Hanß Michael Moscherosch
Gesichte Philanders von Sittewald
In welchen aller Weltwesen, aller Mänschen Händel, mit ihren natürlichen Farben der Eitelkeit, Gewalts, Heucheley, Thorheit bekleidet, offentlich auff die Schau
geführet, als in einem Spiegel
dargestellet und gesehen werden.

[1]

Erster Theil

Vorrede
Vorrede.

Teutsch gesinnter Lieber Leser. Wann ich die vergangene gute Zeit gegen der jetzgegenwertigen betrübten halten und eigentlich besehen thue, in welcher mit erbarmen vnd bejammern zu erfahren, daß manch Ehrlich Gelehrter Gesell vermittels des verderblichen Kriegs sich so elendig muß herummer schleppen vnnd verligen; Wann ich auch Ihre seufftzen vnd rechtmässiges klagen auß billigem mitleiden anhöre, wie wenig die Alte Teutsche Redligkeit bey vns nunmehr geachtet vnd befürdert; hiengegen die neüe frembde vntreu hoch erhaben vnd verehret werde, Wann ich auß bekümmertem Hertzen zusehe, wie Sie mit demütigen thränen den Himmel vmb hülff vnd rettung angelangen, damit dermahlen das verlassene Vatterland zu dem Edelen Friden gereichen, vnd die bißhero verfolgte noch wenigvbrige treue Patrioten in etwas widerumb möchten gesammlet, erhalten vnd erfreuet werden: So muß ich meinen mund mit gewalt im zaum halten, vnnd mich selbst in die Zunge beissen; damit nicht, durch zu-viel-wahrheitreden, die vndanckbare böse Welt mich noch mehr vber achsel ansehe vnd verfolge.

Zwar will ich nicht meynen, daß je mit schreiben ich jemand werde geschadet, vielen aber, hoffe ich, genutzet haben. Darumb, diejenige, welchen diese meine Schrifften vbel gefallen, müssen dieselbige entweder auß mangel verstands nicht begreiffen, oder aber wegen selbstbekandter schalckheit sich im Gewissen nicht wol staffiret befinden. Einem Bidermann ist hie rund nichts zuwider geredet. Er verstehts, sihets alle tag, beklagt es vnnd weyss, daß es wahr ist. Zu dem, so ist es ja bequemer, den Teutschen Philander lesen, alß den Spannischen Dom Francisco de Queuedo. Ja es ist besser, von einem Mänschen die Warheit anhören, als von dem Teuffel selbsten. Glück zu lieber Leser! GOTT gebe, das es bald besser werde.

Schergen-Teuffel
[5] [7]Schergen-Teuffel.
Erstes Gesicht.

Nach dem von meinen Aelteren ich zeits der ersten Jugend in dem Christenthumb einfältig als ein Kind vnderwiesen, bald im Eylfften Jahr auff die nächstgelegene Hoheschul, an der Ill, vmb Kunst vnd Tugend allda zuerlernen, verschicket worden; In welcher ich auch selbigen mahls beständig zimliche Jahr verharret; Befande ich endlichen vnd im außkehren, daß alles dasjenige, so ich daselbsten in den Büchern von der Welt vnd ihrem Wesen gelesen, auch vnder vnd bey den Mänschen auß ihrem Thun vnd Leben, Handel vnd Wandel absehen vnd vermercken können, mir dergestalt vorkäme, daß ich, ein einfältiger, mich darein nicht wohl richten konte.

Ich lase die Historien der Welt; Aber ich sahe es doch anderst, alß geschrieben stunde. Ich hörete die Leüte in ihrem Wesen; aber ich sahe es doch anderst, alß sie redeten. Ich sahe die Leute an; aber ich sahe sie doch anderst, alß sie außsahen. Jedem ding gab man zwar seine gestalt; aber es war eine blosse gestalt; dann das inerliche war anderst. Von aussen war alles herrlich; sobald man darnach grieffe, ward es ein schatten vnd verlohre sich vnder den händen. Es gleissete vber die massen, aber es war darumb kein Gold, sondern lauter Auripigmentum vnd Antimonium. Ich wuste immer nicht wie ich das verstehen, oder mich in die gefärbte, gemäntelte, verdeckte Händel schicken solte. Mit einem wort: Es dauchte mich aller Mänschen Wesen nur eine angenommene weise, eine eitele Heucheley sein, vnd solches fast ohne vnderscheid bei allen Ständen.[7] [Rand: Philosophi] Ich hatte gelesen, daß die Philosophi die weiseste Leute sein solten; befande aber im werck, daß sie offt die grösseste Narren[Rand: Medici] waren. Ich hatte gelesen, daß die Medici die Krancken heylen und gesund machen solten; befande aber im werck, daß sie so wol als andere an eben selbigen Kranckheyten selber sterben mußten.[Rand: ICti] Ich hatte gelesen, daß die Juristen die Gerechtigkeit lehren und befürderen solten; befande aber im werck, daß niemand dem Rechten mehr verhinderlich und schädlicher wäre als eben die Juristen[Rand: Theologi] selber. Ich hatte gelesen, daß die Theologi Heilige vnsträffliche Leute sein solten; befande aber im werck, daß eben viel derselben am meisten in vnversöhnlichem Haß vnd Neid, Ehr- vnd Geltgeitz, auch andern Sünden vnd heimlichen Lastern lebten.


[Rand: Owen lib. 2./ Ep. 69.]

Aegrotant Medici. Fraudantur jureperiti.

Descendunt multi in tartara Theiologi.


Schlosse demnach: Es ist warlich vnser Welt ein lauteres Spiel, vnd all vnser Wesen ein Spiegelfechten.


[Rand: Owen lib. 2./ Ep. 131.]

Theiologi Ambigui Juristae lenti et Iniqui;

Immundi Medici, Mundus ab his regitur.


Vnd, O wehe vns armen Mänschen, die wir vnser Elend so gar nicht erkennen, noch vns darauß helffen können!

Man stellet sich wohl, aber es ist doch wenigen im Hertzen. Wir rumpffen die stirn, zehlen schritt vnd tritt, gehen vnd reden nach dem tact vnd der tabulatur, schelten auff alles, was nur ein wenig uberzwerch gehet; vnd dieses ist der äusserliche Wandel; wann man aber den Mantel hienweg thut vnd das Hertz ansiehet, so ist es anderst. Dann, die man vor die beste achtet, die sind offt die ärgste: Eben wie bey den Franzosen, viel Complimenta, wenig Cordimenta. Je mehr wort, je minder Werck; je mehr geschrey, je minder Woll: je mehr geschwätz, je minder Hertz; je mehr schein, je minder Golde.

[8] Es sind Leute, man haltet sie für die Frömmeste vnd Heiligste, Religione devotissimi, Juris administratione rigidissimi, Sanitatis cura superstitiosissimi, Artium doctrina superciliosissimi, Reliqua vita regularissimi, Denique in Titulorum distributione largissimi. Wann ich das Hertz recht erkundschaffete, so kam mir alle mahl dieser vnwidersprechliche Schluß vor, daß ich sagte: diese Leute sind warhafftig nicht wie sie sich vor der Welt stellen, es ist Heucheley dahinder. Multi videntur, et non sunt; Multi non videntur, et sunt. Es stellen sich viel, wollen es sein, vnd sinds doch nicht; Viel stellen sich nicht also, sinds aber doch.

Dannenhero


Los Spagnoles parescan sabios, y sont locos

Los Franceses parescan y sont locos

Los Italianes parescan y sont sabios

Los Alemanos parescan locos, y sont sabios.


Viel wissen sich in Worten für den Leuten nicht gering genug zu machen vnd zu demütigen, nur damit sie desto mehr fürgezogen, mit großen Namen geehret, gezieret, gelobet vnnd angesehen werden; da sie vnderdessen anderwerts ihre Pfauenfedern gewaltig herfürthun, die sie doch durch Christliche demut sinken, oder gar abschneiden lassen solten. Solche Sanfftmütigkeit ist der ärgste Stolz und Ehrsüchtigkeit: Es ist heuchelen, es ist schmeichelei, Liebkosen, heimliche Boßheit, heimliche Arglist, heimlicher Geitz, heimlicher Neid, heimliche Mißgunst, heimlich weiß nit was. Vor dem gemeinen Mann gibt es etwas nachdenckens vnd scheins; bei verständigen Leuten wird es verlacht. Der Arme gemeine Mann laßt sich in dem vberreden, wann man nur nach seinem gefallen sich stellen vnd lencken kan, vnd dencket nicht, was sonst für geschmincks vnd falschheit dahinder sein möchte. Nimmermehr aber kans was redliches sein, wo man so gar hinder dem Berg haltet, wann man Brey im Mund hat, vnnd dem Kind nicht will den rechten Namen geben.

Viel können schwerlich leiden, daß von anderen Leutten auch irgend was löbliches geredet oder gerühmet werde, es verdreißt sie [9] solches im Hertzen, als ob ihnen etwas von ihren Ehren damit benommen wäre. Schmälern auch selbst, wo nicht durch offentliches afterreden, doch durch heimliches Liegen, heimliches Angeben, heimliches Einhauen, heimliches Ohrenblasen, wie sie ihrem Nächsten möchten etwas anmachen, Ihm eine klette anhencken, Ihn durch die Hechel ziehen, an seinem glück und Wohlfahrt verhinderen; Insonderheit mit dem verkleinerlichen Aber; stellen sich mitleidig vnd als wolten sie dich loben; Aber, mit einem schändlichen Aber, stossen sie alles widerum i zu boden.

Das ist der Welt sitte, Wir spiglen vnd kitzlen vns in frembder thorheit, vnd dörfften doch selbst alle wol, daß vns einer die Hand reichte.

In solchem Welthandel dachte ich, Nun helfe dir Gott, Philander! Mustu dich in diese Weltköpffe alle richten, was wird es noch für Angst vnd Arbeit kosten! Heüchelstu nicht mit? so wird man Deiner wenig achten; Heuchelstu aber, vnnd thust auch also? Ach was hertzquelens mustu leiden! Was eine saure Last, was eine verachtete Last, was eine wüste Last ist es Auff zwoen Achslen tragen.

Pfuy was ein schandlicher Mann ist der! diese Arbeit kann vnd mag ich nicht thun. Rondeur vaut mieux que Ruse. Besser Esel alß Hund. Darumb so laß ich diesen schandlichen Mann stehen, vnd will gehn an ein Ort da es wohl hergehet. Vieleicht möchte es nur in meinem Vatterland also beschaffen sein; anderstwo aber redlichere Arbeit vnd bessere belohnung geben.

Doch, solches eigentlich zu erkennen, nam ich mir vor, vber [10] den blowen Berg in ein ander Land vnnd Reich zu ziehen, vmb zusehen, ob daselbsten Treu vnd Religion, Glauben vnnd Redlichkeit auch also vermummet, oder ob sie besser zu finden, ehrlicher gehalten vnd belohnet wirden.

Zu welchem Ende ich im Frühling in GOttes Namen davon zoge, vnd meinen Weg durch Nancy in Lottringen, auff Pariß nahm. Als ich aber abends daselbsten ankam, vnd in der Herberg à St. Nicolas einkehrete, begab es sich, daß ein Priester mit vns zu Tische sass, Namens Messire Louys d`Ainuille, der sagte mir, daß morgenden tags man einen besessenen Mänschen, vnsern von da, à Nostre Dame de Bon-secour, vor St. Niclaus Pforten beschwören wirde; wo ich nun willens wäre selbiges auch zu sehen, er mir vor anderen darum bedienet sein könte; dessen Erbieten ich. zu Dank annam vnnd nach beschehenem Nachtwunsch darauf im Namen GOttes wol eingeschlaffen; Morgens früh neben meinem Würth an gemeldten Ort gegangen! da dann mich der Vorwitz, solches zusehen, wie die andern triebe, daß ich mich vnder dem geträng fast brauchete, einem hie dem andern da einen stoß gab vnd der vorderste sein wolte. Weil mir aber die zeit zu lang vorkame, vnnd eben im ruck kehren gegen der Statt widerum zu gehen wolte, begegnete mir zu gutem glück obgedachter Priester, mit vermahnen, wieder umbzukehren vnd mich weder zeit noch mühe deßwegen dauren zu lassen, in dem er mich durch ein kleines thürlein gegen dem Altar hienein führete.

Sobald ersahe ich einen Mänschen eines scheützlichen schröcklichen[Rand: Geberden eines / Besessenen] Angesichts, dessen Kleider zerrissen, die Haar stiegen ihm auf dem Haupt als Igels-stacheln, die Stirn gefalten als ein Rock, die Augbrauen gekrümt als ein Bogen, die Augen als ein Fackel glantzend, daß Maul als ein Roß sich beschäumend: Dieser finge an jämmerlich zu schreyen, vnd sich grausamlichen zuerbeben; Er zischete als ein Schlang, er knirschete mit den Zähnen als ein Eber vnd blähete den Mund auff alß ein Blaßbalg, die Kähle alß einen Schlauch auffsperrend, Mit den Händen zerkratzte er das Angesicht, zerstiesse die Brust: vnd letzlichen, gleich ob er gestorben, sinckete danider zu Boden, vnd mit wüsten geberden gaffete gen Himmel.

Ich, mit bezeichnung deß H. Creutzes, ô GOtt, sprach ich, [11] was ist das! vnd ein Geistlicher, so in dieser manier bekleidet bei ihm stunde, sagte zu mir: Da sehet ihr diesen elenden Mänschen mit dem bösen Geist besessen. Alsbald hub an der böse Geist in ihm zureden vnd sprach: Du Geistloser hasts erlogen; dann es ist nicht ein Mänsch mit einem bösen Geist besessen, sondern ein böser Geist mit einem Mänschen geplaget. So wisset nun, das wir Geister wider vnsern willen, vnd genötigter weise, bißweilen in den mänschen, insonderheit den Schärgen wohnen; darumb wann ihr mir meinen rechten titul geben wollet, so sagt nicht, dieser ist ein besessner Mänsch; sondern, dieser ist ein verteuffelter-Scherg, ein verschergter-Teuffel, ein Teuffels-Scherg, Ein mit-einen-Schergen-besessener Teuffel. Dann die Mänschen in gemein könen sich viel besser vor dem Teuffel, mit Bezeichnung deß H. Kreutzes segnen vnd hüten, als vor einem Schergen, Dannenhero sie auch


απέχϑημα πάγκοινον βροτοῖς

Odium publicum hominibus


Hass-aller-welt, Aller-welt-hass genennet werden.

Auch so man vnser Thun vnd der Schergen Wesen gegen einander erweget, so befindet es sich gleichförmig zu sein in allen stücken; dann ja, gleich wie sich die Teuffel bearbeiten, vnnd darumb herummer lauffen vnd geschäfftig sind, daß die Mänschen möchten gestrafft vnd verdamt werden; Also thun auch die Schergen, vnd warten mit verlangen, wo der Richter Ihnen irgend einen Angriff zu thun anbefehlen wirde. Die Teuffel wünschen, daß die Welt nur voll böser Buben wäre; solches thun auch die Schergen, damit sie immer zu jagen, zu klagen vnd zu nagen hätten, vnd thun es viel eyfferiger, in dem sie ihr leben vnd nahrung dieser gestalt suchen vnd erhalten. Sind also in dem die Schergen noch ärger als [12] die Teuffel; dann sie thun demjenigen böses an, der doch ein Mänsch, ihres Wesens vnd Geschlechts ist, vnd ihnen offtmals gutes erwiesen; solches thun die Teuffel, (ob sie schon aller genaden beraubte Engel sind,) gar nicht.

Darumb, mein lieber Pater, ist es lauter umbsonst vnd vergebens mit den gauckeleyen und beschwörungen, damit ihr vmbgehet, dann so der Teufel einen Menschen einmal in seinen Kloben bekommet, ist er, wo ihn Gott nicht sonderlich erlösen will, nicht widerum zuerretten;


[Rand: Owen lib. 3./ Ep. 48.]

Sic, velut in muros mures, in pectora Daemon

invenit occultas, aut facit ipse vias.


Insonderheit aber dieser Scherge; dieweil ja die Schergen vnd Teuffel eines Handwercks sind, in dem allein vnterscheiden, daß jene bekleidete oder vermumte Teuffel, wir aber unbeleibte vnd unsichtbare Teuffel sind und ein verdamtes leben führen in der Hölle, eben wie die Schergen vff Erden.

Wie ich nun solcher massen den verdamten Geist mit verwunderung reden vnd forschen hörte, fuhr in deß der Pater mit seinem beschwören immer fort, vnd den Teuffel vermeyntlich stumm zumachen, besprengte er den Mänschen offt mit Weyhwasser, davon der besessene heftig tobete, mit den zähnen ein solches klapperen, vnd mit den Augen ein so elende gestalt machte, daß den umbstehenden recht angst vnd bange ward, vnd die wände davon erzitterten.

Nicht meynet, sprach der Geist, daß solch erdichtete Krafft dem Weyhwasser zuzuschreiben; daß ich so tobe vnd wüthe, das geschicht allein wegen der Natur des bloßen puren Wassers; dann nichts ist, das die Schergen ihrer gewohnheit nach mehr fliehen, hassen vnnd förchten als daß Wasser; dergestalt, wann vns die Schergen in der Hölle nutz wären, wir sie nur mit darweisung eines einigen glases mit rotem Wein sprungsweise zu vns bringen wolten.

Vnd damit ihr ja sehet, wie so gar nichts die Schergen nach Heiligen Geistlichen Dingen fragen, so wisset, daß man sie vor Jahren Gerichtsknechte genennet, welchen Namen sie verändert, vnd [13] secundum opera et operata, in den Namen Hatschier verwandelt haben, als die die Leute Hatschen Schieren vnd Scheeren, das denselben der beutel also blutt a blauß wurd assa nackites mouysle.

Der Pater, als er alles dieses mit becreutzigen gehöret, sprach zu mir, daß ich solche des Bößwichts spottreden mich nicht wolt irren lassen, alß der, so man ihm das geschwätz vergönnen thäte, tausenterley schelt- vnd schmachwort wider die heilsame Justitiam vnnd derselben Dienere ausstoßen wirde, die weil sie die Gottlosen straffet, vnd dadurch zum rechten weg vnd ihrer Bekehrung zu weisen begehret, also daß viel Seelen auß des Feindes banden, darinnen sie gefangen lagen, können erlöset werden.

Vndersteht nicht mit mir euch in disputation einzulassen, sprach der Teuffel, ich hab mehr erfahren vnd gelernet als Ein Pater. Machet nur daß ich einmahl von diesem Schergen erlediget werde, ich bitt drumb; dann so ein stattlicher Teuffel, als ich bin, soll mich billich schämen, in eines Schergen Leib länger zu wohnen. Das soll, sprach der Pater, ob GOtt will, bald geschehen, damit der arme Mänsch von dir erledigt werde; vnnd nicht vmb deiner lasterhafften wort willen. Vnd warumb, möchte ich wissen, plagestu den armen Leib also? Darumb, sprach der Geist, weil seine Seele vnd ich mit einander in einen Streit gerathen vnd gezancket haben, welcher der ärgste Teuffel vnder vns beiden seye, der Scherge oder Ich?

Daß Geschwätz wurde dem Pater verdrüßlich zu hören, ich aber bate ihn, zu erlauben, daß ich den besessenen etwas fragen dörffte, vielleicht möchte es mir, dachte ich, heylsam sein, ob es schon des Teuffels meynung nicht wäre, welches er mir bewilliget; in dem der Feind immerzu fortfuhre vnd vnder anderem sagte:[Rand: Aulicum] An Fürsten vnd grosser Herren Höfen haben wir auch grosse Freunde und Kundschafft. Niemand aber ist der uns daselbsten[Rand: Poëtae] grösser Dienst leiste als die Poeten, Lieder-Dichter, mit liegen vnd sonsten, darumb so belohnen wir dieselbige auch redlichen in der Höllen.

Hat es dann auch Poeten in der Hölle? fragte ich. ja freylich, sagt der Teuffel: es wimmelt vnd wibblet voll darinn, darum man vor kurtzen Jahren ihr Quartier hat erweittern müssen. Vnd [14] ist nichts lächerlichers alda zusehen, als wann ein Novitius ein Neuer Schwärmer von ihnen ankommet, seine literas commendatitias Gruß- vnd- Vorschreiben einhändiget, in Hoffnung die solennes Deos, quibus agitantibus illi calescunt, als Charon, Cerberus, [Rand: plures poetarum / dii et deae] Minos, Pasiphae, Megaera, Medusa, Proserpina, Pluto, Aeolus, Rhamnusia, Neptunus, Bacchus, Juno, Venus, Cupido, Mercurius, Juppiter, Apollo, Phoebus, vnd andere zu finden vnd zu begrüssen.

Weil mich dieses schier ein wenig kützelte, fragte ich, was dann für eine belohnung die Poeten in der Hölle zu gewarten hätten?

Vielerley, sagte der Geist, als vielerley Inventiones vnd Einfälle ein Poet in dem Kopff hat. Dann etliche werden darinn zur belohnung gepeiniget, wenn sie ihrer Corrivalium oder Competitorum ihrer Mittmeister, Mit-gesellen opera vnd Carmina, grillen vnd bossen lesen hören, vnd solches geschicht auch bei den Musicanten. Etliche haben ihre Belohnung darinn, daß nach viel[Rand: Musicanten] hundert vnd tausend Jahren sie dannoch nicht können aufhören ihre Vers zu revidiren vnd zu corrigiren, zu besehen, vbersehen, vermehren vnd verbesseren. Einer gibt sich mit der Faust einen Stoß an die Stirn. Ein anderer kratzt hinder den Ohren. Einer grübelt in der Nasen. Ein anderer hat keine Invention oder venam, wie sie es nennen, (daß ist die Grillen wollen ihm nicht steigen) er habe dann gesoffen.


[Rand: Owen 1. 2./ Ep. 80.]

Sic potant, tanquam sine potu nemo Poeta

aut tanquam potus quisque poeta foret.


Ein anderer seufftzet. Ein anderer grummet vnd brummet als wie eine Humse in einer Drummel, murmur insolitum, et sub [Rand: Petr. Arbit.] diaeta Magistri quasi cupientis exire belluae gemitum gemens. [15] Ein anderer verkehrt die Augen alß ein Geyß, deren ein Streich[Rand: Idem] oder Stich worden, oculos ad accersendos sensus longius mittit, vnd dannoch können sie noch heut zu tag nicht finden oder errathen, ob man sagen sollte vultus oder facies, scripsit oderscribsit, sumptus, oder sumtus; optimè oder optime, sollicitus oder solicitus, an haec vel illa syllaba brevis an longa an anceps. Etliche, damit sie ja nicht vmb einen Buchstaben neben die schnur hauen, gehen, bald rennen, auf vnd ab, nagen sich die Nägel[Rand: Idem] an den Fingern biß aufs Blut, als vnsinnige, Pollice ad periculum raso, vnd in allem diesem tieffen Nachsinnen, fallen sie in verdeckte Gruben, darauß man sie mit grosser mühe kaum widerum kan bekommen.

[Rand: Poetae Comici] Die Potae Comici aber haben es am allerärgsten, zur billigen Straff, daß sie so manche Königinnen, Princessen vnd Göttinnen ihrer Ehre beraubet, so viel vngleiche Heyrath gekuppelt vnd so viel rechtschaffner Cavalliers, ihrem vorgeben nach, so schimpfflich[Rand: Amadis/ Schäfferey etc.] und vntrewlichen angeführet, wie im Amadiß, Schäfferey,Diana de Monte Majore, Ritter Löw, Tristrant, Peter mit den Silbernen Schlüsseln vnd anderen dergleichen zusehen.

[Rand: Spinnstuben / Historien] Vnd diese Poeten sind nicht bei den andern, dann aus; vrsachen sie so viel List vnd räncke, so viel Kunst vnd schelmenstücklein erdacht, als hat man ihnen quartier verordnet bei den[Rand: Procuratores / et solicitatores] Gewissen-Losen Procuratoren vnd Solicitanten der processen, als Leuten die in diesen Stücken vor anderen wol erfahren. Dann ihr Mänschen sollt wissen, sprach der Geist weiters, das es in der Hölle, ohnvergleichlich zu reden, besser hergehe, vnd haben wir ein vil richtiger Regiment vnd Ordnung als ihr bei eüch auff der Welt; da ist weder Vetter noch Bäsel, weder Vorzug noch Vorschub, weder Gunst noch Ansehen der Person; welches darauß zuersehen daß, als Neulich ein grosse truppe fremder Gäste angelanget,[Rand: Guffenspitzer] darunter der Erste eine armer Guffenmacher oder Spingler gewest, vnd man denselben zu den Schlossern legen wollen, einer [16] vnder vns den Rath gegeben, daß er zu den Notarien vnd Schreibern[Rand: Notarii / Scribae] gelegt wirde, als Leuten die da könten die Feder spitzen vnnd durch Spitzfinde vnnd gespitzte Wort manchen ehrlichen Mann vmb das seine bringen.

Ein anderer, so da sagte, er wäre ein Schneider, vnnd man[Rand: Schneider] fragte, ob er ein Bruchschneider, oder Wappenschneider wäre? vnd zur Antwort gab, er wäre ein Schneider der Kleyder; denselben hat man zu den Fuchsschwänzern, Lügnern vnnd Suppenfressern eingeleget, als Leuten, die einem ehrlichen Mann seinen guten Namen, Ehr vnnd Leymuth beschneyden können, gleich wie jene die Kleider.

Ein Blinder, der auff vorschrifft des Homerus vermeynte[Rand: Blinde] bei den Poeten zuherbergen, ward zu den Buhlern gewiesen,[Rand: Buhler] wegen derSympathiae vnd Eigenschafft, so sie mit einander haben.

Ein Todtengräber, ein Marckatenter, und Gartküchner, welche[Rand: Todtengräber / Marckatender / Gartküchner] Katzen für Hasen, Pferdsfleisch für Wildpret vnd Mucken für Rosinen verkaufft hatten, sind bei die Pastetenbecken einfurirt.[Rand: Pastetenbecken]

Ihrer fünf oder sechse so sich für Narren außgaben, sind[Rand: Narren] bey die Astrologos vnd Alchymisten, Calenderschreiber vnd Goldmacher[Rand: Astrologi / Alchymistae] geführet worden.

Einer, so bekante, daß er etliche Todschläg begangen, ward[Rand: Mörder] bei die Herren Medicos geführet.[Rand: Medici]

Eine Wäscherin ward zu den Würthen gewiesen, weil diese[Rand: Die Würthe / vnd Gäuffer / gewohnen an / gepichtem Bier / vnnd Schwefelichtem / mein,/ des Feuers,/ des Pechs vnd / des Schwefels / in der Hölle./ D.G. de / Inferno p. 702/ n. 90.] den Wein so wol wäschen können. Ja Lucifer selbsten, wann er zur Taffel ist, hatt jedermalen dergleichen Weinschencken vor andern bey sich sitzen, so ihme müssen bescheid thun, weil sie nemlichen des Schwefels im Wein besser gewohnt als jemand anders.

Ein Zigler kam auch daher, vnnd als er nach Herberg ansuchte, ward er zu den Würtzkrämern gewiesen, weil er vor diesem mit gebrantem Leymen vnd Ziegelmehl bey ihnen im Gewerb[Rand: Ziegler /Würtzkrämer] gestanden.

Ein Seiler kam hinden hernach, der vermeynte bey den Kauffvnd[Rand: Seiler] Handelsleuten quartir zu haben, ist aber zu den Werckheiligen gewiesen worden, welche durch ihr eigen Werck (doch nicht ohne Hanff) reich vnd Gerecht werden wollen.

[17] [Rand: Nägderin / Singerin] Eine Nägderin vnd Singerin kamen in gesellschafft daher vnnd liessen sich bey etlichen Damen zu Hoff anmelden, aber sie wurden den Frantzosen vbergeben, welche sie bey denen einfurirten, so sie Enfans perdus nennen.

[Rand: Gärtnerin]Ein Gärtnerin begerte, daß man ihr quartier verordnen wolte, die hat man auch zu den Würthen gewiesen, weil sie das Wasser ebener massen vnder der Milch, als jene vnder dem Wein, wol vnd thewer könte verkauffen.

In summa, es ist aufs Erden keine Statt noch Land so wol bestelt als die Hölle, warin einem jedem widerfahret, wie er es Ehren halben wol verdienet, welches auff der Welt nimmermehr wird also gerathen vnd ins Werck gebracht werden mögen.

Mich duncket, sprach ich nach allem diesem gespräch, daß ich auch von den Verliebten sagen hören, vnd weil ich vor jahren sowol mit dieser Kranckheit, als auch der Poeterey etwas behafftet gewest, möchte ich wol wissen, ob auch viel Verliebte zur Hölle kom men? Die Liebe, Antwortete der Geist, ist wie ein grosser Flecke oder Maase von Oel, die ein gantzes Kleid verschändet,[Rand: Verliebte rielerley] vnd hat der Verliebten freylich genug in der Hölle, aber von vnderschiedlicher gattung, dann etliche sind Verliebt in sich selbsten, so man nennet φιλαύτους etliche in ihr Gelt; etliche in ihre[Rand: Poeten Lieb] Schriften, wie die Poeten, die mehr Lieb zu einem ihrer vngeschickten Verse tragen, als mancher Vatter zu seinen wohlgestalten[Rand: D. Meyfart / de Academ./ lib. 2. cap. 5./ fin.] Kinderen. Ja, wie auch die wüste garstige Kinder ihre Mutter belustigen, Also Fuchsschwäntzen vnd Liebkosen den Poeten ihre heßliche Verse, vnd einen jeden Schreiber betriegen seine eygene Schrifften, vnd vbertäuschen ihn vor den Ohren.

Etliche sind verliebt in ihre Weiber, vnd deren sind am wenigsten zufinden, auß vrsachen weil die Weiber entweders durch ihre böse halßstarrige Köpffe, oder aber durch ihren Vngehorsam, Vnfreundlichkeit, Vnhäußlichkeit, vnsauberkeit vnd andere dergleichen Vntugenden ihren Männern vielmahl Vrsach geben sich der Hochzeit zugereuen; Insonderheit die Schwatz- vnd waschhaffte, welche [18] den armen Männern am meisten mühe vnd Sorge machen. Darum dann geschrieben stehet


[Rand: Owen / ep.]

Vincitur nisi ligua prius, non vincitur Uxor:

Uxorem solus qui superit superat.


Die andere Verliebte sind wunderlichen anzuschauen, vnd möchte mancher meynen, er sähe einen Kram-Gaden auffgethan, oder in einen Pater-noster Laden, so mit mancherley farben von Nesteln, Bändeln, Zweifelstricken, Schlüpffen vnd anderm, so siefavores [Rand: des fave] nennen, sind sie an Haut vnd Haaren, an Hosen vnd Wambs, an Leib vnd Seel behencket, beschlencket, beknöpffet vnd beladen. Andere haben so viel Zöpff vnd Haarlocken vmb vnd an sich hangen[Rand: Haar] wie die junge Pferde mit ihren mähnen. Andere, so man für Postbotten halten möchte, sind dermassen mit Brieffen beladen, wie[Rand: Buhlen-Brieff] ein Müller-Esel mit Säcken.

Vnder diesen, in einem finstern wüsten Ort, voller gestanck von Widder, Bocks, Ochsen vnd Schafhörnern etc. ligen diejenige so man vnder vns, Esel, aber in gemein Gäuche nennet, vnd[Rand: Gäuch] diese können am allermeisten tragen, auch sind sie die allergeduldigste vnd frömbste. Sie sehen alles, sie hören alles, sie riechen alles, sie greiffen alles, vnd derowegen sind sie sinnhaffter, als andere alle. Ja sie leiden alles, sie dulden alles, vnd dannoch hat die Liebe bey ihnen kein Ende. Es sind Leute ohne Gall vnd Zorn, gleich wie die Lackeyen oder Beyläuffere ohne Miltz, vnd heißet wol


[Rand: Owen 1./ Ep. 110]

Cornutum te Corneli scis esse, tacesque:

Non Cornelius es modo, sed Tacitus.


Nach inhalt der Regul, welche in Grammatica Cornutorum zu lesen

[Rand: Owen 1./ Ep. 133]

Audi, cerne, tace, cui publica contigit uxor:

Haec tria praecipue verba notanda tibi.


[19] Andere sind, die vngeachtet ihres alters, Natur, Neigung[Rand: Alte Lieb] vnd Lüsten, sich in Liebe gegen alte Hadermätzen vnd Kuplerinnen annehmen, vnd diese sind am härtisten angefässelt, auß vorsorg, daß sie sich auch an den Teuffeln selbsten vergreiffen möchten; dann, wie heßlich, schwartz vnd vnflätig wir auch außsehen, so deucht sie doch vnderweilen als ob wir Adonides, Arethusae, Veneres, Narcissi, vnd die allerschöneste zierlichste bilder wären.

[Rand: Mahler] Vber niemand sind wir in der Hölle mehr erzürnet als vber die Mahler, darum, weil sie mit vns vmbgehen, als ob wir ihre Narren, ihre Verdampte; sie aber vnsere Herren vnd Teüfel wären; indem sie vns abreißen vnd mahlen ihres gefallens, bald mit Klawen vnd griffen, da wir doch weder Adler noch Greiffen sind; bald mit Hörnern vnd Habichtsnasen, da wir doch weder Schaafe noch Vögel sind; bald mit langen küheschwäntzen, als ob wir der mucken wehren müsten; welche Ehr vnd Würde vnder vns niemand gebühret als Beelzebub dem Obristen vnd seinen vnderhabenden allein; Bald mit Bärten wie die Indianische Hanen.

[Rand: Mahler] Der vnder euch Mänschen bekante Mahler Michel Angelo Bonaroti ist dieser tagen fürgefordert worden vnd scharff gefraget, warumb bey Abmahlung deh Jüngsten Gerichts er vns so vielerley gestalt, so gräßlich, so abschewlich, so wunderlich, so hönisch, so förchterlich angestrichen vnd angedichtet habe? Der gab zu seiner Entschuldigung diese kahle antwort, Nemlichen, Er hätte sein Lebtag keinen Teuffel gesehen, auch (wie die meiste Mahler, Künstler, Hoffleute vnd Hochgelehrte pflegen) viel weniger geglaubet, daß Teuffel oder Hölle sein solte, wäre derowegen solches verbrechen nicht seinem bösen willen, sondern allein dem blossen Wahn zuzuschreiben.[Rand: Ignorantia / non semper / absolvit] Aber er hat nicht gedacht, quod ignorantia non absolvat à peccato, hat ers nicht gewußt, so hat ers sollen wissen. Sind also die in gleichem Werth; welche wissen, was sie nicht wissen sollen; vnd welche nicht wissen, was sie wissen sollen.

Was wir aus denjenigen Mahlern machen, welche einen Hoffschrantzen [20] vnd dergleichen zugefallen allerley Posturen, allerley Abbildungen Mänschlicher gestalt vnd Leiber mahlen, dahero die vnvorsichtige Jugend vns heimlichen beyführen, das ist auß ihren treuen Diensten leichtlich zu erachten. Cum aspectu nudorum [Rand: Theodor] corporum tam mares quam foeminas irritare soleant ad enormis lasciviae appetitum, dis gehet euch an ihr Herren Mahlere, dann


Et pictus laedere novit Amor

Sed

Et scriptus laedere novit Amor


Dies ist euch gesagt ihr Herren Poeten!

Ein Ding ist, so vns vber die massen verdreußt, welches[Rand: Mägde] doch euch Mänschen, insonderheit den Dienstbotten, gar gemein ist. Dan da vor diesem dem Niemand alles zugeschrieben worden, wo es wider sinnes hergegangen; so schiebet man es jetzt alles auff die Arme Teuffel; was sonst Niemand will gethan haben, das hat der Teuffel gethan, das thu der Teuffel, alles dem Teuffel zu, das woll der Teuffel, was Teuffels ist dz? welcher Teuffel hat das gethan? welcher Teuffel hat das gesagt? welcher Teuffel hat das geschwätzt? welcher Teuffel hat mich verrathen? der Teuffel den Schneider, wie hat er mir das Kleid verderbet! wie hat er mich[Rand: Schneider] so lang umbgezogen! wie hat er mir das so kurtz, das so enge gemacht! wie hat er mich bestohlen! Vnd ist vns mehr Vnfalls noch niemahlen gewünschet worden, als nur von der Schneider wegen, daher sie gar als Erben vnnd liebe Kinder im Hauß sein wollen: werden also die arme Teuffel eben schlecht gehalten vnd liederlichen verehret, da wir doch so hungerig nicht sind, daß wir alles das so man vns zuwünschet annehmen wirden.

Hat ein Lackay was Vbels gethan: ey das ihn der Teuffel[Rand: Lackay] hol, sprecht Ihr; aber wisset, der Teuffel begehrt der Bernhäuter keinen, dann der meiste theil vnder ihnen ist viel ärger als der Teuffel, vnnd ist vns ein sehr unnützes gesindlein in der Hölle, als die weder zu sieden noch zu braten tügen.

Der Teuffel hole diesen Italianer! aber wisset, er thue sich[Rand: Italianer] [21] der Verehrung bedancken, dann wol ein Italianer dürffte einem vnvermerckt einen Dolchen in den buckel stossen. Also auch:

[Rand: Spannier] Der Teuffel hole diesen Spannier! Aber weil vns der Spannier Regiersucht bekant, dörfften sie sich auch der Hölle wohl gar vnderfangen wollen. Nur dem Türcken zu mit diesem Gesind, dann er bedarff der Moresken, seine Heer der Janitscharn vnd beschnittenen damit zu stärcken.

[Rand: Commissarii] Indessen begab es sich, das vnder den zuschauenden zween mit Worten hart vnd biß zu streichen an einander gerathen; als ich danach sahe, war der eine General-Commissarius, der ander einCommissarius, Renovator, oder Reformator, vnd der Geist sprach, das sind die gröste Diebe vff Erden.

Diese beide nun verweiseten je einer dem andern seine schelmenstücklein; weil sie mir aber von Gesicht vnd thun gantz wol bekandt, als welche Vrsach an meines betrübten Vatterlands verderben vnd vndergang waren, sprach ich, wan der Teuffel diese beyde Schindhunde vnd Marcksäuger, pestes Regnorum et rerum publicarum; diese Retscher vnd Anbringer, diese Anstifter neuer beschwerungen, Aufflagen, Leib vnd Seelendiensten nach verdienst belohnen solte, wie wirde es ihnen so wunderlichen ergehen! Ihr verstehet leider nicht viel, sprach der Teuffel auß dem besessenen, das Ihr vns auch dergleichen loses gesindlein zuwünschet, da Ihr doch wisset, daß sie deß Teuffels ärgste Kinder seind; vnd wo ihnen die Hölle nicht von Rechtswegen zugehören thäte, sie nimmermehr durch andere mittel dazu gelangen solten.

Es ist jetzt an dem, das wir sie, wo müglich, gantz abschaffen wollen, dann es ist ein recht vndankbares Völcklein, vnnd zur boßheit so abgeführet vnnd abgeschäumet, daß sie auch vnderstehen vns vnnd vnser Reich in das verderben zusetzen, in dem sie eine neue Aufflag oder Zollgelt aufs unserm Weg auffrichten wollen. Eben wie newlich der Duc d`Alba in den Niderlanden den hunderten Pfenning von allem vermögen, widerum den zwantzigsten Pfenning von aller Fahrnuß, widerum den zehenden Pfenning von allen Käuffen, Reichen vnd Armen, Herren vnd Knechten ewig zu geben strängiglichen gebotten. Wie neulichen von jedem Fenster auff die Gasse, [22] wie neulichen von jedem Schornstein im Hause, wie neulich von jeder Staffel an der Stiege, vom 29. Octobris 1639 auß Leipzig bekräfftiget worden. Weil nun dergleichen beschwerden sich von tag zu tag erheben vnd häuffig mehren, ist zu besorgen, das mit der Zeit durch unbillige Steigerungen vnd andere solenniteten der Admodiatorum der Preiß dermaßen gehöcht werde, daß letztlichen[Rand: Admodiatores] der Handel vnd Gewerbschafft, den die Welt mit vns biß hierhero gepflogen, gar in einen Abgang gerathen möchte, welches dann vnsers Reichs endlicher Vndergang vnd Ginösung sein müste. Aber, so sie von ihrem beginnen nicht bald abstehen, dannenhero auß vnserem Reich bannisiret werden, so sind sie ja viel ärmer als die andere verdampte alle, weil, wie bekant vnd offenbahr, Ihnen der Himmel ohne daß schon verschlossen.

Der Pater, so müde ward das lange Geschwätz anzuhören, sprach: gleich wie der Teuffel wünschet, daß keine Gerechtigkeit oder Gerichtsdiener auff Erden wären, also meynet er, müsse man alles dieses sein Geschwätz, so wider Gericht vnd Gerechtigkeit gerichtet, auch glauben vnd ihm beyfall geben.

Ich meyne ja, sprach der Teuffel, es seye keine Gerechtigkeit mehr auff Erden, vnd wann du Pater die Histori nicht weissest, will ich sie dir erzehlen; wie


Wahrheit vber Meer gezogen,

Gerechtigkeit nach Himmel geflogen,

Lügen vnd Gewalt sind auff Erden blieben.


Es geschahe, daß Veritas vnd Justitia eines tags mit einander[Rand: Justitia et / Veritas] zu reysen vnd beysamen zu wohnen sich entschlossen, aber niemand war, der sie hätte auffnehmen wollen, dann Veritas war gantz nacket vnd bloß, vnd hatte nicht vil geschmücks am Leibe; Justitia sahe sawer auß vnd achtete keines Mänschen. Endlich, nachdem sie ohne einige hülffreichung herum geirret, vnd niemand sich ihrer annehmen wollen, wurde Veritas auß noth gezwungen, bei einem Stummen einzukehren; Justitia, weil sie sahe, daß allein ihr blosser Name bey den Mänschen geliebet vnd gebraucht wirde, damit alle Vngerechtigkeit, Tyranney vnd schinderey zu bemänteln vnd verbergen, wurde sie kurtz bedacht vnd kehrete wider vmb nach [23] dem Himmel, da sie zuvor herkommen. Derohalben vnd zu diesem ende, so zoge sie eylends von grosser Fürsten vnd Herren Höffen, als daselbsten Ihro viel schimpff von den Hoffschrantzen vnd Fuchsschwäntzern wiederfahren; Sie verließ auch so bald alle herrliche Gewerbe, die grosse Stätte (da man auf gunst vnd Vetterschafft mehr siehet dann auf Recht) vnd kam in ein kleines elendes Dorff, da sie bey einem schlechten Bauren-Schulzen einzoge, Namens[Rand: Pauper] Pauper, dessen Weib (hier zur nachricht zu vermelden, ob man[Rand: Simplicitas / Malitia / Injuria] sie noch allda finden möchte) Simplicitas genennet; weil aber etliche vornehme Herren, auß den Stätten Malitia vnd Injuria, ihr hefftig vnd gewaltsamer weise nachforscheten vnd sie verfolgeten, kam sie in ein ander Dorff, gienge von Hauß zu Hauß, ob sich ihrer jemand erbarmen vnnd heimlichen einlassen wolte; vnd alldieweil Justitia nicht liegen noch triegen kan, vnd sie gefragt war, wer sie wäre? Sie aber rund durch gienge vnd sagte, ihr Nahm wäre Justitia; Da schlug ihr ein jeder die Thür vor der Nasen zu, mit vermelden, sie wißten nichts von ihr, solte anderstwo umb Herberg suchen; also, nachdem sie in gemein dermassen abgewiesen worden, sie endlich davon geflohen vnd gen Himmel geflogen, daß man seithero nichts mehr von ihr gesehen oder erfahren können, als allein etliche kleine Wortzeichen vnd vnvermerckte anzeigungen, welche doch soviel Zeugnuß geben, daß sie vorzeiten auff der Welt gewesen. Die Mänschen, in dem sie jetzt noch ihrem Namen nachdencken,[Rand: atio status] geben vnd eygnen sie derselben zu einen Stab oder Scepter, welches oben eine Hand hat, vnd man Justitiam zu nennen pfleget. Aber es ist ein blosser schein, vnder welchem das arme Volck nur herumb gezogen, gehalten, gespannen, gefässelt, betrogen vnd beraubet wird, ärger als von offentlichen Dieben mit allen ihren Diebsschlüsseln, Dietrichen vnd anderen dergleichen passepar-tout.

[Rand: Dieb allerley] Ist also dieser gestalt das Mänschliche wesen in eine solche Verwürrung vnd vppigkeit gerathen, daß sie alle ihre Leibs vnd Seelenkräfften, alle ihre sinne vnd verstand allein zu stehlen vnd zu Rauben gebrauchen.

[Rand: Buhler] Dann ein Buhler, stihlet er nicht mit seinem Willen die Ehreiner[Rand: Advocaten] Jungfrawen? Ein Vorsprech stihlet er nicht eim andern sein[24] gut ab mit seinem Verstand? dum pervertit vim legis, eique aliam planeque contrariam affingit.

Ein Gauckler, stihlt er nicht einem andern sein Gelt, vnnd[Rand: Gauckler] die gute zeit ab? in dem durch seine bossen vnd Gauckeley er sich sehen lässet?

Die Liebe stihlet ja mit den Augen, die Wohlredenheit mit dem Mund, der Musicant mit der Stimm vnd Fingern, das Hertz die Sinne, die Ohren. Potens brachio nocet, miles manibus, der Medicus stihlet das Leben mit dem Todt, der Apothecker stihlet die Gesundheit mit der Artzney, der Wundartzt den Wehetag durch schmertzen, der Calendermacher den Himmel mit seiner Bryllen.

Vnd diser Versoffne Kunz, stiehlet er nicht den Durst hienweg, mit seinem Knorrichten glas voll wassers?

In summa, totus Mundus furatur, sie sind alle Dieb vnd Diebsgenossen. Ich bin auch ein Dieb, sagt jener arme Baur, dem die Soldaten ein Pferd außspanten; damit er es aber erhalten möchte, sprach er: Ach ihr Herren, lasset mir doch mein Pferd, ich bin auch ein Dieb. Vnd ist keiner so Reich oder Arm, so jung oder alt, so groß oder klein, der nicht in etwas sich mit diesem Laster, offt vnder dem Schein grosser Heiligkeit, grosser Freundschafft vnd Wolgewogenheit, tugentlichen hätte vergriffen. Insonderheit aber die Schergen, welche so geartet sind, daß ihr Mänschen billich daß jenige wider sie sprechen soltet, welches ihr wider vns zu betten gelehret vnd gewohnet seit:Libera nos Domine.

[25] [Rand: Weiber] Mich wunderte aber, daß er nichts von den Weiberen gesagt hatte, bevorab weil sie rechte Diebe, vnd billich vnder solche Zunfft wegen Handwercks hätten gezehlet werden sollen. Darauf der besessene antwortete: O dencket mir nichts von Weibern, laßt sie, wo sie sind, wir haben ihrer in der Hölle so genug, wir sind deren so vberdrüssig vnd müde, daß einem davor billich angsten solte. Es ist ein fast schlechter Lust, umb die Weiber stetigs zu wohnen. O was geben die arme Teuffel drumb, daß sie keine Weiber hätten! Dann seithero Medusa, die alte Zauberin, gestorben, ist kein sterne mehr in der Hölle; vnd erdencken die Weiber täglich so viel neuer trachten, so viel neuer spitzfünde vnd Liste, daß sie nichts nutzen, als nur stetigen Zanck vnd vnfug vnter vns anzustifften, vnd zu beförchten, sie sich letzlichen auch an vns wagen vnd, das Regiment an sich zu bringen, gar zu Siehmännern machen möchten. Das beste an ihnen ist, daß sie vns nimmermehr vmb ichtwas ansprechen; auch haben sie schlechte Freundschafft, als verdächtige Personen, von uns zugewarten, insonderheit die alte heßliche Vetteln, deren es sechsmal mehr in der Hölle hat als[Rand: Schöne Weiber] der schönen. Dann in dem sie, die schönen, viel ehe einen guten Gesellen finden, der Ihrem willen beygethan, vnd sie also befridiget werden, geschicht es, daß je allemahl eine, wann sie in Sünden ihre Jugend nach belieben zugebracht, endlich etwan durch sonderbar gut Eingeben in sich selbsten gehet, sich bekehret, vnd also vns vnd vnserem Reich entgehet.

Aber die heßliche Weiber, nach dem niemand sich ihrer annimmt, noch sich vber ihre garstige Liebe erbarmen will, kommen endlich auß hitziger begierde vnd verzweiffelung so erhungert dürr vnd mager zu vns, daß wir etlich mahl auß forcht vor ihnen[Rand: Heßliche / Weiber] entlauffen vnd vns verkriechen müssen. Wie sie dan meist auß lautter verzweiffelung vnd gruntzend gestorben, wie die Schweine, mit grossem vnwillen, die weil die Junge ihnen vorgezogen werden. Neulicher tagen kam eine bey uns von 90. Jahren, welche vorgeben, sie hätte großes Zähnweh thum, vnd käme vns vmb mittel anzusuchen, als ob wir so einfältige Teuffel wären, vnd solches glauben sollen; dann weil sie vorgab, daß sie Zähne hätte, vermeynte sie, sich dardurch jünger vnd desto angenehmer bei vns [26] zu machen, da doch vor mehr als 30. Jahren sie ihre Zähne schon alle verlohren. Weil ich aber fragte, ob auch Arme in der Hölle zu finden seyen, vnd der Teuffel antwortete, was ich dann durch das Wort Arme verstünde? sprach ich, den jenigen, welcher nichts hat noch besitzet von dem, was die Welt hat vnd hoch hält. ô du vngelehrter tropff, sagte der Geist, hastu dan niemahlen gelesen, was eurer vornembsten Patrum einer sagt: quod paupertas sit manuductrix [Rand: D. Chrysost./ 15. sup./ Epist. ad / Hebr.] quaedam in via, quae ducit ad Coelum! vnd ob schon sie sich in ichtwas vergreiffen, so heißt es doch: Quisquis inops peccat, [Rand: Petr. Arbit.] minor est reus. Vnd das wäre ja vnbillich, daß die Arme solten verdamt werden, die doch nichts haben von allem deme, das den Reichen die verdamnus bringet! Sind also die Arme nicht in unserem Stattbuch eingeschrieben; vnd laß du dich dessen nicht wunder nemmen.

Dann Mein, Wie könte ein Teuffel ärger sein als ein Ohrenbläser[Rand: Ohrenbläser / Neidige / Vntreue /Freunde.] vnd Neidhund? als ein falscher vntreuer Freund? als ein verwegener vntreuer ( Pro-curator) Vorsprech, der der einen Partey dienet, damit er der andern dienen möge? als böse verführerische[Rand: Böse Gesellschafft./ Vngeratbene / Kinder,/ Ärger als der /Teuffel] Gesellschafft? als ein vngerathenes Kind, Bruder oder Verwandter, der anders nichts wünschet, als das du tod, vnd er dein Guth besitzen möchte; der sich stellet, deine Kranckheit seye ihm leyd; vnd doch im Hertzen wolte, der Teuffel hätte dich schon weggenommen.

Dieses alles gehet einen armen nicht an; Er hat keine Ohrenbläser oder schmeichler; er hat keinen, der ihm etwas könte mißgönnen; er hat keine Freunde, weder böse noch gute: Er hat keine Procuratores, dan bey den Armen redet ein jeder für sich selbsten, wan er kein Gelt hat, nach dem Armen waidspruch Qui nihil [Rand: Bettler] hat, nihil dat. Er hat auch keine Gesellschaft. Seine Kinder vnd Freunde haben seinen Todt weder zu wünschen, noch davon zu reden. Es sind Leute, die da wohl leben vnd noch besser sterben. Vnd sind deren etliche in ihrem stand so benüget, daß sie auch ihr Leben, Handel vnd Wandel nicht gegen einem Königreich außtauschen wollten; dann sie sind ein freyes Volck, mögen bettlen, [27] wo sie wollen, gehen hien, wo sie wollen, beydes zu Kriegs vnd Friedenszeiten, sind Frey von allen beschwerden vnd Aufflagen, Zollfrey, keiner Jurisdiction noch botmässigkeit vnderworffen, ohne Zanck vnnd Proceß, vnd in Summa vnangreifflich vnd vnergreifflich. Im vbrigen, so sorgen sie nicht für den morgenden tag, folgen in dem den Geboten Gottes, wissen sich in künfftige zeit zu schicken, von derselben alles zu hoffen, der gegenwertigen zeit gebrauchen sie, der vergangenen haben sie vergessen.

Zwar wahr ists, daß die Arme ihre Hölle genug auff der Welt haben, dann es ist so mit euch, jeder Mänsch ist fast des andern Teuffel offt mehr als der Teuffel selbsten, Homo homini lupus. Homo homini Diabolus.

Vnd damit ihr nicht zu förchten habt was das Sprichwort[Rand: Prov.] sagt: que quand le Diable presche, le monde approche sa fin. Wan der Teuffel predigen muß, so wird gewiß die Welt vndergehen, als bitte ich, Herr Pater, ihr wollet mich von diesem Schergen, in dem ich geplagt werde, durch eure Kunst erlösen, dessen solt ihr danck haben.

Darauff sich der Pater zu vns wendete vnd sprach: nun mag man wohl sagen, daß Gott hierin seine Macht erweise, dann du böser Geist, bist von anfang ein Vatter der Lügen vnd alles betrugs; vnd nichts destoweniger hastu an jetzo solche Warhaffte dinge erzehlet, daß wohl ein steinern Hertz sich darob bewegen, erweichen vnd bekehren solte. O, nicht meynet, daß solches zu eurem besten vnd heyl geschehen, sprach der Teuffel nochmahlen, es ist auß keiner andern meynung, als, wann es zum treffen[Rand:vide Historiam / Continuat./ Sleidani lib. 19/ part. 3. Ann./ 5149] kommen soll, euere Straffen euch desto mehr zu häuffen, dann ja nun könt ihr euch der Vnwissenheit nicht mehr entschuldigen, ob hätte es euch niemand gesagt, dann ehe müßten euch die Steine predigen, ja die Teuffel selbsten.

Dan der Knecht, so deß Herren willen weiß, ihn aber nicht thut, der ist doppeler streiche werth. Aber ihr alle, die ihr Zusehere vnd Hörer seit, seit rechte Heuchler, da stehet ihr, die meyste[Rand: Poenitentia / ficta.] mit weinenden Augen, nicht wegen eurer Sünde, das ihr Gott damit erzürnet habet; sondern weil es euch leyd ist, daß ihr einmahl die Welt gesegnen vnd davon müßt, vnd ob es bißweilen [28] geschicht, daß euch der begangenen Sünden reuet, so ist es doch einig vnd allein deßwegen, weil ihr auß mangel eurer Kräfften vnnd deß abgebrauchten Leibs, auß viele der Jahren, so ihr auff euch habt, nicht mehr sündigen könnet oder möget, vnd fehlet oder mangelt euch deß wegen nimmermehr am bösen willen, den wir eben wol nicht ungestrafft lassen, insonderheit an denen die Andere lehren vnd vnderweisen solten.

Du bist ein betrieger, wie vorgesagt, sprach derPater; zweiffele nicht, es werden sich hie viel fromme Seelen an deinen Reden vnd Thun spiegeln, vnd sich vor dir durch beystand Gottes wol zu hüten wissen. Aber ich sehe wohl, du meynest durch dein geschwätz also Zeit zu gewinnen, den Armen Menschen desto länger zu plagen. Darumb so beschwöre ich dich durch die Krafft vnd Allmacht Gottes, daß du verstummen vnd diesen armseligen Mänschen verlassen müssest! Wie dan mit einem großen brausen der Böse außfuhr, vnd darauff der Pater sich umbwandte vnd zu vns sprach: Ihr Herren, Freunde vnd Christen; Ob es schon das ansehen, Es habe der Teuffel durch diesen armselig-geplagten Mänschen als durch einen Werckzeug zu vnserm besten geredet, so ist doch gewiß, daß auß seinen Gespräch ein nachsinniger Christ viel vnd mercklichen nutzen mag haben. Darum bitte ich euch Umbstehende alle, daß ihr, auß billigem Haß wider den bösen Geist vnd seine Wohnung diese rede darum nicht verachten noch in den wind schlagen wollet. Gedencket, daß ein gottloser König dermahlen die, wahrheit geredet vnd propheceyt. Dann ja auch Speise gung von dem Fresser vnd Süssigkeit von dem Starcken. Auch sagt der Alte Priester Zacharias, Salutem ex inimicis nostris et de manu qui [Rand: Luc. 1. v. 17] oderunt nos. Vult quidem plerunque nocere Diabolus, sed non [Rand:D. Aug. in ?/ D. Ambros./ in Luc.] potest, quia potestas est sub potestate. Ideoque ne potentiam Diaboli magis timeatis quam offensam Divinitatis. Nun bewahre euch alle Gott, in dessen Namen ich euch gesegne, demütig seine Allmacht bittend, das diese Traurige erschröckliche Geschichte zu euerer aller Besserung vnd Bekehrung gereichen möge.

Welt-Wesen
[29] [31]Welt-Wesen.
Anderes Gesicht.

Die vorigen Gesichts Geschicht gab mir Ursach, meinen sachen in was mehrer Gottesforcht nachzudencken; weil ich ja gesehen vnd gehöret, wie gar genau auch die geringste verbrechen der Mänschen gemercket, erforschet vnd vergolten werden.

Begabe mich derowegen mit der Land-Kutsche von Nancy hinein naher Franckreich; vnderwegs aber hab ich in den Itinerariis solennibus, Sinceri, Eisenbergeri, Neymaigeri, Steinbergeri, Hentzneri, Duchatii, Bertii, Jani Secundi, Caspari Ens, Andreae Schotti, Erpenii Atlante vnd anderen, welche von dieses Königreichs Herrlichkeit vnd Vorzug mit mehrem geschrieben, vmb künfftige Nachricht gelesen, was in einem vnnd anderem ort, insonderheit der großen Statt Pariß zu sehen vnd in acht zu nehmen[Rand: Pariß in / Franckreich] sein möchte; bevorab weil dieselbe von meisten Eine kleine Welt, Compendium orbis terrarum. Un aultre Monde. Un petit Monde. Un abregé du Monde genennet wird.


Ceste ville est un autre Monde

Dedans un Monde florissant, etc.

[Rand: de Mathoniere]


Vnd in Warheit zu melden: wer die Welt in einem Saal, in einem Sack, in einem Garten, in einem Garn, beysammen sehen will, der wird sie in Pariß gewißlich finden.

So lang ich allda verharret, war mir der letzte Tag eben wie der erste. Jener Schweitzer, welcher zwantzig Jahr in des[Rand: Schweitzer] [31] Königs Leibwacht geweßt, vnd doch noch nicht drey Wort Frantzösisch reden konte, deßwegen von einem Freund befragt vnd gescholten, gab zur antwort: waas wott eyer y zwantzig Jährly löhrä?

[Rand: Welttrüglichkeit] Also gar laßt sich die Welt in so wenig Jahren nicht erkennen. Eines Mänschen leben ist viel zu kurtz; das Hertz ist viel zu träg, wann er eben den Trug vnd die Eitelkeit anfahet zu mercken, so ist es an dem, das er selbsten an daß Ende kompt, vnd bald davon muß; Nihil in Mundo est, quod desiderium nostrum sedare possit. Viatores sumus, perpetuo motu quietem omnem profugantes, quae externa quidem varietate sese nutrit, substantiam rerumque qualitatem nescit, plerumque non attendit.

Vnd wie große lust der Mänsch hat, ein ding zu erwerben, als kleine freude hat er hernach, wan er es erworben. So ist vnser Thun: wann wir verlangen nach ichtwas haben, bilden wir vns davon wundersachen vnd Herrlichkeit ein; haben wir aber vnser begeren er füllet, so bald sahen an die vermeynte[Rand: Welt scheinbar] herrliche dinge einen verdruß vnd Eckel zu bringen. quae miro desiderio a nobis expetita sunt, ea juris nostri jam facta vilescunt possidentibus.

Also auch die Welt. Sehen wir sie ohn weiteres nach sinnen von aussen in ihrer Gestalt, Auffzügen vnd scheinbarem Thun an, Behüte Gott! was schönes dings bilden wir uns von derselben ein? Nicht anderst, als ob sie ein lauteres Paradiß, ein Lustgarte voller Herrlichkeit vnd Edeles Wesen wäre; da doch, wann wir ihr die Maske, den Fürhang nur ein wenig abziehn vnd den Kern beschauen wollen, vns allein die blosse schölffen in den Händen bleiben, vnd bekennen müssen wahr sein: Mundus Vanitate ducitur, Opinione regitur, O inane desiderium vivendi!

Mit diesen vnd dergleichen betrachtungen hatte ich mich der zeit nicht wenig auffgehalten: (damahlen ich meine Herberge au faulxbourg Sainct-Germain, rue de Seine à la ville de Strasbourg chez le sieur Courtin hatte, vnsern beneben zweyen [32] Meißnischen, rechtschaffenen Teutschen von Adel, Herrn Carle von Diskau vnd Herrn Abraham von Loß, deren dieser einer von einem ehrlosen Wälschen à ville Juiffe in einem Kampff als Second (Mittmann) eines Dänischen von Adel Crabbé, in die Brust gestossen vnd nach 12 Tagen nicht ohne mühe begraben worden) vnd aber den Händeln mit solchem eyffer nachgesonnen, daß ich, meines Kopffs fast nicht mehr meister, darob gleichsam in einer Entzuckung lange zeit gelegen.

Da mich dauchte, ich gienge in dieser großen Statt oder Welt, verirret herum, der Mänschen Wesen vnd Wandel hier vnd da zusehen vnd zuerwegen; vnd indem ich von einer Gasse zur andern hin vnd her spatziret, die Mänschen aber, als vber einen Albaren vnd Frembden, sich genug erlacheten, mich einen langen Spannier scholten, die Kinder mir nachluffen vnd mich mit Steinen vnnd Kath wurffen; Auch je mehr ich mich eilete vnd beflisse, den Leuten auß den Augen, mir aber auß dem gelächter, gespött vnd gefahr zu entkommen, je mehr ich, wie man sagt, in die brühe gerathen.

Dann da kame ich in eine Gasse, namens La Colere, prez [Rand: Hader Gasse / eine ganze / Straß] la rue des mauuais garçons, welche allenthalben mit tumult, mit zancken vnd beissen, mit hauen vnd schmeissen, mit schlagen vnd balgen erfüllet, so daß ich mit grosser mühe vnd noth, nicht ohne blutigen Kopff, den ich zum Zehr-gelt davon brachte, durchtrange.

Dort kam ich in eine Strasse, namens la Debauche, da[Rand: Schwälger / Gasse deßgleichen] ich gewar wurde, wie alles mit raßlen vnd praßlen, mit schreyen vnd speyen, mit fressen vnd sauffen, mit huren vnd buben wimmelte, dort durch mehr andere bekante ort, da es nicht besser als in jetzt erzehlten auch herginge, dessen ich mich dan häfftig verwunderte, zum theil so bekümmerte, daß ich mich in ernst schier nicht mehr erholen können.

In dem ich nun wie Stotzen Hänsels Kuhe, also verstabert stunde vnd nicht wußte ob ich hinder sich oder vor sich wolte; dann je mehr ich fort gienge, je mehr dauchte mich, daß ich in das spiel geriethe, da hörete ich eine stimme die mir nach ruffete:

Abren madon badil cadilin pasin adum loren masaron [Rand: Poligraph./ Trithem./ lib. 3.] damis bodi omis!

[33] Ich aber dessen vngeachtet gienge fort, damit nicht etwan, wo ich antwort gäbe, von jemand möchte erkannt werden. Aber bald hörete ich noch fäster ruffen:

[Rand: Id. Lib. 4.] Amolach bonefar astrafai acalach chaba melan arabias morison osiel acanasor thombas!

Vnd als ich mich dessen auch nicht annehmen noch gehör geben wollen: Hörestu du nicht? sprach er ferner, du Hebraischer Moyseskopff! Weil mir nun die stimme auf den fersen war, vnd ich mich zu verhütung grösseren geschreys umbkehrete, sihe da war es ein Erbarer Alter Mann, der mir mit des orts gewohnlicher Ehrerbietung zu sprache. Anzusehen war Er unbärtig alß ein alter Mönch, mit einer Beltzkappe vff dem Haupt, Einen Beltzin Rock umb sich, Ein Paretlin in der Hand, Einen Degen an der seite als ein Alter Rathherr; sein Wesen betreffend, so war er eines Ehrlichen vnd Ernsthafften Thuns. In meinen fleischlichen [34] Augen kam er mir vor, als Rabbi Poppel Poy; insonderheit, weil er mir mit Hebraischem Namen zugeruffen.

Wiewol nun diese gebrochene Wort: Exp. Rob. auff seinem[Rand: Expertus / Robertus] lincken Ermel, doch mit leslichen Buchstaben, gestücket stunden, welches dan in vblichem brauch war, zu der zeit da man die Nase noch nicht vff den Ermel gewischet wie jetzund, vnd dannenhero ich seinen Namen vnd Stand vnschwer errathen können; Jedoch vnd auß bedencklichen vrsachen: Wer seit ihr gut Freund? sprach ich, es scheinet, ob ihr mich nicht recht kennet vnd für einen andern haltet. Dann ob ich schon vor dieser zeit den Hebraischen Doctor Arx mihi firma Deus in die fünff jahre offentlich vnd[Rand: Blankenburgius] sehr fleissig gehöret, bin ich doch in solcher Sprach jetztmahlen so arm, daß ich einen Hund mit נבא schwärlich könte auß dem Offen locken. Zu dem ist dis ja ein seltzamer Name, den ihr mir da[Rand: von Namen] gegeben, dessen ich mich billig zuverwunderen habe. So sehr nicht, sprach der alte, dann die Reichs-Cammer mit. der Rosen dergleichen Namen vor etlich hundert Jahren schon im Rath gehabt, vnd ist derselbige nicht allererst jetzt von mir erdacht worden, wie in beykommenden fällen vngünstige Leute zwar gerne zu argwohnen pflegen. Das ist wohl wahr, sagte ich hinwiderum, doch ist bekand, daß so wunderseltzsame Namen allein offtmahlen einem Ehrlichen Mann vnd mir selbsten schon an gutem glück verhinderlich gewest, weil viel Mänschen dafür halten, daß ein seltzamer Name auch einen seltzamen kopff an sich habe. Nicht ohn ist es, sprach der Alte, vnd das macht, weil viel Junge Narren, wann sie kaum das Alpha Fitta Gamma lassen können, so bald ihre Namen nicht nur mit dem in Lateinischer sprach gebräuchlichen us vnd ius, sonder mit ussius, mit igius, mit inus, mit anus vnd asinus [Rand: Narren / Namenbuch] mit Griechisch vnd Hebraisch verbrämen. Es will keiner mehr Roßkopff heißen, sondern Hippocephalus, keiner will mehr Schneider heißen, keiner mehr Schuster, keiner Weber, keiner Schmid; sondern Sartor, Sutor, Textor, sondernSartorius, Sutorius, Textorius, [35] Faber vnd Fabritius; nicht Schütz, sondern Sagittarius etc. Zum offtern mit höchster schmach vnd verringerung ihrer selbsten, wie dorten beim Poeten.


[Rand: Martial 6. 17.]

Cinnam, Cinname, te jubes vocari.

Non est hic, rogo, Cinna, Barbarismus?

Tu si Furius ante dictus esses,

Fur ista ratione dicereris.


Aber wie das Urtheil vieler Menschen ungleich, widersinnig vnd betrüglich ist, also hastu darumb dich deines von vielen deinen Voreltern also anererbten ehrlichen Namens nicht zu schämen. Mein Name aber, sprach ich ferners, ist Philander von Sittewald. Ja, sagte der Alte, also nennestu dich zwar jetzund. Vnd dergleichen ist von einem Ehren-Mann in ehrlichen Schrifften vnd Handlungen offt geschehen; in Paßquillen aber vnd Schmachschriften, die ad speciem gehen vnd dolo malo geschehen, zupracticiren hochsträfflich verbotten. Dein Name ist mir sehr wol bekant. Erinnere dich nur dessen, was vor Jahren ich mit dir im Teutschenland, jenseit des Rheins, zu Sittewald, wie du es nennest, an der Kintzig, da ich dich daß erste mahl gesehen, als du eben neben deinen werthen Freund König den alten Gruterus besuchet, wohlmeynend gesprachet, so wirstu dich vor mir nicht viel zu verhälen haben, sondern mit mir in wahrer vertraulichkeit, vnd zwar zu deinem besten, gebahren.

Wie kompt es dann, sprach ich weiters, daß ihr so vnlustig, wie mich duncket außsehet? Zwar ich weiß wol, antwortete der[Rand: Jugend thöricht] Alte widerum, daß du nach weise der thörichten Jugend dir der Welt unart noch wenig lassest zu Hertzen vnd Gemüth gehen, sondern noch alles hin auff die leichte Axel nimmest, derowegen mehr auff Lust vnd Kurtzweil, als auff Frommen vnd Nutzen[Rand: Alte wunderlich] siehest. Ich aber, Ihr Alte seit wunderliche Leute, sprach ich, vnd in gemein könnet ihr nicht wohl sehen oder leiden, daß Junge Leute auch etwas Freude und Kurtzweil haben, sondern seit darauff [36] auß, wie ihr dieselbe entweders gar abschaffen oder doch mercklichen wehren vnd hinderen möchtet: »da ihr doch selbsten, wann ihr Alters vnd Ehren halbers köntet vnnd dörfftet, ein gleiches vnd mehreres nicht unterlassen wirdet. O wie manchen vnder Euch verdreußt es manchmal daß er jetzt nicht mehr kan wie vor diesem. Es ist an dem, daß ihr abscheiden, die Welt gesegnen sollet vnd davon müsset, dahingegen ich allererst einen schritt oder zween in dieselbige gethan habe. Derohalben so laßt mich auch vnbekümmert, dann es mir ja in der Welt so wol gilt als einem anderen.«

Warauff der Alte anhube zu lächeln vnnd sprach: Mein Kind, ich will dir weder deine Freude noch die vermeynte Wollust wehren. Es ist fürwar auß lauterem mitleiden vnd erbarmen geschehen, das ich dich herumgeruffen, weil ich zum offtermahlen gesehen vnnd erfahren, wie die vnbedachtsame Jugend der guten zeit so wenig achtet vnnd dieselbe so thöricht laßt vorüber schleichen. Dann[Rand: Tempus / aestimabi] Lieber, weistu auch wol, was eine Stunde werth seye? Hastu auch jemahlen bedacht, wie hoch ein tag zu achten, wie theuer die zeit zu schätzen? Ich glaube sicher, du weissest es nicht, dieweil du sie so übel anlegest, vnd eine Stunde nach der andern vnvermercket sich lassest verliehren, welche nimmermehr mag wider gebracht werden. O deß köstlichen vnnd edelen Schatzes der Zeit! wie wenig wird ihre Würdigkeit in obacht genommen! Hat dir auch die vergangene zeit jemahlen versprochen, wider herumb zu kommen, wann du sie bedörffen möchtest? verstehest du wol schon so viel in Frantzösischer Sprach, was gesagt seye: Peser le feu, mesurer le vent, faire revenir le jour passé, c´est chose impossible? weissestu wol die verlohrene tage wider herum zuruffen? Nein warlich, sie gehen vnd laufen dahin vnd kommen nicht wider. Die zeit ist gleich einer güldinen Ketten: ein jeder Tag ist ein geleych, zu ende welcher an statt eines Kleynods hanget[Rand: der Todt] der Todt, dem du vielleicht am nächsten bist, wann du vermeynest am weitesten davon sein; dann in warheit, wie du dein Leben anstellest, so ist leicht die rechnung zu machen, der Todt werde bey dir anklopffen, ehe du es möchtest innen werden. Ein Narr[Rand: Ein Narr] stirbet alle Tage, auß forcht daß er dermahlen eines sterben muß, ein Gottloser aber lebet alle Tage, als ob er nimmermehr sterben[Rand: Gottloser] solte, vnnd fühlet den Todt nicht eher als in dem abscheiden, da [37] dann die Forcht so grausam bei ihm ist, daß weder an Seele[Rand: Ein Weiser] noch Leib zu helffen. »Der aber ist Weise, welcher alle Tage also lebet, als ob er alle stunde sterben müste.«

Ich muß bekennen, das auff solches einreden des Alten ich mein Gemüth ermundert vnd mich nicht wenig der vergebenen Eittelkeit, damit ich bißhero umbgegangen, geschämet hatte. Aber was ist jetzo euer Vorhaben? sprach ich nachmahlen zum Alten. Meine Kleidung, antworttete derselbe widerum, vnnd mein Ansehen geben genugsam zuerkennen, wer ich seye vnd was ich beginne: Nemblich ein Ehrlich Mann, den die Welt nicht sonders achtet, der aber die Warheit lieb hat, vnd der auch, wann es von nöthen ist, die Warheit darff heraußreden. Ich bin der, wie du weissest, der nun bei zwölff Jahren in Austrasia mit vnd vmb dich gewesen. Männiglichen gibt vor, er liebe vnd ehre mich, so ich dann zu ihnen komme, so ist nichts dahinder als blosse wort, vnd das bekümmert mich dan, wie solches an meiner Ernsthafften Gestalt wol zusehen.

Aber mein Sohn, hastu lust, die Welt zuschauen, wie ich mercke, so komme mit mir, ich will dich in derselben vornembste Strasse führen, in welcher alles das beysammen zu finden, was sonst hin vnd wider durch die gantze Welt nur stucksweise ist anzutreffen. Ich will dir die Welt nicht in einem Spiegel oder gemälde weisen, sondern in sich selbsten, wie sie in ihrem Wesen ist: dann was du bißher gesehen, ist nur die blosse schelffe vnd schein dessen, so ich dir will förter zeigen.

[Rand: Heuchelstrasse / die vornembste / in der Welt] Wie heisset dann, oder Teutsch zu reden, wie nännet man dann die vornembste strasse der Welt? sie wird, sprach er, genannt Heuchelstras. Sie ist die grösseste in der Welt, dann sie von dem Oberen Thor bis zu dem vndern Thor, vom freto Anian biß zum freto Magellanico, von Nova Zembla biß in novam Guineam, vonOrmus bis nach Sevilia, von Grönland bis nach Sumatra, von Cabo Bonae Spei bis nach Archangelo gehet.

Die Vornemste vnd nachdencklichste Gebäue darinnen sind


1. vnd zum Eingang Ein schönes Portal von zierlichen Politischen Grifflein aufgeführt, mit der überschrifft

[Rand: Politici] Male. Nisi. Deo.


[38] 2. Ein köstliches Haus von herrlichen Juristischen Ausfluchten erbaut, mit der überschrifft

Male. Nisi. Proximo. [Rand: Juristae]


3. Besser hienein Ein hohes von weitem hellscheinendes Gebäu, beneben einem Garten mit Geistlichen Labyrinthen ausstaffiret, sampt der überschrifft

Male. Si. In. Foro. [Rand: Clerici]


4. Nicht weit davon Ein niedriges aber wohlgesetztes Gebäu von Mechanischer Arbeit mit dieser überschrifft

Soli. Deo. [Rand: Opifices]


Ends ein Anderes viel schöneres Portal zum Außgang mit Galenischem Laubwerck, Hippocratischen Läuffen, Aesculapischen Säulen, vnd Theophrastischen Grotten gezieret, sampt der überschrifft

Sibi. Soli. [Rand: Medici]


Vnd ist Niemand vnder den Mänschenkindern, der nicht eine Wohnung, oder doch auffs wenigste eine Kammer oder Auffenthalt in der selben einem habe. Etliche wohnen beständig darin; andere je zu zeiten; andere ziehen nur durch ohne ferneres auffhalten nach art vnnd manier der Gäste.

Zum Exempel, den du bey jenem Eck selbander herkommen siehest mit einem busch Federn, güldiner Kette vnd zerfetztem Kleid, ist ein Ertzheuchler, Ein Pfeffersack; will ein Juncker seyn,[Rand: Pfeffersack] vnd sein Vater war ein Schneider; da er doch billich seines Herkommens wahrnehmen vnnd vielmehr bedencken solte, wie er seinen Worten Krafft geben, als wie er den Jungen, der ihm nach passet, in sondere farben kleiden möchte. Hat kaum so viel im Säckel gehabt, daß er den Adelbrieff bezahlen vnnd einen Stall, mit gunst zu melden, kauffen können; sich doch, vngeachtet aller Ehrbarkeit, nicht mehr Metzger, nicht mehr Wagner, nicht mehr [39] Müller, nicht mehr Rett, nicht mehr Frett, nicht mehr Trett, nicht mehr Hett, nicht mehr Wett, sondern Herren von Metzegern, Herren von Wagegern, Junckern von der Mühlen, Herrn von Retten, Herrn von Fretten, Herrn von Tretten, von Hetten, von Wetten, will tituliret, titilliret, respectiret, reputiret, reveriret, ceremonisiret haben, damit er vnder die Altgeborne von Adel, vnder die Alte Ritterschafft, Ancienne Cheuallerie genant, nicht nur gerechnet, sondern auch denselbigen gar möchte vorgezogen werden.

Sihe dort einen anderen, der sich stellet, als ob er eines[Rand: Junge Räthe] grossen Fürsten vnd Potentaten Rath wäre, der doch mit all seinem verstand kaum einen Hund könte auß dem Offen locken. Damit er aber für den jenigen angesehen vnd gehalten werde, der er sein will, [40] so stellet er sich dem ansehen nach gar ernstlich, siehet saur, redet wenig, wiewol er sonst vber alle massen als eine Atzel beschwätzt ist, wirfft je zu zeiten ein Italianisch oder Spanisch Wort mit vnder, auf daß man dafür halten vnd meynen solle, alle diese Nationen habe er gefressen; trägt grosse Hosen, gehet langsam vnd so zu reden nach dem tact, Fuß für Fuß, als ob alle seine Schritte vnd tritte durch den Euclidem abgemessen wären; besihet sich selbst hinden vnd fornen, ob er sich noch kenne? ob er der noch seye, der er gewesen? oder ob er der Mann seye, vor den er sich jetzo selbest halte?


[Rand: Owen 1. 2./ Ep. 62.]

Per totam Felix holosericus ambulat Urbem

Qui vix toto Urbes vidit in Orbe duas.


Aber im Werck ist er nur ein Heuchler, will der witzigste sein vnd anderen rathen, da es ihm doch zu mehrmalen an dem sensu communi selbsten ermanglet. O Es gehöret mehr dazu alß Einbildung, wer eines Fürsten Rath sein will. Es muß da ein[Rand: Fürsten Räthe] grosser Eyffer vnd Fleiß seyn, Ein vnverdrossenes Ernsthafftes gemüth, Ein Geschäfftiger, fertiger Mann, der Getreu vnd Verschwiegen seye, der Niemand förchte alß Gott vnd der nechst Gott Niemand liebe als seinen Herrn. Er soll in seiner Jugend vil gelesen, wohl gereyset vnd sich auch im Kriegswesen versucht haben, in allen Geschichten, sonderlich aber seines Herren Land vnd Leute betreffend, wohl erfahren seyn. Wan das nicht ist, so ist das ander, daß er billiger ein Ja-Herr als ein Ratherr zunennen: der andern muß volgen, in dem, das er selbsten weder erfahren noch verstehet. Nam in omnibus fere conventibus non desunt [Rand: Cominaeus./ lib. 2.] qui nihil quidem ipsi pronunciant, sed aliorum sententiam, etsi nihil intelligant, sequuntur, eoque ipso placere saepe student et gratificari ei quem vident in illustri loco positum.

Sihe ein wenig beyseit vnd betrachte diese alte Narren dort, welche, damit sie in allem, insonderheit bei dem urtheilfälligen [41] Frawenziffer, einem Jungen Mann gleich geachtet wirden, ihre Haare vnd Bärte mit schwartzer farbe vnd Bleyinen strählen büssen! alle Tage die Backen mit dem Schermesser schaben vnd schinden lassen. Die Thoren meynen vnd bilden sich ein, dergestalt den Todt zu bereden, ob sie noch lang zu leben hätten, als wan er die zahl ihrer Monden nicht solte wissen.


[Rand: Martial I. 3/ Ep. 43.]

Mentiris juvenem tinctis, Lentine, Capillis:

Tam subito Corvus, qui mondo Cygnus eras.

Non omneis falles: scit te Proserpina Canum,

Personam capiti detrahet illa tuo.


[Rand: Junge/ Messieurs] Sihe dort gegen vber etliche Junge Nasweise Messieurs, die sich stellen, als ob sie bereits die Witz alle gefressen; wollen männiglichen mit ihrem Aequivociren vnd Scholasticiren in ein Bockshorn treiben; wissen auß nichts als Bartolo vnd Baldo, Galeno vnnd Celso; von nichts als Attributis, Reservatis vnd Casibus Conscientiae zuerzählen; scheuen sich auch nicht, den Alten erfahrenen vorzumahlen, was vnd wie sie ihre sachen zu Erhaltung des Römischen Reichs Frieden vnd Freiheit in rerum statu anordnen vnnd bestellen sollen; wollen wissen vnd Rathen, vnd wissen nicht quod Senatus à Senio, à Iuvenibus dicatur Iuvenatus.


[Rand: Des Accords / p. 48./ Owenus Monostich./ 55./ 56. 57.]

à Senibus Prisci sumtum dixere Senatum:

Est robur juvenum, Consiliumque senum.

à Sene consilium quaeras: Prudentia rerum

est illis, sine qua Curia quaeque perit.

Urbes, Regna, Domos juvenum quos rexerit ardor,

sint quanquam fortes, certa ruina manet.


[42] Weislicher handlen die jenige, welche das Alter wegen seiner Erfahrenheit, die allein einen verständigen Mann machet, Lieben vnd Ehren. Eine elende Blindheit der Jugend, wann sie sich[Rand: Dunckel der / Jugend] duncken lasset, vnd ihre Vnwissenheit nicht erkennet! Mercke du dieses, ist dir nicht auch also?


[Rand: Owen lib. 2./ Ep. 39.]

Omnia te, dum junior esses, scire putabas,

Quo scis plus, hoc te scis, scio, scire minus.


Durch großes Pralen vnd Aufschneiden wird keiner Weise, sondern gibt nur seinen Vnverstand den Mänschen desto mehr zu erkennen.


[Rand: Owen 1. 3./ Ep. 48.]

Uberiora ferunt valles, brevioraque montes

gramina, Multum humilis mens sapit, alta parum


Stillschweigen ist der Jugend beste Kunst,

Red vngefragt der Jugend macht vngunst.


Schaue, da üben auf der Lincken seiten, das klintzerli klin[Rand: Doctor Fürtzel] Manly do; du glaubest nicht, das Er aller welt witz allein gefressen? noch darff er auß Eigenlieb sich dessen offentlichen berühmen. Alle Mänschen sind ihm Unmänschen. Alle Gelehrte sind ihm Thoren vnd Narren, vnd ist kein Stand, den er nicht zierlicher, bequemer vnd besser weiß vorzumahlen, dan von Anfangs der Welt je einer thun mögen, Also das alle Mänschen vor ihm nichts verstanden haben, auch nach ihm vnd ohne ihn nichts werden verstehen können. Wie so? sprach ich, und durch was mittel vermag er so grosse dinge? Vermittels Eines Bryllenrohrs, das Er La Gamba pflegt zu nennen, durch welches bequemlichkeit Er nicht nur die unvollkommenheit vnserer bißhero außgeübtenPhilosophi, sondern auch die Nichtigkeit der EdelenMedicin, die Falschheit der Herrlichen Iurisprudentz, Ja sogar die vngewißheit vnserer vnfehlbarer Principiorum Theologicorum entdecket; sondern auch so vil hirnfertiger Weise ersehen, wie alle diese hohe Künste vnd Wissenschafften, mit drei oder vier Buchstaben, nicht nur reflexive, sondern auch archipodialiter, einem jeden Fantasten unvermerckterweise einzugiessen; vnd also krafft dieses la Gamba mehr vermag, alß alle Rabinen [43] mit ihrem Schemhamphoras je vermögt haben. Wannen hat er dan, fragte ich, so hohe Geheimnussen erlangt? Er kan, Antwortete der Alte, mit dem Gras vnd Kräuttern reden, von denen hatt er alles dieses erlernet. Das möchte ich auch lernen, sprach ich. Es ist dir unmüglich, sagte der Alte, du bist zu hoch vnd weit von der Erden, diser aber ist nahe beim Boden, darum hört er auch das Gras wachsen vnd hat so grosse Einbildungen von sich selbsten. [Rand: Eigenlieb] Aber so dan geschicht es, daß Wer zu viel von sich selbst haltet, vff den halten andere Leute desto weniger.

Soltestu wol glauben, das jener köstlicher dort ein Schneider wäre? gleichwol ist er ein Schneider vnd bleibt auch ein Schneider sein leben lang, ob er schon an Kleidung einem von Adel nichts will bevorgeben; dieser ist auch ein Ertz-Heuchler. Zu Sonn- vnd Festtagen verstellet er sich dergestalt in Seiden, Sammet, Atlas, in Silber vnd Güldine flecken, stücker, Nestel, Schnür vnd Bändel; daß, wo man alle Ehlen in der Welt, alle Scheren vnd Nadlen, Alle Fingerhüte vnd Wachsknollen zu rath fragen solte, wer dieser Esel wäre, sie ihn nicht mehr kennen wirden, dann sein Stand vnd Tracht können sich in Ewigkeit nicht zusammen reymen.

Ist derowegen die lose Heucheley eine allgemeine seuche in allen Ständen, auch bei den geringsten Handwercken, die alle sich in ihrem Wesen selbst schmeichlen vnd Liebkosen, so, daß keiner sich selbsten mehr recht kan oder mag erkennen.

[Rand: Schuhflick] Ein kahler Schuhflicker haltet jetzt in seinem Sinn von sich selbsten so viel, daß anstatt seines gebürlichen Namens er sich einen Conservatorem Calceitatis, einen Herren-schuster, Stiffel-schuster darff träumen lassen.

[Rand: Kieffer] Der Kieffer düncket sich auch eines bessern Namens werth seyn vnnd nennet sich deßwegen deß Bacchus Hoffschneider, alldieweil er dem Wein seine Kleidung zu werck richtet.

[Rand: Stallknecht / Cammerdiener / Hencker] Der Stallknecht träumet sich einen Stallmeister; Der Cammerdiener einen Hoffmeister; Der Hencker supremum judicem, ein[Rand: Gauckler] Hochrichter sc: wan er auff der Leytern sitzet; Der Gauckler einen[Rand: Zechhauß] Zeitvertreiber. Das Zechhaus, Rathstube, de virtute in virtutem, [Rand: Zöllner] von einem Wirthshauß in das andere; Der Zöllner Schatzmeister; [44] Der Schöffen Stattmeister; Die Huren freundliche Jungfrauen; Die[Rand: Schöffen./ Huren./ Kupplerinne / Gauch / Hurerey / Wucher / Betriegerey / Lügen / Boßheit / Bernhäutere / Dollheit / Edelknab /Lacquay / Schalcks Narr / etc.] Kupplerinne Gottsförchtige Matronen; Der Gauch geduldigter Job; Hurerey Freundschaft; Wucher Häuslichkeit; Betriegerey Geschwindigkeit; Lügen Auffrichtigkeit; Die Boßheit Wackerkeit; Ein Bernhäuter Friedliebender; Dollkühnheit Dapfferkeit. Der Edelknab (Page) Ehrenhold; Der Lackay Trabandt; Der Schalcksnarr Höffling; Ein schwartzer Schleppsack Brauns Annelein; Ein Esel Doctor; Ein jeder langer Mantel will Herr Candidatus, Ein jeder Balger Herr Capitain, Der nur ein gut Kleid an hat, Bester Juncker, Ein jeder Glöckner Ewer Würde, Ein jeder DintenfresserSecretarius, Ein jeder Blackvogel Edel Ehrenvest vnd Hochgelehrt tituliret werden. Aber vnder diesen allen ist keiner das, was er seyn will. Keiner will seyn, was vnd wer er ist. Also ist eytel Heucheley, Lügen vnnd Triegerey in allen Ständen, vnd nachmahlen heysset es: Mundus Opinione regitur, Mundus titulis titillatur.

Vnd wann ich eben die Teutsche Warheit reden soll, so haben[Rand: Heucheley alles / vbels Vrsach] Zorn, Schwälgerey, Stolz, Geitz, Uppigkeit, Faulkeit, Mord vnd viel tausend andere Sünden einig vnd allein ihren Vrsprung von der Heucheley. Wie grob auch ein Mensch fehlet vnd irret, will er doch solches alles sub specie, praetextu et apparentia alicuius boni, vel necessitatis causa, vnder dem fürwand vnd Schein, Er hab es nicht so böß gemeynt, Er hab es nicht also verstanden, Er hab es ums besten willen gethan, Er hab dißmahlen nicht anderst gekönt, Er hab es auß Noth vnd gezwungener weise thun müssen, bemänteln, vnd zu entschuldigen sich vnderstehen. Aber die Hoffnung der Heuchler wird verlohren seyn, dann seine Zuversicht[Rand: Job. 8. 13.] vergehet, vnd seine Hoffnung ist ein Spinnweb. Dann weil er ein Heuchler vnd Bößwicht ist, wie kann er Hoffnung haben? Weil er sich außgibt vnnd haltet für den, der er nicht ist, wie kan er Hoffnung haben? Ist also ein Gleißner vnder allen Sündern der hochmütigste vnd trotzigste. Dann alle andere Sünder sündigen zwar wider Gott; aber ein Heuchler sündiget wider Gott, mit Gott vnd in Gott; Stellet sich heilig, ist doch ein Schalck im Hertzen. Vnd ob schon in Worten nichts von ihm als das Seinem Gott, vnserm Gott, Ich will Meinen Gott zuhülffe [45] nemen, Unserm Gott sage ichs etc. zu hören, welches dan Heilige vnd Gute Worte sind bey einem Frommen Christen, so[Rand: Carol. Scrib./ Adoles. Prodig./ p. 15.] ist doch Ein Heuchler dadurch nicht desto mehr zu achten si enim eminus tuearis, Ovem arbitreris innocentiae primae, blandientem sinu catulum; si propius, Lupus est; nunquam mansuescit lupina rabies et nunquam magis quam in mentita saevit pace. Ergo Togas male induunt qui saltant.


[Rand: Martial 1. 7./ Ep. 57./ lib. 6. Ep. 24./ lib. 10. Ep. 52.]

Qui Curios simulant et bacchanalia vivunt.

Quaere aliquem Curios semper Fabiosque loquentem

Hirsutum et dura rusticitate trucem

Invenies; Sed habet tristis quoque turba Cinaedos.


Nil lascivius est Carisiano

Saturnalibus ambulat togatus.


Thelin viderat in toga spadonem,

Damnatam Numa dixit esse moecham.


In wehrendem Dicurs kamen wir in mitte dieser großen Gasse, darinnen ich sahe alles das, so der Alte mir vorgesagt hatte; begaben vns deßwegen auff einen hohen Ort, da man alles wol beschauen vnd vbersehen kondte.

[Rand: Leichbegängnussen] Daß erste, so mir zu Gesicht kame, war eine Todtenleiche, so man zu Grab truge, sampt einer grossen mänge Verwandter, Schwäger, Vettern vnd Bäslen vnnd anderer erbettener, die der Leiche nachfolgeten vnd zu Ehren einem ihrer Freunde dem Witwer, wegen seines verstorbenen Weibs das Geleyt gaben. Er, der Leydige, war mit einem schwartzen Tüchin Mantel verhüllet biß auff den Boden, hatte eine lange Traurbinde vmb seinen Hut herab hangen, den Kopf vnder sich haltend, ob wolte er die Schlüssel suchen, wie jener Apt; gienge langsam vnd als ob er vor mattigkeit erligen wolte. Ich, auß bewegnuß vnd mitleiden, wie ist, sprach ich, der[46] gute Mann zu bedauren vnd betrauren, daß er in ein so grosses Haußcreutz gerathen! O ein seelig Weib, die so inniglichen von ihrem Mann vnd Freunden wird beweinet vnd o Ein betrübter Mann der eines so Edelen Weibs muß beraubet leben. Ach, sprach der Alte, mein Sohn, nur gemach, nur gemach, tout beau! nicht Urtheile so bald, dann dieses alles, so du siehest, ist eine eytele Heucheley, Ein geschmincktes wesen. Alles, was da geschicht, ist angenommener, gezwungener weise, es gehet nicht von Hertzen, ist lauter Scheinsal, vnnd wirst du bald erfahren, wie sehr das innerliche thun dem eußerlichen Anschauen sogar nicht gleiche. Lese du die Carmina funebria, die Leichgedicht, so der verstorbenen zu Ehren gemacht worden. Höre das Gepräng der Abdanckung, warin des Rühmens der Person, Geburt, Herkommens, Stammens, Namens vnnd Standts titul, der Freundlichen Frawen, der Lieben Frawen, der Frommen Frawen, der Trefflichen Haußhälterin, des Güldinen Hertzens, des Edelen Schatzes, des traurens, des klagens kein ende ist.

