Abraham a St. Clara
Judas der Erzschelm

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Erster Band

Widmung
[5] Dem Hoch- und wohlgebornen Grafen und Herrn, Herrn Hans Jakoben Kißl, Grafen zu Gottschen, Freiherrn auf Kaltenbrunn und Ganowitz etc.
Hoch- und wohlgeborner Graf,
Gnädiger Herr Herr!

Weilen Euer hochgräfliche Gnaden den preiswürdigen Namen tragen Jakob, also kann ich es nit läugnen, will es nit läugnen, und soll es nit läugnen, sondern nennen und bekennen, daß mir um das Herz sey, was in dem alten Testament der allmächtige Gott von dem Jakob ausgesprochen: »Jakob dilexi etc., den Jakob hab ich geliebt« Röm. 9. Ursach solcher tragender Lieb seynd Euer hochgräflichen Gnaden sowohl demüthige als anmuthige Affekten, welche sie allen Geistlichen und Ordensleuten, folglich auch mir unwürdigstem Diener allerseits ganz gnädig erweisen.

[5] Indem nun Euer hochgräflichen Gnaden neben andern hochadeligen Chargen auch Erbland jägermeister in Krain- und Windischmark seyn, so werden Sie unbezweifelt wohl wissen, was das wildfreundliche oder freundlichwilde Echo in dem dicken Gehölz und schattenreichen Wäldern zwischen Berg und Thal im Brauch habe, daß es nämlich diejenigen resalutire wie es begrüßt wird, und allemal die Lieb' mit Lieb' bezahle. Solchem leiblosen Sprachmeister hab' ich Gebühr halber wollen nacharten, und diejenige große Lieb', welche Euer hochgräflichen Gnaden gegen unser Kloster bei St. Anna, wie auch gegen mich erzeigen, mit andern Lieb' oder Liebeszeichen wollen erwiedern; weil ich aber in dem Münzgraben weder Silber noch Gold, sondern nur Erz ausgegraben, nämlich Judam den Erz-Schelmen, also habe ich mich vielleicht gar zu keck unterfangen, solchen Euer hochgräflichen Gnaden demüthigst zu offeriren.

Freilich wohl mag mancher Nasenwitziger über solche rare Schenkung die Stirn runzeln, aber beibescheiden und becheidenen Leuten findet sich eine [6] weisere Auslegung, als welche ohne fernernBedacht jenem Sprichworte der Weltweisen beifallen »contraria juxta se posita magis elucescunt:« wenn man das Gold zu dem Blei, den Schnee zu dem Ruß, einen heiligen Engel zu dem Teufel, eine hübsche Helene zu einer alten, ungestalten Xantippe stellet, so verlieren sie nit allein hierdurch ihren Werth nit, sondern kommen noch schöner und scheinender heraus, in Gegenwart ihres Widerspiels. Indem ich dann Euer hochgräflichen Gnaden den argen, kargen Geizhals Judam vorstelle, so erhellet desto ruhmwürdiger Euer hochgräflichen Gnaden bekannte Freigebigkeit, welche wir mehrmalen in unserm armen Convent erfahren.

Dem wüsten Teufel und garstigen Wauwau hat es dazumal nit gelungen, wie er in der Wüste den Herrn Jesum versucht hat und kurzum angehalten, der Heiland solle aus einem Steine Brod machen: »dic lapidi huic ut panis fiat.« Luk. 4. v. 3; aber uns Augustiner Baarfüßern in dem Münzgraben ist schon [7] öfters ein Stein zu Brod worden, indem Euer hochgräflichen Gnaden Graf Kißl sich ganz und gar nitsteinhart erwiesen, sondern mehrmalen, ein Brod ins Kloster geschafft.

Des Bauern und arbeitsamen Ackersmann ist seine einige Hoffnung auf Jakobi; denn um Jakobi herum hat er seinen Schnitt auf dem Felde. Mir ist fürwahr nit anders (es mags jemand für ein Bauernconcept auslegen oder nit): um Jakobi hab ich und das arme Kloster bei St. Anna den besten Schnitt. Und hat wohl recht der Himmel also angeordnet, daß Euer hochgräflichen Gnaden den Namen Jakob bekommen; denn gleich wie Jakob in dem alten Testament sehr viel weiße und scheckigte Schäflein auf die Weide geführt, also haben Euer hochgräflichen Gnaden bishero manche Unterhaltung und Weid sehr vielen geistlichen Schäflein beigeschafft, worunter die Schwarzen das Me-Me-Me-mento nit verhalten.

Zum andern hat mich veranlasset, daß ich Euer hochgräflichen Gnaden diesen ersten Theil demüthigst dedicire: weilen nämlich ein jedes Buch einen Schutzherrn [8] von Nöthen hat; und wer kann mich dann besser schirmen, als Euer hochgräflichen Gnaden? massen auch der David sich mit einem Kieselstein wider den Großkopfeten Goliath defendirt hat. Dahero so arm als ich bin, schätze ich mich dennoch steinreich, wenn ich Euer hochgräflichen Gnaden auf meiner Seite habe, und ist mir dießfalls der Kieselstein tausendmal lieber, als der Edelstein: Bin demnach der tröstlichen Zuversicht, Euer hochgräflichen Gnaden werden dieses winzige Werklein in Gnaden aufnehmen, weil ich nit habe andere kostbare Präsenten, deren Eure hochgräflichen Gnaden ein Feind seynd, und mir nur gar zu wohl bekannt, daß ihnen keine Musik mehr zuwider, als wenn man auf dem Regal spielt, verstehe die Regalien, nach welchen andere mögen schnappen und tappen, thun sie ihn allweg hassen.

Befehle mich also, und förderst das arme Convent im Münzgraben in Euer hochgräflichen Gnaden beharrlichen Favor und Gunst, wünsche beinebens [9] Deroselben nichts anders, als durch die Vorbitt der heiligen Anna Annos longaevos, und nochmals dasjenige, was durch ein Anagramma oder Buchstabenwechsel aus dem Wort Kisel genommen wird, nämlichselik.


Euer hochgräflichen Gnaden

demüthigster Diener, Fr. Abraham a St. Clara.

Eltern, Vaterland und Herkommen Judas des Erzschelmen
[10] Eltern, Vaterland und Herkommen Judas des Erzschelmen, und wie es seiner Mutter von ihm geträumet.

Zu Jerusalem in der weltkundigen Stadt, welche die göttliche Weisheit zu einem Platz der höchsten Geheimnisse auserkiesen, war wohnhaft ein Paar Ehevolk, mit Namen Ruben und Liboria, beede aus dem unglückseligen Geschlecht Dan, aus welcher danitischen Schlangenbrut und Zunft auch der Antichrist herstammen wird.

Erst benannte Liboria, als sie großen Leibs gegangen mit dem Judas, hatte bei nächtlicher Weil einen unvermuthen Traum, welcher ihr in dem Schlaf mit einem prophetischen Pinsel vormalte, als trage sie unter ihrem Herzen einen so lasterhaften Bösewicht, welcher eine Schand und Schad der gesammten Freundschaft seyn werde, auch mit seinen verdammten Unthaten das ganze Haus beflecken, woraus sattsam zu schließen, daß auch der finstere Nachttraum gar oft die helle Wahrheit an den Tag bringe.

Es ist aber förderist nothwendig, zu wissen, daßdreierlei Traum dem Menschen in seinem ruheseligen Schlaf können vorkommen, welche eigentlich [11] entweder von der Natur, dem bösen Feind, oder Gott herrühren.

Der natürliche Traum wird zum öftesten von dem unterschiedlichen Geblüt vorgebildet: es träumet manchem, er habe einen ernstlichen Befehl von dem türkischen Kaiser, unter Kopfverlieren, daß er alle Mauslöcher der ganzen Welt mit jetziger Treu und Redlichkeit solle zustopfen, und dafern eines offen bleibe, werde man von dem Baum seines Leibs den Gipfel abstutzen: in was Aengsten befindet sich nit ein solcher? Diesen Traum aber verursachte das melancholische Geblüt. Einem andern träumt ganz lebhaft, wie er das Meer, in welchem der halsstärrige König Pharao ersoffen, habe mit dem Rheinstrom verheirathet und haben auf der Hochzeit alle Flüß der ganzen Welt getanzt. Diesen Traum brüten aus die phlegmatichen Humores und übrigen Feuchtigkeiten. Einem träumet, er fliege mit schnelleifrigem Flügel über den ganzen Deutsch-Boden; allein es seyen ihm etliche Federn ausgefallen, als man so erbärmlich geschossen zu Straßburg, wie selbige Festung anno 1681 erobert worden. Diesen Traum veursachen die subtilen Humores und trockne Complexion [12] des Menschen. Solche Träume zu anatomiren gehet eigentlich die erfahrenen Medicos an, woraus sie dann, als aus einem wahrhaften Zeugen, ganz scheinbar können abnehmen, wie das innere Uhrwerk der menschlichen Gesundheit behaftet sey. Noch andere natürliche Träume gebähret die unruhige Phantasey des Menschen, als welche fast niemalen keinen Feiertag hält, und protokolliret bei nächtlicher Weil dasjenige worin sich einer des Tags zum mehrsten beschäftigt: als, einem Jäger träumet, wie er in einem furchtbaren Eichwald ein wohlgewaffnetes Wildschwein anträfe, dessentwegen mitten im Schlaf aufschreiet: Hui Sau, daß auch darüber das Weib erwacht, und fragt: Mann, was willst? Einem Maler träumet, wie er eine wohlgestalte Dame in einem prächtigen Aufzug, mit sonders emsigem Pinsel abmahle, und als er auch einen Schleier um den Hals wollte führen, stielt ihm der Teufel die Farben, daß dessenthalben der Hals blos geblieben. Einem liederlichen Schlemmer träumet, der gewöhnlich in allen Wirthshäusern einen steten Umkreis macht, wie daß er beim goldenen Hufeisen das beste Pferd versoffen. Noch mit andern verwickelten, verwirrten, verwechsleten, verwildten, verwegenen Träumen mattet sich die menschliche Phantasey ab, denen aber keineswegs ein [13] Glaub noch Wahrheit beizumessen. Ja es ist ziemlich lachenswerth, die aberwitzige Meinung der alten Weiber, welche in dergleichen Schlafgrillen einen prophetischen Geist suchen. Sie geben vor, wenn es einem träumet, es fallen ihm die Zähne aus, so sey es ein unfehlbares Anzeigen, daß jemand aus der Freundschaft sterben werde; sie sagen aus: wenn es einem träumet, als werde er an den Galgen gehenkt und mit den Füßen die Luft trete, so seye es eine genaue Weissagung, daß er zu höherer Würde gelangen werde; sie schwören: wenn es einem träumet, daß ihm ein Pfannenstiel aufs Maul falle, so sey gewiß, daß er den morgigen Tag bei einer vornehmen Mahlzeit werde als Gast sitzen; sie wollen es hartnäckig behaupten: so einem träumet, er esse hart's Eisen, und kaue krumme Hufnägel, so sey es unfehlbares Vortrapp eines langen Lebens. Tausend dergleichen Schlafflaufen, Kinderrollen, Schattengewicht und Possen dichten etliche Abergläubige, und vermeinen es seye lauter Sybillenwahrheit was die von dem überfüllten Magen aufsteigenden Dämpfe in der Phantasey bei nächtlicher Weil ausschnitzlen.

Ein anderer Traum ist, welcher von dem bösen Feind als einem Gründer und Erfinder alles Uebels herkommt. Solcher verkündet wohl zuweilen in aller[14] Wahrheit künftige Begebenheiten, gar oft aber ist es ein bloßer vermantleter Betrug, und verzuckerte Falschheit, zumal dieser Fürst der Finsterniß nichts anderes sucht, als die unbehutsamen Menschen hinter das Licht zu führen. Er machts auf die Art eines vortheilhaften und gewinnsüchtigen Spielers, welcher anfänglich dem Gegentheil freimüthig den Gewinn läßt, nur durch solche Speckschwarten denselben mehr zu locken, bis er endlich unvorsichtig in die Falle kommt, und ihm der Eichel-Ober den Untergang weiset. Also vermaskirt sich gar oft der böse Satan, schicket den Menschen in dem Schlaf einen Traum, welcher nachgehends einen wahrhaften Ausgang nimmt und zeiget, daß die Träum nicht leer seynd, wodurch der leichttrauende Mensch also bethört wird, daß er allen Träumen einen festen Glauben gibt.

Zu Dortrecht in Holland war nicht gar vor vielen Jahren ein Gesell, welcher fein sauber all das Seinige verschwendet durch stete Schlemmerei und Unsauberkeit; denn diese beede gemeiniglich verwandt seynd, und wenn Bachus hinter dem Ofen sitzt, so heizt die Venus ein, und seynd diese so nah beieinander wie der Knopf bei den Hosen; auch zeigt es die öftere Erfahrnuß, daß Feuchtigkeit und Nässe den Kalk anzünde: nit weniger thut das Uebermaß des Weintrinkens[15] ungebührende Venusflammen in dem verwandten Leib erwecken; die Weiber aber und Weinbeer machen mehrstentheil alle Beutel eitel; und gleichwie in dem Kalender auf den Weinmonat der Wintermonat folgt, also auf vieles und ungezähmtes Weinsaufen geht es gemeiniglich kühl her, und schleicht die Armuth ein, wie ein stummer Bettler. Dessenthalben soll Bachus von Rechtswegen in einer Hand einen Regimentsstab, in der andern Hand einen Bettelstab führen. Nit weniger auch Venus thut die Taschen leeren; bringen also die Kandel und Andl einen Menschen zu einem armen Wandel. – Auf solchen Schlag ist es begegnet obbemeldetem Holländer, welcher durch sein unmäßiges Leben nit allein das Gewissen beschweret, den Beutel geringert, sondern auch noch dazu sich mit großen Schulden überladen, dergestalten, daß er zu Winterszeit nicht Noth hatte, vor seinem Haus eine Bahn zu führen, zumalen ihm ohnedieß die überdrüßigen Schuldenforderer durch vieles Laufen den Weg gebahnet. Die Sache kam also so weit, daß er wie die Fledermäus den Tag haßte und sich nicht traute sehen zu lassen, aus Ursachen, weil männiglich ihn mauloffen anschaute, auch mit Finger auf ihn deutete. Dieser Schwärmer in seiner tiefen[16] Melancholey hatte bei nächtlicher Weil einen Traum, und gedunkte ihm, als sehe er einen Mann mittlern Alters und feiner Leibsgestalt, welcher ihm seinen sträflichen Wandel sattsam zu Gemüth führte, beinebens stark befehle und einbinde: er soll sich unverzüglich nach der Stadt Kempen befügen, allda werde er auf der Brucken einen Menschen antreffen, der ihm gewisse Mittel werde an die Hand reichen, wodurch er zu dem vorigen Vermögen gelangen konnte. Der erwacht endlich, vermerkt beinebens, daß es ein Traum, bildet sich dennoch ein, es müßte etwas dahinter seyn, gehet deßwegen geraden Weg von Dortrecht nach der Stadt Kempen, verweilet daselbst einen ganzen Tag auf der Bruck, wird endlich über sich selbsten zornig, daß er einem nichtigen Traum einen so festen Glauben gebe, und beschließt bei sich, wieder mit dieser langen Nasen nach Haus zu kehren. Indem aber redet ihn ein Bettler an fragend, warum er eine geraume Zeit so bestürzt auf und nieder gegangen? Ei, sagt er, es hat mir getraümet, daß ich an diesem Ort werde ein Pflaster über meine Wunden, will sagen einen Schlüssel zum vorigen gehabten Glück finden. Finden? – ja finden, sagt der Bettler, eine Narrenkappen wirst du da ertappen: ist das nicht eine ungeräumte Thorheit, auf einen Traum glauben, und deßwegen eine solche Reis' auf sich nehmen? Du mußt wohl ein leichtgläubiger Tropf seyn, sagt der Bettler. Auf solche Weis' hätt ich schon längst müssen nach Dortrecht reisen, alldort einen Schatz zu graben unter einer Dornhecken in diesem und diesem Garten, wie es mir geträumet; – und erzählt den Traum mit allen [17] Umständen, aus welchen der Holländer augenscheinlich wahrgenommen, solcher Ort sey seines Vaters Garten, stellt sich aber, als achte er all dieß wenig, gibt dem Bettler ein freundliches: »Behüt' dich Gott,« und eilet nach Haus auf Dortrecht, gräbt unter dem gedachten Dorngesträuß, und findet wahrhaftig einen großen gold- und silberreichen Schatz.

Daß dieser Traum, auf welchen solche gewünschte Wahrheit gefolgt, soll seyn von Gott kommen, ist ein harter Zweifel, glaub' es dann erst, wann die Eselinn des Propheten Balaams wird ja dazu sagen; denn dieser gewissenlose Schlemmer solche Gnad von dem beleidigten Gott nicht verdienet hat; sondern allem Ansehen nach hat der arglistige Satan, dem dergleichen verborgene Schätz wohl bekannt, diesem lasterhaften Gesellen solches offenbart, damit er wiederum Mittel und Gelegenheit habe, seinen verdammten Luderwandel ferners zu treiben, und an die alten Sünden neue Missethaten zu knüpfen.

Vor Zeiten bei den Heiden war allgewöhnlich, daß man in dem Götzentempel das Nachtquartier genommen, darin geschlafen, zu dem End, damit ihnen der Traum einige Wissenschaft künftiger Dinge einblase, sodann öfters durch die bösen Feind' geschehen. Absonderlich in den gefährlichen Krankheiten hat der Teufel offenbaret gewisse Kräuter und heilsame Mittel, dadurch solche Leibespresten zu wenden, wie esAlexandro Magno und Andern begegnet. Mit solchen [18] phantastischen Gesichtern nächtlichen Gestalten und öftern Traumwerken betrügt annoch die alte Schlang manchen unbedachtsamen Menchen, wovon es kommt, daß bei Vielen der Traum gleichsam mit der heiligen Schrift in gleichem Gewicht ist, und sündigen förderst hierin die vorwitzigen jungen Töchter, welche den mehrsten Träumen von den Heirathen einen hartnäckigen Glauben stellen: Wie dann vor wenig Jahren in dem Unterösterreich einem solchen Kittelaffen geträumet, sie werde denjenigen heirathen, den sie zu Morgens nach der Frühmesse wird sehen vor der Kirche stehen. Wie sie nun eifrig aufgestanden und ganz schleunig nach dem Gotteshause geeilet, trifft sie bei der Kirchenpforte einen an in langer schwarzer Kutte und einem Chorrock, worüber sie dergestalten erbleicht, in närrischer Meinung, sie muß einen Geistlichen heirathen, daß sie kraftlos zur Erde gesunken. Es war aber bei ihr ein blinder Irrthum; denn dieser nur der Meßner desselbigen Orts war, welcher pflegte im wirklichen Kirchendienst dergleichen Kleidung an zu tragen.

Kaum hat Absalon so viel Haar in seinem Strobelkopf, kaum quackten so viel Frösche in Aegypten zu Pharaonis Zeiten, wie viel Weis' der höllische Raubvogel gebrauchet, dem Menschen zu schaden, absonderlich in dem Traum; denn gleichwie unterschiedliche [19] Aemter unter den bösen Feinden seynd ausgetheilt, also finden sich nit wenig unter dieser satanischen Schaar, welche den Namen und Titel tragen der Traumteufel: wie es dann einst die heil. Maria dam leidigen Satan, welcher einen gottseligen Mann stets durch verwegene Träume überlästigte, so weit getrieben, daß er in ganz trutziger Gestalt vor ihr erschien, und als sie fragte, wer er sey? geantwortet: Ich bin derjenige, den du Verfluchte mit deinem Gebet genöthet, zu dir anhero zu kommen, die du mir meinen Freund abzudringen dich unterfängst, ich werde genannt der Traumteufel, bethöre und führe nicht wenig Menschen hinter das Licht.

Es ist leicht zu glauben, daß jener grobe Bauren-Lümmel in Elsaß seinen Traum von dergleichen Schmutz-Engel geschöpft habe: Dem Stocknarren träumte, als sehe er im Schlaf eine ohnzählbare Menge der Mäus, so auf den Aeckern und Traid-Feldern großen Schaden verursachten, ja es dünkt ihm, als habe er mit seiner Kühnheit alle diese schädliche Traid-Dieb vertrieben. Solchen Traum legte er eigensinnig dem Baurenvolk aus, und bewies, wie daß durch die Mäus die Edelleut verstanden seyen, welche dem armen Unterthan sein Stückel Brod immer abnagten; es sey demnach Gottes Willen, daß sich der gemeine Mann rechtmäßig wider seine Obrigkeit auflehne, und zum Gewehr greife; woraus dann ein so blutiger Krieg entstanden, daß sehr viel aus dem hohen Adel umkommen, der Bauren aber fast in die hundert tausend ins Gras gebissen: ist also des bösen Feinds einige List und Lust, [20] den Menschen im Traum, durch Traum und mit Traum zu bethören, daher der Prophet Jeremias uns schon längst gewarnet mit diesen Worten: Dieß sagt der Herr der Heerschaaren, der Gott Israel, las set euch eure Propheten und Wahrsager, die unter euch sind, nicht betrügen, und achtet auf eure Träume nicht, die ihr träumet.

Gleichwohl aber sind nit alle Träum zu verwerfen, aus Ursachen, weil Gott der Herr gar oft dem Menschen im Traum große Geheimnisse offenbaret, ja nit selten durch seine Engel solche Träum zuschicket, welche zuweilen einen Unterweis oder Verweis geben.

Von Gott ist gewest jener Traum des Josephs, welchem im Schlaf vorkommen, als binde er mit seinen Brüdern Garben auf dem Feld, und scheine endlich, daß seine Garbe allein sich aufrichte, der Brüder aber ihre Garben rings herum die seine anbeten, tiefe Referenz und Compliment machen. Durch solchen Traum wollte Gott schon von fern andeuten, wie daß der gerechte Joseph zu hohen Würden soll gelangen, seine Brüder aber der Lakeien Stell verrichten, denen der Schneidermeister Neydhart die Livree verfertiget.

Von Gott ist gewest sein anderer Traum, den er seinen Brüdern erzählte, worin er eigentlich sah, daß Sonn und Mond sammt eilf Sternen ihn angebetet, [21] in welchem Nachtgesicht die helle Wahrheit verhüllt gewesen; denn es war eine vermantelte Prophezeihung, daß er werde sehr hoch steigen, die eilf Brüder aber werden sich müssen auf Eilfe legen, und in niederträchtigem Stand vorlieb nehmen, ja es soll noch dazu kommen, daß Vater, Mutter und alle Brüder ihm gebührmäßig werden aufwarten.

Von Gott ist gewest jener Traum des königlichen Mundschenken, wie auch des Hofbäckers bei dem großen Pharao, welche beede durch Königlichen Befehl in der Keichen verhaftet lagen, und einst zwei ungleiche Träum hatten, benanntlich: dem Mundschenk hat geträumet, als sehe er vor ihm einen Weinstock mit drei Reben, auch solche Presse, nach dem sie genug gezeitiget, in dem Mundbecher des Pharao, und reiche dieses Trinkgeschirr wirklich dem König. Joseph, der gleichmäßig ein Gefangener war in solchem Kerker, wird höflich ersucht, als ein von Gott erleuchteter Traumausleger, was doch dieses möchte bedeuten? Du, antwortet er, wirst nach dreien Tagen wieder zum vorigen Amt gelangen: Bruder memento mei, »mach dir einen Knopf auf die Nasen und vergiß meiner nicht.« Der Hofbäcker erzählt auch ganz umständlich seinen Traum, wie das daß er gesehen im Schlaf als trage er drei Körb auf seinem Haupt, und waren in dem obern Korb allerlei Brode, Leib, Mund-Semmeln, [22] Pretzen, Wecken, viel lange, kurze, krumme und gerade Kipfel etc.; auch hats ihm gedunkt, als fressen die Vögel aus diesem Brodkorb. Joseph was hältst du davon? Du, sagt Joseph, du wirst den König um Gnad flehentlich ersuchen, wirst aber einen Korb erhalten, und nach dreien Tagen wird der Henker auf deiner Hochzeit tanzen. Der Galgen wird dir im obern Stock ein Logement vergönnen; in der Luft wirst du das Luftschöpfen vergessen, und die Raben werden bei dir eine Freitafel haben. Auf beiden Seiten ist ein solcher Ausgang gefolget, wie es der gerechte Joseph angedeutet.

Von Gott ist gewest der Traum des Salomon, des Abrahams, des Nabuchodonosors, des Jakobs etc. Es wird herentgegen in Zweifel gestellt, von wem jener Traum verursachet worden, welchen gehabt hat die Frau Gemahlinn des Pilatus, damalen, als sie in aller Früh den Pagen zu ihrem Herrn geschickt, da er schon im Rath gesessen, ihm die Ordinaripost lassen ablegen und beinebens ernstlich ersuchen, er wolle sich doch nicht vergreifen an Christo von Nazareth, noch weniger ein unreifes Urtheil über ihn fällen; denn sie habe heut Nacht einen erschrecklichen Traum deßhalben gehabt, und nehme ab in Allem ganz handgreiflich, daß er ein gerechter und unschuldiger Mensch seye. Es seynd wohl etliche der Meinung, als habe dieser Traum von dem bösen Feind hergerührt, der durch solches Weib gesucht, den seligmachenden Tod des [23] Herrn zu verhindern; es ist aber der mehrsten Lehrer einhellige Aussag', daß solcher von Gott kommen, denn so der Satan hätte wollen hinterstellig machen den Tod Christi, so hätte er die Gemüther der Hebräer nit also mit Neid und Haß gegen ihn angefeuert: Folget demnach, daß solchen Traum Gott habe geschickt, zumalen diese des Pilatus Frau eine gottselige Dame war, mit Namen Claudia Procula, welche nachgehends an Christum eifrigst geglaubt, und den Namen einer Heiligen verdient.

Gott der Herr ist nicht ungleich einem Magnet; denn gleichwie dieser wunderseltsam das harte Eisen ziehet, also ziehet der mildherzigste Erlöser die harte Sünde zu sich. Moses war auf eine Zeit ganz heißbegierig, die Glorie Gottes zu sehen; dem aber Gott den Bescheid geben, er solle ihm auf den Rücken schauen: Gott der Herr aber trägt auf dem Rücken und Achseln nichts anders, als das verlorne Lämmlein, welches er als ein guter Hirt wiederum gefunden. Es hält dieß also der Höchste für seine Glorie, wenn er einen irrenden Sünder wieder auf den rechten Weg bringet; ja Gott ist wie der Agtstein: solcher zieht durch verborgene Wirkung an sich das Stroh. Nit weniger zieht Gott der Herr an sich den Sünder, welcher dem unfruchtbaren Stroh ganz gleich, ja wohl ein Stroh-Kopf selbst zu benennen, indem er um ein geringes Affenspiel der Welt so unweislich das Ewige vertändelt.

[24] Unzählbar aber scheinen die Manieren, wodurch der Allmächtige das sündige Adams-Kind zu sich locket, und geschieht gar oft durch einige Träum', die er manchem Lastergemüth zuschicket:

Die selige Margarita von Cortona hat Gott zu sich gezogen durch einen Hund, welcher sie bei dem Saum des Rocks geführet hat hinter ein dickes Gesträuch, und ihr allda gezeigt den todten und bereits mit Würmern überhüllten Jüngling, den sie so unsinnig geliebt hat: Hat ihr also der Hund gesagt, was ein Mensch sey. – Den heiligen Ignatium Lojola hat Gott zu sich gezogen durch eine starke Wunde an seinem Fuß in der Pampelonesischen Belagerung, wovon er liegerhaft worden und zur Vertreibung der Zeit geistliche Bücher gelesen, welche ihn also in der Liebe Gottes angefeuert: Hat demnach Ignatius mit krummen Füßen lernen besser Christo nachfolgen, als mit geraden. – Den gottseligen Petrum Consalvum in Spanien hat Gott zu sich gezogen durch eine Kothlachen; denn als er einst vor großer Menge Volk mit absonderlichem Gepräng' auf einem stolzen Klepper den Damasen zu Ehren daher trappte, fällt er unverhofft in eine wüste Kothlache, worin er als in einem Saubad herumgewälzet, und einem Mistfinken nit ungleich gesehen, welches denn jedermann zu einem ungestümmen Gelächter bewogen. Er aber wahrgenommen, daß ihn die Welt also auslachet, resolvirt sich augenblicklich, [25] dieselbe hingegen wieder auszulachen, tritt in einen heiligen Orden, und lebt gottselig: Dem hat gleichsam die Kothlachen das Gewissen gesäubert. – Den seligen Johannem aus dem heiligen Orden des Franziscus hat Gott durch dieSchwein zu sich gezogen; denn als dieser ein vornehmer Advokat war, und einmal gesehen, wie daß einer die Schwein' wollte in den Stall treiben, solche aber auf alle Weise widerspenstig sich weigerten hineinzugehen, sagte der Hirt aus Unwillen: Ey daß euch der Teufel hineinführe, wie die Advokaten in die Hölle. Kaum daß solche Worte vollendet, seynd die Säu' haufenweis hineingedrungen, und eine über die andere hinein geeilt, welches diesen Advokaten dergestalten erschreckt, daß er von Stund an der Welt den Rücken gezeigt, und in den strengen Orden des heiligen Franziskus getreten: Ist also dieser durch die Säue in den Schafstall Gottes kommen. – Den muthwilligen Clericum hat Gott zu sich gezogen durch die Würfel. Denn als ihm der heilige Abt Bernhardus begegnete, und zur ernstlichen Bekehrung anfrischte: Meinethalben, antwortete er, Herr Pater, wir wollen würfeln, und so ihr mehr Augen werft als ich, so will ich euer Mönch werden; dafern aber ich euch an Wurf überwinde, so gehört euer Roß mir zu. Der heilige Abt läßt sich in diese Bedingnuß ein. Der freche Clericus ziehet heraus drei falsche Würfel, und wirft gleich das erstemal 18 Augen, der heilige Bernhardus wirft auch voll der Hoffnung, da fallen zwei Würfel, ein jeder mit 6 Augen; der dritte aber ist mitten von einander gesprungen, und ein Theil 6 und der andere 5 Augen gezeigt, welches Wunder den [26] Clericum in das Kloster gezogen: Er hat also durch dieses Verspielen das Beste gewonnen.

Noch viel' andere Weisen hat der allgütigste Gott, wodurch er den irrenden Menschen zu sich locket; absonderlich aber pflegt er solches zu thun durch den Traum, und schicket manchem einen Traum, der ihm anstatt eines apostolischen Predigers ist; der ihm anstatt eines klaren Spiegels ist, worin er die Wahrheit ersiehet; der ihm anstatt eines Sporens ist, welcher ihn auf dem Weg' Gottes besser antreibet; der ihm anstatt eines Weckers ist, und von dem Schlaf der Sünden aufmuntert. Gesetzt, es ist jemand, der mit dem Kain neidig, mit dem Absalon stolz, mit dem Ammon buhlerisch, mit dem Achan diebisch, mit dem Joab falsch, mit dem Dathan lügenhaft, mit dem Nabal liederlich und in allem sündig: dem träumet einmal oder zweimal, wie daß er vor Gottes Richterstuhl stehe, und sehe das große Protokoll seiner Sünden, das zornige Angesicht des Richters, die verschwendeten Blutstropfen des Erlösers, die versäumte güldene Zeit, die triumphirenden höllischen Geister, den aufgesperrten Rachen des Teufels, ja es träumet ihm, als wäre er wirklich in dieses ewige Weh hineingestürzt, ängstiget sich dermaßen ab im Schlaf, daß er hierüber erwacht, und findet das Angesicht mit kaltem Schweiß überloffen: Glaub du mir, dieser Traum rühret nicht anderswo her, als von Gott, welcher sucht, dich verlorenes Lämmlein, mit solcher Weis' auf den rechten Weg zu bringen, dich aus dem sündigen Egypten ins gelobte Land zu führen, dich in dem Jordan der [27] Pönitenz von dem sündigen Aussatz zu reinigen, und deine Seele als eine Sclavinn des bösen Feindes wiederum zu einer Bürgerinn des Himmels zu machen. – Es träumet einem Jüngling, wie daß er eine große Weltkugel vor sich sehe, mit unterschiedlichen Schubladen, die er alle auf das genaueste durchsucht, und träumet ihm, als habe er in dem ersten gefunden eine Larve mit Schellen verbrämt, in dem andern lauter faule Fische, in dem dritten Staub und Asche mit etlichen zerbrochenen Glasscherben untermenget, in dem vierten einen wurmstichigen Lebzelten mit einem Gläslein Wermuth, im fünften ein Zettelchen, darauf diese Worte stunden: reim dich Bundschuh; die andern Schublädlein waren alle leer etc., welches ihn also verdrossen, daß er die Weltkugel mit Füßen getreten, und als er im währenden Schlaf den Fuß an die Bettwand gestoßen, wird er wach: Glaub du mir, entdecke diesen Traum deinem verständigen Beichtvater, begehre und bitte von Gott dessenthalben eine Erleuchtung, du wirst augenscheinlich finden, daß der Traum nit leer, sondern Gott will auf solche Weis dich vor der öden und schnöden Welt absondern, damit du ihm in einem geistlichen Stand desto eifriger dienst. Einem, der gefährlich krank lieget, und dem der Doctoren Recept und Concept keine Linderung bringen, träumet und kommet im Schlaf vor, als soll er sich verloben nach Maria Zell in Steiermark, nach Maria Einsiede in der Schweiz, nach Maria Alten-Oetting in Bayern [28] nach Maria Täferl in Oesterreich etc.: dort werde er unfehlbar bei der Mutter der Barmherzigkeit seine gewünschte Gesundheit erhalten, als welche gar recht in der Lauretanischen Lobverfassung, Salus infirmorum, ein Heil der Kranken benennet wird: Glaube du mir, dieser Traum ist nicht leer, und hat solchen unbezweifelt dein lieber Schutzengel dir eingegeben, als der da sucht sein liebstes Pflegkind unter dem Marianischen Schutzmantel zu verhüllen, und den Eifer zu dieser mildesten Himmelsköniginn mehr anzuflammen.

Zu wissen aber eigentlich, welcher Traum gewiß von Gott herrühre, können unfehlbare Kennzeichen nit beigebracht werden, weilen auch der böse Feind unter heiligen Larve pflegt zu spielen; doch ist dieses wohl in Obacht zu nehmen: Wenn man mit guten Gewissen und nüchterm Magen schlafen gehet, auch sich mit gewöhnlichem Gebet und Weihwasser bewaffnet, daß selten den höllischen Laurern in solchem Fall ein Zutritt von Gott gestattet wird, auch wohl zu merken: wann Gott einem einen Traum schicket, daß er gemeiniglich pflege auch desselben Gemüth zu erleuchten, wie begegnet dem Abraham, dem Jakob, dem Salomon, dem Daniel, dem Joseph, dem frommen Herzog in Bayern, Wilhelmus, von welchem Drexel. Protr. Paragr. 38.

Die Mutter des heiligen Eligius, die Mutter des heiligen Furseus, die Mutter des heiligen Bonifacius, des heiligen Willebrordus, des heiligen Bernhardus, des heiligen Dominicus, Andreas, Corfinus, Franziskus, Robertus, Pabst Pius II. Leo X. etc. haben Träume gehabt, daß sie werden Kinder gebären, [29] welche zu großer Ehr' und Heiligkeit sollen gelangen. Zweifels ohne seynd solche Träum von Gott gewest.

Wie es aber Ciboria der Mutter des Judas geträumet hat, daß sie werde einen Erzschelmen auf die Welt bringen, von wem solcher Traum herkommen, laß ich es dem verständigen Leser über, von welchem mir geträumet, daß er es zum besten werde erörtern und auslegen.

Der unglückselige Ehestand der Ciboria und des Ruben
Der unglückselige Ehestand der Ciboria und des Ruben, als Eltern des Judas.

Nachdem die unglückselige Ciboria ihrer schweren Leibesfrucht entbürdet worden, und mit dem Juda niederkommen, hat sie geschöpft, von welcher Christus gesagt bei dem Joh. 16: »Ein Weib, wenn sie gebäret, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stund ist kommen; wenn sie aber das Kind geboren hat, so gedenkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen, daß ein Mensch in die Welt geboren ist;« sondern es war die Ciboria ganz bestürzt, weilen sie einen solchen Bösewicht ans Tageslicht gebracht, der ihre ganze Freundschaft wird verfinstern. Sie weigerte sich demnach kurzum, ihm die mütterliche Brust zu reichen, der keine andere Amme als wie Romulus und Römus gehabt zu haben verdient; ja damit sie sammt der Freundschaft dessen künftige Schandthaten nit ansichtig wurde, ist sie von aller[30] mütterlichen Neigung abgetreten, hat den neugebornen großkopfeten Buben in ein Binsenkörblein gelegt, und dem wilden Meer überantwortet. Zu schmerzen ist, daß er in dem Falle dem gerechten Moses gleichete. »Was an Galgen gehört, ertrinket nit,« dieß ist absonderlich an diesem jungen Unkraut wahr worden, zumalen dieser junge Judas ohne Gefahr fortgeschwommen und von den Meerwellen in die Insel Iscarioth getrieben worden, wovon er den Namen geschöpft. Gleich damalen ging die Königinn selbigen Orts an dem Meeresufer spazieren, nimmt wahr, daß ein Körblein zum Gestade schwimmet, und weil sie darinnen ein kleines Kind ersehen, befiehlt sie alsobald, solches in aller Still' nach Hof zu tragen, stellte sich, weil sie eine geraume Zeit unfruchtbar, als wäre sie großen Leibs, auch endlich, durch Beihülf' anderer Weiberlist, zeigt sie sich, als wäre sie niederkommen, und hätte dieses Kind geboren. Da heißt es wohl: wie größer der Schelm, je besser das Glück.

Allhier ist sattsam abzunehmen, wie unglückselig der Ehestand der Ciboria und des Ruben der Eltern des Judas gewest. Weilen sie einen solchen Unflat gezeuget, ist muthmäßig, daß solcher Ehestand mit andern Unthaten befleckt sey gewest, und weil er so schlecht von Gott gesegnet war.

Als der jüngere Tobias auf eine Zeit wollte die Füß' waschen, wird er ansichtig eines großen Fisches, so mit aufgesperrtem Rachen schnell zum Gestade geschwommen, welchen er aber alsbald aus Befehl des Engels auf das trockene Ufer hinausgezogen. Der Fisch aber zappelte, tanzte, hüpfte vor seinen Füßen[31] dergestalten, als wollt er vor Freuden etliche nasse Capriolen schneiden, worauf der Engel alsbald dem Tobias geschafft, er solle den hüpfenden Fisch ausweiden, und neben anderm viel Galle heraus nehmen.

Diesem Tobias'schen Fisch ist nit ungleich der Ehestand, welcher äußerlich das Ansehen hat, als steckt er voller Freuden; aber du, mein lieber Welt-Mensch, beschaue diesen Fisch einwendig, da wirst schier nichts als Galle antreffen, in dem Ehestand viel und fast unzählbare Bitterkeit finden.

Jenes Confect, in welches die ersten Eltern – wohl rechte Stiefeltern – gebissen, und auf solches Beißen das Büßen gefolgt, ist nach etlicher Lehrer Aussag' kein Apfel gewest, sondern eine indianische Feige, welche man noch heutiges Tages die Adams-Frucht nennet, ist aber am wenigsten gleich den Feigen unserer Länder, sondern ganz rund, und überaus schöner Gestalt, als hätte sie die Farben von einem Regenbogen entlehnt, und so man dieses Obst aufschneidet, findet man darin ganz natürlich das Kreuz Christi mit allen Passionsinstrumenten, welches ja zu verwundern, und soll eben diese jene Frucht seyn gewest, in welche Adam so unbedachtsam gebissen.

Dieses Obst ist ein eigentlicher Entwurf des Ehestandes, welcher äußerlich den Schein hat, als seye er nichts als süß, ja ein lauteres Zuckergewölb, ein Honigfaß, ein Herzenfest, ein Freudenkelter, ein Lustgarten, ja ein himmlisches Leckerbissel, aber, aber, [32] und wiederum aber, das Inwendige stimmt nit zu mit dem Auswendigen, denn inwendig im Ehestand nichts als Kreuz und Leiden zu finden.

Lieber Weltaff – verzeihe es mir, daß ich dich also fremd titulire – gehe mit mir zur angenehmen Sommerszeit ein wenig hinaus, eine günstige Luft zu schöpfen, da wirst du gleich hören der Nachtigall ihr vielstimmiges Flötlein, des Gimpels sein abgeschmacktes Feilen, der Wachtel ihre schlagende Halsuhr, des Kukuk sein bäurisches Waldgeschrei, der Amsel ihr gemeines Schleiferliedlein, der Lerche ihrTe Deum laudamus, des Stieglitz sein Passarello etc.; da wirst du gleichförmig sehen der Wiesen ihre gestickte Arbeit, des Wasen grünsammeten Teppich, der Felder ihre häufige Fruchtbarkeit, der Wälder ihr lustiges Lauberfest, aller Erdgewächs fröhliche Auferstehung, des ganzen Erdbodens hochzeitliches Gepräng. Gehe weiter und genieße der güldenen Zeit nach Genügen: laß uns ein wenig spazieren gehen auf den grünen Gestaden des rauschenden Flusses, welcher mir und dir vorkommt, wie ein Spiegel in einem grünen Rahmen, und wie ein fließender Krystall; was noch mehr, wir sehen in diesem Wasser die schönen gefärbten Wolken, die schöne strahlende Sonne, das schöne helle Gewölb, den schönen Himmel selbsten. Demnach, lieber Bruder, hast du Lust in den Himmel, so stürz dich hinein und schicke mir fein förderlich eine Staffette wie es im Himmel zugehet! Da antwortet dieser, daß er in solchem Spiel pflege zu passen, denn so er sich möchte [33] in den Fluß hinein senken, würde solcher den Namen verlieren und nachmals eine Stockfischbrühe genannt werden in Bedenkung seiner Thorheit; denn in diesem Wasser kein Himmel, sondern nur ein bloßer Schein des Himmels, ja anstatt des Himmels würde er das trübe Wasser saufen, und gar den Untergang leiden.

Es gibt so viel unbesonnene Adamskinder: Wenn man vom Ehestand redet, so spitzen sie die Ohren, wie der Schimmel, da er sieht den Habersack schütteln, es schlägt ihnen der Puls, als ob sie auf der Post reiten, wenn nur die geringste Meldung geschieht von der Hochzeit; es dünket ihnen, als sey in dem Ehestand ein lauterer Himmel. O Lümmel! es ist weit gefehlt: es ist nur also der bloße Schein, es ist nichts darin zu finden, zu gründen, als trübes Wasser, verstehe Betrübniß und Widerwärtigkeit.

Es kann nicht bald der Ehestand lebendiger entworfen werden, als durch jenen Wunderbaum zu Asca in Niederland, allwo ein gemeines Bauernweib mit Schulden also überladen war, daß sie endlich aus Noth ihre eigenen Kleider den Juden allda um ein wenig Baarschaft zu verpfänden gesucht, damit sie nur in etwas die Creditoren befriedigen möchte. Die Juden aber, als verstockte Satansgemüther, tragen der armen Haut vor, wie daß sie in Ansehung der Kleider nit einen Heller wollten vorstrecken, wohl aber eine ziemliche Summe Geld ihr in die Hand werfen, wenn sie ihnen wollte eine consecrirte Hostie einhändigen; welches gar füglich möchte geschehen dazumalen, als sie solche aus des Priesters Hand empfangen, und unvermerkt Anderer wieder aus dem Maul ziehen würde. Das [34] Weib läßt sich von dem angebotenen Geld verblenden, gehet bei der österlichen Zeit zu dem Altar Gottes, empfangt auf ihre verrätherische Zunge das höchste Geheimnuß, und nimmt solches wiederum aus dem Mund, des verruchten Vorhabens, dieses den Hebräern zu überliefern; unterwegs aber nagt sie der unruhige Gewissenswurm dergestalten, daß sie ihr Gemüth verändert, und solche Hostie in dem nächst am Wege verdorrten Eschenbaum verborgen. Nun siehe Wunder! augenblicklich hierauf fängt der lang verdorrte Baum zu grünen an und sich mit schattenreichen Blättern bekleiden, wessenthalben ein großer Zulauf des Volks entstanden, und – was solches Wunder vergrößert – viel krumme, lahme, blinde und andere presthafte Menschen ihre gewünschte Gesundheit erhalten. Der Herr aber desselbigen Grundes, auf dem der Baum gestanden, empfand hierdurch einen merklichen Schaden, um weilen durch den großen Zudrang der Treid-Acker unnützbar zertreten wurde: gehet demnach hin, und will solchen Baum umhauen, vermerkt aber dieses größte Wunder, daß alle Scheiten, so herunter gefallen, eine Gestalt der blutigen Kreuz' hätten, und siehet mit zusammengeschlagenen Händen, daß dieser Baum voller Kreuz, ja ein lauters Kreuz, welches nachmals der geistlichen Obrigkeit ist umständig angedeutet worden, sammt freiwilliger Bekenntniß obbemeldten Weibsbildes.

Der Ehestand ist ein Baum, welchen der allmächtige Gott selbsten gepflanzt hat. Dieser Baum grünet dermaßen lieblich, breitet seine blättervollen Zweige also aus, daß er den Menschen fast die Augen, und[35] mit den Augen das Gemüth auf Magnetart anziehet, derenthalben eine so große Menge zu diesem Baum eilet, und denselben umfängt. Aber schauet ein wenig, ihr Weltmenschen, wie dieser Baum beschaffen, werdet spüren, daß er voller Kreuz, ja fast lauter Kreuz daran, darin, darum.

Anno 1503 hat man, zu Regensburg, Nürnberg, Landshut und andern Orten auf den Kleidern der Leut' röthlichte Kreuz gefunden, welche vom Himmel gefallen, und durch kein Waschen konnten ausgebracht werden, bis sie endlich den neunten Tag selbst verschwunden. Aber in dem Ehestand regnet es nicht nur im Jahr einmal Kreuz, sondern wohl alle Monate, ja alle Wochen, auch oft alle Tag' und Stund'.

In Spanien auf allen Gebäuden, welche der Cardinal Peter Consalez de Mendozza hat aufrichten lassen, wachset noch heutigen Tag durch ewiges Wunderwerk ein Kraut wie ein Kreuz, welches der Andacht zugemessen wird, die gedachter fromme Cardinal zu solchem heiligen Siegeszeichen hatte; – aber in dem Ehestand ist solches gar kein Wunder, zumalen nicht allein Kreuz auf dem Haus, sondern auch im Haus, Stuben und Kammer, ja allenthalben wachsen.

Die ungereimten israelitischen Maulaffen seynd auf eine Zeit überdrüssig worden über das süße Manna oder Himmelsbrod, in welchem doch aller Saft und Kraft war; ja sie haben noch darüber dem Moses üble Mäuler angehängt, den Sanftmüthigen mit Lästerworten angetast' und unverschämt ins Gesicht gesagt: sie wünschten, daß sie noch in Egypten waren bei den Zwiebeln; solche würden ihnen tausendmal [36] besser schmecken. O ihr undankbaren Gesellen, ihr stinkenden Knoblauchmäuler, sollen euch die Zwiebeln angenehmer seyn, als das liebliche Manna? daß euch diese das Herz abstossen, so gibts euch eine Kraft! Pfuy! Aber sag an du mürrisch Gesind, wo die mehresten Zwiebel anzutrefen, vielleicht in Egypten? – ihr Zwiebelmäuler sagt die Wahrheit nit, müßt wissen, daß in dem Ehestand die mehresten zu finden; allda ohne Zweifel gibts Zwiebel ohne Zahl: wie zwiebelt nicht mancher sein armes Weib? wie zwiebelt nit manche ihren Mann, wie zwiebeln nit oft einen seine Kinder, wie zwiebeln nicht manchen seine Dienstboten, etc. Es giebt mit einem Wort hierin Zwiebel ohne Abgang, Leiden ohne Zahl, Elend ohne Maß, Keyerei ohne Grund: in der Kuchel, Stuben und Kammer findet man oft lauter Jammer.

Der heilige Petrus befand sich einst in der Stadt Joppe, und betete; in währendem Gebet geräth er in eine Verzuckung, und wurde ihm gezeigt ein seltsames Gesicht: Er thäte wahrnehmen, was massen ein großes leinenes Tuch mit vier Zipfeln vom Himmel herab gelassen wurde zu ihm, und als er in solches mit Fleiß hineinschaute, merkte er, daß sowohl gehende Thiere, fliegende Thiere, und auch kriechende, benanntlich Schlangen, Ottern, Blindschleichen etc. darinnen waren; hörte beinebens eine Stimme vom Himmel, die ihm schafft, er soll aufstehen, alles dieses[37] schlachten und essen. Petrus aber schüttelt hierzu den Kopf, sagt: Herr, das laß ich wohl seyn, denn niemalen nichts Unreines in mein Maul kommen. – Ich weiß zwar, daß dieses Gesicht, so dem Petrus begegnet, voller Geheimniß war, und viel schöne Ausdeutungen von den heiligen Lehrern daraus gezogen werden: Ich aber sag es denen Eheleuten, daß sie gar oft solche Bissel, welche Petrus geweigert zu essen, schlücken müssen: Wie oft muß er Galgenvogel, plumper Esel, fauler Hund, harter Büffel, ungeschickter Gimpel etc. schlücken: wie oft muß sie Bestie, Krott, Diebsvieh, giftige Schlang, Teufelsaß etc., schlücken, und Geduld tragen, aus Sorg, es möchte noch trüberes Wetter hernachfolgen.

Darum: die Eheleut' müssen einen guten Kopf haben, denn sie gar oft das Abkämpeln leiden.

Die Eheleut, müssen gute Zähn' haben, denn sie müssen gar oft etwas verbeißen.

Die Eheleut müssen gute Finger haben, denn sie müssen gar oft durch dieselben schauen.

Die Eheleut müssen einen guten Rucken haben, denn sie gar viel müssen übertragen.

Die Eheleut müssen einen guten Magen haben, denn sie müssen gar viel harte Brocken schlücken.

Die Eheleut müssen eine gute Leber haben, denn es kriecht ihnen gar oft etwas darüber.

Die Eheleut müssen gute Achseln haben, denn sie müssen dieselben oft über eine Sach schupfen.

Die Eheleut müssen gute Füß' haben, denn es druckt's der Schuh gar vielfältig: mit einem Wort: [38] Patientia ist die erste Haussteuer, so die Eheleut haben müssen.

Man wird bald nicht andächtigere Leut finden, als die Eheleut', denn sie gehen fast alle Tage mit dem Kreuz, und kommen mir vor, wie die Schiffe am Gestade, welche zwar angebunden, und scheinen als genießen sie Ruhe, man wird aber doch sehen, daß eines das andere stößt: also seynd gleichförmig die Eheleut zusammen gebunden durch das heilige Sakrament und einhelliges Ja. Auch scheint ihr Stand ein Ruhestand; man wird aber dennoch merken, daß eines das andere plaget, und thut es nicht haglen, so zeigen sich doch zuweilen die Blitze. Der Ehestand mag endlich verglichen werden der vergoldeten Arche des Bundes im alten Testament, auf welcher zwei goldene Cherubim waren, welche aus Befehl Gottes einander mußten anschauen. Also im Ehestand soll eins das andere freundlich ansehen, und nit sie gegen den Orient und er gegen den Occident. Auf solche Weise seynd sie gleich den samsonischen Füchsen, welche die Philistäischen Felder in Brand gesteckt: diese waren zwar zusammengebunden, aber die Köpf waren weit von einander, und schauete einer hi, der andere hot; o Gott! das ist ein Spott.

Dahero, meine Welt-Menschen, so euch doch die Zähne wässern nach dem Ehestand, so leget zuvor alles wohl auf die Wagschale, fahret nit gar zu gähe[39] in den Haberbrei, damit ihr euch das Maul nit verbrennet, erwäget fein reiflich alle Umständ', alle Eigenschaften und Neigungen selbiger Person, mit welcher ihr euch wollet verbinden. Jener muß ein unbedachtsamer Lapp seyn gewest, von dem das Evangelium registrirtet, wie daß er neben Andern zum Hochzeit-Mahl ein heftiges Ladschreiben empfangen, nachmals aber persönlich nicht erschienen, sondern durch die Diener, so ihn zum andern mal ruften, folgende ungereimte Antwort beibringen lassen: wie daß er habe ein Dorf gekauft, und nun vonnöthen wäre, daß er hinaus gehe, und selbiges besichtige; soll ihn also entschuldiget haben. Laß mir den einen Strohkopf seyn, der etwas einkauft, welches er noch nicht gesehen. Er hätte fein sollen vor dem Kauf das Dorf genau besichtigen, den Augenschein aller Einwohner und Unterthanen einnehmen, Grund und Aecker umbreiten etc. Also soll man fein zuvor, ehe man sich in eheliche Verbindniß einlässet, Alles wohl betrachten, damit man nit anstatt einer Gertraud eine Bärenhaut, anstatt eines Paulen einen Faulen, anstatt einer Dorothee ein Ach und Weh, anstatt einer Sybill eine Pfeffermühl heyrathe; zuvor muß man alles erwägen, auf daß man nicht auf dem Roßmarkt einen Esel einhandelt, und Rüben für Rettig einkaufet.

Der große Patriarch Abraham schickte einst seinen Hofmeister aus, seinem jungen Herrn dem Isaac eine Braut zu suchen. Er gab ihm aber eine absonderliche[40] Instruktion: daß er soll sehr behutsam und mit möglichster Vorsichtigkeit umgehen, nit gleich sich in die nächste aufgeputzte Docke vergaffen. Der verständige Hofmeister Namens Eliezer fängt die Sach mit Gott an, und befehlet dem Allerhöchsten dieses sein wichtiges Geschäft, beschließet auch durch göttlichen Einschlag bei sich selber jene zu erwählen, deren Reichthum in rühmlichen Sitten und lobwürdigsten Tugenden würde bestehen, setzet sich demnach in Mesopotamien außer der Stadt Nahor bei einem Brunnen nieder, zu sehen, was für Mädlen heraus gehen, Wasser zu schöpfen, und die ihm sammt den seinigen Kameelen wird freiwillig zu trinken geben, die soll Braut seyn und keine andere.

Mein lieber Eliezer, du schickst dich auf Weltmanier nit recht zum Kuppeln. So du willst etwas Rechts ausklauben, so gehe an einem vornehmen Festtag' in die Stadt hinein, da wirst du mit Verwunderung sehen, wie die jungen Töchter aufgeputzt daher treten, da gehet eine mit gekraußten Haarlocken, worin sechshundert Klafter seidene Bändel eingeflochten, daß man einen halben Tag brauchet, dieselbe wiederum abzuhaspeln; dort gehet eine andere, welche schon drei Tag ihr Gesicht in Eselsmilch eingebeizt, und auf ihren Wangen Rosenstauden ohne Knöpf pflanzet, wie gefällt dir diese? allda stehet eine, welche ihre Lenden zusammen gepreßt, daß ihr auch schier der Athem [41] verarrestieret und ganz rahn, wo nit ganzrein ist; wie gefällt dir diese? Ich, sagt Eliezer, gib nicht Achtung auf die bloße Gestalt. Wenn dem also, so zeige ich dir eine andere: siehest du alldort dieselbige, welche zwar im Rückgrat von der Natur ein wenig beschimpft und auf einer Seite die Arbeit erhebt, dagegen hat sie Baarschaft viel tausend Ducaten, wie gefällt dir diese? Gleich da kommt eine, der zwar die gestrenge Blattersucht Miniaturarbeit ins Gesicht gesetzt, so von lauter Tüpflen bestehet und also der Glatthobel nit mehr ausgiebt; herentgegen ist ihr Vermögen sehr groß, und hat noch viel Tausend zu erben, wie gefällt dir diese? Da gleich hinter uns stehet eine, die zwar an einem Fuß zu kurz kommen und dessentwegen noch hinket, aber sonst Mittel halber gehet sie allen Befreundeten vor, wie gefällt dir diese? Ich, sagte Eliezer, habe keine Absehung nach Reichthum und Gütern. So sey es denn, ich zeig dir gleich andere qualifizirte Töchter: da in dem großen Haus vor uns wohnt ein hübsches Fräulein, die zwar arm, aber sehr von hohem Adel, und ist ihr Haus verwandt mit der Arche Noe. Auch in der anderen Gasse ist eine, zwar nit gar jung, aber sehr vornehmer und mächtiger Freundschaft, und hängt ihr Stammwappen[42] noch an dem babylonischen Thurm: wie gefällt dir diese? Ich, sagt' Eliezer, suche auch keine Vornehme, sondern mein gnädiger Heer der Abraham hat mir befohlen, ich soll bei Leib keine Tochter bringen von den Canaanitern, unter welchen doch viel reiche, viel schöne, viel adeliche anzutreffen, aber keine fromme und züchtige; begehre demnach keine andere, als ein ehrliches, ein züchtiges, ein demüthiges und wohlerzogenes Mädel, wessenthalben ich Eliezer meinen Gott inniglich gebeten, daß er mir ein solches zuschicke; welche er dann bekommen an der Rebecca, die er nicht gefragt hat, ob sie reich sey? nit gefragt, ob sie adelich sey? und ob sie zwar von Angesicht hübsch war, so ist doch damalen ihr Aufzug schlecht gewest; dann man zum Wasserschöpfen keinen seidenen Mantel noch gebrämten Rock anleget, sondern er hatte pur betrachtet ihre Tugenden.

O wie weit seynd unsere Zeiten, bei denen man in dergleichen Heirathsverbindnissen nur Gestalt oder Gewalt oder Zahlt, oder ein anderes verruchtes Absehen hat. Wie manche vermaledeiet die Stund', in welcher sie den Mähel-Ring empfangen, verflucht den Tag, an dem sie also verblendet worden, seufzet über das gegebene Ja, welches nunmehr so unzählbareNein ausbrütet. Aber meine Töchter, dieß Uebel habt ihr euch selber geschmiedet, in diesen Dorn seyd ihr freiwillig getreten, diese Last habt ihr euch selbst aufgebürdet, und solches Kreuz mit eigenen Händen geschnitztet, aus Ursachen, weil ihr so gähe so unbesonnen, [43] so frühzeitig dazu geeilet habt, und nicht vorhero alles in Allem wohl bedenkt; deßwegen sagt die göttliche Schrift: Verheirathe deine Tochter, so hast du ein großes Werk ausgerichtet, aber gib sie einem vernünftigen Mann.

Unter anderem ist in dem Ehestand nlt ein geringes Kreuz ein böses Weib. In der neuen Welt ist eine Insel mit Namen Ceiba, allwo so dicke Bäume wachsen, dass einen allein vierzehn Männer mit ausgespannten Armen kaum umfangen können: aus einem solchen Baum kann man ein großes Kreuz zimmern; aber ein böses Weib ist noch viel ein größers Kreuz: Es ist besser, sagt die heilige Schrift,in einem wüsten Lande wohnen, als bei einem zänkischen und zornigen Weide. Es ist besser in der Wüste sich aufhalten bei giftigen Basilisken bei grausamen Amphisbenen, bei erschrecklichen Drachen, bei schädlichen Crocodilen, bei wilden Salamandern, bei blutgierigen Tiegern, bei zornigen Löwen, Bären und Wölfen, als bei einem bösen Weib. Ein böses, Weib ist ein Schiffbruch ihres Mannes, ist ein steter Wetterhahn im Haus, ist eine übel lautende Klapperbüchse, ist ein fränkischer Stiefelbalg, den man fast alleweil schmieren soll, ist ein gewirter Wettermantel, [44] in den das Wasser der Ermahnung nicht eingehet, ist ein Blasbalg des feurigen Zorns, ist ein Ziehpflaster des Geldbeutels, ist ein Maulthier, das manchen armen Mann zu todt beißt, ist eine Quartierstube aller Bosheit, ist ein brabantisches Stammwappen, darin ein zänkischer Hundskopf, ist ein Friedhof der guten Tage, ist eine giftige Schlange, eine bittere Aloe, ist ein übler Sauerampfer, ist ein ewiger Blas mich an, ist eine Commissärinn der dreien Furien, ist das letzte Gesätzel im Vater Unser, erlöse uns von allen Ue beln, ist eine falsche Schatten- und Schadenuhr, ist ein höllischer Brennspiegel, ist der Fröhlichkeit Kehraus, ist ein stetes summendes Wespennest, ist des Vulkanus seine Beißzange, ist ein immerwährendes Igelfest, ist ein Haspel der Ungelegenheiten, ist ein Jahrmarkt der Zankwörter, ist, ist, ist, ist – das man nir sattsam beschreiben kann.

In der Ober-Steyermark ist der Erdboden sehr uneben und mehrsten Theils mit hohen Felsen und Bergen beladen, daß er also mit dergleichen natürlichen Schanzen nit wenig pranget, und gleichsam dem Feind einen Trotz bietet: eines ist, was förderst in diesen Bergen wohl in Acht zu nehmen, wann nämlich zur heißen Sommerszeit ein starkes Wetter entsteht, und der Himmel ein finsteres Gesicht machet, und die Winde ganz ungestümm anfangen zu sausen, und die Vögelein sich furchtsam unter die dicken Aeste salviren, und die Bäume an allen Gliedern zittern, und die[45] schnellen Blitze in dem schwarzen Gewölk schlangenweis schießen, und es anfängt zu donnern, so ist es merksam, daß wenn der zornige Himmel einen Donner-Knall hören lässet, derselbe von dem Echo oder Wiederhall der Berge drei- und viermal verdoppelt wird, nicht ohne Entsetzung der fremden Leute; macht also dieser Steyrische Wiederhall viel einen größern Tumult, als der Himmel selbst, indem er einem Donnerknall des Himmels vier andere trotzig nachklinget. Ein böses Weib ist zwar kein Berg, sondern ein Thal, will sagen ein Jammerthal, hat demnach solche Eigenschaften, wie der Berge Echo in Ober-Steyer, ereignet sich zuweilen eine rechtmäßige Ursach, wessenthalben der Mann in eine kleine Ungeduld geräth, und etwann mit einem einigen unglatten Wort ausbricht, da wird das zanklose Echo in dem Maul des bösen Weibes nicht allein wieder schlimm nachschreien, sondern noch mit zehen giftigen Schmachworten verdopplen, das heißt alsdann gedonnert, da geht es hernachmal nicht anders her, als wie in der Behausung des Tubalcain, so laut heiliger Schrift der erste Schmied gewest, der in seiner rußigen Hütten den ganzen Tag dergestalten gehammert auf dem Amboß, daß auch die Benachbarten ihre Ohren mit Baumwoll verstopften. Keine andere Beschaffenheit hat es in einem Haus, allwo ein böses und zänkisches Weib wohnet; denn alldort hört man stets das Hammern und Jammern, was Wunder, daß man nachgehends bei solchem Lustfeuer wenig Raketen findet, wohl aber gute Schläge etc. O Elend! da gibts saubere Appolonien, die ihren Männern also die Zähn zeigen, da gibts saubere [46] Lucien, die ihren Männern selbst die Augen auskratzen, da gibts saubere Magdalenen, die anstatt der Füße dem Mann den Kopf waschen, da gibts saubere Cäcilien, die anstatt der Orgeln dem Mann selbsten den ganzen Tag anpfeifen, da gibts saubere Barbaren, die anstatt des Thurms die ganze Zeit im Haus turnieren, da gibts saubere Margarethen, die anstatt des Drachen selbst voller Gift seynd, da gibts saubere Dorotheen, die anstatt derRosen den Mann einen groben Knopf heißen, anstatt der schönen Aepfel dem Mann die Feigen zeigen: O Elend!

Wunderliche Manieren seynd gewest vor alten Zeiten, wenn man zusammen geheirathet: Moses Barceph. in seinem Buche Paradox. c. 28. schreibet: Als Gott dem Adam seine Braut, nämlich die Eva, vorgeführet, habe der Adam ein Kränzlein geflochten aus dem schönen grünen Gras des Paradieses, und sich es auf den Kopf gesetzt etc. Plutarchus schreibt: es sey bei den Spartanern dieser Brauch gewest, daß man der Braut die Haare alle vom Kopf abgeschnitten, alsdann ihr Mannskleider angelegt und sie zu dem Bräutigam geführt, – ein wunderlicher Brauch! In Englang ist der Brauch, daß die Braut gekrönt wird mit drei Kronen. In den gothischen Provinzen ist dieser halb-läppische Brauch, wenn der Priester ein Paar Braut-Volk zusammengibt, so schlagen die Nächsten, die dabei seyn, der Braut und dem Bräutigam ins Gesicht. Bei den Römern, wenn die Braut in die Behausung des Bräutigams geführt worden, hat man die Braut etlichemal um und um gedreht, daß ihr [47] der Schwindel in Kopf gestiegen, und die Thür nit mehr finden können.

Vor allen aber ist jener Brauch wunderlich, von dem Servius 4. Aeneid. schreibt, und ist solcher vor diesem allenthalben sehr in Obacht genommen worden: daß man nämlich die Thürschwellen, wo die Braut eingeführt wurde, vorhero stark mit Oel und Feisten angeschmiert. Was sie durch solches Schmieren haben wollen andeuten, ist mir eigentlich nit bewußt, vermuthe aber gar gewiß, daß man durch dieses Schmieren der neuangehenden Ehefrauen habe wollen das Stillschweigen einrathen, denn so man die Thüre einschmiert, so girret sie im wenigsten nit, sondern hält das Maul, wie die Maus, wenn sie beim Speckleib schmarotzet. Also solle gleichmäßig ein Weib vor allem das Maulhalten ihr angelegen seyn lassen. Diesen Rath geb ich fast allen bösen Weibern. Gedenket, meine Weiber, daß gemeiniglich Krieg im Haus entstehet, wenn man solche Maultrommel rührt; gedenket daß man gemeiniglich die Feuerglocken anschlägt, wenn die Flammen zum Maul aufsteigen; gedenkt, daß man gemeiniglich die Orgel schlägt, wenn die Blasbälge des Mauls aufgezogen seyn; gedenkt, daß es gemeiniglich einschlägt, wenns aus dem Maul so stark donnert. Deßwegen alles Uebel zu verhüten, haltet das Maul. Pantesilia, eine Königinn der Amazonen, Kamilla eine Königinn der Volscier, Cleopatra eine Königinn der Egyptier, Semiramidis, eine Königinn der [48] Babylonier, Tomiris, eine Königinn der Massageter Massageter, Hippolita, eine Königinn der Amazonen, Theuca, eine Königinn der Illirier, Iphicratea, eine Königinn der Samier; item eine Jambara bei den Longobarden, eine Telesilla bei den Argivern, eine Debora bei den Israeliten, eine Artemisia bei den Chariern, eine Tania bei den Tartoniern, eine Cynisca bei den Lacedämoniern, eine Phedalia bei den Thraciern, eine Mauvia bei den Saracenern, eine Valosca bei den Böhmen, eine Margarita bei den Dänen, eine Marula bei den Venetianern, eine Johanna bei den Lotharingern haben einen ewigen Ruhm, Lob und Glorie, um weilen sie solche starke und heldenmüthige Frauen gewest seynd, daß sie ihre Feind' ritterlich überwunden: Ihr Weiber, wo ihr immer seyet in Teutschland, macht euch ebenfalls einen großen Namen, in Ueberwindung eurer Feinde! Der Feind ist nicht groß, er heißt der Obriste Zankenau, liegt mit den Seinen im Quartier zu Grein, Pentzing, Hadersdorf etc. Diesen thut überwinden, gedenket daß Christus der Herr zu geschlossener Thür' den Frieden seinen Aposteln gebracht: also wird nit weniger bei euch und unter euch ein Friede seyn, so ihr die Thür des Mauls zugeschlossener haltet. Aber umsonst ist dieß bei einem bösen Weib; der heilige Franziskus Seraph hat die Schwalben zahm gemacht, der heilige Baudolinus hat dis Wild-Enten zahm gemacht, der heilige Agricolus hat die Storchen zahm gemacht, der heilige Franziskus Pauanus hat die Fisch' im Meer zahm gemacht, der heil. Sabba hat die Löwen zahm gemacht, die heilige Brigitta [49] hat die Füchs' zahm gemacht, der heilige Corbinianus hat die Bären zahm gemacht, der heilige Kentingernus hat die Wölf' zahm gemacht, der heilige Dintanus hat die Hirschen zahm gemacht, der heilige Abt Ammon hat die Drachen zahm gemacht, der heilige Helenus hat die Ottern zahm gemacht; aber wer wird mir die Zung eines bösen Weibes zahm machen, wer?

Es ist dieß Folgende zwar eine Fabel, zeigt aber gar schön, wie die Weiber sollen gesittet seyn:

Es ist auf eine Zeit ein Weib gar zu unbarmherzig von ihrem Manne geschlagen worden, also zwar, daß ihr das Angesicht nit ungleich war einem Reibstein, worauf blaue Schmolten gerieben worden, die Haar ziemlich ausgerauft, daß ihr Kopf fast dem Birkenbaum gleichte im Februario, die Augen mit Wasser ganz überschwemmt, das Maul nit anders, als wie eine schmutzige Nachtlampe, der Aufzug des Mieders und der Kleidung sahe zupft aus, wie ein unordentlicher Tändlerladen. Also übel zugericht lauft sie ins Feld hinaus, in Willens, sich selbst das Leben zu nehmen aus purer Verzweiflung. Es hat's aber die Reu' wieder zurück gehalten; doch setzte sie sich nieder hinter einer Haselnuß-Stande, lamentirte, klagte, seufzte, weinte, schnupfte unaussprechlich: Ach, sagte sie, ach ich elende Tröpfinn, wie geht es mir, daß kein Wunder wär, ich schnitt mir selber die Gurgel ab! O mein lieber Paul seliger, Gnad' dir Gott im Himmel droben, gelt du hast mich niemalen erzürnt, es ist dir nit möglich gewest, wenn man dich auf eine Mahlzeit gerufen, daß du ohne mich hast seyn können, du hast mich wohl fleißig mitgenommen, ach mein Gott! wie werd ich anjetzo so schmählich für eine [50] Fuß-Hader gehalten von dem jetzigen Mann! ist das wohl ein Mann! ein Schinder, ein Mörder, ein Hund! nämli, nämli, kommen nit zwei Himmelreich aufeinander, kein Wunder, ja kein Wunder wärs, ich thät mir selbst ein Leid an, daß Gott erbarm! – Indem sie also ungereimt lamentirte, siehe, da fängt die Haselnußstaude aus freien Stücken an zu reden: Mein Weib, sagt sie, siehst du diesen nächsten Eichbaum an, wie er zerzaust und zerrauft ist, und schaue mich an, wie ich ganz unverletzt bin, weißt die Ursach? Wenn ein starker Sturmwind sauset, so ist dieser Eichbaum so stutzig, und widersetzt sich dem Wind: deßwegen wird er also zerfetzt und verstümmelt; ich aber Haselnußstaude, wenn ein solcher ungestümmer Wind geht, wehre mich weiter nit, sondern wie der Wind geht, so neig ich mich, und biege mich, und gib also nach, deßwegen bleib ich unbeschädigt; hättest du also mein Weib auch deinem Mann nachgeben, dich nit so hartnäckig widersetzt, ihm nit also zahmlos eingeredt, und ein bös Wort mit zehn andern vergolten, so wär es dir nicht also übel ergangen; lerne doch ein andersmal das Maul halten.

Ihr Weiber seyet ohnedas mit der Martha beschäftiget in Kuchel- und Speisgewölben, nehmt eine Lehre von einer Waage, auf der ihr etwann auf einen Fasttag etliche Scheiter Stockfisch wäget: wenn der Stockfisch schwer und übergewichtig ist, so werdet ihr selbst sehen, daß die Zung der Waag sich gegen den schweren Stockfisch neiget und nachgiebt. Ist's, [51] daß ihr zu Haus einen groben ungeschlachten Mann habt, dem die Stirn zum öfternmalen mit trübem Gewölk überzogen, der mehre Mucken im Kopf hat, als gewest seynd zu Zeiten des Pharaonis in Egypten, und solcher noch darüber harte Worte hören läßt; so folget meinem Rath, neiget euere Zung auch gegen diesen groben Stockfisch, gebt ihm nach, redet ihm nit zuwider, haltet das Maul, und folget lieber dem Delphin nach, welcher Fisch zur Zeit des Ungewitters nur scherzen thut.

Als Christus der Herr nach Caphernaum gekommen mit dem Petro, haben ihn also die Mauthner stark angeschnarcht: Wie ist es, sagten sie, wo bleibt der gebührende Zollgroschen? Geld her! – Hierauf sagte Christus dem Petro: Gehe hin, damit wir mit diesen schlimmen Leuten nit in schlimme Händel gerathen, so gehe hin ans Meer, wirf die Angel aus und nimm den Fisch, der zum ersten darauf kommt, greif ihm in den Mund, da wirst du einen silbernen Groschen finden; denselben nimm, und zahl für mich und dich! – Ihr Weiber sollt auf zweierlei Art den Fischen nacharten: erstlich ist kein Thier auf der Welt, welches nit eine gewisse Stimme oder Geschrei von sich gibt, als wie die Hund bellen die Wölf heulen, die Gänse schnattern, die Hennen gagern, die Säu grunzen, die Schaf blären, die Geißen meckern, die Katzen miauen, die Storchen klappern, die Bären brummen, die Ochsen brüllen, sogar die Wespen und Mücken sumsen; aber der Fisch hat keine einzige Stimm, deßwegen ist er ein Sinnbild des Stillschweigens, welches euch Weibern absonderlich wohlanständig. Dafern ihr aber [52] doch das Maul nit könnt halten, so schaut wenigstens, daß, gleichwie der Fisch Petri Silber im Maul, also ihr Gold im Maul traget, sprechend: mein goldener Mann, was ist dir heute mehr, daß du so schwierig? mein goldener Hans Adam, wie bist du heut so seltsam? mein goldener Schatz, schlaf nur, ich will alles vollziehen nach deinem einigen Willen! Solchem Rath folgen wohl die frommen Weiber, aber die bösen nicht, und könnt einer fast ehender und leichter mit dem Josua die Sonn arrestiren in ihrem schnellen Lauf, als die Zung eines bösen Weibes.

In Spanien seynd etliche Oerter, als da Sierra, Camor, Corduba etc. allwo Glocken gefunden werden, die auf den heutigen Tag zuweilen sich von freien Stücken selbst läuten, und bedeutet deren Geläut mehrstentheils nichts Gut's; zu Villilla nennet man auch eine Wunderglocke, welche ohne menschliche Handanlegung etliche Monat ein Anzeigen gibt, ehe und zuvor von unchristlichen Streifen alldorten ein Einfall zu geschehen pfleget; in dem Kloster Bodkhen, welches der heilige Mainulphus erbauet, läutet sich eine Glocke selbst vor jedem Hintritt einer Klosterfrauen, und wird annoch eifrig beobachtet; in Flandern gab eine Glocke einen traurigen Hall ohne Menschenhilfe bei angehender strengen Hungersnoth: Böse Weiber, zänkische Weiber, unruhige Weiber, greinerische Weiber seynd solchen Glocken ganz gleich, die auch zum öftern ohne einige Ursach anfangen zu klingen, daß auch die Kinder über drei Gassen vom Schlaf erweckt werden, daß auch der Mann schier das Gehör verliert, wie ein reformirter Kunst-Stäbler. Aber auch gemeiniglich auf solchen freimüthigen[53] Klang folgt etwas Uebels. Jener, nachdem ihm die Seinige mit tausenderlei Schmachwörtern überladen und eine ungestümme Litaney ohne Pausen gesungen, fragt endlich zuletzt, ob sie sich nun genug gereiniget und purgirt? Ja sagts, was dann? Darauf gibt er ihr eins in's Gesicht, daß aus der Nasen häufig das Blut herausgespritzt. Also recht, sagt er, auf ein Purgier gehört eine Aderlässe. Dergleichen Unmanier ist zwar bei den Männern nit lobenswerth, denn sie sollten in etwas ein Mitleiden tragen mit den Weibsbildern, welche schwächeren Gemüths und gebrechlicher Natur seyn; auch weiß man wohl, daß des Propheten Elisäi Diener der Wittib verstorbenen Sohn keineswegs hat können auferwecken mit dem Stab, wohl aber der Prophet selbsten, als er Mund auf Mund gelegt, und auf gute Manier mit dem todten Knaben umgangen: nit weniger sollen die Männer auch mit guter und glimpflicher Manier ihren Weibern begegnen, denn sie also mit glatter und freundlicher Ermahnung mehr Nutzen schaffen, als mit harten Streichen und Prügeln, womit man öfter mehr Teufel hineinschlägt, als heraus.

Von dem Moses schreiben die alten Rabbiner etwas Wunderliches, so aber mehr den Schein eines Gedichts, als einer Geschicht hat: Wie Moses bei dem Königl. Hof als ein Kind mit drei Jahren in Gegenwart des Pharao scherzte, ist der König da, und setzt dem kleinen Moses sein königliches Diadema auf den Kopf und giebt ihm den goldenen Scepter in die Hand. Der [54] Kleine habe nun mit trotzigen Gebehrden solches vom Kopf herunter gerissen, den Scepter aus den Händen geworfen, und beede mit Füßen getreten. Holla! sagte hierüber Pharao, das hat eine Bedeutung, und will schier beschließen, das Kind zu erwürgen, läßt aber dessentwegen alle seine hohen Minister und geheime Räthe zusammenrufen, damit sie über solches wollen reiflich berathschlagen, was etwan möchte dieser Zufall nach sich ziehen, aus welchen dann die mehrsten dahin geneigt: man wolle den dreijährigen Moses probiren, ob nit etwan solches von kindischem Unverstand habe hergerührt, und ihm kostbare Kleinodien, wie auch glühende Kohlen lassen vorlegen: nach wem er nun werde greifen, könne leichtlich ein Anlaß geben, zu merken, was in ihm stecke. Moses aber, sagen die Rabbiner, habe nach den glühenden Kohlen gegriffen, und mit solchen geschwind ins Maul, wodurch er sich also verbrennt, daß er die Zeit seines Lebens nicht hat recht reden können, sondern stark mit der Zung angestoßen.

Was die Rabbiner dießfalls dem Moses zumessen, ist eigentlich wahr bei den bösen Weibern, welche mehrstentheil nur mit dem Maul und mit der Zung einbüßen, und sich alldort zum mehrsten verbrennen.

Jene war eine solche Haus-Posaune, welche ihrem Mann für einen Beichtspiegel diente; denn so oft er seine Beicht wollte schriftlich aufsetzen, hat er vorhero ihr allezeit eine Maultasche versetzt, worauf sie angefangen: Du Hund, so schlag, daß dir die Händ erkrummen, es wäre besser, so könntest du keine solche [55] partitische Schriften mehr aufsetzen, als wie vorgestern! du Schelm, so schlag, wie viel hast du mehr vor dreien Tagen Geld verspielt? du Hallunk, schlagen kannst du wohl, aber am Sonntag kannst keine heilige Messe hören! du Bestie, es wär' kein Wunder, ich laufte davon! haus' gleichwohl du ehebrecherischer Dieb, mit deiner saubern Lisel; ich wills noch wohl erleben, daß du an den lichten Galgen kommst! sag' Dieb? wo ist das Geld hinkommen, welches du diesen oder jenen Erben und Pupillen abgestohlen etc.!« – Auf solche Weis' konnte er ganz genau seine Beicht' zusammenbringen. Ich bekenne es mit meinem Gewissen, daß ich zu Wien selbsten zu einem solchen Syil gerathen. Beede – Gott tröste sie – haben zur Pest-Zeit die Welt gesegnet: ich sahe sie, dass sie auf Tiegerart also ergrimmt war, daß sie von freien Stücken eine schwarz gebeizte Rahm, worin das Controfee ihres Manns, mit den Zähnen zerbissen, wovon ihr[56] das Mundstück etwas schwarz worden, und zugleich also mit den feurigen Augen geglumset, daß sie einer natürlichen Nachteul' oder Höllenkauzen gleichte, ja sogar nahm sie eine Kohlen von dem Heerd, lief auf den Gang hinaus, und malte einen Galgen an die Wand mit jämmerlichem Geschrey: Du Dieb, du Kirchendieb, du Sacristeidieb, du Kelchdieb, du Leuchterdieb, du Lampendieb, du Stockdieb etc.; ja sie hat ohne einiges Anstoßen in die vierundzwanzig Dieb' heraus geschüttet. Ich nahm bei solchem ungestümmen Wetter den Weg nach Haus. Wie aber die von solcher Posaune zusammen geloffenen Leut' wahrgenommen, daß ich allda gewest, also haben sie von freien Stücken geargwohnt, es müßte dieser ein Kirchendieb seyn, und sey ich alldort gewest, das Entfremdete wieder zu begehren; hat wenig gefehlt, daß der gerechteste Herr nit in großes Elend gerathen.

O Herr Gott! lieber mit bloßen Füßen nach Compostell rutschen, lieber bei lauter Enzian in die Kost gehen, lieber alle Tag zweimal das hölzerne Kitzeln leiden bei den Türken, lieber in Gottes [57] Namen die Händ auf ewig den Galeeren opfern, als bei einer solchen Schlange wohnen: Der König Salomon sagt:Ein zänkisches Weib sey wie ein immer durchtriefendes Dach; bei einem solchen giebts nichts als lauter Tropfen; und was denn anders bei einem bösen zänkischen Weib? Ist nicht der Mann ein armer Tropf, der solchen Haus-Clarin stets hören muß? seynd nit die Dienstboten armeTropfen, die so viel bei einem solchen Hausrummel müssen ausstehen? seynd nit die Kinder armeTropfen, welche eine so bittere Mutter bekommen?

Es ist jenem gar nit vor Uebel zu halten, der eben dergleichen Fegfeuer im Haus hatte, und als diese in langwieriger Krankheit einst in so große und lange Ohnmacht gefallen, daß sie auch die Doctores selbst für todt gehalten, deßwegen sie in einen hölzernen Sarg gelegt und zum Grab getragen; wie man aber mit der Leich' an einem Eckhaus vorbei gangen, haben die unbehutsamen Träger angestoßen, durch welches das Weib erweckt, und von freien Stücken mit männiglicher Verwunderung angefangen zu leben und nach Jahr und Tag erst gestorben, und als man [58] damalen die notwendige Anstalt machte zur Begräbniß, auch unter andern die Todtenträger ins Haus kommen, so ruft sie der Mann auf die Seite, sprechend: ich bitte euch um Gottes willen, stoßt halt nicht mehr an, ich will mich dessenthalben schon einstellen!

Vor Zeiten bei den Römern hat man pflegen dem Bräutigam zuzuschreien; sis Cajus, sey du Cajus, der Braut deßgleichen, sis Caja, sey du Caja! jetzt ist zwar der Brauch abkommen, aber Cajus und Caja regieren dennoch noch; denn es ist das ewige Cajen im Haus: wo ist größere Keyerey als bei einem bösen Weib?

In dem Königreich Böhmen ist eine Jungfrau gewest mit Namen Domka, welche auf eine Viertel-Stund weit hat können eine gemäste Kuh tragen auf ihren Achseln. Laß mir das ein starkes Weib seyn; aber manche arme Haut und Eheweib muß noch mehr ertragen und übertragen, absonderlich wenn sie einen giftigen und zornigen Mann hat. – Die heilige Schrift sagt: Gott der Herr bildete den Menschen vom Staub der Erden, und dieß war der Adam; und Gott der Herr bauete aus der Rippen, die er vom Adam genommen, ein Weib: ist demnach Adam gebildet worden und die Eva gebauet, nennt also Gott selbst das Weib ein Gebäu. Gleichwie nun ein Gebäu viel Regen, [59] Wind, Hagel, Donner, Schauer, Schnee etc. leiden muß, also muß auch nit weniger ein Weib viel ausstehen, forderist wenn sie einen Schlegel-Leuter zu einem Mann bekommt. – Der gekrönte Harfenist David vergleicht ein Weib einem Weinstock an der Mauer des Hauses. Nun ist es allwissentlich, daß dergleichen Weinstöck' gemeiniglich um Schutz willen wegen der bösen Buben mit Dörnern und Dornstauden umfangen seyn; also ist auch ein Weib von den Dörnern der Trübsal selten frey, und gleichwie keine Rosen ohne Dörner, also selten auch eine Rosina ohne Dörner der Mühseligkeit. – Es hat Samson unterwegs solchen Courage gezeigt, daß sich höchst darüber zu verwundern, indem er einen wilden Löwen angetroffen, und denselben glücklich erwürget hat. In der Rückkehr fand er den todten Löwen noch, und unvermerkt in dessen todten Rachen einen Honig-Fladen, nach welchem er nit allein die Finger geschleckt, sondern auch davon eine ziemliche Portion seiner Liebsten Dalilä nach Haus getragen. Wo find't man jetzo solche Männer, die sich also manierlich gegen ihre Weiber zeigen? das wohl, anstatt Honig, tragen sie oft bittere Gall' nach Haus, und weisen einen solchen unmäßigen Zorn, daß kein Wunder, wenn nachmal hierüber des Weibes sonst feste Geduld wurmstichig wird.

Es hat Gott der Herr unter andern dem hebräischen Volk dieses Gebot geben: daß alles, was männliches Geschlecht, soll dreimal im Jahr nach Jerusalem[60] gehen, und allda in dem Tempel Gottes erscheinen. Warum daß Gott nicht ebenmäßig den Weibern anbefohlen, daß sie diese Kirchenfahrt sollen verrichten? Etliche Lehrer seyn der Aussag', als habe der allmächtige Gott dessenthalben keinen Befehl an die Weiber lassen ergehen, weil er wohl wußte, daß das weibliche Geschlecht ohnedas der Andacht ergeben und also freimüthig nach dem Tempel würden kommen; die Männer aber, welche gar oft einen so guten Magen haben, daß sie einen ganzen Monat ohne Gebet können leben, haben des scharfen Decrets vonnöthen gehabt. Andere glauben, es habe Gott nit wollen, daß die Weiber sollen nach Jerusalem reisen, sondern vielmehr zu Haus bleiben; denn diesem Geschlecht nichts besser anständig, als die Einsamkeit, dessentwegen die Weiber an dem Zunahmen allezeit ein Inn tragen, Bettlerinn, Bäurinn, Bürgerinn, Doctorinn, Gräfinn, Fürstinn, etc. zu zeigen, daß sie in das Haus gehören; auch tragen sie gleichförmig den TitelFrauenzimmer, wordurch sattsam erwiesen wird, daß sie auf Schneckenart sollen zu Haus bleiben; widrigenfalls müsse man den Namen ändern, und anstatt Frauen-Zimmer, Frauen-Gassen setzen. Vor allem aber dünkt mich, daß derenthalben der gütigste Gott nit habe dieß Gebot den Weibern gegeben, weil Gott sahe, daß der Weg nach Jerusalem sehr weit, und also solche Reis' für die schwachen Weibsbilder etwas zu schwer würde fallen, darum mit ihnen dispensiret [61] aus Mitleiden. Und wollte hiermit der allmächtige Gott eine Ermahnung geben, wie man ein Mitleiden tragen sollte mit den Weibern, ihnen in vielen Sachen etwas übersehen. Dem aber folgen viel Männer nit nach, sondern tractiren ihre Ehegatten auf diocletianische Manier, gedenken nit, daß Joseph in der Flucht nach Egypten sey zu Fuß gangen, sein liebstes Gespons aber Mariam auf dem Esel reiten lassen, zu zeigen, daß man mit den Weibern soll glimpflich umgehen. Aber bei manchem verwirrten Kopf haftet solche Ermahnung wenig, und sagt zwar das Evangelium: ein Weib soll mit demSauerteig umgehen. Mancher armen Tröpfinn geht es sauer genug, und hat bei ihr das Jahr nit mehr als dreihundert fünf und sechzig saure Tage.

Wie Gott der Herr wollte den Job stellen zu einem Exempel und Exemplar, zu einer Form und Formular aller Sanftmuth und Geduld, hat er den bösen Feind als einen Sucher und Versucher der Menschen zu sich gerufen, ihn folgends angered't: Weißt du was, meineidiger Engel? ich hab' einen Menschen auf Erden, der heißt Job und verdient ein groß' Lob. Den wirst du auf keine Weis' in die wenigste Ungeduld ziehen: probiers, nimm ihm Kinder und Rinder, nimm ihm Haus und Schmaus, nimm ihm Geld und Zelt, nimm[62] ihm Gut und Blut, nimm ihm Thron und Reputtation, wirst dennoch nichts richten: nimm ihm Alles, ausgenommen seine Seel' laß mit Ruh! Glossa sagt: daß Gott durch die Seel' nit verstanden habe die Seel im Leib', denn selbige der böse Feind hat versucht und attaquirt, sondern unter dem Namen Seel' hab er des Jobs Frau verstanden: dahero geschehen, daß der böse Feind dem Job alles und alles hinweg geraubt, ausgenommen sein Weib, der hat er den geringsten Schaden nit zugefügt. Da scheint es handgreiflich, daß viel Männer ärger seynd, als der Teufel, zumalen dieser Gottes Befehl in dem Fall nachkommen, des Weibes verschont; aber die Männer haben ein ernsthaftes Gebot: sie sollen ihre Weiber lieben, wie Christus die Kirchen, sollen ihnen nichts Leids thun! und dennoch folgen sie dem wenig nach, zeigen sich schlimmer als der Satan ist.

Wie Gott der Allmächtige die Erde erschaffen, und aus der Erden den Adam, auch denselbigen gesetzt zu einem Weltregenten, hat er wahrgenommen, daß dieser ganz allein, und deßwegen schier etwas melancholisch, demnach ihm aus seiner Rippe ein Weib erschaffen, welche aber bald mit ihrem unbehutsamen Umgaffen der Schlangen eine schädliche Audienz geben, und hernach den Adam in eine solche [63] Wäsch' gebracht, woran wir noch zu trocknen. Gleich nach solcher geübter Unthat steigt der Allmächtige herunter, und nach gegebenen, scharfem Verweis machte er diesem Paar Ehevolk Kleider von Schaffellen undLämmelhäut'. Der Zeiten zählt man wenig dergleichen Eheständ', worin beede in Lämmelhäut stecken. Es geschieht öfter, daß sie zwar unter einem solchem Lämmelfutter stecket, er aber, der Mann, in einer Löwenhaut, als der den ganzen Tag kein gutes Wort nicht hören läßt; sondern setzt in seinen Kalender lauter Finsternuß, auf seinen Bäumen wachsen nichts als Ohrfeigen, in seinen Händen findet man nichts als Schlaguhren, unter seinen Speisen findet man nichts als Gestoß'nes, auf seinem Heerd findet man nichts als Prügel, in seiner Karte seynd nichts als Bastoni, in seinem A B C ist nichts als r r r r etc. Es sagt die hellige Schrift, der Mann sey das Haupt des Weibes; nun weiß ich schon, daß der Weiber ihre mehrsten Krankheiten nicht bestehen in Wassersucht, Schwindsucht, Gelbsucht etc., sondern in Hauptweh, das Haupt thut ihnen zum öftern weh: O was ist es für ein Elend, einen zornigen Mann haben!

Ihr Thumshirn, ihr Wetterhähn', ihr Tiegerbrut, ihr Büffelsart, ihr Schlegelzweig, ihr Ambosbrüder, ihr Kolbenspitzer, ihr Aesthobler, ihr Hackstöck, ihr [64] Löwengemöther, ja ira in sinu stulti requiescit, ihr unsinnge Narren, ihr furiosische Narren, ihr wilde Narren, ihr tolle Narren, ihr wüthende Narren, ihr Werf-Narren, ihr Schlag-Narren, ihr Stoß-Narren, ihr Hau-Narren, ihr Schelt-Narren, ihr Schreys-Narren, etc. was Nutzen schöpft ihr aus euerm ungezähmten Zorn?

Einer hat einmal einen wunderseltsamen Schuß gethan. Dieser gieng zur kühlen Abendszeit mit keinem andern Gespann als mit der gespannten Flinte spazieren, war ein Student, bei dem ohne das die Freiheit unter die freien Künste gezählt wird. Dieser hat auf einmal einen Hasen, einen Fisch und einen Vogel geschossen: einer war auf der Erd, der andere in der Luft, der dritte im Wasser: ist also viel, solche drei in einem Schuß zu treffen. Es hat sich aber also zugetragen: Da er neben dem Wasser gangen, ersiehet er ungefähr auf dem andern Gestad' jenseits des Wassers einen Hasen liegen, nach welchem er ohne Verzug gezielt und geschossen. Unter währendem Schuß aber ist ein Fisch im Wasser aufgesprungen, den hat er getroffen, und gleich damalen ist eine Schwalbe auf dem Wasser geflattert, die hat er auch getroffen, und forderist jenseits des Teichs hat er den Hasen erlegt; also wunderlich auf einmal drey getroffen, etc. Einem [65] Zornigen begegnet dieß wohl öfter, aber gereicht ihm solches zu keinem Glück, daß er drei auf einmal trifft; denn erstlich mit seinem unbändigen Zorn trifft er Gott und beleidigt den Allerhöchsten, er trifft den Nächsten, an welchem er den Zorn ausgießet, er trifft sich selbst, weil er sich hierdurch selbst an Leib und Seel den größten Schaden zufüget: ist also der Zorn gleichsam eine Lanze mit drei Spitzen, womit der Absalon ermordet worden.

Erstlich trifft ein Zorniger seinen Gott, als der in seiner Schul keine andere Lection hat aufgeben, alsdiscite a me, quia mitis sum et humilis corde: »Lernet von mir, der ich sanftmüthig und demüthig bin.«

Es ist die gebenedeyte Jungfrau Maria dessentwegen mit dem gerechten Joseph vermählt worden, damit sie an ihrem ehrlichen Namen den wenigsten Schaden nicht leide; denn sofern sie ein Kind geboren hätte ohne Vermählung, wäre sie Zweifels ohne in ein böses Geschrey gerathen, zumalen ohne das der Hebräer Pfund-Goschen voll waren der Gächwörter, Rachwörter, Schmachwörter: Der Ursachen halber hat Gott ihr zugesellet einen reinsten Gesponst, damit selbiger solle seyn ein Deckmantel ihrer jungfräulichen Ehren. Wie nun solche durch Ueberschattung des heiligen Geistes empfangen, und bereits ihr reinster Leib zu wachsen schien, und solches der Joseph wahrgenommen, dem dazumal die geistlichen Geheimnüssen noch verborgen, hat er sich dennoch im wenigsten darüber nicht erzürnet, da doch ein anderer in solchem Fall in unglaublichen Zorn wäre gerathen, sondern er hat bei sich selbsten beschlossen, diese schwangere Gesponst in [66] der Geheime und Stille von sich zu schicken: voluit occulte dimittere eam. Daß aber dieser gerechteste Joseph von der geringsten Ungeduld nicht ist angegriffen worden, rühret dahero, spricht der heilige Joshannes Chrysost., weil nämlich der Athem Mariä der reinsten Jungfrau ihn zum öftern anhauchte, welcher Athem von dem Lamm Gottes, so in ihrem unbefleckten Leib verschlossen war, alle Sanftmuth, wie ein Schwamm das Wasser, an sich gezogen; dessentwegen am Stamm des Kreuzes Gall zu trinken sich der Herr geweigert, et cum gustasset noluit bibere denn er nit wollte zulassen, daß einige Gall' oder Bitterkeit soll in ihm seyn, sondern er begehrte den Namen zu behalten eines süßesten Jesu. Treffen dahero und beleidigen Gott alle diejenigen, welche voller Gall stecken, welche vor Zorn gleich blutroth werden, wie die Wässer in Egypten von dem geringsten Streich des Araonis Ruthen. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd wie die Statua des Königs Nabuchodonosor, so von dem kleinsten Steinel zu Trümmern gangen. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd wie der Pharao in Egypten, der seinen Mundbäcker wegen eines einigen Sandkörnlein, so er im Brod gefunden, hat lassen aufhenken. Es beleidigen Gott alle diejenigen, so da seynd wie das glühende Eisen, welches von dem geringsten Tropfen Wasser zu pfutzen pflegt. Es beleidigen Gott alle [67] diejenigen, welche seynd wie die Judenkirschen, welche, da man sie nur anrühret, bitter werden. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd, wie eine geladene Büchse: so man selbige nur antastet und kitzlet, gleich los gehet und Feuer giebt. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd wie ein Spiegel: wenn man selbigen nur ein wenig anhauchet, so macht er gleich ein finsters Gesicht. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd wie eine Orgel, die man kaum darf ein wenig tupfen, so schreit's gleich. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd wie ein Fließpapier; wenn man mit der Feder auf dasselbe nur ein kleines Tüpfel macht, so breitet es sich – weiß nit wie – aus. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche seynd wie eine Schlaguhr: so man in derselben nur ein kleines Zäpflein aufhebt, so fangen alle Räder an zu laufen und rasseln. Es beleidigen Gott alle diejenigen, welche da seynd wie die Gockelhahnen: so diese nur ein einiges Haberkörnlein im Mist finden, so fangen sie an zu schreien, daß es das ganze Geflügelwerk höret.

Bekannt ist jene Geschichte zu Antwerpen, allwo ein Kaufmann gewest, der wegen seines häufigen Guts nit wenig stolzirte; denn gemeiniglich auf viel Einnehmen folgt Uebernehmen, und auf viel Uebernehmen kommt das Abnehmen, und trägt das vermehrte Geld gar oft keine gewissere Laschi als Stolzheit. Dieser [68] aufgeblasene Handelsmann begehrte einst von einem berühmten Maler: er wolle ihn vermöge seines bekannten Pinsels abmalen, es soll das gleichende Controfee) nach Wunsch bezahlt werden. Der Mahler sparte auf solche gegebene Verheißung weder Kunst noch Arbeit, sondern führte die Abbildung also köstlich und künstlich, als wär' es mit dem Original ein, blutsverwandter Zwilling, und begannen schier die rodten Farben dem Bild ein Leben anzustreichen, wo nit einzustreichen, also zwar, daß mancher davor verweilte mit unbesonnenen Gedanken, es würde reden. Nachdem es dann der Mahler also verfertiget und auf gegebene Parolla die dreißig Thaler begehrte, schüttlet der Kaufmann hierüber den Kopf und weigert auf alle Weis', kaum die Hälfte dieses Preises zu zahlen, geht nach Haus und lasset dem Mahler das Bild. Dieser Mahler aber, ein schlauer Gesell, begehrt die Schmach zu rächen, setzt sich derohalben nieder, und steckt mit geschwindem Pinsel gedachtes Controfee in eine große, große, gefütterte und mit Schellen wohlbespickte Narrenkappe, hängt es alsdann neben andern Bildern zum Gewölb heraus. Solches, weil es Allen erkenntlich, lockte herzu eine Menge der Leut', die dann ein ungestümmes Gelächter erhoben, und sagte einer, wie lang es sey, daß sich dieser in die Narren-Zech habe einverleibt? der andere verwundert sich, daß [69] der Kaufmann seinen Kopf mit Narrengeläut' versehen, wie die Schlesinger und Ober-Steyrische Fuhrleut ihre Pferd'; der dritte sagte spottrweis', es müsse der Herr seinen Kopf einmal an das Narrenhäusel gestoßen haben, daß ihm solche Tippel ausgefahren. Solches Geschrey wächst dergestalten, daß es auch dem Kaufmann durch vertraute Leut' zu Ohren kommen, welcher alsobald dem Maler zugeeilt, nach Begehren das Geld erlegt. Aber er konnte diese Schmach und Spott in keine Vergessenheit stellen, weil ihm sein eigenes Bildnuß also beschimpft worden.

Weißt du nun Mensch, wer du bist? Wenn es dir und deinem schlüpfrigen Gedächtnuß entfallen, so beschaue das erste Blatt der heiligen Schrift, allwo dir undankbarem Geschöpf die Erschaffung der Welt, wie auch die eigentliche Beschreibung deines ersten Stammhauses wird vor Augen kommen, und dir fein weisen, dir's verweisen und dich unterweisen, wie daß dich der gütigste Gott, vermöge seiner Allmacht erschaffen habe zu seinem Ebenbild': Du bist demnach, mein Mensch, ein wahrhaftes Controfee Gottes, an dem weder Kunst noch Gunst gesparet, du bist ein edles und schönes Bild; du hast einen Willen, und der ist frei; du hast ein Gedächtnuß, und dieß ist merksam; du hast einen Verstand, und der ist erleuchtet; du hast eine Seel, und die ist unsterblich; du lebest mit den Thieren, du wächst mit den Bäumen, du verstehst mit den Engeln, du trotzest mit allen Geschöpfen: Sonn' und Mond seynd weniger als du, Gold und Silber seynd weniger als du; Himmel und Erde seynd weniger als du; du hast etwas vom Feuer, [70] du hast etwas von der Luft, du hast etwas vom Wasser, etwas von der Erde, du hast etwas von den Thieren, du hast etwas von den Engeln, du hast etwas von Gott, du bist ein Inhalt aller Geschöpfe; du bist ein Meisterstück der göttlichen Hand; du erkennst das Gute und unterscheidest das Böse; du verwirfst das Schlechte und umfängst das Gerechte; du denkst an das Vergangene und erwägst das Gegenwärtige; du betrachtest das Künftige etc., du, mit einem Wort, Mensch, bist das schönste und edelste Ebenbild und Controfee Gottes und schämest dich nit? du dich nit? diesem ansehnlichen Ebenbild eine spöttliche Narrenkappen aufzusetzen, welches da geschieht durch den Zorn? Denn solcher den Menschen verstandlos machet und von freien Stücken der Narren-Schaar zugesellet. Schau du nur, wie der Zornige aussieht! Er funkelt mit den Augen, daß er kundt damit ein Strohdach anzünden; er wackelt mit dem Kopf, als hätt' er die Fraiß im Hirn; er feimt mit dem Maul, wie ein Mästschwein; er blöcket die Zähn' wie ein Kettenhund; er kirret mit der Stimm', wie ein verdorbener Discantist; er wüthet mit den Händen, wie ein toller Marx-Bruder; es stehen ihm die Haar' wie ein Storchen-Nest auf einem Thurm; er reißt sein Maul auf, wie der Fisch gegen den Tobias; er zeigt ein Gesicht, als wäre er beim Teufel [71] ins Bad gangen; er tobt wie ein Pantherthier, und siehet mit einem Wort aus, als wie ein unsinniger Narr: heißt das nicht dem edelsten Ebenbild eine spöttliche Narrenkappen aufsetzen? heißt das nicht Gott beleidigen?

Zu den Zeiten Petri des Apostels hat ein Hund geredt, als welchem der heilige Apostel befohlen, er solle den Simon Magum zu sich rufen, welchem Befehl der Hund alsobald Gehorsam geleistet, in das Haus hinein geloffen und mit menschlicher Stimm geschrien: Simon, du sollst zum Petro kommen, er verlangt mit dir zu reden! Den heiligen Mamma hat ein brüllender Löwe angeredet mit diesen Worten: Willkommen, o frommer Diener Gottes, du bist ein Wohnplatz des heiligen Geistes! Bey der Marter des heiligen Charalampij hat ein Roß geredt und denen tyrannischen Henkersknechten einen großen Verweis geben, um weilen sie den gerechten Mann also verfolgten. Anno 1097 hat in Sachsen ein Ochs geredt, und mit menschlicher Stimm' zu einem Hirten dreimal gesagt: gehe hin, die Christen werden Jerusalem erobern! Bei der Begräbnuß Cosinä und Damiani hat ein Kameel geredt und umständig gezeigt, wohin die heiligen Leiber sollen gelegt werden. Den heiligen Julianum, da er noch ein muthwilliger Weltmensch war, hat ein Hirsch angeredt, und ihm mit menschlicher Stimm künftige Begebenheit angedeutet. Den heiligen Severinum hat ein Lämmlein angeredt, und sich beklagt, daß er es mit sich über das Wasser nimmt. Den heiligen Macarium hat ein Drach angeredt. [72] Zu den Zeiten aber des Propheten Balaam hat eine Eselinn geredet, und ist sich gleichwohl nit so fast über die Eselinn, als über den Propheten zu verwundern: Balac der Moabiter-König schickt nach dem Propheten Balaam einige Gesandten, mit dem Versprechen einer ziemlichen Summe Geld's, er wolle doch kommen und über das Volk Israel einen Fluch fällen; Geld richt nun alles in der Welt. Der Balaam sattlet die Eselinn, und reitet also auf diesem langohrigen Postklepper davon, kommt in einen engen Weg, allwo die Eselinn auf keine Weis' wollt' weiter gehen. Der Prophet wird etwas ungeduldig und schlägt sie. Ungeacht auch dieses wollte sie nit fortgehen, aus Ursachen, weil sie einen Engel sahe mit bloßem Schwert, der ihr den Paß verstellte. Er schlägt demnach das anderemal und verdoppelt die Püff'. Endlich fiel die arme Tröpfinn gar zu Boden, wodurch sie etwan dem guten Balaam die Kniescheiben an einen Kieselstein gerieben. Auf solches wurde er also zornig, daß er's zum drittenmal geschlagen, daß ihr die Haut gestaubt; worauf dieß Thier mit Gottes Beihilf' angefangen mit menschlicher Stimm' zu reden: Warum schlägst du mich zum drittenmal? Auf solches Wunder hätte der Prophet sollen gleichsam am ganzen Leib erstarren, hätt' sollen an Händen und Füßen zittern, hätt' sollen die Händ' gen Himmel heben und [73] sprechen: O Gott, o Gott, was ist dieß! das ist ein Werk des Allerhöchsten, oder des bösen Feind's Anschlag! Wenn mich sollt eine Eselinn oder eine Kuh auf der Gassen anreden, ich fiele vor Schrecken in eine Ohnmacht, oder ich erbleichte, als wenn ich wär' von Wachs bossirt, oder ich laufte weiter, als Jemand durch ein klafterlanges Perspectiv sehen kann. Eine Eselinn redet? um Gottes willen, was ist das für ein Meerwunder! Ungeacht' aber alles dieses erschrickt der Prophet nicht, sondern gibt der Eselinn noch Antwort auf ihr Warum, darum: darum schlag ich dich, weil du es verdient hast und hast deinen Spott mit mir getrieben; wollte Gott, ich hätte ein Schwert, ich wollte dich gar erwürgen. Darauf die Eselinn noch weiter mit der Klag' fortgefahren: bin ich denn nicht dein Thier, darauf du den heutigen Tag geritten? sag' an, hab' ich dir einmal deßgleichen gethan? – Niemalen sagte er etc.; führte also dieser Prophet einen ganzen Zank mit der Eselinn, die ihm auf Alles geantwortet, und hat sich dennoch er darüber nit entrüst', welches höchst zu verwundern. Es war aber die Ursach, weil er also zornig, daß er nit recht bei Verstand war; er hat vor Zorn nit gewußt, was er thut, er war halt damalen ein unsinniger Narr, und da siehet man augenscheinlich, daß der Zorn einen ins Narrenquartier logiret, und der [74] menschlichen Vernunft beraubet. – Pfuy! heißt das nit Gott beleidigen, und sein schönstes Controfee auf solche Weis' spöttlich beschimpfen? – Das Meer ist zwar allezeit bitter, und also macht es gar selten ein süßes Gesicht; doch aber, so es recht erzürnet ist, zeigt es sich fast unsinnig; denn wenn die Sonn, dieser Fürst der Gestirn', sich hinter einen schwarzen Vorhang der Wolken verhüllet, wenn Nordwind, Ostwind, Westwind und Südwind mit vollen Backen anfangen zu blasen, wenn das helle Mittaglicht mit einem traurigen Klagmantel wird überzogen, da fangen die Wellen des Meer's sich also aufzubäumen, als wollten sie gegen die Wolken ein Duell führen; da fängt dieses nasse Element an, einen solchen feurigen Zorn zu zeigen, daß man eine augenscheinliche Vigil des Tod's vor Augen siehet. Dazumalen ist nichts anders zu hören, als ein erbärmliches Getös der wüthenden Wellen, ja ist nichts anders zu sehen, als ein Modell und Abriß des jüngsten Tag's: man hört, siehet und empfindet nichts anders, als ein erschreckliches Brasseln und Rasseln, Sausen und Brausen, Schlagen und Plagen, Brummen und Summen, Reiben und Treiben, Zwingen und Dringen etc., und was mehr dießfalls in Acht zu nehmen ist, dass wenn das Meer zornig ist, [75] so wirft es allen Unflath von sich an das Gestad hinaus, allerlei stinkendes Aas und Unsauberkeit, daß es einem den Magen auf Speyer einladet: Foetida vomit.

Ein Zorniger ist dem Meer dießfalls nicht unähnlich; denn so man ihn auf die geringste Weise beleidiget, zum Exempel: die Köchinn verbrennt den Brei, der Diener zertrümmert das Glas, die Kinder singen einen üblen Trippel, die Frau redet ihm ein, er wolle doch den Leuten nit also leichtgläubig trauen und all' das Seinige auf die verlorne Wacht legen, etc. da fängt er nit anderst an als wie das Meer zu wüthen, wüthen und toben, toben und schreien, schreien und kollern, kollern und rasen, als hätten ihm die Ohrenhöhler in das Hirn eingebrochen, als hätt' er ein Tiegerthier zu einer Säugamme gehabt, als hätt' er in einem Faß den Berg herab einen öftern Kehrum gebracht, ganz un innig, und was das Gottloseste ist, so wirft er, nit ungleich dem Meer', allerlei Unflath her aus, allerlei Schmachwörter, allerlei Scheltwörter, allerlei Lästerwörter, allerlei Fluchwörter, allerlei Stichwörter, allerlei Schimpfwörter, allerlei Spottwörter, ja er haspelt ganze Legionen Teufel aus dem Maul, als hätte ihm's eine höllische Furie hineingesponnen, foetida vomit; und heißt das nicht Gott treffen, und Gott beleidigen?

[76] Jener Edelmann aus Schlesien hat es erfahren, wie der Zorn unsinnige Narren macht, da er einsmals aus Zorn, weil ihm kein Gast zum Banquet erschienen, die Teufel in der Höll' zu Gast geladen, welche dann, unverzüglich erschienen, das Haus also eingenommen, daß es noch heutiges Tages wegen solcher Gespenster unbewohnlich, und hat sich mit harter Mühe der Edelmann sammt den Seinigen reterirt.

Jener Herodes hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren ausbrütet, indem er einen starken Zorn gefaßt über die drei Könige, nachmals solchen ausgelassen an den unschuldigen Kindern, worunter auch sein eigenes Söhnlein; dahero derjenige nit unweislich geredt, der da lieber wollte seyn des Herodes Sau als Sohn.

Jener Matthias Corvinus König in Ungarn hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren machet, indem er wegen Abgang der Feigen sich also erzürnet, daß er das Teller mit Zähnen zerbissen, und darüber vom Gewalt Gottes getroffen worden.

Jener Spieler zu Bononien hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren schnitzlet: Als solcher ein stetes Unglück im Spielen gespürt, hat er sich also erzürnt, daß er im Grimm einen Stein ergriffen, denselben gotteslästerlich an ein Bildniß der Mutter Gottes geworfen, von welchem Wurf das heftige Blut heraus geflossen.

[77] Jener Xerxes hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren züglet, indem er sich über das Meer also erzürnt, um weil er keine Brücke konnte schlagen, daß er von freien Stücken das Meer mit Ruthenstreichen züchtigen und etliche Fuß-Eisen in selbiges werfen und ihm dreihundert Maultaschen versetzen lassen. O Narr!

Jener Cajus Caligula hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren machet, indem dieser Kaiser Vorhabens war, auf einen bestimmten Tag dem gesammten Volk mit absonderlichem Pomp ein Schauspiel zu halten: daß aber denselbigen Tag lauter Regen und Ungewitter war, ist er also erzürnt worden, daß er ganz grisgrämig gen Himmel geschaut, und mit frecher Stimm' den Gott Jupiter zu einem Duell heraus gefordert: du Gott, sagte er, bist du ein redlicher Kerl, so wehre dich meiner; ja wurde also unsinnig, daß er allen seinen Soldaten anbefohlen, sie sollen unverzüglich die Pfeil' gegen den mißgünstigen Himmel abschießen, welches dann auch geschehen; und haben alle diejenigen, deren eine ziemliche Anzahl, welchen die herabfallenden Pfeil' blutige Köpf' gemacht, erkennet, daß ihr Kaiser geschossen sey.

Jener Cavalier bei Rudolpho dem Anderen hat es erfahren, daß des Zorns Unterthanen unsinnige Narren seyn: Als solcher Amts halber dem Kaiser Morgens früh das Wasser brachte zum Waschen, ihm aber der Deckel von dem krystallenen Glas ungefähr entfallen, hat er sich dergestalten erzürnt, daß er auch das Glas[78] mit Furie zur Erden geworfen, sprechend: hat der Teufel den Sattel, so nehm' er auch das Roß! welches krystallene Geschirr auf 400 Reichsthaler geschätzt worden.

Jener hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren gebähret, als er in seinen Garten auf einen Baum gestiegen, willens etliche Früchte herabzuschütlen; da er aber fast nichts darauf gefunden, hat er sich also erzürnet, daß er überlaut geschrieen: du verfluchter Baum, willst keine Aepfel tragen, so trag' Shelm und Dieb! Er war dazumalen selber darauf.

Jener hat es erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren bringet, als er wegen eines einzigen Schimpfworts, so seiner Ehr' schädlich schien, sich dermassen erzürnet, daß er mit dem Kopf gewaltthätig an eine Thür gerennet, und weil dieselbige ohnedas alt und wurmstichig, also mit dem harten Schädel sie leicht durchbrochen. Indem er aber wegen der schädlichen Schiefer den Kopf nit mehr konnte zurück ziehen, und bis zur Ankunft des Barbierers in diesem Narrenarrest verweilen mußte, hat er endlich selbst, ob zwar voll der Schmerzen, sich des Lachens nit enthalten können, in Erachtung, daß ihm sein närrischer Zorn einen solchen hölzernen Kragen angelegt, der da besser gestärkt war, als die Kres zu Nürnberg.

[79] Jener Handelsmann zu Wien hat's erfahren, daß der Zorn unsinnige Narren feil hat, als er wegen eines einigen Fehlers, den er in der Speise vermerkt, sich also erzürnt, daß er alle Schüsseln und Teller hinter die Thür geworfen. Da solches der Gewölbbub ersehen, sagt er: Herr, hätt' ich das gewußt, so hätt ich hinter der Thür aufgedeckt.

Jener Vater hats erfahren zu Freiburg in Meißen, daß der Zorn unsinnige Narren-Schellen aufsetzet, da er sich über seinen halsstarrigen Sohn also erzürnt, welcher zu ihm zu gehen sich weigerte, daß er gewunschen hat: du vermaledeytes Kind, ich wollt', du müßtest dein Leben lang dort stehen! worauf alsbald durch göttliche Zulassung geschehen, daß der Sohn nit mehr konnte vom Ort gehen, sondern sein Leben lang mußte dort verbleiben; wie man denn noch die vertiften Fußstapfen in dem hölzernen Boden alldorten zeiget.

So bleibt dann klar und wahr, daß der Zorn dem Menschen das edelste Kleinod entzieht, welches ist der Verstand, und heftet also spöttlich an das göttliche Ebenbild die Narren-Kappen, welches ohne allen Zweifel den mildesten Gott höchst beleidiget.

Was das Feuer, dieses freßgierige Element, für Schaden der Welt habe zugefügt, wird es nicht leicht eine Feder sattsam entwerfen: die Brunst unter dem unmenschlichen Kaiser Nero zu Rom, hat sieben ganzer Tag gewähret; Anno 1476 ist Frankenburg durch das Feuer also zugericht' worden, daß kaum ein Ort übergeblieben, wo eine Schwalbe konnte nisten; Anno 1086 seynd zu Delpht tausend zweihundert der schönsten [80] Häuser in Asche gelegt worden; Anno 1407 ist Stockholm in Schweden ganz verbrannt, worin auch über die anderhalb tausend Personen geblieben; durch das angesteckte Feuer Kaisers Friederich Barbarossa ist die schönste Stadt Mailand völlig verbrennt worden; jene stattliche Brucken, welche Kaiser Karolus Magnus unweit Mainz über den Rhein in zehn Jahren mit unglaublichen Unkosten kaum verfertiget, ist innerhalb drei Stunden in Aschen gelegen; Paßau, Krackau, Glockau, Moskau, Breslau etc. haben noch in der Gedächtnuß, was Schaden sie vom Feuer empfangen. Aber so man es recht erwäget, wird man handgreiflich finden, daß durch das Feuer des Zorns weit größeres Uebel sey verursachet worden, zumalen der Zorn nichts anderes ist, als eine Entzündung des Geblüts bei dem Herzen; dahero kommt das Sprichwort, so jemand ganz erzürnet: es sey schon Feuer im Dach. Dieses Feuer hat von Anbeginn der Welt bis auf diese gegenwärtige eiserne Zeiten so großen Schaden verursachet, daß es auch ganze Flüß' der Zähren nit genugsam können beweinen. Zur Zeit des halsstarrigen Pharaonis seynd durch die wunderthätige Ruthen des Aarons alle Flüß', alle Bäch', alle Teich', alle Cistern', alle Brunnen in lauter Blut verkehrt worden. Wenn man das Blut sollte sehen, welches Anno Christi 66 der Zorn des Kaisers Nero vergossen; Anno 93 der Zorn des Kaisers Domitian vergossen; [81] Anno 100 der Zorn des Kaisers Adrian vergossen; Anno 164 der Zorn des Kaisers Marci Aureli vergossen; Anno 204 der Zorn des Kaisers Severi; Anno 237 der Zorn des Kaisers Maximini; Anno 254 der Zorn des Kaisers Decii; Anno 361 der Zorn des Kaisers Gallieni; Anno 368 der Zorn des Kaisers Juliani vergossen etc.; wenn man das Blut soll sehen, welches der Zorn der Wenden, der Arianer, der Sarazenen und anderer unzählbarer Feind' der Kirchen vergossen haben, zumalen die ersten dreihundert Jahre nach Christo fünf Millionen der Martyrer gezählt worden und bis auf unsere Zeiten in die eilf Millionen die Anzahl solcher Blutzeugen gestiegen; wenn man das Blut soll sehen, welches die unzählbaren Krieg' in der Welt vergossen; wenn man endlich das Blut soll sehen, welches der Zorn durch Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Freund und Feind's Händen vergossen, durch so vielfältige grausame Mordthaten; so würde der ganze Erdboden gar leicht mit demselben, wie zur Zeiten Noe mit der Sündfluth überschwemmt seyn. O du verdammter Zorn! du bist ein Mörder der Gemüther, du bist ein Zertrenner des Friedens, du bist ein Gift des Lebens, du bist ein Kuppler des Todes, du bist ein Tieger des menschlichen Blut's, du bist eine Brut der Hölle, du bist ein Räuber des Verstandes, du bist ein Zunder des Zwiespalts, du bist eine Schul' der Narrheit, du bist ein Weg des Verderbens, du bist eine Pforte alles Unheils!

Die Hebräer feynd gleichwohl mit ihrer viehischen Grausamkeit nicht so weit gerathen, daß sie das Unterkleid Christi hätten zertrennt oder zertheilt, sondern [82] haben dasselbige ganz gelassen, wie es denn noch heutiges Tages zu Trier mir höchster Andacht verehrt wird; aber du tyrannischer Zorn zertrennest täglich, ja stündlich, das Kleid Christi, welches da ist die Einigkeit unter den Christen. Mir stehen die Haar' gen Berg und gestocken gleichsam alle Blutstropfen im Leib, wenn ich gedenk an denjenigen Tieger, (denn den Namen eines Menschen er nicht verdienet) welcher ungefähr seinen Feind angetroffen, denselben grimmig zu Boden geworfen, den scharfen Dolch an das Herz gesetzt, mit diesem drohenden Zusatz: der Tod ist dir gewiß! sofern du aber Gott und die heiligste Dreifaltigkeit verläugnest, so soll dir das Leben geschenkt seyn! Der elende Tropf, aus Furcht des vor Augen schwebenden Tod's, mit der größten Hoffnung, er wolle es nachmal durch eine heilsame Beicht wieder auslöschen, verläugnet Gott sammt allen Heiligen; worauf ihm dann der andere geschwind mit dem Dolch das Herz durchbohrt, bei sich selbsten frohlockend, daß er ihm nit allein das zeitliche, sondern auch das ewige Leben benommen. O Gott!

Dem David ist es nit wohl angestanden, wie er den Harnisch des Sauls angelegt, da er sollt' wider den ungeheuren großgrindigen Goliath streiten, sondern er beklagte, wie daß er sich so gar in den Harnisch [83] nicht kann schicken, auch stehe ihm solcher nie wohl an. Also auch du, mein Christ, der du durch das Blut des sanftmüthigsten Lamm Gottes gewaschen, gedenke vor Allem, daß es dir gar nit wohl anstehe, so du wegen einer geringen Sache so geschwind in Harnisch kommst und dich erzürnest, welcher Zorn Gott den Herrn beleidiget, deinen Nächsten und dich selbsten, weil du hierdurch selbsten dir die Sentenz der ewigen Verdammnuß fällest, und du, ungezähmter Tieger, solchergestalten nit verlangest, am jüngsten Tag vor den ewigen Richter gestellt zu werden unter die Schaaf seiner Ausenwählten.

Obgedachter König in Israel hat auf eine Zeit ganz inbrünstig zu Gott geseufzet in seinem 30. Ps. 10. V.: Conturbatus est in ira oculus meus, anima mea et venter meus: Erbarme dich meiner, o Herr, denn ich werde geängstiget, mein Aug' ist durch den Zorn betrübt, dazu mein Seel und mein Bauch! Dieß ist das Erste, so ich hör', der David hatte das Bauchwehe, und lamentirte deßhalb nicht wenig, setzte auch die Ursach' daß ein solches Uebel vom Zorn hergerühet. Da siehet man den saubern Nutzen des Zorns, der nicht allein der Seele höchst schädlich, sondern auch beschwerliche Leibes-Preß verursacht. Senertus schreibt, daß, [84] wenn ein Zorniger esse und trink', so sey dieß ihm höchst schädlich, denn damalen die Speis' in dem Magen corrumpirt wird, und nachmals lauter Gift dem Leib verursachet. Was für ein Elend ist es, wann einer wie ein ausgezogener Frosch im Bett liegt, wenn er krumme Finger machet, wie ein Schuster-Kneip wenn ihm die Backen schlampen wie die Schrotbeutel, wenn er die Arm ganz saftlos, kraftlos, haftlos hangen läßt, wenn er wie Duck-Enten mit dem Kopf wacklet, wenn er sich zusammenkrümmt wie ein Taschenmesser, wenns ihm im Bauch schneidet, als hätte er junge Feder-Fechter darin, wenn er den ganzen Tag pfeift wie ein Erd-Zeisel, wenn er ganze Nächt' jugetzt wie ein junger Wolf, wenn er sich mit Lumpen und Fetzen einfätschet wie die Zigeuner-Kinder, wenn ihm die Gall in alle Glieder marschiret, ja endlich die blühende Jahr' der unverhoffte Tod abschneidet: wer ist daran schuldig, als allein der unbändige Zorn?

