch gezogen, nicht parirt. Aber die Obristin fasste nach dem Stuhlbein, als der Degen schon mit einem gefährlichen Parirstoß nach der Brust zückte. Jülli sah die Spitze funkeln, sie hing an Louis Brust, sie umklammerte [147] seinen Hals, ein Schild, das ihn schützte, aber ihm die freie Bewegung raubte: »Louis, nicht Dein Blut!« Der Stoß des nur zur Vertheidigung gezückten Degens hätte tödtlich werden können, wo der Feind in blinder Wuth sich auf den Gegner gestürzt hatte, als Adelheid dem Kavalier in die Arme fiel: »Um Gottes, um Gottes Barmherzigkeit willen, kein Blut um mich!«

Es war alles das Werk eines Momentes. Die Degenspitze hatte Jülli's Schulter gesteift; es rieselte roth von ihrem Nacken. Im selben Augenblicke trennte ein dritter Fremder die Kämpfer. »Auch Mord und Blut in diesem Sündenhaus!« Des Predigers Gesicht war krampfhaft verzogen, er hob die zitternden Arme gegen die Obristin; er drohte ihr, aber die Stimme schien auch ihm zu versagen. Er griff in die Tasche und warf ihr eine kleine Börse zu Füßen: »Weib, mach' Dich bezahlt mit meinem Sparpfennig.«

Der Lärm hatte inzwischen einen bacchantischen Charakter angenommen. Den Pöbel kitzelte die wilde Luft, hier die Nemesis zu spielen, zerstören zu können. Die Träger der Effekten des Predigers, die er in aller Hast hinunterschaffen ließ, fanden auf Treppen und Thüren kaum Durchweg; man wollte untersuchen, ob nichts Verdächtiges damit entschlüpfe. Rohe Witzworte begleiteten diese Improvisation. Noch ärgere Invektiven schallten von der Straße, denn das Gerücht von dem, was im Hause sich zugetragen, wuchs natürlich je entfernter man davon stand. Die Schwadronen zogen ab, und das von den Blasinstrumenten angestimmte Lied: »Ach, du lieber Augustin!« dröhnte als Parodie durch das Getöse. Da hatte die Obristin, die nicht nach dem Geldbeutel griff, denn sie sah, es war hier mehr verspielt, eine unbeschreibliche Wuth ergriffen. Die Larve der Sanftmuth und Gleisnerei war abgefallen, die innerste Natur des gemeinen Weibes hatte sich herausgekehrt und ihre funkelnden Augen und fletschenden Zähne suchten nach einem Gegenstand der Rache. Sie hatte ihn gefunden. Den Geistlichen hatte sie mit dem Ellnbogen und einem Schimpfwort bei Seite geschoben, die »Natterbrut an ihrem Busen,« die ihr so mit Undank gelohnt, die den Störenfried versteckt, sollte es entgelten. Aber stand der nicht selbst vor ihr, der all das Unglück angerichtet, – mit seinen bösen, schönen Augen? Sprach sie's aus, oder sah sie's an ihren gespitzten Fingern, an den gehobenen Armen, die Hyäne auf dem Sprunge? Jülli's Augen funkelten auch dämonisch: »An seinen schönen Augen Deine Hand, Du schändlich Weib! Erst über meinen Leib, den zertritt nun vollends!«

»Die Weiber bringen sich um!« schrie es. »Polizei!« Schon arbeitete der Kommissar sich durch die Thür. Das Weib hatte das Mädchen an der Schulter gepackt, wo der Degen gestreift. Das Mädchen stieß einen Schmerzensschrei aus und sank ohnmächtig [148] nieder, während von hinten eine andere Megäre die Wüthende umklammerte. Auch hier eine abgefallene Larve, auch hier die lang verhaltene Wuth einer gemeinen Natur, die keine Rücksichten mehr kennt!

Der Polizeibeamte sah nicht mehr des Kavaliers gezückten Degen, er hatte ihn eingesteckt, auch der geschwungene Sessel war längst aus Louis' Händen zu Boden gefallen; er saß, zurückgesunken in einem Stuhl und starrte, Todtenblässe im Gesicht, auf das zu seinen Füßen liegende Mädchen, seine Lebensretterin. Der Polizeibeamte sah nur die ringenden Weiber, eine blutbedeckte Hand von der zusammenschnürenden Umarmung einer Wüthenden in die Luft gestreckt. Mit kräftigem Arm, mit dem Griff des Säbels, der unsanft auf ihre Schultern fuhr, riß er sie auseinander. Die beiden Sergeanten ergriffen die Obristin und Karolinen. Indem sein Blick umherstreifte, nach den übrigen Komplicen zu suchen, fiel er zunächst auf Adelheid. Sie war, von Mitleid fortgerissen, neben der Verwundeten hingekniet; aus dem natürlichen Impuls sich den Blicken zu verbergen, beugte sie sich tiefer über das unglückliche Mädchen als nöthig war, in dem Augenblick vielleicht das glücklichere; sie wusste ja nicht, was um sie vorging. Auch Adelheid wusste es kaum, als die rauhe Hand des Kommissars sie aufriß: »Aufgestanden! Marsch!« – »Sie ist unschuldig!« rief eine Stimme. – »Da den Beweis ihrer Unschuld!« sagte der Kommissar, und zeigte Adelheids Hand, auch sie blutig von der Berührung. »Auf der Wache wird sich alles herausfinden, mein schönes Kind. Einstweilen mitgefangen, mitgehangen.« – »Sie ist unschuldig!« schrie Louis, aus seinem Starrsinn erwachend. Er war aufgesprungen. Der Beamte sah ihn mit einem höhnischen Blicke an: »Wenn man Sie als Zeugen aufrufen wird, ist Zeit für sie zu sprechen. Oder sind Sie etwa auch unschuldig? Die Person hier auf eine Trage, und vorsichtig! Auf der Wache wollen wir untersuchen, wo sie hin muß.«

Wie so viele Nadelstiche bohrte das rohe Gelächter in Adelheids Herz. An wen sich wenden! Sie hatte keinen Freund, keinen Bekannten hier. Der Kammerherr war verschwunden. Sollte sie das Weib anrufen, das jetzt noch kochte, und, grimmige Blicke mit dem andern Mädchen tauschend, von neuen Thätlichkeiten nur durch die Wache abgehalten ward? Und was hätte deren Zeugniß in dieser Lage ihr geholfen? Durfte sie den Namen ihres Vaters nennen?

Der Retter stand aber schon vor ihr: »Diese Dame ist an den Auftritten hier so unbetheiligt als ich selbst,« rief der Fremde; und schon sein Kostüm und Anstand brachte auf den Kommissar so viel Eindruck hervor, daß er unmerklich Adelheids Arm losließ. »Ich bin der Legationsrath, Kammerherr von Wandel aus Thüringen. [149] Auf der Rückkehr von der Tafel Seiner Königlichen Hoheit führte mich der Zufall, ich meine der Spektakel, in dies Haus, und ich kam glücklicherweise noch zu rechter Zeit, um dies junge Mädchen vor Beleidigungen zu retten, über die ich, wenn es erfordert wird, Zeugniß ablegen kann. Ich verbürge mich für den unbescholtenen Ruf der Dame, deren Name und Familie mir bekannt sind, und die nur der Zufall oder die Bosheit hierher locken konnte. Diesem würdigen Geistlichen und seiner Familie ist es nicht besser ergangen. Daß sie keinen Theil an den Excessen dieser Personen da hat, brauche ich kaum auszusprechen; das Blut an ihrer Hand rührt, wie Sie sehen, von der liebreichen Pflege, die sie jenem armen Geschöpfe angedeihen ließ.«

Der Polizeikommissar verneigte sich leicht vor dem Fremden, nachdem dieser ihm den Namen des Vaters ins Ohr geflüstert hatte: »Diese Demoiselle kann demnächst auf Bürgschaft des Herrn Legationsraths entlassen werden.«

»Und ich ersuche Sie, mein Herr Prediger,« wandte sich der Legationsrath an den durch das Gedränge noch immer festgehaltenen Geistlichen, »das junge Mädchen unter dem Geleit Ihrer Töchter aus diesem Hause zu bringen. Sie bedarf eines weiblichen Schutzes vor Neckereien und Brutalitäten, die Begleitung eines Mannes, wer es auch sei, würde sie nur anlocken.«

»Bleiben Sie mir vom Leibe! Soll ich noch von der Brut mir anhängen, wo ich kaum weiß, wie ich mit meinen unschuldigen Töchtern ohne Insulten davon komme?«

Dem Geistlichen diente die eigene peinliche Lage gewiß zur Entschuldigung, wenn er jetzt so hart erschien, als er früher leichtgläubig gewesen. Auch die Reden unter den Zuschauern konnten ihn rechtfertigen, denn man zischelte sich zu oder sagte es vielmehr ganz laut: »Die Hübscheste wird losgerissen von dem vornehmen Herrn.« »Das weiß man schon, an wem nichts mehr zu verlieren ist, den lässt man dem Galgen.«

Der Polizeikommissar, der mit dem Bleistift einige Notizen gemacht, wies auf Louis: »Wollen Herr Legationsrath auch etwa für diesen jungen Herrn bürgen?«

»Mich dünkt, sein Zustand bürgt für ihn,« sagte Wandel. »Wenn er ernüchtert ist, wird er selbst am besten Rechenschaft geben, welche Motive ihn in dies Haus geführt. Ich meinerseits habe durchaus keine Ansprüche an den Sohn des Herrn –«, er flüsterte wieder den Namen in das Ohr des Beamten, »sollte der Herr Forderungen an mich haben, so ist ihm meine Adresse bekannt,« setzte er scharf betonend mit einem eben so scharfen als kurzen Blick auf den Betreffenden hinzu.

»Demoiselle,« sagte er dann, Adelheid seinen Arm bietend, »da [150] sich kein anderer Ritter findet, müssen Sie sich meinem Schutz anvertrauen. Platz!« Die Menge machte ihn. Im Hinausgehen sah Adelheid unwillkürlich zurück. »Sie mögen sich entfernen, Herr von Bovillard,« hatte der Komissar diesem zugeflüstert, indem er anscheinend in seinem Taschenbuche Bemerkungen notirte. »Doch erst nachher, wenn die Menge sich verläuft. Sie verdanken diese Berücksichtigung dem Zeugniß des Herrn Legationsrath; Sie werden selbst am besten wissen, daß die Polizei andere über Sie hat.« Der junge Mann stand aufgerichtet, wie eine Bildsäule, regungslos; seine Hand wühlte krampfhaft in der Brust, nur die Augen schossen noch einen Blick auf Adelheids Begleiter, dessen Ausdruck sich nicht beschreiben lässt. Es war nicht mehr das Feuer des Zornes, nicht das Aufprasseln eines Brandes, der seinen Höhepunkt erreicht, es war die Gluth des Hasses, die still fortlodert, weil sie unerschöpflichen Stoff unter der Asche gefunden. Und doch zuckte dies stiere Auge, als es dem des jungen Mädchens begegnete, und senkte unwillkürlich die Augenlider.

»Eilen Sie!« rief ihr Begleiter. »Draußen ist frische Luft.« Sie schwankte an seinem Arm, als er sie durch die Thür gerissen.

»Nur einen – einen Augenblick nur!« – stöhnte sie im Vorzimmer. »O Gott, mein Vater, meine Mutter!« Sie war in einen Sessel im Vorzimmer gesunken. Der Retter hatte ein Etui mit kleinen Essenzfläschchen aus der Tasche gezogen und tupfte, vorsichtig Tropfen davon auf den Finger gießend, über ihre Stirn. Die Vorübergehenden machten ihre Glossen, es waren keine freundlichen. Ein Glück für die Ohnmächtige, daß sie nichts davon hörte. Ihr Begleiter hörte und verstand sie. Aber keine Miene, kein Blick verrieth ein innere Bewegung.

Er betrachtete die Ohnmächtige wie der Kenner ein Bildwerk. Als das Zimmer zufällig leer war, lüftete er vorsichtig das Tuch, das sie um sich geschlungen: »In der That ein Prachtwerk der Schöpferin. Fast zu schön, um es zu verschwenden, setzte er hinzu. Und doch, wenn wir es nicht verschwendeten, nicht mehr werth, als eine Mumie in einer Raritätensammlung.«

Erst die Tropfen aus dem letzten Fläschchen, die er noch behutsamer anwandte, brachten die Wirkung, die er beabsichtigt, hervor. Es musste eine sehr starke, gefährliche Essenz sein, denn nur, nachdem er verdrießlich nach der Uhr und der Sonne gesehen, und die Schläferin, ohne daß sie erwachte, stark am Arm gerüttelt, hatte er die doppelte Metallkapsel und den Stöpsel gelüftet. Sie war erwacht, aber ihre Augen, ihr Athmen, ihr Lächeln, bald auch ihre Sprache, zeugten von einer Einwirkung auf die Nerven, die der Retter nicht beabsichtigt hatte. Sie erhob sich und sprach in Extase. Es war das schöne Metall der Stimme, das vorhin fast [151] berauschend ins Ohr der Zuhörer geklungen; aber hier nicht ein schneidender Laut der Todtenglocke, es klang und wogte melodischer, wie ein Lobgesang, als sie ihrem Retter ihren Dank aussprach, ihn versichernd, es werde alles gelingen, alles gut werden, er sollte nicht sorgen. Sie sprach sehr schnell. Der Legationsrath kniff sich ängstlich in die Lippen, als sie Schiller'sche Verse recitirte, von der Tugend, die kein leerer Wahn, von der Welt, die das Strahlende zu schwärzen liebe, aber die edlen Herzen schlügen überall, auch im Hause des Verderbens. O wie würde sich ihr herrlicher Lehrer freuen, welch ein Triumph für ihn, daß sein Wort in Erfüllung gehe: nur durch die Leiden, die großen Leiden, entwickele sich die Seele. Und wie erst würde ihr Vater sich freuen, wie sehne sie sich, ihm in die Arme zu sinken. Da, da! – sie zeigte ans Fenster. Die Thürme auf dem Gensd'armenmarkt glühten in der Abendsonne, in jener wunderbaren Pracht, wie sie ein kalter nordischer Abendhimmel zuweilen auf die Dächer und Spitzen höherer Gebäude ausgießt; die gelben Streiflichter am fernen Horizont deuteteten aber dem Kenner, daß diese schöne Röthe kein Vorbote eines schönes Tages sei. »Mein Vater sieht sie auch aus seinem Fenster, er freut sich, und er darf sich freuen, denn bald werde ich auch in seine Arme stürzen, roth von dieser Sonne angeleuchtet.«

»Wickeln Sie sich fester in Ihr Tuch, Mademoiselle. Sie sind erhitzt, und es ist sehr kühl draußen geworden.« Das Gewitter, das sich auswärts entladen, hatte eine empfindliche Kälte verursacht.

»In dies Tuch!« rief Adelheid, als der Legationsrath bemüht war, den seidenen Shawl um ihre Schultern zu ziehen. Sie riß es hastig ab und schleuderte es in den Winkel. »Es ist nicht meines.« Sie schauderte. »Fort, fort, nach Hause!«

»Unmöglich, Demoiselle! Sie ziehen sich eine gefährliche Krankheit zu. Wenn das Tuch nicht Ihnen gehört, schicken wir es sogleich zurück. Nur bis ich Sie zu Ihrem Vater gebracht.«

»Mein Vater soll das Netz nicht sehen, worin sie seine Tochter fangen wollten.« Sie hing sich mit Ungestüm an seinen Arm. »Mich friert, aber nur hier. Gewiß nur hier, da draußen ist es warm.«

Auch den Legationsrath fröstelte. Er konnte die Retterrolle, die er übernommen, bereuen. Die entschlossenen Züge seines Gesichts schienen dem zu widersprechen. Aber seine Lage war eine kitzliche für einen vornehmen Mann, dem der Anstand vor der Welt allen Rücksichten vorangeht. Oeffentlich aus diesem Hause eine Dame zu führen, deren aufgeregter, halb verwildeter Zustand den Vermuthungen, die sich von selbst machten, nur zu sehr Thor und Thür bot. »Sie ist ja offenbar betrunken,« musste er im Vorbeigehen [152] hören. »Die Schminke eben abgewischt,« sagte ein Anderer. »Und in der Windfahne auf offener Straße!«

Dies waren nicht mehr die Stimmen des Pöbels, es waren die Urtheile ruhiger Bürger. Es waren dieselben Personen, welche vorhin den Prediger und seine Töchter vor den Insulten der Buben geschützt. Denn diesen Landmädchen sähe man es ja an, daß sie nicht in das Haus gehörten, aber es sei doch eine Verhöhnung alles Anstandes, wenn ein Kavalier im Hofkostüm mit einer solchen frechen Dirne ohne Scham und Scheu auf offener Straße sich zeigt. So etwas sei selbst zu den schlimmsten Zeiten der Lichtenau'schen Wirthschaft nicht vorgekommen.

Zum Glück hörte davon Adelheid nichts. Der Legationsrath hörte Alles, aber keine Miene verrieth es. Die ruhigen Bürger blickten ihm kopfschüttelnd, die Gassenbuben liefen ihm höhnend nach. Er schwieg auch da, er beschleunigte nicht einmal seine Schritte. Er suchte nur nach etwas, vielleicht nach einem Bekannten, nach einem Fiaker konnte er sich nicht umsehen, es gab deren in Berlin noch nicht. »Wissen Sie die Wohnung meines Vaters?« fragte Adelheid. »Ich weiß sie.« Aber er nahm eine andere Richtung und beschleunigte jetzt seine Schritte. Als Adelheid ihn daran erinnern wollte, trat er an eine offene Kutsche, welche in der Querstraße vorüberfuhr, und gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten, zum großen Befremden der Dame, welche darin saß; zu ihrem noch größeren aber redete er sie bei ihrem Namen an und bat sie um einen Dienst der Menschenfreundlichkeit. Er nannte seinen Namen. Eine leichte Röthe überflog die blassen Wangen der Geheimräthin Lupinus. Sie neigte sich anmuthig über den Wagenschlag, sein Anliegen zu hören.

»Erlauben Sie, daß ich französisch spreche,« sagte er, »wegen der Zuhörer.« Es blieb zweifelhaft, ob er die Gassenbevölkerung meinte, die sich schon um den Wagen drängte, oder Adelheid, die noch an seinem Arm hing. In einer fließenden kurzen Darstellung mit einem Accent, in welchem die Geheimräthin den Pariser zu erkennen glaubte, erzählte er die skandalösen Vorfälle in dem Hause ohne alle Personen, die darin verwickelt waren, zu nennen, und den wahrscheinlichen Grund, wie das arglistige Weib das junge Mädchen in ihr Garn gelockt. »Sie sehen, Madame,« schloß er, »die schreckliche Lage, in welche eine Verkettung von Umständen die Tochter ehrbarer Eltern gebracht hat. Wenn es mir auch dort mit meinem Degen gelang, sie vor der Brutalität zu schützen, so ist der Stahl doch eine ganz unzulängliche Waffe gegen böse Vermuthungen und die aufgeregte Populace hier. Ich rufe vertrauensvoll Ihre Hülfe an. Meine Bitte, sie in Ihrem Wagen aufzunehmen und den Eltern zu überliefern, ist nur der geringste Theil meines Anliegens. Die [153] Ehrenrettung des jungen Mädchens erfordert einen offenen Akt der Anerkennung. Wenn Sie sich entschließen könnten, sie hier öffentlich zu embrassiren, so ist ihre Ehre wenigstens vor diesem Straßenpublikum retablirt. Denn wer kann zweifeln, wenn eine Dame vom Ruf der Frau Geheimräthin Lupinus sie dieser Auszeichnung werth hält.«

Die Geheimräthin war durch die Vorstellung nicht unangenehm berührt. Sie fragte leise übergebeugt: »Wer ist ist eigentlich die junge Person, ich hörte den Namen nicht deutlich.« – Der Name des Kriegsraths mochte der Geheimräthin eine sehr gleichgültige Bekanntschaft sein. Aber sie stieß plötzlich den Schlag auf und breitete ihre Arme dem jungen Mädchen entgegen, welches der Legationsrath rasch hineinhob.

»Meine wertheste Demoiselle, mein liebes Kind, wie konnte ich auch nicht gleich die Tochter meines Freundes, des wackeren Kriegsraths erkennen! Das ist ja abscheulich, daß Ihre Gouvernante so wenig Ortskenntniß hat und sich in das Haus verirren musste! Aber wie sind Sie in diesem Jahre gewachsen, ach und wie echauffirt! Johann, schnell den Mantel aus dem Kasten! Ich hoffe, das wird nicht von üblen Folgen sein. Wie sie zittert! – Herr von Wandel, es giebt eine Justiz hier und einen König, der solchen Affront, einer achtungswerthen Familie angethan, strafen wird.«

»Dessen bin ich gewiß!« rief der Legationsrath seinen Hut abziehend.

»Mein Gott, Sie steigen doch auch ein?«

»Meine Gegenwart könnte stören.«

»Wie das? Wer verdient wie Sie den Dank des erfreuten Vaters entgegen zu nehmen? O rasch ein, daß ich das Vergnügen habe, dem Manne den Wohlthäter, den Retter seines Kindes zu präsentiren.«

»Erlauben Sie mir, ich bitte inständigst darum, Ihre gütige Einladung ablehnen zu dürfen. Es giebt Erörterungen, welche das Gefühl verwunden; die Wunde wird schmerzlicher, wenn ein fremder Mann sich in das Heiligthum des Familienkreises drängt. Vermuthungen könnten aufsteigen, die, so empörend sie klingen, doch immer ihr Recht verlangen. Den Dank, ach, mein Gott wer denkt in dieser Welt an Dank! – Es ist Ihr Schützling jetzt, tragen Sie das ganze Wohlwollen Ihres edlen Herzens auf die Arme über, und, wenn es anginge, verschweigen Sie meinen Namen. Ich übte nur die Pflicht eines jeden Kavaliers, weiter nichts, Sie setzen Ihren guten Namen an ein gutes Werk und auf die bloße Bitte eines Ihnen fremden Mannes. Vergönnen Sie ihm nur, dieser Tage seine Aufwartung zu machen, um sich nach dem Wohlergehen Ihres Schützlings zu erkundigen.«

[154] »Ein Mann von seltener Delikatesse,« sagte die Geheimräthin, nachdem er sich beurlaubt. Adelheids Zustand erforderte ihre ganze Sorgfalt. Sie saß wieder sprachlos, in sich versunken, und ein heftiger Fieberfrost fing ihre Glieder zu schütteln an. Der Kutscher erhielt den Auftrag rasch zu fahren.

20. Kapitel. Abällino, der große Bandit

Zwanzigstes Kapitel.
Abällino, der große Bandit.

Als die Polizei die Thüren der Wohnung verschlossen hatte, war manches in derselben nicht mehr, wie es vorher gewesen. Die Volksjustiz hatte geglaubt, auch ihrerseits für die gekränkte Sitte Rache nehmen zu müssen. Die Polizei hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt, um ihren ungebetenen Helfershelfern überall auf die Finger sehen zu können, und diesem Umstand darf man es zuschreiben, daß, als sie die Wohnung räumte, eine Person, ganz von ihr übersehen, zurückgeblieben war.

Die Hände fest auf die Stirn gespannt, den Kopf auf die Stuhllehne gedrückt, saß, ob schlafend, träumend, in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken, wir wissen es nicht, der junge Bovillard. Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken. Er sprang auf. Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle, wo der Legationsrath zuletzt stand, wo er seinen Blick aushalten musste, und mehr als das, wo der Mann, der ihn tödtlich beleidigt, als sein Fürsprecher auftrat. Ihm verdankte er seine Freiheit und – doch hätte er eine Wollust darin empfunden, wenn er mit seinen Händen ihm die Kehle zuschnüren, wenn er ihn erwürgen können. Den Arm mit der geballten Faust streckte er aus – zum Zweikampf mit einem Luftbilde? Aber indem er ihm in dem Augenblick einen tödtlichen Haß schwur, übergoß ihn die Röthe der Scham. Wie Vielen hätte er den Todhaß schwören müssen, die alle Zeugen seiner Beschämung gewesen! Noch eine andere Erinnerung stieg auf, er drückte mit der Faust gegen die Stirn und athmete schwer. Dann suchte sein Auge an der Wand drüben, nach der Thür, durch welche Adelheid fortgeführt ward. »Und von dem Schuft!« Es war das erste laute Wort, und der Schall schien die neckischen Geister zu wecken, die an der Stätte der Zerstörung geschlummert hatten.

Im letzten Sonnenstrahl, der durch die oberen Scheiben drang, wirbelte der dichte Staub, der sich noch immer nicht gesetzt hatte. Es schwirrte in der Luft von Fasern und Federn, die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern, der Spiegel war zerschlagen, Stühle und Tische umgestürzt, den weiblichen Figuren auf den Gemälden [155] hatte man mit Kohle große Bärte angemalt. Er stieß die Thür auf. Im Vorzimmer war es still und leer. Schien er doch zu suchen, ob nicht Jemand wie er zurückgeblieben wäre, ob er nicht vielleicht ein stilles Schluchzen höre? Es waren die Tauben auf dem Dache. Er sah sich noch ein Mal um, ehe er die Wohnung verlasse, und aus dem gebrochenen Spiegel grüßte ihn sein Bild, ihn daran erinnernd, daß er so auf der Straße sich nicht zeigen dürfe. Er ging nach dem Seitenzimmer zurück, seinen Rock zu holen. Die Luft wimmelte wie von Schneeflocken. Von der Zugluft, welche die aufgestoßene Thür verursachte, wirbelten die Federn aus den Betten, welche sie in muthwilliger Zerstörungslust aufgeschnitten. Vergebens suchte er nach Rock und Hut. Sie waren verschwunden, gestohlen. Fort aus dieser Höhle der Verwüstung! Die ihm wohlbekannte Hinterthür war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Er eilte zurück nach dem Vorzimmer, auch diese Thür war zu; er war eingeschlossen. Sollte er Lärm machen? Nach so vielem Lärm? Er hatte keinen Grund die Trommel des Aufruhrs zu rühren.

Indem er noch, unschlüssig was er solle, aufmerksam beobachtend umher ging, fiel sein Auge auf einen Kamin, der nach alter Art in einen weiten, aber nur kurzen Schornstein führte. Er erinnerte sich aus fröhlichen Abenden, daß die heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestört wurde, wenn es stark wehte, selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier getrieben wurden.

Indem er den Kamin untersuchen wollte, ob von da vielleicht ein Ausgang zu entdecken wäre, entdeckte er etwas, was er nicht erwartet, einen Stock und zwei Beine, die sich vergebens in die Höhe zu ziehen suchten. Als er sie ergriff, stieß eine Stimme, die unzweifelhaft zu den Beinen gehörte, einen Angstschrei aus, er zog einen vollständigen Menschen herunter, weit vollständiger und anständiger gekleidet als er, gefärbt wie er, nur nicht weiß vom Federstaub, sondern schwarz vom Ruß.

»Ach Sie, Bovillard,« sagte der Geschwärzte aufathmend, »Gott sei Dank! Ich glaubte es wäre der Polizeikommissar.«

»Ich freue mich auch ungemein, gerade den Herrn von St. Real zu begrüßen. Wie befinden sich Herr Kammerherr? Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich zu meinem Bedauern ans Bette.«

»Sie sehen, ich bin wieder passabel hergestellt.«

»Ja, wer schon gymnastische Uebungen machen kann! Aber im Schornstein ist das doch etwas unbequem. Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium, ein Herr Jahn, der will öffentlich Unterricht in der Gymnastik geben. Wie ich höre, beabsichtigt er[156] damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere des Menschengeschlechts. Da sollten Sie sich melden, bester Kammerherr!«

»Pestilenz! Wo kommen Sie her, Bovillard?« rief der Kammerherr, sich schüttelnd.

»Von einem Dejeuner bei Dallach. Ich versichere Sie, Kammerherr, der Mann perfektionirt sich. Austern, wie frisch aus der See, ein Caviar, und ein Burgunder, der Minister kann ihn nicht besser haben. Schade, daß Ihr Podagra den Burgunder, oder der Burgunder Ihr Podagra nicht verträgt. Wir vertrugen uns vortrefflich, lauter Freunde einer Gesinnung, alles Verehrer der Schick. Nein, sie hat doch eine Stimme, darüber geht nichts!«

»Ihre Stimme in Ehren, aber Ihre, Bovillard, war mir lieber. Wenn der verfluchte Kommissar hier Wache gehalten hätte, bis ich erstickt war!«

»Kommen Sie von oben da her, Kammerherr? Oder wollten Sie oben hinaus?«

»Ich war hierhergerathen, ich weiß noch nicht wie.«

»Vermuthlich wie ich.«

»Damit der Rothkragen mich nicht finde, kroch ich in der ersten Bestürzung da hinein. Nun aber, theuerster Mann, können Sie mir nicht gelegener kommen. Ich habe eine dringende Bitte an Ihre Gefälligkeit.«

»Ich gleichfalls.«

»Schaffen Sie mir meinen Wagen, versteht sich, dort um die Ecke. Ich hoffe, der Kerl wird sich von selbst retirirt haben, als der Skandal los ging. Dann rekognosciren Sie etwas Luft und Terrain.«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen, rechnen Sie auf meine Bereitwilligkeit. Liebster, junger Mann, wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen schenkten, hoffe ich gewiß, die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lösen.«

»Nichts von Frieden, ich will Krieg. Sie haben hier gelauscht, Sie erfuhren, Sie wissen Alles, hätten Sie etwas vergessen, will ich Sie daran erinnern. Dem Herrn von Wandelstern, oder wie er heißt, will ich den Hals umdrehen, natürlich ganz in legaler Weise, durch Pistolen oder Stichdegen, wie es ihm mehr Vergnügen macht. Sie sollen mein Cartellträger sein. Die Sache eilt, weil man so etwas leicht vergisst; und auf der Stelle, wenn Sie los sind, ersuche ich Sie, in eigener Person zu ihm zu fahren, meine Herausforderung zu bringen und das Nöthige mit ihm abzumachen.«

[157] St. Real sah etwas verblüfft den Andern an und wollte seine Hand fassen: »Liebster, junger Mann, um solche Kleinigkeiten –«

»Da ist nun der Geschmack verschieden, Herr Kammerherr, ich behandle das Kleine groß, Andre das Große klein. Da muß man Jeden seinem penchant überlassen.«

»Mein Gott, theuerster Freund, bei solcher Art von Konflikten muß man nicht mit gefärbten Gläsern sehen. Wo nichts zu gewinnen, muß man nichts einsetzen. Sie begreifen, daß gewiß Niemand von dem plaudern wird, was hier vorfiel. Unter Kavalieren ist es eine stillschweigende Uebereinkunft, daß man an solchen Orten sich nicht kennt. Die Person ist ja nun auch verschwunden, sie wird über die Grenze geschafft. In ein paar Tagen, wie gesagt, ist der Vorfall vergessen und verdampft wie ein Rausch. Stänkern Sie nicht darin, liebster, bester, junger Mann.«

»Die Person! Sie meinen die Frau Obristin Malchen. Das ist ja eine höchst respektable Dame. Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion, die ihr nur Ehre bringen kann.«

»Liebenswürdiger Schäker! Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel?«

»Vermuthlich ein eben so respektabler Herr, wie Ihre Freundin.«

»Theuerster Bovillard, Sie irren sich. Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn Vaters; ich versichere Sie, einer der feinsten Köpfe, ein Mann der Wissenschaft, ein Gelehrter, ein Mann von stupenden Kenntnissen, ein Diplomat und von den liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie müssen sich kennen lernen. O, Sie werden es mir danken. Und dabei ein Gemüth wie ein Kind, unwiderstehlich bei den Damen. Ich sage Ihnen, Sie werden Freunde werden, wenn ich Sie bei ihm einführe, Sie werden sehen, er hat Alles vergessen.«

»Ich nicht, mein Herr!« trumpfte Bovillard. »Entweder, oder – Wollen Sie nicht?«

»Sein Sie überzeugt, ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus.«

Der Jüngere eilte ans Fenster, um es aufzureißen.

»Bovillard! Was wollen Sie thun?«

»Die Polizei rufen. Wissen Sie nicht, daß wir eingeschlossen sind? In dem leeren Nest habe ich nicht Lust die Nacht zu verbringen.«

»Sind Sie rasend! Man würde –«

»Uns auf die Wache bringen. Ganz in der Ordnung. Wer bei einbrechender Nacht in einem verdächtigen Orte betroffen wird, und sich nicht ausweisen kann, daß er dahin gehört, wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht. Das ist das erste Erforderniß [158] eines gesetzlichen Staates. Der Staat muß auch seine Ruhe haben, wie jeder Mensch, wenn er schlafen will.«

»Unsere Lage würde ja weit schlimmer.«

»Unsre? Mein Herr, Sie bedenken nicht, welch ein Unterschied zwischen uns ist. Sie haben einen guten Ruf zu verlieren, ich gar keinen. Denn einen schlechten verliert man nicht, wenn man auf die Wache geschleppt wird. Sie sehen, daß ich gar nichts dabei riskire.«

Der Kammerherr hatte sich mit großer Gewandtheit zwischen Bovillard und das Fenster gedrängt. »Wenn Sie denn absolut wollen! Ich will's arrangiren, aber – er schießt Ihnen – den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem Kuchenreuter vom Zaune. Sie junger Hitzkopf, thun Sie's doch lieber nicht, 's ist gegen mein Gewissen!«

»Herr Kammerherr, Ihr Gewissen ist mir zu werth, Ihr Gewissen dürfen Sie nicht dran setzen. Sie müssen es mit gutem Gewissen thun, sonst schreie ich Polizei.«

»Monsieur de Bovillard fils est un original. Ganz der Vater, nur in anderer Manier. Sie sind beleidigt, Sie müssen Satisfaktion haben, ich sehe es ein. Mit schwerem Herzen, aber – ich sehe es ein. Nun suchen Sie mir aber meinen Kutscher auf.«

»Ich sagte Ihnen ja, wir sind eingesperrt.«

»Va-t-en! Was soll daraus werden! Wir müssen doch raus!«

»Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhöhe zu betrachten. Man erzählt sich zwar, daß Herr von St. Real in seiner Jugend aus Loyalität einen Sprung gethan, woran er sein Leben lang denkt, indessen, dieser Abgrund ist keine Treppe und ob die Loyalität Sie jetzt tragen wird, das überlass' ich Ihrem Ermessen.«

»Bovillard, bringen Sie mich nicht außer mir.«

»Wenn ich Sie außer sich setzte, was könnte ich Ihnen jetzt besseres anthun?«

»Schaffen Sie Rath. Ihr Genie hat etwas in petto.«

»Vermuthlich haben Sie schon untersucht, daß es durch den Schornstein nicht geht. Indessen kommt Zeit, kommt Rath, nämlich Dunkelheit, und im Dunkeln findet sich Manches besser, das werden Sie aus eigener Erfahrung wissen. Aber Sie sind müde, setzen Sie sich.«

Bovillards prüfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas gesehen, was die Tumultuanten übersehen haben mussten, sonst würde man es wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben, ein Fläschchen süßen Weins mit Spitzgläsern, dahingestellt, um nach der Chokolade die Collation zu würzen. Er langte den Schatz schnell herunter, von dem er, nachdem er ihn gekostet, versicherte, es [159] sei ein ächter Malaga, der ihnen eine wohlthätige Wärme geben werde.

Der Kammerherr fühlte allerdings ein Bedürfniß. Er war sehr müde. Der kalte Angstschweiß stand auf seiner Stirn.

»Ausgetrunken! ein zweites Glas!«

»In der That eine seltsame Situation!« Indessen er trank.

»Warum seltsam! Ein Weltmann muß sich in alle Situationen finden. Thun Sie ganz, als wären Sie zu Hause.«

»Der Wein war doch nicht für uns bestimmt.«

»Für mich nicht, aber für Sie.«

»Man muß auch im Scherz ein Maß finden.«

»Was Scherz! Das Nest ist leer, aber die Erinnerungen sind geblieben. Nicht wahr, Kammerherr? Durch diese Dämmerung schweben die Grazien. Auf den Wirth! Angestoßen!«

»Bovillard!«

»Bester St. Real, wir sind ja unter uns! Reden wir denn zum profanum vulgus! Auf den Höhen der Menschheit, wie der Dichter sie nennt, verlangt man auch Freude, den schönen Götterfunken. Wer pour les menus plaisirs sorgt, ist ein Wohlthäter der höheren Menschheit. Oder sind Sie traurig, daß die rauhe Hand der Wirklichkeit eingriff? Sehen Sie, ich bin Idealist; mich kümmert die Polizei nicht. Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen, die süßen Erinnerungen und Entzückungen, die Küsse und Rosen. Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein Poetisches; nur das Geld darf nicht fehlen. Hätten Sie, Kammerherr, mit rechtem Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen – nun, ich will dem Manne nichts nachreden, er ist gewiß ein ausgezeichneter Staatsdiener – aber, aber wenn man sich nur verständigen will, wird man verstanden.«

»Le père tout craché. Aber gehen Sie mir mit Ihrer Poesie, ich habe mit der Sache nichts zu thun.«

»Sie lieben die Realitäten. Ich lebe nur in den Ideen, konstruire mir meine Welt selbst. Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirthschaft drin, werde ich unwillkürlich an unsern Staat erinnert.«

»Hüten Sie sich, aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu werden.«

»Kennen Sie den Dichter Dante?«

»Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse, sage ich Ihnen, sie müssten denn so allerliebste französische Verse machen, wie Ihr Herr Vater.«

»Dante hat nur italienische Chansons gedichtet. Aber eins dieser wunderhübschen Lieder sollten Sie kennen, die Melodie ist reizend. Es fängt an:


[160]

Ah tutta l'Italia è un gran bordello!


Da denk' ich immer an Sie, an alle Ihre Freunde, an dies ganze bezaubernde Freundschafts-Liebes-Sippschaftswesen! Angestoßen, Kammerherr,« schrie er auf, »auf die große lustige Wirthschaft, wo Einer den Andern betrügt, eine Hand die andere wäscht. Angestoßen auf den Kleister und Firniß, der die Fäulniß zusammenhält bis – angestoßen!«

Der Zitternde stieß mit dem Glas gegen die Flasche, die Bovillard auf einen Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte, wo sie in tausend Stücke zerbrach. »Bis dahin! Nicht wahr, – zu Wasser, bis er bricht, darin sind wir einverstanden, wie es für vernünftige und gesetzte Leute sich schickt.«

Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn, die er mit dem andern Arm an seine Brust hielt: »Ja, mein theuerster Herr von St. Real, wenn alle so verständig und gesetzt wären, wie wir Beide! Diese Tagesfliegen schwärmen ums Licht, und wenn Einer sich verbrennt, lacht der Andere vergnügt, daß es ihn traf. Wir aber sehen die Nacht, wir sehen, was hinter uns liegt, und sehen, was vor uns kommt. A propos, was halten Sie denn von Napoleon?«

»Sie belieben zu scherzen. Ein großes Genie! Machen Sie, daß wir fortkommen.«

»Wie er aus Aegypten. Wissen Sie wie? – Er hat sich dem Teufel verschrieben; in einer Pyramide war's, eine Nacht wie diese! Ja, ich habe auch meine diplomatischen Mittheilungen. Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen, und weiter nichts dafür gefordert, als seine Seele. Kammerherr denken Sie, wenn Sie für solche Bagatell könnten Großmogul werden!«

»Das erzählen Sie mir alles weiter – aber nachher.«

»Ein einziges Hinderniß nur muß er forträumen – die Gruft in Potsdam. Darum – Sie verstehen mich. – Nun bitte ich Sie aber, als einen vernünftigen Mann, ist das ein so unübersteigliches Hinderniß? Braucht es eines Krieges um einen Leichnam? – Denn Sie werden mir wieder zugeben, es ist jetzt nur noch ein Leichnam. Sollen wir um point d'honneur so eigensinnig sein, darum Blut vergießen, einen Krieg anfangen, der sechszigtausend Menschen kosten kann, darum das Wohl von Hunderttausenden, von Millionen auf's Spiel setzen? Unsere Seehandlung, unsre Zuckerfiedereien, unser Messingwerk in Neustadt-Eberswalde? Ich bitte Sie, Ruh' und Frieden unserer Bürger – was wirst die Porzellanmanufaktur nicht ab: wenn auch die Juden nicht mehr kaufen müssen zu ihren Hochzeiten, wir haben ja schon die Meißner Fabrik überholt – das ist auch ein Ehrenpunkt! Und unsere Gold- und Silberfabrik, und unser Pfandbriefsystem; wir können ja Geld [161] machen, so viel wir wollen, nur die Güter höher abgeschätzt, als sie werth sind; und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen sogenannten Ehrenpunkt! Das fordern gewisse Menschen! Wissen Sie, was ich glaube, daß der geheime Grund von Lombards Sendung ist? – Er soll versuchen, ob Napoleon sich nicht abfinden lässt mit Friedrichs Rock und Hut. Ja, ich vermuthe noch etwas. Besteht der Kaiser drauf, so geben wir auch die Krücke, aber das wäre auch das Ultimatum – den Leichnam, nein, nimmermehr! Wenigstens für jetzt nicht. – Bester Kammerherr, ich lese Ihre Gedanken, Sie wollen sagen, das sei wieder nur ein halber Schritt, Napoleon würde doch nicht eher ruhen, bis er das Ganze, bis er Friedrichs Sarg in Paris hat, und wir würden auch da nachgeben. Möglich, aber liebster Mann, wahren Sie Ihre Zunge, wer spricht denn so was! Grade diesen Vorwurf verträgt man nicht: Halbes, immer Halbes! 'S ist richtig, aber es ist nun mal so. Wer änderts: Zwei Halbes macht ein Ganzes. Erst geben wir den Rock, und dann den Leib. Und wenn man mehr will, noch mehr, Seele und Geist, wenn – wir noch davon haben. Ein guter Unterthan, lieber St. Real findet sich in Alles. Der liebe Gott wird's zum Guten fügen, und das Genie unserer großen Staatsmänner, und wir haben einen guten König; was will man mehr! A propos, was halten Sie von unserm König?«

Der Kammerherr, der sich schon zu besinnen anfing, ob nicht am Ende die Arme der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wären, stammelte etwas von seinem grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestät.

»Das ist mir sehr lieb zu hören,« sagte Bovillard, »vielleicht wissen Sie auch, warum Seine Majestät jetzt so betrübt sind.«

»Wenn Seine Majestät in die Herzen ihrer Unterthanen blicken könnten, würden sie gewiß keinen Grund finden,« antwortete der Kammerherr, in der Angst des seinen, die Hand auf die Brust drückend.

Bovillard war um einen Kopf größer, als der Kammerherr. Mit unterkreuzten Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen, die durch die Nacht glänzten, in sein Herz bohren zu wollen: »Es ist Manches faul im Lande Preußen und Mancher, der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trägt, ich sage es Ihnen im Vertrauen, ist ein Schurke. Im Lagerhause in der Klosterstraße wird das Soldatentuch gewebt. Schön und dicht sieht es aus und blau, wenn der Appreturbügel darüber fuhr, aber die Witterung verträgt es nicht. Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug, schrumpft es im Regen zusammen, daß der Aermel dem Soldaten am Ellnbogen sitzt. Kann man jedem Soldaten einen Regenschirm in die Hand geben? Kann man mit halbnackten [162] Soldaten Krieg führen? Wissen Sie nun, warum wir keinen Krieg führen können? Wissen Sie nun, warum Seine Majestät betrübt sind?«

»Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschäften zu thun!« rief der Kammerherr aus. »Ich bin kaum ein Mal in meinem Leben im Lagerhause gewesen.«

»Sie haben mit andern Lieferungsgegenständen genug zu thun, ich weiß es. Aber Vorsicht, lieber Kammerherr. Um Gottes Willen, was soll der Monarch sagen, wenn er wieder von dieser Geschichte hört!«

»Bovillard, liebster, bester Freund, Sie werden doch nicht!«

»Ich nicht, aber Sie können sich doch leicht vorstellen, daß Andere ihm davon sagen werden, was er wissen soll. Beim Frühstück, ehe er die letze Tasse geleert, weiß er alles, was am vorigen Tage passirt ist. Und wenn alle Zeugen vernommen sind, die Polizei kreuz und quer fragt und spionirt, Hergang, Wirkung, Ursach, 's ist nichts so fein gesponnen, es kommt ans Licht der Sonnen. Liebster Kammerherr, ich bin im Ernst um Sie besorgt. In diesen Angelegenheiten ist der Monarch sehr irascibel.«

»Wenn ich nur ganz gewiß sein könnte –« sagte gedehnt mit scharfem und schüchternem Blick auf den Plagegeist der Kammerherr, – »von unsern Freunden wird die Sache schon in dem rechten Licht vorgetragen werden.«

Bovillard drückte ihn heftig an die Brust: »Wie Sie mich beruhigen! Offenherzig gestanden, ich bedurfte dieser Beruhigung nicht, ich wollte Sie nur auf die Probe stellen. Ein Thor, wer da sagt, daß die Tugend von der Erde Abschied nahm. Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt, übt sie. Und Ihre Freunde werden sie ebenfalls üben. O, ich möchte bei dem Vortrage sein, ob nun ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn übernimmt; wie sie weißbrennen werden, was schwarz ist, und vielleicht anschwärzen, was weiß wie Schnee ist. Ja, so beim Kaffee, so unter der Hand, gelegentlich hingeworfen, erfährt ein Fürst die Wahrheit – von guten Freunden. Sorgen Sie aber auch für einen Sündenbock. Denn wenn nach dem Hofe der officielle Vortrag kommt, muß er doch ergrimmt werden über die falsche Darstellung. Er weiß es ja alles besser, er hat es alles wie selbst erlebt. Wenn der Vortragende da erblasst, stockt, nicht vorbereitet ist, keinen Zornableiter da zur Hand hat, dann wird es schlimm. Lassen Sie den Kommissar opfern, mich, wenn es sei, retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande. – Na nu wollen wir uns aber zusammen retten.«

Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer, welches plötzlich in seiner Hand blitzte: »Seien Sie ohne Sorge; nur im höchsten Nothfall stoße ich es Einem durch die Gurgel!« [163] Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen. Er musste schon vorher die Gelegenheit geprüft haben. In der alten Ausgangsthür des Vorzimmers war in der unteren Füllung eine Ritze, er vergrößerte sie durch das Messer und lockerte die anderen Fugen bis er das Brecheisen hineinpassen konnte. »Jetzt warten wir, bis ein Wagen vorüberrasselt, dann ein Krach und wir haben ein Mauseloch. Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen, Kammerherr?« – »Ich?« – »Versteht sich, nur wenn wir attrapirt werden. Der Unterschied ist, wenn Sie es auf sich nehmen, ist es nur einAusbruch, Sie können beweisen, daß Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehören, außerdem sind Sie ein anständiger Mann, dem die Polizei auf's Wort glaubt. Wenn es aber auf mich kommt, mir glaubt man nichts, außerdem bin ich in Hemdsärmeln, die Polizei könnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen, und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen, in Betracht dessen, daß man Vieles in diesem Hause vermissen wird, was dazu gehörte, ich meine nicht uns Beide, aber die gestohlenen Sachen.«

»Bovillard, machen Sie keine Faxen! Wie werde ich denn einen Freund in der Noth verlassen!«

»Aber nur der Tod ist umsonst. Was krieg' ich für meine Arbeit? Ich friere, so kann ich mich nicht auf der Straße sehen lassen. Leihen Sie mir Ihren Rock.«

»Dann hab' ich ja keinen.«

»Sie fahren in Ihrer Kutsche, ich gehe nach Hause.«

Man einigte sich, daß Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte. Die Freunde würden sich schon warm machen. »Was geht über eine echte Freundschaft!« sagte Bovillard, hatte aber schon mit seinen scharf umherspähenden Augen das weggeworfene Umschlagetuch entdeckt, das er jetzt ergriff, um sich damit, wie er sagte, gegen die Kälte zu schützen, bis sie im Wagen säßen.

Ein Wagen rollte endlich über das schlechte Straßenpflaster, die Thüre krachte und Bovillard war hinaus. Als St. Real, auf den Knien heranrutschend, den Kopf durch die Oeffnung stecken wollte, drückte Jener das halbe Brett wieder hinein: »Halt, so ist nicht gewettet. Was geben Sie Zoll?«

»Bovillard, nur jetzt keine Possen.«

»Es ist mein feierlicher Ernst. Ein Narr, wer eine vortheilhafte Situation nicht nutzt.«

»Sie haben geschworen, mich nicht zu verrathen.«

»Richtig! Und Ihren Kutscher zu avertiren. Weiter nichts. Ich klemme die Füllung wieder ein – sehen Sie so – Sie können nicht aufstoßen, denn ich stemme hier das Eisen dagegen. Nun bedenken Sie, wenn morgen die Polizei öffnen lässt!«

[164] »Bovillard, Sie sollen meinen Rock haben.«

»Pfui, es ist nicht Eigennutz.«

»Meine Freundschaft! Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der Fürsprache bedürfen, Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen können.«

»Ich will nichts für mich, sage ich Ihnen ein für alle Mal. – Gehen Sie in sich, St. Real, werfen Sie einen Blick zurück, auf Ihr äußeres, ach, auch auf Ihr inneres Leben. Bedenken Sie, wie oft Sie die Gelegenheit versäumt, die sich Ihnen darbot, Gutes zu thun, und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke gefallen sind. Ach! Wurden Sie nicht selbst zum Versucher? Legten Sie nicht selbst Stricke, stellten Sie nicht Netze? Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche Klagegesang der unglücklichen Vögel in diesen Netzen um die Seele? Ich höre diese Anklagestimmen. St. Real, noch ist es nicht zu spät! Benutzen Sie wenigstens diese Gelegenheit, hören Sie auf die Stimme und bessern sich. Ihr Haar wird grau, Ihr Athem kurz, mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen kürzer; Sie hinken, ach das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt, wenn das Ziel das Grab ist. Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen, weit sind die Pforten zur Hölle, aber eng die zum Himmel, wie dieses Loch. Geloben Sie, St. Real, Sie wollen Ihr Dasein bessern, wie es Ihren Jahren, Ihrer Geburt, Ihrem Stande entspricht. O, Sie wissen nicht, wie das Ihre Brust erleichtern wird, Ihr Keuchhusten wird nachlassen, Ihr Bein flinker werden, der Burgunder Ihnen wieder schmecken. Retten Sie sich, sich selbst, Ihrem Könige, dem Staate. Schwören Sie mir, Sie wollen tugendhaft werden.«

»Alles, was Sie wollen!«

»Hier, Ihre Hand darauf?«

»Ja, ja, ja – ziehn Sie mich nur 'raus!«

Es war zum Glück still im Hause, und Niemand begegnete ihnen bis sie vor die Thür traten. St. Real hielt es für angemessen, hinter seinem Begleiter zurückzubleiben, der zu theatralisch den rothen Shawl um die Schulter drapirt hatte. Ja, er blieb um mehrere Schritte zurück, als eine Patrouille die Gasse heraufkam.

Auf das Werda! des Gefreiten, welches dem Manne in der rothen Toga galt, antwortete er ein Gutfreund. Der Gefreite wollte Namen und Stand der auffälligen Person wissen.

»Abällino, der große Bandit!«

Die Wache schien sich zu besinnen, was ein Bandit sei. Einer meinte, es sei ein Komödiant.

»Ihr Geschäft?«

»Die Tugendhaften retten, die Schurken entlarven!«

»Auf die Wache!«

[165] Abällino schlang den Mantel vornehm um die Schulter und schickte sich an, schweigend zu folgen.

»Da kommt noch Einer; der scheint zu ihm zu gehören.« – »Ein Hinkepeter.« – »Verstellung« sagte der Gefreite, »nur rasch ran.«

Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust, weil der Husten ihm stecken geblieben war. »Kennen Sie Den?« fragte der Gefreite den Rothmantel.

Der Rothmantel schien ihn scharf anzusehen; dann sagte er: »Dieser Mann trägt eine Larve, reißen Sie ihm dieselbe ab, mein Herr Korporal.«

Den Hut ließ der Kammerherr sich abreißen, aber er schwor, Stein und Bein, das sei sein wahres Gesicht. Die Wache schien unschlüssig.

»Schwere –, ich frage Ihn,« rief der Korporal, »ob Er Den hier kennt?«

»Dies ist nicht sein natürlich Gesicht.« Abällino schüttelte den Kopf. »Das ist keine natürliche Röthe. Sehn Sie, mein Herr Wachtkommandant, jetzt wird er blaß.«

»Potz Blitz Millionen, er hinkt. Ist das nicht auch natürlich?«

»Das ist wohl seine Natur,« sagte Abällino mit der größten Ruhe. »Indeß meine Bande ist sehr groß, es hinken Viele. Lassen Sie ihn den Mund aufthun. An seiner Sprache werde ich leichter erkennen, ob er der ist, den ich vermuthe. Fragen ihn Herr Wachtkommandant gefälligst ob er mich kennt.«

»Kennt Er – kennen Sie diesen hier?«

Unter einem Guß von Angstschweiß platzte er heraus: »Ich bin so – ich weiß – ich kenne ihn so – ich kenne ihn so wahr nicht.«

»Jetzt kenne ich ihn, Herr Wachtkommandant, ein sehr gefährliches Subjekt. Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei. In Wirklichkeit heißt er Judas Ischarioth, ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und Frauenpuppen.«

»Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen?« sagte der Korporal, dessen Augen entweder für die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen, oder für die Bewegung seine Hand in die Tasche.

»Bei einem Krankenbesuch,« stotterte St. Real – »eine unglückliche arme Kranke – im Auftrag einer hohen Mildthätigkeit, die ihre Gaben nicht bekannt wissen will. – Dort hält meine Equipage.«

Das war hervorgestoßen, während der Sprecher noch mit ängstlichen Blicken nach dem Banditen hinaufschielte, ob er nicht widersprechen werde. Der Bandit bewegte sich nicht, er schenkte ihm Gnade. Der Korporal, der sich zwischen ihn und Bovillard[166] gestellt, um die Kollusionen zu verhindern, hörte den harten Thaler, der zufällig aus des Kammerherrn Tasche glitt, auf das Pflaster fallen. »Marsch!« kommandirte der Gefreite. »Auf die Wache! Dies ist ein anständiger Herr vom Hofe.«

Stolz wie ein König schritt Abällino nach der Wache. Der Kammerherr sank fast ohnmächtig in seine Wagenkissen zurück und stöhnte: »Das kommt davon, wenn man mit der Kanaille sich abgiebt!«

Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin, wie man richtig vermuthet, Aufsehen und Entrüstung erregt. Um so beruhigender für alle gute Bürger wirkte ein Artikel, der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien. Bovillard und St. Real hatten auch richtig gerechnet, daß, wer nur guten Freunden vertraut, nicht verloren ist. Der Artikel lautete:

»Es ist ein betrübendes Zeichen unserer Zeit, wenn der böse Wille aus den geringfügigsten Ereignissen Nahrung schöpft, um Mißtrauen gegen die Maßregeln der hohen Obrigkeit zu verbreiten. Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereigniß, das man dazu benutzt, aufgeklärt und beseitigt, als man böswillig abermals einen sehr unbedeutenden Vorfall benutzt, diesmal, um ein falsches Licht auf die Moralität unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen, dabei aber sich nicht entblödend, den Verdacht auf höher gestellte Personen zu lenken, als begünstigten sie die Immoralität. Damals war ein gewiß unter keinen Umständen zu billigender Exceß in unserer Vogtei Anlaß, einen unserer rechtschaffensten Staatsdiener der Connivenz mit Verbrechern zu beschuldigen. Dem Scharfblick einer hohen Person, die hier zu nennen der Respekt uns verbietet, war es vorbehalten, die Wahrheit von der Verläumdung zu unterscheiden, und den eigentlich Straffälligen das Bekenntniß ihrer alleinigen Schuld zu entlocken. – In gleicher Weise wird der traurige Exceß, welcher neulich in einer unserer belebteren Straßen stattfand, seine Aufklärung finden. Einer wohllöblichen Polizei war es keineswegs entgangen, daß das Haus einer jetzt viel genannten Dame zu Verdacht Anlaß gab. Sie vigilirte vielmehr auf dasselbe, um beim ersten gegründeten Anlaß einschreiten zu können. Bei dem wirklichen oder angeblichen Stande der Bewohnerin, und den unverdächtigen Attesten, welche dieselbe von auswärtigen Obrigkeiten mitgebracht, Staaten, mit denen unsere Regierung in Frieden lebt, war es indeß unzulässig, auf bloßen Verdacht hin einzuschreiten. Wer dies doch für gerechtfertigt hielte, theilt nicht unsere Ansicht von dem, was einer wohlgeordneten Staatsbehörde obliegt. Diesem Umstande ist's zuzuschreiben, daß es der gedachten Frau gelang, unbefangene Gemüther zu täuschen, wir wissen kaum, was wir mehr bedauern sollen, daß es ihr gelang, einen durch seinen strengen [167] religiösen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause, unter dem Schilde der Gastfreundschaft aufzunehmen, oder daß sie die sittsame Tochter höchst verehrter Eltern, und eines unserer bewährtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu verlocken wusste. Der traurige, oder wenn wir wollen, glückliche Vorfall, der sich hierauf ereignete, ist bekannt. Uebrigens hätte es dieses Vorfalls nicht bedurft; denn, wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick Jeden überzeugen sollte, der Augen dafür hat, hatte die Polizei schon die Beweise in der Stille gesammelt, die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten. Die Anwesenheit einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause giebt zwar für diejenigen, welche am Argen Wohlgefallen haben, willkommene Nahrung. Wir lassen ihnen dieses Vergnügen, theilen aber mit jedem Gutgesinnten, der diese Herren kennt, die Ueberzeugung, daß sie nur in dem löblichsten Zwecke sich an den Ort begeben hatten. Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet, indem er das Opfer der Intrigue, unbekümmert um die Insulten des Pöbels, von dem man doch nicht fordern darf, daß er den Schein von der Wahrheit unterscheide, aus dem Hause und ihren betrübten Eltern zugeführt hat. Wir zweifeln gar nicht, daß auch dies zu bösen Nachreden Anlaß geben wird, ebenso der Umstand, daß ein gewisser Herr in dem geräumten Quartier über Nacht zurückblieb, um Collisionen von außerhalb auf die Spur zu kommen, wenn man gleich weiß, daß durch seine aufopfernde Vermittelung diejenige Person endlich arretirt wurde, welche den Unfug in dem Hause veranlasst, ja, wir sind auch davon überzeugt, daß die in letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefängniß einer Intrigue wird zugeschrieben werden. Indem wir unser Bedauern über derartige Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtgläubigkeit, mit der das Publikum auf sie horcht, eine tiefere Immoralität als in der gerügten betrauern, sind wir doch des Glaubens, daß der größere und bessere Theil des Publikums sich davon nicht täuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird, daß Niemand besser als unsere Obrigkeit für unsre wahre Wohlfahrt sorgt, welche in der Ruhe und dem Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht. Die Argwöhnischen und Böswilligen, das wissen wir, werden wir nicht damit zum Schweigen bringen, aber Heil dem Staate, wo das Auge seines Oberhauptes über das Wohl Aller wacht, wo vor seinem Throne der Kleinste wie der Größte nur Gerechtigkeit zu erwarten hat. Wo die Tugend auf dem Throne sitzt, kann die Immoralität keinen dauernden Wohnsitz im Lande haben.«

[168]

21. Kapitel. Staub

Einundzwanzigstes Kapitel.
Staub.

»Und wir behalten Frieden, und Alles bleibt beim Alten,« schloß der Geheimrath Lupinus, diesmal aber in der Jägerstraße, und schob den grünen Augenschirm zurecht.

Es lag eine sonntägliche Heimlichkeit über der geweihten Stube. Kein Dienstbote durfte sie aus freien Stücken betreten. Die Frau Geheimräthin besorgte selbst das Abstäuben der Bücher, und wenn sie der Hülfe einer gröberen Hand bedurfte, musste der Fuß, der zu dieser Hand gehörte, die Schuhe zurücklassen. Aber das Abstäuben und Reinemachen war ein Festtag, zu dem man die günstige Stunde ablauschen musste. Der Geheimrath behauptete, nichts sei so gefährlich der Gesundheit als der Staub; in demselben sammelten sich die Atome, die der organische Lebensprozeß nicht zu absorbiren vermöge, also das Todte, vielleicht das Tödtende. Warum also das aufregen, künstlich in Bewegung setzen, was sich selbst bereits, nach dem Gesetz der Schwere, vom Leben abgesetzt hat?

Die Geheimräthin hatte dagegen nur zwei Einwendungen. Es sei doch besser, den Staub mit allen Vorsichtsmaßregeln für die Gesundheit, als da sind nasse Tücher, Handbesen, feuchter Sand und geöffnete Fenster, durch einen raschen, wohlgeleiteten Angriff zu bewältigen, als abzuwarten, bis eine zufällige Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt. Demnächst, wenn er immer liegen bleibt, verderbe er die Bücher selbst, und darunter Raritäten, die unersetzlich wären.

Das letzte Argument hatte angeschlagen. Wenn Menschen sterben, werden andere dafür geboren; seltene Ausgaben, Incunablen, gehen unter, um nie wieder geboren zu werden.

Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt. Die Vorsicht, die man beim gefährlichen Ausstäuben anwende, könne besser darauf verwandt werden, daß man sich jeder heftigen Bewegung enthalte, was überhaupt zur Konservation des Lebens zuträglich sei. Denn das eigentliche Gift des Lebensorganismus seien die Affekte, weit gefährlicher als üble Angewöhnungen, selbst als Laster. Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen, auch eine Doppelthür vor das Vorzimmer, und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschütterung beim Gehen.

»Sie vergessen nur,« hatte die Geheimräthin erwidert, »daß Ihre Fußdecke mit dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist, und daß Sie beim leisesten Auftreten diese feinen Atome aufrühren und gerade die, welche am gefährlichsten auf die Lunge fallen.«

[169] Der Geheimrath sparte im Leben die lauten Worte, da ein Wortwechsel auch mit sich selbst zu Affekten führen kann, aber wenn ein Thema ihn angeregt, ergossen sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen. Er erinnerte daran, daß die Müller und Steinsetzer ein verhältnißmäßig kurzes Leben führten, und gewöhnlich an der Auszehrung stürben, weil der feine Mehlstaub von den zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle. Es gebe auch einen Staub von gewissen Vegetabilien, Stein-Erden und Metallen, so feiner Art, daß ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermöge, und doch sei er höchst schädlich. So wirke der Arsenik in den Gruben. Gewöhnlich sage man, die Verbrecher die dort arbeiten, stürben an der vergifteten Luft, das sei aber uneigentlich gesagt, denn sie kämen um an dem atomisirten Staub des Metalls. Im Mittelalter und aus den Höhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Künste hervorgegangen, man habe durch künstlich präparirte Stoffe einen Staub erzeugt, der plötzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwählten Opfer getödtet. Dieser habe einen Brief eröffnet, und der Streusand, der ihm entgegen spritzte, sei Gift gewesen. Einem Andern – und er nannte sogar einen Kaiser-Namen, habe man die Kerzen, die in seinem Zimmer brannten, mit Arsenik versetzt, und das aussprühende Licht habe allmälig den vergiftet, der nach der Meinung einer Hofpartei, die das Dunkel liebte, zu viel Licht geliebt hatte.

Die Geheimräthin hatte aufmerksam zugehört: »Und doch wollen Sie sich mit dem Staube vertragen?«

Er hatte gelächelt: »Das sind Ausnahmen, meine Liebe, aus den Zeiten der Barbarei und Finsterniß. Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger Thätigkeit.«

Dann wäre eigentlich das Beste, sein ganzes Leben lang schlafen! hatte seine Frau gedacht. Er aber hatte fortgefahren: »Wenn wir alles ruhen ließen ließen, was liegt, wäre das Leben noch einmal so glücklich. Weil die Menschen allesbesser machen wollen, rühren sie das auf, was die Vernunft und die Geschichte längst beseitigt hatte, und es kommt in neuer Form und Färbung zum Vorschein und quält uns aufs Neue, was unsere Väter und Urgroßväter schon gequält hatte. Die Geschichte des Menschengeschlechts, meine Theure,« pflegte er lächelnd hinzuzusetzen, »ist in einem kleinem Buch geschrieben, wenn wir das immer und immer wieder lesen, kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum nefas, alle seine eitle Hoffnungen und Thorheiten und die Lehre, welches der einzige Weg zum Glück ist, sich zu finden in das was ist und – und nicht unnöthig Staub aufrühren.«

Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen, die [170] aber von der Geheimräthin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf etwas anderes übergeleitet ward. Der Geheimrath wusste es, lächelte, schwieg und war eigentlich zufrieden. In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord gekommen. Seine Ausgaben des Horaz, die auf einer Reihe niedriger Regale wie eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen, durfte die Frau wöchentlich einmal abstäuben; aber nur sie selbst und mit einem weichen Pfauenwedel. Sie nahm jeden Band einzeln heraus, trug ihn in das Vorzimmer und fegte ihn am geöffneten Fenster. Da lächelte er zufrieden, die andern Bücher, die hinten bis an die Decke die Zimmerwände füllten, sollten nur dann und wann, und nur ganz oberflächlich abgestäubt werden. Auch sollten dazu sonnige Tage abgewartet werden, weil die Sonne den Staub niederdrückt. Die Horazregale sollten dabei mit Leinentüchern überdeckt, und der Geheimrath selbst jedesmal vorher avertirt werden, um zu untersuchen, ob es nöthig sei. – Ob diese Bedingungen streng inne gehalten wurden, bleibt ein häusliches Geheimniß. Die letzte gewiß nicht, denn der Geheimrath hätte es nie für nöthig gefunden.

Aber der Eifer der Geheimräthin musste nachgelassen haben; die Luft verrieth, daß die Fenster sehr lange nicht geöffnet worden. Der chromatische Farbenspiegel der Scheiben, und die Spinneweben an den Fensterecken gaben den vollgültigsten Beweis dafür, daß, wie alle Passionen, auch die des Reinlichkeitssinnes einem Wechsel unterworfen sind. Oder waren es andere Gründe? Grade diese Spinnen, der schillernde Glanz der Scheiben, der Duft des Unberührtseins war es, was dem Zimmer den Charakter sonntäglicher Heimlichkeit gab. Wohlverstanden der sonntäglichen Heimlichkeit einer alten deutschen Gelehrtenstube, in welche der Qualm des Tabaks noch nicht eingedrungen und den Büchergeruch noch nicht niedergedrückt hat. Und ganz zu dieser Stube, will man sagen wie die Seele zum Körper, oder die Spinne in ihrem Netze, passte die Gestalt des Geheimrathes, der den Kopf im Ellnbogen und den Ellnbogen auf einem Folianten in ihrer Mitte saß, wohlgefällig, zufrieden, schlau lächelnd.

So hatte er das Wort gesprochen: »Und wir behalten Frieden und Alles bleibt beim Alten!« als ein Seufzer aus der tiefen Stille des Zimmers ihm antwortete.

Der Geheimrath glaubte an keine Gespenster, er sah auch nach keinem, als sein schlauer Blick über das Regal, welches die Zweibrückner Horaze trug, auf die schweinslederne Hinterwand fiel, wo Jemand auf der Leiter einen Folianten in der Hand wiegte.