Wer wolte nicht meynen vnd sagen, daß alles dieses Prächtige wesen vmb hoher Ursachen wegen angestellet vnnd warhafftig wahr wäre! Aber wisse, daß dasjenige, so in dem Sarck liget, ist[Rand: D. Meyfart,/ Jud. Extrem./ part. 2. cp. 3./ p.55/ vnd Höll:/ Sodom:lib. 1./ cap. 8. p. 196/ et cap. 12./ p.239.] weniger als Nichts, dann schon bey seinen Lebzeitten war der Mänsch Nichts, vnd solches Nichts ist durch den Todt noch mehr geringer vnd noch Nichtiger geworden. Ist also auch alle Ehr vnd Pomp, so deßwegen angewendet wird, lauter Nichts vnnd so wol im Todt deß Mänschen alß in dessen Leben die vnbeständige flüchtige Eitelkeit daß beste. Gewiß ist es, dz dieses Mannes Weib in Ewigkeit nimmermehr also wäre gelobt worden, wan sie bey Leben verblieben wäre. Laedimus insontes vivos laudamus eosdem defunctos. Auch die grosse scheinbare Traur, so die Nachfolgende sehen lassen, gehet weder von Hertzen noch zu Hertzen, geschicht allein darumb, weil es also der Brauch vnd Gewohnheit ist, vnd Sie zu solcher letzten Ehre vnd Begängnuß sind beruffen vnd eingeladen worden. Wünschten theils vielleicht lieber auß einer oder[Rand: Leichgedancken] der andern ihnen bekandten Ursach, daß der Teuffel den Todten sampt der gantzen Freundschafft hinweg hätte. Anstatt daß sie sich bey diesem Exempel erspieglen, sich der Sterblichkeit vnnd ihres[Rand: Leichengespräch] Endes erinneren vnd dazu geschickt halten solten, so fangen sie an von der verstorbenen Letztem Willen oder Testament vnd der[47] verlassenschafft zu erzehlen. Der eine sagt, er wäre in streit vnd mißverstand mit dem Leidigen, auch zu dem der Verwandtnuß nach ihme so nahe nicht beygethan, nehme ihn wunder, warum man ihn zur Begräbnüß beruffen lassen, bevorab weil er andere vnd wichtigere Geschäfft dadurch versäumet hätte, mit Gelt Einnehmen, mit Wechselzahlungen, mit Rathßverrichtungen, mit Grävlichen vnd Fürstlichen Bestellungen! Ach wer weiß, obs war ist.

Eine andere sagt, man hätte ihr die gebührende Ehre nicht angethan, hätte Ehren vnd Verwandnuß wegen wol weiter davornen gehen sollen, der Teuffel soll also ins künfftig einem Freund mehr dienen. I wott E, dassä Hexä rittä. Einem ist die verstorbene eine stattliche Haußhälterin gewesen, dem anderen eine Mistfeige, Schleiffe vnd Kötsche.

[Rand: Wittwer] Der Wittwer selbsten ist so bekümmert nicht, wie er sich stellet, vnd du ihn dafür ansiehest; ist meist darumb traurig, daß er so viel Unkosten bey der Begräbnuß auffwenden muß, die doch eben wol mit minderem Gepräng vnd wenigerem seinem schaden hätt geschehen können. Sagt bey sich selbsten, daß, weil sein Weib je hab sterben sollen, sie es vor langem hätte thun können, ehe der Doctor vnnd Apothecker so viel Kosten auffgeschrieben vnd getriben. So hoch ist der gute Mann bekümmert, daß er sich tausenterley Gedancken macht, wie bald? wie? wo? vnd welche? er ehest widerum Freyen wolle? kommen ihm viel Schöne vnnd vorträgliche Liebgen im Sinn, vil werden ihm tröstlich angetragen, so, daß er nicht weiß, wessen er sich entschließen solle. Wird also das grosse Leyd bald in Freude, die Trauer vnd der Todt in eine Neue Auferstehung verwandelt werden.

[Rand: Vrtheil der / Mänschen / falsch] Ich stunde da vnd hörete dem Alten so fleissig zu, daß ich meiner selbsten darob vergaß vnd daß Maul auffsperte wie ein Narr, vnnd in dem ich mich wider erholet, sprach: Ja freylich ist das Ansehen Mänschlichen Wesens seiner Natur gar nicht gleich, will deßwegen mich in das künfftige wol bedencken, ein Vrtheil von ichtwas zu fällen; vnnd die sachen, so mir am scheinbahrsten vorkommen, will ich hinfort vor die verdächtigste vnd betrieglichste halten.

Indeß erhub sich ein grosses Geschrey, als ob man (ein Octo) [48] auff acht Stimmen zusammenheulen wolte, wir folgeten dem Ort, vmb zu vernehmen, was es bedeuten möchte, vnd fanden in einem Hauß eine Junge Wittib, deren der liebe Mann vor zwei Tagen[Rand: Wittwe] allererst gestorben. Diese schrye, heulete, seufftzete vnd kluxete dermassen, ob der letzte Athem ihr außgehen und sie verzagen wolte. Bald schlug sie die Hände in einander, wande sie umbher, manibus inter se usque ad articulorum strepitum contritis, rauffte[Rand: Petr. Arbit.] ihr das Haar auß vnd ließ zu zeitten mit vber sich verkehrten Augen einen solchen seufftzer vnd so tief von Hertzen, als ob sie ihn auß dem Bronnen zu Breysach erschöpfen müssen, welches Wesen alles doch dem verstorbenen nicht einen Heller nutzete. Alle Zimmer vnd Cammeren des Hauses waren ihres Zieraths beraubet, die Leidige Junge Wittwe saß in einem mit Traur und schwartzem Tuch behangenen finsteren Gemach, da nicht wol eines das andere sehen konte, welches aber dem Blindmäusigen Frawen-Zimmer zu sonderlichem Vortheil vnd behülff dienete, in dem man nicht sehen konte, wie manche die Thränen herauß gedruckt vnnd gezwungen vnnd das Gesicht so scheußlichen wird verstellet haben, damit sie ihrer Traurigkeit in etwas mögen einen schein vnd gestalt geben.


[Rand: Martial 4./ Ep. 58.]

In tenebris luges amissum Galla maritum:

Nam Plorare pudet te, puto, Galla virum.


Eine der Gevatterinnen oder Gespielen, so die Wittwe in ihrem Leid nach gewohnheit trösten wolte, sprach: Ach liebe Frau Gevatterin, all euer trauern ist vergebens vnd vmbsonst, ihr könt den Frommen Herren damit doch nicht wieder lebendig machen, gebt derowegen euer Hertz in Gedult vnnd nemt Exempel an mir, dann euer Creutz gehet mir so hart zu Hertzen, als ob es mein eigenes ware. Die andere vermittelst eines schröcklichen Seufftzers sing also an zu sagen: Liebe Nachbäurin, ihr solt euch so sehr nicht bekümmern, euer Herr ist ein so seiner Herr gewesen, daß ich nicht zweifele, er sey gewiß im Himmel, stillet demnach euer weynen, dann vnmüglichen Dingen ist doch anderst nicht zu helffen. Die dritte, ach liebe Schwester, du weissest den edlen trost [49] Batzientzia Fintzi Domine! gib derowegen dein Hertz zur Ruhe Gott wird dich bald wider erfreuen! vnd so fortan, Eine nach der andern wußte ihren tröstlichen Weidspruch her zusagen. Je mehr aber die gute Weiblein der Wittwen zusprächen, je mehr sie sich allererst anhebet, sich zu jammern vnd zu beklagen vnnd mit halb gebrochener stimme: Ach daß es Gott erbarme, sprach sie, ich armes elendes Weib, was soll ich thun? Ach, wer wird mich nun trösten vnd erfreuen? wer wird mir nun meine Spindlen hasplen? Wer wird mir jetz mein Betbuch vom schäfftel langen? hab ich doch keinen Mänschen mehr, der am Sontag bei mir am gätter liege? Ach was soll ich nun anfangen? wer wird mich jetzt mehr? Ach mein hertzallerliebster Schatz! wie ist mir dein Abschied so schmertzlich! ach, ich arme Wittwe, wer wird sich meiner in diesem schwerem Creutz doch annehmen! Ach nicht wunder wäre es, ich ließ mich zu ihm in das Grab legen! ich begere doch also nicht länger zuleben, weil ich Den verlohren, den ich lieber gehabt als die gantze Welt! o ich vnseliges Weib! o weh mir armen Witwen? wer wird mich? o weh wer halt mich? ich spring in den Bornnen! Zu diesen figural geschrey kam dann das vbrige ganze Choral-Geheul, indem die andern Weiber alle, mit Naseschneutzen, räusperen, husten, schnupffen, schluxen, kluxen, ritschen, wischen, wäschen, klappern vnd bappeln zugestimmet, daß ich kein Wort verstehen konte, was mehr geredet oder gesagt worden. Dieses alles, sprach der Alte, ist der Weiber Ordnung vnd Weise, vnd meines erachtens ihre gewöhnliche purgation vnd Artzney, in dem sie die boßhafftige Feuchtigkeiten vnnd hartnäkigte Flüsse des Haupts also durch die Naslöcher vnd Augen außtreiben, eben als bey den Mannsleuten die Tabac-Narren pflegen. Aber ich antwortend sprach, daß meines erachtens die gute Wittwe billich zubetrauren wäre, als welche von aller Welt jetzt verlassen, dannenhero auch die Heylige Schrifft sie männiglichen, insonderheit der Oberkeit vnd denen, die Recht vnd Gerechtigkeit außzusprechen haben, so hoch befiehlet, dann, Wie reich auch eine Wittib an allen Mitlen sein mag, so ist sie doch ein armes elendes Weib, dessen man sich so lang annimmet vnd erbarmet, [50] als lang man von ihr kan genieß vnd Vortheil haben, vnnd wann sie der Hülff am nöthigsten bedarff, so ist doch niemand, der sich[Rand: Wittwen] ihrer ohne gesuchten Eigennutz, in sonderheit gegen grossen Hansen, von Hertzen will annehmen. Denn die grossen will niemand erzürnen, sondern jeder bei denselben ein bene oder Lehen verdienen, vnd bleibt bey ihnen

Sic volo sic jubeo, stat pro ratione voluntas.


Ich bin ein Herr,

trotz, der sich sperr,

Recht hien, Recht her.

Ein jeder thu, was ich begehr;

Wer daß nicht thut,

Den kost es Ehr vnd gut;

Ich bin das Recht,

trotz, der mir widerfecht.


Aber wehe denen, die der Wittwen sache nicht recht in acht nehmen, noch ihr Recht befürderen helffen, so sie anderst recht haben!

Nun sehe ich wohl, sprach der Alte, daß du auch nach gebrauch der eitelen Weltkinder deine Geschicklichkeit wilt sehen lassen vnd die Leute glauben ma chen, daß du ein so stattlicher Theologus, ein Geistlichgelehrter Doctor seyest, da du doch warten sollen, biß ich dir die rechte Bedeutung dessen allen, so dir noch vnbekandt ist, erkläret hätte. Aber schwärlich kann ein Mänsch, der sich duncket gelehrt zusein, so weit inhalten, daß er sich dessen nicht[Rand: Eigen witz] merken lasse. Ein weiser Mann kan besser schweigen.


Viel weiser Leut die Welt wol hätt,

Wann nur der leidig stoltz nicht thät,

Der die Leut auch beredt so fern,

Als wann sie jetzt schon Doctor wern;

Wer aber meynt, Er kan es gar,

Der bleibet ein Narr immerdar.


Vnd ist zu besorgen, wann sich der Fall mit dieser Witwen nicht erzeiget hätte, alle deine Geschicklichkeit dir im Leib verrostet wäre. Auch was die Wittib an ihr selbst belanget, so ist gewiß, daß sie, eusserlichem ansehen nach, scheinet, ob ihr gantzes Hertz nichts [51] als Andacht, Traurigkeit vnd Kyrieleyson wäre. Aber die Kleider sind nur schwartz, das Hertz ist grün vnd in frischer hoffnung, bald widerumb einen andern Mann an dem gätter vnd an der seite zu haben, Ihre Thränen sind herauß gepresset vnd gezwungen, lacrymae ad ostentationem paratae, ihre eusserliche Gestalt ist triegerey.

Wiltu aber das Hertz erforschen? mein, so lasse sie allein, das sie niemand wisse, du wirst den Betrug vnd Heucheley bald erfahren, wie sie nemlich sich so frisch erzeigen vnd einen Sarrabanden daher singen vnd springen werde, so gayl vnd rammelig als die Katzen vmb Liechtmeß immer sein mögen.


[Rand: Martial I. 1./ Ep. 34.]

Amissum non flet, cum sola est Gellia, sponsum,

Si quis adest, jussae prosiliunt lacrymae,

Non dolet hic quisquis laudari Gellia quaerit,

Ille dolet vere, qui sine teste dolet.


[Rand: Wittwen trost] Bald auch wird eine ihrer vertrauten kommen vnd nach der Weiber art ex lachrymis in risum mota sagen: Liebe Gespiele, nur frisch vnd guets muhts, was Elements soll das verfluchte trauren? ihr habt es besser als ihr selbsten meynet, ist schon euer Herr vnd Mann gestorben, botz zipfel, ihr seit noch jung vnnd wacker genug werd euers gleichen bald finden, wann ihr nur wollet: Es liegt nummen an uch: der vnd der haben schon nach euch gefraget: dieser hat schon ein Aug auf euch geworffen, solltet ihr nur einmahl mit ihm zu sprechen kommen, ihr wirdet des verstorbenen bald vergessen; wann es nur also zu thun wär, o weh wie bald wot i mi gressolfiert han. Werrly liebe Nachbarin, wird die andere zustimmen, wanns mir asso wär, i wot mi bald bedächt han; Einer verloren, zehen wider gefunden, I wot dem Roth folgen, den uch min Gevatterin do allewil gän hött, dann werly der vn der höt ein grosseanffechtion zu uch, [52] man mercks an allem sim thun, er ist ein wackerer Kerle: hött ä schwartz Hoor, höt schwartze Augen, höt ein hübst schwartz bärtel. Mayn, er kan eim Blick gän. I Mayn, er kan wohl dantzä. Er ist noch Jung vnd stark, vnnd auer wol wärth, vnd wär werly immer schad, wann er uch nit sott bekommen! Alsdann wird die Wittwe mit verkehrten Augen, beneben einem tief geholten schluxer, fein zimperlich anfangen vnd sagen: O we! was sagenir do? o weh! o wo binni? vergessä? Ja wol vergessä, Ach mein lieber Mann, wie kan ich, wie will ich deiner so bald vergessen! Ja freylich! Ach Gott, es ist noch nicht von Heyrathen zureden! Ich wot wol verschwören, mün Lebtag mehr ein Mann zunehmen, wan es aber ja Gottes sonderbahrer will sin sott, o so wotti au wissä, wassi zethun hätt. Nun bollan.


[53]

Was Gott beschert,

Bleibt vnverwehrt.


Doch, i möcht werly schier lachä, dasser mi asso fexierä, i will auerä guottä roth drumb nit veracht han, i thu mi der guotä vorsorg von Hertzä bedanckä etc.

Siehe mein lieber Sohn, diß ist der Weiber allermeistes[Rand: Strenoph./ pag. 467./ pr. et n. 8.] Wesen, hi sunt viduarum mores; priusquam mortuus elatus est aede, vivus alius elevatus est in corde. Der Mann ist kaum vergraben, vnd ihr Hertz will schon einem andern nachtraben. Ehe der Mann recht erkaltet, so hat sie schon einen warmen in den armen vnd nimt den rothen für den todten; da siehet sie, wo ein frischer hergehe. Was hat sie nicht für ein Mordgeschrey bei dem Grab verführet? wie hat sie sich gestellet? ist in Ohnmacht gesuncken, hat vor Leyd hungers sterben wollen, hat in Bronnen springen wollen, wan man sie nicht vff ihr selbs begehren gehalten hätte; vnd nun wol an: Gedult kan alls vberwinden, thut weit für Reichthum gan; was nicht anderst kan sein, da gebe ich meinen willen darein etc.

[Rand: Schergen] Indem der Alte dieses geredet, erhub sich ein geräusch vnd ruffens in der Gassen, vnd als wir vns vmbsahen, war es ein Scherge, ohne Hut vnd Kragen, mit blutigen Schädel, der verfolgete einen Dieb mit lautem nachschreyen: Hebt den Dieb! au Voleur, au Voleur! hebt den Dieb! hebt den Dieb! welcher aber davon liesse, ob ihm der Teuffel nach dem Buckel greiffen wolte. Da dachte ich bey mir selbsten, gleichwol muß dieser Scherge ein rechtschaffener Mann sein, weil er den Bösewicht so ernstlich verfolget. Aber der Alte sprach: Mein Sohn, dieser Dieb ist sonst deß Schergen bester Freund, mit dem er stets in Würthshäuseren vnd Weinschäncken hien vnd wieder gefressen vnd gesoffen. Weil aber der Dieb ihm nicht part an einer Beute oder diebstahl geben wollen, darumb ist er so erzürnet; vnd wolte den armen schlucker gern an Galgen bringen helffen; dahero Er auch diese grobe stösse von ihm bekommen. Es muß dan dieser Gesell, sprach ich weiter, wol zu Fuß sein, weil er diesem Schergen, deß Henckers Jaghund, hat entlauffen können. Ist also der Scherge nicht wegen befürderung Rechtens, sondern wegen eigenen genieß vnd Vortheils vnder [54] dem scheinbaren Fürwand der Justitien, so eyfferig gewest, sonsten er den Gesellen wol wirde vnberuffen haben vorüberstreichen lassen Dann ja ein Scherge sonst kein ander Einkommens oder Renten hat, als was ihm auf Ruth, Schwerd vnd Strang per anticipationem, zum Vorauß mag gedeyen vnd gebühren. Mein rath, der Schergen vnd ihres gleichen Gesindlein in der Welt abzukommen, wäre, daß die Mänschen es versuchen, vnd ein Jahr oder etliche nicht sündigen wolten, als dann ihr Handwerck erliegen vnd sie hungers sterben müßten: wiewol es heyßt: non tam [Rand: Petr. Arbit.] crimine quam sorte nocentes fiunt. Et suam habet fortunam ratio. wann sie an den Hund wollen, so muß er Leder gefressen haben, ob er schon keines je gesehen.


[Rand: Martial I. 1./ Ep. 33.]

Non amo te Sabidi, nec possum dicere Quare:

Hoc tantum possum dicere: Non amo te.


Vnd wäre einer so fromb als Abel, dann noch, so Scherge vnnd Schreiber Schälcke sind, so müste er den Namen haben, er[Rand: Gerichtschreiber] wäre eine Dieb; welches insonderheit an etlichen Orten in der Welt, da die Schreiber ohne gewissen schreiben, zusehen: indem sie zum offtermalen nur daß jenige in einer Zeugen Aussage setzen, was ihnen wol beliebet, das andere aber aussen lassen; gleichwol, wann sie dem Zeugen die Aussag widerumb vorlesen, so vber alle massen stattliche Gedächtnuß haben, das sie auch nicht vmb ein Wort fehlen, damit der Zeuge es ja nicht mercken könne. Aber gleich wie die Schreiber den Zeugen Meineyds verwarnen vnd, die schlechte Wahrheit außzusagen, mit Eyden beladen; sollte wahrlich nicht vneben, sondern wol nöthiger sein, das die Zeugen heutiges Tags die Schreibere ebenmessig Meineyds verwarneten vnd, die schlechte pure Wahrheit zu schreiben, voranhin mit Eyden beladen thäten, damit sie nicht anderst lesen wolten, als geschrieben; nicht anderst schreiben wolten, als außgesagt worden.

Wie wir nun weiters gehen wolten, begegnete vns von ferne[Rand: Hoffleben] eine ansehnliche Manns-Person, der dem Augenschein nach zwar [55] ein vortrefflicher Herr, aber, als er vns nahete, von innerlichem stoltz dermassen auffgeblasen war als ein Frosch. Er gienge so richt vnd strack als ein boltz, vnnd als ob er mit palissaden (Saketen) vmbzäunet wäre, Langsame, satte schritte, sahe saur vnnd gonnete keinem wol das Gesicht; war vmb den Halß mit einem grossen Kragen vmbgeben vnd dermassen eingespannet, als ob er am Pranger oder Halßeisen stunde; kein Glied noch geleych kondte er bewegen oder regen, sonderen scheinete, als ob ein scheit Holtz mit kleideren angethan vmbher gienge; vnd hätte es ihn das Leben[Rand: Reputation] kosten sollen, wirde er doch zu erhaltung der Reputation (wann ich dieses Worts gedencke, so jammert mich, daß es so viel vornehme Leute zu Narren machet, vnd so viel Potentaten, deren ich vnden einen grossen hauffen in der Hölle gesehen, zur Verdamnuß triebet) auff keine seite gesehen, noch an seinen Hut gegriffen[Rand: Höfflinge art] haben. Ihme giengen nach viel Diener, die auch vermeynten Herren zu sein, vnder welchen ein Fuchsschwäntzer vnd Schalcks-Narr die nächste waren; deren einer je bißweilen herbey trate vnd dem Herren mit tieffer reverentz ein wort etliche in die Ohren pausete. Ha, was ein seeliger Mann ist das! fienge ich an zu dem Alten zusagen, diesem Herren manglet gewiß auff Erden nichts, vnd hätte der Alte Gesatzschreiber Solon, wann er noch bey leben wäre, sein Urtheil (das man niemand vor seinem Ende solte glückseelig preisen) versichert vmb dieses Manns willen gern widerruffen vnnd für vnkräfftig erklären wollen. Da gehet es noch brav her, wo einer sein Gelt zu solchen Ehren vnd so rechtschaffen weiß anzuwenden vnd zu gebrauchen. Es muß ja ein vortrefflicher Herr sein, der so köstliche dolle Diener hat nach ihm her prangen.


[Rand: Des Accords]

Que de Gens vestus de veloux!

Vennez voir les beaux personnages!

Ils suivent un Seigneur trestous

Qui les entretient à grands gages.

Et pourquoy? paix! si tu es sage,

Il n`en faut point dire de mal.

Mais Monsieur à bien du bestail

Il fera s`il veut du formage.


[56] So elendig ist es auch, sprach der Alte zu mir, in deinem Hirn bestellet, das nach so vielen Exempeln, du dannoch den schein vnd die Farb von dem Eigendlichen Wesen noch nicht kannst vnderscheiden. Es ist hie nichts als Betrug vnd Falsch. Aula est splendida miseria. Alle diese scheinende Herrlichkeit ist ein gelehntes geborgtes Wesen, welches allein auff vergebener Hoffnung vnnd vielen verheissungen bestehet.

Es ist das Hoffleben gleich einem herrlichen, fast köstlichen[Rand: Aulica vita] Bauw, der aber zuletzt vnd am Ende einen krach lasset vnd viel zu boden schläget. Eine herrliche Musica, die anfangs lieblich klinget in den Ohren derer, die es hören, aber zuletzt auf ein la mi endet


Aulicus ingrediens



ascendit in aula

Omnis at in


clausula nostra cadit.

Es heisset Nil hic ita cernis, ut est.

Vnd gewiß, wann du diesem großen Herren in das Gewissen vnnd in den Beutel sehen soltest, so wirde es sich befinden, das zu fortsetzung des scheinbaren eitelen Prachts, so die Welt glückseeligkeit heißet, er zehenmahl mehr mühe vnd Arbeit, sorg, angst, [57] forcht vnnd schrecken muß anwenden vnnd außstehen, als sonst ein armer Taglöhner vmb das tägliche Brod. Es ist mit diesem großen Schein beschaffen alß mit einem Zimmet-baum, das beste an ihm ist die Rinde, dz andere ist alles nicht sonders zu achten.


[Rand: Des Accords / aux touches]

Un jour quelquun me demandoit

Qui est ce brave port-Espée?

Qui a la Chausse decouppée,

Qui je voy marcher ainsy droit,

J`estime qu`il soit bien adroit,

Et qu`il a vigoureuse force.

C`est Canelle, dis je, qu`on voit,

Le meilleur de lui c`est l`escorce.


[Rand: Aulicum] Der witzigste vnder allen seinen Dienern sind der Schalcksnarr vnd Fuchsschwänzer; diese zween haben zu Hoff das prae vnd den vorzug: sie reden dem Herren, was er gern höret, lachen heimlich in die Faust, fressen vnd sauffen das beste, machen sich zeitlich bezahlt vnd lassen den Herren sampt den vbrigen Hoffdienern das Nachsehen haben. Daß Hoffleben ist gleich einem Mann, der Almosen außgibet, bei welchem offt ein starcker Schelm durch die andern tringt vnd dem Armen Mann, an dem es wohl angelegt wäre, das Brod vor dem Maul hinwegnimt, vnd doch dessen nicht werth ist.


[Rand: Des Accords / aux touches]

Sçays tu que ressemble la Court?

Une aumosne parmy la presse,

oú de tous costez on accourt,

Mais, un grand Coquin qui se dresse:

Et plus s`auance, prend la graisse;

Et le petit rien ne reçoit:

Car le donneur, tant on oppresse,

Que jamais il ne l`aperçoit.


[Rand: Aulicum] Dann wer sich zu Hoff schämen, vnd der gelegenheit nicht frisch gebrauchen will, der thut Närrisch. Weil es nicht alle Tag mit vollem Löffel zu Hoff hergehet.


[58]

[Rand: Owen 1. 2./ Ep. 1.]

Nil distant Labor atque Labos, nil Arbor et Arbos

Idem Honor est et Honos: qui Rapit ergo Sapit.


Derowegen so nemme, weil es da ist; sonsten, indem du dich lang bedencken wilt, ob du recht oder Unrecht daran thuest; so ist der Brey gefressen, vnd du zwischen zweyen stühlen nider gesessen.


[Rand: Owen 1. 3./ Ep. 71.]

Praeteriti spes nulla manet, spes nulla futuri

Res abeunt sine spe, spes redeunt sine re

Dum nos praeteriti dolor angit, cura futuri;

Bellua, quod praesens est, capit: Illa sapit.


Sind derowegen theils grosse Herren recht elende Leute, welche eine Lügen, einen Fuchsschwantz so thewer kauffen müssen, vnd sie eh selbsten nothleiden, als daß ihrer Schalcks-Narren oder Fuchsschwäntzer einer manglen solte:


[Rand: Owen 1. 3./ Ep. 38.]

Ergo ne

Atria magna colam? vix tres aut quatuor ista

Res aluit, pallet caetera turba fame.


Ja welche eh alle ehrliche Diener mit Ungunst abschaffen, eh sie einen Suppen-fresser oder Zeitung-flickerin erzörnen wolten. Der[Rand: Aulicum] arme verblendete Herr meynet wunders, was treu er von den Haluncken zu gewarten habe, wie all sein aussnehmen an Ihnen allein stehe, weil sie ihm reden was er gerne höret, zu allem Ja, vnd Recht sagen, GOTT gebe, es müsse das Land darüber zu Grund vnd scheitteren gehen. Aber, gardez Monsieur


[Rand: Owen 1. sin / Ep. 65.]

Qui cuivis quidvis credit, male creditur illi:

Quò credis mihi plus; hoc tibi credo minus.


Rühmen vnd loben ihn, als ob in der Welt er allein ein Cavallier, Ritter vnd Held wäre, vnnd bey den Damen allein den Danck zu gewarten hätte. Ist also zu Hoff irgend ein Esel zu finden[Rand: Efel zu Hoff] [59] (wie sie dann alle Esel sind) so ist es gewiß der Herr selbsten, wan er diesen beyden ohne vnderscheid also volget. Taubmannus einsmahls gefragt, was die Hoffleute seyen? sagte: sie sind alle Narren. Dann wie witzig vnd klug sich einer je duncken läßt, so findet er doch allezeit seinen Mann, der ihn Narren kan.


[Rand: Owenus]

Est oculus tibi Quinte unus? metuendus Ulysses:

Centum oculi vigiles sunt tibi? Mercurius.


Gefragt, was aber der Fürst selbst seye? antwortete:Ille est [Rand: Aulicum] eximus. Dessen dieser Hoffmann hie Exempel gibt. Dann wer die meyste sorge, trewe vnnd Arbeit zu hoff thut, den last mann sich zwar wohl zu todt arbeiten, aber hat es doch gemeiniglich am wenigsten Danck. Wie die Westreicher Pferde vor Jahren (Gott erbarme es jetzt) zwar den Habere gebauet, frembde außländische Pferde aber, oder wol Esel, denselben gefressen haben, das heisset:


Sic vos non vobis Habrificatis Equi.

Sic vos non vobis mellificatis Apes.

Sic vos non vobis nidificatis Aves.

Sic vos non vobis fertis aratra Boves.

Sic vos non vobis vellera fertis Oves.


Der Alte konte das Wort nicht wol außreden, siehe, da kam eine vornehme Dame von Hoff auff vns zugegangen, deren eine Matron sampt einem kleinen Lackayen nachfolgeten. Die Gebärden vnd Gestalt dieser Dame waren vbermänschlich anzusehen, gienge[Rand: A la mode / Dame] langsam, wußte im Gehen ihre Glieder so à la monde zu kehren vnd zu wenden, zu rencken vnd zu lencken, das alle die, so sie ansahen, gegen derselben mit vnverhoffter inniglicher Lieb entzündet wurden vnd nach ihr als dem Schlauraffen Land verlangen trugen. Wen sie einmahl zu Gesicht bekame, vor dem verdeckete sie das Antlitz hernach. Welche sie zuvor noch nicht gesehen hatten, denen[Rand: Petr. Arbit.] ließ sie einen Blick oder etliche mobili oculorum petulantia widerfahren: dergestalt als ob ihre Augen voll helles, zu sich ziehendes, [60] ansteckendes, durchtringendes, vberwindendes, verzehrendes Liebesfeuer wären; insonderheit wann sie sich annahme, ob wolte sie den Flur oder Kreppe, oder Mimy, so ihr vber das Gesicht herabfloge, richten. Bald entdeckete sie das Antlitz mir halb, vnnd dann, sich stellende, als ob sie das Halß-tuch stecken vnd sich decken wollte, entblössete sie indem etwas ihre Brüstlein, welche weisser waren als Alabaster anzusehn vnd nach Athem grableten wie die junge Mäusger. Ihre Haare waren zierlich als ein Kunstreiches Kettlein von art vnd von sich selbsten in einander geringlet vnd kräuselicht geschläncket vber die Stirne vnd Wangen herab fliegend. Crines [Rand: Petr. Arbit] ingenio suo flexi per totos sese humeros effuderunt.


[Rand: Martial 4./ Ep. 42.]

Lumina sideribus certant, mollesque flagellant

Colla comae.


Ihr Angesicht war wie der weisse Schnee mit Laibfarben Rosen lieblich besprenget, Ihre Lefftzen wie Corall, Nares paululum [Rand: Petr. Arbit.] inflexae, et osculum, quale Praxiteles habere Dianam credidit. Ihre Zähne wie Perlen, Ihre Hände, welche sie alle Augenblick, das Auffgesetz recht zu machen, auff den Haaren erblicken liesse, waren dem Helffenbein weit vorzuziehen. Mit einem Wort, alle die ihrer ansichtig wurden, vergaffeten sich vnd waren mit Liebe gegen sie gefangen. Ich Narr, sagt Hanß, war durch solche gestalt dieser vortrefflichen Dame selbst dermassen eingenommen, daß ich nicht wußte, wie mir war, vnd meynete, ich müßte auß den Schuhen springen, auch mir gäntzlichen vorgesetzt, Ihro nachzuschleichen, es koste was es wolle; derowegen vnd zu besserer Gewinnung ihres geneigten willens ich hurtig in der Hitz beyseits vnd vngeachtet des Redlichen Frommen Alten hinder meine schreibtafel her, wie die Närrische Poeten in solchen Jahren pflegen, zu sehen, ob ich ihro zu Diensten etwas Lobs schreiben möchte, damit ich des Korbs wegen kein Gefahr zu förchten hätte.

Wohin, wohin? Du vnbesonnener vnd närrischer junger Mänsch, wohin? wie? wiltu deine Sünden, dein poenitere, den Reuer so theur kauffen? denckst du auch noch quod


[61]

[Rand: Owen 1. 2./ Ep. 138.]

– – – voluptas

Venturo praesens empta dolore nocet?


[Rand: lib. 1. Ep. 13.]

Principium dulce est, at finis Amoris amarus;

Laeta venire Venus, tristis abire solet.


Also ruffete mir der Alte auß treuer wohlmeynender fürsorge zu, als er vermercket, daß ich mich so leichtsinniger weise bethören lassen. Ich gehe diesem Engel nach, Antwortete ich dem Alten hinwiderumb, es koste, was es immer wolle; Es müste ja einer ein grausamer Unmänsch sein vnd ein recht steinern Hertz haben, der sich durch solche Gestalt vnd geberden nicht solte gewinnen lassen; man redet doch in den Schulen davon, quod


Aut Deus aut lapis est, qui non juveniliter ardet.


Ist diß nicht ein warhafftiger vnd Heiliger verß, den auch der H. Lehrer Hieronymus zu machen sich nicht geschewet. O seelig der, dem das Glück so wohl wolte, vnd er so eines Edelen Geschöpfs könte theilhafftig werden.


[Rand: Petr. Arbit.]

Quid factum est, quod tu proiectis Juppiter armis

Inter Coelicolas fabula muta taces?

Nunc erat à torva summittere cornua fronte,

Nunc pluma canos dissimulare tuos.

Haec vera est Danae; tenta modo tangere corpus;

Jam tua flammigero membra calore fluent.


Was lusts vnd Heyls soll dem doch manglen, der ohne scheu vnd furcht eines so lieben Bilds darff geniessen? Meines theils wolte ich gern auff alles das andere, was in der Welt mag herrlich genennet werden, ja auff alle Schätze der Americanischen Landen verzug thun, wo alleinig dergleichen Lustbilde mir gedeyen möchte.


[Rand: Plaut. Penul./ Act. 1. Scen. 2./ fin.]

Mea voluptas, meae deliciae, mea vita, mea amoenitas:

Meus oculus, meum labellum, mea salus, meum suavium:

Meum mel, meum cor, mea colostra, meus molliculus caseus.


[62] O Dea mea, per formam tuam te rogo, ne fastidias hominem [Rand: Petr. Arbit.] peregrinum inter cultores admittere, invenies religiosum, si te adorari permiseris. Was durchtringende vnd zwingende blicke ihrer Strahlfuncklenden äugelein? oculi Clariores stellis extra Lunam fulgentibus. Wie fassen vnd gewinnen sie eines Mänschen Hertz so leichtlich! wie vnd wer wolte solchem vbermänschlichen gewalt widerstehen? hat man auch je was schöneres gesehen als ihre Augbrawen, die schwärtzer sind dan Ebenholtz! Nimmermehr wird der Kristall so weiß erscheinen als ihre gewölbte Stirn. Milch vnd Blut können sich so wol nicht vereinigen als ihre wangen, der Rubin vnd Perlen sich so zierlich nimmer sehen lassen als ihre Lefftzen vnd Zähne. Sie ist ein rechtes Meister-stuck der Natur, das man in Ewigkeit nicht genug loben vnd rühmen kann, vnd an welchem alles das zufinden, was ein Mänsch wünschen vnd begehren möchte. Mit wenig Worten viel zu sagen:


[Rand: Petr. Arbit.]

Candida sidereis ardescunt lumina flammis.

Fundunt colla Rosas, et cedit crinibus aurum,

Mellea purpureum depromunt ora ruborem:

Lacteáque admixtus sublimat pectora sanguis etc.


O wie weiß die meiste Welt so gar nicht, wo die rechte Wollust zusuchen! mancher sucht sie in dem Feuer, als da sind die närrische Goldmacher, mancher auff vnd in dem Wasser, als die großmögende Kauffleute vnnd arme Fischer. Mancher in der Erden, als die nachgrüblige Bergleute vnnd Arbeitsame Ackerleute. Mancher in der Lufft, als die Vogler, Vogelfänger vnd Falckner. Aber, ô wie weißlich gibt der Studenten Cornelius seinen außschlag hierin, wan er sagt:


O ihr thoren alle vier,

Was ihr sucht, das findt ihr hier.


Als ich in meiner lieblichen thorheit vnd thorheitlichen Lieblichkeit, in meiner inbrünstigen zuneygung vnd zuneiglichen Inbrünstigkeit noch ferner fortfahren wolte, nahm mich der Alte beim [63] Arm vnd erschüttelte mich zimmlicher massen. Vnd, wie? sprach er, bistu nun gar zum Thoren worden? weistu auch an deiner Narrheit noch ein Ende zu finden? Ich höre auß deinem Buhlengeschwätz sehr wohl, daß du mehr der Studenten Cornelius alß deine Compendia oder Institutiones gesehen, gehöret vnd gelesen, vnd daß du den oberzehlten schönen vermeynten Heiligen verß, den[Rand: Aventin./ ib. 2. p. 146.] Aventinus dem Hieronymus zuschreibet, aut Deus aut lapis est etc. gewiß besser in der Schule behalten als den D. Thomas, Scotus, Suarez vnd andere; meines erachtens, weil dir jene thorheit besser ingeflogen als dieser ihre subtilisationes, gespitzte[Rand: Reysen] grillen oder Grillen-spitzen. So gehets, wo einer hinauß in die frembde ziehet, ehe er seinen völligen verstand hatt, dann lernet ihr thörichte Junge Leute einen Narrenbossen für was besonders, vnd haltet einen lächerlichen vers höher als die Künste alle vnd vbet euch in der närrischen Thorheit mit allen Sinnen, ja wan es gar hoch kommet, so kan es euch, eurer Meynung nach nicht fehlen, alß die ihr


den Schneidewein beim zapffen,

den Clarum im Keller,

den Balduinum im Glaß,

den Baldum im Bastetenhauß

gelesen, vnd nunmehr

die Institutiones bei den Ohren haltet,

die Paratitla bei den Armen,

den Codicem de ventre,

die Novellas in den Hosen,

die Authenticas in den Haaren,

die Reichß-Abscheide im Seckel,

die Extravagantien im Hertzen


[64] habet, mit welchen Ihr vagiret wie die Vaganten alle; vnd wann ihr nach Hauß kommet, euch das hirn vnd der verstand wie eine Gallrey verstabert stehet vnd zu keinen geschäfften was zu reden oder zu sagen wisset; dann heisset es wol:


Gyckes Gäcke ist deine lehr,

Vnd ob du schon fährst vber Meer,

Damit so geht die Jugend hien,

vnd ziehstu schon nach Genff und Wien.

Nach Bourges vnd nach Orleans

vnd wilt sein ein Herr grosser Hanß,

so ist doch alles dein studirn

nichts als ein vppigs fabulirn,

vnd wann du wider kompst nach Hauß,

führst Mistlinum auff Waglinum auß.


O bedächtestu jetzt, was dich hernach reuen werde, du wirdest dieses gefährlichen Nachtrabs bald vergessen: dann du bist mit dem schönen Engel, wie du ihn haltest, heßlich betrogen; vnnd wo du ein jedere Eitelkeit dergestalt mit Worten außstreichen wilt, so wird deines Geschwätzes nimmer ein ende werden.


Qui de l`amour est agité

Idolatrant de sa parolle,

Fera d`une petite folle

Une grande divinité;

Mais quand il a prins la verolle,

Alors mon Amant despité

Blasme toutte Impudicité,

Voyla le bien qui le console.


Ach wie vnerfahren bistu doch in dergleichen fällen. Vnd gibt dein grosses verwunderen leichtlich an Tag, das du die Welt vnd ihr Wesen noch nicht recht thust kennen. Biß hierher hab ich dich nur für vbersichtig gehalten; Nun aber sage ich, du seyest beides Blind an deinen Augen, vnd verstockt in deinem verstand wie die Thoren alle, vnd weissest eben noch nicht warumb dir GOtt deine Augen gegeben? vnd wazu?

Sage dir derowegen, es habe dir GOtt die Augen gegeben, daß du damit sehen sollest; was aber anlanget, von dem innerlichen Wesen eines dings zu Urtheilen, das gehet den Verstand [65] an: Aber du thust gerade das widerspiel; dahero auch, wann du allein nach dem Augenmaß vnd Meynen Urtheilen wilt, so wirstu dich allezeit betrogen finden vnnd offtmal böses für gut, Mäußdreck für Pfeffer ansehen vnd halten: dieweil ja das Gesicht offt durch ferne vnnd dunckele wird verführet oder verhindert.


[Rand: Petr. Arbit.]

Fallunt nos oculi, vagique sensus

oppressa ratione mentiuntur:

Nam turris, prope quae quadrata surgit,

detritis procul angulis rotatur.


Also auch dieses Weibsbilde soltu deinem geschwätz nach an ihrem äusserlichen Wesen, nicht mit deinem Verstand, sondern augenmaß allein angesehen haben, weil sie dich betrogen; vnnd im Sinn viel anderst von ihr halten, als du nicht thust. Gestern abends ist sie ein heßlich vngestaltet Mänsch gewesen; heut frühe hat sie sich mit aller dieser entlehnten schönheit, welche du also lobest, gezieret vnd geschmücket; sciteque jacturae lineamenta sequuta totam sibi formam istam dedit, wann du aber sie in ihrem Wesen recht anschauen vnnd betrachten soltest, wirdestu nichts als Pflaster vnd Lumpen an ihr finden.

[Rand: Frauenzimmers/ anatomia] Vnd nur ein wenig sieanatomiren vnd in Stücke zerlegen, So sind erstlich die Haare nicht ihre eigene Haar, sondern sie kommen auß dem Kram-Laden, vielleicht von einer, deren der Schädel abgeschlagen worden, vnd dieser elenden, mit Eisen und Zangen gemarterter Haare gebraucht sie sich, weil die ihrige entweders durch einen bösen Frantzösischen Lufft außgefallen, oder doch, wann sie noch etliche deren hat, auß forcht, ihr alter dadurch verrathen wirde, dieselbige nicht darff sehen lassen. Wann keine Schwärtze wäre, so hätte sie auch keine Augbrawen, supercilia [Rand: Petr. Arbit.] protulit de pixide. Wann das Geschminck nicht wäre, so hätte sie weniger Farb als ein Jud. Sie ist ein alter Götz, mit destillirten gebranten Mercurialischen gifftigen Wassern verjüngert:


[Rand: Martial 1. 6/ Ep. 93.]

Psilotro nitet, aut acida latet oblita creta

aut tegitur pingui terque quaterque faba.


[66] Inter rugas malarum tantum cretae reperies, ut putabis [Rand: Petr. Arbit.] detectum parietem nimbo laborare, welche, so du anhauchen oder mit einem feuchten Leinwat angehen soltest, nichts als eine abscheuliche förchterliche gestalt sehen vnd nicht mehr kennen wirdest. Color enim arte compositus inquinat corpus, [Rand: Petr. Arbit.] non mutant.


Dum sumit cretam in faciem Sartoria, Cretam

Perdidit illa simul, perdidit et faciem.

[Rand: Petr. Afran.]


Voyant Jaquette se mirer

Enfin de penser attirer

prez d`elle quelque personnage

Je luy dis: va voir ton pelage

qui rit de ton plaisant effort,

Et dit que tu veux en tel age

Aller aux nopces de la mort.


Vnd wann das Geschmünck alles, als Zibet, Bisam, Balsam, Haarpulffer, poudre de Cypre, Hurenpulffer (dann Venus [Rand: Des Accord] ist eine Hur gewest) bisamirte Handschuch, Strimpff vnnd anderes nicht wären, wirdestu die Nase bald mit einem Schnuptuch wegen des vblen geruchs vnd Gestancks verbollwercken müssen.


[Rand: Martial 1. 6./ Ep. 93.]

Cum bene se tutam per fraudes mille putabit,

Omnia cum fecit Thaida, Thais olet.


Soltestu sie einmahl küssen, du wirdest die Lefftzen vnd Wangen mit feißte vnd schmutz dermassen besudlen, als ein Kuttelfeger am Bubeneck. Soltestu sie vmbfangen vnd begreifen, du wirdest nichts als Karten-Papier, groben Zwilch vnd Lumpen finden, mit welchem allem ihre Schnürbrüste, Brusttücher vnd Röcke gefüllet sind, damit sie dem verstelten Leib irgend ein ansehen vnd gestalt geben möchte. Es heisset Vestissez buisson, semblera baron; Gehet sie dann Schlaffen, so lasset sie auff dem Tisch den besten theil ihres Leibs, nemlich die Kleider liegen.


[67]

[Rand: Martial 1. 9/ Ep. 38.]

Non dentes aliter quam serica nocte reponit,

Et lateat centum condita pyxidibus.

Nec secum facies sua dormit.


Wie ist nun dein Verstand noch so verfinstert, indem du dir eine solche Schöne an diesem elenden Leib magst einbilden? Darum du dich dann auch vielmehr vber deinen vnverstand selbsten als vber den Betrug dieses Weibes magst verwunderen.

[Rand: Weiber/ definition] Vnd mit einem wort den außschlag zu geben, so wisse, daß der größere theil der Weiber nichts anders als mit stoltz bekleidete vnd mit falschheit gefüterte Thiere sind, deren meiste gedancken dahin stehen, wie sie der Männer Einfalt vnnd Aufrichtigkeit verlachen vnd stumpffieren mögen; vnd daß diejenige, so man für die beste haltet, den Männern offt die meiste sorge machen, vultum [Rand: Petr. Arbit.] enim quae permutant, fraudem parant, non satisfactionem. Vnd gemeiniglich bey ihnen hergehet, wie bey allen bösen Schuldnern, bey welchen, wann man zur Rechnung kommet, die Zinse vnnd unkosten offtmahls das Capital oder die Hauptsumm vbertreffen.


[Rand: Owen 1. 1./ Ep. 19.]

Est mulier tanquam generalis regula: quare?

In multis fallit regula, sic mulier.


Welche weibliche schwachheiten alle dich, also vnverständig hineinzuplumpen, billich abhalten sollen, vnd wird dich endlich reuen, das vmb ein so vnvollkommenes werck du dich doch so sehr bemühet.


Die böse Weiber meyn ich nur, Ein fromb Weib ist darumb kein Hur. Drumb soll manns nicht entgelten lahn Ein fromb Weib, was die böß gethan. Ein Weib die Freundlich häußlich, frumb, Ein Weib die Ernsthafft häußlich, frumb, Ein Weib die Gehorsam häußlich, frumb, Ein Weib die Holdseelig häußlich, frumb, Ein Weib die Säuberlich häußlich, frumb, Die ist zu loben vmb vnd vmb.

Venus-Narren
[68] Venus-Narren.
Drittes Gesicht.

Indem ich mit vorigem Gesicht vmbgegangen vnd sonder zweiffel von dem Alten noch mehr erfahren hätte; kam plötzlich jemand an meine Thüre zupoldern vnd zubochen, alß ob er gelt brächte, daß ich also wider meinen willen erwachet vnd, wer es wäre? fragete. Der mir zur antwort gab, er wäre der Boschen vnd Forenberger Diener einer vnnd brächte mir Schreiben, darauß ich vernehmen wirde, wie ich meine Reyse also bald nach Angiers anstellen, vnd daselbst etliche zeit verharren sollte, als ich mit mehrerem auß gedachtem Schreiben verstanden.

Nach dem ich mich nun ermundert, doch nicht genug verwundern kundte, wie warhafftige dinge ich in solchem Gesicht gesehen, auch in betrachtung derselben, vnnd was ich die zeit hero zu Pariß in allen Ständen genau in obacht genommen, bei mir[Rand: Pariß] selbsten wol erachten kundte, daß, gleich wie in dieser Statt, einer gantzen Welt handel getrieben werde; Also auch Sünden für eine gantze Welt. Vnd gleich wie im Kriegswesen etliche Regimenter, Eines für zwey Fechten, aber auch für drey stehlen; also offt eine[Rand: Einer für drey] Statt, offt ein Mänsch für zwey bette, aber auch für drey fluche vnd sündige, für zwey Arbeite, für drey Esse.

Wiewol ich nun auß mangel solidioris doctrinae, hoher[Rand: Der Mänsch / weiß mehr / als er weiß] Geschicklichkeit, solches alles, so ich gesehen, in Schrifften eben nicht verfassen oder begreiffen konnte; so hatte ich doch von allen denselben dingen so vielerley wunderliche Einfälle vnd Erfahrenheit, daß ich einem Gelehrten Mann dings genug, ein großes Buch davon zu schreiben, hätte an hand geben können. Welches ich also biß zu seiner zeit beruhen lasse. Neque enim concipere [Rand: Petr. Arbit.] [69] [71]aut edere partum mens potest, nisi ingenti flumine literarum inundata.

Indessen aber, zu volge meines Brieffs, fuhr ich mit der Landkutsche nach Orleans, allwo bey dem Hl. Nicolaus in Undis ich zu Schiff gegangen, die Loire hienab, durch Blois, Amboise, Tours, Saulmur, auffpont de Se vnd Angiers gezogen, vnd da, bei Monsieur de la Mare Allain, à la rue Saint Lot den Winter vber verblieben; den angehenden Frühling aber zurück, durch La Fleche, in welcher Kirche vns die Herren Patres S.J. des Henrici IV. Hertz, Voycy le cœur du Roy qu`avez desiré il i a long temps gewiesen, vber zwerchs Feld, auff Bourges, Nivers, Moulins Paccaudiere, Rouane, S. Sophroni, Tarare mich nach Lyon begeben. Damit aber das vorgenommene nicht vbergangen werde: Als ich zu Moulins angelanget, wurde Nachts[Rand: Geschicht] vber Essen erzehlet, wie sich acht tage zuvor in der Nachbarschafft ein trauriger fall begeben hätte. Der verhielte sich also: Es wohneten zween vom Adel vnsern in einem Dorff, dessen eines Eltern vor wenig Monaten gestorben; dieser hatte Eine Schwester, welche dem andern vom Adel vor langem versprochen war, vnnd inner acht tagen ihr Hochzeitliches fest oder Beylager halten wolten. Es begab sich aber, daß der Hoffmann oder Meyer ihres Bruders der Jungfrauen etliche stimpffreden zum verdrieß außstiesse, welches sie ihrem liebsten in vertrauen klagte vnd vmb schützung vnnd rettung wider den groben Flögel bate: warauff er auch so bald, seine Hochzeitterin, wie des Lands brauch, auff den armen führend, dahin gunge vnnd den Hoffmann, nach geschehenem mündlichem verweiß, deßwegen mit einer Maulschelle abstraffete; der sich aber bald zu seinem Herrn, der Hochzeiterin Bruder, verfüget, den gewalt vnd empfangene husche neben miteinmischung vieler Lügen geklagt, vnd ihn vmb handhabung vnnd schutz angeruffen. Der Hochzeitter, vnwissend dessen, vermeynend seine Liebste gegen abend anheim zu begleiten, so bald er in den innern Hoff ihres Bruders tratte, kam ihm derselbe mit blossem Degen entgegen sprechend: daß er ihn nicht für seinen Schwager, sondern vor einen Bernhäuter vnd Couyon hielte, wo er sich seiner Haut nicht wehren wirde. Wiewol nun beydes die Schwester vnd ihr[71] Liebster die vrsach dieses Zorns fragten, auch umb vernünfftige freundliche Erläutterung vnd entschiedung baten; wolten gleichwol alle solche gute Wort nichts helffen; sondern der Zornwütige Bruder fuhre fort, mit verschwören, er die ihme zu schimpf vnd Spott seinem Hoffmann gegebene Maulschelle anderst nit als mit der Klinge widersetzen vnd rechen konte; Wo auch gegentheil sich nicht in die Wehr begeben, er ungeachtet dessen Ihm einen stoß zuversetzen nicht vnderlassen wollte; auch so bald auff ihn zutratte, welcher endlich ohne meynung einiger offension vnd auß Noth zur Wehr griffe, sich zu defendiren, zu schützen, vnd die stösse zu pariren vnd außzuschlagen angefangen. Weil aber der Bruder sich verschworen, anderst nit als durch Blut die versöhnung geschehen zu lassen, vnd vor Zorn brennend vnd wütend, als vnsinnig, dem anderen gerad in den Degen geloffen:


[Rand: Mart. lib. I. / Ep. 9.]
strictosque incurrit in Enses

vnd nun vermerckte tödlich wund seyn, wie sehr der Hochzeitter sein Rappier zurück zoge, oder (wie dieDuel-Narren reden) reculirte, jemehr der andere in die Kling hienein trange biß an das Creutz, damit er nur seinen gegenpart erreichen möchte, als dann auch geschahe, biß der Hochzeitter ebenermassen durchstochen worden, vnnd beyde darauff plötzlichen Todes hin gefallen. Was bekümmernuß die liebe Jungfrau dabey gehabt habe, indem sie ihren liebsten Hochzeitter durch vnd mit ihrem einignen Bruder zugleich verliehren müssen, ist vnschwer zu ermessen.

Ein greusal vnd schauder kam vns an, alle die wir solche schröckliche Geschicht höreten. Und weil ich bey etlichen bekandten, welche im Schloß zu Moulins in Kost waren, vierzehen tag zu verharren mich entschlossen, Eines morgens vor Tag, dieser Geschicht mit betrübnuß nach-sinnend, biß darüber ich vor vnmuth wider eingeschlaffen, war mir zu sinn, ob der Alte, dessen in vorigem Gesicht meldung geschehen, vor mir stunde, fragend, was ich abermahlen vber der Welt thorheit, insonderheit der Narren-Liebe, für eitele sorge vnd gedancken hätte? Was darffstu dich vber diese Geschichte, sprach Er, verwunderen? Wann die Liebe deß Hochzeitters nicht thöricht gewesen wäre, der Hoffmann hätte die Maulschelle nimmer bekommen, noch die zween Schwägere [72] darüber ihr leben einbüssen müssen. Narren-Lieb will gefochten haben. Hastu nicht in der Schule vor Jahren gelesen, was derPlautus sagt:


[Rand: in Cist.]

Amor ludificat. fugat. agit. oppetit.

Raptat. retinet. jactat. largitur. quod dat non dat. deludit.

modo quod suasit, dissuadet: quod dissuasit, id ostentat.

vnd widerumb:

[Rand: in Mercat.]

Amorem haec cuncta vitia sectari solent:

Cura. aegritudo. nimiaque elegantia.

Insomnia. aerumna. error. terror et fuga.

Ineptiae. stultitiaque. adeo et temeritas.

Incogitantia. excors immodestia.

Petulantia. cupiditas. et malevolentia.

Inhaeret etiam aviditas. desidia. injuria.

Inopia. contumelia. et dispendium.


Ich meyne Ja, dispendium Vitae, Fortunarum, Salutis, wie an diesen beyden Thoren zusehen.
Das ist auff Deutsch gesagt:

Das tolle Lieben ist im steten Tode leben:

Seyn ausser der gefahr, vnd doch in Nöthen schweben.

Quit aller Schlaverey, doch vnter Joch vnd Zwangk:

Gesund, vnd gar wol auff, nit desto minder krank.

Jetz groß, bald wider klein, nicht keiffen, dannach zanken.

Bestendig, ebenwohl stets hien vnd wider wanken.

Abwitzig vnd doch klug. Ein Mann vnd doch ein Kind.

Ein Herr vnd gleichwohl knecht. Mit hellen augen blind.

Dem Feinde brechen ab, vnd nimmermehr doch siegen.

Verspielen, doch alzeit die beste beute kriegen.

Seyn ohne wunden wund, sein sonder alter alt.

Jetz kalt, jetz wider heiß, bald heiß, bald wider kalt.

Entschnuret aller pein, vnd sich doch stets beklagen.

Vil schreyen, niemals doch ein einigs wörtlein sagen.

[73]

Vnd was vor thöricht ding dem Lieben mehr kompt bey:

Das Ich vnd Du nicht weißt, wie es zu taüffen sey.


Worzu dienet dan das Lieben?

Lieben heist recht Närrisch seyn.

Der kan wenig Tugend üben,

So behafft mit liebespein;

Er muß fort vnd fort sich plagen,

Brennet in geplagter Hitz

Vnd beginnet aller Witz,

Aller Tugend abzusagen;

Endlich bringt er kaum zu lohn

Nur ein hand voll Lust davon.


Darauff nahme mich der Alte bey der hand, ich aber folgete[Rand: Narren-Aue] ihm; kamen also mit einander in eine schöne grüne Aue, welche wol tausentmal schöner als die, so der verlogene Amadis, Marquis d'Urfé, vnd andere in ihren Campis Elysiis erdichtet hatten. Dieses mit den allerwohlriechendsten Blumen vnd Kräutern gemahltes Felde war mit zweyen Wässerlein gezieret, deren das ein süsses, das ander bitteres geschmacks, welche am Ende der Auen zusammenflossen, vnd durch etliche gesträuß vnd steine daher rauschen kamen, daß die, so dabey vorvber oder spatzieren gungen, sich des Schlaffs schwerlich enthalten mochten. Ich meynete anderst nicht, als ob ich in Cypro in der Venus Garten wäre; deßwegen vmb mich sahe vnd fragte, ob nicht das Immenhauß daherum, da eine Imme den Monsieur Cupidon einesmals in den Finger gestochen, so dem Poeten Anacreon vrsach zu selbem sinnreichen lieblichen [74] gesang gegeben? welcher meiner Albaren vorwitzigen frage etliche, so da giengen, lacheten. War mir in dem fast wie jenem Schwaben, welcher, als er in Indien zoge, ersten sprungs auß dem Schiff, fragte: aun sagget, ist nit a guoat gsell voan Woablinga hiea?

Im fortgehen verlohr sich der Alte von mir, vnd kamen zwo Jungfrawen auß ein gesträuch Weiden von hinden auff mich zu, deren die eine mich bey der Hand herumb risse vnd sprach: Wißt ihr dann auch, wie es Cupido da ergangen? vnd ehe ich darauff antworten kundte, funge die andere an mit heller Stimme zu singen:


HIe auff dieser Liebes-Matt

Cupido vor dreyen Tagen,

Weil er nichts zu schaffen hatt,

Wolt sein Zelt vnd Läger schlagen,

Ach Cupidon kleiner schelm,

Wie machstu so grosse Wunden,


SO bald er ins grüne kam,

Hie dis vnd dort das wolt sehen,

Venus bey der Hand ihn nahm,

Doch wolt er nicht mit ihr gehen,

Ach Cupidon.


LUff fort für das Bienen-Hauß,

Wolt ein wenig Honig lecken,

Eine kroch zum Korb herauß

vnd flog nach dem jungen Gäcken,

Ach Cupidon.


CVpidon bald her, bald hin,

Hätt sich gern vor ihr verkrochen,

Aber die Bien stehts auff ihn,

Biß er von ihr war gestochen,

Ach Cupidon.


ALs er seinen Finger schaut,

Wie er armsdick auffgeloffen,

Fieng er an zu schreyen laut:

O weh, Mutter, ich bin troffen.

Ach Cupidon.


[75]

O Wehe, liebe Mutter, bald,

Ich muß an dem stich verderben,

O wehe, ich lauff in ein Wald

Vnd laß mich drin hungers sterben.

Ach Cupidon.


HElfft! vnd helfft ihr nicht geschwind,

So stürtz ich mich in ein Bronnen.

Wie bald ist ein armes Kind

Als ich in der hitz verbronnen?

Ach Cupidon.


RAach! ô liebste Mutter, Raach!

Ich werd noch verzweyffeln müssen!

Helfft! ich spring sonst in die Bach,

Oder will mich selbst erschiessen.

Ach Cupidon.


VEnus vor zorn nicht ein Wort.

Endlich nahm ein hand voll ruhten:

Wart ich will dich bringen fort,

Daß dir soll der Hinder bluhten.

Ach Cupidon.


HAb ich dirs nicht vor gesagt,

Du solt stupffens müssig gehen,

Wer nicht folgen will, der wagt;

Komm her, Laß den Finger sehen.

Ach Cupidon.


EY du vngerathner Sohn,

Dir ist eben recht geschehen,

Das ist dein verdienter Lohn,

Wilt nicht mit der Mutter gehen.

Ach Cupidon.


IN dem buckt sie ihn herum:

Halt ich will dich lehren blitzen.

Gß! Gß! noch einmahl so kum,

Dann will ich dich besser fitzen.

Ach Cupidon.


[76]

CVpido fuhl auff die Erd,

Ha! wie that ihn das vertriessen!

Vnd wie ein Zaumloses Pferd

Schlug umb sich mit Händ vnd füssen

Da Cupidon.


ACH mein, klag dich nicht so sehr,

sprach sie, vnd bald laß die bossen,

Denck, daß du wohl andre mehr

Vnverschuldter hast geschossen.

Ha Cupidon.


DEine Pfeil sind voller Gifft

Vnd gehn richtig zu dem Hertzen,

Was aber den Finger trifft,

Das ist nur ein Kinderschertzen.

Ha Cupidon.


THuts dir schon ein wenig weh,

Darffst dir drum nicht lassen bangen,

Eh du Dreymal Steh vnd Geh

sagst, so wird es seyn vergangen.

Ach Cupidon.


WEn die lose Vorwitz sticht

Und solch Leckerey will treiben,

Dem gerath es anderst nicht,

Drumb solst bey der Mutter bleiben!

Ach Cupidon kleiner Schelm,

Wie machst du so grosse Wunden!


Du Stupffer, Du Hauser,

Du Lecker, Du Lauser,

Du Schlecker, Du Mauser,

so soll es dir gehn,

recht ist dir geschehn,

so soll es dir gehn.


In dem also bey Endung dessen die zwo Jungfrauen verschwanden, stunde neben mir Ein Wald-Engel, wie sie von den Närrischen Poeten genant werden, deren in diesem Garten viel [77] [79]herumb fliegen, welche das Götzle Cupido, wann er irgend närrische sachen zu verüben willens ist, für seine Postboten gebrauchet; dieser Wald-Engel ward von gestalt als ein Waldgötz, doch etwas lieblicher anzusehen, vnd das er flügel hatte; der nun weisete mir den inneren Garten, so jennseit des Wassers lage, beneben vilen herrlichen Pallästen vnd Schlössern, auch andern wunderlichen Dingen, so ich hien vnd wieder im Gesträuch, in den Hecken vnd sonsten im schatten sahe fürgehen.

Es stunden aber die Gebäue dieses Schlauraffenlandes kunstreich vnd prächtig auff der Höhe und den Berg herab anzusehen, mit Griechischer vnd Wälscher Arbeit zierlich auffgeführet, mit herrlichen Capitalen, Säulen, Läuffen, Laubwerck, Schweb vnd Triumph-Bögen meisterlichen vmbgeben, mit erhobener Arbeit von Bildern, Grotten, Labyrinthen, Gemälden, Geschichten künstlich gezieret. Eingangs des Gartens folgende Reymen mit Güldinen Buchstaben[Rand: Narrenhauß] in schwartzem Marmor zu lesen:


Hie ist das berühmte Hauß,

Da die Venus-Narren schweben.

Thorheit ein! Die Witz hinauß!

Reu hernach; halb-todt im Leben!

[Rand: Nutz der / Liebe]


Die Steine der Gebäue von allerley farben gaben einen sonderbaren Lust, dieselbige zu beschauen. Das Thorgestell war nicht sonders weit, doch waren hie vnd da noch vil kleine thürlein vnd Schlupfflöcher, da eine mänge Volcks nach einander ein- vnd außschliche wie die Mäuse in die Löcher. Ein Weibsbild, von gestalt vnd wesen einer Nymphen gleich, versahe das Ampt des Thorwarters; diese war mit einem Güldinen stück, so mit Perlen vnd Edelgestein kostbarlichen versetzet, bekleidet. Von Lieb vnd Gestalt war sie die dapfferste, so ich je gesehen hatte. Von Gesicht war sie Engelisch anzuschauen. In Summa, wer sie nur ansahe, der wünschte, wie Pythagoras geglaubet, daß seine Seele in ein so Edles Geschöpf fahren möchte. Sie hatte den Schlüssel zu dem Thor in der Hand vnd schrye mir zu, Ich solte einsprechen! Ich fragte den Waldengel, wer doch dieses vortreffliche Bild wäre? vnd was sie vor einen Namen hätte? Der sagte mir, das sie Frau Schönetta heiße. Jedermann ward von ihr williglichen eingelassen.[Rand: Frau Schönet] [79] Ich auch, wie ich von Natur etwas vorwitzig vnd gern alles wissen wolte, folgte ihr nach in den Hof hinein. Im fortgehen aber kunte ich mich so viel nicht zwingen, das ich nicht noch einmahl zuruck, nach dieser schönen Jungfrauen gegucket hätte, da ich dann von vngefehr vermercket nachfolgende Wort auff dem Band, so sie umb ihren Leib hatte, gestücket stehen:


Cervam. putat. esse. Minervam.

Ranam. putat. esse. Dianam


Was einer liebt, das dünckt in fein,

Ob es offt wüster als ein Schwein.

Ein mancher meynt, er hab ein Schatz,

So ist es nur ein faule Zatz.


Omnis amor caecus, non est Amor Arbiter aequus,

Nam deforme pecus judicat esse decus.


Vnd kam mir das Bild hinderwerts so schön nicht für, als mich anfangs gedaucht, oder ich mir muß eingebildet haben:


laeta venire Venus, tristis abire solet.


was derowegen diese obgesetzte Lateinische Wort bedeuten möchten, kan der Nachgrüblichte Leser ohne mich wol ergründen.

Im Garten gab es Gesellschafften allerhand:


die Jungfrauen luffen den Männern nach,

die Weiber den Junggesellen,

die Männer den Jungfrauen,

die Junggesellen den Weibern,

die Herren den Mägden, die Frauen den Knechten,

die Mägde den Herren, die Knechte den Frauen;

hie Spieleute, dort Däntze,

hie Fischen, dort Voglen,

hie Hätzen, dort Jagen,

hie Spielen, dort Baden,

hie Küssen, dort Lecken,


vnd waren die kleine Wald-Engelein mit Potschafft tragen so geschäfftig wie die Braut, wann sie will ins Bad gehen.

[80] Auch sahe ich den Berg hinauf viel hauffen Weiber vnnd Männer hin vnnd her spatzieren, welche ich mehrentheils, doch, weil sie in Geberden, Kleydung, Gesicht vnd Wesen verstellet, vnd[Rand: Wesen der /Verliebten] jetzt viel anderst waren, als sie zuvor gewesen, schwärlich erkennen konte. Sie sahen meist traurig, elendig, nachsinnend, bleich, gelb, mager, dürr auß!


[Rand: Owen / l. 2. Ep. 94.]

Pallor in ore sedet, macies in corpore toto.


Einer seufftzete, der andre kratzete, der dritte verwunderte sich, der vierdte schämete sich, der fünffte lachete, der sechste weynete, vnd so fortan.


[Rand: Owen l. / Sing. Ep. 145.]

Expressae tacitum lacrymae testantur Amorem:

Gignit Amor lacrymas, quis putet? ignis aquas.


Allerley Gespräch vnd antwort gab es da; aber von Treu[Rand: Buhler gespräch / vnd / Händel] vnd Glauben, von Forcht vnd Liebe gegen Gott, von Gehorsam gegen Eltern vnd Verwandten ward nichts geredet.

Die Bäslen thaten das beste bei den Vettern, die Vettern[Rand: Ulyssis gefärten] bei den Bäslen; die Mägde bei den Herren, die Knechte bei den Frauen; die Mägde wurden Weiber, vnd die Weiber wurden Mägde. Der Herr wurde Knecht, vnd der Knecht wurde Herr. Die Weiber wurden derer Freunde, welche ihrer Männer Freunde waren; die Männer wurden derer Gesellen, welche ihrer Weiber Gespielen waren etc. Dieses alles ich mit verwunderen vnd sonderbahrem doch schier unerdencklichem nachdencken betrachtet hatte.

Nechst sahe ich eine Person auff mich zukommen, vnerkannter[Rand: Eyffer] gestalt, dann sie weder recht ein Mann, noch gar ein Weib, sondern von beyder gestalt war anzuschauen. Diese gienge langs vnd breits, Creutzweise vnd vberzwerch vnder jetzt erzehlter mänge Volcks herumb. Ihre kleidung war kunstreich gewebet vnd gebildet, voller Augen vnd Ohren, als ob es alles natürlich gelebet hätte. Dem Ansehen nach war sie ein außbund von einem Arglistigen, Verschmitzten, Mißtreuen Mänschen. Weil ich nun vernahme, daß sie all diesem Volck zu befehlen hatte, sprach ich sie selbst an und ungeacht fragte wer sie wäre? vnnd was sie da machete? Auff welche beyde fragen sie mir also antwortete: Mein Name ist Jungfrau Trau-nit; vnd[Rand: Jungfrau / Träu-nit] [81] weil ihr in diesen Ort komen seit, so soltet ihr mich doch billich kennen; auff daß aber euch an wahrem bericht nicht mangle, so wisset, das durch meine anstalt alle diese halb-thörichte Leute noch ungehaltener werden. Ich zwar nehme mich an, ob in ihrem betrübten zustand ich ihnen Mittel vnd linderung verschaffen wolte; aber im werck ist doch keines, bei deme ich nicht vbel ärger machete; mehrers könt ihr dißmahl von mir nicht erfahren. Dann ein wunder ist es, wann ich die Warheit rede, sonsten müste ich darunter selbsten erligen. Mein Thun vnd Wesen bestehet auf fund-griffen, Listen vnd vielen tausent Räncken; Aber der, so euch anfangs hierher geführt, wird euch die gelegenheit dieses Orts auf euer begeren ferner offenbahren können.

[Rand: Expertus / Robertus] In dem so sahe ich den Alten wider gegen mir kommen, derowegen bathe ich ihn, daß er mich in den negsten Pallast führen vnd die Zimmer weisen wolte, weil es nit fehlen wirde, sprach ich, daß ich nicht irgend einen der Narren, meiner Gesellen, antreffen vnd erkennen solte. Darauff sagte mir der Alte, wie die Cur aller dieser Krancken ihme allein anbefohlen, derohalben lang abzukommen ihm nicht müglich wäre; doch weisete er mir mit dem Finger die meiste, nach denen ich geforschet, vnd erlaubete mir, daß ich mit einem Wald-Engel selbst hin vnd her, wo ich wolte, in den Pallästen herumb spatziren vnnd alles beschauen möchte.

[Rand: Jungfrauen / wesen] Das Erste Zimmer darin ich kam, war der Jungfrauen. Dieses, viel mehr als andere mit hohen Mauren vnd eisern gegittern verwahret, als welche Leutlein wegen an- vnd eingebohrnem Vorwitz für allen anderen Mänschen zu hüten am gefährlichsten vnd mühesamsten; dannenhero auch an dieser Kranckheit sie am häfftigsten vnd hitzigsten darnider ligen. So bald ich hinein kam, war gleich ein Vnderhändler da, der fragte, Ob ich zu kauffen käme? vnd ehe ich antworten konte, war ein schöne Jungfrau bei ihm, deren er das Hembd abzoge, sie mir zu beschauen beyführte, vnd Ein Weibsbild mit einer Krone auff dem Haupt fragte mich, Ob ich nit lust hätte? dieweil diese Jungfrau mit den vier Leibszierden vor andern begabet wäre. Ich sahe bald vnder sich, legte die Finger auff die Nase vnd schämte mich wie ein armer hund; doch endlich fieng ich an, ein wenig zu gücklen vnd fragen, welche dann die vier Leibszierden einer Jungfrauen wären? die antwortete[82] mir: Mit der Schönheit Ein lieblich Gesicht, Starckhe Arme, harte Brüste, Gerade Schenckel. Ich aber verdeckte das Antlitz noch mehr vnd sahe durch die finger, deßwegen sie mich einen Schmäcker[Rand: Schmäcker] hiesse, der nicht das Hertz habe, daß er eine Jungfrau recht angreiffen dörffte. Eine sasse da vnd weinnte bitterlich,[Rand: Eyffer] wie ich vernahm, auß eitelem eyffer, den sie gegen eine Junge Wittfrau kurtzlich bekommen hatte. Eine andere war tag vnd nacht in stetiger vnruhe, ohne[Rand: Unrühig sein] Schlaffen, ohne trincken, dieweil sie einen lieb hatte, dem sie es doch (ach a lader) nicht dorffte offenbahren. Eine andere thate nichts als[Rand: Schreiben] Brieffe schreiben, welche ihr doch nimmer recht gefielen, sondern eben so viel außstrieche, als einschriebe. Eine andere stunde vor dem Spiegel vnd sahe, wie sie lachen, vnd im lachen mit zierlichen Geberden ihren Liebsten einnehmen möchte.

Eine andere deßgleichen, wie sie ihre Augen könnte regieren,[Rand: Blicken] bald hien vnd her kehren, funcklend vnd brennend machen, als ob Feuer im Ofen wäre, ihren Liebsten damit anzuzünden oder gar zu verbrennen. Eine andere fasse vnd asse Kohlen, Kreiden, Pflaster, Spannisch-wachs U.d. g damit sie die Lebhafte farbe vertreiben vnd hingegen ein bleiches Angesicht bekommen möchte, vnd diese war von Adelichem hohem Geschlecht vnd stammen. Eine andere,[Rand: Adeliche] richt gegen dieser über, hatte rothe lederne Nestel, mit denen sie die Backen ohne vnderlaß anstriche, vermeynend dadurch eine schöne[Rand: Bäurische] Lebhaffte farb im Angesicht zukriegen; vnd diese war eines Bürgers Tochter. Eine andere bate ihren Buhlen, daß er ihr Abends zu[Rand:Gassatim / gehen] gefallen gehen vnd Spielleute für die Fenster bringen wolte: dann sprach sie, ihn zubereden, wer recht liebet der liebet offentlich, [83] daß es jederman erfahren mag; falsche gefährliche Liebe scheuet das Liecht vnd die Mänschen. Eine andre sprach zu ihrem Serviteur, (dann wer Liebet, der ist ein Diener, Ein Knecht, Ein[Rand: Allein mein, / oder laß gar / sein] Schlave) daß sie ihn lieben wolle mit dem beding, wan er sich mit keiner andern in ein gespräch einliesse, dann das könte sie nicht leiden; vnd der thörichte Gesell sprach, Ja, er wolte es thun; vnd die närrische Jungfrau glaubte, er wirde es thun. Andere giengen, ob sie tieffgrüblichten sachen nachzusinnen hätten, vnder andern diese Wort darunder redend: ich möcht doch wissen, ich möcht doch wissen; vnd diese nennet man die Vorwitzige, welche den meisten schaden vnd theurung under den Jungfrauen verursachen. Andere wolten sich verheyrathen, damit sie der Liebe desto freyer pflegen möchten. Andere wolten sich verheyrathen, aber mit einem Jungen Witman, als welcher schon abgericht und abgeführet, und mit ihm besser außzukommen wäre dann mit den hartnäckigten Jungen Gesellen. Andere warffen ihre Buhlenbriefflein zum Fenster hinab, ihrem Buhlen durch die bestelte Leuthe zu vberlifferen. Andere hatten ihre Brieffe vnder der Thüre heimlich durchgestossen etc.

Vnd diese alle waren schier vnheylsam, theils auch so häfftig angefochten, daß man sie für gantz unvernünftig vnd bestien halten muste.

In betrachtung dessen allen dachte ich, zeit zu sein, mich von dannen zu begeben, weil mir der Alte im vorübergehen in ein Ohr sagte, daß manchmahlen ein gut Gesell bey solchem Völcklein viel zu kurtz käme; und wann es offt am besten gerathe, er dannoch sein Lebtag ein Leibeigner schlave seyn vnd deßwegen mit ewiger reue, ohne Hoffnung einiger Erlösung als allein durch den Todt, also gemartert bleiben müsse. Dann unmüglich wäre es, einen Mänschen auß den banden deß Ehestands zu erlösen, daß ers muß lassen anstehen ewiglich; seye also ein böser Heyrath ärger als der Türck selbsten, von dem man doch endtlich erlöst zu werden noch könne hoffnung haben. Zu verhütung nun, daß nicht irgend eine[Rand: Frauen-Zimmers / Einbildungen] von mir ursach nehmen möchte, Ihro einzubilden, als ob ich in sie verliebet, wie offt laider geschicht, gienge ich auß diesem Zimmer hinweg.

Vnd kam in einen grossen Hof, allda durch viel Werckleutte ein runder Thurn vier Stock-werck hoch aufgeführet ward; vnd [84] alß ich an die Thür kame, stunden volgende Verse darüber eingehauen:


Nicht lieben, ist nicht Leben.


Ein schönes Junges Weib ohne Lieb,

Ein großer Jahrmarck ohne Dieb,

Ein alter Wuchrer ohne Guth,

Ein Junger Mann ohn freud vnd muth,

Ein alte scheuer ohne mäus,

Ein alter Beltz ohn Flöh vnd Läus,

Ein alter Geisbock ohne Bart

Ist alles wider seine art.


in dem vndersten Stock-werk sahe ich einen Kerle allein in tiefsinnigen gedancken; was er redete, das waren Jungfrauen, was er traumete, das waren Jungfrauen, was er asse, das waren Jungfrauen, was er schribe, das waren Jungfrauen, was er Lase, das waren Jungfrauen, was er sahe, das waren Jungfrauen; vnd wär keine geysse so übel geschleyert, deren er nicht zu respect vnd ehren den Hut abzoge vnd eine tieffe Bückung erzeigte; vnd doch [85] dorffte er nicht einer offenbahren, daß er jemahlen an sie gedacht hätte; mehr will ich von diesem nicht sagen.

In dem andern Stock-werck saßen etliche ädele Jungfrauen, züchtig vnd zierlich, also daß man an ihnen einigen tadel nit wuste, nur daß sie nicht heyrathen wolten, es wäre dan ein geborner von Alt-Adelichem Stamen, inwendig vber dieser Thüre stunden volgende wort eingehauen: Baser ists byn Buren dy thyr uff, as bym adel zu thun. Baser ists, Schultz syn byn Buren, as Bittel byn Junckern. In das dritte Stock-werck sollen die Neue à la mode Jungfrauen hart einbeschlossen vnd gesetzt werden auß ursachen, weil sie die Natur umbkehren und verkehren wollen. Dise haben grosse Brüste, daß sie darfür kaum auf die Erde sehen können, und preiß- oder brustbändel von 30 biß in 50 Ehlen, wann man aber nach dem Kern greiffen wolte, so waren die Brustdücher mit rund gethrätem Holtz vnderzogen, oder doch dergestalt mit Hirse-Sprewern gefüttert, das man mit den lehren Fläschen gantz betrogen ward. Ihnen wird von ihrem Auffwarter zur warnung angesagt, sie sollen diese trügerei bleiben lassen, damit sie jungen Gesellen nicht ursach geben, auf höltzine Hosen zu gedäncken.

Im vierten und obersten Stockwerck sollen die jenige Eheweiber Vogel-Käffigs-weise eingesetzt und beschlossen werden, welche närrischer seind dann alle Jungfrawen, die nur höltzine und sprewerne Dütten haben. Die jenige Weiber, die den Männern, wann sie schlaffen[Rand: Häusliche] oder getruncken haben, vber den Hosen-Sack gehen, den Schlüssel zum Thresur, zu dem Kasten, zu dem Gewölb nehmen vnd den Säckel Credentzen, damit sie viel Närrischen und Manns-verderbischen Haußrath kauffen, Gimpel-Weiber bezahlen, oder heimliche außlagen, so auff Meister und Gesellen gehen, auff Brieffträger, Wurtzkrämer und Apotecker verwendet werden, abrichten mögen. Es sind die rechte Mansverderberinnen, die man in redlichen Gesellschafften weder leiden noch dulden solte, alß die ihren Ehemännern die Seele quälen, das Handwerck verstimpeln, das Gewerb und die Handthierung verderben, und alles, was sie erdappen und erschnappen [86] können, an vberflüssigen, vnnützen, nichtswerthigen, losen, leichtfertigen, bärnhäuterischen, abenthäurlichen, lächerlichen, närrischen, fantastischen, grillischen, barmhertzigen, zauberischen vnd wider die Natur selbst streitenden Hausrath hencken; als da sind zinnine Kehrbürsten, zinnine Kehrwische, zinnine Krätzerlein, zinnine Liechtbutzen, zinnine Blaßbälge, zinnine Offengablen, zinnine Bratspisse, zinnine Küchelgäbelein, zinnine Feuerstecken, zinnine Herdkesselein; vnd in Summa zinnine Holen, zinnine Klufften, zinnine Brandreiten, zinnine Herde, zinnines Holtz, und zinnines Feuer machen lassen. Welches alles dem Lauff der Natur und der Eigenschafft eines Dings selbsten zuwider da muß erligen und verderben, und der arme Mann es im Säckel, im Gewerb und im Credit ermanglen und sampt den Kindern darüber zu scheutern und zu schanden gehen. Vnd hörte ich eine starcke Stimme eines Rufers vff der Gassen: Haußrath wolfeil, Haußrath wolfeil! vff der Becker-stuba!

Ich gung den Thurn herab und hienauß, den Venusberg hinauff und kam zu einer Kappellen, uff Türckische manir gebauwen, darinnen dieser Krancken Herrgötz Cupidon vnd seine Mutter auf einem Herrlichen Zeltenbett beysammen sassen; sie sahen mächtig schläfferig auß, das Gemach war allenthalben wol versperret und mit vielen brennenden Wachsliechtern inwendig beleuchtet, welche doch bald nach meiner Ankunfft außgelöschet worden, neben einer Stimm, so ich hörete,


Im duncklen ist gut muncklen.


Weil mir aber solches verdächtig vorkame, und allein bey ihnen nit getrauen wolte, in betrachtung, quod cum


In coelo solem semper comitatur euntem,

In Terra lucem cur fugit ergo Venus?


kam der Alte zu gutem glück daher: darumb er dann etwas vnwillig die Liechter widerumb anzünden hiesse und mich bei der Hand von dannen führete, damit ich von dem Beuttelschneiderischen gesindlein weg käme, sagte mir dabey diese Wort:[87] [Rand: Carol. Scriban. / Adol. / Prodig. p. 18.] Hic Venus et Cupido nova sceleribus inventa Numina: quasi peccare tuto liceat praeeuntibus Diis.


Vana ista demens animus ascivit sibi,

Venerisque nomen finxit atque arcus Dei

quo liberius per scelera juventus iret, cum Deos haberet monitores, authores, Duces.

[Rand: Owen l. / sing Ep. 237.]

Odit somnus iners, odit Venus improba lucem:

Est animi somnus Mors animaeque Venus.

ô Behüte Gott, sprach ich

[Rand: ibid. ep. 257.]

Cogitis in quantos hominum genus omne furores,

Tu Venus ô mulier, tuque ô Cupide puer!


[Rand: Ehweiber / Wesen / Küssen] Gieng also fort und in ein anderes Gebäw, darinn die Eheweiber beysammen waren. Etliche vnter ihnen küsseten ihre Männer, nicht zwar auß Liebe, sondern die gute Narren damit zu bethören. Vultum enim [Rand: Petr. Arbit.] quae permutat, fraudem quaerit non satisfactionem. Etliche wurden von ihren Männern Tag vnnd Nacht verhütet vnd außgespähet, die ihnen allenthalben auf dem Fuß folgeten,[Rand: Mißtreue] damit sie nicht irgend eine Thorheit begiengen.

Aber der Alte sagte mir: es ist vergebens, Flöhe in einem Korb hüten; Es ist eine verlohrne Arbeit, wann man muß Wasser in Bronnen tragen.


[88]

[Rand: Owen l. / sing. Ep. 257.]

Frustra observatur Conjux: ea sola maritum,

Quae, quamvis possit fallere, nolit, amat.


Unter welchen Weibern gleichwol sich etliche selig preiseten, wan sie, vmb fremder Liebe willen, dieses und ein mehreres außstehen und leiden musten.


[Rand: Id. lib 1. / Ep. 93.]

Cur Venus illicitum sequitur Vulcania Martem?

Vulcanus licita claudicat in Venere.


Andere nahmen sich an, Bittfahrt an ein Ort zu verrichten, ichtwas vmb Gottes willen zu geben, in die Kirche zu gehen,[Rand: Gottesförchtige] in Saurbrunnen zu reysen, ein Krancken zu besuchen, eine Kindbetterin anzusprechen: Ach mein hertzlieber Mann, da und da muß ich Ehre und Gewissens oder meiner Gesundheit wegen hin, indessen bleib du daheim, hab gut sorg zum Hauß, Guck auch zum Kind! Aber im Werck ward es vmb anderer vrsachen willen angesehen; dem heimlichen Buhlen einen Narrengang zugefallen zuthun, auff dem Plain-palais, à Lancy, à la belle Cour, en l'Isle, au pré [Rand: Venus Wallfahrten] aux Clercs, à St. Clou, à Charenton, au prè des Allemans, au Saussy, auff den Schießrein, in die Ruprechts-Au, nach St. Argobast, nach Keyl, nach Illkirch, nach Schilckheim, nach Bischheim und Hönheim zu spatzieren, im grünen Schiff die Ill hinauff in das grüne gras und nach St. Oßwald zu fahren. In dem der arme Mann mit beiden Händen arbeiten, hacken und roden muste, [89] daß ihm der bittere schweiß vber das Gesicht abrane. Andere giengen in das Bad; warumb? darumb, daß sie sich wolten schräpfen[Rand: Badegäste] lassen. Aber zu höchstem ihrem mißfallen hat man vor kurtzem löblich verordnet, daß die Mannsleute, denen zu Ehren offt dergleichen Badgelt spendieret worden, in andere Zimmer zu baden sollen angewiesen werden. Vnd derowegen nicht ohne vrsach ist, daß diese arme Weibriger jetzund so Maulhenckolisch da in Gedancken ligen und so traurig dasitzen, als wolten sie den Banck[Rand: Kätzerische] durchschwitzen. Andere sahe ich offt und fleissig zur Beicht gehen, damit sie in guten wercken desto mehr vnderwiesen wirden; und dise waren gleichwol nit gut Katholisch, sondern sie kamen mir etwas kätzerisch vor, als die auff den Ablaß nicht viel halten. Etliche, die doch selbs nie viel zu essen hatten, hielten ihren Kindern praeceptores zu Hause; warumb? darumb daß sie desto gelehrter und informirter werden möchten. Etliche waren darauff auß, wie[Rand: Krüge brechen] sie Krüge brechen könten, auß ursach, weil ihre Männer Häfen brachen.


[90]

[Rand: Mart. l. 12. / Ep. 58.]

Ancillariolum tua te vocat Uxor, et ipsa

Lecticariola est. Estis, Alauda, pares.


Etliche trachteten, wie sie sich an ihren Männern rechen[Rand: Rachgierige.] möchten nach dem Sprichwort, Es hab ein Weib keine grössere frewde, als wann sie sich an ihrem Mann rechen könne. Etliche vnder ihnen waren Mürrisch, weil zu gebürender Zeit der Mann[Rand: Maulhenkolisch] nit daheimen, Andre eben darumb, weil der Mann auff vngebührende Zeit zu Hause war. Etliche, wann sie der Mann erzörnet oder in etwas wenigs ihrem zimperlichen willen und wolgefallen zuwider gethan, waren so vngehalten, daß Er selbige Nacht nicht zu ihro in das Bette dorffte wie zudäpisch er sich auch in Worten vnd Wercken gegen sie erzeigete; der arme Narr muste auf der Banck schlaffen, muste die gantze Nacht durch das Kind wiegen, muste der Gnadfrawen daß Trinckgeschirr darbieten, mit vndersichtigem, tief seuffzendem Gehorsam auffwarten, mit grosser Ehrerbietung das trinckgeschirr von der Frawen wider empfangen, die Haube in Händen tragen und erwarten, was ihm in ein und anderen mehr für Befehl auffgetragen werden wolte. Vnder diesen allen gleichwol waren diejenige Weiber nicht zu finden, deren Männer im Krieg, auff der Reyse, in der Messe, auf den Jahrmärcken und sonst verhindert worden, oder so, die ihrige zu ernehren, als dieser arme Bott Tag und Nacht, ja Jahr und Tag, herumb lauffen musten; dann dieselbige sich die zeit vber als Jungfrawen verhielten, biß die Männer wider nach Hause kamen, da sie doch alle drey viertel Jahr ihr Kind ohne fehl in der Wiege fanden und das Geschrey ohne Wolle hören musten.


[91]

[Rand: Martial l. 8. / Ep. 31.]

Nescio quid de te non belle, Dento, fateris,

Conjuge qui ducta jura paterna petis.

Sed jam supplicibus dominum lassare libellis

desine et in patriam servus ab Urbe redi.

Nam dum tu longe deserta uxore, diuque

tres quaeris Natos, quattuor invenies.


[Rand: Witfrawen / und Männer / Wesen] In einem andern Zimmer nahe bei diesem waren die Ehrsame, Erbare, Betagte Männer und Witfrawen, welche an Witz und Erfahrenheit den andern weit vorzusetzen. Sie stelleten sich[Rand: Gravitätische] alle gar gravitätisch, züchtig und still, kunten nicht leiden, daß junge Leutlein ein Wort reden oder nur lachen solten; und wo sie nur sahen, daß zwey miteinander sprach hielten oder einander ansahen, so war es bei ihnen gewisser Schluß und musten die zwey gehuret haben. Dann keiner sieht einen andern hindern dem Ofen, der nicht zuvor daselbst gewesen, und hatten sie ebenwol bei ihrem alter noch mancherlei Zufälle und Anfechtungen, so daß man ihre Thorheit unschwer vermercken kundte und die gravität nicht lang blatz fande.


Nimirum sapiunt videntque magnam

Matronae quoque fistulam libenter.


[Rand: Mart. Ep. / 11. 17.]

Erubuit posuitque meum Lucretia librum

Sed coram Bruto. Brute recede, leget.


[Rand: Liebe von / Hertzen] Eine sahe ich, die weynete mit ihrem rechten Aug vmb ihren verstorbenen Mann, und mit dem lincken Aug gab sie ihrem Buhlen einen freundlichen Blick von Hertzen; eben wie die Frantzosen, wann sie einem die lincke Hand geben, sagenC'est la main du coeur. Es seye die Hand von Hertzen, und die Liebe sey auff der lincken seiten viel stärcker als auff der rechten. Eine andere sahe ich in der hohen Traur gehen, nit aus Hertzenleid, sondern wegen der Gewohnheit und wegen der Zeit. Viel andere, ohne[Rand: aur trachten] äusserliche Traur vnd Schleyer, giengen in den Gemach auff vnd ab, welche dem ansehen nach Fromme auffrichtige Matronen waren; wie ich aber hernach vernahme, waren es Mameluckinen und die keinen Glauben hatten, auch niemand keinen Glauben hielten. [92] Andere wetteten mit einander, welcher der Schleyer, Sturtz, Flur, Traur, besser anstehen solte; diese, da sie in solcher Tracht leid tragen solten, trugen sich so zierlich, so zimperlich, so pintlich, so[Rand: Püntliche] musterlich, daß man ihre hochzeitliche Gedancken leichtlich mercken konte.

In einem andern Zimmer sahe ich etliche hauffen Weibsvolck ohne vnderscheid Alters oder Standts vnder einander herumber gehen. Vnder diesen waren etliche alte erlebte Müteren, so sich[Rand: Alte / Närrinnen] doch in Kleidung, in Geberden vnd in ihrem gantzen Wesen den jungen Mägdlein gleich hielten, damit sie den Männern gleichwol die Gedancken beunruhigen möchten.

Hinwiederum sahe ich etliche junge Mägdlein sich dapffer[Rand: Junge Mägdlein / Junge Gafflen] dummlen, sich der Zeit und Gelegenheit frisch gebrauchen und sich eylen, damit sie nicht zu spath kämen, weil sie doch im Alter darben müsten nach dem, was dort geschrieben stehet:


[Rand: Owen l. 1. / Ep. 27.]

Utere temporibus praesentibus utere rebus:

Tempus erit nullum quum tibi tempus erit.

Grammaticus de praeterito dicatque futuro:

Tempore praesenti, dum licet, utar ego.