Absonderlich ist der Zorn ein Gift des Ehestandes. Was Trübsal denn empfindet nicht ein Weib, die solchen zornigen Mann leiden muß, welcher wegen [85] des geringsten Würmleins mit dem Jona erzürnet? In einem solchen Haus heißt es nachmals: willkommen Elend! adio Einigkeit! herein Unfried! key dich fort Lieb!

In Unterösterreich ist ein Marktflecken mit NamenGrein, allwo der gefährlichste Ort für die Schiffleut: so jemand auf dem Wasser nach Oesterreich zu reisen Vorhabens ist, jaget ihm kein Ort mehr Furcht ein als Grein. Das Weibergeschlecht trägt förderist davor einen Abschen, und so man nun dessen wenigste Meldung thut, zittern sie wie eine schweinene Sulz. Bin selbst einmal durch diesen gefährlichen Ort gefahren, und war auch auf dem Schiff ein reicher Rabbiner oder Jud, welcher – kann es mit Gewissen betheuern – sich ob dem Ort also entsetzt, daß er gleich andern Christen das Kreuz-Zeichen gemacht. Ich lachte, diese saubere Monstranzen ohne Heiligthum aus, und versicherte ihn beinebens, wie daß er nit werde ersaufen, aus Ursach, was an Galgen gehört, findet in der Donau kein Grab. Gedachter Ort ist gefährlich wegen des Strudels, wie auch nit weniger wegen des Wirbels oder Kessels, so ganze Schiffe zu schlucken mächtig ist. Es hatte vor diesem den Namen Poenostonos. Allda mitten in drohenden Wasserwellen stehet empor ein hoher Fels, anjetzo mit einem Cruzifix gezeichnet, an welchem Ort der Teufel in sichtbarer Gestalt eines Mohren dem vorbeifahrenden Kaiser [86] Heinrich dem Dritten und Brunoni dem würzburgischen Bischof erschienen, auch nach vielen Drohwörtern wieder verschwunden etc.; mit einem Wort bei Grein ist ein übler Ort. Aber versichere euch Eheleut': Greinen, Greinen und ein zänkisch Leben führen haltet nit weniger Uebel in sich; denn wo das vielfältige Greinen ist, dort erkaltet die Lieb', dort wacklet die Treu, dort verschwind't die Einigkeit, dort versauert das Gemüth, dort schimmlet die Redlichkeit, dort mauset die Wirthschaft, dort gaumezt die Kuchel, dort zerlechzet der Keller, dort trauert die Stuben, dort pfnottet die Kammer, dort verwelken die Mittel, dort schlüpfern die Kinder, dort rutschen die Menscher, dort fallen die Diener, dort leidet das Gewissen, dort verdorret die Gesundheit, dort zertrümmert die Gottesfurcht, dort ist der Teufel gar bei Grein.

Wie Christus der Herr seine Apostel ausgesandt, hat er ihnen ernsthaft verboten neben andern, sie sollen keine Stecken noch Stäb' mit sich nehmen. Ich frage aber: wie werden sie über die Gräben springen, Herr? wie werden sie sich vor den bösen Kettenhunden defendiren, Herr? und wann der Weg bergauf ist,[87] so muß ja der Stecken einen hölzernen Vorspann abgeben, Herr? Ungeacht' alles dieses, verbietet der gebenedeyte Herr den Aposteln die Stecken, um weilen dieselben seynd ein Sinnbild und Zeichen des Schlagens und Stoßens: hat dahero dieser göttliche Meister sogar den Aposteln die nothwendigen Stecken verboten. Wie viel mehr seynd euch verboten, zornigen Männern, die unnöthigen Prügel, mit denen ihr wider alles Gewissen euere von Gott gegebene Ehegatten also schmählich tractiret! Hört ihr, und schreibt es auf euere Thüren, zeichnet es auf euere Tafel, registriret es in euere Handbüchlein, was harten Spruch nit ich, nit ein Cicero, nit ein Xenophon, nit ein Cato, nit ein anderer heidnischer Philosoph, sondern ein großer heiliger Lehrer, Johannes Chrysostomus sagt: daß ein solcher Mann kein Mann eigentlich zu nennen, sondern eine grausame Bestie, ja für einen Todtschläger und Mörder zu halten.

Ihr Männer habt endlich den Titul von Gott erhalten, daß ihr das Haupt genennet werdet: »Vir caput est mulieris;« demnach, so haltet euch, wie es einem Haupt gebührt! müßt wissen, daß das Haupt eines jedweden Menschen über das Hirn zwei Häutlein hat, deren eines genennt wird von den Medicis die harte Mutter, das andere die sanfte Mutter; das Häutlein Namens sanfte Mutter ist weiter von dem Hirn als das andere, und so man das Häutlein sanfte [88] Mutter verletzet, muß der Mensch unfehlbar sterben: zeigt deßwegen die Natur selbsten, daß die harte Mutter soll weit von dem Menschen seyn, die Sanftmuth aber nahe, denn Sanftmuth macht alles gut. Wie unser Herr und, Heiland bei der Ungestümme des Meers in dem Schiffe geschlafen, sagen etliche Lehrer, daß er nit habe recht geschlafen, sondern nur die Augen zugeschlossen, damit er nit sehe die Kleinmütigkeit seiner Aposteln: Deßgleichen auch ihr Männer, wenn ihr schon einige Mängel und Fehler spüret in euren Weibern, müßt ihr auch zuweilen ein Aug' zuthun und nit gleich mit Schärfe verfahren! Die Weiber seynd sonst genaturt, wie das Kraut mit Namen Basilicum: wenn man dieses gemach und sanft streichet, so gibt es einen überaus lieblichen Geruch von sich, da man es aber stark reibet, stinkt es gar wild. – Es scheint nichts ungereimter, als wenn die Männer seynd wie der Esau, der gar rauh und grob war. Ihr Männer könnet euch wohl spiegeln an jenem, was sich bei dem heiligen Grab gleich nach der Urständ Christi hat zugetragen, allwo der gebenedeyte Jesus der Magdalena und den zweien andern Frauenzimmern einen, Befehl geben, sie sollen eilfertig sich zu den Aposteln begeben und ihnen andeuten, daß er sey siegreich, freudenreich und glorreich von den Todten auferstanden; forderist aber und vor allen, sollen sie diese trostreiche Avisa und Zeitung dem Peter bringen: dicite discipulus et Petro. Warum daß der Herr hat wollen, [89] daß diese drei fromme Weiber absonderlich dem Petro diese freudenvolle Zeitung sollen ankünden? Darum, es wußte Christus der Herr, daß Petrus nunmehr ein Erzfeind der Weiber, und ihm vorgenommen, die Zeit seines Lebens mit keinem Raabensweib mehr zu reden, aus Ursache weil er durch dergleichen Geflügelwerk zu Hof in Meineidigkeit und größte Ungelegenheit gerathen. Damit demnach der Zwiespalt zwischen dem Petro und den Weibern möchte geendet werden, und vorige Einigkeit möge verharren, hat Christus wollen, daß diese Weiber dem Petro solche freudenvolle Zeitung brachten, auf daß durch solche, gute Manier wieder ein Vergleich geschehe. Hat nun der gebenedeyte Herr auf allerlei Weis' gesucht die Einigkeit zu pflanzen, den Zwiespalt zu dämpfen, die Lieb' einzuführen, den Unfrieden zu stillen unter solchen Personen, die einander nichts verwandt: wie viel mehr ist sein göttlicher Will', daß die Eheleut in unzertrennter Einigkeit forderst sollen leben und lieben? Wenn demnach schon Patientia gen. feminini, so ist sie doch euch Männern nit übel anständig! Gesetzt, es wiederfährt euch dasselbe, was den Propheten-Kindern zu Elisäi Zeiten geschehen, welche vermeint gute und gesunde Kräuter zu klauben, und haben unterdessen bittere Colloquinten ertappet, worüber sie nachmals krumme Mäuler gemacht: Mors in olla! [90] und laut aufgeschrieen: der Tod ist im Topf! Gesetzt, ihr habet anstatt des Bisam-Krautes eine Brennnessel ertappt, da ihr gleichmäßig schreien könnt: Mors in olla, der Tod ist in Topf, der Henker halts beim Kopf, der Wurm ist im Kopf! – Geduld! – gesetzt, es begegnet euch wie jenem Scribenten, der mit sonderm, Fleiß einen vornehmen Wappenbrief abgeschieben, endlich aber anstatt der Sträh-Büchsen das Dintenfaß erwischt und also eine grobe Sau aufgehebt; gesetzt ihr habt nit mit geringer Aufmerksamkeit euch gesucht ein frommes Regerl, aber anstatt der Regerl einen Riegel gefunden, der euch die guten Tag' sperret, – Geduld! –

Es hat David ebenmäßig einen solchen stolzen und bösen Hausrummel gehabt, die ihn auch gar einmal unter die Raupen- und Lotter-Buben-Bursch gezählt; dennoch liest man nit, daß er solchen Schmachwörtern mit Unmanier wäre begegnet; denn es folgt nit, weil die Männer von Natur eine gröbere Stimm' ererbt als die Weiber, daß sie gleichförmig sollen seyn in Gebehrden. – Zu verwundern ist über jenen, von dem Stengelius registriret, desssen Weib, eine verborgene Schmach zu rächen, diese Arglist erdacht: Sie klagte, als sie großen Leibs war, daß sie eine, ob zwar ungereimte Lust hätte, und dafern sie selbige nit könnte büßen, würde unfehlbar die Leibesfrucht in Gefahr stehen, entdeckte endlich auf sein vieles Bitten, [91] wie daß sie einen Korb voll Eier habe, und die Lust treibe sie, alle dieselbigen ihm in das Gesicht zu werfen. Der arme Narr, damit er möchte größeres Uebel verhüten, setzt sich geduldig nieder, läßt sich von diesem schalkhaften Weib dergestalten archibusiren, wodurch das Angesicht wie ein lauteres Eier-Schmalz ausgesehen, ausgenommen, daß dem Gimpel das Salz gemanglet. Es wird endlich solche schier übermäßige Geduld nit erfordert bei euch Männern, jedoch ein bescheides und bescheidnes Uebersehen stehet oft nicht übel an, und da man doch die zuweilen überlästigen Fehler des Weib's abstrafen will, so muß man sich erinnern, daß die Stadt Jericho nicht mit Schießen und Stoßen ist erobert worden, sondern mit lieblichem Posaunenklang. Euch aber meine Weiber ist sehr nothwendig die Geduld, in dero absonderlich berühmt war die Mutter des heiligen Vaters Augustini, welche ihren barten ungeschliffenen und ungestümmen Mann Patritium mit ihrer artigen Sanftmuth also gestillt, daß er gleichsam aus einem Wolf ein Lämmlein worden und also mit Christo fast das Wasser in Wein verwandlet. – Es hat jenes bescheide Weib, mit Namen Abigail, wie die heilige Schrift bezeugt, einen Mann den Nabal, welcher ein grober Huyschuß von Haus aus war; läßt den dicken Rausch ausdämpfen durch den Schlaf, alsdann erst zu Morgens früh mit manierlicher Bescheidenheit ihm die Mängel vor Augen [92] gestellt. Hätte sie dem vollen Mist-Stampf in seiner Trunkenheit etwas zugeredt, hätt' er ihr unfehlbar das Gesicht mit der Faust aufgebüglet: ist dahero sehr nothwendig die Geduld. Es wird auch so weit dem Weib erlaubt, daß sie mit gutem Fug kann einSimon im Haus seyn, verstehe sie mahn, nit sie Mann, sondern sie mahn ihn, den Mann, zuweilen wegen seiner Unform, die er in seinen Gebehrden hat; doch aber in Allem muß die Freundlichkeit und Manier das Uebergewicht halten, sonst von vielem Katzengeschrei folget ein Donnerwetter, sprechen die Naturkundigen.

Der König Saul war gar oft von dem bösen Geist besessen, wessentwegen er getobt, und gewüthet und geschrien, und gesprungen, und gestampft, und geheult, und brüllt, und kratzt, und geworfen, und geschlagen, und gestoßen, als wenn er unsinnig wäre; und konnte ihn kein einiger Mensch besänftigen, ausgenommen der David mit seiner wohlgestimmten Harfe und Citter. Unläugbar ist es, daß manches Weib einen Mann hat, der gleichsam gar oft die Stimm' von einem Löwen, die Zung' von einer Schlang', die Augen von einem Tieger, die Händ' von einem Bären [93] hat. So ist aber einer solchen Tröpfinn nichts rathsameres, als wenn sie mit dem David gute Saiten aufziehet. Ein Bär hat diese Natur: wenn man mit ihm schreiet und ihm drohet, so wird er wild, so man aber ihm pfeift und schön thut, so wird er ganz zahm. Wie der Bär, also der Bernhard. Habt's gehört ihr Weiber! es ist ein Fisch im Meer' mit NamenPolypus, der heft' sich also stark an Felsen und Schroffen, daß, ehe er sich läßt mit Gewalt hinweg ziehen, eher läßt er sich in viele Stücke zerreißen; wenn man aber nur etliche Tropfen Oel auf ihn gießt, alsdann weicht er freimüthig. Wie dieser Polypus also der Hyppolitus. Habt's gehört Weiber! das Meerwasser ist befreundt allen Salzburgern; da man es aber in ein Geschirr weißes Wachs schüttet, wird es ganz süß: sicut mare ita maritus; versteht ihr auch lateinisch Weiber? – Der Weinstock bringt viel mehr Frucht, wenn man ihm die unnöthigen Zweiglein und Gesträußel mit den Händen abropft und abzopft, [94] als wenn man's mit dem scharfen Messer abschneidet. Wie der Weinstock also der Weintrinker. Habt's gehört Weiber? der Barbierer, so er will eine Ader öffnen, fährt nit gleich mit der Lanzett darein, sondern es streicht, schmeichlet und liebkoset vorhero die Ader: also auch ihr Weiber, mit guter glimpflicher Manier werdet ihr viel mehr ausrichten. Ihr habt Zweifels ohne öfter gesehen, daß der bösen Buben ihre Prügel, so sie in die Birnbäume werfen, oft daroben bleiben; kommt nun einer her nach, der den Baum schüttlet, wenn er denselben sanft schüttlet, so fallen Birn herunter, schüttlet er aber mit Ungestümm, so fällt ihm der Prügel auf den Kopf. Weiß also nichts Nothwendigeres den Weibern zu rathen, als die Sanftmuth und Geduld. – Jene Frau, welche von ihrem Mann also hart und tyrannisch gehalten worden, daß er sie gar in ein Gewölb auch eingesperrt und allgemach vor Hunger sterben lassen, hatte gezeigt eine lobwürdige Geduld, zumalen nach ihrem Tod die Ziegelstein, auf denen sie ihre Füß' gehalten', in das klarste Krystall seynd verkehrt gefunden worden. Geduld demnach in Allem! auch Geduld ihr Weiber, so ihr viel Schmach und Uebels an euren Kindern erlebet! Es geschieht nichts ohne den göttlichen Willen! müßt aber wissen, daß ein friedsamer und gesegneter Ehestand selten mit bösen Kindern gestraft wird.

Dahero ich der unfehlbaren Meinung bin, es sey zwischen Ciboria und Ruben ein sündhafter, ein untreuer, ein zänkischer und ungesegneter Ehestand gewesen, zumalen sie einen solchen Erzschalken, den Judam, in die Welt gebracht.

Judas wird in der Insel Iscarioth auferzogen
[95] Judas wird in der Insel Iscarioth, von der er den Namen geschöpft, bei Hof als ein königlicher Prinz auferzogen, so aber bald das gottlose Gemüth durch seinen Neid an Tag geben.

Es lässet sich doch noch reden das gemeine Sprichwort: wie größer der Schelm, je besser das Glück, zumalen dieser Judas von den Meerwellen verschont worden und so unverhofft zu dieser Würde gelanget, daß er als ein königlicher Prinz ist auferzogen worden. Den hat man in eine vergulte Wiegen gelegt, da ihm doch der Sautrog hätte sollen die Herberg geben; den hat man in die zarteste Windelein eingefätscht, da doch dem Unflath die Zigeunerfetzen zu gut waren; den hat man mit Biskuiten-Kuch gespeiset, da doch eine solche Goschen die saure Ruben nit verdient; den hat man auf königlichen Armen liebkoset, da ihn doch der Henker hätt' sollen einwiegen; den hat manche adeliche Dame mit ihrer halb Engel-Stimm' das Aja pupeia zugesungen, da doch dem kleinen Galgenvogel das Rabengeschrei gebühret hätte: vor dem hat man die tiefste Reverenz geschnitten und schier halben[96] Theil mit gebogenen Knien angebetet, dem man eher hätte sollen den Daum zwischen den zwei Fingern weisen.

Es wurde mittler Zeit wider alles Verhoffen die Königinn desselbigen Orts in der Wahrheit großen Leib's, und hat nachmalen einen inniglichen schönen Prinzen auf die Welt gebracht, worauf dann, wie billig und natürlich, alle ihre Liebs-Neigungen zu diesem holdseligen Kind gezielet und mittler Weil' die Affecten gegen den Judam, als einen unehrlichen Sohn, sie ganz verloren, dergestalten, daß die Königin sammt dem Hofstaat ihren Prinzen über alles geliebt, den Judam aber halb und halb verehret, welches dann schon ein Zunder war, so einen unauslöschlichen Neid hat angezünd't.

Es konnte demnach Judas den Prinzen mit keinem guten Aug' anschauen, sondern kifflete stets die Nägel seiner Finger, machte dermaßen sauere Gesichter, als wäre Holzäpfel-Most sein Ordinari-Trunk: er wurde ganz bleich vor Neid, welcher ihm wie eine Schlange das Herz zernagte und plagte und schlagte und zwackte; die Schwefelfarb ist ihm haufenweis' auf die Wangen gefallen. Der Neid sparte endlich sein gottloses Gemüth dahin, daß er mit eigenen Händen den königlichen Prinzen ermordet; und war dieß schon ein Vortrab, daß er mit der Zeit Gottes Sohn werde zum Tod' helfen. O Neid, o Neid!

[97] Einen wunderlichen Traum hat jener ehrliche Mann gehabt, welcher vor dem Schlaf' Gewohnheit halber pflegte mit absonderlicher Aufmerksamkeit zu lesen in einem Buch, und als ihm dazumalen ungefähr die Materie vor Augen kommen vom jetzigen verruckten Weltlauf und nach langer Ablesung endlich sanft eingeschlafen, träumte ihm folgender Gestalt:

Ich nahm meinen Weg durch eine vornehme Stadt, wollte meine vorwitzigen Augen auf die Weid' führen und einige schöne, wie auch seltsame Sachen sehen, damit ich nachmals in begehender Gelegenheit an gehörigen Orten auch weisen könne, daß ich nit wie eine Brut-Henn' stets zu Haus gehockt, sondern mir auch getraut fremdes Brod zu essen. – Mein erster Gang war nach Hof, allda die Beschaffenheit des Pallasts, die Tracht des Adels, den Pomp des Fürsten zu sehen. Da ich mich denn nächst der Hof-Pforte befunden, sind mir zwei große Thier' begegnet, dergleichen ich mein Lebentag nicht bin ansichtig worden; eines war also speckfeist, daß es mit seiner Woll-Wampen fast den Erdboden kehrte, das andere war dergestalten dürr, daß es ohne weitere Mühe dem Bein-Drechsler unter seine Arbeit taugte, und weil ich vermerkt, daß solche Thiere, wie des Balams Eselinn reden konnten, war ich so kühn, oder vielmehr frech, unterstund mich zu fragen, wie es zu Hof hergehe? Weil dann das Feiste wegen überhäufiger Schmeer-Last und Schnaufen nit konnte reden, also [98] gab' mir das dürre – ob zwar selbigen Orts die deutsche Sprach nicht gebräuchlich – folgende Antwort:

Ach, ach, ach was wirst du für Wunder-Ding zu Hof sehen!

Du wirst zu Hof sehen lauter Fechter, aber nur solche, die da über die Schnur hauen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Soldaten, aber nur solche, die Parteien, oder ich hab' gefehlt, Partitereien wissen zu führen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Meßner, aber nur solche, die mit der Sau-Glocken läuten.

Du wirst zu Hof sehen lauter Fischer, aber nur solche die mit faulen Fischen umgehen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Schneider, aber nur solche, die einem suchen die Ehr abzuschneiden und einen Schandflecken anzuhängen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Kaufleut', aber die nur mit Bärenhäuter-Zeug handeln.

Du wirst zu Hof sehen lauter Drechsler, aber nur solche, die einem suchen eine Nase zu drehen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Huter, aber nur solche, die unter dem Hütl wissen meisterlich zu spielen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Maler, aber nur solche, die einem was Blaues vor die Augen malen.

[99] Du wirst zu Hof sehen lauter Fuhrleut', aber nur solche, die einen hinter das Licht führen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Bildhauer, aber nur solche, die einem das Maul machen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Musikanten, aber nur solche, die das Placebo fingen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Geiger, aber nur solche, die einen zu stimmen suchen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Köch', aber nur solche, die einem die Suppen versalzen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Schlosser, aber nur solche, die einem wollen einen Riegel schießen.

Du wirst zu Hof sehen lauter Tischler, aber nur solche, die einem pflegen zu verleumden.

Du wirst zu Hof sehen, daß alldort die Redlichkeit, wie der Palm-Esel, das Jahr nur einmal aus Licht kommt.

Du wirst zu Hof sehen, daß man allda mit den Wohl-Meritirten umgehet, wie mit dem Nußbaum:[100] zum Lohn, daß dieser Nuß trägt, wirft man mit Prügel darein.

Du wirst zu Hof sehen, daß alldort so viel Treu' zu finden, wie viel Speck in den Juden-Küchen.

Du wirst zu Hof sehen, daß man dort mit den Bedienten umgehet, wie mit den Limonien: wenn kein Saft mehr darin, so wirft man sie hinter die Thür.

Du wirst zu Hof sehen, daß alldorten die guten Freund' seynd, wie die Stein auf dem Brett-Spiel, welche nur den Namen Stein tragen, und seynd beinebens von Holz.

Du wirst zu Hof sehen, daß man allda die Nackende bekleidet, aber nur die Wahrheit, denn dieselbe bloß nit darf erscheinen.

Du wirst zu Hof sehen, daß man die Hungringen speiset, aber nur mit Worten.

Du wirst zu Hof sehen, daß es mitten im Sommer Eis gefroren, denn allda das Schlüpfern und Fallen gar zu gemein.

Du wirst zu Hof sehen, daß allda wenig Metall, aber viel Erz: viel Erz-Dieb, Erz-Schelmen, Erz-Betrüger, etc.

Du wirst zu Hof sehen, daß allda schlechte Suppen, aber viel Löfflerei.

Du wirst zu Hof sehen wenig Andacht, aber viel Verdacht.

[101] Mit dergleichen langem Klag-Register thäte sich das dürre Thier abmatten, daß es mit der Sprache nit mehr fort konnte, und hab ich mich absonderlich sehr verwundert über die Wohlredenheit dieses Thiers, daß es mit so annehmlichen Farben die Beschaffenheit desselbigen Hofs entworfen. Weil ich aber auch einmal auf dem Hof-Pflaster eine Blatter gangen, und mir alle Ding ohne das wohl bekannt, also habe ich fernere Rede davon abgeschnitten, und Wunder halber hab' ich das Thier gefragt, aus was Ursachen es also zaundürr, hingegen aber das andere speckfeist seye? worauf ich die Antwort erhalten, wie daß sie beide die Hof-Tafel haben, und ich – sagte das dürre – bin lauter Lieb', finde aber wenig bei Hof, daß ich schier Hunger stirb; das andere aber frißt lauter Neid, und findet solchen Ueberfluß, daß ihm schier der Bauch zerschnellet vor Futter.

Es war aber mein Traum noch nit aus, sondern es hat mir ferners gedunkt, als begegnen mir zwei Männer auf der Gassen, und trüge einer einen großen Sack über den Achseln dergestalten angefüllt, daß ihm Samson hätte sollen hierzu die Achseln leihen, womit er die Stadt-Pforten hat getragen. Der arme Tropf schwitzte unter solcher Last, als käm' er erst aus der Bad-Wanne. Ich fürchte augenblicklich, er würde mit dem Sack zu Boden sinken, der Meinung, es müsse Treid darin seyn wie in den Säcken der Brüder des Josephs; weil ich aber die Gewißheit nicht hatte, fragte ich, mit was denn der Sack sey gefüllt? Er gab mir die Antwort: mit lauter Neid sey er also angeschoppet. Der andere, so diesen begleitete, tragte [102] auch ein kleines Hebammen Körbel mit rothem Leder überzogen an den Armen, welches zwar dem Schein nach voll angefüllt, aber so gering, daß man's leicht mit den Biscoten oder Hollehippen konnte wägen, und war nichts anders darin, als lauter brüderliche Liebe. Ich mußte doch das Ort wissen, wo diese zwei so ungleich aufgeladen, da zeigten sie mir mit den Fingern auf ein gewisses Kloster.

Ich hätte noch einen weiteren Traum, und ist mir gewest, als wäre ich auf einem volkreichen Jahrmarkt, allwo unterschiedliche Kaufmanns-Hütten in hölzerner Ordnung gar fein ausgetheilt zu sehen. Unter andern kam mir unter die Augen eine Hütte, in welcher ein bekannter Spital-Meister feil hatte. Wunder wegen wollt' ich erfahren, was doch dieser für Handelschaft führe, indem seine Waaren, in lauter alte Spital-Lumpen eingewickelt, gar schlechte Raritäten versprochen. So bericht er mich, wie daß er lauter Neid und Lieb verkaufe. Wie theuer die Lieb'? so sagt er, die Elle um 30 Reichsthaler; entgegen aber sey der Neid um leichtern Werth, und übersteige dessen Preis nit dasjenige Tuch oder Loden, aus welchen die Croaten ihre Kepeneck machen, die Elle um 8 Groschen. – Gleich hierauf begegnete mir der Pedell von der Universität mit zwei Büchern unter den Armen, und war eins sehr groß, also daß ich vermuthe, es müßte darin des großen Calepini Allabotritta von allerlei Sprachen verfaßt seyn, das kleine Büchel [103] scheinte eine Grammatik zu seyn, so ich vermeint, daß er's den jungen Knaben und Söhnen nach Haus trage; habe aber mehrmalen die Wahrheit nit getroffen. Denn in diesem kleinen Werkl war mit Fraktur geschrieben, die Lieb unter den Gelehrten, in dem großen Buch aber ganz eng schriftlich zusammen getragen der Neid unter den Gelehrten.

Hierauf bin ich durch gar zu großes Schreien und Klopfen der Dienstboten im Haus erwacht; mein Mitgespann aber mir anstatt der Morgen-Suppen einen wohlgeschliffenen Verweis geben, daß ich auf Ratzen Art bis um 9 Uhr den Polster druckte, setzte auch hinzu, wie daß er kaum zwei Stund' habe geschlafen, seye deßwegen mir neidig um meine lange Ruhe. Auf diesen Fruh-Filz thät' ich meine Glieder – bekenn' die Schuld – durch ungebehrdiges Ranzen und Strecken in die Ordnung richten, und den Tag mit aufgesperrtem Maul, als gewöhnlicher Faullenz-Posaunen, bewillkommen; nach dem Waschen aber gleich mit gebogenen Knieen nach Gewohnheit mein Gebet verricht'. Der erste Gedanke aber, so sich damalen hat einschleichend angemeld't, war dieser, daß mir mein Mit-Kamerad neidig war um den Schlaf, wie auch der Verlaut des lang gehabten Traumes nichts anders war, als vom Neid; deßhalben ich die Augen gen Himmel gewend't, und mit zusammen geschlagenen Händen in diese Seufzer ausgebrochen: [104] Allmächtiger Gott! so ist denn kein Ort und Port, so ist denn kein Land noch Stand, so ist denn keine Erd' noch Herd, so ist denn keine Zunft noch Zusammenkunft, ja oben und unten, bei Kranken und Gesunden, unten und oben, bei Adel und Groben, dorten und dar, in Gesellschaft und Schaar, dar und dorten, in Werken und Worten ist der verruchte Neid.

Ich meines Theils gebe sonst dem Traum' nicht leichtlich einen Glauben, aber dieser ehrliche Mann, in dessen Busen keine einige Falschheit zu logiren scheint, gibt mit seinem Traum-Gesicht die scheinbare und unläugbare Wahrheit an Tag, ja gleichwie das Wörtl Neid mit vier Buchstaben geschrieben, wird also nicht weniger vergiften diese höllische Schlangen-Brut die vier Theil' der Welt.

Ich hab' es zwar allezeit gehört:


Wie die Glocken, also der Klang,
Wie der Musikus, also der Gesang.
Wie der Vogel, also das Ey,
Wie der Koch, also der Brey.
Wie der Schuster, also der Schuch,
Wie der Scribent, also das Buch.
Wie der Arzt, also die Salb,
Wie die Kuh, also das Kalb.
Wie der Acker, also das Treid,
Wie die Wiesen, also die Weid.
[105]
Wie der Meister, also der Jung',
Wie der Tänzer, also der Sprung.
Wie der Baum, also die Birn,
Wie die Frau, also die Dirn.
Wie der Herr, also der Knecht,
Wie der Soldat, also das Gefecht.
Wie der Hirt, also die Rinder,
Wie die Eltern, also die Kinder.

Ich hab's allezeit gehört, hab's allezeit gelesen, hab's allezeit geschrieben, hab's allzeit gered't, daß diesem also seye; aber anjetzo vermerke ich, daß nicht allzeit wie die Eltern, also die Kinder seyn: Adam ein guter Vater, Cain sein Sohn ein Erz-Bösewicht; Noë der Vater ein Heiliger, Cham sein Sohn ein Heilloser; Abraham der Vater ein Gottseliger, Ismaël sein Sohn ein Gottloser; Isaak der Vater ein Engel, Esau sein Sohn ein Bengel; Jakob der Vater ein Lammel, Ruben sein Sohn ein Trampel; David der Vater ein Freund Gottes, Absolon sein Sohn ein Feind Gottes, etc. Ja ich weiß und zeig eine Dama, vor dero Schönheit die Helena aus Griechenland sich muß verkriechen, eine Dama, gegen deren Wohlgestalt mit seinem Aufputz der Frühling zu spat kommt, eine Dama, dero Angesicht sonnenklarer scheinend als die Sonne, eine Dama, vor dero weißem Gesicht die Lilien schamroth werden, eine Dama, vor dero Annehmlichkeit aus Wunder die Morgenröthe erbleichen thut etc. und dennoch diese schöne auserwählte Dama hat eine [106] Tochter, an der ein Haufen Unflath zu sehen; denn sie ist wild wie ein Misthaufen, schwarz wie ein Kohlhaufen, ungeschickt wie ein Scheiterhaufen, hartnäckig wie ein Steinhaufen, unrein wie ein Ameisenhaufen, schädlich wie ein Scheerhaufen, garstig wie ein Kothhaufen, ja wie der Teufel selbst. Diese schönste Dama ist die Tugend, die Ehr', die Wissenschaft, ja alles Gute; ihre Tochter aber, die sie gebähret, ist der verdammte Neid. In der Insel Malta gibt es keine Schlangen, in Sardinia gibt es keine Wölf', in Deutschland gibt es keine Krokodil', in Tuscia gibt es keine Raben, in Hellesponto gibt es keine Hunde, in Island gibt es nichts Giftig's; aber in der ganzen Welt ist kein Ort, allwo es keinen Neid gibt.

Daniel war bei Hof' und gar ein vornehmer Herr bei Hof, ja er ist so hoch gestiegen, daß er bei dem König Dario Alles vermochte; es hat auch dieser König nit besser gesehen, als wie Daniel sein Aug-Apfel war, und geht es bei einem Monarchen allzeit recht her, der eine solche rechte Hand hat, wie da war der treue Daniel. Nichts destoweniger hat endlich dieser fromme Minister erfahren, daß der König aus dem besten Wein der schärfiste Essig worden, indem er durch unmenschliches Dekret befohlen, den Daniel in die Löwen-Gruben zu werfen, und mit solchem stattlichen Brocken die freßgierigen Thier' zu sättigen. Es war aber diese Speis' zu gut für solche Gäst. Nun siehe ich dir's an der Stirn' an, und kitzelt dich der Vorwitz, zu wissen das Verbrechen und die Unthat des Daniels: etwann ist er seinem König nicht treu gewest? denn sonst die Treu zu Hof ganz [107] wehrhaft und fast noch nagelneu, weil man's gar selten brauchet; etwann hat er sich mit Denari bestechen lassen und nachmals Spandi wider seinen eigenen König gebraucht, und deßwegen das Spiel verloren? etwann hat er des Königs Anschläg' und reife Rathschlüß' dem Gegentheil entdeckt und also sträflich aus der Schul geschwätzt? etwann ist er mit den königlichen Renten und Geldern umgangen, wie der Wolf mit dem Schaftheil? Dieser theilte sechs Schaf mit dem Hirten solchergestalt: das erste gehört mein, das andere gehört sonst dein, und nimmts auch zu sich, das dritte gehört wieder mein, das vierte gehört sonst von rechtswegen wieder dein, nimmts aber mehrmalen zu sich etc. ist demnach dem Hirten nichts überblieben. Es ist etwann der Daniel in seinen Hofdiensten schläferig gewest, und sich nur darzumalen eingefunden, wann einige Chargen vacirend worden? es hat etwann der Daniel gegen eine oder die andern Hof-Damen eine freundliche Grobheit oder gar eine grobe Freundlichkeit erzeigt? Nichts dergleichen, gar nichts: der [108] Daniel war ein rechter, ein gerechter, ein wohlgeschaffener, ein rechtschaffener, ein wissenhafter, ein gewissenhafter Minister bei Hof, kein schuldiger, sondern ein unschuldiger, kein sträflicher, sondern unsträflicher Diener, und noch darzu ein Prophet, und noch darzu ein Traum-Ausleger und noch darzu ein Chronist. Wenn dem also, was hat ihn denn in die tyrannische Löwen-Grube gestürzt? Frag' nit lang, ein Hof-Hund hat ihn gebissen, eine Hof-Katz' hat ihn gekrazt, ein Hof-Pfeil hat ihn getroffen, er hat's Maul an einer Hof-Suppen verbrennt, er hat den Kopf an einer Hof-Thür angestoßen! Verstehe es recht: derNeid zu Hof unter den Ministern und Hof-Herren hat ihn gestürzt. So ist es gangen Henriko Grafen von Holstein bey dem Hof Eduardi den Dritten, Königs in England, so ist es gangen Bellisario dem großen Kriegs-Fürsten bei dem Hof des Kaisers Justiniani; so ist es gangen dem Aristidi, dem Scipioni, dem Themistocli, [109] dem Tullio, dem Epaminondae, dem Socrati, dem Pompeio, dem Iphicrati, dem Cononi, dem Chabriae, das seynd aber lauter fremde Namen; so ist es gangen viel Ferdinandis, Henricis, Rudolphis, Casimiris, Philippis, Conradis, Wolfgangis etc., welche der verdammte Neid ins Elend gestürzt hat. O Neid! o Neid!

Den Neid find' ich schier auf dem Schlag, wie jener Baum: Es ist einer gewest, der sich durch vielfältiges Schaben und Graben einen ziemlichen Sack voll Dukaten gesammelt, hatte aber dessentwegen stets unruhige Gedanken, aus Furcht, es möcht' ihm einer solchen goldenen Schatz entfremden, ja er traute in dem Fall weder dem Weib', viel weniger den Dienstboten; es gedunkten ihm alle Riegel und Schlösser zu schwach, solche gelbe Batzen zu hüten; absonderlich so er Geschäft' halber mußte abreisen, konnte er niemalen ruhig schlafen, wegen steter Sorgen, es möcht' ihm dieser sein goldener Inwohner das Quartier verändern; ersinnet demnach andere Mittel, und nimmt auf einen gewissen Tag seinen mit Gold gefüllten Sack [110] mit sich, steigt in seinem großen Garten auf einen Baum, und weil selbiger zwischen zwey großen Aesten etwas hohl war, verbürgt er seinen goldseligen Schatz darein, voller Freuden, daß er selbigen also sicher sal. virt, empfand auch in seinem Gemüth nunmehr einen begnügten Ruhestand. Was geschieht aber! Sein Nachbar war ein armer und elender Tropf, der so viel Brod-Esser und kleine Bursch' zu Haus hat, daß sie schier über die Kinder Israël wachseten, ja er hörte von dieser lebendigen Orgel kein anderes Liedl den ganzen Tag, als Päppen, Päppen etc. nicht möglich war es ihm, das Hauswesen länger zu erschwingen, forderist, weil die überdrüssige Schuldenforderer die Schnallen stets in Händen hatten, und mit so viel Schuld-Scheinen aufgezogen, daß er sich fast getraut alle Kaufleut' allda mit Starnizeln zu versehen; endlich haben ihn die verzweifelten Gedanken so kleinmüthig gemacht, daß er beschlossen, lieber zu sterben, als solches Elend ferners auszustehen, nimmt zu diesem Ziel einen starken Strick, steigt in des Nachbarn Garten, unwissend auf denselbigen Baum, in welchen der reiche Nachbar das Gold verborgen, fesselt bereits den Strick um den Hals, wollte aber vorhero umsehen, ob er von jemand wurde wahrgenommen. In währendem Umschauen erblickt er den Sack Geld in denn hohlen Baum, schätzt sich solches für eine göttliche Schickung, erlöset alsobald den Hals von dem Arrest, [111] steigt eilends herab, bald hurtiger als Zachäus, und vergißt vor Freuden den Strick auf dem Baum, dankte Gott um dieses unverhoffte Glück, womit er seine Hauswirthschaft wieder in den besten Gang gebracht. Nicht lang nach diesem steigt obenbenannter Geizhals auf den Baum, Willens seinem goldenen Schatz eine Visita zu geben, auch zugleich sich mit dessen Anblick zu ergötzen. Als er aber ersehen, daß die Vögel ausgeflogen, war er dergestalten bestürzt, daß er schier über den Baum herunter gefallen: Ach, lamentirte er, so ist denn hin, so ist denn aus, so ist denn weg dasjenige, welches ich viel Jahr' am Maul erspart habe! ach, was fang' ich nunmehr an! wenn ich nur einen Strick hätte, so wollt' ich gleich damit mein unglückseliges Leben enden! Und wie er sich umgeschaut voll der Verzweiflung, sieht er gleich neben seiner den Strick hangen, welchen der andere vergessen, verweilt dahero nicht lang, sondern mit dem Hals geschwind in die Maschen, und erhenkt sich: hangte also dieses saubere Obst an dem Baum, den kein anderer als der Henker dürfte schütteln. Ein wunderseltsamer Baum ist dieser gewest, in dem er einem das Leben gebracht, dem andern aber das Leben genommen, einen hat er aus der Noth geholfen, den anderen hat er zum Tode gezogen, einen hat er aus dem Elend' errett', den anderen hat er in das Elend gestürzt, einem hat er das Herz erfreut, dem andern hat er das Herz abgestoßen.

Auf gleichen Schlag trägt es sich zu mit dem Neidigen, als welchem des Nächsten Glück ein Unglück[112] ist, ja eines andern sein Segen ist dem Neidigen ein Degen, der ihn verwundet; eines andern sein Heil ist dem Neidigen sein Seil, so ihn erdrosselt; eines andern sein Gut ist dem Neidigen eine Glut, so ihn brennet; eines andern seine Würde ist dem Neidigen eine Bürde, unter dero er schwitzet; eines andern seine Kunst ist dem Neidigen ein Dunst, so ihm die Augen peiniget; eines andern seine Doktrin ist dem Neidigen ein Ruin, so ihm schadet; eines andern sein Schatz ist dem Neidigen eine Katz, so ihn kratzet; eines andern seine Freud' ist dem Neidigen ein Leid, so ihm das Herz quälet; eines andern seine Höhe ist dem Neidigen ein Wehe, so ihn plaget; eines andern sein Gruß ist dem Neidigen eine Buß, so ihn drucket; eines andern sein Schein ist dem Neidigen eine Pein, so ihn schmerzet.

Saubere Brüder hat Joseph gehabt: Wann das Brüder seynd, so muß man die Häfen-Deckel unter die Credenz zählen; wann das Brüder seynd, so können die Schlehen-Stauden auch Weinstöck' benamset werden; wann das Brüder seynd, so kann man den Wolf auch einen Bürgermeister der Schaf' nennen. Nit Brüder, sondern Ausbrüter alles Uebels seynd sie gewest, und haben sie das Sch. so wohl in ihrem Titul verdient, als der Judas Iscarioth. Wie der ehrliche [113] Jüngling Joseph ihnen aus brüderlicher Aufrichtigkeit seinen Traum erzählt – aus welchem man wohl vermuthen hat können, daß er nicht leer sey, sondern eine Prophezeiung seines künftigen Glücks – seynd sie also bald darüber ganz erbleicht. Was! sagten sie, du junger Tauben-Schnabel, sollst du ein König werden, und soll dein Glück so hoch steigen, daß wir dir sollen aufwarten und die Knie biegen? Ei bieg' dir der Henker den Hals, du übermüthiger Bub' etc.! Sie waren über ihn also verbittert, daß sie ihn nicht konnten anschauen, ja dahin durch den verdammten Neid getrieben, daß sie beschlossen, diesen ihren Bruder zu erwürgen. Aber laßt ein wenig mit euch reden ihr Schaf-Hirten – ob ihr zwar billiger hättet sollen Sau-Hirten abgeben – hört mich an! Entweder ist es wahr, daß euer Bruder ein König wird oder nit? ist es nit wahr, so lacht über solchen leeren Traum und foppet lieber durch brüderlichen Scherz diesen euren jungen ABC-Schmid, gebt ihm einen Hirten-Kolben in die Hand anstatt des Scepters und sagt lachender Weis': grüß dich Gott Euer Majestät etc.! ist es aber wahr, daß er soll König werden, so sollt ihr euch deßhalben nit zürnen, sondern vielmehr frohlocken und sagen also: wird unser Bruder Joseph ein König, so ist es uns die größte Ehr' und unserm ganzen Haus ein ewiger Ruhm, ja da werden wir nit mehr unsere schmutzige Hirten-Taschen mit einem altbackenem Kipfel angefüllt tragen, sondern ein jeder aus uns [114] wird seynGalanthomo! wie wird es uns sowohl schmecken, wenn man uns gnädige Herren wird schelten! da wird gar gewiß der Bruder Ruben obrister Hofmeister werden! da wird gar gewiß der Bruder Zabulon zu der Kammer-Präsidenten-Stell' gelangen! da kanns dem Bruder Isaschar nicht fehlen, daß er nit obrister Kuchl-Meister wird, er isset ohne das gar gern gute Bissel; der Bruder Simeon wird ohne Zweifel obrister Kämmerer werden, denn er kann mit den Complimenten umspringen; denkt es an mich, der Bruder Aser wird obrister Jägermeister, der wird sich abhetzen, da wird's anderst hergehen! jetzt müssen wir unsere Mägen mit sauren Ruben ausschoppen, dort wird man uns andere Bissel aufsetzen, ei Gott geb', daß unser Sepperl ein König wird! – Dergleichen Reden hätten sollen die Brüder Josephs führen; aber der verdammte Neid hat ihnen den Verstand verruckt, die Vernunft verkehrt, und wollten sie lieber schlimme und arbeitsame Täg' leiden, als den Joseph in königlicher Würde sehen. O höllischer Neid! Der Neidige ist schon zufrieden mit seiner Armuth, wenn er nur siehet, daß sein Nächster nit reich wird; der Neidige find't ein Contento an seinem Elend, wann er nur merkt, daß es seinem Nächsten auch nit wohl gehet;[115] der Neidige beklagt sich nit seines Unverstands und Unwissenheit, wenn er nur siehet, daß sein Nächster auch nit viel kann; der Neidige bleibt gern verworfen, wann er nur find't, daß sein Nächster nit vorkommt; den Neidigen betrübt nicht seine Ungestalt und Larven-Gesicht, wenn er nur weiß, daß sein Nächster auch nit schön ist. O verfluchter Neid! du sutzelst und saugest aus der Gall' das Honig und aus dem Honig die Gall', denn des Nächsten Uebel macht dir gut und des Nächsten Gut macht dir übel. O! O! O!

Jener reiche Prasser, von dem Meldung geschieht im Evangelio, hat alle Tag' Kirchtag, er war alle Tag wohl auf und voll auf, er war zwar kein Soldat, ist doch allezeit mit Krügen umgangen, er war kein großer Doktor, hat sich doch gern in der Bibiothek aufgehalten, er war kein Fischer, thäte doch stets im Nassen arbeiten, er war im Vormittag nicht nüchtern, zu Mittag hatte er einen Rausch, auf dem Abend war er voll, sein Hausen war Schmausen, sein Schmausen war Brausen, alles Essen und Trinken und anders guts Leben hat ihm sein Vater zum Heirath-Gut geben. Aber auf eine solche schlemmerische, dämmerische Vigil ist ein harter Fey'rtag kommen: Da nemlich dieser reiche Gesell in dem höllischen Feuer begraben[116] worden, der arme Bettler aber, so nur um die Brößlsupplicirt, die sonst der Diana, der Melampus, der Coridon, der Pudel unter den Tafeln zusammen klauben, ist mit großen Freuden und Triumph in die Glorie getragen worden. Jetzt steht zu fragen, wie der arme Bettler geheißen hat, und der reiche Mann? Des Bettlers sein Nam' ist allbekannt Lazarus, aber des Reichen Name weiß weder der Evangelist, noch der Scripturist, noch Glossist, noch Commentarist etc. niemand, gleichwohl bin ich der Meinung, ich wollte errathen seinen Namen: Er war ein vornehmer Herr, man hat ihn Ihr Gnaden gescholten, und hat allem Ansehen nach Herr Neidhard von Neidlingen geheißen, aus Ursachen: wie er schon bereits in der Höll' gesessen, hat er fast mit unsinniger Stimm' geschrieen zu dem Abraham: Vater Abraham, ich bitt, ich bitt, ich bitt, schicke doch den Lazarum, daß er mit einem Tropfen Wasser meine feurige Zung' erkühle! Dieser reiche Vogel ist ein Freiherr oder wenigst ein Landmann gewest. Soll er ihm dann nit eingebildet haben, es schickte sich nit, daß der Selige soll den Verdammten nachgehen? Es thät' sich ja übel reimen, so ich auf der Gassen ansichtig würde eines vornehmen Herrn, da er zum Fenster hinaus schaut und ich hinauf schreite: Gnädiger Herr, steigt herunter und[117] spendirt mir etwas, auf daß ich mir kann etliche Bücher kaufen! ich mein die Lakeien würden mich einen groben Mönch taufen und sagen, ich soll hinauf kommen, und anderthalb Stund' heraussen warten, dann jetzt sey ein Jud beim gnädigen Herrn etc. Also hätt' auch der reiche Gesell in der Höll' sollen schreien: O Vater Abraham, mache doch Gelegenheit, und bring' es bey Gott aus, daß ich zum Lazarum hinauf darf um ein einiges Tröpfl Wasser! Es hat aber der verdammte Prasser dessentwegen nit hinauf begehrt zu dem Lazarum: denn wann er denselben in so großer Glorie, Thron und Kron hätte gesehen, wär' er ihm deßhalben neidig gewest, und wär ihm solches härter ankommen, als die Höll' selbst. Dann ein Neidiger leidet unaussprechlich, wann er siehet, daß es seinem Nächsten wohl gehet. Dahero seynd die Neidigen – wie seynd sie? sie seynd wie die Nacht-Eulen: dieselbigen können kein Licht sehen, deßwegen fliegen sie hin und her, darum und daran, und wollens auslöschen; also die Neidigen mögen und können nicht sehen, wenn jemand erleucht' ist und glänzet mit Tugenden. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie die Kothkäfer: diese saugen auch aus der schönsten Rose nur das Gift, nit das Honig; also die Neidigen suchen an ihrem Gegentheil nur das Mangelhafte, das Gute verschweigen sie. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie die Feilen oder Raspeln, welche verzehren, plagen, beißen und reißen andere Sachen, aber verderben sich selbst damit; also die Neidigen sehen, wie sie dem[118] Nächsten mögen schaden, und verzehren ihr einiges Leib und Seelen Heil. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie die Brunnen, welche gemeiniglich kalt seynd, wann das Wetter warm ist, und gemeiniglich warm, wann das Wetter – forderist im Winter – kalt ist; also dem Neidigen ist übel, wenns Andern wohl gehet, und ist ihm wohl, wenns Andern übel gehet. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie der Donner, welcher mehristtheil nur hohe Gebäu' trifft und nit niedere; also die Neidigen nur diejenigen hassen, welche von Gott erhöhet seyn. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie die Wachteln: diese schlimmen Vögel seufzen allzeit, wenn die Sonn' aufgehet; also seynd die Neidigen beschaffen, welche alsdann seufzen und es schmerzlich empfinden, wenn sie sehen den Nächsten in Ehr' und Reichthum aufgehen und wachsen. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie ein Baum, unter dem noch junge Bäuml' wachsen, diese aber unterdrückt der große Baum mit seinen Aesten, denn er nit leiden will, daß ihm einer soll gleich wachsen: also auch ein Neidiger befleißet sich, wie er's kann zu wegen bringen, daß einer vom niedern nicht zum höhern Stand' soll gelangen. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie diejenige, so am Fieber krank liegen: denen kommen auch süße Speisen bitter vor; also kann die Neidigen nichts mehr erbittern, als wann der Nächste gutes und süßes Glück genießet. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie die Fliegen, welche [119] gemeiniglich den Menschen nur an demjenigen plagen, wo er ungesund oder verwundet ist; also die Neidigen nur dasselbige an ihren Nächsten suchen, was tadelhaft ist, das Tugendsame und Lobwürdige verschweigen sie freimüthig. Die Neidigen seynd – wie seynd sie? sie seynd wie die Aemper an einem Brunnen: wann einer hinunter fällt, so steigt der andere in die Höhe, kommt einer herauf, so fällt der ander' hinunter; also ist dem Neidigen wohl und befindet sich wohlauf, wenn er siehet seinen Nächsten fallen, und so sein Nächster hoch steigt, thut sich der Neidige darüber bestürzen. – O du verdammtes Laster! du bist ein Maden der Seelen, noch mehr, du bist ein Apostema des Herzens, noch mehr, du bist eine Pest der fünf Sinnen, noch mehr, du bist ein Gift der Glieder, noch mehr, du bist ein gefährliches Fieber des Geblüts, noch mehr, du bist ein Schwindel des Haupts, noch mehr, du bist eine Finsternuß des Verstand's, noch mehr, du bist ein Henker und Folterer und Tyrann des menschlichen Leib's! –

Andere Laster haben dannoch ein wenig Freud' und eingebildete Ergötzlichkeit: die Buhlschaft mit der Bersabäa hat gleichwohl dem David das Herz ein wenig verzuckert; wie Herodes ein Kostgeher und Bettgeher gewest ist bei seines Bruders Frauen, hat er gleichwohl davon ein augenblickliches Contento geschöpft; [120] wie Nabuchodonosor sich für einen Gott aufgeworfen und aus Hochmuth und Uebermuth sich hat lassen anbeten, hat den Narren gleichwohl solche große Reputation gekitzelt; wie der reiche Gesell alle Tag' geschlemmt, hat ihm doch solches tägliche Gurgelwasser eine Freud' gemacht; wie der Achan gar zu lange Finger gehabt und über das siebente Gebot gestolpert, hat er dennoch eine Freud' gehabt, daß er ohne Mühe ist reich worden; wie die Philister dem Samson die Augen ausgestochen, und er nach Verlust seiner Stärk' ihnen hat müssen durch die Finger sehen, haben sie eine Ergötzlichkeit gehabt, weil sie sich an ihrem Feind gerächet haben; wie der Zachäus Partiten gemacht und aus fremden Häuten hübsche breite Riemen geschnitten, hat es ihm eine Freud' gebracht; – in Summa: alle Laster haben ein Honig, ob zwar im geringen Gewicht, an sich und in sich und bei sich; – aber der Neidige findet nichts als Leiden, ja der Neidige empfindet einen steten Dorn, der ihn verwundet, hat einen steten Wurm, der ihm das Gemüth naget, leidet ein stetes Schwert, so ihm das Herz durchdringet, hat einen steten Hammer, der ihm das Herz zerschlägt, leidet eine stete Schlange, die ihm das Herz peiniget, hat einen steten Tieger, so ihm das Herz verzehret, leidet einen steten Wolf, der ihm das Herz frisset, hat ein stetes Uhrwerk, so ihm das Herz beunruhiget. O du verdammtes Laster!

[121] Andere Laster lassen sich in etwas vertuschen, ver hüllen, verbergen, und zeigt sich mancher auswendigheilig und ist inwendig heillos, zeigt sich oft einer auswendig als ein Simon Petrus und ist inwendig in Simon Magus; es steckt gar oft in einer neuen und guten Scheid' eine rostige Passauer-Kling; auch trifft man oft eine schöne Nuß an, dero wurmstichiger Kern nachmals dem Aufbeißer ein Grausen machet; – aber der Neidige kann sein Laster nit verbergen, es ist ihm das Angesicht ein Verräther, die eingefallenen Wangen, die finstern Augen, die berggrünen Lefzen, die birkene Stirn, die giftigen Seufzer, die melancholischen Gebehrden, das Zwitschern der Zähn', sein mageres, ausgeselchtes, schwefelfärbiges Angesicht ist ein sattsamer Dolmetscher seines einwendigen Neid's. Ein Neidiger mag essen, was er will, wie er will, wann er will, wie viel er will, wo er will, so wird er doch hundsmager bleiben, weil Alles bei ihm in Gift verwandelt wird. Wie recht hat der Poet den Neidigen entworfen mit folgenden Versen:


Friß Milch, friß Käs, friß von der Kuh,
Was deinem Maul mag schmecken,
Schieb ein, schopp drauf, schnapp immerzu,
Schlick Semmel, Kipfel und Wecken,
[122]
Brauch' Löffel wie ein Wasser-Schaff,
Auf daß du füllst dein' Wampen;
Friß, daß nit mehr kannst sagen Pfaff
Vor Schmacken, Schlinken, Schlampen;
Friß du dem hungrigen Wolf zu Trutz
Den Braten ohne Zwiefel,
Friß, daß dir's Maul so voller Schmutz
Wird, wie ein g'schmierter Stiefel;
Mit Banquett und mit lauter Schmaus
Spann' deinen Bauch wie Trummel,
Schleck' oben und unten die Pfannen aus,
Sauf' noch darzu ein' Tummel,
Friß Brocken mit halb Centner-G'wicht,
Verzehr' ganz kälbere Büg'l,
Friß, daß dir dein so schmierbig's G'sicht
Hübsch glänzet wie ein Spiegel,
Friß Butter, Schmalz und Speck darzu,
Mach's wie die Kloster-Katzen,
Die fressen Brät'l spat und fruh'
Anstatt der Mäus' und Ratzen.
Friß, Neidhard, friß, friß all's vom Tisch,
Bleibst doch ein dürrer Bogen,
Friß, Neidhard, friß, ein g'selchter Fisch
Bleibst ohne Bauch und Rogen!

Dahero Gott der Herr den Kain selbsten gefragt, nachdem er seine Händ' in des Bruders Blut gewaschen: Quare condicit facies tua? »Kain, warum ist dir das Angesicht also eingefallen?« Der Gesell' war so mager wie ein Ladstecken: es war aber dessen keine [123] andere Ursach, als der verdammte Neid, als welcher ein Gift ist der menschlichen Gesundheit.

Es ist zwischen dem Weißen und dem Schwarzen, zwischen dem Esau und dem Jakob, zwischen dem Städtl Hai und der großen Stadt Jericho, zwischen dem egyptischen Knoblauch und dem himmlischen Manna, zwischen dem David und dem Goliath kein so großer Unterschied, als zwischen dem Himmel und der Höll', ja ohne alle Gleichnuß; – denn im Himmel ist lauter Freud', in der Höll' lauter Leid', im Himmel ist lauter Lachen, in der Höll' lauter Krachen, im Himmel ist lauter Gut, in der Höll' lauter Glut, im Himmel ist nichts als Süß, in der Höll' ist nichts als Spieß, im Himmel ist lauter Lust, in der Höll' ist lauter Unlust, der Himmel ist ein Wohnplatz der Auserwählten, ist ein Haus der Belohnung, ist ein Thron der göttlichen Majestät, ist ein Losament der Heiligen, ist ein Tempel des Lichts, ist ein Paradeis der Freuden, ist eine Herberg' der Seligen, ist eine Erquickung der Betrübten, etc. die Höll' ist entgegen eine Folterbank der Verdammten, ist ein Kerker der unglückseligen Ewigkeit, ist eine Senkgrube des Unflaths, ist ein Ort der Finsternuß, ist ein Quartier der bösen Geister, ist ein Inhalt alles Elends; etc. im Himmel ist alles, was ergötzet, erfreuet, erlustiget, erquicket, erhöhet, etc. in der Höll' ist, alles, was peiniget, was schmerzet, was brennet, was quälet, was martert, etc. Und dennoch ist der Teufel theurer mit der Höll', als Gott mit dem Himmel; denn ein Neidiger so viel leidet um der Höll' [124] willen, daß, wenn er nur den halben Theil thäte wegen Gott ausstehen, so wurde es ihm der Allerhöchste mit der ewigen Kron' vergelten: Aemilius, Aemilianus, Basilius, Basilianus, Cassius, Cassianus, Claudius, Claudianus, Donatus, Donatianus, Eutychius, Eutychianus, Flavius, Flavianus, Gordius, Gordianus, Julius, Julianus, Lucius, Lucianus, Marcus, Marcianus, Marius, Marianus, Pontius, Pontianus, Primus, Primianus etc. seynd Märtyrer und Blutzeugen Christi, haben viel gelitten zu Cäsarea, zu Nicomedia, zu Rom, zu Alexandria, zu Antiochia, zu Aquileia, zu Laodicea, etc. viel gelitten um den Himmel; – aber ein Neidiger leidet viel mehr um die Höll. O verruchtes Laster!

Ein mancher wird wegen seiner Wissenschaft zu großen Würden erhöhet – wie es dann billig, und ist nichts schädlichers, als wenn man unverständige Stroh-Hirn' hinauf setzet: Bekannt ist es sattsam, daß Gott der Allmächtige ganz umständig das Gebäu' der Arche vorgezeichnet, auch beynebens gar genau befohlen, es sollen Ochsen, Esel sammt den Thieren in dem untern Stock logiren, die Menschen aber in dem obern Zimmer; als hätt' sich ja nit gereimt, wann Ochsen- und Eselköpf hätten in dem oberen Gaben residiret und die Menschen herunten – ob zwar bei der jetzigen verkehrten Welt gar oft die Erfahrnuß bezeiget, daß fast gleiche Beschaffenheit seye zwischen dem Topf und dem Knopf: zumalen ein voller Topf auf dem Herd herunten steht und leidet, daß ihm die Augen übergehen, ein leerer Topf aber, der steht oben auf der [125] Stell': also wird nit selten ein leerer Topf in die Höhe zur Offizia erhoben, und ein Kopf voller Wissenschaft muß herunten bleiben. Ein manchesmal – ob zwar nit ohne merklichen Schaden – folgt man dem Brunnen nach, allwo der leere Aemper heroben ist der angefüllte entgegen unterdrückt. – Thöricht haben die Philister gehandelt, wie sie den Abgott Dagon verehret, der einen Fisch-Kopf hatte; noch übler ist es, wenn man der Zeit manchen muß verehren, der einen Stockfisch-Kopf hat. Die Natur ist eine witzige Mutter, als welche dem kleinen Fingerl an der Hand das Amt aufgetragen, daß er solle Ohren-Raumer seyn, nit aber dem Daum' oder Zeig-Finger, weil sich demnach der kleine besser hierzu schicket als die anderen: deßgleichen soll man sein zu Aemter und Offizia erheben diejenigen, welche geschickt seynd und nit ungeschickt. Die Bäume, ob schon etliche grobe und ungeschlachte Kerl unter ihnen, seynd dennoch so bescheid gewest, sagt die heil. Schrift, daß sie einhellig die Dorn-Staude zum König erwählt haben, und glaube ich darum, weil solche spitzfindig – uns zu einer Lehr, daß die Spitzfindigen und Witzigen vor allen Plumpen sollen den Vorzug haben. Wenn zu Ingolstadt in Bayern die Studenten aus unartigem Muthwillen einige Ungelegenheit verursachen, und etwann auf der [126] Gasse die Stein' also wetzen, daß ihnen das Feuer zu'n Augen ausgehet, werden sie auf der Universität in die Keichen gesetzt, beklagen sich aber dazumalen nichts mehreres als wegen eines Nacht-Gespensts, so sie insgemein den Penzen nennen, welches ganz ohne Kopf ist: also soll wahrhaftig manches Ort, Stadt, Gemein' nichts mehreres schrecken, als wenn sie eine Obrigkeit ohne Kopf haben, verstehe ohne Verstand; beim wir Deutsche gemeiniglich diejenigen, die sich von Stroh-Hofen schreiben, ohne Kopf benamsen. Die jetzige Welt folgt leider! gar oft den Baumeistern nach, welche die Knöpf' zu höchst des Dach's setzen, lamentiren doch, – andere zu geschweigen, auch die Bauern, wenn ihre vorgesetzten Pfleger grobe Knöpf seynd. Große Herren, gemeine Republiken, gesammte Städte, sollten es dem hl. Geist, dieser dritten göttlichen Person, nachthun, als welche in Feuers-Gestalt sich auf die Köpf' der Aposteln und nit anderstwohin gesetzt. Es ist sowohl schändlich als schädlich, wenn man nicht den Kopf, sondern die Händ' oder das anverwandte Geblüt beobachtet. Mit allem Fleiß hat Christus der Herr seinen Vettern Joannem nit zum Pabstthum erwählt, sondern Petrum, damit wir in Austheilung der Aemter nit sollen beobachten die Verwandtschaft, sondern die Wissenschaft. Unweislich hat gehandelt Henrikus der Achte in England, der seinen Koch zu einem stattlichen Amt erhoben, um weilen er ihm eine wohlgeschmackte Speis' zugericht'. – Wenn die Vögel [127] konnten reden, so man sie sollte fragen, wer sie also in die Höhe bringet, würden sie ungezweifelt antworten: nichts anderst als dieFedern. Durch solche und mit solchen kommen sie also empor. Dahero thun gar weislich diejenigen großen Monarchen und Fürsten, welche dieselbigen zur Hochheit und Würden promoviren, so eine gute Feder haben, das ist Verstand und Wissenschaft. Auf gleiche Weise seynd gar viel zu höchsten Ehren gelanget, und hat Agathoelem zum König in Sizilien nit gemacht sein Stammen-Haus, als der eines Hafners Sohn war; dem Lesco König in Polen hat nicht die Kron aufgesetzt sein uralter Adel, als der eines Bauern Sohn war; und hat Primislaum nit König in Böhmen gemacht sein altes Herkommen, als der erst vom Pflug war; und hat Tamerlanem den Kaiser nit zu dieser höchsten Würde geholfen sein adeliches Haus, als der nur eines Holzhackers Sohn war; und hat Willigisum nit zum Erz-Bischofen geweiht sein uraltes Geschlecht, als der nur eines Wagners Sohn war; – sondern alle diese haben die Verdienste und Wissenschaften erhebet, wie es denn noch auf den heutigen Tag geschieht, daß solchergestalten oft aus gemeinen Leuten Vornehme werden.

Aber dazumalen erhebt sich der Neid: was Neider hat nit David gehabt, wie er also über sich kommen? was Neider hat nit der redliche Mardochäus gehabt, wie er bei dem Hof Assueri also fortkommen? was Neider haben nit die drei Knaben gehabt bei den babylonischen Edel-Leuten, wie sie also hoch kommen? was Neider hat nit Stephanus gehabt, wie er also bei den [128] Leuten in so gutes Concept kommen? was Neider hat nit Jesus unser Heiland gehabt, wie er also bei dem Volk so viel golten? O Neid! was Neider hat nicht täglich jener, der durch seine Meriten hoch steiget? Ja die Neider lassen oft nit nach, bewegen alle Stein', schütteln alle Bäum', brechen alle Mäuer, spitzen alle Degen so lang und viel, bis sie einen solchen aus dem Sattel heben, die Federn rupfen, den Stuhl zucken, daß er übern Haufen fällt, nachmals schützen sie vor – aber unter des Teufels seinem Mantel, unter des Satans seiner spanischen Wand, unter des Luzifers seinem Vorhang – wie daß solcher deßhalben gefallen, vom Amt und Ehr' kommen, weil er sich übernommen, sich nit mehr gekennt und andere nur über die Achseln geschaut. O verdammter Neid! So ist denn dir des Nächsten Rose ein stechender Dorn? ja; so ist denn dir des Nächsten Honig eine Gall'? ja; so ist denn dir des Nächsten Scepter eine Ochsen-Sehn'? ja; so ist denn dir des Nächsten Freud' ein Krieg? ja. O du Teufels-Martyrer!

Ein anderer gelangt durch seine höchst-rühmliche Tapferkeit zu einer vornehmen Charge im Feld', und seynd wenig Jahr', da ihn der Gefreite mit Bärnhäutern gespeist; jetzt heißt es: Bursch' ins Gewehr, [129] der Obrist kommt! Aber diesem hat sein Glück geschmiedet die öfter gezeigte Generosität im Feld. Also ist es vor diesem gewest, also soll es seyn, daß man diejenigen promoviret, welche da seynd wie der Granat-Apfel: diese Frucht hat eine rechte Kron' auf, aus Ursachen, weil die Natur gesehen, daß der Granat-Apfel einwendig lauter rothe Herzl habe. Also gedachte sie, seye es billig, wo so viel Herz, soll auch Kron' und Lohn seyn; denn ein wohlbeherzter Soldat verdienet, daß man ihn ehret und forthilft:

Soldaten, welche da seynd wie der Salat, wo mehr Oehl als scharfer Essig, die verdienen nichts; Soldaten, die ins Quartier eilen, wie die Schwalben ins warme Sommerland, verdienen nichts; Soldaten, die vor dem Feind zittern, wie ein espenes Laub, verdienen nichts; Soldaten, die ein Grausen haben vor dem Streit als hätten sie einmal ein Haar darinn gefunden, verdienen nichts; Soldaten, die da wünschen, ihre Roß' hätten 6 Füß', damit sie desto hurtiger möchten durchgehen, verdienen nichts; Soldaten, die weniger Wundmal-Zeichen als der Raab weiße Federn, verdienen nichts; Soldaten, die lieber tummeln als Trommeln hören, verdienen nichts; Soldaten, die lieber den guldenen Adler am Wirthshaus als [130] den schwarzen Adler an der Kriegs-Fahn' sehen, verdienen nichts; Soldaten, die mehr nach Laschi als Curaschi trachten, verdienen nichts; Soldaten, die nur den Bauern zwacken und mit glühender Schaufel also mit ihm Stock schlagen, daß den armen Tropfen von Michaeli bis auf Georgi nit mehr niedersitzen gelüstet, verdienen nichts. Aber Soldaten, die sich tapfer und ritterlich halten, verdienen alles. Dann ein Federbusch auf dem Hut macht keinen Soldaten – sonst wär' auch der Wied'hopf ein Kriegs-Offizier; eine Schärpe um die Lenden macht keinen Soldaten – sonst wären auch die Engel am Frohnleichnams-Tag Soldaten; die Beckelhaube auf dem Kopf macht keinen Soldaten – sonst wären auch die Koth-Lerchen Soldaten; ein Spieß über den Achseln macht keinen Soldaten – sonst wären auch die Landboten Soldaten; sondern eine ansehnliche Tapferkeit, unerschrockene Generosität, und unüberwindlicher Heldenmuth macht einen Soldaten.

Jener aus Ober-Sachsen mit Namen Benedikt von Fontana hat sich Anno 1499 in dem Schweizer-Krieg und einer Schlacht der Graubündner mit den Tyrolern, nahe der Molser-Haid', tapfer gehalten, indem er des Feind's Schanz männlich erstiegen, und da er einwendig verletzt worden, mit einer Hand das verwund'te Ingeweid gehalten, und mit der anderen sich gewehret. Ein solcher verdient ewiges Lob und Lohn. – Wenn aber dergleichen einer erhebt wird, was [131] Neider zügelt er ihm augenblicklich? der Neid wirft ihm alle Tag einen Prügel unter die Füß', der Neid sperrt ihm alle Tag fast den Paß zu der Victori, der Neid verstopft ihm fast alle Tag die Trompeten im Feld, der Neid vertheuert ihm fast alle Stund' das Schieß-Pulver und darf nit schießen, aus Furcht, er wecke auf das Kind aus dem Schlaf', der Neid fällt ihm und seinem Pferd' alle Augenblick in Zaum, und dieß ist fast dasjenige, was uns so viel Sieg und Victori aus den Händen raffet. Wir nennen es höflich die Kriegs-Competenzen; aber solche Competenz-Waffen hat der Teufel in der Werkstatt' des Neid's geschmiedet. O Neid! Auf solche Weis' ist dir des Nächsten Erhöhung deine Erniederung, nicht anderst; auf solchen Schlag ist dir des Nächsten Purpur ein stechendes Cilicium, nicht anderst; auf solche Manier ist dir des Nächsten Geld-Tasche eine Maul-Tasche, nit anderst; auf diese Modi ist dir des Nächsten wunderliches Lob eine Wunde, nit anderst; dergestalt ist des Nächsten Gnad' dir »Ihr Gestreng«, nit anderst. O Neid!

[132] Es kommt gar oft ein Armer zu großem Reichthum, und hat fürwahr der Saul damalen wenig Sammet angetragen, wie er die Esel seines Vaters Kis gesucht, ist gleichwohl hernach ein reicher König worden. Eines armen Holzhackers leinene Strümpf' und andere zerrissene Bettlers-Lumpen verzweifeln nit an ihrem Glück. Auch ist nichts neues, daß oft abgeschabene Zigeuner-Windel durch den Stampf verkehret worden in das schönste Papier, worauf man mit Gold und Silber schreibet. Derjenige Kühe Stall, in welchem die hl. Jungfrau Euphemia gedient hat, ist nunmehr in einen schönen kostbaren Gold und Silber reichen Tempel verwandelt. Also geschieht wohl öfter, daß gemeine Stall-Knecht' und Stall-Dirn' zu großen Ehren und Habschaften kommen. Jene drei Krotten – wohl ein garstiges Thier – in dem uralten französischen Wappen seynd durch Anleitung des Himmels nun anjetzo in schöne Lilien verkehret. Dergleichen hat die Welt öfter gesehen, daß aus denselbigen, so arm und verworfen waren, vornehme und reiche Leut' worden. Es seynd gewisse Würm', welche sich den ganzen Winter durch in ein freiwilliges Grab einsperren und gar todt liegen, bei angehendem warmen Sommer aber werden die schönsten Weinfalter daraus, welche mit vielfärbigem Flügel als reiche Sonnenvögerl prangen. Bist du nun, Mensch, eine armer Erd-Wurm und tritt dich fast Jedermann mit Füssen, auch deine ganze Habschaft kannst in einem Bettelsack salviren, so hoffe dennoch! denn wohl öfter das Glück in der armen Leut' Häuser hat eingekehrt: es können dir noch wohl die Flügel wachsen, wormit [133] du dich weit über deines Nächsten Vermögen erhebest. Geschieht es dann, daß ein solcher entweder durch eigenen Schweiß und Arbeit, oder durch beifallendes Glück, oder durch unverhofte Erbschaft zu Mittel gelangt – wie man dann dergleichen viel zählet – was Neider verfolgen ihn nit alsobald? man vergunnt ihm das Bissel nit, so er mit gutem Gewissen erworben; da heißt es, er hat gut reich zu seyn, er hat dem kaiserlichen Beutel ziemlich die Register gezogen; er hat die Pupillen-Gelder nicht ein wenig geschröpft; er hat der Stief-Kinder das Ihrige hübsch sauber durch die Hechel gezogen; der karge Narr weiß, wie viel man Knödel aus einem Mäßl Mehl schnitzlet, züglet er doch aus seinen Dienstbothen lauter Cartheuser, und haben sie nur einen Fasttag, der währet das ganze Jahr! etc. O Neid! hat er dir denn was leids gethan, daß du ihm also die Zähn' zeigest? Er schlägt dich nicht, wie der Cain seinen Bruder; er sticht dich nicht, wie der Joab den Absalon; er beißt dich nit wie die Bären die elisäischen Knaben; er stoßt dich nit, wie der Engel den Petrum in der Keichen; er wirft dich nit, wie der David den Goliath; er brennt dich nit, wie die samsonischen Füchs' die Felder der Philister; er haut dich nit, wie Petrus den Malchum; er nimmt dich nit beim Haar, wie der Engel den Habakuk; er thut dir kein einiges Leid an. Ja, ja, ja, sagt der Neidige, ich leide unbeschreibliche Pein, wann ich sehe, daß es dem Nächsten wohl gehet; das ist mir Raufen, [134] Stoßen, Hauen, Brennen, Werfen, Schlagen, Beißen, Stechen und Würgen. O du Teufels-Martyrer!

Die Welt hat zum öftern weitberühmte Künstler gehabt, dero kunstreiche Händ' ein manchesmal die Natur schamroth gemacht haben, und ist höchste Verwunderung gewest, daß sich der Menschen Witz so weit erstrecke. Jene Werkmeister haben schier steinerne Mirakel gemacht, welche die stattliche Thüren zu Cremona, Bononien, Venedig, Straßburg und Wien haben aufgeführt. In Aethiopia ist eine überaus schöne Kirch', welche mit allen Säulen und Altären aus einem einzigen Stein ausgeholt und gebaut. Der vornehmst König in Sina hat 79 Palläst', dero einer aus Gold, der andere aus Silber, der dritte aus Marmor, Helfenbein, etc. ja ganze Zimmer aus Edelgestein seynd. Diejenigen Meister haben einen ewigen Namen erworben, welche die Brucken zu Prag in Böhmen, die Brucken zu Dresden in Sachsen, die Brucken zu London in England, und die Brucken zu Regensburg verfertiget. Ein Kunst-Stück ist gewest jene hölzerne Taube, welche trotz einer lebendigen in der Luft geflogen durch innerliches Uhrwerk und von Archita gemacht worden. Ein Kunst-Stück ist jene Uhr zu Prag am Rathhaus, so fast ein eisener Jahrs-Kalender zu nennen, weil nemlich der ganze Himmels-Lauf darin begriffen, und alle Monat, Wochen, Stund' und Augenblick der Planeten Lauf angedeutet wird. Ein Kunst-Stück hat Mirmecides gezeigt, wie er aus Helfenbein einen Wagen sammt Pferd' und Kutscher also klein und künstlich geschnitten, daß man alles unter dem Flügel einer kleinen Fliege hat können verhüllen. Ein [135] Kunst-Stuck ist jene Kirch' in England zu Salisbur, welche so viel Fenster als Täg' im Jahr, so viel Säulen als Stund' im Jahr, so viel Porten als Monat im Jahr hat. Ein Kunst-Stück ist die Kirch' zu Ulm, an welcher hundert und eilf Jahr gearbeitet worden. Ein Wunderwerk der Welt ist der Tempel der Diana, dessen Gebäu zweihundert und zwanzig Jahr gewähret. Ein Kunst-Stück war jene Statua oder Bildniß zu Panormi in Sizilia, welche durch innerliches Uhrwerk die Laute geschlagen und hin und her auf Menschen-Art spaziren gingen. Ein Kunst-Stück war jenes Geschlössel, welches ein deutscher Schlosser dem Pabst Paulus dem IV. überreicht, und dafür auf die sechshundert Gulden bekommen. Ein Kunst-Stuck ist jene große Glocke zu Erfurt, welche Gerard Woie gegossen, an der vier und zwanzig starke Männer zu läuten haben, und wird ihr Klang bei heiterem Himmel auch auf vier deutsche Meil' gehöret. Lauter Kunst-Stück seynd, was da schier über Menschen-Verstand gemalet haben Titianus, Vassisanus, Mutianus, Bonarota, Urbinus, Berninus, Salviatus, Sandratus, Blumbinus, Dominichinus, Donatellus, Bandinellus, Zukka, und Zukkarus etc.; lauter Kunst-Stück seynd, was da aus Holz und Stein gehaut haben Sansoninus, Fanziosinus, Vasoldus, Marianus, Mochus, Poggus, Lorenzetus etc. Und dennoch diese alle obbenannte Meister und Künstler seynd dem bissigen Neid nit entgangen, ja viel deren haben wegen der Neider keinen sichern Fuß aus dem Haus gesetzt, etliche seynd von denen Neidern grausam ermordet, etliche durch die Neider mit tausenderlei Schmachreden an der Ehre [136] verletzt worden; ja es haben sich einige gefunden, die aus Neid gegen diese Künstler sich selbst ermord't, damit sie nicht länger dero Lob möchten anhören und dero Kunst anschauen. O verdammter Neidhard! du wirst ärger gebrennt als Laurentius, wenn man deinen Nächsten lobet; du wirst mehr gesteinigt als Stephanus, wenn man deinen Nächsten ehret; du wirst grausamer gequält als Sebastianus, wenn man deinen Nächsten hervorstreichet; du leidest ein größeres Kreuz als Andreas, wenn man deinen Nächsten preiset. O Teufels-Märtyrer!

Es seynd nit alle Lämmer des Jakob weiß gewest, sondern sehr viel auch gesprengt und geschecket; es seynd nit in allen drei Körben Mund-Semmel gewest, von denen des Pharaonis Pfisterer getraumet, sondern in einem ist auch schwarz Gesindl-Brod gewest; es seynd nit lauter Tauben und Paradeis-Vögel in der Arche Noë gewest, sondern auch Gimpel und Nacht-Eulen; in dem Netz Petri seynd nicht lauter Forellen und Sälbling gewest, sondern auch grobe Stockfisch; Abraham hat seine Verlassenschaft nitgleich ausgetheilt, sondern einem mehrgeben, dem andern weniger: also hat die Natur keine Gleichheit in Austheilung der Gesichter, sondern einem eine schönere Gestalt spendiret als dem andern, und also seynd nicht alle Weibsbilder schön und wohlgestalt', sondern es gibt auch schändliche und ungeformte Gesichter. Dahero wie [137] der König Ahasverus seine Vasthi abgedanket und eine andere Frau Gemahlin zu erkiesen beschlossen, hat er in alle Landschaften ausgeschickt, junge Mädl zu suchen, aber schöne, keine großmaul-asiatische, keine langnas-arcadische, keine gelbfarb-helespontische, keine grauaugs-cappadocische, keine buckelhaft-atlantische, keine grobhaut-muritanische, keine ungeschickt-trapezuntische, keine, sondern lauter schöne, ja die allerschönsten soll man auserlesen, aus denen er nachmals eine beliebige Königinn erwählen könne. Nachdem Ihro Majestät dem König Ahasvero die wohlgestaltesten Töchter seynd vorgeführt worden, hat vor allen seinen Augen wohlgefallen ein überaus schönes Mädl mit Namen Esther, welche er dann unverzüglich zu einer königlichen Frauen Gemahlinn auserwählt. Aber da hätte jemand sollen die Gemüther der andern einsehen, was neidvolle Gedanken sie gegen dieses Juden-Töchterl geschöpft! ach – dachte eine – das Schelmenvieh hat ja das Glück, daß ihr der Henker das Gesicht pegle; die Bestia – sagt etwann eine andere bei ihr selbst – ich wollt, sie hätt' anstatt ihrer schwarzen Augen ein paar gläserne Wammesknöpf' von einem Flecksieder! die dritte gedacht: wär' ich eine Spinnerin, ich wollt' ihr bei der Nacht das Gesicht zurichten, daß sie Morgens früh sollte eine Zitracht haben, wie ein schwedischer Mantl-Kragen; die Höppinn! wünschte eins andere – wäre ich nur ein giftiges Wieserl, ich wollt' sie im Hof-Garten einmal anblasen, daß sie sollt' Rauden und [138] Krätze bekommen, daß man alle Tag eins Land-Metze kunnt' von ihr schaben! als wenn ich – sagt eine andere – nit auch schön wäre! was wollten endlich sein ihre Rösel im Gesicht, das hat nun eine jede Krebsen-Richterinn; das weiße Fell, welches sie hat, hat eine andere auch, und wer weiß, ob's nit noch einmal die Blattern hat und alsdann ein Gesicht bekommt, wie ein gerupftes Sauleder über einen Bauern-Kummet! Diese dergleichen Competenz-Fräule seynd vor Neid gegen die Esther schier gestorben. – Dergleichen Begebenheiten seynd fast noch täglich in dieser verkehrten Welt, und ist eine der andern um ihre schöne Gestalt, so sie von Gottes Händen bekommen, neidig, ja manche will Gott in seinen Geschöpfen einreden und gleichsam besser machen als er, auch die Natur schimpflich corrigiren, damit sie nur auch der andern nichts nachgebe an der Gestalt: sie steht vor'm Spiegel so lang, daß ihr möchten Blattern an den Füssen auffahren, sie kraust und zaust ihre Haar' und zieht's so streng, als wären sie in einem steten Noviziat, da muß eine Haarlocken krumm seyn, die andere noch [139] krümmer, die dritte zum krümmsten, da muß viel Haar seyn, dort wenig Haar, da muß gar schütter seyn, wie das Treid der armen Leute, da muß in die Höhe stehen wie ein Reigerbusch, da muß hinaus stehen wie ein Bachstelzen-Schweif, da muß herunter hangen wie ein Bierzeiger, da muß die Scheitel seyn wie ein lateinisch Ypsilon, da muß rauh seyn, dort glatt, da gemischt, da pläsant, dort negligant, da galant; die Lenden müssen geschnüret seyn, eng seyn, gebunden seyn, zwickt seyn, zwungen seyn, und bald mehr leiden, als die Israeliten in Egypten, und muß der Leib so rahn seyn, wie ein zugespitzter Zucker-Hut; da muß sich das Gesicht waschen lassen, reiben lassen, polliren lassen, färben lassen, zieren lassen, zähren lassen, ziehen lassen, daß es sich schier mit des Balaams Eselinn möcht' beklagen; damit aber das Fell rein, bleibe, nimmt sie bei der Nacht eine Larve über das Gesicht, daß ihr schier der Athem verkürzt wird; da frißt sie Kreiden, Wachs, Terpentin, Salzstein, Fröschbeiner, Schnecken-Pulver, damit nur die Haut nicht braunauerisch wird, damit die Wangen zu Weißenburg [140] bleiben, damit die Lefzen zu Rothenburg logiren; da legt sie so enge Schuh an, daß sie fast keine größere Fußstapfen im Sand läßt, als die Rohr-Entel: es geschieht aber alles, darum, weil sie der Nächsten neidig ist um ihre Gestalt, und nit gern hören wollt', daß eine andere schöner soll seyn als sie. O sauberes Muster! Pachomius hat viel gelitten in der Wüste, Paphnutius hat viel gelitten in der Einöde, Onuphrius hat viel gelitten in der Wildnuß; aber du leidest mehr! dennoch ist die Belohnung ungleich; denn jenen hat Gott um ihr Leiden die Seligkeit ertheilt, dir um dein Leiden wird der Teufel auf ewig die Höll' spendiren.

Theagenes war ein solcher braver und ritterlicher Held, daß seine Victori und Sieg an allen Orten erschallen. Und weil man dazumalen die Verdienste mehr auf die Wagschalen gelegt hat, als der Zeit, und vor diesem einem die Faust faustum, das ist glückselig gemacht; also ist gleichmäßig nit allein zu Lebzeiten seine unüberwindliche Tapferkeit vergolten worden, sondern auch, man wollte nach dem Tod' sein Lob verewigen. Zu solchem Ende ist ihm eine stattliche [141] Saul mit seiner Bildnuß aufgericht' worden, welches aber einem Mißgönner und Neider in die Nasen gerochen, daß er alle Nacht dieselbige Säulen eine halbe Stund' nach Genügen abgeprügelt. Weil aber solches neidige Bubenstück gar zu lang gewährt, und einem jeden seine Arbeit solle belohnt werden, also ist diesem Neidhard begegnet, da er einst mitten im Prügeln und Geißeln begriffen, daß die Statua oder Bildnuß herunter gefallen und dero steinerner Kopf dem andern seinen Esel-Kopf gänzlich zerschmettert. O wie recht! denn der Neidige schadet niemand mehr als ihm selbst; er ist sein eigener Henker und Tyrann; er schleift ihm selbsten den Degen, mit dem sein Herz immer und immer verwundet wird; er ist dem Tieger so gleich als wie die Wölfinn dem Wolf: dann der Tieger durch die liebliche Musik also ergrimmet, daß er sein eigenes Fleisch mit Zähnen zerbeißt, also der Neider nit weniger ihm selbst das Herz zerreißt, wenn er sieht des Nächsten seinen Wohlstand.

Was der verlorne Sohn für ein Landsmann gewest, ist eigentlich nit bekannt, ich glaube aber ein Irrländer; wie er geheißen hat, ist nit bewußt, ich glaube aber Malefacius; von was für einem Ort er sich geschrieben hab', allweil er ein Edelmann, hat man noch nit erfahren, ich glaub' aber wohl von Mädelsberg und Frauhofen; etc. was er im Wappen geführt,[142] hat es niemand beschrieben, ich glaube aber wohl einen Sau-Magen in grünem Feld. Dieser Gesell reiste mit wohlgespicktem Beutel in die Länder und Provinzen, aber aus denselben ist er nit frömmer, sondern schlimmer kommen; und werden noch gar oft manchem adelichen Jüngling die Länder in Elender verwandlet; auch reiset nicht selten ein guter Germanus aus, und kommt ein schlechter Hermanus nach Haus. Was Ehr' und Ruhm ist es denn dem ansehnlichen Fluß Donau, daß er in die Länder reist, durch Schwaben, Bayern, Oesterreich, Ungarn, endlich aber in die Sau fließt? Der fromme Jakob hat auf seiner Reis' eine Leiter gen Himmel gesehen; aber leider Viele aus unserem Adel finden auf ihrer Reis' eine Leiter in die Höll'! Wenn der Zeit niemand gereist ist, so hält man ihn für einen Stubenhocker, der sein Lager hinter dem Ofen aufgeschlagen; aber sagt mir, liebe Halb-Deutsche – denn ganze seyet ihr schon lang nit mehr gewest – ist es nit wahr, ihr schicket eure Söhn' aus, damit sie in fremden Ländern mit großem Unkosten fremde Laster lernen? da sie doch mit wenigerem Unkosten zu Haus' die Tugenden erwerbten. Spitzfindiger kommen sie nit zurück, ausgenommen, daß sie[143] neue Modi von Spitzen mit sich bringen; galanter kommen sie nit zurück, müßt' nur seyn, daß Galant vom Galanisiren herrühret; herrlicher in Kleidern kehren sie zwar oft nach Haus, es wäre aber besserehrlicher als herrlicher; neue Modi-Hüt', Modi-Parocken, Modi-Krägen, Modi-Röck', Modi-Hosen, Modi-Strümpf', Modi-Schuh', Modi-Bänder, Modi-Knöpf', auch Modi-Gewissen schleichen durch eure Reis' in unser liebes Deutschland, und verändern sich eure Narren-Kittel täglich mit dem Mondschein – es werden bald müssen die Schneider ein hohe Schul' aufrichten, worauf sie Doktormäßig gradiren und nachmals den Titel »Ihr gestreng Hr. Modi-Doktor« erhalten: – wenn ich alle Modi-Röck' von vier und zwanzig Jahren bei einander hätt', ich wollt' darmit fast einen Fürhang vor die Sonnen machen, daß man beim Tag' müßte mit der Latern' gehen, oder wenigst getraute ich mir die ganz Türkei darmit zu verhüllen, daß sich die Konstantinopolitaner möchten einbilden, ihr Mahomet wollt' mit ihnen blind Katzen spielen etc. Eine alte Hex' hat auf Begehren des Königs Saul den Propheten Samuel von den Todten erweckt, damit er durch ihn den Ausgang seiner Waffen wissen möcht'; – es wird bald dahin kommen, daß man auch denselben Schneider und Meister wird wünschen von den Todten zu erwecken, welcher der schönen Esther das Kleid gemacht, als sie den Augen des Ahasveri so wohlgefällig war. Vor Jahren ist in einer vornehmen Stadt eine Kleider-Polizei [144] aufkommen, und durch scharfes Dekret einem jeden über »standmäßig sich zu halten« verboten worden; es hat aber solches eine geringe Zeit gedauert, weßwegen der abgestorbenen Polizei einer diese Grabschrift aufgericht':


Hier liegt begraben
Eine Frau, gefressen von Schaben.
Die papierene Polizei
Der Weiber Pein und Keierei,
Schneider, Kaufleut' und Kramer dazu,
Die wünschen ihr eine ewige Ruh'.

Nimmt also gar zu stark überhand der Kleider Pracht, welche mehrist andere Nationen uns mit höchstem Schimpf spendiren: bringt demnach das Ausschweifen in fremde Provinzen uns Deutschen oft mehr Last als Lust ins Land, etc. Auf gleichem Schlag' hat wenig Guts erlernt der verlorne Sohn in fremden Ländern, sondern sein Studiren war Galanisiren, seine Bücher waren die Becher, sein Lateinischreden war Proficiat, sein Welschreden war Brindisi, sein Böhmischreden war Sasdravi, sein Deutschreden war: gesegne es Gott! etc. mit einem Wort: er war ein sauberer Bruder voller Luder, ein Vagant, ein Bachant, ein Amant, ein Turbant, ein Distillant etc. Nachdem [145] er nun dergestalten das Seine verschwendet in fremden Provinzen, und sammt dem Gewissen auch die Kleider zerrissen, welcher wohl mit Wahrheit hat können sagen dem Vater, was die Brüder Joseph's ohne Wahrheit dem Jakob vorgetragen, als sie ihm den blutigen Rock gezeigt: fera pessima, etc. ein übles Thier hat den Joseph also zugericht, ein übles Thier hat den verlornen Sohn also zugericht, ein übles Thier, der guldene Adler, ein übles Thier, der guldene Greif, ein übles Thier, der guldene Hirsch, ein übles Thier, der guldene Bär etc.; diese Thier' der Wirthshäuser haben das Bürschel also zugericht, daß ihm die Hosen also durchsichtig worden wie ein Fischer-Netz, daß ihm der Magen zusammengeschnurft wie ein alter Stiefelbalg und der Spiegel seines Elends auf dem schmutzigen Wammes-Ermel zu sehen war, etc. Nachdem endlich diesem Früchtl das Sau-Convikt nit mehr geschmeckt, seynd ihm heilsamere Gedanken eingefallen: er solle unverzüglich zu seinem alten Vater kehren und bei dessen Füssen ein glückliches Gehör suchen, welches ihm dann nach allem Wunsch von Statten gangen, und ist dem schlimmen Vocativo sein eigener Vater [146] ganz liebhaft um den Hals gefallen, dem sonst ein Strick am Hals gebühret, ja mit absonderlichen Freuden und Jubeln ist er in die väterliche Behausung eingeführet worden, alle schnelle Anstalt gemacht zur Kuchl und Keller, und mußte gleich das beste und gemäste Kalb geschlacht werden, kocht werden, gerös't werden, braten werden, etc. Auf die Seiten mit den zerrissenen Lumpen! einen sammeten Rock her! einen Hut mit Blumäschi her! einen guldenen Ring her! Spielleute her! allegro! – Unterdessen kommt der andere Bruder nach Haus, hört aber von ferne geigen, pfeifen, leuren, tanzen, hüpfen, jugetzen, jaugetzen etc. Holla! sagt er, was ist das! potz Täubel, was ist das! es wird ja meine Schwester nit Hochzeit haben, hab' ich doch heut' früh noch um keine Braut gewußt! Indem er in diesen Gedanken schwebet, so bringt ihm einer ein Glas Wein zum Fenster heraus. Der Haus-Knecht lauft ihm entgegen mit der Zeitung: sein Bruder sey nach Haus kommen, dem so schlecht in der Fremde gangen, er soll hurtig hinein gehen auf ein kälbernes Brätl! Dieser wurde alsobald hierüber ganz bleich vor lauter Neid, um weilen man seinem Bruder also aufgewartet. Er setzte sich vor der Hausthür nieder, er kifflet die Nägel, er knarret mit den Zähnen, er kratzt im Kopf, er rümpft die Nasen, er seufzet, von Herzen, er fastet und plaget sich also durch den Neid, daß wenig gefehlt, daß er vom Schlag nit getroffen worden. O Narr! Wär' dieser Gispus lieber [147] hinein gangen, hätte den Bruder bewillkommt, und so er ihm endlich auch einen Filz hätt' geben, der ohne das keinen Hut mit sich bracht', hätt' es wenig Schaden verursacht; wär' er mit ihm zu Tisch gesessen, hätte den kälbernen Braten helfen verzehren, auf etliche Gesund-Trünk' fein wacker Bescheid gethan, auch bei der hell-klingenden Schalmeien etc. einen öfteren Hupf herum gesprungen und anderthalb Schuh-Sohlen abgetanzt, so wär' es viel besser gewest, und hätt' Gott nicht also beleidiget; – aber mit seinem Fasten, mit seinem Neid, der ihn mehr gequält, als die feurigen Schlangen das Volk Israel, hat er die Höll' verdient. Sonst ist Trübsal eine Straß' zum Himmel-Saal, sonst ist Leiden ein Weg zu ewigen Freuden, sonst seynd Schmerzen allezeit ein Vortrab des ewigen Scherzen; aber des neidigen Lappen seine Marter ist ein Leihkauf der ewigen Verdammniß.

Christus der Herr nimmt auf eine Zeit drei liebeApostel mit sich auf den Berg Thabor, und zeigt ihnen allda in seiner Erklärung die Glorie in Compendio, den Himmel in einem Abriß, die Seligkeit in einem Modell; zeigt ihnen, was kein Pinsel könne entwerfen, keine Feder beschreiben, keine Zung' aussprechen und kein Herz, fassen, die Glorie seiner Herrlichkeit und die Herrlichkeit seiner Glorie; zeigt ihnen, was ein Abriß gegen den Berg Olympum, was ein Sandkörnlein [148] gegen den babylonischen Thurm, was ein Tröpfel Morgen-Thau gegen das große Meer, was seynd die Welt-Freuden gegen die himmlischen Freuden, zeigt ihnen: daß Schlimp, Schlamp, Schlodi sey aller Reichthum Crösi, daß Dilli Dalli Häusel bauen sey alle Pracht Pompei, daß Lirum Larum sey alle Wohllust Sardanapali gegen die mindiste Ergötzlichkeit des Himmels; zeigt ihnen, wenn der ganze Erdboden soll seyn ein lauteres Papier und das große tiefe Meer eine lautere Dinte und alle gespitzten Gräslein lauter Federn und alle lebendigen Geschöpf' lauter Schreiber, und würden mit diesen Federn, aus dieser Dinte, auf dieses Papier bis auf den jüngsten Tag schreiben alles, was fröhlich, freundlich, friedlich sie möchten ersinnen; so konnten sie dennoch nicht ein halbes Loth der ewigen Freuden erreichen. Nachdem solchergestalten Christus ihnen seine Herrlichkeit und Glorie in etwas entworfen, hat er nachgehends den Berg herab ihnen den Dreyen ernsthaft verboten, sie sollen dieß, was sie gesehen, keinem einigen entdecken, auch den Aposteln nit, auch den anderen Jüngern nit, sondern alles mit genauester Verschwiegenheit verhüllen, aus Ursachen, dafern sie den anderen hätten offenbaret: daß sie Christi des Herrn Verklärung, Herrlichkeit und Glorie gesehen, [149] hätten gleich die anderen Aposteln einen Neid gefaßt gegen diese Dreien, in Bedenkung, daß sie mehr gelten bei dem göttlichen Meister. Aber, o gebenedeitester Gott! soll denn auch ein Neid gefunden werden unter den Aposteln, unter den Jüngern des Herrn, unter denen, die einen vollkommenen Wandel führen? Was dann? auch noch heutiges Tags ist der Neid in den Klöstern, es ist der Neid oft so heimlich in geistlichen Häusern, daß er mit manchen Mönchen zu Tisch sitzet, mit ihnen oft in die Metten aufstehet, mit ihnen ins Capitelhaus gehet, mit ihnen gleiche Kappen traget etc.! Verwundere dich nit! es ist auch das Manna oder Himmel-Brod wurmstichig worden: es ist der Neid ein Wurm, der Kloster-Wandel ein Manna; es ist auch unter dem Waizen im Evangelio ein Unkraut gewachsen: ein Unkraut ist der Neid, der Waizen seynd die Ordens-Leut'; es ist auch unter denen Soldaten Josua ein Dieb gefunden worden: ein Dieb ist der Neid, Soldaten Christi seynd die Geistlichen; es ist auch in der Arche Noe ein schlimmer Bösewicht der Cham gewest: ein solcher böser Gesell ist der Neid, das Kloster ist eine Arche Noe. Dergleichen Exempel scheinet unnöthig beizubringen, weil solche nur gar zu bekannt: ist demnach kein Stand, wo der Neid nit hat Bestand, ist kein Haus, wo der Neid nit hauset, ist kein Platz, wo der Neid nit darein platzt, ist keine Wohnung, wo der Neid nit wohnhaft, ist keine Gesellschaft, wo der Neid nit seine Herrschaft, ist keine Bank, wo der Neid nit seinen Sitz hat.

Was der Neid, wie der Neid, hat erfahrenHabraym unter dem türkischen Kaiser Solyman. Dieser [150] Habraym war aus einem geringen Durf gebürtig, von keinem vornehmen Geblüt, wie die Welt gaggetzt – ob zwar des Bettlers Blut so roth ist als des Edelmanns – es war sein Herkommen von Bauern, sein Einkommen wie bei'n Bauern, sein Auskommen wie unter'n Bauern; aber sein Aufkommen blieb nit bei'n Bauern, und wann schon sein Haus mit Stroh bedeckt war, so befand sich doch kein Stroh in seinem Hirn, sondern sein reifer Verstand und gute Vernunft zogen ihn vom Bauern-Feld ins Kriegs-Feld, zu versuchen, ob ihm der Säbel mehr Glück werde zuschneiden als das Pflug-Eisen. Wie es denn nit lang angestanden, daß er mittelst seiner berühmten Tapferkeit und Kriegsmuth zu hohen Ehren erhoben worden, und wurde er unter den Bassen nicht der geringste geschätzt; ja Kaiser Solyman sahe, daß die Verdiensten seines getreuesten Habraym noch nit nach Gebühr belohnt wären, erkieset demnach ihn zu der höchsten Dignität und Würde nach seiner kaiserlichen Person, und stellt ihn als einen großen Vezier. Habraym aber, ehe und bevor er diesen höchsten Ehren-Gipfel angetreten, da er einst ganz allein bei dem Kaiser war, hat er ihn ganz demüthigist gebeten: Allergnädigster und unüberwindlichster Herr und Gott auf Erden, ich bitt, ich bitt abermalen Euer Majestät, Sie wollen doch meine Person nit mehr erheben, noch ferners befördern, denn sonst wird mir [151] die große Ehr' nichts als Neid und Mißgunst ausbrüten, daß ich nachmals werd' müssen das Leben darüber einbüßen! Darauf schwur ihm der Kaiser hoch und theuer: er wollte ihm gewiß bei lebendigem Leib das Leben nit nehmen. Was geschahe? Hohe Gipfel werden mehrist von den Winden angetast', hohe Thürm' werden gemeiniglich von dem Donner getroffen, hohe Ehren werden gemeiniglich von den Neidern verfolgt, wie das Licht von der Fledermaus. Dahero auch die Neider bei dem Solymanischen Hof nit gefeiert, bis sie ein Feuer angeblasen über den Habraym und denselben bei dem türkischen Kaiser in so großen und schädlichen Verdacht gebracht, daß Solyman gänzlich gesonnen, erst benannten Groß-Vezier zu tödten, konnte aber nit wegen seines abgelegten Eid's. Fragte demnach seinen türkischen Priester, wie doch dießfalls der Sach' zu rathen wäre? Der gab ihm unverweilt diesen Bescheid: Er könnt' es nit in den Kopf bringen oder glauben, daß die Schlafenden unter die Lebendigen zu zählen; derowegen soll der Kaiser den Habraym im Schlaf lassen erstechen; denn auf solche Weis' konnte auch der Eidschwur unverbrochen bleiben, welcher einig und allein dieses Laut's gewest, daß dem Vezier bei lebendigem Leib' nichts übles widerfahren sollte. Darauf dann die Exekution schleunig erfolgte und ein Kämmerling bei nächtlicher Weil' den berühmtesten Habraymum erstechen [152] müssen. Also bleibt darbei, daß der Neid seine Frei-Tafel zu Hof habe, und hat solcher Hof-Hund schon manchen dergestalten gebissen, daß ihm die Wunden noch schwürig seynd. Verwundere aber sich niemand hierüber! dann es bereits der Welt-Lauf, daß derjenige beneidet wird und verfolgt, der wohl dienet, deßwegen liest man das WörtlDien zurück Neid.

Was der Neid, wie der Neid, hat erfahren Bellisarius, dieser weltkundige Kriegs-Fürst. Nachdem dieser über drei Theil' der Welt triumphirte, nachdem er in Asia den persischen König Cosroen, in Afrika den Gilimer, in Europa den gothischen Monarchen Theodatum obgesieget, nachdem er bei Rom in einem Tag neun und sechzig tausend der Feind' erleget, nachdem er das römische Reich vermittelst seines unüberwindlichen Heldenmuths in höchsten Glück-und Ehrenstand gesetzt und alles überwunden, ausgenommen die Neider, welchen das große Lob und Glück Bellisarii also mißfallen, daß sie so lang untergraben, wie die Maulwürf', daß sie so lang gegrüblet, wie die Hennen in dem Sand, daß sie so lang alles durchsuchet, wie die Bein in dem Garten, bis sie endlich das Herz des Kaisers umgekehrt, den Bellisarium in Ungnad' gebracht, daß zuletzt dem mächtigisten Welt-Helden die Augen seynd ausgestochen worden, damit er den Neid mit blutigen Zähren möchte beweinen; – der arme Tropf, nachdem er keine Augen mehr hatte, konnte erst recht sehen, was der Hof-Neid für scharfe Zähn' habe; sein Elend wuchs so weit, daß er auch das Bettelbrod von dem Vorbeigehen sammeln mußt', und zählte gar oft seine wenigen Pfenning in seinem hölzernen Schüsserl, dem vorhero [153] ganze Königreiche zu eng waren. Ich glaub' gar wohl, er sey oft auf einem Eckstein der Gassen gesessen, seinen Hut auf seinen Stecken gesetzt, selben oft um und um gedrehet und darbei das wankelmüthige Glück betracht'. Führwahr, fürwahr hat Belisar, der arme Narr so ganz und gar, ja sonnenklar genommen wahr, daß Neid-Gefahr die Tugend plage immerdar, dieß folgende Liedl gesungen:


Gebt doch dem Bellisario –
Ich bitt um Gottes Willen –
Ein Stückel Brod, so ist er froh
Und kann den Hunger stillen:
Der blinde Mann nimmt alles an,
Daran ist gar kein Zweifel;
War vor dem Fall ein General,
Jetzund ein armer Teufel.

Der Neid ist wie ein gewisses Glas, welches die ABE-Schmid das Mücken-Glas nennen; denn so jemand durch dieses Glas eine Mucken anschaut, so gedunkt ihm dieß fast so groß zu seyn, wie ein schwarzer Ketten-Hund. Denn solches Glas alles vergrößert. Wenn man einen Floh durch dieses Glas beschauet, so scheint er schier als wie ein halb-gewachsenes Rhinoceros aus Armenia, etc. Also auch vergrößert der Neid den allergeringsten Mangel des Nächsten, schneidet aus einem jeden unbehutsamen Schritt ein Sacrilegium, schnitzlet [154] aus dem geringsten Wörtl eine Gotteslästerung, kocht aus einem jeden ehrlichen Gespeis' einen Ehebruch; und wanns zum Loben kommt und er zu des Nächsten Ruhm auch etwas soll setzen, so wäre vonnöthen, man thäte dem Phantasten die Zung' lösen; da man aber den Nächsten ausrichtet und durch die Hechel zieht, da schreibt er gleich mit Fraktur-Federn darein, etc.

Was der Neid, wie der Neid, hat erfahren, der hl. Gregorius Bischof zu Agrigent. Wie dieser fromme Mann durch göttliche Anordnung zu dieser hohen Würde gelanget, seynd ihm dessentwegen zwei sehr neidig gewest. allweilen sie selbst um solche gebuhlet, haben auch allerlei teuflische Anschläg' erdicht', wie sie doch möchten den frommen Mann in öffentliche Schand' und Unehren stürzen. Nachdem er einmal bei nächtlicher Weil' dem Gottesdienst emsigist abgewart', haben unterdessen erstgedachte zwei Bösewicht' Sabinus und Tesselinus einen allbekannten Stadt-Fetzen und beschreites Weibsbild durch Geld dahin bered't, daß sie sich in des Bischofs Bett gelegt. Nachdem er dann von der Kirchen nach Haus durch die ganze Geistlichkeit, dem Gebrauch nach, begleit' worden, springt dieser unverschämte Grind-Schippel in Beiseyn Aller aus dem Bett, wodurch das Geschrei alsobald mit 6 Flügeln gleichsam hin und her [155] geflogen, die ungezämten Zungen freimüthig darein platzten: Gregorius sey ein sauberer Bischof, schicket sich zum Bisthum, wie eine krumme Sichel in eine Messerscheid. Ja, ja, sagte mancher, die Geistlichen seynd wie die Glocken, die leuten anderen in die Kirchen und sie bleiben selbst daraus, sie machen uns die Höll' so heiß, den Teufel so schwarz, Gott so streng, und sie ludern mehr als wir Zärtling! jetzt sieht man, was eine Kutten zuweilen für ein Schelmen-Futeral sey! etc. Dergleichen Spott-Wörter führten die Welt-Mäuler, die alle zu verstopfen viel Baumwolle vonnöthen wäre. Es war auch die Geistlichkeit über dieß nit ein wenig geärgert. Absonderlich aber diese zwei Neidhard' schrien diese Geschicht' aus mit solchem Ungestüm, daß sie fast so heiser worden wie ein abgestandener Musikant. Ihr Neid wirkte endlich so viel, daß man Gregorium in den öffentlichen Kerker geworfen, und auf alle Weis' das saubere Paar Erz-Schelmen dahin gedrungen: man sollte Gregorium aller Würden entsetzen. Aber Gott defendirte seine Unschuld, indem zum öftern in Gegenwart Vieler die eisenen Banden wunderbarlich von den Füssen gefallen; die zwei gottlosen Neider aber in dem Angesicht ganz kohlschwarz worden, mit welcher höllischen Larven sie sattsam ihre Unthat an den Tag gegeben. O allerliebster Gott und gerechtister Richter! so du öfter dergleichen Farb' sollest anstreichen denjenigen, welche [156] aus Neid einen verfolgen, und weiß nit was erdichte Schandthaten ihm ankleben, wie viel würden müssen ihr Vaterland in Mauritania suchen und in dem Angesicht den schwarzen Cordabon tragen, weil sie einwendig Corda mala verborgen!

Was der Neid, wie der Neid, hat erfahren jenerKirschner zu Wien, welcher sich gar wohl, ob zwar arbeitsam, bei dem Seinigen befunden; auch weil er Gott forderist vor Augen gehabt, die heil. Messe an keinem Tag ausgelassen, so ihm nicht die Unpäßlichkeit des Leibs eine Verhindernuß gemacht, ist er desto mehr in seiner Hauswirthschaft und Habschaft gesegnet worden, welches dann bei seinen Nächsten den Neid desto mehr anflammete. Als nun gedachter Kirschner um etlich hundert Thaler schöne Zobel-Bälg' waschen wollte, ist der andere aus verdammtem Neid so gewissenlos und wirft unvermerkt einen ungelöschten Kalk ins Wasser. Nachdem dann der gute Kirschner seiner Meinung nach die Zobel genugsam gewaschen und nachmals aufgehenket, so seynd ihnen die Haar' alle ausgefallen, als hätten die Häut' ein hitziges Fieber gehabt, und hat der arme Mann mit weinenden Augen müssen sehen, daß er aus einem Kirschner ein Barbierer worden. – Der Neid ist halt also geartet, daß ihm nit wohl, so lang dem andern wohl, es ist ihm damalen übel, wann es dem Nächsten nit übel gehet. Die heiligen Lehrer seynd mehristentheil der einhelligen Aussag', [157] daß eine unzählbare Menge der bösen Feind' in der Luft zwischen Himmel und Erden schwebe, dennoch aber allerseits ihre Höll' leiden, weil nämlich der Neid, den sie schöpfen, in Ansehung der großen Gnaden, welche Gott den sündigen Menschen auch nach, vielfältigem Fall ertheilt, ihnen anstatt der höllischen Pein ist.

Was der Neid, wie der Neid, erfahren auch die Prediger, und hat's erfahren der heilige Bernardinus Senensis, welcher bei seinen apostolischen Predigten einen solchen Zulauf hatte, daß man vermeint, die ganze Welt hange an der Zungen Bernardini. Aber es hatte dieß bei etlichen solchen Neid angezünd't, daß sie so gar bey dem Pabst Martino V. diesen Bernardinum angeklagt, und neben andern vielfältigen Injurien forderist angeben, wie daß Bernardinus eine neue Manier im Predigen aufbringe und auf der Kanzel allzeit eine gewisse Tafel, worauf der süßeste Name Jesus, dem Volk zeige. Solche Neider waren so emsig in der Verfolgung, daß sogar dieser apostolische Prediger nach Rom citirt worden, daselbst sich zu verantworten. Es ist aber hierdurch des gottseligen Manns Lob nur vergrößert worden bei dem päbstlichen Stuhl, und denen Neidern über Willen die Nasen verlängert worden. – Es ist mit einem Wort, der Neid ein steter Begleits-Mann des Lob's und der Tugenden. Und gleichwie kein Licht ohne Schatten, also auch keine Ehr' und Lob ohne Neid.

Was der Neid, wie der Neid, hat erfahren David[158] von dem Saul, der Adam von dem Luzifer, der Jakob von dem Esau, der Isaak von den Palästinern, der Mardochäus von dem Aman, der Abel von dem Kain, Petrus de Vincis beim Hof Kaisers Friederici II., Cornelius Gallus beim Hof Kaisers Augusti, Clitus beim Hof des großen Alexandri, Plaucianus beim Hof Kaisers Severi; Seianus beim Hof Kaisers Tiberii, Eutropius beim Hof Kaisers Theodosii des Anderen, Narsetes beim Hof Kaisers Phocä, Carbulo beim Hof Kaisers Neronis.

A Dio! so bessert denn euch, ihr Neider und Neidhard, ihr Neidhund, ihr Neidfalken, ihr Neidteufel, ihr Neidbrüder, ihr Neidverwandte des Judä Iscarioth des Erz-Schelms! Bessert euch, wofern ihr nicht wollt mit diesem ewig, ach! ewig von Gottes Angesicht verworfen und an die Ketten der ewigen Verdammnuß angefesselt werden, allwo unendliches Heulen und Zähnklappern das schmerzliche Ewig – Ewig – augenblicklich vergrößert!

Ob Judas der Erz-Schelm einen rothen Bart habe gehabt
Ob Judas der Erz-Schelm einen rothen Bart habe gehabt, und was Leibes-Gestalt er gewesen sey.

Ambrosius, Orosius, Augustinus, Viktorinus, Tostatus, Alciatus, Nissenus, Emissenus, Aurelius, Cornelius, [159] Gregorius, Berchorius, Lyranus, Cassianus, Ferrerius, Pererius haben die heilige Bibel ziemlich durchgeblättert, dero Blätter ziemlich durchlesen, dero Lesen ziemlich in den Verstand, von dem Verstand in die Feder, von der Feder auf das Papier gebracht; aber niemand aus diesen registrirt, keiner aus allen protokollirt, nicht einer aus solchen citirt, daß Judas habe einen rothen Bart gehabt.

Wo steht es denn geschrieben? – Ja man mahlt ihn gemeiniglich mit einem solchen philistäischen Fuchs-Balg'! Ich antwort: die Mahler haben große Privilega, das ist Brief-Lügen: sie haben öfter die schamhafte Farb' im Pinsel als im Gesicht, sie thun oft etwas mahlen, welches wahr ist niemahlen. Dahero schickt sich nichts besser, als wenn ein Poet den Mahler zum Gevattern bitt'; denn fingere und pingere seynd die vertrautesten Spießgesellen. Auch soll jenem arkadischen Scholaren sogar nit für übel aufgenommen [160] seyn worden, als er auf Befragen: was mentiri auf deutsch heiße? mahlen geantwortet. Denn der Mahler-Pinsel ist nit skrupulos, und ob er schon aus Haaren bestehet, so geht er dennoch nicht ein Haar auf die Wahrheit.


– – – – Pictoribus atque Poëtis
Quilibet audendi semper fuit aequa potestas.
Dichten können nach Begnügen
Alle Mahler und Poeten;
Dürfen sie doch tapfer lügen,
Wann die Wahrheit schon vonnöthen.

Wann öfter ein Mahler thäte einbüßen, wie jener, von dem Gumpenberger in seinem Atlante schreibet, daß er in Mahlung eines Unser Frauenbilds mit diesen Worten gefrevlet: Wann das Bild wird Mirakul wirken, so werden mir Hörner wachsen! und siehe, wie der Frevel auf der schnellen Post die Straf' von dem Himmel holt! – er hatte kaum ausgeredet, da seynd ihm auf der Stirn' zwei Hörnet herfür geschossen, welche zwei scheinbare Zeichen und Zeiger waren seines verübten Muthwillens! Man muß dahero der Mahler Freiheit oder Frechheit nit für ein [161] unläugbares Beweisthum anziehen, daß Judas einen feyertäglichen Bart habe gehabt; sondern es ist gar wohl zu vermuthen, es seye der einige Nam' Iscarioth die Haupt-Ursach solches gemeinen Wahns und Aussag': Dann die plumpen Leut' Anfangs das Wort Iscarioth für Ist gar roth verstanden; ist also solchergestalten dem Judä solche Farb' in Bart gerieben worden.

Gesetzt aber, es hätte Judas eine solche erwähnte Rubrikam um das Maul gehabt, was folgt dann daraus? Vielleicht beliebt dir zu reden: Judas habe einen rothen Bart gehabt; ergo, alle die rothe Bärte haben, seynd Erz-Schelmen. Wann dem also, so wäre kein einiger Bart von großem Schimpf befreit. Der Teufel ist in Gestalt eines Manns mit einem braunen Bart in die Wüsten gangen und Jesum versucht; ergo, so seynd alle Männer mit braunem Bart Teufel. Der Absalon hat krause Haar' gehabt; ergo, alle, die krause Haar' haben, seynd verruckte Bösewicht' und gewissenlose Rebellen wider ihre Eltern. Die zwei alten, mehr baberlonischen als babylonischen Richter bei Susannam [162] haben weiße Bärt' gehabt; ergo, alle die weiße Bärt' haben, seynd solche bockbergerische Ehebrecher; Pilatus der Landpfleger (oder besser gered't der Schandpfleger) hatte einen schwarzen Bart;ergo, alle die schwarze Bärt' haben, seynd Feind' und Widersacher des göttlichen Heilands. O wie ungereimt lauft dein Argument! Des Balaams Eselinn hat gered't; ergo, wird dein Esel zu Haus auch mit der Sprach' heraus und dich salve Frater: willkomm' Bruder! anreden.

Dafern es aber sollte der Wahrheit gemäß seyn, daß Judas mit einer solches Safran-Farb' wäre notirt gewesen, wo steht es denn geschrieben, daß rothe Bärt' nichts nutz seynd? Wann solche Aurora den wenigsten Schimpf oder Spott in sich hielte, hätten mit denselben nicht geprangt die alten Römer, welche sogar auch die rothen Haar' als eine besondere Zierde zu ihrem Namen und Titul selbsten gebraucht. Solche waren SP. Latius Rufus, Serg. Sulpitius Rufus, Cn. Domitius Rufus, Q. Minutius Rufus, P. Rutilius Rufus, Q. Pompejus Rufus, lauter rothbärtete Männer, welche durch ihre heroische Tapferkeit in den asiatischen, thrazischen, cimbrischen, kretischen, partischen, illirischen Kriegen einen unsterblichen Namen erhalten. Wer ist gewest der sieghafte Kaiser Friederikus [163] Barbarossa, als eben ein Rothbart? Wer ist gewest Haquinus Rufus, ein bester König aus Gothen, als ebenfalls ein Rothbart? Gaudentius ein hl. Bischof, Gandulphus ein heil. Bischof, Eligius ein heil. Bischof, Domninus ein hl. Märtyrer, Maurinus ein heil. Märtyrer, Savinianus ein hl. Märtyrer haben alle einen rothen Bart und eine gute Art gehabt.

Es schreibt zwar Boz de Signis Eccl. lib. 5. cap. 1. daß derjenigen zweien Bösewicht', welche die heilige Ludomillam in Böheim ermordet, einer habe einenrothen Bart gehabt, der andere aber gehunken; dahero sie Gott im ganzen ihren Geschlecht und allen Nachkömmlingen dergestalten gestraft, daß noch auf heutigen Tag, die von dero Haus oder Freundschaft herkommen, rothe Haar haben und hinken. Es möcht' hierinfalls ein Nasenwitziger sein übles Urtheil von dem rothen Bart behaupten, mit dem Vorwand', daß, wann rothe Haar etwas Guts wären, so hätte der gerechte Gott solches Geschlecht und Kinds-Kindskinder nicht darmit gestraft. Dem ist aber zu antworten, daß solches mehr geschehen zu einem Denkzeichen der verübten Unthat ihrer Vor-Eltern, als zu einer Straf, zumalen solche Nachkömmlinge dießfalls unsträflich scheinen. Wann rothe Haar ein vermuthliches Kennzeichen wären einer schlimmen Art, so hätte Gott etwann nit so ausdrücklich verlangt in dem alten Testament, daß man ihm soll eine rothe Kuh schlachten und opfern.

[164] Die abgesagten Feind' und Spöttler der rothen Bärte müssen nicht für ihre Schutzung anziehen die ungerühmte That eines spanischen Edelmanns, welcher einen zu dem Strang verurtheilt und henken lassen, keiner andern Ursach halber, als weilen er einen rothen Bart hatte; und als man dessen Unschuld vorkehrte, wie wissentlich nit bekannt seye, daß dieser gute Mann etwas Uebles gethan, denen hat der verruckte Edelmann geantwortet: Er hat einen rothen Bart, hat er nichts Uebels gethan, so hätte er doch etwas Uebels stiften können. Dieser spanische Prophet kommt mir wahrhaftig spanisch vor, indem er seine Weißsagung nur auf solches rothfärbiges Testimonium steifet.

Die alten heidnischen Grillen-Vögt hatten unterschiedliche abergläubige Wissenschaften, woraus sie künftige Begebenheiten abnehmen; und zwar eine hat geheißen Metoposepia, eine andere Chiromantia, eine andere Batonomantia, eine andere Capnomantia, eine andere Piromantia, eine andere Coschinomantia, eine andere Cleromantia, eine andere Geomantia, eine andere Hydromantia, eine andere Lecanomantia, eine andere Gastromantia, eine andere Axinomantia, eine andere Aeromantia, eine andere Physiognomia, und diese letztere thäten sie allein gründen auf das Angesicht des Menschen, aus dem sie künftige Sachen auskundschaften, aber von keiner Barbomantia oder Narromantia [165] hab' ich niemals gelesen: daß man aus einem rothen Bart soll können abnehmen: einer werde künftig nichts Guts thun. – Auf solchen Schlag wirft ein rother Bart dem freien Willen einen ziemlichen Prügel unter die Füß', und hat er mehr Macht als die obern Gestirn des Himmels, welche doch mit ihren Influenzen den Menschen zu einer Sach' nur neigen und nicht zwingen noch dringen.

Im Uebrigen ist der Bart einem Mann eine absonderliche Zierde, und wird solcher nicht wenig von der Feder des großen Vaters Augustini hervor gestrichen. Barba significat fortes, impigros, alacres etc. »der Bart ist ein Anzeiger eines starken, tapfern und wackeren Manns.« Dahero nicht wenig darmit geprangt Hans Steiniger, Burger und Handelsmann in der Stadt Braunau in Nieder-Bayern. Dieser hatte einen solchen Bart, daß er solchen zwei Spann auf der Erden zoge, und dessentwegen die mehriste Zeit solchen Bart in einem schönen sammeten Beutel getragen, wie dieses genugsam bestätiget sein aus Marmor gehauter Grabstein in der Kirchen-Mauer zu Braunau. Wann der Bart nicht eine sondere Zierde des Manns wäre, hätten die Legaten und Abgesandte des Königs David jenen Schimpf nicht so hoch angezogen, welchen sie erlitten von dem ammonitischen König Hanon, [166] der ihnen die Bärt' hat halbentheil lassen abscheeren; wessenthalben ihnen der David anbefohlen, sie sollen zu Haus bleiben, bis ihnen der Bart wiederum wachse. Aber bei jetziger verkehrter Zeit ist nicht allein das Aufschneiden, das Ehrabschneiden, das Umschneiden im Schwung, sondern auch das vielfältige Bartschneiden, daß man fast alle Tag eine neue Modi im Bart reibet; ja man find't dermalen wenig Bärt', sondern nur Bärtl, welche oft dergestalten zugespitzt seynd, wie die subtilesten Miniatur-Pinsel: bald reibt man und treibt man solchen hinaufwärts, daß diese wenigen Haar' über Willen müssen bergauf stehen; bald lehnt man und wend't man diesen herab, daß sie einen halben Mondschein müssen nachäffen; bald streckt man und reckt man beederseits aus, wie die angenagleten Hennengeier an dem Jägerhaus. Jetzt sieht man alte Gecken und betagte Narren, die ihr zahnluckendes Maul außerhalb also renoviren, daß es fast einem gearbeiten Sau-Leder gleichet, und bleiben bisweilen zwei winzige Büscherl Haar unter der Nasen, daß sie also zeigen, der Grund sey nichts nutz, weilen so wenig Gras wachset. Pfuy der bethörten Welt! Sollen uns dann nit die Controfee unserer Vor-Eltern mit ihren großen Bärten schamroth machen, weilen wir sogar [167] die Ueppigkeit im Bartzüglen und auf solche Weis-Gott und die Natur schimpflich corrigiren wollen. Solcher Uebermuth und Hoffart in den Bärten kann ebenfalls unsern Herrn beleidigen, wie ihn beleidiget haben jene Lotters-Buben und muthwilligen Hebräer, welche dem beschmerzten Jesu im währenden seinem Leiden Haar und Bart ausgerupfet; Dedi Genas meas vellentibus.