»Gehören Sie auch zur Kriegspartei, mein Herr van Asten?«

[171] »Ich bin ein stiller Civilist, Herr Geheimrath,« war die Antwort.

»Wozu beschweren Sie sich denn aber da mit dem Hugo Grotius? Sein de jure gentium gehört doch sonst nicht zu Ihren Studien.«

Wenn der Geheimrath soweit hätte sehen können, würde er eine leichte Röthe auf des jungen Mannes Gesicht bemerkt haben.

»Nehmen Sie's nur runter,« fuhr er fort, »Sie können's auch mit nach Hause nehmen, wenn's Ihnen nicht zu schwer ist, die Edition ist nicht selten, man kann sie bei den Antiquaren bekommen. Der Montesquieu steht auch noch angeschrieben.«

Der junge Mann war von der Leiter gestiegen, den Folianten im Arm: »Wenn sie mir also erlauben –«

»Aber nehmen Sie sich in Acht, Ihr blauer Frack ist von dem Grotius ganz staubig. Der hat zwar auch mal in einer Kiste gesteckt, wenn ich mich recht entsinne, einer Bücherkiste, und da wird er noch staubiger rausgekrochen sein, aber er wollte nur in Freiheit kommen, nicht zu einer jungen schönen Demoiselle. Aber Sie wollen doch nicht der Mamsell Alltag aus dem Hugo Grotius Vorlesungen hatten? Das Kind ist zwar gescheit, aber ich zweifle doch, daß ihr die Lektüre sehr plaisant sein wird.«

Der Geheimrath war in ungewöhnlich guter Laune, der junge Mann schien außer Gewohnheit befangen. Indessen hatte er sich schnell gesammelt, während er den Staub vom Rock abklopfte.

»Herr Geheimrath sind heiterer, seit Mamsell hier ist. Ihr Haus ward belebter. Stören Sie aber die vielen Gesellschaften nicht?«

»Au contraire! Was so jetzt die Menschen allarmirt und auch sonst wohl bis zu mir drang, bleibt nun außer meinem Rayon. Die Herrschaften können das nun bequemer unter sich und mit meiner Frau abmachen.«

»Sollte es nie in Ihren Rayon dringen?« sagte van Asten sehr ernst.

»Wenn ich mich einschließe, das wollte ich doch mal sehen. Aber ei, ei, Herr van Asten, will die Romantik Sie nicht verlassen! Sie sehen da wieder eine Geistererscheinung.«

»Die, welche ich sehe, Herr Geheimrath, sehen Viele mit mir. Dieser Herbst wird die Fluren, wo fröhliche Saaten gereift, mit Leichen und Blut decken.«

»Sehn Sie mal,« sagte der Geheimrath, »was Sie alles sehen!« und wischte mit dem Läppchen die Dinte aus der Feder, die er dann sorgsam vor sich auf das Papier legte. Sein Gesicht bekam dabei einen immer, was man nennt glaueren Ausdruck, wie ein kluger Mann, wenn er Einen, der sich auch für klug hält, auf [172] eine Sandbank abgesetzt zu haben glaubt. »Und diese Vielen, die mit Ihnen diese erschreckliche Geistererscheinung sehen, sind, kurios genug, dieselben, die vor Freude damals zitterten, als der Herr General Bonaparte, wie sie es nannten, die Hydra der Revolution niedergetreten hatte. Da sollten wir Andern mit ihnen hüpfen und springen vor Entzücken, denn sie sagten uns, es wäre ein Messias der neuen Weltordnung. Sehen Sie mal, wir thaten das nun nicht, denn wir entsannen uns, daß dieselben spring-und hüpflustigen jungen und alten Herren ein Zehn Jahr vorher ebenso gesprungen und gesungen hatten, als diese Hydra in Paris den Kopf erhob, und sie hatten damals auch darin einen neuen Messias und Weltbeglücker, und wer weiß was, entdeckt. Wir sprangen nicht, weil wir mit König Salomo wissen, es giebt nichts Neues unter der Sonne, aber wir ließen sie springen, weil wir wussten, sie werden schon müde werden. – Es ist Mancher müde geworden, mehr als müde. Da ich nun nicht in Verzückungen gerathen bin, nicht damals bei der ersten und nicht damals bei der zweiten Menschenbeglückung, warum soll ich denn jetzt in Ravissements des Zorns oder Patriotismus gerathen, weil diese selben Herren in ihrem Götzen nun plötzlich das Thier der Apokalypse entdeckt haben! Was kümmert mich Hannover. Im siebenjährigen Kriege waren die französischen Marschälle oft darin und brandschatzten, aber gerade nur so lange, als der große Friedrich Besseres zu thun hatte. Und wenn sie's ihm zu arg machten und er verdrießlich wurde, schickte er seinen Seydlitz oder einen Braunschweiger hinüber, und ließ sie wieder fortjagen.«

»Es sind aber andere Zeiten. Wir haben keinen Friedrich mehr, und die Konstellationen sind furchtbar, Herr Geheimrath!«

»Und der alte Lupinus weiß nichts davon! Nicht wahr?« Der Geheimrath nahm mit großem Wohlgefallen eine lange Prise. »Der Mortier, oder wie sein General heißt, hat Hannover mir nicht dir nichts besetzt, ohne uns zu fragen, und wir hatten es doch so halbweges, noch vom Baseler Frieden her, garantirt. Und er hat es gethan, um uns mit England aneinander zu bringen. Er sperrt die Flußhäfen gegen die Kolonialwaaren, und die Engländer sperren sie uns, daß wir unser Holz und unsere Leinwand nicht rausschicken können. Das giebt nun viel Jammer und Geschrei, aber das ist alles nichts als das Strohfeuer, womit man die Bienen aus dem Baume und die Fische aus dem Wasser lockt. Die ganze deutsche Nation hat auf uns gewartet, daß wir doch nun losschlagen würden. Man kann's in allen Zeitungen lesen, daß alle Biedermänner auf uns warten. Aber es giebt noch viel ungeduldigere Leute. Der Schwedenkönig ist wie toll umhergelaufen, und hat überall angeklingelt: Macht doch Krieg! Der russische Kaiser rüstet: [173] Krieg partout! ruft er. Und ganz in der Stille rüstet Oesterreich. Darum sollen wir auch in die Falle gehen und auch rüsten. Aber wir gehen nicht in die Falle, und rüsten nicht. Denn Rüsten kostet Geld, und der Krieg bringt nichts ein, und was geht's uns an. Sehen Sie, der alte Lupinus hat doch auch etwas in die Zeitungen geguckt.«

»Und wir, eingekeilt in diese Mitte! Ganz Europa in Waffen gegen einander, und wir –«

»Sehen zu – wie sie sich schlagen und vertragen, und denken mit König Salomo: Alles ist eitel!«

Walters Brust hob sich; es waren ernste Gefühle, die heraus wollten, aber er überwand sich –, es war hier nicht der Ort dazu. Nur ein Stoßseufzer brach es hervor: »Und der Brand in unsern eignen Eingeweiden!«

»Ein Eimer Wasser drauf, lieber Walter. Ist probat!« Hatte der Gelehrte ein Sonntagsgesicht? Er, der nichts sah, was um ihn vorging, blickte er heute in die Seelenzustände eines Andern und fand sein Vergnügen darin, das Verborgene heraus zu schöpfen? – »Da steht nun wieder auf Ihrem Gesicht: Ach Gott, der gute Geheimrath Lupinus! Er weiß, woran die Verfassungen in Rom und Athen zu Grunde gingen, aber wie es im Preußischen Staat gährt und stockt, das sind ihm Böhmische Dörfer. – Wer wird denn gleich Einen verdammen, junger Herr, ohne das er ein bischen versucht hat, ihn zu bessern! – Oder zu untersuchen, ob denn nicht doch ein Lichtchen der Erkenntniß in ihm flackert! – Manche Fahne, die vor dem Heer des großen Königs flatterte, ist von den Motten zerfressen, das weiß ich, und die Monturen im Zeughause gehen in Plunder, wenn man sie ausklopft. Weiß auch noch mehr. Unsere Soldaten sind nicht Bonaparte's Soldaten. Und unsere Offiziere – weiß ich auch, man muß aber nicht alles sagen, was man weiß. Die eisernen Ladestöcke, durch die wir bei Mollwitz siegten, sind jetzt Gemeingut geworden, die Räder von unserm Fuhrwesen gehen aber noch in dem Geleise von Anno ehemals. Unser Schatz ist ausgepumpt, das weiß ich auch, und das Bischen, was unser junger König durch Sparsamkeit wieder hineinfließen lässt, löscht noch nicht den Durst. Es sieht auch in den Finanzen ganz kurios aus; unter dem Schimmel werden wohl noch manche harte Thaler liegen, aber man kratzt den Schimmel nicht ab, weil manches andre damit blos gelegt würde. Ja, ja, die Blöße fürchtet man, und hat daran ganz recht. Viele Schlösser sehen blank geputzt aus, schließen aber nicht mehr, und manche Mühlen klappern wohl, mahlen aber nicht mehr. Auch die große Staatsmühle macht noch dasselbe Geräusch, daß man's in weiter Ferne hört, und wunders denkt, was sie mahlen muß, aber wer in die Mehlkammer sieht, [174] merkt, daß es kaum zur Noth hinreicht. Das kann nun von mancherlei herkommen. Etwa davon, daß man niemals vorher weiß, woher der Wind kommt, und wenn er da ist, erschrocken links und rechts rennt, und was links stehen soll, rechts stellt, und was rechts links. Auch kann die Mühle von alter Konstruktion sein, und in Holland und Amerika haben sie seitdem bessere Gänge erfunden. Und dann spricht man auch von der großen Staatsuhr, deren Räderwerk erst gar quer und verkehrt wäre, denn wenn einer nicht täglich sie stellte, so zeigte sie nie die rechte Stunde an. Das käme aber daher, weil kein Rad ins andre griffe, große und kleine, es ginge jedes für sich, die Räder der Minister, und kein Oberminister, der sie regulirte, und wenn sie auch mal regulair gingen, so hätten die Geheimen Kabinetsräthe wieder ihren aparten Schlüssel, und die Oberpräsidenten in den Provinzen wohl auch; und wäre mal, rara avis, alles egal und konform, dann schöbe ein Finger von ganz oben den Zeiger um eine Viertelstunde zurück, wodurch denn das ganze Räderwerk in Unordnung geriethe. Das ist nur etwas, es ist aber noch viel mehr.«

Walter hatte mit steigender Bewunderung zugehört.

»Und was ich nun thue? wollen Sie fragen. Da will ich Ihnen mit einem Dichter antworten, keinem alten, nein, einem allerneuesten, den ich auf meiner Frau Tisch fand, das ist der Herr Bürde aus Schlesien. Da lesen Sie es:


Glücklich, wer im engbegrenzten Raume

Seiner Heimat tiefe Wurzeln schlägt,

Und, gleich einem wohlgediehnen Baume

Fest steht, und die Aeste nur bewegt!


Der die Lebens-Nothdurft nur begehret,

Und, allein auf Gegenwart beschränkt,

Was er heut erworben, heut verzehret,

Und sich weder heftig freut, noch kränkt;


Den die Welt zu sehen nicht gelüstet,

Der mit Bessrem Gutes nicht vergleicht,

Und, zur letzten Reise stets gerüstet,

Sich geräuschlos aus dem Leben schleicht.


Nur umsonst verdoppeln wir die Schritte,

Nie erreichen wir das Ziel der Bahn,

Immer stehn wir in des Cirkels Mitte,

Und der Umkreis weicht, so wie wir nahn.


Das sind noch Gefühle eines Dichters,« sprach er, das Buch fortlegend.

[175] »Der einer ersterbenden Welt angehört, wie sein Horaz,« sprach Walter für sich. Er nahm die Vorlesung als Zeichen zum Abschied, der Geheimrath hatte es aber nicht so gemeint:

»Wenn eine Mühle ins Stocken geräth, glauben Sie, daß wir darum kein Brod mehr zu essen bekommen, und wenn alle Uhren unrichtig gingen, daß die Sonne sich darum auch einmal verspätet, aufzugehen?«

Walter meinte, es sei doch eines Jeden Pflicht, dafür zu sorgen, daß seine Uhr richtig gehe.

»Für seine eigene mag er sorgen, lieber Herr van Asten, aber nicht um die Rathhausuhr.«

Lupinus sah ihn dabei sehr pfiffig an. Walter erröthete wieder: »Sie möchten unsern Staat wieder auf die Beine bringen. Da ließen Sie neulich einen Zettel fallen – warten Sie, wo hab' ich ihn gleich hingelegt? – Hier! Das ist wohl kein Excerpt, so mit frischer Dinte, recht frisch aus dem Herzen geschrieben: ›Daß ein Staat, der bestehen will, der Sitten, oder, wo diese fehlen, kräftiger Männer zur Ausführung kräftiger Maßregeln bedürfe, gewahrt Niemand. Die Augen gehen erst in der Noth auf.‹«

Walter steckte hastig den Zettel in die Brusttasche: »Zu einem Briefe –«

»So, also ein Brief! Da wollte ich Sie nur bitten, sich an den zu erinnern, welchen der junge Herr Gentz bei der Thronbesteigung an seine Majestät den König schrieb. Das war mal genial! Wie riß man sich darum! Da lag's doch klar, wie ein umgestürzter Pudding auf der Schüssel, wo's bei uns manquirte, was anders, besser nun gemacht werden sollte. Man brauchte nur zuzugreifen, gar keine Mühe sich zu geben, nur zu thun, zu decretiren, wie's der junge Herr Gentz den Ministern wies. – Haben sie's gethan? Haben sie zugegriffen? Nichts angerührt, 's ist Alles beim Alten geblieben. Und Herr Gentz? Ist er Minister, Kabinetsrath, Präsident geworden? Er blieb Kriegs- und Domainenrath, hatte niemals Geld, aber immer Schulden. Bis es ihm hier zu langweilig ward, und er fortlief, nach Oesterreich. Seine Sachen brauchte er nicht zu verkaufen, dafür sorgten schon seine Gläubiger; aber seine Grundsätze, die waren lange vorher schon versilbert. Na, an wen ist denn Ihr Brief gerichtet?«

Da lag sein Geheimniß trocken an der Luft. Walter hatte bis da nur einen Stolz, als freier Mann unter den drängenden Verhältnissen zu stehen. Musste ihm der, von dem er es am wenigsten vermuthete, ablauschen, was er sich selbst noch nicht vollkommen eingestand!

Lupinus musste seine innersten Bewegungen verstanden haben.

»Junger Freund! Warum denn gegen sich selbst unwahr sein! [176] Was die Freiheit ist, hat weder Plato noch Seneca erklärt, gewiß ist aber, sie giebt nichts zu beißen und zu brechen. Ein Dichter wollen Sie nicht werden, und ein Kaufmann auch nicht. Ganz recht, der eine kann Bankerott machen, und der andere verhungert, wenn nicht ganz, doch beinah. Also was bleibt Ihnen, als eine Anstellung suchen. Den Staat verbessern wollen, ist aber der schlechteste Anfang von einer Carriere.«

Walter hatte sich wieder gesammelt: »Wenn ich nun aber doch so thöricht wäre, anmaßend, geben Sie meinem Willen einen Namen, welchen Sie wollen, ich protestire nicht dagegen, aber wenn ich denn doch in mir den Ruf fühlte, nach diesem Ziele zu streben, warum nicht anfangen, wie ich enden will?«

Der Gelehrte sah ihn scharf an: »Weil Sie dann nicht zum Ziele kommen,« hub er nach einer Pause an. »Ein Mann, der seine Frau erziehen will, muß es ihr ja nicht sagen, so sagt man wenigstens, und wer den Staat verbessern will, muß es ja nicht merken lassen. Wollen Sie mein Recept wissen? 'S ist kein neues, uralt wie die Welt. Wenn man groß ist, muß man sich klein ducken, sich anschlängeln an das, was gilt. Meistens an Personen, zuweilen an Gedanken. Wenn's auch recht dumm ist, und man von Herzen drüber lacht, oder sich ärgert! – Lachen Sie immer und ärgern sich, nur bei zugeschlossenen Thüren! – Ohr und Auge aufhaben, aufgepasst auf alle Falten und Fältchen, und da bei guter Zeit ein Zeichen zwischen gelegt! Was kann man nicht in schwachen Stunden belauschen, und hat man erst die Schwächen eines großen Mannes weg, dann mit einiger Klugheit wird man ihm bald nothwendig. Und ist man ihm erst nothwendig, so ist man auch sein Herr. Vor dem Brausewind, der alles besser wissen, alles wegfegen will, verschließen sich solche Herren, auch wenn ihnen seine Ansichten gefallen. Sie denken, der kann dich mal selbst fortfegen. – Und die Herren am Ruder hier sind so affabel. An Protektionen soll's Ihnen nicht fehlen. Schreiben Sie eine Vertheidigung der Politik der Herren Kabinetsräthe. Man wird Sie nicht gleich zum Kriegs- und Domainenrath machen, aber ein kleines Pöstchen giebt's schon, vielleicht ein besseres, als mit einem Titel, so ein Sekretär in secretis –«

»Und wohin führt das?«

»Warten Sie doch! Ein klein Bischen Geduld nur, und ein Bischen mehr noch. Haben Sie erst Posto gefasst, Ihre Fühlfäden ausgestreckt, kennen Sie die Menschen und ihre Gedanken, was sich anzieht und was sich abstößt, wissen Sie, was noch feststeht und was schwankt, dann ist ja noch immer Zeit.«

»Wozu?«

[177] »Was Sie wollen. Meinethalben, Sie werden schon was Gutes gewollt haben. Sind Sie der Mann am Steuer, und an Kapacitäten fehlt es Ihnen nicht, und ästimire auch Ihren Charakter, aufrichtig, dann – einen Schub, einen Fußstoß! Wie Sie's anfangen, daß der alte Plunder zusammenbricht, darum ist mir nicht bange. Nicht wie Coriolan und Catilina muß man an fangen. Cicero wusste, wo er sich bücken musste, und wo er grad aufrecht stehen durfte. –«

Walter hatte seinen Hut ergriffen: »Daß Cicero's Name auf der Proscriptionsliste stand und sein Kopf aus der Portechaise fiel, würde mich vielleicht nicht abhalten, wie Cicero zu handeln, aber – mein Herr Geheimrath, ich habe ein anderes Vorbild aus dem Alterhum, von dem Ihr großer Horaz gesungen hat:Integer vitae –«

»Scelerisque purus,« fiel der Gelehrte ein, und nahm wieder eine lange Prise. »Auch ein schönes Vorbild. Gar nichts dagegen zu sagen. Au contraire, aber dieser Integer vitae war nicht verliebt.«

Da war abermals ein zweites Geheimniß, und von den poesielosesten Lippen trocken in die Luft gesetzt, ein so still in der Brust gehütetes, kaum sich selbst gestandenes, ein so zartes Kind, daß es in dieser rauhen Luft erstarren konnte. War dieser Bücherwurm heute ein Magier?

In dem Augenblick öffnete sich die Thür, und der Kopf der Geheimräthin blickte herein: »Ehe Sie gehen, Herr van Asten, auf ein Wörtchen.«

Die Thür ging wieder zu. Der Blick musste eine eigenthümliche Wirkung haben. Ihr Gespräch war unterbrochen, aber auch die sonntägliche Stille des Zimmers war gestört. Der Kater hatte sich knurrend aufgerichtet, und Staub wirbelte durch den Sonnen schein. Es blieb noch eine Weile still. Es war, als ob der Gelehrte sich schämte. Dem Eindringling hätte er nicht zurufen können: Noli turbare circulos meos! er selbst war ja aus seinen Kreisen getreten; das machte ihn befangen.

Walter war es auch. Vor dem alten freundlichen Manne, der mit der Wünschelruthe seinen verborgenen Schatz berührt, hätte er sprechen mögen, wie ihm zum Herzen war. Es lag schon auf der Zunge. Da war es plötzlich erstarrt vor dem stechenden Blicke, das süße Geheimniß schien ihm vergiftet, ein Nebelschauer hatte einen Mehlthau auf die Blüthen gelagert. Er besann sich und sprach schöne Worte, die nicht der Ausdruck seines Gefühls waren:

»Seine Träume gehören nicht dem Menschen allein, es sind gaukelnde Kinder aus anderen Welten. Sie haben einen berührt, der, lieblich gaukelnd, Einlaß forderte. Aber, – auch die süßesten [178] Träume muß der Mann verscheuchen können, wo die Pflicht gebietet. Ich glaube meinen Gönner nicht versichern zu dürfen, daß dies schöne Mädchen, dem Sie gastlich Ihr Haus geöffnet, dem Ihre Gattin Muttersorge widmet, ihres Unglücks wegen mir heilig ist. Sie und ich, das ist ein langer Weg, den wir zu gehen hätten, bis wir uns träfen, und sie selbst vielleicht noch nicht –«

Der Geheimrath wehrte mit beiden Händen: »Ist nicht mein Departement. Ist meiner Frau ihres. Da sprechen Sie, da schweigen Sie, wie Sie's für gut finden.« Er fasste seine Hand und sah ihn vertraulich, fast bittend an: »Lieber Walter, schweigen Sie lieber, es ist besser, daß Niemand etwas davon erfährt. Wir haben hier vielerlei Allotria getrieben. Gott weiß, wie ich mich fortreißen ließ. So ist's mit unsrer Stärke und unsern Entschlüssen! Rühmte mich, nichts solle in meine Kreise dringen, wenn ich meine Thür verschlösse, und plötzlich stand drinnen der Bonaparte, unsre Monturen, Finanzen, und gar eine Liebschaft von Ihnen, und rannten mich beinahe um unter meinen Büchern. – Vergessen Sie, daß Sie einen alten Mann in einer schwachen Stunde betroffen haben!«

»Also das bleibt Alles unter uns,« schien das letzte Wort, als er Waltern gleichsam an die Thüre gedrängt, aus Besorgniß, daß von den Allotriis doch noch etwas über die Lippen kommen könnte. Aber dort legte er die Hand ihm noch einmal auf die Schulter:

»Lieber Herr van Asten, um Sie ist mir nicht bange. So oder so, aus Ihnen wird was. Bleiben Sie ein vir integer. Rühren Sie nicht mehr Staub auf, als absolut nöthig ist. Aber das kann ich Ihnen wohl sagen: Wer nie in Italien war, nie das Albaner-Gebirge gesehen hat, mit keinem Fußtritt am See gestanden, und doch wie Sie den Tractus von Albalonga, die alte Latinerstadt in dem länglichen Bergrücken herausfand, der ist auch zu mehr berufen. Heyne und Wolf und Alle, im Grunde genommen, was sind sie uns! Graeca sunt, non leguntur; es hat etwas für sich. Aber Latium! Rom ist ewig. Und nun will ich's Ihnen sagen, habe Ihre Dissertation an Herrn Niebuhr geschickt. Er findet Sentiment darin – ästimirt Ihre Konjekturalkritik, wird einmal selbst an Ort and Stelle untersuchen – jetzt kommt er her und wird wahrscheinlich Banco-Direktor. Ist das, dann können Sie auf eine Anstellung bei der Bank rechnen, und Ihr Schicksal ist gemacht.«

[179]

22. Kapitel. Unterricht in der Erziehung

Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Unterricht in der Erziehung.

Wir waren nur am späten Abend, bei einem flüchtigen Besuch, in den Zimmern der Geheimräthin. Es sah jetzt anders darin aus. Die Möbel hatten neue Ueberzüge erhalten, manches Veraltete war einem neu Angeschafften gewichen. Die Schildereien waren geschmackvoller geordnet, das Silberzeug glänzte frisch aufgeputzt, und die Geheimräthin war selbst beim Drapiren der Gardinen beschäftigt, als van Asten eintrat.

»Sie finden mich in einer ungewohnten Beschäftigung. Aber wenn man etwas ordentlich gemacht haben will, kann man es den Leuten nicht überlassen. Es hält schwer, unseren Ouvriers Geschmack beizubringen.«

»Frau Geheimräthin erwarten Gesellschaft?«

»Eine ganz kleine. Sie wissen, wie die großen, glänzenden mir zuwider sind, wo Alles auf den Apparat abgesehen ist, und Geist und Herz sich verstehen müssen.«

»Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Cirkeln.«

Die Geheimräthin zuckte die Achseln: sie möchte wünschen, daß man weniger davon spreche, man könnte sein Haus doch auch nicht für Jedermann offen halten. Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwächer ab, als Walter van Asten die Aeußerung einer geistvollen Prinzessin wiederholte, die sich gefreut, daß doch endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst erschlossen, da, wer nach Geist und Intelligenz verlangt, sie bis jetzt fast nur in den reichen Judenhäusern suchen musste.

Die Geheimräthin lächelte: »Zu gütig von dieser geistreichen Prinzessin. Der Prinz, ihr Bruder, macht allerdings keinen Unterschied, ob er in der haute volée oder in den Judenhäusern ist; nur im Schooß seiner Familie sieht man ihn am seltensten.«

Die Bemerkungen waren so hingeworfen, daß Walter darin die Aufforderung las, noch mehr zu erzählen, obwohl ihre Worte dagegen protestirten. Dieselbe Prinzessin hatte geäußert, es sei doch eine wirkliche Beschämung für unsern Adel, daß er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der Nation sich verschließe, die ihre Ehre ausmachen. Da hätte eine Fremde, die Staël nach Berlin kommen müssen, um ästhetische Cirkel zu bilden, und jetzt usurpire Prinzeß Biron von Kurland, was die Pflicht des einheimischen Adels sei.

Die Geheimräthin machte einige Bemerkungen über die Herzogin von Kurland, daß sie sich merk würdig konservirt habe, schöner eigentlich noch als ihre Töchter, die doch auch sehr liebenswürdig [180] wären. Aber ihre Gedanken waren wohl nicht bei der Herzogin, noch den Gelehrten und Dichtern, die sie in ihren Bann gezogen.

»Prinzeß Radziwill hat auch gefragt, wer denn Schiller gefeiert, als er hier war? Ebenfalls wieder Juden, Fremde, Diplomaten, einige bürgerliche Häuser.«

»Ich habe mir Schiller doch anders gedacht,« sagte nach einer Pause die Lupinus. »Er war so schweigsam. An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich nicht gefehlt, aber es blitzte so selten das innere Feuer auf. Ich sprach zwei Mal mit ihm, und beide Mal redete er wie ein gewöhnlicher Mensch. Ob er uns vielleicht der erhabenen Sentiments, der berauschenden Gedanken nicht werth hält, die doch bei jeder geistigen Berührung aus einem Geiste wie der seine aufsteigen, emporwirbeln müssen, denke ich, wie die Lerche in den Aether!«

»Es ist vielleicht nicht gut, daß man die Dichter mit Lerchen vergleicht.«

»Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen,« sagte die Lupinus spitz, »die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Töne schmettern lassen, wenn es ihnen eben bequem ist, eigensinnig, qu'importe wer sie hört.«

»Es mag auch manches Andere ihn verstimmt haben,« sagte Walter noch ungewiß, wohin die Geheimräthin steuerte. »Ihre Majestät die Königin hätte ihn gern hierher gezogen.«

»Meinen Sie nicht auch, ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube, unserer Kritik, an unserer Hofluft untergegangen? In Weimar thront er in einem Tempel, hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen. Es fehlt hier an der rechten Sonne, meinen Sie nicht auch? Und noch immer so viel Rücksichten, Bedenklichkeiten. Es sieht Einer den Andern an, wenn er in die Gesellschaft tritt, und wenn er ihn noch nicht gesehen, fragt er zuerst, ob er auch zu ihm gehört? Mein Gott! Diese Geburts- und Standesunterschiede müssten doch verschwinden, wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Centralpunkt auf Alle schiene, gleich wie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten werfen, wenn ein voller Kronleuchter Alle von oben beleuchtet. So könnte ich mir das Haus der Herzogin denken. Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung, und dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein, es ist auch noch manches andere da, doch passons là-dessus. Ebenso können die Kreise der geistreichen Jüdinnen nicht dominirend werden, es stößt sich doch Mancher daran.«

Jetzt wusste van Asten, wohin die Geheimräthin steuerte. Warum sollte er nicht in ihre Wünsche ein gehen! Es war keine Sünde gegen die Wahrheit, daß er es für verdienstlich erklärte, wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für die [181] Notabilitäten der Intelligenz öffne, eine Dame, die mit klarem Verstande, Belesenheit, seiner Sensualität, und durch den Stand ihres Gatten und ihre eigene Geburt dazu wie berufen scheine.

»Sie scherzen! Das könnte eine Jede, wenn sie wollte. Im Uebrigen, was ist es denn auch besonderes, wenn man etwas anders aussieht, als diese ehrbaren Hausfrauen, die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffirt scheinen, wenn sie ihr Gesellschaftskleid angelegt haben. Denn allerdings kommt mir Manche vor, wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt, als mache sie eine Bewegung, um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen. Und dann, lieber van Asten, Sie spielen auf meine Herkunft an. Ich bitte Sie, um Gottes Willen, nur davon nichts, daß ich von Adel bin. Ueber diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus. Sie wissen, daß ich meinen Namen ohne Thränen einem Bürgerlichen hingeopfert habe. Lassen wir die Todten ruhen! Ja, ich will gern meine Schwäche bekennen, es ist mir manches Mal recht angenehm, ja es schmeichelt mir, wenn ich mich als den Mittelpunkt dieser heitern, von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte. Aber, – sie hielt einen Augenblick inne – aber, wenn sie gegangen, die Lichter ausgelöscht sind, überfällt mich doch wieder, ich weiß nicht was, ein inneres Gähnen, eine Hohlheit.«

»Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat?«

»Aber von all dem schwirrenden Geschwätz, von den Händedrücken, den zärtlichen Betheuerungen, was bleibt denn andres als – eine Lüge! Ich weiß recht gut, daß einige von den jungen Leuten, die am Tisch die Mäßigen gespielt, noch ins Weinhaus eilen, um sich zu restauriren. Es thun es auch noch Andere, Johannes Müller, Herr Dedel, auch vom Prinzen weiß ich es. In ihren Symposien machen sie sich herzlich über uns lustig. Und ich verdenke es ihnen nicht. Gährt und kocht es doch auch in mir, und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke nicht entgegen wären, könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen. – Sie sehen mich verwundert an. Nein, nein, ich versichere Sie, ich empfinde das ganze Unbehagen, von dem man mir erzählt, daß es die Schwelger nach ihrem Rausche fühlen.«

Van Asten sah sie betroffen an. »Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge, wenn Sie ihre Wirkungen kennen?« Er verschluckte es.

»Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsirt haben,« fuhr sie nach einer Pause fort, »wie sie versichern, worüber war es! Die in der Ecke am lustigsten schienen, lachten vielleicht über mich, über mein Bestreben, ihnen einen angenehmen Abend zu bereiten. Vielleicht über den Geheimrath, unsre Bewirthung, Einrichtung, Gott weiß worüber. Alle sind meine Feinde, Neider, und ich musste doch beim [182] Abschied die Hand ihnen drücken, und sie versichern, wie unendlich ich mich gefreut, sie bei mir zu sehen, warum sie so schnell forteilten. Darum Embrassements, nachgewinkte Küsse, Betheuerungen, daß sie seit lange keinen so vergnügten Abend verlebt. Und wenn sie auf der Straße sind, kaum in den Wagen gestiegen, gähnen sie, wie ich gähne: Gott sei Dank, daß der langweilige Abend vorüber ist.«

Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren! Mit der Gefallsucht, über die er nicht Richter sein wollte, hatte sie begonnen, und aus ihrem Innersten quoll heraus, was sie ihm nicht hatte sagen wollen. War er der Magnet, der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte, oder welche unsichtbare Macht zwang sie, noch eben in der geschmückten Lüge sich schaukelnd, den hässlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren! Es war eine Wahrheit der Empfindung; dieser verkniffene Zug um den Mund, dieser böslächelnde Blick konnten nicht heucheln.

»Es ist das Mysterium der Natur,« sagte er, »daß oft, wo wir nicht säen, wir Liebe ernten.«

»Und doch sind Liebe, Freundschaft, Entzücken und Begeisterung nur Masken für den Egoismus. Mit ihnen will Jeder so viel für sich herauspressen, als er kann. So lange es ihm gelingt ein Vergnügen sich zu verschaffen, so lange dauert die Freundschaft, die Liebe, der Fanatismus, die er auch grade so lange für echt und wahr hält, als der Reiz dauert. Ist der hin, das Thema erschöpft, wird uns die liebste Freundin, der beste Freund gleichgültig. Anstandshalber führen wir noch eine Weile die Täuschung fort, bis wir die Puppen fallen lassen, herzlich froh, wenn ein Zufall uns trennt.«

Damit war das Gespräch zu Ende. Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand neben ihm eine Salzsäule. Es war eine Verwandlung, zu der sie so wenig gethan als Lots Frau zu der ihren, nur ein Naturprozeß. Es wehte ihn kühl an; er hatte nichts mehr mit ihr zu reden, und doch forderte die Convenienz, daß er nicht schweigend ging: »Wenigstens,« äußerte er, »werde die Tochter des Kriegsraths Alltag, davon sei er überzeugt, nie vergessen, was sie der Geheimräthin Lupinus verdankt.«

»Meinen Sie!« Die Salzsäule sah ihn mit einem ihrer eigenthümlichen Blicke an, und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Grade so lange wird sie mich als die Schöpferin ihres Glückes enthusiastisch lieben, als sie sich in meinem Hause amüsirt und vergöttert wird. Vielleicht auch nicht einmal so lange. Nur bis sie auf eigenen Füßen steht, und von mir nichts mehr profitiren kann.«

Er verbeugte sich: »Frau Geheimräthin haben sonst mir nichts zu befehlen?«

[183] »Adieu – doch! Warten Sie. Ich hatte ja einen Auftrag für Sie Richtig. – Springen Sie doch im Vorübergehen bei Alltags an. Die Kriegsraths werden sich vielleicht wundern, wenn sie von der Gesellschaft heut Abend hören und nicht eingeladen sind. Aber das geht doch nicht immer. Sie passen ja nicht.«

»Ihre Eltern –«

»Eben darum; nur Adelheid zu Liebe! – Wenn sie sehen, daß das Mädchen solche gewöhnliche Eltern hat!«

»Der Vater ist doch ein geachteter Mann –«

»Wer redet von solchen Aeußerlichkeiten. Sie passen nicht zu der gebildeten Gesellschaft. Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern- und Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spaß finden, so sind doch Andere, die daran keinen Spaß finden. Die Russische Fürstin hat zugesagt, und ich – Sie sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung – ich hoffe auch, Jean Paul wird kommen.«

»Jean Paul Friedrich Richter!«

»Ich hoffe wenigstens. Man reißt sich so um ihn, daß man es wirklich einen glücklichen Augenblick nennen kann, wo man ihn frei trifft. – Indessen – wie gesagt also, gehen Sie zu den Eltern, und Sie werden schon die beste Art finden, es ihnen begreiflich zu machen. Es hätte sich erst heute so zufällig gemacht –«

»Es wird schwer sein, die Art zu finden, die nicht beleidigt.«

»So sagen Sie, nein sagen Sie, was Sie wollen, es ist mir im Grunde ganz gleichgültig. Was gehören Alltags zu Jean Paul!«

Van Asten verneigte sich wieder, aber an der Thür rief ihn die Geheimräthin wieder zurück: »A propos, ich habe doch vergessen, was ich Ihnen sagen wollte. Mein Kompliment dem Lehrer, sie lernt unbegreiflich schnell, aber sie müssen ihr etwas mehr ästhetischen Elan geben.«

Van Asten sah sie erstaunt an: »Ich finde in ihr ein Verständniß der Dichter –«

»Ja, ja, das ist schon recht – das ist es aber nicht –«

»Ihr Gedächtniß für alle wahrhaft schönen Stellen –«

»Ist bewunderungswürdig. Das Fischerlied von Goethe hörte sie nur ein Mal von Ihnen, und am Abend recitirte sie es mir vor dem Zubettegehen. Admirabel! Das ist alles recht schön, auch kann sie die Glocke beinahe auswendig. Schiller war enchantirt davon. Ich hatte es nämlich so einzurichten gewusst, daß er sich mit der Berg an der Thür im Nebenzimmer unterhielt, als sie von den jungen Mädchen wie zufällig aufgefordert, einige Partien daraus deklamirte. Aber Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen, als Schiller plötzlich in die Hände klatschte. Glauben Sie, daß, wenn ich sie vorher ihm vorgestellt, sie nur den Mund aufgethan hätte? Mit [184] Schiller passirte das noch, aber wie benahm sie sich gegen Jean Paul! Da von der Gesellschaft unter den Linden will ich nicht sagen. Es war ja ein Gedränge um ihn, beinahe ein Skandal.«

Walter lächelte. Der böse Leumund erzählte von zwei Freundinnen, die in derselben Absicht nach dem Sessel eilten, von dem der Dichter eben aufgestanden. Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die glückliche sein und sitzen, wo der Dichter gesessen. Man behauptete, daß beide seitdem nicht mehr Freundinnen wären.

Die Geheimräthin las aus Walters Lächeln den Sinn: »So seid Ihr alle, und Keiner besser als der Andere. Die Huldigungen edler Frauen für eine Größe, wenn sie Euch selbst nicht gelten, sind nur gut für Euren Spott. Nicht wahr, das charmante Triolett, was durch die Stadt läuft, ist von einem Ihrer Freunde, von dem Herrn Tieck oder Bernhardy, oder einem der Herren Schlegel?«

»Unsere Freunde,« sagte er, »erkennen das echte Feuer, das aus diesem Genius in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel prasselt, wenngleich der krause irdische Troß, den es mitnimmt, Vielen das Verständniß seiner Seelenaccorde erschwert.«

»Wir nun bemerken nicht diesen Troß und sind darin glücklicher als die Herren der Schöpfung, denen so oft der Sinn über die verletzte Form verloren geht. – Das aber ist es, ja, ja, Herr van Asten, Sie wollen Ihrer Schülerin einen zu klassischen Sinn einimpfen. Sie dämpfen ihre Entzückungen – aber was ich sagen wollte, – ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht –«

»Jean Paul? – und mit Adelheid?«

»Die Russische Fürstin war eben fortgefahren. Wir trafen nur noch vier Damen, die ihm einen Teppich gebracht, denn der Fußboden ist sehr kalt, weil er über einem Stall wohnt. Sie ließen es sich nicht nehmen, ihn selbst anzunageln, und während dem hatten wir die schönsten Minuten. Ach wie ganz anders ist Jean Paul als Schiller! Jeden Moment, jedes Blitzen eines Sonnenstrahls weiß er zu benutzen, es sprüht immer etwas Sinnvolles, Angenehmes. Wenn eine der Damen sich auf die Finger klopfte, beneideten die Genien sie um den Schmerz, den eine edle Seele bei einem Liebeswerk empfindet.«

»Und die Damen erwiderten die Galanterien?«

»Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsere Landsmänninnen gefahren. Denken Sie, selbst die Eitelbach, wie berauscht von seiner Nähe, ward witzig. Sie sprach etwas, was im Hesperus stehen könnte.«

»Oder vielleicht schon darin steht.«

»Gleich viel, es ist eine Magie, die alle in seiner Gegenwart [185] über sich selbst erhebt. Ich ließ ihm durch Adelheid ein Bouquet überreichen.«

»Gewiß mit Worten, die im Titan einen Ehrenplatz fänden.«

»Es war, meine ich, keine üble Phrase, eine Phantasie, die mir am Morgen eingefallen war. Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt, eine Art Streckvers. – Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar.«

»Kornblumen! –«

»Natürlich künstliche; die Kornblumenzeit ist ja vorüber. Sie sollte mir recht natürlich kindlich aussehen. Aber sie sprach so hölzern, ich möchte sagen gedehnt. Mir ward schon ängstlich zu Muthe, und sie war kaum in der Mitte, als die Eitelbach den Schrei ausstieß. Sie nämlich war es, die sich mit dem Hammer auf den Finger geklopft hatte. Da sprang Jean Paul vom Sopha und küsste ihr das Blut vom Finger.«

»Was eine unangenehme Unterbrechung gab.«

»Stellen Sie sich vor, Adelheid war nun so in Confusion, oder was war es, sie hatte den Streckvers vergessen, überreichte ihm, wie ein Bauermädchen, den Strauß und sagte: Die Blumen bleiben ja, was sie sind, auch ohne Worte.«

»Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben.«

»Das ist es eben, er sprach so wunderschön, in lauter gewählten, ich möchte sagen selbst in Streckversen; aber sie antwortete ihm, als wäre er ein Mann wie andere, ganz offen, naiv, dreist. Es schnitt mir durch die Seele. Das Mädchen empfand so gar nichts von der Veneration. Jeder giebt sich doch Mühe, so viel er wenigstens kann, sie an den Tag zu legen.«

»Jean Paul wird ihr verziehen haben.«

»Ich aber nicht,« fiel die Geheimräthin, scharf ihn anblickend, ein. »Was soll er von mir denken, wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den Tag zu legen weiß, das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt. Unbedeutend ist Adelheid nicht, es muß also doch etwas an ihren Lehrern liegen –«

»Oder an ihrem Charakter.«

»Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde, mein Herr van Asten. Uebrigens wird sie Gelegenheit haben, ihn in diesem Augenblick zu zeigen. Da ich heut Morgen durch Doktor Selle erfuhr, daß die Gesellschaft der Kurland ausfällt – sie ist an den Hof geladen – also Jean Paul frei ist, schickte ich Adelheid zu ihm, ihn zu invitiren.«

»Das junge Mädchen –«

»Mit dem Bedienten.«

[186] »Aber – er logirt – was man gewöhnlich eine Kneipe nennt.«

»Ich weiß es, unten ist eine Bierstube, auf dem Hofe eine Hufschmiede. Ist er darum weniger der Dichter?«

»Und in der frühen Stunde. In Pantoffeln und Schlafrock, die Pfeife im Munde –«

»Empfängt er Fürstinnen, denen die Stunde und das Kostüm nicht unanständig erscheint, wenn es gilt, dem Genius die Huldigungen darzubringen, würdig des Mannes, welcher so die wahre Frauenwürde erkannt hat. Adelheid wird davon nicht sterben, beruhigen Sie sich, wenn sie sich einmal selbst überwindet. Wir müssen uns Alle überwinden, das – ist die Aufgabe unseres Lebens. Morgen aber kommen Sie etwas später zur Lektion, Herr van Asten, wir müssen ausschlafen.«

Als er die Thür öffnen wollte, trat Adelheid ein.

»Kommt er?« rief die Geheimräthin.

»Er kommt!« Sie flog der Geheimräthin an den Hals, die ihre Locken streichelte und ihre Stirn küsste.

»Ich wusste es, einem so schönen Mädchen konnte er nichts abschlagen.«

»Ach, hätten Sie ihn gesehen, wie ich ihn sah, liebe – Mutter,« – das Wort kam etwas zögernd über die Lippen. »Mit welchem Herzklopfen ich die kleine, steile Treppe hinaufstieg, aber es war heut alles ganz anders. Wie er mir schon entgegentrat! Er ist ein herrlicher Mann! – Ach Herr van Asten, bald hätte ich Sie übersehen! O gehen Sie noch nicht fort, bleiben Sie, Sie müssen es auch hören –«

Sie reichte ihm die Hand: »Ja, wie man sich in dem Menschen täuschen kann. Neulich kamen mir alle seine Reden so künstlich vor, und daß er das zuließ von den Damen. Mir fiel einer von den Götzen ein, von denen Sie mir aus Indien erzählt, die sich umherrollen lassen, und ihre Sklaven liegen auf der Erde. Verzeihen Sie mir, Mama, ich konnte mich kaum zurückhalten aufzulachen, er kam mir so unmännlich, albern vor, wie er auf dem Sopha ruhig die Huldigungen hinnahm, und nichts dafür gab, als blumigte Reden. Aber heut trat er mir mit einem frischen, kräftigen ›Herein!‹ entgegen, schon angekleidet. Er fasste meine Hand, als ich Ihre Bitte kurz aussprach, aber nicht so süß wie neulich, es war wie ein Mann dem andern die Hand schüttelt. Er hörte mich freundlich an, und sprach dann: ›Sagen Sie Ihrer Pflegemutter, ich nehme ihre Einladung mit Dank an und werde kommen, ich danke Ihnen aber, mein liebes Kind –‹ doch das thut nichts zur Sache –«

Aber die Geheimräthin wollte mehr, sie wollte alles wissen, [187] was Adelheid nicht wiedersagen wollte. Vor einem Genius verstummen alle Rücksichten.

»Er fuhr mit der Hand über meine Stirn. Dabei sah er mich ungemein freundlich an. ›Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mädchen!‹ Das kann ich wohl wiedersagen ohne zu erröthen, aber was er nachher sprach, wie er sich ein deutsches Mädchen, und wie er sein großes Vaterland sich denke und es liebe, ach da müsste ich ja selbst eine Dichterin sein. Ich dachte an Sie, Herr van Asten, wissen Sie noch, als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in Feuer geriethen, es war wie ein großes Bild, das Sie in die Luft malten, und ich sah alles leuchten wie Flammen und Abendroth, wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise durch die Luft zogen: Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen, dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland, jetzt nach Italien, nach Asien, ich sah deutlich den reißenden Fluß mit den schönen Bäumen, in dem der Kaiser Barbarossa ertrank, dann fuhren Sie hinüber nach Sicilien, Sie zeigten das Blutgerüst, auf dem der edle Konradin verblutete, und endlich wiesen Sie nach dem Berge in Thüringen, und schlossen: Das war Deutschland und da ruht seine Zukunft! Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien, großen Nation, der wir freudig entgegen leben sollten, uns vorbereitend in Tugend und Sitte und reinem Natursinn, da stand mir Ihr Bild wieder klar vor meiner Seele.«

»Daß es Ihnen nie untergehe,« sprach rasch der junge Mann. »Ich irrte mich nicht in ihm. Leben Sie wohl!«

»Auf Wiedersehen, heute Abend. Ich selbst will Sie ihm vorstellen.«

Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte. Die Geheimräthin stotterte: »Herr van Asten sei wohl heute behindert, da er von ihrem Manne so lange aufgehalten worden.«

»Mama, haben Sie ihn nicht eingeladen?« fragte Adelheid verwundert, als sich die Thür schloß.

»In die Gesellschaft passt er doch nicht.«

»Mein Lehrer den Sie selbst so hoch schätzen?«

»Es ist nicht deswillen. Aber er ist zu unansehnlich.«

»Unansehnlich!«

»Jean Paul freut sich an schönen Gesichtszügen. Van Asten ist doch eigentlich hässlich.«

»Hässlich!« rief Adelheid mit Schaudern und schien sich zu besinnen. »Das ist mir nie eingefallen, daß van Asten hässlich sei. Daran habe ich überhaupt nie gedacht.«

»Was auch recht gut ist, liebes Kind,« entgegnete lächelnd die Geheimräthin. »Und überdem ist er nichts in der Gesellschaft.«

[188]

23. Kapitel. Man muß gelten wollen

Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Man muß gelten wollen.

Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig; es musste indeß nicht so sein, wenn wir gegen Mittag eine Scene im Speisesaal der Geheimräthin belauschen.

In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf, und neben ihr, mit prüfendem Blicke, jede ihrer Bewegungen beobachtend, die Geheimräthin. Um Adelheids Augen war eine Binde geknüpft. Sie übte sich, den Salat zu mischen, die Eier zu zerdrücken, Oel und Essig aufzugießen, ohne diese Ingredienzien zu sehen. Aber die Geheimräthin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten Ort gestellt, und wenn Adelheids Arm irrte, gab sie durch leise Töne ihr ein Zeichen. Einige Schüsseln zur Seite gesetzt, deuteten darauf, daß dieses Experiment schon mehrmals versucht war. Jetzt schien es zu gelingen. Der Salat kräuselte sich im Napf, doch verriethen Adelheids Bewegungen noch immer eine innere Aengstlichkeit, und wer unter die Binde hätte sehen können, würde eine Thräne in ihrem Auge entdeckt haben.

»Nur etwas ruhiger,« sagte die Wirthin, »und dann geht es vortrefflich.«

»Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen,« entgegnete das junge Mädchen.

»Du wirst aber, wenn Du den Salat machst, gen Himmel, das heißt an die Decke blicken. Es wird sich irgend eine Gelegenheit finden, Dich aufzufordern, ein Gedicht, am besten eines von ihm, herzusagen, Du geräthst, von der Schönheit hingerissen, in Affekt, und blickst in die Wolken. Während Du recitirst, stellt der Bediente den Salatnapf vor Dich und flüstert Dir zu: Fräulein, der Salat! Du lässt Dich nicht stören und unterbrechen, greifst aber unwillkürlich nach Löffel und Gabel, und ohne einen Blick hinunter zu werfen, verrichtest Du mechanisch die Arbeit.«

»Aber die Liane aus dem Titan ist ja, wie Sie mir gestern vorlasen, wirklich in dem Augenblick blind, und der hässliche Minister, ihr Vater, zwingt sie nur zu der Komödie, damit die Gesellschaft glauben soll, seine Tochter könne noch sehen. Herr Richter und alle unsere Gäste wissen aber, daß ich sehen kann, warum soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen, von der jeder Mensch weiß, daß sie eine außerordentliche Abrichtung kostet? Die Gäste werden wahrscheinlich den Titan gelesen haben.«

Adelheid hatte die Binde abgerissen.

»Das setze ich sogar voraus,« sagte lächelnd die Lupinus. »Sie werden sogleich wissen, was es bedeutet. Ach eine Liane! [189] wird es von Mund zu Munde gehen. Du liebst ja nicht die groben Komplimente, dies, hoffe ich, soll eines der feinsten sein, das ihm in Berlin begegnet.«

Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor gegen den großen Mann.

»Du kennst nicht die Welt und noch nicht die großen Männer,« seufzte die Geheimräthin. »Gerade wer übersättigt ist von Lob und Bewunderung, ist am empfänglichsten für die kleinen Aufmerksamkeiten. Kann man Jean Paul noch mehr mit Huldigungen überschütten, als es die Damenwelt hier gethan! Der Hausknecht schimpft schon, wo er wohnt, über die vielen verwelkten Blumen, die er täglich in die Müllgrube kehren muß, und glaubst Du, daß wir ihm eine Freude machten, wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen überschütteten? Er würde das hinnehmen als etwas, was sein muß, und denken: wenn Ihr nichts weiter könnt! Aber eine solche versteckte Anspielung muß ihm schmeicheln, eben weil er recht gut weiß, welche große Vorbereitungen es gekostet hat.«

»Und warum muß ihm denn geschmeichelt werden?«

»Weil er ein Mensch ist wie andere.«

»Und warum muß man überhaupt schmeicheln?«

»Weil wir leben wollen.«

Adelheid sah sie groß an. Sie schien sagen zu wollen: ich schmeichle Niemand und lebe doch.

»Weil Du jung und hübsch bist,« antwortete die Geheimräthtin auf den unausgesprochenen Gedanken, »darum ist man gegen Dich aufmerksam. Wenn Du nicht mehr jung und hübsch bist, wirst Du Dich schminken müssen. Es giebt mancherlei Schminke. Je älter man wird, mein liebes Kind, um so mehr Arbeit hat der Mensch, denn um so mehr muß man die Schwächen der Anderen studiren, um vor ihnen zu gelten.«

»Warum muß man denn gelten wollen!« Es entfuhr ihren Lippen; sie wusste sich kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt, als die Pflegemutter sie anschielte.

»Ja warum lebt man! Der Philosoph fehlt noch, der uns die Frage beantwortet.«

Es entstand eine Pause. Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen fortgeschafft; die Geheimräthin brachte die Tafel wieder in Ordnung, putzte die Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand. Adelheid war emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt, es schien, um ihr Gesicht zu verbergen. Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet. Es klang davon noch etwas in der kurzen Frage wieder:

»Kam das auch von Deinem Lehrer?«

»Was, Mama?«

[190] »Daß man nicht soll gelten wollen! Herr van Asten ist ein Philosoph, der sich die Welt konstruirt, wie ein Dichter sie ansieht. Nicht wahr, hat er Dir nicht gesagt, jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen, sondern nur sein, was er ist? Das klingt hübsch, aber die Menschen sähen sehr häßlich aus, wenn sie nichts thäten, um sich zu verschönern. Davon, mein Kind, macht Keiner eine Ausnahme.«

»Er selbst will gewiß nicht mehr scheinen als er ist –«

»Sprich es nur aus, was Du verschluckst, Du meinst, er wäre sogar noch besser, als er scheinen will. Nicht wahr, denkst Du es nicht bisweilen, wenn er in einer begeisterten Rede plötzlich inne hält, als wolle er etwas nicht sagen aus Bescheidenheit, wenn er die Augen abwendet, rasch auf ein anderes Thema übergeht! – Und wenn er nun damit nichts wollte, als daß Du glauben solltest, er wäre und wisse noch weit mehr, als Du denkst?«

Adelheid sah sie groß an: »Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch!«

»Nicht schlimmer als Andere. Ja, er thäte gewissermaßen nur seine Pflicht. Ein Arzt, ein Prediger und Lehrer, wenn sie wirken wollen, müssen einen Glauben an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten, damit ihre Patienten und Schüler an sie glauben.«

»Er brauchte es gewiß nicht.« sagte Adelheid.

»Da hast Du gewissermaßen wieder Recht. Er war ein guter Lateiner, wie mein Mann sagt, er hätte nur einen gewissen Klassiker zu ediren brauchen, und eine Anstellung und Anerkennung hätte ihm nicht gefehlt. Aber man sagt, das gilt jetzt nicht mehr viel. Da wandte er sich den jüngern Geistern zu, die aus der Natur, veralteten Poeten und der Mystik, Gott weiß welche Schätze zu graben vermeinten. Abgestandene Aufklärung nannten diese jungen Genies die Werke, durch welche jene Männer, die vor ihnen berühmt waren, ihren Ruhm gewonnen. Auf dem Wege war kein Platz mehr für sie zur Geltung zu kommen. Van Asten wollte auch ein Dichter sein.«

»Das hat er wieder aufgegeben, liebe Mutter. Er sagte mir, wer fühlt, daß seine Begabung für die Poesie nicht ausreicht, soll davon bei Zeiten abstehen.«

»Sehr vernünftig. Von der ganzen jungen Schule hat noch kein Einziger eine Anstellung erhalten. Herr Iffland will auch ihre Theaterstücke nicht zur Aufführung bringen. Es hat einen glänzenden Schein, mein Kind, aber es gilt nicht. Darum hat Dein Herr van Asten sich wieder auf Anderes geworfen. Er will ein selbstständiger Mann, ein Charakter sein. Er hat sich von seinem Vater getrennt, der ein angesehener reicher Mann ist, und will sich selbst sein Fortkommen verschaffen. Wenn es ihm gelingt [191] hat er recht. Das ist die Aufgabe des Genies, aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen. Sein Anfang ist recht hübsch. Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat, der mit gekrümmtem Rücken um die Erlaubniß bittet, ein Wort mitsprechen zu dürfen, sondern er geht aufrecht und spricht wenig, kurz, aber entschieden. Das frappirt auch Vornehmere, und man fragt, wer er ist? Ich will ihm nur wünschen, daß es ausreicht. Aber ich fürchte, es wird nicht ausreichen. Gute Privatstunden geben, und dann und wann eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen, damit erlangt ein junger Mann keine Bedeutung. Er thäte noch immer am gescheitesten, wenn er zu seinem Vater ins Komptoir zurückkehrte. Wenn man einmal der Erbe von van Asten und Kompagnie wird, kann man sich schon bequemen, ein paar Jahre am Ladentisch zu stehen.«

»Walter!«

»Dann würde er Dir wohl weniger gelten?«

»Das nicht, aber –«

»Vor den Leuten würde er an Geltung verlieren. Ach mein Kind, es steht Keiner so hoch, daß er nicht Alles verliert, wenn er vor den Leuten nicht mehr gilt; Kaufleute und Könige, Gelehrte und junge Mädchen. Warst Du etwa eine andere, als Du in dem schlechten Hause betroffen wardst? Benahmst Du Dich wie die Mädchen dort, trugst Du Kleider wie sie, blicktest Du frech die Männer an? Nichts von alledem, Du warst die tugendhafte sittsame Adelheid, die Du vorher warst und jetzt bist, aber Du galtest vor den Leuten für ein Mädchen wie die andern, und aller Deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet, wärst Du auf ewig verloren gewesen –«

»Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt hätten.«

Man thäte der Geheimräthin Unrecht, wenn man glaubte, daß sie mit dem langen Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe. Im Gegentheil, sie liebte nicht Affectscenen, wo das Herz auf dem Präsentirbrett liegt.

»Ich habe nichts für Dich gethan damals,« sprach sie mit einer Ruhe, welche die Aufwallung entschieden zurückwies. »Du wurdest nur dadurch gerettet, weil der Zufall Dich in mein Haus führte. Das Deiner Eltern ist gewiß ein sehr ehrbares, aber Dein Vater und Deine Mutter haben wenig Umgang mit der Gesellschaft. Wenn Sie Dich auch noch so behütet und eingeschlossen, Du hättest doch einen Flecken behalten. Die Dich gekannt, wussten freilich, was Du warst, die Andern aber hätten gedacht: schade um das arme Mädchen, sie lebt nun so zurückgezogen, führt sich so sittsam auf, und thut alles was sie kann, den Verstoß wieder gut zu machen, sie ist auch vielleicht ohne eigene Schuld, aber sie war doch einmal in dem Hause, und das vergisst man nicht. So argumentirte der [192] Legationsrath, und ich gab mich gefangen, und Deine Eltern endlich auch. Und hatte der Treffliche nicht Recht? Ist nun nicht Alles gut? Man reißt sich um Dich. Bist Du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am Gensd'armenmarkt? Habe ich Dich besser gemacht, erzogen? Ich bin weit von der Eitelkeit entfernt mir das anzumaßen; ich weiß sogar, daß Du ein Charakter bist, der sich eigentlich nicht erziehen läßt, der sich aus sich selbst herausbildet. Was Du nach meinem Willen thust, geschieht nur aus Dankbarkeit, und Du behältst noch Deinen Willen. Aber vor der Welt bist Du eine andre, Du giltst, ich sage nicht für tugendhast, davon ist nicht mehr die Rede, aber vielleicht für mehr als Du jetzt schon bist, Du bist ein enfant gaté der Modewelt, alles, weil Du in einem Hause lebst, was Geltung hat. Ja, mein liebes Kind, wer unter den Menschen leben will, muß vor ihnen gelten wollen.«

Die Geheimräthin wühlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen. Es war nicht das erste Mal, es geschah auch nicht zufällig; sie meinte auch, nicht mit grausamer Absicht. Um fest zu werden für das Leben vor uns, muß man jeden Augenblick über das hinter uns klar sein, war ihr Argument.

Auch Adelheid wiederholte nur, was sie schon tausendmal gesagt, von dem Schutzengel, den sie gefunden, dem neuen Leben, welches sie in diesem Hause angefangen, wie sie sich jedesmal strafe, wenn sie dem Willen ihrer Retterin entgegen handelte, wie Alles hier zu ihrem Glücke ausschlage.

»Und doch wünschtest Du Dich schon fort!«

»Nicht doch! nicht doch!« Adelheid küßte mit Heftigkeit die Hand der Lupinus.

»Du bist unruhig. Hättest Du wieder beleidigende Aeußerungen gehört?«

»Im Gegentheil, liebe Mutter, das ist alles überwunden, selbst der schreckliche Gedanke, daß ich in die Zeitungen kommen musste, auch das ist nun vorüber. Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren, und die Sonne ging dann auf, und sie verdampften, bis alles, alles klar war, da fühlte ich mich wie aufgelebt. Das Gras, die Büsche und die Blumen sind doch nicht Schuld daran, dachte ich, daß der häßliche Nebel sie belegt.«

Der Geheimräthin prüfender Biick war noch derselbe: »Und Dir ist doch etwas! Du kamst so echauffirt zurück. Du kannst Dich nicht verstellen. Ist er Dir wieder begegnet?«

Adelheid nickte nur mit dem Kopf.

»Wo?«

»Als ich in den Thorweg zu Herrn Richter einbog, glaubte ich ihn um die andere Ecke kommen zu sehen, ich hoffte, er hätte mich nicht bemerkt. Und darum war es mir lieb, daß Herr Richter [193] mich länger aufhielt. Aber als ich heraustrat, und wirklich, ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen über den herrlichen Mann, da –«

»Unterstand er sich, Dich auf offener Straße anzutreten!«

»Nein eigentlich nicht. Er stand am Eckhause, wo ich vorbei musste, mit gekreuzten Armen, wie ein Träumender.«

»Und als Du vorbeigingst?«

»Mama, ich glaube beinahe, ich hüpfte vorbei, so wohl war mir in dem Augenblick und ich sah ihn erst, und er gewiß mich auch, als ich beinahe an ihn stieß.«

»Und –«

»Ich weiß nicht, stieß ich einen Schrei aus, aber es war gewiß nicht laut, ich fuhr zurück –«

»Und er?«

»Vielleicht sagte er auch etwas. Das weiß ich nicht mehr. Aber der Blick, den er auf mich warf, verfolgte mich.«

»Unerhört! Ließest Du ihn nicht durch den Bedienten zurecht weisen? Er ist ja ein fürchterlicher Mensch.«

»Den armen kranken Johann, der sich nur so hinschleppt –«

»Du hättest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen.«

»Nein, theuerste Mutter, lassen Sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre Begleitung. Ich bitte Sie recht dringend, inständigst darum. Ich hätte wohl den Muth, ihm Rede zu stehen, wie er verdient, aber –«

»Drei Mal hatte er ja wohl die Unverschämtheit, sich anmelden zu lassen, seit er aus dem Arrest ist?«

»Das dritte Mal gerade, als Sie zum Polizei-Präsidenten gefahren waren.«

»Da ist auch keine Abhülfe,« sagte die Geheimräthin kopfschüttelnd. »Der Präsident meinte, die paar Wochen, die man ihn wieder eingesperrt, seien das Aeußerste, was man thun könne. Denn von der Insulte gegen Dich ist nicht die Rede gewesen, nur weil er maskirt auf der Straße erschienen und mit der Wache seinen Spott trieb! Aber, mit uns treibt er täglich seinen Spott, sagte ich, er verfolgt im Theater, auf der Straße meine Pflegetochter, er dringt in mein Haus. Wer schützt uns? Der Herr Präsident hatten keine Antwort, als, er bedaure, daß wir keine Bastille hätten und keine lettres de cachet für Personen, die uns unbequem sind.«

Adelheid senkte die Augen: »Was that er uns auch eigentlich, was die Obrigkeit verbieten kann? Andre fixiren mich auch im Theater. Er wollte in unser Haus, aber bei hellem Tage, er klingelte und ließ sich ordentlich melden. Er schrieb einen Brief an mich, aber wir schickten ihn uneröffnet zurück. Wir können dem Richter nicht einmal angeben, was er will.«

[194] »Sollen wir warten bis er eine Leiter anlegt, oder Nachts übers Dach einbricht?«

»Neulich, als Sie fortgefahren waren, hatte er mich durch das Flurfenster gesehen, und doch respectirte er die Unwahrheit, die der Bediente auf Ihren Befehl sagte: ich sei nicht zu Hause. Johann hatte die Thür schon geöffnet, er brauchte nur den Fuß vorzusetzen, ihn mit dem Ellenbogen zurückstoßen und wenn er seiner Tollheit nachgehen wollte, war er Herr im Hause. Es mag in dem Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein. Die Arme auf der Brust gekreuzt, stand er eine Weile auf dem Flur und sein Auge schien in die Dielen zu brennen. Da hab ich auch einen Augenblick gezittert. Plötzlich rief er: ›ich werde sie ein ander Mal zu Hause finden!‹ und ohne sich umzusehen, stürzte er die Treppe hinunter. Es kann doch also keine böse Absicht sein.«

»Seine Absicht ist, meinem Hause einen Affront anzuthun. Es ist eine Beleidigung jetzt mir zugefügt. Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouirt, nichts desto weniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrath Bovillard, der am Ende noch Gefallen daran findet, wenn sein ungerathener Sohn eine Dame insultirt, die er schon mit seinen Plaisanterien verfolgt. Aber das soll, muß anders werden. Wir werden einen Beschützer finden. Dein Erretter, der Legationsrath, der unglücklicher Weise bald nach jener Affaire Berlin verlassen musste, um seine Güter zu revidiren, wird bald zurückkehren. Er weiß, wie man uns Ruhe verschafft. Er ist jetzt der Mann, der gilt, der Stern der Gesellschaften, und ich hoffe von seinem Einfluß auf den alten Bovillard, daß er selbst endlich müde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft.«

Die Lupinus hatte in ihren Eifer übersehen, daß Adelheid den Mund zu einer Mittheilung geöffnet: »Herr von Wandel ist ja zurück.«

Die Geheimräthin hätte jetzt ebenso Grund gehabt, in Adelheids Art etwas Auffälliges, eine Aufgeregtheit zu finden, aber weil sie selbst aufgeregt war, merkte sie es nicht.

»Er zurück! – Woher weißt Du das?«

»Als ich vor ihm – vor Jenem – in einen Laden flüchten wollte, trat er heraus.«

»Wandel – und – mein Gott, das Wichtigste sagst Du mir jetzt erst!«

»Ich war so überrascht, verwirrt –«

»Und –«

»Ja, was eigentlich geschehen, weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe ihm die Hand gereicht.«

»Du glaubst –«

[195] »Mama, ich glaube, ich hätte Jedem sie gereicht, der mir entgegentrat, es war eine Angst, ich sah nichts mehr vor mir.«

»Und der Legationsrath! – Haben sich Beide wiedererkannt?«

»Ich weiß es nicht. Der Legationsrath sah nur meine Angst. Aber dann hat er mich nach Haus geführt.«

»Er – Dich? Hierher? Wo ist er – Was sagte er?«

»Liebe Mutter, zürnen Sie mir, ich weiß nichts von dem Gespräch. Ich horchte nur immer, ich bebte, ob er noch hinter uns wäre. Er wird mich für sehr kindisch gehalten haben.«

»Ich will es Dir vergeben, weil Du beschämt warst, nicht mehr Muth gezeigt zu haben. Und vor dem herrlichen Mann, dessen Gegenwart schon Deine gesunkenen Geister erheben musste! – Aber mein Gott, wo ist er? Er hat Dich hergeführt. Warum kam er nicht mit herauf?«

Adelheids Geister waren nicht gehoben. Auf alle Fragen der Geheimräthin über ihren Begleiter, wusste sie sich kaum zu entsinnen, daß er beim Abschied gesagt, wenn er nicht zu einem Minister berufen, würde er sich sofort das Vergnügen gemacht haben, bei ihrer gütigen Pflegemutter anzusprechen. Adelheid ward mit dem Befehl entlassen, für ihre Toilette zu sorgen.