Viel waren vnder ihnen, welche schöne vergülte Bücher trugen,[Rand: Handbüchlein.] andere gantz schwartz mit Corduan vberzogen, so ich dem ansehen nach für horas sacras, sacras Litanias, Rosengärtlein, Catechismus, Jesus Syrach, Psalter, Habermann, Paradeißgärtlein, Andachten, Wasserquelle, Wahres Christenthumb, Vbung der Gottseligkeit, Selb-betrug etc. achtete; Als aber ich sie ein wenig auffthate, vnd das innere besahe, so waren es der Amadiß, Schäfferey, Rollwagen, Gartengesellschafft, Schimpff vnd Ernst, Eulenspiegel, König Löw, Melusina, Ritter Pontus, Herr Tristram, Peter mit den silbernen Schlüßlen, Albertus Magnus, Hebammenbuch, Traumbuch, Zirckelbuch, Loßbüchlein, Rätzelbuch, und viel dergleichen mehr.

Andere damit sie schamhafft erscheineten, verpflasterten das[Rand: Ein Pflästerlein / für das / lose Zanwehe] Gesicht hie vnd da mit schwartz Daffeten Schandflecken, deren sie sich doch selbst nit schämeten.

[93] In Summa tausenderley Fantaestereyen wären zu erzehlen, die der Hirnhabende Leser zu seiner zeit ohne meine anweisung vernünftig wird mercken und von sich selbsten verstehen können.

In einem kleinen gärtlein nähst an diesem Gebäu sahe ich etliche als in einem Pferch eingeschlossen, gewesene Jungfrauen und Junggesellen, die sich gleichwol nicht dunckten Säue zu seyn. Mir ward gesaget, diese Jungegesellen wollten nit ehe heyrathen, sie konten dann ein gebornes Fräule oder eine geborne von Adel haben, diese gewesenen Jungfrauen aber wolten nicht ehe heyrathen, sie könten dann einen gebornen Herren, oder einen vom Adel[Rand: Auß seinem / Stand heyrathen] haben. Der Alte berichtete mich hierauff und sprach: Ach der thörichten Leute, die auß ihrem Stand und vber ihr Herkommen und vermögen heyrathen wollen.

Meynen die Närrische Junggesellen, wan sie irgend eine vngerathene von Adel erdappen, daß sie drumb vnder dem wahrn Adel geliebt, geehret vnd geschwägert werden mögen? Ach wie manchen Thoren hat dergleichen heyrath sein Leben gekostet. Vnd meynen die thörichten Jungfrawen, weil ihnen ein gebohrner Herr oder ein Juncker seine Liebe vnd Dienste angebotten, daß ihm darumb Ernst seye? Es ist nit umb heyrathens willen, daß dergleichen sachen vorgehen. Manche hat ihr Ehrenkräntzlein verlohren durch einen der höher war gebohren; Aber warumb sind die Mägdlein solche Thoren? warumb verstopffen sie nicht ihre Ohren? So blieben sie unvexiret und blieb das Kräntzlein unverlohren. Gewiß ist es,


Liebstu jemand in höhrem Stand,

so hastu warlich kein Verstand.


[Rand: Du Bellay / aux ieux / rustiques]

Suspecte est l'amour des Princes;

Et de ces amours de Court,

Souvant le bruit qui en court

Fait la fable des provinces.

Qui ayme plus grand que soy

Luy mesme se donne la loy.


[Rand: Fromme / Weiber] Weil mir aber vnder diesem thörichten Gesindlein die Zeit auch fast lang ward, begab ich mich von dannen in ein ander Zimmer, darin die Geistliche Weibsleute wohneten, welche sonst ein stilles und eingezogenes Leben und Wandel führeten. Aber ich befande im außkehren, daß sie mit dieser thörichten Kranckheit [94] nicht minder angefochten und darnider ligen als die vorige alle, und ob sie schon ihrer täglichen häußlichen Arbeit wohl abwarten, doch bißweilen eine unvermerckte stund komme, in deren sie eine zimmliche thorheit begehen; sind sonsten allen denjenigen feind, die dem Buhlwerck nachhangen, reden tröstlich von Gottes Wort und der lieben Erbarkeit, werden derowegen nicht so enge gehalten wie die andern, sondern haben Erlaubnuß, hin zu spatzieren, wo sie gern wollen. Im Außgang vber dieser Thüre innwendig stunden diese Worte


Casta. Est. Quam. Nemo. Rogavit.


In diesem Zimmer fragte ich den Alten abermahl, woher doch eigentlichen die Hauptursach dieser Kranckheiten und so schwerlicher fällen aller herrühren möchte? Mein Sohn, sprach er,


Allein der Müssiggang

Ist des Buhlens Anfang.


[Rand: Ovidius]

Quaeritur, Aegistus quare sit factus adulter?

In promptu causa est, desidiosus erat.


Wo Ceres nicht sitzet,

Wo Bacchus nicht hitzet,

Do Venus nicht schwitzet.


Wo Herr Müssiggang ist, da ist Fraw Kitzel gern.Nascitur [Rand: Müßiggangs / Würckung] ex otio lascivia humana. Wann Dina spatzieren gehet, so ist es umb ihre Ehre geschehen. Deme aber vorzukommen.


[Rand: Owen / Monost. 5.]

Qui vult virgineum caelebs servare pudorem,

otia devitet femineosque choros.

Otia si tollas, periere Cupidinis arcus.


Wie er nun, der Alte, vorter gienge, sahe ich noch in diesem[Rand: Leichtsinnige] Zimmer etliche Niderländische oder Holländische, die sich nennten auß Flandern, weil sie einen gaben umb den andern:


[Rand: Owen l. 1. / Ep. 68.]

Nulla fides Veneri, levis est, interque planetas

ponitur, haud intra sydera fixa Venus.


[95] Diese thaten nichts als Wechselbrieffe hin und her schicken, und war ihr traffique oder Gewerb so groß als der Fugger von Augspurg vnd Höffischer Gesellschaff immer seyn mag.


[Rand: Owen lib. 1. / Ep. 17.]

Solarem muliebris amor non durat in annum

Phyllidis: Instabilem Phyllida luna regit.

Menstrua mente solet Phyllis, non corpore tantum

Quovis mense pati: menstruus hujus amor.


Ein Lieb und nicht mehr

wär allen Frauen wohl ein Ehr.

Sie wollens aber nicht verstahn,

Ihr etliche wolln zween, auch drey han.


Etliche liebeten nur die jenigen, von welchen sie doch nicht geliebet wurden; und von welchen sie geliebet wurden, die liebten sie nicht.


[Rand: Des Accords]

D'oú vient qu'une Dame legere

Prise tousiours la Loyauté

Qu'elle prise en la maniere

qu'un aueugle fait la clarté:

ainsi que plusieurs font grand cas

de belles choses qu'ils n'ont pas.


In Summa summa, es waren die Zustände so viel und gefährlich, daß der Artzt an der Hülff und Heylung schier zweiflen wolte.

[Rand: Expertae / Robertae] Auß diesem Zimmer kam ich widerumb in ein anders, darinn die jenige Weiber waren, welche den ledigen Standt gelobet hatten; und diese waren nicht so toll wie die vorige, weil sie sonst an allen Orten Mittel fanden, ihrer Kranckheit Linderung zu schaffen.[Rand: Schnapp-hanen] Etliche vnder ihnen waren den Schnap-hane gleich, als welche manchem Ehrlichen Mann das seinige abnahmen und einem Bettler gaben. Zwar ist es ein Werck der Barmhertzigkeit, die Nackede kleiden; aber es ist auch ein Werck der Vnbarmhertzigkeit, einen bekleideten außziehen. Da sihest du, sprach der Alte, die böse Gewohnheit vntrewer Weiber, die von nichts als Trew zusagen wissen und doch so gar wenig Trew und Glauben halten; die lose Lust und gelüste leichtfertiger Weiber, welche sich offt ehe an einem kathigen Kärchelzieher, Kornwerffer, Beckenknecht, Metzger,[96] Schiffmann oder anderen groben Bengel vergaffen als an ihren eigenen Ehemännern, denen sie ehe alles abtragen, ehe sie den Gespahnen einen mangel leiden liessen, und dißfalls wahr sein muß: quod – pauper ubique jacet. [Rand: Owen lib.]


Ein grober Flögel

Schlägt offt sechs Kögel,

Da sonst ein ehrlich Bider-Mann

Nicht wol ein Kögel treffen kan.


Jener arme Poet, der von der Königin Elisabet ein steur bate, und sie aus erbärmde sagte: Pauper ubique jacet, der Arme muß allenthalben ligen; gab ihro alsbald diese vernünfftige Antwort:


In thalamis Regina tuis hac nocte cubarem,

Si foret hoc verum: pauper ubique jacet.


Nun jetzt, Gott lob, bin ich aufs höchst gestigen,

Vnd, wie ich hör', auß aller Noth errett,

Dann, wann der Arm muß allenthalben liegen,

So schlaff ich heunt in meiner Köngin Bett.


Etliche waren vber die massen[Rand: Ich wär es /gern] thöricht, wußten doch nicht warumb; Allein auß vrsachen, daß etwan ein Poet in seinen Reymen ihre Schönheit gelobet, ihre Haar in güldine Fäden oder Sonnenstrahlen, ihre Zähne in Helffenbein und Perlen, ihren Mund und Leffzen in Korall, ihren gantzen Leib in Edelgestein und Bisam verwandelt hatte. Eine sahe ich mit einem Sterngucker sprach halten, damit er ihr ein Thema, ihre Genesin, ihren Horoscopum ihre Nativitet (so die Weiber Antifitet nennen; jene meynete, es wäre das Erste Buch Moysis) stellen, und[97] [Rand: Im Huren / Hauß] weisen solte, in welchem Hauß sie gebohren? und was Glücks sie in der Welt? was vor einen Mann, wie viel Kinder zuhoffen hätte? und wie baldt? Eine andere sahe ich mit einer Zügeinerin oder[Rand: Abergläubische] Zauberin sprachen, welcher sie die Hände und den Hinderen weysen mußte; diese war so mitleidig und Barmhertzig, daß, wo sie einem die Liebe hätte zu fressen geben können, sie keinen Kosten wirde gespahret haben. O wie viel sahe ich derer, wann sie ihre entlehnte Haare, ihre geflickte Schönheit, ihre gekauffte gestalt hätten wider umb geben sollen, es ihnen viel lächerlicher alß deß Aesopus Krähen mit den entlehnten Federn wirde ergangen haben.

Ich schüttelte den Kopff, und mit lächelndem mund vber alle diese Thorheit gieng ich von dannen und kam in ein anders grosses Gebäw, so von dem vorigen mit einem kleinen Durchgang[Rand: Manns / Personen] vnderscheiden, in welchem die Mannspersonen ihre Wohnung und auffenthalt hatten.

[Rand: Weiber / Narren] Die Erste wurden genennet Weiber-Narren, deren Kranckheit einig und allein daher kame, daß sie stehts hinden und vornen umb und an den Weibern seyn wolten; und wer ihnen von der Cur nur redete, der war bei ihnen angefeindet und gehasset; meyneten also die gute Männer, es wäre ein opus meritorium (ein seeligmachender Verdienst) wo sie in solcher Thorheit solten das Leben lassen; und ob sie schon die Ursach und den Ursprung ihres übels, wie jener gute Bruder, mercken und wissen, wolten sie doch nicht geholffen haben. Derowegen sie auch umb ihrer vortrefflichen Dienste willen die Kapp mit vier Schellen zu zieren, macht hatten, da andere nur zwo tragen dörffen.

[Rand: Knappe / Hansen] O wie manchen guten Schlucker hab ich alda gesehen, der, wann vor diesem eine neue Narren-mode (tracht) kaum auffkommen, seinem Schatz, seiner maistresse, seiner Dame zu gefallen, alles darauf spendiret hatte, doch sonst mit guten Zähnen daheim vbel essen, oder auß Andacht gar fasten müssen!


[98]

[Rand: Martial l. 3. / Ep. 12.]

Res falsa est, bene olere et esurire.

qui non caenat et ungitur, Fabulle,

hic vere mihi mortuus videtur.


Was sind das für Narren-bossen?

Sprach zu mir ein Edelmann,

Den ich noch wol nennen kan,

Wann ich trüg verbrämte Hosen

vnd solt doch nicht haben Brodt,

besser wär es, morgen todt.

Lieber halt ichs mit den Bauren,

Die sich fressen voll die Haut

mit dürr Fleisch vnd Sauer-kraut,

Wissen nicht von noth noch trauren,

Frippen zu dem Kalb die Kuh,

tragen doch geblätzte Schuh.

Summa, wann nur hat der Magen,

soll man keinen mangel klagen.


Wie manchen grossen Monsieur hab ich allda funden, der vor diesem mit hunderten den Spiel-Leuten, Kupplerinnen, und[Rand: Narrethey / kostet mehr / als Witz] Zuckerbeckern darbezahlet, damit er seinem Liebsten Engelein, scilicet, ein Ständerlein, einen Dantz, einen Abendtrunck geben, bestellen und aufftragen mögen; welcher doch an jetzo gern vmb ein Mittag-Essen die Hosen versetzet vnd verpfändet hätte.


[Rand: Martial l. 2. / Ep. 57.]

Hic, quem videtis gressibus vagis lentum,

Amethistinatus media qui secat septa;

quem non lacernis Publius meus vincit,

Non ipse Codrus, alpha penulatorum:

Quem grex togatus sequitur et capillatus;

Recensque sella linteisque lorisque:

Oppigneravit ad modo Claudii mensam

Vix octo nummis annulum, unde caenaret.


Wie viel waren da, die nicht wol das Brod im Hause hatten, welche dannoch die tentation oder vielmehr die titillation und der Kützel vexirete.

[99] [Rand: Eisenbeisser.] In einem Eck allein, gleichwol in eben diesem Saal, sahe ich etliche schwartze wüste Tropffen, mit langen schmutzigen Haaren, deren ein theil grosse Knöbel-Bärt hatten, damit sie einem Kind hätten die Augen außstechen können; gleichwol bei ihnen auch andere gantz ohne Bart, wie die alte Huren; diese ins gesamt bildeten sich ein, daß sie die schöneste, wolgestalteste, lieblichste,[Rand: Wüste /Tropffen] freundlichste Kerls auff Erden wären. Der eine trug eine grosse gekräusete perrucque oder gemachtes falsches Haar, oder Zopff, oder Locken; der ander striche den Knöbel-Bart; der dritte trillete den Bart wie jener Kapitän seine drey Soldaten; der vierdte hatte gar kein Bart, darumb wischete er nur das maul; jener prangte mit seinen weissen weichen Händen; dieser mit seinen kleinen Füssen. Vnd bey aller solcher Einbildung war doch in warheit ein jeder heßlicher, gräßlicher und vngeschaffener als der wüste vnflätige Thersites bey dem blinden Homerus selbsten, welcher war


[Rand: Iliad. β]

– αἴσχιστος δὲ ἀνὴρ –

φολκὸς ἔην, χωλὸς δ᾽ἕτερον πόδα τὼ δέ οῖ ὤμω

κυρτὼ, ἐπὶ στῆϑος συνοχωκότε αὐτὰρ ὕπερϑεν

φοξὸς ἔην κεφαλήν, ψεδνὴ δ᾽ ἐπενήνοϑε λάχνη.


Turpissimus autem vir,

Strabo erat, claudus autem altero pede et ipsius humeri

Curvi, et in pectus contracti, et desuper

Acutus erat capite, rara autem percurrebat lanugo.

oder wie sie der Edele Enge-Länder beschreibet:

[Rand: Owen l. 2. / Ep. 87.]

Dicis amore tui bellas ardere puellas

Qui faciem sub aqua, Phoebe, natantis habes.


Diese wüste Tropffen solten sich ja hüten, daß sie ihre eingebildete Schönheit bey dem Frauenzimmer nicht rühmeten; als welche von Natur nicht leiden können, daß irgend jemand schöner sein wolle als sie selbsten.

[Rand: Frantzosen art] Dort gab sich einer für einen Kriegshelden auß, für einen Rauffer, Kämpffer und Fechter, der vber die massen mit dem großen Messer auffschneiden, von anders nichts als grossen Streichen, tieffen Wunden, von Vestung einnehmen und Mauern besteigen [100] reden konte; da doch der arme Hund wissen solte, das weibliche Geschlecht seye von Natur forchtsam, und daß sie erzittern, und sich verkriechen möchten, sobald sie eines Degens ansichtig werden. Da gienge einer Nachts zeit, umb seiner Maistresse Wohnung[Rand: Runde thun] die Ronde zu thun, kam doch eben so ein grosser Narr wider nach Hauß, als er zuvor außgegangen. Andere, indem sie nur etliche Exempel der tollen Liebe erzehlen höreten, wurden also bald so grosse Narren als die vorige alle. Dieser lieff den gantzen[Rand: Läuffer] Sontag durch alle Gassen, ob er irgend eine Küchenmagd antreffen möchte, dann bey ihnen heisset es wie bei Aubelin,Bovem putat esse Iovem, oder viel mehr Asinam cupit esse Amasiam; ein Zatz sein Schatz. Jener klagte, daß er mit aller seiner freundlichkeit und beständigkeit keine Jungfraw, oder Weib erwerben, dieser aber hingegen, daß er seines Weibs müde, und doch nicht loß werden könte.


[Rand: Owen l. / sing. Ep. 163.]

Uxorem quod non habeat cruciatur Alanus

Uxorem quod habes, Pontiliane, doles.


Jener lieff von Hauß zu Hauß, von Eck zu Eck wie ein[Rand: Schneicker] Stein auff dem Brettspiel, und kunte doch mit aller mühe und arbeit keine Dame zu wegen bringen. Dieser klagte sich, was er für ungemach außstehen müste, da doch nichts an war; ein andrer, der viel vnzehlich Kummer außstunde, wolt oder dörffte es gleichwol niemand klagen. Mit welchen insonderheit ich ein grosses mitleiden hatte, und ihnen offt gerathen, daß sie von solcher Thorheit abkehren wolten. Aber der Alte sprach zu mir: Laß sie[Rand: Narren / lassen sich / nicht wehren] gehen, Narren ist weder zu rathen noch zu helffen, es seye dann, daß man ihnen mit Kolben lause.

Es waren auch hochtrabende Gesellen da zu finden, welche[Rand: Hoffertige] manch ehrlich Mägdlein nicht minderes Stands als sie selbst gleichwol verachteten und höher hienauß wolten, dan sie fliegen konten oder ihnen die Federn gewachsen waren. Wie dann in den vorigen[Rand: Weiber stoltzer / Sinn] Zimmern ich vnder dem Weibsvolck dergleichen Fälle auch gesehen, indem sie offt einen guten ehrlichen Gesellen, so zwar ihrem Stande gemäß oder noch besser sein möchte, gleichwol verachtet, außgestümpffet vnd verlachet, ohne deren hülff sie doch nimmer [101] hätten mögen Ehlig-seelig werden. Auch sah ich etliche gantz-Eselgrawhärige Junge Gesellen, von welchen gesaget wurde, Ob sie sich selbsten nicht recht trauen solten. Diese leben ohne Ehliche Weiber auß Forcht, sie in der spesa nit bastant und in der[Rand: Alte Junggesellen] Außgab zu kurtz kommen möchten; derowegen sie sich in ihrem Hauß-wesen mit Kuchen- und Stall-Mägden, mit Keller- Speicher- Disch- Stühl-Bänck- Stegen- und Kammermägden, welchen sie den Lohn geben, behelffen. Warumb? Darumb, daß sie ihnen HAußhalten sollen: H enim non est litera, sed aspirationis Nota. Solche junge Gesellen hab ich jederweilen den bösen Schuldnern verglichen, welcher weise ist, daß sie an manchem Ort spendiren, da es gantz nit von nöthen; und wenn sie ihre eigene Leute bezahlen sollen, alsdann kein Geld mehr in Säckel haben.


Nun so Freyt, Ihr Jung Gesellen,

Die ihr lebet ausser Ehe,

Sonst, wann ihr alt freyen wöllen,

So gehts an mit Ach und Weh.

Alt-Jung-Gsellen die spendiren,

Da sichs offt nicht will gebühren;

Wann die Braut dann kommet her,

So sind alle Säckel lehr.


[Rand: Martialis / l. 12. Ep. 20.]

Quare non habeat, Fabulle, quaeris

Uxorem Themison? habet Sororem.


Quirinalis redet eygentlicher davon:

[Rand: Idem lib. 1. / Ep. 85.]

Uxorem habendam non putat Quirinalis

Quo possit istud more? – Ancillas.


Ein mancher Tropff

kratzt sich im Kopff,

wann er nur hört von Weibern sagen,

will an sich selbst und Gott verzagen.

Ein Mann ohne Weib

ist halb ohne Leib.

Ein schlechter spaß, allein herummer stutzen,

Was wolt der Mann,

Der sich nicht kan

selbst rathen recht, dem Vaterland doch nutzen?


[102] Die Ehemänner sahe ich da mit Ketten und Banden umbgeben,[Rand: Ehemänner] in welchen sie offtmal mehr vnsinniger waren als die Narren alle. Dann etliche verachteten ihre eigene Weiber, liebeten und[Rand: Frembde / Weiber] lobten allein, was andre Weiber thaten. Andere meyneten, daß durch sauer sehen und stetiges balgen sie ihre Weiber zum Gehorsam[Rand: Gehorsam / haben] bringen wolten. Aber diese sahe ich auch sehr betrogen, dann endlich auß wilden Löwen, und reissenden Wölffen gedultige Schäfflein und Lämer-Matzen worden.


[Rand: Owen l. / sing. Ep. 12.]

Imperet ipsa nihil, quidvis tamen impetret Uxor;

Utere nec serva Conjuge, nec domina.


Andre liebten ihrer Weiber Gespielen. Andere spieleten mit anderen Weiberen.

[Rand: Owen l. 1. / Ep. 91.]

Totus es Uxoris, non solus, Cotta, Camillae:

Sola tua est, at non tota Camilla tua est.


Witwer, als erfahrene, waren schwerlich zu betriegen, und[Rand: Witwer / auch Närrisch] gleichwol sahe man deren, die mit allen vieren in den Treck fielen, ob sie schon mit sonderm bedacht und vorbedacht die sach anzugreiffen vermeynten. Diese waren allenthalben wie Hanß umb und umb daheim; wo sie liebten, da waren sie willkommen, und die hinder Thür stund ihnen offen; von welchen sie aber geliebet wurden, deren achteten sie eben nicht so sehr; und daß sich zu verwunderen ist, so waren sie rechte Narren, wie wol sie vor der Welt die witzigsten sein wolten.

Etlicher sehr alter erlebter Herren wurde ich da gewahr,[Rand: Alter Männ / Heyrath] denen die Weiber nicht wol einen guten Blick geben mochten; vnd wie freundlich sich dieselbige auch stelleten, doch wenig dancks damit verdienen konten. Sie waren eben übel empfangen, sie kamen her, wo sie wolten und wann sie wolten. Als ich im vorüber gehen dessen ursach von dem Alten erforschete, gab er mir zur Antwort.


[Rand: Owen l. 1. / Ep. 108.]

Uxorem si forte senex vis ducere? Doctam

Vulcani Cuculi consule Grammaticam:

Illic invenies indeclinabile Cornu.

Hunc scopulum pauci praeteriere Senes.


[103] Die Weiber haben, sprach er, auch philosophiret, aber auff die philologiam, das unseelige Critisiren, Grüblen in Worten, geben sie nicht ein tüttel, nicht ein dudenierel.


[Rand: Des Accords / aux touches]

Un Vieillard desia tout cassé

prit à femme une jeune fille:

qu'il nommoit par façon gentille

Le temps Present, luy le Passé.

Mais aprez qu'il se fut lassé,

La femme dit, le temps me dure,

Que le Passé n'est tres passé,

pour trouver la saison Future.


Die Wercke werden von ihnen erfordert

Res, non Verba, petunt Nuptae, non Nomina: Da Res,

gratius est, quam si Carmina mille dares.


[Rand: Musicanten] Etliche Musicanten und Lautenschläger sahe man da, deren Vorsatz war, die Jungfrauen mit ihrem tyrelyren zugewinnen und bethören; wie dann bei vielen auch geschehen, die bethöret worden.

Die Poeten vermeyneten mit Verß-machen nicht ein minderes[Rand: Poeten] zu verdienen; aber wann sie hofften, ihre Vena hätte das beste gethan, so sprach die Jungfraw: Ach Herr, es sind nur Vana. Mancher erzehlete dem anderen seine heimlichkeit, der es her nach[Rand: Heimlichkeit / klagen] im Hertzen lachete, vnd es ihm zu nutz machete. Mancher machte ein opus Aeneidos vber ein Kuchenfenster, da seine Liebste (Viehmagd)[Rand: Opus Aeneidos / vber ein / Küchenfenster] herauß gesehen und sonst wol nicht ein Hund hin geschmackt hätte. Einer wolte mit seinen Reymen die Nacht beschwören, daß sie ihm mit dem Gestirne der Liebsten Thüre und Kammer weisen solte. Ein andrer trug den Sack voll Briefflein mit allerhand[Rand: Brieff-Narren] farben von Seide, Silber und güldinen Fäden vmbbunden vnd mit Pfeilen, Köchern, Hertzen, Flammen etc versiegelt vnd verzüglet. Andere trugen Armbande, Hutschnüre und Zöpffe,[Rand: Haarband] vermeynend von ihrer Maistresse Haaren, welche doch vielleicht von einer Außsätzigen, oder gar von einem Küheschwantz waren wie jener Barbier zu Anspach.

In einem sonders darzu gemachten Häußlein, als wie ein [104] Zuchthäusel, sassen zween ansehnliche Kerls, gleichwol mit Ketten als vnsinnige angeschmidet; und als ich hienzu gienge, zu hören was ihne gebristen thäte? war es nichts als seufftzen, klagen, wünschen: O daß ich! ô wann ich! ô hätte ich! ô wan ich so seelig wäre, sprach der eine, daß ich in einen Floh verwandelt wirde und nur auffs wenigste in meiner Liebsten Kammer dörffte herumber hupffen! wie ein viel seeligers Geschöpff ist doch ein Floh vor mir, der so viel und grossen Gewalt hat, und ich darff nicht wol dahien schmäcken. Ey so schmacke! sprach ich, daß du deine Ehre verschmackest. Der muß ja wol ein grill sein, der sich auch solche thorheit wünschet. Der ander, noch Närrischer, wünschete sich glückselig zu seyn, wann er das brett[Rand: Wüste liebe] auff dem heimlichen gemach wäre, damit er seiner Liebsten je zu zeiten möchte einen kuß geben, scilicet. Mit diesem tropffen hatte ich besonders mitleiden und ihm zu mehrer Freundschafft gewünschet, daß er nicht nur das Brett, sondern auch das heimliche Gemach selbsten wäre, und daß ihm seine Liebste zu bezeugung recht-innerlicher Leibes-Liebe gar in das Maul thun möchte. Wiewol ich sicher glaube, der Narr hätte es für einen besondern Schleck und Fressen wie die Leschaggen mit grosser Ehrerbietung gern angenommen.

Etliche gaben vmb einen armen Kuß sich williglichen in ein[Rand: Theure Küsse] sclafische Dienstbarkeit. Andere wolten sich nicht küssen lassen vmb alle affection und Liebe, so man ihnen schwure. Einer liebte heimlich und im Sinn, wie die arme Juden wucheren; ein anderer[Rand: Heimliche / Liebe / Vielerley Ursachen /deß / Liebens] offentlich und ohne schew, es wäre dann, daß man es nicht mercken wolte. Mancher liebte vmbsonst, mancher vmb den Lohn, mancher gab noch Lohn darzu; und diese waren die Liebsten, dieweil ja durch Spanische Dublunen eine Vestung ehe kan gewonnen werden als durch die Cronen der Frantzosen.


[Rand: Owenus]

Mittendi fidos ad Amantes sunt Adamantes,

Solo Adamante polit durum Adamanta faber.


Mancher verliebte sich vmb nichts. Mancher vmb das Gelt, als wie dieser vnbärtige Monsieur auß trieb der Göttin Dubluna oder Diaboluna, ein wüstes altes Thier vmb einen Sack voll [105] Dublunen zur Ehe nahme, und doch hernach von ihr nit anders als ein Esel geacht und gehalten wurde; welches dann aller derer verdienter lohn ist, die mehr auff vnerlaubtes Leid als vff erlaubte fröligkeit ihr absehen haben; die da vermeynen, alte Weiber zu erben, und müssen hernach vor ihnen sterben.


[Rand: Martialis / lib. 10. 8.]

Nubere Paulla cupit nobis; ego ducere Paullam

Nolo, anus est; vellem, si magis esset anus.


Mancher verliebte sich gar vmb Leib und Seel darneben.

Wie ich nun diese letztere Thoren genugsam besehen hatte und in das obere Schloß, der Venus Kunstkammer genant, gehen wolte, sprach der Alte zu mir, ich könte jetzt da nicht eingelassen werden, müßte solches versparen biß auff ein andermal, dann ich der Narrheit schon viel zu viel erfahren. Darumb führte er mich zu rück in den ersten Hoff, da ich eingangs gewesen, darin ich[Rand: Narren wolfeil] nachmahlen mein Wunder sahe. Ich sah, wie sich die Zahl der Narren[106] alle Augenblick mehrete. Ich sahe die Zeit, durch deren Hülffe[Rand: Zeit die beste / Arzney / Eyffer ohne / Ursachen] etliche genesen waren. Ich sahe den Eyffer gegen die jenige, so es am wenigsten bißweilen verschuldet hatten. Ich sahe die Gedächtnuß der alten Liebe und Wunden. Ich sahe den Verstand in[Rand: Alte Liebe / Verstand im / Käffig / Blinde Vernunft] einem finsteren lässig eingeschlossen und gefangen. Ich sahe die Vernunfft mit blinden Augen und anders mehr, darüber mir das Gesicht vergienge.

Endlich merckete ich ein kleines Thürlein, so enge, daß schwerlich[Rand: Lohn der / Narren] hienauß zu kommen; bevorab weil Vndanck und Vntreu allda allein den Paß gaben; da ich dann mich, so viel müglich, eilet und davon machete.

In dem eben einer meiner Anfangs gemelten Freunde, bey denen ich etliche Tag zu verharren mich entschlossen hatte, mir dem Vmbhang vom Bett zoge, darüber ich erwachete und merckete, daß es heller Tag ward. Wie ich mich nun ermundert, umb mich sahe und in meinem Bett befande, verdroß es mich nicht wenig, das in diesem Narren-Hauß ich mich so lang auffgehalten. Doch war ich zufrieden, in dem ich nun wuste, daß auch andere und größere Narren da gewesen, als ich bin, und in der That erfahren, daß Mänschen-Liebe nichts anders seye als eine Liebliche pure Narrethey.

Was ist die Liebe?

[Rand: Hohmburg]

Ein Feuer sonder Feuer, ein lebendiger Todt,

Ein Zorn, doch ohne Gall, ein angenehme Noth,

Ein Klagen ausser Angst, ein vberwundner Sieg,

Ein vnbehertzter Muht, ein Frewdenvoller Krieg;

Ein Feder-leichtes Joch, ein nimmerkranckes Leid,

Ein zweiffelhaffter Trost und süsse Bitterkeit,

Ein unverhofftes Gifft und kluge Narrethey,

Ja kürtzlich: Lieben ist nur blosse Phantasey.


[Rand: Owen l. sing. / Ep. 129.]

Est amor in nobis, in lignis ut latet ignis;

Ignis uti lignum, nos levis urit amor.

Ligna sed in cineres vanescunt, Ignis in auras.

Nos Cinis et noster quid nisi fumus Amor?


[107]

[Rand: Hohmburg]

1. Was ist Lieben?

Sich betrüben,

Sich stets widmen krancker Pein.

O wie weise

Der, so leise

Gehet und mag sicher sein.


2. Lieb' erwecket

Lust und schmecket

Anfangs einem jeden gut.

Bald sich wendet,

Kurtzweil endet,

Martert, daß es wehe thut.


3. Amor, Spötter

Aller Götter,

Amor, aller Schalckheit voll,

Ohne Wunden

Geht verbunden,

Nur daß man ihn klagen soll.


4. Liebes Feuer

Hat noch heuer,

Sonst auch, thränend Augen bracht.

Bald gegeben

Dem das Leben,

Diesen kranck und todt gemacht.


5. Drum ist Lieben

Nur Betrüben

Götter-, Mänschen-Narrethey,

Mann muß lachen

Ob den Sachen,

Ob der klugen Phantasey.

Ander Theil

Kehrauß
A la Mode.
Kehrauß.
Erstes Gesichte.

Avß voriger Gesichten vnd Geschichten Schluß wird der verständige Leser vnschwer errathen können, wo Philander jetzo sein möge. Alldieweil nach beurlaubtem Hoffleben Er sich befunden da Er noch ist, aber schwerlich, schwerlich länger wird bleiben können.

Vrsach. Ich hatte bißher gesehen vnd erfahren, daß an allen orten, die ich durchwandelt vnd durchzogen, durchgangen vnd durchloffen, durchzöpelt vnd durchtrabet, durchschliffen vnnd durchritschet, durchschlichen vnd durchstrichen, durchstigen vnd durchkrochen, durchhutzelt vnd durchburtzelt, durchstulpert vnd durchfallen, durchritten vnnd durchschritten, durchreyset vnd durchfahren, von der Welt Scheinsal vnnd Eitelkeit fast betrogen worden, vnd daß also das rechte Wesen dieser Orten, da ich noch hucke vnd mich tucke, weder zu suchen noch zu finden seyn werde. Darumb dann auch noch immerhien trachte, wie ich in einem andern Stand vnd Stath, da die zeitliche gebrechen verbessert, vnnd ein ruhiges vntadelhafftes friedseeliges Leben anzutreffen sein möchte, meine tage mit Heyl vollführen könte; dazu mir Gott helffe.

Aber, o wann werde ich dahin kommen? Wo werde ich meine[Rand: Vanitatum / Vanitas] Rechnung in dieser Welt finden? weil mir ja das Gewissen sagt vnd die Erfahrung zeuget, das die Ewige Beständigkeit auff der vnbeständigen Erden vnd bey so vnbeständigen Mänschen nicht anzutreffen seye.

O wie muß die thorheit manchem so sauwer werden! doch warlich, Witz lernet sich eben auch nicht mit nichts. Wer hat je gesehen, von den schleehecken Trauben lesen? vnd weißbrodt essen [111] von den Haberkraupen? Gewiß bin ich mit einem bösen aspect vnder den Y gezogen, wie mir vnlängst ein Dominus Calendarius geschrieben hatte; vnd es ist wahr.

Dann was hab ich seith selber zeit anderes erfahren alß Gefahr, Angst, Sorg, Schrecken vnder den grausamen hochsprechenden feinden vnd Gottslästerern? Rauben, Plünderen, Stößeleiden, Lauffen, Fliehen, Schreyen, Bitten, Zittern, Zagen, Streitten vnd Kriegen, Würgen vnd Morden, so daß ich mich offt gern in ein maußloch hätte verkriechen wollen, wo nur sicherheit darin zu finden gewesen wäre.

[Rand: Nur brod vnd / frieden mit / Gott]Oder, besser davon zu reden; daß ich mir offt gewündschet, meine herrliche Dinge vnder dem Y vmb einen Hirtenstab vnder dem c zu vertauschen; wo ich nur eines so verächtlichen Dienstes im Frieden hätte geniessen mögen. Aber wunderlich hab ich mich bißhero noch durch Gottes Hülff herauß gerissen. Die einige Artzeney negst GOtt, so in allem solchem Vnglücks stand ich gebrauchen können, die gab mir mein Lieber Schulsack, den ich vor Jahren getragen vnd auch nachschläppe, ich ziehe hien, wo ich wolle. In diesem fande ich je noch zu zeiten einen brocken, der mich vmb etwas erquicken kundte, wann es an ein Leiden gienge. Zu Anfangs dieses Frühlings, als in Gemüts-Mattigkeit mich etwas zu erlaben, ich eben einen griff darein thate, kam mir von vngefehr ein Zedelein zur Hand, darauff folgende Wort stehen:


Parnassus.

Est. Mons. Viventium.

Laete. Laute.

Ubi. Musae. Habitant.

Ubi. Apollo. Praesidet.

Ubi. Pax. Viget.

Ubi. Virtus. Viret.

Ubi. Ars. Floret.

Ubi. Boni. sunt. Amati.

Ubi. Amantur. Cordati.

Ubi.

Divitiae et Delitiae

Vitam. Beatam. Propinant.

Possidentibus.


[112]

[Rand: Wie es unseren / Vralten / Vorfahren / auff dem Parnassus / ergangen, dz lese bei / Aventinus / lib. 1. p. 99 b.]

Parnassus ist ein Berg, darauff ohn sterben wohnet,

Fried, Tugend, Kunst und Ehr; da Redlichkeit belohnet,

Vnd Falschheit wird veracht; da List vnd Heucheley,

Verleumbdung vnd Betrug, Auffschneiden, Babbeley,

Dem der sie liebt, zu Lohn, spott, schand vnd schaden geben,

Hie geht es wie es soll, hie ist ein Seeligs Leben.


Ein jeder mag aber erachten, wie mich, der in so einem[Rand: Kriegstrangsalen] Ellenden verderbten Land halb todt wohne, nach dieser Edelen, ruhigen, Friedsamen Wohnung muß verlanget haben.

Dann deß Vnfrieds, der Vnruhe, deß Scharwachens, deß Bereitschafft-ligens, deß Wacht-auffführens, deß viertelstündigen Rondens, deß Maurens, deß Zimmerens, des Schantzens, deß Bestellens, deß Antreibens, deß Beschliessens, deß Auffthuns, deß Besorgenden vbersteigens, deß Waldverkriechens, deß Nächtlichen außreissens, deß Heckenverschlieffens, deß Erfrierens, deß Schnee vnd Wasser wattens, deß vierzehentägigen Kleiderligens, deß Kleiderläusetödtens, deß Niderstossens, deß Niderschiessens, deßQui va là, deß Demeurez là, deß Donnez dessus, deß Mort, Teste, Ventre, Sang, Chair, deß Corps, Ame, Diable, Renier, Fouttre, Bougre etc. war ich warhafftig so müde, dz ich weder ohren noch augen mehr mochte auffthun zu hören oder zu sehen, vnd offt so Eckkümmich als ein Lauß im Kindbett.

Darumb dann, als ich vor Quasimodo (auff gut Westrichisch vor Kose Mose) dem anderen Sontag im Spirckler (Aprili) Monat, vierzehen tag nach Fraw Klüwel (Mariae Verkündigung) von den Haanen aber eines gehackt (ein vbeler wunsch, das dich der Haan hack auff dem Strohsack. Sie haben mich einest auff einem Strohsack gehackt das mir schier die Seel außgegangen) tribulirt vnd gemartert worden; also daß ich mir gäntzlich vorgenommen, gar durchzugehen vnd heimlich außzureissen; so konte ich doch solches, weil man niemand mit seiner Gewehr durch die Wacht passiren lasset, nicht wohl ins werck richten.

[113] Vnd anderer seits lage mir der Parnassus so im sinn, das mich dauchte, wann ich dahien gelangen könte, auff Erden mir weiteres nichts manglen solte, vnd alßdann würde ich haben, wonach ich so lang gerungen hätte.

Derowegen an einem Sontag hernach, als ob ich nur in die Gärten spatzieren wolte, gantz allein mit einem à la mode stecken (Hirtenstab) in der Hand das wasser hienunder schliche, in hoffnung, meinen Feinden vnvermerckt auß dem Gesicht, als auch geschahe, zu kommen vnd irgend einen gespaanen anzutreffen, der[Rand: das gute Land] es mit mir in das gute Land, (Also nennen wir ben vns das Gülcher Land vnd Ertzbistumb Cöllen) da mann brod genug zu essen hätte vnd ruhig schlaffen dörffte, durchwagen thäte. Aber in all meinen Gedancken war es nur der Parnassus. Da, glaubte ich sicherlich, würde ich alle tage Sauermilch vnd Bratwürst mit dem Apollo zobezehren. Als ich aber auf eine Viertelstunde die Matten hienunder kam vnfern bey einem bronnen, vnden am Bruder-garten genant, ersahe ich ein großes Roß gegen mir daher traben; was Haar es gewesen, kan ich jetzt nicht sagen; Allein als es mir nahete, merckete ich, meinem damahligen verstand nach, ein par Flügel, die das Pferd zu beiden seiten zu guncklen vnd zu gauncklen herab hangen hatte. Auch sahe ich einen grossen breiten Regenhut auff dem Sattel liegen, als ob er darauff gebunden wäre.

Wie macht sich da mein Glück! sprach ich zu mir selbsten. Gewiß wird sich heut der handel anfangen schicken vnnd ein besserer Sterne, als bißhero leuchten; weil mir eben das entgegen kame, welches zu meinem vorhaben ich mir nimmer besser hätte wündschen mögen. Dann der Parnassus vnnd dessen grosse Genade lag mir so im sinn, daß ich mir nicht anderst einbilden kunte, als Apollo, der alles weiß wie ein Sterngucker, hätte mir dieses leere Pferd zu sonderem trost vom Parnassus entgegen gesandt, damit ich ohne grössere Beschwerde zu ihm auff einen Schmauß kommen möchte. Erinnerte mich in dem des gelehrten Pferdes Pegasus, von dessen bronnenschlägigem Huoff ich ein stuck in meinem schulsack an statt Helthumbs mit mir truge.

[114] Dann sahe ich die gunckläte Stiffel an (also hab ich hernach erfahren, daß es keine Flügel, sondern Stiffel gewesen) vnd ja, ja, sprach ich: daß sind gewiß seine Flügel; Ja es ist der Pegasus; Ja, Apollo hat dir ihn entgegen geschickt, es ist einmahl nicht anderst.

Dieses alles hatte ich mir so fest eingebildet, daß mich gedeucht,[Rand: Einbildungen] ich sehe daß Pferd schon fliegen mit allen vieren. Will mich also nimmermehr verwundern, daß die Westricher vor Jahren einen Bauren in einem rothen Wullin-hembd, welcher hinder dem Zaun saß seine Notthurfft zu verrichten, vor ein Erdbeer gessen, oder die Pommern ein Pflugsrädle für eine Brätzel verschlungen, oder der Westricher Nachbauren einen Korb voll Hobelspän vor einen Salat verzehret, oder die Schwaben, etc. Ich glaub für wahr, daß ich dißmahl ein mehrers gethan, wo mir nur einer dazu geholffen hätte.


[Rand: Einbildung / oder Wahn]

Einbildung ists; wann die nicht thät,

Irrthumb so viel die Welt nicht hät.

Mancher ißt ein Aaß für Speck,

Mancher ißt für Butter Treck,

Dannoch sich bildet ein, er hab nichts bessers gessen;

Darumb was einem schmackt, daß laß ihn immer essen.


Derowegen, als das Pferd nun auff mich zu kame, wer war frewdiger als ich? ich scheybelte meinen Hut durch die freye Lufft in die Hecken dort hienauß, so weit ich mochte, dann ich wohl erachten kund, daß ich einen besseren da kriegen wirde; erwischte das Pferd also mit der lincken Hand beym Ziegel (es fallet mir jetzt ein, es ist gewiß ein Schimmel gewesen) sprach ihm zu, es solte fest stehen, biß ich wäre auffgesessen, ich wolt sein yff die Nacht beim barren auch nicht vergessen, solt ein fester stattlichen Cöllerthäler Habern fressen etc.

Da ich aber den Ziegel in der lincken Hand eben vornen gegen den Sattel hielte, den Hut auffsetzen vnd mich hienauff schwingen wolte, dann die Stiffel hätte ich noch für Flügel gehalten, taschte ich mit erschrecken zwo Mänschenhände, welche fest vmb den Sattelknopff in einander geschlossen sich allda anhielten. [115] Deßwegen beydes Ziegel vnd Pferd ließ davon fahren vnd nicht erdencken kundte, was dieses für ein Abenthewer sein muste.

Doch als ich dz Roß in vierfüssigem Ernst sahe davon traben, ruffte ich beydes dem Pferd, den Stifflen (die ich in dem, weil sie mir einen vngehewren stoß in die lincke Seite geben, davon mir daß Miltz mein tag wehe thut, erkennen lernen) vnd dem Hut zu, sie solten still halten vnnd mir auff mein ansprechen, was Apollo machte? vnd im Sinn mit mir hätte? Bescheid ertheilen. Dann es ist wohl zu wissen, daß auf dem Parnassus auch die Pferde, die Stiffel vnnd die Hüte reden können.

Hierauff antwortete mir eine Stimme vnder dem Hut fast verständlich mit diesen worten: Där Här wold mir ferseyhen. Ick gan forfar nicht halden. Das färd hat sinen kang, ick muß reiden. Wer vnd wessen diese Stimme gewesen seye, habe ich hernach erfahren vnd ihr werds bald hören.

Aber wer war dißmahl vbeler dran als ich? dann mein Hut war hienweg; vnd indem ich vermeynte, wohl staffiret auff einem schönen Pferde zu reiten, so muste ich vbel versehen zu fuß auff meiner Mutter Fülle davon gehen. Wer damahlen noch zu hause gewesen wäre, der solt ein Bößwicht sein, der nach demParnassus mehr gefragt hätte. Aber das Spiel war angefangen, es muste nun außgemacht werden.

[Rand: Quisque / suae sortis / faber est] Wir Mänschen können viel dinge nicht verstehen. Ich sahe die Gefahr, darein ich mich begeben wolte, vor augen; noch kunte ich nicht davor sein; ich rang nach meinem eigenem Unglück, vnnd doch wider meinen selbst willen.


Manchem Mann rufft das Glück,

Der will nicht bleiben stehen;

Mancher sieht seinen Strick,

Will ihm doch nicht entgehen;

Wer aber hofft auff Gott,

Dem schad kein Schad noch Spott.


[Rand: Scham] Damit ich mich nun nicht schämen dörffte (so gehets, manchen Mann verhindert die vnnötige Scham offt an aller Wolfart. Aber kein Wunder, dann in der Natur ist es also bewandt: wem es vbel gehet der ist vnbehertzt. Er schewet vnnd schämet sich, seine [116] Noth zu sagen vnd zu klagen, wie sehr er sonst erfahren, weil[Rand: Pauper / ubique jacet] er förchtet, man werde ihn nicht gern hören, noch ihm glauben geben, sondern frisset seinen Jammer in sich mit Hertzens wehe vnd Jammer. Vnd hienwiderumb, wer vnbehertzt ist, dem gehet es verhinderlich in allen sachen.


[Rand: (Cent. I Epigr. / meorum)]

Qui caret Argento miser est timet omnia. Pauper

corda gerat quamvis fortia, corde caret.)


Damit ich mich, wie gesagt, nicht schämen dörffte, gienge ich in den Wald hienein, meine Noth auffs wenigste den Vögelen zu klagen vnd durch ihren lieblichen Gesang irgend eine Labsahl zu erschnappen.

Vnfern in einem Altweg merckete ich einen frischen Hufschlag vieler grosser reysiger Gäule, also daß ich darauß erachten kundte, es müsten sich in der Nähe eine truppe Reitter auffhalten vnd irgend einen streiff nach vnserer Soldaten art auff ein sester dürrbieren, oder ein par baurenschue, oder wann es wol gerathet, auff ein schnutziges Pferd thun wollen. Doch vngeachtet gieng ich dem Huffschlag nach, auff daß ich nur wider zu Leuten kommen möchte, mich dessen getröstend, es treffe mich an, wer immer wolte, er mir doch nicht viel würde nehmen können. Dann ich hatte selbst nichts, war ärmer als der armen Greden sohn. Vnd gewiß, wo ich einsen auff dem Weg selbst hätte mögen meister werden, ich glaub, ich solt meinen Hut vnd noch mehr gesucht haben.

Doch war ich voller vnmuth, daß es mir deß Ersten tags meiner Außfart, wie wohl zu Fuß, so vbel gangen; biß letzlich ich mich auß meinem Schulsack, den ich vmb aller Welt gut nicht dahinden gelassen hätte, widerrumb mit dem herrlichen, Weinseeligen vnd Armutköstlichen Spruch erlabet, der da sagt:


Cantabit vacuus coram Latrone viator.


Wer reysen will,

Der schweig fein still,

Geh steten schritt,

Nem nicht viel mit,

[117]

So darff er nicht viel sorgen.

Wer nichts hat, mag doch borgen.


Car

Seurement va

qui rien n'a.


[Rand: Reysen mit / Botten] Ein Kerl der nicht viel zu verliehren hat, der kans auff dem weg frisch hinein wagen wie die Botten; der sich aber vor Gefängnuß vnd Außlosung zu beförchten hat, der gehet behutsamer in seinen sachen.

Bald an einem Holweg erblickte ich etliche Reuter auß dem Wald auff mich zu setzen. Aber was wolte ich thun? ich war schon im freyenfeld vnd da nicht mehr zeit, an das außreissen zu gedencken. Ich dachte wol wie Jenner: Hecken her! hecken her! aber vergebens vnd vmbsonst. Die Reuter waren mir auff der fersen, ehe ichs recht innen worden.

Auß ihrem Thun, Kleidung vnd Gestalt sahe ich bald, daß[Rand: Wälscher Soldaten / thaten] sie nicht zu den Wälschen Völckern gehören müsten. Dann sie machten nicht viel wesens mit fluchen, schwören vnnd Gott verläugnen; thaten mir auch weder leid noch schmach an; sondern deren einer hiesse mich hinder ihn auff das pferd springen; merckte so viel, daß ich mit ihnen reiten vnd davon müste.

Auß ihrem Gespräch vnd Worten, die mich zwar Teutsch zu sein andeten, konte ich doch nichts verstehen als etliche Buchstaben, das R.I. O und V. Sie sassen nicht auff Sätteln, sondern ritten auff den blossen Pferden ohn einigen andern gehülff: sie führeten wie Jenner hochgelehrte Doctor sagt, vnd wie die Kochersperger reden, weder prästalen, noch Baumpplier, noch Mustehcken noch lädere Ritmutzen, noch Dronendäschen, sondern waren allein mit einem grossen langbreit-zugespitzten Dägen vmbgürtet. Ihre Kleidung war von Kalb, Rehe, Hirsch, Bären, Wolff vnnd Fuchshäutten vnd fellen, doch vnbereitet, also rauh mit den haaren, wie sie schlecht abgezogen. O wehe, Ja wohl, so es von vnsern Völckern gewesen wären, sie hätten es mir gemacht wie andere mahl vnd ich vnden noch erzehlen werde.

[118] Indem wir nun vberzwerchs zuruck durch den Wald auff[Rand: Geroltz-Eck] die Matten kommen, erkante ich mich alsobald, das wir nicht weit, vnnd nechst bei Geroltz Eck, einem Alten Schloß auff dem Waßgau, wären, von dem man vor Jahren hero viel Abenthewer erzehlen hören: daß nemblich die vralte Teutsche Helden, die Könige Ariouistus, Arminius, Witichindus, der Hürnin Siegfried vnd viel andere in demselben Schloß zu gewisser Zeit deß Jahres gesehen würden; welche, wan die Teutsche in den höchsten Nöthen vnd am vndergang sein werden, wider daherauß vnd mit etlichen alten Teutschen Völckern denselben zu hülff erscheinen solten. Wie ich theils solcher dinge im werck erfahren.

Dann wir konten so bald nicht auff die Matten kommen, gleich in einem dicken busch ritten wir in eine grosse höle vnd vnder dem boden durch ein weites mit liechtern bestecktes Gewölb langs fort, biß wir endlich zu einer andern wacht gelanget (dann die Erste, Eingangs, hatte uns vnverwiegert passiren lassen) allda wir still zu halten befehlt wurden; werender welcher zeit ich an einem Stein, obenzu des Gewölbs beym außgang diese Schrifft in alten, doch fast leßlichen Buchstaben, abgesehen:


[Rand: Scalig. in / Aus.]

CAES. RO. EXER. IMP. P.P.

S.C. AV. TREVE. INGRE

ESSUM. H. CASTRA. SARRAE.

FLV. PRO. MIL. CUSTODIA.

BIENN. POTITUS. EST.


Vnd endlich mitten im Schloßhoff heraußkamen.

Was diese Schrifft bedeuten möge, dz wissen die Gelehrte. Ich hab aber nachgehends erfahren, daß der Alte Teutsche König vnnd Fürst der Sachsen Arminius denselben Stein zum Gedenck zeichen, als er den Römischen Feld-Obersten Varus mit dem gantzen Heer erschlagen vnd hernach in diese Lande herüber gezogen, allda einmauren lassen.

So bald ich in den Hoff kam, da kandte ich mich nicht mehr. Dann ob ich schon vor diesem vielmahlen bey vnd vmb dieses Schloß gewesen, so war ich doch niemahlen hineingekommen, hatte auch dergleichen Leute, deren eine mänge vmb mich herumb lieffen,[119] nimmermehr gesehen. Einer besah mich da, der ander dort, Einer zopffte mich da, der ander zopffte mich dort, Einer fragte mich diß, der ander daß, Einer sagte mir diß, der ander daß, Einer lachte meines Wambs, der ander spottete meiner Hosen, der dritte des Barts, des Vberschlags. Vnd war nichts an meinem Leib, das sie nicht beredeten, durchzogen vnd hechelten.

In summa, ich war ihnen allen als ein Meerwunder, aber in forcht stunde ich, daß es mir wie vor mehrmalen, da ein anderer meine Kleider ohn meinen willen getheilet, hätte ergehen mögen. Auch war solche Forcht nicht gantz vergebens.

Weil ich aber so gar nichts antworten wolte, schöpfften sie den verdacht alsobald auff mich, daß ich ein Wahl oder Wählscher sein müste. Derowegen einer mich auff Lateinisch fragte: Et tu quid novi? homo novissime. vereor, ne ut Valerius Procillus et M. Mettius explorandi animo in Castra nostra veneris. Quid Caesar tuus? nondumne spiritus conceptos posuit? quid Aedui? quid perfidus ille Divitiacus? Hibernane exivit Labienus? quid in Castris morbidulus iste Q.T. Cicero? Ich schwiege eine weyle still. Letzlich, Ach Herr, sprach ich, ich verstehe kein Latein, als wann mich hungert; gebe mir einer Brod genug, ich wolte ihm jetz alles Latein dafür lassen.

Er verstunde mich sehr wohl, deßwegen ein anderer an mich setzete mit Frantzösisch. Et Vous, sagt er,Francois Romanizé, n'a on pas bien estreillé ces deux coquins là, Arunculejus et Sabinus auec toutte leur suitte? si Ambiorix eust voulu croire, nous eussions peu faire à ce petit bougre de Cicero n'estes vous pas de leur bande? Ey Herr, sprach ich zu diesem, ich bin Teutsch, ich kan kein Wählsch, ich weiß nicht, was ihr sagt, kan nicht verstahn.

Einer wolte Griechisch an mich, der ander Spannisch, der dritt Italianisch mit mir reden: aber ich sagte ihnen allen; ich wäre ein gebohrner Teutscher Michel, könte kein andere Sprach als dieselbe. Vnd das war mir sehr gesund, dann wo ich mich anfangs vnder [120] diesem Bürschlein etwas hätte mit einer andern Sprach mercken lassen, Sant Felten solte mich beschissen haben.

Ich dachte aber bey mir selbst, daß müssen alte Leutte sein, die mich von denen dingen fragten, so vor beynahe Siebenzehenhundert Jahren geschehen wären.

Vnd in dem ich also stunde vnnd denen, die mich zu schawen da waren, zum gelächter dienen muste; merckte ich meinen vermeynten Pegasus mit den Stifflen vnd dem Hut das Gewölb herauff reitten, vnd meinen Hut, wie man mit den Haasen nach dem hatz pfleget, hinder sich auff dz Pferd gebunden nachführen. Kundte ferners weder Mann noch Gesicht sehen, als allein die zwo Hände, so noch wie vor vmb den Sattel-knopff als Ebhew hart vmbgewachsen vnd eingeschlossen waren. O wehe, dachte ich, dieses soll dir wohl nicht zum besten gereichen mögen, obschon ich mich frevels gantz frey vnd sicher wuste.

Aber einem Mann, der in Nöthen ist, geschihet offt vnrecht[Rand: Miserorum timidi / quoque / sunt Amici] ohne vrsach vnd ohne sein verschulden; weil er vieleicht Niemand hat, der den Lästerern vnd ihrer Boßheit sich widersetzte vnd ihm ein Wort zum besten reden wolte, insonderheit zu Hoff vnd bey grossen Herren, da man offt auff eines Lästerers falsches anbringen gleich in seinem sinn vrtheilet, ehe man den betrangten gehöret oder der sachen sich recht erkundiget hätte, welches verständige Leuth billig scheltten vnd solche Lästerer, wan sie betretten werden, zur gebührenden Straff ziehen lassen.

Zu gutem meinem Glück aber sahe ich meinen Ehrlichen Alten, der mir in voriger Zeit viel trew erwiesen, Expertus Robertus genant, auß einem grossen Saal mit halb lächelndem Gesicht gegen mir zugehen: dem ich also bald mit demütiger Ehrerbietung entgegen lieffe, vnd mir anderst nicht zu muth war, als ob ich, wie man spricht, vnsern Herr-Gott gesehen hätte.

So froh war ich. Vnd so machens geängstigte Leute, wann[Rand: Ambt eines / Freunds] sie irgend in Noth stecken vnd ihnen ihrer Bekannter vnd alter Freunde einer entgegen gehet. O wie seuffzen, sehnen vnd verlangen sie! O wie dücken vnd schmücken sie sich wie ein armes Hündlein. Zu loben sind die jenige, welche sich eines solchen Freunds, der in Nöthen ist, annehmen; zu schelten sind die, welche [121] sich so vnwürsch stellen, daß ein betrübter Mann sie anzusprechen sich muß förchten, damit sie aber genugsame anzeigung geben, daß sie noch nichts gelitten, viel weniger erfahren haben.

[Rand: Freund kan / offt mit Nichts / helffen] Sobald die Anwesende sahen, daß ich deß Alten Freundschafft hatte; dorffte oder wolte deren keiner mehr mich ichtwas angehen oder fragen. Vnd nachdem er von mir erforschet, wie ich dahin gerathen? wie es mir seit unserer letzten Besuchung in diesen Landen ergangen[Rand: Kriegstrangsalen] wäre? vnd ich ihn mit kurtzen worten beschieden, so vnd so; Ich hätte zwar vermeynet nunmehr in fried vnd ruh dem meinigen nach zu gehen; so wär ich doch gleich anfangs von denselben Völckern biß in das Fünffte mahl rein außgeplündert, dreymahl vberrumpelt, Einmahl in einer Belägerung gefangen, letzlich aber vermittelungß Ehrlicher leute wider loßgelassen worden, wie wohl ich alles das meinige zusetzen müssen, solches aber gegen dem Leben für nichts geachtet. Einmahl hätten sie mir den Strick an den Halß legen vnd mich vor den meinigen erwürgen wollen. Hätte vnglaubliche Gefahr vnd Noth außgestanden auff allen seiten; wäre in dem eussersten Hunger gesessen ohne hülff deren, die mir doch helffen sollen. Auch, wo Gott nicht hand ob mir gehalten hätte, wäre ich zwantzig mahl erschossen, so viel mahl erstochen, von Wilden Thieren zerrissen vnd gefressen worden. Wie Ihm dan sonder zweiffel dieses vnd viel hundert andere erlittene Vngelegenheiten gewiß würden zu Ohren seyn gekommen.

Tuo. bono. Sprach der Alte. Es ist dein Nutz, ist dir zur[Rand: Gottes / Regierung] Prob vnd Heyl geschehen; GOtt führet die seinen wunderlich, vnd kein Mänsch ist, der es verstehen könte, als der selbst in Nöthen ist gewesen. Darumb so sperre dich nicht wider den willen Gottes, stehe fest als ein Felß auff Gottes Wort gegründet:


[Rand: Embl. 19 / D.I. Catz]

Den Rock-steen di ick meen, is t' richtsnoer van ons leven,

Den noot-dvvank van ons doen, van God ons vorgeschreven:

Maet-roos, di met gevvelt, en na syn eygen Wensch,

Der Rock-steen treken vvil, dat is den dommen mensch.

Gods schikinge staet vast, geen mensch kan die bevvegen:

Wat spertelt ghy, ô d vvaes, vvat vvorstelt ghy hier tegen?

Wort vvyser, all die u hier in vvel cer vergreept,

Die gaen vvill, vvert geleyt, die niet en vvil, gheslept.


[122] Behüte Gott, sprach er, Aber es sind schröckliche Trangsahlen die du mir sagest, vnd zweiffele ich nicht, die wercke werden an sich selbst noch viel grösser gewesen sein, als du sie mit worten her erzehlest. Nun wohl an, Gott wird auch vber diesen Berg helffen, wie dein P.P. Florus dermahlen gesagt hat, dulde nur, vnnd


[Rand: Perfer et obdura. / Dolor / hic tibi proderit / olim]

Ruff Gott in allen nöthen an,

Er wird dich gewißlich nicht verlan.

Dein Hoffnung stell zu Gott allein!

Das andre alles achte klein.


Dann

Wer hofft auff Gott vnd dem vertrawt,

Der wird nimmer zu schanden:

Vnd wer auff diesen Felsen bawt,

Ob ihm gleich geht zu handen

Viel Vnfalls hie,

hab ich doch nie

den Mänschen sehen fallen,

Der sich verloßt

auff Gottes trost;

Er hülfft seinen Glaubgen allen.


Es ist ein köstlich ding einem Mann, daß er das Joch trage[Rand: Quondam / meminisse / juvabit] in seiner Jugend. Erfahrung bringet Gedult, Gedult bringet Hoffnung, Hoffnung aber läßt nicht zu schanden werden.

Ja sprach ich, es wäre sich gut dulden, wenn der verzug nicht so lang werete. Es ist grosse Noth vnd Streit innerlich im Hertzen vnd duncket mich offt fast vnmüglich sein, auß zu harren. Der Alte aber antwortete mir widerumb: Mein Sohn


Ob gleich es wehrt biß in die Nacht

Vnd wider an den Morgen,

Soll doch dein Hertz an Gottes Macht

Verzweyffeln nicht noch sorgen,

[123]

Er ist allein der Gute Hirt,

Der dich endlich erlösen wird

auß deinen Nöthen allen.


Du wirst ja noch wohl auß deinem Christenthum vnd auch auß deinem Schulsack wissen, was gesagt seye

Patior. vt. Potiar.

I faut endurer pour parvenir,

Schweig nur vnd Leid,
Das diß dein Leid
Es kompt die Zeit,
Wird werden Frewd.

Qui peut souffrir, surmonte.
Per Spinas ad Rosas.

Dann nur den die Dornen stechen,
Der die Rosen will abbrechen.
Die nooten vvil smaken
Die moetse Kraken.
[Rand: D.I. Catz / Embl. 17.]
Het aes lacht u vvel toe, t' Speck eten vvaer u leven,
Maer ghy vvilt in die val u selven niet begeven:
ghy hout u buyten schoots, en geeft u nergens bloot?
maer sonder groot gevaer en vverter niemand groot.
Geen Kooren sonder hayr, geen Note sonder schellen:
soo yemandt pluckt een Roos, de prickels gaen hem quellen.
all die vvat sonderlinghs, vvat groot veel gerne vvou,
Wat staet hy slecht en siet? de hand most uyt de mou.

Ob auch schon andere sind, die nach der Weltweise deiner erlittener Verfolgungen spotten, hindert nichts, laß sie reden, die[Rand: Candide / Cordate] Gänse können es nicht. Wann du gethan, so viel einem Teutschen Ehrenmann bey so Gewaltsamen zeiten müglich gewesen, ist es allgenug. letzlich müssen sich doch alle Lästerer in ihren eigenen worten selbst Lügen straffen. Es ist ein altes wahres Sprichwort, daß die Narren der Gescheyden lachen, die Vnsinnige der Weisen, die Gottlose der Frommen. Darumb dann auch ein Gescheyder [124] desto weniger nach solchen Maulaffen fraget, sondern sich deß Alten Teutschen Spruchs getröstet. Es heisset:


Thue Recht, schew Niemand.


Ama Dio et non fallire,

Fa pur bon et lassa dire.


Lieb Du von Hertzen Gott

Vnd weiche nicht davon,

Veracht der Narren spott,

Vnd kehr dich nicht daran.


Vnder den Leuten

Ist Niemand ohn streiten.

Aber Leiden ist Heylig:

Est pietas palmae similis, Patientia pugno:

Haec pugnat, palmam sed tamen illa refert.

Reum te facere aliquis potest, nemo nocentem.


[Rand: Lips. cent / 4. Ep. 100 / miscell.]

Nur Fromm vnd Trotz dem Teuffel.


Nun ich soll dich auß genädigstem befehl vor den Ertzkönig bringen, wollest also mir nachfolgen vnd wohl zusehen, das du in deinen Reden nicht mißlich gehest, sonderen die Pure lautere Warheit in allem, so man dich fragen wird, frey herauß sagest. Dan bey diesem Ertz-Teutschen König ist es nicht wie in anderer Herren Höffen, da man zu gehör redet vnnd offt einem zu gefallen eines[Rand: Aulicum] daher schneidet, daß sich möchten die Balcken biegen. Vnd ob dir schon ichtwas vngleiches hierin widerfahren solte, so geb dich gedultig darein vnd leide es; vieleicht ist es die letzte prob, die du noch in diesem Land hast außzustehen. Bitte nur Gott, daß er dir Verstand vnd Gedult verleyhen wolle. Im vbrigen gehe auffrichtig durch gegen jedermann vnd versiehe dein Ampt, so du eines hast, mit Ernst, werde nicht verzagt, ob andere sauer sehen. Es kann nicht anderst sein. Es wird endlich doch alles daß, so du außgestanden vnd leiden müssen, dir zum besten dienen:


[125]

Drumb dück dich vnd laß vber gan,

Das Wetter will sein willen han.


Vnd wan das vnglück vnd die Trübsahl genug gewütet vnd getobet, deine Erlösung vnd die gute zeit volgen, da du dich alles außgestandenen Leids wirst ergötzen können. Calamitas enim virtutis occasio est. Igitur pelle pusillanimitatem. Aber hüte dich alßdan, daß du deß Herren deines Gottes nicht vergessest, sondern Ihm dafür danckbar seyest, vnd deine Nachkommende lehrest, wie GOtt vertrawen seye die höchste Weißheit, daran der Seelen ewige Wolfahrt gelegen


Douce est la peine

quand elle ameine

aprez tourment

contentement.

Nul homme vient au bout de son contentement

qui n'a premier souffert du mal et du tourment.


Mein Gott, sprach ich, wie macht ihr es so lang, wie predigen die Alten so gern? wan sie anfangen, sie wissen kein Ende mehr an ihrem Reden zu finden.

Vnd ihr Junge, sprach er hinwiderumb, Mein Gott, wie vngern höret ihr, daß man euch in den schilt rede vnd die warheit sage. Ihr wisset von euch selbst nicht, wie ihr euch oder ewern sachen rathen sollet, vnd doch, so auß wohlmeynen euch ewere Vorgesetzte waß zusprechen vnd zu ewerem besten lehren wollen, so wolt ihr es entweder gleich selbst besser wissen, oder doch werdet ihr solches zu hören so verdrüssig vnd faul, daß es eine schande ist; vnd müsset dannenher allemahl mit rewen vnd Leyd erfahren, daß, wer sich nicht gern habe züchtigen lassen, der seye ein Narr biß an sein Ende geblieben.

Zwar hatte ich diese Predig nicht ungern gehöret, aber ich hätte lieber gewolt, daß er mir eben jetzt von was anders gesagt[Rand: Hoffen] hätte. Darumb Spero dum Spiro, sprach ich. Ich will hoffen, so lang ich lebe.


In meinem Leiden will ich hoffen,

Kompt mirs Glück so hab ichs troffen;

Kompt mir dann das Widerspiel,

So g'scheh doch, was Gott haben will.


[126] Vnd indem der Alte fortgienge, volgete ich ihm hie nach in den grossen Saal. In welchen ich volgenden tags vor die Helden erfordert worden. Alda wir auff eine halbe stunde warten musten, Zeit deren ich in demselben herumb gienge vnd etliche alte Schrifften in die Wand gehawen abschriebe:


1.
[Rand: Rath vnd / Gerichts Lehr]
Gunst, Neid, Geschenck sei fern von Euch,
Ein jeden thut im Rechten gleich.
Der Wittwen, Waisen habt gut acht.
Die Noth der Gfangnen wohl betracht.
Den Eygen-Nutz last herrschen nicht,
Sonst strafft euch Gott in seim Gericht.
2.
Die Tugend last nicht vnbelohnt,
Die Bösen strafft, der Frommen schont.
Dann wie man sich helt in dem Rath,
Also helt sich die gantze Stadt.
3.
Wenn man nicht folget trewem Rath,
Zehlt nur die Stimm, wigt nicht die That,
So folget nichts dan schimpff vnd schad
Vnd kömpt die Rew gar viel zu spat.
4.
Wenn man Gesätz vnd Ordnung macht
Vnd nicht drob helt, wird man veracht.
Wer Ordnung macht vnd selbst nicht halt,
Derselb in sein selbst Netze falt.
5.
Hör vnd laß reden beyde Theyl,
Bedencks, darnach so gib Vrtheil.
Dan wie du mich richtst vnd ich dich,
So wird Gott richten dich vnd mich.
6.
Wilt hanfdlen? thus mit gutem Rath,
Sonst wird dichs rewen nach der That.
Denn wer ohn Sorg vnd Raht regiert
Gar offt durch Wahn betrogen wird.

[127] Vber dem oberen Richtstuhl stund die Gerechtigkeit abgemahlet, in der rechten eine Wage, in der lincken hand ein Schwert haltend mit diesen worten:


[Rand: Judiciis / Amor aut / odium melioribus / obstat.]

Ich gib eim jeden nach gebür,

Dann Gunst und Haß ist nicht bey mir.

Ferner hingen etliche auff Pergament geschriebene Sprüche vmb die Zwo Saulen, an jeder viere:

An der Ersten.


2. Cron. 19.

Sehet zu, was ihr thut, denn ihr haltet das Gericht nicht den Mänschen, sondern dem Herrn.

2. Cron. 24.

Es soll einerley Recht unter Euch seyn, den Frembdlingen wie dem Einheimischen. Denn ich bin der Herr ewer GOtt.


5. Moys. 1.

Keine Person solt ihr im Gericht ansehn, sondern solt den kleinen hören wie den grossen vnd für niemands Person euch schewen.


5. Moys. 17.

Was recht ist, dem solt du nachjagen.

An der Anderen.


5. Moys. 27.

Verflucht seye, wer das Recht des Frembdlingen, deß Waisen vnd der Witwen beugt.

5. Moys. 27.

Verflucht sey wer Geschenck nimbt, daß er die Seele des vnschuldigen Bluts schlegt.

Psalm. 82.

Schaffet recht dem Armen vnd Waisen vnd helffet dem Elenden vnd Dürfftigen zum Rechten. Errettet den Geringen vnd Armen vnd erlöset ihn auß der Gottlosen Gewalt.


21. Jeremi 12.

Haltet deß morgens Gericht vnd errettet den Betrübten auß des Frevelers Hand.


[128] In einem Fenster waren diese Wort neben etlichen Geschichten in schönem Glaß gemahlet:

Senile. Odium. Juvenile. Consilium. Privatum Commodum. Evertunt. Respublicas.

Nach einer halben Stund wurden wir durch einen Trabanten geruffen. Gienge ich also dem Alten etliche Stafflen nach, hienauff in ein zimbliches weites Gemach, doch gar schlecht zugerüstet gegen denen, die vnsere Geborne Herren haben; allein daß es auch voll Hirsch-Gewicht vnd andrer Thiere Gehörns an den Wänden allenthalben behencket. Ich sprach zum Alten: Ich glaub, daß die grösseste vnd meiste Hörner zu Hoffe zu finden seyen. Ja freylich, antwortete Er mir, dieweil Ein jeder zu Hoff die Hörner erst muß abstossen.

Zu Oberst desselben Gemachs sahe ich einen grossen alten Mann[Rand: Ariovistus] mit einem breiten Bart, einem kleinen Hut vnd güldiner kleiner Crone darauff, vnnd in mitten deren neben einem halben Roßschwantz einen grossen busch Rebhanen, Vrhanen, Granich vnd Hanenfederen vnder einander herab hangen. Hatte allein zween Trabanten mit Schlachtschwertern vff drey oder vier schritt neben ihm stehen.

Ich erschracke gleich ersten anblicks, zopffte dero halben den Alten zurück vnd fragte ihn, ob dieser der Ertzkönig wäre? vnd wie sein Name? Ariovistus, König Ehrenvest, so sprach der Alte. Er ist sonst von Geburt ein Schwab, welche Ihn auff ihre Sprach Kunich Airouist heißen, daher Ihn der Caesar Ariovistus genant in seinen Schrifften.

Sobald mich der Ertzkönig ersahe: Laß do Walschon Schalmon harvoara chommon, sprach er, vnd zu dem Alten, Er solte mir Dolmätschen; dan er schier keinen Wahlen mehr sehen oder hören möchte.

Aller-Schröcklichster, Grausamster Herr Ertzkönig, sprach ich[Rand: Angst vnd / Scham macht / offt irren wider /wollen] (indem gab mir der Alte einen stoß, damit ich mich ein wenig besinnen möchte, dann mir war so angst vnd bang, das ich in meinem Hirn weder Titul noch tatul mehr finden konte, der sich hätte schicken wollen) Indeß der Ertzkönig, der mir so schröcklich vnd grausam vorkame, wider anhube: Hörstu Wahlscher? wie frevel mustu sein, daß du ohnerfordert hieher in mein Gebiet vnd Läger kommest. Ist dir schon vergessen, wie ich die beide [129] Verräther, den Valerius Procillus vnd M. Metius, ihrer Schelmenstück wegen hab abgelohnet? Meynest du, das ich dir einen andern Brey werde kochen lassen? Du must ja ein verwägner Kerliß sein. Weist, wie ich vnd der Cäsar, den ihr Verrähter durch den Divitiacus in das Heddau locken lassen, mit einander stehen, daß er mir meine beide Weiber vnd eine Tochter vnehrlicher, vnritterlicher, Schelmischer weise ermordet, die andere aber gefangen weggeführet; mir mein mit freyer Faust vnd gutem Recht erhaltenes Land mit gewalt abtrungen, meine trefflichste Knecht vnd Gespanen erschlagen. Meynstu nicht, ich werd solch Mordthaten durch meine Macht an ihm rächen, auch an dem geringsten seines Volcks, den ich mag betretten? vnd nun an dir selbst den anfang machen?

[Rand: Der Wahlen / einbildungen] Der Hochmütige Esel, was hat er mich einen groben, vngehobelten, tölpischen Teutschen zu nennen gehabt? der ich vnd alle meine Volcker mehr verstand vnd Redlichkeit im Hertzen haben als der gantze (nur im vndergang Ehrlicher, vortrefflicher, vnverschuldeter Freyer Könige vnd Fürsten vnd deren abgetrungener Herrschafften vnd Reiche bestehender) Römischer Rath. Ihr Verrähter, wie schindet vnd schabet ihr noch heut zu tag meine arme Vnderthanen in diesen Landen? kan auch Wüterey erdacht werden, die ihr nicht an den armen Leuten verübet? Ist auch ein Ehrlich Weibsbild im Land vor euch sicher? welches Ort habt ihr mit ewerem Gottslästern vnd Fluchen, mit dem schröcklichen Gottesverläugnen nicht erfüllet? was ist ewer Lob vnd ruhm anderst als ein blosses Auffschneiden, so allein bestehet in vielen greifflichen groben Lügen? da ihr all ewer Kinderwerck für Heldenthaten außruffet vnd schreyet, hiengegen der Ehrlichen Teutschen Mannheit vnd Dapfferkeit hönisch haltet, ihre Auffrichtigkeit vnd Trewe verachtet vnd verlachet? ohne deren hülff vnd beystand ihr doch längest hätten müssen den Sattel raumen.

Vnd Ihr, sprach er zu dem Alten, verdolmätscht dem Wählschen Schelmen, was ich gesagt hab. Vnd einmahl, ich will ein Exempel ihm erweisen, daß, wo ich ihne künfftiger Zeit in diesen meinen Landen finde, er den Bauren vndergeben, das er von ihnen redlich bezahlt vnd ihm rechtschaffen abgerechnet werden solle all das abgezwungene, abgetrungene, erfortelte vnd erschacherte Contribution, Commis vndServise Gelt vnd Gut; daß ihm die [130] flögel sollen umb die Ohren sausen. Sagts ihm vnd last mir den Wählschen schelmen ins loch hienunder setzen etc.

Ob mir damahlen angst gewesen seye oder nicht, das laß ich den rathen, der jemahlen in solcher brenn gewesen. Dan ich sahe, daß der König ein Röscher, Harter, Strenger Mann war, ließ es derowegen den Alten walten, der mich kante vnd meines verhaltens viel einen besseren bericht hatte.

O mein Gott, was Hertzens Noth, wo ein Kerl muß hören vnd leiden, das man ihm Vnrecht thue, vnd darffe es doch nicht widerreden oder klagen. Es ist zwar ein seeliger Trost, das Vbel mit Gedult vertragen vnd das Vnrecht mit gutem Gewissen leiden. Aber wie mancher muß gleichwohl also ohne hülff vnd rettung zu schanden gehen vnd ohne seinen verdienst verderben!

Die Wälsche Völcker waren eben dem Ertzkönig dißmahlen gar nicht Lieb; vnder welchen es doch, wie in der gantzen Welt gute vnd böse, Ja manchen Rechtschaffen Redlichen Helden, manchen dapffren Lobwürdigen Mann gibt; vnd durch dene dem Teutschland offt treffliche dienste vnd Hülff widerfahren. Vnd ob ich schon für viel von denselben gerne gesprochen hätte, so dorffte ich doch dißmahl zu meiner entschuldigung, viel weniger zu Rettung ihrer Ehren, deren ich sahe in vielen dingen Gewalt vnd vnrecht geschehen, ichtwas vorbringen oder sagen.

Ehe aber der Alte zur rede kommen mochte, fiele ihm König Airouest wider in die Wort vnd sprach: Ja, es ist nicht mit dem genug, das die Wählsche ingemein alles Vnglück in meinen Landen vnd vber meine Völcker anstellen, mit vnerhörten viehischen Frohndiensten vnd sie biß auff das Blut vnder den Näglen außsaugen; sondern dieser Schlimmer Hund da ist noch so kühn gewesen, daß er mir heut meinen Kammerdiener, Zwerg Kelß (Celsum) auff offner freyer Landstraß absetzen vnd plünderen wollen. Welches einige stück werth ist, daß ich den Schelmen an vier Strassen solte auffhencken lassen. Dann einmahl, in Abstraffung solches Frevels kann ich in die harr nimmer gedult tragen. Da siehe man den Lecker an, wie er da stehet, hat weder Hut noch Haub, siehet auß wie ein Mörder. Vnd wer weiß, ob er nicht vmb dergleichen Schelmenstuck irgends gefangen gelegen vnd also ohne einen Hut außgerissen vnd entloffen.

[131] [Rand: Fürsten vnd / Herren Kammerdiener] Ich hab seithero selber zeit diesen dingen vielmalen nachgedacht, warumb etliche Fürsten vnd Herren heutigs tags vielmehr einen Schneider, oder Zwergen, oder Fatzvogel zu einem Kammerdiener haben als irgend einen Gelehrten, Erfahrenen Kerl, einen Wundartz, einen Trompeter?

Dieser Zwerg Kelß war ein Ellende Krufft, ein Außwürffelin der Natur, hatte einen Buckel hinden vnd vornen, wuste nichts vnd konte nichts als beym Frawenzimmer etwas mit dem grossen Messer auffschneiden, vnd darumb muste er auff vnbedachtsames anhalten deroselben zum Kammerdiener angenommen werden. Dergleichen bey grossen Herren offt mit höchstem schaden geschihet. Die ja so sorgfaltig in erkiesung eines Kammerdieners als eines Hoffmeisters seyn solten. O das Frawenzimmer stellet zu Hoff offt viel böses an. Sie können auch viel gutes anstellen, wann sie wollen.

[Rand: Bodin. 6. / de Rep.] Jener König gebrauchte sich eines Schneiders vor einen Herold, eines Bartscheerers vor einen Gesandten, Eines Artzts vor einen[Rand: Cominaeus / de Lud. XI.] Kantzler, vnd muß deßwegen noch heut zu tag den Historischreibern zu ihren Geschichten dienen.

Schneider gehören in solche Dienste nicht angenommen; sie dienen in solchen Aembtern zur pflege vnd zärtelung, zur Weichheit deß Leibs, zu vnnötigen spitzfünden, zur vppigkeit, zu verachtung vnd Spott der Herrschafften vnd zu verkleinerung ihres Stands. Teutsche Helden sollen Gelehrte Leute insonderheit gern vmb sich haben, solche wohl besolden, damit sie ihre Heldenthaten den Nachkömmlingen zur volge auffzeichnen. Sie sollen Wundärtzte zu solchen diensten brauchen, die ihnen die vom Feind geschlagene Wunden heilen, Trompeter, die sie zum Streit wider die Feinde auffmunteren vnd anmahnen. Vnd sollen nicht wohl nach dem sehen, der ihres Leibs Lüsten, als der ihrem Ehrlichen Namen dienen möge. Aber Herren sind Meister, sie thun was sie wollen. Doch solche Kammerdiener machen auch, daß ihre Herren offt thun müssen, was sie nicht wollen vnd was sie hernach gerewet.

[132] Ich war aber in aller dieser zeit, weil ich Eingangs am Titul gefehlet, so verzagt, das ich fast nicht wuste, was ich reden, oder ob ich reden wolte. Derowegen der Alte sprach, ich solte mich ein wenig ermuntern, dan wie gute gerechte sache ein Kerl[Rand: Behertzt doch / nicht verwägen] hab; wan er vor dem Richter also erschrocken stehet, so gebe es gleich argwohn einer bösen sache, vnd wäre mancher an seinem selbst vnheil also schuldig.

Es ist wohl wahr, antwortete ich, aber ich halte es vnmüglich sein, das ein Kerl, dem es so vbel vnd verhinderlich gehet als mir, solte viel Lust vnd Hertzes haben können; quand l'affliction se lasche, le Coeur est serré; vnd wan ich schon was reden vnd[Rand:Magistra / vitae Fortuna] das allerbeste vorbringen solte, wirde es doch wenig krafft vnd nachtrucks haben. Alldieweil, wan es einem vbel gehet, er rede so weißlich vnd dienlich zur sache, als immer sein kann, so wird es doch fast gering vnd für alber geachtet; da hiengegen, wann es einem Kerl wohl gehet, wan er sonst mittel vnd freunde hat, wan er einen rucken weiß, er rede vnd thue so läppisch vnd vnfüglich als er wolle, so muß es doch schön vnd recht sein, so muß es doch gelobet vnd hochgehalten werden. Felices feliciter loquuntur. Ein glücklicher Mann rede, was er wolle, so muß es wohl geredet vnd gesagt sein. Miseri sapientia risus; Aber eines Ellenden Manns hoher verstand wird nur verachtet vnd verlachet. Ubi fortuna, Ibi S.P.Q.R., wem das Glück wohl will, dem will auch die Oberkeit vnd der Richter wohl, wann er schon ein Schalck wäre. Wem das Glück nicht will, der fällt auff den rücken vnd bricht die Naase. Sat bene loquitur, cui fortuna fauet. Assez bien danse, à qui la fortune chante. Wem das Glück will, der thut alles recht; wann es schon bey allem Rechten vnrecht wäre etc.

Zuletzt, auff anmahnen deß Alten, faßte ich einen muth vnd fieng also an: Gnädigster Herr Ertzkönig, E. May. wollen mir[Rand: Apologia / pro istis] zu gut halten, ich bin ein Teutscher, getragen, gebohren vnd erzogen vnd mein lebtag nicht Wälsch gewesen, erbiete mich solches mit Brieff vnd Siegel zu erweisen; vnd obschon E.M. billige [133] Vrsachen haben, vber die Wälsche vnd ihre thaten, so sie in diesem Lande verüben, zuklagen, so ist doch gewiß, daß man ihnen in vielen dingen auch vnbillig die schuld gibt, vnd sie nicht alle so böß sind. Man findet gute vnd böse vnder ihnen wie bey allen Mänschen.

Halt führe mir den Schelmen hien, wie? sprach der König. Will er noch vnderstehen, sich mit worten gegen mich einzulassen, der Wälschen sachen zu vertheidigen vnd versprechen? Nein, nein, Gnädiger Herr König, ich bitt vor zorn, ich rede nur vor mich, ich will nicht für andere Leute erst suppelzieren.

Das meynt ich auch. Halt Schelm, sprach er weiters, waß? woltst du jetzt gern ein Teutscher sein? was hat dich dann die noth angangen, daß du mir meinen Diener Kelß absetzen vnd auff freyer Strassen berauben wollen? Ich dachte bey mir selbst, ist das ein König, vnd würfft also mit Schelmen vmb sich! doch nam ich mich nichts an vnd sprach: Gnädiger Herr König, mein will ist es gantz nicht gewesen, hatte auch nicht gemeynt, daß ein Mänsch in dem Sattel gesessen wäre, vnd derowegen verhofft, weil ich zu Fuß in den hohen Schuen vbel fort kommen könte, zu Pferd möchte es sich irgend besser schicken, vnd ich desto ehe allhie erscheinen können, E.M. auffzuwarten. Siehe den Wälschen auffschnitt, sprach der König, soll das ein Teutsch Gespräch seyn? es[Rand: Complementa / Wälsches Auffwarten] sind Wälsche gefärbte Lügen vnd bossen, da nichts hinder zu holen ist. Auffwarten? wie ein Schuster gegen dem andern, ein Schneider gegen dem andern nur zu erzählen weiß, vnd ein grosses Gramantzen zumachen; es sind falsche Wort, dafür sich ein Teutscher billig solte hüten.

Genädigster Herr König, sprach ich, ich bin warlich ein Teutscher mit haut vnd mit haar, da ist kein zweiffel an.

In dem kam einer mit grossem Gelächter in den Saal geloffen, das ich wohl sahe, er müste entweders ein Spitzbub, oder[Rand: Hoff Narren] doch ein Schalcks Narr sein, der stellete sich neben den König; dan es ist je vnd allwegen also gewesen, das etliche Weltliche Fürsten vnd Herren viel ehe einen Narren oder Zwergen vmb sich haben vnd leiden mögen als einen Witzigen; viel höher von einem Schalcks-Narren halten, als von einem Gewissenhafften Diener; viel ehe des Pfarrherrn entbehren als deß Narren; ehe einen Narren mit [134] Schäncken beladen, als einen verdienten eyfferigen Mann nur mit der eussersten Nothdurfft versorgen.

Dieser Schalcks-Narr kam an mich, zausete mir dz Haar, griff mir in Bart, wie wohl ich nicht viel hatte, ropffte mich am Wambs vnd Hosen mit kreischen vnd ruffen: hieher Wälscher, huy Wälscher, huy à la mode, hot zopff, har tropff, huy Laudel, jyst faudel, har zottel, zu dir hottel, herumb lottel, hinumb trottel, etc. Vnd viel deß verdrieß mehr, daß ich letzlich entrüstet sprach: Mit Erlaubnuß, wan es nicht vor dem König wäre vnd du nicht eben seiner Diener einer wärest, ich wolt sagen, du hätst gelogen wie ein Schelm vnd ein Dieb.

Darauff mir der Alte ein stoß gab vnd sprach: es wäre zu grob gefrevelt, vor dem König also zu reden; vnd noch viel mehr, daß ich mich anmassete, als ob ich mit fäusten hätte zuschmeissen wollen.

Wer wolte, sprach ich, diese Schimpff alle also vngerochen leiden? Lieber, antwortete der Alte widerumb, weissestu auch noch, was du vor diesem selbst gegen Ruffo Dubio Thrasone gesagt hast: Ne te frotte point à un moindre que toy, car il fera gloire de t'irriter, et te deplumera des plumes de ta vanité et praesumtion.

Zancke dich nicht mit dem, der geringer ist dann du; Er[Rand: Mann soll sich / mit keinem geringern / zancken.] wird dir sonst Hohn sagen vor den Leuten vnd dich zu schanden machen in deiner Thorheit. Hadere nicht mit dem, der auß deiner gewalt ist, dan er wird deiner lachen vnd dir hon sagen vor den Mänschen, das sie deine Thorheit sehen, vnd du dich schämen müssest in der Eittelkeit deiner Wercke; vnd werden die Kinder von dir Lieder singen vnd wirst verspottet werden auff der Gassen.

Laß den Narren reden, er wird kein Loch in den Leib reden.

Wo aber der König, so dessen allen lachete, den Schalcks-Narren nicht abgehalten, ich glaub er solte mir das Gefraß rechtschaffen troffen haben.

Mich deucht, sprach der König, ob du schon einem Teutschen nicht gleich siehest, es möchte doch wz daran seyn, weil du so Teutsch herauß redest vnd dir nicht bald wirst lassen ein Wort das Hertz abstossen.

[135] Vnd zum Alten sprach er: kennest du diesen Kerl, daß du ihn so stossest vnd warnest? Ja, sprach er, fast wohl, Genädigster Herr König, er ist ein Geborner Teutscher. Nun, Nun, sprach der König, wohlan, wir wollen es morgen sehen, führ du den Tropffen jetzo hinunder vnd laß ihm zu essen geben vnd im Gemach bleiben, biß auff weiters verordnen. Hernach, als ich hienauß gienge, sprach er: soll der Bernhäuter ein Teutscher sein, vnd gehet der Schelm so lottelicht daher als wie ein Wälscher, als wann er hätt in die

Hosen[Rand: Teutschlinge] geschissen. Ist zu erbarmen, das meine Völcker sich so gar Narren vnd von ihren angebohrnen Feinden verführen lassen!

Indem ich etliche grosse reverenzen machete vnd mit dem Alten hinauß gienge: du thust nicht recht, sprach er, du siehest, daß[Rand: Zu viel Höfflich / ist /Närrisch] der König die wälschen Bossen alle hasset. Ich laß es seyn, daß du solcher Dinge gebrauchest gegen selben Leuten; aber bey Teutschen ist nichts damit zu erjagen. Es ist einem Teutschen Helden ein Grewel, wan er dergleichen Wälsche Lappenbossen siehet. Warumb[Rand: Joh. Lerius / de Brasil c. 5.] brauchest du nicht, wann du je närrisch sein wilt, die Höfflichkeit, so die wilden in Brasilien im brauch hatten, welche die Hembder auffhebten biß vber den Nabel vnd sich liessen in den[Rand: Bey Grossen / Herren behutsam] hindern sehen, welches gar herrliche Dinge sind bei Ihnen. Auch lerne von mir, das bey Grossen Herren man gar behutsam muß reden. Mancher wohlverdienter Mann kommet in vngenaden vmb eines vngleichen worts willen. Grosse Herren sind gar kützelicht; mit einem Blick kan man sie in Harnisch bringen, bevorab wann sie nicht recht im laun sind, oder einem ohne daß gern in die Haare weren; das magst du ins künfftig von mir behalten. Ich will dir zwar trewlich beyrahten, aber du must mir auch einmahl folgen!

[Rand: Teutsch Essen]Führete mich also der Alte wider durch den Hoff in ein Gemach nechst an dem Burgthor auff dem boden; vnd wiewohl es gleich Nacht, ich auch fast müde war, so konte ich doch vor forcht weder essen noch schlaffen, auch wurde mir nicht viel köstliches auffgetragen. Ein Kahr mit gerunnener Milch, ein stuck Gerstenbrod, ein Haberbrey vnd etlich öpffel, Käß vnd Nüsse, auch ein Geschirr mit Wasser. Das war die Speisse vnd Tranck. Ein Sack mit stroh gestopfft war das Bett vnd die Bettstatt zusammen. Was für Kolender ich die Nacht vber gemacht hab, kan ich nicht [136] sagen: es war ein rechteConjunction ƀ und ?. vnd hatte ich mich henckens gar nahe versehen vnd tausentmal gewünscht das ich im Rhein lege.

In diesem Gemach, in welchem ich zum offtermahlen hernach gewesen, stunden folgende Reymen vber der Thüre angeschrieben:


Kompt dir zu Hauß ein Frembder Gast,

Gibs ihm so gut, als du es hast.