Jene tyrannische Verfolgung, welche der gottloseDecius wider die Christen führte, soll aus sonderer Verhängnuß Gottes geschehen seyn, schreibt der heil. Cyprianus, weilen Gott den Uebermuth der Christen nicht mehr erdulden konnte. Unter andern Gott mißfälligen Werken setzt er auch die damalige eitle Pracht der Bärt': Corruptas barbas in viris. Möcht' einer doch solchen Bart-Hansen und Bartprallern und Bartpflanzern vergunnen jene Straf', wel che der hl. Mann Patricius einem Dieb von Gott erbeten. Dann als solcher erstgedachtem heil. Mann einen Geisbock entfremdet und selben für seine Kuchl abgestochen, ist ihm alsobald, nachdem er den ersten Bissen gekostet, ein [168] ganz natürlicher Geisbart gewachsen; mit welcher Straf auch seine ganze verwandte Nachkömmlingschaft gezüchtigt worden, daß sie niemalens insgemein ohne Hohn und Gelächter nur die Geisberger seyn genennt worden. – Gebt Acht, ihr stolzen Bartpüffer, seyd gewarnet, ihr hoffärtigen Bartraspler, daß ihr nicht auch unter jene Bocksberger gerathet, welche der gestrenge Richter am jüngsten Tag auf die linke Seiten stellen wird! Hoedos autem a sinistris.

Ist demnach ohne weiters Krausen und Zausender Bart von der Natur dem Mann für eine Leibs-Zierde gespendirt worden; und der kein ehrlicher Mann ist, der ist nicht werth, daß er einen Bart trage. Wie es jenem Bauersmann Namens Joscelino ergangen: wie dieser einen falschen Eid über die Heiligthümer des heil. Märtyrers Mauri abgeleget und zugleich zu mehrerer Bekräftigung seines Juramenti seinen langen Bart in der Hand hielte, ist ihm solcher durch göttliche Straf alsobald ausgefallen, daß er den ganzen Bart hinweg gezogen und nachmals solches nackende Maul und lederne Goschen bis in den Tod behalten. Weilen dann der Bart' für eine Zierd' des Manns jederzeit gehalten wird, warum soll hierinfalls der rothe Bart Farb halber dieses Tituls oder Preis-Namens beraubt werden, da doch die rothe Farb als[169] königlicher Purpur unter anderen Farben den Vorsitz prätendiret.

Es kann demnach mit keinem Fundament oder sattsamen Grund geglaubet werden, daß Judas habe einen rothen Bart gehabt; und dafern auch solches möchte mit vielen Zeugnissen bestättiget werden, so muß man doch mit gutem Gewissen aussprechen, daß der rothe Bart den Judam zu keinen Schelm gemacht habe.

Was anbelangt die Leibs-Statur des Iscariothischen Bösewichts, ist zu wissen, daß solcher vonkeiner feinen Leibs-Gestalt oder Mannsgröße gewesen sey, sondern klein von Statur; daß also der mildherzige Heiland sich gebuckt und geneigt hat, wie er von diesem verruchten Männ'l den falschen Kuß empfangen. – Nun ist wohl zu vermuthen, daß mancher große Feder-Hans nach solcher Erfahrenheit die kleinen Leut' wird schimpfen, daß sie auch nichts nutz seyn – welches aber aller Vernunft zuwider; dann die kleine Leibs-Gestalt hat den Judas nit zur Bosheit geholfen. Ihr ungereimten Ehrenstutzer wißt bald nicht mehr, mit was verklienerischen Schimpferl und spottvollen Namen gegen die Kleinen ihr sollt verfahren. Ihr nennet sie punkete Krotten, Berchtlesgadner- Waar, [170] kleine Pumpernickl, kleine Spitzkappen, Grillen-Reiterl, abbrevirte Menschen, Pasteten-Männ'l, Daum-Häus'l, Compendia der Menschheit! etc. tausenderlei After-Reden erdicht' euer Aberwitz und Frevel. Ey du ungesalzene Welt! wie magst du deine Schnader-, Hader- und Kater-Zungen sogar nit zähmen! es ist ja dein Verstand sogar noch nicht schwindsüchtig, daß er nicht weiß, daß Schand' und Schad' eines Menschen, daß Lob und Lieb eines Menschen von seinem Gemüth, und nicht von seinem leimsüchtigen Leib' abzunehmen. Wie Viele zählt man, welche die schönste, geradeste und wohlgeschaffenste Leib's-Gestalt gehabt, und dennoch unter solchem glatten, g'raden, alabasterischen Oberzug die größten Laster oder eselischen Unverstand verhüllt getragen! entgegen wie Viel' weiß man, so da eines schlechten, übelgeschaffenen, kleinen und mangelhaftigen Leibs gewesen, und gleichwohl im Wissen und Gewissen die berühmtesten waren!

Heilig, und abermal heilig, und tausendmal heilig ist das Evangelium Matthäi, das Evangelium Lucä, das Evangelium Marci, das Evangelium Joannis. Denn alles, was Joannes geschrieben, was Marcus geschrieben, was Lucas geschrieben, was Matthäus geschrieben, ist geschrieben durch Eingebung, durch Angebung, [171] durch Mitgebung des hl. Geist's und dessentwegen heilig. Und weilen es heilig, ist es dessent wegen ohne Fehler; und weilen es ohne Fehler, so ist es dessentwegen voll der Wahrheit; und weilen es voll der Wahrheit, so ist es dessentwegen zu glauben. Der hl. Joannes Chrysostomus bezeugt, daß zu seiner Zeit der böse Feind aus einer besessenen Person habe gezwungen bekennt: wo das hl. Evangeli-Büchl gefunden werde in einem Haus, allda habe er sammt seinem Anhang einen geringen Zutritt. Cedrenus notirt, daß ein heiligmäßiger Bischof sey zu den Rossern, als einem groben barbarischen Volk, abgeschickt worden, selbigen das Evangelium zu predigen, haben solche aus anartiger Hartnäckigkeit kein anderes Gesatz wollen annehmen, außer solches wurde durch scheinbares Wunderwerk bekräftiget; worauf der hl. Bischof aus göttlicher Eingebung das Evangeli-Büchel in einen brennenden Ofen geworfen, darinnen es etlich' Stund' in den aufsteigenden Flammen unversehrt geblieben, welches nachmal ein sattsamer Anlaß war zu dero Bekehrung. Dieß und dergleichen mehr Zeichen und Zeugen, daß nichts in dem Evangelio, so nicht heilig, und nichts heilig, so nicht wahr sey. Alleinig möcht' ein Limmellius gefunden werden, welcher absonderlich auf das äußerliche Ansehen gehet und viel auf die Leibsgröße hält, wormit ein Ochs, Schwere halber, besser zu prangen, als ein Mensch. Ein solcher möcht [172] an einem Ort des Evangelii schier wanken, ob es gar füglich zusamm gestimmt sey, benanntlich folgende Wort' des Evangelii Lucä: Ecce, Vir nomine Zachaeus: Siehe, da war ein Mann genannt Zachäus, und gleich folgt darauf: statura pusillus, er war klein von Person. Klein von Person und ein Mann genennt werden, wie reimt sich das? Jene Dornhecken, in welcher der Patriarch Abraham zum göttlichen Opfer einen Widder gefunden, einen Wald zu nennen, schickt sich nicht; jenes Schiffel, in welchem Jesus geprediget, ein Schiff zu nennen, reimt sich nit: docebat de navicula turbas; jenen Bach Cedron, wodurch die unmenschlichen Henkers-Gesellen und Troßbuben den gebenedeiten Jesum geschleift haben, einenFluß zu nennen, reimt sich nit, zumalen David selbsten sagt und singt: de torrente in via bibet; jenes Königl in dem Evangelio einen König zu nennen, schickt sich nicht, weilen es der heil. Geist selbsten also benamset; erat quidam Regulus. – Warum soll denn Zachäus als klein von Person ein Mann genennt werden und nicht ein Männ'l? Ecce, Vir nomine Zachäus! Höre, du großer und mit langen [173] Häxen unterstützter Polyphemus, was dir die göttliche Schrift unter die Nasen reibt, weilen du so nasenwitzig fragest: Non spernas hominem in visu suo, et non laudes virum in specie suà: Veracht einen Menschen nicht aus seinem äußerlichen Ansehen, und lobe einen Mann nicht um seiner schönen Gestalt willen! Zachäus war klein von Person, daß er auch dessentwegen das Baumsteigen zu Hilf genommen, damit er möchte über das Volk aussehen und nicht gar von dem groben Gesindel zertreten wurde; dennoch aber gibt ihm der heilige Geist den schönen Preis-Namen eines Manns, weilen die Mannheit, Tugend und Tapferkeit nicht von dem Leib, sondern von dem Gemüth abzumessen, welches so groß kann seyn in einem kleinen Leib, als in einem großen.

Kommt her, ihr überwachsenen Beschnarcher, ihr aufbäumte Hopfen-Säck', ihr goliathische Großschädel, die ihr allein auf das äußerliche Gesicht und Gewicht viel haltet! kommt her und beschaut viel kleine Leut', die euch im Ruhm und Glorie weit übersteigen! Alexander Macedo klein von Person, entgegen aber ein weltberühmter Held! Asineus, ein Kriegsfürst der Juden klein von Person, aber ein weltkündiger Soldat! David in Israel klein von Person, aber ein unbeschreiblicher [174] Monarch. Edgarus ganz klein von Person, aber ein glorwürdigster König in Britannia! Pipinus so klein von Person, daß ihm solcher Nam' schimpfweis' gegeben worden wegen der kleinen Hühnel, welche nur Pi Pi singen, aber ein erfahrnester Held und Herr! Bajazethes klein von Person, aber ein preiswürdigster Fürst bei den Türken! Wladislaus der dritte König in Polen war nur eine Elle lang – dessen wahre Abbildung in der kaiserlichen Schatz-Kammer zu Wien gezeiget wird – und dannoch ein guter König! Robertus der Pfalzgraf klein von Person war doch in größtem Ansehen bei dem böheimischen Reich! Galeaceus Gonzaga war klein von Person, und doch eines ungemeinen Heldenmuths! Viel andere mehr fast ohne Zahl und Ziel, welche klein von Person aber groß im Namen, werden allhier umgangen. Verwundert euch alleinig und einig über den heiligen tharsenischen Prediger Paulum! Paulus eine Angel, ein Engel, ein Engel, eine Angel, eine Ampel, ein Amper, ein Amper, eine Ampel, eine Feil', ein Pfeil, ein Pfeil, eine Feil', ein Agtstein ein Eckstein, ein Eckstein, ein Agtstein, ein Netz, ein Nutz', ein Nutz', ein Netz, ein Brunn', eine Brunst, eine Brunst, ein Brunn', ein[175] Vogl, ein Veigl, ein Veigl, ein Vogl; Paulus einVogel, der fast nichts anders gesungen, als den süßesten Namen Jesu; sogar auch wie er enthaupt' ist worden, ist das heil. Haupt dreimal in die Höhe gesprungen und jedesmal den allerheiligsten Namen Jesu ausgesprochen. Paulus ein Veigl, welches einen solchen lieblichen Geruch der Tugenden von sich giebt, daß es die ganze Welt nach sich gezogen:Christi bonus odor sumus. Paulus eine Brunst, zumalen er in den Liebes-Flammen zu seinem Jesu dermassen erhitzet war, daß ihn weder Stangen noch Zangen, weder Sabel noch Gabel, weder Noth noch Tod konnte von der Lieb' abhalten. Quis ergo nos separabit a caritate Christi? Paulus ein Brunn', aus dem die Welt die reinste Lehr' geschöpft. Paulus einNutz' der katholischen Kirchen, weilen er so viel' Seelen gewonnen, als Gott dem Abraham schimmernde Stern' gezeigt in dem Himmel; Paulus einNetz, womit Gott große Sünder gefischt, welche im Grund' und Abgrund' der Laster und Irrthum gestecket; Paulus ein Agtstein: gleich wie dieser die Haarsplitter und andere leichte Ding' zu sich ziehet, also zog Paulus viel leichtsinnige, leichtfertige Sünder zu sich und bekehrte dieselbigen; [176] Paulus ein Eckstein, auf welchen Gott das Heil so unzählbarer Seelen gebauet hat; Paulus ein Pfeil', den Gott insonderheit abgeschossen in die Welt, so viel harte Herzen zu verwunden; Paulus eine Feil', welche den Rost der Sünder von den Seelen unabläßlich abzuwenden sich beflissen; Paulus ein Amper, mit dem wir aus dem Brunnen der göttlichen Weisheit so viel unbekannte Geheimnissen geschöpft; Paulus eineAmpel, durch welche die ganze breite Welt erleuchtet worden; Paulus ein Engel (oder besser gered't) ein Schutz-Engel der ganzen Christenheit; Paulus eine Angel, wormit so viel arme vertiefte Sünder zum Gestad' der ewigen Seligkeit gezogen worden. Paulus hat gepredigt und hat bekehret ganz Seleuciam, ganz Eypern, ganz Salamis, ganz Paphum, ganz Pergen, ganz Pamphyliam, ganz Antiochiam, Lystriam, Derben, Licaoniam, Phrygiam, Galatiam, Cappadociam, Macedoniam, Misian, Achaiam, Bithyniam, Asiam, Syriam, Tyrum, Ptolomaidem, Cäsaream, Griechenland, Spanien, Frankreich, ja fast die ganze Welt. Das muß ein Mann gewest seyn! Paulus sogar in den dritten Himmel verzuckt, sogar in der Insel Malta alle Schlangen in Stein verwandelt, sogar wie er enthauptet worden, ist anstatt des Blut's Milch geronnen, und mit seinem Schweiß-Tüchel Mirakul gemacht. Das muß ein Mann gewest seyn! Vielleicht bildet ihm ein jeder ein einen großen Mann mit krausen Haaren, mit völligem Angesicht, mit schöner großer, wohlgeschaffener Leibs-Gestalt? Nichts weniger als dieses: er war klein von Person, bucklet auf dem Rücken, glatzet auf dem Kopf, langnaset im Gesicht, [177] verächtlich im Ansehen – und dennoch Paulus ein Schatz, ein Schutz, ein Schütz, eine Schanz der ganzen Welt! Siehest du großer Melampodi, siehest du ausgefüllter Wampeluci, siehest du hochfüßiger Longine, daß man keinen Kleinen verachten solle: Non spernas hominem in visu suo! Veracht' keinen Menschen, wenn er klein ist, vielleicht ist er großmüthig, großverständig, etc.

Der heilige Gregorius, Bischof zu Turon, kam einst nach Rom, allda die Kirchen der heiligen Apostel zu besuchen, welchen dann der römische Pabst gleichen Namens Gregorius Magnus wegen bekannter Heiligkeit und großen Ruhm höflich empfangen. Und als gedachter hl. Bischof seine Andacht und Glaubens-Bekenntnuß in der Kirchen vollzogen, gedachte der neben ihm stehende Pabst, wie doch Gott in einem so schlechten Leib' und müheseligen Krüppel so große Gnaden habe einlogiret! (dann dieser Bischof war sehr klein [178] und verächtlich von Person) so hat sich alsobalden der heilige Mann gegen den Pabsten gewendet, mit lachendem Mund' seine stillen Gedanken entdeckt, sprechend: Dominus fecit nos, et non ipsi nos, idem in parvis, qui et in magnis: »Heiligster Vater und Statthalter Christi, Sie verwundern sich in Ihrem Herzen über meine schlechte geringfügige Leib's-Gestalt, daß ich ein so kleines buckletes Männlein bin. Sie wissen aber gar wohl, daß mich Gott erschaffen und ich mich nicht selbsten, und kann der allmächtige Gott seine Gnaden so wohl in ein erdenes Geschirrl gießen als in großes guldenes Gefäß.« Wahr ist es, daß die öde, schnöde und blöde Welt so gern nur das Aeußerliche bewegt und aus der Scheid' den Degen urthlet, dahingegen öfters der Menschen Augen hierinfalls betrogen werden.

Wo hat Moses die Tafel der zehn Gebot gebrochen? Antwort: beim guldenen Kalb, welches die unbändigen Israeliter als ihren Gott angebetet haben. Der Zeiten bricht man auch mehrist die zehen Gebot beim guldenen Kalb, beim guldenen Ochsen, beim guldenen Lämml, beim guldenen Bär'n etc., dergleichen Namen die Wirthshäuser tragen. Erstgenanntes guldenes Kalb war von reichem, schönem, glänzendem Gold – aber – was aber? aber – was denn aber? aber – es war einwendig hohl und leer, und folgsam nit lauter Gold, wie Viele vermeinten. Ein [179] mancher geht daher mit solcher langer Statur, als wann er dem babylonischen Thurm befreundet wäre, er spreizt die Füß' wie ein anderer Colossus zu Rhodas, er hat so viel Haar' auf dem Kopf, daß man drey Bauern Kummet damit schoppen kunnte, er hat ein rundes, feistes, fettes Gesicht, daß ihm die Butter-Backen schlottern wie eine schweinerne Sulz: – einer siehet, diesen Fleischthurn, sagt alsobalden, das sey ein wackerer Kerl, ein ansehnlicher Mann, der soll ein Oberster seyn, der soll ein Prälat seyn, der hab' ein Ansehen etc. O Simpl, Gimpl halts Maul! es ist an der Länge nicht gelegen, sonsten wäre ein Wiesbaum mehr als ein Scepter! es ist an der Größe nicht gelegen, sonst gält' ein Bachzuber mehr als ein guldener Pokal; es ist an der Dicke nicht gelegen, sonst wäre ein Saukürbiß besser als eine Lemoni; es ist an der Gestalt nicht gelegen, sonsten säng' ein Pfau lieblicher, als eine Nachtigall; sondern es ist allein dasGemüth, die Tugend, der Verstand zu schätzen. Diesen großen Hansen lobest du wegen des hübschen Ansehen; aber gib' Acht, ob er nit ist Vitulus conflatilis, wie das guldene Kalb, inwendig hohl und leer, lirum, larum, nichts im Hirn, sein Hirn ist beschaffen wie der fünf thörichten Jungfrauen ihre Ampeln, nichts darinn, sein Gedächtnuß ist wie die Kürbiß-Blätter des Jonas, [180] bald aufgeschossen, bald abgeschossen, sein Gewissen ist beschaffen wie des Elisäi Topf, bitter. Pfuy!

Entgegen begegnet dir ein Kleiner, dem die Natur gesparsam gewest ist, dessen Leibs-Statur geschmählert, der so feist, wie der Mondschein im ersten Viertl, der in Duodez eingebunden, der dem römischen Curtio anverwandt, so lache ihn nit aus dessenthalben!Portiuncula ist ein kleines Kirchel und doch der vornehmste Ablaß darein, Bethlehem ein kleines Städtlein und doch mit der Geburt Christi berühmt,Gott ist ein kleines Wörtlein, und ist doch alles über alles darinn; also ist öfters in einer kleinen Person ein groß Gemüth, große Wissenschaft, große Heiligkeit. Wer ist Augustinus gewest mein hl. Vater? ein Miracul der Welt, eine Fackel der Welt. Was hat er für ein Ansehen gehabt? ein schlecht's: er war klein von Person, wie er selbsten bekennt: Quaeso per Dominum, ne vos Homuncionis faeditas offendat. Wer ist Hieronymus gewest der hl. Lehrer? Ein Glanz der [181] Welt, eine Schanz' der Welt. Was hat er für ein Ansehen? Gar ein geringes, dann er gar klein von Person. Wer ist Cornelius a Lapide gewest? Ein Lehrer aller Wissenschaften, ein Vermehrer aller Wissenschaften, eine sondere Zierd' der ganzen Societät. Was hat er für ein Ansehen? Ja gar ein schlechtes, ein Männl kaum Spannlang: Cornelium à Lapide habuit Collegium Romanum hominem perpusillo corporis modulo ingentem animum et nullis studiorum laboribus fractum claudebat. Wer ist Carolus V. gewest? Fast über alle glorios, viktorios, generos, von Person aber nit gar groß. Wer istAristoteles gewest? Ein solcher Mann, der mit seiner Feder so viel Bücher, mit seinen Büchern so viel Schulen, mit seinen Schulen so viel Bibliotheken angefüllt, Aristoteles ein solcher Mann, dem Augustinus, mit Augustino Ambrosius, mit Ambrosio Anselmus, mit Anselmo Thomas de Uquino schier einen halb englischen Verstand zueignen; Aristoteles ein Licht der Weltweisen, ein Fürst der Weltweisen, eine Zier' der Weltweisen, der wird ja ein großer Mann gewesen seyn? Ja, ja, ja, ja, groß war er an Wissenschaft, nicht aber am Leib; denn er [182] ein kleines Männl, ein buckelt's Männl, ein großnasetes Männl. Und dennoch in einer so schlechten und niedrigen Herberg' hat logirt ein solches ansehnliches Gemüth! Nihil in homine magnum, praeter mentem, spricht gar recht Phaphotinus Philosophus: »die Größe des Menschen ist vom Gemüth, und nit vom Leib zu messen.« Alexander mit dem Zunamen Magnus, der Große, Theodosius mit dem Zunamen Maguns, der Große, Justinianus mit dem Zunamen Magnus, der Große, Agrippa mit dem Zunamen Magnus, der Große, Constantinus mit dem Zunamen Magnus, der Große, Carolus mit dem Zunamen Magnus, der Große, Otto mit dem Zunamen Magnus, der Große, Valerius mit dem Zunamen Maximus, der Größte, Fabius mit dem Zunamen Maximus, der Größte, Scipio Afrikanus mit dem Zunamen Maximus, der Größte etc. seynd nit derenthalben die Großen und die Größten genennt worden, weilen sie großer Leibsgestalt waren, sondern weilen sie große Gemüther hatten.

Gleicher Gestalt müssen auch diejenigen nicht verhöhnet und verspottet werden, welche von Natur eines schändlichen und ungestalten Leib's seynd! Es ist zwar der Jakob nicht allein, welcher ihm die schöne und holdselige Rachel auserkoren und der triefaugenden Lia einen Korb geben, sondern es ist bereits die ganze Welt also gesitt' und gesinnt, daß sie eine schöne Gestalt hoch achtet; und müssen nur Tischler und Bildhauer an holzernen Fratzen-Gesichtern ihr Wohlgefallen haben, worinnen sie nicht wenig Stemmeisen stumpf machen. Es wollte der große Assuerus, daß ihm die [183] schönsten Mägdlein aus dem ganzen Land' sollten nach seiner Residenz-Stadt Susa geliefert werden, aus denen er eine königliche Gemahlinn möchte erkiesen, und wurden die markolvischen Gesichter, die äsopischen Larven, die bubavischen Nacht-Eulen auf alle Weis' ausgeschlossen, er wollte eine erwählen, die sauber ist und nicht ein Sau-Bär ist. Führwahr in allem hat dieSchönheit ihren Vorzug, und ist solche eine Portion der göttlichen Gnaden, welche der freigebige Gott dem Menschen spendirt: entgegen ist die Ungestalt verworfen, und mufft nicht wenig mit dem Lazaro: jam foetet. Abraham, schreiben die Rabbiner, hat auf der Reis' nach Egypten seine Sara als eine hübsche Dama sogar eingesperrt, damit selbige wegen ihrer Schönheit nicht angefochten wurde, ist aber dannoch gefunden worden: sogar ist die Schönheit ein Magnet der Augen und Herzen; aber ein übelgeschaffenes Gesicht achtet man weniger als einen Hackstock vor der Hausthür, welcher auch bei nächtlicher Zeit in Sicherheit stehet. In göttlicher Schrift wird nit wenig hervor gestrichen die Schönheit der Judith, der Rebekka, der Esther, des Davids, des Josephs, auch können Nicephorus und Antoninus nicht gnugsam preisen die schöne Gestalt und holdseliges Angesicht ChristiJesu: speciosus forma prae filiis hominum; des gleichen auch die Wohlgestalt des marianischen Angesichts, seiner übergebenedeiten Mutter. Die Ungestalt aber wird in der Welt und bei der Welt und von der Welt in gar so geringem Werth gehalten, daß auch Gott im alten Testament [184] die krumme, bucklete, blinde und mangelhafte Thier von seinem Opfer verbandisirt. Ja die Herrn Juristen sagen aus, daß, wo zween wegen einer begangenen Missethat im Argwohn seyn, solle man am allerersten denjenigen auf die Folter legen, welcher schändlich und ungestalt vom Gesicht; und wollen gar etliche, daß man sich hüten solle vor solchen Leuten, die Gott und die Natur gezeichnet hat; auch sey wahr, was der Poet zu einem Hinkenden geschnarcht hat:


Ut pede, sic animo es claudus, namque extera membra
Internae mentis sunt simulacra tuae:
»Du krummer Dieb, du Hinkeperz,
Ist nicht gerad' dein Fuß und Herz,
Der Leib von Außen zeiget frei,
Daß in dir seye Schelmerei.«

Ein schöner Ganymedes aber, ein hübscher Narcissus, ein krausthaariger Paris, eine wohlgeschaffene Helena, eine saubere Atalanta, wann sie den halben Tag unter den Fenstern stehen, oder vier Stund' auf dem Markt spazieren, oder eine Zeitlang mit fliegenden Augen in der Kirchen gaffen, pflegen nicht anderst [185] zu thun, als lachen, als kutteren, als spöttlen, so sie einen Menschen sehen, dem die Natur an Leibs-Gestalt sparsam gewest, ja es hat fast niemand eineSalva Quardia vor solchen Spottungen, dergleichen gehabt haben jene Raupen-Buben und Lotters-Fratzen, welche den Propheten Elisäum seines Glatzkopfs halber ausgelacht!

Jener einäugige Gesell spöttlete einen armen buckleten Tropfen, so fruh Morgens ihm begegnet, mit diesen Schimpfworten: Wo willst du so früh hinreisen, weilen du den Ranzen schon aufgeladen? Dem begegnet aber solcher gleich mit dieser Antwort: Ja, ja, es muß wohl sehr früh seyn, weilen du erst einen Fenster-Laden eröffnet hast! verstunde hierdurch sein Ein-Aug. – Ein anderer lachte gleichmäßig einen häßlichen Menschen aus, sprechend: Pfuy! du bist wohl ein garstiger, schändlicher, wilder Narr! Dem aber solcher absobalden widersetzte: ja ich bin ein garstiger, schändlicher, wilder Mensch; ich kann aber nicht darvor, denn meine Mutter hat sich an dir ersehen, wie sie mit mir schwanger gangen. – Dergleichen Spottreden fliegen herum, wie die Mucken in Egypten zu Pharaons Zeiten, und muß einer sich wohl in Acht nehmen, daß er keinen Stich ausstehen darf. Solche zaumlose aber nit zahnlose Mäuler machen es nit ungleich einer Schweizer-Kuh, welche eine ganze Wiese durchgraset und auch das schönste Blümlein nicht verschonet. O ihr zoilantischen Beschnarcher! fallt euch dann gar nicht ein, daß ihr durch solches Gott den Allmächtigen beleidigen thut, indem ihr seine Geschöpf also schimpflich durch die Hechel ziehet!

[186] Anno 1540 war ein Edelmann zu Madrid Namens Franziskus Ramirez: dieser hat seinen Herrn Pfarrer, um willen solcher ein ungestaltes Gesicht, eine große rothe Nasen, dermassen veracht, verlacht, daß er zur österlichen Zeit sogar aus dessen Händen nit wollte communicirt werden, auch derenthalben sich zu einem andern Pfarrherrn begeben, allwo er seine schuldige Andacht verricht. Aber siehe, wie Gott für solche Spöttler so bald eine scharfe Laug siedet! Als obbenannter gestrenger Herr Franz Ramirez von dem Altar hinweg geht, vermerkt er einen unverhofften Schmerzen in seinem Angesicht, und gedunkt ihm, als wollt sich auch seine Nasen aufblähen, weilen er ohne das im Gemüth ein aufgeblasener Mensch war. Und als er derenthalben an die Nasen gegriffen, hat er alsbald gespüret, daß die ganze Hand voll mit Nasen, nimmt auch beinebens wahr, daß andere Umstehende ihn gar seltsam anschauen, auch seiner nit wenig lachten, welches ihm dann einen gnugsamen Anlaß geben, nach Haus zu eilen, woselbst er gleich den Spiegel um Rath gefragt, welcher ihm dann ohne Scheu das schändliche, das rothe, das mit rothen Rubin versetzte Angesicht des Pfarrherrn vorgestellet, und zwar so eigentlich, daß man die Copei von dem Original nicht unterscheiden kunnte. Dieß hat dem guten spanischen Junker dermassen das Herz getroffen, daß er hierüber tödtlich erkrankte und innerhalb acht Tagen mit sonderer Reu seines begangenen Frevels, nachdem er die heilige Sakramenta vom besagten Pfarrherrn empfangen, das Leben gelassen. – Indem du, mein Spöttler und Beschnarcher, zu lernen hast, daß man keinen Menschen [187] wegen seiner Ungestalt aushöhnen soll, weilen er so wohl unter die Geschöpf' der göttlichen Hand gehöret, als ein schöner, gerader und wohlgeschaffener Absalon. Ueber das, so mußt du aus der Scheid' nicht allzeit den Degen urtheilen! wie oft ist in einer schlechten zerrissenen Scheid eine ansehnliche Klingen! Es ist wohl öfter ein schöner Schatz in einer hölzernen Truhe, es ist wohl öfter ein Speck unter dem Kraut, es ist wohl öfter ein stattliches Buch in einem schlechten Einband, es seynd wohl öfter gut-gewichtige Dukaten in einer dürren Saublatter, es hat öfter schon ein großer Herr und König in einer Bauren-Hütten einkehret, es ist wohl öfter ein ungestalter, unförmlicher Mensch einwendig mit Wissen und Gewissen wohl versehen.

Ein gewisser König zu Babylon ist mit solchem Ernst wider die Christen verfahren, daß er ihnen gedrohet, alle zu köpfen, wofern sie nicht durch ihren Glauben einen großen Berg von einem Ort zu dem andern schaffen, laut ihres Evangelii: Wahrlich,ich sage euch, so ihr einen Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: erheb' dich von hinnen dort hin! und er wird sich erheben und euch wird kein Ding unmöglich seyn! Weilen nun die Christen zu Babylon solcher Drohung halber sehr bestürzt waren und beinebens von Gott dem Allmächtigen ein so großes Mirakul zu begehren sich nit getraueten, also ist ein Engel vom Himmel dem Bischof daselbsten erschienen, ihme befohlen: er solle einen einäugigen Mann, Namens Arianum, zu diesem Wunderwerk erkiesen! welcher ungestalte einäugige Arianus nach vollbrachtem [188] dreitägigen strengen Fasten einem großen Berg befohlen: er solle von hinnen scheiden! welches dann alsobalden geschehen; wordurch die bedrängten Christen in ihrem Glauben gestärket, der König aber sammt Vielen bekehret worden. Siehe nun in einem einäugigen Ariano, siehe in einem buckleten, kahlkopfeten Elisäo, siehe in einem hinkenden Jakobo, siehe in einem langnasigen Bellarmino, große, herrliche und ruhmwürdigste Tugenden und Heiligkeit! So urthle hinfüro nit mehr aus einem mangelhaften Leib' ein schlechtes Gemüth!

Es hat öfters eine Beschaffenheit mit einem stattlichen Kerl wie mit einer stattlichen Perl'. Du siehest eine schlechte rauhe Muschel, eine knoperte Mißgeburt des Wassers, einen harten Meerfaim: wer soll sich einbilden, daß in diesem wilden ungestalten Geschirr soll etwas gutes seyn? eröffne aber solches: da wirst du finden eine kostbare, schöne, edle und stattliche Perl'. Wie die Perl', so mancher Kerl: Du wirst[189] zuweilen antreffen einen krüppelischen Menschen mit ungeformter Leibs-Gestalt, mit langen Ohren, fast schier wie ein Thier das heißt Esel, mit einer langen Nasen, als wäre solche auf der Folter gelegen, mit einem großen Maul, wie ein Affen-Gebieß, mit einem Buckel wie ein Cameel, etc. Du wirst dir gar keinen Gedanken machen, als ob in dieser Elend-Haut etwas Gutes stecke. Dennoch aber wirst du es erfahren, gleichwie in einer ungestalten Muschel eine stattliche Perl', also in dieser schlechten Menschheit ein stattlicher Kerl verborgen. Du wirst öfters antreffen ein treffliches Gemüth, eine lobreiche Frömmigkeit, eine ansehnliche Wissenschaft in einem so schlechten und Augenschein halber unachtbaren Menschen, gleichwie gefunden worden ein kostbarer silberner Becher in dem schlechten rupfenen Treidsack des Benjamin. Gedenke nur, daß ein krummes Holz so gute Hitz' gebe, als ein gerades! Der römische Galba hat einen Buckel gehabt fast so hoch, daß man hätte mögen ein Schilder-Häusl darauf bauen und er war dannoch ein unvergleichlicher Wohlredner. Aesopus hat ein solches Larven-Gesicht gehabt, daß auch die knoperte Rinde am Eichbaum seinem Fell fast an der Schönheit vorgangen; und gleichwohl war er der witzigiste Mann zu seiner Zeit. Rudolphus der erste römische Kaiser hatte eine so lange Nasen, daß ihm einmal ein Soldat auf die Seiten gewichen, sagend: er weiche auf die Seite, damit der Kaiser nicht mit der Nasen anstoße; und dennoch war er der vornehmste Ehrenzweig des weltberühmtesten österreichischen Stammen-Baums. [190] Quintius Fabius Maximus hatte eine so große ungestalte Warzen gehabt auf seiner obern Lefze, daß sie ihm fast wie ein Dächel über den Freßladen gehangen; und dennoch war er der allervortrefflichste Mann. Michael der römische Kaiser hat sehr stark mit der Junge angestoßen und mit der Red' gar hart fo- fo-fortkommen können; gleichwohl war er ein ansehnlicher Monarch. Philippus von Macedonien,Hannibal von Carthago, Sertorius von Spanien seynd einäugig gewest und doch waren sie die lobwürdigsten Herren. Henricus II. der Kaiser war krumm, Godefridus II. Herzog von Oesterreich war kropfet; und doch seynd sie beede die bravesten Fürsten und Herren gewest.

Weil denn öfters in einem mangelhaften Leib ein vollkommenes Gemüth; ideo non spernas hominem in visu suo; so verachte den Menschen nit nach dem äußerlichen schlechten Ansehen: wann er schon klein, ist schon genug, wann er ein groß Gemüth hat; wann er schon bucklet, ist schon genug, wann er einen aufrichtigen Wandel führt; wann er schon krumm ist schon genug, wenn er nur nit in große Sünden fällt; wann er schon schilchet oder einäugig ist, ist schon genug, wann er Gott allzeit vor Augen hat; wann er schon schwarz, ist schon genug, so er nur ein weiß Gewissen hat. Was hilft es, einen [191] gekrausten Kopf haben, der aber mit Stroh ausgefüttert? was hilft es, einen schönen guldenen Becher haben und darinnen nichts als ein schlechtes Stein-Bier aus Kärnthen? was hilft es, ein Paar wohlriechende römische Handschuh tragen, und darinnen krätzige Prazen? was hilft es, einen wohlgeschaffenen, wohlgenaturten, wohlgestalten, wohlgeliebten, wohlgeputzten Leib haben, worinnen aber alle Laster nisten? Weit rühmlicher ist es, einen ungestalten Leib tragen, als ein übelgestaltes Gemüth. Crates, Damon, Hippocrates, Sokrates, Agesilaus, Gellias, Philopoemon seynd lauter großkopfete Kappadocier gewest; lauter hinkende Claudiani, lauter schilchende und einaugige Cäcilii; [192] lauter großohrende Aureliani, lauter langnasende Nasones, lauter großmaulete Orestes; und doch, und doch, und doch die wackersten, die gelehrtesten Leut'! Entgegen Adonis, Atys, Cyparistus, Crocus, Aranthus, Amaracus, Hylas, Nisus, etc. seynd lauter schöne, wohlgeschaffene und hübschgestalte Leut' gewesen und beinebens Ehe vergessene, Ehr vergessene, Lehr vergessene Gesellen gewest. Solche Tölpel kommen mir vor wie die Tempel der Heiden, benanntlich in Japonien: allda der Tempel der Amida zu Meaco, der Tempel der Casunga, der Tempel Day, der Tempel Fachinam, der Tempel Tinchidai seynd auswendig von glattem Marmor, von kostbaren Jaspis, mit dem besten Gold auf das reichiste überzogen; einwendig aber – was? ein Hund, eine Katz', ein Teufel, ein großmaulender Uzlibuzli, ein abscheulicher Götz'!

Gar recht hat der allmächtige Gott dem Propheten Samuel, als er des Isai ältesten Sohn Namens Eliab vermeinte zum König zu salben, um weilen derselbe ein großer, wackerer Kerl war, diese Wort geredet:Samuel, siehe sein Gesicht nicht an,noch die Höhe seiner Person!

[193] Siehe nur, meine schmutzige, nichtsnutzige Welt, merk's fein, du hinkende und stinkende Welt, gedenk, du läppische und täppische Welt, daß man den Menschen wegen des bloßen schönen Ansehens nicht soll erheben, noch weniger wegen des schlechten und geringen Ansehens verwerfen!

Wie hat des Moses Weib geheißen? Antwort: Sephora; was ist sie für eine Landsmänninn gewest? Antwort: eine Madianiterinn; wer ist ihr Vater gewest? Antwort: der Raguel; wie viel hat sie Schwestern gehabt? Antwort: sechse; wie hat sie ausgesehen? Antwort: fast wie der Teuchßl; denn sie war eine schwarze Mohrinn, wessenthalben des Mosis Schwester so stark gemurrt, daß ihr Bruder eine solche rußige Braut und cortabonische Haut geheirathet. Er hätte gar wohl eine andere und weit schönere können werben; aber ihm hat diese gefallen, nicht weißer Händ' halber, sondern unsträflichen Wandels halber; nicht gerader Seiten halber, sondern guter Sitten halber; nicht des äußerlichen Scheins halber, sondern der innerlichen Schöne halber; nicht Geburt halber, sondern Gebährden halber; nicht Geblüt halber, sondern Gemüth halber. Allermassen die Schönheit vergehet, aber die Tugend besteht. Merk's demnach wohl: das Achten und Verachten sich nicht muß gründen auf das äußerliche Ansehen! achte niemand dessenthalben, weilen er schön vom Leib ist; verachte [194] auch niemand derentwegen, weilen er ein geringes Ansehen hat!

Judas Iscarioth ist nit der Ursachen halber zu schimpfen, weilen er, wie etliche vermuthen, einen rothen Bart gehabt, noch darum zu schelten, weilen er klein von Person gewest; sondern weilen er ein boshaftiges, sündhaftes, lasterhaftes, neidhaftes Gemüth gehabt und ein Erz-Schelm gewest ist. Darum merk's! –

Judä Iscariothis eilfertige Flucht nach Jerusalem
Judä Iscariothis eilfertige Flucht nach Jerusalem, allwo er bei Pilato die Stell' einer Hof-Katzen vertreten.

Nachdem der gottlose Bösewicht durch Antrieb des Neid's den königlichen Prinzen ermordet, hat er für gut und rathsam gehalten, sich mit der unverzüglichen Flucht zu retten, aus Furcht, es möchte der höchstbeleidigte König dessenthalben mit ihm scharf verfahren, ja wohl gar das Haupt nehmen, weilen er ein solches Haupt-Laster freventlich begangen. Es gab ihm demnach das verletzte Gewissen selbst die Sporen, welche ihn zu schneller Flucht angetrieben, und ist wohl zu vermuthen, daß er im währenden Laufen oft ob dem geringsten Geräusch' der Blätter auf den Bäumen erbleichet sey, in furchtsamer Meinung, er werde von den Nachstellenden ertappet. Die finstern Wälder und hohlen Stein-Klippen gedunkten ihm noch nit sattsame Deck-Mäntel zu seyn; sondern er eilte zu [195] Land und Wasser ohne einigen Rast, bis er endlich die Gränzen von Judea erreicht, allwo er sich in etwas erholet, die abgematten Glieder erquicket und nachmals mit seinem eigenen Busen zu Rath gangen, sich etwann selbst bei stiller Nacht in allgemeiner Ruhezeit mit folgendem Rathschlag' beunruhiget: Nun, mein Judas, wer bist du gewest? ein Sohn eines Königs; was anjetzo? ein Sohn des Unglücks. Was hast du gehabt? alles: was hast du der Zeit? nichts. Was willst du anfangen? der Bettelstab ist kein Holz für dich, in der Arbeit hast du ein Haar gefunden, es graust dir darvor; ins Feld taugst du nicht, denn du zitterst, so man nur von der Scheid' redet, will geschweigen von dem Säbel; keine Kunst hast du gelernet, ausgenommen die freie Kunst zu essen und zu trinken, so ganz allgemein. So seye es, eines fällt mir ein: ich bin zu Hof auferzogen, ich weiß um die Hofbräuch' und Hofbäuch', ich kenn' die Hofweis' und die Hofspeis', ich kann mich richten nach dem Hoflust und Hofgust, ich kann umspringen mit den Hofleuten und Höflichkeiten. Ich will es denn herzhaft probieren, ob ich nicht bey dem Hof Pilati möchte unterkommen, allda die Stelle eines Hof-Dieners zu vertreten! Solcher Anschlag hat bald einen gewünschten Ausgang gewonnen und ist Judas Iscarioth vom Pilato ganz willfährig in seine Hofdienst' aufgenommen worden, in welchen er also auf Katzen-Art dem Pilato sich beliebt gemacht, daß er ihm durch sein gewissenloses Heuchlen und Schmeichlen das Herz völlig eingenommen, nach dessen Pfeifen getanzt und nach dessen Tanzen gepfiffen, alles was beliebig war, geredet, ausgenommen [196] die Wahrheit, als die bei den Schmeichlern ganz frisch und nagelneu, um weilen sie bei ihnen gar selten gebraucht wird; sondern die Suppen mit Lügen pfeffern nach den Appetit ihres Herrn, welches allerseits höchst schädlich fällt.

Es ist einmal der gebenedeite Herr und Heiland also matt und müd gewesen, daß er in etwas zu ruhen, sich bei einem Brunnen niedergesetzet und sehr heilsame Reden geführt mit der Samariterinn. Ich armer Tropf bin auch auf ein' Zeit so müd worden, daß mir sogar die Füß' das weitere Gehen und Stehen rund haben abgeschlagen. Die Ursach' aber meiner Mattigkeit war, weilen ich etwas gesucht und nicht gefunden. Sonst lautet wohl das Sprichwort: Wer suchtder find't. Joseph hat seine Brüder gesucht und hat's gefunden; Joseph und Maria haben den zwölfjährigen Jesum gesucht, und haben ihn gefunden; der gute Hirt' hat das verlorne Lämm'l gesucht, und hats gefunden, wie auch auf seine Achsel genommen; das Weib im Evangelio hat den verlornen Groschen gesucht und hat ihn gefunden; ich aber hab' lang etwas gesucht, und nicht gefunden: ich habe die Wahrheit gesucht, allermassen dieselbe der große Kirchenlehrer und Vater Augustinus weit schöner hervorstreichet, als Helenam aus Griechenland, und war doch diese eine edelschöne Dama, an dero die Natur ein Meisterstück erwiesen: die Rosen auf ihren rothen Wangen, [197] die Narcissen auf ihrer schneeweißen Stirn, die Lilien auf ihren Händen, die Hyacinthen in ihren Augen stellten vor, als biete die schöne Helena dem reichblühenden Frühling einen Trutz. Wer gesehen hat das Gold in ihren gelben Haaren, die Perl' in ihren weißen Zähnen, die Korallen in ihren rothen Lefzen, den Alabaster in ihrem schneeweißen Hals, den Rubin in ihren rösleten Wangen, den Carfunkel in ihren Augen, der hat geschworen, Helena sey ein Raub vom gesammleten kostbaren Schatz des ganzen Erdbodens. Ihr Angesicht hat zeigt in den Augen die Stern', ihre Stirn hat vorgestellt die Sonne, ihre Haar' gleicheten denen Strahlen, ihre Wangen bildeten ab die Morgenröthe; konnte demnach wohl genennt werden die himmel-schöne Helena, und dannoch unvergleichlich schöner ist die Wahrheit. Ja die Helena aus Griechenland muß sich verkriechen vor ihr': eine Trampel, ein Mistfink, ein Kothkübel, ein Luder-Sack, ein grober Rülps, ein Flank ist Helena gegen die schöne Wahrheit. Und diese hab' ich lang hin und her gesucht, endlich habe ich sie antroffen, aber in einem wunderseltsamen Aufzug. Sie hatte erstlich einen großen und langen Mantel mit allerlei Blumen gestickt und gespickt und gestrickt; wann der Mantel wäre schwarz gewesen, so hätte ich unfehlbar gemuthmasset, [198] sie ging in der Klag'. Sie hatte sich ganz und gar in den Mantel eingebauscht, fast wie der Seiden-Wurm in seine Hülsen. Mehr trägt sie anstatt des modiprächtigen Ueberschlag's einen langen und dicken Fuchs-Schweif um den Hals, und – was mich am meisten in Verwunderung gezogen, war dieß, daß sie so übel in ihrem schönen englischen Gesicht war zugericht: der korallene Mund und forderst die obere Purpur-Lefze waren stark geschwollen, die Wangen also verwund't und zerkratzet, zerrissen, zerbissen, daß mir schier eingefallen, sie habe mit den Katzen duellirt, oder sie hätte eine Weile mit der Dornstaude gescherzet. Madame! sprach ich, Frau Wahrheit, wie treff' ich euch allhier an, kommt ihr dann von Hof, weilen ihr mir nächst der Burg begegnet? (es war in einem Land', wo man nit deutsch redet). Hierauf hat sie mir mit untermengten Seufzern geantwortet, daß sie zwar nach Hof habe wollen gehen, sey aber von der trutzigen Hof-Wacht ganz ungestümm abgewiesen worden. Ist wahr und klar, sagte ich, jetzt ersinne ich mich erst, was dem gebenedeiten JESU begegnet!

Es hatte Pilatus Christo einst gar ein freundliches Gsicht geweist und ihm gar glimpflich vortragen, wie daß die Hebräer wider ihn sehr viel und scharfe Klagen eingeben, wie daß er ein Aufrührer des [199] Volks sey, auch eine neue Lehr' und grundlosen Glauben aussträhe, sogar mit Zauber- und Teufels-Künsten gewichst sey, ja des Lands Ruhestand merklich mit seiner Lehr' zu stürzen trachte. Und was noch mehr? er gebe sich aus vor einen gesalbten König der Juden! Mein, sagte Pilatus zu Christo, siehe ich meins gar gut mit dir, werde auch allweg' mich emsig befleißen, deine Person vor fernerer Ungelegenheit zu schützen, bekenne es denn mir mit unverfälschter Vertraulichkeit: bist du ein König der Juden? Du hast weder Land noch Pfand, du hast weder Güter noch Hüter, du hast weder Gesandte noch Trabanten, du hast weder Kron' noch Thron, du bist ein armer Tropf, man kennt gewiß deinen Vater nit? welcher nichts als Bretter gehoblet, und wann er noch so viel Leitern hätte gemacht, so ist er dennoch nicht hoch gestiegen, sondern ein Zimmermann verblieben; wie kann es denn seyn, daß dir solche königliche Concept einfallen? hast du es denn gesagt und sagst es noch, bist du der Juden König? Worauf der Heiland geantwortet: Ich bin darzu geboren und bin darzu in die Welt kommen, daß ich der Wahrheit Zeugnuß gebe. Darauf geschwind Pilatus: was ist die Wahrheit? – Laß mir das eine seltsame Frag' seyn! Pilatus ein solcher vornehmer Herr, dem Land und Leut' unterworfen, in dessen Gewalt war, allenthalben [200] anzuschaffen, abzuschaffen, auszuschaffen, einzuschaffen, fortzuschaffen, ein Herr mit ziemlicher Zahl der Bedienten, mit großer Menge der Aufwärter, mit häufiger Begleitung des Adels umgeben, ein Herr von absonderlichem Verstand und reifem Witz soll nit wissen, was die Wahrheit sey? Nein, er wußte es nicht: dessentwegen begunnte er zu fragen;quid est Veritas? »was ist die Wahr heit?« – Das ist kein Wunder aber; denn er war ein vornehmer Herr, hielt einen großen Hof, und zu Hof, wo die Politica den Vor-Tanz hat, allda hat die Wahrheit den Fort-Tanz. Pilatus war ein Franzos, und dessentwegen kam ihm die Wahrheit spanisch vor, und zu Hof, wo die Politici nisten, ist die liebe Wahrheit verbandisiert, als [201] habe sie die Pest, und so sie auch ein Föde vom Himmel hätte, so läßt man's dannoch kaum ein.

In Indien seynd die Gläser etwas Seltsames, in Egypten ist der Schnee etwas Seltsames, in Nordwegen ist der Wein etwas Seltsames, in Mauritania ist ein weiß Gesicht etwas Seltsames, in Italien seynd die gelben Haar' etwas Seltsames, in Deutschland seynd die Elephanten etwas Seltsames, in Amerika seynd die Hund' etwas Seltsames, in Asia seynd die Büchsen etwas Seltsames, in China seynd die Pferd' etwas Seltsames, bei Höfen und großen Herren ist dieWahrheit etwas Seltsames.

Friederikus mit dem Namen der Aeltere, Herzog in Oesterreich hat gar oft und vielmalen seine stattlichen und standmäßigen Kleider hintan gelegt und schlechte Bauern-Kleider angezogen, den Sammet mit groben Zwilch, den Castor-Hut mit einer Schmeerkappen, die seidene Strümpf' mit Bauern-Stiefel verwechselt, und also unbekannt bei manchen Bauren den ganzen Tag um das Geld gearbeitet, in der Scheu'r oder Stadel gedroschen und andere harte Arbeit verricht', mit der groben Speis' und gemeiner Dorf-Tafel vorlieb genommen. Es hat zwar mancher Bau'r dessen zarte Händ' beschnarcht und oft bäurisch angefahren: Du Kerl, du hast gar weiche Tatzen, du mußt dein Lebtag nicht viel Haber ausgedroschen haben! Wann er demnach in solcher Bauren-Arbeit begriffen, hat er [202] angefangen zu reden und zu fragen, was man von Herzog Friedrich halte? dem zuweilen ein Bau'r geantwort': der Herzog sey ein liebreicher Herr, aber seine Apostel seynd nicht weit her, er schaue ihnen gar zu viel durch die Finger, braucht dessenthalben wenig Brillen, er läßt die Edel-Leut' hausen nach dero Wohlgefallen, die gehen mit uns um, wie wir Bauren mit den Felberbäumen im Stutzen; unser mehrestes Gebet ist für die Pferd' unserer gnädigen Herrn, damit dieselbigen lang dauren, denn sofern solche sollten umstehen, würden die Edel-Leut' auf uns Bauren herumreiten; wir arme Narren seynd nit mehr so glückselig wie zu David's Zeiten, allwo man die Schaf-Hirten und gemeine Leut' auf die Bank der Edel-Leut gesetzt hat; es ist zwar der Zeiten ein jeder Bau'r ein Her, aber nur mit einem r; denn es heißt: Bau'r gib' her, Bau'r geh' her, Bau'r trag'her! etc. Dem Herzog Friederich war ein solcher Bau'r mit seiner subtilen Grobheit und einfältigem Witz nicht ungenehm und konnte gar leicht abnehmen, daß Bauren und Lauren in eine Haut genähet seyn. – Ein anderer Bau'r, bei dem der Herzog knechtweis gedienet und gearbeitet, thäte andere Glocken leuten fast dieses Klangs: Mein lieber Knecht, unser Herzog verschenkt gar viel unnützlich, er gibt dem nächsten Seiltänzer gleich 50 Thaler, für den vielmehr ein Strick gehörte, und uns Bauren sieht er nicht einen Kreuzer nach, er [203] bringt eine Steu'r um die andere auf, wie erst verwichen die Kopf-Steu'r, es möchte einer schier wünschen – wann einem der Schädel nit so lieb wäre – daß er keinen Kopf hätte? und wo kommt das Geld hin? er läßt auch die Pracht gar zu weit einschleichen, und fährt schon eine jedwede Nestl-Krämmerinn in der Carossen. Unser Herr Pfarrer hat einmal geprediget, wie daß einer mit Namen Atlas die ganze Welt getragen; ich kanns dermalen schier glauben, weilen unser Edelmann, der doch ziemlich schwach, fünf und sechs Dörfer auf dem Buckel trägt; denn seine Kleider also kostbar und theu'r geschätzet werden. – Dergleichen allerlei Reden hat der Herzog in seinem Baurenkittel und Dorf-Joppen vernommen. Wann er nun wieder nach Hof kommen und sich mit seinem hochfürstlichen Aufputz bekleidet sehen ließ, wurde er mehrmalen gefragt, um was Ursachen er in solchen groben Lumpen die Bauren-Hütte betrete? Denen gab er jedesmal mit ernsthaftem Angesicht diese Antwort: [204] alio modo verum audire non possum: Ich kann auf kein andere Manier die Wahrheit hören, denn Meine Hof-Leut' sagen mir die Wahrheit nicht. Sh. Schmeichler, Sh. Schmarotzer, Sh. Schwätzer, Sh. Schnarcher, Sh. Schwiermer, Sh. Schlicker, Sh. Schlemmer, Sh. sag' ich nicht gern, hab' ich genug um mich, aber keinen, aber keinen, der mir die Wahrheit ohne Scheu redete. So heiklich ist zu Hof die Wahrheit.

Wo hat Petrus zum allerersten die Wahrheit vergessen? unter was Gesellschaft? etwann unter den Fischern als seine Kammeraden? denn sie haben sonst dieses Lob: was der Fischer gewinnt beim Fisch, das versauft er wieder bei dem Tisch. Bei wem hat Petrus die Wahrheit gezett? etwann bei Zimmerleuten oder Maurer? denn von diesem ist fast ein Sprichwort: Zimmerleut' und Maurer seynd rechte Laurer; ehe sie essen, messen, stehen und sich besinnen, so ist der Tag von hinnen. – Wo hat Petrus der Wahrheit einen Schimpf angethan? etwann bei denen Soldaten? von diesen hat einer auf eine Zeit gesagt also: Zigeuner und Soldaten, [205] wann sie schmecken einen Braten, so thun sie solchen wegtragen, wann sie auch sollten die Beiner auf dem Galgen abnagen. Wo ist dem Petro die Wahrheit entfallen? etwann bei den Fuhrleuten? von denen eine gemeine Red': Kutscher und Fuhrleut' seynd nichts nutz zu aller Zeit, bei Esel und Roßen treiben sie die größten Possen, auf dem Esel- und Pferd-Mist selten ein guter Vogel ist. Wo hat Petrus die Wahrheit gespart? wo? – Verzeiht mir's, ihr Hof-Herren, Hof-Leut', Hof-Beamte, Hof-Diener, daß ich euch dermalen keinen Hofmann abgib und sein die Wahrheit als ein edles Bissel auf euer Teller lege, bin schon verg'wißt, daß ihr euch daran und darinn keinen Zahn werdet ausbeißen, weilen euch die Zähn' nit so sehr darnach wässern: Petrus hat die liebe Wahrheit an keinem andern Ort vergessen, verloren, verscherzet, verzett', als zu Hof; allda hat ereinmal (das ist grob), allda hat er zweimal (das ist grob) allda hat er dreimal (das ist gar aus der Weis') die eingefleischte Wahrheit verläugnet.

Der König Balthasar hielt auf eine Zeit ein sehr prächtiges Banquet, wobei auch tausend vornehme Obristen gastirt worden. Diese Mahlzeit war mehrist angestellt wegen seiner Concubinen, welche lauter schöne Rosimundä waren, aber nicht Rosae mundae.

[206] Nachdem nun der rothe Wein, der weiße Wein, der goldgelbe Wein fast einen vielfärbigen Regenbogen auf der Tafel vorstellte, ist also folgsam kein schönes Wetter erfolgt, absonderlich in dem Gewissen des Königs, allermassen er befohlen, man solle alsobalden die guldenen Geschirr' und kostbaren Gefäß', welche sein Vater Nabuchodonosor aus dem Tempel der Israeliten geraubt, herbei bringen, damit er seinen Kebs-Weibern eines möchte daraus zubringen. O König Balthasar! da wird es nicht heißen, Geseng Gott! – Soll dann nicht ein einiger Cavalier aus tausend anwesenden dem König gesagt haben! Euer Majestät, diese Sachen werden einen schlechten Ausgang gewinnen; Sie wissen sich ja gnädigist zu erinnern, wasgestalten ihr verstorbener Herr Vater so großes Unglück ausgestanden, daß er sogar in ein wildes Thier verkehrt worden, um willen er den Gott der Israeliten verachtet! etc. Keiner, keiner, keiner aus tausend gegenwärtigen Edel-Leuten- und Hof-Leuten hat ihm getrauet die Wahrheit zu sagen, bis endlich eine Hand an der Wand sein offne Schand ihm verwiesen.

Ich frage mehrmalen die Frau Wahrheit: Madame! um Gottes willen, warum daß euere korallene Lefzen also geschwollen? Ich (war die Antwort) ich habe das nächste Mal geigt, und da hat man mir [207] den Fiedelbogen um das Maul geschlagen und mich sehr schmählich traktiret. Wohl recht fängt das WörtlWahrheit mit einem w an, zumalen es lauter w ausbrütet. Der stattliche Hof-Prediger Joannes Baptista hat es wohl erfahren bei dem König Herodes. – Etliche Ausleger göttlicher Schrift – unter welchen nicht der mindeste Della Nuza – sagen, daß der allmächtige Gott habe dergestalten das Paradeis gepflanzet, daß alle stattlichen Obst-Bäume darinnen so nieder waren, daß dem Adam und der Eva die Aepfel und Birn' und andere Früchte in das Maul gehangen, außer des verbotenen Baums, welcher um ein ziemliches höher, also daß dessen Früchte die Eva nicht wohl kunnte erlangen, wessentwegen die Schlang' von dem Teufel schon besessen sich um der Eva Füß' gewicklet und ihr also geholfen, daß sie in die Höhe gehupfet und gesprungen und einen Apfel erlangt. Wann dem also soll seyn, so glaube ich, daß von dannen der Weiber ihr beliebiges Tanzen und Springen herrühre, zumalen ihnen der Gehorsam sehr schwer fällt, außer im Tanzen, worinnen sie gern, nur gar zu gern nach dem Pfeifen und Geigen des Spielmanns springen. Sie glauben aber nicht, leider! daß Danzig undLeipzig nicht weit von einander seynd, und ist nichts Neues, daß gute Seiten die guten Sitten verderbt haben, absonderlich beim Tanzen, bei welchem Springen die Ehr' nicht selten gestolpert. Eine Tänzerinn aller Tänzerinn' war des Herodis Tochter, welche dergestalten künstlich und köstlich getanzet, daß ihr auch [208] um solches der König das halbe Königreich anerboten, sie aber anstatt dessen hat begehrt das Haupt Joannis Baptistä. Solche Reliquien waren auch mehr werth, als das halbe Königreich, und zwar dieß hat sie gethan aus Anleitung ihrer Frau Mutter. Aber woher? warum? wessentwegen ist diese dem heiligen Mann so feind gewest? Frag' nit lang, wegen der Wahrheit, die er gered't hat. Non licet etc. Die Wahr heit war der Zundl, so dieses Feuer erwecket hat; die Wahrheit war der Letten, so dieses Wasser trüb gemacht hat; die Wahrheit war der Hammer, so also Larma geschlagen.

Es seynd fünfzehn Wörtl, welche von dem Buchstaben W anfangen und nach dem A, E, I, O, U gestellt wunderlich können zusammen gereimt werden.


Wahrheit, Weib, Wirth, Wort, Wunden,
Wald, Weber, Wirfl, Wolf, Wurst,
Wag', Weg, Wind, Woll', Wurm,

Nunmehr zurück reim' es also:

Ein Wurm der kriecht hin und her,
Ein' Woll' ist dem Schaf ein' Ehr',
Ein Wind der macht ei'm das Maul gar sper,
Ein' Weg den tritt jedermann sehr,
Ein' Wag' die zeigt was gering oder schwer.
[209] Item:

Ein' Wurst thut den Hunger stillen,
Ein Wolf will sein' Wagen füllen,
Ein Wirft macht im Spiel viel Grillen,
Ein Weber tanzt und gumpt über Willen,
Ein Wald thut oft manchen Dieb verhüllen.
Item:

Die Wunden thut man verbinden,
Die Wort' verursachen viel Sünden,
Die Wirth' können die Kreiden doppelt finden,
Der Weiber List ist hart zu ergründen,
Die Wahrheit thut man schinden.

Das hat erfahren jener bei Hof Henrici des Vierten Königs zu Castella, welcher ohne Scheu mit löblicher Freiheit kein Blättl für das Maul genommen, sondern ganz rund und klar, unvermantlet die Wahrheit heraus geredet, welches aber den König also verbittert gemacht, daß er alsobald befohlen, diesem die Zung' heraus zu schneiden, welchen tyrannischen Befehl man auch unverzüglich vollzogen. Aber Gott wollte auch durch ein scheinbares Wunderwerk zeigen, wie angenehm vor seinen göttlichen Augen seynd diejenigen, welche unerschrocken großen Herren die Wahrheit vortragen. Da man besagte ausgeschnittene Zung' [210] an den lichten Galgen gehenket, geheft', hat dieser unschuldige Tropf ohne Zungen in Beiwesenheit einer großen Menge Volks anfangen zu reden und höchst protestirt wider diese Unschuld, daß eine so wahrhafte Zung' solle an ein so unehrliches Holz geheftet seyn. – Das hat erfahren auch jener Prediger in Italia, welcher einst ganz reisfertig mit Stiefel und Sporn auf die Kanzel kommen, das Pferd aber auswendig an die Kirchen gebunden. Ueber welchen Aufzug entfremdeten sich alle Zuhörer nit ein wenig, und machten hierüber allerlei seltsame Gedanken. Besagter Pater aber fängt an mit einem apostolischen Eifer die Wahrheit einem großen Herrn zu predigen, nicht ungleich einem tarsensischen Paulo zu Rom. Nach solcher vollbrachter Predigt aber war schon ein Lakey bei der Stiege der Kanzel, welcher dem herabsteigenden Patri aus Befehl seines Herrn augekünd't: er soll sich alsobald und unverzüglich hintan machen, wofern er einem großen Unglück entgehen will. Gut! gut! sagt der Prediger, das hab' ich wohl vorgesehen, daß mir die Wahrheit werde das Quartier aufsagen und einen schnellen Marsch verursachen, wessentwegen ich mich fein vorhero reisfertig gemacht hab'. A Dio! so behüt' euch Gott! Und ihr Herren Prediger, werft lieber einem großen Herrn einen Stein' in den Buckel als die Wahrheit, ihr werdet nicht also grob einbüßen! [211] O wie wahr ist es von der Wahrheit, was der Poet sagt:


Fugit potentum limina veritas
Quamquam salutis nuntia.

(Auf deutsch weiß ich nicht, wie es heißt.)

Mein Jehu, wie ist es dir ergangen bei dem König Baasa, wie du das Maul gar zu weit hast aufgethan und die Wahrheit gered't? Antw. Das Leben hab' ich dessenthalben verloren.

Mein Michäas, wie ist dir geschehen, als du dem Achab die Wahrheit unter die Nasen gerieben? Antw. Ich hab' mich nicht mehr dürfen sehen lassen.

Mein Hanan, was ist dir begegnet, wie du dem König Asa die Wahrheit vorgetragen? Antw. Uebel, übel, übel.

Mein Zacharias, was hast du müssen ausstehen von dem König Joas, da du ihm ohne Scheu die Wahrheit vorgelegt? Antw. Ich bin versteiniget worden.

Mein Jeremias, was hat dir die Wahrheit auf[212] den Rucken geladen als du selbige nach dem Hof Sedechiä des Königs gebracht? Antw. In den finstern Kerker bin ich geworfen worden.

Mein Baruch, was hast du dazumalen ausgestanden, wie du die Wahrheit bei dem König Joachim aus Tags-Licht gebracht? Antw. Wann er mich dazumalen erwischt hätte, hätte es meinen Kopf golten; aber Gott wollte es nicht haben.

Mein Daniel, was haben dir die Herren von Babylon für einen Lohn erstattet, als du ihnen die Wahrheit als eine kostbare Waar' verkaufet? Antw. In die Löwen-Gruben bin ich gestürzet worden.

Nicht änderst ist es ergangen denen zwölf Aposteln, nicht änderst 27 römischen Päbsten, nicht anderst der Kaiserinn Serenä, nicht anderst dem König Olano, nicht anderst der königlichen Prinzessin Dimpna, nicht anderst dem königlichen Prinzen Hermenegildo, nicht anderst dem Fürsten Gallicano, nicht anderst denen Edel-Leuten Sebastiane, Mauritio, nicht anderst dem Raths-Herrn Apollonio, nicht anderst ist es ergangen eilf Millionen Menschen, welche alle der Wahrheit wegen umgebracht worden. Und du, Gottes Sohn Jesu Christe, selbst bist versucht worden wie Job, bist verfolgt worden wie David, bist verachtet worden wie Gedeon, bist verkauft worden wie Joseph, bist übergeben worden wie Amasa, bist gebunden worden wie Samson, bist angeklagt worden wie Abner, bist verspott' [213] worden wie Elisäus, bist entblößt worden wie Jeremias, bist geschlagen worden wie Michäas, bist gekreuziget worden wie die Machabäer, bist aufgehenkt worden wie die eherne Schlang', bist umgebracht worden wie Abel, bist durchstochen worden wie Absalon, hast mehr gelitten als die eilf Millionen Menschen – um keiner andern Ursach' willen als wegen der Wahrheit. Prediger, was geschleht dir? Was ist dem heil. Paulo begegnet? Den haben die Herren Galater für einen irdischen Engel gehalten, haben seine Predigten mit solcher Lust angehöret, daß sie ihn eine Posaune des Himmels benamset; die Kinder auf der Gassen haben mit Fingern gedeut' auf Paulum und ihn allerseits gepriesen. DerPaulus, des Pauli, dem Paulo, den Paulum, o Paule, vom Paulo: Vom Paulo war keine andere Red' als Lob; o Paule, sagt ein jeder, gebenedeit ist deine Zung'! den Paulum hat man wegen seines Predigen für ein Wunderwerk ausgeschrien; dem Paulo hat man aller Orten Ehr' und Reverenz erzeiget; des Pauli Wörter waren lauter Magnet, so die Herzen gezogen; der Paulus war bei den Galatern so angenehm, daß sie ihn, wie ihre eigene Seel' liebten. Wie er dann selbsten sagt: Testimonium enim perhibeo, quia si fieri posset, oculos [214] vestros eruissetis et dedissetis mihi: »Ich bekenne es selbsten, meine Herren Galater, daß ihr hättet euere Augen ausgestochen und mir geben aus lauter Lieb«. – Ihr Herren Galater seyd halt galante Leut'! Gemach! nachdem Paulus hat angefangen scharf zu predigen: »O insensati Galatae! o ihr sinnlosen Galater, sagt er, wer hat euch verzaubert, der Wahrheit zu widerstreben? seyd ihr Thoren, daß ihr mit dem Geist habt angefangt und nunmehr mit dem Fleisch endet?« Wie Paulus solche scharfe Saiten aufgezogen, da hat ihm kein einiger mehr mit dem Fuß Reverenz gemacht, ja man hätt' ihn lieber mit Füßen treten; keiner hat ihm mehr eine Ehr' erzeigt, man hat ihm davor den Rucken zeigt; keiner hat ihn mehr angelacht, sondern nur ausgelacht, keiner hat ihm mehr die Herberg' anerboten, sondern die Herberg' aufgesagt;alle waren wider ihn: »Inimicus factus sum vobis veritatem dicens

So lang ein Prediger eine schöne, zierliche, wohlbered'te, eine aufgeputzte, mit Fabeln und sinnreichen Sprüchen unterspickte Predigt macht, da ist jedermann gut Freund: Vivat der Pater Prediger! ein wackerer Mann, ich hör' ihm mit Lust zu! etc. Wenn er aber einen scharfen Ernst anfängt zu zeigen mit Paulo: O insensati Germani, o insensati Christiani! etc. wann [215] er anfängt großen Herren die Wahrheit zu sagen: sie sollen doch einmal die Brillen brauchen und nit allzeit durch die Finger schauen! sie sollen doch mit der Justiz nicht umgehen als mit einem Spinnen-Geweb', allwo die großen Vögel durchbrechen, die kleinen Mücken hangen bleiben; sie sollen doch nicht seyn wie die Destillir-Kolben, welche aus den Blumen den letzten Tropfen heraus saugen; – wann er anfängt, die Wahrheit zu predigen denen hohen Ministris und Räthen: sie sollen lernen, drei zählen, sie sollen jene Lektion recht lernen, welche Christus seinen Geheimsten gegeben: visionem, quam vidistis, nemini dexeritis! – wann er anfängt, den Edel-Leuten die Wahrheit zu predigen, daß sie denen Barbierern in ihre Profession eingreifen, und ihr mehristes Einkommen nicht im Wein oder Treib, sondern in Zwieblen stehe, weilen sie die Bauren gar zu stark zwieblen; – wann er die Wahrheit sagt denen Geistlichen, daß sie gar oft seynd wie die Glocken, welche andern in die Kirchen leuten und sie selber bleiben daraus; daß sie gar oft seynd wie die Zimmerleut' des Noe, welche anderen die Arche gebauet, daß sie sich salviret, und sie selbsten seynd zu Grund gangen; daß viel Geistliche seynd wie die Nacht-Eulen, welche das Oel bei nächtlicher [216] Weil aus denen Lampem aussaufen und sich von der Kirche erhalten und sonst nichts nutzen; – wann er die Wahrheit sagt denen Soldaten, daß sie halsstärriger Meinung seynd als sey ihr Gewissen auch privilegirt! – aber da heißt es Privilegia Brief-Lügen; die Wahrheit dem Magistrat und Obrigkeiten, daß sie gar oft seynd wie eine Spital-Suppen, worauf wenig Augen; die Wahrheit denen Mautnern und Beamten, daß sie gar zu barmherzig seynd, nicht zwar in Beherbergung der Fremdling', wohl aber des fremden Guts; die Wahrheit denen Zimmerleuten, daß man bei ihnen allzeit frische Spän', aber zugleich faule Gespän' finde; die Wahrheit denen Bäckern, daß sie gar oft solche Leut' seyn, welche Mehl genug, aber zu wenig Teig zu den Semmeln nehmen; die Wahrheit denen Gärtnern, daß sie gar oft den Garten säubern, aber das Gewissen lassen verwachsen, und nichts mehrers pflanzen, als das Weinkräutl; die Wahrheit denen Wirthen, daß sie gar oft Kein-Wein für Rhein-Wein,Lugenberger für Lutenberger ausgeben und öfters auch dem Tuchscheerer in die Arbeit greifen; die Wahrheit den Bauern, daß sie sich zwar einfältig stellen, aber so einfältig, wie die Schweizer-Hosen, so hundert Falten haben; die Wahrheit denen Kindern, daß sie denen Passauer-Klingen nicht nacharten, dero beste Prob' ist, wann sie sich biegen lassen; [217] die Wahrheit den Frauen-Zimmern, daß sie gar zu viel ziehen an dem Schweif des Rocks, zu wenig um den Hals tragen; die Wahrheit den gemeinen Weibern, daß sie fast die Natur einer Uhr an sich haben, welche nie ohne Unruh, etc.; – wann dergestalten der Prediger den Scharfhobel brauchen wird, wann er auf solche Weis' wird die Wahrheit reden, so bringt ihm solches Reden Rädern, so bringen ihm solche WörterSchwerter, so bringt ihm solches Sagen Klagen: Inimicus factus sum dicens, er verfeindet sich allenthalben, sein Auditorium wird bald die Schwindsucht leiden, die Kirchen-Stühl' werden bald lauter Quartier' der alten Weiber werden, die Kirche wird bald werden wie ein abgebrochener Jahrmarkt, an allen Orten wird man hören: Was key ich mich um den Prediger! Sic facta est veritas in aversionem.

Madame, fragte ich weiter, meine Frau Wahrheit, wie, daß ihr ein' solchen langen mit Blumen gestickten Mantel tragt, und was soll heißen der lange Fuchsschweif um den Hals? habt ihr denn einen Katarrh, daß ihr also den Hals warm haltet? Nein, antwortet sie mir, mein Pater, den geblümten Mantel trag' ich schon lang, denn man thut mich Wahrheit allenthalben vermantlen und verblümen; den [218] Fuchsschweif trag' ich aber um den Hals, weilen das Schmeichlen gemeiniglich nicht weit von hohen Häuptern. – Ueber dieß, muß ich bekennen, bin ich zornig vorden, reiß ihr die Kleider vom Leib, hab's gleich dem nächsten nothleidenden Bettler, welcher diesem ganzen Handel zugeschauet, geschenket. – Der Fuchsschweif hat ihm gar wohl getaugt, denn ich hörte, daß er gleich die nächste vorbeigehende Frau, welche eines sehr häßlichen Gesicht's war, mit seinen bettlerschen Complimenten angeredet: »Meine schöne, hübsche, wackere, guldene Frau!« etc. Ich aber erkenne für recht, daß die Wahrheit durch mich ausgezogen und ausgemantlet worden; denn also soll sie seyn, muß seyn, darf seyn bloß.

Wie der eifervolle Prophet Elias durch einen feurigen Wagen ins Paradeis verzucket worden, hat er seinem liebsten Elisäo seinen Mantel herunter geworfen. Ich glaube schier, der heilige Mann hab' sich mit dem Mantel nicht vor Gott getrauet, wenigst ist das wahr, daß ein Prediger schwer vor Gottes Angesicht bestehen werde, wann er die Wahrheit vermantlet; sondern es ist eine starke, verpflichte Schuldigkeit allen, allezeit, allemal, allerseits die bloße Wahrheit zu predigen, predigen sein ernstlich mit dem Propheten Osea wider das Laster der Vollheit, predigen fein eifrig mit dem hl. Paulo wider die Sünd' des Neids, predigen fein unerschrocken mit dem Tod wider das Laster des Zorns, predigen fein scharf mit dem Propheten Amos wider das Laster der Geilheit, predigen fein klar mit dem Propheten Malachias wider das Laster der Hoffart. Petrus, aus Befehl des Herrn, [219] greift einem Fisch in das Maul und findet darinnen eine schöne Münz': nicht weniger soll in eines Prediger Mund eine solche schöne, schneeweiße, silberne Münz, verstehe die unversehrte Wahrheit, gefunden werden. Der Prophet Nathan hat sich kein Blatt vor das Maul genommen, wie er vor den König David getreten und ihm seine große Schandthat unter die Augen gestellt; der Prophet Jonas hat das Maul ziemlich aufgemacht, wie er denen Ninivitern ihr leichtfertiges, lasterhaftes Leben vorgeworfen: Alle rechtschaffenen Diener Gottes scheuen sich nicht, die Wahrheit zu sagen, und wollen lieber zu Verona bleiben, als nachPlacenza reisen. So hat gethan der hl. Ambrosius dem Theodosio, so hat gethan Puppo dem Henrico, so hat gethan Dunstanus dem Edgaro, so hat gethan Franziskus Paulanus dem König zu Neapel, welcher ihm ein kloster zu bauen auerboten, solches aber der heilige Mann nicht allein geweigert, sondern ihm noch seine tyrannischen Exactiones; und Anlagen der Unterthanen scharf verwiesen, [220] auch einen Ducaten mitten von einander gebrochen, woraus das helle Blut geflossen, anzuzeigen, daß solches von denen armen Unterthanen erzwungenes Geld, ein Blut der Armen seye. Nicht unrecht hat gethan jener Prediger, welcher einen großen Herrn auf der Kanzel ziemlich getroffen, und als ihm dessenthalben solcher mit lachendem Mund vorrupfte, sprechend: Herr Pater, heut' habt Ihr mir ein gutes im Pelz gegeben! Es ist mir Leid, sagt hinwieder der Pater, daß ich Euer Gnaden nur den Pelz getroffen, es war meine Meinung, Ihnen gar das Herz zu berühren. Deßgleichen muß auch nicht schmeichlen im Beichtstuhl der Beichtvater. – Des Davids seine Abgesandte haben es sehr hart empfunden, wie ihnen der amonitische König mit ihren Bärten also schmählich und schmerzlich verfahren: also wird es freilich wohl diesem oder jenem Herrn verschmähen, wann du ihm, will nit sagen, wirst den Bart abschneiden, sondern die Wahrheit wohl in Bart reiben. Da wird er dich für einen ungesalzenen Seelenfischer taufen; schadet aber nicht! gedenke nur, die Wahrheit pflegt man mit keinen andern Complimenten zu empfangen. Es beichtet dir dein Ordinari-Beichtkind, ein wackerer Herr: er habe mehrmalen dem sechsten Gebot ein Ziemliches versetzt; dem sag' du fein die Wahrheit: Mein lieber Mensch, Er verheißt allemalen die Besserung, seyd aber eine Ratz', welche [221] das Mausen nicht lasset! schafft mir das heimliche Wildpret aus Eurem Haus, damit die Gelegenheit vermeidet seye, oder ich absolvire euch nit, nit, nit! – Ey! das ist ein grober Schnitt, Pater, das thut dem Herrn wehe! er ist ein solcher, der beim Brett sitzet; dergestalten wird er sich einen andern Beichtvater suchen und nachmals dir und deinem Kloster merklich zu einem Nachtheil werden! Schad't nit, sagt ein rechtschaffener Mann, mit dem Fuchsschweif kann der Meßner oder Kirchen-Diener wohl den Beichtstuhl abstauben, aber bei mir hat solcher nit Statt; schmeichlen mag ich nit, damit nicht etwann seine Seel' (o theurer Schatz!) und meine Seel' (o einiges Kleinod!) einen unglückseligen Schiffbruch leiden.

Ein mancher wird nicht ohne sondere Verwunderung bald reich, der vorhero mit Codro in Gesellschaft war. Daß der Kürbiß des Jonas sobald aufgewachsen, ist ein Mirakul gewest, daß Petrus auf einmal so viel Fisch' gefangen, ist ein Mirakul gewest; daß solcher aber aus einem armen so bald ein reicher Herr wird, ist etwann kein Mirakul, sondern eine Makul. Dieser kommt in Beichtstuhl, sagt neben anderm: er habe in seinem Amt das serve [222] nequam gespielt, er wolle aber sehen, daß er hinfüro mit größerem Fleiß das Amt verwalte und also seinem Herrn zu fernerem Nutzen gereiche. Was soll hierinfalls der Pater thun? Heraus mit der Wahrheit! redde, gibs wieder, oder ich absolvir euch nicht! denn also hat das Reddo denZachäum gerechtfertiget. Holla Pater! der Herr hat dem Kloster viel gedienet, schickt und schenkt, schenkt und schickt oft einen guten Wein! etc. Schad't nicht, sagt ein gewissenhafter Mann, die Wahrheit, und zwar die unverfälschte, die Wahrheit, und zwar die unverblümte, die Wahrheit, und zwar die unvermantlete, gebührt mir zu reden! Christus der Herr ist auch von den Pharisäern zu Gast geladen worden: unangesehen dieß hat er auf keine Weis' schmeichlen wollen, sondern ihnen die bloße Wahrheit unter die Augen gestellt, da er von Ochsen und Eseln die Gleichnuß geben, welche sie auch an dem Sabbath aus dem Brunn' ziehen. Der gebenedeite Heiland hat den Aposteln und uns Priestern allen den Titul geben: Von estis Sal terrae: Ihr seyd das Salz der Erden. Er hat nicht gesagt: Ihr seyd ein Zucker, sondern ein Salz, welches beißt, muß also ein Prediger, ein Beichtvater sich wohl herum beißen und die Wahrheit reden. Wenn er dießfalls den Todten-G'sang singt: Placebo domino, so stürzt er auch seine eigene Seel' in den Tod. Er muß nicht fragen, was er für ein Liedel [223] soll aufmachen, sondern was ihm der Geist Gottes und die liebe Wahrheit vorbildet. Wollte Gott, es gescheheten hierinfalls keine Fehler! aber wie mancher Beichtvater gibt seinem Patienten das Geleit' in die Höll'! – Es konnten allhier dergleichen Geschichten wohl beigesetzt werden, welche ich aber Kürze halber umgehe und auch nicht begehre, den Beichtvater zu unterrichten, weilen ich glaube, er werde ohne das mit sattsamer Wissenschaft versehen seyn.

Es klagten vor diesem nicht ein wenig die Philistäer, daß ihnen der Samson mit den Fuchsschweifen so großen Schaden ihren Treid-Feldern zugefügt; aber in aller Wahrheit ist um ein ziemliches merklicher der Schaden, den viel der Zeiten von dem Fuchsschweif ihrer Schmeichler leiden, welche Ohren-Titler, Achsel-Träger, Lock-Vögel, Tafel-Hansen, Maulmacher, Zungen-Drescher, Schüssel-Geiger, Kuchel-Mucken, Hof-Katzen sich mehrist bei großen Herren einfinden.

Ein solcher war jener Edlmann, Franziskus Brianus, welcher alles golten, da er doch nichts werth war, bei Henriko dem Achten, König in England, indem dieser engeländische König gar nit englisch lebte, und nit allein Annam Bolenam, sondern auch ihre Mutter in seine lasterhaften Begierden gezogen. Dieser stinkende Heliogabolus fragte einst gedachten seinen Zuschmeichler, ob es ein große Sünd'[224] sey, die Mutter samt der Tochter erkennen? worauf diese Hof-Katz' geantwortet: es sey eben so viel, als die Henn' sammt dem Hühnlein essen. Solche Vögel gehören auf keine andere Leim-Ruthe, als wo die Raben sitzen, solche Wäsch' muß kein anderer aufhenken, als der Meister Knüpfauf, solche Häls' verdienen keinen andern Kragen, als die der Seiler spendiret, ja solche Mäuler und Maul-Schmied' gehören in keine andere Schmiede, als dort, wo es heißt: Ite in ignem aeternum, gehet hin in das ewige Feu'r! – Fast desgleichen G'lichters war jener Hof-Herr zu Paris, welcher in allen Dingen dem König das Placebo gesungen. Da er auf eine Zeit vermerkte, daß Ihre Majestät wegen Geld-Mangel in etwas betrübet, hat er dem König allerlei Rathschläg' an die Hand geben: Was? sagte er, die Bauren seynd Lauren, so lang sie dauren, wann sie auch wohnten hinter hundert marmorsteinernen Mauren; diese Trampel muß man darbieten wie die Lämbel, diese Kälber muß man stutzen wie die Felder, diese Blöck' muß man beschneiden wie die Weinstöck', diese Kegel muß man rupfen wie die Vögel, diese Aas muß man schaben wie den Käs; Ihro Majestät thun eins und schlagen eine Maut auf Butter und Schmalz, auf Pfeffer und Salz, auf Linsen und Brein, auf Vier und Wein, auf Vögel und Tauben, auf Pfersich und Trauben, auf Arbeiß und Bohnen, auf Ruben und Rannen, was die Bauren auf den Markt tragen, und dieß [225] nur zwei Jahr' hindurch; allergnädigster Herr, Sie werden handgreiflich spüren, was Mittel kann bringen ein Bauren-Kittel!' – Diesen Rath hat er dessentwegen dem König eingerieben, damit er ein Frater Placidus bei Hof seye. Der König war hierinfalls leicht beweglich, folget dem schlimmen Schmutz-Engel und vermerkt bald, daß zweihundert und vierzig Pfennig auch einen Gulden machen, welches ihm noch mehrern Anlaß gemacht, größere Mauten aufzurichten. Dieß hat dem Hof-Fuchsen einen solchen Gewissens-Wurm eingejaget und im Balg gesetzet, daß er derenthalben öfters geseufzet und in seinem letzten Willen, in seinem Testament, ernstlich verschafft, daß man nach seinem Tod' den Körper in kein anderes Ort begraben solle, als in jene Senkgruben, wohin aller Unflat rinnet von jenem Markt, aus dem er solche Maut aufgebracht.

Solche Gesellen gehören in die Luft, denn sie seynd wie die Luft. Dieses Element ist ein natürlicher Entwurf eines Schmeichlers; denn die Luft ist in sich selber weder warm, weder kalt, weder licht, weder finster, weder trocken, weder feucht, sondern sie accommodirt sich, wie der Himmel ist: ist solcher kalt, so ist auch die Luft kalt, ist solcher warm, so ist auch die Luft warm. Diese Eigenschaften find't man und gründ't man bei den Schmeichlern, welche sich [226] ganz und gar richten und schlichten nach ihrer Herrn Neigung. Ist der Herr geneigt zum Löfflen, so wird der Schmeichler nichts anderst reden, als von lauter Löffelanden; sagt der Herr! mir gefallen diese Geistlichen nicht, so schwätzt der Schmeichler: ja! ja Herr, sie seynd nie weit her; sagt der Herr: ich glaub', die Prediger machen den Teufel gar zu schwarz, was plaudert anderst der Schmeichler darauf, als das: der Himmel ist ja nit für die Gäns' gebauet? sagt der Herr: das sechste Gebot biegen ist keine so große Sünd' nit; mein' wohl, schwätzet der Schmeichler, in Italien und anderen Orten ist es auch der Brauch; sagt der Herr: mich schläfert, so thut sich der Schmeichler ranzen; sagt der Herr: es frieret mich, so thut der Schmeichler zitteren, wann es auch im Julio ist; thut der Herr hinken, so geht der Schmeichler krumm, ist der Herr einem passioniret, so hilft diesen der Schmeichler verfolgen, etc. Die Luft hat noch eine andere Eigenschaft, daß sie nemlich Alles zutraget: Wann man allhier im Grätzer-Schloß die große Glocke läutet, so hört sie der Bauer und Hauer oft eine Stund' weit: wer trägt ihm einen solchen Klang zu? niemand anderer als die Luft; diese ist ein allgemeiner Zutrager aller Hall, Schall und Knall und Fall etc. Nicht viel anderst ist gesitt' und gesinnt der Schmeichler, [227] welcher auch alles, was er sieht, hört, greift, schmeckt, kost', fühlt, merkt, liest, etc. seinem Herrn zuträgt und noch dasselbe vergrößert, verkleinert, verweißt, verschwärzet, vermehrt, verringert, verengelt, verteufelt etc. nach seines Herrn Neigen, Lust und Gust. O Schelm!

Solche Schelmen seynd sie wie die Goldmacher oder Chemici, die wollen aus Blei und Kupfer Gold machen: Also pflegen auch die Schmeichler die größten Schelmstuck zu beschönen. Solche Gesellen seynd sie wie ein Spiegel: dieser gläserne Aff' thut alles nach, was er sieht, mit dem Lachenden schmutzt er, mit dem Weinenden hat er nasse Augen. Im gleichen Model ist gossen, nach gleichen Modell ist geformt der Schmeichler. Solche Gesellen seynd gleich der Blume Solsequium oder Sonnenwend': diese wend't sich und lehnt sich und blendt sich dorthin, wo die Sonnen ist; also tanzt auch der Schmeichler das Liedel, welches sein Herr geigt. Solche Gesellen seynd wie die Geiß', welche einen Baum lecken und schlecken, aber mit solcher Zung' ihm die Kräften nehmen, daß er nachmals verdirbt. Solche Gesellen seynd wie das Wintergrün, welches den Baum umfängt, umhalst, umarmt, aber zugleich ihm die Kraft und Saft nimmt, daß er verdirbt. O wie viel Schmeichler-Zungen haben andere in das Verderben gebracht! Was dem Raben begegegnet, ist oft manchen Menschen und vornehmen Herrn widerfahren. Der Rab' hatte einst ein ziemlich gutes und großes Stück Käs entfremdet und darmit [228] im Schnabel auf einen Baum geflogen. Als solches der arge Fuchs wahrgenommen, ist er ganz hurtig dahin geloffen und den Raben angefangen zu loben. Ey! ey! ey! sagt er, das ist ein Vogel, laß mir diesen einen schönen Vogel seyn, hab' mein Lebenlang keinen dergleichen Vogel gesehen! du bist gewiß der Paradeis-Vogel oder der berühmte Phönix? deine Mutter muß sich an dem Sammet ersehen haben, wie sie auf den Eiern gesessen! hast du doch ein Paar Augen, welche gleichsam den Glanz von der Sonne zu leihen genommen! deine Klauen, als so wunderlich erschaffene Waffen, verrathen dich, daß du von einem martialischen Geblüt herstammest! deines gleichen wird wohl nicht unter dem adelichen Geschlecht der Vögel zu finden seyn! o du schöne Kreatur! wie recht ist es geschehen, daß man die berühmte Festung in Ungarn nach deinem Namen Raab genennet hat! Ein Ding, mein auserwählter Vogel, möcht' ich doch gern wissen, weilen in allem die Natur gegen dich so freigebig gewest, was du nemlich für eine Stimm' wirst haben? wann ich dich nur, ansehnlicher Vogel, hörte singen, so wollte ich mich für den glückseligsten Fuchsten erkennen! Ey, ey, ey, das ist in Vogel! – Der Rab' glaubt dem Schmeichler in allem, übernimmt [229] nimmt sich des großen Lob's, sperrt den Schnabel in alle Weit' auf, zu singen. Unterdessen fällt ihm das große Stück Käs aus dem Schnabel. Der Fuchs schnappt und tappt darauf und lauft mit dieser Collation darvon. – O wie oft geschicht, was da ist gedicht! wie mancher Schmeichler hält sich bei Haus und Hof, auf eines reichen und vornehmen Herrn, bei dem er Wein und Brein willen, Schüssel und Bissel halber, Fisch und Tisch wegen nichts anderst im Maul führt als lauter Lob! der Galgen-Vogel gibt eine Lerche ab, das ist Alaudam, ein Lob-Vogel; ja er nimmt die Art an sich eines Fisches im Meer, mit Namen Fasten, von dem Belluacensis schreibt, daß in dessen Maul das gesalzene und bittere Meer-Masser in süßes verkehrt werde, wordurch er die unbehutsamen Fischel zu sich locket und nachmalens verschlucket. Ein solcher Zungen-Drescher wird öfters in seinem verlogenen Maul das bittere Wasser in ein süßes verwandlen, das Böse gut machen, die Laster für Tugenden taufen und Maus-Koth für Anis-Zucker verkaufen, damit er nur seinen Herrn nit aus der Wiege und sich selber nit aus der Schmarotz-Kost werfe: Ist der Herr ein lauterer Ehebrecher, so nennt ihn der Schmeichler einen galanten freundlichen Mann; ist der Herr ein Geizhals, so tauft ihn der Ohren-Titler [230] einen guten Wirth; ist der Herr ein verlogener und falscher Bösewicht, so heißt ihn der Schmeichler einen Hofmann; ist der Herr ein Dieb und Partitenmacher, so nennt ihn der Zungen-Drescher einen wachsamen Mann, der auf das Seinige wohl Achtung gibt; ist der Herr ein stolzer Feder-Hans, der fast keinen grüßt, so heißt ihn der Schmeichler einen ehrbaren Signor etc.; ist der Herr ein rothnasiger Weingrill und versoffener Badschwamm, so nennt ihn der Schmeichler einen lustigen Mann, der ein Gläsel Wein bescheid thut. Seithero die Schmeichler im Gang und Klang und Prang seynd, so ist die Leichtfertigkeit eine Freundlichkeit, der Zorn ein Ernst, der Diebstahl eine Wirthschaft, die Schmeichlerei eine Politica, die Unzucht eine Vertraulichkeit, die Hoffart eine Modi, die Rachgierigkeit eine Bravada, der Teufel ein Engel worden. Saubere Gesellen!

David der König bittet mit folgsamen Worten:Oleum autem Peccatoris non impinguet caput meum: das Oel des Sünders soll meinen Kopf nicht feist machen. Was versteht David allhier für ein Oel? Scorpion-Oel? Nein; Mandel-Oel? Nein; Rosen-Oel? Nein; Lilien-Oel? Nein; sondern er verstehet hierdurch dieSchmeichlerei. Denn solche ganz lind und glimpflich, und sich mehresttheil nur [231] beim Haupt aufhaltet, beim Haupt im Land, beim Haupt in der Stadt, beim Haupt im Kloster, beim Haupt im Haus. Dieß ist ein Oel, welches gar oft und vielfältig dasHauptwehe verursachet.

In dem Leben des hl. Nikolai wird verzeichnet, wie daß einst etliche andächtige Kirch- und Wallfahrter auf dem Meer' sich befunden, Willens die Kirchen des hl. Nikolai zu besuchen. Wie sie nun mit glücklichem Wind fortgeseglet, so begegnet ihnen eine wackere ansehnliche Dama in einem kleinen Schiffel, redet die Pilgrim ganz freundlich an, wie daß sie doch wollten ihr die Gnad' und dem hl. Nikolao die Ehr' erweisen und dieses Geschirr, welches sie darreichte, mit sich nach St. Nikola nehmen, daselbsten mit dem kostbaren Oel, so in dieser Büchse verwahrt, die Kirchen-Wänd bestreichen; auf das hierdurch dem hl. Patron eine Ehr' und denen anwesenden Kirchfahrern eine Erquickung möchte geschehen. Die guten frommen Leut' nehmen solches Oel an, mit gewissem Verheißen, daß sie dero Willen in allem emsig vollziehen werden. Nachdem solche edle Frau wieder ihren Rückweg genommen, so erscheint ihnen der heil. Nikolaus selbst und' offenbaret, wie daß diese Frau der vermaskirte Teufel sey gewest, welcher gedachte Kirchen mit diesem ihnen gegebenen Oel in Aschen zu legen gesinnt seye, sollen demnach das verfluchte Oel in das Meer werfen, dafern sie großem Uebel entgehen wollen. Als sie nun solchen Befehl nachkommen, hat das Oel eine so ungeheurige Feuersbrunst in mitten der Meerwellen erweckt, daß sie alle wären, so nit der heil. Nikolaus hätte gnädige Beihilf' geleist', zu Grund gangen. –

[232] Diesem verdammtem Oel gleicht auch eine Schmeichlerei, Oleum peccatoris, durch welches schon so große Unglück' entstanden. Was das Schmeichlen verursacht hat der Dalilä, das hat Samson erfahren, was das Schmeichlen des Ammons hat ausgebrüt', das hat die Thamar erfahren, was das Schmeichlen der Jahel hat zugefügt, das hat Sisara erfahren, was das Schmeichlen eines Jakobs hat ausgezüchtet, das hat Esau erfahren, was das Schmeichlen eines Joab hat ausgezüglet, das hat Amasa erfahren, was das Schmeichlen der Schlangen im Paradeis hat zugericht, das hat Eva und alle Adams-Kinder erfahren; was Unglücks-Frucht von diesem Baum, was Unglücks-Wasser von diesem Brunn, was Unglücks-Brut von dieser Bestia, was Unglücks-Kraut von dieser Wurzel, was Unglücks-Kinder von dieser Mutter herkommen, haben's erfahren und erfahren es noch ganze hochfürstliche Höf', ganze Magistrat', ganze Republik', Klöster, Gemeinschaften und Wirthschaften. So verjagt denn solche Hof-Katze, ihr großen Herren, so vertreibt denn solche Haus-Füchs', ihr großen Häupter, so verwirft dann solche Ohren-Titler, ihr Magistrat, so verbandisirt denn solches Haus-Uebel, ihr Prälaten, Priores, Guardiani und Obrigkeiten aus denen Klöstern, und liebt dafür die schöne und bloße Wahrheit, welche eine Tochter des Himmels, eine Verwandte der göttlichen Majestät, ein Kleinod der Tugenden und eine Grundfest alles Guten ist! Das Wort [233] Veritas hat sieben Buchstaben. Gleichwie nun Gott der Allmächtige am siebenten Tag' in Erschaffung der Welt geruhet hat, also find't er auch eine beliebige Ruhe in diesen sieben Buchstaben Veritas. Gedenkt, daß unser gebenedeiter Heiland Jesus das Wörtl Amen hundertmal aus seinem göttlichen Mund' gelassen, wie die Evangelisten von ihm registriren; daß also bei ihm solches fast zu einem Sprichwort worden, aus Ursachen, weilen Amen so viel als Wahrheit heißt; ja sogar nennte er sich die Wahrheit selbst: Ego sum Veritas. Dessenthalben wollte er auf dem hohen Berg Calvariä ganz nackend und bloß sterben, zu zeigen, die Wahrheit muß bloß seyn und nicht vermantlet, wie bei den Schmeichlern, dergleichen gewest Judas der Erz Schelm bei dem Hof des Pilati, etc.

Judas der Erz-Schelm ermordet seinen leiblichen Vater Ruben
Judas der Erz-Schelm ermordet seinen leiblichen Vater Ruben.

Als einst Pilatus in seinem Pallast unter dem Fenster eine annehmliche Herbst-Luft schöpfte, sah er in dem nächst angränzenden Garten einen überaus fruchtbaren Apfelbaum, worauf die zeitigen Früchte und schönes Obst ihm dergestalt die Zähn' kitzleten, daß er öffentlich zu verstehen gab, er möchte solches [234] Eva-Confekt verkosten. Kaum, daß solches der Hof-Schalk Judas vernommen, ist er alsbald mit eilfertigen Füssen in den Garten gestiegen, daselbsten ein Prob-Stuck seiner künftigen Diebsstuck' erwiesen und das beste Obst entfremdet. Als ihm aber solche Frechheit und keckes Bubenstuck der alte Ruben, dem der Garten zugehörig, scharf verwiesen und ungezweiflet den Judam mit schmählichen Schelm- und Diebs-Titul bewillkommt, hat es ihm dermassen den Busen verwundet – weilen er als ein bisheriger Hofmann dergleichen Grüß' nicht gewohnt – daß er in einem ungezaumten Grimmen einen grossen Stein erwischt, mit demselben den Ruben also au die Schläf' getroffen, daß er alsobald geistlos niedergesunken und Tod's verblichen. Hat also der Erz-Bösewicht seinen leiblichen Vatern, den er zwar nicht gekennt noch von ihm erkannt worden, mit mörderischen Händen erlegt und ihm das Leben genommen, von dem er das Leben ererbt! O Kinder! O Kinder! Kinder hüt' euch doch, daß ihr euere lieben Eltern nicht beleidiget!

Ein brüllender Löw' in Afrika, ein reißender Wolf in Apulia, ein blutdürstiger Tieger in Armenia, ein giftiger Drach in Epiro, ein schädlicher Bar in Scotia, ein wildes Krokodil in Iberia ist nit, ist nit, ist nit so[235] erschrecklich wie ein Kind, welches seine Eltern beleidiget! Des Esau sein Haß ist eine große Sünd' gewest, des Kain sein Neid ist eine große Sünd' gewest, des Aman seine Hoffahrt ist eine große Sund' gewest, des Achan sein Diebstahl ist eine große Sünd' gewest; aber noch eine größere Sund' ist die Undankbarkeit deren Kinder gegen ihre Eltern! Ein Kind, welches seine Eltern übel anschaut, ist werth, daß es keine anderen Augen soll haben, als gehabt hat der alte Tobias, wie er von den Schwalben den Schaden gelitten; ein Kind, welches von seinen Eltern übel redet, ist werth, daß es keine andere Zung' soll haben, als gehabt hat Zacharias, zur Zeit, als seine Elisabeth schwanger gangen; ein Kind, welches seine Eltern schlägt, ist werth, daß es soll keine anderen Händ' haben, als es gehabt hat jener Lahme zu Capharnaum; ein Kind, welches nach seinen Eltern stoßet, ist werth, daß es keine andere Füß' habe, als gehabt hat jener Krumme bei der schönen Porten zu Jerusalem.

Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat derentwegen in dem Garten von den hebräischen Lotters-Buben wollen gefangen werden, damit er im Garten anfange die Schuld zu bezahlen, welche Adam gemacht hat im Garten! Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat derentwegen im Garten von Malcho dem Bösewicht einen harten Backenstreich leiden wollen, weilen Adam eine Maultasche verdienet hat wegen feiner gethanen Lug im Paradeis! Merks wohl, mein Christ: dein Christus ist derentwegen mit harten Geißlen geschlagen worden, damit er zeige, er sey das wahre Treidkörn'l, von denen Hebräern dergestalten ausgedroschen, [236] endlich gar in die Erd' geworfen, daß es den dritten Tag wiederum aufgangen und uns eine Frucht des Lebens worden! Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat derentwegen wollen den schweren Kreuzbaum auf seinen Achseln tragen, damit er ein Kreuz mache durch den Schuldbrief des Adams, worinnen du auch unterschrieben warest! Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat derentwegen wollen mit Dörnern gekrönt werden, damit du augenscheinlich kannst wahrnehmen, wie emsig er das verlorne Schäfel in der Wüsten durch Stauden und Hecken gesucht hat, daß ihm dessenthalben die Dörner noch im Kopf! Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat darum wollen nackend und bloß am Kreuz sterben, weilen er war die Wahrheit selbsten: Ego sum via, veritas et vita; damit du siehest, daß man die Wahrheit nit soll vermantlen oder verdecken, sondern fein bloß vorweisen! Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat darum wollen mit drei Nägeln an das bittere Kreuz-Holz angeheftet werden, damit du hinfüro auch all' dein Glück an diese Nägel henken sollest! Merks wohl, mein Christ: dein Christus hat darum wollen mit geneigtem Haupt sterben, inclinato capite, damit er dir weise, wie man solle durch die Himmels-Thür' eingehen, nemlich man muß sich bücken und demüthigen! Merks wohl, [237] mein Christ: dein Christus hat darum nach so bitterem Tod' aus der Seiten-Wunde Blut und Wasser rinnen lassen, und zwar auf die letzt das Wasser – denn wenn man ein Geschirr, worinnen Blut ist, will recht auswaschen, so nimmt man zuletzt ein Wasser, und schweibt dasselbe aus – also hat es dein Jesus gethan, damit er dir weise, daß er dir sein Blut bis auf den letzten Tropfen gespendiret habe. Was hast du ihm gethan? Merk alles dieses wohl, aber merk eines gar wohl, vergiß nicht, gedenke, mein Christ, daß dein Christus bis in den letzten Lebens-Athem, auch in den unermeßlichen Schmerzen und Tormenten seiner liebsten Mutter nicht vergessen, sondern dieselbe dem Joanni in seinen Schutz und Obacht anbefohlen: ecce Mater tua! Was noch mehr ist! viel heilige Lehrer halten es für ein sonderes Wunder, daß Mariä der Mutter Gottes weder der geringste Schimpf noch Unehr geschehen ist! Die Juden und das hebräische Lotters-Gesind' hat Tag und Nacht, früh und spät nachgesinnt, wie sie möchten diesen Jesum von Nazareth plagen, schimpfen, peinigen, spöttlen und alles Uebel anthun, und ist ihnen nie eingefallen, daß sie seiner Mutter auch sollen einen Spott erweisen, welches ihm, Jesu, nit eine geringe Herzens-Wunde gewest war; ja unter dem Kreuz, als die unmenschlichen Henkers Knechte allen Muthwillen getrieben, mit Würfeln [238] um die Kleider gespielt und allerlei Ungebühr, Feigen, Esel, Narren und tausenderlei Ausspottungen gezeiget: Moventes capita sua, auch mitten unter ihnen die Mutter Jesu war, so ist doch keiner gewest, der solche hätte auf die Seiten gestoßen, wie dergleichen Troß-Buben zu thun pflegen! ja sogar niemand sie mit den mindesten üblen Wort beleidiget! Denn solches wollte der gebenedeite Heiland nicht zulassen, sondern weilen es in seiner Gewalt stunde, befand er sich schuldig und verpflicht', alle Unehr von der Mutter abzukehren. Merks wohl, mein Christ, und erachte bei dir selbsten, ob dann jene können Christen genennet werden, welche nicht allein ihre Eltern vor Spott und Unehr nicht schützen, sondern dieselbigen noch hart beleidigen, sie zum fruhzeitigen Tod und Grab befördern! ja gar (o Ottern und Vippern-Brut!) gewaltthätige Händ' an sie anlegen! O ihr stein- und beinharte Gemüther! o ihr eisenharte und eiskalte Herzen! Ist dann möglich, daß euch das süße Wort Vater, das durchdringende Wort Mutter nicht soll erweichen? habt ihr dann ein so schlüpfriges Gedächtniß, daß euch gänzlich Alles entfallen, was ihr von euren liebsten Eltern empfangen? habt ihr vergessen die Schmerzen, mit denen euch die Mutter geboren? habt ihr vergessen das Speis-Gewölb, welches euch die Mutter auf ihrer Brust aufgeschlagen und euch auf Pelican-Art mit eigenem Blut ernährt hat? habt ihr denn vergessen so vieler tausend Busserl, [239] so ihr von den mütterlichen Lefzen habt eingenommen? wer hat euch von dem täglichen, ja oft stündlichen Pfuy – indem hierinfalls die jungen Schwalben manierlicher hausen in ihren Nestern – gesäubert und gereiniget, als eben die Mutter? wer hat euch das schlaflockende »Haia Popaia« öfters um Mitternacht bei der wankenden Wiege zugesungen, als eben die Mutter? wie oft habt ihr euch der Mutter um den Hals gewicklet wie ein Wintergrün um den Baum? wie oft hat euch die Mutter in ihren Armen, als in einer lebendigen Wiege, hin und her geschutzet, gleichwie ein Baum auf seinen Aesten einen rothen Apfel bei Winds-Zeiten zu thun pflegt? wer hat euch aus dem Koth, aus der Noth und öfters auch aus dem Tod' gezogen, als eben die Mutter? Eine guldene oder silberne Hals-Uhr braucht viel Aufziehens! – aber ihr, die ihr so vielfältig wie eine Uhr der Mutter um den Hals gehangen, braucht weit mehr Auferziehens, und sollt ihr an alle diese unzählbaren Gutthaten und Liebthaten nicht mehr denken? nit mehr an die Lieb, mit dero euch der Vater gezeugt? nit mehr an die Sorg, mit dero euch der Vater erzogen? nit mehr an die Gutthaten, mit welchem euch der Vater behäuset? ist euch denn die Natur also verwildet, daß der Brunn nicht mehr gedenket an den Ursprung, der Apfel nit mehr an den Baum, die Blum nit mehr an die Wurzel, der Topf nit mehr an den Hafner, der Essig nit mehr an den Wein, die Statua nicht mehr an den Bildhauer, das Kind nit mehr an den Vater und Mutter? So gedenkt aufs wenigst auf diese zwei Wort: Bibel und Uebel, wie stark euch die heiligeBibel auferlegt, die Eltern [240] zu verehren, und wasUebel ihr euch auf den Rucken ladet in Unterlassung dessen! etc.

Wie der allmächtige, allwissende, allgewaltige Gott dem Mosi die Tafel der zehen Gebot' eingehändiget auf dem hohen Berg Sinai, haben sich etliche Wunder dabei ereignet, und zwar erstlich: da solche der Mann Gottes von dem Berg herab getragen, hat er nit allein mit seinen Ohren ein großes Getümmel und einen ungeheurigen Jubelschall vernommen, sondern auch mit Augen erfahren, wasgestalten dieselben Ochsen-Köpf' ein guldenes Kalb für ihren Gott haben angebetet, und dabei nit ohne Verwunderung gespürt, daß die von Gottes Hand geschriebenen Gebot' sammt allen Buchstaben verschwunden und nichts mehr als eine glatte Stein-Platte zu sehen: welches dann den Mosen zu einem billigen Zorn veranlasset, daß er selbe zu Boden geworfen und zertrümmert. Wie solches bestätigen Rabbi Abre, Aben Ezra und Rabbi Salomon bei Tostatum. Das andere Wunder ist, daß auf diesen zwei Tafeln die zehen Gebot' ganz ungleich verzeichnet waren, nemlich auf einer Seite drei, auf der andern Seite sieben! Warum nicht auf einer Seite fünf und auf der andern Seite auch fünf? Merke die Ursach'! das vierte Gebot ist in dem göttlichen Gesatz: honora patrem et matrem: Du sollst Vater und Mutter ehren! Wann demnach auf eine Tafel fünf Gebot' wären gesetzet worden, da wäre das Gebot »du sollst Vater und Mutter ehren« gar weit herabkommen. Damit aber der Allmächtige zeige, wie groß dieses Gebot', so wollte er, daß, gleichwie auf der ersten Tafel das erste Gebot war: »Du sollst an einen Gott glauben [241] und selben verehren!« also soll auch auf der anderen Tafel zum allerersten vor allen andern stehen: honora, etc. Du sollst Vater und Mutter ehren. Hierdurch hat der Allerhöchste wollen andeuten, wie groß, wie vornehm, wie wichtig das Gebot sey, die Eltern zu lieben.

Siehe, dir ist vorgangen Laurentius Celsus! Als solcher wegen seiner großen Verdienste und Tugenden zu einem Herzog in Venedig ist er wählt worden und damalen sein Vater noch bei Leben; wollt er auf keine Weis' zulassen, daß ihn sein Vater soll ehren, obgleich ihm die gesammte Republik bestermassen vorgetragen, wie solches seiner hohen Würde gezieme, daß er nicht allein mit bedecktem Haupt vor seinem Vater stehe, sondern auch der Vater schuldig seye, gegen ihn die Knie zu biegen. Weilen er aber dieses über sein Herz nicht konnte bringen, also hat er einen sinnreichen Fund erdacht: Er ließ vornher auf seiner Haube oder Hut ein sehr kostbares Kreuz heften, welches annoch bei den Herzogen zu Venedig im Brauch, damit also die Reverenz und Ehrbeweisung von dem Vater nicht ihm, sondern dem Kreuz zugemessen wurde, und er solchergestalten seinen kindlichen Gehorsam und Schuldigkeit nit vergesse.

Ein Papier ist ein solches vornehmes Wesen, daß es auch in der höchsten Monarchen Hände gehalten wird, ja darauf päbstliche und kaiserliche Namen und Ehren-Titel geschrieben werden, da es doch von einem schlechten Haus herstammet, indem sein Vater der Lump zu Hadersdorf, seine Mutter dieFetzinn gewesen, und gestaltermassen ein unsauberer Hader, worinnen ein Zigeuner-Kind eingewicklet war, zu solchen großen Ehren [242] gelangt. Deßgleichen sieht man öfters in dem prächtigen Tempel, auf den kostbaren Altären eins und das andere schönest vergulte Bild, welches von den eifrigen Christen nicht angebetet – wie es unsere Widersacher beschnarchen – sondern verehret wird. Diese stattliche Statua ist von geringen Eltern, indem ihr Vater der Blockhauer, die Mutter die Holzerinn, bekannte arme Tropfen, gewesen seyn. Gestalter Massen ist es auch eine öftere Begebenheit, daß etliche, dero Herkommen von geringen Eltern, zu hohen Würden und Dignitäten gelangt seynd. Dergleichen war Saul, David, Mahumet, Othomann, Cracus, Vamba, Leo, Justinus Thrax, Maximinus, Diocletianus, Aurelianus Arabus, Sept. Severus, Aemilius, Scaurus, Herodes, lauter Kaiser und König', dero Väter doch Sau-Hirten, Schaf-Hirten, Küh-Hirten, Eseltreiber, Strümpfdoppler, Todtengraber, Schergen und andere arme Bettel-Leut' gewesen. Urbanus, Benediktus, Nikolaus, Joannes, Sixtus, lauter römische Päbst', dero Väter doch Schuster, Schneider, Bauren, Meßner, Müllner und Land-Boten abgeben. Ist gar nichts neues mehr, daß auch der Zeiten etliche in großer Fürsten Hös' beim Brett' sitzen, dero Väter Tischler waren; ist nichts neues mehr, daß mancher ein Hofmeister wird, dessen Vater ein Hausmeister [243] gewesen; ist nichts neues mehr, daß mancher ein Rathsherr wird, dessen Vater ein Radmacher, ein Wagner gewesen; ist nichts neues mehr, daß mancher ein Hauptmann wird, dessen Vater ein Amtmann gewesen; ist nichts neues mehr, daß mancher ein Befehlshaber wird, dessen Vater ein Befehlstrager gewesen; ist nichts neues mehr, daß einer ein Botschafter wird, dessen Vater ein Bote gewesen; und ist gar recht, wann einem seine Feder hinauf hilft, weilen auch die Vögel durch die Federn emporsteigen; ist gar recht wann einem seine Faust in die Höhe hilft, weilen auch die Faust einen Ballon in die Höhe treibt; – aber, aber, die ihr also in die Höhe kommt, schämt euch bei Leib' nicht eurer geringen Eltern! denn sogar auch ein römischer Pabst, ein Vicarius Christi, dem König' und Monarchen müssen die Füß' küssen, schuldig ist, seine Eltern zu verehren, da er doch Gottes Person vertritt in dieser Welt. Also bezeugt Aquilanus und Baldus: Si filius esset Papa, nihilominus debet honorare Parentes. Filii enim semper tenentur debitam obedientiam et reverentiam exhibere. Solches hat im Werk erwiesen absonderlich Pabst Benediktus der Eilfte, welcher aus einem armen Hirten-Sohn, zu dieser höchsten Dignität gelangt:

[244] Als ihn einst seine leibliche Mutter von andern Frauenzimmern sehr prächtig bekleidet heimgesucht, wollte er sie auf keine Weis' erkennen. Das ist meine Mutter nicht, sagte er: meine Mutter hat einen schlechten Baurenkittel an, geschmierte Stiefel, eine schmutzige Schmeer-Haube, ein rupfenes Mieder und schmeckt vom Stall-Balsam etc.; diese muß eine vor nehme Gräfinn oder Marchesinn seyn; meine Mutter kenn ich nur gar zu wohl, sie hat die Kieselstein besser kennt als die Edelgestein, sie hat die kleine Noth besser kennt als die Kleinodl, sie hat die Schmier-Riem besser kennt als die Schnürriem' etc.; hat demnach diese vermummte Dame und stattlich bekleidete Bäurinn nit ohne Schamröthe des anderen Frauenzimmers solche Comödienkleider müssen abziehen, die vorige grobe Joppen und schlechte Lumpen anlegen, das Haarpulver von dem Kopf stauben, sich mit der vorigen Schmeerkappe krönen und also vor dem Pabst erscheinen, in welchem bäurischen Aufzug er sie alsobald umfangen, ihr um den Hals gefallen, die Händ' geküßt, alle kindliche Treu und Ehr' erwiesen, und fein oft in Gegenwart eines Adels diese Worte wiederholet: Diese ist meine Mutter, meine liebste Mutter, meine treueste Mutter, meine leibliche Mutter dieser bin ich schuldig zu dienen! – Da sehe jemand, wie auch das höchste Haupt und Statthalter Christi auf Erden sich seiner armen Eltern nicht schämt, sondern dieselbigen möglichst verehrt! In diesem spiegle sich mancher stolze Rotzbub oder mancher aufgeblasener [245] Grindschipl, welcher durch günstiges Glück zuweilen in hohen Stand kommt und sich nachmals der armen Eltern schämt! Geschieht gar oft, daß einer durch der Eltern Schweiß auf der Schulbank die Doctors-Kappe erwischt, sich bald in Sammet und Seide einwickelt, das Wammes mit Fleglen (holla! Hab' mich geirret mit Flüglen) behängt, den Grind mit einer gestrobleten Paroca verhüllt und wie eine dreijährige Nachteul' herausguckt, und sich nachmals schämt, mit seinem Vater, der etwa Rüben auf den Markt geführt, zu reden; ja, so mein doctrinalischer Pracht-Hans (Ihr Gestreng ist manierlicher geredt) etwann eine Mahlzeit anstellt und andere Clarissimos nec non darzu ladet, muß seine Gemahlinn, Frau von und zu Hohenheim, den besten Ort besitzen, unterdessen die arme Mutter in der Kuchel die Teller abspühlen, oder in der Kindsstube den jungen Prinzen wiegen; ja es ist ein scharfes Gebot, es soll sich Vater und Mutter vor den Leuten nicht viel sehen lassen! Mein Gott, sagen sie oft – diese zwei Knödelgeborne Edelleut – wenn nur Gott diese [246] zwei Leut'l zu sich nähm'! O ihr schandvollen Kinder! ihr seyd ärger als die Bestien; dann Bestien seynd die Storchen, und dennoch diese vernunftlose Vögel pflegen ihren Eltern, wann selbe Alters halber federlos werden, auf ihrem Rucken zu tragen, und auf alle Weis' zu verehren. Seyd ihr dann höher kommen, als Joseph in Egypten, allwo er zu einem Vice-König erhoben worden? und gleichwohl ist dieser seinem liebsten Vater Jakob mit großer Begleitschaft entgegengereist, sich gar nicht geschämt, daß sein Vater ein Schafhirt gewest und in geringer Bauerntracht daher gegangen! Habt ihr denn schon vergessen die Vermaledeiung, welche dem Cham über den Hals gewachsen, um weilen solcher seinen Vater Noe nur ausgelacht? Was haben erst diejenigen zu gewarten, so sich ihres Vaters und Mutter gar schämen, ihnen kaum einen engen Winkel im Haus vergönnen und mit täglichem Unwillen, finsterem Gesichte, rauhen Worten das väterliche und mütterliche Herz dergestalten beleidigen, daß sie vor der Zeit die Welt segnen! Alle Kinder sollen deßfalls in die Fußstapfen treten des starken und heldenmüthigen Samsons, welcher in dem zerrissenen Löwen einen Bienenschwarm und Honigfladen gefunden, einen guten Theil von diesem Raub seinen guten Eltern überbracht und sie damit demüthigst regulirt. Merkts wohl, ihr Kinder! Honig müßt ihr euren herzliebsten [247] Eltern vorsetzen, und keine Gall! mit honigsüßen Worten müßt ihr sie traktiren und nicht mit bitteren und gallsüchtigen Schnarchreden und Schmachreden! denn wenn ihr sie schon auf den Händen tragt, wenn ihr sie schon mit aller Leibsnothdurft unterhaltet, wann ihr ihnen alle Tag' hundertmal die Händ' und Füß' küsset, so habt ihr noch nicht bezahlt, was ihr ihnen schuldig seyd; denn ihnen seyd ihr schuldig,daß ihr seyd und was ihr seyd, nämlich das Leben!

Geliebt und verehrt hat Jesus Christus seine wertheste Eltern, denen er dreißig ganze Jahr in Unterthänigkeit gedient; geliebt und verehrt hat Salo mon seine Mutter Bersabeam, dero er von seinem königlichen Thron aufgestanden und vor ihr niederknicet; geliebt und verehrt hat David seine Eltern, welche er aus Lebensgefahr errettet und in die moabitische Sicherhheit gebracht; geliebt und verehrt hatTobias seine Eltern, indem er seinem Vater das verlorene Gesicht wieder erstattet hat; geliebt und verehrt hat sogar Cain seine Eltern, weil er in deren Gegenwart den Bruder nicht wollte ermorden, sondern ihn mit verblümleter Arglist in das Feld hinausgelockt und daselbst den Rest gegeben.