Die Geheimräthin war in sichtlicher Unruhe zurückgeblieben. Ihre Gedanken machten Kreuz- und Quersprünge. Wenn sie den Legationsrath präsentiren konnte, ihn, den neuesten Lion der Gesellschaft, den bewunderten, räthselhaften Mann, der aber als er, eine neue Sonne, aufgegangen, plötzlich wieder ver schwunden war! Wenn er nach seiner langen Abwesenheit, zuerst in ihrer Gesellschaft wieder erschien! Wenn er jetzt anklopfen sollte, sein erster Besuch bei ihr? Wenn – Niemand kannte den geheimen Grund seines Aufenthaltes in Berlin, und welches Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt, als ihn ein dringendes Geschäft plötzlich auf seine Güter rief! – Wenn er sich gedrungen fühlte, sie zur Mitwisserin seiner Ideen zu machen. Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer Situationen, als eine kalte Frage dazwischenfuhr: Wird er denn überhaupt kommen? Hat er dem Mädchen nicht vielleicht etwas aufgebunden, nur um sie los zu werden? Ist er nicht vielleicht abgereist, um seine Verbindungen hier zu brechen? Er kehrt zurück, Gott weiß warum, aber nicht, um die wieder anzuknüpfen, deren er überdrüssig ist. Er ist ein Mann, der der Welt angehört, Berlin ihm ein Stationsort, um sich auszuruhen, nicht länger als nöthig, und die Personen, mit denen er umgeht, zum Zeitvertreib zu gebrauchen. Zum Thor hinaus, in der nächsten Stadt, hat er uns vergessen –

Aus diesem peinlichen Selbstgespräch riß sie ein fester Klingelzug und gleich darauf meldete der Diener den Legationsrath von Wandel.

[196]

24. Kapitel. Der Legationsrath

Vierundzwanzigstes Kapitel.
Der Legationsrath.

Die Geheimräthin war in der Regel die Erste in den Kreisen, in welchen sie sich bewegt, sie war sich dieses Uebergewichts bewusst, dennoch glaubte sie den rohen Kitzel überwunden zu haben, welcher sich darin gefällt, dies Uebergewicht auch die Anderen empfinden zu lassen. Dem Legationsrath gegenüber fühlte sie diesen Zauberbann zerstört. Aber grade gegen eine geistige Uebermacht anzukämpfen, ist interessant. Eine Frau hat so viele kleine Künste, mit denen sie unbemerkt in das feste System des Mannes Bresche legt, wenn es der Mühe verlohnt.

Er stand auf der Höhe, wo man nur wenig auszugeben braucht, aber man reißt sich um die Münze, wie um eine Seltenheit. Dann sieht man auch wohl nicht immer genau nach, ob die Münze echt ist. Er saß nachlässig im Fauteuil, doch mit dem Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenüber, die er auch dafür anerkennt.

Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen, in welchen wir die Lupinus zu Hause wissen.

»Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen, in die sie dringen will,« hatte er auf eine Bemerkung der Geheimräthin erwidert, daß sie die Sphären des Staats für ihr Geschlecht wenn nicht unzugänglich, doch geschlossen halte.

»Man sagt uns doch so oft, wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre verlieren.«

»Wer das uns auf sich beziehen will! Ist die Stael keine Frau! Mich dünkt, man braucht nicht so weit zu suchen. Sind nicht die höchsten Damen an unserem Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik! Und wer sagt uns, ob nicht die ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird!«

»O, wer in diese Zukunft blicken könnte, ob sie uns Aufschlüsse, Lichter, Befriedigung bringt, oder das alte Einerlei des Zweifels, der getäuschten Hoffnungen, der immer neuen Erwartungen, die nie erfüllt werden!«

»Die Zukunft, gnädige Frau, wird sein wie die Gegenwart, wenn wir sie nicht zu ergreifen verstehen.«

»Und wer ergreift diese! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu bestimmt.«

»Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange als der Mann es bleibt, das ist so lange als er sich selbst beherrscht.«

»Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen!«

[197] »Die Kraft, das Ziel unverrückt im Auge zu behalten, die Wege, die die kürzesten und sichersten, nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben, wie man Rosse zügelt und spornt, deren Natur wir kennen.«

»Das ist nur an den Männern.«

»Warum! Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung, Bezüge zum Leben, weit leichter der Verführung ausgesetzt.«

»Das sind Paradoxien.«

»Nichts weniger. Er ist zugänglicher den Leidenschaften, weil er sie leichter befriedigen kann, dem Ehrgeiz, den Illusionen aller Art; und giebt er ihnen sich hin, hört er auf zu berechnen, verfolgt er eine Phantasie, ist er schon verloren. Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand concentriren, und wie sie den Mann beherrscht, wenn sie will, warum nicht die Welt!«

»Spötter!«

»Dem Weibe gab die Natur die seine Beobachtungskraft, die wir nur mit unendlicher Anstrengung uns aneignen, die Gabe aus Symptomen, die unserem in die Ferne schweifenden Blick entgehen, Seelenzustände, vergangene und künftige Begebenheiten zu entziffern. Vermag sie's, Herrin zu werden über ihre Neigungen, Vorurtheile, ihre Liebe und ihren Haß, ihre Impulse und abergläubischen Vorstellungen; vermag sie's, ihre Bestrebungen, ihre Liebe und ihren Haß auf größere Dinge zu richten, als den Untergang einer Rivalin, die Protektion eines Günstlings, dann, sage ich Ihnen, kann sie mit ihren außerordentlichen Mitteln Großes, Außerordentliches, warum nicht das Größte.«

Die Geheimräthin schwieg nachsinnend. Sie hielt es für den Moment geeignet, seitwärts abzuspringen: »Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen,« sagte sie wieder aufblickend.

»Ich kann einen Trunkenen beneiden, aber nur so lange er es ist.«

»Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schönsten Thaten.«

»Aus der Geschichte nicht, meine Gnädigste. Sie ist ein großes Quodlibet, wo Platz ist für vieles. Nur aus dem Katechismus der Wenigen streiche ich sie, welche wissen, was sie wollen.«

»Und wie wenige Größen bleiben dann übrig,« erwiderte die Geheimräthin.

»Wenige, aber zum belehrenden Exempel genug Cäsar blieb sich gleich bis zum Gipfelpunkt.«

»Und fiel durch Mörderhand.«

»Der rohe Zufall liegt außer unserer Berechnung; er fiel, nachdem er erreicht, was er erstrebt. Und doch vielleicht war's auch nicht ganz Zufall.«

[198] »Wie hätte Cäsar den Arm des Brutus hemmen können, wenn er keine Ahnung seines Vorsatzes hatte!«

Der Legationsrath lächelte: »Cäsar hatte Vertrauen, wo er nur Argwohn haben durfte. Cäsar war der große Mann, weil er sich selbst Alles verdankte, weil er im Siegerglück nicht glaubte, daß er nun genug gehandelt, daß nun das Schicksal für ihn wieder handeln müsse, weil er nicht, von der eignen Größe trunken, an eine Mission glaubte. Aber er irrte, als er glaubte, daß ein großer Mann auch sogenannte menschliche Regungen haben, daß er, ohne ein bestimmtes Interesse großmüthig sein dürfe. Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen spekuliren, und er spekulirte nur auf ihren Edelsinn. Er, in seiner Lage, durfte nicht hoffen und lieben, nur beobachten und rechnen, und ihm war der Argwohn eine Tugend und Nothwendigkeit. Er schloß das scharfe Auge, er rechnete falsch und vertraute. Ein Cäsar darf auf nichts vertrauen!«

Es trat eine Pause ein. Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die vermuthlich an den Anfang desselben wieder anknüpfte. Man hatte von den Ereignissen des Tages gesprochen, von dem Stern, über den die Meinung sich noch theilen konnte, ob er ein leuchtendes Tages-Gestirn sei oder ein nächtliches Meteor?

»Und er ist Kaiser,« hub die Geheimräthin an, »er hat sich selbst dazu erklärt! Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin, ein gewesener Artillerielieutenant! Und die altgekrönten Mächte beeilen sich, ihn anzuerkennen!«

»Sie müssen wohl!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Legationsrath. Man darf ihn hier nicht ungestraft in allen Kreisen bewundern. Und Sie besuchen –«

»Die verschiedensten,« fiel er rasch ein. Es war das gewesen, wofür der Gast es nahm, ein Klopfen auf den Busch. »Ich bewundere nichts, fuhr er fort, ich beobachte nur, und mein Facit der Anerkennung ziehe ich erst, wenn ich einen Mann am Ziele sehe.«

»Wird er es erreichen?« fragte die Geheimräthin leiser.

»Wenn Sie mir sagen könnten, was sein Ziel ist, würde ich versuchen, auf die Frage zu antworten.«

»Sein Ziel!« – die Geheimräthin sah ihn groß an, aber sie verstummte vor seinem abmessenden Blick. Mit einem Seufzer sagte sie: »War es denn ein Verbrechen, in ihm einen Beglücker der Menschheit zu erblicken!«

»Ein Verbrechen ist Unsinn, und der Wahn, daß Einer für Alle etwas schaffen könne, eine Thorheit. Jeder schafft für sich. Ich weiß nicht, ob der junge Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing, der Kaiser der Franzosen wird ihn belächeln. Man muß die Menschen kennen gelernt haben, wie wir, [199] gnädige Frau, um zum Resultat gekommen zu sein, daß, was man so die Menschheit nennt, nicht werth ist, sein Bestes für sie zu opfern.«

»Aber mein Gott, für wen soll man sich denn opfern.«

Der Gast schien es überhört zu haben, oder seine Gedanken hatten unwillkürlich einen andern Gang genommen; »Es ist zu bedauern, daß die Kaiserin ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewährt. Eine wahre Zierde ihres Geschlechts!«

»Sie kennen die Kaiserin Josephine?«

»Ihre Majestät, Königin Louise, ist gewiß die personificirte Huld und Schönheit, aber diese Creolin, in der sichtlich noch das tropische Blut pulst, hat etwas Bestechendes, Fortreißendes. Man muß sie gesehen haben – ach, schon als Josephine Beauharnais!«

»Sie kannten sie damals schon?«

»Es rühmen sich Viele, doch wer kann sagen, daß er sie kennt! Kennt man nur ihren Einfluß auf den Kaiser!«

»Sie hat vieles Blutvergießen verhindert.«

»Sagt man. Wer diese on dit's geschickt auszustreuen weiß, der kommandirt über Armeekorps. Und Beide, der Kaiser und die Kaiserin, sind darin geschickt, es fragt sich eben nur wie lange Beide zusammen operiren werden.«

»Mein Gott, Sie scheinen auch mit den häuslichen Angelegenheiten des Kaiserpaares vertraut.«

»Ich lese nur, was Jeder lesen kann, der die Augen auf hat. Will er ein Reich gründen, was ihn überlebt, muß er einen Sohn haben der ihn beerbt. Wer arbeitet mit voller Kraft für einen andern Dritten! Was ist ihm der adoptirte Stiefsohn! Erinnern Sie sich, was die sentimentalen Seelen von ihm hofften, nachdem er die Revolution besiegt?«

»Ich habe nie geglaubt, daß Napoleon sich zu einem Monk herabwürdigen könne,« sagte die Geheimräthin.

»Gewiß, wer die Kraft hat ein Egoist zu sein, wird sich nie mit einer Livree begnügen.«

»Egoist!«

»Alle großen Männer sind es, eigentlich alle wahren Männer. Wer schaffen will, muß für sich schaffen, und wer ein Weltreich gründen will, für eine Dynastie, die seine ist. Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau. Sie sieht das ein; wie weit sie voraussieht, wissen wir nicht, aber sie hat einen Sohn. Es ist nun ein recht kluger Anfang, daß sie die Maske der Milde, Liebe und besänftigenden Güte vornimmt, und ob es von ihrem Gatten klug ist, sie ihr zu lassen – das ist eine andere Frage, die – uns Beide wenigstens, meine theuerste Geheimräthin, glücklicherweise nichts angeht.«

[200] Er war aufgestanden. Die Geheimräthin hätte die Unterhaltung gern fortgesetzt: »Sie sind gewiß sehr affairirt. Eine so ehrenvolle Sendung muß Ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen.«

»Ich bitte Sie, kein Wort von der Bagatelle. Natürlich wird man nicht gerade zur Thür hinausgeworfen, wenn man als Ueberbringer solcher Ehrenzeichen ankommt, indessen, wie gesagt, ich wünschte, daß man in den Cirkeln hier kein Aufhebens davon machte.«

»Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigene Brust mit einem dieser Ehrenzeichen geschmückt.«

»Für einen Briefträgerdienst! Monsieur Laforest, der Gesandte, lachte über die Mission, und das verdient sie auch; haben wir doch Jeder für Wichtigeres zu sorgen! Ich freue mich nur, daß die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt lohnt. Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebürdet.«

»Ich freue mich, daß alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen. Adelheids Renommee ist nicht allein hergestellt, sie ist – nun Sie erfahren es schon. Möchte sie nie den Dank gegen Den vergessen, dem sie ihr Alles verdankt.«

»Dank, meine Gnädige! Es giebt keine Substanz in der Chemie, die so schnell verflüchtigt! Wer darauf bauen wollte –«

»Sie brauchen nicht zu bauen, denn Ihr Haus steht fest. Freilich, was ist Ihnen daran gelegen, daß man Sie in Berlin vergöttert! Indessen es ist doch auch für einen Philosophen nicht ganz unangenehm, wenn ihn die Leute auf der Straße kennen und feiern. Ach, mein Gott, warum mussten Sie damals so schnell abreisen. Das war ein Erkundigen, ein Fragen nach Ihnen. Der Hausknecht, wie Ouvriers, die für Sie gearbeitet, wer nur das Glück gehabt, Sie in Gesellschaft, in seinem Hause zu sehen, musste Auskunft geben, wie Sie aussähen, sprächen, welche Ihre Freunde, ob Sie verheirathet wären, ob Sie hier Ihr Domicil aufschlagen würden. Man wusste Sie in kleine Theile zu zerlegen und meinte, der kleinste wäre doch noch etwas, was der Betrachtung Stoff giebt. Einige meinten, es sei doch eine Art Koketterie, daß Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung sich entzögen, ich indeß meinte etwas anderes –«

»Und darf ich fragen, was meine Freundin meinte?«

»Sie leben sich selbst, und fühlen einen andern Beruf, als der Neugier der Menge Räthsel aufzugeben, die Sie nicht lösen wollen, vor ihr wenigstens. Wahrhaftig, ich verdenke es Ihnen nicht.«

Der Legationsrath ließ einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele haften, einen der Blicke, welche die tiefste Absorbirung der Gedanken ausdrücken; man will indeß behaupten, daß auch [201] die Kunst solche Blicke gebrauche, um den Mangel an Gedanken zu verbergen: »Ach, meine Freundin, was verräth uns mehr, welche Leerheit rings um uns ist, als dieses Haschen nach Geheimnissen, die nicht da sind. Weil sie aus sich selbst nichts sind, darum haschen sie nach einem Spielwerk, und ein unbekannter Fremder wird zu einem Räthsel, weil er vielleicht seinen Rock anders zuknöpft, anders den Hut abnimmt, einen andern Ton auf die Worte legt, als hier alltäglich ist.«

»Da ich immerwährend bestürmt werde, sagen Sie mir, was ich den Leuten sagen, oder wenigstens, was ich ihnen verschweigen soll –«

»Verschweigen! Mein Gott, ist denn zwischen uns ein Geheimniß! Malen Sie mich Ihren Bekannten, wie Sie wollen. Eine solche Meisterin wird immer das Richtige treffen. Warum ich hier bin, das ist ja wohl das interessanteste Räthsel. Ich soll Emissair sein, Gott weiß von welchem Illuminaten- oder Freimaurer-Orden, obgleich diese Albernheiten längst aus der Mode sind! Ich bin geheimer Envoyé einer Macht, man weiß nur nicht welcher. Nicht wahr? Natürlich soll ich Staatsgeheimnisse ausspioniren! Ja wenn nur deren hier wären! Und da ich an der Tafel der Minister, der Prinzen speise, da ich ziemlich offen mit ihnen konferire, ist es doch nicht meine Schuld, wenn ich Dinge erfahre, an denen mir wirklich nichts gelegen ist. Ich soll ja auch wohl ein Krösus sein, und bald wieder ein Glücksritter! Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe mich umsehen?« – Er seufzte: »Und die Geister einer unaussprechlich geliebten Gattin schweben noch um ihren Grabeshügel! Doch genug davon. Meinetwegen lassen Sie mich einen Cagliostro sein. Im Uebrigen habe ich noch Niemand verhehlt, daß der Zustand meiner Güter in Thüringen mich hergeführt hat. Treffliche Güter, aber verwildert unter meinem Vorbesitzer. Es bedarf einer wissenschaftlichen Agrikulturbehandlung, um ihre Ertragsfähigkeit auf die Höhe zu bringen, die ich mir zum Ziele gesetzt. Ich besitze chemische Kenntnisse, wer aber kann alles wissen, wer braucht nicht des Rathes, fremder Einsicht? In Berlin finde ich einen Hermbstädt, Klaproth, Flittner. Sie sind meine Lehrer, Freunde, ich konsultire sie, experimentire mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde, Mergel, in allen Arten künstlicher Dungmittel. Das meine Beschäftigung hier. – Sie selbst aber sehen mich ungläubig an. Ach, ich versichere Sie, in dieser Wissenschaft allein ist Trost. Hier ist Wahrheit, hier lerne ich kennen, was sich bindet, was sich abstößt, hier ist Folgerung, Zusammenhang, hier löse ich mir Räthsel, welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen Umhüllungen und Masken so verwirrend umhüllt, daß oft das schärfste Auge, wenn es die Wahrheit glaubt[202] gefunden zu haben, doch nur beschämt vor einer neuen Larve steht. Vor der Chemie gilt keine Täuschung. Während sie Formen und Farben zaubert, zersetzt sie Alles in seine Urstoffe. Das Kräuseln des Dampfes in der Retorte, im Tiegel, der Geruch, den sie entwickelt, den Lichtglanz, die schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben, flüchtige Momente, während wir doch nur den Tod produciren, Schlacke, Asche, Staub, Luft in Luft. Der Tod nur ist dauerd. Leben Sie wohl.«

»Mein Gott, was ist Ihnen? Sie betonen das Wort Tod so besonders!«

»Mit jeder Stunde, die wir leben, bereiten wir ja den Tod. Ich hoffe also heut Abend auf Wiedersehen.«

»Sie hoffen nur? Vorhin sagten Sie bestimmt zu. Sie erwarten heut keinen Befehl eines Prinzen mehr.«

»Nein, wenn indeß ein Hinderniß –«

»Sie müssen doch nicht wieder fortreisen?«

»Ich hoffe nicht, daß es so schlimm ausfallen wird.«

»Sie spannen meine Neugier. Jetzt müssen Sie sprechen.«

»Es ist nur eine der Kleinigkeiten, die das Leben pikant machen. Den jungen Bovillard, den ich in der That auf meiner Reise vergessen hatte, traf ich vorhin auf der Straße, und wenn meine Physiognomik mich nicht täuscht, finde ich zu Hause das, was ich längst erwarten durfte. Indessen wird er sich doch nicht so überhasten, daß er mir nicht noch das Vergnügen gönnt, einen vergnügten Abend in Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen.«

»Allmächtiger Gott,« rief die Geheimräthin erblassend. – »Eine Herausforderung! – Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen einen Mann wie Sie – und um die edelste Handlung –«

»Vor seine Kugel zu fordern.«

»Das darf nicht sein. Bester Freund, Sie kennen nicht seinen Ruf. Mit Ihrer Ehre verträgt es sich nicht –«

»Er saß noch nicht im Zuchthause, ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen, auch hat er seine Spielschulden, wie ich höre, noch immer bezahlt, und ein Dutzend Duelle als Cavalier bestanden; das, meine gütige Freundin, giebt dem Sohn des Geheimrath Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht, auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Armes zu laden, und wenn seine Kugel dies Herz durchbohrt, so versichere ich Sie, ist sein Renommee nicht schlimmer, sondern besser.«

»Abscheulich! Wer bessert das!«

»Ein Mirabeau hate einmal den Muth. Er sprach es aus, daß man einem Dummkopf nicht das Recht lassen dürfe, dem [203] genialsten Mann Frankreichs mit einem Stück Blei seinen Kopf zu zerschmettern. – Die Revolution ist überwunden und die Dummköpfe haben wieder ihr Recht.«

»Aber um Gottes Willen, es muß doch Mittel geben –«

»Ein Cäsar Borgia würde freilich in solchem Fall Mittel finden; auch haben sehr kluge Köpfe sich dadurch der Welt erhalten, die allerdings mehr von ihrem Ingenium profitirt hat, als von zehn Haudegen, welche die Weinhäuser mit ihren Radomontaden erfüllen. Indessen, wir sind keine Borgias und das neunzehnte Jahrhundert verträgt keine Stilets und Banditen.«

»Aber es muß seine edelsten Männer schützen. Es giebt auch andere Mittel, eine höhere Polizei, eine Justiz. Bovillard der Vater muß es erfahren, er muß endlich etwas thun, dem Unwesen seines Sohnes zu steuern. Der König selbst ist entsetzt über diese blutigen Raufereien –«

Der Gast hatte ihren Arm ergriffen: »Um des Himmels willen, meine gütigste Freundin, soll ich bereuen, daß ich im Vertrauen die Lippen öffnete? Es war Alles Scherz –«

»Nein, es ist Ernst.«

»Wenn Sie dem Dinge den Namen gönnen, so beschwöre ich Sie, kein Sterbenswörtchen davon! Sie werden mich verstehen. Was ist das Leben? Eine Anweisung auf Geltung. Wird dieser Wechsel zurückgewiesen, was bleibt uns davon! Wer mag der Lebensluft, in der wir nur athmen können, den Rücken kehren! Ich rechne also auf Ihre Diskretion. Jedes Wörtchen, jeder Wink könnte von meinen Feinden anders gedeutet werden. Es ist ja auch möglich, daß der junge Mann sich eines Besseren besinnt. Ach Gott, der Möglichkeiten sind so viele, daß ich es aufrichtig bereue, Sie nur einen Augenblick geängstigt zu haben. Keinenfalls darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stören. Meine soll es wenigstens gewiß nicht, denn ich freue mich aufrichtig, den neuen Abgott der Residenz kennen zu lernen.«

»Sie kennen Jean Paul nicht?«

»Ich begegnete ihm wohl irgendwo.«

Die Geheimräthin sah etwas verlegen vor sich hin: »Ich hoffe Sie disapprobiren nicht –«

»Was sich versteht in Credit zu setzen. Der Werth eines Staatsmannes, meine Freundin, und der eines Dichters, was sind sie an und für sich, es kommt allein ihr Courswerth in Betrachtung, gleichviel, ob der Dichter ihn sich selbst gemacht, oder Andere so gütig waren. A propos, da kann ich Ihnen eine Neuigkeit mittheilen. Bei Hofe ist eine lebhafte Intrigue. Nachdem es nicht gelungen Schillern hier zu fesseln, versucht man Herrn Richter uns einzuimpfen. Die Parteien sind getheilt. Ihre Majestät die [204] Königin wünscht ihm eine Präbende zuzuwenden. Beim König fürchtet man auf Schwierigkeiten zu stoßen. Um deßwillen spielen alle Maschinen. Der Berg läuft von Diesem zu Jenem. Herr Jean Paul soll von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden, bis er dem Throne so ins Auge gerückt ist, daß Seine Majestät sich zu einer Auszeichnung gleichsam gezwungen fühlen. Daher werden die Kunstgärtner bis zum Exceß um ihre seltenen Blumen geplündert, daher die Damendeputation an den neuen Frauenlob. Die Königin lüde ihn gern selbst ein, aber er muß erst gewisse Leiterstufen der Einladung durchgemacht haben, bis das in einem petit circle möglich ist. Man ist daher auch sehr zufrieden mit den Arrangements unserer theuren Freundin, und die Stufe der Ehre, die Sie ihm heut erweisen –«

»Mein Gott, wie kann man wissen –«

»Man weiß Alles. Aber bedenken Sie wohl, daß die Gunst der Königin nicht jedesmal zur Gunst Seiner Majestät führt. Er ist kein Freund der Abgötterei. Doch qu'importe, aber hüten Sie sich, daß unsere Schönheit hier, wenn sie ihm den Lorbeerkranz auf die Schläfe drückt, nicht zu tief ins Auge des Dichters sieht. Man fand zwar, er wäre in alle Huldinnen Berlins verliebt, und in seinen Entzückungen weiß er nur noch nicht, welcher er das Tuch zuwerfen soll; aber nur nicht unserer Adelheid! Ihre Natur ist zu schön, um sie mit einem Dichter zu verträumen. Au revoir!«

Der Legationsrath ließ die Geheimräthin in einem Meere von Gedanken. Sie passten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas zu trüben.

25. Kapitel. Mars mit dem Zopf

Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Mars mit dem Zopf.

Eine Gesellschaft, zur Zeit als Gesellschaften die Blüthe des geistigen Lebens repräsentirten, mag man mit einem Sonnensystem vergleichen. Wenn aber viele Sonnen mit gleichen Ansprüchen da sind, kann sie uns wie ein Universum erscheinen, das, nicht fertig, noch nach einem Centralpunkt sucht. Ein solches meteorisches Wogen ist für Viele unbehaglich, für den Beobachter interessant, für den Maler aufzufassen unmöglich. Er muß sich mit Segmenten genügen lassen.

Die Wirthin wäre gern die Sonne gewesen. Aber eine Sonne muß nicht allein scheinen und leuchten, sie muß auch wärmen. Sie war eine Frau von Verstand und selbst Witz, eine Erscheinung, die nicht ohne Eindruck blieb, aber es war nicht der [205] Verstand und Witz, der fesselt, nicht die Erscheinung, die zugleich imponirt und anzieht. Sie durchdrang die Gespräche, sie wusste sie zu leiten, abzubrechen, aber ihnen nicht den Hauch und die Färbung zu geben, daß sie sich von selbst fortspannen. Sie war die liebenswürdige Wirthin, die für Jeden etwas Angenehmes in Bereitschaft hatte, aber es schien so spitz zugeschnitten, daß die Oekonomie dem Geschmeichelten nicht entging. Es blitzte wo sie erschien, die Konversation wogte in sanften Wellenlinien einer gewählten Sprache, aber sie stockte plötzlich, wenn sie zu anderen Kreisen sich wandte. Man fühlte sich genirt, wo sie hinzutrat, und frei, wenn sie den Rücken gedreht. Das wird freilich in allen Gesellschaftskreisen sein, wo eine an Geist und Bildung überragende Erscheinung der Unterhaltung ihr Siegel aufdrückt, die minder Gebildeten fühlen das unsichtbare Joch, die Magie des Geistes, gegen die sie, ohne sich selbst bloß zu geben, nicht rebelliren dürfen, sie fühlen sie sogar doppelt, wo der Geist sich zu ihren Vorstellungen herablässt, und sie würdigt, in ihrer Sprache zu reden. Aber diese Gesellschaft war eine ungleich andere, als die gemischte, in der wir neulich die Geheimräthin zu beobachten Gelegenheit hatten. Sie war eine gewählte. Die Geheimräthin kannte Alle, sie wußte was man vermeiden, was man andeuten dürfe, und doch traf sie es nicht, daß es den Leuten wohl ward. Eine liebenswürdige Wirthin, eine geistvolle Frau! war das allgemeine Urtheil; wohlverstanden das, was Zwei sich sagten, die sich und ihre Meinungen noch nicht kannten. Wenn sie sich verständigten, kamen einige »Aber« hinterher. »Aber sehr scharf.« – »Geistreich, sehr geistreich, aber ihr Geist schneidet.« – »Enfin,« sagte ein Dritter, »sie hat Alles, um eine Gesellschaft zu entzücken, nur fehlt ihr der Aplomb.«

Es waren Wandelsterne und Fixsterne. Zu jenen gehörten die Wirthin und ihre Pflegetocher. Wenn Jene mit ihrem leisen Tritt die Kreise durchwandelte, konnte man sie mit einer Geistererscheinung vergleichen. Das ist ein gewagtes Gleichniß; aber eben so gewagt ist es doch, wenn Andere Adelheid mit dem aufgehenden Morgenstern verglichen, oder gar mit einer Sonne, die Frohsinn und Lust verbreite. Wer schärfer gesehen, hätte vielleicht auch die Anstrengung des jungen Mädchens bemerkt, so zu erscheinen, wie die Pflegemutter es wünschte, immer munter, naiv, geistreich. Es war noch ein anderer weiblicher Stern von sehr verschiedener Natur, auf den wir später treffen werden. Jean Paul war noch nicht da, auch Herr von Wandel ließ noch auf sich warten. Dagegen schien an dem großen Ofen eines Nebenzimmers einer der Fixsterne zu stehen in der Person des französischen Gesandten Laforest. Der Diplomat brauchte seine Kreise sich nicht aufzusuchen, [206] oder er wollte es nicht, aber er zog magnetisch die kleinen Lichter an sich. Er war heute sehr aufgeräumt und liebeswürdig, behauptete man. Ein Bonmot ging schon durch die Zimmer. Auf eine unbescheidene Frage: was ihm in Berlin am besten gefalle, hatte er geantwortet: die Oefen. Andere hatten schon gehört, daß er gesagt: es sei das einzige Gute, was er in Berlin gefunden. Noch Andere, er habe gesagt: in einer Stadt, wo er nichts kalt und warm gefunden, sei eine Maschine, die man nach Belieben heizen und kühlen könne, der preiswürdigste Gegenstand.

In einer Herrengruppe musterten Einige die Gesellschaft. Man wunderte sich, den Geheimrath Lupinus von der Voigtei unter den Gästen zu sehen.

»Was wundert Sie das,« sagte der Regierungsrath von Fuchsius. »Er ist völlig frei gesprochen und Alles bleibt ja beim Alten.«

»Aber sein Leben auch dasselbe. Es ist doch ein Skandal, wie ich hörte,« bemerkte ein Major noch in jüngeren Jahren; er hatte nicht den preußischen Pli.

»Wir bleiben Alle, was wir sind,« sagte aufseufzend Fuchsius. »Seit Lombard zurück, die Anstrengungen der Königin, neue Lebensgeister ins Ministerium zu bringen, gescheitert sind, ist es mit allen den guten Vorsätzen und den schönen Ansätzen vorüber. Welche treffliche Reden und Memoiren sind umsonst geschrieben.«

»Zum Teufel mit den Reden!« sagte ein General, den grauen Schnurrbart streichend; aber es leuchtete noch Feuer aus seinen lebhaften Augen.

»Das denkt vermuthlich der Geheimrath Lupinus auch,« fuhr der Rath fort. »Warum soll er sich geniren? Es schwimmt ja Alles wieder in diesem Sumpfe süßer Gewohnheit weiter. Und wenn der Staat selbst sich auf dem Lotterbrette weiter streckt und wiegt, was darf er vom Einzelnen fordern, daß er sich aufrafft! Der König, das gebe ich Ihnen zu, wünschte es –«

»Wenn er nur wenigstens die französischen Orden nicht angenommen hätte!« rief der General, der sich auf einen Stuhl gesetzt, und presste die Brust auf der Rabatte zusammen. »Schimpf und Schande! Mag er sie der Clique austheilen, aber der preußische Ehrenrock ist beschimpft, wenn auch Militairs sie tragen müssen!«

»Das kommt auf Ansichten an!« erlaubte sich der jüngere Militair zu entgegnen. »Der feindliche General, den Napoleon in seinen Bulletins lobt, fühlt sich doch mehr geschmeichelt, als selbst durch die Orden, die ihm sein eigener Fürst ertheilt.«

»Spitzfindigkeiten, mein Herr von Eisenhauch!« fiel der General ein. »Sie gerade würden sich am meisten schämen. – Alliancen, wo sie natürlich und möglich sind, ein Entschluß, wo die Ehre gebietet, und Krieg, wo es die Existenz gilt.«

[207] Fuchsins sagte, sich vorsichtig umblickend: »Nehmen Sie sich etwas in Acht. Man weiß in Saint Cloud, daß Sie ein militärischer Ideologe und ich weiß, daß Laforest Sie beobachten lässt. Aus Enghiens Beispiel wissen wir wenigstens, wie der neue Kaiser zu schrecken versteht.«

»Pah!« rief der General. »Wir sind nicht in Baden. Ich sage Ihnen, wer jetzt nicht herbeieilt, um am Brande mitzulöschen, ist so schlimm, als wer Feuer hinzuträgt. Wonach Bonaparte trachtet, liegt klar zu Tage. Oesterreich soll erdrückt, zermalmt werden. Ein Thor, wer jetzt noch glaubt, daß Oesterreichs Vernichtung Preußens Erhebung ist. Das Schicksal hat bestimmt, daß beide Feinde zusammen handeln. Nur darin sollen sie rivalisiren, wer am tüchtigsten losschlägt. Zaudern wir jetzt wieder –«

»So sind wir isolirt und – verloren!« rief Fuchsius.

Ein stolzer Kommandoblick des Generals traf den Sprecher: »Wer sagt das!«

»Wenn wir alle unsere Bundesgenossen von uns gestoßen –«

»Sind wir noch wir selbst.«

Der General hatte sich erhoben, die beiden Herren folgten, sie blickten sich bedeutungsvoll an.

»Ja meine Herren,« fuhr der General fort, »es wäre ein namenloses Unglück, man könnte uns der Frechheit, des Verrathes beschuldigen, wenn wir wieder die Gelegenheit entwischen lassen, wie vor sechs Jahren, aus Eigensinn oder Eigennutz. Ein Unglück ja, wenn wir nicht losschlagen, aber verloren sind wir nicht, wenn wir allein stehen.«

Die jüngeren Zuhörer senkten die Augen. Der Veteran aber fuhr mit leuchtenden Blicken und gehobener Stimme fort:

»Nein meine Herren, vielleicht fügt es das Schicksal so, damit wir noch größer einst dastehen. Sie sind kein Preuße, Herr von Eisenhauch, Herr von Fuchsius ist kein Militär, ich bin beides, und mein Herz pocht laut und froh bei dem Gedanken: wir allein ihm gegenüber! Dann Alles in die Wagschaale geworfen, und, ich sage Ihnen, wir schnellen nicht in die Luft! Braunschweig, Möllendorf, Hohenlohe, Kalkreuth! sind das nicht Namen, vor denen die Davoust und Bernadotte, und wie sie heißen, erbleichen! Einer genügte schon; denn welcher Ruhm und welche Erfahrung sind da aufgespeichert. Und nun denken Sie, alle diese Namen vor einer Armee, deren Offiziere zur Hälfte noch unter Friedrich siegten, vor graubärtigen Soldaten, die noch sein Auge anfunkelte. Und die Generale, die zum Felddienst zu alt, pflanzen ihre Fahnen auf die Mauern unserer stolzen Festungen. Denken Sie sich dies Corpus von altem Ruhm, unvergleichlicher Taktik, von preußischem Muthe beseelt, von Wuth entflammt, zehnjährige Unbilden zu rächen, und gegenüber – [208] die zusammengestoppelten, gepreßten Schaaren der windigen Franzosen, die nur siegten, weil sie schneller sich bewegen konnten, – dies räumen wir ihnen ein, – denken Sie ihn anpreschen mit solchen Schwärmen gegen ein Quarré, ein Quarré aus der ganzen Preußischen Armee, und fragen Sie sich dann, wie viel Napoleon Bonaparte's Name wiegen, wie viel Ueberzahl er haben muß, welche taktische Künste ausreichen, damit er diese Eisenmauer durchbricht. Er wird sie nicht durchbrechen, und wir, wir wollen sehen, wie Friedrichs Geist von Leuthen auf uns herabblicktt!«

Es war etwas Hinreißendes in dem Feuer, dem der alte Kriegsmann sich überlassen. Man wusste, als Kornet hatte er unter Friedrich seine Sporen erworben, der große König selbst hatte dm Jüngling mit seiner Gnade beglückt. Es war Wahrheit in der Rede, wenn auch nur die des Glaubens.

»Aber Herr General geben mir zu, –« was der Major sagen wollte, ward vom General unterbrochen.

»Daß einige Reformen nothwendig sind. Ja, einige, Herr Major.« Er hatte ihn am Rock gefasst, und fuhr vertraulicher fort. »Die reitende Artillerie, das bedenken Sie wohl, war Friedrichs Schöpfung. In einem Lieblingskinde sehen die gescheidtesten Väter oft nicht die Fehler. Auch ein großer Mensch ist ein Mensch, und darum keinen Vorwurf auf den großen König! Ihre Konstruktion der Lafetten, ich sage es grade heraus, trotz Tempelhofs Autorität, ist admirabel; sie muß eingeführt werden, was auch der Kriegsminister opponirt. Auch Ihre Ideen über die Bespannung zeugen von dem Scharfsinn, den ich ästimire. Selbst zugeben will ich, daß in unserm Geschützgießen Verbesserungen möglich sind, aber ich denke, daß unsre Kanonen noch, wie sie sind, einen Preußischen Donner orgeln sollen, der die Franzosen an Roßbach erinnern wird. Nicht alles auf ein Mal! Gegen Ihre Propositionen hinsichts der Spontons bin ich; das sage ich Ihnen jetzt offen raus. Da Sponton-Exercitium mag immerhin andern närrisch erscheinen, Narren werden Sie in der Welt überall finden. Das Präsentiren mit dem Sponton ist das Präsentiren der Armee vor sich selbst. Der Fähnrich, der, vor die Front springend, es balancirt, jetzt senkrecht, nun verquer, macht die Honneurs vor dem Feldherrn, dem General, vor dem Bataillon, vor sich selbst, nicht vor dem Publikum. Das halten Sie fest. Der Franzos mag darüber sich moquiren, so viel er will, er hat Recht, für ihn ist's Narretheidung, weil er das nicht hat, was wir haben, – verstehen Sie mich recht – unsre Essenz, meinethalben Existenz. Das Sponton ist das Residuum des alten Rittergeistes im Preußischen Militär. Wenn ich so sagen darf, er betrachtet sich als eine geschlossene Zunft und ist das Symbolum des Respektes vor sich selbst. Und, meine Herren, schaffen Sie erst die [209] Spontons ab, so fällt auch der Ringkragen, warum nicht auch die Schärpe und der Federhut, und wo ist das Ende!«

Fuchsins und der Major hatten sich angesehen.

»Sie wollen auch gern die Kamaschen fort haben,« fuhr der General freundlich fort. »Der Preußische Soldat ohne die Kamasche sage ich Ihnen, ist nicht mehr der Preußische Soldat. So kennen sie uns, so sollen sie uns wieder kennen lernen, anders nicht. Weiß wohl, liebster Major, was Sie in Ihrem Memoire über die Massenbewegungen sagen. Charmant exprimirt, sein beobachtet. Durch diese schnellen Evolutionen, daß er gleichsam aus einem Sack die leichtfüßigen Massen schüttelte, seinen Feind flankirte, von allen Seiten scheinbar zugleich angriff, sofort die Geworfenen durch neue Massen ersetzte, dadurch hat Bonaparte in den meisten Bataillen gesiegt. Richtig! Aber gegen welche Feinde! Sehen Sie, offenherzig gesprochen, ich admirire auch seinen Erfolg und sein Genie, aber was sagt Friedrich in seinen Memoiren? Wenn sich zwei Feldherren in langen Campagnen gegenüberstanden, lernen sie sich dermaßen kennen, daß jeder die Manier und die Finten des andern auswendig weiß. Wir sind nun in der Lage, daß wir durch bald zehn Jahr ihn aus der Ferne beobachtet haben, und ich sage Ihnen, dieses großen Taschenspielers Kunststücke kennen wir nun, er aber kennt uns nicht und kann uns nicht überraschen. Seine Chocs werden an uns abprallen, wie die Schwärme der Parther an den Römischen Triariern, und was unsere Kavallerie anlangt, so braucht Niemand in Sorge zu sein. Die Ziethen und Seydlitze werden sich finden zur poursuite, wenn wir einmal die Kanaille geworfen. Freilich im Laufen kommen wir ihnen nicht gleich.«

Der General glaubte gesiegt zu haben. Der Major aber sah ihn wieder fragend an: »Indessen, mein General, es waren doch auch andere Punkte –«

Der Veteran lächelte mit der Freundlichkeit eines Gönners, der einen Clienten nicht zu derb in die Grenzen des Respektes zurückweisen will.

»Ich habe das auch wohl gelesen, und mich über die Intentionen, und die wohlarrangirte Explikation gefreut. Aber, meine Herren,« – er schien auch den Rath in seine Belehrung hineinziehen zu wollen – »mit Theorien hätte Friedrich Schlesien nicht erobert; unsere Armee ist nun einmal so und nicht anders, Herr von Eisenhauch. Und so war sie gut, und ob sie dann noch gut bleiben wird, wenn Ihr Rekrutirungssystem durchginge? Um Gottes Willen keine neuen Flicken auf ein alt Kleid. Draußen Unruhe, aber Ruhe, Ruhe, Ruhe im Innern. Nichts angerührt! Friedrichs Seele steckt in den Trommeln und den Grenadiermützen so gut als in dem point d'honneur der Offiziere und der Kanton [210] pflicht der Rekruten. Ich räume Ihnen ein, ein Etwas muß anders werden, das Verhältniß der Kapitäne mit Kompagnie zu den Kapitäns ohne Kompagnie. Diese sechshundert Thaler, und jene mit vielen Tausenden, mit Equipagen, Reitpferden, Fourgons, Dienerschaft. Das schadet der Disciplin. Das muß anders werden. Die Zahl der zu Beurlaubenden muß den Herrn Kompagniechefs genau bestimmt werden und kein Mann darüber.«

»Würde diese Bestimmung genügen?«

»Für jetzt, Herr Major, wenn wir das durchsetzen, können wir zufrieden sein. Wenn Sie mich nicht verrathen wollen, in meinen Ideen gehe ich weiter. Es wird eine Zeit kommen, wo der Kapitän nichts mit dem Traktement seiner Leute zu schaffen haben darf, wo sie nur in einem Connex reiner Disciplin zu einander stehen. So muß es einst kommen, sag ich Ihnen, aber diese Zeit erleben nicht wir, vielleicht nicht unsere Kinder. Denn – der Mensch muß nicht zu klug sein wollen, oder es ist vorüber mit aller Autorité.«

Der General ging.

»Eine aus lauter Preußenthum konzentrirte Säure!« sagte der Major.

»Und doch immer noch einer der bessern,« entgegnete der Rath. »Er wird sich auch, wenn es gilt, in seiner verrosteten Rüstung noch mit einem gewissen Geschick rütteln.«

»Was hilft's den Andern!« rief der Major, der sich in den Armstuhl mit einem Schmerzensseufzer niederwarf. – »Ist dies die Haupstadt des großen Genius, von dem das Licht nicht über sein, nein, über unser Aller Deutschland aufging! Deutschland glaubt wenigstens noch, daß es hier hell sei; es ist der Anker, an den seine letzte, schmerzliche, krampfhafte Hoffnung sich anklammert.«

»Hat man es Ihnen draußen anders geschildert?«

»Nein! Aber den Tand, das Spiel und die Eitelkeit hielt ich für die Maske, unter der der männliche Entschluß, die Vorbereitung zur That sich verbirgt. Der blonde Arminius ließ auch die schönen Römerinnen lange mit seinen Locken spielen. Mit dieser Selbsttäuschung reiste ich durch Ihre Provinzen. Es sieht knöchern aus, überall ausgewaschene Kleider, schlotternde Glieder, eine Maschine, die klappert. Der Geist nur kann das zusammenhalten, tröste ich mich; der Nimbus um Friedrichs Thron flimmert noch in so wunderbarem Flammenglanz von fern gesehen. Und nun hier zur Stelle! Aus Kreisen in Kreise, aus Gesellschaften in Gesellschaften werde ich geschleppt. Irgendwo hoffe ich wird ein Vorhang sich lüften, die Stimme von Sais ertönen. Aber ein Vorhang nach dem andern reißt –«

[211] »Und Sie sehen nur Draht, Stricke und Kulissenschieber, der Dirigent fehlt.«

»Sie haben doch einen König, der nüchtern blieb unter den Taumelnden, der nicht blasirt ist, ein scharfes Auge hat für das Unziemliche, der nicht den Esprit fort spielen will, um seine Frivolität zu entschuldigen und seine Unwissenheit zu verbergen. Er will das Gute –«

»Gewiß! Und es überkommt ihn oft ein Schauer, in mancher Morgenstunde fühlt er, es kann so nicht mehr lange gehen. Aber von wem soll er erfahren,wie es gehen muß? – Keine Stände, keine Magnaten, kaum etwas, was einem Adel ähnlich sieht. Die Prinzen, was sind sie ihm? Die Polterer verträgt er nicht, die Genies sind seiner Natur zuwider. Unsere Minister kennen Sie, unsre Kabinetsräthe noch besser. Sie leben nur in den Tag hinein, zufrieden wenn sie bis Morgen gesorgt haben. Er ist friedfertig und alle Morgen präsentiren sie ihm einen Schüssel: Ruhe! mit Maaßlieb und Vergißmeinnicht geschmückt: ›So sieht es bei uns aus, Majestät, und sehen Sie, wie es draußen aussieht, wo sie alles bessern wollten.‹«

»Aber er ist Friedrichs Enkel!«

»Grade der ist sein Spukbild. Wo es ihm zu arg wird, wo er darunter fahren möchte, es anders haben, sagt man ihm: das hat doch unter Friedrich bestanden und es ging ganz gut! Oder gar: Majestät, das hat Friedrich selbst eingerichtet. Dann erschrickt er; in seiner Bescheidenheit getraut er sich nicht, es besser machen zu können. Und dies heilige Gespenst wird dem jungen Fürsten grade von Denen citirt, welche vor seinem Geist in Staub und Asche versinken müssten. Es sollte mich nicht wundern, wenn der König einen förmlichen Widerwillen gegen seinen Großoheim einsaugte, so störend wird sein Bild ihm überall vorgehalten, wo er etwas Selbsteigenes durchsetzen will.«

»Aber mein Gott, Ihr großer König nannte sich Rex Borusorum, König von Preußen! Wo sind denn seine Preußen! Hat denn das Volk gar keine Stimme mehr, das ihn einst auf seinen Schildern trug? Oder war der Schmerzenslaut auf seinem Sterbebett eine Wahrheit? War der Große wirklich müde, über Sklaven zu herrschen?«

Der Rath zuckte die Achseln: »Das ist eine Frage, mein Herr, über die wir die Antwort der Zukunft überlassen.«

»Aber wenn keine Stimme, hat Ihr Volk auch keine Sinne mehr? Wo die Sturmglocken über den Kontinent läuten, wo der nächtliche Feuerschein von allen Seiten, der Branstgeruch, den Siebenschläfer aufwecken muß, schläft das preußische Volk allein da fort, begreift es nicht, was selbst jener verrostete General ahnt, daß [212] es sich um Sein und Nichtsein handelt! – Wo der Geist schläft, wacht doch das Interesse. Für die Nothdurft, den Vortheil ist auch im Sklaven der Sinn rege.«

Der Eifer des Majors verwandelte das halblaute Gespräch oft in ein lautes. Der Regierungsrath hatte, mit vorsichtigem Blicke Wache haltend, den Eifer zu dämpfen versucht. Er setzte sich jetzt dicht neben ihn:

»Mein theuerster Freiherr, rufen Sie Alles hier an, nur nicht das Interesse. Wer soll denn wünschen, daß es anders wird? Sie befinden sich ja noch erträglich wohl, und die Kette klinkt auch noch ineinander, wenn man nicht zu stark dran reißt. Der Ertrag der großen Güter steigt, ihre adeligen Besitzer zahlen keine Steuern und ihr Werth läßt sich durch die bekannten Künste im Hypothekenbuch ins Enorme hinaufschrauben. Ein Krieg und dieser Werth sinkt. Und sollen die Junker ihn wünschen, denen im Heere, am Hofe, selbst in der Regierung die obersten Stellen nach wie vor reservirt sind! So viel Bürgerliche sich auch dazu im Laufe eines Jahrhunderts aufgeschwungen, sie blieben Ausnahmen, oder gingen da oben in die Klasse der Bevorzugten über. Sollen die Kaufleute einen Krieg wünschen, oder auch nur eine Aenderung? – Sie seufzen unter starken Abgaben, aber der Handel blüht und sie werden reich. Die übrigen Staatsdiener werden zwar kärglich bezahlt, aber pünktlich. Wenn ein Krieg die Kassen leert, woher dann die Besoldung nehmen.«

»Ist das Ihre ganze Nation! Haben Sie nicht Künstler, Handwerker, Männer der Wissenschaft, kleinere Grundbesitzer, Bauern, die unter einer drückenden Eintheilung der Lasten seufzen?«

»Sie seufzen wohl, aber sie sprechen nicht mit. Und wenn sie zu sprechen Lust hätten, so haben sie noch nicht zu denken gelernt. Mein Herr Major, Preußens Volkssinn steckt noch immer unter dem blauen Rocke. Und nun betrachten Sie auf den Wachtparaden die schwerfälligen, alten Offiziere, die Pontacsnasen, diese Kapitäne, die kaum die Schärpe um den Leib pressen, in den sie drei Viertel ihrer Kompagnie verschluckten. Sollen die Besserung wünschen, nach Neuerung verlangen? Ich gebe Ihnen zu, es sind nicht alle so, die Armee zählt schon viel jüngere Offiziere, voll Feuer, Begeisterung –«

»Aber die Begeisterung ist eine Fuchtelklingenbegeisterung,« unterbrach der Major, »und ihr Herz schlägt nicht fürs Vaterland, nur für das point d'honneur und den esprit de corps –«

»Halt, mein Herr, es giebt auch –«

»Ich sah, ich hörte sie auf meiner Reise. Mir ward bange, wenn ich dachte, daß Preußen auf diesen Säulen allein ruht, und die Säulen sind unterspült und gelöst von der Erde, die sie tragen [213] soll. Ich schauderte, wenn ich hörte, wie man überall vor den Soldaten die Schubläden und Thüren verschließt, als wären es nur geworbene Landsknechte, nicht des Landes Söhne. Doch sei das, mögen sie noch Leibeigene sein, nicht dem Vaterlande, ihrem Kapitäne. Aber, allmächtiger Gott, welche Sprache musste ich unter diesen hören, in den Wachtstuben der Herren Offiziere. Wäre das Deutschlands Adel, so wäre er verloren, nur schmählicher als der Frankreichs; nicht unter der Guillotine, er stürbe an einem innern fressenden Schaden. In den kleinen Städten, wenn der Bürger dem Wachtexercitium zusah, welche Urtheile! Sie gönnen es den Junkern, daß sie recht tüchtig mal von den Franzosen geklopft würden. Und das musste ich von guten Patrioten hören. Weiß man denn nichts davon hier? Ist man blind, taub, stumpf? Ist das nicht ein Zersetzungsprozeß, der den Blutlauf erstarrt?«

Der Major empfand einen Stoß an seinen Ellenbogen: »Pst! Laforest wirst schon lange von seinem Ofen her beobachtende Blicke.«

»Mag er es!« rief der Major aufstehend. »Lieber ihm in den Rachen, als da dem neuen Rhinoceros.«

Das neue Rhinoceros war der eben eingetretene Legationsrath von Wandel, eine Sonne, die sofort ihre Trabanten hatte.

»Ich kann den Menschen nicht leiden, ich weiß nicht warum,« sagte der Major.

»Das geht Anderen auch so, Herr von Eisenhauch, zum Exempel unserm Minister. Bovillard möchte ihn gar zu gern in unsern Staatsdienst ziehn, Excellenz haben aber eine unwiderstehliche Aversion.«

»Ist es denn wahr, daß er die sieben Adler von Napoleon hergebracht hat?«

»So ist es.«

»Dann ist's ja klar, er ist eine französische Kreatur.«

»An dem Herrn ist mir noch nichts klar.«

»Mir scheint er gefährlich.«

»Ist's Ihnen darum zu thun, Aufklärung über den Punkt zu erhalten, lassen Sie uns zu Laforest gehen. Der Kreis um ihn lichtet sich.«

»Sie warnten mich eben vor ihm.«

»In seinem Rayon ist man wenigstens vor seinen Spionen geschützt. Es ist sogar gut, daß Sie sich ihm arglos zeigen.«

»Wie sollte er aber dazu kommen, uns Aufschlüsse zu geben?«

»Er gehört nicht zu den zugeknöpften Diplomaten. Ueberdem ist er jetzt satt. Bonaparte's Gesandter hat, was er will, hier erreicht. Er kann den nonchalanten Plauderer spielen. Er kann nicht allein den Rock aufknöpfen, auch das Hemde aufreißen, damit wir seine Brust schlagen sehen. Die gewinnende Vertraulichkeit [214] wird auch wohl noch zum Leimstock für eine harmlose Fliege. Wie vergnügt Alle von ihm fortgehen! Trauen Sie keinem seiner Worte, und doch ist es möglich, daß er uns die reinste Wahrheit schenkt. Denn ob er mit ihr, oder mit der Lüge uns täuscht, ist ihm gleichgültig. Uebrigens weiß er alles, was hier geschieht und früher und genauer als der Polizeipräsident. Was der König beim Frühstück geäußert, läßt er schon am Mittag chiffriren. Er kennt die Anträge der Minister, die nicht bis zum Könige durchgedrungen sind, weil die Kabinetsräthe Widerstand leisten, und ehe noch Seine Majestät eine Sylbe davon erfahren, fliegt der Courier damit schon nach Paris.«

»Warum macht man Laforest nicht zum Minister des Auswärtigen?«

»Besser des Innern. Der russischen Fürstin ward vorgestern ein Brillanthalsband gestohlen. Die Polizei suchte umsonst. Er hat es gefunden. Gestern erhielt die Fürstin das Band, heut die Gerechtigkeit die Diebe.«

»O wer den Dieb, der Deutschlands Heiligthum gestohlen, der Gerechtigkeit überlieferte!« seufzte der Major. »Ob wir uns auch an die fremde Diplomatie werden wenden müssen?«

26. Kapitel. Der Diplomat

Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Diplomat.

Die Unterhaltung mit Laforest ward natürlich französisch geführt. Der Gesandte pikirte sich dann und wann eine barocke deutsche Phrase einzuschalten. Es klang so vertraulich und so abscheulich; er war von der besten medisirenden Laune.

»Excellenz scheinen sich zu amüsiren.«

»Vortrefflich, où peut-on être mieux qu'an sein der illüstren Geister dieser Residenz.«

»Die Dame des Hauses kann von besonderem Glück sagen, wenn Herr von Laforest so lange in ihrer Gesellschaft verweilt,« sagte Herr von Fuchsius.

»Ein Gesandter muß beobachten.«

»Da Preußen in den letzten Monaten in Brüssel und Paris war,« bemerkte der Major, »hatte Frankreichs Gesandter allerdings wenig aus dem verlassenen Berlin zu berichten.«

»Sagen Sie das nicht, mein Herr Baron. Den Kaiser interessiren die inneren Bewegungen Ihrer Kapitale mehr, als Sie denken. Vor seinem durchdringenden Blicke ist kein Winkel in [215] Madrid und Konstantinopel verborgen, aber in Deutschland, diesem Lande der Ideen und Schulen, sind ihm überall Querzäune, Hecken und Gräben gezogen. Er hat sich oft darüber geäußert. Wenn er über Reuß-Greitz im Klaren zu sein glaubt, gewahrt er plötzlich, daß es in Reuß-Schleitz ganz anders aussieht. Hier verehren sie Schiller, dort Goethe. Dort Kant, hier Fichte. Hier gilt schon etwas für Dummheit und Aberglauben, was dort noch gefährliche Aufklärung ist. Feine Conjekturalpolitik, logische Schlüsse reichen auf dies Land der Mannigfaltigkeiten nicht aus. Da stampft er mit dem Fuß, schreibt eigenhändig Marginal-Bemerkungen: Warum dies? Warum das? – Ein französischer Gesandter an einem deutschen Hofe wüsste eigentlich erst auf deutsche Schulen gehen, wenn er alle Fragen des genialen Mannes beantworten wollte.«

»Allerdings bequemer, wenn man auch Deutschland über einen Leisten scheeren könnte.«

Der Gesandte lächelte beifällig.

»Er hat ein gutes Scheermesser, wie Sie wissen, und was das übrige Deutschland betrifft, kommt es ihm auf einige Höcker mehr oder weniger nicht an. Aber warum Ihr specielles Vaterland sich noch zu Deutschland rechnet, das interessirt ihn. Diese intensiven Bande der Sprache, des Gefühls, der Poesie und Philosophie.«

»Was ihm gewiß ungleich interessanter ist, als die Situation unserer Festungen und Straßen zu erhalten.«

»Unbedenklich,« sagte der Gesandte, eine Prise nehmend, die verbergen sollte, daß er recht wohl bemerkte, wie der Rath umsonst dem Major einen Wink gab, seine Invectiven zu lassen. »Denn wenn es zum Kriege mit Preußen käme, was der Himmel verhüte und ich für unmöglich halte, so lässt der Kaiser, mein Herr, weder durch Terrain-Schwierigkeiten, noch Festungen sich aufhalten. Der Kontinent liegt vor ihm wie eine Specialkarte, er hat die Risse aller Festungen und die Kataster Ihrer Zeughäuser. Er weiß, wo er die Elbe passiren muß, um nach Berlin zu marschiren, er kennt sogar die Straßen, durch die er einrücken würde; aber Ihre Parteien, das muß ich gestehen, kennt er nicht.«

»Auch nicht wo ein solcher Beobachter ihn davon in Kenntniß setzt?«

»Ma foi, ich kenne sie auch nicht. Denn Sie meinen doch nicht jene unruhigen Geister, die von der ehemaligen Herrlichkeit des Reichs deklamiren, von Arminius und Wittekind und – Thusnelda und deutschem Adel, zuweilen von Freiheit, zuweilen von der Liebe zu den angestammten Herrscherhäusern, und die überall konspiriren möchten, im Namen der Religion und Tugend für ein Etwas, was [216] nie gewesen ist! Verzeihen Sie, darüber berichte ich ihm wirklich nicht; er würde mich auslachen.«

»Sind Seine Majestät der Kaiser so scherzhaft gestimmt?«

»Er lachte wenigstens eines Tages, als Talleyrand ihn auf die gefährlichen Tendenzen dieser adligen Tugendritter aufmerksam machte. ›Soll ich mich etwa um Kommis-Voyageurs bekümmern, welche die verlegene Waare des feudalistischen Patriotismus an den Mann zu bringen suchen?‹ – Aber als Freund möchte ich Ihnen, meine Herren anrathen, wo Sie etwa einen dieser Reisenden träfen, ihn zu warnen, daß er es nicht zu arg treibt. Der Kaiser, einmal in Harnisch gebracht, versieht keinen Spaß mehr.«

Der Rath hatte die Hand des Majors rasch ergriffen, ehe dieser den Mund öffnen konnte. »Excellenz haben ganz Recht, es giebt unter uns keine Parteien, da wir Alle dasselbe wollen, das Glück unseres Vaterlandes.«

»Ganz wie in Frankreich!« sagte der Gesandte. »Wenn die Nationen sich nur verständen, so wäre die Erde ein Paradies.«

»Und Diplomaten können viel dazu beitragen.«

»Wie ich von Herrn von Laforest überzeugt bin, daß er nur Gutes und Wohlmeinendes über uns nach Paris berichtet.«

»Was könnte ich anders! A propos, da fällt mir ein, neulich konnte ich ihm nur Stoßseufzer berichten. Sagen Sie, was ist das für ein Weg von hier nach Tegel! Knietiefer Sand und Steine! Aus Erbarmen für meine Pferde musste ich aus dem Wagen springen.«

»Was führte Excellenz nach Tegel?«

»Sein expresser Auftrag.«

»Napoleon sollte dies unbedeutende Dorf kennen?«

»Im Kreise der Kaiserin war von der Staël die Rede gewesen, Madame Josephine suchte sie zu vertheidigen gegen den sprudelnden Zorn ihres Gemahls – unter uns, Napoleon ist darin etwas kleinlich – dabei kam man auf ihre Studien in Deutschland, auf Herrn von Goethe, der ein romantischer Poet und Minister zugleich sei, was Napoleon wieder nicht begriff, auf ein didaktisches oder dramatisches Poem desselben, Doktor Faust, auf die Illustration eines Hexensabbaths, ich glaube Walpurgisnacht, wo ein Vers vorkommt, der ja wohl heißt:


Und dennoch spukt's in Tegel.


Irgend ein Germanomane muß wohl in der kleinen Societät gewesen sein, wie dem nun sei, der Kaiser ließ sich die Worte übersetzen und erklären. Das Spuken kann er nicht leiden, er meinte, es spuke überall in Deutschland, warum in dem Orte, von dem man ihm gesagt, daß er dicht bei Berlin liegt, was das zu bedeuten habe, was Tegel sei? Kurz das Ende vom Liede, eine [217] Anfrage an mich, ein Befehl, an Ort und Stelle zu untersuchen und zu berichten.«

»Und Sie entdeckten nur den stillen Ruhesitz des großen Gelehrten, der wohl nicht auf den Cordilleren mit Ihrem Bonpland gegen den Kaiser konspirirt haben wird.«

»Ein großer Mann pikirt sich in seiner Laune oft auf Kleines. Er traut Ihrem Könige, wie seinem Busenfreunde, aber bei einem Spukhaus in Deutschland denkt er sogleich an Höllenmaschinen und Konspirationen des Herrn Pitt. Den Baron Humboldt ästimirt er sehr.«

Der Major bemerkte: »Wahrscheinlich war dies das letzte Wichtige, was Excellenz aus Berlin zu melden hatten.«

»Im Gegentheil, Herr von Eisenhauch, was gab es nicht in den letzten Monaten zu berichten: Die Ansichten, die bedenkliche Stimmung im Publikum bei der Hinrichtung der Kindesmörderin. Es handelte sich dabei um Abschaffung der Todesstrafe, im Volk glaubte man es wenigstens. Wenn Preußen die Initiative ergriffe, glauben Sie nicht, daß der Kaiser mit Vergnügen darauf einginge? Dann die Frage, ob der Geheimrath Lupinus abzusetzen sei, oder nicht? Welche andere Frage knüpfen sich nicht daran! Unter uns, Napoleon würde vielleicht kürzeren Prozeß gemacht haben; freilich je nachdem. Und dann die Excesse in dem Hause der Obristin. Wie viele seine Hoffäden spielen da hinein, und ich muß gestehen, man hat es mit Takt applanirt. Der Kaiser war, wie ich Ihnen im Vertrauen sagen kann, darüber erfreut; an einem an dern Hofe würde man in der verdächtigen Dame eine seiner Emissairinnen gewittert haben. Auch die Anwesenheit der vielen vornehmen Fremden genirt ihn gar nicht. Ginge es freilich nach Talleyrand, so hätten wir längst auf die Ausweisung der Fürstin Gargazin gedrungen. Sagt man nicht im Publikum, sie intriguire für Rußland? Immerhin, wir kennen Ihren König, Ihren Hof, Ihr Volk und Land, und sind vollkommen ruhig.«

»Was kann uns Schmeichelhafteres gesagt werden?«

»Und was habe ich jetzt zu berichten über den Empfang des Monsieur Jean Paul. Muß ich nicht aus Gesellschaft in Gesellschaft, um nur Zeuge zu sein der Huldigung und Vergötterung des Poeten?«

»Wenn Troubadoure, wie die Rattenfänger von Hameln durch den Kontinent zögen, würde Seine Majestät Kaiser Napoleon sparen können an – Diplomaten, die beobachten, vielleicht auch an Armeen, die für ihn erobern.«

»Mein Kaiser ist ein Eroberer, Sie haben Recht, Major, er ist dazu geboren. Glauben Sie aber nicht, daß er es vorzöge, wenn er den Embarras der Waffen sparen und die Herzen erobern [218] könnte? Wenn die Deutschen doch ihre wahren Interessen verständen. Theilen wir! Der Kaiser erobert die Reiche dieser Welt und lässt dafür Ihre Nation schaffen und erobern allein in dem der Ideale und der Schönheit. Die Deutschen haben Ueberfluß an Produkten und ihnen fehlt nur der Markt dafür. Den eröffnet er ihnen in seinem Weltreiche.«

»Unser Dichter Friedrich Schiller sang schon von dieser Theilung.«

»Ach, ich weiß, vom Parnaß.«

»Indessen hat uns Seine Majestät der Kaiser auch schon mit etwas Irdischem beglückt. Sieben seiner höchsten Ordenszeichen, allein für unsern Hof!«

»Ich bin beschämt, eben zu hören, daß Seine Majestät, Ihr König, so schnell sich revanchiren will. Auch sieben seiner schwarzen Adlerorden gehen nach Paris.«

»In der That!« sagte der Major. »Ich möchte der glückliche Ueberbringer sein!«

»Wie der Ueberbringer der Kaiserlichen Auszeichnungen auch hier einer glücklichen Entree sicher ist,« setzte Herr von Fuchsius hinzu.

»Nein, er hat das Bein gebrochen,« sagte der Gesandte.

Rath und Major sahen sich verwundert an, und dann nach dem andern Zimmer, wo der Legationsrath der Russischen Fürstin eben die Pflegetochter des Hauses vorstellte.

»Er scheint doch in voller Gesundheit auf seinen Beinen zu stehen.«

»Ach, ein kleiner Irrthum, meine Herren! Ein Adjutant von Mortier war als Kabinetscourier hergeschickt. Er brach in einem Hohlweg unglücklicherweise Wagen und Bein, und da ihm zur Pflicht gemacht war, Depesche und Beilage an einem bestimmten Tage mir einzuhändigen, glaubte er ihr zu genügen wenn er beides Jemand überlieferte, auf den er sich verlassen könnte. Der arme Debeleyme liegt noch auf seinem Schmerzenslager auf dem Gute des Herrn von Wandel, der wirklich mit aufopfernder Güte und Courierpferden den Auftrag statt seiner ausgeführt hat.«

Rath und Major hatten aus der Antwort nicht erfahren, was sie wissen wollten.

»Der Adjutant konnte sich also auf Herrn von Wandel verlassen?« fragte nach einer Pause der Major.

»Ein Packet von Erfurt nach Berlin zu tragen! Das übergebe ich dem ersten besten Landreiter, der ein anständiges Trinkgeld einem gefährlichen Angriff auf bunte Blechwaaren vorzieht.« Laforest lächelte: »Meine Freunde, wozu unter uns ein Versteckspiel, wo Jeder dem Andern in die Karten sieht! Sie wünschen zu erfahren, ob und in welchem Connex ich mit Herrn von Wandel stehe? [219] Wenn ich nun feierlich dagegen protestirte, würden Sie mir glauben? – Sie würden wenigstens sehr unrecht thun. Ich protestire aber gar nicht dagegen.«

»Sie geben ihn nur durch Ihre Erklärung bloß.«

»Ich übergebe ihn Ihrer Divinationsgabe, denn meine ist bis dato noch an ihm gescheitert.«

»So muß er Ew. Excellenz beschäftigen?«

»En passant. Der Fürstin Gargazin drängt er sich auf, also gehört er nicht zu ihr. Ein Oesterreichischer Agent ist er auch nicht, er spricht zu viel von seinen vertrauten Bekanntschaften am Wiener Hose. Für Englische Spione habe ich einen besonderen Takt. Aber –«

»Vielleicht aus Spanien oder Schweden?« warf der Major ironisch hin.