So er ein Ehrenmann von Blut,

Nimbt er mit Käß vnd Brod vor gut;

Doch so er ein Vnflat geborn,

So wär auch Käß vnd Brod verlohrn.


Deß Montags früh mit der Sonnen auffgang hörete ich ein Horn blasen; so bald kam mich ein Gräusahl an, doch hatte der Bläser gewiß wenig Athem mehr im Leib, dann es war ein elendes[Rand: Bläser] blasens; vnd hatte mich gewundert, das in einer so vornehmen Königlichen Burg nicht bessere Bläser oder Thürner sein solten, die doch eines Herren Hoff mehr zieren als viel andere köstliche sachen. Hörete dabey ausruffen, konte aber eygentlichen nicht verstehen, was es sein mußte, als etliche wenig Wort vernahme ich, nemlich Kuonickh Saro, Kuonickh Airovist, Kuonickh Hermann, Kuonickh Witckhund; noch andere.

Der Alte aber kam bald an das Fenster vnd sagte mir, das ich mich wohl bedencken solte, was ich wolte antworten, dieweil König Airouest die anderen Teutschen Helden, die alle dißmahls in der Burg ein jeder in seiner Wohnung wären, meinetwegen zusammen beruffen lassen, damit sie meiner Person vnd Handlungen wegen gewissen Bericht erforschen möchten.

Bald wurde ich auß befehl von dem Alten in den obgedachten[Rand: Teutsche / Helden] grossen Sahl geführet, da sahe ich Sieben Manns-personen, recht davon zu reden, Sieben Helden in grosser gravität vnd Stärcke deß Leibs auff eingemaurten Seßlen sitzen, mit langen breiten Bärten, so theils die Haar mitten auff dem Haupt in einen schlupff zusammen gewunden vnd fast grosse Schwerter an der seite hencken hatten; theils lange Wurffspieß in der einen faust, in der andern grosse Pfäffesen oder Schilde, vnd auff dem Leib mit Wolff, Bären vnd Hirschhäutten, daran theils noch die Gewichter oder Gehörn [137] waren, gezieret, welches förchterlichen war anzusehen. Wie sonst ihre Kleidung gewesen, kan ich nicht beschreiben, doch hab ich vor[Rand: Weiber / vorwitzig] wenig tagen noch von einem Vorwitzigen Weib gehöret, welche auch einmahl in der Burg gewesen, das diese Helden mächtig große Latzen an den Hosen getragen.

Etliche sachen sahe und hörete ich allda schleinig vnd schier in einem huy außmachen, vnd gleich Vrtheil geben, dessen ich mich[Rand: Rechts-Händel] verwunderte. Der Alte aber sagte mir, das wäre die Vrsach, weil zu ihrer zeit noch keine Advocaten oder Vorsprechen gewesen, deßwegen die Händel desto weniger auffgezogen worden. Ja, sprach ich, was haben sie aber auch für Händel gehabt? Es hat nicht solche sachen geben wie heut, da man sonder Rath der Advocaten schwerlich wird ohne grossen Irrthumb vrtheilen können.

Vnd in dem nach verrichtung etlicher derselben man mich hiesse hervor tretten vnd mich einer nach dem andern ansahe, zusammen murmelten; forschete ich von dem Alten, so mir zur seit stunde, wer einer oder der ander wäre; dann ich noch keinen kandte als den König Airovest. Vnd er sagte mir: der gar Alte Held, so zu oberst saß mit einem Bart biß auff die Knye, ist der König Saro, Einer von den dreissig Helden, so mit dem ersten Anfänger vnd Ertzkönig der Teutschen, Tuitscho, auß Armenien in diese Lande wohnen kommen, von dem auch noch heut zu Tag das Wasser die Sar, hienegst bey, den Namen hat. Welchen der Ertz-König Airouest als seinen Voranherren hefftig in Ehren halte. Der Dritte vnd nächste an dem Ertzkönig ist Heerman, ein Hertzog zu Sachsen vnd Braunschweig, welcher den Römischen Feld-Obersten Varus mit allem Heer in Hessen erschlagen, von den Römern Arminius genannt. Der Vierte heißt von den Lateinern Vitichindus, König Witikhund, auch ein Fürst der Sachsen. Der dort Kallofelß, ein Oberster des gantzen Hunßrücks vnd Eyffeler Lands, von dessen Geschlecht, so wol das Eltiste ist von allem Teutschem Adel, noch heut zu tag viel vortrefflicher Männer vbrig sind; auch ein abgesagter Feind deß Caesars, von ihm Cativulcus genannt. Der neben ihm Fridmeyr, von dem Caesar Viridomarus genant, von geburt ein alter Teutscher, vor jaren im Heddaw wohnend, ebenmässig deß Caesars feind. Der ander da Tütschmeyer, vom Caesar Indutiomarus geheißen, Oberster Statthalter zu Trier.

[138] Vnder diesen fing der jüngste, als der Redsprächigst, nemlich Herr Teutschmeyer, an vnnd sagte, daß ich gestern abends von Ihr. Mayst. wirde vernommen haben die Vrsachen, so sie zu gerechtem Zorn wider mich beweget hätten; vnd wie ich zu dem End vorbescheiden, meines Wesens vnd Verrichtungen sattsamen bericht vnnd antwort zu geben; darumb dann ich auff die mir vorkommende Fragen gründlich vnd ohne gesuchte außflücht, die mir sonst nicht zum besten gereichen möchten, aussagen solte.

1. Wie mein Name? 2 Wer ich wäre? 3 Woher ich wäre?[Rand: Fragen] 4 Wie ich dahien kommen? 5 Waß ich allda zu schaffen hätte? Vnd weil es schon gegen zehen Vhren, ward mir bedachts-zeit biß vmb Ein Uhr nachmittag angesetzt, meine verantwortung vorzubringen, doch mußte ich an Eydstatt angeloben, daß ich die Warheit nicht verhälen, noch flüchtigen fuß setzen wolte, biß nach außtrag der Sachen; dessen der Alte meinetwegen der Bürgschafft, auff mein bitt, sich beladen.

Nachmittag, alß ich widerumb vorkame vnd die Herren sambtlich in ihrer Ordnung wie deß morgens herumb sassen, vnnd mir meine Notthurfft zu reden vergönstigt worden, hub ich mit kurtzen worten (dann Grosse Herren das lange Geschwätz vber die massen[Rand: Bey Grossen / Herren kurtz / vnnd gut] hassen; vnnd offt geschicht, das einer eine gute sach bei ihnen mit dem vbermässigen reden gantz vnnd gar verderbet; vnnd hingegen eine zweifelhafftige sache mit einer vernünfftigen, kurtzen, klugen Rede kan erhalten) also an: Allergnädigste Herren, auff die mir heut frühe genädigst vorgelegte Fragen meinen vnderthänigen Bericht zu thun: So ist

1. Mein Name, Philander 2 Bin ich ein Geborner Teutscher von Sittewaldt 3 Weiß zwar selbst schier nicht, was ich sonst bin: Ich bin, was man will; hab mich in diesen Ellenden Zeiten müssen in allerley Leut köpffe schicken vnd wie Hanß Wursts Hut auff allerley weise winden, trähen, drücken, ziehen, zerren vnd böglen lassen; viel leiden, viel sehen, viel hören, vnd mich doch[Rand: Der Krieg vnnd / die Trangsahlen / lehren wunder / Dinge] nichts annehmen müssen; Lachen, da es mir nicht vmbs Hertz war; Gute wort geben denen, die mir böses thaten; mich müssen gebrauchen lassen wie das kalte Gebratens; bald für ein Ambtmann, vnd nach dem ich von den Wüterichen etlichmahl außgeplündert, geängstigt, geschätzt, tribulirt, verjagt vnnd vertrieben worden, [139] für ein Hoffmeister, Rentmeister, Vorsprech, Advocaten; bald für ein Jäger, Vorschneider, Stallmeister; bald widerumb für ein Ambtmann, für ein Baumeister, für einen Schultzen, Bittul, Baurenartzt, für einen Roß- vnd Kühehirten, für einen Schützen, Soldaten, für einen Bauren. Vnd in meinem Ampt offt die Arbeit thun müssen, deren vor diesem ein Schultz, Bittul, Roß- oder Kühehirt, Schütz, Soldat vnnd Bauer sich geschämet hätte.

4. Bin ich hieher kommen ohne verhoffen vnd wider meinen willen, weil ich zu Hauß in der Vnruhe vnd Kriegsgefahr dermassen verstürtzet gewesen vnd mir vorgenommen, auff den Berg Parnassus zu reysen, weil man sagt, es wäre der Parnassus, Locus Pacis, Quietis, Tranquillitatis et Felicitatis, da es noch recht hergienge, wie im Schlauraffenland, aber vnder wegs von ettlichen Reittern auffgefangen vnd hieher gebracht worden. Hätte auch 5. andersts allhie nicht zu schaffen; sondern wolte umb Gnädigste Erlaubnuß fürter zu gehen vnderthänigst gebetten haben.

König Airouest hieß mich besser hinzutretten. Vnd Hörestu, sprach er, Ich bin auff meiner gestrigen meynung, je länger ich dich ansehe vnd höre, gestärcket, daß du nicht ein geborner Teutscher, sondern ein Walscher seyst vnd als ein Kundschaffter hiehero kommen. Dann es darumb nicht folget, weil dir die Teutsche Sprach bekant, daß du deßwegen ein Geborner Teutscher seyest vnd ein Teutsch Gemüth vnd Hertz habest.

Gnädiger Herr König, sprach ich, wie könte ich doch einem Walschen im Hertzen je vnd immer hold sein? da ich doch alles Creutz vnd Ellend, alle Noth vnd Zwang von Ihnen bißhero habe dulden vnd erleiden müssen.

Warumb dann, so du ein Gebohrner Teutscher bist, hastu nicht auch einen Teutschen Namen? Was soll dir ein Griechischer vnnd Hebreischer Name im Teutschland? was ist Philander für ein Gefräß? bistu von Sittewaldt, warumb hastu dann einen Wälschen Namen? waß? Hm? was meynstu? Hä?

[Rand: Namen / Narren] Gnädigster Herr König, sprach ich, es sind solche Namen gemein bei vns. Gemeyn? ja, wie die Wälsche Laster auch. Was habt ihr vermeynte Teutschen dann für Trew in ewren Hertzen gegen ewrem Vatterland? wann ihr bedächtet, wie durch die Römische [140] Tyrannen, insonderheit den Caesar, vnd die Wälsche Vntrew alles in Zerrüttung kommen, das ihr gleichwohl ihre Namen zu gebrauchen euch noch gelusten lasset? haben dann die Teutschen Namen nicht lusts vnd zierde genug, euch zu nennen? Ewere Tugenden vnd Thaten an Tag zu geben? Ist euch dan das liebe Teutsche so gar erleydet? daß Ihr, Erman, Erhardt, Manholdt, Adelhardt, Baldfried, Karl, Künrath, Degenbrecht, Eitellieb, Friederich, Gothfried, Adelhoff, Hartwert, Reichhart, Ludwig, Landshuld, Ottbrecht, Ruhprecht, Redewitz, Sigfried, Theuerdanck, Volckhard, Witzreich, Wolrath etc. vnd andere Liebe, Schön klingende Teutsche Namen nur vber Achsel ansehet vnd verlachet?

Muß euch dann in eweren Bocks-Ohren das Grichische Philander, Philippus, Adolphus, Nicolaus, Theophilus, Theodorus etc. vnd andere, besser lautten? Ja, so dz ärgste ist, wan von Gott je einem ein Teutscher Name widerfahret als Adeloff oder Adulff vnd dergleichen, das er sich doch vor eiteler Wahnwitz vielmehr belieben lasset, solche von dem Grichischen 'Αδελφὸς herzuerzwingen, als von dem wahrhafftigen Teutschen Vrsprung, Adelhoff, einer der in den Adel hofft; Adelhuff oder Adelhülff, Einer der dem Adel hülfft, oder dem Adel huft, herzunehmen? Oder seinen Angebornen Teutschen Nach-Namen mit wälschem Nähtz, Kalckh vnnd Kath (als dem Hoffärtigen, Armutseeligen, Einbildigen De) zu vberzuckern, Einzubeitzen vnd Einzusaltzen, damit der Vnflat nicht stinckend werde. Schämet ihr euch dann ewerer selbest vnd ewrer redlichen Vorfahren?

Schäme dich für dem Teuffel, wann du ein ehrlich Teutsche Ader in deinem leib hast, das du einen andern Namen, einen Außländischen Namen, vnnd den du vielleicht selbst weder verstehest noch weissest, solst einem verständlichen bekanten Teutschen Namen vorziehen, oder mit Wälschen farben anstreichen, mit De vnd Di füttern wollen!


[Rand: Monsieur de / Lottelboß / Monsieur de / Lampe / Monsieur de / Bradfürst / etc.]

Wer seinen anererbten Namen

Flickt mit wälschem Natz zusammen,

Und wer gern ein Jünckerlein;

Der hat Mangel an eim Sparren

Vnd gehört ins Buch der Narren,

Solt er sonst ein Doctor sein.


[141] Kum, hieher, sprach Herr Teutsch Meyr, vnd alß ich nahe zu ihm kam, Solstu ein Teutscher sein? sprach er, dein gantze gestalt gibt uns viel ein anders zu erkennen. Vnd glaub ich gewiß,[Rand: Hüt Narren] das du darumb deinen Hut, (den er mir mit grossem gelächter ließ vorweisen, dann sie hatten ihn zum Schauspiel in den Saal an ein Hirschgewicht hencken lassen) vnderwegs von dir geworffen, nur das man die närrische Form nicht sehen solte. Dann sobald[Rand: Newsüchtige / Narren] kan nicht ein Wälsche närrische gattung aufkommen, daß ihr vngerathene Nachkömlinge nicht sobald dieselbe müst nachäffen vnd fast alle viertel Jahr ändern; auch darfür haltet, wo ein Ehrlicher Gewissenhaffter Mann bey seiner alten Ehrlichen Tracht bleibe, daß Er ein Hudler, ein Halunck ein Alber, ein Esel, ein Tölpel sein müsse.

Wie viel gattungen von Hüten habt ihr in wenig Jahren nicht nachgetragen! jetzt ein Hut wie ein Anckenhaffen, dann wie ein Zucker-Hut, wie ein Kardinals Hut, dann wie ein Schlapp Hut; da ein stilp Ehlen breit, dort ein stilp fingers breit; dann von Geissen haar, dann von Kamelshaar, dann von Biberhaar, von Affenhaar, von Narrenhaar; dann ein Hut als Schwartzwälder Käß, dann wie ein Schweitzer Käß, dann wie ein Holändisch-Käß, dann wie ein Münster-Käß. Vnd das ist heut die newe närrische Tracht; bald kompt eine andere in gestalt eines Fingerhuts hernach, die närrischer ist. Vnd diese alle wolt ihr ellende Leute nachmachen? also, daß erscheinet, all ewer Reichthumb vnd Mittel seyen allein, mit newen Trachten zu verschwenden, erworben worden:


[Rand: D. Brand]

Dann trägt man kurtz, dann lange Röck,

Dann grosse Hüt, dann spitz wie Weck,

Dann Ermel lang, dann weit, dann eng,

Dann Hosen mit viel farb vnd spreng.

Ein Fund dem andern kaum entweicht,

Dann Teutsch Gemüth ist also leicht.

Daß zeigt was in dem Hertzen leyt.

Ein Narr hat ändrung allezeit.


[142] Vnd das zu lachen ist, wo irgend ein König, ein Fürst, ein[Rand: Newer Trachten / Vrsach] Herr, ein Reysender, vmb deß reysens, vmb des Jagens willen ein solchen Hut, ein solchen Mantel, ein solchen Rock, ein solch Kleid, ihm zu seinem nutzen vnnd Vortheil machen läßt; vnd ein Newsüchtiger Monats narr, Ein Schneider bey der Nadel, ein Schuster bey dem Knippen, Ein Student bei den Büchern solchs siehet, der doch wohl sein lebtag nicht auff ein Meil wegs reyset, noch weiter hienauß kompt als seiner Mutter Fülle, weder reittet noch jaget, weder hätzet noch baysset, dannoch es will nachäffen? einen solchen Mantel tragen, daß ihm der Regen deß Hauses die Knye nicht soll zerschlagen, ein chappeau de fuyart auffhaben, damit er ihm nicht abfalle, wann er davon will traben, ein par Stiffel bis an Latzen anziehen, damit ihm das Wasser nicht oben ein lauffe, wann er in den Regen deß Weinfaß gerathet oder durch den Rhein seiner Stuben muß reitten.

Vnd wie zu vnsrer zeit der Hut ein Zeichen war der Freyheit, also ist es nun zu eweren zeiten dahien gerathen, daß der Hut ist ein Zeichen der Dienstbarkeit. Dann warlich, mit solchen newen Trachten halten die Wälsche ewre Hertzen gefangen vnd gebunden vnnd lencken sie, wohien sie wollen:


Du trägst ein Wälschen Hut,

Die Wälsche deiner lachen

Und zwacken dir dein Gut

Vnd dich zum Narren machen.

Drumb, wer hat Teutschen Muth,

Hab sorg zu seinen Sachen.


Last ihn ein wenig sonst besehen, sprach Herr Kallofelß; vnd als ich zu ihm trat vnd Er mich bey den Haaren nahme.[Rand: Haar Narren] Ist dann das ein Teutsches Haar? sprach er, Bist du ein Teutscher, warumb dann mustu ein Wälsches Haar tragen? warumb muß es dir also vber die Stirne herunder hangen als einem Dieb? man soll ja einen Ehrlichen Mann an der Stirne erkennen, welche guten theils seines Gemüths Zeugnuß ist; vnd wer seine Stirn also verhüllet, das ansehen hat, als er sich vor etwas müsse schämen, das er ein Schelmenstuck begangen habe. Warumb muß dir das [143] Haar also lang vber die Schultern herab hangen? warumb lastu es nicht kurtz beschneiden auff Teutsche weise? oder doch, so du es länger tragen woltest, vberm Kopff einschlüpffen, als bey uns der Brauch ist? komm her, laß vns sehen, hastu auch noch deine Ohren?

Ist das nicht eine lose Leichtfertigkeit! Diese lange Haar also herunder hangend sind rechte Diebs Haar vnd von den Wälschen, welchen vmb einer Missethat oder Diebs-stucks willen irgend ein Ohr abgeschnitten, erdacht worden; damit sie mit den Haaren es also bedecken möchten vnd man es nicht sehen oder mercken könte; vnnd ihr, die ihr Teutschen Ehrlichen Namens vnnd unsere Nachkommen sein wollet, wolt solchen Lasterhafften Leuten in ihrer Vntugend, in deren sie sich selbst schämen, vnd die sie zu bemäntelung ihrer Schelmenstücke erfunden haben, nachäffen? vnd darin noch als in köstlichen schönen Dingen prangen? ja offt ewrer eigenen Teutschen Haar euch beschämen? da doch ein Römischer Keyser, wan er in seinem Pomp gehen vnd gar Herrlich sein wollen, ein Teutsches Haar für eine sondere Zierde hat auff getragen. Ihr aber wolt hiengegen lieber eines Diebs oder Galgen-Vogels Haar euch auff den Kopff setzen lassen. Aber


Wer sich seines Eignen Haars schämet, der ist nicht
werth, das er einen Kopff hat.

Soltestu ein Teutscher sein, sprach Herr Friedmeyer, sihe was für einen Wälschen närrischen Bart hast du dann? vnd da deine Ehrliche Vorfahren (wann du anderst eines Teutschen Manns Sohn bist) es für die gröste Zierde gehalten haben, so sie einen rechtschaffenen Bart hatten, so wollet ihr den Wälschen vnbeständigen Narren nach alle Monat, alle Wochen ewre Bärt beropffen vnd bescheeren! ja alle Tag vnnd Morgen mit Eysen vnd Feuer peinigen, foltern vnd marteln, ziehen vnd zerren lassen? jetzt wie Ein Zirckel-Bärtel, jetzt Ein Schnecken-Bärtel, bald Ein Jungfrawen-Bärtel, Ein Deller-Bärtel, Ein Spitz-Bärtel, Ein Entenwädele, Ein Schmal-Bärtel, Ein Zucker-Bärtel, Ein Türcken-Bärtel, Ein Spannisch-Bärtel, Ein Italianisch-Bärtel, Ein Sontags-Bärtel, Ein Oster-Bärtel, Ein Lill-Bärtel, Ein Spill-Bärtel, Ein Drill-Bärtel, Ein Schmutz-Bärtel, Ein Stutz-Bärtel, Ein [144] Trutz-Bärtel etc. Vnd indem ihr euch der rechten Bärt vnd Knebel schämet, noch gar zu Bengeln werdet.

Zu vnsern Zeiten hat man an den Federn erkennen lernen, was es für ein Vogel war, am Bart was für ein Mann da war. Wie wolt es heut immer müglich seyn? da, je älter einer wird, je mehr er seinen Bart stutzen vnd stimlen lasset, vnnd also die Welt vnnd das Jugend-liebende-frawenzimmer vberreden vnd betöhren will, ob er ein Jung Gesell oder ein Jüngling wäre. Hat nicht jener vnser Teutscher Schweitzer redlicher gethan? als er gefragt worden, warumb er ein so langen Bart hätte? vnnd[Rand: de Hieronym. / Rhet. / Prof. Basil. / Lycosthen.] gesprochen: damit, wann ich diese Haar ansehe, ich gedencke, daß ich ein Mann seye, vnd kein Weib, vnd mich Mannes-Thaten vben vnd befleissigen solle. Dann der Bart zieret den Mann vnd soll ihn anreitzen, das er sich in allem Thun rechtschaffen, dapffer vnd als ein Mann verhalte. Wie hoch hat es der Hebräer König, David, empfunden, als ihm Hannon die Knechte bescheeren ließ an ihren Bärten? dann sie waren geschändet vor Israel vnnd allem Volck. Nun ist ewre meiste sorge, sobald ihr Morgens auffgestanden, wie ihr den Bart rüsten vnd zuschneiden möget, damit ihr vor Junge Narren vnd Lappen könntet durchwischen? O ihr Weiber-Mäuler. Ihr vnhäarige! In den Löffel-Jahren gehet ihr zu zopffen, zu trillen, zu ropffen, biß die Gauchs-Haar herauß wollen; vnd wann ihr durch gunst der Natur dieselbige endlich erlanget habt; so wist ihr ihnen nicht marter genug anzuthun, biß ihr sie wider vertreibet. Ihr Bart-Stimmler! Ihr Bart-Rauber! Ihr Bart-Schinder! Ihr Bart-Schneider! Ihr Bart-Stutzer, Ihr Bart-Zwacker, Ihr Bart-Folterer! Ihr Bart-Wipper! Ihr Bart-Marteler! Ihr Bart-Peiniger! Ihr Bart-Abtreiber! Ihr Falsche Bart-Müntzer! Ihr Bart-Verderber! Ihr Bart-Narren! Ihr Bart-Mörder!


Wälsch Bart, Weiber Art.

Lappen Bart nimmer gut ward.


Vor zeiten

[Rand: D. Brand]

Ein Ehr wars, etwan haben Bärt

Daß waß gar Mannlich schon vnd Wert;

[145]

Da wurd man auch billig geehrt.

Jetzt hand die Wybschen Gäuch gelehrt

Vnd schaben alle tag die Backen,

Sie wäschens, das sie sollen schmacken,

Vnd schmiren sich mit Affenschmaltz

Biß an die Augen vnd den Halß.


[Rand: Kleider / Narren] Solltest du ein Teutscher sein? sprach Hertzog Herman: Mann sehe deine Kleider an, was vor ein Wambst ist das? was für Hosen vnd Strimpff? Ich glaub, das du allererst mit von Pariß kommest? ein Wohlthörichter Tausch, den ihr da thut gegen solche Newe dinge! Das alte Teutsche Gelt wird hässlich vmbgetauscht! Aber Recht, die Wälsche können es ihnen fein zu Nutz machen. Meynt ihr, wan der Teutschen saur erworbenes Gut nicht alles nach Pariß für solche närrische newe Trachten vbermacht wirde, es könte sonst nicht verthan werden? Habt ihr Teutsche (wan du je einer von unsern vngeschlachten Nachkömmlingen bist) nicht in der Erfahrung, das, welchen Völckern Ihr euch in Kleidung also gleich stellet vnnd sie nachäffet; das dieselbe dermahlen Euch vnd ewre Hertzen bezwingen, Euch vndertrucken vnnd zur Dienstbarkeit ziehen werden? dann sie ja schon Ewre Hertzen, das beste Bollwerck, die Schantzen der Augen vnd Aussenwerck der Sinne vndergraben, Eingenommen vnnd gewonnen haben. Ist euch dan nimmermehr ichtwas gut genug, daß auß ewrem Vatterland kommet? Man spüret wohl, das Ihr Verächter Ewres Vaterlands seit vnnd dessen Verräther. Wo ist ein Volck vnder der Sonnen, als die vngerathene Teutsche jetzt sind in ihrem Kleidertragen, so vnbeständig, so Eckel, so Närrisch. Wo siehet man deßgleichen bey Eweren Nachbauren geschehen?


[Rand: Barth. Ring- / Wald Lauter / Warheit / 93. blat]

Ich lob die Poln in Ihrer Zier,

Sie bleibn bei der Alten Monir,

Bekleiden sich nach Landes-brauch

Wie Türck vnd Moscowitter auch.


Aber Ihr in dem Teutschen Land

In Kleidung haltet kein bestand,

Daran man euch mit wahrem grund

Wie andre Völcker kennen kund.


[146]

Sondern Ihr seit recht wie die Affen,

Nach Wälschen vnd Frantzosen gaffen,

So wohl nach Böhmen vnd dergleichen,

Die Ihrer Lande Grentz erreichen.


Was die an Rüstung, Roß vnd Wagen

Gebrauchen vnd am Leibe tragen,

Daß müssen Jungfraw, Mann vnd Knaben

Auch allenthalben vmb sich haben.


Mit welcher Tracht vnd losen Dingen

Sie sich nur vmb die Heller bringen.

Vnd machen, wie mans wohl erfind,

Daß alles Gelt im Land verschwind.


Ja wann sie noch bei einem blieben,

Vnd nicht so offter Wechsel trieben

In Röcken, Wambsen, Stiffel, Hut,

So gieng es hien, vnd wär noch gut.


Aber, eh dann man sich vmbsicht,

So wird was Newes auffgericht,

Darauff so fallen sie in gemein,

Wie solt ihr dann vermüglich sein?


Bedenckt doch diß in allem Stand,

Ihr liebe Leut im Teutschen-Land,

Auff daß ihr nicht von ewrer Haab

Durch a la mode nemmet ab.


O solte Keyser Karl der Grosse, Keyser Ludwig vnd Otto, die solche frembde Trachten einzubringen mit Ernst vnd Eyffer hochsträfflichen verbotten, deinea la mode Hosen vnd Wammest sehen, sie würden dich als einen Wälschen Lasterbalg auß dem Lande jagen.

Aber last hören, sprach König Airouest zum Alten, das Hanß Thurnmeyer lese, was im Saalbuch von ihm geschrieben.

In dessen ein grosses Buch, auff dem Tisch, der in mitten deß Saals stunde, ligend, auffgethan vnd nachfolgendes gelesen wurde: die Teutschen vnd Francken, nach dem sie gemeiniglich vnder[Rand:Aventin. / lib. 4. p. 189.] den Wahlen vnnd Frantzosen zu kriegen pflegten, nahmen sie zu hand derselbigen kurtze Mäntel vnd Röcklein an. Da solches sahe Keyser Karl, ward er zornig vnd schrye: O ihr Teutschen vnd [147] Freye Francken! wie seit ihr also vnbesonnen vnnd vnbeständig? das ihr deren Kleidung, die ihr vberwunden vnd bestritten habt, derer ihr Herren seit, annehmet? Ist nicht ein gut Zeichen, bedeutet nichts guts. Ihr nemmet ihnen ihre Kleidung, so werden sie euch ewre Hertzen nemmen. Was sollen diese Wälsche Flecken vnd Hadern? decken den gantzen Leib nicht, lassen ihn wohl halb bloß, sind weder für Hitz noch für Kälte gut, für Regen, noch für Wind; vnnd wo einer im Feld seines Gemachs, mit Züchten zu melden, muß thun; bedeckens einen nicht, erfrören die Beine. Ließ demnach ein Land-Gebott außgehen, daß man solche Frantzösische Kleider weder kauffen noch verkauffen solte. In dem Winter trug er gemeiniglich nach dem gar alten brauch der Teutschen ein Wolff-beltz, oder auß Fuchsbälgen, oder auß Schaafffellen gemacht, an; vnd da er in Friaul im Winter lag vnd sahe, das die Teutschen von den Venedischen Kauffleuthen außländische köstliche Gefüll kaufften vnd darin herein prangeten; musten sie auff ein zeit also gekleidet, da es gleich regnen wolte, an das Gejägde reitten. Da führet ers mit fleiß durch dicke Stauden vnd Dornen, damit solche Kleider nicht allein durch regen verderbt, sondern auch zerrissen wirden. Darnach führet er sie wieder heim, musten von stund an bey den Kaminen essen; da wurden die Kleider erst noch übler verderbt durch die Hitz des Fewrs. Er verzog mit Fleiß das essen lang in die geschlagene Nacht hinein; seinen Wolff-beltz ließ er trücknen zu morgens am lufft, war ihm nichts. Vnd als die Teutschen mit ihrem köstlichen Gefüll für ihn musten kommen, das alles verderbet war; Zeiget er seinen Beltz, sagt: Ihr läppischen Leut, welches Kleid ist nun nützer, dz mein, das mich einen Schilling stehet; oder das ewer, darumb ihr gantz ewer Vätterlich Erb verschwendet habt?

Da hörstu nun, sprach König Airouest weiter.

Vnd Herr Kallofelß, weist du nicht mehr, was vnlängst dein[Rand: Krichingen] Frommer Herr Peter-Ernst von Krichingen dem Hertzog Heinrich von Lotringen geantwortet, alß er Ihn gefragt, warumb er in Kleidung nicht auch so köstlich auffzöge als andere Herren vnd Edele? sprach: Genädigster Fürst: Ich bin schwaches leibs vnd nicht so starck alß diese, deren Einer eine gantz Mühl, Einer ein Meyerhoff, Einer [148] ein gantz Dorff am Halße trägt; das ist mir vnmüglich zu tragen. Ich will heut tragen, das ich morgen wider tragen kan; was sollen mir die Lumpen, die man höher achtet alß den Mann selbsten, die dem Mann eines guten theils seiner Ehre berauben?

Meynstu, sprach Herr Teutschmeyr ferners, das Kleid werde dich zum Mann machen? Sind schon deren, wie ihrer dann viel sind, die solches dafür halten; so seind sie desto mehr zu schelten,[Rand:Vestis facit / virum] weil sie sonst nichts rühmliches an sich selbsten, sondern all ihre Hoffnung auff das Augenmaaß gesetzet haben.

Genädigste Herren, sprach ich, so siehet man gleichwohl, das ohn ein gut Kleid keiner geachtet wird, er sey so Geschickt, als er immer wolle. Hiengegen, wan ein Kerl schon nichts weiß oder gelernet hat; gleichwol wan er brav daher geschritten kommet, vor anderen herfür gezogen wird, geehret vnd geliebet; vnd wohl heisset:


Vir bene vestitus pro vestibus esse peritus

Creditur à mille, quamvis Idiota sit ille.


[Rand: Johann / Strauß / Kleider / Teuffel. D.]

Ein Mann der Schöne Kleider hat,

Geachtet wird eins Fürsten Rath

Vnd für ein Glehrten angesehn,

Dafür er doch nicht kan bestehn.

Ist einer vbel angethan,

Der mag kein Lob bey leuten han,

Vnd wan er gleich wüst alle Kunst,

Noch hat er bey der Welt kein gunst;

Man gibt dem Weißheit vnd gewalt,

Der sich mit Kleidung macht gestalt.


Ja, Ja, sprach Herr Tütschmeyr widerumb, Also vrtheilen Ewer vorwitzige Weiber heutiges tags. Insonderheit vnd zuvorderst soll man Ewer Fürstlichem vnnd Grävlichem Frawenzimmer[Rand: Frawen- /Zimmer] solche Thorheiten billig heim schreiben, welche dafür halten, sie können ihre Herren vnd Ehegemahlen nicht sehen oder lieben, wann sie nicht alle tag in neugebachener Form frisch auffziehen. Ja sie wollen selbst nicht allein alle Viertel Jahr, alle Monat, mit großem Vnkosten vnd mit vergeydung der armen Vnderthanen Schweiß vnd Bluts newe Trachten haben, die man Ihnen auff der Post mit a la mode bekleideten Puppen vnd Tocken von Pariß muß[149] [Rand: Hoffschneider] zuschicken, sondern auch ihre eigene Hoffschneider (welche Gelt-verschwendende Bursch Sie ja den Vornehmsten Räthen an Gunst vnd Gnaden gleichhalten oder wohl vorziehen) mit großem Gelt-Wechsel, als ob sie Land- oder Statt-Richter werden müsten, nach Pariß verschicken, allein daß sie solche newe Narrentrachten alda erlernen vnd erdencken mögen; welche Schneider vnd Schuster theils mehr kosten alß ein Doctor, der fünff Jahr in der Lehr vnd auff der Reyß mag zubringen. Vnd was ein solcher ellendiger Schneider alßdann für Eine Narrheit nur erdencket, so muß das gantze Hoffwesen dem Narren in der Narrheit nachgerichtet werden, vnnd keiner sich sehen lassen, der nicht zu solcher Thorheit sich bequemen wolte.

[Rand: Hier. Bock / fol. 280] Was mangelt euch Teutschen doch, sprach Herr Kallofelß, an der Kleidung vnnd Gewand? habt ihr nicht ewern Hanff vnd Flachß eben so wohl, damit ihr euch müget zur Notthurfft, ja auch zum vberfluß bekleiden als andere Völcker? deßgleichen was mangelts an Wollen vnd der Seiden? habt ihr nicht Schaaf vnd Seidenwürm alß die Wälsche? was Hoffart tringet dann euch arme Vögel, das ihr auch müsset Scharlach, Attlaß vnd Sammet haben? O wie groß ist der Stoltz, so allein auß dem Geitz entspringet, daß sich niemand an dem, so GOtt der Herr Reichlich vnd vberflüssig bescheret hat, will ersättigen lassen. Siehet man daß alles nicht täglich an allen Orten? In der Kleidung von Frembdem Gewand? In der Speise vnd Tranck von Frembder Specereyen vnd Gewürtz? In der Artzney von Frembden vnbekannten schädlichen Säfften vnd Gummi? vnd deren ist kein maaß noch ende. Gott wolle solches wenden vnd sich ewer annehmen.

Aber last vns vnser Frommes Frawenzimmer vnd Teutsche Heldinen hören. Sollte S. Elisabeth König Andres des II. in Vngarn Tochter (ein Schwester Andreß, deß alten Hochfürstlichen[Rand: Croy] Hauses Croy vrhebers) vnd St. Adelheyt wider kommen vnd sehen, das solche Reichthumbe vff so lose Vppigkeiten verwendet, hiengegen die Armen in höchster Armuth, in Hunger, Kälte vnd Blösse gelassen vnd verlassen werden! ja das man, zu solchen losen [150] Newrungen noch der Armen ohne daß durch das Kriegswesen außgesogenen Vnderthanen erpresste Angst- vnd Seelen-Gelter verschwendet; sie wirden Raach ruffen. Aber die Raache wird nicht aussen bleiben. Sie ist, meyne ich, allen genug auff dem Halß. Ihr aber seit in dem Vnglück zu ewerm warhafftigen Vndergang verstocket, GOtt wolle sich Ewer in Genaden Erbarmen.

Waß Vnglücks stellen ewere Weiber vnd Töchter auffs Newe jetzt an mit den Grossen Gepulsterten, Gefuterten Löchern? als ob sie sich durch solchen Wulst eine bessere Leibesgestalt vnd Feiste machen wollten; dannenhero sie solche Würste vnd Füllsaal nicht vnbillig Speck zu nennen pflegen, deren etliche biß in die 25 Pfund[Rand: Weiber-Speck] schwer am Leib tragen. Das müssen ja feiste Säuwe sein, vnd ein Ehrlicher Mann nicht vnbillig sich schewen, einen solchen Schmutzigen Garstigen Lauß-sack anzugreiffen. Vnd damit die Herren sehen, sprach er, was mir gestern allererst vom Rheinstrom wegen solches Newen Wunder- vnd -Weiber-Specks zur Kurtzweil vberschicket worden, so wollen sie diese Reymen (die er auf einem Zeddel Hanß Thurnmeyer vberreichen vnd zu lesen befahle, der mir sie auch hernachmahlen abzuschreiben vergönstiget) hören; welches dann nicht ohne grosses Gelächter geschahe; diß waren aber die Reymen:


1.
Lustig, Lustig, Ihr Freund auff einen Hauffen!
Wer trauren wolt der wär ein Gäck,
Weil vnsre Weiber geben Speck,
So dörffen wir nun keine Säw mehr kauffen.
2.
Jetzt hat ein End mein Klagen und mein sorgen,
Der Ecker fall gleich wie er woll,
An Speck mir doch nicht manglen soll,
Ein einigs Weib kann mir ein Centner borgen.
3.
Hab ich schon kein Schmaltz im Hauß,
Sollt ich mich dann darumb kräwen?
Was frag ich viel nach den Säuwen?
Weib, lang du den Speck herauß!
Ist das nicht ein Schmutzigs leben,
Das die Weiber jetzt Speck geben?

[151] Ach Genädigster Herr, sprach ich, der Speck vnd die Weiber gehen mich nichts an, will auch nicht für sie viel reden; allein, was meine Kleidung anbelanget, so geschicht es bißweilen, daß[Rand: Wälsche / Expeditiones] Einer mit solchen Wälschen Völckern muß zu thun haben, bei denen, wie bekant, nichts außzurichten ist, wann man sich Ihnen in Gebärden vnd Kleidungen nicht gleich stellet.

Allrecht, sprach König Airouest, weil es ja so sein muß, so bleib es also. Hans Thurnmeyer! schreib du diesen meinen Satz in das Saalbuch:

Wer mit Narren muß zu thun haben, dem soll erlaubt sein Schellen zu tragen.

Wann ihr Ewer altes Herkommen, Ewere alte Standhafftigkeit, steiff, fest vnd recht in acht nehmet, die Wälsche wirden Euch mit solchen Trachten wohl vnvexiret lassen.

Ich weiß, sprach Herr Kallofelß, noch heutiges tags Ein Fromme Fürstin vnd Ein Fromme Grävin vnnd Ein Liebe vom Adel (welche jetzt hochschwanger gehet, die auch GOTT genädig entbinden wolle) in Teutschland, so uns allen wohl bekant wegen ihrer Tugend; die trägt sich Erbar in einem feinen Erbarn Schwartzen Kleid, mit Ehrbarem feinem weißem Geräth, ohne Stoltz, ohne Hochmuth, ohne vergeydung; was sie aber an Gelt vnd Vermögen auffbringen kann, das theilet sie vnder Arme Betrangte Leute vnd hülfft, das durch solchen Ihren Beystand der arme Landmann wider zu seinem Hüttlein kommen, widerumb säen vnd pflanzen möge, damit das Land in einen bessern Stand gebracht vnd der Eingerissener Vndergang auff das müglichste verhindert werde. Aber O, wie ist solche Fromme Fürstin, Grävin vnd Edelfraw so kranck vnd schwach! vnd zu besorgen, ehe du wider dahien kommest, sie von der Welt abgescheiden sein möchte; darumb du dich wohl zu eylen hast, wan du sie noch wilt lebend finden.

Als ich diese Wort, daß ich wohl zu Eylen hätte, hörete, dachte ich bey mir nicht anderst, als ich hätte meine Sach nun wohl außgericht vnd Erlaubnuß, also bald vmbzukehren. Machte[Rand: Nothleidende / sind demütig] derowegen (als Erlösete Leute, gegen die, so ihnen auß Nöthen helffen, pflegen, das sie einem hände vnd füsse küssen vnd nicht wissen, wie sie sich genug demütigen sollen) eine grosse tieffe reverentz, vnd mit vielem Bücken, Ritschen vnd hand-küssen wolte ich mich bedanckt haben gegen Ihm. Aber Er stiesse mich mit einer zornigen rede von sich vnnd sprach: Halt, Kerl, es ist noch [152] nicht an dem. Ich glaub, du wilt meiner spotten mit deinen Narren-Geberden! du Kleider-Narr weistu nicht? daß


Ein Teutscher, der sein Kleid veracht

Vnd sich vmbsieht nach Wälscher tracht,

Der bleibt ein Narr vnd wird verlacht,

Biß ers nach art seins Vatters macht.


Vnd König Witichund sprach: komm herumb zu mir! waß?[Rand: Geberden- / Narren] bistu ein Teutscher? Ei was hastu dann für ein närrischen Wälschen Gang, Sitten vnd Geberden an dir? waß wiltu? wo wiltu hin? bistu närrisch worden? wie gehestu daher, alß woltestu dantzen oder[Rand: Gang] springen, vnd fochtelst mit den händen als ein Gauckler? Siehe, wie er Schu an hat, wie Bockßfüß. Es nimbt mich nicht wunder,[Rand: Schue] das er gern hat reitten wollen. Ich glaub, er solt ihm die Füß abgehen in den hohen Wälschen Schuhen, oder wohl gar den Halß abfallen.

Was ist das für ein wunderliches Bücken und Ritschen, mit[Rand: Bücken] dem Kopf, mit den Händen vnd Füssen, mit dem gantzen Leib? du schnapst mit dem Kopff zu den Füssen wie ein Däschen Messer, daß man auff vnnd zu thut. Meynstu, das solches einen teutschen Mann ziere? weistu, was die Wälschen selbst von ihrem Grammantzen halten, welches du ihnen doch so närrisch nachäffest? meynstu nicht, das sie deiner Einfalt vnd doppelen Thorheit lachen? was meynstu, das wir solches Bückens vnnd Burtzlens allhie achten, die wir gewohnt sind, drein zu schmeissen vnd zu schlagen als die Blinde, vnd mehr auff vnser Pferd vnd Vieh achten als auff solche lumpenbossen? Hast nicht viel gehört, dz solche Spiegel-narren, solche Küss-thoren, solche Bückesel, wo sie auff solcher Narren weise verharren, ichtwas nutzen.


[Rand: D. Brand]

Du gehst als auff Bocks füssen har,

Vnd wirffst den Kopff dan hie dan dar,

Dann hien zu Thal, dan auff zu Berg,

Dann hinder sich, dann vberzwerg.

Wann du wärst in der Vogel Orden,

Man spräch, du wärst windhälsig worden.


[153]

Dann gehstu bald, dann gar gemach,

Daß giebt ein anzeig vnd vrsach,

Daß du hast ein leichtfertig Gmüth,

Vor dem man sich dan billig hüt.

Auß Sitten man gar bald verstaht,

Was einer in dem Hertzen hat.


Meynstu, unsere Vorfahren, die redliche Helden, wan sie dich also sehen solten, würden darvor halten, daß du ein Teutscher wärest? O weh nein, sie würden glauben, du wärest allererst von Babel kommen vnd woltest noch einmahl eine Zerrüttung mit den Geberden anfahen in der Welt. Was soll das Fingerlecken? das Händ vnd Armträhen? das von-vnd-zu-dir-zucken vnd drucken? das Ritschen vnd Bucken?

Ihr Teutschlinge! Ihr vngerathene Nachkömlinge! Was hülfft euch solche newe Vnarth? Altes Wesen her! Alte Geberden her! In Hitz vnd Frost übet euch, nicht in Schmincken vnd Schmucken. Alte Hertzen her! Alt Gelt her!

Wo ist ewer Alt Gelt hinkommen, als das ihr solche newe[Rand: Der Teutschen / Verderben woher?] Trachten vnd Bossen darumb erkauffet, vnd den Außländischen all ewre Mittel zuführet, ohn welche sonst sie euch nimmermehr also würden bekriegen, vndertrucken vnd bezwingen können?

All solch Bücken vnnd Ritschen, solch Händ vnnd Füß küssen ist[Rand: Zimpperlich] erzwungen werck; wer sich so gar Zimperlich stellet, der ist ein Heuchler; entweders förcht er sich, oder will etwas bettlen, oder hat ein bös stuck im sinn. Vnter diesen dreyen ist allzeit eines gewiß. Wer Auffrecht vnnd von Hertzen durchgehet was darff er allererst sich also verstellen? die reverenzen sind ein farb des Hertzens, ein anstrich; alles was angestrichen ist, das ist falsch vnd nichts werth; was offen ist, das gehet schlecht zu, darff betrugs gar nicht.

[Rand: Guar. l. 2. / ep. 38. p. 384.] Solch Gaucklen mit Händ vnd füssen ist keim Teutschen angebohren. Es ist Vnteutsch, Vntrewlich; diese Geberden vnnd Gramanzen nehmen alle Vertraulichkeit hienweg, in dem einer[Rand: Vnteutsche / Höfflichkeit] nicht trawen darff, mit dem andern keck, hertzlich vnnd verträulich zu reden, weil man allzeit förchten vnd sorgen muß, Er spotte nur, Er versuche einen nur, Er verlache einen nur, man rede nicht recht, man titulire, man verkehre sich nicht recht.

[154] Dann einmahl last sich alte Teutsche Redlichkeit vnd Auffrichtigkeit nicht bergen noch vertuschen. Einmahl weiß man das diese Gramanzische Sucht den Teutschen nicht angebohren. Einmahl weiß man, daß allen Ritterlichen Teutschen, Alten vnd Newen, allezeit solche scheinende Falschheit zu wider gewesen. Einmahl weiß man, daß die Teutsche Dapfferkeit je vnd allezeit so redlich gewesen, die das Gut gut, das Böß böß vor jedermänniglichen hat nennen dörffen. Einmahl weiß man, daß die Gleißnerey, das Heuchlen, das Schmeichlen dem Teutschen Blut vnd Sitten nicht anderst als das fewer dem wasser zu wider gewesen. Einmahl siehet vnd spüret mans noch alle tag an allen Redlichen, Teutschen Hertzen, an welchen dieses Gifft noch kein theil hat gewinnen mögen, das ihnen nichts mehr zuwider als eben diese Auffschneidereyen in Worten vnd in Geberden. Einmahl weiß man, das die Teutsche Redlichkeit jederzeit hat Mund vnd Hertz bey einander gehabt; welches doch dz grosse Gebrall vnd Grammanzen nicht zulasset. Einmahl weiß man, daß das Hochedele Teutsche Blut auß angebohrner Tugend keiner Nation spinnenfeinder, alß eben denjenigen jederzeit gewesen vnd noch ist, die der scheinbaren Heucheley in Worten vnd Sitten ergeben. Einmahl erfahret man, das solche Hertzen vntüchtig sind vnd in der Heucheley also erweichet, daß sie zu waß dapffers schwerlich mehr mögen angezogen werden. Weich in Worten, weich in Sitten vnd Geberden, weich am Hertzen.

[Rand: Weichlinge] Was ist weicher, dann jener Leib, der keine andere dan eitel weiche Geberden hat?

Was ist das Newe Welt Abentheur, das gar vngestalte vnd gar zu gemeine jetzige Neygen vnd Bücken, Hände vnd Füsse küssen anderst dann ein vberauß grosse Weibische vnd Kindische Weyche vnd Gaucklerische Gelencke deß Leibes? Was ist weycher in den Männern dann allein das verstälte Weibische Lächlend vnd Heuchlend Gesicht vnd Augen? Was ist weychers als allein jenes Gemüt, das sich nach jedes Willen vnd gefallen wenden vnd biegen thut? Was sind vnsere von den Frantzosen kommende oder zu den Frantzosen ziehende vnnd die Frantzosen liebende Teutschlinge anderst als Effaeminatissima Virorum pectora? (Gott verzeihe mir, weil ich diese vns Feindseelige Sprach mit vndermische) welche [155] kein eigenes Hertz, kein eigenen Willen, kein eigene Sprach haben, sondern der Wälschen willen ihr willen, der Wälschen Meynung ihr Meynung, der Wälschen Rede, Essen, Trincken, Sitten vnd Geberden Ihr Reden, Ihr Essen vnd Trincken, Ihr Sitten vnd Geberden? sie seyen nun Gut oder Böß.

O der täigigen Feigen weyche! Darauß eitel forchtsame Verzagte Weychlinge vnd nichts-gültige Weiber-Hertzen werden, die nicht gut noch tauglich, ihre Weibische Weiber, geschweige Statt oder Land zu regieren sind. Dann wan ein solcher Weichling gegen Niemand seine Meynung vnd die Wahrheit mit Ernst vnd Mannlich reden darff, wie wird er darffen die Wehr zucken, wan die offenbahre feinde das Vatterland, als dan geschicht, angreiffen? wie dan ein Jeder Ehrenmann von Gott vnd seinem Blut schuldig ist.

Woher kompt es jetzt in vnserem betrübtem Land, das man Stätt vnd Vestungen so freventlich ohne verschulden angreifft? auch hergegen dieselbe den Erb-vnd andern Feinden so willig auffgibt? allein auß dieser Weyche.

Woher kompt es, das mancher Fürst vnnd Potentat fast nirgend keinen Redlichen Auffrichtigen Diener bekommen kann, welchem er nicht mit grosser Sorg vertrawen müsse? kompt alles auß dieser Abschewlichen Sucht vnd auß dieser Weyche her, das die Diener, so sie ohne Gewissen sind, sich von widrigen durch Geschenck vnd Versprechen gewinnen vnd nach derselben Willen vnnd Meynung lencken lassen.

[Rand: Woher der / Herrschafft vnd / der Diener Vnheil /komme] Woher kompt es, daß mancher Fürst vnd Potentat fast keinen Redlichen Gewissenhaften Diener mehr kann leide vnd behalten? oder denselben seiner trewen Verdienste wegen will Erkennen? Kompt auß eben dieser Verdampten vnd Land-Verderblichen Sucht vnd Weyche her, daß die Herrschafften von Weychlingen, von Fuchsschwäntzern, Auffschneidern, Sitten- vnd Geberden-Narren sich einnemen vnd wider die Jenige so Redlichkeit, Auffrichtigkeit vnnd Warheit lieb haben, verleyten lassen.

Wehe dem Diener, der an seinem Herren vnd Vatterland vntrew vnd ein Verrähter wird! wie können seine Kinder einige Hoffnung haben der Wohlfahrt!

Wehe der Herrschafft, die einen Gewissenhafften Diener wegen der Vngemeisterten vnd Vnvberwindlichen Warheit von sich lasset! Wie kan es anderst sein, als daß ihr armes Land endlich durch die [156] Lügenhaffte Fuchßschwäntzer (welche den mangel vnnd das böse zu sagen sich schewen, vnd nur immer zu nach glatten, weichen, wohlgefälligen Worten vnnd Zeitungen trachten) muß zu grund vnd in das Verderben kommen!

Die Hunde Fuchsschwäntzen Ihren Herren, aber zu rechter[Rand: Die Hunde / lachen mit dem / Wadel] Maaß vnd gebühr; dann auch, wan ihr Herr ihnen zu scharff, oder etwas wider billige Gewohnheit thun will, so zeigen sie ihm die Zäne an statt deß Wadels. Solche Gesellen aber sind mehr dann Hündisch, sie wähen ihren Wadel (Ihre wort, dann was der Hund mit dem Wadel thut, das thut ein Fuchsschwäntzer mit der Zunge: siehe, ein so wüstes Thier bist du, du Fuchsschwäntzer!

Quodque Canis caudâ, tu facis ore, facit.)

zu allen dingen, ohne einigen vnderscheid oder Gewissen, der Warheit oder der Lügen, Gutes oder Böses etc.

Wan ein Rath oder Diener seinem Herren ein schädliches oder Vnchristliches Fürnemmen darumb gut hiesse vnd lobete, weil er vorhien wißte, daß solches seinem Herrn von Ihm annemblichen sein wirde, darüber aber der Herr in groß Vnglück vnd gefahr geriethe; mit was redlichem Ehrentitul und Lohn meynstu, das ein so fürtrefflicher Mann zu verehren wäre?

Ebener massen, als wan ein weycher Medicus oder Artzt bey Fürsten vnd Herren pflegen wolte vnd sprächen: Ey Lieber, oder Genädiger, oder Genädigster Herr, Esset hien mit gutem Lust, dan quod sapit nutrit, was wohl schmackt das thut wohl, das kompt E.G. zu gut! Wie meynestu, das solches Auffschneiden vnnd zu-gefallen-reden, solches süsse placebo dem Herren wirde bekommen? wie meynestu, das solcher Artzt einen Danck erhalten wirde, wan der Fürst oder Herr darüber erkranckete? oder wie wirde er solches gegen Gott vnd in seim Gewissen verantworten?

Erforsche, welcher vnder zweyen Hunden der beste seye? der[Rand: welcher der / beste Hund / seye?] jenig, welcher wachtbar vnd auffmerckig, welcher jeden vnbekanten anbellet vnd vber alles, so ihm mißfallet, murret vnd die Zäne blecket? oder aber der Ander, welcher sich von jedem berühren, streichen vnd Liebkosen vnd ihm seines Herren vnd eine frembde Hand gleich gelten lasset, zu allem stillschweiget vnd vor männiglich den Wadel wähte, jeden lecket, zu jedem heuchelt? wird nicht [157] dieser letzterer seinem Herren in der Noth vngültig vnd an ihm zu einem Verräther werden, in dem er etwan einen Dieb oder seines Herren Feind, den er anbellen vnd beissen solt, Liebkosen vnd zu lassen wird? vnd wird nicht der ander seines Herren Heyl vnnd Glück seyn, welcher den Feind vnd frembden anbellet, ob ihnen murret vnd seinen Herren vor der Gefahr warnet?

O Alte Mannheit, O Alte Teutsche Dapfferkeit vnd Redlichkeit, wo bistu hien verflogen?

Von der Wälschen Weyche kommet es her, daß man sich in allem also verhalten will, das man danck habe vor der Welt, Gott gebe, was die Seele davon trage.

Ob ein Ding dem Gemein-Nutz heylsamb oder schädlich seye, da fraget ein alamodischer Weychling nichts nach, wan nur seiner Gelegenheit, seinem Ansehen nichts geschicht oder abgehet. Wan sie nur Ihren Namen bei Gemeinen vnd mehrers Heylosen leuten nicht verliehren, da lassen sie alles gehen vnd walten; da will vnd mag sich keiner mit der Mannheit vnd Mannlichen Teutschen Dapfferkeit bey den Halßstarrigen oder auch bey den Ansehnlichen feindseelig machen; da will keiner das Vnrecht zu straffen angreiffen; da will keiner das Gute mit seinem Exempel zu fürdern der Erste werden. Wan es aber zum Danckverdienen, zum Geschenck-nehmen, zum Lehen-Bettlen kompt, da will ein jeder der beste vnd Negste daran sein, da streitet man mit einander, welcher sich mit schmeichlen hienzu machen oder das Gemeine Lob deren im Gewissen sich vbel bewusten gewinnen möge! Vnd mercken diese Weychlinge durch Straff Gottes nicht, daß eben dadurch sie ihr ansehen vnnd rechten Respect bey Ehrliebenden Leutten verliehren.

O Pfuy dich Teuffel, Pfuy dich! Was wirden solchealamodische Weychlinge erst thun, wan sie von den Feinden des Vatterlands mit hohen Aemptern, mit Centnerischen Geschencken gelocket vnd gereitzet werden solten? O wehe! da wirde man groß Wunder sehen! da wirde man groß Meer-wunder sehen vnd Ihrer viel von den öffentlichen Feinden vnd Verräthern an Redlichkeit vbertroffen werden, deren die meiste in ihrer Tyrannei weit dapferer vnd mannlicher als viel alamodische Weychlinge in ihrem leben vnd thun sich verhalten.

Vnd o, noch einmahl, du Alte Mannheit, du Alte Teutsche Dapfferkeit vnd Redlichkeit, wo bistu hien verflogen?

[158] Pfuy! Pfuy! fort! fort mit deinen Weychen, Wüsten, Närrischen Geberden vnnd Gäuckeleyen! Pfuy dich, du ellendiger Tropff!


Ein Aedeles Gemüth steckt nicht nur in Geberden

Vnd äusserlichem schein; die Wälsche Höfflichkeit

Verhälet offtermahl den grösten Schalck auff Erden

Vnd deckt ihn etwan zu mit einem Stoltzen kleyd;

Doch, wan Verstand vnd Tugend sind beisammen

sampt der Erfahrenheit,

so ziert die Höfflichkeit

Vmb desto mehr dem Aedelmannes Namen.


Mein, wz Gelts kostet euch dise Narrheit nicht? Es scheinet warhafftig, Gott hab euch Teutsche dahien geschlaudert, daß ihr ewer Gold vnd Silber müßt in frembde Lande stossen, alle Welt[Rand: D. Luth. T. 2. / Jen. f. 481. et / 482.] reich machen vnd selbst Bettler bleiben. Engeland solt wohl weniger Golds haben, wan Teutschland ihm sein Tuch liesse. Franckreich solt wohl weniger Golds haben, wan ihr ihm seineCeremonien, Geprängs, Auffschneiden, alamode-Bossen vnnd Sprach liesset. Italien solt wohl weniger Golds haben, wan ihr ihm sein Reitten und Fechten liesset. Rechne du, wie viel Gelts eine Meß zu Franckfort auß Teutschland geführet wird ohne Noth und Vrsach, so wirstu dich wundern, wie es zugehe, das noch ein Heller in Teutschland seye. Franckreich ist das Silber vnd Gold-Loch, darein auß Teutschland fleußt, was nur quillet vnnd wächßt, gemüntzt vnd geschlagen wird bey den Teutschen. Wäre das Loch zu gestopfft, so dörffte man jetzt der Klag nicht hören, wie allenthalben eytel Schuld vnd kein Gelt, alle Lande vnd Stätte mit Zinsen beschweret vnd außgewuchert sind etc.

Die zeit war mir trefflich lang vber all diesem Gespräch. Vnd wiewohl ich wußte, daß es warhafftige vnd Rechte Helden wort waren, so wurde mir doch das Stehen an einer stätte so saur, das ich vor müde fast auff den Boden gesuncken vnd mich ein wenig gegen die eine Säule anleinen muste.

Wie soltestu ein Teutscher sein? sprach Herr Tütschmyer.[Rand: Freß vnd / Schleck- / Narren] Ich hör, das du dich gestern vnnd heut mit vnserer Speiß vnd Lager nicht begnügen lassen; vnnd glaube, du meynst, es müsse [159] bey vns Redlichen Teutschen hergehen wie bei den vppigen Wälschen? mit allerley niedlichen Speisen, die mehr zum Schleck, Schwachheit vnd Verderben deß Mänschlichen Leibs angesehen als zu dessen auffenthaltung. Was gedencket ihr vngeschlachte Teutsche, das mit Außländischen Artzneyen, mit Außländischen Speisen vnnd Würtzen, mit Außländischen Trachten, mit Außländischem Trincken, mit Außländischer Weibischer Weychheit ihr ewere Teutsche starcke Leiber also schwächet, ewere Kisten und Kasten eröset vnd ewere Kinder hinder euch zu Bettlern lasset?

Wan ewere Weiber deßgleichen thäten oder thun wolten auß angeborner Weychheit, Schwachheit vnd Vorwitz, so soltet ihr sie mit aller Strenge davon abmahnen vnd abhalten. Aber so kehret ihr es vmb vnd werdet ihr selbst zu rechten Weibern und Mämmen vnd thut vnd trachtet nach dem, was zärtelicht, Weibisch vnd Mämmisch mag geachtet werden, wie von dem Milchmaul Sardanapalus [Rand: Geschrib. /Kronick / Jacob von / Königshoffen] zur Lehr auffgezeichnet worden: Er nahme sich an Wiblicher Werckhe vnd Geberde. Er span Side vnd Garn: Er bletzete vnd negete selber Kuttern vnd Küssen vnd thet Wibes Kleider an.

[Rand: D. Luth. / Tom. 3. Jen. / An. 27. fol. / 327. b.] Da behüte euch Gott Ihr Teutschen, das ihr ja nicht so bald klug werdet, auff das ihr eine gute weile noch gute Zärtlinge bleibet vnnd lasset Wehrlinge vnd Nehrlinge sein.

Hat euch der Redliche Bock nicht genugsam gestossen? Hat er euch nicht teutsch genug gepredigt vnd gelehret? so mag euch der Wolff ein andermal besser predigen; muß dan ewere weise alzeit die beste sein? thut es ein stuck rindfleisch, Speck vnd Saur-Kräut nicht mehr? muß es alles mit Feld-hünern, Wachteln, Krammatzvögeln, Austern, Schnepffen, Schnecken vnnd Trecken verpfeffert sein? Muß es dan mit eitel Melonen, Citronen, Lemonen, Pomerantzen,Ragousts vnd Ollipotridos hergehen? mit solchen Trachten, da mit einer jeden Zwölff arme Mänschen hätten erhalten vnd gespeiset werden. mögen.


[160]

O der verdampten Gastereyen,

Da man mit Wälschen Naschereyen

Offt grösser Gut in kurtzer zeit

Verschwendet, alß sonst tausend Leut,

[Rand: Gastereyen.]

Sich in der grösten Roth zu laben,

In eim Jahr nicht zu hoffen haben!


Was vor Gewissen ist bey euch? woher kompt es, das so viel arme Leut vnder euch erhungern vnnd sterben müssen? Nicht wunder ist es: Vns wundert nur, wie der Segen vnnd die Gnade Gottes euch noch so lang hat beywohnen können!


Mancher Fürst hat ein Wälschen Koch lieb.

Ein Wälscher Koch ist ein Verlippter Dieb.

Wälsche Suppen,

Teutsche Juppen

Zusammen sich nicht reymen wohl,

Ein Teutscher Bauch Teutsch fressen soll.


Es ist durch ewere Läcker-mäuler dahien kommen, das man[Rand: Hier. Bock. / pag. 572. 573. / et 841.] viel guter gemeiner Speisen nichts mehr achtet noch gebrauchet; vnd muß nunmehr ewere Speiß auß den Wählschen Landen, ja gar auß Türckey vnd Indien geholet werden. Will einer jetzund ein Bancket zurichten; so will er solches nicht auß der Kuchen, sondern auß der Apothecken haben, vnd daß mit grossem Kosten. Also strafft euch Gott, wan ihr seine Geschöpff (welche euch zur Nahrung vnnd Gesundheit geschaffen) verachtet; das ihr frembde, vngesunde vnd vnkantbare Speysen vnd Artzneyen (ja ewere eigene Kranckheiten) mit Gelt kauffen müsset.

Da siehe man, der Tropff ist schon so schwach vnd Matt, weil er seine Schleckerbißlein nicht mehr hat, das er fast will vmbfallen vnd nicht wol kan auff den Beinen stehen; so erweiben, erweychen vnnd erzärtlen sie sich mit ihrem vppigen Wesen. Da meynt Ihr Albere Teutschen, Ihr müsset alles ernaschen vnnd erkosten,[Rand: Gua l. 2. c. 38. / p. 378.] davon Ihr nur erzehlen höret. Vnd wie fast Ihr in Kleidung vnd allen anderen Dingen fürwitzig, also in allerley Frembden Außländischen Speisen vnd Getränck, die nicht Hunger oder Durst, sondern allein den Fürwitz zu büssen erfordert vnd mit grossem Vnkosten ersucht werden; als etwan die Austern vnd[161] [Rand: Schnecken / Essen.] dergleichen. Wie auch jener Bauer newlich im Würthauß hiebey sich der Schnecken gelusten vnnd dieselben also rauhe mit Pfeffer vnnd Saltz zerschlinden vberreden lassen; deren auch eine grosse menge geschlunden vnnd ein guten süssen Newen Wein darauff getruncken; hernach bei dem Offen auff der Banck nach der länge sich zum Schlaff nidergelegt vnd den Mund offen behalten; allda die Schnecken eine nach der Andern wider auß dem Maul vnnd nach dem Offengeländer hienauff vnd herumb hauffen weiß krochen, das die beywesenden alle lustig sehen mögen.

[Rand: L.T. 2. l. / p. 738. b.] Es ist euch, Sprach Er weiter, weder zu rathen noch zu wehren; Ihr Teutsche (Ihr Teutsche, die Ihr unser Nachkömmlinge seit mit dem Namen, sonst nicht) seit solche Gesellen: was New ist, da fallet ihr auff vnnd hanget daran wie die Narren, vnd wer euch wehret, der macht euch nur döller drauff; wan aber Niemand wehret, so werdet ihrs bald selbst satt vnnd müde, gaffet darnach auff ein anderes Newes.

Darumb muß man euch Tropffen nur machen lassen, endlich allemahl werdet ihr mit ewerem eigenen Schaden doch witzig werden.

Mich däucht, sprach ich, (also ist mir dise rede im Frevel entwischet) Ich wolte besser wissen, vnd zwar auß Erfahrenheit, wo die Schwache Glieder vnd Weychigkeit, vnd insonderheit mir,[Rand: Sorg und /Forcht] herkäme: Es ist die Sorg vnnd die Forcht deß Ellenden Lebens, darin wir sind, die, nicht wunder, vns die Natürliche Kräfften deß Leibs gar vertrucknen solte. Bey den Alten Teutschen ward Niemand also mit Sorg vnd Forcht beladen, vnnd das gab ihnen[Rand: Münster / Cosmo / gr. pr. vom / Teutschl.] solche grosse Krafft, daß sie so Groß vnnd Starck wurden. Dan wo ein Junger Mänsch in grosser Sorg und Forcht stehet, werden seine Kräfften geschwächet, vnd mag nicht wohl am Leib tügen vnd zunemen, als wan er frey wäre.

Behüte Gott! Ich kundte diese wort nicht wohl außreden, da solte man gesehen haben, wie sich dieser Herr vber solche meine vnbedachtsame Einrede (wie ich dan jetzt selbst bekennen muß) erzürnet vnd mich mit allen bösen Worten vnnd Namen also beladen hatte, dz ich mich dieselbe zuerzehlen noch selbst schäme; aber mir darauß leicht die Rechnung machen kunte, das ich meine sach durch diese allzuvorwitzige Rede wirde trefflich böß gemacht haben.

[162] Vnder dessen, Expertus Robertus der Alte, mir die Lection stattlich her sagte; wie vbel es einem Jungen Kerl anstünde, wan er irgend eine Meil sechß gereiset, ein wenig Vnglück außgestanden vnd etwan einmahl den Grobianus gelesen, das er sich drumb gleich so fern erkühne, das er auch Hochweisen, Mächtigen Helden, Gebornen Herren, Oberkeiten vnd Räthen, darff in die Rede fallen, zusprechen, es besser verstehen, besser wissen vnd sagen wollen; da doch vielmehr ein Junger Kerl bei Weisen Verständigen Leutten[Rand: Apud Patronos / parce] schweigen, vnnd sich nach Ihren Reden reguliren, schicken vnd Gehorsamlichen, mit gebührender Ehrerbietung verhalten solle.

Ach mein Getrewester Herr vnd Freund! sprach ich, Ich hab es ja so böße nicht gemeynet; sondern allein gedacht, dz ich auch ein wenig wolte hören lassen, was ich irgends einmahl erfahren hätte. Es ist zwar nicht ohn, das man bey seinen Obern vnd Befürderern sich nicht herfür thun soll mit Worten, noch sich zu weit an den Laden legen, oder ihnen in die Rede fallen, vnd es besser willen wollen. Wan aber ein Kerl eben allezeit so gar still schweiget vnd zu keiner Sache etwas vor seinen Oberen reden thut, so hat es dz ansehen, als ob er gar nichts wiste oder verstünde, vnd ihm also als einem Vndüchtigen Gesellen an seiner Befürderung offt hoch verhinderlichen fallet. Man hat ja alle weil gesagt, daß man herauß reden solle, was einem vmb das Hertz ist, vnd nicht also hinder dem Berg halten wie die alamodische Heuchler. Ich wolte sonst wohl geschwigen haben.

Das sind deine Einbildungen, sprach der Alte, Aber es ist viel anderst. Gelehrte Leutte vnnd Obern die Vrtheilen viel anderst, sie dörffen auch deß Geschwätz vnnd Rahts der Jugend gar nicht; auß einem Einigen Wort oder kurtzer Rede können sie gar leicht merken, was hinder einem Kerl seye, ob er zu brauchen seye oder nicht; vnd dörffen nicht allererst durch vorgemahlte frembde Weißheit vberredet vnd gewunnen werden.

Aber, Ihr wolt vnser Nachkömlinge sein vnd Ehrliche Teutsche genant werden, sprach Ertz König Airovest widerumb, wie will dan ewer Wesen so gar nicht mit dem vnserigen vbereinstimmen? Wie kompt es, das alle Newerungen von den Wälschen müssen hergenommen [163] werden, so gar, das Ihr euch befleissiget, ihnen auch in den Lastern gleich zu sein? In Fressen vnd Sauffen, in Fluchen vnd Spielen, in Gott-schänden vnd gar verläugnen, in Huren vnd Buben? alles muß Wälsche weiß, auff Wälsche fazon, auff alamode hergehen, in Reden vnd Schwätzen, in Singen vnd Springen, in Jählen vnd Schreyen, in Räncken vnd Schwäncken, in guten Worten, in bösem Hertzen.

Ja ihr Teutsche selbst, auff das ihr euch desto eher vntereinander auffreibet, müßt euch mit Gold vnd Gelt erkauffen lassen, damit ihr ewer eygen Vatterland, ewre eygene Freunde quelen, vndertrucken, außsecklen, verderben vnd in Dienstbarkeit bringen möget. Thurnmeyr, lese du das Saalbuch, was stehet davon?

Hanß Thurnmeyer, der an dem Tisch mitten im Saal saß, blätterte dz vorige Buch ein wenig herumb, vnd in einem huy lase er als volget, vnd wo ich recht gesehen, so stehet es am 225 blatt, dan ich war gemächlich beyseits hienzu gegangen, damit ich sehen möchte, was es für ein Buch, ob es das Gerichtsbuch wäre, vnd ob ich irgend etwas zu meinem vortheil erblicken möchte. Er lase aber also:

[Rand: Aventin lib. 2.] Die Alten habens für die gröste Verrätherey gehalten, wo einer wider seinen Herren, wider sein Heymat vnd Vatterland einem Frembden Herren zu zoge, wie vnsere Teutschen dem König von Franckreich. Ist es ein Verrätherey, wen einer einen einigen Mänschen verräth, so ists vielmehr, wo einer eine gantze Nation, sein Vatterland, so viel an ihm ist, verläßt vnd sich zu desselben öffentlichem Feind hält, vor welches doch ein jeglicher ehe sein Leib vnd Leben setzen soll. Drumb ein jeglicher, er sey, wer er wölle, Geistlich oder Weltlich, Ein Fürst, ein Bischoff, der sich zu seiner Nation oder zu seines Königes Feind verbindet oder Ihm zu ziehet, soll Leib vnd Leben verwircket haben.

Als ich das hörete, erschrack ich vber die massen, dan ich hatte leyder viel Freunde, die in diesem Spital vnsinnig Kranck lagen, für die mir trefflich angst wurde. Derowegen zu ihrem besten[Rand: Vndanckbarkeit / derer, denen / man Guts erzeiget] etwas vorzubringen (so thöricht war ich, vnd noch vielmahl zu meinem grösten schaden, das ich offt für einen andern bathe, der es mir doch meist mit vndanck vnd dem Teuffel belohnet; hätte wohl mehr von nöthen, das ich für mich selbst redete; doch ich will [164] ein andermahl desto vorsichtiger handlen. Ich hab jenen vom Todt erlöst, wan er mich jetzt könte ermorden lassen, er wirde nichts sparen) Sprach ich also im Schrecken, weil ich vorhien etwas hart gescholten worden.

Ehrwürdiger, Allerhochgelehrtester König, Mein Fürstlich Genaden[Rand: Rede eines / Erschrockenen] Herr (in dem ich diese Wort also schreibe, wie ich sie damahlen in der Angst geredet, verwundere ich mich theils vber die Zaghafftigkeit des Mänschlichen Hertzens, welches, wann es zu weilen in ein Vnglück oder Betrübnuß gerathet, auch wohl in Gerechter sach, doch offt an dem ort, da er am allermeisten in seinem reden solt vorsichtig vnd verständlich handeln, auß, kan nicht sagen was für schickung, weiß weder hinder sich noch vor sich zu kommen, weder anfang noch end zu finden, offt mehr wider sich, als für sich redet, offt so gar ohne Verstand, das man nicht weiß, was oder wo oder wovon er will anheben; welches auch zu zeiten Hochgelehrten vnd sonst in der Redgebigkeit hocherfahrnen vnd geübten Männern begegnet. Also gieng es mir Einfaltigen dißmahls auch; ich kunte auß Schrecken vnd Verstockung weder wort noch Namen, weder Anfang noch Ende an meinem Gespräch finden. Aber die Helden, die an meinen Geberden vnd auß vorigem meinem antworten mercketen, das es nicht auß Vorsatz oder Boßheit herkäme, liessen es dißmahl so vngeandet, als ob sie es nicht gehöret hätten, durchschleichen, darumb aber der Alte nachmahlen mich hefftig gestrafft hatte) wan ich etwz hinzu reden dörffte, sprach ich, so wolt ich meinen vnderthänigen bericht deßwegen gern in allen trewen ablegen.

Vnd als mir zu reden erlaubt ward, sprach ich etwas hertzhaffters, dan ich hatte mich erholet: Genädigster Herr vnd König, E. Mayst. sollen versichert seyn, das es nicht zu dem end geschihet, ob sie ihr Vatterland darumb zuverrathen begehrten, sondern auß anderen höheren vnd Staats-vrsachen, so das Gewissen vnd den Glauben betreffen, deßwegen sie vmb hülff suchen, damit sie nicht gar undertrucket werden; dan es ja gegen Gott vnd der Erbarn Welt besser zu verantworten ist, demjenigen dienen vnd zuziehen, der dz Vatterland bei seynen Gerechtsamen hülfft schützen, als dem, der es aller Freyheiten will berauben. Vnd was der Helden-Rathschreiber da gelesen hat, wie gut es bey den Alten mag gewesen sein, so wird es doch bey jetzt uns gar nicht gebilliget, sondern für ein Alt-bäuerischen Eyffer gehalten werden; der deß Vatterlands [165] jetzigen Zustand weniger verstehet als ein Ganß. Dieweil ein ehrlicher Teutscher, der einem frembden Potentaten zuziehet, dafür gehalten wirdt, daß er es vielmehr zu des Vatterlands Heyl vnd Besten als zu dessen vndergang thue.

Auch wohl glaube, das etliche aus Noth (weil sie ihre Dienst dem Vaterland offt angetragen, aber also sitzen blieben vnd für nichts geachtet worden) sich in frembde Dienst haben einlassen müssen. Darumb es scheinet als ob Teutschland selbst seinem Vndergang entgegen lieffe, dieweil es selbst solche Leute von sich stosset vnd mehr siehet nach Frevelen, als nach denen, die Auffrichtigkeit lieb haben; warauß dan die grausame Wildnuß vnd zerrüttung aller dinge endlich muß erfolgen.

Aber Expertus Robertus sagte mir beyseits: Schweig du von solchen Sachen, die du nicht verstehest, still.

Ach wie viel meynstu wohl, die solche Gewissens gedancken haben? wenig vnd sehr wenig. Die Religion thut viel, aber die Duplonen thun noch mehr bey solchen Leuten, welche vmb vner sättlichen Gewissenlosen Geitzes willen ihres eygenen Vatterlands, ihrer eygenen Eltern, ihrer eigenen Kirchen nicht verschonen, wan es zum treffen kompt.

Jedoch, so gehet eines jeden Ehrliebenden Mannes Schuldigkeit billig dahien, das er nechst Gott dem Vatterland vor aller Welt mit Leib vnd Gut trewlich dienen solle: So weit aber erstrecket sich solcher Ehren Gesatz nicht, daß darumb ein Ehrliebender Mann sich vnd die seinige ohne einige gegen erkanntnuß in das ewige Verderben setzen müsse. Du mußt dich nach der Zeit vnd den Leuten schicken; dan weder die Leut noch die zeit sich nach dir schicken werden; vnd must den brauch an jedem ort lassen, wie du ihn findest. Sic enim itur, non qua eundum est, sed qua itur. Diene du dem Vatterland vnd im Vatterland. Will daß Vatterland deiner nicht? Alsdann allererst so ziehe weiters in ein ander Land. Doch diene daselbst also, daß du deynem Vatterlande nützlich seyest; vnd wan Ihr heutige Teutsche diesen Vorsatz habt, so muß ich bekennen, dz vielen wegen deß vngleichen verdachts fast gewalt geschihet. Bevorab, weil derjenige, der deß Gemeinen Wesens Wohlstand liebet, auch die jenige Völcker nothwendig lieben soll, welche denselben Schützen vnd erhalten helffen.

[166] Also schwiege ich still. Die Helden aber ohne antworten thaten, als ob sie es nicht verstunden. Vnd Hanß Thurnmeyer gab mir einen Blick, daß ich vor ihm erschracke, vnd von derselben zeit an ist er mir vielmahlen gar hart gewesen.

Vnd König Airovest sprach ferner zu mir: bistu nicht der jenige, der vor zwey Jahren die wunderliche Satyrische Gesichte[Rand: Satyrische / Gesichte] geschrieben? Ja Gnädiger Herr, antwortete ich. So du nun ein Gebohrner Teutscher bist oder ja sein wilt, was hastu dann für eine weise vnd manir zu schreiben? hat euch der Thurnmeyer, vnd vnsers Neffen, König Withikhunds, Bischoff vnd andere nicht genug gethan in der Sprach? wolt ihr es besser oder ärger machen? ist[Rand: D.M.L.] euch das Wälsche Gewäsch mehr angelegen als die Mannliche Heldensprach ewrer Vorfahren? was hastu in solchen Gesichten mit Wälschen, Lateinischen, Grichischen, Italianischen, Spannischen [Rand: Sprach- / Narren] Worten vnd Sprüchen vmb dich zuwerffen gehabt? meynstu, das man darumb glaube, das du alle solche Sprachen gelernet? warumb legstu dich nicht dieselbe zeit vber auff deine Muttersprach, solche in einem Ruff vnd rechten Gebrauch zubringen, vielmehr, als einer außländischen Zungen also zu Diensten zu sein?

Solche Sprach verkätzerung ist anzeigung genug der Vntrew,[Rand: Sprach-Verderber] die du deinem Vatterland erweisest. Deine ehrliche Vorfahren sind keine solche Mischmäscher gewesen, wie ihr fast mit einander jetzt seit. Wer wolte nicht Vrsach genug haben zu schelten, das du dieses Werck (der du doch den Namen haben wilt, das du gar eines Freyen Teutschen Gemüths seyest, vnd frembdes Geschminck, Schmeycheleyen vnd Lieb-kosen weit verwerfest) also mit allerhand frembden Sprachen (vnd darzu der jenigen Völcker, die euch so listig vnd grausamlich nach ewerer alten Teutschen durch mich vnd ewre Vorfahren erhaltener angeborner Freyheit stellen vnd trachten) verderbet? weil ja deine werthe Mutter-sprach den andern nicht wirde nachgeben, in dem die Wälsche Sprachen meistentheils ihren Vrsprung von der Lateinischen haben, die vnserige aber von anfang her von vnserem Vranherrn Thuitscho von sich, als eine wahre Haubt- vnnd Helden-sprach, selbst bestehet.

Ich will euch, meinen Teutschen, hiemit geweissaget haben, vnd hab es von meinem Vranherren KönigSaro hiezugegen, vnd [167] Er von vnserm ersten Ertzvatter vnd König Tuitscho verstanden, der also gesagt:

[Rand: Teutschlands / Propheceyung] Es wird eine zeit kommen, weil alle Ding vergänglich sind, wan das Teutsche Reich soll zu grunde gehen, so werden Burger gegen Burger, Brüder gegen Brüder im Felde streitten vnd sich ermorden vnd werden ihre Hertzen an frembde Dinge hängen, ihre Mutter-sprach verachten vnd der Wälschen gewäsch höher halten, wider ihr eigen Vatterland vnd Gewissen dienen; vnd alsdan wird das Reich, das mächtigste Reich, zu grunde gehen vnd vnder derer hände kommen, mit welcher Sprach sie sich so gekützelt haben, wo GOtt nicht einen Helden erwecket, der der Sprach wider ihre maß setze, Sie durch Gelehrte Leut auffbringe vnd die Wälschlende Stimpler nach verdienst abstraffe. O GOtt, welchen Helden hastu dir hie zu erwählet? treibe ihn, auf das diß Werck einen Seeligen vortgang habe!


Der wär ein Narr, der schiffen wolt,

Ob schon das Schiff wär voller Gold,

solt aber gehen zu stücken.

Also Teutsch Hertz vnd wälsches Maul,

Ein starcker Mann vnd lamer Gaul

zusammen sich nicht schicken.


Doch ich will also sagen, sprach König Airouest weiters,[Rand: viel Sprachen / wissen] viel Sprachen wissen, ist nicht vnrecht, dieweil mit Nachbaurn vnd Außländischen Völckern man sich zu vnserm schaden im handel so weit eingelassen, vnd bißweilen denselben muß antworten können,[Rand: 1505] wie Marggrav Jacob von Baden, Bischoff zu Trier, auff dem Reichstag zu Cöln, deß Pabsts Gesandten Lateinisch, den Teutschen Teutsch, den Frantzösischen Frantzösisch, den Venetianischen Italianisch geantwortet hat. Aber solche frembde Sprachen der Mutter-sprach vorziehen, oder also vndermischen, das ein Bidermann nicht errathen kan, was es für ein Gespräch seye, das ist Verrätherisch vnd muß billig nicht geduldet werden.

[Rand: Teutscher / Michel] Ich meyne, sprach er ferners, der Ehrliche Teutsche Michel hab euch Sprach-verderbern, Wälschen Kortisanen, Concipisten, Cancellisten, [168] die ihr die alte Mutter-sprach mit allerley frembden, Lateinischen, Wälschen, Spannischen vnd Frantzösischen Wörtern so vielfältig vermischet, verkehret vnd zerstöret, so das sie ihr selbst nicht mehr gleich siehet vnd kaum halb kan erkant werden, die Teutsche Warheit gesagt!

Ist es nicht eine schand zu hören? Einem frembden Volck zu belieben, sein eigen Heyl vnd Wolfahrt verachten?

Ihr mehr als Vnvernünfftige Nachkömlinge! welches vnvernünfftige Thier ist doch, das dem andern zu gefallen seine Sprach oder Stimm nur änderte? hastu je eine Katz dem Hund zu gefallen bellen, Ein Hund der Katzen zu lieb mauchzen hören? Nun[Rand: Hund vnd / Katzen] sind warhafftig in seiner Natur ein Teutsches festes Gemüth vnd ein Schlipfferiger Wälscher Sinn anderst nicht als Hund vnd Katzen gegen einander geartet; vnd gleichwohl wollet Ihr vnverständiger als die Thiere Ihnen wider allen danck nacharten? Hastu jeeinen Vogel blärren, eine Kuh pfeiffen hören? vnd ihr wollet die edele Sprach, die euch angeboren, so gar nicht in obacht nemmen in ewrem Vatterland. Pfuy dich der schand!


Fast jeder Schneider will jetzund leyder

Der Sprach erfahren sein und redt Latein,

Wälsch vnd Frantzösisch halb Japonesisch,

Wan er ist doll vnd voll, der grobe Knoll.

Der Knecht Matthies spricht bonae dies,

Wan er gut morgen sagt vnd grüst die Magd;

Die wend den Kragen, thut ihm danck sagen,

Spricht Deo gratias Herr Hippocras.

Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,

Das ihr die Muttersprach so wenig acht.

Ihr liebe Herren das heist nicht mehren,

Die Sprach verkehren vnd zerstören.

Ihr thut alles mischen mit faulen fischen

Vnd macht ein misch gewäsch, ein wüste wäsch,

Ich muß es sagen, mit vnmuth klagen,

Ein faulen Haaffen käß ein seltzams gfräs.

Wir hans verstanden mit spott vnd schanden,

Wie man die Sprach verkehrt vnd gantz zerstöhrt.

Ihr böse Teutschen, man solt euch peutschen,

In unserm Vatterland; pfuy dich der schand!


[169] Gnädiger Herr, sprach ich, wan ich was reden dörffte, ich wolte warlich beweißlich sagen, diese Schuld wäre nicht der Schreiber, sonder der Herrschafften selbsten. Dan die Herrschafften wollen es also haben, vnd hab ich es selbsten erfahren.

[Rand: Fürstliche / Cantzleyen] Die Herrschafften meynen nicht, dz ein Diener was wisse oder gelernet habe, wan er seine Schrifften nicht der gestalt mit Wälschen vnd Lateinischen Wörtern ziere vnd schmücke; Vnd geschicht offt, das ein gut Gesell, der sich deß puren Teutschen gebraucht, vnd solcher vnteutschen Reden sich mit allem fleiß müssiget vnd enthaltet, für einen vnverständigen Esel gescholten oder wohl gar abgeschafft vnd an seinem Glück wird verkürtzet. Will dan ein gut Kerl irgend ein Dienstlein haben, so muß er sich nach der Herrschafft vnd deren Herren Räthen weise richten vnd ihnen antworten, wie sie fragen, Singen, wie sie Geigen, Tantzen, wie sie Pfeiffen, Schreiben, wie sie es haben wollen. Ich hab selbst offt darwider gescholten, aber was hilfft es? ich bin viel zu gering, das ich es allein ändern wolte.

Fürsten vnd Herren, Stätt- und Schul-Räthe solten da ihre Macht vnd Liebe gegen das werthe Vatterland sehen lassen vnd demselben zu Ehren wegen der Sprach heylsame Ordnungen setzen, verständige Teutsche Gelehrte Männer darauff halten vnd wohl besolden.

Das wäre, sprach König Witichund, wohl besser, als das vmb fremder Wörter vnd Vntugenden willen, als da sind Respect, Reputation, Reformation, Temporisation, Contribution, Raison d'Estat vnd andere verdamliche mehr Sie das Aedele Teutsche Blut so vergiessen lassen.

Es wird (Sprach der Alte zu mir in ein Ohr, welches ich hie in vertrawen melde, doch das mirs keiner nachsage) aber am jüngsten Tage unsern Fürsten vnd Herrn wunderlich vorkommen, wan sie vor GOttes Gericht wegen des Guten, so sie auff so offters zusprechen auß Reputirlicher Vnachtsamkeit vnderlassen haben, eben so beschämpt ihr Vrtheil werden anhören müssen als jetzt die arme Bauren von ihnen.

Doch verstehe ich, sprach er, allein die, welche Kunst und Tugend mehr verhindern als befördern helffen. Die jenige aber verhindern Kunst vnd Tugend, welche auff Thorheiten, Eitelkeiten [170] vnd nichts nutzende Dinge grossen Kosten verwenden; wan es aber an Erhaltung deß Vatterlands Hoheit vnd Würde gehet vnd an dessen Liebhabere, Sie dan alles ersparen vnd erkargen wollen.

Gnädigste Herrn, sprach ich weiters, ich hab solche Sieben Gesichte, von denen E. Gn. jetzund Gnädige andung gethan, vor zwey Jahren, nach vngefährlicher anleitung des Visions de Don Francisco de Queuedo zusammen geschrieben; jedoch weil die in Wälschen Landen gewöhnliche Sitten und Händel eben mit vnserm Teutschland nicht solche durchgehende Gleichheiten haben mögen noch sollen, also auch jene auff vnser Wesen vnd Statum (welchen einzubringen ein Teutscher, der in frembden Landen nicht gereyset wäre, nicht vermöcht hätte) sich nicht wirden geschicket oder gereymet haben, vnd meist auß sonderbarem fleiß mit allerley dergleichen Sprachen also vermängen wollen. Nicht, das ich irgend mangel an Teutscher Sprach gehabt hätte; sondern das man ein offenbares Muster habe, in künfftiger zeit vnd sehe, wie so gar vnsere heutige vnartige Landsleut (auch wohl die jenige, so den Fuß niemahln auß der Mutter Heymat gesetzet haben) solche Vntugend hoch vnd herrlich halten; auch nicht wohl etliche wort reden können, sie müssen ihre angeborne Selbständige Haupt-Sprach mit diesen[Rand: Wälsche / Sprachen sind / Bastart- / Sprachen] Bastart sprachen verunehren. Ja, mit solcher Völcker Sprachen, die doch anderst nichts als vnsere Freyheit vnter ihr Joch zu bringen sich bemühen, vnd deme Tag vnd Nacht mit list und trug nachsinnen. Dan ich selbst solche Einmischung Auß-ländischer wort in vnsern Teutschen Schrifften vnd Handlungen fast hasse vnd schelten thue.

Das ist, sprach Hertzog Herman, ein liederliche Außred mit deren du dich vermeynest weiß zu brennen vnd vns also zu Liebkosen; man darff solcher Muster gar nicht; die Thorheit sitzt euch im Hertzen vnd lehrt sich, wie du siehest, von sich selbst gar leicht; wie schön es Euch aber ziere, das kanstu hier auß vnschwer erachten: alldieweil es ja kein Wohlstand dem Adler sein wirde,[Rand: Teutscher / Sprache Vorzug / vnd Vergleichung] wann Er sich mit Hanen, Raben vnd Gauchsfedern bekleiden vnd zieren wolte.

Der Alte König Saro, so allein bißhero zugehöret, fieng endlich mit einer langsamen mächtigen Stimm also an: Ich will [171] schier glauben, das du ein geborn Teutsch-Kerl seyst; aber die Teutsche weiß zu leben vnd zu reden fast verkehrt vnd verkätzert habest. Vnd ist kein entschuldigung, das du meynst, es sey heut[Rand: Gewohnheit] also die gewonheit vnd der Brauch bey euch. Dan wan schon in angräntzenden Orten vielmehr Newrungen vnd vnarten vorgehen, wie es dan in diesem meinem verderbten Land, Gott erbarms, geschicht, so ists aber doch heutigs Tags dabey nicht blieben, sondern solch Vntugend auch biß vnd weit vber meines Neffen, Königs Airovest, Land eingewurzelt.

[Rand: Parnassus] Dan was du vor von dem Parnassus gesagt, das ist durch vnd durch neben viel andern Mißbräuchen im Teutschland gemein, aber ein schand; weistu auch was der Parnassus den du hast suchen wollen, eygentlichen sey? Ist dir dan vnbekant, was mein Vetter König Brenner mit sambt seinen Söhnen Euring vnd Thessel darvor verricht haben? wolt ihr dan der Griechen vnd Römer Mährlein vnd Großsprechen mehr glauben als der Teutschen Warheit selbsten? was wiltu allererst den Parnassus in Griechenland suchen? hab ich euch nicht in diesen Landen genugsame Stifftungen gethan, Kunst vnd Tugend zu erlernen? Was ist das Academia? das Gymnasium? das Pindus? Ich hab ja in diesen Landen am Rheinstrom vnd Westrich, an meinem Wasser der Saar alhie der allererste verordnet, wie die faule, wilde Leute von ihrem Muthwillen, Grobheit, Frechheit vnnd dem Müssiggang abgehalten, in Zucht, Ehr, Künsten vnd Tugend aufferzogen werden sollen; dahero man sie nach mir und mir zu Ehren die Sarannen, kurz Schrannen, Schranner genant; das sind die alte rechte Teutsche Namen, damit man die Schul vnd Studenten geheissen vnd genennet.[Rand: Schule /Schranne] Dann Schul vnd Schüler sind nicht Teutsche sondern Griechische Namen gezogen von dem WorteSchola σχολὴ, das auff Teutsche Sprach, Mueß vnd Ruhe heisset. Deßgleichen Student vnd Studiren kompt vom Latein Studere das ist, sich fleissen her. Aber von mir hat man bey den alten Teutschen solche ding Schrannen, Schranner genannt, wavon endlich deß Adels-Schule in das wort Schrancken ist erwachsen, biß dergleichen Griechisch- vnd Lateinfresser (wie ihr heutige Welschsüchtige auch mit andern erdichteten hochmütigen Namen) es, einem frembden zu gefallen, [172] geändert, Meine Königliche Majestät veracht vnd vergessen vnd also die frembde Wörter bey euch eingetränget haben. Was wiltu dann solchen Parnassus wie du ihn beschreibst, erst bey den Delphiern suchen? Hic Parnassus! damit ich dir zu lieb auch Lateinisch rede, Hic Gymnasium! Hic Academia est! Hic Pindus! Hic Laurentinum! Hic Tusculanum! Hic Athenae! Hic Roma, Indulgentia! ἰδοὺ Ρόδος, ἰδοὺ Πήδημα, Hic Rhodus est, Hic salta.