Insonderheit aber wird eine denkwürdige Lieb' gegen die Mutter geschrieben, als nemlich: In Japonia [248] war eine edle Frau, welche durch große Kriegsempörung in solche äußerste Noth gerathen, daß sie auch das Brod zu betteln gezwungen worden. Diese hatte drei wackere und wohlerzogene Söhne, welche öfters mit nassen Augen ansahen die große Noth der armen Mutter, und haben dessethalben mit einander berathschlaget, auf was Mittel sie der bedrängten Mutter möchten zu Hilfe kommen. Weilen nun dazumalen eine große Unthat begangen worden, wodurch die Majestät des japonesischen Königs sehr hoch beleidiget, der Thäter aber nicht bekannt, also ist durch öffentlichen Trompetenklang allerseits kundbar gemacht worden: daß jener, so den Thäter werde an Tag geben, mit einer gewissen und zwar großen Summe Geld sollte belohnt werden. Dieses veranlaßte die drei Brüder, in einen neuen Rath zu treten, und »Wie wäre es – sagte der erste aus diesen – wann einer aus uns sich diesfalls schuldig gäbe und die zwei ihn für den Thäter anklagten? bekommeten nit also die zwei das von der königlichen Rentkammer verheißene Geld, womit sie nach Genügen der Mutter Armuth konnten wenden?« Dieser Rathschlag wurde alsobald gut geheißen, und weilen das Loos auf den jüngeren Bruder gefallen, also wird solcher alsobald von den andern zweien gebunden für den Magistrat geführt, ganz umständig angeklagt, welcher dann auch auf des Richters ernstliches Befragen die That bekennet hat, so er doch niemalen begangen, und gleich darauf in einen finstern Kerker an eiserne Band' angefesselt gelegt worden; die andern zwei Brüder aber nach empfangenen Geld voller Trost seynd wieder zu der Mutter gereist, und mit größten Freuden ganze Säck' Geld auf den Tisch aus geschüttet. [249] »Wohlan! sprechend – herzliebste Mutter, nunmehr hast du baare Geldmittel, womit du deine Noth und überhäuftes Elend einmal wenden kannst! getrost meine Mutter, jetzt kannst du mit bessern Speisen, als bishero mit schwarzem Brod, versehen werden und deinen alten, matten Leib erquicken!« Die Mutter verwundert sich hierüber, wie billig, fragt, wie und wo und wann und von wem sie solches Geld erworben? und und weilen sie mit ausflüchtigcn Worten sich nicht recht konnten verantworten, vermerkte solches mehr ihren Argwohn, also, daß sie ganz angstvoll gezittert. »Was gilts, sprach sie, ihr gottlosen Kinder habt solches durch ungerechten Raub oder Mordthat erhalten? wo ist denn mein jüngerer Sohn? unfehlbar hat es müssen der arme Tropf mit der Haut bezahlen?« Indem sie nun die That auf alle Weis' geläugnet, mit dem Vorwand, daß sie um ihren jüngern Bruder im geringsten nichts wissen, hat die bedrängte Mutter noch inniger angehalten, mit Bedrohung mütterlicher Ungnad', so fern sie nicht wollten die Wahrheit an Tag geben; dann sie verlange gar nicht mit ungerechtem Gut sich zu bereichern, sondern wolle lieber in äußerster Bedürftigkeit ihr Leben zubringen! – Endlich haben diese nicht ferner wollen das mütterliche Herz in Aengsten schwimmen lassen, sondern die That mit allen gehörigen Umständen der Mutter bekennet. Die Mutter stund hierüber ganz redlos, unwissend, ob sie sollte loben dero kindliche Lieb', oder[250] schelten dero harte Unbarmherzigkeit gegen ihren Bruder. Nachdem ihr nun die wiederholten Lebensgeister die Stimm' geliefert, hat sie alsobald mit heller Stimm aufgeschrien: Ach nein! nur das nit! aus keine Weis' will ich mich mit meinem eignen Blut ernähren! das nit! fort, lauft, schnauft, schreit, schreibt, eilt und nicht verweilt, damit ihr doch euren Bruder noch vom Tode errettet! Sie selbsten ist sammt ihren zweien Söhnen vor dem Senat erschienen, das Geld mit Unwillen ihnen vor die Füß' geworfen, ihren in dem Kerker geworfenen Sohn ernsthaftig los zu machen begehrt, auch ausdeutlich dargethan, wie diese zwei nur derenthalben angeben, damit sie solchergestalten ihrer Mutter Armuth zu Hilf' kommen, sie aber verlangte nicht ihr Leben mit ihres Sohns Tod' zu verlängern. – Die Richter haben nit wenig sich über solche unerhörte That verwundert, der ganzen Sach' Urkund' dem König schriftlich beigebracht, welcher dann die Mutter sammt den dreien Söhnen zu sich berufen, deroselben Kinder Lieb' nicht genugsam können hervorstreichen und darauf der Mutter sammt ihnen ihr Leben lang eine standesmäßige Unterhaltung angeschafft. – Gebenedeit das Land, welches eine solche Mutter gehabt, gebenedeiet die Mutter, welche solche Kinder gehabt, gebenedeit die Kinder, welche eine solche Lieb' gehabt, gebenedeit die Lieb', welche ein solches Lob gehabt, daß mans sollt in Cedernholz einschneiden, in Marmolstein einhauen, in [251] Goldplatten einstechen und forderst in alle kindliche Gemüther eindrucken! Da habt ihr Kinder einen Spiegel, worinnen ihr euch ersehen könnt; da habt ihr ein Original wovon ihr ein Modell nehmen könnt; da habt ihr Kinder ein Exempel, woraus ihr euch eine Nachfolg' machen könnt! O wären auch solche Kinder in unsern Ländern, würde mancher Fluch der Eltern unterlassen; o brönne auch solche kindliche Lieb' in unseren Oertern, würde manches Mutterherz mehr getrost! aber leider bei uns heißt es gar oft:


Ein böses Kind,
Deren man viel find't,
Der Eltern Schand
Lauft um im Land,
Ausborgt und spielt,
Lügt, raubt und stiehlt,
Die Eltern sein durch Sorg und Pein
Oftmals bringt in die Erd' hinein.

Es ist auch nicht zu vergessen allhier der großen Lieb', welche der römische Cardinal Dominicus Grimani seinem Herrn Vatern Antonio Grimani erwiesen hat. Dieser war Prokurator di San Marko zu Venedig und zugleich ein General über die ganze Armee dieser [252] berühmten Republik wider den Türken. Weilen er aber das Glück ihm sehr mißlingend in diesem Kriege erfahren und benebens durch heimliche Mißgönner bei der Republik einer Untreu beschuldiget worden, also ist er in eiserne Band geschlagen und in einen hohen Thurm geleget worden, wobei sich dieses sehr Denkwürdige zugetragen, daß ihm der Cardinal in selbst eigener und hoher Person, diesem seinem bedrängten Vatern, mit weinenden Augen – nit ohne gleichmäßiges Weinen des ganzen Volks – das Gleit geben bis zu dem Thurm, daselbst auch mit seinen heiligen Händen die schwere eiserne Fußkette, als der Herr Vater die Leiter hinaufgestiegen, hinnach gehebt, damit dero großes Gewicht die Füß' seines Vaters nit also möcht' beschweren, auch noch inständig gebeten: man wolle ihn doch auch in der Gefängnuß lassen bei seinem lieben Herrn Vatern. Weilen ihm aber solches durch die hohen Beamten geweigert worden, hat er seinen Ruckweg nach Rom genommen. Aber merke auch anbei das kugelwalzende Glück! Dieser Antoni Grimani von allen Ehren entsetzet, in eiserne Band und Kerker geworfen, aus dem Land verbandisirt, ist nachmals wieder nach etlicher Zeit in vorige Würde gesetzt und nach dem Tode des Herzog Leonardi, als er ein neunzigjähriger alter Tätl, mit sonderer Glückwünschung und Jubelgesang des gesammten Volks zu einem Herzog zu Venedig erwählet worden, in welcher hohen Dignität er noch über anderthalb Jahr gelebt hat. – [253] In dieser Geschicht' ist sich sowohl zu verwundern über des Glücks seinen anverwandten Wankelmuth, als über die große Lieb' des Cardinals Grimani gegen seinen Vatern.

Nicht weniger wird gepriesen die große Lieb' welche zwei Söhne ihrem liebsten Vater zu Genua erwiesen. Dieser war genannt Franziskus Scaglia, ein sehr vornehmer und reicher Edelmann, der im fünfzigsten Jahre seines Alters dergestalten durch gesalzene Flüß' in den Augen geplagt wurde, daß er gar stockblind worden und in solchem betrübten Stand das zwei und neunzigste Jahr erreicht. Weilen er nun von guten Mitteln war, also sind ihm auf keine Weis' Bediente abgegangen und also ohne Lakei nie gewesen. Nichts desto weniger haben zwei seiner Söhne Odoardus und Nikolaus als edle, schöne junge Herren nie wollen zulassen, daß ausser das Haus er von einem andern solle geführt oder gewiesen werden, sondern allzeit einer aus beiden hat den Vater an den Arm gehalten und ihm einen sichern Tritt theils in die Kirche oder anderwärts hingezeigt, an welcher großer Lieb' und kindlicher Treu die ganze Stadt Genua ein sonders Wohlgefallen geschöpfet hat.

Ich will daher umgehen jene Tochter, welche ihre leibliche Mutter in der Keichen mit eigenen Brüsten gesäuget hat und selbige dergestalten bei dem Leben erhalten; ich will geschweigen jenes Sohns, welcher bei Regierung Petri, Königs in Castilia, für seinen Vater, der begangenen That halber das Leben verwirket hatte, wollte sterben; ich will nicht melden des Kaisers Alexius, welcher die kaiserliche Krön' freiwillig geweigert und selbige seinem Vater aufgesetzt. Diese und alle [254] dergleichen haben Vater und Mutter verehrt, wie ihnen das Gesatz der Natur auferlegt, wie sie das Gesatz der Rechten verbunden, wie ihnen das Gesatz Gottes geboten: Honora patrem et Matrem,etc. Wenn jemand liest den Ascanium Clementinum den Legisten, Aristotelem don Weltweisen 1. 4. Ethi., Thomam den englischen Doktor opusc. quaest. 26., Hieronymum den Kirchenlehrer Epist. 11. ad Geron., Zwinglerum den Histori-Schreiber lib. teat. c. 2., Navarram den Theologen Decis. 28., ja forderist die heil. Schrift Sprichw. 19., Coloß 3. 20. Eph. 6. 1. Matth. 14. Joan 19. etc.; so wird er finden, daß man die Eltern wie irdische Götter verehren solle, lieben solle, halten solle, besser halten, mehr lieben, stärker verehren, als ein Mann sein Weib, als ein Weib ihren Mann. Gedenkt demnach, ihr Kinder, an die Bibel, vergeßt aber auch nicht das Uebel, welches allen undankbaren Kindern auf den Rucken geladen wird!

Was sagt ihr zu dieser erschrecklichen Sentenz, welche der heil. Geist selbst euch in die Ohren schreit: Maledictus a Deo, qui exasperat matrem: Vermaledeit von Gott, welcher seine Mutter erzürnet! Der heil. Priester Severinus hat nur einmal einen Espen-Baum vermaledeit, um weilen er sich an dessen Aesten in etwas verletzet hat, und siehe, der Baum ist augenblicklich verdorret! Der heil. Medok hat einst einen harten Felsen vermaledeit, und siehe, alsobald ist derselbe mitten von einander gesprungen!

[255] Der heil. Franziskus von Assis hat einmal ein Schwein vermaledeit, weilen solches ein kleines Lämm'l zerbissen, und siehe, gleich hernach ist das Schwein verreckt und haben sogar die Raben einen Abscheu vor diesem Aas gehabt! Haben nun die menschlichen Vermaledeiungen eine solche Wirkung, was wird nicht erst haben jene Vermaledeiung, welche von Gottes Mund selbsten ausgehet! Wie ist es euch Kinder? erstarret euch nicht das Blut in den Adern, zappelt euch nit das Herz in dem Leib, stehen euch nicht die Haar' gen Berg, zittert ihr dann nit in allen Gliedern, wann ihr hört die scharfe göttlichen Wort' Maledictus etc. vermaledeiet von Gott, welcher seine Mutter erzürnet? Erschrecket euch denn nicht der schändliche Tod eines schönen Menschen? dieser war der Absalon, ein schöner, wohlgestalteter, junger Fürst des David, aber auch ein schändlicher, gewissenloser Fürst und Oberhaupt aller undankbaren Kinder. Dieser Absalon ist in seiner lasterhaften Ehrsucht alsoweit kommen, daß er sich auch freventlich unterfangen, seinem Herrn Vater die Kron' von dem Haupt zu nehmen, den Scepter aus den Händen zu reißen und sich wider alles Recht und kindliche Verpflicht in die Regierung einzudrängen. Solchen gewissern Zweck zu erhalten, hat er unter dem Adel und Pöbel einen großen Aufruhr und einheimischen Krieg erweckt, sogar die Waffen mit großem rebellischen Anhang wider seinen Herrn Vater als nämlich den David, selbst ergriffen und mit häufiger Mannschaft einen blutigen Streit mit seinem eigenen Vater eingangen. O verfluchtes Kind Absolon! Gesetzt, daß du auch keinen Blutstropfen mehr von deinem Vater in deinem vermaledeiten [256] Leib empfindest, soll denn dir nicht einfallen die Schärfe des göttlichen Zorns, so allgemach ober deinem Kopf schwebet? Ein Kalb, so es genug gesogen hat an dem Euter seiner Mutter der Kuh, stoßt nachmals dieselbe noch mit seinem muthwilligen Kopf: du Ochsenkopf Absalon bist nit besser als dieser Kalbskopf! Ein Klächel oder Schwengel in einer Glocke, indem er von derselben stets umgeben und bedecket wird, schlägt sie noch darüber beederseits mit Ungestümm: du, Galgen-Schwengel Absalon, bist nicht besser als dieser Glocken-Schwengel. Allo! zieh denn vom Leder, du ungerathener Absalon, wider deinen Vater, aber gedenke auch, daß ebenfallsGott das Schwert seiner göttlichen Justiz ziehet wider dich: laß sehen, welches eine bessere Schneid hat, dein verruchter Säbl, oder Gottes gerechtes Schwert! Wohlan, das Gefecht nimmt einen Anfang in der Wüste Ephraim, die Armee des Absalons übersteigt weit die Mannschaft des David, dieser wird ungezweifelt den kürzern ziehen; denn viel Hund' seynd des Haasen Tod. Aber David war kein forchtsamer Haas, sondern setzte seine einige Zuversicht auf den allmächtigen Gott. Und siehe! David erhält einen glorreichen Sieg, der Absalon wird spöttlich in die Flucht geschlagen! Dessen ist aber kein Wunder, gar kein Wunder! denn wider den rebellischen Absalon war Gott und alle seine Geschöpf', allermaßen Löwen, Tieger, Bären, Wölf' und allerlei wilde Thier' erschienen, welche des Absalons Kriegs-Knecht niedergerissen. Dieß war noch nit genug; denn von freyen Stucken die Erd' allerseits Stein in die Höhe geworfen, wovon die absalonischen Soldaten verwundet und aufgerieben worden, ja in dem, [257] Wald seynd die Aest' hin und her von denen Bäumen geflogen, ungezweifelt von den Händen der Engeln abgeschlagen, welche des Absalons Armee – nunmehr Arme – ganz grausam zerquetscht. – Vermaledeiet ist denn ein Kind, welches wider seine Eltern handelt. Himmel und Erd' sammt allen Geschöpfen streiten wider solchen Menschen; vermaledeit seynd alle seine Schritt' und Tritt', vermaledeit ist sein Gut und Blut, vermaledeit ist sein Leib und Weib, vermaledeiet seine Kinder und Rinder, vermaledeiet seine Felder und Wälder, vermaledeiet seine Scheuer und Gemäuer, vermaledeit sein Geld und Zelt, vermaledeit sein ganz Leben darneben, seine Gesundheit wird seyn wie die Kürbiß-Blätter des Jonas, seine Wirthschaft wird seyn wie das übernächtige Manna, seine Felder werden seyn wie der Berg Gelboe, seine Kühe werden seyn wie die Rinder, so Pharao in dem Traum gesehen, seine Habschaft wird seyn wie die Statua Nabuchodonosors, sein Leben wird seyn wie der Topf der Propheten-Kinder, seine Kinder werden seyn wie die Spott-Fratzen Elisäi, das ist ungerathene Kinder; ein bitterer Lebenswandel, eine unglückselige Habschaft, unfruchtbare Felder, eine wurmsüchtige Wirthschaft, eine verwelkende Gesundheit, alles Unglück und Unstern, alles dieß schließt in sich das einige Wort Maledictus, vermaledeit!

Ich ging einsmal durch einen grünen und schattenreichen Wald und erwägte dazumal die Höflichkeit der Bäume in Iudäa, welche sich auf dem Oelberg ganz tief bis auf die Erde geneigt haben gegen die Mutter Gottes Maria, und gedachte bei mir selbsten, was für grobe Blöck' seynd doch diejenigen Gesellen, die [258] kaum eine kleine Reverenz machen gegen Gott den Herrn und seine Mutter in der Kirche. Als ich in diesen Gedanken stund, so ist mir vorkommen, als hörte ich allda einen abgehackten Baum sehr wehmüthig lamentiren, und stunde die Klag' in dem, wie daß unlängst ein Hacken habe gebeten denselbigen Baum ganz flehentlich um einen Stiel. Nachdem nun die gutherzige Buche solchen willfährig ertheilt und die Hacke einen Stiel bekommen, so ist sie da und haut die größte Gutthäterinn die Buche selbst nieder! Ach! sagte der Baum, das soll mich ja schmerzen in meinem Herzen, daß die Hacke den Stiel, den ich ihr so gutwillig habe geschenkt, jetzt ganz undankbar gegen mich braucht. Diese wehmüthige Klag' erschallt öfters aus dem Mund einer bedrängten Mutter, aus dem Mund eines Vaters, welche so große Undankbarkeit an ihren ungerathenen Kindern erlebet haben, daß auch diese vermaledeite Kreatur gwaltthätige Händ' anlegt an seinen Eltern! Soll es dann nicht schmerzen eine solche Mutter, daß sie selbst muß leiden von denjenigen Händen, welche sie in ihrem Leib getragen? soll es denn einem Vater nicht das Gemüth durchdringen, daß er muß beleidiget werden von denjenigen Händen, welche er nachGott dem verruchten Kind gespendiret? wie ist es nur möglich, daß sich die Erd' nicht gleich aufsperret und ein solch gewissenloses Kind verschlückt, wie sie verschlückt hat den Datan und Abiron. Wie kommt es doch, daß nicht gleich [259] die freßgierigen Feuersflammen vom Himmel fallen und einen solchen verkehrten Menschen zu Asche verzehren, wie sie verzehrt haben alle Inwohner zu Sodoma und Gomorrha? Ja, ja, alles dieses geschah, dafern Gott nit gewisser Ursach' halber, die ihm allein bekannt und uns verborgen, mehrmalen alle Elemente im Zaum hielte, welche sonst gierig die Unbild der Eltern rächen thäten. Und bilde sich nur ein ein solches vermaledeites Kind, welches gegen seine Eltern mit Schlägen verfahret, daß kein Geschöpf auf Erden, so ihm nicht mißgönnig und feind sey. Dahero solche unmenschliche, tiegerartige, steinharte, herzlose, gottvergessene, lasterhafte, teufelsüchtige, höllenwerthe, bestialische Kinder (nicht Kinder, sondern Schlangen- und Attern-Brut) auch noch auf der Welt vom gerechten Gott gestrafet werden.

In der vornehmen Stadt Talenz ist einer bei dem Magistrat falsch angegeben worden, als habe er eine große Unthat begangen, wessentwegen er zum Strang und Galgen verurthlet worden. Als solcher aus dem Kerker an den Ort seines schmählichen Todes geführt wurde, hat er daselbst die Händ' zusammen geschlagen und das gerechte Urtheil Gottes, nicht aber der Menschen erkennt, und beinebens öffentlich entdeckt, wie daß er unschuldig sey in demjenigen, was ihm dießfalls zugemessen wird, wohl aber habe er eben an diesem Ort seine leibliche Mutter mit harten Streichen traktiret, welche dazumal den Fluch über ihn gethan:Wollte Gott, du müssest an diesem Ort an den Galgen kommen!

[260] Zu Rom hat einer aus Zorn seiner Mutter einen Backenstreich versetzt, welches sie dermaßen geschmerzt, daß sie alsobald gewunschen: sie möchte diese Hand abgehaut sehen. Diese Red' war einer sibyllischen Weissagung nicht ungleich; denn kurz hernach ist dieser ganz unsinnig worden: in welchem verwirrten Stand er in eine öffentliche Fleischbank hineingeloffen, daselbst sich mit einer großen Hacke die Hand abgehauen und also den Mutter-Fluch selbsten vollzogen.

Ein anderer Jüngling zu Rom, weilen er auch Hand angelegt an seine Mutter, ist bald hernach in diesen blühenden Jahren Tods verblichen, den andern Tag aber nach seiner Begräbniß den Arm aus der Erd' gestreckt, und weilen man solches der Nachlässigkeit des Todtengräbers zugeschrieben, ist das Grab mit mehr Erd' überschüttet worden. Ungeachtet dieses ist auch den dritten und vierten Tag der Arm ganz hervorgangen, bis endlich die Mutter zu dem Grab' berufen worden und unschwer die Ursach' dieser seltsamen Begebenheit erkennt. Ich weiß mich zu erinnern, sagte sie, daß mich dieser mein Sohn einmal hart geschlagen, welches ich so sehr in meinem Herzen empfunden, daß ich ihm gedrohet habe, ich will ihm solches nimmermehr verzeihen, anjetzo aber mein Kind, verzeihe ich dir herziglich diese mir angethane Unbild! Worauf gleich der Todte seinen Arm zurückgezogen und ferners nicht mehr gespürt worden.

Unweit der schönen Stadt Ragus ist ein kleines Dorf entlegen, in welchem auch wohnte ein arbeitsamer [261] Bauersmann mit Namen Boscas, dessen ungerathenet Sohn die Mutter mit so vielen Streichen übel zugerichtet, daß sie also über solchen Bösewicht nicht wenig erbittert und ihm gewunschen: daß er möchte sterben, und sey nit werth, daß seine Beiner weder die Luft, noch die Erd', noch das Wasser behalte! Dieser Fluch hat seinen Ausgang gewonnen, denn er bald hernach elend gestorben, dessen Leib oder Körper die Erd' auf keine Weis' wollte behalten, sondern ihn öfters mit Unwillen heraus geworfen, und die Luft thäte nit weniger und hat ihn mit Ungestümm auf die Erd' gestoßen, das Wasser deßgleichen hat ihn allemal wieder an das Gestade getrieben, bis endlich aus Befehl der Mutter dieser verruchte Körper in das Meer, da es zum heftigsten tobte, gestürzt worden, welcher gleich von den wüthenden Wellen an einen harten Felsen getragen worden, allwo er sich in drei Theil zertrümmert und alle Theil in harte Felsen verändert worden, so annoch von den beifahrenden Schiffleuten zum ewigen Wunder beobachtet wird.

Es seynd viel hundert tausend, ja viel Millionen Meilen von der Erde in den Himmel hinauf, und dennoch in einem Augenblick reist der Mutter-Fluch dahin vor das Angesicht Gottes. Die schöne, strahlende Sonne hat einen so schnellen Lauf, daß sie in einer Stunde eilfmal hundert und vierzig tausend deutsche Meilen postirt, und gleichwohl ist viel schneller ein Fluch der [262] Mutter; denn solcher augenblicklich in die Höhe steiget und von Gott erhört wird. Deßwegen hütet euch, ihr Kinder, vor dem Fluch' eurer Eltern! denn nicht allein wahr worden der Fluch, welchen Noe der alte Vater über seinen Sohn den Cham ergehen lassen, allermassen dieser sammt den Seinigen nie kein Glück gehabt, ja er selbst ein Zauberer und Hexenmeister worden, den auch der Teufel lebendig verbrennt.

Wunderbarlich ist, was sich in Arvernia zugetragen. Allda hatte eine Mutter ein sehr widerspenstiges Kind, dem sie einsmal befohlen, es soll sich anlegen, und weilen es solches ganz halsstarrig unterlassen, so hat der Zorn die Mutter also angefeuert, daß sie endlich in diesem Fluch ausgebrochen: Ei du vermaledeites Kind, so gebe Gott, daß du keinen Fetzen dein Lebtag an deinem Leib' tragest! Siehe das eilfertige Verhängnuß Gottes! Das Kind zieht alsobald das Hemd wieder aus, und von selbiger Stund' an keinen Faden mehr an den Leib gebracht, und im Sommer und im Winter blutnackend gangen, doch bekennt, daß es dessenthalben nit größern Frost bei Winterszeit, noch mehrere Hitz' bei heißem Sommer empfinde. – Dieser Mensch hat nachmals einen Schaf-Hirten abgeben, doch jederzeit bloß und nackend. Wie denn solche Geschicht bei Clarmont allen bekannt ist.

Theresia, eine königliche Prinzessinn Alphonsi Sexti zu Kastell, ist von ihrem eigenen Sohn Alphonso in die finstere Keichen geworfen und daselbst an eiserne Banden gefesselt worden, und weilen zu ihrer Erlösung weder das inständige Bitten, noch des römischen Papstes ernstlicher Befehl nichts vermochte, also hat sie ihrem [263] undankbaren Sohn gewunschen: daß ihm möchten beede Fuß' gebrochen und er ein elender Gefangener, gleich wie sie, in den Händen des Feindes werden. Dieser mütterliche Fluch hat bald seinen Ausgang gezeigt, indem nicht lange hernach gedachter ihr Sohn Alphonsus unter dem Stadtthore beide Schienbein gebrochen, und kurz darauf von Ferdinando legionischem König gefangen worden.

Was erbärmlichen Untergang hat nit erlitten Cramus, ein Sohn Clotari Königs in Franken, welcher in einer niedern Bauern-Hütte erdrosselt, seine Gemahlinn sammt der jungen Herrschaft lebendig darin verbrennt worden! Die Ursach' dieses seines und der Seinigen Verderbens ist gewest, weilen er nach Absalons Exempel dem Herrn Vater die Kron' wollte vom Haupt zucken.

Dergleichen Geschichten konnten fast ohne Zahl und Ziel beigetragen werden, welche alle billig der Kinder Muthwillen, Ungehorsam, Halsstärrigkeit, Haß, Undankbarkeit gegen ihre Eltern sollten im Zaum halten. Auf solche Weis' geschieht es vielen Eltern, was dem fruchtbaren Apfel- und Birnbaum begegnet, indem man gar oft stehet, daß einem solchen Baum wegen Schwere der Früchte die Aest' brechen. Wohin der Symbolist kann schreiben: Multum onerant, parum ornant: ein schweres G'wicht meine eigene Frücht'.

Solchergestalten erfahren es viel Eltern, was da täglich das Holz auf dem Herd' muß ausstehen, welches [264] dem Feuer die Nahrung spendirt, und dieses undankbare Element entgegen das Holz verzehret, dem der Symbolist das Lemma beigefügt: Satiantem saucio: der mich thut nähren, thu ich verzehren.

Auf solchen Schlag widerfährt vielen Eltern, was da unsere allgemeine Mutter die Erde muß leiden, welche die Dämpf, so empor steigen, gleichsam gebähret, diese aber gar oft in Schauer und Riesel sich verkehren, und ihre eigene Mutter die Erde nicht wenig beleidigen, welches dann auch ein Sinnbild kann seyn eines undankbaren Kinds, forderist wann das Lemma dabei stehet: Pro nutrimento detrimentum: was ich getragen, thut jetzt mich schlagen.

Dergestalten begegnet viel Eltern, was der edlen Aurora oder Morgenröthe, welche alle Tag' die schöne Sonn' gebähret, entgegen wieder von dieser ihrer Geburt den Untergang leiden muß, welches der Poet besser vor Augen stellt mit der Beischrift, dum pario pereo: was ich geboren, macht mich verloren. Freilich wohl seynd bei vielen Eltern ein schweres Gewicht ihre eigenen Frücht'; manchen Vater und Mutter thut das Kind verzehren, [265] welches sie thun nähren; eine manche Mutter was sie getragen thut's nachmals schlagen, ja oft wiederholt eine solche mit tiefen Herzens-Seufzern:was ich geboren, macht mich verloren. Aber wie erschrecklich vor den göttlichen Augen solches seye, erhellet aus folgender Geschicht', welche sich Anno 1550 zu Königsberg in Preußen zngetragen mit einem jungen Schlosser-Gesellen, welcher daselbst allem leichtfertigen Leben ergenben, die Zeit nur mit Schlemmen und Demmen zugebracht, und weilen ihm hierzu die Eltern nit allemal die Geldmittel nach Begehren wollten beistrecken, also hat dieser gottvergessene Bub' Vater und Mutter mit einem Mörserstößel jämmerlich ermordet. Nach vollbrachter Unthat gehet dieser den geraden Weg zu einem Schuster, kauft daselbst ein neues Paar Schuh, und läßt die alten zerrissenen sohlenlosen allda, welche der Lehrjung unter die Bank geworfen. Es verstreicht kaum eine oder die andere Stund, da bringt dieser gottlose Bösewicht ein Geschrei auf, daß er seine beide Eltern todt gefunden, rauft sich selbst die Haar' aus, zerkratzt sich das ganze Angesicht, heult und weint mit solchem Ungestümm, daß keinem der mindiste Argwohn eingefallen, ob soll er der Thäter seyn. – Aber denen Augen Gottes kann nichts verborgen seyn, welcher dann auch dergleichen Missethaten nit ungerochen auf der Welt lässet. Es geschieht, daß der Schuster ungefähr wahrnimmt, wasgestalten die alten Schuh' dieses Schlosser-Gesellen unter der Bank in etwas mit Blut bespritzt waren, worüber er gleich einen seltsamen Gedanken geschöpft, welcher Argwohn vermehrt hat, weilen er bei gedachtem jungen Schlosser [266] dießmal mehr Geld als sonsten gesehen. Dieß alles hat er dem Magistrat umständig angezeigt, und dieser nach weiterer Nachfrag' bald die ganze Begebenheit vermöge eigener Bekenntnuß in Erfahrenheit gebracht und nachgehends solches Lasterkind mit erschrecklichem Tod' hinrichten lassen. Das mehrste aber ist allhier zu verwundern, daß der Mörserstößel, mit welchem dieses gottlose Kind seine Eltern ermordet hat, in dem Rath-Haus an die Wand aufgehenket worden zu einer ewigen Gedächtnuß, und solle dieser noch auf heutigen Tag stets zittern. Wodurch der allmächtige Gott die Abscheulichkeit und Grausamkeit dieses Eltern-Mord's ungezweifelt will andeuten.

Aber, meine Eltern, was verursacht solche ungerathene Kinder anders, als eure sorglose Obsicht in dem Auferziehen, euer gar zu großes Nachsehen in Abstrafung, Fahrlosigkeit in Unterrichtung derselben? Deßwegen die meisten Sünden der Kinder werden in euer Protokoll eingetragen.

Wann die Tochter eine Helena und zugleich eine Lena, wenn sie zwar eng eingeschnürt, aber ein weites Gewissen hat, wer ist daran Ursach? Die Eltern. Wann der Sohn stets Pflaster und Laster betritt, wann er einen schlimmen Vokativum abgibt in Genitivo, wer ist daran [267] schuldig? Die Eltern. Wann die Tochter lieber mit Löfflen als Koch-Löfflen umgeht, wann sie mehr denkt auf das Nachtkiss' als auf das Nähkiss, wann sie lieber mit Buhlen als Spulen die Zeit vertreibt, wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann der Sohn einen Treiber abgibt – will nit sagen einen Ochsentreiber, Sautreiber, sondern einen andern, wann er einen Jäger abgibt und mehr Dienl als Deul ins Netz bringt, wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann die Tochter schow einer alten Kupplerinn den Topf und Kropf anfüllt, und solche sich nachmals für einen Postillion nach Manuheim brauchen läßt, wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann der Sohn sich nicht adelich, sondern adlerisch hält und fliegt gern zu der guldenen Sonne, allwo er wegen der Kreide ziemlich schwarz stehet, deßwegen in dem Vater unser unter dem Vergib uns heut' unsere Schulden! auch den Wirth verstehet; wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann die Tochter hübsch liederlich um den Hals ist und also zudeckt, wie die Fleischbank an der Faßnacht, und kann man auf dem Hals lesen, was im Herzen geschrieben; wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann der Sohn genaturt ist wie der vermaledeite Feigenbaum, und hat nur Blätter und [268] keine Frucht, verstehe Karten-Blätter – wo ja eine schlechte Frucht – wann er mit dem verlornen Sohn die Säu' hütet, Eichel-Sau, Schellen-Sau, Herz-Sau etc. wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann die Tochter immerzu mit der stolzen Jezabel nach Hoffart trachtet, wann sie fast alle Wochen will haben andere Kleider, wo das Echo sagt: leider! wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann der Sohn einen guten Stilum hat, absonderlich in des Vaters Hosensack, und fischt schon aus trucknem Land, daß er also in guter Hoffnung stehet, er möchte einmal Strickto modo gehenkt werden, wer ist daran schuldig? Die Eltern. Wann die Tochter lieber die Harfen Davids hört, als seine Psalmen, wann sie hübsche Liedl singt vom Rettig und Ruben, Mädl und Buben, etc. wer ist daran schuldig als die Eltern? Wann der Sohn fleißig ist im Studiren und kann besser argumentiren in formosâ als in formâ, wer ist [269] daran schuldig als die Eltern? Wann die Tochter gern auf Danzig reist und zu Nacht bei Leipzig bleibt, wer ist daran schuldig als die Eltern? Wann endlich der Sohn zum Teufel fährt und die Tochter in die Höll' kommt, wer ist daran schuldig? Ach! ach! mehrestentheil die Eltern.

Ihr Eltern thut zu viel und thut zu wenig: Ihr thut zu wenig strafen, ihr thut zu viel lieben eure Kinder. Ihr habt Zweifels ohne öfters vernommen aus der hl. Schrift, wie einst die Bäume seynd zusammen kommen und auf ihrem hölzernen Reichstag einen König erwählt. Die mehresten Stimmen seynd gefallen auf den Oelbaum, auf den Feigenbaum, auf den Weinstock, etc. vom Birkenbaum geschieht keine einige Meldung. Meines Theils, wann ich wäre gegenwärtig gewesen und als ein Mitglied auch eine freie Wahl hätte gehabt, so hätte ich unfehlbar den Birkenbaum zum Könige erkiesen, denn niemand glaubt's, wie ruhmwürdig dieser regieret, absonderlich in der Kinderzucht. Alle heiligen Engel gefallen mir wohl, einen ausgenommen: der Kostherr des Daniel war ein Engel, der gefällt mir wohl, der Arzt des Tobiä war ein Engel, der gefällt mir wohl, der Abgesandte der Mutter Gottes war ein Engel, der gefällt mir wohl, des Loths sein Salvo-Condukt, war ein Engel, der gefällt mir wohl, die Schildwache vor dem Paradeis ist ein Engel, der gefällt mir wohl, etc. aber einer will mir schier nit gefallen, derjenige, welcher dem gehorsamen Patriarchen Abraham in den Säbel [270] gefallen und aufgeschrien: »Non extendes manum tuam super puerum:« »Strecke deine Hand nit aus über den Knaben und thue ihm nichts!« Ich weiß gar wohl, daß solches der Befehl des Allerhöchsten war und dessenthalben hierinnfalls keines Fehlers zu beschuldigen. Wann ein Vater eine Mutter mit der Ruthe wird einen Streich führen über den Knaben, bin versichert, daß ihm kein Engel den Streich wird aufhalten, wie dem Abraham, ja die Engel werden ihn noch anfrischen mit ernstlichen Worten: »Extende manum tuam super puerum! strecke deine Hand aus über den Knaben!«

Ich schneid', ich schneid', ich schneid' – was aber? ich schneid' ab – was? die Nasen? Nein, nein! Constantinus Pogonatus hat beeden seinen Brüdern Heraclio und Tiberio die Nasen abgeschnitten, damit sie nur nicht zur Kron und Regierung gelangen möchten. Das ist crudel und tyrannisch, das thue ich nit. Ich schneid', ich schneid', ich schneid' – was aber? ich schneid ab – was? die Ohren? Nein, nein! Petrus hat dem Bösewicht Malcho das Ohr abgehaut, welchen schmerzlichen Schaden der gebenedeite Jesus wieder geheilt hat. Das thue ich nicht. Ich schneid', ich schneid', ich schneid' – aber was? ich schneide ab – was? die Zungen? Nein, nein! Den streitbaren Blutzeugen Christi Hilario und Florentio seynd die Zungen ausgeschnitten worden, nichts destoweniger haben sie gleichwohl geredet [271] und Jesum Christum gebenedeiet. Das thue ich nicht. Ich schneid', ich schneid', ich schneid' – aber was? ich schneide ab – was? Ich schneide allen Eltern die Finger ab. Adonibezec, ein stolzer und tyrannischer König, hat 70 andern gefangenen Königen die Finger abgeschnitten, das war erschrecklich. Diesem folge ich nach und möchte gern denen mehresten Eltern die Finger abschneiden, damit sie nit mehr so stark ihren Kindern durch die Finger sehen, sondern dieselbigen von Jugend auf strafen! So lang Moses die Ruthen in Händen gehabt, ist sie eine schöne Ruthe verblieben, so bald er's aber aus der Hand fallen lassen, »versa est in colubrum: da ist gleich eine Schlange daraus worden.« Also auch meine liebste Eltern, so lang ihr die Ruthe in Händen habt und eine gute scharfe Zucht führet unter denen Kindern, so bleibt alles gut; wann ihr aber die Ruthe fallen lasset, so wird gleichförmig eine Schlang' daraus! Ich will sagen: es ist lauter schädliches Gift den Kindern, so man die Ruthe nicht in die Händ' nimmt.

Die Erde bringt keine Frucht, sondern Disteln, wann man sie mit scharfen Pflugeisen durchgrabt: die Jugend thut kein gut, wann man sie nit scharf hält. Das Eisen, so erst aus dem knoperten Bergwerk gebrochen, ist nichts guts, es komme denn der harte Hammerstreich darauf: die Jugend bleibt nichts nutz, so man der Streiche verschonet. Der Weinstock wird nit tragen, sondern verfaulen, so nit ein Stecken dabei stehet; die Jugend wird nit fleißig seyn, sondern faul, wann nie die Ruthe darneben steckt. DieMusik wird auf Katzen: Art ungereimt verbleiben, wann der [272] Takt-Streich des Kapellmeisters abgehet; die Jugend wird sich mehrist ungereimt verhalten, wann der Takt der Eltern oder des Präceptors mangelt. Die Leinwand des Mahlers wird kein schönes Bildnuß vorstellen, wann er den Streich-Pinsel nit an die Hand nimmt: die Jugend wird denen Eltern keine Zierde bringen, wann sie nicht wohl mit dem birkenen Streich-Pinsel auf die Leib-Farb anhalten.

Wie nennt Clemens Alexandrinus die Kinder? Er nennt sie Flores matrimonii, Blumen des Ehestands. Gut, gut, die Blumen müssen umzäunt seyn mit Ruthen und Stecken, sonst kommt eine jede Sau darüber. – Wie nennt der hl. Vater Augustinus die Kinder? Er nennt sie Naviculas fluctuantes, kleine wankende Schifflein. Gut, gut, zu diesem Schifflein muß man Ruder brauchen, die der Besenbinder feil hat. – Wie nennt der heil. Gregorius Nazianz die Kinder?Oculos suorum parentum, Aug-Aepfel ihrer Eltern. Gut, gut, aber denen Aug-Aepfeln hat die Natur Augenbraunen gesetzt, welche wie die Ruthen gestalt seyn. – Wann man aber die Ruthen spart, so kommt Schand' und Schad' über die Kinder. Nero wäre kein solcher Bösewicht worden, wann ihn seine Mutter Agrippina hätte schärfer gehalten. Jener Sohn hätte bei dem Galgen der Mutter das Ohr nicht abgebissen,[273] wann sie ihn hätte besser gezüchtiget in seiner Jugend. Derselbe Bub wäre wohl nit schlimm worden, welchen der Beichtvater befraget, ob er das Vater unser könne, der antwort mit nein, worauf der Pater widersetzt: Ey das ist nichts nutz. Eben darum, sagt der schlimme Schelm, Hab' ich es nicht gelernet. Dieser wäre bei weitem nit so bös worden, wann seine Eltern öfters hätten die Ruthen gebraucht. Ein anderer ist drei Jahr in einer Schul' wegen seiner Faulheit und Unfleiß sitzen blieben, welches ihm der Vater hart verwiesen. Dem aber der Sohn zugeredet: mein Vater, verwundert euch doch nicht so sehr über dieß, ist doch mein Professor schon das vierte Jahr' in dieser Schul. Dieser Maus-König wäre nicht so träg' und faul gewesen, dafern er in der Jugend die Ruthe mehr gekostet hätte.

In einer gewissen Stadt Deutschlands hatte eine Mutter einen einigen Sohn, dem sie aber allzuviel geheuchlet und von Kindheit auf mit ihm als mit einem zarten Biscotten-Teig umgangen. Er war ihr ein einiges Herzl, Scherzl, er hatte im achten Jahr noch keine Ruthe gesehen, und als man ihm solche zeigt, wußte er gar nicht, was dieses für ein Meer-Wunder seye. Er schauete sie an nicht anders, als eine Kuh ein neues Stadel-Thor, und weilen er dazumal schon unter der Sorg' des Präceptors war, also hat solcher Pflicht halber einen Ernst und keinen Clement abgeben; dann [274] er vermerkte in diesem Knaben die Natur der Brennessel: wann man solche glimpflich tractirt, so brennen sie, da man's aber stark und hart reibet, so schaden sie nichts. Nahm also der gute Präceptor stets die Ruthe in die Hand und gedachte: wo solcher Zeiger sey, könne die Uhr nicht unrecht gehen. Aber die Mutter wollte solches auf keine Weis' zulassen, massen ein jeder Streich, den der Präceptor versetzte diesem Zucker-Affen, war ein Echo oder Wiederhall in dem mütterlichen Herzen, also zwar, daß sie ihn nur den groben Drescher nennte, der kein anderes Gewerb verstehe, als dreschen, dreschen. Einst mußte er Noth halber den hölzernen Cometstern in die Hand nehmen, und weilen etwann aus Einrathung der böse Bub ein großes Geschrei verbracht, also ist die Mutter ganz eilends zugeloffen, den Präceptor mit feimendem Maul wie ein Wiesel angeblasen: huy Drescher! wie gibt's Dreschen aus? Worauf der Präceptor geantwortet: Frau gar schlecht, lauter Stroh, lauter Stroh, kein Treib auf mein' Eid! Und war dem also; dann der Knab' ein lauter Strohkopf verblieben. Und weilen nachmals dem Präceptor die Ruthe gänzlich verboten worden, also ist dieser saubere Gesell ohne Wissen und Gewissen aufgewachsen. Nach der Mutter Tod hat er das Seinige fein förderlich durchgejaget vivendo luxuriosè, mit lustigen, listigen, lästerlichen Leuten umgangen. Das war bei ihm eine alte Mette, aber solche verursachte ein geschwindes [275] Complet seiner Geldmittel. Nachdem ihm nun der Feierabend in den Beutel kommen, hat er sich mit dem verlornen Sohn entschlossen zum Pater zu gehen: Ibo ad Patrem. Hält demnach an bei einem gewissen Pater Superior um den klösterlichen Habit. Den Orden will ich dießfalls verschweigen, woselbst er auf- und angenommen worden. In dem Orden hielt er sich wie die Statua des Königs Nabuchodonosoris, welche ein guldenes Haupt, eine silberne Brust, metallenen Leib, eiserne Schenkel und erdene Füß. Also war es anfänglich gut, in wenig Jahren aber merklich schlechter, zuletzt gar irdisch: Indem er das gut Leben von Jugend auf gewohnt ware, ohne Zucht allezeit gelebet, also hat er sich in dieses harte Leben, wie derDavid in den harten Panzer und Harnisch nicht schicken können, dessentwegen den Orden spöttlich verlassen, den evangelischen Glauben angenommen, und in einem schlechten Dorf einen Schulmeister abgeben. Weilen ihn aber die Armuth gar zu stark drückte und drängte, also hat er in fremde Sachen die Händ' gestreckt, bis er selbsten nachgehends von dem Henker gestreckt worden, und dazumal erst Ihr Streng zu seyn angefangen, als er sein Leben mit dem Strang geendet. O elender Untergang! Wäre dieser von Jugend auf mit dem Birkenbaum besser bekannt gewesen, so wäre er nicht also mit dem Eichbaum in eine spöttliche Freundschaft gerathen; hätte ihm die Mutter nicht gar zu viel nachgesehen, [276] so wäre er nachmalens auf dem Galgen nit worden also hoch gesehen; hätten ihm die Eltern zu Zeiten eine gute Ruthe bunden, so hätt' ihn mit der Zeit der Henker nit also gebunden. O wie unbedachtsam handelt ihr, wann ihr denen Lehrmeistern so schimpflich nachredet, als brauchen sie in der Schulkur das Birkenwasser zu sehr und verfahren gar zu streng mit euren Kindern! Aber glaubt mir darum: ein mancher Schilling ist mehr werth, als acht halbe Kreuzer, und wann ihr Eltern wollt einmal einen Schatz finden bei euren Kindern, so lasset seinem Zuchtmeister die Wünschruthe brauchen! Etliche Eltern seynd heiklicher mit ihren Kindern, als die Venetianer mit ihrem Arsenal.

Nehmt eine Lehr' nicht von mir, sondern von Jesu Christo selbsten. Wie dieser gebenedeite Heiland bereits auf dem hohen Berg Calvariä mit seinem, meinem und deinem gestiegen, das ist mit seinem Kreuz', mit meinen und deinen Sünden, welche er auf dem Rücken [277] getragen, so folgte ihm eine große Menge der Edelfrauen, Bürgers-Weiber nach, welche alle aus Weichherzigkeit und Mitleiden über den bedrängten Christum bitterlich weinten, welches dann eine lobwürdigste Sach war, Jesu von Nazareth schmerzliche Passion zu beweinen. Ungeacht' dieses wandte der Herr und Heiland sein blutiges Angesicht gegen sie. »Nolite flere super me, sed semper vos et super filios vestros! meine Weiber von Jerusalem, weinet nicht über mich, sondern viel mehr über euch und eure Kinder!« Die Ursach' dessen gibt der hl. Anselmus. Wie daß dieser Weiber ihre Kinder neben Christo dem Herrn geloffen, ihn höhnisch ausgespöttelt, ja mit Steinen und Kothbatzen auf ihn geworfen und allerlei Muthwillen und Bubenstück verübet; also wollte der Herr Jesus diesen Müttern zu verstehen geben, daß es nit genug sey, wenn sie fromm und andächtig seynd, sondern sie sollen auch ihre Kinder besser auferziehen und in gebührender Zucht halten!

O wie mancher Mutter wird es widerfahren, was der Agar mit ihrem Sohn Ismael geschehen! Dieser schlimme Bub beging allerlei Muthwillen, und war fast kein Bubenstück, welches dieser ungerathene Fratz nicht getrieben. Wessentwegen er aus dem Haus' des Abrahams verjagt worden; und nit allein er; sondern auch seiner Mutter hat man den Strohsack vor die Thür geworfen, zu einer Straf', ob sie schon für sich selbst ein gutes Weibsbild war, um weilen sie ihr Kind den Ismael nicht besser erzogen, sondern ihm gar zu viel [278] durch die Finger gesehen. Also wird manche Mutter auch aus dem Haus' Gottes und herrlichen Himmels. Saal auf ewig ausgeschlossen, weilen sie ihre Kinder nit recht auferzogen. Wen soll nit erschrecken der erbärmliche Untergang des Hohenpriesters Hell, der ein Mann war von großer Vollkommenheit, auch mit sonderm Lob das Volk Gottes vierzig Jahr' regieret hat! gleichwohl hat ihn Gott mit dem jähen Tod' gestraft, und, wie Greg. Pap. Joan. Chrysost. Basil. Isidor. Beda, Philippus Hebrä. davor halten, auch sey er ewig verdammt worden, nur darum, weilen er seinen Kindern zu viel nachgesehen und dero Uebertretungen nicht gestraft.

Die Eltern thun also gar oft zu wenig strafen und gar zu viel lieben. Sie sollen dem israelitischen Führer Moses nachfolgen, der einst in der Wüste ein bitters Wasser angetroffen, welches er gleich süß gemacht, so bald er ein Holz hinein geworfen! Ob's eine Ruthe oder ein Prügel ist gewest, das weiß ich nit. In dulcedinem versae sunt. Also wann sie ein Kind vermerken, daß es wegen des Ungehorsams und anderer Mängel sie öfters erbittert, so dann sollen sie nach dem Exempel des Moses das Holz brauchen und zwar das birkene: will versichern, was vorhero übel gewest, werde gut seyn.

Zu viel, zu viel, zu viel werden die Kinder gehebt! – Wie Jerusalem vom Tito Vespasiano belagert[279] worden, war allerseits in der bedrängten Stadt großes Elend. Erstlich seynd die Hebräer mit großem Ungestümm öfters ausgefallen, die aber also von denen Römern begrüßt worden, daß der Juden in die sieben und neunzig tausend gefangen worden; und waren diese Spottvögel also spottwohlfeil, daß deren einer um einen Heller sammt dem Leihkauf verhandelt worden. Das war ein Elend! Viel tausend der Juden wollten sich mit der Flucht salviren, so aber alle von arabischen und syrischen Soldaten ertappt, welche ihnen lebendig die Bäuch' aufgeschnitten, des Glaubens, als wollen sie geschlücktes Geld finden. Das war ein Elend! Der gefangenen Hebräer seynd alle Tag gegen fünfhundert gekreuziget worden, also zwar, daß ganze Wälder zu Kreuz-Galgen ausgehauet waren und auf die letzt nie der Jud dem Galgen, sondern der Galgen dem Juden abgangen. Das war ein Elend! Wie die Stadt endlich nach vierthalb monatlicher Belagerung erobert worden, war ein solches Blutvergießen, daß, obwohl die Stadt allerseits in Flammen stunde, an vielen Orten das Feuer mit lauter Blut gelöschet worden. Das war ein Elend! In allem, schreibt Joseph, seynd in die zehnmal hundert tausend Juden zu Grund gangen. Das war ein Elend! Aber doch nit das größte – das äusserste und größte Elend, dunkt mich, sey gewesen der [280] Hunger, also zwar, daß eine adeliche Frau ihr eigenes säugendes Kind gemetzget, kocht und gessen. Ach Elend! Wir haben, Gott sey der höchste Dank, dergleichen bedrängte Zeiten noch nit erlebt! – Aber das Elend, welches ja nit klein, sehen wir täglich, daß etliche Eltern nit aus Hunger, sondern aus gar angeordneter Lieb gleichsam ihre Kinder möchten essen. Deßwegen all dero Dichten, Schlichten, Sorgen, Borgen, Laufen, Schnaufen, Schauen, Bauen, Gehen, Stehen, Schreiben, Treiben dahin zielt, daß es den Kindern wohl gehe. Aber leider denkt man nur an den Leib und nit an die Seel, man sorgt nur um das Zeitliche und nit um das Ewige der Kinder.

Bei vielen Eltern gehet der Traum aus, welchen gehabt hat des Königs Pharaonis sein Mundbäck oder oberster Pfisterer. Diesem hat geträumt, als trage er drei Mehlkörb' auf dem Kopf; in dem obersten aber trüge er lauter Semmeln und Kipfeln, die Vögel aber fraßen es. Die zwei Körb' waren fleißig zugedeckt, worinnen nit viel besonders, vielleicht nur Gesindel-Brod; aber der alleroberste, in welchem des Königs Mund-Semmel, war offen den Vögeln zu einem Raub. So und nit anders pflegen viel Eltern zu hausen: sie schauen auf alle Weg' und Steg', wie sie den Leib der Kinder, so ja nur ein schwarzes und speres Haus-Brod, versorgen, schützen, verwahren, bedecken, zieren und aufbringen; aber die Seel, welche der oberste Theil, worin, woran das mehreste liegt, lassen sie unbewahret offen stehen den höllischen Raben zu einem Raub.

[281] Wann die Eltern ein Kind haben, welches einen Buckel hat so groß wie ein Scheerhaufen im Majo, wie schämen sie sich so sehr? oder wanns in den Augen schielet, daß es zwei Bücher auf einmal lesen kann und mit einem Aug' in die Höhe, mit dem andern in die Niedere schaut, wie eine Haus-Gans! Wie verdrüßt es so stark, wann's auf einer Seite hinkt wie ein Hund, den die Köchinn mit dem Nudelwalker bewillkommet! Wie schmerzt nit solches die Eltern, wann's im Gesicht ein ungeformtes Muttermahl hat, etwann auf der Nase eine Kirsche, daß der Stängel ins Maul hängt! Was gäben die Eltern nit darum, daß ein Kernbeiß solches Obst verzehrte! Der geringste Leibstadel ist denen Eltern verdrießlich, und sucht man Augen-Arzt, Zähn-Arzt, Ohren-Arzt, Nasen-Arzt, Maul-Arzt, Kinder-Arzt und Aerztinn: in allen Orten und Porten, solches Uebel zu wenden. Aber wann die Seel' ist wie eine Wüste, wo nit Pachomius, sondern ein Bauchomius wohnt; wann die Seel' ist wie ein Tempel, wo nit ein heiliger Venantius, sondern eine heillose Venus verehret wird; wann die Seel' ist ein Garten, worinnen nit Nüsse, sondern Aergernuß, nit ein riechender Salvi, sondern eine stinkende salva venia wachset; wann die Seel' eine Gasse ist, aber nicht bei den zwölf Aposteln zu [282] Wien, sondern im Sauwinkel daselbst, das achten und betrachten die Eltern nit, das schmerzt sie nit: wann ein Kind den Fuß bricht, da weinet die Mutter, da ist nässers Wetter als im November; wanns aber Gott beleidigt, da ist trocknes Wetter, wie im Heumonat. Das kommt mir just vor, als wann einer Achtung gäbe auf den Schuh und fragt nichts um den Fuß; das heißt die Nußschalen aufgehebt und den Kern hinter die Thür' geworfen, das heißt die Dukaten ausschütten und die Saublätter aufbehalten, das heißt den Degen verrosten lassen und die Scheid vergolden, das heißt die Gans vor den Hund werfen und den Flederwisch auf den Tisch legen, das heißt dem Esan ein Bußl geben und dem Jakob die Feigen zeigen. O bethörte Eltern! ihr seyd nit werth, daß ihr Eltern sollt genennt werden, wann ihr nit seyd, wie Abraham und Isaak. Abraham ist in größten Gnaden bei Gott gewest, Gott hat seinen Samen, Stamm und Namen vermehret, wie die Stern' des Himmels und den Sand am Ufer des Meers, er hat ihn gemacht zu einem Patriarchen der Patriarchen. Warum? Darum, merks Vater, gib Achtung Mutter, hört ihr Eltern! Darum, »quia non pepercisti unigenito filio tuo, weilen nemlich Abraham seinen einigen Sohn nit verschont.« Also meine Eltern, verschont auch eure Kinder nit! Ihr sollt seyn wie der Isaak. Als solcher alte Tättel schon gegen den Abend seines Lebens gangen, hat er [283] seinem Sohn dem Jakob den väterlichen Segen ertheilt, aber den Himmel vor der Erde gesetzet: »De rore Coeli, de pinguedine terrae; Gott gebe dir von dem Thau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde!« Also sorgt auch vor allen, wie ihr denen Kindern denHimmel zuwegen bringet, welches geschieht durch gottesfürchtige Auferziehung! nachmals kümmert euch erst um das Zeitliche und Irdische, so ihr ihnen wollt verlassen!

Judas der Erz-Schelm verheirathet sich mit seiner leiblichen Mutter
Judas der Erz-Schelm verheirathet sich mit seiner leiblichen Mutter.

Nachdem Judas seinen jedoch unbekannten Vater Ruben um das Leben gebracht, hat die hinterlassene Wittib Ciboria solchen unvermuthen Todfall auf keine Weis' wollen verschmerzen, ihr selbst nicht allein die Haar' neben ungeheurigen Heulen ausgerauft, sondern auch bei Gericht um die billige Abstrafung dieses Todschlägers mit großem Ungestümme angehalten. Pilato als damaligen Landpfleger war nicht gar wohl um das Herz, und tragte hierüber nit geringe Sorg', wie er doch dieser Hacke möchte einen Stiel finden. Denn die Klag' der Ciboriä konnte er nit anders, als billigen ohne sondern [284] Nachtheil der Justiz und Gerechtigkeit; den Judam aber, als einen sehr angenehmen Hofmann, zur Straf' ziehen, wollte ihm auch hart fallen. Pilatus ersinnet endlich ein anderes Mittel, zu stillen die Rach' und den Zorn Ciboria, und trägt ihr mit sanfter Manier vor, wie daß es nunmehr eine geschehene Sach' sey mit dem Tod' ihres Manns; sie solle dessenthalben nit ganz verzagen, es seyn noch viel wackere junge Gesellen vorhanden, welche ihr ein Stuck Brod und standesmäßige Unterhaltung können beischaffen, und weilen ihr Gott genommen, so solle sie wieder nehmen. Und – wie wäre es Frau, sagt er, wann euch der Judas selbsten gefallen wollt? Bei solcher Vorwendung hat die Klag' ein End', und Ihr einen jungen wackeren Menschen zu einem Mann! Holla! solches G'läut hat bald das trübe Wetter vertrieben und sich gleich der Sonnenschein gezeigt. Ciboria williget in die Heirath und ist solche innerhalb wenig Tagen ohne weiters Bedenken oder Verathschlagen beederseits vollzogen worden. Ciboria bekam also mit dem Mann einen Sohn und mit dem Sohn einen Mann; Judas exhielt an dem Weib eine Mutter und an der Mutter ein Weib.

So geht's, so geschieht's, wann man also blind, ohne einige reife Erwägung, ohne ferners Nachforschen, ohne bedachtsames Nachdenken, ohne weitern Berathschlag, ja ohne Gott und Gottes Segen dahin heirathet, keinen andern Zweck suchet, als etwann eine viehische [285] Wohllust, ein glattes Gesicht, oder auch einen gespickten Beutel und reiches Vermögen. So geschieht's und so geht's, wann er nit fragt, wiesie beschaffen, und sie nit nachforscht, wie er genaturt. O unglückseliger Ehestand!


Willst du heirathen, so besinn' dich fein,
Sonst bekommst Essig anstatt des Wein.

Etliche vergaffen sich an der schönen Gestalt, und erwägen nicht, daß solche wie Glas und Gras gebrechlich, folgen nach jenen geilen Mistfinken, welche in dem Sündfluß Gott gebadet hat: Videntes filii Dei filias hominum, quod essent pulchrae, etc.. Viel anders hat gethan der Patriarch Abraham. Dieser schickte einst seinen Haus-Verwalter Eliezer in Mesopotamien, daß er in selbigem Land' seinem Sohn eine Braut erkiese. Das ist fürwahr eine harte Commission. Der fromme Hauspfleger reist in nomine Domini pro Domina. Was gedunkt euch aber, was vor Gedanken er unterwegs gehabt habe? etwann: ich will sehen, daß ich eine bekomm', die viel tausend Gulden reich; wann sie schon nit holdselig, so sie nur goldselig ist? ich will Achtung geben, daß ich eine finde, [286] die wohl besteht im Kasten, wann sie schon nit gar casta ist; ich will Fleiß anwenden, daß ich eine antreff', die steif Batzen hat, wann sie schon ein wenig paza ist; ich will sehen, daß ich eine bekomm, die schön von Augen und keine gläserne Wammes-Knöpf, schön von Stirn und kein wurmsüchtiger Furnier-Laden, schön von der Nasen und keine hochangesehene Rotzfrau, schön von Maul und keinen staubigen Mühlbeutl, schön von Zähnen und kein leeres Messer-Gesteck, schön von Statur und kein buckeltes Taschenmesser? oder ich will sehen, daß ich eine Braut bekomme von einem alten Haus, dessen Ahnherr schon längst das Bergwerk oder Zehet eingenommen von dem Weingarten, welchen Noe gebaut? etc. Keinen dergleichen Gedanken hat der treue Eliezer gehabt. Er ist gangen weder auf Schönheit und Wohlgestalt, weder auf hohen Stamm und Aemter, sondern allein hat er nach Tugend getracht, die ganze Sach' Gott befohlen mit dem Zusatz: Herr, diejenige soll seyn, wird seyn, muß seyn eine Braut meines jungen Herrn Isaak, welche wird seyn tugendsam, welche auf Lieb und Höflichkeit mir und den Kameelen wird zu trinken geben. Das ist recht und gut.

Im Heirathen muß man Gemüther, nicht Güter suchen, im Heirathen muß man Mores und nicht Muros [287] anschauen, im Heirathen muß man die Tugend, nicht die Tuchet betrachten, im Heirathen muß man gute Gebährden und nicht gute Geburten erwägen! Das heißt alsdann: nubat in Domino wie der heil. Paulus sagt »in Gottes Namen« heirathen. Nit übel hat jener geredt:


Bin ich ein Mönch, so werd ich hart gestrigelt,
Bin ich ein Soldat, so werd ich oft geprügelt,
Bin ich ein Bauer, so thut man mich schinden,
Bin ich ein Dieb, so thut man mich binden,
Bin ich ein Doktor, so muß ich studiren,
Bin ich ein Narr, so thut man mich vexiren,
Bin ich reich, so leb' ich in Sorgen,
Bin ich arm, so will man mir nichts borgen,
Bin ich jung, so hab' ich viel Hitz,
Bin ich alt, so sing' ich bald schmitz,
Bin ich hoch, so leide ich viel Mucken,
Bin ich nieder, so thut man mich drucken,
Bin ich ledig, so hab' ich keine Freuden,
Bin ich verheirath', so muß ich viel leiden.

Das mehreste Leiden aber in dem Ehestand kommt ursprünglich daher, weilen man ganz unbedachtsame Heirathen eingehet. Wie dann der gelehrte Jesuit Stengelius bezeugt, daß zu seiner Zeit einer Vormittag in den Schulen einen Schilling bekommen, Nachmittag [288] zur Heilung seiner Schmerzen habe er ein Weib genommen. Ein schönes Pflaster! Ein mancher bei einem Viertl Wein wird mit einer bekannt und verliebt sich gleich in dieses pollirte Raben-Aas, daß in einer halben Stund' die Bekanntschaft und Verwandtschaft sich vergleichen, auch die Ehe versprechen, ehender sie einander recht kennen. Ich halt jenen Gesellen, von welchem das hl. Evangelium registriret, für einen Thoren und alberen Menschen, ja gar für einen Hader-Narren, welcher zu dem stattlichen Abendmahl höflich eingeladen worden, jedoch nit erschienen, mit vorgewendter Entschuldigung, daß er derenthalben nit könne erscheinen und aufwarten, weilen er ein Dorf gekauft und also vonnöthen habe, hinaus zu gehen und dasselbige zu besichtigen. Du Narr, du sollst es vorhero besichtiget haben, ehe du den Kauf eingangen! Also soll man wohl vorhero alles umständig erwägen, alles mit dem Winkel-Maß ausmessen, alles reiflich erkundigen, Sitten, Gebährden, Neigungen, Beschaffenheit, Herkommens, Vermögen und forderist Tugend und Untugend betrachten, erforschen, entörtern, ehe man den Handstreich wagt, den Willen verkauft, die Freiheit bindet und sich verehelicht!

Das Heirathen kommt mir vor wie das Fischen. Ein mancher fischt, fischt und fangt, hat das Glück, fangt einen stattlichen Hausen, bekommt eine gute Hauserinn und Hauswirthinn, wie bei Salomone beschrieben wird: die die Weg' ihres Haus' in Acht nimmt, et panem otiosa non comedit, und isset ihr Brod nit im Müssiggaug. Ein anderer der fischt, fischt und fangt, hat das Glück, fangt [289] einen trefflichen Karpfen, zieht einen guten Rogen, bekommt eine Reiche. Ein anderer der fischt, fischt und fangt, hat das Glück, fangt einen Weiß-Fisch, aber lauter Gräten, bekommt eine Weiße und Schöne, aber ohne Mittel, omnia gratis. Ein mancher fischt, fischt und fangt, hat ein schlechtes Glück, fangt einen Aal, die siehet der Schlange gleich, wessenthalben sie also genennt wird Anguilla, bekommt eine böse Megaeram, die zornig und giftig wie eine Schlang'. Ein anderer fischt, fischt und fangt, was? einen Tück (est certa species piscium in Danubio) bekommt einen tückischen Büffel, welche kein karthäuserisch, sondern kahlmäuserisch Stillschweigen hat, ein deutscher Mufti.

Das Heirathen kommt mir vor wie das Heben im Glückshafen: Eine manche die hebt heraus einen Zettel mit Nummer 20, das ist ein schöner silberner[290] Schreibzeug, bekommt einen Sekretari, der die Feder in der Hand und die Flügel am Wammes tragt. Eine andere die hebt, hebt heraus einen Zettel mit Nummer 16, bekommt einen helfenbeinenen Kämpel, ertappt einen solchen, der sie alle Tag' grob abkämpelt, bei dem sie anstatt des Kapital Kapitel einnimmt. Eine andere die hebt, hebt heraus einen Zettel mit Nummer 21, ertappt nichts als einen Badschwamm, bekommt einen solchen versoffenen Gesellen, der alleweil will saufen wie ein Schwamm. Eine andere die hebt, hebt heraus einen Zettel mit Nummer 9, ertappt nichts als einen Pasch Würfel, bekommt einen Spiellumpen zu einem Mann, der bei der Schellen-Sau wenig Speck ersparet. Da heißt es allerseits:


O hätte ich das gewußt!


Ein mancher verblend't sich und verbrennt sich nur an der schönen Gestalt, da doch das gemeine Sprichwort uns erinnert: die Schönheit vergeht, die Tugend besteht! Ja wann die schöne Gestalt der Men schen beschaffen wäre, wie der Israeliter ihre Kleider dazumalen wie sie vom Moses aus Egypten geführt worden, wären solche Gesichter-Krämer noch in etwas zu entschuldigen; denn vierzig ganzer Jahr' durch ein sonders Wunderwerk haben die Israeliter von ihren Kleidern nit einen Faden zerrissen oder versehrt: non sunt attrita vestimenta eorum. Aber mit der [291] schönen Gestalt hat es weit andere Eigenschaft: denn man bleibt nit alleweil zu Schönau, man kommt auch nach Braunau, man bleibt nit immer zu Glatz in Schlesien, man kommt auch nach Zwiefalt in Schwaben. Freilich wohl seynd schön die goldenen Haarlocken, aber nit dauerhaft: mit der Zeit thut auch der Kopf mausen, wie eine alte Brut Henn'. Freilich wohl seynd schön die schwarzen Augen, aber nit beständig: mit der Zeit werden sie rinnend und roth, wie die cyprianischen Tauben haben. Freylich wohl seynd schön die rothen Wangen, aber nit beständig: mit der Zeit werden sie einfallen, wie ein ausgepfiffener Dudelsack. Freilich wohl ist schön eine weiße und gleichsam alabasterne Nase, aber nit beständig: mit der Zeit wird ein alter Kalender daraus, worinnen stets feuchtes Wetter anzutreffen. Freilich wohl ist schön ein korallener Mund, aber nit beständig: mit der Zeit siehet er auch aus, wie eine gerupfte Blaumeise. Freilich wohl seynd schön die silberweißen Zähn', aber nit beständig: mit der Zeit werden auch gestumpfte Pallisaden daraus. Freilich wohl ist angenehm die schöne Gestalt, aber nit beständig: sie geht mit der Zeit auch zu Trümmern, wie die alabasterne Büchse der Magdalena. Aber die Tugend besteht, die Schönheit vergeht. Ein mancher aber vermaulafft sich nur an der schönen Gestalt, verliebt sich an die Schalen und weiß nicht wie der Kern, vernarrt sich in die Scheid und weiß nit wie der Degen, verliert sich an der Haut und weiß nit wie die Braut, bekommt eine herrliche, aber keine ehrliche. Ein solches schönes Weib ist wie die Apotheker-Pillulen, auswendig vergold't, schön, einwendig pfui di. Ein schönes [292] Weib ohne Tugend ist wie ein Buch schön eingebunden aber einwendig ein leeres Register. Ein schönes Weib ohne Tugend ist halt ein goldener Becher und ein saurer Landshuter-Wein darin. Ein schönes Weib ohne Tugend ist halt ein gefirneißtes Toback-Büchsl. Ein mancher bekommt eine solche schöne, die aber untugendlich, eine freundliche, aber mit Gefahr, daß sie nicht ihrem Mann das türkische Wappen auf den Kopf setze; sie macht ihm ein lateinisches V auf die Stirn' und sie buchstabirt das Et Caetera; sie macht ihn, den höflichen Mann, zu einem Kirchen-Thurm-Knopf, worauf ein Hahn steht. Zu Brundrut ist ein solches Kind geboren, welches seines Vaters Namen ganz natürlich hinter den Ohren von Mutterleib gebracht: wann das allezeit geschehe, wäre man cher Schleppsack behutsamer. Ein solcher ist ja ein elender Tropf, der an seinem Weib hat, was Servius Sulpitius an seiner Posthumia, Aulus Gabinius an seiner Lollia, M. Grassus an seiner Tertullia, Cn. Pompejus an seiner Mutia, welche alle nit ehelos, sondern ehrlos ihre Treu vergessen. Ein solcher verachter, verlachter Tropf, verhöhnter, gekrönter Actäon schämt[293] sich nit wenig, kümmert sich nit wenig, seufzet nit selten:


O hätte ich das gewußt!


Du mein sauberer Corneli, hättest nit also sollen gäch darein platzen, dich fein vorhero wohl erkundigen, dich nicht gleich in die Schönheit verlieben, wie der Esau in das Linsenkoch, nicht gleich nach der Schönheit tappen, wie die Eva um den Apfel, hättest du zuvor von fern und nahend weißlich nachgeforscht, wie diese beschaffen sey, ob sie dich nur wegen deiner guten Mittel nehme, übrigenfalls in einen andern veramorirt, so wärest anjetzo nicht so spöttlich mit einer Hirsch. Parocken versehen. Darum:


Willst du heirathen, so besinn dich fein,
Sonst kommt dir Essig anstatt des Wein.

Eine manche arme Haut bekommt einen Mann, und widerfährt ihr, was den grätzerischen Landkutschern widerfahren, welche allemal zu Wien bei dem wilden Mann einkehren in der Kärnerstraße, also wird das Wirthshaus genennt. Sie bekommt einen Mann, einen solchen groben Gsellen, der beschaffen wie St. Gallus-Tag im Bauern-Kalender, dort ist ein Bär gemalen. Dieser Bengel ist weit anders als ein Engel; dann der Engel das Jahr einmal oder zweimal mit dem Stecken über den Schwemm-Teich kommen zu Jerusalem, aber dieser Rilpes kommt fast alle Tag mit Prügeln. Wohl recht heißt ein Mann auf wälschMarito, auf Französisch [294] Mari auf spanisch Marido de Muger, auf polnisch Zoneck, auf ungarisch Feriur, auf lateinisch Maritus, welches Wort etwann herstammet von dem Wörtl Mare, so ein bitteres Meer heißet. Freilich wohl ist einer solchen armen Haut das Heirathen versalzen, wann er ihr immerzu die Ultra-marin-Farb' in das Gesicht streicht und sich noch des Faustrechts haltet. Wie es jener ergangen:

Diese war eine Wittib, und träumte ihr von nichts mehrers, als vom Heirathen. Wessentwegen sie zu dem Herrn Pfarrer zu Rath gangen, welcher ihr dann als bescheider und bescheidner Mann noch eingerathen, noch abgerathen, sondern die Sach ihrem freien Willen überlassen. Ihr meistes Vorbringen ist gewest wegen des Knechts, der da sehr hübsch, jung und freundlich. Zu dem hatte sie all' ihr Absehen und eine große Neigung. Damit dann der Herr Pfarrer dieses Weibs los wurde, gab er ihr nachfolgenden Rathschlag: wie daß sie sich nach dem Glockenschall, so man wird in die Kirche läuten, könne richten; dafern die Glocke sollen gutheißen ihr Vorhaben, so soll sie im Namen Gottes heirathen. Die erwartet kaum den nächsten Sonntag. Und als man mit zwei Glocken zu dem Kirchendienst gelitten, so kam ihr vor, als gaben die Glocken keinen andern Hall und Schall, als diesen: Nimm' den Knecht, nimm' den Knecht! Worüber sie dann mit ihrem Knecht sich verheirathet. Aber [295] bald hernach erfahren, daß sie aus einer Frau eine Magd worden; massen dieser grobe Knoll fast täglich ihr Fünffinger-Kraut aufs Maul gelegt, ja es war alle Tag' bei ihm Donnerstag, allwo es auch öfters eingeschlagen; man sah ihr's gar wohl im Gesicht an, daß sie ihrem Mann gar fast an die Hand gehe, welches ihr dann nit wenig Seufzer aus dem Herzen erpreßt, auch solches kläglich dem Herrn Pfarrer vorgebracht und vorgeropft, wie daß er ihr einen so üblen Rath hätte ertheilt. Welcher aber sehr witzig geantwortet: daß sie nit hätte sollen dem Gelaut' der zwei Glocken folgen, sondern hätte warten sollen, bis man zusammen mit drei Glocken hatte geläut', nachmals wäre kein anderer Schall zu vernehmen gewest, als dieser: Nimm nit den Knecht, nimm nit den Knecht! Wie oft wäre aus ihr zu hören:


O hätte ich das Ding gewußt!


Du meine große Närrinn hast die Sach' gar zu unbesonnen angefangen, indem du nur allein erwägt hast das rothe Fleschmaul. Sollt dir nit eingebildet haben, daß sich Kapaunen-Fleisch und Kuh-Fleisch in einem Hafen nit gleich sieden? soll dir nit eingefallen seyn, daß sich der alte Kalender mit dem neuen nicht vergleiche? hättest du nicht sollen denken, daß Neuenmarkt und Altenmarkt in Bayern weit von einander? daß ihr alte kalte Spital-Waar euch nur so gern in die neue Kram mischet? Ihr wißt wohl, daß Seneca [296] kein angenehmer Autor für einen jungen Buben, der noch mit der Nasen auf den Wammes-Ermel schreibt. Ihr könnt' euch einbilden und müßt euch vorbilden, daß ein solcher nur das Eure, nicht aber euch lieb habe!


Willst du heirathen, so besinn' dich fein,
Sonst kommt dir Essig anstatt des Wein!

Mancher bekommt ein Weib, die einen Manns-Namen hat, nemlich Swighardus, auf deutsch schweig hart! – Am heiligen Pfingsttag hat ein jeder Apostel zwei Zungen gehabt, eine war im Mund, die andere ober dem Haupt, benanntlich der heil. Geist in Gestalt einer feurigen Zungen. Aber dieses vernünftige Murmel-Thier hat an einer Zunge zu viel. Andere Mühlen haben bisweilen einen Feiertag, absonderlich im Winter, wann der Bach gefroren, oder im Sommer, wann das Wasser nicht die Wassersucht, sondern die Schwindsucht bekommet; aber das Mühlrad in ihrem Lauf geht immerzu, ihre Katzen-Musik hat fast nie keine Pausam, sie hätte gut zu einem Stund-Ausrufer taugt, dann sie hätt's nie verschlafen. Deßwegen kein Wunder, daß man nachmals mit solchen Weibern umgehet, wie mit der Stuben-Thür: wann solche garretzt und kirret, so schmiert man's, alsdann schweigt der Thür-Angel still.

Dergleichen Thür-Geschwöll hatte einer in Niederland, welcher aber ihr wegen des steten Zankens öfters [297] den Rucken nit mit dem Besen (sie war ohne das bös genug) sondern Besenstiel wacker abgekehrt, der gänzlichen Meinung, der Stiel mache still. Solcher Holzmarkt wollte dem unbändigen Weib gar nit gefallen. Suchte demnach bei andern Nachbarinnen einen Rathschlag, wie sie doch möchte so vielfältige Kopfstück', welche sie von ihrem Mann empfangen, mit gleicher Münz bezahlen, die dann sehr ernstlich zu Rath gangen und endlich also geschlossen: Sechs aus ihnen wollen sich bekleiden, wie die hl. Jungfrauen im Himmel und beinebens mit guten Prügeln wohl bewaffnet in der Kammer sich verbergen, nachgehends auf dero Anrufung erscheinen und diesen knoperten Gesellen wohl mit Holz-Birn' traktiren. – Der Handel nimmt eine gute Anstalt, und da solcher nach Haus kommen, fangt sie ihn gleich an zu blasen, doch nicht so lieblich, wie die Thurner zu Ingolstadt, und weilen sie ihm die Schmachwort sub ritu duplici abgelesen, als konnte er nit anders, als sein hölzernes Recept suchen, [298] dieses Gall-Fieber seines Weibs zu curiren. Auf den ersten Streich ruft sie alsbald gegen Himmel: die Heiligen wollen ihr beispringen! und kaum daß sie geschrien: helft mir! so seynd sechs Heilige, meine Patroninnen, alsobald die verkleid'te Heillosen zu der Kammerthür heraus gewischt und unverzagt darein geschlagen, daß dem Mann der Buckel gestaubt, und dergestalten abgeknittelt, daß ihm schier alle Beiner zu Kruspeln worden. Nachdem nun eine nach der anderen wieder verschwunden, so fällt er noch seinem Weib zu Füssen, sprechend: Sey dir tausendmal dankt, mein Weib, Gott vergelt' dir's, mein Schatz, daß es also noch abgeloffen! Wann du die hl. Ursula mit ihrer Gesellschaft hättest angerufen, sie hätten mich zu todt geprüglet! – Ich verkauf diese Waar' für keine Wahrheit, gleichwohl aber klagt mancher Mann, daß er einen steten Krieg mit seinem Weib führe, und glaube eher ein Armistitium zwischen Hund und Katzen, als zwischen ihnen. Die Köpf' sehen zusammen, wie des Kaisers seine Adler. Deßwegen sey auch kein Segen Gottes im Haus, massen bekannt, daß Gott in die Welt kommen und auf die Erd' herunter gestiegen, toto orbe in pace composito: Da die ganze Welt im Frieden war. Wie oft heißt es denn:


O hätte ich das gewußt!


[299] Du unbesonnener Gispel, du sollst in dem Fall nachgefolgt haben dem Mosi, welcher nit gleich den geraden Weg ohne weiters Bedenken dem gelobten Land zugeruckt, sondern bevor etliche dahin gesandt, seines Erachtens gescheite Männer, welche alles daselbst wohl sollen ausspähen und betrachten. Du hättest sollen handlen wie der berühmte Kriegsfürst Josue, der nicht gleich mit der Armee und ganzem Kriegsheer vor die Stadt Jericho kommen, selbe zu belageren, sondern er hat vorhero zwei wackere Männer dahin geschickt, welche alles und jedes gar genau sollen besichtigen und verkundschaften. Ja du hättest sollen vor allem Gott den Allmächtigen betrachten, welcher dem Adam als erstem Weltpfleger kein Weib wollte geben ohne vorgehendes Bedenken und reifer Erwägung aller Umständ'. Es ist nit gut, daß der Mensch allein sey: lasset uns ihm eine Gehilfinn machen, die ihm gleich sey! Also hättest du auch zuvor alles wohl beim Licht sollen beschauen, so wärest du nicht also hinter das Licht geführet worden, nicht gleich in einem Tag, innerhalb wenig Stunden den Kauf machen, welchem nachmals ein so langer Reukauf folget! Dann


Willst du heirathen, so besinn' dich fein,
Sonst kommt dir Essig anstatt des Wein!

Wie oft bekommt ein Weib einen Mann, der dem Himmel gleich ist, verstehe alle Tag sternvoll, der immerzu singt:


Ich weiß mir einen guten Gspann,
Der liegt dort unt' im Keller,
[300]
Er hat ein hölzernes Röckel an,
Er heißt der Muskateller.

Was leidet nicht eine solche arme Julia bei einem solchen Oktober! Den ersten Tag hat Gott der Allmächtige das Licht erschaffen, den andern das Firmament, den dritten die Erd' sammt allen Kräutern und Pflanzen, den vierten Sonn, Mond und Stern, den fünften Tag hat Gott der Herr die Fisch und Vögel aus dem Wasser erschaffen: producant aquae; Gott sprach: Die Wasser bringen kriechen de Thier' herfür, die eine lebendige Seel haben, und das Geflügel auf Erden unter dem Firmament des Himmels. So seynd dann das erstemal die Vögel aus dem Wasser kommen? ja; jetzt aber hat es sich alles umkehrt: der Zeiten kommen die ärgsten Vögel, ja die schlimmsten Galgenvögel aus dem Wein, allermassen die Trunkenheit eine Wurzel alles Uebels.

Der heilige und große Kirchenlehrer Ambrosius schreibt und beschreibt, wie die Vollsaufer beschaffen seynd. Incerti illi visus, instabilis gressus, umbras saepè transiliunt sicut foveas, nutat his cum facie terra, subitò errigi et inclinari videntur et quasi vertantur, timentes in faciem ruunt, et solum manibus apprehendunt; welches auf deutsch so viel ist: Ein voller Mann der sieht [301] aus so wild, wie eine abgebrannte Glas-Hütte, seine Haar' seynd ihm zerrütt', wie ein alter Roß-Kotzen er hat eine Nase, die ist roth wie ein Feiertag im Bauren-Kalender, er hat ein Maul, das ist so schmutzig wie ein alter Faim-Löffel, er hat ein Paar Backen, die brennen wie ein preußisch Leder, er geht mit den Füssen so gerad, wie die Donau zu Dillingen, er haspelt mit den Häxen, als wollte er von unten auf das Weber-Handwerk lernen, er gröpetzt und singt solche Magen-Triller, daß man aus diesem Tisch-Glöckel leicht kann abnehmen, man werde bald für die Säu' anrichten. Pfuy, du Sau-Narr! heißt das nit das Ebenbild Gottes, welches der Allerhöchste so künstlich verfertiget, in den Koth werfen? und neben allem diesen, was Uebel entspringt? was Uebel? das hat Herodes erfahren; was Uebel? das hat erfahren Holofernes; was Uebel? das hat erfahren Loth; was Uebel? das hat erfahren der Kaiser Zeno, der König Alexander Magnus, der Fürst Udo, etc. und viel tausend adere [302] mehr; was großes Uebel? das erfährt manche arme Tröpfinn, welche einen solchen Weinfalter geheirathet, der von einem Wirthshaus in das andere fliegt.

Alt ist die Historie, bekannt ist die Geschicht', ausgeschrien ist die Begebenheit, welche sich mit dem guten Alt-Vater Noe zugetragen. Bötius war der erste, der die Schuh gemacht, Paulinus war der erste, der die Glocken erfunden, Berchtholdus Niger war der erste, der das Geschütz erdenkt, Palamedes war der erste, so die Wirfel aufgebracht, Noe war der erste, so sich im Wein vollgetrunken. Was ist ihm aber dessenthalben geschehen? Nudatus in tabernaculo suo: spöttlich ist er entblößt worden. Diese Entblößung ist herkommen von der Trunkenheit. Aber sag' her, wie kommt's auch, daß mancher an Mitteln entblößt wird? Die Sau zieht den Zapfen, der Beutel wird eitel, Weib und Kinder sehen aus wie die Arbeit bei dem Bein-Drechsler, Haus, Kammer und Zimmer seynd aufgeputzt, wie die Altär' am Charfreitag, der zuvor so wohl gestanden, ist anjetzo aller Mittel entblößt. Jene Knaben, welche den Propheten Elisäum gespöttlet, seynd von denen Bären zerrissen worden. Mein lieber Meister Matthe und Barthelme, mein lieber Meister Gregori und Honori, mein lieber Mann Jeremias und Zacharias, wie geht es dir und den deinigen so schlecht? [303] Ich glaub' allem Ansehen nach, deine Wirthschaft thue überaus stark mausen, du mußt einen frommen Wandel führen, daß deine Kinder alle Baarfüßer-Ordens werden, es hat keines keine Schuh anzulegen und druckt's doch der Schuh allenthalben; deine Kleider seynd nach der alten Modi gemacht, doch mit dem Unterschied, daß jene zerschnitten, die deinigen aber zerrissen! Wer hat dich also zugericht? ich wollt' es wohl errathen, wann du es mir nit willst vor ungut aufnehmen. Gleich wie die Bären jene Kinder zerrissen, welche den Elisäum für einen Kahlkopf ausgeschändet, also haben dich auch die Thier' und Bären zugericht, der schwarze Bär in der Vorstadt, der guldene Bär in der Herrn-Gasse, der blaue Bär in der Gmeinstraßen; will sagen die Wirthshäuser mit diesen Schilden haben dir also geschadet! Darum kannst du mit andern, und andere, mit dir singen:


Dives eram dudum, fecerunt me tria nudum,
Alea, vina, venus, tribus his sum factus egenus:
»Vor diesem hatt' ich alles g'nug,
Brav Geld und gute Mittel;
Jetzt heb' ich's Maul, zum Wasser-Krug
Und trag' ein' zerriss'nen Küttel.«
[304]
Willst wissen, was die Ursach gwest,
Das sag' ich dir ohne Scheu:
Mich haben nur drei W entblößt,
Weib, Wirfel und Wein darbei.

Dessentwegen hat einmal ein Bettler von einem Hausherrn ein Allmosen begehrt, welches dazumal gleich auf dem Bett lag und dem armen Mann die Antwort geben: er wollt' ihm von Herzen gern etwas mittheilen, aber könne nit aufstehen wegen gar zu großer Kopf-Schmerzen. Aus was Ursach? fragte der Bettler. Dem er geantwort: wie daß er sich gestern überweint. O! wann das ist, mein Herr, so trinkt Euch, heut' wieder voll, es hilft! Ja, sagt der Herr, morgen werde ich mehrmalen die Schmerzen empfinden. Ey! widersetzt der Bettler, morgen müßt Ihr Euch mehrmalen vollsaufen. Auf solche Weis' aber kann ich auch übermorgen dem Kopfweh nit entgehen. Possen, sagt der Bettler, übermorgen müßt Ihr Euch abermalen einen dicken Rauch antrinken. Was wird aber endlich daraus werden? sagt und fragt der Hausherr. Deme der Bettler: Ja, Ihr werdet halt ein solcher armer Narr und Bettler werden, wie ich bin; dann ich war vor diesem auch bei guten Mitteln, aber die öftere Vollheit hat mich also leer gemacht: Operarius [305] ebriosus non locupletabitur. Wann nun ein Weib einen solchen Wein-Egel und Wein-Igel bekommt, wie oft verursacht ihr der Wein das Weinen. Wie oft heißt es:


O hätte ich das gewußt!


Aber du, meine bethörte Haut, hast dir diesen Nagel selbsten gespitzt in den du getreten, du hast dir diesen Zwiebel selbst züglet, der dir so oft das Wasser aus den Augen locket, du hast dir dieses Feuer selbst gelegt, welches anjetzo alles das deinige in die Asche gelegt. Du hast weder Gott, nach den Nächsten, auch sogar deine eigenen Eltern nit befragt, sondern dahin geheirathet, als wären dir die Schwalben über die Augen kommen wie dem Tobiä. Hättest fein weislich nachgefragt, ob diesem nit allzeit träumte wie dem Mundschenken des Königs Pharaonis von dem Rebensaft; hättest du nachgeforscht, ob dieser nit öfter in der Bibliothek als Bibliothek, so wärest du also hinter die Wahrheit kommen. Aber der blinde Bub ohne Schuh gab dir keine Ruhe! Jetzt ist es geschehen, ein andersmal [306] bedenk's wohl, und nicht gleich obenhin, wie die Hund' aus dem Fluß Nilo trinken!


Willst du heirathen, so besinn dich fein,
Sonst kommt dir Essig anstatt des Wein.

Zwischen den Eheleuten soll es hergehen und eine Beschaffenheit haben, wie bei der allerheiligsten Dreifaltigkeit, denn daselbsten werden drei Personen gezählt und doch nur ein Gott. Also wann schon der Ehestand in zwei Personen bestehet, so soll doch gleichsam nur ein Herz seyn und ein Gemüth, ja die größte Einigkeit unter ihnen seyn. Der Ehestand ist dießfalls wie ein Granat-Apfel: diese schöne Frucht tragt über sich eine Kron', so lang der Apfel ganz verbleibt; sobald er aber sich zerspalt', so ist die Kron' hin. Also wie lang die zwei vereinigt seyn, so lang haben sie gleichsam eine guldene Kron', führen ein gutes Regiment; sobald sich aber ein Zwiespalt ereignet, so ist alles hin. – Wohl ist zu erwägen, daß die Engel den Loth sammt Weib und Kinder aus der sündigen Stadt Sodoma geführet haben, jedoch nur den Loth angeredet: er soll nit umschauen: Noli respicere post tergum! Weilen nun solches Gebot auch das Weib getroffen, warum daß die Engel nicht sagen: Nolite respicere post tergum: Schauet nit hinter Euch? Da antwortete der gelehrte Silveira: Wie daß die lieben Engel der Meinung gewest seyn, als wären diese zwei Eheleut' so vereinigt, als seynd sie gleichsam nur eins.

Freilich wohl soll eine solche lob- und liebreiche, Einigkeit seyn, aber leider! erfährt man öfter das Widerspiel, und zertrennt solche nit selten die schmerzliche [307] Eifersucht: Wie in Spanien die Stadt Gerunda vom Karolo, König in Sizilien, und Philippo, König in Frankreich erobert worden, wollten die Franzosen das Grab des hl. Narcissi berauben, seynd aber von diesem ihren gottlosen Vorhaben abgetrieben worden durch eine unzählbare Menge der Mucken, welche wunderbarlicher Weis' aus dem Grab des. hl. Narcissi heraus geflogen. Dieser kleine Feind mit seinen kaum sichtbaren Stilett hat eine große Anzahl der Franzosen erlegt, die übrigen alle spöttlich in die Flucht gejagt, also daß annoch bei den Herrn Spaniern das Sprichwort lauft: die Franzosen fürchten sich von denen spanischen Mucken. Den hl. Narcissum haben die Mucken defendirt; aber ein mancher Narr hat Mucken und macht ihm Mucken, die ihn nur offendiren, und solche Mucken seynd das mehreste wegen der Eifersucht. Da soll sie alleweil hinter den Ofen hocken wie ein bayrischer Gogelhopf; sie soll sich das Jahr nur einmal sehen lassen vor andern, wie ein Palm-Esel; sie soll nichts reden, als hätte sie auf die Karthäuser-Regel Profession gemacht. Alle Schritt' und Tritt' kommen ihm verdächtig vor: Wann sie nur einmal seufzet, so wünscht er schon, der Seufzer hätte Schellen oder Glöckel an wie die Schweizer-Kühe, [308] damit er wüßt', wo er hingehe; er aber lad't niemand ins Haus, er leid't niemand im Haus, er macht sich tausend Mucken, etc.

Ein solcher ist gewest Ludovikus Severus, Herzog in Bayren, welcher ohne allen Grund seine Frau Gemahlinn Mariam als eine habe Prinzessin von dem Stamm-Haus der Fürsten in Brabant, in einen gottlosen Verdacht gezogen wegen eines Schreiben zu Ruchonem den Grafen; also zwar, daß er aus Uebergewalt der Eifersucht in einen Zorn, von dem Zorn in eine Furie, von der Furie in einen fünffachen Todtschlag gerathen: dann er nicht allein vier andere, seines bethörten Wahns nach, beschuldigte Personen hingerichtet, sondern auch seine hochfürstliche Gemahlinn von des Henkers Händen, ob sie schon die Unschuld selbsten war, tyrannisch enthaupten lassen zu Donauwörth. Die folgende Nacht ist er dergestalten, theils vom eignen Gewissen, theils auch durch den Geist der Maria, seiner Gemahlinn, also geplaget und beängstiget worden, daß er als ein junger Fürst mit 26 Jahren schlafen gangen, aber zu Morgens als ein sechzigjähriger Tätt'l ganz eisgrau aufgestanden. Welcher nachmals zu einer Buß, so ihm Pabst Alexander der Vierte auferlegt, das stattliche Cistercienser-Kloster Fürstenfeld zwischen Augsburg und München erbaut und mit großen Renten versehen. Da sieht man, was nit solche eifersüchtige Mucken für eine Gewalt haben.

Dergleichen Mucken hat auch gehabt jener Rhein-Graf, welcher aus üblem Verdacht einen edlen Ritter[309] enthaupten lassen, und nachgehends den Kopf seiner Frauen als einer vermeinten Ehebrecherinn ein ganzes Jahr hindurch an den Hals gehenkt. Welchem nachmals der hl. Ulrich, Bischof zu Augsburg, wunderbarlich befohlen: er solle die Wahrheit offenbaren, worauf die schon verfaulte Zung' diese klaren Wort', so von vierzig anderen Beiwesenden verstanden worden, öffentlich gesprochen: »Ego cum hac foemina non peccavi: Ich hab mit diesem Weib nit gesündiget!« – Nit viel anders hat sich verhalten jener reiche Burger, mit Namen Christophorus Bongartner, Anno 1528 zu Basel im Schweizerland, welcher über allermassen geeifert mit seinem Weib, und da er einst ein seidenes Band an seinem Diener ersehen, welches er glaubte, als seye es sein gewesen und das Weib dieses dem Diener gespendiret. Dieses hat seine Mucken, dergestalten vermehrt, daß er sein schwangeres Weib ermordet, sein kleines Töchterl erwürget und nachdem er einen Brief verfertiget an den Senat daselbsten, hat er sich von dem obersten Gaden seines Hauses auf die steinige Gasse herunter gestürzt und den Hals gebrochen. Das seynd die saubern Früchte der Eifersucht, solche Brunsten erwecket der Satan durch die winzigsten Funken, weilen er nichts anders sucht, als die Einigkeit im Ehestand zu zerstören, welche allweg soll verbleiben wie der Unterrock Christi des Herrn, der da ohne Rath, sondern ein ganz vereinigtes Kleid. Solchem [310] wollte Gottes Sohn nicht zulassen, daß er zertheilt oder zertrennt werde.

Von dergleichen Mucken seynd sehr viel Weiber auch nit befreit, ja diese kommen mir vor, wie die Frösch' im Sommer: Die grünhosende Lackendrescher verbringen ja eine verdrießliche Musik die mehreste Zeit, wann sie auf einem mosigen Gestad' eines Fischweihers oder Teichs ihre Pfund-Gosche aufsperren, daß fast der Kopf nit sicher ist, daß er nicht zum Maul hinaus falle; sie machen solche Triller in ihrem Gesang, daß gegen ihnen ein kropfeter Pinzger ein lieblicher Amphion im Singen scheint zu seyn, und so viel man den Text ihres liederlichen Lieds versteht, so quacketzen sie nichts anders als: gib Acht, gib Acht, gib Acht! Der eifersüchtige Weiber-Gedanken redet nichts anders, als eben diese Frösch-Sprach: gib Acht! Wann der Mann nur aus dem Haus geht, so heißt es: gib Acht, wo er den Weg hinnimmt! wann er einer anderen einen guten Morgen gibt, so glaubt sie, es sey [311] schon der Abend seiner Treu' vorhanden, da heißt es: gib Acht, wie er sie nit anlacht! wann er bei einem hochzeitlichen Ehren- Tanz zweimal mit einer tanzt, so heißt es schon: gib Acht, ob er ihr nit die Händ' druckt; Ich hab' selbst eine gekennt, welche der andern mit einem scharfen Taschenmesser das Angesicht kreuzweis zerschnitten, um weilen sie ihren Mann mit dem Ellenbogen scherzweis gestoßen. Gib Acht, gib Acht! Eine andere ist gewest, welche einen sehr gottesfürchtigen Ehemann gehabt; gleichwohl mit ihm dermassen geeifert, daß bei ihr fast nichts anzutreffen war, als das stete: gib Acht! Unter anderm hat sie Acht geben, daß er alle Tag so eifrig nur an einem Ort des Beth-Büchleins gelesen, welches sie veranlaßt hat zu sehen, was es doch für ein Gebet seye Und siehe! da nimmt sie wahr, daß die Blätter ganz schmutzig wo die Buß-Psalmen des Davids stunden. Gleich hierauf schöpft sie den Argwohn, weilen David einen Ehebruch begangen, habe er diese Buß-Psalmen gebetet, und weilen dergleichen Andacht bei ihrem Mann, so sey auch ein gleicher Verdacht bei ihm; welche Eifersucht dergestalten sie gequälet, daß sie ihr endlich selbsten den Tod angethan. Bei einem solchen, bei einer solchen seufzt man öfter:


O hätte ich das Ding gewußt!


Ihr aber hättet es wohl wissen sollten! Denn unter andern Drangsalen, welche in dem Ehestand ein schleichen, ist auch die mißtrauende Lieb und unruhige Eifersucht nicht die geringste, welche der gerechte Gott bisweilen derentwegen zulasset, damit die Freud' des Ehestands und wohllüstige Lieb' in etwas gemäßiget [312] bleibe. Mehrestens aber rühren solche Trübsalen (tribulationem tamen carnis habebunt EJUSMODI und solche W in der E daher, weilen man den Stand gar zu gäh und unbesonnen antritt, auch den allmächtigen Gott dessentwegen nit um Rath gefragt, welcher ohne Zweifel auf eifriges Anersuchen und inbrünstiges Gebet das Gemüth erleuchten thut. Darum spricht der weise Salomon: Domus et divitiae dantur à Parentibus, à Domino autem proprie uxor prudens: Haus und Reichthum wird von den Eltern gegeben, aber ein vernünftiges Weib kommt eigentlich von Gott dem Herrn. Wer dann ein gutes frommes Weib verlangt zu bekommen, der muß sich nit um eine alte, zahnlose Kupplerinn umsehen, welche mit ihrem Husten-G'werb solche Heirath zusamm' bändlet, sondern er muß mit aufgehebten Händen denjenigen eifrig ersuchen, welcher den hl. Ehestand eingestellt in dem Lust-Garten des Paradeis. Ein rechtes Weib, sagt einmal einer, muß lauter und haben, erstlich einen rothen Mund, hübsch gesund, gehorsam zu aller Stund, Gold und Geld nach dem Pfund, die nit bellt wie ein Hund, die einem Mann alles Gutes vergund, die nicht wird ungeduldig, so man's auch schund, die fein [313] hurtig undrund, daß man keine bessere fund. Auf solche Weis' wollt es der Phantast gar geküchlet haben.

Aber wahr ist es doch: der ein gutes Weib wünscht zu haben, die in allen ihm ein Wohlgefallen leisten solle, der such's von Gott, à Domino! Wo aber der Ehestand unglückselig ausschlägt, versichert euch, daß euer einige Schuld solchen bittern Wermuth gepflanzet habe; dann entweders seyd ihr zusammen kommen, sicut equus et mulus, quibus non est intellectus: »Wie Roß und Maulthier, die keinen Verstand haben,« oder ihr habt dieses hl. Sakrament nit im Stand der göttlichen Gnaden empfangen, oder euer Ziel und geziemendes End war nit dasjenige, welches Gott und ihm die Kirche vorgeschrieben, oder ihr heirathet in eine nahe Verwandtschaft ohne große Noth wie Judas der Erz-Schelm, etc.

Judas Iscarioth wird von Christo dem Herrn an- und aufgenommen
[314] Judas Iscarioth der Erz-Schelm wird von Christo dem Herrn in sein apostolisches Kollegium an-und aufgenommen.

Nachdem Judas durch öfteres Gespräch mit seiner Ciboria so weite Nachricht erforscht, daß er wahrhaftig seinen eigenen Vater ermordet und hierüber noch seine leibliche Mutter für eine Ehegattinn mißbrauche, hat er theils durch eignen Gwissen-Zwang und innerlichen Antrieb, wie nit weniger durch der Ciboria bewegliche Anmahnung gänzlich beschlossen, einen heilsamen Buß-Wandel anzuheben; und weilen dazumalen Christus Jesus von Nazareth ohnedas wegen seiner Lehr' und Werk sehr berühmt war, also hat er mit großem Eifer gesucht, wie er möchte in Christi Gesellschaft kommen: welches dann ihm also wohl gelungen, daß er bald mit sonderm Trost zu einem Jünger und Apostel des Herrn ist erkieset worden.

Weil nun Abulensis in c. 10. Matth. Rupertus in c. 6. Joan. August. in Psal. 34. Con. 1. kräftig dafür halten, als seye Judas allzeit ein Schelm gewest; entgegen Tertul. I. de Praescript. adversus Haeres. c. 3. Cyrill. I. 4. in Joan. cap. 30. Chrysost. I. 3. contra Pelag. [315] c. 2. Item Ammonius, Leontius, Theophylactus, Cajetanus, Maldonatus ad cap. 10. Matth. der widrigen Aussag seyn und wollen, daß Judas anfänglich ein frommer und gewissenhafter Mensch seye gewesen, wie er in das apostolische Kollegium sey aufgenommen worden: also möchte hierinfalls zum Behilf' beeder Sentenz zu glauben seyn, als seye zwar Judas ein gottloser Bösewicht gewesen vorhero; damalens aber, als er unter die Apostlen Christi ist gezählet worden, durch innerliche Reu' und Bußfertigkeit schon den Namen eines Gerechten verdient habe.

Dermalen ereignete sich eine sehr wichtige Frag', warum doch der seligmachende Heiland habe Judam für einen Apostel erkiesen, da er doch vermög' seiner göttlichen Allwissenheit erkannte, daß dieser ein räudiges Schaf' unter seiner geheiligten Heerde werde abgeben und endlich als ein gewissenloser Erz-Schalk seinen eignen Herrn und Meister den Feinden übergeben.

Der heilige Ambrosius antwort': es habe darum Jesus Judam zu einen Apostel erwählt, da er doch hat vorgesehen, daß er zu einem Schelm wird werden, damit du auch mit Geduld übertragest, wenn dein Frater an dir ein Verräther wird! Der hl. Vater [316] Augustinus ist der Meinung: es habe der Heiland derenthalben Judam in seine apostolische Gesellschaft aufgenommen, da er doch vorgesehen dieses Menschen verruchte Bosheit, damit er auch aus dem Bösen könne etwas Gutes schmieden, zumalen dieser schlimme Lotters-Gesell ein Werkzeug war des Leidens Christi. Mir gefällt aber dießfalls forderst die Lehr' des englischen Doktors, welcher gänzlich vermeint, daß der heilwirkende Jesus habe dem Judas eine Stell' in dem apostolischen Gremio vergunnt, ob schon er vorgesehen dessen verfluchte That und großen Untergang, damit er zeige, daß kein einiger Stand sey ohne Schandfleck, und mitten unter den Guten auch ein Bösewicht lebe. Dessenthalben aber eine heil. Religion, ein Orden, ein Kloster nicht zu verwerfen, um weilen einer oder der andere darinnen sich nicht gut verhalt.

Hört ein wenig, ihr Ehrenstutzer, ihr Ehrenstimpler, ihr Ehrabschneider, ihr Ehrenschänder, ihr Ehrenschinder, ihr Ehrendieb', die ihr eine ganze Zeit die Geistlichen im Maul herum tragt, welches doch immer Schad', daß ein solches gutes Bissel in eine solche schlimme Goschen kommt. Hört, was einmal der [317] große heil. Vater Augustinus von seinem Kloster und Orden geredt, das redet noch ein Benediktus, ein Dominikus, ein Franziskus, ein Bernardus, ein Norbertus ein Ignatius von den seinen: Non est melior domus mea, quam domus Domini: »mein Haus ist nicht besser, als unsers Herrn sein Haus.« Daß Judas Iscarioth ein Laster-Mensch gewesen, müssen es und sollen es andere Apostel nit entgelten. – Die katholische Kirch' zählt eilf Millionen der Märtyrer, wie Caussinus bezeugt: die Stadt Rom prangt allein mit dreimal hundert tausend Märtyrer, wie es Thomas Pozius behauptet; unter dem Diocletian seynd ineinem Monat 17,000 durch unterschiedliche Peinen gemartert worden: durch Pfeil der hl. Sebastianus, etc. durch Stein der hl. Stephanus, etc. durch Prügel der hl. Maurus, etc. durch das Wasser der hl. Sabas, etc. durch das Kreuz und Galgen in der Luft der heilige Strata, etc. durch die Erd' und lebendige Begräbniß der hl. Chrysantus, etc. durch Feuer der hl. Laurentius, etc. durch wilde Thier der hl. Sylvanus, etc. durch Schinden der hl. Bartholomäus, etc. durch Zungen-Ausschneidung. die hl. Basilissa, etc. durch eiserne Ruth' der hl. Lycarion, etc. durch eine Sag' aber ein einiger Apostel und die hl. Tarbula, eine Schwester des hl. Bischofs Simeon. Der Zeiten aber seynd fast alle Geistlichen Märtyrer und werden gepeiniget durch Sagen; dann [318] wo ist ein Ort oder Port? wo ist ein Land oder Stand? wo ist ein Haus oder Schmaus, wo man nit thut Uebels sagen von denen Geistlichen? Die Sag', mit der der heilige Apostel sammt der heiligen Tarbula ist gemartert worden, hat sehr peinliche Zähn' gehabt; aber wer leidet mehrers und öfter von den Zähnen und bissigen Mäulern als eben die Geistlichen? Joannes de Plano sammt mehrern sagt ernstlich aus, daß in der Tartarey sehr viel Leut', forderst die Mannsbilder, rechte natürliche Hundsköpf' haben, deren beste Waffen wider ihre Feind' die scharfen Zähn' seynd. Ich, meines Theils, rath' keinem diesen unnöthigen Vorwitz zu büßen, daß er in solche ferne Land' ziehe, massen er dergleichen Abentheuer wohl in unsern Ländern antreffe. Er frage nur uns arme Geistlichen um Bericht, die wir fast täglich solche Hunds-Köpf', solche Hunds-Zähn', Hunds-Zungen, Hunds-Murrn, Hunds-Beißen empfinden.

Die gottlosen, ehrlosen, gewissenlosen, heillosen, treulosen, grundlosen Leut' seynd natürlich wie die Egel, welche nur das schlimme Blut sutzlen und saugen, indem sie nur auf Defekt und nit Profekt, auf das Böse und nicht auf das Beste, auf das Heillose und nicht das Heilige Achtung geben. Sie treten gar emsig in die Fußstapfen jener pharisäischen Beschnarcher, welche dem Herrn vorgeworfen, daß seine Jünger nach [319] Satzung der Aeltesten ihre Händ' nicht waschen, bevor sie das Brod essen. Es Lumpenhund! wascht ihr lieber euere ungereimten und ungeräumten Goschen! von andern Tugenden und Vollkommenheiten seyd ihr gänzlich still, welche ihr doch täglich und stündlich bei den Apostlen wahrnehmt; dieß einige, was ihr selbst für einen winzigen Mangel haltet, ärgert euch! – Also seynd deren sehr viele, so die mindeste Unvollkommenheiten der Geistlichen mit doppelten Brillen beschnarchen, entgegen der großen Heiligkeit und ruhmwürdigsten Thaten ganz vergessen, mit welchen doch alle heilige Orden billig prangen.

Erwägt ein wenig den Ruhm und Glorie des hl.Carmeliter-Ordens, welchem weit häufigers Glück widerfahren, als dem Mosi: massen diesen die mildherzigste Tochter des Pharao für ein Kind an-und aufgenommen, jene Ordens-Genossen aber die Himmels-Königinn selbst für ihre Kinder erkiesen. Welche Mutter hat einmal ihre Kinder also stattlich gekleidet, als Maria die Karmeliter, benanntlich mit dem heiligen Skapulier? – Absalon der krauskopfete Prinz hat seinen Untergang gefunden an einem Eichbaum; der Zeiten erhalten viel tausend' ihr Heil an einem hohlen [320] Eichen-Stock, verstehe hierdurch den hl. Simon Stock, der 33 Jahr in einem Eichen-Stock, wovon er den Namen ererbt, den strengsten Lebens-Wandel geführt und nachmals das hl. Skapulier als ein allgemeines Seelen-Heil von den jungfräulichen Händen der übergebenedeiten Himmels-Königinn empfangen. Was vor diesem ein Schwarzer gethan, thut dermalen ein Weisser: Ein schwarzer Mohr hat aus Gutherzigkeit den Propheten Jeremiam vermittelst etlicher alter Kleider aus einer tiefen Grube gezogen; also thun nit weniger die mit weißem Mantel überhüllten Karmeliter durch das heilige Kleid des Skapuliers viel unzählbare bedrängte Seelen aus der tiefen Grube des Fegfeuers erledigen und machen ihnen an dem nächsten Samstag einen gewünschten Feierabend ihres Feuers. Es sagen zwar diese marianische Religiosen, daß neben andern strengen Leibs-Kasteiungen sie auch auf dem Strohsack die Liegerstatt genießen; es ist zwar diesem nicht ohne, und zeitiget meines Erachtens der Geist so gut auf dem Stroh als Aepfel und Birn; gleichwohl findet man bei ihnen die besten Federn. Lasse dir aber keine andern einfallen, als lauter Schreibfedern, mit denen in so viel Schriften ihre Lehrer die katholische Kirche verfechten, daß sie also jederzeiten einen lobwürdigsten Eifer und Innbrunst gegen christlicher Lehr' erwiesen und folgsam gezeigt, daß sie wahre Kinder ihres Vaters Eliä seynd, der auch an der Brust seiner Mutter nichts anders als Flammen und Funken gesogen. Es scheint fast [321] unbeschreiblich, was Nutz und Schutz die katholische Kirch' von diesem heiligen Orden genossen, in welchem allein in die hundert und vierzig tausend Märtyrer und Blutzeugen Christi gefunden, gezählet werden, aus welchem drei römische Päbst', sieben Kardinäl', neun und zwanzig Patriarchen, eine große Anzahl der heiligen Erz-Bischöf', hundert zwei und vierzig Bischöf' genommen worden, die mit höchstem Ruhm der katholischen Kirchen beigestanden, vorgestanden und angestanden: Wie traut ihr euch dann, ihr ungezähmte Zungen, von diesem so heiligen Orden etwas übels zu reden? Gesetzt, daß ihr auch wider Vermuthen einen mangelhaften Religiosen darinnen ersehen – ist doch unter den zwölf Aposteln ein Judas gewest! Dahero Cyrillus und Theresia auch sich hören lassen: Non est melior nostra domus, quàm Domini.

Beschaut ein wenig den Ruhm und Würdigkeit des heiligen Benediktiner-Ordens, von dem gar wohl kann gesprochen werden dasjenige, was der Erz-Engel der übergebenedeiten Jungfrauen vorgetragen: »Benedicta tu in mulieribus: gebenedeit bist du unter den Weibern.« Also benedicta inter Religiones, gebenedeit ist der Benediktiner-Orden unter den Religionen. Muß bekennen, wann der Herr Jesus nit gesprochen hätte bei dem Evangelisten Joanne: »In Domo Patris mei mansiones multae sunt, in dem Haus meines Vaters seynd viel Wohnungen«; [322] so möcht' einem schier einfallen, er habe keinen Platz im Himmel, alldieweilen denselben fast lauter Benediktiner einfüllen; massen Etliche über die zweimal hundert tausend zählen, lauter Heilige dessen Ordens. – Vor diesem hat man sieben und dreißig tausend Abteien, vierzig tausend Priorat', fünfzehn tausend Jungfrauen-Klöster dieses heiligen Ordens angetroffen, und war keines ohne heilige Leut'. Petrus hat aus dem Befehl des Herrn das Netz ins Meer geworfen und sehr häufige Fisch' gefangen, worunter ungezweiflet etliche große Fisch' waren; aber der heilige Patriarch Benediktus hat weit größere Fisch ertappt, indem er viel gekrönte Häupter in sei nen Orden gezogen: 21 Kaiser, 12 Kaiserinn', 20 König, 45 Königinn', etc. seynd das nit große Fisch'? Von dem Berg' Libano ist das Lob und Geschrei, daß sehr schöne Bäum' und Holz darauf gewachsen, woraus der Salomon die edlesten Gebäu' geführet; – in dem hl. Benediktiner-Orden hat Gott der Herr das beste Holz angetroffen, mit welchem er die christliche Kirch' unterstützet: massen aus diesem gebenedeiten Orden in die 50 römische Päpst' und Statthalter Christi seynd erkiesen worden. Dieser hl. Orden darf sich in keiner Sach' schämen, außer in dem wird er roth, daß er hundert und achtzig Kardinäl' erzogen. Wann dieses noch nit gnug, so kann er zählen tausend fünfhundert vier und sechzig Erz-Bischöf', drei tausend fünfhundert und zwölf Bischöf, 15,000 sechshundert in Heiligkeit und großen Wissenschaften berühmte Aebte. Schnarcher, was sagst du darzu? – Der Satan hat vor diesem unserm Herrn Christo alle Reich' der Welt verheißen, wenn er ihm mit den Knien [323] nur ein wenige Komplement hätte gemacht, die man jetzt einer polirten Mist-Butte gar oft bieget. Dazumalen muß der Teufel reich gewest seyn! Aber wie Benediktus mit seinem Orden entstanden, hat er die mehreste Reich' und Länder verloren: denn England durch Augustinum, einen Benediktiner, Spanien durch Leandrum, einen Benediktiner, Deutschland durch Bonifacium, einen Benediktiner, Niederland durch Amandum, einen Benediktiner, Polen und Ungarn durch Adalbertum, einen Benediktiner, Schweden durch Stephanum, Lituania durch Brunonem, Guasconia durch Albonem, Sklavonia durch Bonifacium, und eben diese Oerter und Länder, in denen wir annoch Gott dienen, durch lauter Benediktiner seynd aus den Klauen des bösen Feind's gerissen und zu dem wahren Glauben gezogen worden. Haltet demnach eure Pfund-Goschen, ihr ehrenräuberische Zoili, und hütet euch, das wenigste Uebel von diesem so heiligen und der ganzen Welt heilsamen Orden zu reden, gesetzt, ihr hättet an einem oder an den andern Ordens-Genossen etwas Mangelhaftes ersehen! Was schad't dieß? sagt Benediktus: non est melior mea Domus, quam Domini: hat doch der Herr Jesus unter zwölf Aposteln einen Iscarioth gehabt.

Betrachtet ein wenig den heil. Dominikaner-Orden, was Ehr' und Lehr' die christliche Kirch' von [324] demselben ererbet hat! Jakob bei dem Laban hat etlich tausend Schaf gehütet: wann er keine Hunde hat gehabt, wird mancher Wolf ihm einen mit Fleisch gefütterten Pelz haben weggetragen. Gewiß ist es, daß viel unzählbare Schäfel Christi durch die ketzerischen Wölf' wären in Verlurst gerathen, wofern nit die Dominicaner als Domini Canes, wachtsame Hund des Herrn, mit ihrer apostolischen Stimm' hätten solche Unthier abgetrieben. – Zu Christo dem Herrn kommt einst eine bedrängte Frau, welche mit Bitten klagte und mit Klagen gebeten: er woll' doch ihrer Tochter helfen, welche sehr übel vom Teufel geplagt wird! worauf der Herr sie gesund gemacht. Was damalensDominus gethan, hat hernach Dominikus gethan. Es ist eine wackere Frau, benanntlich die katholische Kirchen, zu ihm kommen, welche sehr kläglich vorgetragen, wie daß sie drei Töchter habe, so alle sehr vom Teufel geplagt werden, eine Tochter heißt Italia, die andere Hispania, die dritte Gallia, welche vom Ketzer-Teufel stark besessen waren, die aber Dominikus völlig zurecht gebracht. Der Albigenser-Ketzer war alles schwarz voll, [325] deren aber Dominikus über die hundert tausend bekehret hat. Dieser hl. Orden ist eine sehr stattliche Orgel in der katholischen Kirche, allermassen ihre Prediger-Stimm in der ganzen Welt erschallt, worvon sie dann auch Praedicatores, die Prediger, genennet werden. Der Blasbalg dieser Orgel ist der hl. Geist: gestalten von Christo das heilige Evangelium redet, daß er nach seiner glorreichen Urständ denen Aposteln erschienen, dieselbige angeblasen, sprechend, nehmt hin den heiligen Geist! Zu einer Orgel aber gehören auch gute abgerichte Händ' und Finger. Zu verwundern seynd in ihren Händen lauter Thomä, die lauter Tomos in diesem Orden geschrieben: Thomas de Vio ein Scribent aus diesem Orden, Thomas Cantipratanus ein Scribent aus diesem Orden, Thomas Bonisignius ein Scribent aus diesem Orden, Thomas Cassanus ein Scribent aus diesem Orden, Thomas a Clavibus ein Scribent aus diesem Orden, Thomas Donatus ein Scribent aus diesem Orden etc., endlich Thomas [326] de Aquino ein Scribent aus diesem Orden, ein Lehrer der Kirchen, ein Vermehrer der Kirchen, ein Zerstörer der Ketzer, ein Verzehrer der ketzerischen Irrthümer, ein Thomas aller Thomen und eine sondere Zierde des ganzen heiligen Dominicaner-Ordens. Willst noch mehrer Lob von diesem Orden? Der Weg gegen Himmel ist vor diesem mit lauter Dörner überlegt gewest und also manchen abgeschrecket; Dominikus sammt seinem Orden hat anjetzo den Weg gegen Himmel mit lauter Rosen besträhet, indem er so viel tausend, tausend, tausendmal tausend Seelen, vermög' des heiligen Rosenkranzes in den Himmel leitet und begleitet. Wie kann nun möglich seyn, daß du sollst etwas Ungereimtes reden von diesem Orden? Gesetzt, es hatte einer oder der andere etliche Fleck gehabt, wie des Jakobs seine Lämm'l – was schadet dieses dem hl. berühmten Orden? sagt gleichmäßig Dominikus. – Non est melior Domus mea, quàm Domini: hat doch unser Herr unter zwölf Aposteln einen Teufel gehabt: unus ex vobis Diabolus est.

Stellt euch vor Augen den stattlichen Ruhm und Würdigkeit des großen heiligen seraphischen Or dens des hl. Franziskus. Der stolze und hochmüthige Monarch zu Babylon hat drei unschuldige Jüngling' in den [327] Feuer flammenden Ofen hinein geworfen; bei welchen aber das Feuer gefeiert und einen Fasttag gehalten. Solchen Wunders wollte auch der gottlose Nabuchodonosor den Augenschein einnehmen, und siehe! da hat er nit allein die drei Jüngling' unversehrt wahrgenommen, sondern er sahe auch die vierte Person similem Filio Dei, welche dem Sohn Gottes ganz gleich war. Wann da zu selben Zeiten Franciscus hätte gelebt, so hätte man können vermuthen, er hätte denen Dreien die Gesellschaft geleist in dem Feuer; dann ja kein Mensch dem Sohn Gottes gleicher sieht als Franziskus: aller massen dieser wie jener, jener wie dieser mit fünf Wundmal an Händ', Füß' und Seiten gezeichnet ist. Es ist wahr, daß dieser seraphische Patriarch stets im Feuer gewesen durch seine inbrünstige Lieb' gegen Gott und den Menschen; und gleichwie das Wörtl Ama hinter sich und für sich gelesen wird, also war auch bei Franzisko auf allen Seiten die Lieb' zu spüren, welche annoch in seinem weit ausgebreiten Orden also flammet, daß er dessenthalben billig der seraphische genennt wird. Jene Seraphim, so der Prophet Esaias gesehen, schrien unaufhörlich Sanctus etc. Heilig, Heilig, Heilig! die seraphischen Ordens-Leut' des hl. Franziskus thun ebenmäßig Tag und Nacht durch Psalliren und Singen Gott loben und benedeien. Es prangt [328] absonderlich die heilige Religion mit der evangelischen Armuth, und gleichwohl hat sie die katholische Kirche über alle Massen bereicht, also zwar, daß durch dero Ordens-Männer Eifer und Lehr' viel Königreich und Länder Christi Kirche ererbt hat. Es klecken nit hundert tausend, tausendmal tausend Seelen, welche allein durch Franziszi Ordens-Leut' aus dem blinden Heidenthum gezogen worden. Sogar der Mathuzinger der Teroquiner, der Amarhocen, der Cacothurner, der Cascaner, der Cacaloracen, der Ivazalatanier ihre Abgötter und Teufels-Affen und Höll-Bilder seynd durch die Religiosen zu Boden geworfen worden, wie der saubere Dagon durch den Bunds-Kasten. Und weilen diese eifervollen Geistlichen Strick tragen aus anverwandter Demuth um ihre Leiber, so kann man's billig hell-erschallende Glocken nennen der katholischen Kirchen, wegen ihrer apostolischen Stimm', mit welcher sie eine so unzahlbare Anzahl der Menschen zu dem wahren Gott lenten und leiten. Ich will dermalen umgehen die großmächtige Anzahl der heiligen Beichtiger, Märtyrer, Jungfrauen dieses Ordens. Ist doch das ein Lob über alles Lob, daß in Ansehung der zwei heiligen Orden Dominici und Franzisci der erzürnete Gott der sündigen Welt verschont, welche er sonsten gänzlich vertilgt hätte. – Wer kann dann noch eine Attern-Zunge haben, welche diesen seraphischen Orden verletzt?

[329] Wann schon bewußt soll seyn, daß unter diesem aschenfärbigen Habit etwann einmal eine ausgeloschene Kohle vermerkt worden, dadurch leidet nicht der Andern Vollkommenheit; und sagt ebenmäßig Franziskus: Non est melior Domus mea, quam Domini: hat doch auch unser Herr unter seinen zwölf Jüngern einen schlimmen Bösewicht gehabt.

Was kann Lobwürdigers seyn in der ganzen Welt, als die Societät Jesu? Eine feurige Saulen hat die Israeliter aus Egypten geführt bei nächtlicher Zeit: in Columna ignis. Ignatius war eine solche feurige Saulen, massen ihn sein eigener Nam' verrathet. O wie viel tausend und tausend seynd durch Ignatium und seine Ignatianer aus dem egyptischen Irrthum geführt worden! Was hat nicht der einige Xaverius gewirket? Von Joanne Baptista ist die evangelische Aussag', daß er sey unsers Herrn sein Vorlaufer gewest; vom Xaverio weiß ich nicht, was ich sollt' sagen, ob er ein Vorlaufer oder Fortlaufer unsers Herrn gewest? ein Laufer ist er doch gewest, [330] indem er innerhalb zehen Jahren allein zu Fußmeistentheils baarfuß, mehr denn hundert und zwanzig tausend deutsche Meil' geloffen, nur Seelen halber. Xaverius ist also geloffen, daß, wann man seinen Weg, den er hin- und herwärts gemessen, an eine Schnur fassen sollte, die ganze Welt umfassen konnte. Xaverius hat allein durch 66 Königreich, in Japonia fünf tausend große Städt', den dritten Theil des Erdbodens in India mit dem Stab in der Hand seinen apostolischen Lauf genommen, nur Seelen, Seelen, Seelen halber! Xaverius hat allein 4000 Götzen und Götzen-Tempel übern Haufen geworfen, ja er hat allein mehr als eilfmal hundert tausend irrende Schäflein dem höllischen Wolf abgejagt und aus dem Rachen gerissen. Nach Xaverio – was hat nit gethan Barsäus, Almeida, Turrianus, Mastrillus, Camertus und andere apostolische Männer aus der Gesellschaft Jesu? Vor fünf und vierzig Jahren hat die Societät Jesu das Säkulum oder hundertjährige Alter begangen; wobei sehr denkwürdig dieß zu halten: daß man Urbano dem Achten, römischen Pabsten, hat unterthänigst schriftlich remonstrirt, daß die Societät Jesu in dem orientalischen Indien ein Jahr dem andern zu Hilf, jährlich dreimal hundert tausend, und also durch hundert Jahr' drei hundertmal hundert tausend, daß ist dreißig Millionen Seelen zu Gott geführt und von der gottlosen Abgötterei zu dem wahren Gottes-Dienst gebracht. – Was Ignatius durch die Seinigen in Europa gethan, [331] ist ohnedas sonnenklar. Meines Theils halt' ich für ein großes Wunder, daß Petrus einen lahmen und krummen Tropfen bei der Thür' des Tempels auf die Füß' geholfen; aber nit ein geringes Wunder ist, daß Ignatius mit seiner Societät der Scienz und Wissenschaft wieder auf die Füß' geholfen und also Ignatius ignorantiam verbandisirt. Gewiß ist es, daß vor hundert Jahren und mehrer fast ein jeder Michel verstanden Nihil, die sieben Todsünden dazumal in grösserem Schwung gangen, als die sieben freien Künste; damalen hat man wenig Syllogismos formirt, außer in Frisesomorum und Barbara; zu selbiger Zeit ist Musa generis neutri gewest und Ignorantia [332] schier generis communis. Aber jetziger Zeit find't man allerseits gelehrte Leut', welche aber mehrestentheils das Deo gratias denen Jesuitern sollen geben: Bekennen müssen es doch die mehresten, daß sie nit so spitzfindig waren worden, dafern sie nicht in den Schulen bei denen Jesuitern die Hobelbank hätten gemessen. Ich will von anderen Sachen und ruhmwürdigsten Dingen der Societät geschweigen, damit es Andern nicht in die Nasen kitzle; glauben muß man doch Gott selbsten, welcher der heiligen seraphischen Theresia in einer Verzuckung des Geists gezeigt hat, was die Societät Jesu dem Haus Gottes für Hilf leiste. Und gleichwohl schnarcht man über keine mehr, als über dieselbe. Mir kommt die Societät Jesu vor wie ein Nuß-Baum: je mehr dieser Baum Frucht traget, je heftiger werfen die bösen Buben mit Prügeln darein; also je mehr dir Societät der Welt Hilf reichet, je ungestümmer tobt die Welt wider sie. Unter solchen Verfolgern seynd die mehresten Ketzer, gegen welche Esauiter die Jesuiter siegreiche Federfechter abgeben und wider sie so treffliche Bücher verfassen, daß die Ketzer fast die Art der grünhosenden Frösche und Lackenhupfer an sich nehmen, [333] so bei nächtlicher Weil die Ohren voll anschreien, sobald man ihnen aber eine Fackel oder ein Licht zeigt, sodann halten sie gleich das Maul. Solchergestalten hat nit nur einmal die erleuchte Societät den verbeinten Ketzern das Maul gestopft. Es hat diese löbliche Societät einen stattlichen Magen, daß sie diejenigen Speisen, so da schädlich und nicht gesund seynd, wieder zurück gibt und solchergestalten etwann besser wohlauf ist als ein anderer Orden. Gesetzt aber, es soll auch ein mangelhafter Jesuiter angetroffen werden wider Vermuthen; warum sollst du gleich mit deinen Zähnen die ganze Societät beißen? Kann doch endlich auch Ignatius sprechen: Non est melior domus mea, quam Domini.