Ein eigenes Lächeln schwebte um die Lippen des Gesandten: »Warum nicht auch aus Frankreich. Ich bin nur der offizielle Gesandte, mag Talleyrand nicht auch einen geheimen für nöthig halten, der mich beobachtet?«

Hier war die Möglichkeit einer Wahrheit. Die Blicke der Beiden gestanden es sich, und Fuchsius erwähnte, daß der Legationsrath, seiner Angabe nach, bedeutende Güter in Thüringen besitze. Interessirte er wirklich in der angegebenen Art den Gesandten, so musste dieser sich darüber Aufklärung verschafft haben. Laforest ging auch sofort darauf ein:

»Allerdings hat er sich dort angekauft; in einer Subhastation erstand er nicht unbedeutende Güterstrecken, man sagt indeß solche, die nie lange in der Hand ihres Besitzers blieben, weil sie, schwer belastet, kaum die Mühe der Kultur lohnen. Hier in Berlin will er sein, um mit den Männern der Wissenschaft einen Meliorationsplan zu entwerfen. Warum nicht! Er kann aber auch zu allerhand andern Geschäften da sein: um die Quadratur des Cirkels zu finden, Geister zu citiren, – das Wahrscheinlichste ist mir aber immer, um Geld zu machen. D'ailleurs Messieurs, diese Mysticismus duftenden Personen sind meiner Natur entgegen. Ich überlasse daher den Legationsrath, auf parole d'honneur, ganz wie er ist, Ihren Recherchen. Aber da fällt mir ein – wissen Sie schon, daß der junge Bovillard ihn heut auf Pistolen gefordert hat?«

»Den Legationsrath? – Ach, es ist richtig, wegen jener alten Geschichte.«

»Man findet es sonderbar, daß Herr von Wandel gleich nach der Affaire abreiste, und gerade damals an Ort und Stelle seine Güter und so lange amelioriren musste.«

Der Major hatte während des Gesprächs die betreffende [220] Person scharf ins Auge gefasst: »Ich sehe keine Veränderung in diesem eisernen Gesicht.«

»Möglich. Naturen dieser Art sind mir, wie gesagt, fremd. Die Präparationen des Duells aber sollen mit der strengsten Verschwiegenheit vorgenommen wer den. Beobachten Sie doch gefälligst, meine Herren, wenn Sie sich nachher in die Gesellschaft verlieren, ob schon Andere davon wissen, ob der Legationsrath bekannte Personen in den Winkel zieht. Das sind freilich Bagatellen, aber aus Bagatellen lernt man einen Menschen kennen.«

Der Seitensprung schien auf beide Herren keinen besonderen Eindruck gemacht zu haben; die Person des jungen Bovillard war ihnen gleichgültig. Auch die Aufmerksamkeit des Gesandten schien rasch auf andere Dinge übergegangen. Er sprach etwas von Sympathien und Antipathien; jene, weil sie sich chemisch auf ihre Elemente zerlegen lassen, kümmerten ihn nicht, woher aber komme die Idiosynkrasie, jener angeborene Widerwille, den die Vernunft umsonst bekämpfe? Wie alles Wunderbare finde er auch ihn in diesem Lande zu Hause. Aber er schien jetzt nur der Sympathie zu huldigen, indem er die Frauen die Musterung passiren ließ.

»Herr von Fuchsius scheint mit besonderer Sympathie die schöne Pflegetochter des Hauses zu beobachten. Allen Respekt Ihrem Geschmack. Oder flattern Ihre Augen weiter; denn, man muß gestehen, es entfaltet sich ein unvergleichlicher Blumenflor. Wer ist die junonische Schönheit dort?«

»Excellenz meinen die Herz?«

»Nein, die den halben Rücken uns zugedreht.«

»Baronin Eitelbach?«

»Die!« Der Gesandte schielte mit sardonischem Lächeln über das Ofengesims. »Schön ist sie!«

»Auch tugendhaft.«

»Nous le verrons.«

»Zweifeln Sie nicht daran, Excellenz! die arme schöne Frau hat keine andern Eigenschaften.«

»Messieurs! Die Gelegenheit macht Diebe und Intriguen den Verstand. Geben Sie einer Deutschen die Erziehung einer Pariserin, versetzen Sie sie täglich in die Salons, wo der Verstand sich reiben und schleifen muß. – Der Witz sprießt von selbst heraus und – Ihre Landsmänninnen werden so liebenswürdig und intriguant wie eine Pariserin.«

»Was die Baronin betrifft, so haben wir Grund, es zu bezweifeln.«

»Meine Herren, was gilt die Wette, diese Dame, die jetzt für dumm gilt, hat in Jahr und Tag Esprit, sie wird interessant, [221] witzig, das Stadtgespräch, vielleicht die Beauté, die Sonne der Gesellschaften.«

Man sah Laforest verwundert an.

»Die neuesten Mysterien von Berlin. Und es ist exakte Wahrheit.«

Er zog sie hinter den Ofen, und flüsterte, die Hand am Munde, etwas, was ihn selbst wenigstens angenehm kitzeln musste, denn das Gesicht verlor im Erzählen den diplomatischen Ausdruck.

»Que dites-vous? Aber es bleibt ein Mysterium.«

»Was sagen Sie dazu?« fragte der Regierungsrath, als Laforest sie verlassen.

»Daß Berlin auf gutem Wege ist, Paris zu werden. Aber das riecht sogar nach Byzanz. Im Augenblick des höchsten Ernstes ein solches Spiel niederträchtiger Frivolität!«

»Diese Menschen können nicht aus ihrer Natur.«

»Was soll's mich dann kümmern, ob Einer mehr noch einen Faden treibt in das Gewebe verstockter Thorheit, niederträchtiger Gesinnung und liederlichen Willens!«

»Sie müssen spielen um zu leben.«

»Man naht doch mit heiliger Scheu der Stätte, die ein großer Geist geweiht hat. Noch sind's nicht zwanzig Jahr, daß sein Auge leuchtete, seine Stimme tönte, und nun solche Kreaturen wimmelnd im Dunstkreis seines Grabes! Sind das die Würmer, die an des Riesen Leichnam nagten? Oder, fragt man sich unwillkürlich, erschien auch der Riese uns nur so gigantisch in seinem Dunstkreise? Und war es anders, wenn man ihn im Schlafrock sah?«

»Das ist eine fürchterlich ernste Frage, mein Herr von Eisenhauch. Seine Atmosphäre war vielleicht nicht angethan, um Männer zu erzeugen. Er sehnte sich nach ihnen in seiner tiefen Einsamkeit, aber sein scharfer Athem, das Feuer seines Auges ließ die Embryonen nicht aufkommen. Friedrichs Tafelrunde war für blitzende Geister und kühne Ritter, aber für Charaktere war doch kein Platz.«

»Und wir brauchen sie, Männer – wenn nureinen, und der Eine ist es auch nicht – eine verglaste Ruine, an der die Flamme nur noch zuweilen emporleckt, um die ungeheuere Verwüstung zu zeigen.«

Der Rath drückte ihm die Hand: »Trösten wir uns, daß die Zeiten verschieden sind. Eine jede gebiert das, dessen sie bedarf, also auch ihre Männer.«

Sie verloren sich in der Gesellschaft. Fuchsius stieß an der Thür mit Laforest wieder zusammen, der, den Hut in der Hand, die Versammlung rasch verlassen zu wollen schien. »Wohin Excellenz?«

»Zum Berichten.«

»Was, wenn das Herz des Diplomaten noch geöffnet ist?«

»Was Sie mehr interessirt als mich.«

[222] »Geht die Eitelbach in die Falle?«

Der Gesandte flüsterte ihm ins Ohr: »Stein wird doch Minister.«

»Eine Attrape?«

»Für den es trifft, übrigens eine neueste wirkliche Neuigkeit?«

»Von Engeln ihnen zugeraunt?«

»Der Russischen Fürstin.«

»Und warum jetzt?«

»Weil man keinen andern Finanzminister austreiben kann. Nutzen Sie es, Herr von Fuchsius. Ein neuer Minister verspricht alles und gewährt zuweilen einiges, wenn man schnell dahinter ist.«

Laforest verschwand.

27. Kapitel. Die russische Fürstin

Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Die russische Fürstin.

Einfacher konnte man für eine große Gesellschaft nicht gekleidet sein, als die russische Fürstin. Ihr Kleid schimmerte ins Graue, nichts von Brillanten, kein Geschmeide. Die glänzend schwarzen Haare scheitelten sich schmucklos um ein seines, ausdrucksvolles Gesicht, in dessen breiter als europäisch geschlitzten Augen zuweilen ein stilles Feuer glühte, das seine Strahlen aus einer schönern Welt zu borgen schien, und ein süßes harmonisches Lächeln spielte dazu um die wohlgeformten Lippen. Sie musste Jedem etwas Angenehmes oder Interessantes zu sagen wissen, denn ein solcher Eindruck strahlte vom Gesicht Derer, die vor ihr gingen.

Seit Laforest den Schauplatz verlassen, schien sie der Magnet geworden, welcher die Wandelsterne anzog.

»Was hat die nordische Sybille meiner Freundin vertraut?« fragte die Wirthin die Baronin Eitelbach. »Sie lächeln ja so vergnügt«

»I Gott bewahre, ich lache nicht. Sie hat mir nur gesagt – es ist zum Todtlachen.«

»Gewiß eine Wahrheit. Das sehe ich auf Ihrem Gesicht.«

»Sehn Sie auch in die Gesichter rein, Geheimräthin? Ich wäre sterblich verliebt, hat sie gesagt, oder wenn noch nicht, so würde es bald zum Ausbruch kommen. Ist das nicht zum Todtlachen!«

»Prüfen Sie Ihr Herz,« sprach die Geheimräthin, den Zeigefinger erhebend, und entfernte sich in der Richtung nach dem neuen Zauberkreise. Die Anwesenheit der Fürstin war ihr zwar angenehm, sogar sehr angenehm, es war die vornehmste Frau in ihrer Societät. [223] Aber was sie Laforest vergab, war ihr hier nicht mehr angenehm; die Fürstin zauberte zu viel.

Herr von Wandel stand neben der schönen Frau, die an ihrer Schärpe zupfte. Er hatte das Gespräch behorcht: »Prüfen Sie Ihr Herz!« wiederholte er mit sanfter Stimme.

Sie fuhr etwas zusammen. Ein Wort des Vorwurfs schien auf ihren Lippen bereit, aber mit so Zutrauen erweckendem Blicke sah der ernste Mann sie an! Er hatte es nicht böse gemeint, und er spaßte nicht.

»Wenn dies Herz am Altar der Grausamkeit geopfert hat, so seien Sie wenigstens menschlich grausam, zeigen sich nicht immer Mittags am Fenster, ihr Köpfchen zwischen den Balsaminentöpfen. Das nährt die Hoffnung, die Sie nicht erfüllen können.«

»Das thue ich ja immer.«

»Und weil er das weiß, reitet er immer vorüber.«

»Wer? – Sie meinen doch nicht die Dragoner und die Gensd'armen, die marschiren immer nach der Parade durch unsere Straße. Ihre Musik ist gar zu schön und die Uniformen –«

»Der Dragoner – und auch der Gensd'armen,« setzte der Legationsrath mit Betonung hinzu.

»Herr Gott, Sie ängstigen mich, Legationsrath, wer sieht denn nach mir rauf?«

»Machen Sie eine Badereise. Vielleicht vergisst er Sie.«

»Wer? Wer? Sie Quälgeist!«

Der Legationsrath hielt die schöne Hand noch immer in seiner und blickte so sinnig fragend zu ihr herab: »Sollte das Verstellung sein? Nein, dies seelenvolle Auge kann nur der Spiegel der inneren Wahrheit sein.«

»Sie meinen doch nicht den Lieutenant Kleist oder den Fähndrich Kaphengst? Mit dem hab ich ja noch gespielt als Kind, und der ist mein Neveu.«

»Sie spielten ein gefährlich Spiel mit ihm – das Spiel des Zornes, gnädige Frau. Eine Frau darf nicht hassen.«

»Wen hab' ich denn gehasst, ich wüsste Niemand.«

»Nennen Sie es Antipathie, Widerwillen, wie Sie wollen; sobald die Abneigung zur Leidenschaft wird, hat Sie etwas – Interessantes, Lockendes. Mancher Kranke, der eine Medizin mit Widerwillen nahm, schlürft sie zuletzt mit Leidenschaft. Ja hätten Sie ihm gleichgültige Verachtung gezeigt! Aber Sie exponirten ja Ihre Antipathie. Das darf eine Frau nie thun! Sie ließen ihn merken, wie schon seine Gegenwart, sein Anblick Ihnen zuwider war. Das, von einem Weib, reizt den Mann. Er kann sich rächen wollen. Das sind unedle Naturen. Aber gehasst zu werden von einer schönen Frau ist ein berauschendes Gefühl. Es stachelt unsre [224] Eitelkeit, wir sinnen nach, welche unsrer Eigenschaften denn diese Leidenschaft in dem schönen Gegenstande geweckt haben kann?«

»Herr Gott, Sie meinen doch nicht!«

»Namen nenne ich nie. Wenn Sie ihm den Rücken kehren, sieht er nur Ihre schöne Taille, wenn Sie die Schleppe verächtlich um den Arm schlagen, nur den gerundeten Ellenbogen. So wissen Sie nicht, daß Sie in jeder Bewegung, die Ihre Abneigung deployiren soll, einen Köder auswerfen, und statt ihn abzustoßen, fesseln Sie ihn.«

Die schöne Frau warf einen Blick ins Leere und er traf die Wahrheit. Momente giebt es, wo sie in jeder Natur durchschlägt; aber es sammelten sich zugleich eine Masse Erinnerungen, die ihr Auge jetzt trübten! jetzt einen Strahl des Zornes entzündeten, und es platzte heraus:

»Wie das Porzellanservice aus Meißen ankam, und der Spediteur es so schlecht verpackt hatte, und mehr als die Hälfte war auf dem Transport zerschlagen, vierhundertfünfzig Thaler der Schaden, und Gott weiß, welche Mühe es gekostet, daß ich Meinen dazu gekriegt! Und war nicht versichert! Da sollten Einem wohl nicht die Thränen ins Auge treten, ich möchte heut noch weinen, und er – lachte, ja das hat er, sich ordentlich geschüttelt! O er hat ein schlechtes Herz. Ich hab's ihm aber gesagt, das kam aus einem boshaften Gemüth. Und voriges Jahr noch in der Gesellschaft bei den Leuten – i mein Gott, Sie kamen ja auch noch nachher – da nahm er mir ja den Stuhl vor der Nase weg. Ich begreife gar nicht, wie man so grob sein kann und so maliciös.«

»Vor Andern. Wer sieht ins Herz!«

»Er pustet ja ordentlich vor Selbstgefälligkeit. Glaubt er, alle Frauen müssten sich in ihn verlieben, wenn er den Bart streicht?«

»Das ist ein eigen Kapitel, meine Freundin, von der Sympathie und der Antipathie. Ich kenne den Herrn Rittmeister nicht, ich weiß nur –«

»Daß mir ordentlich wohl ist, wenn ich ihn in einer Gesellschaft nicht treffe.«

»Ob ihm aber wohl ist! – Sie sahen nicht, wie er nach jener Gesellschaft, wo er Sie so auffallend beleidigt, Ihnen immer von sein folgte, wie er wartete, um Sie einsteigen zu sehen; wie er, als der Wagen vor Ihrem Hause vorfuhr, schon durch Quergassen schneller dahin gekommen war, und an der Ecke im Mantel verhüllt, sah er Sie aussteigen! Mich dünkt Sie sahen sich um, und wandten schnell den Kopf –«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Sie müssen ihn gesehen haben. Wenn da grade nicht, doch [225] ein ander Mal. Entsinnen Sie sich nur. Man kann sagen, er folgt Ihnen auf Schritt und Tritt, vielleicht unwillkürlich.«

»Sie erschrecken mich, Herr von Wandel. Der Mensch lauert mir auf, um mir einen Affront anzuthun.«

»Das will ich nicht hoffen.«

»Aber, ich bitte Sie, 's ist ja rein unmöglich. Wer sich so vor den Menschen beträgt, was kann der Gutes im Schilde führen!«

»Der unerklärte Trieb unserer Natur, der ewige Zwiespalt unserer selbst, das Licht und der Schatten, der Ahriman und der Ormuz, daß wir schaffend vernichten, vernichtend schaffen. Wenige, die sich über diesen Zwiespalt erheben, die dies Räthsel der Natur gelöst. Sie selbst, meine theure Freundin, werden dies oft empfunden haben. Ihr sinnend Auge giebt mir die Antwort.«

»Dieser Mensch begegnet mir überall,« sagte der Major an einer andern Stelle zum Regierungsrath, »wie ein eiskalter Luftzug. Undurchdringlich im Gespräch, alles wissend, jedem Gefühl verschlossen. Ich bin jetzt zu glauben geneigt, daß Laforest wirklich kein Bohrloch in dieser glatten Wand gefunden.«

»Und doch sehen Sie, welches Leben er in die schöne Bildsäule gehaucht! Man möchte erfahren, was der Magus mit ihr sprechen konnte.«

»Sollte er in der frivolen Intrigue mitspielen? Sie waren nachher in eifriger Konversation mit ihm.«

»Eifrig?«

»So war seine Miene.«

Fuchsius lächelte: »Er fragte mich, ob das Vermögen von ihr oder von ihm käme? Von Heyms neuer Wunderkur, von der Legirung des Platina und von der neuesten Liaison der Unzelmann. Das war ein Theil unseres Gesprächs, das glatt wie ein Aal hingleitete. Nähern wir uns der Sybille. Jetzt spricht er mit ihr.«

»Auch nur en passant«

Die Sybille schien einen Köcher von Liebespfeilen ausgeschossen zu haben; oder waren es wirklich sybillinische Sprüche, was der Physiognomie der Andern einen so besondern Ausdruck gab! Doch hatte Jene plötzlich Allen den Rücken gekehrt, um der Wirthin ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken.

»Elle est une merveille d'amabilité!« versicherte der Geheimrath Lupinus von der Vogtei, beide Hände als Schallrohr vor dem Mund, denen, die ihm entgegen kamen. »Pleine de grâce et d'une sagesse, s'il m'est permis de m'exprimer ainsi, presque éthérée. Et un savoir-faire!«

»Na warum denn?« sagte der Doktor Marcus Herz, der ihm in den Weg getreten kam und nicht Platz machte.

[226] »Mon ami!« rief Lupinus. »Elle a une pénétration parfaite, elle lit dans votre coeur comme dans un livre ouvert.«

»Auch in Ihrem, Geheimrath?« fragte der Arzt, seine Hand auf Lupinus' Schulter legend.

»Elle connaît tout le monde, elle enchante tout et est enchantée de tout.«

»Auch von Ihnen! Na hören Sie, dann ist sie mehr als ein Wunder – ein Meerwunder.«

»Immer der liebenswürdige Satyriker. Mais quant à la beauté, Madame Herz kein Vergleich. Elle est la beauté même et aussi pleine de sagesse.«

Die Fürstin hatte ihren schönen Arm halb um die Wirthin geschlungen, ihr für den vergnügten Abend zu danken: »Aber das Beste entziehen Sie mir so lange.«

Die Lupinus bedauerte, daß der Dichter noch immer auf sich warten lasse; gewiß sei es ein plötzliches Hinderniß, was die Ankunft, der alle Herzen entgegen schlügen, nur verzögere.

»Ich kann die Spannung begreifen,« entgegnete die Fürstin, »ob er aber die Erwartung befriedigen wird! Es kommt sehr auf die Laune an, in der er ist. Aber ich meine jetzt unsere theure Wirthin, die freilich der Gesellschaft angehört, und ein einzelner Gast wäre unbescheiden, wenn er mehr fordert, als auf seinen Theil ihm zukommt.«

Die Geheimräthin meinte, sie habe nicht den Andern im Lichte stehen wollen, und besonders vor Einem, nach dem Alle unwiderstehlich sich angezogen fühlten.

Ohne auf das Bittere zu achten, was sich dem Kompliment unwillkürlich beimischte, sah mit einem innigen Blick die Fürstin sie an: »Wozu diese Gemeinplätze zwischen uns! Sie sind eine Märtyrin und Ihr ganzes Leben ist ein Opfer. Ich weiß ja alles und ich betrachte mit einer bewundernden Theilnahme Ihr stilles Wirken der Resignation. Was kann Ihnen diese Gesellschaft sein? Sind Sie nicht mit sich selbst, mit Ihren Büchern in einer besseren? Und alle diese Embarras nur um Andern Freude zu machen!«

Die Lupinus protestirte dagegen. Sie kannte die Fürstin noch zu wenig. Sie wusste nur, daß sie vertrauten Umgang mit Elise von der Recke gepflogen, daß die Jünger der romantischen Schule bei ihr Zutritt hatten, man sagte auch, daß sie der katholisirenden Richtung dieser Schule huldige. Sie antwortete mit der Banalphrase, daß Andern Freude bereiten selbst Freude schaffe.

Die Fürstin streifte darüber hinweg, wie über ein etwas, was keiner Erwiderung bedurfte. Aber es lag keine Beleidigung in ihrem Blick.

»Ihr ganzes Opferleben fühl' ich in mir selbst wieder,« sprach [227] sie, sich in die Ottomane zurücklehnend, auf der Beide in einer Nische Platz genommen. »Ich fühle es wieder, obgleich mir, was die Welt ein glücklicheres Los nennt, beschieden war. Der Fürst, mein Gatte, verstand mich, ich verstand ihn. Ich brauchte nicht ängstlich vor der Welt den Schirm vorzuhalten, damit man seine Schwächen nicht gewahre. Er war kein eminenter Geist, kein Gelehrter, er liebte das Leben und trank seine Genüsse, wie den Schaum des Weines, er war was die Welt nennt, ein vollkommener Lebemann; aber ohne Arg, grade wie er war gab er sich. Da musste die Vorsehung nach einem kurzen Glück – wozu Elegieen an einem so frohen Tage! Es war so besser, für ihn, für mich.«

Wo sollte das hinaus! dachte die Geheimräthin. »Mein Mann ist –« die Fürstin unterbrach sie aber mit einem sanften Händedruck:

»Ich frage mich oft, warum müssen diese Kräfte durch Anstrengungen gehemmt werden, die nie eine andre Frucht tragen können, als einen Schein? Denn Ihren sonst to trefflichen Mann werden Sie doch nicht gesund machen, ich meine so gesund, das er sich wieder ins Leben taucht!«

»Ich versuche wenigstens, es ihm so angenehm wie möglich zu machen. Seine Ansprüche sind so bescheiden!«

»Das weiß ich. Aber ist das eine Aufgabe für eine Frau Ihres Geistes! Sein Glück ist gemacht, indem Sie ihm in seiner Assiette sich selbst überlassen. Sie könnten doch frei, sich mehr Ihren eigenen, edleren Trieben überlassen. Freilich haben Sie sich eben wieder eine neue Sorge auferlegt, die Sie ganz absorbirt, doch wer wollte da ein Wort gegen sagen! – Aber nun bewundere ich Sie wieder, wie Sie sich auch der Familie Ihres Mannes annehmen. Dies Festin ist doch auch gegeben, um Ihren Schwager gewissermaßen in der Gesellschaft wieder zu retabliren.«

Die Geheimräthin seufzte: »Man muß doch für seine Familie leben!«

»Das ist ein schöner Zug im deutschen Gemüthsleben!«

»Wo der Staat seine Ehre anerkannt hat, darf die Familie sie nicht sinken lassen.«

»Hoffen Sie, daß er wieder den rechten Weg finde, der arme Irrende.«

»Das hoffe ich nicht –«

»Man muß nie eine Hoffnung aufgeben. Aber sehen Sie da – sie ist reizend! Und welche Gruppe diese beiden Frauen! Zum Malen!«

Ihre Blicke hafteten auf Adelheid, die mit der Doktor Herz im Nebenzimmer sich unterhielt. Die Fürstin schwärmte in dem [228] Lobe ihrer Schönheit. Es war mehr als Malerei, sie lebte in der Schilderung mit, ihre nervösen Bewegungen verriethen es.

»Hier kann man den Unterschied von Schönheit und Schönheit studiren. Madame Herz ist gewiß eine vollkommene, aber ihr fehlt etwas.«

»Der Kopf ist zu klein für die junonische Gestalt,« sagte die Geheimräthin.

»Ich betrachte sie nicht als Sculpteur. Die Psyche ist's, die mich interessirt, wie das innerste ein knospet und blüht in der Erscheinung! Aber Sie mögen Recht haben, liebe Frau, aus dieser edlen, großen Gestalt schoß nicht mehr auf als ein kleiner Kopf, weil es an dem Feuer gebrach, das eine gebietende Stirn, eine Jupiternase, schwellende Lippen, das schwimmende, überwältigende Auge schafft.«

»Die Herz ist passiv, aber sehr intensiv.«

»Qu'importe!«

»Und tugendhaft.«

»C'est ça. Par son naturel. Aber sehen Sie, trotz des orientalischen Nimbus, ich frage Sie, könnte ein Maler aus dem Gesicht eine Heilige machen? Nimmermehr, ihm fehlt die Sinnlichkeit. – Sie bewegt sich – jetzt recht lebhaft – drückt ihre Lippe es aus? Verräth es das Auge? – Und nun dagegen Adelheid! Eine unwillkürliche Bewegung ihres Füßchens, und die Lippe spricht es aus, das Grübchen am Kinn. Elastisch die ganze Figur, aber das Gesicht die Blüthe. Wenn ich nichts als das Gesicht sähe, wollte ich mir ihre ganze Gestalt konstruiren. O Sie, müssen eine wahre mütterliche Freude an dieser Requisition haben.«

»Wenn sie meinen Erwartungen entspricht. Ihre Erziehung entsprach den beschränkten Sphären ihres elterlichen Hauses. Es müssen viele Gewöhnungen, vulgäre Ansichten ausgetrieben werden –«

»Nichts austreiben, um Gottes willen nichts austreiben, theure Frau!«

»Ihr fehlt das Sublime. Ich sehe noch immer durch alle ihre Reize den Thon, aus dem sie gebildet. Aus ihren ästhetischen Urtheilen platzt zuweilen eine Natürlichkeit, über die ich erschrecke. Daß die Herz sich für sie interessirt, ist mir lieb; ich hoffe, sie soll aus ihrer Conversation lernen. Manches Eckige, Erdige wird sich abschleifen, um dem Sinnigen Platz zu machen.«

Die Fürstin sah sie verwundert an, aber die Mißbilligung, die in ihrem Blicke lag, ging in ein Lächeln über: »Nicht die Herz! Keine Hofmeisterin! Die Herz würde ihr schöne Maximen predigen! O keine Predigten! – Sie zur Tugendpuppe erziehen, das heißt eine Natur verderben, wie sie nicht oft aus Gottes Schöpfung hervorgeht.«

[229] »Ich meinte auch nicht grade eine Klostererziehung.«

»Dies pulsende Blut will sein Recht. Der Schöpfer träufte es in unsere Adern, wie er die Sonne in den Aetherbogen warf, wie er der Traube würziges Blut gab, uns zu berauschen. Wer nie berauscht war, nie im Wirbel der Leidenschaft taumelte, wer nie die Wonne dieser Erde kostete, der kann auch nicht die Wonne der himmlischen Seligkeit empfinden.«

Ihr schönes Auge glänzte so seltsam dabei, während sie starr nach der Decke sah. Nach einer langen Pause stand sie auf, und strich tief aufathmend ihren Scheitel mit beiden Händen. Sie lächelte schelmisch die Geheimräthin an:

»Nicht wahr, ich habe recht viel dummes Zeug gesprochen? Vergessen Sie es und entschuldigen mich. – Aber als ob ich mich vor Ihnen zu entschuldigen brauchte, vor einer Frau, die ja auch weiß, wie der Geist so oft sich vom Körper trennt, und die Seele hinfliegt in Räume, wohin das Auge nicht dringt. – Aber kommen Sie schnell unter die Andern, wir kommen ins Gerede. Wenn man auch etwas anders ist als die Andern, um Gottes willen, man muß es ihnen nicht verrathen!«

»Wo sehen Durchlaucht Plötzlich hin?«

»Ich –« Die Fürstin erröthete leicht und flüsterte ihr ins Ohr: »Mir war's, als sähe ich Jean Paul dort über den Gensd'armenmarkt kreuzen, um schneller hier zu sein. – Da unterhält sich ja der Herr von Fuchsius sehr lebhaft mit Ihrer Tochter. – Ei, ei, selbst der ernste Major Eisenhauch widersteht dem Magnete nicht und vergisst auf einen Augenblick seine großen Vaterlandsgedanken. Ich besorge, meine Freundin, Ihr Haus wird bald wie Troja aussehen –«

»Sehen Sie eine Zerstörung voraus?« fragte die Lupinus. Der Clairvoyantenblick der Fürstin hatte sie etwas verstimmt.

»Nur die Helena, um die ein trojanischer Krieg entbrennen wird. Sorgen Sie bald, wenn Sie dem entgehen wollen, für eine anständige Partie. Der Regierungsrath ist ein junger Mann, dem eine gute Carriere bevorsteht.«

»Herr von Fuchsius sieht nach Vermögen. Es ist nur Galanterie. Ich werde indeß ein wachsames Auge haben.«

»Wozu! Lasst doch die Schmetterlinge spielen. Die Jugend ist so kurz! Und was sagen Sie zum Legationsrath?«

»Der –!« Das Wort schien der Geheimräthin auf der Lippe zu ersterben. »Er und das Kind?«

»Sie haben nicht daran gedacht. Es ist auch so besser.«

»Durchlaucht kennen ihn? Er wird von so Vielen verkannt.«

»Die Bestimmung jeder Größe! Sie fühlt sich nur zu Gleichgesinnten hingezogen. Es täuschten mich auch vorhin wohl nur [230] einzelne Blicke. Es war Elise, die mir ihre Beobachtungen mittheilte. Ach die gute Recke dachte vielleicht an ihr eigenes Verhältnis mit Cagliostro.«

»Cagliostro!« wiederholte die Lupinus.

»Cagliostro war doch vielleicht mehr, als wofür die Welt ihn jetzt erkannt haben will, meine Freundin. Er musste fallen, wie Viele gefallen sind, weil – passons la-dessus! – Unsere große Katharina war in diesem Punkte eifersüchtig. – Es ist mir recht verdrießlich, daß Herr von Wandel der Affaire wegen mit dem jungen Manne – nicht wahr, Bovillard heißt er? – in Verwickelung gekommen ist. Und wie ich höre, stellt er Adelheid nach. Das muß für Sie doppelt peinlich sein.«

»Ich hoffe, Durchlaucht, das wird nichts auf sich haben. Der wüste Mensch soll uns nicht länger stören.«

Die Fürstin sah sie fragend an: »Blutdürstig, meine sanfte Freundin! Der Lauf der Kugeln ist zweifelhaft. – Das war auch nicht Ihre Meinung.«

»Durchlaucht, dieser Mensch ist incorrigibel.«

»Desto besser. Lassen Sie ihn fortsündigen. Gerade über diese Sünder, die ihr Ohr der Stimme der Vernunft verschlossen haben, zuckt schon ein anderer Strahl. Da thun wir nichts bei, das kommt mit einem Male. Was wäre die Welt mit ihren gaukelnden Marionettenpuppen, die das grelle Schauspiel von Eitelkeit, Verkehrtheit, Ungerechtigkeit und Sünde vor uns aufführen, wenn wir nicht wüssten, daß plötzlich eine unsichtbare Hand aus den Wolken fährt, und zerstört ist ihr Spiel. Ein Licht zückt herab und die Irrenden sehen den Abgrund, vor dem sie stehen. Warum den jungen Wüstling gleich aufgeben, opfern wollen; da giebt es ja tausend Mittel. – Nur keine öffentlichen Schritte. Es lässt sich so Vieles unter der Hand abthun, eben wenn man Freunden vertraut. Freunden haben Sie ja nur zu winken. Kommandiren Sie auch über mich. A propos, ich habe viel von dem jungen Lehrer gehört, ein origineller Charakter, sagt man. Wo ist er? Stellen Sie ihn mir vor.«

»Er ist nicht hier. – Für unsere Gesellschaft –«

»Würde er keine Augen haben, nur für seine schöne Schülerin. – Sie sehen mich an. Wie? Soll er sein Blut in Eis verwandeln, oder spielt die Geschichte von Abälard und Heloise nur in der grauen Vorzeit? Ach, eine reizende Geschichte, aber wenn Sie dieselbe nicht wiederholt sehen wollen, müssen Sie auch da Acht haben, mehr als nach Außen das Auge wach! Ja, theure Frau, die Obliegenheiten einer Mutter sind groß. Sie haben eine halb Gefallene aufgerichtet, aber wer sich vor dem Fallen noch fürchten kann, ist stets dem Fallen nahe – O weh! da fällt Ihr Diener – ein[231] Glück, daß der andere ihm das Präsentirbrett hielt. Der arme Mensch ist krank –«

»Aber Johann, wie konnte er auch!« fuhr die Geheimräthin auf.

Der Diener hatte sich wieder erhoben, und, es schien, erholt. Er versicherte es wenigstens und wollte sich nicht hinausschicken lassen; es sei eben nur ein Schwindel gewesen. Die Geheimräthin versicherte der Fürstin, sie habe soviel Lohnbedienten angenommen, daß Johann gar nicht nöthig gehabt, selbst zu serviren; er habe es nur aus Eigensinn gethan.

»Oder Furcht, daß seine Herrschaft ihn für entbehrlich hält,« sagte die Fürstin. – »Wie liebreich Adelheid ihm zuspricht! Sie hat ihn überredet, sie schickt ihn hinaus. Bravo! Hören Sie! Herren und Damen sind entzückt, sie muß etwas Seelenvolles gesagt haben.«

Die Geheimräthin fand sich allein. Auch die Fürstin war zu Denen geeilt, die Adelheid mit ihrem Beifall überhäuften. Die Geheimräthin fand sich sehr allein. Nur Diener, auf den Tag gemiethet, in Livreen, frisirt oder noch in Perrücken, bewegten sich in den Zimmern, mit den Vorbereitungen für die Abendtische beschäftigt. Sie kannte mehrere von ihnen nicht. Der eine schien im Vorübergehen einen seltsamen Blick auf sie zu werfen, zwei dunkle Augen, aber er wandte sie rasch auf die Teller, die er trug. Ward sie beobachtet, hatte man auch in ihre Gesellschaft Lauscher geschickt, von Seiten der clairvoyanten Gesandten oder Gesandtinnen? – Sie wollte in den Saal. Aber der Fürstin nacheilen, welche ihr eben so brüsk den Rücken gedreht? Sie umfasste Adelheid. So hatte die Gargazin auch sie vorhin umfasst. Sie zog sie auf ein Kanapee, sie spielte mit ihrer Hand, sie sagte, sie flüsterte ihr tausend schöne Dinge ins Ohr. Adelheids Gesicht glühte. O sie war weit liebenswürdiger, lebhafter, zuvorkommender gegen die Tochter, als gegen die Mutter. Alle gruppirten sich, näher oder ferner, um diesen Mittelpunkt. Nach der Wirthin sah Niemänd, es kam Niemand in den Sinn, daß sie abgeschlossen war. Der Legationsrath stand in einer Fensternische, weit jenseits, die Arme unterschlungen, und beobachtete die Gruppen, sein Gesicht unbeweglich wie immer; aber als der Strahl seines Auges sie traf, glaubte sie in dem Auge eine an sie gerichtete Bemerkung zu lesen. War es ein Vorwurf, Bedauern, Mitleid?

»Warum sich der Gesellschaft entziehen, ma belle soeur?« rief der Geheimrath Schwager, der zufällig aus einem hinteren Zimmer kommend, der Wirthin entgegentrat, als sie die beste Partie ergriff, weil kein Mensch sich um sie, sich auch nicht um die Menschen zu kümmern, sondern um die Teller und Tische.

[232] »Weil ich überflüssig bin,« war die kurze Antwort, mit der sie an ihm vorüberstreifte.

Wenn er an Ton und Art noch nicht gemerkt, daß sie auch ihn für überflüssig hielt, ward er auf der Schwelle zum Saal daran gemahnt, als die Fürstin, am Arm des Legationsrathes, über diese Schwelle rauschte. Wenn es nicht grade mit dem Ellenbogen geschah, fühlte er sich doch durch Blick und Bewegung mit seiner ganzen Persönlichkeit bei Seite geschoben.

Die Fürstin verließ die Gesellschaft. Den Legationsrath hatte sie gewürdigt, sie als Kavalier an den Wagen zu begleiten; aber nicht einmal eines Blickes würdigte sie den Mann, der vorhin ihre Liebenswürdigkeit ausposaunt. War er ein Anderer geworden? Sie gewiß! Einen Kopf größer schien sie ihm. Fort waren die Rollen der Liebenswürdigen, der nervös Irritirten, der Bescheidenen und der Schwärmerin geworfen, als Fürstin hielt sie ihren Ausgang.

»Ach, unsere emsige Wirthin. Immer wie eine Biene für den Honig sorgend.«

»Durchlaucht wollen uns doch nicht verlassen?«

»Leider, eine heftige Migräne! O bitte, nehmen Sie nicht auf mich Rücksicht, Ich verschwinde wie ein Schattten, um Licht und Heiterkeit zurückzulassen.«

Die Geheimräthin öffnete den Mund, um dagegen zu demonstriren, aber unwillkürlich kehrte ihr die Erinnerung an jene Gesellschaft vom vorigen Sommer zurück, – da war sie es ja, welche die Rolle der Für stin gespielt. Sie verstummte. Migrainen sind oft angenehm für Die, welche sie vorschützen, nicht immer für Die, welchen Sie vorgeschützt werden.

»A propos!« rief die Fürstin. »Herr von Wandel, nur einen Augenblick, zwei Worte mit unserer Freundin.«

Sie zog diese bei Seite: »Wissen Sie schon, Jean Paul –«

»Kommt nicht? Vielleicht hat er von einer Clairvoyanten gehört, daß er Fürstin Gargazin nicht mehr trifft.«

»Nein, er kommt, aber in welcher Laune! Es ist mir wirklich recht leid. Nur Ihretwillen.«

»Ist ihm etwas passirt?«

»Er ward bei der Berg so lange aufgehalten. In der besten Absicht, denn wer konnte anders denken, bei der besonderen Vorliebe, mit der die Königin sich der Sache angenommen. Da um neun erst bringt der Fourier die Hiobspost.«

»Eine Hiobspost!«

»Der König will die Präbende nicht geben.«

»Und Ihre Majestät die Königin hatte doch –«

»Nichts gespart, was Klugheit und Liebenswürdigkeit vermögen. [233] Bis acht Uhr gaben sie im Palais die Hoffnung nicht auf. Man passte nur auf den günstigen Augenblick und er schien gekommen. Majestät brachen eben ein Stückchen von dem Kuchen, den Sie besonders lieben, und versicherten, so vortrefflich sei er noch nie gebacken. Das benutzte Ihre Majestät, und der König lächelte ihr auch mit der liebenswürdigsten Laune zu, aber ebenso liebenswürdig schüttelten Sie den Kopf und sagten: Herr Jean Paul mag ein sehr guter Romanschreiber sein, aber darum ist er noch kein guter Domherr.«

»Hat Ihre Majestät nicht Lafontaine's Beispiel eingewandt? Der hat doch auf ihre Vorstellung die Präbende erhalten.«

»Ihre Majestät sind zu klug, um nach solcher Erklärung noch ein Mal anzufangen. Und es giebt Wichtigeres zu bitten.«

»Der arme Jean Paul also gänzlich aufgegeben?«

»Für Berlin verloren. Ich wollte Sie nur avertiren. Noch weiß Niemand hier davon. Sie thun also gut, liebe Frau, die Sache auch zu ignoriren. Die Verehrung für den Dichter hängt mit der Aufmerksamkeit zusammen, die ihm der Hof erzeigt. Erfahren Sie, daß der ihn aufgiebt, ist der Lustre fort.«

»Nein, es gilt nichts mehr,« sagte die Geheimräthin bitter.

»Es thut mir nur um Sie leid, aufrichtig, meine liebe Geheimräthin. So viel Embarras! Sie würden die Gesellschaft auch nicht gegeben haben, wenn Sie das voraus gewusst. Adieu et au revoir!«

»Jean Paul kommt!« ging ein Gemurmel durch das Zimmer.

Die Geheimräthin meinte, der Legationsrath hätte doch in zu ehrerbietiger Entfernung auf die Fürstin gewartet, als er sie hinausführte.

»Fürstin Gargazin liebt Herrn Jean Paul nicht?« bemerkte Herr von Wandel, als er auf einen raschen Armdruck sie seitwärts in ein Zimmer geführt, damit sie dem Dichter, der die Treppe herauskam, nicht begegne.

»Ich liebe nicht den Kultus für sogenannte große Menschen,« antwortete die Fürstin beim Hinuntergehen. »Die Lupinus wird sich mit diesem Zauberfest wieder lächerlich machen.«

»Ein Erbstück der Familie.«

»Sagen Sie dieser Menschen, dieser Stadt, dieser Zeit. Weil Jeder aus seiner Sphäre treten möchte –«

»Ohne den Charakter zu haben, die neue sich unterthänig zu machen.«

»Wenn Jeder die Sphäre des Andern durchschauen könnte!« erwiderte die Fürstin langsam, den Blick auf den Begleiter gerichtet. »Uebrigens thut mir die arme Frau leid. Prinz Louis wird nie [234] zu ihr kommen. Sie lässt alle ihre Minen umsonst springen.« Die Fürstin drückte beim Einsteigen dem Legationsrath die Hand: »Ich werde nichts vergessen.«

28. Kapitel. Eine schlimme Nacht

Achtundzwanzigstes Kapitel.
Eine schlimme Nacht.

Ein Geflüster war durch die Gesellschaft gegangen. Man steckte die Köpfe zusammen, und das Geheimniß, welches die Fürstin der Wirthin anvertraut, war längst ein Gemeingut, als die Gesellschaft zu Tisch ging. Vorher aber sah man ein Schauspiel, es war ein Impromptu. Adelheid hatte von der Tafel einen Blumenkranz ergriffen, und ihn plötzlich auf die Stirn des Dichters gedrückt: »Nun sind Sie ein freier Mann!«

Es war alles anders geworden, als die Geheimräthin gewollt. Die Bekränzung sollte stattfinden, aber in anderer Art, später, an der Tafel selbst. Sie hatte Figuranten geworben, die bei jedem Gespräch mit Phrasen aus des Dichters Schriften ihm antworten sollten; das musste jetzt rückgängig gemacht werden; es passte nicht mehr. Die Empfindsameren umringten ihn, statt mit Siegeshymnen, mit Kondolenzversicherungen. Es sah nicht wie bei einem Freudenfeste aus. Während die Mehrzahl nicht laut genug ihr Bedauern an den Tag legen zu können glaubte, schlichen Andere fort. Die Geheimräthin begegnete dem General, der seinen Hut zum Gehen ergriffen.

»Auch Sie uns verlassen?«

»Man weiß nicht, was im Palais vorgegangen ist,« sagte der Offizier mit seiner soldatischen Offenheit, »nicht in wie weit Seine Majestät sich über die Person des Herrn aus Baireuth ausgesprochen haben.«

»Aber ein Charakter wie mein Herr General –«

»Hat auch Rücksichten zu nehmen. Der König, meine liebe Frau Geheimräthin, erfährt jeden Morgen genau, wer bei Rüchel war und wer bei Blücher war. Und Sie wissen gar nicht, wie diese Rapportements gemacht werden. Hat er sich nun wirklich ungnädig über den Poeten ausgedrückt, so wird auch von Ihrem Festin ihm berichtet und Sie wissen nicht wie. Ihnen kann das nun nichts schaden, wenn Einer sagt: Es ist doch auffällig, daß die Lupinus dem Fremden ein Fest giebt, als wenn er ein Potentat wäre, und gerade in dem Augenblick, wo Eure Majestät sich so nachdrücklich über die Stellung ausgesprochen haben, die er nur beanspruchen kann. Beyme setzt vielleicht hinzu: Und jetzt, wo Eure [235] Majestät eben einen solchen Gnadenakt gegen ihren Schwager ausgeübt. Wer weiß denn, wer zwischen den Lippen murmelt: Undank ist der Welt Lohn! Und wenn Lombard dabei ist, wird er sich die Gelegenheit entgehen lassen, mir einen kleinen Freundschaftsstoß zu versetzen? Ich höre ihn schon hinwerfen: Es ist doch noch sonderbarer, daß gerade unser General dabei sein musste. Er ist doch sonst kein Admirateur von Poeten. – Sollte das andere Gründe haben? fügt vielleicht noch ein guter Freund hinzu, denn Sie glauben nicht, wie viel gute Freunde Jedermann am Hofe hat, der eine gute Stellung hat, die Andern zu gut für ihn dünkt.«

»General, aber bei Ihrer Renommee!«

»Je höher der Kornhaufen, so mehr Mäuse hausen unten. Mein Kommando wird mir Seine Majestät darum nicht nehmen, aber wird mir vielleicht das nächste Mal sagen: Sind auch ein so großer Verehrer von dem Herrn Romanschreiber? Meinte die Lorbeerkränze schickten sich nur für Generäle. – Und das wäre noch das Beste, dann ist es ausgeschüttet. Ohnedem bleibt etwas, denn der König hat ein vortrefflich Gedächtniß. Und wissen wir, von wem und wann daran weiter gebohrt wird? Ein wunder Fleck hat anziehende Kraft. Und weiß ich was noch hier geschieht bei Tisch von den Admirateurs, welche Gesundheiten sie ausbringen? Kann nicht Einer beim Wein eine Beleidigung gegen Seine Majestät aussprechen? Höre ich's ruhig mit an, so heißt's im Palais, ich habe eingestimmt, und rede ich drein – nein, meine gnädige Frau, ich will ihr schönes Festin nicht stören.«

Sie selbst aber wollte es stören. Die Salatscene sollte nun unterbleiben. Sie war, als der General ihr begegnete, eben auf dem Wege zum kranken Johann gewesen, um ihm Contreordres zu geben. Sie hatte aber auch vorhin den Befehl zum Serviren gegeben und in dem Augenblick brach die Gesellschaft, um zu Tisch zu gehen, auf. Es entwickelte sich heut Alles gegen ihren Willen. Jean Paul hatte ihr seinen Arm reichen sollen. Ihrer Zweifel, ob es nicht jetzt passender sei, diese Ehrenpflicht dem vornehmsten Gast zu übertragen, ward sie überhoben, als der Dichter schon ihre Tochter entführte. Sie musste, um nicht allein zu gehen, ihren Arm nothgedrungen Dem reichen, welcher allein ledig an der Thür stand, es war der Schwager, und sie musste zufrieden sein, daß es ihr wenigstens gelang, eine Tafelordnung so ziemlich herzustellen.

Wenigstens saß Jean Paul neben ihr. Wenn er von dem Fehlschlag seiner Hoffnungen verstimmt gewesen, hatte er unter so viel Theilnahme und beim Klang der Gläser es überwunden. Der gute Wein wirkt nach einer Aufregung doppelt. Er sprach oder sang in Worten die wie Streckverse klangen. Die Lüfte in den märkischen Pinien hätten ihm zugerauscht das alte Lied: Wo es [236] Dir wohl geht, ist Dein Vaterland! aber da sei aus dem blauen Aether eine Taube niedergerauscht mit einem Lorbeerzweig und habe ihm zugeflüstert: Der Dichter muß frei sein! Und ein frischer Morgenwind habe seine Stirn, seine heiße Brust gekühlt, er sei erwacht und wieder arm, aber frei, frei wie der Vogel in der Luft, und dies Glas bringe er aus auf die Taube mit dem leuchtenden Fittich.

Nur ein Theil der Gesellschaft verstand es. Der Geheimrath von der Voigtei, der auch sein Glas gefüllt hatte und sich für verpflichtet hielt, als nächster Anverwandter der Wirthin, die Gesundheit des Gastes zu übernehmen, unterbrach den Dichter: die erste Gesundheit gebühre ihm selbst. In einer Rede, die, wenn auch sonst nichts, doch verrieth, daß er von dessen Schriften nichts gelesen, gratulirte er dem Poeten, der nun mit Piron sich die Grabschrift setzen könne:


Ci-gît Piron, qui ne fut rien.

Pas même académicien.


Aber wie Piron ein aimabler Poet geblieben, obgleich er sonst nichts gewesen, so werde auch ohne Präbende für sie Alle hier:


Unser herrlicher Jean Paul Friedrich Richter

Bleiben ein ihnen unvergeßlicher Dichter!


Im Gläserklang erhob sich der Gast: »Unser Auge blickt nach den blauen Bergen, und unser Herz schwillt vor Sehnsucht, weil der Himmel sie küsst. Aber oben weht es uns zu rein an, wir athmen zu bang in der Nähe des Unaussprechlichen, und die Thäler verschwimmen vor unsern Augen. So sehnt des Dichters Brust sich nach dem Schönsten und Höchsten, wie Semele nach Zeus' wahrhaftiger Gestalt. Aber in der Feuergluth zerspringt sein Herz, er kann nur leben im Thal, athmen im Duft der Kräuter, und die Berge über ihm, die Fußschemel des Unnennbaren, sind die Säulen der Ewigkeit, an denen sein Geist sich aufrankt. Wer einmal dort oben vom Lichte getrunken, habe genug fürs Leben. Nun möge man ihn beglückt zurückkehren lassen in die stillen Thäler seines Fichtelgebirges. Wenn seine Waldbäche über die bemoosten Steinblöcke rieselten, die Fichten säuselten, die Veilchen aus dem feuchten Grün dufteten, und wenn dann wieder an des Dichters Seele edle schöne Frauen vorüber schwebten, Lianen und Natalien, im Diadem des Morgenrothes, wenn ihre Füße im Thau sich badeten, ihre seelenvollen Augen das Blau des Aethers saugten, um Huld und Wohlwollen für tausend blutende Herzen widerzustrahlen, – dann kämen sie von den Bergen, die er einmal bestiegen, wo auch er Seligkeit getrunken. In seiner Eremitage nun kein Einsiedler mehr, umschwebten ihn Berlins edle Frauen, beim Frühroth böten sie aus [237] der Krystallschale ihm den Morgentrank und wenn die Königin des Tages hinter die Berge sinke, sollte den Dichter einlullen die Harmonie ihrer Silberstimmen. Dies Glas leere er auf Berlins schönere Hälfte.«

Unter dem Gläserklang der Herren, unter den Verzückungen der Damen war Adelheid aufgestanden. Den Wink der Geheimräthin hatte sie nicht bemerkt. Ihre Augen gegen den Plafond gerichtet, tönte ihre metallreiche Stimme durch den Saal: »Aber die Sterne oben sind nicht stumm, sie tönen, im Festsaal des Ewigen kreisend, die Sphärensprache der Harmonie, und der Geweihte versteht sie. Der blasse Geweihte, der am Schmerzenslager überwindet, der Geweihte, dessen Stirn die Freude des Sieges röthet, und er der Geweihte, der der Aeolsharfe ihre Klagetöne abgelauscht, den Vögeln ihren Gesang, er, der die summenden Stimmen der Völker versteht, Phöbus geweihter Priester hört den Gesang der Sterne –«

»Mamsell, der Salat!« flüsterte Johanns zitternde Stimme, aber er getraute sich nicht mehr den Napf zu tragen. Die Geheimräthin war beim Anfang der Tafel wieder umgestimmt worden, denn die Stimmung der Gesellschaft war entschieden für den Dichter, und die Lupinus theilte nicht die Besorgniß des Generals. Im Gegentheil schien ihr eine derartige Manifestation jetzt ein Ehrenpunkt. Aber Jean Paul hatte ihr bei der Tafel gar keine Aufmerksamkeit erwiesen. Er schwärmte in eigenen Gefühlen, seine Komplimente waren nur an ihre Tochter gerichtet. Sie wollte es ihn empfinden lassen, und ihre Lippen hatten sich zu einigen spitzen Worten gespitzt, die mit dem Stichwort schließen sollten, auf welches Adelheid einzufallen hätte, als diese unerwartet, gegen die Verabredung, von einem Impuls sich hinreißen ließ. Unglücklich fügte sich auch hier alles, der kranke Johann stotterte zur Linken die Worte, während einer der sogenannten »Ausgestopften«, das heißt der gemietheten Lakaien, ihr zur Rechten den Salatnapf überreichte. Es war derselbe Lakai, dessen funkelnde Augen sie vorhin erschreckt. Adelheid ergriff in ihrer Extase den Napf und statt ihn niederzustellen, hob sie ihn wie eine Opfervase empor – »und er der geweihte Priester hebt die Schale den Göttern entgegen« fuhr sie in der Rolle fort, entnommen aus irgend einer Dithyrambe der Jean Paul'schen Poesie, die wir wieder vergessen haben, vielleicht auch aus denen, die von der Geheimräthin zu diesem Zweck komponirt waren, als der »Ausgestopfte« ihr etwas zuflüsterte. Die Worte hörte man nicht, aber die Gesellschaft konnte nicht anders denken, als daß der Sinn von dem, was der Lohnlakai sprach, nichts anderes sei, als was der kranke Bediente ziemlich vernehmlich zur selben Zeit sprach: »Auf den Tisch, Mamsell, 's ist ja der Salatnapf!«

[238] Adelheids Stimme stockte plötzlich. Als sie nach der Seite blickte, stieß sie einen Schrei aus. Darüber entfiel ihr der Napf. Viele Arme wollten helfen. Ein Armleuchter war umgestoßen. Die Kerzen fielen auf das Tischtuch; eine streifte an den Fruchtkorb, der mit künstlichen Papierblättern ausstaffirt war. Das Papier brannte, das Tischtuch brannte. Man schlug ungeschickt zu. Man riß am Tischtuch und noch ein Leuchter fiel. Es flammte und floß, man schrie: Hülfe! Feuer! Die Stühle schlugen um, die Damen in den leichten, feuerfangenden Kleidern schrien am lautesten und stürzten fort, Herren und Bediente rissen am Tischtuch. Es brannte schon lichterloh, die Kerzen vom Kronleuchter träuften, als einige entschlossene Arme die Tischtuchenden über die gesamme Verwüstung zusammenschlugen. Der Brand war so erstickt, aber auch das Porzellan, Glaswerk, Torten und alles was zerbrechlich war, in dem Chaos zusammengeschüttet und vernichtet.

So konnte man vermuthen, daß es hergegangen, denn der Brand war gelöscht, ehe die Nachtwächter Berlin in Alarm versetzten. Im Uebrigen wusste Niemand später über den Hergang klare Auskunft zu geben. Es lag auch in Mancher Interesse, es im Dunkeln zu belassen. Die Entschlossensten hatten schnell ihre Damen fortgerissen, um den Abschied unbekümmert, nur Garderobe und Straße galt es zu erreichen. Wenn sie dein Feuerschaden auswichen, entgingen einige Damen dem des andern Elements nicht. Die Wassereimer, mit denen die Diener ihnen entgegenstürzten, verdarben manche Toilette. Das Gedränge kam einer Verstopfung nahe. Man sprach von Ohnmachten. Die ohnmächtig Gesagten leugneten es. Am Boden gelegen wollte Niemand haben, nur vielleicht auf einem Stuhl. Viele ließen es sich nicht nehmen, daß die Wirthin wirklich im Gedränge ohnmächtig geworden. Nach ihren eigenen Aeußerungen später konnte man es glauben; sie sprach von einem Schleier, der über sie gekommen, eine wohlthätige Macht hätte die Schreckensscene vor ihr verhüllt. Es wäre allerdings eine doppelte Schreckensscene für sie gewesen, wenn sie alle Urtheile wirklich hätte hören müssen, welche in der Aufregung über sie und ihr Fest laut wurden.

Der Lärm hatte auch den Geheimrath aus seiner Studirstube gelockt. Als er im Schlafrock und Pantoffeln in die Vorzimmer drang, war die Gesellschaft schon entflohen. Nur ein branstiger Qualm drang noch durch die Thüren, Wasserrinnen ergossen sich über die Dielen, und Wirrwarr, Gedränge und Getreibe überall. Aus der Thür des Speisesaals trug ein Lakai Adelheid und legte die Ohnmächtige auf ein Sopha. Brust und Schultern waren in ein nasses Tuch eingeschlagen. Ihr Musselinkleid war von den Flammen ergriffen worden. Sie hätte mit einem Druck der Hand [239] die Flamme löschen können, aber sie hatte wie eine Bildsäule dagestanden, regungslos. Der Bediente Johann hatte eine Serviette ergriffen, aber seine Hände zitterten, die Serviette gerieth selbst in Brand. Da hatte einer der fremden Lakaien ihn fortgestoßen, und mit Tüchern, die er schon in einen Wassereimer getaucht, das Feuer erdrückt. Aber jetzt war sie ohnmächtig geworden, und der Lakai, ein kräftiger, junger Mann, hatte sie in das Entreezimmer getragen, als der Geheimrath dazu kam.

Das war das Resultat einer kurzen Untersuchung, welche der Gelehrte angestellt, und bei dem er sich, als er später in seine Arbeitsstube zurückkehrte, vollkommen beruhigte. »Jetzt muß man ihr die nassen Tücher abnehmen, sie erkältet sich sonst,« hatte er gesagt, der Lakai aber gerufen: »Man muß den Arzt holen!« und war nach der Thür gestürzt. »Das wird nicht nöthig sein,« hatte der Legationsrath Wandel gesagt, der aus der dampfenden Stube trat. »Es ist nur eine Affektion der Nerven.« Er hatte mit dem Geheimrath die nassen Tücher abgezogen und gefunden, daß keine Brandverletzung stattgefunden, selbst der Brandfleck am leichten Oberkleide war gerinfügig, die Flamme hatte nicht einmal das festere Unterkleid ergriffen. Der Legationsrath steckte das Essenzbüchschen, welches er geöffnet, wieder in die Tasche, murmelnd: »Hydor ariston!« Das hatte eine freundliche Falte auf die Stirn des Geheimraths gelockt. Er redete den Legationsrath lateinisch an, und dieser antwortete lateinisch. Herr von Wandel hatte eine schöne reine Aussprache, nicht ganz ciceronianisch, aber er applicirte sehr geschickt einige Feinheiten der Latinität: »Es ist nichts als eine psychische Aufregung, vielleicht Exaltation für den Dichter, vielleicht etwas anderes – aber es geht schnell vorüber, sie wird sich von selbst erholen!« Und so geschah es, auf einige Tropfen, die er aus einem Wasserglase auf ihr Gesicht spritzte, schlug Adelheid die Augen auf. Sie erkannte die Gegenstände, athmete und machte eine Bewegung mit der Hand, daß die Herren sich entfernen möchten: »Das Uebrige wird weibliche Pflege und ein Camillenthee thun,« beruhigte der Gast den Wirth.

Der Geheimrath hatte dem Legationsrath die Hand gereicht, und den Wunsch seiner näheren Bekanntschaft ausgedrückt. Er that dies selten. Im Speisesaal grinste ihn die Verwüstung an. Es dampfte und fluthete, er musste über umgeworfene Stühle, Tische, Scherben steigen. Wenn das in seiner Studirstube passirt wäre! Der blasse Geisterschreck, den dieser Gedanke auf sein Gesicht zauberte, trieb ihn zu einer ungewohnten Thätigkeit. Er rief den Dienern, den Mägden, er legte selbst Hand mit an.

Da flog ein erstes Lächeln über die weißen Lippen der Geheimräthin, und es zuckte etwas von Leben in ihrem starren Blicke. [240] Sie hatte bis da regungslos auf dem Canapee halb gesessen, halb gelegen, vielleicht im Gedränge von den Fortstürzenden dahin gestoßen. Das Eau de Cologne, was Lisette ihr ins Gesicht gesprengt, war ohne Wirkung geblieben. Jetzt, beim Anblick der Thätigkeit ihres Mannes kehrte das Leben zurück. Die Zunge löste sich, sie konnte sprechen, es platzte heraus wie ein Lachen: »Mit den Pantoffeln! Sie erkälten sich ja im Wasser die Füße!«

Der Geheimrath fühlte jetzt, was ihm ein Unbehagen verursacht, für das er sich keinen Grund anzugeben gewusst. Er ging im Wasser, seine Füße waren ganz naß.

»Aber es muß doch Ordnung geschafft werden, meine Liebe.« Er sah sich um.

»Dafür wird Lisette sorgen, die versteht es besser. Gehn Sie in Ihre Stube und ziehen sich andere Strümpfe an, morgen ist alles wieder wie sonst.«

»Aber – ich hoffe, die Incommodität wird Ihnen nicht schlecht bekommen?«

»Ganz und gar nicht,« sagte die Geheimräthin, die aufgestanden war. »Eine kleine Störung in den Gewohnheiten des Lebens. Weiter nichts. Morgen ist's vergessen. Ich hoffe, daß in Ihrer Stube nichts derangirt ist.«

Das hoffte der Geheimrath auch; er hatte hier nichts mehr zu thun. Die Geheimräthin ließ sich von Johann führen. Mit jedem Schritte, den sie that, ging sie fester. Der Bediente hielt sich an den Thürpfosten, als er sie in ihr Schlafzimmer gebracht. Sie maß ihn mit einem durchdringenden Blicke: »Was soll das werden mit ihm, Johann?«

Er verstand es: »Um Gottes Erbarmen, gnädige Frau Geheimräthin, stürzen Sie mich nicht in mein Elend,«

Ihm war es, als bohrte ihr Blick in sein Herz, aber sie sprach kein Wort: »Morgen früh soll Hofrath Heimkommen.«

Er ging. Sie rief ihn zurück: »Nein, nicht Heim! Der ist zu nichts zu brauchen –« murmelte sie. »Selle, rufe er den Geheimrath Selle, ich lasse ihm meine dringende Empfehlung machen« – sie stockte und hub wieder an: »Nicht zu Selle, zum alten Geheimrath Mucius, ich ließe ihn dringend bitten.«

Johann war gegangen. Sie schellte wieder: »Es soll mich Niemand stören. Was auch vorfalle. Ich werde mich selbst ausziehen. Lisette soll mit den Andern die Sachen fortschaffen, aber sie soll sich nicht unterstehen Lärm zu machen. Ich will nichts mehr wissen, versteht Er mich.«

Johann ging. Sie rief ihn doch wieder zurück; »Morgen früh wird Niemand vorgelassen. Niemand.«

[241] »Herr Jean Paul Richter fragten, wann er seine Aufwartung machen könne, um Abschied zu nehmen?«

»Ich bin nie, wenn er sich meldet, zu Hause.«

Sie stand noch eine Weile, nachdem der Bediente fort war, die Blicke auf die Diele geheftet. Ihr musste sehr heiß sein, sie schöpfte tief Athem, riß Tuch und Kleidungsstücke auf und warf sich auf das Sopha, den Kopf in den Arm gestützt.

Sie wollte nichts von dem Geräusch hören, und hörte doch alles, das Aufheben jedes Stuhls, das Klappern der Teller, so leise Mägde und Diener ihr Geschäft verrichteten. Sie gab sich Mühe, tue Tritte jedes Einzelnen zu erkennen, und indem sie sich darüber ärgerte, horchte sie nur immer schärfer. Sie haderte innerlich, diese Magd sollte einen Verweis erhalten, jene entlassen werden.

Was glühte in ihren Adern, was war die trockne Hitze, die ihr alle Spannkraft raubte, was die Unruhe, die jede Anwandlung von Schlaf verscheuchte? Ein verlorener Tag? Es war nur ein Tag unter vielen. Eine verlorene Schlacht in einem Kriege, in einem langen, trostlosen mit dem Leben. – Und von wem war sie geschlagen? – Von Allen. Heut, wo sie so sicher auf einen Sieg gerechnet! – Sie kannte die Gesellschaft, die bösen Zungen, Macht des Lächerlichen. Ihre Niederlage war eine auf lange Jahre hinaus. Sie hörte schon die Fragen mit spöttischem Lächeln: »Waren Sie auch bei dem Zauberfest der Geheimräthin?« Die ebenso lächelnden Antworten: »Sie hat es sich etwas kosten lassen. Recht schade, wozu das?« – »Sie hat einmal kein Geschick dazu.« – »Die Apotheose Jean Pauls war doch au comble du ridicule.« – »Und dazu das Unglück noch! Die arme Frau. Warum wird sie aber nicht klug!« Oder die bittersten: »Es ist ihr schon recht, daß sie mal die Lektion bekommen!«

Sie war unerschöpflich in der Selbstmarterung, sie vertheilte diese Sarkasmen und Bonmots, zu deren Zielscheibe sie sich selbst machte, unter ihre Bekannten, ihre besten Freunde. Und hatte sie es denn von ihnen anders erwartet? Sie lachte auf. Ach, das Lachen half nichts. Sie empfand einen ungeheuren Durst, aber nicht Wasser, nicht Wein konnte den stillen. Aber an wem diesen Durst kühlen? – Laforest, warum musste er das erste Zeichen zum Aufbruch geben, er, der nur gekommen schien, um Audienz zu geben, Huldigungen zu empfangen. Der General, der feige davon lief? Mochte er laufen. Jean Paul, der, erstickt von Eitelkeit, nur im Lobe sich berauscht, nur mit den jungen Mädchen getändelt, ohne ihr, die sie mit so raffinirter Sinnigkeit das ganze Fest für ihn bereitet, nur ein Wort des Dankes zu sagen, nur die gewöhnlichste Aufmerksamkeit zu erweisen. Alle, alle hatten sich nur um sich [242] bekümmert, um andere Gestirne, sie war eine Einsiedlerin gewesen in ihrer Gesellschaft.

Die Dienerschaft draußen musste mit ihrer Verrichtung zu Ende sein. In der Stille hörte man nur noch vereinzeltes Thürenklappen und Hin- und Herlaufen. Sie lauschte aufmerksamer. Den Tritt kannte sie. Der Legationsrath war noch im Hause geblieben? Er kam grade auf ihre Thür zu. Endlich ein Mensch, ein Geist, der sich ihrer annehmen, mit dem sie ihre Ge danken austauschen könnte. Sie wollte die Thür aufreißen. – Nein, es war an ihm. Gleichviel, wollte er sich melden lassen, klopfen, eintreten. Er blieb stehen. Sie glaubte ihn gähnen zu hören. Er zog sich den Ueberrock an. Er sprach leise mit Lisetten. Es war von Tropfen und andern Hausmitteln die Rede, für eine Magd, die der Schreck niedergeworfen, von einem Thee, den sie dem Geheimrath kochen sollte. Auch dem Johann sollte sie davon eine Tasse geben – von ihr kein Wort! – Er fragte nicht nach ihr. War sie kein menschlich Wesen? Hatte der Schreck auf sie keine Einwirkung? Hatte er sie vergessen?