Hier in Teutschland sind Schulen vnd gute Künste. In Teutschland kanstu Tugend lernen, darffst nit aller erst in die Wälsche[Rand: Wälsche Tugenden] Lande lauffen, da die Tugend vor langen Jahren schon ihr endschafft genommen; oder, so noch was an Tugend daselbst vbrig zufinden, doch mit Lastern dermassen beflecket vnd besudelt ist, daß man das Gute vor dem Bösen, die Freundlichkeit vor der Hurerey, den Ernst vor der Tyranney, die Häußlichkeit vor der Dieberey, Gute wort vor der Betriegerey, den Glauben vor der Heucheley, das Christenthumb vor dem Heydenthumb schwerlich wird erkennen.

Vnd das noch mehr ist, so sind die Edele Künste in Teutschland[Rand: Künste in / Teutschland / wolfeil] dermassen in auffnemmen, das du thöricht thust, dieselbige anderstwo zu suchen; ja die Künste steigen allererst von tag zu tag also hoch, daß es das ansehen hat, sie seyen noch in vollem auffgehen, vnd künfftiger Zeit so weit kommen möchte, das auch die Kinder werden von grosser wissenschafft reden vnd beydes die Griechen vnd Wählschen in ihren Auffschneydereien vberweisen können. Laß dich also genügen an dem, was dir dein Vatterland durch der Vor-Eltern fleiß selbst mit beyden händen vnd mit höchster Trew darbietet.

Es war bei halb sechs Vhren, biß König Saro seine Rede zu End gebracht. Endlich hieß Herr Teutschmeyer mich beneben meynem Beystand, dem Alten, abtretten, Hanß Thurnmeyern aber ward befohlen zu bleiben vnd das Vrtheil zu verfassen.

Nach einer Viertel stund wurd ich ich neben dem Alten wieder eingeruffen, vnd als ich zuvorderst in die Hand Hans Thurnmeyers auff erfordern angelobet, allem dem, was mir wirde anbefohlen [173] werden, getrewlich nach zukommen, hatt er mir meinen Bescheid vorgelesen: O Mein Gott! Wai hunn aich gezöddert? aich hunn gezöddert aß an aspelaub! (sprach Vixen-Hansen-Jäckels-Dummes-Nickel von Lebach).

[Rand: Philanders / Vrthel] Vnd als man mir sagte, fleissig auffzumercken, lase Herr Thurnmeyer von wort zu wort also: In sachen der Vralten Edlen Teutschen Helden, als hochgenöttigster Klägern an einem, vnd deß genandten Philanders von Sittewald, Beklagten, andern theils. Dieweil auff eingenommenen bericht vnd auß allen Vmbständen erscheint, auch beweißlich ist, das Philander von geburt vnd Eltern zwar ein inngesessener Teutscher seye, doch aber (sobald ich dise wort »Zwar« vnd »doch aber« gehört, hatte ich mir die Rechnung meines vrtheils leicht machen können) auß etlichen vngebührlichen Anzeigungen vnd Newrungen, widerigen verdachts vrsach geben; Als ist zu Recht erkandt, das Beklagter, auff geleistete Bürgschafft vnsers Lieben Getrewen vnd Helden Raths Experti Roberti der verhafftung zwar erlassen sein, doch an Eydstatt mit handgegebner Trew angeloben soll, ohn gnädigste Erlaubnuß auß unsrer Burg-zwang nicht zu weichen; sondern in derselben so lang vnd viel sich auffzuhalten, biß man deßwegen gnädigster Güte nach fernere Verordnung wird thun lassen. Vnterdessen ihm frey stehen mag, die in dem Burgzwang ankommende vnd fürgehende Handlungen zu sehen vnd zu hören, ohne hinderung einiges Mänschens. Vnd weil Kläger vber das in etwas vnsers Teutschen Herkommens schrancken in Kleidung, in Geberden, Sprach vnd anderm vberschritten, als ist zu billigmässiger Abstraffung vnd Zäumung solcher einreissenden vnverantwortlichen Thorheiten für gut eracht worden, dz Er, Philander, damit künfftiger zeit vnser geliebtes Vatterland nicht gar in Wälschen Vntugenden zu grund gehe, in zeit dreyer Monden diese Land biß auff acht Meylen wegs raumen, sich in eine gelegene Teutsche Statt begeben, allda die wälsche Trachten abschaffen, den Baart auf Teutsch wachsen lassen, die wälsche Alamode-Kleydung einstellen, sich Erbar vnd vntadelich tragen; an statt der Feldhühner, Wilprets, Geflügels, Schnecken vnd anderer schleckbißlein sich mit Rindfleisch begnügen, die Muttersprach rein vnd vnverfälscht reden, mit keinen fremden Wörtern [174] beschmitzen noch verunehren solle. Auch schuldig vnd verbunden sein, wann vnd wie offt wir es von ihm erfordern werden, wider solche new vnd wälschsüchtige Sprachverderber vnd Namenflicker in Teutscher sprach (durch vermittelung eines auß vnsern alt-Teutschen-Geblüts-Helden, dem wir solches zubefürdern anlaß geben wollen) zu schreiben; wie nicht weniger alles dasjenige zu thun, was einem gebohrnen ehrlichen Teutschen zu seines Vatterlandes Heyl vnd Bestens befürderung ohne das gebühret vnd wolanstehet. Alles bey vnaußbleibender straff deß verderbens, so Beklagter in ichtwas deme nicht nachgeleben thäte, die wir uns aber eines bessern zu ihm versehen wollen. Außgesprochen vorm Teutschen Helden-Rath in vnserer Burg Geroltzeck im Wassgau. Vff Ruhdulffs tag, im Jahr der Christen 1641.

Nach verlesenem welchem Bescheid neben meinem Beystand ich mich deß Vrtheils gleichwohl demütig bedanckt vnd also mit gnädigster Erlaubnuß dißmahl meinen Abschied genommen; da ich dann bey dem Alten in seiner Kammer zu bleiben zugelassen worden.

Als ich aber in den Hoff kame vnd der Alte (der ein wenig in herrschafftlichen Geschäfften anderwärts zuthun hatte) mich ein kleines allda seiner warten hiesse, kam indessen einer in einem gelben Haar an mich, (meines erachtens von den Trabanten, so dem Ertzkönig vorigen Abend auffgewartet) der bate mich in wartung deß Alten mit ihm in dem Garten nechst hinder der Burgmaur zu spatzieren, dem ich dann folgete, weil ich mich gegen ihm, als einem Mann dem ich alles guts wünsche, auch vbels gegen ihm niemahlen begangen hab, nichts arges versehen kunte.

Sobald ich aber in den Garten kam, welchen Er nach ihm zu rigelte, geriethe er an mich, vnd mit aller Gewalt muste ich ihm meine eigene Strimpf (ein par gelb Seiden Strimpff) vnd Schuhe außziehen vnnd in handen geben. Wiewol ich aber für Gewalt bate, mit begehren, mir die vrsach solcher Vngunst zu sagen, kunte ich doch andere Antwort von ihm nit gehaben, als nur, daß es mir nicht gebührte, in der Burgzwang gelbe Strimpff vnd weisse Schuhe zutragen; sondern wo ich nicht saur angesehen sein wolte, in schwartzer Kleidung auffziehen möchte, weil ich ja durch Vrtheil vnnd Recht vor dem Heldenrath allerweile dahin verwiesen wäre worden.

[175] Mein lieber Herr, sprach ich, Ich hab den Herrn für ein so gar feinen Auffrichtigen Herrn gelobet vnd mich alles guten zu ihm versehen; es ist gleichwohl nicht recht, dz er mich also in der Noth ohne gegebene oder habende recht mässige vrsach noch mehr beunruhigen vnd beleidigen will. Er siehet ja, daß ich auß Nothurfft vnd nicht auß Hoffart solche Kleider trage, Er gebe mir schwartze Kleider her, so will ich ihm diese da gern geben. Es ist ja besser, ich trage was ich hab, als daß ich gleich zu einem Kauffmann hienlauffe vnd vnbillige schulden mache, welche nach meinem Todt allererst müssen bezahlt werden. Zudem, ob ich zwar in der Burg zu bleiben so wol als Er jetzt macht habe, so ist es gleichwol ein anders mit mir, indem ich nicht in Leibdiensten bin wie Er, sondern allererst erwarten muß, was GOtt vnd das Glücke auß mir will machen. Vnd wann dasselbige mir einmahl so wol wollte, ich nicht nur gern vnd willig nach dem Burgbrauch in schwartzer Kleidung gehen, sondern mit Gottes hülff auffs wenigste solche Dienste thun wolte, als Er vielleicht mag thun können. Wo auch dieses wider verhoffen nicht geschehen solte, so nehme es mich gleichwol wunder, was er da von der schwartzen Kleidung sagen mögen? warum dann Er nit auch ein schwartzes Haar trage? Eben als wan der jenige nothwendig schwartz bekleidet sein müßte, der ein Ehrlich mann sein wolte, welches[Rand: Aberglaubische / Kleidung] eine Aberglaubische Kleidung wäre, vnd eben so sehr zu schelten als der jenigen vnart, welche sich alle tag auf Alamode in Newe Trachten schäfften lassen.

In wärendem Gespräch der Alte, der mich da anzutreffen erkundigt hatte, an die Thür kam, vnd als ich ihm auffgethan, meine Noth geklagt, vnd gesagt wie es mir so vnfreundlich ergangen hätte, befahl er also balden mit allem ernst, dz mir meine Schuhe vnd Strimpff wider zugestellet wirden, dessen ich mich bedanckt, mit dem versprechen, daß ich mich künfftig kleiden wolte nach dem mein Seckel vnd dienste wirden erleiden mögen.

Führte mich also der Alte mit sich in sein Gemach, allda es mir vmb ein merckliches besser zuschluge als vorigen Abends.

Gleich bey einer halben Stunde nach sieben Vhren ward der Disch gedeckt, das Essen angericht vnd auffgetragen.

Zu dem Disch kamen der Alte Expertus Robertus, Hanß Thurnmeyer, Freymund, Mannhart, Gutrund, Kühnrath, wie ich [176] ihre Namen hernach erforschet hatte, welche vier letztere bey den Helden auch in Bestallung waren, vnd Ich.

Zwey Ding hab ich in währender Mahlzeit insonderheit in acht genommen. Erstlich daß Gespräch, so die beysitzende Herren meiner Person vnd Vrtheils wegen gehalten, vnd das, als ich den Salat, so das erste Gericht war, mit der Gabel essen wollen; wie grausamlich sich die Auffwartere, vnd wie von herzen die Beysitzende sich meiner zerlacht hatten.

Ich meynte, sprach der Alte, der Alamode solte dir heut vergangen seyn. Diese Thorheit, den Salat mit der Gabel essen,[Rand: Salat-Essen] haben deine Vorfahren auch von den Wälschen gelernet; vnd ich dachte anderst nicht, als es wird dieselbe langst wider erloschen sein gewesen bey Euch; weil ich aber das Gegenspiel sihe, lieber so erinnere die guten Teutschen bey deinem Rückkehren, daß sie fürthin solche nach der Wälchen vnart schmackende bossen abschaffen wollen.

Ich esse, Sprach Hanß Thurnmeyer, wie ein Rechter Redlicher Boyrischer Schwob; wo zu sollen mir sonst die Finger? wie kan mir der Salat wol schmacken, wan ich ihn nicht mit den Fingern Esse? wan du die Hände gewaschen hast, was schewestu dich, den Salat recht anzugreiffen?

Vnd ich muß jetzt bekennen, seit derselben zeit ich ihm gefolget, das mir der Salat nie so wohl alß jetzt geschmackt habe.

Das Disch-gespräch wegen deß Alamode vnd meines Vrtheils fieng Hans Thurnmeyr ebenmässig an mit diesen worten:

Landsmann, es muß dir heut fast bang gewesen sein, vnnd nicht ohne, dan sonder den guten Beystand glaube ich sicherlich, es wäre so wohl nicht abgeloffen. Wan jedem Alamode-Kerl also abgezwagt wirde, Ich glaub, die Thorheit solt ihnen gesamt vergehen.

Sprach Freymund, vnd wan ich den Alamode zu reformiren hätte, ich wolte ihm hände und füsse abschlagen.

Hoho, dachte ich, der ist nicht gut auff deiner seitte, wiewohl er hernach fast mein bester freund geworden.

Gutrund: Es ist ein Ellend, das sich vnsere Teutsche also vernarren, vnd wan jedem also abgezwagt wirde als dem Philander, ich glaube es solten wenigAlamode mehr gefunden werden.

[177] Mannhart: Ja, insonderheit solche Trachten, deren man sich viel mehr zu schämen alß zu rühmen.

Künrath: Löblich ist es an vnserer Oberkeit, das sie solchen Thorheiten mit allem Ernst vnd Eyffer begehret zu wehren.

[Rand: Vrsprung der / Kleider] Expertus Robertus: Der Erste Rechte wahre Vrsprung der Kleydung kompt von vnserer Vntugend, Sünde vnd Lastern her. Adam vnnd Eva, vnsere Groß-Eltern, werden mir dessen Zeugnuß geben, ohne welcher Grausamen Fall wir der Kleider niemahlen bedürfft hätten. So ist es auch nachmahlen mit fast allen Stücken, die wir am Leibe tragen, ergangen; da auß Noth vnd wegen eines Sündlichen Schandfleckens jemand zu bemäntelung vnd beschönung desselben was von Tracht auffgebracht, ein anderer aber, der solchen Mangel nicht hatte, gleichwohl darauff gefallen vnd es nachgeäffet. Daher dan der Alamode vrsprünglich entstanden.

[Rand: D. Osiander / Hoffarts / Predigt] Die Kröse oder Krausen sind anfangs von den Jenigen erdacht worden, welche nach eingerissener Frantzösischen Seuche in Teutschland die vberbliebene Schandflecken am halse bedecken wollen; vnd gleichwohl sind andere, die solche wüste Flecken nicht am Leib hatten, zugefahren vnd je eines einen Grössern vnd Kostbareren Kragen haben wollen.

[Rand: Masquen] Hanß Thurnmeyer: Also heuttigs Tags ein wüstes, vngestaltes, verhöntes Beflecktes Jungfrawen-Gesicht hat zu beschönung vnd bemäntelung solcher Vnstalt die Masquen vnd den Flur erdacht, damit sie ihr Gesicht dahinder verbergen möchte. Ein schönes, wohlgestaltes, Himlisches, Engelisches Bilde vnnd Gesicht hat solche Thorheit gesehen vnd gleich alsobald nachgeäffet vnd nicht betrachtet, warumb der andere Vnlust solche Thorheit erfunden hatte; da sie vielmehr alle Masquen vnd Dücher vom Gesicht solte wegkaufft haben, nur das man dz schöne Gesicht hätte sehen vnd loben vnd[Rand: Weite Ermel] lieben mögen. Also ein vngestalte, Hockerichte, Buckelichte hat anfangs die Grosse weite Ermel auffgebracht mit dem schmahlen Rücken, damit sie den Hoffer also darunder verbergen mögen; Andere die von geradem, wohlgestaltem Leibe waren vnnd solche Tracht nachmachen lassen, sind desto thörichter gewesen, weil sie den Mansleuten vrsachen deß verdachts geben, ob solten sie mit gleicher vngestalteten Krümme am Leib verstellet sein.

[178] Also eine lose Schandhur, die mit einem Vn-Ehelichen Kind[Rand: Speck vnd / Reyff Schürtze] Schwanger gangen vnd solchen Ihren Vnehrlichen Bauch vor der Welt verdecken wollen, hat die Grosse gepulster vnnd Reyffschürtze anfangs erdacht vnd auffgebracht; vnd Ein Ehrliche Jungfraw, die von keinem Mann wuste; Ein Ehrliches Eheweib, das ihren Schwangern Leib von Gottes Gnaden vnd mit Ehren truge, hat solche Ehrlose Tracht nach gemacht vnd nicht betrachtet die Vrsach, warumb es die Erste erfunden hatte. Ist das nicht zu erbarmen? dannenhero die Frantzosen selbst solche gepulsterte Weiber-Kleydung, des Cachebastards, Huren-Kleider oder Blinde Bastardt haben zu nennen pflegen.

Also gewiß die meiste Alamode-Trachten vnd Newrungen in Kleydungen von Vnehrlichen Stücken vnd Vrsachen Ihren Vrsprung her haben.

Künrath: Hans Thurmeyer ist wegen seiner bösen Hauß Mutter nur immer vber den armen Weibern. Haben dann die arme Leutlein das Vnglück aber alles allein gemacht? Haben dann die Männer nicht gleiche vnd wohl grössere Thorheiten wegen deß Alamode begangen?

Sie sind ja eben so thöricht in ihrem Kleydertragen alß die Weiber selbsten, vnd nemmen eben so wenig in obacht die Vrsachen, warumb eine oder die andere Newrung in Trachten Ihren Anfang genommen habe.

Dann ein Krummbeiniger vnnd der Schenckel hatte wie ein Rebstecken, hat anfangs die lange Hosen (so man vor eim par[Rand: Hosen] Jahren noch getragen) auffgebracht, seine vngestalte Schenckel also dadurch zu beschönigen. Ein Rechtschaffen Wohlgestalt Kerl, der schöne grade wohlgestalte Schenckel hatte, hat solche thörichte Tracht eben wohl nachgemacht, da er vielmehr die Hosen mit einer Axt hätte sollen weghawen lassen oder gar abziehen, damit man seine Wohlgestalte Leibes-Glieder nur hätte sehen mögen.

Expertus Robertus: Meines erachtens solten die, so Newe, von anderen erfundene Trachten nachtragen wollen, bedencken die Bequemlichkeiten vnd Vrsachen, zu was Ende? zu was Nutzen vnd Vortheil sie erfunden worden? vnd wo sie Vrsprünglich herrühren?

Dann, wie heut im Heldenrath gesagt worden: Einer trägt ein langen Regen-Mantel, damit er die Stiffel bedecke im Reitten;[Rand: Langer / Mantel] darumb thut derjenige närrisch, welcher stets zu hause bleibet vnnd doch einen solchen Mantel mit aller Macht will antragen.

[179] [Rand: Grosse Stiffel] Jener trägt lange Stiffel, weil er Reitten will; Drumb so thut der jenige Närrisch, welcher nie geritten hat vnd doch solche Stiffel will antragen. Jener trägt ein Chapeu de fuyart, Einen[Rand: Hut] Münster-Käs-Förmigen Hut; weil er in das Feld muß, zu Feld sein vnd bleiben muß, die Post Reitten vnd Reysen muß, damit er ihn möge in den Kopff ziehen, damit ihm der Wind denselben nicht abwähe oder von sich selbsten abfalle, wan er außreisset. Darumb so thut der Närrisch, der einen solchen Hut zu tragen sich selbst zwingen will, so er doch allezeit daheime vnnd zu Hauß verbleibet, dann er betrachtet nicht die Vrsach, warumb Jenner einen solche Form deß Huts vor anderen hat erwöhlet.

Jenner gehet vber Land, vnnd in mangel pferds trägt er einen Stecken in der Hand, an den Er sich steyret. Dieser, so nur in der Statt vmbher stutzert, thut es ihm nach, da er doch weder durch dick noch durch dünn zu gehen hat, sondern den fuß hiensetzen mag, wo er selbst gern will; thut derowegen Närrisch.

[Rand: Waidmann] Also ein Aedelmann, ein Falckner, Ein Waidmann, Ein Wildschütz trägt einen gantzen abgezognen Otter, anstatt eines par Handschuchs an, weil er vnlängst denselben Otter hat geschossen. Er trägt einen Busch Kranich- vnd Reygerfedern vff dem Hut, weil er vnlängst einen geschossen hat. Dann das ist billig vnd stehet dem vber alle massen wohl vnd zierlich an, der auff den fall erweisen kan, daß er der Mann seye, der solche That gethan hat. Daß aber ein anderer in der Statt, der nicht weiß, wz hetzen oder baissen ist, der seine tag kein Fewr-Rohr gesehen, kein Bürsch-Büchß kennet, viel weniger abgeschossen, viel weniger aber einen Otter, Kranich oder Reyger getroffen hat, ein solches nach thun will, das ist Närrisch vnd so lächerlich, das ich in mir selbst von Hertzen lache, wo ich dergleichen einen sehe bey mir vorüber gehen. Noch thun es doch etliche, weil sie auß Vnvollkommenheit ihres Verstands vnd auß mangel der Erfahrung nicht wissen mögen, warumb der andere dieses oder jennes zu tragen berechtiget seye oder Macht habe.

[Rand: Hutschnüre] Ein Kutscher trägt eine Hutschnur von Pferdshaaren; die Narren machens nach vnd tragen auch solche Hutschnür, die doch theils nicht wissen, wo die Pferde die Schwäntze haben.

[Rand: Haarpülffern] Ein Alter Greyse pülffert sein Haar, will das eckelende Frawenzimmer [180] dabey vberreden, seine Haar wären nicht Alters halben graw; sondern er hätte sich mit dem Cyperpulffer also geruchs wegen gepüffet. Das aber thut er zu dem End, damit er noch für einen Hürnin-Seyfried möchte angesehen werden, der die Jungfraw könte von dem fewrigen Drachen, so in ihrer Schoß rastet, erlösen. Deßgleichen thut auch Eine Alte Närrin, die noch gern einen Jungen Mann hätte.

Die liebe Jungfrawen, so noch im besten Alter sind vnd sich[Rand: Schwartze / Haar] ihrer Kernhafften Lieben Schwartzen Haare nicht zu schämen, sondern zuerfrewen hätten, thun deßgleichen, machen ihre Haare auch grauw; die doch nimmer wissen noch bedencken, warumb jenne Alte solchen schminck anfangs erdacht haben.

Gutrund: Vber das, sind noch viel vnzählige thorheiten. Dann da tragen sie Hutschnüre, von Seiden, von Gold, von Silber, von Attlaß, von Daffat, dann gestickt, dann geschlagen, dann geflochten, dann Rund, dann aus Fädemen, dann breit, dann viereckicht, dann von Haaren, von Roßharen, von Jungfrawen Haaren (Ach wie mancher Monsieur ist mit solchen Haaren betrogen) von weiß nicht waß.

Dann Vmbschläge, oder Vberschläge (die vnsere Newlinge Rabbat nennen) einer Ehlenbreit, dann eines halb Viertelsbreit. Dann vornen zugleich, dann mit Zipfflen spannen lang.

Dann Stiffel, dann Schue, dann Dägen, dann Wehr-gehencke, dann Sporen, dann Wambs vnnd Hosen, dann Hüte vnnd Strimpff, dann Nestel vnd Bänder, das sich zu verwundern.

Meines theils, sprach Mannhart, halte ich dafür, das solche Newe Trachten nicht allezeit zu schelten seyen; sondern wegen ihrer Gemächlichkeit je zu weilen zu loben, wan sie auch vrsprünglich von Thoren herkämen; dann auch ein Thor zu zeiten was nützliches vnd ein Blinder ein Huffeysen findet. Vnd die Kleider sowohl als die Sprach sich nach der Zeit richten müssen. Dann so[Rand: Fraw. Zim.- / Gespräch / Spiel. Erst. / theil. 13.] man allezeit bey der Ersten Tracht vnd bey der Alten Geigen bleiben solte, so wirde volgen, das wir gar Nackend oder in Feygen blättern dantzen müsten.

Nicht ohn ist es, sprach Expertus Robertus, dz sowohl die[Rand: Vrsachen der / Newerungen] [181] Kleider alß die Sprach sich nach der Zeit richten müssen. Ja, der Sachen gründlicher nach zu sinnen, so finde Ich, das solche Enderungen alle ex Fatis et Influentiis vrsprünglich herrühren; vnnd wie die Königreiche, ja die gantze Welt, ihre Fatales periodos, Mutationes, Incrementa, Decrementa vnd Eversiones, Ihre Enderungen, Ihren Auffgang, Abnehmen, Vndergang vnnd Wechsel haben; also auch die Sitten vnnd Geberden, die Sinne vnd Gedancken, das Dichten vnd Trachten der Mänschen solchen Enderungen (doch nicht auff Stoische Heydnische weise) vndergeben seyen.

Zum beweiß nur diese Ewere Zeiten zu besehen, sprach er zu mir, da ihr halb vnd halb seit; halberL'un halber L'autre; halb Teutsch, halb Wählsch. Ewre Hertzen sind auch also; dann wer hat beständige vnbefleckte rechte Teutsche Trew im Hertzen? wenig; wie solten dan die Wort anderst sein, welche auß dem Hertzen Vrsprünglich herrühren? wie solten dan die Kleidungen anderst sein, die sich nach dem Hertzen richten? Bastart-Hertzen, Bastart-Sprachen, auß welchen letzlich die vnehrliche, vnehliche Mißgeburt gezeuget wird, so man Complimenta nennet.

Dann wie wolte müglich sein, das sonst solcher vngereymte wechsel vnnd Newrungen der Kleydung solte geduldet oder von männiglichen so geliebet werden. Da wollen die Jungfrawen tragen, was den Jung-Gesellen gebührt; die Jung-Gesellen wolten gern haben, was den Jungfrawen zustehet. Die Jungfrawen haben freche Mannshertzen; die Jung-Gesellen feige weyche Jungfrawenhertzen. Der Weib will die Hosen anhaben, die Mann will den Rock anziehen.

[Rand: Farben] Ja die Farben sind jetzt also; wo findet man einen, (Ich rede von solchen Newlingen, von denen es heisset, Astra necessitant, die den Thörichten Einfällen in allem Knechtisch zu eigen vndergeben sind vnd wider die einfliegende Eitelkeiten nicht streitten wollen) der eine rechte selbstständige Farb will lieben vnd tragen, als Schwartz, Weiß, Blaw, Gelb oder Grün? sondern newe halbscheinende Farben, die halb blaw, halb weiß, halb Schwartz, halb gelb, halb grün sind u.s.w.

Recht! Bastart farben, weil Sie verbasterte halb-ehrliche [182] Gemüter haben, Columbia, bleu-mourant, Isabelle, Coquinelle etc.

Die Alte Teutsche habens recht genant, Leichte (Leichtfertige) farben, als Leichtbraun, Leichtblow, Leichtroth, Leichtschwartz, Leichtgrün etc.

Ja, wie gesagt, die Natur selbsten ist also dißmalen in ihrem periodo vnnd vmbgang beschaffen. Wann hat man Blumen gesehen von so mancherley gemängten halbscheinenden Farben als jetzt?

Der Boden gibt es jetzt also, der Boden wircket es also, auß denen Ihne bewegenden Oberen Vrsachen, welche zu gewissen zeiten so vnnd so in jhrer Würckung pflegen. Worin aber solche vnbeseelte Creaturen zuentschuldigen sind, weil sie bloß der Wirckung der Natur vndergeben vnd folgen müssen; die Mänschen aber durch die von Gott gegebene eingepflantzte Vernunfft all ihr Thun vnd Lassen, Dichten vnd Trachten erforschen, dem bösen mit macht widerstehen vnnd das Gute mit frewden zur Ehre Gottes fortsetzen sollen.

Wann das ist, Sprach Mannhart, so thun meines erachtens dann die jenige auch fast thöricht, welche mit Gewalt erzwingen wollen, das man sich in gewisse Farb, alß in Schwartz, Kleyden müsse, vnd wer nicht also einher ziehet, gleich vber achsel angesehen werden; die davor halten, es könne keiner ein Ehrlich Mann seyn, der nicht also gekleidet gehe.

Daß wäre, sprach Expertus Robertus, ein rechter Aberglauben im Kleyder tragen, vnd wirde manchem vbel gesagt sein, der nicht gern schulden machen, noch sich mit vberfluß in Kleidern beladen wolte. Vnnd meyne ich, das nicht die Befürderung an den Kleidern, sondern die Kleider an der Befürderung hangen sollen. Vnnd wo einer sein Brod her zu gewarten hat, das er sich auch alsdann nach seines Herren Willen richte vnd trage. Dann mancher, der sich ohne versicherte Wohlfahrt mit solchen Kleydern vbereylet, ihm vnd seinen Kindern einen solchen Schulden last auff den Halß ladet, das sie sich dessen endlich wohl zu schämen haben.

[183] [Rand: Complimenta] Der Herr, sprach Freymund zu dem Alten, hat erzehlet, das Complimenta ein vnehrliche Mißgeburt seye. Weil ich aber von dieser Mißgeburt offt wunder dinge gehöret, doch seiner eigentliche Deuttung noch nicht recht außgründen mögen, bitte ich vmb ferner deren Erklärung. Es soll den Anwesenden Herren ja nicht zu wider sein können?

Die Frantzosen, antwortete der Alte, wollen das Wort Complementum deuten alß Completamentum, ex Completa Mente, Eine Vollkommene-Gemüts-erklärung. Aber ich wollt es beweißlicher herbringen von Completum Mendacium. Dann es sind ja freylich andersts nichts als grosse Wort ohne Nachtruck, Auffschneidereyen, Lügen.

Ja, es ist recht Nachdenckliche Krafft in diesem Wort verborgen. Compli-menteur, ein Prächtiger, Höfflicher Reder, Großsprecher, Ein Auffschneider vnd Lügner.

Dann wie kan es immer müglich sein, das ein Teutscher, der von art nicht viel wort macht, nicht viel Schwätzens vnnd Großsprechens achtet, seiner Natur zuwider es mit so läppischen Babbeleyen recht meynen solte? Warlich, dieses wort Complement, dessen wirckung jetzt im höchsten grad stehet, gibt zuerkennen was wir für zeiten haben. Dann auch in den Worten eine solche heimliche Krafft vnd Nachtruck zu zeiten stecket, das grosse Dinge darauß können ersehen vnnd erkundiget werden.

Wie die Zeiten sind, so sind die Wort; vnd hinwiderumb, wie die wort sind, so sind auch die zeiten.Verba ut Nummi. Es ist vnsere Sprach dißmahlen in ein recht Kipper-Jahr gerathen; Jeder beschneidet, bestimmelt dieselbe, wie er will, gibt ihr einen Halt vnd Zusatz, wie er will. Vnd wie solche leichte Müntzen, wie weiß sie auch gesotten sind, dannach anderst nichts in sich haben als Kupffer am Halt, also alle solche heutige Auffschneidereyen, wie schön sie äusserlichem Thon nach lauten, sind im Hertzen doch nicht eins drecks werth: vnd wan sie am besten sind, vnnd du meynest, du habest nun alles, was du begehrest, so weissestu im außkehren weder daß, was du begehret, noch daß, was man dir geben, vor einander zu erkennen, dann der Wind führet die [184] Wort darvon; vnd so wenig, als du den weg eines Vogels wirst finden können in der Lufft, so wenig wirstu den Nachtruck solcher Auffschneydereyen spühren mögen.

Nun wissen wir, sprach Freymund, wie diese schöne Geburt geartet seye. Gott wolle das arme Teutschland davon reinigen.

Es ist ein rechte Vnsinnigkeit in solchen NewenAlamode Trachten, vnd sage noch, die Oberkeiten solten solche Funcken an dem Leben abstraffen.

Dann man siehet, das sie mit solchem Eyffer vnd Ernst in solcher Leichtfertigkeit verfahren, so verpicht vnd verpasst auff solche newe Thorheiten sind, das ich dafür halte, wan sie sehen einen Wälschen, einen Farrenschwantz, oder einen Treck in der Faust tragen, sie es gleich für etwz Alamodisch halten, vnd mit sonderem lust nachthun wirden.

Dz wäre, Sprach Gutrund, ein wüster Alamodo, ein stinckender Alamodo. Pfuy Teuffel! wan dem allem also ist, so müssen die vnbedachte Newsüchtige ja in ihrem Hirn vbel verwahret sein, das sie der so kostbaren Thorheit sich dermahlen nicht entschlagen wollen.

Ja wohl entschlagen, Sprach Hans Thurnmeyer, die Narren belieben sich in ihrer Narrheit selbsten, biß zu ihrem gäntzlichen Vndergang vnd Verderben. Dann Narren sind Narren vnd bleiben Narren, so lang sie leben.

In wärendem Gespräch, alß wir nun nach vollendeter Maalzeit auffgestanden, sprach Freymund: Ich glaube ja, sie sind Narren vnd bleiben Narren, solche Newsüchtige, Geltverschwendende Vnteutsche Teutschlinge, Ja ich glaub, sie sind die grösseste Narren die man möchte finden.

Was deucht den Herren, Sprach er zu Expertus Robertus, welcher (weil er an meinem stillschweigen vnd sonsten sahe, dz mir die Augen zugehen wolten, vnd dz ich lieber zu Bett gewesen wäre) sprach, den Außschlag zu geben, Ob die Alamode-Kerls die gröste Narren seyen oder nicht? womit wir es auch dißmahl wollen beschlossen haben, so hören die Herren:

Es war vor zeiten ein Reicher Großmächtiger Herr im[Rand: Wer der gröste / Narr seye?] Waßgauw, der hat einen einigen Sohn. Da er aber jetzo sterben [185] solte vnd sahe, das sein Sohn noch zu Jung zum Regiment wäre, ließ er einen schönen grossen güldinen Apffel machen, nam den in seine Hand, rieff dem jungen Herren vnd Erben vnd sprach zu ihm: Mein Sohn, ich weiss, das ich jetzo sterben muß vnd du mein Land und Leut, Gelt vnd Gut erben wirst. Nun sehe ich deine Jugend an vnd bedencke das alte wahre Sprichwort: Weh dem Volk, des Herr ein Kind ist; darumb ist mein letzter Will vnd begehren an dich, du wollest diesen güldinen Apffel in deine Verwahrung nehmen, außziehen, in frembden Landen dich erkundigen vnd der Leute Sitten, Rechte, Gewonheiten, Macht vnd Pracht ansehen; vnd wan du den grösten NARREN findest, so verehre ihm diesen Güldinen Apffel von meinetwegen vnd zeuch heim, alßdann solstu dieses Lands Herr vnd mein gewünschter Erbe sein. Vnter des wird die Regierung durch meine alte getrewe Räthe wie bißhero versorget werden vnd dir nichts abgehen. Der Sohn als ein gehorsames Kind vnd Junger Held ließ ihme den Rath seines Vatters wohlgefallen, vnd so bald der Vatter verschied vnd in die Grufft versetzet ward, macht der Sohn sich auff vnd durchzog Land vnd Leute vnd fand mancherley seltzame Abendthewr vnd wunderliche Narren in der welt, deren er sich nit versehen.

Dan es begegneten ihm vnderwegs Reiche Leut, die hatten Hauß vnd Hoff, Acker vnnd Wisen, Gelt vnd Gut, Kisten vnd Kasten voll, die ranten auff ihren Gäulen vnd Kutschen den Kucküssen, vnd Alchumistischen schmeltztiegeln zu, wolten Berge versetzen vnd Gold backen, scharreten vnnd schmeltzten so lang, biß sie Söller vnd Keller, Thaler vnd Heller, Beutel vnd Ketten verkuckt vnd verpulvert hatten vnnd zuletzt den Ambtleuten ins Handwerck fallen vnd zu Vögten sich brauchen lassen müsten, wolten sie nicht graben oder bettlen. Da sagt der Junge Herr, das sind zimmliche fürwitzige Narren, wären schier werth, das ich ihnen den Apffel gebe, doch er gedacht, vieleicht wirstu andere finden.

Es geschahe; er traff etliche an, so Land vnd Leute, Stätte vnd Dörffer hatten, die fiengen an vnd wolten Babylonische Thürme vnd Nimrodische Schlösser bawen, sie baweten auch Tag vnd Nacht, Winter vnd Sommer, biß sie Land vnd Leute, Stätt vnd Dörffer versatzten, vnnd letzlich, ehe der Bauw zu Ende gebracht, [186] musten sie davon, vnnd der Burg der Todten zu ziehen, vnd ihre angefangene halb-vollendete Palläste also ohne Nutzen[Rand: Bauw-Narren] vnd mit verderben Ihrer Erben zu grunde gehen. Da schüttelte der junge Held den Kopff vnnd sagte: diese haben fast alles verbauwet, allein da sie ewig wohnen müssen, vnd dahien sie am Ersten dencken sollen, daß haben sie anstehen lassen bis auf das letzte.


Sie bauwen alle fäste

Vnd sind doch frembde gäste;

Vnd da sie ewig sollen sein,

Da bawen sie gar selten hien.


Daß sind ja die grösseste Narren, vnd wolte ihnen den Apffel geben, aber sein Hoffmeister bließ ihme ins Ohr. Herr thut ein wenig gemach, ihr werdet noch wohl grössere finden als diese.

Er zoge fort. Vnderwegs begegnet ihm ein wol gerüstetes Kriegsheer, das brach auff ohn alle gegebne vrsach auß einer schönen befriedigten Schmaltzgruben, wolt seines Nachtbarn Land vberfallen. Das ward verkundschafft, vnd da ihme nichts träumete, denn wie sie die Leutte laden vnd fortschaffen möchten, da kam der Feind geraspelt, vberfiel es, schlugs mit der scherffs des Schwerds vnd theilet den Raub auß, fuhre fort, nam dessen Land ein vnd machts ihm Zinsbar vnd vnderthan. Ey, sagte der junge Herr, dieser Feld-Oberster vnd Kriegs-Rath solte den Apffel billich für andern bekommen haben, so er noch am Leben, aber weil er Todt ist, muß ich fort rücken.

Da kam er in ein Land, dessen Herr wolte nicht auff seinem Schloß vnd Sitz Hoff halten, vermeynte, es möchte ihm zuviel[Rand: Jagen] auffgehen, zog her umb von einer Wildfuhr zu der anderen, bäyßte, hetzte vnd jagte Hirsch vnnd wild-Schwein, vnd das dauchte ihn die beste Kurtzweil sein. Vnder deß waren die Räthe, Haubtleute, Ambtleute, Rentmeistere vnd Schaffnere Herren im Lande, die solten das gute schützen vnd das böse straffen, Gericht vnd Gerechtigkeit hegen ohn alles ansehen der Person nach dem rechten Recht Vrthel sprechen vnd also des Landes bestes suchen. Aber sie dachten bey sich selbst: Heut hie, Morgen anderswo; Herren [187] Gunst erbet nicht; wir müssen vns Pfeifflen schneiden, weil wir im rohr sitzen; da giengs an; wer sich nicht wolte tücken, der muste den Mantel vnd das Bündlein ablegen vnd vberspringen; wer nicht hatte die Hände mit güldinen Männlein zu füllen, der muste vnterliegen vnd seinem Widersacher die Schue putzen; In Summa, Krumb muste gerade, gerade krumb, vnd der Heuchler der beste Mann zu Hoffe sein. Hierbey war mein Herr sicher, soff, fraß, spielete, faulentzte, biß Hund vnd Katzen das beste Vih waren, Ja biß sie alle lam, arm vnd kranck wurden vnd mit Schmertzen von hinnen fuhren. Ach, sagte der Herr, hie solte ich vil güldine Aepffel haben, weil aber nur einer vorhanden, muß ich wandern, er möchte mir sonst auch per fas et nefas abgedrungen werden.

[Rand: Hoffleben] Brach eilends auff, machte sich darvon vnnd kam in ein schönes Volckreiches Land. Er zog an einem derselben Fürsten Hoff, zu sehen, was er da für Anstalt finden möchte. Als er etliche Monat den gantzen Staat erkundiget, befande er, das es ein recht Ellend zu Hoff sein müste; allwo der Herr selbsten es nicht besser hatte als der Diener, Ja das er noch viel vbeler versehen war vnd in der grössesten Gefahr seines Lebens vnd aller Wolfahrt täglich stehen thäte. Dann wie zu Hoff der Brauch ist, das, der am besten Auffschneiden kan, derselbe das beste gehör, glauben vnd Vortheil hatte, also hie auch. Der Herr hatte einen Alten getrewen Diener, der manche Jahr sein Leib vnd Gut, Ehr vnnd Blut, Tag vnnd Nacht mit embsiger Sorg, Angst vnd Noth in seinen Diensten zu gebracht; die böse mit Ernst vnd Eyffer gestraffet, vnnd die Vndertruckte wider den Gewaltigen mit allen Kräfften geschützet hatte; also daß Gericht vnd Gerechtigkeit im schwang gienge. Der Herr aber hatte auch einen kurtzweiligen Rath, Einen hochtragenden Esel, der dem Herrn redete, was er gern hörete, vnnd sich in allem nach seinem willen also zu stellen wuste, das es die anderen verwunderte; der redete einem jeden grosse auffgeblasene wort, sprach von der sachen zierlich, als ob er allein der Atlas wäre, der die Berge tragen vnnd des Herrn Authoritet vnd Wohlstand erhalten müste; im Werck aber anderst nicht dachte, als auff sein Eigen-nutzen, Vortheil vnd Ansehen, vnd selbst lieber Herr als Diener gewesen wäre. Dieser, damit seine [188] Person vnd Rath gelten möchte, gab den Alten Rath bey dem Herren an seines Vnverstands, seines Vnfleisses, seines Vnansehens, als der sich nicht nach deß Herren Stand stellen, vnd gravitetisch genug halten könte; ja auch, das er dem Herren vntrew wäre; so fern, biß der gute Rath mit ungenaden abgeschafft worden. Als aber bald nach dem wichtige sachen vnd Staatsgeschäffte vorfielen, welche der hochtragende Sennor Mutio nicht nur nicht verstunde, sondern auch niemahlen dergleichen gehöret hatte; da wolt der Herr nach seinem Alten Diener sehen; aber er war davon, vnnd muste der Herr in Vnrichtigkeit seiner händel vor Leyd vergehen, sterben vnd verderben. Diesem, Sprach der junge Herr, gebe ich warhafftig den Apffel, wan er noch lebete, weil er dem auffgeblasenen Tropffen wider den Auffrichtigen Mann ohngeachtet aller vorigen trewer Dienste geglaubet hatte.

An eben demselbigen Hoff fande er andere, die sich Neideten vnnd[Rand: Verläumder] keibeten, da der Eine auff den andern erdachte vnd Loge, was ihm in sinn vnnd ins Maul kam, also das der Vnschuldige sich eine zeitlang leyden vnnd weichen muste, endlich aber die Warheit hervorbrach, das der Verläumder, in seiner Vnwarheit öffentlichen erwischet, mit Spott vnd schanden davon ziehen muste. Das ist wohl ein Narr, Sprach der junge Herr, der einem andern eine Grube grabet vnd selbst muß darin fallen. Wolte ihm auch den Apffel geben haben.

Aber er ward zu Gast geruffen bey Einem Amptmann, dessen[Rand: Ambtmann] Wesen ihm nicht vbel gefiele anfangs. Allein befande er, das Er etlichmahl von den Reichen Geschäncke name. Ho ho, sprach der Junge Herr, das ist nicht gut; wan es zum treffen kompt, so wird er die Reiche wohl nicht saur ansehen dörffen. Er sahe auch, das er, der Amptman, etliche böse Buben nur schlecht mit Worten abstraffete, damit er also deß Pöffels gunst vnd guten willen bey männiglichen erhalten, geliebet vnnd gelobet werden möchte. Aber das Widerspiel geschahe, dann er ward letzlich verachtet vnd verspottet, vnnd von dem Nothleidenden Mann, den der Reiche Schacher vndertrucket hatte, angeklaget seiner vntrewen Handlungen. Da sprach der Junge Herr zu seinem Hoffmeister: Da laß ich den Apffel; dann wie könte ein grösserer Narr sein, alß der sich in seinem Ambt das Vnrechte zu straffen vnd das rechte Recht zubefürdern will förchten.

[189] [Rand: Regenten] Da gedachte er aber bey sich selbst, vielleicht hats jenseits deß Wassers auch Leute, zog vber Meer vnd kam in eine Insel, da fand er ein reiches, schönes, lustiges Volck, das hatte einen König, derselbe thät, was ihne gelüstete; es war gleich wider Gott, sein Wort, Natürliche vnd weltliche Gesätze, alle Zucht vnd Ehrbarkeit, so hieß es doch, si lubet, licet: ainsy nous plaist. Dis sahe der Junge frembde Herr mit verwunderung an, trat zu dieses Königs Kämmerling einem, fragte ihn vnd sprach: Mein Freund, was hats für eine Gelegenheit mit ewrem König? Ist keine Gottesforcht, kein Gericht noch Gerechtigkeit, Zucht noch Erbarkeit in diesen Landen? Nein, antwortete der Kämmerling,[Rand: Burgerliche / Tugenden] Zucht, Ehr, Gottesforcht, Redlichkeit das sind burgerliche Tugenden, gehen vnseren Fürsten vnd Herren allhie nicht an. Der thut, was er will; vnd wz er will, dz ist, ob es schon nicht wäre. Es[Rand: Mährlein] geht mit vns wie mit dem Wolff vnd dem Karpen. Die Wölffin war eines mahls groß-tragend vnd bekam gelust nach einem Karpen. Deßwegen den Wolff außschickte, ihr dergleichen Fisch zu bringen. Der Wolff hätte gern Karpen gehabt, aber zu fangen, das war seines thuns nicht. Derowegen bey einem Weyer traff er eine Heerde Schwein an, Nam eines, vnd mit davon; vnderwegs als er ruhete vnd das Schwein die Vrsach dieser That fragete, erzehlete der Wolff, wie er nach Karpen geschickt wäre. Das Schwein entschuldigte sich, es wäre ein Sauw, ein Schwein, vnd kein Karpe; der Wolff aber verlachte dz wort vnd sprach: Mein, du solst mich nicht lehren Karppen kennen, du bist nur ein Karp, vnd wan deiner noch hundert wären, Ihr soltet mir alle für Karppen gut sein: Also, was vnser Herr, weil er den Gewalt hat, will, das muß sein, wan es schon nicht wäre. Ist ihm also, spricht der junge Held, so kanns auch die länge mit ihme nicht wären. Ja freylich, sagt der Kämmerling, wehrets nicht lange, sondern ein einiges Jahr. Dann wir haben in diesem Lande eine solche Gewonheit, das wir in erwählung eines Königs nicht sehen nach grossem Geschlecht, Ehre, Kunst oder Weißheit; sondern nehmen einen auß den geringsten Halunken, doch mit dem bescheidt, dz er nur ein einiges Jahr regiere vnnd bei dieser seiner Herrschafft macht habe, zu thun vnd zu schaffen, was sein Herz gelüstet. Wenn aber das Jahr vmb ist, so wird er seines Ambts entsetzet, [190] in ein Gefängnis geworffen, darin muß er die zeit seines Lebens verbleiben, Hunger vnd Durst, Gestanck vnd Frost vnd den elendesten Jammer ausstehen, sterben vnd verderben. Ey, sagte der frembde Herr, der ist ein Narr vnd bleibt ein Narr, der vmb eines einigen Jahres Wollusts, nichtige, flüchtige frewde willen ihme die zeit seines gantzen Lebens wissentlich vnd willig herb, bitter vnd verdamlich machet. Ja, antwortete der Kämmerling, da man nur einen sucht, findet man ihr noch wohl tausend, die vmb eines solchen Jahrs willen nicht nur die zeitliche, sondern auch die Ewige Wolfart gern in den wind schlagen vnd verschärtzen. Der ist deß Apffels wohl werth, sprach er, aber der Hoffmeister hieß ihn noch gedult tragen.

Der Junge Herr zog weiters; in eim anderen Land begegnete[Rand: Hätzen vnd / bayssen] ihm ein grosser Herr, der war Hätzen geritten auff einem Klepper, hatte zween Leythunde, zween Strick Winde, so der Knecht neben seinem Klepper angefahen führte, Einen vorstehenden Hund vnd einen Falcken bey sich. Der Herr sang von heller Stimme:

Wol vff, woll vff Ritter vnd Knecht, vnd alle gute Gesellen,[Rand: Waidspruch] die mit mir gen Holtz wölln. Wol vff, wol vff die faulen vnd die trägen, die noch gern länger schlieffen vnd lägen. Wol vff, wol vff in deß Namen, der da schuff den wilden vnd den zamen. Wol vff, woll vff, rösch vnd auch trat, dz uns heut der berat, der vns leibe vnd Seele beschaffen hat. Hinfur, trutter Hund, hinfur; vnd auch das dir Gott heyle gebe, vnd auch mir: hinfur, trutter Hund, hinfur zu der fert, die der Edelle Hirsch heute selber thät etc.

Vnd als in dessen der Junge Herr an ihn kam, vnnd ihn fragte, wz er mit solchem Viehe allem machte? sprach er: Ich brauche es zu Hätzen vnd zu bayssen. Vnd als er forschete: wie viel er deß tags fange? antwortete der Herr: je nach zeit vnd wie das Glück will, dann viel, dann wenig, dann nichts: Aber einen Tag in den anderen zu rechnen, so habe ich wochentlich meine zween Haasen vnd mein par Feldhüner auff der Taffel, ohne den grösten lust, so ich dabey finde. Der Junge Herr fragte weiters, was dieses Viehe alles zu vnderhalten koste? Diese beyde Kläpper, welche hierauff allein bestellet, haben tags jeder Ein halben [191] sester Habern, Ein jeder Hund des tags 4. Mitschen, vnnd der Falck des tags ein pfund fleisch; das ist ja ein geringes, sprach er. Der Junge Herr, nachdem er sich ein wenig bedacht, die Außgab vnnd Innam gegen einander gehalten: Alle woch zween Haasen sind 104 Haasen, jeden zu eim halben gulden sind 52 Gulden; die Feldhüner auch soviel; also ist Inname dieser Rechnung 104 gulden. Nun die Außgabe: die Eylff Hunde, jeder 4. Mitschen deß tags 44. Mitschen, deren 80. für einen fester, thut Jahrs 16060. Mitschen, zu 36. fiertel, dz fiertel à 3 gulden ist 108. gulden. Vff die zwei Pferde tags ein sester Habern thut 61. fiertel, zu 15. schilling thut 91. vnd einen halben gulden; 365 Pfund fleisch 24. gulden, der Falckner aber hat 150 gulden etc.

Herr Hoffmeister, sprach er, nun langet mir den Apffel her, dann es ist zeit; dieser hat ihn am besten verdienet, auff das wir nach hause kommen.

[Rand: Don Thraso] Nein, sprach der Hoffmeister, es wird noch andere geben; zogen derowegen weitter vnnd kamen bey eine vorneme Statt, vnder wegs aber traffen sie in Gesellschafft an einen Grossen Herren (dem Ansehen nach) welcher viel Diener, Hoffmeister, Stallmeister, Falckner, Kammerdiener, Edelknaben, Kutscher, Reittknechte, Jungen etc. vnd vil Mägde, vil Viehe, Kutschen, Roß vnd Wagen, vnnd etliche Bey-Pferde mit sich hatte, der zoge der Statt auch zu; vnnd alß der junge Herr erforschet von einem der nachritte, wer er wäre? vnd wo hie er ziehen wolte? war ihm in vertrauen gesagt, das der Herr diser Völcker vnd Reichthumbs allen seines Herkommens zwar nur eines Weingärtners Sohn gewesen, sich aber in Kriegen, Schlachten, Treffen, Stürmen, Plünderungen, Vbersteigungen, Einnemungen mit dem Maul so Ritterlich gehalten, vnd durch seinen fleiß vnnd Vorsichtigkeit seine sachen so klüglich angegriffen, dz er nicht allein eine Hohen Geschlechts Wälsche Tochter zur Ehe erworben, sondern auch ane Barschafft, Gold, Silber, Kleinodien, Kleidungen, Vieh vnd anderem einen solchen Vorrat erschwätzet, daß es vnmüglich wäre, selbigen allen zu verthun. Darumb er in der nähe eine Herrschafft erhandlen, fürterhin sich deß Pfefferwesens abthun vnnd die vbrige zeit seines Lebens mit seinem Weib in Adelichem Frieden, Frewden vnd Lust vollenden [192] wolte. Also das seiner meynung nach nicht wohl ein seeliger Mann zu finden seye. Der Junge Herr sprach zu seinem Hoffmeister, diesem grossen Sprächer ziehe ich so lang nach, biß ich sehe, was es für ein Ende mit ihm nemmen werde.

Sie zogen in die Statt, der Sennor ordnete sein Haußwesen an, erhandelte Eine gelegne Herrschafft, einen schönen Palast vnd Garten, ordnete sein Hauß- wesen dergestalt, das er wuste, wie viel die Hüner alle tag Eier legen könten, damit er nicht irgend durch vnachtsamkeit an ichtwas schaden leyden müste. Er ließ sich sehen vnnd hören; alle tag veränderte Er seine Kleidungen; aber dabey war er fast Hochmütig. Wan ihn jemands grüssete, er danckte ihm nicht; wo man aber den Hut nicht abzoge, so wolte er gleich vmbsich schmeissen vnd schlagen. Er thate, alß ob er Niemands sahe oder kante. Wan ihn ein armer vmb einen Pfenning bate, ließ er ihn mit Stössen vortweisen. Er brauchte sich wunderlicher Gebärden vnnd Sitten, trug einen hohen breiten fliegenden Hut, Ein Igel-köpffiges falsch gemachtes Haar, alles war mit Armbanden vnnd mit Ketten, köstlichen Ringen vnd Kleinodien versetzet. Zu keinem Mänschen gesellete er sich auß forcht, daß ihn jemand kennen oder sich zu viel gemein mit ihm machen möchte; seine Bluts-freunde, die in solchem seinem Vberfluß eine Stewr von ihm baten, ließ er mit Brüglen vorttreiben als falsche Leute, die ihne für einen andern halten vnd ansehen wolten. In summa, seine sachen waren so geordnet, daß er scheinete vnsterblich sein bey den einfaltigen Mänschen. Soll das gut thun, sprach der Junge Herr, so nimpt michs wunder; dann wan ich betrachte, wie dieser grosse Sprächer all seine Gelder vnnd Mittel, mit Staatsbetteley vnd hilpers-griffen; nicht aber mit redlicher Soldaten-faust noch mit Ehrlichen Lehnungen erworben hat, so ist vnmüglich, daß es lang kan bestand haben. Sintemahl die Warheit Gottes an ihm nicht wird zur Lügnerin werden, alß welche allem solchem vngerechtem Gut den Fluch dergestalt angebunden, das, ob es in Eyserne Berge vergraben, das Fewer vnnd der Blitz es doch daselbst rühren vnnd zudrimmern wirde. Ist also dieser Kerl, meines achtens, der gröste Narr, den ich noch gesehen hab, vnd bin ich willens, das ich ihm den Apffel geben wollte. Als er aber in den Gedancken stunde, wird in der nacht ein Geschrey vnd Ruff eines [193] Fewers; vnd als man hörete, so war auß verwahrlosung, aber schickung Gottes, der herrliche Palast angegangen vnd darin verbrunnen aller Raub vnd Vorrath, den der Hudler je gehabt hatte, in welchem fewer auch sein Weib vnd etliche Diener das Leben lassen, Er aber, der Noth zu entkommen, zum fenster hinaußspringen vnd also den Hals brechen müssen; welches die Vrsach ist, das ihm der wohlverdiente Apffel nicht zu theil worden.

Endlich kam der Junge Herr durch das Teutschland biß gegen den Rheinstrom.

Freymund aber sprach, ich bitte, Mein Herr, ehe ich schliesse noch ein einigs wort: Meines wissens, ehe er an den Rheinstrom kommen, so zoge er vber ein grausames grosses Gebürg, vnnd kam in ein Königreich, das fast mächtig war vnd vber die gantze Weltherr schen wolte, dessen König hielte einen grossen Hoff, vnd mannige Ritterspiel, als dann zur Zeit Gewohnheit was. Der König hatte einen Nachbarn einen andern Alten König, jenseit der grossen Bach, derselb hatte einen einigen Sohn, den sandte er herüber, dieses Königs Hoff vnd Ritterspiel zu besuchen; wie er sich dann so wohl da befande, das er auch vmb deß Königs Tochter freyete. Nun hatte dieser König heimlichen verstand in des Alten Königs Reiche, vnnd es, wo nicht durch offene Macht, doch durch Raison d'Estat, Staats-Liste, gern vnder seinen Gewalt bringen wollen. Dessen dann vnser Junger Herr gut wissens hatte, derohalben zu dem Hoffmeister sprach: Mein Freund, siehe da, ist das nicht ein thöricht Stuck von einem so hohen Mann, das er seinen einigen Sohn, an dem seines Reichs vnd armer Leutte einige Ewige Wolfahrt hanget, in seines wissentlichen Feindes Land vnd Gewalt hineinschicket: Wie, wan es ihm an Leib vnd Seele anderst gienge alß wohl, wäre dieser vnwidersetzliche Fehler zunennen? vnd solte dem Alten König den Apffel geschicket haben. Aber weil er denselben also vbers Meer nicht wagen wolte, noch durch Wechsel vbermachen kunte, muste er fürter ziehen.

Kam in ein Ellendes Königreich, da nichts war als grosse Haiden, kleine Waiden, da die Vnderthanen Geschnitten stroh anstatt der Früchte mahlen vnd backen liessen vnd solch halb hültzenes brod assen. Die Esel alda ritten auff den Pferden, und die [194] Säuwe fassen auff den Spechten. Es war ein recht vmgekehrtes Reich, das viel mehr einem Gemälde gleichen mochte als einem Land. Und als der Junge Herr nach ihrem König fragte, war ihm geantwortet, das sie selbst nicht recht wissten, wer ihr König wäre. Dann vnlängst hätte ein andrer König in ihrer Nachbarschafft (dessen Reich von viel anderen Bequemlichkeiten als dieses ist, als in welchem der eine vnd grösseste Fluß von Gold, der andere von Wein, der dritte von Honig, der vierte von Milch fließet; da der Vnderthanen Häusere mit Thalern gedecket vnd die Edelgesteine so gemein sind, daß auch die Dienstbotten deren am Leibe tragen etc.) mit ihrem Ersten König umb dieses Königreich, Reich auff Reich, das gute auff das böse, gesetzet, gewaget vnd auff einen vngleichen Streich verspielet. Als aber der Junge Herr nach diesem König, in Meynung ihm den Apffel zu geben, fragte, vnnd ihn niemand dessen Wohnung vnd Hoffsitzes bescheiden kunte, muste er fürter ziehen.

Vnd kamen in ein schönes Land, das fast mit schönem Vortrefflichen Volck erfüllet, mit allerhand Nutzbarkeiten von Vieh, Wunne vnd Weyde überschüttet war; darin fande er den Herren deß Lands, einen Jungen Kühnen Helden, am Tod-bett liegen mit grossem Schmertzen vnd betrauren seiner selbst, wegen der blühenden Jahren, in denen er die Welt gesegnen vnd zu den Todten sich begeben müste. Als er aber die Vrsach solches Vnfalls erfragte; Ach, sprach derselbe Junge Held: Bin ich aber nicht der grösseste Thor gewesen, der je gelebet; dz ich mich meinen vnbedachtsamen Muth so weit erkühnen lassen vnd wegen einer sache, die mich doch nichts angegangen vnd deren ich wohl hätte entrathen können, in frembde Streitt vnd Kriege begeben, darüber ich nicht allein meinen einen Arm verlohren, sondern auch das Leben nun gar dabey zu setzen vnd in meinen besten Jahren von hinnen muß scheyden. Bin ich aber nicht der grösseste Thor, so jemalhen gewesen? Vnser Junger Herr sprach, wohl, vnnd wolt ihm den Apffel geben haben. Aber sein Hoffmeister sprach, ihrer sind noch viel grössere zu finden. Es ist diesem Kühnen Helden wegen seiner Muthigkeit vnd Jugend noch zuverziehen.

Fürter, vnnd ehe er gegen den Rheinstrom zoge, kam er an eines Herren Hoff, bliebe doch wegen der Vntrew, die er insgemein sahe da vor gehen, nicht lang an demselben. Aber im Abscheiden traff [195] er an einen guten Gesellen, der sahe ellendig auß, gung traurig vnd in tiefsinnigen Gedancken, so das der Junge Herr vnschwer mercken kunte, Er ein schweres Anligen vnd Hertzens Noth haben müste. Derowegen denselben anredend vnd fragend die Vrsach solches seines zustands, vnnd was ihm widriges begegnet wäre? Ach, sprach der gute Gesell, meiner Noth ist nicht wohl abzuhelffen; dann sie ist nicht zu erzehlen; ich weiß sie auch nicht außzusinnen noch zu erdencken, wie ich mir selbst in diesem Jammer rathen solle. Dann nicht lang ist es, das ich in dieses Herren, der hie zunechst Hoff haltet, Dienste gewesen bin, mich in demselben meines wissens, vnd wie beweißlich ist, dergestalt verhalten, das ich all meiner Handlungen[Rand: Verläumdeter] weder schew noch forchten trag. Aber darüber hab ich nicht allein alle mein Vermögen zugesetzet; vnd sogar bin ich in das Verderben gerahten, dz ich fast nach dem Sprichwort mehr weder Watten noch Schwimmen kan. Sondern, welches das ärgste ist, so muß ich noch von den Fuchßschwäntzer solche hinderlist vnd Verläumdungen erfahren, das mir die Seele darüber verschmachten möchte, vnd gleichwohl kan ich dem Vbel so gar nicht wehren, das, je mehr ich mich bekümmere, je mehr sie lusts vnd fortheil daran haben. Daher es dann kommet, dz Leutte, die mich vnd mein Thun nicht kennen, oder die auff eines Mannes reden vngehöret deß andern gleich beyfallen, oder denen wegen vberhäuffter anderer Geschäffte meiner sachen außführliche beschaffenheit zu hören beschwerlich fallet, solche vngleiche Vrtheil von meiner armen Person schöpffen, das ich mich offt verwündschen möchte. Ich hab zwar verhoffentlich also gehauset, das ich auch deß geringsten dings wegen antwort zu geben nicht schewe; sondern ein mehres niemahlen gewünscht habe, damit nur mein Recht vnd Ihre Liste recht an tag kommen künten. Aber vnder dessen solches anstehen bleibet, so haben die Lästerer, welche nicht feyern, sondern sich an meinem Vnmuth erkützlen, gewonnen, vnd muß ich also hindernuß spüren in allen meinen vorhabenden sachen. Sie hassen mich zwar auß einiger Vrsach, das ich nicht ihres willens vnd gefallens leben, vnd meine Kinder, nach derer todt vnd vndergang sie gelusten, nicht hab vor männigliches augen hienrichten vnd ellendig erhungren wollen. Sie hassen mich vmb ihrer inwendigen Boßheit willen, vmb ihres bösen Hertzens willen, weil ich ihre Eitelkeit gesehen vnd entdecket, ihnen in ihren losen [196] sachen nicht beyfall geben, noch ihrem Hochmuth zufallen wollen. Sie hassen mich vmb ihrer Vnvollkommenheit willen vnd vmb sachen, die nicht mein sind, sondern die mir Gott gegeben. In summa sie hassen mich darumb, das ich nicht bin noch werden will, der, für welchen sie mich offentlichen angeben.

Es wolte dieser gute Gesell deß verdrießlichen erzehlens noch viel gemacht haben. Aber der Junge Herr sprach: Schweig Kerl, Schweig vnd erzehle mir nicht mehr, Ich will dir jetzt den Apffel geben, den ich dem grössesten Narren zu geben schuldig bin. Bistu ein Christ geborn, vnd hast nicht mehr Glaubens als also? bistu so vnschuldig vnd Rein als du sagst? Waß krämmestu dich dann also? Laß die Lästerer lästeren; dencke, Gott habe sie geheissen, vnnd du habest solch Kreutz mit anderen deinen Sünden wohl verdienet, oder es habe dir Gott solches zur Prob der Gedult, der Sanfftmuth vnd Demuth zugeschicket. Vbel von dir Reden, dz ist nicht gnug; wan du nur nicht vbel gethan hast, so wird der sache im außkehren wohl geholffen werden. Non male audiendo, sed male audendo mali fimus. Tu vero sic vivas ut calumniatoribus fides non sit habenda. Vbels hören, schadet nicht; vbles thun, das ist vnrecht. Darumb so halte du dich also, das alle Lästerer durch dein Leben vberzeiget vnd zu Lügnern gemacht werden; bistu ein Christ, vnnd weissest nicht, was den Lästerern endlich für ein Tranckgeld vnd Lohn zuerwachset? das Sie nemblich, nachdem die Warheit (welche fester ist als alle Mauren vnnd von sich selbsten bestehet vnd nicht vergehet) endlich vberwindet, mit spott vnd schanden derer, die auß eignem muthwillen vnd frevel, auch eygenem zorn, haß, neid und Rachgirde den Nothleydenden geängstiget vnd gequälet haben. Vnd wan ich diesen Apffel also bald besser an zu legen verhoffe, so habe du dir an dessen statt dieses zum Tranckgelt von mir:


Victi. Quandoque. Resvrgent.


Als nun Freymund dergestalt geendet hatte, jetzt, sprach er, ist der Junge Herr sampt seinem Hoffmeister weiters vnd Endlich durch das Teutschland gegen den Rheinstrom gezogen.

Sehr recht, Sprach Expertus Robertus, dann weilPhilander [197] sich deß Schlaffens nicht wohl enthalten kan vnd ihm die zeit fast lange wird, biß er in die federn kommet, so hab ich mit allem fleiß dieser vnd noch viel andrer Thoren, die den Apffel wol verdienet hätten, vntz zu anderer gelegener zeit versparen wollen. Ja, vnd damit ich fortfahre, wo ich es vor hien gelassen habe, vnd einmal zu Ende komme. Als sie nun durch das Teutschland biß gegen den Rheinstrom kamen, da sahen sie viel wunder newer sachen vnd händel; vnd als sie ein Jahr daselbst herumb verharreten, vernahmen sie Junge Leutte, Manns- vnd Weibs-volck, welche alle Viertel Jahr, ja je zu Zeiten alle Monat, ihre Kleydungen änderten, dann Hut, Hosen, Wambs, Strimpff, Schue, Stiffel, Speck, ja am Leib selbsten dann große Bärte, dann kleine Bärte, dann schwartze, dann weisse Haar, dann ihre eigne, dann frembde Haar etc. vnd solches mit großem Kosten, also das viel sich vnd die Ihrige darüber in das verderben vnnd zu grund richteten. Alß noch heuttiges tags die unteutsche Gewonheit ist. Dessen sich der Junge Herr verwunderte vnnd fragte, wie man solche Leutte nennete? vnd ihm war geantwortet: Alamode.

Ach, solcher thörichter Narren, beschleust der Junge Held, hab ich die zeit meiner Wallfahrt noch nit funden, gieng derwegen eilends zu einem vnd verehret ihme als dem grösten Narren das Geschänck seines Vatters vnd zoge wider heim in sein Land. Da ward er wol empfangen.

Nach erzehlung wessen die Herren sich erlachteten, das sie hotzelten vnnd einen Abschied namen biß vff Hans Thurnmeyern, der bey uns bliebe, vnd wir vns in Gottes Namen zur ruhe begaben.


Deß Alamode Abzug.


Wan Teutschland wolt witzig werden vnd vorsichtig umb sich sehen, nicht nach Alamode gehen, nicht nach Farben vnd Gebärden, Wälschland müßt' Ohnmächtig wanken; Das es aber jetzt obsiegt, Euch in ewrem Land bekriegt, Das habt ihr euch selbst zu dancken.

Weiber-Lob
[198] Weiber-Lob.
Drittes Gesichte.

Deß Mittwochs frühe, als ich die Nacht vber betrachtet, was für vnderscheid es wäre, zwischen einem Mann, der Vnglück außgestanden, etwas versucht, gelitten vnd erfahren, vnnd dem, der sein Lebetag mit Kinderwerck vnnd Lappereyen, die weder Gott noch Mänschen nutzen, zugebracht hätte; vnd eben in die Burg hinuntergehen wolte, ruffte mich Expertus Robertus eilend wider zurück, was Denckwürdiges zusehen, in sein Gemach, dessen Fenstere von Abend gegen einer grossen Wiesen neben der Saar hinauff, die Rüttersmatt genant, offen stunden.

Viel vortreffliches Frawenzimmer sahe man in vnd vor der Burg hin vnd her gehen vnd lauffen mit jammern vnd klagen. Vnd wie ich die Vrsache von dem Alten forschen wolte, sprach er zu mir: Ich hab dir vor diesem gezeiget, was die Lieb für wunderthörichte Würckung in den Mänschen habe, vnd wie offt mancher sonst Dapffer Held vmb der Liebe willen liederlich sein Leben lassen müsse.

Der Verlust aller anderer ding kan bey einem Weisen Mann noch verschmertzet werden. Aber so weise ist keiner, wan er eine Jungfraw liebete vnd ein anderer sich deren gelusten wolte, welcher nicht so bald der Weißheit vergesse vnd durch eusserste Mittel so ihm in sinn fallen könten, seine sach zubehaupten, sich vnderstehen wirde.

Es waren gestern Nachmittag, indem wir dem Laelius abgewartet, etliche Helden, so mit ihren Liebsten sich in negstem Wald vnd Gras erlustigen wollen, in Widerwillen vnd Streit gerathen, nur allein darumb, dieweil der eine, Namens Grav Fridrich von Appermunt, ein Dapffer Liebreicher Held, eine Jungfraw,[199] Grav Wibrechts von Lyningen Tochter, die ein anderer Kühner Frecher Held, Grav Herich von Hoye, an der Hand geführet, angelachet hatte; deßwegen dieser dem andern so bald den lincken Handschue dargeworffen vnnd Jener disem hiengegen den seinen zum Zeichen deß Kampffs, den sie mit solchem bey dem Alten Adel vblichen Zeichen einander angekündiget.

Keyser Herich, (dem Sie beide auffwarteten vnnd lange Zeit in viel trefflichen Scharmützeln vnnd Schlachten wider die Vngarn, Schlaven, Wenden, Boiemer etc. vnd andere Völckern mit hohem Ruhm gedienet) nachdem Er der sachen beschaffenheit vnd Ihrer beyder brennenden Eyffers vnnd Ernsts vrsachen erfahren, hat endlich in den Kampff, wiewohl vngern, bewilliget. Es wird, sprach ich, ein Duell zu Pferd seyn? Ja, antwortete er, wie es die Wahlen nennen, auff Teutsch aber ein Kampff, (dann was von Vielen geschicht, das sind Treffen, Scharmützel vnnd Schlachten. Wiewohl ich dem wort Duell lieber von dem Alten Teutschen seinen[Rand: Hohen Twill] Vrsprung geben wolte, so vor Jahren Ein Twiell genannt worden; daher die vortreffliche Vestung im Oberland Hohen Twiell bey den Lateinern noch Altum oderSummum Duellium muß heissen.)

In dem, als wir schon am Fenster lagen vnnd die Schrancken nach Thurnierbrauch auffgerichtet gewesen, waren alle Gemache in der Burg voller Volcks, insonderheit der Burg Thurn, dahin sich Keyser Heinrich mit den vbrigen Helden vnd Frawenzimmer, dem Streit zu zusehen, begeben hatte, (vnder welchen waren auch König Airouest vnd Witichund, Hertzog Herman von Nider Sachsen vnd Hessen, sonst Arminius genant, Marggrav Herman von Baden, Mathhüld, die Keyserin, deß Keysers beyde Söhne, Otto, der hernach Keyser worden, vnd Heinrich, auch seine Tochter Hedwig sambt ihrem Gemahl, Grav Eberharden von Eberstein, vnnd vielen andern, so ich nicht kennen kunte.)

Bald kam ein Held auff einem geharnischten grossen Roß. Er selbst war mit einem Harnisch gantz bekleydet, einen grossen Busch Federn auff dem Helm, kein andere Gewehr als ein mächtiges Schwerd an der Seite. Der ritte so bald an das eine Ende der Schrancken, neigete sein Haubt gegen dem Burg Thurn zu vnd fieng an mit heller lieblicher Stimme, daß man alle wort wohl verstehen kunte, gegen dem Burg Thurn, darauff auch die Liebe Jungfraw war, vmb deren willen der Kampff geschehen solte, dieses Liedlein zu singen:


[200] 1.
[Rand: Swet, Swie, / Swas, Swes. / wer, wie, / was, weß.]
Swes Müt ze froiden si gestalt,
Der schöwe an den vil grünen Walt,
Swie wünniglich gekleidet.
Der Meye sin Ingesinde hat
Von richer varwer in liechter wat,
Den vogelin trüren leidet
Auß hohem müte mangen thon
Gar richlich süse wise
Hört man von Ihn luten klanc
Voruß der Nachtegalensanc
Vff grünem bendem Rise.
2.
Von Schulden muß y sorgen wol,
Von froiden git min herze zol
Die wile Ir gruß wildet,
Die min herze by ir hat,
Ach daß sy my in sorgen lat,
Gott hat sy so gebildet,
Daß min herze nit ent kan
Noch all min sin erdencken,
Wie sie schoner künde sin
Die Minnigeliche Fröwe min
Dü mir wil froide krencken.
3.
Ach minne süse Ratgebin,
Rat daß du sely müsist sin,
Mins herzens Künniginne,
Rat das sy mir tuo helffen schin,
Vnd mir holt trüg mit trüwen din
Vil minnigeliche minne,
sit du floß bist vnbekant
mins herzen vn der sinne,
so rate ia daß an der zit,
Min trost, min heil gar an dir lit
In diner glüt y brinne.
4.
Muß y dan scheiden sin vor Ir
Daß y Ir hülde gar entbir,
[201]
O wee der liden verte.
Die dan fülle tut min lib,
Genade selden rüches wib,
wiß gen mir nit so herte,
Senfft in dinem mut,
Vnd sprich vß rotem munde
Zu mir nit wan echt fünff wort
Die hohent miner froiden hort
Var hin ze güter stunde.
5.
Zu guter Stunde sy din vart,
Din lib din seele sy bewart,
Din lob, din Heil, din Ehre.
Mac dy erwenden min gebot
Min hülen, min drom, daß weiß wol Got,
So wil y biten sehre:
Sit daß die varte vnwendig,
So fürest zwey herze in arbeite,
Das mine vn öch dine hin,
Davon i iemer trürig bin,
Nun sy Christ din geleite.

Er konte auch dises Gesang so bald nicht zu ende bringen. Es kam der Grav von Hoye in gleicher manir in die Schrancken geritten, der stellete sich an das ander Ende; vnd nachdem die Grißwärtel die Wehre beyderseits besichtiget, der Perseuant das Stilla ho außgerufen vnd der Keyserliche Herold einen Brieff, darin die Thurnir-Gesätze geschrieben stunden, gelesen vnnd durch die Trommeter das Zeichen geben lassen, ritten die beyde Helden freundlich gegen einander zu, gaben sich die rechte Hand, darnach wider ein jeder an seine stelle vnd neigeten beyde das haupt gegen dem ort, da der Keyser mit den Helden vnd dem Frawenzimmer stunden. Darauff liessen sie das Helmlein niderfallen, vnd der Bläser, so stets auff dem Thurn war, gab auß befehl des Keysers das Zeichen mit dem Horn.

So bald zuckten die Helden ein jeder sein gläntzendes breitspitzes Schwerd, vnnd mit grossem Eyffer vnnd Grimm auffeinander, [202] daß es einem ein grausen gab. Allhie zu beschreiben, wie viel Streiche, vnd wie harte Streiche sie einander gegeben, daß da der halbe Helm, dort der halbe Harnisch, da dem Pferd ein Schenckel, dem Mann ein arm davon geflogen, daß der eine zehen schritt hinder sich vnd zehen vor sich gesprungen vnd neun klaffter tieff mit seinem Schwerd in die Erde geschlagen, wie der verlogene Amadis, thörichte Schäfferey, vnd andere Narrenbücher schreiben, daß wirde sich nicht schicken. Sie haten beyderseits das beste, so sie mochten, was zweyen verliebten Helden vnnd zweyen grimmigen Löwen müglich war; heut Ehr eingelegt oder nimmermehr; es galte da nicht Leben forderen, sondern sich gewehrt, so lang ein Ader im Leib sich regen könte,


Jungfraw allein mein, Oder laß gar sein.


Wie die jenige wissen vnd verstehen können, die in dergleichen Streit gewesen, oder doch umb rechtschaffener Liebe willen sich zu wagen noch das Hertz haben.

Lang wärete der Streit, vnd hatte das ansehen, ob die Pferde schwächer als die beyde Helden.

Was aber indessen die liebe Jungfraw für Gedancken gehabt, dz laß ich Niemand als die Jungfrawen selbst vrtheilen, dann ein Mann kan es nicht wissen oder verstehen; solche Geheimnussen sind den Männern noch verborgen, das aber kan ich sagen, das Schnuptüchlein, so sie in der hand gehabt, mit rother Seiden genähet, habe von den häyssen Zähren die Farb verlohren vnnd seye gantz weiß worden, vnd ich kan es noch zu sehen weisen. Auch merckete ich vonExpertus Robertus, das dieselbe Jungfraw dem Herrn von Appermunt gleichwohl mehr gewogen war als dem andern, welchem doch ihre Eltern, auch wider der Jungfrawen willen, das wort wolten gegeben haben; darumb dann dieser eyffer den harten Streit bey den beyden Helden verursachet; derowegen die Heyrath zu allen, der Eltern vnd Kinder, seiten wohl vorhin zu bedencken. Nach langem Fechten vnnd Schmeissen, daß offt das Fewr davon sprange, gab der Grav von Appermunt seinem gegentheil mit dem Schwerd zum Helm hinein einen so vngehewren stoß, daß das Blut mit grosser maß herauß sprange vnd er vnder das Pferd sancke.

Der Grav von Appermunt, nicht faul, sprang von seinem Roß, vnd mit blutigem Schwerd riß er dem von Hoye den Helm [203] ab, ihm, wie ich dafür gehalten, vollends den Rest zu geben, wo er sich gereget hätte; aber es war auß mit ihm, dann zu einem aug hat er ihn durch gestossen, dz er da lage maustodt.

Der Herold sampt den Grißwärtln lieffen beyderseits hinzu vnd liessen ihn in die Burg tragen, allwo Er den dritten tag hernach herrlich zur Erden bestattet worden. Davon aber will ich allhie weiters nichts melden, sondern allein von dem Graven von Appermunt sagen, daß Er wider auff sein Roß saß vnnd dasselbe in den Schrancken herumb dummelte als ein Held der seinem Feind obgesieget, das Feld erhalten vnd die Braut erworben hatte.

Auß den Schrancken hat er sich nicht begeben wollen, biß vff Befehl des Keysers der Herold Ihm zu folgen angesaget; darauff er vor den Keyser geritten, der in den Garten schon herunder gangen war, vnnd so bald er Ihn sahe, vom Pferd sprang vnnd für ihm zu füssen fiele. Wie bald der Keyser die Grißwärtel erfordern hieß, vmb zu vernehmen, ob irgend gefährde vorgegangen wäre. Als sie aber dessen bericht gethan, hieß der Keyser den von Appermunt zu Ihm kommen, dem bote er die hand vnd gab ihm die Jungfraw, vmb deren willen er so Redlich gefochten, an die Seite, welche hernach in drey Wochen das Hochzeitliche Beylager in der Burg gehalten haben. Die Geschichte aber ließ der Keyser nach seinem rühmlichsten Teutschen Heldenbrauch beneben dem Liedlein in das Gesellenbuch (in lesung wessen er sich, wan er von der Vogeljagd kame, erlustigte) einschreiben zu Ewiger Gedächtnuß.

Wunderliche Gespräche gab es zu allen seiten, wie denn in dergleichen Händlen pflegt zu geschehen. Einer sprach für den Graven von Appermunt, der ander [hätte] gewolt, daß der von Hoye das Feld er halten hätte. Es sind viel verborgene Dinge in der Natur, deren wir keine Vrsachen finden können. Dieses ist ein grosses, daß wir offtmahlen Einem Mänschen, (den wir sonst niemahlen gesehen, auch niemahlen von ihm gehöret) gleichwohl vor einem andern wohl wollen und wünschen, daß ihm vor jenem Glück vnd Heyl zustünde, vnd wissen selbst nicht, warumb. Ich achte das im Geblüt vnd der Natur ein verborgene Gleichheit seyn müsse.

Auch gab es wunderliche Gespräche wegen der Jungfrawen. [204] Einer lobete die Jungfrawen, der andere schalt dieselbige, als vmb deren willen manch Ehrlich Kerl sein Haut so redlich zusetzte vnnd dessen nach aller arbeit doch offt so schlecht belohnet wirde. Es wäre aber dem Weiblichen Geschlecht die Vnbeständigkeit als wie dem Hunde das Jagen, der Katze das mausen, der Geyße das klettern, der Atzel vnd der Bachsteltz das hüpffen angebohren.

In wehrendem Gespräch kam es gegen die eylffte stunde, da jederman in seinem Ort zum Essen durch den Bläser auff dem Thurn nach löblichem Brauch mit blasung einer Schalmeyen ermahnet worden.

In wehrender Mahlzeit ward das Gespräch ernewert.

Einer machte dem Graven von Hoye eine Grabschrifft zu Ehren, der Ander sange dem Graven von Appermunt ein Brautlied zugefallen. Einer schalte auff die Jungfraw, weil sie von Gesicht fast Braunlicht war, der ander eben umb dieser Vrsach willen lobte sie mit lieblichen worten, vnd daß die Schwartze Haar allezeit mehr Krafft vnd Safft, mehr Redlichkeit vnd Rechtschaffener Standhafftiger Vertraulichkeit im Leibe hätten als andere, die er gleichwohl nit wolte veracht haben; ja daß die Schwartzbraune augen vil mehr nachtruck vnd an sich ziehende Tugend in sich hätten; vnnd so sie ihren Gewalt spüren lassen, demselben schwerlich zu widerstehen wäre; vnd vil anderer Reden mehr.

Weibhold vnd Ich schwigen stille vnd wolten, weil vns die Gesellschafft nicht alle bekant war, vns mit vrtheilen nicht heraußlassen; zumahl weil es vnsers achtens ein rechter Vbelstand ist, wo bey löblicher Gesellschafft die Jüngere den Alten im Reden wollen[Rand: Junger Leutte / Reden] vorgehen vnnd das Gespräch allein, oder doch allezeit das Erste wort haben; da vielmehr sie mit sanfftmüthiger Bescheidenheit vnd wenigen worten sich solten hören lassen. Es wäre dann, daß man so bekant, vnd von höhern Personen selbst angemahnet wirde, sich frölich mit dem Gespräch zuerzeigen, alsdann kan man der Jugend auch ein wenig den Zaum lassen; doch alles ohne Ärgernuß vnd in allen Ehren.

Weil wir nun, auch auff der Gesellschafft anreden, nichts beybringen wolten, als wurden wir durch einmütiges Vrtheil dahien verwiesen, daß unser jeder zur Straff deß Stillschweigens der Braunen Jungfrawen vnnd den Schwartzen Haaren zu Ehren ein [205] Lied herschreiben solte, oder in mangel dessen in acht tagen anderst nichts als warm Wasser trincken.

Ward also das Loß geworffen, welcher der Erste anfangen solte, solches kam auff mich. Expertus Robertus lachend sprach: Nun, weil Philander erst von den Wälschen kommen ist, so wird ihm nicht zuwider sein, vns zugefallen vnd dieser Brunette zu Ehren ein Wälsches Liedlein herzusingen, welches ich also ohn saur sehen thun muste, dann warm Wasser trincken war mir bey so warmen tagen fast zu wider.

Weil ich aber (so lange nicht) Ein Braun-Liebe Jungfraw, Ein Brenn-liebende Jungfraw, Ersten mahls alß ich sie sahe vnnd hörete, ein Wälsch Lied (anfangend, Phillis) singen hören (deßwegen auch, weil die Jugend in solchen Raase-Jahren viel Kinderbossen vnnd Thorheiten begehet; das doch nicht schadet, so es nur nicht wider Gott ist; alldieweil solche Dinge mit den Jahren auch ein Ende nemmen; mich in kurtzweil vnd Ihro zu Ehren Philander genant, aber endlich recht Philisander worden) Als habe ich desto lieber mich an der Braunen Farb recht erlaben, Ihro leben, Sie lieben vnd loben sollen.

Darumb dann, so vnlustig als ich gewesen, so lustig ward ich, als mir die Braune Farb, (Mein allerliebste Gesellschaft, die mich, so lang ich lebe, nicht verlassen wird) zu rühmen anbefohlen worden; vnnd veränderten sich alle meine Sinne von weisser Traurigkeit in Braun lachende Frewde, daß ich also anfinge:


1.
J'ay veu sus un pré l'autre jour
Les plus belles Nymphettes,
J'y ay choisy digne d'Amour
Phillis la plus Brunette:
Car les Brunettes ont dès appas
que les autres Beautez n'ont pas.
2.
J'y ay bien veu mais d'un despit
La rougastrie Syluie
C'est un fard qui est trop petit
pour engager ma vie
[206]
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
3.
J'y ay veu, mais à Contre-Coeur
Leonide la pasle
Dessoubs ceste Blanche laideur
gist un desir de masle.
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
4.
Mon Coeur s'auoit presque arresté
dans les yeux d'une Blonde
Mais elle n'a point de Beauté
C'est un erreur du Monde,
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas
5.
Phillis fille d'un naturel
Sans fard et sans brauade
me fait venir tout immortel
d'un dard de son oeillade.
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
6.
Viue le brun de ma Phillis
Couleur ferme et aymable,
Couleur qui non comme les Lys
Au temps est variable.
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
7.
Et quoy qu'une autre que Phillis
sans cesse me caresse,
Je n'escoute point ces deuis,
Je n'ay qu'une metresse.
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
[207] 8.
Brunette mon soulas, mon Coeur
Je ne veux que te suire,
Je ne suis que ton serviteur
Sans toy je ne peux viure.
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
9.
Un seul regard de ton maintien,
tout bonheur me rammeine.
Je t'ay juré un sacré lien
tu es mon tout, ma Reyne.
Car le Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
10.
Quand j'escoute ta douce voix
auec ta belle mine,
Je te dis: ma Phillis sans toy
La vie m'est ruyne
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
11.
Ton oeil noir me fait vigoureux
en contemplant ta face,
Ton sourcil noir me fait heureux
voyant ta bonne grace.
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
12.
Le jour n'a j'amais du repos
Si non que sur la Brune.
viue l'Amour et son propos
qui se fait á la Lune.
Car les Brunette sont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.
13.
Cerises, figues, fruits et fleurs
Chastaines et noisettes
[208]
L'on ne prouue qu'à la Couleur.
et choysit les Brunettes
Car les Brunettes ont des appas
que les autres Beautez n'ont pas.

Weibhold vnnd etliche andere, die der Frantzösischen Spraach kundig waren, lachten meiner von Hertzen, daß ich die Schwartze Farb so eyfferig gelobet; vnd weil beydes meine Gedancken vnnd die Vortrefflichkeit vnser Jungfrawen Ihme bekant waren; so fung er nach eim wenigen bedacht sein Teutsches zu Ehren dem nunmehr erwünschten Par also an zu singen:


1.
Nun habt Ihr mein liebes Paar
was Ihr je vnd je begehret:
Ewer keines ist verfähret.
Redlichkeit vnd Schwartze Haar
sind geflochten in einander,
keines ist gern ohn daß ander.
2.
Braune Farb vnd Freundlichkeit
sind einander einverleibet,
keines ohn das ander bleibet;
Braun ist voller Lieblichkeit.
Schwartze Kirsen, braune Kesten,
sind die schönsten vnd die besten.
3.
David war von Angesicht
Braunlicht vnd mit schwartzen Augen,
Augen, die das Hertze saugen.
Hester, wo ich recht bericht,
weil sie braunlicht war, vor allen
dem Asverus hat gefallen.
4.
Siht man nicht der Musen schaar,
wie sie auf des Pindus spitzen
in schwartz-krausen Haaren sitzen,
[209]
Da ein paar vnd dort ein paar?
die Waldgötter vnd Göttinnen
nur der Braunen farb gesinnen.
5.
Venus selbst sampt ihrem Kind,
wan sie Wilppret wolten fangen,
sind nach schwartzen Haaren gangen;
Cupido, wie wohl er blind,
thut noch heut den Braunen stellen,
Schwartze vor den Weissen fällen.
6.
Helena nicht vnbekand,
wie ich newlich erst gelesen,
von Gesicht ist braun gewesen,
Doch die schönst in Grichen Land;
vnd mein Liebste kan das Leben
aus den Schwartzen Augen geben.
7.
Phoebus, der ja irret nicht,
als er diese da gesehen
in Liechtbraunen Haaren gehen,
Schwärtzelicht von Angesicht,
hat bei seiner Cron geschworen,
Liebers wäre nieh geboren.
8.
Phillis, ja Dein äugelein,
wan sie nicht beer-schwartz gewesen,
dein geberden, blick vnd wesen,
Dein hart-runde Brüstelien,
hätten dir mein Hertz nicht künnen
ohn die Braune farb gewinnen.
9.
Nun habt Ihr mein liebes Paar,
was Ihr je vnd je begehret,
Ewer keines ist verfähret.
Redlichkeit vnd Schwartze Haar
sind geflochten in einander,
keines ist gern ohn das ander.
[210] 10.
Braune Farb vnd Freundlichkeit
sind einander einverleibet,
keines ohn das ander bleibet;
Braun ist voller Lieblichkeit.
Schwartze Kirsen, braune Kesten
sind die schönsten vnd die besten.

Dieses, sprach Freymund, gefallet mir weit vber das Wälsche; aber kan nicht sehen, wie Weibhold den König David vnd andere Heilige Personen zum Lob seiner Schwartzen Farbe mit beybringt. Das ist, antwortete der Alte, so vngerade nicht getroffen, alldieweil die H. Schrifft selbsten von dem König David sagt, daß[Rand: 1. Sam. 17.] er Braunlicht war, mit schönen Augen vnnd guter Gestalt. Auch der König Salomon, Seine Geistliche Braut desto Liebreicher für zu bilden, Spricht, Sie seye Schwartz, aber gar Lieblich, vnd die[Rand: Cant. Salom. / cap. 1. & 6.] Schöneste vnder den Weibern.

Es ist, sagte Freymund, das Lob der Schwartzen farb billig an den Philander vnd Weibold kommen; dann sie sind so schneeweiß anzusehen als ein Offenloch. Aber damit wir zu vnserer Jungfrawen kommen, muß ich bekennen, ob sie schon Braun von Gesicht vnd Schwartz von Haaren vnd Augen ist, sie doch dabey eine solche empfindliche greiffliche Lieblichkeit hat, daß sich nicht genug zuverwundern, vnd wiewohl die Braune farb eine Mannliche farb ist (wie der Grav von Appermunt gleicher weise gestaltet) so stehet sie doch nicht weniger auch den Jungfrawen wohl an, wan sie Ihre Sitten vnnd Geberden zierlich dabey wissen darzugeben.

Ihr Herrn, Sprach Weibold, damit Ihr sehet, das ich die Liebste Jungfraw nicht vergebens wegen ihrer Braun Farb gelobet habe, so schawet da Ihre Abbildung, welche ich nicht sonder grosse Gunst eines vertrauwten Freunds hab zur hand bekomen; welche Bildnusse er vns mit höchstem der Gesellschaft belieben herumb zusehen dem Freymund vberreichete.

Es ist gleichwohl, sprach ich, ein Wunderseltzam ding mit[Rand: Hieher gehöret / der Jungfrawen / Bildnuß] der Trachte der Kleydungen; vnd wie wol man nur die Alte Weise vnd Manir von den Alten höret loben, so will es mir doch gar nicht ein, sondern halte dafür, wan diese Jungfraw nach [211] der jetzigen Zeit vnnd Weise gekleydet wäre, sie solte vmb ein viel mehres Ansehen vnd eine viel grössere Lieblichkeit von sich geben, vnd dannenhero vrsach genommen werden, zu glauben vnnd zu sagen, daß, wer die Vhr Alte in ihrer Tracht nachäffen wolte, viel thörichter zu halten wäre als der Jenige, der die aller Neweste Manir anhätte.

Philander kan nicht wohl lassen, Sprach Expertus Robertus, daß er nicht den Alamode noch loben solte; vnnd halte ich darfür, weil er den Alamode oder die jetzige Newe Tracht noch so gar im Kopff hat, Er solle von einer Löblichen Gesellschafft allhie dahin vermögt werden, daß er die so liebe Jungfraw in abwesen des Mahlers auff die jetzige gewohnliche Weise nur mit der Feder abreissen solle.