Es spricht der weise Mann, daß sich niemand selbst soll loben, sondern von andern gelobet werden: laudet te alienus et non os tuum! Derowegen will ich von unserm heiligen Orden S. Augustini nichts melden, dessen Ruhm und Glorie völlig in der Feder behalten und mit demüthigstem Silentio verhüllen. Aber anderen kann ich es nicht verbieten? unter denen nicht der mindeste ist ein sondergelehrter Scribent Pr.Thomas le Blanc aus der Societät Jesu. Dieser schreibt also: der Orden des hl. Augustini hat sich er mehrt wie der Cederbaum auf dem Berg [334] Libano, massen vor diesem über die dreißig tausend Klöster gezählet worden, und ist annoch kein Theil der Welt, wo diese Ordens-Genossen nit emsige Arbeiter in dem Weingarten Gottes abgeben. Wie dieser Orden der Kirchen genutzt, erhellt aus dem, was Ticinensis vorgibt: daß allein aus dem Orden S. Augustini 54 römische Päbst, 1567 Cardinäl, unzählbare Bischöf und Prälaten genommen worden, weilen dazumalen der römische Clerus unter der Regul S. Augustini lebte und also durch fünfhundert Jahr die Kirchen regierte. In dem weltbekannten Concilio zu Trient waren 54 berühmte Doktores aus diesem Orden, deren fünf Bischof und ein Kardinal. Die ausführliche Prob' Ticinensis bezeugt, daß der Augustiner-Orden mit hundert tausend Heiligen prange. Diese Ordens-Männer seynd die ersten gewest, welche die abgötterischen philippinischen Insuln erfunden und zu Christi Gesatz gebracht. Der einige Alexius de Menzes, Erz-Bischof zu Goa, Augustiner-Ordens, hat mit eigner Hand gegen hundert tausend Menschen getauft, worunter etliche gekrönte Häupter waren. In Amerika seynd in einem Jahr in die zweimal hundert tausend Heiden durch die Augustiner bekehrt worden. – Siehest demnach, du neidiger Beschnarcher, den Ruhm dieses Ordens durch eine fremde Feder entworfen. Gesetzt nun, es ist in diesem fruchtbaren Garten einiges Unkraut herfür [335] für geschossen, gesetzt, es hat dieser stattliche Baum ein wurmstichiges Obst getragen, so mußt du nit gleich die ganze Glorie des Ordens verschütten. Höre, was dieser heilige Erz-Vater Augustinus sagt: Non est melior domus mea, quâm Domini: hat doch unser Herr unter zwölf Edelgsteinern einen falschen Rubin gehabt, der war Judas!

Es seynd noch viel andere berühmteste Orden, benanntlich der Orden des heil. Bernardi, des heil.Pauli primi Eremitä, des hl. Norberti, des hl. Francisci de Paula, des hl. Joannis Dei, des hl. Brunonis, des hl.Romualdi, des hl. Cajetani, des hl. Nerei, des hl. Barnabä und andere mehr, welche lauter starke Saulen in dem Haus Gottes, lauter Zierden der christlichen Kirche, von welcher herrlichen Gespons' der hl. Geist spricht: Astitit Regina a dextris tuis in vestitu de aurato, circumdata varietate: die Königinn stehet auf deiner rechten Seite, in einem guldenen Kleid umgeben mit vielerlei Farben.

Aller dieser heiligen Orden Ruhm und Würdigkeit auf das Papier zu tragen, fiel es meiner ungereimten Feder nit möglich. So muß man auch allhier die Nasen nit rumpfen, daß ich nit bedacht bin desweltlichen Cleri oder Priesterthums, weilen unmöglich scheinet, all dessen Lob in wenige Zeilen einzuschränken, sondern man müßte von seiner Hochheit und Nutzen ganze Bücher verfassen, weilen dero erleuchte [336] Männer fast überwachsen seynd der Zahl der Stern, so Gott dem Abraham in dem gewölbten Himmel gezeigt. Gewiß ist es, daß hoch, herrlich, heilig, heilsam ein jeder geistlicher Stand, beinebens aber auch keiner eines Unkrauts befreit: gleichwie kein Haus ohne Winkel, kein Weinfaß ohne Gläger, kein Garten ohne Brennessel, kein Baum ohne wurmstichige Frucht, kein Walzen ohne Wicken, keine Rosen ohne Dörner, kein Markt ohne Dieb, keine Karten ohne Sau, kein Licht ohne Butzen, kein Himmel ohne Wolken, kein Fisch-Teich ohne Kroten, kein Handwerk ohne Stümper, keine Scheuer ohne Stroh, etc. keine Apotheke ohne Gift, also ist kein Stand ohne Bösen.

Freilich wohl soll ein Geistlicher seyn wie das Feuer, welchem der Symbolist hinzusetzt diese Wort:semper sursum:


Allzeit hinauf
Ist mein Lauf!

Freilich wohl soll ein Geistlicher seyn wie ein Rad an einem Wagen, dem der Poet diese wenigen Wort beifüget: Parte minima tangit:


[337]
Mit einem kleinen Theil
Thue ich die Erde drucken,
Das ander alleweil
Pflegt in die Höh' zu zucken.

Es soll ein Geistlicher seyn wie des großen Alexandri Pferd, Namens Bucephalus, welches keinem andern das Aufsitzen vergonnt als seinem Herrn, wessenthalben dieses konnte beigeschrieben werden: Soli Regi:


Dem König allein
Will ich unterworfen seyn.

Also ein Geistlicher sein Herz von niemand anderst soll besitzen lassen, als vom Jesu Nazareno, dem König der Juden.

Es soll ein Geistlicher seyn, wie die zwei Aemper in einem Schöpf-Brunnen, deren einer nieder und der andere in der Höhe mit der Unterschrift: Una lavatur, altera levatur:


Ein Amper steigt empor,
Der Ander fällt in die Nieder,
Mein Herz sucht Gott bevor,
Ob schon der Leib zuwider.

Es soll ein Geistlicher seyn, wie das schneeweiße Thierl Armelin, welches sich ehender läßt umbringen, als mit Koth oder Unflat sich besudlen; derentwegen ihm der Poet dieses Lob schenket: Potius mori, quam faedari:


[338]
Lieber will ichs Leben verlieren,
Als daß ich nur mich sollt beschmieren.

Freilich wohl soll ein jeder Geistlicher der Vollkommenheit sich befleißen; – aber leider es befind't sich zuweilen einer, der die Schwindsucht an dem Geist bekommt, und begegnet manchen, was der Donau diesem berühmten Fluß in Deutschland widerfährt: Dieser stattliche Donaustromm geht von Donauesching aus auf Mila, von dannen auf Simeringen, von dannen auf Ulm, von dannen weiter auf Lauing, Höchstädt, Dillingen, Donauwörth, Neuburg, Ingolstadt, noch weiter und allzeit breiter nach Paßau, Linz, Crems, Wien, noch weiter und allzeit breiter nach Ungarn, Preßburg, Raab, Ofen, etc. endlich nachdem dieser so weitberühmte Fluß mit größtem Ruhm fortlaufet, so rinnt er in Ungarn in die Sau, welcher Strom den Namen hat Savus, auf deutsch die Sau. Die gute Donau erhält solchergestalten durch langen Weg eine sondere Ehr und Glorie und fast auf die Letzt hebt's eine Sau auf. Also ergehet es mit manchem Geistlichen, welcher für sich die Wort des gekrönten Harfenisten Davids gebrauchen kann: Viam mandatorum tuorum cucurri: Ich bin den Weg deiner Gebot geloffen; endlich aber nach vielen Jahren hebt er eine Sau auf und fällt in ein grobes Laster. Wie [339] es mein heiligster Vater in der hundert sieben und dreißigsten Epistel beklagt: Simpliciter fateor coram Domino Deo nostro, qui testis est supra animam meam, ex quo Deo servire coepi quomodo difficile sum expertus meliores, quam qui in monasteriis profecerunt. Ita non sum expertus pejores, quam qui in monasteriis ceciderunt: Ich gestehe es fein gut rund, sagt der heilige Vater, und Gott ist mein Zeug: von der Zeit an, daß ich hab angefangen Gott zu dienen, habe ich nicht bald bessere und vollkommenere Leut' angetroffen, als diejenigen, welche in den Klöstern ihrer Regel und heiligen Satzungen gemäß gelebt haben, entgegen sag' ich es auch unverhohlen, hab ich nit größere und schlimmere Bösewicht gefunden, als dieselben, so da in Klöstern ihrer Gelübde vergessen und spöttlich gefallen seyn. –

Es pflegen öfters große Herren künstliche Feuerwerk zu haben, wobei das Pulver und Saliter der finstern Nacht einen Trutz bietet und ihr durch öftern Knall und Schall gleichsam unter die Nase schnalzt: die emporsteigenden Granat-Kugeln ziehen alle Augen nach sich und erwecken ein sonderbares Wohlgefallen dazumalen, wann sie in der Höhe nieder kommen und gebähren eine große Anzahl der Stern, welche vom Mutter Leib das Schlagen gewohnt; das große Getös' und Rauschen des Feuers macht einen Gedanken, als wollte der Jupiter mit lauter Blitzen, und Donnerkeil [340] die Zeit vertreiben; vor allen aber spielt nichts schöners als ein hochsteigendes Rakett, welches mit seinem hölzernen Appendice den schnellen Weg nimmt gegen den gestirnten Himmel, als wollt es daselbst dem Morgenstern einen guten Morgen, oder dem Abendstern einen guten Abend wünschen: es steiget ja empor mit solchem annehmlichen Getös' und Juitzen, ganz feurig und brunstig, daß man sich verwundert, daß ein solches papierenes Maul, so vorhero schwarze Kohlen gefressen, nunmehr aber so häufiges Feuer ausspeiet; es steigt in die Höhe, als wolle es einen Abriß machen von der feurigen Saulen, welche die Israeliter bei nächtlicher Zeit aus Egypten den Weg gezeigt; es steigt so schön, daß fast alle Zuseher in Maulaffen sich verkehren und bei allen das Wunder-Geschrei sich erhebt: Schaut's, schaut's, schaut's, o wie schön! ei das ist schön! Wanns aber zu höchst droben ist, gedenk einer! so verliert es das Feuer und erlöscht der feurige Athem, fällt in die Ohnmacht herunter auf die Erd, und was vorhero so hoch gestiegen, so innbrünstig gewesen, so herrlich sich gehalten, so angenehm gespielt, liegt jetzt auf dem Boden – ein halb abgebrennter Stecken und ein schwarzes Büschel Papier! Pfuy! vorhero ein so schönes Exordium, jetzt ein so rußiger Epilogus! ist eine Schand!

[341] Daß Gott erbarme! solches Feuerwerk – aber leider! kein Freuden-Feuer – hat die Welt bisweilen schon gesehen bei denen Geistlichen, unter welchen etwann einer gewesen, der anfangs wie ein Rakett die Erde und das Irdische verlassen, durch Innbrunst und Eifer in die Höhe der Vollkommenheit gestiegen, daß sich männiglich darüber verwundert, ja es scheint, als brenne jenes Feuer aus ihm, von welchem unser Heiland bei dem Evangelisten Luca Meldung thut: Ignem veni mittere in terram etc: ich bin kommen ein Feur zu senden auf Erden; – aber siehe, nach etlichen Jahren erlöscht der Eifer, und ist folgsam spöttlich, mit Bedaurung seines Ordens, mit Aergernuß der Welt, mit Verlust seiner Seelen gefallen und abgefallen, gar durchgangen, wie der Maul-Esel des Absalons, verkehrt worden wie die Ruthe Aaron in eine giftige Schlange, ist worden aus einem Amando ein Aman, aus einem Esaia ein Esau, aus einem Apostel ein Apostata, aus einem Pastor ein Impostor, aus einem Sodalen ein Saudalis, aus einem Reverendo – [342] reverenter zu reden – ein Schelm. Pfui der Schand! pfui des Schadens! dergleichen wurmstichige und modrige Schindlen seynd gefallen von dem Haus Augustini, von dem Haus Benedikti, Francisci, Dominici, Bernardi, Brunonis, Norberti etc. Dergleichen saubere oder besser zu redenSaubeern seynd gewest Lutherus, Oecolompadius, Buceerus, Hermannus, Ochinus, Marcus Antonius de Dominis und viel andere mehr, dero Namen in des Satans Register zu suchen.

So seynd aber derentwegen nit alle Geistlichen zu verwerfen. – Was kann Abel der Unschuldige dafür, daß sein Bruder Kain nichts nutz gewesen? was kannJakob der Gerechte dafür, daß sein Bruder Esau ein schlimmer Gsell ist gewest? was kann Isaak der Fromme dafür, daß sein Bruder Ismael nit weit her gewesen? was kann das wackere Kriegsheer Josue dafür, daß einer unter ihnen einen Dieb abgeben? was sollen dessenthalben die Religiosen und Geistlichen entgelten, wann einer oder der andere nicht geistlich, sondern geißlich ist? Gibts doch unter den zwölf Zeichen des Himmels auch einen giftigen Scorpion, ist doch [343] in der Arche Noe auch ein Rab' gewesen, hat sich doch bei dem hochzeitlichen Banquett auch ein Lumpeter, eingefunden, der kein hochzeitliches Kleid angehabt. Was noch mehr ist, mein lieber Welt-Mensch, du verehrest mit sonderer Andacht die lieben heiligen Engel, und ist solches lob- und preiswerth, auch hält dich von derselben Andacht nit ab die geübte Unthat der meineidigen Engel; die Schutz-Engel gelten bei dir viel, ob schon viel Schmutz-Engel unter ihnen gewesen und von Himmel gefallen: warum sollst du denn die ehrwürdigste Geistlichkeit derenthalben schimpfen, um willen einige unter ihnen lasterhaft gefunden werden? Ihr Geld-Graber, ihr Geld-Schaber, ihr Geld-Vögel ihr Geld-Egel, ihr Geld-Rappen, ihr Geld-Lappen, wann ihr einen guten großen Sack voll Guldiner auf den Tisch schüttet, worunter ein falscher angetroffen wird, so verwerft ihr nit alle, bei Leib nit, das nit, das wäre sauber, nur das nit! sondern allein keit man den schlimmen auf die Seite, die andere guten muß man wohl aufbehalten: aus was Ursachen dann redet ihr so spöttlich von diesem oder jenem Orden oder Kloster, worinnen etwann einer nit gerecht ist? sollen denn auch Petrus und Joannes zu schelten seyn, um willen Judas ihr Kamerad einSchelm war? Wie oft gibts aber beim weißen Lämml solche beißende Wölf? beim rothen Kreuz solche Schmähe-Teufel? bei [344] der guldenen Rose solche stechende und verwundende Dörner? beim weißen Schwanen solche Galgen-Vögel? beim rothen Ochsen solche Esel? beim blauen Hechten solche Stockfisch? beim schwarzen Adler solche Spott-Vögel? will sagen, wie oft hört man in denen Wirthshäusern bei Kandl und Ent'l solche verruchte Musik über die armen Geistlichen? – Da gehts an: das seynd Pfaffen, die der und der erschaffen, sie seynd Vormittag in Choro, Nachmittag in Foro, Vormittag in Officio, Nachmittag in Vitio, sie thun Vormittag psalliren, Nachmittag trapuliren, sie thun mehrer braviren, als breviren, sie seynd Nequam in Cute, Schelmen in der Kutte, sie saufen wie die Bad-Schwämme, sie raufen wie die Hund, sie kaufen wie die Juden, sie laufen wie die Marktschreier etc. – Halt's Maul! daß euch der Henker die Zähn' stühr', [345] ihr singulares Nequam in plurali, ihr Erz- und über Erz-Schelmen, ist das derDank dir Gott, daß euch die Geistlichen so viel Guts thun? seynd denn nit die Geistlichen diejenigen, welche emsig arbeiten in dem Weingarten Gottes? seynd sie nit diejenigen, welche die apostolischen Netze und Angeln auswerfen, die Seelen zu fangen? seynd sie nit diejenigen, welche mit dem Samariter den Verwund'ten und Halbtodten verbinden und curiren? seynd sie nit diejenigen, welche mit dem evangelischen Weibl das ganze Haus auskehren, bis sie den verlornen Groschen finden? seynd sie nit diejenigen, welche mit Christo dem Herrn bei dem Brunnen matt und müd sitzen, und nur Durst tragen nach der sündigen Samaritaninn? seynd sie nit diejenigen, welche dem elenden Sünder die Band auflösen, wie gethan der Engel dem Petrus in der Keichen? seynd sie nit diejenigen, welche euch mit dem Himmelbrod speisen, wie vor diesem der Himmel mit dem Manna die Israeliter? seynd sie nit diejenigen, welche mit den Engeln den schweren Stein hinweg wälzen von dem Grab eines bedrängten Gwissens? seynd sie nit diejenigen, welche mit dem guten Hirten das verlorne Lämml suchen, und nachdem sie es gefunden, auf ihre Achseln nehmen und in den Schafstall tragen? seynd sie nit diejenigen, welche du und du und du, der und der und der von Herzen wünschen, daß sie mögen in ihrem Sterbstündl einen Geistlichen haben, [346] welcher ihnen den Weg möcht' zeigen in das gelobte Land?

O Welt-Kinder! wie viel anders würdet ihr reden, so ihr bedachtsam thätet erwägen den Nutzen, welchen ihr habt von denen Geistlichen! Wann nichts anderst wäre, als allein das Beicht hören, so wäre solche große, schwere, harte Bürde sattsam und genug, daß ihr die Geistlichen sollt lieben und ehren. Versichert euch, daß manchem Geistlichen ergeht, was begegnet jenem Wasser, womit Christus der Herr denen Aposteln die Füß gewaschen: massen selbiges andere rein und sauber gemacht, sich selbsten aber bekothiget. Wie mancher armer Geistliche führe vom Mund auf gegen Himmel, so ihm das Beicht hören genauere und schwerere Rechenschaft thäte aufbürden, und also der von eignen Sünden befreiet, wegen fremder Verbrechen in Gefahr stehet. – Sofern ihr aber in Ansehung dessen euere Attern-Zungen noch nit zaumen wollt, so laßt euch wenigst schrecken die Straf', welche ober euch schwebet: Nolite tangere Christos meos, drohet Gott mit Ernst allen frechen Bösewichten, welche die Ordens-Leut und Geistlichen anfeinden und beleidigen. Nolite, etc. Thut nit berühren meine gesalbten Priester, sonst ist das Schwert meiner göttlichen Justiz schon geschärft wieder euch!

[347] Spieglet euch ein wenig an dem, was sich mit dem Orden des heiligen Franziszi zugetragen! – Gewisse Herren und vornehme Prälaten haben sich unterredet, diesen hl. Orden völlig auszutilgen. Zu solchem Ende ist einer aus diesen, und zwar ein Bischof, abgereist zu dem Concilium, daselbst bei dem hohem geistlichen Rath die beweglichsten Klagen wider diese Ordens-Leut' beizubringen. Bei dem Ort, allwo das Consistorium gehalten sollte werden, ist eine alte Collegiat-Kirch, in welcher an der Wand das Bildnuß des hl. Pauli und des hl. seraphischen Franziskus gemalt waren. Eine Nacht zuvor, ehe benannter Bischof entschlossen den Orden anzuklagen, hat dem Meßner in dem Schlaf wunderseltsam getraumt, als rede der hl. Paulus an der Wand seinen Nebengespann Franziskum an: Franziskus! warum defendirest du nicht deinen Orden? worauf Franziskus geantwortet: Was will ich thun? ich hab nichts als Kreuz in Händen und also muß ich Geduld haben. Ei, sagte Paulus, diese große Unbild mußt du nit leiden, da nimm' hin mein Schwert und gib mir dein Kreuz! Der gute Sacristan erwacht hierüber und konnte sich nicht g'nug verwunderen über diesen so seltsamen Traum, eilt demnach in aller Frühe nach der Kirchen, ob ihm denn der Traum möchte ausgehen, und siehe Wunder! er findt – zeigt es auch andern [348] – daß die Bildnuß Franziszi ein Schwert, Paulus aber ein Kreuz in der Hand! Wie nun das Geschrei dieses so seltsamen Wechsels allenthalben erschollen, da kommt zugleich die Zeitung, daß obgedachter Bischof und Feind des Ordens bei nächtlicher Weil im Bett sey enthauptet worden.

Eine wunderliche Begebenheit ist diese, welche sattsam an Tag gibt, wie Gott nicht ungerochen lasse die Unbilden, so denen Geistlichen aufgeladen werden. Wann Augustinus anstatt des Herzens ein Schwert, Dominikus anstatt des Buchs einen Säbel, Benediktus anstatt des Schlangen-Glas einen Degen, Bernardus anstatt des Kreuz einen Pallasch, Ignatius anstatt des Jesus-Namen einen Partisan sollte nehmen und allzeit drein schlagen in ihre Ordens-Feind, o wie viel gäb' es blutige Köpf! und so sie allen die Ohren mit Petro abhauten, die neidig ihren Orden verfolgen, müssen viel Gesellen über eine Weil' Parücken tragen! Die Neider seynd halt dem Falken nit ungleich, welchem eine stinkende Portion von einem halb-verfaulten Schimmel über alle Massen wohl schmecket, entgegen ihnen ein gutes Brod das Herz abdrucket: also die Neidigen nur frohlocken ob des Nächsten Unvollkommenheit, entgegen aber dessen Wohlergehen ihnen peinlich fallet. Es wird euch aber – ich verg'wiß es – die Straf der göttlichen Hand nicht ausbleiben, welcher gerechte Gott seine getreuen Diener in allweg schützet und schirmet.

[349] Es ist theils Lachens, theils Achens werth, was sich hat zugetragen Anno 1613 mit einem calvinischen Notario zu Villa nova, welcher öfter pflegte die Geistlichen im Chor, forderst aber die Geistlichen, so mit ihrem Gesang die todte Leich zum Grab begleiten, dem schreienden Esel zu vergleichen. Was geschieht? Als dieser schlimme Gesell mit Tod abgangen und der calvinischen Gewohnheit nach gar herrlich zum Grab getragen wurde, da ist ein großer Esel gleich nach der Bahr gangen, welcher sich auf keine Weis' ließ wegtreiben, und auch niemand bekannt war, wem doch solcher Langohr zugehörig; und hat dieser mit steter Eselstimm (war ja ein verdrießlicher Tenor) die Leich begleitet bis zum Grab, allwo er dreimal um die Todtenbahr herum gangen und endlich verschwunden, etc. Diese und andere Strafen verdienen alle diejenigen, welche die Geistlichen anfeinden. Ich meines Theils gib ihnen keinen andern Ehren-Titel, als was ich öfters dem Judä Iscarioth zugemessen, nemlich ein großes

Sch.

Der Wälschen ihr Perche, der Lateiner ihr Quare
[350] Der Wälschen ihr Perche, der Lateiner ihrQuare, und der Deutschen ihr Warum wird allhier in Kürze beantwortet.

Warum hat unser lieber Herr den Judas Iscarioth in seine apostolische Versammlung als ein Mitglied an-und aufgenommen, da er doch hat vorgesehen, dieser werde ein Erz-Schelm werden? Ich antworte dir, Philosophiae Magister, SS. Theologiae Doctor, J.U. Candidate, etc. verzeihe mir's, wann ich etwann in deinem Titular-Buch nicht recht hab' umgeschlagen, welches die Minerva mit ihren subtilen und zarten Brätzlein in Cicero-Schrift selbst verfasset. Dir als einem Verständigen antworte ich mit den Worten des englischen Lehrers Thomä Aquinatis. Cur Dominus Judam, quem casurum [351] sciebat, elegit in Apostolum? ego, inquit, duodecim elegi, et unus ex vobis Diabolus est. Respondi, quaestionem istam esse unam de illis, quas intuens Apostolus reverenti silentio, praeteriens honoravit, exclamans: O altitudo divitiarum sapientiae, et scientiae Dei, etc.! Hoc unum scimus, quod in Juda non causavit Deus improbam voluntatem perditionis sceleratae inesse malitiae. Attamen ipse hac maculata voluntate bene usus est, tanquam Dei sapientia, attgens à fine usque ad finem fortiter, et disponens omnia suaviter. Tom. 2. serm. ad Eccle. cautelam. Wann euch dieser Spruch euren witzigen Verstand noch nicht begnüget, so höret, was der große [352] Kirchenlehrer, der hl. Hieronym. sagt I. 3. contra Pelag. c. 2. ad c.6 Joan. Interrogo Christum, cur Judam elegerit proditorem, cur ei loculos commiserit, quem furem esse non ignorabat? Vis audire rationem. Deus praesentia judicat, non futura: neque condemnat ex praescientia, quem noverit talem fore, qui sibi posteà displiceat. Sed tantae bonitatis est, ut eligat eum, quem interim bonum cernit, et scit malum futurum, dans ei potestatem conversionis et poenitentiae. Der heilige und große Kirchenlehrer Augustinus, als mein hl. Vater, gehet noch kürzer durch in Beantwortung dieses Warum, sprechend: Lib. de Civit. cap. 49. Habuit Christus inter Apostolos unum, quo malo utens bene, et suae passioni dispositum impleret et ecclesiae suae tolerandorum malorum praeberet exemplum. Der hl. Kirchenlehrer [353] Ambrosius gibt dem Warum eine andere Antwort: Lib. de Paradiso c. 8. Venerat Dominus Jesus, omnes salvos facere peccatores, etiam circa ompios ostendere debuit suam voluntatem, et ideo nec proditurum debuit praeterire, ut velo beneficio dei revocaretur a proditionis affectu. Deus, quem praevidet peccaturum et in peccato suo moriturum, huic beneficia solet conferre, ut eum a peccato, et ab aeterna damnatione retrahat, ne ipse Domino detrahat, quod media sufficientissima ad salutem ei non praebuerit.

Dieß seynd lauter Beantwortungen, welche ohne Zweifel – massen sie von so hocherleuchten Lehrern herrühren – denen Witzigen und Schrifterfahrenen ein Begnügen leisten werden. Daß ich aber solche nicht ins Deutsche übersetze, ist die Ursach, weilen etwann dieses [354] geringe Buch möchte auch von der Weiber Händ' oder anderen, bei denen die Doctrin und Wissenschaft nicht groß, durchblättert werden, und nachmals eine Kleinmüthigkeit, unnöthige Scrupel, auch schädliche Irrungen entstehen kunnten. Du, mein Leser insgemein, sey von dem heil. Geist selbst gewarnet, daß du dich mit vielen Warum nicht sollst abmatten, noch denen unermeßlichen Urthlen Gottes gar zu sehr nachforschen. Was dir zu hoch ist, das suche nicht, und was dir zu stark ist, dem forsche nit nach: sondern gedenke allzeit daran, was dir Gott befohlen hat und sey nit fürwitzig in vielen seinen Werken; denn verborgene Ding' mit denen Augen zu sehen, ist dir unvonnöthen; Altiora te ne quaesieris.

Thales Milesius, ein vortrefflicher Weltweiser, ging einst bei kühler Abends-Zeit spazieren, und im währenden Gehen beschnarchte er mitgähnen dem Maul den Himmel, sagte auch bei sich selbsten also: Schau, da ist der mittere Himmels-Zirkul, wodurch die Sonn' stets mit feurigen Pferden durchpostirt. Dort ist das Zeichen der Waag; wer darunter geboren wird, der schickt sich zu einem Advokaten, so ein Liebhaber der Gerechtigkeit seyn solle. Siehe, dort ist der Stern Venus genannt! welcher solches Gestirn in seiner Geburt [355] hat, der schickt sich zu der Keuschheit, wie eine Sichel in ein Messer-Gesteck. An demselben Ort ist der Planet Merkurius: wer dorten auf die Welt kommt, aus dem kann man hauptsächlich einen Kaufmann schnitzlen, denn er wird dem Teufel ein Ohr abschwören, dieß seye ein engelländisches Tüchlein, wann es schon zu Lion in Frankreich zu Haus ist. Alldorten ist das Gestirn, so insgemein Ursa minor, der kleinere Bär, benamset wird; unter diesem Zeichen ist besser Nägel abschneiden als Ohren, dann solche nit mehr nachwachsen, wie die Krebs-Scheeren! – Indem er nun mit erhebten Augen gegen Himmel stets in dieser Betrachtung fortgangen, ist er ungefähr gestolpert und in eine tiefe Kothlache hinein gefallen, daß die Brühe ober seiner zusammen geschlagen. Das war ein seltsamer Haas im Pfeffer! Nachdem er den Kopf aus dem wüsten Saubad in die Höhe gehebt, hört er noch zu seinem Spott ein altes Weibel, welcher die Nasen behängt war mit einem wilden Krystall, wie zur Winters-Zeit die Strohdächer mit Eiszapfen, welche ihn mit ihrem unbewaffneten Mundstuck dergestalten ausgehöhnt, daß, wofern sie vorhero keinen hohen Rucken hätte gehabt, sie sich leicht zu bucklet gelacht. O Narr! hat's geheißen, was willst du dich viel in die obrige Ding vergaffen, siehest du doch nicht, was vor deiner! Altiora te ne quaesieris.

Du nasenwitziger Bruder Curios; du übermüthige Schwester Vorwitza, verdienst fast gleiches Prädikat[356] und schlechten Preis-Namen, wann du so frech die oberen göttliche Geheimnisse und Gottes unermäßliche Werk unterstehest durchzugrüblen! Ei du spitzfindiger Erdschrollen, weißt du doch dasjenige nit, was vor deiner ist, und mußt in vielen natürlichen Dingen dein eselsüchtiges Nescio hören lassen. Weißt du, warum das Feuer oder die Sonne den Koth hart mache, entgegen einen Pechschrollen erweiche? Nescio, ich weiß nicht. Weißt du, warum das Feuer einen Stein zu einem weißen Kalk brennet, entgegen ein Holz zu schwarzen Kohlen? Nescio, ich weißt nicht. Weißt du, warum, wann man einen Holder über sich schället, gesotten eingenommen, über sich brechen macht, so man ihn aber herab bricht, unter sich laxiret? Nescio, ich weiß nit. Weißt du, warum ein Löw' einen Gogl-Hahn förcht, und nicht einen Wolf oder Tieger? Nescio, ich weiß nit. Weißt du, warum ein Magnetstein Eisen zieht und nit ein Holz, so viel leichter ist? Nescio, ich weiß nicht. Weißt du, warum das Fischl Remora, so nit größer dann ein Platteissel, kann ein großes Schiff mit tausend Zentnern mitten im Meer arrestiren? Nescio, ich weiß nit. Weißt du, warum der Esel die Ohren hängt, wann er als ein vierfüßiger Astrologus vermerkt, daß denselbigen [357] Tag ein Regenwetter wird einfallen? Nescio, ich weiß nit. O wann dein Verstand also öd' und blöd ist, daß er natürliche Sachen nit kann ergründen, warum willst du dann die unnatürlichen und göttlichen Urtheil anatomiren? Gott hat gewußt von Ewigkeit her, daß, wann er den Adam werde erschaffen, so werde solcher sich sammt dem ganzen menschlichen Geschlecht ins ewige Verderben stürzen, und hat ihn dannoch erschaffen. Gott hat von Ewigkeit hero vorgesehen, daß, wann er den Judam Iscarioth in sein apostolisches Kollegium werde aufnehmen, so werde ihn solcher meineidiger Weis' den Feinden übergeben; hat ihn dannoch aufgenommen. Frage nicht Warum, mein Mensch; Gott weiß schon die Ursach, und ist diese so gerecht, als Gott selber ist, ob schon solche unser verdunkleter Witz nicht kann fassen. Ohne Willen Gottes des Allmächtigen geschieht nichts, nichts, nichts, und sein Will' kann nicht irren, so wenig als Gott fehlen kann. Nunquid iniquitas apud Deum? absit. Rom. 9.

Joannes Colganus in dem Leben des heil. Fridianus beschreibt eine wunderliche Straf' eines Vorwitzigen. Erstermeldter Heiliger hatte einst dem heil. Mann Columba ein Buch geliehen, welches dieser bei nächtlicher Weil' in der Kirchen abgeschrieben ohne Beihilf' eines Lichts, weilen seine Finger lauter brennende [358] Facklen scheinten. Gleich zur selben Zeit wollte ein Discipul des heil. Fridiani das Buch von Columba wieder zurück begehren; findet aber, daß sich der hl. Columba in der Kirchen verschlossen. Schaut demnach durch ein kleines Loch oder offne Klumsen hinein, verwundert sich höchlich über den seltsamen Glanz seiner Finger, welches seinen Vorwitz noch mehr angespornt, daß er länger durch das Loch hineinguckt, der Hoffnung, er werde noch andere dergleichen Wunderding' erwarten. Aber der Allerhöchste hat diesen unnöthigen Vorwitz gar artlich gestrafet: massen eben dazumalen eine Kräh (dieser Vogel ist dem Raben nit viel ungleich) in der Kirchen war, welche ohnedas ganz heimlich in dem Kloster herum geflogen. Dieser Vogel, aus Befehl Gottes, schleicht ganz still zu der Kirchen-Thür', beckt unversehens zu dem Loch hinaus, und haut auf einmal dem vorwitzigen Frater ein Aug aus. Dieser arme Tropf hat alsbald mit einem Aug besser, als vorhero mit zwei Augen gesehen, daß er nit hätte sollen vorwitzig seyn.

Wann durch Schickung Gottes ein jeder sollt' ein Aug' verlieren, welcher vorwitziger Weis nicht durch eine Kirchen-Thür', sondern gar durch die Himmels-Thür' hinein schaut, und Achtung gibt, was Gott für geheime Urtheil in seinem göttlichen Konsistorio verborgen, – [359] o wie viel wären einäugige Menschen! wie viel hätten nur ein Fenster im obern Zimmer! wie viel gab es gute Schützen, welche nicht mehr nöthig hätten ein Aug' zuzuschließen, wann sie zielen und abdrucken! Denn was find't man mehr, als solche vorwitzige, nasenwitzige, überwitzige Adams-Kinder, die immerzu das Warum im Maul herum tragen, wie ein Pudelhund den Prügel. Solchen aber gib' ich keinen andern Bescheid, als da geben hat Christus der Herr dem Petro, da solcher aus Vorwitz wissen wollte, was künftig mit Joanne, der auf des Herrn Brust in dem letzten Abendmahl gelegen, geschehen werde:Quid ad te? Was gehts dich an? sagte der Heiland. Wann du, mein lebendiger Leimschrollen, fragst, warum Gott den Jakob schon in Mutterleib gehasset? warum hat Gott die Gnade geben dem rechten Schächer Dismas, welcher ein so großer Bösewicht war, wie sein Mitgespann der Gesmas? gleichwohl jener durch die Barmherzigkeit Gottes bekehrt, dieser durch die Gerechtigkeit Gottes verstockt geblieben?Quid ad te? Was gehts dich an? wer bist du, daß du mit Gott rechten sollest? Spricht dann auch ein Werk zu dem, der es gemacht; warum hast mich also ge macht? hat der Hafner nit Macht, aus einem Leimbatzen zu machen ein Gefäß zu den Ehren, und das andere zu den Unehren? Ist dann nit Gott der vollmächtigste Herr über seine Gnaden, welche er nach [360] seiner beliebigen Maß kann austheilen? Wann jemand ewig verloren wird, so hat das die Gerechtigkeit Gottes gethan; wann jemand ewig selig wird, so hat das die Barmherzigkeit Gottes gethan; beedes aber geschieht mittels deiner guten und bösen Werke, welche dein freier Will' gebähret. Der aber etwas Gutes wirket, der wirkt es nit ohne Gott, der etwas Böses wirket, der wirkt es ohne Gott. Aber laß du lieber solches unnöthiges Warum unterwegs, sondern gedenke, daß gleich wie du das große grundlose Meer, nicht kannst schütten in ein kleines Grüb'l, mit einer Hand die große Weltkugel nicht kannst überspannen: also auch kannst du die Urthel Gottes mit deinem wurmstichigen Verstand nit ergründen! Du bist nur ein blinder Maulwurf auf dieser Welt, du kannst nicht sehen, noch verstehen, was Gott thut. Sprich lieber mit dem hl. Paulo: O altitudo divitiarum, etc. O wie eine Tiefe des Reichthums bei der Weisheit und Erkenntnuß Gottes! wie unbegreiflich seynd seine Gericht und wie unerforschlich seynd seine Weg'! dann wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Rathgeber gewesen?

Wann einer fünfzig Jahr' Gott dem Allmächtigen ganz inbrünstig gedient bis in sein Todbett, allzeit heilig, außer in der letzten Viertl Stund läßt ihn Gott fallen, ein anderer ist 50 Jahr ein lasterhafter Bösewicht, in seinem Sterbstündlein aber hat er die Gnad' von Gott, daß er sich bekehret; – dieß ist zwar selten geschehen, da es aber noch sollte geschehen, so thue du dessentwegen den Allmächtigen keiner Ungerechtigkeit beschuldigen, sondern sprich mit dem gekrönten Harfenisten [361] David: Justus es Domine, et rectum judicium tuum: Herr du bist gerecht, und dein Gericht ist recht.

Warum ist Gott nit ehender auf die Welt kommen, und selbige mit seiner heiligisten Lehr' von denen Irrthümern gezogen? warum erst vier tausend Jahr nach dem Fall des Adams? Quid ad te? Was gehts dich an? Sag' lieber: Herr du bist gerecht!

Warum läßt Gott so viel hundert tausend Seelen dem höllischen Raub-Vogel, da er doch konnte alle selig machen? Quid ad te? Was gehts dich an? Sprich' lieber: Herr du bist gerecht!

Warum läßt Gott viel verdammt werden, durch dero Hilf' und Lehr' viel seynd selig worden? Quid ad te? Was geht das dich an? Wiederhol' lieber: Herr du bist gerecht!

Warum hat Gott die Menschen erlöst, und nit dieEngel nach ihrer Sünd, in dem ihre englische Natur unsere menschliche weit überwiegt? Quid ad te? Was gehts dich an? Schreie lieber auf: Justus es Domine: Herr du bist gerecht!

Warum läßt Gott so viel irrigen Glauben, bethörte Irrthümer, teuflische Ketzereien, falsche Lehrer zu, da ers doch könnt' wenden? Quid ad te? Was geht dich das an? Ist viel besser, du singst mit dem David: Herr du bist gerecht!

Warum hat Gott den Judas zu einem Apostel, zu einem Jünger, zu einem Lehrer, zu einem Priester, [362] zu einem Wunderwerkwirker erkiesen, da er doch hat vorgesehen, dieser wird ein Dieb, ein Partitenmacher, ein Mameluk, ein Geizhals, ein Verräther, sein selbst eigener Henker und mit einem Wort ein Erz-Schelm werden? Quid ad te? Was geht dich das an? sey du fein fromm und heilig, bitte Gott um die Beständigkeit, im Uebrigen laß fahren dein nasenwitziges Warum?

Judas Iscarioth, nach vieler heiliger Lehrer Aussag'
Judas Iscarioth, nach vieler heiliger Lehrer Aussag', war Anfangs ein frommer, gottesförchtiger Apostel; nachmalens aber ist er ein gewissenloser Bösewicht worden, weilen er sich zu allerlei Lumpen-Gesind gesellet hat, etc.

Nachdem Judas von Christo dem Heiland zu apostolischer Hohheit erhoben, hat er sich allweg fromm und eifrig verhalten, also zwar, daß ihn nach kurzer Zelt der Herr zum Prokurator des apostolischen Collegii [363] erkiesen, weilen man an ihm eine besondere Fähigkeit gespüret; dann er wußte gar wohl auf freundliche Manier mit allen Leuten zu handlen und zu wandlen, auch manglete nicht an ihm die Erfahrenheit und die Wissenschaft, alle Sachen um einen billigen Preis beizukaufen. Dahero die anderen Apostel wegen evangelischer Armuth noch Heller noch Pfenning bei sich hatten, sondern die ganze Kasse führete dieser wohlerfahrene Pagator: also, daß, wann einer aus diesen heiligen Theologis von gutherzigen Leuten ein Allmosen im Geld oder im Gelds-Werth empfangen, mußte er solches wegen des abgeschmachen und kühlen Meum et Tuum der Gemein' übergeben, welches nachmals Judas in den Empfang genommen und mit demselben die nothwendigen Lebensmittel dem hl. Kollegio beigeschafft. Dahero er mit unterschiedlichen Leuten beschäftiget worden; nemlich mit Einkaufern, mit Vorkäuflern, mit Kuchlpfleger, mit Zeckertrager, mit Nudelköch [364] und mit Sudlköch, mit Mehlmesser und Treidmesser, mit Kostherren, mit Grießlern, Wirthen, mit Kamerlocanten, Markadentern, mit Kräutel-Weibern und Frätschlerinnen, mit Markt-Richtern und Krebsen-Richtern, absonderlich mit denselben Gesellen, welche nachgehends der Herr Jesus als schlimme Schelme aus dem Tempel gepeitscht, war Judas sehr bekannt; welche Bekanntschaft den Eifer des Iscarioths nach und nach merklich geschwächt, also, daß er nachgehends unter dem Schein die apostolische Küchel zu proviantiren, gedachte saubere Kammeraden öfters besuchet, auch etwann bei diesen nassen Bursch bisweilen eins Bescheid gethan und dero partiterischen Gespräch und Fatzreden ein längers Gehör geben. Es ist auch wohl zu vermuthen, daß einer oder der andere sich verlauten lassen, wann er anstatt des Judä ein solcher Kammer-Zahlmeister wäre und von solcher Scharsche kein Raithung dürfte ablegen, wollt er seiner selbst nicht vergessen, sondern öfters den Ablativum an [365] die Hand nehmen, ein hübsch Geldl beiseits legen; – wer weiß, wie es noch mit diesem Zimmermanns-Sohn Jesu einen Ausgang nimmt etc.! Sey ihm, wie ihm wolle, dieser erleuchte, heilige und gottesfürchtige Apostel ist verführt worden durch diese liederliche Gesellschaft, welches neben andern gar schön bezeugt der gelehrte Franziskus Labata: Ea, quae ab avaris hominibus desumpsit, ita praevaluerunt, ut ex sancto Dei Apostolo Fur et Proditor Divinae Majestatis evaserit reus: potius lucrari a mercatoribus didicerat, quam paupertatem a discipulis suis.

O was häufiges Uebel und manigfaltiger Seelen-Verlust ist nit schon von böser Gesellschaft und böser Gelegenheit entsprungen! Der große PatriarchAbraham hat allgemach betracht', daß sein Sohn der Isaak schon erwachsen, in Ehr' und Lehr' wohl erzogen, und also mangle ihm nichts als ein Weib. Zu solchem Ziel und End' schickt er seinen Hausverwalter oder Hofmeister aus, den Eliezer, daß er solle und wolle seinem jungen Herrn eine Braut aussuchen, aber nur keine Kananäerinn nit! ja so gar mußte Eliezer dem Abraham schwören und eidlich versprechen, daß er kein Fräule aus dem Land Kanaan wolle mit[366] sich bringen. Ich kann allhier nicht anderst, als mit einem Warum dich großen Abraham ich kleiner Abraham befragen. Warum keine Kananäerinn? Etwann gibts in demselben Land lauter gronerische, greinerische Hader-Katzen, welche den ganzen Tag einen moscowitischen Trippel singen? Dann drei Ding seynd einem Haus überlegen: ein Rauch, ein böses Weib, und ein Regen. Warum denn keine Kananäerinn? vielleicht trägt derselbe Boden lauter wilde Tramplen, welche da Gesichter haben, wie eine Algeier-Leinwath so nur auf einer Seite gebleicht? Warum keine Kananäerinn? etwann haben sie schlechte Hüttl, Kittl, Mittl, und schreiben sich die mehriste von Bethlehem im Palästina, und nicht von Reichenau bei Costnitz? Warum keine Kananäerinn? vielleicht seynd sie nit adelich? dann Raaben-Federn und Pfauen-Federn gesellen sich nit recht wohl zusammen. Warum keine Kananäerinn? Mein lieber Eliezer, sagt Abraham, schwör' du mir bei dem lebendigen Gott, daß du mir nur keine Braut aus dem kananäischen Frauenzimmer nach Haus führest! Warum aber? Was gilts, es heißt in demselben Land: gemach mit der Braut, damit die Jungfrau nit in Graben fällt? Darum, darum keine Kananäerinn. Dann Abraham gedachte also:

[367] Mein Sohn der Isaak ist ein frommer Mensch, ein feiner Mensch, ein gottsfürchtiger Mensch; die Innwohner aber in dem Land Kanaan seynd lauter Götzen-Anbeter. Dafern nun mein Sohn ein solches Land-Fräule sollte heirathen, würde er mit der Zeit sammt ihr abgöttisch werden. Nur keine Kananäerinn! dann wann sich mein Sohn mit einer solchen sollte vermählen und Kinder mit ihr erzeugen, die Kinder aber gehen mehrestentheils mit der Mutter um, und die Mutter mit den Kindern, sintemalen der Mann zu dem Hof schaut, die Mutter zu dem Höfen, und folgsam ist sie allzeit bei den Kindern. Dafern nun die Kinder stets werden sehen, daß ihre kananäische Mutter die Götzen-Bilder anbetet, so werden sie es ungezweiflet nachthun; dann gemeiniglich, mit wem er umgehet, dessen Sitten nimmt er an. Die Heuschrecken seynd alle grün, alle in grüner Livree, weilen sie immerzu im Gras und bei dem Gras seynd; die Laubfrösch tragen alle grüne Hosen und Wammes an, und seynd unterschieden von ihren Stiefbrüdern, so in den Lacken loschiren, aus Ursachen, weilen sie stets bei grünem Laub und Blättern hängen und wohnen. Also pflegt gemeiniglich der Mensch die Untugenden anzuziehen deren, [368] mit welchen er Bekanntschaft und Freundschaft führet.

Den Schauer schauen die Bauren nicht gern, um weilen solcher Riesel-Regen den Treid-Aeckern sehr großen Schaden zufüget, und werden gemeiniglich die Bauren blutarm, wann sie solchergestalten steinreich werden. Anno 1392 hat es in Deutschland an unterschiedlichen Orten einen häufigen Schauer geworfen in der Größe der Gäns-Eier. Anno 1441 ist in Deutschland ein so großer Schauer gefallen, daß ein Stein auf ein halb Pfund gewogen; und solches ist geschehen an dem Tag unser lieben Frauen Heimsuchung. Anno 1395 hat es gegen Schweden einen wunderlichen Schauer geworfen, indem die Steine ganz natürliche Männer- und Weiber-Gesichter vorstellten. Kranzius I. 9. c. 3. Anno 1240 ist unter anderen zu Cremona in dem Kloster des heil. Gabriel ein Schauer gefallen mit einem Kreuz, worauf das Angesicht Christi sammt dem Namen Jesus Nazarenus. Wie man mit dem Wasser dieses zergangenen Schauers das Gesicht eines Blinden bestrichen, hat er alsobalden klar gesehen. Vincent. Histor. lib. 30. c. 138. Ich will dermalen anderer wunderseltsamen Schauer- und Riesel-Wurf geschweigen; sondern allein fragen den Ursprung des Schauers. Dieser wird folgender Gestalten: Erstlich, bei warmer Zeit pflegt die Sonn' die hitzigen Erdendämpf' von der Erden in die Höhe zu ziehen, welche Dämpf' dergestalten hitzig, daß sie zuweilen gar in [369] Feuer verwandlet werden. Wann nun diese warme Dämpf' also empor steigen und in die andere Region der Luft, welche ganz kalt ist, kommen, so werden solche, die bevor ganz warm, auch kalt und gestocken wie kleine ungeformte Kügelein zusammen, welche nachmals mit großem Getös' herunter praßlen, und verursachen im Treid ein Leid, unter den Bäumer ein Jammer, und nehmen den lieben Reben das Leben. Ei Schauer, du bist ein schlimmer Lauer, bist kurz vorhero ein warmer Dampf, ja gar ein hitziger Erd-Dunst gewest, und anjetzo bist du schon worden ein so kühler Tropf, daß du auch ohne Paßauer-Zettel gefroren bist. Ja, ja, wann der Schauer reden kunnte, so würde er sagen: freilich war ich zuvor ein warmer Dampf; wie ich aber in die andere Region der Luft bin kommen, welche von Natur sehr kalt ist, da seynd mir die warmen Geister ausgeflogen und bin halt mit kalten kalt worden. So gehts, mit wem einer umgehet, dessen Sitten zieht er an: daß mancher eifriger und frommer Jüngling aus einem Ernest ein Diebsnest[370] wird, aus einem Edmund ein Immund, aus einem Engelbert ein Teufelswerth, aus einem Nikomedes ein Ganimedes, ja aus einem Lambert ein Wolf. Wundere dich dessen nicht! die schlimme Gesellschaft hat ihm das Kleid der Unschuld ausgezogen, die bösen Kammeraden haben ihm ihre Untugenden angehängt. Es ist ihm begegnet, wie dem Schauer: er war zuvor auch ganz innbrünstig und eifrig; weilen er aber sich zu solchen kühlen und abgeschmacken Tropfen hat gesellet, so ist er sammt ihnen in der Liebe Gottes erkaltet. Nimm' dessen ein Exempel an Petro!

Petrus war ein Haupt der Apostel und forderist ein Haupt-Freund Christi; dann die Noth ist der beste Probstein, welcher die guten Freund kann von dem Leonischen unterscheiden. Petrus hat sich gar wegen Christum in die Gefahr begeben: denn, als ein ganzes Geschwader der jüdischen Lottersknechten und eine häufige Anzahl der hebräischen Scherganten mit Gablen und Säblen Christum den Herrn angefallen, ihn [371] zu fangen, hat Petrus allein vom Leder gezuckt und zwischen die Ohren gehauet. Da hat sich der tapfere Apostel in äußerste Gefahr begeben; dann, sofern dieses zusammengerottete Lumpen-Gesind mit Spießen und mit Stangen sich dem Petro widersetzt hätten, wäre unfehlbar ein Has' so vieler bissigen Hunden zu einem Raub worden. Dieß Haupt-Stuck verdient ein Haupt-Lob von dem apostolischen Haupt Petro, indem er also seinen Jesum geliebet hat auch mit augenscheinlicher Gefahr des Lebens. Wer soll sich einbilden, daß eine solche schöne brennende Fackel soll erlöschen? wer soll meinen, daß ein solcher guter Fuhrmann soll umwerfen? wer soll gedenken, daß ein solcher scharfer Degen eine Scharte soll bekommen? wer soll glauben, daß ein solcher schöner Baum soll erdorren? wer soll vermuthen, daß ein solcher guter Wein soll zu Essig werden? wer soll förchten, daß ein solches stattliches Holz soll wurmstichig werden? Ist dannoch geschehen, daß Petrus seinen Herrn, für den er zuvor Gut und Blut hätt' gespendirt, meineidig und spöttlich hat verläugnet. Um Gottes Willen, wie ist es geschehen, daß eine solche starke, wohlgegründete Saulen ist gefallen? Fragst du wie? und wo? so antworte ich dir: hie und dort in der bösen Gesellschaft. Petrus befand sich zu Hof bei dem Feuer; beim Feuer machte er einen Feierabend seiner Treu; beim Feuer thät er in der Lieb erkalten: bei angezündten Prüglen thät er mit seiner Heiligkeit scheitern. Dann bei demselben Kamin war ein liederlicher Bursch, allerlei Lakei mit grober und grauen Liverei: einer hat ein himmelblaues Kleid an und ein teuflisches Gwissen, ein [372] anderer war roth in dem Rock, aber nit schamroth in dem Gesicht; dieser tragte eine grüne Liverei und hatte doch wenig Hoffnung zum Himmel; jener ging ganz braun daher, und machte es in vielen Unthaten gar zu braun. Es waren auch allda Soldaten, Aufwärter, Schreiber, Nachtreter, Anhalter, Reitknecht', Paschen, ja allerlei Tabaktrinker, Zotenkramer, Speivögel, Spottvögel, Zeitungtrager, Aufschneider etc.; mit einem Wort liederliche Bursch, und mitten unter ihnen war Petrus. Was Wunder dann, daß er bei'n Schlimmen ist schlimm worden!Ulula cum lupis, cum quibus esse cupis Es werden dießfalls nit alle Lakei gescholten, sondern nur diejenigen, welche von der Lacken den Namen schöpfen, verstehe diejenigen, die da kothige Sitten haben und den nächsten Kammeraden leichtlich besudlen und anschmieren! Matth. 26. Dergleichen waren die herodischen, pilatischen, annischen, kayphischen, rabinischen Diener, Fackeltrager, Pumphosentrager, Kothdrescher, Kompliment-Boten, Tellerlecker und synagogische Meßnerbuben, unter welchen Schelmen-Gsind Petrus gestanden, und leider gefallen. Ingressus intro, sedebat cum Ministris.

O verwelkt eine so schöne Blum', die Christus selbsten gepflanzet, durch böse Gesellschaft! wie viel weniger sollen wir trauen, die wir weit entfernt seynd von der Vollkommenheit eines Apostels! weit minder an der Gnad', als ein Apostel, indem wir die mehresten [373] schon geneigt seyn zu dem Bösen, wie ein dürres Haberstroh zum Brennen, wie ein Zundel zum Fangen, wie eine zeitige Birn zum Fallen! Ist gefallen eine so starke Saul durch böse Gesellschaft, wie soll ich, du und er trauen, die wir nur schwache Röhr seyn? ist erloschen eine solche schöne Fackel – wie sollen wir, ihr und sie bestehen in schlimmer Compagni, so nur geringe Wachslichtl? Merkt es forderist, ihr Eltern, daß ihr euere Kinder nicht leichtlich zu gottlosen Buben gesellet, in Erwägung, daß gar wahr ist, was das gemeine Sprichwort sagt:


Böse Gesellen schicken oft manchen in die Höllen


Der evangelische Maler Lucas am 15. Cap. registrirt von dem verdorbenen Sohn, wie daß selbiger einen wunderseltsamen Appetit gehabt zu einer gewissen Speis'. Aber rath', zu was für einen Schleckerbißl! Vielleicht hat ihn gelüst nach einem bayerischen Gogelhopf? oder hat er sich Mucken gemacht wegen eines bayerischen Wespen-Nest? Nein. Etwann haben ihm die Zähn' gewässert nach steyrischen Kapaunen? Nein. Etwann hätt' er gern gessen ein schwäbisches [374] Baurenküchel, oder ein geschmalzenes Habermuß? Nein. Was gilts, er hätt' gern westphälischen Schunken gehabt? Nein. Etwann ist ihm eine Lust ankommen wegen pommerischen Knackwürst? Auch nicht, sondern er verlangt seinen Bauch zu füllen mit Trebern und Kleien der Schwein. Pfui! was ist das für ein seltsamer Appetit! Cupiebat implere ventrem de siliquis, quas porci manducabant: Das ist mir ein rechter Sau-Magen! Wo kommts aber her, daß dieser Lümmel sich also in das Sau-Konfekt verliebet hat? Ei so friß! Dahero: frag' nicht lang! mit was für Gesellen und Kammeradschaft eines umgehet, dero Sitten zieht er an. Dieser saubere junge Herr mußte aus Noth Sau hüten; und weilen er stets mit solchen gerüßleten Spieß- oder Speis-Gesellen umgangen, hat er auch einen solchen Sau-Magen geerbt. Difficile est enim eum incorruptum permanere, qui corrupto sociatur, sagen die Canones Cap. Quisquis 23. Mit Unzüchtigen lernet [375] man auch galanisiren, hätt' bald gesagt, geilanisiren; mit Saufern wird man ein Schlemmer, hätt' bald gesagt ein Schlimmer; mit Dieben lernet man auch im Stehlen sein Heil, hätt' bald gesagt ein Seil suchen. Dann der mit Pech umgehet, der schmeckt, der mit Schwammen umgehet, der stinkt, der mit Küchlen umgehet, der schmerglet, der mit Essig umgehet, der säuerlet, der mit Einheizen umgehet, der brändlet, der mit Geißen umgehet, der böcklet, der mit Säuen umgehet, der schweinlet, der mit Tobak umgehet, der rauchlet, der mit Schelmen umgehet, der schelmlet etc.

Ein Vermessener ist wie ein Messer; dann gleichwie ein Messer wetzt das andere Messer, also macht ein Vermessener den anderen vermessen. Ein böser Gespann ist wie ein Span; dann gleichwie ein brennender Span auch den nächsten anzündt, also ein lasterhafter Gespan auch den nächsten zum Verderben bringt. Ein schlimmer Kammerad ist wie ein Kammrad in der Mühl': wann dieß übel gehet, so gehen die anderen Räder deßgleichen; also ein schlimmer Kammerad macht den nächsten auch schlimm.

Der hl. Esdras beweinte auf eine Zeit sehr bitterlich die Unthat der Juden, welche nach so wunderbarlicher Erlösung von der babylonischen Dienstbarkeit mit den Heiden haben Freundschaft gemacht, unangesehen, [376] angesehen, daß sie dem wahren Gott in Israel ganz guldene Berge und möglichste Besserung versprochen. Unter anderen bedauerte der hl. Esdras sehr hoch, daß die Juden mit azotischen, amonitischen und moabitischen Töchtern sich verheirathet und dero Kinder nachmals halbazotisch geredet haben. Filii eorum ex media parte loquebantur azoticè. Esdr. cap. 13. Gedenke einer, wie der Hebräer ihre Kinder, welche vorhero die hl. Sprach kunnten reden, so bald haben gelernet azot isch reden, weilen sie mit azotischen Leuten umgangen. Dießfalls dörfen wir gar nit das BuchEsdrä durchblättern, sondern wir haben selbsten täglich dergleichen Beyspiele und Exempel, daß wackere und fromme Jüngling', welche in aller Tugend als gehorsame Kinder auferzogen werden, und niemalens keine ungereimte Red', sondern lauter züchtige und auferbäuliche Gespräch' von ihnen gehöret werden, – die öftere Erfahrenheit, sprich ich, gibt's, daß dergleichen Jüngling' durch schlimme Gesellschaft, worinnen man stets azoticè redet – will sagen, zottige, grobe Zoten, unzüchtige Zoten, wilde Zoten – auch solche Sau-Sprach' lernen, und nicht viel anderst, als ein Wiedhopf den Schnabel immerzu im Koth und Unflath wetzen.

Eine vornehme Dame hatte eine abgerichte Alster (sey es ein' Geschicht oder ein Gedicht), welche sehr lächerlich schwätzen konnte, und gar viel Sachen [377] dieser deutsche Papperl nachbloderte. Unter anderen Bedienten befand sich auch eine Kammer-Jungfrau Namens Midl, welcher die Frau Gräfinn immerzu in Einsiedung der süßen Sachen und Einmachung der schleckerischen Confekt-Schalen zur Ersparung des Zuckers zuredte diese Wort': Midl nit zu viel, Midl nit zu viel! Der Alster, als einem gelernigen Vogel, war diese Lektion gar nicht zu schwer, sondern faßte solche dergestalten in die Gedächtnuß, daß sie zum öftern der Kammer-Jungfrau dieses Liedl vorgesungen, und weilen die Jungfrau mehrmalen mit Löffel-Kraut unter der Hausthür gehandlet, also hat sie dieser gefiederte Spion allezeit verrathen, sie mit großem Geschrei abgemahnet:Midl nit zu viel, Midl nit zu viel! Solches hat die Jungfrauen also verschmäht, daß sie nachmals den Vogel aus Zorn mitten in den Koth geworfen. Die arme Gättl wicklet sich bestermassen aus dem Unflat; sieht aber, daß auf ihrer Seite auch ein großes Mastschwein in diesem Wust sich wälzet, redet demnach diesen besudleten Kammeraden also an: Weilen es dir so schlecht geht, wie mir, so hast vermuthlich gewiß auch die Midl verrathen. – Dieser letztere Zusatz scheint ein wahrhaftes Gedicht, jedoch nit ohne Lehr, dessen Applikation ich dem günstigen Leser überlasse. – Gleichwohl bleibe wahr, daß die Alstern, Staaren, [378] Raben, Papperln die Reden lernen, welche sie zum öftesten anhören.

Eine gleiche Beschaffenheit hat es mit den Menschen, deren leider gar zu viel sind, welche das Maul stets im porcellanischen Geschirr haben, will sagen, immer zu garstige Reden führen, unflätige Späß' vortragen, mit stinkendem Aaß auf Raben-Art ihre Zeit vertreiben, denen alleweil das Maul stinkt von solchem Venus-Koth, und deren Sprach ärger musst, als jenes Mistbettl, auf dem Jod gesessen. – Solche Sprach' aber lernet man nit von sich selbsten, sondern von dem unsaubern Lottergesind, dem sich einer zugesellt.

Wie der hl. Mann Moses auf dem Berg mit Gott geredet, unterdessen seynd die muthwilligen Israeliten da gewest, und haben ein guldenes Kalb für ihren Gott angebetet, solches aber hat billig der hl. Mann zu Aschen verbrennt und in das vorbei rinnende Wasser geworfen. – Gedenke jemand, was geschehen: das Wasser wollte von freien Stucken die vermaledeite Asche nicht annehmen, sondern hat sie mit großem Unwillen wieder aufs Gestad' heraus geworfen. Ich glaube, derentwegen habe das Wasser an dieser guldenen Asche ein Grausen gehabt, denn es gedachte also: Ich bin von dem Allerhöchsten so sehr gewürdiget worden, daß in Erschaffung aller Geschöpf der Geist Gottes ober meiner schwebte und mich zu einem Thron erkiesen: [379] – »Spiritus Dei ferebantur super aquas« – und jetzt soll auf mir eine solche abscheuliche Asche seyn von einem teuflischen Götzenbild? Pfui! sagt das Wasser, und speit die Asche wiederum aus.

Jetzt rede ich dich, Welt-Kind, an, dich Possenreißer, dich Zoten-Kramer, dich Sau-Meßner etc., dich rede ich an, und zeig' dir das Element des Wassers, daß es dich schamroth mache. Weilen dieses schon einmal gewest ist ein Thron Gottes, so will es auf keine Weis' die abgöttische Asche tragen. Und du weißt, daß deine Zung' fast alle Monat, wenigst alle heiligen Täge ein Thron ist deines Erlösers Jesu Christi in der Kommunion, und auf deine Zung kommt der wahre, unter der Gestalt des Brod's verhüllte Gott. Gleichwohl schämest du dich nit, auf dieselbige Zung' zu nehmen unflätige, zuchtlose, schandvolle Wörter und unverschämte Reden. Pfui! und solche lernet man am mehresten bei gottloser Gesellschaft. Ihr Eltern seyd dießfalls im Gewissen höchst verbunden, euere Kinder von dergleichen gottlosen, ehrlosen, tugendlosen Gesellschaften abzuhalten!

Wann diejenigen, so über die Medicos freventliche Wort' ausgießen, dem Hasen so gleich wären als dem Narren, so hätten sie die Hund' schon längst aufgerieben. Närrische Leut' seyn solche, die alle Schuld dem Doctor zumessen. Non est in Medico, semper relevetur ut aeger. Wann [380] die Doctores könnten alle Krankheiten wenden auf Erden, wie theuer würde mit der Zeit das Brod werden! Unverständig hat derjenige Kranke geredet, als ihm ein Medicus eingerathen wurde, thäte er hierüber den Kopf schütteln, und als man dessen Ursach fragte, sagte er, er habe noch keine Lust zu sterben. Es giebt wohl zu Zeiten einen schlechten Doctor, über den kein Patient thut klagen; denn er stopft ihnen allen das Maul zu mit der Erden. Aus dem aber folget nicht, daß man alle Medicos solle schimpfen; denn eine Schwalbe macht keinen Sommer, und ein Kramer macht keinen Jahrmarkt. Ich meinestheils verehre die Herren Medicos, weilen es Gott selbsten also gebietet. Honora medicum propter necessitatem, etenim illum creavit altissimus. Aus welchem hl. Text ein Nasenwitziger behaupten wollen, daß man einen Arznei Doctor nicht Ihr Excellenz , sondern Ihr Necessität soll nennen. Verehren thue ich die Herren Medicos wegen ihrer Scienz und Wissenschaft, kraft deren, so sie so manches W von dem sterblichen Krüppel und menschlichen Leib abwenden. Aber ich frage euch Herren Medicos, welche Krankheit die gefährlichste seye? Ich meines Theils halt' das Seiten-Wehe für den schlimmsten Zustand; verstehe aber lauter Seelenkrankheiten. Adam, nachdem er[381] das schädliche Obst gegessen, hat ein gefährliches Fieber bekommen, weßwegen er also gezittert vor dem Angesicht Gottes, daß er endlich mußte einen Schaf-Pelz anlegen. David hat eine hitzige Krankheit bekommen, wie er so unbehutsame Augen geworfen in die Bersabeam. Nabuchodonosor hat eine gefährliche Geschwulst gehabt, wie er sich also aufblähet, daß er für einen Gott wollte verehret werden. Zachäus hatte die Gelbsucht (besser geredt, die Geldsucht), bis ihm der Herr Jesus Ader gelassen und das Reddo herausgezogen. Petrus hat die Mundfäule gehabt, indem er so grau und grob geläugnet. Alle diese Zuständ' seynd gefährlich, absonderlich das Seiten-Wehe, verstehe hierdurchböse Gesellen auf der Seiten; diese seynd eine schädliche Krankheit, welches selbst der Claravallensische Abt bestätiget, als er zu dem PabstEugenium wegen seiner übelen Rathsherren geschrieben. Nè te dixeris sanum dolentem latera: »Derselbe darf sich nit für gesund ausgeben, welcher einen gottlosen Kameraden auf der Seite hat,« denn er hat das gefährliche Seiten-Wehe.

Der einen Dieb auf der Seiten hat, von dem wird er auch erlernen die Verba aufferendi; der einen Unzüchtigen auf der Seite hat, von dem wird er lernen, mehr auf Leib-Farb zu halten, als auf die [382] Schamröthe; der einen Lügner auf der Seite hat, von dem wird er auch lernen fliegen ohne F.; der einen Säufer auf der Seite hat, von dem wird er auch lernen den Feuchtium aus der Bibliothek zu holen; der einen Spieler auf der Seiten hat, von dem wird er auch lernen mit dem Eichel-Ober eine Sau aufzuheben; der einen Flucher auf der Seite hat, von dem wird er auch lernen zu den sieben Sakramenten etliche Nulla 0 0 0 0 0 0 hinzuzusetzen; der einen Hoffärtigen auf der Seite hat, von dem wird er auch lernen den Alt singen; der ein Sch auf der Seite hat, von dem wird er auch lernen ein doppelter Sch. Sch. werden. Cum perverso perverteris.

Unter andern Speisen, welche die Herren Medici verwerfen als dem Menschen schädliche Bissel, seynd auch die Schwämme, die sonst Gebühr halber anderst tituliret werden. Dieselben seynd sehr ungesund, und wann sie zum besten zugericht, alsdann soll mans zum Fenster hinauswerfen, massen die mehrsten vergift seyn; und seynd die Schwämme nichts anderst, als ein Aussatz der Erden. Gleichwie mancher Kratzius mit seinen Krätzen nit viel prangen darf, also thut die Erde mit dergleichen Mißgewächs nit viel stolziren. Anjetzo entsteht die Frag, ob gedachte Schwämme von Natur vergiftigt seyn, oder anderwärts das Gift erben? Diese Frag' beantwortetDioscorides und Mitridates, daß dieses faule Gewächs nit sey von Natur vergift, sondern es bekomme [383] das Gift von einem rostigen Eisen, verfaulten Fetzen, oder Ottern-Nest, so nit weit darvon ist. Von solchen schlimmen Nachbaurn bekommt der Schwamm sein Gift. Was ist der Mensch anderst, als ein Gewächs der Erden? allermassen dieses niederträchtige Element sein Stamm-Haus, und kein Prahl-Haus sich einer andern Mutter berühmen kann. Gleichwie nun der Schwamm nit giftig von Natur, sondern das Gift zieht von einem benachbarten rostigen Eisen etc., also zieht auch der gebrechliche Mensch die Bosheit an sich dessen und deren, so er auf seiner Seite hat. Dahero ein räudiges Schaf die andern alle ansteckt, ein wenig Sauerteig die ganze Masse sauer macht, ein fauler Apfel alle andern, so darneben liegen, faul macht, ein fallender Stein vom Berg viel mit sich zieht; also ein Boshafter viel andere zur Bosheit locket.

Die Hebräer waren solche Bösewichte, daß sie neben andern Schimpfreden und Spott-Tituln unsern liebsten Heiland auch einen Ketzer genennt, einen Samaritanen; dann diese Leut' waren bei den Juden für Ketzer gehalten. Aus was Ursachen aber seynd diese Gesellen so vermessen gewest, daß sie Christum den Herrn so spöttlich genennt haben? Aus keiner andern Ursach, als dieser: Sie haben wahrgenommen, daß Christus zwei Tag' sich in Samarien aufgehalten, mehrestentheils wegen des samaritanischen Weibs, auch anderer großer Sünder, und also haben sie geschlossen, daß Christus eben ein solcher sey, mit welchen er umgehe. O ihr Galgen-Zeiserl! Christus ist kommen [384] zu suchen, was verloren war. Bei puren Menschen ist es wohl wahr, daß man einen gemeiniglich erkenne ans der Gesellschaft.

Gesellschaft und Gelegenheit seynd einander verwandt und gleichsam zwei Zwilling, wie Jacob und Esau.

Es hat einmal einer gedicht', daß auf einem vornehmen Jahrmarkt der Teufel auch seine Hütte habe aufgeschlagen, nichts aber anderst gehabt als Häut', deren er eine Menge gleichsam reißender Weis' verkauft. Wessentwegen einen Poeten der Fürwitz angespornt, zu sehen, was doch ein jedweder für Häut' einkaufe, einkrame. Indem er also fortgeht, begegnet ihm ein altes Mütterl mit geschimmelter Paroke, eine rare Antiquität, mit einem hölzernen Handpferd, wormit es denen schwachen Füssen eine Beihilf leistete. Diese tragte etliche Häut' unter den Armen, und so viel er konnte abnehmen, war es lauter Karg-häut'. Bald nach diesem sieht er kommen zwei junge Herren, welche in ihrem Gespräch zuweilen ein lateinisch Wort darunter einmischten, woraus er sicher glaubte, daß sie gestudirte Gesellen wären; die hatten gleichfalls ziemlich viel Häut' einkauft, und so viel er konnte erkennen, so waren's lauter Frey-häut'. Unweit von diesen sahe er einen, der ziemlich roth um die Nasen, als wäre sein Gesicht von preußischem Leder geschnitten; solcher haspelte gar seltsam mit den [385] Füssen, und konnte man leicht wissen aus dem krummen Gang, daß er gerad' aus dem Wirthshaus komme. Der hat ebenfalls etliche Häut' eingekauft, und zwar ziemlich viel, waren aber keine andern, als lauter Voll-häut'. Kaum als dieser aus den Augen kommen, so vermerkt er, daß mit zugespitzten Schuhen, wie die Starnitzel, eine Jungfrau daher treten, welche aufgeputzt war wie der Palm-Esel 8 Tag vor Ostern; dieser gab er einen höflichen guten Morgen mit dem Beisatz, warum doch sie so eifrig nach Hause eile? und bekam die Antwort: Ihre gnädige Frau werde bald ausstehen, deßwegen sie zum Dienst eile (es war dazumalen schon eine Viertel-Stund über 10 Uhr). Diese hat sehr viel Häut' vom Markt tragen, und waren nichts als Stolz-häut'. Andere tragen andere Häut': Ein Fuhrmann oder ein Kutscher war daselbst, der hat Grob-häut, ein Soldat hatte Frech-häut, ein Bettler hatte Träg-häut. In Summa: Allerlei Häut haben die Leut vom Teufel eingekauft. Der gute Poet wollte auch wissen, bei was für Häut der Teufel den größten Gewinn habe. Ist endlich unter die Wahrheit kommen, daß der Satan sein bestes Interesse an der Gelegen-häut habe.

Obschon dieses Gedicht übel geschlicht', so ist doch wahr gewesen und wird auch wahr bleiben, daß die Gelegenheit sehr viel Menschen zur Sund' und folgsam zum Teufel und Verderben bringt.

Wie der gerechte Gott der sündigen Welt mit der scharfen Lauge des Sündfluß wollte den Kopf [386] zwacken, hat er dem frommen Noe die Arch oder das große Schiff zu zimmern anbefohlen. Nachdem solches verfertiget und alle schwimmenden, schwebenden, gehenden, kriechenden Thier in dieses hülzerne Losament einquartirt worden, so hat sich alsobald der Himmel mit schwarzem Gewülk überzogen, welches sich gleich in einen häufigen Platzregen ausgegossen, worvon der ganze Erdboden überschwemmt. Nach etlicher Zeit wollte der alte Tättl der Noe wissen und in rechte Erfahrnuß bringen, ob allgemach solche Wassersucht die Schwindsucht bekomme. Schickt zu solchem Ziel und End einen Raben aus der Arche mit dem Befehl, er solle die Avisa einholen, ob der Sundfluß sich in etwas mindere oder nicht. Dieser Galgenvogel aber ungeacht' des scharfen Befehls ist nit mehr in die Archen zurückkommen, und also mit seinem Ungehorsam dem ganzen Raben-Geschlecht einen Schandfleck angehängt, welches vorhero ziemlich schwarz war. Fragst du aber, wohin dieser schwarze Kurier sey kommen? so wisse, daß er elend verdorben; und solches Unglück hat ihm die Gelegenheit verursacht. Dann in dem Ausflug hatte er gar ein gutes Vorhaben: in allem und jedem sich züchtig zu verhalten, den Augenschein emsig einzunehmen, hiemit dem sorgfältigen Noe die gewisse Nachricht zu bringen. Unterwegs aber hat er schwimmende todte Aas angetroffen, welche ihm den Appetit dergestalten beweget, [387] daß er sich nicht mehr hat können enthalten, sondern sich eigenselbst zu dieser Freitafel eingeladen, den gefiederten Ranzen dergestalten angeschoppt, daß er sich nachgehends nicht mehr hat können empor heben und fliegen: also folgsam elendiglich ertrunken, der sonsten auf den Galgen gehörte.

O wie viel Eltern schicken ihre Kinder aus dem Haus, in fremde Länder, etwas zu sehen, damit sie nachmals in der Rückkehr Vater und Mutter ein sonderer Trost sollen seyn! solche reisen aus noch mit der Unschuld bekleidet in aller Zucht und guten Sitten erzogen, wissen wohl, daß Venus und Venia sich gar nit vergleichen, daß caro wie Charon in die Höll' führen, daß derjenige die acht Seligkeiten nicht erhält, der das sechste Gebot nit halt, wissen wohl, daß das Wört'l Leib im Buchstaben-Wechsel Blei heißt, welches nur beschwert und besudlet, wissen gar wohl, daß foemina soll generis neutrius seyn wider der Grammatiker Aussag', und solche decliniret und nicht conjugirt soll werden; wissen wohl, [388] obschon das Wört'l Leffel hinter sich und für sich gelesenLeffel heißt, und also auf allen Zeiten und Seiten das Löfflen im Schwung; doch aber solches wider Gott und Gebot sey. Mit einem Wort: solche reisen aus wie Engel, und wann sie nicht gar ausbleiben, so kommen sie doch oft zurück wie Teufel. Das Gewissen ist beschwert, die Gesundheit ist verzehrt, die Sünden seynd vermehrt, die Sitten seynd verkehrt, das Herz ist bethört, und dieser Brocken ist dem Teufel beschert. Ach Gott! wer hätt' doch vermeint, daß dieser fromme Bernardinus sollt ein' solcher böser Bärenhäuter werden! die Gelegenheit, die ma chet Lieb und Dieb. An dem Ort, wo er wohnte, in dem Haus, wo er lebte, in der Kost, wo er blieb, waren stinkende Aas, es waren daselbst freche Schleppsäcke, muthwillige Töchter, gescherziges Weiber-Vieh, unverschämtes Huesten-Gesind. Da war Gelegenheit, die bringt manchen um die Reinigkeit.

Es kommt einer in die Beicht, der klopft an die Brust mit dem offenen Sünder; er weint aus den Augen mit Magdalena; er beicht' mit dem David, peccavi; er seufzet mit dem Petro etc. Endlich befragt ihn der Beichtvater, ob der, die, das, das saubere Confect oder Kuhfect, die saubere Madam, der saubere Winkel-Engel noch im Haus? etc. Ja! ja! multum Reverende. Ich kann Euch, Herr, nit [389] absolviren, Ihr müßt diesen Vogel aus dem Nest schaffen, die Gelegenheit muß man meiden, sonst wird eine Kohle aus einer Kreiden! Ei Pater, mein Vorhaben ist gar zu stark, ich bin gänzlich resolvirt, einen andern Wandel zu führen! die Donau wird ehender zurücklaufen, eine Mücke wird ehender das Meer aussaufen, ein Mühlstein wird ehender fliegen, ein Glas wird sich ehender biegen, ein Tatz-Bär wird ehender lernen pfeifen, als daß ich mich sollt' vergreifen: bei mir heißt es, ein Wort ein Wort, ein Mann ein Mann. – Si, si Signor, wann ein Weib darbei ist. Ich absolvire dich nicht, wenn du schon sollst den Weihbrunn als deinen Ordi nari-Trunk haben; wann du schon sollst beten, daß dir die Zähn roglet werden; wann du schon so viel Kreuz sollst machen, wie viel Blätter im Majo, so bist du doch nicht sicher, so lang die Gelegenheit ist.David ist nit sicher gewest, und sollst du sicher seyn? Salomon ist nit sicher gewest, und sollst du sicher seyn? Samson ist nit sicher gewest, und sollst du sicher seyn? Nemo diù tutus est, periculo proximus: »Keiner ist weit von der Sünd', der nahend ist bei der Gefahr.« Wann sie schon alt ist 80 Jahr, 8 Monat, 8 Wochen, 8 Tag, 8 Stund, 8 Minuten, trau doch nit! wann sie schon in 14 Bruderschaften eingeschrieben, und ihr nichts abgehet, als [390] der Schein, trau dannoch nit! wenn sie schon alt, kalt, ungestalt, trau dannoch nit! wann's auch todt ist, trau dannoch nit!


Trau keinem Juden bei seinem Eid,

Trau keinem Wolfen auf grüner Heid,

Trau keiner untergrabenen Gstädten,

Trau keinem Hund an der Ketten,

Tran keinem überg'frornen Fluß,

Trau keinem Ave Rabi Kuß,

Trau keinem Wetter im April,

Trau keinem Schwörer in dem Spiel,

Trau keiner Katze bei ihrem Liebkosen,

Tran keinem Dieb mit großen Hosen,

Trau keinen Leuten mit leonischen Barten,

Trau keinem Scheermesser mit einer Scharten,

Tran keinem Bruder bei dem Zechen,

Trau keinem Lügner bei seim Versprechen,

Tran keiner bösen Gelegenheit;

Sonst kommst du in große Ungelegenheit!


Wie sich das rothe Meer wunderbarlicher Weis von einander getheilt und denen Israeliten freien Paß durchzumarschiren gespendiret, schreibt Arias Montanus, sey auch ein anders großes Wunder zu sehen gewest; nemlich der Grund des Meeres sey nichts als Letten, Morast, Koth und Unflat gewest: Viam fecisti in mari equis tuis, in luto aquarum [391] multarum. Nichtsdestoweniger haben die Israeliten ihre Füß' im mindesten nicht besudlet, sondern durch diesen Koth gangen, wie die Sonnen-Strahlen unbemähliget durch eine Kothlache. Ein großes Wunder, ein großmächtiges Wunder, überaus ein großes Wunder ist es, wann Jemand im Koth stehet, durch den Koth gehet und nit bekothiget wird; noch aber, doch aber ist es ein größeres Wunder, bei der Gelegenheit zusündigen seyn und nicht sündigen.

Moses hat viel Wunder gesehen, und sich doch nit verwundert: Er hat gesehen, wie er mit dem Ruthenstreich aus dem harten Felsen nit Feuer-Funken, sondern klaren Brunnenquell gelocket hat; er hat noch darüber gesehen, daß sich derselbe Stein von freien Stücken von seinem Ort ohne einige Hand-Anhebung weggelößt und ihnen durch stetes Walzen nachgefolgt: »Bibebant autem de spiritali consequente eos petrâ« – hat sich dannoch nicht verwundert. Er hat gesehen, wie das Meer sich zertheilet und beiderseits wie krystallene Mauren gestanden, und hat sich dannoch nit verwundert; er hat gesehen, daß seine Ruthe sich in eine giftige Schlange verwandlet, und diese wiederum sich in die vorige Gestalt verkehret, – hat sich dannoch nit verwundert.

[392] Aber wie er gesehen einen Dornbusch, daß selber mitten im Feuer und Flammen stehe und dannoch im geringsten nicht entzündet werde, – o alsdann hat er sich nicht genugsam verwundern können, da er aufgerufen:Vadam et videbo visionem hanc magnam: »Ich will hingehen und besehen das große Gesicht, warum der Dornbusch nicht verbrennt werde.« O Wunder! o Wunder! im Feuer seyn, und nicht brennen, in böser Gelegenheit seyn, bei frechen Schleppsäcken seyn und nit bös seyn, das ist ein Wunder! Daß die drei Knaben zu Babel im Feuer nit verbrunnen, o Wunder! daß dieser oder jener stets oder oft bei der Baberl soll seyn, und nit entzündet werden, o großes Wunder! denn Gelegenheit macht Lieb, Gelegenheit macht Dieb. Hätte Achan die Gelegenheit nicht gehabt, so hätte er nit gestohlen, hätte Ammon die Gelegenheit nit gehabt, so hätte er sich nicht also in die Lieb verloren.

Der heilige Einsiedler Martinianus lebte viel Jahr' in der Wüste ganz heilig; bei dem harten Felsen führte er einen harten Bußwandel, bei den silberströmenden Wasserquellen vergoß er häufige Thränen, unter Ottern und Schlangen stritt er wider die alte Schlange, welche die Evam vergift', unter den brüllenden Löwen blieb er ein Lämmel der Unschuld, unter den Stauden und Dornhecken war er eine Rose der wohlriechenden Heiligkeit: Einsmals bei einbrechender [393] Nacht läßt sich bei seinem Eremiten-Häusel sehen ein sehr zerlumptes und dem Schein nach nothleidendes Bettel-Mensch, welche mit überhäufigen Thränen und unaussetzlichem Bitten den hl. Mann ersucht, daß er doch sich ihrer wolle erbarmen und die Nacht hindurch einen Winkel in seinem Hüttlein vergonnen, damit sie doch den wilden Thieren nit möchte zu einem blutigen Raub werden, ja der gerechte Gott werde ihr unschuldiges Blut von ihm am jüngsten Tag fordern, dafern er wider Verhoffen ihre Bitt' nit wollt anhören! Martinianus erwägte wohl, daß solche Thier', welche Zöpfe tragen, viel giftiger als Drachen und Schlangen, er wußte wohl, daß Sabina viel ehender verwunde als ein Säbel, er erkannte wohl, daß solches langrocketes Feuer der Unschuld bald einen Feierabend mache; wollte aber beinebens auch nicht abgeben einen Mörder des Menschen-Bluts und diese elende Tröpfinn denen wilden Thieren zu einem Nachtmahl vergonnen: hat ihn also seine eingewurzelte Mildherzigkeit überredt, daß er gedachtes Bettel-Mensch auf so bewegliches Anhalten in sein armes Losament einquartiert. Es stunde aber eine geringe Zeit an, da hat Martinianus eine ungewöhnliche Brunst vermerkt in seinem ausgemergelten Leib, hat gar deutlich wahrgenommen, daß ihm sein Gast nichts als garstige Gedanken aufwickle; wessenthalben er bei Mitternacht entschlossen, das Bettel-Mensch aus seiner Wohnung zu jagen. Als er suchte solches werkstellig zu machen, sieh! da findet er nit mehr eine arme Haderlumpinn, sondern eine stattlich gezierte Madam und aufgekraustes Frauenzimmer in [394] sehr kostbarer Tracht und Kleidung, welche dieser gottlose Mistsink vorhero in ihrem Bettler-Binkl verborgen tragte. Worüber der heilige Mann unermäßlich erschrocken, alsobald ein Feuer angezündet, in welches er sich unverweilend geleget, mit ganz höflichem Einladen, sie soll sich zu einem Beischlaf zu ihm gesellen. Solches hat sie dergestalten bewegt, daß sie mit gebogenen Knieen um Verzeihung dieser Frechheit gebeten, auch alsobald nach Jerusalem geeilet, daselbsten ihr Leben in strengen Bußwerken geendet.Martinianus wollte nach solcher Begebenheit aller Gelegenheit entgehen; verläßt demnach diesen Ort, und baut sich in der Mitte des Meeres auf einem hohen Felsen eine andere Wohnung, wohin dreimal im Jahr ein Schiffmann nothwendiges Brod zugeführt. Indem nun der heilige Einsiedler 6 Jahr von allen Menschen abgesondert allda seinen heiligen Lebenswandel zugebracht, so hat sich mehrmalen etwas Wunderbarliches zugetragen: Ein großes Schiff im Meer durch Ungestümm der Winde und Wellen ist ganz gescheitert und seynd folgsam alle Menschen jämmerlich zu Grund gegangen außer einem einigen jungen Mägdl, welches mit möglichsten Kräften zu diesem Felsen, wo Martinianus lebete, hinzugeschwommen und durch die Wunden Jesu um Hilf geschrieen. Martinianus vermerkt eine neue Versuchung, reicht dieser bedrängten [395] Jungfrauen seine hilferbietende Hände; verwundert sich nit, daß solche nit zu Grund gangen, weilen nämlich diese war gar zu leicht (besser geredt leichtfertig), führt solche in seine hohle Steinklippe, verspricht ihr, daß nach etlichen Tagen der Schiffmann sie werde abholen. Er aber, was vermeint ihr, daß er gethan? etwann hat er stets seinen Leib mit harten Geißelstreichen gezüchtiget? Nein. Etwann hat er daselbsten mit Wachen, Beten und Fasten seine Zeit zugebracht? Nein. Er trauete nit seinem dürren und mit bloßer Haut überzogenen Menschen-Balg, sondern nach Verzeichnung des hl. Kreuzes, nach Empfehlung in den Schutz des Allerhöchsten stürzt er sich in das tiefe Meer. Gleich aber seynd aus Befehl Gottes zwei Delphinen zugeschwommen, welche Martinianum aus dem Meer ganz sicher zum Gestad' getragen und salviret.

O unbehutsame Adams-Kinder! förcht' sich vor böser Gelegenheit eine solche Säule der Heiligkeit, wie könnt dann ihr trauen, die ihr schwache Röhr' der Gebrechlichkeit? förcht' sich ein Riese vor diesem Streit, wie kann dann ein Zwergel trutzen? förcht' sich eine große Fackel auszulöschen, wie soll dann ein Schwefel-Hölzel pochen? förcht' sich das kalte Eis vor der Brunst, wie kann sich versicheren ein dürrer Strohwisch? zittern große Eichbäum' vor solchem Wind, wie kann sich doch eine geringe Staude übernehmen? fallen mit einem Wort heilige Leut' durch böse Gelegenheit, wie kann sich dann der Gebrechliche, [396] Unvollkommene, Freie, Freche, Frische den Salvum Conductum versprechen?

Wie Christus der Herr mit fünf Brod' und und zwei Fischen so viel tausend Menschen in der Wüste gespeist, und nicht allein diese Menge der Kostgeber nach Genügen gesättiget, sondern noch von den übergebliebenen Scherzlen zwölf große Körb' angefüllt, da hat er seine Apostel und Jünger gezwungen, bei spätem Abend in ein Schiff zu steigen und weiter zu fahren. Der Evangelist, so diese Geschicht' registrirt, schreibt merksam, daß der Herr seine Apostel habe mit Gewalt in das Schiff getrieben. »Compulit etc.« Matth. 14. Coegit. Marc. 16. Fort! hat's geheißen, –Peter! fort, Joannes! fort Matthäe! etc. fort mit euch, ins Schiff hinein! Ei, Herr, die Zeit ist schon zu spät zum Reisen, das Wasser drohet viel Gefahren bei dem Tag, will geschweigen bei der Nacht, wir wollen heut' in Gottes Namen auch da liegen, wo wir gegessen haben. Fort, fort, macht's nicht viel Wort', von diesem Ort! Mein Herr! hat etwann Petrus gesagt – weilen die liebe Sonn' von uns bereits Urlaub nimmt, und die dunkle Nacht vor der Thür, thue uns anheut die gnädige Erlaubnuß geben, daß wir dörfen auf diesem Heu schlafen; morgen wöllen wir bei anbrechender Morgenröthe uns auf die Reis' machen und in allem [397] deinen Willen vollziehen. Ich bin gleichwohl keiner aus den Jungen mehr, und hab' meinen Schlaf ohnedas zum öftern müssen abbrechen wegen der Fischer-Arbeit, jetzt schmeckt mir die Ruhe absonderlich wohl nach dem Essen! – Fort, fort mit euch, fort ohne Verzug! Allo! Compulit, coegit, etc. – Wann es an einem andern Ort wäre gewesen, so ist es wohl zu glauben, der mildherzige Herr und Heiland hätte ihnen solche Bitt nicht versaget; aber weilen daselbst sehr viel Weiber ihre Nachtherberg nahmen, so hat Christus der Herr mit allem Gewalt seine Apostel in das Schiff getrieben: Coegit discipulos, quibus cavebat à consortio nocturno tot mulierum. Liebster Herr und Heiland! seynd es doch lauter fromme und andächtige Weiber, die aus purem Eifer zu deiner Predigt kommen, und seynd beinebens deine Apostel heilige und tugendsame Männer! Schad't nicht! fort, fort, fort, die Gelegenheit muß man meiden, sonst wird eine Kohle aus einer Kreiden! – Gütigster Gott! so ist gar eine Gefahr bei den andächtigen Weibern, was wird erst seyn bei denverdächtigen!

O wie recht hat der englische Lehrer Thomas von Aquin gethan! Sobald dieser den Habit und das geistliche Kleid des hl. Dominici angelegt, und gleichsam um die schöne Festung seines Leibs, die ich [398] dermalen will Engelstadt nennen, eine solche neue Maur geführt, siehe, da kommt der höllische Feind mit allen seinen Alliirten und belagert diese Festung. Die Frau Gräfinn, als seine Frau Mutter, sammt anderen Frauenzimmern versucht diese Festung mit Liebkosen und manierlichen Accord zu behaupten, aber umsonst; seine zwei Herren Brüder, ohnedas wohlerfahrene Kriegs-Leut', wagten einen gewaltigen Sturm, warfen die äußere Mauer zu Boden, verstehe den hl. Habit, welchen sie zu Stücken zerrissen, aber umsonst; endlich kommt der Satan und verhofft diese Festung, so noch eine Jungfrau war, mit Feuer zu bezwingen. Das ist eine harte Attaque. Es kommt zu Thomas in das Gefängniß ein junges Weibsbilds, ein freches Weibsbild, und man weiß schon, wie solche Geißen gmecketzen, man weiß schon, wie solche Katzen schmeichlen, man weiß schon, wie solche Vögel singen! Diese war überaus schön, und hat nit viel nachgeben des Jobs seinen Töchtern, von denen die hl. Schrift selbst bezeuget: »Non sunt inventae mulieres tam speciosae in universa terra: auf der ganzen Welt waren keine so schöne Weibsbilder, wie des Jobs seine Töchter.« Sie brauchten keinen theuren Anstrich, sie brauchten keinen kostbaren Backen-Firneiß, sie brauchten keine kostbaren Gesichter-Laugen, keine gewisse Stirn-Bleche, sie brauchten keinen Lefzen-Zinnober, wie der Zeit die abgeschabenen Weibergesichter [399] damit prangen, sondern sie waren von Creatur schön, von Natur schön, von Postur schön etc. Diesen, sprich ich, hat nicht viel nachgeben dieselbige, so dem englischen Jüngling Thomä die Visite geben. Aber sie war nur von Seiden schön, und nit von Sitten schön. Was thutThomas, wie er diesen freundlichen Schmutz-Engel ersehen? etwann begibt er sich in das Gebet? oder hält er ihr eine bewegliche Predigt, daß sie von ihrem bösen Vorhaben solle abstehen und mit Magdalena bei den Füßen Jesu ihre Hauptsünden beweinen? Nichts dergleichen. Fort, fort! hats geheißen, sonst macht die Gelegenheit Lieb und Dieb und trüb.Thomas ergreift ein halb abgebrenntes Scheit bei dem Kamin: Also recht, mein Thomas, auf diese Weis' wird deine Unschuld nit scheitern! Thomas jaget diesen freundlichen Feind hinaus. Also recht, auf solche Weis' bleibt die Reinigkeit hierinnen!Thomas schlägt sie auf den Rücken, welche sein heiliges Vorhaben wollt zurück treiben, pufft sie auf die Achslen, welche eine solche schmeichlende Achselträgerinn wollte abgeben, klopft zu auf den Kopf, welche eine solche Haupt-Huesten war. Jo Victoria!


Auf einen solchen Herd gehört eine solche Glut,

Zu einem solchen Kopf gehört ein solcher Hut,

Zu einem solchen Hafen gehört ein solcher Deckel,

Zu einem solchen Geld gehört ein solcher Seckel,

[400]

Zu einer solchen Festung gehört eine solche Schanz,

Zu einem solchen Kirchtag gehört ein solcher Tanz,

Zu einem solchen Thurm gehört ein' solche Glocken,

Zu einer solchen Suppe gehören solche Brocken,

Zu einem solchen Garten gehört ein' solche Mauer,

Zu einem solchen Dorf gehört ein solcher Bauer,

Zu einem solchen Degen gehört ein' solche Scheid,

Zu einem solchen Vieh gehört ein' solche Weid,

Zu einem solchen Spiegel gehört ein' solche Rahm,

Zu einem solchen Jahrmarkt gehört ein solcher Kram,

Zu einem solchen Pferd gehört ein solcher Striegel,

Zu einem solchen Schelmenvieh gehört ein solcher Prügel!


Jo Victoria! Fort, fort, fort, trau der Gelegenheit nicht, wann du schon ein heiliger Justus oder Justinus bist, wann du schon ein hl. Paulus oderPaulinus bist, wann du schon ein hl. Felix oder Felicianus bist; es kann auch ein hl. Justus ungerecht werden bei der Gelegenheit; es kann auch ein hl. Paulus nit Paululum verlieren an der Unschuld bei der Gelegenheit; es kann ein hl. Felix unglücklich werden bei der Gelegenheit. De quantis legimus viris in vogiliis, in jejuniis, in laboribus supra humanum modum, imò in miraculis coruscantibus, qui ceciderunt!

Ein Narr kann uns ein Doctor seyn: Jacobus [401] Bidermannus registrirt von etlichen Phantasten, welche seltsame Fausen, wunderliche Einbildungen, hypochondrische Grillen im Hirn hatten. Unter anderen war einer, der ist der halsstärrigen Einbildung gewest, daß er von lauter Glas sey, wessenthalben er allen Leuten wehemüthig zugeschrieen, sie sollen doch nicht an ihn anstoßen! sitzen wollte er auch auf keine Weis', aus Furcht, der hintere Stock möchte zu Trümmern gehen. Diesem albernen Menschen können wir mit allem Lob nachfolgen, und uns verständig einbilden, wir seynd vom Glas, ja gebrechlicher als Glas: Ein geringer Augenblick kann uns das ganze Gebäu der Heiligkeit zu Boden werfen, wie ein kleines Steinl das große Bildnuß des Nabuchodonosor. In dem anderten Buch der Machabäer im ersten Kapitel lieset man, daß ein dickes Wasser sey zu Feuer worden. Ist ja viel. Aber man hat leider auch öfter erfahren, daß etliche Geistliche durch klösterliche Disciplin also der Welt vergessen, daß sie gleichsam wie Wasser werden ohne wenigsten Funken einer ungeziemten Lieb; nachdem sie aber wieder zur Gelegen heit kommen, ist solches Wasser in Feuer verkehrt worden. War nit Jacobus der Einsiedler ein Heiliger? durch die Gelegenheit ist er dannoch spöttlich gefallen. War nit Maria, eine Baas des Abrahams, eine Heilige? dannoch durch die Gelegenheit in größte Sünden gerathen.

Absonderlich muß das schwache Weiber-Geschlecht die Gelegenheit fliehen, forderist dieJungfrauen.

[402] Denn eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie die Glocken am Charfreytag: muß sich nit viel hören lassen; – die Männer endlich können Vocales seyn, die Weiber Consonantes, die Jungfrauen aber müssen Mutae seyn. Eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie eine Orgel: sobald diese ein wenig angetastet wird, so schreit sie. Eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie der Palm-Esel: der läßt sich im Jahr nur einmal sehen. Eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie eine Spital-Suppe, die hat nit viel Augen: also soll sie auch wenig umgaffen, etc. Eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie eine Nacht-Eul', die kommt fein wenig ans Taglicht. Eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie ein Spiegel: wenn man diesem ein wenig zu nahe kommt und anhaucht, so macht er ein finsteres Gesicht. Eine rechte Jungfrau soll seyn und muß seyn wie ein Licht, welches versperrt in der Latern viel sicherer ist, als außer derselben. Insonderheit aber soll seyn und muß seyn eine rechte Jungfrau wie eine Schildkröt': diese ist allezeit zu Haus, massen sie ihre Behausung mit sich trägt: also eine rechte Jungfrau sich mehresten soll zu Haus aufhalten zur Meidung aller bösen Gelegenheiten; denn gleichwie jener gute Samen des evangelischen Ackermannes, [403] so auf den Weg gefallen, von den Vöglen ist verzehrt worden, also seynd die ehrsamen Jungfrauen, welche immerzu auf Weg und Gassen sich sehen lassen, von den Erzvögeln gar nit sicher. Wäre die Dina, des Jacobs saubere Tochter, zu Haus geblieben, und hätte die Gefahr gemeidet, so wäre sie niemalens so spöttlich um ihre Ehr' kommen.

Judas der Erz-Schelm hält sich in seinem Amt sehr ungetreu
Judas der Erz-Schelm hält sich in seinem Amt sehr ungetreu, und gibt bei der apostolischen Kassa einen gewissenlosen Dieb ab.

Nicht allein Petrus, und mit Petro Joannes, und mit Joanne Jacobus, und mit Jacobo Andreas, und mit Andrea Matthäus, und mit Matthäo andere Apostel und Jünger haben große Wunderwerk geübet, sondern es hat auchJudas selbsten große Miracul gethan. Er hat mit wenigen Worten die bösen Feind' aus denen Besessenen getrieben, er hat sogar mit seinem Schatten große Krankheiten und Presten gewendet, er vermochte sowohl den Tod' als den Teufel zu überwinden. Dieser guldene Apostel ist gleichwohl von dem Silber überwunden worden, indem er durch das Geld [404] verblendet hat angefangen einen Dieb abzugeben, den Beutel, worinnen das Geld für das apostolische Collegium, mit krummen Händen zum öftern bewillkommet und Nehmens halber ein vornehmer Dieb worden. Fur erat, et loculos habebet.

Dazumalen, wie die Philistäer die Arch oder guldenen Bund-Kasten bei sich hatten, waren sie mit vielen Plagen von dem Allerhöchsten gezüchtiget. Unter andern ist eine solche Menge der Mäus in Dörfern, Städten und Märkten, wie auch in Feldern und Wäldern entstanden, daß sie durch diese kleinen Thier' den größten Schaden erlitten. Wann dazumalen alle Leut' wären Katzen gewesen, so hätten sie dannoch nicht alle Mäus können abfangen. Den mainzerischen Bischof Atto solle laut alter Geschicht-Schreiber eine solche Menge Mäus überfallen haben, daß er von ihnen ganz verzehrt worden. Gott behüte uns alle von dergleichen Mäusen! aber Mauser haben wir dergleichen genug, das kann niemand in Abred stellen.Mauser und Judas-Brüder seynd so viel, daß, wann es drei Tag soll Strick regnen, so konnte man dennoch nit alle hängen. Petrus hat einst das Netz auf das Land gezogen und 153 Fisch gefangen. Es wollen die heiligen Lehrer, daß Petrus von einer jeden Gattung Fisch einen ins Netz bekommen: so vielerlei Fisch gibts im Meer. Aber noch mehrerlei Fischer gibts auf dem Land, die mit faulen Fischen umgehen, und öfters fischen auf der ungekehrten Bank.

[405] Von den Bären schreiben die Naturkundigen, daß sie sich bei großer und harter Winterszeit in Steinklippen und wilden Höhlen alleinig mit ihren Bratzen erhalten, sie sutzlen und saugen an ihren Bratzen, und dieses ist ihre Unterhaltung. O wie viel gibts Bären (hätte bald gesagt Bärenhäuter), die sich mit ihren Bratzen, aber verstohlenen, diebischen Bratzen erhalten! Es gibt kleine Dieb', große Dieb, hoch- und wohlgeborne Dieb', schlechte Dieb', sammete Dieb', zwilchene Dieb', reiche Dieb', arme Dieb', subtile Dieb', grobe Dieb', arge Dieb', karge Dieb', Haus-Dieb', Gassen-Dieb', Nacht-Dieb', Tag-Dieb', offene Dieb', verborgene Dieb', bettlerische Dieb', bäurische Dieb', bürgerliche Dieb', gestudirte Dieb', edle Dieb', allerlei diebische Diebs-Dieb. Dahero hat gar wohl geredet Cassiodorus I. 2. Furca vacua, et civitas latronibus plena. »Der Galgen ist leer, und die Stadt ist voller Dieb.«

Wie der heldenmüthige David Krieg geführet wider die Philister, auch dieselbige jederzeit sieghaft überwunden, hat sich einer unter diesen Feinden gefunden, welcher einer ungeheuren Leibes-Größe war, und beinebens an einer jedweden Hand 6 Finger, deßgleichen auch an den Füssen. In unsern Zeiten trifft man wenig dergleichen 6 Finger an, wohl aber andere große, große, große Dieb', die so lange Finger haben, daß vor ihnen nichts sicher, nichts oben, nichts unten, nichts vorn, nichts hinten, nichts darneben, nichts draussen, nichts drinnen, nichts um und um.

Große Lands-Fürsten soll meine Feder verschonen. Gott sey Lob! bei diesen Zeiten seynd die christlichen[406] Potentaten nicht also eines harten Gemüths, daß sie nach dem Exempel des Judas fremdes Geld an sich ziehen und ihre Unterthanen durch überhäufige und gar zu harte Auflagen und Geld-Erpressungen bis auf das Blut aussaugen, welches der heilige und wunderthätige Franziskus a Paula sattsam dem König Ferdinand zu Neapel vor Augen gestellt. Da einsmals gedachter König dem heiligen Mann eine gewisse Summa Geld aus königlicher Freigebigkeit anerboten zu Erbauung eines Klosters, hat solches Franziskus auf alle Weis' geweigert und ganz nit wollen annehmen, weilen es fremdes Geld und ein Blut der armen Unterthanen sey. Solche Antwort hat nicht ein wenig das Gemüth des Königs Ferdinand entrüstet, welcher um fremdes Geld in seiner königlichen Rent-Kammer gar nichts wissen wollt'. Franziskus aber wollte solches scheinbar darthun: ergreift eben von selbigem Haufen Geld, so ihm offerirt wurde, eine Münz, bricht selbige in zwei Theil' von einander, – siehe, Wunder! da ist beederseits das häufige Blut heraus geronnen. Worauf der hl. Mann dem König mit verstelltem Angesicht und sonderem Eifer zugeredet: Annè hic misellorum cruor mutus erit? »Vermeinst du, daß dieses Blut der Armen werde stillschweigen,« und nit Rach' schreien über dich bei dem gerechten Gott? – Aus dem erhellet, daß auch Könige und Fürsten können in des Judä Fußstapfen treten, wann sie seinen Händen nacharten. Es ist nit[407] ohne, daß große Landes-Fürsten zu Schutz und Schirmung ihres Reichs dörfen von ihren Untergebenen billigen Tribut abfordern massen solches selbsten Christus der Herr hat gutgeheißen, als er den schalkhaften Hebräern, da sie vom kaiserlichen Tribut ihn gefragt, solche Antwort geben: Date, quae sunt Caesaris, Caesari: »Gebt's dem Kaiser, was des Kaisers ist.« Aber dergleichen Anlagen und Steuer müssen nicht aus der Kanzlei eines tyrannischen KönigsAchab dekretirt werden, sondern vielmehr auf genaues Gewissen sich beziehen, wie gethan KönigJohannes der Erste zu Castell, wie gethan KönigChilpericus in Frankreich, wie gethan KönigEduardus in Engelland, welcher hl. Monarch den Teufel hat sehen spielen auf dem Geld, so sein verstorbener Herr Vater durch harten Tribut zusammen geraspelt.

Viel Edel-Leut gehören auch in des Judä Iscarioths saubere Bruderschaft, wann sie wie Egel das Blut ihrer Unterthanen saugen. Es gibt sonsten allerlei Mittel, reich zu werden: Etliche werden reich durch den Degen, verschießen viel Blei, erwerben viel Geld; andere werden reich durch die Feder, und ist ihnenSchola Scala, mittels dero sie zu hohen Aemtern erhebet werden; mancher wird reich durch das Weib, und bekommt mit diesem guldenen Schatz Silber genug; viel' werden reich durch große Erbschaften, und erhalten von dem Todten stattliche Lebens-Mittel; nicht wenig werden reich durch Aecker [408] und Weinberg', und sammlen viel Habschaften aus den Wirthschaften. Aber gar viel Edel-Leut' werden reich von lauter Zwiefel; der Zwiefel trägt mehr ein, denn Wälder und Felder: wann sie nemlich ihre Bauern alsozwieflen, daß selbe viel ärger hersehen, als des Davids seine Gesandte, welchen der Ammon, als ein hochmüthiger und übermüthiger König, die Bärt' halbentheils hat lassen abschneiden und also auf einer Seite barbiren. Aber die Bauren werden auf allen Seiten geschunden. Nit umsonst hat der erste BaurCain geheißen, massen es schon eine halbe Prophezeiung gewest, daß der Bauersmann werde keit genug werden. So ist auch jenem Bauren nit vor ungut aufzunehmen gewest, welcher auf Befragung, ob er auch bete, die Antwort geben: Ja, ja, ich bete fleißig, und zwar für meines Edelmanns seine Pferd', damit dieselben lang sollen leben und gesund seyn darneben; denn wofern diese sollen verrecken und umstehen, so thät' nachmals unser Edelmann auf uns Bauren reiten. Die Felberbäum' pflegt man nur einmal im Jahr zu stutzen; aber die armen Unterhanen werden gar oft von ihren allzuharten Herrschaften fast alle Tag gestutzet, und fällt das Fest Bartholomäi bei ihnen schier alle Monat, Wochen, Tag' und Stund. – O was harte Rechenschaft wird der [409] Armen Schweiß und Blut im Thal Josaphat erfordern! allwo zwischen dem Herrn und geh' her kein Unterschied, zwischen du und ihr kein Unterschied, zwischen einem armen Tropfen und einem Edlen von Trop fensperg kein Unterschied. Jetzt muß bei manchem Edelmann der Bauer ein Hund seyn, ein Hund heißen; aber glaub' du mir, wie scharf wird dich einmal bei dem göttlichen Richter dieser Hund anbellen? Alldort wird dir dein offener Helm nichts helfen, wohl aber dein offenes Gewissen wird dich deiner Ungerechtigkeit anklagen; alldort wird dich dein edles Blut nicht beschönen, wohl aber das Blut der Armen, so du gesogen und zogen, wird wider dich schreien!

Viel, sehr viel, welche hohe und niedere Aemter verwalten, seynd des Judä Iscarioths emsige Nachfolger, mussen sie wegen der Accidentia Substantial Dieb abgeben. Der hl. Evangelist schreibt von einem König, der mit seinen Bedienten wollte Rechenschaft machen. Siehe! da hat sich ein ungetreuer Vogel darunter befunden, der war dem Herrn schuldig zehen Tausend Pfund. Das heißt gestohlen! Weilen es nun dieser untreue Diener nit zu bezahlen hatte, also hat der Herr befohlen, man soll ihn verkaufen. Was mehr? sein Weib auch. Was mehr? [410] seine Kinder auch. Was mehr? alles was er hatte. Warum aber soll es das Weib entgelten, was ihr Mann gesündiget? Darum, merkt es wohl ihr alle, die ihr bei Aemtern sitzet, darum hat er sich in so große Schulden gesteckt, darum hat er so viel gestohlen, weilen er mit seiner Ordinari-Besoldung und jährlichem Einkommen seiner Frauen Pracht und Tracht nit konnte aushalten; wegen ihrer hat er so gestohlen. »Multorum talentorum factus est debitor, quoniam secutus est mulieres.« Derentwegen sie auch zur gebührenden Straf gezogen worden. Dergleichen gibt's gar viel, welche wegen des Genitivi den Ablativum an die Hand nehmen, und ihre Leibstuck mit Diebstuck erhalten.

Ihr Gestreng der wohledle Herr Herr Jonas Isfridus, Dampf von Dampfeneck und Dampfenthal haben ein Officium, d.i. einen stattlichen Dienst, der trägt ihm jährlich ein 400 fl.; seine Frau Gemahlin geht aber daher, als wann eine abcopirte Cleopatra wäre: sie trägt fast alle Monat ein neues Modi-Kleid, der Rock muß von geblümtem Procat seyn, da sonsten auf solchen Mist-Beetlen nur Sau-Blumen wachsen; das Kleid muß mit guldenen Spitzen um und wieder herum verbrämt seyn, daß dieser stinkende Kothkäfer mit Gewalt will einen Goldkäfer abgeben und gleichen; die [411] Haube muß künstlich und köstlich durchbrochen seyn, daß sie also einem seidenen Narrenhäusel nit ungleich: alles ist reich an ihr, ausgenommen der Hals, der ganz nackend und bloß; alles ist verbändlet und verbunden an ihr, möchte nur seyn, daß das Gewissen so frei; sogar der Rosenkranz muß mit einem Buschen Bänder prangen. Aber der Teufel lacht zu diesem Weihwedel: ihre Schuh für die Füß', und ihre Schuh für die Händ' – verstehe Handschuh – müssen allezeit mit dem Neumond neu seyn. In Summa, 400 fl. klecken für diese pollirte Mistfinken zu bekleiden nit. Die Ausgab in allem erstreckt sich jährlich auf 1000 Reichsthaler, ja um ein Merkliches mehr. Die Besoldung steht in 400 fl., das andere seynd lauter Accidentia, besser geredt, lauter Occidentia. Er hat so treffliche Smiralia, d.i. Diebalia; mit einem Worte, er stiehlt wegen gar zu unmäßiger Tracht und Pracht seiner Frauen: der Seidenwurm der Frauen macht einen Gewissenswurm dem Mann: ihr Manto, Mantill, Mantel, bringt den armen Mann in die Höll.

Man lieset von vielen Heiligen, dero dürrer Stab in grüne und fruchtbare Bäume erwachsen seynd. Rufinus registriret von einem alten heiligen Vater, dem viel Jahr' ein sauberes Weibsbild aufgewart und den alten bedient. Vielen ist solche schöne Köchinn verdächtlich vorkommen. Wie nun dieser Alte in eine tödtliche Krankheit gefallen, und bereits das Ziel seines [412] Lebens vor der Thür, also haben ihn sehr viel fromme Diener Gottes aus dem Kloster heimgesucht, und ihn mit ihrem geistlichen Trost ergötzet; wessentwegen er sich ganz freundlich bedanket. Nachdem er sich von allen beurlaubet, hat er zugleich gebeten: sie wollen nach seinem Tod' seinen Stab auf das Grab stecken, und wann derselbe wird anfangen zu wurzlen, grünen und Frucht bringen, so sollen sie erkennen, daß er unschuldig wegen dieses Weibsbilds sey. Die frommen Religiosen vollziehen den Befehl des Alten, stecken dessen dürren Stab auf sein Grab. Siehe, Wunder! den Augenblick hat der Stab anfangen zu grünen und Frucht zu bringen, nit ohne männiglicher Verwunderung. Ein großes Miracul, wann ein dürer Stab in einem großen Baum erwachset! Dergleichen Miracul wollt ich einem schier alle Tag zeigen! denn man ja öfters siehet, das ein Bettelstab grünet und zu großem Reichthum kommt.

Diesen hab' ihr gekennt – sagt mancher – der hat bei meinem Vater um die Suppe supplicirt; nachgehends ist er an diesem Ort Präceptor worden, allwo er die Wittib geheirathet, welche ihm durch das Geld zu solchem Amt verholfen; – denn dona und Donna vermögen viel – jetzt ist er ein Buch, [413] halter, dessen Vater ein Unhalter war, er hat in einem Jahr geschwind 3000 fl. prosperirt.

Dieser kennt mich nit mehr, aber ich ihn wohl: sein Vater war ein spitzfindiger Mann, denn er ist ein Nadelmacher gewest; seine Mutter war ein sauberes Weib, denn sie war eine Wäschers-Tochter. Dieser ist jetzt so groß, daß er im Wagen fährt, der vorhero an des Schusters Rappen geritten. Sein dermaliger Dienst trägt ihm auf 1000 fl. Wo seynd erst die Accidentia? Er hat in wenigen Jahren ein Feines prosperirt.

Dieser denkt nit mehr, wer er gewesen, wie er auf Wien ist kommen: da hat er einkehrt, wo der Esel in den Wiegen liegt, er hat sein Lebtag niemalens gestudiret, nur dazumal hat man Doctrin und Wissenschaft bei ihm gefunden, wann er dem jungen Herrn die Bücher hat in die Schul' getragen; sein Herr hat ihm nachmals zu diesem Dienst geholfen, der zwar in fixo ohne Fixen nur 100 Gulden einträgt; aber die Accidentia seynd groß, kannst leicht erdenken, weilen er in 6 Jahren zwei so schöne Häuser aufbaut; so viel hat er prosperirt.

Dieser geht daher, als wann er wollt dem babylonischen Thurm den Knopf aufsetzen: er spreizt sich, wie die nagelneues Paar Schweizerhosen. Daß dich! daß dich! weiß ich noch wohl, wie er bei dem Bettelrichter in die Kost gangen, er hat von diesem einen Mantel tragen, der bald mehr Löcher hatte, als ein Sieb oder Renter; jetzt prangt er, wie der Esel am [414] Palmtag. Er hat gut Ding zu sagen; denn sein Dienst, zu dem er so seltsam und wunderlich gelangt, trägt ihm ein Ehrliches ein! Seithero seiner Verwaltung hat er in die 11000 Gulden prosperirt, was wird er erst erheirathen? Ich wünsch' euch allen mit einander viel Glück, viel Heil, viel Segen, viel Wohlfahrt, viel Benediction zu eurem Aufkommen! Ich weiß gar wohl, daß Saul seines Vaters Esel gesucht hat; ich denk' gar gut daran, daß David seine Schmeerkappe mit der Kron' vertauscht hat; ich läugne es nicht, daß Gottes Gnad und Menschen-Fleiß manchen aus einem Hausmeister zu einem Hofmeister, aus einem Trabanten zu einem Kommandanten, aus einem Vorgeher zu einem Vorsteher macht etc. Aber ich bitt' euch um die Wunden Jesu Christi, um euerer Seelen Seligkeit, erwägt doch wohl, ob euer so großes Prosperiren sich mit dem siebenten Gebot vergleiche! Non furaberis! ob der hl. Prosper euer Patron, oder Judas! – Wie der alte Tobias einen Geißbock vor der Thür hat hören Gm – Gme – Gmegetzen, hat er alsobalden aufgeschrieen:Videte, nè fortè furtivus sit: »Sehet zu, daß er nit gestohlen sey!« Also betrachtet auch wohl euere Accidentia! zählt euer Geld, erwägt euer tägliches Einkommen, visitirt eure Truhen, steigt in eure Keller, besucht eure Speis-Gewölber, geht über euren Kleiderkasten, [415] beschauet das ganze Haus, nè fortè furtiva sint, ob nicht etwas gestohlen sey! Ihr werdet wahrhaftig finden, daß eure Accidentia euch um die beste Substanz bringen, nemlich um der Seelen Seligkeit. O ewiger Verlurst!

Unter den Kauf- und Handels-Leuten gibts auch viel Judas-Brüder. Wie der Heiland Jesus in den schönen Tempel zu Jerusalem getreten und daselbst die Juden kaufen und verkaufen, da hat ihn der ernstliche Eifer dergestalten bewegt, daß er mit ungestalten Angesicht und zornigen Augen all' dero Tisch, Stühl, Stellen und Kramer-Laden umgestoßen, und die Juden zum Tempel hinaus gejagt, hinaus gepeitscht. Diese Geschicht' möcht' einem schier einen Scrupel machen. Warum? Nemlich der sonst gütigste Jesus die Strick, womit die Geißen, Lämmel und Ochsen gebunden waren, anstatt einer Geisel gebraucht und darmit die Hebräer aus dem Tempel gejaget, zudem auch diese Herren Handelsleut' solche Waaren feil hatten, welche zum göttlichen Opfer gehörten, gleichwie man bei unsern Zeiten in denen Kirchen pflegt wächserne Opfer zu verkaufen. Darum, darum, merkts wohl ihr Kramer und Kaufleut' – darum hat der Herr Jesus diese hebräischen Handelsleut' also gezüchtiget, theils weilen sie den Tempel Gottes verunehret, theils weilen sie ihre Waaren gar zu theuer verkauft und einen unzuläßigen Gewinn gesucht, welches so viel als gestohlen und dem Judas nachgefolgt!Lucra enim superabundantia captabant.

[416] Laßt euch, ihr Herren Handelsleut', ein Schrecken seyn jene zwei Kaufleut', von denen Posanna registrirt: Diese zwei trieben mit gesamter Hand allerlei Handlungen, und damit sie zu größern Reichthümern möchten gelangen, haben sie allerseits nach doppeltem Gewinn getrachtet; brauchten beinebens nit wenig Betrug, welcher auch bei unsern Zeiten ziemlich im Schwung. Aber Gott, der alles Ungerechte strafet, wollt' auch dieses nit ungerochen lassen; sondern durch seine göttliche Verhängnuß ist einer aus diesen beiden bei der Nacht von dem Teufel geholet worden. Der andere lebte gleichfalls eine kurze Zeit, und zwar in stetter Melancholei und Krankheit. Als ihn seine Freund' und Anverwandte ermahnet, daß er sich zu reu- und treuevoller Beicht bereiten wolle, wie auch zu der hl. Kommunion, so hat er doch solchem heilsamen Rath kein Gehör gegeben, mit dem Verlaut, wie daß er verwichenen Ostertag habe kommuniziret, und ihm annoch die Hostien neben unglaublichem Schmerzen im Rachen hange, welche er öfters mit dem Messer herauszuheben versucht. Die Umstehenden tragen diesem unglückseligen Menschen vor die grundlose Barmherzigkeit Gottes, denen aber der verzweifelte Tropf stets geantwortet, daß er bereits verdammet sey, und habe schon gesehen seinen Ort in der Hölle neben seinem Kameraden. Wie man ihm das Bildniß des gekreuzigten Jesu vorgehalten, damit durch dessen Anblicken sein steinhartes Gemüth erweicht würde, so hat er mit beeden Händen die Augen zugedrückt, mit Vermelden, er könne denjenigen nicht mehr anschauen, welcher ihn bereits wegen seiner ungerechten [417] Handelschaft und unzulässigen Gewinn zur Höllen verdammt. Nach solchen Worten ist seine elende Seel' in den Abgrund der ewigen Pein gefahren, woselbsten er alle diejenigen Kaufleut' erwartet, welche durch unzuläßigen Gewinn und allerlei Betrug dem Nächsten das Seinige abstehlen und Judas-Brü der abgeben.