Er war fort, sie lag wieder auf dem Sopha. Ihre Stirn war so heiß, so heiß – ein kühlender Tropfen nur! Aber vor dieser Stirn tanzten Bilder in erschreckender Klarheit. Sie wusste jetzt, wer ihre Feindin war. Wen hatte Wandel hinausgeführt, wem seinen Cavalierdienst erwiesen, die gewöhnlichsten Regeln der Artigkeit gegen die Wirthin, wer diese auch gewesen, verletzend. Weil sie die Vornehmere, die Vornehmste war? O dahinter steckte mehr. Die Fürstin war es, welche unter der Maske der anspruchslosesten Holdseligkeit ihr den Abend verdorben, welche ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden eine totale Niederlage beigebracht. Sie hatte das Fest beherrscht, sich Huldigungen darbringen lassen, durch ihr Gespräch sie selbst gefesselt, daß sie ihr Auge der Gesellschaft entzog. Dann, nachdem sie ihr durch die böse Nachricht den Todesschlag versetzt, war sie triumphirend fortgegangen. Aber nicht Zufall war es, – nein, Plan; ein weit hinausreichender Plan. Der Fürstin, die einen Kreis um sich zaubern wollte, waren die angenehmen Cirkel der Geheimräthin im Wege. Hatte sie nicht in einem langen Gespräch sie nach allen Verhältnissen, Personen ausgefragt? Wozu das? Sie wollte auskundschaften, was den Zauber dieses Kreises bilde. Was konnten die fremde, vornehme Frau sonst die Verhältnisse eines bürgerlichen Hauses in Berlin interessiren! Und jetzt wusste, kannte sie alles, und hatte vielleicht alles zerstört. – Wer würde denn noch ihre Gesellschaft besuchen? Nicht weil der König sich gegen den Dichter ausgesprochen. O nein, das konnte ihrer Societät gerade einen neuen Reiz geben, die freien muthigen Geister locken, aber vor dem Fluch des Lächerlichen flieht die Geisterwelt.[243] Und er – sollte, könnte ihr dabei hülfreiche Hand geleistet haben! Unmöglich!

Eine unaussprechliche Bitterkeit ergriff die Gequälte. Kann eine Frau einen Mann fordern? Was rann eine Frau, und wenn sie den Muth einer Judith und Herodias besaß, in dieser Welt der Konventionen! Ihr Haß mag glühen wie der Aetna, den Athem muß sie in sich zurück pressen, sonst verwundet sie sich selbst. Die Macht des Lächerlichen umstarrt sie wie himmelhohe Eisfirnen, die auf ihrem Spiegel nur die verzerrten Züge ihrer Wuth als Karikaturen wiedergeben. Giebt es denn keine Mittel für ein Weib, der Welt den Krieg zu erklären? Nur das kleine Spiel der Ränke, um hie und da mit giftigen Nadeln zu stechen, ihnen vergönnt! Einen Verhassten – mag eine Frau, die einen Mächtigen beherrscht, verfolgen, vernichten; wenn nun aber ihr Haß nicht an Einzelnen sich genügen lässt, wenn die Vernichtungslust ihre Adern wie ein wildes Feuer durchglüht, wenn sie die Armseligen, Gemeinen, Undankbaren von der Erde wegspülen möchte, wie Pharaonis Schaaren das rothe Meer – wenn sie fühlt, mit diesem Rachekitzel der Menschheit selbst einen Dienst zu leisten! – Sie kann nur morden im Traum!

Sie presste ihre Hände an die heiße Stirn, als sie wieder ein Geräusch hörte. – Das war Adelheids Stimme, hell – wie ein Aufschrei. Es kam von weitem her, aber nicht weit genug, daß es von ihrem Zimmer sein konnte. Da kam ihr das Mädchen wieder in den Sinn. Sie hatte gar nicht an sie gedacht. Was war aus ihr geworden? Sie sann nach. Eine dunkle Vorstellung, daß man Hülfe! Sie brennt! gerufen. Sie durfte sich versengt haben. Von ihren Feinden war ja alles geschehen, der Sache einen Eklat zu geben. Aber der Ton kam wieder; nicht mehr ein Schrei, aber der bange tönende Schall, den die Menschenstimme an nimmt, wenn etwas Ungewöhnliches uns überkommt. Sie hörte noch eine andere Stimme. Auch ein Schrei, wie wenn man Geister erblickt. Das war keiner von der Dienerschaft, auch nicht ihr Mann. Wie ein tiefes Schluchzen! Eine heftige Bewegung. Sie hörte Männertritte. An Muth fehlte es der Geheimräthin nicht. Sie ergriff den Leuchter und trat hinaus. Die Kerze warf nur ein schwaches Licht in den verwüsteten Saal. Ihr: »Wer ist da?« hallte ohne Antwort durch die Räume, aber aus dem Kabinet daneben war eine Gestalt bei ihrem Eintritt fortgeeilt. Sie schlüpfte durch die Thüre nach dem Entree. Sehen konnte sie nur einen Schatten, sie hörte das leise Klinken der Thüre draußen, sie hörte deutlichere Tritte, die auf der Treppe allmälig verhallten.

Im Kabinet stand Adelheid, die zugedrückten Hände an der Stirn. Sie athmete schwer; ein intensives Zittern schüttelte ihre [244] Glieder. Sie erschrak aber nicht, als sie die Hände allmälig vom Gesicht fortzog, nicht vor dem Glanz des Lichtes, und nicht vor dem Anblick und dem forschenden Auge der Geheimräthin.

»Was war das, Adelheid? Wer war hier?«

»Fragen Sie mich nicht,« antwortete das Mädchen. »Es war alles wie ein Traum.«

»In dem noch ein Anderer mit träumte!«

Das Mädchen schöpfte nach Luft. Aber ihr Blick hatte doch eine Sicherheit, welche die Geheimräthin frappirte. Adelheid sank auf einen Stuhl und stützte den Kopf im Arme: »Es war fast zu viel!« schuchzte sie, »zu viel für mich. Und, mein Gott, warum komme ich dazu. Warum ich dazu ausersehen!«

Die Geheimräthin setzte sich neben sie; »Hat Dich Jemand gekränkt, beleidigt? –«

»Ich weiß es nicht.«

»Ein Mensch entschlüpfte durch jene Thür, er war bei Dir –«

»O mein Gott, er war bei mir, und nun ist er fort –«

»Und wer war es?«

»Das ist ein Geheimniß, lassen Sie es mir. Es sprengt mir die Brust, aber ich werde schon stark werden! Er ist fort, er wird nicht wiederkommen.«

»Ein Geheimniß vor Der, die Mutterstelle an Dir vertritt! – Bedenke, liebes Mädchen, es darf kein Geheimniß zwischen Der sein, für deren Ehre ich durch Deine Aufnahme in meinem Hause Bürgschaft vor der Welt leistete –«

»Die Sie – von da aufhoben,« fiel Adelheid schaudernd ein.

»Und der geringste Verdacht, ein Geheimniß, was ich verdecken, ein Fleck, den ich beschönigen hülfe –«

»Wäre mein Verderben!« rief Adelheid aufspringend. »Ich weiß es, ich weiß Alles – o Gott, ich bin unglücklich, aber es ist nicht mein Geheimniß.«

»Wessen denn?«

»Dem ich auf seinen Knieen versprach, es zu bewahren.«

»Auf seinen Knieen!« Hätte die Lupinus der Beruhigung über einen Punkt bedurft, so war sie jetzt durch Adelheids Exaltation und durch die Sicherheit ihrer Sprache beruhigt. Aber dieser bedurfte sie nicht.

»Verstoßen Sie mich, gütige Frau! Ich weiß ja, welchen Undank ich auf mich lade. Stoßen Sie mich aus Ihrem Hause, zurück in meine ungewisse Lage, – nein mehr als das, es kostet Ihnen nur ein Wort, wenn Sie mich aufgeben, so fällt der ganze Fluch wieder auf mich, alle die bösen Erinnerungen, das Gerede erhält neue Kraft, dann bin ich vor der Welt verloren.«

[245] »Exaltire Dich nicht,« sagte die Geheimräthin, »mich kümmert das Urtheil der Welt nicht, ich verlange nur Wahrheit zwischen uns.«

»Und ich – darf Sie Ihnen – heut nicht geben.«

»Heut nicht –« wiederholte langsam die Geheimräthin. »Da es kein Dieb und Räuber war, denn es ist doch nichts entwendet, und er floh vor dem Anblick einer schwachen Frau, kann es nur ein leidenschaftlicher Mensch gewesen sein. Da Du aufschrieest, war es auch kein Rendezvous, sondern er überraschte Dich, oder vielleicht aus Mitleid oder Schonung willst Du seinen Namen jetzt nicht nennen. Nun das pressirt ja auch nicht. Du willst ihn nicht wiedersehen, und wenn Du es ihm selbst schon gesagt, überhebst Du mich der Mühe, ihm mein Haus zu verbieten. Auch wirst Du klug sein, um Dich und mich nicht in Demelés zu verwickeln, und die Vorsicht gegen Andere beobachten, die Du gegen mich übst. Im Uebrigen könnte es mich wenig kümmern, wer es ist, da es an thörichten Menschen in der Stadt nicht fehlt, die Dich auf Schritt und Tritt angaffen und uns Beiden Inkommoditäten verursachen, wenn ich nicht besorgen müsste, daß es einer der Freunde unseres Hauses wäre. Wenn das ist, müsste ich Mamsell Alltag bitten, bis morgen sich zu besinnen, ob sie mir den Namen nennen will, denn Personen, welche hinter meinem Rücken das Recht der Gastfreundschaft verletzen, müsste ich den Stuhl vor die Thüre setzen.«

Sie hatte sich umgewandt. An der Thür holte Adelheid sie ein. Sie presste die Hand der Geheimräthin an die Lippen und bedeckte sie mit heißen Thränen: »O verzeihen Sie mir, ich bin ein undankbares Geschöpf, aber, – nicht so undankbar, – nein, aus Ihrem Hause ist er nicht, er ist nie über Ihre Schwelle getreten, er darf nicht über Ihre Schwelle treten.«

Mit dem Lichtstrahl, der plötzlich in der Lupinus aufschoß, fiel ein schwerer Stein von ihrem Herzen. Es war ein erstes, wohlgefälliges Lächeln, das über ihre Lippen schwebte. Sie hatte an den Legationsrath gedacht, jetzt schämte sie sich fast, daß sie an ihn denken können.

Sie zupfte Adelheid am Ohr: »Nimm Dich in Acht! – So verräth man sich. – Ich hoffe, Du hast Dich gegen ihn nicht verrathen? – Doch wie kam er ins Haus?« – Plötzlich stand der fremde Bediente vor ihren Augen, dessen blitzende Augen sie am Abend erschreckt. »Ich werde künftig dafür sorgen, daß man keine Verkleidungen in meinem Hause aufführt, und Du – nun das hängt von Dir ab. – Es ist spät, wir wollen zu Bett gehen.«

Dem späten Einschlafen der Geheimräthin gingen Träume vorauf, die wir nicht begleiten. Nur einmal schrie und fuhr sie auf. Sie hatte von der Folter geträumt: ihre Glieder wurden zerschlagen. Sie befühlte ihren Arm. Sie hörte ein stilles Weinen. Die [246] Wände sanken nieder, die ihr und Adelheids Schlafzimmer trennten. Adelheid lag auf ihrem Bett, mit den schlaflosen Augen ins Wüste starrend: »Es leidet noch Eine hier,« flüsterte der Dämon, und eine wohlthätige Wärme verbreitete sich wieder durch ihre Adern. Sie lächelte als sie einschlief.

29. Kapitel. Scheiden und Meiden

Neunundzwanzigstes Kapitel.
Scheiden und Meiden.

Jülli weinte, den Kopf auf den Tisch gelegt, still vor sich hin. Vor ihr lag ein kleiner Beutel mit Geld. Am Tisch stand Louis Bovillard mit untergeschlagenen Armen, den Hut auf dem Kopf, der beinahe die Decke des engen Hofstübchens berührte. Es war nichts Freundliches in der Stube, bis auf die Resedatöpfe im Fensterbrett, auf welche gerade ein durch zwei hohe Hinterhäuser sich drängender Sonnenstrahl fiel.

»Damit willst Du mich abkaufen,« schluchzte sie.

Er antwortete nicht.

»Du willst verreisen, nicht wieder kommen.«

»Ich verreise nicht,« sagte er nach einer Pause.

»Aber Du willst mich nicht wieder sehen. Warum giebst Du mir mehr, als Du geben kannst? Dein Vater giebt Dir nichts, Du hast Schulden, ich weiß es. – Wozu brauchte ich denn soviel Geld?«

Plötzlich war sie aufgesprungen, die Thränen brachen ihr aus den Augen, und sie stürzte mit wilder Heftigkeit ihm um den Hals. »Nein, Louis, verzeih' mir Louis, ich weiß nicht, was ich sage, Du hast mich nicht abkaufen wollen. Was hättest Du abzukaufen! Du bist die Großmuth selbst. Nur aus Mitleid, aus purem Mitleid hast Du mich aus dem Staube aufgerafft, bloß um die dumme Schmarre da am Halse. O hätte der Herr seinen spitzen Degen mir durchs Herz gestoßen, dann wären meine Schmerzen aus, und ich machte Dir nicht so viele. Du hast Recht, stoße mich fort, ich bin eine Last an Deinen Hacken. Du liebst mich nicht, Du hast mich nie geliebt. Sag's raus, grade raus, das wirkt vielleicht wie die Degenspitze – und dann ist alles gut.«

»Mädchen, sei nicht närrisch.«

»Närrisch bin ich nicht. Ich hab's wohl überlegt, Du hast unrecht gethan, daß Du mich hier in das Haus brachtest, wo Du selbst wohnst. Das schadet Deinem Ruf.«

Er lachte auf: »Ich habe keinen zu verlieren.«

[247] »Doch! O mein Gott, ja, ich habe es selbst von den Herren gehört: Wenn er wenigstens die Schicklichkeit beobachtet hätte, das Geschöpf auswärts einzumiethen. Man kann ja nicht mehr mit Anstand über seine Schwelle.«

»Zur Thür hinaus mit den anständigen Freunden!«

»Sage das nicht, Louis. O wenn ich Freunde gehabt hätte, damals, einen nur wie Dich, ich wäre jetzt nicht, was ich bin. – Mein alter Vater, der blinde Konrektor, der war so gut, er hätte sich meiner erbarmt, wenn Einer ihm nur zugesprochen. Aber die Leute und die Stiefmutter! – Ach mein Herz brannte, mehr von dem Schimpf als von der Schande! – Wie sie mich in den Korbwagen packten, und die halbe Stadt darum – die höhnischen Gesichter, die Finger und die spitzen Reden: Nun kann sie mit seidenen Kleidern gehen, – nun kann sie Romane lesen! Als es zum Thor hinausrollte, wie schnitt mir's ins Herz!«

»Kammermädchenphantasieen.«

»Die gnädige Frau hätte es auch gut mit mir gemeint – aber – ich war noch stolz wie Du, ich wollte mich nicht ihr zu Füßen werfen. – Aus Scham stürzte ich fort ins Elend. – Louis, glaube mir, es braucht Jeder Freunde, sonst fällt er.«

»Ich nicht mehr,« murmelte er zwischen den Lippen.

Sie riß die Augen weit auf, sie fasste ihn krampfhaft an der Weste: »Allmächtiger Himmel, ist's das! – Als ich vorgestern in Dein Zimmer kam, – es war unrecht von mir, ich weiß es, und Du thatest recht, daß Du auffuhrst; Du packtest mich am Arm, und fragtest, so bös hab ich Dich nie sprechen hören, was ich mich unterstehe, Du stießest mich zur Thür hinaus, und schlugst sie mit einem Schimpfwort zu – es war ein hässlich Wort, aber es hat mich nicht beleidigt; es hatte mich auch nicht beleidigt, als sie mich Geschöpf nannten, nein ich bin stolz darauf, wenn sie mich Dein Geschöpf nennen, ich wollte auf Deiner Schwelle schlafen, wenn Du mich mit Füßen trätest, wenn Du mich todt trätest, und nur dabei sprächest: ich thue es aus Liebe, das wäre ein seliger Tod. Aber ich habe etwas gesehen, Louis, ehe Du mich raus warfst, und warum warfst Du mich raus – Du putztest Pistolen auf dem Tisch.«

»Was kümmert's Dich!«

»Louis! Geh' nicht allein aus der Welt. Wenn Du gehst, nimm mich mit.«

»Ich denke Einen mitzunehmen, sprach er vor sich hin. Im Uebrigen sei ruhig, Mädchen, die Pistolen sind nicht für mich geladen.«

»Das ist nicht wahr. Für wen denn? – Ich lasse Dich nicht so fort. Willst Du in den Krieg? Es ist ja kein Krieg. Sie sagen, wir behalten Frieden.«

[248] »Krieg! Alles ist in Krieg miteinander, Tugend und Vernunft, Wahnsinn und Laster; Alles betrügt sich, schlägt sich ein Bein, kuppelt, stiehlt, spielt falsch; nur die Schurken und Memmen leben in Frieden und Eintracht, und wenn sie in der Stille den Sündenbecher der Niedrigkeit geleert, wenn sie satt sind, predigen sie uns Honnetität.«

»Sprich nicht so hässlich. Ich kann's nicht leiden. Spaße lieber. Sag's mir im Spaß, daß Du mich nicht mehr magst, daß ich Dir unausstehlich bin, daß Du das Geld nur giebst, um mich los zu werden, hörst Du, Louis, sag's im Spaß, und thu's dann im Ernst. Aber sag' es mir ja nicht vorher. Lache mich aus, nenne mich ein dummes Gänschen, wie Du sonst wohl thatest so geh' fort, daß ich denken kann, daß ich träumen kann, Du kommst wieder. Und wenn Du dann auch nicht wieder kommst, so erwarte ich Dich noch immer, und wenn ich Dich erwarte, bin ich glücklich – bis, bis – thu' mir den einzigen Gefallen –«

Er fuhr mit der Hand in ihre Haare: »Bist Du so ein verzogenes Kind, das vor dem rauhen Lüftchen Wahrheit zittert? Das solltest Du den seinen Damen überlassen, die sich überglätten mit der Politur der Tugend. Eine wie Du müsste doch vor dem Nackten nicht erschrecken, nicht vor dem nackten Laster, dem nackten Elend – auch nicht vor dem nackten Tode.«

»Wenn Du mich so recht schmähst und schlecht machst, glaube ich zuweilen, daß Du mich doch lieb hast. Wenn ich Dir gleichgültig wäre, thätest Du es nicht.«

»Hast recht! Wen man lieb hat, kann man quälen, martern, man wird ein wildes Thier. Da am letzten Abend bei der Malchen. Nicht wahr? Und ich bin seitdem nicht besser geworden. Gott bewahre! Wer Dir das sagt, belügt Dich.«

»Kaum daß Du frei kamst, erkundigtest Du Dich nach mir, Du hast für mich gesorgt, daß ich nicht auf die Straße gerieth.«

»Einbildung! Pure Einbildung! Ich wollte nur ein Geschöpf haben, an das ich mein schwarzes Blut, meine tolle Laune auslasse. Warf ich Dich nicht zur Thür hinaus, schimpfte ich Dich nicht, drückte ich Dir nicht mal die Kehle, daß Du zu ersticken glaubtest, – aus purem Muthwillen? Und habe ich Dich nicht auch geschlagen?«

»Nein, Louis, das hast Du nicht. Du hast mich nie geschlagen.«

»Dann war's eine Andere. Und Eine, der ich das größte Herzeleid angethan. Wenn ich ein guter Mensch wäre, hätte ich auf meinen Knieen rutschen müssen, bis ich es gut gemacht. Beleidigt hatte ich sie, daß ich ihr nicht vors Gesicht treten durfte, und ich war rasend, toll vor Scham. – Da habe ich sie gequält, daß sie auch in Thränen ausbrach – aber das waren andere [249] Thränen – und das war der Dämon, das Ungeheuer, das die zerstört, die es zu lieben vorgiebt. – Darum sei froh, Mädchen, ich erwürge Dich noch einmal in der Nacht –«

Er drückte ihr abgewandt die Hand und wollte hinaus.

»Louis! Das ist wider die Abrede. Du wolltest mir noch was vorlügen.«

»Was?«

»Befiehl mir, ich solle, wenn ich zu Bett gehe, die Thür offen lassen, Du wolltest hereinschleichen, mich im Schlaf erwürgen. Ach, Louis, wenn Du das thätest! Ich könnte wieder beten zum lieben Gott. Wie ruhig würde ich einschlafen.«

»Bete!« sagte er, ihr die Hand reichend. »Das Andere findet sich. Wenn ich – es ist doch möglich, daß ich – vielleicht in ein Weinhaus geriethe, nicht nach Hause käme, dann setze Dich morgen auf die Post. Zu Deinem alten Vater! Die Stiefmutter ist ja todt. Er braucht eine Pflege für seine alten Tage.«

»Weil er blind ist, sieht er meine Schande nicht, denkst Du. – Ach die Leute da –«

»Das Nest! Erzähl' ihnen von den vornehmen Damen hier, auf die sie nicht mit Fingern weisen. – Dummheit, ward kein Mädchen dort verführt, lief keine mit ihrem Geliebten fort, und kehrte wieder? Du hast Dich mit ihm überworfen, und willst solide werden. In dem Beutel ist genug, damit kannst Du einen Putzladen anfangen. Putzen will sich Jede, auch in einem Nest. Vielleicht machst Du auch die Lehmkabache Deines Vaters damit schuldenfrei, und dann ist Alles gut.«

»Adieu, Louis,« sprach sie, »ich danke Dir auch recht schön. – Ja es wird Alles gut werden.«

Sie hatte sich nach dem Fenster umgewandt und stopfte heftig mit dem Finger die Erde im Resedatopf. Sie durchstach die Wurzeln.

»Auf Wiedersehen!« sagte er, die Klinke in der Hand.

Er sah sich noch einmal um. Die volle Gluth der Sonne fiel auf ihr Gesicht; dennoch war es todtenblaß, die Zähne klappten unmerklich unter den festgeschlossenen Lippen. Sie verließ plötzlich die Blumentöpfe und kam auf ihn zu, aber nicht stürmisch, sie zitterte nur etwas als sie sprach:

»Ich muß Dir doch noch danken, lieber Louis, daß Du so gut warst, selbst zu mir zu kommen. Du hättest mir ja das Geld durch einen Andern schicken können und schreiben. Das wäre Dir viel leichter geworden. Du hast es Dir nicht leicht gemacht, um mir noch eine Freude zu machen. Das nehme ich dafür, daß Du mir doch gut bist. Gott lohn' es Dir.«

Sie schüttelte ihm die Hand; er drückte einen Kuß auf ihre eiskalte Stirn.

[250] »Also – ich komme wieder,« sagte er, auch seine Stimme schien zu zittern.

»Nimm Dich nur in Acht auf der steilen Treppe, daß Du nicht fällst.«

Sie sah ihm nach. Als sie die Thür zudrückte, vergingen ihr die Kräfte. Sie wollte nach dem kleinen alten Sopha, sie streckte die Arme danach aus, aber sie kam nur bis in die Mitte der Stube. Mit einem erstickten Schrei schlug sie besinnungslos auf die Dielen.

»Daß uns das Abschiednehmen so schwer gemacht ist! Selbst dieses!« sprach Bovillard für sich auf dem Rückwege. »Und doch, woraus besteht das Leben? Nur aus einer langen Reihe von Trennungen. Jeder Moment der Abschied von dem vorangegangenen. Und die Menschheit erfand sich keinen anderen Trost, als die Illusion des Wiedersehens. Als ob je Einer wiederfand, was er verließ! Den Trunk aus dem Becher, den süßen Blick, den Kuß, den sprudelnden Witz? Und wenn es stehen geblieben, kein anderes geworden wäre, so wär's ein abgestandener Wein, eine ekle Wiederholung. Und des Daseins Losung bleibt doch – weiter! Bis – und da hoffentlich auch weiter.«

In seiner Stube fand er zwei versiegelte. Briefe. Ein verächtliches Lächeln schwebte über seine Lippen, als er den ersten durchflog. Er zerriß ihn: »Dacht' ich's doch!« Er öffnete den zweiten, ihm widerfuhr dasselbe Schicksal: »Eine Kopie. Süße Harmonie edler Seelen! Sie hätten das doppelte Schreiben sparen können.«

Seine beiden Sekundanten, die endlich zugesagt, nachdem er vergebens bei andern angefragt, mussten mit dem größten Bedauern sich wieder lossagen, der Eine wegen einer unvermeidlichen Dienstreise, dem Andern war eine zärtlich geliebte Schwester erkrankt.

»O diese zärtlichen und pflichteifrigen Menschen! Könnten sie nicht auch aus Diensteifer für das Gemeinwohl, aus Zärtlichkeit für unsern zartpulsirenden Staat, Hülfe leisten wollen, wo ein verrufener Raufbold aus dieser harmonischen Gesellschaft ausgestoßen werden soll! Zittern sie vor Angst, daß man sie für meine Freunde hält! – Jülli hat Recht, es giebt Momente, wo man noch Freunde braucht – zum Sterben. Sonst –« er wog seine Pistolen in der Hand – »sind das die zuverlässigsten Freunde, und einen von uns Beiden, wenn nickt Beide, liefern sie ins Jenseits ohne viele Umstände. Aber auch dazu fordert man Umstände!«

Er ging aus, sich einen Sekundanten zu suchen! Wen? – Er sann umsonst nach. Den ersten besten, der ihm auf der Straße nicht ausweichen würde, mit einem Gesicht, auf dem geschrieben stände: Tritt mir nicht in den Weg! Der Zufall führte ihn in das Haus wo Walter van Asten wohnte. Er blieb zaudernd stehen.[251] Schon wollte er, kopfschüttelnd, weiter, als er den Thorweg geöffnet hatte: »Er war in Halle ein guter Schläger, und als Senior der Marchia stand ich ihm oft zur Seite. Er ist mir noch Revanche schuldig und solche Auffrischung unter seinem Bücherstand wird ihm ganz zuträglich sein.«

Die Freunde hatten sich lange nicht gesehen. Walter sah jünger, frischer aus. Sein Händedruck war elastisch, ein kräftiges Willkommen! tönte Louis entgegen.

»Du siehst ja wie das Morgenroth aus! Und doch unter Büchern verpackt. – Und da eine neue literarische Arbeit!«

»Dazu ist nicht Zeit jetzt!«

»Nun, wozu denn?«

Louis warf sich auf den Stuhl am Arbeitstisch und ergriff das Concept. Er las – las weiter, und warf plötzlich den Hut vom Kopf, daß er auf die Erde rollte: »Plagt Dich der –! Lasten der Bauern, Vorspann, Naturalverpflegung der Kavallerie! ›Und alles das noch auf das verkümmerte Dasein einer Menschenklasse geworfen, welche unter dem Joch der Leibeigenschaft seufzt, die, wie milde sie auch immerhin gehandhabt werde, das Gefühl der Menschenwürde niederdrückt. Unter Hand- und Spanndiensten für den Edelmann, gemessenen und ungemessenen Frohnen, ohne Selbstgefühl, Freiheitsgefühl, ohne Eigenthum, ohne Liebe zur Scholle, an die er gefesselt, ohne Sicherheit für die Vortheile, welche sein Fleiß erringt, wie soll da das heiligste Gefühl, die aufopfernde Liebe für's große Vaterland erstarken!‹ – Was hast Du denn mit den Gefühlen der Bauern zu thun?«

»Unsere Gefühle werden darin dieselben sein.«

»Wir machten uns wenigstens Beide über Ifflands tugendhaste Bauern lustig.«

»Ich rede von unserm realen Bauernstande.«

»Wahrhaftig!« rief Louis weiterblätternd. »Willst Du ein Thomas Münzer, oder ein Gracche werden? Was willst Du eigentlich?«

»Es interessirt Dich heut wohl nicht. Ein ander Mal.«

»Das könnte dann zu spät werden.«

»Weil Alle zu spät handeln, ist's jedes Rechtlichen Pflicht, zu sprechen, so lange es noch Zeit ist.«

»Ja! Du schreibst eine Dissertation, willst wohl promoviren, ein Kameralistikum in Halle lesen. Steck's nur den Jungen in die Köpfe, dann schießt's wild auf als Unkraut, und reif wird's grade, wenn's nicht mehr Zeit ist. Das ist der deutsche Entwicklungsgang.«

»Ich will nicht dociren. Ich will's deutsch sagen, was ich denke. Und ich denke nicht an die Zuhörer, aber an die Sache. [252] Und die Sache ist nicht mein, sie ist unser Aller. Diese Gedanken fluktuiren in tausend Geistern. Sie stöhnten und ächzten schon längst selbst in der trägen Masse. Nach einer Besserung, Erlösung sehnten sich Alle. Weil die Gräuel in Frankreich seitdem auch die Besten in bleichen Schreck versetzt, ist darum das Licht nicht Licht, weil es einmal geblendet hat? Sollen wir das Feuer nicht mehr nutzen zum Wärmen, Sieden, Schmelzen, weil es einmal zur Feuersbrunst aufloderte? Diese Ideen leben noch in unserer Nation, und wo kein Anderer ihm zuvorkommen will, ist der Schwächste stark genug, er hat die Pflicht, mit ihnen hervorzutreten. Mag dann draus werden, mag aus ihm werden, was da will!«

»Wenn sie's nur läsen! – Hast Du noch nicht die Hoffnung auf diese Zöpfe und Perrücken aufgegeben? Das beste noch, wenn ein Minister ausruft: Da ist auch wieder Einer, der's besser verstehen will als wir!«

»Es sind nicht Alle, wie –«

»Mein Vater. Kennst Du die Andern? Der Beste wird Dir zurufen: Das ist Alles recht schön, aber nicht an der Zeit. Im Augenblick, wo die Renner zum Wettlauf gesattelt werden, ist nicht Zeit eine Vorlesung anzuhören über die Veredelung der Pferde racen.«

»Und Du auch meinst, wie die Tausende und Abertausende, daß wir nur berufen sind, über Schiller und Goethe zu streiten, nur in die Tiefen der Mystik und der Metaphysik uns zu versenken! Andere für uns handeln lassen, das wäre unsre Destination. Louis, wir hatten Wartburg-Krieg von Minnesängern, aber von derselben Wartburg leuchtete Luthers Fackel über Europa! –«

»Das war ein Mirakelmann, aus der Zeit der Wunder. Wir leben unter Wichtelmännern; in einem verschütteten Bergwerk suchen sie mit der Laterne nach Glimmer und Spießglas. Die edlen Erze sind längst gefördert und kursiren als Scheidemünze.«

»Wir hier haben noch Kräfte, nur ungeordnete, sie sind überlastet, man hat sie aus dem Auge verloren. Nur dran hinzuweisen braucht es, daß sie gähren, kochen, zum hellen Kristall aufschießen. Dazu ist kein Mirakelmann, nur ein guter Schürmeister nöthig. Wir haben einen jungen Fürsten, der das Rechte will und bange ahnt, wo das Schlechte liegt, aber eine dicke Atmosphäre, nenn's eine elastische Mauer, hat sich um ihn gesetzt. O Gott, daß die frischen Lüfte, die Lichtblitze endlich zu ihm drängen! Da ist's Jedes Pflicht, da ist Niemand zu gering, zu schwach, der eine Stimme hat, zu sprechen; wer malen kann, der male, wer meißeln, meißle in Stein, das Auge aufreißen vor der Gefahr! Und rasch, denn sie rückt mit Riesenschritten näher, sie ist nicht zu ermessen, wir stehen an einem Abgrunde, der Alle verschlingt. Und aus [253] diesem Grunde heraus, könnten wir eine Festung bauen, unnehmbar! Jetzt das Volk aus seiner Erstarrung, seiner Gleichgültigkeit, seiner Entfremdung gegen das Höchste und Heiligste auf Erden, jedes Glied zum mitfühlenden Glied der großen Kette zu erheben, Volk und Fürst in Eins zu verschmelzen, das wäre die Aufgabe des Gesendeten. Ich sehe ihn nicht, Du siehst ihn nicht, Keiner sieht ihn, aber ist er darum nicht da? Hat nicht Jeder, dem ein Funken durch die Adern zuckt, die Aufgabe, Steine dem künftigen David zuzutragen? Wenn er die Steine sieht, wird er nach der Schleuder greifen.«

Louis Bovillard hatte ihm mit verschränkten Armen zugehört. Die Wimpern der schönen Augen zuckten zuweilen auf, und warfen ihm einen theilnehmenden Blick zu. Aber die Saiten seiner Seele waren nicht gestimmt für die Töne, die Walters Bogen strich. – Er schwieg einen Augenblick, dann entstieg ein gähnender Seufzer der Brust, der Kobold sah auf der Lippe und griff das letzte Wort auf: »Zum Steinewerfen haben sie allenfalls noch Muth, wenn's auch nicht Schädel trifft, doch Fensterscheiben. Wenn nicht die des französischen Gesandten, doch der Schauspielerin ihre, die er unterhält.«

Walter sah ihn wehmüthig an: »Haften, schweben, kräuseln denn Louis Bovillards sämmtliche Gedanken heut nur noch bei den Gensd'armerie Offizieren? Der Louis Bovillard, der einmal auf der Windsbraut reitend, nach den Strahlen der Sonne griff! Und heut noch an Persönliches sich klammern, in einer Zeit, wo der Einzelne nur Lust zum Athmen findet, wenn er sich versenkt ins Allgemeine.«

»Das ist Lüge, glaub's mir, pure Lüge. Wir kriechen nicht aus unserer Haut. Es ist alles persönlich, unser Appetit und unsre Begeisterung, unser Haß und unsre Liebe. – Auch Dir ist was Angenehmes im Traum begegnet, darum träumst Du jetzt für die Menschheit und für den Staat Seiner Majestät des Königs von Preußen.«

Der frohe Zug um Walters Lippen, sein heller Blick sprach für Louis Behauptung. Ein deutliches Ja beantwortete sie: »Ich träume einen schönen Traum, und darum gehe ich mit Muth an mein Werk.«

»Laß es aber nicht drucken,« sagte Bovillard.

»Warum?«

»Es sind verteufelt gute Gedanken darin; gedruckt sind sie Allgemeingut. Irgend einer schmeißt sie etwas um, gießt seine Sauce drauf. So laufen sie durchs Publikum und Du gehst Deinen Prosit quitt.«

»Sie sollen wirken. Auf diesem Wege gelangen Sie an ihr [254] Ziel. Wenn auch verrückt, verfälscht, es haftet etwas. Will ich etwas für mich?«

Bovillard sah ihn scharf an, und sagte: »Ja!«

Walter erröthete.

»Du willst wirken, das heißt selbst eine Wirksamkeit haben. Zünden Deine Gedanken, so wärst Du ein Narr, wenn Du am Feuer nicht Deinen Topf wärmen wolltest. Du hoffst noch und hast ein versöhnlich Gemüth. – Purpurrother Freund der Wahrheit, wenn Du im Amte bist, lerne Dich etwas verstellen, nur zum Besten des Allgemeinen, in das der Einzelne sich versenken muß. Wer dem realen Staat dienen will, muß lügen können.«

Walter hatte nicht gesehen, wohin Bovillard sah. Indem er ihn zu fixiren schien, hatte er über seinen Kopf weg auf der Wand einen Kranz vertrockneter Kornblumen entdeckt, die künstlerisch mit einem blauen Bande verschlungen waren.

»Und außerdem bist Du verliebt, und wünschest eine anständige Versorgung, um heirathen zu können.«

Die Purpurröthe auf Walters Gesicht wich einer Blässe, doch nicht auf lange. In seinem Auge sammelte sich wieder der milde Glanz der Zuversicht von vorhin.

»Weshalb vor dem Freunde ein Geheimniß. Ich liebe und ich hoffe. – Nun schütte Deine Philippica aus gegen meinen Egoismus, ich will versuchen, ob ich dem Hagelschauer widerstehe und doch noch etwas von mir rette –«

»Wenn wir auch ein verschieden Facit zögen, die letzte Rechnung schließt Jeder doch nur mit sich ab. Du thust recht. Dir steht's an der Stirn geschrieben, daß Du zum guten Bürger geboren bist, an meiner stand etwas von Kains Zeichen? Hast Du Dich mit Deinem Vater ausgesöhnt?«

»Unsere Trennung ist wohl keine fürs Leben.«

»Fandst Du die Cousine, Mamsell Schlarbaum, jetzt liebenswürdiger?«

»Ein gutes Mädchen, aber noch weniger, als der Dichter in ihrer Brust einen Widerhall gefunden hätte, würden es die Töne, die jetzt in meiner klingen.«

»Eine politische Schwärmerin hast Du doch nicht zur Hausfrau gewählt?«

»Sie ist ein deutsches Mädchen –«

»Und liebt Dich?«

Walter schwieg, dann reichte er dem Freunde die Hand: »Ich hoffe es. – Nun von Dir. Du kamst in Geschäften. Womit kann ich Dir zu Dienst sein?«

»Mit nichts.«

[255] »Du wolltest von mir?«

»Was ich jetzt nicht mehr will.«

»Und warum nicht?«

»Weil Du verliebt bist.«

»Die Liebe tödtet nicht die Freundschaft.«

»Weil Du glücklich bist.«

»Liebende und Glückliche sind freigebig. Sie möchten die ganze Menschheit aus Herz drücken.«

»Und ich – ihr den Hals brechen.«

Mit einem raschen Händedruck ging er aus der Thür.

30. Kapitel. Machtstube-Abenteuer

Dreißigstes Kapitel.
Wachtstuben-Abenteuer.

»Hol Euch alle der –« rief der Spieler und warf die Karten auf den Tisch. Das Tarockspiel war beendet. Er zog die lange seidene Börse, um die letzten Goldstücke dem Gewinner hinzuschleudern. Bei der Berechnung ergab sich, daß sie nicht reichten. Er ließ sie zurück gleiten, machte einen Knoten und steckte die Börse in die Tasche. »Am nächsten Gagetag!«

Ein höhnisches Gelächter antwortete darauf. Es waren Offiziere, der Ort des Spiels eine Wachtstube. Der Verlierende war in einer Parüre, die auf den ersten Anblick allerdings Zweifel ließ, ob er der Mann sei, um einen bedeutenden Spielverlust durch die Einnahme eines Gagetages aufzubringen. In einem nicht mehr ganz reinlichen Kamisol, das zerknitterte Hemde nur durch eine leichte Binde um den Hals festgehalten, die Füße in Pantoffeln, im Munde eine Thonpfeife, verrieth nur die gelbe Weste unter dem Kamisol, und die auch etwas vernachlässigte Frisur den Offizier. Aber der Kapitän war ein Arrestant; die Wachtstube sein Gefängniß.

»Ihre nächste Gage, Herr Bruder, gehört ja dem Schneider,« sagte der Wachthabende, der Einzige unter den Spielern, dessen Parüre in parademäßigem Zustande war. Das vielstündige Spiel hatte bei den Andern manche Managements in der Adrettität zur Folge gehabt.

»Den schmeißt er wieder zur Treppe runter,« sagte der Kornet auf dem Schemel kippend.

»Und dann kommt der Ephraim und der Levi.«

»Die bestellt er auf dieselbe stunde, wie neulich, und sie müssen warten, bis er raus rufen lässt: Einer soll rein, denn [256] Einer kann heut nur bezahlt werden. Dann fallen sie sich in die Bärte, prügeln sich, und er lässt sie wegen Ruhestörung arretiren. Onkel und Herr von Kniewitz, schade, daß Sie nicht dabei waren. Es war ein kapitales Stück. Ich sehe noch die Judengesichter und die blanken Thaler, neu geprägt, auf dem Tische: die Sonne schien drauf. Freilich der Regimentsquartiermeister stand dabei. Hatte sie ihm nur auf eine Viertelstunde geliehen. Aber die Juden! wie sie sie zu Gesicht kriegten; sie trauten zuerst ihren Augen nicht. Nun Einer dem Andern vor, wie Wasser aus 'ner Schleuse, und eh Einer die Hand an den Tisch gebracht, Einer den Andern zurück, an Brust und Kragen, Beide auf der Erde, kopfüber, das strampelte und schrie.«

»Wenn sie sich nun vertragen und getheilt hätten?«

»War mir gar nicht bange, Onkel! Der Kapitän versteht's. Du hättest ihn sehen sollen. Nicht eine Miene verrückt, und mit einemmal schoß er auf, Augen wie der alte Dessauer: ›Schafft mir die Bestien aus den Augen. Auf die Wache mit den Schuften, die so den Respekt vor dem Rock des Königs verletzen.‹«

»Dafür soll er leben!« der Wachthabende stieß an. Die Gläser klangen.

»Und die Straßenjungen hinter den Juden her,« setzte der Kornet hinzu, »es war ein Schauspiel für Götter!«

»Eigentlich ist's contre façon,« sagte der Kapitän, »daß christliche Offiziere einem Kameraden ausziehen, was die Juden übrig lassen! Und noch dazu einem gefangenen, den Ihr in Eurer Gewalt habt.«

»Hört den Fuchs. Du müsstest doppelt blechen, weil wir unser Renommee aufs Spiel setzen. Mit Einem spielen, der mißliebig ward, sich vergangen hat an einem Kaiserlich Russichen Gesandten!«

»Sitz ich etwa darum, daß ich den auf der Maskerade emittirt habe? – Euretwillen, Ihr Herren Gensd'armen, allein um Euretwillen! Weil Ihr damals dem Pfaffen bei der Malchen das Katzenständchen brachtet. Majestät waren fuchswild; aber Ihr wurdet durchgeschwatzt. Das kennt man schon, wenn's nur an die Kavallerie gehen soll. Für den Nächsten war's aufgehoben, und das war ich. Und nicht um den Alopeus, sondern um den Pfaffen bin ich der Sündenbock.«

Der Kornet strich seinen Milchbart, als wäre es wirklich schon ein Knebelbart, sein Oheim, der Rittmeister, lächelte und drehte seinen vollen roth schimmernden mit stillem Vergnügen in die Höhe; »Nicht wahr, Fritz, das war auch ein kapitales Vergnügen?«

»Kostet mich baare hundert Friedrichsd'or, die ich dem Onkel pumpen musste nachher in der Weinstube. Aber, Onkel, weißt Du, [257] ich hätte Dir noch hundert zugepumpt, wenn Du hättest: Absitzen! blasen lassen.«

»Ich glaub's dem Jungen,« sagte der Rittmeister, »der hätte gern oben Ordnung gemacht.«

»Die Prediger-Mädels sahen wir noch. Na die passirten; aber die Bescherung nachher hätte ich sehen mögen.«

»Glaub's auch.« sagte der Onkel und wirbelte noch immer am Bart. »Na davon muß man jetzt nicht reden. Du vor Allem nicht. Wie stehst Du denn mit der Comteß Laura?«

»Davon redet man nicht!« erwiderte der Kornet, sich gemächlich, ein Bein übers andre, im Schemel wiegend, und aus den übermüthigen Lippen den Rauch blasend.

»Verfluchter Junge der!« sagte der Onkel. »Dem ist's Glück mit der Muttermilch angeblasen. Solchem Milchbart, der kaum flügge ist, muß sie winken.«

»Fortuna ist ein Weibsbild!« seufzte der Gefangene.

»Und wenn man den General nicht fängt, ist man zuweilen mit dem Kornet zufrieden,« bemerkte der Wachthabende.

»Werde Sie um Erklärung nachher bitten lassen, Herr Lieutenant!« sagte der Kornet, ohne seine Stellung zu ändern.

»Kik in die Welt!« rief der Rittmeister. »Kornet Wolfskehl genannt zu Ritzengnitz, ein Kornet kann keinen Offizier um Erklärung bitten lassen.«

»Der wäre im Stande, und forderte den Prinzen selbst,« sagte der Arrestant. »Gefällt mir an ihm. Solche lieben die Damen. Plaudert nicht am Morgen in der Wachtstube die Eroberungen der Nacht aus.«

»Fritz, merkst Du was! Der Kapitän spekulirt auf Deinen Beutel. Lob ist nicht umsonst. Revanchire Dich, bezahl seine Schulden. – Er rührt sich wahrhaftig nicht. So ein junger Glückspilz! Das war das pfiffigste Stück meiner seligen Schwester, daß sie ihren Alten beschwatzen musste, ihn mit einundzwanzig mündig zu erklären. Um 'ne halbe Million das Pupillenkollegium betrügen! Als ob die Weiber das nicht wüssten, auch ohne Pupillenkollegium, und nun bildet sich der Junge ein, 's ist um sein glattes Gesicht.«

»Onkel, wir stehen in Relationen.«

»Halt's Maul! Willst Du dem Herrn Kapitän seine Spielschuld vorstrecken? Das ist das Vernünftigste, was Du thun kannst.«

»Mit Vergnügen, lieber Onkel, sobald Du Deine Wechsel bei mir eingelöst hast.«

»Kinder, nun bitte ich Euch, ist das nicht gegen die Moraliät, daß ein Neffe von seinem Onkel Wechsel hat! – Hast neulich erst [258] in der Garnisonkirche gehört, was der Prediger von der Sittenverderbniß sprach. Pfui.«

»Herr Bruder haben Recht,« sagte der Wachthabende. »Ueberhaupt solche Papierwische. War' ich König, ich ließe alle Wechsel verbrennen.«

»Fritz, nimm also Raison an, willst Du?«

»Bin nicht bei Kasse.«

»Bin ich's etwa!«

»Lasst den Horstenbock nur erst los kommen,« sagte der Wachthabende. »Er findet auch noch einen Salomon Schmuel, der ihm fünfundvierzig Prozent auf den fünfundvierzigsten Gagetag vorschießt. 'S sind christliche Gemüther unter der löblichen Judenschaft.«

»Reinen Tisch!« rief plötzlich der Rittmeister. »Quitte on double.«

Auf dem unreinen, wie eine Wachtstube ihn mit sich bringt, mischte er die zergriffenen Karten und blickte fragend den Arrestaten an. Er nickte Zustimmung:

»In sechs Monat.«

»Quitte ou quadruple –«

»Was?« Alle sahen sich verwundert an.

»Quitte ou quadruple, à payer, wenn Horstenbock 'ne Kompagnie hat!«

Alle lachten: das Interesse steigerte sich, sie rückten wieder näher an den Tisch. Darin war Vernunft. Die vervierfachte Summe des Spielgewinnstes war ein Kapitol, aber eine Kompagnie war auch ein Kapital. Der Kapitän schlug ein.

»Und meinem Neffen, dem Kornet, verkauf ich sie für neunzig. Nutzt der Junge wieder sein Geld mit zehn Prozent.«

»Was mein guter Onkel nicht thut!« lachte der Kornet. »Aber wenn nun Krieg wird?«

»Tant mieux!« rief der Arrestat. »Wenn mich 'ne Kugel trifft, lach' ich Euch Alle aus.«

»Roth oder schwarz?« rief der Wachthabende, die Karten noch einmal zu dem wichtigen Spiel häufelnd.

»Roth!« rief der Rittmeister. Also »Schwarz!« der Kapitän.

»Verloren!« jubelte der Kornet auf, mit den Fingern schnalzend. »Onkel verloren!«

Der Arrestat warf diesmal die Karten nicht auf den Tisch, er trocknete die Nässe, nämlich vom Wein, der reichlich floß, mit dem Aermel ab, und legte sie sorgfältig zusammen: »Rittmeister, ein andermal bin ich zur Revanche bereit.«

»Die hat Dohleneck nicht nöthig. Wer so viel Glück in der Liebe hat, hat's nicht im Spiel.«

[259] Es prustete unter den Anwesenden auf, der Kornet wollte sich überschlagen.

»Herr Bruder, Sie haben Unrecht,« sagte der Wachthabende, als eine Wolke auf der immer heiteren Stirn des Rittmeisters sich zusammenzog, »die Geschichte mit der Tänzerin noch immer als eine particulaire zu betrachten. Sie ist eine Korpsangelenheit.«

»Eine verflucht kniffliche Geschichte, erinnre ich mich,« sagte der Arrestat, »sie kam ja bei allen Offizierkorps zur Sprache. Die Meinungen waren sehr getheilt.«

»Kinder!« rief der Rittmeister. »Ueber die Sache ist längst Gras gewachsen. Lasst die Todten ruhen.«

»Den Teufel auch,« rief der Wachthabende. »Der Louis Bovillard ist noch lebendig, und wie! Die Sache muß noch mal zu Ende kommen.«

»Die Hetzpeitsche!« jubelte der Kornet.

»Man wäre auch schon einig darüber geworden, wenn nicht –«

»Der Vater wäre.«

»Der sollte uns nicht geniren. Wenn man nur wüsste, ob er nicht doch ein Edelmann ist?«

»Das müssten ja die Listen der Refugiés ergeben.«

»Sind nachgeschlagen, so weit wir zukonnten; da muß sich der Alte, oder Lombard zwischen gelegt haben, und unsre fanden verschlossene Schränke. Zwei verschiedene ältere Listen hatten wir nachgesehen. Zu der einen war ein Pierre Bovillard aufgeführt, mit dem Zusatz confiseur; in der andern ein Sieur Pierre Bertolet Fulcrand de Bovillard, maître de Cerisé. Da standen wir nun am Berge. Der Obrist wollte es mal unter der Hand von Lombard erfahren, der Fuchs musste aber Lunte riechen, und antwortet: Alle Refugiés stammten direkt von Adam, und alle unsere Väter wären einmal Perrückenmacher gewesen.«

»Ein Skandal!« Der Arrestat spuckte.

»Aber kriegen wir's raus, daß er vom Konditor ist –«

»Die Hetzpeitsche!« jubelte der Kornet. »Ich habe ein paar Bursche aus der Neumark, die wissen sie zu appliziren. So halb polnische Rasse. Haben's an ihrem eigenen Rücken gelernt, und theilen herzlich gern Anderen ihre Erfahrung mit.«

»Modération! meine Herren Brüder!« sagte der Rittmeister aufstehend. »Wenn Einer von uns den Bovillard vor die Klinge fordern könnte, tant mieux, von Herzen gern, so wäre der Geschichte mit einem Mal der Kopf abgeschnitten. Bis dahin aber – vergessen Sie nicht, daß es anders ist, als es war –«

»Muß wieder werden, wie's war!« trumpfte der Arrestat mit der Faust auf den Tisch. »Wenn sie uns die Fuchtelklinge nehmen, ist's mit der Disziplin aus. Aber kommt noch mehr eingeschobene [260] Canaille in die Armee, Adieu dann esprit de corps, Adieu Friedrichs Geist, Adieu Preußens Ehre.«

Eine Ordonnanz überbrachte ein Rosabillet, mit Vergißmeinnicht sauber verschlungen; es schien ein Spott auf die dampfende Wachtstube: »Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck eigenhändig zu übergeben.«

Der Empfänger musste es an das trübbrennende Talglicht halten, um in dem Tabaksrauch die feingekritzelte Adresse zu lesen: »Von wem?«

»Ein Frauenzimmer brachte es. Sie wollte aber nicht bleiben.«

»Ein Rendez-vous! – Warum ist sie nicht selbst gekommen, das liebe Kind? – Kann nicht mal abwarten, bis er von der Wache zurück ist.«

Der Rittmeister hörte nicht auf die Raillerien. »Hier ist's zu dunkel. Herr Bruder von Horstenbock erlauben wohl, daß ich's bei ihm am Fenster lese.« Ohne eine Antwort abzuwarten, war er in die daran stoßende Kammer getreten, die Thür hinter sich zuwerfend.

»Vielleicht von der Jenny!« rief der Kornet. »Sie hat Reue gekriegt, und ist zurück.«

Der Arrestat fragte nach dem eigentlichen Zusammenhang der Geschichte, die ihrer Zeit so viel zu reden gemacht. Er hatte damals in der Provinz gestanden und nur Widersprechendes darüber gehört. Dohleneck hörte jetzt nicht zu, es sei also kein Grund hinterm Berge zu halten.

»Herr von Dohleneck war nur unser Deputirter,« sagte der Wachthabende, »es ist daher thöricht, wenn er sich die Sache persönlich zu Herzen nimmt. Das Persönliche verschwand bei der Sache gänzlich und er war nur der Vertreter für das Allgemeine. Wie der Prinz zuletzt mit dem Blitzmädchen stand, weiß jedes Kind. Ob er aber wirklich so vernarrt war, wie er vorgab, das weiß der Himmel. Eines Abends beim Champagner verschwor er sich gegen ein Zehn von uns. die er invitirt, die Hexe wäre so speziell in ihn verliebt, daß sie auf keinen Andern hören würde. Nun müssen Sie gestehen, meine Herren, daß das für uns eine direkte Herausforderung war. Wer wusste nicht, wie's um die Jenny stand? Also wir hielten im Geheimen ein Art Kriegsrath, und es war auch nicht eine Stimme dagegen. Es war eine Korps-Sache. Auf der Stelle ward zusammengeschossen, baar, es kam eine erkleckliche Summe zusammen, und Zwei wurden ausgelost. Sie müssen auch gestehen, Herr Bruder von Horstenbock, daß das loyal und kavaliermäßig gegen den Prinzen gehandelt war.«

»Und klug auch. Die Liebenswürdigsten und Hübschesten zu [261] wählen, wäre doch eine kitzliche Sache für die Kameradschaft gewesen.«

»Es fiel auf Dohleneck und einen Andern. – Ein Billet an die Tänzerin bat um die Erlaubniß, bei ihr ein Souper en trois nach der Oper zu arrangiren, und dies kleine Souvenir mit dem Vergißmeinnicht als Angebinde anzunehmen. Drin lagen hundert Dukaten. Die Antwort war: sie werde das Vergißmeinnicht zum ewigen Andenken bewahren und den Tisch decken lassen. Unser Koch hatte während der Oper ein kaltes Souper, exquisite Sachen von Sala Tarone, arrangirt, und die Jenny sprang ihnen schon an der Treppe entgegen. War auch keine Sylbe die Rede von Tugend und Treue, sie war ausgelassen lustig, und sagte, sie wäre schrecklich hungrig. Unsere Kameraden waren's auch. Aber kaum fliegt der erste Pfropfen an die Decke, als ein Wagen vor die Thür rasselt. Sie erschrickt: ›Er wird doch nicht.‹ Kaum hat sie das Tüchlein wieder um den Hals genestelt, als es die Treppe rauf knarrt. Nun aufgesprungen, als die Kammerkatze reinstürzt: ›Herr Jemine, der Prinz, Mamsell!‹ – ›Retten Sie sich!‹ ruft die Jenny, und wirst das eine Couvert in den Waschkorb. Die Offiziere wollen ins Nebenzimmer fliehen, da holt sie die Katze zurück: ›Meine Herren, um Gotteswillen, da kommt er ja durch.‹ Retour also, und wollen zur Stubenthür auf den Flur. Da klirren seine Sporen und er klopft. – ›Hannchen mach' auf.‹ ruft die Jenny und hat derweil schon den großen Kleiderschrank aufgerissen; ›Meine Herren, ist's gefällig?‹ Platz hatten sie drin, das ist wahr, und die süßesten Erinnerungen an alle Schäferinnen und Göttinnen, die in den Kottillons gesteckt, aber – nun das Uebrige ist kaum nöthig zu erzählen. Verschlossen waren sie, und der Schlüssel steckte in Jenny's Tasche, und Jenny hing am Halse des Eintretenden, und bat ihren herzgeliebten Louis und schönsten Louis und einzigen Louis um Verzeihung, daß sie nicht auf ihn gewartet, aber sie wäre zu durstig gewesen vom Echauffement«

»Merkten sie's da?«

»Auf parole d'honneur sie vor unserm Ehrengerichte versichert, der Kerl hätte täuschend den Prinzen gespielt.«

»Sie konnten Alles hören?«

»Jedes Anstoßen, jeden Kuß, das Kritzeln mit dem Messer auf dem Teller.«

»Donner und Wetter!«

»Zwei Pfropfen hörten sie gegen die Decke knallen, selbst durstig zum Verkommen und hungrig auch. Zwei Stunden saßen sie am Tisch.«

»Bloß am Tisch?«

»Meine Herren, bedenken Sie, es waren Offiziere, die da für [262] ihre Kameraden standen. Ja sie haben eingeräumt, zuletzt entdeckten sie durch eine Ritze, daß es Bovillard war. Was aber war zu thun? Ich frage Sie, Kapitän, hätten sie poltern sollen?«

»Eine verfluchte Situation und eine Frage, daß Einem der Kopf schwindelt. Wenn ich für mich dagestanden –«

»Hätten Sie die Thür gesprengt. Sehr richtig. Aber in dem Schranke stand das ganze Offizierkorps; das erwägen Sie.«

»Nein, da durften sie's nicht.«

»So entschied auch unser Ehrengericht.«

»Aber was wird nachher daraus?«

»Sie hörten rutschen, packen, Kisten und Kasten aufreißen – man sprach unter Gekicher davon, aus den Appolloball zu gehen.«

»Und nachher?«

»Keiner schloß auf. Blieben sitzen.«

»Kam denn nicht die Kammerkatze?«

»Nicht Katze, nicht Maus; die war mit der Jenny fort. Kurz um, wie Ihnen bekannt sein wird, die Tänzerin war mit Extrapost nach Leipzig gefahren. Ist heut noch nicht zurück. Nicht einmal austrommeln lassen konnte man sie. Die Wirthin musste endlich, als sie zu poltern anfingen, das Schloß aufbrechen lassen. Frei waren sie da freilich, aber –«

»Von wem nun Satisfaktion?«

»Meine Herren, ich versichere Sie, die Sache hat uns Allen schwere Nächte gemacht. Was sollten wir thun? Bovillard fordern? Wenn es damals noch ging! Aber die Raison! Hatten sie's denn mit ihm zu thun gehabt? – Er stellte sich gegen Dritte als die pure Unschuld. War bei der hübschen Tänzerin gewesen, hatte sich ungemein amüsirt. Sollten wir uns nun blamiren und ihm mit dürren Worten sagen, daß wir uns nicht amüsirt hätten? Durften wir überhaupt an die große Glocke schlagen? Durften wir es vor dem Prinzen? Wer wusste denn, ob er nicht mit im Spiel steckte, ob er's nicht eingeleitet, um mit guter Manier die Jenny los zu werden? Es war ja ein Labyrinth, ein Wespennest, in das wir stachen. Gott weiß, was daraus geworden wäre. Dohleneck und der Andere wollten ihren Abschied fordern. Das ging auch nicht. Sie waren ja wir. Das ganze Offizierkorps hätte den Abschied nehmen müssen. Meine Herren, ich versichere Sie, es war eine Hundegeschichte, und dazu den Bovillard ansehen müssen, der wie der Sonnenschein über die Parade spazierte.«

»Sag' ich doch, man hat zuweilen im Leben Pech und weiß nicht, wo's herkommt.«

Der Rittmeister hatte die Worte des Arrestaten noch gehört, als er eintrat, den Rosabrief auf den Tisch warf, und sich auf den [263] Schemel: »Ist das Pech, oder nicht, oder was ist es? Ich weiß es nicht.«

»Onkel, ein Rendez-vous? Will's Dir abkaufen, unbesehens. Bin generös. Den ersten Wechsel dafür.«

»Lest mal das Zeug. Ich krieg's nicht klar.«

Der Arrestat las: ›Wenn ein menschliches Herz in Ihnen schlägt, so setzen Sie Ihr Betragen nicht fort. Mein Gott im Himmel, ist es denn möglich, daß ein Kavalier, ein Offizier des Königs, ein Mann, dem man sonst gute Eigenschaften nicht abspricht, im Martern eines weiblichen Herzens sein Vergnügen finden kann! Wenn Sie auf unsere Bitten nicht hören wollen, wenn Sie Ihre Schwadron täglich vorüber reiten lassen müssen, treiben Sie den Hohn wenigstens nicht so weit, immer vor ihrem Fenster den Bart zu streichen. Sie sehen freilich nicht die Dolchstiche, die es in das Herz der Armen drückt, denn die Balsaminen verbergen sie Ihren Augen. Wir vertheidigen die Arme nicht, sie ist ein schwaches Weib. Sie verspricht uns wohl am Abend, morgen will sie sich in die Hinterstube verschließen, aber wenn Ihre Trompeter um die Ecke blasen, reißt es sie mit unwiderstehlicher Gewalt ans Fenster. Wenn sie dann schluchzend, ohnmächtig in unsere Arme sinkt, verspricht sie uns freilich, es soll das letzte Mal gewesen sein, aber – vielleicht wird es ein Mal das letzte Mal sein. Bietet denn eines Mannes Brust eine so unerschöpfliche Höhle für das Rachegefühl, daß er nie vergeben kann, und einer Frau, einer schönen Frau? Sie hat Sie beleidigt, ja, das geben wir zu, aus Uebermuth gekränkt, aber das Herz des Weibes gehört den Impulsen. Was wären wir, wenn wir ihnen nicht mehr gehorchten! – Damit Sie es denn wissen, ja dies Gefühl, Sie gekränkt zu haben, ist es, was an ihrem zarten Dasein nagt, diese Vorwürfe, die krampfhaft ihre Brust durchschüttern, die sie im Schlaf aufschreien lassen, die Wermuth in den Becher der Freude träufeln. Und das könnte ein Mann ruhig ansehen, und sich durch die Qualen, die er einer Frau bereitet, geschmeichelt fühlen? – Nein, mein Herr, es kämpft noch immer mit mir der Gedanke, daß unter diesem brüsken, zur Schau getragenen Affront – ein anderes Gefühl sich nur gewaltsame Selbsttäuschung erheuchelt! – Ich wiederhole meine Bitte, besinnen Sie sich, nehmen Sie Urlaub; entfernen Sie sich einige Zeit aus Berlin. Die Zeit heilt viele Wunden. Es ist alles vorbereitet; man wird Ihnen bereitwillig Urlaub ertheilen. Auch wenn Sie augenblicklich der Mittel entbehrten, soll dafür gesorgt werden. Es gilt ja das Glück einer der edelsten Seelen. – Bleiben Sie aber doch – dann, dann – nein ich lasse es mir nicht abstreiten, was ich ahne – dann hören Sie mehr von mir.‹

»Na was ist das, Dohleneck?«

[264] »Ja, was ist's? So soll doch Gott den Teufel todschlagen, wenn ich 'ne Sterbenssylbe davon verstehe!«

»Der Brief deutet auf anderes, was voranging?«

»Freilich, schon zwei solche Wische, und neulich auf der Maskerade ward mir was ins Ohr geflüstert. Ich glaube, ich bin in einem Tollhause.«

»Herr Bruder, besinnen Sie sich,« sagte der Wachthabende. »Da sind ja viele Indicien im Briefe: – eine schöne Frau, also ist's kein Mädchen, eine Frau, die Sie beleidigt hat, eine Frau, an deren Fenster Sie täglich vorbeireiten. An welcher Ecke lassen Sie die Trompeter blasen? Und Balsaminen stehen am Fenster.«

Der Arrestat überflog das Billet: »Es muß eine Frau von Distinktion sein.«

Der Rittmeister war aufgesprungen. Ein Licht schien auf seiner Stirn zu leuchten, und doch glänzten die Augen nicht wie eines Liebenden, der im Mondenschein ein lieblich Bild sieht, sondern wie eines aufgeschreckten Schläfers, dem ein Gespenst an der Wand vorübergleitet;

»Donnerwetter! Schock-Schw – –! wenn die es wäre!«

Da öffnete sich die Thür und der Gefreite schritt gravitätisch auf den Wachthabenden los.

31. Kapitel. Ein Satz in die Löwenhöhle

Einunddreißigstes Kapitel.
Ein Satz in die Löwenhöhle.

Der Gefreite schulterte: »Herr Lieutenant, ich rapportire.«

»Was?«

»Es schleicht ein Verdächtiger um die Wache.«

»Was hat er gethan?«

»Er hat ins Fenster geguckt, und dann ist er fort.«

»Warum ist er verdächtig?«

»Acht Zoll, Haare ohne Puder, kleiner Kopf, verfluchte Augen, und am Ellenbogen ein Loch, oder ist's ein Kalkfleck.«

»Und sonstens?«

»Der Vorpahl und Schlagebohm haben ihn schon gesehen. Zwei Mal ist er eingebracht worden auf dem Molkenmarkt. Einmal war er Bandit. – Da kommt er all wieder. Soll'n wir'n reinschmeißen, Herr Lieutenant?«

Der Kornet war ans Fenster gesprungen: »Hölle und Teufel, das ist Bovillard!«

»Was!« rief der Wachthabende, »sollte der Kerl es wagen –«

[265] »Eine Peitsche!« schrie der Kornet, als Louis Bovillard schon in der Stube stand und mit ihm beinahe zusammenprallte.

Der Eintretende war nicht der, welcher zurückwich.

»Eine Peitsche wünschen Sie, Kornet? Für Pferde oder für Hunde? Das muß man wohl unterscheiden. Pferdegerten bekommen Sie am besten bei Conradi an der Schleusenbrücke, aber wenn Sie Hundepeitschen wollen, gehen Sie ja nicht anders, als zu Krilow, Spandauerstraße. Echtes Juchtenleder, elastisch, fein gearbeitet. Aber nehmen Sie sich in Acht, nie zu stark geschlagen. Der bestdressirte Hund knurrt, wenn man ihn mit Juchtenleder zu stark traktirt. Also merken Sie, Kornet von Wolfskehl, bei Krilow, Spandauerstraße, Eckhaus nach dem neuen Markt zu.«

Bovillard war beinahe um einen Kopf größer als der Kornet, und es schien sehr natürlich, als er ihn mit der Hand dabei auf die Schulter klopfte. Aber es war nicht natürlich, daß der Kornet es sich gefallen ließ. War's die Magie des Auges, oder was bewirkte nach solcher Ausgelassenheit solche Einschüchterung?

»Was suchen Sie hier?« trat ihm der Wachthabende entgegen.

»Männer von Ehre.«

Was dem Kornet geschehen, geschah jetzt der ganzen ehrenwerthen Versammlung. Sie schwiegen, als wär's eine elektrische Berührung, die Alle in einem Moment umgewandelt hatte! Ein Dritter würde es ein Gefühl der Geschlagenheit genannt haben. Sie wussten nicht was sie zu thun hatten. Bovillard war wie ein Geist aus der Mauer in ihre Mitte gedrungen; ein Zischeln oder selbst nur ein Verständigen durch Blicke war nicht mehr thunlich. Indessen nahm der Wachthabende das Wort:

»Sie kommen in welcher Absicht?«

»Ihren Schutz und Beistand anzusprechen.«

Die Sache war aufs Neue vollständig verrückt.

»Werden Sie von der Populace verfolgt?«

»Die Populace kümmert mich nicht.«

»Oder wollen Sie sich freiwillig in Arrest überliefern, weil Sie –«

Der Offizier hielt inne. –

»Nichts weniger als das.«

»So muß ich den Herrn auffordern, sich etwas deutlicher zu expliciren!«

»Mit dem größten Vergnügen.«

Der Wachthabende hatte, um seine Autorität aufrecht zu erhalten, sich auf den Schemel nieder gelassen, was der Arrestat und der Rittmeister schon vor ihm gethan. Auch der Kornet schien Willens, dem Beispiel zu folgen, als Bovillard mit einer raschen[266] Schwenkung den vierten und letzten Schemel vor dem Wachthabenden niedersetzte und sich selbst darauf:

»Ich komme um einer Ehrensache halb.«

Alle sahen unwillkürlich den Sprecher, dann sich unter einander an.

»In solchen Angelegenheiten pflegt ein Kavalier nicht selbst zu kommen, sondern durch einen Vermittler, – wenn überhaupt davon die Rede sein kann,« setzte der Wachthabende trocken hinzu.