Welches auch von dem Alten so bald nicht kunte gesagt werden, die gantze Gesellschafft sprach einmütiglich: JA, JA, vnd muste ich, (wiewohl wegen anbewuster meiner Vngeschicklichkeit [212] vnnd vnerfahrenheit, vngern) ehe die Gesellschafft vom Disch auffgestanden, die Liebe Jungfraw nach jetziger Manier als hiebey zu sehen ist, bekleiden.

[Rand: Hieher gehöret / das Liebe-Bild]

Worüber es aber so viel Meynungen gab, so viel als vnser waren. Einem hat dieses, dem andern das gefallen, dem jenes, jenem dieses mißfallen, Einer die Alte, der ander die Newe Manir gelobet vnd herfür gezogen; dessen ich mit jenem mahler gern geruhen will, alldieweil die Kleyder beim Mahler so viel nicht kosten als bey dem Kauffmann vnnd Schneider.

Von dem an kamen wir wider auff das Erste Gespräch, da einer das Weibliche Geschlecht wegen ihrer Lieblichkeit lobete, der ander wegen Ihrer Heimlistigkeit tadelte.

Hanß Thurnmeyer (dem es eben mit seinem Weib auch fast hinderlich ergangen) wolte behaupten vnd erweisen, das allezeit vnder zehen Weibern nur ein Gute zu finden; vnd das die Falschheit vnd Vntrew derselben in gemein so groß, daß auch der aller [213] Frömsten nicht wohl in allen dingen sicher glauben oder Vertrawen zuzustellen wäre.

Freymund fiehl dem also bald bey, ja sagte er, noch mehr: Es sind, so lang die Welt gestanden, mehr nicht als nur drey gute Weiber vber all zu finden gewest.

[Rand: Nur drey gute / Weiber auff / der Welt] Mein, sprach ich, welche sind sie dann? Die H. Mutter Gottes, antwortete er, die ist vber alle Mänschen die Heiligste vnnd Glorwürdigste. An Ihr vnd allen Heiligen ist nichts zu tadeln noch zu schelten, welches eine Gottlosigkeit wäre; sondern ich rede nur allein von Mänschen vnd Weibern, wie sie mit bey und umb vns in der Welt vnnd in Ihrem Wesen wohnen.

Ja, ich verstehe dieses auch also, aber welche sind die drey gute Weiber? fragte ich.

Ihre Namen sind mir zwar vnbekant, sprach er, aber doch weiß ich, das die Erste im Bad ersoffen, die andere auß der Welt geloffen sey, vnd die dritte suche man noch.

Das ist dann gewiß die meine, sprach Frawendienst. Ja, ja, sagt Hans Thurnmeyr, so muß ein jederman sagen, nur daß er die seine zum Freund halte vnd zufrieden stelle; dann ein jede will die beste seyn; vnd wollen wir gute Suppen essen, so müssen wir ihnen gewonnen geben.

Ihr darfft nicht also auff die arme Weiber schmählen, sprach Weibhold, was gilts, ich will darthun, das mehr gute Weiber gewesen als böse.

Das wird vbel zuerweisen seyn, sprach Freymund, vnd wolte ich den Kampff bald gegen Ihm annehmen. Dessen sich Weibhold vnnd Frawendienst gegen uns erbotten zufrieden zu seyn. Vnd war der Beweiß vor Abend gesetzt, da wir einen ort nechst hinder der Burg ernanten, die sach außzuführen.

Freymund vnd Hanß Turnmeyr waren auff einer seite, Weibhold vnnd Frawendienst auff der andern.Expertus Robertus solte an statt deß Schiedsmans vnd Richters seyn. Ich meines theils hätte es mit Hanß Thurnmeyern lieber gehalten als mit Weibhold; damit aber der Streit nicht vngleich werde, muste ich mich innhalten; auch auß furcht, das es mein Weib irgend erfahren hätte. Dann vmb ihro willen, die auch eine von den drey guten ist, wolt ich noch wol ein mehres thun. Multa enim patimus propter Elsam, [214] sprach jener Pfaff, welcher Ecclesiam, abbreuiret, für seine Köchin Elsam gelesen hatte.

Vmb drey Vhren waren wir an dem bestimpten Ort beysammen, Hanß Thurnmeyer, der mit Ernst vnnd Eyffer seine sach triebe, weil er vorigen Tags allererst einen streit mit seinem Weib gehabt, die ihm den Wein alle tag auff ein halbe maß, er aber auff drei halb maß taxiren wolte, that daß Wort vnd hub an von der Vntrew vnd Vnbeständigkeit der Weiber zu reden, wie leicht sie sich zwar verliebten, wie bald sie doch der Lieb widerumb vergessen, wie so gar wenig zu finden seyen, die nicht je zuweilen ein frembder lust ankäme, deren nicht deß Monats einmahl ein blitzigte gedancken einkäme! wie so gar sie der Exempel der Alten nicht achteten, noch derselben Tugenden; sondern nur an daßjenige glauben, Wat sey sehen ende grippen könen, was vor der thür vnd Ihnen im Gesicht vnnd den gedancken vmbgehet; vnd dessen ein Exempel zu erzehlen sprach er:

So war zu Epheso ein Weib eines fast vntadeligen Ehrbaren Lebens vnd Wandels, wegen ihrer Zucht bey aller Welt hochberümt. Diese, als sie ihren verstorbenen Eheman zur Erde bestattet, hatte sich nicht an dem benügen lassen, was andere zum Pracht vnnd Schein für genug vnnd hochhalten; sondern sich gar zu ihm in das Grab legen vnnd vergraben lassen wollen; deßwegen die Befreundte ihr ein sonderes Häußlein bey das Grab bawen lassen, darin sie tag vnnd nacht mit trauren vnnd klagen also bey ihrem lieben Herren nach ihrem begehren zubringen möchte. Es konten ihr weder die Eltern noch die Verwandte solches auß dem sinn reden. Einmahl sie wolte sich verschwören, ihr lebtag nicht mehr zuheyrathen, sondern bei dem Grab des hungers zusterben. Letzlich hat die Oberkeit selbsts deß orts, weil die betrübte Fraw schon fünff tag vngessen bey dem Grab gesessen, sich vnderstanden sie zu bereden. Aber vergebens vnd vmbsonst. Beschlossen sich demnach, Ihr, zu bezeugung solcher trew, nach ihrem Tod ein vnsterbliche Ehrensäule auffzurichten. Bey der guten Frawen saß ihre Magd, welche nicht weniger mit weynen thun wolte als die Fraw selbsten, vnnd daß sie zu zeiten die Ampel fortschüren möchte, vieleicht die thränen zu sehen vnd desto baß zu zehlen.

[215] Es war in der gantzen Statt kein ander Gespräch, im gantzen Lande kein andere rede als von dieser Frawen Trewe. Ihre Liebe vnd Beständigkeit wurde vber alles geliebt vnd gelobet. Indessen wurden zween Diebe zum Strang verurtheilet vnd vom Landvogt befohlen, das man sie beyde an einen vnfern von jetz gemeltem Todten-häußlein insonderheit auffgerichten Schnapgalgen auffhencken solte, als auch geschahe. Deß ersten abends derjenig, dem die zween Diebe zu hüten befohlen worden, auff daß sie nicht abgenommen oder begraben wirden, als er deß Lichts in dem Häußlein gewahr wurde vnd das klagen der frommen Frawen hörete, wie es ein gemeine Thorheit bey uns Mänschen ist, daß wir gern alles wissen wolten; also dieser Wächter, gienge in das Todtenhäußlein hinein, vnd als er das fromme Weibsbild sahe, ersten anblicks erschracke, wie er aber den Todten-Leichnam betrachte vnnd das klägliche Geschrey deß Weibs, vnd wie sie sich in dem Gesicht mit ihren Näglen ellendig zugerichtet vnd verstellet, dachte er gar bald, dz der trauwrige Fall ihres lieben Ehemans auch ihr das Leben kosten wirde. Darumb das gute Weib in etwas zu erquicken, gieng er sein Nachtessen holen vnd in das Todtenhäußlein zu tragen, mit Bitt, das sie Ihrem grossen schmertzen selbst linderung schaffen, vnnd deme, war doch nicht mehr zu helffen wäre, das Hertz mit Gedult ergeben, dieweil ja diß der Weg aller Welt, den wir doch alle gehen vnd sterben vnd nichts gewissers als den Tod nach allem außgestandenen Elend zuhoffen hätten. Vnnd was man dergleichen mehr den Leidigen zu trost vorsaget. Hingegen, als das Liebe Weib den vnverhofften trost eines frembden Kerls hörete, stellete sie sich nach der Weiber weise noch mehr vngehalten, schlug sich an die Brust, riß die Haare auß; vnd zum Pfand der vnsterblichen Liebe vnnd Trewe legte sie dieselbige auff den abgestorbenen Cörper dahin. Doch fuhre der Hüter fort vnd thate sein bestes, als er mocht, mit zusprechen; endlich die Magd mit guten freundlichen worten so weit brachte, daß sie ein wenig speiß vnd ein Trincklein Weins, sich zuerlaben, zu ihr nam. Als das geschehen, setzte er noch einmahl an die Frauw, vnd, Ach sprach er, was soll doch dieses alles euch nur Frommen? wan ihr euch also abhüngert vnnd selbst in das Grabe [216] bringet, ihr wirdet doch an ewerem eigenen Leib eine Mörderin werden, vnd was ist dem Todten damit gedienet vnd geholffen?


Id cinerem aut manes credis curare sepultos?


Die Todten gar nicht achten das

Was man ihnen will geben,

Wolt ihr den Mänschen helffen was

So thut es, weil sie leben.


Meynet ihr mit heulen einen Todten widerauff zuerwecken? sein Ziel ist ihm gesetzt gewesen, mit heulen vnd weynen war das nicht zu hindertreiben noch zu widerkehren. Vnnd soltet ihr an dem Todten Cörper selbst ein Exempel dies orts nehmen, weil ihr ja sehet, daß er sich umb all ewer klagen nicht ein Haar beweget. Es ist ja nichts grosses, das ich an euch begehre, ein bißlein Brod essen, damit ihr das Leben fristen möget. Das Weib, deme in fünff Tagen der Magen hefftigen verweiß gethan ihrer thorheit, ließ sich endlich so weit bereden, sahe ihre Magd an, folgete ihr nach, ein wenig zu essen vnnd ein trüncklein Weins zu sich zunemen; welches ihr dann so wohl geschmackt, vnnd sie sich darauff so wohl befunden, daß sie ferner angehalten.

In dem aber der Wächter die gute Fraw vberredet, daß sie das Essen zu sich genommen, als hat er auch in mehrern dingen ihr freundlich zugesprochen, welche ihr wohl bekommen wirden. Der Wächter war ein junger, frischer, wohlbeschwätzter vnnd wacker Kerl, wie sie es dauchte. Insonderheit, weil ihn die Magd lobete, wie so gar ein außbund von eim feinen jungen Mänschen er wäre. Derowegen sie der Frawen auch zusprach: O Frau, was dencken irr nummen? wie mögen irr nummen vmmeder asso do sitzen vnd weynen; wan ichs zethun hätt, y wott my bald bedocht han, y wot inn alwelichen zu nemmen, wan er my wott; vnd darnocher anny wotti wol wider inbringen dassy so lang do gesessen wär. O wie ists ein viel bessers Leben, mit lebendigen Leuthen vmbgehen, als by Todten do sitzen ze hülen vnnd ze klagen. Ich bin diß dings schon müd; mir nicht, der Katzen. Der wär ein Narr [217] der länger do blib, wan ich nicht eben eppes andersch gedächt. Ich bin deß trures so satt as hätt is mit Löfflen gefreßen. Ich glaub nit, das is lachen so lang halten könt, wan mich einer asso wott angreiffen; Aber mir armen Narren wirds wol so gut nit werden. Es wär doch immer schad, wann irr diese Gelegenheit versäumten; Ey gehen, rucken ein wenig bey innen, wie thun irr au so nötlich; er stellt sich doch so Musperlich, er kann gewiß wohl päschlen etc.

Der Magt schöne wort brachten es so weit, das die Fraw, welche vorhin vor trauwren kein wort mehr reden kunte, jetz anhub vnnd den Feinen Kerl mit der hand zu sich zoge.

Als aber die Freunde eines der beyden gehenckten Diebe mercketen, das die Wacht deß nachts bey dem Galgen vbel bestellt ward, liessen sie den Cörper heimlich vom Galgen abnehmen vnd begraben. Wie der gute Gesell andern tags sahe, daß er vbel gehütet, vnnd ihm nun der Halß darauff stunde, erzehlete er sein Leyd der Frommen Frawen vnnd bate sie vmb hilff vnd rath in den grossen ängsten, oder er müsse diese stund davon gehen vnd Sie nimmermehr sehen, oder er wolt sich selbst erwürgen, sie solte ihm nur platz machen, daß er könt neben ihren todten Mann gelegt werden. Das Weib, ein recht barmhertziges Weib, so bißhero vor Schelmerey nicht hatte reden wollen. O weh nein, sprach sie jetz, wie? solte ich zwo Todtenleichen neben einander stehen haben! es ist mir mit der einen viel zu viel, will geschweigen. Ja wohl nein; ach was zeigener my, dasser asso notli redä mögä! wan je einer zugesetzt vnd verlohren seyn muß, so ist es mir doch lieber, der Todt gehe fort als der Lebendige. Ließ derowegen den Todten Cörper, ihren lieben Mann, heraußziehen vnnd anstatt deß abgenommenen Diebs an den Galgen hencken, damit sie den Lebendigen also erlösen vnd erhalten möchte.

Mich deucht, sprach ich, ich hab diese Histori zu vorhien bei den Sieben Weisen Meistern auch gelesen. Ja, sprach Freymund, etwas davon, doch nicht so schön als wie sie Petronius in trefflichem Latein beschrieben.

Petronius, sprach Weibhold, ist mir etwas verdächtig vnd [218] sonst selbst ein vnflätiger Tropff mit auffschneiden, ein Ertzhoffmann vnd Verlipter Gesell gewesen, ob er wohl zierliche wort gebraucht. Vnd ist gewiß das die Weiber ihn nimmermehr für Manns genug achten werden, daß er wider sie zeugen solte, zu dem er kein gewisse vnd in Historien bekandte Personen, sondern allein erdichte Bilder vnd dinge beybringet. Mann erweise auß wahrhafften Historien, was es seye, so kan man desto besser fußen. Meines theils will ich allen Ehrliebenden Jungfrawen vnd Frawen zugefallen diese einige, doch warhafftige beybringen.

Sanctia, Garsiae Sanctii des Vierdten Königs zuNavarra [Rand: Historia] Dochter, eine Schwester Sanctii Maioris Königs zu Navarra, nach dem sie mit Garsias Graffe zu Kastilien, Ferdinandi Gundisalvi Sohn, verlobet, derselbe aber ihn in harter Gefängnus gehalten hat mit Zurucksetzung ihrer Weiblichen angebohrnen Schwachheit vnd ihrer Hoheit sich als eine Heldin erwiesen, Ihne auß der Gefängnuß errettet, vnd sich ihm mit höchster deß Lebens gefahr vertrauwen lassen. Vier Jahr aber hernach, als ihr Herr vnd Ehegemahl von dem König zu Legion mit list gefangen, vnd in Ketten geschmidet worden, hat sie sich in Pilgrams gestalt verkleidet vnnd gestellet, als ob sie nach Compostell Wallfahrten wolte, Ihren weg durchLegion zu genommen, vnnd als Ihr den Gefangenen zu sehen vnnd bey ihm ein weile zu bleiben vergönstiget worden, Ihme auß den banden geholffen, Ihre Kleider ihm angelegt, vnd ihn (an wessen statt sie im Gefängnuß geblieben) also erlöset vnd damit eine Prob gethan für alle Ehrliebende Frawen vnd Jungfrawen, das die Weibliche Trew vnd Beständigkeit vber alles gehe. Diß ist eine Warhafftige Geschicht, hat wenig wort, aber sie sind wahr vnd haben daß Gewicht. Warheit darff nicht viel herauß streichens, sie lobet sich selbsten.

Freymund: Da ist kein zweiffel an, das die Weibliche Beständigkeit vnnd Trew vber alles gehe; verstehe, wo sie ist. Aber ich frage, wo ist Sie? wo die drey gute Weiber sind, da ist sie auch, nämlich in Niemands-garten. Was ist der Weiber thun vnd lassen andersts als wie sie den Mann durch vnauffhörliches greinen vnnd grummen den gantzen tag nur beunruhigen. In dem der arme Mann ihnen nimmer zum genügen vnd gefallen was recht [219] thun kann; hingegen sie mit Müssiggehen vnd faulentzen, vnordentlichem schlumppichtem Wesen dem Mann sein saure arbeit zu nichts machen. Wie ich vorm Jahr einst diesen redlichen Teutschen Dorff-Reymen gelesen:


Ein Roß vnd ein Mann

Müssen immer Fornen dran.

Aber ein Weib vnd ein Kuh

Wollen immer Iy zu.


Sind wort, so die Ackerleute im Brauch haben; Forn

en dran ist Hot Fornen, uff die rechte Hand, Iy zu ist härt, vff die lincke Hand.

Ja, sprach Weibhold, aber mich deucht, weil ihr anstatt einer Histori nur Reymen vnd Gedichte beybringet, ihr werdet wider die Weiber nichts gründlichers finden können.

Damit es nicht das ansehen habe, ob hätten wir die sach verlohren, sprach Hanß Thurnmeyr, so ist das mein Exempel: Alphonsus, König der Longobarder, war in seiner Jugend ein vberauß schöner, freundlicher, liebreicher frischer Herr, daß er für ein wunder geachtet worden vnder den Mänschen. Vnder andern seinen Hoff-Junckern hatte er einen vber die massen lieb, namens Faustus Latinus von Rom. Als der König eines tags mit ihm sprachen kam, von schönen Leuthen, vnd der König wohl wuste, auch selbst offentlich sagte, das ihm keiner gleichen möchte. Nicht also, sprach Faustus, dann ich hab zu hauß einen Bruder, Jocondus genannt, ist er E.M. nicht vorzuziehen wegen seiner schönen gestalt, so ist er doch nit minder zu achten. Dessen sich der König verwundert vnd dem Faustus hefftig anlag, seinen Bruder nach Hoff zu bringen. Wiewohl aber Faustus sagte, das sein Bruder wegen seines ruhigen Wesens deß Hofflebens noch reysens nicht gewohnet, zu dem ein Vortrefflich liebes Weib zu Hauß hätte, welche ihn nicht wirde ziehen lassen, jedoch wolte er J. M. zu vnderthänigsten Diensten eine solche verrichtung garnicht abgeschlagen haben. Faustus zog also hin vnd brachte durch sein Wohlredenheit bey dem Jocondus vnnd seinem Weib so viel zu wegen, daß nach langem bedacht sie beyde in die vorstehende Reyse verwilligten. Derowegen Jocondus sich herrlich kleiden liesse, weil er wuste, das er zu einem Vortrefflichen König vnnd nach Hoff reysen [220] muste. Alwo ein schönes Kleid, wan es schon ein Esel an hätte, bei Fürsten vnd Herren Willkommener ist als ein Doctor in einem schwartzen Kleid, dieweil gunst, lieb, befürderung, vnnd alles, was mann zu Hoff von Glück zu hoffen hat, ehe durch ein zierliches Kleid als durch Redligkeit kan erhalten werden.

Sein Weib indessen thate tag vnd nacht nichts als heulen vnd weinen, jammern vnnd klagen, als ob sie vor leid vergehen wolte, offt truckte sie ihren Jocondum zu nacht, ob sie in ihn schlupffen konte, deß tags aber sagend, daß ihr ohn seine gegenwart zu leben vnmüglich wäre; wan sie an den abscheid gedächte; so wolle ihr das Hertz schon entsincken. A A Ach wa wa waß soll ich! was soll ich anf anf anfangen? Ach mein hertzlieber Schatz, sprach Jocondus, nicht weynet doch also, (mit welchen worten ihm das Hertz zu gleich vbergienge, das er sich deß weinens eben so wenig enthalten kondte als sein weib) In zween Monaten will ich, wils Gott, wider bey euch sein, vnd wan mir der König schon sein gantzes Königreich geben wolte, wirde er mich doch länger nicht auffhalten mögen. Ach Gott, antwortet sie, ich weiß, wie ihr Männer es machet, wan ihr von den Weibern kombt, wie bald ihrer bey euch vergessen; auch ist das Ziel so gar lang gesetzt, daß ich wol weiß, ihr werdet mich nimmermehr lebendig finden, sondern ich zu Bezeugung meiner Lieb vnd Trew das Leben enden, ehe ihr widerkommet. Sie gab ihm ein güldines Kettlein von ihrem halß, mit bitt, ihrentwegen es an seinem halß zu tragen, ihrer dabey desto baß in der Frembde zu gedencken, welches ihr Jocondus die Nacht vor seinem abreisen (da sie nicht anders gethan, als ob sie in seinen Armen den Geist dasselbe mahl auffgeben wolte) zu thun, ohne daß mit bethewren hoch versprochen. Gegen tag aber saß Jocondus mit seinem Bruder zu Pferdt vnd ritten sie fort, das liebe Weib, welche die gantze Nacht nicht eine stund geschlaffen, ließ er im Bett in großer Traurigkeit ligen. Wie die beyde aber nicht wohl eine stundwegs geritten waren, fuhl demJocondus ein, daß er das Kettlein, so Ihm sein Frommes Weib zur gedächtnuß gegeben, vnder dem Küssen liegen lassen: darumb er wohl dachte, das, wo sein Weib erwachen vnd das Kettlein finden solte, sie in desto grössere Traurigkeit fallen wirde, als ob er ihrer schon so nahe vergessen. Derowegen seinen Bruder in der nechsten Herberg auff ihn zu warten bate, neben anzeigung der vrsachen, vmb deren willen er widerumb zuruck reitten müsste, aber seinetwegen[221] an der Reise vngehindert sein solte. Wie er mit verhengtem Zigel werde mit beyden Schenckeln angehalten haben, ist leicht zuerachten; meines theils hätte ich zugehawen, vnd hätte ich das Pferd darüber sollen zu boden reitten; also wird er es (dencke ich wohl) auch gemacht haben. Eben als der tag anbrach, kamJocondus wider nach hauß, gienge stillschweigend die kammer hinauff; vnd als er höret, das sein Weib noch schlieffe, thät er gemächlich den Vmbhang ein wenig beiseits, damit er das Kettlein vnvermerckt vnter dem Kissen herfür zihen möchte. Aber, o des vnglücklichen Vmbhangs, dann so bald er dene zuruck gezogen, sahe er einen jungen Kerl seinem Lieben Getrewen Weib (ja freylich ist das ein grosse Drey, dann ihrer war eins mehr als zwey) an der seiten vnnd in den armen ligen. Also bald erkandte er ihn, dann es war eines Bauren Sohn, den er von Jugend auff für einen Stalljungen an seinem Hoff erziehen lassen. Was Jocondus für gedancken gehabt, weiß ich nicht. Aber mich wundert, das er nicht von sinnen kommen, vnnd sie alle beyde erwürget habe, wie er dann gewiß gethan hätte, wan von der vnglaublichen Lieb, die er gegen seim Weib truge, Er nicht so gar eingenommen vnd besessen gewesen wäre. Deßwegen gieng er mit einer langen Nasen fein still widerumb die Stieg hinab vnnd auff sein Pferd; daß er damahlen des Pferds geschonet, glaube ich nicht wohl, viel mehr aber, daß er offt die Zähn wird zusammen gebissen vnnd in seinem sinn auff den leichtfertigen Schelmen geschmissen vnd gestossen haben, vnd das arme Pferd es nicht lachen dörffen.

Vmb mittags zeit kame Er widerumb zu seinem Bruder. Jocondus war traurig vnnd betrübt, kont weder essen noch trincken, weder schlaffen noch ruhen, vnd wie ihn Faustus trösten wolte, in meynung daß solche Traurigkeit ihm von dem abscheiden herkäme, so war es vmbsonst vnd vergebens. Jocondus wurde so abgestalt, dürr vnd heßlich, daß sich Faustus förchten muste ihn für den König zubringen; derowegen durch ein Schreiben so er zu vorhin schickte, seine höffliche Entschuldigung thate, wie Jocondus durch einen Zustand in abfall kommen vnnd ellender gestalt worden; doch vngeachtet wolte der König daß er kommen solte, dem er auch die beste ärtzte zu geben, alle frewd vnd kurtzweil machen [222] lassen, mit singen vnd springen, dantzen vnd jubiliren, daß er verhoffte, Jocondus wider zu recht kommen wirde. Aber der schuh truckte ihn zu hauß so hart, daß der König nicht wuste, wo ihm zu helffen seyn müste:


Traurig sein vnd doch singen,

Ist ein sehr grosse Pein,

Es läßt sich schwerlich zwingen,

Weynen und lustig seyn.


Sein Gemach oder Kammer, die ihm der König nicht weit von dem seinen zurüsten lassen, war sein beste Artzney, in dem er sich offt einschlosse, vnnd die Vntrew seines Weibs betrachtend ihm selbst feind wurde; insonderheit aber gegen seim Gemach vber, in einem langen Saal, erspatzirte er sich manche stund, wan er seinem Leyd nachdencken wolte, allwo er auch mittel fande, sich in solchen grossen Kreutz zu trösten.

Zu ende dieses Saals in einem Eck, da das Getäffel nicht fast an einander gefüget vnd doch gantz finster war, ersahe er vngefähr ein wenig Glasts herfür scheinen; dessen er sich verwunderte vnd hienbey gienge zu sehen, was es seyn möchte; von vngefehr sahe er durch solchen ritz in der Königin bestes Cabinet, darein sonst niemand als ein einige ihrer Jungfrawen kommen dorffte. Aber diß mahls sahe er, daß ein heßlicher vngestalter Schelm, ein Zwerg mit der Königin schertzte vnd dergestalt hausete, dessen sich der König wohl solte bedacht haben. Jocondus, dem es erstlich als ein Traum vorkam, als er sich ermundert, die Person erkandte vnd sahe, das es warhafftig also war: Mein Gott, sprach er bey sich, daß muß ja eine rechte Wölffin, eine rechte Zatze sein, die einen so vnerhörten wüsten lust bekombt, daß sie ein eckel vnd schewsahl der Natur, einen Zwergen, einem so tapferen schönen König vnnd Herrn vorziehet; vnd fande Er in dem bey sich selbst, das seinem Weib gleichwohl noch besser zuverziehen wär, die doch bey einem Mannhafften Jungen Kerl geschlaffen hätte. Den andern tag sahe Jocondus aber dasselbe Spiel noch einmahl, des dritten vnd vierten tags widerumb. Nichts verdroß den Jocondus mehr an der Königin, als daß sie sich gegen den Bucklichten Dieb beklagte, er hätte sie gewiß nicht recht lieb. [223] Eins tags, als die Königin fast traurig war, sich kläglich stellete vnnd den Zwergen zum zweitenmal durch die vertrauwte Jungfraw ruffen liesse, der aber nicht kommen wolte; vnnd als dieselbe zum dritten mahl nach ihm geschickt, da Jocondus eben an dem Ritz zuhörete, vnd die Jungfraw zu der Königin sprach: ach Gnädigste Fraw, ich hab dem Tropffen schon dreymahl geruffen, er sitzt spielen, es ist ihm mehr daran gelegen, daß er einen heller gewinne, als daß er zu E.M. kommen thäte. Jocondus, hoho dachte er, geschicht daß einem König! Patientia! was will ich dann darauß machen. Muß der König Glocken tragen, so kann ich auch ein Schälle tragen. Tröstete sich also mit eines andern vnglück dergestalt, daß von tag zu tag an Schöne vnd Lieblichkeit er widerumb begunte zu zunemmen mit männigliches verwundern, auch deß Königs selbsten.


aliorum respice casus,

Mitius ista feres.


So gern hätte der könig die Vrsach seiner Gesundheit nicht wissen wollen, Jocondus hätte es ihm noch lieber angesaget. Damit aber der König es weder an der Königin noch an dem Zwergen rechen solte, so versprach Jocondus dem König, solches zu erzehlen, wo er sich verpflichten wirde, es wäre von wem oder wider wen es möchte sein, auch ob es wider Ihre Mayst. selbsten wäre, daß er es verschweigen, auch zu rechen nicht nur gedencken wolte. Welches ihm der König, so er anderst der sachen Gewißheit erfahren wolte, bey seinem höchsten Eyd geloben vnd versprechen muste. Wie er dann that, aber nimmer sich hätte einbilden können, das es vmb dergleichen händel wärezuthun gewesen.

Jocondus nun eingangs entdeckte dem König die Vrsach seines Vnglücks, vnd wie er bey seinem Weib, deren er alles guts vertrawet, den Baurenbengel gefunden hätte. Die Vrsach aber seiner Gesundheit, wäre diese, daß er gesehen, es gienge anderen vnd grösseren Leuthen eben also, vnd daß er nicht allein wäre, der an dem Karren ziehen dörffte.

Mit welchen worten er den König an den ort führete; als nun der König den handel sahe, nicht wuste, wessen er sich verhalten solte vnd gern mit dem Kopff an die Wand geloffen wäre [224] oder mord geruffen. Aber holla, Herr König, was ihr versprochen habt, das müst ihr halten.

O was ein hertzbrechen! was raths nun? sprach der König zu Jocondo, weil ich dir hab versprechen müssen, daß ichs nicht straffen wolle, Laßt uns, sprachJocondus, die Vntrewe, Vndanckbare Vettlen nur auß dem sinn schlagen vnd probiren, ob die andere Weibsbilder auch also seyen, oder ob nur die vnsrige zwo also geartet. Wir sind beyde jung vnd starck, beneben noch andern mehrern Gaaben, so wir weit vor einem Knecht vnd Zwergen haben; auch haben wir mittel genug, last vns davon ziehen vnnd die Welt erforschen, ob anderstwo auch dergleichen geschehe oder nicht? Der König war deß raths zu frieden, vnd ohn einiges vermercken sassen Er vnnd Jocondus mit Zweyen vom Adel auff ihre Pferde vnnd davon, durch Italien, Franckreich, Flandern, Engeland. Sie waren Willkomm allenthalben; wo Ihre Schönheit vnd freundliche Geberden nicht konten zu kommen, da machte das Gelt platz an allen orten:


[Rand: Geld kan alles]

Wer Gelt hat ist ein lieber Man,

wär er [mit] eim Dreck angethan.


Von vielen bekamen Sie mehr Gelt, als Sie begehrten; von vielen wurden Sie vngesucht gebetten; vnd Sie baten an andern orten hienwiderumb andere; befanden sie also in zwey Jahren, das es an keinem ort besser hergienge als bei Ihnen zu hauß selbsten.

Deß handels aber wurden Sie endlichen müde vnnd entschlossen sich, in gemein eine Kammermagd anzunehmen vnnd mit sich zu führen; es wäre ja besser, wan Sie je Gesellen neben Ihnen leyden müsten, daß es ihrer einer als irgend ein frembder vnbekander wäre. Endlichen bekamen Sie eines Wirths Dochter in Hispania zu Valentia, ein Schön wacker Mägdlein von achtzehen Jahren; der Vatter, so mit vielen Kindern beladen, war dessen gegen empfahung eines stucks Gelts (wie solcher verteuffelten Eltern an dergleichen orten mehr sind) wohl zu frieden, vnnd zogen Sie davon durch Hispanien, in meynung, nach vollendung desselben die Königreich in Africa zu beschawen. Das Erste Nachtläger so Sie von Valentia auß hatten, war zu Zattina, alda Sie des andern [225] tags in der Statt herumb giengen, sie zu besichtigen vnd das Mägdlein zu hauß liessen. Es war aber darin ein junger Knab, der vor Jahren bey des Mägdleins Vatter gedienet hatte. Dieser, von dem sie von kind auff geliebet worden, bekam gelegenheit mit ihr zusprachen vnd zuerforschen, wie sie dahin gerathen, vnd wo sie mit diesen Herren hinauß wolte? Flammetta, so war ihr Nahme, erzehlete ihm Haarklein alles. Ist das nicht ein vnglück, sprach der Knab, namens Greco, indem ich verhofft, daß ich dich zu einem Weib haben wirde, so muß ich nun sehen, daß dich andere davon führen. Auffs wenigste, wan ich dich je lassen muß, so erbarme dich noch einmal vber mich; das ist vnmüglich, sprach Sie, dieweil ich alle nacht zwischen meinen beyden Herren mus im Bett ligen. Ach, so du wilt, sprach Greco, so ist es nicht vnmüglich, dann eine Jungfraw, die verliebt ist, kan auß vnmüglichen dingen gar wohl mügliche dinge machen; darumb bitte ich dich, laß mich nicht vor Leyd vnd Liebe sterben, ehe du von hinnen ziehest. Eben so gern als du, wan es nur seyn könte, doch, sprach Sie, ich will mich bedencken, vnd thue du ihm so vnd so, so wird dir geholffen; wie sie ihm dann sagte. Greco, dessen wohl zu muth, nachts, als er meynet, daß die beyde Herren schlaffen möchten, schliche heimlich zur Kammerthür, welche daß Mägdlein zuzurieglen mit fleiß vergessen hatte, hinein, vnd still, still, daß die mäuse nicht erschrecken, kroch er auff händ vnd füssen zum Bett, vnd als er der Flammeta zu den füssen kam, steckte den kopf vnter die decke vnd kroch allgemach hinauff vnd bliebe der Lotteläte dieb do ligen biß fast ein stund vor tag. Jocondus, der wohl merckte, daß etwas mit der Flammetta die Nacht vber vorgegangen, meynte es wirde der König seyn gewesen; hingegen dachte der König, es wäre Jocondus gewesen. Indessen machte sich Greco gegen tag wider zurück als die Krebs, hinunder vnd davon, waß gischte waß hescht vff händ vnd füssen. Morgens als Flammetta auff stunde, das Gemach zukehren, vnnd der König den Jocondus rollte wegen dessen, so verwichener Nacht vorgegangen; Jocondus hinwider den König vexirte, also daß ihrer selbst keiner wuste, wie, oder welcher es gewessen seyn muste, weil es keiner wolte gewesen seyn, deßwegen die Flammetta rufften vnnd ihr [226] befahlen, die lautere Warheit zu sagen, welcher vnder ihnen beiden sich des Nachts so frisch gehalten hätte? dessen sich Flammetta forchtend Ihnen zu füssen fiele vnd vmb gnad bate mit erzehlung aller sachen, wie es hergegangen. Ob sich der König vnd Jocondus ein ander ansehend genug verwundert haben, die weil sie beyde auff einmahl so häßlich betrogen worden, das kan ich schwerlich glauben; viel mehr glaube ich, dz sich solcher liste heutigs tags eine vnzählige mänge noch nicht genug verwundern könne Aber Sie fiengen endlich an zu lachen, daß das Bett that krachen.

Wie solle es dann einem allein müglich seyn, ein Weib zu hüten, wan Zween nicht eines hüten können? sprach Jocondus; wan ein Weib im sinn hat, den Mann zu betriegen, so ist es, siehe ich wohl, vnmüglich, solches zu wehren; was wird dann das sorgen vnd eyffern helffen mögen? Es ist vmbsonst vnnd vergebens; es ist eine thorheit, den Flöhen wollen das hupffen verwehren, wan sie in einem Korb sind.


Gewiß ist es: für frawen list

Auf Erden nichts verborgen ist,

Vnd wird ein solcher gleich gehalten

Eim Narrn, der Flöhe wolt behalten

In einem Korb vnd kond doch nicht;

Macht ihm nur müh vnd arbeit mit;

Darum ein Mann der eyffern will,

Hatt nichts den angst vnd sorgen viel.


Vnd glaube ich, sprach der König, das die Weiber fast alle vber einen Leyst sind geschlagen. Meines theils, sprach der König weiters, soll diese die Letzte seyn, die ich mehr will probieren, vnnd mich hinfüro mit der meinen gedulden. Berufften sie beyde dieFlammetta vnd gaben sie ihrem Greco samt einer Außstewr, vnnd zogen sie ein jeder wider heim zu der seinigen, da sie gleichwohl nicht ohne sorgen vnd nachdencken noch leben.

Ist das nicht ein herrliches stücklein der Vnbeständigkeit vnnd Vntrew deß Weiblichen Geschlechts?

Vnnd wer wolte es besser beschreiben, sprach Freymund.

Ja, antwortete Frawendienst, wan es Livius oder seines gleichen einer schriebe, so wolte ich es glauben; aber Ariostus ist nicht der Mann der seine Schrifften wird in solchen ruff bringen, daß sie der Warheit ähnlich seyn sollen. Ich will auch ein kurtzes, [227] aber warhafftiges Exempel erzehlen, vnnd zwar auß dem jenigen Fürstlichen Hauß, dem ich biß zu meinem Verderben vnd Vndergang getrew gewesen. Amaly, Philips, Churfürsten vnnd Pfaltz-Graven bey Rhein, Tochter, Hertzog Georgen des Ersten zu Pommern Gemahl, hat sich in ihrem gantzen Leben, insonderheit in wärendem Ehestand gegen Gott also fromm vnd heiliglichen, gegen ihrem Herren so weißlich vnnd gehorsamlichen, gegen Frembden so Züchtig vnd Ernsthafft, gegen Armen so Gutthätig vnd Sanfftmüthig verhalten, daß zu ihrer Zeit, wo man ein frommes Weib beschreiben wollen, man sie zum Exempel angezogen. Wer auch ihre Tugenden der länge nach beschreiben wolte, wirde deß Buchs kein ende finden können.

Wan es von nöthen, sprach Hanß Thurnmeyr, will ich eben so wohl eines auß den Teutschen bekandten Historien herbringen. Ist nicht Fürst Johannis des I von Anhalt, Graven zu Ascanien Gemahlin, Grav Henrichs von Henneberg Schwester, ein solches böses, Zänckisches, Mürrisches, Vnleidenliches, Vnfreindliches, Vngehorsames, Vnartiges, Vngehobeltes, Wüstes, Meisterloses, Freches, Wildes, Neidisches, Gruntzendes, Schnarchendes Weib gewesen, daß Ihr gedultiger Herr sich von freyem willen in das bittere Elend begeben vnd ehe bei den Wilden vnbändigen Thieren wohnen wollen, als bey einem so gifftigen Basilisken?

Jesus Syrach ist weise genug gewesen hierin zu vrtheilen, ich meine Er hat die böse Weiber artig beschriben.

Nicht ohn, sprach Weibold, aber er hat die gute Weiber auch herlich gelobet.

Wo sind aber die gute? fragte Freymund, vnd antwortete, Nirgend.

Wo sind aber die Bösen? allenthalben, sprach Hanß Thurnmeyr; vnd ein jeden vnder vns düncket, er hab die ärgste.

Mich deucht, sprach Weibold, das ewre beweiß meist auß den Poeten hergenommen, derowegen denselben desto weniger glauben zu zu stellen. Dann sie loben vnd schelten ein ding, wie sie wollen; machens heßlich oder schön, wie sie wollen, vnd wirde der Grav von Appermunt, wan er vnser Gespräch vernehmen solte, den Herren dessen schlechten danck sagen.

Ja, sprach ich, nicht nur Er, sondern Rudholff der Freye [228] Herr von Rottenburg auch, der bei Keyser Philipsen am Hoff gewesen, der von seiner Liebsten eines also gesungen:


Von dem Houpte vntz uf den Fuos

Deß wirt nimmer buos

Beide rot vnd wis

Also hat der Natur flis

Gemachet is wengel var

Vnd hat dabi ze wunsche gar,

Gestalt ir nimmeriche mund.


Wer liebt, sprach Freymund, der schreibt noch närrischere Sachen als die Poeten; mir ist darumb nicht also, vnd wer wolt ein Weiblich Bild recht lieben können, da er doch immer zu förchten muß, er könne es so wohl nicht machen, sie werde ihm einmahl Hörner auffsetzen.

Die Hörner, sprach Weibold, sind so ein böse Tracht nicht,[Rand: Hörner] als man in Teutschland darfür haltet; es wäre den Wahlen vbel gesagt, wan sie deren manglen solten. Es wirde manchen den Kopf gar kosten, wan er ohne Hörner sein solte. Vnd deucht mich fast vnbillich seyn, das solches Wort den Mansleuten zur schmach soll geredet werden.

Dieser meynung bin ich zwar auch, sprach Hanß Thurnmeyer, in andern sachen aber nicht, dann ja die gröste Ehr der Bürger zu Venedig ist, daß Sie Hörner getragen haben. Vnd wan die Hörner nicht etwas Lob vnd denckwürdiges bedeuten thäten, vnsere Vorfahren wirden dieselbe zu ihren Wappen nicht genommen, noch die Hertzogen von Venedig ihre Hertzogliche Kleinod oder Hut in form eines Horns getragen haben, wan Sie die Würdigkeit vnd Hoheit dieser gestalt nicht wissten. Es wirde das Frawenzimmer zu Venedig nimmermehr ihr Auffgesätztes in gestalt zweyer Hörner gebrauchen, wan es nicht eine sondere Zierde wäre. Die Herren zu Venedig wirden nimmermehr dem St. Deniß in Franckreich vor ein Einhorn 100000. Cronen angebotten haben, wan sie die grosse Krafft deß Horns nicht wissten. Die Alten wusten ihre vermeynte Götter mit nichts höher zu verehren, als wan sie Ihnen Hörner auffsetzten, wie noch heut zu tag der Deumus in Calechut [229] gestaltet vnd verehret wird. Die Egyptier, so man für die Ältesten Weisen Leuthe haltet, haben ihren Abgott Apis in gestalt eines Gehörnten Ochsens angebetten. Alle andere vornembste Götter als Fauni, Satyri, Pan Deus Arcadiae wahren gehörnet. Mercurius der Götter Herold erschiene nimmermehr mit seinem Scepter vnnd Flüglen, die Hörner ließ er zu gleich weit herfür gucken. Der Heyden Groß-Gott Juppiter der Hurenführe, damit er der Europae desto besser gefallen, vnnd von ihr geliebt werden möchte, verwandelte sich in einen Ochsen, vmb der lieben Hörner willen. Die meisteAmericanische Götter Viracoccha vnd Vitzliputzli wurden mit Geißhörnern geziert in ihren Festtagen.Juno, wan sie prangen wolte, trug ein Geißfell mit Hörnern auff dem Kopff. Bacchus, der alte Zechbruder, ist von Socrate vnd Nicandro mit dem Zunahmen Cornutus genant worden. Ovidius nennet ihn auch Becco Cornuto in einer Elegia:


Accedant capiti cornua, Bacchus erit.


Vnnd scheinet, daß die Natur selbsten, die aller dinge Mutter ist, habe den Mänschen, so bald er zu seinen Mannlichen Jahren kombt, mit einem Knebelbart zieren wollen, welcher nach Art zweyer Hörner wachsen, dem Mann in selben Jahren desto bessere gestalt geben solte: auf daß, wann Er sie anschawet, Er sich erinnern möge, wer er seye; alldieweil, wer vndüchtig ist, ein Knebelbart zu haben, derselbe auch vndüchtig seye Hörner zu tragen. Der Altar, darauff die Heyden Opffer thaten, wurde mit einem Horn gezieret, Cornu altaris Proserpinae. Wan die Weiber zu Rom dem Bacchus opffern wolten, durfften sie vorm Altar nicht erscheinen, es wären dann daß Sie zwey Hörner trugen, als die höchste Zierde vnd Wohlstand bey dergleichen Opffern.


implerant cornua bombis.


Die Persier, zu erweisen wie hoch sie Ihre Götter hielten, haben deren selben Ochsen mit Bareten vnd vergulten Hörnern gewidmet,


Indignata super torquentem Cornua mitram.


Vber das, ist es nicht wahr, daß die drey Vornembste Himmlische Sonnenzeichen Hörner tragen, als der Y, welcher den Anfang [230] des Frühlings machet; der Z, welcher die Erde mit allerley lieblichen Blumen von farben vnd geruch, als Violen vnnd Rosen, zieret vnd

der Vorbott des harten Winters.

Vnder den Thieren, alles was Hörner hat, das wird vor andern hoch vnd werth gehalten. Sertorius hatte ein Wild, das gehörnet war, welches man als einen Wahrsag-Geist hoch vnd heilig gehalten. Caesar hatte auch eines dergleichen gehörntes Wild, so er als eine Göttin halten vnd ehren, deme auch ein Güldines Halßband anlegen lassen, mit dieser Schrifft.


Noli. Me. Tangere. QVia. Caesaris. Sum.

Der Keyser hat mich so geziert
Darumb so laßt mich vnvexiert.

Der Laurenholde Poet Petrarcha, wan er seine Liebste Laura der Ehren gemäß beschreiben will, kan nicht bessere wort finden oder erdencken, als das er dieselbe einem weissen Wild vergleichet.


Vna candida Cerua a sōpra l'herba

Verde apparue como de Cornua d'oro.


Meine Liebste Laura ausser korn

Gleicht eim Wild mit vergültem Horn.


Vnd ich glaube, das vmb eben solcher vrsach willen die Könige, Fürsten vnnd Herren sich die Jagde der Hirsch vorbehalten, dieweil der Hirsch wegen Vortrefflichkeit seiner Hörner von geringen leuthen nicht solle verfolget werden; Auch halten Hohe Personen vielmehr von den Hörnern als ich vnd meines gleichen. Muß nicht in Franckreich der jenige Jägermeister, so einen Hirsch, an welchem ende deß Königreichs, in Nider Britanien, Guienne, Bearne, Tholouse, Auvergne Narbona, im Delphinat, in Bourbona es wäre, antriffet, denselben vnverletzt gegen Pariß zu treiben, damit Er in die Königliche Wildbänne gebracht, vnd vom König allein gejagt werde? es ist vmb dieses Lusts willen, dessen bedeutung kein Mänsch mag außgründen noch außdencken.

Die Alte haben durch eigene Erfahrung erlernet, daß in den Hörnern vielmahlen grosse Wundersachen sind vorbedeutet worden. Wie zu sehen an dem weissen Stierkalb mit Purpurfarben Hörnern, so eben zu der zeit, als Clodius Albinus, gebohren worden, [231] welches jhm die Keyserliche Würde vorbedeutet; wie dann er hernach, als er zu völligen Jahren kommen, Keyser worden. Darumb er dann solcher Geschicht ewig dabey zu gedencken, ein Königlich Geschenck von Hörnern in des Apollo Tempel verehret.

Ovidius erzehlet fast ein gleichmässiges von einem Römischen Soldaten, welchem, als er zu reden auffgetreten, plötzlich zwey schöner herrlicher Hörner auff der stirne gewachsen, vnnd als die Wahrsager deßwegen befragt wurden, Ihnen zur antwort ward, das auff ein zeit ein gemeiner Soldat das gantze Römische Reich regieren werde. Valerius Max. sagt seinen Nahmen, er habe Gemitius Cippus geheißen.

Lysimachus hat die Vortrefflichkeit vnnd Wohlstand der Hörner auch betrachtet, dann er nicht leyden wollen, daß man sein Bildnuß auff güldne Müntzen prägen solte anderst als mit zwey Hörnern auff dem Haupt.

Der vortreffliche Fürst von Salerno hat keine andere Vberschrifft an dem Thor seines Pallasts leiden wollen; als diesen Reymen, so vnder eim par grosser Hörner geschrieben stunde:


Io porto le corna che ogniun le vede

Et altri ce porta che non se le crede.


Ich trag die Hörner, das mans sicht,

Ein andrer trägt vnd glaubt es nicht.


Die Egyptier in ihren Hieroglyphicis oder Sinnen-Bildnussen haben das Cornu-copiae für ein symbolum oder Zeychen der Gnaden vnd Freygebigkeit gehalten. Daher Augustus auff seine Müntzen das Cornu copiae prägen lassen, mit dieser Vberschrifft:Liberalitas. Augusti dem die Ehre will, daß er einCornard Hornart ist, dem will gewiß auch wohl das Glück; Daher die auß Achaja die Fortunam vnd dasCornu Copiae zusammen gemahlet. Vnd Keyser Trajanus auff seinen Müntzen hat prägen lassen einCornu-Copiae mit dieser vmbschrifft: Felicitas Augusti. Wer Hörner trägt, der liebt auch den Frieden, daher Pierius in Hieroglyphicis das Cornu-Copiae pro symbolo Concordiae anzeihen: das Exempel der berühmten Römerin Martia Ottacilla Seuera Augusta, lehret es, welche zwei Cornu-Copiae [232] vmb eine Schale mit dieser Vmbschrifft stechen lassen: Concordia Augustorum, zu bezeugen der Einträchtigkeit vnder Ihren Söhnen oder Freunden. Auch Keyser Antoninus vmb ebenmässiger vrsach willen ließ einCornu-copiae beneben einer Fackel, so die Waffen mit ihrem Feuer verbrante, sambt dieser Vmbschrifft setzen: Pax. aeterna. Augusti.

Das Cornu copiae bedeutet auch Freundlichkeit vnd Lust; Faustini Müntzen waren mit einem Cornu-Copiae gepräget mit dem wort: Hilaritas. Bey den Soldaten ist das Cornet das jenige Zeichen, so die Helden bey Frewd vnnd Muth erhaltet, darnach sie alle sehen, vnnd wo dieses verlohren, so ist Hertz vnd Muth vnnd die gantze Compagni, das gantze Regiment, das Feld verlohren. Bei den Spielleuten Cornicines ist ein Cornet das Lieblichste Spiel so man höret. Bei den Weibern ist ein Cornet die schönste Tracht, so einen Mann bethöret; Pauper tunc Cornua sumit, Er wird muthig, krieget ein Hertz.

Das Horn wird auch für ein Zeichen der Raach genommen, das Sprichwort gibts: Foenum habet in Cornu, longe fuge. Auß dem weg, er trägt Hew am Horn, er ist gezeichnet, er wird dich stossen. Welches Sprichwort daher kompt: Cicinus, ein Römer, ein bissiger Kerl, ein Lesterer, der keines Mänschen verschonet, dann allein deß Marcus Crassus, Gefragt, warumb er diesen also schewete? Darumb, sprach er,quia foenum habet in Cornu, dieweil er Hew am Horn trägt; dieweil er stösset. Dann die Römer hatten im brauch, so sie einen stössigen bösen Ochsen auff die Gaß gehen liessen, das sie ihm ein bündlein Hew an ein Horn banden, damit anzuzeigen, das man sich vorsehen vnd hüten solte, dannenhero der Poet sagt:


Cornu ferit ille, caueto,

Occubui tandem cornuto ardore petitus.


O du armer Actaeon, wie ist es dir ergangen, da dir die Diana zur Raach, weil du sie nacket gesehen, hat ein par Hörner wachsen lassen? daß macht dein Fürwitz, die hastu thewr bezahlen müssen; bist dazu von Hunden gefressen worden, biß auf die Hörner, [233] welche noch vbrig blieben, wie an manchem ort mit verwunderung zu sehen. Heut aber gehet es viel anderst; dann mancher bekombt Hörner eben darumb, weil er dieDiana nicht will nackend sehen.

Zu Nimes im Langendock wird deß großen vnüberwindlichen Rolands Horn als ein vortrefflicher Schatz auffgehalten.

Alle die, so die Post reitten, führen ein Post-Horn an der seitten zu bezeugung jhrer Freyheit. Ich verstehe Freyheit zu reitten vnd zu reden, dann, Lieber, was darff ein Postillon nicht reden? Die Schäffer vnnd Hirten brauchen sich deß Horns, jhre Herde beysammen zu behalten vnd die Wölffe zu erschrecken vnd zu verjagen, zu bezeugung der Forcht vnd deß Gehorsambs. Die Pilgram von St. Michel vnd St. Niclauß bringen ein Horn zum Zeichen der Glücklichen Verrichtung mit sich nach hauß. Die Jäger brauchen sich des Horns, ihre auff der Spur verloffene Hunde widerumb bey zuruffen vnd in gewahrsam zu bringen.

An vielen orten braucht man sich eines Horns an statt einer Glocke, die Burger zusammen zuruffen; vnd ist wohl bedacht, dann wer wolt alle mahl Gelt hergeben, ein Glocke zu kauffen, weil die Glockendieb jhnen so gehaß werden, das sie keine mehr auff dem Land leiden wollen.

An andern orten braucht man sich Nachts zu anzeigung der stunden eines Horns, vnd was die Vhr nicht recht macht, daß muß das Horn verbessern.

Ein vornehme Statt in Italia trägt noch den Namen vom Horn, la citta di Cornetto?

Corniculum war eine sondere Zierde, so von den Hauptleuthen jhren Soldaten verehret worden, wan sie sich wohl verhalten hatten.

Vor zeiten, als die Weiber meister waren, trug man krumme Hörner an den Schuen vornen zu mit Knöpfen gezieret, Cornua, Camura, dessen vns das liebliche Küchelliedlein noch Jährlichen erinnert:


Spitze Schu vnd Knöpfflein dran;

Die Fraw ist Meister vnd nicht der Mann.


Mann hat solchen löblichen brauch, der Weiber-Meisterschafft vorzukommen, abgethan; aber hesslich sind wir betrogen worden; [234] wir haben die Hörner von den füssen geschafft vnd tragen sie theils auff dem Kopff, vnd sind leyder doch nicht alle Meister.

Eine böse sorgsame gefährliche Newe Alamode Tracht, in dem vnsere Newsüchtige Teutsche, weiß nicht wem zu gefallen, Stiffel vnd Schue tragen, drey viertel lang; welches dann in keiner anderen meinung geschicht, als das sie hoffnung haben, die Hörner werden ihnen dahin auß wachsen. O wie manche Stirne wirde sich dessen zu erfrewen haben!

Die Mittnächtische Völcker hielten die Hörner von Wilden Ochsen so hoch, daß niemand auß denselben als allein die Vornembsten Herren trincken dörfften.

Halt man nicht etliche Hörner als Wunderdinge. Es sind Hasen-Hörner an einem ort, man häte sie vor diesem nicht umb groß Gelt geben.

Die Redliche Teutsche Fürsten vnd Herren haben für die beste Zierde ihrer Palläste hie vnd da Hörner hangen, so sie auff der Jagd gefangen, vnd damit nach beliben prangen. Die Wände sind mit staffiret, vnnd ist ein herlicher Vortheil vor den Wahlen, welche sich schämen, ein Horn in ihren Häusern zu haben. Aber vnder dem Hut müssen sie oft zwey verbergen.

Die Könige in Ost Indien trancken auß keinem Geschir, es wäre dann in gestalt eines Hornes formiret.

Die Griechen, so nach Zerstörung Troiae wider an heim kommen, wurden von ihren Freunden auß Schalen, so als Hörner formiret gewesen, mit dem besten Wein gewillkommet.

Sind Corneola, Cornus, Cornuta nicht herrliche vortreffliche Gewächse, die zur erhaltung der Gesundheit dienen?

Besiehet man allerhand Thier, so sind die Hornichte allezeit den anderen weit vor zu ziehen.

Das Hirschhorn ist wider Gifft die herrlichste Artzney.

Ellendshorn, ob es schon an den füssen ist, wie der sonst vberauß berühmte Lügner Plinius schreibt, ist gut für die fallende sucht, doch wir glauben es gern.

Ein Pferd, das nicht gut Horn hat, wird weniger geachtet als ein Esel. Cornipedesque vocantur equi.

Der Name Hornträger ist vmb so viel desto höher zu halten, [235] weil so Hohe Personen denselben jederzeit getragen vnd sich dabey noch glückseelig gepriesen haben.

Der vortreffliche Italianer Cornazzano.

Der berühmte Medicus Cornarius, welchen Mathiolus so hoch haltet.

Der herrliche Poet Cornificius sambt seiner gelehrten Schwester Cornificia.

Der stattliche Philosophus Cornutus, des Persii Praeceptor, welchen Nero allein wegen eines so vortrefflichen Namen ins Ellend vertreiben lassen.

Die weitbekante Cornelia, Sempronii Gracchi Hausfrau, Africani Schwester.

Der Mannhaffte Hauptmann Asoania della Corna zu vnsern zeiten.

Die ädele Cornuti zu Treuiso.

Die Dapffere Florentinische de la Cornia.

Der Weltzwinger Cornelius Scipio.

Der Teutsch-belibte Cornelius Tacitus.

Die Geborne von hohen hauß Cornari zu Venedig.

Der Cornelius Cassius Liv. l. 1.

Cornelius Asina. Macrob. Sat. l. 6.

Cornelius Centimalus.

Cornelius Merula.

Cornelius Balbus.

Cornelius Nepos.

Cornelius Gallus.

Cornelius Seuerus.

Los Cornudes de Murcia haltet man eben so hochberühmbt als die Ladrones Verduges vnd Gousmanes von Castilia.

Die schöne Statt Corneuailles in Niderwalliß.Corneates die berühmbte Völcker in Engelland.

Hat nicht der schröckliche Held Hürnen Seyfrid grosse sprüng vnd hohe streich gethan? wer thuts ihm nach?

[236] Viel Flüsse vnd Wasser so von dem Horn ihren Namen tragen, der Po, Corniger Eridanus vom Poeten genant.


[Rand: Virgil.]

Corniger Hesperidum fluuius regnator aquarum.

Tauriformis Aufidus.

Dum flexuosis Ister ibit cornibus.

[Rand: Horat.]


Auff den Schiffen selbst, die Segelstang Antennae, so von einem als ein Horn oder Hörnicht beschrieben wird:


Cornua velatarum obvertimus antennarum.


Also das der Nahm eines Cornuti, Cornard, Becco Cornuto, Hornnars eine so schlechte Ehr nicht ist, vnd sich dessen billig keiner schämen solle.

In Summa, sprach Weibold, es ist ein Narr der die Flöhe hüten will, das sie nicht auß dem Korb springen. Ein Ehrlich Weib ist ihr selbst Hüterin, wan sie der Mann allererst hüten soll, so gehet es wie in Italia ubi


Casta est quam nemo rogavit.


Freymund, ô es sind noch Schelmen auff der Welt, eben so listig als Jupiter, der sich in einen güldinen Regen verwandelt, vnd sich also ohnvermerckt zwischen den Zigeln deß Dachs in den Schoß der Danæ hinein getröpffelt:


Cornutæ Lunæ symbolum Turcis fatale putatur.


Aber eines verdreysst mich, das mein Gesell Hanß Thurnmeyer, schir an mir will zum Mamalucken werden, vnd mir die Hörner so sehr loben, da er doch den Weibern, welche sie verursachen, so gar nicht hold ist.

Alle Welt sprach Hanß Thurnmeyer thut dem Horn Ehre an. Muß nicht der Hirt hinder dem Horn stehen, als ein Diener hinder seinem Herrn, wan er will drein blasen? es geschicht ehren halben. Dann billig soll das Horn vornen anstehn; wer ist, der gesehen hätte einem ein Horn auff dem rucken wachsen? Nein auff der stirn, majoris fidei ergo, damit man weiß, was für ein Gast allda zur Herberg lige. So ist auch das wahr, gemeiniglich wer [237] Hörner hat, der hat vnd muß 1. ein Schönes Weib. 2. viel Freund. 3. viel Gelt haben, non contra, dann


Un homme qui a belle femme

tout le Monde est son Cousin.


Wo die schöne Weiber leben

Da Will jeder Lecker schweben.


Aber:


Quod tibi besoignat noli praestare Compagno

sagen die Wälschen:
Gauch ist wohl ein wüster Nammen,
Doch dreye schöne Ding beysammen:
Hübsts Weib, Freund vnd Gelt vollauff,
Macht das man nicht schilt darauff.

Drumb, sprach Hanß Thurnmeyer, damit ich vff mein erste Meinung komme: so ist es ein mißlich ding, Weiben. Vnnd kostet mehr bedenckens, als wan man ein paar Ochsen kaufft, dann


Mancher hat ein Weib,

Es ist sein Seel, es ist sein Leib,

Es ist sein Böß, es ist sein Gut,

Es ist sein Lust, es ist sein Ruth,

Es ist sein Teuffel, es ist sein Gott,

Es ist sein Spott, es ist sein Abgott,

Drumb ein jeder wohl soll bedencken,

Wann er sich an ein weib Will hencken.


Was sollen vns die Poeten schreiben, sprach Frawendienst? Sie können doch nichts als nur die arme Weiber schelten vnd schmähen; mich wundert, daß ihr dem Gespräch nicht einmahl ein ende machet vndExpertus Robertus lasset das Vrtheil fällen, dann ich sage, daß ihr die sach mit ewren Hörnern werdet verderbt, wo nicht gar verlohren, haben;

Vnd mich wundert, sprach Freymund, das noch etlich Männer so gar einfaltig grobe Dölpel sind, daß sie ihrer Weiber Boßheit weder mercken noch fühlen; Es solte billig heissen:


ἄνερες ἔστε φίλοι

Seit Männer, thut was einem Mann anstehet. Lasst euch das Scepter nicht auß der Faust reissen; habt sorg auff ewre Kinder vnd auff euch selbsten; dann gewiß ists, daß man Weiber findet, [238] so verwägen vnd so frevel, daß sie die gute Männer dörffen zu Vättern machen, ob sie schon keine Kinder haben. Denn wie wohl die Männer offt so viel Wochen, offt so viel Monat auff der Reiß, in der Franckfurter-Meß, vnd in Holland herumb ziehen, offt so viel Monat kranck vnd vnvermüglich, ja ob sie schon von den frigidis et maleficatis gewesen, ihre Weiber nicht berühret, jedoch es sich nicht fehlet, daß sie nicht alle drey viertel Jahr ihre Kinder haben, die sie Vätter nennen, vnnd welche die gute Männer auß Christlicher Liebe, weil sie das Weib ichtwan einmahl des Jahrs angelacht, aufferziehen, wie die Kapaunen, welche, wan man ihnen den bauch mit Nesseln reibet vnd einen Rausch zubringet, die Hünckel mehr vnd besser aufferziehen als die Hüner selbest. Warumb dann lassen solche Vätter sich es einen solchen Ernst seyn, den Kindern Gelt vnnd Gut zuerscharren, daß auch sie offt die Seeligkeit darüber zu setzen, doch aber im außkehren vielmahl erfahren, daß irgend der Gadendiener, der Gadenknecht, da sein bestes gethan vnd im abwesen des Herren daheim blieben, vnnd das adi semper auf den Conto geschrieben. Wan er aber wieder nach Hauß kompt, die Mutter ihm das liebe Kind entgegenträgt, der gute Horn-Vatter es in die arme nimbt, der Frawen fleissig dancksagt, ja tag vnd nacht das Geschrey, das Geheul, das gescheiß, deß gestancks des Kindes so viel hat, das er bersten möchte, doch alles als ein Milter Mann mit güldner gedult vberwindet. Vnd billich ist der Gestanck sein, obschon die Kinder eines andern wären. So hat er doch daß Geschrey vnd den geruch davon, das ein anderer nicht hat. Ja er muß der Frawen vnd der Warterin so entgegen gehen, daß er sie nicht mit einem tritt, nicht mit einem blick darff erzürnen. Auch wan schon einem solchen Mann das gewissen so weit auffwachet, dz er sihet vnd fühlet, das Kind seye nicht ihm, sondern einem andern Flögel ähnlich; so darff er es doch nicht widersprechen, sondern muß der Mutter heiliglich glauben zustellen, wan sie sagt: Ach ja wohl, man darff nicht fragen, wem das Kind gleich sehe, man sehe nur den Vatter an, es siehet ihm in allem gleich, es wird ein Haar bekommen wie der Vatter, es hat ein Stirn wie der Vatter, es hat ein Naaß wie der Vatter, es hat ein maul wie der Vatter, es hat augen wie der Vatter, [239] es lächelt wie der Vatter, es schmutzelt, es weynt wie der Vatter; guck Hensel, da ist der Vatter, sieh Lipsel, wo ist der deyte? Horn-Vatter, was unser Kind sagt. O der vbermänschlichen gedult vieler Männer! oder grossen boßheit vieler Weiber!


Bey einem bösen Weib ist fürwar grosse Noth

Dafür behüt vns alle, ô lieber Herre Gott.


Wan ich, sprach Hans Thurnmeyer, es noch zu thun hätte, so wolte ich mich nimmermehr verheyraten; vnd wan ich andern zu rathen hätte, so wolte ich keinem ledigen Menschen rathen, das er sich in so gefährliche bande begeben solte, sondern wolte leben wie unsere Thumbherren: Es sind doch Bäßlen genug auff der Welt zu finden. Vnd Ich, antwortete Weibhold,


1.
[Rand: D. Erhard]
Ich halts gar nicht mit den Pfaffen
Die deß Ehestands Feinde seyn
Vnd den selben von sich schaffen,
Bleiben doch nicht allzeit rein.
Dieses ist das beste leben,
Männer nemmen, Weiber geben.
2.
Seltzam ists, ich muß bekennen,
Das sie frey ein Sakrament
Selbst den Ehestand dörffen nennen,
Wird doch böß vnd fleischlich g'nennt,
Drumb sie ihn auch von sich schaffen
Als die recht Ehelosen Pfaffen.
3.
GOtt hat Man vnd Weib geschaffen
Vnd den Ehestand eingesetzt,
Als der Keuschheit wehr vnd waffen;
Christus hat ihn würdig g'schetzt,
Daß er selbst zur Hochzeit kommen,
Als man dort ein Weib genommen.
4.
Enoch führt ein Göttlich leben,
Dannoch hat er Weiber g'habt,
Gott hat ihm auch Kinder geben;
Moses war sehr hoch begabt,
[240]
Hat doch auch ein Weib genommen,
Sein auch beid in Himmel kommen.
5.
Pfaffen sagen was sie wollen.
Vns ficht ihr decret nicht an,
Mögen sich in Klöster trollen,
Vnser Kirch ist besser dran,
Dann darin dem Geistlich'n orden
Weiber nicht verbotten worden.
6.
Vnd was soll man lang verbieten,
Weil darinnen Mänschen sein,
Denen fleisch vnd blut zu hüten,
Von Natur ist harte pein.
Nonnen lassen sich einschleiffen
Andre Mittel wir ergreiffen.
7.
Ein von Gott befohlen mittel,
Daß da recht ist fein vnd gut.
Da sonst vnderm Pfaffenkittel
Offt steckt ein vnkeuscher muth,
Dann mann an ihr keuschheit schweren
Sich nicht allzeit hat zu kehren.
8.
Vnd so geht es auff der Erden,
Das, so wenig als ein Han
Wird vnd kann ein Doctor werden,
Gleich so wenig man auch kan
Gottes Geschöpf des Weibs entpehren,
Wie wir auß der Übung lehren.

Vnd die Alte Redliche Teutsche Mutter sagt zu Ihrem Sohn

[Rand: Winsbeckin.]
Aller Orten priß ich nith
So sere als die E alleine: swas o darumbe mir geschiyt.
Barfüssen, Bredigern, Krützer Orden sind da gegen blind.
Gra, Wis, swartzer Münche ist vil,
Hornbrüder vnd Martere, als ich uch bescheiden wil,
Schottenbrüder, vnd die mit den swerten sind da engegen alle gar ein Wint.
Tumherren, Nunnen vnd Leigen Pfaffen,
[241]
Die lobent des du E hat erzüget:
Swer der E ze rechte pfliget,
Der hat hie vnd dort gesiget.
Swers widerredet, des volget nicht. Er lüget.
1.
Sun, wiltu zieren dinen Lib,
So das er si vngefüge gram,
So minne vnd ehre gü tü Wib,
Ir tugend vns je von sorgen nam,
Si sint der Wunne ein bernder Stam,
Davon wir alle sint geboren, er hat niht Zuht vnd rechter Scham,
Der das erkennet nicht an in,
Er muß der Toren einer sin, vnd het er Salamones sin.
2.
Sun, si sint wunne ein berndes Lieht
An Eren vnd an Werdekeit
Der Werlte an eren zuversiht,
Nie wiser Man das widerstreit.
Ir Name der eren Krone treit,
Die ist gemessen vnd gewohrt mit Tugenden vollig vnd breit.
Genade Gott an vns begie
Do er im Engel dort geschuff, das er sie gab für Engel hie.
3.
Sun, du maht noch niht wissen wohl,
Was eren an den Wiben lit,
Ob es dir selde fügen sol,
Das du gelebst die lieben zit
Das dir ir güte Fröide git,
So kan dir niemer das geschehen, ze dirre Werlte sunder strit
Du solt in holt mi, trüwen sin
Vnd sprich in wol; tüst du das niht, so muß ich mich getrösten din.
4.
Sun, wiltu Arzenie nemen,
Ich wil dich lehren ein Getranck,
Lat dirs dieselbe wol gezemen,
Du wirst selden Tugenden kranck,
Die leben si kurtz oder lank.
Lege in din Hertz ein reines Wib mit steter Liebe sunder Wank.
Ist es an Werdekeit verzaget.
Als der tnägel eiter tüt, ir Wiblich güte es verjaget.
[242] 5.
Sun, ich sage dirs sunder wan,
Des Mannes Herze ist vngesunt
Das sich niht in nan reinen kan
Mit Wibes Libe z aller stunt,
Es was ein tugenlicher funt,
Do guter Wibe wart gedacht, hat jeman sorgen sweren bunt.
Den truric Mut bestrichen hat,
Der striche Wiblich güte dar, alsam ein tö sin Not zergat.

Wie ists aber, sprach Gutrund, weil etliche gefunden werden, die da meynen, wan sie ein wenig bei Mitteln vnd Diensten sind, sie müssen irgend Edelgeborne Jungfrawen Heyrathen, vnd alle andere verachten; oder aber wan irgend Edelgebohrne Jungfrawen zu dergleichen Heyrathen ersucht werden, sie mit allem gewalt nichts davon hören, vnnd alle die, so ausser dem Adel geboren (vngeachtet in was stand sie sonsten gekommen sind) verlachen wollen.

Daß sind, antwortete der Alte, zwo grosse thorheiten. Eine der jenigen, die da meynen, sie müsten keine andere als Edele Jungfrawen heyrathen, vnd nicht bedencken, was für vngelegenheit ihnen offtermahls dadurch zuerwachsen könne.

Die andere Thorheit ist etlicher Edelen Jungfrawen wegen ihrer grossen lächerlichen einbildungen. In dem sie dafür halten, daß kein Mänsch ausser dem Adel auch fleisch vnd blut habe.

Ist es nicht ein Ellend, daß man sihet offt manche Adeliche Jungfraw da sitzen, entweder weil sie nicht vil mittel hat, oder nicht fast schön ist, oder der Geschwistern vil sind, dz kein Adelicher Mänsch achtet; vnd sie also ihre Liebe tage in trauren vnd klagen, in seuffzen vnd verlangen muß schliessen etc. da sie doch verlangen tragen vnd sich erfrewen solte, wan ein Ehrlicher Rechtschaffen Kerl käme, vnnd sie von der Noth erlösete, ob er schon nicht von Adel gebohren, sonst aber Ehr vnd mittel gnug hätte, sie ihrem stand gemäß zuerzihen, weil sie ja alsdann vnder deß Manns Freundschafft gleichsam als eine Königin, den andern wirde vorgezogen vnnd verehret werden; dahingegen, wann sie vnder ihres gleichen ist, muß dahinden gehen vnd die thüre beschliessen. Darumb dann der Caesar wohl gesagt, daß er viel lieber wolle Schultz, vnnd der Erste in einem Dorff seyn, als Burgermeister zu Rom vnnd Einen andern an der seite gehen haben.

Wa zu dann auch solche Adeliche Freundschafften so vngern [243] sich nicht verstehen solten, alldieweil sie dergestalt der vielen Geschwistern vnd Kostens vberhaben, Verzügs-Döchter auß Ihnen machen vnd Sie also die Erb- vnd Stammgüter zu besserem auffkommen ihres Hauses vnd Geschlechts erhalten könten. Auch vber daß an den Weibsbildern in solchen fällen dem Stammen oder Nammen nichts gelegen noch entnommen ist, sondern vielmehr dem selben befürderlich vnd zu statten kommet.

Die lautere Warheit zu sagen, Weibold, Frawendienst vnd Ich, (die wir gern gute Suppen essen vnnd die Weiber, wan sie es hören, trefflich loben) waren des Gesprächs von den Weibern so müde, das wir gewiß darob entschlaffen, wo nicht was anders vns vorkommen wäre; dann in dem wir da sassen, die Augen zu reiben, zu gaünen vnnd den Kopff zu kratzen, hinder sich zu sehen, nach jemand, der vnser Gespräch auffhebte, vnnd gern gehabt, das Expertus Robertus den Spruch gegeben; kamen gegen uns hergegangen etliche Kerl, mit Zottigten Filtzkappen, schwartz dürr von Gesicht vnd gestalt; ihre Kleider waren von Taffat, da man die Windmühlen vnnd Beuttel auß machet, lange Loderhosen biß auff die Knoden, ein jeder trug einen langen spitzigen hacken auff der Achsel, als ob es junge Höllenbränd wären; Sie fluchten vnnd schwuren so Gottslästerlich, so grausam grewlich, das einem Fuhrmann, der vmbgeworffen, davor geängstet hätte. Vnnötig war es, sie an die folter zuspannen zu erfahren, wer sie wären, dann auß ihrem Fluchen konte man Sie leicht erkennen. Wir sind Schiffleuth, sprachen sie, vnserer Kunst (dann solche Leut, wie auch die Schneider vnd Weinschencken vnder die Künstler gezehlet werden, weil sie die Leuth so künstlich betriegen können) wir bringen alle tag, was den löblichen Rhein-Stätten vnd Innwohnern von nöthen, in vnsern Schiffen in voller mänge; wir ernehren Sie, wir erhalten sie, wir versehen sie mit Frücht vnd Wein, auff vnnd ab, mit Saltz vnnd Schmaltz, mit Butter vnd Futter, mit Hew vnd Holtz, mit Käsen vnd Kohlen, mit Würtz vnd Kuchenspeiß; vnd wo wir nicht thäten, es wirde bald in allen Stätten an Stockfischen mangel erscheinen vnd jederman witzig werden. Aber zu förchten, das wir bald werden vnsere Ruder vnd Riemen beseits legen vnd was [244] anders anfangen, wo man vns nicht zu hülff kommet vnnd allerhand eingerissene Vnordnung abschafft, insonderheit zu Frülings vnd Sommerszeiten; dieweil der Rhein durch die grosse Hitz sonst gewiß außgetrocknet vnd wir gar auff den Sand stossen vnd hocken bleiben müssen. Alle abend, wan ihr sehet Eine Sonne vndergehen, so sehet ihr hiengegen viel tausend schöner Sternen vnd Sonnen wiederumb auffgehen; soll das nicht groß wunder geben? Alle Jungfrawen am Rheinstrom, insonderheit welche von den Poeten geliebt werden, sind eitel Sternen, eitel Sonnen, welche mit ihren allwärmenden Strahlen schimmern vnnd scheinen mehr als die rechte Sonne, so den gantzen Erdboden bescheinet; was wollen wir vnder so viel Sonnen machen? soll nicht der gantze Rhein verdrucknen müssen? Solten wir nicht in solcher Hitz alle verderben vnd verschmachten müssen? Sind wir nicht schon schwartz vnd verbrand genug? sonder zweiffel werden wir schwärtzer werden als die Moren in Guinea in Cabo Verde, was wird letzlich auß dem armen Rhein werden? Ovidius lehret vns, das als die einige Sonn dermahlen herab gefallen, viel Flüsse von solcher hitz außgedorret vnd ihr Wasser verlohren haben. Wie solte dann ein Wasser so vielen Sonnen vnd deroselben hitzigen Strahlen widerstehen können? Im außkehren werdet ihr sehen, das man im Rhein wird truckenes fusses können gehen, vnnd wir eine andere Handthierung werden vor die hand nemmen müssen.

Wir musten vns deß hertzhafften Schiffers oder Bootsknechts verwundern, vnd zweiffelten, ob er nicht irgend der genanten Poeten selbst einer seyn möchte, weil er ihre bossen so wohl vnd auff Poetische weise wuste herzusagen.

Es sagte ihnen aber Expertus Robertus gar weißlich, daß sie sich dieses fals nichts zuförchten hätten; das die augen einer poetischen Jungfrawen eben so wenig Sonnen seyen, als ihre[Rand: Poetische / Jungfrawen] Schwartze Haar güldne fäden seyn mögen; vnd ihre Brüste so wenig Alabaster so wenig als ihre Leffzen Corallin. Vnd das die Liebste eines Poeten seye wie ein Bettlers Mantel mit allerley alten vnnützen stücken zusammen gebletzet; welcher Herrligkeit allein in blosser Poetischer Einbildung bestehe, der sie dichtet vnd beschreibet, wie er will, zuweilen als zwen Carfunckel, zuweilen zwen Rubin, zwen Morgenstern, wan sie doch etwan einem par küglichter[245] [Rand: Poeten] Ochsenaugen ähnlich seyen. Also wann die Poeten nicht gute achtung zu ihrem Hirn haben, zubeförchten, es möchte der zeit zu Wasser oder gar zu dreck werden.

Wir gungen ein wenig abweg, vnnd höreten aber ein ander Geschrey, vnd als wir hinauß für die Thür kamen, war es ein Mann vnd sein Weib, so einander raufften, das Weib hatte einen grossen kluppen Schlüssel in der einen Hand, in der andern ein Hand voll Haar, so sie gewiß dem Mann außgeraufft hatte. Ihr Schleyer war herunder gerissen vnd lag auff der Erden. Der Mann hatte kein Vberschlag an, kein Hut auff, einen starcken Brügel in der rechten hand, in der lincken auch einen Wüsch Haar, aber im Gesicht war er verkratzt, als ob er mit den Katzen gessen hätte.

Als wir aber forschen wolten, was die vrsach wäre? Gehestu? sprach der Mann, du Schandhur, wiltu mich mehr im Würthshauß suchen, du Ehebrecherin, du Ertzhexe? Das Weib hingegen: O du Dieb vnnd du Schelm; der Teuffel wird dich eh holen, ehe du ein Hexenstuck auff mich wirst beweisen. Du Prasser, bringst mich vnd die Kinder an den Bettel stab; wan du nicht alle tag im Würthshauß sitzest, du wirdest förchten, der Teuffel holte dich.

M. Das wär deines dings, wan ich stets zu hauß sitzte vnd dürrmaulte, gelt du schandvettel,


Wann ich blieb allzeit zu hause,

Vnd tränck wenig wie ein Lause,

Vnd kräht so offt wie ein Hahn,

So wär ich dir ein lieber Mann;

W. vnnd ich, gelt du schandvogel,

Wan ich nur stets im Hause bleib,

So bin ich dir ein liebes Weib.

Da vnder dessen du mit Muth

Versauffst mir all mein Hab vnd Gut.


M. daß gehet dich nichts an, du Vettel, warte du deiner Kunckel ab. W. das gehet mich an, du Schinder, warte du deiner Werckstatt ab. M. ein Weib hat sich nicht zubekümmern, was der Mann mache. W. Ein Mann hat sich nicht zubekümmern, was das Weib thut.


[246]
M. Das Weib soll ihrem Mann nicht stützig widersprechen
sondern mit freundlichkeit tragen deß Mannes gebrechen.
Wann der Mann zornig ist, so soll sie fleiß ankehren,
Damit sie seinen zorn durch wort kön wehren.
W. Ein Eheman solle sich nicht als ein Wolff erzeigen,
Noch von seim frommen Weib zu andern pöhcken neigen
Er soll kein Löwe sein noch stets im hause Brüllen,
Noch sich in vollem sauß die Gurgel alzeit füllen.
M. Will ein Weib, daß der Mann an ihr gefallen trag,
so geb sie auff wort, damit der Mann nicht schlag.
Dann wan Laußknickel will maulen vnd bellen nach
Vnd alzeit Meister seyn, so verliehrt sie die Sach.
W. Ein Mann soll nicht alzeit brummen daheim zu hauß,
Vnd sehen als ein pfann voll schwartzer Teüffel auß.
Vnd was er in dem hauß zu ändern nicht vermag,
Das er es mit Geduld vnd Freundlichkeit vertrag.
M. Ein Weib soll schweigen still vnd nicht die zäne blecken
Noch auch vor trutz vnd stutz die zung zur Gosch außstrecken
Sie soll nicht Meisterloß den Mann im Hauß gehn bochen,
Ein solches wüstes thier kan offt kein Suppe kochen.
W. Hingegen soll der Mann kein Erbs in Haffen zehlen,
Kein Bierenbrader sein, kein Obs zum Essen schelen.
Er soll nicht seine Naaß in allem dreck vmbkehren,
Er soll auch seinem Weib kein Ehrlich frewd verwehren.

Mann: Schweigstu noch nicht, du außgemachte Hur. Weib: nimb du dich selbs bey der Nasen, du Hurenvogel. M. so gehörts, wan ein Schandhur andern Männern nachgehet. W. du lügst wie ein Schelm vnd Dieb, du Galgenvogel. M. Puff, da hasts, soltu mich heissen liegen. W. Ey so schlag daß dir die Händ erlamen, daß du vergrummest vnd verlambst, du Mörder, du Dieb, du Rauber, du Hurenvogel, du Verräther, du Hexenmeister, du Frawen-Mörder, hu du du du etc. M. hu du Laußknickel, ich will dir die Zung bannen, oder ich muß kein Fäust mehr haben, hastu noch nicht stöß genug? W. hey so will ich [247] mich wehren, vnd solt es mir das leben kosten, du Erzdieb, du Prasser, du Hurensohn, du Landläuffer, ich reiß dir den Bart auß. M. hey reiß, daß dich der Hagel erschlag, du Teuffelsroß. W. warumb lastu mich nicht vngeschlagen, du vnsinniger Schelm. M. du unsinnige Hex du, was soll ich nun mehr sagen. W. du Hellenbrand, du Vnthier, du Esel, du Sau, du Ochs, du Capaun, du Hurenhengst. M. hey daß dich Gott schend, du Teuffelsmaul, du Hexen Larv. W. das dich der Teuffel zerreiß, das du verbrand wärest. M. daß dich die Pestilentz erwürg. W. das dich die Läuß fressen, das dich die Frantzosen ersticken. M. da, nimb du die Pillulen ein du Hurenmaul. W. hey schlag daß du verlamst noch einmal, du meineidiger Schelm. M. du außgemachte Hur, wan schweigstu einmal still. W. hey daß du verlambt wärest. M. Ich will dich zu tod schlagen, vnd solt ich darüber gehenckt werden. W. ô mordio, mordio, o, helffio, kombt mir zu hülff, er schlegt mich zu todt. Ach weh vnd ach weh, Auwe vnd Auwe, Auwinnen Auwe.


W. Ach wie ist mir mein Leib fast vmb vnd vmb zerschmissen
Der Ruck ist blaw vnd schwartz, das Haar halb außgerissen
Schon doch mein lieber Mann.
M. Meinstu dan das du mich nach deinem trutz vnd willen
In allem meinem thun vnd wesen wollest trillen
Du vngezäumtes thier!
W. Ich will es nimmer thun, laß mich nur gnad erreichen,
Vnd wan mein weynen dich je gar nicht kan erweichen,
So schaw die Kinder an.
M. Ich will dein loses maul vnd tücke vbermannen
Vnd eigen meister seyn. Es sey dann, dich zu bannen,
Kein Brügel mehr allhier.

W. Daß alle Brügel verbrand wären in der Hellen. M. wiltu nun schweigen, du schnader End. W. wiltu nun auffhören schlagen, du Hencker. M. du Laußknickel, du Schlang, du Atzel. W. du Wolff, du Rabenvogel, du Beer, du Löw, Auweh, ist dann niemand, der frid machen will. M. Ich nicht, so lang ich fäuste habe. W. ich nicht so lang ich nägel habe. W. o sehet wie mich der Dieb hat zugericht. M. o sehet, wie mich die Hex verkratzt hat, du Katz. W. du Hund, du Wolff. M. du Katzenkopff, du Zatzenkopff. [248] W. du Hundskopff, du Eselskopff. M. du Saukopff, du Hexenkopff. W. du Bärenkopff, du Hasenkopff, du Krautkopff.

Mein Gott des elenden Lebens, des betrübten Heyraths, sprach Expertus Robertus, den diese beyde gemacht haben; wie sieht der Mann auß, als ob er vnsinnig wäre, das Weib, als ob sie besessen wäre. O Elend über elend, solten Wilde thier also leben, das wär viel zu arg. M. Soll ich dem Herrn nicht erzehlen, als ich heut früh nach Hauß kommen, da war kein Weib daheim, es war nichts zu kochen da, es war kein fewer da, alles lag im hauß in der Stub vbereinander, Stühl vnd Bänck, Dischduch, Schüssel, Löffel, eines da, das andere dort herumb. W. Du leugst, du Dieb, wan du im Wirthshauß, im Hurenhauß herumbziehest, vnnd zu achttagen einmahl heim kommest, so meinest du, jederman sey also gesinnet wie du. M. schweyg du, Klappermaul, ich glaub nicht, das der Teuffel ein solch maul habe. W. Ich glaub nicht, das der Teuffel solche Hände habe. M. du gifftige Schlange. W. du vnsinniger Löw. M. so soll man dir lausen du Laußknickel. W. so soll man dir zwagen du Esel. M. so muß man das faul fleisch saltzen. W. so muß man dir den Grind kratzen. M. seht ihr Herr, wie ich ein Weib hab; daß sie mir ein wort schweiget, ja wohl? W. seht ihr Herr, wie ich einen Mann habe, das er mir ein wort zu gut hätte, ja wohl?

Expertus Robertus: Ein Rechtschaffen Mann soll sich nicht mit worten einlassen gegen seinem Weib, es steht vbel an einem Mann, also mit der Zungen fechten. W. gelt du Esel: hörsts du Vnflätiger Tropff.

Expertus Robertus: Es soll ein ehrlich Weib gegen ihrem Mann das Maul halten, vnd nicht das letzte wort haben wollen. M. hörsts du Klapperbix, was man dir sagt. W. was ist das für ein Narr, er gibt doch keinem theil recht.

Expertus Robertus: O ihr elende Mänschen, wie macht ihr euch das leben selbst so blut saur, vnnd könt es beyde besser haben. Ihr vnseelige Leuthe, wer wolt sich gern in ewre händel mischen. W. was schwetzt er da? M. ich weiß nicht, ob er ein Narr ist oder nicht. Expertus Robertus: mein, sagt mir doch. M. was ists dann? Expertus Robertus: wie lang ists, daß ihr einander geehlicht habt? M. es deucht mich hundert Jahr seyn. W. ist [249] dir die zeit so lang? mir ist sie kurtz. M. o wolt Gott, es wäre nie geschehen. Expertus Robertus: vnd geschehen solche händel offt vnder euch, oder ist es nur dißmahl geschehen? M. offt, fast alle tag. Expertus Robertus: werdet ihr aber zuweilen wider einig mit einander, oder sehet ihr einander stets an wie die Hund vnd Katzen? M. ja wir seyn bißweilen einig, aber es werth nicht lang, Gott erbarms. Expertus Robertus: wan ihr aber einig seit, erkennet ihr ewer Vnrecht, eins dem andern, oder will ein jedes auff seinen Fünff augen bleiben vnd recht haben? wist ihr auch wohl, warumb ihr offt streitet? M. Ey was wolt es seyn, mein Weib nimbt offt Vrsach vom Zaun herunder. Expertus Robertus: wie so aber. W. was hast viel mit diesem alten Narren zu bapplen, geh fort, laß vns zum Essen gehen. M. gehe fort, es wäre besser gewesen, wir hätten ehe auffgehöret vnd wären gangen. W. es sey also, weils nicht anders seyn kan. Expertus Robertus: Ein gutes Mittel will ich euch beyden geben, so ihr es alle tags einmal gebrauchet, so wird solch zancken vnd schmeissen bei euch ein Ende nemmen. Mit welchen worten er dem Mann volgende vier Gesätzlein auff einem Brieff geschrieben zustellete, vnd sie beyde Ihres wegs fürter gehen liesse.


1.
Drey Ding sind hübst vnd fein,
Wan Brüder einig seyn,
Vnd sich halten zu sammen,
Weil sie sind von eim stammen.
Das g'falt Gott vnd den Leuten,
Wer wills Ihn' vbel deuten?
2.
Wan Nachbauren fridens voll
Sich auch betragen wohl.
Weil sie zusammen bawen,
alls guts einander trawen.
Das thut Gott wohlgefallen
Vnd frommen Christen allen.
3.
Wan der Mann vnd das Weib,
Weil sie beide sind ein Leib,
[250]
sich wohl begehen im Leiden,
nicht von einander scheiden.
Daß thut Gott wohl gefallen
Vnd frommen Christen allen.
4.
Dann da will selber Gott,
Wie er verheissen hat,
sein reichen segen geben
vnd dort das Ewig Leben.
Drumb sich ein jedes vbe
Der Einigkeit vnd Liebe.

Behüte Gott, sprachen wir zusammen, was ist das? schmeissen, kratzen, beissen, fluchen, donnern, hageln; vnd widerumb einander gute wort geben, sich lieben, lachen; vnd nicht wissen warumb? O deß mühseligen lebens, das solche Leute haben müssen, mir ists ein jammer zu sehen vnd zu hören, wie muß dann ihnen selbst seyn, die solches leyden.

Sprach Freymund:


Cum sitis similes paresque vita

Uxor pessima pessimus maritus.

Miror non bene convenire vobis.


Das Weib ein Hur, der Mann ein Dieb

Das last mir seyn ein liebe Lieb.


Es wolt vnns aber die Nacht auff den Buckel kommen, derowegen bate Weibold den Expertus Robertus, daß er das Vrtheil fällen möchte, welcher vnder vns beyden theilen recht hätte.

Expertus Robertus aber mit wenig worten sprach, wir hätten beyde recht, so wirs recht verstünden. Dann es wären eben so vil böse Männer, als böse Weiber, eben so viel gute Weiber, als gute Männer. Vnd was etliche Weiber mit Vnfreundlichkeit, Vnhäußlichkeit vnd Vngehorsam sündigen, das sündigen hingegen etliche Männer mit Holtzböckerei vnd Tyranney. Derowegen sich keines vor dem andern zu rühmen, sondern ein jegliches dahin zu sehen hat, wie es das andere mit Sanfftmuth vnd Freundlichkeit [251] gewinnen, vnd sie beyde mit ihren Kindern mögen Fromm vnnd Selig werden.

Vnd die weil Eingangs der Thurnir vnd Ritterspiel, sambt deroselben, Löblichen Herkommen gedacht worden, dessen dann niemand vnder vns als Hanß Thurnmeyr wissenschafft hatte; bate ich Ihn, das er mir etwas bericht davon geben wolte, weil meines erachtens heutigs tags viel von Adel seyn möchten, die solches gar nicht wissen, dazu er sich willig erbotten. Weil es aber dißmahl zu spat war, als hat er solches biß auff morgenden tags zu versparen gebetten.

Soldaten-Leben
[252] Soldaten-Leben.
Sechstes Gesichte.

Deß Sambstags gar frühe, ward mir durch Expertus Robertus vertraulichen gesagt, daß Mutius Jungfisch vnnd Don Thraso Barbaviso vnnd Don Vnfalo die gestern wider mich eingelegte Schrifft nun ins Teutsch vber gebracht hätten vnd noch selbigen Morgen wider mich eingeben würden.

Dieweil sie aber selbst in sorgen stehen, daß sie mit ihro wider mich nicht viel erhalten möchten, indem sie einigen kräfftigen Gewalt von jemand anderst nicht vorlegen könten, ob sie sich schon noch so Krautwälsch gestellet; so hätte er doch von versicherten Leuten vernommen, daß sie ein falsch gemachtes Schreiben, als[Rand: Falsche / Schreiben] vnder meiner Hand vnnd Namen nachgemahlet, wider mich bey zubringen vorhabens wären. Ja, wann ihnen auch solcher List fehl schlagen solte; sie doch durch allerhand heimliche Anstalt darauff bedacht sein wolten, wie sie mich gar auß dem Weg möchten raumen lassen.

Dann einmal der Neid vnd die vnsterbliche Feindschafft hätte sie dermassen besessen, daß sie weder Gewissen noch Gott mehr förchteten, wann sie nur ihren Lust an mir sehen möchten.

Derowegen auff seinen Rath ich mich durch einen heimlichen Gang, den er mir weisen wolte, eine weyle davon machen vnd ihnen auß dem Gesicht gehen, bei welches außgang ich mich alsdann widerumb erkennen vnnd vnschwer erachten würde, wo ich fürter hingehen solte: vnderdessen er, als mein alter beständiger Freund, die Sach bestermassen also zu treiben ihm wolte angelegen [253] sein lassen, daß dermahlen ich ohne einige Noth auß diesen hertzquellenden Trübsalen kommen vnd mein Leben in besserer Ruhe mit Gott verbringen möchte. Es würde vielleicht nach Gottes willen diß das letzte Wetter sein, vnd nach diesem verhoffentlich die liebliche Sonne der Frewden widerumb herfür blicken.