Unter den Wirthen und Gastgebern ist auch eine große Anzahl der Judas-Brüder. Die Joseph sich nach Bethlehem mit Maria seiner jungfräulichen Gemahlinn, die da schwanger war, begeben, hat er daselbst mit großer Sorgfältigkeit um eine gute Herberg und Wirthshaus umgeschauet; ist aber leider nirgends eingelassen worden, und also seine Herberg nehmen müssen in einem alten, zerlöcherten und übelgedeckten Stall, weilen den gebenedeite Jesulus beim guldenen Ochsen, beim schwarzen Adler, beim weißen Lämmel, beim grünen Kössel keinen Platz noch Raum hat gehabt: Non erit ei locus in diversorio: Also hat er müssen bei Ochsen und Esel loschiren. Ist wohl zu glauben, daß ein oder das andere Wirthshaus noch wohl ein Winklein wird gehabt haben, diese zu behebergen; allein die schlimmen Wirth und ehrvergessene Vögel sahen die Armuth dieser Gäst': sahen gar wohl, daß ihnen die Kreide nicht viel könne zuschreiben und zuschneiden, nahmen lieber solche Gäst' auf, die sie nach Belieben konnten barbiren. Strickselig und seilsam seynd freilich solche unverschonende und unverschamte Wirth, wenn sie die Kreiden sub ritu dublici brauchen [418] und den armen Gästen den Beutel ärger purgiren, als die Pillen Emanuels. O es Dieb und Judas-Brüder – die frommen Wirth' nehme ich allzeit aus – wann ich nit wüßte – daß die Rechen-Kunst oder Arithmetica von den Phöniziern erfunden wäre, so thät und hätt' ich euch solches zugemessen, dann ihr ja hauptsächlich raiten könnet. Ich hab' einst selbsten mit meinem Gespann bei einem solchen Schneiderum auf der Reis' die Nachtherberg genommen, und ist mir noch schlimmer ergangen, als des Loths seinen Gästen, welchen seine Frau kein Salz auf die Tafel gesetzt; dessenthalben nachgehends um weilen sie wider Gottes Gebot umgeschaut, sie in eine Salz-Säule verkehrt worden: Ich hatte mit allein keine gesalzenen, sondern auch keine geschmalzenen Speisen; wär' gar wohl zufrieden gewest, wann ich auch mit dem Esau bei seiner Tafel hätte dörfen in das Linsenkoch greifen. Gleichwohl hat der gewissenlose Wirth mir also die Zech verpfeffert, daß mir die Augen übergangen. Auf dem Löffelstiel war des Wirths sein Name mit zwei Buchstaben gezeichnet, nemlich D.S. Mein Gespann sagte und vermuthete daraus, der Wirth heiße Daniel oder Dionysius; ich aber legte es wahrhafter aus und sagte: diese Buchstaben D.S. heißen so viel als Dieb Schert. Traute mir dannoch kein Klagwort dessentwegen einzuwenden, weilen ich in Furcht stunde, es möchte auf das tondere das tundere folgen; dann es war Anno 1683, in [419] welchem Jahr wegen der Belagerung Wiens die unschuldigen Geistlichen ziemlich mit Schlag-Balsam versehen seynd worden.

Die Astrologi oder Sternseher stellen neben anderen Zeichen in dem Himmel auch den Wassermann; viel saubere Wirth' stellen nit allein in Caelo sondern auch in Celario den Wassermann, und führen den guten Wein wider seinen Willen nach Wasserburg. Das ist auch so viel als gestohlen! Christus der Herr hat zu Canaan in Galliläa das Wasser in Wein verkehrt, dem sehr viel Heilige nachgefolget: Die Prämonstratenser haben einen, der heißt Todo; die Kamaldulenser haben einen, der heißt Tomassus; die Benedictiner haben einen, der heißt Procopius; die Karmeliter haben einen, der heißt Simon Stock; die Karthäuser haben einen, der heißtOdo; die Cisterzienser haben einen, der heißtWalterus de Birbach; die Dominikaner haben einen, der heißt Jacobus Mevanensis; die Franziskaner haben einen, der heißt Amadeus; die Kapuziner haben einen, der heißt Matthäus a Leonissa; wir Augustiner haben auch einen, den heißt Joannes Bonus: Alle diese haben Wasser in Wein verwandlet, und das war ein Miracul. Aber ihr Wirth' verkehrt den Wein ins Wasser, das ist kein Miracul. Diesen pfleget man zu dero Namen allzeit[420] den Buchstaben H zuzusetzen, welches so viel als Heilig bedeut'; euch aber, zu euren Namen setzet man hinzu ein Sch: dieß leget euch selbsten aus!

Ihr Wirth', wie gehet es oft mit eurer Maß? Wie oft geschieht es, wann die Gäst' bei euch im Vollmond seynd, so ist die Maß im Abnehmen, und gleichwohl schreibet die schlimme Kreide mit völliger Fractur. Das heißt auch mit dem Juda gestohlen. Im kölnischen Erz-Bisthum liegt eine Stadt mit Namen Dousburg. Daselbst ist einsmals eine große Feuersbrunst entstanden, welche die mehresten Häuser in Asche gelegt. Unter andern war auch eine Bierbräuerinn, die um das Geld Bier ausschenkte. Als nun die Flammen bereits ihrem Haus zunaheten, so hat sie alle ihre Maß und Geschirr, mit denen sie das Bier pflegte auszumessen, vor die Hausthür getragen, nachmalens die Händ' gegen den Himmel gehebt und in diese Wort ausgebrochen: Allmächtiger Gott, wann du weißt, daß ich wissentlich einmal habe eine falsche Maß gebraucht, so lasse auch mein Haus sammt andern in dem Feuer aufgehen; sofern aber, wie ich in meinem Gewissen finde, ich gleichsam Niemand um einen Tropfen betrogen, so gebiete, o Gott, dem Feuer, daß es mich dießmal schadlos lasse! Siehe Wunder! das Feuer hat alles rings herum verzehret, diesem Haus aber nit ein Schiefer von einer Dachschindel verletzet; ja die überhäuften Flammen haben alle hölzernen Biermaß und Geschirr vor der Hausthür um und um gleichsam freundlich abgelecket, jedoch ohne winzigsten Schaden. – Versichere viel[421] Wirth, daß sie solche Cortesie und Höflichkeit des Feuers niemalens zu gewarten haben; ja wann sie schon auf der Welt von der Hand des Höchsten verschont werden, so wird sie doch in jener Welt die Justiz des göttlichen Richters wegen ihrer ungerechten Maß sammt andern Dieben und Judas-Brüdern mit dem höllischen Feuer züchtigen.

Soldaten seynd auch nit alle heilig, sondern viel unter ihnen anzutreffen, welche in des Iscarioths Fußstapfen treten. Post diem Martis sequitur dies Mercurii; seynd also Mars und Mercurius die nächsten Nachbaurn, ja ganz bei einander. Mars ein Gott des Kriegs, Mercurius ein Gott des Diebs. Also phantasiren jedoch oft mit der Wahrheit die Poeten. Gewiß ist es, daß die Soldaten sowohl mit dem Rapio, als mit dem Rapier können umspringen; und seynd jene Soldaten nit alleinig, welche Christo dem Herrn seine Kleider auf dem Berg Calvariä ausgezogen, sondern haben ihres Glichters noch mehre. Wann das Wortvornehmer Herr vom nehmen herrührt, so seynd keine vornehmere Leut', als die Soldaten. Bei ihnen heißt Furari auf deutsch finden.

[422] Einem ist auf eine Zeit ein Lämmel entfremdet worden. Der arme Tropf nimmt seine Zuversicht zu dem hl. Vedastum, hofft durch dessen Hilf das Seinige wiederum zu erhalten. Indem nun der Priester oder Pfarrer die Umstehenden ermahnt, daß her Thäter soll in sich selbst gehen und das entfremdete Lämmel wie der erstatten; alsobalden hat der Handschuh dieses Diebs, welcher auch unbekannt unter den Leuten stund, von freien Stücken wie ein Lämmel etlichmal die Stimm geben Me, Me, Me! woraus der Thäter wunderbarlich erkennt worden. Wann der Soldaten ihre Handschuh sollten hören lassen die Stimm dessen, was sie entfremdet, so würden sie auf mein Wort plärren wie die Schaf', gmecketzen wie die Geiß', röhren wie die Ochsen, hünnen wie die Pferd', gronnen wie die Säu, schnadern wie die Säuf', gagetzen wie die Hennen etc.: würde also mancher arme Bauer das Seinige aus der Stimm' kennen.

Von der seligen Jungfrauen Rosa schreiben dieAnnales Minorum etwas Wunderliches: Anno 1252N. 6: Eine Nachbarinn hat diesen gottseligen Jungfrau eine Henn' entfremdet; und als solche die Rosa über und über gesucht, auch derenthalben die Nachbarinn gefragt, weilen aber diese ganz unverschamt solches geläugnet, ja mit vielem Schwören ihre Unschuld wollte darthun: siehe! da seynd augenblicklich diesem diebischen Weib Hennen-Federn um das Maul gewachsen! Aus welchem seltsamen Bart gefederten Maul-Korb leicht war abzunehmen, daß diese die Henn' hat gestohlen. O lieber Gott! wann denen Soldaten sollte allemal etwas um das Maul wachsen von dem, was [423] sie klauben und rauben, so würde manchem sein Maul von Schaf-Woll, von Sauborsten, von Gänsfedern, von Kühehorn so wild aussehen, wie ein Storchen-Nest auf einem Glocken-Thurm.

Etliche gemeine Leut' seynd schon, des einfältigen Wahns, daß sie beständig davor halten, sie verstehen der Vögel ihren Gesang, sprechend: der Rab' singt nit anderst, als Dalk, Dalk, Dalk; der Ammerling singe Edel, Edel, Edel bin ich; der Gimpel singe nit anders als wie du, wie du, wie du; die Maisen singt nit anderst als Zuckersüß,Zuckersüß, gut, gut, gut, Zuckersüß, Zuckersüß; der Spatz aber auf dem Dach singe immerzu Dieb, Dieb, Dieb. Wann dem also wär', so sollten die Spatzen nirgends anderstwo nisten, als in den Häusern der Advokaten, damit sie von früh an, bis auf die Nacht Dieb, Dieb, Dieb, möchten salutirt werden. Allhier aber soll der gerechten und gwissen Advokaten ihre Ehr', Ruhm und Glorie nicht im mindesten geschmälert seyn, sondern es werden nur jene Clarissimi Fures und Advokaten verstanden, welche den armen Parteien das Ihrige abstehlen, den Prozeß wider alles Gewissen viele Jahr' und lange Zeiten ausdehnen, und öfters eine ungerechte Sach' wollen vergulden, wie die Apotheker ihre Pillulen, und kurzum den Kukuk unter die Musikanten, die Nacht-Eul unter das Frauenzimmer, die Leberwurst unter das Konfekt zählen wollen. O Dieb! Der evangelische Maler Lukas [424] entwirft folgende Geschicht': wie daß ein ehrlicher Mann von Jerusalem nach Jericho sey verreist; unterwegs aber ist er unter die Mörder gerathen, welche dem armen Tropfen all das Seinige genommen, bis auf das Hemd ausgezogen und mit Schlägen also hart verwundet, daß sie ihn für halbtodt liegen lassen. Hugo, Cardinal und Erz-Bischof zu Lugdun, allwo 27 heilige Erz-Bischöf gezählt werden, was überaus ein hochgelehrter Mann und berühmter Scribent. Dieser unter andern schreibt über gedachtes Evangelium Lucä, und spricht: daß einer, der unter die gewissenlosen Advokaten geräth, gleich sey demjenigen armen Menschen, der unter die Mörder gerathen zwischen Jerusalem und Jericho, denn diese lateinische Gesellen auch einen um das Seinige bringen und also verwunden, daß er gleichsam halb todt; wenigst zehrt ihm ein solcher ohne den Verlurst das Leben ab.

Momingo am 150 sten Blatt seines Quaresimals schreibt von einem Advokaten, welcher viel Jahr' manchen unbilligen Handel defendirt und gerechtfertiget. Dieser ging einsmals aus der Stadt in seinen unfern entlegenen Maierhof spaziren. Gleich aber außer der Stadt-Porten gesellet sich der Teufel zu ihm als ein Reis-Gespann, welche Begleitschaft dem Herrn Doctor gar nicht wollte gefallen. Etwann hat ihm schon der nagende Gwissens-Wurm wegen seiner mannigfaltig begangenen [425] Unbilligkeiten das Herz gezwickt. Indem diese ihren Weg also fortgenommen, so ist ihm ein Bauer begegnet, welcher ein großes Mastschwein an einem Strick führete, vermuthlich auf den Markt. Weilen aber dieser feiste Speck-Wust nit wollte gehen, so ist der Bauer hierüber erzürnet und in den gewöhnlichen Fluch ausgebrochen: gehe, daß dich der Teufel hohl! Der Advokat wendet sich unverzüglich zum Teufel, den er gern von der Seite hätte: Allo! Teufel, diese Sau gehört dir zu, warum hohlest du sie nit? Nein, nein, spricht der Schwarze, er meints nit von Herzen, der Bau'r hat's nur aus Zorn geredet; zum andern acht' ich nit viel das schweinerne Fleisch, meine beste Bissel seynd die Seelen. Wie sie nun weiter fortgangen, so treffen sie eine Mutter an vor der Hausthür', welche ihrem Kind die Haar' auskämplet, und weilen solches kleine Büberl den Kämpel Raufens halber weigerte, hat die Mutter aus Ungeduld aufgeschrieen: Halt du Fratz, daß dich der Teufel hohl! worauf der Doctor mehrmalen der Teufel angeredet: Warum er doch das Kind nicht nehme, da daß er eine Seel zum besten? Hat sich wohl nehmen! sagt darauf der saubere Kamerad, dieß ist nur ein gemeiner Mutter-Fluch, es ist ihr bei weitem nicht also ums Herz: beinebens ist das Kind unschuldig, und hab ich keine Gewalt zu ihm. Endlich kommen sie in ein Dorf, in welchem etliche bei einander stunden, die kurz vorhero dieser Advokat durch einen ungerechten Prozeß und unbilliges Recht um all' das Ihrige gebracht. Kaum daß diese des Doctors ansichtig worden, [426] haben sie gleich angefangen zu schreien: O Schelm! o Dieb! o ungerechter Advokat! daß dich der Teufel mit Leib und Seel' hohle! – Ho! Ho! sagt der Teufel zu seinem Mitgespann, hast du es vernommen, was die Leut' sagen? sie sagen die Wahrheit, und meinens von Herzen; dahero unnöthig, daß wir weiter gehen. Und darauf hat er ihn in die Lüften geführt, auch nimmermehr ersehen worden. – Dieser wird ungezweiflet nit allein aus solchen lateinischen Dieben in der Hölle seyn, sondern eine unzählbare Anzahl bei sich, neben sich, unter sich, ober sich und um sich haben, welche nicht den Bartolum, sondern den Bartolomäum an die Hand genommen, die armen Parteien geschunden, und auf Egel-Art ihnen das Blut ausgesogen. Ihr Advokaten und Juristen seyd gute Latinisten! so erwägt denn wohl, was der englische Thomas von Aquin euch in die Ohren schreit, auf einer Tafel schreibt: Dicendum, quod Advocatus, si in principio credidit causam justam esse, et postea in processu appareat esse injustam, debet causam deserere, vel eum, cujus causam agit, ad cedendem inducere, sive ad componendum sine Adversarii damno. Qui verò scienter injustam defendit, absque dubio graviter peccat, et ad restitutionem tenetur ejus damni, quod contra justitiam per ejus auxilium altera [427] pars incurrit: »Wenn ein Advokat erkennt, daß seine Partei Unrecht hat, gleichwohl die Action ferners fortführet mit seinen verstrickten, verzwickten, verflickten Legibus, so thut er sich hoch versündigen, gehört unter die Dieb' und ist verbunden und schuldig den Schaden zu ersetzen, welche der Gegentheil hierdurch erlitten. Wann ein Advokat glaubt, seine Partei habe ein billiges Recht, nachgehends aber der Ausgang das Widrige zeiget und verliert, so ist der Advokat mehrmalen nit zu entschuldigen, massen er nit weiß, was er wissen soll, ist demnach im Gewissen verpflicht', ehe und bevor er eine Action führet, daß er vorhero dieselbige wohlsinnig entörtere, ob sie recht oder unrecht. Wann ein Advokat in 6 Jahren, in 16 Jahren, in 26 Jahren, wie ich selbsten weiß, erst vollendet, den er in einem halben Jahr leicht hätte können zu End' bringen, sondern derenthalben solches Recht so lang ausgedehnt, damit ihm die Bestallung desto länger dauere: so ist er mehrmalen unter die Haupt-Dieb zu rechnen, und gebührt ihm nichts anderst, als Restis und Restitutio«

Matthäus a Bascio ist ein heiligmäßiger Kapuziner, welcher mit großen Wunderwerken erleuchtet. Unser andern hat ihm einst ein vornehmer und [428] reicher Advokat zur Tafel geladen; wobei denn der gottselige Mann erschienen, anstatt aber der guten Bissen das böse Gewissen angriffen, ihm dem Herrn Doctor ernstlich zu Herzen geführt, wie mächtig er sich in seiner Advokatur versündiget habe, und dafern er das so unbillig erworbene Gut und Geld nit wieder zurück gebe, und seine begangene Ungerechtigkeit bußfertig bereue, so werde die urplötzliche Straf des göttlichen Richters über ihn kommen, und zur ewigen Rach' ziehen. Zum Wahrzeichen und mehrerer Bestätigung ergreift Matthäus das Tischtuch, druckt dasselbige zusammen, aus welchem dann so häufiges Blut gerunnen, daß eine große Schüssel darmit angefüllet worden. Siehe! sagt der wunderthätige Mann: Das ist das Blut der Armen, welches du ihnen durch ungerechte Prozeß und Rechts-Führungen ausgesogen, dieses schreit im Himmel, und begehrt Rach wider dich. – Wann dieser wunderthätige Mann in unserm lieben Deutschland wäre und etliche Advokaten heimsuchte, so würde er aus manchem sammeten Rock eines Doctors, aus manchem seidenen und kostbaren Kleid einer Doctorinn, aus mancher silbernen und guldenen Kandl eines Advokaten, aus manchem Tischtuch eines solchen Legulei auch das helle Blut der Armen heaauspressen. Blutegel, Blutsutzler, Blutrauber, Blutschwammen, geht doch in eure Gewissen, gedenkt doch, daß eure ungerechte [429] rechte Gewinn' nur zeitlich, die Straf aber ewig: erwäget doch, daß der ungerechte Kreuzer euer Weib und Kinder endlich an den Bettelstab und Bettelstand, eure arme Seelen aber zur Höllen befördern werden! Ihr, gerechte Juristen aber und gewissenhafte Advokaten, verharret in euerer preiswürdigen Justiz, überladet euch nicht mit fremdem Gut, tretet in die Fußstapfen des hl. Advokaten Ivonis, schützet und schirmet die Armen, so wird sich Gott euerer erbarmen!

Der allmächtige Gott ist einst dem Patriarchen Abraham erschienen, ihm den Befehl gegeben: Abram exi de terrâ tuâ: »Abram, ziehe aus deinem Land',« von deiner Verwandtschaft, von deines Vaters Haus, und komm in das Land, das ich dir zeigen will, und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen, und deinen Namen groß machen, und du sollst gesegnet seyn! Ueber dieß ging Abram heraus, wie ihm Gott der Herr befohlen hat, und Loth zog mit ihm. Fünf und siebenzig Jahr' war Abram damalens alt. Wegen eines so willfährigen Gehorsams bat Gott dem Abram unterschiedliche Verheißungen gethan, ihm zugeredt, er solle die Augen wenden gegen den gestirneten Himmel und allda die schönen, scheinenden, glänzenden, schimmernden Stern' beschauen, er solle betrachten die Menge der kleinen und winzigen Sandkörnlein am Ufer des Meeres: also soll sein Name, Same und Stamm vermehret werden! Hier durch war der Gehorsam des hl. Manns noch nit sattsam bekannt. Gott erscheint ihm mehrmalen und spricht diese Wort' zu ihm: ich bin der allmächtige Gott, wandle vor meiner und sey vollkommen, [430] und ich will meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir, und ich will dich über die Massen sehr vermehren! Du fiel Abram nieder auf sein Angesicht, und Gott sprach zu ihm: Ich bins, und hab' einen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker seyn, und dein Name hinfüro soll nit mehr Abram seyn, sondern du sollst Abraham genennet werden: »Nec ultra vocabitur nomen tuum Abram, appellaberis Abraham!« – Warum der allmächtige Gott dieses Patriarchen Abram seinen Namen verändert hat, setzen dessen mannigfaltige Ursachen die Ausleger der hl. Schrift, welche diesseits beizufügen unnöthig seynd. Es wäre der Zeiten höchst nothwendig, daß auch die Dieb' ihre Namen vertauscheten: In allen Ländern, in allen Städten, in allen Dörfern, in allen Gassen, in allen Orten gibts Abräm. Wo ist eine Stadt? in der Stadt wo eine Gasse? in der Gasse wo ein Haus? in dem Haus wo ein Zimmer? in dem Zimmer wo ein Tisch, wo eine Bank, ein Stuhl, eine Stell', wo nichtAbräm gefunden werden? verstehe große Dieb', größere Dieb', die größten Dieb', verstehe kleine Dieb', noch kleinere Dieb', die kleinsten Dieb', welche alle nichts anderst seyn als lauter Abräm! Aber sie thun abrämen , wo es nit erlaubt, sie thun abrämen, was sie sollten liegen lassen, sie thun abrämen, was das siebente Gebot verbietet. Diese sollten freilich wohl ihren Namen verändern, dafern sie wollten Gott gefallen.

[431] Vor diesem ist das Stehlen nicht also im Schwung gangen, wie der Zeiten, und seynd dazumahlen viel weniger Dieb' gezählet worden, als bei diesem Welt-Lauf'. Der verlorne Sohn, nachdem er durch Kandl und Antl gerathen ist in einen elenden Wandel – vivendo luxuriose – und ein solcher armer Schlucker worden, daß er auch in kurzer Zeit von Freiburg auf Schweinfurt gereist, und aus einem Freiherrn ein Sauhirt worden: in solche äußerste Noth ist er kommen, daß er wegen Mangel des Brods schier vor Hunger gestorben – gleichwohl liest man nit, daß er in seiner größten Armuth hätte gestohlen, allwo ihn doch die größte Noth und höchste Bedürftigkeit in etwas hätte entschuldiget; sondern er als ein edler Jüngling hat lieber wollen die Säu' hüten, als mit Stehlen oder Partitenmachen sich erhalten. Dermahlen aber, bei diesen verkehrten Zeiten, seynd die Leut' also übel gesittet, daß sehr viel mit Diebstahl und Räubereien ihren Unterhalt suchen, als durch ehrlichen Dienst sich ernähren. Von dem Igel schreiben die Naturkundigen, daß er ein arger Dieb sey, und pflegte zur Herbstzeit auf die Aepfel- und Birnbäum' zu steigen, von denen das Obst herunter zu werfen; nachdem er den Baum ziemlich beraubt, so steigt er wieder hinunter, wälzt sich mit seiner gestachleten Haut hin und her, und spießt solchergestalten alle seine gestohlenen Früchte an seine Spitz, mit welchem Raub er nachgehends in seine Höhle eilet. Dieser Dieb stiehlt mit lauter Spitz; also werden nit wenig Dieb [432] angetroffen, welche mit lauter spitzfindigen Diebstucken sich ernähren.

Was kann argers und ärgers seyn, als was sich zuGenua zugetragen? In dieser berühmten Stadt wurde auf eine Zeit ein sehr hochfeierliches Fest in gewissen Kirchen begangen, und war ein volkreicher Zulauf zu dieser erstermeldeten Solennität. Unter andern wollt auch ein Deutscher (welcher theils aus Andacht, anderseits auch aus Vorwitz etwas neues zu sehen begehrte) in besagte schöne Kirche sich begeben, dem aber unweit dieses Gotteshauses ein anderer begegnete mit lachendem Mund und freudenvollen Angesicht, und ihn ganz trostreich bewillkommt, sprechend: Grüß dich Gott, mein tausend Bruder, wie treffen wir so wundersam einer den andern an? Von Grund meines Herzens erfreue ich mich, daß ich dich noch in gewünschter Gesundheit finde, mein liebster Bruder! – Der gute Deutsche verwundert sich hierüber, konnt' sich auf keine Weis' dieser unverhofften Bruderschaft oder Bekanntschaft entsinnen, schüttlet derenthalben manierlich den Kopf, mit dem Verlaut: er kann sich gar nicht erinnern, daß er einmal des Herrn sey ansichtig, viel weniger bekannt worden. Dieser Erz-Schalk aber verstellte auch in etwas sein Angesicht, sagend: mein Bruder, gedenkst du dann nit mehr an die Vertraulichkeit, so wir vor drei Jahren zu Wien in Oesterreich im Hasenhaus gepflogen? Bitt' dich um Gottes willen, soll dir dann schon entfallen seyn jener Possen, den wir beede der Köchinn daselbst erwiesen, [433] da sie einmal einen guten schweinernen Schunken beim Feuer kochte, seynd wir beede ihrer unvermerkt hingangen, den Schunken aus dem Hafen herausgezogen, anstatt dessen des Hausknechts alten Stiefelbalg hineingesteckt, – welches nachmals die leichtgläubige Köchinn für eine Zauberei gehalten, der bethörten Meinung, der Schunken sey durch böse und ihr mißgönnende Leut' in einen Stiefelbalg verkehrt worden. Mein tausend Bruder! sollst du diesen erfreulichen Gespaß schon vergessen haben? Ei du lächerlicher Vocativus, stell' dich doch nit also fremd! – Ich, sagte hierauf der Deutsche, nehme mein eignes Gwissen zum Zeugen, daß ich die Zeit meines Lebens mit dem Herrn nit habe ein einiges Wort geredet; thut sich also der Herr wegen etwann gleichgstaltem Angesicht irren und mich für einen andern ansehen. – Der verschmitzte Bösewicht gibt hierüber Glauben, und bittet um Vergebung, daß er ihn also vertraulich hat empfangen; es wäre dessen aber keine andere Ursach', als weilen er im Gesicht und Leibs-Beschaffenheit einem seiner besten Freunde ganz ähnlich und gleich sey. Fragt beinebens, wohin er seinen Weg nehme? und wie er verstanden, daß er obbesagter Solennität wegen sehr fremden Ceremonien wolle beiwohnen, gab er ihm diesen, äußerlichen Scheins halber, sehr guten Rath: Mein lieber Herr, sprach er, weilen der Herr Gesicht und Gstalt halber meinem werthesten Freund ganz gleichet, so will ich den Herrn vor einem Schaden und Uebel warnen! Vermuthlich wird der Herr [434] mit etlichen Dukaten versehen seyn? Es wisse aber mein Herr, was arglistige, spitzfindige, durchtriebene Beutelschneider allhier seyn, welche gemeiniglich bei solchen Festtagen ihren besten Jahrmarkt haben, und denen Leuten aus den Säcken, sogar das Geld aus den Händen practiciren. Der Herr folge meinem Rath: die etlichen Dukaten, so er bei sich hat, nehme er ins Maul, deßgleichen ich auch; solchergestalten werden wir beede der schlauen Beutelschneider ihre Ränk' hinterlistigen. Dieser gute, ehrliche Deutsche hält diesen Rath für angenehm und heilsam, verbirgt etliche Dukaten ins Maul, und gehet sammt diesem in die Kirche. Was folgt? Unter währendem feyerlichen Gottesdienst, da jedermann niederknieet, hat der Mitgespann, oftgenannter Bösewicht, das Schnupftüchel aus dem Sack gezogen, sich stellend, als hätte er ein gewisses Geld unbehutsam dar mit herausgestreuet. Grablete also auf der Erde hin und her, und lamentirte; die Gegenwärtigen bücken sich auch etwas, und fragte einer den andern, was er suche? Ach Gott! versetzt er hierüber ganz kläglich, ich habe mit dem Schnupftuch etliche Dukaten herausgezogen, und kanns nit mehr finden. O, sagt der obbemeldete Erz-Schalk und Haupt-Dieb, ich hab' gesehen, daß dieser Deutsche sich auch gebücket, die Dukaten aufgeklaubt, und ins Maul geschoben. Als nun die Umstehenden ihn mit harten Worten angegriffen: er soll [435] dem armen Tropfen das Seinige erstatten; er, der gute Deutsche aber wegen seiner eignen Dukaten, die er vorhero aus Einrathung dieses Erz-Schelm ins Maul gestecket, konnte derenthalben nit recht reden, viel weniger sich entschuldigen, und weilen die Anwesenden vermerkt, daß er Geld im Maul hatte, strengten sie ihn noch heftiger an, daß er also zur Vermeidung größern Unheils sein eignes Geld aus dem Maul dem andern mußte darstrecken. – Das heißt ja nit das Brod, sondern gar das Gold vom Maul weggeschnitten! Dergleichen spitzfindige Diebstähl' hätte ich eine große Menge beizubringen, die ich mit allem Fleiß umgehe, damit nit hierdurch andere in ihren Diebs-Anschlägen mehr unterrichtet werden.

Dieb' und Judas-Brüder glauben fast, daß sie durch Stehlen reich werden; aber es zeigt die beständige Erfahrenheit das Widerspiel, und erfahret man allemalen, daß wahr sey, was die Alten im Sprichwort hatten: Wie gewonnen, so zerronnen. – Der gebenedeite Heiland erzählet von einem König, welcher Rechnung wollte machen mit seinen Knechten. Und als er anfing die Rechnung zu halten, kam ihm einer vor, der war ihm zehen tausend Pfund schuldig. Dieser war ein Haupt-Dieb; dann zehen tausend Pfund zu stehlen ist eine ehrliche Zahl in einer unehrlichen Sach. Der König begehrte das Seinige, wie billig und recht. Dieser saubere Offizier und Beamte hatte nicht einen Kreuzer, daß er möchte erstatten: »Cum autem non haberet, unde redderet.« Aber um Gottes willen, Herr von Greifengeld, wie habt ihr eine so schöne Summa Geld [436] anworen, daß ihr anjetzo ein so armer Schlucker seyd, und mit der Nasen müßt auf den Aermel schreiben? nit einen Kreuzer mehr in dem Beutel? Der Hut hängt die Flügel, wie ein abgestoßenes Schwalben-Nest, die Hosen seynd durchbrochen mit Philagran-Arbeit, die Schuh seynd ledern, aber auch liederlich; dann der große Zehen zum Fenster heraus schauet, um zu sehen, ob der Meister Hans bald werde mit dem Leist ankommen. Von zehen tausend Pfund kein Pfund mehr? kein halb Pfund mehr? kein viertel Pfund mehr? Herr Dietrich, wo ist das Geld hinkommen? Ach Gott! male parta male dilabuntur: »Wie gewonnen so zerronnenNon invenerit fraudulentus lucrum, sagt der hl. Geist selbsten: »Der mit Betrug umgehet, findet keinen Gewinn

Dem hl. Rufino ist einmal einer in den Garten eingestiegen, und ihm das beste Kraut und Kräutelwerk entfremdet, solches nachmals in einem Hafen zu einem großen Feuer gesetzet. Allda hat der Dieb mit höchstem Wunder erfahren müssen, daß besagtes Kraut auf keine Weis' konnte gekocht werden, sogar das Wasser einen halben Tag bei dem Feuer ist nicht warm worden. Kraut-Dieb, wie gehts? A. schlecht. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen

Dem hl. Odom hat ein Dieb ein Pferd gestohlen[437] sich behend' auf dasselbige gesetzet, ihm den Sporn geben, und seiner Meinung nach schon etliche Meil' postirt; zu Morgens bei anbrechendem Tag hat er sich an demselben Ort befunden, wo er das Pferd gestohlen! Pferd-Dieb, wie gehts? A. schlecht. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen

In dem Kloster zu Cassin seynd die Dieb' in den Keller gebrochen, und daselbst einen ganzen Sack voll Fleisch, Käs' und Speck angefüllt. Alls sie nun wollten den Sack aufheben, haben sie nit anderst vermeint, als selbiger sey mit lauter Blei angefüllt; derenthalben gezwungen worden, diesen Raub allda zu lassen, und auf keine Weis' können entrinnen, bis sie von allen Geistlichen ersehen worden. Käs-Dieb, Speck-Dieb, wie gehts? A. schlecht. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen

Den hl. Bischof Zeno haben auf eine Zeit etliche Soldaten um einige Fisch' ersucht, welchen dann der heilige Mann gutherzig drei große Fisch geschenket. Die Gesellen aber waren hierdurch nicht ersättiget, sondern den vierten dazu gestohlen. Als sie nun diesen zu Haus in ein siedendes Wasser geworfen, so hat solcher auf keine Weis' mögen gekocht werden, sondern stets in dem siedheißen Wasser lebendig verblieben. Fisch-Dieb, wie gehts? A. schlecht. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen

Dem Meßner bei St. Guigneri – schreibt der hl. Anselmus – haben etliche freche Dieb' eine Kuh gestohlen bei nächtlicher Weil. Siehe! da seynd alsobalden [438] auf den zwei Hörnern der Kuh zwei große Lichter erschienen, welche diese Dieb verrathen. Kuh-Dieb, wie gehts? A. schlecht. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen

Es ist in Schottland eine Mühl', welche den Namen wie forderist auch eine besondere Gnad' hat vom heiligen Fridiano. Wann jemand ein gestohlenes Treid auf diese Mühl schüttet, so thut sie solches auf keine Weis' zu Mehl machen, und währet dieses Wunderwerk noch auf heutigen Tag. Treid-Dieb, wie gehts. A. schlecht. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen

Was halt ich mich mit fremden und vielen unbekannten Geschichten aus! wir wissen selber viel, wir zählen selbst nit wenig; uns kommen oft solche unter die Augen, welche da aussehen wie des Samsons seine Esels-Kinnbacken, zaundürr; welche ein Kleid tragen wie des Jacobs seine Lämmel, voller Fleck; welche da eine Wohnung haben wie des Alexius, unter der Stiege; welche Augen haben, aber nur solche, die vor Trübsal stets im Wasser schwimmen; welche Zähn' haben, aber nur solche, dir Kümmer-Nuß müssen aufbeißen; welche Händ' haben, aber nur solche, die den Bettelstab müssen führen; welche Füß' haben, aber nur solche, die von Haus zu Haus gehen, das Brod bettlen; welche zerrissen seynd in Kleidern, jedoch beinebens ganze Bettler; welche nichts zu essen haben, doch beinebensManglkern, Manglnuß, Mangltorten gnug; welche baarfuß gehen, und jedoch beinebens drückt's der Schuh allerseits; welche mit einem Wort elende, verlassene, bedrängte, betrübte Bettler seynd; – und[439] wir haben doch ihre Eltern gar gut bekennt, vor ihnen nit einmal den Hut gerucket. Sie waren so reich, daß sie schier dem Cröso den Trutz geboten. Was man bei ihnen gesehen, war Gut und Geld; was man bei ihnen griffen, war Geld und Gut; was man bei ihnen gefunden, war Gut und Geld. Es ist gewiß, daß auf ein jedes Kind so viel tausend Gulden erblich gefallen, und gleichwohl ist alles, alles, alles hin: Der Hans Jacob hat so viel tausend empfangen, nun ist alles hin, jetzt gibt er einen Jacobs-Bruder ab; der Christoph Reichard hat so viel tausend geerbt, nun ist alles hin, jetzt ist aus einem Reichard ein Gebhard worden, dann er hat selbsten nichts; der Georg Vital hat so viel tausend im baaren Geld gezogen, nun ist alles hin, der Vital muß bald gar ins Spital. Um Gotteswillen, wo ist das Geld hinkommen? O fragt nit lang! De malé quaesitis non gaudet tertius Haeres. »Was man unrecht thut erwerben, das kommt nit zum dritten Erben!« Denn ihr Vater war der und der Herr, ihre Mutter war die und die Frau, ihr Reichthum war das und das – was dann? – das und das Diebsstück. Er hat sich in seinem Dienst mit fremdem Gut und Geld bereichert, dem kaiserlichen Beutel das Festum Circumcisionis [440] celebrirt. Wie gewonnen, jetzt ist es also zerronnen. Besser, besser, und ersprießlicher, wie auch nützlicher ist ein gerechter Kreuzer, den der Vater seinem Kind hinterläßt, als hundert Gulden, die mit Unrecht erworben. »Bei gestohlenen Dingen will nichts gelingen«

Der gelehrte Aristoteles schreibt von den Adlers-Federn etwas Denkwürdiges: daß, wann man diese zu andern Federn lege, pflegen die Adlers-Federn die andern zu verzehren und ganz aufzufressen. Fast eine gleiche Beschaffenheit hat es mit dem durch Betrug und Diebstahl erworbenen Gut: wann man einen ungerechten Kreuzer zu einem gerechten Groschen legt, so wird der gerechte den ungerechten verzehren. Sobald ein ungerechter Gulden ist das Haus kommt, so fliehen zehen gerechte. Gulden aus dem Haus. Henricus der Achte, König in Engelland, war fast der reichste Monarch in Europa; nachdem er aber die geistlichen Güter hat räuberisch angriffen, ist er nit nur allein zu größerem Reichthum nit gelangt, sondern augenscheinlich ärmer worden: nachdem er über die tausend Klöster zu sich gezogen, und aus dero jährlichen Renten und Einkünften viel hundert tausend zählte, ist er doch viel ärmer worden und bedürftiger: »Multo pauperior post istam expilationem fuit intra paucos annos.« Das gerechte Gut hat das ungerechte verzehret. Trüb und Dieb' haben fast gleiche Art: wann der Himmel trüb ist, so sieht [441] man keinen Stern, wann der Lümmel ein Dieb ist, so spürt man weder Stern noch Glück bei ihm.

Für die Dieb' gehört ein Galgen, dann nicht umsonst in den zehn Geboten am siebenten Ort stehet:Du sollst nicht stellen. Denn Numero 7 schreibt man wie einen Schnell-Galgen. Ich aber bin was gütiger mit denen Dieben, und schenk' ihnen einen Odder Odder und Biber seynd sonsten gute Fasten-Speisen; denn das Quotidiè beim Stockfisch auch ein Grausen verursacht. Der Habakuk hat den Daniel mit einem Koch tractirt; der Abraham hat seinen Gästen einen guten kälbernen Braten aufgesetzet; die Rebecca hat dem Isaac ein gebratenes Kitzl anstatt des Wildprets aufgetragen; ich aber tractire die Dieb' mit Fasten-Speisen, mit Odder Nehmet hinaus, ihr Dieb'! laßt euch nit vorlegen, ihr Dieb'! laßt euch's wohl schmecken, ihr Dieb'! Gott woll euch's gesegnen, ihr Dieb'! thut einmal eines Bescheid, ihr Dieb'! laßt ein's herum gehen, ihr Dieb'! ihr Dieb', trinkt einmal in Gesundheit aller Dieb'! ihr Dieb', sagt's allen andern Dieben, daß sie sollen zu mir kommen, mit meiner wenigen Tafel Verlieb nehmen! Ich will euch lauter Odder aufsetzen. [442] Odder eine gute Speis', eine gesunde Speis', eine heilige Speis'! Verstehe mich aber recht: das Wörtel Odder müßt ihr zurück lesen! alsdann heißt es Reddo, auf deutsch: Ich gibs wieder. Ihr Dieb', was ihr gestohlen,gebts wieder! sonst kommt ihr wahrhaftig in die Nieder, das ist, in die Höll!

Sehr viel Doctores der Medicin ober Arznei seynd heilig gewest: Lucas ein heiliger Medicus, Ursicinus ein hl. Medicus, Cosmas und Damianus heilige Medici, Cyrus und Joannes heilige Medici, Blasius ein hl. Medicus, Codratus ein hl. Medicus, Antiochus ein hl. Medicus, Pantaleon ein hl. Medicus, Zenobius ein hl. Medicus, Liberatus ein hl. Medicus, Aemilianus ein hl. Medicus etc. Weilen ich eine so große Anzahl den heiligen Medici antreffe, so will ich mich auch für einen Medico brauchen lassen, und weilen ich zuvor die Dieb' habe tractirt, so will ich ihr Diebs-Medicus auch seyn. Ich bin zwar kein Galenus, das ist wahr, ich bin kein Hippocrates, das ist wahr, ich bin kein Aesculapius, das ist wahr; aber doch kann ich die Dieb' curiren. Die Natur der Kräuter, die Wirkung der Wurzlen, die Eigenschaften der Mineralien weiß ich nit; aber dannoch die Dieb' kann ich curiren, und bestehet mein Recept in einem Vomitorio R. Vom.. Wann einer etwas gegessen hat, [443] so ihm ungesund und sehr drücken thut, so ist das beste Mittel Vomitorium: Er gibts wieder. Hart zwar kommts einen an, wann einer musiciren thut, daß die Säu' die Noten fressen, wann er grob reden thut, daß man die Wörter mit dem Besen zusammen kehret, wann er so würgen thut, als wollt er Holz-Aepfel pressen, wann der Magen so freigebig ist, wie ein Müllner-Beut'l, wann der Schweiß über das Angesicht rinnt, mit einem Wort: hart kommts ihn an, wann er wieder gibt. Aber nachdem es geschehen, so frage ihn, wie er sich befinde? Ganz wohl, wird er antworten, er befinde sich ganz wohl um das Herz, es druckt ihn nit mehr, es sey ihm nit mehr so ängstig. Gott sey Lob, ich bin ganz gesund! – Ihr Dieb, ihr habt ein fremdes Gut zu euch genommen, das ist euch nit gesund, ists nit wahr? Bekennets, wann ihr aus der Predigt geht, wann ihr in Büchern leset, so druckts euch um das Herz, der Gewissens-Wurm nagt im Busen, es ist euch ganz ängstig um das Herz. Recipe Vomitorium, das beste Mittel: gebts wieder zurück! was ihr ungerecht zu euch genommen. Sonnst ist kein einiges anderes Mittel! Non dimittitur peccatum, nisi restituatur ablatum.


»Man kann keinen von Sünden lösen,

Er geb' denn zurück das gstohlne Wesen!«


Zachäus ein kleiner Mann, aber ein großer Dieb, hat mehr als einen, zwei, drei, vier, fünf betrogen; hat mehr als fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn übervortheilt; hat mehrern als eilfen, zwölfen, dreizehn, [444] vierzehn, fünfzehn etc. gestohlen. Des Zachäi Augen waren Diebs-Augen, denn er schauete nur auf ungerechten Gewinn; des Zachäi Maul war ein Diebs-Maul, dann ihm die Zähn' nur nach fremden Gut wässerten; des Zachäi Händ waren Diebs-Händ', dann solche so manchen fremden Groschen an sich gezogen; des Zachäi Füß' waren Diebs-Füß', dann solche nur gangen auf eignem Nutzen: Zachäus war ein arger, ein karger Dieb in Habschaften, war ein bloßer und großer Dieb in Handelschaften, war ein verriebener, durchtriebener Dieb in Sippschaften, war ein verlogener, betrogener Dieb in Bürgschaften. Zachäus war ein Dieb im Einhandlen, ein Dieb im Aushandlen, ein Dieb im Umhandlen, ein Dieb im Abhandlen, ein Dieb im Vorhandlen, ein Dieb im Nachhandlen, ein Dieb Vormittag, ein Dieb zu Mittag, ein Dieb Nachmittag, ein Dieb allezeit. Es hat einmal ein frecher Gesell gehört aus dem Evangelio die acht Seligkeiten lesen. Unter andern auch dieses: Beati pauperes etc.: Selig seynd die Armen, dann ihnen gehört das Himmelreich! Ich, sagt er, hoffe unfehlbar in den Himmel zu kommen, denn ich hab' schon manchen in den Himmel geholfen, weilen ich viel arme Leut' gemacht hab'. Ein anderer rühmte sich, daß er viel arme Häuser habe gestiftet. Glaub's wohl, – durch Stehlen und Rauben. Ein solcher war Zachäus, nicht besser, etwann böser. Nachdem er aber mit barmherzigen Augen von dem gütigsten Heiland ist angeschaut worden, ja solcher gar diesen offenen Sünder in seinem Haus heimgesucht, das Gemüth erleucht', hat Zachäus seinen Wucher bekennt, [445] seine Diestähl' Christo dem Herrn selbsten gebeicht, und also von unserm Herrn selbst in eigner göttlicher Person absolvirt worden. Aber wie? – merkts wohl, ihr armselige Menschen, die ihr mit fremden Gut beladen! – mit dem Geding' hat Zachäus die Absolution erhalten, daß er solle alles gestohlene Gut zurück geben, – wie er es dann so gar wirklich erstattet hat. »Non dimittitur peccatum, nisi restituatur ablatum:


Man kann keinen von Sünden lösen,

Er geb' dann zurück das gstohlne Wesen.«


Du und du und du! – holla! ich hätte sagen sollen: Euer Vöst, Euer Gestreng, Ihr Gnaden! seyd ihr euerem Kaiser, eurem Fürsten, eurem Herrn untreu gewest in seinen Diensten, seyd ihr mit seinem Geld umgangen, wie der Habicht mit der Taube, habt ihr wie ein Egl, habt ihr gesogen wie ein Badschwamm:Reddite! gebts wieder! Es ist euer Beten nit genug, es ist euer Weinen nit genug! wann ihr auch weint, daß ihr möcht die Donau schwellen; wann ihr es auch bereuet, daß euch möcht das Herz zertrümmern; wann ihr auch betet, daß euch das Maul staubt: so ist alles nit genug, sondern wird nothwendig erfordert das Reddo, ich gibs wieder.

Du Kavalier, wann du dem armen Handwerks-Mann das Seinige nur halb bezahlest, das halbe aber abgestohlen: Redde, gibs wieder, oder du kommst in die Nieder.

[446] Du Gerhab oder Gernhab, wann du dich mit den kleinen Pupillen hast groß gemacht, und mit dero Interesse deine Prozesse gesucht: Redde, gibs wieder, oder du kommst in die Nieder.

Du Advokat, wann du den Rechtshandel gezogen wie der Schuster das Leder, und eine kleine Sach' so groß gemacht, wie die Rürnberger einen Dukaten schlagen: Redde, gibs wieder, oder du kommst in die Nieder.

Warum hat der gebenedeite Jesus keinen andern Tod erwählt, als allein die Kreuzigung? warum hat er nit wollen enthauptet werden, wie Joannes Baptista? warum nit versteinigt werden wie Stephanus? warum nit gebraten werden wie Laurentius? warum nit geschunden werden wie Bartholomäus? warum nit? Darum, die göttliche Justiz und Gerechtigkeit hat es also wollen haben. Denn Adam hat einen Diebstahl begangen in Paradies, indem er invito domino »wider den Willen Gottes« den Apfel entfremdet; und wie Momingo mit andern davor hält, sey dasselbige Obst also beschaffen gewest, daß, wann mans von einander geschnitten, sey in einem jeden Theil oder Spältel das Kreuzzeichen zu sehen gewest. Weilen dann ihm, Gott, eine solche Kreuz-Speis' ist gestohlen worden im Paradies, so hat die göttliche Justi; begehrt die Restitution und Wiedergeben; mußte demnach für dieses Obst eine andere [447] Kreuz-Frucht erstatten, und diese war die gebenedeite Frucht deines Leibs, o Maria! Jesus am Kreuz.

Cäsar Baronius schreibt von einem vornehmen Grafen in Deutschland, welcher einen frommen und gottsfürchtigen Wandel geführt. Aber Gottes Urtheil seynd weit entfernet von der Menschen Meinung. Nachdem erstgedachter Graf mit Tod abgangen, hat ein heiligmäßiger Ordens-Mann ein erschreckliches Gesicht und Geschicht' erfahren: er sah nemlich eine fast grundlose Tiefe, allerseits voll der empor steigenden höllischen Flammen. Mitten in diesem Schwefel-Feuer war eine ganz glühende Leiter, auf welcher stunden alle Grafen von diesem Stamm-Haus, und war der erste obenher, der etlichen Tagen gestorben, besser hinunter sein Vater, mehr hinunter sein Anherr, weiter hinunter sein Ur-Anherr, etc. etc. etc. bis also auf den zehnten Erben. Der heiligmäßige Religios war nit wenig entrüst über dieses grausame Spectacul. Forderist wundert er sich über den letzten Grafen, der seines Achtens halber ein frommes und gottesfürchtiges Leben führte. Indem er in solchen verwirrten und verwickleten Gedanken stunde, da hört er eine Stimm, welche ihm ganz deutlich zu verstehen gab, derentwegen diese Grafen in solcher elender Ordnung verdammet seyn, um weilen einer aus ihren Ur-Anherrn diese Herrschaft ungerechter Weis' an sich gezogen, und folgsam alle Besitzer dieses Guts, weilen sie solches nicht wieder zurück geben, ewig, ewig, ewig verloren seynd. Allem Vermuthen nach hat dieser Graf nicht gewußt, daß er seine Herrschaft mit rechtem Gewissen nicht besitze; er hätte aber sollen nachfragen, nachforschen, nachsuchen, mit was Fug dieses Gut ihm sey zukommen. [448] Er hat zwar einen tugendreichen Wandel geführt; wann schon.

Wann du schon eine Sanftmuth an dir hast, wie da gehabt hat in dem alten Testament Moses, in dem neuen Testament Martinus, und bist ein lauteres Lämmel; wann du schon eine Reinigkeit an dir hast, wie da gehabt hat in dem alten Testament Joseph, in dem neuen Testament Thomas von Aquin, und bist eine lautere Lilie; wann du schon eine Lieb' an dir hast, wie da gehabt hat im alten Testament Noe, in dem neuen Testament Augustinus, und bist eine lautere Flamme; wann du schon einen Glauben an dir hast, wie da gehabt hat im alten Testament Abraham, in dem neuen Testament Gregorius Thaumaturgus, und bist ein lauteres Licht; wann du schon eine Demuth an dir hast, wie da gehabt hat in dem alten Testament David, in dem neuen Testament Franziskus, und bist ein lauteres tiefes Thal; wann du schon eine Geduld an Dir hast, wie da gehabt hat in dem alten Testament Job, in dem neuen Testament Xaverius, und bist eine lautere Laute: – so hilft doch alles dieses dir nicht zu deiner Seligkeit, wann du das Gestohlene nicht wieder gibst.

Klopf an das Herz mit dem offenen Sünder, weine mit Magdalena, bete mit Catharina, demüthige dich mit Martha, thue viel Gutes deinem Nächsten mit dem Samaritan; wann du aber das Gestohlene nicht zurück gibst, so ist alles umsonst! Wache, bete, faste: faste, daß dir die Rippen krachen, bete, daß dir die Zunge müd' werde, wache, daß dir die Augen erblinden, wache, bete, faste! faste in lauter Wasser und Brod, bete mit Mund und Herzen, wache Tag' und Nacht: wache, bete, faste! [449] faste, und mach' aus jedem Tag ein Quatember, bete, und mach' aus einem jeden Winkel einen Tempel, wache, und mache aus einer jedwederen Nacht einen Tag! wache, bete, faste! faste mehr als Pachomius, bete mehr als Keiwinus, wache mehr als Simon Stilita: so hilft doch alles nichts, wann du das fremde Gut nit wieder erstattest. Non dimmittitur peccatum, nisi restituatur ablatum:


Man kann keinen von Sünden lösen, Er geb' dann zurück das gstohlene Wesen.

Was den Judas Iscarioth zum Rauben und Klauben veranlasset habe
Was den Judas Iscarioth zum Rauben und Klauben veranlasset habe und die Ursach' gewest sey seines Diebstahls?

Etliche Scribenten seynd der Meinung, daß dieser Erz-Schelm derenthalben habe aus der apostolischen Kasse gemaust und sich untreu verhalten, auf daß er mit dem entfremdeten Geld sein Weib und Kind erhalte; andere seynd der Aussag', als sey Judas nicht zufrieden gewest mit der armen Tafel der Apostlen, und habe er anstatt Kraut und Rüben zuweilen sich anderwärts um etliche Groschen eine gute [450] Jausen zurichten lassen; viele sagen – denen ich gleichfalls beistimme – Judas habe gestohlen aus Mißtrauen der göttlichen Providenz und Vorsichtigkeit: Euthymius, Theophilactus, Cyrillus in Juda: Paschasius lib. 6. Eusebius Emissenus, Hom 10. etc.; denn allem Ansehen nach konnt er leicht abnehmen, sonderlich aus dem Haß und Mißgunst der hohen Priester, daß Christus einmal unverhoffter Weis' werde aus dem Weg geräumet werden. Gedachte demnach, er wolle sich selbsten anjetzo ein Geld zusammen machen, damit er ins künftig mit nothwendigen Lebens-Mitteln versehe sey; dann er jederzeit große Sorg' tragte, und derentwegen nit wenig Kummer sein Herz beängstigte, wie er heut oder morgen sein Stuck Brod möchte gewinnen.

Von dem heiligen und honigsüßen Bernardo schreibet man, daß er auf eine Zeit ganz wunderlich die Mucken vertrieben: Er kam einst in die Abtei Fusniac; wollte daselbst beiwohnen der ersten Weih' einer neuen Kirche. Weilen aber eine so unglaubliche Menge der Mucken besagtes neue Gotteshaus dergestalten eingenommen, daß die Leut' von dero Schnurren und Stechen über die Massen beängstiget wurden, solches hat dem hl. Bernardo sehr mißfallen, daß so kleine Thier'l so großen Ueberlast sollen verursachen: [451] fasset dahero einen billigen Zorn gegen sie, und hat dieselbe allesammt excommuniciret. Was Wunder! der andern Tags hat man die Mucken alle verreckt gefunden. Aus welchem Wunder nachmals das gemeine Sprichwort entstanden: Zu Fusniac vertreibt man die Mucken. – Ich wollte wünschen, daß ich ebenfalls diese große Macht hätte über die Mucken, wie der hl. Abt. Bernardus, so wollt' ich nit allein die Mucken zu Fusniac, sondern in der ganzen Welt vertreiben – verstehe aber solche Mucken, welche Judas und seines Gleichen viel andere haben, die sich sogar auf die göttliche Providenz nichts verlassen. Ein mancher sieht so sauer aus wie ein Essigkrug, er kratzt hinter den Ohren wie ein Pudelhund im Julio, er seufzet die ganze Zeit wie ein alter Schanz-Karren, der nit geschmiert ist, er ist so maulhenkcolisch, daß man in dem Kalender seiner Stirn nichts als trübes Wetter liest, er red't nichts, und ist fast stiller als die Glocken am Charfreitag, er setzt sich an dem Tisch nieder, unterstützt den Kopf mit der Hand, um weilen sein Schädel gar zu schwer wegen schwermüthiger Gedanken: Der Esels-Kinnbacken, wormit Samson tausend Philister erlegt, hat Wasser geben, also rinnen auch die Thränen über dieses Esels-Kopf seine Backen herunter; der Schwemmteich zu Jerusalem, allwo so viel presthafte Tropfen gelegen, [452] hat gesund gemacht, wann er von dem Engel bewegt und trüb gemacht worden, aber diesen Lümmel macht seine Betrübnuß krank; die dreihundert Soldaten des Josue haben bei dem Fuß, allwo sie gemustert worden, aus der Hand getrunken, dieser Gispel aber sauft stets aus dem Angster, dann er in lauter Angst schwebet: Mit einem Wort, in Egypten zu Pharaonis Zeiten war eine unzählbare Menge der Mucken; aber dieser Phantast hat noch mehrere Mucken, er macht sich Tag und Nacht Mucken, früh und spät Mucken, Sommer und Winter Mucken, wie er sich doch mag erhalten! Was muß ich anfangen? sagt er, klagt er, fragt er, mein Gewerb ist unter dem Zeichen des Krebses, geht alles zurück; mein Maul ist unter dem Zeichen des Wassermanns, ich getrau' mir keinen Wein zu trinken; min Weib ist unter dem Zeichen des Zwillings, hat mir das Jahr zwei Kinder auf einmal gebracht; meine Freund' seynd unter dem Zeichen des Scorpions, sie lassen mich alle im Stich. Was muß ich denn anfangen? Es ist kein Geld in der Tasche, es ist kein Wein in der Flasche, es ist kein Treid in der Scheuer, es ist kein Hafen beim Feuer, es ist kein Brod im Haus, es ist alles aus. Was muß ich doch anfangen? Es wär kein Wunder, ich thät mich henken! Ich bin ganz verlassen! O Narr! verlassen? Freilich bist verlassen! aber nit von Gott, sondern von deinem Verstand! Kannst du betten? Ja. Wie betest du?Vater unser, [453] der du bist im Himmel. So hast du deinen Vater im Himmel. Für was machst du dann solche unnöthige Mucken? Du hast einen Vater, der der reichste ist; du hast einen Vater, der der mächtigste ist; du hast einen Vater, der der gütigste ist: der wird dich nit verlassen, laß ihm die Sorg über! Du bist ja besser als ein Luchs oder ein Fuchs, du bist ja mehr als eine Katz oder ein Spatz, du bist ja vornehmer als ein Pfau oder ein Rab; und dannoch – Gott erhält diese, warum soll er dich verlassen, der doch dein Vater und du sein Kind, der doch dein Erschöpfer und du sein Ebenbild, der doch dein Hirt, und du sein Lämmlein! Omnem solicitudinem vestram projicientes in eum, quia ipsi est cura de nobis. Hast kein Brod im Haus? Verzag nit, verlaß dich auf denjenigen, der mit wenig Brod so viel tausend in der Wüste gespeiset hat! haben deine Kinder hier keine Kleider anzulegen. Verzage nit, verlaß dich auf denjenigen, der den Israeliten 40 Jahr in der Wüste so wunderbarlich ihre Kleider erhalten! Trägt dir heuer dein Wein-Garten nichts? Verzag nit, verlaß dich auf denjenigen, der zu Cana in Galiläa aus dem Wasser Wein gemacht, laß die überflüssige Mucken seyn!

Vom Wiperto, Bischof zu Ratzenburg, ist bei Kranz zu lesen, und zwar nit ohne Verwunderung: Nachdem dieser als ein Jüngling durch einhellige Wahl und gesammte Stimmen zur bischöflichen Würde [454] erwählet worden, und derenthalben nach Rom gereist, von Ihro Heiligkeit die Dispensation wegen des Alters abzuholen, hat solchen der Pabst als einen jungen Menschen, welcher kein Härlein ums Maul, veracht' und alle Dispensation geweigert. Die folgende Nacht hierauf ist aus Wiperto dem Jüngling ein eisgrauer Mann worden, welches den Pabst dahin veranlasset, daß er unverweilend mit ihm dispensiret. So geschwind grau werden, ist viel, ist ein Wunder, sagst du, sagt er; ich aber sag', es sey bereits kein Wunder mehr, daß etliche vor der Zeit weiße und graue Haar bekommen. Bona dies, Meister Matthias! je! wie so weiß, wie ein alter Greis! und zwar vor der Zeit, wie kommts? Wie wollts kommen! von lauter Sorgen: ich schreib', ich treib', ich schnauf', ich lauf', ich gehe, ich stehe, ich sorg', ich borg', ich bau', ich schau', ich faß', ich haß', ich hüt', ich brüt', ich trag', ich jag', ich setz', ich wetz', ich wacht', ich kracht', ich ziech', ich kriech', ich schab', ich grab' Tag und Nacht, fruh und spat, es will doch nichts erklecken, ich kann nit einen Pfenning ersparen! was ich täglich einnimm, das verzehrt der Kuchelzecker wieder: die Kinder stehen nach einander, wie eine Orgel, die pfeifen mich stets an um ein Brod; es will so gar nichts ersprießen: ich thue sogar am Feiertag keinen Feiertag machen, und schau, wie ich etwas gewinnen mag, so will doch alles nit erklecken! Wann [455] ich einmal krank und liegerhaft werde, so komm' ich ins Bettl, und mein Weib an Bettel: das macht mir die graue Haar! etc. O Lettfeigen! ich wünsche, du wärest weis' und nit weiß, so würdest sehen und bestehen, daß du zu viel auf Menschen-Fleiß und Schweiß bauest, und zu wenig auf Gottes väterliche Vorsichtigkeit vertrauest! Wisse, daß kein einiger, der sich auf Gott verläßt, könne verlassen werden!

Es seynd auf eine Zeit ihrer zwei über Land gereist. Einer war ein melancholischer Muffianus, der sich stete Mucken gemacht, wie er sich und die Seinigen möcht' ernähren! der andere aber war ein lustiger Gesell, der sich weiter mit keinen Sorgen überladen, sondern stets gepfiffen und gesungen. Mein Kammerad, sagt der Melancholist, wie kannst du um Gottes Willen so fröhlich seyn? ich vermeine, in deinem Gemüth sey alle Tag Kirchtag; ich glaub', dein Herz speist sich mit lauter Alleluja; ich sehe, Dominica laetare ist bei dir ein einziges Jahr; wahrhaftig, du sollst Bruder Ju- Ju- Ju- Jucundus heißen. Ich meines Theils, weiß um keine fröhliche Stund', will geschweigen einen Tag; denn bei diesen schweren Zeiten sorg' ich stets, wie ich mich und die [456] Meinigen möge erhalten. Was, antwortet der andere, soll ich traurig seyn? die seynd Narren, fahren Dutzentweis auf einem Karren, welche melancholisch seynd; weißt du das nit, daß Melancholia des Teufels seine Amme sey? ich bin wohlauf, ich bin Allegro, ich bin guter Ding, verlaß mich auf Gott, per quem nec alles esurit, der verläßt keinen Deutschen nicht. Allein gar faullenzen thue ich auch nit; meinen Fleiß und Arbeit thue ich nicht sparen, auch wie billig die Hand anlegen; im Uebrigen lasse ich Gott walten, er ist ein guter Vater! Ich mein' schon, sagt der andere, wie viel weiß ich deren, die sich auf Gott alleinig verlassen, und nachmalens in das Spital kommen seynd beim heiligen Geist: es wird dir gewiß unser Herr alle Wochen einen Hafen voll Miracul durch St. Veit herunter schicken! wart' eine Weil, St. Nicola legt nit alle Tag ein! – Mit diesen und dergleichen Spottwörtern nimmt er seinen Weg fort, und macht sich stete Gedanken, wie er künftig seine Sach' möge anstellen. Fällt ihm unter andern ein: wann er einmal sollte blind werden – wie es gar leicht möchte geschehen – was er doch müßte anfangen? er könnte nicht einen Pfenning gewinnen, – da wär ich wohl ein armer Narr! Das ist wahr. Druckt also dieser Gispel beede. Augen zu, und probirt sich im Fortgehen, wie es um einen Blinden Beschaffenheit habe, der sein Gesicht [457] verloren. Indem nun der Phantast eine Weile mit verschlossenen Augen fortgangen, hat er einen großen Beutel Geld, so auf dem Weg gelegen, übersehen welchen sein lustiger Reis'gespann, der ihm auf dem Fuß nachfolgte, mit höchsten Freuden aufgehoben, und nachgehends hundert und hundertmal wiederholet: Gott verläßt keinen, der sich auf ihn verläßt!

Was seynd doch die Raben? Die Raben seynd Farb halber des Teufels seine Livre-Träger; die Raben seynd Gesang halber des Henkers seine Zeiserl; Raben seynd Speis halber des Schinders seine Kostgeher; Raben seynd Stehlens halber aller Erz-Dieb ihre Spieß-Gesellen; der Rab, welchen Noe aus der Arche als einen Curier gesandt, hat sich nit anderst verhalten, als wie ein meineidiger Schelm; aus allen Thieren ist eines nach dem Sündfluß Gott dem Herrn geopfert worden, ausgenommen die Raben: diese kohlfärbigen Dieb' haben das Deo Gratias vergessen. Nichtsdestoweniger trägt der allmächtige Gott eine sonderbare Sorg und Sorgfältigkeit über die Raben.Quid dat escam pullis corvorum invocantibus eum? Wann der schwarze Vater und die schwarze Mutter, beedes Rabenvieh siehet, daß anfangs ihre ausgeschloffenen jungen Raben weiß bekleidet seyn, und nit mit gleicher Schwärze prangen, so halten sie diese jungen Dieb' nit für ihre eigene Brut, sondern für Bankart, verlassen sie derenthalben zehen oder [458] zwölf Tag' ohne einige Speis'. Unter dieser Zeit seynd die jungen Tropfen Kostgeher der göttlichen Providenz, sintemalen sie Gott, wie etliche vermeinen, pfleget zu speisen mit sonderlichem Himmels-Thau, oder wie andere wollen, thut der mildherzigste Gott ihnen gewisse kleine Mucken in die aufgesperrten Schnäbel schicken, mittels derren die Raben erhalten werden. Thut nun Gott die jungen Raben so sorgfältig ernähren, erhalten, erquicken, versehen, verkösten, warum, um Gottes willen, soll ich mich also kleinmüthig erzeigen, als ob er wolle meiner vergessen! Thue ich einem rechtschaffenen wahrhaften Mann glauben, und auf sein Wort und Versprechen mich verlassen; warum sollt ich nicht mehr glauben ihm, der im 10ten Psalm versprochen, im 27sten Psalm versprochen, im 32sten Psalm versprochen, im 33sten Psalm versprochen, im 39sten Psalm versprochen, im 54sten Psalm versprochen, im 103ten Psalm versprochen, im 117 Psalm versprochen, im 138ten Psalm versprochen, im 140sten Psalm versprochen, im 144sten Psalm versprochen: daß er stete Sorge tragen wolle über die Seinigen, daß keiner solle verlassen werden, der sich auf ihn verläßt, und sollst du Gott nit glauben? du – Gott?

Der allmächtige Gott hat dem Mosi unterschiedliche Geschäfte und Ceremonien anbefohlen, die er in seinem götlichen Tabernakel soll vollziehen. Unter anderen hat Gott Mosi geboten: er solle einen guldenen Tisch nach seinem göttlichen Abriß verfertigen, und auf denselben jederzeit das Schaubrod legen: Et pones super mensam panes propositionis in conspectu meo semper. Versio [459] Hebraea sagt, daß obbenenntes Schaubrod fast sey gewest, wie bei uns die Lebzelten, auf welchen gemeiniglich unterschiedliche Figuren zu sehen: also habe gleichmäßig ein jedes Schaubrod die Abbildung eines Gesichts mit sehr viel Augen vorgestellt; wessenthalben es panis facierum das Schaubrod, genennet worden. Merke es wohl, mein kleinmüthiger Christ! unsers Herrn sein Brod ist voller Augen und heißt dasSchaubrod; dann es schaut in der ganzen Welt herum, wer es von Nöthen habe! Der hl. Abt Gevardus hat Brod von Nöthen gehabt, und siehe! solches ist ihm im Ofen gewachsen. Der hl. Apollonius hat Brod von Nöthen gehabt, und schaue, solches ist ihm in der Hand gewachsen, daß er mit einem Stück 3000 Arme gespeist! Der hl. Onophrius hat Brod von Nöthen gehabt, und betrachte, solches haben ihm alle Tag die Engel gebracht! Der hl. Nicolaus von Tolentino, meines Ordens, hat Brod von Nöthen gehabt, und erwäge, solches hat ihm die Mutter Gottes gebracht. Der hl. EinsiedlerPaulus hat Brod von Nöthen gehabt, und siehe, solches hat ihm ein Rab' gebracht! Der hl. MannCapistranus hat Brod von Nöthen gehabt, und gedenke, solches haben ihm die Engel gebracht! Rochus, der hl. Beichtiger, hat ein Brod von Nöthen gehabt, und solches hat ihm Gott geschickt durch einen Hund!

Sagt her und bekennt solches zu größerer Ehr' Gottes, ihr Geistliche und Ordens-Leut', die ihr euch mit dem Bettelsack ernähret; wann ihr Brod von [460] Nöthen habt gehabt, ob euch Gott verlassen? Nie, nie, niemalen. Nie! sagt Vincentius Ferrerius ein hl. Dominicaner, Katharina Senensis eine hl. Dominicanerinn, Jordanus ein hl. Dominicaner; denn Gott wunderbarlicher Weis' unser Brod-Kasten und Speis'-Gewölber angefüllet. Nie, nie, nie – sagtTheresia eine hl. Karmeliterinn, Maria a St. Hieronymo eine hl. Karmeliterinn, Benedictus a Jesu Maria ein heiligmäßiger Karmeliter – hat uns Gott in der Noth verlassen, sondern entweder durch Engel oder andere übernatürliche Weis' uns gespeist. Nie, nie, nie – sagt der hl. Thomas Ariminensis ein Augustiner, der selige Joan nes Bonus ein Augustiner, die selige Christina eine Augustinerinn – hat uns Gott verlassen in der Noth, sondern allemal durch wunderbarliche göttliche Providenz versehen. Nie, nie, nie – sagt Bernardinus ein hl. Franziscaner, Didacus ein hl. Franziscaner, Luchesius ein hl. Franziscaner – hat uns Gott in einer Noth verlassen, sondern zu jeder Zeit hilfreich beigesprungen. Nie, nie, nie, und hundertmal nie, sagen alle Kapuziner, hat uns Gott in einer Noth verlassen. Solches Miracul und Wunderwerk haben wir erfahren Anno 1532 zu Nucera, Anno 1537 zu Thury, Anno 1539 zu Bevoloni, Anno 1540 zu Schy im venetianischen Gebiet, Anno 1558 zu Perus, Anno 1580 zu Mailand, Anno 1552 zu Bugell, Anno 1552 zu Leonissa, Anno 1554 zu Tiphern, Anno 1556 zu Polenz, Anno 1570 zu Genua. Ei, was nennt ihr solche fremde und weit entfernete Klöster, sagt lieber, [461] Gottes wunderbarliche Vorsichtigkeit haben wir erfahren öfters zu Wasserburg, zu Augsburg, zu Salzburg, zu Würzburg, zu Regensburg, zu Freiburg etc., allwo manchesmal Gott uns wunderbarlich ein Helfenburger gewest ist. Gott verläßt Niemand, den sich auf ihn verläßt.

Christus Jesus unser gütigster Heiland hat einst viel tausend Personen mit seiner Wohlredenheit in die Wüste gezogen, und weilen er vermerkt, daß solches eifriges Volk bereits schon den dritten Tag nit einen Bissen ins Maul genommen, also hat er ein herzliches Mittleid gegen diese guten Leute geschöpft, die beigebrachten fünf Gersten Brod also vermehret, daß nit allein viel tausend hierdurch ersättiget, sondern noch darüber zwölf große Körb' voll mit den übergebliebenen Stücken angefüllet worden. Was noch das Wunder vergrößert: nit allein wurden so viel tausend nach Vergnügen gespeiset, nicht nur allein wurden zwölf Körb voll Scherzl geübriget, sondern die mehrsten Männer nahmen ein Stück Brod mit sich in Sack, die mehrsten Weiber nahmen ein Stück Brod darvon ins Fürtuch, damit sie solches Kennzeichen des geschehenen Wunderwerks auch zu Haus konnten weisen. Schau, sagte mancher, mein lieber Vetter Jeremias, mein lieber Schwager Samuel, mein lieber Nachbar Abraham, schau, das ist auch ein Stück von dem Wunder-Wort! Was muß ich dir sagen, sprach manches Weib, du hast auch gehört von jenem Wunder, welches Jesus von Nazareth gewirket hat in der Wüste! Gedenke, meine liebe Schwester Sara, schaut[462] um Gottes Willen, meine liebe Frau Rebecca, siehe meine liebe Mitbürgerinn Rachel, das ist auch ein überbliebenes Scherzl von demselben Wunder-Brod!

O wie viel tausend und tausendmal ist solches Wunder schon geschehen, daß Gott in einem Haus das Brod so wunderbarlich und die menschliche Unterhaltung vermehret hat. Ich gehe in das Haus eines ehrlichen Manns hinein, von dem mir bewußt ist, daß er einen christlichen, gottesförchtigen Wandel führet, daß er täglich eine hl. Meß höre, daß er seine Kinder in der Furcht Gottes auferziehe, daß er seine Dienstboten in gebührender Zucht halte; mit diesem fange ich an ein freundliches Gespräch, sage unter andern: mein lieber Herr oder Meister, ich sehe, ich merke, ich spüre, es geht Euch im Jahr ein Merkliches auf. Freilich wohl, antwortet mir dieser, ich kanns mit meinem Gewissen betheuren, daß ich selbst nit weiß, wo ich es hernehme: mein Vater, am Maul lasse ich mir nichts abgehen, einem guten Freund setze ich noch einen guten Wein vor, aus meinen Kindern heißt keines Lazarus, mein Weib heißt Abundantia, ich kanns mit Gott bezeugen, daß ich einmal durch daß ganze Jahr die Ausgaben habe aufgezeichnet, und in der Wahrheit gefunden, daß solche mein Einkommen weit übersteige. Zudem weiß ich, daß ich keinen Menschen um einen Heller betrüge, und find' dannoch in allen den Segen. – Wißt ihr was, ihr habt auf eurer Tafel, in euren Händen, in eurem Haus auch einWunderbrod! Gott ernähret eure Habschaft und Wirthschaft, um weilen ihr ihm dienet, [463] und euch auf ihn verlasset. Das heißt promptuaria eorum plena, oves eorum foetosae, boves eorum crassi, non est ruina maceriae. Das heißt: Gott verläßt keinen, der auf ihn bauet und der auf ihn trauet.

Anno 1605 hat sich zu Neapel etwas zutragen, worin, woran, worbei, woraus sich alle Jungfrauen spieglen können. Eine manche Jungfrau Agnes hat lieber den Lambert als das Lämmel, eine manche Jungfrau Cäcilia hat lieber den Organisten als die Orgel, eine manche Jungfrau Barbara hat lieber den Thurner als den Thurm, eine manche Jungfrau Katharina hat lieber den Wagner als das Rad, eine manche Jungfrau Dorothea hat lieber den Körbelmacher als den Korb. O unbehutsame Weibsbilder, so ist euch dann Löffelkraut lieber, als Ehrenpreis! Wißt ihr so gar nicht, daß eine Jungfrau genennet wird Doncella, so viel laut, als Donum Coeli, eine sondere Gab Gottes. Gefallt euch denn besser die schnöde Farb', als die Schnee-Farb? Habt ihr dann nichts gehöret vom Ethall in Bayern, allwo ein marianisches Gnaden-Bild so schwer von Silber, daß es niemand heben kann außer ein kleines Kind oder eine unversehrte Jungfrau? Nehmt ein Exempel, ein Exemplar, erwäget einen Model oder ein Modell eurer jungfräulichen Ehren, was sich Anno 1605 zu Neapel ereignet: Allda hatte eine Mutter eine einige Tochter, welche aber beede ganz arm, außer daß die Tochter ganz tugendreich, im übrigen Fall ganz mittellos, nicht aber gewissenlos; welche dann desto höher zu achten, weilen sie weder Silber noch Gold und [464] dannoch das theuerste Kleinod ihrer Ehr' so fest erhalten, indem sonst gemeiniglich die Noth nit allein das Eisen, sondern auch die Ehr' bricht; und bleiben selten in beständiger Freundschaft Noth und Nothburga. Erstbenennte Tochter war über alle Massen eines wohlgeschaffenen Gesichts und Leibsgestalt, beinebens aber bettelarm. Ja sie sammt der Mutter, weilen auch keine Arbeit mehr vorhanden, womit sie sich konnten ernähren, seynd in solche äußerste Noth gerathen, daß sie auch den Strohsack, auf dem sie gelegen, verkauften. Weilen dann solche Armuth dem Weib gar zu schwer und unerträglich gedunkte, also seynd nicht wenige Gedanken in beide Gemüther geschlichen: sie sollen ihre Ehr' in die Schanz schlagen, und also den Leib feil bieten. Indem aber sowohl die Mutter, als die Tochter bishero nichts als einen ehrlichen, gewissenhaften und preiswürdigen Wandel geführt, so wollten sie annoch in demselben verharren, auch lieber vor Hunger sterben, als den gütigen Gott mit solcher Unthat beleidigen. Absonderlich aber stärkte die Tochter ihre bedrängte Mutter, und ermahnte sie stets, daß sie auf Gott sich soll verlassen, von dem sie auf keine Weis' können verlassen werden. Schneid't hierüber ihre eignen goldfarbnen Haar' von dem Kopf, gibts der Mutter, sie solle diese auf dem Markt feil bieten, und aus dem Geld nachmalens ein Brod in das Haus schaffen. Als nun besagte arme Frau die schönen langen Haar' auf den Markt tragte in den Händen, hat ein Bedienter eines vornehmen und großen Herrn sich über diese schönen Haar' sehr verwundert; derentwegen das Weib sammt ihrer hübschen [465] Waar' zu seinem Herrn nach Haus geführt, welcher gleichmäßig sich in diese Haar' verliebet, auch unverzüglich das verlangte Geld um erbotenen Preis dargezählt. Fragte aber beinebens, ob ihre Tochter sey eine Kloster-Jungfrau worden? Darauf sie nein geantwortet; sondern aus purer Noth und äußerster Armuth habe sie solche abgeschnitten, zu verkaufen, damit sie nun auf etliche Tag zu essen hätten. Solches ist dem reichen Edelmann dergestalten zu Herzen gangen, forderist wie er die gewisse Nachricht eingebracht, daß erstgemeldete Tochter ein so ehrliches Mägdl sey, daß er alsobald eine schöne Summa Geld ihr für ein Heirath-Gut dargeschossen, wordurch nachmals die Mutter sammt der Tochter reiche Lebens-Mittel erhalten. So ist dennoch wahr, und bleibt wahr, was Lucas am 12ten, was Jacob am 1sten, was Matthäus am 6ten, was Joannes am 46sten, was Jeremias am 17ten geschrieben: Der sich auf Gott verläßt, kann nit verlassen werden.

Mucken-Brüter, Grillen-Vögt', Sorgen-Kramer, Lettfeigen, Melancholei-Schmidt, Kummer-Hansen, Trauer-Nest, seyd ihr noch mit Aengsten angefüllt, wie das trojanische Pferd mit Soldaten? Glaubt ihr noch, ihr werdet euch ins künftig nit können erhalten? förcht ihr euch noch, euer Brod-Kasten werde die Schwindsucht bekommen? O Spott-Gesellen! [466] derjenige Gott, welcher den Daniel in der Löwen-Grube, welcher den Elias in der Wüste, welcher die Israeliten in der Einöde gespeist hat, dieses Gott lebet noch! Warum verläßt du dich nicht auf ihn? Derjenige Gott, welcher durch einen Fisch dem Apostel Petro Geld hat geschickt, derjenige Gott, welcher Brod dem. hl. Einsiedler Paulo durch den Raben hat geschickt, derjenige Gott, der dem hl. Thomä Villanovano wunderbarlich die Scheuer mit Treib angefüllt, derjenige Gott, welcher der Wittib zu Sarepta ihr Geschirr mit Oel wunderbarlich angefüllt, derjenige Gott lebt noch: warum verläßt du dich nit auf ihn? Er verläßt nit den Wolf, warum soll er verlassen einen Wolfgang? Er verläßt nit den Bären, warum soll er verlassen einen Bernhard? Er verläßt nit den Adler, warum soll er verlassen den Adelbert? Er verläßt nit die Enten, warum soll er verlassen Antonium? Er verläßt nit den Basilisk, warum soll er verlassen Basilium? Er verläßt nit die Henn', warum soll er verlassen den Henrich? Er verläßt nit den Löwen, warum soll er verlassen einen Leonhardum? Er verläßt nit den Luchsen, warum soll er verlassen den Lucam? Ich will sagen: er verläßt kein einiges Thierl, sondern speist dieselbigen: implet omne animal benedictione; warum soll er dich verlassen, den du täglich für deinen Vater er kennst und bittest: Vater unser, der du bist im Himmel!

Wie Gott der Allmächtige die Welt erschaffen, hat er allerlei Bäume mit den edelsten Früchten und stattlichstem Obst hervor gebracht, ehender und bevor [467] er den Adam als ersten Menschen formiret: daß also der mildherzigste Vater schon das Essen, gute Bissel und das beste Konfect in die Bereitschaft gestellt, ehe der Mensch gewest, auf daß Adam Gott nit habe können nachsagen, er habe einmal einen Abgang gelitten: »Ut mundum ingressus, inopià minimè laboraret.« Er, her himmlische Vater, läßt sich den üblen Nachklang nicht zu, daß er einmal einen in der Noth solle verlassen, der sich als ein Kind auf ihn verläßt. Die Apostel waren einmal in großer Lebens-Gefahr, und hatten alle Augenblick den Untergang zu förchten; denn ihr Schiffel wurde dergestalten von den tobenden Wellen so grimmig angefochten, von dem ungestümmen Windbrausen also grausam getrieben, daß sie wegen des vor Augen schwebenden Todes wie das Wachs erbleicht. Mitten in dieser höchsten Gefahr erscheinet ihnen Jesus auf dem Meer; und als sie solchen ersehen, seynd sie noch mehr ertattert; denn sie kurzum vermeint, es sey ein Gespenst. Aber sagt her, um Gottes Willen, ihr Jünger und Apostel, sollt ihr denn Christum Jesum nicht kennen von Angesicht? Seynd erst etliche Stund', daß ihr mit ihm geredet, ist schon eine so geraume Zeit, daß ihr stets bei ihm, mit ihm, um ihn, und anjetzo schaut ihr ihn an für einen Wauwau, für ein Gespenst? Dicentes, quia phantasma est. Es ist wahr, antworten die Jünger, wahr [468] ist es, wir haben ihn für ein Gespenst gehalten, derenthalben: dann wir haben uns nicht können einbilden, daß er soll unser Herr seyn, weilen er uns in der Noth nit gleich Hilf geleist'. Es glaubten die lieben Apostel, daß es wider die Natur unsers lieben Herrn sey, daß er einem in der Noth nicht gleich beispringe. Was fristest du denn so viel Kummer, o Kleinmüthiger! was kochst du denn so viel Sorgen, du Hasenherz! was schnitzlest denn so viel betrübte Gedanken und schwermüthiges Nachsinnen, du mißtrauender Tropf, indem du vergewissert bist, daß dich Gott in keiner Noth läßt stecken, wann du deine Zuversicht zu ihm nimmst? O modicae fidei. Gott ist von Natur zum Geben, zum Schenken, zum Helfen, zum Ehren und Ernähren geneigt.

Der Allerhöchste pflegt zuweilen nicht gleich seine mildreiche Hand zu bieten in der Noth, sondern verweilet oft ein wenig, damit er hierdurch den Glauben der Menschen desto besser probire. Wie Christus der Herr ganz glorreich auferstanden von den Todten in aller Früh vor der Sonne Aufgang, da waren die Jünger des Herrn sammentlich bei einander, und haben erwartet die Ankunft ihres gebenedeiten Jesu. Da es nun gegen Mittagzeit war, wurden sie alle ganz kleinlaut, und sagte einer zu dem andern: der Herr werde hart mehr kommen, es sey schon über die Zeit. Wie aber der spate Abend herbei genahet – Cum serò esset – da ist ihnen der glorreiche Heiland erschienen, und in der Mitte sie alle im Kreis herum bewillkommet [469] mit dem fröhlichen Pax vobis! aus diesem ist eine heilsame Lehr' zu schöpfen, daß sich Gott bisweilen stelle, als wollt' er nit kommen zu helfen, und läßt zu Zeiten die Noth auf das äußerste gerathen; alsdann kommt er ganz spat, und zeigt, daß er keinen verläßt, der sich auf ihn verläßt.

Willkomm, Herr Balthauser, warum seyd ihr ein solcher Pfnauser? guten Morgen Herr Ruprecht, warum ist euch heut um das Herz nicht recht? guten Abend, Herr Wilibald, weßwegen macht ihr eine so traurige Gstalt? wie gehts? – Wie wollts gehen! hart gnug, es seynd nie so schlechte Zeiten gewest! es geschieht mir gar zu hart, ich kanns nit mehr erschwingen! Ei du linder Lapp mit deinen harten Zeiten und Zeitung! Der Teufel erscheint auf eine Zeit in der Gestalt eines alten Manns, den die weißen Haar' als einen lieben Tättl vorstellten. Aber geschieht wohl öfter, daß im Winter unter einem weißen Schneehaufen ein Mist liegt; also auch zuweilen unter weißen Haaren ein Mistfink verborgen. Dieser Satan in besagter Gestalt kommt zu dem Herrn Jesu in die Wüste und reichte ihm dar einen harten Stein, mit Meldung, er soll ein Brod daraus machen; denn diese höllische Larve nicht glaubte, daß Christus könne einen harten Stein in Brod verwandlen. Aber du plumper Teufel, sollst ja wissen, wer aus nichts kann etwas machen, der kann ja desto mehr aus etwas etwas machen! Ihr, lieber Meister Kilian, [470] was seyd ihr für ein seltsamer Mann, indem ihr wehemüthig klaget, daß es euch sohart gehe? Wann ihr glaubet, daß Gott der Herr aus einem harten Stein kann ein Brod machen, so glaubet auch, daß er auch aus einer harten Zeit und Begebenheit kann etwas Gutes schmelzen! Nur ein wenig Geduld gehabt! Die Biene oder Imme, dieses winzige Methsiederl, fliegt nit allein auf die schamhaftigen Rosen, auf die weißen Narcissen, auf die himmelblauen Veigerl, auf die hochträchtigen Rittersporn', sondern stiegt auch auf die bittersten Kräuter, auf den Wermuth, und saugt aus den bitteren Kräutern das süße Honig: Ex amaro dulce: Also regieret, guberniret, moderiret, ordiniret, reguliret, sustentiret der allmächtige Gott die Welt und Alles in der Welt mit solcher unergründlichen Weisheit, daß er manchsmal ein Uebel zuläßt, und weiß nachmals aus diesem Uebel etwas Gutes zu schnitzlen, aus Wermuth und Wehmuth etwas Süß, aus Noth ein Brod machen. Nur nit verzagt!

Es geschieht, daß ein gemeiner Mensch und einfältiger Bauer in eines vornehmen Fürsten seinen Hof-Garten kommt, allwo er sich also vergafft, daß er schier im Zweifel steht, ob er nit mit dem Enoch in das irdische Paradies verzucket sey. Er verwundert[471] sich in dem ersten Eingang, daß auf beeden Seiten ganz grüne Mauern aufgericht seyn, daß sich solcher Lustweg so weit erstrecket, daß auch die schärfsten Augen darüber matt werden. Er verwundert sich über das schöne und häufige Blumen-Gewächs, und hält die Erde für eine redliche Mutter, ob sie schon das ihrige allerseits verblümlet. Absonderlich aber kann er nicht genug maulaffen, wie er ansichtig worden in Mitte des Gartens des ganz seltsamen Wasserwerks. Er verwundert sich, daß ein geißbergischer Satyrus auf beeden Hörnern das häufige Wasser heraussprengt, als wollte gleichsam dieser wilde Waldmann mit seiner Parücke prangen. Er verwundert sich, daß neben diesem Zotfinken eine geißgestiflete Satyra aus dero ausgespannten Brüsten das Wasser also häufig herausquellet, als wollt sie eine allgemeine Saug-Amme seyn aller jungen Kitzlen. Er verwundert sich, daß in der Mitte ein krummschweifender Delphin das Wasser aus den Augen, Ohren und aufgesperrtem Maul mit großem Geräusch, jedoch annehmlichem Getös', herausspritzet. Er verwundert sich, daß ein altbarteter Wasser-Gott Neptunus eine Gabel in Händen halte, aus dero dreifachen Spitzen das Wasser in die Höhe spielet; und lachet der Bauer hierüber, daß dieser steinerne Garten-Götz die Gabel mit Wasser schmieren wolle. In Summa: der Einfalt kann sich nit genug verkreuzigen, daß man an diesem Ort so seltsam mit dem Element des Wassers haust, und solches in die Höhe treibt, da es doch Natur halber in die Tiefe [472] und Niedere trachtet. Ich, sagt er, wann ich zu Haus einen ganzen Zuger mit Wasser voll anschütte, so spritzet nit ein Tropfen in die Höhe, sondern solches laufet über, und dringt und rinnet herunter auf die Erde. Indem dieser Simplicius in solchen Gedanken steht, da tritt der Gärtner hinzu, und heißt diesen Acker-Doctor einen Narren. Narr schau! und zeigt ihm mit dem Finger auf den nächst entlegenen Berg, – dort fällt das Wasser herunter, und darum springt es allhier wiederum in die Höhe; denn wie tief das Wasser fällt, so hoch steigt es wieder. Merkts wohl! ich weiß nit recht, was Gott ist, ich weiß nit recht, wie Gott ist; aber das weiß ich wohl, was Gott macht, und das weiß ich wohl, wie es Gott macht in der Welt. Er machts öfter mit dem Menschen, als wie mit dem Wasser: Er läßt ihn fallen in Gfahr, in Unglück, in Trübsal, in Noth, und urtheilet mancher, dieser Tropf sey ganz per terra, sey völlig zu Grund gangen. O nein! nichts verzaget! Humiliat et sublevat: Er macht, daß dieser wie das Wasser wieder in die Höhe steigt, wieder über sich kommt zu Ehren, zu Mittlen und zum Glück gelangt, wann man sich auf ihn verläßt. Aus folgender Geschicht' ist merkwürdig abzunehmen, wie dir väterliche Vorsichtigkeit Gottes so wunderbarlich spielt auf der Welt, und zeigt, daß sie keinen verlasse.

Zu Rom war ein Paar Ehe-Volk eines guten Wandels, aber nit guter Mittel. Ich weiß nicht, hat [473] er Eugenius oder Egenus; ich weiß nit, hat sie Procopia oder Inopia geheißen; das weiß ich wohl, beede waren nit reich. Und weilen dazumalen eine große Theurung eingefallen, so seynd sie gar in die äußerste Noth gerathen, in welcher sie zwungen worden, Schulden zu machen und das Geld zu leihen nehmen. Weilen aber dergleichen Wucherer gemeiniglich eine gewisse Zeit zu bezahlen stellen, und aber gedachter armer Häscher zu bestimmter Zeit zu bezahlen nit hatte, ist er in die Keichen und Gefängnuß geworfen worden, welche Trübsal dem armen Weib ihr Elend zu Haus vergrößert, in Erwägung, daß sie weder Brod, noch Brod-Vater im Haus. Weßwegen sie ganz sorgfältig durch die Stadt hin und her geloffen und möglichsten Fleiß angewendet, wie sie doch möchte das Geld zusammen bringen, momit ihr lieber Mann auf freien Fuß könnte gestellet werden. Aber der Weiber öftere Gegenwart auf Gassen und Strassen ist schon mehrmalen vielen Gefahren unterworfen gewest. Darum nit umsonst der allmächtige Gott den Adam außer dem Paradies erschaffen, die Eva aber in dem Paradies, zu zeigen, ein Mann könne schon ausgehen und außer dem Haus denen Geschäften obliegen; das Weib aber soll in dem Haus bleiben. (Derenthalben ein jedes Weib an ihrem Namen ein in trägt: Heißt er Graf, so nennt man sie Gräfin, Doctor Doctorin, Müllner Müllnerin, [474] Bauer Bäuerin, Narr Närrin, etc. Vielleicht rührt auch daher der Weiber ihr gewöhnlicher Titul, indem man sie pflegt Frauenzimmer zu nennen: damit sie sollen im Zimmer verbleiben. Wann sie aber auf allen Gassen herumrutschen, so kann mans nit Frauen-Zimmer, sondern Gassen-Frauen benamsen. Wann die Weiber öftersausgehen, so thut die Gefahr, eingehen. Nit anderst ist es ergangen ersterwähnter armen Haut, die allerseits in der Stadt herum gesucht, wie sie könnte Mittel finden, ihren liebsten Ehe-Konsorten zu erlösen. Welche aber gefunden, was sie nicht gesucht. Denn ein gewisser Bösewicht, weilen er sie gestaltermassen zu Haus ganz alleinig wußte, ist nächtlicher Zeit vor die Thür kommen und hinein begehret; welchem sie aber gar bald Bescheid und bescheiden geantwortet, sich entschuldigend, wie daß es ganz ungereimt scheine, bei solcher Zeit ein Mannsbild in das Haus zu lassen, zumalen sie ganz alleinig sey; dafern er aber einige Geschäfte hätte, soll er solche bis auf folgenden Tag unbeschwert verschieben. Dieser Nacht-Vogel aber durch ungestümmes Wüthen an der Hausthür drohet ihr ernstlich, wofern sie nit [475] wolle freiwillig die Thür eröffnen, so wolle er solche mit Gewalt aufsprengen, und nachmals ihr den Hals umreiben. Die arme Tröpfinn wußte in dieser Sache keinen Rath zu finden: Läßt sie ihn gutherzig in das Haus, so geräth ihre Keuschheit in die Gefahr; kommt er gewaltthätig herein, so stehe ihr Leben in Gefahr. Endlich als ein Weib und unerschrockene Creatur erwählt sie das erste, und läßt diesen unbekannten Gesellen in das Haus, worinnen er bald dasjenige gesucht, was sie starkmüthig geweigert, als welche lieber zu sterben, als sich dergestalten versündigen gänzlich entschlossen. Und hat fürwahr dieser keuschen Susanna tapferer Widerstand den Sieg erhalten. Weilen aber dieser gewissenlose Mensch die Lieb nicht konnte finden, also suchte und ersuchte er anstatt Lieb Dieb. Drohet ihr alsobald mit verstelltem Angesicht den Tod, wann sie nicht alsobalden ihr Gut und Geld hertrage. Nachdem sie mit vielem Weinen und kläglicher Entschuldigung bekennet, daß ihr ganzer Reichthum bestehe in zwei Dukaten, verlanget er von ihr einen Strick, Zweifels ohne die arme Haut damit zu erdroßlen. Welche dann im ganzen Haus um keinen wußte, außer den, womit ihr Esel im Stall angebunden. Mußte also hierüber das bedrängte Weib den Mörder in den Stall führen, woselbsten er den Strick mit eigenen Händen wollte herunter lösen. Weilen er aber etwas langsam mit dieser Arbeit umgangen, so fällt dem Weib ein, wie daß solchergestalten besser sey umbringen, als umgebracht [476] werden, forderist, weilen solche Begebenheit ohne Beleidigung der göttlichen und natürlichen Gebote, solches zulasse. Besinnet sich demnach nicht länger, und während daß er den Strick herunter löset, ergreift sie einen großen Prügel, der ungefähr an der Wand lehnte, und versetzt ihm hinterwärts einen solchen Streich auf den Kopf, daß er zu Boden gefallen. Da er aber wieder aufzustehen sich bemühete, wiederholt sie die erste Kuraschi, und gibt ihm also mit solchem dreidoppelten hölzernen Willkomm den Rest. Den Körper läßt sie selbige Nacht, bei dem Esel liegen, damit er einen gleichen Kompagno hätte, und dankt mit aufgehenkten Händen dem allmächtigen Gott, daß er sie in dieser Noth nit verlassen. – Aber dieser glorreiche Sieg verursachet nit wenige Aengsten in dem Herzen dieser Judith, in Erwägung, daß man ihr bei der hohen Obrigkeit keinen Glauben werde erstatten, aus Mangel der Zeugen und Zeugnuß, und also mehr für eine Mörderinn, als Obsiegerinn erkennt werden. Doch nit verzagt, gedacht sie, ich verlaß mich auf Gott, Gott wird mich nit verlassen! Gehet den anderen Tag ganz beherzet zu dem Magistrat, eröffnet demselben mit allen Umständen fein redlich und offenherzig die Begebenheit, wodurch es in der ganzen Stadt gar bald lautmaulig worden, und nicht eine geringe Anzahl zu diesem lebendigen und todten Esel sich verfüget. War doch niemand, der diesen Bösewicht erkannte, bis endlich einige hervor kommen, welche mit augenscheinlichem Beweisthum dargethan, daß dieser jene verruchte Gesell und Mörder sey, auf dessen Kopf vor wenig Jahren die Stadt Rom 300 Dukaten geschlagen. Und weilen solches sowohl schriftlich als mündlich bezeugt worden, [477] also hat man diesem Weib die dreihundert Ducaten ausgezahlt, um weilen sie diesen Bösewicht aus dem Wege geraumt: mit welchem Geld das preiswürdigste Weib ihren Mann auf freien Fuß gestellt, und nachmalens ihrer ehrlichen Lebens-Unterhaltung gepflogen. O wunderbarliche Vorsichtigkeit Gottes!

Die Poeten phantasiren viel von einem mit NamenArgus, daß er habe hundert Augen gehabt, welcher ein Hirt und Hüter war der Jo. Das heißt geflogen ohne F. Aber von Gott ist es die Wahrheit, daß er ein pures Aug sey, welches unaufhörlich wacht über alle Geschöpfe der Welt, forderist über den Menschen. Weßwegen die Apostel einen Verweis verdient, als sie Christum in dem Schiffel wegen Ungestümme des Meers haben aufgewedet, modicae fidei. Denn ob er schon Menschheit halber sanft geschlafen, so hat er aber Gottheit halber nit geschlafen. Zu was dienen denn, ô Vigilanti deine Mucken? warum verweißen dann deine Haar die Sorgen, o Sorgiane? weßwegen beladen dein Herz so viel Aengsten, o Simplici? indem du weißt, du hörst und glaubst, daß Gott der himmlische Vater über dich wache und sorge! Nisi efficiamini, sicut parvuli etc.: »mache es lieber wie die kleinen Kinder,« die scherzen auf der Gasse, reiten auf einem hölzernen Klepper bauen Dilli Dalli Häusl, führen eine Prozession von einer papiernen Fahne, halten ein Schießen mit Holder-Büchsen, richten eine Festung von einem Scheerhaufen; mit einem Wort: sie leben ohne Sorgen, und wann sie ein Hunger angreift,[478] so laufen sie zum Vater, Papn, Papn, Papn, wissen wohl, daß der Vater über sie Sorg trägt und sie väterlich ernähret. Ne solliciti sitis animae vestrae, quid manducetis, nequè corpori vestro, quid induamini: »Sorget nit für euer Leben, was ihr essen werdet, noch für eueren Leib, womit ihr euch bekleiden, sollt.«

Wann dem also, sagt mancher, so schieb ich die Händ' in Sack, hänge meinen Werkzeug an den Nagel, wirf die Hacke in einen Winkel, lege mich auf einen Strohsack, und erwarte, wie mich Gott wunderbarlicher Weis' werde erhalten, weilen ich mich nit sorgen darf um die Unterhaltung. Gemach, gemach, mein Christ! derjenige Fluch währet noch, welchen Gott dem Adam auf den Rücken geladen: In dem Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen! Der hl. Paulus auch in seinem Apostolat hat sein Brod gewonnen mit Arbeit, und hat einen Zeltschneider abgeben, der hl. Joseph hat sich und sein armes Haus mit der Zimmer-Arbeit ausgehalten. Indem dann Christus der Heiland die Sorgfältigkeit verboten, wird hierdurch nicht alles Sorgen ausgeschlossen, sondern nur allein die übermäßigen Mucken, die gar zu ängstliche Kummernuß, die gar zu forchtsame Kleinmüthigkeit werden verworfen, wann jemand nemlich trachtet und wachet nach nichts anderm, als wie er sich und die Seinigen soll erhalten, und sogar der göttlichen Providenz nichts überläßt. Ein jeder soll zu Morgens, wann es Zeit und Gelegenheit zulassen, eine hl. Meß hören, in Abgang derer wenigst sich durch ein hl. Gebet dem allmächtigen Gott befehlen; nachmals gehe der Tischler zu seinem Hobel, der Kirschner zu seinem Zobel, der Schuster zu seinem Leder, der Schreiber [479] zu seiner Feder, der Schneider zu seiner Scheer, der Kramer zu seiner Waar', der Fleischhacker zu seinem Beil, der Schlosser zu seiner Feil, der Lederer zu seinen Garben, der Maler zu seinen Farben, der Buchbinder zu seinen Büchern, der Gwölb-Diener zu seinen Tüchern, der Maurer zu seiner Kehlen, der Weißgerber zu seinen Fellen etc. Ein jeder gehe zu seiner Arbeit, treibe sein Gewerbe, thue keinem Unrecht, lasse nichts ermanglen an seinem Fleiß; im übrigen mach er sich weiter keine Mucken, sondern laß es alles über seinem himmlischen Vater und seiner göttlichen Vorsichtigkeit, lache und singe, hupfe und springe. Juhu! sey allzeit guten Muths! Solchergestalten wird dich Gott zeitlich und ewig segnen. Aber ein Judas-Bruder, ein sorgfältiger Phantast, der stets hinter den Ohren kratzt, und sogar das Vater unser, und in dem Vater unser das Gib uns heut unser tägliches Brod vergißt, sondern nur auf Menschen-Fleiß, auf Menschen-Hilf, auf Menschen-Witz, auf Menschen-Vortheil traut und baut, der ist nit werth, daß er solle Gott seinen Vater nennen, auf dessen Obsorg er sich so wenig verläßt!

[480]

Zweiter Band

Judas Iscarioth war Anfangs ein stiller Dieb
[5]Judas Iscarioth war Anfangs ein stiller, aber ein subtiler Dieb, mit der Zeit aber ist er ein Haupt-Dieb worden.

Nachdem Judas Iscarioth von Christo dem Herrn als Pagator und Zahlmeister der apostolischen Kassa, wie auch Procurator des heiligen Collegii erwählt worden, hat er sich Anfangs gar wohl und ruhmwürdig verhalten, mit jedermann bescheiden und bescheid umgangen, beinebens als ein exemplarischer Mann mit gutem Exempel bei den Leuten eine große Auferbaulichkeit verursachet; weßwegen er in solches Ansehen kommen, daß die jüdischen Knaben und hebräischen Mägdlein auf der Gasse allerseits zu ihm geloffen, ihm Hand und Rock küßt und für einen hl. Mann gehalten. Ja wenn forchtsame Leut' bisweilen etwas wollten von Christo dem Herrn auswirken, so nahmen sie ihre Zuflucht bei dem Juda, bittend, er wolle doch mit seiner Vermögenheit sie bei dem Herrn recommandiren. Es ist aber eine kleine Zeit angestanden, so ist aus diesem Gras ein Heu worden, so ist dieser Baum wurmstichig worden, so ist dieser Bach trüb worden, so ist Judas ein Dieb worden etc. Aber anfangs ein kleiner, subtiler, forchtsamer, scrupuloser[5] Dieb; dann er erstlich nur einen Groschen gemaust, was wollt' das seyn! nachmalens zwei Groschen gefischt, das ist ein Bagatell! nach und nach drei Groschen gezogen, das gehet hin! mit der Weil vier Groschen ertappet, folgends mehr und mehr, bis er endlich allemal von zehen Gulden einen gestohlen, von hundert Gulden zehen entfremdet, auf die Letzt gar um das Geld Jesum das höchste Gut verkauft! – Wer also kleine Mängel nit achtet, der wird bald in große Laster fallen.

Ich weiß eine Sau, die hat keine Augen, keinen Rüßel, keinen Kopf, keinen Fuß, und ist doch eine Sau, das ist wunderlich! ich weiß eine Sau, die hat keine Haut, keine Borsten, kein Fleisch, keinen Speck; ist doch eine Sau, das ist seltsam! Ich weiß eine Sau, die lebt nit und frißt doch mehr, als eine ganze Heerde Säu, das ist artig! Ganges ist ein vornehmer Fluß in India, Partolus ein vornehmer Fluß in Lydia, Jordanus ein vornehmer Fluß in Palästina, Nilus ein vornehmer Fluß in Aegypten, Coaspes ein vornehmer Fluß in Persien, Euphrates ein vornehmer Fluß in Armenia, Mosel ein vornehmer Fluß in Niederland, Donau ein vornehmer Fluß in Deutschland, Moldau ein vornehmer Fluß in Böheim, Savus auf deutsch die Sau, ein vornehmer Fluß in Sclavonien. Diese Sau hat kein Maul, lebt nit, und frißt doch viel: da beißt sie ein Stuck Acker hinweg, dort eine Reihe Wiesen, anderwärts eine große Gstädte, an einem andern Ort ein halbes Dorf, unterhalb eine ganze Au! Ei, du grobe Sau! Wo diese Sau entspringt, ist sie so klein, daß ein [6] jähriges Kind darinn ohne Forcht eines Schiffbruchs tändlen kann und scherzen, wie in einem Badwandel, etlich Spannen breit, ein halbe Spann tief; und dannoch – wann sie eine Weile rinnt und lauft, wird aus einem so kleinen Wässerl ein so großer Fluß, aus einer kleinen Sau mit der Weile eine großmächtige Sau!

Die Menschen, und forderist die lasterhaften Menschen seynd mehrestentheil gesittet und gesinnt, wie dieser Fluß Savus, die Sau. Keiner – ist gewiß – keiner – glaub du mir – keiner – du wirst es nit läugnen – keiner wird auf einmal eine grobe Sau, eine unzüchtige Sau, ein wilder Saumagen, sondern er fängt an erstlich von kleinen Fehlern, und so man die kleinen Unvollkommenheiten nicht achtet, so wird man sich mit der Zeit unfehlbar in große und abscheuliche Laster stürzen: »Qui modica spernit, paulatim decidet.« Den Judas um Bericht: Adam auf dem damascenischen Acker aus einer rothen Erde, wie die mehrsten Scribenten davor halten, von den Händen des Allmächtigen erschaffen, war in das Paradies gesetzet worden, als ein König: massen ihm Alles den Gehorsam mußte leisten und unter seiner Botmäßigkeit leben. Ihm Adam hat allweg dieser folgender Titul gebühret: Adamus der erste dieses Namens, mächtigster König des ganzen Erdbodens, durchlauchtigster Erz- Herzog des Paradies, Herzog des damascenischen Gebiets, Graf zu Freudenthal, Herr zu Allegro etc. Adam stund dazumalen in solcher [7] Glückseligkeit, daß, wann er nit Adam heißte, hätte er billig sich Felix, Faustus oder Fortunatus nennen können. Ihm manglete nichts an Reichthum, nichts an der Gesundheit, nichts an der Schönheit, nichts an der Ehr' und Reputation. Er hatte einen ansehnlichen Hofstaat, der ihn nach allem Wunsch bediente. Seine Kammer-Herren waren die vier Elemente, seine Kammer-Diener waren die vier edlen Complexiones, seine Lakeien waren die Löwen, Tieger, Hirsche etc., so alle ihm aufs Beste aufgewartet; seine Hof-Musikanten waren die Vögel der Luft: der Rab war sein Bassist, die Amsel war der Tenorist, der Fink war der Altist, die Nachtigal war der Discantist, der Gimpel spielte auf der Viol de Gamba, die Elster auf dem hölzernen Gelächter, der Baumhäckel auf dem Hackbrettel etc.; seine Licht-Kammer war die Sonn, sein Hof-Tapezier war der mit Blumen gestickte, gespickte Erdboden. Ueber alles dieses hat ihn Gott mit einer solchen Prinzessinn verheirathet, welche da nit schöner konnte mit dem Pinsel des Apelles entworfen werden, nicht anderst, als wär' sie von der Schönheit selbst, als einer Mutter geboren, nicht anderst, als wär' sie von der Holdseligkeit selbst als einer Amme gesäuget worden, nicht anderst, [8] als wär sie von der Freundlichkeit selbst als einer Kindswärterinn erzogen worden. Er und sie, sie und er, beede stunden in größter Glückseligkeit. – Aber gedenke! diese zwei glückseligen Kreaturen seynd bald hernach ins größte Elend gerathen, aus dem Paradies verbandisirt worden, und ihnen anstatt des Scepters nachmalen der Krampen eingehändigt worden: das ist ein Unstern! wie ist es hergangen? also und nicht anderst: Sie haben von kleinen Fehlern angefangen, nachmals also spöttlich gefallen. Die Eva hat vorwitziger Weis' zum Paradies hinaus geschaut, das war ein kleiner Fehler; die Eva hat ein unnütz Gespräch gehabt mit der Schlange, mehr eine kleine Unvollkommenheit; die Eva hat den Apfel abgebrochen, wieder eine kleine Sünd; der Adam hat ihr derentwegen keinen Verweis geben: es war auch das nit Recht; endlich seynd alle beede so spöttlich gefallen in das größte Verderben, um weilen sie kleine Mängel nit geacht. – Wer keine Funken nit achtet, der hat zu förchten eine große Brunst; wer die kleinen Dachtropfen nit achtet, der hat mit der Zeit zu förchten den Untergang des Hauses; wer ein kleines Löchel nit achtet in dem Schiff, der hat zu förchten, daß er nach und nach das Schiff versenke; der ein kleines Sandkörnlein nit achtet in einem Pulver-Stampf, der hat zu förchten, auf daß nit Alles in dem Rauch aufgehe: wer auch die kleinen Mängel [9] nit achtet, der hat zu förchten, daß er nicht bald in große Laster falle. Dann vom kleinen fängt man an.

Des egyptischen Joseph seine Brüder seynd alle von dem Haushalter für Aufraumer, für Bankfischer, fär Tischleerer, für Dieb' gehalten worden; als hätten sie Ihro Hochfürstlichen Gnaden dem Joseph einen Becher entfremdet: Quem furati esti. Aber, aber, aber – es ist dem Ruben Unrecht geschehen; der Simeon war kein Dieb; der Levi war ein redlicher Kerl; dem Juda geschieht hierinfalls eine Injuri; der Nephtali hat solche Schmach wohl zu empfinden; der Isaschar hat sein Lebtag nit also krumme Finger gemacht; der Gad gibt keinen Mauser ab; der Dan, ob er schon nit der beste ist, so ist er doch dießfalls unschuldig; der Zabulon thät sich schämen, wenn er einmal nur einer Nadelgroß hätte gestohlen; der Aser eben deßgleichen; von dem ehrlichen und wohlerzognen Benjamin ist gar klein Argwohn zu schöpfen. O mein lieber alter Tätl Jacob, so soll es dir in deinem väterlichen Herzen also Wehe thun, wann du hören sollst, daß man deine Söhne Dieb nennet! Pfuy! Dieb? Herr Haushalter, gemach mit der Braut, halt das Maul! was meint ihr, soll der fromme Vater Jacob lauter Dieb an seinen Kindern erzogen haben? das nit, das gar nit, nichts weniger als dieß!

Aber leider! wie viel werden Eltern angetroffen, welche an ihren Kindern die Schand' erleben, da sie solche am hell-lichten Galgen sehen hängen? Es seynd [10] aber Vater und Mutter selbst die eigentliche Ursach des Untergangs ihrer Kinder; dann hätten sie solche bei Zeiten mit scharfer Ruthe gezüchtiget, wie sie die kleinen Ding' geklaubt haben, so würden nie solche Haupt-Dieb daraus erwachsen seyn. Vom Kleinen fängt man an: Qui modica spernit, paulatim decidet!

In einer vornehmen Stadt hat sich einst ein Haupt-Dieb aufgehalten, welcher unterschiedliche Diebstähl' durch seine Arglist begangen. Unter anderen ist Folgendes sehr denkwürdig gewesen: Er begab sich in bemeld'ter Stadt zu einem sehr reichen und wohlbegüterten Kaufmann, von dem er die gewisse Nachricht eingebracht, daß er innerhalb zwei Tagen werde auf einen vornehmen Jahrmarkt verreisen. Bittet demnach denselbigen Handelsmann, er wolle doch sammt seinen Waaren ihm auch eine Truhe mitnehmen, worin sehr kostbare Sachen; verspricht nit nur allein alle Reis'- und Führ-Unkosten abzustatten, sondern noch darzu eine beliebige Gratifikation zuzusetzen, sobald er in fünf oder sechs Tagen auch dahin werde abreisen. Der gute und ehrliche Kaufmann wollt ihm diese Bitt' nit abschlagen, zeigt sich in allweg ganz willfährig, mit dem Verlaut, er wolle die Truhen nur lassen herbeibringen. Das war nun dem Erz-Schalk eine gewünschte Sach': welcher sich dann bald durch ihrer Zwei gleichen Gelichters hat lassen einsperren in ein große Truhe oder Verschlag, und folgends in das Gewölb gedachten Handelsmanns tragen [11] lassen, welcher des guten Glaubens war, als seyen hierin vornehme Waaren verschlossen. Indem nun die finstere Nacht herbeikommen, und das Handels-Gewölb allerseits versperret und verrieglet war, da sucht dieser Haupt-Dieb, wie er möcht' aus diesem hölzernen Arrest heraus kommen, und den Kaufladen ausraumen. Weilen er aber, nach Gewohnheit der Handelsmänner, alle Racht pflegte einen wachsamen Hund in das Gewölb zu sperren, und solcher das Geräusch in dieser Truhe vermerkt, hat er mit ungestümmem Beißen und Bellen den Dieb verrathen. Wie dann bereits derenthalben Alle im Haus' erwacht und unverweilt in das Gewölb herunter gestiegen, da sie mit Verwunderung den Augenschein eingenommen, wie ungewöhnlich und gleichsam ganz rasend der Hund gegen diese fremde Truhen sich verhalte. Indem nun solches der Anwesenden Gedanken zu unterschiedlichen Argwohn veranlasset, hat der verschmitzte Bösewicht in dieser seiner Noth die Arglist erdenket: ganz in der Stille zwei Schlüsseln aus dem Sack gezogen, und dieselben zwölfmal auf einander geschlagen, welches allen Gegenwärtigen den gefaßten Argwohn benommen, forderist, weilen der Handelsmann der gänzlichen Meinung war, als seyen neben anderen Sachen auch kostbare Uhrwerk in dieser Truhen, wie sie dann bereits haben hören 12 schlagen. Damit nun der Hund wegen solcher Uhrwerk nit fernere Ungelegenheit mache, und allen den Uebrigen Schlaf benehme, ist solcher treue Melampus aus dem Gewölb' geschafft worden, welches dem schlimmen Gesellen [12] ein gewünschter Handel war: wie er dann bald hernach aus dieser Truhen heraus geschloffen, und um viel tausend Gulden aus dem Gewölb geraubt. Das war ja ein Haupt-Dieb, der einen besonderen Galgen verdienet. Aber glaubst du, daß er auf einmal ein so großer Dieb worden? O nein! Nemo repentè sit pessimus. Er hat, wie alle andern großen Diebe, mit kleinen Sachen angefangen. Anfangs stiehlt man einen Federkiel, vom Federkiel kommt man zum Federmesserl, vom Federmesserl kommt man zum Federbusch, vom Federbusch kommt man zum Federbett etc. allzeit weiter. Anfangs stiehlt man einen Handschuh, vom Handschuh kommt man zum Handtuch, vom Handtuch kommt man zum Handbeck, vom Handbeck kommt man zum Handpferd etc. allzeit weiter. Gleichwie man pflegt in andern Sachen zu steigen. Z.B. Anfangs ist einer ein Schüler, nachmals ein Student, nachmals ein Baccalaureus, nachmals ein Magister, nachmals ein Licentiat, nachmals ein Doctor. Erstlich ist einer ein Lehr-Jung, alsdann ein Gesell, alsdann ein Meister, alsdann ein Bürger, alsdann ein Rathsherr etc. Erstlich ist einer ein Pikenirer, mit der Weil ein Gefreiter, mit der Zeit ein Fähndrich, mit der Zeit ein Hauptmann, mit der Zeit ein Obrister. Deßgleichen steigt auch der Mensch in den Untugenden. Anfangs ist er ein kleiner Dieb, steht nit [13] lang an, so wird er ein größerer; wart' eine Weile, so wird der größte Dieb daraus! Solchergestalten ist der Mensch, wie einer, der durch einen tiefen Fluß waten will. Erstlich geht er in das Wasser bis auf die Kniee, nachgehends bis auf den Nabel, alsdann bis unter die Arme, mit der Weil gar, bis ihm das Wasser in das Maul rinnet. Auf gleiche Weis' wird sich keiner gleich in die größten Laster stürzen, sondern nach und nach. Erstlich stiehlt er eine Nadel, nach sechs Tagen stiehlt er ein Nähkissen, nach sechs Wochen stiehlt er mehr, nach sechs Monaten wird er ein rechter Dieb, nach sechs Jahren wird er gehenkt.Qui spernit modica, paulatim decidet!

Wie der Herr Jesus von dem Berg Tabor herabgestiegen, allwo er seine himmlische Glorie in etwas entworfen, hat er unter dem häufigen Volk daselbst einen jungen Menschen angetroffen, welcher von Kindheit auf vom bösen Feind besessen war. Dieses armen Tropfen leiblicher Vater war gegenwärtig und klagte mit allen Umständen den müheseligen Zustand seines Sohnes, sagte beinebens, wie tyrannisch dieser höllische Geist den armen Menschen tractire: »Frequenter eum in ignem misit:« ja der Teufel habe ihn schon zum öftern in das Feuer geworfen. Worüber sich Jesus erbarmet, der satanischen Larve ernstlich befohlen, daß sie unverzüglich von dannen weichen solle, wie es dann geschehen. Nit nur einmal einer, nicht nur zehnmal zehne, nicht nur dreißigmal dreißig, nicht nur sechzigmal sechzig, nicht nur hundertmal hundert, nicht nur tausendmal tausend, sondern mehr, viel mehr, wer wills zählen, wer kanns [14] zählen? unzählbar mehr und mehr werden auf dieser verkehrten, bethörten, versehrten Welt gefunden, die eines gleichen Zustands seynd, wie dieser arme Tropf. »Frequenter eum in ignem misit.« O wie viel er undsie, wie viel Pauli und Paulinä, wie viel Franzisci und Franziscä, wie viel Christiani und Chrstinä werden angetroffen, welche alle vom bösen Feind öfters, gar oft ins Feuer geworfen werden! Ist leicht zu erachten, was für ein Feuer: Luxuria oder Lux urens, dieUnzucht hat die Welt, die mehresten Länder in der Welt, die mehresten Oerter der Länder in der Welt spöttlich angezünd't. O wie stinkende Flammen, weit über die, so von Sodoma und Gomorrha empor gestiegen! Die Astrologi schreiben wohl, daß die sieben Planeten weit von uns entfernet seyn. Sie schreiben, daß der Mond als ein Planet fünfzehn tausend sieben hundert und fünfzig Meil von uns sey; sie schreiben, daß der Mercurius als ein Planet sieben tausend acht hundert sieben und siebenzig Meil ober dem Mond sey; sie schreiben, daß Venus als ein Planet sieben tausend acht hundert und siebenzig Meil ober dem Mercurio sey. Sie schreiben also, wir aber anderst; nemlich, daß Venus ganz nahe bei uns sey, mitten unter uns. Weßwegen recht der hl. Joannes gesprochen: Mundus in maligno (id est, in malo igno) positus est. Das [15] sehen alle Tag die Augen, das hören alle Tag die Ohren, das redet alle Tag die Zunge, das schreiben alle Tag die Händ', das denkt alle Tag das Herz bei vielen, bei dem Samson nit allein, bei dem Salomon nit allein, bei dem Sichem nit allein, bei dem Ruben nit allein, bei dem Abimelech nit allein, bei dem Ammon nit allein, bei der Rahab nit allein, bei dem David nit allein, sondern auch bei Reginas, Christinas, Sabinas, Marinas, Lidwinas etc., bei viel Fridericos, Rodericos, Ericos, Ludovicos, Emericos, Udalricos etc. Der hl. Philippus Nereus hat allemal die Nase zugehalten, wann er bei einem solchen unzüchtigen Menschen vorbei gangen. Wann er der Zeit noch lebete, so müßte er fast alleweil mit dem Tüchel die Nase verstopfen.

Was kann erschrecklicher seyn, als was Delrio erzählet? In Flandern waren drei Sauf-Brüder, welche mit Schlemmen und Schlimmem die mehreste Zeit vertrieben. Weilen aber Weinbär und Weiber nur einen Buchstaben von einander, und Bachus und Bauchus in bester Verwandtschaft und Bekanntschaft mit der cyprischen Dama; also waren gedachte Gesellen sowohl große Trinker als große Stinker – verstehe unzüchtige Böck' und geile Mistfinken. Ein jeder hatte seine Concubin und unverschämte [16] Fettl, mit welchen sie ohne Gewissen, ohne Forcht, ohne Scheu, ohne Ehr einen solchen üblen Wandel führeten. Einsmals bei erwachsener Nacht, nachdem sie satt und matt des vollbrachten Luders wollten schlafen gehen, sagte einer aus diesen: Nun, Gott sey gedankt, heut haben wir einen guten Muth verbracht! O Gimpel! widersetzet der andere, ich danke derenthalben Gott nit, sondern dem Teufel, welcher mir so stattlich an die Hand gehet. Mit dieser Spott-Red sammt beigeselltem Gelächter werfen sich diese Luder-Bursch in das Bett, und fallen unverweilt in einen tiefen Schlaf, der aber bald genommen worden. Denn gleich hernach durch grausame Gewalt der Teufel in der Gestalt eines Jägers die Thür eingesprengt und mit flammenden Augen in die Kammer hineingetreten, mit Begleitung zweier Kuchel-Jungen: »Allo! sprechend, wo ist derjenige, der mir so schön gedankt? nun bin ich gegenwärtig, mich einzustellen.« – Befiehlt alsobalden denen zweien Kuchel-Jungen, sie sollen diesen Gesellen aus dem warmen Bett heraus reißen, an einen Spieß stecken und braten; welchem Befehl sie schleunigst nachkommen und den armseligen Menschen also gebraten, daß von dem Gestank die Kammer voll, beede Mitgespänn aber mit Forcht also voll, daß sie eine geraume Weil' ohne Sinnen gelegen. Nach vollbrachtem diesem so grausamen Spectacul wendet sich der Satan zu den zween, drohend, dafern ihm von Gott die Gewalt nit wäre gebunden, so [17] wollt er sie auf gleiche Weis' empfangen. Nachdem der helle Tag angebrochen, stunden diese fast in einem Zweifel, ob es ein Traum oder Geschicht gewest, haben aber bald gesehen, daß es von dem gerechten Gott eine gebührende Straf ihres Muthwillens gewesen, indem sie ihren Mit-Kammeraden todt und über und über gebraten in dem Bett gefunden.