»Diesen Vermittler hoff' ich hier zu finden.«

»Donnerwetter!« brummte der Arrestat. »Glaubt der Herr da, oder wer's ist, den ich nicht kenne, daß wir hier solches Gelichters sind? Vermitteln! Pestilenz! Wer mir das anböte –«

»Ist wohl ein Mißverständniß,« sagte der Rittmeister.

»Gewiß,« fuhr Bovillard ruhig fort, »wenn die Herren an Beilegen denken. Ich will nichts beigelegt wissen, da ich vielmehr einen Gang auf Leben und Tod vorhabe. Wo man a tempo auf zehn Schritt schießt, pflegt der Tod näher zu sein als das Leben. Diese Rücksicht bestimmt auch mich, über andere Rücksichten hinweg zu sehen.«

»So weit schon? Was wollen Sie denn noch?«

»Nur einen Sekundanten. Auf morgen Abend steht die Promenade an. Die Bekannten, auf die ich fest gerechnet, haben mich nachträglich im Stich gelassen, Freunde habe ich nicht, also muß ich an – Nichtfreunde mich wenden. Unter den Civilisten war meine Bemühung vergebens, ich wende mich daher an das Militär.«

»Wie – ich meine, wie kommen Sie zu uns?«

»Weil Sie auf der Wache sind. – Meine Herren, ich betrachte Sie nicht als Individuen und Personen, sondern als Vertreter Ihres Standes, und Ihren Stand als den, welcher die Ehre zu vertreten hat. In einer Universitätsstadt würde ich mich an die Senioren der Landsmannschaften gewandt haben, hier wende ich mich an Sie. – Auf der Wache stehen Sie wie im Felde. Käme ein feindlicher Offizier zu Ihnen, um eine Ehrenangelegenheit abzumachen, so würden Sie als Kavaliere und Offiziere doch keinen Augenblick anstehen, die nöthigen Arrangements zu treffen.«

Die Offiziere sahen sich wieder halb befremdet, halb zustimmend an. Der Rittmeister strich vergnügt seinen Bart. Der Wachthabende sagte nach einer Pause:

»In solchen Dingen kommt doch Alles auf die Verhältnisse und Personen an, mit denen man zu thun hat.«

»Gewiß,« entgegnete Bovillard, »und ich habe keinen Grund, vor den Herren den Namen meines Adversaire zu verschweigen, [267] Ihr Wort vorausgesetzt, daß Sie Namen und Sache bis zum Austrag verschwiegen halten wollen.«

Der Wachthabende blickte sich nach seinen Kamenden um: »Ich kann in ihrem Namen die Versicherung geben.«

»Was kaum noth thäte. Die Herren würden doch nicht eine Ehrensache rückgängig machen wollen?«

»Hol' mich der Teufel, nein!« brach es von den Lippen des Rittmeisters, derselbe freudig verächtliche Ausdruck stand auf den Gesichtern der Andern.

»Mein Adversaire ist der Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannte Legationsrath von Wandel.«

»Der!« Alle sahen wieder befriedigt, fast vergnügt ihn an.

»Die Sache ist kontrahirt, und er hat's angenommen?«

»Kontrahirt, angenommen, Ort, Waffen und Zeit bestimmt.«

Der Werth des Fremden war in der Wachtstube sichtlich gestiegen. Der Wachthabende hatte sich wieder vom Schemel erhoben.

»Meine Herren,« sagte er, sich umschauend, »das ist ein eigener Kasus.«

»Gegen den Kerl, der um den Bonapartegesandten schwänzelt, muß man Jedem beistehn,« meinte der Kornet.

»Man muß ihn aber doch auch kennen,« sagte der Arrestat. »Es kommt auf die Verhältnisse und Personen an, mit denen man zu thun hat, äußerten Herr Bruder vorhin.«

»Der Grund Ihres Disputes ist?« fragte der Wachthabende.

»Gründe unter Kavalieren!« rief Bovillard jetzt auch aufstehend. Die Hand in der Brust verneigte er sich leicht. – »Verzeihung, meine Herren, wenn ich mich getäuscht hatte. Es war nicht meine Absicht Sie zu inkommodiren.«

Es war aber jetzt durchaus nicht die Absicht der Andern, sie wollten sich inkommodiren lassen.

»Es fragt sich eben nur mit wem wir –« der Redner stockte. Bovillard fiel ein:

»Die Ehre haben zu thun zu haben. Sehr begreiflich. Da ich nicht so glücklich bin von Ihnen gekannt zu sein, wünschen Sie meinen Stammbaum einzusehen.«

Das Wort Stammbaum schien wieder eine Wirkung hervorzubringen. Dennoch blieb dem Wachthabenden die Frage im Munde stecken. Der Arrestat fragte über den Tisch:

»Sie heißen – Bovillard?«

»Wie meine Ahnen.«

»Da war auch mal hier ein Pastetenbäcker, pâtissier et confiseur Louis Bovillard

»Ich habe die Ehre sein Urenkel zu sein. Man rühmt ihn [268] als einen der trefflichsten Männer in unserm Hause, ein Charakter und seltener Esprit.«

»Es gab aber auch unter den Refugiés,« fiel der Wachthabende ein, »einen Sieur Louis Bertolet Fulcrand de Bovillard, der als Maitre de Cerisé in den Listen eingetragen steht.«

»War auch mein lieber Urgroßvater, ein excellenter Mann.«

»Wie passt das zusammen?«

»Sie waren ein und dieselbe Person.«

»Mein Herr, wir sprechen hier in einer serieusen Angelegenheit.«

»Die serieuseste von der Welt. Mein Ahnherr konnte die Güter von Cerisé nicht mitnehmen, als er vor Louis' Dragonern bei Nacht und Nebel über die Grenze schlüpfte, aber sein Talent Pasteten zu backen, hat er mitgebracht. Er befand sich auch ganz wohl dabei. Ein jovialer Mann. Ich bin nicht stolz auf Verdienste meiner Vorfahren, die mir abgehen, aber ich darf mit Ruhm sagen, daß seine Konfituren am Hofe des nachmaligen Königs Friedrich im besten Renommee standen. Sonst wäre er auch nicht auf kurfürstlicher Durchlaucht Befehl mit nach Königsberg beordert worden.«

»Er ward mit zur Krönung befohlen!«

»Und mit zur Tafel gezogen?« fragte der Arrestat.

»Allerdings. Die große Pastete an der Krönungstafel war sein Werk. Sie nimmt in der Geschichte keinen unrühmlichen Platz ein. Wir besitzen in der Familie eine Abbildung davon. Wenn es den Herren gefällig wäre, sie zu sehen, stehe ich immer zu Diensten.«

»Und in die Pastete hat Ihr Urgroßvater seinen Adel eingebacken?«

»Wie Sie's nehmen wollen, Herr Kapitän. Als sie aufgeschnitten ward, kam der bekannte Zwerg heraus. Mein Ahnherr ward gerufen, mit Lob überschüttet. Ihre Majestät, die geistreiche Königin Sophie Charlotte setzte ihm eigenhändig einen kleinen Lorbeerkranz auf. Leibnitz erwähnt seiner und der Pastete in einer Epistel; Gundling schrieb später eine Abhandlung darüber, auch Morgenstern.«

»Und für diese Verdienste –«

»Ward er persönlich von der Perrückensteuer befreit.«

»Man muß gestehen, Ihre Familie hat eine historische Entrée in unserm Staat gemacht. Aber da Ihre Väter in den Staatsdienst getreten sind, erkannten muthmaßlich die Preußischen Könige durch Briefe Ihren französischen Adel an?«

»Die Bovillards haben nie etwas auf den Briefadel gegeben. Kann man etwas geben, was nicht ist, und etwas vernichten, was [269] ist? So hat einer meiner Vorfahren gesagt, dem man einige Schwierigkeiten machte, als er aus den Kreuzzügen zurückkehrte. Louis der Heilige sagte lächelnd zu ihm, als er's erfuhr: Das kommt mir vor, als wenn Martell Deinen Ahnherrn in der Mohrenschlacht nach seinem Recht gefragt hätte, den Mohren den Schädel einzuschlagen. Mein Ahnherr, sagte Jener zu König Louis, hätte Karl Martell antworten können: ›Die Römer fragten bei Zülpich nicht danach, als mein Urahn hinter Chlodwig in ihr Speerquarree einhieb.‹«

Bis zu den Kreuzzügen konnten ihm weder die Stiere von Dohleneck und die Kniewitze, noch die Horstenbock und Wolfskehlen genannt zu Ritzengnitz folgen. Aus Besorgniß, daß er sie nicht noch bis zur Schöpfung der Welt inkommodire, erklärte man schnell das Verhör für beendet, und der Rittmeister schätzte es sich zum Vergnügen, den Herrn von Bovillard in seiner Ehrensache mit dem fremden Legationsrath zu begleiten.

Bovillard bat den Wachthabenden, ihn mit dem Herrn, den er noch nicht zu kennen die Ehre habe, bekannt zu machen. Er bat es mit Ruhe und feinem Anstande. Mit demselben Anstande erfolgte die Präsentation.

»Von einem Offiziere Ihres Rufes konnte ich diese ritterliche Gesinnung erwarten.«

»Hol' mich Der und Jener,« sagte der Rittmeister, »ich freue mich, daß ich Sie anders kennen lerne, als ich – dachte.«

»Sei keusch wie Eis, und rein wie Schnee, Du wirst der Verleumdung nicht entgehen, sagte ein Poet zu Ophelia, und es ist auch so geschehen.«

»Die sprang ja wohl ins Wasser,« sprach der Rittmeister, den Pallasch umschnallend. »Herr von Bovillard, wir gehen ins Feuer: da wird es anders.«

»Hat sich magnifique benommen, ganz als ein Kavalier,« sagte der Wachthabende, als Beide die Stube verlassen. »Man muß es ihm lassen.«

Der Arrestat paffte Gedanken in die Luft, die er nicht nöthig fand, in Worten zu äußern. Sie mochten nicht ganz mit denen des Wachthabenden harmoniren.

»Donnerwetter!« rief der Kornet am Fenster. »Sie gehen Arm in Arm!«

»Was soll nur daraus werden!«

»Die Hetzpeitsche kann er nicht mehr bekommen –«

»Das kommt davon, wenn man einen leichtsinnigen Onkel hat.«

Der neue Kavalier mochte die Gedanken der Herren in der Wachtstube mit empfinden, denn auf der Straße hatte er den Rittmeister gefragt, ob er sich nicht fürchte, in seiner Gesellschaft [270] gesehen zu werden. Der Rittmeister konnte das Wort fürchten nicht leiden, er hatte sich mit einem um so festeren Druck an Bovillards Arm gehängt. »Wer sich schlagen will und zum Sterben bereit ist –«

»Ueber den ist die Fahne geschwenkt,« fiel Bovillard ins Wort, »und er ist ehrlich, wie des Scharfrichters Schwert den armen Sünder ehrlich macht.«

In der Kaserne, wo Dohleneck wohnte, hatten Beide eine lange Unterhaltung. Unmöglich konnte das Gespräch allein die Arrangements des morgenden Ganges betreffen. Sie schieden mit einem Händedruck, wie Freunde, die sich herzlich über Vieles ausgesprochen haben.

32. Kapitel. Iphigenia

Zweiunddreißigstes Kapitel.
Iphigenia.

Der Unterricht, den Walter im Lupinus'schen Hause ertheilte, war einige Tage ausgefallen, weil Mamsell Alltag sich unpässlich befand. Doch hatte der Bediente hinzugefügt, es habe nichts zu bedeuten. Walter war zufrieden, obgleich er nie zufriedener war, als wenn an den Gensd'armenthüren die Glocke schlug, die ihn zur Stunde rief; er hatte in diesen Tagen seine Arbeit fertig machen können.

Adelheid sah heute wirklich noch etwas blaß aus, aber nie hatte Walter sie reizender gesehen. Ein Häubchen umschloß ihre Locken, ein leichtes, bis unter dem Halse schließendes Morgenkleid ihre elastischen Glieder. Den griechischen Schnitt, in den die Geheimräthin sie nöthigte, hatte er nie geliebt. Der schöne Arm erschien ihm heut schöner unter dem faltigen Ueberrock, als wenn er in leuchtender Fülle aus den kurz geschnittenen Aermeln schoß. Sie war ihm rasch entgegen geeilt, sie hatte seine Hand so herzhaft gedrückt, und doch zitterte sie. Sie hatte ihr Guten Morgen nie mit einem so festen Tone gesprochen, und doch war ihre Stimme etwas belegt. Sie hatte ihn herzlich angesehen, und doch sogleich wieder die Augen gesenkt.

»Wir haben viel nachzuholen, lieber van Asten,« hatte sie gesagt »darum müssen wir rasch anfangen.« Sie saß am Tisch, er ihr gegenüber. Es war ein wunderschöner Morgen. Die Linden auf dem Hofe spielten im Sonnenschein. Der Schatten der Blätter spielte durch das geöffnete Fenster auf die Tischplatte. Es funkelte auch golden auf den Blättern des Buches. Daher mochte es [271] kommen, daß er sich verlas; auch sie las oft falsch. Und dazu zwitscherten die Sperlinge, gewohnt am Fenster die Krumen zu stehlen, welche Adelheids Hand ihnen hinstreute, und eine Wespe verirrte sich in die Stube und trieb Unfug, bis man sie mit den Tüchern hinausgescheucht.

Es war viel Störung in der heutigen Lektion.

Walter schlug vor, das Fenster zu schließen. Adelheid fand die freie Luft so schön, ihr sei noch so beklommen. Aber es würde schon vorübergehen – »ich werde schon Muth bekommen,« setzte sie leiser hinzu.

Sie hatten heute die Iphigenia beendet. Adelheid hatte den letzten Akt gelesen.

»Sie müssen mir später ein Mal die ganze Iphigenia hinter einander vorlesen, wenn Sie bei voller Stimme sind,« sagte Walter. »Das Gedicht klingt und dringt ganz ins Herz mit Ihrer schönen Stimme. Das Parzenlied –«

»Heut könnte ich es nicht lesen,« fiel Adelheid ein, »es ist zu schrecklich.«

»Für den schönen Morgen! Sie haben Recht. Wir müssen uns heut allein mit dem Charakter der Iphigenia beschäftigen. Iphigenia ist der leuchtende Gedanke der Versöhnung, der in der alten Welt wie ein Strahl auf dunklem Meere erscheint, aber er fand noch nicht die eigentliche Verkörperung. Was die griechischen Dichter noch als einen Torso hinstellten, hat der Deutsche, der aus anderer Quelle sein Licht schöpfte, zur Erscheinung gebracht. Dieses Atridengeschlecht –«

»Um Gottes Willen,« rief Adelheid, »wie konnten die alten Dichter so etwas ersinnen! Sie sagten doch, die Griechen hätten immer der Schönheit gehuldigt und selbst dem Hässlichen wussten sie eine Wendung zu geben, daß es das Gefühl nicht verletzte. Wie ist es nun möglich, daß sie solche Greuel erfanden, die doch unmöglich sind?«

»Unmöglich?« fragte der Lehrer. »Die erste Geschichte des Hellenenthums ist nur eine Verkörperung des Kampfes, den die Kultur mit der Barbarei geführt. Der Barbarei ist alles möglich, und wenn der finstre religiöse Wahn hinzutritt, ist sie zu Greueln fähig, für die uns Begriff und Worte fehlen. Ertödten wir aber Kultur, reißen wir die edle Humanität an der Wurzel aus, welche Kunst, Wissenschaft, der Geist des Christenthums jetzt durch Jahrtausende gepflanzt und gepflegt, so sinken wir Alle wieder in den Naturzustand, in die Barbarei zurück, wo die Thaten des Atreus und Thyestes möglich sind.«

Sie schauderte, vor sich niederblickend. Hatte er zuviel gesagt?

»Vor einer andern Schülerin würde ich das nicht sagen, aber [272] Ihr Geist, Adelheid, ist stark. Sie selbst haben, so jung noch, Prüfungen zu überstehen gehabt, Sie haben Blicke in die wüste Verworfenheit gethan. Ist z.B. eine Mutter, die ihr Kind ermordet, nur um mit Anstand noch in der Gesellschaft weiter zu erscheinen, so viel besser, als jene Barbaren, die ihrem Rachetrieb alles opferten! Und sind es die Vielen hier, welche aus falscher Empfindsamkeit die entsetzliche That beschönigten? Wissen Sie, weiß ich, welche Prüfungen auch meiner Freundin noch aufgespart sind, wie viele von denen, die sie jetzt mit Aufmerksamkeit überhäufen, die so liebenswürdig, edel, sprechen und zu handeln scheinen, Ihnen in einem ganz anderen Lichte erscheinen werden!«

Adelheid sah ihn verwundert an. Er war in Gedanken vertieft. – »Es war Unrecht von mir,« rief er plötzlich auf. »Die Vorsehung hat uns die schönen Illusionen als Pathengeschenk mitgegeben, damit wir Muth behalten. Sie selbst lüftet für Jeden nur so viel von dem Schleier, als er ertragen kann. Und Niemand hat das Recht, dem Andern die schirmende Decke fortzureißen. Vergebung! Kehren wir zur Iphigenia zurück.«

Er hielt die Hand zur Vergebung über den Tisch, sie schlug, ohne zu zaudern ein, und Beide mussten vergessen haben, daß sie eingeschlagen hatten, denn als er in seiner Rede fortfuhr, blieben die Hände noch immer auf dem Tisch.

»Das Schrecklichste hat sich nun erfüllt, das Schicksal der Atriden liegt wie ein wüster Traum im Hintergrunde. Ein sonst edler Jüngling, der den letzten Blutschlag gethan, Orestes, ist der Träger des Fluches. Er wird von den züngelnden Furien gepeitscht, die nur in der Nähe des Heiligthums, wo der reine Gedanke, der Geist des Gottes herrscht, vor dem Zerrissenen weichen. Er ist geflohen von der Blutstätte, von den heimatlichen Gestaden, wo jeder Stein an die Geschichte seiner Ahnen mahnt, über Meere und Berge. Aber wie der Psalmist sagt: und nähme er Flügel der Morgenröthe, und flöge aus äußerste Meer, die Erinnyen folgen ihm. Da tritt Iphigenia auf, die, zum Opfer bestimmt, die Göttin schon früh mit gnädiger Hand aus dem Gräuelhause forttrug und zur Priesterin sich weihte. Sie ist das außerordentliche Weib, das den Fluch ihrer Geburt überwunden hat. Selbst längst entsühnt, ist sie bestimmt als versöhnende Priesterin zu walten. Schon hat die Macht der reinen, edlen Weiblichkeit sogar die Sitte der Barbaren gemildert und Thoas muß von ihr sagen:


– es fehlt, seitdem du bei uns wohnst,

Und eines frommen Gastes Recht genießest,

An Segen nicht, der uns von oben kommt.


Aber diesen Segen soll sie auch dem verlornen Bruder mittheilen. [273] Der Athem ihrer reinen Brust soll den Wahnsinn auf seiner glühenden Stirne kühlen, die wüsten Bilder aus seiner zerrissenen Brust vertreiben. Er bekennt ihr den ganzen, vollen, entsetzlichen Fluch, der auf ihm lastet, er stürzt vor ihr nieder, als er sie erkennt –«

Walter musste inne halten. Adelheid hatte plötzlich die Hand zurückgezogen und hielt sich die Brust. Dann fuhr sie sich über die Stirn.

»Ist Ihnen wieder unwohl?«

»Nichts, lieber Walter. – Fahren Sie nur fort, Sie erzählen so schön.«

»Es ist doch wohl besser, wir setzen heut noch die Stunde aus.«

»Nein, um Gottes Willen nein, heute muß es sein. Nichts bis Morgen wieder verschoben. Ich werde gewiß Muth bekommen. Es war nur die Vorstellung der Furien – ich möchte das Stück nie auf dem Theater sehen, so schön es ist.«

»Aber Orest wird ja geheilt.«

»Wer seine Mutter todt schlug!«

»Lesen Sie liebe Adelheid, irgend eine heitere Rede der Iphigenia. Sie kann wie Balsam wirken.«

Adelheid las, was sie zufällig aufschlug:


»Das ist's, warum mein blutend Herz nicht heilt.

In erster Jugend, da sich kaum die Seele

An Vater, Mutter und Geschwister band;

Die neuen Schösslinge, gesellt und lieblich,

Vom Fuß der alten Stämme himmelwärts

Zu dringen strebten; leider fasste da

Ein fremder Fluch mich an und trennte mich

Von den Geliebten. – Selbst gerettet, war

Ich nur ein Schatten mir, und frische Lust

Des Lebens blüht in mir nicht wieder auf.«


Er nahm das Buch und schlug eine andre Stelle auf. Er suchte nicht viel, die Situation war ihm peinlich, er nahm die erste beste dithyrambische und sie las den Anfang des vierten Aktes:


»Denken die Himmlischen,

Einem der Erdgebornen

Viele Verirrungen zu,

Und bereiten sie ihm

Von der Freude zu Schmerzen

Und den Schmerzen zur Freude

Tief erschütternden Uebergang:

Dann erziehen sie ihm

In der Nähe der Stadt,

[274]

Oder am fernen Gestade,

Daß in Stunden der Noth

Auch die Hülfe bereit sei,

Einen ruhigen Freund.«


Sie hatte das Buch fallen lassen, sie war aufgestanden. An der Tischecke schwankte sie, sie wandte sich ab, dann rasch auf Walter zueilend, ergriff sie seine Hand:

»Ich habe den Freund gefunden. Walter, Sie haben mich lieb?«

Er umfasste, aufspringend, ihre Hand, er bog den Kopf zurück, er starrte sie wie eine Erscheinung an: »Ist's Traum oder Wahrheit?«

»Walter, Walter, sprechen Sie, sonst wird's ein Traum, und mein Muth verlässt mich.«

Er presste die Hand heftig an seine Brust: »Ja – um Gottes Willen. Adelheid, Du –«

Er erdrückte den tiefen Seufzer, den er zu hören glaubte, indem er sie an die Brust schloß.

Ihr Herz schlug an seinem, sie weinte an seinem Halse, aber still, nicht wie die Leidenschaft, nicht wie die Seligkeit der Liebe weint. Er sank auf den Stuhl zurück, er hielt ihre Hände gefasst. So beschaute er sie. »Es ist des Glücks zu viel, zu viel auf einmal. Laß mich Dir ins Gesicht sehen, ob es nicht doch nur ein Traum ist?«

»Jetzt nicht, es könnte aussehen wie Lüge,« sagte sie, »nicht bis ich alles gesagt. Das Schwerste ist her aus, – Sie müssten ja roth werden über mich, wenn – wenn nicht alles so gekommen wäre, wie es ist.«

»Wie es ist!« wiederholte er. »Du sahst in mein Herz. Du erbarmtest Dich meiner, um mich nicht länger in Hangen und Bangen zu lassen.«

Sie schüttelte den Kopf: »Nein, Walter. Sie müssen sich nicht anklagen, um mich zu entschuldigen. Sie waren nicht in Hangen und Bangen, Sie sind ein Mann.«

»Nun fort das kalte Sie,« rief er. »Ich nehme Besitz von meier Eroberung.«

»Du wusstest recht gut, daß wenn Du mich fragtest, ich nicht nein sagen könne. Und, weiß Gott, nicht um Dir das Herz zu erleichtern, habe ich gesprochen.«

Er wollte sie noch einmal an sein Herz drücken. Aber sie entwand sich sanft seinen Armen.

»Keinen Kuß auf eine Unwahrheit. Es muß jetzt volle Wahrheit zwischen uns sein.«

»Unwahrheit!«

[275] Sie nickte mit einem thränenfeuchten Blick. »Laß mich nur einen Augenblick Athem schöpfen.«

Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, der Kopf gleitete in die Arme. Er hatte sich leise an ihren Stuhl gestellt und legte sanft den Arm auf ihre Schulter. »Ich habe Dich lieb und bin bei Dir und Du hast mich auch lieb. Was hindert Dich noch?«

»Ich habe Dich lieb gehabt, seitdem ich Dich gekannt.« sagte sie ruhig sich zurücklehnend, »wie einen Bruder, vor dem ich mein Herz offen legen konnte. Habe ich's nicht gethan? Und wenn ich's nicht that, war es, weil ich dachte, Du läsest ja schon in meiner Seele wie in einem offenen Buche. Aber seit der – der fürchterlichen Geschichte ward es noch anders. Du allein bliebest immer derselbe gegen mich. Die Andern – erst wussten sie nicht wie sie mich ansehen sollten, und wichen mir aus. Nachher überschütteten sie mich mit Liebkosungen und Bewunderung, und machten aus mir wunder was, was ich nicht bin. Ich war doch nicht schlechter, nicht besser, Gott weiß es – aber was ich nun bin, nun ja, was ich besser bin, bin ich durch Dich. Seit ich das fühlte ward mir bange. Du hattest es mir vorausgesagt, durch große Leiden werde der Mensch geläutert, seine Sinne gehen auf für das Edle und Schöne und sein inneres Auge für das Ewige und Wahre. Und da sah ich, wie Du viel sorgsamer und liebevoller wardst, und mit jeder Schülerin würdest Du Dir nicht so viele Mühe geben. Und Dein Unterricht ward auch so besonders. Und da, Walter, da kam dann – ich weiß nicht wie – der Gedanke, daß es so sein müsste –«

»Und erschrakst Du vor dem Gedanken?«

Sie schwieg einen Augenblick: – »Nein gewiß nicht, Walter. – Wo konnte ich besser aufgehoben sein, dachte ich, wer sollte mich besser zum Rechten führen und schützen! Ich gewöhnte mich so daran, daß –«

»Du gewöhntest Dich nur daran!«

Jetzt erschrak sie vor dem Ton der Frage. Sie legte sanft die Hand auf seine, und blickte ihn klar an: »Hast Du nicht zuweilen gemerkt, daß ich lächelte? Ich dachte dann an das, was Du oft gesagt, der Mensch erzieht sich selbst, und man kann keine Natur ändern. Und Du wolltest mich doch ändern, so wie Du mich wünschtest. Und dann widersprach ich aus Uebermuth. Nur aus Schelmerei, ich nahm mir im Herzen doch vor, zu werden, wie Du es wünschtest.«

»Das hattest Du Dir vorgenommen und ich war der Gegenstand Deiner Gedanken!«

»Und da kam ich auf kuriose Dinge. Ob ich Dir auch würde auf die Schulter klopfen, wie Mutter thut, wenn sie der Vater [276] anfährt, ob Du auch zornig werden könntest? Und ob ich dann auch so machen dürfte, wie Mutter thut, um ihn wieder gut zu machen. Ich muß Dir sagen, es kam mir nicht ganz recht vor, wenn auch Mutter sagt: so muß man die Männer behandeln, wenn man Friede im Hause haben will. Du bist doch ein ganz anderer Mann, und ich meinte, wir müssten uns jeder dem andern grad heraus sagen, was er denkt. Ach und tausend Dinge. Aber, Walter, das dachte ich alles weit entfernt.«

»Hast Du nicht auch gedacht, daß Du jetzt in einem glänzenden Hause bist, eine gefeierte Schönheit, von Bewerbern umschwirrt, die von ihrer Anbetung sprechen? Hast Du nicht an Dein Herz gefühlt, ob, wenn der Eine oder der Andere ernst spräche –«

»Nein,« fiel sie rasch ein. »Sie sind mir alle gleichgültig.«

»Aber die Geheimräthin! Du bist ihr Augapfel. Sie wünscht, daß Du eine gute Partie machst, sie sucht vielleicht schon nach einem passenden Gatten, der Dich über Deinen Stand erhebt. Vielleicht auch, sie ist kinderlos, reich, das große Vermögen kommt von ihr –«

Sie fasste mit Heftigkeit seine Hand. »Nein, Walter, das denke um Gottes Willen nicht. Ich habe nie daran gedacht.«

»Und der Gedanke ist so natürlich. Du schauderst ja fast.«

»Ich begreife es oft nicht, warum ich nicht mehr Dank für sie fühle, aber – aber lassen wir das! Walter, verrathe mich nicht, und deute es mir nicht schlimm, es ist mir oft, als möchte ich je eher je lieber aus diesem Hause fort. Es ist mir so heiß, so bang oft –«

»Aber weißt Du, in welches ich Dich führen könnte? Ein armer Gelehrter, – würdest Du aus Deinem Reichthum mir in eine Hütte folgen?«

Sie sah ihn mit ihrem klaren Lächeln an: »Ja, Walter. Ich bin ja nicht für den Reichthum geboren. Wer weiß, wenn sie meiner überdrüssig wird, setzt sie mich hinaus. Da müsste ich mir vorsorglich ein Obdach suchen. – O pfui! keinen Scherz. – Aber ich habe mir es auch gedacht, daß Du zu stolz sein könntest, weil Du arm bist. O ich liebe Dich so stolz, wenn Du den reichen und vornehmen Herren kein Wort, keinen Blick schuldig bleibst. Wie Viele bücken sich und kriechen, Du gehst grade. – Nein, Walter, auch darum nicht, nicht weil ich Dir zu Hülfe kommen wollte. – Ach, hilf mir doch – das Schwerste ist heraus, das Allerschwerste steckt noch in der Brust.«

Sie barg ihr Gesicht an seinem Halse. Er strich über ihre Stirn; er bat sie zu denken, sie sei in der Kirche wie die fromme Katholikin, von der sie neulich gelesen, und er ihr Beichtvater.

»Neulich, nach unserem Feste – Du weißt von dem unglücklichen [277] Zufall. Ich verlor meine Besinnung, Jemand trug mich aus dem brennenden Zimmer. Hässliche, gleichgültige Menschen kamen und gingen; aber in der Nacht, als es still ward, halb wachte ich, halb träumte ich – die Andern hatten mich wohl vergessen in dem Wirrwarr, und die Nachtlampe brannte dunkel, da schlich es herein. Er überraschte mich –«

»Gerechter Gott!«

»Nein, Walter, erschrick nicht.«

»Wer?«

»Ich kannte ihn, und darf ihn doch nicht nennen. Er umfasste meine Knie, wie der Orest das Bild der Göttin, und seine schönen Augen rollten, wie eines Wahnsinnigen. Ich wollte aufschreien, mich losmachen, aber ich konnte nicht, wenn ich ihm ins Auge sah. Ihn peinigten ja auch, wie den Sohn des Agamemnon – die Furien.«

»Was wollte der Freche?«

»Er bat mich, daß ich vergessen, vergeben sollte.«

»Was solltest Du ihm vergeben?«

»Das ist aus der alten schrecklichen Geschichte –«

»Von der kein Wort! – Die Geheimräthin erwähnte neulich eines Unverschämten, der Dich auf der Straße verfolgt –«

»Ach, Walter, jetzt verstehe ich erst, was wir in den Gedichten lasen. Ist das Liebe so ist ja Liebe eine Krankheit, vor der Gott Dich und mich bewahre. So muß Orest krank gewesen sein.«

»Er sprach seine Leidenschaft aus, er quälte, marterte Dich? – Weiß Jemand darum?«

»Keiner soll davon wissen, außer Dir. Dich nehm' ich aus.«

»Du versprachst ihm Verschwiegenheit?«

»Ihm nicht, mir gelobte ich sie aus – einem Mitleid, das ich noch nie empfunden. Walter, o hättest Du ihm in das Gesicht gesehen, das schöne, fürchterliche Gesicht. Bald ein wildes Thier, das mich zerreißen konnte, bald wie ein Kind so sanft. – Ich bedurfte keines Beistandes, keiner Hülfe, glaube es mir, gewiß nicht. Ich wäre ihm wie eine Heilige, eine Göttin, eine Priesterin, deren Wünsche ihm Befehle sind –«

»Das ist die Sprache der Wüsten! Du kennst diese Menschen noch nicht. Wo ihre gewöhnlichen Künste nichts fruchten, sie einen Widerstand finden, den sie damit nicht bewältigen, stehlen sie aus der Seele ihres Opfers die edelsten Gefühle, um sie zu überlisten. Mit Thränen, empfindsamen Reden nesteln sie sich wie der Mehlthau an die Fasern und Fäden einer edlen Seele. Sie reißen die Brust auf, um Schmerzen zu zeigen, die sie erheuchelt, und indem [278] sie das Mitleid aufrufen, spritzen sie Gift in die arglose Seele de Theilnehmenden.«

Sie sah ihn ruhig an, und schüttelte den Kopf: »Du kennst ihn nicht; den nicht. Nein, Walter, das war keine Täuschung. Er schüttete seine volle Seele, seinen brennenden Schmerz, seine Selbstanklagen aus. Und dahinter blieb nichts zurück, kein Fältchen. – Wie eines Wahnsinnigen Reden klang es ja: aber wie die Wahnsinnigen im Alterthum, sagtest Du, die Wahrheit verkündeten. So spricht Keiner, daß er unwürdig sei, so entsagt Keiner dem, was ihm das Liebste ist – so spricht Keiner von dem Stern, der ihm zu spät geleuchtet. So nicht vom Vaterlande, das unter geht, So klagt sich Keiner an, daß er zu früh verzweifelt und darum selbst in dem Sumpfe versank, wo keine Rettung ist. Ich reichte ihm meine Hand, ich sagte, ich wollte ihn aufziehen, er rief: berühre mich nicht, es ist zu spät! Walter, das vergess' ich nie, das klang wie das Parzenlied. Da ist ein edler Mensch verloren gegangen.«

»Verloren!« rief Walter, in sich hinbrütend, »das ist ein schrecklich Wort.«

Sie ergriff seine Hand: »Und darum, Walter, darum habe ich gesprochen, wie ein Mädchen nicht sprechen soll. Und nun betrachte mich wie Dein Eigenthum; ich bin ganz ruhig und zufrieden. Schalte und walte damit, wie Du willst, schilt mich, züchtige mich nicht, daß ich den Schleier der Schicklichkeit zerriß, daß ich nicht abwartete, bis Du gesprochen. Bin ich nicht auch, wie die griechische Fürstentochter, fortgerissen aus dem Hause der Eltern, in die Welt gestoßen? Mein Gott hat es so gewollt, daß das Schrecklichste, Unerhörteste an einem armen Mädchen vorüberging. Da ward sie eine andere. Und Du bist der Mann, an den sich das schwache Mädchen lehnt, Du der Einzige, den ich werth fand, mich ihm zu geben, wie ich bin. War's Recht oder Unrecht, nun ist's an Dir, zu entscheiden. Du aber bist nun die Säule, an die der Epheu sich rankt, Du der Freund, den mir die Götter erzogen. Du sprichst nun für mich. So an Dich mich schmiegend, will ich stehen, wenn neue Stürme drohen, und der Unglückliche, der Verlorene, wenn er wieder kommt: Deine Verlobte, Walter, wird, ruhig und heiter, nicht mehr erschrecken.«

Die Schwalben und die Bienen, und die Sonne in der Linde schauten auf einen Glücklichen und eine still Zufriedene. Ein Moment, von dem Dichter jener Zeit gesagt hätten, daß Götter Sterblichen darum beneiden könnten. Der Neid der Götter war immer gefährlich, aber auch jene Götter täuschten sich und wurden getäuscht. Sie schaukelten über dem Spiegel auf der See und sahen nicht den Sturm, der ihre Tiefe aufwühlte. – Ueber [279] die Dächer tönte es vom Gensd'armenthurm. Die Lehrstunde war wohl zu Ende. Sie hörten mit Schrecken die Schläge. Es waren aus der einen Stunde drei geworden.

Das süße Geheimniß, was es für Andere noch bleiben sollte, durfte es nicht vor der Pflegemutter. Walter hatte es so gewollt. Adelheid erkannte seine Gründe an, aber sie seufzte, als sie aufstanden. Es war ein schwerer Gang.

An der Thür der Geheimräthin hörten sie ein Gespräch. Es war Wandels Stimme. Lisette, die hinzukam, sagte: Frau Geheimräthin wolle nicht gestört sein. – Adelheid athmete auf. Walter drückte ihre Hand: »Also ein andermal, theures Fräulein.« –

»Die sind auch einig,« sagte Lisette, nachdem sie die Flurthür hinter ihm zuschloß.

33. Kapitel. Auch eine Lehrstunde

Dreiunddreißigstes Kapitel.
Auch eine Lehrstunde.

In dem Gespräch zwischen der Geheimräthin und dem Legationsrath mochte auch schon weit über eine Stunde verstrichen sein. Es war gewissermaßen auch eine Lehrstunde, aber vom ursprünglichen Gegenstande mochten sie ebenfalls weit abgeschweift sein. Wir fanden neulich die Geheimräthin in aigrirter Stimmung auf den bewunderten Mann. Jetzt saßen sie Beide im intimsten Seelenverkehr auf dem Kanapé. Die Aussöhnung war längst erfolgt. Am Morgen nach der Gesellschaft war er schon vor Mucius und vor Selle dagewesen, er hatte ihr von dem präparirten Aether gebracht, der sie wunderbar schnell gestärkt und hergestellt. Er hatte Mucius durch seine Kenntnisse, die er in bescheidene Fragen einkleidete, überrascht, daß der Doktor beim Weggehen geäußert: Das ist ein Tausendkünstler, Madame! Den müssten wir setzen lassen, daß er nicht ins Handwerk pfuscht. Hatte er nicht Selle, der durch das Versehen des Dieners auch bestellt worden, so geschickt in die Konsultation zu ziehen gewusst, daß er die Verlegenheit der Geheimräthin nicht merkte.

Wie gesagt, es war alles ausgeglichen, – zwischen ihnen, aber nicht die tiefe Falte auf ihrer Stirn. Noch heut verrieth sie den Riß in der Brust.

»Ich werde gar keine Gesellschaften mehr geben,« hatte sie gesagt.

»Gott sei Dank!« sagte er.

»Warum?«

[280] »Weil Sie endlich zur Ueberzeugung kamen, daß man das für die Menschen sich opfern den Narren überlassen muß.«

»Sie meinen doch nur für die reale Menschheit, die in ihren Flitterkleidern ihre Armseligkeit zu verbergen sucht.«

»Und was ist die reale Menschheit? Sollen wir uns für den Begriff begeistern, der zwischen Adam und dem jüngsten Wiegenkinde liegt?«

»Aber was ist der Mensch, der sich für nichts interessirt! Für irgend etwas muß er doch der Opfer fähig sein, er muß leben, oder er kehrt zum Thier zurück.«

»Physiologen behaupten, daß jedes Menschengesicht eine Aehnlichkeit mit einer Espeçe derselben hat.«

»So wäre es an uns, zu entdecken, mit welchem wir Verwandtschaft haben. Und wenn wir's wissen, sind wir am Rande unserer Erkenntniß.«

»Moralisten behaupten, daß es alsdann unsere Aufgabe sei, dieses Thier zu bekämpfen.«

»Mit welchen haben Sie zu kämpfen?« fragte die Lupinus.

»Sie sind in aigrirter Laune, theuerste Frau. Das ist eigentlich die beste. Mit diesem moralischen Scheidewasser spülen wir am schnellsten die sensualen Auswüchse ab, die uns an unserm Glück hindern.«

»Was verstehen Sie unter diesen Auswüchsen?«

»Die sogenannten wohlwollenden Gefühle, die die ärgste Lüge sind, der Selbstbetrug, der uns am klaren Denken, am folgerechten Handeln hindert.«

»Sie lenken von meiner Frage ab. Für was lebt der Mensch?«

»Nur für sich selbst.«

»Aber in dies Selbst schließen Sie die Ideen, Bestrebungen, Illusionen, wie Sie es nennen wollen, ein, die unser Dasein über das Vegetiren der Pflanze, über den Instinkt der Thiere erheben?«

»Vielleicht.«

»Warum nur bedingt? Sie wollen ihn noch nicht bewundern, aber Sie anerkennen Napoleon.«

Er hatte mit unterschlagenen Armen, im Sopha zurückgelehnt, gesessen. Er sah sie scharf an: »Wollen Sie ein Napoleon werden?«

»Thorheit!«

»Fühlen Sie Beruf, eine Semiramis, Zenobia zu sein, oder eine Maria Theresia, Katharina«

»Das liegt ganz außer meiner Sphäre.«

»Das ist das Lösewort. Wer die Grenzen seiner Sphäre erkennt, weiß wofür er lebt. Er weiß auch, wie er leben soll, das heißt, er kennt die Mittel, mit denen er wirkt, bis wohin er wirken [281] kann. Wenn er aber das weiß, weiß er auch, daß nichts ihn hindern darf, so zu wirken, wie er kann, sagen wir muß. Was manwill und kann, muß man; es giebt keine höhere Aufgabe. Das aber ist die Krankheit unserer Zeit, das Siechthum unserer Halbwollenden, daß sie den großen Männern ihre großen Endziele abstehlen wollen. Haben sie Adlerflügel, Titanenkräfte? So flattern sie, wie die Motten, ins Licht und zerstoßen ihre blutwarmweichen Hirnschädel, mit denen sie Mauern einbrechen wollten, am ersten besten Zaunpfahl. Daher diese Idealisten, Staatskünstler, Menschheitsverbesserer! Was war es, das sie den Größen abstehlen sollten? – Die richtige Erkenntniß ihrer Sphäre, die sie füllen, der Kräfte über die sie gebieten können. Der achtzehnte Brümaire, wäre ein Verbrechen, nein eine Dummheit gewesen, wenn der Lieutenant von Toulon ihn gewagt, für den Sieger an den Pyramiden ward es eine Tugend, die Europa und die Welt bewunderte; er wusste was er konnte.«

»Und was können wir, die wir nicht wissen, was wir wollen, können?«

»Kein Mensch ist so gering, daß er nicht etwas will, was scheinbar über die Verhältnisse, über seine unentwickelten Kräfte hinausgeht. Aber wenn er den Muth hat, es sich zu gestehen, so wachsen schon dadurch unvermerkt diese Kräfte. Liegt das Ziel im Kreise des Möglichen, wohlverstanden für ihn, so ist es auch für ihn erreichbar. – Ich bin entfernt davon, in Ihre geheimen Wünsche dringen zu wollen: aber denken Sie sich, meine Freundin, einen solchen Wunsch, den Sie bisher für unerreichbar hielten, verkörpern Sie ihn sich, und überrechnen Sie dann die Mittel, die Ihr Geist, Ihr Vermögen, Ihre physische Kraft, Ihre Freunde Ihnen bieten. Reichen diese Mittel aus, sosind Sie am Ziel; denn es ist allein Ihre Schuld, wenn Sie es nicht erreichen.«

»Das ist ein gefährlicher Gedanke.«

»Warum? – Gesetzt, Sie fühlten sich unglücklich mit Ihrem Gatten –«

»Ich bitte Sie, Herr Legationsrath –«

»Nun, Sie wünschten ihn zu einem lebenslustigen Mann zu machen. Ist das etwas Unrechtes? – Doch es ist ein indiskretes Beispiel, Verzeihung! Also umgekehrt – Sie wollten sich ganz der Armenpflege widmen, Ihr Haus zum Hospital umschaffen, selbst Krankenwärterin werden. Ihre Mittel wären endlich erschöpft, ja, meine Freundin, die Möglichkeit wäre da, daß Sie ihm auch seine Stube nähmen, seine Bibliothek verkauften –«

»Ach der arme Mann!«

»Nur nicht Mitleid! Wer etwas will, muß diese Rücksichten verbannen. Sehn Sie, die Fürstin Gargazin möchte uns Alle zu [282] Konvertiten machen, sie scheut keine Mittel – gar keins, wenn sie nur Einen bekehren kann.«

»Mein Mann stürbe, wenn er von seinen Büchern lassen müsste.«

»Und wird von ihnen lassen müssen, wenn er von Allem lässt; Doch, um wieder auf Bonaparte zu kommen, wie viel Peripherien hat er, eine nach der andern, um seinen jeweiligen Standpunkt gezogen, weit, weiter, und das ist das Bewunderungswürdige, nicht seine gewonnenen Schlachten, sondern daß er, im Mittelpunkt des Kreises, nie über den Kreis hinausgriff! So ward er Konsul, Kaiser –«

»O ich bin ungemein begierig, Ihre Ansichten darüber zu erfahren.«

»Wozu das, Freundin? Wozu die eigne Kraft anstrengen und uns vergessen?«

»Aber es ist so interessant –«

»Sie haben Recht – seine Familienverhältnisse! Da liegt der Hemmschuh für den Giganten.«

»Die Familie erhebt er mit sich.«

»Aber Josephine hat keine Kinder. – Sie muß fort.«

»Wie! Sie hob ihn. Er kann sie doch nicht verstoßen.«

»Ei, seine Bewunderin hält ihn für so klein. Gefühle der Dankbarkeit sollen ihn an seinem Weltberuf hindern.«

»Aber das Urtheil der Welt würde –«

»Den Titanen regieren! Da habe ich keine Skrupel. Aber die Kreolin ist eigensinnig, reizbar. Wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will?«

»Sie meinten neulich, daß Josephine gegen ihren Mann contre operiren könnte?«

»Darüber bin ich hinaus. Sie ist nur eine Frau mit den gewöhnlichen Affekten eines Weibes. Groß im Kleinen, zu klein zu einer That, zu weich, gutherzig. Nein, nein, von der Seite ist nichts zu besorgen, aber er – Napoleon muß sich von ihr scheiden, er muß Söhne haben, er ist in voller Manneskraft, er ist durch die Verhältnisse wie von selbst zu einer Ehe gedrängt, die seine Nachkommenschaft vor der Meinung legitim macht, welche aus dem Schutt und Staub der Revolutionen aufsteigt und die Throne wieder mit einem Nimbus umzieht. Das ist ganz unabänderlich, daß muß er. Und wenn sie sich nun nicht scheiden lassen will, was muß er thun? Was wird er thun? Da, Freundin, wird sich's bewähren, ob er – er ist.«

»Mein Gott, Sie meinen –«

»Bisher war er sich immer klar. Aber diese Differenz –«

»Er liebt Josephinen!«

[283] »Was ist Liebe? Verstehn wir uns! Wir Beide meinen nicht jene Veilchenduft-, jene Vergißmeinnichtschwärmerei zartgeschaffener Seelen, noch jene dämonische Leidenschaft, die Mauern einreißt, um im Genuß sich zu tödten. Das sind Kinderspiele. Ich meine die Liebe, vor der Jahre und Verhältnisse wie Plunder versinken, das in den Mysterien der Natur geborne Bündniß Derer, die sich verstehen, sich das Zeugniß der Ebenbürtigkeit Einer dem Andern ausstellen. Diese Liebe bedarf keiner Besiegelung durch Lieder, Betheuerung und Schwüre. Sie ist da von sebst. Die Geister wie die Blicke brauchen sich nur zu finden, und im Moment ist der Bund geschlossen, ohne Worte.«

Die Geheimräthin seufzte: »Das ist eine Vorstellung, erhaben wie die Ewigkeit!«

»Und nun, frage ich, herrscht zwischen ihm und ihr ein solcher Bund? Begreift sie ihn nur? Freilich möchte sie sich sonnen in seinem Diademen-Glanze, die immer liebenswürdige Kaiserin und Französin sein, entzückend in Toilettenkünsten, Intriguen, brillirend von Esprit in der Konversation, bezaubernd die Herzen durch ihr weiches Herz, wenn er zuschlagen muß, ihm in den Arm fallend: Ach thu's doch lieber nicht! Was ist sie ihm? – Eine Last, die er abstreifen muß. Er muß, sage ich, wenn er vorwärts will, und er kann es, es kommt nur darauf an, ob er den Muth hat, es zu wollen.«

»Mein Kopf schwindelt!«

»Traf dies Loos nicht auch Solche, die er wahrhaft liebte? Und er vernichtete sie, weil er sie liebte.«

»Ich verstehe sie nicht.«

»Jene graubärtigen Krieger, seine Veteranen, die Säulen seines Ruhmes, die ihm nach Afrika gefolgt. Im Sonnenbrande der syrischen Wüsten war seine Mission erfüllt, er huldigte nicht der Thorheit, ein romantischer Alexander sein zu wollen, er dürstete nicht nach Eroberungen, die sich nicht halten lassen. Er musste zurück. Konnte er die Kranken, die Verwundeten durch die glühende Sandwüste mit schleppen? kaum seine Gesunden hielten die Strapazen aus! Sollte er die Unglücklichen dem Grimm barbarischer Feinde zurücklassen? Er war rasch entschlossen –«

»Sie nehmen das Gerücht für wahr an?«

»So wahr ich ihn ehre. Gewiß nach einem schweren Kampf. Wer trennt sich leichten Herzens von Denen, die uns die Theuersten sind. Aber als es ihm klar war, daß er sein musste, zauderte er keinen Moment Hand aus Werk zu legen. Durfte er sie erschießen, erschlagen lassen? Das durfte er nicht vor dem Urtheil der unmündigen Welt, nicht vor ihnen selbst. In süße Illusionen ließ er sie einwiegen, durch Opium bis – bis sie in süßen Träumen von [284] dieser Welt schieden. Wie Mancher der Soldaten mag auf dem sauern Rückweg, unter Durst und Sonnenstichen erliegend, hülflos vielleicht zurückgelassen, weil er sich von der Kolonne verirrt, im Angesicht des Tigers, der Hyäne, deren Geheul seiner Witterung nachging, wie Mancher mag an die schnell und glücklich Gestorbenen in Accum zurückgedacht, ihr Loos beneidet haben! Napoleon ging an ihren Lagerstätten umher, seine Augen blitzten sie an; dem nickte er, dem drückte er die Hand, dem rief er ein baldiges Wiedersehn auf dem Felde der Ehre zu. Sie Alle richteten sich begeistert auf und riefen ihrem großem General ein Vivat!«

»Und im Leibe des –« hielt sie zusammenschaudernd inne.

Er spielte ein bedeutungsloses Fingerspiel. Er hatte sehr wohlgeformte aristokratisch weiße Hände. Ein sanftes Lächeln spielte um die Augen, die auf die Hände niedersahen:

»Wenn wir uns nur gewöhnen könnten die Dinge anzusehen nicht wie die Leute, sondern wie sie sind! Wir würden viel glücklicher sein, und weit mehr Glück um uns verbreiten. – Hätte der große Mann sich um den Katechismus und die Morallehrer und Gott weiß welche Gevattern und Muhmen gekümmert, was hätte er dann thun sollen? Etwa um die hunderte oder tausende Kranke nicht zu verlassen, selbst zurück bleiben, mit seinem schon geschmolzenen Heere, ohne Vorräthe, der wachsenden Zahl seiner Feinde, der Hitze, den neuen Krankheiten gegenüber? Er wäre, so wahr zwei mal zwei gleich vier ist, als Opfer gefallen. Dann hätten freilich alle alten Weiber und alle romantischen Seelen sein Lob gesungen, als Märtyrer, der sich selbst geopfert für Nothleidende, und wie viel Tausende mit, das ist ihnen gleichgültig; es ist doch eine edle That. Aber daß er alsdann eine andere Mission vergessen hätte, daß es galt sein großes Frankreich aus der Anarchie zu retten, die aufs Neue ihre Polypenarme ausstreckte, daran denken diese sentimentalen Gemüther nicht. Lieber die arme Fliege retten, die im Netz der Spinne sich gefangen hat, als zugreifen, wo die Gardine Feuer fängt, und das Haus kann verbrennen. Das ist die Moral, welche die sanften Seelen uns predigen.«

Er war aufgesprungen: »O wie glücklich könnte die Welt sein, wenn die Menschen es verständen, frei zu sein!« Er war sichtlich in einer Gemüthsbewegung. Man hörte Adelheids Stimme am Klavier.

»Was würden Sie thun?« wandte er sich plötzlich zur Lupinus. »Hier wäre Ihr Johann erkrankt, zu Ihren Füßen hingestürzt, und dort hörten Sie einen Schrei Ihrer Tochter – der tolle Mensch, durch's Fenster gestiegen, überfiele sie am Klavier. Oder, – er ist zwar zu allem fähig, – aber setzen wir nur den Fall, Sie wüssten, daß er wieder zu ihr eingedrungen, daß er sie mit seinen [285] Verführungskünsten zu umgarnen sucht, was würden Sie, frage ich, zuerst thun? Dort nach Ihrem Schrank mit den Essenzen springen, um den Diener zu soulagiren, oder da nach dem Zimmer zu Ihrer Tochter? Ginge Ihnen der Diener oder die Tochter vor, der kranke Mensch, der doch über kurz sterben muß, oder das blühende junge Wesen?«

»Meine Tochter natürlich,« sagte die Lupinus. »Aber wenn der Mensch, der Johann, inzwischen stürbe? Was würde die Welt dazu sagen?«

»Was würden Sie dazu sagen? Das ist allein die Frage. Doch nichts anderes, als: dort droht ein unersetzlicher Verlust, hier kann ein Mensch sterben, für den der Tod eine Wohlthat ist. – Leben Sie wohl!«

»Habe ich Sie beleidigt?«

»Mich?«

»Sie raunen mir da eine entsetzliche Möglichkeit ins Ohr.«

»Possen! Phantasiestücke. – A propos, haben Sie Ihre kleine Apotheke arrangirt? – Den Aether gebrauchen Sie, ich bitte nochmals, nur im äußersten Nothfall.«

Er war an das Glasschränkchen getreten, und übersah die Etiketten der Gläser.

»Ich werde noch Ihres Unterrichts in manchen Mixturen bedürfen.«

»Nur mit keiner Sylbe gegen Jemand davon erwähnt. Doktor Mucius und die Andern wären im Stande einen Ausweisungsbefehl gegen mich zu erwirken. Die Herren Aerzte vertragen es nicht, wenn man in ihr Amt pfuscht.«

Mit einem zweiten Händedruck hatte er die Thür erfasst, als Adelheids volltönende Stimme im Zimmer hinter dem Entree die Reichardtsche Komposition des


Freudvoll und leidvoll,

Gedankenvoll sein


am Fortepiano sang.

»Die Kleine singt recht hübsch.«

»Reichardt ist zufrieden. Dusseck war neulich entzückt.«

»Weil Sie gut zu essen geben – Und Ihr Wein vortrefflich ist.«

»Lachen Sie nicht so abscheulich.«

»Eine gute Figur. Sie könnte auch auf dem Theater ihr Glück machen.«

»Pfui! Darum hätte ich sie –«

»Wie sie wollen. Aber sie genirt Sie doch wohl zuweilen. Nicht wahr? Bekennen Sie es nur.«

»Sie kann recht impertinent sein.«

[286] »Offenherzig! Ich verdenke es ihr nicht.«

»Hat sie ein Recht dazu?«

»Wird ihr nicht hundertfach gesagt, daß sie hier der Glanzpunkt ist? Sie allein der Magnet, der die Leute in dies Haus zieht? Sagen Sie es nicht selbst, Freundin? Ich könnte mir ein Gewissen draus machen, sie zu Ihnen gebracht zu haben, wenn ich nicht wüsste, daß auch eine Philosophin zuweilen eine Narrenschule um sich braucht.«

»Einige finden sie geistreich.«

Jetzt hätte die Geheimräthin mehr Recht gehabt, sein Lächeln abscheulich zu nennen.

»Es wird sich ja wohl bald für das geistreiche Mädchen eine gute Partie finden.«

»Wer weiß! Die jungen Leute sehen nach Geld.«

»Der Herr Bovillard würde vielleicht auch nicht so toll verliebt sein, wenn er nicht an eine Mariage dächte, um seine Schulden zu bezahlen.«

»Wie! Sie denken, es ist sein Ernst –«

»Wenn es Ihr Ernst ist, sie zur Erbin einzusetzen.«

»Wer denkt daran!«

»Außer sehr vielen Adelheids Eltern, und sehr ernstlich.«

»Impertinent! Am Ende wünschen sie, daß ich noch bei meinen Lebzeiten meines Vermögens mich entäußere, um das aufgenommene Mädchen auszustatten.«

»Solche Wünsche spricht man wenigstens nicht laut aus.«

»O sie sollen sich getäuscht sehen. Ich will –«

»Keinen Eklat, meine Freundin. Keine Affekte in solcher gleichgültigen Sache. Ihr Wille ist ja genug. Sie hatten also nie im Sinne, sie wirklich an Kindesstatt anzunehmen?«

»Und wenn ich einmal daran dachte –«

»So sind Sie bei reiferer Ueberlegung von der Thörigkeit dieses Entschlusses überzeugt, und Sie sind die Frau, die in einer Aufwallung nichts ändert. Was braucht es denn mehr, die Sache ist zwischen uns – ich meine in Ihrem Geiste klar. Aber wozu das aussprechen. Ich würde es auch nicht merken lassen. Laß die Gimpel sich doch täuschen. Wozu gab Gott Jedem sein Maß Klugheit? Warum sollen wir mit dem, was wir übrig haben, den Thoren beispringen. Und vielleicht verschafft der Glaube dem Mädchen doch eine gute Partie. Und ist es einmal soweit, dann springt auch nicht gleich Jeder darum ab. Das Point d'Honneur ist eine Erfindung, um die Mittelmäßigen zu reguliren. Und giebt es nicht mariages d'inclination? Und – wer weiß, wie Sie das Mädchen auf andre Art wieder los werden? Es fügt sich so manches. – Ich lache ordentlich, daß ich Ihnen darüber [287] Instruktionen geben will. Lassen Sie sie freudvoll und leidvoll, unter Hangen und Bangen, ihrem Schicksal entgegen hüpfen. Wir haben doch wahrhaftig für anderes als dafür zu sorgen.«

»Der abscheuliche junge Mensch will mir nicht aus dem Sinn,« sagte die Geheimräthin.

»Er wird Sie bald nicht mehr beunruhigen,« entgegnete der Legationsrath, indem er ein versiegeltes Päckchen in den Schrank gelegt, den Schlüssel abgezogen, und ihn in die Hand der Geheimräthin gedrückt hatte: »Bewahren Sie ihn wohl.«

»Was haben Sie hinein gethan?«

»Etwas, was Sie nur eröffnen dürfen nach meinem Tode.«

Sie starrte ihn an. Er drückte ihre Finger an die Lippen: »Auch davon still, still! Es ist nur mein Testament.«

Sie presste krampfhaft ihre Hand auf seinen Arm:

»Was haben Sie mir gesagt?«

»Daß ich einen festen Arm habe, einen sichern Blick, daß meine Kugel nie geirrt; daß – das wilde Blut des Leidenschaftlichen nicht zielen kann, und – so gewiß Sie vor mir stehen, ich werde nicht fallen. Ich habe Ihnen noch mehr gesagt, mit kaltem ruhigem Blute werde ich ihn zu Boden stürzen sehen. Das Bewusstsein, die Gesellschaft von einem Ruhestörer zu befreien, wird mir Befriedigung sein – wenn es dazu kommt!«

»Aber –«

»Weil der Zufall dämonisch ist, schrieb ich das auf.«

»Mein Freund, was soll ich mit Ihrem Testament?«

»Es lesen – annehmen, oder verwerfen.« Er wollte mit abgewandtem Gesichte hinaus.

»Nicht so! Ich muß wissen, ob ich nichts Gefährliches im Schrank verschließe.«

»Gefährliches! – Ich hatte eine Freundin, eine theure Freundin, sie war mein Alles, ich war es ihr. Sie verstand mich, sie ging nicht in meine Ideen ein, sie ging ihnen voraus –«

»Angelica, Ihre Gattin –«

»Auch dies äußere Band sollte das unlösbare unserer Geister befestigen, – wenn das nöthig, sagen Sie möglich gewesen wäre! – als eine andere rauhe Hand es zerriß. In ihrem Testamente hatte sie mir ihr Vermögen hinterlassen, mit den Worten: ›es ist ja nicht meines, es ist Deines, denn was mein war, war Dein, ich war Du, Du ich. Wirke es in Deiner Hand für mich. –‹ Sollte ich es etwa nun nicht annehmen, weil die Verwandten lamentirten und Gott weiß was für Klagen wegen Uebervortheilung, Erbschleicherei, vorbrachten? – In ihrer Hand war es vergeudet, in meiner lebte es zu den großen Zwecken der Seligen. – So wird auch meine Freundin keinen Anstand nehmen, wenn [288] ich das mir Anvertraute ihr wieder vertraue. Sie kannten mich, Sie wissen, was damit zu wirken, und wenn die Spanne Zeit zu kurz war, um unsre Geister ganz in einander aufgehen zu lassen – in dem Papiere – wozu Schrift, wo der Geist lebendig bleibt! Ihrer wird klären, wo es dunkel scheint; wo es dunkel ist, werden Sie Licht bringen. Die Verwaltung meiner Güter braucht Sie nicht erschrecken, es ist dafür gesorgt. Verwandte werden Sie nicht stören, die Welt der Blutsbande ist hinter mir in aschgraue Nebel versunken, – ich stand allein in dieser – die Zukunft war mein Reich – ich hoffte vielleicht neue – doch wozu das! Pfui über diese angeborne Natur, die uns immer wieder in die Sackgasse der Sentimentalität treibt.«

»Wie komme ich dazu?«

»Wie! –« Er lächelte. »Nein, Sie sind im Recht, Sie mussten sich darüber täuschen; es musste Sie frappiren, daß ich in erster Zeit mich in scheuer Ferne hielt. – Ach die Entschlafene schwebte ja noch immer an meiner Bettwand – und wer ist stark genug, wenn er eine Doppelgängerin sieht. – Aber seit auch der Geist der Seligen nicht todt ist, seit – genug. Wir werden uns ganz verstehen lernen, und wenn nicht, wenn unter einem schrillen Accord Sie plötzlich die Saiten springen hörten, dann – würden sich unsre Geister erst recht gefunden haben.«

Mit einem langen, brennenden Kuß auf ihre Hand war er rasch verschwunden.

Sie betrachtete eine Weile die Hand. Entweder weil sie brannte, oder weil sie zitterte, oder fragte sie sich, warum denn die Schwägerin auf ihrem Sterbebette gesagt, daß sie spitze Finger hätte?

34. Kapitel. Im Grunewald

Vierunddreißigstes Kapitel.
Im Grunewald.

»Sie waren zu eilig.«

»Ich lasse nie auf mich warten,« entgegnete der Legationsrath dem noch sehr jungen Manne, welcher diese Frage that, und dessen Aeußeres unverkennbar den Franzosen verrieth; wir setzen hinzu: den Diplomaten, wenn gleich die Diplomatie jener Zeit noch nicht ganz wieder die Parure der untergegangenen angenommen hatte, und die moderne noch nicht erfunden war.

Der junge Franzos stand unter einem Baum. Zwei Paar Pistolen lagen auf einem über dem Erdreich ausgebreiteten Mantel, daneben eine Pulverbüchse, ein Kugelbeutel und was sonst zu den [289] Vorbereitungen eines Geschäfts gehört, welches unzweifelhaft am Ausgange des Kieferwaldes im Werke war. Die Pistolen waren noch nicht geladen; der junge Mann, prüfte, den Hahn abdrückend, die Schärfe der Feuersteine. Sie schlugen helle Funken, Alles war im guten Stande.

Der Legationsrath ging mit gemessenen Schritten unter den Bänmen auf und ab. In der Ferne hinter dem Kieferngebüsch, in welches der hochstämmige Nadelwald auslief, bemerkte man eine leichte Kalesche, vor der zwei muthige Hengste ungeduldig den Sand stampften.

Der Legationsrath sprach ab und zu, wenn er vorüber kam, seinen Sekundanten an. Zuweilen schien er, in Gedanken versunken, ihn zu übersehen.

»Wie weit rechneten Sie die Grenze?«

»Wenn Ihre Pferde in gestrecktem Galopp auf den Seitenwegen die zweite Station erreichen, sind Sie mit dem Postrelais morgen früh auf sächsischem Grund und Boden. Es ist nur der fatale Sand.«

Der Fragende schien, während er die Antwort hörte, den Gegenstand schon vergessen zu haben: »Wenn die Sonne hinter dem Hochwald sinkt, werden Sie die Positionen ändern müssen, Vicomte.«

»Seien Sie unbesorgt. Die Sonne wird getheilt.«

Der Spaziergänger war nach einer weitern Promenade wieder zurückgekehrt. Die Falten aus seinem Gesicht waren verschwunden, er schien sogar zu lächeln, als er an der schweren goldenen Kette die Uhr aus der Hosentasche zog: »Die Uhren können differiren. Ich vergaß meine nach der Akademie zu stellen.«

»Auch ist der Rittmeister ein pünktlicher Mann,« sagte der Vicomte. »Nur empfahl er Vorsicht. ›Lieber Verspätung, als was Verdacht erregen kann‹.«

»Ich hoffe doch nicht,« sagte Wandel, und sein Auge blitzte, »daß unsrer Seits etwas versehen ist! Die Polizei hat Luchsaugen.«

»Verlassen Sie sich auf mich und den Rittmeister. Ihm ist's ein Vergnügen und mir auch.«

»Sie sollten sich in Ihrer Vergnügungslust etwas moderiren, Vicomte,« sprach leiser der Legationsrath mit einem halb vertraulichen, halb strafenden Tone. »Man hat hier andre Ansichten als in Paris.«

»Pah!«

»Und Sie würden nicht immer Jemand finden, der Sie aus solchen delicaten Verwicklungen herausreißt.«

»Thut es Ihnen etwa leid?«

»Mir thut nie etwas leid, was ich gethan.«

[290] »Dann soll es mir auch nicht leid thun, daß ich Ihnen aus Dankbarkeit sekundire.«

»Bereuten Sie es schon?«

»Halb und halb. – Nur aus Zärtlichkeit für meinen Chef.«

»Laforest hat viel Aufmerksamkeit für mich.«

»Weil er Sie fürchtet.«

»Fürchtet er mich wirklich?«

»Er fürchtet, was er nicht kennt.«

»Aber den Vicomte Marvilliers de la Motte Calvy fürchtet er doch nicht?«

»Was er nicht hat, macht ihn verdrießlich, was er nie erwerben kann, bissig.«

Herr von Wandel zog wieder die Uhr: »Ich kann mir das Unbehagen eines so ausgezeichneten Diplomaten, wie Herr von Laforest denken, wenn man ihm junge Männer attachirt, die er für Kundschafter seiner Rivalen hält, vielleicht selbst schon für künftige Rivalen, denn in der Diplomatie tritt der alte Adel unbedingt wieder in seine vorigen Rechte. Da würde es mir doppelt leid thun, Vicomte, wenn Ihre Gefälligkeit gegen mich sein Mißtrauen aufs Neue anregte. Doch lässt er sie wohl ohnedies seine wichtigern Depeschen nicht chiffriren.«

Der junge Mann sah auf: »Meine Finger sind noch stumpf von dem Figurenmachen.«

»Die Antwort, die Hardenberg an Duroc ertheilte, kann ihm unmöglich schon bekannt sein.«

»Ich will sie Ihnen auswendig sagen: Preußen werde unwandelbar bei seinen bisherigen Grundsätzen verharren und treu seinem Programm, die Ruhe des nördlichen Deutschlands wahrzunehmen und zu schützen wissen. Duroc zieht mit einer langen Nase ab, wenn er Ihren König zu überreden meinte, daß er mit seinen Truppen wieder in Hannover einrücke, um es für uns gegen die Alliirten in Schutz zu nehmen.«

»Es ist nicht mein König,« sagte Wandel kurz.