Solchem trewen Rath folgte ich ohne langes Nachsinnen, dann mir ohne das auß Erfahrung schon genungsam bekant war, daß, wo diese drey durch Trieb deß Läster-Teuffels mich in Gefahr hätten bringen können, sie warhafftig ihres eignen Verderbens, ja[Rand: Der Lästerer / Sitte] ihrer Seelen Seligkeit nicht würden geachtet haben. Vnd ob schon weder deß Richters Auffrichtigkeit, noch meiner Sach ich mißtrawet, jedoch hielte ich, auff Rath deß Alten, es dißmalen ein Weißheit sein, den Bößwichten auß den Augen zu gehen, biß zu anderer Zeit, da das Recht vnd die Gerechtigkeit weniger Anstöß vnd Gewalt zu leiden hätten.

Mittler weile vmb acht Vhren war Mutius Jungfisch, Don Thraso Barbaviso vnd Don Vnfalo nicht faul vnnd legten ihre Klag-Schrifft vor dem Helden-Rath ein, von Worten, als mich der Alte nachmalen sehen lassen, wie folget:


Allerdurchläuchtigster, Großmächtigster, Vnvberwindlichster, Allergnädigster Herr Ertz-König etc.

VOr Ew. Ertz-Kön. M. erscheinet Mutius Jungfisch, mit Beystand der Adelrühmigen Herren Don Thraso Barbaviso vnd Don Vnfalo als bemächtigter Anwald der wol-Erfahrnen:


Meister Märty Nasenhalters vnnd seins Nachbarn Schindelspalters,
Meister Fritz Hippenbachers vnd seins Bruders Puppenmachers,
Meister Chüntzle Guffenspitzers vnnd seins Eydams Löffelschnitzers.
Meister Vix, Fensterstopffers,
Meister Lung, Zundelklopffers,
Meister Lentz, Rinckelgiessers,
Meister Lauhel, Schneckenschiessers,
Bästel, Wirths zum lähren Darm,
Meister Klösels, Vinenschwarm,
Meister Curtle, Zäpffelschleckers,
Meister Jobstle, Schaalenleckers,
Meister Vle Grossen dursts vnd seins Nachbawrn Axt Bratwursts,
[254] Meister Jäckel, Durch-den-Wald,
Meister Engers, Hinden-halt,
Meister Wolff, Nussenflickers,
Meister Fuchsen, Eichelstickers etc.

vnd bringt deroselben Krafft Gewalts in Vnderthänigkeit klagend vor vnd an: Ob wol in den Käys. Beschriebenen Teutschen Rechten, auch in des H. Reichs Satzungen, fürnemblich aber in dem hochgebottenen Landfrieden vnnd dem Reichs-Abschied zu Regenspurg vom Jahr 1541. §. Ferner haben wir etc. Wie nicht weniger in der newen Polycey-Ordnung zu Augspurg 1548. Tit. von Schmäh-Schrifften, etc. heylsamlich vnd wol versehen; daß keiner den andern an seinem guten Namen, Glimpff vnd Ehr, auff waserley weise es were, antasten, außschreyen vnd berüchtigen, auch niemand zu seines Neben-Mänschen Schaden vnd Nachtheil Schmäh-Schrifften schmiden vnd dergleichen dichten, anstellen, vnd in das Reich außbringen solle etc., daß jedoch dessen vngeachtet der genante Philander von Sittewald sich nicht geschewet, neben vielen ehrlichen Leuthen insonderheit die erstbenante, Anwalts Hochgeehrte Herrn Obere, ohn all gegebne Vrsach, auß purlauterer Schmächsichtigkeit, in seinen titulirten Gesichten auff allerhand weiß vnnd weg Ehren-verletzlichen anzugreiffen vnd dieselbe vor der erbarn Welt, so viel an ihm sein mögen, zu verkleinern vnd beschmitzen.

Wann aber sie, die Herrn beleidigte, sich jederzeit eines vntadelhafftigen Lebens beflissen vnd die jenige keines wegs sein wollen, für welche sie dieser Philander schmählichen außgeschrien vnd gleichsam offentlich außgeblasen hat; Wie dann solches vnlaugbar ist. Als haben sie solche Schmach billich sehr tieff zu Hertzen gezogen vnnd seind dahero vervrsacht, vor Ew. Ertz.-Königl. Majest. wider diesen Lästerer gebührende Mittel vorzunemmen. Gestalt dann an Dieselbe Anwalds vnterthänigs bitten gelanget, ihme, Philandern, auffzulegen, daß er Klagenden seinen Herrn Oberen, einen offentlichen Widerruff zu thun schuldig sein solle, vnd ihne benebens dieses seines Verbrechens halben mit Exemplarischer vnnd angezogenen Satzungen gemässer Abstraffung, an zusehen, vnd solches alles mit bekehrung Kostens vnd Schadens, etc.

Vorbehalten mehre Nothdurfft Rechtens.


[255] Wie es aber ergangen, nach dem diese Schrifft abgelesen worden vnnd man nach mir geforschet, aber mich nicht finden können; was die Bößwichter für lose stücke auffgedichtet, was auch hingegen der Trewliebende Expertus Robertus, Freymund, vnd andere zu meinem Glimpff werden beygebracht haben, wollen wir seines Orts beruhen lassen. Man wird einen Theil dessen am Ende vernehmen. Ich aber hab sein allen, als einer, der es nicht gehöret, wenig geachtet; war froh, daß ich allein mit der Haut also gantz davon kommen.

So bald ich nun zu dem heimlichen Gang hinauß vnd den nechstgelegenen Wald erreichet, enthielte ich mich das best, so ich mochte, biß gegen nacht, da ich mich in einem Dorff vnfern in einem alten Hauß versteckte; Alwo ich auß Forcht des andern tags verbleiben mußte, biß wider gegen nacht, da ich den Weg fürter[Rand: Spe et Patientia / potes / omnia] suchte, Mit gutem Vorsatz, all das Vnglück gedultig zu leiden, biß mich GOtt erlösen thäte; dann ich wol sahe, daß mein sinnen vnd dencken nichts helffen mochte, wie sehr ich mich auch bekümmern, bearbeiten vnd bemühen wolte, Gott müste es thun, ohne welches Beystand kein Mensch was guts vermag in allem seinem Vorhaben.


Was ists, daß man sich viel kräncket,

Dieses jetzt, bald das gedencket,

Vnser Thun hat doch sein Ziel.

Lieber Mensch, drumb laß es gehen,

Soll es sein, so muß es gschehen.

Nach dem grossen Himmels-Schluß.

Alle Welt sich richten muß.


Nachdem ich also auff die lincke Hand das Land hinüberschluge, vnd auff vier Stunden wegs kam, ersahe ich nicht weit von mir ein wenigs glasts von Fewer, dem ich mich näherte; vnd als ich hinzu gienge, einer Kirche gewahr wurde vnd bey mir die Rechnung machete, es würden etliche arme Leuthlein oder Saltzträger (als vmb diese Gegend gewohn war), sich irgend die Nacht vber da auffhalten vnd rasten wollen, durch deren Mittel ich sonder zweiffel auff einen andern Weg könte gewiesen werden.

[Rand: Bawren aufffangen] Zwar war ich in meiner Meynung nicht betrogen, es waren arme Leute vnd Saltzträger, auch zween Kauffleut von Düsseldorff, ein Bott vnd viel andere biß vber zwantzig Personen.

[256] Dann als ich zur Thür nahete, vmb hienein zu sehen, wer es wäre, schnapps, zween Kerls hinden an mir vnd hielten mich bey den Armen mit betrowen, still zu sein, oder es würde mich das Leben kosten, dann sie mir auch die Pistolen mit auffgezogenen Haanen auff die Brust satzten. Ich sprach: ja ihr Herrn, ich will schweigen. Derowegen sie die Thür öffnen liessen. Behüte Gott! als ich hinein kam, was ein Elend vnnd Jammer war in der Kirchen; neun gesattelte Pferde, meist weisser Haare, stunden dort an einem langen Stuel vngebunden still vnd frassen ihr Futter auß Maul-Säcken. Vmb das Feuer lagen eylff Kerls, theils gekleidet als Wenden, bey einem andern kleinen Fewer lagen etliche Fewer-Röhrer vnd auff zwantzig Bawren, ohne andere Leut, welche mit Stricken an einander gebunden waren.

O was Angst vnd Schrecken, mein Gott! mich wundert, daß ich nicht in Ohnmacht gesuncken, dieweil ich mir anfangs auß trieb deß Gewissens die Rechnung anderst nicht machen können, dann es würden die Knechte auß der Burg mich alda erdapt haben.

Als aber deren etliche auffwischeten, mich gar leise frageten, wer ich wäre? vnd wo ich herkäme? dorffte es nicht viel Leugnens, dann ich war von einem, genanndt Bttrwtz, den ich zuvor vmb[Rand: Bttrwtz] 16. Dublonen auß der Gefangenschafft lösen helffen, gleich erkandt; welches mir auch vmb so viel zu gut kame, daß ich nicht gebunden wurde als die andern; sondern auff geschehenes Versprechen, nicht außzureissen, hab ich bey sie zum Fewer ligen vnd in der Kirche herumb gehen dörffen.

Weil ich aber gern gewust, welcher Orten ich eigentlich wäre, vnd in der Kirchen irgend eine Schrifft zu finden verhoffte, konte ich doch nichts als vber der andern Kirch-Thüre in einem Stein diese zwar verschlagene Buchstaben, die doch noch zu erkennen waren, finden.


DOMVS VASALLI.


Bttrwtz ruffte mich zum Fewr vnd gab mir ein Stück Brod mit diesen Worten: Freß Bruter du mußt jetzt reitt.

Ich war trefflich froh, dann der Bauch hatte mir meine Reyse schon lang vorgeworffen; vnd nach einer halben Stund waren sie alle auff, ohngefähr zwo Stunden vor tag, vnd ritten bey blickendem Monde also dem Gebürg zu: Bttrwtz sätzte mich hinder sich; [257] aber ein Jammer war es zu sehen, wie grawsamlich die andere arme Leuthe zu fuß nach gestossen wurden, mit Peutschen vnnd Seblen, hinder welchen zween ritten, so sie forttrieben, vnnd auff der Seiten zwischen vier gebundene, je zween wolbewehrte Soldaten zu Fuß.

Als wir nun ein Stund viere in das Gebürg gestampfft, kamen wir in ein Wildnuß hinein in ein Thal, vnd es war bey zwo Stunden auff dem Tag; da suchten wir zwischen den Hecken widerumb Lager, vnd wurden so bald zwo Schiltwachten auff die höchste Bäume, vnd da man auff die Strassen sehen kunte, gesetzet vnd je zu zwo Stunden abgelöset, an welchem Orth wir biß drey Stund in die nacht geblieben.

Die gefangene Leute litten grosse Noth wegen Hungers, Also daß deren etliche Graß abropfften, sich damit zu erlaben. Ich aber bekame deß tags zwey stück Brod, drey Knoblauch vnd ein wenig Saltz, so mir Bttrwitz ließ geben.

[Rand: Tägliche Gedancken / eines / frommen / Bürgers] Da dachte ich: wie mancher Mann sitzet in grossen sichern Stätten, isset vnd trincket alle Imbiß nach genügen vnd nach wollüste, schlaffet, wann er will, stehet auff, wann er will, vnd Er dencket doch nicht wol einmal, wie grosse Gnade er von Gott habe, vnd daß er ihme darfür dancken solte, weil er ihn vor vielen Leuten hochgesegnet, die in Elend vnd Mangel müssen zu schanden gehen.

Ich dachte auch, wie weißlich ein Mensch thue, der sich, so viel sein Gewissen leiden kann, alle welt zu Freund mache; dann offt der Vnachtsambste dem Allergrösten kan schaden bringen; hingegen[Rand: Gutthaten / nützen allen / Menschen] wer Gutthat erweiset, derselbe wird deren jederzeit, auch wann er es am wenigsten hoffet, offt vnder Feinden geniessen können.

Dann wo mir dieser Kerls nicht auffgestossen, oder gerühmet, wie ich mich seiner in der Gefangenschafft hertzlich angenommen hätte, ich würde, sonder zweiffel, dißmal mit dem Leben nicht sein entkommen.

Nach dem wir nun ein gute Zeit gerastet, war ich durch zween der Vornembsten, deren Namen ich hernach erlernet, Grschwbtt, vnnd Bbwtz, beyseits gefordert vnd mit verständlichen teutschen Worten gefraget, was ich für meine Außlösung (ranzon) gutwillig geben wolte?

Vnderdessen die eine Schildwacht ein Zeichen gab; deßwegen zween zu Pferd sassen vnd nach Anleitung gedachter Schildwacht durch die Hecken ritten gegen einem Alt-Weg. Kamen auch bald [258] wider zu ruck, vnd brachten mit sich einen Bawrs-Mann, der truge ein klein Briefflein zwischen zweyen Fingern, daß gab er dem[Rand: Brieff tragen] Grschwbtt; als er solches auffthate, doch weder er, noch die andern es im geringsten lesen konten, so auch den vbrigen gefangnen nicht trawen wolten: gaben sie mir dasselbige ihnen vorzulesen, vnnd nahmen mich einen Steinwurff beyseyts.

Es war aber, wie ich befande, Frantzösisch, doch mit Griechischen Buchstaben geschrieben, also:

Μέσσιερς, σή βοῦς ἔστες ἐνκόρες ά Δομβάσσελ, ρετήρες, βοῦς δελὰ ῶ πλοῦτος. γὰρ ὔν παΐσαν κὴ σἀ σῶβέ δὲ βοῦς ἂ δῶννὲ ἄδρεσσε ά νοστρε γουβερνεοῦρ δὲ βοῦς ἢ ἔνλεβερ σέστε νῦικτ. Ἀδίεου

Sie wurden zornig, daß er ihnen nicht auff ihre Sprach zugeschrieben, derowegen Grschwbtt den Botten nur Mündlich zuruck färtige, mit Befehl, künfftig anders zu schreiben.

Nachdem sie nun durch mich dise Freundschafft empfangen, versprachen sie mir, wo ich nicht gern bey ihnen bleiben möchte, die Freyheit; doch daß ich bey leib ohne ihr Vorwissen hinderrucks nicht davongehen noch außreissen solte; dann so ich Lust hätte, wohin es auch wäre, sie mich ohne einige Gefahr selbst dahin liffern wolten; welches zu halten ich gern versprechen müste.

Die vbrige betreffend, so war auch einer nach dem andern vor genommen vnd gefragt, was er geben wolte?

Der eine Kauffman von Düsseldorff versprach Hundert Reichsthaler. Der ander antwortete, er wäre Bürger auß einer Statt, die mit keinem Mänschen Feindschafft hätte, also er auch einige Außlösung nicht schuldig; aber ich meyne, er ist bald einer andern meynung worden; dann nach dem man ihme hundert Streich auff[Rand: Karbatschen] den vndern Leib gegeben mit einem starcken Faust-Hammer-Stiel, in dem ihn zween bey Füssen, vnd zween bey den Armen hielten, hat er endlich gesehen, daß die vermeinte Neuträlität der Stadt Düsseldorff nichts helffen würde, vnd sich auch auff 150 Reichsthal. vergleichen müssen.

Ich wolte dir, sprach der erste, wol vorgesagt haben, wann man in dergleichen vnversehenen Vngelegenheiten ist, daß man mit der Herrschafft Ansehen vnd all ihrem schreiben vnd schicken nicht[259] [Rand: Neutralitäten / Paß-Zedel / Frey-Zedel] viel außrichten mag, vnd wer sich selbst nicht weißlich zu rathen weiß, wol muß zu schanden gehen.

Muste also der gute Narr wegen empfangener Streich 50 Reichsthal. mehr geben vnd den vnglaublichen Schmertzen noch darzu haben.

Der Bott vermeynte durch Hülff seiner Füesse loß zu kommen, dann nachdem er auf 30 Reichsthal. gehandelt wegen seiner Loßlassung, vnd dahero den Pferden zu warten frey gung, ersahe er seinen Vortheil, sich in die Hecken zu verkriechen; weil er aber zeitlich vermerckt worden vnd drey zu Pferd ihme vorgebogen, ist er auß Noth in einen Weyer gesprungen biß an den Halß vnnd vermeint, da durch zu kommen; so bald ihm aber mit einem langen Rohr ein Schuß worden, also daß er vmbs Leben bate wegen sieben unschuldiger kleiner Kinder, die er zu Hauß hatte, war ihm zwar, biß er wider heraußkommen, daß Leben versprochen, aber alsobald von einem andern mit einem Sebel der Kopff in zwey[Rand: Schröckliche / Vnbarmhertzigkeiten] Stuck gehauen, mit den Worten: Es ist besser, du sterbest, du Hund, als daß wir alle verrathen würden.

Vnd zu den übrigen allen sprach er, ihr Herren möcht euch daß zum Exempel nemmen, dann es keinem von euch soll besser gehen als diesem, wann er außsetzen wolte.

Von den andern muste ein Schultheiß 100 Reichsthal. versprechen vnd ein Pferd. Die vbrige alle entschuldigten sich der Armuth vnd Vnmügligkeit; von welchen drey starcke Bawrs-Knechte sich selbs gutwillig vnderhalten liessen.

Weil nun von den andern keiner was versprechen wolte, da solte man Jammer gesehen haben, wie grausame Marter einem vnd dem andern angethan worden.

[Rand: Schnaltz-Marter] Dem eenen wurden beede Händ auff den Rücken gebunden vnnd mit einer durchlöcherten Ahle ein Roßhaar durch die Zunge gezogen, welches, so man es nur ein wenig an oder auff vnd ab gezogen, dem elenden Menschen solche Marter verursachet, daß er offt den todt geschryen, aber vmb jeden Schrey vier Streich mit der Karbatsche auff die Waden halten muste; ich glaube, der Kerls hätte sich selber entleibet, wo er seiner Hände gebrauchen können, nur deß Schmertzens zu entkommen.

Eim andern wurde ein Seyl mit vielen Knöpffen vmb die Stirn gebunden, vnd mit einem Knebel hinden zu, ober dem Nacken, [260] zusammen geträhet, daß ihm das helle Blut zu der Stirne, zu Mund vnd Nase, auch zu den Augen außflosse vnd der arme Mänsch als ein Besessener außsahe.

Ich erschracke dieser schröcklichen Plagen vnnd vnbarmhertzigen Tyranney, bate den Bttrwtz, daß er doch an Gott vnd an sein Gewissen dencken wolte vnnd der armen vnschuldigen Leuthe etwas mit der Marter schonen. Aber er sprach zu mir in Zorn, wann du viel Mitleiden haben wilt, so bleibstu min Freund nicht lang; der ist deß Teuffels, der Mitleyden hat.[Rand: Mitleiden]

Zween von den Bawren-Knechten, so sich allererst vndergestellet, vnd angeloben musten (als zwar bey ihnen Brauch war) daß sie sich drey Ding versprechen wolten, nemblich Gehorsam, Keuschheit vnd Genügen in Armuth; ja sprach deren einer, wie die München, Gehorsam im Vitiat; Er wollte sagen Novitiat. Keuschheit im Mandat; vnd Armuth im Bad, welcher frechen Rede er gelobet ward; damit diese ein Prob thäten ihrer Dapfferkeit, gedeyeten hinder ihre Meyster, so mit ihnen gefangen worden.

Der eine verweißte seinem Meister, daß er ihn vor etlich Jahren, als er noch Vnder-Knecht gewest, mit der Geysel offt nackend biß auffs Blut gehawen hätte, deßwegen solte er ihm jetzt zur Ergötzligkeit ein Pferd versprechen vnnd 50 Reichsthal. oder er müste von seinen Händen sterben. Als ihm aber der Bawr die bekandte Land-Vnmögligkeit vorhielte, bande der Knecht dem Meister die Finger mit Treib-Schnüren zusamen, so vest er vermöchte, vnd darnach mit einem Lad-Stecken auß einem langen Rohr, fuselte zwischen den Fingern so lang auff vnnd ab, biß die Haut abgieng vnd das rohe Fleisch erhitzet als ein Fewr hinweg verzehrete biß auff das Bein, der Bawr aber sprang offt in alle Höhe, offt ließ er sich ohnmächtig auff den Boden fallen; vnnd wann er einen Schrey thate, schlug ihn der Knecht in das Antlitz, daß ihm das Gesicht gantz duster worden, biß er letzlich ein Pferd vnd 10 Reichsthal. versprach; da gab er ihm ein stuck Brodt vnnd bande ihn wider zu den anderen.

Diese That hielte die Gesellschafft trefflich hoch; aber es ist derselbe Kerls endlich wider erdappt vnd vmb anderer Vnthaten willen geviertheilt worden.

[261] [Rand: Ein Meister / lerne diß] Worauß beydes Bawren vnd Knecht zu lernen haben; Erstlich die Bawren, daß sie zusehen, wie sie mit ihrem Gesinde vnnd Knechten vmbgehen, dieselbige als Mänschen vnnd nicht als Vieh achten noch ihnen ihren verdienten Lohn abzwacken oder gar vor enthalten; dann ein solcher, wann er zu seiner eussersten Nothwehr gezwungen wird, offt mehr schaden kan als einer, der groß vnnd mächtig ist; vnnd lehren die Exempel, wie durch mancher Diener abgezwungene vnnd veranlaßte Rachgierigkeit die Herren in vnwiderbringlichen Schaden, in das Verderben, ja vmb Leib vnd Leben sind gebracht worden; Es[Rand: Des Esopus / Fablen] hat wohl ehe ein armer Schröder den Adler auß seinem Nest getrieben vnd die Ratt einen Ochsen in den Fuß gebissen, wann sie dazu seynd genöthiget vnd gezwungen worden.

[Rand: Ein Knecht / lerne das] Darnach die Knechte, daß sie gleichwohl dencken in allen ihren Handlungen, wann sie ihrer Nothwehr mißbrauchen vnnd einen rachgierigen Frevel darauß machen, daß der Meister ihnen biß zu anderer Zeit eine Irten borgen vnd sie hernach dieselbige doppelt könte bezahlen machen; Bevorab, wann noch vorsetzliche Boßheiten vnd andere Sünden dazu kommen, welche dann nimmer vngestrafft bleiben.

Der andere Bawr, welcher etwas ärmer war als der vorige vnd seinem Knecht nichts versprechen kondte, ward jämmerlich mit schlagen zugerichtet, daß er wahrhafftig ein wildes Thier hätte zur Bärmbde bewegen sollen, ja mit solchem vnerhörten fluchen, vnnd verfluchen, ob Himmel vnd Erden hätten zusamen fallen wollen.

[Rand: Bawren kan / man nicht verderben / als mit / Bawren] Da dachte ich bey mir wahr sein das Sprich-wort, welches sagt: Wann man einen Bauren zu grund verderben wolle, so soll man niemand anders als einen Bawren dazu gebrauchen.

Dieses geschahe, so viel ich mich auß der Sonnenschein verstehen kunte, biß gegen drey Vhren, da ruffte abermal die eine Schildwacht, er sehe von fernen einen Mann kommen, sonder zweiffel den Klenckstein, (den er also mit erdichtetem Namen sagte) so gute Post bringen würde.

Es war aber ein Schnaltzer von dieser Gesellschafft, ein Alchbruder, ein Storger, ein Schurck, (aber der Teuffel sags ihm) ein Kundschaffter, der im Land daheimen vnd in Bawrs Kleidern von [262] vnd zu gienge vnd alles außforschen köndte, wo irgend Beuten zu machen waren.

So bald solcher herbey kame vnnd erkandt wurde, zog er ein kleines Briefflein, als ein Küglein zusammen gerollet, auß dem[Rand: Brieff tragen] einen Ohr. Ich ward beyseyts genommen vnd muste es lesen, das lautete von Worten also:

Zur Nachricht: Es sind vor zwo Schwärtzen drey vornehmbde bekante Kümmerer hie durch auff Schönen Klebs naher M. kafalt. Die werden über drey Schwärtzen wider zuruck schwäntzen vnd etliche Gleicher mit vielen bahren Messen mitbringen. Sie haben bestellt, daß man ihnen Lehen keriß, gefünckelten Joham, Boßhardt vnd ein Strohbohrer zu R soll brissen. Dann sie wollen daselbst schöchern. Der Schöcherfetzer wird dapffer Brissen vnnd sie so lang mit Menckelen auffhalten, biß ihr sie im Schocherbeth oder doch im Gfar auff dem Mackum habt. Alcht vnd Boßt Euch. Gute Schwärtze.

Ich lase es, aber die Wort oder Sprach verstunde ich nicht; es waren mir eitel Bömische Dörffer.

So bald ward den Pferden ein Fütter geben, vnnd in einer Stund saß man auff; ich war wider zu Pferd genommen, aber die andere Gefangene musten zu Fuß hernach, biß gegen die Nacht, da wurden sie neben den Schnaphänen gelassen.

Wir ritten fort bey sechs Stunden, ehe wir einkehreten, das war in einem alten verbrandten Schloß, welches auff einer Höhe lag, da schon vor mehr als sechs Jahren kein Mensch mehr gewohnet; vnnd warn über ein Stunde nicht da, so kam ein Bawr, welcher dem Haar nach auch ein Soldat gewesen sein mag; der bracht etliche Brodt vnd bey zehen oder eilff Maß Wein in einem Fäßlein; dann sie hatten ihre Leute vnnd Kundschaffter an allen orten vnd dorfften sich auch, so wol wegen der natürlichen Zuneigung als der guten Verehrung, die sie außgaben, auff sie sicherlich verlassen.

Wir assen vnd trancken bey einem kleinen Fewerlein, so wir vnder einen alten Schopff gemacht hatten; vnnd nachdem der Bawr gegen tag mit einem Dranckgelt von zwo Ducaten wider fort gelassen, zogen wir durchs Gewälde, so lang, biß es wider nacht worden.

[263] Einer, da wir noch irgend einen Büchsen-Schuß zu reiten hatten, stieg von seinem Pferd, zog die Spohren ab, vnnd ging zu Fueß von uns, kam nach einer Weyle vnnd erzehlete, daß der Schöchersetzer am Ende des Gfars hinder dem grossen Beth mit ihm gebarlet vnnd gesagt, daß es eben richtig Zeit, dann die Gleicher hockten vnnd schlunten ohne Sorg in den Schrentzen. Welche Wort alle ich doch nicht zu fassen wuste.

So bald ritten wir alle fort, fort, fort vnd kamen, wie mich dauchte, zur hinder Thür eines Hauses. Dann es war finster.

Sie stiegen ab, biß auff zween, so neben mir die Pferde halten müsten, vnd zur Thür, (welche ein Kauffmann auß geargwonter Anstellung des Wirths offen gelassen) mit auffgezogenen Pistolen hinein.

Ein einiger Schuß geschahe zur Stubthüre hienein, so bald waren die gute Leut alle vor Schrecken schon halb erstorben, vnd ohn viel Wort machen wurden sie (ihrer waren fünffe, vnd der sechste zu allem Vnglück nicht im Hause, welcher uns auch endlichen außkundschaffet hatte) gebunden vnnd geknebelt vnnd neben ihren Fell-Eysen fortgeführet zuruck in das alte Schloß, dahin wir gegen tag wider einkamen, vnnd daselbsten vnsern gestrigen Bawren mit noch einem anderen, welcher Wein, Brod vnd Fleisch zur gnüge gebracht, antroffen.

Aber der Arbeit dieser Pferde vnnd Leute kunte ich mich nicht gnugsam verwundern, dann ich ward so müde, daß ich tausentmal lieber geschlaffen hätte, wie wol sie alle noch frische Augen hatten wie die Falcken.

Wir machten uns lustig; doch war mir bey der Sach nicht wohl, dann weil ich in Sorgen stunde, daß ich erkant werden vnnd irgend wider mein Verdienst in Lebensgefahr kommen möchte, so wäre ich gern abgewesen; aber nachdem dieser Streich so wol gerathen, sagten sie mir, daß ich fürter einmal ihres Lieds singen vnd bey ihnen bleiben müste; deßwegen sie das Geld vnder sich theileten vnd befanden, daß sie an Baarschafft vnnd Kleynodien auf 3000 Thlr. werth bekommen hatten, alles an Gold, dessen sie drey Theil macheten. Den Mußquetierern, so die Gefangene im andern Wald hüteten, einen Theil, Einen Theil legten sie beyseyts [264] für gemeine Noth, wo irgend einem ein Pferd zu schanden gienge, oder einer sonst schaden erlitten hätte; dieses Theil gaben sie mir auffzuheben. Den Dritten Theil theileten sie vnder sich selbsten, also daß jedem bey 60. Reichsthal. werth kamen. Noch musten die Kauffleute erst wegen ihrer Außlösung auffs newe nach vieler Marter, so man ihnen anthate, jeder 80. Reichsthal. versprechen.

Vnder denselben war ein Doctor der Artzney, welcher zum Teutschen Kriegs-Volck ziehen wollen, der versprach nichts, dann daß er bey ihnen bleiben vnd ihnen dienen wolte, als er dann an etlichen Orthen wol verrichtet, biß er endlich auch davon kommen.

Eines aber muß ich hier der Arglistigkeit vnserer Gesellschafft[Rand: Schnaltzgriff] lachen; so bald sie die Kauffleuthe je mit einem Arm vberrücks zusamen gebunden hatten, nahmen sie ihnen den Nestel auß den Hosen, also daß sie mit der andern Hand die Hosen halten musten vnd dergestalt zum lauffen oder verkriechen gantz nicht geschickt waren, welches wir dann hernach bey allen Gefangenen zu thun pflegten.

Den tag blieben wir da vnnd bestelten vnsere Schildwachten sehr wol, in wehrender welcher Zeit einer bey 4. oder 5. Stunden etwas außrasten oder schlummern können.

Mit Jammer sahe ich da von der Höhe hinab in einen nahgelegenen[Rand: Ellend der / Bauren zu / diesen Zeiten] Weyer, in welchem, weil das Wasser abgelassen vnnd der Weyer trucken lag, vier Bawren als Pferde an einem Pflug gespannen, zu Acker fuhren, daß mir dann Hertz vnd Augen übergiengen auß Erbärmde, weil ich sahe, wie übel die elende Leute ihr Leben erhalten musten vnd doch noch so grawsamlich vmb Geld gemartert wurden, aber ich durffte mich einigen Mitleidens nicht anmassen offentlich.

Gegen nacht, zogen wir weiters, der Doctor, weil er sich willig vndergestellt, war hinder einem auffgesetzt, die andern musten gebunden gehen, fast die gantze Nacht vnnd begunten so wol die Pferd als wir wegen der Arbeit jetzo müde zu werden.

Vor tag kamen wir gleichwol zu vnserer Gesellschafft im Wald, die nahmen wir vnd ritten auff zwo Stunden das Land hinunter, bey einem kleinen Alt-Stättlein, darin ein Schloß lag, mit demselben Meyer vnnd Bürgern hatten vnsere Leute gute Kundschafft, drumb wir auch eingelassen wurden vnd die Thore nach vns verschlossen, [265] als hernach vielmal geschehen, da war vns allen erlaubt zu schlaffen, die Gefangenen aber oben in einer Stuben zusamengesperret, doch das Hauß vor den Fenstern vnnd der Thür mit Wachten besetzet.

Wir schlieffen biß gegen drey Vhren, da wir vns wider ermunderten; vnderdessen der Würth in dem Saal trefflich zugerüstet hatte, da war alles in grossem Vorrath an Wildprät, Geflügels, Fischen, Gesottens vnd Gebratens, sampt dem besten Wein.

In diesem Würtshauß kam zu vns der Würth von R. so vns eben die Kauff-Leute verrathen hatte, welcher sich, damit alles ordenlich hergienge, stellete, als ob ihm sein Hauß wäre geplündert worden, vnd begehrete, daß man diese Reuter in hafft nemmen[Rand: Säu-Veitle] wolte. Da dachte ich an den Säu-Veitle, vnnd sprach bey mir heimlich, O wie kan der Schelm die Wort verträhen! Vnsere Reuter hinwiderumb stelleten sich, als ob sie ihn zu todt schlagen vnnd seblen wolten; doch waren die Streich von Pflaum-Federn; letzlich sich mit ihm zu vergleichen, daß er zwantzig Ducaten für einen Abstand nemmen vnd weiters nichts an sie suchen wolte, waren beyde Theile zufriden, vnd ich muste ihm solch Geld auß dem gemeinen Seckel zahlen. Aber es war eigentlichen das Tranckgeld, so er wegen gethaner Verrätherey verdienet hatte; wie wol ihne der eine Kauffmann bezüchtigen wollen, er hätte noch 20. Reichsthaler, die er ihme in einem Seckel zu verwahren geben, hinderhalten. Aber das Trübe hatte jetzt ein Ende, es war nun außgefischt, vnnd musten wir ihn zum Freunde halten.

Wir waren die nacht über daselbst fast lustig, gegen Tag aber lagen wir wider schlaffen.

Da gedachte ich offt, wie ein feiner Gesell ich nun worden wäre, weil ich wuste, das Lob und Tranckgeld, so die jenige zu[Rand: Auß Tag / Nacht machen] hoffen hätten, welche auß Tag nacht vnd auß Nacht tag zu machen pflegen.

Vmb Mittag kam ein anderer Bottschaffter das Land herauff[Rand: Verborgene / Brieff tragen] mit einem Briefflein, welches er, mit Papyr vmbzogen, in einem Schollen grund eingeballet, in der Hand truge, damit auff den fall, er es vnvermerckt hätte bey seits werffen können. Das Briefflein war mir zu lesen vertrawet, doch kunte ichs so bald nicht verstehen; die andere viel weniger als ich.

[266] Es kam aber von einem Vogt, welcher eine Zeit lang in grosser Gefahr gestanden war wegen vnserer Reuter, als die ihm den Todt geschworen hatten, weil er sie an einem Orth verkundschafften wollen; diser nun, sich wider beliebt bey vnserer Parthey, vnnd seine Sachen gut zu machen (O frommer Gott, was thut der teuffelische Eygen-Nutz nicht! vmb seines eygnen Nutzens willen,[Rand: Gottvergessener / Eygennutz] hat er Gottes so fern vergessen, daß er allein ein so schröckliche That verursachet hatte, die sonst nimmer geschehen wäre) schickte vns dieses Briefflein:

Riobo hollom, oß wild abol nelgom flaoha oim Schiff mit ajorom wuhlom, glessol buhlschufft and raottom aemhimmon much T. gohom, duß keommont sio urros hubom. zar sicholhoit hub ich ihmom noimom sehm zan pfumdt goschickt. W.

Derowegen ich den Doctor bate, daß er mir wolte suchen helffen, weil er doch nun auch vnsers Volcks war, (dann vns beiden allda auß dem gemeinen Seckel, jedem ein treffliches Pferd, sampt aller Zugehörde gekaufft, vnd wir also auffgesetzt vnd hätte schier gesagt, besessen gemacht, worden) welches wir dann in einer Viertel-Stunden zusamen brachten, vnnd war der Verstand dieses Brieffleins also: Liebe Herren, es wird vbermorgen frühe ein Schiff mit vielen Waaren, grosser Bahrschafft vnd Leuten, von hinnen nach T. gehen, das können sie alles haben; zur Sicherheit[Rand: Purè tantummodo / mutatis / vocalibus et / liquidis] hab ich ihnen meinen Sohn zum Pfand geschickt. W.

So bald ward der Bott auff Begehren wider für das Stättlein gelassen, welcher in einem Garten allernechst deß Vogts Sohn abgeholet vnnd mit sich bracht, der von vns trefflich gastirt, doch aber in Verwarnuß gelassen worden, biß wir wider zu ruck gekommen.

Vnser musten zu Pferd Neune auff sein, der Doctor vnd ich auch, vnnd ein jeder einen Schnaphanen hinder sich setzen, theils mit langen Fewer-Rohren, theils mit Bürst- vnd gezogenen Rohren.

Nun hatten wir acht starcker Meylen, deßwegen vmb zwo Vhren sassen wir auff vnnd liessen die Gefangene alle neben einer Wacht zu ruck, für welche der Mayer des Orths vns 500. Thaler gabe,[Rand: Teufflische / Schnaltzerey] er aber fürter seines Gefallens mit der Außlösung handlen möchte, wie er wol wolte, die er dann biß auff acht hundert Thaler gebracht hatte. Ich lasse es ihn gegen Gott verantworten; dann ich hab eben mit mir selbst gnug zu thun.

[267] Wir ritten die Nacht durch, biß gegen Tag vnnd kamen in ein ander Stättlein, da wir gar sicher waren, weil die Besatzung vns jederzeit zugethan gewesen; da blieben wir wieder biß gegen nacht vnd waren trefflich lustig.

Darnach sassen wir auff vnnd kamen bey drey Meylen hinunter am Wasser, alda wir vns in einem Leutlosen Dorff, in einer alten Schewer stelleten, vnnd vnser Fewer-Röhrer an das Wasser in buschkade legten; alles aber desto besser zu ordnen, so setzten drey zu Pferd durch eine furt über das Wasser auff die andere Seiten.

Als nun gegen acht Vhren das obgedachte Schiff herab kame vnnd vnsere drey Reutter sich jenseits sehen liessen, waren die gute Leut geschäfftig, herüber zu kommen, auff die Seite da vnser Buschkade lag, zu allem Vnglück aber ist einem sein Rohr, dessen Zünglein bloß an ein Weyden-Gärtlein gerühret, loß gegangen, also, da sie fast anlenden wolten, der vnsrigen erst gewahr wurden vnd sich wieder hienein zu Wasser begaben. Doch in dem die drey Reuter drüben mit Pistoln vnd einem langen Rohr auff sie loß brannten, bearbeiteten sich die arme Leute mit rudern, auffs beste sie mochten, vns in der mitte deß Flusses also zu entkommen, welches auch (weil vnsere Schnaphanen etlich Wasser vnder wegs hinderlich gewesen wäre) gewiß geschehen können, wo[Rand: Schiffbruch] nicht von beiden Vfern Fewer in das Schiff gegeben, auch etliche erschossen worden. Die vnschuldige Leute (bey denen auch etliche Weiber sassen) wurden aber in dieser Noth letzlich so bestürtzt, daß sie auch deß Schiessens nicht mehr achteten, biß endlich das Schiff, welches an etlich Orten durchlöchert gewest, angefangen mit allem zu sincken, mit grausamen Geschrey vnd Jamer, mit vnglaublich schröcklichem Anblick.

O Gott deß Elends dieser armen vnschuldigen Leute! Das Wasser war nicht fast streng, aber an diesem orth sehr tieff vnd zimblich breit, auch das Gestad, ausser zwo furten, welche mit Gefahr noch zu breiten waren, fast hoch; also in gar wenig Zeit, vor vnsern Augen sie alle plötzlich ohne Rettung vndergehen vnd ersauffen müssen.

Vnd wie ich seithero erfahren, waren es viel vornehme ehrliche Leute, biß auff fünff vnd zwantzig Persohnen, darunder die [268] meiste viel Kinder zu Hauß hatten, vnnd theils ihrer Handthierung nach, ein stuck Brod zu gewinnen, solche trübseelige Reyse thun wollen.

Dieser trawrige Anblick hat etliche von vns fast beweget; doch war es den meisten nicht vmb das arme Volck zu thun, sondern wegen deß Verlusts der Gütter, die sie da gehofft hatten, welche sich vber 12000. Reichsthal. solten beloffen haben.

Es waren aber die Vornembste vnserer Gesellschafft so vngehalten vnnd vnsinnig, weil ihnen eine solche Beute so liederlich auß Händen gangen, daß sie sich verschwuren, nicht nacher Hauß zu kehren, sie hätten dann was erdappet, daß sie sich des Schadens ergetzen möchten; vnnd ob auch einer Paß von vnserm HErrn Gott selbsten haben solte, er doch vngestrippt nicht solte durch[Rand: Gewohnheit / der Alcher] kommen. Dann das hatten sie in Gewohnheit, wo sie hin kamen, vnnd nichts mit namen, so meineten sie allemal, sie hätten was verlohren.

Es war aber vnfern ein Closter, sie hiessen es zum Luthrischen[Rand: Kloster] Apt; in dieses kamen wir mit Liste. Als aber die Herren drinn nach vnserm Belieben sich nicht in Güte mit vns abfinden wolten, wurden sie alsobald für öffentliche Feinde erklärt, wie dann Brauch war, vnnd in manchem Orth noch ist. Derohalben[Rand: Der was hat / ist Feind] wir sie zusamen kuppelten vnnd alles mit gewalt eröffneten vnd wohl das halbe wider bekamen, als wir im Wasser verlohren hatten; dann was wir suchten, das alles hielten wir, als ob es vnser gewest wäre von Rechts wegen.[Rand: Schnaltzer / Kriegsrecht]

Es hatte aber einer von vns einen Diener deß Apts mit Marter dahin gebracht, daß er bekante, die vornembste Baarschafft des Closters wäre vnder einem Grabstein verborgen, derowegen dann biß in sechs Stein erhoben worden, ehe man darzu kame, vnnd war gleichwol der Schatz vber 1500. Dukaten nicht.

In Besuchung aber waren die Beine der Todten nicht geschonet, sondern heraußgeworffen vnd zerstrewet.

Als wir nun, vnsers erachtens, den besten Rogen gezogen hatten, liessen wir etliche Herren wider loß, vnder welchen auch der Luthrische Apt selber war, damit sie vns essen vnd trincken[Rand: Freunds Lande / wie sie gehalten / werden] beytrugen, (dann wir waren in Freunds Land vnnd dorfften vns [269] einigen Vberfals da nicht besorgen) welches dann geschahe, oder doch geschehen muste.

Der Apt aber, als er besorget, was in der Kirchen vorgangen, vnnd hineinluffe, nicht allein in einem vblen Stand alles funde, sondern auch allen Zierrath vnnd den Schatz weg sahe, kam zu vns mit zornigem Gemüth vnd grossem eyffer vnd[Rand: Todtengräber /berauben] sprach: Nam hactenus quidem viventium res salus facultatesque vexabantur, nunc ad mortuos impietas etiam atque avaritia vestra convertitur? In cujus fide sanctorum nunc ossa requiescent? quum Templum intactum huiusque moribus scelerosis, injuriam vestram vitare non possit. Aperta enim penetralia vidi, et perquisitum quicquid illuc cura et egestate metus congessit. Arcas preciosioribus rebus refertas deplevistis. Perrexit impudicissimum scelus, et devolutis ingentibus [Rand: B. Venator /Ep. ad. Comis. / de Lesno] saxis Principum capulos eruistis et hominum Sanctorum corpora impuris manibus intra illos ipsos capulos turpiter invasistis, et confudistis. Existimare haud difficile est, quibus modis vivos foedare consuevistis, qui à mortuis tributum exigitis: qui defunctorum membra in sandapilis honestissime composita distrahere, ita lacerare atque alio trajicere non erubuistis: vix pes suo loco, vix brachium, vix caput mansit. Jam non amplius quaerendum est an DEI hominumque odio digni sint, qui calcata divinarum humanarumque rerum [270] sanctitate, intra domesticos parietes DEI, in ipso puritatis contubernio, in ipso sacrarum precum et hymnorum Odeo, in coelestis doctrinae Gymnasio, in praesentiae divinae tabernaculo, divini humanique odii et contemtus feralem scenam peregerunt. DEI et Legum causa agitur, cum Sanctorum et Principum agitur, quos omnia jura inviolabiles esse voluerunt, quos mortuos etiam jus illud commune gentium ab improbitate defendit. O Imperatores, o Reges, Caeteraeque potestates, si non haec maleficia vindicatis, vestris ipsis injuriis favetis et in vos mortuos videbimini permittere, quod aliis in alios permisistis.

Vnsere Gesellschafft lachten des Herrn Apts, daß sie hotzelten, vnd trancken auff deß Todten Gesundheit, der ihnen die 1500 Dukaten geben hätte. Deßwegen ein anderer Münch anhube: Hi sunt nostri temporis et nostrae partis stratiotae, qui in effringendis claustris fortissimi, in exurendis templis alacres, in campanis auferendis expeditissimi, in sacro spoliando ornatu heroes. videmus in agro nostro templa eversa aut exusta, aut in stabulum versa, altaria facta praesepia, suggestus dejectos, sacra undique rapta et veluti Guntherus ait, sine [Rand: Lib. 6.] respectu ullius Religionis.


Divinas spoliare domus, sacra tollere vasa,

Excoriare cruces, abrumpere textibus aurum,

Omnia quae possunt avide corradere saevis

Unguibus et secum collecta referre etc.


Weil aber keiner von ihnen das Latein verstunde, vnnd wir beyde vns dessen jetzt auch beschämet hatten, derowegen die Gesundheit des Todten mit lachen fortgetruncken war, fuhr der Herr Apt entrüstet mit Teutschen worten herauß vnnd sprach: So seind dann nun an solchen heiligen Orten die Beine der Heiligen vnnd die Leiber der Fürsten in den Gräbern nicht mehr sicher! vnnd wird wegen des teuffelischen Geld-Geitzes alles in den Gräbern durchsuchet,[271] [Rand:Aventinus / lib. 2. pag. 247.] vnd alle Gegend vberal also mit Todten-Beinen erfüllet, dermassen daß niemand alles beweynen kan. Es rinnen meine Zähren (wie er dann vnder der Rede weinete als ein Kind) aber ihrer seynd gar zu wenig, wann ich schon die Augen gar außweinen konte.


[Rand: Senec. Tro. / Act. 3. Sc. 1.]

ante hac fuerat hoc prorsus nefas

Germanis inausum, templa violastis, Deos

Etiam faventes: bustos non transierat furor.


Ward also befohlen, man solte sie, damit man deß Klagens vnnd Pfaffen-Geschreys abkäme, wider zusamen in ein Stube einsperren, als dann geschehen.

Da wir nun beiderseits, Mann vnd Pferde, wol gefüttert hatten, zogen wir also vngemachter Irten davon, wie es auch den guten Herren seithero ergangen, hab ich nimmermehr erfahren können.

Wir kamen aber deß andern Morgens wiederumb frühe zu vnsern Leuten, alwo die meiste von den Gefangenen sich mit dem Meyer schon verglichen oder gar außgelöset hatten.

Alda liessen wir des Vogts Sohn, weil es an seinem Vatter nicht gehindert hatte, mit einem Trinck-Geld von 12. Ducaten sambt seinem Botten wider von vns, vnd bliben wir da rasten noch drey Tag vnd hielten vns gar still, vmb die Leute, als ob wir auß dem Lande wären, sicher zu machen; welches wir durch etliche mit Geld bestochene Bawren gar füglich zu thun wusten.

[Rand: Kundschafften / Nutz] Dann wir hatten nun auß Erfahrung gelernet, daß gute Kundschafften einem Soldaten mehr nutzen als viel Volcks; vnd wie wol es viel kostete, doch hatten wir für jeden Thaler, so wir für Kundschafft auß legten, widerumb 50 vnnd mehr zu gewarten.

Der Doctor vnnd ich hatten in dessen gute Zeit vnnd Gelegenheit, der Sachen weiter nachzusinnen. Insonderheit dem grossen Vnglück, darin die arme Leut im Schiff vndergehen musten; vnd verglichen wir vns beyde, durchzugehen, so bald wir mit Fug können wirden.

[Rand: Frag?] Es kamen mir auch die Gedancken ein, wie es müglich wäre, daß so viel ehrlicher Leute eben mit einander alle hätten müssen sterben auff eine Stunde an einem Orth vnnd auff eine Weise; da [272] sie doch sonder zweiffel nicht alle eine Geburts-Stunde oder Himmels-Zeichen wirden gehabt haben.

Der Doctor bestritte, Ja, daß sie alle nothwendig einerley Geburts-Zeichen müsten gehabt haben; sonsten wäre es vnmüglich gewest, daß sie alle solcher Weise an einem Ort vnd auff einmal gestorben wären.

Aber das war mir gar frembd; wohl wahr ist es, daß jedem Mänschen seine Zeit, Orth vnnd Weise, zu leben vnd zu sterben von GOTT vor bestimbt ist, welche Zeit er nicht überschreiten kan; daß aber etliche Ihnen ihre Zeit auß eigenem erwehltem Vnfall verkürtzen, das seye anderst niemands als dem Mänschen selbsten zu zuschreiben.

Der Doctor wolte zwar gestehen, daß der Mänsch zu seinem Vnglück vnd Glück selbsten Vrsach geben könte, doch solches alles vnnd allein bloß auß trieb seines Geburts-Zeichen. Welches ich ihm gar nicht zugeben konte, mit Bedingung, daß ein Vnterscheid zu machen sey zwischen einer Allgemeinen Vrsach vnnd zwischen einer Eigenständigen Vrsache; vnd daß Jene Diese vbertreffe in allem; wie wir dann dessen die tägliche Erfahrung zum Exempel haben, da offt durch grosse Feld-Schlachten zu Land, auch auff der See durch Vngewitter, biß in 40000 vnd mehr Mann auff einmahl vmbkommen seind; da es ja thöricht wäre, wo man sagen wolte, daß solcher allgemeine Vndergang eines jedwedern Geburts-Stunde zuzuschreiben gewest seye; dann so man deren etlicher Geburts-Stunde hette ersehen wollen, wirde sich sonder zweiffel befunden haben, daß viel derselbigen noch ein langes Leben hätten zu hoffen gehabt; daß sie aber in diesem vnglücklichen Orth, vnder diesem vnglücklichen Kriegs-Obristen eben zu der Zeit gestritten haben, das hat das allgemeine Vnglück vervrsachet, vor dem sie doch sonsten von Natur dißmal hätten befreyet sein können. Noch ein Exempel: Es ist einer von glücklicher Geburt vnd vnder einem Zeichen Langlebens geboren, ziehet aber vnd wohnet in einer Statt, über die ein grosses Vnglück verhänget ist, als bey vnsern Zeiten nach Magdeburg, etc. der wird mit Gemeiner Statt zu grunde gehen, ob er schon noch so gute Zeichen in seiner Geburts-Stunde wegen Lang-Lebens gehabt hätte. Wie offt sehen wir, daß durch ein allgemeine eingerissene Pest Leute dahin sterben, die doch nach ihrer [273] Geburts-Stunde noch viel Jahr hätten leben können vnd sollen; wie dann solches auß H. Schrifft auch kundtbar, daß offt der Vnschuldige vmb der Boßheit willen vieler Schuldigen hat müssen das Leben lassen vnd zeitlich vndergehen, dene es doch Gott an der Seele nicht wird haben entgelten lassen. Wol aber kan auch geschehen, daß dergleichen glückliche Geburts-Stunde, wenn andere glückliche mitlauffende vnnd würckende Vrsachen dabey kommen, das[Rand: Galeottus / Martius de / Doct. promisc. / cap. 1. circ. fin.] Feld erhalten; dahero dann geschicht, daß auß einer Feld-Schlacht offt irgend einer, auß einem Schiffbruch irgend einer wird erhalten. Ja ich selbst könte dessen Exempel vielfaltig erzehlen, der ich, da andere durch das Schwert, Fewr vnd die Pest vmb vnnd neben mir vmbkommen, ich gleichwol, offt ohne mein Wissen vnnd Willen, in vnverständigem Widerstreben, doch bin durchkommen, dem Vnglück entgangen vnnd entführet worden, welches ich ehe nicht als nach geschehenen Dingen allererst habe mercken vnnd verstehen lernen. Dieses aber alles durch meine Einfalt zu ergründen oder zu beschreiben, ist mir vnmüglich, ist auch meines Wesens, Willens vnd Vorhabens nicht; Gelehrterer Leute Außschlag möchte ich darüber gleichwol gerne hören.

Der Doctor kunte mir wol nicht vnrecht geben, doch blieb er darauff, daß etliche Aspecten lange Jahre wirkten, vnnd dem Sohn vom Vatter das ist dem Menschen vom Himmel ein Erb-Vnglück darauß wird; welche Gefahr dann nicht vorzukommen, alle weil daß ihr Sterne in der Brunst ist; etliche aber der Noth[Rand: Cunrad / Khunradi: / Medull. distillator. / part. 2. / tr. 2. p. 51.] leichtlich entkommen, die weil ihre Sterne schon versauset. Also ob ein Vnglück vber ein Hauß oder Geschlecht ware (es wäre dann vmb der Sünde willen) es in das Geblüt gesäet seye; der Säemann aber ist der Himmel vnd das Gestirn. Doch seye wol wahr, wie ein gerüsteter Soldat seinen Feind vberwindet, also ein Gottfürchtiger kan auch die böse Aspecten deß Himmels vberwinden, vnd darum recht gesagt sey:


Biß du nur fromm vnd bette gern,

So schaden dir gar nichts die Stern.


[274] Am vierdten tag kam ein Bott mit einem Briefflein, der trug ein Aestlein Eichen-Laub in der Hand, vnnd war das Briefflein zwischen zwey Blättern mit grüner Seiden eingenehet, welches man gantz nicht mercken konte, auch der Bott auff den Fall das[Rand: Brieffe tragen] Aestlein ohne Gefahr hat tragen oder von sich werffen mögen; dieses nun muste ich eröffnen; es lautete von Worten, welche mir noch meist vnbekant waren, also: Der Schwartze Bschiderich in dem kleinen Gallen mit dem Langschnabel-Thurn vnnd der grossen Difftel, zackert im grossen Schling-glentz, oben an dem Grünhart, jenseit deß Floßharts, hart am Stroebart, mit vier Klebis vnnd fünff Stück Hornböck. Er hat zwar sieben Funckart dipper, aber sie zonen, vnnd die Schild-wacht ist Schmalkachel, vnnd Er, ehe die Klebis zum Kielam kommen, gar leicht zu erklemsen. Musten wir also auff sein vmb Mitnacht, vnser eilffe, vnd zwo Meylen das Land hinauff vber das Wasser, welches den Namen hatte von dem alten Ertz-König im langen grossen Bart, biß gegen neun Vhr vff den Tag, da vnsere Schiltwacht, der auff einem Buch-Baum[Rand: Außspäher] sasse (auch einer, damit er nicht irgend ersehen wurde, ein gute Zeit auff Händ vnnd Füssen hinder einem Zaun hinauß gekrochen, vmb den rechten Augenschein einzunemmen, wo vnd wie man den Angriff thun könte) ruffte, es wäre zeit!

So bald waren wir zu Pferd vnnd hinauß; da ersahe vnd erkante ich allererst, daß ich auff meinem Mist war vnd sonder zweiffel bey dieser angestelten Vngelegenheit meiner Bekanten einem auch wider meinen Willen Leyd würde zufügen müssen, als auch geschehen; dann es war mein bester Freund, den ich auff Erden hatte vnd haben werde, so lang dieser Leib lebet; vnd doch kunte ich dißmal nicht mitteln, daß seiner wäre verschonet worden. Wiewol weder der Doctor noch ich die gantze Zeit über einigem Mänschen ein Leyd mit vnserer Hand hatten zugefüget.

Der gute Schwartze Bschiderich fuhr zu Acker mit zweyen Knechten, hatte 3 Schildwachten außgestellet vnd auff Bäumen sitzen vnd sieben Mußquetierer zur Sicherung bey sich. Er selbst stunde mit dreyen Rohren vnd einem Fäustling in hie-beygesetzter Postur. In welcher Postur er etlich Jahr mit Gefahr seines Lebens ihm vnnd seinen Kindern, das Brod auff dem Acker sorglich vnnd säuerlich erringen müssen.

[275] So bald aber jetzt die Reutter merckten, daß die Schildwachten vnachtsam vmb sich sahen, wischeten sie als ein Blitz auß dem Wald herfür vnd auff die Pferde, ehe man es recht gewahr worden; welche auch, weil die Knechte wider ihre Abred dem Stättlein [276] zu eilen wolten vnd vnderwegs zu fall kommen, in mitte der matten, ausser dem Schuß, neben dem Rindvieh verlohren worden.

Der Bschiderich selbsten war von vns wegen veränderter Kleidung zu seinem besten nicht erkannt, sonsten man ihne ohne zweiffel mit verlassung des Viehs allein hinweg genommen vnnd, als vor abgeredet war, in stucken gehawen hätte, weil er bey vnserer Gesellschafft durch lose Leute mit allerhand auffgedichteten[Rand: Don Vnfalo] Sachen angegeben gewesen. So aber, nach dem solcher Verlust ihn in grossen Mangel gebracht, den Orth endlich doch zu rettung seines Lebens vnd vorkommung seiner Kinder zeitlichen vnnd ewigen Vndergangs sampt allem verlassen müssen, biß ihm Gott hernacher anderwerts durch Hoch-gutthätige Helden-Gemüther seine Vnderhaltung wunderlicher weise wider aller Leute Hoffen, Meinung vnd vermuthen beschehret. Welchen Gott durch seine vätterliche Gnaden-Hand vnder beständiger Helden-Gemüther Hülffe allmächtiglichen vnd seinen Kindern zu Christlicher Aufferbawung biß zu einem seeligen Ende erhalten wolle.

Also zogen wir mit dem Vieh davon, dem Botten, der vns geführet, war ein alt scheutzig Pferd, so vns vnder wegs auff zwo Meylen in einem Garten auffgestossen, zur Verehrung geben, mit dem machte er sich beyseits.

Doch war vns dieser Handlung schier gerewen. Dann nachdem wir biß gegen nacht abwerts geritten vnd nun achteten, daß wir ausser aller Gefahr sein wirden, bevorab weil zuvor mehr mahlen wir vnverfolgt allezeit glücklich durch gekommen, darumb so begaben wir vns in ein Dorff etwas abweg gelegen, alda ein stuck Brod, Saltz vnnd Knoblauch zu essen vnnd ein Trunck guten Wassers, so in diesem Dorff zu finden ist, zu thun; insonderheit aber den Pferden, denen wir offtmahl das Leben schuldig waren, ein Futter zugeben, vnd vmb mehrer Gewißheit willen, so stelleten wir vnserm löblichen Brauch nach vnsre Schild-wacht vor ein Hauß vnnd machten ein gut Fewr mitten in die Stube, daß es zu den Läden außschimmerte, dann es waren da keine Fenster zu finden von vielen Jahren her. Wir aber legten vns besser hinauff, in das vierdte Haus von gedachter Schild-wacht, in welchem wir vns still hielten.

Etliche Bürger vnnd Knechte auß obgedachtem Stättlein sampt einem Kauffman, dessen oben gedacht, der vns noch nachstellete, [277] nachdem sie dergleichen Verlust offtmahlen von vns empfangen hatten, wurden eins, vns dißmahl zu verfolgen, wie sie dann mit in zwantzig Fewer-Rohren auff vnsere Spur vnnd vmb zeit neun Vhr biß in gedachtes Dorff komen.

So bald vnser Schild-wacht deren gewahr worden vnnd nach geschehenem Anruffen einen Schuß zur Losung vnder sie thate, gaben sie mit hellem Hauffen alle Fewer, zu den Läden desselben Hauses hinein, nicht anderst dafür haltend, als daß wir sämptlichen darin sitzen wirden.

Vnsere Schild-wacht war zwar erschossen, wir aber in dessen gewarnet, zu vnserer Hinder-Thür hinauß auff die Pferde, vnd hinder dem Dorff herumb, vnnd ehe sie wider zur Ladung kommen kunten, waren wir schon von hinden an ihnen vnd schossen in dem ersten Jast biß in sieben nieder, vnder welchen auch der Kauffman war. Fünffe bekamen wir gefangen; die andern sind durch das Gesträuch, wie dann das Dorff gantz öd vnd verwachsen ist, davon kommen. Doch waren es fünffe der vermöglichsten, denen wir sobald die Nestel auß den Hosen, wie auch die Hosenbendel abnamen, daß sie nicht lauffen kunten, vnd banden sie, jeden sonder, daß ihnen das Blut zu den Nägeln außtrange.

Als nun die andere also abgefärtigt worden, daß ihrer keiner mehr vnser begehrte, blieben wir in gedachtem Dorff biß gegen Tag. Einer von den fünffen, der reicheste, ward so bald angesucht, daß er zu seiner Erledigung den erschossenen Soldaten mit 300 Ducaten bezahlen solte.

Man hätte es zwar noch bei hunderten bleiben lassen. Aber wie? sprach er in Halsstarrigkeit, soll ich so viel für einen nichtswerthigen Kerls geben? Welche Wort den Grschwbtt so sehr verdrossen, daß er zusehends der andern diesem den Kopff mit dem Sebel in einem Streich entzwey schlug vnd er da gestreckt lag vnd kaum den lincken Fuß noch einmal zwey reckte, welcher außgezogen ward vnd da ligen blieben.

Deßwegen zween andere vmb gedachte 300 Ducaten angesucht worden, die sich aber der Vnmüglichkeit entschuldigten, vnnd ob man ihnen schon zu verstehen gab, daß man auch noch weniger nemmen würde, wolten sie doch sich mit vns nicht einlassen, sondern, als verstockte Leute, sprachen, daß sie ehe sterben müsten, als daß sie [278] solches Geld geben köndten. Deßwegen Grschwbtt, noch mehr entrüstet, sprach, daß sie ohn weiters Schwätzen spielen solten, welcher erschossen würde. Einer auß der Gesellschafft gab Würffel her, vnd gleich muste der, so es verspielt hatte, zur Thür hinauß, gebunden. Er bate aber den andern, daß er sein Weib vnd Kinder, deren er vier hatte, seinetwegen gesegnen wolte, welche Wort mir die Augen vbertrieben, wann ich sie höre vnd dencke, wie mir in gleichem Fall offt zu Muth gewesen.

Vnd als er hinauß kam vnnd ihm einer ein langes Rohr mit auffgezogenem Haanen entgegenhielte, nam er selbsten, (deß Schmertzens desto ehe abzukommen) das Rohr vornen vnnd hielte es gerade gegen seinem Hertzen.

O wehe nein, sprach der Gesell, so ist es nicht gemeynt; dich in einem einzigen Schuß zu tödten, das wäre keine Straff; du must also geschossen werden, daß du lange Marter leidest, vnnd also nicht nur einmal, sondern vielmal den Todt außstehen müßtest.Mortem, si recusares, darem: Rudis est tyrannus, morte qui poenam exigit. Mortem aliquid vltra est. vita, si cupias [Rand: Senec. / Agamem. fin.] mori. Derowegen schoß er ihm mit drey Roll-Kugeln das rechte Knye entzwey, daß er gleich zu Boden fallen muste vnnd vmb Gottes willen bate, daß man ihn doch vollends erschiessen wolte, aber daß kunte ihm nicht gedeyen, sondern er war bey demselben Fueß genommen vnd der Schenckel als ein Garnwinde herumbgeträhet vnd also auff vnd ab gezogen, biß er von Ohnmachten vnnd Schmertzen vmb die Welt nichts mehr wuste.

Der ander aber, welcher sich ledig gespielt hatte, damit er gleichwol ohne Denck-Zeichen nicht entgienge, war erstlich halb lahm geprügelt, darnach in einen Back-Offen gestossen mit vielem Stroh, so sie hernach anzündeten, daß wir erstlich anderst nicht meyneten, er wäre wegen der Schläge vnnd des Rauchs schon todt vnd ersticket, biß das Stroh in volle Flamme kam, da solte man gesehen haben, wie er gleichwol zu schutz seines Lebens durch die Flammen durch kroche vnd also mit dem Gesicht herab auff die Erden fiele, ob er todt wäre gewest.

Als es aber gegen tag gienge vnnd sie beyde wider zu sich selbs kamen, huben sie ein solch Zetter-Geschrey an, daß es ein [279] Grewel war zuhören, sie meyneten aber die Gesellschafft dadurch anzubringen, daß sie vollends erschossen wurden, dann der Brand hatte den andern im Gesichte so vbel zugerichtet, daß ihn gedeucht, es wäre höllisches Fewer umb ihn. Aber man wolte sie mehr Marter erleyden lassen.

Zogen also wir davon mit den zweyen andern vnd kamen in drey Stunden an vnsern Ort. Alwo wir vmb mehrer Sicherheit willen die zween auß Erlaubnuß deß Statthalters in einen sehr hohen Thurn legten vnd mit wenigem Wasser vnnd Brodt täglich zu speysen verordneten. Doch mit wenig Worten zu sagen, wir vermeyneten, sie würden gar wohl verwahret sein; aber sie (in Betrachtung, daß sie nicht nur einen, sondern viel Tödte von vns zu gewarten haben würden) erkühneten sich, das Leben ehe einmal zu wagen, oder gar zu entkommen, als ihnen doch wol gerathen ist.

Dann nach etlichen Tagen wir bey vnserer Ruck-Kunfft, erfuhren, daß sie mit Zusammenbindung ihrer Kleider, Hembder, einer alten Bett-Zieche, vnd allem dem, so sie vnvermerckt zu sich bekommen können, zu einem engen Loch hinauß sich den Thurn hinab gelassen, bey zehen Klaffter hoch; deren der eine seiner Handthierung ein Beck vnnd Gerichtsschöffe, der ander ein Hosenstricker war, mit denen ich ein grosses Mittleiden hatte, vnd weil ich ihnen selbst, wie gerne ich gewolt, nicht helffen können, so war ich heimlich desto mehr erfrewt, weil sie also wider alles vermuthen entkommen waren.

Musten also vnser Gesellschafft es bleiben lassen, da sie doch nicht mehr vmbzuholen waren; Gott aber, der keinen Vnschuldigen verläst, wird ihnen sonder zweiffel durch seine H. Engel Hertz vnnd Seel also gestärcket haben, daß sie nicht allein den gefährlichen Sprung, sondern auch den bösen fernen mißlichen Weg glücklich verrichtet; wie sie dann beyde noch im Leben vnnd seithero mit mir deßwegen in Vertrawen offt Rede gepflogen. Deren einer offt gesagt, er habe es erfahren: Milites esse rusticorum Diabolos.

In zweyen tagen waren diese Pferde vnnd Kühe durch die[Rand: Kriegs-Segen] Gurgel, dann es war weder Schutz noch Gedeyen dabey, vnnd musten vns offtmal selbst kranck vnnd den Todt daran fressen, das macht der Segen, so vns darüber ward gesprochen. In solcher [280] Zeit kam zu allem Glück ein anderer Bott, so balden sie den sahen, sprachen sie, der Hund kompt, ich verstunde das Wort nicht, aber bald merckte ich es, indem der Bott einen zottichten Hund mit sich hatte lauffen vnnd von demselben in beysein vnser aller ein Briefflein vnder den Haaren verborgen herfür zoge.[Rand: Verborgene / Brieffe tragen]

Dieser Bott, wie auch der Hund, wurden trefflich gastiret vnd auff deß Hunds Gesundheit getruncken, als ob er ein Mensch gewesen wäre, auch hatte er vns eben so viel vnd mehr genutzet als vor wenig tagen der todte mit den 1500. Ducaten. Das Zedelein aber lautete also:

Es liegen etliche Kümmerer alhie, die warten auff dreyhundert Rieling vnnd auff hundert stuck Hornböck; vnd neben dem haben sie viel tausend gelbe Stättinger in den Streifflingen verborgen bey sich, vmb deren willen einer weder Dolman noch

Dalinger förchten solte. S.

Derowegen, nach dem vns der Bott mündlich ein mehrern Bericht gethan, wir andern Morgens frühe auff vnnd durchs Gewälde ritten, daß wir zu nacht eben dahin kamen.

Dieses aber kan ich hie nicht vngemeldet lassen. Ehe wir zu Pferd sassen, so frühe als es war, wolte ich mein halb Maß Wein, Brod vnd kalt Fleisch in Bauch haben, weil ich dabey war; dann fasten ohne das gar leicht ist, wann man nichts haben kan. Bbwtz, mit dem ich biß ans Ende fast immer Händel vnnd zu streiten hatte, der sprach ich wäre ein Höffling, ein Suppirer, ein Scheißling, könte nicht reitten, ich hätte dann Sporen im Leib. Ich antwortete ihm aber, daß es nicht so wol meiner Persohn wegen wäre, mich zu versorgen, als das Pferd selbsten, als auff welchem ich viel leichter wäre, so ich gessen vnnd truncken hätte, als nüchtern; dessen mir die gantze Gesellschafft in Abred war, vnd pocheten, daß ich mit meiner Morgen-Suppe noch alle Schantz verliehren würde, dieweil ich mich dadurch aller Zeit vnnd Gelegenheit begeben thäte. Der Doctor sprach, Ja ich hätte recht gesagt, es wäre ja also, daß, wer nüchtern zu Pferd sitze, viel schwerer vnd vnbeholffener seye, als der nach genügen gessen vnd truncken hätte.

Weil nun dieser Spruch der Gesellschafft vnglaublich vor kam, aldieweil man durch essen vnd trincken beladen vnd nicht beleichtert werde, so ward der Doctor geheissen, die Vrsachen her erzehlen.

[281] Auß gewissen vnnd in der Artzney bekanten Vrsachen ist gewiß vnnd die Erfahrung bezeuget es, daß ein todter Leib viel[Rand: Galeott. Martius / cap. 22. /pag. 230.] schwerer seye als ein Lebendiger. Dann ein todtes Schwein wigt mehr als eines, das nicht todt ist, dieweil in dem todten alle Geister auß sind, vnnd nichts mehr helffen kan, welches bey einem Lebendigen gantz anderst ist; dann die lebendige lüfftige Geister (welche, wie offenbahr ist, durch essen, trincken vnd schlaffen widerumb erfrischet werden vnd newe Kräfften gebähren) weil sie von Natur vber sich begehren, also machen sie das jenige leicht, darin sie sind; vnd wo sie nicht sind, da wird alles schwerer. Auß welchem Bodement erscheinet, daß ein Mann, der gessen vnd truncken hat, viel leichter vnnd fertiger sey zum reiten, als einer, der nüchtern ist. Doch ist solches von einem vollen tollen, der als ein todt Bloch zu achten ist, nicht zu sagen; dann der Augenschein gibts offt, daß sie sich nicht auff den Boden festhalten können, will geschweigen zu Pferd. Wir musten gleichwol vngeachtet deß Doctors Meynung also fort reiten, vieleicht darumb, daß wir Geld spahren, oder welches glaublicher ist, die Gelegenheit nicht versaumen möchten.

Als wir nun an den Orth gelanget, drey Stunden vor Tag (vmb welche Zeit die zween jetzt erzehlte Gefangene nach Hauß entkommen waren) kam ein Herde Schwein getrieben, sampt einer Herde Rind-Vieh, welche wir vnvermerckt gehen liessen, mit dem Trost, daß sie vns doch nicht entlauffen würden.

Nach diesem Vieh allem kamen die Kauff-Leute, welche vermeinten, so das Vieh sicher durchgienge, würde es ferner mit ihnen keine Noth haben. Aber wir waren eben so schlau als sie, (dann wir pasten auff beides) wie wol es vns doch vmb etwas gefehlet; dieweil, als wir auff sie zusetzten, vnnd es noch zimblich dunckel war, vns der beste Vogel entsprungen; der andere, den wir erdapt vnnd das Gelt (In dem er von Bbwtz aller Orten vnnd, welches ich meine Tag sonst nicht gesehen noch gehöret, im Mund, in den Ohren, im Haar, an heimlichen Orten, ja, das ich ohne Scham nicht melden kan, in dem Hindern selbsten, gar genau durchsucht, aber nichts bey ihm gefunden worden) von sich must geworffen haben, wurde im Zorn von dem einen Bawrs-Knecht erschossen; als ich ihm aber deßwegen zugesprochen, er solte [282] den guten Mann, der vielleicht zu Hauß arme Kinder sitzen hätte, nicht eben so gleich hien, ohne Gewissens-Forcht tödten! Der ist[Rand: Tödten] des Teuffels, sprach er, der ihn nit tödtet.

Vnderdessen etliche vorgehawen, vnd das Vieh angehalten, welches wir sampt den Treibern vnnd noch dreyen Mittgesellen gedachter Vieh-Händler vnsern nechsten Weg forttrieben, aber viel in der Finstere vor Tag verlohren hatten; doch waren wir zu frieden, daß wir biß auff 250. Schwein vnd 70. stuck Rind-Vieh in vnser Vnderschleiff-Orth davon brachten, alda wir gleich etliche, die beste, stechen vnd schlagen ließen, etliche verschancken vnd die andere durch vnd durch je ein Stück in das ander vmb acht Reichsthal. wider zu lösen gaben; welches Geld uns in dreyen tagen erlegt wurde. Vnder diesen Viehtreibern, der das Geld brachte, bey drithalb tausend Thaler, an schönem Gold, war einer, der die Sprach auch kunte, welches Geld er auff den Tisch schüttete vnd vns trefflich willkommen war.

Ich, als ich das schöne Geld sahe beysammen ligen, sagte auß Schertz diesen Reymen:


Ach du lieber Gott von Himmelreich,

Wie theilstu das gut so gar vngleich.

Du gibst offt einem Mann,

Ihr vierzehen Dieb hätten genug dran.


Der Vieh-Treiber, auß Vnbedacht, es seynd doch, sprach er, der Herren nit 14, sondern nur neune, welches den Bbwtz dermassen verdroß, daß er im Zorn den Faust-Hammer zuckte, vnnd den Viehtreiber wolte in Kopff gehauen haben. Wie? sagte er, so höre ich wol, du haltest vns vor Diebe? vnnd ware an dem, daß er ihm das Geld gar wegnemmen wolte, zur Straff, weil er so gar vnbedachtsam geschmälert hätte.

Ich sprach aber, der gute Mann wäre vnschuldig, dann er auff mein reden also vnbedachtsam geantwortet ohn einige böse meynung, deßwegen er ihm das Geld lassen wolte. Der ist deß Teuffels, sprach er, der ihm das Geld nicht alles nimpt; aber er war von Grschwbtt, der von mir geruffen worden, daran verhindert.

Der Viehtreiber entschuldigte sich, er hätte niemand gescholten, [283] Bbwtz war noch zorniger, weil er solte Lügen gestrafft werden, vnd wolt sich nicht halten lassen.


[Rand: Owenus]

Mentiris, cave militibus ne dixeris vnquam

Majus eo nullum dedecus esse putant.

Mentiris tantum qui dedecus esse putatis,

Mentiri quare creditis esse decus?


Darumb dann der Viehtreiber, vmb einen bessern Marck zu erhalten, vnd wider in Gnaden zu kommen, verriethe vns bey 60. feister Ochsen, die auff zehen Meylen das Land hinauff auff der Waid giengen; welches er darumb thate, damit er theils wider zu Gnaden kommen, theils sein Vieh was leidlicher zu lösen kriegen (dem auch bei 200. Reichsthal. nachgelassen worden) theils, damit er sich an seinem Nachbawren rechen möchte, dessen glück, wie ich vernam, ihm ein Dorn war in den Augen.

Dieses Vieh, sprach er, wäre ohne Sorg noch in vier Wochen anzutreffen, welches mir Bttrwtz verdolmetschete, da dachte ich,[Rand: Mißgunst / der Nachbarn] wie auch der Doctor, was ein grausames Thier der Neid vnnd Mißgunst in einem Menschen sein möge, daß er so schreckliche Verrätherey anzustifften weder GOTT noch die Welt schewen solte.

Ich schwure aber ihnen im Trunck, wann sie mich die Sprach, so sie redeten, nicht lehren wolten, daß ich mit ihnen nicht weiters ziehen, sondern mich ehe in selbiger Besatzung, welche vns nur den Vnderschleiff vmb vnser Geld gab, neben dem, daß wir den Befelchshabern jederweilen part an Beuten geben müssen, wolten vnderhalten lassen, welches sie mir nach langem Zancken vnder sich selbsten entlich verwilligten, vnnd der Grschwbt so zwar der Oberste sein solte, aber, wie in dergleichen Gesellschafften zu geschehen pflegt, keiner viel auff den andern gibt, in einem geschriebenen Büchlein zugestellet hatte.

Wie wol sie aber alle willens waren, ein tag acht alda außzurasten, jedoch auß Forcht, daß eben der Viehtreiber, der vns das Rindvieh verrathen hatte, nicht vns widerrumb verrathen möchte;[Rand: Verräther] alweil keinen Verräther viel zu vertrawen ist. Wer an seinem Nachbawrn vnd eigenen Bluts-Freunden trewloß wird, der wird es einem Frembden vnnd insonderheit einem Feind nicht besser machen. So liessen wir ihn noch drey Tag bey vns auffhalten,[284] vnnd des andern Tags, weil er noch im Bett lag, waren wir selb 15. zu Pferd vnd ritten den gantzen Tag vnd Nacht, allein daß wir gegen Abend im Gewäld ein stuck Brodt, Saltz vnnd Knoblauch frassen, auch Tabac soffen vnd den Pferden Futter gaben, darnach fort, biß wir vor tag an den Orth kamen vnd die Gelegenheit zu fuß außsahen, wo wir vns stellen wolten.

Es war der Wald etwas weit von der Matten, darauff die Ochsen giengen, derowegen der halbe Theil sich neben ihren Pferden zu fuß hinder einer Hecken behelffen musten, biß es zeit war, damit wir den außreyssenden auff beyden Seiten begegnen kunten. Es wolte vns lang vnnd fast bang werden bey der Sach, dieweil vor neun Vhren das Vieh nicht ankam vnd die Sonne zimblich hoch stunde.

Endlich ersahen wir mit Frewden vnser glück daher kommen, vnd nach dem sie an gelegenem Orth waren, auch die Hirten, deren nur zween, sich ins Graß gelegt hatten, wischten wir auff gebne Losung dran.

Der eine Hirt aber, so dem Dorff zulauffen wolte, war von Bbwtz erschossen, der andre muste also ohn viel dummuls mit vns fort dem Gebirg zu; so bald wir das hatten, so wars gewunnen; dann wir brauchten vns keines wegs, wo aber sonst kein Mensch je hinkommen war, da wusten wir die Straß zu finden als in der Stuben. Derowegen Lll. sprach, man solte das Vieh mit dem halben Theil fort treiben, er wüste einen reichen Bawrn in der Nähe, dem wolt er heint noch die Pferde holen. Ich war von denen, welche nach Hause musten, der Doctor aber muste die Pferde helffen stehlen, welche sie die andere Nacht nach vns mit sampt dem gefangenen Bawrn glücklich einbrachten; dieses Vieh haben wir, ob es schon gesucht war, nicht mehr außzulösen geben wollen.

Da gieng es wieder an ein Zehren mit Spiel-Leuten vnd andern Frölichkeiten, daß vns beide deuchte, wann das Hencken nicht zu befahren vnnd die Seeligkeit nicht in Noth gewest wäre, wir vns in diesem Krieg wol wolten befunden haben.

Wir sassen vierzehen gantzer Tag still, da wir manche schöne kurtzweil hatten, die ich hernach erzehlen will.

In werender welcher Zeit ich so viel Raum bekam, mein [285] Sprach-Büchlein abzuschreiben vnnd nach nothturfft zu lesen; welches ich den Reysenden, so in dergleichen Gesellschafften der Schnaltzer vnnd Alchbrüder irgend gerathen möchten, zu dienst hieher setzen wollen.


Feld-Sprach.


A.

ACheln – Essen.
Adone – Gott.
Alchen – Gehen.
Alch dich – Troll dich, gehe fort.

B.

BArlen – Reden.
Beschöchert – Truncken.
Beschöchern – Trincken.
Beseffler – Bescheisser, Betrieger.
Beth – Hauß.
Betzam – Ein Ey.
Billentragerin – Schwangere Bettlerin.
Blech – Ein halb Batzen.
Blechling – Ein Creutzer.
Blickschlager – Nackend Bettler.
Blochhart – Ein Blindgeborner.
Boelen – Buhlerey treiben.
Boß dich – schweig.
Boßhardt – Fleisch.
Boßhardtfetzer – Metzger.
Bregen – Betlen.
Breger – Haußarmer Bettler.
Breithart – Weite Heyde.
Breitfuß – Ganß oder Ente.
Bresem – Ein Bruch.
Brieff – Ein Kart.
Brieffen – Mit Karten spielen.
Brieffelfetzer – Schreiber.
Brissen – Zu tragen.
Bruß – Außsätziger.
Bsaffot – Brief.
Bschiderich – Amptmann.
Bschuderlin – Vom Adel.
Butzeilman – Virile.

C.

CAval – Ein Roß.
Caveller – Ein Schinder.
Christian – Pilgram.
Claffot – Kleid, Rock.
Claffotfetzer – Schneider.

D.

Dart – Dreck.
Dalinger – Hencker.
Derling – Würffel.
Dierling – Aug.
Diern – Seen, Egen.
Difftel – Kirch.
Dippen – Geben.
Dolman – Galgen.
Dotsch – Matrix.
Doul – Gelt, Pfennig.
Drittling – Schuhe.
Du ein Har – Fleuch.
Dutzbetterin – Kindbetterin.
Dutzer – Heyligenfechter.

[286] E.

EMß – Gut.
Erlat – Meyster.
Erlatin – Meysterin.
Erfercken – Rätschen, verschwätzen.
Erseckern – Rätschen, verschwätzen.

F.

FEling – Krämerey.
Ferben – Betriegen.
Voppen vnd ferben – liegen vnd betriegen.
Fetzen – Arbeiten, flicken.
Flader – Badstub.
Fladerfetzer – Bader.
Fladerfetzerin – Baderin.
Flick – Knab.
Flösselt – Ertrenckt.
Flößlen – Harnen.
Flößling – Fisch.
Floß – Suppe.
Flossart – Wasser.
Fluckhart – Vogel.
Format – Brieffe.
Loeformat – Falsche Brieff.
Fünckeln – Sieden oder braten.
Funckhardt – Fewer.
Funckhardthol – Kacheloffen.

G.

GAckenscherr – Huen.
Galch – Pfaff.
Galchen-Beth – Pfaffenhauß.
Galle – Pfaw.
Gallen – Statt.
Ganhart – Teuffel.
Gatzman – Kind.
Gebicken – Fahren.
Gefüncklet – Gebrand.
Genffen – Stehlen.
Gens-Scheerer – Verzehrte, Krancke, bettlende Handwercks Knecht.
Gereppelt – Gerädert.
Gfar – Dorff.
Giel – Mund.
Gitzlin – Stückle Brod.
Einem was abgitzlen – Stücklins weiß abbettlen.
Glathart – Tisch.
Gleicher – Mitgesell, Gespahn.
Glentz – Feld.
Glestrich – Glaß.
Glid – Hur.
Glidenfetzer – Hurenwirt. Leno.
Glidenfetzerin – Kupplerin.
Glidenbeth – Hurenhauß.
Glyß – Milch.
Goffen – Schlagen.
Gottfart – Walfart.
Granten – Vix tantzen.
Grantner – Vix Täntzer.
Griffling – Finger.
Grimm – Gut.
Grünhart – Matte, Wiese, besamet Feld.
Gugelfrantz – Münch.
Gugelfräntzin – Nonn.
Gurgeln – Soldaten-Bettlein.

H.

HAnffstaud – Hembd.
Hans von Geller – Grob Brod.
[287] Hans Waltar – Lauß.
Har – Fleuch.
Hautz – Bawr.
Hautzin – Bäwrin.
Hegis – Spital.
Heller-Richter – Gülden.
Herterich – Messer oder Degen.
Himmelsteig – Pater Noster.
Hocken – Ligen.
Holder-Kautz – Hun.
Horck – Bawr.
Hornböck – Kühe.

I.

ILtis – Statt-Knecht, Scherge, Thurnhüter, Büttel.
Joham – Wein.
Gefünckelter Joham – Gebrandter Wein.
Jonen – Spielen.
Joner – Spieler.
Juffart – Frey-Bettler.
Jungfraw – Falsch-Aussetziger.
Juverbossen – Fluchen.

K.

KAbaß – Haupt.
Kafpim – Jacobs-Bruder.
Kamesierer – Verlauffener Schüler.
Kandirer – Verdorben Kauffmann.
Kavaller – Schinder.
Keriß – Wein.
Kielam – Gestad.
Klebis – Pferd.
Klenckner – Kirbe-Bettler.
Klems – Gefengnus.
Klemsen – Fahen.
Klenckstein – Verräther.
Klingen – Leyren.
Klingenfetzer – Leyrer.
Klingenfetzerin – Leyrerin.
Krachling – Ein Nuß.
Krax – Ein Kloster.
Kröner – Ehemann.
Krönerin – Eheweib.
Kümmern – Kauffen.
Kümmerer – Kauffmann.

L.

LEfrantz – Priester.
Lefräntzin – Pfaffen Köchin.
Lehem – Brodt.
Leißling – Ohr.
Leußmark – Kopff.
Lindrunschel – Der Korn samlet.
Loe – Falsch, Böß.
Loe ötlin – Der böse Feind.
Loßner – Erlöste Gefangene.

M.

MAckum – Ein Stette oder Ort.
Megen – Ertrincken.
Mencklen – Langweilig essen.
Meng – Kessler.
Meß – Geld, oder Müntz.
Molsamer – Verräther.
Mumser – Willig Armen.

N.

NAhrung thun – Speiß suchen.

[288] O.

OEtlin – Der Feind.

P.

PFlüger – Bettler die in der Kirchen mit Schüsseln umbgehen.
Platschirer – Der auff dem Marck auff den Bäncken Wunder-Lugen erzehlet.
Platschiren – Das Volck also mit Märlein bethören.
Plickschlager – Der nacket vmblaufft vnd bettelt.
Polender – Schloß oder Burg.

Q.

QVien – Hund.
Quiengoffer – Hundschlager.

R.

RAntz – Ein Brodsack.
Rauling – Ein gantz jung Kind.
Rauschart – Strohsack.
Reel – Schweer Siechtag.
Regel – Würffel.
Regenwurm – Wurst.
Ribling – Würffel.
Richtig – Gerecht.
Rieling – Saw.
Rippart – Seckel.
Roll – Mühl.
Rollfetzer – Müller.
Roter – Freier Bettler.
Rothbeth – Bettlerhauß.
Rübolt – Freyheit.
Rüren – Spielen.
Rumpffling – Senff.
Runtzen – Vermischen auff den Beschiß oder Bescheissen.

S.

SChieß – Virile.
Schlepper – Verlauffne Pfaffen.
Schling – Flachs.
Schlunen – Schlaffen.
Schmalen – Vbel reden oder sehen.
Schmalkachel – Der vbel redet oder sihet.
Schmunck – Schmaltz.
Schmieren – Hencken.
Schocherbeth – Würtshauß.
Schöchern – Trincken.
Schöcherfetzer – Ein Wirth.
Schosa – Matrix.
Schreff – Hur.
Schreffenbeth – Hurenhauß.
Schrentz – Stube.
Schreyling – Jung Kind.
Schürnbrand – Bier.
Schwanfelder – Nackender Bettler.
Schweiger – Angestrichener Bettler.
Schwartz – Nacht.
Schwentzen – Gehen.
Seffel – Dreck.
Seffeln – Scheissen.
Seffelbeth – Scheißhauß.
Seffer – Gemahlte Bettler.
Seffelgräber – Schatzgräber.
Senfftrich – Beth.
Sonebeth – Hurenhauß.
[289] Sontz – Edelmann.
Sontzin – Edelfraw.
Vbern Sontzengeher – Verdorben Edelmann.
Spältling – Heller.
Spitzling – Habern.
Spranckhart – Saltz.
Stabuler – Brodsamler, Bettler.
Steffung – Ziel.
Stettinger – Gülden.
Stolffen – Stehen.
Streiffling – Hosen.
Stroborer – Gans.
Strom – Hurenhauß.
Stronbart – Wald.
Sündfeger – Todtschläger.

T.

TErich – Land.
Tholman – Galgen.
Thruffe – List, Betrug.

V.

VAgirer – Fahrend Schüler.
Veranerin – Wahrsagerin.
Verkneisten – Verstehen.
Verjonen – Verspielen.
Verkümmern – Verkauffen.
Verlunschen – Verstehen.
Vermencklen – Verhalten hinderhalten.
Vermonen – Betriegen.
Versencken – Versetzen.
Verschochern – Versauffen.
Vnversprochner – Vntadelhaffter.
Voppar – Narr, der sich närrisch stellt, der voppet. was vopstu dich? was narrestu?
Vopperin – Die sich närrisch stellt.
Voppen – Liegen.
Ein Vopt – Ein Lügen.

W.

WEndrich – Käß.
Weißhulm – Einfältig Volck.
Wetterhan – Hut.
Wiltner – Falsch-Silber-Krämer.
Windfang – Mantel.
Wunnenberg – Hübsche Jungfrawen.

Z.

ZIckus – Blinder.
Zwengering – Wammes.
Zwicker oder Zwickman – Hencker.
Zwirling – Aug.

A.


VOm Adel – Bschuderlin.
Amptmann – Bschiderich.
Arbeiten – Fetzen.
Aug – Dierling oder Zwierling.
Aussetziger – Bruß.
Falscher Aussetziger – Jungfraw.

B.

BAder – Fladerfetzer.
Baderin – Fladerfetzerin.
Badstube – Flader.
Ein halb Batzen – Blech.
Bawr – Hautz, Horck.
Bäwrin – Häutzin, Horckin.
Bescheissen – Runtzen.
[290] Bescheisser – Beseffler.
Beth – Senfftrich.
Brod-Bettler – Stabuler.
Bettler, Haußarm – Breger.
Gemahlte Bettler – Seffer.
Angestrichne Bettler – Schweiger.
Nacket Bettler – Blickschlager, Schwanfelder.
Schwangere Bettlerin – Billenträgerin.
Bettlerhauß – Rotbeth.
Frey-Bettler – Juffart, Roter.
Bettler die mit Schüsseln in der Kirche vmbgehen – Pflüger.
Verzehrte, krancke Bettler – Gänsscheerer.
Betriegen – Vermohnen, Ferben.
Liegen vnd Betriegen – Voppen vnd Ferben.
Betrieger – Beseffler.
Betrug – Truffe.
Bier – Schiernbrand.
Blinder – Zickus.
Blindgeborner – Blochart.
Böes – Löe.
Böse Feind – Löe ötlin.
Brandwein – Gefünckelter Joham.
Braten – Fünckeln.
Brieffe – Bsaffot, Format.
Falsche Brieff – Loe Format.
Brod – Lechem.
Grob Brodt – Hans von Geller.
Brodsack – Rantz.
Bruch – Bresem.
Büttel – Iltis.
Buhlerey treiben – Böhlen.
Burg – Polender.

C.

CReutzer – Blechling.

D.

Dägen – Härtrich.
Disch – Glathart.
Dorff – Gfar.
Dreck – Dart, Seffel.
Drincken – Schöchern.

E.

Edelfraw – Sontzin.
Edelman – Sontz.
Verderbter Edelman – Vbern Sontzengeher.
Eheman – Kröner.
Eheweib – Krönerin.
Einfaltig Volck – Weißhulm.
Ent – Klein Breitfueß.
Erlößte Gefangne – Loßner.
Erträncken – Megen.
Ertrenckt – Flösselt.
Essen – Acheln.
Essen langsam – Mencklen.
Ey – Betzman.

F.

FAhen – Gebicken, Klemsen.
Fahrend Schuler – Vagierer.
Der Feind – Oetlin.
Der böse Feind – Loe Oetlin.
Feld – Glentz.
Besamet Feld – Grünhart.
Fewer – Funckart.
Finger – Griffling.
Fisch – Flößling.
Flachs – Schling.
Fleisch – Boßhart.
Fleuch – Har. Du ein Har
[291] Flicken – Fetzen.
Fluchen – Juverbassen.
Freyheit – Rübolt.

G.

GAlgen – Dolman.
Gans – Breit-Fuß, Strobohrer.
Gehen – Dippen.
Gebrandtwein – Gefunckelter Joham.
Gefängnus – Klems.
Gehen – Alchen, Schwentzen.
Gehe fort – Alch dich.
Geld – Doul, Meß.
Gerädert – Gereppelt.
Gerecht – Richtig.
Gesell – Gleicher.
Gespan – Gleicher.
Gestadt – Kielam.
Glaß – Glesterich.
Gott – Adone.
Gülden – Heller-Richter, Stettinger.
Gut – Grimm.

H.