Wer läßt sich einfallen, wer macht sich so einfältige Gedanken, als ob dieser auf einmal ein solcher Ludersack worden? O das nit! er hat ungezweifelt vom Kleinen angefangen. Wann ein muthwilliges Kind in einen tiefen Brunnen ein Steinlein wirft, so wird man wahrnehmen, daß solches Steinle auf dem Wasser ein kleines Zirkele macht, dieses kleine Zirkele macht gleich noch ein anders und ein größers, dieses größere macht mehrmalen einen weiten runden Kreis, bis endlich von einem kleinen solchen Zirkel oder Kreis, große, größere, die größten Kreise gemacht werden. Eine fast gleiche Beschaffenheit hat es mit der Sünde: Der Satan befleißt sich, wie er möge den Menschen zu einem kleinen Fehler bringen, wohl wissend, daß ein Fehler dem andern die Schnalle in die Hand gibt. Anfangs ist man unbehutsam in den Augen, wie jener junge Mönch, der mit einem alten etliche Tag ausgereist: unterwegs haben sie ein Weibsbild angetroffen, welche der alte mit freundlichen Worten bewillkommet, und ein kurzes Gespräch mit ihr gepflogen, nachgehends sie wiederum gar höflich beurlaubet. Wie sie nun ihren Weg also fortgenommen, [18] fängt der alte an, sie über alle Massen zu loben und hervor zu streichen die Wohlgestalt und das hübsche Angesicht dieser Frau, hierdurch des Fratris sträflichen Vorwitz heraus zu locken. Sagte also der fromme Vater: O mein lieber Frater, ich habe lange Zeit hero ein so wohlgeschaffenes Weibsbild nit angetroffen; sie hat ja ein Paar Wangen, die da hangen, die da prangen wie die Rosen. Helena aus Griechenland muß sich fast verkriechen vor ihr; ei es ist immer Schad', daß sie einen Mangel in den Augen hat und einäugig ist! Was? sagt der Frater, verzeiht mirs, mein Vater, ihr habt wohl nit recht gesehen, sie ist keineswegs einäugig, sondern sie hat ein Paar Augen, wie Diamanten, ich hab es gar wohl in Acht genommen. So, sprach der Alte, so, mein junger Lector! sollst du so unbehutsam seyn in den Augen? Weißt du das nit, daß die Angen die ersten Kurrier' und Furier' seynd zum Sündigen, und dem menschlichen Willen den gebahnten Weg zeigen zu allen Lastern? »Est oculus scopulus titulo meliore vocandus.« Den David hat das vidit zum fecit gemacht; den David hat das Sehen zum Geschehen zogen; dem David hat das Gaffen viel Uebel beschaffen. Vom Sehen kommt man zum Denken, vom Denken kommt man zum Gefallen, vom [19] Gefallen kommt man zum Wollen, vom Wöllen kommt man in die Höllen. Ich bin versichert, daß jene saubere Dama des Herrn Putiphars, königlichen Ministers Frau Gemahlinn nicht gleich das erstemal den keuschen Joseph mit dem dormi mecum wird angetastet haben, sondern sie hat ungezweiflet vorhero seine schöne Gestalt betracht, sich in seine rothe Lippen vergafft, seine weißen Händ' beschnarcht, und also von einem zum andern gestiegen, bis sie letzlich gottlos, gewissenlos beschlossen, ihren Mann unter das Zeichen des Widders zu stellen.

Wann der Himmel voll mit Stern, so ist es ihm ein Lob; wann aber der Himmel sternvoll ist, so ist es eine Schand' und ein Schad: wer weiß, ob nit das Wörtlein Dolor die Lateiner vom Dolio deriviren, massen von dem Wein oft manches Weinen und Klagen entspringet. Holofernes hätte nie den Kopf verloren, wann ihm nit der Kopf vom Wein wäre um und um gangen. Heli der Hohepriester hat einst der gottseligen Annä, des Elcanä Frau Gemahlinn eine große Unbild zugefüget, indem er ihr vorgerupfet, sie sey eine Bürgerinn zu Kandelberg, und habe zu stark das Oktober-Bier eingenommen: da sie doch, die fromme Frau, ihr Lebtag kein Wein verkostet. Aber in unsern Zeiten trifft man wohl solche Weinfalter an mit langen Röcken, [20] die vom Trinken Bibianae, oder vom Saufen Potamianae könnten genennet werden. Mir ist von einer gar gewiß erzählet worden, welche auf einer Kirchfahrt unterwegs das Maul mit dem Wein gar zu stark ausgeschwemmet, daß ihr also der Tummel in Kopf und der Tremulant in die Füß kommen. Wie sie nun in eine, unweit des Wegs erbaute St. Annä Kirch eingetreten und in Mitte derselben bei dem Opfer-Stock sich niedergelassen, hat ihr der Schwindel je länger je mehr das Hirn eingenommen, also, daß sie vermeint, der Altar gehe um und um, wessenthalben sie in diese ja lächerliche Wort ausgebrochen: »O meine hl. Anna! ich bins ja nit werth, ich bins ja nit würdig, es ist ja gar zu viel: ich hab' vermeint, ich wollt um dich herum gehen, so sehe ich aber, du gehest um mich herum!« Lasse mir diese eine saubere Frau seyn! Aber die Männer werden hierinfalls mehr beschuldiget! weßwegen der Grammatist wohl konnte dem Poeten sein Carmen verändern und also setzen: Quae maribus solum tribuuntur vascula sunto. Es ist sich nit wenig zu verwundern, wie Christus der Herr so viel tausend Menschen gespeiset hat wunderbarlicher Weis' in der [21] Wüste, und nicht nur allein alle nach Contento gesättiget, sondern so gar zwölf Körb' voll Brod geübriget. Zu verwundern ist, daß nit einer aus dieser volkreichen Versammlung hat auch einen Trunk begehret. Wann wären Deutsche dabei gewest, ist wohl zu glauben, daß einer oder der andere hätte um einen Trunk Wein supplicirt; massen dieser Nation ihr übler Nachklang ist, daß sie zu viel dem Wein ergeben, als sollt' ihr Leben durch die Reben – vita per – vitem erhalten werden. Dergleichen Weinschläuch' könnten fast ohne Ziel und ohne Zahl beigebracht werden: Einer, vor dießmal ein Romaner, kommt mir unter die Händ', von dem Gumpenbergerus schreibt, welcher ein solcher unmäßiger Weinegl war, daß er mit dem reichen Prasser fast täglich sich berauschte, und zuweilen also bezecht, daß er eine Paßgeige für einen Bettler, eine schwarze Kuh für einen Kapellan, und einen Polster für eine Gans angesehen. Nachdem einmal den ganzen Nachmittag diese Sau beim weißen Lämml gesessen und sich also angetrunken, daß er in dem Heimgehen hin und her gestolpert, als wollt er mit den Füßen hebräisch schreiben, ist er endlich in eine große Kothlache gefallen, wie dann für einen solchen Kopf keine andere Lauge gebühret. Als nun dieser Kothkäfer in seinem unfläthigen Saubad also zappelte, so ist der Teufel in der Gestalt eines Weibes zu ihm kommen mit einer Latern – denn es bereits die tiefe Nacht war – und[22] nachdem sie ihn mit langen Worten, mit hartem Verweis, mit zornigem Mundstück angeblasen, hat sie den wilden und im Koth gebeziten Lümmel aufgehebt, nach Haus zu führen. Wie sie nun einen geraumen Weg fortgangen, so vermerkt dieser Schlemmer, daß er auf einem hohen Berg sey, und sehe vor seiner eine große Menge der bösen Feind, welche allesammt gleichstimmend geschrieen: Bring um, bring um! Solcher Schrecken hat alsobald den dicken Rausch vertrieben, also, daß er mit lauter Stimm' geschrieen: Sancta Maria in viâ latâ, stehe mir bei! Sobald er die Hilf der Himmels-Königinn flehentlich angerufen, seynd alle höllischen Larven verschwunden. Nachmals hat er wahrgenommen, daß nicht sein Weib, sondern der Satan ihn an selbiges Ort geführet, von welchem er ungezweiflet durch teuflische Gewalt wäre gestürzet worden. – Glaubst du anjetzo, daß dieser Weinzapf auf einmal ein solcher Sau-Magen worden? Das nicht, sondern er hat vom Kleinen angefangen: erstlich nur allemal ein Gläsel ausgetrunken, vom Gläsel ist er zum Glas, vom Glas zum Krug, vom Krug zur Kandel, und also kommen zu einem solchen versoffenen Wandel; erstlich lernen trinkenUtiliter, darnach Realiter, alsdann Mirabiliter, folgends Faciliter, mit der Weil Solenniter, auf die letztLamentabiliter. Mit drei Jahren hat er geschrieen:[23] Mamma trinken! mit vier Jahren hat er geschrieen: Mutter trinken! mit fünf Jahren hat geschrieen: Vater saufen! im sechsten Jahr hat er seinen Vater schon ins Wirthshaus begleitet; im sechszehnten Jahr ist er gangen am Sonntag zum meißen Rößl, am Montag zum blauen Kessel, am Erchtag zum guldenen Lämmel, am Mittwoch zum grünen Gämpl, am Pfingstag zur guldenen Sonn, am Freitag zum wilden Mann, am Samstag bei der grünen Linden: läßt sich also beim Saufen eine ganze Woche finden. »Qui modica spernit, paulatim decidet: nach und nach lernet man die Untugenden!«

Lucas schreibt von einem Weib, welche zehen Groschen hatte: nachdem sie aber einen aus diesen verloren, so zündet sie ein Licht an, kehrt das ganze Haus aus, sucht unten, sucht oben, sucht da, sucht dorten, sucht vorn, sucht hinten, sucht in der Mitte, sucht aus und aus, sucht ein und ein, sucht um und um, bis sie ihn findet, und wann sie ihn endlich gefunden, so erfreuet sie sich von Herzen etc. Das ist ein gutes, stattliches, häusliches Weib, welche also auf einen Groschen gehet! dergleichen gute Hauswirthinnen findet man annoch an vielen Orten, welche nicht nur allein Acht haben auf einen Groschen, sondern auch auf einen Kreuzer, auf einen Pfenning; [24] unterdessen aber ihre Männer 20, auch 30, auch 40, auch 50 Gulden mit Karten und Würsten verschwenden.

Von dem König Pharao bezeugt sattsam die hl. Schrift, daß er neben seinem Leben auch sehr großen Schatz und Lebens-Mittel im rothen Meer verloren. Eine manche arme Haut, die klagt und hat zu klagen, daß ihr Mann fast alles das Seinige nicht im rothenMeer, wohl aber im rothen Fluß verloren hat; verstehe also, daß er dem Spielen zu sehr ergeben, mit einem andern Spiellumpen Labet gekart', und als zum mehresten gestanden, hat dieser lauter Herz bekommen, das war ein Fluß, und zwar ein rother, worinnen ihr Mann einen ziemlichen Schiffbruch gelitten.

Von dem Absolon ist auch genug weltkundig, daß ein Eichbaum Ursach gewest, daß er um das Leben kommen. Daß der, daß dieser, daß jener, daß viel auch um ihr Leben, absonderlich aber und forderist um ihre Lebens-Mittel kommen, ist nit Ursach der Eichbaum, wohl aber der Eichel-Ober, den man sonst zu mehreren Ehren den Pamphilium nennet. Von Vielen weiß man, daß sie Haus und Hof verspielet, und also weit armseliger worden, als ein Schneck, den gleichwohl die Natur mit eigner Behausung versieht.

Der Samson hat mit einem dürren Bein, benanntlich mit einem Esels-Kinnbacken, denen Philistern den größten Schaden zugefügt. Ein mancher reicher Herr ist arm worden, ein mancher reicher Kaufmann ist nothleidig worden, ein mancher reicher Bürger ist ein Bettler worden, daß also der erste, der andere, der dritte [25] nichts anders sagt, als: jetzt bin ich geschlagen, ich bin geschlagen, ich bin geschlagen! Ja, ja, ja, du bist geschlagen, ihr seyd geschlagen, und zwar wie die Philister durch den Samson mit einem dürren Bein, also ihr durch ein dürres, aber vierecketes Bein, verstehe die Würfel. Das Bein des Samson hat Wasser gebracht, das Bein bei den Würflen bringt auch Wasser; aber leider! aus den Augen der Weiber, der Kinder rinnen die Zäher, um weilen die Beiner ihnen das Fleisch verspielet.

In der vornehmen Stadt Bononia, welches so viel heißt, als Bona omnia, hat sich ein gottloser Spieler befunden, welcher einmal, um weilen er selbigen Tag lauter widriges Glück im Spielen erfahren, also unsinnig ergrimmt, daß er fast rasend zu der Stadt-Mauer geeilet, worauf die Bildnuß der Mutter Gottes mit gutem Pinsel entworfen war, dieselbe nicht nur allein mit lästerlichen Worten beleidiget, sondern auch mit seinem Dolch etliche Wunden versetzet, aus welchen das häufige Blut herausgequellet. Dieser Bösewicht wurde nachmals zur billigen Straf gezogen und außer der Stadt gegen die Mauer hinüber, wo die Bildnuß war, an den lichten Galgen gehenket. Es ist aber anbei auch dieses denkwürdig geschehen, daß gedachter Galgen-Schwengel wegen des Sonnenscheins den Schatten von seinem Leib geworfen hat auf obbenennte Mauer, dergestalten, daß selber bis auf den heutigen Tag weder durch Schnee, Wind, Wasser, noch einige andere Weis' kann ausgetilgt werden.

Dieser und seines Glifters mehr ist nit auf einmal[26] ein solcher Erz-Spieler worden, sondern hat ebenmäßig von kleinen Dingen angefangen; dann der böse Feind mehrestentheils argumentirt à minori ad majus: der Erz-Schalk wendet die Leut' zu Sünden und Lastern, wie man pflegt bei uns in der Prozession zu gehen; von Anfangs wird man sehen gehen die kleinen Knaben, nach und nach alleweil größer, größer, größer: also bringt der arge Satan den unbehutsamen Menschen anfangs nur zu kleinen Verbrechen, zu läßlichen Fehlern, geringen Unvollkommenheiten; aber nach und nach alleweil größer, bis er ein lasterhafter Tropf wird; und rührt solches Uebel meistens daher, weilen er das Kleine nit geacht. Von Anfang hat man ein Wohlgefallen an der Karten: mittler Weile spielt man um eine Ruß, nachmals um einen Pfenning, alsdann um einen Groschen, nachgehends um einen Gulden, mit der Zeit um das Wammes, letztlich um die Hosen; alsdann stiehlt er, und kommt zum Profosen. Vom Kleinen kommt man zu dem Großen!

Was hat das ganze Engelland zu einem Teufel-Land gemacht? Anfangs ein einiger vorwitziger Anblick Henrici auf Annam Bolenam. Was hat das Schweizerland von dem Haus Oesterreich abgesondert? Anfangs fünf Wörter, mehr nit. Was hat die mahometische Sect [27] und ottomanische Gwalt nach Europa gebracht? Drei Wörter, mehr nicht, indem man die Saracener Hund genennet hat. – Des Königs Pharaon sein Mundbäck ist wegen eines kleinen Steinleins auf den Galgen kommen. Ist Schad'! wanns gleichwohl ein Müller wäre gewest – ein Steinlein ist ja ein kleines Wesen. Der Poet Anacreon ist an einem kleinen Weinkörn'l erstickt. Ist ja eine kleine Sach' ein Weinkörn'l! Henricus II. König in Frankreich ist an einem kleinen Splitter Holz gestorben, so ihm in das Aug' kommen. Ein Splitter ist ja ein kleines Ding. Viel, o wie viel, o nur gar zu viel seynd Erz-Dieb worden, die Anfangs nur einen Pfenning entfremdet. Ein Pfenning ist ja eine kleine Sach'! Nit wenig, gar nit wenig seynd die größten Huestentreiber worden, die erstlich nur fürwitzig in Augen gewest. Fürwitz ist ja eine kleine Sach'! Manche, freilich wohl manche seynd die größten Lügner und eidbrüchige Gesellen worden, welche Anfangs nur ein wenig gespickt. Spicken ist ja ein kleines Wesen! Und dannoch aus diesem kleinen Funken entspringt eine solche Brunst, aus diesem Blätterle wird ein solches Geschwür, aus diesem Kern wird ein solcher Baum, aus diesem Kind wird ein solcher Riese, aus dieser kleinen Sünd entspringen solche große Laster.

Kein solches Klagen, kein solches Plagen, kein solches Zwagen hat vom Anbeginn der Welt bis auf diese Zeiten ausgestanden ein König, als wie der Pharao, dieser ägyptische Monarch, von dem Mose; welcher große Mann Gottes durch seine Wunder-Ruthe –[28] von dero noch ein Theil in der Kirche St. Severini zu Kölln am Rhein aufbehalten wird – diesem hartnäckigen Fürsten zehen große Plagen auf den Rücken gebunden. Moses macht, daß alles Wasser in Egypten in lauteres Blut verkehrt worden, damit Pharao auch solle schamroth werden, um weilen er den wahren Gott nit erkennet; Moses macht, daß eine solche Menge Frösch' im ganzen Reich entstanden, daß auch die grünen Quackitzer auf allen Tafeln herum hupften, und so man nur eine Schüssel abgedecket, war alsobalden ein solcher verdrießlicher Lachendrescher darinnen; Moses macht, daß so viel große, kleine, dicke, dünne, lange, kurze, braune, grüne, weiße, schwarze Mucken im ganzen Land entstanden, daß hiervon die Leut' schier unsinnig worden – und hat der König selbst manchen Stich auf die Nasen von solchen kleinen Feinden leiden müssen; Moses macht, daß eine solche dicke Finsterniß in Egypten worden, daß einer den andern nit gesehen, der auch neben seiner gestanden – der gute Mann glaubte, Pharao soll durch diese Finsterniß erleuchtet werden; – Moses macht, daß noch viel andere große, ja größte Plagen über den Pharao kommen. Wessenthalben der König oft hinter den – Ohren gekratzt, oft von inniglichem Herzen geseufzet, oft vor andern seinen Hof-Herren und Hof-Beamten geklagt: ach, was hab' ich gethan! wie bin ich doch so unbesonnen gewest! dem Uebel hätt' ich gar wohl können vorkommen, hatte ich dazumalen dem Mosi den Hals umgerieben, wie er noch als ein kleines Kind auf der Schoß meiner Tochter Thermuth gelegen! ach, hätte ich ihm damalen den Rest geben, wie [29] er als ein Kind mein königliches Diadema von seinem Kopf herunter gerissen! es ist mir doch dazumalen schon vorgangen, der Bub werde einsmal große Unruhe verursachen. Ei! ei! hätte ich Mosen in der Kindfätschen erwürget, so wäre er nit also aufgewachsen, und thät mir folgsam nit eine Plag' über die andere auf den Rücken schicken!

Dieser Wunsch ist bei Mehrern. Seufzet nit mancher arme Tropf, der da Diebstahl halber hinausgeführet wird, und wider seinen Willen muß hoch angesehen seyn? beklagt sich nicht öfter ein solcher bei dem Pater, so ihm das Begleit gibt: o Pater, hätte ich in meiner Jugend die kleinen Diebstähl' unterlassen, so müßte ich anjetzo nit eines so schmählichen Tods sterben! O, hätt ich, sagt eine andere, auf jenes Bürschl nicht die Augen geworfen, hätt ich doch den Schnier-Riem' nicht angenommen, hätte ich nur die Händ nit druckt, so wär' ich in diesen öffentlichen Spott nit gerathen! O, hätt' ich, sagt die hunderte, die Sünd abgewöhnt, wie sie noch klein war, so hätte ich anjetzo nit einen solchen Busen voll der Laster! O hätte ich also! – – Wann man die kleinen Fehler nit austilget, so wachsen sie freilich wohl wie das kleine Senfkörnlein im Evangelio, welches zu einem großes Baum worden, daß auch die Vögel der Luft auf seinen Aesten loschiren; so wachsen sie freilich, wie Moses, der aus einem kleinen armen Pupillen, so in einem Binsen Körblein daher geschwommen, ein solcher[30] Mann worden, daß er den König Pharao sammt den Seinigen in den Untergang gestürzet hat.

Jene Statua oder Wunder-Bildnuß des Königs Nabuchodonosor hatte ein Haupt von Gold, die Brust und Arm' von Silber, den Bauch sammt den Lenden von Erz, die Schenkel von Eisen, die Füß' theils von Eisen, theils von Hafner-Erden; endlich ein kleines Steinl hat diese stattliche Statue zu Boden geworfen und zertrümmert. Dieser Statue seynd gleich unterschiedliche heilige Orden und Religionen in der katholischen Kirche: Haben nit diese allesammt ein guldenes Haupt gehabt, einen guldenen Anfang, der voller Eifer und Vollkommenheit war? aber nach und nach seynd sie schlechter worden, daß also der Prophet Jeremias folgender Gestalt über sie zu klagen hat: Wie ist das Gold verdunklet, und die allerschönste Farb verändert? wie seynd die Stein des Heiligthums zerstreuet, und liegen auf den Ecken aller Gassen! die edelsten Kinder Sion, welche mit dem allerfeinsten Gold bekleidet waren, wie seynd sie nun geacht wie erdene Geschirr, so die Hand des Hafners gemacht hat! Wie viel heilige Orden seynd dergestalten in Untergang kommen, daß sie entweders gar vom päbstlichen Stuhl ausgetilgt oder wenigst reformiret worden! Was war nit für ein heiliger und der Kirche höchst nützlicher Orden der Tempel-Herren, welcher unter dem Pabst Gelasio II. von zweien heiligmäßigen Rittern, Hugo de Paganis und Gaufredo a S. Audomaro gestift worden! Dieser schöne Orden mit dem weißen Kleid [31] und rothen Kreuz hat sich in der ganzen Welt ausgebreitet, auch hat sich der hl. Bernardus glückselig geschätzt, daß sie seine heilige Regel angenommen. Erstgedachter hl. Orden ist viel hundert Jahr' im größten Ruhm gestanden, endlich aber zu Wienn in Frankreich durch das Concilium ausgerottet worden unter dem Pabst Clemens dem Fünften, dergestalten, daß alle dessen Ordens-Genossen in einem Tag, und zwar in einer Stund' seynd umgebracht worden Anno 1311. Der Großmeister dieses Ordens zu Paris in Frankreich wurde auf öffentlichem Scheiter-Haufen verbrennet. Dieser Orden war Anfangs so herrlich und heilig, und ist dannoch mit der Weil in abscheuliche Laster, in lästerliche Abgötterei, in abgötterische Sünden gerathen, – nicht auf einmal, sondern nach und nach: Anfangs hat man kleine Mängel übersehen, diese haben nachmals größere Untugenden ausgebrütet, endlich hat man ohne Scheu und Forcht Gottes gesündiget. Der Teufel baut weit anderst, als die sauberen Adams-Kinder: diese baueten den Thurm Babel Anfangs von der Erd auf sehr dick, nachmals alleweil je höher je kleiner; aber der Fürst der Finsternuß führt sein Gebäu auf Anfangs ganz klein, von kleinen Sünden, nachgehends allezeit größer. Derenthalben gar recht der hl. Evangelist Matthäus schreibt: »Securis ad radicem arboris posita est etc. – die Hacke sey schon an die Wurzel des Baums gesetzt.« – Freilich soll man die Laster ausrotten, da sie noch in der Wurzel seynd, damit [32] sie nit erwachsen. Hätte Judas den Diebstahl eines Groschen gemeidet, so wäre er niemalen ein solcher Erz-Dieb worden.

Judas Iscarioth macht aus dem Stehlen eine Gewohnheit
Judas Iscarioth macht aus dem Stehlen eine Gewohnheit, welche er nit mehr hat lassen können.

Es war Judas schon eine geraume Zeit ein geheimer Dieb, und führte dieser Fuchs (wann er doch soll einen gleichfarbigen Bart haben gehabt) einen steten Greifen in seinem Wappen; welches dann der apostolische Beutel ziemlich erfahren, und das Almosen, so dem heiligen Collegio gutherzig mitgetheilt worden, fast einen ärgeren Wurm gelitten, als des Jonas seine Kürbis-Blätter; welches dem Herrn Jesu höchst mißfallen, daß er in seinen apostolischen Zwölfeneinen habe, der das siebente Gebot so gewissenlos übertrete. Wessenthalben der gebenedeite Heiland den Judam etlichmal ganz alleinig beiseits geführt, ihm in aller Still, damit sein guter Name im mindesten nicht angegriffen werde, mit aller Sanftmuth eine Ermahnung geben: Sieh, mein lieber Apostel Juda, ich hab' dich aus grundloser Gütigkeit zu so hohen Würden erhoben, daß du auch kraft meiner allmächtigen Mitwirkung große Wunder und Miracul zeigest, deßwegen es sich auch geziemet, daß du andern mit gutem Exempel vorgehest; nun [33] aber spüre ich das Widerspiel, indem du ohne einige Forcht Gottes zum höchsten Nachtheil deiner Seele das Gewissen mit öfterem Diebstahl überladest: gedenke doch, was genaue Rechenschaft du am jüngsten Tag mußt ablegen! Judas hörete solche mildherzige Ermahnung mit unterschlagenen Augen, und versprach jedesmal ganz guldene Berg, daß er sich mit dem Silber nit mehr will vergreifen, sondern hinfüran ein treuer Apostel, wie es sein sein heiliges Amt erforderet, beharrlich verbleiben. – Es stund aber eine kleine Zeit an, so hat er mehrmalen kleine Finger gemacht und noch kräftiger gestohlen, als zuvor; dann er hatte es schon gewohnet und konnte es nit mehr lassen.

Der Israeliten ihre Kleider haben 40 Jahr in der Wüste gedauert, und ist nicht ein Faden an ihnen versehrt worden: das waren dauerhafte Kleider! Die Kleider des hl. Apostels Bartholomäi seynd 25 Jahr also neu geblieben, als hätte er sie den ersten Tag angezogen, da er doch in allem Regen und Ungewitter selbige getragen: das waren dauerhafte Kleider! Der hl. Apollonius lebte 40 Jahr in der Wüste Thebais, und diente Gott mit größtem Eifer. In währender dieser langen Zeit tragte er ein einiges Kleid, so doch nie eraltet noch zerrissen: das waren dauerhafte Kleider! Die Kleider, welche 50 ganzer Jahr der hl. Eremit Abraham am Leib tragte, seynd nie abgeschaben, noch weniger an einem Fetzen verletzet worden: das waren dauerhafte Kleider! Die Kleider des hl. Bischof Meinuverei haben 340 Jahr in dem Grab unter der Erde also gedauret, daß sie [34] nach so vielen Jahren ganz neu seynd erfunden worden: das waren dauerhafte Kleider! Die Kleider des hl. Bischof Attonis, des hl. Königs Eduard, des hl. Martyrers Ferreoli, des hl Amandi, des hl. Bennonis, des hl. Vulstani, des hl. Cuthberti, des hl. Franzisci, des hl. Xaverii, der hl. Theresiä seynd so viel Jahr unter der Erden, auch im frischen Kalk unversehrt geblieben: das waren dauerhafte Kleider! Aber ich weiß ein Kleid, das ist zwar nit heilig, wie diese, aber noch dauerhafter als diese, es ist gar von Eisen, welches der Teufel selbst geschmied't, und wird genennt eine eiserne Pfaid.

Das hl. Evangelium bezeuget, daß die Mörder jenen armen Trvpfen, so von Jerusalem nach Jericho reiste, haben neben großen Stöß' und Wunden nit allein das Seinige hinweg genommen, was er in seinem Ranzen tragte, sondern sogar seine Kleider ausgezogen. Ob sie ihm wenigstens das Hemmet gelassen, stehet im Zweifel. Ich aber wollte wünschen, daß ich auch manchen könnte das Hemmet ausziehen welches die Deutschen an den mehristen Orten ein Pfaid nennen: verstehe hierdurch die böse Gewohnheit, so da im gemeinen Sprichwort eine eiserne Pfaid benamset wird, weilen sie nemlich gar zu lang dauert und gar selten zerrissen wird! [35] Adolescens juxta viam suam, etiam cum senuerit, non recedet ab ea.

Der mehresten Lehrer Aussag ist, daß die Höll sey in dem Centro oder Mittelpunkt der Erden, und liege ganz gerad unter der Stadt Jerusalem; massen der Psalmist sagt: Operatus est salutem in medio terra. Auch solle auf dem Berg Kalvariä linker Hand, wo der böse Schächer ist gekreuziget worden, noch ein großer Ritz oder Loch mit Blut besprengt zu sehen seyn, wodurch gedachter Mörder mit Leib und Seel sey in die Hölle gestürzt worden. Also – schreibt neben andern Brocard – aus dem solle fügsam zu schließen seyn, daß die Höll, dieser Kerker der Verdammten, unterhalb liege. Wann die Höll, dieses peinliche Folterhaus, sey erschaffen worden, stimmen die Scribenten nicht allerseits überein: massen etliche vermeinen, die Höll sey den ersten Tag, andere den dritten Tag erschaffen worden von Anbeginn der Welt. Dem sey, wie ihm woll. In der Höll ist begraben worden der reiche Prasser, welches zu Genügen aus dem hl. Evangelio abzunehmen, und sobald der unglückselige Mensch dahin kommen, hat er gleich die Zung aus seinem Rachen heraus gestrecket und ganz weheklagend zu dem Abraham, in dessen Schoß der Lazarus ruhete, um einige Erquickung aufgeschrieen wegen seines unleidentlichen Dursts. Welches ja zu [36] verwundern, daß er nichts anderst klagte, als den Durst, zudem alles an ihm gelitten. Dann es war Feur an ihm, es war Feur in ihm, es war Feur ober ihm, es war Feur unter ihm, es war Feur neben ihm, es war Feur um ihn, daß also der Kopf im Feur, der Hals im Feur, die Schultern im Feur, der Leib im Feur, die Füß im Feur, und folgsam hat er am ganzen Leib gelitten. Warum beklagt er sich dann allein wegen des Dursts? Es hat das Gesicht gelitten, um weilen er mußte anschauen die höllische Larve, welche dergstalten abscheulich, daß die hl. Gertrudis beschlossen, lieber bis auf den jüngsten Tag mit bloßen Füßen auf glühenden Kohlen zu gehen, als nur augenblicklich solcher satanischer Ungestalt ansichtig zu werden. Es hat das Gehör gelitten theils ob dem Zwitschern der höllischen Schlangen, theis ob der Verdammten unaufhörlichem Rufen: ach wehe ewig! ach wehe ewig! ewig! Es hat der Geruch gelitten wegen des aufsteigenden Schwefel-Dampfs aus dieser höllischen Pfütze; wie dann auch muthmaßlich ist, daß aller Gestank und Unflat der Erde in die Hölle rinne. Es hat die Fühlung gelitten, dann der Leib nichts als Flammen, Feuer-Funken empfunden. Dannoch ungeacht dessen beklagt sich dieser armselige Tropf nur wegen der Zunge und des Dursts. Verwundere dich dessen aber nicht zu stark, sondern gedenke, daß dieböse Gewohnheit eine eiserne Pfaid! Was [37] der Erz-Schlemmer auf der Welt hat gewohnt, das hat er sogar in der Höll nit gelassen. Epulabatur quotidiè splendidè: er war ein unmäßiger Saufer, Vormittag nit nüchtern, Nachmittag rauschig, bei der Nacht voll, er war ein lauterer Weinschwurm, ein Weinschwemmer, ein Weinschwimmer, ein Weinschweller, ein Weinschwender, und also gewohnt das Saufen, daß er auch in der Höll nur zu trinken begehrt. –

So gehts: wann man einmal ein Laster gewohnt hat, selbiges kann man so leichtlich nit abgewöhnen. In die Luft bauen ist umsonst bauen, auf Sand bauen ist umsonst bauen, ins Wasser schlagen ist umsonst schlagen, einen Mohren waschen ist umsonst waschen, einen dicken Baum biegen ist umsonst biegen, einen alten Schaden kuriren ist umsonst kuriren, eine böse Gewohnheit als eine eiserne Pfaid zerreißen ist umsonst zerreißen. Usitata culpa obligat mentem, ut nequaqum surgere possit ad poenitudinem.

Der Lamech, des alten Methusalems Sohn, hatte zwei Weiber, eine hat geheißen Ada, die andere Sella. Sella soll ein jedwedes rechtschaffenes Weib heißen; denn Sella zurück gelesen heißt alles. Nemlichalles soll ein Weib haben, was die Tugend von ihr erfordert. Dieser Lamech war also dem Hetzen und Jagen ergeben, daß er die mehreste Zeit in [38] Wäldern und grünen Auen zugebracht. Endlich ist er wegen des großen Alters ganz blind worden, so viel schier als nichts gesehen, derenthalben er einen eignen Jung gehalten, den ihn mußte führen. Auf einen Tag gingen diese zwei aus. Der Alte vermerkt hinter einer Hecke oder Gebüsch ein kleines Geräusch, fragt den Jungen, ob er auch etwas wahrnehme? Ja, antwortet der Bub, alleinig sehe er nur, daß sich das Gesträuch bewegt ohne was anders. Lamech vermuthet nit anders, als daß ein Wildstück hinter der Hecke halte. Läßt sich demnach den Bogen spannen, und selben auf gedachten Ort richten, druckt den Bogen ab und trifft – was? nit ein Wildstuck, wohl aber einen wilden Sünder, den Kain, welcher sich daselbst verborgen. Solcher unvermutheter Todschlag an seinem Vetter hat ihn also verwirrt gemacht, daß er sich halb unsinnig von aller menschlichen Gesellschaft entäußert, nur in Wildnüssen und Einöden seine Wohnung gesucht. Warum daß der alte Schaf-Kopf Lamech das Jagen nit unterwegs hat gelassen, zumalen er aller blind? Krumm seyn und einen Boten abgeben reimt sich nicht; contract seyn und einen Organisten abgeben schickt sich nicht; stumm seyn und einen Musikanten abgeben ist nit möglich; thörisch seyn und einen Beichtvater abgeben kann nit seyn; blind seyn und einen Jäger abgeben kann auch nit seyn. Weilen aber der Lamech das Jagen und das Hetzen gewohnt hat in der Jugend, die Gewohnheit aber [39] eine eiserne Pfaid: so hat es der alte Rotzer auch im Alter nit lassen können.

Wer ein schlimmer Jäger ist von Jugend auf, salva venia ein Huren-Jäger, der wird es auch im Alter nicht lassen. Glaub du mir, die Gewohnheit ist eineeiserne Pfaid! Wer viel Jahr istMagdeburger, der wird nie werden ein Reinfelder; wer viel Jahr ist der Venus ihr Candidatus, der wird mir selten werden ein Candidus; wer viel Jahr wird cyprisch leben – dann aus dieser Insel Venus gebürtig – der wird niemalen cyprianisch werden: Miteinem Wort, Lamech war ein Dendl-Jäger in der Jugend, und hats nit gelassen in dem Alter, du oder ein anderer bist ein Diendl-Jäger in der Jugend, werdest auch nit lassen im Alter! Die Gewohnheit ist eine eiserne Pfaid.

Lächerlich ist es, was ein Poet dichtet, und phantasirt von einer Katze eines Schusters. Diese Katz war schneeweiß und dem Meister Paul absonderlich gar angenehm, um weilen diese pelzene Mausfall die Mäus' und alles schädliche Ungeziefer aus dem Weg geraumet. Die Mäus' als verstohlene Mauser [40] beklagten sich dessen nicht wenig, daß sie einen so tyrannischen Feind haben, und halten mehrmalen dessenthalben eine Zusammenkunft, reiflich berathschlagend, wie doch größerem Uebel vorzukommen sey; sonst seyen sie gezwungen das Logement zu quittiren, und endlich ihre harte Nahrung auf dem Feld zu suchen. Die Sach wurde letztlich beschlossen, man solle eine Allianz eintreten mit des Meisters Paul seinem Haushund, auch zu diesem End' ein Schreiben und Missiv verfertiget worden, worinnen gedachter Coridan zur guten Verständnuß möchte gezogen werden; alsdann werde dieser tapfere Haus-Wächter ihrem Feind wohl gewachsen seyn. Unterdessen, als solches Schreiben im Werk war, so ist der Katze ein Unglück widerfahren, indem sie unvermutheter Weis' in ein Schaf gefallen, welches voll mit Schuster-Schwärze, wodurch der weiße Kader ganz kohlschwarz worden. Wie nun ein Paar Mäus' als Gesandte dem Haushund den Brief zu überbringen wirklich unterwegs waren, und aber wahrgenommen, daß die weiße Katz wider alle Hoffnung schwarz daher gehe, haben sie eilends in der Sache ihre Prinzipale bericht, unter welchen dann ein ungewöhnlicher Jubel- und Freudenschall entstanden. Denn alle Mäus', alle, alle waren der unfehlbaren Meinung, es sey die Katz in ein Kloster [41] gangen, und habe eine schwarze Kutte angelegt; wessenthalben sie ohne Zweifel jetzo nicht mehr wird dörfen Fleisch essen, sey also hierdurch den armen Mäusen das freie Passiren wiederum; wie sie dann haufenweis aus ihren Löchern heraus geschlichen. Sobald aber die Katz diese freche Bursch' ersehen, hat sie deren etliche erlegt, die übrigen aber sich bekümmerlich mit der Flucht salviret und mit größtem Schaden erfahren, daß wahr sey und wahr bleibe das gemeine Sprichwort: Die Katz läßt das Mausen nit. Es ist ihre Natur. Die böse Gewohnheit ist nit allein eineeiserne Pfaid, sondern auch eine andere Natur, welche sich nit mehr läßt verbesseren.

Wer seynd jene gewest, welche Susannam als einen lebendigen Tempel Gottes wollten räuberisch verunehren? wer seynd jene Geier gewest, welche Susannam als eine unschuldige Taube in ihre Klauen wollten bringen? wer seynd jene Wölf' gewest, welche Susannam als ein schneeweißes Lämmel wollten in Rachen ziehen? wer seynd jene Kothkäser gewest, welche Susannä als einer geschämigen Rose wollten schaden? Seynd sie etwann junge Studenten gewest, welche kaum konnten den Syllogismum in Barbara formiren, und suchten ihn schon in Susanna? sie etwann junge Kaufmanns-Diener gewest, welche [42] öfters mit Schamloth als Schamroth umgehen? seynd sie etwann junge Soldaten gewest, die nur wollten Schildwacht stehen bei der Frauen-Pastei? seynd sie etwann junge Herren-Diener oder Lakeien gewest, welche mehrmalen unter einer blauen und himmelfarbenen Livere ein höllisches Gewissen tragen? seynd sie etwann junge Kanzellisten oder Schreiber gewest, welche die Ehr der Susannä wollten in das schwarze Buch bringen? seynds etwann junge Edel-Leut gewest, welche erst aus den Ländern kommen, und diese babylonische Dame in unziemender Meinung wollten bedienen? Nein, nein, nein! nichts jung; sondern es waren zwei alte, aber nit kalte, zwei schneeweiße Dieb, eisgraue Vögel, zwei alte richtige Richter zu Babylon. O es ehrvergessene Vocativi! wer sollte von euch argwohnen einen Genitivum? wer sollte meinen, daß die Pfeil des blinden Buben Cupido auch sollten durchdringen eine solche alte, zähe Haut? wer sollte glauben, daß unter dem Schnee dieser weißen Haare ein solcher hitziger Sommer liege? Aber was ist so stark zu verwundern? Die Katz läßt das Mausen nit! Diese Gesellen waren schon in der Jugend solche Raben gewest, welche dem stinkenden Aas nachgesetzt; diese Bösewicht seynd schon in der Jugend solche Jäger gewest, die immer die Dianas[43] aufgesucht. Sie haben es gewohnt; jetzt in dem Alter können sie es nit lassen. Die Gewohnheit ist eine eiserne Pfaid, läßt sich nit zerreißen.

Es ist ein alter Reim: wann er sich schon übel reimt, so schickt er sich doch gar wohl hieher:


Daemon languebat, melior tunc esse volebat;
Postquam convaluit, mansit, ut ante fuit:

»Der Teufel war sehr übelauf

Und stund ihm schier das Leben drauf:

Drum wollt' er in die Kirche gehen

Und von der alten Art abstehen.

Nachdem er aber gnommen ein

Und wieder kommen auf die Bein,

Hat ers, als wie zuvor getrieben,

Und ist der alte Teufel blieben.«


So gehts: Ach lieber Jesu, o gütigster Gott – spricht mancher Patient in seinem Bett'l – hilf mir nur dasmal auf! heilige Mutter Gottes zu Zell, o Maria zu Alten-Oetting, hilf, hilf mir nur dießmal auf die Füß! ach, wie will ich nachmals so emsig meinem Gotr dienen, wie brav will ich mich zur ewigen Glückseligkeit ausstaffiren! o es arme Bettler, es werdet gewiß an mir einen Vater haben! ich will mich wohl nimmer unter die schlimmen Bursch mischen, nicht weniger als alle Tage drei [44] heilige Messen hören! die Bestia will ich nit mehr lassen für die Augen kommen! o Gott, wie will ich den Herrn Pamphilium und seine drei Brüder so fein in den Ofen schicken und darmit einheizen! hat sich wohl volltrinken! soll mich kein Teufel mehr zum rothen Kreuz bringen, lieber fleißig zu den Kapuzinern, zu den Augustinern, zu den Franziscanern, zu den Dominicanern, zu den Minoriten, zu den Barnabiten etc. in die Kirchen gangen. Ach der Pater Melchior redt wohl erschrecklich vom schwarzen Kasperl, wie er in der Hölle die Seelen peinige! o Gott! hilf mir nur dießmal aus dieser Krankheit, ich will einen heiligen Wandel führen! – Seynd das nit gute, gut süße, gut geschmalzene Wort? Wann er wieder aufsteht: Postquam convaluit, mansit, ut ante fuit:


»So bald er nur genommen ein

Und kommen ist auf seine Bein,

Hat ers als wie zuvor getrieben,

Und ist der alte Teufel blieben« –


ein Maul-Christ, als wie vorhero, ein Partitenmacher, als wie vorhero, ein Hu- etc. treiber, wie zuvor. Holla! ich irre mich, er ist ärger worden, dann er zuvor gewest ist! Die Katz läßt das Mausen nit; die Gelegenheit ist eine eiserne Pfaid; was man einmal gewohnt, das kann man so leicht nit abgewöhnen.

Solche Leut kommen in die Predigt; es gefällt[45] ihnen das Concept des Predigers, sie loben des Predigers apostolischen Eifer, oft denken sie: Holla! da trifft er mich wohl auch. Es ist wohl wahr, das Zeitliche hat so gar keinen Bestand, und in jener Welt ist das Ewige, ach, Ewige, Ewige! Ich muß wahrhaftig einen andern Wandel anfangen! Ach Gott! ewig! ewig! ich will mich bessern. Si, si, ja, ja, gar gewiß!Scilicet: Mansit, ut ante fuit:


»Es bleibt allzeit wie zuvor,

Es läßt sich nicht waschen dieser Mohr.«


Der wunderthätige Antonius Paduanus predigte einsmals in der Stadt Rimini die Lehr' Jesu Christi, welcher Doctrin der Ketzer Bombellus sammt den mehresten Innwohnern zuwider waren; welches dann verursachet, daß Antonius unter seiner Predigt wenig Zuhörer bekommen, ja mit der Weil nichts, als hölzerne Zuhörer, nemlich die Herren von Bankenried und Stühllingen: will sagen, nichts als Stühl und Bänk in der Kirche. Solches schmerzte Antonium, daß denen Riminesern besser schmeckte der egyptische Knoblauch des Bombelli, als das süße Manna des Wortes Gottes. Wann dann, sagt Antonius, der Same des göttlichen Worts dieser Erde mißfällt, so will ich ihn werfen in das Wasser, und weil mich die Menschen verachten, so werden mich doch die Fisch anhören. Antonius in großer Begleitschaft gehet zu dem Gestad' des Meers, fangt an zu predigen das[46] Evangelium Jesu Christ – siehe Wunder! bei dem schönen trucknen Wetter lauter nasse Zuhörer! massen alle Fisch ganz eilfertig dem Gestad' zugeschwummen, die Köpf aus dem Wusser gehebt, und der Predigt zugehöret.


Die Karpfen mit Rogen

Seynd all hieher gezogen,

Hab'n d'Mäuler aufgrissen,

Sich des Zuhörens beflissen.

Kein' Predigt niemalen

Den Karpfen so gfallen.

Spitzgoschete Hechten,

Die immerzu fechten,

Seynd eilends herg'schwommen,

Zu hören den Frommen.

Kein' Predigt niemalen

Dem Hechten so g'fallen.

Platteißl so da klein,

Wolltn die letzten nit seyn,

Antoni zu Ehren,

Sein Predigt zu hören.

Kein' Predigt niemalen

Den Fischln so gfallen.

Auch jene Phantasten,

So gmein'glich beim Fasten –

Thue Stockfisch verstehen –

Hat man auch da gsehen.

Kein' Predigt niemalen

Dem Stockfisch so gfallen.

Sardellen gut Bißln,

Wanns liegen in Schüßln,

[47]

Schwimmen emsig zum Port,

Zum göttlichen Wort.

Kein Predigt niemalen

Den Fischln so gfallen.

Gut Aalen, gut Hausen,

Vornehme gern schmausen,

Sich daher bequemen,

Die Predigt vernehmen.

Kein' Predigt niemalen

Dem Hausen so gfallen.

Die Sälbling und Aeschen,

Sonst trefflich zum Naschen,

Vor Freuden schier gsprungen,

Zu hören die Zungen.

Kein' Predigt niemalen

Dem Fisch so gefallen.

Auch Krebsen, Schild-Kroten,

Sonst langsame Boten,

Steigen eilends vom Grund,

Zu hören diesen Mund.

Kein' Predigt niemalen

Dem Krebsen so gfallen.

Fisch große, Fisch kleine,

Vornehme und gmeine

Heben in d'Höh die Köpf,

Wie verständige Geschöpf,

Auf Gottes Begehren

Antonium anhören.


Nach vollendeter Predigt des wunderthätigen Manns haben alle Fisch' die Köpf geneigt und sich bedankt der wunderschönen Lehr', nachmals wiederum [48] unter das Wasser geschwummen; – aber Fisch verblieben wie zuvor: der Stockfisch ein plumper Großkopf geblieben wie zuvor; der Hecht ein Karpfen-Dieb geblieben wie zuvor; die Schildkrot' ein Faullenzer geblieben wie zuvor; die Krepsen zurück gangen wie zuvor; die Aalen geile Gesellen geblieben wie zuvor. In Summa, die Predigt hat ihnen gefallen, aber sie seynd geblieben wie zuvor. Also gehen viel Neidige in die Predigt, hören, wie Gott so scharf gestraft den Neid des Cain, des Sauls, des Esau, der Brüder Joseph, aber bessern sich nicht; viel Hoffärtige gehen in die Predigt, hören, wie der gerechte Gott so scharf gezüchtiget die Hoffart der Babylonier, der Agar, des Lucifer, des Nabuchodonosor, des Antiochi, des Amman etc. – aber bessern sich nicht; viel Dieb gehen in die Predigt, hören, wie die göttliche Justiz ist kommen und gestraft hat den Diebstahl des Achan, des Judä, des Nabaths etc. und bessern sich nicht; viel Unzüchtige gehen in die Predigt, und vernehmen nicht ohne Schrecken, wie der Allmächtige gestraft hat den Ammon, den Herodes, den Holofernes, die Sodomiter, die Sichemiter etc. und bessern sich nicht; denn sie können es nit mehr lassen, wie die Katz das Mausen, wie der Wolf das Zausen, wie der Ochs das Röhren, wie das Schaf das Plärren: die Gewohnheit ist eine eiserne Pfaid, die Gewohnheit ist schon in der Natur, und die Natur ist in der Gewohnheit. Einen alten Baum biegen, das kann ich nit; einen alten Hund guschen [49] lehren, das kann ich nit; ein altes Mail aus einem Kleid bringen, das kann ich nit; einem eine alte Sünd abgewöhnen, das kann ich noch weniger. Sicut erat in principio ein Weinkaufer, et nunc ein Weinsaufer, et semper ein Weintaufer: Er läßt es nit.

Friederich Graf zu Cilla – welches schöne große Gebiet der Zeiten dem Herzog in Steiermark gehörig – hatte neben seiner Frau Gemahlinn, so eine vornehme Gräfinn aus Croaten war, eine eigne Concubin, Namens Veronica, aber nit Verecunda. In diesen Schleppsack war er also verliebt, daß er ihr zur Gnad die Frau Gemahlinn mit seinen Händen ermord't hat; welches seinem Herrn Vater Hermann dergestalten mißfallen, daß er allweg gesucht, diesen lasterhaften Kothsack aus dem Weg zu räumen: wie es dann eine wenige Zeit angestanden, daß er solche erwischt und in einen Fluß versenkt hat, zu löschen das stinkende Feuer, welches seinen Sohn Friederich also entzündet hat. Aber die Katz läßt das Mausen nit. Friederich gab keinen Frieden, sondern luderte noch weiter fort, und zwar noch heftiger. Dem nächsten besten nahm er durch Gewaltigkeit sein Weib hinweg, ganze Herden! und große Schaaren der jungen Töchter hat er in seinem Pallast eingeschlossen, an Hexen und Zauberern hat er ein besonders [50] Wohlgefallen, die Kirchen-Güter hat er ganz gewissenlos zu sich zogen, und einen solchen lasterhaften Wandel geführt bis in das neunzigste Jahr. In diesem hohen Alter, als ein 90 jähriger Greis, gibt er sich auf die Reis' nach Rom, allwo er gebeicht' und einen vollkommenen Vorsatz geschöpft, nicht mehr also Gott beleidigen und sein eigenes Gewissen beschweren. Nach erhaltenem heiligen Ablaß nimmt er seinen Rückweg wiederum nach Cilla; – und glaubst du, daß dieser 90 jähriger Tättl aufgehört habe vom Sündigen? Nit um ein Haar ist er besser worden: Mansit, ut ante fuit: Was er mit 20 Jahren geübet, das hat er mit 40 Jahren gewohnt, das hat er mit 80 Jahren getrieben, das hat er auch nach 90 Jahren nit gelassen. Und als man ihn ernstlich ermahnte, was ihm doch Rom habe genutzet, indem er doch wiederum in den vorigen Wust falle, hat er noch scherzweis die Antwort geben: sein Schuster, nachdem er von Rom kommen, mache auch Stiefel und Schuh wie zuvor. Das heißt ja: Fornicarius senescit, in quo libido non senescit. So stark und mächtig ist die Gewohnheit, daß man dieselbe gleichsam nit kann ablegen, als mit dem Leben.

Das Manna oder Himmel-Brod, welches Gott der Allmächtige den Israeliten so wunderbarlich geschenkt und geschickt hat, war eines so seltsamen Safts und Krafts, daß der Geschmack aller Speisen darinn und daran zu finden: Eine Schokolade aus Spanien, [51] ein Fricasse aus Frankreich, eine Stuffada aus Italien, ein Golatschen aus Böhmen, ein Schunken aus Westphalen, eine Knackwurst aus Pommern, ein Käs aus Holland, ein Züger aus Schweizerland, ein Pfannzelten aus Schwaben, Kapaunen aus Steiermark, Lerchen aus Oesterreich etc. alles und alles thät man darinn, daran, daraus empfinden; wem süß oder sauer, wem gesalzen oder geschmalzen, wem gesotten oder gebraten, wem gewürzt oder gepfeffert geschmeckt hat, das hat er gefunden und empfunden in dem Manna; ein Linsen-Koch eines Esau, ein Mehl-Koch eines Habakuks, ein Kitzel-Fleisch eines Isaacs, ein Kalb-Fleisch eines Abrahams, Wachtlen der Israeliten, einen Fisch Peters – alles was zum Essen und beim Essen schmeckt, das hat man gefunden und empfunden an dem Manna. Gott hat es den Israeliten gleichsam geküchlet, und dannoch haben diese ehrvergessene Schnarcher, diese muthwilligen Gesellen gemurrt über diese edle Speis', und gewunschen zu sitzen in Egypten bei dem Knoblauch und Kraut-Hafen. O es Sau-Magen! man sollt' euch aus Porcellan tractiren, wie den verlornen Sohn, dieß saubere Bürschl. Wie Samarien belagert gewesen, war ein solcher Hunger [52] und Theurung, daß ein Mäßl Tauben-Mist um fünf Silberling ist verkauft worden: Ein solches Bescheidessen gehört für die Israeliten, und nit das edle Manna. Aber warum, daß diesen Maulaffen die Zähn gewässert mehr nach dem groben und schlechten Tractament der Egyptier, als nach dem Brod des Himmels? Darum, darum, sie haben dieselbe Bettler-Kost gewohnt, und was man einmal gewohnt, das kann man so bald nicht lassen. Also ein alter Buhler läßt das Löfflen nicht, ein alter Geizhals läßt das Sparen nit, ein alter Dieb läßt das Stehlen nit: dann sie haben es gewohnt. Einmal, zweimal, dreimal fallen in eine Sünd, scheint eine schändliche Wasserfarb zu seyn, welche der Teufel über die Seel als ein göttliches Ebenbild streicht: Wasserfarb läßt sich noch abwaschen; aber in den Lastern eine Gewohnheit machen, das ist eine Oelfarb, die läßt sich gar nit ausbringen, ohne sondere göttliche Mitwirkung, welche der Allerhöchste selten spendiret.

Der Rab', der Galgenvogel, wie er von dem Noe ist ausgeschickt worden, er solle Avisa und gewisse Nachricht einholen, ob das Wasser abnehme oder nicht, so hat dieser schwarze Gesell unterwegs gesehen, etliche todte Aas auf dem Wasser daher schwimmen, und weilen er diese Schinder-Tafel schon gewohnt hatte, also hat ers nit können lassen, sondern seine Wampe also voll angeschoppt, daß er nachmals untüchtig worden zum Fliegen, und also ersoffen, was sonst auf den Galgen gehört. Wer das Stehlen [53] gewohnt in der Jugend, der wirds nicht lassen bis ins Grab, wie dieser Rab; wer dem stinkenden Fleisch nachstrebt in der Jugend, der wirds nicht lassen bis ins Grab, wie dieser Rab; wer dem Fraß und Füllerei nachgeht in der Jugend, der wirds nicht lassen bis ins Grab, wie dieser Rab. Cui puer assuescit, major dimittere nescit, das heißt: Jung gethan, alt gewohnt.

In der pfalzerischen Chronica wird folgendes sehr denkwürdige Galgenstückel protocolliret. Einer wollte gern reich werden ohne viel Arbeit, da doch sonst das gemeine Sprichwort laut: Wer will haben feiste Kühe, muß auch haben die Mühe. Dieser aber möcht gern ohne viel Schwitzen großen Reichthum besitzen. Fällt ihm derentwegen der Gedanke ein, daß sich niemand leichter erhalte, als die Dieb, dero Finger das Silber ziehen, wie der Magnet das Eisen. Allein schreckt ihn das Halstuch, welches gemeiniglich der Meister mit den rothen Hosen solchen Gesellen pflegt zu spendiren. Weil er aber wußte, daß keiner dießfalls von Gott ein Privilegium empfangen, also hat er den Rath in diesem Fall von dem Teufel begehret: einen Zauberer ersucht, er soll ihn doch die Kunst lehren, daß er möchte wacker stehlen, aber doch nit gedenkt werden. Worauf der schwarze Doctor [54] ihm befohlen, er solle nächsten Samstag bei der Nacht sich zu dem Galgen selbigen Orts begeben und den daselbst gehenkten Menschen also anreden: »Heus tu niger et aride Frater, descende; mihi enim hoc patibulum debetur! Hörst du, schwarzer und dürrer Bruder, herab mit dir, dann dieser Galgen gehört mir zu!« Dieser saubere Discipul vollzieht den Befehl, begrüßt zwei Samstag nach einander den Galgen und dessen Schwengl, jedoch ohne Beantwortung. Wie er aber das drittemal das hohe Gericht also complementiret, so hat ihm dieser Galgen-Gast also geantwort: Non ad hoc, sed ad Hiersaugiense patibulum pertines: Dieses Ort ist nicht für dich, sondern dir gehört der Galgen zu Hierschau! Solche Antwort hat dieser schleunig dem Zauberer vorgetragen, welcher ihm eine ziemliche Ermahnung geben, daß er bei Leib zu Hierschau sich vor dem Klauben solle hüten; im übrigen sey er von allen andern Galgen freigesprochen. Diese schöne Lection hat in allweg der diebische Lehrjung in Obacht genommen, wie er dann an allen Orten allezeit das Glück ohne Strick ertappet, und doch niemalen ertappet worden. Es war schier kein Kirchtag, allwo dieser seinen Judas-Griff nicht probiret; es war kein Jahrmarkt, wo dieser die Waaren nicht umsonst eingekramt. Er ließ sich aber sehr angelegen seyn, die Stadt Hierschau zu meiden. Es kommt gleichwohl der Herbst, wo [55] diese Gesellen zeitig werden. Nachdem er viel große, viel kleine Diebstähl' begangen, so hat sich zugetragen, daß er unweit Hierschau sich aufgehalten. Und weilen gleich damalen in besagter Stadt der Jahrmarkt gehalten wurde, so hat ihn der Vorwitz, gekitzlet, solchen Jahrmarkt zu sehen, jedoch mit kräftigem Vorsatz, sich ganz behutsam zu halten, sogar nicht den geringsten Strohhalm zu entfremden. Aber die Gewohnheit ist eine eiserne Pfaid; die Katz läßt das Mausen nicht. Kaum daß er in die Stadt kommen, wird er ansichtig eines Bauren, welcher ein neues Taschenmesser, so er um etliche Kreuzer einkauft, in der Hand hin und her probiert, nicht ohne sonders Wohlgefallen nachmals dasselbige in den Sack gestecket. Das hat den Bankfischer dahin bewogen, daß er nit allein nach diesem geschaut, sondern auch griffen; aber sehr unglückselig, massen der arge Bauer ihn erwischt, die Hand so lang in dem Sack arrestirt sammt oft wiederholtem Geschrei: Dieb! Dieb! Dieb! bis die Schergen herzu kommen, welche diesen Messer-Dieb, oder besser geredt, vermessenen Dieb in den Verhaft genommen, allwo er wegen harter Folterung alle seine Diebsstuck bekennet, und folgsam an denjenigen Galgen gerathen, so ihm lang vorhero durch einen schlechten Propheten ist vorgesagt worden.

Aus dem erhellet sattsam, daß, was man lang gewohnt, man nicht mehr lassen kann. Wie viel seynd zu Wien in Oesterreich, zu Wienn in Frankreich, wie viel seynd zu Braunau in Böhmen, zu Braunau in Bayern, wie viel seynd zu Neustadt in Oesterreich, zu Neustadt in Ungarn, wie viel seynd zu Grätz in Steyrmark, zu Königsgrätz in Böhmen etc., wie viel seynd an allen [56] Orten erhöht worden, die in der Nieder gestohlen, die es selbsten bekennt haben, erkennt haben, daß sie anderwärts schon öfter in Verhaft gelegen, mit Ruthen den Kehraus getanzet, und annoch das Stehlen nit lassen können, weilen sie nemlich die alte Gewohnheit dahin gezogen und gleichsam gezwungen!

Einer ist gewest, der zum öftern in seinen Reden diese Wort aus Gewohnheit eingemischt: Wie ihr deßgleichen. Dieser wurde auf eine Zeit von seinem Herrn zu dem Landrichter verschicket, welchem er ließ andeuten, wie daß er zwei böse Lotterbuben habe eingefangen, die er gesinnt sey, ihm als seiner gnädigen Obrigkeit zu liefern. Dahero er seine Post folgender Gestalt abgeleget: Gnädiger Herr, mein Herr läßt sich Euer Gnaden demüthigst empfehlen,wie ihr deßgleichen, und thut Euer Gnaden berichten, wie ihr deßgleichen, wie daß verwichenen Mittwochs zu Nachts um halb Eilf zwei Dieb, wie ihr deßgleichen, haben eingebrochen und gestohlen, wie ihr deßgleichen, die er nicht ohne sondere Mühe und Arbeit ertappet,wie ihr deßgleichen; läßt demnach Euer Gnaden bitten in aller Unterthänigkeit, wie ihr deßgleichen, daß ihr solche am künftigen Freitag durch sicherste Ueberlieferung, diese zwei Dieb,wie ihr deßgleichen, wollet in den Kerker schließen, und folgends solche Böswicht, wie ihr deßgleichen, verdienter Massen mögen gestraft und aufgehenkt werden, wie ihr deßgleichen. – Der Herr Landrichter vermerket wohl, daß dieser ungeschliffene Lümmel eine schändliche Gewohnheit an sich habe; sagt ihm also, er soll nur wieder nach Haus gehen und seinem Herrn andeuten, daß er [57] besagte Bösewicht mit guter Wach überliefere; jedoch zugleich laß er ihm auch sagen: er soll hinfüro keinen solchen groben Narren mehr schicken! Ja Ihr Gnaden, sagt dieser, wie ihr deßglei chen. – Was nit da eine schändliche Gewohnheit thut!

Ein anderer hatte die Giwohnheit, daß er zu allen Sachen hinzusetzte diesen Spruch: Recht also. Nun hat es sich begeben, daß ein Fuhrmann, nit weit von der großen Brücke zu Wien in Oesterreich, durch ein Unglück den Wagen mit Wein beladen umgeworfen; zu welchem Unglücksfall dieser Phantast auch kommen und ein herzliches Mitleiden gezeigt, beforderist, weil er gesehen, daß ein Faß mehr denn halben Theils ausgeronnen. Du mein Gott, sagt er zum Fuhrmann, wie seyd ihr umgangen! recht also, jetzt müßt ihr den Schaden büßen, recht also; der Herr, dem ihr diesen Wein zuführt, wird euch wohl nicht einen Pfenning nachlassen, recht also. – Der Fuhrmann war ohnedas voll von Grimm und Unwillen: Potz Stern tausend! wie wollt ich umgangen seyn, die verfluchten Leut' machen den Weg nit, und wir müssen so genaue Mauth ablegen! Recht also, sagt der andere, sie meinen, wir Fuhrleut' seynd lauter Narren; recht also, sagt er mehrmalen. Was? ist es denn recht, daß man uns arme arbeitsame Leut um alles will bringen? Recht also, mein lieber Fuhrmann. – Den unwilligen Roßstriegler hat das Recht also dergstalten verbittert, in Meinung er werde nur schimpflich hindurch gelassen, daß er [58] endlich den Geiselstiel diesem Gesellen mit vielen Flüchen um den Buckel gemessen. Unter währendem hölzernen Duell lamentirte noch der Lapp mit diesen Worten: Was ist das? was ist das für ein Manier?recht also, daß ihr mich also unverschuldeter Massen übel tractiret, recht also. Ich schenke euch das nit; der Täubl hohl mich, recht also.

Was nit eine schändliche Gewohnheit thut! – Dergleichen Geschichten wären ohne Zahl beizubringen.

Ich bin selbst einmal an einem Ort, und zwar in einem sehr schönen Marktfleck, eingeladen worden, daß ich des andern Tags, als einem sehr hochfeierlichen Festtag, sollte was Weniges von der Kanzel reden. Abend zuvor ging ich in die Kirche, zu sehen, ob nit etwas darinn sey, welches mir zu meinem Concept möchte dienen. So hab ich aber den Meßner angetroffen, welcher sehr emsig beschäftiget war in Aufrichtung des Altars. Indem ich allda eine Zeit verweilte, hab ich wahrgenommen, mit Ohren gehört, daß der in etwas unwillige Meßner wollte obenher stellen die Bildnuß unsers Herrn Auferstehung. Weilen sich aber solche nicht wollte schicken, so ist der Narr in diese Wort ausgebrochen: der Teufel ist gar zu groß daher. Es stund nit lang an, daß ein Musikant, so ihm damals Beihilf geleistet, unbehutsam umgangen und mit dem Fuß die Bildnuß des hl. Pauli umgestoßen, auf dessen Seite der hl. Petrus war; so sagt er mehrmalen: gib Acht, daß du den andern Teufel nit auch herabwirfst! – Was thut [59] nit eine spöttliche Gewohnheit, absonderlich im Fluchen und Schwören! Sagt ihr und klagt ihr nit selbsten im Beichtstuhl: o mein Pater, ich hab erschrecklich gescholten mit tausend Sacker, mit Million, und hab noch die Stern im Himmel darzu zählt! Pater, es ist mir leid, ich hab halt eine solche Gewohnheit an mir, ich kanns nit lassen! Ecce! ichkanns nit lassen. So thut gleichsam die Gewohnheit dem freien Willen einen Arrest! Heißt das nicht: die Gewohnheit ist eine eiserne Pfaid?

In der Arch Noe ist gewest der Löw, und der hat brüllet; es ist gewest der Wolf, und der hat geheult; es ist gewest der Hund, der hat gebellt; es ist gewest der Fuchs, der hat kurrt; es ist gewest das Lämmel, und das hat plärrt; es ist gewest die Geiß, und die hat gmegitzt; es ist gewest die Henn, und die hat gagitzt; es ist gewest die Katz, und die hat gemangitzet. In Summa: alle Thier waren in der Arche; aber was das Wunderbarlichste war, so hat eines das andere im mindesten nit beleidiget. Der Löw, so sonst allen Thieren die Zähn' zeigt, war dazumal ganz fromm; der Wolf, der sonsten dem Lämmel die Woll zaust, war dazumal ganz fromm; der Hund, so sonsten den Katzen ihren Pelz zertrennt, war dazumalen ganz fromm; der Fuchs, so sonsten den Hennen die Feder schneidt, war dazumalen ganz fromm: alle und jede waren fromm, so lang der Sündfluß [60] gewährt und sie in der Arche waren. Sobald sich aber diese allgemeine Straf geendet, so haben sie ihre Natur nit lassen können: Der Wolf ist wieder über das Lämmelfleisch, der Fuchs wieder über das Feder-Wildpret etc. Wann der gerechte Gott eine allgemeine Straf schickt, benanntlich Pest, Hunger, Krieg etc., so lang diese währet, so halten wir uns ein wenig innen. Wie die grassirende Sucht uns Anno 1679 und 80 als ein kleiner Sündfluß den Kopf gewaschen, da war alles fromm; da hat schier oft mancher gebetet, daß ihm die Zähn seynd roglich worden; da hat man geseufzet wie ein ganzer Wald voll Turteltauben; da hat man den Jonas ins Wasser geworfen, will sagen, alle Sünd beweint; da hat man auf die Brust geschlagen, als wollt man unserm Herrn ein Feuerwerk machen, welches von lautern solchen Schlägen und Innbrunst; da hat man in allen Händen Rosenkränz tragen, und wo vorhero so viel Knöpf waren, ist gleichsam das Land zu einem lautern Rosengarten worden; da hat man Almosen geben, und haben die Leut bekommen, wie der hl. Franziskus, alle durchbrochen; da hat sich Venus nit blicken lassen, sondern sich auf der kalten Herberg verborgen; da hat sich die Hoffart in dem tiefen Graben eingegezogen; da ist Fraß und Füllerei zum Wasser-Thor hinaus; und gleichwie im A B C auf das W gleich das X kommt: also auf solches allgemeine W in allen Gassen ist das X gefolgt; dann alle seynd zum X oder zum Kreuz geloffen, es lebten fast alle heilig. So bald aber diese große Straf vorbei und die gewünschte gesunde Luft wiederum ankommen, so hat [61] das Sanum das Sanctum vertrieben; da hat der schöne Paris die hübsche Helenam wieder besucht, der Stolze den Altum wieder gesungen, der Geizige den Gebhard wieder ins Haus genommen, und viel, viel, will nit sagen, die mehresten, wie die Hund', was sie vorhero von sich geben, nachmals ganz begierig wiederum geschlückt; dann – sie hatten es schon gewohnt.

Josue der tapfere Kriegsfürst, wie er wider die Cananiter und Hethiter und Phereziter und Gergesiter und Jebusiter und Ammoriter ausgezogen, hat er lassen die Arche oder den vergulten Bundskasten vorantragen. Als sie nun kommen seynd zu dem Fluß Jordan, siehe Wunder! da ist derselbe von freien Stucken obenher still gestanden, und hat sich das Wasser wie ein Berg aufgebäumt, und herab alles geloffen, daß also der Josue sammt den Seinigen und der Arche mit truckenen Füßen durchmarschirt. »Steterunt aquae.« Wie sie nun alle durch waren mit dem Bundskasten, so hat der Fluß Jordan wieder seinen vorigen Lauf genommen. – Eine gleiche Beschaffenheit hat es mit einem, der schon durch lange [62] Gewohnheit in einem Laster veraltet ist: Der, wann ein heiliger Tag, das Fest Portiunculä oder eine andere Solennität herbei kommt, geht in den Beichtstuhl, klagt sich an, daß er sechsmal habe das sechste Gebot übertreten; er hat Reu und Leid, ein Vorhaben von Eisen und Stahl!Ego te absolvo. Glaubst du, dieser sey heilig? dieser Rab sey weiß? Im Winter wird man bisweilen wahrnehmen, daß ein Rab auf einem Baum sitzet, ganz überschnieben, zeigt nur allein einen schwarzen Kopf – es scheint, es trage dieser Gesell einen weissen Chor-Rock an; aber du mußt wissen, daß dieser nur auswendig weiß, nicht inwendig! ist um einen Flug zu thun, so ist die weiße Livere ausgezogen. Also zeigt sich auch dieser Patient weiß, aber nur auswendig. Warte nur, bis die Arche des Bundes mit dem Manna durch den Fluß, warte nur, bis der hl. Communion-Tag vorbei: so wird der Jordan seinen alten Lauf nehmen, so wird dieser in die Mistpfütze in das vorige Saubad wieder eilen. Warum? Er hats gewohnt, er kanns nit lassen und wirds nit lassen bis in Tod, auch dort wird ers nit lassen, sondern nur verlassen werden.

Nachdem der gütigste Heiland 5000 Männer, ohne Weib und Kinder, mit fünf Broden gespeist und gesättiget, dergestalten, daß auch die übergebliebenen[63] Stückel noch mit gleichem Wunder 12 Körb angefüllt; nach dieser so wundersamen Jausen schafft der Heiland seinen Jüngern, daß sie sollen in ein Schifflein treten und unverweilend über das Meer fahren. Er aber stieg auf den Berg zu beten. Bei angehender Nacht, als das Schifflein ziemlicher Massen von den Wellen gerieben und getrieben wurde, erscheint er auf dem Meer, welchen sie zwar Anfangs nit erkennt. So bald aber Petrus ersehen, daß es Christus der Herr sey, so schreit er überlaut auf: Herr, bist du's, so schaffe, daß ich zu dir komme auf dem Wasser! Veni! so komme! sagt der Herr. Petrus steigt eilends aus dem Schiffel, und gehet auf dem Wasser. Die andere Apostlen haben sich dessen verwundert, und einer zu dem andern gesprochen: Schau, schau, unser Peter kanns Wasser treten! Was geschieht aber? – er geht eine Weil auf dem Wasser, steigt tapfer drauf; da aber ein kleiner Wind entstanden, fängt er an sich zu fürchten, und sofern der Herr seine Hand nicht hätte ausgestrecket, so wäre Petrus ersoffen (von dem Juda aber wäre es im Zweifel gestanden, denn was an Galgen gehöret, ertrinket nit). Denjenigen widerfährt es nit anderst, welche lange Jahr in böser und lasterhafter Gewohnheit leben; bisweilen, so ihnen das Gewissen durch den Beichtvater oder durch ein geistliches Buch, oder durch einen apostolischen Prediger gerühret wird, so schöpfen sie ein guldenes Vorhaben, seufzen zu Jesum ihrem [64] Heiland, ja, gehen wirklich den geraden Weg zu unserm Herrn; – aber so bald wiederum ein Wind einiger Versuchung entstehet, so sinken sie, so senken sie sich selbst wieder in das vorige Laster: die Gewohnheit ziehts zu Boden, gar selten, daß Gott der Herr solchem die Hand bietet, wie dem Petro.

Rathet doch, welches die größte Stadt in der Welt, oder wo zum mehristen Innwohner gezählt werden? Zu Schweinfurt oder Erfurt? Nein. Zu Straubing oder Lauing? Nein. Zu Vincenz oder Placenz? Nein. Zu Verona oder Ancona? Nein. Zu Freistadt oder Neustadt? Nein. Zu Freiburg oder Neuburg? Nein. Zu Prag oder Haag? Nein. Zu Passau oder Nassau? Nein; sondern zu Lauingen im Schwabenland, alldort ist eine unzählbare Menge der Innwohner. Wie ist dieß zu verstehen? Wer den Weg in das römische Reich hinauf nimmt, der kommt erstlich in die StadtDillingen, nachmals erst auf Lauingen. Alle, alle Menschen, die wollen in das Reich reisen, nemlich in das Himmelreich, die kommen auf Dillingen. Da heißt es, da halten sie es, was geschrieben steht: Diliges Dominum Deus tuum etc. »seyd ganz inbrünstig in dilectione, in der Lieb Gottes und des Nächsten.« Es steht aber eine kleine Zeit an, so kommen sie auf Lauingen, werden bald ganzlau, ja mit der Zeit ganz erkalt' in der wahren Lieb; absonderlich ist solches zu sehen bei denjenigen, welche ein Laster gewohnt haben. Es geschieht zuweilen, daß einer oder des andern ihr [65] Saufbruder des gähen Todes stirbt, oder eine andere wohlbekannte Madam an einem Steck-Katharr ohne Beicht und Communion erstickt. Holla! das ist eine scharf geschraubte Petarde an seinem Herz. O Gott! o Gott! o mein Erlöser! wer weiß, wo diese unglückseligen Leut anjetzo seynd! o mein Heiland! jetzt will ich ein anders Leben anfangen, nichts thun, als dich lieben, dir dienen! O, O, O, O, O mein Gott! lauter Nulla. Glaub mir darum, lauter Nulla seynd diese O O O O, – es ist nichts dahinter. Jetzt ist er zu Dillingen, wird wenig Tag anstehen, so kommt er auf Lauing, alsdann gleich wieder in die Alt-Stadt, will sagen, zu dem alten Stand, in die alte Gewohnheit. Bei einem solchen heißt es also: heut süß, morgen wieder sauer; heut ein Heiliger, morgen wieder ein Lauer; heut Feuer, morgen wieder ein Wasser; heut ein Züchtiger, morgen wieder ein Prasser; heut eine Kreide, morgen wieder eine Kohle; heut Almosen geben, morgen wieder stehlen; heut ein Gold, morgen wieder ein Pech; heut ein Fasttag, morgen wieder eine Zech; heut schön, morgen wieder trüb; heut fromm, morgen wieder ein [66] Dieb; heut still, morgen wieder ein Getümmel; heut ehrbar, morgen wieder ein Lümmel. So kommt man aber nit in den Himmel!

Es ist ein gewisser Edelmann gewest, dessen Herr Bruder als ein vornehmer Bischof unter anderem ein sehr stattliches Pferd hatte, welches er auch um kein Geld zu verkaufen gesinnt war. Der Kavalier suchte und versuchte auf alle Weis', wie er doch möchte diesen Klepper in seine Gewalt bringen; und weilen er solches nec prece, nec pretio, weder durch Bitten noch Bieten kunnte werkstellig machen, also hat er einen lächerlichen Vortl an die Hand genommen: Er hat mehrmalen wahrgenommen, daß der Bischof, sein Herr Bruder, jederzeit, so oft er geritten, pflegte sein Officium oder Brevier zu beten, forderist diejenigen Horas oder Tagzeiten, welche er auswendig wußte: daher er sehr genau in Acht genommen, ob der Bischof etwann im Gottes-Dienst in der Kirche sich aufgehalten; dann allemal in dessen Abwesenheit hat er sich auf gedachten stattlichen Klepper gesetzt, und selbiges Roß lateinisch gelehrt, dergestalten: Er wußte gar wohl, daß alle Priester, so oft sie das Brevier zu beten anfangen, allezeit das heilige Kreuz [67] machen, sprechend: Deus in adjutorium meum intende. Dessentwegen er dasselbige Latein auf dem Pferd öfters wiederholt, und so oft er gesagt hat: Deus in adjutorium, hat er dem Klepper einen starken Sporn geben, daß er in alle Höhe aufgestiegen. Das Roß durch öftere solche Uebung hat es also gewohnet, daß es bereits, so oft er Deus in adjutorium geschrien, sich in die Höhe gebäumt und seltsame Sprüng gemacht; denn es nach diesen Worten schon den Sporn geforchten. – Wie nun auf eine Zeit der Bischof dieses Pferd zu reiten begehrt, unterwegs aber mit seinem Kapellan die Horas wollte anfangen, und mit einer Hand das Kreuz gemacht, und zugleich Deus in adjutorium gesprochen, so hat das Pferd aus Gewohnheit den Sporn gesorgt, deßwegen einen gähen Sprung in die Höhe gethan, wovon der gute Bischof aus dem Sattel gehebt in eine wilde Lache gefallen. Das hat dem Edelmann Anlaß geben, daß er den Herrn Bischof als seinen Bruder mit beweglichen Worten dahin beredet, daß er ihm das Pferd überlasse, indem er ihm sehr rathsam vorgehalten, dieser muthwillige Klepper tauge vielmehr für einen Soldaten als einen Bischof.

Was ein Pferd gewohnt hat, das läßt es nit mehr; eine Kunst, die der Hund gewohnt hat, die läßt er nit mehr; ein Liedl, welches der Vogel gewohnt hat, das läßt er nit mehr; auch eine Untugend, die ein Mensch gewohnt hat, die läßt er ebenfalls nit mehr. Weßwegen Gott durch den Propheten Jeremiam dem Volk in Judäa, und folgsam auch denen Leuten in [68] Germania, dem Menschen in Gallia, dem Sünder in Hispania, ja allen auf dem weiten und breiten Erden-Kreis, der runden Welt selbst fein rund unter das Gesicht sagt:Wann ein Mohr seine Haut verändern kann und ein Panther-Thier seine Fleck, so könnt ihr auch Gutes thun, die ihr das Böse gelernet habt! Alsdann wird aus einem Bachant ein Pachomius werden; alsdann wird aus einem Nerone ein Nereus werden; alsdann wird aus einem Venereo ein Venantius werden; alsdann wird aus einem Mammona ein Mammantes werden; alsdann wird aus einem Malcho ein Malachias werden; alsdann wird aus einem Kain ein Kajetanus werden: Alsdann wird ein Sünder die böse Gewohnheit lassen, wann ein Mohr wird weiß werden, hast gehört? wann ein Panther-Thier wird seine natürlichen Fleck verlieren, hast vernommen?

Es ließen sich in der volkreichen Stadt Sodoma zwei Engel sehen in Gestalt schöner Jüngling', welche der Loth als ein freundlicher und gutherziger Herr mit sich in sein' Behausung gezogen, bittend, sie wollen mit einer schlechten Suppe Verlieb nehmen und mit einer großen Schüssel voll eines guten Willens. Gegen Nacht vermerkt der Loth einen großen Tumult um sein Haus herum, und sieht, daß sehr viel seiner Landsleut und Mitbürger das Haus wollen stürmen.

[69] Fragt demnach, was ihr Begehren sey? Welche ganz ungestümm verlangt haben die zwei schönen fremden Jüngling, selbige muthwillig zu mißbrauchen; denen aber der gerechte Mann eine heilige und heilsame Lehr geben: sie sollen doch Gott und ihr eignes Gwissen mit solchem Laster nicht beleidigen, welche Lehr sie nicht allein schimpflich verworfen, sondern noch darüber das Haus wollten stürmen. Derenthalben Gott ein Wunder gewirkt, daß die Narren etlich Stund um das Haus herumgangen und keiner die Thür hat können finden. Tappen hin, tappen her, tappen oben, tappen unten; Lappen hin, Lappen her, Lappen oben, Lappen unten, haben nie die Thür gefunden. Diese verruchten Leut' wollten jenes Laster begehen; weßwegen nachmals die Stadt Sodoma und Stadt Gomorrha, die Stadt Adama etc. durch das Feuer vom Himmel verzehrt und in Asche gelegt worden, daß also dieser Schwefel-Regen 100000 Schritt lang, 25000 Schritt breit dermassen alles in die Erde hinein verzehrt, daß, wo vorhero diese berühmte Stadt gestanden, anjetzo das todte Meer ist, dessen Sand am Ufer noch vom Schwefel stinkt. – Wer seynd diese lasterhaften Gesellen gewest, welche dem Loth und seinem Haus so überlästig waren? Es seynd gewest Kerl mit 16 Jahren, aber auch einige mit 60 Jahren; es seynd gewest Schelmen mit 17 Jahren, aber auch viel mit 70 Jahren; es seynd gewest Bösewicht mit 18 Jahren, aber auch etliche mit 80 Jahren: »Vallaverunt domum à puero usque ad senem.« Soll denn möglich seyn, daß unter solchem Schnee eine schnöde Lust, daß unter solchen weißen [70] Haaren der Venus ihre Waaren können verborgen seyn? Die kommen mir natürlich vor, wie eine Glas-Hütte im Winter, welche übersich auf dem Dach mit lauter Schnee bedeckt, inwendig aber voll mit Feuer und Flammen. Es alte, es ausgemerglete, es dürre, es rotzige, es bucklete, es zahnluckete, es geschimmelte, es betagte Schelmen! wann euch doch der Asmodäus in eueren jungen Jahren also belehret hat, so legt doch wenigsten a modo solches Laster-Leben hinweg, indem ihr schon mit einem Fuß im Grab, mit einer Hand schon die Schnallen der Ewigkeit in Händen habt, mit einem Aug schon in die andere Welt schaut! Umsonst, umsonst ist all meine Meinung, meine Mahnung! Was sie gewohnt haben, das lassen sie nit mehr! Dessenthalben bitt ich dich um Gotteswillen, um Jesu Christi theuersten Bluts willen, der du solches liesest, und etwann in einer Sünd haftest: eil', eil' ohne Weil! ziehe geschwind dieselbe ab, wie der David den Panzer des Sauls, damit du in keine Gewohnheit gerathest, welche böse Gewohnheit nicht einen lässet zu rechter Buß kommen, sondern er wird sterben, wie er gelebt hat! Si Deus verax est, hujusmodi hominum vix unus aptus regno Dei invenitur de millibus. So kann ich denn, sagt [71] ein Alter, mich nicht bekehren? »In quo non corrigit adolescentior viam suam, nunquid desperandus est senior?« Ja, ja, es kann ein sechzig-, ein siebzigjähriger Sünder noch fromm werden, noch heilig werden, unmöglich ist es nicht; aber aus 100000000 nit viel, vielleicht gar wenig, – denn gemeiniglich, wie man lebt, so stirbt man.

Der hl. Bernardinus erzählt von einem sehr reichen Partitenmacher und Handelsmann, den er selbst gar wohl gekennt. Dieser hatte dreißig Jahr niemalen gebeicht. Nachdem er in eine tödtliche Krankheit gefallen, hat er keine andere Sorge getragen, als daß seine Leut sollen fleißig die noch restirenden Gelder einbringen. Zu diesem End diesem und jenem Bedienten einen ernstlichen Befehl geben, daß sie ausgehen, die Schulden einzufordern. Dieses Geld-Egels leiblicher Bruder bringt einen Pater in das Haus, welcher ihn sehr beweglich zur Buß und Pönitenz ermahnte. Von diesem wollte der Mammons-Bruder gar nichts hören; sondern unter währendem geistlichen Gespräch fragt er den Priester: Pater, wie theuer ist der Zentner Pfeffer? ja, er fragte öfters, wann dann seine Waaren werden ankommen? Als er bereits wollte in die Zügen greifen, schreit ihm der Bruder sehr anmüthig zu: er wolle doch um Gotteswillen beichten! Darauf er geantwortet: Non possum: [72] »Ich kann nit, ich kann nit, ich kann nit!« Und also hat er seine unglückselige Seel aufgeben. – Das macht die böse Gewohnheit. Wie man lebt, so stirbt man.

Mors est Echo vitae. Qualis vita, finis ita.

Mir ist von einem Pater der Societät Jesu, als einem sehr werthen und gelehrten Mann, der selbst gegenwärtig war, wie und wo es geschehen, folgende Geschicht glaubwürdig erzählt worden: Ein gewisses Weibsbild noch ledigen Stands pflegte sehr große Freundschaft, und – wie mans bei diesen verkehrten Zeiten thut nennen – sehr große Vertraulichkeit mit einem jungen Gesellen, dessen Namen war Martin; und dauerte solche, wie billig, verdächtliche Lieb etlich Jahr, auch selten eins Woche, öfters auch selten ein Tag vorbei gangen, an welchem sie ihres liebsten Martins nit mußte ansichtig werden, da doch beederseits kein Ziel zu einer Verehelichung, sondern blos eine Gewohnheit scheinte. Es geschieht, daß diese saubere Putentiana erkrankt, und zwar tödtlich. Aber hört ein wunderliches End, indem sie doch nicht von Sinnen kommen, noch einige Hitz den Verstand verruckt außer der Hitz der unmäßigen Lieb: sie kunnte nichts [73] anderes reden, als alleinig ihren Martin. Wie man ihr zuletzt hat zugeschrieen: Jesu, verzeihe mir meine Sünd! sagte sie: Martin, verzeihe mir meine Sünd! O Jesu, sey mir gnädig! wiederum sie: O Martin, sey mir gnädig! Man bittet sie, sie soll doch Gott vor Augen haben und nicht einen Menschen, sie soll mit Mund oder wenigstens mit dem Herzen schreien: O Jesu, stehe mir bei in diesem meinem Streit! Sie mehrmalen: o Martin, stehe mir bei in diesem meinem Streit! Jesu, in deine Händ befehl ich meinen Geist! sie auch, ob zwar mit schwacher Stimm: o Martin, in deine Händ befehl ich meinen Geist! – Ein sauberer Tod, eine seltsame Martins-Gans! Wer diese wird gerupft und gebraten haben, ist leicht zu erachten. – Die Gewohnheit ist halt eine eiserne Pfaid, ja eine eiserne Kette, welche sogar den menschlichen Willen binden thut.

Die Todten, so der Herr Jesus zu dem Leben erwecket hat, haben nicht viel Mühe oder Ceremonien zu ihrer Auferstehung gebraucht: Der todte Jüngling zu Naim ist mit vier Wörter, mit 23 Buchstaben, mit 10 Silben, mit so geringer Weis' von den Todten auferstanden; des vornehmen Jairi Tochter ist mit 19 Buchstaben, mit 9 Silben, mit 4 Wörter von den Todten erweckt worden. Es hat nur geheißen: Adolescens, tibi dico: surge; es hat nur geheißen: Puella, tibi dico, surge. Aber wie der [74] Lazarus ist erwecket worden, da war viel Mühe vonnöthen: es hebte der Herr Jesus seine Augen gegen den Himmel, er weinte bitterlich mit vermischten Seufzern, er bat seinen himmlischen Vater, er ließ den großen Stein hinweg wälzen, er ruft mit lauter Stimm: Lazare, veni foras! »Lazarus,komm heraus!« Warum geht es bei dieser Erweckung so hart her und bei den andern nit? Höre und vernimm die Antwort, so dir gibt mein hl. Vater Augustinus, mit Augustino Ambrosius, mit Ambrosio Hieronymus, mit Hieronymo Gregorius, mit Gregorio Chrysostomus: Der junge Sohn der Wittib, die junge Tochter des Obristen der Synagoge waren alle beede erst gestorben: diese haben bedeut' solche Sünder, die erst gesündiget, das erstemal gefallen, – die können noch wohl und leicht wiederum zu einem bessern und heiligen Wandel auferstehen. Aber Lazarus, der schon vier Tag' im Grab gelegen, und schon abscheulich gestunken, hat bedeut' einen solchen Menschen, der in dem Sündigen schon eine böse Gewohnheit gemacht, – der ist hart und über alle Massen hart zu erwecken, hart und unaussprechlich hart ihm die alte Gewohnheit abzuziehen. Der allmächtige Gott, wie er den ersten Menschen den Adam erschaffen, hat er ihm mit einem einzigen Blaser das Leben geben: dann der Leim war ganz neu und frisch, aus dem er zusammen gefügt worden; jene harten Todten-Beiner aber, welche der Prophet Ezechiel auf dem Feld angetroffen, mußten gar von vier Winden angeblasen werden, damit sie das Leben bekamen, denn es waren schon alte, erharte und erdorrte Beiner. Also [75] auch, der aus Gebrechlichkeit erst anfängt zu sündigen, der ist noch wohl zum Leben zu bringen, er ist noch frisch; welcher aber schon darinnen verhärtet und bereits eine lange Gewohnheit angezogen, der ist hart, sag's, hundert und hundertmal hart ist er zu bekehren. Dann die Gewohnheit ist eine eiserne Pfaid.

Petrus ist mit einem einzigen Augenblicker, welchen der Herr Jesus auf ihn geworfen, zur Buß bekehrt worden, daß er bitterlich angefangen zu weinen und seine Sünd zu bereuen; aber der Adam ist gar hart zur Erkenntniß seiner Missethat gelangt, ja er hat sich gar versteckt, daß ihm Gott laut zugeschrieen:Adam ubi es? Die Ursach solches Unterschieds war diese: Petrus hat in der Früh gesündiget in gallicinio, wie der Hahn hat gekrähet, wie der Tag hat angefangen: solche, die erst angefangen zu sündigen, die können noch wohl und leicht zur Buß geleitet werden; Adam hat Nachmittag gesündiget: solche, die schon spät in Jahren eine üble Gewohnheit haben, die seynd gar hart darzu zu bewegen.

Nit bald an einem Ort werden bessere Spitäler angetroffen, als zu Rom in dieser Haupt-Stadt. Allda ist zu sehen das Spital beim hl. Geist, welches in den jährlichen Renten und Einkommen über die 70000 Kronen zählt; item das Spital bei St. Salvator, das Spital bei St. Antonio, das Spital St. Mariä de Consolatione, das Spital bei der hl. Dreifaltigkeit, welches eines so großen Vermögens, daß es [76] alle arme Pilgram aufnimmt; und hat es schon etlichmal, meistentheils zur Zeit des Jubiläi, in einem Tag über 5000 Menschen ausgehalten, und dieses zwar in schönster Ordnung etc. Unter anderen ist ein Spital zu Rom, welches genennt wird S. Giacomo delli incurabili nel corso. In dieses Spital werden nur diejenigen aufgenommen, die gar alte Schäden und Zuständ haben, auch nit mehr können kuriret oder geheilt werden. Eines solchen Zustands war jene arme Tröpfinn in dem Evangelio, welche zwölf Jahr den Blutgang gelitten, ihre Armuthei völlig denen Doctoribus angehängt; und keine Excellenz war so excellent, daß er sie kunnte kuriren: »Nec ab ullo potuit curari,« bis sie endlich den Saum der Kleider Christi angerühret und durch solches Kleid ihr Leid vertrieben. In das Spital delli incurabili gehen alle diejenigen, welche am alten Zustand leiden, welche viel Jahr' in böser Gewohnheit leben: solche seynd nit mehr zu kuriren, dann was sie gewohnt, das können sie nit lassen, die Gewohnheit ist ein alter Zustand, welcher nit mehr geheilet wird, außer Gott durch ein sonders Wunderwerk hilft ihnen, wie er geholfen, der guten Frauen.

[77] Judas hat gestohlen, hat das Stehlen gewohnt, hat die Gewohnheit nit mehr lassen können. Judas hat Viele seines Gleichen. Ein solcher war jener in dem köllnischen Gebiet, von dem Cäsarius registriret, welcher so vieler verübten Diebstähl halber aufgehängt worden. Weilen nun gleich dazumalen ein Diener eines vornehmen Domherrn zu Kölln vorbei geritten und vermerkt, daß dieser arme Sünder sich noch ein wenig rühre, hat er alsobalden aus Mitleiden den Strick mit dem Degen abgehauet, mit seinem Hut aus dem nächst vorbei rinnenden Bach ein Wasser eilends herbei gebracht, wormit er den elenden Tropfen erquicket, welcher nachmals noch mit ihm in das entlegene Dorf gangen, aber noch nit lassen können das Stehlen, auch nachdem er den Strick schon gekost. Denn eben in diesem Dorf wollt' er diesem seinem Gutthäter, der ihn vom Tod errettet hat, diesem seinem Erlöser wollt er das Pferd stehlen. Weilen er aber ertappet und überzügen worden, hat er an demselbigen Galgen, wo er kurz vorhero ein Fruhstuck genossen, eine solche Jause müssen verkosten, woran er erstickt. Das heißt ja: Rarò funesto fur sine fune perit. Der Hund läßt das Bellen nicht, der Dieb läßt das Stehlen nicht, wann ers gewohnt hat; der Dachs läßt das Graben nicht, der Geizige läßt das Schaben nicht, wann ers gewohnt hat; die Sau läßt das Wühlen nicht, der Löffler läßt das Buhlen nicht, wann ers [78] gewohnt hat; das Kalb läßt das Plärren nicht, der Flucher läßt das Schwören nicht, wann ers gewohnt hat; der Hirsch läßt das Laufen nit, der Schlemmer läßt das Saufen nit, wann ers gewohnt hat. Holofernes hat das Schlemmen gewohnt, und hats nit gelassen; Senacherib hat das Gotteslästern gewohnt, und hats nit gelassen; Herodes hat das Buhlen gewohnt, und hats nit gelassen; Annanias hat den Geiz gewohnt, und hat ihn nit gelassen; Judas hat das Stehlen gewohnt, und hats nit gelassen.

Wie unser lieber Herr auf einem Esel triumphirlich nach Jerusalem eingeritten, da haben ihm die Herrn von Jerusalem, meistens aber der gemeine Pöbel, sehr große Ehr erwiesen; unter anderen haben sie auch ihre Kleider ausgezogen, und auf den Weg gelegt. Du, der solches liesest, ist es, daß du schon einen Habitum hast oder solche eiserne Pfaid, so bitte deinen Jesum, daß er dir die sondere Gnad gebe; verstehe mich recht, die sondere Gnad, daß du solches ausziehest, und zu seinen Füßen legest! Amen.

Judas war gestern ein Dieb, heut ein Dieb, und morgen wieder
[79] Judas war gestern ein Dieb, heut ein Dieb, und morgen wieder ein Dieb, hatte immerzu gestohlen, in der Meinung, es sehe ihn niemand.

Weder Petrus, weder Joannes, weder Jakobus, weder Matthäus, weder andere Apostel haben gewußt, daß Judas ein Dieb sey; dann sofern sie solches in eine Erfahrenheit hätten gebracht, ist wohl zu vermuthen, daß sie ihm zuweilen hätten eine gute Predigt gemacht und jenem Samaritan nachgefolget, welcher dem armen beschädigten Tropfen Oel und Wein in die Wunden gossen: also hätten sie gleichförmig mit linden und scharfen Worten ihm seine Frechheit verwiesen. Der Prophet Elisäus hat zwar den Giezi geschickt, daß er mit seinem Stab den todten Knaben solle zum Leben erwecken, hat aber nichts ausgericht; sobald aber Elisäus selbst zu ihm und seinen Mund auf den Mund des Knaben gelegt, alsdann ist der Todte auferstanden. Aus welchem zu lernen, daß man mit guten Worten und sanfter Manier zuweilen ehender einen zurecht bringe, als mit hartem und grobem Verweis. Es ist aber glaublich von Joanne und Jakobo, wann sie gewußt hätten, daß der Iscarioth ein solcher Mauser, sie hätten ihn grob ausgescholten und mit hartem Filz empfangen; dann weilen sie dazumalen schon also ergrimmt waren über die Samariter, um weilen dieselbe dem Herrn Jesu die Herberg versagt,[80] daß sie überlaut aufgeschrieen: Herr, willst du, daß wir sagen, daß das Feuer vom Himmel falle und sie verzehre? also ist wohl zu vermuthen, sie hätten Christo dem Herrn gesagt, er soll den Judam als einen unverschämten Dieb zum griechischen Buchstaben P, welcher also geschrieben wird Π, promoviren und hängen lassen. Indem aber nichts dergleichen im hl. Evangelio registrirt wird, also ist wohl und gar gewiß zu glauben, daß kein Apostel habe um sein Diebstuck gewußt, aus Ursachen: er hatte allezeit gestohlen, wann keiner bei ihm war. Dazumalen hat er sich allzeit gedacht, jetzt sieht mich niemand. O du verruchter Mensch! sieht dich denn Gott nit?

Gleichwie nur acht Personen in der Arch Noe seynd errettet worden, die übrigen alle, alle, alle in dem allgemeinen Sündfluß zu Grund gangen, also werden auch viel mehr verdammt, als selig. Wer ist Ursach? Niemand.

Gleichwie Moses ein Führer des Volks Israel sechsmal hundert tausend streitbare Männer aus Egypten geführt, ungezählt der Weiber und Kinder, und aus allen diesen nur zwei in das gelobte Land kommen, die übrigen alle, alle, alle draußen geblieben; also wird weit größer seyn die Anzahl der Verdammten, dann der Seligen. Wer ist Ursach? Niemand.

[81] Gleichwie die schöne Stadt Jericho von dem tapfern Kriegsfürsten Josue ist erobert und in Asche gelegt worden, ist das einige Haus der Rahab unbeschädigt verblieben, die andern alle, alle, alle in Brand gesteckt worden; also werden wenig zur Seligkeit gelangen, viel aber in den höllischen Ofen geworfen werden. Wer ist Ursach? Niemand.

Gleichwie aus zwei und dreißigtausend Soldaten nur 300 bei dem Josue verblieben, die andern alle, alle, alle abgedankt worden; also werden weit mehr von Gott als zu Gott kommen. Wer ist Ursach? Niemand.

Gleichwie aus dem mit Schwefel vermischten Feuer-Regen zu Sodoma und Gomorrha nur vier Personen, benanntlich der Loth, sein Weib und die zwei Töchter seynd salvirt worden, die andern alle, alle, alle durch solche stinkende Flammen zu Grund gangen; also werden viel mehr in die höllische Pein und Qual als in die ewige Freud kommen. Wer ist Ursach? Niemand.

Gleichwie nur ein Theil des guten Samens des evangelischen Ackermanns hat Frucht gebracht, die andern drei Theile alle, alle verdorben; also wird auch nit der halbe Theil der Menschen selig werden. Wer ist Ursach? Niemand.

Der Kardinal Baronius schreibt, daß dem hl. Einsiedler Simeon sey von Gott geoffenbaret worden, daß zu seinen Zeiten aus 10000 Seelen kaum eine selig worden. Ab solchem stehen einem die Haar' gen Berg. Wer ist aber Ursach? Niemand.

[82] Wer ist Ursach, daß die Gebot' Gottes, die Gebot' der Kirche, die Gebot' der Natur so oft, so stark, so schändlich übertreten worden? Wer ist Ursach? Niemand.

Wer ist Ursach, daß der allmächtige Gott, daß Gottes auserwählte Heiligen, daß Gottes heilige Kirche so mannigfaltig, so schwer, so gewissenlos beleidiget werden? Wer ist Ursach? Niemand.

Wer ist Ursach alles Uebels, aller Gottlosigkeit, aller Laster, aller Unthaten, aller Sünden, aller Verbrechen, alles Muthwillens, aller Unzucht, aller Missethaten? Niemand, ja Niemand! O verfluchter Niemand! der Niemand, der Nemo, der verursacht alles Uebel! wann nemlich der bethörte Sünder sagt: Niemand sieht's, Niemand hört's, Niemand weiß es! –

Daß kohlschwarze Raben nach stinkendem Aas trachten, ist kein Wunder; daß schwarze Kothkäfer im Mist und Unflath herum wühlen, ist kein Wunder; aber von weißen Tauben wundert's mich. Zwei alte Richter zu Babylon, schon weiß wie eine Taube, haben noch ungebührende Augen geworfen in die Weibsbilder. Auf solche Weis' heißt es: unter der grauen Asche findet man oft eine Glut, unter den grauen Haaren findet man oft Kitzel und Muth; auf solche Weis' ist es wahr: unter dem weißen Schnee findet man oft einen Misthaufen, unter den weißen Haaren thut oft Cupido schnaufen. Solche alte Krausköpf und Mausköpf seynd natürlich, wie die Blätter des [83] Eschenbaums, welche auf einer Seite ganz weiß, auf der andern ganz grün: also waren diese alten Richter richtige Gesellen, unter deren weißen Haaren noch ein großer Muthwille grünte. Diese zwei alten Vögel seynd fast gewest, wie der Berg Aetna, welcher zur Winterszeit übersich mit Schnee bedeckt und doch innwendig mit lauter Feuer gefüttert; diese zwei alten Lümmel seynd gewest wie der Kalch, welcher zwar weiß, jedoch voller Hitz. Diese zwei haben die Augen geworfen auf eins: sie haben nemlich öfters wahrgenommen, daß eines vornehmen Herrn seine Frau Gemahlinn, Namens Susanna, in ihrem Garten spaziere, welche vom Angesicht und Leibsgestalt überaus schön war, wessenthalben denen alten Möchaberis dieser rothe Apfel die Zähn' wässerig gemacht, denen alten Stockfischen diese mit so schöner Menschen-Haut verköderte Angel so wohl gefallen, daß sie allen Fleiß angewendet, dieses Wildpret in das Netz zu jagen. Wie nun auf eine Zeit gedachte schöne und tugendliche Frau in den Garten getreten, daselbst in einer kühlen Abend-Luft in etwas sich zu ergötzen, also haben sich diese schlimmen, alten Gesellen unter einem dicken Gesträuch und schattenreichen Busch verborgen. In dem Dornbusch, welchen Moses gesehen, hat ein göttliches Feuer gebrunnen; aber in diesem Busch thät sich ein teuflisches Feuer sehen lassen. Wie diese unverschämten Vögel die schöne Susannam erblicket haben, wünschten sie nichts anders, als daß sie möchten Kothkäfer seyn bei dieser schönen Rose. Ihr übels Beginnen wurde noch heftiger entzündet, wie sie vermerkt, daß wegen allzuscharfer Sonnenhitz die [84] edle Susanna ihren alabasternen Hals in etwas entblößt, ja endlich gar, nachdem sie die Kammer-Menscher von sich geschafft, in einer wasserreichen Grotte, allwo ein krystallener Brunnquell mit annehmlichem Getöß der geißfüßige Wald-Gott häufig spendirte, nach abgelegten Kleidern sich angefangen zu baden. Worauf gleich diese alten zwei Böck, von den unsinnigen Begierden ganz entzündet, hervor gesprungen und sie also angeredet: Wir seynd in dich verliebt, die Thür des Gartens ist verschlossen, et Nemo nos videt, und Niemand sieht uns. O du verruchter Nemo, Niemand! stift' doch niemand mehr Uebels, als der Niemand, Nemo!

Es ist nit wahr, ihr unverschämten Bösewicht', es sieht euch ja der allmächtige Gott, heißt das Niemand? Es ist nichts also verborgen, nichts also verhüllt, nichts also verschlossen, nichts also versperrt, nichts also vermantelt, verdeckt, vergraben, versenkt, verdunkelt, vertieft, vertuscht, das Gott nit siehet: es sey groß, es sey klein, es sey weit, es sey nahe, es sey tief, es sey seicht, es sey dick, es sey dünn, es sey finster, es sey licht, es sey was es wolle, so sieht doch alles Gott. Kein Gedanke, keine Umständ' der Gedanken, kein Werk, keine Umständ' des Werks, kein[85] Wort, keine Umständ' eines Worts seynd, welche Gott nit siehet. Was auswendig, was innwendig, was oben, was unten, was auf der Seite, was um und um, alles dieses sieht das göttliche Aug. Was und wann und wie und wo dein Verstand verstehet; was und wann und wie und wo dein Gedächtnuß gedenket; was und wann und wie und wo dein Will begehrt; was und wann und wie und wo deine Augen sehen; was und wann und wie und wo deine Ohren hören; was und wann und wie und wo deine Zunge redet; was und wann und wie und wo deine Händ' greifen; was und wann und wie und wo deine Füß gehen: alles dieses siehet Gott. Gott siehts, der dich erschaffen, Gott siehts, der dich erlöset hat, Gott siehts, der dich richten wird, und sollst du dich vor Gott nicht schämen?

Sapatta, ein vornehmer spanischer Fürst, war ein bevollmächtigter Legat und Gesandter bei den Friedens-Tractaten zu Münster, welcher Friede bald wurmstichig worden. Dieser ansehnliche Herr war neben anderen höchst rühmlichen Tugenden forderist der Andacht und dem eifrigen Gebet sehr ergeben, und alle Tag, so viel als seine hohen Geschäfte zugelassen, etliche heilige Messen mit sonderbarer Auferbauung gehört. Es wollte aber auch der fromme und gottselige Fürst, daß seine Edel-Leut', Aufwärter und andere Bediente mit gleichem Eifer ihre Andacht sollen verrichten. Aber das Widerspiel zeigte sich zum öftern; denn wenn sie hinter ihrem Herren in der Kirche waren, so haben sie geschwätzt, geschmutzt, gelacht, die Nase mit dem Hut verschanzt, und weiß [86] nit was für einen Augenpfeil, Augenwinker, Augenschuß, Augenstrahl, Augenwurf, Augengruß auf eine oder andere Bürgers-Tochter geworfen, und also mehr Verdacht als Andacht spüren lassen. Der Fürst, welcher niemalen in der Kirchen pflegte umzuschauen, so bald er mit den Seinigen nach Haus kommen, hat gleich unter der Porte des Pallasts einem und dem andern einen scharfen Verweis geben, mit der Bedrohung, daß, wofern ihr und ihr, du und du noch einmal werdet dergleichen Muthwillen in dem Gotteshaus erzeigen, so sollt ihr meinen Dienst meiden! Diese konnten ihnen das nicht einbilden, wie doch der Fürst alles so genau wisse, einem sein Verbrechen ganz umständig beschreibe, da sie doch wohl in Acht genommen, daß er niemals habe umgeschauet, auch noch mit niemand geredet, der ihm solches hätte können zutragen. Einen anderen Tag, als er mehrmalen etliche hl. Messen hörete, ist einer und der andere ganz still zum Tempel hinaus geschlichen, und nach eingebrachtem kurzen Fruhstuck bald wieder zurück kommen. Der Fürst hat nit umgesehen, noch hat kein einiger Mensch etwas entdeckt; gleichwohl, sobald er aus der Kirche getreten, hat er diesen und jenen scharf angefahren: wißt ihr was, Ferdinand, hört ihr, Ludwig, wo seyd ihr gewest? wo habt ihr das gelernet, daß man das schmutzige Maul erst in der Kirche abwische? Die Bedienten konnten sich dessen nit sattsam verwundern, und glaubten schier, ihr Fürst habe Augen in dem Rucken, daß er alles und alles so umständig sehe und doch niemalen umschaue. Endlich ist ihm einer über sein Betbuch gerathen, worinnen [87] er denjenigen erhascht, welcher alles dem Fürsten zugetragen. Der Einbund dieses Betbuchs hatte einwendig bederseits einen Spiegel, und wann der Fürst also aus besagtem Buch gebetet, hat er zugleich wahrgenommen, wie sich seine Bedienten hinter ihm verhalten.

Diese Leut' seynd in den Argwohn kommen, als hätte ihr Herr Augen auf dem Rucken, dem aber nicht also war; – aber Gott wohl, der hat Augen vornher, der hat Augen auf dem Rucken, der hat Augen auf der Seite, der ist ein pures Aug, welches selbst alles sieht, alles was gewesen, alles was noch ist, alles was seyn wird. Nicht jedermann ist Ihro Heiligkeit, sondern nur der Pabst allein; nicht jedermann ist Ihro Majestät, sondern nur der Kaiser, der König allein; nicht jeder mann ist Ihro Eminenz, sondern nur der Kardinal allein; nicht jedermann ist Ihro Gnaden, sondern die mehresten Edel-Leut' allein; nicht jedermann ist Ihr Gestreng, sondern nur der Bürgermeister, der Stadtrichter, der Secretarius etc.; nicht jedermann ist Ihr Hochwürden, sondern nur der Dechant, der Probst, der Domherr etc.; nicht jedermann ist Ihr Ehrwürden, sondern nur der Priester, der Pater. Aber jedermann ist Ihr Durchlaucht, alle Menschen auf Erden seynd Ihr Durchlaucht; denn Gott als eine göttliche Sonne leucht durch und durch. Nit ein Mensch, in dem Menschen nit ein Herz, in dem Herzen nit ein Oertel, in dem Oertel nit ein Gedanke, in dem Gedanken nit ein Umstand, den diese göttliche Sonn' nit durch und durch leucht und alles siehet. Die Menschen kann man leicht hinter das [88] Licht führen. Das hat erfahren Jakob: wie seine ungerathenen Kinder den frommen Bruder Joseph verkauft, haben sie seinen Rock in ein Bockblut eingedunkt, dem guten alten Vater Jakob zugeschickt mit der traurigen Zeitung, als sey Joseph von einem wilden Thier zerrissen worden. Der gute und schier bis in den Tod bestürzte Vater küßt und bußt den blutigen Rock: Ach, du guldenes Kind, seufzte er, so hab ich das erlebt, daß ich dein Blut also in meinen Händen muß sehen! Der gute Alte hat Bock-Blut für Menschen-Blut gehalten; das heißt ja hinter das Licht führen! Die Menschen kann man leicht hinter das Licht führen, das hat erfahren der Laban, ein Vater der schönen Rachel: Wie Jakob mit dieser insgeheim und in der Stille darvon gezogen, und dem Laban seine guldenen Götzen-Bilder entfremdet, ist er ganz schleunig nachgereist. Wie solches die Rachel wahrgenommen, hat sie gedachte guldenen Götzen-Bilder unter das Stroh verstecket und nachmals darauf gesessen, und als sie der Laban angetast, wo sie seine guldenen Götzen habe – mein Vater, sagte sie, ich weiß weder guldene, weder silberne, weder eisene Götzen, ich habs wohl nicht. Stehe auf, widersetzt er, laß mich suchen! Ach mein Vater, stellte sie sich, ich bin so krank, du glaubst nit; wann du mir sollst Buttenweis [89] guldene Götzen schenken, so könnt' ich dir nit aufstehen! Laus, fraus muliebria sunto. Das war eine Weiber-List, das heißt hinter das Licht führen.

Die Menschen kann man hinter das Licht führen, das haben erfahren die Soldaten des Königs Saul. Diese waren beordert von dem König, daß sie sollen den David zu ihm führen, er wolle ihm selbst den Rest geben. Die Michal aber, als des Davids Frau Gemahlinn, nachdem sie ihn in der Stille über das Fenster hinunter gelassen, hat ein Bild mit des Davids Kleider angezogen und also auf das Bett gelegt, das Gesicht mit einem rauhen Geiß-Häutl bedecket. Wie nun die Trabanten mit allem Ernst in die Behausung kommen, David gefangen dem König zu überbringen, siehe, da hat sich die Frau Michal gestellt, als wäre sie ganz melancholisch. Vielleicht, wer weiß, hat sie die Augen mit Zwiebel-Saft bestrichen und geseufzet als die eine Henne, die den Zipf hat; sich sehr beklagt, daß ihr lieber Herr Gemahl stark und gefährlich krank sey, zeigt ihnen von fern, wie er dort im Bett liege der arme Schlucker; also werde er Ihro Majestät dem König solchergestalten gewiß nicht darvon laufen; sie sollen dieses nur also dem Saul in Unterthänigkeit vortragen. Die [90] Phantasten haben es kräftiglich glaubt, als liege David auf dem Bett, da es doch ein hölzernes Bild war. Das heißt ja hinter das Licht führen!

Die Menschen kann man hinter das Licht führen; aber Gott nicht, der selbst das Licht ist, so alles durchleucht'. Er sieht nit allein das Auswendige, sondern auch das Inwendige; er sieht nicht allein das Offene, sondern auch das Verborgene; er sieht nicht allein das Bestandene, sondern auch das Verschwiegene; er sieht nit allein das Ertappte, sondern auch das Vertuschte; er sieht nit allein das Wahre und Bloße, sondern auch das Verblümlete; er sieht Alles. Raub, klaub, back in Sack, stiehl viel in der Mühl, es siehts niemand, es siehts aber Gott.

Wie unser gebenedeiter Herr und Heiland einmal aus dem Schiff gestiegen, so folgeten ihm überaus viel Leut nach; unter anderen war ein Weib, die 12 Jahr aneinander einen sehr üblen Zustand hatte, welche alles das Ihrige denen Aerzten und Medicis angehängt, und haben ihr solche dergestalten viel Recept vorgeschrieben, daß sie endlich den Geldbeutel ganz auspurgirt; gleichwohl kunnten sie die arme Haut nit kuriren. Wie nun diese unterschiedlich vernommen, daß Jesus von Nazareth so große Wunder wirke und alles Volk nach sich ziehe, so wollt sie auch ihr Heil bei diesem suchen; drängt sich und zwingt sich dessenthalben mit allem Gewalt durch das Volk, ungeacht daß da und dort einer mit dem Ellenbogen zurück getrieben, ungeacht, daß dieser und jener Jud auf die[91] Füß' getreten; sie reibt sich und' treibt sich durch, bis sie ganz nahe zu Jesu kommen und ihm mit großem Glauben den Saum seiner Kleider angerühret, wordurch sie wunderbarlich gesund worden. Diese fromme Tröpfinn hat sich gar nit getraut, Christo dem Herrn unter das Gesicht zu treten, sondern suchte nur, wie sie von hinten zu auf dem Rucken seine Kleidung möchte anrühren: »venit in turba retrò.« Aber sie hat nit ohne sondern Trost erfahren, daß sie unser Heiland auch ruckwärts gesehen. Dann, ob er schon Menschheit halber nur zwei Augen in seiner Stirn tragte, so war er doch Gottheit halber allerseits voller Augen, ja ein pures Aug, so Alles siehet: »Dico, quod Deus totus oculus est.« David war ganz allein bei Bethsabe, wie er den Ehebruch begangen, niemand hat ihn gesehen. Es ist nit wahr, es hat ihn Gott gesehen, ist das ein Niemand? Der Prinz Ammon war ganz alleinig, wie er mit seiner Schwester Thamar die Blutschand begangen, niemand hat ihn gesehen. Es ist nit wahr, Gott hat ihn gesehen, ist das Niemand?. Der Achan war ganz allein, wie er in der Stadt Jericho gestohlen, niemand hat ihn gesehen. Es ist nicht wahr, Gott hat ihn gesehen, ist das Niemand? Kain war ganz allein, wie er seinen Bruder Abel auf dem Feld ermordet hat, niemand hat ihn gesehen. Es ist nit wahr, Gott hat ihn gesehen, ist das Niemand?

Anno 1585, just vor hundert Jahren, ist auf einen Tag bei einbrechender Morgenröthe ein Edelmann ausgeritten auf die Jagd unweit der vornehmen Stadt Wien. Wie er nun in den dicken Wald und [92] großes Gesträuß hinein gerathen, vermerkt er ein ungewöhnliches Bellen und Scharren eines Hunds, welcher mit seinen Bratzen dergestalten die Erde ausgraben, bis er endlich zwei ganz weiße Beiner heraus gezogen, die der Edelmann auf keine Weis' für Menschen-Beiner angesehen, ja noch dem Lakei einen Befehl geben, wie daß er solche dürre Beiner soll mit sich tragen, er sey gesinnet, aus diesen für seinen Hirschfänger eine gute Handheb machen zu lassen; wie er dann noch selben Abend dem Schwertfeger diese Beiner eingehändiget mit dem Begehren, er soll ihm um baare Bezahlung erstgedachte Handheb verfertigen. Siehe Wunder! kaum daß solche der Meister in seine Händ' gebracht, haben sie alsobald das helle Blut geschwitzet, so daß ein Tropfen den andern geschlagen, welches alle Beiwesende in große Verwunderung gezogen. Forderist aber war dieser Schwertfeger dem Tod gleicher, als einem Menschen. Dieser, wie er sich in etwas wiederum erhohlt, den Kavalier demüthigst gebeten, er wolle ihm doch entdecken, wo er diese dürren und weißen Beiner genommen? worüber ihm der gnädige Herr das Ort mit allen Umständen, den Wald, das Gesträuß beschrieben, und wie einer aus seinen besten Jagdhunden allda besagte Beiner habe ausgraben. Ach, seufzte dieser sprechend, ich hab' vermeint, ich sey ganz allein gewest, es hab mich niemand gesehen, jetzt spür ich aber, daß mir Gott habe zugeschaut! Vor 20 Jahren, da ich noch ein Handwerksgesell war, hab ich einem meiner Kameraden, der dazumal in die Wander gereist, daß Gleit geben, und weilen ich gewisse Nachricht erhalten, daß [93] er wohl mit Geld versehen, also hab ich ihn in demselbigen Wald ermordet und eben an gedachtem Ort begraben. Nun merke ich, daß mich gar kein Mensch gesehen, aber Gott wohl, der mich derentwegen richten wird. – So sieht dann der allmächtige, allwissende, allgewaltige Gott alles, alles was auch in der Finster geschieht, alles was in der Wildnuß geschieht, alles was in einem Winkel geschieht. Die Rahab hat die Auskundschafter Josue dergestalten verborgen, daß kein Mensch gesehen; der David hat sich dergestalten in die Spelunken verborgen, daß ihn Saul auch nit gesehen; die zwei Richter zu Babylon haben sich hinter ein Gesträuß verborgen, daß sie kein Mensch gesehen; die Priester zu Zeiten der Machabäer haben das Feuer verborgen, daß kein Mensch aus denen hat können finden: Vor dem Menschen läßt sich oft was verbergen, daß niemand find't noch ergründ't; aber vor deinem Gott, o Mensch läßt sich nichts verbergen!

Von dem Joseph ist die Geschicht' allbekannt, wie er den Mantel hinten gelassen, wormit die saubere Frau des Putiphars ihre Frechheit ihre wollte verdecken. Diese ist dem unschuldigen Jüngling lange Zeit nachgangen, nichts als zuckersüße Wort gegen ihn gebraucht: Gute Nacht, mein schöner Joseph! hat's geheißen, schlaf fein wohl mein Engel! – und seufzte darneben. Wann diese Seufzer mit Schellen wären behängt gewest, wie der Ober-Steyrer ihre Roß, so hätte man hören können, wo sie hingangen. Bona dies! guten Morgen, mein lieber Joseph! hat dir nichts getraumet? mir hat's von dir getraumt, will dirs schon einmal sagen und in der Geheim [94] erzählen! An einem Tag war ein großes Fest gefallen, an welchem nach Gebrauch auch alle Weiber mußten erscheinen in dem Tempel. Das war ein schöner Vortheil für diese Dama: alle gingen zu der Andacht außer dem Joseph, welcher das Haus mußte hüten. Die gnädige Frau verbindt den Kopf, stellt sich krank, als wäre ihr ein starker Fluß gefallen, der ihr unglaubliche Schmerzen und Zahnweh verursacht. Auweh, sagte sie, was leide ich! (glaubs) ach wie brennt's! (im Herzen, Schelmen-Vieh!) Mein Schatz, redet sie zu ihrem Herrn, er gehe nur mit allen Bedienten in Tempel, ich traue mir nit in die Luft, ich will schon meine Andacht zu Haus verrichten! Auweh, auweh, auweh, das seynd, das seynd Schmerzen! Der Joseph kann schon zu Haus verbleiben, daß ich gleichwohl nit allein bin, es möcht bald etwas auskommen. Nachdem nun Alles aus dem Haus, so fängt die Mausköpfinn den Joseph anzulachen. Gelt Joseph, sagt sie, ich kann meinen Mann stattlich betrügen! schau, mein guldenes Maul, jetzt ist alles aus: es ist kein Mensch sonst im ganzen Haus! mein Mann ist nicht da. Mein, stelle dich nicht so fremd, wie abgeschmach! es sieht uns niemand. Niemand? ich frag dich noch einmal:Niemand? O Unverschämte, es sieht dich ja Gott! Schämst du dich vor den Augen des Menschen, und schämst du dich nicht vor den Augen Gottes? Höre, was der keusche Jüngling dir unter das Gesicht sagt:Wie kann ich dieses thun, und vor Gottes Augen sündigen?

Wir schelten, wir verwerfen, wir verdammen, wir vermaledeien jene Unthat der Hebräer, indem ihnen[95] Pilatus der damahlige Landpfleger zu freier Wahl gestellt, sie sollen aus dem Gefängnuß begehren entweders Jesum oder Barabbam – dieser war ein Mörder; so haben sie dannoch einhellig aufgeschrieen, man solle Jesum kreuzigen, den Barabbam aber frei und los lassen. O ihr höllischen Gemüther! so gilt denn bei euch mehr ein Sünder und großer Sünder, und ein mörderischer Bösewicht, als Gottes Sohn? Aber sag her, bethörter, verkehrter, beschwerter Mensch, indem du dich schämen thust vor den Augen der Menschen, nicht aber vor den Augen Gottes; so gilt denn auch mehr bei dir ein Mensch, als Gott selbsten?

Es war ein Student, welcher zur Faßnachts-Zeit, da man mit Schellen in die Schul leutet, auch nicht wollte bescheid seyn. Er wollte es auch erfahren, ob ihm die Lappen-Kappe möchte wohl anstehen; bittet demnach seinen Kostherrn, der ein guter Maler war, er woll das Gsicht mit Farben ihm also überstreichen, daß es einer Larve gleich sey. Der Kostherr zeigt sich hierinfalls gar willfährig: befiehlt ihm, er soll sich unterdessen mit einem Narren-Kleid ausstaffiren, bis er seine Farben mische. Der lateinische Gispel hatte schon alles im Vorrath, weßwegen er gleich die Narren-Schuh, die Narren-Strümpf, die Narren-Hosen, das Narren-Wammes, endlich das große Narren-Krös angezogen, und sich auf den Stuhl mit närrischer Reputation oder reputirlicher Narrheit niedergesetzet. Jetzt, sagt er, Herr malt mich halt frei närrisch! Der Kostherr war ein arger Schalk, [96] und gedachte, nunmehr habe er eine erwünschte Gelegenheit, diesem Studioso curioso oder furioso einen lächerlichen Possen zu reißen; schafft demnach, er soll die Augen wohl zudrucken, theils damit ihm die abrinnenden Farben nicht schaden, theils auch, damit er desto bequemer seine Farben möchte auftragen. Das Malen nimmt nun seinen Anfang: der Kostherr konnte das Lachen nicht verhalten. Um solches zu beschönen, sagt er dem g'studierten Narrn, es wird ihn kein Teufel kennen wegen der vielfärbigen Züg und Strich und Tüpfel. Unterdessen aber hat er nur allezeit den Pinsel in das pur klare Wasser gedunkt und niemalen in Farb, welches der mit verschlossenen Augen nagelneue Narr nicht konnte wahrnehmen. Nachdem nun der verschmitzte Maler ziemlich das Gesicht überstrichen, jedoch nur mit klarem Wasser, legt er endlich den Pinsel auf die Seite, sprechend: Herr, Herr Ferdinand, ich wollt' einen halben Gulden darum geben, wann mein Weib zu Haus wäre, damit sie den Spiegel möcht' geben, worinnen sich der Herr kunnt ersehen: das ist ein Gesicht! das ist eine Larve! das heißt figurirt! in der ganzen Stadt wird kein größerer Narr seyn, als der Herr. Dieser, ganz begierig, sich auch sehen zu lassen, eilet mit seiner Wurst und ledernem Scepter auf die Gasse, von der Gasse auf den Markt, macht seine Narren Gebehrden bestermassen; er aber wurde allerseits ausgelacht. Herr Ferdinand, sagt einer, was ist der Herr für ein seltsamer Narr! Holla! gedacht er, der Kerl kennt mich. [97] Er geht kaum zwei Schritt weiter, da grüßt ihn eine ganze Bursch Studenten. Herr Ferdinand, domine condiscipule, quare ita solet stultescere? Schau, schau, der Narr ist des Malers sein Kostgeher, der ist ein sauberer Narr, er gibt sich fein zu erkennen! Um Gotteswillen, seufzt er bei sich selbsten, so kennt mich ja jedermann; wie muß mich dann mein Herr gemalen haben! Springt derentwegen in ein bekanntes Haus, bittet um einen Spiegel. Sobald er in solchen geschaut, hat wenig gemanglet, daß er nicht in eine Ohnmacht gefallen, indem er gefunden, daß nit ein Tüpfel von einer Farb in dem Gesicht, sondern solches mit bloßem klarem Wasser überstrichen, wessenthalben ihn männiglich leicht erkennen konnte. O wie hat er sich geschamet! viel Geld hätte er gspendiret, wann das nicht geschehen wäre. Niemalen hätt' ich das Ding gethan, so ich gewußt hätte, daß mich jemand soll kennen! Narras benè narrata.