»Und daß Preußen,« fuhr der Attaché fort, »rüstet.«

Wenn auf Wandels Gesicht einige Verwunderung sich ausgesprochen, ging sie in einen sarkastischen Zug über: »Preußen rüstet gegen Frankreich! Ei, ei, Herr Vicomte, Sie geben uns überraschende Aufschlüsse!«

»Nur für sich. Achtzig Tausend Mann zur bewaffneten Neutralität.«

»Man weiß doch,« entgegnete Wandel, »daß General Buxhövden hier ist, um für die russische Armee einen Durchzug durch Schlesien zu fordern.«

[291] »Ja, in diesem Augenblick kann er wohl noch hier sein,« sagte schlau der Attaché.

»Und –«

»Und er hat gewiß, wie wir Alle, geglaubt, die Regierung wäre so schwach, oder franzosenfeindlich, oder dämlich, daß es nur eines Anstoßes bedürfe, um sie zu zwingen, sich öffentlich gegen Napoleon zu erklären. Er hat auch angestoßen –«

»Und es hat eine Dröhnung gegeben.«

»Man will nicht dämlich sein, nicht absolut franzosenfeindlich, und eingestandenermaßen schwach und keine offizielle Gliederpuppe, man empfindet die Kränkung, und übermorgen bricht die Armee nach der Weichsel auf, um den Russen die Zähne zu weisen.«

Der Legationsrath hatte hier offenbar Dinge erfahren, die ihn überraschten, die neuesten Neuigkeiten des heutigen Mittags. Wenn er die Ueberraschung auf seinem Gesichte verrieth, so merkte wenigstens der Attaché nichts davon, und es stellte sich auf dem eisernen Gesichte das feine Lächeln der Ueberlegenheit wieder ein, wie des Meisters, der einen Schüler auf die Probe gestellt hat, als er im gleichgültigem Tone sagte:

»Die Feldkessel wurden beim Gouverneur schon eingepackt, als ich vorhin ansprach. Das wird keine ernste Campagne werden. Die Ansichten, welche in der gestrigen Ministerkonferenz siegten –«

»Kennen wir!« unterbrach der Attach.

»Ich zweifle nicht an der Divinationsgabe des Herrn von Laforest. Indessen sind hier Viele so glücklich, diese Ansichten im Allgemeinen zu kennen.«

»Und wir im Besonderen. – Was sehen Sie mich so verwundert an, Herr von Wandel? – Ich meine das Circularschreiben an die Gesandtschaften nach Wien und Petersburg.«

Es war in der That ein so skeptischer Blick, de haut en bas, wie ein Duellant seinen Sekundanten nicht anzusehen pflegt, als der Legationsrath, die Hand auf die Schulter des Vicomte legend, sprach: »Ja, Herr von Marvilliers, die diplomatische ist eine angenehme Karriere für einen Anfänger, wenn man uns nur nicht immer die Brosamen vom Tisch als Geheimnisse aufpackte. Wenn Ihr Gesandter eine Kopie dieser Rundschrift sich zu verschaffen gewusst hat, so versichere ich Sie, er chiffrirt sie selbst um Mitternacht bei verschlossenen Thüren und in Charakteren, wozu – kaum Talleyrand den Schlüssel hat.«

Der Attaché fühlte sich gar nicht angenehm durch die Armauflegung des Legationsrathes berührt. Mit einer raschen Bewegung hatte er die Brieftasche aus der Brust gerissen und sich zugleich des Armes entledigt, zu dessen Stütze er keinen Beruf fühlte. »Hier hören Sie!« Er las von einem Papier:

[292] »Sie werden bemerklich zu machen haben, Preußen sei von Frankreich noch nicht beleidigt, im Gegentheil bei der Theilung Deutschlands gut bedacht worden. Warum solle man einen Krieg beginnen, nicht für sich, sondern für Andere? Die Verbindung, werden Sie einfließen lassen, mit Oesterreich und Rußland habe Preußen nie Segen gebracht. Sollte es vom Rhein her angegriffen werden, finde es in seinem eigenen, unüberwundenen Heere hinlängliche Vertheidigungsmittel. Schön sei es allerdings für Freunde zu kämpfen, und wenn man für Freunde, so kämpfe man für sich selbst; nur sei es Schade, daß Niemand in Deutschland so recht wisse, wer Freund und Feind sei. Und wer danke uns denn unsre Erhebung? Vielmehr fordere Klugheit und Gerechtkeit: Zurückziehen in sich und Beobachtung strenger Unparteilichkeit. – Die Demonstrationen, die wir machen werden, seien nur bestimmt, um die Stimmung im Volk zu beschwichtigen. Hannover würden wir nicht besetzen, aber keinen Durchmarsch der vom König von Schweden in Stralsund gesammelten Truppen gestatten, auch nicht den Durchmarsch der Völker Seiner Majestät des Kaisers von Rußland durch Schlesien, um Oesterreich Hülfe zu bringen, und ebensowenig den von Truppen des französischen Kaisers, durch welche Provinzen unsres Staates es sei, um einen Angriff gegen die Staaten Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich zu effektuiren, wir würden vielmehr jedes Unternehmen der Art als casus belli betrachten, getreu dem so lange bewährten Grundsatz unseres Staates, unsre Unterthanen vor jeder Unruhe, von innen wie von außen zu bewahren.«

»Ich habe es selbst chiffrirt,« setzte der Vicomte hinzu, das Papier wieder einsteckend. Die triumphirende Miene des jungen Mannes verzog sich, als er das lauernde Gesicht des Legationsrathes sah, der mit angestrengter Aufmerksamkeit, das Auge halb zu, das Ohr vorgebeugt, hingehorcht, hatte sich induciren lassen. Wandel hatte indeß ebenso schnell sein Gesicht in die gewohnten Formen zurückgezwängt, und auch er zog die Brieftasche heraus, hielt sie vor's Auge und las – fast wörtlich dasselbe, was der Vicomte gelesen. Gleichgültig schloß er nach dem letzten Worte den Stahldrücker und steckte das Etui in die Brusttasche:

»Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß es auch andere Quellen giebt, um aus den preussischen Staatsgeheimnissen zu schöpfen. – Nun aber wünschte ich wahr haftig, daß die Herren sich beeilten. Ich hatte mir mit dem Englischen Gesandten ein Rendezvous in der Oper gegeben.«

Er wandte dem Sekundanten den Rücken, um mit raschen Schritten wieder einen Streifzug durch die Bäume zu machen. Er hatte Grund gehabt, rasch die Brieftasche zu schließen, denn wenn [293] der Attaché einen Blick hinein gethan, würde er nur ein leeres Blatt gesehen haben. Wandel las aus der Luft; vermöge seines außerordentlichen Gedächtnisses konnte er den kaum aus dem Munde des Attaché vernommenen Brief fast Wort für Wort recitiren.

Der Vicomte blies die Melodie eines neuesten Chansons in die Luft, nicht ganz mit sich zufrieden, als der Legationsrath auch unzufrieden zurückkehrte, und versicherte, daß er auch von der Höhe, wo man die Straße übersieht, keinen Staub entdeckt habe.

»Ich denke so ungern Uebles von meinen Gegnern,« sprach er nach einer Weile vor sich hin.

Der Attaché summte sein Lied fort und lud dabei eine Pistole.

»Was wollen Sie thun, Marvilliers?«

»Die Krähe da vom Ast putzen.«

»Warum?«

»Mich zu amüsiren.«

»Verzeihung, wenn meine Meditationen Sie langweilten. Indessen wer mit einem Schritt am Rande der Ewigkeit steht –«

Der Franzose lachte auf: »Würde nicht zuschnappen wie ein Hayfisch nach einer politischen Neuigkeit, die er auf der Stelle gern an den Mann brächte, oder richtiger gesagt an eine Dame. Denn zu madame la conseillère in der Jägerstraße reiten Sie doch gewiß, wenn die Affaire hier beendet, auf Flügeln der Liebe.«

»Herr Vicomte!«

»Ich soll mich doch nicht durch die Hengste da täuschen lassen! Sie denken nicht nach Sachsen, Sie denken nicht zu sterben. Sie wollen leben bleiben, hier bleiben und sich amüsiren.«

»Ich habe allerdings, wie ich Ihnen sagte, das Präsentiment, daß ich von seiner Kugel nicht fallen werde.«

»Solche Präsentiments in Ehren, aber was Ihren Geschmack anbetrifft –«

»Mein Herr!«

»Sie wollen doch nicht mit mir eine Kugel wechseln! Da Sie das Präsentiment haben, leben zu bleiben, müsste ich fallen, und wenn ich fiele, was würde aus den Liebesbriefen, die ich zu bestellen habe, aus den Seufzern, die ich affektiren, aus den Vermummungen und Händedrücken, die ich am stillen Abend effektuiren soll? Parbleu, Herr von Wandel, wissen Sie, daß Sie mir einen Kriminalprozeß auf die Schultern laden? Das wird ja eine Halsbandgeschichte. Wie die La Mothe können Sie mich an den Pranger stellen. Solche Komödienfarcen en vue und ich soll glauben, daß Sie an den Rand der Ewigkeit denken!«

[294] »Ce ne sont que des services d'amitié. Nichts von Eigennutz.«

»Eigennutz, ein abscheuliches Wort, wo wir nurdes intérêts kennen. Von Interessen und Nutznießung ist die Rede, est-ce qu'on parle d'un mariage –! Und warum einem Fremden, dem Rittmeister, ein Glück aufdringen, und mit dreifacher Anstrengung, was Sie mit halber Anstrengung selbst genießen könnten! Und eine beauté sans pareille pour s'amuser, und ein Leierkasten, den man nur zu stimmen braucht, und er flötet Liebeslieder, wie Sie wollen von Dur bis Moll. Warum denn nun für einen Dritten ihn stimmen. Ein Götterspaß, ein solches Weib für sich schmachten lassen, nachlaufen, unsre Schulden bezahlen; um einen freundlichen Blick abzustehlen, in Schleier und Enveloppe auf unsre Stube schleichen, um sich zu erkundigen, warum wir uns so lange nicht sehen ließen, ob wir unpässlich sind, grollen? Denken Sie sich, sie zündet Ihnen die Pfeife an. Ist das nicht auch für die Phantasie eines Deutschen ein entzückender Gedanke!«

»Ist das schon die Libertinage Ihres neuen Hofes!«

»Alt wie die Welt ist das Vergnügen. Etwas jünger vielleicht die Kunst, es sich so pikant zu machen, als möglich.«

Der Legationsrath nahm ihm mit einer entschiedenen Bewegung die Pistole aus der Hand: »Schießen Sie nicht nach Krähen, wo es eines Menschen Leben gilt. Vicomte, ein guter Jäger schießt nur auf ein bestimmtes Ziel, Dilettanten feuern auch nach Sperlingen. – Halt! sie kommen.«

Um die Waldecke flogen Staubwirbel auf. Ein Reiter sprengte in gestrecktem Galopp heran. Er winkte ihnen schon von fern.

»Das ist nicht der Rittmeister; er ist in Civil.« –

»Wenn ich recht sehe,« sprach Wandel, »sein Neffe, der Kornet.« –

»Machen Sie sich aus dem Staube, meine Herren!« rief der Reiter. »Wir sind abgefasst. Schon vorm Jagdschloß. Alles verrathen.«

»Ich fliehe nicht.«

»Wie es Ihnen beliebt. Bovillard wird nach der Stadt gebracht. Ich fürchte mein Oheim auch. Ich schwenkte, ehe sie mich erkannt, um Sie zu avertiren.«

Der Vicomte sah den Legationsrath fragend an, als der Reiter bereits in der Schonung verschwand.

»Packen Sie die Pistolen ein, wenn's Ihnen beliebt, wir fahren –«

»Nach Sachsen?«

[295] »Nach der Stadt. Dem Schicksal, das meinen Gegner trifft, werde ich mich nicht entziehen.«

»Das kann eine lange Verhaftung nach sich ziehen; je nachdem –«

»Sie sind frei, Herr Vicomte. Ich überliefere mich der Behörde.«

Der Wagen war noch nicht vorgefahren, als eine andere leichte Jagdchaise heran rollte. Der Rittmeister sprang heraus, ein Zeuge und ein Wundarzt folgten.

Man erfuhr, was eigentlich keiner Verständigung mehr bedurfte. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben,« tröstete der Rittmeister. »Und wozu hilft eine Untersuchung, mein Herr, auf die Sie dringen, wer eine Unbesonnenheit und gar einen Verrath beging. Die Polizei giebt ihre Quellen nicht an.«

»Aber wie begnügte man sich damit, den einen Duellanten zu verhaften, warum suchte man nicht den andern? Verdanke ich das etwa Ihrer Güte, mein Herr Rittmeister?«

»Nur Ihrer eigenen Position,« sagte der Rittmeister, sich offiziös verbeugend. »Wir wussten ja nicht, mit wem wir die Ehre hatten. – Ausdrücklich ist Herr von Bovillard verhaftet worden, weil er sich eine Thätlichkeit und Herausforderung gegen eine diplomatische Person zu Schulden kommen lassen, welche in expressen Angelegenheiten ihres Souverains in Berlin war. Wegen Verletzung des Völkerrechts.«

Der Attaché sah verwundert auf seinen Begleiter, während der Rittmeister ein höhnisches Lächeln kaum unterdrücken konnte.

»Wäre es möglich,« rief Herr von Wandel, leicht an die Stirn schlagend. »Ich bin allerdings auch hier so zu sagen im Charakter eines Envoyé, um die Beschleunigung einer Prozeßangelegenheit zu versuchen. Indeß wer konnte das wissen, und die ganze Sache ist ja eine Bagatelle. Der Fürst –«

»Von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein,« sagte der Rittmeister.

»Der zu mediatisiren vergessen ward!« lachte Herr von Marvilliers auf. »Was hat denn der hier für Geschäfte, wenn er nicht inzwischen mediatisirt ist!«

»Das sind die diplomatischen Geheimnisse Ihres Freundes, in die wir kein Recht haben, einzudringen,« sagte der Rittmeister. »Die indeß unserem Freunde einige Wochen Haft kosten werden. Was man nicht alles der Diplomatie verdankt!« setzte er hinzu, auf den Wagen springend.

Beim Heimwege war der Legationsrath verstimmt. Der Attaché konnte es nicht unterlassen, ihn als Kollegen zu railliren. Er hatte herausgebracht, daß die Angelegenheit des Fürsten von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein keine andere sein könne, als den[296] Erlaß der Transitosteuer wegen tausend Kruken Schloß-Baben-Obersteiner Mineralwasser, welche bei der Accise mit Beschlag belegt worden, zu erwirken. Wer aber konnte sich für das Mineralwasser und die unangetastete Ehre seines Negocianten so lebhaft interessiren, daß er, um ihn zu retten, das Duell der Polizei denunzirte – wer anders als die Geheimräthin Lupinus.

»Sie haben ganz Recht,« sagte der Legationsrath, als er auf dem Gensd'armenmarkt halten ließ und ausstieg, »ich gehe auch eben, um ihr zu danken, oder zu zürnen.«

Aber der Legationsrath bog nur scheinbar in die Jägerstraße ein, als der Wagen weiter rollte. Er eilte rasch um die Ecke und durch die Markgrafenstraße nach den Linden, wo er im Hotel der Fürstin Gargazin verschwand.

Die Fürstin schrieb an ihrem Sekretär an mehreren Briefen, für welche die Boten warteten. Niemand sollte gemeldet werden, der Legationsrath ward aber dennoch durch einen vertrauten Kammerdiener die Hintertreppe heraufgelassen und sogleich empfangen.

Sie hatten ein langes Zwiegespräch. Die Fürstin schrieb, was Wandel diktirte: »Das Uebrige war mir schon heut Nachmittag bekannt,« sagte sie. »Buxhövden ist fort, aber die Depesche wird ihn überholen. Wir sind also für heute quitt.« Beim Abschied drückte er ihre Hand an die Lippen und verschwand auf dem Wege, den er gekommen.

35. Kapitel. Gehen Sie nach Karlsbad

Fünfunddreißigstes Kapitel.
Gehen Sie nach Karlsbad.

»Ruhe!« sagte der Minister.

Ein andrer als der, welchen wir in seinem Tuskulum gesehen. – Trug der hohe stattliche Mann auch nicht Stern und Ordensband, so gehörten sie doch zu dieser Miene, dieser Frisur, dieser Gestalt, wie dazu geboren. Das Wort Ruhe, das er zum Geheimrath Bovillard gesprochen, passte ebenso zu der ganzen Erscheinung des im Vollgefühl seiner Würde aufrecht dastehenden Nannes, ein König in seinem Zimmer.

Bovillard lehnte sich, den Hut in der Hand, in die Fensterbrüstung. Er war, im Gehen begriffen, nur noch durch eine Wendung des Gespräches zurückgehalten. Am Tische blätterte der Rath von Fuchsius in einer der aufliegenden Druckschriften, die er später in die Tasche steckte.

[297] »Die Oesterreicher konzentrirten sich zwischen Ulm und Memmingen,« sagte er, durch eine Bemerkung im Gespräch der Beiden dazu aufgefordert. »Nach den letzten Nachrichten aber nicht in einer Stärke, um einen Angriff wagen zu können. Sie warten offenbar auf Kutusow und die Russen, die von der Donau her kommen sollen –«

»Wenn Napoleon ihnen Zeit lässt,« fiel Bovillard ein.

»Wenn wir Kutusow durch Schlesien lassen,« sagte der Minister.

»Das soll nun freilich jetzt nicht geschehen,« warf der Geheimrath hin.

»Buxhövden ist eben so unverrichteter Dinge abgereist wie vor ihm Duroc.«

»Wir nehmen wirklich die Miene einer respektablen Selbstständigkeit an,« bemerkte der Rath.

»Sie meinen, weil wir Alle vor den Kopf stoßen, und Keinen zum Freunde behalten.«

»Ei, Herr von Bovillard, von Ihnen das!« sagte der Minister. »Ist das jetzt auch Lombards Meinung? – Haugwitz war freilich beim L'hombre neulich ganz konsternirt. Aber er leidet am Magen.«

»Excellenz, ich muß gestehen, die Sachen wachsen mir über den Kopf. Eine Bewegung wie eine Völkerwanderung. Und wir so ganz allein in der Mitte!«

»Sollen wir darum auch wandern!«

»Napoleon lässt seine Truppen von Bologne und vom Rhein heranrücken. Marmont führt sein Korps von Mainz her, Wrede eins von der obern Donau, Davoust aus Schwaben. Das ist genug um die Oesterreicher zu erdrücken. Und nach Allem, was man aus Paris schreibt, genügt es ihm diesmal nicht, seinen Feind zu schlagen, er will ihn vernichten. Sie studirten vorhin die Karte, sind Sie nicht der Ansicht, Herr von Fuchsius?«

»Wenn die Russen nicht zu ihm stoßen, sei Mack geliefert, war Herrn von Eisenhauchs Meinung. Napoleon développirt Kräfte wie nirgend zuvor.«

»Kann er nicht,« warf der Minister ein.

»Wer hindert ihn?«

»Wir. Bernadotte steht mit Hunderttausend in Hannover. Lassen wir ihn nicht durch, so ist Bonaparte ohne ihn nicht stärker, als die Oestreicher.«

»Und wenn er nun doch stärker wäre!« rief Bovillard.

»So lasst sie sich die Köpfe zerschlagen. Wir haben Profit tout clair.«

»Wenn aber Napoleon unsere Neutralität nicht respektirt!«

»Lassen wir die Russen durch. Sie sind doch sonst ein so [298] ruhiger Mann. Alteriren Sie die Vorwürfe, die man Herrn Lombard macht? Oder kümmert Sie Ihr Sohn? Das ist ja nun auch abgemacht.«

»Ich weiß nicht, Excellenz, es ist mir zuweilen wie in einer Gewitterluft.«

»Gehen Sie nach Karlsbad. Zwei Becher Sprudel täglich, nachher drei. Drei Wochen lang. Ist Alles vorbei, ist Alles nur Imagination.«

»Excellenz mögen recht haben,« sagte Bovillard, sich zum Gehen anschickend. »Nochmals meinen Dank, daß Sie sich meines fils perdu angenommen.«

»Nicht der Rede werth. Aber, wie gesagt, fort muß er, wenn er abgesessen hat. Leidet auch an Imaginationen. Die Reden, die er führt, sollen ja exekrabel sein.«

»Er hat sie nicht von mir.«

»Assurément! Aber eben darum. Ist für Sie selbst am besten.«

»Gewiß! aber wie?«

»Ihr Herr Sohn,« sagte Fuchsius benimmt sich diesmal weit gefasster im Gefängniß, »ja er hat selbst erklärt, es wäre ihm lieb, Berlin und Preußen auf immer zu verlassen.«

»Charmant!« sagte der Geheimrath. »Aber wohin? Wenn wir Kolonien hätten!«

»Wenn wir die hätten!« sagte der Minister und legte seufzend seine Hand auf Bovillards Schulter. »Dann wäre Vieles besser. Das waren die Herren von der Theorie unter den vorigen Königen! Gestehen Sie mir, Geheimrath, ist das ein kluger Staatsmann, der eine Domaine, weil sie nur tausend einbringt und er hoffte eine Million, der sie darum für 'nen Spottpreis fortgiebt! Brauchten wir unser Korn, Holz den Engländern zu verkaufen, uns von ihnen Preise machen lassen? Müssten wir noch von ihren Kolonialwaaren nehmen? Hätten wir Noth, wo unsre schlesische Leinwand lassen? Brauchten wir Rußland zu bitten, wie neulich, unsere inkorrigiblen Verbrecher nach Sibirien zu schaffen! Kolonien, Herr Geheimrath, und wir schafften unsre Verbrecher hin, unsre Rohprodukte, unsre Fabrikwaare, Ihren Herrn Sohn auch, wir machten allein die Preise, und die Kolonisten müssten kaufen und bezahlen. Wenn das wäre, könnten wir doppelt lachen über die Kalamitäten um uns her; wir können es aber auch so. Sie schlagen sich, plündern, brennen, verwüsten, und wir kultiviren unser Land, protegiren unsere Fabriken. Dann halten wir Markt und machen auch die Preise. Wie steigen jetzt schon unsre Güter mit den Friedensaussichten! Wissen Sie, was man mir für Schöneichen geboten hat? – Der Herr van Asten in der Spandauerstraße möchte es gern. [299] Will das Holz schlagen lassen, Brettermühlen anlegen; aber ich lasse es ihm nicht. A propos « – der Minister zog den Geheimrath bei Seite und sprach leiser – »kennen Sie den van Asten?«

»Er gilt für einen sehr respektablen Mann.«

»Ja, ja, aber das intus! Er hat viel in französischen Weinen gemacht. Seit dem Lager von Boulogne ist das Holz in Frankreich theuer. Will nun in Brettern hinmachen und in Wein retour. Entre nous soit dit, warum soll man den Vortheil nicht mitnehmen! Warum soll ich nicht selbst mein Holz zu Brettern und die Bretter zu Geld machen, oder auch zu Wein. Wein im Keller ist baares Geld.«

»Und der Wein aus Excellenz Kellern unter Freunden doppeltes Geld werth.«

»Also Sie meinen, man kann ihm trauen? Aber Schöneichen laß ich ihm jetzt nicht. Wissen Sie, wie hoch es der Legationsrath taxirt?«

»Herr von Wandel ist ein Kenner.«

»Hat mir Mergellagerungen nachgewiesen, an die kein Mensch gedacht. Hat sich auch sehr nobel bewiesen gegen Ihren Sohn, seine sogenannte diplomatische Qualité ganz desavouirt.«

»Von einem so edel gesinnten Manne konnte ich es erwarten.«

»Er meinte, ob man Ihren Sohn nicht auf eine schonende Weise, etwa durch einen Courierritt nach Petersburg oder Madrid entfernen könnte? Was meinen Sie dazu? Können's ja mit Lombard abmachen.«

»Ich will darüber nachdenken.«

»Reiten ist sehr gut. Treibt auch das finstre Blut aus. Sollten auch reiten, Geheimrath, Ihr Embonpoint – aber besser, wie gesagt, ist Karlsbad. – Haben Sie solche Eile?«

»Zu Herrn von Wandel, dem ich noch meinen Dank schulde. Man trifft ihn so selten zu Hause.«

»Verschließt sich auch viel in seinem Laboratoire.«

»Oder bei der Lupinus,« lächelte Bovillard.

»Inklination!«

»Wer hätte das denken sollen!«

»De gustibus – wissen Sie. Ueberhaupt was der Mann prästiren kann! Sagt mir der Präsident vom Pupillenkollegium, tagelang sitzt er in der Registratur ohne Refraichement.«

»Was macht er denn da?«

»Liest die Akten durch. Ich habe ihn empfohlen.«

»Wozu die Pupillenakten?«

»Was der Mann sich für Agrikultur interessirt!«

»Der Grund und Boden der märkischen Güter ist doch nicht in den Pupillenakten verzeichnet.«

[300] »Er findet Ihnen im kleinsten Umstand Renseignements. Sie glauben nicht, wie merveillös er im Diviniren ist. Aus einer Gutsrechnung, was an Gerste, Korn, Weizen gewonnen ist, zu welchen Preisen das Holz fortging, wie viel Torf gestochen ist, daraus macht er Schlüsse, zum Etonnement. Sein Kopf ist voll Verbesserungspläne für unsere Landwirthschaft.«

»Um so mehr zu bedauern, daß Haugwitz einen Degout gegen ihn hat. Was könnte er im Staatsdienst nützen!«

»Hat er den Gout dafür?«

»Der kommt von selbst, wenn man unter Ministern wie Excellenz arbeitet.«

»Ich ästimire ihn sehr. Hat geniale Gedanken, zum Beispiel über Schafzüchterei. Wie ich mich mit meinen Bauern separirt habe, das möchte er allen Gutsbesitzern zum Exempel hinstellen. Hat mir eine Rech nung aufgemacht, wie viel der Gutsherr eigentlich Schaden hat bei den Frohndiensten. Ich versichere Sie, die Augen gingen mir über –«

»Vor Freude, daß Ihr Genie ein so glückliches Arrangement getroffen. Die Bauern sind gewiß auch zufrieden. –«

»Sie wissen, wie Bauern sind.«

»Aber das Publikum verehrt Excellenz als einen Wohlthäter der unterdrückten Menschenklasse, und als der Staat für Ihre Verdienste Ihnen Schöneichen schenkte, hat er nicht daran gedacht, daß es so viel mehr werth war, als Excellenz daraus gemacht. In der Taxe, die Seiner Majestät damals vorgelegt wurde, war es ja wohl nur geschätzt auf –«

Der Minister unterbrach ihn: »Ich ästimire, wie gesagt, Herrn von Wandel sehr, indessen –«

»Seine Relationen mit der französischen Ambassade?«

»Was kümmert mich das! Möchte er den Türken dienen oder wem draußen. Aber –«

»Haugwitzs Abneigung –«

»Kümmere ich mich um Haugwitzs äußere Affairen! Was braucht er von meinen inneren zu wissen! Auch solche modernen Ideen! Jeder Minister trägt Seiner Majestät vor, oder lässt vortragen, was er für nöthig hält, im übrigen Herr in seinem Departement, und kümmert sich nicht, was ein anderer Minister will und denkt, oder nicht will und nicht denkt, und wenn ich Jemand anstelle, der Haugwitzs Pläne kontrekarriren oder Lucchesini vergiften wollte, das ginge doch nur mich an, ob ich einen solchen Menschen behalten will oder nicht. Also 's nicht um Haugwitz noch um irgend Jemand.«

»Dann wüsste ich in der That nichts, was man Herrn von [301] Wandel vorwerfen kann, als daß er keine Diners giebt. Gewisse Personen choquirt das allerdings.«

»Er hat nicht von unten auf avancirt. Verstehen Sie mich wohl, was ich damit meine. Kann das Hereingeblasene nicht leiden. Der Pli muß durch die Schule kommen. Es ist mir nicht sowohl um die Examina, denn wäre er von guter, ich meine von sicherer Extraktion, so – aber – die Familie Wandel, sie mag sehr respektabel sein, je n'en doute pas, indessen im Rüxner und in Kaiser Caroli Landbuch finden wir keinen Wandel. Comprenez-vous? Wie gesagt, ein genialischer Mann, sehr unterrichtet, generös – ich werde ihn morgen zu Tisch einladen.«

Die Einladung war die Entlassung, oder der Wink zum Gehen für Bovillard.

An der Thüre winkte ihn noch ein A propos zurück. Der Minister ging dem Rückkehrenden noch um einige Schritte entgegen, und mit einem faunischen Augenblinzeln flüsterte er in einem Tone, zwischen Herablassung und Kordialität: »A propos, Herr Geheimrath haben ja wohl interessante Staatskonferenzen jetzt bei St. Real?«

»Verstandesspiele, Rekreations in der Gewitterschwüle,« entgegnete Bovillard und war hinaus.

»Wer war denn das im Vorzimmer?« fragte er, als Fuchsius ihn noch im Flur des Hotels einholte. »Die Physiognomie muß ich schon gesehen haben.«

»Der Sohn des reichen Kaufmanns van Asten.«

»Der! – Ist ja ein Genie. Was will der beim Minister?«

Fuchsius zuckte die Achseln: »Was eigentlich, weiß ich nicht. Vielleicht eine Anstellung.«

Im Weitergehen begegnete er dem Rittmeister, der in Gedanken versunken ihn nicht sah. Der Rath blickte ihm nach:

»Ob es nicht Pflicht wäre, dieser Puppe den Staar zu stechen, daß er sähe, an welchem Draht er gezogen wird. Es ist doch eine Natur in ihm!«

Er hatte es unwillkürlich halb laut gesprochen. Der Major Eisenhauch, der hinter ihm gekommen, klopfte ihm auf die Schulter: »Lasst die Puppen noch eine Weile nach der Drehorgel tanzen. Der Blitz züngelt schon, der die Drähte schmelzen wird, alle mit einem Schlage. Dann lasst uns sehen, was auf dem Resonnanzboden fällt, was steht!«

»Ihre Augen glühen.«

»Die Wolken rollen; das Gewitter muß sich entladen. Abermaliger Aufschub ist unmöglich. Die zuverlässigsten Nachrichten,« sagte er leiser und sich vorsichtig umblickend, »kamen eben an. Napoleon darf, kann, wird die Oesterreicher an der Donau nicht [302] eher angreifen, als bis Bernadotte aus Hannover zu ihm stößt. Er darf keinen Umweg nehmen, die Stunde brennt, Napoleon muß schnell zuschlagen, bevor die Oesterreicher sich verstärken; Bernadotte muß also durch die fränkischen Lande, um zur Stunde zu kommen. Wissen Sie, was es heißt, wenn Napoleon sagt, es muß sein?«

»Wenn doch ein Mensch bei uns dies Muß ausspräche!« stöhnte der Rath.

»Wo die Menschen zu schwach sind, donnern die Umstände. Er wird die Traktaten verletzen, er wird durch preußisches Gebiet brechen und wir –«

»Was werden wir thun?«

»Wenn noch ein Funke preußischen Muthes ist, zündet er und die Mine springt. Sie zweifeln noch! – Sie glauben, auch diesen Hohn könne unsre Langmuth dulden! Herr, ich schelte Sie einen Hochverräther an sich selbst. Ich hoffe, auch Haugwitz lässt seine L'hombrekarten fallen; auch Lombard blitzt es in einem lichten Momente, daß er eine dupe war. Wer nicht! Oder wäre der Nerv schon ausgezogen diesem eisernen Volke, Glanz und Elasticität diesem Herrschergeschlechte, jene Wunderkraft, die dies Reich aus einem Nichts geschaffen, wäre lungenkrank im letzten Stadium!«

»Sei unser Genius wach!«

»Und wir auf sein Kommando! Darauf kommt es an.«

»Stein ist fest. Er wird auf Hardenbergs eben so feste Unterstützung rechnen dürfen.«

»Keiner darf ruhen, wir müssen einheizen, schüren, Jeder an seiner Stelle. Brandstifter sein wird jetzt zur Tugend und Pflicht. Keine Parteimeinungen mehr, Civil und Militär, die traurige Spaltung muß verschwinden. Die Prinzen unterstützt! Die Königin! Vor allem Prinz Louis! Die Regimenter angejubelt auf der Parade beim Marsch. Haben wir denn keine Kriegslieder, keine Dichter! Auf dem Theater Stücke, die das Blut entzünden! Wozu haben wir Federn, Papier, Druckerschwärze, Zeitungen, wenn sie nur da sind um Räthsel und Anekdoten zu drucken. Das wäre das Mittel um Blitze –«

»Sie vergessen –«

»Die für die Gebildeten schreiben! Ins Volk die Blitze geschleudert! Das gilt es. Haß, Grimm muß die Massen durchwühlen, Rachewuth zum Opfermuth werden. Erfinde man Greuelgeschichten, wenn die wirklichen noch nicht zünden, vom Franzosen-Uebermuth, von Schande und Schändungen, Erpressungen, Hohn und Höllenlust; diese Dichtung ist heilig, es gilt ja das Volk, nicht uns. Ihm sein Alles zu retten, seine Sitte, Sprache, Geschichte, selbst sein eigenes Leben, seine Zukunft. Denn alles das [303] steht auf dem Spiel, nicht wenn wir geschlagen werden, wenn wir nicht schlagen. Wir gehn unter in uns, und vor uns selbst. Wem dies Schrecklichste der Schrecken klar ist, der kennt keine Rücksichten mehr.«

Während Fuchsius auf der Straße seinen Freund bitten musste, sich zu mäßigen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, stand Walter van Asten vor dem Minister. Wenn er mit Feuer gekommen war, verloderte es vor dem aufrechten Mann, der ohne eine Miene zu verziehen seine Anrede angehört hatte. Er war ins Stocken gerathen, er hatte wenigstens nicht das gesagt, nicht alles, was noch auf der Schwelle zum Hotel, noch im Vorzimmer in seiner Brust, ein wohlgeordneter Strom der Ueberzeugung, fertig lag.

»Was wollen Sie eigentlich?« sagte der Minister.

»Ich habe es in der Druckschrift, welche ich meiner ehrfurchtsvollen Bitte um diese Audienz beilegte, dargelegt.«

»Ich lese nichts Gedrucktes,« sagte der Minister.

Es war ein kalter Blitzschlag. Aber er zündete in Walters Brust. Eine Pause, dann verbeugte er sich:

»So bitte ich um Verzeihung, daß ich an die unrechte Stelle mich wandte.«

Walter hatte übersehen, daß der Olymp, aus dessen Wolken der Blitz kam, seine Stirn nicht kräuselte. Auch nach dieser Antwort blieb er unbeweglich. Er gab nicht das Zeichen zur Entfernung. Nach einer neuen Pause kam aus denselben Lippen dieselbe Frage:

»Was wollen Sie eigentlich?«

»Jetzt nur meine Dreistigkeit bereuen.«

»Sie sind der Sohn von van Asten und Compagnie?«

»Zur Compagnie gehöre ich nicht.«

»Ein respektables Haus. Macht nur in Geschäften, die es versteht.«

Abermals eine Pause, und noch kein Zeichen der Entlassung. Aber der Olymp bewegte sich. Die Hände auf dem Rücken, ging der Minister einige Mal auf und ab:

»Der Tausend noch mal, wie kommen Sie denn zu dem Zeug!«

Also hatte er sich doch vortragen lassen, von Jemand, der Gedrucktes las. Der Schluß war richtig, und Waltern, ich sage nicht der Muth, aber die Lust zurückgekehrt:

»Weil ich in Euer Excellenz den Mann erkannte, welcher durch die That dem, was nothwendig wird, vorausgekommen ist. Sie sind es, der mit seinen Bauern sich gesetzt hat, der ihnen Freiheit, Eigenthum zurückgab, Sie der erste, der dies glänzende Beispiel –«

[304] »Ach also darum!« unterbrach der Minister. »Ich glaubte von wegen Ihres Vaters –«

»Nein, weil Excellenz erkannt, wo uns der Schuh drückt, weil Excellenz erkannt, daß diese Säule, auf welcher der germanische Staat ruht, der Bauernstand, kein Helotenstand länger bleiben darf –«

»Ja, ja, ja, also darum!« wiederholte der Minister ihn unterbrechend, und nahm eine Prise, vielleicht ein Zeichen der Zufriedenheit, jedenfalls eines, daß er fürs erste nichts weiter hören wollte. – »Was geht Sie denn der Bauernstand an? Sie haben doch keine Güter.«

»Erlauben Sie mir zu fragen, was ging er Excellenz an –«

»Weil meine Bauern faules Volk sind, weil der Meier sie aus dem Kruge treiben musste, weil mein Inspektor gut rechnen kann, und mir wie's Ein mal Eins bewies, daß die Frohnarbeit uns theurer zu stehen kam, als der Tagelohn, weil ich meine Aecker durch die Bauernäcker arrondirte, die sie mir als Abkaufssumme hergaben, weil ich ein guter Landwirth bin, und sie zweimal besser nutze als sie, weil ein großer Complex sich besser bewirthschaftet als ein kleiner. Darum mein junger Herr –«

»Und wenn auch nur diese, gelten diese Gründe nicht für Alle!«

»Was gehn mich die Andern an! Fege Jeder vor seiner Thür, und wer sich im Mist betten will, warum soll ich's hindern!«

Walters Brust hob, seine Lippen öffneten sich, der vorhin unterdrückte Strom der Rede floß heraus in kurzen, schlagenden Sätzen, und die Excellenz hatte die Güte ihn nicht zu unterbrechen. Sie beschäftigte sich, einen Fleck auf ihrer Emaildose abzuwischen. Er hatte gesprochen; das Was wissen wir schon, oder wir erfahren es noch. Da war der Fleck wirklich gereinigt und der Minister sagte recht freundlich:

»Eine hübsche Elaboration. Wenn Sie das geschrieben hätten, könnte man's ad acta nehmen. Aber Drucksachen, das ist nichts; es schickt sich nicht für einen Geschäftsmann. – Was wollen Sie nun eigentlich, ich meine Sie für sich?«

»Ich leugne nicht, Excellenz, wenn diese Ansichten vor unsern Staatsmännern Eingang finden, und man an die Ausführung ginge, daß ich mich wohl befähigt fühlte, mit Hand anzulegen. Ich würde eine Freiheit opfern, die ich mir lange als ein köstliches Gut bewahrt, und würde gern eine Anstellung annehmen.«

»Sehn Sie, das lieb ich, das ist vernünftig gesprochen. Sie gehn auf eine Anstellung aus, um das Uebrige kümmern Sie sich nicht.«

»Dies dürfte doch von meiner Ansicht differiren.«

[305] »Drauf kommt es nicht an. Wird Ihren Vater sehr freuen. Ist ein braver Mann, und wird es Ihnen an Unterstützung nicht fehlen lassen, wenn ich ein Wort einlege. Denn Unterstützung werden Sie noch eine ganze Weile brauchen. Die große Karriere, die geben Sie natürlich auf, haben ja nicht Cameralia studirt. Und die Examina! Schadet nichts. Das von unten Anfangen ist das solideste. Erst in der Kanzlei ein Jahr, höchstens ein paar als Kopist. Dann machen wir einen Versuch mit dem Expediren, Sekretair! An Konnexionen wird es Ihnen ja wohl bei guter Conduite nicht fehlen« – lächelte der Minister – »dann Geheimsekretär, Kanzleiinspektor!«

Der junge Mann stand sprachlos da.

»Der Kriegsrath Alltag, sehn Sie dessen Karriere! Noch nicht voll sechszig und war schon Kanzleidirektor mit dem Titel Kriegsrath, und Sie wissen noch nicht, was er noch wird. Aber nun etwas, mein junger Herr, die Flausen lassen Sie aus dem Kopf. Nie etwas besser wissen wollen als Ihre Vorgesetzten. Wenn's auch mal falsch wäre, nie den Mund aufgethan. Sie wissen nicht, warum sie's falsch machen. Keine Sylbe mehr gedruckt, das versteht sich von selbst. Wenn Sie Bücher lesen müssen, thun Sie's für sich. Nöthig ist's nicht. Stört immer im Dienst. Gelehrte sind schlechte Officianten. Und« – der Minister fasste mit holdseliger Miene den Knopf seines Rockes – »und am Kopistentisch sollen Sie nicht zu lange sitzen, Sie schreiben ja eine saubere, präzise Hand, habe mich wirklich gefreut, die Grundstriche so grade und voll. Daran sieht man den Charakter. Da dispensiren wir Sie wohl schon nach einem halben Jahre!«

Walter hatte die volle Sprache und Ruhe wieder gewonnen:

»Gerührten Herzens habe ich Ew. Excellenz gütige Intentionen vernommen, die ich wohl nur der guten Meinung verdanke, welche Excellenz für meinen Vater hegen. Da aber meine Ansichten von der Art, wie der Staat die Kräfte seiner Bürger nutzen muß, von der Ansicht Deroselben abweichen, so glaubte ich unrecht zu thun, wenn ich Dero wohlwollende Gesinnung Solchen entzöge, welche williger und befähigter zu den Diensten sind, für die ich meinen Willen und meine Kraft unausreichend bekennen muß.«

Der Minister sah ihn weder verwundert, noch erzürnt an. Er liebte wohlgesetzte Kanzleiphrasen. Dann nickte er ihm freundlich Abschied.

»Also Sie wollen nicht. Grüßen Sie Ihren Vater von mir und gehn Sie nach Karlsbad, lieber Herr van Asten. Nach Karlsbad sage ich Ihnen. Wenn wir alle Staatsverbesserer dahin schicken könnten, würde es mit unserem Staate besser. Nicht nach der [306] Festung, dafür bin ich nicht. Simpel nach Karlsbad, drei Becher täglich am Sprudel, die gehörige Promenade darauf, drei Monat und wir hätten Ruhe im Lande.«

36. Kapitel. Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschäften

Sechsunddreißigstes Kapitel.
Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschäften.

»Der Herr Geheimrath sind nicht zu Hause –« »Der Herr Geheimrath ertheilen heute keine Audienz« – lauteten die verschiedenen Antworten, mit denen der Kammerdiener die verschiedenen Personen, welche in der Wohnung des Geheimraths Bovillard nach ihm fragten, abgewiesen hatte. Auch Herrn von Fuchsius war dasselbe begegnet, »wegen einer wichtigen Konferenz in Staatsgeschäften.«

Bei Konferenzen in wichtigen Staatsgeschäften war der Rath immer zugezogen. Der Diener zuckte lächelnd die Achseln: »Herr Geheimrath haben heut expreß befohlen keine Ausnahme zu machen –« Fuchsius sah aus dem Thorweg den Wagen des Ministers fahren: »Wenn die entsetzlichste Rathlosigkeit wirklich zum Rath – und wenn sie zur That führte!« sprach er aufseufzend. »Es ist spät, aber doch vielleicht noch nicht zu spät!«

»Excellenz waren nicht aufgelegt,« bemerkte der Kammerherr von St. Real in der kleinen Hinterstube, wo sich die Konferenz versammelt hatte.

»Leidet am Magen,« sagte Bovillard mit dem moquanten Lächeln, das seine Freunde kannten, wenn er die Worte eines nicht gegenwärtigen Freundes citirte.

»Am Magen?«

»Excellenz halten nicht Diät. Mischen zuviel, Trüffelwürste und Rhabarber, Sonnenaufgänge und nächtliche Promenaden, Tugend und Tänzerinnen –«

»Die auswärtigen Angelegenheiten liegen in seinem Magen wie Kraut und Rüben.«

»Wir sind indeß, meines Wissens, nicht hier wegen der affaires éntrangères,« bemerkte der Kammerherr.

»Mais qu'est-ce qu'on peut faire, mon ami, wenn der Leiermann vor der Thür von Morgen bis Abend sie abgeorgelt, Hardenberg mit so schönem Discant singt und Lombard und Beyme und Voß, und dazwischen brummt der Baß des Herrn von Stein, und Johannes Müller zwitschert, und Herr von Massenbach giebt seine unmaßgebliche Meinung, und Luchesini räuspert sich, und [307] Rüchel trommelt und Prinz Louis schmettert mit Trompeten, und seine Schwester und die Prinzeß Mariane accompagniren mit Jeremiä Klagegesang. Da bleibe ein vernünftiger Mensch unafficirt! Ich will in allem Respekt noch gar nichts sagen von der Venus Urania, die in der Stille vor ihrem Spiegel die Haube der Bellona probirt, und wie ihrem himmlischen Gesichte der Blick des Zornes und der Entrüstung steht, den sie auf den Monstrepilz bei Gelegenheit werfen will.«

»Monsieur de Bovillard braucht uns nicht zu versichern, daß er nie ein Admirateur der Venus Urania war.«

»Offenherzig, ich halte es mit dem edlen Schiller, – der ist nun auch todt, alles Edle stirbt, meine Freunde, – als er sang:


Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,

Wie ganz anders, anders war es da!

Da man deine Tempel noch bekränzte

Venus Amathusia!«


Der Dritte im Bunde, der kein anderer war als der Legationsrath Wandel, meinte, er könne die Besorgniß nicht theilen, so viel er wisse, sei doch gestern beschlossen: der König wolle, die besondere Lage seiner fränkischen Lande erwägend, jeder der kriegführenden Mächte den Durchzug gewähren. Damit schiene denn doch alles ausgeglichen, und die äußeren Angelegenheiten dürften dem excellenten Freunde seines edlen Freundes kein Kopfbrechen mehr verursachen.

»Gestern, Theuerster! Aber heute nicht mehr. Man hat angeführt, das verrathe Schwäche. Darum wollen wir heute Stärke verrathen, und erklären, daß wir Niemand durchlassen. Brauchen uns aber darum nicht zu änstigen, morgen haben wir uns wieder anders besonnen, und lassen durch. Dieser Durchlaß nun liegt Christian im Magen, ein Aderlaß an seinem Humor, und darum lief er fort, ehe wir anfingen.«

Wandel hatte sich an den kleinen Tisch gesetzt, auf dem, wie zum Spott, für vier Personen vier Aktenhefte, Papier und Federn lagen; das wichtigere Aktenstück oder Corpus delicti stand unter dem Tische, der Champagnerkorb. »Von nun an wird Niemand wer es sei, eingelassen,« rief Bovillard, als der Kammerdiener die Leuchter auf den Tisch gesetzt. »Also, meine Herren, wir standen bei Artikel zwei –« rief er noch mit einer Stimme, welche der abtretende Diener im Nebenzimmer hören konnte. Als die äußere Thür zuklang, erhob sich der Flaschenkorb, ein Pfropfen knallte gegen die Decke und drei Gläser stießen gegen einander: »Auf guten Fortgang!«

»Der scheint gesichert,« sagte Wandel.

»Und wir verdanken ihn, was ich als Präsident hier auszusprechen [308] mich für verpflichtet halte, insbesondere der unermüdlichen Thätigkeit unseres theuren Kollegen. Herr Legationsrath von Wandel, wiewohl gleichsam als Experter zugezogen, hat sich doch der Sache als Amateur angenommen. Gehen wir demnächst zur Sache über. Wir standen also –«

»Ich erlaube mir, ehe wir fortfahren, eine präjudicielle Bemerkung,« hub der Kammerherr an. »Ich weiß für gewiß, daß der französische Gesandte von unseren Verhandlungen Kenntniß hat. Sollte durch die unverzeihliche Indiskretion eines Kanzleibeamten demselben ein Aktenstück in die Hände gespielt sein? Wenn dem so wäre, erlaube ich mir, bei unsern würdigen Herrn Präsidenten den Antrag auf strengste Recherche deshalb.«

»Das Kollegium hat den Antrag vernommen,« sagte Bovillard. »Ich muß präjudiziell bemerken, daß ich dagegen stimmen werde. Wenn das Kollegium erlaubt, erkläre ich meine Gründe. Pro primo haben wir keine Aktenstücke, denn es ward nichts geschrieben, logischer Schluß: sie können nicht abgeschrieben werden. Pro secundo haben wir keine Kanzlei, was nicht ist kann keine Indiskretion begehen, pro tertio würde eine solche Untersuchung den Verdacht der Indiskretion auf ein oder das andere Mitglied unsres hochverehrten Kollegii werfen, was wir aus besonderen und höheren Rücksichten vermeiden müssen. Herr Kollege von Wandel wünscht uns seine Ansicht mitzutheilen.«

»Was das Faktum anlangt,« sagte der Legationsrath, »so muß ich dem geehrten Kollegen von St. Real beistimmen. Laforest weiß es; aber was folgt daraus? – Laforest weiß Alles. Warum sollte er dies nicht wissen. Wer es ihm zuträgt, –«

»Vermuthlich der Champagnergeist,« rief Bovillard, sein Glas füllend, daß der Schaum über den Rand stieg. »Landsleute plaudern gern weiter!«

»Aber es schadet unserer Sache nichts. Diplomatische Berichte bleiben versiegelte Geheimnisse, und wenn die Archive sich für Historiker lüften, kümmert es keinen Lebendigen mehr. Ferner was Laforest weiß, weiß er nur für Napoleon oder Talleyrand. Beide werden unsre Pläne nicht kontrecarriren. Endlich wenn das Geheimniß auf dem Wege nach Paris auch hier durchgeschwitzt hätte, was ich nicht in Abrede stellen will, ist die Sache doch zu pikant, als daß der ehrliche Finder den Verräther spielen sollte. Aus diesen Gründen, meine Herrn, erblicke ich in dem hingestellten Faktum weder Gefahr, noch etwas Hinderliches, und stimme, salve meliori, unmaßgeblich über den Einwand hinweg zu gehen.«

Der Präsident blickte, die Feder in der Hand, sich um. Es war einstimmiges Conclusum. Der Wein fing an die Zunge zu lösen, und man warf den Curialstyl mit den Akten in den Winkel.

[309] »Sie also tout à fait ébloui?« rief Bovillard nach dem Bericht des Legationsraths.

Der Kammerherr anerkannte mit gebührenden Lobsprüchen die Diligenz, welche Herr von Wandel bewiesen, bestand indeß darauf, daß die Baronin, wenn die Schwadron vorübermaschirte, sich jetzt ostensibler am Fenster zeige. Es sei zuviel gefordert, wenn sein Pflegebefohlener, der Amandus, sich jedes Mal einbilden solle, daß der Kopf der Amanda hinter Balsaminentöpfen versteckt sei. Die Imaginationskraft eines Kavallerieoffiziers sei aber nicht die eines Poeten; er müsste ihn also dann und wann leibhaftig sehen, um im Glauben zu verharren.

»Unser Operationsplan aber forderte Bedacht,« entgegnete Wandel. »Wir mussten als Psychologen zu Werke gehen. Wer ist schwerer zu erobern? Sie oder Er? Das war die Frage. Es galt eine Bildsäule zur Galathee zu erweichen, und aus der Galathee eine Potiphar zu machen. Haben wir nur erst eine Madame Potiphar, so ist doch keine Sorge darum, daß ein Gardekavallerie-Offizier den Joseph spielen sollte. Diese zweite Eroberung machte sich vielmehr dann von selbst – A propos, warum ich Herrn Kammerhern so oft ersucht, der Amandus, Ihr Client, darf nicht mehr den Knebelbart streichen.«

Der Kammerherr versprach, daß es unterbleiben solle.

»Sie haben auch gewiß schon eine kleine Entrevuein petto?« sagte Bovillard. »Sie etwa im Negligee von ihm überrascht!«

»Wer setzt auf eine Karte sein Ganzes, wenn er im Gewinnen ist! Wer spielt überhaupt ein gewagtes Spiel, wenn er durch arithmetische Progressionen zum Ziele kommen muß! Der beste Zauber, meine Herren, ist, der sich selbst wirkt, auf organischem Wege. Neugier und Eitelkeit operiren wunderbar in der Psyche des Weibes. Die gespannte Erwartung entzündet die Phantasie. Um zu erfahren, ob es so sei, wie ich angab, gab sie sich alle Mühe, den Amandus zu beobachten, und entdeckte nun mit weiblichem Scharfsinn weit mehr, als ein Mann mit seiner roheren Wahrnehmungsgabe nur erfinden kann.«

»Und die Uhr geht fort?«

»Eine schlechte, die man jede Stunde anstoßen muß. Sie geht so normal, daß ich alle Intermezzos und gewaltsame oder nur freundliche Hülfe von draußen wegwünsche.«

Bovillard wiegte sich, beide Hände in den Seitentaschen, behaglich im Stuhl, und fixirte schlau den Redner:

»Wenn der Schalk ihm nicht im Nacken säße! Allen Respekt für seine Intuitionen in die Psyche des Weibes, aber er weiß eben so gut, wie man Weiber durch Weiber behandelt, und uns möchte [310] er doch einbilden, daß wir seine Agentinnen nicht kennen. In der Jägerstraße hängt freilich ihr Agenturschild nicht heraus, aber die Zwirnsfäden sieht man doch, mit denen sie ihre Mirakel weben. Ueberhaupt, cher ami, wozu denn diese Mystères! Ist gar nicht Ihr Profit, Legationsrath. An Talismänner und Wünschelruthen glauben wir hier nicht, aber je mehr zweibeinige Maschinen Einer für sich in Bewegung zu setzen versteht, ein um so größerer Wunderthäter wird er für uns.«

Auf Wandels Stirn lagerte sich eine officiöse Falte und die Augenbrauen drückten sich zusammen:

»Prätendire ich, ein St. Germain zu sein! Aber der ausgezeichneten Frau thun Sie unrecht. Eine Dame, deren Verstand in so andern höheren Regionen schweift, würde sich nie zu einer mesquinen Intrigue bequemen; Verzeihung, meine Herren, aber nennen wir die Sache bei ihrem Namen, man muß seine Menschen kennen. Ich hätte nicht einmal gewagt, ihr von der Sache zu sprechen. Meine Herren, ich wiederhole es, Sie kennen diese seltene Frau nicht.«

»Holla! Also offen ausgesprochen ihr Ritter. Und uns den Handschuh hingeworfen! Kennen Sie sie denn?«

Nach einigem Schweigen antwortete Wandel: »Nein! – Es giebt Erscheinungen, wo der Augenaufschlag die Seele uns erschließt, andere, wo der geschickteste Psychologe sein Senkblei umsonst gebraucht. Ich fühle nur, daß dies Seelengewebe aus so zarten ätherischen Fasern zusammengesetzt ist, daß die leiseste Berührung unharmonischer Töne es zusammenschrecken macht; und hinwiederum ist es von einer Elasticität, daß ein rauher Anstoß diese Fühlfäden zu hartem Stahl verwandelt.«

»Lassen Sie sich nicht erdrücken von dem Stahl. Heim sagte mal, in der Frau wäre eine cachirte Sinnlichkeit. Gegen die Sinnlichkeit habe ich nichts, aber das Cachirte liebe ich nicht.«

»Diese rohen Aerzte, die die Schwungfedern der Seele nur empirisch betasten! Da wollen sie ihren Mann mit Assa foetida und Valeriana behandeln, und seine Krankheit ist rein eine des Gemüthes. Der Geheimrath lebte längst nicht mehr, wenn sie nicht eine geistige Atmosphäre um ihn zu bereiten wüsste, worin er athmet.«

»So schlimm stände es mit dem Bücherwurm?«

»Sie sahen ja auch wohl ihren Bedienten, einen Moribundus. Was quält sie sich ab, diesen Menschen wieder auf die Beine zu bringen! Ich gebe Ihnen zu, es ist vielleicht ein krankhafter Instinkt, der Natur in den Arm greifen zu wollen, aber sie will's sie muß probiren. Die Doktoren haben ihn längst aufgegeben, er ist ja nur ein Bedienter, aber denken Sie – neulich fand ich sie, [311] wie sie von dem theuren Lebensäther, den Herr Flittner präparirt, dem Menschen einflößte. Mein Gott, sagte ich, der Aether ist immer nur ein Palliativ, er lässt die Lebensflamme noch einmal auflodern, aber um so schneller verzehrt sie. Man wendet ihn bei hohen Personen an, wo die letzten Momente kostbar sind; aber dieser Bediente, was kommt es da auf eine Spanne Leben und Bewusstsein an. Er kann Ihnen unter den Hände zusammensinken. Was würden Sie dann sagen? – Ich kann Ihnen das wunderbare Lächeln nicht beschreiben, mit dem sie anwortete: Ich habe mir dann selbst genügt. So ist sie –«

»Eine Schwärmerin! Gehn Sie mir vom Leibe mit Ihrem Lebensäther.«

»Ich gebe Ihnen gewissermaßen recht, Herr von Bovillard. Das Verhalten zu ihrem Pflegekind könnten strenge Moralisten auch eine Schwärmerei nennen. Sie opfert sich ihm ganz und warum? und wie wird es ihr belohnt! Sie wissen von der soit disant Verlobung mit dem jungen Schulmeister. Eine andere Frau würde außer sich sein. Welche Pläne sind ihr vereitelt. Sie lächelt als Philosophin.«

»Es giebt Personen, auf die alles Mißgeschick zusammenstürmt,« fuhr er, den Kopf schüttelnd, nach einer Pause fort, wo die Andern geschwiegen; der Abstecher, in welchem der Legationsrath sich so zu gefallen schien, kam Beiden ungelegen. »Der Vater des Lehrers, der alte van Asten, brummt über die Sache, und ist sogar auf die Geheimräthin ungehalten.«

Bovillard fiel ein: »Die Ehrbarkeit seines alten Hauses fühlt sich touchirt. Was ist natürlicher, er sah sie mal aus einem andern Hause kommen. Um das Renommée eines Hauses und die Ehrbarkeit ist's doch eine köstliche Sache! Was macht der Alte für Geschäfte damit, mit dem verräucherten Steinhaufen in der Spandauerstraße, mit dem glatt gepuderten Kopfe, der Catomiene, die sich nie verzieht, auch nicht, wenn er das große Loos gewinnt, mit seinen rindsledernen Schuhen, die schon eine Viertelmeile weit knarren! Das ist ein Respekt auf dem Markte, an der Börse, wenn der alte van Asten mit seinem Bambusstocke heranhustet. Und das nennt die Kanaille nicht Diplomatie.«

Der Geheimrath schien vergnügt, von dem ihm sichtlich unangenehmen Gegenstande abgelenkt zu haben, während der Kammerherr mit eben so sichtlicher Ungeduld meinte, man komme ja ganz von der Hauptsache ab.

»Mademoiselle Alltag bleibt indeß immer eine sehr interessante Nebensache,« lächelte der Legationsrath.

Bovillard stichelte, er hege den Verdacht, daß sein Freund eine noch vornehmere Agentin in Kontribution gesetzt. Wandels Stirn [312] legte sich diesmal nicht in offiziöse Falten, sie blieb ganz glatt, als er erwiderte:

»Herr von Bovillard will damit andeuten, was Herr von Laforest dazu sagen dürfte, wenn ich mit der russischen Fürstin kommunicire. Laforest weiß, daß ich Kosmopolit, und die Prinzeß, daß ich ein Sünder bin. Der Unterschied ist nur, daß Herr von Laforest es aufgiebt, die Fürstin aber noch nicht, mich zu ihrem Glauben zu bekehren.«

»O der Verräther! Nun ist er auch geständig, unsre Geheimnisse an Rußland verrathen zu haben!«

»Hat aber damit den Beistand seiner Diplomatie erkauft. Schlagen Sie diesen Beistand nicht zu gering an, meine Herren. Ihre Erlaucht interessirt sich wirklich en passant für die Baronin Eitelbach.«

»Sie will sie zur Sünderin machen, um sie nachher zur Heiligen zu bekehren. Delicieur! Magnifique der Gedanke!«

»Meine Herren,« sagte der Legationsrath sich verneigend, »ich habe das Meinige gethan. Die nächste Aktion muß vom Rittmeister ausgehen.«

Man ließ die Gläser auf den Strategen und seine Agentinnen klingen. St. Reals Bericht war kürzer:

»Sie glauben nicht, wie schwer es uns ward, den Stier auf die Spur zu bringen. Als es indeß soweit war, ging es auch wie ein Brummtriesel, der nicht mehr zu sich kommt. Oder es überschauerte ihn wie ein Donnerwetter mit Platzregen. Der Mann ist vollkommen ausgetauscht, weich, sage ich Ihnen, wie Wachs. Sein Gewissen gerührt; er delirirt, verwünscht zuweilen seinen Knebelbart, ja es giebt Augenblicke, wo er ihn abschneiden möchte. Nach dem letzten Billet wollte er wirklich Urlaub nehmen. Wir hatten Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß das jetzt als Feigheit ausgelegt werden könnte. Mit einem Wort, er ist zu Allem bereit, was das verehrte Kollegium über ihn beschließt. Nur muß man ihm zu Hülfe kommen. Er ward ordentlich jungfräulich schüchtern aus Gewissensbissen, daß er eine schöne Dame, die ihn liebt, so lange und grausam beleidigt hat.«

»Aber was nun weiter?« sagte der Kammerherr.

Der Geheimrath nahm die Präsidentenmiene an: »Unser Thema also war, sie sollen und müssen sich verlieben. In der Ausführung sind wir auf den Punkt angelangt: sie stehen im Begriff sich zu verlieben. Die nächste Frage ist nun: wie soll dieser Prozeß weiter geführt werden? und die darauf folgende, welchen Ausgang soll er nehmen?«

»Als Tragödie oder als Komödie?«

»Nur keine Tragödie! Haben draußen Trauerspiele genug. [313] Höchstens etwas Sentimentales, ein wenig Jammer, unterbrochen durch einige Affektblitze, Verzweiflungsseufzer, einige Thränen, etwas Menschenhaß und Reue, pour décorer la situation, aber so wenig wie möglich.«

»Eine Zwischenfrage, meine Herren. Wünschen Sie die Sache schnell zum Resultat geführt?«

»Legationsrath, was fällt Ihnen ein! Wir führen ja das Stück zu unserer Rekreation auf.«

»In diesem Falle wird es nöthig, einen Hemmschuh anzulegen; denn lassen wir die Dinge sich jetzt entwickeln, so platzt über kurz die Erklärung heraus und endet in einer Liaison oder einem stillen Seelenbündniß.«

»Zum Geier mit Ihrem Seelenbündniß! Auf Eklat kommt's an, Schauspiele soll's geben, einen Skandal, daß die Stadt die Hände zusammenschlägt.«

»Excellenz meinten nicht so –« warf St. Real ein.

»Excellenz ist ein Hypochonder geworden. Wer A gesagt muß B sagen. Keine Retiraden! Hemmschuhe meinethalben. Ersinnen Sie was. Warum ging Ihr verfluchter psychologischer Prozeß auch mit Siebenmeilenstiefeln? Etwas von Rendezvous auf Redouten, oder im Mondenschein, wo man zusehen kann. Dann Hindernisse! Wenn Eitelbach nicht will, so werden Sie ja schon Ehrenwächter finden. Kann man nicht eine Prinzessin, oder die Königin für die Tugend der Baronin interessiren. Grausame Trennungen, überraschendes Wiedersehen!«

»Er könnte wie Leander zur Hero schwimmen! Die Spree ist nur nicht breit genug.«

»Imagination, meine Herren! Sie können sich in einer Kutsche ein Rendezvous geben, sie wird als verdächtig angehalten, Beide auf die Wache gebracht.«

»Nur nicht auf die Wache! Das ist ein zu hässlicher Eklat!« rief der Kammerherr.

»Oder er steigt zu ihr ein. Der Nachtwächter entdeckt die Leiter, Lärm wird gemacht, man sucht nach Dieben.«

»Wünschen Sie, daß er mit Madame's Bewilligung eingestiegen ist?« fragte Wandel.

»Besser nicht. Nein, er muß es in toller Leidenschaft thun. Sie muß außer sich sein. Man kann sie ja vorher wieder ein Bischen gegen ihn eingenommen haben. Sie wird empört, daß er ihren Ruf aufs Spiel setzt. In tugendhafter Entrüstung befiehlt sie ihm, sich nie wieder vor ihr sehen zu lassen. Er stürzt ihr zu Füßen, hilft nichts, er muß wieder zum Fenster raus. – Da fehlt die Leiter, der Lärm geht los. Denken Sie sich die pikante Situation! Sie in Zorn, er in Verzweiflung. Je größer die Gefahr, je näher [314] die Tritte, so mehr schwindet ihr Zorn, das Mitleid siegt, das Bekenntniß ihrer Liebe platzt heraus. –«

»Und? –«

»Zur Zärtlichkeit ist da nicht Zeit. Immer Aufschub. Die Polizei schlägt an die Thür. Sie muß ihn verstecken – in den Kleiderschrank.«

»Da kriegen Sie den Rittmeister nicht mehr rein!« lächelte St. Real.

»Es wird sich ja ein Versteck finden. Lassen Sie ihn auf den Boden springen, aufs Dach klettern.«

»Und! – Er muß doch auch vom Dach wieder herunter. Ich meine, was das Ende vom Liede sein soll?«

»Kommt Zeit, kommt Rath, Legationsrath; schlagen Sie einen alten Roman nach. Vom Dach werden wir ihn nicht fallen lassen.«

»Mit einem Worte, verlangen Sie eine Entführung oder nur –«

»Prächtig! eine Entführung. Göttermensch, Sie stehlen mir's aus der Seele. Wie lange ist in Berlin Keine entführt worden. Das giebt ein Gerede, Kinder, einen Spaß! Ich will selbst die Postrelais bezahlen, mit Seegebarth sprechen, die schnellsten Postpferde sollen sie haben.«

»St. Real schüttelte den Kopf: ›Alles sehr schön. Wer soll sie aber verfolgen?‹«

»Nun, Ihr Mann!«

Kaum war es über die Lippen, als er selbst in das stille Gelächter der Andern einstimmen musste.

»Er lacht sich vor Vergnügen todt, wenn er's hört.«

Es war ein unerwarteter Querstrich.

Bovillard riß die gekreuzten Arme auseinander, mit denen er eine Weile vor sich sinnend gesessen. »Er thut's doch vielleicht!«

»Der Baron! Er schämte sich in den Tod, daß man ihn für eifersüchtig hält.«

»Wer spricht von Eifersucht, St. Real! Neunzigtausend Thaler gehen ihm durch. Kann er neunzigtausend Thaler mir nichts dir nichts über die Grenze lassen!«

»Neunzigtausend Thaler,« wiederholte der Legationsrath.

»Sie haben freilich getrennte Gütergemeinschaft,« sagte der Kammerherr. »Ihn schätzt man eben so hoch.«

»Hundertachtzigtausend Thaler unter Brüdern, meine Herren,« fuhr Bovillard fort, »die zerreißen wir. Bedenken Sie das wohl.«

»Hundertachtzigtausend Thaler!« wiederholte der Legationsrath.