HAbern – Spitzling.
Harnen – Flößlen.
Haupt – Kabas.
Haus – Beth.
Heller – Speltling.
Hembd – Hanffstaud.
Hencken – Schnieren.
Hencker – Dolinger, Zwickman, Zwicker.
Heyde, weite – Breithart.
Heyligenfährter – Dutzer.
Hinderhalten – Vermenckeln.
Hosen – Streiffling.
Hund – Quien.
Hundschlager – Quiengoffer.
Hun – Gackenscherr, Holderkautz.
Hur – Glid, Schreff.
Huren-Hauß – Glidenbeth, Schreffenbeth, Sonebeth, Strom.
Hurenwirt – Gliderfetzer.
Hut – Wetterhan.

I.

JAcobs-Bruder – Kafpim.
Hüpsche Jungfrawen – Wunnenberg.

K.

Käß – Wenderich.
Kart – Brieff.
Mit Karten spielen – Brieffen.
Kachel-Offen – Funckarthol.
Kauffen – Kümmern.
Kauffman – Kümmerer.
Verdorbener Kauffman – Kandirer.
Keßler – Meng.
Kind – Gatzman.
Jung Kind – Schreyling.
Ein gar jung Kind – Rauling.
Kindbetterin – Dutzbetterin.
Kirbebettler – Klenckner.
Kirch – Difftel.
Kleid – Claffot.
Kloster – Krax.
Knab – Flick.
Kopff – Lauß-Marck.
[292] Kornsamler – Lindrunscheler.
Krämer – Feling.
Kuhe – Hornbock.
Kupplerin – Gliderfetzerin.

L.

LAnd – Terich.
Laus – Hans Walthar.
Leyren – Klingen.
Leyrer – Klingenfetzer.
Leyrerin – Klingenfetzerin.
Liegen – Voppen.
Ein Lügen – Ein Vopt.
Ligen – Hocken.
List – Thruffe.

M.

MAntel – Windfang.
Matte – Grünhart.
Matrix – Dotsch, Schosa.
Meister – Erlatt.
Meisterin – Erlattin.
Messer – Hertrich.
Metzger – Boßhartfetzer.
Milch – Glyß.
Mit-Gesell – Gleicher.
Mühl – Roll.
Müller – Rollfetzer.
Münch – Gugelfrantz.
Mund – Giel.

N.

NAcht – Schwärtz.
Narr – Der sich närrisch stellet, Vopper.
Vopperin, die sich närrisch stellet.
Nonne – Gugelfräntzerin.
Nuß – Krachling.

O.

OHr – Leißling.
Ort – Mackum.

P.

PFerd – Klebis.
Pilgram – Christian.
Pfenning – Doul Meß.
Erloffne Pfaffen – Schlepper.
Pfaffenköchin – Lefräntzin.
Pfaff – Galch.
Pfaffen-Haus – Galchenbeth.
Pfaw – Galle.
Pater noster – Himmelsteig.
Priester – Lefrantz.

R.

Rätschen – Erfercken, Erseckern.
Reden – Barlen.
Vbel Reden – Schmalen.
Der übel redt – Schmalkachel.
Roß – Caval.

S.

SAltz – Spranckhardt.
Saw – Rieling.
Schatzgräber – Seffelgräber.
Scheissen – Seffeln.
Scheiß-Hauß – Seffelbeth.
Schinder – Cafäller, Kofaller.
Schlaffen – Schlunen.
Schlagen – Goffen.
Schloß, Burg – Polender.
Schmaltz – Schmunck.
Schneider – Claffotfetzer.
Schreiber – Brieffelfetzer.
Schuhe – Drittling.
Verlaufener Schuler – Kamesirer.
[293] Schwär Siechtag – Reel.
Schweig – Boß dich.
Seckel – Rippart.
Seen – Dieren.
Vbel Sehen – Schmalen.
Der vbel Sihet – Schmahl-Kachel.
Senff – Rumpffling.
Sieden – Fünckeln.
Falsch Silber-Krämer – Wiltner.
Soldaten-Betlein – Gurgeln.
Speiß suchen – Nahrung thun.
Spielen – Jonen, Rüren.
Spieler – Joner, Rürer.
Spittal – Hegis.
Statt – Gallen.
Statt-Knecht – Iltis.
Scherg – Iltis.
Stehen – Stolffen.
Stehlen – Genffen.
Stette oder Orth – Mackum.
Storgen – Platschiren.
Storger – Platschirer.
Strosack – Rauschart.
Stube – Schrentz.
Stücklein Brodt – Gitzlin.
Stücklins weiß abbettlen – Abgitzlen.
Suppe – Floß.

T.

TEuffel – Ganhart.
Thurnhüter – Iltis.
Tisch – Glathart.
Todtschleger – Sündenfeger.
Trincken – Beschöchern.
Troll dich – Alch dich.
Truncken – Beschöchert.

V.

Verkauffen – Verkümmern.
Verlauffne Pfaffen – Schlepper.
Vermischen auff den Beschiß – Runtzen.
Verräther – Klenckstein, Molsamer.
Versauffen – Verschöchern.
Verschwetzen – Erfercken, Erseckeren.
Versetzen – Versencken.
Verspielen – Verjonen.
Verstehen – Verkneisten, Verlunschen.
Virile – Butzeilman, Schieß.
Vixtäntzer – Granter.
Vix tantzen – Granten.
Vntadelhaffter – Vnversprochener.

W.

WAhrsagerin – Veranerin.
Wald – Stronbart.
Walfart – Gottsfart.
Wammes – Zwengering.
Wasser – Flossart.
Wein – Joham, Keriß.
Brandtwein – Gefünckelter Joham.
Willig arme – Mumsen.
Würfel – Derling, Regel Rübling.
Würth – Schöcherfetzer.
Würthshaus – Schocherbeth.
Wurst – Regenwurm.

Z.

ZAnschreyen – Platschiren.
Zanschreyer – Platschirer.
Ziel – Steffung.
Zutragen – Brissen.

[294] NAchdem ich nun dieses Sprach-Büchlein abgeschrieben, vnd mich nach vnd nach darinn so fern geübet hatte, daß ich deren fertig war, komme ich wider umb auff vnser gut leben, da ich es vorhin gelassen, vnd was wir die viertzehen Tag vber für Kurtzweil mehr angestellet. Neben den Spiel-Leuten, so wir stets bey vns hatten, war das Gesang des Truncks bester Gesell; dann wir wolten alle vnd jeder das beste mit singen erweisen.

Der Doctor, als der gelehrteste, war allzeit lustiger beim Trunck, dann die andern alle. Dann das Hirn ist den Gelehrten ohne das immer voll lustiger Sachen. Wann nun der lustige Wein dazu kompt, so werden sie doppeldaffet lustig; darumb hub er an[Rand: Gelehrter / Wein] zum Trunck dieses Lied herzusingen:


1.
Wer ist doch immer so geschossen,
Daß ab dem lieben Reben-safft
(Der vnsers Hertzens Trost vnd Krafft)
Er vnwürsch sein solt vnd verdrossen:
2.
Dann was kan doch ohn trincken wehren?
Vnd ist nicht vnder dem Gedranck
Der Wein das best, mit Lob vnd Danck
Vor allem, was naß, hoch zu ehren?
3.
Besehet doch (Freund) wann es regnet,
Wie durch den starcken Regen-guß,
Bißweilen auch durch einen Fluß
Das Erdrich sich vollsauffend segnet?
4.
Die Kräuter vnd Gewächs der Erden,
Ja alle Bäume klein vnd groß,
Verschmachten trostloß vnd fruchtloß,
Wann sie nicht offt bezechet werden.
5.
Den Durst die Thier vnd Vögel stillen
Nach Lust, mit Wollust; vnd die Fisch
Die suchen stets, was naß vnd Frisch,
Damit (begierig) sie sich füllen.
[295] 6.
Das Meer will auch den Rausch nicht fliehen,
Sondern es pfleget ohn ablaß
Brait-tieffe Flüß vnd Bäch ohn Maß
Gar aussend in den Wangst zuziehen,
7.
Ist es dann durch den Trunck getroffen,
So fahet es ein Wesen an,
Als ob es auch wolt jederman
Ersäuffen, weil es selbs besoffen.
8.
Vnd warumb fallen offt zuhauffen
Die tobend-brausend-laute Wind:
Weil sie, zu bausen sehr geschwind,
Das Meer gern wolten gar auß sauffen.
9.
In dem Meer vnd in allen Bronnen
Die Sonn selbst löschet ihren Durst;
Vnd der Mond wär längst ein Bratwurst,
Wann er nicht voll würd von der Sonnen.
10.
Drumb soll vns fürhin niemand wehren,
(Wann nichts will vnbesoffen sein)
Auch mit ein ander bey dem Wein
Frolockend tag vnd nacht zu zehren.
11.
Dann wer vnwürsch ist vnd verdrossen
Ab diesem guten Reben-Safft,
Der vnsers Hertzens Trost vnd Krafft,
Der ist, zwar nüchtern, doch geschossen.

So artig konte aber der Doctor das Gesang nicht anstimmen, ich merckete an ihm, vnnd wuste auch, das nicht Er, sondern der[Rand: Rodolff / Weckerlein] redlicher vnd umb vnser Teutsche Sprach hochverdienter Rodolff[Rand: Isaac Habrecht] Weckerlein (welcher wie auch Herr Isaac Habrecht, lange Zeit vor [296] dem sonst ewig lobwürdigen Herrn Opizen die teutsche Sprach mit zierlicher eygenfindiger Reymen-Kunst herrlich gemacht haben) es gemacht hatte.

Derohalben, als ich ihm solches glimpfflich zuverstehen gab, solchen Fehler zuverbessern, er ein anders hersange, also:


1.
Ich empfinde fast ein Grawen,
Daß ich, Plato, für vnd für
Bin gesessen vber dir;
Es ist zeit hinauß zu schawen,
Vnd sich bey den frischen quellen
In dem grünen zu ergehn,
Wo die schöne Blumen stehn,
Vnd die Fischer netze stellen.
2.
Wozu dienet das Studieren,
Als zu lauter Vngemach?
Unterdessen laufft die Bach
Vnsers Lebens, das wir führen,
Ehe wir es innen werden,
Auff ihr letztes Ende hin;
Dann kompt (ohne Geist vnd Sinn)
Dises alles in die Erden.
3.
Hollah, Junger, geh vnd frage,
Wo der beste Trunck mag sein!
Nimb den Krug vnd fülle Wein.
Alles Trawren, Leyd vnd Klage,
So wir Menschen täglich haben,
Ehe vns Clotho fort gerafft,
Will ich in den süessen Safft,
Den die Traube gibt, vergraben.
4.
Kauffe gleichfals auch Melonen,
Vnd vergiß deß Zuckers nicht;
Schawe nur, daß nichts gebricht.
Jener mag der Heller schonen,
[297]
Der bey seinem Gold vnd Schätzen
Tolle sich zu kräncken pflegt,
Vnd nicht satt zu Bethe legt;
Ich will, weil ich kan, mich letzen.
5.
Bitte meine gute Brüder
Auff die Music vnd ein Glaß,
Nichtes, dunckt mich, schickt sich baß
Als gut Tranck vnd gute Lieder.
Laß ich gleich nicht viel zu erben,
Ey so hab ich edlen Wein;
Will mit andern lustig sein,
Müst ich gleich alleine sterben.

Aber ich war dem Doctor auch hier vber sein Schul-Sack kommen vnnd in die Karten gesehen vnd wuste, daß auch nicht er, sondern Herr Opitz selbsten diesen Gesang gemacht hatte.

Doch ihn nicht ferner zu beschämen, schwiege ich still, dachte aber bey mir selbsten: Ich weiß nicht, wozu mancher Doctor nutzet. Es seynd deren so viel hin vnd wieder, daß mich wundert, wie es noch so wol in der Welt stehen könne; vnd daß man ihren theils fast wenig achtet, ist eben nicht ohn Vrsach, dieweil ich sehe, daß auch sie sich bißweilen nicht schämen, anderer Leute rühmliche Werck vnd Schrifften für die ihrige auß zugeben, in dem sie selbst offt weniger können vnnd wissen, wann es zum treffen kommet als ein teutscher Schreiber. Doch rede ich nur von den Vngelehrten, welche, nach dem sie solche Titul erlanget, hernach allererst sich in schmahlen Schaffneyen vnd Rentmeistereyen, zu höchster Beschimpffung der edelen Künste vnd Verkleinerung vieler Gelehrten gebrauchen lassen. Doch ließ ich dem Doktor seine Ehre, wiewol er wuste, daß ichs mercken thate.

Damit aber ich verantwortlicher gienge, hub ich an volgends zu singen, welches der Schultheyß, so bey vns sasse vnd sich lustig mit machen wolte, oder wol muste, in zeit einer halben Stunde artig mit singen vnd sich eben so toll zu stellen wuste, als vnsere Gesellschafft selbsten; also daß ich ihm nicht gern wolt vnder Hände kommen sein, wann er es mit vns in seinem Hauß alleine hätte [298] wagen sollen. Der Gesang aber, so ich der Lobwerthen Gesellschafft zu Ehren gemacht hatte, war dieser:


Vff die löbliche Gesellschafft Moselsar.

1.
Die löbliche Gesellschafft zwischen Rhein
Vnd der Mosel alzeit rüstig sein,
Nach vnfall sie nicht fragen,
Das Terich hin vnd her,
Langes durch vnd die quer
Zu Fuß vnd Pferd durchjagen,
Frisch sie es wagen,
Kein schewen tragen.
2.
Vber hohe Berg, durch tieffe Thal
Fallen sie offtmal ein wie der Strahl.
Allweg ohn Weg sie finden.
Zu duster Nachtes Zeit,
Wann schlunen ander Leut,
Sie alles fein auffbinden,
Ohn Liecht anzünden,
Bleibt nichts dahinden.
3.
Lffl der weist gar fein außzusehn,
Wo irgend in eim Gfar Klebis stehn,
Wans wer auff zwantzig Meylen,
Beym hellen Monde-Schein
Die Gleicher ins gemein
In einer kurtzen Weylen
Sie übereylen
Vnd redlich theilen.
4.
Bttrwtz der alcht zur Hinder-Thür hinein,
Bbwtz setzt sich hinder ein Hauffen Stein,
Mit den andern Gsellen
Den Quien rufft er klug,
Vnd brockt ihn Lehem gnug,
Daß sie nicht sollen bellen,
Biß auß den Ställen
Die Pferde schnellen.
[299] 5.
Wann sie nun haben die Hautzen Roß,
So reitten sie nach dem newen Schloß,
Ist Jemand der will kauffen?
Der Putziacala
Ist müd vnd liget da,
Weil er sich lahm gelauffen,
Schier nicht kan schnauffen,
Drumb will ersauffen.
6.
Herr Würth: Nun so laß vns lustig sein,
Lang mir den Glestrich vom besten Wein,
Vmb Doul meß darffst nicht sorgen.
Ein halbe gute Nacht
Vns all zu Sontzen macht,
Du kanst uns ja bis morgen
Die Irtin borgen,
Der Hautz muß sorgen.
7.
Ist das nicht ein Wunderbarlich Gsind,
Daß der Bawr sein Schuch mit Weiden bind
Und doch die zech muß zahlen,
So lang er hat ein Kuh.
Die Klebis auch dazu,
Die Rappen mit den Fahlen
Wir alzumahlen
Durch Giel vermahlen.

Dieses Lied, ob es wohl schlechter Arbeit, jedoch weil es der Gesellschafft newlichste Handlungen mit den gebührenden Farben vorgestellt, war von ihnen gelobet, mehr als es werth ist.

Vnd wie das Lob die Fromme zum guten, die Böse zum bösen desto behertzter machet.


[Rand: Lob]

Ad sua facta velut calcar Laus quemque fatigat

Fitque malus pejor laude, bonus melior.


Also gienge es mir dißmahlen auch. Ich war desto frecher, mit zu machen, was man anhube. Die Vnordnung war nun mein Leben worden, vnd das elende Leben deuchte mich mein Wolfahrt [300] zu seyn, wie wol mir das Gewissen offt das Widerspiel in ein Ohr sagte. In Summa ich funge nun an, es so gut zu machen als ihrer einer: die Erde war mein Beth, der Himmel mein Decke, der Mantel mein Hauß, der Wein mein ewigs Leben. Vnd wo ich irgend einen Anschlag machte, so gung er glücklich von statten, also daß ohne mich biß ans Ende wenig mehr verrichtet worden; der Doctor machte es auch nicht besser.

Damit wir nun in diesem Vnderschleiff-Orth desto mehr Gunst auff allen Fall zugewarten hätten, gab ich den Rath, weil diser Kühe-Schmauß noch währete, daß man sowol die Statt Beampte, als die Befelchshabere der Besatzung auff den andern Tag zu gast ruffen wolte, welches dann geschahe, der Gestalt, daß jeder freyes willens sein solte vnd keiner wegen redens noch trinckens ichtwas zu befahren haben, dann sonsten hätten wir die Herrn Beampte, (welche den Soldaten Teuffels wenig trawen) bey vns nicht bringen mögen.

Nachdem wir aber einen zimblichen Trunck hatten, huben die Herren Beampte vnd Schultheis an, frey herauß zu reden, was ihnen vmbs Hertz war, doch mit vorgehender Bitte, daß keinem was für übel solte gehalten werden, welches ihnen mit Teuffel holen versprochen worden; das war vnser gemeinester Schwur.

Einer, ein Hauptmann von der Besatzung, hub an zu erzehlen,[Rand: Teutschlands / Vnfall] wie vbel es in Teutsch-Land hergienge; wie die alte teutsche Freyheit von Männiglichen fast angefochten vnnd vndertrücket wäre; vnnd wie so gar die jenige, welche es mit den Teutschen gut gemeinen, von selbigen nicht geliebet würden. Es wäre kein Danck bey den Teutschen zu erjagen, man koche es ihnen wie man wolle; sie halten den Freund, wie den Feind, den Außländischen wie den Einheimischen; vnnd welches das ärgste ist, so hat vnsere Armee, vnser Volck vnd vnser Herr kein Glück noch Segen mehr, es gehet alles vber vnd wider ein ander, vnnd da wir vor diesem allemal das Feld erhalten, so müssen wir jetzund das Feld raumen vnd Reißaus machen; also daß einer nicht bald weis, wem er dienen oder mit welcher Party er es halten solle.

Vnd, fuhl der Lffl in die Rede, vnd darumb, sprach er, ist es noch alzeit mein Sagen, wer Glück vnd Segen will haben, der halte es mit uns, dann es schneyet das Glück bey vns mit [301] grossen Flocken, vnnd kan vns nicht fehlen, daß wir vnsere Feinde (in dem sahe er den Schultheissen, vnnd einen Bawren, so bey ihm sasse, an) nicht alle erlegen vnd gewinnen solten. Juh, sprach Er, ein grosses Glaß in der Hand haltend:


Dien ich dem einen, so krieg ich kein Geld,

Dien ich dem andern, so haßt mich die Welt.

Dien ich zu Wasser, so wird mirs zu lang,

Dien ich zu Feld, so hab ichs kein Danck,

Dien ich dem da, so werd ich beschissen,

Dien ich dem dort, so förcht ichs Gewissen,

Ich weiß mir einen Helden zu Feld,

Der sich hier bey vns helt,

Dem laßt vns dienen ohne Geld,

Dann er laßt vns stehlen, wo es vns gefelt.

Vnd darumb:

Frisch, vnverzagt, behertzt vnd Wacker,

Der scharffe Sebel ist mein Acker,

Vnd Beuten machen ist mein Pflug,

Damit gewin ich Gelds genug.


Ja freylich, sprach der Schultheiß, das erfahren wir arme Bawren wol:

Vnd Bawren schinden ist dein Pflug

Vnd doch hast du nicht Häut genug,


vnnd habt ihr Herren gut zu gewinnen, ihr wüst wohl, daß wir euch nichts thun dörffen, sonsten wolten wir etc. Herauß mit[Rand: Lästerungen] der Red, sprach Bbwtz, der ist deß Teuffels der nicht alles sagt, was er weis.

Ho ho nein, sprach der Schultheiß, ich hab mit dem Herrn Hauptman hie zu thun. Er möcht gern wissen, warumb die Teutsche ihre Freund vnd Feinde fast in gleichen Ehren halten, vnnd einen lieben wie den andern, Y wills imm wohlsogen waren, wann y wärd dörffen reden waren.

Herauß Bawr, sprach der Hauptmann, Es stoßt dir sonst das Hertz ab.

Aß ist eben asso, antwortete der Bawr, irr harran sien salbscht [302] schaulick dron, irr machas eban au dyrnoh, eynr wy der aunger, Jinner wy dar vn dar wy Jinner, vn weyss key Deyirr war Feing or Früng ischt. Irr halten yngs ebban all wy Feing; vn wan dy Buran a wol Meister wara waren, so würts gohn gehm wungerbehrly hargohn wara.

Du hast recht, Baur, sprach der Hauptman, weistu aber auch, fragte er ferner, woher es komm, daß wir sogar kein Glück mehr auff vnserer Seyten haben können:

Y willßy währly wohl saga wara, wannyrr mir nischt thuon wara.

Nein, nein, sprachen sie alle, rede nur her, dein Rachtumb ist schon gemacht, es wird dich nichts desto mehr kosten, als sonst auch.

Y willßy dan eba soga etc.

Welche Wort er auff gut Kochenspergisch vorbrachte, ich aber, dem Leser zu lieb, in verständlicher Sprach hiebey hab setzen wollen, weil deß Bawren Rede solcher Mühe wol werth ist. O wie manch einfaltig Mann redet hochweißlich von der Sache!

Vorzeiten, wann man hat zur Feldschlacht, oder zu einem[Rand: Warumb bey / heutigen Kriegen / wenig / Glück seye?] Scharmützel, oder auff Party gehen wollen, so hats geheissen:

Wir wollen fort, in GOttes Namen.

Nun ihr Brüder, fort in Gottes Namen! Ein jeder sprech ein Vatter vnser, vnd befehle sich Gott, dann der Feind ist da, es wird jetzt an ein Treffen gehen.

Nun Gott helff! haltet euch redlich ihr Brüder vnd denckt an Gott vnd an vnsern gnädigen Hayren vnd thut alle das beste.

Da hats dann golten, vnd ist Glück dabei gewesen.

Aber heutigs tags, es gehe für Scharmützel vor, was immer wolle, wo ist einer, der in GOttes Namen dran gieng, oder sein Gebett zu Gott thäte?

Da heist es jetzt, botz hundert tausend Sack voll Endten! auff ihr Bursch, daß dich der Donner vnd der Hagel mit einander erschlag, in die Wehr, der Feind ist da. Drauff ins Teuffels Namen.

Fort ihr hundert Safferments Bluthunde, daß euchs Wetter erschlag, druckt droff.

Gebt Fewr, daß dich der Hagel erschlag, ihr Bursch alle mit einander.

Halt Trupp, daß dich botz hundert tausend Safferment schände; vnd was dergleichen schreckliche Morgen vnnd Abendsegen mehr seynd.

[303] Stehet auff, daß euch der Hagel erschlag.

Marschirt, daß euch der Donner erschmeiß.

Freßt, daß euchs der Teuffel gesegne.

Sauff, daß dirs hellisch Fewer in den Hals fahr.

Legt euch nider, daß euch der Teuffel mög holen etc.

Wie wolt es dann, ihr meine liebe Herren, müglich sein, daß ihr soltet Glück vnd Segen zu hoffen haben, da ihr euch doch alle vnder einander selbsten also verfluchet, das Haupt den Soldaten, der Soldat das Haupt; daß es Gott im Himmel selbs erbarmen möcht.


[Rand: Senec. / Agamemn. / act. 2. sc. 1.]

Sic auspicatus bella non melius gerit.


Ists nicht also, Ihr Herren, geltet, wo nicht der König in Schweden, der Pappenheimer, der Hertzog Bernhart, der Spinola der Printz Moritz besser Glück gehabt haben, als ihr heutiges Tags alle, vnnd wann ewer noch so viel Generals wären. Dann sie haben ihre Sachen mit gutem vorbedacht, mit guter Ordnung vnd Regiment vnd fein mit Gebett angegriffen, drumb haben sie auch Glück gehabt.

Der Bawr redt, der Teuffel hol mich, recht, sprach der Hauptmann.

Aber wie soll einer betten? Sprach Lffll, was sind für Wort, der ist deß Teuffels, der so viel Wort könt behalten.

Ich will es euch wohl lehren, wann ihr mich hören wollet, sprach der Bawr, ob ich schon ein armer schlechter Bawr bin.

Sag her, laß sehen, antwortete der Hauptman.

Ihr Herren, sagte der Bawr, wann ihr etwas vor habt, ein Treffen, ein Scharmützel, ein Party; so bedenckt von ersten, wem ihr dient; nicht thut wie manche, die da sagen, ich nehme Geld vnd diene dem Teuffel, dann wer wider seinen Glauben dient, der ist ärger als ein Heyde. Darnach so denckt, ob ihr Fug vnd Recht habt. 3. Ob es zur Ehre Gottes, zu Dienst ewers Gn. Herren vnd zu des Vatterlands Heyl angesehen? Wann das ist, so sprechet also:

[Rand: Ex Lutheri / Tom. 3. Jen. / Fol. 330.] HImmlischer Vatter, hie bin ich, nach Deinem Göttlichen Willen, in diesem eusserlichen Werck vnd dienst meines Oberherren, wie ich schuldig bin, dir zuvor, vnnd demselbigen Oberherrn vmb deinen Willen. Vnd dancke deiner Gnaden vnd Barmhertzigkeit, [304] daß du mich in solch Werck gestellet hast, da ich gewiß bin, daß es nicht Sünde ist, sondern recht vnd deinem Willen ein gefelliger Gehorsam ist. Weil ich aber weiß vnd durch dein Gnadenreiches Wort gelernet habe, daß keins vnser guten Werck vns helffen mag, vnd niemand als ein Krieger, sondern allein als ein Christen muß selig werden, so will ich mich gar nicht auff solch meinen Gehorsam vnnd Werck verlassen, sondern dasselbige deinem Willen frey zu dienst thun, vnd glaube von Hertzen, daß mich allein das vnschuldige Blut deines lieben Sohns meines HErrn JEsu Christi, erlöse vnd selig mache, welches er für mich (deinem gnädigen Willen nach) gehorsamlich vergossen hat. Da bleib ich auff, da lebe vnd sterbe ich auff, da streite vnd thue ich alles auff, erhalte, lieber HErr Gott Vatter, vnd stärcke mir solchen Glauben durch deinen Geist, Amen. Will einer darauff den Glauben vnd ein Vatter Vnser sprechen, mag ers thun vnd lassen damit gnug sein, vnd Befehl damit Leib vnd Seel in seine Hände, vnd zeuch denn von Ledder vnd schlahe drein in Gottes Namen.

Wann ihr also ewer Sachen anfangen werdet, so ist nicht zu zweifflen, sie werden glücklich zu Ende gehen. Ja wann neune oder zehen solcher Kriegs-Leuthe in einem Hauffen wären, oder noch drey oder vier, die solch Gebett mit rechtem Hertzen könten sagen, sie solten mir lieber sein, dann alle Büchsen, Spieß, Roß vnnd Harnisch, vnd wolte den Türcken mit all seiner Macht lassen kommen; sie fressen wol die Welt ohn allen Schwerdt-Schlag.[Rand: D.L.d. 1.]

Der ist des Teuffels, sprach Bobtz, der so lang betten möchte.[Rand: Soldaten / Betten] Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebette drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein a b c gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur.

Vnd ich, sprach Bbwtz, morgens ehe ich auffstehe, so laß ich einen Streichen für mein Morgen-Segen, das thut mir den gantzen Tag wol im Leib. Vnd du Philander, was thustu, ehe du auffstehest?

Ich leg mich nider, sprach ich.

[305] Philander wird gut werden, sprach Grschwbtt, wann er noch ein Zeit bey vns bleibet.

Vnd ich, sagte Btterwtz, mache es, wie mein Vatter Parra gethan hat. Dann als ich an die Welt geboren worden, war ein grosses gefests. (Mein Vatter wuste nicht was für einen Helden er zu einem solchen grossen Wust zu Gevattern bitten solte) letzlich gedachte er, wann er den Todt zu Freund haben möchte, so würde er auff Erden ewig leben (denn des Himmels hat mein Freundschafft nie viel geachtet) darumb so bat er den Todt zu Gevattern. Der Todt, welcher den Boß bald mercket, bedanckte sich erstlich vnd sprach, mein Freund Parra, ich halt mirs zwar für ein Ehr, daß du mich meines alten Rechtens würdigst, welches will, daß so bald ein Mensch geborn ist, er meinem Gewalt vndergeben seye, solcher Freundschafft erkenne ich mich hoch verbunden vnd thu dir hinwiderumb zu gefallen vnnd Diensten, was du von mir immer bitten magst. Nur allein die Vnsterbligkeit begehre nicht von mir, dann dieselbige kan keinem Menschen auff Erden gegeben werden. Welcher letzten Wort mein Vatter zwar erschracke, aber als ein schlauer alter Schelm, eben so abgeführt als ich, sprach er: Ja lieber Gevatter, Herr Todt, ich verstehe es gar wol, daß ihr keines Menschen verschonen möget. Aber gleichwol eine Bitte könt ihr mir wol vergünstigen, das ich thun möge, ehe ich sterbe?

Der Todt, der sonst Teuffels vbel zu betriegen ist, sprach gleich hin ohn ferners Nachdencken, Ja, das sey dir vergünstiget, es wäre auch, was es wolle. Was ist es dann? Ach gnädiger Herr Gevatter Todt, daß ir mich nicht ehe tödten wolt, biß ich zuvor ein Vatter Vnser gesprochen habe! Ja wohl, sprach der Todt, das sey dir in die Hand versprochen, daß ich es dir fest halten wolle.

Dann ist der deß Teuffels, sprach mein Vatter, der sein Lebtag mehr ein Vatter Vnser bettet. Dessen der Todt erschracke, vnd ich glaube mein Vatter lebt noch, es seye denn, daß ihm seithero irgend ein Vatter unser im Trunck möchte entwischt sein.

Ihr Herren, ihr Herren, sprach ein Beampter, ihr redet frisch, aber ich förchte, wann es einmal an das Abscheiden gehn werde, die Reden solten manchem sauer ankommen zu verschlucken. GOtt [306] läßt sich nicht spotten; Gottloß leben hat noch keinem genutzet, vnd fleissig gebettet hat noch keim geschadet. Aber ihr Herren, sehe ich wol, seit fast alle über einen Leyst geschlagen, vnnd wüßte ich nicht, welcher der Frömbste vnder euch sein köndte.

Ihr Herren, sprach der Schultheiß, wisset ihr auch, welcher der frömbste Soldat seye? Sie sprachen, nein vnd sahen einander[Rand: Der frömste / Soldat] an, dann jeder förchtete, er möchte der sein.

Einer von den Beampten sprach: Ich weiß es, der Schultheiß sprach, ich weiß es auch. Der Beampte wurde geheissen, daß er es hersagen solte, der sprach: Ihr Herren, wann es nicht Vngelegenheiten vervrsachet, so sage ichs, sonsten nicht. Sie sprachen alle, Nein, es solte kein Vngelegenheit geben:

Es hat, sprach er, einer newlich drey junge Wölffe allhie verkauffen wollen, der Käuffer aber, der sein Geld wohl anzulegen vermeynete, fragte den Jäger, welcher doch wol der beste vnder diesen sein solte? Ach mein Herr, sprach der Jäger, ich kan es euch für war nicht sagen: Ist einer gut, so seind sie gewiß alle gut.


Et bonus alter erit, si bonus unus erit.


Dessen die Gesellschafft lachen muste; der ist deß Teuffels, sprach Lffl, der der Frömbste ist.

Ich hab gehört, sprach der Schultheiß, der Frömbste hab ein Kuh gestohlen. Diese Rede gab ein viel grösser Gelächter, dieweil ein jeder da der frömbste sein wolte. Dann der eine sprach, er hätte 300, der ander 500, der dritte 600, der fünffte 800, vnnd, so fort an, mehr Kühe gestohlen; Bbwtz aber hatte den Preyß vor allen erhalten.

Indem wir auff diesem Gespräch waren, kamen zween zerlumpte Plattschirer zur Thür hinein getretten, deren der eine schon auff ein Viertel-Jahr in einer Statt in eysen gelegen vnd den Stock-Knecht mit Geld bestochen, daß er des tags zuvor, als er sollen gehenckt werden, mit ihm außgerissen; dieser, so bald er den Schultheissen sahe, erkante er ihn! dann er hatte ihn vor diesem auch einmal gefangen gehalten; der Schultheiß aber, der sich sein nicht ersinnen können, insonderheit weil er so zerlumpt daher zoge, wolte sich sein nichts annemmen, Zwerch, so war deß Soldaten Feld-Name, bothe dem Schultheiß die Hand, der Schultheiß aber sprach, wie solte ich diesen Händen meine Hand bieten, diesen [307] Händen da, die so viel vnschuldiges Blut vergossen, so viel Kühe vnd Pferd gestohlen, so viel Leute geplündert, so viel Häuser angezündet haben.


[Rand: Senec. Agamemn. / scen. penult.]

Manus recenti sanguine etiamnunc madent

Vultusque prae se scelera truculenti ferunt,

Et signa Caedis Veste maculata gerunt.


Zwerch: So muß man es euch Bawren kochen, anderst kan man euch nicht herbey bringen.

Bawr: Ho ho, du bist so wild nicht, wie du dich stellest.

Zwerch: Ich meynte, du hättest es gnug erfahren, Bawr, daß, so viel gute Wort ich dir jetzt geben hab, so viel Teuffel seynd in mir, wann ich mich erzürne.

Bawr: Der Teuffel muß dir mächtig viel schuldig sein, weil du ihm so trewlich dienst.

Zwerch: Wann ich konte, ich wolte die gantze Welt in einem Streich niderschlagen.

Bawr: Hastu dann gar kein Erbarmung vber die arme vnschuldige Leute, wann sie dir nichts gethan haben vnd dazu so kläglich bitten?

Zwerch: Erbarmen? Ja wol erbarmen, der ist deß Teuffels, der sich vber einen Bawren erbarmet. Wann einer einmal einen nidergemacht hat, so wird er voller Teuffel, daß ihn nichts mehr erbarmet vnd ihm eben ist, als ob er einen Hund erschösse, wann er ein Menschen niderlegt, oder einen Bawren Büchset; vnd gibt mir ein rechten Lust wann ich sehe das Blut also herauß springen.

Bawr: Ich glaub, die gantze Welt weiß von deinen schönen Thaten zu sagen?

Zwerch: Das ist gewiß, wann jedermann so viel arme Bawren, so viel Witwen vnnd Weysen gemacht hätte, als ich, die gantze Welt würde deren voll werden.

Bawr: Das ist ein verdamliches Lob, das du dir da selber gibest.

Zwerch: Der ist des Teuffels, der nicht alles niderschlägt, vnd insonderheit dich Bawren. Ich sehe wol du kennest mich nicht mehr, biß ich dir deine Schwein vnd Kühe noch einmal abnehme.

[308] Bey welchen Worten ihn der Bawr allererst wider erkante, vnd vermeynend, weil er bey vns wol am Brett war, er möchte sich an dem Zwerchen rechen, schlug nach ihm, aber der Zwerch, so dises Schimpffs nicht gewohnt war, wolte den Bawren gleich niderstossen.

Da solte man den Jammer gesehen haben, dann nachdem er von vnserer Gesellschafft gehalten vnd der Bawr in ein andere Cammer versteckt wurde, sprang der Zwerch auff vnd rauffte sich selbst die Haar auß, bisse sich in die Leffzen vnd Finger, daß das Blut hernach lieffe, vnd mit so Gottslästerlichen Fluchen erfüllete er die Stube, daß die Beampte alle wolten davon gehen vnd dem aller Gottlosesten das Hertz wehe thate.

Es war kein Fluch so Frantzösisch, den Er nicht mit viel[Rand: Fluchen] Galleen vnd Millionen hundert-taussent-grösser machte. Man bate ihn vor Gott vnnd nach Gott, er wolte doch das Gottslästerliche Fluchen einstellen, anderst müsten wir alle auß der Stube gehen wegen Sorge, daß der Teuffel ihne wegführen oder der Donder ihn vor vnsern Augen erschlagen vnd vns alle vmbs Leben bringen solte. Aber vergebens, je mehr man ihn bate, je häfftiger wurd er tobend; Der ist deß Teuffels, der nicht Fluchet, sprach er vnd schrye seinem Gesellen zu, er solte ihm helffen fluchen, was er nur erdencken könte zwischen Himmel vnd Erden; also daß wir stillschwiegen, biß er selbs auffhörete zu toben.

Einer der Beampten, welcher sahe, daß ich insonderheit grosses Mißfallen truge ob diesem newen Gesellen, nahete sich zu mir vnd sprach: Mein Herr, ich sihe, daß euch dieses Wesen nicht in allem gefället. Ich wolte mich dieser Gesellschafft mit Fug abthun, ehe ich gar in das Verderben geriethe. Ist das nicht ein grosses Elend mit dem Gottslästerlichen Fluchen! Ich glaube daß ein grosser Theil deß Kriegs Volcks deß Teuffels eygen seye vnd etliche sogar voller Teuffel, daß sie auch ihre Frewdigkeit nicht wissen baß zu beweisen, dann daß sie verächtlich von Gott vnd seinem Gerichte reden[Rand: Luth. Tom. / 3. Jen. de An. / 1527.Fol. 329. / a.] können, als seyen sie damit die rechten Eysenfresser, daß sie schändlich Schweren, Martern, Fluchen, vnd Gott im Himmel trotzen dörffen. Es ist ein verlohrener Hauffe, dabey ihr seyd, vnnd die Sprew, gleichwie in allen andern Ständen auch viel Sprew vnd wenig Korns ist.

[309] Nach langem Wesen bracht man ihn wider zum Tisch, da hatte zwar das Fluchen etwas nachgelassen, aber das Mort bieu, Teste bieu, Cor bieu, tausend Sack voll Enten, daß dich der Donnerstag, daß dich der Hafen erschlag, botz Zinckes, botz Zäpffel, botz Zähholtz, botz Zucker, vnnd dergleichen Schwüre, gaben mir doch genug anzeigung, was er im Sinn vnd Hertzen verborgen hatte.

O, sprach der Beampte, neben den ich mich gesetzt, der grausamen Gottslästerungen. Dann nach dem ihm der erste Wuth in[Rand: Pro forma / Fluchen] etwas vergangen vnd das Gottlästern nachgelassen, damit er jedoch dem Fluchen noch gleich schwören möge, so muß es dergestalt mit Botz, mit Bieu, mit Hafen vnd Deckel beschönet vnnd verdeckt werden; welches nicht minder noch besser ist als das andere auch. Es ist ein Gottloses Hertz, so dem fluchen gäntzlich vnd einen weg als den andern ergeben, nur daß er jetzt glimpfflichere Worte braucht. Vnd damit er in seiner höchsten Besserung den Teufflischen Wuth deß Fluchens vergesse, so ist es ihm doch noch ein rechte Lust, dem Fluchen gleich zufluchen.

Damit nur dem tollen Narren, dem Zwerchen, die Grillen vergiengen, ließ Putiacala noch mehr Spiel-Leute auff seinen Kosten kommen, vnnd gunge alles zu vnderst, zu oberst, in sonderheit mit Tantzen; da ers der eine auff Welsch, der ander auff Teutsch, der dritte auff Crabatisch, der vierdte auff Polnisch machte, vnd an wem der Reye war, dem musten die andern nachfolgen, mit diesen Worten: Der ist des Teuffels, der nicht mit macht.

Es gab allerhand Gesellschafften von Frawen-Zimmer, als man immer vmbs Geld hat haben mögen. Vnder andern war eine Vornehme Dochter eines Beampten, welche auß Vnglück auch zu der Gesellschafft gerathen, deren wolte Bbwtz mit Gewalt Leyd than haben; wurde aber so wol von vns, als den Beampten vnnd Befelchshabern der Besatzung mit harten Worten abgehalten, oder er solte sie Freyen.

Der ist des Teuffels, sprach er, der eine freyet, wer wolt sich die Lust so enge spannen lassen; Freyen ist gut, wans frey vnd täglich new. Ich wolte mich ehe verheissen, biß in Ost-Indien zu ziehen, da ein rechtschaffen Soldat noch besser angesehen wird als vnder euch Herren; wie will einer redlich fechten können,[310] wan er ein solch Geschläpp vmb sich hat hencken. Der ist deß Teuffels, der eine länger als ein Stund lieb hat.

Sibentzig Meilen von Goa in Ost-Indien, sprach er, ligt ein[Rand: Joh. Verckens / 9. Theil Ostindisch / Schiffart. / 26. Blatt] Land vnd Statt, Cananor, zehn Meylen disseits Calicuth. Desselben Königs in Cananor Soldaten dörffen sich nicht befreyen, sondern sie haben das Recht vnnd den Gebrauch, daß, in welcher Statt oder Dorff sie sein, sie für eines Bürgers oder Bawren Hauß, wohin es ihnen geliebet oder gelustet, gehen vnd daselbst etwas von ihrem Gewehr hieneingeben mögen, biß sie etwa hiengehen vnd ihr Geschäfft verrichten. Sie ruffen aber entweder der Frawen oder Tochter oder der Magd im selben Hauß, zu welcher sie einen Gefallen haben, derselben geben sie das Gewehr auffzuheben; vnnd weiß dann dieselbe gar wol was ihr zu thun gebühret; dann sie darff nicht außgehen, sondern muß sich in dem Hauß halten vnd fertig machen, daß sie, wann der Soldat wider kommet, bey ihm schlaffe; vnnd solches durchauß, sonder einiges Widersprechen deß Manns oder der Eltern, oder sonst irgend einiger Person, bey höchster Leibs-Straff.

Es wuste aber Bbwtz mit aller dieser Geschichts-Erzehlung nichts außzurichten, vnd wurde das Frawen-Zimmer zu Vorkommung ihrer grösseren Ungelegenheit mit Fug abgeschafft vnnd die Gesundheiten so lang fortgetrieben, biß wir nun ermüdet einer nach dem andern den Abschied nahmen vnnd sich ein jeder in seine Höle verkroche. Cliton, den wir den edeln Schäffer nennen wegen seiner vortrefflichen Sinnreichesten Spiele, deren anderwerts absonderlich solle gedacht werden, war der erste, so den Abschied nam mit folgendem Gesang, dem wir alle wegen Liebe vnd Freundschafft zu ihm, bescheid zu thun nicht außschlagen kunten.


1.
Mein Freund, dir will ich eins singen
Von dem lieben süessen Wein,
Doch noch dieses dir vor bringen:
Holla Jung, schenck eines ein.
2.
Dann mein Thun besteht im Trincken;
Wo der Mangel in dem Wein,
[311]
Will mir Hertz vnd Seel versincken.
Komb Jung, schenck noch eines ein.
3.
Noch kan ich den Durst nicht stillen.
Weils dann muß gesoffen sein,
Will ich mich erst recht anfüllen.
Hör Jung, schenck drey Gläser ein.
4.
Die Gesundheit soll vmbgehen
Deren, die stets durstig sein,
Keiner laß die vor sich stehen;
Du vnd ich seynds nicht allein.
5.
Bruder, diesen soltu haben,
Seh, wie süß schleicht er mir ein!
Mich kan nichts dann Wein erlaben.
Jung, schenck roth vnd weyssen ein.
6.
Wie lang lastu diesen stehen?
Seh den truncknen Bruder an!
Muß er so von Durst vergehen,
Rath, wie mann ihm helffen kan.
7.
Bey den Bawren ist gut singen,
Jene schencken eim noch ein;
Hier will keiner mir eins bringen.
Jung, wilt mir barmhertzig sein?
8.
Bruder, gib mir von dem Schüncken,
Nehm du dir die Pfeiff Taback.
Jung, gib mir noch mehr zu trincken!
Wer spielt mit mir Dicke Dack?
9.
Nun, ihr Herren, in die Waffen!
Jung, schenck jedem noch eins ein.
Wollen wir beim Tisch entschlaffen?
Straffwerth soll der letzte sein.
[312] 10.
Ehe der Abscheid wird genommen,
Muß es noch beschlossen sein,
Wo wir Morgen zsamen kommen,
Bruder, bey dir kehr ich ein.
11.
Jeder trincke noch den Segen,
Als dann schadet ihm kein Wein.
Muß ich einig alls erwegen?
Muß ich dann der witzigst sein?
12.
Jung, laß hier die Leuchter bringen!
Liebster Bruder, gute Nacht!
Mein Gesang will nicht mehr klingen,
Hapus, Hapus gute Nacht.

Damit war auch diese Gastung fast spath in die Nacht zu Ende gebracht.

Deß folgenden Tags in wehrenden diesen Frewden, ehe wir vnsere Ochsen gar verzehret hatten (dann es muste das meiste, so wir gewonnen, durch die Gurgel gehen, vnnd der beste Genieß so wir davon hatten, der war aller der Gurgel zu theil, weil wir[Rand: Warumb Soldaten / so viel / zechen?] auß vnsern Handlungen vns die Rechnung leichtlich selbst machen kunten, es würde doch der Halß vnd die Gurgel die Zeche bezahlen müssen, darumb liessen wir sie dessen auch redlich geniessen) kam vns durch Mündlich-vertrawte Bottschafft gewisse Nachrichtung zu, daß auff ein Meilwegs oder fünffe, wir mit geringer Liste vnnd Mühe ein bekantes Edelmans Schloß einnemmen, außblündern vnd treffliche Beute machen köndten. Weil nun mir der Wein diese Tag über vnnd deß morgens (dann wir schon bey drey Maß Branten-Wein, Bier vnnd Tabac gesoffen hatten) zimblich Muth oder Vermessenheit gemacht hatte (dann bey zuviel Wein[Rand: Trunckenheit / macht vergessene / Leut] ziecht Rath auß vnd Frevel ein) gab ich mich für ein Gesellen dieses Spiels mit an (will nicht sagen daß ich die Partey selbst geführet, sonsten müßte ich es gethan haben) zogen also gegen Abend fort selbst eylffe (den Glauben hatten wir auff gut Strassenfegerisch, daß man kein Parthey mit Gerad, sonder mit vngrad[Rand: Partheyen / thun] machen solte, so würden wir Glück haben, vnnd könte der Teuffel [313] keinen von vns holen, wie wol wir in solchem Glauben auch offt betrogen worden).

Vnderwegs stiesse vns auff ein gut Gesell, den ich wol kante, der beklagte sich, daß er Abgebrant war (das ist nach der Feld-Sprach so viel, als daß er vmb alles kommen vnnd erarmet war, daß er alles zugesetzt vnnd verlohren hatte) vnd er wolte stracks Fuß mitgehen, wo es auch hingelten möchte, die Abenthewr zu verrichten. Aber eben darumb, daß wir schon eylffe waren vnd in Forchten stunden, wo wir den zwölfften zu vns nemmen würden, der Teuffel einen von vns weg geführet hätte, als befahlen wir ihm, fürter vnd biß zu vnserer Gesellschafft zu gehen.

Vnsern Anschlag aber in das Werck zurichten, so mußten wir vns theils verkleiden, welches also geschahe; zween von vns, die noch wenig Bart hatten vnnd denselben glatt abnemmen lassen, verkleideten sich in Weibs-Kleider, die Pistolen vnter dem Fürtuch, ich aber vnnd noch ein anderer in Bawrs-Kleidern, nahmen Rück-Körbe auff vns, die Gewehr vnder den Kothschäntzen verborgen haltende, vnnd kamen mit einem Ohmen rothen Wein in zwey Fäßlein (welche vns durch gefangene vnd gebundene Bawren biß in den nechst gelegenen Busch nachgetragen worden, für das Hauß Morgen gegen halb acht Vhren, vnnd als vns von ferne zugeruffen war von einem der auff der Fall-Brück stunde, was wir wolten? Vnnd wir ihn beschieden, daß wir Rapsamen vmb Wein zu vertauschen oder bahr zu kauffen willens wären, wurden wir beygelassen. Im Hinderhalt aber in einem alten Stall stracks gegen der Brücke vber hatten wir vor tag die sieben Kerls mit Fewer-Rohren mit den zween gebundenen Bawren versteckt, allwo sie biß zum Zeichen stille lagen.

In dem wir nun von dem Verwalter, der in Hoffnung stunde, Geld zu lösen, in das Schloß geführet worden, warffen wir die Rück-Körbe so bald von vns, den Verwalter beim Ermel vnnd mit der Gewehr hervor, ich gab ein Loßung-Schuß, vnd der andere vnder dem Fürtuch auch herfür mit seiner Gewehr, so bald sprangen vnsere versteckte Kerls herbey, in das Schloß, vnd die Fallbrücke nach vns auffgezogen.

Nicht viel Gewalt war dißmal an den armen Leuten verübt, weil ich es nicht zulassen wolte; aber die beste Sachen (nach dem [314] alle Inwohnende in eine Kammer Wehrloß gesperret worden) wurden von vns alle in Säck vnnd Bettpinten, die wir auffgeschnitten, vnnd die Federn in den Hoff geschüttet, gepackt; vnnd was wir nicht tragen mochten, auff fünff Pferde geladen, vnd also dem nechsten Wald zu, dann einige Strassen zu brauchen, war vnsers Thuns nicht; also daß wir noch vor Tag bey vnserem Vnderschleiff wider wol angelangeten; der Kerl aber, so vns den Anschlag an Hand gegeben, war Knecht in selbigem Schloß gewesen, welchem der Verwalter seinen abverdienten Lied-Lohn neben seinen Kleidern vnverschuldet vnd vnbillich vorenthalten vnnd vmb geringer vnnd darzu erdichteter Sachen willen ihn übel tractirt hatte.

Der zog nun mit vns fort; die Magd aber schrye nach, vnd so kläglich, daß wir sie auß dem Gemach nemmen musten, dann weil sie in Sorgen stunde, es möchte auch sie wegen dieses Anschlags verargwohnt werden, wolte sie nicht mehr da bleiben, sondern mit vns fort, vnd versprach dem Knecht, so er sie Kirchen wolte (das ist, auff vnsere Art zureden, so er sie zu Kirchen führen wolte) trewlich bey zu wohnen, solches versprach er ihr mit Eyd bethewren, Leib vnd Seel verpfänden; aber die Eheliche Beywohnung ist also fürter ohne Kirchen geschehen, dahero ich dann, wie auch auß andern dergleichen Händelen gesehen, daß viel Soldaten zu Feld ihre Weiber dergestalt, vnd anderst nicht zur Kirchen führen, nemblich biß an die Thür vnnd darnach fort, als dieser auch gethan hatte.

Morgens legten wir vns zu Bette, dann wir hatten zwo Nächte nichts geschlaffen, aber der Schlaff wehrete da auch nicht lang, weil vns die andern mit hellem Hauffen auffweckten vnnd den Brant-Wein fürs Bett brachten, also daß wir auch nicht Zeit hatten, ein Vatter vnser zu betten, wie wol vns ohne das, als oben gedacht, das Betten nicht viel gehindert.

Etliche Tag sassen wir wider so steiff, als ob wir das ewig Leben mit Sauffen hätten verdienen wollen.

Nach welchem wurden wir wider durch einen Bawren vertrawlich gegen einem guten Tranckgeld, so er allemahl von vns bequame, berichtet, daß wir auff 5. Meylen andern Wegs ein fast reiches Stättlein an Vieh vnd Früchten ohne Gefahr besteigen konten; als er vns dann die Gelegenheit mit der Kreide vormahlete[315] vnnd versprach, vns den Ort deß Besteigens in Persohn zu weisen. Wir behielten den Bawren in vnserer Fröligkeit zween Tage, vnderdessen wir vns Berathschlugen, biß endlich der Schluß, dahin zu gehen, gemacht worden; also vnser waren 13 zu Pferd vnd 19 Fuß-Knechte von der Besatzung, da wir vns auffhielten; vmb 7 Vhr deß Tags gungen wir auß durch Gemälde gar langsam, also daß wir gegen Nacht nechst an den Ort kamen, dahin wir getrachtet; alda im Wald hielten wir vns still, biß es Neune schluge, da gungen ich vnnd noch einer gemächlich hinder den Bäumen, wiewol es schon finster war, biß an die Maur, zu vernemmen, ob die Schild-Wacht wachen oder schlaffen thäte. Aber es war noch zu frühe zu schlaffen, dann er wachete; vnnd nach dem die Glock zehen schlug, vnder dessen die Ronde zwey mal gangen, ward die Schild-Wacht nach langem Ruffen entlichen, als sie begehret, abgelößt, also daß ich darauß merckte, es müßte die Wacht-Stube weit von der Schild-Wacht entlegen, oder aber die gute Leut in der Haupt-Wacht schlaffen, oder doch auffs wenigste im Spielen so geschäfftig sein, daß sie nicht hören können.

Der aber ablösete, trat frisch auff, vnnd nach einer Viertel-Stunde fung er an zu singen ein Lied, wie mich deuchte, das zwar auff Soldatisch, doch nicht vneben gemacht war, welches ich auch, weil er es zum zweiten mal außgesungen von Worten also finster in meine Schreib-Taffel (wie mein Brauch jederzeit vnd nach Gelegenheit noch ist) verzeichnet, als es hie stehet; vnd muß ich bekennen, daß ich es mit Schrecken gehöret, vnnd mir im Hertzen vorkame, wie wohl ich nichts mercken liesse, daß wir an diesem Ort wenig außrichten würden.


[Rand: Ein veste / Burg]

1.
Gott ist der Christen Hülff vnd Macht,
Ein veste Citadelle.
Er wacht vnd schillert Tag vnd Nacht,
Thut Rond vnd Sentinelle.
JESVS, ist das Wort,
Brust-Wehr, weg vnd Port,
Der rechte Corpoural,
Haupt-Mann vnd General,
Quartier vnd Corps de garde.
[316] 2.
Mit vnser Wacht ist nichts gethan,
Es ist bald vbersehen,
Dann wers mit Mänschen fanget an,
Vmb den ists leicht geschehen.
Offtmals Glauben bricht
Ein Freund; Drumb wer nicht
Auff Gott trawt gantz allein,
Muß stets in Sorgen seyn
Vmb Leib, Gut, Ehr vnd Leben.
3.
Offt der, der vns verfechten soll,
Weiß weder Wehr noch Waffen,
Ligt auff der Haut, ist blind vnd voll,
Thut seine Rond verschlaffen,
Doch, Gott ist nicht weit
Von uns selber Zeit;
Vnd so wir bleiben frumm,
Ihn Kindlich bitten drumb
Die Engel vns verwachen.
4.
Vnd seh der Feind noch eins so sawr,
Als wolt er vns verschlingen,
Vnd käme schon biß auff die Mawr,
Soll ihm doch nicht gelingen,
Gott der mit vns ist,
Entdeckt seine List,
Und in eim Augenblick
Stoßt ihn hinab zurück,
Daß er mit Schand muß weichen.
5.
Gott Ehr vnd Preiß, der vns zu Gut
Die Feind mit Forcht thut schlagen
Vnd vber vns hat trewe Hut
Auff seinem Fewer-Wagen!
Sein gantz himmlisch Heer
Rondet vmb vns her;
Lobsingt, Lobsinget ihm,
Lobsingt mit heller Stimm:
Ehr sey Gott in der Höhe!
[317] 6.
Lob Ehr vnd Preiß sei seiner Macht,
Er ist die Citadelle,
Er wacht vnd schillert Tag vnd Nacht,
Thut Rond vnd Sentinelle.
JESVS ist das Wort,
Brust-Wehr, Weg vnd Port
Der rechte Corpourall,
Hauptman vnd General,
Quartier vnd Cordegarde.

In der Zeit war kein Runde gangen biß gegen eilff Vhren, da ruffte er an. Wer da? Gut Freund. Was für Freund? Ronde. Was für Rond? Hauptman. Geh fort, bleib mir von Leib. Da merckte ich allererst, daß die Wacht-Stube gar weit entlegen sein muste, weil er die Ronde nicht stehen hieß, noch den, der die Wacht hatte, herauß ruffte, vnd darumb auch vnsers Vorhabens endlich desto bessern Fortgang hoffete. Weil nun die Runde so wachtsam war, gungen wir allgemach zu rücke.

Nach anderhalb Stunden gungen wir wider hin vnnd fanden die Schild-Wacht schlaffen, dann sie schnarchte, daß wir es genug hieunden hörten. Es war gegen halb zwey Vhren; so bald gungen wir zu ruck vnd mahneten vnser Gesellschafft zum Anzug, als dann geschahe.

Nun ward eine Leiter von 24. Sprossen vorgetragen. Aber als wir dieselbe anschlugen vnd hienauff stiegen, befande sich, daß sie noch vmb 6 oder 7 Sprossen zu kurtz ward; derowegen wir vns also vnverrichter Sachen wider vor Tag musten zu ruck machen vnnd die Leiter in eim Garten nechst im stich ligen lassen; den Kerl aber, der vns den Anschlag gegeben, namen wir, weil er vns die Höche nicht besser erkundigt hatte, gebunden mit vns, vnnd durch den Wald abwerts, biß wir vnvermerckt vber das Wasser kommen konten, da thaten wir vns jenseits in den Wald vnnd paßten auff, ob wir jemand von Volck, so dem Stättle zu wolte, antreffen konten, als auch geschehen.

Dann nach dem vnderschiedliche Bawrsleute mit Hew vnnd Stroh dem Stättle zugiengen, hielten wir sie alle auff biß gegen 8 Vhren; von denselben aber erforscheten wir neben andern Sachen, daß die Bürger des Stättleins eben an dem Ort, da wir vbersteigen[318] wolten, da auch die Maur am niderigsten war, vmb daselbsten herumb desto sicherer zu seyn, vff zehen Schuh breit die Maur mit Immen-Körben besetzen lassen, als ich dann im Auffsteigen befunden, damit, so jemand da vber einbrechen vnd die Körbe, dann anderst hätte es nicht sein können, abwerffen würde, er vnd alle Anwesende von den erzürneten Imen wären zuruckgetrieben worden; welcher List wir vns fast verwunderten vnnd bey vns befanden, daß wir mit den Imen viel ein härtern Streit als mit den Menschen selbsten würden gehabt haben.

Auff daß wir nun diese Reise nicht vergebens gethan hätten, nahmen vnser viere der Bawren Kleider vnnd luden Rück-Körbe mit Hew auff vns, vnd weil wir durch vnser Schild-Wacht auff einem Eichbaum vernahmen, daß gleich am Stättle etliche stuck Rind-Vieh einzelicht geweidet wurden, giengen wir, die Wehr verborgen, auff dieselbe zu: die Schild-Wacht im Stättle vff dem Thurn, so vns für Bawren ansahe, deren Gewonheit war, morgens vmb diese Zeit anzukommen, ihr halb erhungertes Vieh zufüttern, ohne Anziehung deß dazu verordneten Lärmen-Glöckleins ließ vns gehen, biß daß wir das Vieh erreichten vnnd gegen dem Wald zu trieben: dann ob wol als dann die Bürger auff vns zu gesonnen, waren sie doch von vnsern ankommenden Soldaten zu ruck gehalten, also daß wir das Vieh davon brachten vnd der Arbeit vmb etwas ergötzt wurden.

Vnder den jenigen Bawren, so wir im Wald dißmal gefangen, war auch ein Kauffmans Sohn vnd Student, von Eerps; den wir so lang in Banden behalten, biß über 14 Tag hernach Post angekommen, daß sein Vatter vnserer Gevollmächtigten, einer Wittiben zu Cöln, solch Geld der Außlösung, nemblich ein hundert Gülden zu 24 Pattars, laut Quittung bezahlt hätte, die lautete also:


Ick Weduvve van den Secretaris Cols kenne ontfanghen [Rand: Quittantz] te hebben uut handen van Antonis Meyer van Eerps, die Summe van hondert Guldens, vvaerinne begrepen is een billet van tvvee ensestich Guldens, vvar van mijnen clerck een billet heeft ghegheuen, en dat in een tecken der vvaerheyt heb ick mynen Naem hier onder gheset.

Caterina van Granvelle.


[319] Vier von den Bawren, so sich mit Worten etwas trutzig gegen vns vernehmen lassen, musten mit vns fort; vnnd weilen sie vnsers Willens nicht leben wolten, wurden sie mit Faust-Hämern zu tod gehawen.

Lffl, der grausamlich gegen sie wütete vnd den einen oben zum Kopf hienein hiewe, daß ihm der Spitz zu dem rechten Aug wieder außgieng, war von mir gebetten, eines fast alten Mannes zu verschonen. Aber er verschwure sich, der wäre deß Teuffels, der sie nicht alle schlaffen legte. Wie er dann solches an einem nach dem andern vollbracht hatte.

Als wir aber zu ruck kamen, schickte der Hauptman von gedachtem Stättle zu vns mit Schreiben: Ob wir ihme das Vieh wider zu lösen geben wolten? deme ward es rund abgeschlagen; vnd weil das Schreiben in sich hatte, daß wir wohl auff ihr Vieh vnd sie hergegen auff das vnserige streiffen wolten, wann allein die Menschen beiderseits frey sein möchten, mit diesen Worten:


Hoch Edle Gestrenge Herrn.


[Rand: Schreiben] DAß die Herrn gestrigs Tags meinen Bürgern ein theil ihres Viehs nechst hier abgenommen haben, das hätte ich mich jetzt eben wenig versehen, als der ich ihrer Bawren lange Zeit verschonet hab. Nun muß ich es zwar geschehen lassen vnd dencken, daß ihnen sonst irgend ein Anschlag zu Wasser worden sein müsse, deßwegen sie noch im Harnisch vnnd dieses Vieh auß Noth mitgenommen; dem aber seye, wie wolle, so hoffe ich gleichwol, die Herren werden dieses Vieh wider vmb ein stück Gelds außvolgen lassen; vnd, so es vns beider seits einträglich, wie ich erachte, sein mag, wollen sie künfftig die angefangene Vehde fortsetzen, dergestalt, daß ich ihrer Bawren Vieh dort vnden, sie aber meiner Bawren Vieh hie oben vngehindert wegtreiben lassen, weil doch die Bernheuter keinerseits dem redlichen Soldaten mit Lieb was zu gut kommen lassen. Allein der Bawren selbsten bitte ich bey allen Zufälligkeiten zu verschonen, damit wir desto lenger Nutzen von ihnen gehaben mögen. Worüber ich der Herrn Erklärung erwarte vnd verbleibe, ausser Herren-Dienst,

Meiner Herren

Dienstwilliger Knecht

D.V.


Vnd aber der Bawr, so vns das Schreiben gebracht, dasselbige ablesen hörete, antwortete er freventlich: Ich sehe wohl ihr Herren, [320] ob ihr schon Feind gegen einander seyt, so verstehet ihr einander doch gar wol, indem vnser Hauptman euch ladet, vnser Vieh zu beuten vnd daß er hingegen ewerer Bawren Kühe holen wolle, daß muß ja zu erbarmen sein, daß wir arme Leuth allerseits den Schaden haben vnd aller Krieg allein vber die armen Bawren[Rand: Quicquid delirant / Reges / plectuntur / Achivi] muß außgehen!

Vnd in Warheit zu reden, so muß ich selbs bekennen, daß der Bawr recht gesagt; denn seithero diesem Schreiben, wann vns einige Feinds-Parthey auffgestossen, so seynd wir abweg gangen, sie hingegen auch auff die andere Seiten vnnd haben einander nimmer angegriffen, biß vns der Teuffel auffs letzte gar beschissen, aber beederseits musten die Bawren herhalten, wo sie was hatten, oder wo wir ihr Vieh erlangen konten.

Damit wir aber vnser Sach desto besser möchten beschöhnen vnd wider sie durchtreiben, anstatt daß sie vermeynten, ihr Vieh widerumb zu haben, so forderten wir ihnen hingegen eine wochentliche Schatzung (Contribution) oder daß, in Mangel derselben, wir sie auff das eusserste verfolgen wolten. Vnd war vnser Schreiben, so Grdn. Mllt. Chstln. an die Bürger deß Stättles thäten, dieses:


Vielgeliebte Herrn vnd Bürger. Daß wir wegen Außlösung[Rand: 2 Brieffe] ihres Viehes dißmahl nicht einwilligen können, wollen sie den Kriegsgeheimen Vrsachen zuschreiben, als wir dann ihren Commendanten deßwegen auch berichtet haben. Vnnd ob wir schon vor diesem wegen Außlösung vnsers Mitt-Gesellen Bttrwtz die Parolle gegeben, ihnen im geringsten einige molestie nicht mehr zuzufügen, so ist doch solches, mit vns vnentnommenen distinctionen, der Gestalt geschehen, daß wir vmb ein mehrers, als vns wol gefället vnd vorträglich ist, nicht obligiret sein mögen.

Wo fern aber ihr euch von dato an nach andern ewern vns bewusten wol-müglichen Bequemligkeiten mit einem stuck Gelds, wochentlicher Erkandnuß gegen vns einstellen werdet, so sollet ihr nachmahlen von vns vnd von allen vnsern Angehörigen bei Cavalliers [321] parolle versichert sein, Friedsamer massen des Ewrigen zugeniessen.

Dann ob wol vns auß Ewerer zum offtern gethaner Erklärung bekant ist, daß beydes ewere genädige Herrschafft, so dann ihr selbsten, vnserer allergnädigsten Obrigkeit allzeit getrew zu seyn begehren thunt, so haben wir doch disen Brauch, daß wir keinen Menschen anderst Glauben zustellen, als wann sie solche Trewe mit greifflicher Erkantnuß gegen vns im Werck sehen lassen vnnd erweisen. So aber wider alles verhoffen solches nicht beschihet, vnd ihr an schüldigerContestirung säumig sein würdet, wollen wir bey höchster Warheit ohn all ewere Entschuldigung bedacht sein, vmbligende zu ihrer Herrschafft gehörige Oerter vnd Dörffer, als vnserer Feinde vnd Rebellen, wegen ihrer Halßstarrigkeit mit Fewer vnd Schwert, mit Verhergung vnd Brand vnnd allen andern Kriegs-Molestationen gantz in Grund ruiniren zulassen. Warnach sie sich zu richten, vnd seynd wir ihres Gelds mit ehistem gewärtig.

G.M.C.


Auff welches Schreiben wir zwar andern Tags ein Wider-Antwort von den Bürgern, aber doch viel anderst, dann wir begehrt hatten, bekamen, die lautet also:

Hoch-edle gestrenge Herren, ihr vnverdientes, vnnd dannenhero vnvermuthetes Schreiben sampt der vertrawlichen Correspondenz mit vnserm Commendanten vber vnser wenig Viehs vnd Consequenter vber vnser Armuth vnd Leben haben wir beydes von vnserm Mit-Bürger erhalten. Solches zu beantworten, achten wir zwar für keine Schuldigkeit, aber doch für eine hohe Nothturfft, damit die Herren gleichwol sehen mögen, wie mit so gar wenigem Fug sie vns dergestalt anzusuchen vnd Vn-Christlich zu betrohen, Vrsach haben.

Vnd ist erstlich zu erbarmen, daß all dieser Landen nun viel Jahr hero verübtes Plündern, Rauben vnnd Morden etlicher wenigen (dann von rechtschaffenen redlichen Soldaten, da Feind auff Feind gehet, wir hie gantz nichts wollen geandet haben) nur auff den armen Bawers-Mann vnd seine vbrige gar wenige Mittel ist angesehen; vnd daß wir gezwungener weyse Feinde sein müssen, die wir doch weniger als nichts Feindschafft vnnd Krieg suchen oder Gedencken. Ja zu erbarmen! was vnser eigener Commendant vns[322] vber die gewohnliche Außsaugungen (als da sind die tägliche Wachten, die Schildwachten, das Handfröhnen, das Holtzmachen, daß Bottenlauffen, das Essen geben, das 2. 3. 4 fache Geld geben, das Comis geben, das Service geben, das Sold geben, das Straffen geben etc.) abzunemmen, muß Furcht haben; daß er gleich wol die Herren solches zu thun darff veranlassen vnnd einladen, damit er hingegen durch sie einen ebenmässigen Vortheil auff die arme gleich-vnschuldige Leute drunden zu Lande von hie auß vngehindert suchen möge. Welches von ihnen beyderseits nimmer geschehen würde, wo sie einige Ader im Leibe hätten, die begierig wäre, ihrer allerhöchsten Obrigkeit, wie sie sagen, Recht vnd Sache, sampt der Alt-Teutschen Freyheit, mit angenemmen ehrlichen Ritter-Diensten vnnd nicht mit so schlimmen actionen zu verfechten vnd allein weit vom Geschütz nur auff dem armen Landman mit grausamen Vnthaten zu ligen. So wir doch seines Orts beruhen lassen müssen vnd allein den Allerhöchsten von Hertzen bitten, daß er alle, Redlichkeit- Gott- Ehr- vnnd das Vatterland liebende Teutsche Soldaten mit gnädiger Obsicht erhalten vnd an Leib vnd Seel segnen; hingegen aber allen Landverderblichen Strassen-Raubern, Frey-Beutern, Mord-Thätern, Schnapp-Hahnen, Hecken-Kriegern ihre verdiente Straff wolle dermahlen widerfahren lassen. Belangend das Schreiben in specie, welches die Herren an vns, vornemblich wegen begehrterContribution, thun lassen, so scheinet es vns frembd gnug sein. Dann ob wir schon, wie wol ausser aller Schuldigkeit, zu Vorkommung ewerer feindseeligen Mordstreiffungen, auß dem vnsrigen gern etwas thun wolten, so seynd wir doch von ihnen selbsten so weit gewarnet, daß wir allen ihren hohen Cavalliers parollen vmb ein mehres vnnd länger nicht, als mit Besorgung vnentnommener distinctionen, nemlich so fern es ihnen zu halten wolgefallen vnd vorträglich sein möchte, trawen vnd also vmb weniger als nichts glauben zustellen können. Plures enim sub illa fide vestra misere deceptos et expilatos fuisse suo id malo didicerunt.

Schmertzlich aber, ja Vnchristlich kompt vns vor, daß sie vns vnd vnseren armen vnschuldigen Leuthen, die doch das Leben mit ihrem sawren Hand-Ackerbaw kaum erhalten mögen, im Fall nicht [323] volgender Einwilligung annoch mit Fewer vnd Schwert, mit Verhergung vnd Brand vnd allen andern Kriegs Molestationen als Feinde vnd Rebellen, wie sie vns auß Gewaltmässigkeit nennen thun, zu verfolgen betröwen. Welche blutdurstige Wort, wann sie von einem Türcken gesprochen würden, genugsam wären sein vnchristliches Hertz an tag zu geben.

Es ist bekant aller Welt, daß weder vnsere gnädige Herrschafft noch wir wider vnsere allerhöchste Oberkeit jemahlen ichtwas gethan oder gedacht haben, ja den Herren selbsten ist es so bewust, daß sie ihr eigen Hertz vnd Gewissen darüber dessen zu gezeugen haben; vnnd doch, weil sie mercken, daß vns Gott noch etwas wenig Mittel zu vnser vnd vnser armer Kinder genaulicher Vnderhaltung vor ihrem vnbarmhertzigen Blündern vbrig erhalten hat, vnnd aber sie solches (ihre vnersättliche Begierde zu erfüllen) von vns anderst nichts gehaben mögen, so vnderstehn sie sich, mit vnverantwortlicher vnd Halßsträfflicher Mißbrauchung der allerhöchsten Oberkeit Autorität vnnd Namens vns dieselbige außzuschröcken, außzutröwen vnd außzuzwingen.

Ist aber das nicht höchst zu beklagen vnd zu erbarmen, daß es in vnserm geliebten Vatterland nunmehr zu solcher Vnordnung, dissolution vnd Extremität gekommen ist, daß auch so offenbahre vornemme Landstreiffer zu Colorirung vnd Beschönung ihrer vnverantwortlichen Handlungen der allerhöchsten Obrigkeit Authorität vnd Namen mit einmischen vnd zum Vorwand so Gewissenloser Sachen gebrauchen dörffen! welche einige That, euch Summi Criminis Reos zu machen, viel zu groß ist. Dann dergestalt ein jeglicher, der noch etwas wenigs vbrig hat, eweren Gelüsten nach für einen Rebellen [Rand: Venator] vnd Feind muß außgeruffen vnd gehalten werden. Omnia enim sibi vindicant et rapiunt, qui Summi Magistratus Authoritate omnia excusant. Vnd wer sich ewerm schnöden freveln Willen nicht vndergibet, die allerhöchste Oberkeit, (ob er deren schon biß in Todt getrew wäre) muß offendiret haben. O meine Herren, es ist warhafftig:


[Rand: bis Aquil. / Coll. 10.]

Singula non novit Caesar, sub nomine quamvis

Caesareo passim multa patrata vides.


[324] Solte das nicht Vrsach gnug sein (wann solcher Muthwillen in vnserm Vatterland von bösen Buben auff ehrliche Leuth also vngestrafft verübet wird, vnd doch ohne Rettung muß gelitten, ja auch nicht geklaget werden) einem so vbel gehaltenem Mann sein Hertz vnd Sinn allererst von den jenigen Diensten vnnd Liebe abzuziehen, deren er doch jederzeit in seiner Seelen ergeben gewesen; oder doch, auffs wenigste Anlaß geben, zu Gott zu seufftzen, daß er der Allerhöchsten vnnd allen Christlichen Oberkeiten die so weit eingerissene Kriegsdissolutiones, Vnwesen vnd Vnordnung ernstlicher vnd Christlicher zu straffen, eingeben wollen, damit sie in Fortsetzung der gerechten Waffen desto glücklichere Successus von Gott zu gewarten hätten.

Dann wie wolte Gott derjenigen Waffen mit glücklichen Successen segnen können, Welche vnder ihres Namens Authorität vnd durch wissentlicheConniventz, so vnerhörte, vnchristliche Exactiones, Rauben, Plündern, Schinden vnd Morden auß Gewissenlosen Staats-Vrsachen vngestrafft fürüber gehen lassen!


Euch schwör ich, Ihr Potentaten!

Gott, der einen Bürgersmann

Vmb ein Sündlein finden kan,

Wird von euch all diese Thaten,

Dieses Morden, Raub vnd Brand,

So ihr vnder ewerm Namen

Lasset vngestraffet ahmen,

Forderen von ewrer Hand.

Ich sag nicht von denen Helden,

Welche wagen Leib vnd Blut

Gott, dem Vatterland zu gut;

Von euch nur will ich es melden,

Die ihr vmb die Eitelkeit,

Nur vmb zeitlich Gut vnd Ehre;

Nicht vmb Glaubens Sach noch Lehre,

Nicht vmb Gott bekümmert seyt.


Haben also auff der Herren begehren vns nach ihrem Schreiben dergestalt gerichtet, das wir hoffen, Gott, der vns von ihrem Obersten, dem Teuffel, erlöset hat, werde vns auch vor ihrem vnchristlichen begienen, als er schon bey der vor wenig Tagen vermeynter nächtlicher Vbersteigung augenscheinlich gethan hat, auß Gnaden behüten. Geben, etc.

D.M.


[325] Ich kann nicht läugnen, daß, ob ich schon in meinem Hertzen diesen armen Leuten recht geben muste, vnd mich selbst verwundert hat, daß so grewliche Thaten nicht eher an vns getadelt oder gestrafft worden, doch theils wegen der Gesellschafft, theils auch, daß es mir in den Seckel truge, ich die Sach fast eben so starck wider sie triebe als irgend einer.

Keiner von vns wolte viel reden wegen dieses Schreibens, dann so vnverhofft, als es vns zukame, so trefflich roche es vns allen in die Nase daß wir also etliche noch Gefangene Bawren jämmerlich deßwegen tractirten.

Den Vnmuth aber vnd den Teuffel (von dem vns zu träumen anfangen wolte) zu vergessen, so stelleten wir widerumb eine köstliche Gasterey an auff den andern Mittag, dazu wir auch etliche Geistliche laden thaten, welche zu besprechen Bbwtz vnd Ich verordnet worden. Der Pfarrherr deß Orts, ein Mann hoher Gaben vnd großer Gedult, die er bey zehen Jahren mit vnglaublicher Gefahr vnd erlittener Armuth durch Gott befästigt hatte, dem es gar frembd war, daß solche Leuthe, als wir waren, zu ihm kommen solten, nach dem er vnsre Werbung angehört, willigte stracks ein mit diesen Worten: vielleicht will GOtt, daß ich einem von den Herren noch dienen solle; dessen ich mich bedanckte. Bbwtz aber darauff herauß fuhr, der ist deß Teuffels, der eines Pfaffen begehret, ich nicht. Wann ich einen Pfaffen neben mir sehe, so stehe ich in Sorgen, ich muß hencken.

Den ich etwas mit den Fingern betrowend freundlich straffete. Also der Pfarrherr einen Trunck ließ beybringen, vnd auff vnser beyder Leib vnd Seelen Wolfahrt mir eines zubrachte, auch sonst so annehmlich Gespräch hatte, daß ich fragte, ob er nicht morgen Predig hielte, so wolte ich einest in die Kirchen gehen, deren ich lange zeit (anderst als auß Vorsatz, was zu finden) keine besucht hätte. Er sprach, ja morgen, ehe wir zum Imbiß kommen, wils Gott.

Bbwtz, der in Forchten stunde, er müste auch irgend in die[Rand: Kirchen gehen] Kirche gehen: Bruder, sprach er, du bist ein Narr, der ist deß Teuffels, der in die Kirchen gehet. Der ist deß Teuffels, der Predig höret.

Weil ich nun sahe, daß so böse Wort dem guten Pfarrherrn [326] mißfielen vnd er sich bey vns förchtete, gung ich fort; im Außgehen aber gab ich dem Pfarrherrn zwo Dublonen, die solte er meinetwegen benötigten haußarmen Witwen oder Waysen vmb Gottes willen geben.

Bbwtz, den solches hefftig verdroß, vnnd fast vnsinnig machte: Du Bruder, sprach er, du bist ein rechte Hunds-Fut, du hättest wol diß Geld den Spiel-Leuten zum Besten geben, sie hätten vns auffgespielet, biß der Teuffel gestorben wäre; du bist ein rechter Narr, der ist deß Teuffels, der etwas vmb Gottes willen gibt.[Rand: Allmosen]

Worauff der Pfarrherr sitsam antwortete, ey ey, nicht so, mein lieber Herr, was gilts, er wird noch spüren, das Philander dieses Geld in wenig Tagen hundertfeltig wider krigen solle; Gott wird ihn behüten da andere in Vnglück kommen werden.

Ihr Herren, sprach er ferner, glaubet mir, wann einer nur mit solchem Hertzen vnd Meynung im Krieg dienet, daß er nichts anderst sucht noch denckt, dann Gut zu erwerben, vnnd ist zeitlich gut sein einige Vrsache, also daß er nicht gern sihet, daß Friede ist, vnnd ihm Leyd ist, daß nicht Krieg ist, der tritt freylich auß[Rand: D. Luth. / tom. 3. Jen. / Fol. 327. b.] der Bahn vnd ist deß Teuffels, wann er gleich auß Gehorsam vnd durch auffboth seines Herrn krieget.

Bbwtz, den diese Wort in das Hertz schneideten, kehrete sich zu mir vnd sprach mir in ein Ohr, der Pfaff muß mir die Wort thewr gnug bezahlen, der Teuffel hole ihn dann. Vnd zum Pfarrherrn sprach er, Herr Pfaff weil das Allmosen so viel Krafft haben soll, mein, kan er mir dann nicht etwas Geistliches zukommen lassen, daß ich fest werde für Hawen, Stechen vnd Schiessen, so will ich ihm auch ein Allmosen geben?

Der Pfarrherr antwortete: Simon Magus hätte auch von dem H. Apostel Petro heylige Sachen vmbs Geld begehret, aber den Danck so er bekommen habe, werde GOtt allen Simonischen widerfahren lassen; doch wir solten wider ein Gang mit ihm in die Stube thun, er wolte ihn lehren, wie er fest werden könne.

Als wir nun wider hinein kamen vnd der Pfarrher ein grosses Buch auffsuchete, warffe Bbwtz, als ob er gar ernstlich dem Herrn Pfarrherrn zuhören wolte, seine Handschuch auff das Thresor vnnd that den Säbel vom Leib. Der Pfarrherr aber, nachdem er etliche Blätter durchsuchet, lase auß dem Buche also:

[327] [Rand: Recipe sich fest / zu machen] Es haben die Kriegs- Leute viel Aberglaubens im Streit, da sich einer S. Georgen, der ander S. Christoffel befiehlet, einer[Rand: Luth. Tom. 3. / Jen. fol. 329 b.] diesem, der ander dem Heyligen. Etliche können Eysen vnnd Büchsen beschwören. Etliche können Roß vnd Reuter segnen. Etliche tragen S. Johannes Evangelium oder sonsten etwas bey sich, darauff sie sich verlassen, diese alle sampt seind in fährlichem Stand, dann sie glauben nicht an Gott, sondern versündigen sich vielmehr mit Vnglauben an Gott, vnd wo sie sterben, müssen sie auch verlohren sein.

Es heisset wohl:


[Rand: Prov. 24. v. 106.]

Der ist nicht starck, der in der Noth nicht fest ist.


Aber der Verstand dieser Worte sagt: der nicht Mannfest ist, der nicht resolut ist: vnd auff Gott fest trawet.


Der Soldat ist nicht gut,

Der nicht fest trawt auff Gott,

Der nicht Mannfest in Noth

Vnd singt das Re sol ut.


GOTT kan behertzt machen, kan fest vnnd Schutzfrey machen. Er kan vnsichtbar machen, vnd das hat Bestand. Was aber durch losen Aberglauben vnnd Mißglauben vom Teuffel geschicht, das kommet Leib vnd Seel zum Verderben.

Kan nicht Gott den Feinden das Gesicht nemmen? Durch die Sonnen-Strahlen, durch vnversehenen Wind, Rauch, Staub, Regen, Nebel, daß sie uns nicht sehen, sich selbst vnter einander nicht kennen? Kan er nicht ihre Sinne stürtzen? ihre Gedancken vnd Hertzen verwirren, daß sie nicht wissen, wo sie sind, einander selbst mißtrawen, vnd Fehlschüsse in die Lufft thun? Vnnd dieses alles vnd vielmehr kann Gott in einem Augenblick thun, wann wir nur das Vnsrige auch thun vnd ihm vertrawen:


Si tibi Christus adest, fiet tibi aranea murus.


Als nun diese Lehr dem Bbwtz viel zu schwer war zu glauben, vnd er was anderst gehoffet hatte; Wer Teuffel, sprach er, wolt [328] auß dem Ding allem kommen? laß uns nach der Herberg gehen; gute Zeit, Herr Pfaff! vnd nam seine Hand-Schuhe vom Thresor, vnd gingen wider mit einander fort.

Hab ich nicht gesagt, sprach Bbwtz zu mir vnder Wegs, der Pfaff muß mir diese Wort bezahlen, der Teuffel hole ihn dann, siehe da.

Vnd in dem weisete er mir einen silbern Löffel, der auff dem Thresor gelegen war, auff welchen er, vmb denselben zu erhaschen, die Hand-Schuhe mit allem fleiß geworffen vnd also vnvermerckt davon gebracht.

Deß andern Tags nun waren wir lustig vnd guter dinge, vnd gieng alles daher in floribus, mit dischen, fressen, sauffen vnd prassen auff den alten Kayser hinein; vnd sobald an Speysen vnd allerley der besten alten Weinen was mangelte, so mußte der Würth Stösse von uns befahren.

Wir hatten aber auch bey vns noch etliche Bawren, so wir gefangen hielten, die vermeyneten wir, mit Sauffen dahin zu bringen, daß sie ihre Rachtung machen solten, welche zwar der Zech beygewohnet, aber gantz nichts einwilligen wollen, deßwegen sie hernach grawsamlich gemartert worden. Meines wissens kam solche ihr Halßstarrigkeit daher, weil sie durch ein Lied, so ihnen Lffll zu Leid oder Lieb gesungen hatte, erschreckt worden. also:


Dies zahlen müssen, sind schon hie,

Drumb freßt vnd saufft ohn Sorg vnd Mühe,

Als wie die Kühe,

Sie seynd schon hie.

Die Bawren da trifft es jetzt an,

Die müssen den Balk strecken dran,

Sich schinden lahn,

Es trifft sie an etc.

[Rand: Guarinon I. 2. / c. 34. p. 229 B.]


Der Pfarrherr aber, nachdem er auff ein halbe Stund bey vns gewest vnd vnsere Tugenden erkennen lernen, auß Forcht, daß er mit vns von der Erden verschlucket würde, gienge vnder dem Fürwort, einen Krancken zu besuchen, davon; die Gesellschafft war dessen nicht minder erfrewet, als die sich eben so sehr vor einem Geistlichen besorget, vnd mehr, als vor dem Teuffel.

[329] Ward also alle Lust vnnd Fröligkeit angefangen, vnd war einmütig verschworen, nicht von einander zu weichen, biß daß dieses Vieh alles mit einander versoffen wäre.

Ich muß bekennen, nach dem ich frühe morgens einmahl in der Kirchen gewest, war mir gar wol vnnd darumb auch desto frölicher als andere, mit singen, springen vnnd beschaid thun, dessen sie alle trefflich zu frieden.

Kurtz, Es hatte bey mir das Ansehen, als ob ich Sporenstreichs der Höllen hätte zulauffen wollen.

Aber siehe, die grosse Gnade deß barmhertzigen Gottes, in dem ich tobend vnd wütend schnaubete, alle Tugend, wo nicht gar außzurotten, doch auffs wenigste zu beschmitzen, gieng es mir wie dem Saulus, daß mich deuchte, ich hörete warhafftig eine Stimme, die zu mir sprach: Philander, Philander, es wird dir schwer werden, also wider Gott vnd Gewissen zu streitten. Also daß ich mitten im Dantz still stunde vnd, gleichsam ich geschlagen wäre, nicht fort konte.

Sasse derowegen ein wenig zur Ruhe beyseits vnnd bedachte bey mir, was für eine Stimme das wäre, die ich gehöret?

Je mehr ich aber den Worten nachsonne, je mehr ward ich durch den Geist Gottes gerühret, daß ich einen Abschew vnnd Eckel gewan ab allen diesen grossen Vntugenden, so ich verüben sahe, vnd mir eyffrig vorname, so bald ich mit Fug konte davon kommen, keine Gelegenheit zu versaumen; bate auch Gott von Hertzen, daß ich nur möchte auff einer Party von den Feinden gefangen werden. So auch dieses nicht geschehen solte, nam ich doch betewrlichen vor, mich von dieser Gesellschaft abzuthun vnnd bey der ordentlichen Besatzung deß Orts vnderhalten zu lassen.

[Rand: Beschreibung / einer christlichen / Kriegsbesatzung] Diese Besatzung zu beschreiben, so ist gewiß, daß dieselbige, gegen vns zu rechnen, ein viel Gottsförchtigers, ja Himlisches Leben führen thate. Es gunge bey ihnen alles her in guter Ordnung; alle Lehnung wurde den Soldaten richtig bezahlt; wer sich im geringsten vergriffe, der ward gestrafft. Kein Fluchen, kein Spielen, kein Huren, kein Mord-Thaten wurden gehäget; sondern nach Gelegenheit mit Strang vnd Schwert, mit der Wippe, mit den Spitzruten, mit dem Stock, mit der Geige belohnet. Wer was löbliches thate, der ward gelobet, herfür gezogen vnnd befürtert. [330] Alle Tage hielten sie ihre gewisse Bettstunden; alle Wochen höreten sie zweymal Predig; ein jeder gung nach geschehener Wacht seiner Arbeit nach; der Bawrsmann ward reich bey den Soldaten, vnnd der Soldat mit dem Bawren wol zufrieden. Also daß mich deuchte, was immer von ehrlichen redlichen Soldaten geschrieben[Rand: Redlicher Soldaten / Leben] vnd zu lesen, zu reden vnd zu hören wäre, das wäre einig vnd allein von denen in solcher Besatzung zu verstehen; nimmermehr aber von denen, die zu Felde lägen, insonderheit wie wir, die wir ohne Gesatz vnnd ohne Ordnung vnnd auff freyer Strasse lebten, als ob weder Gott noch Himmel, weder Teuffel noch Hölle gewesen.

Damit ich nun in meinem guten Vorsatz befestiget würde, gab mir GOTT zween starcke Hertzstösse auff einander, die mir endlich dieses Wesen, wo ich nicht mit ehister Partey wäre gefangen worden, doch gewiß hätten Quittiern machen, das geschahe also:

Gegen fünff Vhren Abends, da alles mit Sauffen drunder vnnd drüber gunge, vnnd wir den Wein in vns geschüttet hatten mit Massen, nicht anderst, als ob wir allererst auß der Hölle kämen vnd von Höllischem Fewr innerlichen also erhitzet wären, auch viel Wein vnnützlich verschüttet vnnd verderbet worden; der Doctor aber, merckend, daß ich trawrig war, vnnd gerne die Vrsach erfahren hätte, setzte er sich zu mir, dem ich mein hertzliche Noth zu erkennen gab, ihn auch bewegte, daß er gar leicht, als wir vns ohne das zuvor schon offt verglichen hatten, in mein Vorhaben einwilligte.

Bbwtz vnd Lffll, die solches, vnd noch mehr vff vns verdriessen thate, liessen ein spitziges Glaß bey fast zwo Elen hoch einschencken vnnd brachten vns beyden dasselbige zu vff Gesundheit deß frömsten Soldaten, der am meisten Küh gestohlen.

Als wir vns aber deß grossen Geschirrs entschuldigten, sprach Bbwtz: der ist des Teuffels, der nicht mit saufft, hurt vnd bubt[Rand: Soldaten / sauffen] wie wir alle.

Ich sprach, daß ich ja einmal schon mein bestes gethan hätte vnnd so viel mehr nicht trincken könte, vnnd verschwur mich; Bbwtz verschwur sich hingegen, wo ich es nicht trincken würde, so müßte ich deß Todts seyn.

Bttrwtz, der solches hörete, kam entzwischen vnd sprach, weil ich einmal nicht alles trincken wolte, vnd auch solches verredet [331] hätte, daß ich einen einigen Tropffen solt wegschütten, so wäre mein Schwur erfüllet vnd wirde sich Bbwtz auch nicht zu beschweren haben. Bbwtz aber wolte hierein nicht willigen, sondern sprach, ich müßte deß todtes sein, wo ich was außschüttete; ich solte aber ein Tröpfflein am Boden lassen, das wolte er zu geben, so wäre beyden ein Genügen geschehen.

Der Doctor, ein kleines Männlein, aber hertzhafft genug, mein, sprach er, Hic ne scurra tibi mortem? Soll dir dieser den Todt tröwen? vnd zu Bbwtz, wie meynt ihr Herren? haltet ihr vns nicht Manns genug, wider Gewalt vns zu schützen, daß ihr vns den Todt also tröwet als einer feisten Gans? Was wolstu Schrifftling, du Blackvogel, sagen? antwortete ihm Bbwtz, mach du nur die Gurgel fertig, daß Glaß außzusauffen oder du must sterben. Ich bin ein klein Männichen, sprach er wider, aber versichere dich Bbwtz, du wirst einen Mann an mir finden, vnd der ist deß Teuffels, der sich vor einem Grossen förchtet: Ich will einem noch weisen, was hinder eim kleinen Männichen vnd hinder der Feder stecket.


[Rand: Ovidius]

Tu vires sine mente geris, tu corpore praestas,

Nos animo.

– – In corpore nobis

Pectora sunt potiora manu, vigor omnis in illis.


In dem kleinen Leibgen ist Hertz für zwey Mann.

[Rand: Palingenius]

Ingenium superat vires.

Ingenio vires cedunt, Prudentia victrix

Cuncta domat.


[Rand: Lauter Warheit / p. 137.]

Vermeynstu, daß ein kleiner Mann

Sein Faust nicht auch gebrauchen kan

Vnd wol so bald ein That im Feld

Verbringen als ein Doppel-Held?


In Warheit, wann es treffen gilt,

So sieht man nicht auff Helm vnnd Schilt,

[332]

Sondern auff den, der mit dem Schwerd

Sich in dem Treffen mannlich wehrt;


Welchs wol so bald mit besserm Muth

Kan vben ein geringes Blut,

Als einer, der im Sattel fest

Sich mächtig viel bedüncken läst.


Drumb ob ich schon so klein dasteh

Vnd dir kaum an den Gürtel geh,

Solstu mir doch bald sehen an,

Ich sey sowol als du ein Mann.


Ihr Herrn wißt noch nicht, daß Julius Caesar einer von[Rand: Buchholtzer / Indic. Chronol. / fol. 111.] der Feder geweßt ist. Der Kayser Augustus Anno V.C. 709 ist im 19. Jahre seines alters auß der Schule zur Regierung,[Ra