O wie viel verruckte und verruchte Adams-Kinder seynd anzutreffen, welche auch ein thörichtes Werk um das andere thun, in der Meinung, es sehe sie niemand, es kenne sie niemand. In dem Evangelio [98] steht geschrieben: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist! bei manchen heißt es: Stehlt's dem Kaiser, was des Kaisers ist; aber stiehl, daß niemand sieht! In dem hl. Evangelio stehts geschrieben, daß die drei frommen Frauen haben kostbare Salben eingekauft; aber etliche nehmen ungerechte Schmiralia umsonst ein; aber still, daß niemand merkt. In dem Evangelio steht geschrieben, daß ein Weib wegen Verlust eines Groschen das ganze Haus auskehrt, bis sie ihn gefunden; manche Dieb gibts, die Kisten und Kästen aussuchen, bis sie Geld finden; aber still, daß niemand sieht! In dem Evangelio steht geschrieben, daß sich einer dessentwegen entschuldigte, er könne bei der Mahlzeit nicht erscheinen, dann er habe fünf Joch Ochsen erkauft; ein mancher Dieb stiehlt Ochsen und Kühe; aber still bei der Nacht, daß niemand sieht! In dem Evangelio steht geschrieben, es kann niemand zwei Herren dienen; aber mancher dient wohl zwei Frauen; aber still, daß niemand merkt. In dem Evangelio steht geschrieben, daß unser Herr am Samstag einen Wassersüchtigen kurirt habe; aber mancher Wirth hängt schier alle Tag dem Wein die Wassersucht an; aber still, daß niemand im Haus sieht. In dem Evangelio steht geschrieben, daß Martha mit dem Koch-Löffel sehr sey beschäftigt gewesen; aber eine manche hat ein weit anders Löfflen mit diesem oder jenem; aber still, daß niemand sieht. O elende Adams-Kinder! hört mich auch an, was in dem Evangelio steht: In demselben steht geschrieben, daß Joannes der Täufer denen Juden, welche ihn gefragt, ob er Christus sey, geantwortet: Medius vestrum stetit, quod vos nescitis: »Er steht mitten unter euch, den ihr nit [99] kennet.« Ihr Menschen glaubt, es sehe euch niemand, weilen es finster ist, niemand, weilen es verschlossen ist, niemand, weilen es ein Winkel ist, weilen es hinter der Mauer ist, niemand, weilen kein Mensch vorhanden ist, niemand: glaubt aber auch, daß Gott mitten unter euch, bei euch, an euch, um euch, neben euch, ja in euch stehe, quem vos nescitis! O wie weit haben geirret jene frechen Lotters-Knecht, welche neben andern Schmach und Spott auch dem gebenedeiten Jesu seine Augen verbunden, nachmals die stinkenden Speichel in das allerheiligste Angesicht geworfen, selbiges mit hartem Backenstreich verunehret, und also vermeinet, er sehe sie nicht, er solle rathen, wer diesen oder jenen Streich versetzet habe! Weit ist das gefehlt, ihr verdammte Satans-Brut, Gott läßt sich die Augen nicht verbinden, er sieht nicht allein durch diesen wilden Hader und unreinen Lumpen, den ihr ihm um das Gesicht gewunden und gebunden, sondern er siehet auch durch die Mauer, soll auch selbe dicker seyn, als der ganze Erdboden. Nicht allein die Juden haben diesen lasterhaften Muthwillen an dem Heiland Jesu verübet, sondern es gibt auch ihres Gleichen unter den Christen, die nit weniger sich gottvergessen stellen.

Aber o Thorheit! Adam hat auch vermeint, er wolle sich hinter die Stauden, verbergen; aber umsonst, Gott sieht alles. Jonas hat auch vermeint, er wolle sich aus den Augen des Herrn schraufen, wie er nach Joppe gereist; aber umsonst, Gott sieht Alles. Von etlichen Heiligen ist bekannt, daß sie auf einmal in zwei Oertern seynd gesehen worden: Also war der hl. Abt Bernardus zugleich zu Rom und zu Claravall; also war der hl. Adalbertus zugleich zu Rom und zu Prag in Böheim; also [100] war der hl. Antonius Paduanus zugleich auf der Kanzel und bei dem Altar. Aber Gott ist nicht nur an zwei Oertern zugleich, sondern an allen Orten. Er sieht dich allenthalben, er hört dich allenthalben, er greift dich allenthalben, und sollst du dich nicht schamen, vor den göttlichen Augen zu sündigen?

Als einst der Herr und Heiland in dem Tempel vor einer großen Menge des Volks lehrete, brachten die Pharisäer und Schriftgelehrten ein Weibsbild in die Kirche, machten ein groß Geschrei und Tumult, und klagten sie öffentlich an, daß sie in flagranti in dem Ehebruch sey ertappet worden; und weilen das Gesetz Mosis solche zu steinigen befehle, also fragen sie dießfalls, ob man dem Gesatz solle nachkommen? Wie solches der Heiland vernommen, so neigte er sich zu der Erde und schrieb mit den Fingern auf dieselbe. Rathe aber, was er geschrieben, indem solche Schrift den großen Hansen und gelehrten Gesellen dergestalten mißfallen, daß sie alle schamroth seynd darüber worden, und einer nach dem andern zum Tempel hinaus marschirt? Er hat dero Schelmenstücke und Diebstückl ganz umständig entworfen, die sie doch für verborgen und geheim gehalten haben; das hat sie veranlasset, daß sie mit langer Nase, mit unterschlagenen Augen ihren Weg weiter genommen. Wie, sagt einer bei sich selbsten, wie muß er das Ding wissen? hat mich doch niemand gesehen! Das weis ich, dacht ein anderer, daß ich ganz bin allein gewest, wie ich dasjenige hab gestiftet, wie muß dieser Nazarener darhinter seyn kommen? er kann ja nicht durch die Mauren schauen? [101] er hat es ja nit gesehen? Ja, ja, ja, meine Hebräer, er hat es gesehen, wie, wann, wo es geschehen; denn seinen göttlichen Augen kann es nicht entgehen. Wir seynd in diesem Fall wie die Kinder, aber nicht so unschuldig wie die Kinder. Diese pflegen zuweilen durch ihr kindliches Scherzen die Augen mit ihren Händlen zuzuhalten, oder stecken ihren Kopf in den Schoß ihrer Mutter, und meinen also, man sehe sie nicht. Wir üben die mehrste Frechheit und Uebelthaten in der Stille, in verborgenen Winklen, bei finsterer Nacht, verrieglet, versperret, vermauret, und meinen, uns sehe niemand, da doch unterdessen Gott, welcher den Himmel für die Frommen, die Höll aber für die Bösen erschaffen, Gott, welcher die Tugend ewig belohnt, die Unthaten ewig strafet, Gott, welcher barmherzig gegen den Guten, gerecht gegen den Sünder ist, Gott, welcher richten wird die Lebendigen und die Todten, Gott, welchen verehren alle heiligen Engel, und förchten alle Teufel, Gott welcher dreifach in denen Personen, und einfach in der Gottheit – dieser Gott sieht dich und schauet dir zu! –

Zu Wittenberg in Sachsen ist einmal eine schädliche Brunst entstanden, und hatte man einen allgemeinen Argwohn, daß solches Feuer durch einen lasterhaften und bösen Menschen sey gelegt worden. Weilen aber der Menschen Urtheil gar oft auf Stelzen geht, also ist auch dazumalen ein unschuldiger Tropf in Verhaft kommen, welcher sogar bei dem Gericht seine Unschuld durch ein Wunderwerk verfecht: massen er ein ganz glühendes Pflugeisen in die Hand genommen, und solches einen langen Weg durch die Stadt [102] ohne einige Verletzung zum Beweisthum seiner Unschuld getragen. Mitten aber auf dem Platz, in Gegenwart einer großen Menge Volks, hat er dieses glühende Eisen hinweggeworfen, welches dann augenblicklich verschwunden, und kunnte es auch nach viel angewendtem Fleiß kein einziger Mensch finden. Was geschieht aber? Ein ganzes Jahr nach diesem mußten etliche den Platz mit Kieselstein pflastern, worunter einer aus dem Sand daselbst das noch glühende Pflugeisen heraus gezogen, an welchem er neben ungeheurem Geschrei die Hand erschrecklich verbrennt. Die Sach wird alsobald lautbar. Man konnt' sich nit gnugsam verwunderen, daß vor einem Jahr das Eisen verschwunden, und anjetzo, ein ganzes Jahr hernach, von diesem Menschen noch ganz glühend gefunden worden. Wessenthalben dieser Gesell in die strenge Frag gezogen worden, worinnen er bald bekennt, daß er der Thäter sey jener vor einem Jahr erweckten Brunst, darüber er hernach durch billiges und gerechtes Urtheil lebendig ist gerädert worden.

Dieser armselige Mensch hat auch vermeint, es sehe ihn niemand – es war bei der finsteren Nacht, da jedermänniglich in dem tiefen Schlaf war versenket, kein Mensch hat sich auf der Gassen nicht gefunden, er war ganz alleinig – niemand sehe ihn, keinem hat er solches entdecket. Hat er nach einem ganzen Jahr müssen erfahren, daß ihn wahrhaftig Gott gesehen habe.

Der Prophet Jeremias hat auf eine Zeit etwas Wunderbarliches gesehen, nemlich eine Ruthe mit einem Aug: Virgam oculatam. Partitenmacher [103] in deinem Amt, Dieb bei der Nacht, unzüchtiger Buhler in der Kammer, Laster-Mensch in dem Winkel, Mörder in dem dicken und finstern Wald, sündiger und boshafter Mensch in der Stille, sage nit mehr: Nemo videt, niemand sieht mich; es ist nit wahr, es sieht dich die strenge Ruthe von oben her mit dem allmächtigen göttlichen Aug! und was diese siehet, das wird sie urthlen, und was sie wird urthlen, das wird sie auch nach dem Verdienst strafen.

Es hat der allmächtige Gott dem Kriegs-Fürsten Josue einen ernstlichen Befehl geben: Wann er werde mittelst seiner göttlichen Beihilf die Stadt Jericho erobern, so solle bei Meidung höchster Straf und Ungnade keiner eines Fadens groß, eines Heller Werths rauben oder Beut' machen! Das war ein hartes Gesatz: Venire di guerra, et no haverubato? »aus dem Krieg zurückkommen ohne Diebsstuck?« das gehört unter die Raritäten. Gleichwohl haben sich die wackeren Soldaten also scrupulos gehalten, unter Geld und Gut nach Eroberung der Stadt nit einen Pfenning eingeschoben, ausgenommen einer mit Namen Achan, der hat einen rothen Mantel und etwas von Silber und Gold gestohlen, aber ganz behutsam, mäusestill; sogar hat er das Silber unter die Erde gegraben. Dann wie er gesehen, daß ihm niemand zuschaue, weder der Obrist, weder der Wachtmeister, weder der Rittmeister, weder der Profos etc., o, gedachte er, jetzt heißt es: Herr mein Fisch, der [104] Mantel taugt mir stattlich ins Regenwetter, in Winterszeit ist er mir viel lieber, als ein alter Kotzen, der mausen thut, oder eine Matratze, die durchsichtig; das Silber und Gold aber taugt mir zu meiner nothwendigen Wirtschaft. Kann ich doch alles vertuschen; ist nicht nothwendig, daß ichs einem an die Nase bind'; der Charmi mein Vater, muß ebenfalls nichts darum wissen. – Ei du plumper Mantel-Dieb, sieht dich niemand? Niemand sieht mich. Halt's Maul, auf eine solche Lug gehört eine Maultasche! es ist ja der allerhöchste Gott, welcher deinem Kriegsfürsten Josue das Gebot gesetzt: es soll keiner was aus der verruchten Stadt Jericho mit sich nehmen. Es ist nicht lang angestanden, so hat der gerechte Gott diesen ungerechten Beutelmacher entdecket; weßwegen er von dem gesammten Volk versteiniget worden, und der vorhero mit Silber und Gold umgangen, mußte anjetzo wider Willen mit Steinen handlen.

Was hat nit schon der Niemand gestift? DerNiemand stiehlt zum mehristen. Augustinns der große Erzvater, da er noch ein muthwilliger Bub war, ist mehrmalen denen Leuten in die Obstgärten gestiegen, aber allzeit in Obacht genommen, ob ihn niemand sehe. Wann er vermerket, daß der Herr zum Fenster hinaus geschaut, so hat ers wohl seyn lassen. Der Mensch wird nit eine Spinnnadel entfremden, der Bub wird nit einen Pfenning verrucken, der Diener wird nit eine halbe Elle taffete Bändl [105] einschieben, wann sie wahrnehmen, daß es ihr Herr siehet. Ich hab noch nie gehöret, daß auch der frecheste Dieb hat auf einem Jahrmarkt krumme Finger gemacht, wann ihm der Stadt-Richter hat zugeschauet. Wie kannst du dann so frei ohne Scheu und ohne Reu begehen so manche Schelmerei, indem du vergwißt bist, daß dir obere Herr zuschaue, respiciens per fenestras, welcher dir solches in dem Thal Josaphat vor dem gesammten menschlichen Geschlecht wird vorhalten und vorrupfen?

Der gebenedeite Heiland sagt selbsten bei dem Evangelisten Joan. K. 8: Ego sum Lux Mundi, Ich bin ein Licht der Welt! Man mag das Wörtlein Lux lateinisch oder deutsch verstehen, so schickt sich doch beedes auf unsern Herrn, massen er ein Licht, so alles durchleucht, und ein Luchs, so alles durchsieht, zumalen wegen Schärfe der Augen von diesem Thier gesagt wird, es könne durch eine Mauer sehen.

Das Wörtlein Lux hat jener Fuchs erst in seinem hohen Alter erfahren, daß Gott habe gesehen, was er gestift in jungen Jahren: In Oesterreich hat ein Schneider-Bürschl seinem Meister 50 fl. entfremd't. Mit solcher Beut hat er das Haus gemeid't und in andere Länder gewandert, bis er auch ist Meister worden, welcher zwar schon zuvor meisterlich zu stehlen wußte. Nachdem 50 Jahr von diesem begangenen Diebstahl verflossen, so hat Gott auch wollen die 50 fl. wunderbarlich offenbaren. Dann als [106] einmal erstgedachter Meister, ein bereits alter Greis, auf dem Markt spazieren gangen, allwo die unruhigen Gassen- Buben mit Kreiden unterschiedliche Tändlerei verübten an einem Fenster-Laden; so hat sich dieser alte Geck auch unter die Kinder gemischt und ebenfalls mit der Kreide wollen schreiben. Wie es aber Gott so wunderlich geschickt! Dieser hatte sein Lebenlang niemalens schreiben noch lesen gelernet. Indem er dann vermeint, mit der Kreide nur krumme und grade Strich zu machen, ist er aber ganz deutlich diese Wort auf das Brett verzeichnet: Ich bin ein Dieb. Wie solches die ohnedas muthwilligen Buben gelesen, fangen sie alsbald an mit lauter Stimm diesen saubern Titel zu reintoniren: Der ist ein Dieb, der ist ein Dieb! Die Sach gelangt vor den Magistrat, welcher diesen alten Schneider hierüber zur strengen Frag gezogen, und endlich aus ihm gepreßt daß er ein Dieb sey, und habe vor fünfzig Jahren jenem Meister N. 50 fl. entfremdet. Nach welcher Erkanntnuß der zwar weiße Tättl denen schwarzen Raben einen Mitgespann müssen abgeben, und einen solchen Seiltanzer abgeben, daß er am Strick ist hangen blieben.

Sag jetzo mehr, es sehe dich niemand, indem Gott die verborgensten und geheimsten Ding schon so oft auf der Welt an das Tagslicht ganz wunderbarlich gebracht, auf daß der unbehutsame Mensch [107] greiflich spüren solle, daß er denen göttlichen Augen keineswegs entgehen möge. Wann wir den allmächtigen Gott stets vor Augen hätten und wohl zu Gemüth führeten, daß derjenige uns zusehe, welcher uns kann augenblicklich in die Höll' abstürzen, so würden wir ungezweiflet mit Lastern nit also beladen seyn. Was hat unter den Kaisern Henricum, unter den Königen Kasimirum, unter den Fürsten einen Hemenegildum, unter den Grafen einen Elzearium, unter den Freiherren einen Rochum, unter den Bürgern einen Homobonum, unter den Bauren einen Isidorum, unter den Bettlern einen Servulum zu solcher Vollkommenheit und Heiligkeit gebracht, als eben daß sie stets Gott vor Augen gehabt? Was hat den Soldaten Mauritium, den Rathsherrn Appollonium, den Arzt Pantaleonem, den Edelmann Sebastianum, den Fürsten Abdon, den König Olaum zurück gehalten, daß sie nicht die Götzen verehrt und angebetet, sondern heroisch gekämpfet und ihr Blut vergossen? Nichts anderst, als daß sie den wahren Gott allzeit vor Augen hatten. Was hat Benedictum mit so vielen Benedictinern, Augustinum mit so vielen Augustinern, Dominicum mit so vielen Dominicanern, Franziscum mit so vielen Franziscanern, Bernardum mit so vielen Bernardinern etc. zu so bekanntem Tugend-Wandel gezogen, als das Einige, daß sie stets Gott vor Augen hatten? Von Boleslao dem Dritten, wackern und sehr berühmten König in Polen, wird geschrieben, daß er stets die Bildnuß seines Herrn Vaters selig habe am Hals getragen, damit er in dessen Angesicht und Gegenwart nichts Sträfliches oder Unrühmliches [108] begehe. Von Alexandro dem Sechsten, römischen Pabsten, vermerket Carriocciolus, daß er habe das höchste Altar-Geheimnuß in Gold gefaßt an den Hals gehenket, auf daß er immer und immer gedenke, daß Gott all seinen Werken und Gedanken zusehe. – Ich auch, sprichst du, der du solches liesest, will hinfüro nimmer der göttlichen Augen vergessen, sondern ein und allemal meinen Gott, der mich aus nichts erschaffen, meinen Gott, der mich so theuer erkauft und erlöst hat, meinen Gott, der mich noch durch seine grundlose Gütigkeit erhält und ernähret, meinen Gott, von dem ich forderist ein glückseliges Sterbstündlein bitte, meinen Gott, an dem ich einen barmherzigen Richter erwarte, meinen Gott, von dem ich eine trostreiche Auferstehung hoffe: diesen meinen Gott will ich hinfüro allezeit vor Augen haben, damit ich ihn nachmals in jener Welt auf ewig möge anschauen etc.

Judas Iscarioth war ein unverschamter Lügner
Judas Iscarioth war ein unverschamter Lügner in Worten und Werken.

Nach Laut des gemeinen Sprichworts heißt's: das Letzte das Beste: wie dann in der Wahrheit auf der Hochzeit zu Cana der letzte Trunk, den man auf die Tafel gebracht, der allerbeste war, um [109] halben Theil besser als der erste. Aber in der Wahl und Aufnehmung der Apostel geschieht das Widerspiel; massen in dem apostolischen Collegio Thaddäus der eilfte war; nach diesem ist erst Judas Iscarioth als der zwölfte und letzte berufen worden. Dieser letzte ist gewest der letzte, indem er seinem heiligen Beruf nicht gemäß gelebet hat, sondern mit lasterhaftem Diebstahl sein heiliges Amt spöttlich entunehret. Weilen aber gemeiniglich eine Sünd der andern die Thür aufsperret, und gar selten eine ganz allein ist, sondern mehrestentheil eine Begleitschaft vieler andern mit sich führt – wie dann jene Mörder dem armen Tropfen, welcher von Jerusalem nach Jericho gereist, nit nur eine, sondern gar viel Wunden versetzet; also war die Seel des Judä nicht nur mit einer Sünd, sondern mit mehrern durch die höllische Mörder verwundet, und ist gar glaublich, daß er ein unverschamter Lügner zum öftern sey gewesen, massen das Lügen und Stehlen also nahe be freund't seyn, wie Jakob dem Esau, und stehet denen diebischen Händen niemand besser an die Hand, als die verlogene Zung. – Wann gutwillige Leut etwann ein heiliges Almosen Christo dem Herrn vorgestrecket, hat er jedesmal solches Geld ungezählt dem Judä eingehändiget. So ihn nachmals der Petrus oder Joannes oder ein anderer Apostel befraget, wie viel dieser oder jener Herr hab gespendirt, da hat mehrestentheil der saubere Judas weniger angesaget, und also im Lügen gar nicht schamroth worden. Auch hat dieser verstohlene Kassier gar oft Geld in das Haus gebracht, und da ihn Christus sein Meister gefraget, wo er sey gewesen, hat er gleich eine [110] batzete Lug aus dem Aermel geschütt', sprechend, er habe einen Kranken besucht. Mann er allzeit hätte eine Maultasche (nach dem deutschen Sprichwort) müssen aushalten, so oft er gelogen, ich halt davor, der Dieb wär selten ohne geschwollene Backen gewest.

Viel schöne Musik in vielen Orten, von vielen Leuten, an vielen Freuden-Festen, mit vielen Instrumenten seynd gehalten worden im alten Testament, also bezeugt es die hl. Schrift selbsten. 2 Kön. 6, 1 Chron. 13 u. 14, 16. u. 25.; 2 Chron. 5 u. 29.; Judith. 16. Bei dieser erschallenden Musik hat man hören lassen die Trommel, aber nie eine Pfeife, die Posaune, aber nie eine Pfeife, die Leier, aber nie eine Pfeife, die Zinken, aber nie eine Pfeife, die Zithern, aber nie eine Pfeife, die Zimbaln, aber nie eine Pfeife etc., außer ein einigsmal, wie der stolze und übermüthige Nabuchodonosor ein guldenes Bild hat aufgericht, und bei dieser Solennität seine Vasallen mußten erscheinen und diesen guldenen Götzen anbeten mit gebogenen Knieen. Dazumalen hat man neben andern musikalischen Instrumenten auch die Pfeife genommen, sonsten nie. Aber gar recht damals die Pfeifen; denn es war gar eine hässige Lug und unverschamte Lug, daß dieser guldene Trampl ein Gott [111] sey; deswegen ist gar recht beschehen, daß man darzu pfiffen hat.

Wann einer der Zeiten zu einer jeden Lug pfeifen sollte, so müßte einer jederzeit ein gespitztes Maul machen; denn kein Land, kein Stand, keine Wand, wo man nit der Wahrheit eine Schmitze gibt. Es seynd der gered'ten Lugen, der geschriebenen Lugen, der gemalten Lugen, der druckten Lugen, der gstochnen Lugen, der gschnitzleten Lugen, der gsungen Lugen, der deutschen Lugen, der lateinischen Lugen, der spanischen Lugen, der französischen Lugen, der polnischen Lugen, der ungarischen Lugen, der großen Lugen, der kleinen Lugen, der mittelmäßigen Lugen, der höflichen Lugen, der groben Lugen, der verschmitzten Lugen, der plumpen Lugen, der gemeinen Lugen, der neuen Lugen, der alten Lugen, der frischen Lugen, der wochentlichen Lugen, der täglichen Lugen, der stündlichen Lugen, der geschwinden Lugen, der langsamen Lugen, der Stadt-Lugen, der Markt-Lugen, der Dörfer-Lugen, der Schloß-Lugen, der Haus-Lugen, der Zimmer-Lugen, der Tisch-Lugen, der Nacht-Lugen, der Tag-Lugen, der Gassen-Lugen, der Winkel-Lugen, der Männer-Lugen, der Weiber-Lugen, der Kinder-Lugen, der Herren-Lugen, der Frauen-Lugen, der Diener-Lugen, der Menscher-Lugen so viel, so viel, daß, wann man von einer nur[112] einen Pfenning Mauth sollt' ablegen, in kurzer Zeit ein so häufiges Geld gesammlet würde, als der weltkundige Krösus in seinem ganzen Reichthum gehabt; ja sogar redet der Psalmist David: Omnis homo mendax: »daß alle Menschen Lügner seyn.« Etwann will der gekrönte Prophet sagen, daß kein Stand ohne Lug?

Reden die Edel-Leut allzeit die Wahrheit? Nicht allezeit. Es ist zwar kein Laster, an welchem ein edles Gemüth einen größern Abscheu trägt, als an der Unwahrheit. Josue schickt in die Stadt Jericho zwei Ausspäher oder Kundschafter, welche ihre Einkehr genommen bei einem gemeinen Weib. Es ist dieß schon ein alter Soldaten-Brauch. Wie das dem König dieser Stadt zu Ohren kommen, schickt er alsobald einige Quardia, welche diese zwei Israeliten sollen gefänglich einziehen. Wie nun diese vor das Haus kommen und das Weib Rahab anstrengten, sie soll sagen und zeigen, was sie für saubere Gäst habe – die Rahab hatte vorhero diese zwei Männer ganz unter dem Dach verborgen und sie mit vielen Stopplen und Flachs zugedeckt – sagte also des Königs Leuten: ja ich bekenne es, sie seynd zu mir kommen, aber ich wußt nicht, von wannen sie waren. Num. 1 Lug. Und da man in der Finster das Thor gesperret, gingen sie auch hinaus. Num. 2 Lug; dann sie waren unter dem Dach. Ich weiß aber nit, wohin sie gangen [113] seynd. Num. 3 Lugen; dann sie wußt's nur gar zu wohl. Jagt ihnen eilends nach, so werdet ihrs ergreifen! Num. 4 Lugen; dann sie sahe es wohl, daß sie sie nicht würden ertappen. – Dieses Weib hat haupt lügen können, gar nicht angestoßen mit der Zung, noch weniger roth worden; denn sie war ohnedas ziemlich unverschamt.

Es ereignete sich fast eine gleiche Begebenheit mit dem Loth. Bei ihm haben gleichmäßig zwei Gäst einkehret. Die muthwilligen Sodomiter wollten kurzum die zwei heraus haben, oder sie stürmen ihm das Haus. Was thut der ehrliebende Herr Loth? etwann hat er auf gleiche Weis aufgeschnitten und die Gäst verläugnet? sey es um eine Lug hin oder her, es wird deßwegen das Zahnfleisch nicht geschwellen; es ist ja besser geläugnet, wann man auch sollt dem Teufel ein Ohr abschwören, setze er gleichwohl hernach eine Perücke auf: wann mans sollte bestehen, daß diese also wohlgestalten Jüngling' noch im Haus seyn, was Schad und Schand und Schindthaten würden entstehen? Nicht dergleichen hat der gewissenhafte Loth hören lassen, sondern er hats redlich bekennt: Ja, ja, meine lieben Brüder, ich läugne es nicht, ja, ja, sie seynd bei mir, aber ich bitt euch um Gottes willen, thut das Ding nicht! Warum hat denn jenes Weib gelogen und geläugnet, geläugnet und gelogen untereinander, nacheinander, übereinander; der Loth aber blieb bei der Wahrheit auch in höchster Gefahr? Darum, merken's Euer Gnaden Ihr Herren [114] Edel-Leut etc., die Rahab war ein schlechtes Rabenvieh, ein gemeines Weib, deßwegen schamt sie sich nicht des Lügens; aber Loth war ein Edelmann von großem Geblüt, von stattlicher Casada, darum wollt er auf keine Weis' mit Lugen umgehen! Pfui! Mendacium est vitium servile, spricht Sophocles.

Es ist wahr, vor diesem hats geheißen: ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort; was man dazumalen versprochen, ist unveränderlich gehalten worden; zur selben Zeit hat eine Parole mehr Glauben gehabt, als anjetzo pergamentne Brief, woran die Siegel hangen, wie Bandelier an einem Soldaten. Bei etlichen Edel-Leuten, nit bei allen, ist die Parola eine Parabola worden, und ist zuweilen sogar nit ein papierenes Häusel, welches die Knaben auf das Krippel setzen, darauf zu bauen. Parola Pater, ich will mich einstellen! Parola Meister, die andere Woche sollt ihr das Geld haben! Parola Kaufmann, in vierzehn Tagen soll alles pr. Haller, pr. Pfenning bezahlt [115] werden! Der Kaufmann verläßt sich darauf so fest, gleichsam als auf die 14 Nothhelfer; der Meister hofft darauf mehr, als die Israeliten auf das guldene Kalb; der Pater wartet darauf, wie Moses auf das gelobte Land; aber der erste, der andere, der dritte werden bisweilen zugericht, als wie des alten Tobiä seine Augen von den Schwalben (vulgo beschmissen). Es geschieht zuweilen, daß ein Weib einen Knäul Seide abwind't und find't inwendig ein Papierl, worauf die Seide gewunden worden, eröffnet solches aus angenaturtem Fürwitz, schaut, liest, find't, daß es ein altes Auszügel von einem Kaufmann: also in der Wahrheit stecket bisweilen unter sammeten und seidenen Kleidern auch ein Auszügel, daß man solchen noch schuldig ist, welche sich so fest auf die Parola verlassen. Weßwegen ich für gewiß gehört, daß der Kredit sey mit Tod abgangen, und allem Sagen nach, so habe ihm Parola mit Gift vergeben. Die Rubricä des Missals setzen alle Sonntag in der heil. Meß ein Credo: aber bei dem jetzigen Welt-Lauf findet man weder am Sonntag, weder am Werktag einCredo, und hört man fast täglich: dieser und jener hat keinen Kredit mehr bei mir, denn er hat mit seinen Worten nit zugehalten.

Reden die gelehrten Leut allzeit die Wahrheit? Nit allzeit. Es soll zwar nichts wenigers als eine Lug einem gelehrten Mann auf die Zung kommen.Jonas der Prophet bekommt von dem [116] allmächtigen Gott einen scharfen Befehl, er soll unverweilt sich in die Stadt Ninive begeben, daselbst mit allem Ernst predigen, daß nach verflossenen 40 Tagen die Stadt wegen allzugroßen Lastern werde zu Grund gehen. Nachdem nun der Prophet wegen seines Ungehorsams in das Meer gestürzt worden und alsdann nach ausgestandenem Arrest in dem Wallfisch wieder ganz wunderlich auf das Land kommen, also hat er ganz eilfertig den göttlichen Befehl vollzogen, auf allen Gassen der Stadt Ninive ihren erbärmlichen Untergang nach 40 Tagen verkündiget. Weilen aber der König sammt dem Adel und Bürgerschaft zur Buß geschritten, und also der erzürnte Gott hierdurch wieder versöhnet worden, also ist aus der bedrohten Straf und Untergang nichts worden, welches dem Propheten Jonä dergestalten zu Herzen gangen, daß er ganz traurig herum gangen, ja endlich ganz unwillig wider Gott selbsten gemurret. Herr, sagt er, auf solche Weis' will ich lieber todt als lebendig seyn. Gemach, mein grändiger Jonas, sonst wird man von dir sagen, du seyest im Wallfisch ein anderer Fisch worden, den man insgemein den größten Fisch nennet, dann sein Kopf in Holland, und sein Leib bei uns heraus! gemach, mein Prophet, du sollst dich lieber erfreuen, als trauren, daß der schönen Stadt die göttliche Justiz verschont hat! – Ihr habt gut reden, spricht er, ich will halt noch einmal lieber todt als lebendig seyn: anjetzo werden mich die Leut' einen Lügner heißen; die Kinder auf der Gasse werden mich [117] einen Maulmachee nennen; die Menscher bei dem Brunnen werden meiner spotten, daß ich ein falscher Prophet sey; die Burger vom Fenster herab werden mich einen Aufschneider tituliren, wer weiß, ob nicht gar einen verlogenen etc. die Weiber mich schelten werden! Lieber, lieber – sags noch einmal, lieber will ich todt seyn, als daß man mich für einen Lügner sollte halten und ausschreien! mich, der ich ein Prophet bin, mich, der ich allzeit einen guten Namen gehabt, mich einen Lügner? Pfui! Melior est mihi mors, quam vita.

Es stehet freylich wohl nicht rühmlich bey einem gelehrten Mann, so er mit Unwahrheit umgehet, massen der Prophet David im 5ten Psalm den Rachen eines Lügners einem offnen Grab vergleicht; denn gleichwie solches abscheulich mufft und stinkt, also stinkt nit weniger eine Lug aus einem Menschen; darum man insgemein pflegt zu sagen: Es ist erstunken und erlogen. Nichts desto weniger seynd deren viele anzutreffen, welche oft sowohl mündlich, als schriftlich mehr Lugen zusammenbinden, als der Samson vor diesem Fuchs-Schweif' auf denen philistäischen Feldern, deren gleichwohl dreihundert waren. Absonderlich spürt man solches in denen neuen Zeitungen. Wann ich so viel Ziegelstein hätte, als Lugen nur in diesem Kriegs-Lauf seynd aufgebracht worden, so getraute ich mir einen babylonischen Thurm aufzubauen, und um ein Garn höher, als derselbige war, so von denen Nemrodianeren ist aufgericht worden, welcher gleichwohl 4000 Schritt, [118] das ist, eine ganze deutsche Meile hoch war. Jener ungerechte Haushalter, von dem der h. Evangelist Lukas am 16ten meldet, hat denen Schuldnern seines Herrn befohlen: einer solle statt hundert Tonnen Waizen 50 schreiben, ein anderer anstatt hundert Malter Waizen soll 80 setzen; das waren s.v. geschriebene Lugen. Bey der Zeit ist man noch weniger scrupulos im Zeitungschreiben; dann man gar oft anstatt 100 pflegt 1000 zu setzen, oder anstatt 1000 nur 100. Man hat es sehr genau zusammen gezogen aus den Zeitungen, daß durch diese zwei Türken-Krieg über die neunmal hundert tausend Türken sollen geblieben seyn. Wie viel seynd da O oder Nulla zu viel? das heißt ja in dem Vocativo ô Mendacia! Wenig fürwahr, ja wohl gar kein Isaias ist der Zeit mehr zu finden, der also heilig und heiklicht mit der Wahrheit ist umgangen, daß er dem bösen, höllischen Feind, so in dem Kerker ihn zu einer Lug angereizt, ganz beherzt geantwortet, daß er tausendmal lieber wölle sterben, als eine einzige Unwahrheit reden.

Reden die Kaufleut' allzeit die Wahrheit? Gar selten. Der h. Salvianus schreibt Buch 4. de Provid. etwas lateinisch von den Kaufleuten, welches ich mir nit getraue in das Deutsche zu übersetzen: Quid aliud est vita Negotiatorum omnium, nisi meditatio doli et tritura mendacii? das ist: »Die Kaufleut handeln mit vielen Waaren, aber mit desto weniger Wahrheit.« Der Teufel als ein Vater der [119] Lugen, wie er das verbotne Confect im Paradies feil boten, hat schon in diesem Handlen zwei große Lugen eingemischt, indem er die Waar gar zu stark gelobt, sprechend und versprechend, der Apfel werde sie zu Götter machen: das war eine große Lug. Wann sie ihn sollen essen, so werden sie nicht, wie ihnen Gott gesagt, sterben: das war eine größere Lug nequaquam moriemini! Ey du Nequam mit deinem nequaquam! Ohne Lügen werden die Kaufleut' gar selten ihre Waar' anwehren. Wie die sauberen Brüder ihren Joseph verkauft, da hat's viel Lügen und Betrügen abgesetzt. Zu Vermäntlung ihrer Missethat haben sie den Rock des Josephs in ein Bock-Blut eingetunkt, und solchergestalten dem alten Vater nach Haus geschickt mit trauriger Erinnerung, daß ihr Bruder von wilden Thieren zerrissen worden und gefressen. Das war eine plumpe Lug, die hat man können mit Händen greifen; denn der Rock war ganz, und diese schlimmen Gesellen geben vor, ein wildes Thier habe ihn zerrissen und gefressen, das brauchte des Pfeifens. Wie kann ein wildes Thier einen Menschen zerreißen und aufzehren, wann das Kleid ganz verbleibt? Die Kaufleut' können weit besser und verschmitzter lügen, ihre Lugen sehen der Wahrheit so gleich, wie die Wölfinn dem Wolfen; ihre Lugen messen sie nach der Elle aus, ihre Lugen wägen sie mit der Wag' aus. Wann ich so viel Bretter hätt, als Lugen geschehen auf einem Jahrmarkt in einer vornehmen Stadt, ich [120] getrauete mir einen Zaun von lauter Brettern um ganz Brittanien zu führen.

Es ist Petrus nicht allein, der ganz gewissenlos hat aufgeschnitten, er kenne Jesum von Nazareth nicht, und da man ihm dießfalls keinen Glauben wollte setzen, hat er es mit einem Schwur bekräftiget; sondern es seynd gar viel Handels-Leut' wie Petrus und Judas, mit dem Unterschied, daß Petrus nur einmal die Unwahrheit mit einem Schwur versieglet, aber bei etlichen Handels-Leuten ist es ganz gemein. »Der Teufel hol' mich, wann mich die Waar nicht selbsten mehr kostet! ich begehr nit selig zu werden, wann nicht die Waar ganz frisch ist! Gott weiß es, es ist erst einer da gewest, der hat mir um etliche Groschen wollen mehr geben! der Teufel führ mich hin, wann ichs nit zu Haus um den Werth kann versilbern etc.!« – Damit man nur theuer verkaufe, so seynd die Lugen spottwohlfeil.

Weit anderst war gesinnet und gesitt' die hl. Lidwina, von welcher folgends Wunder geschrieben wird: Zwei Männer zankten dergestalten miteinander in der Stadt, daß endlich die Sach' so weit kommen, daß einer aus diesen den Degen gezucket, in Willens, den andern zu ermorden, und weilen solcher sich mit der Flucht wollt erretten, also hat ihm derselbige mit großem Grimme nachgesetzet und gar getrieben in das Haus der hl. Lidwinä, woselbst er die Hausfrau, Namens Petronillam, als eine Mutter Lidwinä, befragt, ob dieser nit im Haus sey? Welche zu Erretung des andern Heils mit nein geantwortet. Der blutgierige Mensch dringt gar in das Kämmerl hinein, [121] allwo die hl. Lidwina krank gelegen, fragt sie, ob der Gesell nit da sey, er woll' ihm den Rest geben. Und als die hl. Jungfrau bekennt: ja, er sey da, so hat ihr die Frau einen harten Backenstreich versetzt, um weilen sie solches bestanden. Die hl. Lidwina sagte aber, sie wollte derentwegen nit lügen, dieweil sie der Hoffnung gewest sey, ihn mehr mit der Wahrheit, als mit der Lug zu schützen; wie es dann nit anderst geschehen, allermassen der Mensch ihm, der ihn gesucht, alleweil vor Augen gestanden, aber durch sonderbare göttliche Gnad unsichtbar gewest.

Reden die gemeinen Leut' allzeit die Wahrheit? Das gar nit; sondern auch bei denen gemeinen Leuten seynd die Lugen gemein. – Vor Zeiten haben sich die Bäume wunderlich gebogen: also zeigt man noch einen Baum bei Cairo, welcher sich bis auf die Erden niedergeneigt, wovon die Mutter Gottes etliche Früchte darvon abgebrocket, da sie in Egypten geflohen; derentwegen die verstockten Heiden diesen Baum umgehauen, so aber den andern Tag wunderlich wiederum ergänzter gestanden. Kurz vor ihrem gebenedeiten Hinscheiden ist die übergebenedeite Jungfrau Maria auf den Oelberg gestiegen, allda ihr eifriges Gebet zu verrichten, allwo sich das große Wunder ereignet, daß alle Bäum' desselben Orts sich bis auf die Erde haben gebogen und eine solche Reverenz ihr erwiesen, indem doch oft mancher grober Block kaum ein halbes Knie in der Kirche bieget. Wie das heilige Haus durch englische Händ in das recanatische [122] Gebiet, welches dazumalen einer edlen Frauen Namens Lauretta gehörig war, mit größtem Wunder getragen worden, da hat sich ein ganzer Wald gegen das heilige Gebäu geneiget, und nachmals also gebogner verharrt. Wie man dann noch vor dreißig Jahren dergleichen höfliche Bäume angetroffen: Die selige Rosa, aus dem Orden des heiligen Dominici, pflegte täglich in aller Frühe in den Garten zu gehen, daselbst ihren Gott zu loben. So hat man aber mehrmalen beobachtet, daß, wann sie mit inbrünstigem Eifer folgenden Versicul aus dem Psalm gesprochen: Benedicite universa germinantia in terra Domino etc., sich also balden die Bäume angefangen zu bewegen und bis auf die Erd' sich zu bucken. Es haben sich also vor diesem die Bäume durch ein Wunderwerk gebogen; aber jetziger Zeit lügt man also, daß sich die Bäume durch ein Wunderwerk möchten biegen.

Man hat es jenen Kundschaftern, welche Josue in das gelobte Land geschickt, sehr für übel gehabt, daß sie also grob aufgeschnitten, indem sie spöttlich vorgeben, daß sie in gedachtem Land haben Leut' und Männer angetroffen, welche einer so ungeheuren Größe waren, daß sie gegen ihnen wie die Heuschrecken anzusehen. Pfeif! das heißt aufgeschnitten. – Aber jetzo trifft man nit wenig unverschamte Gesellen an, welche noch häufiger und heftiger lügen, und nit allein große und grobe Lugen in 4to, sondern in Folis auftragen.

[123] Pfui! Einer erzählte, wie daß er vor etlichen Jahren, da er in die Länder gereist, habe er in Indien eine Krautstaude gesehen, welche so groß war, daß gar füglich darunter 300 Mann stehen konnten. Einer aus den Zuhörern konnt sich nicht genug über diesen Transchirer verwundern; sagt also, er habe in Brittanien gesehen einen Kupfer-Kessel machen, woran zweihundert Gesellen gearbeitet, und ist doch einer von dem andern so weit gestanden, daß er ihn gar nit klopfen gehört; das war ein großer Kessel! Je, je, sprach der andere, zu was brauchte man diesen großen Kessel? Dieselbe große Krautstaude, die er in Indien gesehen, darinn zu kochen, und verweist ihm also sein unverschamtes Aufschneiden.

Ein anderer gab für eine gewisse Wahrheit aus, daß er in Westphalen habe einst in einem Wirthshaus einkehret, in der Nacht-Herberg, worinnen auch andere nasse Bursch sich aufgehalten. Unter andern waren auch daselbst zwei Fleischhacker, welche bei der Nacht also geschnarcht, daß einer mit dem Schnarchen die Kammer-Thür habe aufgemacht, der andere mit seinem Schnaufen dieselbe Thür wieder zugezogen, und dergestalten die Thür die ganze Nacht auf-und zugangen. Pfeif! Das heißt aufgeschnitten.

Ein anderer hat ausgeben, daß er Anno 1632 auf dem Meer habe ein Unglück ausgestanden, indem das überladene Schiff von denen ungestümmen Winden gescheitert und folgsam Alles zu Grund gangen; er[124] aber, als des Schwimmens wohl erfahren, sey fünf welche Meil' unter dem Wasser geschwommen und beinebens drei Pfeifen Taback unter dem Wasser ausgetrunken; also behutsam mit der glühenden Kohle umgangen, daß sie ihm nicht erlöscht! Pfeif! Das heißt aufgeschnitten. Pfui!

Ein anderer sagte, es habe ihm einmal ein Wildschwein im böhmischen Wald also nachgestellt, daß er endlich gezwungen worden, sich hinter einen Baum zu fliehen; das Wildschwein aber sey also stark an den Baum angeloffen, daß es mit den Zähnen, oder auf weidmännisch zu reden, mit den Waffen durch und durch gedrungen. Dazumal habe er einen Bohrer bei sich gehabt, mit welchem er unverweilet durch die Waffen gebohret, und solchergestalten den Bohrer stecken lassen, daß sie also nit mehr konnte zuruck ziehen, sonsten wäre er seines Lebens nicht sicher gewest. Ein andersmal sey er über das hohe Gebirg Bononiä gereist zu höchster Sommerszeit, und habe daselbst auf höchstem felsigen Gebirg einen Fehltritt gethan, worvon er eine gute deutsche Meil' hinab gefallen, sich 2413 mal umkehret – dann er habs wohl gezählet – und doch nicht ein einziges venetianisch Glas gebrochen, deren er 36 in seinem Ranzen getragen. Der linke Fuß aber sey ihm etwas wenigs aufgeschwollen durch diesen Fall, welche Geschwulst er noch denselben Tag geendet mit einer Salbe, die er noch zu Bugiapoli in dem Chineser Reich um ein Spott-Geld habe erkauft. Di! so schneide!

Was kann doch zuchtloser und fruchtloser, was[125] kann doch lasterhafter und preßhafter, was kann doch ehrvergessener und lehrvergessener seyn, als ein solcher unverschamter Aufschneider! Wann der Mensch auch wegen eines einzigen unnützen Worts wird von der göttlichen Justiz gestraft werden, wie wird dann ein solcher Spott-Gesell und Zungendrescher bestehen? Wann der gebenedeite Jesus deßwegen eine so harte Maultasche und schmerzlichen Backenstreich vom Malcho empfangen, um weilen Adam im Paradies eine Lug gethan – dann auf eine Lug gehört eine Maultasche, also wollt der Heiland selbst solche für den Adam aushalten – so ist hieraus leicht abzunehmen, wie ein Lugenschmied die göttliche Majestät beleidige.

Reden die Burgers-Leut allzeit die Wahrheit? Hat sich wohl. Es seynd viel aus ihnen, welche nit also scrupulos seynd, wie der Samson gewest: Es möchten die Philistäer gern wissen, in wem doch die Stärke des Samsons hafte. Zu solchem End' haben sie die Dalilam, welche bei dem Samson sehr viel golten, mit Verheißung eines guten Beutel voll mit Dukaten ersucht, daß sie aus ihm obbenenntes Geheimnuß heraus forschen solle. Diese in Ansehung dieser stattlichen Rekognition liebkoset ihren Schatz also stark, daß er ihrs doch möchte vertrauen! welcher allzeit dreimal nacheinander ihr die Wahrheit gesagt. Endlich meine saubere Madame bekommt einen Verschmach, [126] fängt an zu pfnotten, wirft ihm vor, daß er so gar keine Manier brauche, das Frauenzimmer zu bedienen. Er stellt sich so ungereimt, er soll sich lieber in Finger beißen, als die mindeste Offensa einer Dama zufügen! Kurz von der Sach zu reden, er sey halt ein Lügner und ein lauterer Maulmacher. Holla!per tres vices mentitus es mihi! Das heißt das Lebendige getroffen. Diese Lob-Predigt will dem Samson nit gefallen, und gedachte also bei ihm selbsten: Entdecke ich ihr das Geheimnuß, so wird sie es unfehlbar denen Philistäern zutragen, und folgsam ist es um mein Leben geschehen; offenbare ich ihr es nicht, so muß ich es stets auf dem Teller haben, daß ich ein Lügner sey. Wie ist dann der Sach zu thun? ey so sey es, so will ich ehender lieber sterben und ihr die Wahrheit bekennen, als daß ich solle ein Maulmacher genennt werden!

Eines solchen ehrlichen Sinns seynd nicht alle Burger, zumalen viel wegen eines wenigen Gewinns sich nicht scheuen, eine Lug um die andere zu fesseln, wie eine Kette: Ich bestelle mir bei einem Maler die Bildnuß des hl. Pauli, welcher ein Haupt und Patron aller Prediger. Dieser Maler verspricht die nächst eingehende Woche das Bild zu verfertigen. Ich komm' die andere Woche, find' die erste Lug, indem die Leinwand noch nicht aufgezogen. Er entschuldigt sich mit diesem oder jenem, verheißt beinebens, so wahr er ein ehrlicher Mann sey, die andere Woche [127] soll ichs haben. Nun, me commendo. Ich erschein' die andere Woche und will meinen heiligen Paulum haben, find' aber den Faulum und keinen Paulum. Der Maler wendet wieder eine Entschuldigung vor: er hab schon angefangen, und weilen er entschlossen, einen großen Fleiß anzuwenden, also könne man auch die Sach' nit gleich blasen. Blasen! dacht ich, lieber pfeifen als blasen zu solchen häufigen Lugen. Auf St. Peters Tag die andere Woche gewiß, unfehlbar, Parola! kann mich darauf verlassen; ist nit vonnöthen, daß ich darum schicke, er will es selber bringen. Auf solche gegebene Verheißung verlaß ich mich, daß ich auf St. Peters Tag werde den heil. Paulum haben; dann diese zwei seynd ohnedas gern beisammen. In der Vigil des hl. Petri schicke ich spat Abends um meinen Paulum, so bekomm ich die Antwort: er sey schon gemalen, aber es gehe ihm das Schwert ab. Und dir, gedachte ich, geht das große Messer nit ab, du unverschamter Aufschneider! Mich daurete nichts mehreres, als daß der hl. Paulus, welcher allerseits die heilige und liebe Wahrheit geprediget, jetzt bei diesem Maler muß mit Lugen bestehen. Pfui, wie stark hat schon das Lügen eingerissen! Der hl. Paulus hat vor Zeiten die Kretenser Lügner geheißen: »Cretenses semper mendaces;« wann er der Zeiten noch bei uns lebte, so könnt' er manchem Bürger solche Laudes singen.

Reden die Bauersleut allzeit die Wahrheit?

[128] Nit allzeit. Der allererste Bauer in der Welt war der Kain; also bezeugt die hl. Schrift: Der Abel war ein Schafhirt, der Kain ein Ackersmann; aber kein wackerer Mann, indem er seinen Bruder aus Neid ermordet. Nach dieser vollbrachten Missethat erscheint ihm Gott der Allmächtige, fragend, wo sein Bruder Abel sey? Nescio, ich weiß nit, sagt und lügt der unverschamte Ackersmann. Seins Gleichen findet der Kain noch viel Brüder. Wann Verwalter und Pfleger sollten von einer jeden Bauern-Lug nur eine Arbes einnehmen, so würde ihre Kuchel an dieser Speis keinen Mangel leiden. Wie der hl. Julianus mit seinen Brüdern eine Kirch aufbaute, hat er vom Kaiser einen Befehl ausgewirkt, daß alle Vorbeireisenden ihm sollen helfen. Auf eine Zeit mußten etliche Bauren mit ihren Ochsen-Wägen denselben Weg nehmen: damit aber das grobe Gsindel nicht soll helfen, haben sie einen auf den Wagen gelegt, mit Kotzen überhüllt und ihm ernstlich befohlen, er soll sich todt stellen. Wie sie nun allbereits bei demselben Ort angelangt, hat sie alsobald der hl. Julianus gar höflich und freundlich ersucht, sie wollen ihm doch eine Stund schenken und etzliche Stein herzuführen. Diese Bauren, wohl rechte Lauren, entschuldigen sich, wie daß sie sich nicht können aufhalten, weilen sie einen Todten auf dem Wagen. Das ist eine schändliche Lug, sagt Julianus; pfui, schamt euch, Gott wird zulassen, was ihr vorgebt! Als nun diese schon ziemlich weit von dem hl. Juliano gefahren, so [129] zupfen sie den Gesellen, er soll aufstehen. Auf! auf! gelt wir haben den Pfaffen betrogen? auf du Narr von der Todten-Bahr! Dieser aber wollte keinen Gehorsam leisten wie der Lazarus zu Bethania, sondern zu einer Straf der unverschamten Lug ist er wahrhaftig todt gefunden worden.

Die Bauren werden ungezweifelt das Concept von denen Säuen verstehen: Es ist ja wunderlich, daß unser lieber Herr auf der Teufel ihre Supplication einmal einen so guten und hurtigen Bescheid geben, indem er sie angehalten, in die Schwein zu fahren. Ite! So hat ers ihnen alsobald erlaubet, aus Ursachen: sie haben kurz vorhero die Wahrheit geredet, daß nemlich Christus der Herr sey der wahre Sohn Gottes des Allmächtigen. Aus welchem dann die Bauren leicht können abnehmen, wie angenehm Gott dem Herrn die Wahrheit und wie abscheulich ihm die Lugen seyn.

Reden die Wahrheit auch die Weiber allzeit? O nit allzeit! Diese spicken mehr und öfter als andere; ich glaube, aus lauter Rachgierigkeit. Dann es ist auf eine Zeit in der Ante-Camera des Königs Darii diese Frag vorgetragen worden: welches doch das stärkste Ding in der Welt sey? Etliche sagten, der König Euer Majestät seyn der Stärkeste; andere vermeinten, der Wein sey das Stärkeste; die mehristen ließen sich verlauten, als sey das Weib das Stärkeste: welches ihr nicht ein wenig wohlgefallen, ja deßwegen einen hohen Geist [130] bekommen. Aber die Wahrheit hat ihr gleich die Federn gestutzet; dann durch endliche Gutheißung des Königs selbsten ist die Wahrheit für das Stärkste erkennt worden: Forte est vinum, fortior est rex, fortiores sunt muliebres, super omnia autem vicit veritas. Das hat dem Weib so verschmacht, indem ihr die Wahrheit vorgezogen worden, daß sie auf den heutigen Tag der Wahrheit Spinnenfeind ist. Sara war eine fromme, heilige, vollkommene Dama, welche bei Allen, von Allen, in Allem ist gepriesen worden; dennoch weiß man von ihr, wie sie einst hinter der Thür gelacht hat. Da ihr die Engel die fröhliche Zeitung gebracht, daß sie werde einen männlichen Erben in ihrem hohen Alter bekommen, hat sie das Schmutzeln geläugnet: Non risi, ich hab nit gelacht. Jener freche Schleppsack hat sich sogar getrauet in Gegenwart Salomonis spöttlich zu lügen, wie sie ihr Kind im Bett bei der Nacht erdrücket hat. Des Putiphars seine saubere Frau hat den Mantel des keuschen Josephs mit lauter Lugen gefüttert. Die Hebammen in Egypten haben meisterliche Lugen auf die Bahn gebracht, wormit sie den kleinen Moses bei dem Leben erhalten. Frau und Fraus vergleichen sich gar wohl, und ist oft kein Tag, kein halber Tag, keine Stund, keine halbe Stund, wo nicht manches Weib mit der Zunge also [131] stolpert, daß, was sie redet, für gut leonisch kann gehalten werden. Was Markt-Lugen, was Zimmer-Lugen, was Kuchel-Lugen, was Zecker-Lugen, was Kinderlugen etc. findet man bei manchem Weib, absonderlich bei denen Wittiben! Das erste Wort nach dem Tod ihres Mannes ist mehrmalen nit wahr; dann fast eine jede läßt sich verlauten, sie wolle nit mehr heirathen; unterdessen ist sie eine Wittib auf hebräisch, Almanach, oder besser geredet: allen Mannen nach.

Reden die Bettel-Leut' allzeit die Wahrheit? Diese gar selten. Jener Bettler auf dem Weg, welcher von dem gebenedeiten Heiland das Gesicht wunderbarlich erhalten, war in der Wahrheit ein recht blinder Tropf. Aber man trifft zuweilen lose Gesellen an, welche sich blind, krumm, lahm, stumm etc. nur stellen, als wie derselbe, der sich etliche Jahr ganz stumm gestellt, und stunde seine beste Beredenheit in dem Glöckl. Als er einsmal von einem Herrn befragt worden, wie lang er schon stumm sey, so hat er sich vergessen und folgsam deutlich geantwortet: Herr, es seynd schon 6 Jahr. Von dem hl. Einsiedler Isaak wird geschrieben, daß einmal etliche schlimme Gesellen ihre guten Kleider ausgezogen, dieselbe in einen hohlen Baum versteckt, nachmals ganz zerrissen und zerlumpt dem hl. Mann zugetreten, ihn mit weinenden Augen und aufgehobenen Händen wehmüthig gebeten, er wolle sich ihrer erbarmen und etwann mit einem Kleid verhilflich seyn, damit sie [132] gleichwohl den bloßen Leib in etwas verhüllen und zudecken möchten! Ja, ja, sagt der alte Tättl, gar gern, ihr seyd gar arme Tropfen, es hat sogar der Haderlumpen bei euch nichts zu finden. Ja, ja, ich will euch schon versehen. Schafft demnach seinem jungen Einsiedler und sagt ihm in die Ohren, er soll hingehen (dann der hl. Mann war von Gott schon erleuchtet) an dasselbige Ort, in einem hohlen Baum werde er Kleider finden, diese soll er fein schleunig herbei bringen! Der fromme Discipul vollzieht den Befehl seines heiligen Vaters, gehet, find't, trägt, bringt die besten Kleider, und waren just dieselbigen, so diese losen Leut verborgen, welche dann der hl. Isaak mit sondern Freuden ihnen gspendiret; sie aber nicht ohne Schamröthe haben ihre eigne Kleidung angenommen und jedweder wiederum in seine vorigen Hosen geschloffen. – Solches Glifters schlimme Bursch findt man allenthalben, welche sich arm und armselig stellen und mit lauter Lugen das hl. Almosen erpressen. Vor wenig Jahren ist bei einer berühmten Wahlfahrt in Unter-Oesterreich ein Bettler gestorben, welcher viel hundert Gulden baares Geld hinterlassen. Dieser hat kurz vor seinem Tod in Gegenwart eines Kapellans vielmal aufgeschrieen: O wie brennt's, o wie brennt's, o wie brennt mir das Herz ab! Als er deßwegen befragt wurde, gab er die Antwort: Es brennt, es brennt mich das Almosen, welches ich ohne Noth gesammlet und mich gar leicht mit der Hand-Arbeit hätt' erhalten können. Dieses Almosen brennt mir das Herz ab. O wie brennt's! Es ist nit ohne, daß viel arme, nothleidende, presthafte [133] Lazari auf der Gasse und Straße angetroffen werden, deren sich ein Christen- Gemüth erbarmen soll, aber viel in Müssiggang erzogenes Lotter-Gesind lügt und betrügt die Welt. Der hl. Petrus hat einmal einen lahmen und elenden Menschen bei der Porte des Tempels zu Jerusalem in dem Namen Jesu gesund gemacht, und gerad jetziger Zeit machen sich die krummen Bettler oft selbst ohne Miracul, dann bei dem Tag kriechen sie zuweilen auf allen Vieren, hüpfen mit Stelzen, hinken mit Krücken, tappen mit Stecken, und wann sie zu Nachts in die Herberg kommen bei einer guten Bettler-Zech, seynd sie gesund und grad: ist also zwischen mendacium und mendicum ein kleiner Unterschied.

Omnis homo mendax: »Es ist halt kein Stand ohne Lügen.« Die allererste Sünd der Kinder ist das Lügen. Sogar der geistliche Stand, der doch mit aller Vollkommenheit prangen soll, ist nie gar frei von den Aufschneideren. Der heilige Evangelist Joannes als ein Geistlicher ist so genau auf die Wahrheit gangen, da er die Stund beschrieben, in welcher der Heiland mit dem samaritanischen Weibel bei dem Brunnen geredet: Indem dazumalen der Uhrzeiger schon auf dem ersten Strichel gestanden, hat er ihm nicht getrauet zu schreiben: Es war die 6te Stund, sondern,Erat hora quasi sexta: »Es war um die 6te Stund.« So scrupulos war Joannes gewest, damit er die Wahrheit im mindesten nicht beleidige. Seines Gleichen findet man dießfalls gar wenig. [134] Derselbe war es wohl nit, welcher dem englischen Doctor Thomä von Aquin vorgelogen, daß dort droben ein Ochs in der Höhe fliege, und weilen Thomas derentwegen seine Augen in die Höhe gewend't, also hat ihn der andere ausgehöhnet, sich beinebens verwundert, daß er als ein so berühmter Lehrer möge so einfältig seyn und glauben, daß ein Ochs fliege. Pfui! Thomas der Apostel hat so langsam geglaubt, und ihr Thomas von Aquin glaubt so geschwind, ein Ochs soll fliegen! Ja, sagt der heilige Mann, ich hab ehender geglaubt, daß ein Ochs soll fliegen, als ein Geistlicher lügen.

So ist dann allerseits die liebe und guldene Wahrheit noch ganz frisch, ganz neu, als wäre sie erst von denen Händen Gottes verfertiget worden. Darum aber ganz neu, denn man braucht sie selten; welches mit blutigen Zähern soll beweint werden, massen hieraus sattsam erhellet, daß unser lieber Herr wenig bei uns gilt, indem er selbsten die Wahrheit ist. Ego sum veritas. Wessenhalben er auch nackend und bloß am Kreuz wollen sterben, dardurch uns zu lehren, die Wahrheit muß nicht verdecket, vermantlet, verhüllt, verblümlet seyn, sondern bloß. Es hat die Martha eine heiklige Nase gezeiget, wie unser Herr hat ihren Bruder wollen von dem Tod auferwecken, indem sie gesprochen: Domine, Herr, jam foetet, er stinkt schon! Schöpfen wir Adams-Kinder einen Grausen an allen demjenigen, was da stinket; pfui! und ein lauteres Pfui ist eine Lug. Was ist doch [135] Wilderes, als wann man sagt, es sey erstunken und erlogen? ja pflegt doch ein jedweder bescheider Mensch jedesmal das Salva venia, das Reverenter hinzu zu setzen, so oft er das Wortl Lug nur ausspricht. Warum solle es uns nit absonderlich darob grausen? Liebster Leser, ich sag die Wahrheit und lüge nit: du werdest sehen, wie scharf der gerechte Gott in jener Welt die einige Lug strafen wird; ist also besser, anjetzo im Lügen feiren, als dort im Feuer liegen!

Judas Iscarioth ist allweg auch ein sonderer Lügner gewest in seinen Werken, zumalen er äußerlich ganz heilig scheinte, und hat ihn das Volk so vollkommen, so heilig geschätzet, als etwann einen Petrum oder Joannem; ja er konnte also meisterlich seine geheimen Laster verhüllen, daß unter den hl. Apostlen nit einer gewest, so nur einen üblen Argwohn hätte von ihm geschöpfet; sogar auf die Letzt, da der gebenedeite Herr bei dem hl. Abendmahl ziemlich deutlich geredet hat von einem Verräther, wollte es noch keinem Apostel einfallen, daß Judas dieser verwegene Bösewicht sollte seyn. Deßwegen Petrus gefragt, Herr bin ichs? Joannes gefragt, Herr bin ichs? Jacobus ingleichem, Herr bin ichs? Einer nach dem anderen ehender geforchten von seiner eignen Person, als von Juda Iscarioth.

So ist dann nit alles Gold, was glänzet. Es heißt öfters: ficta nòn facta: auswendig süß, einwendig Spieß; auswendig Hui, einwendig Pfui; [136] auswendig ein Kuß, einwendig ein Verdruß; auswendig Hönig, einwendig höhnisch; auswendig Ave Rabbi, einwendigAve Rabenvieh; auswendig mein Schatz, einwendig daß dich der Teufel kratz; auswendig lieb, einwendig ein Dieb; auswendig ein Frater, einwendig ein Verräther; auswendig ein Lamm, einwendig ein Abfaum; auswendig Reverenz, einwendig reverenter etc.; auswendig andächtig, einwendig verdächtig; auswendig ein Christ, einwendig ein Atheist; auswendig Religios, einwendig Vitios; auswendig ein Pastor, einwendig ein Impostor; auswendig eine Fackel, einwendig eine Makel; auswendig sein, einwendig ein Schwein; auswendig geziert, einwendig beschmiert; auswendig ein Engel, einwendig ein Bengel. Ficta non facta.

Die Babylonier hatten vor diesem einen Abgott mit Namen Bel, von welchem die Götzen-Pfaffen ausgeben, daß er alle Tag 12 Malter Semmel, 40 Schaf und 6 Krüg Wein verzehrt. Daß ihms der Teufel gseng! Der von Gott erleuchte Prophet Daniel hat endlich dem König den Betrug entdecket, wie [137] daß diese Kost nicht sey für diesen falschen Gott, sondern für die Götzen-Priester, welche durch einen heimlichen Eingang bei nächtlicher Weil' in den Tempel einschleichen und nachmals mit vollem Magen und schmutzigem Maul in der Still hinweg gehen. Sagte beinebens der hl. Jüngling dem König: Ne erres Rex: Euer Majestät lassen sich doch nit verführen und also bethören; »dieser Gott ist einwendig von Leim und auswendig von Erz.« Solchem Abgott ist ein Gleißner nie unähnlich, zumalen er auch auswendig besser scheint, als er einwendig ist. Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren über solchen Leist geschlagen. Diese Gesellen stellten sich, als wären sie heilig, über und über heilig. In dem Tempel haben sie öfters etliche Stund nacheinander gebetet, dem Schein nach so innbrünstig und eifrig, daß sie mit ihrer Innbrunst ein Stroh-Dach gar leicht hätten angezündt. Sie haben untenher an dem Saum der Kleider stechende Dörner eingemacht, welche sie nit wenig verwund'ten. Auweh! hats geheißen bei den Juden, der, der ist ein heiliger Mann! Ein mancher ist mit untergeschlagenen Augen daher getreten, daß ihm dießfalls die Schwalben des alten Tobiä keinen Schaden hätten können zufügen. Schaut, schaut, der ist gar ein Engel! Jener hebte immerzu die Augen in die Höhe und stellte sich, als wäre seine Seel in der Audienz bei Gott. O mein Gott! dieser ist wohl ein großer Heiliger! Haben also das gemeine Volk dergestalten bethört, daß es der gänzlichen Meinung worden, diese Leut' seynd alle heilig; derentwegen viel Gut und Geld ihnen angehängt. Ja etliche fromme [138] Wittiben, die weder Freund noch Kinder hatten, thäten öfters ihre ganze Habschaft ihnen überlassen in dem Testament. Unterdessen waren diese die allergrößten Schelmen, welche mit lauter Schmeichlerei und solcher Gleißnerei die armen Leut betrogen. Diesem bösen Gesind, schlimmen und falschen Vöglen war der Herr Jesus also feind und mißgünstig, daß er ihnen öfters ihre Heuchlerei und Gleißnerei vorgerupfet, und kein Laster also gehasset, gleichwie dieses. Dann der hl. Evangelist Matthäus in dem 23sten Kapitel registrirt, daß der Herr diesen Gleißnern allemal öffentlich mit dem Vae vobis, Wehe euch! gedrohet.

In dem alten Testament hat der allmächtige Gott etliche Thier für unrein erkennt. Unter anderen war auch der Schwan; dessen sich wohl zu verwundern. Denn ja ein großer Unterschied zwischen Schwanen und Schweinen, massen das Schwein in Koth- und Mist-Lachen sich herum wälzet und sich mit Speisen füllet, woran alle Thier ein Grausen schöpfen; aber ein Schwan trotzet Farb halber mit dem Schnee, hat seinen Aufenthalt in dem klaren Wasser, hasset alle garstige Art, und soll gleichwohl unter die unreinen Thier gezählt werden? Ein Schwan spendiret seine Federn, mit welchen die höchsten und vornehmsten Monarchen zu schreiben pflegen – und er soll gleichwohl in so geringer Aestimation seyn? ein Schwan wird kurz vor seinem Tod, indem er die ganze Zeit seines Lebens das Silentium gehalten, [139] ganz annehmlich und süß anfangen zu singen, und also ein Sinnbild des frommen Menschen, welcher mit Freuden von hinnen scheidet und soll dieser schönste Vogel dannoch unter die unreinen Thier gezählet werden? So ist ja ein Schwan säuberer als ein Schwein, und ein Schwein weit garstiger als ein Schwan, und dannoch soll ein Schwan sowohl als ein Schwein für unrein gehalten werden? Ja, ja, nit anderst, bei Gott gilt der Schwan nichts, und zwar der Ursach halber: dieser Vogel ist Federn halber schneeweiß, aber einwendig ganz schwarz im Fleisch, und also eine Abbildung eines Gleißners, welcher sich auswendig in seinen Gebehrden ganz heilig stellt, und beinebens in dem Herzen ganz heillos ist. Vae vobis Hyppocritae!

Wehe dem, so sich auswendig stellt wie ein Joannes und einwendig wie ein Herodes, nicht ungleich einem Grab, welches äußerlich mit einem aus schönem Marmel und Alabaster polirten Stein pranget, entgegen einwendig einen stinkenden Todten-Körper oder etliche dürre Beiner hat! Wehe dem, der sich auswendig stellt wie ein Abel, einwendig aber ist wie ein Kain, nit ungleich denen Apotheker-Pillulen, so auswendig vergult, einwendig aber bitter und gräuslich! Wehe dem, der sich äußerlich stellt wie ein Jakob, und aber in dem Herzen ist ein Esau, nicht ungleich dem faulen eichenen Holz, welches nächtlicher Weil in einem Winkel scheint wie ein Feuer, und ist beinebens nur ein zermodertes, faules, wurmstichiges[140] Hölzlein! Wehe dem, der sich äußerlich zeigt wie ein Elias, aber im Gemüth ist ein Achab, nit ungleich einem Misthaufen im Winter, welcher auswendig auch mit einem weißen Kleid überzogen, doch einwendig voller Unflat! Wehe dem, der sich äußerlich zeigt wie ein Mardochäus, und aber in dem Herzen ist ein Amman, nicht ungleich denen sodomitischen Aepfeln, welche von außen schön roth, aber einwendig nichts als eine stinkende Asche! Wehe dem, welcher sich äußerlich zeigt wie ein Abraham, und doch im Gemüth ist ein Abimelech, nit ungleich dem vermaledeiten Feigenbaum, so auswendig mit bloßen Blättern prangte, und beinebens ohne Frucht! Wehe dem, der sich äußerlich zeigt wie ein Moses, und aber in dem Herzen ist ein Pharao, nicht ungleich einem Buch, das auswendig hat einen schönen Einbund mit einem vergulten Schnitt, einwendig aber die Lehr' eines Machiavelli. Wehe dem, der sich äußerlich zeigt wie eine Esther, und doch im Gemüth ist eine Vasthi, nit ungleich einer Apotheker-Büchse, auf dero bisweilen auswendig mit schönen guldenen Buchstaben gezeichnet und geschrieben Alkermes, entgegen einwendig [141] zu Zeiten nichts, als ein Spinnengeweb! Wehe dem, der sich auswendig stellt gottselig, aber einwendig ist gottlos! Wehe denen, welche sich auswendig für Geistliche ausgeben, einwendig aber Garstige sind! Wehe denen, welche sich äußerlich erzeigen wie ein Lämmel, innerlich wie ein Wolf, äußerlich ein Tauber, innerlich ein Rab'! Wehe allen Gleißneren!Vae vobis Hyppocritae!

Gleichwie die schöne Rahel ihres Vaters Laban Götzen-Bilder unter dem Stroh verborgen, also geschieht auch, daß unter einer schlechten Mönchs-Kappe ein gottlos Gemüth kann verborgen seyn. Der hl. Gregorius schreibt, daß zu seiner Zeit ein Geistlicher in großem Ruhm der Heiligkeit habe gelebet, und seynd die Leut' der unfehlbaren Meinung gewest, es werde die Welt erhalten durch das eifrige Gebet dieses Manns; derjenige schätzte sich glückselig, der ihm hat dörfen die Händ' oder den Habit kussen; jedermann hat sich befohlen in sein eifriges Gebet; ja in dem Kloster selbst wurde er von seinen Mit-Religiosen vor einen heiligen Mann gehalten. Wie dieser nun zu seinem Sterbstündlein kommen, hat er lassen alle Geistliche zu sich rufen, welche dann hurtig und schleunig erschienen der gänzlichen Hoffnung, sie werden von diesem hl. Vater gar eine schöne Lehr und forderist den heiligen Segen zu guter Letzt empfangen; aber die Sach hat sich weit anderst befunden: indem dieser nit mit heiligen Gebehrden, wie sie vermeinten, sondern mit entsetzlichem Angesicht und verzweifelter Gestalt folgendermassen sie angeredet: Wißt ihr was? nicht selig, sondern ewig unglückselig bin ich, weilen mein bishero [142] geführter Wandel nur eine gleißnerische Heiligkeit in sich hatte, wessenthalben der höllische Drach seinen vergiften Schweif um mich gewunden, seinen Kopf aber in meinen Rachen stecket, woraus er gleich meine verdammte Seel ziehen wird! So ist denn nicht alles Gold was glänzet, nicht alles unschuldig, was weiß ist, nicht alles selig, was heilig scheint!

Die Kinder der Propheten waren der Meinung, als brockten sie das beste Kraut; unterdessen waren's lauter bittere Koloquinten. Der Jakob war der Meinung, als genieße er der schönen Rachel ihre Gegenwart, unterdessen war es nur die garstige Lia. Der Urias war der Meinung, als trüge er ein Recommandations-Brifel, oder auf das wenigst eine Ordre von dem David im Sack; unterdessen war es ein Befehl, daß man ihn soll an die Spitz stellen. Wir Menschen seynd auch oft der Meinung, dieser oder jener sey fromm und gottesförchtig, indem es der äusserliche Wandel nit anders zeiget; unterdessen ist er ein Wolf in einem Lämmelfell und ein Schelm in einem heiligen Futteral.

Das Kriegsherr des Sennacherib hatte einst eine sehr große Niederlag gelitten, und zwar durch die Hand eines Engels, als der in einer Nacht hundert und achtzig tausend der Assyrier erleget hat, und ist es der Rabbiner Aussag, daß diese häufige Anzahl auf der Erde gelegen, als wären sie noch lebendig, gar schön [143] roth und wohlgestalt, ohne Verletzung noch eines Härleins, noch eines Fadens; inwendig aber war nichts, als eine lautere Asche. Das heißt: auswendig roth, einwendig todt; daß heißt auswendig gut, inwendig Glut. Auf gleiche Weis' seynd die Gleißner beschaffen: sie verkaufen sich äusserlich für fromm und gewissenhaft, aber hinter dem Fürhang steckt ein Judas; es ist ein schöner sammeter Beutel, aber einwendig schlechte Dantes. Es geschieht wohl, daß oft manche einen ganzen Sack voll Bücher läßt in die Kirche tragen; sie legt ihr Waar aus, wie ein Kalender-Krämer; wie oft küßt sie das Buch, daß dessen Blätter schon so schmutzig, wie das Wammes eines Metzgers; sie läßt drei heilige Messen lesen, den sie mit gebognen Knien beiwohnet; sie verwendet die Augen, sie rührt das Maul, sie erhebt die Händ', sie schlägt die Brust, sie erweckt die Seufzer, sie neigt den Leib: o was ist das für eine gottselige Frau! geht ihr doch nichts ab, als die Canonisation, es mangelt ihr nichts, als der Schein. Unterdessen ein blinder Bub spat und fruh läßt ihr keine Ruhe, der alleweil mit seinem Pfeil in der Eil loschirt im Herzen, und hat sie eine heimliche Bulschaft, von der kein Mensch nichts weiß. O wie wird es einmal am jüngsten Tag, wo alles an das Licht kommt, viel Verwunderung absetzen! da wird es heißen: wer hätt' sich das von ihm eingebildet? wer hätt dieß von ihr vergemeint? wer hätt solches hinter [144] dem gesucht? wer hätte geargwohnet, daß er dieses im Schild führe? Vae vobis Hypocritae!

Der König Saul hat eine alte Hex ersuchet, sie solle ihm den Samuel mit ihrer Cribas Crabes auferwecken. In der ganzen Gegend war diese Gabelfahrerinn nur allein. Dermalen findet man weit eine größere Anzahl der bösen Leut': wie man denn in Steyrmark etliche Jahr nacheinander sehr viel dem Vulkano aufgeopfert, und war zu wünschen, dieses so schädliche Unkraut würde einst ganz und gar ausgerottet. Viel unter diesen seynd gewest, von denen niemalen ein böser Argwohn ist geschöpfet worden; dann sie gar andächtige Wallfahrten verrichtet, mit großer Auferbaulichkeit die hl. Sacramente empfangen, der Predigt samt dem heiligen Meß-Opfer beigewohnt, absonderlich ganz inbrünstig und andächtig ihr Gebet in der Kirche verrichtet; aber blos aus Gleißnerei. Ja mir ist gesagt worden von einem, welcher dero Bekanntnuß selbsten angehört, daß sie unter anderen bestanden haben; ihr Gebet sey kein anders gewest, als dieses: Veigel und Rosen, Wammes und Hosen, Kessel und Pfannen, Schäfer und Wannen, Hammer und Nägel, Donner und Hagel, Rettig und Ruben, Mädel und Buben, Pfeifen und Tanzen bey Binkel und Ranzen, Schunken und Hammen schicken sich zusammen, Amen. Gehören also diese gottlose Leut forderist unter die Gleißner, denen auch beigesellet wird ein Absalon, ein Simon Magus, eine Saphyra, ein Pilatus, ein Herodes, ein [145] Pharisäer und Hoherpriester, ein Antonius Picentinus, und viel andere mehr, die wir in dem Thal Josaphat werden erkennen. – Unter diese seynd auch zu zählen diejenigen, welche sich fromm und heilig verhalten nur um eitler Ehr willen. Solche seynd weit anderst gesinnet, als jener Blinde am Weg, welcher nur verlangt hat, daß er schon möchte. Domine, ut videam! aber solche Gleißner begehren und wünschen, ut videantur. In Oesterreich, absonderlich bey schöner Herbstzeit, pflegt man die Lerchen in großer Menge zu fangen. Diese Vögerle werden insgemein auf Latein genannt Alaudae, das ist so viel als Lob-Vögerle. Die Gleißner und Augen-Heilige trachten Sommer und Winter, Herbst und Frühling nur nach solchen Alaudas oder Lob-Vögerl; denn ihr einiger Wunsch ist gelobt zu werden. Den Esau haltet man für einen unverständigen Lümmel, um weilen er sein Majorat verhandelt um ein Linsen-Koch. Ist das nit ein Linsen-Narr, weit größer als ein Haber-Narr! giebt um eine so geringe schlechte Bauern-Speis' diese so stattliche Prärogativ. Wann es Mandel-Koch wäre gewest, wär es ihm kein so großer Spott; aber um etliche Löffel voll Linsen eine solche Würdigkeit zu verkaufen, scheint die größte Thorheit. Ist wohl wahr, wann man die Kinder und die Narren gen Markt schicket, so lösen die Kramer Geld. Nicht weniger Spott verdienen alle diejenigen, welche eitlen Ruhms und Glorie [146] halber viel gute und heilige Werk üben. Dahero Christus der Herr diese Lehr geben: Sehet zu, daß ihr eure Gerechtigkeit nit thut vor den Menschen, damit ihr von ihnen gesehen werdet, sonst werdet ihr keine einige Belohnung haben bey eurem Vater, der im Himmel ist! Derentwegen, wann du Almosen gibst, so sollst die Posaunen vor dir nit blasen lassen, wie die Heuchler auf der Gasse thun, damit sie gepriesen werden. Wahrlich, sage ich euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Wann du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nit wissen, was deine rechte Hand thut, damit dein Almosen in Verborgenheit bleibe, und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird dirs vergelten. Und wann ihr betet, alsdann sollt ihr nicht seyn, wie die Heuchler, welche gern in den Synagogen und Ecken der Stadt stehen, wann sie beten, damit sie von den Menschen gesehen werden. Wahrlich sage ich euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wann du betest, so gehe in deine Schlaf-Kammer, und schließ die Thür zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der im Verborgenen siehet, wird dirs vergelten.

Der Elisäus hat seinen hl. Vater Elia gar herzlich gebeten, wann er soll von hinnen weichen, daß er ihm doch seinen doppelten Geist hinterlasse! Elias hat ihm seine Bitt' nicht abgeschlagen. Wie nun die feurige Karosse erschienen, in welcher Elias in die Höhe verzucket worden, da hat Elisäus überlaut aufgeschrien, ihn seines Versprechens erinnert; über welches Elias den Mantel heruntergeworfen, und ihm zugleich auch den doppelten Geist ertheilt, welcher doppelte Geist bestunde [147] in der Heiligkeit und Wunderwirkung. Es möchte aber ein frommer Fürwitz nachforschen, warum doch der Mantel habe müssen bei diesen zweien Gnaden seyn? Sey es ein langer Mantel, ein kurzer Mantel; sey es ein Sommer- oder Winter-Mantel; sey es ein neuer oder ein alter Mantel: so schickt sich dannoch nicht solcher zu den Gnaden der Seel. Wessenthalben denn der hl. Elias die Gnaden nit geben ohne Mantel, das war die Ursach, merke es wohl, mein lieber Leser: Der hl. Mann wollte etwann hierdurch andeuten, daß, wer große Gnaden und Heiligkeit an ihm hat, brauche zugleich den Mantel, damit zu vermanteln, zu verdecken, zu verbergen, so viel es möglich ist, und nit alle seine gute Werk offen trage, welche die eitle Ehr verzehrt. Verrichst du alle Tag gewisse Gebet und Andachten, so entdecke nit gleich solche einem jeden: ich geb das, ich hab geben das, ich will geben das etc., sondern vermantl's; sonst kommt dir die eitle Ehr als ein schlimmer Vogel darüber und frißt dir diesen guten Samen auf!

Ein rechtschaffener Christ soll der Mutter des Moses nachfolgen. Wie diese das kleine Kind geboren, und gesehen, daß es ein so herziges Büberl sey, gelbe Härl wie die schönsten Goldfaden, ein Paar Aengel wie zwei Sternl, Wängl wie Rosen, ein Mäulerl wie die Korallen, das ganze Leibl, als wäre es von Wachs possirt, in allem wie ein Engerl, was hat sie angefangen? hat sie vielleicht dieß guldene Kind auf den Arm als eine lebendige Wiege genommen, und hin und her in der Nachbarschaft getragen? O nein.Abscondit, »sie hats verborgen,« damits nit vermög' des königlichen Decrets soll ins Wasser geworfen werden: das Verbergen [148] hats beim Leben erhalten. Also, mein eifriger Christ, hast ein gutes Werk gethan, welches gleichsam eine holdselige Geburt ist, so verberge auch dasselbige, das es niemand weiß; ist genug, daß es der Obere gesehen! wirst du's Vielen offenbaren, so kommen dir die Egyptier darüber, die eitle Ehr, ertappts, und verlierst also, was du mit Schmerzen geboren! Mach es wie die hl. drey König, welche dem kleinen Jesulo kostbare Schankungen aus Orient gebracht, aber dieselben niemand gezeigt, so gar dem Herodi nit, sondern erst ihre Truhen und Kisten in dem Stall, in dem Angesicht des gebornen Messiä eröffnet. Zeige deßgleichen auch niemand, sags niemand, vertraue es niemand, was du deinem Gott, und um seinetwillen dem Nächsten gibest; es ist schon genug, wann dein Jesus darum weiß, welcher dich dessenthalben in jener Welt belohnen wird!

Ein Ackersmann, wann er will, daß der Same soll Frucht bringen, so läßt er ihn nit heraus liegen, sondern verdecket ihn mit der Erde. Der hl. Nicolaus, Bischof zu Bari, hat nächtlicher Weile drei armen Töchtern ein Heirath-Gut eingelegt in der Stille, daß es niemand gesehen, fein verdeckt, daß keiner gewußt. Der hl. Erz-Bischof Thomas hat unter dem sammeten Rock ein stechendes Cilicium getragen; niemand wußte darum. Der hl. Carolus Borromäus hat mehrmalen etliche Schüßlen auf seiner Tafel zugedeckt gehabt, und war doch nichts darinnen, damit nur die Leut sollen vermeinen, er tractire sich wohl, und also [149] seine strengen Fasten verborgen bleibe. Warum haben Paulus, Hilarion, Antonius, Benedictus, Romualdus, Bruno, Norbertus ihre Wohnungen genommen in der Wüste und Wildniß, als allein darum, damit ihre Heiligkeit von denen Leuten nicht gesehen werde, und also die eitle Ehr dero Verdienste abnagt? Ja es hat der Heiland selbst uns zu einer Lehr und Nachfolg öfters seine Wort in der Geheim gehalten. Wie er den Aussätzigen gereiniget, hat er geboten, er soll es niemand sagen: »Vide, nemini dixeris!« Auch die 40 Tag in der Wüste die strengen Fasten verricht ohne Gegenwart eines Menschen, uns zu einer Unterrichtung, damit wir unsere guten Werk vor den Augen der Menschen möglichst verbergen sollen, wollen wir anderst, daß die eitle Ehr selbige als eine subtile Diebinn nit entfremde.

Der heilige Philippus Nereus hat sich närrisch gestellt, deßgleichen der selige Jacoponus, deßgleichen der heilige Simon Sales, deßgleichen die heilige Isidora, die heilige Berengaria etc. Willst du aber ein frisches Exempel: siehe der heiligmäßige Mann Hieronymus a St. Bernardo, ein Priester meines heiligen Ordens, ist erst vor 8 Jahren den 25. October, seines Alters 27 Jahr, zu Panormi in Italien gestorben, bey dessen Tod sich große Wunder ereignet haben; jedermann ist häufig zugeloffen, und keiner kunnte die Ursach dessen geben, sondern alle bekannten, daß sie durch übernatürliche Gewalt hierzugezogen worden, Blinde seynd sehend worden, Stumme haben angefangen zu reden, und so man den Leichnam mit vielen Soldaten nicht hätte verwacht, wäre er ungezweifelt von dem Volk zerrissen worden. Es scheinten also auf allen Seiten sattsame [150] Anzeigungen seiner Heiligkeit. Aber willst du wissen seinen Wandel, den er in diesem Orden geführet hat? Sieh', 47 Jahr aneinander hat er sich närrisch und einfältig gestellet, damit er also seine Vollkommenheit und Heiligkeit verbergen möge! Also seynd die heiligen und tugendsamen Leut beschaffen, daß sie ihre Vollkommenheit wollen vertuschen und ihre Fehler offenbaren, damit sie solchergestalten von der eitlen Ehr nicht besudelt werden. Entgegen die Gleißner, die Judas Brüder, die Pharisäer beten darum, fasten dessenthalben, geben Almosen derentwegen, damit sie die Leut lieben, loben und laben, damit sie mit Finger gepriesen und gewiesen werden. O Narren!

Judas Iscarrioth zeiget sich bei Zeiten undankbar
Judas Iscarrioth zeiget sich bei Zeiten undankbar gegen den Heiland Jesum.

Der Herr aus seinem Fenster, der Bauer auf dem Acker, der Hirt in dem Feld, der Jäger in der grünen Aue thun etwas wahrnehmen, daß die schöne Sonn einen Dunst oder dicke Feuchtigkeit von der Erde in die Höhe ziehet, welcher aber wegen dieser Erhebung und Promotion also undankbar, daß er zum Dank dir Gott die liebste Sonn, die ihn also empor gebracht, spöttlich verfinsteret und trüb machet. Eine Sonn der göttlichen Gerechtigkeit wird vielfältig in heiliger Schrift unser Herr und Heiland benamset. [151] Die göttliche Sonn hat Judam als einen schlechten Erdendampf, einen geringen irdischen Menschen dergestalten erhebt, daß er ein Apostel, ein Jünger Christi, ein Mitgespann so vieler heiliger Leut' ist erkiesen worden; ja er ist so hoch kommen, daß er durch sondere und niemalens verdiente göttliche Gnad große Wunder gewirket, die Teufel aus den Besessenen ausgetrieben, die Aussätzigen gereiniget, krumme, lahme und elende Krüppel zu geraden Gliedern und gewünschter Gesundheit gebracht. Neben allem diesen hat Christus vorhero des Judä seinen Vater von dem Aussatz erlöset, und seine liebste Mutter nachmalen von einer gefährlichen Krankheit kurirt. Um alle diese so überhäufigen und großen Gnaden und Gutthaten ist dieser Erz-Bösewicht also undankbar gewest, daß er das Gute mit dem Bösen bezahlet, durch seine heimlichen Diebstähl und wiederholten Partitereien Christum die göttliche Sonn also betrübet, daß solche nimmermehr ein klares Gesicht gezeiget, der allzeit trüb und betrübt; bis endlich der schlimme Mensch das apostolische Kollegium verlassen, nachmals ist diese Sonn wieder klar worden; denn es hat geheißen: Nunc clarificatus est filius hominis, et Deus clarificatus est in eo, et Deus clarificabit illum in semetipso, et continuò clarificabit eum. Was kann doch Verruchteres seyn auf dem ganzen Erdboden, als eine solche Undankbarkeit gegen Gott?

[152] Wer bist du Mensch? Ein Garten voller Distlen. Ist nit gnug das. Ein Rosen voller Dörner. Ist noch nicht gnug. Ein Himmel voller Finsternuß. Ist noch nicht gnug. Eine Kuchel voller Rauch. Ist noch nicht gnug. Ein Haus voller Winkel. Ist noch nicht gnug. Ein Buch voller Fehler. Ist noch nicht genug. Ein Kalender voller trübes Wetter. Ist noch nicht genug. Ein Baum voller faulen Früchten. Ist noch nicht gnug. Ein Wein voller Gläger. Ist noch nicht gnug. Ein Meer voller Schiffbruch. Ist noch nicht gnug. Ein Fleisch voller Würm. Ist noch nicht gnug. Ein Licht voller Butzen. Ist noch nicht gnug. Ein Geschirr voller Schmutz. Ist noch nicht gnug. Ein Mensch voller Schulden. Das wohl. Ein Mensch voller Schulden bist du. Hast du nie gehört, daß Christus der Herr habe samt seiner heiligen Bildnuß dem König Abagarus nach Edessa einen Brief geschrieben? Eben dieser schickt dir auch ein schriftliches Auszügel, wie folgsam zu vernehmen:


[153] Auszügl.


Hans Adam Erdschrollen , sündiger Mensch auf der Welt, hat von mir Endesunterschriebenem Gnaden empfangen, wie folgt: (Hoffe, daß solche mit Dank werden bezahlt werden.)


Anno

Gnaden.


1640. Vom 7ten August an, am Tag des hl. Bonifacii, im Mutter-Leib, das erste Monat

6000
Item, das andere und dritte Monat
14000

Item, das vierte Monat, in welchem die Mutter sehr unpäßlich sich befunden und in ein gefährliches Fieber gerathen

18000
Item, das fünfte und sechste Monat, als benanntlich im Dezember und Januario
12000
Item, das siebente Monat, in welchem die Natur sich sehr widerspenstig erzeigt
13000
Item, das achte und neunte Monat
17000

Item, in der Geburt und bis du getauft bist worden, hast du in allem der großen und kleinen Gnaden empfangen

1100

Summa 81000

Loco Sigilli †.
Jesus dein Erschöpfer.

[154] Die christliche katholische Kirch' pflegt den hl. Petrum allzeit zu dem hl. Paulum, und den hl. Paulum allzeit zu dem hl. Petrum zu stellen; dergstalten, wann sie eines dieses heiligen Apostels Festtag feierlich begehet, allezeit des andern ein Gedächtnuß geschieht: bleiben also Petrus und Paulus allzeit bei einander. Gleichwie diese zwei heiligen Apostel zusamm' gestellt seynd, also find ich auch zween heilige Bischöf, die niemalen sollen von einander kommen: einer war Bischof zu Mainz, der andere zu Carthago; einer hat geheißen Bonifacius, der andere hat geheißen Deogratias. Wo nun Bonifacius ist, da solle allemal auch seyn Deogratias. Mein Mensch, wer ist dir ein größerer Bonifacius oder Gutthäter, als dein Gott, welcher dich erschaffen? welcher dich, nit wie einen Daniel aus der Löwengrube, nit wie einen Joseph aus der Cistern, nit wie einen Lazarum aus dem Grab, sondern dich aus dem puren Nichts erschaffen? Er hätt' dich gar leicht können erschaffen zu einem Stein, da hättest du einen harten Kopf gehabt; er hätt' dich erschaffen können zu einem Hund, welcher um geringen Lohn, etwann um ein hartes Bein, muß das Haus verwachten; er hätt' dich können erschaffen zu einem Raben, der seine Frei-Tafel bei einem Roß-Brätl findt; er hätt' dich erschaffen können zu einem Frosch, der in seiner nassen Herberg das stete Qua, qua, qua, sub aqua singt; [155] er hätt' dich können erschaffen zu einem Wurm, welcher fast das verächtlichste Thier auf Erden. So hat er dich aber gemacht zu einem König aller Geschöpf, zur Glorie seiner Allmacht, zu einem Wunderwerk der Erden; er hat dir gespendiret einen Leib, so eine kleine Welt genennet wird. Die Naturkundigen bestättigen, daß in dem menschlichen Leib just so viel Glieder, als Tag im Jahr gezählt werden: In dem menschlichen Leib seynd 224 Beiner mit solcher Kunst zusammen gefüget, daß ein jedweders Bein 40 unterschiedliche Wirkungen hat; dahero die Beiner insgesammt mit denen Artikuln auf die 8000 Dienst können verrichten. In dem menschlichen Leib seynd die Mäusel, die Drüsen, die Adern, als die Stirn-Adern, Schlaf-Adern, Haupt-Adern, Brand-Adern, Rosen-Adern, Gicht-Adern, Blut-Adern, Senn-Adern, Hohl-Adern, Luft-Adern, Trossel-Adern, Flechs-Adern, Spann-Adern etc. so künstlich mit einander, bei einander, neben einander, über einander, um einander gestellt und gesellt, daß er billig kann und soll und muß ein Wunderwerk genennt werden. Alle vier Elemente müssen contribuiren zu dem menschlichen Leib: das Feuer gibt die Hitz, das Wasser gibt die Feuchtigkeit, die Erd' gibt das Fleisch, die Luft gibt den Athem. Was für ein Kunst-Stuck ist ein Aug, indem dieses kleine Kügerle ganze große, weite, lange, breite Felder und Wälder kann fassen! was für eine Kunst ist im Hirn, [156] indem diese kaum eine Händevoll Portion so große Wissenschaft in sich hält! was für eine Kunst in allen menschlichen Gliedmassen, welche von dem obern Gestirn, Planeten und Himmelszeichen beherrschet werden! Saturnus hat am Menschen innen die Milz und das linke Ohr; Jupiter die Leber und Rippen; Mars die Gall; die Sonn das Gesicht und Herz; Venus und Mercurius die Nieren und Zungen; der Mond das Haupt; der Widder das Angesicht, die Zähn'; der Stier den Hals, Kehl und Genick; der Zwilling die Arm, Schultern und Händ'; der Krebs die Lunge und ganze Brust, der Löw das Herz, Magen und Rücken; die Jungfrau das Eingeweid und den Leib; die Wag hat innen den Nabel etc.; der Scorpion hat innen die Nieren und Aster; der Schütz die Dieg und Bein; der Steinbock die Kniee und Schienbein; der Wassermann die Flechsen; der Fisch die Füß. Einen solchen köstlichen und künstlichen Leib hat dir der allmächtige Gott geben. Lauter Gnaden. Wie vielen Gefahren aber bist du schon im Mutterleib unterworfen gewest, aus welchen allen dich der gütige Gott errettet hat! Wie manches Kind ist in Mutterleib gestorben, und also eine lebendige Todtenbahr an seiner Mutter gehabt! Wie oft ist eine Mutter Schrecken halber um die Frucht kommen, und also der Baum geschüttlet worden, ehe das Obst gezeitiget! wie oft ist eine ungestalte Mißgeburt in Mutterleib formirt worden! Anno 998 ist Roberto dem König [157] in Frankreich seine Frau Gemahl niederkommen, und einen Sohn auf die Welt gebracht mit einem Gans-Kopf und Kragen. Anno 1595 hat ein Weib zu Bacherach ein Kind auf die Welt gebracht, welches an dem obern Theil des Leibs einem Menschen gleichete, der untere Theil aber wie eine Schlange ausgesehen. Anno 1313 hat ein Weib zu Waiblingen in Schwabenland ein Kind geboren wie einen Löwen. In Friaul zu Perdonon Anno 1625 hat eine edle Frau, um weilen sie ein armes Bettelweib der Kinder halber ausgescholten, ein Knäblein mit sieben Köpfen geboren. Zu Paderborn ist aus einer ketzerischen Frau, indem sie die katholischen Geistlichen ausgespöttlet, ein Kind geboren mit einem Barett oder Quadrat auf dem Kopf, wie es pflegen die Pfarrherrn zu tragen. Anno 1573 ist in dem orientalischen Indien, in dem Marktflecken St. Lorenz, ein Kind geboren worden mit zwei großen Hörnern auf dem Kopf. Zu Mainz haben einst zwei Weiber mit einander auf der Gasse geredet, deren eine großen Leibs war, und als ein frecher Gesell ihnen die Köpf hat zusammen gestossen, ist bald hernach diese niederkommen, und zwei Töchterl auf die Welt gebracht, die aber mit der Stirn bis auf die Nasen aneinander gewachsen gewest, und also zehen Jahre gelebt. Des Papsten Nicolai Tertii seine Frau Base, weilen sie öfters ihr Stamm-Wappen, so ein Bär war, angeschauet, hat ein Kind geboren ganz rauh wie ein Bär, hatte auch anstatt der Finger rechte Bären-Klauen. Alles dieses hätt auch dir begegnen können. Daß du aber von dergleichen Ungestalten und Leibs-Mängel frei bist, mußt [158] du es für lauter Gnaden des mildherzigsten Gottes aufschreiben. Dahero zu einem solchen Bonifacium gehört der Deogratias.

Daß du bist zu der hl. Tauf gelangt, ist eine Gnad über alle Gnaden. Wie viel tausend und tausend seynd ohne diesem hl. Sakrament gestorben! Der König Pharao hat allerseits das Volk Israel verfolgt. Wie nun Moses das Meer von einander zertheilet, daß es beederseits wie die Mauren gestanden, und solchergestalten mit seinem Volk durchpassirt, da wollte Pharao auch mit den Seinigen den Durchweg nehmen; aber da er in der Mitte war, hat ihn dasselbige mit allen den Seinigen zugedecket, ertränkt, und also vom Wasser den graben Weg zum Feuer genommen, und das Fleisch vorhero im Wasser eingewässert, ehender es an den Bratspieß angestecket worden. Sobald der Pharao im Meer ersoffen, hat der Moses gleich ein Dank-Lied angefangen zu singen sammt seinem Volk, auf allen Zungen war das Deo gratias.

Was ist die Erbsünd anderst, als ein Pharao, welcher das ganze menschliche Geschlecht verfolgt? Daß dieser im Wasser ersoffen, und durch das Wasser der hl. Tauf' zu Grund gangen, da bist du unendlich verpflicht deinem Gott, solche große Gnad mit Dank zu bezahlen! Wie viel Tausend' in Asia, wie viel Tausend in Afrika, wie viel Tausend in Amerika, wie viel Tausend in Europa haben diese Gnad' nicht gehabt, welche dir Gott unverdienter, ohne Schuld hat geben! Schau in den Himmel, schau in die Luft, schau auf die Erd', schau in das Wasser; so wirst du allenthalben[159] Geschöpf antreffen, welche dankbar seynd: Im Wasser jener Fisch des hl. Franzisci, welchen ihm ein Fischer aus Gutherzigkeit geschenket; weilen sich aber der hl. Mann dessen erbarmet, und ihn wieder in das Wasser geworfen, so ist er dessenthalben also dankbar gewest, daß er dem hl. Vater auf dem Wasser stets nachgeschwummen und sich nit wollen von ihm scheiden, bis ihm endlich der hl. Mann den hl. Segen ertheilt. Auf der Erd' hat sich der Löw dankbar erzeigt, welcher dem hl. Andirodo Alters halber in der Wildnuß ein Wildpret zugetragen zur Dankbarkeit, daß ihm dieser einmal einen großen und scharfen Dorn aus dem Fuß gezogen. In der Luft hat sich dankbar erwiesen jener Adler, welcher ein Geschirr, worinnen ein vergiftes Wasser gewesen, mit allem Fleiß umgeworfen einem Schnitter auf dem Feld, um weilen dieser den Adler kurz vorhero von dem Tod erlöset hat. Ja die Himmel selbsten seynd dankbar, massen der hl. Ambrosius sammt anderen darvor hält, daß die Himmel durch ihre steten Bewegungen und Umwälzung einen solchen lieblichen Ton und Musik machen, daß, wann es die Menschen sollten hören, würde niemand mehr arbeiten, sondern immerzu dieser lieblichsten Harmonie zuhören, mit welchen sie Gott ihren Erschaffer loben und preisen. Wann dann die Himmel, die Geschöpf in der Luft, die Geschöpf auf der Erde, die Geschöpf im Wasser, die Geschöpf allenthalben dankbar seynd, wie viel mehr bist du schuldig, deinem Gott Dank zu sagen, der dich also erschaffen und zur hl. Tauf' gebracht! Ich glaube selbst, der Esel hat kein solcher Esels-Kopf seyn wollen, daß er der Gutthaten hätt' vergessen; dann in dem Stall zu Bethlehem [160] hat sich dieser Langohr über alle Massen höflich gestellt, und weit mehr als eselische Complimenten abgelegt, indem er zu frostiger Winterszeit das göttliche Kind mit seinem Anhauchen samt dem Ochsen erwärmet. Der Ochs wollte dankbar seyn, weilen ihn Gott im alten Testament allzeit zum Opfer erkiesen; der Esel wollt' dankbar seyn, um weilen Gott sich seines Geschlechts angenommen, und eine seiner weitschichtigen Befreundinn defendirt hat, wie der zornige Prophet Balaam sie wider alle Manier so hart mit Streichen tractiret. Auf solche Weis' wirst du dich Mensch nicht überwinden lassen von Ochsen-und Esels-Köpfen in der Dankbarkeit! Gehe, schaue, probiers, schrei in einen dicken Wald hinein, in welchem so viel grobe, dicke, knoperte Stöck und Blöck seynd, grüß ihn freundlich den grünen Wald, Willkomm Bruder! versichere dich, er wird dir wiederum danken, und durch den Wiederhall dich ebenfalls also salutiren: willkomm Bruder! Solchergestalten sollst du dich ja schamen in das Herz hinein, mein Mensch, wann Stöck und Blöck dankbarer seyn, als du!

Zu Jerusalem war ein wunderlicher Schwemm-Teich, allwo sich eine große Menge der kranken und presthaften Leute befunden; dann so oft der Engel diesen Teich beweget hat, so ist der erste, der sich hinein gelassen, frisch und gesund worden. Unter andern elenden Krüppeln war auch daselbst ein armer Tropf, welcher achtunddreißig Jahr alldorten unter der Schupfe [161] gelegen, und nicht hat können zur Gesundheit gelangen aus Mangel eines Menschen, der ihm hätte hinein geholfen. Wie nun der gebenedeite Heiland diesen armseligen und von männiglich verlassenen Menschen ersehen, hat er sich seiner erbarmet, und ihn mit einem kleinen Wörtl: Surge, stehe auf! vollkommentlich gesund gemacht. O mein Jesus! es ist halt noch wahr und bleibt wahr, so jemand von jedermann verlassen ist – hominem non habeo – so kann er seine sicherste Zuversicht zu dir nehmen, du wirst ihn nicht verlassen! Aber es ist in diesem und bei diesem Wunderwerk wohl zu erwägen: sobald Christus den Menschen zur Gesundheit und graben Gliedern gebracht, hat er ihm befohlen: er soll fortgehen und den Stroh-Sack mit sich tragen. Mein Herr, wegen des Stroh-Sacks fällt mir kein strohenes Conzept ein. Weilen der Mensch acht und dreißig Jahr alldorten gelegen, und unter währender so langer Zeit keinen Menschen hatte, der ihm hätte in den heilsamen Teich hinein geholfen, so ist es ein Kennzeichen, daß er ein Bettler muß gewesen seyn. Ist er ein solcher armer Schlucker gewest, so ist wohl zu glauben, sein zerrissener halb verfaulter Stroh- Sack oder Unterbett sey nicht einen Groschen werth gewesen. Warum dann, mein Herr, schaffest du ihm, er soll den Stroh-Sack mit sich tragen? Ich laß' andere [162] hierinfalls schöne Conzepten ausführen; mich dunket, es habe sich dessenthalben sehr wohl geschicket, daß er den Stroh-Sack getragen, weilen ihn auch der Stroh-Sack so viel Jahr getragen; dann wann man einem eine Gutthat erweiset, so ist es ja billig, daß man dieselbe dankbar vergelte; hat dich der Stroh-Sack getragen, tolle grabatum, so trag ihn wieder; thut dir dein Nächster etwas Guts, so thue es wiederum; erzeigt dir dein Gott alle Tag, alle Stund, alle Augenblick häufige Gnaden von Oben herab – ich sprich alle Augenblick, dann soll er dich auf einen Augenblick verlassen, so müssest du zu nichts werden! weilen du aber seine göttlichen Gnaden nit kannst erwiederen mit anderen Gnaden, so zahl aufs wenigist dieselben mit einem öftern Deo gratias.

Zehen aussätzige und schäbige Männer hat Christus auf freier Straße gesund gemacht, aus welchen aber nur einer zu dem Herrn kommen, und sich bei seinen heiligen Füßen niedergeworfen, und ihm um solche große Gutthat gedanket; die andern seynd ihres Weges fort gangen, und keiner an das Vergelt dirs Gott! gedacht. Solche Undankbarkeit hat nicht ein wenig das göttliche Herz beleidiget; wessenthalben er gleichsam mit Verwunderung hat gefraget, wo dann die neune seyen geblieben? als wollte er sprechen: es sollen auf so große empfangenen Gnaden alle 10 erscheinen. Merks, mein Mensch, wann dir Gott eine Gutthat erweist, derer unzählbar viele seynd, so schicke fein fleißig alle Zehen zu ihm; ich verstehe aber 10 Buchstaben: der erste ist ein D, der andere ein E, der dritte ein O, der vierte ein G, der fünfte ein R, [163] der sechste ein A, der siebente ein T, der achte ein I, der neunte ein A, der zehente ein S. Das heißt hernachDeo Gratias.

Du hast das Auszügl nun genugsam übersehen, und bilde dir nur ein, es seien viel wenigere, als mehrer Gnaden aufgeschrieben, welche dir Gott gspendiret in Mutter-Leib, und bei der hl. Tauf, in Summa wie er dich erschaffen. Anjetzo folgt ein anders, wie er dich bishero erhalten:


Auszügl.


Hans Adam Erdschrollen, sündiger Mensch auf der Welt, hat von mir Endesunterschriebenem die hierin verzeichneten Gnaden empfangen: Hoffe, daß solche mit Dank wer den bezahlt werden etc.


Von Anno

Gnaden.


1641. Den 13. Mai am Tag des heiligen Servatii gleich nach dem hl. Taufwasser in Beiseyn des Gevatters und der Gevatterinn, denselben halben Tag

300.


Item, nachmals bis in das siebente Jahr, sowohl in dem Haus, als auf der Gasse, im Bett und bei der Tafel, wie auch anderwärts bei Sommer- und Winters-Zeit

2000000.


Item, von dem siebenten Jahr an bis in das siebzehende hin und her in allen Schulen, in allen Spielen, zu allen Zeiten

4563000.


[164] Item, von dem siebenzehenten Jahr an bis an das sieben und zwanzigste bei unterschiedenen Gesellschaften, bei vielen Gespässen und Lustbarkeiten, wie auch in dieser und jener Krankheit, auf der Reis, bei Feinden und Freunden

800006910.


Item, von dem 27sten Jahr bis an das 37ste Jahr wegen unterschiedlichen Amts-Verrichtungen, wegen Habschaft und Wirthschaft, wegen Weib und Kindern, zu Friedenszeiten und Kriegszeiten

90087301.


Item, von dem 37sten bis in das 47ste in unterschiedlichen Gefahren zu Wasser und zu Land, zu Pferd und zu Fuß, in Hitz und Kälte, bey Tag und bey Nacht

50009387.

Summa 946667098.

Loco Sigilli †

Jesus dein Erlöser.

Die heilige und göttliche Schrift meldet von dem hl. David und von dem Jonatha, daß sie beide so große und innigliche Freundschaft untereinander gehabt, das so gar einer ohne den andern mit wollte seyn. Die hl. katholische Kirch zählt ebenfalls zween heilige Bischöf', deren einer ohne den andern nicht soll seyn; einer [165] wird genennt Servatius, Episcopus Trajectensis, der andere wird genennt Deo-Gratias Episcopus Carthaginensis. Servatius und Deo-Gratias allzeit mit einander und bei einander. Mein lieber Mensch, wer ist bishero dein Servatius gewest, wer hat dich bisher erhalten, dich erschaffen? Dein Gott, dem du derenthalben viel 1000 Deo gratias schuldig bist!

Du hast ungezweifelt öfter vernommen, daß unser lieber Herr habe einmal die bösen Feind aus einer besessenen Person ausgetrieben bei den Gerasenern. Ehe und bevor aber diese höllischen Larven ihr Logement verlassen, haben sie eine Supplication aufgesetzt, und Christo dem Herrn überreicht dieses Inhalts, daß sie nemlich um Erlaubniß anhalten, in die nächste Herd' Schwein zu fahren, welches ihnen auch von dem Heiland vergünstet worden. Aber warum haben diese verfluchten Geister begehret zu fahren in die Säu? Pfui, es Sau-Narren! Wie daß sie nicht verlangt haben zu fahren in ein Kaufmanns-Gewölb, worinnen man öfters höret: der Teufel hohl mich? warum nicht in einen engen Weg, in welchem öfter ein Fuhrmann dem andern wünscht, weilen er nicht bei Zeiten ausweicht, daß ihn der Teufel hohle? warum nit in die Werkstatt eines Webers, der fast allemal, so oft die Gespunst oder Faden zerreißt, pflegt zu schelten: hohl der Teufel die alte Her, die das Garn gespunnen? warum nicht [166] in ein schönes Schloß, und daselbst in die Wohnung des Herrn Pflegers Ihr Gestreng etc.; dann wie oft heißt es bei den Bauern: wann nur einmal der Teufel den Pfleger hinführte? warum nit in ein Wirthshaus, allwo gemeiniglich der Gast dem Wirth wünschet, daß ihm des Teufel soll den Hals brechen, weilen er ihn also unchristlich barbirt? warum gleich in die Schwein? Viel heilige Lehrer geben die Ursach: wie daß ein Schwein ein eigentlicher Entwurf eines undankbaren Menschen sey; dann, wann das Schwein unter einem Eichelbaum ist, jemand aber hinauf steigt und die Eicheln herunter schüttlet; so wird diese naschen und fressen, bis der Saumagen voll ist, aber nit ein einiges Mal in die Höhe schauen, von wannen etwann das Confect herkommet. Deßwegen hat der Herr und Heiland zugelassen, daß die Teufel in die Schwein gefahren; dann in dem göttlichen Aug nichts Abscheulichers, als die Undankbarkeit.

Das Getreid auf dem Kasten, der Wein in dem Keller, die Kleider in der Truhe, das Geld in dem Beutel, die Speis' in der Schüssel, die Federn in dem Bett, das Holz in dem Ofen, die Kuh in dem Stall, die Henne in dem Hof, die Fisch in dem Teich, die Lämmer auf dem Feld, mit welchen du dich bishero erhalten hast, kommt alles von oben herab, von dem allergütigsten Gott. Das Samson Honig bekommen, daß Sisara Milch bekommen, daß Daniel ein Koch bekommen, daß Abraham ein Kalb-Feisch bekommen, daß Isak ein Kitzel bekommen, daß Esau Linsen bekommen, das die Wittib zu Sarepta Oel bekommen, daß Elias Brod bekommen, daß die Israeliten Wachteln bekommen, daß Noe [167] Wein bekommen, daß du bishero Lebens-Mittel bekommen, ist niemand anderer Ursach, als derjenige gütige Herr ober uns. Wie ist es dann möglich, daß du nicht öfters deine Augen in die Höhe hebest, und derenthalben ihm unendliche Deo gratias ablegest? Der Vögel ihr Singen, der Hirschen ihr Springen, der Schafe ihr Plärren, der Ochsen ihr Röhren, des Feuers sein Brennen, des Wassers sein Rinnen, der Aecker ihr Segen, der Wolken ihr Regen, der Sonne ihr Leuchten, des Thaues sein Feuchten, der Stern ihr Glimmern, des Goldes sein Schimmern, der Bäume ihr Schatten, der Wiesen ihre Matten, der Hund ihr Hüten, der Hennen ihr Brüten: In Summa, alle Geschöpf und dero Wirkungen hat Gott wegen deiner erschaffen, mein Mensch, wegen deiner!

Die schöne strahlende Sonne ist 160 mal größer, als der ganze Erdboden, die Sonn ist 40 mal hundert tausend Meil von dem Erdboden entfernet; sie lauft in einer Stund 10 mal hundert tausend hundert und 20000 Meil: Alles wegen des Menschen. Der Mond ist zwar kleiner als alle Stern, außer dem Mercurio; in dem er aber weit größer scheint als die Stern, ist es die Ursach, weilen er viel näher bei uns ist. Gleichwohl ist der Mund neun und dreißigmal größer, als der ganze Erdboden, und ist von Gott als ein Nacht-Licht angezündet worden: Alles wegen des Menschen. Die Stern hat die göttliche Allmacht als lauter strahlende Facklen an den Himmel [168] geheftet, damit sie auch bei der Nacht leuchten. Der größern Stern werden 17 gezählt, deren ein jeder 107 mal größer als der Erd-Boden. Der Stern Alnacha, der Stern Albkain, der Stern Alcorreia, der Stern Aldabaran, der Stern Almusin, der Stern Alkaia, der Stern Altra, der Stern Albiatra, der Stern Alcarph, der Stern Algebla, der Stern Alkraten, der Stern Alserta, der Stern Algane, der Stern Alchimech, der Stern Algaphar, der Stern Alsibinin, der Stern Alactil, der Stern Alcabin, der Stern Alsebra, der Stern Alneda etc., seynd auch etlich 70 mal größer als die Erde. Alles wegen des Menschen. In Margiana schreibt Strabo, sollen so große Weinstöck wachsen, daß einen Stock allein zwei starke Männer mit beeden Armen nicht können umfangen. Alles wegen der Menschen. In Egypten ist ein gewisses Thier, welches alle Stund just das Wasser von sich läßt, brauchen es also die Inwohner anstatt der Uhr. Polidorus Virgilius de invent. rerum l. 2. Alles wegen der Menschen. In Trabrobana werden Meer-Schild-Kröten gefunden, welche einer so ungeheuern Größe seynd, das sie sie anstatt der Dächer brauchen, und kann eine Schale ein ganzes Haus bedecken. Aelianus l. 6. c. 12. Alles wegen der Menschen. In Aethiopia seynd die Schwein noch einmal größer, als in unsern Ländern, und haben dieselben alle Hörner auf dem Kopf. Idem lib. 17. cap. 10. Alles wegen der Menschen. Zu Pervano in den neuen Welt seynd die Schaf so groß, wie bei uns die Ochsen. Joseph [169] Jesuit. An 1560. Alles wegen der Menschen. In dem Gorgonier Land ist ein sehr weiter und breiter Teich mit Namen Geluchalak, worbei ein Kloster St. Leonhardi. In diesem Wasser ist ein ganzes Jahr kein Fisch, außer in der Fasten. So bald aber der Oster-Sonntag herzu kommt, so verlieren sich alle Fisch. Marc. Pol. l. 1. c. 5. Alles wegen der Menschen. In Ober-Ungarn fließt ein Wasser, welches diese sondere Kraft hat, daß, wann man ein Eisen hinein wirft, selbiges innerhalb etlich Stund in das beste Kupfer verwandelt. Surius in Comment. Anno 1541. Alles wegen der Menschen. Im Schwarzwald werden Vögel angetroffen, welche bei der Nacht wie die Lichter glänzen, und also den Reisenden den Weg zeigen. Isidor. l. 12. c. 7. Alles wegen der Menschen. In der neuen Welt unweit der Insul Carthagena ist ein Fluß, mit Namen Zeneo: dieser hat mehr Gold, als Fisch, und wird man öfters mit den Netzen etlich 20 Stuck Gold herausfangen, deren ein jedes so groß, als ein Hennen-Ei. Petrus Hispan. p. 5. c. 12. Alles wegen der Menschen. In der Insul Hispaniola wächst das liebe Getreid also groß, daß eine einzige Korn-Aehre die Dicke hat eines Menschen-Arms; und was dieses Wunder vermehret, das Treib, so man im Februario säet, kann zu End des Merzens schon geschnitten werden. Idem ibidem c. 17. In der neuen Welt Brasilea wachsen die Bäume dergestalten groß, daß sie dieselbigen pflegen auszuhöhlen, und anstatt der Schiff gebrauchen, und können öfters 50 Personen in einem Schiff fahren. Anton. Pige. l. 1. c. 10. Alles wegen der Menschen. Alle Geschöpf, wo sie seynd, wann sie seynd, die seynd [170] erschaffen wegen den Menschen, und die haben dir bishero gedient, mit denen hast du dich seithero beim Leben erhalten: So danke dann, danke hundertmal, danke tausendmal, danke ohne End deinem Gott um die Nahrung!

Der hl. Paulus erzählte denen Corinthern einmal, was unterschiedliche Gefahren er ausgestanden: Gefahren zu Wasser, Gefahren zu Land, Gefahren in der Stadt, Gefahren auf den Strassen, Gefahren unter den falschen Brüdern. Sag her, mein Hanns Adam Erdschrollen, in wie viel Gefahren bist du schon gewest dein Lebenlang, aus welchen dich allemal der göttliche Schirmer errettet hat? und diese alle sollst du mit Dank bezahlen. Mache es bey Leib nicht wie der Rab; sonst thät man dich mit gutem Fug einen Galgen-Vogel nennen. In dem alten Testament hat der allmächtige Gott absonderlich verboten, man solle ihm nur keine Raben aufopfern; Spatzen wohl, aber kein' Raben; Zeiserl wohl, aber keine Raben, Gimpel wohl, aber keine Raben. Wie ist dann der schwarze arme Tropf bei Gott also in Ungnaden kommen? Bei der Zeit gelten die Raben viel mehr, sonderlich auf denen Ducaten, welche insgemein die Räbler genennt werden, – und haben diese ihren Ursprung von dem ungarischen König Matthia Corvino, dem einst ein Rab einen guldnen Ring sammt einem sehr kostbaren Smaragd gestohlen und schnell davon geflogen, welchem aber der König so lang nachgesetzet, bis er ihn von dem höchsten Gipfel eines Baums herunter geschossen, und folgsam den Ring samt dem theuren Kleinod wieder erhalten. Worüber er nachgehends die Bildnuß des Rabens samt [171] dem Ring auf die guldene Münz hat prägen lassen. Diese Raben gelten annoch sehr viel, und singen der Zeit weit lieblicher, als eine Nachtigall. Aber in dem alten Testament war der Rab in einem so üblen Concept, daß ihn Gott ausdrücklich verworfen von seinem Opfer: Omne Corvini generis vitandum est vobis. Es geschah ihm aber gar recht dem undankbaren Gesellen; denn Noe hatte im Befehl, daß er von einer jeden Gattung oder Geschlecht der Vögl soll 7 in die Arche nehmen: 7 Adler, 7 Storchen, 7 Tauben, Alstern, 7 Gimpel, 7 Wiedehöpf etc., auch 7 Raben. Warum aber siebene? dann die Thier seynd derenthalben in die Arche salvirt worden, damit sie sich nachmals vermehrten: wann dann dem also, wessenthalben hat Gott befohlen siebene? hatte doch das siebente keinen Gespann, mit dem es sein Geschlecht konnte vermehren. Es hat darum der Allmächtige wollen, daß aus allen Gattungen der Vögel siebene in die Arche sollten gebracht werden, damit die drei Paar hernach sich wieder möchten propagiren, das siebente aber solle geschlachtet werden zu einem Opfer, um weilen sie der gütigste Erschöpfer in so äußersten Gefahren beim Leben erhalten. Haben demnach alle Vögel das schuldige Deo Gratias abgeleget, außer den Raben; dann weilen der siebente Rab Botenweis' ausgeschicket worden aus der Arche und nicht mehr zurück kommen, also hat' dieses schwarze Raben-Geschlecht [172] kein Dank-Opfer verricht, welche Undankbarkeit Gott dem Allmächtigen dergestalten mißfallen, daß er sie nachgehends nit hat mögen, im Tempel zu opfern, anschauen.

Aus wie viel Gefahren – besinn' dich wohl – hat dich der gütigste Gott errettet? Des Job seine sieben Söhn und drei Töchter seynd von dem Haus, welches durch Ungestümme der Wind' zu Boden gefallen, jämmerlich zerschmettert worden. Job. K. 1. – das hätte auch dir geschehen können. Der WeltweiseDiogenes ist von der Schlaf-Kammer, welche unverhofft eingegefallen, erschrecklich zerquetschet worden: Apollonid. 1. Gräco. – das hätte auch dir geschehen können. Joannes XXII., dieß Namens römischer Pabst, ist von einem neuen Zimmer, welches auf ihn gefallen, also verwundet worden, daß er den siebenten Tag hernach Tods verblichen zu Viterbii: Fulg. 9. 12. – das hätt auch dir geschehen können. Valentianus, römischer Kaiser, ist bei der Tafel an einem Stuck Fleisch ersticket: Sextus Aurelius l. 4. – das hätt auch dir geschehen können. Henrikus Niger, römischer Kaiser, ist an einem Stuck Brod ersticket: Culpini – das hätt auch dir geschehen können: Tarquinius Priscus ist an einer Fischgräte ersticket: Hagiograph. Guid. – das hätt auch dir geschehen können. Sophocles ist an einem Weinbeerl erstickt: Valer Max – das hätt auch dir geschehen können. Adrianus der [173] Vierte, römischer Papst, ist an einer Mucken, welche er samt dem Wasser hinein getrunken, erstickt: Naucler. – das hätt auch dir geschehen können. Constantinus der Kaiser ist eines gähen Tods gestorben: Palatina – das hätt dir auch geschehen können. Amurathes der türkische Kaiser ist des gähen Tods gestorben: Chalcocon. l. 7 – das hätt auch dir geschehen können.Attila der König in Ungarn ist des gähen Tods gestorben: Sigebert. in Chron. – das hätt auch dir geschehen können. Aristulphus, König in Longobardien, ist des gähen Tods gestorben: Culpini. – das hätt auch dir geschehen können.