»Was so ernsthaft, Wandel?«

»Die Sache ist es. Er müsste sich nach dem Eklat scheiden lassen, sie würde den Rittmeister heirathen, und wir verschaffen ihm [315] eine Frau mit neunzigtausend Thalern. Meine Herren, Sie räumen mir ein, daß die Sache dadurch ein ganz anderes Fundament gewinnt. Es ist kein Divertissement mehr, es wird zu einem reinen Geschäft, und wir müssten uns fragen – das heißt, ich bitte Sie, sich darüber zu entscheiden, welche Raison Sie haben, den Herrn von Dohleneck zu einem reichen Mann zu machen?«

»Raison! Pah, was kommt's drauf an! Und hab' ich keine! Der Rittmeister hat sich nobel gegen meinen Taugenichts benommen. Blutvergießen verhindert. Sie auch, Legationsrath. Sollen Sie sie entführen? Hätte nichts dagegen. Neunzigtausend Thaler, wir sind ja in einer generösen Laune und er hat Schulden wie Haare auf dem Kopfe.«

Die vierte Flasche war entkorkt und die Gesicher leuchteten. »Handeln wir wie die Vorsehung, welche die Güter dieser Welt ausgleicht. Angestoßen auf den großen Gedanken, Freunde! Für die Menschheit –«

»Das heißt für Stiers Gläubiger.«

»Das Gefühl uneigennützigen Handelns für die Zwecke der Humanität stärke uns. Reine Liebe edler Seelen, neunzigtausend Thaler in ersten Hypotheken und schlesischen Pfandbriefen und eine wunderschöne Frau und dumm! Was Götter selbst beneiden könnten, wir schenken's einem verschuldeten Kavallerieoffizier.«

Der Legationsrath stimmte nicht in die Ausgelassenheit: »Sie zerstören Ihre eigenen Beschlüsse, wenn Sie zu hastig losgehen.«

»Legationsrath, ein edler Entschluß darf nicht Runzeln bekommen.«

»Aber ein Witz nicht zur Spekulation werden, sonst bricht seine Spitze. Conclusum est–«

»Sie sollen sich noch eine Weile quälen,« sagte der Kammerherr.

»Hatte ich es beinah vergessen! 'S ist mein gutes Herz. Ich kann nun einmal Unglückliche nicht leiden sehen. Alle Menschen sind ja Brüder –«

»Und alle Frauen Schwestern!« sagte Wandel aufstehend. »Aber ich muß Contreordre geben, wenn's nicht schon zu spät ist.« Er zog die Uhr, und stampfte auf. »Wahrhaftig, es ist schon zu spät.«

»Was ist's?«

Sie standen nicht mehr ganz fest, als sie jetzt aufstanden. Der Legationsrath strich über die Stirn.

»Unser Joseph geht heut an Madame Potiphars Haus vorüber. Ein leises Schluchzen sollte seine Schritte fesseln –«

»Ei, Herr von Wandel, mir ins Gehege!« rief der Kammerherr. »Der Joseph war zu meiner Disposition.«

»Verzeihung! Ich wollte Sie überraschen; es war gut gemeint. [316] Eine schluchzende Gestalt am Balsaminenfenster sollte ein Bouquet auf seine Brust fallen lassen; – eine rasche Entwicklung stand dann in Aussicht. Wer konnte den heutigen Beschluß ahnen! Um zehn Uhr war's bestellt, und es ist ein Viertel auf eilf. Vielleicht kann ich noch retten.«

Bovillard fiel ihm in den Arm: »Bleiben Sie, lasst sie glücklich sein, wir sind's ja auch. Glückliche Menschen machen, was giebt es Schöneres unterm Sternenzelt. Fand einmal meine Selige in Thränen über Lafontaines neuestem Roman: Kriegen Sie sich nicht? frage ich. – Er ist erst am Ende des ersten Bandes, sagte sie. – Er muß! sage ich. – Wie kannst Du's? – Da klopft es. Wer tritt ein? Herr Lafontaine. Ich riß meine Selige auf, ich zeigte ihm ihre rothen Augen: Barbar, das ist Ihr Werk; können Sie's ruhig ansehen? Eine Thräne der Rührung, eine Thräne der Versöhnung. – Er küsste ihre Hand. – Sie sollen sich kriegen, Madame! – Auf der Stelle ließ ich ihn zu Herrn Sander fahren, dem Buchhändler. Zwei Bogen wurden makulirt, und nach acht Tagen kriegte sie die ersten des zweiten Theils. Schon im ersten Kapitel hatten sie sich gekriegt. – Den Jammer sparte er nachher für dir Ehe – zwei Bände voll!«

»Das nenne ich einen exemplarischen Ehemann!« sagte Wandel.

»Und Herr Lafontaine kriegte die Präbende!« bemerkte St. Real.

»Eine gute That belohnt die andre.«

Schon als Bovillard den Dichter Lafontaine klopfen ließ, hatte man ein starkes Pochen an der Hausthür gehört, darauf einen Lärm von mehren Stimmen; die des Kammerdieners war deutlich zu erkennen, welche Eindringenden den Zutritt verwehren wollte. Eine andre Stimme tönte aber scharf hindurch, welche den Lagationsrath zu frappiren schien, auch der Kammerherr horchte aufmerksam. Nur der Geheimrath hörte in seiner Aufregung erst darauf, als feste Männertritte die kleine Hintertreppe heraufstürmten. »Sie dürfen nicht, ich darf Niemand reinlassen,« schrie der Kammerdiener, der um die Wette mit dem Stürmenden zu laufen schien. »Aber mich!« rief es. Darauf ein Fall, der Diener musste zurückgestoßen sein, und die Thür sprang auf.

»Was bedeutet das!« rief der Geheimrath, einen Leuchter ergreifend, und wollte ins Kabinet.

»Das Vaterland!« rief die Stimme im selben aufgeregten Tone, als der Geheimrath schon, wie von einer Erscheinung erschreckt, zurückprallte. Der Leuchter entfiel ihm.

Der Legationsrath hatte hastig den Hut gefasst, als er den Eintretenden erblickte, der Kammerherr folgte ihm eben so schnell. Der Geheimrath Bovillard blieb mit der Erscheinung allein im Zimmer.

[317]

37. Kapitel. Vater und Sohn

Siebenunddreißigstes Kapitel.
Vater und Sohn.

Louis Bovillard war entlassen. Er war ein stiller Gefangener gewesen; die Beamten waren erstaunt gewesen, er hatte diesmal keinen Streit angefangen, keine Scheibe zerschlagen, keinen Wärter zur Thür hinausgeworfen. Er hatte, in sich versunken, da gesessen, bis die Stunde der Befreiung schlug. Nichts von der Außenwelt war zu ihm gedrungen: da war es doch natürlich, daß er sich jetzt orientiren wollte in der ihm fremd gewordenen. Wohl hatte es durch die dicken Mauern geklungen von außerordenlichen Dingen, von einer Stimmung, die nie da gewesen, von einem heißen Fieber, das die Glieder schüttle, von einem Geist im Volke, der den langen Winterschlaf von den Lidern streife. Im Gefängniß träumt man lebendiger von der Freiheit. Er aber hatte auf seinem Holzbett stumm gelächelt; seine Träume waren anderwärts.

Und jetzt lächelte er wieder, wenn er durch die bewegten und stillen Straßen ging. Sie waren so breit, so todt und so geräuschvoll, wie immer: die Mühlen klapperten, die Menschen schwatzten wie immer. »Was suchen Sie, Bovillard?« fragte ein Bekannter, der ihm nicht ausweichen können. – »Die Stimmung,« war seine Antwort. Der Kalkulator stutzte, aber er erinnerte sich, daß Bovillard Klavier spielte. »Sie suchen einen Stimmer? Ihr Klavier« – »Ist total verstimmt,« antwortete der junge Mann und wandte ihm den Rücken.

Ein Plakat an der Ecke! Vielleicht ein Aufruf des Königs an sein Volk? – Nein, verlorne Sachen, drei Auktionen! Doch, auf der andern Seite eine obrigkeitliche Bekanntmachung: eine Warnung vor falschen Zweigroschenstücken, die sich in Ostfriesland bedenklicherweise gezeigt, und eine Einschärfung von Gouvernement und Polizei, wie die unter den vorigen Königen erlassene Verordnung noch jetzt in voller Kraft sei: daß die sogenannten Zelte und Gebäude im Thiergarten nach wie vor nicht massiv, vielmehr nur von Brettern gebaut werden dürften. – Auf dem Papier stand das Gesetz, im Thiergarten baute man, wie man Lust hatte.

Er trat an eines der noch seltenen und sehr bescheidenen Schaufenster, wo Kupferstiche aushingen. Vielleicht die großen Generale des letzten Krieges. Würden endlich Erzherzog Karl und die Andern die Bilder der französischen Generale verdrängt haben? – Gar keine Generale! Nur König und Königin, wie sich's gebührt; Schauspieler und Schauspielerinnen, der Jubelgreis Erman, der Astronom Bode mit einem Sternenkranz um die [318] Schläfe. Er hatte ja einen neuen Kometen am großen Bären entdeckt.

Willenlos führten ihn seine Schritte in einen Buchladen. Er fragte nach Novitäten für die Zeitgeschichte. »Warum sind des Kanzleidirektors Kistmacher in Breslau Gedichte merkwürdig?« – »Haben Sie nicht in der Vossischen gelesen? Er zeigt seinen Freunden an, daß er mit Gott und seinem König heut gesund und munter in sein neunundfünfzigstes Dienstjahr tritt. Das hat denn gleich Nachfrage nach den Gedichten gemacht.« – Der Buchhändler hatte noch einen interessanten Beitrag für »unsere Zeitgeschichte!« »Zuverlässige Nachrichten von der Sack'schen Familienstiftung zu Glogau, zum Unterricht für Stiftsberechtigte.« Sie hatten eben die Presse verlassen. »Die Lektüre soll mich heut Nacht erquicken!« sagte Bovillard und steckte das Heft in die Tasche.

Er maß die Schritte von der Quadriga bis zu Prinz Heinrichs Palais; sieben Mal hatte er die Länge der Linden gemessen und nichts gesehen, als welke Blätter. Die Gesichter, denen er begegnete, die Blätter, die der Staubwind um seine Füße kräuselte, verschmolzen sich. Seine Phantasie schweifte in eine Wüste; er grübelte, warum die Natur ihnen die Quellen versagt, warum keine Erdbeben die Sahara erschüttern; Vulkane erheben sich doch aus dem Meere.

Er saß in einer Weinstube. Er hörte viele Stimmen. Viele Stimmen machen eine Stimmung. Männer der Wissenschaft zu seiner Linken, Männer der Praxis zur Rechten, Männer der Kunst kamen, als das Theater aus war. Man sprach links und rechts vom Fortschritt. Wie viel öffentliche Vorlesungen befriedigten nicht die Wissbegier! Klaproth über Chemie für Jedermann, Fischer über Experimentalphysik und der gelehrte Bendavid las gar über Geschmackslehre! Aber dann brauste der Streit von der Rechten zur Linken, und im Centrum über das Stück des Tages: »Die Organe des Gehirns.« Wer war größer, Kotzebue oder Iffland? Kotzebue, der mit beißender Kritik, mit übersprudelnder Laune, die neue Chimäre der Wissenschaft geißelte, der Gall auf immer vernichtet hatte, oder der unvergleichliche Mime, der heute den Lear und morgen den Kannegießer mit gleicher Virtuosität spielte? Iffland drückte Kotzebue zu Boden. Alle Lippen bebten vom Lobe des Mimen; man anatomisirte den kleinen Finger seiner linken Hand, mit dem er ein widerstrebendes Gefühl ausgedrückt, man zerschnitt seine karrirte Weste, welche die Zersetzung eines sublimen Gedankens in eben so viele Theile darlegte. »Und Fleck ist doch größer!« trumpfte ein stabiler Gast auf den Tisch. – »Warum, Renommist?« »Er schafft, Iffland copirt.« – Kunst und Natur, ein ewiger Streit, man überschrie sich; die Gläser klirrten, die Köpfe wurden [319] heiß. »Und alle Eure Kunst ist doch nur Chemie,« schrie der Renommist. »Die Pest auf Dichter, die nur die Schädellehre zersetzen, aber keinen Schädel lebendig machen.«

Er setzte sich von den Genialen zu den Philistern; doch es waren Philister des Fortschritts. Die Emdener Heringsfischerei hatte zum ersten Mal Dividenden ausgetheilt. Und die Chaussee von Potsdam nach Brandenburg war ehegestern fertig geworden. »Meine Herren, das erwägen Sie, man kann von nun an in neun, ja vielleicht künftig in sieben Stunden von Berlin nach Brandenburg fahren! Und wie lange ist es her, wo wir einen Tag brauchten durch den Sand, um nur nach Potsdam zu kommen! Das war ja schon ein ungeheures Evenement. Wenn das der alte Fritz erlebt hätte! Bis Potsdam wie auf einer Diele! Und das hat unsre Regierung gethan, und doch sind sie nicht zufrieden! Ich frage Sie, was verlangt man denn noch? Sollen wir fliegen? Ja schöne fliegen, wenn Krieg kommt!« – »Nur die unruhigen Köpfe, Herr Hofrath!« – »Ganz richtig, Herr Nachbar, was geht uns Oesterreich, was geht uns Napoleon an!« – »Jetzt will jeder Mensch eine Meinung haben, und alle Welt soll man fragen.« – »Der alte Fritz fragte Niemand und es ging doch.« – »Ganz recht, Herr Geheimsekretär, es ginge auch noch, wenn nur eben nicht die unruhigen Köpfe wären.« – »Und werden die Emdener wieder Dividenden zahlen, wenn's losgeht?« – »Werden sich hüten, Herr Hofrath! Mit Handel und Verkehr, mit Fabriken und Allem ist's aus.« – »Friede! Friede!« war das Loosungswort in der Ecke. Ein Zeitungleser, der zugehört, lächelte. Da hören Sie das allerliebste Gedicht: »Pensées sur la position d'à présent.«

»Die Vossische Zeitung hat immer allerliebste Gedichte.«

Er musste es vorlesen:


»Je souhaite la paix en tout

Entre l'amante et son amant, et sa femme et son èpoux.

Beaucoup de pleurs seroient épargnées

Si Mars sauvage encore vouloit se reposer.

L'éspérance consolante me reste encore,

Que les méres et les épouses ne pleureront

De leurs fils et maris la mort,

Et que le transport des canons

Et toutes ces préparations

A la paix universelle serviront.«


»Charmant!« – »Allerliebst!« – »Das ist Poesie!« – »Das ist noch ein Dichter, der Gefühl hat.« – »Nein, eine Dichterin; es steht drunter Philippine de B.« – Die poetische Entzückung hatte die andere Seite der Gesellschaft aufmerksam gemacht, Einer das Zeitungsblatt ergriffen und in anderem Pathos die Poesie[320] vorgelesen: »Von Bovillard!« rief er, »das riecht nach seiner Poesie!« und ein schallendes Gelächter bestätigte im Chor.

Louis Bovillard hörte es nicht mehr. Er hatte sogleich den Verfasser errathen. Sein Vater liebte seine zarteren Gedanken, wie er es nannte, unter weiblichen Namenschiffren ins Publikum zu schicken. Er irrte wieder durch die dunklen Straßen. Verspätete Theatergänger. Iffland und immer Iffland! – Verliebte Pärchen; süßes Geflüster, aufgeschreckt durch seinen rauhen Fußtritt. – »O Liebe, du Zauberin,« lachte der Dämon in ihm, »nur in die laue Nacht brauchst du den Arm zu strecken, und die Herzen setzen an, wie die Fliegen an die Leimstange.«

In der einsamen Straße, durch die er einbog, stand ein Militär an ein Haus gelehnt in horchender Stellung. Aus dem geöffneten Fenster oben blickte verstohlen eine weibliche Gestalt sich um, und als sie Niemand zu sehen glaubte, fiel ein Blumenstrauß auf den Lauscher. Als der Militär das Geschenk an seine Brust drücken wollte, fühlte er seinen Arm gepackt. Ein Halt! dröhnte durch die Stille, im selben Augenblick klirrte das Fenster zu.

Zorn und Schreck hatten nicht Zeit über den Vorrang zu streiten, als die Erkennung schon erfolgt war. »Bovillard! – Plagt Sie der Teufel! – Wo kommen Sie her?«

»Aus meinen Banden.«

»Wohin soll's?« fragte Dohleneck schon mit gerunzelter Stirn.

»In die Freiheit.«

»Sie brauchten Andere nicht mit sich zu reißen.«

»Nur die ich liebe.«

Der Rittmeister hatte sich eine Weile in der ersten Ueberraschung von ihm fortziehen lassen. Jetzt erst, nachdem sie um die Ecke waren, hatte er Posto gefasst: »Himmel, Sackerment, Bovillard, Red' und Antwort, was war das! Wenn Einer bis über die Ohren verliebt ist –«

»Einen Eimer Wasser ihm über den Kopf. Was sich liebt auseinander zu scheuchen, ist heut mein Plaisir.«

»Sie kommen aus dem Tollhause, oder –«

»Ich ging aus mir selbst, wollen Sie sagen.«

»Warum?«

»Weil es mir zu eng drin ward.«

Der Rittmeister hatte sich erholt: »Wenn Sie es nicht wären! Wissen Sie, was Sie thaten?«

»Zur Hälfte.«

»Sie störten –«

»Einen halben Ernst, das ist möglich, gewiß, eine ganze Posse.«

»Neulich vertraute ich Ihnen –«

[321] »Ein namenloses Liebesabenteuer zur Hälfte. Und wenn es dies war, gratulire ich Ihnen, wenn ich auch die andere Hälfte verdarb.«

»Kennen Sie das Haus?«

»Nein, weiß wahrhaftig nicht mal, welche Straße es war.« »Aber auf das Soubrettengesicht fiel grade ein Lichtschein aus dem Fenster drüben.«

»Ein Soubrettengesicht! Eine majestätisch schöne Frau!«

Bovillard lachte: »Ein durchtrieben Schelmengesichtchen, und hinter ihr guckte ein Bedientengesicht – für so was hab' ich Augen. So wahr der Wolkenstreif eben durch die Mondsichel geht, man wollte Sie foppen!«

»Nein, Sie täuschen sich.«

Ein sanfter aber fester Händedruck antwortete ihm: »Darin täusche ich mich nie. – Sie sind betrogen – von wem? Das ist gleichgültig – diesmal von denen da oben am Fenster –«

Er hatte ihm das Bouquet aus der Hand genommen: »Fort mit dem Bettel! Wer weiß in welcher Hand er war!« Er schleuderte es über die Straße. Sie gingen schweigend neben einander. Was in der Brust des Offiziers arbeitete konnte nicht heraus.

»Lasst die Motten ins Licht fliegen, es ist ihre Bestimmung. Sie, Dohleneck, sind zu gut dazu, zu arglos.«

»Sie sollen darüber richten,« sprach der Rittmeister plötzlich stehen bleibend. »Grade Sie, Gott weiß woher, ich traue Ihnen, obgleich – verteufelter Gedanke, wenn man mich wieder in den April geschickt!«

»Sie spielen Alle Komödie!« rief Bovillard in die Wolkenzüge am Himmel blickend. »Das ist ihre Bestimmung. Warum träufte die Natur diesen Reiz in unser Blut, diese Mottenlust in unser Hirn! Aber so wollen sie uns vielleicht! Daß unser Auge schwimmt, unser Mark weich wird, unsere Spannkraft erschlafft, das Hirn unfähig einen Gedanken festzuhalten, der Geist zittert vor dem Entschluß, der Arm vor dem Schlag. Diesen goldenen Semeleregen sehen sie mit stillem Vergnügen auf das Geschlecht rieseln, damit die Titanenenkel ausgehen sollen aus dem lebendigen Geschlecht. – Rittmeister!« rief er. »Soldat des Königs! Wenn die Welt in Brand steht, ist's dann Zeit wie Schmetterlinge um die Flammen wirbeln! Wollen Sie das Haus stürmen, auf einer Leiter durchs Fenster brechen. Mein Wort, da helfe ich Ihnen. Kommen Sie, fordern Sie Wahrheit! Wollen Sie ein schönes Weib entführen, das Sie genarrt, erzürnt hat, ich bin dabei. Gewalt, Gewalt! Das ist noch ein Wort, ein Sturmglockenlaut, der in den Himmel dröhnt. Wollen Sie? Auf der Stelle – nur nicht Seufzer, nur nicht Liebesblicke, kein Buhlen um Gunst, keine Küsse. Ja [322] – ein Weib, was mich hasste, mit einem Fußtritte mich von sich stieße –«

In dem Augenblick rasselte eine staubbedeckte Kalesche um die Ecke. Bei der raschen Wendung mochte das Hinterrad an einen Stein gestoßen sein, das Rad brach und der leichte Wagen stürzte um. Schon im nächsten Augenblick hatte der darin Sitzende mit einem Fluch sich aus dem Wagen gearbeitet. Der Fluch galt den Pferden, oder dem Kutscher, eine barsche Zurechtweisung den Beiden, welche zum Helfen hinzugesprungen waren. Auf ihre Frage, ob er keinen Schaden gelitten, antwortete der Mann, der seinen militärischen Mantel in die Kalesche zurückwarf und hastig nach einer Ledertasche griff: »Das wäre das Wenigste!«

»Verfluchter Kerl, warum hier grade!« rief er sich umsehend dem Kutscher zu. »Es ist ja noch eine Viertelstunde bis zum –« er nannte den Namen eines Ministers.

»Wenn es Ihnen darauf ankommt, führe ich Sie auf kürzerem Wege dahin,« sagte Bovillard.

Es war ein Courier. Der Rittmeister, im Schein der Laterne, bei welchem der Reisende die Ledertasche besah, erkannte einen befreundeten jüngern Offizier.

»Was bringen Sie in Ihrer Tasche, Schmilinsky?«

»Brennend Feuer,« antwortete der Feldoffizier, indem er die Tasche wieder zuschloß. »Ja auf dem nächsten Weg, meine Herren, zum Minister.«

Der wohlbeleibtere Kavallerieoffizier hatte Mühe, den Beiden nachzukommen.

»Was brennt denn?« fragte Bovillard, als sie ihre Schritte mäßigten, um Athem zu schöpfen.

»Ich habe keinen Grund,« sagte der Courier, »geheim zu halten was mir auf dem Fuße nachkommen muß. Ja, ich wundre mich, daß das Gerücht mir nicht voraufgeeilt ist, weil ein ähnlicher Unfall mich unterwegs aufhielt. Ich glaubte Berlin selbst in Aufruhr, und finde eine Kirchhofsruhe. Am Thor wusste man noch nichts.«

»Was ist's?«

»Die Franzosen sind eingebrochen.«

»Wo?« fragte es mit einem Munde.

»Wie ein Platzregen ins Anspach'sche – Bernadotte – mit neunzig Tausend Mann wenigstens wälzt er in Sturmmärschen durch – die Baiern hausen wie in Feindes Land –«

»Krieg!« jauchzte der Rittmeister.

»Und die preußischen Truppen?«

»Was dastand machte Platz oder nicht, wie es kam. – Sie wissen nicht, vor Ordre und Contreordre, was zu thun –«

[323] Sie waren am Hotel angelangt, und rissen an der Schelle. Der Courier lehnte sich erschöpft am Pfeiler;

»Er wird doch fester halten als der,« sagte er. »Meine Herren, wer das mit ansehen musste! – Sie spuckten auf unsre Grenzpfähle; ich sah einen umgerissen – aus purem Uebermuth –«

»Wer?« rief der Rittmeister.

»Franzosen oder Baiern, gleichviel. Der preußische Adler im Koth, die Tapfen ihrer schmutzigen Füße auf Friedrichs zerbrochenem Adler. Meine Herren, es war ein Stoß ins Herz für einen preußischen Militär.«

»Das muß der Langmuth den Hals brechen!« jauchzte Bovillard und stürmte an der Hausglocke. Der Portier hatte endlich den Schieber des Seitenfensterchens geöffnet.

»Ein Courier! Depeschen!« riefen drei Stimmen zugleich.

»Excellenz haben sich bereits zur Ruhe verfügt.«

»Der Sekretär! Aus dem Bureau, wer es sei.«

»Alles schläft schon.«

»In Teufels Namen so weckt sie!« schrie der Rittmeister.

»Ich muß Excellenz persönlich sprechen, der Courier! Ein Courier aus dem Anspach'schen, Depeschen von äußerster Wichtigkeit.«

»Nach zehn Uhr wird nichts angenommen. Morgen früh um acht Uhr. Wenn's sehr wichtig ist, können Sie schon um sieben klingeln.«

Der Laden klappte, das Schiebefenster ging zu.

»Was ist da zu thun?«

»Zum Gouverneur!«

»Er wird noch von der Schnepfenjagd nicht zurück sein,« entsann sich Dohleneck. – Es waren wohl Adjutanten und Offiziere da, aber sie waren für außerordentliche Fälle nicht instruirt. Es müsste doch wahr scheinlich ein Ministerkonseil berufen werden. Also rieth man einen andern Minister aufzusuchen, es werde doch einer wachen.

Es wachte aber zufällig keiner. Hier wurden sie angeschrieen, dort höflich zur Ruhe vermahnt. Sie sollten wissen, daß Excellenz jeden Sonnabend zu transpiriren einnehmen. Dann werde Niemand, wer es auch sei, vorgelassen

»Er spielt L'hombre! Man darf ihn nicht stören!« rief Bovillard und unterschlug die Arme. Sie waren vom letzten Hotel abgewiesen.

»Was sehn Sie da, Bovillard?«

»Nach dem neuen Kometen, den Herr Bode am großen [324] Bären entdeckt hat. Der Mann hat sich doch ein großes Verdienst um den preußischen Staat erworben.«

»Wenn Kometen auf Krieg deuten!« sagte Dohleneck. »Wohin? Wohin?«

Bovillard stürzte ihnen vorauf.

»Ich sehe Licht, Funken schlagen. Es gilt einen Sturm.«


* * *


Die Erscheinung, welche durch die Hintertreppe ins Arbeitszimmer des Geheimraths gedrungen, war sein Sohn. Es waren Jahre vergangen, seit Louis Bovillard seinen Fuß in diese Räume gesetzt.

Die auf des Vaters Seite waren entflohen, die auf des Sohnes unten geblieben, oder sie hatten ihm die Sache übergeben und waren auch fortgegangen. Der Vater und der Sohn waren allein.

Der Vater hatte sich wieder gewonnen. Wenn der erste Anblick ihn erschreckt, wenn er hinter den Tisch getreten, auf dem die Flaschen rollten, wenn er an der Glocke ziehen wollen, so war der wüste Traumeindruck so schnell vergangen, als er aufschoß. Dieser Sohn kam nicht mit der Pistole in der Brust; er floh nicht vor seinen Verfolgern, er war nicht eingedrungen, um des Vaters Beutel oder Schutz; aber wie wild auch das Auge rollte, wie starr und wüst das Haar um seine Stirn spielte, wie vernachlässigt sein Anzug, Louis kam auch nicht als verlorner Sohn, der die Träber gegessen, und zerknirscht vor des Vaters Füßen den Boden küssen will. Er blieb aufrecht an der Thür stehen: Ein verlorner Sohn hält auch kein Portefeuille in Händen.

»Mein Vater! Vergessen Sie auf einen Augenblick Ihren Sohn, dem Sie diese Schwelle verboten. Sehn Sie nur den Sohn des Vaterlandes. Es gilt dessen Ehre, vielleicht sein Dasein.«

Er hatte in kurzen abgestoßenen Sätzen erzählt, – was wir bereits wissen.

»Und was geht es Dich an?«

Louis trat um einen Schritt näher: »Das ist nicht Ihr Ernst, es kann nicht Ihr Ernst sein. Auch Ihr Auge blitzte auf, ich sah es. Vergessen Sie, daß Ihr Sohn Zeuge ist dieser Bewegung, die Ihnen keine Schande bringt. Herr Gott – Sie müssen –«

Der Geheimrath war in Bewegung; es gelang ihm nicht ganz, sie zu verbergen.

»Der Du nicht mein Sohn sein willst, Du weißt doch, daß ich nicht Minister bin, und die Depeschen sind nicht an mich.«

Louis war noch um einen Schritt näher getreten, er hatte des Vaters Arm ergriffen, er sah ihn mit einem Blick an, den der Geheimrath nicht ertrug:

[325] »Wenn ihr Kind ins Wasser fiel, springt die Mutter nach, auch wenn sie nicht schwimmen kann. Der Naturtrieb ist's, sie kann nicht ohne das Kind leben; sie will mit ihm untergehen. Hier handelt sich's um Untergang; unser Vaterland geht an der Donau unter. Wie Gebirgsbäche nach einem Platzregen ein Thal überschwemmen, so stampfen des Feindes Hufen auf unserm eignen theuren vaterländischen Boden die Quellen auf. Aus unserem Blut, aus unseren Brüdern rekrutirt er sein Heer. Der Baier zieht mit ihm, wie der Schakal dem Löwen folgt, Baden ist längst gezwungen; in diesem Augenblick, der Courier bringt die Nachricht, schließt auch Würtemberg sich an; die Kleinern, die Größern, die Größten reißt er, er reißt alle mit sich. Nur wir glaubten uns von besserer Natur, zu groß, wir schrieben Friedrichs Namen mit Ellenbuchstaben an unsre Grenze. Da liegt die falsche Rechnung. Eine Tradition war's, ein Nebelschild, ein Dunstbild. Seine Sappeurs haben unseren Grenzpfahl niedergehauen, seine Kanonen rollen, seine Reiter sprengen darüber. Der schwarzweiße Pfahl liegt im Graben, der Adler zertreten, es giebt keine preußische Grenze mehr, es giebt kein Preußen mehr, wenn wir das ruhig hinnehmen.«

»Wenn das Faktum sich als richtig ausweist, wird Preußen wegen des Grenzpfahls Satisfaktion verlangen. Dessen darf man sich versichern.«

»Und der große Kaiser,« fiel Louis ein, »wird sie ihm gewähren, o gewiß eine glänzende Satisfaktion, wenn wir ruhig bleiben und uns nicht kümmern um was uns nichts angeht. Er wird uns auf seine Kosten einen neuen Pfahl aufstecken lassen. O es wird ihm eine Lust sein, uns Grenzen zu stecken. Wenn wir ihm nur Zeit lassen, unsere deutschen Brüder zu erdrücken und erwürgen, lässt er uns auch wohl zur Genugthuung die dummen Sappeure füsiliren, die's gethan. – Seine Bülletins werden uns cajoliren. O süße Harmonie der Geister, wenn das ganze Deutschland zertreten ist, Oesterreich ins Herz gestoßen, verblutet, wenn uns dann der große Kaiser belobt, wegen unserer weisen Mäßigung. – Nur jetzt fordern Sie nicht, mein Vater, jetzt hat er anders zu thun. Seine Kolonnen wälzen sich, schwarze Rauchsäulen, über das blühende Schwaben und Franken, er durchbricht die Donau, die Feuerschlünde und die Bajonette, die Roß und Mann, die es ihm nehmen sollten, er umzingelt Mack und den Erzherzog. Von Schwaben aus, von Franken, von den Alpen her, umgarnt, eisern umarmt schon, ist die österreich'sche Armee durch eine Uebermacht, gegen welche die Tapferkeit umsonst ist, wenn keine Hülfe erscheint. Ja bei Nördlingen oder Ulm ist's vielleicht schon in diesem Moment entschieden, und wir – wir sehen zu und schlafen.«

[326] Der Geheimrath hatte sich ganz wieder gewonnen.

Du weißt, ich liebe nicht Exaltation, am wenigsten in Staatsangelegenheiten.

Er hatte sich auf einen Stuhl niedergelassen und fuhr mit einem Tuch über seine Stirn: »Wer leugnet, daß unsre Lage kritisch ist. Sie ist sehr bedenklich; ich will ernsthaft mit Dir sprechen, weil ich aus Deinem Affekt heraus sehe, daß es Dir ernst ist. Es ist mir nicht unlieb, denn wer weiß, was noch kommt, wo Ernst noththut. Wir haben uns täuschen lassen, es ist sogar möglich, daß wir nicht zu rechter Zeit uns entschieden, uns nicht bei Zeiten wahre Alliirte verschafften. Es ist noch schlimmer, daß wenn wir es jetzt wollten, man uns nicht mehr traut. Ja ich fürchte, Napoleon grollt uns im Innern mehr als einem seiner Gegner. So ist's, mein Herr Sohn,« rief er aufstehend, »ja so ist es. Und weil es so ist, dürfen wir grade jetzt nicht anders handeln, als wir gehandelt. Sollen wir, wo das Schicksal von Europa auf der Messerschneide schwebt, mit einem Mal außer uns gerathen, uns selbst verlieren, und dem Theil, der auf dem Punkt steht, zu verlieren, uns in die Arme werfen! Wir gingen mit ihm unter.«

»Wenigstens wäre es ein männliches Ende –«

»Eines, das sich selbst verloren giebt. So weit sind wir noch nicht. Aber wir sind in einer Lage, wo man nicht vorsichtig genug sein kann, wo man behutsam jeden Schritt, jedes Wort, jeden Blick, den Hauch des Mundes abwägen muß. Unsere Politik ist, und kann, sie darf nicht anders sein, als hinzaudern, abwarten, wie draußen die Würfel fallen –«

»Das ist Ihre Politik, Vater!«

»Aller Vernünftigen. Sieh Dich um und höre die Stimmen in Berlin –«

»Das Ihre vernünftigen Freunde demoralisirt haben. Die Krämer- und Schreiberseelen zittern freilich vor jedem Feuerhauch. Er könnte diese Stickluft in Brand stecken. Ihr Ich ist ihr Vaterland, die Kunden, die morgen ausbleiben, wenn die Kriegstrompete schmettert, sind ihre Brüder. Aber die Provinzen, das Land urtheilt anders. Auch hier –«

»Giebt es Brauseköpfe, wie Du, Phantasten, Patrioten, leider sehr hohe und sehr gefährliche darunter, die das Schicksal des Staats auf eine Karte setzen möchten. Das Blut von Tausenden ist ihnen nichts, der Wohlstand und das häusliche Glück von Millionen, die Verwüstung und Vernichtung des Landes auf eine lange Zukunft hinaus, wenn sie nur ihrem Götzen Ehre opfern können. Der Krieg ist ihnen ein ritterliches Spiel, und um einzuhauen, um Lorbeeren zu ernten, als Sieger zurückzukehren –«

[327] »Genug, mein Vater,« sagte Louis Bouvillard und nahm das Portefeuille vom Tische. »Sie wollen nicht. Diese Depeschen sollen noch ruhen, wie des Königs Minister bis – es morgen zu spät ist.«

»Halt! mein Sohn, was ist denn zu spät? Ich habe Alles zwischen uns vergessen und rede wie zu Einem, der mir gleich ist. Dieser Courier bringt uns nichts Neues. Verstehe mich wohl, wir sahen, was jetzt geschehen ist, seit Wochen voraus. Es konnte nicht anders kommen. Seit acht Tagen erwarteten wir jede Stunde, daß es geschehen wird. Wir waren darum nicht müßig. Der weise Vorschlag, daß unser Staat, was er nicht ändern konnte, freiwillig zugebe, die Erlaubniß des Durchmarsches für alle kriegführenden Mächte, scheiterte leider. Wir sannen auf Anderes. Ehe das Auskunftsmittel gefunden ward, ist das Uebel eingetreten–«

»Das zum Himmel schreit«

»Die Diplomatie hat Mittel, die Schreier stumm zu machen. Nur weil die Hitzigen hier das Oberwasser hatten, war die Ausgleichung verspätet. Wir haben noch nichts an unserer Ehre verloren, wenn Bernadotte's Einbruch von Napoleon als ein Mißverständniß desvouirt wird. An der Bereitwilligkeit dazu wird es ihm nicht fehlen, denn mit dem Siege an der Oberdonau hat er weder Oestreich noch Rußland vernichtet. Es kann ihm nicht gleichgültig sein, wenn Preußen mit seiner ganzen Kriegsmacht hinter den Verbündeten grollend ihm im Rücken steht. Ja, wir wissen, er wird Alles thun, dem bösen Schritt einen guten Schein zu geben. Laforest erwartet schon einen außerordentlichen Gesandten. Napoleon opfert auch Bernadotte, wenn es sein muß. Nur muß er wissen, daß wir bereit sind, auch die Hand zu reichen, um das Mißverständniß zu konstatiren. Siegen aber in diesem Augenblick bei uns die Feuerköpfe, so ist Alles verloren; und wenn im Schrecken der Nacht ein Ministerrath gehalten wird, wer weiß, ob ein Schlaftrunkener nicht die Fackel ins Pulverfaß wirft.«

»Haben Sie mir noch mehr zu sagen, mein Vater?«

»Dein Herzenswunsch ist es, und Dir verzeih ich's und den jungen Leuten und patriotischen Frauen, die keinen Blick in unsere Verhältnisse haben, und ob wir können, was wir wollen.«

»Wenn der Eroberer schon mit Angst uns aufmarschirt in seinem Rücken erblickt!«

»So wird er Kehrt machen, wenn er uns in die Zähne sieht, meinst Du!« – Der Geheimrath blickte sich um, wie wenn er einen Lauscher fürchtete. Mit gedämpfter Stimme sprach er: »Wir sind nicht gerüstet, da hast Du die Wahrheit, die man nicht aussprechen darf. Die Schulden der Rheincampagne sind noch nicht ganz gedeckt, die Mobilmachung nach der Weichsel hat ein neues [328] Loch in den Schatz gefressen. Wir haben kein Geld, auf keine Subsidien zu rechnen, da wir mit England blank stehen, es sieht schlimm in unserer Kasse aus, daß Herr von Stein darauf dringt, Papiergeld zu machen. Wer wird das in Zahlung annehmen?«

»Die Millionen, Vater, die unser Kriegswesen jährlich –«

»Sind ausgegeben, um den Schein, den äußeren Anstrich von Friedrichs Heer zu erhalten. Polirt und frisch gestrichen ist Alles, aber das Holz morsch und faul. Die Schilderhäuser blinken und funkeln, in den Magazinen stockt es. Unsere Festungen sind verfallen, unsere Generale Greise, unser Fuhrwesen verödet, von unseren Truppen standen die Wenigsten im Feuer, unser Exercitium ist veraltet, und drüben steht ein Feind, flink wie der Wind, mit dem Genie, aus allem Stoff, den er findet, Soldaten zu machen, aus Pflastersteinen Kugeln, aus einem Lande, in dem wir verhungern würden, Vorräthe in Ueberfluß zu pressen, ein Feind, sage ich Dir, der alle unsere Schwächen kennt, und wir kennen sie nicht, und das ist das Schlimmste. Wir schaukeln uns im Uebermuth, wir schreien wie Kinder, die durch ein dunkel Zimmer müssen, um sich Muth zu machen, wir taumeln, wie Nachtwandler auf den Dächern, um, wenn man unsern Namen ruft, herabzustürzen. Das wissen wir, die Wenigen, die man schimpft und verlästert, mein Sohn, und darum ist unsere Politik, den Krieg vermeiden um jeden Preis.«

»Um jeden!« rief der Sohn. »Mein Vater, auch um den Preis Ihres eigenen Rufes, die Ehre des Namens, den Ihre Väter trugen. Bedenken Sie, er gehört Ihnen nicht allein. Mir ist's nicht gleichgültig, wenn sie mit dem Finger auf meinen Vater weisen, wenn einst in der Geschichte auch sein Name unter denen genannt wird –«

»Louis!« fiel der Geheimrath ihm ins Wort, »ich könnte Dir heut viel vergeben.«

»Nicht wenn ich gleichgültig bliebe zu meines Vaters Schmach. Auf die Gefahr hin Ihres letzten Zorns, ich will, muß reden! Kennen Sie das Urtheil des Publikums? Ganz verhallt so was nicht, ganz lässt es sich nicht übertäuben in Späßen und in Lustigkeit. In einsamen Stunden, wenn Sie Nachts aufwachen, die Wanduhr tickt, der Wurm im Holze bohrt, der Wind gegen die Fenster klappt, schreit es Ihnen da nicht zu, was man von Ihnen und Ihren Freunden flüstert, lächelt. – Nein, man spricht, man schreit es laut auf dem Markt! – Man schilt Sie Verräther am Vaterlande. Mehr noch, man glaubt Sie gewonnen vom Feinde, bestochen. Für Napoleons Geld gäbe diese Verrätherklique dem Könige Rathschläge, die das Vaterland ins Verderben stürzen.«

»Ich kenne unsere Feinde.«

»Sie kennen sie; das ist mir lieb. Verachten Sie die giftigen [329] Zungen, so wünsche ich es. Aber nicht durch stummes Achselzucken, nicht indem Sie die Hände vornehm in den Schooß legen. Dazu ist nicht mehr die Zeit. Sie können sie nur verachten durch helles, offnes Handeln. Hier ist ein Moment; hier gilt es rasch handeln. Was der Courier gebracht, ist kein Geheimniß; morgen weiß es Jeder, er weiß auch, daß er verschlossene Thore fand, daß die Minister schliefen, oder schlafen wollten. Der Lieutenant Schmilinsky, ein Soldat von rohem Schrot und Korn, nimmt kein Blatt vor den Mund, ja er speit schon Feuer und Flamme. Er weiß jetzt, daß seine Depeschen in Ihren Händen ruhen, daß es an Ihnen wäre, die Minister zusammen zu rufen. Geschieht es nicht, so fallen, mein Vater, die Verwünschungen, die Jene treffen, auf Ihr Haupt zuerst.«

»Das hast Du gethan?«

»Ich, und mit freiem Willen –«

»Louis – Deinen Vater in eine Lage zu bringen, die –«

»Ihm Gelegenheit verschafft, den Makel abzuwaschen. Ich freue mich, ich bin stolz darauf. – Zum Minister – befehlen Sie, daß der Kutscher anspannt – befehlen Sie, ich begleite Sie, befehlen Sie, was Sie wollen, ich bin zu Allem bereit. Nur keinen Augenblick gezaudert –«

»Und nach alledem, was ich Dir – nur Dir – vertraute –«

»Will ich meinen Vater rein sehen von der Anklage, wie von der Schuld.« – Er griff nach des Vaters Hand. – »Enterben Sie mich, aber das thun Sie mir zu Liebe. Beim allmächtigen Gott, ich glaube nicht, was der Argwohn spricht, nicht von Ihnen auch nicht von Andern – aber ich lechze, ich sehne mich nach Beweisen, nach einer schlagenden That, damit, was ich wünsche und glaube zur Ueberzeugung wird, damit ich stolz Jedem die Stirn weisen, damit ich ihm ins Gesicht schauen, und ihn einen Lügner strafen kann, der meinen Vater – schilt.«

Der Geheimrath war in einer Aufregung, die sich nicht verbergen ließ, auf- und abgegangen. Jetzt plötzlich riß er an der Schelle. Er ergriff das Portefeuille, er drückte Louis' Hand: »Rufe den Courier, wir fahren zum Grafen.«

38. Kapitel. Gewitterschläge am schwülen Kimmel

Achtunddreißigstes Kapitel.
Gewitterschläge am schwülen Kimmel.

Im Hause der Geheimräthin war es seit jenem glänzenden Abend still hergegangen; aber es war eine Stille, die von sich sprechen machte. Sie litt an Kongestionen des Blutes, Beklemmung des Herzens, und klagte über Visionen. Im Kreise der ihr liebsten [330] Menschen sah sie oft andere Gesichter. Sie redete eine Person an, und meinte eine andere; aber sie betheuerte, sie wisse sich darüber genau Rechenschaft, wenn der Zustand vorüber. Es wären nur nervöse Affektionen, über die die Aerzte keine Auskunft geben könnten. Sie sprach bitter von den Doktoren, und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein.

Die Gevatterinnen urtheilten verschieden über ihren Zustand. Sollte auch die Lupinus sich der Schwärmerei, dem Mysticismus, in die Arme geworfen haben, sie, auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand! Zwar etwas clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen, aber nicht mehr, als die Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren, oder sein zu müssen glaubten. Es waren bei ihr nur momentane Wallungen, und sie deutete dieselben nur für das Aufblitzen unbewusster Naturkräfte. Sie wollte keine Geisterseherin sein und erklärte sich gegen den Aberglauben.

Aber die Zungen waren fertig, über sie zu richten, und es giebt in einer großen Stadt böse Zungen. Wir übergehen das, was die Boshaften sich zuzischelten: es sei nur Aerger, weil ihre Gesellschaften nicht die Anziehungskraft geübt, die sie gewünscht, und die Exklusiven sich zur russischen Fürstin zögen, weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen, und es möchte wohl einen besonderen Grund gehabt haben, warum sie den Prinzen so gern an sich gezogen. Worauf Andere hinzusetzten, der Prinz müsse auch wohl einen besonderen Grund haben, warum er nicht gekommen. Wir heben lieber heraus, was die mild Gesinnten zur Erklärung vorbrachten: sie sei zu fein, und weil ihr alles Rohe widerstrebe, wirke es afficirend, gewissermaßen revolutionirend in dem zarten Körper. Andere: sie, die für einen kranken, wunderlichen Mann zu sorgen, habe nun noch die Last für die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen. Was koste das nicht! Und ob es denn auch recht anerkannt würde! Demoiselle Adelheid sei wohl gut und schön, aber sie habe ein eigensinniges Köpfchen. Habe sie es nicht durchgesetzt gegen Aller Willen, daß sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei, einem jungen Menschen, der nichts hat und alle vernünftigen Aussichten von sich stößt. Nicht ihre Eltern hätten es gewünscht, die jetzt auch höher hinaus dächten, noch der Vater des jungen Mannes, der geradezu erklärt, er werde nie solche Schwiegertochter in sein Haus lassen. Um zu einer solchen Partie ihr zu verhelfen, hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen, und nun sei doch ihre Lage gewiß nicht beneidenswerth: eine Pflegetochter hüten, an die keine Blutsbande sie fesselten, zu einer Verbindung das Auge zudrücken, die sie ungern sähe, und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des Mädchens und gegen den alten van Asten, [331] von dem sie noch obenein einen unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen. Könne das nicht ein edelgesinntes Gemüth herunterbringen! –

In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältniß der Geheimräthin mit dem Legationsrath. Der Legationsrath behielt bei den Anspielungen seine vollkommene Ruhe, und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der geistreichen Frau. Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des Verstandes eine Geliebte. Die Gevatterinnen wussten, daß er nur seltene Besuche machte, immer in der allgemeinen Besuchsstunde, sie wussten von der Dienerschaft, daß er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege. Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft, oder betrafen Geschäfte. Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten, und Wandel hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe, die er für die sichersten hielt, anempfohlen. Er war ein Freund des Geheimrathes, den dieser oft stundenlang in seinem Studirzimmer festhielt. Wandel war ein lebendiges Lexikon für alle Ausgaben des Horaz. Und wie theilnehmend hatte er sich bei dem letzten Unglücksfall, der das Haus betraf, benommen, wenn man den Todesfall des alten Bedienten so nennen kann. Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen, obgleich Geheimrath Mucius gesagt, er könne sich noch zehn Jahre quälen. »Wie recht hatte Ihre Frau Gemahlin,« hatte er zum Geheimrath gesagt, »die immer besorgte, daß er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde. Und mit welchem Takt sie die Charlatanerie der Aerzte erkannt!« Als man Johann an einem Morgen todt neben seinem Bette gefunden, und alle Hausgenossen in die Kammer stürzten, war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen. Hier ging ihr der Athem aus, die Kräfte versagten, und sie war in die Knie gesunken. Ihr Gatte und der Legationsrath mussten die Ohnmächtige aufheben. Wie liebevoll hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen. Die Dienerschaft zerfloß in Thränen: »Warum erschrecken, meine Freundin, über Etwas, das nur eine Wohlthat des Himmels ist, für den armen Dulder, für uns Alle, die wir seine Leiden sehend mit ihm litten! Preisen wir vielmehr die Hand, die dies gethan. Sein Wille geschehe, der es gut, schnell und kurz gemacht!« Gestärkt durch seinen Zuspruch, hatte sie nachher an der Leiche gestanden, ihre Züge beobachtend. »So ist es recht,« hatte er gesagt: »dem was wir als gut erkannt, fest ins Auge gesehen! Wem helfen Thränen, wem weichliches Gefühl des Mitleids! Indem wir das eine Nothwendige erkannt, stärken wir unsere Nerven, um der Nothwendigkeit auch weiter ins Auge zu blicken, und wir mögen endlich den Sinn des alten Kirchenliedes erfassen: Tod, wo sind nun deine Schrecken!« [332] Sie war gestärkt worden. Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen geschmückt. Die Dienerschaft, die Nachbarschaft waren davon gerührt, und das Lob der Geheimräthin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet.

Im Hause der Geheimräthin war es sehr still hergegangen, sagten wir, heut aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche. Die Regimenter von Larisch und Winning, von der Weichsel zurückberufen, marschirten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsort, der fränkischen Grenze. Die Straßen waren belebt, die Fenster besetzt. Der Durchzug erfolgte unregelmäßig, bataillonsweise; die Truppen, in Eilmärschen aus Polen herangezogen, hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt, sich zu einem Paradezug zu ajustiren. Während Monturen, Gesichter, Haltung von den Strapazen der angestrengten Märsche sprachen, wirbelten aber die Trommeln und die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft; der Jubel der Zuschauer überbot sie noch. Aus den Fenstern schwenkte man Tücher, auf der Straße drückte man den Soldaten die Hand; man reichte ihnen zu trinken, und während die Schnapsflaschen und die Semmelkörbe umhergingen, schickten patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter. In der Küche der Geheimräthin brodelte ein Waschkessel, Adelheid hatte für den Soldatenkaffee und für die Chokolade der Gäste zu sorgen.

Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern. Es gehörten nicht Alle zu einander.

Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden einen Artikel vor: ›Dem Vernehmen nach hat der Herr Staatsminister von Hardenberg dem französischen Gesandten, Herrn Laforest, die Antwort ertheilt: Sein König wisse nicht, worüber er sich mehr zu verwundern habe, über die Gewaltthat des französischen Heeres, oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür. Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten, das Opfer gebracht, die seinen theuersten Pflichten nachtheilig werden könnten. So könne man denn doch keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen, als daß derselbe Ursachen gehabt, die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für werthlos zu halten, und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller früheren Obliegenheiten entbunden. Frieden wolle Preußen auch noch jetzt, halte sich aber nun verpflichtet, seinem Heere die Stellung zu geben, welche zur Vertheidigung des Staates unerlässlich sei.‹

»Ja, es werden drei Heere gebildet, wie ich aus sicherer Quelle weiß,« bemerkte Jemand. Ein Anderer setzte hinzu: »Und es bleibt nicht bei der Rückberufung unserer Weichselarmee, sondern [333] wir haben auch den Russen den Durchzug durch Schlesien geöffnet.« Der Kriegsrath Alltag flüsterte seinem Nachbar ins Ohr: »Die Donschen Kosacken sind schon in Breslau angemeldet.«

Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt. Sie lächelte, zum Rath Fuchsius sich abwendend: »Mir will die Vorstellung einer Komödie noch nicht aus dem Sinn.« »In einer Stadt, wo das Theater eine so große Rolle spielt,« entgegnete der Rath, »ist dieser Gedanke sehr natürlich.« »Es wäre doch grausam,« fuhr die Fürstin fort, »wenn man mit den armen Menschen wieder nur Kämmerchen vermiethen spielte. Vom Rhein nach der Weichsel, und von der Weichsel nach dem Main!« »Das könnte das beste Heer demoralisiren,« äußerten Mehrere.

»Aus welcher Zeitung ist der Artikel, Herr van Asten?« fragte die Lupinus. »Aus dem Hamburger unparteiischen Korrespondenten, der heut Morgen ankam.« »Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren! Ueber etwas, das uns so nahe angeht, lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen.«

»Dann ist's auch vielleicht nicht wahr,« lächelte die Fürstin mit einem besonderen Blick auf den Regierungsrath. Es mochten mehrere den Blick verstehen. Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel.

»Die erlauchte Fürstin,« entgegnete Fuchsius, »weiß, daß gewisse Regierungen schüchternen Jungfrauen gleichen, die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien vertragen, hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt.«

»Ich kenne auch Regierungen,« setzte die Gargazin darauf, »die erschrecken, wenn man ihre Gedanken ausspricht, besonders, wenn sie gar keine haben.«

Der Kriegsrath Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab. Er hatte nicht geglaubt, daß vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen könnten.

Die Gruppe löste sich auf, als die Janitscharenmusik das Anrücken eines neuen Bataillons verkündete. Adelheid streifte mit dem Präsentirbrett an Walter vorbei »Ein bischen zuvorkommender gegen meinen Vater! Auch mit Mutter könnten Sie mehr sprechen.« Der Jubel am Fenster und auf der Straße ersparte ihm die Antwort.

Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer. Eine weibliche durchdringende Stimme ließ sich vernehmen: »Nein, sag ich doch, so vieles Volk, und alle zum Todtschießen! 's ist grausam! – Sieh mal Fritz, wie sie blitzen! die Spontons! Da der mit dem rothen Federbusch! – Malwine, willst Du Dich nicht so 'rüber legen! – Was man mit den Kindern Noth hat. Und da das blutjunge Gesicht – ach du liebe Seele, der hinkt, hat sich [334] die Füße durchgelaufen. – Was 'ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muß! – Und staubig, Alle wie gepudert! – Liebechen,« rief sie hinunter, – »sehn Sie, Dem da schenken Sie 'ne Tasse Kaffee! Er friert so, und ein so hübscher Mensch. – Sieht sie's wieder nicht, die Lisette! – Nu ist er fort! – Na, 's wird wohl noch andere mitleidige Seelen geben. – Was so ein Tornister drücken muß! – Fritz, wenn Du auch solche grausame Flinte auf dem Buckel tragen müsstest. – Nu paß Acht, nu kommt der Tambour. Hurrje, hurrje! hörst Du, wie er schlägt!«

»Will auch Trommler werden,« sagte der Junge.

»Nein, Fritzchen, da wirst Du todtgeschossen. Das ist nur für ordinaire Leute. Guter Leute Kinder, die sind zu was anderem da.«

»Will Trommler werden!« wiederholte der Trotzkopf. »Papa hat's gesagt.«

»Ja, wenn Du ein Taugenichts wirst, dann wirst Du unter die Soldaten gesteckt.«

Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde. »Du Olle, Du sollst mir's nicht verbieten, Du hast mir nichts zu verbieten.«

»Range Du! Untersteh' Dich und kneif' noch mal. Wenn wir nicht bei hübschen Leuten wären, kriegtest Du eins hinter die Ohren, daß Du Dich wundern sollst.«

Die Geheimräthin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen. Sie brachte den Kindern Bretzeln und fragte: ob sie schon Chokolade bekommen.

»Ach du mein Gott, die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die Kleinen!« rief Charlotte, die sich umgedreht. »Daß wir Ihnen auch so viel Inkommodität verursachen! Aber Kinder sind nun mal Kinder, und wer weiß, ob sie so was mal wiedersehen, sagte meine Cousine, die Frau Hoflackir. Ja sie gehen alle in den Tod.«

»Giebt es einen schönern als fürs Vaterland!« sprach die Geheimräthin mit Erhebung.

»Das sagte mein Wachtmeister auch, Frau Geheimräthin, aber, nehmen Sie mir's nicht übel, Tod ist doch Tod. Und eingebuddelt werden sie, ohne Sang und Klang, ohne Leichenhemd und ohne Sarg, wo sie stehen und liegen. Und der Fritz will absolut Soldat werden. Ist ein rabbiater Junge. Und mein guter Geheimrath, der die Güte selbst ist, Sie glauben gar nicht, wie er ihm schon auf der Nase spielt. Kinder sind Gottes Segen, o gewiß, aber sie können auch Gottes Fluch werden, wenn sie ausschlagen.«

Die Geheimräthin streichelte die Köpfe der Kleinen: »Geht, [335] liebe Kinder, in die andere Stube und lasst Euch Chokolade geben.«

Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbretzel, welche die Frau mit den spitzen Fingern den Kleinen gab; warum kamen ihr diese Finger heut nicht spitz vor, als sie über die blonden Haare der Kleinen strich. Charlotte war auch jetzt in innerer Bewegung, aber es war eine andere, als sie plötzlich in Thränen ausbrechend den Saum des Kleides der Geheimräthin erfasste und es an die Lippen drückte: »Ach, Frau Geheimräthin, das müssen Sie mir schon erlauben. Es war doch zu schön. So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen, und seine eigne Herrschaft! Das wird Ihnen Gott lohnen. Darüber ist auch nur eine Stimme in der Stadt. Und meine Cousine, die Frau Hoflackir, sagt, solch einen Sarg und von so schönem fettem Eichenholz, hat sie nicht gesehen, als ihr Mann seine Alte begrub, und das war ihr Glück, und ihr Mann versteht's; wenn der den Beutel aufthut, dann hält er nicht den Finger drauf. Aber der Silberbeschlag! Nein, Frau Geheimräthin, das ist es gar nicht. Was ist Silber? Unter der Erde rostet's, wir rosten Alle. Aber die Blumen, nein du mein Himmel Jesus nein. Wie ein Purpurri 'rüber geschüttet, wie ich da in den Hausflur trat, es knickte mir in die Knie, und ich wollt's nicht glauben, und die Menschheit! Vom Gensd'armenmarkt, vom Fürstenhause her, die Polizei konnte gar nicht durch, daß die Leichenträger nur Platz hatten. Und da war doch nureine Empfindung.«

»Er war ein treuer Diener, und wir sind alle Menschen.«

»Aber doch mit Unterschied, Frau Geheimräthin. Und den Kranz von weißen Rosen, den Sie auf seine Todtenlocke gedrückt, und sein bleiches Antlitz! Er war mein Cousin, schluchzte ich, und meine Cousine, die Frau Hoflackir, sprach: Ja das Leben ist doch schön! Nein, Frau Geheimräthin, und wenn Sie mich eine schlechte Person nennen, Sie haben ihn sterben lassen, daß Mancher sagen möchte, so möchte ich auch sterben.«

Wenn eine Emotion sich in dem halb geschlossenen Auge der Geheimräthin kund geben wollte, so bemerkte es Niemand, Charlotte am wenigsten, denn helle Trompetenstöße lockten jetzt aufs Neue und unwiderstehlich an die Fenster. Jeder stürzte dahin, wo er Platz fand; Charlotte hatte einen, der ihr wohl nicht zukam, eingenommen, Arm in Arm mit der Baronin Eitelbach. Keine sah die Andere, keine gab auf die andere Acht.

»Ach da reitet er!« rief Charlotte, den Blick auf eine Schwadron der Gensd'armen gerichtet, die um die Ecke schwenkte. Sie gab den durchmarschirenden Dragonern nur das Geleit.

[336] »Ach da reitet er!« tobte es in einer Brust neben ihr, ohne daß die Lippen sich bewegten.

»Nein! wie viel schöner sehen doch unsre aus, als die Dragoner!«

Wunderbare Sympathie! Dasselbe dachte die Baronin.

»Wem gilt dieser Jubel?« fragte am andern Fenster die Fürstin. »Den neuen Uniformen, Erlaucht,« flüsterte Jemand hinter ihr. »Die bleiben in Berlin?« »Es wäre schade, sie dem Herbstwetter auszusetzen.« »Aber die armen maroden Truppen, die ins Feld müssen, werden es übel nehmen.« »Erlaucht! Das Futter fürs Pulver darf nichts übel nehmen.«

Plötzlich stieß Charlotte die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast zurück: »Er streicht sich den Bart; das gilt mir: ja, ja, ich seh's,« und damit er's wieder sähe, bog sie sich hinaus. Malwine und Fritz waren dafür gestoßen worden. Es war nicht nöthig, daß sie das Umschlagetuch sich abgerissen, der Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster, und warf ihr Kusshände zu. Und wie keck schmunzelnd er wieder den Bart strich!

Die Baronin sah auch etwas, aber – sie ward blaß. Er strich nicht den Bart, nein; aber als er hinaufgeblickt, ihre Augen ihn getroffen, wandte er plötzlich den Kopf. Er setzte die Sporen ein und war zur Generalität geflogen. Sie sah ihn im Gedränge nicht wieder. »Ist Ihnen unpässlich, meine Gnädige?« fragte der Legationsrath, der, jetzt erst eingetreten, die Dame nach einem Stuhl führte. »Es wird bald vorüber gehen.«

»So ist es recht. Weinen Sie sich aus. Verhaltener Kummer ist für Seele und Leib gefährlich.«

Die Eitelbach hatte Zeit sich auszuweinen; bis auf die Kinder, welche die Einladung an den Chokoladentisch nicht umsonst vernommen, war kein lebendes Auge im Zimmer. Alle auf das Schauspiel draußen gerichtet. Prinz Louis selbst ritt vorüber, der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht, und brach doch immer wieder von neuem aus. Tücher, Hüte, Mützen flogen. Es wollte nicht enden.

»Der Krieg ist ja noch nicht erklärt,« flüsterte der Legationsrath; »die Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin, wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht für einen dieser tapfern Krieger Besorgniß hegt.«

Die Baronin sprach es nur für sich: »Er sieht mich ja nicht an.« Sie bereute schon den Selbstverrath, als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des Legationsrathes fiel. Er rückte einen Stuhl heran.

»Theuerste Frau,« hub er nach einer Pause an, »erlauben Sie ein Wort des Vertrauens. Sie waren so gütig, mir jüngsthin [337] Ihres zu schenken, und es ruht in dieser Brust, wie in einem Grabe.«

»Sie wissen ja Alles.«

»Ich hielt es für längst vorüber; das Spiel des Windes auf einem Aehrenfelde.«

»O es wird auch wohl so sein. Sie werden recht haben, ganz recht,« brach es aus der bewegten Brust. »Aber er verfolgte mich ja letzthin so auffällig.«

»Besitzen Sie einen Brief von ihm? – sprach er Sie an?«

»Nein – aber – es war ja ganz klar – die Fürstin Gargazin –«

»Können Sie der auch ganz trauen? –« Der Legationsrath sah sich vorsichtig um.

»Sie ist eine seelensgute Frau. Schon vor acht Tagen versicherte sie mich, ich möchte mich vorbereiten, er könne sich gar nicht mehr halten. Sie hat ihn neulich bei sich in ihr Kabinet zurückgedrückt, er wäre im Stande gewesen, in ihrer Gegenwart mir zu Füßen zu stürzen.«

Der Legationsrath sah ernst vor sich hin und schüttelte den Kopf: »Das glaube ich doch nicht –«

»Als wir von der Waldow kamen, öffnete er mir den Wagenschlag. Ei, wie komm ich zu der Ehre, sagte ich.«

»Und er –«

»Er hatte schon, ganz träumerisch, einen Fuß auf dem Tritt, als mein Mann dazu kam und ihn einlud mitzufahren –«

»Worüber er zur Besinnung kam, das ist freilich sehr begreiflich.«

»Sahen Sie, wie er jetzt fortsah, als er mich erblickte?«

Er fasste sanft ihre Hand: »Einem Kavalier muß der Ruf seiner Geliebten über Alles gehen. Was der Rasende im verschlossenen Kabinet der Fürstin vielleicht gewagt hätte, wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen. Nein, da beruhigen Sie sich – und wenn er es gethan, so hätte ich ein Wort mit ihm reden wollen. Eine Bitte! Thun Sie sich Gewalt an. Verbergen Sie diese Gefühle. Sie sind zu schön und rein, die Welt ist Ihrer nicht werth. Möglich, das gebe ich zu, möglich, daß auch er Ihrer nicht werth ist. Aber erscheinen Sie dafür desto größer, und wenn er treu ist, bewahren Sie ihm das Vertrauen, ist er es nicht, sich die Größe, über ihren Schmerz erhaben zu sein. Meine Freundin,« sagte er aufstehend und drückte ihre Hand an seine Brust, »das Vergängliche gehört der Zeit, was aber in die Aeonen hinausragt, das ist das heilige Bewusstsein einer schönen Seele. Sie werden mich verstehen.«

Ganz verstand sie ihn nicht, aber es war gut, daß sie ihn [338] nicht fragte, denn die Gesellschaft war wieder im Zimmer. Nur der Major schien am Eckfenster noch draußen: »Das Friedrichs Heer!«

»Gerade in diesen Regimentern ist nichts geändert,« sagte Fuchsius.

»Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken.«

»Sie marschirten doch vortrefflich –«

»Geknickte Glieder eines Riesenkörpers, die nicht mehr in einander klingen. Mein Freund, zuweilen will's doch auch mich beschleichen, als wäre es am gescheitesten, zur Friedenspartei überzugehen.«

Der Legationsrath wurde mit Fragen, was er Neues bringe, überstürmt. »Duroc ist abgereist.«

»Wirklich! Endlich!« rief es. »Mit einer Kriegserklärung?«

»Man hat ihm nur zu verstehen gegeben, daß man unter den obwaltenden Umständen das Freundschaftsbündniß als gelöst vielleicht zu betrachten genöthigt sein dürfte.«

»Und hat Laforest Pässe erhalten?«

»So unhöflich ist man nicht gewesen«

Die Fürstin lächelte: »Er denkt übermorgen eine Matinée zu geben.«

»Dies unterbleibt doch vielleicht,« sagte Wandel, »wenn Erlaucht mir erlaubt, das Gerücht mitzutheilen, was ich von der Börse bringe. Seine Majestät Kaiser Alexander wird hier erwartet. Der Oesterreichische Erzherzog Anton ist schon auf dem Wege nach Berlin.« Die Nachricht überraschte. Auch der Regierungsrath war frappirt: »Dieser Mensch weiß Alles.«

»Wenn wir nicht wollen,« sagte Eisenhauch, die Lippen zusammen beißend, »so zwingen uns Andere zum Ernst.«

Man beobachtete die Fürstin, um auf ihrem Gesicht die Bestätigung zu lesen. Man konnte nichts lesen; sie war mit Adelheid beschäftigt, der sie heut ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien.

»Herr von Wandel, Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende?«

Er war gefällig, und gab eine Liste von Avancements und Verfügungen zum Besten: »Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgesöhnt. Er will ihn wieder für den Staatsdienst gewinnen. Einstweilen hat der junge Bovillard Courierstiefeln anziehen müssen. Er ist fortgeschickt.«

»Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefängnissen frei,« sagte die Geheimräthin mit Bitterkeit und ihr Blick fiel auf Adelheid. »Ob zufällig, oder ob sie eine Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte?«

[339] »Meine holde Adelheid erschrak,« sagte die Fürstin, »bei Ihrer Nachricht von der Ankunft unseres Kaisers, Herr von Wandel. Sie stellt sich unter einem Kaiser aller Reussen einen orientalischen Despoten vor, einen Großmogul, vor dem Alles in Ehrfurcht auf den Boden stürzen muß. Ihr Lehrer wird ihr sagen, ein wie liebenswürdiger Kavalier Kaiser Alexander ist. Auch ein Welteroberer, aber – durch Huld und Güte gewinnt er die Herzen. – Doch mich dünkt, unser Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschüttet. Was sagt die Falte auf ihrer Stirn?«

Der Legationsrath zuckte die Achseln: »Ich weiß nicht, ob ich die frohe Stimmung hier stören darf.«

Eine Aufforderung zum Reden dringt.

»Die Oesterreicher sind total geschlagen, Mack mit 6000 Mann gefangen, es existirt keine österreichische Armee an der Donau mehr. Der Courier kamschon heut Morgen an. Man hielt die Nachricht zurück, um den Jubel beim Durchmarsch der Truppen nicht zu dämpfen.«

Eine stumme Pause folgte. Die Janitscharenmusik eines neu vorüberziehenden Bataillons bildete dazu einen üblen Kontrast.

»Adieu Deutschland!« seufzte Fuchsius. »Viktoria!« rief der Major. »Das geht ans Leder. Die Haut lässt man sich nicht ruhig abziehen.« Die Fürstin warf einen ihrer himmlischen Blicke an den Plafond: »So musste es komme